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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43664 ***
+
+Note: Images of the original pages are available through
+ the Google Books Library Project. See
+ http://www.google.com/books?id=IhJBAAAAIAAJ
+
+
+Transcriber's note/Anmerkung zur Transkription:
+
+ Alte Schreibweisen des Originals (wie z.B. "hiedurch",
+ "misverstandener" oder "Schiffahrt") haben wir so weit
+ wie möglich beibehalten. "G-str." steht für "Generalstreik",
+ "Kl-str." für Klassenstreik und "Str., str." für "Streik";
+ siehe Liste der Abkürzungen. Hervorhebungen im Original
+ durch _gesperrten_ Druck haben wir mit _Unterstrichen_
+ dargestellt. Die Abkürzungen "z.B." und "Z.B." erscheinen
+ zur besseren Lesbarkeit hier ohne Leerzeichen.
+
+
+
+
+
+THEORIE UND PRAXIS DES GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG.
+
+INAUGURALDISSERTATION
+DER HOHEN STAATSWISSENSCHAFTLICHEN
+FAKULTÄT DER UNIVERSITÄT ZÜRICH
+ZUR ERLANGUNG DER WÜRDE EINES
+DOCTOR OECONOMIAE PUBLICAE
+
+VORGELEGT VON
+
+ELSBETH GEORGI
+
+Aus Breslau.
+
+Genehmigt auf Antrag von Herrn Prof. Dr. _Heinrich Sieveking_ am 29.
+Februar 1908.
+
+
+Die staatswissenschaftliche Fakultät gestattet hiedurch die Drucklegung
+vorliegender Dissertation, ohne damit zu den darin ausgesprochenen
+Anschauungen Stellung nehmen zu wollen.
+
+_Zürich_, den 15. Februar 1908.
+
+Der Dekan der staatswissenschaftlichen Fakultät: Professor Dr. _Max
+Huber_.
+
+
+
+
+
+
+
+Weimar. -- Druck von R. Wagner Sohn.
+
+
+Herrn Professor Dr. Heinrich Herkner zugeeignet.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Vorliegende Arbeit ist auf Anregung und unter Förderung von Herrn
+Professor Dr. _Heinrich Herkner_ entstanden; ich bin meinem verehrten
+Lehrer auch hierfür zu dauerndem Dank verpflichtet.
+
+Herr Professor Dr. _Heinrich Sieveking_ hatte die Güte, mir wertvolle
+redaktionelle Ratschläge zu erteilen.
+
+An dieser Stelle möchte ich auch allen denen danken, die mich bei der
+Sammlung des Materials unterstützt haben.
+
+_Zürich_, 2. März 1908.
+
+ Elsbeth Georgi.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+
+ Abkürzungen IX
+ Einleitung 1
+
+_Erster Teil:_ Das Wesen des Klassenstreiks.
+
+ § 1. Definition 3
+ § 2. Eigenschaften des Klassenstreiks 6
+ § 3. Ziele des Klassenstreiks 9
+ § 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks 12
+ § 5. Die Arten des Klassenstreiks 17
+ § 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten
+ Aktionsmitteln 21
+
+_Zweiter Teil:_ Geschichte des Klassenstreiks und der
+ Klassenstreik-Idee.
+
+ Erstes Kapitel: _Vorläufer_.
+
+ § 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und
+ in neuerer Zeit 30
+ § 8. Die Klassenstreik-Idee im englischen Chartismus 32
+ § 9. Die Klassenstreik-Idee unter dem zweiten Kaiserreich 38
+
+ Zweites Kapitel: _Die moderne Arbeiterbewegung_.
+
+ (a) Geschichte des politischen Massenstreiks.
+
+ § 10. Belgien 41
+ § 11. Schweden 50
+ § 12. Österreich 55
+ § 13. Deutschland 58
+
+ (b) Geschichte des Generalstreiks.
+
+ § 14. Frankreich 72
+ § 15. Schweiz 80
+ § 16. Italien 80
+ § 17. Spanien 89
+ § 18. Holland 90
+ § 19. Rußland 95
+
+ (c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der
+ Klassenstreik.
+
+ § 20. 99
+
+_Dritter Teil:_ Zur Kritik des Klassenstreiks.
+
+ Erstes Kapitel: _Bedingungen des Klassenstreiks_.
+
+ § 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks 103
+ § 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks 116
+ § 23. Bedingungen des Erfolgs des Klassenstreiks 125
+
+ Zweites Kapitel: _Wert des Klassenstreiks_.
+
+ §24. 131
+
+_Schlußwort:_ Aufgaben der Gesellschaft. 135
+
+ Literaturverzeichnis 137
+ Übersichtstafel über die Streikarten 144
+
+
+
+
+Abkürzungen.
+
+
+ Allg. Ztg. = Allgemeine Zeitung München.
+
+ Arb. Ztg. = Arbeiter-Zeitung Wien.
+
+ Bernstein,
+ "Pol. M-str. u.
+ pol. Lage" = Bernstein, "Der politische
+ Massenstreik und die politische
+ Lage der Sozialdemokratie in
+ Deutschland".
+
+ Congrès général
+ ... Paris 1899 = Congrès général des organisations
+ socialistes françaises, Paris 1899,
+ compte rendu sténographique
+ officiel.
+
+ Enquête = Lagardelle, "La Grève Générale
+ et le Socialisme, Enquête
+ internationale."
+
+ Friedeberg,
+ "Weltansch." = Friedeberg, "Weltanschauung und
+ Taktik des deutschen Proletariats".
+
+ Frankf. Ztg. = Frankfurter Zeitung.
+
+ G-str. = Generalstreik.
+
+ Hdwb. d. Staatswft. = Handwörterbuch der Staatswissenschaften.
+
+ Kl-str. = Klassenstreik.
+
+ Leitart. = Leitartikel.
+
+ M-str. = Massenstreik.
+
+ N. Z. Z. = Neue Zürcher Zeitung.
+
+ N. Zt. = "Die Neue Zeit".
+
+ Prot. Gwft. Kongr. = Protokoll des Gewerkschaftskongresses
+ zu ...
+
+ Prot. int. Kongr. = Protokoll des internationalen
+ Kongresses zu ...
+
+ Prot. Parteitg. = Protokoll des Parteitags zu ...
+
+ Rdsch. Soz. Mh. = Rundschau der Sozialistischen
+ Monatshefte.
+
+ Roland-Holst,
+ "G-str. u. Sozd." = Roland-Holst. "Generalstreik u.
+ Sozialdemokratie".
+
+ Soz. Mh. = Sozialistische Monatshefte.
+
+ Soz. Prx. = Soziale Praxis.
+
+ Str., str. = Streik.
+
+
+
+
+Einleitung.
+
+
+Auch dem oberflächlichsten Beobachter der modernen Arbeiterbewegung kann
+es nicht entgehen, welche Bedeutung seit einiger Zeit das
+"Generalstreik"-Problem erlangt hat. Kaum ein Monat, ohne daß irgendwo
+ein "Generalstreik" ausbricht, versucht oder angedroht wird, kaum ein
+Gewerkschafts- oder Parteikongreß, kaum eine sozialistische Zeitung oder
+Zeitschrift, die sich nicht auch damit zu beschäftigen hätte. Eine
+umfassende Darstellung des "Generalstreiks" wäre daher gewiß eine
+verlockende und lohnende, aber auch eine äußerst schwierige Aufgabe. Ein
+vielsprachiges, in Flugschriften, Vereinsberichten, Zeitungsartikeln
+zerstreutes Material müßte gesammelt werden. Dies kann besonders dem,
+der der Arbeiterbewegung fernsteht, nicht leicht fallen. Zu dieser
+äußeren Schwierigkeit tritt aber noch eine bedeutendere innere. Sie
+ergibt sich daraus, daß die "Generalstreik"-Frage aufs Engste mit allen
+übrigen sozialen Problemen verknüpft ist.
+
+Der Versuch, trotzdem ein solches Thema zu behandeln, läßt sich aber
+vielleicht dadurch rechtfertigen, daß die folgenden Seiten
+nur den Zweck verfolgen, den Leser mit den hauptsächlichsten
+"Generalstreik"-Erfahrungen und "Generalstreik"-Lehren bekannt zu
+machen.
+
+
+
+
+_Erster Teil:_
+
+Das Wesen des Klassenstreiks.
+
+
+§ 1. Definition.
+
+Wollen wir aus dem Begriffskonglomerat, das sich hinter dem Schlagwort
+"Generalstreik" versteckt, einen wissenschaftlich brauchbaren Begriff
+herausschälen, so müssen wir von vornherein jene Streikformen
+ausschalten, die lediglich Spezialfälle des innergewerblichen Kampfes
+der Arbeiter darstellen,[1] also Streiks, die lediglich eine
+Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die beteiligten
+Berufsangehörigen bezwecken.
+
+[Fußnote 1: Vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15.]
+
+Zu diesen auszuschaltenden Streiks gehört z.B. der große
+österreichische Kohlengräberausstand, der, dank seinem ökonomischen
+Druck (Mangel an Brennmaterial, Gefährdung der Industrie) und der ihm in
+der öffentlichen Meinung zu teil gewordenen Unterstützung, das Gesetz
+über die Arbeitsdauer in Bergwerken, den gesetzlichen Neunstundentag
+herbeiführte.[2] Ferner gehört hierher der Bergarbeiterstreik im
+Ruhrgebiet 1905, der ebenfalls einzig gegen die Unternehmer
+gerichtet,[3] ebenfalls von der Öffentlichkeit unterstützt war[4] und
+ebenfalls die Zusicherung einer legislativen Regelung wirtschaftlicher
+Verhältnisse herbeiführte.[5] Hierher gehört weiter der ungarische
+Eisenbahnerstreik 1904, der mit einem Mißerfolg endigte,[6] in gewissem
+Sinne läßt sich endlich noch der erfolgreiche "Musterstreik" der
+Arbeiter und Beamten der Schweizerischen Nordostbahn im Jahre 1897
+hierzu rechnen.[7] Alle diese Ausstände werden häufig als
+"Generalstreiks", günstigstenfalls als "Berufsgeneralstreiks"
+bezeichnet. Sie unterscheiden sich aber von einem gewöhnlichen Ausstand
+in nichts, als in ihrer Ausdehnung. Und allein um eben dieser Ausdehnung
+willen wurden sie zu "Generalstreiks" gestempelt.
+
+[Fußnote 2: Soz. Prx. 17./1. 07, "Wahlreform und Sozialpolitik in
+Österreich"; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; Prot. Parteitg. Wien 03,
+p. 45; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd." p. 42, dort auch über
+den Massenstreik der pennsylvanischen und den der französischen
+Bergleute (p. 42).]
+
+[Fußnote 3: 200 000 Arbeiter streikten, trotz Abratens der Führer,
+trotz schlechter Konjunktur, so groß war die allgemeine Erregung über
+das Vorgehen der Unternehmer (betr. das "Wagennullen", Berechnung der
+Ein- und Ausfahrtszeit usw.); vgl. _Hue_ über den Generalstreik im
+Ruhrgebiet.]
+
+[Fußnote 4: Die Streikenden fanden Unterstützung sowohl in den Kreisen
+der Arbeiterschaft, (auch bei den ausländischen Arbeitern; die
+belgischen Arbeiter traten in den Solidaritätsstreik, vgl.
+_Roland-Holst_ a. a. O. p. 10, Note), als auch im Bürgertum: die
+Öffentlichkeit stellte sich auf ihre Seite; die Regierung unterstützte
+die Streikleitung; die Polizei besorgte Säle für die Ausständigen,
+schaltete die Anwendung einer Reihe von Bestimmungen des Vereinsgesetzes
+aus, hielt mit der Streikleitung vielfach telephonische Verbindung; es
+kam überhaupt nicht zu Ruhestörungen (_Leimpeters_, "Die
+sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 929); der Streik
+mußte aus Mangel an Mitteln abgebrochen werden.]
+
+[Fußnote 5: Die spärliche Berggesetznovelle, die den Arbeitern aber
+keineswegs genügte, vgl. z.B. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p.
+305.]
+
+[Fußnote 6: Seit 1899 hatte das Eisenbahnpersonal sich mehrfach um
+wirtschaftliche Verbesserungen bemüht; mit dem endlich 1904
+erscheinenden Gesetzentwurf betr. die Regelung der Bezüge der
+Staatsbahnangestellten waren diese nicht zufrieden. Ein geringfügiger
+Anlaß am 19./4. 04 genügte, um sofort den allgemeinen Streik
+herbeizuführen. Der Eisenbahnbetrieb im ganzen Land ruhte. Es streikten
+30 000 (Chronique du Musée social, Mai 04, p. 193, 194; nach "Der
+Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn", von einem _Ungarn_, streikten
+42 000 Personen); die Streikenden strömten nach Pest; am 20. April wurde
+mit der Regierung unterhandelt, aber erfolglos. 10 000 Streikende wurden
+als Reservisten eingezogen (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte",
+p. 15; auch _Ungar_, a. a. O.), das Eisenbahnregiment mobilisiert, die
+Arbeiterführer verhaftet, die Truppen konsigniert. Nach 5 Tagen nahmen
+die Arbeiter die Arbeit wieder auf, nachdem die oppositionellen
+Abgeordneten ihnen die Förderung ihrer Angelegenheit zugesichert hatten;
+die Eisenbahnerforderungen wurden erst 3/4 Jahre später erfüllt (vgl.
+Soz. Prx. XIV. 51. Sp. 1347, 1348).]
+
+[Fußnote 7: Vgl. _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen", p.
+15, 16; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 307.]
+
+Ein großer Streik ist aber an sich noch kein "Generalstreik". Vielmehr
+wird der "Generalstreik" definiert bald als "einheitliche Verabredung
+verschiedener Berufskategorien zum Zwecke gewaltsamer Erzwingung von
+Zugeständnissen der Unternehmer oder gar der Staatsgewalt,... die zu dem
+geltenden Recht in Widerspruch stehen",[8] bald als friedliche
+Arbeitsniederlegung in einem ganzen Staatswesen, sodaß alle Produktion
+und aller Verkehr gehemmt wird,[9] bald als gleichzeitige
+Arbeitseinstellung der "wichtigsten Gruppen, welche das ganze
+Reproduktionssystem repräsentieren".[10] Aber Ausdehnung über das ganze
+Land, oder Gleichzeitigkeit, oder Hemmung allen Verkehrs und aller
+Produktion, oder friedliche Form, oder rechtswidrige Forderungen lassen
+sich keineswegs bei sämtlichen der in Frage kommenden Erscheinungen
+konstatieren. Diese differieren vielmehr in Eigenschaften, Zielen und
+Wirkungsweise ganz außerordentlich von einander; nur ein äußerst
+weitmaschiges Begriffsnetz wird zugleich den schwedischen und den
+italienischen, die spanischen und die russischen sogenannten
+Generalstreiks, die Anschauungen von _Pouget_ und _Bernstein_,
+_Nieuwenhuis_ und _Kautsky_ zu umspannen vermögen. Daher müssen wir uns
+begnügen, den sogenannten Generalstreik als _demonstrativen
+Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen_ zu
+definieren.
+
+[Fußnote 8: _v. Reiswitz_, "Generalstreik?", p. 82, 83.]
+
+[Fußnote 9: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?", p. 358.]
+
+[Fußnote 10: _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen"; ebenso
+fordert _Jaurès_ (Enquête, p. 97) "que les corporations les plus
+importantes, celles qui dominent tout le système de la production,
+arrêteront à la fois le travail".]
+
+Aber der lässige Sprachgebrauch etikettiert nicht nur Unternehmungen und
+Theorien allerverschiedensten Stils gleichmäßig mit der Marke
+"Generalstreik". Er ersetzt diese auch beliebig durch verwandte
+Ausdrücke, wie "Massenstreik", "politischer Massenstreik",
+"Solidaritätsstreik", "Sympathiestreik", "generalisierter
+Sympathiestreik (grève généralisée)"; ja, er versteht unter
+"Generalstreik" ("general strike", "grève générale", "sciopero
+generale")[11] bald die Gesamtheit der in Frage stehenden Erscheinungen,
+bald nur einen Spezialfall derselben.[12]
+
+[Fußnote 11: Der Ausdruck stammt aus der Chartistenbewegung, wo man
+neben "sacred week", resp. "sacred month" auch von "national holiday",
+"national strike", "general holiday" und "_general strike_" sprach.]
+
+[Fußnote 12: Als nämlich in den 1890er Jahren neue Klassenstreikarten
+auftauchten, drangen die Vertreter sowohl der alten, wie auch der neuen
+Lehre auf eine Differenzierung in der Benennung, um das eigne Dogma vor
+der diskreditierenden Verwechslung mit dem der feindlichen Schule zu
+bewahren (vgl. z.B. _Ledebours_ Äußerungen gegen Friedeberg auf der
+Generalvers. des Wahlvereins für den 6. Wahlkreis am 29. IX. 1905
+["Vorwärts" Nr. 230, 1. X. 05]; _Kautsky_: "Der Bremer Parteitag", p.
+7-9). In den interessierten Kreisen wird unter "Generalstreik" daher
+jetzt im allgemeinen das alte Steckenpferd der Anarchisten verstanden,
+während das bei den Sozialdemokraten akkreditierte Kampfmittel
+"politischer Massenstreik" heißt.]
+
+Zur Vermeidung der üblichen Verwechslungen ist daher die Einführung
+eines neuen Terminus für unsere Untersuchung unentbehrlich. So brauchen
+wir denn im folgenden für den _Oberbegriff_, also den demonstrativen
+Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen, die
+Bezeichnung "_Klassenstreik_", und wir reservieren den Ausdruck
+"_Generalstreik_" für den _Unterbegriff_, für eine ganz spezielle Form
+des Klassenstreiks.
+
+§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks.
+
+(a) _Größe._
+
+Die Ausdehnung des Klassenstreiks wird nach oben begrifflich durch die
+Gesamtheit der Lohnarbeiter begrenzt. Ein _totaler_ Streik, d. h. ein
+Streik aller Arbeiter, aller Gewerbe, allüberall, ein Stillstehen "aller
+Räder" im mathematischen Sinne, wie es den ersten anarchistischen
+Generalstreikpropagandisten vorschweben mochte, wird heute von keiner
+Seite mehr als Erfordernis irgend einer Klassenstreik-Spezies
+betrachtet,[13] sondern es wird nur von gewissen Gesichtspunkten aus
+eine _relative Allgemeinheit_ verlangt. Die _untere_ Grenze des
+Klassenstreiks liegt nämlich (räumlich) bei derjenigen Arbeitergruppe,
+deren Streik in einer gegebenen Zeit, und (zeitlich) bei demjenigen
+Zeitraum, während dessen der Streik einer gegebenen Arbeitergruppe
+genügt, um eine bedeutende gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.
+Demzufolge weist die Ausdehnung des Klassenstreiks zahlreiche
+Variationen auf.
+
+[Fußnote 13: _Girardin_ forderte seinerzeit für seine grève universelle
+die Beteiligung "de toutes les professions manuelles dans tous les pays
+civilisés" (cit. bei _Weill_, "Histoire du Mouvement social en France",
+p. 34).]
+
+Die _räumliche Ausdehnung_ kann in gewerblicher oder geographischer
+Richtung liegen.
+
+1. Bei der _gewerblichen_ Ausdehnung des Klassenstreiks handelt es sich
+vor allem um die _Bedeutung_ der beteiligten _Gewerbe_; diese richtet
+sich einerseits rein _quantitativ_ nach der Anzahl der zugehörigen
+Lohnarbeiter, andererseits _qualitativ_ nach dem Grad ihrer sozialen
+Unentbehrlichkeit. Je weniger die Gesamtwirtschaft und das Gesamtleben
+auf die Funktion einer bestimmten Gewerbegruppe angewiesen ist, eine
+umso größere quantitative Ausdehnung ist zum Zustandekommen eines
+Klassenstreiks erforderlich; je größer aber die qualitative Bedeutung
+einer Gewerbegruppe, eine umso geringere Teilnehmerzahl genügt zur
+Herbeiführung des Klassenstreiks.[14] Die _qualitative_ Ausdehnung läßt
+sich _positiv_ umschreiben, z.B. Beteiligung derjenigen Gewerbe, die
+das ganze Produktionssystem und das ganze Verkehrsleben stützen,[15] die
+das ganze soziale Leben unterhalten: also Streik nicht nur im
+Transportgewerbe und den Kraftlieferungsbetrieben (Kohle, Gas,
+Elektrizität), sondern auch bei der Lebensmittellieferung (ausnahmsweise
+nur wird auch die Beteiligung der Landarbeiter gefordert[16]) und in den
+sogenannten öffentlichen Diensten. Sie läßt sich auch _negativ_
+bestimmen, z.B. werden unter Umständen "die wesentlichen Erfordernisse
+des öffentlichen Lebens, die Produktionszweige von unbedingter
+allgemeiner Notwendigkeit" vom Ausstand ausgenommen;[17] doch zeigt sich
+hierbei das Bestreben, "keine Masche im Gewebe der Solidarität unnötig"
+zu zerschneiden.[18] Die wenigsten gehen so weit, wie _Turati_, der
+Licht, Brot, Trinkwasser, Sanitätsdienst, Post und Telegraph,
+Tagespresse usw. respektiert wünscht (da "die Aufhebung dieser
+Institutionen... den höheren Forderungen der Zivilisation" widerstreite,
+auch dem Ziel des Streiks durch Verstärkung der "reaktionären
+Strömungen" schade).[19] Die prinzipiellen Streikeinschränkungen richten
+sich im allgemeinen nach dem Zwecke des Streiks.[20] Natürlich werden
+regelmäßig Ausnahmen zu gunsten der Nahrungsmittelversorgung der
+Arbeiter selbst gemacht.
+
+[Fußnote 14: Vgl. _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 6;
+_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie" p.
+748.]
+
+[Fußnote 15: So z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28);
+Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 54; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p.
+98, 99; ders. in der "Petite République", 29. Aug. 01 (cit. bei
+_Umrath_, p. 18); so schon _Lovett_ (vgl. _Gammage_, History of the
+Chartist Movement, p. 127); auch der "_Weckruf_" vom 28. Mai 04, Nr. 7,
+2. Jahrg., im Leitart. "Der Generalstreik".]
+
+[Fußnote 16: So durch _Herbert_-Stettin (Prot. Parteitg. Mannheim 06,
+p. 285); vgl. auch _Marchioni_, "Massenstreik und Landarbeiter".]
+
+[Fußnote 17: _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
+Italien", p. 867.]
+
+[Fußnote 18: _Olberg_; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 132.]
+
+[Fußnote 19: Das Weitererscheinen der Presse wünscht auch _Branting_,
+("Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420ff.); _Olberg_ ("Der
+italienische Generalstreik", p. 23) aber erblickt hierin eine
+ungerechtfertigte Ausnahme von der allgemeinen Arbeitsruhe; übrigens
+tritt sie für Aufrechterhaltung der Krankenpflege und der
+Nahrungsmittelversorgung der Hospitäler ein.]
+
+[Fußnote 20: Vgl. _Bernstein_, "Ist der politische Streik in
+Deutschland möglich?", p. 32.]
+
+Außer nach der Bedeutung der beteiligten Gewerbe kann der Umfang des
+Klassenstreiks auch nach ihrer _Betriebsform_ differieren; im
+allgemeinen handelt es sich um die Beteiligung der Groß- und
+Mittelbetriebe; die des Kleinbetriebes ist selten und wird auch kaum
+gefordert.
+
+2. Die _geographische_ Ausdehnung des Klassenstreiks hängt einerseits
+_quantitativ_ von der Größe des Streikgebiets ab. Hiernach unterscheidet
+man lokale, regionale, nationale und internationale Klassenstreiks; je
+kleiner das Streikgebiet, umso größer im allgemeinen die gewerbliche
+Ausdehnung. Ausstand möglichst aller Lohnarbeiter an einem einzelnen
+Platze, das ist der typische Umfang des romanisch-anarchistischen
+Generalstreiks, des sogenannten Solidaritäts- und Sympathiestreiks, der
+übrigens stets die Tendenz nach Erweiterung bis zum Weltstreik zeigt,
+sich auch nicht selten zum regionalen Ausstand (sogenannte "grève
+généralisée") verallgemeinert. -- Gewöhnlich wird Ausdehnung über ein
+von vornherein beträchtliches Wirtschaftsgebiet gewünscht, das umso
+größer sein muß, je mehr auf gewerbliche Vollzähligkeit verzichtet wird.
+-- Andererseits hängt die geographische Ausdehnung _qualitativ_ von der
+sozialen Bedeutung des Streikgebietes ab; denn der Ausstand kann an
+allen Plätzen des Streikgebietes ausbrechen, sich unterschiedslos über
+Stadt und Land erstrecken, oder aber sich auf industrielle Zentren, vor
+allem auf die großen Städte beschränken.[21]
+
+[Fußnote 21: Vgl. hierüber Prot. Parteitg. Wien 1894, _Schuhmeier_, p.
+67, _Resel_, p. 70 ff.; ferner _Lafargue_, Enquête p. 67.]
+
+Zwei Ausnahmefälle, übrigens ohne praktische Bedeutung, bildet die
+räumliche Umgrenzung eines Klassenstreiks einerseits nach dem
+Konsumtionskreis (nur die Arbeit für die "herrschenden Klassen",[22]
+oder für die mobilisierte Armee [so _Nieuwenhuis_] soll unterbrochen
+werden), oder andererseits nach der Zahl der einem Armeeverband (sei es
+im aktiven Dienst, sei es als Reservisten) angehörigen Proletarier.
+
+[Fußnote 22: "Weckruf" vom Dez. 04, Nr. 14 (cit. vom Sekretariat des
+_Schweiz_. _Gewerbevereins_, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 11
+ff.).]
+
+Die _zeitliche Ausdehnung_ muß über die Dauer der gewöhnlichen
+Demonstration hinausgehen. Gleichzeitigkeit und Kontinuität sind nicht
+unbedingt erforderlich; der Streik kann vielmehr "intermittieren", "in
+Unterbrechungen und Pausen arbeiten",[23] und zwar sowohl geographisch
+intermittieren (wie in Rußland), als auch gewerblich intermittieren (wie
+in Marseille).
+
+[Fußnote 23: Vgl. _Göhre_, "Sturmzeichen"; ferner _Roland-Holst_, a. a.
+O. p. 104 ff. und dieselbe "Der politische Massenstreik in der
+russischen Revolution", p. 215.]
+
+(b) _Form._
+
+Wie jeder Streik bedeutet der Klassenstreik nicht nur eine rein passive
+Arbeits_ruhe_, sondern auch eine ostentative Arbeits_verweigerung_. Die
+Form des Klassenstreiks hängt also von der Ausgestaltung der
+Arbeitsverweigerung ab.
+
+Bei _friedlicher_ Form gelangt die Arbeitsverweigerung nur durch die
+sich auf der Straße zeigende Masse der Feiernden zum Ausdruck, die sich
+prinzipiell in den Schranken der Gesetzlichkeit, "in den Grenzen der
+Mäßigung, Gesittung und Vernunft" halten oder doch halten wollen.[24]
+
+[Fußnote 24: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Bernstein_, a. a. O. p. 36;
+_Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik", p. 358; systematische
+Anwendung des Streikrechts, nicht verhüllte Gewalt, fordert _Jaurès_,
+"Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff., gewaltlose Demonstration
+_Bernstein_ ("Pol. M-str. und pol. Lage", p. 40).]
+
+Bei _gewaltsamer_ Form zeigt sich die Arbeitsverweigerung in
+absichtlicher Verletzung des Rechtszustandes, in absichtlicher
+Vollführung von Akten der physischen Gewalt. Die "bewaffnete Hand",[25]
+"Feuer und Schwert",[26] der "ökonomische Furor"[27] sind hierbei die
+normalen Attribute des Klassenstreiks.
+
+[Fußnote 25: Vgl. "Der Generalstreik", Leitart. des "_Weckruf_" vom 28.
+Mai 04.]
+
+[Fußnote 26: "Und arbeiten wir überhaupt nie mehr für die Ausbeuter!
+Brennen wir sie von dem Lande weg, auf dem wir leben wollen" (Conrad
+_Froehlich_, "Der Weg zur Freiheit", p. 10).]
+
+[Fußnote 27: Beim Generalstreik in Triest: Demolieren von Gebäuden,
+Umstürzen von Gaslaternen, Einschlagen von Fensterscheiben, Ermordung
+eines Polizeikommissärs, vgl. "Weckruf" Nr. 7, April 1905; ähnlich auch
+"Weckruf" Nr. 14, Dez. 04 (beide cit. vom Sekretariat des Schweiz.
+Gewerbevereins, a. a. O. p. 11, 12).]
+
+Eine dritte Richtung schließt "rohe Gewalt" zwar aus,[28] doch soll sich
+im übrigen hierbei die Form der Arbeitsverweigerung nach den besonderen
+Umständen richten. Rechtsverletzungen werden weder gesucht noch
+gemieden, spielen überhaupt eine ganz sekundäre Rolle. Das Proletariat
+dürfe sich nämlich "nicht blenden lassen durch das Wörtchen
+Gesetzlichkeit",[29] brauche in der Notwehr "die Gesetze des
+Klassenstaats" nicht mehr zu respektieren,[30] sondern "wenn die
+herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrümmern", dann sei
+das Proletariat "im Recht, zu sagen: ich stelle mich auf den granitenen
+Boden meiner Macht".[31]
+
+[Fußnote 28: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
+31.]
+
+[Fußnote 29: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der
+Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über
+den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]
+
+[Fußnote 30: _Friedeberg_, a. a. O. p. 28, 29.]
+
+[Fußnote 31: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der
+Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über
+den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]
+
+§ 3. Ziele des Klassenstreiks.
+
+Das Ziel eines Klassenstreiks kann die Erfüllung von Forderungen sein,
+die nur einen Teil der Streikenden unmittelbar interessieren, um
+deren Durchsetzung willen aber aus Solidaritätsgefühl auch nicht
+unmittelbar interessierte Arbeiterkategorien in den Ausstand treten;
+indem sie die Sonderforderung zu der ihren machen, bringen sie die
+Klassenzusammengehörigkeit des Proletariats zum Ausdruck, verwandeln sie
+das Sonderziel in ein _mittelbares Klassenziel_, wollen sie mittelbar
+die proletarischen Klasseninteressen fördern. (Hierher gehören vor allem
+die romanischen Sympathiestreiks.)
+
+Das Ziel des Klassenstreiks kann aber auch die Erfüllung von Forderungen
+sein, an denen die Gesamtheit des Proletariats interessiert ist (oder
+interessiert sein könnte), ein _unmittelbares Klassenziel_; und zwar
+handelt es sich hierbei um jede Art von Gesamtforderungen, um
+Teilpostulate, wie um Endpostulate.
+
+Die _Teilforderung_ kann _wirtschaftlicher_ Natur sein, sich z.B. auf
+die Einführung des Achtstundentages,[32] auf die Einführung von
+Versicherungseinrichtungen[33] usw. für eine Gesamtarbeiterschaft
+beziehen. Oder die Einzelforderung trägt, wie dies bei den bisherigen
+Klassenstreiks mit unmittelbarem Klassenziel die Regel war,
+_politischen_ Charakter.
+
+[Fußnote 32: Vgl. den auf dem intern. Kongr. in Zürich 1893
+aufgetauchten Plan.]
+
+[Fußnote 33: Vgl. _Girardins_ Vorschlag.]
+
+In erster Linie handelt es sich hierbei um _prinzipielle_ politische
+Forderungen, um politische Rechte,[34] in allererster Reihe um das
+politische Wahlrecht.[35] In der _Defensive_: Schutz der Verfassung
+gegen den Staatsstreich;[36] Verteidigung des Wahlrechts gegen
+"reaktionäre Anschläge"; Bekämpfung eines als ungenügend und
+entwicklungshemmend empfundenen neuen Wahlprojekts (wie 1902 in
+Schweden); Effektuierung nur theoretisch vorhandener Rechte.[37] In der
+_Offensive_: Eroberung parlamentarischer Grundrechte (z.B. in
+Begleitung der bürgerlichen Revolution; Rußland); Ausbau der Demokratie,
+Erzwingung "drängender politischer Forderungen",[38] vor allem Eroberung
+des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts.[39]
+
+[Fußnote 34: _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15;
+_Roland-Holst_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 25); Amsterdamer
+Resolution über den Generalstreik (Prot. p. 24 ff.); _v. Elm_ (Prot.
+Gwft. Kongreß Köln 05); _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le Socialisme en
+Belgique", p. 22; _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
+möglich?", p. 36.]
+
+[Fußnote 35: Durch das zugleich das Koalitionsrecht bedingt wird, vgl.
+_Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in
+Köln"; _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195, 196); vgl. auch
+Prot. Parteitg. Jena 05; _A. v. Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen
+Gewerkschaftskongreß".]
+
+[Fußnote 36: Vgl. z.B. _Girardins_ Plan von 1851 (unten p. 38);
+_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik".]
+
+[Fußnote 37: So wünscht _Lensch_ ("Politischer Massenstreik und
+politische Krisis") den Klassenstreik, um die tatsächliche Bedeutung des
+dem Proletariat zugänglichen Parlaments zu erhöhen; "pour briser la
+force de la soldatesque", die sich in der Dreifuskrise über das
+Parlament hinwegzusetzen schien, also um dieses und die parlamentarische
+Regierung zu unterstützen, würde _Kautsky_ ("Jaurès et Millerand",
+Mouvement socialiste 1899) seinerzeit den französischen Proletariern den
+Eintritt in einen Klassenstr. empfohlen haben, wenn _Kautsky_ nicht
+selbst -- und mit Recht -- gezweifelt hätte, daß ein bürgerliches
+Ministerium sich dieses Hilfsmittels bedienen würde.]
+
+[Fußnote 38: _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 743, 744; ähnl. Amsterdamer
+Resolution über den Generalstreik, a. a. O.; Prot. Parteitg. Bremen 04,
+p. 193.]
+
+[Fußnote 39: Die Wahlrechtsforderung erschien schon in der
+Chartistenbewegung, und die verlockende "Idee, durch Einstellung der
+Arbeit die Gewährung politischer Forderungen zu erzwingen", taucht "in
+der Geschichte der modernen Demokratie" immer wieder auf (_Bernstein_,
+"Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 689).]
+
+Außerdem kommen auch _gelegentliche_ politische Teilforderungen vor, die
+sich auf einzelne unliebsame Maßnahmen der Regierung beziehen, deren
+Ausführung oder Wiederholung verhindert werden soll, z.B. auf
+kriegerische Unternehmungen,[40] oder auf die Beeinflussung der
+Wirtschaftskämpfe durch die öffentliche Gewalt.[41]
+
+[Fußnote 40: Durch den Kriegsstreik (Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p.
+24, 27, 31; Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20 ff.; Prot. int. Kongr.
+London 1896, p. 24;) _Jaeckh_, "Die Internationale", p. 76; _Hervé_ (cit.
+in der "Hilfe", XI. Jahrg. Nr. 21); Enquête sur l'idée de patrie et la
+classe ouvrière [Mouvement socialiste 1. und 15. Nov. 05, p. 327]; La
+"Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta fra la classe operaia
+organizzata ["Il Divenire sociale", 16. XII. 04, p. 387, 388] und zwar
+entweder spez. Militärstreik (Dienst- und Stellungsweigerung), oder
+Streik der auf den Krieg bezüglichen Gewerbe, oder überhaupt
+Klassenstreik im Moment des Kriegsausbruchs.]
+
+[Fußnote 41: Klassenstreik z.B. als Protest gegen Soldatenverwendung
+bei Streiks (Italien 1904); oder als Protest gegen die Hinderung des
+Streikpostenstehens ("die famose Idee des Genossen _Wiesenthal_", deren
+Mitteilung durch _Bömelburg_ auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß 05
+große Heiterkeit erregte [vgl. Prot. p. 219]).]
+
+Bei den _Endzielen_, den proletarisch-revolutionären Zielen, handelt es
+sich einerseits um _positive Forderungen_: Eroberung der Staatsgewalt,
+"Ergreifung der politischen Macht",[42] "Diktatur des Proletariats",[43]
+sei es, daß der Klassenstreik nur als "letzte, ernsteste Drohung vor dem
+Sturm", als "Präludium" der Revolution auftritt,[44] sei es, daß er die
+direkte Einführung der proletarischen Aera beabsichtigt.
+
+[Fußnote 42: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p.
+394.]
+
+[Fußnote 43: _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. 3. 04, Art. "Märzluft",
+zit. von _David_, "Rückblick auf Jena", p. 842, Note 1.]
+
+[Fußnote 44: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?" p. 363;
+--_Zetkin_, a.a.O.; _Block_, "Formen und Möglichkeiten des
+Massenstreiks"; _Cohnstaedt_, a. a. O.]
+
+Andererseits handelt es sich um _negative_ Forderungen: Beseitigung der
+kapitalistischen Ausbeutung,[45] Beseitigung, "Zersprengung des
+Klassenstaats",[46] "um Raum zu machen für die Freiheit",[47] in deren
+Schutz sich alsdann die neue Gesellschaftsordnung entwickeln werde.[48]
+Mehrfach wird übrigens auch die "transformation sociale" selbst, die
+Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums und die Einführung der neuen
+Ordnung, also nicht bloß das Niederreißen, zu den Obliegenheiten dieses
+sogenannten "Expropriationsstreiks" oder "absoluten Generalstreiks"[49]
+gerechnet.[50]
+
+[Fußnote 45: _Friedeberg_, "Weltansch."; ähnlich _Thesing_, "Per la
+questione dello sciopero generale."]
+
+[Fußnote 46: "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04); _Sorel_,
+"Lo sciopero generale"; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
+Generalstreik", p. 4, 15, 26, 27, 31; derselbe, "Weltansch.", Nr. 40;
+_Mazuel_, vom P. S. R. ("Congrès général des organisations socialistes
+françaises Paris 1899", p. 254, 255).]
+
+[Fußnote 47: "_Weckruf_", a. a. O.]
+
+[Fußnote 48: So z.B. _Friedeberg_, "Weltansch."; "Antimilitarismus u.
+Generalstreik" (Beilage zur "_Wahrheit_", Nr. 11, p. 11).]
+
+[Fußnote 49: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 5; _Louis_,
+"L'Avenir du Socialisme", p. 297.]
+
+[Fußnote 50: So _Bakunins_ Anhänger auf dem Kongreß in Brüssel
+(_Umrath_, "Zur Generalstreik-Debatte", p. 13, 14); so die in Brüssel
+erscheinende "Internationale" im März 1869, daß der G-str. "in einem
+die Gesellschaft erneuernden Zusammenbruch endigen" werde; so der
+Kongreß in Genf 1873 (vgl. _Weill_, p. 163); so die Allemanisten
+(_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78 ff.); -- so die "Jungen" (vgl.
+_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
+Macht"); _Briand_, "La grève générale et la révolution". -- _López
+Montenegro_ wünscht (in der Broschüre "La huelga general") die
+Herbeiführung der sozialen Revolution durch den allgemeinen, womöglich
+internationalen Ausstand, der nicht eher beendigt werden solle, "bis die
+Häuser den Bewohnern gehörten, die Erde und ihr Ertrag den Bebauern..."
+usw.; "Die Neugestaltung der Produktion werde sich schon von selber
+machen" (vgl. _Eltzbacher_, "Der Anarchismus und die soziale Revolution
+in Barcelona", p. 7).]
+
+§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks.
+
+Die Wirkung des Klassenstreiks kann sich einerseits in einem Druck auf
+die Gegner zur Herbeiführung des Zieles äußern; andererseits kann der
+Streik aber auch eine Beeinflussung der Arbeiter selbst zur Folge haben.
+
+Der _Druck auf die Gegner_ kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch
+wirkliche Ausführung des Klassenstreiks, oder durch seine bloße
+Ankündigung.
+
+Bei der _wirklichen Ausführung_ kann dieser Druck vorwiegend _ideeller_
+Natur sein: _Manifestations- oder Demonstrationsstreik_. Durch die
+Arbeitsverweigerung soll der Gegner und sollen die Indifferenten
+nachdrücklichst auf das Begehren der Arbeiter aufmerksam gemacht, zu
+seiner Erfüllung aufgefordert werden;[51] der Demonstrationsstreik
+bedeutet also einen starken "Appell an die Gewissen... eine Aufrüttelung
+der schlafenden Rechtsempfindung", einen "Gewissensschärfer", soll aber
+nicht bloß einen "Bittgang", sondern "immer auch ein eindrucksvolles
+Mene-Tekel",[52] eine Drohung darstellen; es soll "der Einheit des
+Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel der stärkste,
+nachhaltigst wirkende Ausdruck gegeben",[53] "die in der Zahl liegende
+Wucht der Arbeiterklasse mit der nötigen Zähigkeit und Energie
+entfaltet" werden, damit sich "die herrschenden Klassen der Stärke der
+Gegner bewußt werden",[54] erkennen, "wie ernst es ihnen sei"[55] und
+aus diesem "Anschauungsunterricht"[56] lernen. Der auch vom
+Demonstrationsstreik unzertrennliche mehr oder minder starke materielle
+Druck soll zur Verschärfung des psychologischen Effekts dienen,
+zugleich, durch Erweckung von Furcht vor der Wiederholung oder
+Verstärkung der Arbeitseinstellung, wie eine Drohung wirken.
+
+[Fußnote 51: Denn die Arbeitsniederlegung ziehe so weite Kreise in
+Mitleidenschaft, "daß sich die Öffentlichkeit wohl oder übel genötigt
+sieht, sich mit dem Streik und seinen Ursachen eingehend zu befassen"
+(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 39).]
+
+[Fußnote 52: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik".]
+
+[Fußnote 53: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
+Massenstreik", p. 417; _Kampffmeyer_, a. a. O. meint, auch der
+Kleinbetrieb könne sich Arbeitsruhe "im Interesse einer allgemeinen
+politischen Demonstration auferlegen".]
+
+[Fußnote 54: _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik".]
+
+[Fußnote 55: _v. Elm_ (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 226). -- In
+einem Aufruf der tschecho-slawischen Sozialisten zur Demonstration am
+10. Okt. 05 in Prag für das allg. gl. Wahlrecht heißt es: "Erhebet Euch
+in Massen, damit Euer Wille unabwendbar erscheine, wie das Schicksal!...
+Erheben wir uns zu einer Manifestation, damit sie die Kraft und
+Entschlossenheit von Hunderttausenden klarlege, wenn sie gezwungen
+wären, von der Abwehr zum Angriff überzugehn" (vgl. Dokumente des
+Sozialismus, Nov. 05, p. 521).]
+
+[Fußnote 56: Z.B. "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04), und
+_Kampffmeyer_, a. a. O. p. 877.]
+
+Beim _Pressionsstreik_ aber ist der beabsichtigte Druck vorwiegend
+_materieller_ Natur. Durch die Wirkungen des Ausstandes soll die
+Gegenseite unentrinnbar zu einem Tun oder Unterlassen genötigt
+werden.[57]
+
+[Fußnote 57: Vgl. _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
+Deutschland?"; vgl. auch Block, a. a. O.]
+
+Der Pressionsstreik ist in seiner zeitlichen Ausdehnung prinzipiell von
+der Kapitulation einer der beiden Parteien abhängig; seine Dauer läßt
+sich also gar nicht von vornherein bestimmen. Der Demonstrationsstreik,
+der nur Eindruck machen soll, ohne daß mit einer sofortigen Erzwingung
+von Konzessionen gerechnet würde, kann von Anfang an für eine bestimmte,
+meist kurze Dauer proklamiert werden.
+
+Von der _bloßen Ankündigung_, der "proklamierten Bereitschaft",[58] der
+Androhung des Klassenstreiks wird erwartet, daß sie unter Umständen
+genüge, um die Gegner zur Nachgiebigkeit zu veranlassen.[59] Und zwar
+kommt die Drohung sowohl für Teilziele in Betracht, (besonders Schutz
+der Volksrechte, "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille
+zum Generalstreik"),[60] als auch zur Durchsetzung des Endziels; man
+glaubt, daß die Gegner, wenn sie die Arbeiter im Besitz einer solchen
+Waffe wüßten, eher einen friedlichen Ausgleich suchen würden.[61]
+
+[Fußnote 58: Dr. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 281.]
+
+[Fußnote 59: Ähnlich wie mitunter bei Lohnkämpfen "die Besorgnis vor
+der Waffe, welche die Arbeiter gebrauchen können", die Unternehmer zu
+Konzessionen veranlasse (_Stieda_, Art. Arbeitseinstellungen im Hdwb.
+der Staatsw. 2. Aufl.); -- aus diesem Grund will z. B, _Adler_ den
+polit. M.str. nicht abschwören (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]
+
+[Fußnote 60: Dies der vielfach angefochtene Satz von _Hilferding_ ("Zur
+Frage des Generalstreiks"). -- Beispiele solcher Klassenstreikdrohung:
+in Belgien soll auf diese Weise Ende der 1890er Jahre der Versuch einer
+Wahlrechtsverschlechterung verhindert worden sein; in Frankreich soll
+die Kl-Str.-Drohung die Zurücknahme einer Antistreikvorlage bewirkt
+(_Briand_ a. a. O. p. 12 ff.), die Angst vor dem Generalstreik
+seinerzeit den Eintritt Millerands ins Ministerium gefördert
+haben (?), (vgl. _Dejeante_, "Congrès générale des Organisation
+socialistes françaises Paris 1899," p. 257 ff.), während z.B. die
+Generalstreikdrohungen, die Ende Juli 1906 in Zürich laut wurden, das
+kantonale Verbot des Streikpostenstehens, das bis Ende 1906 dauerte,
+nicht zu beseitigen vermochten.]
+
+[Fußnote 61: So _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 739, 740.]
+
+Die Androhung wird verschieden wirken, je nachdem ein Klassenstreik
+schon vorangegangen ist oder nicht, je nachdem eine größere oder
+geringere Beeinträchtigung zu erwarten steht.[62] Wie die Ausführung, so
+kann auch die Androhung unter Umständen das Gegenteil des gewünschten
+Effekts herbeiführen, indem sie z.B. den Gegner zu umso energischerem
+Widerstand reizt; oder indem sie von Dritten in verhängnisvoller Weise
+in Rechnung gezogen wird.[63]
+
+[Fußnote 62: Daß die Furcht vor dem Unbekannten, vor dem "adversaire
+mysterieux, dont la force doit être présumé d'autant plus grande, plus
+irrésistible, qu'on n'a pas eu encore l'occasion de la mesurer"
+(_Briand_, a. a. O. p. 12 ff.) hierbei eine Rolle spiele, ist bei den
+gegenwärtigen Verhältnissen des intern. Nachrichtendienstes, sowie bei
+dem Stande der an Hand der Statistik und der täglichen Erfahrung
+erlangten Voraussicht kaum anzunehmen.]
+
+[Fußnote 63: _Bernstein_, "Patriotismus, Militarismus und
+Sozialdemokratie", sagt: "Die Vorstellung, daß in dem in Frage kommenden
+Lande eine machtvolle Partei existiert, die nur auf den Krieg wartet, um
+der eigenen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, einen Militärstreik
+und dergleichen ins Werk zu setzen, kann zur größten Kriegsgefahr
+werden, für abenteuernde Politiker geradezu ein Anreiz sein, auf einen
+Krieg mit jenem Lande hinzuarbeiten."]
+
+Die _Wirkung auf die Arbeiter selbst_ kommt einerseits bei der
+_wirklichen Ausführung_ des Klassenstreiks zu Stande. Zunächst handelt
+es sich hierbei um eine Beeinflussung der _aktiv am Streik beteiligten
+Arbeiter_, die "im Kampf ihre Kraft erproben und sich für den späteren
+siegreichen Kampf schulen" sollen;[64] denn der Klassenstreik stärke das
+Klassenbewußtsein,[65] das revolutionäre Bewußtsein;[66] außerdem
+handelt es sich um die Wirkung auf die _übrigen Proletarier_, also um
+einen propagandistischen Zweck;[67] der Klassenstreik, der auch dem
+letzten Proletarier die gegenseitige soziale Abhängigkeit klar vor Augen
+führe, vermöge Gebiete und Gewerbe aufzurütteln, die für gewöhnlich der
+sozialistischen Agitation unzugänglich seien.[68] Außer der Propaganda
+für die proletarische Bewegung im allgemeinen soll aber auch die
+Propaganda für den Klassenstreik als solchen gefördert werden. Und in
+der Tat läßt sich eine derartige Wirkung, sogar über nationale Grenzen
+hinaus, auch mehrfach wahrnehmen.[69]
+
+[Fußnote 64: _Vanêk_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 125); ähnl. _Olberg_,
+"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik"; _Block_, a. a. O. p. 563.]
+
+[Fußnote 65: _Umrath_, a. a. O. p. 18, 19; Resolution der Guesdisten
+(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 30).]
+
+[Fußnote 66: Dieses habe im Generalstreik "sein neues kommunistisches
+Manifest" geschrieben; die Generalstreikidee bedeute "nichts anderes,
+als die Ersetzung der großen unpersönlichen stimmzettelfrohen Masse
+durch die Vereinigung der zielklaren und zielwollenden Persönlichkeiten"
+(E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9.
+Dez. 05]; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 31,
+32), während der Parlamentarismus dem "Klassenkampf den Todesstoß"
+gegeben habe, da er das Proletariat an der Legalität des "Klassenstaats"
+interessiere, das revolutionäre Bewußtsein einschläfere; nur durch die
+Erfahrung des Generalstreiks könne das Proletariat den endlichen Zerfall
+der bürgerlichen Gesellschaft kennen lernen (_Louis_, p. 301 ff.).]
+
+[Fußnote 67: _Luxemburg_ ("Und zum dritten Mal das belgische
+Experiment") nennt den Klassenstreik ein "wirksamstes Mittel der
+sozialistischen Agitation"; der "_Weckruf_" (Art. vom 9. Jan. 04, "Wo
+wollen wir hin? Der Generalstreik") nennt ihn "wirksamstes
+Propagandamittel"; die "_Wahrheit_" (Beilage zu Nr. 11,
+"Antimilitarismus und Generalstreik", p. 12) sagt: "Kein anderes
+Propagandamittel hat... so bedeutende Erfolge erzielt"; vgl. auch
+_Block_, p. 563; _Weill_, p. 410.]
+
+[Fußnote 68: So sei ein Teil der Hausindustrie beim belgischen
+Wahlrechtsstreik aufgerüttelt worden; der "_Weckruf_" (28. Mai) rühmt
+diesen Effekt den Solidaritätsstreiks nach, behauptet auch einen großen
+propagandistischen Erfolg (?) des Genfer Generalstreiks ("_Weckruf_" vom
+9. Jan. 04).]
+
+[Fußnote 69: Einfluß des belgischen Kl-streiks auf den schwedischen von
+1902 (vgl. Enquête, p. 377; Allg. Ztg. 21. 4. 02); Eindruck des
+finnischen Nationalstreiks auf die schwedischen Arbeiter (_Branting_
+[Soz. Mh. Aug. 06, p. 664]); Einfluß der beiden belgischen Kl-streiks
+auf die österreichische Wahlrechtsbewegung (Prot. Parteitg. Wien 1894,
+p. 4-6, 31, 34, 58; Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 131); Einfluß des
+schwedischen Streiks (_Bracke_, Enquête, p. 86), ital. Streiks
+(_Bömelburg_, Prot. Gwkft. Kongr. Köln 05, p. 215), der belgischen und
+österreichischen Bewegung (_Bernstein_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p.
+193), der russischen Revolutionsstreiks (_Bernstein_, "Politischer
+Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Jena, _Bebel_ [p.
+307], _David_ [p. 328]; Prot. Parteitg. Mannheim, _Luxemburg_ [p. 261],
+_David_ [p. 259]) auf die deutsche Klassenstreikdiskussion.]
+
+Nicht nur mit der Ausführung, auch mit der _bloßen Verbreitung der Idee_
+werden gewisse Wirkungen auf das Proletariat bezweckt. Einerseits soll
+die Überzeugung von der Anwendungsmöglichkeit dieses Mittels das
+"erhebende und stählende Gefühl der eigenen Kraft und Siegeszuversicht"
+entfachen und hierdurch dem Proletariat den Verzicht auf schwächende
+Zwergkämpfe (durch die es den Zusammenbruch hinauszuschieben trachte)
+ermöglichen.[70] Andererseits soll die Vorstellung einer scheinbar so
+gut fundamentierten, scheinbar so leicht zu erreichenden Eingangspforte
+zu den Herrlichkeiten des Zukunftsstaates, soll die "anziehende",
+"verführerische", "fascinierende" Idee, durch bloßes Nicht-Arbeiten die
+Erlösung von aller Mühsal zu erlangen,[71] im Proletariat den Glauben an
+eine bessere Zukunft befestigen. Der Klassenstreik erscheint in dieser
+Auffassung als "weithin leuchtende Fackel",[72] "Leitstern",
+"Richtschnur", "Symbol",[73] "Ideal",[74] "das große Endziel",[75] kurz,
+als Ersatz für die schon abgegriffene Vorstellung vom Zukunftsstaat. Wie
+diese wird auch die Klassenstreikidee als Propaganda-, Organisations-,
+Erziehungsmittel betrachtet,[76] und zwar soll sie nicht nur das
+Klassenbewußtsein fördern, indem sie die "Ideale des Klassenkampfes" in
+den Vordergrund rücke,[77] sondern durch Kräftigung des revolutionären
+Willens auch eine Beschleunigung der Entwicklung herbeiführen können; so
+daß sich infolge der Klassenstreik-Propaganda die Umwandlung der
+kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft weit früher
+vollziehen könne, als dies der bloß mechanische Ablauf der ökonomischen
+Verhältnisse gestatten würde.
+
+[Fußnote 70: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 740.]
+
+[Fußnote 71: Diese Vorstellung sei nur zu sehr geeignet, den vielen
+"utopisch angelegten Naturen" in den Arbeiterkreisen aller Länder
+Nahrung zu geben (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
+Kampfmittel", p. 195).]
+
+[Fußnote 72: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
+31.]
+
+[Fußnote 73: Der Sozialismus befasse sich mit dem Mysteriösen, der
+Transformation der Produktion; von dieser schweren Lehre gebe der
+Generalstreik ein leicht faßliches Bild (_Sorel_, "Lo sciopero
+generale").]
+
+[Fußnote 74: Vgl. z.B. auch _Weill_, p. 409 ff.]
+
+[Fußnote 75: _Friedeberg_, "Weltansch.".]
+
+[Fußnote 76: Vgl. _Thesing_, "Per la questione dello sciopero
+generale"; _Polledro_, "Per la terminologia dello sciopero generale";
+die Erfüllung des proletarischen Seelenlebens mit der Generalstreikidee
+werde die Organisationen so stärken, daß gewaltsame Kämpfe vielleicht
+vermieden werden können (_Friedeberg_, a. a. O., und "Parlamentarismus
+und Generalstreik", p. 27 ff.); "En indiquant aux travailleurs un but
+d'organisation, en leurs offrant un moyen d'emancipation, à l'efficacité
+duquel ils croient fermément, elle (die G-streiksidee) a puissament
+contribué à donner à l'action syndicale plus de confiance et de methode"
+(_Briand_, p. 15).]
+
+[Fußnote 77: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3,
+4, 26, 27; derselbe: Prot. Parteitg. Dresden 03; ähnl. _Allemane_ (Prot.
+int. Kongr. Amsterdam, p. 26); sowie die programmatische Erklärung des
+7. Kongresses der "freien Vereinigung" im April 1906 (cit. bei _v. Elm_,
+"Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag").]
+
+§ 5. Die Arten des Klassenstreiks.
+
+Da der Begriff Klassenstreik so verschiedenerlei Eigenschaften, Ziele
+und Wirkungsweisen eines Ausstandes in sich schließt, so kann der
+Klassenstreik auch in einer großen Zahl von Variationen auftreten, unter
+denen man zwei Hauptarten zu unterscheiden pflegt: _Generalstreik_ und
+_politischer Massenstreik_.
+
+Der _Generalstreik_ strebt im allgemeinen mehr nach quantitativem, der
+_politische Massenstreik_ mehr nach qualitativem Umfang; ersterer
+begnügt sich unter Umständen mit lokaler, strebt aber meist nach
+internationaler Ausdehnung, letzterer tendiert in der Regel zu
+nationaler Ausdehnung.
+
+Der _Generalstreik_ neigt meist, doch nicht ausnahmslos (_Friedeberg_;
+_Briand_), zu gewaltsamen Formen; es soll ihm jeder gesetzliche Inhalt
+fehlen; er soll, insbesondere nach Ansicht der revolutionären
+Syndikalisten, "nicht mehr als Ausführung eines gesetzlich verbrieften
+Rechts, sondern... als der Typus der revolutionären Tat" gelten
+(_Lagardelle_). Der _politische Massenstreik_ hingegen fordert meist,
+aber ebenfalls nicht ausnahmslos (man denke an einige deutsche
+"Ultra-Radikale"!), nur eine friedliche Arbeitsverweigerung.
+
+Der _Generalstreik_ vertritt vorwiegend wirtschaftliche,
+antiparlamentarische, anarchistisch-revolutionäre mittelbare und
+unmittelbare Klassenziele, ohne doch politisch-parlamentarische
+Forderungen unter allen Umständen auszuschließen;[78] der _politische
+Massenstreik_ kennt nur politisch-parlamentarische, also nur
+unmittelbare Klassenziele.
+
+[Fußnote 78: Vgl. z.B. _Briand_, a. a. O. p. 6; Resolution der
+Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32); ebenda p.
+7; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28-30; ähnlich die Allemanisten
+(vgl. _Richard_, Mouvement socialiste, 1899, I. p. 619 ff.); Congrès
+corporatif de Marseille 1892; Conféd. générale du travail (vgl.
+"Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der
+"_Wahrheit_"); "_Weckruf_" (28. Mai 04, "Der Generalstreik").]
+
+Der Zweck des _Generalstreiks_ besteht zum großen Teil in der Wirkung
+auf die Arbeiter selbst, der des _politischen_ Massenstreiks fast
+ausschließlich in der Wirkung auf ihre Gegner.
+
+Doch selbst diese hauptsächlichsten Unterscheidungspunkte ergeben keine
+feste Grenzlinie. Denn die Tatsachen der als Generalstreiks und der als
+politische Massenstreiks rubrizierten Unternehmungen und Projekte stehen
+sich oft außerordentlich nahe. Der einzige wirklich durchgreifende
+Unterschied zwischen Generalstreik und politischem Massenstreik besteht
+überhaupt nicht in objektiven Merkmalen, sondern in der _subjektiv_
+umschriebenen Stellung und Funktion des Klassenstreiks, in dem
+_subjektiv_ ihm zugewiesenen Rang _innerhalb der proletarischen
+Bewegung_.
+
+Ein Klassenstreik heißt nämlich _Generalstreik_, sobald er als "_seule_
+lutte qui soit digne de la classe ouvrière",[79] als das
+prinzipiell-proletarische, weil vom Parlamentarismus unabhängige[80]
+_Hauptmittel_ aller und jeder proletarischen Betätigung auftritt (so bei
+den Anarchisten, revolutionären Syndikalisten).[81] Dabei beschränken
+sich die Ergänzungswaffen des Klassenkampfs teils nur auf die übrigen
+Mittel der "direkten Aktion", (also Boykott, Sabot, bewaffneter
+Widerstand),[82] unter ausdrücklichem Ausschluß des Streiks zu
+politischen Zwecken;[83] teils umfassen sie aber neben allem anderen
+auch die parlamentarische Tätigkeit und den Streik zu politischen
+Zwecken,[84] und sei es eventl. auch nur, damit bei der Anwendung des
+letzteren den Arbeitern die Bedeutung der Massenaktion und des
+eigentlichen Generalstreiks klar werde.[85]
+
+[Fußnote 79: Léon _Quatrehomme_, ouvrier typographe (Enquête sur l'idée
+de patrie et la classe ouvrière, p. 337).]
+
+[Fußnote 80: Vgl. z.B. E. Th., "Der Parteitag von Jena"; _Friedeberg_,
+"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 26, 27; _Thesing_, a. a. O.;
+_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04,
+p. 26, 28, 30, 71; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 157; _Umrath_,
+a. a. O. p. 19, 20. Nicht nur die Idee des Generalstreiks sei "concetto
+genuinamento operaio, che la classe lavoratrice ha ricavato dall'
+esperienza della vita" (_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p.
+211; ähnl. _Briand_, p. 4, 5; _Kautsky_, a. a. O.; derselbe, "Die
+soziale Revolution" I. p. 51), sei das Produkt "de la mentalité ouvrière
+elle même", entspreche einer "profonde intuition populaire" (_Louis_, p.
+293 ff.), sondern auch die Anwendung stehe "en dehors de toute direction
+politique" (_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78, 79).]
+
+[Fußnote 81: Als stärkste, wirksamste, entscheidenste Waffe erscheint
+der Klassenstreik z.B. in der Resolution der Allemanisten (Prot. int.
+Kongr. Amsterdam 04, p. 29, 30), in der Resol. der Kommissionsminderheit
+(Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32), in der Auffassung der
+"Lokalisten" (vgl. Bericht im Vorwärts vom 18. Juli 06 über die
+Generalversammlung der "Freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und
+Umgebung" am 15. Juli 1906) usw. --Nach dem Bericht der Étudiants
+socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris an den
+internationalen revolutionären Arbeiterkongreß, der 1900 in Paris
+stattfinden sollte (aber verboten wurde), ist der (gewaltsame)
+allgemeine Ausstand "unter den gegenwärtigen Verhältnissen das beste und
+sicherste Mittel zur Herbeiführung der sozialen Revolution" (vgl.
+_Eltzbacher_, p. 5, 6).]
+
+[Fußnote 82: Der letzte Anarchistenkongreß (3. Aug. 1907 in Amsterdam)
+betrachtete übrigens, gemäß der Resolution _Malatesta_, die
+Gewerkschaften und den Generalstreik zwar "als mächtige revolutionäre
+Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"; über diesen beiden
+dürfe man nicht "die direkteren Mittel im Kampf gegen die militärische
+Macht vergessen" (vgl. Frankf. Ztg. Sept. 07).]
+
+[Fußnote 83: Sobald der Generalstreik "zum Hilfsmittel politischer
+Aktionen herabsinkt" ("_Weckruf_", 28. Mai 04, vgl. auch z.B.
+_Friedeberg_, "Weltansch." Nr. 37, 40; derselbe: "Parlamentarismus und
+Generalstreik", p. 3; _Sorel_, a. a. O. p. 23, 24; usw.) bedeutet er für
+die Anarchisten höchstens eine "kindliche Naivetät" ("_Weckruf_", 9.
+Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik"), die dazu führe, "den
+kraftvollen Gedanken des proletarischen Kampfes... zu verwässern"
+(_Friedeberg_, "Weltansch."; ähnl. Franz _Winter_, "Brief aus
+Österreich" ["_Weckruf_", 9. Jan. 1904]; "Der Generalstreik"
+["_Weckruf_", 28. Mai 04]).]
+
+[Fußnote 84: Der Generalstreik "non sostituice, nè elimina l'uso degli
+altri mezzi risolutivi che la storia suggerisce, e che lo sciopero o
+condiziona o rafforza o potenzia"; denn der Generalstreik sei die "forma
+specifica della rivoluzione proletaria e delle successive conquiste che
+alla rivoluzione menano" (_Labriola_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 85: _Winter_, a. a. O.: "die Arbeiterschaft wird schon
+dahinter kommen, daß mit ihm (dem Kl-str.) nicht nur politische Rechte,
+sondern auch nützliche ökonomische Vorteile ... erobert werden können";
+ähnl. das Anarchistenblatt "_Neues Leben_" (cit. in der Allg. Ztg.
+19./4. 02); ferner "_Weckruf_" (9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der
+Generalstreik"); _Berth_ (vgl. Notes Bibliograph. du Mouvement
+socialiste, I. et 15. XI. 05, p. 374 ff.).]
+
+Ein Klassenstreik heißt aber _politischer Massenstreik_, sobald er als
+bloßes _Hilfsmittel_ im proletarischen Kampfe auftritt,[86] nur aus
+Zweckmäßigkeitsgründen angewandt,[87] dem Parlamentarismus höchstens
+koordiniert, fast regelmäßig subordiniert[88] wird. Dabei bedeutet er
+meist überhaupt nur ein ausnahmsweises Hilfsmittel, das, wie _Turati_
+sagt, "niemals zum normalen Kampfmittel des Proletariats erhoben werden
+darf", die "ultima ratio",[89] die letzte, äußerste Kraftanstrengung in
+extremen Fällen.[90]
+
+[Fußnote 86: Prot. Parteitg. Jena 05, _Zetkin_, p. 324, _Bebel_, p.
+338; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).]
+
+[Fußnote 87: _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p.
+141 ff.; _Delory_, P. O. F. (Congrès général des Organisations
+socialistes françaises Paris 1899, p. 246 ff); _Umrath_, a. a. O.;
+Kommissionsresolution des int. Kongr. Zürich, 1893 (cit. Prot. Parteitg.
+Jena 05, p. 302).]
+
+[Fußnote 88: Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff.; _Liebknecht_,
+(Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); _Zetkin_ (Prot. Parteitg. Bremen 04,
+p. 196); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227-241); Resolution
+der ital. Integralisten (vgl. _Olberg_, "Der Parteitag von Rom");
+Congrès général... Paris 1899, p. VII, 236-60; _Kautsky_, "Die soziale
+Revolution", p. 50; ders. "Maifeier und Generalstreik"; _Zetkin_ (vgl.
+Vorwärts 23. Aug. 05); _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das belgische
+Experiment"; _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 141;
+_Umrath_, a. a. O.; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 97-121.]
+
+[Fußnote 89: Z.B. _v. Elm_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226);
+ähnl. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 129); _Bernstein_,
+"Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".]
+
+[Fußnote 90: Z.B. _v. Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem
+Mannheimer Parteitag"; _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot.
+Parteitg. Wien 1894, p. 105 (Resolution _Adler_); Prot. Parteitg. Wien
+03, p. 126; Prot. Parteitg., Wien 05, p. 66 ff., 121; Prot. int. Kongr.
+Amsterdam, p. 8, 24 ff.]
+
+Als solch extremer Fall erscheint einerseits die _soziale Revolution_;
+und zwar wird dem politischen Massenstreik eine um so bedeutendere Rolle
+"in den revolutionären Kämpfen der Zukunft"[91] zugewiesen, je mehr das
+Vertrauen auf die ökonomisch-automatische Einführung des Sozialismus
+verschwindet, der Glaube an den gewaltsamen Charakter der sozialen
+Umwälzung bestehen bleibt,[92] zugleich aber auch die "Revolution im
+Heugabelsinn"[93] an Kredit verliert. Durch die Entdeckung des
+politischen Massenstreiks soll daher das bis anhin verschwommene Bild
+von der proletarischen Revolution Leben und Farbe gewonnen haben.[94]
+Daneben wird der politische Massenstreik übrigens unter Umständen auch
+noch zu gelegentlicher Unterstützung des Klassenkampfs in seinen
+vorrevolutionären Stadien vorgesehen.[95]
+
+[Fußnote 91: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. "Die
+soziale Revolution" ("Formen und Waffen der sozialen Revolution");
+_Umrath_, p. 19, 20; Enquête, p. 208; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.",
+p. 169; _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394;
+_Willert_, Guesdist (Prot. int. Kongr. Amsterdam, 04, p. 27). --Über den
+Kl-str. als modernen Ersatz für die Erhebung: _Bissolati_, "Das Ergebnis
+der italienischen Wahlen", p. 958; vgl. auch _Eckstein_, p. 360.]
+
+[Fußnote 92: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O., p. XII ff.]
+
+[Fußnote 93: _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); vgl. auch
+_Briand_ (Congrès général... Paris 1899, p. 156); _Parvus_, a. a. O.;
+_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694; Prot. Parteitg. Bremen
+04, p. 193; "'Der politische Massenstreik' und der Staatsanwalt",
+Bericht über die Verhandlung im Prozeß gegen _Löbe_ (wegen Abdruck der
+_Bernstein_'schen Rede), im Vorwärts, 1. Beilage zu Nr. 196, 23. Aug.
+05. -- Andere, wie z.B. _Hue_ (vgl. "Partei und Gewerkschaft"),
+_Vliegen_ (vgl. "Der zehnte Parteitag der niederländischen
+Sozialdemokratie"), _Bömelburg_ (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05)
+glauben, daß es auch noch andere "schärfere" Mittel zur ev.
+Herbeiführung der Katastrophe gäbe, als den Klassenstreik, und daß der
+Augenblick diese schon mit sich bringen werde.]
+
+[Fußnote 94: Dies rühmt z.B. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 182 ff.]
+
+[Fußnote 95: So spricht z.B. _Roland-Holst_ (p. 95 ff.) vom pol.
+M-str. am Anfang (zur Erwerbung), im Verlauf des politischen Kampfes
+(zur Erhaltung von Rechten) und am Schluß desselben (als soziale
+Revolution), während z.B. nach der _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. März
+04 (cit bei _David_, "Rückblick auf Jena") der Klassenstr. einzig für
+die soz. Revolution in Frage käme.]
+
+Andererseits erscheint die Bedrohung der _sozialen Evolution_ als der
+extreme Fall, der die ausnahmsweise Anwendung des politischen
+Massenstreiks rechtfertigen könne. Und entsprechend dem
+Parlamentarismus, den er schützen soll, erscheint hierbei auch der
+politische Massenstreik entweder als wirksamster, wenn auch nicht
+einziger "Faktor eines stetigen, organischen Fortschritts auf dem Wege..
+der proletarischen.. Emanzipation",[96] oder geradezu als Voraussetzung
+des Sozialismus überhaupt.[97]
+
+[Fußnote 96: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
+möglich?"; _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der
+ökonomischen Macht"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff.,
+34; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik";
+_Bernstein_ als Zeuge im Prozeß gegen _Löbe_, a. a. O.; _v. Elm_ (Prot.
+Parteitg. Jena 05, p. 323;) _Jaurès_, a. a. O.; -- _Olberg_, "Der
+italienische Generalstreik", p. 22. -- _Hilferding_, p. 142; _Destrée
+und Vandervelde_, p. 22; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena 05).]
+
+[Fußnote 97: "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum
+Generalstreik" (_Hilferding_, a. a. O. p. 139 ff.), der Generalstr.
+müsse die "regulative Idee" im Klassenkampf sein; z.B. von _Vliegen_
+("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel") als "Phrase"
+abgelehnt; (vgl. oben p. 14).]
+
+§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten Aktionsmitteln.
+
+Dem Klassenstreik sind eine Reihe anderer Aktionsmittel des Proletariats
+verwandt, die ebenfalls auf massenhafter Verweigerung notwendiger
+Funktionen beruhen oder beruhen können.
+
+Praktisch kommt fast ausschließlich der Entzug _wirtschaftlicher_
+Funktionen in Betracht, und zwar vor allem der Entzug wirtschaftlicher
+Funktionen innerhalb des Produktionskreises; hierbei handelt es sich in
+erster Linie um die Mittel mit _obligatorischer_ Arbeitsverweigerung.
+Unter diesen begreift der Normalfall, die _offene_ Arbeitsverweigerung,
+also der _Streik_, auch den Klassenstreik in sich. Und zwar gleicht
+letzterer in seinem gewerblichen Wirkungsvermögen völlig den übrigen
+großen Streiks, steht hierin also, wie diese, in genauem Gegensatz zum
+partiellen Streik.
+
+Die _gewerbliche Wirkung_ eines Streiks auf die Unternehmer beruht im
+allgemeinen auf dem Interesse derselben am Fortgang der Produktion.
+Dieses Interesse, das den Unternehmer unter Umständen zur Nachgiebigkeit
+gegenüber den Forderungen seiner Arbeiter bestimmt, ist ein doppeltes.
+Der Fortgang der Produktion sichert einerseits die Verzinsung des im
+Betrieb angelegten Kapitals, sowie den Unternehmergewinn (zugleich die
+Erhaltung der Betriebseinrichtungen in brauchbarem Zustand): positives
+Interesse, und erschwert andererseits die Verdrängung durch die
+Konkurrenz (Einführung neuer Verfahren, Abfangen der Kundschaft usw.
+während des Streiks): negatives Interesse.
+
+Das _positive Interesse_ wird zwar vom Massenstreik, also auch vom
+Klassenstreik, ähnlich berührt, wie vom partiellen Streik; etwas stärker
+noch insofern, als beim Massenstreik von einer Aushilfe durch die
+Streikversicherung viel weniger zu erwarten steht, als bei einem
+partiellen Ausstand; dafür vermindert sich aber beim Massenstreik (und
+erst recht beim Klassenstreik) die Rücksichtnahme seitens der Arbeiter
+auf die wirtschaftlichen Konjunkturverhältnisse,[98] so daß hierbei
+wohl ausnahmslos auch solche Unternehmungen getroffen werden, denen
+gerade eine momentane Betriebsstockung zum Vorteil gereicht; ja,
+auch die dem Unternehmer gewöhnlich aus dem Streik erwachsenden
+Schwierigkeiten gegenüber Dritten (Nichteinhaltung von Lieferfristen,
+Konventionalstrafen usw.) verringern sich, je größere Dimensionen der
+Streik annimmt, je mehr er als Kasus angesehen werden darf.[99]
+
+[Fußnote 98: Es kann beim Kl-str. um so weniger Rücksicht auf die
+wirtschaftliche Konjunktur genommen werden, je mehr Rücksicht auf den
+politisch günstigen Moment genommen werden muß (vgl. _Hanich_, Prot.
+Parteitg. Wien, 1894, p. 65); eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen
+Konjunktur wird überdies um so schwerer, je größer der Streik ist, da
+sich bei starker gewerblicher und geographischer Differenzierung der
+Beteiligten kaum ein Zeitpunkt finden läßt, wo sich alle fraglichen
+Gewerbe und Plätze annähernd gleicher Prosperität erfreuen.]
+
+[Fußnote 99: Schon die gewöhnlichen Streiks, bes. Angriffsstreiks,
+pflegen als Casus angesehen zu werden (vgl. _ab-Yberg_, p. 95).]
+
+Erscheint hiernach schon das positive Interesse des Unternehmers
+normalerweise durch den Massenstreik eher weniger bedroht, als durch den
+partiellen Streik, so tritt eine völlige Umkehrung des Verhältnisses
+bezüglich des _negativen Interesses_ ein. Die Unternehmerkonkurrenz
+spielt nämlich eine um so kleinere Rolle, je größere Dimensionen der
+Streik annimmt; denn je vollständiger die Einbeziehung aller miteinander
+konkurrierender Unternehmungen, um so geringer für jede einzelne die
+Gefahr der Konkurrenzstärkung während der Arbeitsunterbrechung.[100] Den
+kräftigeren Unternehmungen kann der Massenstreik durch die Beseitigung
+schwächerer Konkurrenten[101] sogar noch direkten Vorteil bringen. --Das
+Konkurrenzmoment als Faktor des Entgegenkommens, als Faktor des
+Streikerfolges, verliert also mit Ausdehnung des Streiks immer mehr an
+Bedeutung[102] und verschwindet überhaupt völlig, sobald die Gesamtheit
+der konkurrierenden Betriebe stillliegt.[103]
+
+[Fußnote 100: Ähnlich liegen die Verhältnisse beim partiellen Streik
+gegen Monopolisten (vgl. _Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks").]
+
+[Fußnote 101: Da diese sich ev. schon an den positiven
+Beeinträchtigungen durch den Streik verbluten; um die großen Unternehmer
+empfindlicher zu treffen, schlug daher _Ellenbogen_ (Prot. Parteitg.
+Wien 1894, p. 54) vor, den Kleinbetrieb von einem ev. Wahlrechtsstreik
+ausdrücklich auszunehmen.]
+
+[Fußnote 102: _Eckstein_, p. 258, 259; _Grosch_, "Der Generalstreik",
+p. 14, 15; vgl. auch _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 687 ff.]
+
+[Fußnote 103: Soweit dies nicht der Fall ist, können die Unternehmer
+übrigens durch internationale und nationale Vereinbarungen den
+Konkurrenzausschluß selbst herbeiführen (vgl. _Düwell_).]
+
+Der Massenstreik, und mit ihm der Klassenstreik, werden also in ihrer
+Wirkung auf das Unternehmertum stets hinter der Wirkung des partiellen
+Streiks zurückbleiben müssen, da das positive Interesse des Unternehmers
+an der Aufrechterhaltung des Betriebes keinesfalls stärker berührt, sein
+negatives Interesse aber ausgeschaltet wird. Der Massenstreik kann also
+keineswegs von vornherein als der Superlativ des partiellen Streiks
+angesehen werden; noch weniger ist die Berechtigung seiner Anwendung aus
+etwaiger Erfolglosigkeit partieller Ausstände zu folgern.[104]
+
+[Fußnote 104: Dies tut z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p.
+32, und "La grève générale et la révolution", p. 4, 5); vgl. auch
+_Umrath_, a. a. O.; _Dejeante_ (Congrès général... Paris 1899, p. 257
+ff.). -- Die tatsächliche Zunahme der Massenstreiks und die Wahrnehmung,
+daß dieselben immer häufiger den Charakter politischer Ereignisse tragen
+(bes. im Eisenbahnbetrieb und im Bergbau: Pennsylvanien, Kolorado,
+Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Österreich usw.), förderte
+die Überzeugung, diese Waffe, die "die technische Entwicklung den
+Arbeitern in die Hand gegeben" habe (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132),
+sei auch im politischen Kampf anzuwenden (vgl. _Kautsky_, "Der Kongreß
+in Köln"; ders.: "Die soziale Revolution", p. 49, 50; _Roland-Holst_,
+"G-str. u. Sozd.", p. 32 ff., 54; _Bernstein_, "Trust und Streik";
+ders.: "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416;
+ders. am Parteitg. in Jena, Prot. p. 315; _Stadthagen_, ebenda, p.
+330).]
+
+Was dem Massenstreik aber an gewerblicher Wirkung abgeht, das kann unter
+Umständen die außergewerbliche, die _soziale Wirkung_ ersetzen, die den
+partiellen Streiks überhaupt fehlt, oder doch nur den exzeptionellen
+unproletarischen Streiks[105] zukommt.
+
+[Fußnote 105: Streiks der Schüler, Advokaten, Ingenieure, Richter,
+Handelsgehilfen, Ärzte, Apotheker, Munizipalbeamten (Streik der
+Gemeinderäte bei der südfranzösischen Winzerbewegung 1907). Die
+österreichische Hausbesitzerversammlung soll gar den abenteuerlichen
+Plan gefaßt haben (sofern keine Zeitungsente vorliegt), alle Wohnungen
+zu kündigen, falls die Regierung nicht unverzüglich an die Abänderung
+der Hauszins- und Gebäudesteuer ginge (gemäß "Fremdenblatt", cit. von
+der Arbeiterzeitung Wien, 24. Juni 1906).]
+
+Die soziale Wirkung des Massenstreiks kann von der _Zahl_ der
+Streikenden abhängen; denn jede Arbeitsniederlegung sehr vieler Menschen
+veranlaßt eine allgemeine Beunruhigung, Erregung, Unsicherheit, eine
+allgemeine Störung von Handel und Wandel.[106]
+
+[Fußnote 106: _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.) Die
+Minderung der Kaufkraft der Ausständigen wird sich auf dem das
+Proletariat versorgenden Markte fühlbar machen; das Stillliegen vieler
+Betriebe zwingt, infolge der arbeitsteiligen Entwickelung, auch
+zahlreiche Dritte zur Arbeitsunterbrechung; die Verlängerung der
+Umschlagsdauer des Kapitals wird ein Sinken der Industriewerte nach sich
+ziehen usw.]
+
+Doch es kommt nicht nur auf die Zahl der Ausständigen, sondern auch auf
+die soziale _Bedeutung_ der stillgelegten Werke an, wonach sich die
+soziale Wirkung in qualitativer Richtung bestimmt. Unter den sozial
+wichtigen Unternehmungen aber wird die Arbeitsruhe derjenigen Gruppen
+den bedeutendsten Effekt herbeiführen, von deren fortwährenden
+Leistungen, also von deren ununterbrochener Inbetriebhaltung das
+gesellschaftliche Dasein in besonderem Maße abhängt (wie Kraft- und
+Lebensmittelversorgung, Transport, Sanitätsdienst usw.). Je allgemeiner
+in diesen Unternehmungen der Streik, um so empfindlicher seine Wirkung
+auf die Gesellschaft.[107]
+
+[Fußnote 107: Zur Förderung des sozialen Druckes bemühen sich die
+Arbeiter daher auch um Fernhaltung der Konkurrenz beim Streik; so wurde
+z.B. beim Streik im Ruhrgebiet seitens der Arbeiterschaft versucht, die
+belgische und englische Kohle durch Verständigung mit den dortigen
+Genossen fernzuhalten.]
+
+Auch das staatliche Leben ist durch den Massenstreik mannigfachen
+Beunruhigungen, unter Umständen sogar geradezu einer Gefährdung
+ausgesetzt, -- ganz abgesehen davon, daß der Staat durch jede
+gesellschaftliche Krise indirekt mitgetroffen wird.
+
+Einerseits handelt es sich auch dem Staat gegenüber um quantitativ
+bestimmte Wirkungen, sofern dieser nämlich die streikenden Massen um
+ihrer Zahl willen nicht mehr in den Schranken von Recht und Ordnung zu
+halten vermag; andererseits um qualitativ bestimmte Wirkungen, wenn
+große Streiks "an Stellen, wo sie dem Staat und der öffentlichen Gewalt
+am empfindlichsten sind", ausbrechen (Verkehrs- und Nachrichtendienst,
+Militärverproviantierung usw.), infolge der Natur der streikenden
+Betriebe die eigensten Funktionen des Staates stören und eine
+"Desorganisation des Staatsmechanismus" einleiten würden.[108]
+
+[Fußnote 108: Auf eine solche Wirkung rechnen _Parvus_, a. a. O.;
+_Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05); _Roland-Holst_, a. a. O. p. 100
+ff.; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres" p. 208.]
+
+Wenn qualitativ und quantitativ bestimmte gesellschaftliche Wirkungen
+sich vereinigen, wenn der Massenstreik "der ganzen bürgerlichen
+Gesellschaft Unbequemlichkeiten und Verluste" zufügt,[109] "die
+notwendigen Funktionen der Wirtschaft" stilllegt und Störungen im
+öffentlichen Betrieb bewirkt,[110] den "Lebensprozeß der
+kapitalistischen Gesellschaft" bedroht, wenn er als "maladie
+publique",[111] als "nationale Kalamität"[112] auftritt oder auftreten
+soll, dann wird es sich kaum um den _innergewerblichen Massenstreik_
+handeln, dann wird in der Regel ein _Klassenstreik_ vorliegen, oder zum
+mindesten doch ein solcher gewerblicher Massenstreik, dem wir, eben um
+dieser Wirkungen willen, eine Grenzstellung anweisen, den wir als
+_Pseudo-Klassenstreik_ bezeichnen müssen.
+
+[Fußnote 109: _Kautsky_, a. a. O. p. 690.]
+
+[Fußnote 110: _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126).]
+
+[Fußnote 111: M. _Fazy_, Zu den Motionen _Scherrer_ und _Sulzer_ (Amtl.
+Stenogr. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, Jahrg. XVI, p. 912).]
+
+[Fußnote 112: _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 49 ff.; ähnl.
+_Ulrich_, "Die Arbeiterausstände und der Staat", p. 1, 2.]
+
+Die gewerblichen und die außergewerblichen Wirkungen des Klassenstreiks
+treten in verschiedenen Kombinationen auf, je nachdem es sich um
+Forderungen an die Unternehmer oder um solche an die Öffentlichkeit
+handelt. (Natürlich versuchen wir hier nur eine Schematisierung des
+Vorgangs, eine sozusagen geometrische Skizzierung der typischen
+Grundformen, die unter der vielfarbigen Übermalung durch die stets
+veränderliche Wirklichkeit noch hervorschimmern.)
+
+Bei _wirtschaftlichen_ Forderungen wird die Druckkraft des Streiks bloß
+auf die Unternehmer zwar nicht eben bedeutende Erfolge herbeiführen;
+hingegen vermag vielleicht der zugleich auftretende gesellschaftliche
+Druck die Öffentlichkeit dermaßen zu beunruhigen, daß sie einzuschreiten
+versucht, den empfangenen Druck weiterleitet, ihn auf die
+"widerspenstigen Unternehmer" überträgt. Je weniger die Allgemeinheit
+unter der Erfüllung der Streikforderung zu leiden hat, je mehr sie den
+Standpunkt der Arbeiter teilt und den der Unternehmer tadelt (wie dies
+manchmal großen Monopolisten gegenüber der Fall ist), um so energischer
+wird sie auch die Erfüllung der proletarischen Wünsche verlangen, so daß
+also auf den Unternehmern außer dem allerdings nur schwachen
+gewerblichen Druck ev. indirekt noch der bedeutendere gesellschaftliche
+Druck lastet. Von der politischen Stärkeverteilung hängt es ab, ob die
+Unternehmer ev. auch durch gesetzliche Regelung der fraglichen
+Verhältnisse zur Gewährung der Forderung gezwungen werden können.[113]
+
+[Fußnote 113: Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr.
+vor (vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber
+auch beim reinen Kl-str. denkbar.]
+
+Bei _politischen_ Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke
+des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser
+indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die
+Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig
+Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen
+Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig
+zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte
+gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung
+erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der
+Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die
+Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114]
+
+[Fußnote 114: Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die
+politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik
+sein" (_Adler_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. _Kautsky_, a.
+a. O.).]
+
+Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also
+eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht,
+so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der
+von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also
+ein indirekter Streikdruck lasten.
+
+Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist
+natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig
+gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und
+Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der
+durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so
+überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter
+gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen
+revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung
+sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den
+Streik predigen.[118]
+
+[Fußnote 115: Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z.
+B. der Schweizer. Arbeitersekretär _Greulich_; vgl. auch z.B.
+_Bourdeau_, p. 442.]
+
+[Fußnote 116: _Kautsky_, a. a. O. p. 732, 733.]
+
+[Fußnote 117: _Bernstein_, z.B. "Der Kampf in Belgien und der
+politische Massenstreik", p. 416 ff.]
+
+[Fußnote 118: "La démocratie... opprime la minorité qui porte en elle
+l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse,
+qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à
+agir" (_Pouget_, cit. bei _Bourdeau_, p. 44; vgl. auch _Lagardelle_,
+"Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und _Deville_,
+"Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26,
+27). _Jaurès_ (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et
+Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich
+bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er
+zugibt, "la grève générale en France... pourra communiquer à la masse
+lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière
+organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".]
+
+Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so
+kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach
+der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu
+unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so
+wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen,
+wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt
+den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so
+kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer
+Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120]
+
+[Fußnote 119: Bei den meisten polit. M-streiks traten die Arbeiter auch
+mit spez. wirtschaftlichen Forderungen an die Unternehmer heran: schon
+beim Plug-Plot; in Belgien, usw.; auch 1894 von einem Teil der österr.
+Sozialdemokratie für den projektierten Wahlrechtsstreik geplant (vgl.
+_Hueber_, Prot. Parteitg. Wien 94, p. 58, _Adler_, Prot. Parteitg. Wien
+05, p. 131).]
+
+[Fußnote 120: Dies soll in Rußland vorgekommen sein (vgl. z.B.
+_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen
+Revolution", p. 216).]
+
+Ähnlich wie zu den verschiedenen Arten des Streiks, der offenen
+Arbeitsunterbrechung, verhält sich der Klassenstreik zu denen der
+versteckten, der trotz formeller Weiterarbeit tatsächlichen
+Arbeitsunterbrechung, zu den Arten des _verschleierten Streiks_.
+
+Seine legale Form bildet die sogenannte _passive Resistenz_ oder
+_Dienstobstruktion_. Durch verabredete, peinlichste Befolgung eines den
+Betriebserfordernissen nicht, resp. nicht mehr angepaßten
+Dienstreglements wird der Arbeitseffekt so herabgesetzt, daß
+tiefgreifende Betriebsstörungen oder Betriebslähmungen eintreten, die
+den Wirkungen einer direkten Arbeitsverweigerung völlig gleichen. In
+großem Maßstab wurde diese Methode bisher nur im Eisenbahnbetrieb
+angewandt (in Italien und Österreich, wo sie völlig den Effekt eines
+Massenstreiks ausübte).[121] Die Dienstobstruktion ist wirklich eine
+"verteufelt schlaue Idee..., wenn sie auch in der Praxis, weil zu fein
+zugespitzt, bald schartig werden kann";[122] "steht und fällt" sie doch
+mit dem Reglement, nach dessen zweckmäßiger Revision sie entweder
+erlöschen, oder den ihr eigentümlichen Boden formeller Legalität
+verlassen und in den _Sabot_[123] übergehen muß. Der Sabot bedeutet
+"systematisch langsam arbeiten oder Pfuscharbeit liefern",[124]
+"Unsichermachung des Betriebs, Zerstörung von Produktionsmitteln",[125]
+ist also völlig verwerflich.
+
+[Fußnote 121: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 557-558; _Olberg_,
+"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380, 381; Rudolf Graf
+_Czernin_, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz", p. 7 ff.]
+
+[Fußnote 122: Soz. Prx. 1905, Nr. 22.]
+
+[Fußnote 123: Sabot = Hemmschuh, Radschuh, Bremse. -- _Lagardelle_
+("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 119) nennt das
+englische Ca' canny als Ursprung der Sabotage; letztere müsse man
+übrigens "als ein Kampfmittel der Verzweiflung betrachten, welches in
+das System der an sich nötigen Werkstättearbeiten, das der Syndikalismus
+aufstellt, nicht gehört".]
+
+[Fußnote 124: Aus der Taktik der Confédération générale du Travail
+(vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der
+"_Wahrheit_").]
+
+[Fußnote 125: "_Weckruf_" 05, cit. in der N. Z. Z. vom 12./10. 05, Nr.
+283.]
+
+Auch _Demonstration_ und _Insurrektion_ sind häufig mit
+Arbeitsniederlegung verknüpft und kommen dann, da sie zudem meist Ziele
+verfolgen, wie sie auch bei gewissen Klassenstreiks begegnen, diesen
+äußerst nahe.
+
+Wenn z.B. die Versammlungs- oder Straßendemonstration durch Arbeitsruhe
+verstärkt wird,[126] so verwandelt sie sich bei genügender Ausdehnung
+und genügender Dauer in den demonstrativen Klassenstreik. Insbesondere
+kann dies bei der _Maifeier_ der Fall sein. Die Maifeier war
+ursprünglich wohl als ein kurzer demonstrativer Weltstreik geplant.[127]
+Entstammt sie doch der gleichen Quelle, wie der anarchistische
+Generalstreik selbst;[128] möglich auch, daß der internationale
+Arbeiterkongreß in Paris 1889 für die internationale Kundgebung zum 1.
+Mai 1890 die Arbeitsruhe im Sinne hatte; doch enthielt er sich jeder
+Vorschrift über die Form der Kundgebung;[129] auch auf den folgenden
+nationalen und internationalen Kongressen wurde die Arbeitsruhe nur als
+"würdigste" und "wirksamste", daher erstrebenswerteste Form der
+Maifeier, keineswegs als deren Bedingung hingestellt.[130] Da zudem,
+neben Tendenzen zur Abschaffung der Maifeier[131] auch Bestrebungen
+aufgetaucht sind, aus praktischen Gründen von der Arbeitsruhe überhaupt
+ganz abzusehen,[132] so läßt sich die Maifeier höchstens als "tentative
+de grève générale",[133] nur ganz ausnahmsweise als wirklicher
+Klassenstreik ansehen.
+
+[Fußnote 126: Durch die Arbeitsruhe soll die Wirkung der Demonstration
+in Bezug auf Eindrücklichkeit und Propagandakraft vertieft werden (vgl.
+_Eckstein_, p. 361; "'Der politische Streik' und der Staatsanwalt", a.
+a. O.; Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
+Rußlands... p. 51; A. _Rudolph_, "Zur Maifeier"; _Bernstein_, "Pol.
+M-str. u. pol. Lage", p. 33, 34; ders. "Der Kampf in Belgien und der
+politische Massenstreik", p. 415, 416; _Block_, p. 563; _Cohnstaedt_, a.
+a. O.; _Bömelburg_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 233; Prot. Parteitg.
+Bremen 04, p. 193; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62.)]
+
+[Fußnote 127: Die Maifeier ist eine Demonstration "für die gesetzliche
+Einführung des achtstündigen Arbeitstags, für die Klassenforderungen des
+Proletariats und für den Weltfrieden" zwecks Aufrüttelung der
+"öffentlichen Gewalten" (vgl. die Protokolle der int. Kongr. von
+Amsterdam 04, p. 53 ff.; Paris 1889, p. 123; Brüssel 1891; Zürich 1893,
+p. 35; London 96, p. 29; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 141).]
+
+[Fußnote 128: Im Dez. 1888 beschloß der Kongreß der Federation of
+Labour in St. Louis, am 1. Mai 1890 eine Kundgebung für die
+Arbeiterforderungen zu veranstalten (vgl. z.B. Flugschrift zum 1. Mai
+1895 [Buchdruckerei des Schweizerischen Grütlivereins]).]
+
+[Fußnote 129: Prot. Int. Kongr. Paris 1889, p. 123.]
+
+[Fußnote 130: _Kampffmeyer_, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int.
+Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04,
+p. 53 ff.]
+
+[Fußnote 131: So z.B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der
+Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl.
+Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).]
+
+[Fußnote 132: Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf
+den Abend (Resolution _Schmidt_ auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder
+auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln;
+Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei
+Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in
+einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53
+ff.).]
+
+[Fußnote 133: _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.]
+
+Hingegen wird die _Insurrektion_ wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft
+sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der
+handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe
+Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich
+nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche
+Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur
+einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen
+Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem
+Klassenstreik verbunden sein.[134]
+
+[Fußnote 134: Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu
+bieten.]
+
+Neben der _Verweigerung_ der _Produktionskraft_ des Proletariats tritt
+die allgemeine Zurückziehung seiner _Konsumkraft_ aus dem bürgerlichen
+Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als
+auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger
+Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] -- Praktisch
+ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem
+Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen
+Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es
+in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder
+eigenmächtige Steuerverweigerung.
+
+[Fußnote 135: Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing"
+und "run on the banks for gold" (_Gammage_, p. 109), während der österr.
+M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler
+vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in
+Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung
+des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).
+Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene
+Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um
+"durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung
+menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl.
+_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).]
+
+[Fußnote 136: "Abstinence from all excisable articles" (_Gammage_)
+schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr.
+Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).]
+
+
+
+
+_Zweiter Teil:_
+
+Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel:
+
+_Vorläufer._
+
+
+§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.
+
+Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner
+heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den
+sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der
+Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel
+älter; eigentlich stammt er aus dem _Altertum_. Die antike Geschichte
+kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn,
+aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den
+"sagenhaften _Massenstreik der Juden in Ägypten_, der nach der Bibel
+ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern
+nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der
+Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer
+ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der
+_Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg_ im Jahre 494 v. Chr.[140]
+Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug
+militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch
+zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten
+entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession
+empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches
+Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]
+
+[Fußnote 137: Von der "neuen Strategie" spricht z.B. E. Th. in dem
+Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9.
+12. 05).]
+
+[Fußnote 138: _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).]
+
+[Fußnote 139: _Bernstein_, "Der politische Massenstreik und die
+politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den
+jüdischen Volksstreik verweist auch _Penzig_, "Massenstr. und Ethik", p.
+3; ferner Nationalrat _Scherrer_, der Moses als Streikführer bezeichnet
+(vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung,
+Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.]
+
+[Fußnote 140: Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um
+freie Lohnarbeiter. --Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer
+erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt
+worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer
+Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue
+Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten
+Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg
+auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach."
+(_Mommsen_, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap.
+II, p. 263, 264).]
+
+[Fußnote 141: Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten
+Klassenstreiks verweisen _Bernstein_ ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p.
+19; ders., "Der Streik", p. 9); _Penzig_ a. a. O. p. 3ff.; _Bourdeau_,
+"Les grèves politiques", p. 425.]
+
+Auch das ausgehende _Mittelalter_ weist, mit dem Beginn der
+kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen
+Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in _Flandern_, wo sich im 14.
+Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter
+der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen
+sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen
+Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte
+_Ciompi_-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der
+Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu
+haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z.B. aus den 90er Jahren
+des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der _Hamburger_ Schlosser zu
+nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die
+Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe
+herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen
+aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144]
+
+[Fußnote 142: Vgl. _Pirenne_, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.]
+
+[Fußnote 143: Vgl. _Doren_, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p.
+240 ff., 410. --]
+
+[Fußnote 144: Vgl. A. _Heinrich_, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100
+Jahren", p. 507.]
+
+Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig
+eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits
+_Mirabeau_ geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir
+justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den
+privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez
+garde!... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour
+être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147]
+
+[Fußnote 145: Vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le socialisme en
+Belgique", p. 258.]
+
+[Fußnote 146: Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also
+Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.]
+
+[Fußnote 147: Cit. bei _Jaurès_, (Enquête, p. 111) und _Umrath_, a. a.
+O. p. 13.]
+
+Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große
+Wort 'Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!', dieses
+Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller
+Begeisterung, die sich daran knüpft.... dem Proletariat
+selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des
+Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu
+verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener
+Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische
+Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen
+werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern
+ausgeheckt... philosophisch begründet... von einzelnen Denkern des
+Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor
+haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet.
+
+[Fußnote 148: Dr. V. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).]
+
+[Fußnote 149: Dies bestreitet _Adler_ a. a. O.]
+
+§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus.
+
+In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines
+"Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine
+Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu
+stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den
+Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der
+Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres
+projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach
+wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit
+der Antike verknüpft.
+
+[Fußnote 150: So forderte _Fielden_, angeregt durch die energische
+Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von _Owen_ im
+Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem
+"Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger
+Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B.
+_Webb_, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124,
+125). -- 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins
+Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen
+Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen"
+(S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 104-106).]
+
+[Fußnote 151: Vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches
+Kampfmittel", p. 960.]
+
+Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging
+von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von
+_Atwood_ propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein,
+um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem
+feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des
+Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den
+gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class
+as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a
+solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be
+raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be
+directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled
+upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week,
+during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded,
+nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das
+Unterhaus "exercise... a little gentle compulsion".[156] -- _Atwood_ war
+Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der
+"physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl,
+das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder
+dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder -- und dies erscheint als das
+Wahrscheinlichere -- er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil
+er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren.
+Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen
+Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt
+wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die
+Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die
+moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und
+verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158]
+vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung
+kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der
+heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte.
+
+[Fußnote 152: Vgl. _Gonner_, "The Early History of Chartism", p. 636.
+--_Atwood_ sprach für den Kl.Str. anläßlich der von der Birminghamer
+"political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an
+denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm
+zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei _Tildsley_, "Die
+Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am
+16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die
+heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition
+nicht annähme" (_Tildsley_, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf
+dem großen Birminghamer Meeting 1838.]
+
+[Fußnote 153: Mit den 5 chartistischen Forderungen.]
+
+[Fußnote 154: Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung
+werden.]
+
+[Fußnote 155: _Gammage_, "History of the Chartist Movement".]
+
+[Fußnote 156: Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl.
+_Gammage_, a. a. O. p. 43).]
+
+[Fußnote 157: _Gammage_ a. a. O.]
+
+[Fußnote 158: _Tildsley_, a. a. O. p. 48, 49.]
+
+Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber,
+als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf
+den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche"
+wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die
+linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres
+Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner
+baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem
+Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev.
+Ablehnung der Charte "ulterior means", z.B. "an universal cessation of
+labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous
+Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839),
+bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest
+eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent,
+"a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual
+remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a
+sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die
+Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den
+übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats
+(z.B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten
+Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would
+cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds,
+dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der
+großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung
+eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den
+"voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der
+Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des
+Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern. -- Am 12. Juli
+wurde die Charte wirklich vom Unterhaus abgelehnt, und am folgenden Tage
+proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen
+unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165]
+Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen
+Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das
+Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen:
+war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem
+Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten
+Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede
+Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter
+traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg
+ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für
+inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks
+festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die
+Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet
+dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden
+Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte
+der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem
+heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die
+Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige
+Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung
+für den national holiday war vorläufig beendet.
+
+[Fußnote 159: Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr
+die Rede.]
+
+[Fußnote 160: _Gammage_, p. 109; auch _Tildsley_, p. 46.]
+
+[Fußnote 161: Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder
+beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham;
+vgl. _Gonner_, a. a. O. p. 640.]
+
+[Fußnote 162: _Gammage_, a. a. O. p. 127.]
+
+[Fußnote 163: So _O'Connor_; vgl. _Gammage_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 164: Dieser sog. Motion Dr. _Taylor_ stimmten auch solche
+Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen
+Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als
+Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit
+einer einmonatlichen Aussperrung drohten (_Gammage_ a. a. O. p.
+126-130).]
+
+[Fußnote 165: Man meinte, "the best time for commencing the sacred
+month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground"
+(cit. bei _Gammage_, a. a. O. p. 145).]
+
+[Fußnote 166: Zwar berichtete Dr. _Taylor_ noch nach Ablehnung der
+Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen
+Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch
+nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den
+heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse,
+entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und
+entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. _Gammage_ a. a. O. p.
+129-145).]
+
+[Fußnote 167: Vgl. _Brentano_, "Die englische Chartistenbewegung".]
+
+[Fußnote 168: Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary
+arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der
+Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit
+eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des
+Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes
+Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl.
+_Gammage_, a. a. O. p. 146).]
+
+[Fußnote 169: _O'Connor_ verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen
+wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien
+von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (_Gonner_, a. a. O. p.
+641, 642; _Gammage_, a. a. O. p. 147, 148; _Tildsley_, a. a. O. p. 47,
+48; _Bernstein_, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).]
+
+[Fußnote 170: Für diese wurde die Unterstützung der "united trades"
+angerufen (_Gammage_, p. 154ff.).]
+
+Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu
+angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch
+die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus
+der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur
+hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die
+Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen.
+Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament
+verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder
+in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a
+few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die
+Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte
+Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer,
+liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden,
+zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht
+ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich
+anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke
+auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch
+in denen der anerkannten Chartistenführer,[175] die nun ausbrechende
+Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die
+wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und
+doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation
+der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday
+glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die
+Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum
+Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats
+zurückfielen".[177]
+
+[Fußnote 171: Vgl. für das Folgende insbes. _Brentano_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 172: _Spencer Walpole_, "A History of England from the
+conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.]
+
+[Fußnote 173: _Gammage_, a. a. O. p. 217.]
+
+[Fußnote 174: _Bernstein_ behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol.
+Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch _Tildsley_, a. a.
+O. p. 48.]
+
+[Fußnote 175: Vgl. _Brentano_ a. a. O.; nach _Gammage_ (a. a.
+O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren
+Chartistenminorität.]
+
+[Fußnote 176: _Spencer Walpole_, a. a. O. p. 136, 137.]
+
+[Fußnote 177: _Brentano_, a. a. O.]
+
+Der Ausstand, gew. als _Lancashire-Streik_ bezeichnet, begann am 5.
+August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire,
+Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und
+Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180]
+gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische
+Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as
+they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter
+became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu
+Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen,
+(woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die
+Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an
+Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte
+deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering
+erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch
+immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the
+peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187]
+und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so
+brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder
+aufgenommen.[189]
+
+[Fußnote 178: _Bourdeau_, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den
+12. Mai als Beginn (p. 427).]
+
+[Fußnote 179: Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der
+Töpferei nach sich. --In Cheshire und Lancashire allein standen 150
+Werke (mills) still (vgl. _Spencer Walpole_, p. 136, 137) und 50 000
+Menschen waren arbeitslos (vgl. _Gammage_, p. 249 ff.). In Manchester
+und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den
+Kornmühlen (vgl. _Brentano_, a. a. O.)]
+
+[Fußnote 180: Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton,
+Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung
+empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren
+ließen" (_Brentano_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 181: Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem
+Meeting auf Mottram Moor (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 217), am 8. Aug.
+in Staleybridge, (vgl. _Brentano_, a, a. O.), die Arbeit nicht eher
+wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. -- Ein "meeting of the
+delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August
+mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte
+fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das
+Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (_Gammage_ a. a. O.
+p. 217 ff.) -- Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter
+Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem
+überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie
+die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when
+an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be
+against public opinion?" (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 219.)]
+
+[Fußnote 182: _Gammage_, a. a. O. p. 217 ff.]
+
+[Fußnote 183: _Brentano_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 184: Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte
+übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z.B. in den Kornmühlen
+und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl.
+_Brentano_, a. a. O. und _Spencer Walpole_, p. 136 ff.).]
+
+[Fußnote 185: _Spencer Walpole_; _Brentano_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 186: _Gammage_, a. a. O. p. 219, 226.]
+
+[Fußnote 187: Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der
+Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern
+der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen
+59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. _Gammage_, a.
+a. O. p. 231).]
+
+[Fußnote 188: Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der
+Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (_Gammage_, a. a. O. p.
+249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend
+abgeneigt (S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 138). --Am 22. Aug. z.B. mußte
+man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer
+fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.]
+
+[Fußnote 189: _Brentano_, a. a. O., sowie _Spencer Walpole_, a. a. O.
+p. 136, 137.]
+
+Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die
+Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the
+blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte
+dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß.
+
+[Fußnote 190: _Gammage_, a. a. O. p. 249.]
+
+Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt
+nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191]
+
+[Fußnote 191: Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine
+Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri _Quelch_
+["Enquête" p. 186]).]
+
+§ 9. Die Klassenstreik-idee unter dem zweiten Kaiserreich.
+
+Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der
+Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch
+angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der
+geistvolle Journalist _Girardin_, man müsse den Staatsstreich Louis
+Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève
+universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le
+consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le
+boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme,
+jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un
+compositeur pour composer le _Moniteur_, pas un pressier pour le tirer,
+pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour
+de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera
+tomber.. Organisons la _grève universelle_!"[194]
+
+[Fußnote 192: In der internationalen Sozialdemokratie diente der
+Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den
+Klassenstreik überhaupt (_Bernstein_, "Pol. M-Str. u. pol. Lage", p.
+20); so bei _Liebknecht_ (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da
+der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl.
+Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei _Liebknecht_ freilich
+übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten.
+-- Und _Greulich_ meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl-Str.
+"wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht
+genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber
+ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl-Str.
+war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt _Bernstein_ ("Der
+Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat
+noch nichts gegen den Kl-Str. als solchen beweisen.]
+
+[Fußnote 193: Vgl. hierüber _Albert Thomas_, "Le second Empire" p. 396
+ff.]
+
+[Fußnote 194: Nach den Berichten von _Victor Hugo_ und _Ténot_ (in
+seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck
+"grève générale" gebraucht (vgl. _Thomas_ a. a. O.).] Aber entsprach
+diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement
+tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für
+eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst
+_Girardins_ republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt
+keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit
+später publizierten Satze _Auguste Comte's_, das Proletariat besitze in
+der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les
+violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen
+Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. _Girardin_ kam übrigens
+später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er
+den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers
+contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber
+auch hiermit keinen Anklang.
+
+[Fußnote 195: Vgl. hierüber _Thomas_ a. a. O.]
+
+[Fußnote 196: _Auguste Comte_, "Système de politique positive"
+(1852-54), cit. bei _Georges Weill_, "Histoire du Mouvement social en
+France (1852-1902)", p. 23.]
+
+[Fußnote 197: Vgl. _Girardin_, "Pouvoir et impuissance, Questions de
+l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei _Weill_, p. 34.).]
+
+In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen
+Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte
+Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen
+Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik"
+(Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt
+erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri _Rochefort_" (in
+der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. _Goetz_.[199]
+
+[Fußnote 198: Z.B. Wilhelm _Liebknecht_, der die G-streiktendenzen des
+Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
+zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. _Michels_, "Die deutsche
+Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W.
+_Liebknecht_ seine Ansichten bezüglich des G-streiks übrigens total.]
+
+[Fußnote 199: Vgl. _Michels_, a. a. O. p. 180 ff.]
+
+Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der _internationalen
+Arbeiter-Assoziation_ aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten
+Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen
+Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den
+modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben.
+
+Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in _Brüssel_ 1868
+lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der
+Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von _Caesar de
+Paepe_[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les
+grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper
+nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch
+unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch
+Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer
+Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß
+auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204]
+Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die
+belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis,
+daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik
+eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden
+Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden
+Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205]
+
+[Fußnote 200: Vgl. _James Guillaume_, "L'Internationale", p. 69.]
+
+[Fußnote 201: Vgl. _Michels_, "Die deutsche Sozialdemokratie im
+internationalen Verbande", p. 239.]
+
+[Fußnote 202: Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die
+drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im
+Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. _Jaeckh_, "Die Internationale", p.
+76.]
+
+[Fußnote 203: _Guillaume_, p. 69; _Umrath_, a. a. O. p. 13.]
+
+[Fußnote 204: _Nieuwenhuis_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21
+ff.).]
+
+[Fußnote 205: Cit. bei _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft".
+Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in
+Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl.
+_Pouget_, Enquête, p. 39).]
+
+Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille),
+dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks
+zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille
+aus fragte _Bastelica_ am 6. Okt. 1869 bei _Richard_ an: "Pourrait-on
+compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre
+seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für
+denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt;
+aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik.
+
+[Fußnote 206: Vgl. Albert _Thomas_, a. a. O. p. 358.]
+
+Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es
+hauptsächlich die Anhänger _Bakunins_, revolutionäre und antipolitische
+Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte
+er während der inneren Kämpfe zwischen _Marx_ und _Bakunin_ etwas in den
+Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem
+Kongreß in _Genf_ 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande
+der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen
+sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in
+geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf
+Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation,
+teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]
+
+[Fußnote 207: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
+
+[Fußnote 208: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 39).]
+
+Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der
+Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in
+den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in
+Amerika, wieder zur Sprache.
+
+[Fußnote 209: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
+
+
+
+
+Zweites Kapitel:
+
+_Die moderne Arbeiterbewegung._
+
+
+(a) Geschichte des politischen Massenstreiks.
+
+§ 10. Belgien.
+
+Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde
+von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in
+Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als
+bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die
+ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den
+Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu
+stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische
+Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung
+der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im
+Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen
+Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der
+Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der
+Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893
+schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche
+Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700
+Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes
+privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit
+46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen
+_Janson_, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen
+hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals
+überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung
+des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie
+beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch
+Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern
+auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève
+générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die
+Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden
+politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe
+Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener
+belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei
+so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede
+gestellt.[217] --Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige
+polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen.
+Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26
+Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen
+hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den
+allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221]
+die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223]
+im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte.
+-- Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge
+und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der
+bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen
+verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der
+Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] --Diese Ruhestörungen verstimmten die
+Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu
+bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen
+allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228]
+verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am
+18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm
+die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und
+ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten
+"Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14
+Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. -- Diese Nachricht erweckte in den
+demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte
+fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am
+gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die
+Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens
+behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte
+die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen
+Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April
+war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder
+hergestellt.[229]
+
+[Fußnote 210: Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst
+seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl.
+_Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".]
+
+[Fußnote 211: In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200
+000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.; vgl. auch
+_Bourdeau_, a. a. O.; _Roland-Holst_, "G-str. und Sozialdemokratie" p.
+57.)]
+
+[Fußnote 212: Vgl. _Destrée und Vandervelde_, "Le Socialisme en
+Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch
+Massenmeetings statt, z.B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von
+75-80 000 Personen (vgl. _Anseele_, a. a. O.; _Destrée_ und
+_Vandervelde_, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die
+folgenden Jahre.]
+
+[Fußnote 213: Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die
+Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident,
+_Bernaert_, in der Eröffnungsrede anerkannte.]
+
+[Fußnote 214: N. Z. Z., 27./2. 93.]
+
+[Fußnote 215: Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg.
+4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon
+zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891,
+und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß
+vom 25./12. 1902 (vgl. _Destrée und Vandervelde_, a. a. O.)]
+
+[Fußnote 216: Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß
+die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren
+würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg.
+Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000
+Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.]
+
+[Fußnote 217: Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl.
+_Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.)]
+
+[Fußnote 218: Am 11./4. begannen die Verhandlungen des
+Verfassungsrats.]
+
+[Fußnote 219: Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub
+geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter
+zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich,
+Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. _Bourdeau_, p.
+429; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 143 ff.)]
+
+[Fußnote 220: Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen
+Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf
+sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr
+einseitiger Beurteilung nahe liegt.]
+
+[Fußnote 221: Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der
+Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht
+vollständig (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21.)]
+
+[Fußnote 222: Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen,
+Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.]
+
+[Fußnote 223: Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5000 Mann
+besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg.
+Ausstand im Borinage beschlossen, und 2000 Bergleute legten in Flenu
+(bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des
+Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14.
+streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich
+begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten
+(am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am
+17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten
+dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.]
+
+[Fußnote 224: _de Brouckère_, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll
+die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000
+betragen haben.]
+
+[Fußnote 225: So z.B. die Attentate gegen den Bürgermeister von
+Brüssel, _Buls_, am 14./4.; gegen _Woeste_, den Führer der Klerikalen;
+bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein
+kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf
+Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am
+19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z.,
+19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters
+vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem
+Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch
+bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die
+Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La
+Louvière.)]
+
+[Fußnote 226: So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor
+der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende
+beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am
+13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13.
+in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und
+Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60
+Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes;
+am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N.
+Z. Z., 18./4. 93.])]
+
+[Fußnote 227: Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16
+Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der
+21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.]
+
+[Fußnote 228: Allg. Ztg. 18./4. 93.]
+
+[Fußnote 229: Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter
+gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu
+Ruhestörungen durch Ausständige.]
+
+Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es
+scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu
+danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen
+Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem
+Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige
+Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte;
+brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an
+Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein
+anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als
+etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233]
+Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres
+machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die
+Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch
+um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem
+Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht
+nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch
+für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach,
+als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren;
+da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen
+vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg
+begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das
+sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die
+liberale Welle trug.
+
+[Fußnote 230: Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch
+in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler
+Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20.
+April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck
+der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor
+dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung
+des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr
+ähnlich gesehen habe. -- Und ähnliches läßt sich z.B. die N. Z. Z.
+unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die
+Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt,
+den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden
+Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen
+Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um
+Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu
+zwingen".]
+
+[Fußnote 231: Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von
+1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne
+ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung
+sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse...
+und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach
+ist und nachgibt" (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als pol.
+Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit:
+denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16
+Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die
+Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.]
+
+[Fußnote 232: Anders _Bernstein_, a. a. O. p. 20.]
+
+[Fußnote 233: Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht
+mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.]
+
+[Fußnote 234: Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal
+gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl.
+Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892
+abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme,
+daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld
+unterstützt worden sei, -- allgemeines Wahlrecht, belgische Republik,
+Annexion durch Frankreich -- (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum
+ernst zu nehmen sein.]
+
+[Fußnote 235: N. Z. Z. 21./4. 93.]
+
+[Fußnote 236: Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die
+Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den
+Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5.
+93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek
+eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu
+inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr
+erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z.
+19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum
+Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen
+Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer,
+das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. _Adler_,
+Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der
+Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.]
+
+[Fußnote 237: _Bömelburg_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).]
+
+ * * * * *
+
+Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28
+Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige
+antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U.
+(suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik
+schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer
+"Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten
+die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den
+Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den
+Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die
+Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901
+verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich
+nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und
+forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der
+Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang _April 1902_ traten Tausende
+von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte.
+Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der
+Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der
+Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter
+annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im
+Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln,[248] oder verzweifelten sie
+daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen
+Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie
+proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16.
+April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der
+Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur
+Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250] Der Ausstand verbreitete
+sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April
+mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle
+Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253]
+wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter
+streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die
+Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich
+zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in
+allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der
+Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer
+Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu
+inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr
+für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die
+Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von
+Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste
+Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale
+Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte
+nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch
+die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in
+den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit
+82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren
+Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte
+sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren
+Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des
+Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die
+Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu
+normalen Verhältnissen zurück.[266]
+
+[Fußnote 238: Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die
+Sozialisten sogar 32 Vertreter.]
+
+[Fußnote 239: _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als
+pol. Kampfmittel", p. 196.]
+
+[Fußnote 240: Vgl. _Anseele_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 241: Vgl. _Bourdeau_, p. 429. Damals (1899) hatten die
+Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu
+Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.]
+
+[Fußnote 242: Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.]
+
+[Fußnote 243: Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens
+ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen
+das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die
+Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel,
+30./3. 02; vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, a. a. O. p. 250 ff.;
+_Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4.
+02).]
+
+[Fußnote 244: Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]
+
+[Fußnote 245: Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf
+Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum
+der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen
+Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz.
+Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".]
+
+[Fußnote 246: Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen
+senden.]
+
+[Fußnote 247: Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen
+Garden" die Agitation betrieben.]
+
+[Fußnote 248: Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02);
+_Vandervelde_ a. a. O. p. 45.]
+
+[Fußnote 249: _Bourdeau_, p. 429.]
+
+[Fußnote 250: Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du
+Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).]
+
+[Fußnote 251: N. Z. Z.; vgl. auch _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das
+belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein
+im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über
+150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle
+nennenswerten Betriebe; man spricht von 200000 Ausständigen, von einer
+"nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im
+gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.]
+
+[Fußnote 252: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht
+in Belgien"; Enquête, p. 163; _Luxemburg_, a. a. O.; _Vandervelde_ a. a.
+O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Bourdeau_.]
+
+[Fußnote 253: _Vandervelde_, a. a. O. -- Der Streik erfaßte in erster
+Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre),
+ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie,
+teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw.
+haben nahezu volle Arbeitsruhe.]
+
+[Fußnote 254: Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen
+unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen
+sich aus.]
+
+[Fußnote 255: Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz
+_Destrées_ diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl.
+_Vandervelde_ a. a. O.).]
+
+[Fußnote 256: Allerdings streikten z.B. bereits am 15./4. 1902 15 000
+Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.]
+
+[Fußnote 257: Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.]
+
+[Fußnote 258: Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du
+Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.]
+
+[Fußnote 259: Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902
+seitens _Vandervelde's_.]
+
+[Fußnote 260: Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche
+Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4.
+1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt
+schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z.
+Z. 19./4. 02).]
+
+[Fußnote 261: Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender
+Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch
+die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile
+belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht
+(N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck
+(N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise
+überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht
+ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.; _Anseele_).]
+
+[Fußnote 262: Allg. Ztg. 14./4. 02.]
+
+[Fußnote 263: Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.]
+
+[Fußnote 264: _Anseele_, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]
+
+[Fußnote 265: Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel
+blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig.--Der ganze
+Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein.
+_Vandervelde_ (cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von
+"vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle
+selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger
+vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").]
+
+[Fußnote 266: Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des
+18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl.
+Allg. Ztg. 18./4. 02; _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe
+1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von
+Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der
+Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.;
+Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 261).]
+
+So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische
+Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte:
+die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der
+Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des
+antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst
+zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik
+zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem
+Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab
+denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an
+welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last
+gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der
+Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu
+setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch
+längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm
+von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung
+an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die
+belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht;
+insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu
+hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt. Das
+Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim
+Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit
+jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U.
+ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er
+"zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die
+Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz
+überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der
+proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893
+getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.
+
+[Fußnote 267: Vgl. _Anseele_, a, a. O.; _Luxemburg_, a. a. O.;
+_Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.]
+
+[Fußnote 268: _Anseele_, a. a. O. p. 412.]
+
+[Fußnote 269: _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p.
+47.]
+
+[Fußnote 270: Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu
+erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der
+Niederlage (vgl. _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als
+politisches Kampfmittel", p. 196; _Bourdeau_, p. 430); -- bei den
+Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl.
+_Vandervelde_, a. a. O.; _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33,
+p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den
+parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks
+noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. _Anseele_, "Die
+belgischen Wahlen"). -- Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik
+keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte
+den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (_Anseele, "Der Kampf um
+das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; _Vandervelde_, a. a. O.).]_
+
+[Fußnote 271: So _Anseele_, a. a. O.; ähnl. _Vandervelde_ (gemäß N. Z.
+Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5.
+02, cit. bei _Bourdeau_, p. 430.]
+
+[Fußnote 272: Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf:
+mangelnde Organisation (so z.B. _Zetkin_ [vgl. Vorwärts, 23./8. 05],
+welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten
+Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung
+(vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl.
+_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster
+Gewaltlosigkeit (vgl. _Zetkin_ a. a. O.; _Luxemburg_, "Das belgische
+Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. _Mehring_, "Ein
+dunkler Maitag"; _Kautsky_, "Die Soziale Revolution" I; _Luxemburg_ a.
+a. O.; _Zetkin_ a. a. O.) (--) In der internationalen Sozialdemokratie
+entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg.
+Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung
+der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der
+Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst
+aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären
+Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten
+die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit;
+bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl.
+der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4.
+02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5000 Mk. schickte
+(Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). -- Die belgische Arbeiterschaft
+scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und
+der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus
+zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es _Vandervelde_ ("Die belgischen
+Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z.B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und
+N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur
+wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt
+und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch
+völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus
+überflüssig gewesen (vgl. _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02;
+_Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik";
+_Vandervelde_, "Nochmals das belgische Experiment"; _Luxemburg_, "Und
+zum dritten Mal das belgische Experiment"; _David_, "Die Eroberung der
+politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen
+Bureau, cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3;
+Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)]
+
+[Fußnote 273: Nur ausnahmsweise, z.B. in Charleroi am 13./4.,
+demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z.
+14./4).]
+
+[Fußnote 274: _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage", p. 21, und
+"Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.]
+
+[Fußnote 275: Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten
+vor.]
+
+Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch
+nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276] reden; denn der Streik
+verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann"
+erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277] Maßgebende
+auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug
+aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der
+belgischen Wahlrechtsstreiter[278] nicht nur als eine ihnen
+außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue
+Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich
+wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde
+des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der
+belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die
+Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats.
+
+[Fußnote 276: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
+Kampfmittel", p. 193.]
+
+[Fußnote 277: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht
+in Belgien".]
+
+[Fußnote 278: Vgl. _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der
+politische Massenstreik", p. 415; _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. a.
+a. O.]
+
+Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève
+générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen
+Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem
+Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279]
+
+[Fußnote 279: Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.]
+
+§ 11. Schweden.
+
+Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht
+psychologisch durch ihn beeinflußt[280] und, wie er, den Höhepunkt in
+einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden
+ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise
+auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281] gefordert,
+sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen
+Entwurf vorlegte.[282] Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch
+"Garantien"[283] einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung"
+hervor,[284] der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte,
+resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des
+Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285] Sie entwarf
+alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286] Es sollte
+"bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des
+Stimmrechts"[287] eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet
+werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später
+allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt
+werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter
+werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest
+"durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung
+der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288] Nach diesem
+Plan wurde auch verfahren,[289] und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage
+berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die
+sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche
+Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290] einen
+"Demonstrationsstreik",[291] der zeigen sollte, "daß die Arbeiterschaft
+nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu
+lassen";[292] er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die
+Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und
+das Zensus-Parlament",[293] um letzterem die Abweisung der
+Wahlrechtsvorlage nahe zu legen.
+
+[Fußnote 280: Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquête, p. 377.]
+
+[Fußnote 281: Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der
+Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z.B. in Norwegen
+19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z.
+24./5.).]
+
+[Fußnote 282: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
+54.]
+
+[Fußnote 283: Z.B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.]
+
+[Fußnote 284: Vgl. _Branting_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 285: Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische
+Angelegenheit gezogen werden, vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
+Stimmrechtskampagne", p. 624.]
+
+[Fußnote 286: Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom
+10.-13. April.]
+
+[Fußnote 287: Vgl. N. Z. Z. 14./4.]
+
+[Fußnote 288: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421
+und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.]
+
+[Fußnote 289: Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten
+des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000
+Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten
+schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am
+12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das
+Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw.
+gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).]
+
+[Fußnote 290: Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.]
+
+[Fußnote 291: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
+54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen
+ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht
+gekommen" sei.]
+
+[Fußnote 292: Allg. Ztg. 15./5. 02.]
+
+[Fußnote 293: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421
+ff.]
+
+Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen
+bedeutenderen Städten,[294] "in fast allen Teilen des Landes"[295] dem
+Streikgebot,[296] sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000
+Teilnehmern,[297] einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen
+weit übertraf".
+
+[Fußnote 294: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 431.]
+
+[Fußnote 295: _Branting_, a. a. O. p. 420.]
+
+[Fußnote 296: Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-,
+Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg.
+16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die
+Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig
+(vgl. _Branting_, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
+54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig"
+(_Branting_, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und
+Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg
+(_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am
+15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es
+wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester",
+Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der
+Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg
+z.B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter,
+Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.);
+diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für
+die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land
+betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).]
+
+[Fußnote 297: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen";
+_Bourdeau_, p. 431.]
+
+Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm
+bemerklich,[298] am meisten in Stockholm, das infolge der
+Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben
+soll.[299] Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300] die
+Beleuchtung litt.[301] Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch
+die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302] wie ja
+seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die
+Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig
+erklärt worden war.[303] Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck
+gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind
+anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304] während
+des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den
+Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305] Mit "ruhiger
+Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai
+auch wieder aufgenommen.[306]
+
+[Fußnote 298: _Bourdeau_, a. a. O.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe
+in Schweden", p. 422.]
+
+[Fußnote 299: N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom
+Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken,
+Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die
+Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man
+schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und
+N. Z. Z. 16./5.).]
+
+[Fußnote 300: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die
+Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg.
+15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg.
+Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen
+Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).]
+
+[Fußnote 301: Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und
+Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten
+wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg.
+17./5.).]
+
+[Fußnote 302: Allerdings wollten z.B. in Upsala die Bäckereien, in
+Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl.
+Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).]
+
+[Fußnote 303: Allg. Ztg. 15./5.]
+
+[Fußnote 304: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420;
+_Bourdeau_, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine
+Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen
+Zeiten"(?), rühmt _Branting_ ("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch
+bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen
+Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in
+Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden
+(Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe
+in Schweden"), soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein
+(vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die
+Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). -- Bei der Kürze der
+Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche
+Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch
+auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die
+friedlichen Straßendemonstrationen (_Branting_, "Die Generalstreikprobe
+in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand
+Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte
+dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).]
+
+[Fußnote 305: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen".]
+
+[Fußnote 306: _Branting_, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in
+Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in
+Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen
+Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.;
+_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).]
+
+Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf
+das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht
+verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte:
+ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe
+gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte
+nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines
+Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]
+
+[Fußnote 307: N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.]
+
+[Fußnote 308: Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende,
+sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei
+nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede
+Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (_Branting_,
+"Die schwed. Reichstagswahlen"; _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln
+1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine
+neue Phase getreten" sei (_Branting_, "Schweden vor einer neuen
+Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine
+Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier
+keine Rede sein" (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
+Kampfmittel").]
+
+[Fußnote 309: Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe
+überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.]
+
+Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks
+gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht
+sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so
+weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik
+inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über
+Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen
+Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und
+obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum
+Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den
+Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die
+Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des
+Klassenstreiks im damals vorliegenden. Falle.[315] Da die bloße
+Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung
+versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den
+größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken
+des Klassenstreiks vorläufig fallen.
+
+[Fußnote 310: _Branting_ ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423)
+nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt
+worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter
+Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden
+vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen
+(Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den
+Streikenden stark mitgenommen" worden sein (_Branting_, "Schweden vor
+einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). _Branting_ ("Die schwed.
+Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der
+Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich
+bemühten". -- Nach _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur
+in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den
+Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.]
+
+[Fußnote 311: Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen
+gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von
+der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. _Axel Hirsch_, "Lagförslaget mot
+allmänfarliga sträjker").]
+
+[Fußnote 312: Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen
+Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer
+und Frauen mit einem Schlage erreicht hat,... auf die Arbeiter Schwedens
+tief gewirkt" haben (_Branting_, "Die liberale Episode im schwedischen
+Wahlrechtskampf").]
+
+[Fußnote 313: Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von _Hinke
+Bergegren_, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als
+sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda
+betrieben (vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
+Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).]
+
+[Fußnote 314: Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um
+dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung
+der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse
+für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz.
+Mh. Mai 04, p. 410).]
+
+[Fußnote 315: Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 354, 355; _Branting_, a. a. O. p.
+623, 624.]
+
+[Fußnote 316: Die gefestigte Unternehmerorganisation würde sich "nicht
+noch einmal überrumpeln" lassen (_Branting_; _Roland-Holst_, "G-str. u.
+Sozd.", p. 62); auch würden die Arbeiter bei einem zweiten Streik das
+Publikum gegen sich gehabt haben (_Branting_); der Streik würde zu
+Konflikten mit der bewaffneten Macht geführt haben.]
+
+§ 12. Österreich.
+
+In der österreichischen Wahlrechtsbewegung spielte der Klassenstreik
+ebenfalls eine beträchtliche Rolle, wenngleich es hier bei der bloßen
+Androhung sein Bewenden haben sollte. Der belgische Wahlrechtsstreik von
+1893 legte der österreichischen Sozialdemokratie damals schon den
+Gedanken nahe, das veraltete Wahlsystem nach belgischem Muster zu
+bekämpfen.[317] Da die erlangte mäßige Wahlreform nicht
+befriedigte,[318] so zog der Wiener Parteitag von 1894[319] als letztes
+Auskunftsmittel den Klassenstreik in Betracht, nahm aber von dessen
+momentaner Ausführung wegen zu geringer Entwicklung der Organisationen
+noch Abstand.[320] Mit der Steigerung der Wahlrechtsbewegung[321]
+entwickelte sich auch wieder eine eifrigere Diskussion des
+Klassenstreiks, dessen Ansehen seit der von den belgischen Arbeitern
+1902 erwiesenen Rückzugsmöglichkeit beträchtlich zugenommen hatte.[322]
+Der besonders von den Bergarbeitern längere Zeit vertretene
+Standpunkt,[323] den Klassenstreik nicht nur für das Wahlrecht, sondern
+zugleich auch für den Achtstundentag zu inszenieren,[324] wurde gänzlich
+aufgegeben. Doch handelte es sich für die österreichische
+Sozialdemokratie auch jetzt noch mehr um akademische Erörterungen.[325]
+Akut wurde die Frage erst, nachdem in Ungarn das allgemeine Wahlrecht
+zugesichert worden war. Die Kampflust des Parteitags von 1905 wurde
+durch die Kunde von dem gleichzeitig erlassenen russischen
+Oktobermanifest noch um ein Beträchtliches gesteigert; so forderte er
+denn die Arbeiter zur Bereitschaft für den politischen Massenstreik auf
+und wies die Vertrauensmänner an, denselben im entscheidenden Moment zu
+proklamieren.[326] Dem Drängen nicht nur des Proletariats, sondern
+weitester Kreise des Bürgertums[327] nachgebend, erfolgte endlich die
+Zusicherung der Wahlreform;[328] die Sozialdemokratie hielt daher
+vorerst noch mit dem Äußersten zurück.[329] Sobald indeß die Reform im
+Parlament auf Schwierigkeiten stieß, wurde das Arbeiterheer
+mobilisiert.[330] Und zwar sah das sozialistische Aktionsprogramm bei
+weiterer "Wahlreformverschleppung" zunächst einen dreitägigen
+Demonstrationsstreik nur der Wiener Arbeiterschaft vor, um dem Gegner
+gleichsam einen Vorgeschmack des allgemeinen Ausstands zu geben; sollte
+auch diese letzte Drohung keinen Eindruck machen, so hätte der
+Massenstreik in ganz Österreich zu folgen.[331] Die Wiener
+Massenmeetings und zahlreiche andere Versammlungen pflichteten diesem
+Plan, sowie den von den Führern getroffenen Vorbereitungen durchaus
+bei.[332] Die Massenstreikbereitschaft veranlaßte natürlich
+Gegenmaßregeln: die Regierung verstärkte die Wiener Garnison;[333] die
+Vereinigung der Arbeitgeber Österreichs beschloß, trotz ihrer Sympathie
+für das allgemeine Wahlrecht, dem dreitägigen Ausstand event. mit einer
+entsprechenden Aussperrung zu begegnen;[334] im Parlament wurden Stimmen
+laut, man solle die Wahlreform nun erst recht verweigern, als Protest
+gegen den beabsichtigten Druck von außen.[335] Dennoch kam sie zu
+Stande, und glücklicherweise ohne daß der angekündigte politische
+Ausstand ausgeführt wurde. Aber die Wahlreform ist nicht eigentlich der
+Klassenstreikdrohung zu danken, oder doch nur zum kleinsten Teil.[336]
+Die _Klassenstreikdrohung_ mag den Gang der Ereignisse etwas
+_beschleunigt_ haben; diese selbst aber hatten ihre Ursache nicht in
+proletarischen Sonderwünschen, sondern im Gesamtempfinden des
+österreichischen Volkes.
+
+[Fußnote 317: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, Bericht der
+Parteileitung, p. 4-6, _Adler_, p. 31, 34. Am 20. Aug. 1893 war
+gelegentlich einer Massendemonstration für das allg. Wahlrecht im Wiener
+Prater zum ersten Mal öffentlich vom "Generalstreik" die Rede.]
+
+[Fußnote 318: Nach dem Scheitern des Taaffe'schen Wahlprojekts
+(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).]
+
+[Fußnote 319: 25.-31. März 1904. Auf Anregung der Parteivertretung und
+gemäß dem Beschluß einer am 8. Okt. 1893 in Wien zusammengetretenen
+Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie wurde "das
+allgemeine Wahlrecht und der Generalstreik" als dritter Punkt der
+Tagesordnung behandelt und eine _Adler_'sche Resolution hierüber
+angenommen.]
+
+[Fußnote 320: Prot. Parteitage Wien 1894 (p. 105), 1905 (p. 127, 128).]
+
+[Fußnote 321: Diese nahm schon 1903 wieder recht energische Formen an
+und führte sogar zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, z.B. in
+Brünn am 7./9. 03 (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 127 ff.); in den
+folgenden Jahren fanden allenthalben große Wahlrechtsdemonstrationen
+statt, z.B. am 10. Okt 05 in Prag, (bei Eröffnung des Landtags), wobei
+ca. 40 000 Menschen teilnahmen, unter allgemeiner Arbeitsruhe (Alfred
+_Weber_, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich").]
+
+[Fußnote 322: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122-133.]
+
+[Fußnote 323: Bes. am Budweiser Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien
+1894, p. 55, 71 ff., 97).]
+
+[Fußnote 324: Prot. Parteitag Wien 1905, p. 131.]
+
+[Fußnote 325: Prot. Parteitag Wien 1905, _Adler_, p. 125.]
+
+[Fußnote 326: Prot. Parteitag Wien 05, p. 66-69. -- An den Parteitag
+schlossen sich große Demonstrationen in Wien an, die sich (gemäß
+Parteitagsbeschluß, vgl. Prot. p. 110) am 28. Nov., dem Tag der
+Parlamentseröffnung, nicht nur in Wien, sondern im ganzen Lande
+wiederholten, wodurch eine kurze allgemeine Arbeitsruhe entstand (vgl.
+"Die neue Gesellschaft", Nr. 37, 1905, Glossen); in Wien beteiligten
+sich ca. 1/4 Million, in Prag ca. 150 000 Personen (Rdsch. Soz. Mh. Jan.
+1906, p. 85). -- Ein analoger Vorgang fand übrigens beim Zusammentritt
+des _ungarischen_ Reichstags am 10. Okt. 1907 statt: vor allem in Pest,
+doch auch im übrigen Reich, herrschte Arbeitsruhe, da die Arbeiter,
+unter dem Beifall der ganzen Bevölkerung, für das allg. Wahlrecht
+demonstrierten. (Vgl. z.B. "Züricher Post" vom 12. Okt. 07). -- Der
+Parteitag der ungarischen Sozialdemokratie hatte Ostern 1905 für den
+Massenstreik zur ev. Erkämpfung des allg. Wahlrechts votiert (Vgl.
+Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 551).]
+
+[Fußnote 327: Selbst bei den Demonstrationen sollen Angehörige der
+Mittelklassen sich scharenweis beteiligt haben (_Weber_, a. a. O.; Soz.
+Mh. Rdsch. Jan. 06, p. 85).]
+
+[Fußnote 328: Arbeiter-Ztg., 12. Juni 06.]
+
+[Fußnote 329: Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132 ff., sowie
+Versammlungsberichte usw. in der Arbeiter-Ztg. 19. Nov. ff.]
+
+[Fußnote 330: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 516. Vertreter der
+Partei, der Gewerkschaften und der Fraktion forderten im Manifest vom 9.
+(oder 10.) Juni die Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Massenstreiks
+auf (Arbeiter-Ztg. 10. Juni 06).]
+
+[Fußnote 331: Arbeiter-Ztg. 12. Juni 06.]
+
+[Fußnote 332: Vgl. Vorwärts, 19. Juni 06. Am 14. Juni war die von der
+Gesamtparteivertretung berufene und von allen Landesorganisationen und
+sämtlichen gewerkschaftlichen Verbänden beschickte Konferenz in Wien
+zusammengetreten und hatte über die Vorbereitung eines ev. Massenstreiks
+beraten (vgl. Arbeiter-Ztg. 15. Juni), sich mit dem Manifest vom 9. Juni
+einverstanden erklärt, die Arbeiter aufgefordert, unverzüglich die
+letzten Vorbereitungen zu treffen, sowie einem aus Mitgliedern der
+Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Fraktion
+gebildeten Zentralkomitee in Wien die Aufgabe zugewiesen, sobald die
+Wahlreform im Parlament stockte, sofort die Parole zum 3tägigen Wiener
+Ausstand, resp. zum allg. österr. Massenstreik zu geben, zu dessen
+Ausführung in den einzelnen Ländern dem Zentralkomitee entsprechend
+zusammengesetzte Landeskomitees bestanden, die sich dann direkt mit den
+Lokalkomitees in Verbindung setzen sollten (Arbeiter-Ztg. 15. Juni 06).]
+
+[Fußnote 333: Vgl. Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
+
+[Fußnote 334: Arbeitgeber-Versammlung in Wien am 26. Juni 06 (vgl.
+Arbeiter-Ztg. 27. Juni und Frankfurter Ztg. 27. Juni 06).]
+
+[Fußnote 335: Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
+
+[Fußnote 336: Selbst der Vorwärts, 12. Juli 06, erklärt, die österr.
+Wahlreform sei "weniger die Frucht des proletarischen Kampfes, als der
+nationalistischen Verlegenheiten der Krone" gewesen.]
+
+ * * * * *
+
+Gegenüber dem Umfang dieser Wahlrechtsstreik-Propaganda treten die
+übrigen klassenstreikartigen Erlebnisse Österreichs beträchtlich zurück.
+Immerhin muß an den _Generalstreik in Triest_ vom Jahre 1902 erinnert
+werden, der übrigens seinem ganzen Charakter nach den romanischen
+Klassenstreiks zuzuzählen wäre. Er soll wegen "der rücksichtslosen
+Habgier der Lloydinteressenten"[337] ausgebrochen sein und sich "gegen
+ein 150 Jahre altes Gesetz über den Seedienst und gegen den Mißbrauch
+der Marinesoldaten zu Streikbrecherdiensten"[338] gerichtet haben. Das
+ganze Triester Proletariat habe sich aus Solidarität am Ausstand der
+Seeleute beteiligt.[339] Es kam zu blutigen Zusammenstößen;[340] doch
+die Arbeiter sollen die Sympathien der Gesamtbevölkerung auf ihrer Seite
+gehabt haben,[341] und diesem Umstand, nicht aber dem "ökonomischen
+Furor",[342] dürften sie den freilich teuer erkauften Sieg[343]
+verdanken.
+
+[Fußnote 337: Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318.]
+
+[Fußnote 338: Bericht der italienischen Parteiexekutive in Triest an
+den Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33).]
+
+[Fußnote 339: Mit diesem Ausstand dürfte wohl der G-str. in _Fiume_ in
+Verbindung stehen, der am 1. April unter den Hafenarbeitern und Heizern
+der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft "Adria" ausbrach, dem sich am 3.
+April zahlreiche Fabrikarbeiter anschlossen, der aber schon am folgenden
+Tage als beendigt angesehen wurde (vgl. N. Z. Z. 2.-4. April 02).]
+
+[Fußnote 340: Da Ruhestörungen vorfielen, wurde der Ausnahmezustand
+verhängt (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 54) und Militär gegen die
+Streikenden aufgeboten (vgl. Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318).]
+
+[Fußnote 341: Soz. Mh., April 02.]
+
+[Fußnote 342: Dessen wüste Szenen der "_Weckruf_", April 05, Nr. 7,
+ausmalt (cit. vom Sekretariat des _Schweizerischen Gewerbevereins_,
+"Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 12).]
+
+[Fußnote 343: Die Arbeiter des Seeverkehrs sollen sich die
+Organisationsmöglichkeit erkämpft haben; der Streik habe 12
+Menschenleben, unzählige Verwundungen und Jahre Kerkers gekostet; die
+Partei habe übrigens aus dem Streik nur Nutzen gezogen (Prot. Parteitg.
+Wien 1903, p. 32, 33, 38).]
+
+§ 13. Deutschland.
+
+In Deutschland begegnete der Klassenstreik-Gedanke ursprünglich
+energischer Ablehnung.[344] "Das Wort des Genossen _Auer_:
+Generalstreik ist Generalunsinn, wurde so ziemlich allgemein (in der
+sozialdemokratischen Partei) als zutreffend akzeptiert".[345] Allerdings
+erklärten sich anfangs der 1890er Jahre die "_Jungen_" (auch Berliner
+Opposition genannt)[346] für den "gewaltrevolutionären Generalstreik zur
+Niederwerfung der politischen und ökonomischen Herrschaft der
+Bourgeoisie";[347] sie erlitten aber mit derartigen Anschauungen auf dem
+Erfurter Parteitag (1891) eine vollständige Niederlage.[348] Anderthalb
+Jahrzehnte später beherrschte die Klassenstreikidee das ganze
+Parteileben der deutschen Sozialdemokratie. Freilich erschien diese Idee
+nicht in ihrer alten, revolutionär-anarchistischen Form, sondern zumeist
+in der "durch materialistische Geschichtsauffassung vertieften"
+Spielart,[349] als politischer Massenstreik. Eine ganze Reihe
+zusammentreffender Umstände haben diese Wandlung veranlaßt. Es lassen
+sich _fünf Hauptquellen der deutschen Massenstreikbewegung_ nachweisen.
+
+[Fußnote 344: Vgl. z.B. Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer
+Theorie und Taktik", p. 292.]
+
+[Fußnote 345: _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207.]
+
+[Fußnote 346: Die Bewegung der "Jungen" entwickelte sich nach den
+Wahlerfolgen von 1890; in ihrem Tatendrang verachteten die "Jungen" den
+Parlamentarismus; es schwebte ihnen eine revolutionär-sozialistische
+Gewerkschaftsbewegung vor.]
+
+[Fußnote 347: Vgl. _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung
+der ökonomischen Macht", und ders., "Eine Wiedergeburt der
+Unabhängig-sozialistischen Bewegung?".]
+
+[Fußnote 348: Prot. Parteitg. Erfurt 1891, p. 222. Aus den
+G-str.-Schwärmern unter den "Jungen" wurden später vielfach überzeugte
+Gegner, wie z.B. _Kampffmeyer_; vgl. auch _Kloth_, "Generalstreik und
+Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln".]
+
+[Fußnote 349: Frankf. Ztg., Leitart. über den M-str., 5./7. 06, Nr.
+183.]
+
+1. In erster Linie waren es die _inneren politischen Verhältnisse_, die
+die Diskussion des politischen Massenstreiks heraufbeschworen. Der
+politische Einfluß des Proletariats entsprach keineswegs den
+Erwartungen, die im Jahre 1903 von der Partei an ihren 3 Millionen-Sieg
+geknüpft worden waren;[350] alles war beim alten geblieben,[351]
+ja, "die in verschiedenen Staaten versuchte oder durchgeführte"
+Wahlrechtsverschlechterung[352] schien sogar auf eine Verstärkung
+der Reaktion hinzuweisen. Je mehr die Partei sich der eigenen
+Machtlosigkeit bewußt wurde, um so größere Besorgnisse hegte sie
+hinsichtlich einer Verkürzung der politischen Rechte, insbesondere des
+Reichstagswahlrechts.[353] Beim sächsischen "Wahlrechtsraub" freilich
+hatte, nach Bebels eigenen Worten, "überhaupt noch kein Mensch an den
+politischen Streik... gedacht";[354] später aber veranlaßten
+Enttäuschung und Besorgnis die deutschen Sozialisten, oder doch gewisse
+politisch führende Kreise derselben, zu einer _Revision_ ihrer _Taktik_.
+Auf zwei Wegen konnten sie das verlorene Ansehen zurückzugewinnen
+versuchen: waren sie einsichtig genug, ihre Ohnmacht aus der doktrinären
+Intoleranz herzuleiten,[355] so mußten sie die in Dresden beschlossene
+Intransigenz aufgeben und, mit Benutzung der erreichbaren
+parlamentarischen Wege, eine praktische Sozialpolitik anstreben; sahen
+sie ihre Einflußlosigkeit aber gerade als Folge einseitiger Pflege oder
+Überschätzung[356] des Parlamentarismus an, so mußten sie auf weitere
+Isolierung halten und neben (oder statt) dem für ungenügend befundenen
+Parlamentarismus außerparlamentarische Aktionen, "eindringlichere
+Kampfmittel",[357] suchen. Diesen letzteren Weg schlug die deutsche
+Sozialdemokratie ein, und das Resultat war die "Aufzäumung des
+Generalstreikgauls".[358]
+
+[Fußnote 350: Vgl. _Giesberts_, "Die Utopie des Generalstreiks", p.
+35.]
+
+[Fußnote 351: Dr. _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326).]
+
+[Fußnote 352: Vgl. "Hamburger Echo", Leitart. über
+"Anarcho-Sozialismus" (27. Aug. 05, Nr. 200). -- Es handelte sich um
+"die Wahlrechtsräubereien in Sachsen, Lübeck und Hamburg, die
+Verschlechterung des Gemeindewahlrechts in zahlreichen Städten, die...
+immer offener heraustretenden Absichten auf Einschränkung des
+Reichstagswahlrechts" (_David_, "Rückblick auf Jena", p. 841).]
+
+[Fußnote 353: Vgl. _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215);
+vgl. auch _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und
+Sozialdemokratie", p. 748. Eine Resolution des Breslauer
+sozialdemokratischen Vereins vom 29. Mai 05 (vgl. Vorwärts, 1./6. 05)
+forderte bereits, "in solchen Fällen, wo dem Volke wirkl. Rechte
+genommen werden sollen", den pol. Str. ev. ernsthaft in Betracht zu
+ziehen. Mit dem Reichstagswahlrecht sei zugleich auch das
+Koalitionsrecht bedroht (_Kautsky_, Vorwort zu _Roland-Holst_, "G-str.
+u. Sozd.").]
+
+[Fußnote 354: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 337.]
+
+[Fußnote 355: Frankf. Ztg. a. a. O.; Eugen _Katz_, "Der politische
+Massenstreik" Nr. 33, p. 3.]
+
+[Fußnote 356: Vgl. _Michels_, "Le Socialisme allemand et le Congrès
+d'Jéna", p. 281-307.]
+
+[Fußnote 357: Vgl. z.B. _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte", p.
+685 und Dr. _Liebknecht_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 358: v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik". _Katz_, a. a.
+O., wirft die Frage auf, ob man den Arbeitern nicht etwa deshalb "das
+Opium des Massenstreiks" eingegeben habe, "damit sie die Unfruchtbarkeit
+der marxistischen Politik so bald nicht erkennen?"]
+
+2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem
+außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel.
+Praktische _Versuche in andern Ländern_ standen schon reichlich als
+_Vorbilder_ zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der
+italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die
+deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang
+1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit
+politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung,
+vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen
+gefördert haben.
+
+[Fußnote 359: Übrigens wäre, wie _Heine_ ("Politischer Massenstreik im
+gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der
+ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland
+nicht notwendig gewesen.]
+
+[Fußnote 360: _Bracke_, Enquête, p. 86; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr.
+Köln 05, p. 215); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307);
+_Cohnstaedt_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 361: _Bernstein_, "Politischer Massenstr. und
+Revolutionsromantik"; vgl. auch _Lensch_, "Politischer Massenstreik und
+politische Krisis"; _Liebknecht_ in Bremen: "die Frage des Massenstreiks
+ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik"
+(Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); _Kautsky_ ("Zum Parteitag")
+rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit
+revolutionärer Situationen"; Edm. _Fischer_, a. a. O., wirft der
+_Leipziger Volkszeitung_ vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom
+8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe
+glaube; "zum Glück", meint _Fischer_, "denkt in unserer Partei kein
+Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".]
+
+3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die
+_internationalen Kongresse_, voraus der Kongreß von Amsterdam.
+
+4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die _akademischen Erörterungen_
+des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten
+aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den
+Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge
+darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug.
+
+[Fußnote 362: _Heine_, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung
+der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen
+übermäßige Bedeutung erlangt.]
+
+_Kautsky_ hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen
+"ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen
+können".[363] -- Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik
+sprach _Bernstein_ sich 1894 für den "Streik als politisches
+Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches
+Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte _Parvus_ die
+Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur
+der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte
+Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst
+_Parvus'_ "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft
+besondere Beachtung zu finden".[366]
+
+[Fußnote 363: _Kautsky_, "Die soziale Revolution" I, p. 50.]
+
+[Fußnote 364: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel".]
+
+[Fußnote 365: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik",
+p. 199ff. Auch 1901 noch fand _Parvus_ mit seiner aus Handelskrise und
+Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept.
+1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang
+(vgl. _Fischer_, "Die neueste Revision... usw.", p. 295).]
+
+[Fußnote 366: _Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.]
+
+Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische
+Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: _Bernstein_[367]
+verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die
+Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu
+politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen
+Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem
+Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch _Kautsky_ griff den Gedanken des
+Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der
+sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische
+Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine
+Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und
+wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor,
+während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren
+Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer
+1905 durch die Veröffentlichung von _Roland-Holst's_ "Generalstreik und
+Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf _Kautskys_
+Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen
+Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten
+Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß
+ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und
+fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen
+Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372]
+
+[Fußnote 367: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
+Massenstreik".]
+
+[Fußnote 368: Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren
+Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den
+Amsterdamer Kongreß wünschte _Kautsky_ eine lebhafte Diskussion der noch
+wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen
+Zeit", 22, I, p. 134; vgl. _Kautsky_, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag",
+"Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4.
+Juli 06).]
+
+[Fußnote 369: _Bebel_, "Der Bremer Parteitag", p. 742.]
+
+[Fußnote 370: Z.B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von
+_Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks".]
+
+[Fußnote 371: Hingegen gab das _Roland-Holst_'sche Buch nicht, wie der
+_Vorwärts_ (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen
+Massenstreikdebatte.]
+
+[Fußnote 372: _Roland-Holst's_ Buch erschien sehr bald schon in 2.
+Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer
+Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte:
+_Bernstein_ (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders
+gegen die von _Roland-Holst_ vertretene Katastrophentheorie, griff auch
+ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; _Heine_
+verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in
+Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl.
+auch die kritischen Bemerkungen bei _Katz_, a. a. O. Nr. 34.]
+
+5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die
+Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten
+noch), die "_Anarchosozialisten_", (auch Berliner Lokalisten
+genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der
+Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der
+Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R.
+_Friedeberg_, zu einer _Revision der Taktik_ veranlaßt, die ihn
+geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die
+"Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden
+sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine
+Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach
+_Friedeberg_ am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der
+Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso
+versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen
+Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach
+er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des
+deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4000 Zuhörer,[377] eine
+anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de
+resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des
+Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei
+die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den
+ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei
+sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner
+Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems
+genötigt.[380]
+
+[Fußnote 373: _Giesberts_, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17
+000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden;
+_Kampffmeyer_ ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
+Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur
+Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter
+Führung von Dr. R. _Friedeberg_ samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer
+mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem
+Anarchismus zugewandt.]
+
+[Fußnote 374: _Friedeberg_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]
+
+[Fußnote 375: Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt,
+der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches
+Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
+Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen
+angenommen worden sein (vgl. _Friedeberg_, "Weltanschauung und Taktik
+des deutschen Proletariats", Nr. 41); _Friedeberg_ erklärte in einer
+Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer
+Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9.
+04).]
+
+[Fußnote 376: Die gleiche Absicht verfolgte die "_Einigkeit_" (Nr. 35,
+Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".]
+
+[Fußnote 377: Vgl. "_Einigkeit_", 2./9. 05; _Michels_, a. a. O. p. 287
+ff.]
+
+[Fußnote 378: _Friedeberg_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 379: Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch
+"fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade"
+ausschütten wolle (_Hue_, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart.
+vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; _Kautsky_ ("Der
+Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion
+nicht wegen, sondern trotz _Friedeberg_ betreiben; vgl. ders., Rezension
+über _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik".]
+
+[Fußnote 380: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307);
+mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die
+Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen,
+weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda
+nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in
+Deutschland war.]
+
+Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die
+deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie
+sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch
+auf dem _Dresdener Parteitag_ 1903, wo _Friedebergs_ Anstrengungen, den
+Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen,
+nur bei _Kautsky_ und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen"
+Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der
+Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen
+Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe
+gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem
+Einfluß _Legiens_ und _Ledebours_, die offiziell radikale Dresdener
+Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.
+
+[Fußnote 381: Vgl. _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und
+_Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg.
+Dresden 03, p. 134, 431 ff.]
+
+[Fußnote 382: Vgl. _Bernstein_, "Ist der pol. Streik in Deutschland
+möglich?"]
+
+Doch schon auf dem _Bremer Parteitag_ 1904 trat ein Umschwung in der
+Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen,
+die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber
+als Dr. _Liebknecht_, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für
+den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und
+das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter
+ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz,
+die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und
+als unter anderen auch _Bernstein_ und _Zetkin_ eine Diskussion der
+Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer
+Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]
+
+[Fußnote 383: So die "_Chemnitzer Volksstimme_", cit. von Dr.
+_Liebknecht_, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). _Katzenstein_ meinte,
+die Anhänger des _Generalstreiks_ hätten einen unfruchtbaren Boden zu
+beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).]
+
+[Fußnote 384: Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; _Bebel_, der über
+den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur
+Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche
+literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu
+beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); _Kautsky_
+erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht
+erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).]
+
+Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten
+die _freien Gewerkschaften_ auf seiner Ablehnung, "einerlei, für
+welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen
+den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die
+immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um
+etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven
+zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom
+_Gewerkschaftskongreß in Köln_ behandelt.[388] Nur ganz wenige
+Gewerkschaftsführer (so z.B. _von Elm_) traten dort für den politischen
+Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch
+ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst
+eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu
+können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige
+Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle
+Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine
+bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens
+sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine
+_event_. Funktion in einer _event_. sozialen Revolution nicht
+abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln
+nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der
+Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die
+Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die
+Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie
+erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am _Parteitag_ in _Jena_, wo
+der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394]
+Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr
+Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine
+Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und
+Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution _Bebel_, den
+politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu
+ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie
+auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene
+Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den
+leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte,
+noch bedeutend verschärft. -- Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß
+dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie
+hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse
+hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd;
+wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse
+geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im
+allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen
+den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats
+eingereiht; Revisionisten (bes. _Bernstein_) sprachen _Bebels_ Referat
+in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier
+und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach
+links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.
+
+[Fußnote 385: Vgl. _Bebel_, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.]
+
+[Fußnote 386: _Legien_, "In Köln am Rhein", p. 378.]
+
+[Fußnote 387: Vgl. _Bömelburg_, in einer öffentlichen Maurerversammlung
+in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2.
+Beilage). -- Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der
+Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands
+fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag
+werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den
+Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. _Bömelburg_, Prot.
+Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).]
+
+[Fußnote 388: Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.]
+
+[Fußnote 389: Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne
+Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. _Fischer_, a. a. O. p. 299).]
+
+[Fußnote 390: Resolution _Bömelburg_; mit allen gegen 7 Stimmen
+angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).]
+
+[Fußnote 391: Wenigstens soll in der Resolution _Bömelburg_ ein solcher
+Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. _Legien_, Prot. Parteitg.
+Mannheim 06, p. 241 ff.).]
+
+[Fußnote 392: So z.B. die _Leipziger Volkszeitung_ (cit. im Vorwärts,
+31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß
+billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. _Kautsky_, Vorwort zu
+_Roland-Holst_, p. VIII).]
+
+[Fußnote 393: Vgl. A. v. _Elm_, "Partei und Gewerkschaft", p. 734,
+735.]
+
+[Fußnote 394: Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.]
+
+[Fußnote 395: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der
+Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die
+Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis
+und nach dem _Singer_'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.]
+
+[Fußnote 396: Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena
+"absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften"
+gestellt.]
+
+[Fußnote 397: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Katz_,
+a. a. O. Nr. 33.]
+
+[Fußnote 398: _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die
+Gewerkschaften", p. 928.]
+
+[Fußnote 399: _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch
+_Fournière_ in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p.
+984).]
+
+[Fußnote 400: Vgl. _Michels_, a. a. O.]
+
+Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere
+_Massenstreik-Agitation_, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf
+die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die
+Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung
+bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich,
+daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen
+nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im
+Massenstreik gipfeln müsse.
+
+[Fußnote 401: Vgl. z.B. Paul _Göhre_, "Sturmzeichen in Deutschland".]
+
+Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der _Rückschlag_. Verschiedene
+_ursprüngliche Verfechter_ der Massenstreikidee begannen, deren
+unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und
+Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber
+setzte die Umkehr des _Parteivorstandes_ dem Massenstreiklärm einen
+wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß
+zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16.
+Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die
+Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über
+die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und
+daß hierbei sechs von _Bebel_ formulierte Thesen zur Annahme gelangt
+waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer
+Resolution dar.[404] _Bebel_ und der Parteivorstand verwahrten sich aufs
+bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf
+Entstellung des ersten und wichtigsten der _Bebel_'schen Sätze
+zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber
+durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls
+gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der
+deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen
+Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten
+sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die
+Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. -- Diese
+Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu
+freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur
+um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über
+den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im
+Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks
+abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der
+Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom _Parteitag_ 1906 in
+_Mannheim_ bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller
+diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die
+Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch"
+miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer
+Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden
+zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution
+entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie
+auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich
+defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund
+der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414]
+
+[Fußnote 402: Dies führte natürlich zu unerfreulichen
+Auseinandersetzungen, z.B. zwischen dem Vorwärts und _Bernstein_ (vgl.
+"Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304;
+_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die
+"Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen
+Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. _Elm_, _Frohme_ und
+_Lesche_ im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich
+die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution
+wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). -- _Bernstein_
+klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form
+seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O.
+und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. _Schmidt_, "Irrgänge der
+Massenstreiktaktik".]
+
+[Fußnote 403: Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl
+besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im
+Sande verlaufen war.]
+
+[Fußnote 404: Die 6 _Bebel_'schen Sätze notierte sich, da kein
+Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, _Silberschmidt_; in der
+_Silberschmidt_'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen
+einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor
+(die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls
+akzeptierte.]
+
+[Fußnote 405: Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.]
+
+[Fußnote 406: Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von _Bebel_ formuliert
+worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen
+sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit
+wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1.
+Juli 06). -- Nach _Bebel_ soll dieser Satz gelautet haben: "der
+Parteivorstand hat nicht die Absicht, _gegenwärtig_ den politischen
+Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden
+_müssen_, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission
+zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der
+Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die
+Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird,
+soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen"
+(Vorwärts, 1. Juli 06).]
+
+[Fußnote 407: Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei
+und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik
+ausbrechen würde.]
+
+[Fußnote 408: _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 228 ff.),
+_Silberschmidt_ (ebenda, p. 301 ff.).]
+
+[Fußnote 409: Vgl. Vorwärts, insbes. 27. Juni, 4. bis 12. Juli 06; die
+Angelegenheit zog übrigens auch noch die Veröffentlichung eines Teils
+des bis zur "Einigkeits"-Enthüllung geheimen Protokolls der
+Gewerkschaftsvorstände gegen deren Willen nach sich ("Partei und
+Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes Partei und Gewerkschaft
+aus dem Protokoll der Gewerkschaftsvorstände vom 19. bis 23. Februar 06
+[Beilage zum Vorwärts, Nr. 185, 11. August 06]).]
+
+[Fußnote 410: Man stritt, ob die von _Bebel_ verteidigte
+Fassung der Thesen die ursprüngliche sei (dies nimmt z.B. die
+"Leipziger Volkszeitung" an [vgl. Vorwärts, 4. Juli]), oder die
+_Silberschmidt_'sche (dies behauptet z.B. die Karlsruher Volksstimme
+[vgl. Vorwärts, 6. Juli 06], übrigens auch die Frankf. Ztg. vom 27. Juni
+06, Nr. 175); ob _Silberschmidt_ die _Bebel_'schen Thesen "sinngemäß"
+niedergeschrieben habe, ob er sich eine Abschrift hätte nehmen sollen
+oder können; ob _Molkenbuhr_ den Parteivorstand rechtzeitig vom Eingang
+der Konferenzprotokolle unterrichtete; ob der Parteivorstand korrekt
+gehandelt habe; ob er den an ihn zu stellenden Anforderungen überhaupt
+genüge; ob die Spannung zwischen Partei und Gewerkschaften, die an allen
+"Mißverständnissen" schuld sei, sich nicht beseitigen lasse.]
+
+[Fußnote 411: In Mannheim referierte wiederum _Bebel_ über den pol.
+M-str.; auf vielseitigen Wunsch übernahm _Legien_ das Korreferat (Prot.
+Parteitg. Mannheim 06, p. 155, 241-254).]
+
+[Fußnote 412: Prot. p. 138; 276 ff.: die Kölner Resolution verbiete den
+M-str. ja nicht, die Jenaer fordere ihn aber nur "gegebenenfalls".]
+
+[Fußnote 413: So die Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06 p. 895, 896.]
+
+[Fußnote 414: Vgl. Prot p. 227-306; Annahme der Resolution _Bebel_ mit
+Amendement _Bebel_ und _Legien_ und einem Teil des Amendements _Kautsky_
+durch 386 gegen 5 Stimmen.]
+
+Da der Mannheimer Parteitag sozusagen in einem Atem die Jenaer
+Resolution und die sechs Bebelschen Thesen billigte, so kann von einem
+Widerspruch zwischen beiden, wenigstens in formellem Sinn, nicht wohl
+die Rede sein. Trotzdem war eine _Wandlung_ vor sich gegangen.[415] Es
+wurde zwar versucht, alle Zwistigkeiten aus der verschiedenartigen
+Betrachtungsweise des Klassenstreiks in der bisherigen Diskussion
+herzuleiten.[416] Aber diese Bemäntelungen verdecken nur unvollkommen
+den tatsächlichen Gesinnungswechsel, den materiellen Rückzug, der sich
+in der veränderten Auslegung der Jenaer Resolution kund gab.
+
+[Fußnote 415: Das geht schon daraus hervor, daß die zielbewußten
+Gewerkschaftsführer die Jenaer Resolution in Jena ablehnten (_Hoffmann_,
+Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 271), sie aber in Mannheim billigten.]
+
+[Fußnote 416: In Jena sei der Massenstreik an sich, in Köln seine
+praktische Durchführbarkeit erörtert worden (so _Rob. Schmidt_, Prot.
+Mannheim, p. 262, 263), was übrigens nicht zutrifft.]
+
+Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene _Jenaer Resolution_ eine
+kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden
+Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen
+Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die
+Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung
+genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die
+In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an
+sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher
+partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen
+"permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in
+defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der
+Gewerkschaftsdevise 'kommt Zeit, kommt Rat'" blieb.[421] -- In dieser
+äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare",
+die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422]
+Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur
+Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen,
+als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen
+auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht
+überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks
+auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare
+Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der
+kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige
+Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik
+zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene
+Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen
+Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die
+Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der
+Partei[429] geschöpft hatten.
+
+[Fußnote 417: Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.]
+
+[Fußnote 418: E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik".
+("Einigkeit", 9. Dez. 05.)]
+
+[Fußnote 419: _Michels_, a. a. O. p. 305.]
+
+[Fußnote 420: Vgl. _Legien_ (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.);
+_David_, _Michels_ (a. a. O.) _Labriola_ (cit. bei _Michels_) und andere
+sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter
+zu.]
+
+[Fußnote 421: _David_, "Rückblick auf Jena".]
+
+[Fußnote 422: Vgl. z.B. die _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im
+Vorwärts, 14. Juli 06.]
+
+[Fußnote 423: Vgl. _Bebel_, "Der Bremer Parteitag"; _Liebknecht_, Prot.
+Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; _Heine_, "Politischer Massenstreik
+im gegenwärtigen Deutschland?"]
+
+[Fußnote 424: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot.
+Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.]
+
+[Fußnote 425: _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im Vorwärts, 4. Juli
+06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen
+_Bebel_'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.),
+ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des
+russischen Proletariats" verwiesen wurde.]
+
+[Fußnote 426: Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach
+Deutschland hinüber zünden.]
+
+[Fußnote 427: Z.B. Kurt _Eisner_ in der "Neuen Gesellschaft", cit. im
+Vorwärts, 12. Juli 06; _Stapfer_, "Wahlrechtsbewegung und
+Massenstreik".]
+
+[Fußnote 428: Diese Annahme sei nach der Art der Einleitung der
+Wahlrechtsbewegung begreiflich (vgl. Frankf. Ztg. 5. Juli 06).]
+
+[Fußnote 429: Als eine solche faßten sie die Jenaer Resolution auf
+(vgl. die "_Einigkeit_", 2./9. 05); ähnlich auch z.B. _Nieuwenhuis_
+(cit. bei _Michels_ a. a. O.) und Ed. _Berth_ (Notes Bibliographiques,
+Mouvement socialiste, 1. u. 15. Nov. 05, p. 374).]
+
+Eine ganz andere Auffassung der Jenaer Resolution trat in der
+_Februar-Konferenz_ und in der Verteidigung der _Bebelschen Thesen_[430]
+zu Tage. Man bemühte sich, "die irrtümliche Auffassung, die mancherorts
+durch die Jenaer Resolution verbreitet war, zu zerstreuen".[431] Von
+maßgebender Seite wurde dieser auf einmal nur noch _defensiver_, der
+Diskussion darüber nur _akademischer_ Charakter zugebilligt.[432] Es
+wurde auch bestritten, daß im Frühling 1906 ein Massenstreik berechtigt
+gewesen wäre.[433] Diese _Interpretationswandlung_ aber wurde von den
+tatendurstigen Genossen als ein unliebsames "Bremsen",[434] als eine
+"Preisgabe" der Jenaer Beschlüsse empfunden und beklagt.[435] Der Geist
+des Jenaer Parteitags war allerdings in der Februarkonferenz "verraten"
+worden, mußte verraten werden. Inzwischen war nämlich die dringend
+notwendige "Ernüchterung" eingetreten,[436] und es drängte sich den
+leitenden Persönlichkeiten nunmehr die Einsicht auf, "daß man sich zu
+weit vorgewagt habe".[437] Zu dieser peinlichen "Schamade"[438] wurde
+die Sozialdemokratie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Diese
+aber bestanden
+
+1. in der dauernden Ablehnung des Klassenstreikprojekts seitens der
+Gewerkschaften.[439] Man war sich darüber klar, daß ohne deren
+Mitwirkung, besonders ohne die Mitwirkung der mächtigen Zentralverbände
+eine Inszenierung des Klassenstreiks überhaupt nicht möglich sei.[440]
+
+2. in dem gänzlichen Mangel einer irgendwie erheblichen Streikstimmung;
+denn die in Volksversammlungen angenommenen temperamentvollen
+Resolutionen zeugten viel mehr von der Unternehmungslust einiger Führer,
+als von "revolutionärer Energie" der Massen.[441]
+
+3. in dem Mangel tatsächlicher Macht der deutschen Arbeiterbewegung
+gegenüber Staat und Gesellschaft. Dieser Mangel brachte selbst
+zahlreiche Anhänger des politischen Massenstreiks schließlich zu der
+Erkenntnis, daß dessen momentane Inszenierung nicht nur völlig
+aussichtslos,[442] sondern auch "im höchsten Maße gewissenlos" sein
+würde.[443]
+
+[Fußnote 430: Verteidigung durch den Vorwärts, den Parteivorstand,
+_Legien_ usw.]
+
+[Fußnote 431: v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer
+Parteitag".]
+
+[Fußnote 432: Z.B. Vorwärts, 14. Juli 06.]
+
+[Fußnote 433: Da ja kein Attentat auf ein Grundrecht vorgelegen, so
+sei, gemäß der Jenaer Resolution, "der Fall nicht gegeben" gewesen
+(Vorwärts, 4. und 11. Juli).]
+
+[Fußnote 434: Vgl. z.B. _Sächs. Arbeiterztg._, cit. im Vorwärts, 4.
+Juli 06.]
+
+[Fußnote 435: Daher auch der Zorn der Lokalisten (vgl. "_Einigkeit_",
+23. Juni 06, Nr. 25; ferner die Resolution der Generalversammlung der
+"freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend" vom 15. Juli,
+abgedruckt im Vorwärts vom 18. Juni 06). Die Lokalisten publizierten in
+ihrem Ärger die sechs "Thesen".]
+
+[Fußnote 436: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896.]
+
+[Fußnote 437: Frankf. Ztg. Leitart. 5. Juli 06, Nr. 183.]
+
+[Fußnote 438: So nennt z.B. _David_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p.
+259) diesen Rückzug. Übrigens hatte man in bürgerlichen Kreisen den
+"Jenaer Rodomontaden" überhaupt nicht allzuviel Gewicht beigelegt;
+Geheimer Kriegsrat Dr. jur. _Romen_ ("Massenstreik und Revolution")
+erblickte in der Jenaer Resolution und der folgenden Agitation, "diesen
+wüstesten Verhetzungen der Arbeitermassen", "diesen offenen
+zügellosesten Aufreizungen zur Revolution" allerdings einen Anlaß zu
+ernster Besorgnis; doch z.B. die _Norddeutsche Allgemeine Zeitung_
+bezweifelte sehr, daß die Sozialdemokratie gewillt oder auch nur im
+Stande sei, ihre Massenstreikdrohung auszuführen; sie liebe es eben,
+mit dem Gedanken des revolutionären Massenstreiks zu spielen, um den
+eigenen Reihen Mut zu machen und ihnen eine papierene Anweisung auf eine
+bessere Zukunft zu geben, den Gegnern aber Furcht einzujagen; die
+"_Nation_" vom 30./9. 05 zitiert mit Befriedigung diese "verständige
+Beurteilung". Die _Frankf. Ztg._ (5./7. 06) sprach von "großen Worten",
+"Fiasko" und "leisem Rückzug".]
+
+[Fußnote 439: Die freien Gewerkschaften blieben bei der Ablehnung, so
+sehr auch in gewissen Parteikreisen über ihr Ruhebedürfnis, über
+Stagnation und Nur-Gewerkschaftelei geklagt und gespottet wurde; noch
+viel ausgesprochener war die Abneigung gegen den pol. Massenstreik bei
+den christlichen Gewerkschaften.]
+
+[Fußnote 440: Es wurde in Mannheim deutlich ausgesprochen, daß man ohne
+die einflußreichen Führer und die starken Verbände nichts ausrichten
+könne.]
+
+[Fußnote 441: Daß im Frühjahr 1906 die M-str.-Stimmung nicht vorhanden
+war, geben z.B. _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die
+Gewerkschaften" p. 928, _Bebel_ und andere Redner am Mannheimer
+Parteitag (Prot. p. 236, 266, 273, 274, 286), ferner z.B. auch die
+_Düsseldorfer Volksztg._ (zit. im Vorwärts, 5./7. 06) und der _Vorwärts_
+(14./7. 06) zu.]
+
+[Fußnote 442: Die Anhänger des katastrophalen M-streiks fanden, daß
+eine revolutionäre Situation vorläufig in Deutschland nicht gegeben, die
+Möglichkeit hierzu durch das Anwachsen der Reaktion in Rußland wieder
+verschwunden sei (_Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte"; _Kautsky_;
+Vorwärts [Prot. Parteitag Mannheim 06, p. 263, 269, 276]). Auch v. _Elm_
+("Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734)
+und _Bebel_ hielten den Moment nicht für geeignet. Es brach die
+Erkenntnis durch, daß die russischen Vorbilder doch nicht für
+Preußen paßten (vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik"; _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p.
+227 ff.; _David_, ebenda, p. 259), daß auch die österreichische
+Wahlrechtsbewegung unter wesentlich andern Umständen vor sich gehe, als
+die preußische (_Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim, p. 241 ff.;
+Vorwärts, 12. Juli 06). Schließlich teilte der größte Teil der Partei
+und der Parteipresse, sowie natürlich auch die Gewerkschafter, diese
+Meinung (vgl. auch Leo _Arons_, "Ergebnisse und Aussichten der
+preußischen Wahlrechtsbewegung"); nur wenige beklagten die momentane
+Ablehnung des pol. M-streiks (z.B. das Bochumer "_Volksblatt_" und die
+Dortmunder "_Arbeiterztg_.", vgl. Vorwärts, 5. u. 6. Juli).]
+
+[Fußnote 443: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
+Deutschland?"; Rob. _Schmidt_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 332). -- Wie
+ungünstig die deutschen Verhältnisse überhaupt für den polit.
+Streik liegen, zeigt der _Massenstreikversuch_ in _Hamburg_ vom
+17./1. 06. Da an diesem Tag die entscheidende Abstimmung über die
+Wahlrechtseinschränkung in der "Bürgerschaft" vor sich gehen sollte,
+hatte die sozialdemokratische Partei eine Reihe von Protestversammlungen
+veranstaltet; infolge starken Besuchs derselben ergab sich eine kurze
+Arbeitsunterbrechung in "fast sämtlichen Fabriken", auch eine
+Verkehrshemmung auf der Alster; es folgten nächtliche Krawalle im
+Schoppenstehl, die übrigens nicht von organisierten Arbeitern, sondern
+von zweifelhaftem Großstadtpöbel veranlaßt wurden; hiermit erreichte die
+Bewegung ein peinliches Ende (vgl. Vorwärts, 14. Juli 06; Prot.
+Parteitg. Mannheim 06 p. 27, 44).]
+
+In Deutschland bildet die Massenstreik-Diskussion einen _Gradmesser für
+das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft_. Mehr und mehr muß die
+Partei sich letzterer unterordnen.[444] Auch die gewünschte Einigung in
+der Massenstreikfrage kam nicht auf Grund der Parteiauffassung, sondern
+tatsächlich auf der Basis der Kölner Gewerkschaftsresolution zu
+Stande.[445]
+
+[Fußnote 444: Dies wurde beim Friedensschluß in Mannheim, im Anschluß
+an die Massenstreikdebatte, auch anerkannt.]
+
+[Fußnote 445: _Kautsky_ ("Maifeier und Generalstreik", Leipziger
+Volksztg. 20. 5. 05) wünschte die Einigung schon 1905, freilich im Sinne
+der Parteiauffassung.]
+
+Aus der vorläufig abgeschlossenen Diskussion ist den Arbeitern zum Glück
+kein Schaden erwachsen, es sei denn, daß der üble Eindruck, den die
+ganze Angelegenheit machen mußte, auch noch ein wenig bei der
+sozialdemokratischen Wahlniederlage von 1907 mitgewirkt hat; Nutzen
+brachte sie ihnen auch nicht,[446] außer daß die Sozialdemokratie
+dadurch vielleicht zu der Einsicht gekommen ist, daß sie mit der Phrase
+mehr, als dies bisher der Fall gewesen, aufräumen müsse.
+
+[Fußnote 446: _Kolb_ ("Von Dresden bis Essen") charakterisiert die
+M-str.-Diskussion als "total überflüssig".]
+
+
+(b) Geschichte des Generalstreiks.
+
+§ 14. Frankreich.
+
+Der _amerikanische Gewerkschaftskongreß_ von 1885 hatte beschlossen, am
+1. Mai 1886 zur Eroberung des Achtstundentags einen _Generalstreik_ zu
+inszenieren. Für dieses Unternehmen engagierte sich hauptsächlich die
+junge Chicagoer Anarchistenpartei.[447] Die "Knights of Labour" freilich
+beteiligten sich nur ungern; die sozialistische Partei wirkte überhaupt
+nicht mit.[448] Die Bewegung umfaßte ca. 300 000 Arbeiter.[449] Sie
+verlief ohne wesentlichen Erfolg und führte zur Hinrichtung der
+anarchistischen Führer in Chicago.
+
+[Fußnote 447: Anfang der 1880er Jahre hatte _Most_ unter den deutschen
+und böhmischen Arbeitern in Amerika bes. in Chicago Anhänger gefunden
+(vgl. Georg _Adler_, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswften., 2.
+Aufl. 1, p. 313, 314.)]
+
+[Fußnote 448: _Bourdeau_, "Les grèves politiques" p. 428.]
+
+[Fußnote 449: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
+
+Diese amerikanischen Ereignisse übten einen gewissen _Einfluß auf die
+Arbeiterbewegung_ auch in _Europa_ aus. Hier arbeiteten sie einerseits
+der späteren Maifeierbewegung vor,[450] andererseits frischten sie die
+Generalstreikidee auf, die nun unter der Pflege der Anarchisten
+besonders in den _romanischen Ländern_ festwurzelte.
+
+[Fußnote 450: Es soll, nach den "Temps nouveaux", seit 1886 von einer
+internationalen Manifestation für den G-str. die Rede gewesen sein (cit.
+bei _Weill_, a. a. O. p. 275, Note).]
+
+In _Frankreich_ wurde diese aus Amerika importierte
+Generalstreikpropaganda anfänglich (in den 1880er Jahren) kaum ernst
+genommen. Sie bemächtigte sich aber bezeichnenderweise alsbald des
+_Gewerkschaftswesens_ oder doch wenigstens seiner tonangebenden Kreise
+und bildete ein ständiges Thema aller Arbeiterkongresse.[451] Die
+"Fédération nationale des Syndicats" votierte schon 1888, wiewohl damals
+noch stark unter dem Einfluß der streng marxistischen _Guesdisten_
+stehend, auf ihrem Kongreß in Bordeaux-le Bouscat, mit Enthusiasmus für
+den Generalstreik als Emanzipationsmittel. _Briand_, der sogenannte
+"Vater des Generalstreikgedankens", der "général gréviste",[452]
+entfaltete eine eifrige Propaganda für diese Idee, so daß sie rasch an
+Anhängern gewann und auch auf dem Syndikatskongreß in Marseille, 1892,
+zur peinlichen Überraschung der Guesdisten, den Sieg davontrug.[453]
+Ebenso erklärte sich der Pariser Kongreß von 1893, unter dem Eindruck
+der kurz zuvor durch das Ministerium _Dupuy_ verfügten Schließung der
+Pariser Arbeitsbörse, mit Begeisterung für das Generalstreikprinzip;
+immerhin nahm der Kongreß Abstand von der durch 25 Delegierte
+geforderten sofortigen Proklamation des allgemeinen Ausstandes.[454]
+Gerade wegen des Generalstreiks spaltete sich schließlich die
+"Fédération nationale des Syndicats" (in Nantes, 1894). Die Minorität
+schwenkte gänzlich zu den Guesdisten ab,[455] die Majorität verwandelte
+sich in die "_Confédération du Travail_" (C. T.), die sich zum
+Generalstreik bekannte[456] und ein "_Comité de la grève générale_"
+einsetzte.[457]
+
+[Fußnote 451: _Weill_, a. a. O. p. 275; vgl. für das Folgende auch p.
+405 ff.; Léon de _Seilhac_, "Le monde social", p. 9, 27, 29, 36, 37, 85,
+194-196, 211, 219, 293; _Halévy_, "Essais sur le Mouvement ouvrier en
+France", p. 79, 90, 124, 226, 285, 286; _Léon Blum_, "Les congrès
+ouvriers socialistes français", p. 111, 112, 125, 129, 134-139, 141,
+144, 146, 147, 149-153, 156, 160, 161, 172, 180, 184, 190.]
+
+[Fußnote 452: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution" p. 3,
+4.]
+
+[Fußnote 453: Als Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher, politischer
+und revolutionärer Zwecke (vgl. _Briand_, a. a. O. p. 6; _Blum_, a. a.
+O. p. 134 ff.; _Buisson_, "La grève générale", p. 37).]
+
+[Fußnote 454: _Weill_, a. a. O. p. 282, 283.]
+
+[Fußnote 455: _Blum_, a. a. O. p. 145 ff.]
+
+[Fußnote 456: So z.B. in Tours 1896 (vgl. _Blum_, a. a. O. p. 159);
+schon in Nantes soll die Gründung einer Streikkasse beschlossen worden
+sein (vgl. Frh. von _Reiswitz_, "Generalstreik? Ein Rückblick auf den
+Hafenarbeiterstreik in Marseille", p. 12 ff.).]
+
+[Fußnote 457: _Weill_, a. a. O. p. 408, 409. Ursprünglich sollte sich
+dieses Komitee der Organisation des Generalstreiks widmen; später, als
+man die Unzweckmäßigkeit einer solchen Tätigkeit einsah, wurde ihm die
+Aufgabe, sich mit den in zahlreichen Städten bestehenden "Sous-Comités
+de la grève génerale" in Verbindung zu setzen (vgl. _Pouget_, [Enquête,
+p. 50 ff.]), jede sich bietende Streikgelegenheit zu benutzen, um die
+Arbeiter möglichst an den G-str. zu gewöhnen (dies sei z.B. der Fall
+gewesen beim Matrosenstreik 1900 und beim Streik in Marseille 1901 [vgl.
+_Weill_, a. a. O.]), wie überhaupt für die G-str.propaganda in Wort und
+Schrift zu sorgen.]
+
+Neben der C. T. entwickelte sich in der 1892 gegründeten "_Fédération
+des Bourses du Travail_" eine weitere gewerkschaftliche Organisation,
+die ebenfalls auf den Generalstreik eingeschworen war.[458] -- Die
+gemeinsame Vorliebe für den Generalstreik brachte beide Organisationen
+einander näher[459] und erleichterte 1902 ihre Vereinigung zur
+"_Confédération générale du Travail_" (C. G. T.), dem sogenannten Parti
+syndical. In diesem gelangten mehr und mehr antiparlamentarische
+Tendenzen zur Herrschaft. Wurden auf dem Kongreß in Paris (1900) neben
+dem Generalstreik auch noch andere Mittel der Revolution anerkannt,[460]
+so feierte am Kongreß in Bourges 1904 die von _Pouget_ gepredigte
+"action directe", also auch deren Hauptstück, der Generalstreik, den
+höchsten Triumph.[461] Wie kläglich auch der Versuch ausging, am 1. Mai
+1906 durch Arbeitseinstellung nach 8 Stunden den Achtstundentag "direkt"
+einzuführen, so erklärte doch der Kongreß in Amiens 1906 den
+Generalstreik wiederum zu seinem Aktionsmittel.[462]
+
+[Fußnote 458: Unter _Pelloutiers_ Einfluß, und seit dem Regionalkongreß
+in Tours, (vgl. _Weill_, a. a. O. p. 275).]
+
+[Fußnote 459: _Weill_, a. a. O. p. 405 ff.]
+
+[Fußnote 460: _Blum_, a. a. O. p. 189.]
+
+[Fußnote 461: Albert _Thomas_, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'".]
+
+[Fußnote 462: _Rappoport_, "Der sozialistische Kongreß in Limoges", p.
+229; vgl. auch Soziale Praxis, 3. V. 06, Sp. 805; ferner die "Chronique"
+im Journal des Économistes vom 15. Mai 06; sowie Frankf. Ztg., "Der
+Geist der französischen Gewerkschaften", (25. Okt. 06 Nr. 295, 4.
+Morgenblatt).]
+
+Diese besondere Anhänglichkeit der französischen Syndikalisten an den
+Generalstreik wurzelt keineswegs in besonders günstigen praktischen
+Erfahrungen. Die bisherigen französischen Generalstreikversuche sind im
+Gegenteil recht wenig aufmunternd,[463] da man häufig "einen schlecht
+vorbereiteten, zu ungeeigneter Zeit begonnenen Streik durch die
+Erklärung des Generalstreiks zu retten sucht".[464] Für die Bevorzugung
+der grève générale sind vielmehr _psychologische_ und _politische
+Gründe_ maßgebend.
+
+[Fußnote 463: So sollte 1898 die Verlegenheit des Ministeriums
+(Dreifus-Handel) für den G-str. ausgenutzt werden; zu seiner Einleitung
+wurde einem Streik der terrassiers in Paris ein Eisenbahnerstreik
+angeschlossen, was, wenigstens nach _Briand_ (a. a. O. p. 11), der
+bürgerlichen Gesellschaft großen Schrecken verursacht haben soll. Das
+Unternehmen scheiterte an der energischen Intervention der Regierung
+(_Weill_, a. a. O. p. 406, und _Bourdeau_, a. a. O. p. 442). -- Etwas
+günstiger endete der große Bergarbeiterstreik, Oktober bis Dezember
+1902, der auf seinem Höhepunkt 4/5 der französischen Bergarbeiter umfaßt
+haben soll; wegen Uneinheitlichkeit der Leitung und mangelhafter
+Disziplin seien die Erfolge aber nur sehr gering gewesen; nur einige
+wirtschaftliche Zugeständnisse der Bergwerksgesellschaften, sowie die
+Anhandnahme der Arbeitszeitregelung durch die Regierung seien erreicht
+worden (vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozialdemokratie", p.
+14, 42, 43).]
+
+[Fußnote 464: _Delory_ (Rdsch. Soz. Mh. Febr. 04, p. 167).]
+
+Vor allem stellen die _Generalstreikbekenntnisse nur die Anschauungen
+eines Bruchteils der französischen Arbeiter_ dar. Die gewerkschaftliche
+Organisation Frankreichs steht trotz der syndikalistischen
+Selbstüberschätzung[465] auf ziemlich schwachen Füßen.[466] Die
+Generalkonföderation selbst umfaßt nur ca. ein Viertel der organisierten
+Arbeiterschaft und von diesem sind mehr als die Hälfte und gerade die
+großen und kräftigen Gewerkschaften[467] "reine Reformisten und wollen
+von der syndikalistischen Metaphysik nichts wissen". Zufolge eines
+merkwürdigen Abstimmungsmodus aber sollen diese Elemente durch eine
+_anarchistische Minorität_ majorisiert werden, da letztere über eine
+größere Anzahl freilich oft recht ephemerer Syndikate verfügte.[468]
+Also nicht etwa das organisierte Proletariat schlechthin[469] hat in
+Frankreich für den Generalstreik "nettement marqué ses préférences",
+sondern nur ein kleiner Bruchteil desselben. Von diesen
+Generalstreiklern glaubt aber auch wieder nur ein kleiner Teil allen
+Ernstes an die Ausführbarkeit der grève générale.[470] Diese spielt
+vielmehr meist nur die Rolle eines Propagandamittels, mit dessen Hilfe
+die spezifisch-französischen Organisationsschwierigkeiten überwunden und
+die zu allem Putschartigen neigenden französischen Arbeiter gepackt
+werden sollen.
+
+[Fußnote 465: Die Anarchisten reden von der "Machtentwickelung" der
+franz. Arbeitersyndikate (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik"
+[Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_"], p. 9), deren gewerkschaftliche
+Leistungen häufig hoch über die der deutschen erhoben werden (vgl. "Ein
+französischer Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen
+Zentralverbände" [Übersetzung eines Artikels von V. _Griffuelhes_ aus
+der "Voix du Peuple" vom 29. Okt. 05, in der "Einigkeit" v. 11. Nov.
+05]).]
+
+[Fußnote 466: Im Jahre 1905 zählte man im ganzen 4625 Organisationen
+mit 781 344 Mitgliedern, welch letztere aber in vielen Fällen bloß auf
+dem Papier stehen sollen (vgl. Soz. Mh. Dez. 05, p. 1067). Der
+Generalkonföderation sollen überhaupt nur höchstens 200000 Arbeiter
+angehören, "die über ein jährliches Budget von etwa 10 000 Fr.
+verfügen!!" (_Rappoport_, p. 233).]
+
+[Fußnote 467: Z.B. die Buchdrucker (vgl. Hue, "Partei und
+Gewerkschaft") und Eisenbahner (vgl. _Rappoport_ a. a. O.).]
+
+[Fußnote 468: Frankf. Ztg. a. a. O.; _Rappoport_, a. a. O.; _Weill_, a.
+a. O. p. 411; _Deville_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus
+in Frankreich", p. 26, 27. -- Vgl. auch _Lagardelle_ ("Die
+syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 138), der das allgemeine
+Stimmrecht für die Kongresse der C. G. T. verwirft; denn "in der
+amorphen Masse der Trägen und Zurückgebliebenen würde der organische,
+klassenbewußte Kern, dieser glühende Herd, von dem der Kampf ausstrahlt,
+untergehen".]
+
+[Fußnote 469: Wie _Briand_, p. 16, behauptet.]
+
+[Fußnote 470: _Weill_, p. 410, 411.]
+
+Die Vorliebe der französischen Arbeiter für den Generalstreik wird durch
+die Ausdehnung des "_gelben_" _Gewerkschaftswesens_ in Frankreich noch
+künstlich verstärkt. Da die sozialistischen Syndikate in der Anwendung
+des normalen Streiks sich immer wieder durch die "jaunes", die
+organisierten Arbeitswilligen, gehindert sehen, so verfallen sie auf
+allerlei bizarre Auswege und erwarten, weil der partielle Streik oft
+scheitert, alles Heil vom generalisierten Ausstand.[471]
+
+[Fußnote 471: W. Z. in der sozialen Praxis (Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni
+07, Art. über den "Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe
+Gewerkschaftsidee"): die 5-600 000 "Jaunes" seien "ein Fluch der
+französischen Gewerkschaftsbewegung, die in ihrer legitimen Betätigung
+durch die Gelben gehemmt und gelähmt, zu der diabolischen Theorie der
+action directe, dem Generalstreik und der Sabotage gedrängt worden ist".
+-- Auch die Bedrohung des Streikrechts im Jahre 1896 -- (der Senat
+wollte den Arbeitern in den öffentlichen Anstalten das Streikrecht
+nehmen, was große Empörung in den Syndikaten hervorrief; das Projekt kam
+nie in die Kammer [vgl. _Weill_, p. 334]) -- soll die G-streiktendenzen
+gefördert haben (vgl. _Briand_, p. 12ff.).]
+
+Hierzu gesellten sich nun noch _politische Enttäuschungen_. Die
+übertriebenen Hoffnungen, die sich vielfach an die sozialistische
+Mitregierung geknüpft hatten, waren sehr bald enttäuscht worden.[472]
+Das Interesse am Parlamentarismus überhaupt wurde durch den chronischen
+Zwist in den sozialistischen Parteigruppen untergraben. Kein Wunder
+daher, daß die Gewerkschaften sich allein auf sich selbst angewiesen
+sehen wollten und die "direkte Aktion" predigten, mit der sie die
+zerspaltene Arbeiterbewegung zu kitten und neu zu beleben hofften.[473]
+
+[Fußnote 472: _Thomas_, "Achtung!.. usw.".]
+
+[Fußnote 473: _Weill_, p. 275, 405.]
+
+Bei der eigentümlichen Beschaffenheit der _sozialistischen Parteien_
+Frankreichs (Abhängigkeit im Wahlkampf von der Freundschaft der
+Gewerkschaften),[474] mußten diese sich natürlich auch mit dem
+Generalstreik befassen, und je tiefer die Idee der grève générale in die
+syndikalistischen Kreise eindrang, um so mehr mußte sie auch
+politischerseits geschont werden.[475] Im vergeblichen Kampf gegen den
+Generalstreik büßten die _Guesdisten_ Anfang der 1890er Jahre ihren
+Einfluß in den Gewerkschaften ein,[476] und die _Allemanisten_
+traten ihr Erbe an. Sie waren hierzu durch eine energische
+Generalstreikpropaganda aufs Beste vorbereitet.[477]
+
+[Fußnote 474: Vgl. meinen Aufsatz über "Die politische Arbeiterbewegung
+Frankreichs in den letzten Jahren" (Archiv f. Sozialwissenschaft und
+Sozialpolitik, XXIII, 2).]
+
+[Fußnote 475: _Weill_, p. 408.]
+
+[Fußnote 476: Die Guesdisten verstanden sich 1890 in Lille höchstens
+zur Konzedierung eines intern. Bergarbeiterstreiks für den 8-St.-Tg.
+(vgl. _Blum_, p. 124 ff.); später freilich machten auch sie einige
+Zugeständnisse: so auf dem Parteitag zu Ivry, 1900, wo sie ihre
+Unterstützung zusicherten, falls ein G-str. nötig werden sollte (vgl.
+Mouvement socialiste, IV. p. 553); ähnlich sprach sich auch ihr
+Parteitag zu Lille, 1904, aus (Enquête, p. 76 ff.).]
+
+[Fußnote 477: Die Allemanisten erkannten stets, z.B. auf ihren
+Kongressen 1891, 1892, 1894, den G-str. als bestes Kampfmittel und als
+Mittel der sozialen Revolution an (vgl. Weill, p. 405, 406; _Blum_, p.
+128 ff.; Enquête, p. 2-24; Albert _Richard_, "Manuel socialiste", p. 78,
+79.); sie gingen den extremen Syndikalisten aber noch lange nicht weit
+genug (vgl. z.B. _Pouget_, [Enquête, p. 63 ff.)].]
+
+Auch der sog. _Einigungskongreß_ von 1899 trug der syndikalistischen
+Strömung Rechnung[478] und setzte den Generalstreik unter die "Mittel
+und Wege zur Eroberung der Macht".
+
+[Fußnote 478: _Briand_ hielt, nach Ansicht des "Comité de la grève
+générale", ein "plaidoyer irrésistible en faveur de la grève générale"
+(vgl. Vorwort zu _Briand_, p. 2); in der folgenden Diskussion wurde
+hauptsächlich die Exklusivität, der G-str. aus Prinzip, bekämpft (vgl.
+_Delory_ [Enquête, p. 63 ff.] und "Congrès général des Organisation
+socialistes françaises Paris" 1899, p. 395, 410.).]
+
+_Jaurès_ nahm den Generalstreik in die Prinzipienerklärung des
+Kongresses von Tours auf,[479] vermutlich, um sich im Kampf gegen
+_Guesde_ der Gewerkschaften zu versichern, machte aber für die
+Syndikalisten dabei noch viel zu viele Einschränkungen.[480]
+
+[Fußnote 479: _Weill_, p. 408.]
+
+[Fußnote 480: _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 250; seine
+Einschränkungen zogen ihm den heftigsten Tadel der Syndikalisten zu
+(vgl. _Weill_, p. 408, und Enquête, p. 52 ff.).]
+
+Auch die _geeinte Partei_ mußte dem Syndikalismus ihre Reverenz erweisen
+und billigte in Limoges (auf Jaurès' Antrag) ausdrücklich die
+syndikalistischen Generalstreiktendenzen.[481] Derartige Beschlüsse
+bleiben freilich regelmäßig auf dem Papier, geben aber immerhin einen
+guten Maßstab ab für die reale Machtverteilung zwischen Partei und
+Gewerkschaft.
+
+[Fußnote 481: _Rappoport_, p. 231.]
+
+ * * * * *
+
+Um einen Einblick in die Art und Weise der französischen Generalstreiks
+zu gewinnen, genügt ein typisches Beispiel, der _Generalstreik in
+Marseille vom Jahre_ 1904.
+
+In Marseille bestanden seit Jahren zwischen den Hafenarbeitern
+und Seeleuten (inscrits maritimes) einerseits und den
+Schiffahrtsgesellschaften andererseits beständige Reibereien teils wegen
+wirtschaftlicher Forderungen, teils und hauptsächlich wegen der Regelung
+der Disziplin an Bord.[482] So verlangten die inscrits z.B. die
+Einführung eines Beschwerdebuchs auf den Schiffen,[483] nachdem sie
+schon die Entfernung einiger mißliebiger Schiffsoffiziere gefordert und
+schließlich auch erreicht hatten. Dadurch gekränkt und aus
+Solidaritätsgefühl mit den gemaßregelten Kollegen, traten nun die
+Schiffsoffiziere in den Ausstand, was eine Aussperrung der Hafenarbeiter
+und Matrosen zur Folge hatte.[484] Hierauf antwortete die Arbeiterschaft
+mit Proklamierung des _Generalstreiks_ in Marseille und mit
+Aufforderungen an die Hafenarbeiter aller Häfen Frankreichs, ja aller
+Häfen des Mittelmeers zum _Solidaritätsstreik_.[485] Beide Ausstände
+nahmen bedeutende Dimensionen an. Der Hafenarbeiterstreik griff nicht
+nur auf andere französische, sondern auch auf die benachbarten
+spanischen und italienischen Häfen über.[486] Dem Generalausstand in
+Marseille selbst schloß sich eine Arbeiterkategorie um die andere
+an.[487]
+
+[Fußnote 482: Vgl. André-E. _Sayous_, Sécrétaire général de la
+Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de
+Marseille en 1904"; _Sayous_, wie auch v. _Reiswitz_ vertreten in ihren
+Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.]
+
+[Fußnote 483: Allg. Ztg. 31. Aug. 04; Charles _Rist_ (Krit. Blätter f.
+d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden
+großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits"
+(gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu
+erproben.]
+
+[Fußnote 484: Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.]
+
+[Fußnote 485: Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller
+See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9.
+04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9.
+04).]
+
+[Fußnote 486: In Cette z.B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in
+den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom
+5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La
+Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux
+beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den
+Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg.
+Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der
+benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus
+Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v. _Reiswitz_, p. 58);
+die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die
+wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die
+Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9.
+ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle
+Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen
+der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf
+Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v. _Reiswitz_, p. 58;
+vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).]
+
+[Fußnote 487: So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der
+Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg.
+5./9. 04).]
+
+Die Lage in Marseille wurde äußerst unerquicklich:[488] es kam zu
+Ruhestörungen;[489] die Preise der Lebens- und Genußmittel stiegen wegen
+mangelnder Zufuhren beträchtlich in die Höhe;[490] der Hafenbetrieb
+stockte;[491] Handel und Industrie wurden auf's Empfindlichste
+getroffen;[492] die ganze maritime Stellung Marseilles schien
+bedroht.[493] Auch das von Marseille aus versorgte Gebiet wurde durch
+den Streik geschädigt; vor allem litt Korsika unter der Unterbrechung
+des Seeverkehrs.[494] Natürlich lastete der allgemeine Notstand ganz
+besonders schwer auf den Arbeitern selbst. Sie versuchten den Druck aber
+dadurch zu paralysieren, daß sie abwechselnd streikten, um sich durch
+zeitweilige Arbeitsaufnahme während der sechs Streikwochen bei Kräften
+zu erhalten.[495] Speziell den Seeleuten soll auch das Verhalten des
+Marineministers _Pelletan_ eine große Unterstützung gewährt haben;[496]
+der Minister habe nämlich einerseits den Matrosen ihr willkürliches
+Von-Bord-gehen nachgesehen, (obgleich dies, einer Verordnung gemäß,
+wie Desertion zu bestrafen gewesen wäre); andererseits habe er
+den mit dem Postdienst betrauten Gesellschaften wegen dessen
+Vernachlässigung mit Konventionalstrafen, Entziehung der Subvention und
+Entschädigungsansprüchen gedroht.[497] Auch die öffentliche Meinung
+scheint anfänglich auf Seiten der Arbeiter gestanden zu haben.[498]
+--Mehrere Einigungsversuche scheiterten,[499] sodaß der Streik erst am
+14. Oktober mit der Niederlage der Arbeiter endete.[500]
+
+[Fußnote 488: Allg. Ztg. 6./9. 04.]
+
+[Fußnote 489: Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den
+Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg.
+5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (_Sayous_); auch in Cette
+und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).]
+
+[Fußnote 490: Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte
+sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen
+Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.]
+
+[Fußnote 491: Auf den Quais türmten sich die Warenmassen. Am 7./9.
+waren 176 Schiffe verschiedener Nationalitäten, die im Hafen lagen,
+außer Dienst gestellt, meist mit Warenladungen an Bord (Allg. Ztg. 8./9.
+04).]
+
+[Fußnote 492: _Sayous_; _P. Louis_, "Die Streiks in Frankreich", p.
+596.--v. _Reiswitz_ (p. 67), berechnet den direkten Schaden von Handel
+und Industrie durch den G-str. auf 100 Mill. Franken, was wohl eher zu
+hoch, als zu niedrig angenommen sein dürfte.]
+
+[Fußnote 493: Die einheimischen Dampferlinien wurden reduziert,
+ausländische drohten, bei weiterer Unsicherheit statt Marseille Genua
+anzulaufen (so die Peninsular & Oriental Steamship-Navigation Cie.); von
+Mitte Aug. bis Mitte Sept. hatte die Marseiller Schiffahrt "einen
+Ausfall von 250 000 Tonnen für die Einfuhr und 150 000 Tonnen für die
+Ausfuhr zu verzeichnen; sie verlor über eine Million an
+Staatssubventionen. Der Zoll hat um 3 Mill. weniger ergeben, als im
+gleichen Zeitraum des Vorjahrs" (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch 6. und
+13./9.); die Bank von Frankreich ließ 1500 unbezahlte Wechsel
+zurückgehen (Allg. Ztg. 3./9.).]
+
+[Fußnote 494: In Korsika war Mitte Sept. das kg Brot bereits von 30 auf
+50 Cts. gestiegen (Allg. Ztg. 13./9. 04).]
+
+[Fußnote 495: Am 10./9. beschlossen z.B. die Dock- und Hafenarbeiter
+die Wiederaufnahme der Arbeit bei denjenigen Firmen, die dem
+Arbeitgeberbund nicht angehörten, sowie die Unterstützung der
+ausständigen Kameraden durch ein Drittel des Lohns; am 26./9.
+arbeiteten, trotz offizieller Verwerfung des Schiedsspruchs, doch
+1000-1200 Docker, am 27./9. sogar 2500 Arbeiter im Hafen (vgl. Allg.
+Ztg. 11., 28., 29./9. 04).]
+
+[Fußnote 496: Vgl. _Sayous_; Allg. Ztg. 30./8., 13./9. 04.]
+
+[Fußnote 497: Allg. Ztg. 31./8. 04.]
+
+[Fußnote 498: Allg. Ztg. 30./8., 22./9. 04.]
+
+[Fußnote 499: Glaubte man den Konflikt endlich beigelegt, so wurden die
+Verhandlungen doch immer wieder abgebrochen. Am 19./9. beschloß der
+Ministerrat, neue Vermittlungsverhandlungen einzuleiten; am 22.
+unterwarfen sich die Docker sogar einem Schiedsgericht, dessen Urteil
+sie aber hernach doch nicht anerkannten, weil es den Unternehmern auch
+die Einstellung Unorganisierter gestattete usw. (vgl. Allg. Ztg. 14. und
+28./9. 04).]
+
+[Fußnote 500: Vgl. _v. Reiswitz_, p. 58.]
+
+§ 15. Schweiz.
+
+In der Schweiz wird der _Generalstreik_ fast ausschließlich von den
+Anarchisten propagiert,[501] hat aber in den Gewerkschaften keinen
+Boden.[502] Ebensowenig Anklang fanden die vereinzelten Empfehlungen
+des _politischen Massenstreiks_.[503] Der einzige schweizerische
+Ausstand, der mit einigem Recht als Klassenstreik bezeichnet werden
+dürfte, war ein Sympathiestreik nach französischem Muster; er fand
+bezeichnenderweise in _Genf_ statt.[504]
+
+[Fußnote 501: Vgl. den "_Weckruf_" z.B. vom 28. Mai 04.]
+
+[Fußnote 502: So lehnte z.B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in
+Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p.
+522).]
+
+[Fußnote 503: Arbeitersekretär _Grimm_ verwies in seinem Vortrag "Der
+politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks,
+z.B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das
+Sekretariat des _Schweizer. Gewerbevereins_ ("Begleiterscheinungen bei
+Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen
+Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen,
+da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und
+direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z.B. den Artikel "Im Prinzip", 15.
+Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).]
+
+[Fußnote 504: Vgl. über den G-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht
+des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes... für das
+Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der
+Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen)
+Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10.
+wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte
+am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich
+allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts
+mehr nützen konnte".]
+
+§ 16. Italien.
+
+Auch in Italien fand die anarchistische Generalstreikidee früh Eingang.
+Die _sozialistische Partei_ scheint sie ursprünglich freilich abgelehnt
+zu haben. Der reformistische Flügel (_Turati_, _Bissolati_ u. A.), wie
+auch die sozialistische Parlamentsfraktion beklagten lebhaft die
+"Torheiten" der sog. revolutionären Syndikalisten (_Labriola_ usw.), die
+seit dem Parteitag von Bologna "das Wunder der entschlossenen Tat und
+die Wahnidee von dem befreienden Handstreich"[505] predigten und ihre
+praktische Tätigkeit auf die Steigerung der "revolutionären Temperatur
+des Proletariats", "auf die psychologische und materielle Vorbereitung
+des Generalstreiks" reduzierten.[506] Derartige Theorien nahmen in den
+angeblich durch "Cliquen von Intellektuellen" beherrschten italienischen
+Gewerkschaften einen breiten Raum ein;[507] vor allem dominierten sie in
+der Mailänder Arbeitskammer.[508] Die sozialistische Partei lehnt heute
+den Klassenstreik übrigens auch nicht mehr unbedingt ab,[509] "die
+Hauptforderungen des Proletariats" sollen "event. auch durch den
+Generalstreik" erkämpft werden.[510] Aber auf dem Kongreß in Rom 1906
+verwarf sie ausdrücklich "den häufigen oder übertriebenen Gebrauch des
+Generalstreiks", sowie "die Verherrlichung der direkten Aktion, zur
+Diskreditierung, nicht zur Ergänzung der parlamentarischen Aktion".
+
+[Fußnote 505: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
+Italien".]
+
+[Fußnote 506: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom".]
+
+[Fußnote 507: _Bissolati_, "Die Krise in der italienischen
+Sozialdemokratie".]
+
+[Fußnote 508: Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich
+auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß
+bedingungsweise für den G-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p.
+282.).]
+
+[Fußnote 509: Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich
+zum G-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl. _Olberg_, "Die italienischen
+Wahlen", p. 278).]
+
+[Fußnote 510: _Olberg_, "Der Parteitag in Rom".]
+
+Trotz aller solcher Kongreßbeschlüsse lassen sich die italienischen
+Arbeiter aber nur allzu leicht hinreißen, eine partielle
+Arbeitsstreitigkeit durch Sympathieausstände zum Klassenstreik zu
+erweitern. Die umfangreichste derartige Unternehmung, ja, einer der
+größten Streiks der modernen Arbeiterbewegung überhaupt,[511] war der
+_Generalstreik vom September_ 1904.[512] Die Veranlassung desselben
+bildete das mehrmalige Einschreiten der Regierung bei Ausständen.[513]
+Am 11. Sept. 1904 erklärte ein Mailänder Meeting, das italienische
+Proletariat solle innerhalb acht Tagen mit einem Generalstreik gegen
+derartiges Blutvergießen protestieren, und die Mailänder Camera del
+Lavoro solle diesen Beschluß den übrigen Organisationen übermitteln. Die
+Nachricht von einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und
+Carabinieri[514] soll am 15. September "wie ein Donnerschlag" gewirkt
+haben.[515] Inmitten der allgemeinen Erregung übernahm das
+Exekutivkomitee der Mailänder Arbeitskammer die ihr am 11. September
+angebotene Führung und proklamierte noch am Abend des 15. September den
+sofortigen Ausstand sämtlicher Arbeiterkategorien Mailands, sowie einen
+dreitägigen Generalstreik in ganz Italien.[516] Ein gemeinsamer Aufruf
+des sozialistischen Parteivorstandes, der Parlamentsfraktion und des
+"Avanti" empfahl den Arbeitern die Beteiligung "als gesetzmäßigen und
+würdigen Ausdruck der Verurteilung jener Regierungsmethoden, die immer
+wieder den Brudermord erzeugen, und als feierlichen Akt der
+Klassenverteidigung des Proletariats und seines Rechtes auf das
+Dasein."[517] Sicherlich erwarteten die Syndikalisten vom Generalstreik
+einerseits die Bestätigung ihrer Theorie, andererseits die
+Wiederherstellung der Parteieinheit[518] oder den Sturz des
+Ministeriums. Es ist daher vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich, daß
+der "Protest gegen das vergossene Proletarierblut" ihnen nur als "causa
+occasionale",[519] als Vorwand zum Streikbeginn diente. Hingegen in den
+breiten Volksmassen dürfte doch wohl das ursprüngliche Gefühl der
+Empörung und Solidarität den Ausschlag gegeben haben.
+
+[Fußnote 511: _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 19;
+_Bourdeau_, p. 432.]
+
+[Fußnote 512: Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den
+konservativen Standpunkt vertretend, _Marazio_, "Il partito socialista
+italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt
+vertretend, insbes. _Olberg_, a. a. O. p. 18-24.]
+
+[Fußnote 513: Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich
+neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn
+die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen
+wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z.B. in Torre Annunziata, Berra,
+Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen
+Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).]
+
+[Fußnote 514: Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.]
+
+[Fußnote 515: _Olberg_ a. a. O.; vgl. auch _Leimpeters_, "Zum
+Generalstreik".]
+
+[Fußnote 516: So von den 2000 Teilnehmern der von der Arbeitskammer, im
+Einverständnis mit dem Segretariato della resistenza, einberufenen
+Generalversammlung, nach Anhörung von _Labriola_ und _Mocchi_,
+einstimmig beschlossen (vgl. auch _Bourdeau_, p. 433).]
+
+[Fußnote 517: Vgl. _Olberg_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 518: "La grève générale en Italie" ("Chronique" des Musée
+social, Nov. 04).]
+
+[Fußnote 519: So faßt es _Marazio_ auf (p. 135).]
+
+Die Arbeiter folgten dem Streikgebot rasch und in großer Zahl.[520] Es
+beteiligten sich Parteiangehörige und Mitglieder der Arbeitskammern,
+besonders zahlreich auch die Unorganisierten,[521] im ganzen eine
+Million Menschen,[522] deren Ausstand den "Eindruck eines
+Elementarereignisses" gemacht haben soll.[523] Nur die Eisenbahner
+fehlten fast vollständig,[524] "sebbene i socialisti li pregassero e li
+scongiurassero a fare causa comune con essi".[525] Der Grund für diese
+Zurückhaltung wird teils in der außerordentlichen Tragweite eines
+Eisenbahnerausstandes erblickt (die Beteiligung der Eisenbahner sei
+deshalb unterblieben, weil sich die Bedeutung der ganzen Bewegung nicht
+gleich von Anfang an habe übersehen lassen),[526] teils in der
+Schwierigkeit rascher Inszenierung (da die Eisenbahner zwei
+verschiedenen Organisationen angehörten), teils in der Drohung mit
+"Militarisation" seitens der Regierung,[527] teils in der Rücksichtnahme
+auf eine bereits begonnene Lohnbewegung, deren in Aussicht stehende
+Früchte durch die Beteiligung der Eisenbahner am Generalstreik aufs
+Spiel gesetzt worden wären.[528]
+
+[Fußnote 520: Noch am gleichen Abend brach der allgem. Streik in Monza
+aus (ca. 7000 Teilnehmer); in Mailand streikten vom 16.-21./9. 80-100
+000 Arbeiter (dort hatten nämlich zwei Monstreversammlungen am 16./9.
+die Fortsetzung des Streiks beschlossen); vom 17.-19. streikten in Genua
+Hafen-, Gas-, Elektrizitäts-, Nahrungsmittelarbeiter; in Rom alle
+Arbeiter, exkl. Gasarbeiter (vgl. _Olberg_, a. a. O.; nach der Allg.
+Ztg. streikten hauptsächlich Trambahner und Kutscher); G-str. in Turin;
+am 17. wurde der G-str. in Forte, Terni, Ancona, Bologna, Forli erklärt;
+Forli, Florenz, Neapel (ca. 12 000 Teilnehmer) proklamierten nur eine
+eintägige Demonstration; in Como streikten ca. 10 000, in Bari ca. 4000,
+in Ligurien ca. 120 000 Arbeiter, in der Prov. Mantua ca. 120 000
+Feldarbeiter (vgl. _Olberg_ a. a. O.).]
+
+[Fußnote 521: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena, 05, p. 306).]
+
+[Fußnote 522: Vgl. _Bourdeau_, p. 433.]
+
+[Fußnote 523: _Olberg_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 524: Die Eisenbahner streikten nur in Neapel und in Siena
+(vgl. _Olberg_ a. a. O., und Musée sociale, "Chronique", IX, Nr. 11, p.
+465).]
+
+[Fußnote 525: Vgl. _Marazio_, p. 176.]
+
+[Fußnote 526: _Olberg_, a. a. O., und "Nachträgliches zum
+Eisenbahnerstreik", p. 380.]
+
+[Fußnote 527: Musée sociale, a. a. O.]
+
+[Fußnote 528: Vgl. _Marazio_, p. 176, 113-136; _Olberg_, a. a. O.]
+
+Die _unmittelbare Wirkung_ des Streiks war eine "schwere Erschütterung
+des öffentlichen Lebens".[529] Der Lokalverkehr in den Städten war
+unterbunden,[530] die Zeitungen fehlten,[531] die Lebensmittelversorgung
+versagte,[532] die Beleuchtung litt.[533] Es kam auch wiederholt zu
+Ruhestörungen, die vor allem in Mailand und Genua recht ernste Formen
+annahmen.[534] Bei der Verübung von allerlei Unfug[535] sollen übrigens
+weniger die Arbeiter, als allerhand zweifelhafte Existenzen beteiligt
+gewesen sein.[536] Auch scheint sich die Bewegung, berücksichtigt man
+ihre außerordentliche Ausdehnung, im allgemeinen in den Grenzen des
+Zulässigen gehalten zu haben.[537] Dieser relativ friedliche Verlauf mag
+teils der Reserve zu danken sein, die sich die Regierung
+auferlegte,[538] teils den Bemühungen der Arbeiterführer um die
+Aufrechterhaltung der Ordnung.[539] Dies alles vermochte aber nicht die
+steigende Mißstimmung über die aus dem Streik erwachsenden
+Unannehmlichkeiten zu dämpfen. Die Bürgerschaft begann, den Verhaftungen
+Beifall zu spenden.[540] Vor allem fühlte man sich, und zwar auch in
+sozialistischen Kreisen,[541] durch das Benehmen der Syndikalisten
+verletzt, die in Mailand eine Art "Diktatur des Proletariats"
+inszenierten: die dortige Arbeitskammer soll sich der öffentlichen
+Gewalt bemächtigt haben;[542] sie habe "die groteske Parodie einer
+provisorischen Regierung, die Ukase ausgab", errichtet, und sie habe der
+streikenden Masse eingeredet, daß sie "die absolute Herrin der Nation"
+geworden sei,[543] sodaß "ganz Mailand fünf Tage lang nach der Pfeife
+der Arbeiter tanzte und tanzen mußte".[544]
+
+[Fußnote 529: Allg. Ztg. 26./9. 04. An 900 Orten stockte das
+Wirtschaftsleben (vgl. _Bourdeau_, p. 433, bes. auch _Marazio_, p.
+142-150).]
+
+[Fußnote 530: Weder Tram noch Wagen zirkulierten (in Mailand vom
+16.-21./9.; in Rom usw.); selbst Leichenzüge und Krankenwagen sollen
+behindert gewesen sein (_Bourdeau_, p. 433).]
+
+[Fußnote 531: In Mailand erschien fünf Tage lang nur das Bolletino
+dello sciopero, so daß der "Corriere della Sera" bei seinem
+Wiedererscheinen "den unter nichtigen Vorwänden erlassenen
+Ausstandsbefehl ein unwürdiges Attentat auf die Preßfreiheit" nannte
+(vgl. Allg. Ztg. 23./9.).]
+
+[Fußnote 532: In Rom, Genua usw. trat Fleisch- und Brotknappheit ein,
+die sich in raschem Hinaufschnellen der Preise zeigte; in Sampierdarena
+stieg das Kilogramm Brot auf 0,80, in Genua sogar auf 1,60 Lire, so daß
+Schiffszwieback als Surrogat gegessen wurde. Übrigens durften
+z.B. in Ravenna, laut Dekret der dortigen Arbeitskammer, die
+Lebensmittelverkäufer bis 10 Uhr vormittag ihre Läden offen halten,
+sofern kein Ladenpersonal Verwendung fand; die Arbeitskammer von
+Sampierdarena empfahl den Milchhändlern die Weiterlieferung
+an Kinder und Kranke; der Mailänder Streikbeschluß nahm die
+Genossenschaftsbäckereien für die Versorgung der Arbeiter von der allg.
+Arbeitsruhe aus (vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str." p. 19, 20; 24; Allg.
+Ztg. 17./9. 04; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883.).]
+
+[Fußnote 533: Die Beleuchtung fehlte in Genua drei Tage lang (_Olberg_,
+a. a. O.); in Mailand ging am 18. der Gasvorrat zu Ende, sodaß ein Teil
+der Stadt abends im Dunkel lag. Ähnlich stand es in Venedig (vgl. den
+Brief des Sindaco di Venezia an den Ministerpräsidenten, worin die
+Zustände während des Streiks geschildert werden, cit. bei _Marazio_, p.
+143).]
+
+[Fußnote 534: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278. In Mailand
+schlossen sich am 17. an eine Demonstration vor der Kathedrale Tumulte
+an; am 19., wo sich die Stadt "vollständig in den Händen des Mob"
+befunden haben soll, schritt die Polizei ein (Allg. Ztg. 21./9.); in
+Sestri Ponente war es schon am 15./9., vor Ausbruch des Streiks,
+anläßlich einer Protestversammlung wegen der Ereignisse in Buggerru, zu
+blutigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Polizei gekommen; in
+der Nacht vom 16.-17./9. ereigneten sich ähnliche Zwischenfälle in
+Genua, die sich in der folgenden und, etwas schwächer, auch noch in der
+übernächsten Nacht wiederholten.]
+
+[Fußnote 535: Zertrümmern von Fensterscheiben, Löschen und Umstürzen
+der Straßenlaternen, Versuche, den Eisenbahn- und Telephonbetrieb zu
+stören, Erzwingung der Schließung von Läden, sogar von Apotheken,
+Zusammenstöße mit den Geschäftsleuten, Belästigung Arbeitswilliger,
+Hinderung des Tramverkehrs.]
+
+[Fußnote 536: Besonders dort, wo der Streik erst nachträglich
+proklamiert wurde, sollen ihn Anarchisten und Verbrecher zur Förderung
+ihrer Sonderinteressen benutzt haben; es begingen in Neapel am 19./9.
+"der Pöbel und Strafentlassene Personen" Ausschreitungen und richteten
+einige unerhebliche Schäden an", worauf die Polizei eingriff (Allg. Ztg.
+21./9. 04; vgl. auch _Marazio_, p. 162).]
+
+[Fußnote 537: Freilich soll nach dem Journal des Débats vom 12. Oktober
+04 (cit. bei _Bourdeau_, p. 433) in Venedig die für Kinder und Kranke
+bestimmte Milch in den Kanal gegossen worden sein; dies dürfte aber ein
+Ausnahmefall sein; im allgemeinen wurde friedlich demonstriert, bei
+guter Disziplin, was nicht nur von sozialistischer Seite bezeugt wird
+(vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str."; _Turati_, "Lehren u. Folgen des
+G-streiks in Italien"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22
+ff.), sondern mir, bezgl. Florenz, auch von einem uninteressierten
+Augenzeugen bestätigt wurde; ähnl. auch Allg. Ztg. 21./9. 04.]
+
+[Fußnote 538: Dies zeigte sich z.B. in der vorsichtigen Haltung des
+Mailänder Präfekten. Polizei und Militär handhabten die Waffen "mit
+großer Mäßigung", wie von sozialistischer Seite ausdrücklich anerkannt
+wurde (_Olberg_, p. 24; _Bernstein_, a. a. O.; vgl. ferner Allg. Ztg.
+20./9. 04).]
+
+[Fußnote 539: In Volksversammlungen wurde zur Ruhe gemahnt (z.B. am
+16. in Mailand durch _Rigola_, _Taroni_, _Turati_), ebenso in den
+Aufrufen (z.B. forderte die Arbeitskammer von Genua auf, "mit den
+Urhebern von Gewalttaten nicht gemeinsame Sache zu machen"); auch
+organisierte die Mailänder Arbeitskammer am 17. einen Sicherheitsdienst
+durch Veloziped-Patrouillen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während
+der Nacht (vgl. Allg. Ztg. 20./9. 1904).]
+
+[Fußnote 540: Vgl. _Turati_, cit. bei _Bourdeau_, p. 434; Musée
+sociale, "Chronique", IX. année, Nr. 11, p. 485.]
+
+[Fußnote 541: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom"; _Turati_, "Lehren
+und Folgen des G-streiks in Italien".]
+
+[Fußnote 542: _Bourdeau_, p. 433; Musée sociale, a. a. O. p. 484, 485;
+_Bissolati_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 543: Sobald die Verhältnisse übrigens die Beendigung des
+Streiks erforderten, wurde "die absolute Herrin der Nation" mit der
+Bemerkung heimgeschickt, es habe sich nur um einen ersten proletarischen
+Mobilisierungsversuch gehandelt (vgl. _Turati_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 544: "Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9.
+04).]
+
+Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik
+getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben
+diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber
+es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare
+Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der
+Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums,
+oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all
+dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein
+Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge
+fehlte".[545] Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über
+die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz
+leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die
+Bürgermeister von Mailand (_Barinetti_) und Turin (_Frola_) an den
+Ministerpräsidenten _Giolitti_ und erhielten von ihm die Zusicherung,
+daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei
+friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur
+Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure
+sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546] Es gehört wirklich eine
+ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um
+von dieser "nichtssagenden Erklärung",[547] diesem "ausgepusteten
+Ei",[548] diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch
+eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form
+kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens
+der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549] Als _Barinetti_
+das Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich
+die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die
+Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und
+forderte _Giolittis_ Demission.[550] Nachdem aber 25 Deputierte der
+äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand
+beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach
+Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die
+Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen
+Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer
+zufrieden,[551] so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch
+möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552]
+
+[Fußnote 545: _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958.]
+
+[Fußnote 546: Allg. Ztg. 20. und 26./9. 04; Musée soc., a. a. O. p.
+483, 484; _Bourdeau_, p. 434.]
+
+[Fußnote 547: _Bömelburg_, (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 220).]
+
+[Fußnote 548: _Leimpeters_, "Zum G-str.", p. 883.]
+
+[Fußnote 549: _Marazio_, p. 158.]
+
+[Fußnote 550: Allg. Ztg. 20./9. 04.]
+
+[Fußnote 551: Da sie sich wohl der Nutzlosigkeit eines
+Fortsetzungsversuches bewußt war, so empfahl sie die Wiederaufnahme der
+Arbeit für den 19., welcher Beschluß am 18. den übrigen Arbeitskammern
+Italiens mitgeteilt wurde. Nur in Mailand selbst verschob ein
+Volksversammlungsbeschluß die Wiederaufnahme der Arbeit noch bis auf den
+21., und auch in Neapel dauerte der Streik (der Lokomotivführer und
+Heizer) noch einige Zeit.]
+
+[Fußnote 552: _Bissolati_, a. a. O.]
+
+Der Streik endete im allgemeinen so rasch, wie er begonnen hatte. Die
+Arbeit wurde ohne belangreiche Schwierigkeiten wieder aufgenommen.[553]
+Trotzdem legte der Streik dem Proletariat "Riesenopfer", "ungeheure
+materielle Opfer" auf.[554] Der sogenannte Erfolg des Proletariats war
+also reichlich teuer erkauft.
+
+[Fußnote 553: _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 71; _Olberg_, p.
+19, 24; _Bourdeau_, p. 433.]
+
+[Fußnote 554: _Leimpeters_, p. 883; _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p.
+278. 6 Personen wurden infolge des Streiks durch die bewaffnete Macht
+getötet (4 in Genua, je 1 in Turin und Neapel); dazu zahlreiche
+Verwundungen, Verhaftungen, einige Hunderte von Verurteilungen.]
+
+Und auch die Nachwirkungen des Ausstands ergeben keine günstigere
+Bilanz. Die nur schwach besuchte Versammlung der äußersten Linken war
+wenig erfolgreich,[555] da der Streik die linksliberalen Parteien
+verstimmt, weite Kreise aber geradezu empört hatte.[556] Auf deren
+Drängen löste die Regierung die Kammer auf und setzte die Neuwahlen
+schon für den 6. November an.[557] Diese, noch unter dem frischen
+Eindruck des Streiks vorgenommen, hatten natürlich eine Stärkung der
+Rechten zur Folge.[558] Kammer und Senat mißbilligten auf's
+Entschiedenste die Zurückhaltung der Regierung während des Streiks.[559]
+_Giolitti_, der bereits im Wahlaufruf der Regierung den Generalstreik
+einen "abuso di libertà" genannt hatte, versprach, die Angestellten der
+Eisenbahnen und der unentbehrlichsten "pubblici servizi" im Streikrecht
+zu beschränken.[560] Dementsprechend verfuhr er in seinem Entwurf für
+den Eisenbahnrückkauf. Die Eisenbahner wehrten sich durch die originelle
+Erfindung der "_Dienstobstruktion_", die am 26. Februar 1905 begann und
+erst am 5. März, nach _Giolittis_ Rücktritt, beendet wurde.[561] Aber
+die Verstaatlichungsvorlage seines Nachfolgers (_Fortis_) entzog den
+Eisenbahnern durch Verleihung der Beamtenqualität[562] ebenfalls das
+Streikrecht. Die Vorlage wurde von der Kammer angenommen, obgleich die
+Eisenbahner ihren Protest durch einen allgemeinen Ausstand zum Ausdruck
+brachten.[563] Dieser Entwicklung der Dinge entsprach es auch, daß trotz
+_Giolittis_ Zusage wieder Militär bei Streiks zur Verwendung kam.[564]
+Den Folgen auf parlamentarischem Gebiet entsprachen die auf kommunalem.
+Alle Städte, in denen die Sozialisten auch nur 24 Stunden regiert
+hatten, sollen sich von ihnen abgewandt haben; besonders verloren sie
+auch ihre Herrschaft im Mailänder Gemeinderat,[565] und viele
+Kommunalverwaltungen entzogen alsbald den Arbeitskammern die bisher
+gewährte Unterstützung.[566]
+
+[Fußnote 555: Allg. Ztg. 26./9. 04.]
+
+[Fußnote 556: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom", und "Das Ergebnis
+der ital. Wahlen", p. 958; _Marazio_, p. 168, sagt: "lo sciopero
+generale colmò la misura, e destò un così vivo e profondo sdegno nella
+pubblica opinione, da indurla a mandare un grido d'orrore contro il
+governo, che aveva lasciato passare la furia devastatrice senza farle
+argine".]
+
+[Fußnote 557: Vgl. _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p.
+380; _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; _Turati_, a.
+a. O.]
+
+[Fußnote 558: _Turati_, a. a. O.; _Bissolati_, a. a. O.; _Bömelburg_,
+a. a. O. Es hatte sich infolge des G-streiks das in der Bildung
+begriffene Kartell der Volksparteien gelöst; Radikale und Sozialisten
+schritten also getrennt zur Wahl; übrigens behaupteten die Sozialisten
+die Zahl ihrer Mandate (soweit dieselben selbständig erworbene waren,
+vgl. _Marazio_, p. 162), verdoppelten auch die Zahl ihrer Stimmen von
+164 946 (1900) auf 316 000 (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 88); von einem
+Vergleich mit den Ergebnissen der dazwischenliegenden Erneuerungswahlen,
+deren Zahlen auf Grund von Wahlkompromissen unverhältnismäßig
+angewachsen sein sollen, sei abzusehen (vgl. _Olberg_, "Die ital.
+Wahlen").]
+
+[Fußnote 559: _Marazio_, p. 160, 173, 174.]
+
+[Fußnote 560: vgl. _Marazio_, p. 170; _Turati_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 561: Rdsch. Soz. Mh. April 05, p. 345; _Lerda_, "Ostruzionismo
+ferroviario e politica proletaria", p. 376.]
+
+[Fußnote 562: _Marazio_, p. 177 ff.; _Olberg_, "Nachträgliches zum
+Eisenbahnerstreik", p. 380.]
+
+[Fußnote 563: Der Ausstand begann am 17. April und brach nach Annahme
+des Entwurfs in der Kammer sofort zusammen; offiziell wurde er übrigens
+erst am 21. April für beendet erklärt, nachdem die Versuche, die andern
+Gewerkschaften, besonders Tram- und Gasarbeiter zum Eintritt in einen
+allgem. Streik zu bewegen, völlig gescheitert waren (vgl. Rdsch. Soz.
+Mh. 05, p. 557-558; Soz. Praxis 1905; _Marazio_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 564: 1905 z.B. soll abermals eine solche "Metzelei" (vgl.
+_Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 306) stattgefunden haben. Auch bei
+dem eintägigen G-str., der am 10. Mai 06 aus Sympathie für streikende
+Turiner Baumwollarbeiter in einer größeren Zahl der bedeutendsten Städte
+Italiens ausbrach, kam es zu Zusammenstößen mit dem Militär (Soz. Prx.
+17./5. 1906, Sp. 863). Auch der kurze Generalstreik vom Oktober 1907
+(hauptsächlich in Mailand und Bologna) führte zu Zusammenstößen.]
+
+[Fußnote 565: _Bourdeau_, p. 434.]
+
+[Fußnote 566: _Turati_, a. a. O.]
+
+In materieller Hinsicht stellt der italienische Generalstreik also
+zweifelsohne eine "total verkrachte Aktion"[567] dar. Steht diesem
+Nachteil aber wirklich wenigstens ein "rein ideeller Vorteil"[568]
+gegenüber? Ein positiver Gewinn, wenn auch nur an Imponderabilien, wird
+in der Tatsache gefunden, daß der Generalstreik dazu beigetragen haben
+soll, "die Methode der Reformisten klar zu legen und dadurch zu
+stärken".[569] Zwar gelang es ihm nicht, das Proletariat vor einem
+weitern Fehlgriff, dem Eisenbahnerstreik 1905, zu bewahren. Immerhin
+schädigte er, als abschreckendes Beispiel, das Renommee der
+Syndikalisten und trug vielleicht auch einiges zum "Sieg" der
+Reformisten auf dem Parteitag in Rom bei. Man hat ferner auch darin
+einen Gewinn finden wollen, daß der Generalstreik, als schärfste
+Veranschaulichung des Klassenkampfs, die Partei von allen
+Gefühlssozialisten und kleinbürgerlichen Mitläufern gereinigt habe, so
+daß sie nun nur noch aus erprobten und zuverlässigen Klassenkämpfern
+bestehe; oder daß der Generalstreik das Solidaritätsgefühl, indem er es
+"vor eine Feuerprobe stellte", "unermeßlich" gesteigert habe;[570] der
+Generalstreik sei die "feierliche Mündigkeitserklärung" des
+italienischen Proletariats[571] und er bedeute, weil er sich wiederholen
+könne und wiederholen müsse,[572] eine nützliche "Drohung für die
+herrschenden Klassen".[573] Doch können solche Konstruktionen über den
+tatsächlichen Mißerfolg nicht hinwegtäuschen. Wenn man auch dem
+italienischen Generalstreik, dieser "grandiosa dimostrazione della forza
+proletaria",[574] die ihre Wurzel im moralischen Empfinden, im
+Solidaritätsgefühl von Hunderttausenden hatte, eine gewisse Bewunderung
+nicht versagen kann, so muß man sie doch, vom objektiven Standpunkt aus
+als eine vergebliche und schädliche Unternehmung aufs Tiefste bedauern.
+-- Der Generalstreik-Agitation im Herbst 1907 gegenüber hat das
+italienische Proletariat übrigens viel Zurückhaltung gezeigt. Es darf
+hieraus wohl geschlossen werden, daß die harte Lehre des Jahres 1904
+nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.[575]
+
+[Fußnote 567: _Leimpeters_, a. a. O.; ähnl. Allg. Ztg. 20./9. 04.]
+
+[Fußnote 568: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]
+
+[Fußnote 569: _Turati_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 570: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]
+
+[Fußnote 571: "Vorwärts", cit. bei v. _Reiswitz_, p. 78.]
+
+[Fußnote 572: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]
+
+[Fußnote 573: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]
+
+[Fußnote 574: Aus der Erklärung einer Versammlung von 1500
+Unteroffizieren im Okt. 1905 über den G-str. von 1904 (cit. bei
+_Marazio_, p. 97).]
+
+[Fußnote 575: Große Zurückhaltung gegenüber den Generalstreik-Tendenzen
+bewies z.B. auch der Kongreß der lavoratori della terra vom März 1908
+("mentre non esclude la possibilità dello sciopero generale in
+determinate circostanze, lo esclude però nel caso presente"; vgl. "Il
+lavoro", Genua, 10. März 1908).]
+
+§ 17. Spanien.
+
+So oft in Spanien ein Streik ausbricht, suchen sich die Anarchisten
+seiner zu bemächtigen[576] und ihn zum Generalstreik zu erweitern, wobei
+es wegen ihrer "violence sauvage"[577] in der Regel zu blutigen Tumulten
+kommt. Die spanischen Sozialisten halten sich daher auch von allen
+derartigen Unternehmungen möglichst fern.[578]
+
+[Fußnote 576: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte
+und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"
+stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]
+
+[Fußnote 577: P. _Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 296.]
+
+[Fußnote 578: Vgl. _Iglesias_ (Enquête). Die spanische Literatur war
+mir leider unzugänglich. Die Sozialdemokratie Spaniens beteiligte sich
+nur ausnahmsweise beim G-str. der Minenarbeiter in Bilbao, 1903
+(_Roland-Holst_, a. a. O. p. 18); von anarchistischer Seite wird
+behauptet, daß derselbe "nach 4tägiger Dauer mit dem vollständigen Sieg
+der Arbeiter endigte" (vgl. "Antimilitarismus und G-str.", Beilage zu
+Nr. 11 der "_Wahrheit_"), was aber doch wohl zweifelhaft erscheint.]
+
+Der bedeutendste der spanischen Generalstreiks dürfte wohl der
+_Generalstreik in Barcelona vom Februar 1902_ gewesen sein. Etwa 100 000
+Metallarbeiter streikten für den Neunstundentag.[579] Als der Streik
+nach mehrwöchentlicher Dauer zu scheitern drohte, riefen die
+Gewerkschaftsführer, trotz Abratens seitens der Sozialdemokratie,[580]
+das gesamte Proletariat von Barcelona zum Ausstand auf. Diesem Rufe
+wurde in weitestem Maße Folge geleistet. Unter Führung der Autonomisten
+und Anarchisten[581] griffen die Streikenden die Gas- und Wasserwerke
+an, "raubten die Bäckereien, Keller, Getreidehandlungen,
+Lebensmittelläden aus, verhinderten die Verproviantierung mit Brot und
+Fleisch. Sie waren während eines Tages die Herren der ganzen Stadt und
+begingen alle möglichen Ausschreitungen und Gewaltsamkeiten." Natürlich
+schritt die bewaffnete Macht ein, und die Folge des Ausstands war eine
+Gefährdung des Koalitionsrechts.[582]
+
+[Fußnote 579: Rdsch. Soz. Mh. April 02, p. 315.]
+
+[Fußnote 580: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte
+und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"
+stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]
+
+[Fußnote 581: _Bebel_, a. a. O. p. 305; _Bourdeau_, p. 431.]
+
+[Fußnote 582: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte
+und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"
+stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]
+
+Einen eigentümlichen und von der üblichen spanischen Manier ganz
+abweichenden, eintägigen Klassenstreik soll die sozialdemokratische
+Partei zusammen mit dem "Allgemeinen Arbeiterbund" am 20. Juli 1905 (?)
+veranstaltet haben, um den bis dahin erfolglosen Forderungen nach
+Herabsetzung der hohen Lebensmittelpreise Nachdruck zu verleihen. Es
+heißt, daß 100 000 Arbeiter die Arbeit verlassen hätten, um zu
+protestieren, und daß Tausende von Arbeitslosen sich den öffentlichen
+Kundgebungen anschlossen.[583]
+
+[Fußnote 583: Juan A. _Melia_, "Der Sozialismus in Spanien".]
+
+§ 18. Holland.
+
+Auch in Holland hängt die Generalstreik-Propaganda mit der
+bezeichnenderweise großenteils anarchistischen Gewerkschaftsbewegung
+zusammen. Domela _Nieuwenhuis_ übte mit seinen abenteuerlichen
+Generalstreikplänen eine ziemlich große Anziehungskraft auf das
+holländische Proletariat aus[584] Gerade der Generalstreikidee dankte
+die holländische anarchistische Bewegung, die "seit 1896 und 1897 fast
+vollständig daniederlag", Neuerweckung und neue Lebenskraft.[585] Erst
+das Fiasko des _Generalstreiks im April 1903_ gab "dem Glauben an die
+Wirksamkeit dieses Kampfmittels einen starken Stoß."[586]
+
+[Fußnote 584: Das ungenügende Wahlrecht sei Schuld an dem geringen
+politischen Verständnis und also auch an der anarchistischen Disposition
+des holländischen Proletariats (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die
+Niederlage der Arbeiter in Holland", und "Zur Lage in Holland").]
+
+[Fußnote 585: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
+Kampfmittel", p. 194.]
+
+[Fußnote 586: Dr. Gust. _Mayer_, "Der internationale
+Sozialistenkongreß", p. 446. Die Anarchisten hätten gesucht, aus dem
+glücklichen Eisenbahnerstreik im Jan. 1903 "für sich Kapital zu
+schlagen" (vgl. _Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland",
+p. 656); sie trügen auch die Hauptschuld an dem verhängnisvollen
+Aprilstreik.]
+
+Die holländischen Eisenbahner hatten im Januar 1903 zur Unterstützung
+streikender Amsterdamer Hafenarbeiter einen umfangreichen und
+bedeutenden Ausstand durchgeführt.[587] Der Hafenarbeiterstreik war
+ausgebrochen, weil die Docker den Ausschluß der Nichtorganisierten, der
+ihnen von den Unternehmern zuvor versprochen worden war, vergeblich
+verlangt hatten. Aus Solidarität mit den Hafenarbeitern boykottierten
+nun die Eisenbahner die von Arbeitswilligen beladenen Wagen, worauf
+einige Eisenbahner entlassen wurden. Da traten die Eisenbahner
+am _29. Januar_ in einen _Sympathiestreik_, stellten aber zugleich
+auch eigene ökonomische Forderungen, und zwar vereinigten sich die
+antiparlamentarische "Föderation" und die sozialdemokratische
+Gewerkschaft, die sich bis anhin bekämpft hatten, zu gemeinsamem
+Vorgehen. Viele Unorganisierte schlossen sich der Bewegung an. In und um
+Amsterdam, also auch auf den internationalen Linien, ruhte der Verkehr
+vollständig. Die Eisenbahner des ganzen Landes hielten sich überdies zum
+Anschluß an den Streik bereit. Diese plötzliche und beängstigende
+Verkehrserschütterung bewog die Eisenbahngesellschaften alsbald zu
+Konzessionen.[588] Der Sieg der Eisenbahner und der sich anschließende
+Erfolg des Hafenarbeiterstreiks bewirkte ein lebhaftes Wachstum der
+Organisationen. Unter Einfluß der anarchistischen Agitation entwickelte
+sich bei den Arbeitern aber auch zugleich eine starke Überschätzung
+ihrer tatsächlichen Macht, was ihnen in den folgenden Kämpfen noch
+verderblich werden sollte. Die Empörung der übrigen Gesellschaftskreise
+über die Wirkungen des Januarstreiks und die Besorgnis vor der
+Wiederholung einer solchen gefährlichen Verkehrsstockung
+kristallisierten sich nämlich alsbald in einer Ausstandsvorlage, die
+nicht nur die Schaffung einer Eisenbahnbrigade vorsah, sondern auch den
+Streik der Angestellten der öffentlichen Verkehrsanstalten, speziell den
+Streik der Eisenbahner, zur strafbaren Handlung stempelte.[589] Noch
+kurz vor Erscheinen der Vorlage, am 20. Februar 1903, bildete sich ein
+proletarisches Schutzkomitee,[590] das eine energische Agitation über
+das ganze Land hin entfaltete.[591] Doch weder die zahlreichen
+Demonstrationen, noch die sozialdemokratische Interpellation in der
+Kammer erreichten mehr, als eine gewisse Milderung der Vorlage,[592]
+deren Sieg so gut wie gewiß war. Verständnislos für die Bedeutung des
+parlamentarischen Kampfes, im Vertrauen auf die "revolutionäre Energie
+der Massen" und die im Januarstreik erfahrene Nachgiebigkeit der Gegner,
+beschloß nun die Versammlung der Verbands- und Vereinsvorstände, trotz
+der sozialdemokratischen Warnungen, für den 5. April den allgemeinen
+Ausstand sämtlicher bei der Beförderung von Waren und Personen
+beschäftigter Arbeiter. Man wollte hierdurch die Eisenbahngesellschaften
+zu wirtschaftlichen Konzessionen, vor allem aber die Regierung zur
+Zurücknahme der Streikvorlage nötigen. Der Ausstand begann auch
+sogleich, aber von einer Allgemeinheit der Arbeitsniederlegung war gar
+keine Rede.[593] Noch weniger kam es zu einer allgemeinen
+Verkehrsstockung, da zahlreiche Ausständige, aus Furcht vor der in
+Aussicht gestellten sofortigen Entlassung, schon am 7. April zur Arbeit
+zurückkehrten. Den Eisenbahngesellschaften standen überdies in den
+"Ordnungsbünden", den christlichen Gewerkschaften und im Militär
+genügend Arbeitswillige zur Verfügung.[594] Der Eisenbahnbetrieb wurde
+immer regelmäßiger,[595] der Streik immer schwächer. Daher konnte die
+Arbeitervertretung, als sie am 9. April mit den Eisenbahngesellschaften
+über die Beendigung des Streiks zu unterhandeln suchte, auch absolut
+keine Bedingungen stellen. Ebensowenig waren die übrigen
+Transportarbeiterstreiks[596] und etliche andere Hilfs-Streiks[597] dazu
+angetan, das öffentliche Leben und die Abgeordneten zu erschüttern.
+Schon begannen die Spezialdebatten über die gefürchtete Vorlage; die
+Zeit drängte. In dieser Not proklamierte das Schutzkomitee zur
+Unterstützung des bereits verlöschenden Eisenbahnerausstands den
+_Generalstreik_ für alle Betriebe des ganzen Landes. Aber nur zirka 60
+000 Mann folgten dem Gebot.[598] Die Hälfte hiervon stellte Amsterdam,
+wo sich die Wirkungen des Ausstands daher auch am meisten fühlbar
+machten.[599] In den übrigen Orten, wo es nur zu vereinzelten Streiks
+kam,[600] ergab sich überhaupt keine wesentliche Beeinträchtigung des
+sozialen Daseins. Ob der Generalstreik bei längerer Dauer noch an
+Ausdehnung gewonnen hätte,[601] ist äußerst fraglich. Zwar protestierte
+eine Amsterdamer Massenversammlung mit vielem Lärm gegen den
+Beendigungsbeschluß, den das Schutzkomitee am 10. April mit Rücksicht
+auf die Annahme der Vorlage (in der zweiten Kammer, mit 81 gegen 14
+Stimmen) und auf das sofortige Inkrafttreten des neuen Gesetzes faßte.
+Doch schon am folgenden Tag meldeten sich die noch Ausständigen wieder
+zur Arbeit. Die Bewegung war gescheitert.
+
+[Fußnote 587: Vgl. über die holländische G-streikbewegung: _Gorter_ a.
+a. O.; _Roland-Holst_, a. a. O., und "G-str. und Sozd.", p. 121 ff.;
+_van der Goes_, "Die beiden Tendenzen in Holland und der Parteitag zu
+Utrecht"; _Vliegen_, a. a. O.; Allg. Ztg. 1903.]
+
+[Fußnote 588: Insbesondere versprachen sie Anerkennung der
+Arbeiterorganisationen; vorläufige Suspendierung der Arbeit in dem
+boykottierten Hafen, bei weiterer Entlohnung der dort angestellten
+Arbeiter und Unterhandlungen mit der Regierung zwecks Streichung der
+bedingungslosen Güterbeförderungspflicht aus dem Eisenbahnreglement.]
+
+[Fußnote 589: Diese Vorlage habe das Streikrecht von 20 000 Arbeitern
+bedroht (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter
+in Holland").]
+
+[Fußnote 590: Das Komitee enthielt je 2 Vertreter der Hafenarbeiter und
+der Eisenbahner, je 1 Vertreter des "nationalen Arbeitssekretariats",
+der "freien Sozialisten" und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei,
+vorwiegend Anarchisten und Antipolitiker.]
+
+[Fußnote 591: Diese erreichte am 3. März ihren Höhepunkt: im ganzen
+Lande fanden gleichzeitige Protestversammlungen gegen die
+Ausstandsvorlage mit ca. 50 000 Teilnehmern statt.]
+
+[Fußnote 592: Das Strafmaß wurde herabgesetzt, so daß der
+Eisenbahnerstreik nur noch als politisches Delikt galt; zugleich wurde
+die Schaffung eines Schiedsgerichts vorgesehen. Die abgeänderte Vorlage
+ging schon Ende März der Kammer zu; dort bekämpfte sie _Troelstra_
+(S.D.) als einen Angriff auf die Arbeiterorganisationen; alle übrigen
+Parteien hielten zur Regierung.]
+
+[Fußnote 593: Trotz der schon im Februar von den Eisenbahn- und
+Transportarbeitern erklärten, von der Sektion Haag des Allg. Verbandes
+der Eisenbahn- und Straßenbahnangestellten wiederholten
+Streikbereitschaft, trotz des fast einmütigen Streikbeschlusses der
+Amsterdamer Eisenbahnerversammlung vom 2. April war die Beteiligung
+schwach. Die Versammlung der Ausständigen am Abend des 6. April war
+schlecht besucht.]
+
+[Fußnote 594: Die Eisenbahngesellschaften waren durch die Drohungen der
+Arbeiter seit Wochen gewarnt und hatten sich vorbereitet. Der Postdienst
+wurde durch Automobile besorgt, der Postverkehr mit dem Ausland durch
+militärisch bedeckte Züge; in beschränktem Maß wurde auch der
+Personenverkehr aufrecht erhalten; die Verkehrsreduktion überstieg
+überhaupt nicht 25%.]
+
+[Fußnote 595: Am 8. April fehlten nur noch Rangierer und
+Weichensteller; für den 9. zeigten die holländ. Eisenbahngesellschaften
+den ausländischen Bahnen auch die Wiederaufnahme des
+Güterdurchgangsverkehrs an.]
+
+[Fußnote 596: Nur einen Tag lang streikte das Personal der
+Schiffahrtsgesellschaft London-Hull, ohne sonderliche Beeinträchtigung
+des Verkehrs. Der am 6. April von 3000 Dockarbeitern in Rotterdam
+beschlossene Hafenarbeiterstreik veranlaßte am 8. April die vereinigten
+Arbeitgeber des Schiffahrts- und Transportgewerbes zur Verhängung der
+Sperre, die 2000 Arbeitswillige mitbetroffen haben soll. Am 8. erfolgte
+auch die Aussperrung in der Großfabrik für Maschinen- und
+Eisenbahnmaterial.]
+
+[Fußnote 597: Ein Steinschneider-, sowie ein unzulänglicher
+Bäckerstreik.]
+
+[Fußnote 598: Die Metallarbeiter waren schon am 7. April in einen allg.
+Ausstand getreten, teilweise streikten auch bereits die Bauarbeiter,
+Auslader und städtischen Arbeiter in Amsterdam; ebendaselbst schlossen
+sich dem G-streik 8000 Diamantarbeiter, die Mehrzahl der Bauarbeiter,
+ein Teil der Kommunalarbeiter (Beleuchtung, Reinigung), ein Teil der
+Metzger und Bäcker (letztere zum Schaden der Arbeiterschaft
+hauptsächlich in den Arbeiter- und Konsumbäckereien, vgl. _Roland-Holst_
+a. a. O.), und die Typographen an.]
+
+[Fußnote 599: Die Läden in den reichen Vierteln wurden geschlossen, die
+Wohlhabenden verproviantierten sich in den Arbeitervierteln, wobei die
+Lebensmittelpreise rasch stiegen (vgl. _Bourdeau_, p. 432; _Vliegen_, a.
+a. O. p. 197). Der Gaskonsum mußte eingeschränkt werden (vgl. Allg.
+Ztg.); nur ein Teil der Straßenlaternen wurde, unter militärischer
+Bedeckung übrigens, angezündet. Das Elektrizitätswerk wurde mit Hilfe
+des Bureaupersonals in Betrieb erhalten. Der Betrieb auf den Quais, der
+Güterverkehr, stockte vollständig.]
+
+[Fußnote 600: Es streikten Bauarbeiter, Metallarbeiter, Typographen. Im
+katholischen Süden wurde aber überhaupt nicht gestreikt.]
+
+[Fußnote 601: Dies nimmt _Roland-Holst_ an.]
+
+Es folgten nun noch stürmische Auftritte in der Versammlung der
+Arbeitervorstände. Die Anarchisten suchten nämlich den Mißerfolg auf
+sozialdemokratischen "Verrat" zurückzuführen, statt die Ursachen dafür
+in der mangelhaften Vorbereitung, Organisation und Führung,[602] in der
+Überschätzung der proletarischen und Unterschätzung der staatlichen
+Macht, kurz, in der Unrichtigkeit des Streikbeschlusses überhaupt zu
+erkennen.
+
+[Fußnote 602: Vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf
+und die Niederlage der Arbeiter in Holland" und "G-str. und Sozd.", p.
+121.]
+
+Die _Opfer des Streiks_ waren außerordentlich groß. Es kam zwar nur zu
+wenigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, da die Ausständigen im
+großen und ganzen gute Disziplin hielten.[603] Hingegen litten die
+Arbeiter auf's Empfindlichste unter den wirtschaftlichen Folgen des
+Streiks.[604] Die Unterstützung seitens der Organisationen[605] konnte
+die Gemaßregelten und deren Familien nicht vor Not und Elend
+bewahren.[606] Auch die Gewerkschaften erlitten einen schweren Stoß[607]
+und sollen sich erst neuerdings von der "ökonomischen Katastrophe"
+erholt haben.[608]
+
+[Fußnote 603: Es kamen allerdings auch Versuche vor, den
+Eisenbahnbetrieb durch Unbrauchbarmachung der Maschinenwasserbehälter
+und Wegschaffung von Lokomotivteilen zu gefährden (vgl. Allg. Ztg. 7./4.
+03); andererseits verlangte z.B. eine Dockarbeiterversammlung in
+Rotterdam am 6./4. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, insbesondere
+Vermeidung von Tätlichkeiten gegenüber Arbeitswilligen, um der Regierung
+keinen Anlaß zu scharfen Maßregeln zu geben (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.).]
+
+[Fußnote 604: In den ersten Wochen waren fast 5000 Arbeiter
+ausgesperrt; zwar wurde die Sperre im Transportgewerbe am 20./4. wieder
+aufgehoben; aber von den Eisenbahnern, die am meisten litten, waren bis
+zum 21./4. bereits 1600 Mann entlassen. "Hunger, Verzweiflung, selbst
+der Selbstmord hat unter den 5000 Opfern dieses Kampfes gewütet"
+(_Troelstra_, Prot. intern. Kongr. Amsterdam 04, p. 8).]
+
+[Fußnote 605: Die niederländische Partei gab 22016,32 Gulden; die
+deutsche sozialdemokratische Partei schickte, auf den Appell der
+niederländischen Partei, vom 21./4., an die internationale Solidarität,
+9000 M (vgl. Bericht des Parteivorstands an den 10. Parteitag der
+sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, Ostern 04, in Dordrecht).]
+
+[Fußnote 606: Vgl. _van der Goes_, a. a. O. p. 257.]
+
+[Fußnote 607: Eine Ausnahme bilden die gut organisierten
+Diamantarbeiter und die Rotterdamer Hafenarbeiter. Vor allem wurde "die
+große, prächtige, mächtige Eisenbahnerorganisation... zerstört" (vgl.
+_Troelstra_ a. a. O.; Prot. Gewerkschaftskongr. Köln 05, p. 225;
+_Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland").]
+
+[Fußnote 608: Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den
+G-str. in Holland (cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr.
+33, p. 3.); _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.".]
+
+Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung
+aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher
+die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als
+proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft
+beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine
+aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die
+Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen
+Sozialisten, so vor allem _Vliegen_, in der strikten Ablehnung jedes
+Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich
+bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem
+unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen
+Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in
+Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam
+vor.[612]
+
+[Fußnote 609: Wenigstens war dies die Auffassung der Partei selbst auf
+dem Parteitag zu Dordrecht 1904; vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in
+Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"; Prot.
+Gwftskongr. Köln 05, p. 225.]
+
+[Fußnote 610: Vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der
+Arbeiter in Holland". Einige Parteimitglieder, wie z.B. _Roland-Holst_,
+sollen das von ihnen prinzipiell mißbilligte Unternehmen doch mit großen
+persönlichen Opfern unterstützt haben.]
+
+[Fußnote 611: Vgl. die Mitteilungen der Delegierten der holländischen
+Partei auf dem Parteitag in Jena 1905 (Prot. p. 342).]
+
+[Fußnote 612: Vgl. _Roland-Holst_, "Der politische Streik auf dem 10.
+Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie". Im Auftrag des
+Internat. sozialist. Bureau (um "dem internationalen Kongreß einen
+Bericht und den Entwurf einer Resolution über diese Frage vorzulegen",
+vgl. _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der niederländischen
+Sozialdemokratie") arbeitete die Redaktion der Zeitschrift "_Die nieuwe
+tijd_" einen Entwurf aus, auf Grund dessen der Parteitag in Dordrecht
+eine Resolution annahm, die das fast wörtliche Vorbild derjenigen des
+intern. Kongresses in Amsterdam darstellt.]
+
+§ 19. Russland.
+
+Die Darstellung und Beurteilung der russischen Klassenstreikbewegung
+begegnet so mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten,[613] daß wir
+uns hier mit einer Skizzierung der äußersten Umrisse begnügen müssen.
+
+[Fußnote 613: Die besonderen Schwierigkeiten beruhen auf der
+Verknüpfung der Streikbewegung mit der Revolution, der Unzugänglichkeit
+der russischen Literatur und der Unmöglichkeit einer Kontrolle unseres
+spärlichen Materials.]
+
+Trotz des Koalitionsverbots[614] kam seit der Mitte der 1890er Jahre der
+Streik, auch der Massenstreik, in Rußland immer häufiger zur
+Anwendung.[615] Als eine bedeutende Industriekrise im Süden die
+Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage gesteigert
+hatte,[616] entlud sich die allgemeine Erregung schließlich im Juli 1903
+in einer kolossalen Streikbewegung mit der bis dahin in Rußland
+unerreichten Ausstandsziffer von einer Viertelmillion.[617] Die Bewegung
+ergriff "epidemieartig" den ganzen _Süden_,[618] woselbst sie wegen der
+Beteiligung aller Gewerbe[619] eine mehrtägige völlige Stockung von
+Industrie, Handel und Verkehr, sowie empfindlichen Mangel an
+Lebensmitteln samt entsprechenden Preissteigerungen, auch das Versagen
+des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes zur Folge gehabt haben
+soll.[620] Während der Dauer das Ausstands waren die Arbeiter auf der
+Straße, forderten die Arbeitswilligen zum Anschluß auf, entleerten die
+Dampfkessel und hielten Demonstrationen ab.[621] Anfangs blieben sie
+unbehelligt. Dann, als der erste Elan vorüber war und die Bewegung nach
+und nach verlief, scheinen Militär und Polizei immer energischer
+eingegriffen zu haben, sodaß der Streik viele Opfer kostete.[622] Bei
+der Verschwommenheit der Ziele[623] konnte von einem direkten "Erfolg"
+keine Rede sein, wenn auch versucht worden ist, die Entwicklung des
+"Klassenbewußtseins" und die Entfaltung revolutionärer Energie als einen
+solchen zu konstruieren.[624]
+
+[Fußnote 614: Vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozd.", p. 35;
+ihre diesbezüglichen Angaben sind übrigens mit Vorsicht aufzunehmen.]
+
+[Fußnote 615: Vgl. "Die Sozialdemokratie in Rußland", Bericht der
+Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den
+intern. sozialist. Kongreß in Amsterdam 1904, p. 3. Da die Regierung von
+jeher gegen Streiks mit Gewalt vorgegangen sein soll (_Bourdeau_, p.
+436), hätten sich aus den rein ökonomischen Streiks häufig politische
+Streiks entwickelt, die bei zu geringer Ausdehnung den Arbeitern leicht
+gefährlich wurden, weshalb man sie zu vermeiden suchte (_Streltzow_,
+"Der politische Massenstreik in Rußland und seine Lehren"). 1902 fand in
+Rostow am Don ein großer Sympathiestreik mit pol. und ökonom.
+Forderungen statt (vgl. _Bourdeau_; _Roland-Holst_, "Der politische
+Massenstreik in der russischen Revolution").]
+
+[Fußnote 616: In Odessa soll die Agitation der _Subatow_'schen
+Arbeiterorganisationen den von ihren Lenkern durchaus nicht
+beabsichtigten Anstoß zum Streik gegeben haben (Ber. der Delegation).]
+
+[Fußnote 617: Vgl. Bericht der Delegation p. 24 ff.; _Bourdeau_;
+_Roland-Holst_, "Gstr. u. Sozd."]
+
+[Fußnote 618: Vgl. Bericht der Delegation, p. 3, 24, 25. Am 1. Juli
+begann der Streik in Baku (Petrolarbeiter), Odessa (Hafenarbeiter); er
+war in diesen Städten und in Tiflis am 4. schon vollständig; es folgten
+Batum, Nikolajew, Kiew (21. Juli), Jelisawetgrad (28. Juli) und, nach
+Beendigung des Streiks in diesen Städten, Jekaterinoslaw (7. August) und
+Kertsch. In den drei kaukasischen Städten sollen 10 000 (?) in Odessa 50
+000, in Kiew 30 000, in Nikolajew 10 000, in Jekaterinoslaw 20-30 000,
+in Jelisawetgrad 2000, in Feodosien, Kertsch, Konotop je mehrere Tausend
+Personen gestreikt haben.]
+
+[Fußnote 619: Es streikten Fabrik- und Werkstättenarbeiter,
+Verkehrsarbeiter (Tram-, Eisenbahn-, Hafenarbeiter),
+Lebensmittelarbeiter (Metzger, Bäcker, Müller; Hôtelpersonal),
+Schriftsetzer, Telegraphisten, Handelsgehilfen, Handwerker, selbst
+Stiefelputzer.]
+
+[Fußnote 620: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]
+
+[Fußnote 621: Sie demonstrierten mit revolutionären Liedern und roten
+Fahnen, wobei sich die sozd. Arbeiterpartei Rußlands lebhaft beteiligt
+zu haben scheint.]
+
+[Fußnote 622: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]
+
+[Fußnote 623: Ursprünglich handelte es sich um überall ziemlich
+gleichlautende, fest formulierte wirtschaftliche Forderungen (betr.
+Arbeitszeit und -lohn, Fabrikdisziplin, usw.) und polit. Forderungen
+(Volksvertretung und die verschiedenen Freiheitsrechte); diese lösten
+sich aber immer mehr in einen allgemeinen Protest gegen den gesamten
+wirtschaftlichen und politischen Druck auf (vgl. Bericht der Delegation;
+_Roland-Holst_ "G-str. u. Sozd.", p. 35, ist anderer Meinung).]
+
+[Fußnote 624: Bericht der Delegation, p. 28.]
+
+Ein ganz anderes Bild bietet die russische _Streikbewegung des Jahres
+1905_, deren erste Phase sich unmittelbar an den sog. blutigen Sonntag
+(22., resp. 9. Januar 1905) anschloß.[625] Sie umfaßte 1-1/2 Monate,
+während welcher Zeit Streiks mit vorwiegend politischen Zielen in 150
+Städten Rußlands ausgebrochen sein sollen.[626] Am intensivsten scheint
+sich die Bewegung in _Russisch-Polen_ entwickelt zu haben,[627] wo der
+proletarische Klassenstreik zudem noch einen "eigenartigen Widerhall" im
+_Gymnasialstreik_ fand.[628] -- Im Mai erfolgte eine neue Steigerung,
+die sich den Sommer hindurch fortsetzte.[629] Ihren Höhepunkt bildete
+der _politisch-revolutionäre Ausstand vom 7._ bis _17. Oktober 1905_,
+der einzige wirklich _allrussische_ Streik. Zu diesem gaben die
+Eisenbahner den Anstoß;[630] alsbald ruhte die Arbeit auf fast allen
+Eisenbahnlinien und in fast allen Städten des europäischen und
+asiatischen Rußlands.[631]
+
+[Fußnote 625: Schon vorher streikten 13 000 Arbeiter der
+Poutiloff-Werke (wegen Maßregelung von Kameraden, usw.); andere Arbeiter
+hatten sich angeschlossen; am 22. Jan. sollen es schon 200 000
+Ausständige gewesen sein (_Bourdeau_, p. 436).]
+
+[Fußnote 626: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 79 ff. Es traten "auch
+ganz bestimmte Klassenansprüche" der Arbeiter (betr. Arbeitsbedingungen,
+Behandlung, Anerkennung der Organisationen usw.) hervor (vgl. Dr. v.
+_Wiese_, "Die Arbeiterfrage in Rußland"); die "Diktatur des
+Proletariats", die _Bourdeau_ unter Hinweis auf einen Vorwärts-Artikel
+von _Luxemburg_ erwähnt, dürfte in der Regel wohl kaum unter den
+offiziellen Zielen der Arbeiter figuriert haben. Forderte doch der
+Arbeiterdeputiertenrat --"eine Vertretung der spezif. großindustriellen
+Arbeiterelite" -- die Unternehmer zur Schließung der Fabriken auf, weil
+"ja auch ihre Interessen an Freiheit und Sicherheit von der
+Arbeiterschaft verfochten würden" (vgl. M. _Weber_, "Zur Lage der
+bürgerlichen Demokratie in Rußland", p. 286).]
+
+[Fußnote 627: Die Bewegung dauerte hier ungefähr vom 27. Januar bis 4.
+Februar (vgl. "Der politische Streik im Königreich Polen", Krakau,
+Verlag des Przedswit, besprochen in "Dokumente des Sozialismus", V, 9.).
+Es nahmen 400 000 Arbeiter daran teil (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, April,
+p. 359). Der Streik wurde durchschnittlich nach 8-10 Tagen, in Warschau
+schon nach 3 Tagen, von den Parteikomitees der einzelnen Städte für
+beendet erklärt. Die Leitung scheint die polnische sozialistische
+Partei, P. P. S., gehabt zu haben. Für die gleichzeitig erhobenen
+wirtschaftlichen Forderungen wurde vielerorts nach Beendigung des des
+polit. Streiks noch weiter gestreikt, mit nur teilweisem Erfolg (vgl.
+Rdsch. Soz. Mh. a. a. O.).]
+
+[Fußnote 628: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Mai 05, p. 458, 459. Nach
+persönlichen Mitteilungen eines aktiv Beteiligten protestierte die
+polnische Gymnasialjugend, durch das Beispiel der Arbeiter zum Ausstand
+angeregt, durch den Schulstreik gegen die langverhaßte Russifizierung
+der Gymnasien.]
+
+[Fußnote 629: Im Sommer 1905 fand z.B. ein allgemein durchgeführter
+eintägiger Streik statt, den das Warschauer Komitee des P. P. S. als
+Protest gegen die blutigen Zusammenstöße zwischen demonstrierenden
+Arbeitern und Militär in Lodz (die im Juni 05 ca. 2000 Tote gekostet
+haben sollen) veranstaltete. (Rdsch. Soz. Mh. Aug. 05, p. 706).]
+
+[Fußnote 630: Im April 1905 hatte sich endlich der _all_russische
+Eisenbahnerverband gebildet (noch 1903 war eine diesbezügliche Anregung,
+die, unter Hinweis auf die Bedeutung der Eisenbahner bei einem ev.
+M-str., bezeichnenderweise von südrussischen Eisenbahnern ausgegangen
+war, erfolglos geblieben). Der Streik begann auf der Moskau-Kasaner
+Linie. Sogleich proklamierte das Zentralkomitee den Generalstreik (vgl.
+_Streltzow_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 631: _Streltzow_, p. 133 ff.]
+
+Die ungeheure Wirkung des Streiks[632] war für die Regierung einer der
+Beweggründe, die Erfüllung der dringendsten Forderungen im
+Oktobermanifest zuzusichern.[633] Dieser Erfolg war in den besonderen
+russischen Verhältnissen begründet. Kämpfte doch Schulter an Schulter
+mit den Arbeitern fast die ganze russische Gesellschaft gegen die
+Regierung.[634] Sogar zahlreiche Angehörige unproletarischer Berufe
+folgten dem Streikbeispiel der Lohnarbeiter.[635] Letztere scheinen im
+Bürgertum, selbst bei den Unternehmern, Sympathie und Unterstützung
+gefunden zu haben.[636]
+
+[Fußnote 632: Die Verkehrsstockung führte zu einer Isolierung der
+großen Wirtschaftszentren. Die Truppenbewegungen waren erschwert.
+Immerhin dürften Behauptungen, wie die, daß der Massenstreik "die
+gesamte Staatsmaschinerie" "desorganisiert" (vgl. _Roland-Holst_, "Der
+politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216), Rußland
+"aus den Angeln" gehoben, (vgl. _Lensch_, "Die Idylle im Sumpf"), den
+"Thron ins Wanken" gebracht (vgl. _Ellenbogen_, Prot. Parteitg. Wien 05,
+p. 121), "den Absolutismus für eine Weile niedergestreckt" habe, denn
+doch etwas übers Ziel hinausschießen.]
+
+[Fußnote 633: Weniger meßbar sind die übrigen sogenannten Erfolge des
+Streiks, wie Aufrüttelung der indifferenten Volksschichten. Förderung
+der proletarischen Organisation (die Gewerkschaften entwickelten sich
+allerdings nach dem Streik, aber wohl nicht, wie mehrfach behauptet
+wurde, wegen des Streiks an sich, sondern infolge der errungenen
+Freiheiten; vgl. _Streltzow_, p. 134) und Schwächung des Heeres. Die von
+_Roland-Holst_ (a. a. O., p. 218 ff., und "G-str. und Sozd.", p. XVI)
+prognostizierte "allmähliche Aufreibung der Armee durch die
+Streikbewegung" hat keineswegs stattgefunden.]
+
+[Fußnote 634: Vgl. _Streltzow_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 635: Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer,
+Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure,
+Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner,
+Dienstboten usw. (vgl. _Kropotkin_, "Die direkte Aktion und der
+Generalstreik in Rußland"; _Streltzow_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 636: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik"; _Streltzow_, a. a. O.; _Plechanow_ (cit. bei
+_Streltzow_) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die
+Unzulänglichkeit der Organisation". -- Semstwoleute, Staatsbeamte,
+Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter
+gegründet haben (_Streltzow_). In der Streikleitung seien bürgerliche
+Elemente, z.B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die
+Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt
+und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben
+(_Streltzow_). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der
+Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr.
+340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die
+_Roland-Holst_'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den
+Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die
+staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten
+abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der
+politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht
+wohl zu weit.]
+
+Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter
+sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende
+Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese
+selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter
+denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu
+politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so
+mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig
+für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639]
+
+[Fußnote 637: Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution
+beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der
+Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige
+literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher
+nichts Überraschendes. _Roland-Holst_ erachtete übrigens, trotz dieses
+sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen
+Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für
+notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache
+(vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214
+ff.).]
+
+[Fußnote 638: _Streltzow_: "Darin sind wohl alle namhaften russischen
+Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben
+noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach
+_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den
+russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären
+Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la
+dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war
+natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte
+vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder
+Kräfte; der Streik war also parzelliert (_Roland-Holst_, "G-str. u.
+Sozd.", p. 105 ff.). -- Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein
+gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (_Streltzow_, a. a. O.), der
+Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik
+diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren"
+(_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl.
+auch _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich
+nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die
+Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie
+gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen
+Arbeiter" bald unterworfen gehabt (_Katz_). Die Arbeiter aber hatten
+sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst
+isoliert (_Streltzow_, p. 135). --Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni
+1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf
+verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da
+dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats"
+jetzt scheitern würde.]
+
+[Fußnote 639: Dies scheint z.B. M. _Beer_ ("La grève générale, son
+histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl.
+Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu
+tun; ähnlich _Roland-Holst_ (a. a. O. und "Der politische Massenstreik
+in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen
+warnen z.B. _Streltzow_ a. a. O. und _Bernstein_ a. a. O.]
+
+
+(c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der Klassenstreik.
+
+§ 20.
+
+Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine
+besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem
+internationalen Kongreß in _London_ 1888 französischerseits gemachten
+diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die
+Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "_Neue
+Internationale_" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren
+Projekten, schroffste Ablehnung.
+
+[Fußnote 640: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 42).]
+
+[Fußnote 641: Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G-str. die
+Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als
+politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London,
+im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in
+Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die
+wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel
+"Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen
+Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). -- Neuerdings
+erklären die Anarchisten übrigens den G-str. und die Gewerkschaft "als
+mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"
+(vgl. die Resolution _Malatesta_ vom internat. Anarchistenkongr. in
+Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).]
+
+Auf dem internationalen Kongreß in _Paris_ 1889 hatte _Tressaud_ den
+Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen
+Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution
+empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von
+_Liebknecht_ aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642]
+
+[Fußnote 642: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.]
+
+Der folgende Kongreß, _Brüssel_ 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung
+des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit
+plädierte der holländische Anarchist _Nieuwenhuis_, nur von den
+holländischen und einem Teil der englischen und französischen
+Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber
+sowohl dieser Vorschlag, wie auch _Nieuwenhuis'_ Plan der
+Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer
+und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation
+auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644]
+erfuhr das gleiche Schicksal.
+
+[Fußnote 643: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.]
+
+[Fußnote 644: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.]
+
+Auf Antrag der französischen Sektion erschien sodann die Frage des
+Generalstreiks auf der Tagesordnung des Kongresses in _Zürich_
+1893.[645] Eine Kommissions-Resolution, die allerdings nicht mehr zur
+Erörterung im Plenum gelangte, lehnte den Weltstreik ausdrücklich ab.
+Aber, offenbar unter dem Eindruck des erst kurz zuvor stattgehabten
+belgischen Wahlrechtsstreiks, erklärte jene Resolution den Massenstreik
+für eine unter gewissen Voraussetzungen "höchst wirksame Waffe nicht
+bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampfe". Dies ist das
+erste Aufflackern eines Flämmchens, das nach und nach zu einem
+ansehnlichen Feuerwerk angewachsen ist, und das den internationalen, vor
+allem aber den deutschen Sozialismus eine Zeit lang völlig beherrschte.
+-- Der französische Antrag, den Generalstreik in allen Ländern zu
+dekretieren, sofern die Regierungen nicht innerhalb Jahresfrist dem
+Verlangen des Zürcher Kongresses nach einer internationalen
+Staatenkonferenz zur Durchführung des Achtstundentags entsprächen, wurde
+schon in der Kommissionsberatung abgelehnt. -- Bei dem Punkte "Stellung
+der Sozialdemokratie im Kriegsfall" empfahl _Nieuwenhuis_ wieder sein
+Militärstreikprojekt, das er diesmal auf die Reservisten und die für die
+Kriegsführung unentbehrlichsten Lohnarbeiter beschränkt hatte; es wurde
+aber wiederum abgewiesen.
+
+[Fußnote 645: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 11, 17, 53 ff.]
+
+Bei Behandlung der proletarischen Wirtschaftspolitik berührte auch der
+Kongreß in _London_ 1896 die Klassenstreikfrage.[646] Zwar hielt er "die
+Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben";
+immerhin empfahl er den Ausbau der gewerkschaftlichen Organisation auch
+als Voraussetzung der Streikerweiterung auf ganze Industrien und Länder.
+
+[Fußnote 646: Vgl. Prot. int. Kongr. London 1896, p. 29.]
+
+Da ein Teil der französischen Sozialisten mit dem Londoner Resultat
+unzufrieden war, verlangten die Allemanisten die Behandlung des
+Klassenstreiks auch auf dem Kongreß in _Paris_ 1900.[647] Die
+Kommissionsminderheit, die sich, wie _Legien_ hervorhob,
+bezeichnenderweise aus französischen, italienischen und solchen
+Delegierten zusammensetzte, in deren Ländern überhaupt noch keine
+Gewerkschaftsorganisationen bestanden, verlangte durch _Briand_ die
+Vorbereitung des Generalstreiks zur Erreichung revolutionärer, wie
+reformistischer Ziele. Der Kongreß begnügte sich jedoch mit der
+Wiederholung des Londoner Beschlusses.
+
+[Fußnote 647: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 7, 31 ff.]
+
+Am _Amsterdamer Kongreß_ 1904 wehte aber bereits ein ganz anderer Wind.
+Auch in sozialistischen Kreisen hatte man nun nämlich angefangen, sich
+recht eifrig mit der Klassenstreikidee zu beschäftigen.[648] Infolge der
+Erfahrungen, die inzwischen bei mehreren Riesenausständen gemacht worden
+waren, infolge der Fortschritte anarchistischer Tendenzen in gewissen
+Gewerkschaftskreisen und infolge verstimmender politischer Ereignisse
+hatte sich eine Wandlung in der sozialistischen Kritik des
+Klassenstreiks vollzogen. Der Kongreß errichtete zwar wiederum eine
+scharfe theoretische Grenzlinie gegenüber der anarchistischen
+Generalstreikpropaganda, erklärte aber, daß der politische Massenstreik
+unter bestimmten Voraussetzungen, zu bestimmten Zwecken, _akzeptiert_
+werden müsse.[649] -- Die Gegner des Klassenstreiks tadelten den
+kompromißartigen Charakter der Amsterdamer Resolution;[650] knüpfte sie
+doch die Verwirklichung des politischen Massenstreiks an so ungeheure
+Voraussetzungen, daß bei strikter Interpretation die Aufnahme des
+Klassenstreiks in das sogenannte Arsenal der proletarischen Kampfmittel
+illusorisch wurde. Die Anarchisten und Syndikalisten aber beklagten den
+parlamentarischen Beigeschmack der Resolution. Immerhin begrüßten sie
+dieselbe mit Genugtuung als eine Annäherung des internationalen
+Sozialismus an die "direkte Aktion".[651] Die Amsterdamer Resolution,
+diese Verlegenheitsresultante aus den von Land zu Land so verschiedenen
+proletarischen Tendenzen, gab allen Parteirichtungen Gelegenheit zu Lob
+und Tadel, weil sie im Grunde eben wirklich nur besagte: "Sans doute, la
+grève générale peut être utile, mais elle est impraticable".[652] -- Auf
+dem _Stuttgarter Kongreß_ von 1907 spielte der Klassenstreik keine Rolle
+mehr.
+
+[Fußnote 648: Hiervon legt die vom Juni bis September 1904 erschienene
+internationale Enquête Zeugnis ab.]
+
+[Fußnote 649: Die Resolution der Allemanisten, die das Studium und die
+Vorbereitung des G-streiks, dieses wirksamsten Mittels der sozialen
+Revolution, verlangte, wurde abgelehnt, ebenso die Resolution der
+Guesdisten, die den G-str. als Organisations- und Kampfmittel
+anerkannte, ihn aber zur reinen Gewerkschaftsangelegenheit erklärte,
+deren bloße Unterstützung der sozialist. Partei obliegen sollte (vgl.
+Prot. int. Kongr. Amsterdam 1904, p. 27-30).]
+
+[Fußnote 650: Vgl. Wolfg. _Heine_, "Politischer Massenstreik im
+gegenwärtigen Deutschland?" p. 754.]
+
+[Fußnote 651: Diese Auffassung in anarchistischen Kreisen konstatiert
+z.B. _Bömelburg_ (Prot. Gewerkfts. Kongr. Köln 1905, p. 218.)]
+
+[Fußnote 652: Vgl. "Chronique" du Musée sociale, Oct. 1904, p. 455.]
+
+
+
+
+_Dritter Teil:_
+
+Zur Kritik des Klassenstreiks.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel:
+
+_Bedingungen des Klassenstreiks._
+
+
+§ 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks.
+
+Der Ausbruch eines Klassenstreiks ist vor allem an gewisse _objektive
+Voraussetzungen_ gebunden: nämlich an das Vorhandensein einer
+zahlreichen Lohnarbeiterschaft, von deren Arbeitsleistung ein so großer
+Bruchteil der Gesamtheit abhängt, daß die Arbeitsverweigerung eine
+aufsehenerregende gesellschaftliche Störung herbeiführen kann. Diese
+Bedingung wird in vollem Umfang durch die moderne Wirtschaftsordnung
+erfüllt.
+
+Hierzu gesellt sich als _subjektive Voraussetzung_ die Fassung des
+Streik_entschlusses_ durch die erforderliche Anzahl von Arbeitern resp.
+Arbeitergruppen.
+
+(a) Der Streikentschluß kann _planmäßig_, überlegt gefaßt werden.
+Hierbei haben sich alle Beteiligten bereits vorher untereinander über
+ihr Vorhaben verständigt. Sie wissen, um was es sich handelt. Sie
+besitzen eine gewisse Organisation zur Durchführung des Streiks im
+konkreten Fall. Das "Kommando" zum Ausstand[653] wird von einer im
+Voraus bestimmten Leitung erwartet und gegeben.
+
+[Fußnote 653: Vgl. z.B. _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70
+ff.). Wir begegnen dieser Form des Streikentschlusses z.B. in Belgien
+und Schweden.]
+
+Anders beim _spontanen_ Streikentschluß. Dieser wird von jedem einzelnen
+für sich allein gefaßt. Es ist möglich, daß ein und dasselbe Ereignis in
+jedem einzelnen Teilnehmer den Streikentschluß ausgelöst hat, daß die
+Faktoren aller einzelnen Streikentschlüsse objektiv zusammenhängen, daß
+der Streik also mit innerer Notwendigkeit aus den allgemeinen
+Ereignissen herauswächst.[654] Es kann aber auch der Fall eintreten, daß
+die einzelnen Teilnehmer oder Teilnehmergruppen durch ganz verschiedene
+Ereignisse zum Streikentschluß geführt werden. Wenn nun eine größere
+Zahl partieller Ausstände zeitlich zusammenfällt, so kann sich aus
+diesem Streikkonglomerat leicht ein Klassenstreik entwickeln.[655]
+
+[Fußnote 654: So z.B. beim ital. G-str. 1904; so auch wohl beim
+Versuch des "heiligen Monats" 1842.]
+
+[Fußnote 655: Ein solches Streikkonglomerat schwebte wohl der Brüsseler
+Zeitung "Internationale" vor, als sie 1869 schrieb: "Wenn die Streiks
+sich ausbreiten und einander nähern, sind sie wohl nahe daran, ein
+Generalstreik zu werden" (cit. bei _Umrath_ p. 13, 14).]
+
+(b) Der Entschluß zum Klassenstreik entsteht nur, wenn eine
+tiefgreifende und _allgemeine proletarische Erregung_[656] die
+Widerstände gegen den Streik, die in der Arbeiterschaft selbst vorhanden
+sind, ausschaltet. Diese Erregung ist aber an bestimmte Voraussetzungen
+geknüpft, von mannigfachen Faktoren abhängig.
+
+[Fußnote 656: Diese allgemeine Erregung betrachten _Bebel_ (Prot.
+Parteitg. Mannheim 06, p. 277 ff.), _Bömelburg_ (Prot. Parteitg. Jena
+05, p. 333, u. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228), _Bernstein_ ("Pol.
+M-Str. u. pol. Lage"), _Adler_ (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 78, und
+Parteitg. Wien 1905, p. 131), _Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05),
+_Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres") p. 735, und viele andere als
+unerläßliche Voraussetzung des Klassenstreiks.]
+
+_Vorbedingung_ ist ein Ereignis oder ein Tatbestand, der in hohem Maße
+die _Unzufriedenheit_ des Proletariats erweckt, der, auch wenn er nur
+eine Gruppe von Arbeitern persönlich berühren sollte, doch als eine der
+Gesamtheit angetane wirtschaftliche, politische oder ethische Unbill
+empfunden wird.[657] Sei es, daß infolge allgemeiner Zeitumstände, (wie
+Krieg, Teuerung, Hungersnot, Krise,[658] Staatsstreich[659] oder
+Revolution), den Arbeitern der Druck ihrer Lage besonders deutlich zu
+Bewußtsein kommt, sei es, daß sie ihre bisherigen Rechte bedroht
+glauben, sei es endlich, daß ihnen infolge ihrer eigenen Entwicklung
+oder infolge von proletarischen Errungenschaften in anderen Ländern eine
+Verbesserung auch ihrer Position als dringende Notwendigkeit erscheint.
+
+[Fußnote 657: Ein Mitempfinden fremder Leiden, wie beim Sympathie- und
+Solidaritätsstreik, setze schon ein gewisses Maß von Klassengefühl,
+resp. Klassenbewußtsein voraus (vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u.
+Sozd.", p. 5, 10, 11); _Polledro_ (a. a. O., p. 383, 384) teilt die
+Klassenstreiks sogar geradezu ein in sciopero generale "di conquista"
+(resp. resistenza), und sciopero generale "di solidarietà".]
+
+[Fußnote 658: Vgl. _Parvus_ in der Dortmunder Arbeiterzeitung, 24./9.
+01, cit. bei Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer Theorie und
+Taktik".]
+
+[Fußnote 659: Vgl. _Parvus_, "Staatsstreich und politischer
+Massenstreik", p. 394.]
+
+Daneben hängt es noch von einer Reihe teils gegebener, teils künstlicher
+Faktoren ab, ob ein solches Ereignis die zum Streikentschluß notwendige
+Erregung auszulösen, also auch wirklich einen Klassenstreik zu
+veranlassen vermag.
+
+1. Eine bedeutende Rolle spielt hierbei die schon _erreichte Position
+des Proletariats_. "Moins un prolétariat a de droits politiques, plus il
+recourt à la grève générale."[660] Solange die Arbeiter wirklich
+"nichts... zu verlieren" haben, "als ihre Ketten", wird ihnen der
+Klassenstreikentschluß verhältnismäßig leicht fallen. Je geringer aber
+die Spannung zwischen dem schon Erreichten[661] und dem noch begehrten
+Fehlenden, um so größer die Zurückhaltung gegenüber gewagten
+Unternehmungen (wie bei den deutschen freien Gewerkschaften), um so
+sorgfältiger die Prüfung des Risikos in sozialer und persönlicher
+Richtung.[662]
+
+[Fußnote 660: _Jaurès_, "Grève et Révolution" (Humanité, 5. Nov. 05).]
+
+[Fußnote 661: Es handelt sich dabei um politische und wirtschaftliche
+Positionen. Z.B. wird auch die Rücksicht auf mühsam errichtete
+Tarifwerke ein Streikentschluß-Erschwernis bilden (vgl. _Giesberts_,
+"Die Utopie des Generalstreiks", p. 35).]
+
+[Fußnote 662: Es ist schon behauptet worden, daß die Arbeiter sich der
+schweren Waffe des Klassenstreiks überhaupt "nur in Notfällen, wenn ihre
+Lebensinteressen berührt werden, bedienen". Aber wenn auch "die
+ungeheuren Opfer, die jeder Generalstreik mit sich bringt für alle, die
+ihn beschließen müssen", "der beste Schutz gegen willkürlichen frivolen
+Gebrauch" sein mögen (_Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p.
+22), so ist doch noch nicht erwiesen, daß die Arbeiter sich dieser Opfer
+vorher immer so genau bewußt wären oder die Konsequenzen des Ausstandes
+richtig vorher beurteilten.]
+
+2. Einen weiteren wichtigen Faktor bildet das Maß der vorhandenen
+_Streikfreiheit_. Prinzipiell ist die Arbeitsniederlegung allerdings
+überall rechtlich zulässig.[663] Doch bestehen durch spezielle
+Streikverbote[664] und durch Verleihung von Beamtenqualität an gewisse
+Arbeiterkategorien[665] eine Reihe wichtiger Ausnahmen, und es ist
+offenbar eine _Tendenz_ zu weiteren Streikrechts_beschränkungen_
+vorhanden, Beschränkungen, die der sozialen Bedeutung der einzelnen
+Betriebsgruppen, also den durch ihre Ausschaltung drohenden
+qualitativ-bestimmten Wirkungen entsprechen.[666] Diese Tendenz zeigt
+sich in staatlichen[667] und privaten[668] Vorschlägen, in
+parlamentarischen[669] und literarischen[670] Äußerungen. -- Immerhin
+befindet sich auch ein Klassenstreik unter Ausschluß der
+kriminalrechtlich gebundenen Arbeiter durchaus nicht in allen Fällen auf
+dem vielgerühmten "Boden der Legalität",[671] selbst wenn er
+durch die Vermeidung aller Gewalttätigkeiten die Klippen anderer
+Gesetzesverletzungen glücklich umschiffte. Ist doch ein Klassenstreik
+mehr, als eine private Interessenkollision; er hat vielmehr fast stets
+einen revolutionären Beigeschmack. Dies folgt schon aus der Verletzung
+des Rechtsgefühls breitester Massen durch eine solche Häufung von
+_Kontraktbrüchen_.[672] Mehr ergibt sich dies noch aus dem Bestreben,
+die Empörung einer ganzen Gesellschaftsklasse gegenüber allen übrigen
+Klassen drastisch zum Ausdruck zu bringen. Er könnte also unter
+Umständen die Verhängung eines Ausnahmezustandes, die zeitweilige
+Ausschaltung des Koalitionsrechts herbeiführen.[673]
+
+[Fußnote 663: Eine Ausnahme bildet vielleicht Rußland, wo der Streik
+als Kriminalverbrechen betrachtet wird oder wurde (Bericht der
+Delegation... usw., p. 32).]
+
+[Fußnote 664: Seit 1903 wird in Holland der Streik der Eisenbahner und
+der Arbeiter in öffentlichen Verkehrsanstalten als politisches Delikt
+betrachtet und mit Gefängnis bestraft (vgl. Allg. Ztg. 2.-4./4. 03;
+_Herkner_, "Die Arbeiterfrage", p. 505; _Roland-Holst_, "Der Kampf und
+die Niederlage der Arbeiter in Holland"). -- In Rußland "ist mit Gesetz
+vom 2./12. 1905 die Beteiligung an Streiks bei Unternehmungen, die
+allgemeine oder staatliche Bedeutung haben, sowie in staatlichen
+Betrieben unter Strafe gestellt" (vgl. _Philippowich_, Grundriß, 2.
+Band, 2. Teil, p. 47); ferner sind am 15./4. 06 besondere Strafen für
+Beteiligung am Landarbeiterstreik oder Aufreizung zu demselben
+festgesetzt worden (vgl. Miscellen in Zeitschrift f. Sozialwissenschaft.
+IX. Jahrg. 1906, p. 525).]
+
+[Fußnote 665: Streiken Beamte und Angestellte der Verwaltung, so liegt
+bei Außerachtlassung der Kündigungsfrist Amtspflichtverletzung vor (vgl.
+Bundesrat _Brenner_, Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 910).
+Des Vergehens der Amts- und Dienstpflichtverletzung "machen sich auch
+schuldig... Angestellte und Arbeiter, welche die Pflicht übernommen
+haben, öffentliche Betriebe von Staat und Gemeinde zu bedienen, wenn sie
+vorsätzlich oder rechtswidrig ihrer Dienstpflicht zuwiderhandeln"
+(Vorschlag des Züricherischen Regierungsrates an den Kantonsrat, betr.
+Revis. des Strafgesetzbuches [Streikinitiative], cit. in der N. Z. Z.
+vom 18. Juni 07). Den italienischen Eisenbahnern ist gerade deshalb, um
+ihnen den Streik unmöglich zu machen, die Beamtenqualität verliehen
+worden, sodaß jede Dienststörung für sie die Entlassung zur Folge hat
+(vgl. die "Hilfe", 1905 Nr. 16, p. 2, politische Notiz). Ausnahmsweise
+stellt in Frankreich die Halbbeamtenstellung kein Streikhindernis dar
+(z.B. drohten die französischen Marinearbeiter zur Verhinderung eines
+ihnen unerwünschten Lohnsystems erfolgreich mit dem Streik [vgl. Soz.
+Prx. XIV, Nr. 50, Sp. 1317.].)]
+
+[Fußnote 666: Bei einer fortschreitenden derartigen Rechtsentwickelung
+wäre also der Streik der gesellschaftlich entbehrlichsten Arbeiter am
+relativ zulässigsten und durchführbarsten; der Klassenstreik, mehr und
+mehr auf die quantitative Wirkung beschränkt, müßte seinen Zweck
+hauptsächlich in der Demonstration suchen.]
+
+[Fußnote 667: Der schwedische Gesetzentwurf gegen gemeingefährliche
+Streiks bedrohte den Kontraktbruch des staatlichen und privaten
+Eisenbahnpersonals, der Arbeiter in staatlichen und kommunalen Gas-,
+Elektrizitäts-, Wasserleitungs- und Reinhaltungswerken und den der
+festangestellten Feuerwehrleute mit Entlassung und Gefängnis, falls der
+Kontraktbruch "Schaden an einer Person oder groben Eigentumsschaden oder
+Hinderung oder Stillstand im Betrieb" verursachen würde (vgl. _Axel
+Hirsch_, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker", p. 196). Ähnliches
+bestimmte ein spanischer Gesetzentwurf (vgl. _Herkner_, "Die
+Arbeiterfrage", p. 505). Der Entwurf des deutschen Berufsvereinsgesetzes
+hatte in § 20, Abs. 4, Ziff. 2 (cit. in der Soz. Prx. 1907, Sp. 635)
+bestimmt, daß einem Vereine dann die Rechtsfähigkeit entzogen werden
+kann, wenn er eine Arbeiteraussperrung oder einen Arbeiterausstand
+herbeiführt, die... geeignet sind,... eine Störung in der Versorgung der
+Bevölkerung mit Wasser oder Beleuchtung herbeizuführen oder eine gemeine
+Gefahr für Menschenleben zu verursachen.]
+
+[Fußnote 668: Nach dem Vorschlag der "Section des assoc. coop. et
+ouvrières" des "Musée social" vom 9. Mai 04 (vgl. "Musée social," Juli
+1904, p. 318 ff.) sollen die "ouvriers et employés de l'Etat et des
+Services concédés d'eau, de gaz et de chemins de fer", und soll das
+"personnel des services publics administrés directement en régie par
+l'Etat les départements et les communes, et dont l'arrêt même momentané
+serait une cause de perturbation fâcheuse pour la vie nationale ou
+locale", veranlaßt werden, auf das Streikrecht zu verzichten, "à titre
+de clause essentielle du contrat de travail, et de respecter un délai de
+préavis d'une durée déterminée par le contrat et le règlement".]
+
+[Fußnote 669: Nationalrat _Sulzer_ (in der Begründung seiner Motion,
+vgl. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 863) z.B. hält den
+Streik in den öffentlichen Betrieben, spez. in den Bundesbetrieben
+(Bundesbahnen, Post, Telegraph, Grenzwacht- und Zolldienst, Eidg.
+Fabrikbetriebe, Waffen-, Munitions- und Pulverfabriken,
+Alkoholverwaltung) für "absolut unzulässig".]
+
+[Fußnote 670: _Marazio_, a. a. O. p. 116, 117, 159, hält den Streik mit
+politischem Ziel für ein Delikt, "quando vi partecipano gli operai dei
+pubblici servizi"; da deren Ausstand "la soddisfazione di grandi
+bisogni" unmöglich mache, "con danno gravissimo della generalità dei
+cittadini", so dürfe er nicht geduldet werden.]
+
+[Fußnote 671: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution";
+_Jaurès_ ("Aus Theorie und Praxis" p. 30) nennt den Klassenstreik das
+"mächtigste Mittel legalen Zwangs".]
+
+[Fußnote 672: Der _Kontraktbruch_ ist bei der Ausdehnung des
+Klassenstreiks und der regelmäßigen Beteiligung mehrerer Gewerbe
+praktisch wohl unvermeidlich. Übrigens begegnen Versuche zu seiner
+Vermeidung: so wurde z.B. in Zürich in den Tarifvertrag der
+Holzarbeiter unter dem Eindruck der Streikbewegung im Sommer 1906 eine
+Generalstreikklausel aufgenommen (ich verdanke diese Mitteilung Herrn
+Prof. _Herkner_). -- Aus dem Kontraktbruch erwächst übrigens nicht
+überall ein Schadenersatzanspruch (vgl. _ab-Yberg_, p. 119 ff.). In
+Frankreich z.B. soll "keine Verpflichtung zu vorheriger Kündigung"
+vorliegen, "da der Streik eine zeitweilige Aufhebung der Arbeit ist"
+(gemäß Beschluß des französischen obersten Arbeitsrates betr. Kündigung
+und Streik, vom Juni 1905, angenommen mit 19 gegen 18 Stimmen [cit. in
+der Soz. Prx. 17. Aug. 05]). In England ist, gemäß der Conspiracy and
+Protection of Property-Act von 1875, der Kontraktbruch (nicht die
+Arbeitseinstellung als solche) unter Umständen mit einer Strafe bis zu
+20 £ oder Gefängnis bis zu drei Monaten bedroht, und zwar tritt diese
+Strafe ein, "wenn jemand, der sich im Dienst einer Person befindet
+welche die Verpflichtung übernommen hat, eine Ortschaft mit Gas oder
+Wasser zu versorgen, den Dienstvertrag in böswilliger Weise bricht,
+obwohl er annehmen konnte, daß dadurch dieser Gas- oder Wasserbezug ganz
+oder zum Teil unterbrochen würde, ferner, wenn durch den Vertragsbruch
+Menschenleben, körperliche Sicherheit oder fremdes Eigentum in die
+Gefahr der Zerstörung oder ernstlichen Schadens gebracht wird."
+(_Herkner_, Arbeiterfrage, p. 504, 505.)]
+
+[Fußnote 673: Völlig zulässig soll der Klassenstreik nur in Frankreich,
+England u. Belgien sein (_Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 312). In
+Deutschland könne der Streik, wenn er "einen Druck auf gesetzgebende
+Körperschaften bezweckte", besonders da Ausschreitungen und
+Zusammenstöße unvermeidlich wären, bis zum Zuchthaus führen, zum
+Hochverrat gestempelt werden, die Verhängung des Belagerungszustands und
+den Eingriff der Militärjustiz herbeiführen (vgl. _Heine_, "Politischer
+Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"). 1843 wurden mehr als 30
+Chartistenführer verurteilt, weil sie, wie es in der Anklage u. a. hieß,
+in der Absicht, "to bring about and produce a change in the laws and
+constitution of this realm", zum Streik aufforderten (vgl. _Gammage_, p.
+231.)]
+
+Der Streikentschluß wird nun um so schwerer zu Stande kommen, je stärker
+die rechtlichen Schranken sind. Doch je fester die Arbeiter an den
+Streikerfolg glauben, und zwar an einen Streikerfolg, der sie zugleich
+vor den bisher üblichen Streikstrafen zu bewahren vermag,[674] und je
+lebhafter sie sich in ihren Lebensinteressen gefährdet fühlen,[675] um
+so weniger werden sie sich von rechtlichen Schranken zurückhalten
+lassen.
+
+[Fußnote 674: Bei gesetzlich besonders stark gebundenen Arbeitern müßte
+das Streikziel unter Umständen also eine Gesetzesänderung oder geradezu
+der Sturz der Regierung sein. _Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres", p.
+736, 737) vergleicht den Klassenstreik mit dem Barrikadenkampf, bei dem
+man das Leben um so eher gewagt habe, je mehr auf dem Spiele stand, und
+je wahrscheinlicher der Sturz der Regierung erschien. -- Auch die
+Annahme, die Regierung werde bei einer außerordentlichen Ausdehnung des
+Streiks die Rechtsverfolgung aufgeben müssen, kann den Streikentschluß
+fördern.]
+
+[Fußnote 675: In gewissen Fällen seien "Geldstrafen und sogar Gefängnis
+weniger abschreckend..., als das, was durch die Arbeitsniederlegung
+bekämpft werden soll" (_Axel Hirsch_, a. a. O. p. 197).]
+
+3. Natürlich kommt außerordentlich viel auf den _Charakter des
+Proletariats_ an. Je temperamentvoller, heißblütiger, je mehr in
+revolutionären Traditionen erzogen und zu putschistischen Aktionen
+geneigt es ist, um so wahrscheinlicher eine Disposition zu raschen
+Streikentschlüssen; je bedächtiger, kühler, allem Theatralischen
+abgewandt die Arbeiter sind,[676] um so schwerer fallen ihnen spontane
+Unternehmungen, und um so notwendiger werden zur Herbeiführung des
+Streikentschlusses eine starke Opferwilligkeit und ein starkes
+Solidaritätsgefühl. -- Der Streikentschluß wird also den romanischen
+Arbeitern leichter fallen, als den germanischen. Der Ausstand wird im
+allgemeinen den Verkehrs-, speziell den Hafenarbeitern mit ihrer oft
+unregelmäßigen Beschäftigung leichter fallen, als den meist strenger
+disziplinierten Industriearbeitern; er wird diesen wiederum leichter
+fallen, als den Landarbeitern.[677]
+
+[Fußnote 676: _Heine_, a. a. O., konstatiert dies beim deutschen
+Arbeiter.]
+
+[Fußnote 677: Vgl. z.B. _Hanisch_ über die österr. Agrarbevölkerung
+(Prot. Parteitg. Wien 1894).]
+
+4. Auch die _Stellungnahme der proletarischen Organisationen_ zum
+Klassenstreik-Problem ist von großer Bedeutung. Dieser Einfluß wird um
+so stärker wirken, je größere Einigkeit zwischen Partei und Gewerkschaft
+herrscht.[678] Bei Differenzen zwischen ihnen gibt regelmäßig die
+Stellungnahme der _gewerkschaftlichen Organisation_ den Ausschlag.[679]
+Diese Stellungnahme selbst aber variiert je nach der Form, Stärke und
+Richtung, also nach dem ganzen Typus der in Frage kommenden
+Gewerkschaft.[680]
+
+[Fußnote 678: Diese Einigkeit war vorhanden z.B. bei den belgischen
+Wahlrechtsstreiks (vgl. _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"), beim
+schwedischen Kl-str., beim projektierten österreichischen Kl-str.]
+
+[Fußnote 679: Vgl. _Cohnstaedt_, "Jena. Gewerkschaft oder Revolution?"
+p. 549; _Heine_, a. a. O.; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227
+ff.); _Hue_, "Partei und Gewerkschaft". In England hielt man 1839 die
+Mitwirkung der Gewerkschaften für so ausschlaggebend, daß man schon
+wegen der ablehnenden Haltung der Trade-Unions den Plan des heiligen
+Monats zurückzog (vgl. _Gammage_, p. 154, 155; _Brentano_, a. a. O.).
+Ähnlich mußte die deutsche sozialdemokratische Partei vor dem
+gewerkschaftlichen Gegenwind die Segel streichen; umgekehrt mußte sich
+die Partei sowohl in Italien (1904), wie in Holland (1903), bei
+innerlicher Mißbilligung, dem gewerkschaftlichen Streikunternehmen
+anschließen.]
+
+[Fußnote 680: Der Gewerkschaftstypus selbst ist natürlich auch von
+den allgemeinen Verhältnissen, den rechtlichen Zuständen, dem
+Charakter des Proletariats, der Stärke revolutionärer Strömungen und
+Gelegenheit zu deren anderweitigen Ableitung, bes. durch die Partei,
+abhängig. In den französischen und italienischen Arbeitersyndikaten
+z.B. soll die zeitweilige Blockpolitik der sozialistischen
+Parteien ein entschiedeneres Betonen revolutionärer Tendenzen, das
+Bestreben nach Verselbständigung und Unabhängigkeit, also auch die
+Generalstreiktendenzen, gefördert haben.]
+
+Die Syndikate mit _föderalistischer_ Organisationsform, geringen
+Mitglieder- und Kassenbeständen und revolutionären (anarchistischen,
+antimilitaristischen, antiparlamentarischen) Tendenzen[681] erblicken
+ihre Hauptaufgabe in der Vorbereitung und Inszenierung des
+Generalstreiks; ihre ganze Taktik wird dermaßen von diesem Gedanken
+beherrscht, daß man sie mit Recht als "Generalstreik-Gewerkschaften"
+bezeichnet hat.[682]
+
+[Fußnote 681: Dieser Art waren zuerst die _Bakunini_stischen
+Föderationen (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
+Kampfmittel", p. 194; _Umrath_, p. 13 ff.; _Bernstein_, "Die
+Generalstreikgewerkschaft"); heute sind es großenteils die
+italienischen, spanischen, französischen Arbeitersyndikate, teilweise
+die holländischen, ausnahmsweise einige deutsche ("Freie Vereinigung",
+"Lokalisten") Gewerkschaften. Vgl. auch _Louis_, p. 297; _Thomas_,
+"Achtung! vor der 'direkten Aktion'"; _Friedeberg_, "Weltansch.";
+_Griffuelhes_ ("Ein französischer Gewerkschafter über die Taktik der
+deutschen Zentralverbände", in der "Einigkeit", 11. Nov. 05).]
+
+[Fußnote 682: So _Bernstein_ a. a. O.]
+
+Die _zentralistischen_ Gewerkschaften hingegen, die sich
+durch ansehnlichere ökonomische Leistungsfähigkeit und durch
+nüchtern-praktische, sich auf das Erreichbare beschränkende Tendenzen
+auszeichnen,[683] lehnen den Klassenstreik im allgemeinen ab oder lassen
+ihn höchstens im Interesse ganz unentbehrlicher politischer Forderungen
+gelten.[684]
+
+[Fußnote 683: So die deutschen Zentralverbände, die engl., österr.,
+schwed., belg. Gewerkschaften; sie trachten, durch Tarifwerke auch die
+Berufsmassenstreiks einzuschränken.]
+
+[Fußnote 684: Dabei handelt es sich vorwiegend am die
+Verteidigung politischer Rechte (vgl. _Braun_, "Das Ergebnis des
+Gewerkschaftskongresses"; Korrespondenzblatt der Generalkommission der
+Gewerkschaften Deutschlands, cit. in Soz. Prx. XV Nr. 2, Sp. 38).]
+
+Eine _Wechselwirkung zwischen gewerkschaftlicher Schwäche und
+Generalstreikpropaganda_ ist unverkennbar,[685] und der Protest der
+Föderalisten[686] gegen diese Feststellung wäre nur dann gerechtfertigt,
+wenn man mit ihnen die Gewerkschaftsstärke nach dem Maß der
+revolutionären Gesinnung beurteilen wollte.
+
+[Fußnote 685: Dies konstatiert z.B. _Vliegen_ (Prot. int. Kongr.
+Amsterdam 04, p. 28); Enquête, p. 86; usw. -- _Greulich_, ("Wo wollen
+wir hin?" p. 37), bezeichnet den G-str. als "Kinderphantasie der
+mangelhaft organisierten Arbeiterschaft".]
+
+[Fußnote 686: Vgl. z.B. "_Weckruf_", 28. Mai 04, "Der Generalstreik".]
+
+Der Generalstreikkultus bricht die Kraft der Gewerkschaft.[687] Er
+verleitet die Arbeiter, "sich von der praktischen Gegenwartsarbeit
+abzuwenden und Utopistereien nachzuhängen",[688] da sie sich sagen
+müssen: "was sollen wir jetzt unsere Beiträge zahlen, um kleine Vorteile
+zu erringen, wenn wir durch den Generalstreik die ganze kapitalistische
+Wirtschaftsordnung stürzen können?"[689] Nun betreibt allerdings ein
+Teil der Generalstreikler die Generalstreikpropaganda gerade zum Zweck
+der Organisation und betrachtet die Organisation selbst wieder als
+Vorbedingung für die erfolgreiche Durchführung des Generalstreiks. Ihnen
+erscheint der Generalstreik als "la potenza e la maturità sindacale, che
+quello traduce o anche soltanto indica",[690] als "Prämie für die
+allgemeine gewerkschaftliche Organisation, wie der partielle Streik
+diejenige der Einzelgewerkschaft",[691] und ihnen bedeutet der
+Weltstreik das "aboutissement logique"[692] des Syndikalismus. Aber
+diese organisatorischen Tendenzen werden praktisch meistenteils
+überwuchert durch die Lehre, daß die methodische, aber mühselige
+Vorbereitung des Generalstreiks durch die Organisation einer bewußten
+Minderheit, durch den revolutionären Willen, durch die "Durchdringung
+jedes einzelnen mit dem Klassenbewußtsein"[693] ersetzt werden könne.
+Kein Wunder daher, daß die Leiter der großen, blühenden Gewerkschaften
+sich gegen diese organisationshindernde, "gefährliche", "lähmende",
+"destruktive" Idee energisch zur Wehr setzen,[694] und daß sie nicht nur
+die Ausbreitung der Generalstreikidee möglichst zu hindern suchen,[695]
+sondern auch die Diskussion des den Organisationen eigentlich
+ungefährlichen politischen Massenstreiks[696] möglichst einzuschränken
+trachten, weil sich mit dem politischen Massenstreik leicht auch der
+Generalstreik einschleichen könnte.[697]
+
+[Fußnote 687: So bezüglich der französischen Gewerkschaften _Legien_,
+"In Köln am Rhein", p. 378; _Hue_, "Partei und Gewerkschaft"; Rdsch.
+Soz. Mh. Okt. u. Dez. 05, p. 911, 1067.]
+
+[Fußnote 688: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik";
+_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 217).]
+
+[Fußnote 689: _Legien_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]
+
+[Fußnote 690: Vgl. _Labriola_, a. a. O., p. 211; auch _Friedeberg_, a.
+a. O., setzt starke Organisation voraus.]
+
+[Fußnote 691: Vgl. _Briand_, Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32.]
+
+[Fußnote 692: Vgl. _Louis_, p. 308.]
+
+[Fußnote 693: Vgl. _Friedeberg_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p.
+26); ähnl. _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 18. Vgl. bezgl. der französ.
+Landarbeiterorganisationen P. _Groß_, "Die Weinkrise und die
+Landarbeitergewerkschaften im Languedoc".]
+
+[Fußnote 694: Korrespondenzblatt der Generalkommission... usw. (Citate
+in der Allg. Ztg. 19./4. 02, und in der Soz. Praxis XV. Nr. 2,
+Sp. 38); _Leimpeters_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ders. "Die
+sozialdemokratische Partei u. d. Gewerkschaften". -- _Hue_, p. 292;
+_Bernstein_, "Pol. Massenstreik u. pol. Lage", p. 10.]
+
+[Fußnote 695: Auf der 3. internationalen Konferenz der Sekretäre der
+Landesgewerkschaftsorganisationen am 9. und 10. Juli 03 in Dublin
+schlugen die französischen Gewerkschaftsvertreter vor, den andern
+Ländern die Taktik und die Prinzipien der französischen
+Arbeitersyndikate zur Kenntnis zu bringen. Die deutsche
+Gewerkschaftspresse nahm von dem entsprechenden Bericht der Conféd. gén.
+du Travail keine Notiz, nur die anarchistische "_Wahrheit_" publizierte
+ihn (unter dem Titel "Antimilitarismus und Generalstreik" als Beilage zu
+Nr. 11).]
+
+[Fußnote 696: v. _Elm_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226.]
+
+[Fußnote 697: Vgl. _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft", p.
+642; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 221); _Rob. Schmidt_
+(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 27). Die Zustimmung zum pol. M-str.
+wird leicht als Konzession an den Anarchismus aufgefaßt (vgl. die
+"_Einigkeit_" 1905, Nr. 41).]
+
+Umgekehrt wird durch die Schwäche der Gewerkschaft auch die
+Generalstreiktendenz gestärkt. Je weniger eine Gewerkschaft auf reale
+Erfolge, auf zahlenmäßige Machtbeweise hindeuten kann, um so eher wird
+sie auf ein so einfaches und unter Umständen auch zugkräftiges
+Propagandamittel verfallen, um so weniger riskiert sie bei dessen
+Gebrauch.[698]
+
+[Fußnote 698: Die belgischen Gewerkschaften sollen sich seinerzeit um
+so bereitwilliger am Kl-str. beteiligt haben, als sie nicht durch
+"übermäßig gefüllte Kassen in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt" gewesen
+seien (_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"). Das vielgeschmähte
+Ruhebedürfnis der deutschen Gewerkschaften, womit sie in Köln ihre
+Ablehnung des Kl-streiks motivierten (vgl. _Bömelburg_, Prot. p. 221),
+ist ein Beweis dafür, daß sie bereits etwas zu verlieren haben (so
+_Katz_, "Der politische Massenstreik"). Über die Behandlung des
+Kl-str.-Problems vom rein finanziellen Standpunkt aus, über die
+gewerkschaftliche "Versumpfung", klagen z.B. v. _Elm_ ("Rückblick auf
+den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß", p. 568), _Kautsky_, ("Der
+Kongreß in Köln"), _Geithner_, ("Zur Taktik der Sozialdemokratie"),
+_Lensch_ ("Die Idylle im Sumpf"); vgl. auch _Braun_, "Der Kölner
+Gewerkschaftskongress". Die Annahme, die finanziellen Fortschritte der
+Gewerkschaften hätten die Generalstreikströmungen gestärkt (so _Düwell_,
+p. 248 ff.), ist also wohl zurückzuweisen.]
+
+Auch _zwischen der gewerkschaftlichen Organisationsform und der
+Generalstreikpropaganda_ dürften _Wechselwirkungen_ bestehen. Einerseits
+stärkt die Generalstreikidee das Gefühl der individuellen
+Selbstherrlichkeit. Sie vermag daher im hohem Grade die
+"Sonderbündelei"[699] zu fördern. Andererseits bietet die
+föderalistische Organisationsform den günstigsten Boden für die
+Generalstreikpropaganda, da aparte und extravagante Ideen in lokalen
+Gruppen (bourse du travail, camera di lavoro usw.) überhaupt leicht
+Eingang finden. In einer zentralistischen Organisation hingegen werden
+neu auftauchende Tendenzen erst durch mehrere Instanzen durchgesiebt,
+wobei der persönliche Nimbus der neuen Propheten erheblich abgeblendet
+und eine kritische Beurteilung unter Berücksichtigung der allgemeinen
+Verhältnisse[700] ermöglicht wird. Die Argumente "fortschrittshungriger
+Ungeduld"[701] verlieren um so mehr an Überzeugungskraft, je
+umfangreicher die Verbände sind, je weiter also der Blick, je größer das
+Verantwortlichkeitsgefühl ihrer Leiter.
+
+[Fußnote 699: Vgl. _Kautsky_, "Der Bremer Parteitag", p. 8, 9.]
+
+[Fußnote 700: Vgl. _Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.]
+
+[Fußnote 701: _Hue_, "Partei und Gewerkschaft".]
+
+5. Auch die _Stellungnahme der Frauen_ wird als ein wichtiger
+allgemeiner Faktor des Klassenstreikentschlusses angesehen. Gewiß könnte
+die Aufforderung zum Streik seitens ihrer Frauen den Arbeitern eine
+moralische Unterstützung gewähren.[702] Im allgemeinen aber ist die
+Teilnahme der Proletarierinnen an den Klassenfragen noch so gering, daß
+dieser weiblichen Förderung des Streikentschlusses vorläufig keine
+erhebliche Bedeutung beigemessen werden kann. Wahrscheinlicher ist es,
+daß die Frauen, wegen der voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen des
+Ausstandes, eher ein retardierendes Element bilden.
+
+[Fußnote 702: Vgl. _Glas_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 88); ähnl.
+_Nieuwenhuis_ (Prot. Int. Kongr. Zürich 1893, p. 23 ff.). Vereinzelt kam
+diese Unterstützung wohl auch schon vor; so billigten z.B. in Rotterdam
+(1903) die Frauen ausdrücklich den Streikbeschluß der Männer (vgl. Allg.
+Ztg. 7./4. 03).]
+
+Die allgemeine Disposition zum Klassenstreik läßt sich übrigens noch
+durch spezielle, _künstliche Faktoren_ vergrößern.[703] Als solche
+erscheinen zunächst alle Bemühungen, die im allgemeinen der Förderung
+näherer und fernerer Ziele des Proletariats dienen,[704] außerdem aber
+auch die Mittel _spezieller Vorbereitung_ des Klassenstreiks: Propaganda
+und Agitation.
+
+[Fußnote 703: Nach _Louis_ (a. a. O. p. 298) soll überhaupt einzig die
+Form der Vorbereitung einen Anlaß zu Kontroversen in der gesamten Frage
+des Klassenstreiks bieten. (?!)]
+
+[Fußnote 704: Man wünscht als allgemeine Vorbereitung auf den pol.
+M-str.-Entschluß gewerkschaftliche Organisation in zentralistischen
+Verbänden (so _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.;
+_Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 222; _Hue_, a. a. O.;
+_Ledebour_, Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 433; v. _Elm_, a. a. O.;
+_Legien_, "In Köln am Rhein"; _Olberg_, "Der italienische
+Generalstreik", p. 22; _Ströbel_, Vortrag über den pol. M.str. in
+einer Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 05 [Vorwärts,
+14. Nov. 05, 1. Beilage]), genossenschaftliche und politische
+Organisation, Aufklärung usw. (so _Parvus_, "Staatsstreich und
+politischer Massenstreik", p. 391; _Zietz_, Prot. Parteitg.
+Jena 05, p. 326, und viele andere). Als allgemeine Vorbereitung
+auf den Generalstreik-Entschluß wird bes. föderalistische
+Gewerkschaftsorganisation, Förderung des revolutionären Bewußtseins,
+theoretische (anarchistische) Ausbildung, "Erhöhung der Persönlichkeit
+jedes einzelnen" (_Friedeberg_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 05, p. 26),
+sowie die Pflege der direkten Aktion, des Internationalismus und
+Antimilitarismus (vgl. "_Weckruf_", 28. Mai, "Der Generalstreik"; E.
+Th., "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9.
+Dez. 05]; _Dejeante_, Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28;
+_Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p.
+337); _Sironi_, Ernesto, "La Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta...
+usw., p. 387, gefordert.]
+
+1. Die _Propaganda_ betrachtet es als ihre Aufgabe, die Arbeiter mit dem
+Klassenstreik "gedanklich vertraut" zu machen, damit sie "allen
+Eventualitäten gewachsen" seien[705] und im entscheidenden Moment auch
+wüßten, was sie zu tun hätten.[706] Der Propaganda pflegt im allgemeinen
+die Diskussion vorauszugehen, die Aussprache über die Arten,
+Möglichkeiten und Aussichten des Klassenstreiks. Wie berechtigt
+akademische Erörterungen an sich auch sein mögen, so gefährlich kann
+ihre Häufigkeit innerhalb der praktischen Tagespolitik, kann der "Sport"
+mit dieser Idee, kann das "Spielen mit dem Feuer" werden.[707] Nicht
+etwa, weil durch "fortwährendes Reden darüber" der Gedanke des
+Klassenstreiks "lächerlich" gemacht und "verflacht"[708] würde, oder
+weil die Gegner dabei hinter die Pläne der Arbeiter kommen könnten,[709]
+sondern weil die darin enthaltenen meist noch ungeklärten, zu
+optimistischen Anschauungen nur allzuleicht trügerische Hoffnungen in
+den Arbeitern wecken,[710] weil die Arbeiter nur allzuleicht
+Untersuchung mit Empfehlung verwechseln, weil sich "aus der Gewohnheit,
+über eine Sache zu reden und reden zu hören, die Lust entwickeln"
+könnte, "sie einmal anzuwenden, ohne daß immer vorher die Tragweite
+davon gründlich geprüft worden wäre".[711]
+
+[Fußnote 705: _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; ders. "Der
+Parteitag in Jena".]
+
+[Fußnote 706: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik"; ders. "Ist der politische Massenstreik in
+Deutschland möglich?"; v. _Elm_, a. a. O. und Prot. Gwft. Kongr. Köln
+05, p. 226; _Timm_, ebenda p. 222, 223; _Kautsky_, "Allerhand
+Revolutionäres", p. 738, 739; _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 25 ff.;
+Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194, 196. -- _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena
+05 p. 299) nimmt an, die Massen könnten sich für eine solche Maßregel
+nur nach erfolgter Orientierung über Wirkung und Zweck begeistern.]
+
+[Fußnote 707: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Bernstein_, "Pol.
+M-str. u. pol. Lage", p. 22, und andere ähnlich.]
+
+[Fußnote 708: v. _Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und
+Genossenschaftsbewegung", p. 735; ders. "Partei und Gewerkschaft".]
+
+[Fußnote 709: Vgl. Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195,196; _Hue_,
+"Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Olberg_ ("Der italienische
+Generalstreik") meint, der Gedanke sei "nicht so zart, daß er durch die
+Diskussion abgegriffen würde", und die Redner des Proletariats seien
+"nicht so dumm", ihre "Betriebsgeheimnisse" auszuplaudern. -- Freilich
+können die Gegner aber in der bloßen Diskussion schon eine Drohung
+erblicken und mit entsprechenden Gegenmaßregeln antworten (vgl. _Heine_,
+Prot. Parteitg. Jena 05, p. 316).]
+
+[Fußnote 710: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
+Deutschland?"]
+
+[Fußnote 711: _Heine_, a. a. O. p. 754. _Kolb_ (Prot. Parteitg.
+Mannheim 06, p. 263, 264) fürchtet, die Arbeiter könnten sich in einem
+ungünstigen Moment zum Streik provozieren lassen.]
+
+2. Die _Agitation_ betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, das Thema zu
+klären oder die gewonnenen Einsichten zu verbreiten, sondern die
+Arbeiter nachdrücklich zum Handeln aufzufordern. Teils geschieht dies
+_generell_: durch die Anweisung, _jede_ Gelegenheit zum Streik zu
+ergreifen und _jeden_ Streik zum Klassenstreik zu erweitern (Praxis der
+Anarchisten); teils _speziell_: durch planmäßige Bearbeitung der Massen
+bei einem sich bietenden äußern Anlaß (wie in Schweden usw.), wobei es
+wesentlich darauf ankommt, der Bewegung ein geeignetes, nämlich ein
+bestimmtes, einheitliches und einleuchtendes Ziel zu geben.[712]
+
+[Fußnote 712: Je mehr Ziele zugleich auftreten, um so wahrscheinlicher
+ein Scheitern der Bewegung. Durch eine Verkoppelung der
+Wahlrechtsforderung mit dem Achtstunden-Postulat suchten seinerzeit die
+österr. Sozialisten die Beteiligung der Bergwerksarbeiter am geplanten
+Wahlrechtsstreik zu sichern, gaben aber, mit Rücksicht auf die allzu
+verschiedene Entwickelung der einzelnen Industrien und auf die allzu
+verschiedenen Erfordernisse eines ökonomischen und eines politischen
+Streiks, den Gedanken wieder auf (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894,
+_Krejci_, p. 55; _Hueber_, p. 58; _Reumann_, p. 62). -- _Jaurès_ ("Aus
+Theorie und Praxis") warf den französischen Syndikalisten vor, daß sie
+die Arbeiter, die für so unbestimmte Forderungen, wie "Kommunismus",
+nicht in den Streik treten würden, durch vorgeschobene Augenblicksziele
+in einen Generalstreik verlocken und diesem dann eine revolutionäre
+Wendung geben möchten.]
+
+Eine gewisse künstliche Förderung kann der Streikentschluß übrigens auch
+durch die Gegner erfahren;[713] doch spielt dies keine große Rolle.
+
+[Fußnote 713: So sollen beim Lancashire-Streik 1842 die Unternehmer die
+Hände im Spiel gehabt haben. Beim ital. Eisenbahnerstreik 1905 sollen
+die Eisenbahngesellschaften hinter der Szene die Streiktendenzen
+gefördert haben, um die Verstaatlichung zu hindern (vgl. Soz. Prx. 14.
+Jahrg. Nr. 30; "Die Hilfe", 1905, Nr. 16. p. 2, polit. Notiz).]
+
+Welchen unter den zahlreichen Faktoren kommt nun _ausschlaggebende
+Bedeutung_ zu? Die Möglichkeit unvorbereiteter Ausbrüche, wie die
+Vergeblichkeit künstlicher Inszenierungsversuche beweisen, daß die
+eigentlichen Triebfedern auf den _gegebenen_ Bedingungen, den
+_allgemeinen Verhältnissen_ beruhen. Haben doch überhaupt die
+großen Streiks "mehr den Charakter von Naturereignissen, als von
+bestimmten menschlichen Handlungen", weniger den "eines gewollten
+Mittels zu bestimmtem Zwecke, als den der unmittelbar gewollten
+Demonstration".[714] Sind sie aber in erster Linie "von der Entwicklung
+der Verhältnisse"[715] abhängig, so läßt sich eine wirksame Förderung
+oder Hinderung des Streikentschlusses allein von einer Beeinflussung
+dieser Verhältnisse erwarten.
+
+[Fußnote 714: "Sie entspringen den Stimmungen der Masse, zuweilen dem
+Druck der Not und Entbehrung, öfter dem allmählich angehäuften Unwillen,
+verletztem Ehrgefühl, sittlicher Entrüstung". (_Tönnies_, Über den
+Ruhrstreik 1905, "Freies Wort", IV, p. 894).]
+
+[Fußnote 715: Vgl. _Legien_, "In Köln am Rhein"; _Leimpeters_ (Prot.
+Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223); v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf
+dem Mannheimer Parteitag".]
+
+Aber der Streikentschluß ist doch _nicht ausschließlich_ vom
+historischen Moment,[716] von der _geschichtlichen Notwendigkeit_[717]
+abhängig. Der Effekt der gegebenen Bedingungen kann in gewissen Grenzen
+durch die _künstlichen Faktoren_ modifiziert werden. Es unterliegt
+keinem Zweifel, daß ein Klassenstreik um so eher losbricht, je stärker
+die Arbeiter daraufhin bearbeitet worden sind, und um so schwerer, je
+mehr man sie durch spezielle Bemühungen am Streik zu hindern sucht.
+Natürlich läßt er sich um so leichter heraufbeschwören, je stärker die
+allgemeinen Umstände das Proletariat zum Massenstreik disponieren, und
+um so schwerer, je weniger die Arbeiter dazu neigen. Den größten
+Hindernissen begegnet die künstliche Streikförderung, wenn es sich,
+ceteris paribus, um den überlegten Streikentschluß handelt, weil
+hierbei, gerade infolge der Überlegung, auch die Hemmungsvorstellungen
+besonders deutlich ins Bewußtsein treten müssen.
+
+[Fußnote 716: _Legien_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).]
+
+[Fußnote 717: _Luxemburg_, Vortrag über den pol. M-str. in einer von
+den sozialdemokratischen Frauen einberufenen Volksversammlung am 6. Dez.
+(vgl. Vorwärts, 2. Beilage, 8./12. 05).]
+
+Bei der relativ geringen Bedeutung der künstlichen Faktoren erscheint
+deren _Beeinflussung_ zwecks Förderung oder Hinderung des
+Streikentschlusses wenig verheißungsvoll. Ganz besonders _wertlos_ aber
+erscheinen von diesem Gesichtspunkt aus alle Bestrebungen, die Taktik
+des Proletariats von vornherein festzulegen und den Klassenstreik als
+Folge bestimmter Ereignisse vorauszuverkünden.[718] Hängt doch der
+Ausbruch des Klassenstreiks an tausend Imponderabilien, deren
+Gruppierungen sich kaum für wenige Tage voraussehen lassen.
+
+[Fußnote 718: Nichts sei verkehrter, als "eine große Aktion
+beschließen, für die das Angriffsobjekt noch fehlt" (_Bebel_, "Der
+Bremer Parteitg."; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 336). --Vgl. auch
+_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; _Bömelburg_ (Prot.
+Parteitg. Jena, p. 227, 333; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 219); v.
+_Elm_, "Die Revisionisten an der Arbeit", p. 29; _Zetkin_ (vgl.
+Vorwärts, 23. Aug. 05).]
+
+§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks.
+
+1. Die Durchführung eines Klassenstreiks hängt in erster Linie vom
+_Ausharrungsvermögen der Arbeiter_ ab, und dieses selbst wird zunächst
+durch das Maß _materieller Mittel_, über die das Proletariat verfügen
+kann, bedingt.[719] Denn beim Klassenstreik leidet ja das Proletariat
+nicht nur unter dem normalerweise eintretenden Lohnausfall,
+sondern, als Teil des sozialen Körpers, auch unter dem durch den
+Streik herbeigeführten allgemeinen gesellschaftlichen Druck
+(Lebensmittelknappheit, Preissteigerung usw.), der auf ihm, als der
+wirtschaftlich-schwächsten Klasse, am schwersten lasten muß.[720] Wie
+sehr die Arbeiter auch an Entbehrungen gewöhnt sein mögen, sie
+können denn doch nicht, wie Bebel meint, einfach "ein paar Wochen
+hungern";[721]; würden doch auch Frauen und Kinder in Mitleidenschaft
+gezogen werden. Vor dem _Hunger_ verblassen alle noch so leuchtenden
+Ziele,[722] alle noch so heiligen Vorsätze, und das Proletariat hat
+dann nur die Wahl zwischen Stürmung der Lebensmittelmagazine, also
+Hungerrevolte,[723] und Kapitulation.[724] Der Rückzug kann entweder
+gemeinsam und in guter Ordnung stattfinden oder in zerstreuten Trupps.
+Dann versandet die Bewegung, und die letzten, die am längsten ausharren,
+müssen die Zeche bezahlen.[725]
+
+[Fußnote 719: Über die Bedeutung der materiellen Mittel für den Kl-str.
+sind sich Vertreter aller Richtungen einig; vgl. die Resolutionen über
+Generalstreiks und über politische M-streiks, z.B. von den
+internationalen Kongressen in Zürich (p. 53), Amsterdam (p. 24 ff.);
+ferner _Legien_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900 p. 31 ff.); Prot.
+Parteitg. Bremen 04, p. 196; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 30;
+Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; Prot. Parteitg. Wien 05, p. 68, 69; v.
+_Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p.
+734; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 331; _Grimm_, "Der politische
+Massenstreik"; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421;
+_Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656;
+_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik"; _Friedeberg_,
+"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32; ders., "Weltansch."]
+
+[Fußnote 720: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
+Italien", p. 866, 867; _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der
+niederländischen Sozialdemokratie"; ders., "Der Generalstreik als
+politisches Kampfmittel", p. 196, 197; _Heine_, "Politischer
+Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Kolb_, "Zur Frage des
+Generalstreiks", p. 209; _Axel Hirsch_, p. 197; _Grosch_, "Der
+Generalstreik", p. 15 ff.; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883;
+ders., Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223; _Cohnstaedt_, "Generalstreik,
+Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749; _Eckstein_, p. 358, 359;
+_Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 252, 253; _Kautsky_,
+"Allerhand Revolutionäres", p. 689. -- Anderer Ansicht sind z.B.
+_Louis_, p. 301 ff., und _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
+Generalstreik", p. 28, 29.]
+
+[Fußnote 721: Vgl. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; ähnl.
+ebenda _Zietz_, p. 319, und v. _Elm_, p. 331.]
+
+[Fußnote 722: Vgl. hierüber z.B. _Rob. Schmidt_ und _David_ (Prot.
+Parteitg. Jena 05, p. 319, 328).]
+
+[Fußnote 723: Vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Kampffmeyer_,
+"Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"; _David_,
+"Die Eroberung der politischen Macht", III; _Düwell_, p. 248 ff.;
+_Grosch_, p. 16, 17.]
+
+[Fußnote 724: Vgl. z.B. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 153 ff.]
+
+[Fußnote 725: Vgl. _David_, "Rückblick auf Jena".]
+
+Zur Verhütung solcher Ausgänge sind natürlich um so größere Mittel
+erforderlich, je mehr der Streik sich zeitlich und räumlich ausdehnt;
+aber je mehr er sich ausdehnt, um so schwerer wird auch die Beschaffung
+dieser Mittel, um so weniger genügen die Gewerkschaftskassen,[726] um so
+geringer fällt der Zuschuß aus, den die Nichtstreikenden gewähren
+können. Der Klassenstreik wird also im allgemeinen hinter der Dauer
+eines gewöhnlichen Streiks zurückbleiben müssen.[727] Unter den heutigen
+Umständen dürften die Vorräte der Arbeiter und der ihnen kreditierenden
+Kleinhändler sogar schon nach einer Woche erschöpft sein.[728]
+
+[Fußnote 726: Vgl. z.B. _Grosch_.]
+
+[Fußnote 727: Vgl. _Reumann_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62;
+_Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; _Eckstein_,
+p. 358. Die Behauptung, der Klassenstreik werde die Regierung noch vor
+Erschöpfung der Arbeitervorräte zum Nachgeben zwingen (vgl. _Zietz_,
+Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326), ist unbegründet.]
+
+[Fußnote 728: Vgl. _Leimpeters_, p. 883. "Die deutsche Arbeiterschaft
+ist nicht einmal im stande gewesen, 200 000 Bergleute auf einige Wochen
+mit Brot und Kartoffeln zu versorgen; wie soll das erst werden, wenn
+Millionen in Frage kommen?" ("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in
+der N. Z. Z.)]
+
+Daher sind denn auch eine Reihe von Plänen zur Lösung des
+_Hungerproblems_ aufgetaucht. Der Vorschlag einiger Chartisten, jede
+Arbeiterfamilie sollte sich vor Ausbruch des Streiks einen Sack mit
+Lebensmitteln anschaffen, aus dem sie gewiß ihre bescheidenen
+Bedürfnisse einen Monat lang befriedigen könnte, indes die verwöhnten
+Reichen bald kapitulieren müßten,[729] war ebenso rührend-naiv, wie
+undurchführbar. -- Die Schaffung eines einigermaßen genügenden
+Streikfonds[730] setzt eine vorläufig unerreichbare Stärke des
+Gewerkschaftswesens voraus. --Verproviantierungsschwierigkeiten wären
+beim parzellierten Klassenstreik allerdings geringer,[731] doch könnten
+die Unternehmer diese Vorteile durch Aussperrungen illusorisch machen.
+-- Die Unterstützung durch ausländische Arbeiter blieb bisher stets in
+bescheidenen Grenzen, kann die materielle Lage also auch nicht
+wesentlich verbessern. -- Durch weitgehende Ausbildung des
+Genossenschaftswesens ließe sich noch am ehesten eine mehrwöchentliche,
+wenn auch bescheidenste Ernährung großer Arbeitermassen aufrecht
+erhalten;[732] übrigens könnten sich die andern Klassen ebenfalls und
+vermutlich reichlicher vorsehen, und vielleicht würde der Staat im
+Interesse der Öffentlichkeit "die proletarischen Magazine beschlagnahmen
+und zum allgemeinen Wohle verwenden".[733] Immerhin wäre durch die
+genossenschaftliche Entwicklung die Möglichkeit einer starken Ausdehnung
+der Streiks näher gerückt. Eine materielle Unterstützung durch andere
+Klassen (Bezahlung der Streiktage durch die Unternehmer, Sammlungen im
+großen Publikum usw.) wird immer zu den Ausnahmen gehören, pflegt auch
+keine bedeutenden Dimensionen anzunehmen. -- Der einzige radikale Plan
+zur Vermeidung der Hungergefahr, nämlich die selbständige Organisation
+der proletarischen Produktion, oder auch Konsumtion,[734] ist im
+kapitalistischen Staat unausführbar.
+
+[Fußnote 729: Vgl. Henri _Quelch_, Enquête, p. 185.]
+
+[Fußnote 730: Vorgeschlagen von _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p.
+104 ff.; _Kampffmeyer_ a. a. O.; vgl. auch Friedrich _Naumann_, "Innere
+Wandlungen der Sozialdemokratie".]
+
+[Fußnote 731: Das Proletariat versetze hierbei "die Gesellschaft in
+einen Zustand ununterbrochener Unruhe, ohne seine eigenen Kräfte völlig
+aufzureiben" (_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der
+russischen Revolution", p. 215). Die Arbeiter können ihre Kräfte
+"jeweilig an solchen Punkten konzentrieren, wo sich ihnen besonders
+günstige Chancen bieten" (v. _Reiswitz_, a. a. O., p. 83) und die
+Arbeitenden können die Streikenden immer wieder unterstützen (vgl.
+bezgl. Marseille die Allg. Ztg. 11./9. 04).]
+
+[Fußnote 732: Vgl. v. _Elm_, a. a. O.; _David_, "Rückblick auf Jena";
+ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 328; _Roland-Holst_, "G-str. u.
+Sozd.", p. 104 ff.]
+
+[Fußnote 733: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
+Kampfmittel", p. 196.]
+
+[Fußnote 734: Vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik",
+p. 31, 32.]
+
+Aber das Ausharrungsvermögen des Proletariats hängt nicht nur von seinen
+materiellen Mitteln, sondern in hohem Maße auch von seinen _moralischen
+Qualitäten_ ab. Denn mit Zahl und Erregung der Ausständigen wächst die
+Schwierigkeit, Ruhe und Ordnung zu bewahren, mehren sich die
+Gelegenheiten zu Zusammenstößen und Ausschreitungen. Die gewaltsame Form
+des Klassenstreiks führt natürlich ohne weiteres zu revolutionären
+Auftritten.[735] Aber auch bei einem ganz friedlich beabsichtigten
+Klassenstreik sind blutige Konflikte auf die Dauer fast unvermeidlich,
+und zwar nicht nur infolge der physischen Notlage (erhöhte Reizbarkeit
+der Hungernden), sondern auch deshalb, weil hierbei die üblichen
+Zusammenstöße mit Arbeitswilligen[736] durch die Klassenleidenschaften
+verschärft werden; weil ferner in Momenten allgemeiner Aufregung das
+sogenannte Lumpenproletariat, "alle Schranken der Gesetzlichkeit"
+durchbrechend, "auf der Bildfläche erscheint";[737] weil auch in solchen
+Zeiten gewalttätige Fanatiker am leichtesten Einfluß gewinnen, denn
+"innerhalb einer sich sinnlich berührenden Menschenmenge... gehen
+unzählige Suggestionen und nervöse Beeinflussungen hin und her, die dem
+einzelnen die Ruhe und Selbständigkeit des Überlegens und des Handelns
+rauben, so daß die flüchtigsten Anregungen innerhalb einer Menge oft
+lawinenartig zu den unverhältnismäßigsten Impulsivitäten anschwellen und
+die höheren, differenzierten, kritischen Funktionen wie ausgeschaltet
+sind";[738] weil endlich jeder Schritt der öffentlichen Gewalt, wie
+Verhaftungen von Arbeiterführern, ja auch die bloße Verschärfung der
+staatlichen Sicherheitsmaßregeln, von den gereizten Massen schon wie
+eine Provokation empfunden und beantwortet werden kann. Die Gefahr liegt
+also äußerst nahe, daß der Klassenstreik, die Revolution der "gekreuzten
+Arme", die Revolution "im Sonntagsanzug", "mit den Händen in den
+Hosentaschen", zu ernstlichen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht,
+daß sie zur Straßenschlacht führe.[739] Dann aber ist die Niederlage des
+Proletariats so gut wie gewiß. Zwar läßt sich nicht in Abrede stellen,
+daß die Bedeutung der Armee durch den Streik selbst ausnahmsweise etwas
+gemindert werden kann:[740] wenn sich dieser nämlich wirklich bis in die
+entlegensten Flecken erstrecken, wenn er eine so "ungeheure Ausdehnung"
+erreichen[741] sollte, daß die Armee nicht groß genug wäre, um
+allerorten einzugreifen; oder wenn zudem den Soldaten wirklich ein
+richtiger Angriffspunkt, ein greifbarer Widerstand[742] fehlte, und wenn
+sie sich infolge bloßen Überwachungsdienstes gedrückt, ermüdet, unsicher
+fühlen würden.[743] Trotzdem aber ist auch beim Klassenstreik "die
+moderne Armee einem revoltierenden Volkshaufen stets weit
+überlegen".[744]
+
+[Fußnote 735: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 11; ders.,
+"Der Streik als politisches Kampfmittel". -- Ebenso würde der
+Militärstr., der übrigens von den Sozialisten fast durchweg abgelehnt
+wird (vgl. z.B. _Plechanoff_, _Adler_, _Liebknecht_ auf dem int. Kongr.
+Zürich, Prot. p. 20 ff.), sofort blutige Zusammenstöße veranlassen.]
+
+[Fußnote 736: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
+Stimmrechtskampagne"; _Turati_, a. a. O. Auch _Bernstein_ ("Ist der
+politische Streik in Deutschland möglich?") gibt zu, daß es nicht "ohne
+jedes Opfer", nicht ohne "etwas Schrammen" abgehen werde.]
+
+[Fußnote 737: _Eckstein_; _Turati_. Dies war z.B. beim belgischen und
+beim ital. Klassenstreik der Fall (vgl. N. Z. Z. 6./4. 02; Rdsch. Soz.
+Mh. Mai 1902, p. 392).]
+
+[Fußnote 738: _Simmel_, "Soziologie der Über- und Unterordnung", p. 518
+ff.]
+
+[Fußnote 739: Vgl. _Lusnia_, "Unbewaffnete Revolution?", p. 564 ff.;
+_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ähnl. auch _Deville_ (cit. bei
+_Weill_, p. 405), _Leimpeters_, p. 881, _Legien_, v. _Elm_ (Prot.
+Parteitg. Jena 05 p. 322), und zur Zeit des Chartismus z.B. _Stephens_
+(vgl. _Tildsley_, p. 47, 48).]
+
+[Fußnote 740: Der Kl-str. könne "affaiblir l'armée entre les mains de
+la classe capitaliste" (_Briand_, "La grève générale et la révolution",
+p. 9 ff.).]
+
+[Fußnote 741: "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11
+der "_Wahrheit_", p. 11 ff. Der Streik müsse allgemein sein, um die
+Kräfte des Gegners zu zersplittern, fordert z.B. _Parvus_, a. a. O.;
+vgl. ferner _Adler_, _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.);
+_Roland-Holst_, p. 88 ff.]
+
+[Fußnote 742: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 9
+ff.]
+
+[Fußnote 743: Die Armee sei "insuffisante pour faire face à un pareil
+danger" (_Briand_. p. 9 ff.), sei in solchen Fällen "zur Ohnmacht
+verurteilt" (so "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a. O.; ähnl.
+_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694, 695). Durch häufige
+persönliche Berührungen zwischen Streikenden und Soldaten kann natürlich
+in letzteren das Gefühl der Interessengemeinschaft geweckt werden
+(_Parvus_, a. a. O.); doch ist es unwahrscheinlich, daß dies bei den
+heutigen militärischen Verhältnissen zu einer ernstlichen "Zersetzung
+der militärischen Disziplin" (_Roland-Holst_, "Der politische
+Massenstreik in der russischen Revolution", p. 220 ff.) führen kann; die
+Disziplin müßte denn schon vorher sehr gelockert gewesen sein. Für
+Deutschland scheint dies völlig ausgeschlossen. Übrigens hat weder die
+Unzuverlässigkeit der belgischen Truppen (vgl. N. Z. Z. 26./3. 1893,
+Allg. Ztg. 3./5. 93), noch die des russischen Heeres die Ausständigen
+vor blutigen Zusammenstößen bewahrt.]
+
+[Fußnote 744: _Eckstein_, p. 362; ähnl. _David_.]
+
+Sofern freilich das Heer zu den Streikenden hielte, wären alle
+blutigen Zusammenstöße natürlich von vornherein ausgeschlossen.
+Daher die Bemühungen um Einführung des Milizsystems; daher die
+Versuche, durch allgemeine sozialistische, wie auch durch spezielle
+antimilitaristische[745] Propaganda einen Einfluß auf das Heer
+auszuüben.[746]
+
+[Fußnote 745: Vgl. "_Weckruf_", 28. Mai 04; _Dejeante_ (Prot. int.
+Kongr. Zürich 1893, p. 28); _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
+Generalstreik", p. 29 ff.; "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a.
+O.]
+
+[Fußnote 746: v. _Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen
+Gewerkschaftskongress"; _Friedeberg_ a. a. O. Die Ansicht, das Milizsystem
+biete den Arbeitern beim Kl-str. größere Vorteile, wird z.B. durch die
+Schweiz. Streikerfahrungen widerlegt -- 1902 forderten die
+sozialistischen Frauen in Brüssel das Militär direkt in einem Manifest
+auf, nicht auf das Volk zu schießen, aber mit geringem Erfolg (vgl. N.
+Z. Z. April 1902).]
+
+Ein weniger radikales, aber praktisch nicht ganz aussichtsloses
+Schutzmittel (das aber keineswegs die Verhütung aller und jeder
+Konflikte gewährleistet),[747] besteht in der Beeinflussung der Arbeiter
+selbst: vor allem allgemeine Erziehung und Disziplinierung der
+Massen,[748] dann aber auch spezielle _Maßnahmen zur Aufrechterhaltung
+der Ordnung_ während des Streiks: wie Einrichtung eines
+Sicherheitsdienstes,[749] Ermahnungen einflußreicher Führer zur Ruhe und
+Ordnung,[750] Vorkehrungen gegen den in solchen Zeiten ganz besonders
+verderblichen Alkoholgenuß[751] usw. Hingegen möchte sich die vorherige
+Aufstellung eines detaillierten Streikplans wegen der Unberechenbarkeit
+der Verhältnisse als zwecklos erweisen.[752] --Natürlich kann auch durch
+ausnahmsweise Unterstützung aus anderen Gesellschaftskreisen die
+moralische Widerstandskraft der Streikenden gehoben werden.[753]
+
+[Fußnote 747: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
+Massenstreik"; ders., "Der politische Massenstreik und der
+Staatsanwalt".]
+
+[Fußnote 748: Dies fordert z.B. die Amsterdamer
+Generalstreikresolution (Prot. p. 24 ff.); ebenso _Zietz_, (Prot.
+Parteitag Jena 1905 p. 326); _Bernstein_, a. a. O., und viele andere,
+auch _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd."; doch fordert sie [p. 119]
+andererseits eine solche Erregung, daß die proletarische Disziplin
+durchbrochen werde). Es wird eine möglichst umfassende Organisation und
+Vorbereitung des Proletariats verlangt, Schulung im täglichen Kampf,
+sodaß die Möglichkeit des Zusammenhalts und der Ordnung auch nach
+Gefangennahme der gewohnten Führer bestehen bleibe, Einheitlichkeit der
+Leitung, wobei es irrelevant sei, ob Partei oder Gewerkschaft die
+Führung übernehmen, sofern sie sich nur gegenseitig in die Hände
+arbeiten (vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel";
+_Umrath_, p. 19, 20; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.,
+732, 733; ders., "Maifeier und Generalstreik"; _Olberg_, "Der
+italienische Generalstreik", p. 23; _Jaurès_, "Grève et Révolution";
+_Roland-Holst_, p. 107 ff.; _Friedeberg_ a. a. O.).]
+
+[Fußnote 749: Es wurde 1904 in Mailand eine Art Arbeiterpolizei
+eingerichtet (vgl. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 22).
+Beim polit. Streik in Russisch-Polen verlangte das Arbeiterkomitee von
+Zawiercie in einem Manifest: Ruhe, Würde und Charakterfestigkeit, und es
+drohte, bei Diebstahl, Raub und Schlägerei gegen die Schuldigen
+einzuschreiten (vgl. Dokumente des Sozialismus, V. 9).]
+
+[Fußnote 750: "Es müssen die Männer, die bei der Masse Autorität haben,
+mögen sie den Streik billigen oder nicht, persönlich ihren ganzen
+Einfluß aufwenden", um ihn in gesitteten Grenzen zu halten (_Turati_,
+"Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien").]
+
+[Fußnote 751: Schon der Chartistenkonvent fragte in einem Manifest, ob
+das Volk bereit sei, während des heiligen Monats vom Genuß geistiger
+Getränke abzustehen (vgl. _Tildsley_, p. 46). Beim belgischen Streik
+warnten die Führer vor dem Alkoholgenuß (vgl. "Allg. Ztg." 16./4. 02;
+_Destrée und Vandervelde_, p. 259), der Branntweinausschank wurde
+eingeschränkt (_Destrée und Vandervelde_, p. 259): "à Verviers, les
+cabaretiers socialistes ne débitèrent point de genièvre
+(Wachholderbranntwein) pendant le temps de la grève; un peu partout, on
+remarqua la diminution de l'ivroguerie". Beim schwedischen Streik waren
+die Ausschankstellen für geistige Getränke überhaupt geschlossen (N. Z.
+Z. 16./5. 02). Das Komitee von Zawiercie (a. a. O.) bedrohte Betrunkene
+mit 20 Schlägen. In Italien forderte 1904 die Arbeitskammer von
+Sampierdarena die Verkäufer alkoholischer Getränke zur Einstellung des
+Verkaufs derselben während der Streikdauer auf (_Olberg_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 752: Vgl. _Leimpeters_, "Die Taktik des Bergarbeiterverbandes"
+p. 488; ders. "Zum Generalstreik", p. 884.]
+
+[Fußnote 753: Dies soll beim 1. belgischen Wahlrechtsstreik der Fall
+gewesen sein, desgl. in Rußland 1905; ähnl. auch beim Ruhrstreik.]
+
+Das Ausharrungsvermögen des Proletariats ist also von der Größe seiner
+eigenen materiellen und geistigen Vorräte, plus event. Unterstützung aus
+bürgerlichen Kreisen abhängig. Die tatsächliche Inanspruchnahme dieser
+Mittel wird um so größer, die Differenz zwischen proletarischer
+Opferfähigkeit und Opferwilligkeit um so geringer, die Durchführung des
+Streiks um so konsequenter sein, je lebhafter das Proletariat seine
+konkrete Forderung als gerecht und notwendig empfindet.[754]
+
+[Fußnote 754: Vgl. _Jaurès_, a. a. O.; ders. "Aus Theorie und Praxis",
+p. 99 ff.; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 107 ff.; _Bernstein_, "Pol.
+M-str. u. pol. Lage", p. 34; Prot. Parteitag Wien 05, p. 68, 69. Zur
+Entwickelung dieser Gefühle im Proletariat wird Vorbereitung verlangt,
+vgl. z.B. Prot. Parteitag Wien 1894, p. 80 ff.; _Luxemburg_, (Vorwärts,
+8. Dez. 05); _Thesing_, p. 334.]
+
+2. Außer vom Ausharrungsvermögen der Arbeiter hängt die Durchführung des
+Klassenstreiks aber noch von der _Widerstandskraft_ ihrer _Gegner_ ab.
+
+Diese entspricht einerseits dem Umfang der Gegnerschaft überhaupt,
+ist also um so größer, je mehr der Streik sich gegen alle
+Gesellschaftsklassen wendet,[755] je weniger Sympathien er im Bürgertum
+wecken kann; andererseits entspricht sie den gegnerischen Machtmitteln,
+resp. deren Zuverlässigkeit und Anwendbarkeit.
+
+[Fußnote 755: _Streltzow_, a. a. O. p. 136, folgert aus den russischen
+Streikerfahrungen, daß ein Kl-str. ohne starke Organisationen nur
+möglich sei, "wenn er gegen die völlig isolierte Regierung geführt
+wird".]
+
+Da die Zuverlässigkeit der Machtmittel durch allgemeine politische
+Ereignisse beträchtlich modifiziert werden kann, so hängt der Widerstand
+der Gegner in hohem Maße vom Zeitpunkt ab, in dem der Klassenstreik
+ausbricht; dieser hat also um so größere Chancen, je verwickelter die
+politischen Verhältnisse gerade liegen (z.B. zur Zeit eines
+unglücklichen Krieges, oder bei tiefgreifender Unzufriedenheit im
+Volk,[756] oder wenn die Regierung innerlich morsch ist);[757] denn was
+für den gewerblichen Streik die wirtschaftliche Hochkonjunktur, das
+bedeutet für den Klassenstreik die allgemeine Krise.
+
+[Fußnote 756: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel":
+der pol. M-str. solle "eine latente Krisis zu einer für die
+Arbeiterklasse möglichst günstigen Entscheidung treiben", nicht diese
+Krisis selbst herbeiführen (p. 693). Ähnlich wünschte _Resel_ (Prot.
+Parteitag Wien 1894, p. 70) für den Wahlrechtsstreik einen Zeitpunkt,
+"wenn sich die politischen Verhältnisse günstig gestalten, wenn im
+Parlament eine Konfusion eintreten wird".]
+
+[Fußnote 757: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 132.]
+
+Da ferner die Anwendbarkeit der Machtmittel zum Teil eine Vorbereitung
+erfordert, so wird der Widerstand der Gegner um so geringer sein, je
+überraschender, spontaner der Streikentschluß zu Stande kommt.[758]
+
+[Fußnote 758: Deshalb hat man auch schon "in der Überrumpelung"
+(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in
+Holland"), "in der Plötzlichkeit eine Bürgschaft des Erfolgs" (_Gorter_,
+"Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; ähnl. _Kautsky_,
+"Allerhand Revolutionäres", p. 735 ff.; Allg. Ztg. 10./4. 03; _Zietz_
+[Prot. Parteitag Jena 05, p. 326]; _Thesing_, p. 534; vgl. auch
+_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p.
+750) sehen wollen, obgleich die Plötzlichkeit oft mit ungenügender
+Vorbereitung der Arbeiter zusammenfällt.]
+
+Die positive Machtfülle der Gegner wird aber nicht in allen Fällen voll
+zur Entfaltung gelangen. Vielmehr wird der Grad der Abwehr dem Grad der
+Beeinträchtigung entsprechen, die der Ausstand herbeiführt oder
+herbeiführen will. Der Widerstand wird also von Größe und Form, Ziel und
+Wirkungsweise des Klassenstreiks abhängen. Ceteris paribus löst ein
+Demonstrationsstreik beim Gegner eine geringere Reaktion aus, als ein
+Pressionsstreik; ein Pressionsstreik hat aber in der Defensive immer
+noch größere Chancen, als in der Offensive.[759] Eine Pression zu
+Gunsten von Teilforderungen ruft um so mehr Widerstand hervor, je mehr
+diese die Interessen des Gegners berühren;[760] sie wird aber immer noch
+weniger Widerstand erregen,[761] als ein Klassenstreik mit
+sozialrevolutionären Zielen, bei dem sich alle noch so entfernten
+Freunde der bestehenden Ordnung sofort um die Regierung scharen[762] und
+deren Aktionskraft auch in physischer Hinsicht beträchtlich steigern
+würden.[763] -- Verschiedene Sozialisten nehmen an, die Klassenstreiks
+müßten ständig zunehmen.[764] Denn weil bei der Entwicklungshöhe des
+Kapitalismus und der Reife der Arbeiterklasse für die Gegner immer mehr
+auf dem Spiel stehe,[765] sähen sie jeden Kampf als Existenzfrage
+an[766] und steigerten ihren Widerstand. Deshalb müßten die Streiks
+immer mehr revolutionären Charakter annehmen. Eine solche Behauptung
+übersieht die Möglichkeit einer sozialen Spannungsmilderung.
+
+[Fußnote 759: _Block_ a. a. O.; _Zetkin_ (Prot. Parteitag Jena 05, p.
+324); zur Defensive brauche das Proletariat über weniger Kräfte zu
+verfügen, als zur revolutionären Offensive.]
+
+[Fußnote 760: So meint z.B. _Rob. Schmidt_, (Prot. Parteitag Jena 05,
+p. 332), der Ruhrstreik sei nur deshalb ohne Blutvergießen abgelaufen,
+weil es damals der Regierung nicht des Einsatzes wert gewesen wäre;
+"aber es würde ihr des Einsatzes wert sein, wenn es sich um so vitale
+Interessen der bürgerlichen Klasse handelte, wie das Wahlrecht".]
+
+[Fußnote 761: "Da er den Herrschenden nicht so schrecklich, nicht als
+der letzte Schritt zur Revolution erscheinen wird" (_Block_; ähnl.
+_Adler_, Prot. Parteitag Wien 05, p. 128).]
+
+[Fußnote 762: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik". Z.B. in England sollen sich 1848 250 000 Bürger
+als Spezialkonstabler in den Dienst der Regierung gestellt haben (vgl.
+_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage" p. 11).]
+
+[Fußnote 763: Vgl. _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_, "Ist der
+politische Streik in Deutschland möglich?" p. 33; _Jaurès_ ("Aus Theorie
+und Praxis", p. 115 ff.) verweist darauf, daß die Bürgerschaft infolge
+der Schieß-, Turn-, Sport- und Militärübungen wohl im Stande sein würde,
+eine energische Aktion auszuüben.]
+
+[Fußnote 764: Vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders.
+"Zum Parteitag", p. 780; ders., "Lehren des Bergarbeiterstreiks", p.
+781; _Luxemburg_ (Vorwärts, 8./12. 05).]
+
+[Fußnote 765: _Hilferding_, "Parlamentarismus und Massenstreik", p. 814
+ff., meint, in Deutschland z.B. müsse jeder Klassenstreik "zur
+Entscheidungsschlacht" führen, "denn die herrschenden Klassen
+Deutschlands vertragen infolge der Entwicklung der ökonomischen
+Verhältnisse keinen Sieg des Proletariats, und sei es in welcher Frage
+immer". Weil aber das Proletariat zum Entscheidungskampf noch nicht
+stark genug sei, so müsse in Deutschland jeder Massenstreik vermieden
+werden. (Gewiß erscheint die Ablehnung eines pol. M-streiks für
+Deutschland durchaus gerechtfertigt; aber nicht deshalb, weil die
+"Herrschenden" daraus eine "Todesdrohung" hören würden, sondern weil ein
+pol. M-str. gerade in Deutschland infolge der politischen und
+militärischen Verhältnisse ganz bes. aussichtslos sein würde). In
+Österreich hält _Hilferding_ den Klassenstreik noch bei pol.
+Einzelforderungen für angebracht. Ähnl. _Kautsky_, "Der Bremer
+Parteitag" p. 9; _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte". _Block_
+billigt die _Hilferding_schen Ansichten über die Streikaussichten in
+Deutschland nur bezüglich des Pressionsstreiks. -- Als Pendant zu den
+_Hilferding_schen Ausführungen kann die in anderen Kreisen vertretene
+Ansicht gelten, daß "heutzutage jeder einzige Streik sozialdemokratisch
+organisierter Arbeiter ein politischer Streik" sei, weswegen man dem
+Streikunwesen energisch entgegenwirken müsse (vgl. v. _Reiswitz_, p.
+58).]
+
+[Fußnote 766: _Roland-Holst_, a. a. O. p. 686.]
+
+Je mehr Widerstand die Gegner leisten, um so mehr Ausharrungsvermögen
+ist auf Seite der Arbeiter erforderlich. Also ist ein defensiver,
+friedlicher Demonstrationsstreik für Teilziele, von mäßigem Umfang und
+kurzer Dauer am relativ leichtesten,[767] der revolutionäre
+Pressionsstreik aber am schwersten durchführbar. Letzterer verlangt auf
+Seiten der Arbeiter ein so ungeheures Maß von Organisation, materiellen
+Mitteln, Disziplin, Opferwilligkeit und eine so ungeheure Beteiligung,
+oder er setzt auf Seiten der bürgerlichen Gesellschaft eine so schwache
+Regierung, eine so jämmerliche, zusammengeschrumpfte Bourgeoispartei,
+ein so vollkommen unzuverlässiges Heer voraus, daß er, sobald er möglich
+wäre, auch schon unnötig würde. Denn dann wären ja wirklich die
+Voraussetzungen des Sozialismus vorhanden, und es dürfte weder die
+einzige,[768] noch gerade die beste Art sein, das neue Arbeitssystem
+durch Proklamierung eines allgemeinen Ferienurlaubs einzuführen.[769]
+
+[Fußnote 767: Vgl. z.B. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 734,
+735; _Block_; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]
+
+[Fußnote 768: _Friedeberg_ ("Weltansch." und "Parlamentarismus und
+Generalstreik", p. 3) behauptet, der "Klassenstaat" könne, da er auf der
+Ausbeutung des Proletariats beruhe, nur überwunden werden, indem man
+durch den Generalstreik die Ausbeutung aufhebe. Diese Beweisführung ist
+keineswegs zwingend. Der Lärm, den die gleichzeitige Stimmerhebung
+zahlreicher Personen verursacht, läßt sich nicht nur durch plötzliches
+Verstummen aller Beteiligten beseitigen, sondern auch durch die
+Einreihung der gleichzeitig ertönenden Stimmen in eine harmonische
+Ordnung, so daß, statt in gänzliche Totenstille, der Lärm sich in einen
+wohllautenden Chorgesang auflöst; auch gegen die "Ausbeutung" des
+"Klassenstaats" kann es noch andere Mittel geben, als die bloße Negation
+seiner Grundlagen.]
+
+[Fußnote 769: Aus diesen Gründen lehnten den Klassenstreik ab z.B. W.
+_Liebknecht_ (Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126, Zürich 1893, p. 24;
+Prot. Parteitg. Köln 1893, p. 170, 171); _Vliegen_ ("Der Generalstreik
+als politisches Kampfmittel", p. 196); _Aveling_, _Plechanoff_ (Prot.
+int. Kongr. Zürich 1893, p. 20, 27); _David_, "Die Eroberung der
+politischen Macht"; _Düwell_, p. 233; _Greulich_, "Wo wollen wir hin"?
+p. 35 ff.; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 302; ähnlich schon _Atwood_ (vgl.
+_Tildsley_, p. 48, 49); anderer Meinung z.B. die Redaktion von "_De
+Nieuwe Tijd_" (Bericht an den Parteivorstand ... usw.), weil sich die
+tatsächlich vorhandene Macht erst durch die Praxis ausweisen könne,
+zudem die Praxis selbst ein Machtfaktor sei; Dr. _Liebknecht_ verwirft
+ebenfalls die Argumentation: "wenn wir den Generalstreik machen können,
+brauchen wir ihn nicht mehr", weil man ja auch durch aktuelle politische
+Ereignisse "in den Generalstreik hineingedrängt werden" könne. Aber
+selbst wenn dies der Fall sein sollte, so wäre damit doch noch nicht der
+Erfolg eines Kl-streiks, am wenigsten der eines revolutionären
+Kl-streiks garantiert!]
+
+§ 23. Bedingungen des Erfolges des Klassenstreiks.
+
+Der Erfolg des Klassenstreiks, -- mit Ausnahme des reinen
+Demonstrationsstreiks, der keine unmittelbare Verwirklichung seiner
+Ziele erstrebt, -- besteht in der Erfüllung der Streikforderung, hängt
+also in erster Linie von deren _objektiver Realisierbarkeit_ ab.
+
+Zur Erfolglosigkeit wären daher von vornherein alle jene Klassenstreiks
+verurteilt, die sich die Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung zum
+Ziele setzen würden.[770] Davon sind auch Sozialisten, wie _Bernstein_,
+_Jaurès_, _Roland-Holst_ usw. durchaus überzeugt. Selbst angenommen, daß
+ein Klassenstreik die einzelnen Unternehmer zu verdrängen,[771] die
+Betriebe wirklich in eine gewisse Abhängigkeit von der Arbeiterschaft zu
+bringen vermöchte und die Herrschaft in einem Industriegebiet eroberte,
+so wäre damit doch noch nicht das Unternehmertum als solches beseitigt,
+die proletarisch-politische Herrschaft konsolidiert.[772] Setzt doch die
+sozialistische Gesellschaftsordnung einen außerordentlich höher
+entwickelten Kapitalismus, ein außerordentlich größeres und vollkommener
+organisiertes Proletariat voraus, als vorhanden oder für absehbare Zeit
+vorauszusehen ist.[773] Nach Anschauung mancher Syndikalisten freilich
+wird "in den Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Inwelt der Faktor
+des Innenlebens immer wesentlicher" (_Friedeberg_); danach ließe sich
+also der Sozialismus auch schon vor Eintritt seiner materiellen
+Voraussetzungen herbeiführen, wenn nur in den Arbeitern mittels
+psychologischer Beeinflussung die Einsicht in das Wesen der
+"Klassenherrschaft" entwickelt worden ist. Diese Lehre, der sog.
+"_historische Psychismus_", dürfte wohl als natürliche Reaktion gegen
+die Übertreibung des _historischen Materialismus_ anzusehen sein. --
+Nicht ganz so weit, wie _Friedeberg_, geht _Thesing_: der Wille des
+Menschen mache Geschichte, nicht automatische Gesetze, wie ein
+misverstandener Marxismus lehre; dieser sei auch schuld, wenn man die
+seiner Ansicht nach einzige wirksame Waffe, den politischen
+Generalstreik, verleugne.[774]
+
+[Fußnote 770: Vgl. _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194);
+_Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 26 ff.; "Hamburger Echo", 27. Aug.
+05, Art. "Anarcho-Sozialismus".]
+
+[Fußnote 771: "Die gefestigte ökonomische Macht der Kapitalisten kann
+nicht durch die wirtschaftliche Ohnmacht hungernder Arbeiter gestürzt
+werden" (_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der
+ökonomischen Macht"). Streiks scheinen nicht dazu führen zu können, "das
+Lohnsystem in seinen Grundfesten zu erschüttern und eine wesentlich
+andere Verteilung des Arbeitsertrages herbeizuführen" (_Stieda_, Art.
+"Arbeitseinstellungen", im Hdwb. d. Staatswften.). Durch Aufhören von
+Produktion und Zirkulation und durch Bedrohung von Person und Eigentum
+werde überhaupt die bürgerliche Gesellschaft noch nicht gestürzt, wie
+die großen Kriege und Invasionen bewiesen (_Jaurès_, "Aus Theorie und
+Praxis", p. 111 ff.).]
+
+[Fußnote 772: Der Großbetrieb würde vielleicht einige Firmenänderungen
+aufweisen. -- _Jaurès_ meint, in den gerade durch den Streik selbst
+isolierten Wirtschaftszentren würden bald wieder reaktionäre Herde
+entstehen, so daß die Revolution sich selbst verzehren müsse.]
+
+[Fußnote 773: Eine Arbeiterschaft, "completamente organizzata e
+federata", wie _Thesing_ (p. 334) sie als Voraussetzung des G-streiks
+und des Sozialismus verlangt, sei aber "völlig unmöglich" (_Kautsky_,
+"Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. 775), denn die Organisation werde
+"stets nur eine Elite oder Aristokratie der Arbeiterschaft umfassen."]
+
+[Fußnote 774: Vgl. die Kritik des "revolutionären Syndikalismus" bei
+_Sombart_ ("Sozialismus und soziale Bewegung", insbesondere p. 140 ff.);
+_Sombart_ folgert aus der Unhaltbarkeit der syndikalistischen
+"Gewerkvereinstheorie" auch die Unhaltbarkeit des Generalstreiks: wenn
+nämlich der Syndikalismus "nichts anderes, als die Erziehung des
+Arbeiters in den Gewerkvereinen für nötig hält, um alle erforderlichen
+Qualitäten des neuen Produzenten zur Entfaltung zu bringen", so wäre
+selbst bei vollständigem Sieg des Generalstreiks das Proletariat "doch
+nicht imstande,... ihn auszunützen", da eben die "subjektiven und
+objektiven Bedingungen der neuen Produktionsweise" noch nicht erfüllt
+sein würden (a. a. O. p. 141).]
+
+Bei weniger utopischen Forderungen hängt der Erfolg von der Stärke des
+_Streikdrucks_ ab. Dieser ist, soweit er vom Proletariat selbst ausgeht,
+nach oben durch die _tatsächliche Macht_ des Proletariats begrenzt, also
+einerseits durch seine _politische Bedeutung_, die auf der "gewaltigen
+Zahl seiner Köpfe"[775] beruht, und andrerseits durch seine _ökonomische
+Bedeutung_ (seine "gesamte organisierte wirtschaftliche Macht",[776]
+seine "reale Macht"),[777] die auf der tatsächlichen Abhängigkeit der
+Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung beruht.
+
+[Fußnote 775: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 291; _Friedeberg_ (Prot. int.
+Kongr. Amsterdam 04, p. 26, und "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
+31, 32) behauptet, im G-str. komme die psychologische Macht der
+Arbeiterklasse zum Ausdruck; ihre wahre Macht bestehe nämlich in einer
+möglichst großen Zahl völlig freier Persönlichkeiten.]
+
+[Fußnote 776: _Lensch_, "Politischer Massenstreik und politische
+Krisis".]
+
+[Fußnote 777: _Hilferding_, a. a. O. Die ökonomische Macht des
+Proletariats wachse "organisch hervor... aus der Stellung und Funktion
+des Proletariats in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung" (Dr.
+_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327; vgl. auch _Hilferding_,
+"Zur Frage des Generalstreiks", p. 135 ff.); _Thesing_, p. 334, nennt
+als einzige Macht des Proletariats dessen Persönlichkeit und
+Arbeitskraft.]
+
+Diese Abhängigkeit ist eine ungeheure, aber keine absolute. Handelt es
+sich doch nicht um die gesamte soziale Arbeitsleistung, deren
+Verweigerung allerdings ohne weiteres den ganzen "Zirkulations- und
+Produktionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft... an einem Tage zum
+Stillstand" bringen[778] und eine tatsächliche Aushungerung der
+Gesellschaft bewirken würde,[779] sondern nur um den Bruchteil
+gewerblicher Tätigkeiten, der sich in den Händen des Proletariats
+befindet.[780] Dieser Bruchteil ist freilich keine Kleinigkeit; und da
+das Proletariat gerade im Verkehrs-, Transport- und Nachrichtenwesen, im
+Beleuchtungs- und Reinigungsdienst, in den Groß- und Mittelbetrieben von
+Industrie und Bergbau sehr stark vertreten ist, also durchaus nicht nur
+"für die Behaglichkeiten des Lebens"[781] sorgt, sondern einen großen
+Teil der gesellschaftlich unentbehrlichsten Arbeit verrichtet,[782] so
+würde ein Streik des gesamten Proletariats einer vollständigen sozialen
+Arbeitsunterbrechung immerhin sehr nahe kommen.[783]
+
+[Fußnote 778: Eine solche Wirkung erwartete vom Kl-str. z.B. _Werner_,
+Opposition der "Jungen" (Prot. Parteitg. Erfurt, 1891); ähnlich
+_Eckstein_, p. 363; _Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la
+classe ouvrière, p. 337, usw.]
+
+[Fußnote 779: _Henry George_ soll gesagt haben: "wollte einmal die
+produktive Arbeit in London gänzlich feiern, so würden die Menschen in
+wenigen Stunden hinzusterben beginnen" (cit. bei _Grosch_). Die Absicht,
+durch den Kl-str. die Gesellschaft "auszuhungern", ist heute übrigens
+allgemein als unhaltbar aufgegeben (vgl. z.B. _Bernstein_: "Der Streik
+als politisches Kampfmittel" p. 691; ders. "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195 usw.).]
+
+[Fußnote 780: Es waren z.B. von den 22,1 Mill. Erwerbstätiger
+Deutschlands (1895) 3-4 Mill., 36,3 Proz. sämtlicher gewerblicher und
+industrieller Arbeiter, in Groß- und Mittelbetrieben beschäftigt (cit.
+bei _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
+Macht", p. 874 ff.). "Die Großindustrie wird lahmgelegt, aber eine
+absolute Arbeitseinstellung ist undenkbar" (_Vliegen_, "Der
+Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 197 ff.); vgl. auch Prot.
+int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff., usw.]
+
+[Fußnote 781: Wie _Grosch_, p. 14, 15 annimmt.]
+
+[Fußnote 782: _Hilferding_, a. a. O. p. 141.]
+
+[Fußnote 783: _Kautsky_ ("Die soziale Revolution", I, p. 50) meint, daß
+jede Existenz unmöglich gemacht würde, wenn alle Arbeiter eines Landes
+die Arbeit einstellten, worunter er wohl nur die Lohnarbeiter versteht.
+-- Übrigens können Landwirtschaft und industrielle Kleinbetriebe auch
+während des Kl-streiks, freilich unter erschwerenden Umständen, in einem
+gewissen Umfang weiterarbeiten.]
+
+Doch diese ungemein große relative Abhängigkeit der Gesellschaft von der
+proletarischen Arbeitsleistung wird insofern gemildert, als die
+Beteiligung des _gesamten_ Proletariats am Klassenstreik praktisch
+überhaupt ausgeschlossen erscheint. Denn die Arbeiterschaft enthält
+zahlreiche, und darunter allerbedeutsamste Elemente, die entweder aus
+Indifferenz der Bewegung fernbleiben, oder sich gar mit Absicht vom
+Streik ausschließen, teils, weil sie aus wirtschaftlichen oder
+rechtlichen Gründen nicht streiken können,[784] teils, weil sie aus
+prinzipiellen Gründen nicht streiken wollen.[785] Die Beteiligung des
+Proletariats wird im allgemeinen um so größer sein, je weitere Kreise
+das Streikziel als ein Bedürfnis empfinden,[786] je stärker die
+proletarischen Organisationen sind, je lebhafter sie sich am Ausstand
+beteiligen,[787] je intensiver also ihr Beispiel auf Unorganisierte und
+Indifferente wirken kann.[788]
+
+[Fußnote 784: Z.B. die Staatsarbeiter (vgl. _Katz_, "Der politische
+Massenstreik", Nr. 34, p. 7), also vor allem Eisenbahner (ca. 1/8 der
+deutschen Eisenbahner hat Beamtenqualität [vgl. _Kampffmeyer_, p. 874
+ff.]), Post- u. Telegraphenangestellte (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u.
+Sozd.", p. 112 ff.; _Parvus_, "Staatsstreik und politischer
+Massenstreik", p. 391). Wirtschaftlich gebunden sind z.B. meist auch
+die Hausindustriellen (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894).]
+
+[Fußnote 785: In Betracht kommen hier vor allem die sog. gelben
+Gewerkschaften, die prinzipiell den Klassenkampf verwerfen.
+--_Cohnstaedt_ ("Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p.
+748) glaubt, daß einem Wahlrechtsstreik in Deutschland sich die
+christlichen und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften anschließen
+würden; das bezweifelt _Düwell_ (p. 249), und wohl mit Recht; er meint,
+daß diese Gewerkschaften höchstens bei spontanem Streik vorübergehend
+mitmachen würden. -- Das Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften
+kann sich "keine größere Diskreditierung des Gewerkschaftswesens
+denken", als seine Indienststellung für den politischen M-str.; "im
+Interesse der Selbsterhaltung und der praktischen Reformarbeit müssen
+die Gewerkschaften aller Richtungen gegen alle Versuche, politische
+Massenstreiks zu inszenieren, Front machen", auch gegen die "gewaltlosen
+Demonstrationen, welche Bernstein empfiehlt" (cit. in der Soz. Prx. XIV,
+Nr. 50, Sp. 1318). Beim holländischen Aprilstreik 1903 standen die
+christlichen Gewerkschaften auf Seiten der Regierung (vgl.
+_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland").
+Der Gesamtverband der national gesinnten Eisenbahner Süddeutschlands
+schließt partielle und allgemeine Ausstände zur Erreichung seiner Zwecke
+(Pflege der gemeinsamen geistigen und materiellen Interessen)
+ausdrücklich aus (vgl. Soz. Prx. XIV, Nr. 51, Sp. 1346, 1347).]
+
+[Fußnote 786: _von Elm_ (Prot Parteitg. Jena 05, p. 33): beim
+Wahlrechtsstr. würden auch die Massen der Unorganisierten zuströmen;
+ähnlich _Luxemburg_ (vgl. Vorwärts, 8. Dez. 05) sobald die Notwendigkeit
+zum M-str. gegeben sei, würden die Unorganisierten zuströmen.]
+
+[Fußnote 787: "Die freien Gewerkschaften umfassen nur etwas über eine
+Million Arbeiter, die Sozialdemokratie beschränkt sich auf 1/8-1/4 des
+deutschen Volkes" (v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"); übrigens
+soll auch bei diesen die vollzählige Beteiligung noch durch
+wirtschaftliche und prinzipielle Rücksichten sehr in Frage gestellt sein
+(vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 882; _Giesberts_, a. a. O.
+p. 35).]
+
+[Fußnote 788: Vgl. _Cohnstaedt_, a. a. O.; _Gorter_, "Der Massenstreik
+der Eisenbahner in Holland", p. 656; _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_,
+"Der Streik als politisches Kampfmittel"; _Luxemburg_ (cit. von Wilhelm
+_Schröder_, "Sisyphusarbeit"). Nach Ansicht der französischen
+Syndikalisten genügt zur Mobilisierung der Indifferenten schon der
+Streik einer bewußten Minorität. Nach _Louis_, p. 299, braucht nur ein
+Teil des Proletariats organisiert zu sein. _Kautsky_ ("Allerhand
+Revolutionäres", p. 732, 733) verlangt ein intelligentes Proletariat,
+das zudem einen überwiegenden Bruchteil der Bevölkerung bilden müsse.]
+
+Aber die effektive Arbeitsruhe, also auch die Größe der sozialen Wirkung
+des Klassenstreiks, entspricht doch noch keineswegs genau der Zahl der
+Ausständigen, vielmehr bleibt sie in der Regel hinter derselben zurück.
+Denn einerseits kehrt stets ein Teil der Streikenden, aus Furcht vor den
+Konsequenzen des Ausstandes (Entlassung, Aussperrung, Not, Verfolgung
+usw.), bald wieder zu den verlassenen Arbeitsplätzen zurück, und diese
+_Streikflucht_ nimmt natürlich mit der Dauer des Streiks zu.
+Andererseits stehen der Gesellschaft zur Verrichtung der notwendigsten
+Arbeit[789] stets zahlreiche _Ersatzkräfte_ zur Verfügung: vor allem die
+"_Reservearmee_". Diese wird um so größer sein, je geringere Rücksicht
+bei der Wahl des Streikbeginns auf die wirtschaftliche Konjunktur
+genommen werden konnte,[790] und je mehr die technische Verknüpfung der
+einzelnen Betriebe untereinander auch Gegner des Streiks zum Feiern
+zwingt. Weitere Hilfe leistet der Gesellschaft das _Militär_, und zwar
+sowohl die regulären Truppen[791] im aktiven Dienst und die
+Spezialtruppen,[792] als auch die Reserven, zu denen auch die Mehrzahl
+der Ausständigen zu gehören pflegt; durch "Militarisation" können diese
+also zu ihrer eigenen Arbeit und damit zum "Verrat" an ihrer eigenen
+Sache gezwungen werden.[793] Schließlich wird auch das _Bürgertum_
+selbst einen Teil der Arbeit übernehmen, teils durch weitgehende
+Anspannung des Kleinbetriebes,[794] teils durch Aufrechterhaltung
+gemeinnütziger Betriebe mit Hilfe von qualifizierten bürgerlichen
+Kräften.[795] Letztere stehen um so reichlicher zur Verfügung, je mehr
+der Klassenstreik auch ihnen eine unfreiwillige Muße auferlegt.
+
+[Fußnote 789: Die _notwendigste_ Arbeit ist keineswegs immer die
+_komplizierteste_; neue Arbeitskräfte lassen sich also oft unschwer
+anlernen.]
+
+[Fußnote 790: Um die seitens der "Reservearmee" drohende Minderung des
+Streikdrucks zu paralysieren, wird möglichste Steigerung der
+gewerkschaftlichen Organisation gefordert (vgl. _Delory_, Congrès
+général... Paris 1899, p. 246 ff., vgl. auch v. _Reiswitz_, p. 32 ff.);
+übrigens kann dies event. durch den Bezug ausländischer Arbeitswilliger
+hinwiederum illusorisch gemacht werden (vgl. _Penzig_, p. 43).]
+
+[Fußnote 791: So fungierten die Soldaten als "Streikbrecher" beim
+Reisarbeiterstreik in Norditalien (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u.
+Sozd.", p. 38), beim Elektrizitätsarbeiterstreik in Paris (vgl.
+_Kulemann_, "Das Streikrecht in öffentlichen Betrieben"). 1903
+verwendete man sie in Holland zur Aufrechterhaltung des Verkehrs
+(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in
+Holland").]
+
+[Fußnote 792: Man verwendet z.B. Eisenbahntruppen oder die Angehörigen
+der sog. Militärapprovisionierung (_Eckstein_, p. 359).]
+
+[Fußnote 793: Die Militarisation bringt den Arbeiter in einen wahrhaft
+tragischen Konflikt; es bleibt ihm nur die Wahl zwischen dem Vergehen
+der überdies meist aussichtslosen Meuterei (_Eckstein_, p. 360) und dem
+"Verrat" der eigenen Sache. -- Eine Militarisation fand z.B. in Ungarn
+beim Eisenbahnerstreik statt.]
+
+[Fußnote 794: _Eckstein_, p. 359: der Kleinbetrieb werde diese
+Gelegenheit gern benutzen, durch Produktionsanspannung seine Existenz zu
+festigen.]
+
+[Fußnote 795: Elektrische und andere Werke hat man in Streikzeiten
+schon durch Ingenieure, Studenten, technisches Personal aufrechterhalten
+(vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p.
+197, 198; _Roland-Holst_, a. a. O.; _Grosch_).]
+
+Da die Arbeitsruhe unter den heutigen Verhältnissen nie eine
+vollkommene, sondern höchstens eine relativ-allgemeine sein wird,[796]
+so kann sie auch nur einen beschränkten Effekt ausüben, und es ist daher
+ein Erfolg des Streiks regelmäßig nur dann zu erwarten, wenn die Aktion
+der Arbeiter durch Unterstützung seitens anderer Klassen verstärkt
+wird.[797] Daß eine solche möglich ist, hat die praktische Erfahrung
+erwiesen.[798] Aber diese "so notwendige psychologische Unterstützung
+bei anderen Gesellschaftsklassen"[799] hängt nicht nur von einer
+vorhergehenden Bearbeitung der öffentlichen Meinung ab,[800] nicht nur
+davon, daß die Forderung von anderen Klassen begriffen oder gar geteilt
+wird,[801] sondern sehr wesentlich von den Eigenschaften des Streiks. Je
+stärker dieser das bürgerliche Leben beeinträchtigt, je länger und
+häufiger diese Beeinträchtigung auftritt, um so geringer wird die
+Unterstützung ausfallen: denn wo "die moralische Aufwallung mit dem
+Interesse kollidiert, da wird sie nie zu einer kräftigen Aktion
+führen".[802]
+
+[Fußnote 796: Es werde immer noch ganze Gegenden geben, "in denen man
+mit voller Kraft arbeitet und sogar die Produktion erhöht... In jeder
+Stadt ist die Produktion in gewissem Umfange im Gange zu erhalten"
+(_Vliegen_, a. a. O.).]
+
+[Fußnote 797: Daß das Proletariat allein noch nicht über die zum
+Streikerfolg erforderliche Macht verfügt, geben selbst Sozialisten zu,
+z.B. _Heine_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315 ff.), _Düwell_, (p. 248
+ff.), _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126); _Streltzow_, p. 136,
+zieht aus der russischen Streikpraxis den Schluß, daß ein Kl-str. nur
+dann Erfolg habe, "wenn alle freiheitlichen Elemente mit ihm
+sympathisieren und ihn aktiv unterstützen."]
+
+[Fußnote 798: _Grosch_, wie auch _Vliegen_, nimmt an, daß alles, "was
+nicht Lohnarbeiter ist, die ganze Bourgeoisgesellschaft und... die ganze
+Landbevölkerung", die ganze öffentliche Meinung, sich feindlich zum
+Kl-str. stellen würden. -- _Bebel_ glaubt umgekehrt (vgl. Prot.
+Parteitg. Jena 05, p. 308), daß bei Wahlrechtsraub (und
+Wahlrechts-Streik) die Arbeiter in manchen bürgerlichen Kreisen
+Sympathie fänden; ähnl. v. _Elm_ (ebenda, p. 331). --_Penzig_, p. 41,
+meint, der legale Kl-str. habe "das rechtliche Empfinden jedes
+Denkenden" für sich. -- Die Bedeutung der öffentlichen Meinung bei
+proletarischen Bewegungen wird durch den Vorschlag des Grafen _Czernin_
+("Die Bekämpfung der passiven Resistenz" p. 9) illustriert; dieser
+schlägt vor, man solle sich bei einer etwa wiederkehrenden
+Eisenbahnerobstruktion um die Aufrechterhaltung des Personenverkehrs
+nicht so besonders bemühen; dann werde sich die öffentliche Meinung
+gegen die Eisenbahner wenden, und die Bewegung müsse bald ein Ende
+nehmen.]
+
+[Fußnote 799: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik"; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p.
+132 ff.; _ab-Yberg_, p. 9; _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik
+und Sozialdemokratie"; _Bernstein_, "Der Streik als politisches
+Kampfmittel", p. 693; ders., "Ist der politische Massenstreik in
+Deutschland möglich?" p. 33, 34.]
+
+[Fußnote 800: Eine solche Bearbeitung verlangt _Jaurès_, "Aus Theorie
+und Praxis", p. 99 ff.; _David_ ("Rückblick auf Jena") wünscht, daß die
+Intelligenz, die geistigen Arbeiter, die die öffentliche Meinung machen,
+_Cohnstaedt_ (p. 749) fordert, daß, wenn möglich, Regierung und
+Staatshaupt gewonnen werden sollten.]
+
+[Fußnote 801: _Resel_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70; _Ellenbogen_,
+ebenda p. 54; _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 749; _Hilferding_,
+"Parlamentarismus und Massenstreik". Politisch-revolutionäre Forderungen
+können wohl höchstens unter so exzeptionellen Umständen, wie gegenwärtig
+in Rußland, bei den bürgerlichen Klassen Unterstützung finden. --
+_Branting_ ("Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 622, 623)
+hielt einen weiteren Kl-str. in Schweden auch deshalb für inopportun,
+weil die anderen Gesellschaftsklassen, auf deren Unterstützung die
+Arbeiter angewiesen gewesen wären, "es gar nicht verstehen würden, daß
+die Arbeiter solche Störungen wegen Einzelheiten in einem
+Stimmrechtsvorschlage hervorrufen wollten".]
+
+[Fußnote 802: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
+möglich?" p. 34; _Heine_ ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
+Deutschland?") nimmt an, daß die mit einem Kl-str. zusammenhängende
+Lebensmittelverteuerung die Mittelklassen sehr gegen den Streik
+aufbringen werde.]
+
+Je weniger ein Klassenstreik aus eigenen Mitteln siegen kann, um so mehr
+ist er von der Bundesgenossenschaft der Mittelklassen abhängig. Daraus
+folgt, daß seine Chancen um so größer sind, je friedlicher seine Form,
+je beschränkter seine Ausdehnung, je legaler seine Wirkungsart, je
+bescheidener sein Ziel und je seltener seine Anwendung.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel:
+
+_Wert des Klassenstreiks._
+
+
+§ 24.
+
+Die bisherigen praktischen Erfahrungen haben keine besonders günstige
+Bilanz für den Klassenstreik ergeben.[803] Zwar erscheint unter gewissen
+Umständen die Möglichkeit eines Sieges theoretisch nicht ausgeschlossen.
+Der Klassenstreik kann also nicht in allen Fällen a priori als
+unzweckmäßig angesehen werden. Die _Aussichten auf einen Erfolg_ sind
+jedoch unter den heutigen Verhältnissen so _schwach_, daß man dem
+Klassenstreik nur einen recht geringen Wert beimessen darf. Dieser nimmt
+aber noch erheblich ab, wenn man die _bitteren Konsequenzen_ in's Auge
+faßt, die jeder versuchte oder durchgeführte Klassenstreik den Arbeitern
+zu bringen pflegt.
+
+[Fußnote 803: Dies wurde anerkannt z.B. von _Vliegen_ ("Der
+Generalstreik als politisches Kampfmittel", und Prot. int.
+Kongr. Amsterdam 04, p. 28); _Braun_, "Das Ergebnis des
+Gewerkschaftskongresses", p. 113.]
+
+Er legt ihnen nicht nur spezielle _materielle Opfer_ auf,[804]
+sondern auch noch die allgemeinen Lasten einer solchen
+"Gesellschaftskatastrophe".[805] Von den strengen Marxisten wird diese
+letztere übrigens auch noch als eine unerfreuliche Hemmung der
+ökonomischen Entwicklung verurteilt.
+
+[Fußnote 804: Vgl. z.B. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p.
+22; _Umrath_, p. 20. Überraschend ist die Prophezeiung, bei einem
+Massenstreik in Deutschland würden "die gewerkschaftlichen
+Organisationen gleich den politischen nicht nur nichts zu befürchten
+haben, sondern würden noch einmal wiedergeboren und zehnfach gestärkt
+daraus hervorgehen" (vgl. _Luxemburg_, Vorwärts, 8. Dez. 05).]
+
+[Fußnote 805: Vgl. _David_, "Die Eroberung der politischen Macht", p.
+21.]
+
+In _psychologischer_ Hinsicht gefährdet der Klassenstreik die Arbeiter
+ebenso sehr durch die gepriesene "revolutionierende Wirkung"[806] eines
+siegreichen Kampfes, wie durch die Wirkung des Mißerfolges: dort leicht
+Selbstüberschätzung, hier Entmutigung, Verstimmung und Erschütterung des
+Vertrauens der Arbeiter zu ihren Führern.[807] Freilich, wenn wirklich
+jeder einzelne Teilnehmer den Streikentschluß als eine Gewissenspflicht
+betrachtete,[808] wenn wirklich jeder einzelne es als Ehrenpflicht
+empfände, "seine Existenz einzusetzen für sein Recht",[809] oder von der
+Überzeugung durchdrungen wäre, "daß er einen Kampf für die Zukunft, für
+die Erhöhung der ganzen Menschenart kämpft",[810] dann könnte der
+Klassenstreik eine subjektive Heldentat darstellen.[811] Aber diesem
+_subjektiv-ethischen_ Gewinn stünde doch nur allzuhäufig ein
+_objektiv-ethischer_ Verlust gegenüber. Fragt man nämlich, ob der
+Klassenstreik "unter die Kampfmittel gerechnet werden darf, die bei
+einem das Endziel der _sozialen Versöhnung_ nicht aus dem Auge
+verlierenden Klassenkampf als erlaubt und berechtigt gelten
+können",[812] so wird man den Klassenstreik zwar allerdings als Mittel
+der _Notwehr_ billigen[813] und in solchen Fällen selbst die im Gefolge
+des Ausstandes auftretenden Gewalttaten entschuldigen.[814] Doch da der
+Klassenstreik in jedem Falle einen so außerordentlich schweren Schlag
+für die Gesamtheit bedeutet,[815] so dürfte sich seine moralische
+Zulässigkeit wohl auf diejenigen Fälle beschränken, in denen es sich
+nicht nur um ein wertvolles Ziel handelt, sondern in denen auch ein
+Erfolg als wahrscheinlich vorausgesehen werden kann.[816] -- Der
+direkten Revolution gegenüber stellt der Klassenstreik das friedlichere
+Mittel dar. Er kann die Revolution ersetzen, ähnlich wie die
+Friedensblockade unter Umständen den Ausbruch des Kriegs hindert. Wie
+diese jedoch leicht in offene Feindseligkeit übergeht, so kann auch der
+Klassenstreik leicht in die Revolution umschlagen.
+
+[Fußnote 806: Vgl. _Düwell_, p. 253. Die gewöhnliche Folge des Siegs,
+Übermut und Selbstüberschätzung, werden leicht die Veranlassung von
+Niederlagen, wie 1903 in Holland.]
+
+[Fußnote 807: Vgl. _Heine_, a. a. O.; _Bömelburg_ (Prot. Gwft.
+Kongr. Köln 05, p. 220 ff.). Auch schreckt der Mißerfolg vor
+der Wiederanwendung ab, was freilich nur in den Augen der
+Klassenstreikpropheten als Nachteil erscheinen wird.]
+
+[Fußnote 808: Vgl. _Tönnies_, "Der Massenstreik in ethischer
+Beleuchtung", p. 541.]
+
+[Fußnote 809: _Eckstein_, p. 363; vgl. die Motivierung des pol.
+M-streiks bei _Bernstein_ ("Pol. Mstr. u. pol. Lage", p. 28; ders., "Ist
+der pol. Streik in Deutschland möglich?", p. 36; ders. Prot. Parteitg.
+Bremen, p. 194); ähnl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim, 06, p. 230).]
+
+[Fußnote 810: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
+28; ähnl. "Antimilitarismus und Generalstreik" (Beilage zu Nr. 11 der
+"_Wahrheit_"), p. 10.]
+
+[Fußnote 811: _Tönnies_. -- Über den hohen sittlichen Mut der
+holländischen Arbeiter beim Streik 1903 vgl. _Roland-Holst_ ("Der Kampf
+und die Niederlage der Arbeiter in Holland"), die freilich selbst der
+Partei angehört.]
+
+[Fußnote 812: _Penzig_, "Massenstreik und Ethik", p. 23 ff. -- Die
+Absicht, durch den Klassenstreik das revolutionäre Gefühl, die sozialen
+Gegensätze zu verschärfen, ist ausgesprochen z.B. bei _Sorel_ ("Lo
+sciopero generale"); "Generalstreik! Die deutsche Arbeiterbewegung und
+der Klassenkampf"; vgl. auch _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 51;
+_Briand_, a. a. O.]
+
+[Fußnote 813: Vgl. _Tönnies_. -- Ein Streik, der einen Krieg hinderte,
+soll ebenfalls als moralisch gelten (_Penzig_, p. 26). -- _Comte_ hatte
+den allgemeinen Ausstand nur als Verteidigungsmittel erwähnt (vgl.
+_Weill_, p. 22, 23).]
+
+[Fußnote 814: Vgl. _Penzig_, p. 36 ff.]
+
+[Fußnote 815: Z.B. für Deutschland bedeute selbst der aussichtslose
+Versuch eines Kl-Streiks "Grauen und Elend; ein Zurückdrängen unserer
+Kultur um Jahrhunderte" (_Grosch_, p. 15 ff.), "unermeßliches Unheil"
+(_Tönnies_, p. 531) und "nicht nur für die Sozialdemokratie, sondern für
+die ganze Zukunft Deutschlands eine kaum heilbare Wunde" (_Cohnstaedt_,
+"Jena. Gewerkschaft oder Revolution", p. 548, 549). Er würde "die ganze
+Zukunft des Reichs, seine wirtschaftliche Macht und seine Kultur in
+Frage stellen" (_Mayer_, "Der internationale Sozialistenkongreß").]
+
+[Fußnote 816: "Seine Verwerflichkeit wird um so schwerer ins Gewicht
+fallen, wenn der Schade, der davon ausgeht, auf diejenigen, die das
+Mittel anwenden, selber zurückfällt" (_Tönnies_). Auch die
+Massenstreik-Drohung, selbst zur Wahrung sittlicher Güter, wie des
+Wahlrechts (vgl. _Tönnies_), werde, wenn jede Aussicht auf Erfolg fehlt,
+prinzipiell von der Ethik mißbilligt. -- Hingegen billigen manche
+Politiker, die prinzipiell einen defensiven Wahlrechtsstreik zur
+Unterstützung einer allgemeinen Volksbewegung begrüßen würden (vgl. v.
+_Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Cohnstaedt_, a. a. O.; ders.,
+"Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749 ff.), aber
+aus praktischen Rücksichten "heute und für absehbare Zeit" seine
+Verwirklichung ablehnen (vgl. v. _Gerlach_, a. a. O.; _Tönnies_), doch
+die Kl-Str.-Drohung insofern, als sie gewisse Kreise "etwas bedächtiger,
+vorsichtiger, gewissenhafter in hohen politischen Angelegenheiten machen
+könne" (_Tönnies_).]
+
+Selbst auf einen _siegreichen_ Klassenstreik wird eine um so
+empfindlichere _Reaktion_ folgen, je weniger die Arbeiter mittels des
+Streiks eine Position errungen haben, durch die der "unvermeidliche
+reaktionäre Gegenschlag paralysiert werden kann",[817] und je mehr sie
+sich im Streik verausgabt haben, sodaß ihnen nun die "Ausnutzung und
+Festhaltung" des Erfolges unmöglich ist.[818] Noch viel stärker aber
+wird die Reaktion nach einem _verlorenen_ Streik auftreten. Ein solcher
+würde einen äußerst schweren Stoß für die ganze Arbeiterschaft
+bedeuten.[819] Denn die Gegenmaßregeln müßten sowohl an Ausdehnung, wie
+an Energie die Folgen eines verlorenen innergewerblichen Ausstandes weit
+übertreffen.[820] Sie würden um so schärfer ausfallen, je
+umfangreicher[821] der Streik war, je revolutionärer seine Ziele,[822]
+je häufiger oder wahrscheinlicher seine Wiederholung.[823]
+
+[Fußnote 817: _Bissolati_, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen", p.
+958.]
+
+[Fußnote 818: _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 220 ff.; vgl.
+auch _Streltzow_, p. 136.]
+
+[Fußnote 819: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28; _Leimpeters_,
+"Zum Generalstreik", p. 884; _Rob. Schmidt_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam
+p. 27; Gwft. Kongr. Köln 05, p. 225); _Roland-Holst_, "Zur
+Massenstreikdebatte"; _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
+Revolutionsromantik". Nur wenige werden optimistisch genug sein, eine
+event. Niederlage deshalb gering zu achten, weil sie ja -- "der
+Ausgangspunkt größerer Siege" sein könne (so _Allemane_, Prot. int.
+Kongr. Amsterdam 04, p. 26).]
+
+[Fußnote 820: Anderer Meinung: _Briand_, "La grève générale et la
+révolution", p. 15; _Louis_, p. 301 ff.]
+
+[Fußnote 821: Vgl. _Thesing_, p. 334.]
+
+[Fußnote 822: Vgl. _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 102. 103.]
+
+[Fußnote 823: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
+Italien". Die sozialistische Partei Italiens erkennt den Klassenstreik
+übrigens an "als eine Lebensäußerung einer proletarischen, im
+Klassenkampf stehenden Partei, die sich wiederholen kann und wiederholen
+muß" (_Olberg_, "Die italienischen Wahlen").]
+
+Die Reaktion erscheint teils in speziellen Maßnahmen gegen die
+Ausstandsteilnehmer (Aussperrungen, Maßregelungen, Strafen, Bußen usw.),
+wodurch indirekt auch die proletarischen Organisationen, besonders die
+Gewerkschaften, getroffen werden.[824] Teils zeigt sie sich in
+generellen Maßnahmen gegen den Klassenstreik überhaupt, z.B. in der
+Verkürzung des Streikrechts[825] oder in einer Umstimmung der
+öffentlichen Meinung.[826] Solche Folgen können dann leicht auch die
+übrige Bewegungsfreiheit der Arbeiter hemmen.
+
+[Fußnote 824: Vgl. _Hue_, "Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Heine_,
+"Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Eckstein_, p.
+362.]
+
+[Fußnote 825: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
+Stimmrechtskampagne".]
+
+[Fußnote 826: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Giesberts_, p. 31.]
+
+Der Klassenstreik ist also immer ein "zweischneidiges Schwert",[827]
+_immer_ ein "desperates" Mittel.[828] In der _Mehrzahl_ der Fälle aber
+ist er "ein Messer ohne Klinge",[829] eine "Phrase",[830] "Unsinn",[831]
+"Utopie".[832]
+
+[Fußnote 827: So bezeichnet z.B. von _Bernstein_, "Der Streik als
+politisches Kampfmittel", _Umrath_, p. 20, _Turati_, a. a. O.,
+_Eckstein_, p. 363, und anderen.]
+
+[Fußnote 828: _Jaurès_, _Kolb_, _Tönnies_ "Der Massenstreik in
+ethischer Beleuchtung".]
+
+[Fußnote 829: _Pfannkuch_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28.]
+
+[Fußnote 830: _Liebknecht_, Prot. int. Kongr. Brüssel 1891.]
+
+[Fußnote 831: _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3.
+"_Generalunsinn_" (_Liebknecht_), "_Absurdität_" (_Turati_). Bezüglich
+des anarchistischen Generalstreiks sprachen sich auch die meisten
+internationalen Arbeiterkongresse in ähnlicher Weise aus (vgl. z.B.
+Prot. Zürich 1893, p. 53 ff.; London 1896, p. 29; Amsterdam, usw.).]
+
+[Fußnote 832: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff.,
+"_Traum_" (_Greulich_, "Wo wollen wir hin?", p. 37, 40); "_Illusion_"
+("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in der Soz. Prx. XV. 15, Sp. 382,
+11. Jan. 06, und "Hamburger Echo", Art "Anarcho-Sozialismus", 27. Aug.
+05).]
+
+
+
+
+_Schlußwort:_
+
+Aufgaben der Gesellschaft.
+
+
+Der Klassenstreik ist unter allen Umständen eine gefährliche Waffe.
+Seine Verhütung liegt daher im Interesse der Arbeiter und in dem der
+Gesamtheit. Dem bereits ausgebrochenen Klassenstreik mit Gewalt zu
+begegnen, wird das Übel kaum bessern, da ja auch schon der bloße Versuch
+des Massenstreiks die soziale Wohlfahrt auf's Schwerste gefährden kann.
+Aufgabe der Gesellschaft ist es vielmehr, den _Ausbruch_ eines
+Klassenstreiks möglichst zu _hindern_, also den Streikentschluß zu
+erschweren.
+
+Dies könnte durch Einschränkung des Streikrechts geschehen, freilich
+eine Durchbrechung des Koalitionsrechts, welche sich aber vielleicht
+doch durch die höhere "Rücksicht auf das Gemeinwohl"[833] rechtfertigen
+ließe. Dann aber müßten die Nachteile des Streikrechtentzuges durch
+Einräumung besonderer Vorteile für die solcherweise in ihrer Freiheit
+beschränkten Arbeiterkategorien wieder ausgeglichen werden.[834]
+Indeß stellen Gesetzesbestimmungen höchstens einen kleinen Hemmschuh
+dar, und ebenso wenig, wie etwa polizeiliche Hinderung der
+Klassenstreikpropaganda oder ethische Belehrungen, bieten sie einen
+absoluten Schutz gegen den Klassenstreik.
+
+[Fußnote 833: "Also durch soziale Sanktion" (_Penzig_, p. 13 ff.).]
+
+[Fußnote 834: Die Erwägung, daß es ungerecht wäre, "Arbeiterkategorien
+Beamtenpflichten zu geben, ohne ihnen die entsprechenden Rechte zu
+gewähren", soll seinerzeit zur Verwerfung der schwedischen
+Antistreikvorlage geführt haben (vgl. _Axel Hirsch_, p. 196).
+--Nationalrat _Scherrer_ (in der Begründung seiner Motion, vgl. Bulletin
+der Schweiz. Bundesversammlung, p. 368) fordert, daß als Korrelat für
+die Nachteile der Beamtenqualität den Arbeitern eine auskömmliche
+Lebensführung garantiert werden müsse. -- Wie _Kulemann_ ("Das
+Streikrecht in öffentlichen Betrieben"), um "einen geordneten Ausgleich
+von entstehenden Streitigkeiten zu schaffen", wünscht auch das "Musée
+social" (vgl. Juli 04, p. 318 ff.) "un droit de recours à des
+commissions arbitrales". -- _Penzig_ (p. 19, 20) hat einen interessanten
+Plan entworfen, wie die Arbeiter, entsprechend ihrer qualitativ-sozialen
+Bedeutung, in ihrer Streikfreiheit in verschiedenem Grade zu
+beschränken, und wie sie dafür in entsprechendem Maß anderweit zu
+berücksichtigen wären. -- _Herkner_, a. a. O. p. 509, hält den Streik
+der Staatsarbeiter für unzulässig, wünscht aber, daß dafür auch alles
+aufgeboten werde, "um den Staatsarbeitern mindestens diejenige Lage zu
+garantieren, die sie sich mittels des Koalitionsrechtes event. aus
+eigener Kraft erstreiten könnten". -- Im Jahre 1891 hat das Einigungsamt
+des Staates New-York anläßlich eines großen Eisenbahnerausstandes
+Vorschläge gemacht, welche die Störung des Eisenbahnbetriebs durch
+Arbeitseinstellung unter Strafe stellten, dafür aber eine Regelung der
+Arbeitsbedingungen unter staatlichem Einfluß forderten (vgl.
+_Philippovich_, Grundriß, 2. Bd., 2. Teil, p. 322).]
+
+Eine indirekte, doch allerwirksamste Bekämpfung des Klassenstreiks
+besteht hingegen in der _Verminderung der Gelegenheiten zu
+Massenstreikentschlüssen_. Nur dadurch läßt sich dem Unheil wirksam
+steuern, daß man den berechtigten Forderungen der Arbeiter nachkommt
+(besonders wertvoll wäre z.B. auch die Stärkung eines zentralistischen
+Gewerkschaftswesens), daß man ihnen Gelegenheit zur Teilnahme am
+öffentlichen und gewerblichen Leben gibt, daß man also ihr Interesse für
+die ungestörte Weiterentwicklung jener Gesellschaft weckt, von der sie
+doch selbst auch einen Teil bilden, und daß man in ihnen den Glauben an
+das alte Wort befestigt, mit dem schon Menenius Agrippa die
+"streikenden" Plebejer zur Rückkehr nach Rom bewogen haben soll, daß,
+wie die Glieder für den Magen, der Magen auch für die Glieder
+unentbehrlich sei.
+
+
+
+
+Literaturverzeichnis.
+
+
+I. Periodika.
+
+1. Zeitungen.
+
+ (a) _bürgerlich_:
+
+ Allgemeine Zeitung München.
+ Der Tag.
+ Frankfurter Zeitung.
+ Neue Zürcher Zeitung.
+ Zürcher Post.
+
+ (b) _proletarisch_:
+
+ sozialistisch:
+
+ Arbeiter-Zeitung Wien.
+ Grütlianer.
+ Hamburger Echo.
+ L'Humanité.
+ Leipziger Volkszeitung.
+ Münchener Post.
+ Vorwärts (Berlin).
+
+ anarchosozialistisch:
+
+ "Die Einigkeit".
+
+ anarchistisch:
+
+ "Weckruf" (Zürich).
+ "Wahrheit"
+
+2. Zeitschriften.
+
+ (a) _bürgerlich_:
+
+ Archiv für Sozialwissenschaft u. Sozialpolitik.
+ Das freie Wort.
+ Deutscher Kampf.
+ Die Hilfe.
+ Die Nation.
+ Die neue Rundschau.
+ Eisenbahn und Industrie.
+ Jahrbücher für Nationalökonomie u. Statistik.
+ Journal des Économistes.
+ Kritische Blätter für die gesamten Sozialwissenschaften.
+ Musée social.
+ Preußische Jahrbücher.
+ Revue des deux mondes.
+ Soziale Kultur.
+ Soziale Praxis.
+ Soziale Rundschau.
+ Süddeutsche Monatshefte.
+ The English historical Review.
+ Zeitschrift für Sozialwissenschaften.
+
+ (b) _proletarisch_:
+
+ Die neue Zeit
+ Die neue Gesellschaft.
+ Dokumente des Sozialismus.
+ Il socialismo.
+ Il divenire sociale.
+ Le mouvement socialiste.
+ Revue socialiste.
+ Sozialistische Monatshefte.
+ Social Tidskrift (Stockholm).
+
+
+II. Protokolle.
+
+Protokoll des internationalen Arbeiterkongresses in _Paris_. Abgehalt.
+vom 14.-20. Juli 1889. Deutsche Übersetzung mit Vorwort von Wilhelm
+_Liebknecht_. Nürnberg 1890. Wörlein & Co.
+
+Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Arbeiterkongresses zu
+_Brüssel_ (16. bis 22. August 1891). Berlin 1893, Verl. der Expedition
+des Vorwärts.
+
+Protokoll des internationalen sozialistischen Arbeiterkongresses in der
+Tonhalle _Zürich_ vom 6.-12. August 1893. Herausgegeben vom
+Organisationskomitee. Zürich, Buchhandlung des Schweizerischen
+Grütlivereins 1894.
+
+Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Sozial. Arbeiter- und
+Gewerkschaftskongresses zu London vom 27. Juli bis 1. August 1896. --
+Berlin 1896, Expedition der Buchhandlung Vorwärts.
+
+Internationaler Sozialistenkongreß zu _Paris_ 1900 (Berlin 1900,
+Buchhandlung Vorwärts).
+
+Internationaler Sozialistenkongreß zu _Amsterdam_ 1904 (Berlin 1904,
+Buchhandlung Vorwärts).
+
+Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratischen
+Partei Deutschlands, abgehalten zu _Erfurt_, 14.-20. Okt 1891 (Berlin
+1891, Expedition des Vorwärts).
+
+---- abgehalten zu _Köln_ a. Rh., vom 22.-28. Okt. 1893 (Berlin 1893).
+
+---- abgehalten zu _München_ 1902.
+
+---- abgehalten zu _Dresden_ vom 13.-20. Sept. 1903 (Berlin 03).
+
+---- abgehalten zu _Bremen_ vom 18.-24. Sept. 1904 (Berlin 04).
+
+---- abgehalten zu _Jena_ vom 17.-23. Sept. 1905 (Berlin 05).
+
+---- abgehalten zu _Mannheim_ vom 23.-29. Sept. 1906 (Berlin 06).
+
+Protokoll der Verhandlungen des 5. Kongresses der Gewerkschaften
+Deutschlands, abgehalten zu _Köln_ a. Rh. vom 22.-27. Mai 1905 (Berlin,
+Verlag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands [C.
+Legien]).
+
+"Partei und Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes
+Partei und Gewerkschaft aus dem Protokoll der Konferenz der
+_Gewerkschaftsvorstände_ vom 19.-23. Febr. 1906 (Beilage zu Nr. 185 des
+Vorwärts, 11. August 1906).
+
+Verhandlungen des 4. österreichischen sozial. Parteitags. Abgehalten zu
+_Wien_ vom 25.-31. März 1894 (Wien 1894, Bretschneider).
+
+Protokoll über die Verhandlungen des Gesamtparteitags der
+sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich. Abgehalten zu _Wien_
+vom 9.-13. Nov. 1903 (Wien 1903, Ignaz Brand).
+
+---- abgehalten zu _Wien_ vom 29. Okt. bis 2. Nov. 1905 (Wien 05,
+Brand).
+
+Congrès général des organisations socialistes françaises tenu à _Paris_
+du 3 au 8 décembre 1899, compte rendu sténographique officiel (Paris
+1900, Société nouv. de librairie et d'édition).
+
+Quatrième congrès général du Partie Socialiste français tenu à _Tours_
+du 2 au 4 Mars 1902, compte rendu sténographique officiel (Paris Société
+nouv.... etc., 1902).
+
+ * * * * *
+
+Amtliches stenographisches Bulletin der Schweizerischen
+Bundesversammlung, Bern 1906, Jahrg. XVI.
+
+
+III. Aufsätze und Abhandlungen.
+
+_Adler_, Georg, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswft., 2. Aufl., Bd.
+I.
+
+_Anseele_, Eduard, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"
+(Soz. Mh. Juni 1902, p. 407-412).
+
+---- "Die belgischen Wahlen" (Soz. Mh. Juli 1904, p. 511).
+
+XVI. Jahresbericht des leitenden Ausschusses des Schweizerischen
+_Arbeiterbundes_ und des Schweizerischen _Arbeitersekretariats_ für das
+Jahr 1902 (1903, Zürich, Buchhandlung des Schweiz. Grütlivereins).
+
+_Arons_, Leo, "Ergebnisse und Aussichten der preußischen
+Wahlrechtsbewegung" (Soz. Mh. 1906, p. 919).
+
+_Bebel_, August, "Der Bremer Parteitag" (N. Zt. 22, II, p. 742).
+
+_Bernstein_, Eduard, "Der Streik als politisches Kampfmittel" (N. Zt.
+12. I. 1894, p. 689-695).
+
+---- "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik" (Soz. Mh.
+Juni 02, p. 413-420).
+
+---- "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?" (Soz. Mh. Jan.
+05, p. 29-37).
+
+---- Besprechung über Roland-Holst's "G-str. u. Sozialdemokratie"
+(Dokumente des Sozialismus, V, 9).
+
+---- "Trust und Streik" ("Die neue Rundschau", 1905, p. 504).
+
+---- "Der politische Massenstreik und die politische Lage der
+Sozialdemokratie in Deutschland", Vortrag, mit Anhang: 12 Leitsätze über
+den politischen Massenstreik. (Breslau 1905, Verlag der Volkswacht).
+
+_Bernstein_, Eduard, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"
+(aus den sozialistischen Monatsheften, 1. Jan. 1906, p. 12-20,
+abgedruckt in der Münchener Post vom 29. und 30. Dez. 1905).
+
+---- "Die Generalstreikgewerkschaft" (Soz. Mh. August 1906).
+
+---- "Einige Randbemerkungen" (Soz. Mh. Febr. 1906, p. 128), abgedruckt
+in der 2. Beilage des Vorwärts vom 30. Jan. 1906.
+
+---- "Patriotismus, Militarismus und Sozialdemokratie" (Soz. Mh. Juni
+1907).
+
+---- "Der Streik" ("Die Gesellschaft", Bd. IV, Frankfurt a. M).
+
+_Berth_, Edouard, Notes bibliograph. (Mouvement socialiste 1. und
+15./11. 1905, p. 374 ff.)
+
+_Bissolati_, Leonida, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen" (Soz. Mh.
+Dez. 04, p. 954-960).
+
+---- "Die Krise in der italienischen Sozialdemokratie" (Soz. Mh. Mai
+1906, p. 368).
+
+---- "Die Entscheidung in Rom" (Soz. Mh. Nov. 1906, p. 915-924).
+
+_Block_, Hans, "Formen und Möglichkeiten des Massenstreiks" (N. Zt. 24,
+II, 21. Juli 1906, p. 557-563).
+
+_Blum_, Léon, "Les congrès ouvriers et socialistes français" I,
+1876-1885, II, 1886 bis 1900 (Bibliothèque socialiste Nr. 6 & 7, Paris
+1901, Société nouv.... etc.)
+
+_Bömelburg_, Theodor, Rede in einer öffentlichen Maurerversammlung in
+Leipzig am 14. Nov. 1905 (Bericht im Vorwärts, 2. Beilage, 16. Nov.
+1905).
+
+_Bourdeau_, Jean, "Les grèves politiques" (Revue des deux mondes, 15.
+März 1905, p. 424-444).
+
+_Branting_, Hjalmar (Stockholm), "Die Generalstreikprobe in Schweden"
+(Soz. Mh. Juni 1902 p. 420-424).
+
+---- "Die schwedischen Reichstagswahlen" (N. Zt. 21, I, Okt. 1902 p.
+51-58).
+
+---- "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne" (Soz. Mh. Aug. 1904,
+p. 617-624).
+
+---- "Die liberale Episode im schwedischen Wahlrechtskampf" (Soz. Mh.
+Aug. 1906, p. 664).
+
+_Braun_, _Adolf_, "Der Kölner Gewerkschaftskongreß" (N. Zt. 23, II, p.
+204-211, Mai 1905).
+
+_Braun_, Heinrich, "Das Ergebnis des Gewerkschaftskongresses" (Neue
+Gesellschaft, Nr. 10, 1905, 7. Juni, p. 112-114).
+
+_Brentano_, Lujo, "Die englische Chartistenbewegung" (Preußische
+Jahrbücher, 33, 1874).
+
+_Briand_, Aristide, "La grève générale et la révolution", Discours,
+prononcé devant le congrès général du Parti socialiste (décembre 1899),
+mit einem Vorwort des "Comité de la grève générale" (Les Editions à bon
+marché du "Progrès").
+
+_Buisson_, Etienne, "La grève générale" (Paris, Société nouv.... etc.
+1905, Bibliothèque socialiste Nr., 33).
+
+_Cohnstaedt_, Wilhelm, "Generalstreik, Massenstreik und
+Sozialdemokratie" ("Das Freie Wort", IV. Jahrg. Nr. 19. Jan. 1905, p.
+743-751).
+
+---- "Jena. Gewerkschaft oder Revolution?" ("Das Freie Wort" V. Nr. 14,
+Okt. 1905, p. 543-550).
+
+_Czernin_, Rudolf, Graf, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz"
+("Eisenbahn und Industrie", 2. Jhrg. Nr. 1, 5. Jan. 1906).
+
+_David_, Eduard, "Die Eroberung der politischen Macht", III, (Soz. Mh.
+März 1904).
+
+---- "Rückblick auf Jena" (Soz. Mh., Okt. 1905, p. 841).
+
+_Destrée_, Jules, et _Vandervelde_, Emile, "Le Socialisme en Belgique"
+(2. Aufl., Paris, 1903, Giard et Brère).
+
+_Deville_, _Gabriel_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in
+Frankreich" (Soz. Mh. Jan. 1905, p. 17-29).
+
+_Doren_, Alfred, "Die Florentiner Wollentuchindustrie vom 14. bis zum
+16. Jahrh." 1901.
+
+_Düwell_, Wilhelm, "Zur Frage des Generalstreiks" (N. Zt. 23. I. p.
+248-254).
+
+_Eckstein_, Gustav, "Was bedeutet der Generalstreik?" (N. Zt. 22. I,
+Dez. 1903, p. 357-363).
+
+v. _Elm_, Adolf, "Die Revisionisten an der Arbeit" (Soz. Mh. Jan. 1904,
+p. 29).
+
+v. _Elm_, Adolph, "Rückblick auf den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß"
+(Soz. Mh. Juli 1905, p. 567-577).
+
+---- "Partei und Gewerkschaft" (Soz. Mh. Sept. 1905, p. 734).
+
+---- "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung" (Soz.
+Mh. Sept. 1906, p. 730-736).
+
+---- "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag" (Soz. Mh.
+Okt. 1906, p. 831-839).
+
+_Eltzbacher_, Paul, "Der Anarchismus und die soziale Revolution in
+Barcelona". (Sonderabdruck aus Nr. 387 der Wiener Wochenschrift "Die
+Zeit".)
+
+_Fischer_, Edmund, "Die neueste Revision unserer Theorie und Taktik"
+(Soz. Mh. April 1904, p. 291-299).
+
+_Flüchtig_, U., "Zur Frage des Generalstreiks" (N. Zt. 22. I. p.
+445-448, 31. Dez. 1903).
+
+_Friedeberg_, Dr. Raphael, "Parlamentarismus und Generalstreik". Vortrag
+(Verlag "Die Einigkeit" [Fritz Kater], Berlin).
+
+---- "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats", Stenogramm
+der Rede, gehalten am 23. Aug. 1905 im Palast-Theater (Feen-Palast) zu
+Berlin, in der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften ("Die
+Einigkeit", 1905, Nr. 37, 38, 40, 41 [16., 23. Sept., 7., 14. Okt.]).
+
+_Froehlich_, Conrad, "Der Weg zur Freiheit" (London, 1891, Verl. von I.
+Kneuelberg).
+
+_Gammage_, R. G., "History of the Chartist Movement, 1837-1854" (London
+1854, neue Auflage 1894, Truslove & Hanson).
+
+_Geithner_, Otto, "Zur Taktik der Sozialdemokratie. Betrachtungen eines
+Lohnarbeiters", N. Zt. 23, II, Nr. 47.
+
+"Generalstreik! Die deutsche Arbeiterbewegung und der Klassenkampf" (2.
+Aufl. Berlin 1905, Freier Arbeiterverlag).
+
+v. _Gerlach_, Hellmut, "Maifeier und Massenstreik" ("Die Nation", Nr.
+53, 30. Sept. 1905, p. 835, 836).
+
+Sekretariat des Schweizerischen _Gewerbevereins_ (Geschäftskreis:
+Allgemeines Gewerbewesen), "Begleiterscheinungen bei Streiks im Jahre
+1905" (Separatabdruck aus der "Schweiz. Gewerbe-Zeitung").
+
+_Giesberts_, Josef, Arbeitersekretär, M.-Gladbach, "Die Utopie des
+Generalstreiks" ("Soziale Kultur", 25. Jhrg. Hft. 1, 1905, p. 27-36).
+
+_Göhre_, Paul, "Sturmzeichen in Deutschland" ("Die Neue Gesellschaft",
+Nr. 35, 29. Nov. 1905, p. 415-417).
+
+_van der Goes_, Frank, "Die beiden Tendenzen in Holland und der
+Parteitag zu Utrecht" (N. Zt. 24. II, 19. Mai 1906, p. 252 ff.)
+
+_Gonner_, E. C. K., "The Early History of Chartism, 1836-1839" ("The
+English Historical Review", No. XVI, Oct. 1899, Volume IV, p. 625-644).
+
+_Gorter_, Herman, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland" (N. Zt
+21. I, Febr. 1903, p. 652-656).
+
+_Greulich_, Hermann, "Wo wollen wir hin? Ein ernstes Mahnwort an alle
+Gewerkschafter der Schweiz" (Herausgegeben vom Bundeskomitee des
+Schweizerischen Gewerkschaftsbundes; Bern, Unionsdruckerei, 1903).
+
+_Griffuelhes_, Victor, Übersetzung seines Artikels in "La Voix du
+Peuple" vom 29. Okt. 1905, abgedruckt unter dem Titel "Ein französischer
+Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen Zentralverbände", in der
+"Einigkeit" vom 11. Nov. 1905.
+
+_Grimm_, Robert, "Der politische Massenstreik", Vortrag (Basel, Verlag
+des Arbeiterbundes Basel, 1906).
+
+_Grosch_, Georg, "Der Generalstreik" ("Deutscher Kampf", 17. Heft, 1906,
+p. 12-19).
+
+_Groß_, P., "Die Weinkrise und die Landarbeitergewerkschaften im
+Languedoc" (N. Zt. 8. Juni 1907).
+
+_Grütliverein_, Buchdruckerei des schweizerischen, Flugschrift zum 1.
+Mai 1895.
+
+_Guillaume_, James, "L'Internationale. Documents et Souvenirs.
+1864-1878." (Tome premier, Paris, Société nouv.... etc.).
+
+_Halévy_, Daniel, "Essais sur le Mouvement ouvrier en France" (Paris,
+Société nouv.... etc. 1901).
+
+_Heine_, Wolfgang, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
+Deutschland?" (Soz. Mh. Sept. 1905).
+
+_Heinrich_, A., "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100 Jahren" (N. Zt.
+15, I, p. 507).
+
+_Herkner_, Heinrich, "Die Arbeiterfrage". 4. Aufl. 1905.
+
+_Hilferding_, Rudolf, "Zur Frage des Generalstreiks" (N. Z. 22, I, p.
+134-142. 1903).
+
+---- "Parlamentarismus und Massenstreik" (N. Zt. 23. II. p. 804-816).
+
+_Hirsch_, Axel, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker" (Social
+Tidskrift, Stockholm, 1905, Nr. 5, p. 195-199), (handschriftliche
+Übersetzung von stud. Viktor M. _Goldschmidt_, Kristiania).
+
+_Hue_, Otto, "Über den Generalstreik im Ruhrgebiet" (Soz. Mh. März 1905,
+p. 201-210).
+
+---- "Partei und Gewerkschaft. Ein Wort an den Jenaer Parteitag" ("Neue
+Gesellschaft", Nr. 25, 1905, 20. Sept., p. 290-293).
+
+_Jaeckh_, Gustav, "Die Internationale. Eine Denkschrift zur
+vierzigjährigen Gründung der internationalen Arbeiter-Assoziation"
+(Leipzig 1904, Verlag der Leipziger Buchdruckerei A. G.).
+
+_Jaurès_, Jean, "Etudes socialistes" (Paris 1902), autorisierte
+Übersetzung unter dem Titel "Aus Theorie und Praxis" von Dr. Albert
+_Südekum_ (Berlin 1902, Verlag der Soz. Mh.).
+
+---- "Grève et Révolution" (Humanité, 5. Nov. 1905).
+
+_Kampffmeyer_, Paul, "Der Generalstreik und die Eroberung der
+ökonomischen Macht" (Soz. Mh. Nov. 1904, p. 872-879).
+
+---- "Zur Maifeierfrage" (Soz. Mh. Sept. 1905).
+
+---- "Eine Wiedergeburt der Unabhängig sozialistischen Bewegung?" (Soz.
+Mh. Okt. 1905, p. 849).
+
+_Katz_, Eugen, "Der politische Massenstreik" ("Die Hilfe", 1905, Nr. 33,
+p. 3, 4; Nr. 34, p. 3, 4).
+
+_Kautsky_, Karl, "Jaurès et Millerand" (Mouvement socialiste, II, 1899,
+p. 207).
+
+---- "Die Soziale Revolution", I: "Sozialreform und Soziale Revolution"
+(Berlin 1902, Verlag Vorwärts).
+
+-- "Allerhand Revolutionäres", III: "Der politische Massenstreik" (N.
+Zt. 22, I, p. 685 bis 695, 732 bis 740).
+
+---- "Der Bremer Parteitag" (N. Zt. 23. I. 1904, 27. Sept., p. 4-12).
+
+---- Besprechung von _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik"
+(N. Zt. 23, I. 1904/05, p. 57, 58).
+
+---- "Der Kongreß in Köln" (N. Zt. 23, II, p. 309-316).
+
+---- "Maifeier und Generalstreik" (4. Beilage zu Nr. 115 der Leipziger
+Volkszeitung, 20. Mai 1905).
+
+---- "Zum Parteitag" (N. Zt. 23. II, Nr. 50, 17. Sept. 1905).
+
+---- "Die Lehren des Bergarbeiterstreiks" (N. Zt. p. 772-782).
+
+---- "Der Parteitag in Jena" (N. Zt. 24, I, p. 10).
+
+_Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in
+Köln" (N. Zt. 23, II, p. 215-220).
+
+_Kolb_, Wilhelm, "Zur Frage des Generalstreiks" (Soz. Mh. März 1904, p.
+207-211).
+
+---- "Von Dresden bis Essen" (Soz. Mh. Sept 1907, p. 702-706).
+
+_Kropotkin_, Peter, "Die direkte Aktion und der Generalstreik in
+Rußland" ("Weckruf", 3. Jhrg. Nr. 23. Dez. 1905).
+
+_Kulemann_, W., Landgerichtsrat, Bremen, "Das Streikrecht in
+öffentlichen Betrieben" (Soz. Prx. XVI, Nr. 30, 25. April 1907, Sp.
+777-781).
+
+_Labriola_, Arturo, "Riforme e Rivoluzione sociale" (Lugano 1906,
+Cagnoni & Cie.).
+
+_Lagardelle_, Hubert, "La Grève Générale et le Socialisme", Enquête
+internationale (Paris, Cornély & Cie. 1905, Bibliothèque d'études
+sociales. Zusammenstellung der im Mouvement socialiste veröffentlichten
+Antworten).
+
+_Lagardelle_, Hubert, "Die syndikalistische Bewegung in Frankreich"
+(Archiv f. Sozw. und Sozpol., XXVI. I. p. 96-143).
+
+_Legien_, Carl, "In Köln am Rhein" (Soz. Mh. Mai 1905, p. 371-379).
+
+_Leimpeters_, Johann, "Zum Generalstreik" (Soz. Mh. Nov. 1904, p.
+880-885).
+
+---- "Die Taktik des Bergarbeiterverbandes" (Soz. Mh. Juni 05).
+
+---- "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften" (Soz. Mh.
+1905, p. 923-930).
+
+_Lensch_, Paul, "Politischer Massenstreik und politische Krisis" (N. Zt.
+23. II. Nr. 47).
+
+---- "Die Idylle im Sumpf" (N. Zt. 23. II. Nr. 49).
+
+_Lerda_, Giovanni, "Ostruzionismo ferroviario e politica proletaria"
+("Il Socialismo", Anno III. Nr. 24. 10. Febr. 1905).
+
+_Louis_, Paul, "Die Streiks in Frankreich" (N. Zt. 23. II. p. 596).
+
+---- "L'Avenir du Socialisme" (Paris, 1905).
+
+_Lusnia_, Michael, "Unbewaffnete Revolution?" (N. Zt. 22, I, Jan. 1904,
+p. 559-567).
+
+_Luxemburg_, Rosa, "Das belgische Experiment" (N. Zt. 20. II).
+
+---- "Und zum dritten Mal das belgische Experiment" (N. Zt. 20. II. p.
+203).
+
+---- Vortrag über den politischen Massenstreik am 6. Dez. in einer von
+den sozialdemokratischen Frauen einberufenen Volksversammlung (Bericht
+in der 2. Beilage des Vorwärts, 8. Dez. 1905).
+
+_Marazio_, Annibale, Barone, "Il partito socialista italiano e il
+governo" (Torino 1906).
+
+_Marchioni_, Karl (Königsberg), "Massenstreik und Landarbeiter" (N. Zt.
+24, II., 28. Juli 1906. p. 605-608).
+
+_Mayer_, Gustav. "Der Internationale Sozialistenkongreß" ("Das Freie
+Wort", 1905, p. 445-448).
+
+_Mehring_, "Ein dunkler Maitag" (N. Zt. 20. II, p. 97).
+
+_Melia_, Juan A., "Der Sozialismus in Spanien" (N. Zt. 24. I. p. 460).
+
+_Michels_, Robert, "Le Socialisme allemand et le Congrès d'Jéna"
+(Mouvement socialiste, 1. et 15. Nov. 1905, p. 281-307).
+
+---- "Die deutsche Sozialdemokratie im internationalen Verbände" (Arch.
+f. Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, XXV. Bd., Heft I).
+
+_Mommsen_, Theodor, "Römische Geschichte" (3. Aufl. 1861).
+
+_Naumann_, Friedrich, "Die inneren Wandlungen der Sozialdemokratie"
+(Süddeutsche Monatshefte, 1906, 10, p. 403-408).
+
+Redaktion von "_De Nieuwe Tijd_", Bericht an den Parteivorstand der
+sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands (N. Zt. 22, II, p. 342).
+
+_Olberg-Lerda_, Oda, "Der italienische Generalstreik" (N. Zt. 23. I. p.
+18-24).
+
+---- "Die italienischen Wahlen" (N. Zt. 23, I, p. 274-280).
+
+---- "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik" (Z. Zt. 23, II, p. 378-386).
+
+---- "Der Parteitag in Rom" (N. Zt. 10. Nov. 1906, p. 180-189).
+
+_Parvus_ (Israel Helphant), "Staatsstreich und politischer Massenstreik"
+(N. Zt. 14. II, 1896, p. 199).
+
+_Penzig_, Rudolph, "Massenstreik und Ethik" (Neuer Frankfurter Verlag,
+1905).
+
+_Philippovich_, "Grundriß der politischen Ökonomie". 1907.
+
+_Pirenne_, Henri, "Geschichte Belgiens, Bd. I, Bis zum Anfang des 14.
+Jahrhunderts". (Deutsch von Fritz _Arnheim_), Gotha 1899.
+
+_Polledro_, Alfredo, "Per la terminologia dello Sciopero generale" (Il
+Divenire Sociale, 16. Dez. 1905, Nr. 24, p. 380-384).
+
+_Pouget_, Emile, "Die Gewerkschaft", deutsch von Max _Tobler_ (Zürich
+1907, Verlag der antimilitaristischen Liga).
+
+_Rappoport_, Charles, (Paris), "Der sozialistische Kongreß in Limoges"
+N. Zt. 1906, 17. Nov., Bd. 25, I, Nr. 7, p. 227-234.
+
+_Reiswitz_, W. G. H. Frh. v., "Generalstreik? Ein Rückblick auf den
+Hafenarbeiterstreik in Marseille" (Berlin 1905, O. Elsner).
+
+_Richard_, A., "Manuel socialiste" (Paris, Société nouv.... etc. 1900).
+
+_Rist_, Charles, Kritik über v. _Reiswitz_' "Generalstreik?" (Krit.
+Blätter III 1905.)
+
+_Roland-Holst_, Henriette, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in
+Holland" (N. Zt. 21. II.)
+
+---- "Der politische Massenstreik auf dem 10. Parteitag der
+niederländischen Sozialdemokratie" (N. Zt. 22. II, p. 143).
+
+---- "Zur Lage in Holland" (N. Zt. 22. II. p. 585).
+
+---- "Generalstreik und Sozialdemokratie", mit einem Vorwort von Karl
+_Kautsky_ (zweite revidierte und erweiterte Auflage, Dresden 1906).
+
+---- "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution" (Vorrede
+zur russischen Ausgabe von "G-str. u. Sozd.", N. Zt. 12. Mai 1906, 24.
+II. p. 213).
+
+---- "Zur Massenstreikdebatte" (N. Zt. 24. II. 18. Aug. 1906, p.
+684-893).
+
+_Romen_, "Massenstreik und Revolution" ("Der Tag", Ausgabe A, 10. und
+12. Dez. 1905, Nr. 614, 617).
+
+_Rudolph_, Albert, "Zur Maifeier" (N. Zt. 22. II, p. 564).
+
+_Sayous_, André-E., Docteur en Droit, Sécrétaire général de la
+Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de
+Marseille" (Fédération des Industriels et Commerçants français, Paris,
+Larose et Ténin, 1904).
+
+_Schmidt_, "Irrgänge der Massenstreiktaktik" (Soz. Mh. Aug. 1906, p.
+631-635).
+
+_Schröder_, Wilhelm, "Sisyphusarbeit" (Soz. Mh. Apr. 07, p. 285-291).
+
+_de Seilhac_, Léon, "Le monde socialiste" (Paris 1904, Lecoffre).
+
+_Simmel_, Georg, "Soziologie der Über- und Unterordnung" (Arch. f. Sozw.
+und Soz. pol. XXIV. 3).
+
+_Sombart_, Werner, "Sozialismus und soziale Bewegung", 6. Aufl. 1908.
+
+_Sorel_, Georges, "Lo sciopero generale" ("Il Divenire sociale", 16.
+Dez. 1905, Nr. 24, p. 374-378).
+
+---- "Lo sciopero generale" ("Il Divenire sociale", 16. Jan. 06, p.
+22-25; 1. Febr. 06, p. 35-37).
+
+"Die _Sozialdemokratie_ in Rußland", Bericht der Delegation der
+sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den internationalen
+Sozialistenkongreß in Amsterdam 1904. (München 1904, Etzold.)
+
+_Stapfer_, Friedrich, "Wahlrechtsbewegung und Massenstreik" (N. Zt.
+1906, Nr. 49, p. 755 bis 758).
+
+_Streltzow_, Roman, "Der politische Massenstreik in Rußland und seine
+Lehren" (Soz. Mh. Febr. 1907, p. 131-136).
+
+_Stieda_, Wilhelm, "Arbeitseinstellungen" (Artikel im Handwb. der
+Staatswissenschaften, 2. Aufl., Bd. I).
+
+_Ströbel_, Heinrich, Vortrag über den politischen Massenstreik in einer
+Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 1905 (Bericht im
+Vorwärts, 1. Beilage vom 14. Nov. 1905).
+
+Th(esing), E(rnst), "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik"
+("Einigkeit", 9. Dez. 1905).
+
+_Thesing_, Ernst, "Per la questione dello sciopero generale" ("Il
+Divenire sociale", 16. Okt. 1905, p. 315-317; 1. Nov. 1905, p. 333-334).
+
+_Tildsley_, Dr. John L., "Die Entstehung und die ökonomischen Grundsätze
+der Chartistenbewegung" (Sammlung nationalökonomischer und statistischer
+Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Halle a. S.,
+herausgegeb. von Conrad, 19. Band. Jena, Fischer, 1898).
+
+_Tönnies_, Ferdinand, "Über den Ruhrstreik 1905". ("Das Freie Wort", IV,
+p. 894).
+
+---- "Der Massenstreik in ethischer Beleuchtung" ("Das Freie Wort", Nr.
+14, V. Jhrg. Okt. 1905, p. 537-543).
+
+_Thomas_, Albert, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'" ("Die neue
+Gesellschaft", Nr. 24, 1905, p. 279-281).
+
+---- "Le second Empire" (1852-1870). Préface de Charles _Andler_
+(Histoire Socialiste [1789-1900] sous la direction de Jean _Jaurès_,
+Tome X). (Paris, Rouff & Cie.).
+
+_Turati_, Filippo, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien"
+(Soz. Mh. Nov. 1904, p. 865-872).
+
+_Ulrich_. "Die Arbeiterausstände und der Staat" (Jahrb. f. Nationalök.
+u. Statistik, 1893, N. F. XIX, p. 1-13).
+
+_Umrath_, Eugen, "Zur Generalstreikdebatte" (N. Zt. 23. II. p. 13-20).
+
+Ein _Ungar_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn" (N. Zt. 22.
+II. p. 164).
+
+_Vandervelde_, Emile, "Nochmals das belgische Experiment" (N. Zt. 20.
+II. p. 166).
+
+---- "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902" (Soz. Mh. Jan. 1903, p.
+42-47).
+
+_Vliegen_, Wilhelm Hubert (Amsterdam), "Der Generalstreik als
+politisches Kampfmittel" (N. Zt. 22. I. Nr. 7. p. 193-199).
+
+---- "Der zehnte Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie" (N.
+Zt. 22. II. p. 114).
+
+_Walpole_, Spencer, "A History of England from the conclusion of the
+great war in 1815" (Vol. IV. London, Longmans, Green & Cie. 1886).
+
+_Webb_, Beatrice & Sidney, "Geschichte des britischen Trade
+Unionismus"(deutsch von R. Bernstein, 2. Aufl. Stuttgart 1906, J. H. W.
+Dietz Nachf.).
+
+_Weber_, Alfred, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich" ("Die Hilfe", 1905,
+Nr. 42. p. 4, 5).
+
+_Weber_, Max, "Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland" (Arch.
+f. Sozw. und Sozialpol., Beilage zu Bd. XII, Heft I).
+
+_Weill_, Georges, "Histoire du Mouvement social en France" (1852-1902)
+(Paris, Alcan, 1905).
+
+v. _Wiese_, "Die Arbeiterfrage in Rußland" (Soz. Prx. Nr. 30 u. 31, p.
+1906).
+
+_Winter_, Franz, "Brief aus Österreich", Bericht über den
+sozialdemokratischen Parteitag ("Weckruf", 9. Jan. 04).
+
+_ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen" (Zürich, 1903).
+
+Z. W., "Der Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe
+Gewerkschaftsidee" (Soz. Praxis, Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni 1907).
+
+_Zetkin_, Clara, Vortrag über den politischen Massenstreik in einer
+öffentlichen Versammlung der Filiale Berlin des Zentralverbandes der
+Stukkateure am 21. Aug. 1905 (Bericht im Vorwärts, 1. Beilage, 23. Aug.
+1905).
+
+
+
+
+Übersichtstafel über die Streikarten.
+
+(Zu § 1, oben S. 3.)
+
+ Streik
+ |
+ +---------+---------+
+ | |
+ | partieller
+ | Streik
+ Massenstreik
+ |
+ +--------------------+---+
+ | |
+ | innergewerblicher
+ | Massenstreik
+ |
+ _Klassenstreik_
+ |
+ +--------+--------+
+ | |
+ | _politischer Massenstreik_
+ |
+ _Generalstreik_
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43664 ***
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-The Project Gutenberg eBook, Theorie und Praxis des Generalstreiks in der
-modernen Arbeiterbewegung, by Elsbeth Georgi
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-
-
-
-
-Title: Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung
- Inauguraldissertation
-
-
-Author: Elsbeth Georgi
-
-
-
-Release Date: September 7, 2013 [eBook #43664]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK THEORIE UND PRAXIS DES
-GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG***
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-E-text prepared by Odessa Paige Turner and the Online Distributed
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-
-Transcriber's note/Anmerkung zur Transkription:
-
- Alte Schreibweisen des Originals (wie z.B. "hiedurch",
- "misverstandener" oder "Schiffahrt") haben wir so weit
- wie möglich beibehalten. "G-str." steht für "Generalstreik",
- "Kl-str." für Klassenstreik und "Str., str." für "Streik";
- siehe Liste der Abkürzungen. Hervorhebungen im Original
- durch _gesperrten_ Druck haben wir mit _Unterstrichen_
- dargestellt. Die Abkürzungen "z.B." und "Z.B." erscheinen
- zur besseren Lesbarkeit hier ohne Leerzeichen.
-
-
-
-
-
-THEORIE UND PRAXIS DES GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG.
-
-INAUGURALDISSERTATION
-DER HOHEN STAATSWISSENSCHAFTLICHEN
-FAKULTÄT DER UNIVERSITÄT ZÜRICH
-ZUR ERLANGUNG DER WÜRDE EINES
-DOCTOR OECONOMIAE PUBLICAE
-
-VORGELEGT VON
-
-ELSBETH GEORGI
-
-Aus Breslau.
-
-Genehmigt auf Antrag von Herrn Prof. Dr. _Heinrich Sieveking_ am 29.
-Februar 1908.
-
-
-Die staatswissenschaftliche Fakultät gestattet hiedurch die Drucklegung
-vorliegender Dissertation, ohne damit zu den darin ausgesprochenen
-Anschauungen Stellung nehmen zu wollen.
-
-_Zürich_, den 15. Februar 1908.
-
-Der Dekan der staatswissenschaftlichen Fakultät: Professor Dr. _Max
-Huber_.
-
-
-
-
-
-
-
-Weimar. -- Druck von R. Wagner Sohn.
-
-
-Herrn Professor Dr. Heinrich Herkner zugeeignet.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Vorliegende Arbeit ist auf Anregung und unter Förderung von Herrn
-Professor Dr. _Heinrich Herkner_ entstanden; ich bin meinem verehrten
-Lehrer auch hierfür zu dauerndem Dank verpflichtet.
-
-Herr Professor Dr. _Heinrich Sieveking_ hatte die Güte, mir wertvolle
-redaktionelle Ratschläge zu erteilen.
-
-An dieser Stelle möchte ich auch allen denen danken, die mich bei der
-Sammlung des Materials unterstützt haben.
-
-_Zürich_, 2. März 1908.
-
- Elsbeth Georgi.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Abkürzungen IX
- Einleitung 1
-
-_Erster Teil:_ Das Wesen des Klassenstreiks.
-
- § 1. Definition 3
- § 2. Eigenschaften des Klassenstreiks 6
- § 3. Ziele des Klassenstreiks 9
- § 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks 12
- § 5. Die Arten des Klassenstreiks 17
- § 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten
- Aktionsmitteln 21
-
-_Zweiter Teil:_ Geschichte des Klassenstreiks und der
- Klassenstreik-Idee.
-
- Erstes Kapitel: _Vorläufer_.
-
- § 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und
- in neuerer Zeit 30
- § 8. Die Klassenstreik-Idee im englischen Chartismus 32
- § 9. Die Klassenstreik-Idee unter dem zweiten Kaiserreich 38
-
- Zweites Kapitel: _Die moderne Arbeiterbewegung_.
-
- (a) Geschichte des politischen Massenstreiks.
-
- § 10. Belgien 41
- § 11. Schweden 50
- § 12. Österreich 55
- § 13. Deutschland 58
-
- (b) Geschichte des Generalstreiks.
-
- § 14. Frankreich 72
- § 15. Schweiz 80
- § 16. Italien 80
- § 17. Spanien 89
- § 18. Holland 90
- § 19. Rußland 95
-
- (c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der
- Klassenstreik.
-
- § 20. 99
-
-_Dritter Teil:_ Zur Kritik des Klassenstreiks.
-
- Erstes Kapitel: _Bedingungen des Klassenstreiks_.
-
- § 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks 103
- § 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks 116
- § 23. Bedingungen des Erfolgs des Klassenstreiks 125
-
- Zweites Kapitel: _Wert des Klassenstreiks_.
-
- §24. 131
-
-_Schlußwort:_ Aufgaben der Gesellschaft. 135
-
- Literaturverzeichnis 137
- Übersichtstafel über die Streikarten 144
-
-
-
-
-Abkürzungen.
-
-
- Allg. Ztg. = Allgemeine Zeitung München.
-
- Arb. Ztg. = Arbeiter-Zeitung Wien.
-
- Bernstein,
- "Pol. M-str. u.
- pol. Lage" = Bernstein, "Der politische
- Massenstreik und die politische
- Lage der Sozialdemokratie in
- Deutschland".
-
- Congrès général
- ... Paris 1899 = Congrès général des organisations
- socialistes françaises, Paris 1899,
- compte rendu sténographique
- officiel.
-
- Enquête = Lagardelle, "La Grève Générale
- et le Socialisme, Enquête
- internationale."
-
- Friedeberg,
- "Weltansch." = Friedeberg, "Weltanschauung und
- Taktik des deutschen Proletariats".
-
- Frankf. Ztg. = Frankfurter Zeitung.
-
- G-str. = Generalstreik.
-
- Hdwb. d. Staatswft. = Handwörterbuch der Staatswissenschaften.
-
- Kl-str. = Klassenstreik.
-
- Leitart. = Leitartikel.
-
- M-str. = Massenstreik.
-
- N. Z. Z. = Neue Zürcher Zeitung.
-
- N. Zt. = "Die Neue Zeit".
-
- Prot. Gwft. Kongr. = Protokoll des Gewerkschaftskongresses
- zu ...
-
- Prot. int. Kongr. = Protokoll des internationalen
- Kongresses zu ...
-
- Prot. Parteitg. = Protokoll des Parteitags zu ...
-
- Rdsch. Soz. Mh. = Rundschau der Sozialistischen
- Monatshefte.
-
- Roland-Holst,
- "G-str. u. Sozd." = Roland-Holst. "Generalstreik u.
- Sozialdemokratie".
-
- Soz. Mh. = Sozialistische Monatshefte.
-
- Soz. Prx. = Soziale Praxis.
-
- Str., str. = Streik.
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Auch dem oberflächlichsten Beobachter der modernen Arbeiterbewegung kann
-es nicht entgehen, welche Bedeutung seit einiger Zeit das
-"Generalstreik"-Problem erlangt hat. Kaum ein Monat, ohne daß irgendwo
-ein "Generalstreik" ausbricht, versucht oder angedroht wird, kaum ein
-Gewerkschafts- oder Parteikongreß, kaum eine sozialistische Zeitung oder
-Zeitschrift, die sich nicht auch damit zu beschäftigen hätte. Eine
-umfassende Darstellung des "Generalstreiks" wäre daher gewiß eine
-verlockende und lohnende, aber auch eine äußerst schwierige Aufgabe. Ein
-vielsprachiges, in Flugschriften, Vereinsberichten, Zeitungsartikeln
-zerstreutes Material müßte gesammelt werden. Dies kann besonders dem,
-der der Arbeiterbewegung fernsteht, nicht leicht fallen. Zu dieser
-äußeren Schwierigkeit tritt aber noch eine bedeutendere innere. Sie
-ergibt sich daraus, daß die "Generalstreik"-Frage aufs Engste mit allen
-übrigen sozialen Problemen verknüpft ist.
-
-Der Versuch, trotzdem ein solches Thema zu behandeln, läßt sich aber
-vielleicht dadurch rechtfertigen, daß die folgenden Seiten
-nur den Zweck verfolgen, den Leser mit den hauptsächlichsten
-"Generalstreik"-Erfahrungen und "Generalstreik"-Lehren bekannt zu
-machen.
-
-
-
-
-_Erster Teil:_
-
-Das Wesen des Klassenstreiks.
-
-
-§ 1. Definition.
-
-Wollen wir aus dem Begriffskonglomerat, das sich hinter dem Schlagwort
-"Generalstreik" versteckt, einen wissenschaftlich brauchbaren Begriff
-herausschälen, so müssen wir von vornherein jene Streikformen
-ausschalten, die lediglich Spezialfälle des innergewerblichen Kampfes
-der Arbeiter darstellen,[1] also Streiks, die lediglich eine
-Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die beteiligten
-Berufsangehörigen bezwecken.
-
-[Fußnote 1: Vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15.]
-
-Zu diesen auszuschaltenden Streiks gehört z.B. der große
-österreichische Kohlengräberausstand, der, dank seinem ökonomischen
-Druck (Mangel an Brennmaterial, Gefährdung der Industrie) und der ihm in
-der öffentlichen Meinung zu teil gewordenen Unterstützung, das Gesetz
-über die Arbeitsdauer in Bergwerken, den gesetzlichen Neunstundentag
-herbeiführte.[2] Ferner gehört hierher der Bergarbeiterstreik im
-Ruhrgebiet 1905, der ebenfalls einzig gegen die Unternehmer
-gerichtet,[3] ebenfalls von der Öffentlichkeit unterstützt war[4] und
-ebenfalls die Zusicherung einer legislativen Regelung wirtschaftlicher
-Verhältnisse herbeiführte.[5] Hierher gehört weiter der ungarische
-Eisenbahnerstreik 1904, der mit einem Mißerfolg endigte,[6] in gewissem
-Sinne läßt sich endlich noch der erfolgreiche "Musterstreik" der
-Arbeiter und Beamten der Schweizerischen Nordostbahn im Jahre 1897
-hierzu rechnen.[7] Alle diese Ausstände werden häufig als
-"Generalstreiks", günstigstenfalls als "Berufsgeneralstreiks"
-bezeichnet. Sie unterscheiden sich aber von einem gewöhnlichen Ausstand
-in nichts, als in ihrer Ausdehnung. Und allein um eben dieser Ausdehnung
-willen wurden sie zu "Generalstreiks" gestempelt.
-
-[Fußnote 2: Soz. Prx. 17./1. 07, "Wahlreform und Sozialpolitik in
-Österreich"; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; Prot. Parteitg. Wien 03,
-p. 45; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd." p. 42, dort auch über
-den Massenstreik der pennsylvanischen und den der französischen
-Bergleute (p. 42).]
-
-[Fußnote 3: 200 000 Arbeiter streikten, trotz Abratens der Führer,
-trotz schlechter Konjunktur, so groß war die allgemeine Erregung über
-das Vorgehen der Unternehmer (betr. das "Wagennullen", Berechnung der
-Ein- und Ausfahrtszeit usw.); vgl. _Hue_ über den Generalstreik im
-Ruhrgebiet.]
-
-[Fußnote 4: Die Streikenden fanden Unterstützung sowohl in den Kreisen
-der Arbeiterschaft, (auch bei den ausländischen Arbeitern; die
-belgischen Arbeiter traten in den Solidaritätsstreik, vgl.
-_Roland-Holst_ a. a. O. p. 10, Note), als auch im Bürgertum: die
-Öffentlichkeit stellte sich auf ihre Seite; die Regierung unterstützte
-die Streikleitung; die Polizei besorgte Säle für die Ausständigen,
-schaltete die Anwendung einer Reihe von Bestimmungen des Vereinsgesetzes
-aus, hielt mit der Streikleitung vielfach telephonische Verbindung; es
-kam überhaupt nicht zu Ruhestörungen (_Leimpeters_, "Die
-sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 929); der Streik
-mußte aus Mangel an Mitteln abgebrochen werden.]
-
-[Fußnote 5: Die spärliche Berggesetznovelle, die den Arbeitern aber
-keineswegs genügte, vgl. z.B. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p.
-305.]
-
-[Fußnote 6: Seit 1899 hatte das Eisenbahnpersonal sich mehrfach um
-wirtschaftliche Verbesserungen bemüht; mit dem endlich 1904
-erscheinenden Gesetzentwurf betr. die Regelung der Bezüge der
-Staatsbahnangestellten waren diese nicht zufrieden. Ein geringfügiger
-Anlaß am 19./4. 04 genügte, um sofort den allgemeinen Streik
-herbeizuführen. Der Eisenbahnbetrieb im ganzen Land ruhte. Es streikten
-30 000 (Chronique du Musée social, Mai 04, p. 193, 194; nach "Der
-Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn", von einem _Ungarn_, streikten
-42 000 Personen); die Streikenden strömten nach Pest; am 20. April wurde
-mit der Regierung unterhandelt, aber erfolglos. 10 000 Streikende wurden
-als Reservisten eingezogen (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte",
-p. 15; auch _Ungar_, a. a. O.), das Eisenbahnregiment mobilisiert, die
-Arbeiterführer verhaftet, die Truppen konsigniert. Nach 5 Tagen nahmen
-die Arbeiter die Arbeit wieder auf, nachdem die oppositionellen
-Abgeordneten ihnen die Förderung ihrer Angelegenheit zugesichert hatten;
-die Eisenbahnerforderungen wurden erst 3/4 Jahre später erfüllt (vgl.
-Soz. Prx. XIV. 51. Sp. 1347, 1348).]
-
-[Fußnote 7: Vgl. _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen", p.
-15, 16; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 307.]
-
-Ein großer Streik ist aber an sich noch kein "Generalstreik". Vielmehr
-wird der "Generalstreik" definiert bald als "einheitliche Verabredung
-verschiedener Berufskategorien zum Zwecke gewaltsamer Erzwingung von
-Zugeständnissen der Unternehmer oder gar der Staatsgewalt,... die zu dem
-geltenden Recht in Widerspruch stehen",[8] bald als friedliche
-Arbeitsniederlegung in einem ganzen Staatswesen, sodaß alle Produktion
-und aller Verkehr gehemmt wird,[9] bald als gleichzeitige
-Arbeitseinstellung der "wichtigsten Gruppen, welche das ganze
-Reproduktionssystem repräsentieren".[10] Aber Ausdehnung über das ganze
-Land, oder Gleichzeitigkeit, oder Hemmung allen Verkehrs und aller
-Produktion, oder friedliche Form, oder rechtswidrige Forderungen lassen
-sich keineswegs bei sämtlichen der in Frage kommenden Erscheinungen
-konstatieren. Diese differieren vielmehr in Eigenschaften, Zielen und
-Wirkungsweise ganz außerordentlich von einander; nur ein äußerst
-weitmaschiges Begriffsnetz wird zugleich den schwedischen und den
-italienischen, die spanischen und die russischen sogenannten
-Generalstreiks, die Anschauungen von _Pouget_ und _Bernstein_,
-_Nieuwenhuis_ und _Kautsky_ zu umspannen vermögen. Daher müssen wir uns
-begnügen, den sogenannten Generalstreik als _demonstrativen
-Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen_ zu
-definieren.
-
-[Fußnote 8: _v. Reiswitz_, "Generalstreik?", p. 82, 83.]
-
-[Fußnote 9: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?", p. 358.]
-
-[Fußnote 10: _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen"; ebenso
-fordert _Jaurès_ (Enquête, p. 97) "que les corporations les plus
-importantes, celles qui dominent tout le système de la production,
-arrêteront à la fois le travail".]
-
-Aber der lässige Sprachgebrauch etikettiert nicht nur Unternehmungen und
-Theorien allerverschiedensten Stils gleichmäßig mit der Marke
-"Generalstreik". Er ersetzt diese auch beliebig durch verwandte
-Ausdrücke, wie "Massenstreik", "politischer Massenstreik",
-"Solidaritätsstreik", "Sympathiestreik", "generalisierter
-Sympathiestreik (grève généralisée)"; ja, er versteht unter
-"Generalstreik" ("general strike", "grève générale", "sciopero
-generale")[11] bald die Gesamtheit der in Frage stehenden Erscheinungen,
-bald nur einen Spezialfall derselben.[12]
-
-[Fußnote 11: Der Ausdruck stammt aus der Chartistenbewegung, wo man
-neben "sacred week", resp. "sacred month" auch von "national holiday",
-"national strike", "general holiday" und "_general strike_" sprach.]
-
-[Fußnote 12: Als nämlich in den 1890er Jahren neue Klassenstreikarten
-auftauchten, drangen die Vertreter sowohl der alten, wie auch der neuen
-Lehre auf eine Differenzierung in der Benennung, um das eigne Dogma vor
-der diskreditierenden Verwechslung mit dem der feindlichen Schule zu
-bewahren (vgl. z.B. _Ledebours_ Äußerungen gegen Friedeberg auf der
-Generalvers. des Wahlvereins für den 6. Wahlkreis am 29. IX. 1905
-["Vorwärts" Nr. 230, 1. X. 05]; _Kautsky_: "Der Bremer Parteitag", p.
-7-9). In den interessierten Kreisen wird unter "Generalstreik" daher
-jetzt im allgemeinen das alte Steckenpferd der Anarchisten verstanden,
-während das bei den Sozialdemokraten akkreditierte Kampfmittel
-"politischer Massenstreik" heißt.]
-
-Zur Vermeidung der üblichen Verwechslungen ist daher die Einführung
-eines neuen Terminus für unsere Untersuchung unentbehrlich. So brauchen
-wir denn im folgenden für den _Oberbegriff_, also den demonstrativen
-Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen, die
-Bezeichnung "_Klassenstreik_", und wir reservieren den Ausdruck
-"_Generalstreik_" für den _Unterbegriff_, für eine ganz spezielle Form
-des Klassenstreiks.
-
-§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks.
-
-(a) _Größe._
-
-Die Ausdehnung des Klassenstreiks wird nach oben begrifflich durch die
-Gesamtheit der Lohnarbeiter begrenzt. Ein _totaler_ Streik, d. h. ein
-Streik aller Arbeiter, aller Gewerbe, allüberall, ein Stillstehen "aller
-Räder" im mathematischen Sinne, wie es den ersten anarchistischen
-Generalstreikpropagandisten vorschweben mochte, wird heute von keiner
-Seite mehr als Erfordernis irgend einer Klassenstreik-Spezies
-betrachtet,[13] sondern es wird nur von gewissen Gesichtspunkten aus
-eine _relative Allgemeinheit_ verlangt. Die _untere_ Grenze des
-Klassenstreiks liegt nämlich (räumlich) bei derjenigen Arbeitergruppe,
-deren Streik in einer gegebenen Zeit, und (zeitlich) bei demjenigen
-Zeitraum, während dessen der Streik einer gegebenen Arbeitergruppe
-genügt, um eine bedeutende gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.
-Demzufolge weist die Ausdehnung des Klassenstreiks zahlreiche
-Variationen auf.
-
-[Fußnote 13: _Girardin_ forderte seinerzeit für seine grève universelle
-die Beteiligung "de toutes les professions manuelles dans tous les pays
-civilisés" (cit. bei _Weill_, "Histoire du Mouvement social en France",
-p. 34).]
-
-Die _räumliche Ausdehnung_ kann in gewerblicher oder geographischer
-Richtung liegen.
-
-1. Bei der _gewerblichen_ Ausdehnung des Klassenstreiks handelt es sich
-vor allem um die _Bedeutung_ der beteiligten _Gewerbe_; diese richtet
-sich einerseits rein _quantitativ_ nach der Anzahl der zugehörigen
-Lohnarbeiter, andererseits _qualitativ_ nach dem Grad ihrer sozialen
-Unentbehrlichkeit. Je weniger die Gesamtwirtschaft und das Gesamtleben
-auf die Funktion einer bestimmten Gewerbegruppe angewiesen ist, eine
-umso größere quantitative Ausdehnung ist zum Zustandekommen eines
-Klassenstreiks erforderlich; je größer aber die qualitative Bedeutung
-einer Gewerbegruppe, eine umso geringere Teilnehmerzahl genügt zur
-Herbeiführung des Klassenstreiks.[14] Die _qualitative_ Ausdehnung läßt
-sich _positiv_ umschreiben, z.B. Beteiligung derjenigen Gewerbe, die
-das ganze Produktionssystem und das ganze Verkehrsleben stützen,[15] die
-das ganze soziale Leben unterhalten: also Streik nicht nur im
-Transportgewerbe und den Kraftlieferungsbetrieben (Kohle, Gas,
-Elektrizität), sondern auch bei der Lebensmittellieferung (ausnahmsweise
-nur wird auch die Beteiligung der Landarbeiter gefordert[16]) und in den
-sogenannten öffentlichen Diensten. Sie läßt sich auch _negativ_
-bestimmen, z.B. werden unter Umständen "die wesentlichen Erfordernisse
-des öffentlichen Lebens, die Produktionszweige von unbedingter
-allgemeiner Notwendigkeit" vom Ausstand ausgenommen;[17] doch zeigt sich
-hierbei das Bestreben, "keine Masche im Gewebe der Solidarität unnötig"
-zu zerschneiden.[18] Die wenigsten gehen so weit, wie _Turati_, der
-Licht, Brot, Trinkwasser, Sanitätsdienst, Post und Telegraph,
-Tagespresse usw. respektiert wünscht (da "die Aufhebung dieser
-Institutionen... den höheren Forderungen der Zivilisation" widerstreite,
-auch dem Ziel des Streiks durch Verstärkung der "reaktionären
-Strömungen" schade).[19] Die prinzipiellen Streikeinschränkungen richten
-sich im allgemeinen nach dem Zwecke des Streiks.[20] Natürlich werden
-regelmäßig Ausnahmen zu gunsten der Nahrungsmittelversorgung der
-Arbeiter selbst gemacht.
-
-[Fußnote 14: Vgl. _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 6;
-_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie" p.
-748.]
-
-[Fußnote 15: So z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28);
-Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 54; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p.
-98, 99; ders. in der "Petite République", 29. Aug. 01 (cit. bei
-_Umrath_, p. 18); so schon _Lovett_ (vgl. _Gammage_, History of the
-Chartist Movement, p. 127); auch der "_Weckruf_" vom 28. Mai 04, Nr. 7,
-2. Jahrg., im Leitart. "Der Generalstreik".]
-
-[Fußnote 16: So durch _Herbert_-Stettin (Prot. Parteitg. Mannheim 06,
-p. 285); vgl. auch _Marchioni_, "Massenstreik und Landarbeiter".]
-
-[Fußnote 17: _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
-Italien", p. 867.]
-
-[Fußnote 18: _Olberg_; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 132.]
-
-[Fußnote 19: Das Weitererscheinen der Presse wünscht auch _Branting_,
-("Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420ff.); _Olberg_ ("Der
-italienische Generalstreik", p. 23) aber erblickt hierin eine
-ungerechtfertigte Ausnahme von der allgemeinen Arbeitsruhe; übrigens
-tritt sie für Aufrechterhaltung der Krankenpflege und der
-Nahrungsmittelversorgung der Hospitäler ein.]
-
-[Fußnote 20: Vgl. _Bernstein_, "Ist der politische Streik in
-Deutschland möglich?", p. 32.]
-
-Außer nach der Bedeutung der beteiligten Gewerbe kann der Umfang des
-Klassenstreiks auch nach ihrer _Betriebsform_ differieren; im
-allgemeinen handelt es sich um die Beteiligung der Groß- und
-Mittelbetriebe; die des Kleinbetriebes ist selten und wird auch kaum
-gefordert.
-
-2. Die _geographische_ Ausdehnung des Klassenstreiks hängt einerseits
-_quantitativ_ von der Größe des Streikgebiets ab. Hiernach unterscheidet
-man lokale, regionale, nationale und internationale Klassenstreiks; je
-kleiner das Streikgebiet, umso größer im allgemeinen die gewerbliche
-Ausdehnung. Ausstand möglichst aller Lohnarbeiter an einem einzelnen
-Platze, das ist der typische Umfang des romanisch-anarchistischen
-Generalstreiks, des sogenannten Solidaritäts- und Sympathiestreiks, der
-übrigens stets die Tendenz nach Erweiterung bis zum Weltstreik zeigt,
-sich auch nicht selten zum regionalen Ausstand (sogenannte "grève
-généralisée") verallgemeinert. -- Gewöhnlich wird Ausdehnung über ein
-von vornherein beträchtliches Wirtschaftsgebiet gewünscht, das umso
-größer sein muß, je mehr auf gewerbliche Vollzähligkeit verzichtet wird.
--- Andererseits hängt die geographische Ausdehnung _qualitativ_ von der
-sozialen Bedeutung des Streikgebietes ab; denn der Ausstand kann an
-allen Plätzen des Streikgebietes ausbrechen, sich unterschiedslos über
-Stadt und Land erstrecken, oder aber sich auf industrielle Zentren, vor
-allem auf die großen Städte beschränken.[21]
-
-[Fußnote 21: Vgl. hierüber Prot. Parteitg. Wien 1894, _Schuhmeier_, p.
-67, _Resel_, p. 70 ff.; ferner _Lafargue_, Enquête p. 67.]
-
-Zwei Ausnahmefälle, übrigens ohne praktische Bedeutung, bildet die
-räumliche Umgrenzung eines Klassenstreiks einerseits nach dem
-Konsumtionskreis (nur die Arbeit für die "herrschenden Klassen",[22]
-oder für die mobilisierte Armee [so _Nieuwenhuis_] soll unterbrochen
-werden), oder andererseits nach der Zahl der einem Armeeverband (sei es
-im aktiven Dienst, sei es als Reservisten) angehörigen Proletarier.
-
-[Fußnote 22: "Weckruf" vom Dez. 04, Nr. 14 (cit. vom Sekretariat des
-_Schweiz_. _Gewerbevereins_, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 11
-ff.).]
-
-Die _zeitliche Ausdehnung_ muß über die Dauer der gewöhnlichen
-Demonstration hinausgehen. Gleichzeitigkeit und Kontinuität sind nicht
-unbedingt erforderlich; der Streik kann vielmehr "intermittieren", "in
-Unterbrechungen und Pausen arbeiten",[23] und zwar sowohl geographisch
-intermittieren (wie in Rußland), als auch gewerblich intermittieren (wie
-in Marseille).
-
-[Fußnote 23: Vgl. _Göhre_, "Sturmzeichen"; ferner _Roland-Holst_, a. a.
-O. p. 104 ff. und dieselbe "Der politische Massenstreik in der
-russischen Revolution", p. 215.]
-
-(b) _Form._
-
-Wie jeder Streik bedeutet der Klassenstreik nicht nur eine rein passive
-Arbeits_ruhe_, sondern auch eine ostentative Arbeits_verweigerung_. Die
-Form des Klassenstreiks hängt also von der Ausgestaltung der
-Arbeitsverweigerung ab.
-
-Bei _friedlicher_ Form gelangt die Arbeitsverweigerung nur durch die
-sich auf der Straße zeigende Masse der Feiernden zum Ausdruck, die sich
-prinzipiell in den Schranken der Gesetzlichkeit, "in den Grenzen der
-Mäßigung, Gesittung und Vernunft" halten oder doch halten wollen.[24]
-
-[Fußnote 24: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Bernstein_, a. a. O. p. 36;
-_Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik", p. 358; systematische
-Anwendung des Streikrechts, nicht verhüllte Gewalt, fordert _Jaurès_,
-"Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff., gewaltlose Demonstration
-_Bernstein_ ("Pol. M-str. und pol. Lage", p. 40).]
-
-Bei _gewaltsamer_ Form zeigt sich die Arbeitsverweigerung in
-absichtlicher Verletzung des Rechtszustandes, in absichtlicher
-Vollführung von Akten der physischen Gewalt. Die "bewaffnete Hand",[25]
-"Feuer und Schwert",[26] der "ökonomische Furor"[27] sind hierbei die
-normalen Attribute des Klassenstreiks.
-
-[Fußnote 25: Vgl. "Der Generalstreik", Leitart. des "_Weckruf_" vom 28.
-Mai 04.]
-
-[Fußnote 26: "Und arbeiten wir überhaupt nie mehr für die Ausbeuter!
-Brennen wir sie von dem Lande weg, auf dem wir leben wollen" (Conrad
-_Froehlich_, "Der Weg zur Freiheit", p. 10).]
-
-[Fußnote 27: Beim Generalstreik in Triest: Demolieren von Gebäuden,
-Umstürzen von Gaslaternen, Einschlagen von Fensterscheiben, Ermordung
-eines Polizeikommissärs, vgl. "Weckruf" Nr. 7, April 1905; ähnlich auch
-"Weckruf" Nr. 14, Dez. 04 (beide cit. vom Sekretariat des Schweiz.
-Gewerbevereins, a. a. O. p. 11, 12).]
-
-Eine dritte Richtung schließt "rohe Gewalt" zwar aus,[28] doch soll sich
-im übrigen hierbei die Form der Arbeitsverweigerung nach den besonderen
-Umständen richten. Rechtsverletzungen werden weder gesucht noch
-gemieden, spielen überhaupt eine ganz sekundäre Rolle. Das Proletariat
-dürfe sich nämlich "nicht blenden lassen durch das Wörtchen
-Gesetzlichkeit",[29] brauche in der Notwehr "die Gesetze des
-Klassenstaats" nicht mehr zu respektieren,[30] sondern "wenn die
-herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrümmern", dann sei
-das Proletariat "im Recht, zu sagen: ich stelle mich auf den granitenen
-Boden meiner Macht".[31]
-
-[Fußnote 28: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
-31.]
-
-[Fußnote 29: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der
-Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über
-den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]
-
-[Fußnote 30: _Friedeberg_, a. a. O. p. 28, 29.]
-
-[Fußnote 31: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der
-Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über
-den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]
-
-§ 3. Ziele des Klassenstreiks.
-
-Das Ziel eines Klassenstreiks kann die Erfüllung von Forderungen sein,
-die nur einen Teil der Streikenden unmittelbar interessieren, um
-deren Durchsetzung willen aber aus Solidaritätsgefühl auch nicht
-unmittelbar interessierte Arbeiterkategorien in den Ausstand treten;
-indem sie die Sonderforderung zu der ihren machen, bringen sie die
-Klassenzusammengehörigkeit des Proletariats zum Ausdruck, verwandeln sie
-das Sonderziel in ein _mittelbares Klassenziel_, wollen sie mittelbar
-die proletarischen Klasseninteressen fördern. (Hierher gehören vor allem
-die romanischen Sympathiestreiks.)
-
-Das Ziel des Klassenstreiks kann aber auch die Erfüllung von Forderungen
-sein, an denen die Gesamtheit des Proletariats interessiert ist (oder
-interessiert sein könnte), ein _unmittelbares Klassenziel_; und zwar
-handelt es sich hierbei um jede Art von Gesamtforderungen, um
-Teilpostulate, wie um Endpostulate.
-
-Die _Teilforderung_ kann _wirtschaftlicher_ Natur sein, sich z.B. auf
-die Einführung des Achtstundentages,[32] auf die Einführung von
-Versicherungseinrichtungen[33] usw. für eine Gesamtarbeiterschaft
-beziehen. Oder die Einzelforderung trägt, wie dies bei den bisherigen
-Klassenstreiks mit unmittelbarem Klassenziel die Regel war,
-_politischen_ Charakter.
-
-[Fußnote 32: Vgl. den auf dem intern. Kongr. in Zürich 1893
-aufgetauchten Plan.]
-
-[Fußnote 33: Vgl. _Girardins_ Vorschlag.]
-
-In erster Linie handelt es sich hierbei um _prinzipielle_ politische
-Forderungen, um politische Rechte,[34] in allererster Reihe um das
-politische Wahlrecht.[35] In der _Defensive_: Schutz der Verfassung
-gegen den Staatsstreich;[36] Verteidigung des Wahlrechts gegen
-"reaktionäre Anschläge"; Bekämpfung eines als ungenügend und
-entwicklungshemmend empfundenen neuen Wahlprojekts (wie 1902 in
-Schweden); Effektuierung nur theoretisch vorhandener Rechte.[37] In der
-_Offensive_: Eroberung parlamentarischer Grundrechte (z.B. in
-Begleitung der bürgerlichen Revolution; Rußland); Ausbau der Demokratie,
-Erzwingung "drängender politischer Forderungen",[38] vor allem Eroberung
-des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts.[39]
-
-[Fußnote 34: _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15;
-_Roland-Holst_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 25); Amsterdamer
-Resolution über den Generalstreik (Prot. p. 24 ff.); _v. Elm_ (Prot.
-Gwft. Kongreß Köln 05); _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le Socialisme en
-Belgique", p. 22; _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
-möglich?", p. 36.]
-
-[Fußnote 35: Durch das zugleich das Koalitionsrecht bedingt wird, vgl.
-_Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in
-Köln"; _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195, 196); vgl. auch
-Prot. Parteitg. Jena 05; _A. v. Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen
-Gewerkschaftskongreß".]
-
-[Fußnote 36: Vgl. z.B. _Girardins_ Plan von 1851 (unten p. 38);
-_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik".]
-
-[Fußnote 37: So wünscht _Lensch_ ("Politischer Massenstreik und
-politische Krisis") den Klassenstreik, um die tatsächliche Bedeutung des
-dem Proletariat zugänglichen Parlaments zu erhöhen; "pour briser la
-force de la soldatesque", die sich in der Dreifuskrise über das
-Parlament hinwegzusetzen schien, also um dieses und die parlamentarische
-Regierung zu unterstützen, würde _Kautsky_ ("Jaurès et Millerand",
-Mouvement socialiste 1899) seinerzeit den französischen Proletariern den
-Eintritt in einen Klassenstr. empfohlen haben, wenn _Kautsky_ nicht
-selbst -- und mit Recht -- gezweifelt hätte, daß ein bürgerliches
-Ministerium sich dieses Hilfsmittels bedienen würde.]
-
-[Fußnote 38: _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 743, 744; ähnl. Amsterdamer
-Resolution über den Generalstreik, a. a. O.; Prot. Parteitg. Bremen 04,
-p. 193.]
-
-[Fußnote 39: Die Wahlrechtsforderung erschien schon in der
-Chartistenbewegung, und die verlockende "Idee, durch Einstellung der
-Arbeit die Gewährung politischer Forderungen zu erzwingen", taucht "in
-der Geschichte der modernen Demokratie" immer wieder auf (_Bernstein_,
-"Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 689).]
-
-Außerdem kommen auch _gelegentliche_ politische Teilforderungen vor, die
-sich auf einzelne unliebsame Maßnahmen der Regierung beziehen, deren
-Ausführung oder Wiederholung verhindert werden soll, z.B. auf
-kriegerische Unternehmungen,[40] oder auf die Beeinflussung der
-Wirtschaftskämpfe durch die öffentliche Gewalt.[41]
-
-[Fußnote 40: Durch den Kriegsstreik (Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p.
-24, 27, 31; Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20 ff.; Prot. int. Kongr.
-London 1896, p. 24;) _Jaeckh_, "Die Internationale", p. 76; _Hervé_ (cit.
-in der "Hilfe", XI. Jahrg. Nr. 21); Enquête sur l'idée de patrie et la
-classe ouvrière [Mouvement socialiste 1. und 15. Nov. 05, p. 327]; La
-"Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta fra la classe operaia
-organizzata ["Il Divenire sociale", 16. XII. 04, p. 387, 388] und zwar
-entweder spez. Militärstreik (Dienst- und Stellungsweigerung), oder
-Streik der auf den Krieg bezüglichen Gewerbe, oder überhaupt
-Klassenstreik im Moment des Kriegsausbruchs.]
-
-[Fußnote 41: Klassenstreik z.B. als Protest gegen Soldatenverwendung
-bei Streiks (Italien 1904); oder als Protest gegen die Hinderung des
-Streikpostenstehens ("die famose Idee des Genossen _Wiesenthal_", deren
-Mitteilung durch _Bömelburg_ auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß 05
-große Heiterkeit erregte [vgl. Prot. p. 219]).]
-
-Bei den _Endzielen_, den proletarisch-revolutionären Zielen, handelt es
-sich einerseits um _positive Forderungen_: Eroberung der Staatsgewalt,
-"Ergreifung der politischen Macht",[42] "Diktatur des Proletariats",[43]
-sei es, daß der Klassenstreik nur als "letzte, ernsteste Drohung vor dem
-Sturm", als "Präludium" der Revolution auftritt,[44] sei es, daß er die
-direkte Einführung der proletarischen Aera beabsichtigt.
-
-[Fußnote 42: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p.
-394.]
-
-[Fußnote 43: _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. 3. 04, Art. "Märzluft",
-zit. von _David_, "Rückblick auf Jena", p. 842, Note 1.]
-
-[Fußnote 44: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?" p. 363;
---_Zetkin_, a.a.O.; _Block_, "Formen und Möglichkeiten des
-Massenstreiks"; _Cohnstaedt_, a. a. O.]
-
-Andererseits handelt es sich um _negative_ Forderungen: Beseitigung der
-kapitalistischen Ausbeutung,[45] Beseitigung, "Zersprengung des
-Klassenstaats",[46] "um Raum zu machen für die Freiheit",[47] in deren
-Schutz sich alsdann die neue Gesellschaftsordnung entwickeln werde.[48]
-Mehrfach wird übrigens auch die "transformation sociale" selbst, die
-Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums und die Einführung der neuen
-Ordnung, also nicht bloß das Niederreißen, zu den Obliegenheiten dieses
-sogenannten "Expropriationsstreiks" oder "absoluten Generalstreiks"[49]
-gerechnet.[50]
-
-[Fußnote 45: _Friedeberg_, "Weltansch."; ähnlich _Thesing_, "Per la
-questione dello sciopero generale."]
-
-[Fußnote 46: "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04); _Sorel_,
-"Lo sciopero generale"; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
-Generalstreik", p. 4, 15, 26, 27, 31; derselbe, "Weltansch.", Nr. 40;
-_Mazuel_, vom P. S. R. ("Congrès général des organisations socialistes
-françaises Paris 1899", p. 254, 255).]
-
-[Fußnote 47: "_Weckruf_", a. a. O.]
-
-[Fußnote 48: So z.B. _Friedeberg_, "Weltansch."; "Antimilitarismus u.
-Generalstreik" (Beilage zur "_Wahrheit_", Nr. 11, p. 11).]
-
-[Fußnote 49: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 5; _Louis_,
-"L'Avenir du Socialisme", p. 297.]
-
-[Fußnote 50: So _Bakunins_ Anhänger auf dem Kongreß in Brüssel
-(_Umrath_, "Zur Generalstreik-Debatte", p. 13, 14); so die in Brüssel
-erscheinende "Internationale" im März 1869, daß der G-str. "in einem
-die Gesellschaft erneuernden Zusammenbruch endigen" werde; so der
-Kongreß in Genf 1873 (vgl. _Weill_, p. 163); so die Allemanisten
-(_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78 ff.); -- so die "Jungen" (vgl.
-_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
-Macht"); _Briand_, "La grève générale et la révolution". -- _López
-Montenegro_ wünscht (in der Broschüre "La huelga general") die
-Herbeiführung der sozialen Revolution durch den allgemeinen, womöglich
-internationalen Ausstand, der nicht eher beendigt werden solle, "bis die
-Häuser den Bewohnern gehörten, die Erde und ihr Ertrag den Bebauern..."
-usw.; "Die Neugestaltung der Produktion werde sich schon von selber
-machen" (vgl. _Eltzbacher_, "Der Anarchismus und die soziale Revolution
-in Barcelona", p. 7).]
-
-§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks.
-
-Die Wirkung des Klassenstreiks kann sich einerseits in einem Druck auf
-die Gegner zur Herbeiführung des Zieles äußern; andererseits kann der
-Streik aber auch eine Beeinflussung der Arbeiter selbst zur Folge haben.
-
-Der _Druck auf die Gegner_ kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch
-wirkliche Ausführung des Klassenstreiks, oder durch seine bloße
-Ankündigung.
-
-Bei der _wirklichen Ausführung_ kann dieser Druck vorwiegend _ideeller_
-Natur sein: _Manifestations- oder Demonstrationsstreik_. Durch die
-Arbeitsverweigerung soll der Gegner und sollen die Indifferenten
-nachdrücklichst auf das Begehren der Arbeiter aufmerksam gemacht, zu
-seiner Erfüllung aufgefordert werden;[51] der Demonstrationsstreik
-bedeutet also einen starken "Appell an die Gewissen... eine Aufrüttelung
-der schlafenden Rechtsempfindung", einen "Gewissensschärfer", soll aber
-nicht bloß einen "Bittgang", sondern "immer auch ein eindrucksvolles
-Mene-Tekel",[52] eine Drohung darstellen; es soll "der Einheit des
-Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel der stärkste,
-nachhaltigst wirkende Ausdruck gegeben",[53] "die in der Zahl liegende
-Wucht der Arbeiterklasse mit der nötigen Zähigkeit und Energie
-entfaltet" werden, damit sich "die herrschenden Klassen der Stärke der
-Gegner bewußt werden",[54] erkennen, "wie ernst es ihnen sei"[55] und
-aus diesem "Anschauungsunterricht"[56] lernen. Der auch vom
-Demonstrationsstreik unzertrennliche mehr oder minder starke materielle
-Druck soll zur Verschärfung des psychologischen Effekts dienen,
-zugleich, durch Erweckung von Furcht vor der Wiederholung oder
-Verstärkung der Arbeitseinstellung, wie eine Drohung wirken.
-
-[Fußnote 51: Denn die Arbeitsniederlegung ziehe so weite Kreise in
-Mitleidenschaft, "daß sich die Öffentlichkeit wohl oder übel genötigt
-sieht, sich mit dem Streik und seinen Ursachen eingehend zu befassen"
-(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 39).]
-
-[Fußnote 52: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik".]
-
-[Fußnote 53: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
-Massenstreik", p. 417; _Kampffmeyer_, a. a. O. meint, auch der
-Kleinbetrieb könne sich Arbeitsruhe "im Interesse einer allgemeinen
-politischen Demonstration auferlegen".]
-
-[Fußnote 54: _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik".]
-
-[Fußnote 55: _v. Elm_ (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 226). -- In
-einem Aufruf der tschecho-slawischen Sozialisten zur Demonstration am
-10. Okt. 05 in Prag für das allg. gl. Wahlrecht heißt es: "Erhebet Euch
-in Massen, damit Euer Wille unabwendbar erscheine, wie das Schicksal!...
-Erheben wir uns zu einer Manifestation, damit sie die Kraft und
-Entschlossenheit von Hunderttausenden klarlege, wenn sie gezwungen
-wären, von der Abwehr zum Angriff überzugehn" (vgl. Dokumente des
-Sozialismus, Nov. 05, p. 521).]
-
-[Fußnote 56: Z.B. "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04), und
-_Kampffmeyer_, a. a. O. p. 877.]
-
-Beim _Pressionsstreik_ aber ist der beabsichtigte Druck vorwiegend
-_materieller_ Natur. Durch die Wirkungen des Ausstandes soll die
-Gegenseite unentrinnbar zu einem Tun oder Unterlassen genötigt
-werden.[57]
-
-[Fußnote 57: Vgl. _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
-Deutschland?"; vgl. auch Block, a. a. O.]
-
-Der Pressionsstreik ist in seiner zeitlichen Ausdehnung prinzipiell von
-der Kapitulation einer der beiden Parteien abhängig; seine Dauer läßt
-sich also gar nicht von vornherein bestimmen. Der Demonstrationsstreik,
-der nur Eindruck machen soll, ohne daß mit einer sofortigen Erzwingung
-von Konzessionen gerechnet würde, kann von Anfang an für eine bestimmte,
-meist kurze Dauer proklamiert werden.
-
-Von der _bloßen Ankündigung_, der "proklamierten Bereitschaft",[58] der
-Androhung des Klassenstreiks wird erwartet, daß sie unter Umständen
-genüge, um die Gegner zur Nachgiebigkeit zu veranlassen.[59] Und zwar
-kommt die Drohung sowohl für Teilziele in Betracht, (besonders Schutz
-der Volksrechte, "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille
-zum Generalstreik"),[60] als auch zur Durchsetzung des Endziels; man
-glaubt, daß die Gegner, wenn sie die Arbeiter im Besitz einer solchen
-Waffe wüßten, eher einen friedlichen Ausgleich suchen würden.[61]
-
-[Fußnote 58: Dr. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 281.]
-
-[Fußnote 59: Ähnlich wie mitunter bei Lohnkämpfen "die Besorgnis vor
-der Waffe, welche die Arbeiter gebrauchen können", die Unternehmer zu
-Konzessionen veranlasse (_Stieda_, Art. Arbeitseinstellungen im Hdwb.
-der Staatsw. 2. Aufl.); -- aus diesem Grund will z. B, _Adler_ den
-polit. M.str. nicht abschwören (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]
-
-[Fußnote 60: Dies der vielfach angefochtene Satz von _Hilferding_ ("Zur
-Frage des Generalstreiks"). -- Beispiele solcher Klassenstreikdrohung:
-in Belgien soll auf diese Weise Ende der 1890er Jahre der Versuch einer
-Wahlrechtsverschlechterung verhindert worden sein; in Frankreich soll
-die Kl-Str.-Drohung die Zurücknahme einer Antistreikvorlage bewirkt
-(_Briand_ a. a. O. p. 12 ff.), die Angst vor dem Generalstreik
-seinerzeit den Eintritt Millerands ins Ministerium gefördert
-haben (?), (vgl. _Dejeante_, "Congrès générale des Organisation
-socialistes françaises Paris 1899," p. 257 ff.), während z.B. die
-Generalstreikdrohungen, die Ende Juli 1906 in Zürich laut wurden, das
-kantonale Verbot des Streikpostenstehens, das bis Ende 1906 dauerte,
-nicht zu beseitigen vermochten.]
-
-[Fußnote 61: So _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 739, 740.]
-
-Die Androhung wird verschieden wirken, je nachdem ein Klassenstreik
-schon vorangegangen ist oder nicht, je nachdem eine größere oder
-geringere Beeinträchtigung zu erwarten steht.[62] Wie die Ausführung, so
-kann auch die Androhung unter Umständen das Gegenteil des gewünschten
-Effekts herbeiführen, indem sie z.B. den Gegner zu umso energischerem
-Widerstand reizt; oder indem sie von Dritten in verhängnisvoller Weise
-in Rechnung gezogen wird.[63]
-
-[Fußnote 62: Daß die Furcht vor dem Unbekannten, vor dem "adversaire
-mysterieux, dont la force doit être présumé d'autant plus grande, plus
-irrésistible, qu'on n'a pas eu encore l'occasion de la mesurer"
-(_Briand_, a. a. O. p. 12 ff.) hierbei eine Rolle spiele, ist bei den
-gegenwärtigen Verhältnissen des intern. Nachrichtendienstes, sowie bei
-dem Stande der an Hand der Statistik und der täglichen Erfahrung
-erlangten Voraussicht kaum anzunehmen.]
-
-[Fußnote 63: _Bernstein_, "Patriotismus, Militarismus und
-Sozialdemokratie", sagt: "Die Vorstellung, daß in dem in Frage kommenden
-Lande eine machtvolle Partei existiert, die nur auf den Krieg wartet, um
-der eigenen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, einen Militärstreik
-und dergleichen ins Werk zu setzen, kann zur größten Kriegsgefahr
-werden, für abenteuernde Politiker geradezu ein Anreiz sein, auf einen
-Krieg mit jenem Lande hinzuarbeiten."]
-
-Die _Wirkung auf die Arbeiter selbst_ kommt einerseits bei der
-_wirklichen Ausführung_ des Klassenstreiks zu Stande. Zunächst handelt
-es sich hierbei um eine Beeinflussung der _aktiv am Streik beteiligten
-Arbeiter_, die "im Kampf ihre Kraft erproben und sich für den späteren
-siegreichen Kampf schulen" sollen;[64] denn der Klassenstreik stärke das
-Klassenbewußtsein,[65] das revolutionäre Bewußtsein;[66] außerdem
-handelt es sich um die Wirkung auf die _übrigen Proletarier_, also um
-einen propagandistischen Zweck;[67] der Klassenstreik, der auch dem
-letzten Proletarier die gegenseitige soziale Abhängigkeit klar vor Augen
-führe, vermöge Gebiete und Gewerbe aufzurütteln, die für gewöhnlich der
-sozialistischen Agitation unzugänglich seien.[68] Außer der Propaganda
-für die proletarische Bewegung im allgemeinen soll aber auch die
-Propaganda für den Klassenstreik als solchen gefördert werden. Und in
-der Tat läßt sich eine derartige Wirkung, sogar über nationale Grenzen
-hinaus, auch mehrfach wahrnehmen.[69]
-
-[Fußnote 64: _Vanêk_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 125); ähnl. _Olberg_,
-"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik"; _Block_, a. a. O. p. 563.]
-
-[Fußnote 65: _Umrath_, a. a. O. p. 18, 19; Resolution der Guesdisten
-(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 30).]
-
-[Fußnote 66: Dieses habe im Generalstreik "sein neues kommunistisches
-Manifest" geschrieben; die Generalstreikidee bedeute "nichts anderes,
-als die Ersetzung der großen unpersönlichen stimmzettelfrohen Masse
-durch die Vereinigung der zielklaren und zielwollenden Persönlichkeiten"
-(E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9.
-Dez. 05]; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 31,
-32), während der Parlamentarismus dem "Klassenkampf den Todesstoß"
-gegeben habe, da er das Proletariat an der Legalität des "Klassenstaats"
-interessiere, das revolutionäre Bewußtsein einschläfere; nur durch die
-Erfahrung des Generalstreiks könne das Proletariat den endlichen Zerfall
-der bürgerlichen Gesellschaft kennen lernen (_Louis_, p. 301 ff.).]
-
-[Fußnote 67: _Luxemburg_ ("Und zum dritten Mal das belgische
-Experiment") nennt den Klassenstreik ein "wirksamstes Mittel der
-sozialistischen Agitation"; der "_Weckruf_" (Art. vom 9. Jan. 04, "Wo
-wollen wir hin? Der Generalstreik") nennt ihn "wirksamstes
-Propagandamittel"; die "_Wahrheit_" (Beilage zu Nr. 11,
-"Antimilitarismus und Generalstreik", p. 12) sagt: "Kein anderes
-Propagandamittel hat... so bedeutende Erfolge erzielt"; vgl. auch
-_Block_, p. 563; _Weill_, p. 410.]
-
-[Fußnote 68: So sei ein Teil der Hausindustrie beim belgischen
-Wahlrechtsstreik aufgerüttelt worden; der "_Weckruf_" (28. Mai) rühmt
-diesen Effekt den Solidaritätsstreiks nach, behauptet auch einen großen
-propagandistischen Erfolg (?) des Genfer Generalstreiks ("_Weckruf_" vom
-9. Jan. 04).]
-
-[Fußnote 69: Einfluß des belgischen Kl-streiks auf den schwedischen von
-1902 (vgl. Enquête, p. 377; Allg. Ztg. 21. 4. 02); Eindruck des
-finnischen Nationalstreiks auf die schwedischen Arbeiter (_Branting_
-[Soz. Mh. Aug. 06, p. 664]); Einfluß der beiden belgischen Kl-streiks
-auf die österreichische Wahlrechtsbewegung (Prot. Parteitg. Wien 1894,
-p. 4-6, 31, 34, 58; Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 131); Einfluß des
-schwedischen Streiks (_Bracke_, Enquête, p. 86), ital. Streiks
-(_Bömelburg_, Prot. Gwkft. Kongr. Köln 05, p. 215), der belgischen und
-österreichischen Bewegung (_Bernstein_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p.
-193), der russischen Revolutionsstreiks (_Bernstein_, "Politischer
-Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Jena, _Bebel_ [p.
-307], _David_ [p. 328]; Prot. Parteitg. Mannheim, _Luxemburg_ [p. 261],
-_David_ [p. 259]) auf die deutsche Klassenstreikdiskussion.]
-
-Nicht nur mit der Ausführung, auch mit der _bloßen Verbreitung der Idee_
-werden gewisse Wirkungen auf das Proletariat bezweckt. Einerseits soll
-die Überzeugung von der Anwendungsmöglichkeit dieses Mittels das
-"erhebende und stählende Gefühl der eigenen Kraft und Siegeszuversicht"
-entfachen und hierdurch dem Proletariat den Verzicht auf schwächende
-Zwergkämpfe (durch die es den Zusammenbruch hinauszuschieben trachte)
-ermöglichen.[70] Andererseits soll die Vorstellung einer scheinbar so
-gut fundamentierten, scheinbar so leicht zu erreichenden Eingangspforte
-zu den Herrlichkeiten des Zukunftsstaates, soll die "anziehende",
-"verführerische", "fascinierende" Idee, durch bloßes Nicht-Arbeiten die
-Erlösung von aller Mühsal zu erlangen,[71] im Proletariat den Glauben an
-eine bessere Zukunft befestigen. Der Klassenstreik erscheint in dieser
-Auffassung als "weithin leuchtende Fackel",[72] "Leitstern",
-"Richtschnur", "Symbol",[73] "Ideal",[74] "das große Endziel",[75] kurz,
-als Ersatz für die schon abgegriffene Vorstellung vom Zukunftsstaat. Wie
-diese wird auch die Klassenstreikidee als Propaganda-, Organisations-,
-Erziehungsmittel betrachtet,[76] und zwar soll sie nicht nur das
-Klassenbewußtsein fördern, indem sie die "Ideale des Klassenkampfes" in
-den Vordergrund rücke,[77] sondern durch Kräftigung des revolutionären
-Willens auch eine Beschleunigung der Entwicklung herbeiführen können; so
-daß sich infolge der Klassenstreik-Propaganda die Umwandlung der
-kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft weit früher
-vollziehen könne, als dies der bloß mechanische Ablauf der ökonomischen
-Verhältnisse gestatten würde.
-
-[Fußnote 70: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 740.]
-
-[Fußnote 71: Diese Vorstellung sei nur zu sehr geeignet, den vielen
-"utopisch angelegten Naturen" in den Arbeiterkreisen aller Länder
-Nahrung zu geben (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
-Kampfmittel", p. 195).]
-
-[Fußnote 72: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
-31.]
-
-[Fußnote 73: Der Sozialismus befasse sich mit dem Mysteriösen, der
-Transformation der Produktion; von dieser schweren Lehre gebe der
-Generalstreik ein leicht faßliches Bild (_Sorel_, "Lo sciopero
-generale").]
-
-[Fußnote 74: Vgl. z.B. auch _Weill_, p. 409 ff.]
-
-[Fußnote 75: _Friedeberg_, "Weltansch.".]
-
-[Fußnote 76: Vgl. _Thesing_, "Per la questione dello sciopero
-generale"; _Polledro_, "Per la terminologia dello sciopero generale";
-die Erfüllung des proletarischen Seelenlebens mit der Generalstreikidee
-werde die Organisationen so stärken, daß gewaltsame Kämpfe vielleicht
-vermieden werden können (_Friedeberg_, a. a. O., und "Parlamentarismus
-und Generalstreik", p. 27 ff.); "En indiquant aux travailleurs un but
-d'organisation, en leurs offrant un moyen d'emancipation, à l'efficacité
-duquel ils croient fermément, elle (die G-streiksidee) a puissament
-contribué à donner à l'action syndicale plus de confiance et de methode"
-(_Briand_, p. 15).]
-
-[Fußnote 77: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3,
-4, 26, 27; derselbe: Prot. Parteitg. Dresden 03; ähnl. _Allemane_ (Prot.
-int. Kongr. Amsterdam, p. 26); sowie die programmatische Erklärung des
-7. Kongresses der "freien Vereinigung" im April 1906 (cit. bei _v. Elm_,
-"Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag").]
-
-§ 5. Die Arten des Klassenstreiks.
-
-Da der Begriff Klassenstreik so verschiedenerlei Eigenschaften, Ziele
-und Wirkungsweisen eines Ausstandes in sich schließt, so kann der
-Klassenstreik auch in einer großen Zahl von Variationen auftreten, unter
-denen man zwei Hauptarten zu unterscheiden pflegt: _Generalstreik_ und
-_politischer Massenstreik_.
-
-Der _Generalstreik_ strebt im allgemeinen mehr nach quantitativem, der
-_politische Massenstreik_ mehr nach qualitativem Umfang; ersterer
-begnügt sich unter Umständen mit lokaler, strebt aber meist nach
-internationaler Ausdehnung, letzterer tendiert in der Regel zu
-nationaler Ausdehnung.
-
-Der _Generalstreik_ neigt meist, doch nicht ausnahmslos (_Friedeberg_;
-_Briand_), zu gewaltsamen Formen; es soll ihm jeder gesetzliche Inhalt
-fehlen; er soll, insbesondere nach Ansicht der revolutionären
-Syndikalisten, "nicht mehr als Ausführung eines gesetzlich verbrieften
-Rechts, sondern... als der Typus der revolutionären Tat" gelten
-(_Lagardelle_). Der _politische Massenstreik_ hingegen fordert meist,
-aber ebenfalls nicht ausnahmslos (man denke an einige deutsche
-"Ultra-Radikale"!), nur eine friedliche Arbeitsverweigerung.
-
-Der _Generalstreik_ vertritt vorwiegend wirtschaftliche,
-antiparlamentarische, anarchistisch-revolutionäre mittelbare und
-unmittelbare Klassenziele, ohne doch politisch-parlamentarische
-Forderungen unter allen Umständen auszuschließen;[78] der _politische
-Massenstreik_ kennt nur politisch-parlamentarische, also nur
-unmittelbare Klassenziele.
-
-[Fußnote 78: Vgl. z.B. _Briand_, a. a. O. p. 6; Resolution der
-Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32); ebenda p.
-7; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28-30; ähnlich die Allemanisten
-(vgl. _Richard_, Mouvement socialiste, 1899, I. p. 619 ff.); Congrès
-corporatif de Marseille 1892; Conféd. générale du travail (vgl.
-"Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der
-"_Wahrheit_"); "_Weckruf_" (28. Mai 04, "Der Generalstreik").]
-
-Der Zweck des _Generalstreiks_ besteht zum großen Teil in der Wirkung
-auf die Arbeiter selbst, der des _politischen_ Massenstreiks fast
-ausschließlich in der Wirkung auf ihre Gegner.
-
-Doch selbst diese hauptsächlichsten Unterscheidungspunkte ergeben keine
-feste Grenzlinie. Denn die Tatsachen der als Generalstreiks und der als
-politische Massenstreiks rubrizierten Unternehmungen und Projekte stehen
-sich oft außerordentlich nahe. Der einzige wirklich durchgreifende
-Unterschied zwischen Generalstreik und politischem Massenstreik besteht
-überhaupt nicht in objektiven Merkmalen, sondern in der _subjektiv_
-umschriebenen Stellung und Funktion des Klassenstreiks, in dem
-_subjektiv_ ihm zugewiesenen Rang _innerhalb der proletarischen
-Bewegung_.
-
-Ein Klassenstreik heißt nämlich _Generalstreik_, sobald er als "_seule_
-lutte qui soit digne de la classe ouvrière",[79] als das
-prinzipiell-proletarische, weil vom Parlamentarismus unabhängige[80]
-_Hauptmittel_ aller und jeder proletarischen Betätigung auftritt (so bei
-den Anarchisten, revolutionären Syndikalisten).[81] Dabei beschränken
-sich die Ergänzungswaffen des Klassenkampfs teils nur auf die übrigen
-Mittel der "direkten Aktion", (also Boykott, Sabot, bewaffneter
-Widerstand),[82] unter ausdrücklichem Ausschluß des Streiks zu
-politischen Zwecken;[83] teils umfassen sie aber neben allem anderen
-auch die parlamentarische Tätigkeit und den Streik zu politischen
-Zwecken,[84] und sei es eventl. auch nur, damit bei der Anwendung des
-letzteren den Arbeitern die Bedeutung der Massenaktion und des
-eigentlichen Generalstreiks klar werde.[85]
-
-[Fußnote 79: Léon _Quatrehomme_, ouvrier typographe (Enquête sur l'idée
-de patrie et la classe ouvrière, p. 337).]
-
-[Fußnote 80: Vgl. z.B. E. Th., "Der Parteitag von Jena"; _Friedeberg_,
-"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 26, 27; _Thesing_, a. a. O.;
-_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04,
-p. 26, 28, 30, 71; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 157; _Umrath_,
-a. a. O. p. 19, 20. Nicht nur die Idee des Generalstreiks sei "concetto
-genuinamento operaio, che la classe lavoratrice ha ricavato dall'
-esperienza della vita" (_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p.
-211; ähnl. _Briand_, p. 4, 5; _Kautsky_, a. a. O.; derselbe, "Die
-soziale Revolution" I. p. 51), sei das Produkt "de la mentalité ouvrière
-elle même", entspreche einer "profonde intuition populaire" (_Louis_, p.
-293 ff.), sondern auch die Anwendung stehe "en dehors de toute direction
-politique" (_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78, 79).]
-
-[Fußnote 81: Als stärkste, wirksamste, entscheidenste Waffe erscheint
-der Klassenstreik z.B. in der Resolution der Allemanisten (Prot. int.
-Kongr. Amsterdam 04, p. 29, 30), in der Resol. der Kommissionsminderheit
-(Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32), in der Auffassung der
-"Lokalisten" (vgl. Bericht im Vorwärts vom 18. Juli 06 über die
-Generalversammlung der "Freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und
-Umgebung" am 15. Juli 1906) usw. --Nach dem Bericht der Étudiants
-socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris an den
-internationalen revolutionären Arbeiterkongreß, der 1900 in Paris
-stattfinden sollte (aber verboten wurde), ist der (gewaltsame)
-allgemeine Ausstand "unter den gegenwärtigen Verhältnissen das beste und
-sicherste Mittel zur Herbeiführung der sozialen Revolution" (vgl.
-_Eltzbacher_, p. 5, 6).]
-
-[Fußnote 82: Der letzte Anarchistenkongreß (3. Aug. 1907 in Amsterdam)
-betrachtete übrigens, gemäß der Resolution _Malatesta_, die
-Gewerkschaften und den Generalstreik zwar "als mächtige revolutionäre
-Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"; über diesen beiden
-dürfe man nicht "die direkteren Mittel im Kampf gegen die militärische
-Macht vergessen" (vgl. Frankf. Ztg. Sept. 07).]
-
-[Fußnote 83: Sobald der Generalstreik "zum Hilfsmittel politischer
-Aktionen herabsinkt" ("_Weckruf_", 28. Mai 04, vgl. auch z.B.
-_Friedeberg_, "Weltansch." Nr. 37, 40; derselbe: "Parlamentarismus und
-Generalstreik", p. 3; _Sorel_, a. a. O. p. 23, 24; usw.) bedeutet er für
-die Anarchisten höchstens eine "kindliche Naivetät" ("_Weckruf_", 9.
-Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik"), die dazu führe, "den
-kraftvollen Gedanken des proletarischen Kampfes... zu verwässern"
-(_Friedeberg_, "Weltansch."; ähnl. Franz _Winter_, "Brief aus
-Österreich" ["_Weckruf_", 9. Jan. 1904]; "Der Generalstreik"
-["_Weckruf_", 28. Mai 04]).]
-
-[Fußnote 84: Der Generalstreik "non sostituice, nè elimina l'uso degli
-altri mezzi risolutivi che la storia suggerisce, e che lo sciopero o
-condiziona o rafforza o potenzia"; denn der Generalstreik sei die "forma
-specifica della rivoluzione proletaria e delle successive conquiste che
-alla rivoluzione menano" (_Labriola_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 85: _Winter_, a. a. O.: "die Arbeiterschaft wird schon
-dahinter kommen, daß mit ihm (dem Kl-str.) nicht nur politische Rechte,
-sondern auch nützliche ökonomische Vorteile ... erobert werden können";
-ähnl. das Anarchistenblatt "_Neues Leben_" (cit. in der Allg. Ztg.
-19./4. 02); ferner "_Weckruf_" (9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der
-Generalstreik"); _Berth_ (vgl. Notes Bibliograph. du Mouvement
-socialiste, I. et 15. XI. 05, p. 374 ff.).]
-
-Ein Klassenstreik heißt aber _politischer Massenstreik_, sobald er als
-bloßes _Hilfsmittel_ im proletarischen Kampfe auftritt,[86] nur aus
-Zweckmäßigkeitsgründen angewandt,[87] dem Parlamentarismus höchstens
-koordiniert, fast regelmäßig subordiniert[88] wird. Dabei bedeutet er
-meist überhaupt nur ein ausnahmsweises Hilfsmittel, das, wie _Turati_
-sagt, "niemals zum normalen Kampfmittel des Proletariats erhoben werden
-darf", die "ultima ratio",[89] die letzte, äußerste Kraftanstrengung in
-extremen Fällen.[90]
-
-[Fußnote 86: Prot. Parteitg. Jena 05, _Zetkin_, p. 324, _Bebel_, p.
-338; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).]
-
-[Fußnote 87: _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p.
-141 ff.; _Delory_, P. O. F. (Congrès général des Organisations
-socialistes françaises Paris 1899, p. 246 ff); _Umrath_, a. a. O.;
-Kommissionsresolution des int. Kongr. Zürich, 1893 (cit. Prot. Parteitg.
-Jena 05, p. 302).]
-
-[Fußnote 88: Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff.; _Liebknecht_,
-(Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); _Zetkin_ (Prot. Parteitg. Bremen 04,
-p. 196); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227-241); Resolution
-der ital. Integralisten (vgl. _Olberg_, "Der Parteitag von Rom");
-Congrès général... Paris 1899, p. VII, 236-60; _Kautsky_, "Die soziale
-Revolution", p. 50; ders. "Maifeier und Generalstreik"; _Zetkin_ (vgl.
-Vorwärts 23. Aug. 05); _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das belgische
-Experiment"; _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 141;
-_Umrath_, a. a. O.; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 97-121.]
-
-[Fußnote 89: Z.B. _v. Elm_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226);
-ähnl. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 129); _Bernstein_,
-"Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".]
-
-[Fußnote 90: Z.B. _v. Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem
-Mannheimer Parteitag"; _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot.
-Parteitg. Wien 1894, p. 105 (Resolution _Adler_); Prot. Parteitg. Wien
-03, p. 126; Prot. Parteitg., Wien 05, p. 66 ff., 121; Prot. int. Kongr.
-Amsterdam, p. 8, 24 ff.]
-
-Als solch extremer Fall erscheint einerseits die _soziale Revolution_;
-und zwar wird dem politischen Massenstreik eine um so bedeutendere Rolle
-"in den revolutionären Kämpfen der Zukunft"[91] zugewiesen, je mehr das
-Vertrauen auf die ökonomisch-automatische Einführung des Sozialismus
-verschwindet, der Glaube an den gewaltsamen Charakter der sozialen
-Umwälzung bestehen bleibt,[92] zugleich aber auch die "Revolution im
-Heugabelsinn"[93] an Kredit verliert. Durch die Entdeckung des
-politischen Massenstreiks soll daher das bis anhin verschwommene Bild
-von der proletarischen Revolution Leben und Farbe gewonnen haben.[94]
-Daneben wird der politische Massenstreik übrigens unter Umständen auch
-noch zu gelegentlicher Unterstützung des Klassenkampfs in seinen
-vorrevolutionären Stadien vorgesehen.[95]
-
-[Fußnote 91: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. "Die
-soziale Revolution" ("Formen und Waffen der sozialen Revolution");
-_Umrath_, p. 19, 20; Enquête, p. 208; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.",
-p. 169; _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394;
-_Willert_, Guesdist (Prot. int. Kongr. Amsterdam, 04, p. 27). --Über den
-Kl-str. als modernen Ersatz für die Erhebung: _Bissolati_, "Das Ergebnis
-der italienischen Wahlen", p. 958; vgl. auch _Eckstein_, p. 360.]
-
-[Fußnote 92: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O., p. XII ff.]
-
-[Fußnote 93: _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); vgl. auch
-_Briand_ (Congrès général... Paris 1899, p. 156); _Parvus_, a. a. O.;
-_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694; Prot. Parteitg. Bremen
-04, p. 193; "'Der politische Massenstreik' und der Staatsanwalt",
-Bericht über die Verhandlung im Prozeß gegen _Löbe_ (wegen Abdruck der
-_Bernstein_'schen Rede), im Vorwärts, 1. Beilage zu Nr. 196, 23. Aug.
-05. -- Andere, wie z.B. _Hue_ (vgl. "Partei und Gewerkschaft"),
-_Vliegen_ (vgl. "Der zehnte Parteitag der niederländischen
-Sozialdemokratie"), _Bömelburg_ (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05)
-glauben, daß es auch noch andere "schärfere" Mittel zur ev.
-Herbeiführung der Katastrophe gäbe, als den Klassenstreik, und daß der
-Augenblick diese schon mit sich bringen werde.]
-
-[Fußnote 94: Dies rühmt z.B. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 182 ff.]
-
-[Fußnote 95: So spricht z.B. _Roland-Holst_ (p. 95 ff.) vom pol.
-M-str. am Anfang (zur Erwerbung), im Verlauf des politischen Kampfes
-(zur Erhaltung von Rechten) und am Schluß desselben (als soziale
-Revolution), während z.B. nach der _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. März
-04 (cit bei _David_, "Rückblick auf Jena") der Klassenstr. einzig für
-die soz. Revolution in Frage käme.]
-
-Andererseits erscheint die Bedrohung der _sozialen Evolution_ als der
-extreme Fall, der die ausnahmsweise Anwendung des politischen
-Massenstreiks rechtfertigen könne. Und entsprechend dem
-Parlamentarismus, den er schützen soll, erscheint hierbei auch der
-politische Massenstreik entweder als wirksamster, wenn auch nicht
-einziger "Faktor eines stetigen, organischen Fortschritts auf dem Wege..
-der proletarischen.. Emanzipation",[96] oder geradezu als Voraussetzung
-des Sozialismus überhaupt.[97]
-
-[Fußnote 96: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
-möglich?"; _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der
-ökonomischen Macht"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff.,
-34; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik";
-_Bernstein_ als Zeuge im Prozeß gegen _Löbe_, a. a. O.; _v. Elm_ (Prot.
-Parteitg. Jena 05, p. 323;) _Jaurès_, a. a. O.; -- _Olberg_, "Der
-italienische Generalstreik", p. 22. -- _Hilferding_, p. 142; _Destrée
-und Vandervelde_, p. 22; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena 05).]
-
-[Fußnote 97: "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum
-Generalstreik" (_Hilferding_, a. a. O. p. 139 ff.), der Generalstr.
-müsse die "regulative Idee" im Klassenkampf sein; z.B. von _Vliegen_
-("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel") als "Phrase"
-abgelehnt; (vgl. oben p. 14).]
-
-§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten Aktionsmitteln.
-
-Dem Klassenstreik sind eine Reihe anderer Aktionsmittel des Proletariats
-verwandt, die ebenfalls auf massenhafter Verweigerung notwendiger
-Funktionen beruhen oder beruhen können.
-
-Praktisch kommt fast ausschließlich der Entzug _wirtschaftlicher_
-Funktionen in Betracht, und zwar vor allem der Entzug wirtschaftlicher
-Funktionen innerhalb des Produktionskreises; hierbei handelt es sich in
-erster Linie um die Mittel mit _obligatorischer_ Arbeitsverweigerung.
-Unter diesen begreift der Normalfall, die _offene_ Arbeitsverweigerung,
-also der _Streik_, auch den Klassenstreik in sich. Und zwar gleicht
-letzterer in seinem gewerblichen Wirkungsvermögen völlig den übrigen
-großen Streiks, steht hierin also, wie diese, in genauem Gegensatz zum
-partiellen Streik.
-
-Die _gewerbliche Wirkung_ eines Streiks auf die Unternehmer beruht im
-allgemeinen auf dem Interesse derselben am Fortgang der Produktion.
-Dieses Interesse, das den Unternehmer unter Umständen zur Nachgiebigkeit
-gegenüber den Forderungen seiner Arbeiter bestimmt, ist ein doppeltes.
-Der Fortgang der Produktion sichert einerseits die Verzinsung des im
-Betrieb angelegten Kapitals, sowie den Unternehmergewinn (zugleich die
-Erhaltung der Betriebseinrichtungen in brauchbarem Zustand): positives
-Interesse, und erschwert andererseits die Verdrängung durch die
-Konkurrenz (Einführung neuer Verfahren, Abfangen der Kundschaft usw.
-während des Streiks): negatives Interesse.
-
-Das _positive Interesse_ wird zwar vom Massenstreik, also auch vom
-Klassenstreik, ähnlich berührt, wie vom partiellen Streik; etwas stärker
-noch insofern, als beim Massenstreik von einer Aushilfe durch die
-Streikversicherung viel weniger zu erwarten steht, als bei einem
-partiellen Ausstand; dafür vermindert sich aber beim Massenstreik (und
-erst recht beim Klassenstreik) die Rücksichtnahme seitens der Arbeiter
-auf die wirtschaftlichen Konjunkturverhältnisse,[98] so daß hierbei
-wohl ausnahmslos auch solche Unternehmungen getroffen werden, denen
-gerade eine momentane Betriebsstockung zum Vorteil gereicht; ja,
-auch die dem Unternehmer gewöhnlich aus dem Streik erwachsenden
-Schwierigkeiten gegenüber Dritten (Nichteinhaltung von Lieferfristen,
-Konventionalstrafen usw.) verringern sich, je größere Dimensionen der
-Streik annimmt, je mehr er als Kasus angesehen werden darf.[99]
-
-[Fußnote 98: Es kann beim Kl-str. um so weniger Rücksicht auf die
-wirtschaftliche Konjunktur genommen werden, je mehr Rücksicht auf den
-politisch günstigen Moment genommen werden muß (vgl. _Hanich_, Prot.
-Parteitg. Wien, 1894, p. 65); eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen
-Konjunktur wird überdies um so schwerer, je größer der Streik ist, da
-sich bei starker gewerblicher und geographischer Differenzierung der
-Beteiligten kaum ein Zeitpunkt finden läßt, wo sich alle fraglichen
-Gewerbe und Plätze annähernd gleicher Prosperität erfreuen.]
-
-[Fußnote 99: Schon die gewöhnlichen Streiks, bes. Angriffsstreiks,
-pflegen als Casus angesehen zu werden (vgl. _ab-Yberg_, p. 95).]
-
-Erscheint hiernach schon das positive Interesse des Unternehmers
-normalerweise durch den Massenstreik eher weniger bedroht, als durch den
-partiellen Streik, so tritt eine völlige Umkehrung des Verhältnisses
-bezüglich des _negativen Interesses_ ein. Die Unternehmerkonkurrenz
-spielt nämlich eine um so kleinere Rolle, je größere Dimensionen der
-Streik annimmt; denn je vollständiger die Einbeziehung aller miteinander
-konkurrierender Unternehmungen, um so geringer für jede einzelne die
-Gefahr der Konkurrenzstärkung während der Arbeitsunterbrechung.[100] Den
-kräftigeren Unternehmungen kann der Massenstreik durch die Beseitigung
-schwächerer Konkurrenten[101] sogar noch direkten Vorteil bringen. --Das
-Konkurrenzmoment als Faktor des Entgegenkommens, als Faktor des
-Streikerfolges, verliert also mit Ausdehnung des Streiks immer mehr an
-Bedeutung[102] und verschwindet überhaupt völlig, sobald die Gesamtheit
-der konkurrierenden Betriebe stillliegt.[103]
-
-[Fußnote 100: Ähnlich liegen die Verhältnisse beim partiellen Streik
-gegen Monopolisten (vgl. _Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks").]
-
-[Fußnote 101: Da diese sich ev. schon an den positiven
-Beeinträchtigungen durch den Streik verbluten; um die großen Unternehmer
-empfindlicher zu treffen, schlug daher _Ellenbogen_ (Prot. Parteitg.
-Wien 1894, p. 54) vor, den Kleinbetrieb von einem ev. Wahlrechtsstreik
-ausdrücklich auszunehmen.]
-
-[Fußnote 102: _Eckstein_, p. 258, 259; _Grosch_, "Der Generalstreik",
-p. 14, 15; vgl. auch _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 687 ff.]
-
-[Fußnote 103: Soweit dies nicht der Fall ist, können die Unternehmer
-übrigens durch internationale und nationale Vereinbarungen den
-Konkurrenzausschluß selbst herbeiführen (vgl. _Düwell_).]
-
-Der Massenstreik, und mit ihm der Klassenstreik, werden also in ihrer
-Wirkung auf das Unternehmertum stets hinter der Wirkung des partiellen
-Streiks zurückbleiben müssen, da das positive Interesse des Unternehmers
-an der Aufrechterhaltung des Betriebes keinesfalls stärker berührt, sein
-negatives Interesse aber ausgeschaltet wird. Der Massenstreik kann also
-keineswegs von vornherein als der Superlativ des partiellen Streiks
-angesehen werden; noch weniger ist die Berechtigung seiner Anwendung aus
-etwaiger Erfolglosigkeit partieller Ausstände zu folgern.[104]
-
-[Fußnote 104: Dies tut z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p.
-32, und "La grève générale et la révolution", p. 4, 5); vgl. auch
-_Umrath_, a. a. O.; _Dejeante_ (Congrès général... Paris 1899, p. 257
-ff.). -- Die tatsächliche Zunahme der Massenstreiks und die Wahrnehmung,
-daß dieselben immer häufiger den Charakter politischer Ereignisse tragen
-(bes. im Eisenbahnbetrieb und im Bergbau: Pennsylvanien, Kolorado,
-Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Österreich usw.), förderte
-die Überzeugung, diese Waffe, die "die technische Entwicklung den
-Arbeitern in die Hand gegeben" habe (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132),
-sei auch im politischen Kampf anzuwenden (vgl. _Kautsky_, "Der Kongreß
-in Köln"; ders.: "Die soziale Revolution", p. 49, 50; _Roland-Holst_,
-"G-str. u. Sozd.", p. 32 ff., 54; _Bernstein_, "Trust und Streik";
-ders.: "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416;
-ders. am Parteitg. in Jena, Prot. p. 315; _Stadthagen_, ebenda, p.
-330).]
-
-Was dem Massenstreik aber an gewerblicher Wirkung abgeht, das kann unter
-Umständen die außergewerbliche, die _soziale Wirkung_ ersetzen, die den
-partiellen Streiks überhaupt fehlt, oder doch nur den exzeptionellen
-unproletarischen Streiks[105] zukommt.
-
-[Fußnote 105: Streiks der Schüler, Advokaten, Ingenieure, Richter,
-Handelsgehilfen, Ärzte, Apotheker, Munizipalbeamten (Streik der
-Gemeinderäte bei der südfranzösischen Winzerbewegung 1907). Die
-österreichische Hausbesitzerversammlung soll gar den abenteuerlichen
-Plan gefaßt haben (sofern keine Zeitungsente vorliegt), alle Wohnungen
-zu kündigen, falls die Regierung nicht unverzüglich an die Abänderung
-der Hauszins- und Gebäudesteuer ginge (gemäß "Fremdenblatt", cit. von
-der Arbeiterzeitung Wien, 24. Juni 1906).]
-
-Die soziale Wirkung des Massenstreiks kann von der _Zahl_ der
-Streikenden abhängen; denn jede Arbeitsniederlegung sehr vieler Menschen
-veranlaßt eine allgemeine Beunruhigung, Erregung, Unsicherheit, eine
-allgemeine Störung von Handel und Wandel.[106]
-
-[Fußnote 106: _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.) Die
-Minderung der Kaufkraft der Ausständigen wird sich auf dem das
-Proletariat versorgenden Markte fühlbar machen; das Stillliegen vieler
-Betriebe zwingt, infolge der arbeitsteiligen Entwickelung, auch
-zahlreiche Dritte zur Arbeitsunterbrechung; die Verlängerung der
-Umschlagsdauer des Kapitals wird ein Sinken der Industriewerte nach sich
-ziehen usw.]
-
-Doch es kommt nicht nur auf die Zahl der Ausständigen, sondern auch auf
-die soziale _Bedeutung_ der stillgelegten Werke an, wonach sich die
-soziale Wirkung in qualitativer Richtung bestimmt. Unter den sozial
-wichtigen Unternehmungen aber wird die Arbeitsruhe derjenigen Gruppen
-den bedeutendsten Effekt herbeiführen, von deren fortwährenden
-Leistungen, also von deren ununterbrochener Inbetriebhaltung das
-gesellschaftliche Dasein in besonderem Maße abhängt (wie Kraft- und
-Lebensmittelversorgung, Transport, Sanitätsdienst usw.). Je allgemeiner
-in diesen Unternehmungen der Streik, um so empfindlicher seine Wirkung
-auf die Gesellschaft.[107]
-
-[Fußnote 107: Zur Förderung des sozialen Druckes bemühen sich die
-Arbeiter daher auch um Fernhaltung der Konkurrenz beim Streik; so wurde
-z.B. beim Streik im Ruhrgebiet seitens der Arbeiterschaft versucht, die
-belgische und englische Kohle durch Verständigung mit den dortigen
-Genossen fernzuhalten.]
-
-Auch das staatliche Leben ist durch den Massenstreik mannigfachen
-Beunruhigungen, unter Umständen sogar geradezu einer Gefährdung
-ausgesetzt, -- ganz abgesehen davon, daß der Staat durch jede
-gesellschaftliche Krise indirekt mitgetroffen wird.
-
-Einerseits handelt es sich auch dem Staat gegenüber um quantitativ
-bestimmte Wirkungen, sofern dieser nämlich die streikenden Massen um
-ihrer Zahl willen nicht mehr in den Schranken von Recht und Ordnung zu
-halten vermag; andererseits um qualitativ bestimmte Wirkungen, wenn
-große Streiks "an Stellen, wo sie dem Staat und der öffentlichen Gewalt
-am empfindlichsten sind", ausbrechen (Verkehrs- und Nachrichtendienst,
-Militärverproviantierung usw.), infolge der Natur der streikenden
-Betriebe die eigensten Funktionen des Staates stören und eine
-"Desorganisation des Staatsmechanismus" einleiten würden.[108]
-
-[Fußnote 108: Auf eine solche Wirkung rechnen _Parvus_, a. a. O.;
-_Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05); _Roland-Holst_, a. a. O. p. 100
-ff.; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres" p. 208.]
-
-Wenn qualitativ und quantitativ bestimmte gesellschaftliche Wirkungen
-sich vereinigen, wenn der Massenstreik "der ganzen bürgerlichen
-Gesellschaft Unbequemlichkeiten und Verluste" zufügt,[109] "die
-notwendigen Funktionen der Wirtschaft" stilllegt und Störungen im
-öffentlichen Betrieb bewirkt,[110] den "Lebensprozeß der
-kapitalistischen Gesellschaft" bedroht, wenn er als "maladie
-publique",[111] als "nationale Kalamität"[112] auftritt oder auftreten
-soll, dann wird es sich kaum um den _innergewerblichen Massenstreik_
-handeln, dann wird in der Regel ein _Klassenstreik_ vorliegen, oder zum
-mindesten doch ein solcher gewerblicher Massenstreik, dem wir, eben um
-dieser Wirkungen willen, eine Grenzstellung anweisen, den wir als
-_Pseudo-Klassenstreik_ bezeichnen müssen.
-
-[Fußnote 109: _Kautsky_, a. a. O. p. 690.]
-
-[Fußnote 110: _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126).]
-
-[Fußnote 111: M. _Fazy_, Zu den Motionen _Scherrer_ und _Sulzer_ (Amtl.
-Stenogr. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, Jahrg. XVI, p. 912).]
-
-[Fußnote 112: _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 49 ff.; ähnl.
-_Ulrich_, "Die Arbeiterausstände und der Staat", p. 1, 2.]
-
-Die gewerblichen und die außergewerblichen Wirkungen des Klassenstreiks
-treten in verschiedenen Kombinationen auf, je nachdem es sich um
-Forderungen an die Unternehmer oder um solche an die Öffentlichkeit
-handelt. (Natürlich versuchen wir hier nur eine Schematisierung des
-Vorgangs, eine sozusagen geometrische Skizzierung der typischen
-Grundformen, die unter der vielfarbigen Übermalung durch die stets
-veränderliche Wirklichkeit noch hervorschimmern.)
-
-Bei _wirtschaftlichen_ Forderungen wird die Druckkraft des Streiks bloß
-auf die Unternehmer zwar nicht eben bedeutende Erfolge herbeiführen;
-hingegen vermag vielleicht der zugleich auftretende gesellschaftliche
-Druck die Öffentlichkeit dermaßen zu beunruhigen, daß sie einzuschreiten
-versucht, den empfangenen Druck weiterleitet, ihn auf die
-"widerspenstigen Unternehmer" überträgt. Je weniger die Allgemeinheit
-unter der Erfüllung der Streikforderung zu leiden hat, je mehr sie den
-Standpunkt der Arbeiter teilt und den der Unternehmer tadelt (wie dies
-manchmal großen Monopolisten gegenüber der Fall ist), um so energischer
-wird sie auch die Erfüllung der proletarischen Wünsche verlangen, so daß
-also auf den Unternehmern außer dem allerdings nur schwachen
-gewerblichen Druck ev. indirekt noch der bedeutendere gesellschaftliche
-Druck lastet. Von der politischen Stärkeverteilung hängt es ab, ob die
-Unternehmer ev. auch durch gesetzliche Regelung der fraglichen
-Verhältnisse zur Gewährung der Forderung gezwungen werden können.[113]
-
-[Fußnote 113: Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr.
-vor (vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber
-auch beim reinen Kl-str. denkbar.]
-
-Bei _politischen_ Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke
-des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser
-indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die
-Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig
-Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen
-Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig
-zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte
-gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung
-erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der
-Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die
-Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114]
-
-[Fußnote 114: Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die
-politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik
-sein" (_Adler_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. _Kautsky_, a.
-a. O.).]
-
-Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also
-eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht,
-so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der
-von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also
-ein indirekter Streikdruck lasten.
-
-Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist
-natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig
-gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und
-Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der
-durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so
-überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter
-gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen
-revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung
-sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den
-Streik predigen.[118]
-
-[Fußnote 115: Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z.
-B. der Schweizer. Arbeitersekretär _Greulich_; vgl. auch z.B.
-_Bourdeau_, p. 442.]
-
-[Fußnote 116: _Kautsky_, a. a. O. p. 732, 733.]
-
-[Fußnote 117: _Bernstein_, z.B. "Der Kampf in Belgien und der
-politische Massenstreik", p. 416 ff.]
-
-[Fußnote 118: "La démocratie... opprime la minorité qui porte en elle
-l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse,
-qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à
-agir" (_Pouget_, cit. bei _Bourdeau_, p. 44; vgl. auch _Lagardelle_,
-"Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und _Deville_,
-"Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26,
-27). _Jaurès_ (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et
-Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich
-bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er
-zugibt, "la grève générale en France... pourra communiquer à la masse
-lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière
-organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".]
-
-Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so
-kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach
-der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu
-unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so
-wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen,
-wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt
-den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so
-kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer
-Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120]
-
-[Fußnote 119: Bei den meisten polit. M-streiks traten die Arbeiter auch
-mit spez. wirtschaftlichen Forderungen an die Unternehmer heran: schon
-beim Plug-Plot; in Belgien, usw.; auch 1894 von einem Teil der österr.
-Sozialdemokratie für den projektierten Wahlrechtsstreik geplant (vgl.
-_Hueber_, Prot. Parteitg. Wien 94, p. 58, _Adler_, Prot. Parteitg. Wien
-05, p. 131).]
-
-[Fußnote 120: Dies soll in Rußland vorgekommen sein (vgl. z.B.
-_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen
-Revolution", p. 216).]
-
-Ähnlich wie zu den verschiedenen Arten des Streiks, der offenen
-Arbeitsunterbrechung, verhält sich der Klassenstreik zu denen der
-versteckten, der trotz formeller Weiterarbeit tatsächlichen
-Arbeitsunterbrechung, zu den Arten des _verschleierten Streiks_.
-
-Seine legale Form bildet die sogenannte _passive Resistenz_ oder
-_Dienstobstruktion_. Durch verabredete, peinlichste Befolgung eines den
-Betriebserfordernissen nicht, resp. nicht mehr angepaßten
-Dienstreglements wird der Arbeitseffekt so herabgesetzt, daß
-tiefgreifende Betriebsstörungen oder Betriebslähmungen eintreten, die
-den Wirkungen einer direkten Arbeitsverweigerung völlig gleichen. In
-großem Maßstab wurde diese Methode bisher nur im Eisenbahnbetrieb
-angewandt (in Italien und Österreich, wo sie völlig den Effekt eines
-Massenstreiks ausübte).[121] Die Dienstobstruktion ist wirklich eine
-"verteufelt schlaue Idee..., wenn sie auch in der Praxis, weil zu fein
-zugespitzt, bald schartig werden kann";[122] "steht und fällt" sie doch
-mit dem Reglement, nach dessen zweckmäßiger Revision sie entweder
-erlöschen, oder den ihr eigentümlichen Boden formeller Legalität
-verlassen und in den _Sabot_[123] übergehen muß. Der Sabot bedeutet
-"systematisch langsam arbeiten oder Pfuscharbeit liefern",[124]
-"Unsichermachung des Betriebs, Zerstörung von Produktionsmitteln",[125]
-ist also völlig verwerflich.
-
-[Fußnote 121: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 557-558; _Olberg_,
-"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380, 381; Rudolf Graf
-_Czernin_, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz", p. 7 ff.]
-
-[Fußnote 122: Soz. Prx. 1905, Nr. 22.]
-
-[Fußnote 123: Sabot = Hemmschuh, Radschuh, Bremse. -- _Lagardelle_
-("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 119) nennt das
-englische Ca' canny als Ursprung der Sabotage; letztere müsse man
-übrigens "als ein Kampfmittel der Verzweiflung betrachten, welches in
-das System der an sich nötigen Werkstättearbeiten, das der Syndikalismus
-aufstellt, nicht gehört".]
-
-[Fußnote 124: Aus der Taktik der Confédération générale du Travail
-(vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der
-"_Wahrheit_").]
-
-[Fußnote 125: "_Weckruf_" 05, cit. in der N. Z. Z. vom 12./10. 05, Nr.
-283.]
-
-Auch _Demonstration_ und _Insurrektion_ sind häufig mit
-Arbeitsniederlegung verknüpft und kommen dann, da sie zudem meist Ziele
-verfolgen, wie sie auch bei gewissen Klassenstreiks begegnen, diesen
-äußerst nahe.
-
-Wenn z.B. die Versammlungs- oder Straßendemonstration durch Arbeitsruhe
-verstärkt wird,[126] so verwandelt sie sich bei genügender Ausdehnung
-und genügender Dauer in den demonstrativen Klassenstreik. Insbesondere
-kann dies bei der _Maifeier_ der Fall sein. Die Maifeier war
-ursprünglich wohl als ein kurzer demonstrativer Weltstreik geplant.[127]
-Entstammt sie doch der gleichen Quelle, wie der anarchistische
-Generalstreik selbst;[128] möglich auch, daß der internationale
-Arbeiterkongreß in Paris 1889 für die internationale Kundgebung zum 1.
-Mai 1890 die Arbeitsruhe im Sinne hatte; doch enthielt er sich jeder
-Vorschrift über die Form der Kundgebung;[129] auch auf den folgenden
-nationalen und internationalen Kongressen wurde die Arbeitsruhe nur als
-"würdigste" und "wirksamste", daher erstrebenswerteste Form der
-Maifeier, keineswegs als deren Bedingung hingestellt.[130] Da zudem,
-neben Tendenzen zur Abschaffung der Maifeier[131] auch Bestrebungen
-aufgetaucht sind, aus praktischen Gründen von der Arbeitsruhe überhaupt
-ganz abzusehen,[132] so läßt sich die Maifeier höchstens als "tentative
-de grève générale",[133] nur ganz ausnahmsweise als wirklicher
-Klassenstreik ansehen.
-
-[Fußnote 126: Durch die Arbeitsruhe soll die Wirkung der Demonstration
-in Bezug auf Eindrücklichkeit und Propagandakraft vertieft werden (vgl.
-_Eckstein_, p. 361; "'Der politische Streik' und der Staatsanwalt", a.
-a. O.; Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
-Rußlands... p. 51; A. _Rudolph_, "Zur Maifeier"; _Bernstein_, "Pol.
-M-str. u. pol. Lage", p. 33, 34; ders. "Der Kampf in Belgien und der
-politische Massenstreik", p. 415, 416; _Block_, p. 563; _Cohnstaedt_, a.
-a. O.; _Bömelburg_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 233; Prot. Parteitg.
-Bremen 04, p. 193; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62.)]
-
-[Fußnote 127: Die Maifeier ist eine Demonstration "für die gesetzliche
-Einführung des achtstündigen Arbeitstags, für die Klassenforderungen des
-Proletariats und für den Weltfrieden" zwecks Aufrüttelung der
-"öffentlichen Gewalten" (vgl. die Protokolle der int. Kongr. von
-Amsterdam 04, p. 53 ff.; Paris 1889, p. 123; Brüssel 1891; Zürich 1893,
-p. 35; London 96, p. 29; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 141).]
-
-[Fußnote 128: Im Dez. 1888 beschloß der Kongreß der Federation of
-Labour in St. Louis, am 1. Mai 1890 eine Kundgebung für die
-Arbeiterforderungen zu veranstalten (vgl. z.B. Flugschrift zum 1. Mai
-1895 [Buchdruckerei des Schweizerischen Grütlivereins]).]
-
-[Fußnote 129: Prot. Int. Kongr. Paris 1889, p. 123.]
-
-[Fußnote 130: _Kampffmeyer_, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int.
-Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04,
-p. 53 ff.]
-
-[Fußnote 131: So z.B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der
-Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl.
-Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).]
-
-[Fußnote 132: Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf
-den Abend (Resolution _Schmidt_ auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder
-auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln;
-Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei
-Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in
-einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53
-ff.).]
-
-[Fußnote 133: _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.]
-
-Hingegen wird die _Insurrektion_ wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft
-sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der
-handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe
-Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich
-nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche
-Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur
-einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen
-Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem
-Klassenstreik verbunden sein.[134]
-
-[Fußnote 134: Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu
-bieten.]
-
-Neben der _Verweigerung_ der _Produktionskraft_ des Proletariats tritt
-die allgemeine Zurückziehung seiner _Konsumkraft_ aus dem bürgerlichen
-Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als
-auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger
-Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] -- Praktisch
-ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem
-Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen
-Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es
-in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder
-eigenmächtige Steuerverweigerung.
-
-[Fußnote 135: Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing"
-und "run on the banks for gold" (_Gammage_, p. 109), während der österr.
-M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler
-vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in
-Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung
-des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).
-Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene
-Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um
-"durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung
-menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl.
-_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).]
-
-[Fußnote 136: "Abstinence from all excisable articles" (_Gammage_)
-schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr.
-Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).]
-
-
-
-
-_Zweiter Teil:_
-
-Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel:
-
-_Vorläufer._
-
-
-§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.
-
-Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner
-heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den
-sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der
-Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel
-älter; eigentlich stammt er aus dem _Altertum_. Die antike Geschichte
-kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn,
-aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den
-"sagenhaften _Massenstreik der Juden in Ägypten_, der nach der Bibel
-ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern
-nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der
-Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer
-ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der
-_Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg_ im Jahre 494 v. Chr.[140]
-Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug
-militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch
-zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten
-entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession
-empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches
-Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]
-
-[Fußnote 137: Von der "neuen Strategie" spricht z.B. E. Th. in dem
-Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9.
-12. 05).]
-
-[Fußnote 138: _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).]
-
-[Fußnote 139: _Bernstein_, "Der politische Massenstreik und die
-politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den
-jüdischen Volksstreik verweist auch _Penzig_, "Massenstr. und Ethik", p.
-3; ferner Nationalrat _Scherrer_, der Moses als Streikführer bezeichnet
-(vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung,
-Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.]
-
-[Fußnote 140: Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um
-freie Lohnarbeiter. --Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer
-erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt
-worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer
-Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue
-Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten
-Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg
-auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach."
-(_Mommsen_, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap.
-II, p. 263, 264).]
-
-[Fußnote 141: Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten
-Klassenstreiks verweisen _Bernstein_ ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p.
-19; ders., "Der Streik", p. 9); _Penzig_ a. a. O. p. 3ff.; _Bourdeau_,
-"Les grèves politiques", p. 425.]
-
-Auch das ausgehende _Mittelalter_ weist, mit dem Beginn der
-kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen
-Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in _Flandern_, wo sich im 14.
-Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter
-der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen
-sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen
-Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte
-_Ciompi_-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der
-Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu
-haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z.B. aus den 90er Jahren
-des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der _Hamburger_ Schlosser zu
-nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die
-Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe
-herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen
-aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144]
-
-[Fußnote 142: Vgl. _Pirenne_, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.]
-
-[Fußnote 143: Vgl. _Doren_, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p.
-240 ff., 410. --]
-
-[Fußnote 144: Vgl. A. _Heinrich_, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100
-Jahren", p. 507.]
-
-Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig
-eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits
-_Mirabeau_ geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir
-justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den
-privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez
-garde!... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour
-être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147]
-
-[Fußnote 145: Vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le socialisme en
-Belgique", p. 258.]
-
-[Fußnote 146: Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also
-Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.]
-
-[Fußnote 147: Cit. bei _Jaurès_, (Enquête, p. 111) und _Umrath_, a. a.
-O. p. 13.]
-
-Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große
-Wort 'Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!', dieses
-Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller
-Begeisterung, die sich daran knüpft.... dem Proletariat
-selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des
-Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu
-verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener
-Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische
-Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen
-werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern
-ausgeheckt... philosophisch begründet... von einzelnen Denkern des
-Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor
-haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet.
-
-[Fußnote 148: Dr. V. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).]
-
-[Fußnote 149: Dies bestreitet _Adler_ a. a. O.]
-
-§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus.
-
-In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines
-"Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine
-Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu
-stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den
-Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der
-Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres
-projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach
-wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit
-der Antike verknüpft.
-
-[Fußnote 150: So forderte _Fielden_, angeregt durch die energische
-Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von _Owen_ im
-Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem
-"Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger
-Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B.
-_Webb_, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124,
-125). -- 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins
-Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen
-Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen"
-(S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 104-106).]
-
-[Fußnote 151: Vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches
-Kampfmittel", p. 960.]
-
-Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging
-von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von
-_Atwood_ propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein,
-um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem
-feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des
-Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den
-gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class
-as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a
-solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be
-raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be
-directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled
-upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week,
-during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded,
-nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das
-Unterhaus "exercise... a little gentle compulsion".[156] -- _Atwood_ war
-Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der
-"physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl,
-das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder
-dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder -- und dies erscheint als das
-Wahrscheinlichere -- er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil
-er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren.
-Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen
-Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt
-wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die
-Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die
-moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und
-verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158]
-vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung
-kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der
-heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte.
-
-[Fußnote 152: Vgl. _Gonner_, "The Early History of Chartism", p. 636.
---_Atwood_ sprach für den Kl.Str. anläßlich der von der Birminghamer
-"political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an
-denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm
-zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei _Tildsley_, "Die
-Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am
-16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die
-heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition
-nicht annähme" (_Tildsley_, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf
-dem großen Birminghamer Meeting 1838.]
-
-[Fußnote 153: Mit den 5 chartistischen Forderungen.]
-
-[Fußnote 154: Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung
-werden.]
-
-[Fußnote 155: _Gammage_, "History of the Chartist Movement".]
-
-[Fußnote 156: Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl.
-_Gammage_, a. a. O. p. 43).]
-
-[Fußnote 157: _Gammage_ a. a. O.]
-
-[Fußnote 158: _Tildsley_, a. a. O. p. 48, 49.]
-
-Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber,
-als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf
-den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche"
-wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die
-linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres
-Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner
-baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem
-Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev.
-Ablehnung der Charte "ulterior means", z.B. "an universal cessation of
-labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous
-Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839),
-bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest
-eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent,
-"a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual
-remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a
-sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die
-Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den
-übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats
-(z.B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten
-Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would
-cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds,
-dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der
-großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung
-eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den
-"voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der
-Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des
-Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern. -- Am 12. Juli
-wurde die Charte wirklich vom Unterhaus abgelehnt, und am folgenden Tage
-proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen
-unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165]
-Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen
-Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das
-Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen:
-war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem
-Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten
-Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede
-Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter
-traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg
-ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für
-inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks
-festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die
-Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet
-dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden
-Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte
-der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem
-heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die
-Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige
-Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung
-für den national holiday war vorläufig beendet.
-
-[Fußnote 159: Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr
-die Rede.]
-
-[Fußnote 160: _Gammage_, p. 109; auch _Tildsley_, p. 46.]
-
-[Fußnote 161: Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder
-beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham;
-vgl. _Gonner_, a. a. O. p. 640.]
-
-[Fußnote 162: _Gammage_, a. a. O. p. 127.]
-
-[Fußnote 163: So _O'Connor_; vgl. _Gammage_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 164: Dieser sog. Motion Dr. _Taylor_ stimmten auch solche
-Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen
-Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als
-Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit
-einer einmonatlichen Aussperrung drohten (_Gammage_ a. a. O. p.
-126-130).]
-
-[Fußnote 165: Man meinte, "the best time for commencing the sacred
-month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground"
-(cit. bei _Gammage_, a. a. O. p. 145).]
-
-[Fußnote 166: Zwar berichtete Dr. _Taylor_ noch nach Ablehnung der
-Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen
-Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch
-nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den
-heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse,
-entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und
-entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. _Gammage_ a. a. O. p.
-129-145).]
-
-[Fußnote 167: Vgl. _Brentano_, "Die englische Chartistenbewegung".]
-
-[Fußnote 168: Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary
-arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der
-Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit
-eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des
-Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes
-Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl.
-_Gammage_, a. a. O. p. 146).]
-
-[Fußnote 169: _O'Connor_ verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen
-wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien
-von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (_Gonner_, a. a. O. p.
-641, 642; _Gammage_, a. a. O. p. 147, 148; _Tildsley_, a. a. O. p. 47,
-48; _Bernstein_, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).]
-
-[Fußnote 170: Für diese wurde die Unterstützung der "united trades"
-angerufen (_Gammage_, p. 154ff.).]
-
-Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu
-angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch
-die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus
-der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur
-hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die
-Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen.
-Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament
-verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder
-in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a
-few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die
-Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte
-Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer,
-liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden,
-zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht
-ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich
-anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke
-auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch
-in denen der anerkannten Chartistenführer,[175] die nun ausbrechende
-Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die
-wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und
-doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation
-der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday
-glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die
-Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum
-Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats
-zurückfielen".[177]
-
-[Fußnote 171: Vgl. für das Folgende insbes. _Brentano_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 172: _Spencer Walpole_, "A History of England from the
-conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.]
-
-[Fußnote 173: _Gammage_, a. a. O. p. 217.]
-
-[Fußnote 174: _Bernstein_ behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol.
-Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch _Tildsley_, a. a.
-O. p. 48.]
-
-[Fußnote 175: Vgl. _Brentano_ a. a. O.; nach _Gammage_ (a. a.
-O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren
-Chartistenminorität.]
-
-[Fußnote 176: _Spencer Walpole_, a. a. O. p. 136, 137.]
-
-[Fußnote 177: _Brentano_, a. a. O.]
-
-Der Ausstand, gew. als _Lancashire-Streik_ bezeichnet, begann am 5.
-August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire,
-Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und
-Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180]
-gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische
-Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as
-they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter
-became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu
-Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen,
-(woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die
-Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an
-Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte
-deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering
-erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch
-immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the
-peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187]
-und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so
-brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder
-aufgenommen.[189]
-
-[Fußnote 178: _Bourdeau_, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den
-12. Mai als Beginn (p. 427).]
-
-[Fußnote 179: Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der
-Töpferei nach sich. --In Cheshire und Lancashire allein standen 150
-Werke (mills) still (vgl. _Spencer Walpole_, p. 136, 137) und 50 000
-Menschen waren arbeitslos (vgl. _Gammage_, p. 249 ff.). In Manchester
-und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den
-Kornmühlen (vgl. _Brentano_, a. a. O.)]
-
-[Fußnote 180: Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton,
-Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung
-empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren
-ließen" (_Brentano_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 181: Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem
-Meeting auf Mottram Moor (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 217), am 8. Aug.
-in Staleybridge, (vgl. _Brentano_, a, a. O.), die Arbeit nicht eher
-wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. -- Ein "meeting of the
-delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August
-mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte
-fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das
-Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (_Gammage_ a. a. O.
-p. 217 ff.) -- Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter
-Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem
-überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie
-die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when
-an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be
-against public opinion?" (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 219.)]
-
-[Fußnote 182: _Gammage_, a. a. O. p. 217 ff.]
-
-[Fußnote 183: _Brentano_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 184: Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte
-übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z.B. in den Kornmühlen
-und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl.
-_Brentano_, a. a. O. und _Spencer Walpole_, p. 136 ff.).]
-
-[Fußnote 185: _Spencer Walpole_; _Brentano_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 186: _Gammage_, a. a. O. p. 219, 226.]
-
-[Fußnote 187: Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der
-Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern
-der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen
-59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. _Gammage_, a.
-a. O. p. 231).]
-
-[Fußnote 188: Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der
-Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (_Gammage_, a. a. O. p.
-249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend
-abgeneigt (S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 138). --Am 22. Aug. z.B. mußte
-man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer
-fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.]
-
-[Fußnote 189: _Brentano_, a. a. O., sowie _Spencer Walpole_, a. a. O.
-p. 136, 137.]
-
-Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die
-Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the
-blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte
-dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß.
-
-[Fußnote 190: _Gammage_, a. a. O. p. 249.]
-
-Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt
-nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191]
-
-[Fußnote 191: Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine
-Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri _Quelch_
-["Enquête" p. 186]).]
-
-§ 9. Die Klassenstreik-idee unter dem zweiten Kaiserreich.
-
-Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der
-Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch
-angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der
-geistvolle Journalist _Girardin_, man müsse den Staatsstreich Louis
-Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève
-universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le
-consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le
-boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme,
-jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un
-compositeur pour composer le _Moniteur_, pas un pressier pour le tirer,
-pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour
-de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera
-tomber.. Organisons la _grève universelle_!"[194]
-
-[Fußnote 192: In der internationalen Sozialdemokratie diente der
-Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den
-Klassenstreik überhaupt (_Bernstein_, "Pol. M-Str. u. pol. Lage", p.
-20); so bei _Liebknecht_ (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da
-der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl.
-Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei _Liebknecht_ freilich
-übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten.
--- Und _Greulich_ meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl-Str.
-"wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht
-genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber
-ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl-Str.
-war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt _Bernstein_ ("Der
-Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat
-noch nichts gegen den Kl-Str. als solchen beweisen.]
-
-[Fußnote 193: Vgl. hierüber _Albert Thomas_, "Le second Empire" p. 396
-ff.]
-
-[Fußnote 194: Nach den Berichten von _Victor Hugo_ und _Ténot_ (in
-seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck
-"grève générale" gebraucht (vgl. _Thomas_ a. a. O.).] Aber entsprach
-diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement
-tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für
-eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst
-_Girardins_ republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt
-keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit
-später publizierten Satze _Auguste Comte's_, das Proletariat besitze in
-der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les
-violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen
-Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. _Girardin_ kam übrigens
-später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er
-den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers
-contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber
-auch hiermit keinen Anklang.
-
-[Fußnote 195: Vgl. hierüber _Thomas_ a. a. O.]
-
-[Fußnote 196: _Auguste Comte_, "Système de politique positive"
-(1852-54), cit. bei _Georges Weill_, "Histoire du Mouvement social en
-France (1852-1902)", p. 23.]
-
-[Fußnote 197: Vgl. _Girardin_, "Pouvoir et impuissance, Questions de
-l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei _Weill_, p. 34.).]
-
-In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen
-Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte
-Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen
-Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik"
-(Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt
-erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri _Rochefort_" (in
-der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. _Goetz_.[199]
-
-[Fußnote 198: Z.B. Wilhelm _Liebknecht_, der die G-streiktendenzen des
-Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
-zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. _Michels_, "Die deutsche
-Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W.
-_Liebknecht_ seine Ansichten bezüglich des G-streiks übrigens total.]
-
-[Fußnote 199: Vgl. _Michels_, a. a. O. p. 180 ff.]
-
-Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der _internationalen
-Arbeiter-Assoziation_ aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten
-Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen
-Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den
-modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben.
-
-Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in _Brüssel_ 1868
-lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der
-Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von _Caesar de
-Paepe_[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les
-grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper
-nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch
-unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch
-Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer
-Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß
-auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204]
-Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die
-belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis,
-daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik
-eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden
-Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden
-Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205]
-
-[Fußnote 200: Vgl. _James Guillaume_, "L'Internationale", p. 69.]
-
-[Fußnote 201: Vgl. _Michels_, "Die deutsche Sozialdemokratie im
-internationalen Verbande", p. 239.]
-
-[Fußnote 202: Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die
-drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im
-Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. _Jaeckh_, "Die Internationale", p.
-76.]
-
-[Fußnote 203: _Guillaume_, p. 69; _Umrath_, a. a. O. p. 13.]
-
-[Fußnote 204: _Nieuwenhuis_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21
-ff.).]
-
-[Fußnote 205: Cit. bei _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft".
-Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in
-Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl.
-_Pouget_, Enquête, p. 39).]
-
-Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille),
-dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks
-zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille
-aus fragte _Bastelica_ am 6. Okt. 1869 bei _Richard_ an: "Pourrait-on
-compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre
-seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für
-denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt;
-aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik.
-
-[Fußnote 206: Vgl. Albert _Thomas_, a. a. O. p. 358.]
-
-Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es
-hauptsächlich die Anhänger _Bakunins_, revolutionäre und antipolitische
-Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte
-er während der inneren Kämpfe zwischen _Marx_ und _Bakunin_ etwas in den
-Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem
-Kongreß in _Genf_ 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande
-der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen
-sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in
-geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf
-Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation,
-teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]
-
-[Fußnote 207: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
-
-[Fußnote 208: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 39).]
-
-Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der
-Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in
-den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in
-Amerika, wieder zur Sprache.
-
-[Fußnote 209: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
-
-
-
-
-Zweites Kapitel:
-
-_Die moderne Arbeiterbewegung._
-
-
-(a) Geschichte des politischen Massenstreiks.
-
-§ 10. Belgien.
-
-Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde
-von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in
-Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als
-bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die
-ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den
-Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu
-stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische
-Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung
-der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im
-Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen
-Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der
-Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der
-Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893
-schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche
-Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700
-Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes
-privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit
-46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen
-_Janson_, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen
-hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals
-überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung
-des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie
-beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch
-Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern
-auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève
-générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die
-Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden
-politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe
-Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener
-belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei
-so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede
-gestellt.[217] --Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige
-polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen.
-Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26
-Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen
-hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den
-allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221]
-die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223]
-im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte.
--- Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge
-und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der
-bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen
-verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der
-Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] --Diese Ruhestörungen verstimmten die
-Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu
-bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen
-allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228]
-verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am
-18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm
-die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und
-ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten
-"Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14
-Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. -- Diese Nachricht erweckte in den
-demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte
-fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am
-gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die
-Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens
-behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte
-die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen
-Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April
-war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder
-hergestellt.[229]
-
-[Fußnote 210: Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst
-seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl.
-_Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".]
-
-[Fußnote 211: In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200
-000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.; vgl. auch
-_Bourdeau_, a. a. O.; _Roland-Holst_, "G-str. und Sozialdemokratie" p.
-57.)]
-
-[Fußnote 212: Vgl. _Destrée und Vandervelde_, "Le Socialisme en
-Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch
-Massenmeetings statt, z.B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von
-75-80 000 Personen (vgl. _Anseele_, a. a. O.; _Destrée_ und
-_Vandervelde_, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die
-folgenden Jahre.]
-
-[Fußnote 213: Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die
-Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident,
-_Bernaert_, in der Eröffnungsrede anerkannte.]
-
-[Fußnote 214: N. Z. Z., 27./2. 93.]
-
-[Fußnote 215: Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg.
-4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon
-zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891,
-und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß
-vom 25./12. 1902 (vgl. _Destrée und Vandervelde_, a. a. O.)]
-
-[Fußnote 216: Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß
-die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren
-würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg.
-Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000
-Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.]
-
-[Fußnote 217: Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl.
-_Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.)]
-
-[Fußnote 218: Am 11./4. begannen die Verhandlungen des
-Verfassungsrats.]
-
-[Fußnote 219: Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub
-geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter
-zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich,
-Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. _Bourdeau_, p.
-429; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 143 ff.)]
-
-[Fußnote 220: Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen
-Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf
-sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr
-einseitiger Beurteilung nahe liegt.]
-
-[Fußnote 221: Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der
-Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht
-vollständig (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21.)]
-
-[Fußnote 222: Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen,
-Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.]
-
-[Fußnote 223: Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5000 Mann
-besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg.
-Ausstand im Borinage beschlossen, und 2000 Bergleute legten in Flenu
-(bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des
-Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14.
-streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich
-begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten
-(am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am
-17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten
-dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.]
-
-[Fußnote 224: _de Brouckère_, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll
-die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000
-betragen haben.]
-
-[Fußnote 225: So z.B. die Attentate gegen den Bürgermeister von
-Brüssel, _Buls_, am 14./4.; gegen _Woeste_, den Führer der Klerikalen;
-bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein
-kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf
-Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am
-19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z.,
-19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters
-vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem
-Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch
-bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die
-Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La
-Louvière.)]
-
-[Fußnote 226: So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor
-der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende
-beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am
-13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13.
-in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und
-Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60
-Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes;
-am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N.
-Z. Z., 18./4. 93.])]
-
-[Fußnote 227: Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16
-Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der
-21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.]
-
-[Fußnote 228: Allg. Ztg. 18./4. 93.]
-
-[Fußnote 229: Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter
-gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu
-Ruhestörungen durch Ausständige.]
-
-Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es
-scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu
-danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen
-Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem
-Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige
-Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte;
-brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an
-Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein
-anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als
-etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233]
-Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres
-machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die
-Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch
-um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem
-Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht
-nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch
-für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach,
-als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren;
-da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen
-vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg
-begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das
-sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die
-liberale Welle trug.
-
-[Fußnote 230: Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch
-in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler
-Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20.
-April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck
-der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor
-dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung
-des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr
-ähnlich gesehen habe. -- Und ähnliches läßt sich z.B. die N. Z. Z.
-unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die
-Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt,
-den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden
-Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen
-Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um
-Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu
-zwingen".]
-
-[Fußnote 231: Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von
-1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne
-ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung
-sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse...
-und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach
-ist und nachgibt" (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als pol.
-Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit:
-denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16
-Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die
-Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.]
-
-[Fußnote 232: Anders _Bernstein_, a. a. O. p. 20.]
-
-[Fußnote 233: Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht
-mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.]
-
-[Fußnote 234: Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal
-gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl.
-Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892
-abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme,
-daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld
-unterstützt worden sei, -- allgemeines Wahlrecht, belgische Republik,
-Annexion durch Frankreich -- (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum
-ernst zu nehmen sein.]
-
-[Fußnote 235: N. Z. Z. 21./4. 93.]
-
-[Fußnote 236: Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die
-Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den
-Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5.
-93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek
-eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu
-inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr
-erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z.
-19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum
-Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen
-Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer,
-das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. _Adler_,
-Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der
-Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.]
-
-[Fußnote 237: _Bömelburg_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).]
-
- * * * * *
-
-Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28
-Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige
-antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U.
-(suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik
-schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer
-"Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten
-die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den
-Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den
-Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die
-Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901
-verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich
-nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und
-forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der
-Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang _April 1902_ traten Tausende
-von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte.
-Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der
-Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der
-Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter
-annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im
-Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln,[248] oder verzweifelten sie
-daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen
-Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie
-proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16.
-April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der
-Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur
-Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250] Der Ausstand verbreitete
-sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April
-mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle
-Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253]
-wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter
-streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die
-Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich
-zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in
-allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der
-Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer
-Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu
-inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr
-für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die
-Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von
-Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste
-Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale
-Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte
-nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch
-die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in
-den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit
-82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren
-Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte
-sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren
-Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des
-Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die
-Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu
-normalen Verhältnissen zurück.[266]
-
-[Fußnote 238: Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die
-Sozialisten sogar 32 Vertreter.]
-
-[Fußnote 239: _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als
-pol. Kampfmittel", p. 196.]
-
-[Fußnote 240: Vgl. _Anseele_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 241: Vgl. _Bourdeau_, p. 429. Damals (1899) hatten die
-Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu
-Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.]
-
-[Fußnote 242: Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.]
-
-[Fußnote 243: Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens
-ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen
-das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die
-Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel,
-30./3. 02; vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, a. a. O. p. 250 ff.;
-_Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4.
-02).]
-
-[Fußnote 244: Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]
-
-[Fußnote 245: Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf
-Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum
-der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen
-Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz.
-Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".]
-
-[Fußnote 246: Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen
-senden.]
-
-[Fußnote 247: Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen
-Garden" die Agitation betrieben.]
-
-[Fußnote 248: Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02);
-_Vandervelde_ a. a. O. p. 45.]
-
-[Fußnote 249: _Bourdeau_, p. 429.]
-
-[Fußnote 250: Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du
-Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).]
-
-[Fußnote 251: N. Z. Z.; vgl. auch _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das
-belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein
-im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über
-150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle
-nennenswerten Betriebe; man spricht von 200000 Ausständigen, von einer
-"nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im
-gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.]
-
-[Fußnote 252: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht
-in Belgien"; Enquête, p. 163; _Luxemburg_, a. a. O.; _Vandervelde_ a. a.
-O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Bourdeau_.]
-
-[Fußnote 253: _Vandervelde_, a. a. O. -- Der Streik erfaßte in erster
-Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre),
-ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie,
-teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw.
-haben nahezu volle Arbeitsruhe.]
-
-[Fußnote 254: Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen
-unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen
-sich aus.]
-
-[Fußnote 255: Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz
-_Destrées_ diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl.
-_Vandervelde_ a. a. O.).]
-
-[Fußnote 256: Allerdings streikten z.B. bereits am 15./4. 1902 15 000
-Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.]
-
-[Fußnote 257: Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.]
-
-[Fußnote 258: Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du
-Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.]
-
-[Fußnote 259: Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902
-seitens _Vandervelde's_.]
-
-[Fußnote 260: Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche
-Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4.
-1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt
-schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z.
-Z. 19./4. 02).]
-
-[Fußnote 261: Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender
-Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch
-die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile
-belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht
-(N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck
-(N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise
-überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht
-ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.; _Anseele_).]
-
-[Fußnote 262: Allg. Ztg. 14./4. 02.]
-
-[Fußnote 263: Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.]
-
-[Fußnote 264: _Anseele_, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]
-
-[Fußnote 265: Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel
-blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig.--Der ganze
-Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein.
-_Vandervelde_ (cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von
-"vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle
-selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger
-vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").]
-
-[Fußnote 266: Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des
-18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl.
-Allg. Ztg. 18./4. 02; _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe
-1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von
-Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der
-Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.;
-Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 261).]
-
-So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische
-Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte:
-die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der
-Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des
-antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst
-zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik
-zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem
-Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab
-denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an
-welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last
-gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der
-Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu
-setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch
-längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm
-von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung
-an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die
-belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht;
-insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu
-hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt. Das
-Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim
-Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit
-jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U.
-ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er
-"zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die
-Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz
-überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der
-proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893
-getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.
-
-[Fußnote 267: Vgl. _Anseele_, a, a. O.; _Luxemburg_, a. a. O.;
-_Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.]
-
-[Fußnote 268: _Anseele_, a. a. O. p. 412.]
-
-[Fußnote 269: _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p.
-47.]
-
-[Fußnote 270: Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu
-erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der
-Niederlage (vgl. _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als
-politisches Kampfmittel", p. 196; _Bourdeau_, p. 430); -- bei den
-Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl.
-_Vandervelde_, a. a. O.; _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33,
-p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den
-parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks
-noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. _Anseele_, "Die
-belgischen Wahlen"). -- Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik
-keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte
-den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (_Anseele, "Der Kampf um
-das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; _Vandervelde_, a. a. O.).]_
-
-[Fußnote 271: So _Anseele_, a. a. O.; ähnl. _Vandervelde_ (gemäß N. Z.
-Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5.
-02, cit. bei _Bourdeau_, p. 430.]
-
-[Fußnote 272: Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf:
-mangelnde Organisation (so z.B. _Zetkin_ [vgl. Vorwärts, 23./8. 05],
-welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten
-Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung
-(vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl.
-_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster
-Gewaltlosigkeit (vgl. _Zetkin_ a. a. O.; _Luxemburg_, "Das belgische
-Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. _Mehring_, "Ein
-dunkler Maitag"; _Kautsky_, "Die Soziale Revolution" I; _Luxemburg_ a.
-a. O.; _Zetkin_ a. a. O.) (--) In der internationalen Sozialdemokratie
-entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg.
-Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung
-der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der
-Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst
-aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären
-Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten
-die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit;
-bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl.
-der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4.
-02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5000 Mk. schickte
-(Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). -- Die belgische Arbeiterschaft
-scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und
-der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus
-zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es _Vandervelde_ ("Die belgischen
-Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z.B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und
-N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur
-wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt
-und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch
-völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus
-überflüssig gewesen (vgl. _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02;
-_Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik";
-_Vandervelde_, "Nochmals das belgische Experiment"; _Luxemburg_, "Und
-zum dritten Mal das belgische Experiment"; _David_, "Die Eroberung der
-politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen
-Bureau, cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3;
-Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)]
-
-[Fußnote 273: Nur ausnahmsweise, z.B. in Charleroi am 13./4.,
-demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z.
-14./4).]
-
-[Fußnote 274: _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage", p. 21, und
-"Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.]
-
-[Fußnote 275: Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten
-vor.]
-
-Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch
-nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276] reden; denn der Streik
-verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann"
-erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277] Maßgebende
-auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug
-aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der
-belgischen Wahlrechtsstreiter[278] nicht nur als eine ihnen
-außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue
-Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich
-wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde
-des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der
-belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die
-Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats.
-
-[Fußnote 276: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
-Kampfmittel", p. 193.]
-
-[Fußnote 277: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht
-in Belgien".]
-
-[Fußnote 278: Vgl. _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der
-politische Massenstreik", p. 415; _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. a.
-a. O.]
-
-Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève
-générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen
-Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem
-Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279]
-
-[Fußnote 279: Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.]
-
-§ 11. Schweden.
-
-Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht
-psychologisch durch ihn beeinflußt[280] und, wie er, den Höhepunkt in
-einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden
-ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise
-auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281] gefordert,
-sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen
-Entwurf vorlegte.[282] Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch
-"Garantien"[283] einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung"
-hervor,[284] der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte,
-resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des
-Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285] Sie entwarf
-alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286] Es sollte
-"bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des
-Stimmrechts"[287] eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet
-werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später
-allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt
-werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter
-werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest
-"durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung
-der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288] Nach diesem
-Plan wurde auch verfahren,[289] und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage
-berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die
-sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche
-Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290] einen
-"Demonstrationsstreik",[291] der zeigen sollte, "daß die Arbeiterschaft
-nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu
-lassen";[292] er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die
-Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und
-das Zensus-Parlament",[293] um letzterem die Abweisung der
-Wahlrechtsvorlage nahe zu legen.
-
-[Fußnote 280: Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquête, p. 377.]
-
-[Fußnote 281: Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der
-Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z.B. in Norwegen
-19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z.
-24./5.).]
-
-[Fußnote 282: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
-54.]
-
-[Fußnote 283: Z.B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.]
-
-[Fußnote 284: Vgl. _Branting_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 285: Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische
-Angelegenheit gezogen werden, vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
-Stimmrechtskampagne", p. 624.]
-
-[Fußnote 286: Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom
-10.-13. April.]
-
-[Fußnote 287: Vgl. N. Z. Z. 14./4.]
-
-[Fußnote 288: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421
-und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.]
-
-[Fußnote 289: Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten
-des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000
-Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten
-schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am
-12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das
-Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw.
-gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).]
-
-[Fußnote 290: Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.]
-
-[Fußnote 291: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
-54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen
-ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht
-gekommen" sei.]
-
-[Fußnote 292: Allg. Ztg. 15./5. 02.]
-
-[Fußnote 293: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421
-ff.]
-
-Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen
-bedeutenderen Städten,[294] "in fast allen Teilen des Landes"[295] dem
-Streikgebot,[296] sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000
-Teilnehmern,[297] einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen
-weit übertraf".
-
-[Fußnote 294: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 431.]
-
-[Fußnote 295: _Branting_, a. a. O. p. 420.]
-
-[Fußnote 296: Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-,
-Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg.
-16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die
-Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig
-(vgl. _Branting_, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
-54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig"
-(_Branting_, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und
-Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg
-(_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am
-15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es
-wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester",
-Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der
-Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg
-z.B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter,
-Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.);
-diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für
-die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land
-betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).]
-
-[Fußnote 297: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen";
-_Bourdeau_, p. 431.]
-
-Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm
-bemerklich,[298] am meisten in Stockholm, das infolge der
-Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben
-soll.[299] Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300] die
-Beleuchtung litt.[301] Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch
-die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302] wie ja
-seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die
-Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig
-erklärt worden war.[303] Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck
-gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind
-anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304] während
-des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den
-Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305] Mit "ruhiger
-Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai
-auch wieder aufgenommen.[306]
-
-[Fußnote 298: _Bourdeau_, a. a. O.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe
-in Schweden", p. 422.]
-
-[Fußnote 299: N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom
-Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken,
-Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die
-Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man
-schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und
-N. Z. Z. 16./5.).]
-
-[Fußnote 300: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die
-Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg.
-15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg.
-Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen
-Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).]
-
-[Fußnote 301: Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und
-Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten
-wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg.
-17./5.).]
-
-[Fußnote 302: Allerdings wollten z.B. in Upsala die Bäckereien, in
-Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl.
-Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).]
-
-[Fußnote 303: Allg. Ztg. 15./5.]
-
-[Fußnote 304: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420;
-_Bourdeau_, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine
-Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen
-Zeiten"(?), rühmt _Branting_ ("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch
-bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen
-Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in
-Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden
-(Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe
-in Schweden"), soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein
-(vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die
-Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). -- Bei der Kürze der
-Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche
-Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch
-auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die
-friedlichen Straßendemonstrationen (_Branting_, "Die Generalstreikprobe
-in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand
-Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte
-dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).]
-
-[Fußnote 305: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen".]
-
-[Fußnote 306: _Branting_, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in
-Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in
-Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen
-Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.;
-_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).]
-
-Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf
-das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht
-verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte:
-ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe
-gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte
-nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines
-Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]
-
-[Fußnote 307: N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.]
-
-[Fußnote 308: Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende,
-sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei
-nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede
-Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (_Branting_,
-"Die schwed. Reichstagswahlen"; _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln
-1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine
-neue Phase getreten" sei (_Branting_, "Schweden vor einer neuen
-Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine
-Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier
-keine Rede sein" (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
-Kampfmittel").]
-
-[Fußnote 309: Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe
-überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.]
-
-Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks
-gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht
-sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so
-weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik
-inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über
-Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen
-Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und
-obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum
-Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den
-Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die
-Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des
-Klassenstreiks im damals vorliegenden. Falle.[315] Da die bloße
-Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung
-versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den
-größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken
-des Klassenstreiks vorläufig fallen.
-
-[Fußnote 310: _Branting_ ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423)
-nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt
-worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter
-Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden
-vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen
-(Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den
-Streikenden stark mitgenommen" worden sein (_Branting_, "Schweden vor
-einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). _Branting_ ("Die schwed.
-Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der
-Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich
-bemühten". -- Nach _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur
-in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den
-Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.]
-
-[Fußnote 311: Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen
-gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von
-der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. _Axel Hirsch_, "Lagförslaget mot
-allmänfarliga sträjker").]
-
-[Fußnote 312: Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen
-Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer
-und Frauen mit einem Schlage erreicht hat,... auf die Arbeiter Schwedens
-tief gewirkt" haben (_Branting_, "Die liberale Episode im schwedischen
-Wahlrechtskampf").]
-
-[Fußnote 313: Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von _Hinke
-Bergegren_, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als
-sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda
-betrieben (vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
-Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).]
-
-[Fußnote 314: Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um
-dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung
-der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse
-für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz.
-Mh. Mai 04, p. 410).]
-
-[Fußnote 315: Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 354, 355; _Branting_, a. a. O. p.
-623, 624.]
-
-[Fußnote 316: Die gefestigte Unternehmerorganisation würde sich "nicht
-noch einmal überrumpeln" lassen (_Branting_; _Roland-Holst_, "G-str. u.
-Sozd.", p. 62); auch würden die Arbeiter bei einem zweiten Streik das
-Publikum gegen sich gehabt haben (_Branting_); der Streik würde zu
-Konflikten mit der bewaffneten Macht geführt haben.]
-
-§ 12. Österreich.
-
-In der österreichischen Wahlrechtsbewegung spielte der Klassenstreik
-ebenfalls eine beträchtliche Rolle, wenngleich es hier bei der bloßen
-Androhung sein Bewenden haben sollte. Der belgische Wahlrechtsstreik von
-1893 legte der österreichischen Sozialdemokratie damals schon den
-Gedanken nahe, das veraltete Wahlsystem nach belgischem Muster zu
-bekämpfen.[317] Da die erlangte mäßige Wahlreform nicht
-befriedigte,[318] so zog der Wiener Parteitag von 1894[319] als letztes
-Auskunftsmittel den Klassenstreik in Betracht, nahm aber von dessen
-momentaner Ausführung wegen zu geringer Entwicklung der Organisationen
-noch Abstand.[320] Mit der Steigerung der Wahlrechtsbewegung[321]
-entwickelte sich auch wieder eine eifrigere Diskussion des
-Klassenstreiks, dessen Ansehen seit der von den belgischen Arbeitern
-1902 erwiesenen Rückzugsmöglichkeit beträchtlich zugenommen hatte.[322]
-Der besonders von den Bergarbeitern längere Zeit vertretene
-Standpunkt,[323] den Klassenstreik nicht nur für das Wahlrecht, sondern
-zugleich auch für den Achtstundentag zu inszenieren,[324] wurde gänzlich
-aufgegeben. Doch handelte es sich für die österreichische
-Sozialdemokratie auch jetzt noch mehr um akademische Erörterungen.[325]
-Akut wurde die Frage erst, nachdem in Ungarn das allgemeine Wahlrecht
-zugesichert worden war. Die Kampflust des Parteitags von 1905 wurde
-durch die Kunde von dem gleichzeitig erlassenen russischen
-Oktobermanifest noch um ein Beträchtliches gesteigert; so forderte er
-denn die Arbeiter zur Bereitschaft für den politischen Massenstreik auf
-und wies die Vertrauensmänner an, denselben im entscheidenden Moment zu
-proklamieren.[326] Dem Drängen nicht nur des Proletariats, sondern
-weitester Kreise des Bürgertums[327] nachgebend, erfolgte endlich die
-Zusicherung der Wahlreform;[328] die Sozialdemokratie hielt daher
-vorerst noch mit dem Äußersten zurück.[329] Sobald indeß die Reform im
-Parlament auf Schwierigkeiten stieß, wurde das Arbeiterheer
-mobilisiert.[330] Und zwar sah das sozialistische Aktionsprogramm bei
-weiterer "Wahlreformverschleppung" zunächst einen dreitägigen
-Demonstrationsstreik nur der Wiener Arbeiterschaft vor, um dem Gegner
-gleichsam einen Vorgeschmack des allgemeinen Ausstands zu geben; sollte
-auch diese letzte Drohung keinen Eindruck machen, so hätte der
-Massenstreik in ganz Österreich zu folgen.[331] Die Wiener
-Massenmeetings und zahlreiche andere Versammlungen pflichteten diesem
-Plan, sowie den von den Führern getroffenen Vorbereitungen durchaus
-bei.[332] Die Massenstreikbereitschaft veranlaßte natürlich
-Gegenmaßregeln: die Regierung verstärkte die Wiener Garnison;[333] die
-Vereinigung der Arbeitgeber Österreichs beschloß, trotz ihrer Sympathie
-für das allgemeine Wahlrecht, dem dreitägigen Ausstand event. mit einer
-entsprechenden Aussperrung zu begegnen;[334] im Parlament wurden Stimmen
-laut, man solle die Wahlreform nun erst recht verweigern, als Protest
-gegen den beabsichtigten Druck von außen.[335] Dennoch kam sie zu
-Stande, und glücklicherweise ohne daß der angekündigte politische
-Ausstand ausgeführt wurde. Aber die Wahlreform ist nicht eigentlich der
-Klassenstreikdrohung zu danken, oder doch nur zum kleinsten Teil.[336]
-Die _Klassenstreikdrohung_ mag den Gang der Ereignisse etwas
-_beschleunigt_ haben; diese selbst aber hatten ihre Ursache nicht in
-proletarischen Sonderwünschen, sondern im Gesamtempfinden des
-österreichischen Volkes.
-
-[Fußnote 317: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, Bericht der
-Parteileitung, p. 4-6, _Adler_, p. 31, 34. Am 20. Aug. 1893 war
-gelegentlich einer Massendemonstration für das allg. Wahlrecht im Wiener
-Prater zum ersten Mal öffentlich vom "Generalstreik" die Rede.]
-
-[Fußnote 318: Nach dem Scheitern des Taaffe'schen Wahlprojekts
-(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).]
-
-[Fußnote 319: 25.-31. März 1904. Auf Anregung der Parteivertretung und
-gemäß dem Beschluß einer am 8. Okt. 1893 in Wien zusammengetretenen
-Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie wurde "das
-allgemeine Wahlrecht und der Generalstreik" als dritter Punkt der
-Tagesordnung behandelt und eine _Adler_'sche Resolution hierüber
-angenommen.]
-
-[Fußnote 320: Prot. Parteitage Wien 1894 (p. 105), 1905 (p. 127, 128).]
-
-[Fußnote 321: Diese nahm schon 1903 wieder recht energische Formen an
-und führte sogar zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, z.B. in
-Brünn am 7./9. 03 (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 127 ff.); in den
-folgenden Jahren fanden allenthalben große Wahlrechtsdemonstrationen
-statt, z.B. am 10. Okt 05 in Prag, (bei Eröffnung des Landtags), wobei
-ca. 40 000 Menschen teilnahmen, unter allgemeiner Arbeitsruhe (Alfred
-_Weber_, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich").]
-
-[Fußnote 322: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122-133.]
-
-[Fußnote 323: Bes. am Budweiser Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien
-1894, p. 55, 71 ff., 97).]
-
-[Fußnote 324: Prot. Parteitag Wien 1905, p. 131.]
-
-[Fußnote 325: Prot. Parteitag Wien 1905, _Adler_, p. 125.]
-
-[Fußnote 326: Prot. Parteitag Wien 05, p. 66-69. -- An den Parteitag
-schlossen sich große Demonstrationen in Wien an, die sich (gemäß
-Parteitagsbeschluß, vgl. Prot. p. 110) am 28. Nov., dem Tag der
-Parlamentseröffnung, nicht nur in Wien, sondern im ganzen Lande
-wiederholten, wodurch eine kurze allgemeine Arbeitsruhe entstand (vgl.
-"Die neue Gesellschaft", Nr. 37, 1905, Glossen); in Wien beteiligten
-sich ca. 1/4 Million, in Prag ca. 150 000 Personen (Rdsch. Soz. Mh. Jan.
-1906, p. 85). -- Ein analoger Vorgang fand übrigens beim Zusammentritt
-des _ungarischen_ Reichstags am 10. Okt. 1907 statt: vor allem in Pest,
-doch auch im übrigen Reich, herrschte Arbeitsruhe, da die Arbeiter,
-unter dem Beifall der ganzen Bevölkerung, für das allg. Wahlrecht
-demonstrierten. (Vgl. z.B. "Züricher Post" vom 12. Okt. 07). -- Der
-Parteitag der ungarischen Sozialdemokratie hatte Ostern 1905 für den
-Massenstreik zur ev. Erkämpfung des allg. Wahlrechts votiert (Vgl.
-Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 551).]
-
-[Fußnote 327: Selbst bei den Demonstrationen sollen Angehörige der
-Mittelklassen sich scharenweis beteiligt haben (_Weber_, a. a. O.; Soz.
-Mh. Rdsch. Jan. 06, p. 85).]
-
-[Fußnote 328: Arbeiter-Ztg., 12. Juni 06.]
-
-[Fußnote 329: Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132 ff., sowie
-Versammlungsberichte usw. in der Arbeiter-Ztg. 19. Nov. ff.]
-
-[Fußnote 330: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 516. Vertreter der
-Partei, der Gewerkschaften und der Fraktion forderten im Manifest vom 9.
-(oder 10.) Juni die Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Massenstreiks
-auf (Arbeiter-Ztg. 10. Juni 06).]
-
-[Fußnote 331: Arbeiter-Ztg. 12. Juni 06.]
-
-[Fußnote 332: Vgl. Vorwärts, 19. Juni 06. Am 14. Juni war die von der
-Gesamtparteivertretung berufene und von allen Landesorganisationen und
-sämtlichen gewerkschaftlichen Verbänden beschickte Konferenz in Wien
-zusammengetreten und hatte über die Vorbereitung eines ev. Massenstreiks
-beraten (vgl. Arbeiter-Ztg. 15. Juni), sich mit dem Manifest vom 9. Juni
-einverstanden erklärt, die Arbeiter aufgefordert, unverzüglich die
-letzten Vorbereitungen zu treffen, sowie einem aus Mitgliedern der
-Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Fraktion
-gebildeten Zentralkomitee in Wien die Aufgabe zugewiesen, sobald die
-Wahlreform im Parlament stockte, sofort die Parole zum 3tägigen Wiener
-Ausstand, resp. zum allg. österr. Massenstreik zu geben, zu dessen
-Ausführung in den einzelnen Ländern dem Zentralkomitee entsprechend
-zusammengesetzte Landeskomitees bestanden, die sich dann direkt mit den
-Lokalkomitees in Verbindung setzen sollten (Arbeiter-Ztg. 15. Juni 06).]
-
-[Fußnote 333: Vgl. Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
-
-[Fußnote 334: Arbeitgeber-Versammlung in Wien am 26. Juni 06 (vgl.
-Arbeiter-Ztg. 27. Juni und Frankfurter Ztg. 27. Juni 06).]
-
-[Fußnote 335: Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
-
-[Fußnote 336: Selbst der Vorwärts, 12. Juli 06, erklärt, die österr.
-Wahlreform sei "weniger die Frucht des proletarischen Kampfes, als der
-nationalistischen Verlegenheiten der Krone" gewesen.]
-
- * * * * *
-
-Gegenüber dem Umfang dieser Wahlrechtsstreik-Propaganda treten die
-übrigen klassenstreikartigen Erlebnisse Österreichs beträchtlich zurück.
-Immerhin muß an den _Generalstreik in Triest_ vom Jahre 1902 erinnert
-werden, der übrigens seinem ganzen Charakter nach den romanischen
-Klassenstreiks zuzuzählen wäre. Er soll wegen "der rücksichtslosen
-Habgier der Lloydinteressenten"[337] ausgebrochen sein und sich "gegen
-ein 150 Jahre altes Gesetz über den Seedienst und gegen den Mißbrauch
-der Marinesoldaten zu Streikbrecherdiensten"[338] gerichtet haben. Das
-ganze Triester Proletariat habe sich aus Solidarität am Ausstand der
-Seeleute beteiligt.[339] Es kam zu blutigen Zusammenstößen;[340] doch
-die Arbeiter sollen die Sympathien der Gesamtbevölkerung auf ihrer Seite
-gehabt haben,[341] und diesem Umstand, nicht aber dem "ökonomischen
-Furor",[342] dürften sie den freilich teuer erkauften Sieg[343]
-verdanken.
-
-[Fußnote 337: Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318.]
-
-[Fußnote 338: Bericht der italienischen Parteiexekutive in Triest an
-den Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33).]
-
-[Fußnote 339: Mit diesem Ausstand dürfte wohl der G-str. in _Fiume_ in
-Verbindung stehen, der am 1. April unter den Hafenarbeitern und Heizern
-der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft "Adria" ausbrach, dem sich am 3.
-April zahlreiche Fabrikarbeiter anschlossen, der aber schon am folgenden
-Tage als beendigt angesehen wurde (vgl. N. Z. Z. 2.-4. April 02).]
-
-[Fußnote 340: Da Ruhestörungen vorfielen, wurde der Ausnahmezustand
-verhängt (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 54) und Militär gegen die
-Streikenden aufgeboten (vgl. Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318).]
-
-[Fußnote 341: Soz. Mh., April 02.]
-
-[Fußnote 342: Dessen wüste Szenen der "_Weckruf_", April 05, Nr. 7,
-ausmalt (cit. vom Sekretariat des _Schweizerischen Gewerbevereins_,
-"Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 12).]
-
-[Fußnote 343: Die Arbeiter des Seeverkehrs sollen sich die
-Organisationsmöglichkeit erkämpft haben; der Streik habe 12
-Menschenleben, unzählige Verwundungen und Jahre Kerkers gekostet; die
-Partei habe übrigens aus dem Streik nur Nutzen gezogen (Prot. Parteitg.
-Wien 1903, p. 32, 33, 38).]
-
-§ 13. Deutschland.
-
-In Deutschland begegnete der Klassenstreik-Gedanke ursprünglich
-energischer Ablehnung.[344] "Das Wort des Genossen _Auer_:
-Generalstreik ist Generalunsinn, wurde so ziemlich allgemein (in der
-sozialdemokratischen Partei) als zutreffend akzeptiert".[345] Allerdings
-erklärten sich anfangs der 1890er Jahre die "_Jungen_" (auch Berliner
-Opposition genannt)[346] für den "gewaltrevolutionären Generalstreik zur
-Niederwerfung der politischen und ökonomischen Herrschaft der
-Bourgeoisie";[347] sie erlitten aber mit derartigen Anschauungen auf dem
-Erfurter Parteitag (1891) eine vollständige Niederlage.[348] Anderthalb
-Jahrzehnte später beherrschte die Klassenstreikidee das ganze
-Parteileben der deutschen Sozialdemokratie. Freilich erschien diese Idee
-nicht in ihrer alten, revolutionär-anarchistischen Form, sondern zumeist
-in der "durch materialistische Geschichtsauffassung vertieften"
-Spielart,[349] als politischer Massenstreik. Eine ganze Reihe
-zusammentreffender Umstände haben diese Wandlung veranlaßt. Es lassen
-sich _fünf Hauptquellen der deutschen Massenstreikbewegung_ nachweisen.
-
-[Fußnote 344: Vgl. z.B. Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer
-Theorie und Taktik", p. 292.]
-
-[Fußnote 345: _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207.]
-
-[Fußnote 346: Die Bewegung der "Jungen" entwickelte sich nach den
-Wahlerfolgen von 1890; in ihrem Tatendrang verachteten die "Jungen" den
-Parlamentarismus; es schwebte ihnen eine revolutionär-sozialistische
-Gewerkschaftsbewegung vor.]
-
-[Fußnote 347: Vgl. _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung
-der ökonomischen Macht", und ders., "Eine Wiedergeburt der
-Unabhängig-sozialistischen Bewegung?".]
-
-[Fußnote 348: Prot. Parteitg. Erfurt 1891, p. 222. Aus den
-G-str.-Schwärmern unter den "Jungen" wurden später vielfach überzeugte
-Gegner, wie z.B. _Kampffmeyer_; vgl. auch _Kloth_, "Generalstreik und
-Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln".]
-
-[Fußnote 349: Frankf. Ztg., Leitart. über den M-str., 5./7. 06, Nr.
-183.]
-
-1. In erster Linie waren es die _inneren politischen Verhältnisse_, die
-die Diskussion des politischen Massenstreiks heraufbeschworen. Der
-politische Einfluß des Proletariats entsprach keineswegs den
-Erwartungen, die im Jahre 1903 von der Partei an ihren 3 Millionen-Sieg
-geknüpft worden waren;[350] alles war beim alten geblieben,[351]
-ja, "die in verschiedenen Staaten versuchte oder durchgeführte"
-Wahlrechtsverschlechterung[352] schien sogar auf eine Verstärkung
-der Reaktion hinzuweisen. Je mehr die Partei sich der eigenen
-Machtlosigkeit bewußt wurde, um so größere Besorgnisse hegte sie
-hinsichtlich einer Verkürzung der politischen Rechte, insbesondere des
-Reichstagswahlrechts.[353] Beim sächsischen "Wahlrechtsraub" freilich
-hatte, nach Bebels eigenen Worten, "überhaupt noch kein Mensch an den
-politischen Streik... gedacht";[354] später aber veranlaßten
-Enttäuschung und Besorgnis die deutschen Sozialisten, oder doch gewisse
-politisch führende Kreise derselben, zu einer _Revision_ ihrer _Taktik_.
-Auf zwei Wegen konnten sie das verlorene Ansehen zurückzugewinnen
-versuchen: waren sie einsichtig genug, ihre Ohnmacht aus der doktrinären
-Intoleranz herzuleiten,[355] so mußten sie die in Dresden beschlossene
-Intransigenz aufgeben und, mit Benutzung der erreichbaren
-parlamentarischen Wege, eine praktische Sozialpolitik anstreben; sahen
-sie ihre Einflußlosigkeit aber gerade als Folge einseitiger Pflege oder
-Überschätzung[356] des Parlamentarismus an, so mußten sie auf weitere
-Isolierung halten und neben (oder statt) dem für ungenügend befundenen
-Parlamentarismus außerparlamentarische Aktionen, "eindringlichere
-Kampfmittel",[357] suchen. Diesen letzteren Weg schlug die deutsche
-Sozialdemokratie ein, und das Resultat war die "Aufzäumung des
-Generalstreikgauls".[358]
-
-[Fußnote 350: Vgl. _Giesberts_, "Die Utopie des Generalstreiks", p.
-35.]
-
-[Fußnote 351: Dr. _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326).]
-
-[Fußnote 352: Vgl. "Hamburger Echo", Leitart. über
-"Anarcho-Sozialismus" (27. Aug. 05, Nr. 200). -- Es handelte sich um
-"die Wahlrechtsräubereien in Sachsen, Lübeck und Hamburg, die
-Verschlechterung des Gemeindewahlrechts in zahlreichen Städten, die...
-immer offener heraustretenden Absichten auf Einschränkung des
-Reichstagswahlrechts" (_David_, "Rückblick auf Jena", p. 841).]
-
-[Fußnote 353: Vgl. _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215);
-vgl. auch _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und
-Sozialdemokratie", p. 748. Eine Resolution des Breslauer
-sozialdemokratischen Vereins vom 29. Mai 05 (vgl. Vorwärts, 1./6. 05)
-forderte bereits, "in solchen Fällen, wo dem Volke wirkl. Rechte
-genommen werden sollen", den pol. Str. ev. ernsthaft in Betracht zu
-ziehen. Mit dem Reichstagswahlrecht sei zugleich auch das
-Koalitionsrecht bedroht (_Kautsky_, Vorwort zu _Roland-Holst_, "G-str.
-u. Sozd.").]
-
-[Fußnote 354: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 337.]
-
-[Fußnote 355: Frankf. Ztg. a. a. O.; Eugen _Katz_, "Der politische
-Massenstreik" Nr. 33, p. 3.]
-
-[Fußnote 356: Vgl. _Michels_, "Le Socialisme allemand et le Congrès
-d'Jéna", p. 281-307.]
-
-[Fußnote 357: Vgl. z.B. _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte", p.
-685 und Dr. _Liebknecht_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 358: v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik". _Katz_, a. a.
-O., wirft die Frage auf, ob man den Arbeitern nicht etwa deshalb "das
-Opium des Massenstreiks" eingegeben habe, "damit sie die Unfruchtbarkeit
-der marxistischen Politik so bald nicht erkennen?"]
-
-2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem
-außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel.
-Praktische _Versuche in andern Ländern_ standen schon reichlich als
-_Vorbilder_ zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der
-italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die
-deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang
-1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit
-politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung,
-vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen
-gefördert haben.
-
-[Fußnote 359: Übrigens wäre, wie _Heine_ ("Politischer Massenstreik im
-gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der
-ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland
-nicht notwendig gewesen.]
-
-[Fußnote 360: _Bracke_, Enquête, p. 86; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr.
-Köln 05, p. 215); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307);
-_Cohnstaedt_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 361: _Bernstein_, "Politischer Massenstr. und
-Revolutionsromantik"; vgl. auch _Lensch_, "Politischer Massenstreik und
-politische Krisis"; _Liebknecht_ in Bremen: "die Frage des Massenstreiks
-ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik"
-(Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); _Kautsky_ ("Zum Parteitag")
-rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit
-revolutionärer Situationen"; Edm. _Fischer_, a. a. O., wirft der
-_Leipziger Volkszeitung_ vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom
-8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe
-glaube; "zum Glück", meint _Fischer_, "denkt in unserer Partei kein
-Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".]
-
-3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die
-_internationalen Kongresse_, voraus der Kongreß von Amsterdam.
-
-4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die _akademischen Erörterungen_
-des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten
-aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den
-Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge
-darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug.
-
-[Fußnote 362: _Heine_, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung
-der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen
-übermäßige Bedeutung erlangt.]
-
-_Kautsky_ hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen
-"ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen
-können".[363] -- Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik
-sprach _Bernstein_ sich 1894 für den "Streik als politisches
-Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches
-Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte _Parvus_ die
-Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur
-der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte
-Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst
-_Parvus'_ "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft
-besondere Beachtung zu finden".[366]
-
-[Fußnote 363: _Kautsky_, "Die soziale Revolution" I, p. 50.]
-
-[Fußnote 364: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel".]
-
-[Fußnote 365: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik",
-p. 199ff. Auch 1901 noch fand _Parvus_ mit seiner aus Handelskrise und
-Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept.
-1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang
-(vgl. _Fischer_, "Die neueste Revision... usw.", p. 295).]
-
-[Fußnote 366: _Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.]
-
-Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische
-Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: _Bernstein_[367]
-verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die
-Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu
-politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen
-Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem
-Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch _Kautsky_ griff den Gedanken des
-Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der
-sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische
-Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine
-Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und
-wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor,
-während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren
-Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer
-1905 durch die Veröffentlichung von _Roland-Holst's_ "Generalstreik und
-Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf _Kautskys_
-Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen
-Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten
-Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß
-ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und
-fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen
-Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372]
-
-[Fußnote 367: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
-Massenstreik".]
-
-[Fußnote 368: Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren
-Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den
-Amsterdamer Kongreß wünschte _Kautsky_ eine lebhafte Diskussion der noch
-wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen
-Zeit", 22, I, p. 134; vgl. _Kautsky_, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag",
-"Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4.
-Juli 06).]
-
-[Fußnote 369: _Bebel_, "Der Bremer Parteitag", p. 742.]
-
-[Fußnote 370: Z.B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von
-_Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks".]
-
-[Fußnote 371: Hingegen gab das _Roland-Holst_'sche Buch nicht, wie der
-_Vorwärts_ (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen
-Massenstreikdebatte.]
-
-[Fußnote 372: _Roland-Holst's_ Buch erschien sehr bald schon in 2.
-Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer
-Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte:
-_Bernstein_ (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders
-gegen die von _Roland-Holst_ vertretene Katastrophentheorie, griff auch
-ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; _Heine_
-verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in
-Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl.
-auch die kritischen Bemerkungen bei _Katz_, a. a. O. Nr. 34.]
-
-5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die
-Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten
-noch), die "_Anarchosozialisten_", (auch Berliner Lokalisten
-genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der
-Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der
-Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R.
-_Friedeberg_, zu einer _Revision der Taktik_ veranlaßt, die ihn
-geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die
-"Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden
-sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine
-Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach
-_Friedeberg_ am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der
-Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso
-versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen
-Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach
-er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des
-deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4000 Zuhörer,[377] eine
-anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de
-resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des
-Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei
-die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den
-ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei
-sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner
-Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems
-genötigt.[380]
-
-[Fußnote 373: _Giesberts_, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17
-000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden;
-_Kampffmeyer_ ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
-Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur
-Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter
-Führung von Dr. R. _Friedeberg_ samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer
-mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem
-Anarchismus zugewandt.]
-
-[Fußnote 374: _Friedeberg_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]
-
-[Fußnote 375: Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt,
-der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches
-Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
-Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen
-angenommen worden sein (vgl. _Friedeberg_, "Weltanschauung und Taktik
-des deutschen Proletariats", Nr. 41); _Friedeberg_ erklärte in einer
-Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer
-Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9.
-04).]
-
-[Fußnote 376: Die gleiche Absicht verfolgte die "_Einigkeit_" (Nr. 35,
-Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".]
-
-[Fußnote 377: Vgl. "_Einigkeit_", 2./9. 05; _Michels_, a. a. O. p. 287
-ff.]
-
-[Fußnote 378: _Friedeberg_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 379: Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch
-"fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade"
-ausschütten wolle (_Hue_, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart.
-vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; _Kautsky_ ("Der
-Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion
-nicht wegen, sondern trotz _Friedeberg_ betreiben; vgl. ders., Rezension
-über _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik".]
-
-[Fußnote 380: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307);
-mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die
-Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen,
-weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda
-nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in
-Deutschland war.]
-
-Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die
-deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie
-sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch
-auf dem _Dresdener Parteitag_ 1903, wo _Friedebergs_ Anstrengungen, den
-Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen,
-nur bei _Kautsky_ und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen"
-Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der
-Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen
-Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe
-gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem
-Einfluß _Legiens_ und _Ledebours_, die offiziell radikale Dresdener
-Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.
-
-[Fußnote 381: Vgl. _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und
-_Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg.
-Dresden 03, p. 134, 431 ff.]
-
-[Fußnote 382: Vgl. _Bernstein_, "Ist der pol. Streik in Deutschland
-möglich?"]
-
-Doch schon auf dem _Bremer Parteitag_ 1904 trat ein Umschwung in der
-Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen,
-die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber
-als Dr. _Liebknecht_, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für
-den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und
-das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter
-ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz,
-die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und
-als unter anderen auch _Bernstein_ und _Zetkin_ eine Diskussion der
-Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer
-Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]
-
-[Fußnote 383: So die "_Chemnitzer Volksstimme_", cit. von Dr.
-_Liebknecht_, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). _Katzenstein_ meinte,
-die Anhänger des _Generalstreiks_ hätten einen unfruchtbaren Boden zu
-beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).]
-
-[Fußnote 384: Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; _Bebel_, der über
-den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur
-Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche
-literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu
-beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); _Kautsky_
-erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht
-erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).]
-
-Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten
-die _freien Gewerkschaften_ auf seiner Ablehnung, "einerlei, für
-welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen
-den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die
-immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um
-etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven
-zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom
-_Gewerkschaftskongreß in Köln_ behandelt.[388] Nur ganz wenige
-Gewerkschaftsführer (so z.B. _von Elm_) traten dort für den politischen
-Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch
-ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst
-eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu
-können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige
-Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle
-Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine
-bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens
-sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine
-_event_. Funktion in einer _event_. sozialen Revolution nicht
-abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln
-nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der
-Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die
-Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die
-Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie
-erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am _Parteitag_ in _Jena_, wo
-der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394]
-Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr
-Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine
-Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und
-Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution _Bebel_, den
-politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu
-ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie
-auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene
-Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den
-leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte,
-noch bedeutend verschärft. -- Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß
-dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie
-hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse
-hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd;
-wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse
-geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im
-allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen
-den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats
-eingereiht; Revisionisten (bes. _Bernstein_) sprachen _Bebels_ Referat
-in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier
-und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach
-links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.
-
-[Fußnote 385: Vgl. _Bebel_, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.]
-
-[Fußnote 386: _Legien_, "In Köln am Rhein", p. 378.]
-
-[Fußnote 387: Vgl. _Bömelburg_, in einer öffentlichen Maurerversammlung
-in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2.
-Beilage). -- Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der
-Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands
-fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag
-werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den
-Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. _Bömelburg_, Prot.
-Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).]
-
-[Fußnote 388: Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.]
-
-[Fußnote 389: Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne
-Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. _Fischer_, a. a. O. p. 299).]
-
-[Fußnote 390: Resolution _Bömelburg_; mit allen gegen 7 Stimmen
-angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).]
-
-[Fußnote 391: Wenigstens soll in der Resolution _Bömelburg_ ein solcher
-Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. _Legien_, Prot. Parteitg.
-Mannheim 06, p. 241 ff.).]
-
-[Fußnote 392: So z.B. die _Leipziger Volkszeitung_ (cit. im Vorwärts,
-31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß
-billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. _Kautsky_, Vorwort zu
-_Roland-Holst_, p. VIII).]
-
-[Fußnote 393: Vgl. A. v. _Elm_, "Partei und Gewerkschaft", p. 734,
-735.]
-
-[Fußnote 394: Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.]
-
-[Fußnote 395: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der
-Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die
-Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis
-und nach dem _Singer_'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.]
-
-[Fußnote 396: Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena
-"absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften"
-gestellt.]
-
-[Fußnote 397: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Katz_,
-a. a. O. Nr. 33.]
-
-[Fußnote 398: _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die
-Gewerkschaften", p. 928.]
-
-[Fußnote 399: _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch
-_Fournière_ in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p.
-984).]
-
-[Fußnote 400: Vgl. _Michels_, a. a. O.]
-
-Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere
-_Massenstreik-Agitation_, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf
-die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die
-Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung
-bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich,
-daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen
-nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im
-Massenstreik gipfeln müsse.
-
-[Fußnote 401: Vgl. z.B. Paul _Göhre_, "Sturmzeichen in Deutschland".]
-
-Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der _Rückschlag_. Verschiedene
-_ursprüngliche Verfechter_ der Massenstreikidee begannen, deren
-unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und
-Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber
-setzte die Umkehr des _Parteivorstandes_ dem Massenstreiklärm einen
-wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß
-zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16.
-Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die
-Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über
-die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und
-daß hierbei sechs von _Bebel_ formulierte Thesen zur Annahme gelangt
-waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer
-Resolution dar.[404] _Bebel_ und der Parteivorstand verwahrten sich aufs
-bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf
-Entstellung des ersten und wichtigsten der _Bebel_'schen Sätze
-zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber
-durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls
-gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der
-deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen
-Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten
-sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die
-Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. -- Diese
-Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu
-freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur
-um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über
-den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im
-Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks
-abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der
-Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom _Parteitag_ 1906 in
-_Mannheim_ bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller
-diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die
-Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch"
-miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer
-Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden
-zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution
-entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie
-auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich
-defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund
-der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414]
-
-[Fußnote 402: Dies führte natürlich zu unerfreulichen
-Auseinandersetzungen, z.B. zwischen dem Vorwärts und _Bernstein_ (vgl.
-"Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304;
-_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die
-"Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen
-Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. _Elm_, _Frohme_ und
-_Lesche_ im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich
-die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution
-wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). -- _Bernstein_
-klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form
-seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O.
-und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. _Schmidt_, "Irrgänge der
-Massenstreiktaktik".]
-
-[Fußnote 403: Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl
-besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im
-Sande verlaufen war.]
-
-[Fußnote 404: Die 6 _Bebel_'schen Sätze notierte sich, da kein
-Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, _Silberschmidt_; in der
-_Silberschmidt_'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen
-einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor
-(die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls
-akzeptierte.]
-
-[Fußnote 405: Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.]
-
-[Fußnote 406: Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von _Bebel_ formuliert
-worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen
-sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit
-wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1.
-Juli 06). -- Nach _Bebel_ soll dieser Satz gelautet haben: "der
-Parteivorstand hat nicht die Absicht, _gegenwärtig_ den politischen
-Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden
-_müssen_, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission
-zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der
-Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die
-Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird,
-soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen"
-(Vorwärts, 1. Juli 06).]
-
-[Fußnote 407: Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei
-und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik
-ausbrechen würde.]
-
-[Fußnote 408: _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 228 ff.),
-_Silberschmidt_ (ebenda, p. 301 ff.).]
-
-[Fußnote 409: Vgl. Vorwärts, insbes. 27. Juni, 4. bis 12. Juli 06; die
-Angelegenheit zog übrigens auch noch die Veröffentlichung eines Teils
-des bis zur "Einigkeits"-Enthüllung geheimen Protokolls der
-Gewerkschaftsvorstände gegen deren Willen nach sich ("Partei und
-Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes Partei und Gewerkschaft
-aus dem Protokoll der Gewerkschaftsvorstände vom 19. bis 23. Februar 06
-[Beilage zum Vorwärts, Nr. 185, 11. August 06]).]
-
-[Fußnote 410: Man stritt, ob die von _Bebel_ verteidigte
-Fassung der Thesen die ursprüngliche sei (dies nimmt z.B. die
-"Leipziger Volkszeitung" an [vgl. Vorwärts, 4. Juli]), oder die
-_Silberschmidt_'sche (dies behauptet z.B. die Karlsruher Volksstimme
-[vgl. Vorwärts, 6. Juli 06], übrigens auch die Frankf. Ztg. vom 27. Juni
-06, Nr. 175); ob _Silberschmidt_ die _Bebel_'schen Thesen "sinngemäß"
-niedergeschrieben habe, ob er sich eine Abschrift hätte nehmen sollen
-oder können; ob _Molkenbuhr_ den Parteivorstand rechtzeitig vom Eingang
-der Konferenzprotokolle unterrichtete; ob der Parteivorstand korrekt
-gehandelt habe; ob er den an ihn zu stellenden Anforderungen überhaupt
-genüge; ob die Spannung zwischen Partei und Gewerkschaften, die an allen
-"Mißverständnissen" schuld sei, sich nicht beseitigen lasse.]
-
-[Fußnote 411: In Mannheim referierte wiederum _Bebel_ über den pol.
-M-str.; auf vielseitigen Wunsch übernahm _Legien_ das Korreferat (Prot.
-Parteitg. Mannheim 06, p. 155, 241-254).]
-
-[Fußnote 412: Prot. p. 138; 276 ff.: die Kölner Resolution verbiete den
-M-str. ja nicht, die Jenaer fordere ihn aber nur "gegebenenfalls".]
-
-[Fußnote 413: So die Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06 p. 895, 896.]
-
-[Fußnote 414: Vgl. Prot p. 227-306; Annahme der Resolution _Bebel_ mit
-Amendement _Bebel_ und _Legien_ und einem Teil des Amendements _Kautsky_
-durch 386 gegen 5 Stimmen.]
-
-Da der Mannheimer Parteitag sozusagen in einem Atem die Jenaer
-Resolution und die sechs Bebelschen Thesen billigte, so kann von einem
-Widerspruch zwischen beiden, wenigstens in formellem Sinn, nicht wohl
-die Rede sein. Trotzdem war eine _Wandlung_ vor sich gegangen.[415] Es
-wurde zwar versucht, alle Zwistigkeiten aus der verschiedenartigen
-Betrachtungsweise des Klassenstreiks in der bisherigen Diskussion
-herzuleiten.[416] Aber diese Bemäntelungen verdecken nur unvollkommen
-den tatsächlichen Gesinnungswechsel, den materiellen Rückzug, der sich
-in der veränderten Auslegung der Jenaer Resolution kund gab.
-
-[Fußnote 415: Das geht schon daraus hervor, daß die zielbewußten
-Gewerkschaftsführer die Jenaer Resolution in Jena ablehnten (_Hoffmann_,
-Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 271), sie aber in Mannheim billigten.]
-
-[Fußnote 416: In Jena sei der Massenstreik an sich, in Köln seine
-praktische Durchführbarkeit erörtert worden (so _Rob. Schmidt_, Prot.
-Mannheim, p. 262, 263), was übrigens nicht zutrifft.]
-
-Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene _Jenaer Resolution_ eine
-kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden
-Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen
-Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die
-Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung
-genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die
-In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an
-sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher
-partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen
-"permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in
-defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der
-Gewerkschaftsdevise 'kommt Zeit, kommt Rat'" blieb.[421] -- In dieser
-äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare",
-die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422]
-Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur
-Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen,
-als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen
-auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht
-überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks
-auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare
-Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der
-kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige
-Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik
-zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene
-Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen
-Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die
-Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der
-Partei[429] geschöpft hatten.
-
-[Fußnote 417: Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.]
-
-[Fußnote 418: E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik".
-("Einigkeit", 9. Dez. 05.)]
-
-[Fußnote 419: _Michels_, a. a. O. p. 305.]
-
-[Fußnote 420: Vgl. _Legien_ (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.);
-_David_, _Michels_ (a. a. O.) _Labriola_ (cit. bei _Michels_) und andere
-sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter
-zu.]
-
-[Fußnote 421: _David_, "Rückblick auf Jena".]
-
-[Fußnote 422: Vgl. z.B. die _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im
-Vorwärts, 14. Juli 06.]
-
-[Fußnote 423: Vgl. _Bebel_, "Der Bremer Parteitag"; _Liebknecht_, Prot.
-Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; _Heine_, "Politischer Massenstreik
-im gegenwärtigen Deutschland?"]
-
-[Fußnote 424: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot.
-Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.]
-
-[Fußnote 425: _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im Vorwärts, 4. Juli
-06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen
-_Bebel_'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.),
-ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des
-russischen Proletariats" verwiesen wurde.]
-
-[Fußnote 426: Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach
-Deutschland hinüber zünden.]
-
-[Fußnote 427: Z.B. Kurt _Eisner_ in der "Neuen Gesellschaft", cit. im
-Vorwärts, 12. Juli 06; _Stapfer_, "Wahlrechtsbewegung und
-Massenstreik".]
-
-[Fußnote 428: Diese Annahme sei nach der Art der Einleitung der
-Wahlrechtsbewegung begreiflich (vgl. Frankf. Ztg. 5. Juli 06).]
-
-[Fußnote 429: Als eine solche faßten sie die Jenaer Resolution auf
-(vgl. die "_Einigkeit_", 2./9. 05); ähnlich auch z.B. _Nieuwenhuis_
-(cit. bei _Michels_ a. a. O.) und Ed. _Berth_ (Notes Bibliographiques,
-Mouvement socialiste, 1. u. 15. Nov. 05, p. 374).]
-
-Eine ganz andere Auffassung der Jenaer Resolution trat in der
-_Februar-Konferenz_ und in der Verteidigung der _Bebelschen Thesen_[430]
-zu Tage. Man bemühte sich, "die irrtümliche Auffassung, die mancherorts
-durch die Jenaer Resolution verbreitet war, zu zerstreuen".[431] Von
-maßgebender Seite wurde dieser auf einmal nur noch _defensiver_, der
-Diskussion darüber nur _akademischer_ Charakter zugebilligt.[432] Es
-wurde auch bestritten, daß im Frühling 1906 ein Massenstreik berechtigt
-gewesen wäre.[433] Diese _Interpretationswandlung_ aber wurde von den
-tatendurstigen Genossen als ein unliebsames "Bremsen",[434] als eine
-"Preisgabe" der Jenaer Beschlüsse empfunden und beklagt.[435] Der Geist
-des Jenaer Parteitags war allerdings in der Februarkonferenz "verraten"
-worden, mußte verraten werden. Inzwischen war nämlich die dringend
-notwendige "Ernüchterung" eingetreten,[436] und es drängte sich den
-leitenden Persönlichkeiten nunmehr die Einsicht auf, "daß man sich zu
-weit vorgewagt habe".[437] Zu dieser peinlichen "Schamade"[438] wurde
-die Sozialdemokratie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Diese
-aber bestanden
-
-1. in der dauernden Ablehnung des Klassenstreikprojekts seitens der
-Gewerkschaften.[439] Man war sich darüber klar, daß ohne deren
-Mitwirkung, besonders ohne die Mitwirkung der mächtigen Zentralverbände
-eine Inszenierung des Klassenstreiks überhaupt nicht möglich sei.[440]
-
-2. in dem gänzlichen Mangel einer irgendwie erheblichen Streikstimmung;
-denn die in Volksversammlungen angenommenen temperamentvollen
-Resolutionen zeugten viel mehr von der Unternehmungslust einiger Führer,
-als von "revolutionärer Energie" der Massen.[441]
-
-3. in dem Mangel tatsächlicher Macht der deutschen Arbeiterbewegung
-gegenüber Staat und Gesellschaft. Dieser Mangel brachte selbst
-zahlreiche Anhänger des politischen Massenstreiks schließlich zu der
-Erkenntnis, daß dessen momentane Inszenierung nicht nur völlig
-aussichtslos,[442] sondern auch "im höchsten Maße gewissenlos" sein
-würde.[443]
-
-[Fußnote 430: Verteidigung durch den Vorwärts, den Parteivorstand,
-_Legien_ usw.]
-
-[Fußnote 431: v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer
-Parteitag".]
-
-[Fußnote 432: Z.B. Vorwärts, 14. Juli 06.]
-
-[Fußnote 433: Da ja kein Attentat auf ein Grundrecht vorgelegen, so
-sei, gemäß der Jenaer Resolution, "der Fall nicht gegeben" gewesen
-(Vorwärts, 4. und 11. Juli).]
-
-[Fußnote 434: Vgl. z.B. _Sächs. Arbeiterztg._, cit. im Vorwärts, 4.
-Juli 06.]
-
-[Fußnote 435: Daher auch der Zorn der Lokalisten (vgl. "_Einigkeit_",
-23. Juni 06, Nr. 25; ferner die Resolution der Generalversammlung der
-"freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend" vom 15. Juli,
-abgedruckt im Vorwärts vom 18. Juni 06). Die Lokalisten publizierten in
-ihrem Ärger die sechs "Thesen".]
-
-[Fußnote 436: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896.]
-
-[Fußnote 437: Frankf. Ztg. Leitart. 5. Juli 06, Nr. 183.]
-
-[Fußnote 438: So nennt z.B. _David_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p.
-259) diesen Rückzug. Übrigens hatte man in bürgerlichen Kreisen den
-"Jenaer Rodomontaden" überhaupt nicht allzuviel Gewicht beigelegt;
-Geheimer Kriegsrat Dr. jur. _Romen_ ("Massenstreik und Revolution")
-erblickte in der Jenaer Resolution und der folgenden Agitation, "diesen
-wüstesten Verhetzungen der Arbeitermassen", "diesen offenen
-zügellosesten Aufreizungen zur Revolution" allerdings einen Anlaß zu
-ernster Besorgnis; doch z.B. die _Norddeutsche Allgemeine Zeitung_
-bezweifelte sehr, daß die Sozialdemokratie gewillt oder auch nur im
-Stande sei, ihre Massenstreikdrohung auszuführen; sie liebe es eben,
-mit dem Gedanken des revolutionären Massenstreiks zu spielen, um den
-eigenen Reihen Mut zu machen und ihnen eine papierene Anweisung auf eine
-bessere Zukunft zu geben, den Gegnern aber Furcht einzujagen; die
-"_Nation_" vom 30./9. 05 zitiert mit Befriedigung diese "verständige
-Beurteilung". Die _Frankf. Ztg._ (5./7. 06) sprach von "großen Worten",
-"Fiasko" und "leisem Rückzug".]
-
-[Fußnote 439: Die freien Gewerkschaften blieben bei der Ablehnung, so
-sehr auch in gewissen Parteikreisen über ihr Ruhebedürfnis, über
-Stagnation und Nur-Gewerkschaftelei geklagt und gespottet wurde; noch
-viel ausgesprochener war die Abneigung gegen den pol. Massenstreik bei
-den christlichen Gewerkschaften.]
-
-[Fußnote 440: Es wurde in Mannheim deutlich ausgesprochen, daß man ohne
-die einflußreichen Führer und die starken Verbände nichts ausrichten
-könne.]
-
-[Fußnote 441: Daß im Frühjahr 1906 die M-str.-Stimmung nicht vorhanden
-war, geben z.B. _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die
-Gewerkschaften" p. 928, _Bebel_ und andere Redner am Mannheimer
-Parteitag (Prot. p. 236, 266, 273, 274, 286), ferner z.B. auch die
-_Düsseldorfer Volksztg._ (zit. im Vorwärts, 5./7. 06) und der _Vorwärts_
-(14./7. 06) zu.]
-
-[Fußnote 442: Die Anhänger des katastrophalen M-streiks fanden, daß
-eine revolutionäre Situation vorläufig in Deutschland nicht gegeben, die
-Möglichkeit hierzu durch das Anwachsen der Reaktion in Rußland wieder
-verschwunden sei (_Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte"; _Kautsky_;
-Vorwärts [Prot. Parteitag Mannheim 06, p. 263, 269, 276]). Auch v. _Elm_
-("Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734)
-und _Bebel_ hielten den Moment nicht für geeignet. Es brach die
-Erkenntnis durch, daß die russischen Vorbilder doch nicht für
-Preußen paßten (vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik"; _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p.
-227 ff.; _David_, ebenda, p. 259), daß auch die österreichische
-Wahlrechtsbewegung unter wesentlich andern Umständen vor sich gehe, als
-die preußische (_Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim, p. 241 ff.;
-Vorwärts, 12. Juli 06). Schließlich teilte der größte Teil der Partei
-und der Parteipresse, sowie natürlich auch die Gewerkschafter, diese
-Meinung (vgl. auch Leo _Arons_, "Ergebnisse und Aussichten der
-preußischen Wahlrechtsbewegung"); nur wenige beklagten die momentane
-Ablehnung des pol. M-streiks (z.B. das Bochumer "_Volksblatt_" und die
-Dortmunder "_Arbeiterztg_.", vgl. Vorwärts, 5. u. 6. Juli).]
-
-[Fußnote 443: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
-Deutschland?"; Rob. _Schmidt_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 332). -- Wie
-ungünstig die deutschen Verhältnisse überhaupt für den polit.
-Streik liegen, zeigt der _Massenstreikversuch_ in _Hamburg_ vom
-17./1. 06. Da an diesem Tag die entscheidende Abstimmung über die
-Wahlrechtseinschränkung in der "Bürgerschaft" vor sich gehen sollte,
-hatte die sozialdemokratische Partei eine Reihe von Protestversammlungen
-veranstaltet; infolge starken Besuchs derselben ergab sich eine kurze
-Arbeitsunterbrechung in "fast sämtlichen Fabriken", auch eine
-Verkehrshemmung auf der Alster; es folgten nächtliche Krawalle im
-Schoppenstehl, die übrigens nicht von organisierten Arbeitern, sondern
-von zweifelhaftem Großstadtpöbel veranlaßt wurden; hiermit erreichte die
-Bewegung ein peinliches Ende (vgl. Vorwärts, 14. Juli 06; Prot.
-Parteitg. Mannheim 06 p. 27, 44).]
-
-In Deutschland bildet die Massenstreik-Diskussion einen _Gradmesser für
-das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft_. Mehr und mehr muß die
-Partei sich letzterer unterordnen.[444] Auch die gewünschte Einigung in
-der Massenstreikfrage kam nicht auf Grund der Parteiauffassung, sondern
-tatsächlich auf der Basis der Kölner Gewerkschaftsresolution zu
-Stande.[445]
-
-[Fußnote 444: Dies wurde beim Friedensschluß in Mannheim, im Anschluß
-an die Massenstreikdebatte, auch anerkannt.]
-
-[Fußnote 445: _Kautsky_ ("Maifeier und Generalstreik", Leipziger
-Volksztg. 20. 5. 05) wünschte die Einigung schon 1905, freilich im Sinne
-der Parteiauffassung.]
-
-Aus der vorläufig abgeschlossenen Diskussion ist den Arbeitern zum Glück
-kein Schaden erwachsen, es sei denn, daß der üble Eindruck, den die
-ganze Angelegenheit machen mußte, auch noch ein wenig bei der
-sozialdemokratischen Wahlniederlage von 1907 mitgewirkt hat; Nutzen
-brachte sie ihnen auch nicht,[446] außer daß die Sozialdemokratie
-dadurch vielleicht zu der Einsicht gekommen ist, daß sie mit der Phrase
-mehr, als dies bisher der Fall gewesen, aufräumen müsse.
-
-[Fußnote 446: _Kolb_ ("Von Dresden bis Essen") charakterisiert die
-M-str.-Diskussion als "total überflüssig".]
-
-
-(b) Geschichte des Generalstreiks.
-
-§ 14. Frankreich.
-
-Der _amerikanische Gewerkschaftskongreß_ von 1885 hatte beschlossen, am
-1. Mai 1886 zur Eroberung des Achtstundentags einen _Generalstreik_ zu
-inszenieren. Für dieses Unternehmen engagierte sich hauptsächlich die
-junge Chicagoer Anarchistenpartei.[447] Die "Knights of Labour" freilich
-beteiligten sich nur ungern; die sozialistische Partei wirkte überhaupt
-nicht mit.[448] Die Bewegung umfaßte ca. 300 000 Arbeiter.[449] Sie
-verlief ohne wesentlichen Erfolg und führte zur Hinrichtung der
-anarchistischen Führer in Chicago.
-
-[Fußnote 447: Anfang der 1880er Jahre hatte _Most_ unter den deutschen
-und böhmischen Arbeitern in Amerika bes. in Chicago Anhänger gefunden
-(vgl. Georg _Adler_, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswften., 2.
-Aufl. 1, p. 313, 314.)]
-
-[Fußnote 448: _Bourdeau_, "Les grèves politiques" p. 428.]
-
-[Fußnote 449: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
-
-Diese amerikanischen Ereignisse übten einen gewissen _Einfluß auf die
-Arbeiterbewegung_ auch in _Europa_ aus. Hier arbeiteten sie einerseits
-der späteren Maifeierbewegung vor,[450] andererseits frischten sie die
-Generalstreikidee auf, die nun unter der Pflege der Anarchisten
-besonders in den _romanischen Ländern_ festwurzelte.
-
-[Fußnote 450: Es soll, nach den "Temps nouveaux", seit 1886 von einer
-internationalen Manifestation für den G-str. die Rede gewesen sein (cit.
-bei _Weill_, a. a. O. p. 275, Note).]
-
-In _Frankreich_ wurde diese aus Amerika importierte
-Generalstreikpropaganda anfänglich (in den 1880er Jahren) kaum ernst
-genommen. Sie bemächtigte sich aber bezeichnenderweise alsbald des
-_Gewerkschaftswesens_ oder doch wenigstens seiner tonangebenden Kreise
-und bildete ein ständiges Thema aller Arbeiterkongresse.[451] Die
-"Fédération nationale des Syndicats" votierte schon 1888, wiewohl damals
-noch stark unter dem Einfluß der streng marxistischen _Guesdisten_
-stehend, auf ihrem Kongreß in Bordeaux-le Bouscat, mit Enthusiasmus für
-den Generalstreik als Emanzipationsmittel. _Briand_, der sogenannte
-"Vater des Generalstreikgedankens", der "général gréviste",[452]
-entfaltete eine eifrige Propaganda für diese Idee, so daß sie rasch an
-Anhängern gewann und auch auf dem Syndikatskongreß in Marseille, 1892,
-zur peinlichen Überraschung der Guesdisten, den Sieg davontrug.[453]
-Ebenso erklärte sich der Pariser Kongreß von 1893, unter dem Eindruck
-der kurz zuvor durch das Ministerium _Dupuy_ verfügten Schließung der
-Pariser Arbeitsbörse, mit Begeisterung für das Generalstreikprinzip;
-immerhin nahm der Kongreß Abstand von der durch 25 Delegierte
-geforderten sofortigen Proklamation des allgemeinen Ausstandes.[454]
-Gerade wegen des Generalstreiks spaltete sich schließlich die
-"Fédération nationale des Syndicats" (in Nantes, 1894). Die Minorität
-schwenkte gänzlich zu den Guesdisten ab,[455] die Majorität verwandelte
-sich in die "_Confédération du Travail_" (C. T.), die sich zum
-Generalstreik bekannte[456] und ein "_Comité de la grève générale_"
-einsetzte.[457]
-
-[Fußnote 451: _Weill_, a. a. O. p. 275; vgl. für das Folgende auch p.
-405 ff.; Léon de _Seilhac_, "Le monde social", p. 9, 27, 29, 36, 37, 85,
-194-196, 211, 219, 293; _Halévy_, "Essais sur le Mouvement ouvrier en
-France", p. 79, 90, 124, 226, 285, 286; _Léon Blum_, "Les congrès
-ouvriers socialistes français", p. 111, 112, 125, 129, 134-139, 141,
-144, 146, 147, 149-153, 156, 160, 161, 172, 180, 184, 190.]
-
-[Fußnote 452: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution" p. 3,
-4.]
-
-[Fußnote 453: Als Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher, politischer
-und revolutionärer Zwecke (vgl. _Briand_, a. a. O. p. 6; _Blum_, a. a.
-O. p. 134 ff.; _Buisson_, "La grève générale", p. 37).]
-
-[Fußnote 454: _Weill_, a. a. O. p. 282, 283.]
-
-[Fußnote 455: _Blum_, a. a. O. p. 145 ff.]
-
-[Fußnote 456: So z.B. in Tours 1896 (vgl. _Blum_, a. a. O. p. 159);
-schon in Nantes soll die Gründung einer Streikkasse beschlossen worden
-sein (vgl. Frh. von _Reiswitz_, "Generalstreik? Ein Rückblick auf den
-Hafenarbeiterstreik in Marseille", p. 12 ff.).]
-
-[Fußnote 457: _Weill_, a. a. O. p. 408, 409. Ursprünglich sollte sich
-dieses Komitee der Organisation des Generalstreiks widmen; später, als
-man die Unzweckmäßigkeit einer solchen Tätigkeit einsah, wurde ihm die
-Aufgabe, sich mit den in zahlreichen Städten bestehenden "Sous-Comités
-de la grève génerale" in Verbindung zu setzen (vgl. _Pouget_, [Enquête,
-p. 50 ff.]), jede sich bietende Streikgelegenheit zu benutzen, um die
-Arbeiter möglichst an den G-str. zu gewöhnen (dies sei z.B. der Fall
-gewesen beim Matrosenstreik 1900 und beim Streik in Marseille 1901 [vgl.
-_Weill_, a. a. O.]), wie überhaupt für die G-str.propaganda in Wort und
-Schrift zu sorgen.]
-
-Neben der C. T. entwickelte sich in der 1892 gegründeten "_Fédération
-des Bourses du Travail_" eine weitere gewerkschaftliche Organisation,
-die ebenfalls auf den Generalstreik eingeschworen war.[458] -- Die
-gemeinsame Vorliebe für den Generalstreik brachte beide Organisationen
-einander näher[459] und erleichterte 1902 ihre Vereinigung zur
-"_Confédération générale du Travail_" (C. G. T.), dem sogenannten Parti
-syndical. In diesem gelangten mehr und mehr antiparlamentarische
-Tendenzen zur Herrschaft. Wurden auf dem Kongreß in Paris (1900) neben
-dem Generalstreik auch noch andere Mittel der Revolution anerkannt,[460]
-so feierte am Kongreß in Bourges 1904 die von _Pouget_ gepredigte
-"action directe", also auch deren Hauptstück, der Generalstreik, den
-höchsten Triumph.[461] Wie kläglich auch der Versuch ausging, am 1. Mai
-1906 durch Arbeitseinstellung nach 8 Stunden den Achtstundentag "direkt"
-einzuführen, so erklärte doch der Kongreß in Amiens 1906 den
-Generalstreik wiederum zu seinem Aktionsmittel.[462]
-
-[Fußnote 458: Unter _Pelloutiers_ Einfluß, und seit dem Regionalkongreß
-in Tours, (vgl. _Weill_, a. a. O. p. 275).]
-
-[Fußnote 459: _Weill_, a. a. O. p. 405 ff.]
-
-[Fußnote 460: _Blum_, a. a. O. p. 189.]
-
-[Fußnote 461: Albert _Thomas_, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'".]
-
-[Fußnote 462: _Rappoport_, "Der sozialistische Kongreß in Limoges", p.
-229; vgl. auch Soziale Praxis, 3. V. 06, Sp. 805; ferner die "Chronique"
-im Journal des Économistes vom 15. Mai 06; sowie Frankf. Ztg., "Der
-Geist der französischen Gewerkschaften", (25. Okt. 06 Nr. 295, 4.
-Morgenblatt).]
-
-Diese besondere Anhänglichkeit der französischen Syndikalisten an den
-Generalstreik wurzelt keineswegs in besonders günstigen praktischen
-Erfahrungen. Die bisherigen französischen Generalstreikversuche sind im
-Gegenteil recht wenig aufmunternd,[463] da man häufig "einen schlecht
-vorbereiteten, zu ungeeigneter Zeit begonnenen Streik durch die
-Erklärung des Generalstreiks zu retten sucht".[464] Für die Bevorzugung
-der grève générale sind vielmehr _psychologische_ und _politische
-Gründe_ maßgebend.
-
-[Fußnote 463: So sollte 1898 die Verlegenheit des Ministeriums
-(Dreifus-Handel) für den G-str. ausgenutzt werden; zu seiner Einleitung
-wurde einem Streik der terrassiers in Paris ein Eisenbahnerstreik
-angeschlossen, was, wenigstens nach _Briand_ (a. a. O. p. 11), der
-bürgerlichen Gesellschaft großen Schrecken verursacht haben soll. Das
-Unternehmen scheiterte an der energischen Intervention der Regierung
-(_Weill_, a. a. O. p. 406, und _Bourdeau_, a. a. O. p. 442). -- Etwas
-günstiger endete der große Bergarbeiterstreik, Oktober bis Dezember
-1902, der auf seinem Höhepunkt 4/5 der französischen Bergarbeiter umfaßt
-haben soll; wegen Uneinheitlichkeit der Leitung und mangelhafter
-Disziplin seien die Erfolge aber nur sehr gering gewesen; nur einige
-wirtschaftliche Zugeständnisse der Bergwerksgesellschaften, sowie die
-Anhandnahme der Arbeitszeitregelung durch die Regierung seien erreicht
-worden (vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozialdemokratie", p.
-14, 42, 43).]
-
-[Fußnote 464: _Delory_ (Rdsch. Soz. Mh. Febr. 04, p. 167).]
-
-Vor allem stellen die _Generalstreikbekenntnisse nur die Anschauungen
-eines Bruchteils der französischen Arbeiter_ dar. Die gewerkschaftliche
-Organisation Frankreichs steht trotz der syndikalistischen
-Selbstüberschätzung[465] auf ziemlich schwachen Füßen.[466] Die
-Generalkonföderation selbst umfaßt nur ca. ein Viertel der organisierten
-Arbeiterschaft und von diesem sind mehr als die Hälfte und gerade die
-großen und kräftigen Gewerkschaften[467] "reine Reformisten und wollen
-von der syndikalistischen Metaphysik nichts wissen". Zufolge eines
-merkwürdigen Abstimmungsmodus aber sollen diese Elemente durch eine
-_anarchistische Minorität_ majorisiert werden, da letztere über eine
-größere Anzahl freilich oft recht ephemerer Syndikate verfügte.[468]
-Also nicht etwa das organisierte Proletariat schlechthin[469] hat in
-Frankreich für den Generalstreik "nettement marqué ses préférences",
-sondern nur ein kleiner Bruchteil desselben. Von diesen
-Generalstreiklern glaubt aber auch wieder nur ein kleiner Teil allen
-Ernstes an die Ausführbarkeit der grève générale.[470] Diese spielt
-vielmehr meist nur die Rolle eines Propagandamittels, mit dessen Hilfe
-die spezifisch-französischen Organisationsschwierigkeiten überwunden und
-die zu allem Putschartigen neigenden französischen Arbeiter gepackt
-werden sollen.
-
-[Fußnote 465: Die Anarchisten reden von der "Machtentwickelung" der
-franz. Arbeitersyndikate (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik"
-[Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_"], p. 9), deren gewerkschaftliche
-Leistungen häufig hoch über die der deutschen erhoben werden (vgl. "Ein
-französischer Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen
-Zentralverbände" [Übersetzung eines Artikels von V. _Griffuelhes_ aus
-der "Voix du Peuple" vom 29. Okt. 05, in der "Einigkeit" v. 11. Nov.
-05]).]
-
-[Fußnote 466: Im Jahre 1905 zählte man im ganzen 4625 Organisationen
-mit 781 344 Mitgliedern, welch letztere aber in vielen Fällen bloß auf
-dem Papier stehen sollen (vgl. Soz. Mh. Dez. 05, p. 1067). Der
-Generalkonföderation sollen überhaupt nur höchstens 200000 Arbeiter
-angehören, "die über ein jährliches Budget von etwa 10 000 Fr.
-verfügen!!" (_Rappoport_, p. 233).]
-
-[Fußnote 467: Z.B. die Buchdrucker (vgl. Hue, "Partei und
-Gewerkschaft") und Eisenbahner (vgl. _Rappoport_ a. a. O.).]
-
-[Fußnote 468: Frankf. Ztg. a. a. O.; _Rappoport_, a. a. O.; _Weill_, a.
-a. O. p. 411; _Deville_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus
-in Frankreich", p. 26, 27. -- Vgl. auch _Lagardelle_ ("Die
-syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 138), der das allgemeine
-Stimmrecht für die Kongresse der C. G. T. verwirft; denn "in der
-amorphen Masse der Trägen und Zurückgebliebenen würde der organische,
-klassenbewußte Kern, dieser glühende Herd, von dem der Kampf ausstrahlt,
-untergehen".]
-
-[Fußnote 469: Wie _Briand_, p. 16, behauptet.]
-
-[Fußnote 470: _Weill_, p. 410, 411.]
-
-Die Vorliebe der französischen Arbeiter für den Generalstreik wird durch
-die Ausdehnung des "_gelben_" _Gewerkschaftswesens_ in Frankreich noch
-künstlich verstärkt. Da die sozialistischen Syndikate in der Anwendung
-des normalen Streiks sich immer wieder durch die "jaunes", die
-organisierten Arbeitswilligen, gehindert sehen, so verfallen sie auf
-allerlei bizarre Auswege und erwarten, weil der partielle Streik oft
-scheitert, alles Heil vom generalisierten Ausstand.[471]
-
-[Fußnote 471: W. Z. in der sozialen Praxis (Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni
-07, Art. über den "Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe
-Gewerkschaftsidee"): die 5-600 000 "Jaunes" seien "ein Fluch der
-französischen Gewerkschaftsbewegung, die in ihrer legitimen Betätigung
-durch die Gelben gehemmt und gelähmt, zu der diabolischen Theorie der
-action directe, dem Generalstreik und der Sabotage gedrängt worden ist".
--- Auch die Bedrohung des Streikrechts im Jahre 1896 -- (der Senat
-wollte den Arbeitern in den öffentlichen Anstalten das Streikrecht
-nehmen, was große Empörung in den Syndikaten hervorrief; das Projekt kam
-nie in die Kammer [vgl. _Weill_, p. 334]) -- soll die G-streiktendenzen
-gefördert haben (vgl. _Briand_, p. 12ff.).]
-
-Hierzu gesellten sich nun noch _politische Enttäuschungen_. Die
-übertriebenen Hoffnungen, die sich vielfach an die sozialistische
-Mitregierung geknüpft hatten, waren sehr bald enttäuscht worden.[472]
-Das Interesse am Parlamentarismus überhaupt wurde durch den chronischen
-Zwist in den sozialistischen Parteigruppen untergraben. Kein Wunder
-daher, daß die Gewerkschaften sich allein auf sich selbst angewiesen
-sehen wollten und die "direkte Aktion" predigten, mit der sie die
-zerspaltene Arbeiterbewegung zu kitten und neu zu beleben hofften.[473]
-
-[Fußnote 472: _Thomas_, "Achtung!.. usw.".]
-
-[Fußnote 473: _Weill_, p. 275, 405.]
-
-Bei der eigentümlichen Beschaffenheit der _sozialistischen Parteien_
-Frankreichs (Abhängigkeit im Wahlkampf von der Freundschaft der
-Gewerkschaften),[474] mußten diese sich natürlich auch mit dem
-Generalstreik befassen, und je tiefer die Idee der grève générale in die
-syndikalistischen Kreise eindrang, um so mehr mußte sie auch
-politischerseits geschont werden.[475] Im vergeblichen Kampf gegen den
-Generalstreik büßten die _Guesdisten_ Anfang der 1890er Jahre ihren
-Einfluß in den Gewerkschaften ein,[476] und die _Allemanisten_
-traten ihr Erbe an. Sie waren hierzu durch eine energische
-Generalstreikpropaganda aufs Beste vorbereitet.[477]
-
-[Fußnote 474: Vgl. meinen Aufsatz über "Die politische Arbeiterbewegung
-Frankreichs in den letzten Jahren" (Archiv f. Sozialwissenschaft und
-Sozialpolitik, XXIII, 2).]
-
-[Fußnote 475: _Weill_, p. 408.]
-
-[Fußnote 476: Die Guesdisten verstanden sich 1890 in Lille höchstens
-zur Konzedierung eines intern. Bergarbeiterstreiks für den 8-St.-Tg.
-(vgl. _Blum_, p. 124 ff.); später freilich machten auch sie einige
-Zugeständnisse: so auf dem Parteitag zu Ivry, 1900, wo sie ihre
-Unterstützung zusicherten, falls ein G-str. nötig werden sollte (vgl.
-Mouvement socialiste, IV. p. 553); ähnlich sprach sich auch ihr
-Parteitag zu Lille, 1904, aus (Enquête, p. 76 ff.).]
-
-[Fußnote 477: Die Allemanisten erkannten stets, z.B. auf ihren
-Kongressen 1891, 1892, 1894, den G-str. als bestes Kampfmittel und als
-Mittel der sozialen Revolution an (vgl. Weill, p. 405, 406; _Blum_, p.
-128 ff.; Enquête, p. 2-24; Albert _Richard_, "Manuel socialiste", p. 78,
-79.); sie gingen den extremen Syndikalisten aber noch lange nicht weit
-genug (vgl. z.B. _Pouget_, [Enquête, p. 63 ff.)].]
-
-Auch der sog. _Einigungskongreß_ von 1899 trug der syndikalistischen
-Strömung Rechnung[478] und setzte den Generalstreik unter die "Mittel
-und Wege zur Eroberung der Macht".
-
-[Fußnote 478: _Briand_ hielt, nach Ansicht des "Comité de la grève
-générale", ein "plaidoyer irrésistible en faveur de la grève générale"
-(vgl. Vorwort zu _Briand_, p. 2); in der folgenden Diskussion wurde
-hauptsächlich die Exklusivität, der G-str. aus Prinzip, bekämpft (vgl.
-_Delory_ [Enquête, p. 63 ff.] und "Congrès général des Organisation
-socialistes françaises Paris" 1899, p. 395, 410.).]
-
-_Jaurès_ nahm den Generalstreik in die Prinzipienerklärung des
-Kongresses von Tours auf,[479] vermutlich, um sich im Kampf gegen
-_Guesde_ der Gewerkschaften zu versichern, machte aber für die
-Syndikalisten dabei noch viel zu viele Einschränkungen.[480]
-
-[Fußnote 479: _Weill_, p. 408.]
-
-[Fußnote 480: _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 250; seine
-Einschränkungen zogen ihm den heftigsten Tadel der Syndikalisten zu
-(vgl. _Weill_, p. 408, und Enquête, p. 52 ff.).]
-
-Auch die _geeinte Partei_ mußte dem Syndikalismus ihre Reverenz erweisen
-und billigte in Limoges (auf Jaurès' Antrag) ausdrücklich die
-syndikalistischen Generalstreiktendenzen.[481] Derartige Beschlüsse
-bleiben freilich regelmäßig auf dem Papier, geben aber immerhin einen
-guten Maßstab ab für die reale Machtverteilung zwischen Partei und
-Gewerkschaft.
-
-[Fußnote 481: _Rappoport_, p. 231.]
-
- * * * * *
-
-Um einen Einblick in die Art und Weise der französischen Generalstreiks
-zu gewinnen, genügt ein typisches Beispiel, der _Generalstreik in
-Marseille vom Jahre_ 1904.
-
-In Marseille bestanden seit Jahren zwischen den Hafenarbeitern
-und Seeleuten (inscrits maritimes) einerseits und den
-Schiffahrtsgesellschaften andererseits beständige Reibereien teils wegen
-wirtschaftlicher Forderungen, teils und hauptsächlich wegen der Regelung
-der Disziplin an Bord.[482] So verlangten die inscrits z.B. die
-Einführung eines Beschwerdebuchs auf den Schiffen,[483] nachdem sie
-schon die Entfernung einiger mißliebiger Schiffsoffiziere gefordert und
-schließlich auch erreicht hatten. Dadurch gekränkt und aus
-Solidaritätsgefühl mit den gemaßregelten Kollegen, traten nun die
-Schiffsoffiziere in den Ausstand, was eine Aussperrung der Hafenarbeiter
-und Matrosen zur Folge hatte.[484] Hierauf antwortete die Arbeiterschaft
-mit Proklamierung des _Generalstreiks_ in Marseille und mit
-Aufforderungen an die Hafenarbeiter aller Häfen Frankreichs, ja aller
-Häfen des Mittelmeers zum _Solidaritätsstreik_.[485] Beide Ausstände
-nahmen bedeutende Dimensionen an. Der Hafenarbeiterstreik griff nicht
-nur auf andere französische, sondern auch auf die benachbarten
-spanischen und italienischen Häfen über.[486] Dem Generalausstand in
-Marseille selbst schloß sich eine Arbeiterkategorie um die andere
-an.[487]
-
-[Fußnote 482: Vgl. André-E. _Sayous_, Sécrétaire général de la
-Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de
-Marseille en 1904"; _Sayous_, wie auch v. _Reiswitz_ vertreten in ihren
-Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.]
-
-[Fußnote 483: Allg. Ztg. 31. Aug. 04; Charles _Rist_ (Krit. Blätter f.
-d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden
-großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits"
-(gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu
-erproben.]
-
-[Fußnote 484: Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.]
-
-[Fußnote 485: Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller
-See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9.
-04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9.
-04).]
-
-[Fußnote 486: In Cette z.B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in
-den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom
-5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La
-Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux
-beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den
-Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg.
-Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der
-benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus
-Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v. _Reiswitz_, p. 58);
-die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die
-wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die
-Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9.
-ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle
-Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen
-der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf
-Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v. _Reiswitz_, p. 58;
-vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).]
-
-[Fußnote 487: So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der
-Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg.
-5./9. 04).]
-
-Die Lage in Marseille wurde äußerst unerquicklich:[488] es kam zu
-Ruhestörungen;[489] die Preise der Lebens- und Genußmittel stiegen wegen
-mangelnder Zufuhren beträchtlich in die Höhe;[490] der Hafenbetrieb
-stockte;[491] Handel und Industrie wurden auf's Empfindlichste
-getroffen;[492] die ganze maritime Stellung Marseilles schien
-bedroht.[493] Auch das von Marseille aus versorgte Gebiet wurde durch
-den Streik geschädigt; vor allem litt Korsika unter der Unterbrechung
-des Seeverkehrs.[494] Natürlich lastete der allgemeine Notstand ganz
-besonders schwer auf den Arbeitern selbst. Sie versuchten den Druck aber
-dadurch zu paralysieren, daß sie abwechselnd streikten, um sich durch
-zeitweilige Arbeitsaufnahme während der sechs Streikwochen bei Kräften
-zu erhalten.[495] Speziell den Seeleuten soll auch das Verhalten des
-Marineministers _Pelletan_ eine große Unterstützung gewährt haben;[496]
-der Minister habe nämlich einerseits den Matrosen ihr willkürliches
-Von-Bord-gehen nachgesehen, (obgleich dies, einer Verordnung gemäß,
-wie Desertion zu bestrafen gewesen wäre); andererseits habe er
-den mit dem Postdienst betrauten Gesellschaften wegen dessen
-Vernachlässigung mit Konventionalstrafen, Entziehung der Subvention und
-Entschädigungsansprüchen gedroht.[497] Auch die öffentliche Meinung
-scheint anfänglich auf Seiten der Arbeiter gestanden zu haben.[498]
---Mehrere Einigungsversuche scheiterten,[499] sodaß der Streik erst am
-14. Oktober mit der Niederlage der Arbeiter endete.[500]
-
-[Fußnote 488: Allg. Ztg. 6./9. 04.]
-
-[Fußnote 489: Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den
-Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg.
-5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (_Sayous_); auch in Cette
-und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).]
-
-[Fußnote 490: Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte
-sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen
-Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.]
-
-[Fußnote 491: Auf den Quais türmten sich die Warenmassen. Am 7./9.
-waren 176 Schiffe verschiedener Nationalitäten, die im Hafen lagen,
-außer Dienst gestellt, meist mit Warenladungen an Bord (Allg. Ztg. 8./9.
-04).]
-
-[Fußnote 492: _Sayous_; _P. Louis_, "Die Streiks in Frankreich", p.
-596.--v. _Reiswitz_ (p. 67), berechnet den direkten Schaden von Handel
-und Industrie durch den G-str. auf 100 Mill. Franken, was wohl eher zu
-hoch, als zu niedrig angenommen sein dürfte.]
-
-[Fußnote 493: Die einheimischen Dampferlinien wurden reduziert,
-ausländische drohten, bei weiterer Unsicherheit statt Marseille Genua
-anzulaufen (so die Peninsular & Oriental Steamship-Navigation Cie.); von
-Mitte Aug. bis Mitte Sept. hatte die Marseiller Schiffahrt "einen
-Ausfall von 250 000 Tonnen für die Einfuhr und 150 000 Tonnen für die
-Ausfuhr zu verzeichnen; sie verlor über eine Million an
-Staatssubventionen. Der Zoll hat um 3 Mill. weniger ergeben, als im
-gleichen Zeitraum des Vorjahrs" (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch 6. und
-13./9.); die Bank von Frankreich ließ 1500 unbezahlte Wechsel
-zurückgehen (Allg. Ztg. 3./9.).]
-
-[Fußnote 494: In Korsika war Mitte Sept. das kg Brot bereits von 30 auf
-50 Cts. gestiegen (Allg. Ztg. 13./9. 04).]
-
-[Fußnote 495: Am 10./9. beschlossen z.B. die Dock- und Hafenarbeiter
-die Wiederaufnahme der Arbeit bei denjenigen Firmen, die dem
-Arbeitgeberbund nicht angehörten, sowie die Unterstützung der
-ausständigen Kameraden durch ein Drittel des Lohns; am 26./9.
-arbeiteten, trotz offizieller Verwerfung des Schiedsspruchs, doch
-1000-1200 Docker, am 27./9. sogar 2500 Arbeiter im Hafen (vgl. Allg.
-Ztg. 11., 28., 29./9. 04).]
-
-[Fußnote 496: Vgl. _Sayous_; Allg. Ztg. 30./8., 13./9. 04.]
-
-[Fußnote 497: Allg. Ztg. 31./8. 04.]
-
-[Fußnote 498: Allg. Ztg. 30./8., 22./9. 04.]
-
-[Fußnote 499: Glaubte man den Konflikt endlich beigelegt, so wurden die
-Verhandlungen doch immer wieder abgebrochen. Am 19./9. beschloß der
-Ministerrat, neue Vermittlungsverhandlungen einzuleiten; am 22.
-unterwarfen sich die Docker sogar einem Schiedsgericht, dessen Urteil
-sie aber hernach doch nicht anerkannten, weil es den Unternehmern auch
-die Einstellung Unorganisierter gestattete usw. (vgl. Allg. Ztg. 14. und
-28./9. 04).]
-
-[Fußnote 500: Vgl. _v. Reiswitz_, p. 58.]
-
-§ 15. Schweiz.
-
-In der Schweiz wird der _Generalstreik_ fast ausschließlich von den
-Anarchisten propagiert,[501] hat aber in den Gewerkschaften keinen
-Boden.[502] Ebensowenig Anklang fanden die vereinzelten Empfehlungen
-des _politischen Massenstreiks_.[503] Der einzige schweizerische
-Ausstand, der mit einigem Recht als Klassenstreik bezeichnet werden
-dürfte, war ein Sympathiestreik nach französischem Muster; er fand
-bezeichnenderweise in _Genf_ statt.[504]
-
-[Fußnote 501: Vgl. den "_Weckruf_" z.B. vom 28. Mai 04.]
-
-[Fußnote 502: So lehnte z.B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in
-Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p.
-522).]
-
-[Fußnote 503: Arbeitersekretär _Grimm_ verwies in seinem Vortrag "Der
-politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks,
-z.B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das
-Sekretariat des _Schweizer. Gewerbevereins_ ("Begleiterscheinungen bei
-Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen
-Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen,
-da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und
-direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z.B. den Artikel "Im Prinzip", 15.
-Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).]
-
-[Fußnote 504: Vgl. über den G-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht
-des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes... für das
-Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der
-Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen)
-Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10.
-wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte
-am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich
-allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts
-mehr nützen konnte".]
-
-§ 16. Italien.
-
-Auch in Italien fand die anarchistische Generalstreikidee früh Eingang.
-Die _sozialistische Partei_ scheint sie ursprünglich freilich abgelehnt
-zu haben. Der reformistische Flügel (_Turati_, _Bissolati_ u. A.), wie
-auch die sozialistische Parlamentsfraktion beklagten lebhaft die
-"Torheiten" der sog. revolutionären Syndikalisten (_Labriola_ usw.), die
-seit dem Parteitag von Bologna "das Wunder der entschlossenen Tat und
-die Wahnidee von dem befreienden Handstreich"[505] predigten und ihre
-praktische Tätigkeit auf die Steigerung der "revolutionären Temperatur
-des Proletariats", "auf die psychologische und materielle Vorbereitung
-des Generalstreiks" reduzierten.[506] Derartige Theorien nahmen in den
-angeblich durch "Cliquen von Intellektuellen" beherrschten italienischen
-Gewerkschaften einen breiten Raum ein;[507] vor allem dominierten sie in
-der Mailänder Arbeitskammer.[508] Die sozialistische Partei lehnt heute
-den Klassenstreik übrigens auch nicht mehr unbedingt ab,[509] "die
-Hauptforderungen des Proletariats" sollen "event. auch durch den
-Generalstreik" erkämpft werden.[510] Aber auf dem Kongreß in Rom 1906
-verwarf sie ausdrücklich "den häufigen oder übertriebenen Gebrauch des
-Generalstreiks", sowie "die Verherrlichung der direkten Aktion, zur
-Diskreditierung, nicht zur Ergänzung der parlamentarischen Aktion".
-
-[Fußnote 505: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
-Italien".]
-
-[Fußnote 506: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom".]
-
-[Fußnote 507: _Bissolati_, "Die Krise in der italienischen
-Sozialdemokratie".]
-
-[Fußnote 508: Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich
-auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß
-bedingungsweise für den G-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p.
-282.).]
-
-[Fußnote 509: Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich
-zum G-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl. _Olberg_, "Die italienischen
-Wahlen", p. 278).]
-
-[Fußnote 510: _Olberg_, "Der Parteitag in Rom".]
-
-Trotz aller solcher Kongreßbeschlüsse lassen sich die italienischen
-Arbeiter aber nur allzu leicht hinreißen, eine partielle
-Arbeitsstreitigkeit durch Sympathieausstände zum Klassenstreik zu
-erweitern. Die umfangreichste derartige Unternehmung, ja, einer der
-größten Streiks der modernen Arbeiterbewegung überhaupt,[511] war der
-_Generalstreik vom September_ 1904.[512] Die Veranlassung desselben
-bildete das mehrmalige Einschreiten der Regierung bei Ausständen.[513]
-Am 11. Sept. 1904 erklärte ein Mailänder Meeting, das italienische
-Proletariat solle innerhalb acht Tagen mit einem Generalstreik gegen
-derartiges Blutvergießen protestieren, und die Mailänder Camera del
-Lavoro solle diesen Beschluß den übrigen Organisationen übermitteln. Die
-Nachricht von einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und
-Carabinieri[514] soll am 15. September "wie ein Donnerschlag" gewirkt
-haben.[515] Inmitten der allgemeinen Erregung übernahm das
-Exekutivkomitee der Mailänder Arbeitskammer die ihr am 11. September
-angebotene Führung und proklamierte noch am Abend des 15. September den
-sofortigen Ausstand sämtlicher Arbeiterkategorien Mailands, sowie einen
-dreitägigen Generalstreik in ganz Italien.[516] Ein gemeinsamer Aufruf
-des sozialistischen Parteivorstandes, der Parlamentsfraktion und des
-"Avanti" empfahl den Arbeitern die Beteiligung "als gesetzmäßigen und
-würdigen Ausdruck der Verurteilung jener Regierungsmethoden, die immer
-wieder den Brudermord erzeugen, und als feierlichen Akt der
-Klassenverteidigung des Proletariats und seines Rechtes auf das
-Dasein."[517] Sicherlich erwarteten die Syndikalisten vom Generalstreik
-einerseits die Bestätigung ihrer Theorie, andererseits die
-Wiederherstellung der Parteieinheit[518] oder den Sturz des
-Ministeriums. Es ist daher vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich, daß
-der "Protest gegen das vergossene Proletarierblut" ihnen nur als "causa
-occasionale",[519] als Vorwand zum Streikbeginn diente. Hingegen in den
-breiten Volksmassen dürfte doch wohl das ursprüngliche Gefühl der
-Empörung und Solidarität den Ausschlag gegeben haben.
-
-[Fußnote 511: _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 19;
-_Bourdeau_, p. 432.]
-
-[Fußnote 512: Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den
-konservativen Standpunkt vertretend, _Marazio_, "Il partito socialista
-italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt
-vertretend, insbes. _Olberg_, a. a. O. p. 18-24.]
-
-[Fußnote 513: Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich
-neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn
-die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen
-wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z.B. in Torre Annunziata, Berra,
-Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen
-Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).]
-
-[Fußnote 514: Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.]
-
-[Fußnote 515: _Olberg_ a. a. O.; vgl. auch _Leimpeters_, "Zum
-Generalstreik".]
-
-[Fußnote 516: So von den 2000 Teilnehmern der von der Arbeitskammer, im
-Einverständnis mit dem Segretariato della resistenza, einberufenen
-Generalversammlung, nach Anhörung von _Labriola_ und _Mocchi_,
-einstimmig beschlossen (vgl. auch _Bourdeau_, p. 433).]
-
-[Fußnote 517: Vgl. _Olberg_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 518: "La grève générale en Italie" ("Chronique" des Musée
-social, Nov. 04).]
-
-[Fußnote 519: So faßt es _Marazio_ auf (p. 135).]
-
-Die Arbeiter folgten dem Streikgebot rasch und in großer Zahl.[520] Es
-beteiligten sich Parteiangehörige und Mitglieder der Arbeitskammern,
-besonders zahlreich auch die Unorganisierten,[521] im ganzen eine
-Million Menschen,[522] deren Ausstand den "Eindruck eines
-Elementarereignisses" gemacht haben soll.[523] Nur die Eisenbahner
-fehlten fast vollständig,[524] "sebbene i socialisti li pregassero e li
-scongiurassero a fare causa comune con essi".[525] Der Grund für diese
-Zurückhaltung wird teils in der außerordentlichen Tragweite eines
-Eisenbahnerausstandes erblickt (die Beteiligung der Eisenbahner sei
-deshalb unterblieben, weil sich die Bedeutung der ganzen Bewegung nicht
-gleich von Anfang an habe übersehen lassen),[526] teils in der
-Schwierigkeit rascher Inszenierung (da die Eisenbahner zwei
-verschiedenen Organisationen angehörten), teils in der Drohung mit
-"Militarisation" seitens der Regierung,[527] teils in der Rücksichtnahme
-auf eine bereits begonnene Lohnbewegung, deren in Aussicht stehende
-Früchte durch die Beteiligung der Eisenbahner am Generalstreik aufs
-Spiel gesetzt worden wären.[528]
-
-[Fußnote 520: Noch am gleichen Abend brach der allgem. Streik in Monza
-aus (ca. 7000 Teilnehmer); in Mailand streikten vom 16.-21./9. 80-100
-000 Arbeiter (dort hatten nämlich zwei Monstreversammlungen am 16./9.
-die Fortsetzung des Streiks beschlossen); vom 17.-19. streikten in Genua
-Hafen-, Gas-, Elektrizitäts-, Nahrungsmittelarbeiter; in Rom alle
-Arbeiter, exkl. Gasarbeiter (vgl. _Olberg_, a. a. O.; nach der Allg.
-Ztg. streikten hauptsächlich Trambahner und Kutscher); G-str. in Turin;
-am 17. wurde der G-str. in Forte, Terni, Ancona, Bologna, Forli erklärt;
-Forli, Florenz, Neapel (ca. 12 000 Teilnehmer) proklamierten nur eine
-eintägige Demonstration; in Como streikten ca. 10 000, in Bari ca. 4000,
-in Ligurien ca. 120 000 Arbeiter, in der Prov. Mantua ca. 120 000
-Feldarbeiter (vgl. _Olberg_ a. a. O.).]
-
-[Fußnote 521: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena, 05, p. 306).]
-
-[Fußnote 522: Vgl. _Bourdeau_, p. 433.]
-
-[Fußnote 523: _Olberg_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 524: Die Eisenbahner streikten nur in Neapel und in Siena
-(vgl. _Olberg_ a. a. O., und Musée sociale, "Chronique", IX, Nr. 11, p.
-465).]
-
-[Fußnote 525: Vgl. _Marazio_, p. 176.]
-
-[Fußnote 526: _Olberg_, a. a. O., und "Nachträgliches zum
-Eisenbahnerstreik", p. 380.]
-
-[Fußnote 527: Musée sociale, a. a. O.]
-
-[Fußnote 528: Vgl. _Marazio_, p. 176, 113-136; _Olberg_, a. a. O.]
-
-Die _unmittelbare Wirkung_ des Streiks war eine "schwere Erschütterung
-des öffentlichen Lebens".[529] Der Lokalverkehr in den Städten war
-unterbunden,[530] die Zeitungen fehlten,[531] die Lebensmittelversorgung
-versagte,[532] die Beleuchtung litt.[533] Es kam auch wiederholt zu
-Ruhestörungen, die vor allem in Mailand und Genua recht ernste Formen
-annahmen.[534] Bei der Verübung von allerlei Unfug[535] sollen übrigens
-weniger die Arbeiter, als allerhand zweifelhafte Existenzen beteiligt
-gewesen sein.[536] Auch scheint sich die Bewegung, berücksichtigt man
-ihre außerordentliche Ausdehnung, im allgemeinen in den Grenzen des
-Zulässigen gehalten zu haben.[537] Dieser relativ friedliche Verlauf mag
-teils der Reserve zu danken sein, die sich die Regierung
-auferlegte,[538] teils den Bemühungen der Arbeiterführer um die
-Aufrechterhaltung der Ordnung.[539] Dies alles vermochte aber nicht die
-steigende Mißstimmung über die aus dem Streik erwachsenden
-Unannehmlichkeiten zu dämpfen. Die Bürgerschaft begann, den Verhaftungen
-Beifall zu spenden.[540] Vor allem fühlte man sich, und zwar auch in
-sozialistischen Kreisen,[541] durch das Benehmen der Syndikalisten
-verletzt, die in Mailand eine Art "Diktatur des Proletariats"
-inszenierten: die dortige Arbeitskammer soll sich der öffentlichen
-Gewalt bemächtigt haben;[542] sie habe "die groteske Parodie einer
-provisorischen Regierung, die Ukase ausgab", errichtet, und sie habe der
-streikenden Masse eingeredet, daß sie "die absolute Herrin der Nation"
-geworden sei,[543] sodaß "ganz Mailand fünf Tage lang nach der Pfeife
-der Arbeiter tanzte und tanzen mußte".[544]
-
-[Fußnote 529: Allg. Ztg. 26./9. 04. An 900 Orten stockte das
-Wirtschaftsleben (vgl. _Bourdeau_, p. 433, bes. auch _Marazio_, p.
-142-150).]
-
-[Fußnote 530: Weder Tram noch Wagen zirkulierten (in Mailand vom
-16.-21./9.; in Rom usw.); selbst Leichenzüge und Krankenwagen sollen
-behindert gewesen sein (_Bourdeau_, p. 433).]
-
-[Fußnote 531: In Mailand erschien fünf Tage lang nur das Bolletino
-dello sciopero, so daß der "Corriere della Sera" bei seinem
-Wiedererscheinen "den unter nichtigen Vorwänden erlassenen
-Ausstandsbefehl ein unwürdiges Attentat auf die Preßfreiheit" nannte
-(vgl. Allg. Ztg. 23./9.).]
-
-[Fußnote 532: In Rom, Genua usw. trat Fleisch- und Brotknappheit ein,
-die sich in raschem Hinaufschnellen der Preise zeigte; in Sampierdarena
-stieg das Kilogramm Brot auf 0,80, in Genua sogar auf 1,60 Lire, so daß
-Schiffszwieback als Surrogat gegessen wurde. Übrigens durften
-z.B. in Ravenna, laut Dekret der dortigen Arbeitskammer, die
-Lebensmittelverkäufer bis 10 Uhr vormittag ihre Läden offen halten,
-sofern kein Ladenpersonal Verwendung fand; die Arbeitskammer von
-Sampierdarena empfahl den Milchhändlern die Weiterlieferung
-an Kinder und Kranke; der Mailänder Streikbeschluß nahm die
-Genossenschaftsbäckereien für die Versorgung der Arbeiter von der allg.
-Arbeitsruhe aus (vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str." p. 19, 20; 24; Allg.
-Ztg. 17./9. 04; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883.).]
-
-[Fußnote 533: Die Beleuchtung fehlte in Genua drei Tage lang (_Olberg_,
-a. a. O.); in Mailand ging am 18. der Gasvorrat zu Ende, sodaß ein Teil
-der Stadt abends im Dunkel lag. Ähnlich stand es in Venedig (vgl. den
-Brief des Sindaco di Venezia an den Ministerpräsidenten, worin die
-Zustände während des Streiks geschildert werden, cit. bei _Marazio_, p.
-143).]
-
-[Fußnote 534: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278. In Mailand
-schlossen sich am 17. an eine Demonstration vor der Kathedrale Tumulte
-an; am 19., wo sich die Stadt "vollständig in den Händen des Mob"
-befunden haben soll, schritt die Polizei ein (Allg. Ztg. 21./9.); in
-Sestri Ponente war es schon am 15./9., vor Ausbruch des Streiks,
-anläßlich einer Protestversammlung wegen der Ereignisse in Buggerru, zu
-blutigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Polizei gekommen; in
-der Nacht vom 16.-17./9. ereigneten sich ähnliche Zwischenfälle in
-Genua, die sich in der folgenden und, etwas schwächer, auch noch in der
-übernächsten Nacht wiederholten.]
-
-[Fußnote 535: Zertrümmern von Fensterscheiben, Löschen und Umstürzen
-der Straßenlaternen, Versuche, den Eisenbahn- und Telephonbetrieb zu
-stören, Erzwingung der Schließung von Läden, sogar von Apotheken,
-Zusammenstöße mit den Geschäftsleuten, Belästigung Arbeitswilliger,
-Hinderung des Tramverkehrs.]
-
-[Fußnote 536: Besonders dort, wo der Streik erst nachträglich
-proklamiert wurde, sollen ihn Anarchisten und Verbrecher zur Förderung
-ihrer Sonderinteressen benutzt haben; es begingen in Neapel am 19./9.
-"der Pöbel und Strafentlassene Personen" Ausschreitungen und richteten
-einige unerhebliche Schäden an", worauf die Polizei eingriff (Allg. Ztg.
-21./9. 04; vgl. auch _Marazio_, p. 162).]
-
-[Fußnote 537: Freilich soll nach dem Journal des Débats vom 12. Oktober
-04 (cit. bei _Bourdeau_, p. 433) in Venedig die für Kinder und Kranke
-bestimmte Milch in den Kanal gegossen worden sein; dies dürfte aber ein
-Ausnahmefall sein; im allgemeinen wurde friedlich demonstriert, bei
-guter Disziplin, was nicht nur von sozialistischer Seite bezeugt wird
-(vgl. _Olberg_, "Der ital. G-str."; _Turati_, "Lehren u. Folgen des
-G-streiks in Italien"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22
-ff.), sondern mir, bezgl. Florenz, auch von einem uninteressierten
-Augenzeugen bestätigt wurde; ähnl. auch Allg. Ztg. 21./9. 04.]
-
-[Fußnote 538: Dies zeigte sich z.B. in der vorsichtigen Haltung des
-Mailänder Präfekten. Polizei und Militär handhabten die Waffen "mit
-großer Mäßigung", wie von sozialistischer Seite ausdrücklich anerkannt
-wurde (_Olberg_, p. 24; _Bernstein_, a. a. O.; vgl. ferner Allg. Ztg.
-20./9. 04).]
-
-[Fußnote 539: In Volksversammlungen wurde zur Ruhe gemahnt (z.B. am
-16. in Mailand durch _Rigola_, _Taroni_, _Turati_), ebenso in den
-Aufrufen (z.B. forderte die Arbeitskammer von Genua auf, "mit den
-Urhebern von Gewalttaten nicht gemeinsame Sache zu machen"); auch
-organisierte die Mailänder Arbeitskammer am 17. einen Sicherheitsdienst
-durch Veloziped-Patrouillen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während
-der Nacht (vgl. Allg. Ztg. 20./9. 1904).]
-
-[Fußnote 540: Vgl. _Turati_, cit. bei _Bourdeau_, p. 434; Musée
-sociale, "Chronique", IX. année, Nr. 11, p. 485.]
-
-[Fußnote 541: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom"; _Turati_, "Lehren
-und Folgen des G-streiks in Italien".]
-
-[Fußnote 542: _Bourdeau_, p. 433; Musée sociale, a. a. O. p. 484, 485;
-_Bissolati_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 543: Sobald die Verhältnisse übrigens die Beendigung des
-Streiks erforderten, wurde "die absolute Herrin der Nation" mit der
-Bemerkung heimgeschickt, es habe sich nur um einen ersten proletarischen
-Mobilisierungsversuch gehandelt (vgl. _Turati_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 544: "Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9.
-04).]
-
-Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik
-getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben
-diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber
-es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare
-Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der
-Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums,
-oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all
-dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein
-Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge
-fehlte".[545] Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über
-die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz
-leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die
-Bürgermeister von Mailand (_Barinetti_) und Turin (_Frola_) an den
-Ministerpräsidenten _Giolitti_ und erhielten von ihm die Zusicherung,
-daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei
-friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur
-Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure
-sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546] Es gehört wirklich eine
-ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um
-von dieser "nichtssagenden Erklärung",[547] diesem "ausgepusteten
-Ei",[548] diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch
-eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form
-kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens
-der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549] Als _Barinetti_
-das Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich
-die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die
-Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und
-forderte _Giolittis_ Demission.[550] Nachdem aber 25 Deputierte der
-äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand
-beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach
-Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die
-Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen
-Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer
-zufrieden,[551] so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch
-möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552]
-
-[Fußnote 545: _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958.]
-
-[Fußnote 546: Allg. Ztg. 20. und 26./9. 04; Musée soc., a. a. O. p.
-483, 484; _Bourdeau_, p. 434.]
-
-[Fußnote 547: _Bömelburg_, (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 220).]
-
-[Fußnote 548: _Leimpeters_, "Zum G-str.", p. 883.]
-
-[Fußnote 549: _Marazio_, p. 158.]
-
-[Fußnote 550: Allg. Ztg. 20./9. 04.]
-
-[Fußnote 551: Da sie sich wohl der Nutzlosigkeit eines
-Fortsetzungsversuches bewußt war, so empfahl sie die Wiederaufnahme der
-Arbeit für den 19., welcher Beschluß am 18. den übrigen Arbeitskammern
-Italiens mitgeteilt wurde. Nur in Mailand selbst verschob ein
-Volksversammlungsbeschluß die Wiederaufnahme der Arbeit noch bis auf den
-21., und auch in Neapel dauerte der Streik (der Lokomotivführer und
-Heizer) noch einige Zeit.]
-
-[Fußnote 552: _Bissolati_, a. a. O.]
-
-Der Streik endete im allgemeinen so rasch, wie er begonnen hatte. Die
-Arbeit wurde ohne belangreiche Schwierigkeiten wieder aufgenommen.[553]
-Trotzdem legte der Streik dem Proletariat "Riesenopfer", "ungeheure
-materielle Opfer" auf.[554] Der sogenannte Erfolg des Proletariats war
-also reichlich teuer erkauft.
-
-[Fußnote 553: _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 71; _Olberg_, p.
-19, 24; _Bourdeau_, p. 433.]
-
-[Fußnote 554: _Leimpeters_, p. 883; _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p.
-278. 6 Personen wurden infolge des Streiks durch die bewaffnete Macht
-getötet (4 in Genua, je 1 in Turin und Neapel); dazu zahlreiche
-Verwundungen, Verhaftungen, einige Hunderte von Verurteilungen.]
-
-Und auch die Nachwirkungen des Ausstands ergeben keine günstigere
-Bilanz. Die nur schwach besuchte Versammlung der äußersten Linken war
-wenig erfolgreich,[555] da der Streik die linksliberalen Parteien
-verstimmt, weite Kreise aber geradezu empört hatte.[556] Auf deren
-Drängen löste die Regierung die Kammer auf und setzte die Neuwahlen
-schon für den 6. November an.[557] Diese, noch unter dem frischen
-Eindruck des Streiks vorgenommen, hatten natürlich eine Stärkung der
-Rechten zur Folge.[558] Kammer und Senat mißbilligten auf's
-Entschiedenste die Zurückhaltung der Regierung während des Streiks.[559]
-_Giolitti_, der bereits im Wahlaufruf der Regierung den Generalstreik
-einen "abuso di libertà" genannt hatte, versprach, die Angestellten der
-Eisenbahnen und der unentbehrlichsten "pubblici servizi" im Streikrecht
-zu beschränken.[560] Dementsprechend verfuhr er in seinem Entwurf für
-den Eisenbahnrückkauf. Die Eisenbahner wehrten sich durch die originelle
-Erfindung der "_Dienstobstruktion_", die am 26. Februar 1905 begann und
-erst am 5. März, nach _Giolittis_ Rücktritt, beendet wurde.[561] Aber
-die Verstaatlichungsvorlage seines Nachfolgers (_Fortis_) entzog den
-Eisenbahnern durch Verleihung der Beamtenqualität[562] ebenfalls das
-Streikrecht. Die Vorlage wurde von der Kammer angenommen, obgleich die
-Eisenbahner ihren Protest durch einen allgemeinen Ausstand zum Ausdruck
-brachten.[563] Dieser Entwicklung der Dinge entsprach es auch, daß trotz
-_Giolittis_ Zusage wieder Militär bei Streiks zur Verwendung kam.[564]
-Den Folgen auf parlamentarischem Gebiet entsprachen die auf kommunalem.
-Alle Städte, in denen die Sozialisten auch nur 24 Stunden regiert
-hatten, sollen sich von ihnen abgewandt haben; besonders verloren sie
-auch ihre Herrschaft im Mailänder Gemeinderat,[565] und viele
-Kommunalverwaltungen entzogen alsbald den Arbeitskammern die bisher
-gewährte Unterstützung.[566]
-
-[Fußnote 555: Allg. Ztg. 26./9. 04.]
-
-[Fußnote 556: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom", und "Das Ergebnis
-der ital. Wahlen", p. 958; _Marazio_, p. 168, sagt: "lo sciopero
-generale colmò la misura, e destò un così vivo e profondo sdegno nella
-pubblica opinione, da indurla a mandare un grido d'orrore contro il
-governo, che aveva lasciato passare la furia devastatrice senza farle
-argine".]
-
-[Fußnote 557: Vgl. _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p.
-380; _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; _Turati_, a.
-a. O.]
-
-[Fußnote 558: _Turati_, a. a. O.; _Bissolati_, a. a. O.; _Bömelburg_,
-a. a. O. Es hatte sich infolge des G-streiks das in der Bildung
-begriffene Kartell der Volksparteien gelöst; Radikale und Sozialisten
-schritten also getrennt zur Wahl; übrigens behaupteten die Sozialisten
-die Zahl ihrer Mandate (soweit dieselben selbständig erworbene waren,
-vgl. _Marazio_, p. 162), verdoppelten auch die Zahl ihrer Stimmen von
-164 946 (1900) auf 316 000 (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 88); von einem
-Vergleich mit den Ergebnissen der dazwischenliegenden Erneuerungswahlen,
-deren Zahlen auf Grund von Wahlkompromissen unverhältnismäßig
-angewachsen sein sollen, sei abzusehen (vgl. _Olberg_, "Die ital.
-Wahlen").]
-
-[Fußnote 559: _Marazio_, p. 160, 173, 174.]
-
-[Fußnote 560: vgl. _Marazio_, p. 170; _Turati_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 561: Rdsch. Soz. Mh. April 05, p. 345; _Lerda_, "Ostruzionismo
-ferroviario e politica proletaria", p. 376.]
-
-[Fußnote 562: _Marazio_, p. 177 ff.; _Olberg_, "Nachträgliches zum
-Eisenbahnerstreik", p. 380.]
-
-[Fußnote 563: Der Ausstand begann am 17. April und brach nach Annahme
-des Entwurfs in der Kammer sofort zusammen; offiziell wurde er übrigens
-erst am 21. April für beendet erklärt, nachdem die Versuche, die andern
-Gewerkschaften, besonders Tram- und Gasarbeiter zum Eintritt in einen
-allgem. Streik zu bewegen, völlig gescheitert waren (vgl. Rdsch. Soz.
-Mh. 05, p. 557-558; Soz. Praxis 1905; _Marazio_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 564: 1905 z.B. soll abermals eine solche "Metzelei" (vgl.
-_Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 306) stattgefunden haben. Auch bei
-dem eintägigen G-str., der am 10. Mai 06 aus Sympathie für streikende
-Turiner Baumwollarbeiter in einer größeren Zahl der bedeutendsten Städte
-Italiens ausbrach, kam es zu Zusammenstößen mit dem Militär (Soz. Prx.
-17./5. 1906, Sp. 863). Auch der kurze Generalstreik vom Oktober 1907
-(hauptsächlich in Mailand und Bologna) führte zu Zusammenstößen.]
-
-[Fußnote 565: _Bourdeau_, p. 434.]
-
-[Fußnote 566: _Turati_, a. a. O.]
-
-In materieller Hinsicht stellt der italienische Generalstreik also
-zweifelsohne eine "total verkrachte Aktion"[567] dar. Steht diesem
-Nachteil aber wirklich wenigstens ein "rein ideeller Vorteil"[568]
-gegenüber? Ein positiver Gewinn, wenn auch nur an Imponderabilien, wird
-in der Tatsache gefunden, daß der Generalstreik dazu beigetragen haben
-soll, "die Methode der Reformisten klar zu legen und dadurch zu
-stärken".[569] Zwar gelang es ihm nicht, das Proletariat vor einem
-weitern Fehlgriff, dem Eisenbahnerstreik 1905, zu bewahren. Immerhin
-schädigte er, als abschreckendes Beispiel, das Renommee der
-Syndikalisten und trug vielleicht auch einiges zum "Sieg" der
-Reformisten auf dem Parteitag in Rom bei. Man hat ferner auch darin
-einen Gewinn finden wollen, daß der Generalstreik, als schärfste
-Veranschaulichung des Klassenkampfs, die Partei von allen
-Gefühlssozialisten und kleinbürgerlichen Mitläufern gereinigt habe, so
-daß sie nun nur noch aus erprobten und zuverlässigen Klassenkämpfern
-bestehe; oder daß der Generalstreik das Solidaritätsgefühl, indem er es
-"vor eine Feuerprobe stellte", "unermeßlich" gesteigert habe;[570] der
-Generalstreik sei die "feierliche Mündigkeitserklärung" des
-italienischen Proletariats[571] und er bedeute, weil er sich wiederholen
-könne und wiederholen müsse,[572] eine nützliche "Drohung für die
-herrschenden Klassen".[573] Doch können solche Konstruktionen über den
-tatsächlichen Mißerfolg nicht hinwegtäuschen. Wenn man auch dem
-italienischen Generalstreik, dieser "grandiosa dimostrazione della forza
-proletaria",[574] die ihre Wurzel im moralischen Empfinden, im
-Solidaritätsgefühl von Hunderttausenden hatte, eine gewisse Bewunderung
-nicht versagen kann, so muß man sie doch, vom objektiven Standpunkt aus
-als eine vergebliche und schädliche Unternehmung aufs Tiefste bedauern.
--- Der Generalstreik-Agitation im Herbst 1907 gegenüber hat das
-italienische Proletariat übrigens viel Zurückhaltung gezeigt. Es darf
-hieraus wohl geschlossen werden, daß die harte Lehre des Jahres 1904
-nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.[575]
-
-[Fußnote 567: _Leimpeters_, a. a. O.; ähnl. Allg. Ztg. 20./9. 04.]
-
-[Fußnote 568: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]
-
-[Fußnote 569: _Turati_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 570: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]
-
-[Fußnote 571: "Vorwärts", cit. bei v. _Reiswitz_, p. 78.]
-
-[Fußnote 572: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]
-
-[Fußnote 573: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]
-
-[Fußnote 574: Aus der Erklärung einer Versammlung von 1500
-Unteroffizieren im Okt. 1905 über den G-str. von 1904 (cit. bei
-_Marazio_, p. 97).]
-
-[Fußnote 575: Große Zurückhaltung gegenüber den Generalstreik-Tendenzen
-bewies z.B. auch der Kongreß der lavoratori della terra vom März 1908
-("mentre non esclude la possibilità dello sciopero generale in
-determinate circostanze, lo esclude però nel caso presente"; vgl. "Il
-lavoro", Genua, 10. März 1908).]
-
-§ 17. Spanien.
-
-So oft in Spanien ein Streik ausbricht, suchen sich die Anarchisten
-seiner zu bemächtigen[576] und ihn zum Generalstreik zu erweitern, wobei
-es wegen ihrer "violence sauvage"[577] in der Regel zu blutigen Tumulten
-kommt. Die spanischen Sozialisten halten sich daher auch von allen
-derartigen Unternehmungen möglichst fern.[578]
-
-[Fußnote 576: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte
-und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"
-stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]
-
-[Fußnote 577: P. _Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 296.]
-
-[Fußnote 578: Vgl. _Iglesias_ (Enquête). Die spanische Literatur war
-mir leider unzugänglich. Die Sozialdemokratie Spaniens beteiligte sich
-nur ausnahmsweise beim G-str. der Minenarbeiter in Bilbao, 1903
-(_Roland-Holst_, a. a. O. p. 18); von anarchistischer Seite wird
-behauptet, daß derselbe "nach 4tägiger Dauer mit dem vollständigen Sieg
-der Arbeiter endigte" (vgl. "Antimilitarismus und G-str.", Beilage zu
-Nr. 11 der "_Wahrheit_"), was aber doch wohl zweifelhaft erscheint.]
-
-Der bedeutendste der spanischen Generalstreiks dürfte wohl der
-_Generalstreik in Barcelona vom Februar 1902_ gewesen sein. Etwa 100 000
-Metallarbeiter streikten für den Neunstundentag.[579] Als der Streik
-nach mehrwöchentlicher Dauer zu scheitern drohte, riefen die
-Gewerkschaftsführer, trotz Abratens seitens der Sozialdemokratie,[580]
-das gesamte Proletariat von Barcelona zum Ausstand auf. Diesem Rufe
-wurde in weitestem Maße Folge geleistet. Unter Führung der Autonomisten
-und Anarchisten[581] griffen die Streikenden die Gas- und Wasserwerke
-an, "raubten die Bäckereien, Keller, Getreidehandlungen,
-Lebensmittelläden aus, verhinderten die Verproviantierung mit Brot und
-Fleisch. Sie waren während eines Tages die Herren der ganzen Stadt und
-begingen alle möglichen Ausschreitungen und Gewaltsamkeiten." Natürlich
-schritt die bewaffnete Macht ein, und die Folge des Ausstands war eine
-Gefährdung des Koalitionsrechts.[582]
-
-[Fußnote 579: Rdsch. Soz. Mh. April 02, p. 315.]
-
-[Fußnote 580: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte
-und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"
-stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]
-
-[Fußnote 581: _Bebel_, a. a. O. p. 305; _Bourdeau_, p. 431.]
-
-[Fußnote 582: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte
-und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern"
-stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]
-
-Einen eigentümlichen und von der üblichen spanischen Manier ganz
-abweichenden, eintägigen Klassenstreik soll die sozialdemokratische
-Partei zusammen mit dem "Allgemeinen Arbeiterbund" am 20. Juli 1905 (?)
-veranstaltet haben, um den bis dahin erfolglosen Forderungen nach
-Herabsetzung der hohen Lebensmittelpreise Nachdruck zu verleihen. Es
-heißt, daß 100 000 Arbeiter die Arbeit verlassen hätten, um zu
-protestieren, und daß Tausende von Arbeitslosen sich den öffentlichen
-Kundgebungen anschlossen.[583]
-
-[Fußnote 583: Juan A. _Melia_, "Der Sozialismus in Spanien".]
-
-§ 18. Holland.
-
-Auch in Holland hängt die Generalstreik-Propaganda mit der
-bezeichnenderweise großenteils anarchistischen Gewerkschaftsbewegung
-zusammen. Domela _Nieuwenhuis_ übte mit seinen abenteuerlichen
-Generalstreikplänen eine ziemlich große Anziehungskraft auf das
-holländische Proletariat aus[584] Gerade der Generalstreikidee dankte
-die holländische anarchistische Bewegung, die "seit 1896 und 1897 fast
-vollständig daniederlag", Neuerweckung und neue Lebenskraft.[585] Erst
-das Fiasko des _Generalstreiks im April 1903_ gab "dem Glauben an die
-Wirksamkeit dieses Kampfmittels einen starken Stoß."[586]
-
-[Fußnote 584: Das ungenügende Wahlrecht sei Schuld an dem geringen
-politischen Verständnis und also auch an der anarchistischen Disposition
-des holländischen Proletariats (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die
-Niederlage der Arbeiter in Holland", und "Zur Lage in Holland").]
-
-[Fußnote 585: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
-Kampfmittel", p. 194.]
-
-[Fußnote 586: Dr. Gust. _Mayer_, "Der internationale
-Sozialistenkongreß", p. 446. Die Anarchisten hätten gesucht, aus dem
-glücklichen Eisenbahnerstreik im Jan. 1903 "für sich Kapital zu
-schlagen" (vgl. _Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland",
-p. 656); sie trügen auch die Hauptschuld an dem verhängnisvollen
-Aprilstreik.]
-
-Die holländischen Eisenbahner hatten im Januar 1903 zur Unterstützung
-streikender Amsterdamer Hafenarbeiter einen umfangreichen und
-bedeutenden Ausstand durchgeführt.[587] Der Hafenarbeiterstreik war
-ausgebrochen, weil die Docker den Ausschluß der Nichtorganisierten, der
-ihnen von den Unternehmern zuvor versprochen worden war, vergeblich
-verlangt hatten. Aus Solidarität mit den Hafenarbeitern boykottierten
-nun die Eisenbahner die von Arbeitswilligen beladenen Wagen, worauf
-einige Eisenbahner entlassen wurden. Da traten die Eisenbahner
-am _29. Januar_ in einen _Sympathiestreik_, stellten aber zugleich
-auch eigene ökonomische Forderungen, und zwar vereinigten sich die
-antiparlamentarische "Föderation" und die sozialdemokratische
-Gewerkschaft, die sich bis anhin bekämpft hatten, zu gemeinsamem
-Vorgehen. Viele Unorganisierte schlossen sich der Bewegung an. In und um
-Amsterdam, also auch auf den internationalen Linien, ruhte der Verkehr
-vollständig. Die Eisenbahner des ganzen Landes hielten sich überdies zum
-Anschluß an den Streik bereit. Diese plötzliche und beängstigende
-Verkehrserschütterung bewog die Eisenbahngesellschaften alsbald zu
-Konzessionen.[588] Der Sieg der Eisenbahner und der sich anschließende
-Erfolg des Hafenarbeiterstreiks bewirkte ein lebhaftes Wachstum der
-Organisationen. Unter Einfluß der anarchistischen Agitation entwickelte
-sich bei den Arbeitern aber auch zugleich eine starke Überschätzung
-ihrer tatsächlichen Macht, was ihnen in den folgenden Kämpfen noch
-verderblich werden sollte. Die Empörung der übrigen Gesellschaftskreise
-über die Wirkungen des Januarstreiks und die Besorgnis vor der
-Wiederholung einer solchen gefährlichen Verkehrsstockung
-kristallisierten sich nämlich alsbald in einer Ausstandsvorlage, die
-nicht nur die Schaffung einer Eisenbahnbrigade vorsah, sondern auch den
-Streik der Angestellten der öffentlichen Verkehrsanstalten, speziell den
-Streik der Eisenbahner, zur strafbaren Handlung stempelte.[589] Noch
-kurz vor Erscheinen der Vorlage, am 20. Februar 1903, bildete sich ein
-proletarisches Schutzkomitee,[590] das eine energische Agitation über
-das ganze Land hin entfaltete.[591] Doch weder die zahlreichen
-Demonstrationen, noch die sozialdemokratische Interpellation in der
-Kammer erreichten mehr, als eine gewisse Milderung der Vorlage,[592]
-deren Sieg so gut wie gewiß war. Verständnislos für die Bedeutung des
-parlamentarischen Kampfes, im Vertrauen auf die "revolutionäre Energie
-der Massen" und die im Januarstreik erfahrene Nachgiebigkeit der Gegner,
-beschloß nun die Versammlung der Verbands- und Vereinsvorstände, trotz
-der sozialdemokratischen Warnungen, für den 5. April den allgemeinen
-Ausstand sämtlicher bei der Beförderung von Waren und Personen
-beschäftigter Arbeiter. Man wollte hierdurch die Eisenbahngesellschaften
-zu wirtschaftlichen Konzessionen, vor allem aber die Regierung zur
-Zurücknahme der Streikvorlage nötigen. Der Ausstand begann auch
-sogleich, aber von einer Allgemeinheit der Arbeitsniederlegung war gar
-keine Rede.[593] Noch weniger kam es zu einer allgemeinen
-Verkehrsstockung, da zahlreiche Ausständige, aus Furcht vor der in
-Aussicht gestellten sofortigen Entlassung, schon am 7. April zur Arbeit
-zurückkehrten. Den Eisenbahngesellschaften standen überdies in den
-"Ordnungsbünden", den christlichen Gewerkschaften und im Militär
-genügend Arbeitswillige zur Verfügung.[594] Der Eisenbahnbetrieb wurde
-immer regelmäßiger,[595] der Streik immer schwächer. Daher konnte die
-Arbeitervertretung, als sie am 9. April mit den Eisenbahngesellschaften
-über die Beendigung des Streiks zu unterhandeln suchte, auch absolut
-keine Bedingungen stellen. Ebensowenig waren die übrigen
-Transportarbeiterstreiks[596] und etliche andere Hilfs-Streiks[597] dazu
-angetan, das öffentliche Leben und die Abgeordneten zu erschüttern.
-Schon begannen die Spezialdebatten über die gefürchtete Vorlage; die
-Zeit drängte. In dieser Not proklamierte das Schutzkomitee zur
-Unterstützung des bereits verlöschenden Eisenbahnerausstands den
-_Generalstreik_ für alle Betriebe des ganzen Landes. Aber nur zirka 60
-000 Mann folgten dem Gebot.[598] Die Hälfte hiervon stellte Amsterdam,
-wo sich die Wirkungen des Ausstands daher auch am meisten fühlbar
-machten.[599] In den übrigen Orten, wo es nur zu vereinzelten Streiks
-kam,[600] ergab sich überhaupt keine wesentliche Beeinträchtigung des
-sozialen Daseins. Ob der Generalstreik bei längerer Dauer noch an
-Ausdehnung gewonnen hätte,[601] ist äußerst fraglich. Zwar protestierte
-eine Amsterdamer Massenversammlung mit vielem Lärm gegen den
-Beendigungsbeschluß, den das Schutzkomitee am 10. April mit Rücksicht
-auf die Annahme der Vorlage (in der zweiten Kammer, mit 81 gegen 14
-Stimmen) und auf das sofortige Inkrafttreten des neuen Gesetzes faßte.
-Doch schon am folgenden Tag meldeten sich die noch Ausständigen wieder
-zur Arbeit. Die Bewegung war gescheitert.
-
-[Fußnote 587: Vgl. über die holländische G-streikbewegung: _Gorter_ a.
-a. O.; _Roland-Holst_, a. a. O., und "G-str. und Sozd.", p. 121 ff.;
-_van der Goes_, "Die beiden Tendenzen in Holland und der Parteitag zu
-Utrecht"; _Vliegen_, a. a. O.; Allg. Ztg. 1903.]
-
-[Fußnote 588: Insbesondere versprachen sie Anerkennung der
-Arbeiterorganisationen; vorläufige Suspendierung der Arbeit in dem
-boykottierten Hafen, bei weiterer Entlohnung der dort angestellten
-Arbeiter und Unterhandlungen mit der Regierung zwecks Streichung der
-bedingungslosen Güterbeförderungspflicht aus dem Eisenbahnreglement.]
-
-[Fußnote 589: Diese Vorlage habe das Streikrecht von 20 000 Arbeitern
-bedroht (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter
-in Holland").]
-
-[Fußnote 590: Das Komitee enthielt je 2 Vertreter der Hafenarbeiter und
-der Eisenbahner, je 1 Vertreter des "nationalen Arbeitssekretariats",
-der "freien Sozialisten" und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei,
-vorwiegend Anarchisten und Antipolitiker.]
-
-[Fußnote 591: Diese erreichte am 3. März ihren Höhepunkt: im ganzen
-Lande fanden gleichzeitige Protestversammlungen gegen die
-Ausstandsvorlage mit ca. 50 000 Teilnehmern statt.]
-
-[Fußnote 592: Das Strafmaß wurde herabgesetzt, so daß der
-Eisenbahnerstreik nur noch als politisches Delikt galt; zugleich wurde
-die Schaffung eines Schiedsgerichts vorgesehen. Die abgeänderte Vorlage
-ging schon Ende März der Kammer zu; dort bekämpfte sie _Troelstra_
-(S.D.) als einen Angriff auf die Arbeiterorganisationen; alle übrigen
-Parteien hielten zur Regierung.]
-
-[Fußnote 593: Trotz der schon im Februar von den Eisenbahn- und
-Transportarbeitern erklärten, von der Sektion Haag des Allg. Verbandes
-der Eisenbahn- und Straßenbahnangestellten wiederholten
-Streikbereitschaft, trotz des fast einmütigen Streikbeschlusses der
-Amsterdamer Eisenbahnerversammlung vom 2. April war die Beteiligung
-schwach. Die Versammlung der Ausständigen am Abend des 6. April war
-schlecht besucht.]
-
-[Fußnote 594: Die Eisenbahngesellschaften waren durch die Drohungen der
-Arbeiter seit Wochen gewarnt und hatten sich vorbereitet. Der Postdienst
-wurde durch Automobile besorgt, der Postverkehr mit dem Ausland durch
-militärisch bedeckte Züge; in beschränktem Maß wurde auch der
-Personenverkehr aufrecht erhalten; die Verkehrsreduktion überstieg
-überhaupt nicht 25%.]
-
-[Fußnote 595: Am 8. April fehlten nur noch Rangierer und
-Weichensteller; für den 9. zeigten die holländ. Eisenbahngesellschaften
-den ausländischen Bahnen auch die Wiederaufnahme des
-Güterdurchgangsverkehrs an.]
-
-[Fußnote 596: Nur einen Tag lang streikte das Personal der
-Schiffahrtsgesellschaft London-Hull, ohne sonderliche Beeinträchtigung
-des Verkehrs. Der am 6. April von 3000 Dockarbeitern in Rotterdam
-beschlossene Hafenarbeiterstreik veranlaßte am 8. April die vereinigten
-Arbeitgeber des Schiffahrts- und Transportgewerbes zur Verhängung der
-Sperre, die 2000 Arbeitswillige mitbetroffen haben soll. Am 8. erfolgte
-auch die Aussperrung in der Großfabrik für Maschinen- und
-Eisenbahnmaterial.]
-
-[Fußnote 597: Ein Steinschneider-, sowie ein unzulänglicher
-Bäckerstreik.]
-
-[Fußnote 598: Die Metallarbeiter waren schon am 7. April in einen allg.
-Ausstand getreten, teilweise streikten auch bereits die Bauarbeiter,
-Auslader und städtischen Arbeiter in Amsterdam; ebendaselbst schlossen
-sich dem G-streik 8000 Diamantarbeiter, die Mehrzahl der Bauarbeiter,
-ein Teil der Kommunalarbeiter (Beleuchtung, Reinigung), ein Teil der
-Metzger und Bäcker (letztere zum Schaden der Arbeiterschaft
-hauptsächlich in den Arbeiter- und Konsumbäckereien, vgl. _Roland-Holst_
-a. a. O.), und die Typographen an.]
-
-[Fußnote 599: Die Läden in den reichen Vierteln wurden geschlossen, die
-Wohlhabenden verproviantierten sich in den Arbeitervierteln, wobei die
-Lebensmittelpreise rasch stiegen (vgl. _Bourdeau_, p. 432; _Vliegen_, a.
-a. O. p. 197). Der Gaskonsum mußte eingeschränkt werden (vgl. Allg.
-Ztg.); nur ein Teil der Straßenlaternen wurde, unter militärischer
-Bedeckung übrigens, angezündet. Das Elektrizitätswerk wurde mit Hilfe
-des Bureaupersonals in Betrieb erhalten. Der Betrieb auf den Quais, der
-Güterverkehr, stockte vollständig.]
-
-[Fußnote 600: Es streikten Bauarbeiter, Metallarbeiter, Typographen. Im
-katholischen Süden wurde aber überhaupt nicht gestreikt.]
-
-[Fußnote 601: Dies nimmt _Roland-Holst_ an.]
-
-Es folgten nun noch stürmische Auftritte in der Versammlung der
-Arbeitervorstände. Die Anarchisten suchten nämlich den Mißerfolg auf
-sozialdemokratischen "Verrat" zurückzuführen, statt die Ursachen dafür
-in der mangelhaften Vorbereitung, Organisation und Führung,[602] in der
-Überschätzung der proletarischen und Unterschätzung der staatlichen
-Macht, kurz, in der Unrichtigkeit des Streikbeschlusses überhaupt zu
-erkennen.
-
-[Fußnote 602: Vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf
-und die Niederlage der Arbeiter in Holland" und "G-str. und Sozd.", p.
-121.]
-
-Die _Opfer des Streiks_ waren außerordentlich groß. Es kam zwar nur zu
-wenigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, da die Ausständigen im
-großen und ganzen gute Disziplin hielten.[603] Hingegen litten die
-Arbeiter auf's Empfindlichste unter den wirtschaftlichen Folgen des
-Streiks.[604] Die Unterstützung seitens der Organisationen[605] konnte
-die Gemaßregelten und deren Familien nicht vor Not und Elend
-bewahren.[606] Auch die Gewerkschaften erlitten einen schweren Stoß[607]
-und sollen sich erst neuerdings von der "ökonomischen Katastrophe"
-erholt haben.[608]
-
-[Fußnote 603: Es kamen allerdings auch Versuche vor, den
-Eisenbahnbetrieb durch Unbrauchbarmachung der Maschinenwasserbehälter
-und Wegschaffung von Lokomotivteilen zu gefährden (vgl. Allg. Ztg. 7./4.
-03); andererseits verlangte z.B. eine Dockarbeiterversammlung in
-Rotterdam am 6./4. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, insbesondere
-Vermeidung von Tätlichkeiten gegenüber Arbeitswilligen, um der Regierung
-keinen Anlaß zu scharfen Maßregeln zu geben (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.).]
-
-[Fußnote 604: In den ersten Wochen waren fast 5000 Arbeiter
-ausgesperrt; zwar wurde die Sperre im Transportgewerbe am 20./4. wieder
-aufgehoben; aber von den Eisenbahnern, die am meisten litten, waren bis
-zum 21./4. bereits 1600 Mann entlassen. "Hunger, Verzweiflung, selbst
-der Selbstmord hat unter den 5000 Opfern dieses Kampfes gewütet"
-(_Troelstra_, Prot. intern. Kongr. Amsterdam 04, p. 8).]
-
-[Fußnote 605: Die niederländische Partei gab 22016,32 Gulden; die
-deutsche sozialdemokratische Partei schickte, auf den Appell der
-niederländischen Partei, vom 21./4., an die internationale Solidarität,
-9000 M (vgl. Bericht des Parteivorstands an den 10. Parteitag der
-sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, Ostern 04, in Dordrecht).]
-
-[Fußnote 606: Vgl. _van der Goes_, a. a. O. p. 257.]
-
-[Fußnote 607: Eine Ausnahme bilden die gut organisierten
-Diamantarbeiter und die Rotterdamer Hafenarbeiter. Vor allem wurde "die
-große, prächtige, mächtige Eisenbahnerorganisation... zerstört" (vgl.
-_Troelstra_ a. a. O.; Prot. Gewerkschaftskongr. Köln 05, p. 225;
-_Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland").]
-
-[Fußnote 608: Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den
-G-str. in Holland (cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr.
-33, p. 3.); _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.".]
-
-Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung
-aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher
-die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als
-proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft
-beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine
-aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die
-Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen
-Sozialisten, so vor allem _Vliegen_, in der strikten Ablehnung jedes
-Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich
-bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem
-unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen
-Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in
-Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam
-vor.[612]
-
-[Fußnote 609: Wenigstens war dies die Auffassung der Partei selbst auf
-dem Parteitag zu Dordrecht 1904; vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in
-Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"; Prot.
-Gwftskongr. Köln 05, p. 225.]
-
-[Fußnote 610: Vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der
-Arbeiter in Holland". Einige Parteimitglieder, wie z.B. _Roland-Holst_,
-sollen das von ihnen prinzipiell mißbilligte Unternehmen doch mit großen
-persönlichen Opfern unterstützt haben.]
-
-[Fußnote 611: Vgl. die Mitteilungen der Delegierten der holländischen
-Partei auf dem Parteitag in Jena 1905 (Prot. p. 342).]
-
-[Fußnote 612: Vgl. _Roland-Holst_, "Der politische Streik auf dem 10.
-Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie". Im Auftrag des
-Internat. sozialist. Bureau (um "dem internationalen Kongreß einen
-Bericht und den Entwurf einer Resolution über diese Frage vorzulegen",
-vgl. _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der niederländischen
-Sozialdemokratie") arbeitete die Redaktion der Zeitschrift "_Die nieuwe
-tijd_" einen Entwurf aus, auf Grund dessen der Parteitag in Dordrecht
-eine Resolution annahm, die das fast wörtliche Vorbild derjenigen des
-intern. Kongresses in Amsterdam darstellt.]
-
-§ 19. Russland.
-
-Die Darstellung und Beurteilung der russischen Klassenstreikbewegung
-begegnet so mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten,[613] daß wir
-uns hier mit einer Skizzierung der äußersten Umrisse begnügen müssen.
-
-[Fußnote 613: Die besonderen Schwierigkeiten beruhen auf der
-Verknüpfung der Streikbewegung mit der Revolution, der Unzugänglichkeit
-der russischen Literatur und der Unmöglichkeit einer Kontrolle unseres
-spärlichen Materials.]
-
-Trotz des Koalitionsverbots[614] kam seit der Mitte der 1890er Jahre der
-Streik, auch der Massenstreik, in Rußland immer häufiger zur
-Anwendung.[615] Als eine bedeutende Industriekrise im Süden die
-Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage gesteigert
-hatte,[616] entlud sich die allgemeine Erregung schließlich im Juli 1903
-in einer kolossalen Streikbewegung mit der bis dahin in Rußland
-unerreichten Ausstandsziffer von einer Viertelmillion.[617] Die Bewegung
-ergriff "epidemieartig" den ganzen _Süden_,[618] woselbst sie wegen der
-Beteiligung aller Gewerbe[619] eine mehrtägige völlige Stockung von
-Industrie, Handel und Verkehr, sowie empfindlichen Mangel an
-Lebensmitteln samt entsprechenden Preissteigerungen, auch das Versagen
-des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes zur Folge gehabt haben
-soll.[620] Während der Dauer das Ausstands waren die Arbeiter auf der
-Straße, forderten die Arbeitswilligen zum Anschluß auf, entleerten die
-Dampfkessel und hielten Demonstrationen ab.[621] Anfangs blieben sie
-unbehelligt. Dann, als der erste Elan vorüber war und die Bewegung nach
-und nach verlief, scheinen Militär und Polizei immer energischer
-eingegriffen zu haben, sodaß der Streik viele Opfer kostete.[622] Bei
-der Verschwommenheit der Ziele[623] konnte von einem direkten "Erfolg"
-keine Rede sein, wenn auch versucht worden ist, die Entwicklung des
-"Klassenbewußtseins" und die Entfaltung revolutionärer Energie als einen
-solchen zu konstruieren.[624]
-
-[Fußnote 614: Vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozd.", p. 35;
-ihre diesbezüglichen Angaben sind übrigens mit Vorsicht aufzunehmen.]
-
-[Fußnote 615: Vgl. "Die Sozialdemokratie in Rußland", Bericht der
-Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den
-intern. sozialist. Kongreß in Amsterdam 1904, p. 3. Da die Regierung von
-jeher gegen Streiks mit Gewalt vorgegangen sein soll (_Bourdeau_, p.
-436), hätten sich aus den rein ökonomischen Streiks häufig politische
-Streiks entwickelt, die bei zu geringer Ausdehnung den Arbeitern leicht
-gefährlich wurden, weshalb man sie zu vermeiden suchte (_Streltzow_,
-"Der politische Massenstreik in Rußland und seine Lehren"). 1902 fand in
-Rostow am Don ein großer Sympathiestreik mit pol. und ökonom.
-Forderungen statt (vgl. _Bourdeau_; _Roland-Holst_, "Der politische
-Massenstreik in der russischen Revolution").]
-
-[Fußnote 616: In Odessa soll die Agitation der _Subatow_'schen
-Arbeiterorganisationen den von ihren Lenkern durchaus nicht
-beabsichtigten Anstoß zum Streik gegeben haben (Ber. der Delegation).]
-
-[Fußnote 617: Vgl. Bericht der Delegation p. 24 ff.; _Bourdeau_;
-_Roland-Holst_, "Gstr. u. Sozd."]
-
-[Fußnote 618: Vgl. Bericht der Delegation, p. 3, 24, 25. Am 1. Juli
-begann der Streik in Baku (Petrolarbeiter), Odessa (Hafenarbeiter); er
-war in diesen Städten und in Tiflis am 4. schon vollständig; es folgten
-Batum, Nikolajew, Kiew (21. Juli), Jelisawetgrad (28. Juli) und, nach
-Beendigung des Streiks in diesen Städten, Jekaterinoslaw (7. August) und
-Kertsch. In den drei kaukasischen Städten sollen 10 000 (?) in Odessa 50
-000, in Kiew 30 000, in Nikolajew 10 000, in Jekaterinoslaw 20-30 000,
-in Jelisawetgrad 2000, in Feodosien, Kertsch, Konotop je mehrere Tausend
-Personen gestreikt haben.]
-
-[Fußnote 619: Es streikten Fabrik- und Werkstättenarbeiter,
-Verkehrsarbeiter (Tram-, Eisenbahn-, Hafenarbeiter),
-Lebensmittelarbeiter (Metzger, Bäcker, Müller; Hôtelpersonal),
-Schriftsetzer, Telegraphisten, Handelsgehilfen, Handwerker, selbst
-Stiefelputzer.]
-
-[Fußnote 620: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]
-
-[Fußnote 621: Sie demonstrierten mit revolutionären Liedern und roten
-Fahnen, wobei sich die sozd. Arbeiterpartei Rußlands lebhaft beteiligt
-zu haben scheint.]
-
-[Fußnote 622: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]
-
-[Fußnote 623: Ursprünglich handelte es sich um überall ziemlich
-gleichlautende, fest formulierte wirtschaftliche Forderungen (betr.
-Arbeitszeit und -lohn, Fabrikdisziplin, usw.) und polit. Forderungen
-(Volksvertretung und die verschiedenen Freiheitsrechte); diese lösten
-sich aber immer mehr in einen allgemeinen Protest gegen den gesamten
-wirtschaftlichen und politischen Druck auf (vgl. Bericht der Delegation;
-_Roland-Holst_ "G-str. u. Sozd.", p. 35, ist anderer Meinung).]
-
-[Fußnote 624: Bericht der Delegation, p. 28.]
-
-Ein ganz anderes Bild bietet die russische _Streikbewegung des Jahres
-1905_, deren erste Phase sich unmittelbar an den sog. blutigen Sonntag
-(22., resp. 9. Januar 1905) anschloß.[625] Sie umfaßte 1-1/2 Monate,
-während welcher Zeit Streiks mit vorwiegend politischen Zielen in 150
-Städten Rußlands ausgebrochen sein sollen.[626] Am intensivsten scheint
-sich die Bewegung in _Russisch-Polen_ entwickelt zu haben,[627] wo der
-proletarische Klassenstreik zudem noch einen "eigenartigen Widerhall" im
-_Gymnasialstreik_ fand.[628] -- Im Mai erfolgte eine neue Steigerung,
-die sich den Sommer hindurch fortsetzte.[629] Ihren Höhepunkt bildete
-der _politisch-revolutionäre Ausstand vom 7._ bis _17. Oktober 1905_,
-der einzige wirklich _allrussische_ Streik. Zu diesem gaben die
-Eisenbahner den Anstoß;[630] alsbald ruhte die Arbeit auf fast allen
-Eisenbahnlinien und in fast allen Städten des europäischen und
-asiatischen Rußlands.[631]
-
-[Fußnote 625: Schon vorher streikten 13 000 Arbeiter der
-Poutiloff-Werke (wegen Maßregelung von Kameraden, usw.); andere Arbeiter
-hatten sich angeschlossen; am 22. Jan. sollen es schon 200 000
-Ausständige gewesen sein (_Bourdeau_, p. 436).]
-
-[Fußnote 626: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 79 ff. Es traten "auch
-ganz bestimmte Klassenansprüche" der Arbeiter (betr. Arbeitsbedingungen,
-Behandlung, Anerkennung der Organisationen usw.) hervor (vgl. Dr. v.
-_Wiese_, "Die Arbeiterfrage in Rußland"); die "Diktatur des
-Proletariats", die _Bourdeau_ unter Hinweis auf einen Vorwärts-Artikel
-von _Luxemburg_ erwähnt, dürfte in der Regel wohl kaum unter den
-offiziellen Zielen der Arbeiter figuriert haben. Forderte doch der
-Arbeiterdeputiertenrat --"eine Vertretung der spezif. großindustriellen
-Arbeiterelite" -- die Unternehmer zur Schließung der Fabriken auf, weil
-"ja auch ihre Interessen an Freiheit und Sicherheit von der
-Arbeiterschaft verfochten würden" (vgl. M. _Weber_, "Zur Lage der
-bürgerlichen Demokratie in Rußland", p. 286).]
-
-[Fußnote 627: Die Bewegung dauerte hier ungefähr vom 27. Januar bis 4.
-Februar (vgl. "Der politische Streik im Königreich Polen", Krakau,
-Verlag des Przedswit, besprochen in "Dokumente des Sozialismus", V, 9.).
-Es nahmen 400 000 Arbeiter daran teil (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, April,
-p. 359). Der Streik wurde durchschnittlich nach 8-10 Tagen, in Warschau
-schon nach 3 Tagen, von den Parteikomitees der einzelnen Städte für
-beendet erklärt. Die Leitung scheint die polnische sozialistische
-Partei, P. P. S., gehabt zu haben. Für die gleichzeitig erhobenen
-wirtschaftlichen Forderungen wurde vielerorts nach Beendigung des des
-polit. Streiks noch weiter gestreikt, mit nur teilweisem Erfolg (vgl.
-Rdsch. Soz. Mh. a. a. O.).]
-
-[Fußnote 628: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Mai 05, p. 458, 459. Nach
-persönlichen Mitteilungen eines aktiv Beteiligten protestierte die
-polnische Gymnasialjugend, durch das Beispiel der Arbeiter zum Ausstand
-angeregt, durch den Schulstreik gegen die langverhaßte Russifizierung
-der Gymnasien.]
-
-[Fußnote 629: Im Sommer 1905 fand z.B. ein allgemein durchgeführter
-eintägiger Streik statt, den das Warschauer Komitee des P. P. S. als
-Protest gegen die blutigen Zusammenstöße zwischen demonstrierenden
-Arbeitern und Militär in Lodz (die im Juni 05 ca. 2000 Tote gekostet
-haben sollen) veranstaltete. (Rdsch. Soz. Mh. Aug. 05, p. 706).]
-
-[Fußnote 630: Im April 1905 hatte sich endlich der _all_russische
-Eisenbahnerverband gebildet (noch 1903 war eine diesbezügliche Anregung,
-die, unter Hinweis auf die Bedeutung der Eisenbahner bei einem ev.
-M-str., bezeichnenderweise von südrussischen Eisenbahnern ausgegangen
-war, erfolglos geblieben). Der Streik begann auf der Moskau-Kasaner
-Linie. Sogleich proklamierte das Zentralkomitee den Generalstreik (vgl.
-_Streltzow_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 631: _Streltzow_, p. 133 ff.]
-
-Die ungeheure Wirkung des Streiks[632] war für die Regierung einer der
-Beweggründe, die Erfüllung der dringendsten Forderungen im
-Oktobermanifest zuzusichern.[633] Dieser Erfolg war in den besonderen
-russischen Verhältnissen begründet. Kämpfte doch Schulter an Schulter
-mit den Arbeitern fast die ganze russische Gesellschaft gegen die
-Regierung.[634] Sogar zahlreiche Angehörige unproletarischer Berufe
-folgten dem Streikbeispiel der Lohnarbeiter.[635] Letztere scheinen im
-Bürgertum, selbst bei den Unternehmern, Sympathie und Unterstützung
-gefunden zu haben.[636]
-
-[Fußnote 632: Die Verkehrsstockung führte zu einer Isolierung der
-großen Wirtschaftszentren. Die Truppenbewegungen waren erschwert.
-Immerhin dürften Behauptungen, wie die, daß der Massenstreik "die
-gesamte Staatsmaschinerie" "desorganisiert" (vgl. _Roland-Holst_, "Der
-politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216), Rußland
-"aus den Angeln" gehoben, (vgl. _Lensch_, "Die Idylle im Sumpf"), den
-"Thron ins Wanken" gebracht (vgl. _Ellenbogen_, Prot. Parteitg. Wien 05,
-p. 121), "den Absolutismus für eine Weile niedergestreckt" habe, denn
-doch etwas übers Ziel hinausschießen.]
-
-[Fußnote 633: Weniger meßbar sind die übrigen sogenannten Erfolge des
-Streiks, wie Aufrüttelung der indifferenten Volksschichten. Förderung
-der proletarischen Organisation (die Gewerkschaften entwickelten sich
-allerdings nach dem Streik, aber wohl nicht, wie mehrfach behauptet
-wurde, wegen des Streiks an sich, sondern infolge der errungenen
-Freiheiten; vgl. _Streltzow_, p. 134) und Schwächung des Heeres. Die von
-_Roland-Holst_ (a. a. O., p. 218 ff., und "G-str. und Sozd.", p. XVI)
-prognostizierte "allmähliche Aufreibung der Armee durch die
-Streikbewegung" hat keineswegs stattgefunden.]
-
-[Fußnote 634: Vgl. _Streltzow_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 635: Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer,
-Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure,
-Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner,
-Dienstboten usw. (vgl. _Kropotkin_, "Die direkte Aktion und der
-Generalstreik in Rußland"; _Streltzow_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 636: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik"; _Streltzow_, a. a. O.; _Plechanow_ (cit. bei
-_Streltzow_) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die
-Unzulänglichkeit der Organisation". -- Semstwoleute, Staatsbeamte,
-Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter
-gegründet haben (_Streltzow_). In der Streikleitung seien bürgerliche
-Elemente, z.B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die
-Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt
-und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben
-(_Streltzow_). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der
-Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr.
-340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die
-_Roland-Holst_'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den
-Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die
-staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten
-abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der
-politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht
-wohl zu weit.]
-
-Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter
-sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende
-Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese
-selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter
-denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu
-politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so
-mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig
-für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639]
-
-[Fußnote 637: Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution
-beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der
-Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige
-literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher
-nichts Überraschendes. _Roland-Holst_ erachtete übrigens, trotz dieses
-sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen
-Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für
-notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache
-(vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214
-ff.).]
-
-[Fußnote 638: _Streltzow_: "Darin sind wohl alle namhaften russischen
-Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben
-noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach
-_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den
-russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären
-Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la
-dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war
-natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte
-vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder
-Kräfte; der Streik war also parzelliert (_Roland-Holst_, "G-str. u.
-Sozd.", p. 105 ff.). -- Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein
-gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (_Streltzow_, a. a. O.), der
-Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik
-diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren"
-(_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl.
-auch _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich
-nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die
-Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie
-gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen
-Arbeiter" bald unterworfen gehabt (_Katz_). Die Arbeiter aber hatten
-sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst
-isoliert (_Streltzow_, p. 135). --Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni
-1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf
-verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da
-dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats"
-jetzt scheitern würde.]
-
-[Fußnote 639: Dies scheint z.B. M. _Beer_ ("La grève générale, son
-histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl.
-Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu
-tun; ähnlich _Roland-Holst_ (a. a. O. und "Der politische Massenstreik
-in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen
-warnen z.B. _Streltzow_ a. a. O. und _Bernstein_ a. a. O.]
-
-
-(c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der Klassenstreik.
-
-§ 20.
-
-Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine
-besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem
-internationalen Kongreß in _London_ 1888 französischerseits gemachten
-diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die
-Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "_Neue
-Internationale_" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren
-Projekten, schroffste Ablehnung.
-
-[Fußnote 640: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 42).]
-
-[Fußnote 641: Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G-str. die
-Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als
-politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London,
-im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in
-Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die
-wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel
-"Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen
-Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). -- Neuerdings
-erklären die Anarchisten übrigens den G-str. und die Gewerkschaft "als
-mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"
-(vgl. die Resolution _Malatesta_ vom internat. Anarchistenkongr. in
-Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).]
-
-Auf dem internationalen Kongreß in _Paris_ 1889 hatte _Tressaud_ den
-Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen
-Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution
-empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von
-_Liebknecht_ aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642]
-
-[Fußnote 642: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.]
-
-Der folgende Kongreß, _Brüssel_ 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung
-des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit
-plädierte der holländische Anarchist _Nieuwenhuis_, nur von den
-holländischen und einem Teil der englischen und französischen
-Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber
-sowohl dieser Vorschlag, wie auch _Nieuwenhuis'_ Plan der
-Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer
-und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation
-auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644]
-erfuhr das gleiche Schicksal.
-
-[Fußnote 643: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.]
-
-[Fußnote 644: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.]
-
-Auf Antrag der französischen Sektion erschien sodann die Frage des
-Generalstreiks auf der Tagesordnung des Kongresses in _Zürich_
-1893.[645] Eine Kommissions-Resolution, die allerdings nicht mehr zur
-Erörterung im Plenum gelangte, lehnte den Weltstreik ausdrücklich ab.
-Aber, offenbar unter dem Eindruck des erst kurz zuvor stattgehabten
-belgischen Wahlrechtsstreiks, erklärte jene Resolution den Massenstreik
-für eine unter gewissen Voraussetzungen "höchst wirksame Waffe nicht
-bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampfe". Dies ist das
-erste Aufflackern eines Flämmchens, das nach und nach zu einem
-ansehnlichen Feuerwerk angewachsen ist, und das den internationalen, vor
-allem aber den deutschen Sozialismus eine Zeit lang völlig beherrschte.
--- Der französische Antrag, den Generalstreik in allen Ländern zu
-dekretieren, sofern die Regierungen nicht innerhalb Jahresfrist dem
-Verlangen des Zürcher Kongresses nach einer internationalen
-Staatenkonferenz zur Durchführung des Achtstundentags entsprächen, wurde
-schon in der Kommissionsberatung abgelehnt. -- Bei dem Punkte "Stellung
-der Sozialdemokratie im Kriegsfall" empfahl _Nieuwenhuis_ wieder sein
-Militärstreikprojekt, das er diesmal auf die Reservisten und die für die
-Kriegsführung unentbehrlichsten Lohnarbeiter beschränkt hatte; es wurde
-aber wiederum abgewiesen.
-
-[Fußnote 645: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 11, 17, 53 ff.]
-
-Bei Behandlung der proletarischen Wirtschaftspolitik berührte auch der
-Kongreß in _London_ 1896 die Klassenstreikfrage.[646] Zwar hielt er "die
-Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben";
-immerhin empfahl er den Ausbau der gewerkschaftlichen Organisation auch
-als Voraussetzung der Streikerweiterung auf ganze Industrien und Länder.
-
-[Fußnote 646: Vgl. Prot. int. Kongr. London 1896, p. 29.]
-
-Da ein Teil der französischen Sozialisten mit dem Londoner Resultat
-unzufrieden war, verlangten die Allemanisten die Behandlung des
-Klassenstreiks auch auf dem Kongreß in _Paris_ 1900.[647] Die
-Kommissionsminderheit, die sich, wie _Legien_ hervorhob,
-bezeichnenderweise aus französischen, italienischen und solchen
-Delegierten zusammensetzte, in deren Ländern überhaupt noch keine
-Gewerkschaftsorganisationen bestanden, verlangte durch _Briand_ die
-Vorbereitung des Generalstreiks zur Erreichung revolutionärer, wie
-reformistischer Ziele. Der Kongreß begnügte sich jedoch mit der
-Wiederholung des Londoner Beschlusses.
-
-[Fußnote 647: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 7, 31 ff.]
-
-Am _Amsterdamer Kongreß_ 1904 wehte aber bereits ein ganz anderer Wind.
-Auch in sozialistischen Kreisen hatte man nun nämlich angefangen, sich
-recht eifrig mit der Klassenstreikidee zu beschäftigen.[648] Infolge der
-Erfahrungen, die inzwischen bei mehreren Riesenausständen gemacht worden
-waren, infolge der Fortschritte anarchistischer Tendenzen in gewissen
-Gewerkschaftskreisen und infolge verstimmender politischer Ereignisse
-hatte sich eine Wandlung in der sozialistischen Kritik des
-Klassenstreiks vollzogen. Der Kongreß errichtete zwar wiederum eine
-scharfe theoretische Grenzlinie gegenüber der anarchistischen
-Generalstreikpropaganda, erklärte aber, daß der politische Massenstreik
-unter bestimmten Voraussetzungen, zu bestimmten Zwecken, _akzeptiert_
-werden müsse.[649] -- Die Gegner des Klassenstreiks tadelten den
-kompromißartigen Charakter der Amsterdamer Resolution;[650] knüpfte sie
-doch die Verwirklichung des politischen Massenstreiks an so ungeheure
-Voraussetzungen, daß bei strikter Interpretation die Aufnahme des
-Klassenstreiks in das sogenannte Arsenal der proletarischen Kampfmittel
-illusorisch wurde. Die Anarchisten und Syndikalisten aber beklagten den
-parlamentarischen Beigeschmack der Resolution. Immerhin begrüßten sie
-dieselbe mit Genugtuung als eine Annäherung des internationalen
-Sozialismus an die "direkte Aktion".[651] Die Amsterdamer Resolution,
-diese Verlegenheitsresultante aus den von Land zu Land so verschiedenen
-proletarischen Tendenzen, gab allen Parteirichtungen Gelegenheit zu Lob
-und Tadel, weil sie im Grunde eben wirklich nur besagte: "Sans doute, la
-grève générale peut être utile, mais elle est impraticable".[652] -- Auf
-dem _Stuttgarter Kongreß_ von 1907 spielte der Klassenstreik keine Rolle
-mehr.
-
-[Fußnote 648: Hiervon legt die vom Juni bis September 1904 erschienene
-internationale Enquête Zeugnis ab.]
-
-[Fußnote 649: Die Resolution der Allemanisten, die das Studium und die
-Vorbereitung des G-streiks, dieses wirksamsten Mittels der sozialen
-Revolution, verlangte, wurde abgelehnt, ebenso die Resolution der
-Guesdisten, die den G-str. als Organisations- und Kampfmittel
-anerkannte, ihn aber zur reinen Gewerkschaftsangelegenheit erklärte,
-deren bloße Unterstützung der sozialist. Partei obliegen sollte (vgl.
-Prot. int. Kongr. Amsterdam 1904, p. 27-30).]
-
-[Fußnote 650: Vgl. Wolfg. _Heine_, "Politischer Massenstreik im
-gegenwärtigen Deutschland?" p. 754.]
-
-[Fußnote 651: Diese Auffassung in anarchistischen Kreisen konstatiert
-z.B. _Bömelburg_ (Prot. Gewerkfts. Kongr. Köln 1905, p. 218.)]
-
-[Fußnote 652: Vgl. "Chronique" du Musée sociale, Oct. 1904, p. 455.]
-
-
-
-
-_Dritter Teil:_
-
-Zur Kritik des Klassenstreiks.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel:
-
-_Bedingungen des Klassenstreiks._
-
-
-§ 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks.
-
-Der Ausbruch eines Klassenstreiks ist vor allem an gewisse _objektive
-Voraussetzungen_ gebunden: nämlich an das Vorhandensein einer
-zahlreichen Lohnarbeiterschaft, von deren Arbeitsleistung ein so großer
-Bruchteil der Gesamtheit abhängt, daß die Arbeitsverweigerung eine
-aufsehenerregende gesellschaftliche Störung herbeiführen kann. Diese
-Bedingung wird in vollem Umfang durch die moderne Wirtschaftsordnung
-erfüllt.
-
-Hierzu gesellt sich als _subjektive Voraussetzung_ die Fassung des
-Streik_entschlusses_ durch die erforderliche Anzahl von Arbeitern resp.
-Arbeitergruppen.
-
-(a) Der Streikentschluß kann _planmäßig_, überlegt gefaßt werden.
-Hierbei haben sich alle Beteiligten bereits vorher untereinander über
-ihr Vorhaben verständigt. Sie wissen, um was es sich handelt. Sie
-besitzen eine gewisse Organisation zur Durchführung des Streiks im
-konkreten Fall. Das "Kommando" zum Ausstand[653] wird von einer im
-Voraus bestimmten Leitung erwartet und gegeben.
-
-[Fußnote 653: Vgl. z.B. _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70
-ff.). Wir begegnen dieser Form des Streikentschlusses z.B. in Belgien
-und Schweden.]
-
-Anders beim _spontanen_ Streikentschluß. Dieser wird von jedem einzelnen
-für sich allein gefaßt. Es ist möglich, daß ein und dasselbe Ereignis in
-jedem einzelnen Teilnehmer den Streikentschluß ausgelöst hat, daß die
-Faktoren aller einzelnen Streikentschlüsse objektiv zusammenhängen, daß
-der Streik also mit innerer Notwendigkeit aus den allgemeinen
-Ereignissen herauswächst.[654] Es kann aber auch der Fall eintreten, daß
-die einzelnen Teilnehmer oder Teilnehmergruppen durch ganz verschiedene
-Ereignisse zum Streikentschluß geführt werden. Wenn nun eine größere
-Zahl partieller Ausstände zeitlich zusammenfällt, so kann sich aus
-diesem Streikkonglomerat leicht ein Klassenstreik entwickeln.[655]
-
-[Fußnote 654: So z.B. beim ital. G-str. 1904; so auch wohl beim
-Versuch des "heiligen Monats" 1842.]
-
-[Fußnote 655: Ein solches Streikkonglomerat schwebte wohl der Brüsseler
-Zeitung "Internationale" vor, als sie 1869 schrieb: "Wenn die Streiks
-sich ausbreiten und einander nähern, sind sie wohl nahe daran, ein
-Generalstreik zu werden" (cit. bei _Umrath_ p. 13, 14).]
-
-(b) Der Entschluß zum Klassenstreik entsteht nur, wenn eine
-tiefgreifende und _allgemeine proletarische Erregung_[656] die
-Widerstände gegen den Streik, die in der Arbeiterschaft selbst vorhanden
-sind, ausschaltet. Diese Erregung ist aber an bestimmte Voraussetzungen
-geknüpft, von mannigfachen Faktoren abhängig.
-
-[Fußnote 656: Diese allgemeine Erregung betrachten _Bebel_ (Prot.
-Parteitg. Mannheim 06, p. 277 ff.), _Bömelburg_ (Prot. Parteitg. Jena
-05, p. 333, u. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228), _Bernstein_ ("Pol.
-M-Str. u. pol. Lage"), _Adler_ (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 78, und
-Parteitg. Wien 1905, p. 131), _Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05),
-_Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres") p. 735, und viele andere als
-unerläßliche Voraussetzung des Klassenstreiks.]
-
-_Vorbedingung_ ist ein Ereignis oder ein Tatbestand, der in hohem Maße
-die _Unzufriedenheit_ des Proletariats erweckt, der, auch wenn er nur
-eine Gruppe von Arbeitern persönlich berühren sollte, doch als eine der
-Gesamtheit angetane wirtschaftliche, politische oder ethische Unbill
-empfunden wird.[657] Sei es, daß infolge allgemeiner Zeitumstände, (wie
-Krieg, Teuerung, Hungersnot, Krise,[658] Staatsstreich[659] oder
-Revolution), den Arbeitern der Druck ihrer Lage besonders deutlich zu
-Bewußtsein kommt, sei es, daß sie ihre bisherigen Rechte bedroht
-glauben, sei es endlich, daß ihnen infolge ihrer eigenen Entwicklung
-oder infolge von proletarischen Errungenschaften in anderen Ländern eine
-Verbesserung auch ihrer Position als dringende Notwendigkeit erscheint.
-
-[Fußnote 657: Ein Mitempfinden fremder Leiden, wie beim Sympathie- und
-Solidaritätsstreik, setze schon ein gewisses Maß von Klassengefühl,
-resp. Klassenbewußtsein voraus (vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u.
-Sozd.", p. 5, 10, 11); _Polledro_ (a. a. O., p. 383, 384) teilt die
-Klassenstreiks sogar geradezu ein in sciopero generale "di conquista"
-(resp. resistenza), und sciopero generale "di solidarietà".]
-
-[Fußnote 658: Vgl. _Parvus_ in der Dortmunder Arbeiterzeitung, 24./9.
-01, cit. bei Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer Theorie und
-Taktik".]
-
-[Fußnote 659: Vgl. _Parvus_, "Staatsstreich und politischer
-Massenstreik", p. 394.]
-
-Daneben hängt es noch von einer Reihe teils gegebener, teils künstlicher
-Faktoren ab, ob ein solches Ereignis die zum Streikentschluß notwendige
-Erregung auszulösen, also auch wirklich einen Klassenstreik zu
-veranlassen vermag.
-
-1. Eine bedeutende Rolle spielt hierbei die schon _erreichte Position
-des Proletariats_. "Moins un prolétariat a de droits politiques, plus il
-recourt à la grève générale."[660] Solange die Arbeiter wirklich
-"nichts... zu verlieren" haben, "als ihre Ketten", wird ihnen der
-Klassenstreikentschluß verhältnismäßig leicht fallen. Je geringer aber
-die Spannung zwischen dem schon Erreichten[661] und dem noch begehrten
-Fehlenden, um so größer die Zurückhaltung gegenüber gewagten
-Unternehmungen (wie bei den deutschen freien Gewerkschaften), um so
-sorgfältiger die Prüfung des Risikos in sozialer und persönlicher
-Richtung.[662]
-
-[Fußnote 660: _Jaurès_, "Grève et Révolution" (Humanité, 5. Nov. 05).]
-
-[Fußnote 661: Es handelt sich dabei um politische und wirtschaftliche
-Positionen. Z.B. wird auch die Rücksicht auf mühsam errichtete
-Tarifwerke ein Streikentschluß-Erschwernis bilden (vgl. _Giesberts_,
-"Die Utopie des Generalstreiks", p. 35).]
-
-[Fußnote 662: Es ist schon behauptet worden, daß die Arbeiter sich der
-schweren Waffe des Klassenstreiks überhaupt "nur in Notfällen, wenn ihre
-Lebensinteressen berührt werden, bedienen". Aber wenn auch "die
-ungeheuren Opfer, die jeder Generalstreik mit sich bringt für alle, die
-ihn beschließen müssen", "der beste Schutz gegen willkürlichen frivolen
-Gebrauch" sein mögen (_Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p.
-22), so ist doch noch nicht erwiesen, daß die Arbeiter sich dieser Opfer
-vorher immer so genau bewußt wären oder die Konsequenzen des Ausstandes
-richtig vorher beurteilten.]
-
-2. Einen weiteren wichtigen Faktor bildet das Maß der vorhandenen
-_Streikfreiheit_. Prinzipiell ist die Arbeitsniederlegung allerdings
-überall rechtlich zulässig.[663] Doch bestehen durch spezielle
-Streikverbote[664] und durch Verleihung von Beamtenqualität an gewisse
-Arbeiterkategorien[665] eine Reihe wichtiger Ausnahmen, und es ist
-offenbar eine _Tendenz_ zu weiteren Streikrechts_beschränkungen_
-vorhanden, Beschränkungen, die der sozialen Bedeutung der einzelnen
-Betriebsgruppen, also den durch ihre Ausschaltung drohenden
-qualitativ-bestimmten Wirkungen entsprechen.[666] Diese Tendenz zeigt
-sich in staatlichen[667] und privaten[668] Vorschlägen, in
-parlamentarischen[669] und literarischen[670] Äußerungen. -- Immerhin
-befindet sich auch ein Klassenstreik unter Ausschluß der
-kriminalrechtlich gebundenen Arbeiter durchaus nicht in allen Fällen auf
-dem vielgerühmten "Boden der Legalität",[671] selbst wenn er
-durch die Vermeidung aller Gewalttätigkeiten die Klippen anderer
-Gesetzesverletzungen glücklich umschiffte. Ist doch ein Klassenstreik
-mehr, als eine private Interessenkollision; er hat vielmehr fast stets
-einen revolutionären Beigeschmack. Dies folgt schon aus der Verletzung
-des Rechtsgefühls breitester Massen durch eine solche Häufung von
-_Kontraktbrüchen_.[672] Mehr ergibt sich dies noch aus dem Bestreben,
-die Empörung einer ganzen Gesellschaftsklasse gegenüber allen übrigen
-Klassen drastisch zum Ausdruck zu bringen. Er könnte also unter
-Umständen die Verhängung eines Ausnahmezustandes, die zeitweilige
-Ausschaltung des Koalitionsrechts herbeiführen.[673]
-
-[Fußnote 663: Eine Ausnahme bildet vielleicht Rußland, wo der Streik
-als Kriminalverbrechen betrachtet wird oder wurde (Bericht der
-Delegation... usw., p. 32).]
-
-[Fußnote 664: Seit 1903 wird in Holland der Streik der Eisenbahner und
-der Arbeiter in öffentlichen Verkehrsanstalten als politisches Delikt
-betrachtet und mit Gefängnis bestraft (vgl. Allg. Ztg. 2.-4./4. 03;
-_Herkner_, "Die Arbeiterfrage", p. 505; _Roland-Holst_, "Der Kampf und
-die Niederlage der Arbeiter in Holland"). -- In Rußland "ist mit Gesetz
-vom 2./12. 1905 die Beteiligung an Streiks bei Unternehmungen, die
-allgemeine oder staatliche Bedeutung haben, sowie in staatlichen
-Betrieben unter Strafe gestellt" (vgl. _Philippowich_, Grundriß, 2.
-Band, 2. Teil, p. 47); ferner sind am 15./4. 06 besondere Strafen für
-Beteiligung am Landarbeiterstreik oder Aufreizung zu demselben
-festgesetzt worden (vgl. Miscellen in Zeitschrift f. Sozialwissenschaft.
-IX. Jahrg. 1906, p. 525).]
-
-[Fußnote 665: Streiken Beamte und Angestellte der Verwaltung, so liegt
-bei Außerachtlassung der Kündigungsfrist Amtspflichtverletzung vor (vgl.
-Bundesrat _Brenner_, Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 910).
-Des Vergehens der Amts- und Dienstpflichtverletzung "machen sich auch
-schuldig... Angestellte und Arbeiter, welche die Pflicht übernommen
-haben, öffentliche Betriebe von Staat und Gemeinde zu bedienen, wenn sie
-vorsätzlich oder rechtswidrig ihrer Dienstpflicht zuwiderhandeln"
-(Vorschlag des Züricherischen Regierungsrates an den Kantonsrat, betr.
-Revis. des Strafgesetzbuches [Streikinitiative], cit. in der N. Z. Z.
-vom 18. Juni 07). Den italienischen Eisenbahnern ist gerade deshalb, um
-ihnen den Streik unmöglich zu machen, die Beamtenqualität verliehen
-worden, sodaß jede Dienststörung für sie die Entlassung zur Folge hat
-(vgl. die "Hilfe", 1905 Nr. 16, p. 2, politische Notiz). Ausnahmsweise
-stellt in Frankreich die Halbbeamtenstellung kein Streikhindernis dar
-(z.B. drohten die französischen Marinearbeiter zur Verhinderung eines
-ihnen unerwünschten Lohnsystems erfolgreich mit dem Streik [vgl. Soz.
-Prx. XIV, Nr. 50, Sp. 1317.].)]
-
-[Fußnote 666: Bei einer fortschreitenden derartigen Rechtsentwickelung
-wäre also der Streik der gesellschaftlich entbehrlichsten Arbeiter am
-relativ zulässigsten und durchführbarsten; der Klassenstreik, mehr und
-mehr auf die quantitative Wirkung beschränkt, müßte seinen Zweck
-hauptsächlich in der Demonstration suchen.]
-
-[Fußnote 667: Der schwedische Gesetzentwurf gegen gemeingefährliche
-Streiks bedrohte den Kontraktbruch des staatlichen und privaten
-Eisenbahnpersonals, der Arbeiter in staatlichen und kommunalen Gas-,
-Elektrizitäts-, Wasserleitungs- und Reinhaltungswerken und den der
-festangestellten Feuerwehrleute mit Entlassung und Gefängnis, falls der
-Kontraktbruch "Schaden an einer Person oder groben Eigentumsschaden oder
-Hinderung oder Stillstand im Betrieb" verursachen würde (vgl. _Axel
-Hirsch_, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker", p. 196). Ähnliches
-bestimmte ein spanischer Gesetzentwurf (vgl. _Herkner_, "Die
-Arbeiterfrage", p. 505). Der Entwurf des deutschen Berufsvereinsgesetzes
-hatte in § 20, Abs. 4, Ziff. 2 (cit. in der Soz. Prx. 1907, Sp. 635)
-bestimmt, daß einem Vereine dann die Rechtsfähigkeit entzogen werden
-kann, wenn er eine Arbeiteraussperrung oder einen Arbeiterausstand
-herbeiführt, die... geeignet sind,... eine Störung in der Versorgung der
-Bevölkerung mit Wasser oder Beleuchtung herbeizuführen oder eine gemeine
-Gefahr für Menschenleben zu verursachen.]
-
-[Fußnote 668: Nach dem Vorschlag der "Section des assoc. coop. et
-ouvrières" des "Musée social" vom 9. Mai 04 (vgl. "Musée social," Juli
-1904, p. 318 ff.) sollen die "ouvriers et employés de l'Etat et des
-Services concédés d'eau, de gaz et de chemins de fer", und soll das
-"personnel des services publics administrés directement en régie par
-l'Etat les départements et les communes, et dont l'arrêt même momentané
-serait une cause de perturbation fâcheuse pour la vie nationale ou
-locale", veranlaßt werden, auf das Streikrecht zu verzichten, "à titre
-de clause essentielle du contrat de travail, et de respecter un délai de
-préavis d'une durée déterminée par le contrat et le règlement".]
-
-[Fußnote 669: Nationalrat _Sulzer_ (in der Begründung seiner Motion,
-vgl. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 863) z.B. hält den
-Streik in den öffentlichen Betrieben, spez. in den Bundesbetrieben
-(Bundesbahnen, Post, Telegraph, Grenzwacht- und Zolldienst, Eidg.
-Fabrikbetriebe, Waffen-, Munitions- und Pulverfabriken,
-Alkoholverwaltung) für "absolut unzulässig".]
-
-[Fußnote 670: _Marazio_, a. a. O. p. 116, 117, 159, hält den Streik mit
-politischem Ziel für ein Delikt, "quando vi partecipano gli operai dei
-pubblici servizi"; da deren Ausstand "la soddisfazione di grandi
-bisogni" unmöglich mache, "con danno gravissimo della generalità dei
-cittadini", so dürfe er nicht geduldet werden.]
-
-[Fußnote 671: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution";
-_Jaurès_ ("Aus Theorie und Praxis" p. 30) nennt den Klassenstreik das
-"mächtigste Mittel legalen Zwangs".]
-
-[Fußnote 672: Der _Kontraktbruch_ ist bei der Ausdehnung des
-Klassenstreiks und der regelmäßigen Beteiligung mehrerer Gewerbe
-praktisch wohl unvermeidlich. Übrigens begegnen Versuche zu seiner
-Vermeidung: so wurde z.B. in Zürich in den Tarifvertrag der
-Holzarbeiter unter dem Eindruck der Streikbewegung im Sommer 1906 eine
-Generalstreikklausel aufgenommen (ich verdanke diese Mitteilung Herrn
-Prof. _Herkner_). -- Aus dem Kontraktbruch erwächst übrigens nicht
-überall ein Schadenersatzanspruch (vgl. _ab-Yberg_, p. 119 ff.). In
-Frankreich z.B. soll "keine Verpflichtung zu vorheriger Kündigung"
-vorliegen, "da der Streik eine zeitweilige Aufhebung der Arbeit ist"
-(gemäß Beschluß des französischen obersten Arbeitsrates betr. Kündigung
-und Streik, vom Juni 1905, angenommen mit 19 gegen 18 Stimmen [cit. in
-der Soz. Prx. 17. Aug. 05]). In England ist, gemäß der Conspiracy and
-Protection of Property-Act von 1875, der Kontraktbruch (nicht die
-Arbeitseinstellung als solche) unter Umständen mit einer Strafe bis zu
-20 £ oder Gefängnis bis zu drei Monaten bedroht, und zwar tritt diese
-Strafe ein, "wenn jemand, der sich im Dienst einer Person befindet
-welche die Verpflichtung übernommen hat, eine Ortschaft mit Gas oder
-Wasser zu versorgen, den Dienstvertrag in böswilliger Weise bricht,
-obwohl er annehmen konnte, daß dadurch dieser Gas- oder Wasserbezug ganz
-oder zum Teil unterbrochen würde, ferner, wenn durch den Vertragsbruch
-Menschenleben, körperliche Sicherheit oder fremdes Eigentum in die
-Gefahr der Zerstörung oder ernstlichen Schadens gebracht wird."
-(_Herkner_, Arbeiterfrage, p. 504, 505.)]
-
-[Fußnote 673: Völlig zulässig soll der Klassenstreik nur in Frankreich,
-England u. Belgien sein (_Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 312). In
-Deutschland könne der Streik, wenn er "einen Druck auf gesetzgebende
-Körperschaften bezweckte", besonders da Ausschreitungen und
-Zusammenstöße unvermeidlich wären, bis zum Zuchthaus führen, zum
-Hochverrat gestempelt werden, die Verhängung des Belagerungszustands und
-den Eingriff der Militärjustiz herbeiführen (vgl. _Heine_, "Politischer
-Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"). 1843 wurden mehr als 30
-Chartistenführer verurteilt, weil sie, wie es in der Anklage u. a. hieß,
-in der Absicht, "to bring about and produce a change in the laws and
-constitution of this realm", zum Streik aufforderten (vgl. _Gammage_, p.
-231.)]
-
-Der Streikentschluß wird nun um so schwerer zu Stande kommen, je stärker
-die rechtlichen Schranken sind. Doch je fester die Arbeiter an den
-Streikerfolg glauben, und zwar an einen Streikerfolg, der sie zugleich
-vor den bisher üblichen Streikstrafen zu bewahren vermag,[674] und je
-lebhafter sie sich in ihren Lebensinteressen gefährdet fühlen,[675] um
-so weniger werden sie sich von rechtlichen Schranken zurückhalten
-lassen.
-
-[Fußnote 674: Bei gesetzlich besonders stark gebundenen Arbeitern müßte
-das Streikziel unter Umständen also eine Gesetzesänderung oder geradezu
-der Sturz der Regierung sein. _Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres", p.
-736, 737) vergleicht den Klassenstreik mit dem Barrikadenkampf, bei dem
-man das Leben um so eher gewagt habe, je mehr auf dem Spiele stand, und
-je wahrscheinlicher der Sturz der Regierung erschien. -- Auch die
-Annahme, die Regierung werde bei einer außerordentlichen Ausdehnung des
-Streiks die Rechtsverfolgung aufgeben müssen, kann den Streikentschluß
-fördern.]
-
-[Fußnote 675: In gewissen Fällen seien "Geldstrafen und sogar Gefängnis
-weniger abschreckend..., als das, was durch die Arbeitsniederlegung
-bekämpft werden soll" (_Axel Hirsch_, a. a. O. p. 197).]
-
-3. Natürlich kommt außerordentlich viel auf den _Charakter des
-Proletariats_ an. Je temperamentvoller, heißblütiger, je mehr in
-revolutionären Traditionen erzogen und zu putschistischen Aktionen
-geneigt es ist, um so wahrscheinlicher eine Disposition zu raschen
-Streikentschlüssen; je bedächtiger, kühler, allem Theatralischen
-abgewandt die Arbeiter sind,[676] um so schwerer fallen ihnen spontane
-Unternehmungen, und um so notwendiger werden zur Herbeiführung des
-Streikentschlusses eine starke Opferwilligkeit und ein starkes
-Solidaritätsgefühl. -- Der Streikentschluß wird also den romanischen
-Arbeitern leichter fallen, als den germanischen. Der Ausstand wird im
-allgemeinen den Verkehrs-, speziell den Hafenarbeitern mit ihrer oft
-unregelmäßigen Beschäftigung leichter fallen, als den meist strenger
-disziplinierten Industriearbeitern; er wird diesen wiederum leichter
-fallen, als den Landarbeitern.[677]
-
-[Fußnote 676: _Heine_, a. a. O., konstatiert dies beim deutschen
-Arbeiter.]
-
-[Fußnote 677: Vgl. z.B. _Hanisch_ über die österr. Agrarbevölkerung
-(Prot. Parteitg. Wien 1894).]
-
-4. Auch die _Stellungnahme der proletarischen Organisationen_ zum
-Klassenstreik-Problem ist von großer Bedeutung. Dieser Einfluß wird um
-so stärker wirken, je größere Einigkeit zwischen Partei und Gewerkschaft
-herrscht.[678] Bei Differenzen zwischen ihnen gibt regelmäßig die
-Stellungnahme der _gewerkschaftlichen Organisation_ den Ausschlag.[679]
-Diese Stellungnahme selbst aber variiert je nach der Form, Stärke und
-Richtung, also nach dem ganzen Typus der in Frage kommenden
-Gewerkschaft.[680]
-
-[Fußnote 678: Diese Einigkeit war vorhanden z.B. bei den belgischen
-Wahlrechtsstreiks (vgl. _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"), beim
-schwedischen Kl-str., beim projektierten österreichischen Kl-str.]
-
-[Fußnote 679: Vgl. _Cohnstaedt_, "Jena. Gewerkschaft oder Revolution?"
-p. 549; _Heine_, a. a. O.; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227
-ff.); _Hue_, "Partei und Gewerkschaft". In England hielt man 1839 die
-Mitwirkung der Gewerkschaften für so ausschlaggebend, daß man schon
-wegen der ablehnenden Haltung der Trade-Unions den Plan des heiligen
-Monats zurückzog (vgl. _Gammage_, p. 154, 155; _Brentano_, a. a. O.).
-Ähnlich mußte die deutsche sozialdemokratische Partei vor dem
-gewerkschaftlichen Gegenwind die Segel streichen; umgekehrt mußte sich
-die Partei sowohl in Italien (1904), wie in Holland (1903), bei
-innerlicher Mißbilligung, dem gewerkschaftlichen Streikunternehmen
-anschließen.]
-
-[Fußnote 680: Der Gewerkschaftstypus selbst ist natürlich auch von
-den allgemeinen Verhältnissen, den rechtlichen Zuständen, dem
-Charakter des Proletariats, der Stärke revolutionärer Strömungen und
-Gelegenheit zu deren anderweitigen Ableitung, bes. durch die Partei,
-abhängig. In den französischen und italienischen Arbeitersyndikaten
-z.B. soll die zeitweilige Blockpolitik der sozialistischen
-Parteien ein entschiedeneres Betonen revolutionärer Tendenzen, das
-Bestreben nach Verselbständigung und Unabhängigkeit, also auch die
-Generalstreiktendenzen, gefördert haben.]
-
-Die Syndikate mit _föderalistischer_ Organisationsform, geringen
-Mitglieder- und Kassenbeständen und revolutionären (anarchistischen,
-antimilitaristischen, antiparlamentarischen) Tendenzen[681] erblicken
-ihre Hauptaufgabe in der Vorbereitung und Inszenierung des
-Generalstreiks; ihre ganze Taktik wird dermaßen von diesem Gedanken
-beherrscht, daß man sie mit Recht als "Generalstreik-Gewerkschaften"
-bezeichnet hat.[682]
-
-[Fußnote 681: Dieser Art waren zuerst die _Bakunini_stischen
-Föderationen (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
-Kampfmittel", p. 194; _Umrath_, p. 13 ff.; _Bernstein_, "Die
-Generalstreikgewerkschaft"); heute sind es großenteils die
-italienischen, spanischen, französischen Arbeitersyndikate, teilweise
-die holländischen, ausnahmsweise einige deutsche ("Freie Vereinigung",
-"Lokalisten") Gewerkschaften. Vgl. auch _Louis_, p. 297; _Thomas_,
-"Achtung! vor der 'direkten Aktion'"; _Friedeberg_, "Weltansch.";
-_Griffuelhes_ ("Ein französischer Gewerkschafter über die Taktik der
-deutschen Zentralverbände", in der "Einigkeit", 11. Nov. 05).]
-
-[Fußnote 682: So _Bernstein_ a. a. O.]
-
-Die _zentralistischen_ Gewerkschaften hingegen, die sich
-durch ansehnlichere ökonomische Leistungsfähigkeit und durch
-nüchtern-praktische, sich auf das Erreichbare beschränkende Tendenzen
-auszeichnen,[683] lehnen den Klassenstreik im allgemeinen ab oder lassen
-ihn höchstens im Interesse ganz unentbehrlicher politischer Forderungen
-gelten.[684]
-
-[Fußnote 683: So die deutschen Zentralverbände, die engl., österr.,
-schwed., belg. Gewerkschaften; sie trachten, durch Tarifwerke auch die
-Berufsmassenstreiks einzuschränken.]
-
-[Fußnote 684: Dabei handelt es sich vorwiegend am die
-Verteidigung politischer Rechte (vgl. _Braun_, "Das Ergebnis des
-Gewerkschaftskongresses"; Korrespondenzblatt der Generalkommission der
-Gewerkschaften Deutschlands, cit. in Soz. Prx. XV Nr. 2, Sp. 38).]
-
-Eine _Wechselwirkung zwischen gewerkschaftlicher Schwäche und
-Generalstreikpropaganda_ ist unverkennbar,[685] und der Protest der
-Föderalisten[686] gegen diese Feststellung wäre nur dann gerechtfertigt,
-wenn man mit ihnen die Gewerkschaftsstärke nach dem Maß der
-revolutionären Gesinnung beurteilen wollte.
-
-[Fußnote 685: Dies konstatiert z.B. _Vliegen_ (Prot. int. Kongr.
-Amsterdam 04, p. 28); Enquête, p. 86; usw. -- _Greulich_, ("Wo wollen
-wir hin?" p. 37), bezeichnet den G-str. als "Kinderphantasie der
-mangelhaft organisierten Arbeiterschaft".]
-
-[Fußnote 686: Vgl. z.B. "_Weckruf_", 28. Mai 04, "Der Generalstreik".]
-
-Der Generalstreikkultus bricht die Kraft der Gewerkschaft.[687] Er
-verleitet die Arbeiter, "sich von der praktischen Gegenwartsarbeit
-abzuwenden und Utopistereien nachzuhängen",[688] da sie sich sagen
-müssen: "was sollen wir jetzt unsere Beiträge zahlen, um kleine Vorteile
-zu erringen, wenn wir durch den Generalstreik die ganze kapitalistische
-Wirtschaftsordnung stürzen können?"[689] Nun betreibt allerdings ein
-Teil der Generalstreikler die Generalstreikpropaganda gerade zum Zweck
-der Organisation und betrachtet die Organisation selbst wieder als
-Vorbedingung für die erfolgreiche Durchführung des Generalstreiks. Ihnen
-erscheint der Generalstreik als "la potenza e la maturità sindacale, che
-quello traduce o anche soltanto indica",[690] als "Prämie für die
-allgemeine gewerkschaftliche Organisation, wie der partielle Streik
-diejenige der Einzelgewerkschaft",[691] und ihnen bedeutet der
-Weltstreik das "aboutissement logique"[692] des Syndikalismus. Aber
-diese organisatorischen Tendenzen werden praktisch meistenteils
-überwuchert durch die Lehre, daß die methodische, aber mühselige
-Vorbereitung des Generalstreiks durch die Organisation einer bewußten
-Minderheit, durch den revolutionären Willen, durch die "Durchdringung
-jedes einzelnen mit dem Klassenbewußtsein"[693] ersetzt werden könne.
-Kein Wunder daher, daß die Leiter der großen, blühenden Gewerkschaften
-sich gegen diese organisationshindernde, "gefährliche", "lähmende",
-"destruktive" Idee energisch zur Wehr setzen,[694] und daß sie nicht nur
-die Ausbreitung der Generalstreikidee möglichst zu hindern suchen,[695]
-sondern auch die Diskussion des den Organisationen eigentlich
-ungefährlichen politischen Massenstreiks[696] möglichst einzuschränken
-trachten, weil sich mit dem politischen Massenstreik leicht auch der
-Generalstreik einschleichen könnte.[697]
-
-[Fußnote 687: So bezüglich der französischen Gewerkschaften _Legien_,
-"In Köln am Rhein", p. 378; _Hue_, "Partei und Gewerkschaft"; Rdsch.
-Soz. Mh. Okt. u. Dez. 05, p. 911, 1067.]
-
-[Fußnote 688: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik";
-_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 217).]
-
-[Fußnote 689: _Legien_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]
-
-[Fußnote 690: Vgl. _Labriola_, a. a. O., p. 211; auch _Friedeberg_, a.
-a. O., setzt starke Organisation voraus.]
-
-[Fußnote 691: Vgl. _Briand_, Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32.]
-
-[Fußnote 692: Vgl. _Louis_, p. 308.]
-
-[Fußnote 693: Vgl. _Friedeberg_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p.
-26); ähnl. _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 18. Vgl. bezgl. der französ.
-Landarbeiterorganisationen P. _Groß_, "Die Weinkrise und die
-Landarbeitergewerkschaften im Languedoc".]
-
-[Fußnote 694: Korrespondenzblatt der Generalkommission... usw. (Citate
-in der Allg. Ztg. 19./4. 02, und in der Soz. Praxis XV. Nr. 2,
-Sp. 38); _Leimpeters_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ders. "Die
-sozialdemokratische Partei u. d. Gewerkschaften". -- _Hue_, p. 292;
-_Bernstein_, "Pol. Massenstreik u. pol. Lage", p. 10.]
-
-[Fußnote 695: Auf der 3. internationalen Konferenz der Sekretäre der
-Landesgewerkschaftsorganisationen am 9. und 10. Juli 03 in Dublin
-schlugen die französischen Gewerkschaftsvertreter vor, den andern
-Ländern die Taktik und die Prinzipien der französischen
-Arbeitersyndikate zur Kenntnis zu bringen. Die deutsche
-Gewerkschaftspresse nahm von dem entsprechenden Bericht der Conféd. gén.
-du Travail keine Notiz, nur die anarchistische "_Wahrheit_" publizierte
-ihn (unter dem Titel "Antimilitarismus und Generalstreik" als Beilage zu
-Nr. 11).]
-
-[Fußnote 696: v. _Elm_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226.]
-
-[Fußnote 697: Vgl. _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft", p.
-642; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 221); _Rob. Schmidt_
-(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 27). Die Zustimmung zum pol. M-str.
-wird leicht als Konzession an den Anarchismus aufgefaßt (vgl. die
-"_Einigkeit_" 1905, Nr. 41).]
-
-Umgekehrt wird durch die Schwäche der Gewerkschaft auch die
-Generalstreiktendenz gestärkt. Je weniger eine Gewerkschaft auf reale
-Erfolge, auf zahlenmäßige Machtbeweise hindeuten kann, um so eher wird
-sie auf ein so einfaches und unter Umständen auch zugkräftiges
-Propagandamittel verfallen, um so weniger riskiert sie bei dessen
-Gebrauch.[698]
-
-[Fußnote 698: Die belgischen Gewerkschaften sollen sich seinerzeit um
-so bereitwilliger am Kl-str. beteiligt haben, als sie nicht durch
-"übermäßig gefüllte Kassen in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt" gewesen
-seien (_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"). Das vielgeschmähte
-Ruhebedürfnis der deutschen Gewerkschaften, womit sie in Köln ihre
-Ablehnung des Kl-streiks motivierten (vgl. _Bömelburg_, Prot. p. 221),
-ist ein Beweis dafür, daß sie bereits etwas zu verlieren haben (so
-_Katz_, "Der politische Massenstreik"). Über die Behandlung des
-Kl-str.-Problems vom rein finanziellen Standpunkt aus, über die
-gewerkschaftliche "Versumpfung", klagen z.B. v. _Elm_ ("Rückblick auf
-den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß", p. 568), _Kautsky_, ("Der
-Kongreß in Köln"), _Geithner_, ("Zur Taktik der Sozialdemokratie"),
-_Lensch_ ("Die Idylle im Sumpf"); vgl. auch _Braun_, "Der Kölner
-Gewerkschaftskongress". Die Annahme, die finanziellen Fortschritte der
-Gewerkschaften hätten die Generalstreikströmungen gestärkt (so _Düwell_,
-p. 248 ff.), ist also wohl zurückzuweisen.]
-
-Auch _zwischen der gewerkschaftlichen Organisationsform und der
-Generalstreikpropaganda_ dürften _Wechselwirkungen_ bestehen. Einerseits
-stärkt die Generalstreikidee das Gefühl der individuellen
-Selbstherrlichkeit. Sie vermag daher im hohem Grade die
-"Sonderbündelei"[699] zu fördern. Andererseits bietet die
-föderalistische Organisationsform den günstigsten Boden für die
-Generalstreikpropaganda, da aparte und extravagante Ideen in lokalen
-Gruppen (bourse du travail, camera di lavoro usw.) überhaupt leicht
-Eingang finden. In einer zentralistischen Organisation hingegen werden
-neu auftauchende Tendenzen erst durch mehrere Instanzen durchgesiebt,
-wobei der persönliche Nimbus der neuen Propheten erheblich abgeblendet
-und eine kritische Beurteilung unter Berücksichtigung der allgemeinen
-Verhältnisse[700] ermöglicht wird. Die Argumente "fortschrittshungriger
-Ungeduld"[701] verlieren um so mehr an Überzeugungskraft, je
-umfangreicher die Verbände sind, je weiter also der Blick, je größer das
-Verantwortlichkeitsgefühl ihrer Leiter.
-
-[Fußnote 699: Vgl. _Kautsky_, "Der Bremer Parteitag", p. 8, 9.]
-
-[Fußnote 700: Vgl. _Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.]
-
-[Fußnote 701: _Hue_, "Partei und Gewerkschaft".]
-
-5. Auch die _Stellungnahme der Frauen_ wird als ein wichtiger
-allgemeiner Faktor des Klassenstreikentschlusses angesehen. Gewiß könnte
-die Aufforderung zum Streik seitens ihrer Frauen den Arbeitern eine
-moralische Unterstützung gewähren.[702] Im allgemeinen aber ist die
-Teilnahme der Proletarierinnen an den Klassenfragen noch so gering, daß
-dieser weiblichen Förderung des Streikentschlusses vorläufig keine
-erhebliche Bedeutung beigemessen werden kann. Wahrscheinlicher ist es,
-daß die Frauen, wegen der voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen des
-Ausstandes, eher ein retardierendes Element bilden.
-
-[Fußnote 702: Vgl. _Glas_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 88); ähnl.
-_Nieuwenhuis_ (Prot. Int. Kongr. Zürich 1893, p. 23 ff.). Vereinzelt kam
-diese Unterstützung wohl auch schon vor; so billigten z.B. in Rotterdam
-(1903) die Frauen ausdrücklich den Streikbeschluß der Männer (vgl. Allg.
-Ztg. 7./4. 03).]
-
-Die allgemeine Disposition zum Klassenstreik läßt sich übrigens noch
-durch spezielle, _künstliche Faktoren_ vergrößern.[703] Als solche
-erscheinen zunächst alle Bemühungen, die im allgemeinen der Förderung
-näherer und fernerer Ziele des Proletariats dienen,[704] außerdem aber
-auch die Mittel _spezieller Vorbereitung_ des Klassenstreiks: Propaganda
-und Agitation.
-
-[Fußnote 703: Nach _Louis_ (a. a. O. p. 298) soll überhaupt einzig die
-Form der Vorbereitung einen Anlaß zu Kontroversen in der gesamten Frage
-des Klassenstreiks bieten. (?!)]
-
-[Fußnote 704: Man wünscht als allgemeine Vorbereitung auf den pol.
-M-str.-Entschluß gewerkschaftliche Organisation in zentralistischen
-Verbänden (so _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.;
-_Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 222; _Hue_, a. a. O.;
-_Ledebour_, Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 433; v. _Elm_, a. a. O.;
-_Legien_, "In Köln am Rhein"; _Olberg_, "Der italienische
-Generalstreik", p. 22; _Ströbel_, Vortrag über den pol. M.str. in
-einer Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 05 [Vorwärts,
-14. Nov. 05, 1. Beilage]), genossenschaftliche und politische
-Organisation, Aufklärung usw. (so _Parvus_, "Staatsstreich und
-politischer Massenstreik", p. 391; _Zietz_, Prot. Parteitg.
-Jena 05, p. 326, und viele andere). Als allgemeine Vorbereitung
-auf den Generalstreik-Entschluß wird bes. föderalistische
-Gewerkschaftsorganisation, Förderung des revolutionären Bewußtseins,
-theoretische (anarchistische) Ausbildung, "Erhöhung der Persönlichkeit
-jedes einzelnen" (_Friedeberg_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 05, p. 26),
-sowie die Pflege der direkten Aktion, des Internationalismus und
-Antimilitarismus (vgl. "_Weckruf_", 28. Mai, "Der Generalstreik"; E.
-Th., "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9.
-Dez. 05]; _Dejeante_, Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28;
-_Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p.
-337); _Sironi_, Ernesto, "La Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta...
-usw., p. 387, gefordert.]
-
-1. Die _Propaganda_ betrachtet es als ihre Aufgabe, die Arbeiter mit dem
-Klassenstreik "gedanklich vertraut" zu machen, damit sie "allen
-Eventualitäten gewachsen" seien[705] und im entscheidenden Moment auch
-wüßten, was sie zu tun hätten.[706] Der Propaganda pflegt im allgemeinen
-die Diskussion vorauszugehen, die Aussprache über die Arten,
-Möglichkeiten und Aussichten des Klassenstreiks. Wie berechtigt
-akademische Erörterungen an sich auch sein mögen, so gefährlich kann
-ihre Häufigkeit innerhalb der praktischen Tagespolitik, kann der "Sport"
-mit dieser Idee, kann das "Spielen mit dem Feuer" werden.[707] Nicht
-etwa, weil durch "fortwährendes Reden darüber" der Gedanke des
-Klassenstreiks "lächerlich" gemacht und "verflacht"[708] würde, oder
-weil die Gegner dabei hinter die Pläne der Arbeiter kommen könnten,[709]
-sondern weil die darin enthaltenen meist noch ungeklärten, zu
-optimistischen Anschauungen nur allzuleicht trügerische Hoffnungen in
-den Arbeitern wecken,[710] weil die Arbeiter nur allzuleicht
-Untersuchung mit Empfehlung verwechseln, weil sich "aus der Gewohnheit,
-über eine Sache zu reden und reden zu hören, die Lust entwickeln"
-könnte, "sie einmal anzuwenden, ohne daß immer vorher die Tragweite
-davon gründlich geprüft worden wäre".[711]
-
-[Fußnote 705: _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; ders. "Der
-Parteitag in Jena".]
-
-[Fußnote 706: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik"; ders. "Ist der politische Massenstreik in
-Deutschland möglich?"; v. _Elm_, a. a. O. und Prot. Gwft. Kongr. Köln
-05, p. 226; _Timm_, ebenda p. 222, 223; _Kautsky_, "Allerhand
-Revolutionäres", p. 738, 739; _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 25 ff.;
-Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194, 196. -- _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena
-05 p. 299) nimmt an, die Massen könnten sich für eine solche Maßregel
-nur nach erfolgter Orientierung über Wirkung und Zweck begeistern.]
-
-[Fußnote 707: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Bernstein_, "Pol.
-M-str. u. pol. Lage", p. 22, und andere ähnlich.]
-
-[Fußnote 708: v. _Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und
-Genossenschaftsbewegung", p. 735; ders. "Partei und Gewerkschaft".]
-
-[Fußnote 709: Vgl. Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195,196; _Hue_,
-"Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Olberg_ ("Der italienische
-Generalstreik") meint, der Gedanke sei "nicht so zart, daß er durch die
-Diskussion abgegriffen würde", und die Redner des Proletariats seien
-"nicht so dumm", ihre "Betriebsgeheimnisse" auszuplaudern. -- Freilich
-können die Gegner aber in der bloßen Diskussion schon eine Drohung
-erblicken und mit entsprechenden Gegenmaßregeln antworten (vgl. _Heine_,
-Prot. Parteitg. Jena 05, p. 316).]
-
-[Fußnote 710: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
-Deutschland?"]
-
-[Fußnote 711: _Heine_, a. a. O. p. 754. _Kolb_ (Prot. Parteitg.
-Mannheim 06, p. 263, 264) fürchtet, die Arbeiter könnten sich in einem
-ungünstigen Moment zum Streik provozieren lassen.]
-
-2. Die _Agitation_ betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, das Thema zu
-klären oder die gewonnenen Einsichten zu verbreiten, sondern die
-Arbeiter nachdrücklich zum Handeln aufzufordern. Teils geschieht dies
-_generell_: durch die Anweisung, _jede_ Gelegenheit zum Streik zu
-ergreifen und _jeden_ Streik zum Klassenstreik zu erweitern (Praxis der
-Anarchisten); teils _speziell_: durch planmäßige Bearbeitung der Massen
-bei einem sich bietenden äußern Anlaß (wie in Schweden usw.), wobei es
-wesentlich darauf ankommt, der Bewegung ein geeignetes, nämlich ein
-bestimmtes, einheitliches und einleuchtendes Ziel zu geben.[712]
-
-[Fußnote 712: Je mehr Ziele zugleich auftreten, um so wahrscheinlicher
-ein Scheitern der Bewegung. Durch eine Verkoppelung der
-Wahlrechtsforderung mit dem Achtstunden-Postulat suchten seinerzeit die
-österr. Sozialisten die Beteiligung der Bergwerksarbeiter am geplanten
-Wahlrechtsstreik zu sichern, gaben aber, mit Rücksicht auf die allzu
-verschiedene Entwickelung der einzelnen Industrien und auf die allzu
-verschiedenen Erfordernisse eines ökonomischen und eines politischen
-Streiks, den Gedanken wieder auf (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894,
-_Krejci_, p. 55; _Hueber_, p. 58; _Reumann_, p. 62). -- _Jaurès_ ("Aus
-Theorie und Praxis") warf den französischen Syndikalisten vor, daß sie
-die Arbeiter, die für so unbestimmte Forderungen, wie "Kommunismus",
-nicht in den Streik treten würden, durch vorgeschobene Augenblicksziele
-in einen Generalstreik verlocken und diesem dann eine revolutionäre
-Wendung geben möchten.]
-
-Eine gewisse künstliche Förderung kann der Streikentschluß übrigens auch
-durch die Gegner erfahren;[713] doch spielt dies keine große Rolle.
-
-[Fußnote 713: So sollen beim Lancashire-Streik 1842 die Unternehmer die
-Hände im Spiel gehabt haben. Beim ital. Eisenbahnerstreik 1905 sollen
-die Eisenbahngesellschaften hinter der Szene die Streiktendenzen
-gefördert haben, um die Verstaatlichung zu hindern (vgl. Soz. Prx. 14.
-Jahrg. Nr. 30; "Die Hilfe", 1905, Nr. 16. p. 2, polit. Notiz).]
-
-Welchen unter den zahlreichen Faktoren kommt nun _ausschlaggebende
-Bedeutung_ zu? Die Möglichkeit unvorbereiteter Ausbrüche, wie die
-Vergeblichkeit künstlicher Inszenierungsversuche beweisen, daß die
-eigentlichen Triebfedern auf den _gegebenen_ Bedingungen, den
-_allgemeinen Verhältnissen_ beruhen. Haben doch überhaupt die
-großen Streiks "mehr den Charakter von Naturereignissen, als von
-bestimmten menschlichen Handlungen", weniger den "eines gewollten
-Mittels zu bestimmtem Zwecke, als den der unmittelbar gewollten
-Demonstration".[714] Sind sie aber in erster Linie "von der Entwicklung
-der Verhältnisse"[715] abhängig, so läßt sich eine wirksame Förderung
-oder Hinderung des Streikentschlusses allein von einer Beeinflussung
-dieser Verhältnisse erwarten.
-
-[Fußnote 714: "Sie entspringen den Stimmungen der Masse, zuweilen dem
-Druck der Not und Entbehrung, öfter dem allmählich angehäuften Unwillen,
-verletztem Ehrgefühl, sittlicher Entrüstung". (_Tönnies_, Über den
-Ruhrstreik 1905, "Freies Wort", IV, p. 894).]
-
-[Fußnote 715: Vgl. _Legien_, "In Köln am Rhein"; _Leimpeters_ (Prot.
-Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223); v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf
-dem Mannheimer Parteitag".]
-
-Aber der Streikentschluß ist doch _nicht ausschließlich_ vom
-historischen Moment,[716] von der _geschichtlichen Notwendigkeit_[717]
-abhängig. Der Effekt der gegebenen Bedingungen kann in gewissen Grenzen
-durch die _künstlichen Faktoren_ modifiziert werden. Es unterliegt
-keinem Zweifel, daß ein Klassenstreik um so eher losbricht, je stärker
-die Arbeiter daraufhin bearbeitet worden sind, und um so schwerer, je
-mehr man sie durch spezielle Bemühungen am Streik zu hindern sucht.
-Natürlich läßt er sich um so leichter heraufbeschwören, je stärker die
-allgemeinen Umstände das Proletariat zum Massenstreik disponieren, und
-um so schwerer, je weniger die Arbeiter dazu neigen. Den größten
-Hindernissen begegnet die künstliche Streikförderung, wenn es sich,
-ceteris paribus, um den überlegten Streikentschluß handelt, weil
-hierbei, gerade infolge der Überlegung, auch die Hemmungsvorstellungen
-besonders deutlich ins Bewußtsein treten müssen.
-
-[Fußnote 716: _Legien_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).]
-
-[Fußnote 717: _Luxemburg_, Vortrag über den pol. M-str. in einer von
-den sozialdemokratischen Frauen einberufenen Volksversammlung am 6. Dez.
-(vgl. Vorwärts, 2. Beilage, 8./12. 05).]
-
-Bei der relativ geringen Bedeutung der künstlichen Faktoren erscheint
-deren _Beeinflussung_ zwecks Förderung oder Hinderung des
-Streikentschlusses wenig verheißungsvoll. Ganz besonders _wertlos_ aber
-erscheinen von diesem Gesichtspunkt aus alle Bestrebungen, die Taktik
-des Proletariats von vornherein festzulegen und den Klassenstreik als
-Folge bestimmter Ereignisse vorauszuverkünden.[718] Hängt doch der
-Ausbruch des Klassenstreiks an tausend Imponderabilien, deren
-Gruppierungen sich kaum für wenige Tage voraussehen lassen.
-
-[Fußnote 718: Nichts sei verkehrter, als "eine große Aktion
-beschließen, für die das Angriffsobjekt noch fehlt" (_Bebel_, "Der
-Bremer Parteitg."; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 336). --Vgl. auch
-_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; _Bömelburg_ (Prot.
-Parteitg. Jena, p. 227, 333; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 219); v.
-_Elm_, "Die Revisionisten an der Arbeit", p. 29; _Zetkin_ (vgl.
-Vorwärts, 23. Aug. 05).]
-
-§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks.
-
-1. Die Durchführung eines Klassenstreiks hängt in erster Linie vom
-_Ausharrungsvermögen der Arbeiter_ ab, und dieses selbst wird zunächst
-durch das Maß _materieller Mittel_, über die das Proletariat verfügen
-kann, bedingt.[719] Denn beim Klassenstreik leidet ja das Proletariat
-nicht nur unter dem normalerweise eintretenden Lohnausfall,
-sondern, als Teil des sozialen Körpers, auch unter dem durch den
-Streik herbeigeführten allgemeinen gesellschaftlichen Druck
-(Lebensmittelknappheit, Preissteigerung usw.), der auf ihm, als der
-wirtschaftlich-schwächsten Klasse, am schwersten lasten muß.[720] Wie
-sehr die Arbeiter auch an Entbehrungen gewöhnt sein mögen, sie
-können denn doch nicht, wie Bebel meint, einfach "ein paar Wochen
-hungern";[721]; würden doch auch Frauen und Kinder in Mitleidenschaft
-gezogen werden. Vor dem _Hunger_ verblassen alle noch so leuchtenden
-Ziele,[722] alle noch so heiligen Vorsätze, und das Proletariat hat
-dann nur die Wahl zwischen Stürmung der Lebensmittelmagazine, also
-Hungerrevolte,[723] und Kapitulation.[724] Der Rückzug kann entweder
-gemeinsam und in guter Ordnung stattfinden oder in zerstreuten Trupps.
-Dann versandet die Bewegung, und die letzten, die am längsten ausharren,
-müssen die Zeche bezahlen.[725]
-
-[Fußnote 719: Über die Bedeutung der materiellen Mittel für den Kl-str.
-sind sich Vertreter aller Richtungen einig; vgl. die Resolutionen über
-Generalstreiks und über politische M-streiks, z.B. von den
-internationalen Kongressen in Zürich (p. 53), Amsterdam (p. 24 ff.);
-ferner _Legien_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900 p. 31 ff.); Prot.
-Parteitg. Bremen 04, p. 196; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 30;
-Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; Prot. Parteitg. Wien 05, p. 68, 69; v.
-_Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p.
-734; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 331; _Grimm_, "Der politische
-Massenstreik"; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421;
-_Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656;
-_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik"; _Friedeberg_,
-"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32; ders., "Weltansch."]
-
-[Fußnote 720: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
-Italien", p. 866, 867; _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der
-niederländischen Sozialdemokratie"; ders., "Der Generalstreik als
-politisches Kampfmittel", p. 196, 197; _Heine_, "Politischer
-Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Kolb_, "Zur Frage des
-Generalstreiks", p. 209; _Axel Hirsch_, p. 197; _Grosch_, "Der
-Generalstreik", p. 15 ff.; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883;
-ders., Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223; _Cohnstaedt_, "Generalstreik,
-Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749; _Eckstein_, p. 358, 359;
-_Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 252, 253; _Kautsky_,
-"Allerhand Revolutionäres", p. 689. -- Anderer Ansicht sind z.B.
-_Louis_, p. 301 ff., und _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
-Generalstreik", p. 28, 29.]
-
-[Fußnote 721: Vgl. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; ähnl.
-ebenda _Zietz_, p. 319, und v. _Elm_, p. 331.]
-
-[Fußnote 722: Vgl. hierüber z.B. _Rob. Schmidt_ und _David_ (Prot.
-Parteitg. Jena 05, p. 319, 328).]
-
-[Fußnote 723: Vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Kampffmeyer_,
-"Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"; _David_,
-"Die Eroberung der politischen Macht", III; _Düwell_, p. 248 ff.;
-_Grosch_, p. 16, 17.]
-
-[Fußnote 724: Vgl. z.B. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 153 ff.]
-
-[Fußnote 725: Vgl. _David_, "Rückblick auf Jena".]
-
-Zur Verhütung solcher Ausgänge sind natürlich um so größere Mittel
-erforderlich, je mehr der Streik sich zeitlich und räumlich ausdehnt;
-aber je mehr er sich ausdehnt, um so schwerer wird auch die Beschaffung
-dieser Mittel, um so weniger genügen die Gewerkschaftskassen,[726] um so
-geringer fällt der Zuschuß aus, den die Nichtstreikenden gewähren
-können. Der Klassenstreik wird also im allgemeinen hinter der Dauer
-eines gewöhnlichen Streiks zurückbleiben müssen.[727] Unter den heutigen
-Umständen dürften die Vorräte der Arbeiter und der ihnen kreditierenden
-Kleinhändler sogar schon nach einer Woche erschöpft sein.[728]
-
-[Fußnote 726: Vgl. z.B. _Grosch_.]
-
-[Fußnote 727: Vgl. _Reumann_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62;
-_Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; _Eckstein_,
-p. 358. Die Behauptung, der Klassenstreik werde die Regierung noch vor
-Erschöpfung der Arbeitervorräte zum Nachgeben zwingen (vgl. _Zietz_,
-Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326), ist unbegründet.]
-
-[Fußnote 728: Vgl. _Leimpeters_, p. 883. "Die deutsche Arbeiterschaft
-ist nicht einmal im stande gewesen, 200 000 Bergleute auf einige Wochen
-mit Brot und Kartoffeln zu versorgen; wie soll das erst werden, wenn
-Millionen in Frage kommen?" ("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in
-der N. Z. Z.)]
-
-Daher sind denn auch eine Reihe von Plänen zur Lösung des
-_Hungerproblems_ aufgetaucht. Der Vorschlag einiger Chartisten, jede
-Arbeiterfamilie sollte sich vor Ausbruch des Streiks einen Sack mit
-Lebensmitteln anschaffen, aus dem sie gewiß ihre bescheidenen
-Bedürfnisse einen Monat lang befriedigen könnte, indes die verwöhnten
-Reichen bald kapitulieren müßten,[729] war ebenso rührend-naiv, wie
-undurchführbar. -- Die Schaffung eines einigermaßen genügenden
-Streikfonds[730] setzt eine vorläufig unerreichbare Stärke des
-Gewerkschaftswesens voraus. --Verproviantierungsschwierigkeiten wären
-beim parzellierten Klassenstreik allerdings geringer,[731] doch könnten
-die Unternehmer diese Vorteile durch Aussperrungen illusorisch machen.
--- Die Unterstützung durch ausländische Arbeiter blieb bisher stets in
-bescheidenen Grenzen, kann die materielle Lage also auch nicht
-wesentlich verbessern. -- Durch weitgehende Ausbildung des
-Genossenschaftswesens ließe sich noch am ehesten eine mehrwöchentliche,
-wenn auch bescheidenste Ernährung großer Arbeitermassen aufrecht
-erhalten;[732] übrigens könnten sich die andern Klassen ebenfalls und
-vermutlich reichlicher vorsehen, und vielleicht würde der Staat im
-Interesse der Öffentlichkeit "die proletarischen Magazine beschlagnahmen
-und zum allgemeinen Wohle verwenden".[733] Immerhin wäre durch die
-genossenschaftliche Entwicklung die Möglichkeit einer starken Ausdehnung
-der Streiks näher gerückt. Eine materielle Unterstützung durch andere
-Klassen (Bezahlung der Streiktage durch die Unternehmer, Sammlungen im
-großen Publikum usw.) wird immer zu den Ausnahmen gehören, pflegt auch
-keine bedeutenden Dimensionen anzunehmen. -- Der einzige radikale Plan
-zur Vermeidung der Hungergefahr, nämlich die selbständige Organisation
-der proletarischen Produktion, oder auch Konsumtion,[734] ist im
-kapitalistischen Staat unausführbar.
-
-[Fußnote 729: Vgl. Henri _Quelch_, Enquête, p. 185.]
-
-[Fußnote 730: Vorgeschlagen von _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p.
-104 ff.; _Kampffmeyer_ a. a. O.; vgl. auch Friedrich _Naumann_, "Innere
-Wandlungen der Sozialdemokratie".]
-
-[Fußnote 731: Das Proletariat versetze hierbei "die Gesellschaft in
-einen Zustand ununterbrochener Unruhe, ohne seine eigenen Kräfte völlig
-aufzureiben" (_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der
-russischen Revolution", p. 215). Die Arbeiter können ihre Kräfte
-"jeweilig an solchen Punkten konzentrieren, wo sich ihnen besonders
-günstige Chancen bieten" (v. _Reiswitz_, a. a. O., p. 83) und die
-Arbeitenden können die Streikenden immer wieder unterstützen (vgl.
-bezgl. Marseille die Allg. Ztg. 11./9. 04).]
-
-[Fußnote 732: Vgl. v. _Elm_, a. a. O.; _David_, "Rückblick auf Jena";
-ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 328; _Roland-Holst_, "G-str. u.
-Sozd.", p. 104 ff.]
-
-[Fußnote 733: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
-Kampfmittel", p. 196.]
-
-[Fußnote 734: Vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik",
-p. 31, 32.]
-
-Aber das Ausharrungsvermögen des Proletariats hängt nicht nur von seinen
-materiellen Mitteln, sondern in hohem Maße auch von seinen _moralischen
-Qualitäten_ ab. Denn mit Zahl und Erregung der Ausständigen wächst die
-Schwierigkeit, Ruhe und Ordnung zu bewahren, mehren sich die
-Gelegenheiten zu Zusammenstößen und Ausschreitungen. Die gewaltsame Form
-des Klassenstreiks führt natürlich ohne weiteres zu revolutionären
-Auftritten.[735] Aber auch bei einem ganz friedlich beabsichtigten
-Klassenstreik sind blutige Konflikte auf die Dauer fast unvermeidlich,
-und zwar nicht nur infolge der physischen Notlage (erhöhte Reizbarkeit
-der Hungernden), sondern auch deshalb, weil hierbei die üblichen
-Zusammenstöße mit Arbeitswilligen[736] durch die Klassenleidenschaften
-verschärft werden; weil ferner in Momenten allgemeiner Aufregung das
-sogenannte Lumpenproletariat, "alle Schranken der Gesetzlichkeit"
-durchbrechend, "auf der Bildfläche erscheint";[737] weil auch in solchen
-Zeiten gewalttätige Fanatiker am leichtesten Einfluß gewinnen, denn
-"innerhalb einer sich sinnlich berührenden Menschenmenge... gehen
-unzählige Suggestionen und nervöse Beeinflussungen hin und her, die dem
-einzelnen die Ruhe und Selbständigkeit des Überlegens und des Handelns
-rauben, so daß die flüchtigsten Anregungen innerhalb einer Menge oft
-lawinenartig zu den unverhältnismäßigsten Impulsivitäten anschwellen und
-die höheren, differenzierten, kritischen Funktionen wie ausgeschaltet
-sind";[738] weil endlich jeder Schritt der öffentlichen Gewalt, wie
-Verhaftungen von Arbeiterführern, ja auch die bloße Verschärfung der
-staatlichen Sicherheitsmaßregeln, von den gereizten Massen schon wie
-eine Provokation empfunden und beantwortet werden kann. Die Gefahr liegt
-also äußerst nahe, daß der Klassenstreik, die Revolution der "gekreuzten
-Arme", die Revolution "im Sonntagsanzug", "mit den Händen in den
-Hosentaschen", zu ernstlichen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht,
-daß sie zur Straßenschlacht führe.[739] Dann aber ist die Niederlage des
-Proletariats so gut wie gewiß. Zwar läßt sich nicht in Abrede stellen,
-daß die Bedeutung der Armee durch den Streik selbst ausnahmsweise etwas
-gemindert werden kann:[740] wenn sich dieser nämlich wirklich bis in die
-entlegensten Flecken erstrecken, wenn er eine so "ungeheure Ausdehnung"
-erreichen[741] sollte, daß die Armee nicht groß genug wäre, um
-allerorten einzugreifen; oder wenn zudem den Soldaten wirklich ein
-richtiger Angriffspunkt, ein greifbarer Widerstand[742] fehlte, und wenn
-sie sich infolge bloßen Überwachungsdienstes gedrückt, ermüdet, unsicher
-fühlen würden.[743] Trotzdem aber ist auch beim Klassenstreik "die
-moderne Armee einem revoltierenden Volkshaufen stets weit
-überlegen".[744]
-
-[Fußnote 735: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 11; ders.,
-"Der Streik als politisches Kampfmittel". -- Ebenso würde der
-Militärstr., der übrigens von den Sozialisten fast durchweg abgelehnt
-wird (vgl. z.B. _Plechanoff_, _Adler_, _Liebknecht_ auf dem int. Kongr.
-Zürich, Prot. p. 20 ff.), sofort blutige Zusammenstöße veranlassen.]
-
-[Fußnote 736: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
-Stimmrechtskampagne"; _Turati_, a. a. O. Auch _Bernstein_ ("Ist der
-politische Streik in Deutschland möglich?") gibt zu, daß es nicht "ohne
-jedes Opfer", nicht ohne "etwas Schrammen" abgehen werde.]
-
-[Fußnote 737: _Eckstein_; _Turati_. Dies war z.B. beim belgischen und
-beim ital. Klassenstreik der Fall (vgl. N. Z. Z. 6./4. 02; Rdsch. Soz.
-Mh. Mai 1902, p. 392).]
-
-[Fußnote 738: _Simmel_, "Soziologie der Über- und Unterordnung", p. 518
-ff.]
-
-[Fußnote 739: Vgl. _Lusnia_, "Unbewaffnete Revolution?", p. 564 ff.;
-_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ähnl. auch _Deville_ (cit. bei
-_Weill_, p. 405), _Leimpeters_, p. 881, _Legien_, v. _Elm_ (Prot.
-Parteitg. Jena 05 p. 322), und zur Zeit des Chartismus z.B. _Stephens_
-(vgl. _Tildsley_, p. 47, 48).]
-
-[Fußnote 740: Der Kl-str. könne "affaiblir l'armée entre les mains de
-la classe capitaliste" (_Briand_, "La grève générale et la révolution",
-p. 9 ff.).]
-
-[Fußnote 741: "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11
-der "_Wahrheit_", p. 11 ff. Der Streik müsse allgemein sein, um die
-Kräfte des Gegners zu zersplittern, fordert z.B. _Parvus_, a. a. O.;
-vgl. ferner _Adler_, _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.);
-_Roland-Holst_, p. 88 ff.]
-
-[Fußnote 742: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 9
-ff.]
-
-[Fußnote 743: Die Armee sei "insuffisante pour faire face à un pareil
-danger" (_Briand_. p. 9 ff.), sei in solchen Fällen "zur Ohnmacht
-verurteilt" (so "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a. O.; ähnl.
-_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694, 695). Durch häufige
-persönliche Berührungen zwischen Streikenden und Soldaten kann natürlich
-in letzteren das Gefühl der Interessengemeinschaft geweckt werden
-(_Parvus_, a. a. O.); doch ist es unwahrscheinlich, daß dies bei den
-heutigen militärischen Verhältnissen zu einer ernstlichen "Zersetzung
-der militärischen Disziplin" (_Roland-Holst_, "Der politische
-Massenstreik in der russischen Revolution", p. 220 ff.) führen kann; die
-Disziplin müßte denn schon vorher sehr gelockert gewesen sein. Für
-Deutschland scheint dies völlig ausgeschlossen. Übrigens hat weder die
-Unzuverlässigkeit der belgischen Truppen (vgl. N. Z. Z. 26./3. 1893,
-Allg. Ztg. 3./5. 93), noch die des russischen Heeres die Ausständigen
-vor blutigen Zusammenstößen bewahrt.]
-
-[Fußnote 744: _Eckstein_, p. 362; ähnl. _David_.]
-
-Sofern freilich das Heer zu den Streikenden hielte, wären alle
-blutigen Zusammenstöße natürlich von vornherein ausgeschlossen.
-Daher die Bemühungen um Einführung des Milizsystems; daher die
-Versuche, durch allgemeine sozialistische, wie auch durch spezielle
-antimilitaristische[745] Propaganda einen Einfluß auf das Heer
-auszuüben.[746]
-
-[Fußnote 745: Vgl. "_Weckruf_", 28. Mai 04; _Dejeante_ (Prot. int.
-Kongr. Zürich 1893, p. 28); _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
-Generalstreik", p. 29 ff.; "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a.
-O.]
-
-[Fußnote 746: v. _Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen
-Gewerkschaftskongress"; _Friedeberg_ a. a. O. Die Ansicht, das Milizsystem
-biete den Arbeitern beim Kl-str. größere Vorteile, wird z.B. durch die
-Schweiz. Streikerfahrungen widerlegt -- 1902 forderten die
-sozialistischen Frauen in Brüssel das Militär direkt in einem Manifest
-auf, nicht auf das Volk zu schießen, aber mit geringem Erfolg (vgl. N.
-Z. Z. April 1902).]
-
-Ein weniger radikales, aber praktisch nicht ganz aussichtsloses
-Schutzmittel (das aber keineswegs die Verhütung aller und jeder
-Konflikte gewährleistet),[747] besteht in der Beeinflussung der Arbeiter
-selbst: vor allem allgemeine Erziehung und Disziplinierung der
-Massen,[748] dann aber auch spezielle _Maßnahmen zur Aufrechterhaltung
-der Ordnung_ während des Streiks: wie Einrichtung eines
-Sicherheitsdienstes,[749] Ermahnungen einflußreicher Führer zur Ruhe und
-Ordnung,[750] Vorkehrungen gegen den in solchen Zeiten ganz besonders
-verderblichen Alkoholgenuß[751] usw. Hingegen möchte sich die vorherige
-Aufstellung eines detaillierten Streikplans wegen der Unberechenbarkeit
-der Verhältnisse als zwecklos erweisen.[752] --Natürlich kann auch durch
-ausnahmsweise Unterstützung aus anderen Gesellschaftskreisen die
-moralische Widerstandskraft der Streikenden gehoben werden.[753]
-
-[Fußnote 747: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
-Massenstreik"; ders., "Der politische Massenstreik und der
-Staatsanwalt".]
-
-[Fußnote 748: Dies fordert z.B. die Amsterdamer
-Generalstreikresolution (Prot. p. 24 ff.); ebenso _Zietz_, (Prot.
-Parteitag Jena 1905 p. 326); _Bernstein_, a. a. O., und viele andere,
-auch _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd."; doch fordert sie [p. 119]
-andererseits eine solche Erregung, daß die proletarische Disziplin
-durchbrochen werde). Es wird eine möglichst umfassende Organisation und
-Vorbereitung des Proletariats verlangt, Schulung im täglichen Kampf,
-sodaß die Möglichkeit des Zusammenhalts und der Ordnung auch nach
-Gefangennahme der gewohnten Führer bestehen bleibe, Einheitlichkeit der
-Leitung, wobei es irrelevant sei, ob Partei oder Gewerkschaft die
-Führung übernehmen, sofern sie sich nur gegenseitig in die Hände
-arbeiten (vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel";
-_Umrath_, p. 19, 20; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.,
-732, 733; ders., "Maifeier und Generalstreik"; _Olberg_, "Der
-italienische Generalstreik", p. 23; _Jaurès_, "Grève et Révolution";
-_Roland-Holst_, p. 107 ff.; _Friedeberg_ a. a. O.).]
-
-[Fußnote 749: Es wurde 1904 in Mailand eine Art Arbeiterpolizei
-eingerichtet (vgl. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 22).
-Beim polit. Streik in Russisch-Polen verlangte das Arbeiterkomitee von
-Zawiercie in einem Manifest: Ruhe, Würde und Charakterfestigkeit, und es
-drohte, bei Diebstahl, Raub und Schlägerei gegen die Schuldigen
-einzuschreiten (vgl. Dokumente des Sozialismus, V. 9).]
-
-[Fußnote 750: "Es müssen die Männer, die bei der Masse Autorität haben,
-mögen sie den Streik billigen oder nicht, persönlich ihren ganzen
-Einfluß aufwenden", um ihn in gesitteten Grenzen zu halten (_Turati_,
-"Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien").]
-
-[Fußnote 751: Schon der Chartistenkonvent fragte in einem Manifest, ob
-das Volk bereit sei, während des heiligen Monats vom Genuß geistiger
-Getränke abzustehen (vgl. _Tildsley_, p. 46). Beim belgischen Streik
-warnten die Führer vor dem Alkoholgenuß (vgl. "Allg. Ztg." 16./4. 02;
-_Destrée und Vandervelde_, p. 259), der Branntweinausschank wurde
-eingeschränkt (_Destrée und Vandervelde_, p. 259): "à Verviers, les
-cabaretiers socialistes ne débitèrent point de genièvre
-(Wachholderbranntwein) pendant le temps de la grève; un peu partout, on
-remarqua la diminution de l'ivroguerie". Beim schwedischen Streik waren
-die Ausschankstellen für geistige Getränke überhaupt geschlossen (N. Z.
-Z. 16./5. 02). Das Komitee von Zawiercie (a. a. O.) bedrohte Betrunkene
-mit 20 Schlägen. In Italien forderte 1904 die Arbeitskammer von
-Sampierdarena die Verkäufer alkoholischer Getränke zur Einstellung des
-Verkaufs derselben während der Streikdauer auf (_Olberg_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 752: Vgl. _Leimpeters_, "Die Taktik des Bergarbeiterverbandes"
-p. 488; ders. "Zum Generalstreik", p. 884.]
-
-[Fußnote 753: Dies soll beim 1. belgischen Wahlrechtsstreik der Fall
-gewesen sein, desgl. in Rußland 1905; ähnl. auch beim Ruhrstreik.]
-
-Das Ausharrungsvermögen des Proletariats ist also von der Größe seiner
-eigenen materiellen und geistigen Vorräte, plus event. Unterstützung aus
-bürgerlichen Kreisen abhängig. Die tatsächliche Inanspruchnahme dieser
-Mittel wird um so größer, die Differenz zwischen proletarischer
-Opferfähigkeit und Opferwilligkeit um so geringer, die Durchführung des
-Streiks um so konsequenter sein, je lebhafter das Proletariat seine
-konkrete Forderung als gerecht und notwendig empfindet.[754]
-
-[Fußnote 754: Vgl. _Jaurès_, a. a. O.; ders. "Aus Theorie und Praxis",
-p. 99 ff.; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 107 ff.; _Bernstein_, "Pol.
-M-str. u. pol. Lage", p. 34; Prot. Parteitag Wien 05, p. 68, 69. Zur
-Entwickelung dieser Gefühle im Proletariat wird Vorbereitung verlangt,
-vgl. z.B. Prot. Parteitag Wien 1894, p. 80 ff.; _Luxemburg_, (Vorwärts,
-8. Dez. 05); _Thesing_, p. 334.]
-
-2. Außer vom Ausharrungsvermögen der Arbeiter hängt die Durchführung des
-Klassenstreiks aber noch von der _Widerstandskraft_ ihrer _Gegner_ ab.
-
-Diese entspricht einerseits dem Umfang der Gegnerschaft überhaupt,
-ist also um so größer, je mehr der Streik sich gegen alle
-Gesellschaftsklassen wendet,[755] je weniger Sympathien er im Bürgertum
-wecken kann; andererseits entspricht sie den gegnerischen Machtmitteln,
-resp. deren Zuverlässigkeit und Anwendbarkeit.
-
-[Fußnote 755: _Streltzow_, a. a. O. p. 136, folgert aus den russischen
-Streikerfahrungen, daß ein Kl-str. ohne starke Organisationen nur
-möglich sei, "wenn er gegen die völlig isolierte Regierung geführt
-wird".]
-
-Da die Zuverlässigkeit der Machtmittel durch allgemeine politische
-Ereignisse beträchtlich modifiziert werden kann, so hängt der Widerstand
-der Gegner in hohem Maße vom Zeitpunkt ab, in dem der Klassenstreik
-ausbricht; dieser hat also um so größere Chancen, je verwickelter die
-politischen Verhältnisse gerade liegen (z.B. zur Zeit eines
-unglücklichen Krieges, oder bei tiefgreifender Unzufriedenheit im
-Volk,[756] oder wenn die Regierung innerlich morsch ist);[757] denn was
-für den gewerblichen Streik die wirtschaftliche Hochkonjunktur, das
-bedeutet für den Klassenstreik die allgemeine Krise.
-
-[Fußnote 756: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel":
-der pol. M-str. solle "eine latente Krisis zu einer für die
-Arbeiterklasse möglichst günstigen Entscheidung treiben", nicht diese
-Krisis selbst herbeiführen (p. 693). Ähnlich wünschte _Resel_ (Prot.
-Parteitag Wien 1894, p. 70) für den Wahlrechtsstreik einen Zeitpunkt,
-"wenn sich die politischen Verhältnisse günstig gestalten, wenn im
-Parlament eine Konfusion eintreten wird".]
-
-[Fußnote 757: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 132.]
-
-Da ferner die Anwendbarkeit der Machtmittel zum Teil eine Vorbereitung
-erfordert, so wird der Widerstand der Gegner um so geringer sein, je
-überraschender, spontaner der Streikentschluß zu Stande kommt.[758]
-
-[Fußnote 758: Deshalb hat man auch schon "in der Überrumpelung"
-(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in
-Holland"), "in der Plötzlichkeit eine Bürgschaft des Erfolgs" (_Gorter_,
-"Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; ähnl. _Kautsky_,
-"Allerhand Revolutionäres", p. 735 ff.; Allg. Ztg. 10./4. 03; _Zietz_
-[Prot. Parteitag Jena 05, p. 326]; _Thesing_, p. 534; vgl. auch
-_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p.
-750) sehen wollen, obgleich die Plötzlichkeit oft mit ungenügender
-Vorbereitung der Arbeiter zusammenfällt.]
-
-Die positive Machtfülle der Gegner wird aber nicht in allen Fällen voll
-zur Entfaltung gelangen. Vielmehr wird der Grad der Abwehr dem Grad der
-Beeinträchtigung entsprechen, die der Ausstand herbeiführt oder
-herbeiführen will. Der Widerstand wird also von Größe und Form, Ziel und
-Wirkungsweise des Klassenstreiks abhängen. Ceteris paribus löst ein
-Demonstrationsstreik beim Gegner eine geringere Reaktion aus, als ein
-Pressionsstreik; ein Pressionsstreik hat aber in der Defensive immer
-noch größere Chancen, als in der Offensive.[759] Eine Pression zu
-Gunsten von Teilforderungen ruft um so mehr Widerstand hervor, je mehr
-diese die Interessen des Gegners berühren;[760] sie wird aber immer noch
-weniger Widerstand erregen,[761] als ein Klassenstreik mit
-sozialrevolutionären Zielen, bei dem sich alle noch so entfernten
-Freunde der bestehenden Ordnung sofort um die Regierung scharen[762] und
-deren Aktionskraft auch in physischer Hinsicht beträchtlich steigern
-würden.[763] -- Verschiedene Sozialisten nehmen an, die Klassenstreiks
-müßten ständig zunehmen.[764] Denn weil bei der Entwicklungshöhe des
-Kapitalismus und der Reife der Arbeiterklasse für die Gegner immer mehr
-auf dem Spiel stehe,[765] sähen sie jeden Kampf als Existenzfrage
-an[766] und steigerten ihren Widerstand. Deshalb müßten die Streiks
-immer mehr revolutionären Charakter annehmen. Eine solche Behauptung
-übersieht die Möglichkeit einer sozialen Spannungsmilderung.
-
-[Fußnote 759: _Block_ a. a. O.; _Zetkin_ (Prot. Parteitag Jena 05, p.
-324); zur Defensive brauche das Proletariat über weniger Kräfte zu
-verfügen, als zur revolutionären Offensive.]
-
-[Fußnote 760: So meint z.B. _Rob. Schmidt_, (Prot. Parteitag Jena 05,
-p. 332), der Ruhrstreik sei nur deshalb ohne Blutvergießen abgelaufen,
-weil es damals der Regierung nicht des Einsatzes wert gewesen wäre;
-"aber es würde ihr des Einsatzes wert sein, wenn es sich um so vitale
-Interessen der bürgerlichen Klasse handelte, wie das Wahlrecht".]
-
-[Fußnote 761: "Da er den Herrschenden nicht so schrecklich, nicht als
-der letzte Schritt zur Revolution erscheinen wird" (_Block_; ähnl.
-_Adler_, Prot. Parteitag Wien 05, p. 128).]
-
-[Fußnote 762: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik". Z.B. in England sollen sich 1848 250 000 Bürger
-als Spezialkonstabler in den Dienst der Regierung gestellt haben (vgl.
-_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage" p. 11).]
-
-[Fußnote 763: Vgl. _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_, "Ist der
-politische Streik in Deutschland möglich?" p. 33; _Jaurès_ ("Aus Theorie
-und Praxis", p. 115 ff.) verweist darauf, daß die Bürgerschaft infolge
-der Schieß-, Turn-, Sport- und Militärübungen wohl im Stande sein würde,
-eine energische Aktion auszuüben.]
-
-[Fußnote 764: Vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders.
-"Zum Parteitag", p. 780; ders., "Lehren des Bergarbeiterstreiks", p.
-781; _Luxemburg_ (Vorwärts, 8./12. 05).]
-
-[Fußnote 765: _Hilferding_, "Parlamentarismus und Massenstreik", p. 814
-ff., meint, in Deutschland z.B. müsse jeder Klassenstreik "zur
-Entscheidungsschlacht" führen, "denn die herrschenden Klassen
-Deutschlands vertragen infolge der Entwicklung der ökonomischen
-Verhältnisse keinen Sieg des Proletariats, und sei es in welcher Frage
-immer". Weil aber das Proletariat zum Entscheidungskampf noch nicht
-stark genug sei, so müsse in Deutschland jeder Massenstreik vermieden
-werden. (Gewiß erscheint die Ablehnung eines pol. M-streiks für
-Deutschland durchaus gerechtfertigt; aber nicht deshalb, weil die
-"Herrschenden" daraus eine "Todesdrohung" hören würden, sondern weil ein
-pol. M-str. gerade in Deutschland infolge der politischen und
-militärischen Verhältnisse ganz bes. aussichtslos sein würde). In
-Österreich hält _Hilferding_ den Klassenstreik noch bei pol.
-Einzelforderungen für angebracht. Ähnl. _Kautsky_, "Der Bremer
-Parteitag" p. 9; _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte". _Block_
-billigt die _Hilferding_schen Ansichten über die Streikaussichten in
-Deutschland nur bezüglich des Pressionsstreiks. -- Als Pendant zu den
-_Hilferding_schen Ausführungen kann die in anderen Kreisen vertretene
-Ansicht gelten, daß "heutzutage jeder einzige Streik sozialdemokratisch
-organisierter Arbeiter ein politischer Streik" sei, weswegen man dem
-Streikunwesen energisch entgegenwirken müsse (vgl. v. _Reiswitz_, p.
-58).]
-
-[Fußnote 766: _Roland-Holst_, a. a. O. p. 686.]
-
-Je mehr Widerstand die Gegner leisten, um so mehr Ausharrungsvermögen
-ist auf Seite der Arbeiter erforderlich. Also ist ein defensiver,
-friedlicher Demonstrationsstreik für Teilziele, von mäßigem Umfang und
-kurzer Dauer am relativ leichtesten,[767] der revolutionäre
-Pressionsstreik aber am schwersten durchführbar. Letzterer verlangt auf
-Seiten der Arbeiter ein so ungeheures Maß von Organisation, materiellen
-Mitteln, Disziplin, Opferwilligkeit und eine so ungeheure Beteiligung,
-oder er setzt auf Seiten der bürgerlichen Gesellschaft eine so schwache
-Regierung, eine so jämmerliche, zusammengeschrumpfte Bourgeoispartei,
-ein so vollkommen unzuverlässiges Heer voraus, daß er, sobald er möglich
-wäre, auch schon unnötig würde. Denn dann wären ja wirklich die
-Voraussetzungen des Sozialismus vorhanden, und es dürfte weder die
-einzige,[768] noch gerade die beste Art sein, das neue Arbeitssystem
-durch Proklamierung eines allgemeinen Ferienurlaubs einzuführen.[769]
-
-[Fußnote 767: Vgl. z.B. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 734,
-735; _Block_; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]
-
-[Fußnote 768: _Friedeberg_ ("Weltansch." und "Parlamentarismus und
-Generalstreik", p. 3) behauptet, der "Klassenstaat" könne, da er auf der
-Ausbeutung des Proletariats beruhe, nur überwunden werden, indem man
-durch den Generalstreik die Ausbeutung aufhebe. Diese Beweisführung ist
-keineswegs zwingend. Der Lärm, den die gleichzeitige Stimmerhebung
-zahlreicher Personen verursacht, läßt sich nicht nur durch plötzliches
-Verstummen aller Beteiligten beseitigen, sondern auch durch die
-Einreihung der gleichzeitig ertönenden Stimmen in eine harmonische
-Ordnung, so daß, statt in gänzliche Totenstille, der Lärm sich in einen
-wohllautenden Chorgesang auflöst; auch gegen die "Ausbeutung" des
-"Klassenstaats" kann es noch andere Mittel geben, als die bloße Negation
-seiner Grundlagen.]
-
-[Fußnote 769: Aus diesen Gründen lehnten den Klassenstreik ab z.B. W.
-_Liebknecht_ (Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126, Zürich 1893, p. 24;
-Prot. Parteitg. Köln 1893, p. 170, 171); _Vliegen_ ("Der Generalstreik
-als politisches Kampfmittel", p. 196); _Aveling_, _Plechanoff_ (Prot.
-int. Kongr. Zürich 1893, p. 20, 27); _David_, "Die Eroberung der
-politischen Macht"; _Düwell_, p. 233; _Greulich_, "Wo wollen wir hin"?
-p. 35 ff.; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 302; ähnlich schon _Atwood_ (vgl.
-_Tildsley_, p. 48, 49); anderer Meinung z.B. die Redaktion von "_De
-Nieuwe Tijd_" (Bericht an den Parteivorstand ... usw.), weil sich die
-tatsächlich vorhandene Macht erst durch die Praxis ausweisen könne,
-zudem die Praxis selbst ein Machtfaktor sei; Dr. _Liebknecht_ verwirft
-ebenfalls die Argumentation: "wenn wir den Generalstreik machen können,
-brauchen wir ihn nicht mehr", weil man ja auch durch aktuelle politische
-Ereignisse "in den Generalstreik hineingedrängt werden" könne. Aber
-selbst wenn dies der Fall sein sollte, so wäre damit doch noch nicht der
-Erfolg eines Kl-streiks, am wenigsten der eines revolutionären
-Kl-streiks garantiert!]
-
-§ 23. Bedingungen des Erfolges des Klassenstreiks.
-
-Der Erfolg des Klassenstreiks, -- mit Ausnahme des reinen
-Demonstrationsstreiks, der keine unmittelbare Verwirklichung seiner
-Ziele erstrebt, -- besteht in der Erfüllung der Streikforderung, hängt
-also in erster Linie von deren _objektiver Realisierbarkeit_ ab.
-
-Zur Erfolglosigkeit wären daher von vornherein alle jene Klassenstreiks
-verurteilt, die sich die Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung zum
-Ziele setzen würden.[770] Davon sind auch Sozialisten, wie _Bernstein_,
-_Jaurès_, _Roland-Holst_ usw. durchaus überzeugt. Selbst angenommen, daß
-ein Klassenstreik die einzelnen Unternehmer zu verdrängen,[771] die
-Betriebe wirklich in eine gewisse Abhängigkeit von der Arbeiterschaft zu
-bringen vermöchte und die Herrschaft in einem Industriegebiet eroberte,
-so wäre damit doch noch nicht das Unternehmertum als solches beseitigt,
-die proletarisch-politische Herrschaft konsolidiert.[772] Setzt doch die
-sozialistische Gesellschaftsordnung einen außerordentlich höher
-entwickelten Kapitalismus, ein außerordentlich größeres und vollkommener
-organisiertes Proletariat voraus, als vorhanden oder für absehbare Zeit
-vorauszusehen ist.[773] Nach Anschauung mancher Syndikalisten freilich
-wird "in den Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Inwelt der Faktor
-des Innenlebens immer wesentlicher" (_Friedeberg_); danach ließe sich
-also der Sozialismus auch schon vor Eintritt seiner materiellen
-Voraussetzungen herbeiführen, wenn nur in den Arbeitern mittels
-psychologischer Beeinflussung die Einsicht in das Wesen der
-"Klassenherrschaft" entwickelt worden ist. Diese Lehre, der sog.
-"_historische Psychismus_", dürfte wohl als natürliche Reaktion gegen
-die Übertreibung des _historischen Materialismus_ anzusehen sein. --
-Nicht ganz so weit, wie _Friedeberg_, geht _Thesing_: der Wille des
-Menschen mache Geschichte, nicht automatische Gesetze, wie ein
-misverstandener Marxismus lehre; dieser sei auch schuld, wenn man die
-seiner Ansicht nach einzige wirksame Waffe, den politischen
-Generalstreik, verleugne.[774]
-
-[Fußnote 770: Vgl. _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194);
-_Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 26 ff.; "Hamburger Echo", 27. Aug.
-05, Art. "Anarcho-Sozialismus".]
-
-[Fußnote 771: "Die gefestigte ökonomische Macht der Kapitalisten kann
-nicht durch die wirtschaftliche Ohnmacht hungernder Arbeiter gestürzt
-werden" (_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der
-ökonomischen Macht"). Streiks scheinen nicht dazu führen zu können, "das
-Lohnsystem in seinen Grundfesten zu erschüttern und eine wesentlich
-andere Verteilung des Arbeitsertrages herbeizuführen" (_Stieda_, Art.
-"Arbeitseinstellungen", im Hdwb. d. Staatswften.). Durch Aufhören von
-Produktion und Zirkulation und durch Bedrohung von Person und Eigentum
-werde überhaupt die bürgerliche Gesellschaft noch nicht gestürzt, wie
-die großen Kriege und Invasionen bewiesen (_Jaurès_, "Aus Theorie und
-Praxis", p. 111 ff.).]
-
-[Fußnote 772: Der Großbetrieb würde vielleicht einige Firmenänderungen
-aufweisen. -- _Jaurès_ meint, in den gerade durch den Streik selbst
-isolierten Wirtschaftszentren würden bald wieder reaktionäre Herde
-entstehen, so daß die Revolution sich selbst verzehren müsse.]
-
-[Fußnote 773: Eine Arbeiterschaft, "completamente organizzata e
-federata", wie _Thesing_ (p. 334) sie als Voraussetzung des G-streiks
-und des Sozialismus verlangt, sei aber "völlig unmöglich" (_Kautsky_,
-"Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. 775), denn die Organisation werde
-"stets nur eine Elite oder Aristokratie der Arbeiterschaft umfassen."]
-
-[Fußnote 774: Vgl. die Kritik des "revolutionären Syndikalismus" bei
-_Sombart_ ("Sozialismus und soziale Bewegung", insbesondere p. 140 ff.);
-_Sombart_ folgert aus der Unhaltbarkeit der syndikalistischen
-"Gewerkvereinstheorie" auch die Unhaltbarkeit des Generalstreiks: wenn
-nämlich der Syndikalismus "nichts anderes, als die Erziehung des
-Arbeiters in den Gewerkvereinen für nötig hält, um alle erforderlichen
-Qualitäten des neuen Produzenten zur Entfaltung zu bringen", so wäre
-selbst bei vollständigem Sieg des Generalstreiks das Proletariat "doch
-nicht imstande,... ihn auszunützen", da eben die "subjektiven und
-objektiven Bedingungen der neuen Produktionsweise" noch nicht erfüllt
-sein würden (a. a. O. p. 141).]
-
-Bei weniger utopischen Forderungen hängt der Erfolg von der Stärke des
-_Streikdrucks_ ab. Dieser ist, soweit er vom Proletariat selbst ausgeht,
-nach oben durch die _tatsächliche Macht_ des Proletariats begrenzt, also
-einerseits durch seine _politische Bedeutung_, die auf der "gewaltigen
-Zahl seiner Köpfe"[775] beruht, und andrerseits durch seine _ökonomische
-Bedeutung_ (seine "gesamte organisierte wirtschaftliche Macht",[776]
-seine "reale Macht"),[777] die auf der tatsächlichen Abhängigkeit der
-Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung beruht.
-
-[Fußnote 775: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 291; _Friedeberg_ (Prot. int.
-Kongr. Amsterdam 04, p. 26, und "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
-31, 32) behauptet, im G-str. komme die psychologische Macht der
-Arbeiterklasse zum Ausdruck; ihre wahre Macht bestehe nämlich in einer
-möglichst großen Zahl völlig freier Persönlichkeiten.]
-
-[Fußnote 776: _Lensch_, "Politischer Massenstreik und politische
-Krisis".]
-
-[Fußnote 777: _Hilferding_, a. a. O. Die ökonomische Macht des
-Proletariats wachse "organisch hervor... aus der Stellung und Funktion
-des Proletariats in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung" (Dr.
-_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327; vgl. auch _Hilferding_,
-"Zur Frage des Generalstreiks", p. 135 ff.); _Thesing_, p. 334, nennt
-als einzige Macht des Proletariats dessen Persönlichkeit und
-Arbeitskraft.]
-
-Diese Abhängigkeit ist eine ungeheure, aber keine absolute. Handelt es
-sich doch nicht um die gesamte soziale Arbeitsleistung, deren
-Verweigerung allerdings ohne weiteres den ganzen "Zirkulations- und
-Produktionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft... an einem Tage zum
-Stillstand" bringen[778] und eine tatsächliche Aushungerung der
-Gesellschaft bewirken würde,[779] sondern nur um den Bruchteil
-gewerblicher Tätigkeiten, der sich in den Händen des Proletariats
-befindet.[780] Dieser Bruchteil ist freilich keine Kleinigkeit; und da
-das Proletariat gerade im Verkehrs-, Transport- und Nachrichtenwesen, im
-Beleuchtungs- und Reinigungsdienst, in den Groß- und Mittelbetrieben von
-Industrie und Bergbau sehr stark vertreten ist, also durchaus nicht nur
-"für die Behaglichkeiten des Lebens"[781] sorgt, sondern einen großen
-Teil der gesellschaftlich unentbehrlichsten Arbeit verrichtet,[782] so
-würde ein Streik des gesamten Proletariats einer vollständigen sozialen
-Arbeitsunterbrechung immerhin sehr nahe kommen.[783]
-
-[Fußnote 778: Eine solche Wirkung erwartete vom Kl-str. z.B. _Werner_,
-Opposition der "Jungen" (Prot. Parteitg. Erfurt, 1891); ähnlich
-_Eckstein_, p. 363; _Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la
-classe ouvrière, p. 337, usw.]
-
-[Fußnote 779: _Henry George_ soll gesagt haben: "wollte einmal die
-produktive Arbeit in London gänzlich feiern, so würden die Menschen in
-wenigen Stunden hinzusterben beginnen" (cit. bei _Grosch_). Die Absicht,
-durch den Kl-str. die Gesellschaft "auszuhungern", ist heute übrigens
-allgemein als unhaltbar aufgegeben (vgl. z.B. _Bernstein_: "Der Streik
-als politisches Kampfmittel" p. 691; ders. "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195 usw.).]
-
-[Fußnote 780: Es waren z.B. von den 22,1 Mill. Erwerbstätiger
-Deutschlands (1895) 3-4 Mill., 36,3 Proz. sämtlicher gewerblicher und
-industrieller Arbeiter, in Groß- und Mittelbetrieben beschäftigt (cit.
-bei _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
-Macht", p. 874 ff.). "Die Großindustrie wird lahmgelegt, aber eine
-absolute Arbeitseinstellung ist undenkbar" (_Vliegen_, "Der
-Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 197 ff.); vgl. auch Prot.
-int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff., usw.]
-
-[Fußnote 781: Wie _Grosch_, p. 14, 15 annimmt.]
-
-[Fußnote 782: _Hilferding_, a. a. O. p. 141.]
-
-[Fußnote 783: _Kautsky_ ("Die soziale Revolution", I, p. 50) meint, daß
-jede Existenz unmöglich gemacht würde, wenn alle Arbeiter eines Landes
-die Arbeit einstellten, worunter er wohl nur die Lohnarbeiter versteht.
--- Übrigens können Landwirtschaft und industrielle Kleinbetriebe auch
-während des Kl-streiks, freilich unter erschwerenden Umständen, in einem
-gewissen Umfang weiterarbeiten.]
-
-Doch diese ungemein große relative Abhängigkeit der Gesellschaft von der
-proletarischen Arbeitsleistung wird insofern gemildert, als die
-Beteiligung des _gesamten_ Proletariats am Klassenstreik praktisch
-überhaupt ausgeschlossen erscheint. Denn die Arbeiterschaft enthält
-zahlreiche, und darunter allerbedeutsamste Elemente, die entweder aus
-Indifferenz der Bewegung fernbleiben, oder sich gar mit Absicht vom
-Streik ausschließen, teils, weil sie aus wirtschaftlichen oder
-rechtlichen Gründen nicht streiken können,[784] teils, weil sie aus
-prinzipiellen Gründen nicht streiken wollen.[785] Die Beteiligung des
-Proletariats wird im allgemeinen um so größer sein, je weitere Kreise
-das Streikziel als ein Bedürfnis empfinden,[786] je stärker die
-proletarischen Organisationen sind, je lebhafter sie sich am Ausstand
-beteiligen,[787] je intensiver also ihr Beispiel auf Unorganisierte und
-Indifferente wirken kann.[788]
-
-[Fußnote 784: Z.B. die Staatsarbeiter (vgl. _Katz_, "Der politische
-Massenstreik", Nr. 34, p. 7), also vor allem Eisenbahner (ca. 1/8 der
-deutschen Eisenbahner hat Beamtenqualität [vgl. _Kampffmeyer_, p. 874
-ff.]), Post- u. Telegraphenangestellte (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u.
-Sozd.", p. 112 ff.; _Parvus_, "Staatsstreik und politischer
-Massenstreik", p. 391). Wirtschaftlich gebunden sind z.B. meist auch
-die Hausindustriellen (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894).]
-
-[Fußnote 785: In Betracht kommen hier vor allem die sog. gelben
-Gewerkschaften, die prinzipiell den Klassenkampf verwerfen.
---_Cohnstaedt_ ("Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p.
-748) glaubt, daß einem Wahlrechtsstreik in Deutschland sich die
-christlichen und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften anschließen
-würden; das bezweifelt _Düwell_ (p. 249), und wohl mit Recht; er meint,
-daß diese Gewerkschaften höchstens bei spontanem Streik vorübergehend
-mitmachen würden. -- Das Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften
-kann sich "keine größere Diskreditierung des Gewerkschaftswesens
-denken", als seine Indienststellung für den politischen M-str.; "im
-Interesse der Selbsterhaltung und der praktischen Reformarbeit müssen
-die Gewerkschaften aller Richtungen gegen alle Versuche, politische
-Massenstreiks zu inszenieren, Front machen", auch gegen die "gewaltlosen
-Demonstrationen, welche Bernstein empfiehlt" (cit. in der Soz. Prx. XIV,
-Nr. 50, Sp. 1318). Beim holländischen Aprilstreik 1903 standen die
-christlichen Gewerkschaften auf Seiten der Regierung (vgl.
-_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland").
-Der Gesamtverband der national gesinnten Eisenbahner Süddeutschlands
-schließt partielle und allgemeine Ausstände zur Erreichung seiner Zwecke
-(Pflege der gemeinsamen geistigen und materiellen Interessen)
-ausdrücklich aus (vgl. Soz. Prx. XIV, Nr. 51, Sp. 1346, 1347).]
-
-[Fußnote 786: _von Elm_ (Prot Parteitg. Jena 05, p. 33): beim
-Wahlrechtsstr. würden auch die Massen der Unorganisierten zuströmen;
-ähnlich _Luxemburg_ (vgl. Vorwärts, 8. Dez. 05) sobald die Notwendigkeit
-zum M-str. gegeben sei, würden die Unorganisierten zuströmen.]
-
-[Fußnote 787: "Die freien Gewerkschaften umfassen nur etwas über eine
-Million Arbeiter, die Sozialdemokratie beschränkt sich auf 1/8-1/4 des
-deutschen Volkes" (v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"); übrigens
-soll auch bei diesen die vollzählige Beteiligung noch durch
-wirtschaftliche und prinzipielle Rücksichten sehr in Frage gestellt sein
-(vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 882; _Giesberts_, a. a. O.
-p. 35).]
-
-[Fußnote 788: Vgl. _Cohnstaedt_, a. a. O.; _Gorter_, "Der Massenstreik
-der Eisenbahner in Holland", p. 656; _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_,
-"Der Streik als politisches Kampfmittel"; _Luxemburg_ (cit. von Wilhelm
-_Schröder_, "Sisyphusarbeit"). Nach Ansicht der französischen
-Syndikalisten genügt zur Mobilisierung der Indifferenten schon der
-Streik einer bewußten Minorität. Nach _Louis_, p. 299, braucht nur ein
-Teil des Proletariats organisiert zu sein. _Kautsky_ ("Allerhand
-Revolutionäres", p. 732, 733) verlangt ein intelligentes Proletariat,
-das zudem einen überwiegenden Bruchteil der Bevölkerung bilden müsse.]
-
-Aber die effektive Arbeitsruhe, also auch die Größe der sozialen Wirkung
-des Klassenstreiks, entspricht doch noch keineswegs genau der Zahl der
-Ausständigen, vielmehr bleibt sie in der Regel hinter derselben zurück.
-Denn einerseits kehrt stets ein Teil der Streikenden, aus Furcht vor den
-Konsequenzen des Ausstandes (Entlassung, Aussperrung, Not, Verfolgung
-usw.), bald wieder zu den verlassenen Arbeitsplätzen zurück, und diese
-_Streikflucht_ nimmt natürlich mit der Dauer des Streiks zu.
-Andererseits stehen der Gesellschaft zur Verrichtung der notwendigsten
-Arbeit[789] stets zahlreiche _Ersatzkräfte_ zur Verfügung: vor allem die
-"_Reservearmee_". Diese wird um so größer sein, je geringere Rücksicht
-bei der Wahl des Streikbeginns auf die wirtschaftliche Konjunktur
-genommen werden konnte,[790] und je mehr die technische Verknüpfung der
-einzelnen Betriebe untereinander auch Gegner des Streiks zum Feiern
-zwingt. Weitere Hilfe leistet der Gesellschaft das _Militär_, und zwar
-sowohl die regulären Truppen[791] im aktiven Dienst und die
-Spezialtruppen,[792] als auch die Reserven, zu denen auch die Mehrzahl
-der Ausständigen zu gehören pflegt; durch "Militarisation" können diese
-also zu ihrer eigenen Arbeit und damit zum "Verrat" an ihrer eigenen
-Sache gezwungen werden.[793] Schließlich wird auch das _Bürgertum_
-selbst einen Teil der Arbeit übernehmen, teils durch weitgehende
-Anspannung des Kleinbetriebes,[794] teils durch Aufrechterhaltung
-gemeinnütziger Betriebe mit Hilfe von qualifizierten bürgerlichen
-Kräften.[795] Letztere stehen um so reichlicher zur Verfügung, je mehr
-der Klassenstreik auch ihnen eine unfreiwillige Muße auferlegt.
-
-[Fußnote 789: Die _notwendigste_ Arbeit ist keineswegs immer die
-_komplizierteste_; neue Arbeitskräfte lassen sich also oft unschwer
-anlernen.]
-
-[Fußnote 790: Um die seitens der "Reservearmee" drohende Minderung des
-Streikdrucks zu paralysieren, wird möglichste Steigerung der
-gewerkschaftlichen Organisation gefordert (vgl. _Delory_, Congrès
-général... Paris 1899, p. 246 ff., vgl. auch v. _Reiswitz_, p. 32 ff.);
-übrigens kann dies event. durch den Bezug ausländischer Arbeitswilliger
-hinwiederum illusorisch gemacht werden (vgl. _Penzig_, p. 43).]
-
-[Fußnote 791: So fungierten die Soldaten als "Streikbrecher" beim
-Reisarbeiterstreik in Norditalien (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u.
-Sozd.", p. 38), beim Elektrizitätsarbeiterstreik in Paris (vgl.
-_Kulemann_, "Das Streikrecht in öffentlichen Betrieben"). 1903
-verwendete man sie in Holland zur Aufrechterhaltung des Verkehrs
-(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in
-Holland").]
-
-[Fußnote 792: Man verwendet z.B. Eisenbahntruppen oder die Angehörigen
-der sog. Militärapprovisionierung (_Eckstein_, p. 359).]
-
-[Fußnote 793: Die Militarisation bringt den Arbeiter in einen wahrhaft
-tragischen Konflikt; es bleibt ihm nur die Wahl zwischen dem Vergehen
-der überdies meist aussichtslosen Meuterei (_Eckstein_, p. 360) und dem
-"Verrat" der eigenen Sache. -- Eine Militarisation fand z.B. in Ungarn
-beim Eisenbahnerstreik statt.]
-
-[Fußnote 794: _Eckstein_, p. 359: der Kleinbetrieb werde diese
-Gelegenheit gern benutzen, durch Produktionsanspannung seine Existenz zu
-festigen.]
-
-[Fußnote 795: Elektrische und andere Werke hat man in Streikzeiten
-schon durch Ingenieure, Studenten, technisches Personal aufrechterhalten
-(vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p.
-197, 198; _Roland-Holst_, a. a. O.; _Grosch_).]
-
-Da die Arbeitsruhe unter den heutigen Verhältnissen nie eine
-vollkommene, sondern höchstens eine relativ-allgemeine sein wird,[796]
-so kann sie auch nur einen beschränkten Effekt ausüben, und es ist daher
-ein Erfolg des Streiks regelmäßig nur dann zu erwarten, wenn die Aktion
-der Arbeiter durch Unterstützung seitens anderer Klassen verstärkt
-wird.[797] Daß eine solche möglich ist, hat die praktische Erfahrung
-erwiesen.[798] Aber diese "so notwendige psychologische Unterstützung
-bei anderen Gesellschaftsklassen"[799] hängt nicht nur von einer
-vorhergehenden Bearbeitung der öffentlichen Meinung ab,[800] nicht nur
-davon, daß die Forderung von anderen Klassen begriffen oder gar geteilt
-wird,[801] sondern sehr wesentlich von den Eigenschaften des Streiks. Je
-stärker dieser das bürgerliche Leben beeinträchtigt, je länger und
-häufiger diese Beeinträchtigung auftritt, um so geringer wird die
-Unterstützung ausfallen: denn wo "die moralische Aufwallung mit dem
-Interesse kollidiert, da wird sie nie zu einer kräftigen Aktion
-führen".[802]
-
-[Fußnote 796: Es werde immer noch ganze Gegenden geben, "in denen man
-mit voller Kraft arbeitet und sogar die Produktion erhöht... In jeder
-Stadt ist die Produktion in gewissem Umfange im Gange zu erhalten"
-(_Vliegen_, a. a. O.).]
-
-[Fußnote 797: Daß das Proletariat allein noch nicht über die zum
-Streikerfolg erforderliche Macht verfügt, geben selbst Sozialisten zu,
-z.B. _Heine_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315 ff.), _Düwell_, (p. 248
-ff.), _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126); _Streltzow_, p. 136,
-zieht aus der russischen Streikpraxis den Schluß, daß ein Kl-str. nur
-dann Erfolg habe, "wenn alle freiheitlichen Elemente mit ihm
-sympathisieren und ihn aktiv unterstützen."]
-
-[Fußnote 798: _Grosch_, wie auch _Vliegen_, nimmt an, daß alles, "was
-nicht Lohnarbeiter ist, die ganze Bourgeoisgesellschaft und... die ganze
-Landbevölkerung", die ganze öffentliche Meinung, sich feindlich zum
-Kl-str. stellen würden. -- _Bebel_ glaubt umgekehrt (vgl. Prot.
-Parteitg. Jena 05, p. 308), daß bei Wahlrechtsraub (und
-Wahlrechts-Streik) die Arbeiter in manchen bürgerlichen Kreisen
-Sympathie fänden; ähnl. v. _Elm_ (ebenda, p. 331). --_Penzig_, p. 41,
-meint, der legale Kl-str. habe "das rechtliche Empfinden jedes
-Denkenden" für sich. -- Die Bedeutung der öffentlichen Meinung bei
-proletarischen Bewegungen wird durch den Vorschlag des Grafen _Czernin_
-("Die Bekämpfung der passiven Resistenz" p. 9) illustriert; dieser
-schlägt vor, man solle sich bei einer etwa wiederkehrenden
-Eisenbahnerobstruktion um die Aufrechterhaltung des Personenverkehrs
-nicht so besonders bemühen; dann werde sich die öffentliche Meinung
-gegen die Eisenbahner wenden, und die Bewegung müsse bald ein Ende
-nehmen.]
-
-[Fußnote 799: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik"; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p.
-132 ff.; _ab-Yberg_, p. 9; _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik
-und Sozialdemokratie"; _Bernstein_, "Der Streik als politisches
-Kampfmittel", p. 693; ders., "Ist der politische Massenstreik in
-Deutschland möglich?" p. 33, 34.]
-
-[Fußnote 800: Eine solche Bearbeitung verlangt _Jaurès_, "Aus Theorie
-und Praxis", p. 99 ff.; _David_ ("Rückblick auf Jena") wünscht, daß die
-Intelligenz, die geistigen Arbeiter, die die öffentliche Meinung machen,
-_Cohnstaedt_ (p. 749) fordert, daß, wenn möglich, Regierung und
-Staatshaupt gewonnen werden sollten.]
-
-[Fußnote 801: _Resel_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70; _Ellenbogen_,
-ebenda p. 54; _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 749; _Hilferding_,
-"Parlamentarismus und Massenstreik". Politisch-revolutionäre Forderungen
-können wohl höchstens unter so exzeptionellen Umständen, wie gegenwärtig
-in Rußland, bei den bürgerlichen Klassen Unterstützung finden. --
-_Branting_ ("Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 622, 623)
-hielt einen weiteren Kl-str. in Schweden auch deshalb für inopportun,
-weil die anderen Gesellschaftsklassen, auf deren Unterstützung die
-Arbeiter angewiesen gewesen wären, "es gar nicht verstehen würden, daß
-die Arbeiter solche Störungen wegen Einzelheiten in einem
-Stimmrechtsvorschlage hervorrufen wollten".]
-
-[Fußnote 802: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
-möglich?" p. 34; _Heine_ ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
-Deutschland?") nimmt an, daß die mit einem Kl-str. zusammenhängende
-Lebensmittelverteuerung die Mittelklassen sehr gegen den Streik
-aufbringen werde.]
-
-Je weniger ein Klassenstreik aus eigenen Mitteln siegen kann, um so mehr
-ist er von der Bundesgenossenschaft der Mittelklassen abhängig. Daraus
-folgt, daß seine Chancen um so größer sind, je friedlicher seine Form,
-je beschränkter seine Ausdehnung, je legaler seine Wirkungsart, je
-bescheidener sein Ziel und je seltener seine Anwendung.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel:
-
-_Wert des Klassenstreiks._
-
-
-§ 24.
-
-Die bisherigen praktischen Erfahrungen haben keine besonders günstige
-Bilanz für den Klassenstreik ergeben.[803] Zwar erscheint unter gewissen
-Umständen die Möglichkeit eines Sieges theoretisch nicht ausgeschlossen.
-Der Klassenstreik kann also nicht in allen Fällen a priori als
-unzweckmäßig angesehen werden. Die _Aussichten auf einen Erfolg_ sind
-jedoch unter den heutigen Verhältnissen so _schwach_, daß man dem
-Klassenstreik nur einen recht geringen Wert beimessen darf. Dieser nimmt
-aber noch erheblich ab, wenn man die _bitteren Konsequenzen_ in's Auge
-faßt, die jeder versuchte oder durchgeführte Klassenstreik den Arbeitern
-zu bringen pflegt.
-
-[Fußnote 803: Dies wurde anerkannt z.B. von _Vliegen_ ("Der
-Generalstreik als politisches Kampfmittel", und Prot. int.
-Kongr. Amsterdam 04, p. 28); _Braun_, "Das Ergebnis des
-Gewerkschaftskongresses", p. 113.]
-
-Er legt ihnen nicht nur spezielle _materielle Opfer_ auf,[804]
-sondern auch noch die allgemeinen Lasten einer solchen
-"Gesellschaftskatastrophe".[805] Von den strengen Marxisten wird diese
-letztere übrigens auch noch als eine unerfreuliche Hemmung der
-ökonomischen Entwicklung verurteilt.
-
-[Fußnote 804: Vgl. z.B. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p.
-22; _Umrath_, p. 20. Überraschend ist die Prophezeiung, bei einem
-Massenstreik in Deutschland würden "die gewerkschaftlichen
-Organisationen gleich den politischen nicht nur nichts zu befürchten
-haben, sondern würden noch einmal wiedergeboren und zehnfach gestärkt
-daraus hervorgehen" (vgl. _Luxemburg_, Vorwärts, 8. Dez. 05).]
-
-[Fußnote 805: Vgl. _David_, "Die Eroberung der politischen Macht", p.
-21.]
-
-In _psychologischer_ Hinsicht gefährdet der Klassenstreik die Arbeiter
-ebenso sehr durch die gepriesene "revolutionierende Wirkung"[806] eines
-siegreichen Kampfes, wie durch die Wirkung des Mißerfolges: dort leicht
-Selbstüberschätzung, hier Entmutigung, Verstimmung und Erschütterung des
-Vertrauens der Arbeiter zu ihren Führern.[807] Freilich, wenn wirklich
-jeder einzelne Teilnehmer den Streikentschluß als eine Gewissenspflicht
-betrachtete,[808] wenn wirklich jeder einzelne es als Ehrenpflicht
-empfände, "seine Existenz einzusetzen für sein Recht",[809] oder von der
-Überzeugung durchdrungen wäre, "daß er einen Kampf für die Zukunft, für
-die Erhöhung der ganzen Menschenart kämpft",[810] dann könnte der
-Klassenstreik eine subjektive Heldentat darstellen.[811] Aber diesem
-_subjektiv-ethischen_ Gewinn stünde doch nur allzuhäufig ein
-_objektiv-ethischer_ Verlust gegenüber. Fragt man nämlich, ob der
-Klassenstreik "unter die Kampfmittel gerechnet werden darf, die bei
-einem das Endziel der _sozialen Versöhnung_ nicht aus dem Auge
-verlierenden Klassenkampf als erlaubt und berechtigt gelten
-können",[812] so wird man den Klassenstreik zwar allerdings als Mittel
-der _Notwehr_ billigen[813] und in solchen Fällen selbst die im Gefolge
-des Ausstandes auftretenden Gewalttaten entschuldigen.[814] Doch da der
-Klassenstreik in jedem Falle einen so außerordentlich schweren Schlag
-für die Gesamtheit bedeutet,[815] so dürfte sich seine moralische
-Zulässigkeit wohl auf diejenigen Fälle beschränken, in denen es sich
-nicht nur um ein wertvolles Ziel handelt, sondern in denen auch ein
-Erfolg als wahrscheinlich vorausgesehen werden kann.[816] -- Der
-direkten Revolution gegenüber stellt der Klassenstreik das friedlichere
-Mittel dar. Er kann die Revolution ersetzen, ähnlich wie die
-Friedensblockade unter Umständen den Ausbruch des Kriegs hindert. Wie
-diese jedoch leicht in offene Feindseligkeit übergeht, so kann auch der
-Klassenstreik leicht in die Revolution umschlagen.
-
-[Fußnote 806: Vgl. _Düwell_, p. 253. Die gewöhnliche Folge des Siegs,
-Übermut und Selbstüberschätzung, werden leicht die Veranlassung von
-Niederlagen, wie 1903 in Holland.]
-
-[Fußnote 807: Vgl. _Heine_, a. a. O.; _Bömelburg_ (Prot. Gwft.
-Kongr. Köln 05, p. 220 ff.). Auch schreckt der Mißerfolg vor
-der Wiederanwendung ab, was freilich nur in den Augen der
-Klassenstreikpropheten als Nachteil erscheinen wird.]
-
-[Fußnote 808: Vgl. _Tönnies_, "Der Massenstreik in ethischer
-Beleuchtung", p. 541.]
-
-[Fußnote 809: _Eckstein_, p. 363; vgl. die Motivierung des pol.
-M-streiks bei _Bernstein_ ("Pol. Mstr. u. pol. Lage", p. 28; ders., "Ist
-der pol. Streik in Deutschland möglich?", p. 36; ders. Prot. Parteitg.
-Bremen, p. 194); ähnl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim, 06, p. 230).]
-
-[Fußnote 810: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
-28; ähnl. "Antimilitarismus und Generalstreik" (Beilage zu Nr. 11 der
-"_Wahrheit_"), p. 10.]
-
-[Fußnote 811: _Tönnies_. -- Über den hohen sittlichen Mut der
-holländischen Arbeiter beim Streik 1903 vgl. _Roland-Holst_ ("Der Kampf
-und die Niederlage der Arbeiter in Holland"), die freilich selbst der
-Partei angehört.]
-
-[Fußnote 812: _Penzig_, "Massenstreik und Ethik", p. 23 ff. -- Die
-Absicht, durch den Klassenstreik das revolutionäre Gefühl, die sozialen
-Gegensätze zu verschärfen, ist ausgesprochen z.B. bei _Sorel_ ("Lo
-sciopero generale"); "Generalstreik! Die deutsche Arbeiterbewegung und
-der Klassenkampf"; vgl. auch _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 51;
-_Briand_, a. a. O.]
-
-[Fußnote 813: Vgl. _Tönnies_. -- Ein Streik, der einen Krieg hinderte,
-soll ebenfalls als moralisch gelten (_Penzig_, p. 26). -- _Comte_ hatte
-den allgemeinen Ausstand nur als Verteidigungsmittel erwähnt (vgl.
-_Weill_, p. 22, 23).]
-
-[Fußnote 814: Vgl. _Penzig_, p. 36 ff.]
-
-[Fußnote 815: Z.B. für Deutschland bedeute selbst der aussichtslose
-Versuch eines Kl-Streiks "Grauen und Elend; ein Zurückdrängen unserer
-Kultur um Jahrhunderte" (_Grosch_, p. 15 ff.), "unermeßliches Unheil"
-(_Tönnies_, p. 531) und "nicht nur für die Sozialdemokratie, sondern für
-die ganze Zukunft Deutschlands eine kaum heilbare Wunde" (_Cohnstaedt_,
-"Jena. Gewerkschaft oder Revolution", p. 548, 549). Er würde "die ganze
-Zukunft des Reichs, seine wirtschaftliche Macht und seine Kultur in
-Frage stellen" (_Mayer_, "Der internationale Sozialistenkongreß").]
-
-[Fußnote 816: "Seine Verwerflichkeit wird um so schwerer ins Gewicht
-fallen, wenn der Schade, der davon ausgeht, auf diejenigen, die das
-Mittel anwenden, selber zurückfällt" (_Tönnies_). Auch die
-Massenstreik-Drohung, selbst zur Wahrung sittlicher Güter, wie des
-Wahlrechts (vgl. _Tönnies_), werde, wenn jede Aussicht auf Erfolg fehlt,
-prinzipiell von der Ethik mißbilligt. -- Hingegen billigen manche
-Politiker, die prinzipiell einen defensiven Wahlrechtsstreik zur
-Unterstützung einer allgemeinen Volksbewegung begrüßen würden (vgl. v.
-_Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Cohnstaedt_, a. a. O.; ders.,
-"Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749 ff.), aber
-aus praktischen Rücksichten "heute und für absehbare Zeit" seine
-Verwirklichung ablehnen (vgl. v. _Gerlach_, a. a. O.; _Tönnies_), doch
-die Kl-Str.-Drohung insofern, als sie gewisse Kreise "etwas bedächtiger,
-vorsichtiger, gewissenhafter in hohen politischen Angelegenheiten machen
-könne" (_Tönnies_).]
-
-Selbst auf einen _siegreichen_ Klassenstreik wird eine um so
-empfindlichere _Reaktion_ folgen, je weniger die Arbeiter mittels des
-Streiks eine Position errungen haben, durch die der "unvermeidliche
-reaktionäre Gegenschlag paralysiert werden kann",[817] und je mehr sie
-sich im Streik verausgabt haben, sodaß ihnen nun die "Ausnutzung und
-Festhaltung" des Erfolges unmöglich ist.[818] Noch viel stärker aber
-wird die Reaktion nach einem _verlorenen_ Streik auftreten. Ein solcher
-würde einen äußerst schweren Stoß für die ganze Arbeiterschaft
-bedeuten.[819] Denn die Gegenmaßregeln müßten sowohl an Ausdehnung, wie
-an Energie die Folgen eines verlorenen innergewerblichen Ausstandes weit
-übertreffen.[820] Sie würden um so schärfer ausfallen, je
-umfangreicher[821] der Streik war, je revolutionärer seine Ziele,[822]
-je häufiger oder wahrscheinlicher seine Wiederholung.[823]
-
-[Fußnote 817: _Bissolati_, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen", p.
-958.]
-
-[Fußnote 818: _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 220 ff.; vgl.
-auch _Streltzow_, p. 136.]
-
-[Fußnote 819: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28; _Leimpeters_,
-"Zum Generalstreik", p. 884; _Rob. Schmidt_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam
-p. 27; Gwft. Kongr. Köln 05, p. 225); _Roland-Holst_, "Zur
-Massenstreikdebatte"; _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
-Revolutionsromantik". Nur wenige werden optimistisch genug sein, eine
-event. Niederlage deshalb gering zu achten, weil sie ja -- "der
-Ausgangspunkt größerer Siege" sein könne (so _Allemane_, Prot. int.
-Kongr. Amsterdam 04, p. 26).]
-
-[Fußnote 820: Anderer Meinung: _Briand_, "La grève générale et la
-révolution", p. 15; _Louis_, p. 301 ff.]
-
-[Fußnote 821: Vgl. _Thesing_, p. 334.]
-
-[Fußnote 822: Vgl. _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 102. 103.]
-
-[Fußnote 823: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
-Italien". Die sozialistische Partei Italiens erkennt den Klassenstreik
-übrigens an "als eine Lebensäußerung einer proletarischen, im
-Klassenkampf stehenden Partei, die sich wiederholen kann und wiederholen
-muß" (_Olberg_, "Die italienischen Wahlen").]
-
-Die Reaktion erscheint teils in speziellen Maßnahmen gegen die
-Ausstandsteilnehmer (Aussperrungen, Maßregelungen, Strafen, Bußen usw.),
-wodurch indirekt auch die proletarischen Organisationen, besonders die
-Gewerkschaften, getroffen werden.[824] Teils zeigt sie sich in
-generellen Maßnahmen gegen den Klassenstreik überhaupt, z.B. in der
-Verkürzung des Streikrechts[825] oder in einer Umstimmung der
-öffentlichen Meinung.[826] Solche Folgen können dann leicht auch die
-übrige Bewegungsfreiheit der Arbeiter hemmen.
-
-[Fußnote 824: Vgl. _Hue_, "Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Heine_,
-"Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Eckstein_, p.
-362.]
-
-[Fußnote 825: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
-Stimmrechtskampagne".]
-
-[Fußnote 826: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Giesberts_, p. 31.]
-
-Der Klassenstreik ist also immer ein "zweischneidiges Schwert",[827]
-_immer_ ein "desperates" Mittel.[828] In der _Mehrzahl_ der Fälle aber
-ist er "ein Messer ohne Klinge",[829] eine "Phrase",[830] "Unsinn",[831]
-"Utopie".[832]
-
-[Fußnote 827: So bezeichnet z.B. von _Bernstein_, "Der Streik als
-politisches Kampfmittel", _Umrath_, p. 20, _Turati_, a. a. O.,
-_Eckstein_, p. 363, und anderen.]
-
-[Fußnote 828: _Jaurès_, _Kolb_, _Tönnies_ "Der Massenstreik in
-ethischer Beleuchtung".]
-
-[Fußnote 829: _Pfannkuch_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28.]
-
-[Fußnote 830: _Liebknecht_, Prot. int. Kongr. Brüssel 1891.]
-
-[Fußnote 831: _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3.
-"_Generalunsinn_" (_Liebknecht_), "_Absurdität_" (_Turati_). Bezüglich
-des anarchistischen Generalstreiks sprachen sich auch die meisten
-internationalen Arbeiterkongresse in ähnlicher Weise aus (vgl. z.B.
-Prot. Zürich 1893, p. 53 ff.; London 1896, p. 29; Amsterdam, usw.).]
-
-[Fußnote 832: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff.,
-"_Traum_" (_Greulich_, "Wo wollen wir hin?", p. 37, 40); "_Illusion_"
-("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in der Soz. Prx. XV. 15, Sp. 382,
-11. Jan. 06, und "Hamburger Echo", Art "Anarcho-Sozialismus", 27. Aug.
-05).]
-
-
-
-
-_Schlußwort:_
-
-Aufgaben der Gesellschaft.
-
-
-Der Klassenstreik ist unter allen Umständen eine gefährliche Waffe.
-Seine Verhütung liegt daher im Interesse der Arbeiter und in dem der
-Gesamtheit. Dem bereits ausgebrochenen Klassenstreik mit Gewalt zu
-begegnen, wird das Übel kaum bessern, da ja auch schon der bloße Versuch
-des Massenstreiks die soziale Wohlfahrt auf's Schwerste gefährden kann.
-Aufgabe der Gesellschaft ist es vielmehr, den _Ausbruch_ eines
-Klassenstreiks möglichst zu _hindern_, also den Streikentschluß zu
-erschweren.
-
-Dies könnte durch Einschränkung des Streikrechts geschehen, freilich
-eine Durchbrechung des Koalitionsrechts, welche sich aber vielleicht
-doch durch die höhere "Rücksicht auf das Gemeinwohl"[833] rechtfertigen
-ließe. Dann aber müßten die Nachteile des Streikrechtentzuges durch
-Einräumung besonderer Vorteile für die solcherweise in ihrer Freiheit
-beschränkten Arbeiterkategorien wieder ausgeglichen werden.[834]
-Indeß stellen Gesetzesbestimmungen höchstens einen kleinen Hemmschuh
-dar, und ebenso wenig, wie etwa polizeiliche Hinderung der
-Klassenstreikpropaganda oder ethische Belehrungen, bieten sie einen
-absoluten Schutz gegen den Klassenstreik.
-
-[Fußnote 833: "Also durch soziale Sanktion" (_Penzig_, p. 13 ff.).]
-
-[Fußnote 834: Die Erwägung, daß es ungerecht wäre, "Arbeiterkategorien
-Beamtenpflichten zu geben, ohne ihnen die entsprechenden Rechte zu
-gewähren", soll seinerzeit zur Verwerfung der schwedischen
-Antistreikvorlage geführt haben (vgl. _Axel Hirsch_, p. 196).
---Nationalrat _Scherrer_ (in der Begründung seiner Motion, vgl. Bulletin
-der Schweiz. Bundesversammlung, p. 368) fordert, daß als Korrelat für
-die Nachteile der Beamtenqualität den Arbeitern eine auskömmliche
-Lebensführung garantiert werden müsse. -- Wie _Kulemann_ ("Das
-Streikrecht in öffentlichen Betrieben"), um "einen geordneten Ausgleich
-von entstehenden Streitigkeiten zu schaffen", wünscht auch das "Musée
-social" (vgl. Juli 04, p. 318 ff.) "un droit de recours à des
-commissions arbitrales". -- _Penzig_ (p. 19, 20) hat einen interessanten
-Plan entworfen, wie die Arbeiter, entsprechend ihrer qualitativ-sozialen
-Bedeutung, in ihrer Streikfreiheit in verschiedenem Grade zu
-beschränken, und wie sie dafür in entsprechendem Maß anderweit zu
-berücksichtigen wären. -- _Herkner_, a. a. O. p. 509, hält den Streik
-der Staatsarbeiter für unzulässig, wünscht aber, daß dafür auch alles
-aufgeboten werde, "um den Staatsarbeitern mindestens diejenige Lage zu
-garantieren, die sie sich mittels des Koalitionsrechtes event. aus
-eigener Kraft erstreiten könnten". -- Im Jahre 1891 hat das Einigungsamt
-des Staates New-York anläßlich eines großen Eisenbahnerausstandes
-Vorschläge gemacht, welche die Störung des Eisenbahnbetriebs durch
-Arbeitseinstellung unter Strafe stellten, dafür aber eine Regelung der
-Arbeitsbedingungen unter staatlichem Einfluß forderten (vgl.
-_Philippovich_, Grundriß, 2. Bd., 2. Teil, p. 322).]
-
-Eine indirekte, doch allerwirksamste Bekämpfung des Klassenstreiks
-besteht hingegen in der _Verminderung der Gelegenheiten zu
-Massenstreikentschlüssen_. Nur dadurch läßt sich dem Unheil wirksam
-steuern, daß man den berechtigten Forderungen der Arbeiter nachkommt
-(besonders wertvoll wäre z.B. auch die Stärkung eines zentralistischen
-Gewerkschaftswesens), daß man ihnen Gelegenheit zur Teilnahme am
-öffentlichen und gewerblichen Leben gibt, daß man also ihr Interesse für
-die ungestörte Weiterentwicklung jener Gesellschaft weckt, von der sie
-doch selbst auch einen Teil bilden, und daß man in ihnen den Glauben an
-das alte Wort befestigt, mit dem schon Menenius Agrippa die
-"streikenden" Plebejer zur Rückkehr nach Rom bewogen haben soll, daß,
-wie die Glieder für den Magen, der Magen auch für die Glieder
-unentbehrlich sei.
-
-
-
-
-Literaturverzeichnis.
-
-
-I. Periodika.
-
-1. Zeitungen.
-
- (a) _bürgerlich_:
-
- Allgemeine Zeitung München.
- Der Tag.
- Frankfurter Zeitung.
- Neue Zürcher Zeitung.
- Zürcher Post.
-
- (b) _proletarisch_:
-
- sozialistisch:
-
- Arbeiter-Zeitung Wien.
- Grütlianer.
- Hamburger Echo.
- L'Humanité.
- Leipziger Volkszeitung.
- Münchener Post.
- Vorwärts (Berlin).
-
- anarchosozialistisch:
-
- "Die Einigkeit".
-
- anarchistisch:
-
- "Weckruf" (Zürich).
- "Wahrheit"
-
-2. Zeitschriften.
-
- (a) _bürgerlich_:
-
- Archiv für Sozialwissenschaft u. Sozialpolitik.
- Das freie Wort.
- Deutscher Kampf.
- Die Hilfe.
- Die Nation.
- Die neue Rundschau.
- Eisenbahn und Industrie.
- Jahrbücher für Nationalökonomie u. Statistik.
- Journal des Économistes.
- Kritische Blätter für die gesamten Sozialwissenschaften.
- Musée social.
- Preußische Jahrbücher.
- Revue des deux mondes.
- Soziale Kultur.
- Soziale Praxis.
- Soziale Rundschau.
- Süddeutsche Monatshefte.
- The English historical Review.
- Zeitschrift für Sozialwissenschaften.
-
- (b) _proletarisch_:
-
- Die neue Zeit
- Die neue Gesellschaft.
- Dokumente des Sozialismus.
- Il socialismo.
- Il divenire sociale.
- Le mouvement socialiste.
- Revue socialiste.
- Sozialistische Monatshefte.
- Social Tidskrift (Stockholm).
-
-
-II. Protokolle.
-
-Protokoll des internationalen Arbeiterkongresses in _Paris_. Abgehalt.
-vom 14.-20. Juli 1889. Deutsche Übersetzung mit Vorwort von Wilhelm
-_Liebknecht_. Nürnberg 1890. Wörlein & Co.
-
-Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Arbeiterkongresses zu
-_Brüssel_ (16. bis 22. August 1891). Berlin 1893, Verl. der Expedition
-des Vorwärts.
-
-Protokoll des internationalen sozialistischen Arbeiterkongresses in der
-Tonhalle _Zürich_ vom 6.-12. August 1893. Herausgegeben vom
-Organisationskomitee. Zürich, Buchhandlung des Schweizerischen
-Grütlivereins 1894.
-
-Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Sozial. Arbeiter- und
-Gewerkschaftskongresses zu London vom 27. Juli bis 1. August 1896. --
-Berlin 1896, Expedition der Buchhandlung Vorwärts.
-
-Internationaler Sozialistenkongreß zu _Paris_ 1900 (Berlin 1900,
-Buchhandlung Vorwärts).
-
-Internationaler Sozialistenkongreß zu _Amsterdam_ 1904 (Berlin 1904,
-Buchhandlung Vorwärts).
-
-Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratischen
-Partei Deutschlands, abgehalten zu _Erfurt_, 14.-20. Okt 1891 (Berlin
-1891, Expedition des Vorwärts).
-
----- abgehalten zu _Köln_ a. Rh., vom 22.-28. Okt. 1893 (Berlin 1893).
-
----- abgehalten zu _München_ 1902.
-
----- abgehalten zu _Dresden_ vom 13.-20. Sept. 1903 (Berlin 03).
-
----- abgehalten zu _Bremen_ vom 18.-24. Sept. 1904 (Berlin 04).
-
----- abgehalten zu _Jena_ vom 17.-23. Sept. 1905 (Berlin 05).
-
----- abgehalten zu _Mannheim_ vom 23.-29. Sept. 1906 (Berlin 06).
-
-Protokoll der Verhandlungen des 5. Kongresses der Gewerkschaften
-Deutschlands, abgehalten zu _Köln_ a. Rh. vom 22.-27. Mai 1905 (Berlin,
-Verlag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands [C.
-Legien]).
-
-"Partei und Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes
-Partei und Gewerkschaft aus dem Protokoll der Konferenz der
-_Gewerkschaftsvorstände_ vom 19.-23. Febr. 1906 (Beilage zu Nr. 185 des
-Vorwärts, 11. August 1906).
-
-Verhandlungen des 4. österreichischen sozial. Parteitags. Abgehalten zu
-_Wien_ vom 25.-31. März 1894 (Wien 1894, Bretschneider).
-
-Protokoll über die Verhandlungen des Gesamtparteitags der
-sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich. Abgehalten zu _Wien_
-vom 9.-13. Nov. 1903 (Wien 1903, Ignaz Brand).
-
----- abgehalten zu _Wien_ vom 29. Okt. bis 2. Nov. 1905 (Wien 05,
-Brand).
-
-Congrès général des organisations socialistes françaises tenu à _Paris_
-du 3 au 8 décembre 1899, compte rendu sténographique officiel (Paris
-1900, Société nouv. de librairie et d'édition).
-
-Quatrième congrès général du Partie Socialiste français tenu à _Tours_
-du 2 au 4 Mars 1902, compte rendu sténographique officiel (Paris Société
-nouv.... etc., 1902).
-
- * * * * *
-
-Amtliches stenographisches Bulletin der Schweizerischen
-Bundesversammlung, Bern 1906, Jahrg. XVI.
-
-
-III. Aufsätze und Abhandlungen.
-
-_Adler_, Georg, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswft., 2. Aufl., Bd.
-I.
-
-_Anseele_, Eduard, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"
-(Soz. Mh. Juni 1902, p. 407-412).
-
----- "Die belgischen Wahlen" (Soz. Mh. Juli 1904, p. 511).
-
-XVI. Jahresbericht des leitenden Ausschusses des Schweizerischen
-_Arbeiterbundes_ und des Schweizerischen _Arbeitersekretariats_ für das
-Jahr 1902 (1903, Zürich, Buchhandlung des Schweiz. Grütlivereins).
-
-_Arons_, Leo, "Ergebnisse und Aussichten der preußischen
-Wahlrechtsbewegung" (Soz. Mh. 1906, p. 919).
-
-_Bebel_, August, "Der Bremer Parteitag" (N. Zt. 22, II, p. 742).
-
-_Bernstein_, Eduard, "Der Streik als politisches Kampfmittel" (N. Zt.
-12. I. 1894, p. 689-695).
-
----- "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik" (Soz. Mh.
-Juni 02, p. 413-420).
-
----- "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?" (Soz. Mh. Jan.
-05, p. 29-37).
-
----- Besprechung über Roland-Holst's "G-str. u. Sozialdemokratie"
-(Dokumente des Sozialismus, V, 9).
-
----- "Trust und Streik" ("Die neue Rundschau", 1905, p. 504).
-
----- "Der politische Massenstreik und die politische Lage der
-Sozialdemokratie in Deutschland", Vortrag, mit Anhang: 12 Leitsätze über
-den politischen Massenstreik. (Breslau 1905, Verlag der Volkswacht).
-
-_Bernstein_, Eduard, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"
-(aus den sozialistischen Monatsheften, 1. Jan. 1906, p. 12-20,
-abgedruckt in der Münchener Post vom 29. und 30. Dez. 1905).
-
----- "Die Generalstreikgewerkschaft" (Soz. Mh. August 1906).
-
----- "Einige Randbemerkungen" (Soz. Mh. Febr. 1906, p. 128), abgedruckt
-in der 2. Beilage des Vorwärts vom 30. Jan. 1906.
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----- "Patriotismus, Militarismus und Sozialdemokratie" (Soz. Mh. Juni
-1907).
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----- "Der Streik" ("Die Gesellschaft", Bd. IV, Frankfurt a. M).
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-_Berth_, Edouard, Notes bibliograph. (Mouvement socialiste 1. und
-15./11. 1905, p. 374 ff.)
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-_Bissolati_, Leonida, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen" (Soz. Mh.
-Dez. 04, p. 954-960).
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----- "Die Krise in der italienischen Sozialdemokratie" (Soz. Mh. Mai
-1906, p. 368).
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----- "Die Entscheidung in Rom" (Soz. Mh. Nov. 1906, p. 915-924).
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-_Block_, Hans, "Formen und Möglichkeiten des Massenstreiks" (N. Zt. 24,
-II, 21. Juli 1906, p. 557-563).
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-_Blum_, Léon, "Les congrès ouvriers et socialistes français" I,
-1876-1885, II, 1886 bis 1900 (Bibliothèque socialiste Nr. 6 & 7, Paris
-1901, Société nouv.... etc.)
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-_Bömelburg_, Theodor, Rede in einer öffentlichen Maurerversammlung in
-Leipzig am 14. Nov. 1905 (Bericht im Vorwärts, 2. Beilage, 16. Nov.
-1905).
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-_Bourdeau_, Jean, "Les grèves politiques" (Revue des deux mondes, 15.
-März 1905, p. 424-444).
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-_Branting_, Hjalmar (Stockholm), "Die Generalstreikprobe in Schweden"
-(Soz. Mh. Juni 1902 p. 420-424).
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----- "Die schwedischen Reichstagswahlen" (N. Zt. 21, I, Okt. 1902 p.
-51-58).
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----- "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne" (Soz. Mh. Aug. 1904,
-p. 617-624).
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----- "Die liberale Episode im schwedischen Wahlrechtskampf" (Soz. Mh.
-Aug. 1906, p. 664).
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-_Braun_, _Adolf_, "Der Kölner Gewerkschaftskongreß" (N. Zt. 23, II, p.
-204-211, Mai 1905).
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-_Braun_, Heinrich, "Das Ergebnis des Gewerkschaftskongresses" (Neue
-Gesellschaft, Nr. 10, 1905, 7. Juni, p. 112-114).
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-_Brentano_, Lujo, "Die englische Chartistenbewegung" (Preußische
-Jahrbücher, 33, 1874).
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-_Briand_, Aristide, "La grève générale et la révolution", Discours,
-prononcé devant le congrès général du Parti socialiste (décembre 1899),
-mit einem Vorwort des "Comité de la grève générale" (Les Editions à bon
-marché du "Progrès").
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-_Buisson_, Etienne, "La grève générale" (Paris, Société nouv.... etc.
-1905, Bibliothèque socialiste Nr., 33).
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-_Cohnstaedt_, Wilhelm, "Generalstreik, Massenstreik und
-Sozialdemokratie" ("Das Freie Wort", IV. Jahrg. Nr. 19. Jan. 1905, p.
-743-751).
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----- "Jena. Gewerkschaft oder Revolution?" ("Das Freie Wort" V. Nr. 14,
-Okt. 1905, p. 543-550).
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-_Czernin_, Rudolf, Graf, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz"
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-_David_, Eduard, "Die Eroberung der politischen Macht", III, (Soz. Mh.
-März 1904).
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----- "Rückblick auf Jena" (Soz. Mh., Okt. 1905, p. 841).
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-_Destrée_, Jules, et _Vandervelde_, Emile, "Le Socialisme en Belgique"
-(2. Aufl., Paris, 1903, Giard et Brère).
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-_Deville_, _Gabriel_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in
-Frankreich" (Soz. Mh. Jan. 1905, p. 17-29).
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-_Doren_, Alfred, "Die Florentiner Wollentuchindustrie vom 14. bis zum
-16. Jahrh." 1901.
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-_Düwell_, Wilhelm, "Zur Frage des Generalstreiks" (N. Zt. 23. I. p.
-248-254).
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-_Eckstein_, Gustav, "Was bedeutet der Generalstreik?" (N. Zt. 22. I,
-Dez. 1903, p. 357-363).
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-v. _Elm_, Adolf, "Die Revisionisten an der Arbeit" (Soz. Mh. Jan. 1904,
-p. 29).
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-v. _Elm_, Adolph, "Rückblick auf den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß"
-(Soz. Mh. Juli 1905, p. 567-577).
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----- "Partei und Gewerkschaft" (Soz. Mh. Sept. 1905, p. 734).
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----- "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung" (Soz.
-Mh. Sept. 1906, p. 730-736).
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----- "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag" (Soz. Mh.
-Okt. 1906, p. 831-839).
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-_Eltzbacher_, Paul, "Der Anarchismus und die soziale Revolution in
-Barcelona". (Sonderabdruck aus Nr. 387 der Wiener Wochenschrift "Die
-Zeit".)
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-_Fischer_, Edmund, "Die neueste Revision unserer Theorie und Taktik"
-(Soz. Mh. April 1904, p. 291-299).
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-_Flüchtig_, U., "Zur Frage des Generalstreiks" (N. Zt. 22. I. p.
-445-448, 31. Dez. 1903).
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-_Friedeberg_, Dr. Raphael, "Parlamentarismus und Generalstreik". Vortrag
-(Verlag "Die Einigkeit" [Fritz Kater], Berlin).
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----- "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats", Stenogramm
-der Rede, gehalten am 23. Aug. 1905 im Palast-Theater (Feen-Palast) zu
-Berlin, in der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften ("Die
-Einigkeit", 1905, Nr. 37, 38, 40, 41 [16., 23. Sept., 7., 14. Okt.]).
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-_Froehlich_, Conrad, "Der Weg zur Freiheit" (London, 1891, Verl. von I.
-Kneuelberg).
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-_Gammage_, R. G., "History of the Chartist Movement, 1837-1854" (London
-1854, neue Auflage 1894, Truslove & Hanson).
-
-_Geithner_, Otto, "Zur Taktik der Sozialdemokratie. Betrachtungen eines
-Lohnarbeiters", N. Zt. 23, II, Nr. 47.
-
-"Generalstreik! Die deutsche Arbeiterbewegung und der Klassenkampf" (2.
-Aufl. Berlin 1905, Freier Arbeiterverlag).
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-v. _Gerlach_, Hellmut, "Maifeier und Massenstreik" ("Die Nation", Nr.
-53, 30. Sept. 1905, p. 835, 836).
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-Sekretariat des Schweizerischen _Gewerbevereins_ (Geschäftskreis:
-Allgemeines Gewerbewesen), "Begleiterscheinungen bei Streiks im Jahre
-1905" (Separatabdruck aus der "Schweiz. Gewerbe-Zeitung").
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-_Giesberts_, Josef, Arbeitersekretär, M.-Gladbach, "Die Utopie des
-Generalstreiks" ("Soziale Kultur", 25. Jhrg. Hft. 1, 1905, p. 27-36).
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-_Göhre_, Paul, "Sturmzeichen in Deutschland" ("Die Neue Gesellschaft",
-Nr. 35, 29. Nov. 1905, p. 415-417).
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-_van der Goes_, Frank, "Die beiden Tendenzen in Holland und der
-Parteitag zu Utrecht" (N. Zt. 24. II, 19. Mai 1906, p. 252 ff.)
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-_Gonner_, E. C. K., "The Early History of Chartism, 1836-1839" ("The
-English Historical Review", No. XVI, Oct. 1899, Volume IV, p. 625-644).
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-_Gorter_, Herman, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland" (N. Zt
-21. I, Febr. 1903, p. 652-656).
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-_Greulich_, Hermann, "Wo wollen wir hin? Ein ernstes Mahnwort an alle
-Gewerkschafter der Schweiz" (Herausgegeben vom Bundeskomitee des
-Schweizerischen Gewerkschaftsbundes; Bern, Unionsdruckerei, 1903).
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-_Griffuelhes_, Victor, Übersetzung seines Artikels in "La Voix du
-Peuple" vom 29. Okt. 1905, abgedruckt unter dem Titel "Ein französischer
-Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen Zentralverbände", in der
-"Einigkeit" vom 11. Nov. 1905.
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-_Grimm_, Robert, "Der politische Massenstreik", Vortrag (Basel, Verlag
-des Arbeiterbundes Basel, 1906).
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-p. 12-19).
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-_Groß_, P., "Die Weinkrise und die Landarbeitergewerkschaften im
-Languedoc" (N. Zt. 8. Juni 1907).
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-_Grütliverein_, Buchdruckerei des schweizerischen, Flugschrift zum 1.
-Mai 1895.
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-_Guillaume_, James, "L'Internationale. Documents et Souvenirs.
-1864-1878." (Tome premier, Paris, Société nouv.... etc.).
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-_Halévy_, Daniel, "Essais sur le Mouvement ouvrier en France" (Paris,
-Société nouv.... etc. 1901).
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-_Heine_, Wolfgang, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
-Deutschland?" (Soz. Mh. Sept. 1905).
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-_Heinrich_, A., "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100 Jahren" (N. Zt.
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-_Herkner_, Heinrich, "Die Arbeiterfrage". 4. Aufl. 1905.
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-_Hilferding_, Rudolf, "Zur Frage des Generalstreiks" (N. Z. 22, I, p.
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----- "Parlamentarismus und Massenstreik" (N. Zt. 23. II. p. 804-816).
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-_Hirsch_, Axel, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker" (Social
-Tidskrift, Stockholm, 1905, Nr. 5, p. 195-199), (handschriftliche
-Übersetzung von stud. Viktor M. _Goldschmidt_, Kristiania).
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-_Hue_, Otto, "Über den Generalstreik im Ruhrgebiet" (Soz. Mh. März 1905,
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----- "Partei und Gewerkschaft. Ein Wort an den Jenaer Parteitag" ("Neue
-Gesellschaft", Nr. 25, 1905, 20. Sept., p. 290-293).
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-_Jaeckh_, Gustav, "Die Internationale. Eine Denkschrift zur
-vierzigjährigen Gründung der internationalen Arbeiter-Assoziation"
-(Leipzig 1904, Verlag der Leipziger Buchdruckerei A. G.).
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-_Jaurès_, Jean, "Etudes socialistes" (Paris 1902), autorisierte
-Übersetzung unter dem Titel "Aus Theorie und Praxis" von Dr. Albert
-_Südekum_ (Berlin 1902, Verlag der Soz. Mh.).
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----- "Grève et Révolution" (Humanité, 5. Nov. 1905).
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-_Kampffmeyer_, Paul, "Der Generalstreik und die Eroberung der
-ökonomischen Macht" (Soz. Mh. Nov. 1904, p. 872-879).
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----- "Zur Maifeierfrage" (Soz. Mh. Sept. 1905).
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----- "Eine Wiedergeburt der Unabhängig sozialistischen Bewegung?" (Soz.
-Mh. Okt. 1905, p. 849).
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-_Katz_, Eugen, "Der politische Massenstreik" ("Die Hilfe", 1905, Nr. 33,
-p. 3, 4; Nr. 34, p. 3, 4).
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-_Kautsky_, Karl, "Jaurès et Millerand" (Mouvement socialiste, II, 1899,
-p. 207).
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----- "Die Soziale Revolution", I: "Sozialreform und Soziale Revolution"
-(Berlin 1902, Verlag Vorwärts).
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--- "Allerhand Revolutionäres", III: "Der politische Massenstreik" (N.
-Zt. 22, I, p. 685 bis 695, 732 bis 740).
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----- "Der Bremer Parteitag" (N. Zt. 23. I. 1904, 27. Sept., p. 4-12).
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----- Besprechung von _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik"
-(N. Zt. 23, I. 1904/05, p. 57, 58).
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----- "Der Kongreß in Köln" (N. Zt. 23, II, p. 309-316).
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----- "Zum Parteitag" (N. Zt. 23. II, Nr. 50, 17. Sept. 1905).
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-_Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in
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-_Kolb_, Wilhelm, "Zur Frage des Generalstreiks" (Soz. Mh. März 1904, p.
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-_Kropotkin_, Peter, "Die direkte Aktion und der Generalstreik in
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-_Legien_, Carl, "In Köln am Rhein" (Soz. Mh. Mai 1905, p. 371-379).
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-_Olberg-Lerda_, Oda, "Der italienische Generalstreik" (N. Zt. 23. I. p.
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----- "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik" (Z. Zt. 23, II, p. 378-386).
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----- "Der Parteitag in Rom" (N. Zt. 10. Nov. 1906, p. 180-189).
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-_Parvus_ (Israel Helphant), "Staatsstreich und politischer Massenstreik"
-(N. Zt. 14. II, 1896, p. 199).
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-_Penzig_, Rudolph, "Massenstreik und Ethik" (Neuer Frankfurter Verlag,
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-_Pirenne_, Henri, "Geschichte Belgiens, Bd. I, Bis zum Anfang des 14.
-Jahrhunderts". (Deutsch von Fritz _Arnheim_), Gotha 1899.
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-_Polledro_, Alfredo, "Per la terminologia dello Sciopero generale" (Il
-Divenire Sociale, 16. Dez. 1905, Nr. 24, p. 380-384).
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-_Pouget_, Emile, "Die Gewerkschaft", deutsch von Max _Tobler_ (Zürich
-1907, Verlag der antimilitaristischen Liga).
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-_Rappoport_, Charles, (Paris), "Der sozialistische Kongreß in Limoges"
-N. Zt. 1906, 17. Nov., Bd. 25, I, Nr. 7, p. 227-234.
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-_Reiswitz_, W. G. H. Frh. v., "Generalstreik? Ein Rückblick auf den
-Hafenarbeiterstreik in Marseille" (Berlin 1905, O. Elsner).
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-_Richard_, A., "Manuel socialiste" (Paris, Société nouv.... etc. 1900).
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-_Rist_, Charles, Kritik über v. _Reiswitz_' "Generalstreik?" (Krit.
-Blätter III 1905.)
-
-_Roland-Holst_, Henriette, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in
-Holland" (N. Zt. 21. II.)
-
----- "Der politische Massenstreik auf dem 10. Parteitag der
-niederländischen Sozialdemokratie" (N. Zt. 22. II, p. 143).
-
----- "Zur Lage in Holland" (N. Zt. 22. II. p. 585).
-
----- "Generalstreik und Sozialdemokratie", mit einem Vorwort von Karl
-_Kautsky_ (zweite revidierte und erweiterte Auflage, Dresden 1906).
-
----- "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution" (Vorrede
-zur russischen Ausgabe von "G-str. u. Sozd.", N. Zt. 12. Mai 1906, 24.
-II. p. 213).
-
----- "Zur Massenstreikdebatte" (N. Zt. 24. II. 18. Aug. 1906, p.
-684-893).
-
-_Romen_, "Massenstreik und Revolution" ("Der Tag", Ausgabe A, 10. und
-12. Dez. 1905, Nr. 614, 617).
-
-_Rudolph_, Albert, "Zur Maifeier" (N. Zt. 22. II, p. 564).
-
-_Sayous_, André-E., Docteur en Droit, Sécrétaire général de la
-Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de
-Marseille" (Fédération des Industriels et Commerçants français, Paris,
-Larose et Ténin, 1904).
-
-_Schmidt_, "Irrgänge der Massenstreiktaktik" (Soz. Mh. Aug. 1906, p.
-631-635).
-
-_Schröder_, Wilhelm, "Sisyphusarbeit" (Soz. Mh. Apr. 07, p. 285-291).
-
-_de Seilhac_, Léon, "Le monde socialiste" (Paris 1904, Lecoffre).
-
-_Simmel_, Georg, "Soziologie der Über- und Unterordnung" (Arch. f. Sozw.
-und Soz. pol. XXIV. 3).
-
-_Sombart_, Werner, "Sozialismus und soziale Bewegung", 6. Aufl. 1908.
-
-_Sorel_, Georges, "Lo sciopero generale" ("Il Divenire sociale", 16.
-Dez. 1905, Nr. 24, p. 374-378).
-
----- "Lo sciopero generale" ("Il Divenire sociale", 16. Jan. 06, p.
-22-25; 1. Febr. 06, p. 35-37).
-
-"Die _Sozialdemokratie_ in Rußland", Bericht der Delegation der
-sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den internationalen
-Sozialistenkongreß in Amsterdam 1904. (München 1904, Etzold.)
-
-_Stapfer_, Friedrich, "Wahlrechtsbewegung und Massenstreik" (N. Zt.
-1906, Nr. 49, p. 755 bis 758).
-
-_Streltzow_, Roman, "Der politische Massenstreik in Rußland und seine
-Lehren" (Soz. Mh. Febr. 1907, p. 131-136).
-
-_Stieda_, Wilhelm, "Arbeitseinstellungen" (Artikel im Handwb. der
-Staatswissenschaften, 2. Aufl., Bd. I).
-
-_Ströbel_, Heinrich, Vortrag über den politischen Massenstreik in einer
-Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 1905 (Bericht im
-Vorwärts, 1. Beilage vom 14. Nov. 1905).
-
-Th(esing), E(rnst), "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik"
-("Einigkeit", 9. Dez. 1905).
-
-_Thesing_, Ernst, "Per la questione dello sciopero generale" ("Il
-Divenire sociale", 16. Okt. 1905, p. 315-317; 1. Nov. 1905, p. 333-334).
-
-_Tildsley_, Dr. John L., "Die Entstehung und die ökonomischen Grundsätze
-der Chartistenbewegung" (Sammlung nationalökonomischer und statistischer
-Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Halle a. S.,
-herausgegeb. von Conrad, 19. Band. Jena, Fischer, 1898).
-
-_Tönnies_, Ferdinand, "Über den Ruhrstreik 1905". ("Das Freie Wort", IV,
-p. 894).
-
----- "Der Massenstreik in ethischer Beleuchtung" ("Das Freie Wort", Nr.
-14, V. Jhrg. Okt. 1905, p. 537-543).
-
-_Thomas_, Albert, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'" ("Die neue
-Gesellschaft", Nr. 24, 1905, p. 279-281).
-
----- "Le second Empire" (1852-1870). Préface de Charles _Andler_
-(Histoire Socialiste [1789-1900] sous la direction de Jean _Jaurès_,
-Tome X). (Paris, Rouff & Cie.).
-
-_Turati_, Filippo, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien"
-(Soz. Mh. Nov. 1904, p. 865-872).
-
-_Ulrich_. "Die Arbeiterausstände und der Staat" (Jahrb. f. Nationalök.
-u. Statistik, 1893, N. F. XIX, p. 1-13).
-
-_Umrath_, Eugen, "Zur Generalstreikdebatte" (N. Zt. 23. II. p. 13-20).
-
-Ein _Ungar_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn" (N. Zt. 22.
-II. p. 164).
-
-_Vandervelde_, Emile, "Nochmals das belgische Experiment" (N. Zt. 20.
-II. p. 166).
-
----- "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902" (Soz. Mh. Jan. 1903, p.
-42-47).
-
-_Vliegen_, Wilhelm Hubert (Amsterdam), "Der Generalstreik als
-politisches Kampfmittel" (N. Zt. 22. I. Nr. 7. p. 193-199).
-
----- "Der zehnte Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie" (N.
-Zt. 22. II. p. 114).
-
-_Walpole_, Spencer, "A History of England from the conclusion of the
-great war in 1815" (Vol. IV. London, Longmans, Green & Cie. 1886).
-
-_Webb_, Beatrice & Sidney, "Geschichte des britischen Trade
-Unionismus"(deutsch von R. Bernstein, 2. Aufl. Stuttgart 1906, J. H. W.
-Dietz Nachf.).
-
-_Weber_, Alfred, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich" ("Die Hilfe", 1905,
-Nr. 42. p. 4, 5).
-
-_Weber_, Max, "Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland" (Arch.
-f. Sozw. und Sozialpol., Beilage zu Bd. XII, Heft I).
-
-_Weill_, Georges, "Histoire du Mouvement social en France" (1852-1902)
-(Paris, Alcan, 1905).
-
-v. _Wiese_, "Die Arbeiterfrage in Rußland" (Soz. Prx. Nr. 30 u. 31, p.
-1906).
-
-_Winter_, Franz, "Brief aus Österreich", Bericht über den
-sozialdemokratischen Parteitag ("Weckruf", 9. Jan. 04).
-
-_ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen" (Zürich, 1903).
-
-Z. W., "Der Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe
-Gewerkschaftsidee" (Soz. Praxis, Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni 1907).
-
-_Zetkin_, Clara, Vortrag über den politischen Massenstreik in einer
-öffentlichen Versammlung der Filiale Berlin des Zentralverbandes der
-Stukkateure am 21. Aug. 1905 (Bericht im Vorwärts, 1. Beilage, 23. Aug.
-1905).
-
-
-
-
-Übersichtstafel über die Streikarten.
-
-(Zu § 1, oben S. 3.)
-
- Streik
- |
- +---------+---------+
- | |
- | partieller
- | Streik
- Massenstreik
- |
- +--------------------+---+
- | |
- | innergewerblicher
- | Massenstreik
- |
- _Klassenstreik_
- |
- +--------+--------+
- | |
- | _politischer Massenstreik_
- |
- _Generalstreik_
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK THEORIE UND PRAXIS DES
-GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG***
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<title>The Project Gutenberg eBook of Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung, by Elsbeth Georgi</title>
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43664 ***</div>
<h1 class="center">The Project Gutenberg eBook, Theorie und Praxis des Generalstreiks in der
modernen Arbeiterbewegung, by Elsbeth Georgi</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at <a
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-<p>Title: Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung</p>
-<p> Inauguraldissertation</p>
-<p>Author: Elsbeth Georgi</p>
-<p>Release Date: September 7, 2013 [eBook #43664]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: UTF-8</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK THEORIE UND PRAXIS DES GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG***</p>
<p>&nbsp;</p>
-<h4 class="center">E-text prepared by Odessa Paige Turner<br />
- and the Online Distributed Proofreading Team<br />
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- from page images generously made available by<br />
- the Google Books Library Project<br />
- (<a href="http://books.google.com">http://books.google.com</a>)</h4>
<p>&nbsp;</p>
<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10">
<tr>
@@ -10048,360 +10031,6 @@ Vorwärts, 1. Beilage, 23. Aug. 1905).</p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK THEORIE UND PRAXIS DES GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG***</p>
-<p>******* This file should be named 43664-h.txt or 43664-h.zip *******</p>
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- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
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- and discontinue all use of and all access to other copies of
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- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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- of receipt of the work.</li>
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- distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
-</ul>
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-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
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-<p>1.F.</p>
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.</p>
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-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.</p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
-the Foundation information page at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at <a
-href="http://www.gutenberg.org/contact">www.gutenberg.org/contact</a></p>
-
-<p>For additional contact information:<br />
- Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit <a
-href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: <a
-href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-<a href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43664 ***</div>
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</html>