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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-07 17:44:15 -0800
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@@ -0,0 +1,5127 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43361 ***
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, offensichtliche
+Druckfehler wurden berichtigt. Im Original-Frakturtext gesperrt gedruckte
+Passagen sind hier durch _Unterstriche_ gekennzeichnet.
+
+
+
+
+ [Illustration: Cover]
+
+
+ Max Dauthendey
+
+ Die acht Gesichter am Biwasee
+
+ Japanische Liebesgeschichten
+
+
+ [Illustration: Signet]
+
+ Albert Langen / Georg Müller / München
+
+
+ Auflage 110000
+ Copyright 1911 by Albert Langen, München
+ Printed in Germany
+
+
+
+
+Die acht Gesichter am Biwasee
+
+
+«Neue Brüder sind sichtbar geworden», riefen die Japaner schon vor hundert
+Jahren. «Bäume, die früher nur dazu da waren, Früchte und Holz zu tragen,
+Flüsse und Seen, die nur Fische und Seegras anboten, Hügel und Berge,
+welche Steine und Metalle den Menschen hinhielten, haben jetzt Seele und
+Gesicht.
+
+Die Seelen der Landschaften sind uns herzliche Brüder geworden. Sie, die
+bisher unsichtbar waren, zeigen uns heute leidenschaftliche Gebärden.» --
+
+Am Biwasee, der hinter den Bergen, nahe der uralten Kaiserstadt Kioto,
+liegt, haben die Japaner acht Landschaftsgesichter von unsterblicher
+Leidenschaft entdeckt.
+
+Die acht Gesichter am Biwasee heißen: Erstens: Die Segelboote von Yabase im
+Abend heimkehren sehen.
+
+Die Dichter vergleichen die Seele dieses Landschaftsgesichtes mit dem
+Herannahen einer liebesseligen Schicksalswende.
+
+Zweitens: Den Nachtregen regnen hören in Karasaki.
+
+Dieses Gesicht beschwört die Sprache liebesseliger Vergangenheit und
+liebesseliger Zukunft.
+
+Drittens: Die Abendglocke des Miideratempels hören.
+
+Dieses Gesicht singt das Lachen einer liebenden Frauenstimme, das weiser
+macht als alle Weisheit.
+
+Viertens: Sonnenschein und Brise von Amazu.
+
+Dieses Gesicht spricht von Liebesberückung und Liebesbetörung.
+
+Fünftens: Dem Flug der Wildgänse nachsehen in Katata.
+
+Dieses Gesicht spricht von der Geheimschrift der Liebeserklärung.
+
+Sechstens: Den Herbstmond aufgehen sehen in Ishiyama.
+
+Beplaudert und rührt die Wunder der Liebe an.
+
+Siebentens: Das fließende Abendrot zu Seta.
+
+Dieses Gesicht spricht von seliger Blindheit hitziger Liebesleidenschaft.
+
+Achtens: Den Abendschnee am Hirayama sehen.
+
+Die Seele dieses Landschaftsgesichtes spricht vom erhabenen Wahn
+unglückseliger Liebe.
+
+
+
+
+Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen
+
+
+Hanake hatte allen Körperschmuck, den ein japanisches Mädchen sitzend,
+trippelnd und liegend zeigen muß, um zu den göttlichen Schönheiten der
+Vergänglichkeit gezählt zu werden. Ihr Hals war biegsam wie eine
+Reiherfeder, ihre Arme kurz wie die Flügel eines noch nicht flüggen
+Sperlings. Saß sie auf der Matte und bereitete ihren Tee, so arbeitete sie
+vorsichtig wie unter einer Glasglocke. Ging sie abends mit ihrer Dienerin
+auf den hohen Holzschuhen zum Theater, so war sie unauffällig, als hätte
+sich ihr Körper mit der Sonne zur Ruhe gelegt, und als ginge nur ihr
+Schatten mit der Dienerin und der Papierlaterne den Weg zu den Schatten.
+Lag sie in der Nacht hinter den geschlossenen Papierwänden ihres Hauses mit
+frisiertem Kopf auf der Schlummerrolle und zog mit den Fingerspitzen den
+seidenen Schlafsack ans Kinn, so war ihr feines, vom Mond beschienenes
+Gesicht vornehm, als wäre es aus Jadestein geschnitten und erschien
+unzerbrechlich und unvergänglich.
+
+Hanake war das reichste Mädchen am Biwasee, nicht bloß reich an der äußeren
+Schönheit, welche die Frauen ruhig und wunschlos macht, -- auch reich an
+Besitz. Die Götter der Vergänglichkeit hatten sie mit ihren glänzendsten
+Geschenken, mit Schönheit und Geld, verwöhnt. Aber auch die Göttin der
+Unendlichkeit hatte ihr eine Seele in die Augen gegeben, so daß ihre Augen
+weinen konnten, denn die Wollust der Träne ist das höchste Geschenk dieser
+Göttin.
+
+Lange, ehe der Krieg Japans mit Rußland begann, hörte Hanake in ihrem Hause
+am Biwasee von Freunden und Freundinnen, die im Sommer über die Berge von
+Kioto zum Besuch zu ihr an den See kamen, daß die Fremden vom Westen wie
+böse Heuschreckenschwärme in Japan erwartet würden, um die Männer zu töten,
+die Frauen zu verschleppen und sich in das Land zu teilen. Auf dem Biwasee
+würde man dann bald Schiffe sehen, die Rauch ausstießen und die Seetiefe
+mit Schrauben aufwühlten. Auf Eisen würden bald Eisenwagen, rasselnd wie
+Gewitterwolken, täglich durch Japan eilen. Diese Wagen würden die Fremden
+in Massen nach Kioto und an die Ufer des Biwasees bringen. Die leichten
+Vogelkäfige der Bambushäuser würden verschwinden, und Steinhäuser, wie man
+sie im Westen der Erde baut, würden zum Himmel wachsen, und überall würde
+dann Rauch und Eisenlärm sein. Denn die Fremden lieben das Eisenrasseln und
+können ohne die betäubende Stimme des Eisens nicht leben: sie lieben, das
+Leben als einen ewigen Krieg anzusehen. Sie sind wie Donnergötter
+ungeduldig und aufstampfend, und sie werden schlimmer als Wolkenbrüche und
+schlimmer als Taifun Japan verheeren, so sagte man.
+
+Hanake, die keine Eltern hatte und nur mit ein paar Dienerinnen und Dienern
+noch das Haus ihres Vaters bewohnte, hörte gruselnd die Berichte ihrer
+Freunde und erfand mit ihren Freundinnen kleine Spottlieder, welche die
+Dämonen des Westens verhöhnten, Lieder, die sie abends bei den Bootfahrten
+in lampenerleuchteten Booten auf dem Biwasee sangen.
+
+Eines Abends -- die Sonne war eben untergegangen, der See war hell, als
+wäre er aus Porzellan, weiß und glänzend, der Himmel war golden, als hätte
+Hanake eine ihrer Truhen geöffnet, die aus Goldlack waren, und die
+Geheimfächer enthielten, -- trat Hanake auf den Landungssteg, der vor ihrem
+Haus in den See reichte, und den links und rechts hohes Schilf umwiegte.
+
+In der Richtung nach Yabase erschienen drei Segelboote. Die drei Segel
+glitten wie senkrechte Papierwände über das abendglatte Wasser. Man sah
+keine Menschen; denn jedes Segel reichte so tief, daß es das Boot
+verdeckte. Die aufgepflanzten Segel wurden größer und kamen näher: Hanake
+fühlte eine Bangigkeit, als kämen mit den drei Segeln drei weiße,
+unbeschriebene Blätter aus ihrem Schicksalsbuch geschwommen, und plötzlich
+las sie, als eine Sekunde von Windstille die Segel schlaff werden ließ, ein
+japanisches Schriftzeichen, zufällig entstanden aus den Falten jeder
+Segelleinwand. Das erste Boot sagte: «Ich grüße dich.» Das zweite Boot
+sagte: «Ich liebe dich.» Das dritte Boot sagte: «Ich töte dich.»
+
+Nach der kurzen Windstille, die knappe Sekunden dauerte, wechselte der See
+seine Farbe; wie vergossene schwarze Tusche über weißes Papier lief eine
+Finsternis über die Seefläche, und ganz unvermittelt setzte ein
+trompetender Seesturm ein, der alle drei Segel fast flach auf das Wasser
+legte, als müßte die Leinwand den Seeschaum reiben; Hanake tat einen Schrei
+vor Entsetzen, da sie glaubte, die Segelboote müßten unter dem plötzlichen
+Wind und in den kreiselnden Wellen versinken.
+
+Aber die drei Boote hoben sich wieder. Geschickte Hände regierten die
+Segel. Doch dieses sah Hanake nicht mehr. Sie hatte zugleich mit dem
+Schrei, als das aufgeregte Schilf ihr um den Nacken schlug, einen Sprung in
+die Luft gemacht wie eine elektrisierte Katze und war in das Wasser
+gefallen; und als sie die Augen öffnete, sah sie ein Rudel Fische und
+wußte, daß sie unter dem Wasser war, als wäre sie selbst ein Fisch. Dann
+verlor sie das Bewußtsein.
+
+Als sie aufwachte, lag sie in ihrem Zimmer. Es war Nacht, eine Kerze
+brannte, und ihre Lieblingsmagd, welche «Singende Seemuschel» hieß, kniete
+neben ihr und weinte in beide Hände. Man hatte sie umgekleidet, aber sie
+roch noch das Seewasser, von dem ihr Haar naß war, und sie besann sich
+sofort wieder auf die drei Schiffe, und ihre erste Frage war: «Sind die
+drei Segelboote, die aus Yabase kamen, untergegangen?»
+
+Die Magd antwortete nicht, hörte auf zu weinen und streichelte die Hände
+ihrer Herrin, entzückt, sie wieder lebend zu sehen.
+
+«Sind die drei Segelboote untergegangen?» fragte Hanake beharrlich.
+
+Aber die Singende Seemuschel hatte keine Segelboote gesehen. Die Magd hatte
+die Herrin auf dem Kies im Schilf gefunden und geglaubt, das junge Mädchen
+sei von der Landungsbrücke ins Wasser gefallen und habe sich durch einen
+Zufall selbst gerettet.
+
+«Schiebe die Seefenster auf», sagte Hanake zur Magd. Diese tat, wie ihr
+befohlen. Draußen lagen der See und der Himmel wie ein einziges schwarzes
+Loch: kein Stern, kein Mond, kein Licht auf dem See. Hanakes Fenster
+schienen in einen Abgrund zu schauen, und dem jungen Mädchen war, als müsse
+sie zum zweitenmal ertrinken, so schmerzhaft wurde ihr die Finsternis
+draußen. Und in ihrer Brust war eine Leere, so unendlich wie die Nacht über
+dem Biwasee, als habe sie einen großen Verlust erlitten, als wäre mit den
+drei Booten ihr Herz fortgezogen; und totenstill war das kleine Bambushaus.
+
+«Schließe die Fenster und hole mir den grauen Papagei, nicht den grünen und
+nicht den gelben, -- den grauen, Singende Seemuschel, den mein Vetter mir
+vor ein paar Wochen mitgebracht hat aus Nagasaki.»
+
+Die Magd gehorchte, brachte den grauen Papagei und wurde dann von ihrer
+Herrin schlafen geschickt. Aber sie hörte in der Nacht bis zum Morgen, wie
+Hanake ihrem grauen Papagei drei Sätze lehrte: Ich grüße dich! Ich liebe
+dich! Ich töte dich! Und sie sah an der weißen Papierwand den Schatten
+ihrer Herrin aufrecht neben dem Schatten des Vogels sitzen. Und immer, wenn
+der Vogel sagen sollte: Ich liebe dich!, dann lachte er so unheimlich
+knarrend, daß es der Magd gruselte. Während der ganzen Nacht lachten und
+sprachen Hanake und ihr Vogel zusammen. Und ganz früh rief Hanake zwei
+Dienerinnen, die sie frisierten, und Seemuschel, die Lieblingsmagd, die
+alle Verstecke des Hauses kannte, mußte aus dem ältesten Lackkasten zwei
+winzige kostbare Satsumavasen holen, die sich in der Familie seit Hunderten
+von Jahren vererbt hatten, und mußte am Seeufer zwei Schwertlilien
+abschneiden, eine blaue und eine gelbe. Die Vasen mit je einer Lilie wurden
+von Hanake in eine Nische gestellt und ein auf weiße Seide geschriebenes
+Gedicht eigenhändig an die Wand gehängt. Das Gedicht hieß:
+
+ Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
+ Mein Herz, mein leises,
+ Mein Auge, mein heißes, --
+ Die Menschen, die einsam sind,
+ Sind wie die Boote von Yabase,
+ Die blaß hintreiben im Abendwind.
+
+Hanake hatte an diesem Tag allen ihren Freunden und Freundinnen absagen
+lassen und saß drei Stunden vor Sonnenuntergang schon am Fenster, das auf
+den See sah. Auf dem Seespiegel brannte die Sonne wie ein helles Herdfeuer,
+und Hanake hielt einen Fächer zwischen sich und das grelle Licht. Aber von
+Zeit zu Zeit strengte sie sich an, dem Licht zu trotzen, und suchte mit
+aufmerksamen Augen die funkelnde Seefläche ab und wünschte die drei Segel
+herbei, die gestern abend ihre Ruhe mit fortgenommen hatten. Auf Hanakes
+Kleid waren Schwertlilien gewebt, blaue und gelbe auf silbrigem Grund, und
+ihr Kopf sah aus der silbrigen Seide, als schaute er aus dem Kamm einer
+hellen Welle.
+
+Sie hatte seit gestern abend noch nicht geschlafen, und das Schauen auf die
+sonnenfeurige Seefläche brannte ihr fast die Augen aus, so daß sie für
+einen Augenblick die Augenlider schloß und, ohne es zu wissen, einschlief.
+
+Sie hatte vielleicht eine kleine Stunde geschlafen, da weckte sie der graue
+Papagei, der ihr auf die Schulter kletterte und ihr ins Ohr krächzte: «Ich
+liebe dich!» und dazu schnarrend lachte.
+
+Hanake hob das Köpfchen aus der silbrigen Seide und sah am Landungssteg
+ein großes gerafftes Segel. Das war so nah an ihrem Fenster, daß sie die
+Segelleinwand an die Maststange klatschen hörte. Sie bog sich vorsichtig
+aus dem Fenster und sah, daß das Segelboot festgebunden war. Aber im Boot
+war kein Mensch zu sehen.
+
+Das ist eines der drei Boote, sagte atemstockend ihr heimkehrendes Herz.
+Aber sie wußte nicht, war es das erste, das zweite oder das dritte Boot.
+
+Da trat ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, herein und brachte
+einen zusammengerollten Brief.
+
+«O Herrin, diesen Brief sollt Ihr lesen und Euch für einen hohen Besuch
+bereit halten», flüsterte die Magd.
+
+Im Brief stand: «Gestern, als wir nach Sonnenuntergang bei Deinem Hause
+kreuzten, schöne Hanake, hatten wir das Unglück, Dich zu erschrecken, aber
+auch das Glück, Dir das Leben zu retten. Und das allergrößte Glück, Dich zu
+sehen, um Dich nie mehr zu vergessen, wurde mir zuteil. Ich sende Dir heute
+meinen treuesten Freund, der Dich gestern rettete, der Dich heute zu mir
+über den See bringen soll und in meine Arme, die Dich sehnsüchtig erwarten.
+Ich grüße Dich, Hanake.»
+
+Der Brief war unterschrieben mit dem Namen eines jungen Prinzen aus dem
+kaiserlichen Hause. Und Hanake wußte als guterzogene Japanerin, daß es eine
+ungeheure Ehre bedeutete, daß ein kaiserlicher Prinz sie seiner Liebe
+würdigte, und sie ließ den Freund des Prinzen sogleich zu sich herein ins
+Zimmer bitten.
+
+Die Diele zitterte, und ein prächtiger junger Mann trat ein. Hanake fiel
+vor ihm auf die Kniee und berührte mit der Stirn die Diele, wie es die
+japanische Begrüßungssitte vorschreibt. Aber es war nicht, als ob ein
+Mensch, sondern als ob ein stürmisches kleines Pferd ins Zimmer gekommen
+sei. Sie hörte den Mann mit beiden Füßen mehrmals kräftig aufstampfen, und
+aus seiner Brust drangen ein paar hohle seufzende Laute.
+
+Hanake wartete mit gesenktem Angesicht lange Zeit auf die Anrede des
+kaiserlichen Gesandten, denn sie durfte sich erst erheben, wenn der
+Begrüßte sie dazu aufforderte.
+
+Nach einer Weile, als immer noch keine Anrede erfolgte, hob Hanake leicht
+ihr Gesicht von der Diele, die noch unter den stampfenden Füßen des Mannes
+zitterte. Wie zwei Steine aus einer Schleuder geworfen, fielen des jungen
+Mannes starke Augen in des Mädchens blinzelnden Blick. «Ich liebe dich!»
+schrien ihr diese ungeduldigen Augen entgegen, und Hanake senkte von neuem
+ihr Gesicht, das abwechselnd weiß und rot wurde, von Blutfülle und
+Blutschwäche.
+
+«Antworte!» sagte plötzlich der Mann laut.
+
+«Ich liebe dich!» sagte Hanake, tief auf die Diele gebeugt, als wäre die
+Diele ein Ohr, in das sie hineinflüsterte. Zugleich fiel ihr ein, daß der
+Befehl «Antworte!» sich wahrscheinlich auf den Brief des Prinzen bezogen
+habe. Aber es war nicht mehr zurückzunehmen. Ihre Lippen hatten deutlich
+gesprochen: «Ich liebe dich!» und den zwei Männeraugen geantwortet, die sie
+gefragt hatten.
+
+Dann fühlte sich das junge Mädchen von zwei hastigen Händen um den Leib
+gefaßt. Wie ein Häufchen Seide hob sie der ungeduldige Mann hoch und trug
+sie aus dem Hause, den Landungssteg entlang. In demselben Augenblick hatte
+sich der Abendwind erhoben, und der seidene Ärmel von Hanakes Kleid
+bauschte sich und fiel wie eine Kapuze über den Kopf des Mannes, der sie
+auf den Armen trug. Und als Hanake aufsah, und ehe sie noch den Ärmel
+zurückziehen konnte, erblickte sie ein zweites großes Segel, das eben an
+der Landungsbrücke vorbeizog. Ein Schauder, kälter als der Wind, rieselte
+ihr über die Haut. Denn in dem Boot stand ein Mann, der war kein Japaner.
+Er hatte keine schöne gelbe Elfenbeinhaut. Er war grau im Gesicht wie
+Moder, wie ein Stein, der lange auf dem Seegrund gelegen hat, und seine
+Haut war runzlig wie die Haut der Kröten. Er hatte ein erschreckend gelbes
+Haar. Das war hell wie Hobelspäne, und seine Augen waren fischblau, und
+eine unordentliche Seele blickte Hanake wirr an, als stürze ein surrendes
+häßliches Insekt auf Hanake los und wolle sie stechen. Sie wußte: es war
+der Amerikaner, der abends hier am Biwasee im Uferschilf Wildenten jagte.
+Morgens und abends hatte sie oft den Knall aus seiner Jagdbüchse gehört,
+und dann waren, zu Tode geängstigt, kreischend und entsetzt, Scharen von
+Wildenten über Hanakes Haus fortgeflogen.
+
+Das junge Mädchen wartete eine Sekunde; es ließ das Boot des häßlichen
+Fremden vorübergleiten und zog dann erst den Ärmel vom Kopf des Geliebten.
+Denn daß der Mann, der sie trug, ihr Geliebter war, sagten ihr seine Hände,
+die beim Tragen Hanakes Blut anredeten und ihr von großen Zärtlichkeiten
+erzählten, die sie ihr glühend versprachen.
+
+Nach einer Weile ging das Boot vor dem Wind, und drinnen lag Hanake mit dem
+Kopf zwischen den Knien des Mannes, der wie ein Feuerdrache in Hanakes Haus
+gestürzt war, und der wie ein großer Zauberer den Biwasee jetzt in ein
+riesiges Seidenbett verwandelt hatte, darinnen die beiden eingebettet
+lagen. Und Hanake sah das Wasser ohne Grenzen, den Himmel ohne Grenzen und
+die Liebe zu dem plötzlich erschienenen Mann ohne Grenzen.
+
+Sie fragte nicht: «Wie heißt du?» Sein Name war ohne Namen. Sie fragte
+nicht: «Wohin fahren wir?» Ihre Fahrt war ohne Fahrt. Das Segel stand
+senkrecht zwischen Wasser und Himmel, und sie wußte, das Segel hatte ein
+Spiegelbild unten im See, so wie ihr Gesicht im Schoß des Mannes das
+Spiegelbild des geliebten Gesichtes geworden war.
+
+Das Segelboot glitt nah am Schilfufer hin. Das Mädchen verstand: der Mann
+vermied es, auf die Höhe des Sees zu segeln, damit nicht Boote, die von
+Yabase kämen, ihnen begegneten.
+
+Da knallte ein Schuß im Röhricht, und braune Wildenten strichen aus dem
+Schilf heraus aufkreischend über die Seefläche. Ein zweiter Schuß schallt,
+und Hanakes Geliebter wirft die Arme in die Luft, springt auf, wie von
+einem Strick in die Höhe gerissen, und stürzt kopfüber in den abenddunkeln
+See. Kein Schrei; nur das Aufklatschen des Wassers und der Hall der Schüsse
+am Ufer des Biwasees entlang springt durch die Stille. Hanake greift
+unwillkürlich mit beiden Händen über den Bootrand in das Wasser, wohin der
+Geliebte verschwand, und als sie die Hände aus dem Wasser zieht, sind sie
+blutig. Sie fällt lautlos auf den Boden des Bootes, das im Winde
+weitertreibt.
+
+Hanakes Diener sehen vom Fenster, daß das Boot, in dem die Herrin
+fortfuhr, draußen nicht weit vom Ufer steuerlos im Kreise treibt und daß
+ein anderes Boot aus dem Schilf heraus die Seewölbung ersteigt und hinter
+dem Wasser verschwindet. Ein paar der Diener schwimmen hinaus und bringen
+das Boot mit der ohnmächtigen Hanake an den Landungssteg.
+
+Zur gleichen Stunde wie am vorhergehenden Abend liegt Hanake ohnmächtig in
+dem Zimmer, das auf den See geht, bei derselben Kerze, die gestern brannte,
+sitzt ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, und wartet auf das
+Erwachen ihrer Herrin.
+
+Als diese gar nicht zu sich kommen will, kommt die Magd auf den Einfall,
+den grauen Papagei zu holen, der von den drei Sätzen immer nur den einen
+gelernt hat: Ich liebe dich. Als sie den Vogel neben die Kerze in das
+Gemach bringt, schreit er sofort: «Ich liebe dich!» Da zuckt das Gesicht
+der ohnmächtigen Hanake zusammen, als habe ihr einer einen unendlichen
+Schmerz angetan. Ihre Lippen seufzen tief auf, ihr Gesicht verändert die
+Farbe und wird wie Asche im Aschentopf, der neben der Kerze steht. Die Magd
+beugt sich erschrocken über ihre Herrin, und wie sie noch zweifelt: Ist das
+der Tod, der Hanake so entfärbt?, da schüttelt der Papagei sein Gefieder,
+schlägt mit den Flügeln um sich und schreit plötzlich und unvermittelt:
+«Ich töte dich!»
+
+Die Singende Seemuschel starrt entsetzt den Vogel an, dessen großer
+Schatten vor der Kerze wie der Schatten eines mächtigen, schwarzen Segels
+über die Wände des Gemaches fliegt.
+
+Die Magd greift mit beiden Händen nach dem um sich schlagenden Papagei. Der
+Vogel schreit zum zweitenmal: «Ich töte dich!» Die Hände der Magd packen
+das Tier und drücken dem Papagei den Hals zu, damit er nicht zum drittenmal
+das schauerliche «Ich töte dich!» schreien kann. Der Vogel verdreht seine
+Augen, läßt mit einem Ruck die Flügel schlaff hängen, spreizt die Krallen
+und hängt als lebloser Vogelbalg in den Händen der Magd.
+
+Hanake schlägt die Augen auf. Die Magd wirft die Vogelleiche auf die Diele
+und ruft:
+
+«O Herrin, Ihr kommt wieder! Ihr wart weit fort!»
+
+Hanake richtet sich auf, sitzt auf der Diele und sagt in Gedanken:
+
+«Ich glaube, ich komme von den Toten.»
+
+Dann sprach sie lange nicht mehr. Sie sah nicht den toten Papagei. Sie
+weinte nicht über den Tod ihres Geliebten. Sie ließ sich von der Magd
+umkleiden, und als ihr diese ein Hauskleid bringen wollte, sagte sie, und
+ihre Augen sahen durchdringend durch die geschlossenen Wände des Hauses:
+
+«Ich sehe im Abend Boote von Yabase kommen. Ich sehe, man bringt mir ein
+rotes Scharlachkleid, wie es die Hofdamen tragen. Aber die hundert Segel,
+die jetzt von Yabase kommen, zeigen in den Segelfalten keine Schriftzeichen
+mehr. Jedes Segel ist glatt wie eine leere Hand. Hundert leere Hände kommen
+in mein Haus.
+
+Bringe mir ein weißseidenes Unterkleid, Singende Seemuschel, damit ich das
+rote Scharlachkleid, das man mitbringt, darüber ziehen kann.»
+
+Die Magd widersprach ihrer Herrin nicht. Sie öffnete nur ein wenig die
+Schiebewand nach dem See. Aber sie sah keine Lichter von Booten in der
+Nacht draußen, kein Bootskiel rauschte im Wasser, nur das Schilf zischte
+unten um das Haus und in der Ferne um den Landungssteg.
+
+Hanake ist hellsehend geworden, dachte die Magd. Dann ging sie durch die
+Kammern des Hauses nach den Wandschränken, wo die Kleider gefaltet in
+großen Lacktruhen lagen. Sie ließ sich von zwei Mägden leuchten. Und die
+eine Magd erzählte halblaut:
+
+«Wißt ihr schon, unsere Männer, die zur Nachtzeit aus Yabase herüberkamen,
+sagten, man erzählte sich in allen Teehäusern, daß der Freund eines
+kaiserlichen Prinzen von einem Europäer auf dem See erschossen worden sei.
+Der blutige Körper des Toten wurde in Yabase auf den Kies gespült, und
+heimkehrende Boote haben gesehen, wie der fliehende Europäer, der Wildenten
+im Schilf gejagt hat, durch einen Fehlschuß den Freund des Prinzen tötete.
+Der Prinz selbst kam dann an das Ufer, wo die Leiche seines Freundes lag.
+Der Prinz hat seinen Freund lange angesehen, aber nicht geweint, sagen die
+Leute. Er hat gefragt, ob in der Nacht noch jemand über den See fährt; und
+als er hörte, daß unsere Männer noch über den See fuhren, sandte er eine
+kleine Kleidertruhe und ließ sie in das Boot unserer Männer stellen. Die
+Truhe ist für Hanake. Morgen, ehe die Sonne im Mittag steht, wird der Prinz
+selbst zu Hanake kommen, sagte ein kaiserlicher Diener heimlich zu unsern
+Männern.»
+
+«In der Truhe ist ein rotes Scharlachkleid für Hanake», sagte die Singende
+Seemuschel zu den Mägden.
+
+«Woher weißt du das?» fragten beide Mägde erstaunt. «Niemand durfte bis
+jetzt in die Truhe sehen.»
+
+«Wir wissen das bestimmt», nickte die Gefragte.
+
+Sie nahm das weißseidene Unterkleid über den Arm und schickte die Mägde in
+die Küche. --
+
+Am nächsten Tag um die Mittagstunde kam ein Segel auf Hanakes Haus zu.
+
+Die Singende Seemuschel sagte zu Hanake, die im Purpurkleid auf der Altane
+saß und weiß und rosa geschminkt war, so dick gepudert und geschminkt, als
+verbärge sie das Gesicht hinter einer rot und weißen Maske:
+
+«Das ist nicht der Prinz, der da kommt. Denn ich sehe nur _ein_ Segel,
+Herrin, und Ihr sagtet gestern nacht voraus, es würden hundert Segel
+kommen. Alles, was Ihr sagtet, als Ihr von den Toten erwachtet, ist
+eingetroffen. Wenn aber der Prinz nur in _einem_ Boot kommt, dann habt Ihr
+Euch geirrt, weil Ihr von hundert Booten gestern redetet.»
+
+«Schweig und empfange den Prinzen», sagte Hanake mit einer fast männlichen
+Stimme, die die Magd nie an ihr gehört hatte. «Geh mit allen Mägden und
+allen Dienern dem Prinzen zur Landungsbrücke entgegen, denn ich kann noch
+nicht gehen, meine Füße zittern noch. Ich kann den Prinzen nur hier im
+Hause empfangen.
+
+Als ich im Tode lag unter den Toten, aber mit meinem Geliebten nicht
+vereinigt war, fragte meine Seele alle Toten:
+
+'Was habe ich getan, daß ich meinen Geliebten nicht unter den Toten finde?'
+
+'Du hast noch dem Leben verweigerten Gehorsam zu geben,' sagten die Toten,
+und ich erwachte wieder.
+
+Ich weiß es, ich habe gefrevelt. Ich habe meinen Leib einem Prinzen, einem
+Sohn des Himmels, entziehen wollen und habe einen andern Mann umarmt. Aber
+der Geliebte konnte meinen Leib nicht mit in den Tod nehmen weil ich erst
+lernen mußte, dem Leben zu gehorchen.»
+
+Die Magd weinte über Hanakes Worte. Aber Hanake verbot es ihr und sagte:
+
+«Wir wollen nicht neuen Ungehorsam auf dies Haus laden. Ich darf nicht
+weinen, wenn ich auch bis an die Augen voll Trauer bin. Meine Füße aber
+zittern, und ich kann dem Prinzen nicht entgegen gehen. Ich kann meine Füße
+noch nicht zum Gehorsam zwingen.
+
+Wenn der Prinz dich fragt: 'Wo ist Hanake?', sage, und laß dir nichts
+merken, sage: 'Verzeihung, Sohn des Himmels, meine Herrin trauert um ihren
+toten Lieblingspapagei. Aber wenn meine Herrin des Prinzen Angesicht sieht,
+wird ihre Trauer zur Freude werden und doppelt glänzen, wie dein weißes
+Segelboot, o Herr, im Biwasee.'» --
+
+Und wie der Schiller auf starrem, poliertem Porzellan glänzte Hanake bis
+zum Abend, so lange der Prinz in ihrem Hause war und mit ihr spielte. Und
+auch als sie ihr Scharlachkleid öffnete und ihren kleinen weißgepuderten
+Leib nackt in die Arme des Prinzen legte, sang sie Lieder und zwitscherte
+mit den Lippen. Der Prinz sagte am Abend:
+
+«Dein Leib ist mir lieb, weil er kühl ist wie die Schneeflocken und mich
+aufweckt wie die Kälte am Wintermorgen.
+
+Und nun singe mir noch zum Abschied das Lied vom Biwasee, das nur auf weiße
+Seide geschrieben werden darf.»
+
+Die Singende Seemuschel saß hinter der Papierwand im Nebenzimmer, wo sie
+die Gitarre spielen mußte, so lange der Prinz die nackte Hanake umarmte.
+Aber als die treue Magd hörte, daß der Prinz das Lied von ihrer Herrin
+verlangte, das nur eine sehnsüchtig Liebende singen darf, da konnte sie
+sich nicht mehr des Schluchzens erwehren. Und während die Hände der
+Singenden Seemuschel auf der Gitarre spielten, wimmerte ihre schluchzende
+Brust.
+
+Hanake, die in ihr Scharlachkleid schlüpfte, raschelte mit der Seide, damit
+der Prinz das Wimmern der Magd nicht höre. Dann wollte sie singen. Aber der
+Prinz fragte, ehe sie begann:
+
+«Weint jemand hinter der Wand?»
+
+«O nein», lächelte Hanake, «das sind nur Brieftauben, die ich in einem
+Käfig halte, und ihre Kröpfe glucksen, weil sie zu viel gefüttert wurden.»
+
+«Singe jetzt!» sagte der Prinz.
+
+Das Wimmern hinter der Papierwand verstummte, und Hanake sang das Lied:
+
+ Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
+ Mein Herz, mein leises,
+ Mein Auge, mein heißes, --
+ Die Menschen, die einsam sind,
+ Sind wie die Boote von Yabase,
+ Die blaß hintreiben im Abendwind.
+
+Hanake hatte während des Singens ihren Kopf in den Schoß des Prinzen gelegt
+und mit offenen Augen zur Decke gestarrt. Ihr Körper war in derselben
+Stellung wie an jenem Abend auf dem Biwasee im Boot, als sie mit dem Kopf
+im Schoß ihres Geliebten gelegen.
+
+Plötzlich fährt Hanake, wie von einem Schuß getroffen, auf. Sie wirft die
+Arme in die Luft und fällt ohne Aufschrei auf die Diele, wo sie in tiefer
+Ohnmacht liegen bleibt.
+
+Der Prinz wird blaß. Auf seinen Ruf kommt die Magd hinter der Papierwand
+vor. Der Prinz sieht die verweinten Augen derselben und denkt, daß Magd und
+Herrin wirklich in Trauer seien über den toten Papagei. Er ist erstaunt
+darüber und sagt: «Deine Herrin ist noch schwach von Trauer über ihren
+toten Papagei. Pflege deine Herrin; und wenn sie aufwacht, sage ihr, ich
+käme morgen abend und hundertmal wieder.»
+
+Die Magd verneigt sich vor dem Prinzen, sie verbirgt ihre verweinten Augen
+und lügt:
+
+«Sohn des Himmels, verzeiht meiner Herrin! Aber der Tod ihres Papageis ging
+ihr nicht so sehr zu Herzen wie jetzt der Abschied von Euch. Die Trauer
+darüber hat sie gleich einer Ohnmacht überfallen.» --
+
+Als Hanake wieder zu sich kommt, sieht sie fern im Abend über dem Biwasee
+das verschwindende Segel des kaiserlichen Bootes, und das Kielwasser treibt
+eine lange schwarzlinige Welle von der Mitte des Sees bis an Hanakes Haus.
+
+Hanake murmelt: «Die Magd sagt: hundertmal wird er wiederkommen! Ich will
+lieber _hundert_ verschiedene Männer umarmen, ihr Götter! Erlaßt es mir,
+_einem_ Mann Liebe heucheln zu müssen _hundertmal_ hintereinander. Ich
+schwöre euch: ich will mich lieber auf dem Liebesmarkt zu Tokio hingeben,
+wo fünftausend Mädchen sich jede Nacht einem andern Mann anbieten. Aber
+erlaßt mir, o Götter, die Qual und bindet mich nicht hundert Nächte an den
+einen Mann, der sich einredet, daß ich ihn liebe.»
+
+Die untergehende Sonne schminkte den Himmel wie das Gesicht eines
+Freudenmädchens. Karminrosig und violett silbrig färbten sich alle Wolken
+über dem Biwasee, wie die fünftausend Mädchengesichter auf dem Liebesmarkt
+zu Tokio.
+
+Dann hörte Hanake lautes Gelächter, laute Männer- und Frauenstimmen, das
+Räderrasseln von kleinen Rikschawagen und das Geschrei von Kulis. Eine
+Schar ihrer Freunde und Freundinnen war in Wagen und Tragsesseln von der
+Landstraße hergekommen und rief jetzt von draußen ins Haus nach Hanake.
+Dann drängten die Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen in das
+Nebenzimmer, und Hanakes Gesicht wurde wieder höflich und freundlich und
+unbeschrieben wie eine weiße Eierschale.
+
+Sie warf noch rasch einen Blick aus dem Fenster. Das Segel des kaiserlichen
+Bootes war hinter der Seehöhe verschwunden. Der See lag gradlinig, und nur
+wie eine kleine, schwarze Schnur zog sich am Horizont das Kielwasser des
+verschwundenen Bootes hin. Die Kielwelle erreichte nicht mehr Hanakes Haus
+und verlor sich wie ein abgerissenes Band draußen auf der Seefläche.
+
+Hanakes Herz war leichter. Sie trat aus dem Seegemach in das
+nebenanliegende Gemach, in das die Freunde hereindrängten. Das Haus war
+jetzt voll von zwitschernden Frauenstimmen und gurgelnden Männerkehlen, die
+den Atem auf japanische Sitte laut und achtungbezeugend einzogen.
+
+Nachdem alle eine Weile voreinander auf den Knien gelegen hatten und sich
+verbeugt hatten, rutschten alle zusammen, bildeten einen Halbkreis um
+Hanake und hockten auf den Seidenkissen am Boden, und das Zimmer war laut
+wie ein Baum, in dem eine Sperlingschar plaudert.
+
+Gerüchte, daß ein kaiserlicher Prinz sich nach Hanake umsähe, hatten sich
+bei den Freunden verbreitet; aber niemand wußte Genaues, und niemand wußte
+vom Besuch des Prinzen. Alle waren des Mordes wegen gekommen, der sich auf
+dem See in der Nähe von Hanakes Haus ereignet haben sollte. Sie wollten
+wissen, ob Hanake den Schuß gehört habe? Ob der Europäer fehlgeschossen
+oder auf den Japaner gezielt habe? Ob Hanake damals am Fenster gestanden
+habe? Und ob nach dem Schuß das Seewasser rot von Blut gewesen sei? --
+
+Hanakes Gesicht verlor keinen Augenblick die starre Politur. Die Magd hatte
+ihr, als sie aus der Ohnmacht aufgewacht war, das Scharlachgewand
+ausgezogen und ihr ein blaues Gewand gereicht, auf dem nur Seewellen und
+Wolken eingewebt waren, und hatte die Schminke und den Puder erneuert und
+den klingenden Haarschmuck in ihrem Haar fester gesteckt, als man das
+Herannahen der Freunde hörte.
+
+Jetzt reichten die Singende Seemuschel und die anderen Mägde den Gästen Tee
+und Pfefferminzzucker herum und kleine, winzige Kuchenwürfel.
+
+Als die Schar der Fragen sich wie eine Dornenhecke um Hanake aufbaute,
+suchte die Singende Seemuschel nach einem rettenden Gedanken, um ihrer
+Herrin zu helfen. Sie lief fort, holte den toten Papagei, kam wehklagend
+herein und sagte:
+
+«Ach, Herrin, seht, der Papagei liegt im Sterben!»
+
+Aber wie war sie verblüfft, als Hanake sie abwies und lächelnd zu den
+Gästen sagte:
+
+«Ich glaube, meine Magd ist irrsinnig geworden von der Ehre, die uns heute
+widerfuhr. Sie zeigt mir den Papagei, der seit gestern tot ist, und der uns
+heute schon helfen mußte, einen kaiserlichen Prinzen zu belügen.»
+
+Im Zimmer wurde es still, wie wenn alle Spatzen aus einem Baum fortgeflogen
+sind.
+
+Alle Gäste verstanden, daß der Prinz dagewesen war, alle verstanden, daß
+Hanake ihn nicht liebte; und daß man einen Prinzen belügen könnte, war
+ihnen auch noch verständlich. Aber welch ein Frevel, laut über den Sohn des
+Himmels zu spotten und einzugestehen, daß man ihn belogen hatte!
+
+Als wären allen Gästen die Teetassen aus den Händen gefallen, und als wäre
+der Tee vergossen, so erschrocken saßen alle und starr. Keiner rührte mehr
+einen Teeschluck an. Und als Hanake mit kalten, glitzernden Augen sagte:
+
+«Der Prinz wird nicht von dieser Lüge sterben. Ich bin auch nicht an seiner
+Liebe gestorben», -- da schlossen die Freundinnen vor Schreck ihre Augen.
+Die Männer richteten sich auf, und wie eine Schar Krebse, die nach
+rückwärts krabbelt, verließ die Freundesschar das Gemach, teils aus Furcht,
+weil in diesem Haus gegen den Sohn des Himmels gefrevelt wurde, teils
+erschrocken, vor Hochachtung, weil die Luft hier noch voll sein mußte von
+der Leidenschaft und der Nähe des kaiserlichen Prinzen.
+
+Unter kaum hörbar gewisperten Entschuldigungen verließen die letzten das
+Haus, bestürzt und eilfertig, als wären die Zimmer des Hauses voll Feuer,
+das sie alle verbrennen könnte.
+
+Hanake aber ließ das Zimmer aufräumen, ließ sich von der Singenden
+Seemuschel eine Schlummerrolle unter das Genick schieben, streckte sich auf
+der Diele aus und schlief fest ein.
+
+Am nächsten Abend erschien ein Segel auf der Seehöhe. Es kam wie ein
+selbstbewußter Schwan lautlos auf Hanakes Haus zugeschwommen. Aber die
+Landungsbrücke bei dem Hause blieb leer. Nur die Köpfe der Schilfblüten
+bewegten sich und verneigten sich vor dem kaiserlichen Boot und vor dem
+Prinzen, der ans Land stieg.
+
+Die Papierfenster und die Bambustüren von Hanakes Haus waren geschlossen
+und öffneten sich nicht, als der Prinz klopfen ließ. Wie eine Laterne ohne
+Licht lag am See das gegitterte Holzhaus mit den weißen Papierscheiben. Ein
+vorüberfahrender Schiffer in seinem Boot sagte den Leuten des Prinzen, daß
+Hanake am Morgen alle ihre Dienstboten entlassen habe. Sie habe ihr Haus
+zugeschlossen und sei nur mit einer Magd auf ihrem Segelboot in den See
+hinausgefahren; aber niemand wußte, wohin die Fahrt gegangen.
+
+Das kaiserliche Boot kreuzte die ganze Nacht auf der Seefläche in der Nähe
+von Hanakes Haus. Aber die Papierfenster des Hauses blieben dunkel, und das
+lautlose kaiserliche Boot verschwand gegen Morgen hinter der Seehöhe.
+
+Am nächsten Abend kamen hundert kaiserliche Segelboote von Yabase. Sie
+kamen an wie hundert weiße Fächer, die sich über den See spannten. Sie
+kreuzten über den ganzen Biwasee, während der ganzen Nacht, von Ozu bis
+Yabase, von Karasaki bis Katata, von Seta bis Amazu. Und als leuchteten sie
+in die Unterwelt des Sees, so zogen sie die hellen Scheinbilder der
+hundert weißen Segel durch die Seetiefe nach sich.
+
+Die nächsten Abende wiederholte sich das Schauspiel der hundert Segelboote,
+die Hanake suchen sollten, und die sich durch den Seenebel verteilten wie
+hundert weiße Seidenspinnerschmetterlinge, die in einem grauen, riesigen
+Spinnenwebnetz hängen geblieben wären. --
+
+Jede kleine japanische Stadt eröffnet abends einen Liebesmarkt, der sich
+Yoshiwara nennt. Der Yoshiwara in Tokio ist einer der größten Liebesmärkte
+in Japan, wo die schönsten Mädchen vom Inland und aus allen Provinzen
+zusammenkommen, wo sich verwaiste Mädchen vom Ertrag der Liebe zu ernähren
+suchen, wo verarmte Mädchen mit dem Erlös der Liebe ihre alten Eltern zu
+erhalten suchen. Auf diesen Liebesmärkten verkauft sich die Liebe natürlich
+und schandlos.
+
+Unschuldig und feurig, wie die Sterne der Milchstraße nachts am Himmel,
+beleuchten sich nach Sonnenuntergang die schöngepflegten, sauberen und
+breiten Straßen des Liebesmarktes. Das große eiserne Gitter, das den
+Stadtteil des Liebesmarktes von der Stadt trennt, steht, von Polizisten
+bewacht, weit offen. Hinter dem offenen Tor, in der Mitte der
+Eingangsstraße, zieht sich im Frühlingsabend eine rosige Wolke hin durch
+die Luft: die rosigen Blüten blühender Kirschbäume, welche in der Mitte der
+Straßenlinie eingehegt stehen.
+
+Links und rechts von der Straße beleuchten die kleinen, einstöckigen Häuser
+mit milden, weißen, langen Lampionketten ihre Balkone.
+
+Lautlos und feierlich und ruhig beleuchtet, liegt hier der Weg offen zu den
+fünftausend Mädchenschönheiten. In den weiten Seitenstraßen, welche die
+Eingangsstraße kreuzen, beginnt der Liebesmarkt. Hier stehen saubere,
+ebenfalls mit weißen Lampenketten erleuchtete Häuser. Die Erdgeschosse
+aller dieser Häuser zu beiden Seiten der Straße zeigen große, offene,
+vergoldete Gemächer. Die sind durch hölzerne Gitterstäbe wie goldene Käfige
+von der Straße getrennt und innen beleuchtet von elektrischen Glühbirnen.
+
+In jedem langen Gemach sitzen in einer Reihe der Straße entlang dreißig bis
+fünfzig junge, schmalschultrige Mädchen, in blumige kostbare Seidengewänder
+gehüllt. Jede sitzt auf einem kleinen Seidenkissen, wie ein Schaustück in
+einem Schaufenster.
+
+Die langen Reihen der weißgepuderten und rosageschminkten Gesichter, unter
+schwarzen, hohen Frisuren, die mit goldenen Nadeln bedeckt sind, enden
+nicht. Und Viertelstunde um Viertelstunde kannst du durch die Straßen
+gehen, vorüber an den Heeren der Tausende von jungen Mädchen.
+
+Die Wände jedes Gittergemaches sind schwer geschnitzt. Aus Goldlack und
+rotem Lack stehen lebensgroße Bäume darin, springen lebensgroße Tiger und
+Drachen an den Lackwänden entlang, fliegen lebensgroße Kraniche und
+Paradiesvögel, größer als die kleinen Mädchen, an den Wänden der Gemächer
+hin.
+
+Wie dreißig weiße Perlen, in einer Reihe aufbewahrt in einer goldenen oder
+roten Truhe, leuchten perlenweiß die eirunden gepuderten Mädchengesichter
+in jedem Gemach. Mal sitzen da dreißig in eisvogelblauen Gewändern, mit
+scharlachnen Blumen bestickt, mal dreißig in smaragdgrünen Gewändern, mit
+karmoisinroten Blumen bestickt, mal fünfzig in weißen Gewändern, mit
+regenbogenfarbigen Schmetterlingen bestickt, mal fünfzig in schwarzen
+Gewändern, darunter die Schleppen von rosa-, grün- und blauseidenen
+Gewändern abgestuft vorschauen.
+
+Jedes Mädchen hat neben sich einen großen Porzellantopf, darin Holzasche um
+Kohlenglut liegt. Sie rauchen kleine silberne Pfeifen, in die nur eine
+Prise Tabak geht, nicht mehr, als Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen
+Tabakkugel drehen können, und zünden diese mit einem Stückchen Kohle in
+feiner, silberner Zange an. Die eine frisiert sich vor ihrem kleinen
+Spiegel; die andere schreibt mit einem Tuschepinsel auf ihrem Schoß auf
+einem langen Reispapierstreifen einen Brief; die nächste trinkt Tee aus
+einer fingerhutgroßen Tasse; und wieder eine fächelt sich, und wieder eine
+andere liest in einem kleinen Büchlein einen Roman. Eine zupft eine
+Mandoline, und eine andere wispert ein Lied dazu. Eine kommt an das Gitter
+getrippelt, hebt vorsichtig ihre drei Schleppen, winkt vorsichtig ein paar
+Fremden; eine andere kommt an das Gitter und plaudert mit Mutter und
+Geschwistern, die zum Besuch auf der Straße stehen, freundlich und
+bescheiden.
+
+Eine vielhundertköpfige Menschenmenge, Männer, Soldaten, Frauen und Kinder,
+ziehen gesittet, flüsternd und lächelnd, mit hell beschienenen Gesichtern,
+durch die erleuchteten Straßen, vorüber an den vergitterten Gemächern der
+Erdgeschosse. Und stundenlang bis nach Mitternacht wandern die Volksmengen
+jeden Abend vor den fünftausend Mädchen auf und ab, stehen als Besucher an
+den Gittern, treten als Besucher in die Häuser, kaufen sich Gesang, Musik,
+Tanz und Liebe, nachdem jeder Mann auf der Straße unter den Dreißig eines
+Gemaches seine Wahl getroffen hat.
+
+Hier in eines der Häuser des Tokioyoshiwara trat Hanake mit ihrer Magd ein
+und blieb hundert Nächte, um hundertmal ihren Leib zu verkaufen, wie sie es
+den Göttern versprochen hatte, um sich dadurch frei zu kaufen von dem
+Gehorsam gegen den Sohn des Himmels.
+
+Sie verkaufte sich jungen Männern, welche die Liebe kennen lernen wollten,
+und alten, von der Lebenssorge abgetöteten einsamen Männern, welche die
+Liebe noch einmal erleben wollten, ehe sie starben; sie verkaufte sich den
+in den Krieg gehenden Soldaten und den aus Schlachten heimgeschickten
+Invaliden; sie verkaufte sich Studenten, Handwerkern, Adeligen und Kulis.
+Nur den Ausländern, den Europäern und Amerikanern, verweigerte Hanake ihren
+Leib.
+
+Aber eines Abends kam ein junger Amerikaner, ein hübscher Marineoffizier,
+in das Haus und forderte für sein gutes Geld vom Hausbesitzer Hanake. Es
+war in den Tagen, da die amerikanische Flotte im Hafen von Yokohama lag und
+die Amerikaner der japanischen Nation einen Ehrenbesuch machten. Vom
+Stadtgouverneur war der Befehl ergangen und an den Straßenecken
+angeschlagen: «Japaner! Ihr dürft nicht vor den Europäern ausspucken! Ihr
+dürft ihnen auch keine Stöcke in den Weg werfen, daß sie stolpern. Auf den
+Straßen sollt ihr nicht zu dicht neben den Europäern gehen, immer drei
+Schritte von ihnen weg. Ihr sollt alle europäischen Barbaren überhaupt
+höflich behandeln, als wenn sie gesittete Asiaten wären. In den
+Besuchstagen der amerikanischen Flotte soll kein Mädchen in den Yoshiwaras
+sich einem Ausländer verweigern dürfen.»
+
+Hanake verweigerte sich trotzdem. Und da es gerade die hundertste Nacht
+war, in der sie den Göttern abgedient hatte, floh sie mitten in der Nacht
+samt ihrer Magd durch eine Hintertür aus dem Yoshiwarahause, ließ ihre
+Kleidung und ihren Schmuck zurück und eilte in ihren Alltagskleidern aus
+dem Yoshiwara. Verhüllt und unbemerkt, entkam sie im Gedränge der
+vielhundertköpfigen Menge. Sie trug nichts bei sich als einen kleinen Vogel
+in einem winzigen Käfig.
+
+Eines der Mädchen in dem Yoshiwara hatte ihr eine Stunde vor der Flucht den
+Vogel verkauft, eben als der amerikanische Offizier in das Haus trat. Im
+Schreck der Flucht hatte Hanake den Vogelkäfig krampfhaft in der Hand
+behalten, ohne ihn loszulassen.
+
+Der Vogel war ein Nachtigallenmännchen und saß verblüfft in dem kleinen
+Käfig, denn er war eben erst von seinem Weibchen, mit dem er einen andern
+Käfig geteilt hatte, getrennt worden.
+
+Die beiden Frauen wollten den Vogel unterwegs füttern, aber er fraß nicht.
+Sie reisten beide mit dem wunderlichen Vogel in der Nacht mit dem nächsten
+Zug nach dem Biwasee und kamen am nächsten Mittag wieder in Hanakes Haus am
+See an.
+
+Die Magd öffnete die Fenster und ließ frische Luft durch die Kammern
+streichen. Es war Herbst geworden, und mit jedem Luftzug flogen welke
+Blätter von den Uferbäumen herein.
+
+Das Seewasser zeigte nicht mehr die blaue Sommerfarbe, es war tiefgrün. Die
+Sonne stand schräg und warf gespenstige Schatten. Das lebhafte Schilf war
+abgemäht, und die Stoppeln standen lautlos und tot.
+
+Aber Hanake wurde von der Herbstwelt nicht traurig gestimmt. Das Leben im
+Yoshiwara ging noch in lauten Bildern durch ihr Blut. Sie war täglich
+hundertmal bewundert worden, hatte hundertmal gefallen, hatte
+hunderttausendmal lachen müssen, ohne lachen zu wollen, war hundertmal
+umarmt worden, ohne eine Umarmung zu ersehnen. Die Bewunderung war ihrem
+Körper zur Gewohnheit geworden. Hanake wußte jetzt fast nicht mehr, warum
+sie einst aus diesem Hause hier am See fortgegangen war. Sie hatte den Tag
+mit dem Prinzen beinah ganz vergessen, sie hatte kaum noch den Abend mit
+dem Geliebten in Erinnerung. Sie hörte nur noch den Schuß im Ohr und sah
+sich noch im Boot auf dem Schoße ihres Geliebten liegen, wenn sie wollte.
+Aber sie konnte sich nicht mehr des Gesichts ihres toten Geliebten
+erinnern, nicht mehr seine Stimme erinnernd zurückrufen. Die Hunderte von
+Gesichtern und Stimmen, die im Yoshiwara Hanake bewunderten, hatten das
+Gesicht und die Stimme des Geliebten aus ihrer Erinnerung verdrängt. Hanake
+war auch darüber nicht traurig, nur verwundert.
+
+Es wurde Abend. Die Magd hatte das Haus bestellt. Da bemerkte Hanake das
+kleine halbtote Nachtigallenmännchen im Käfig und dachte: «Ich will dich
+fliegen lassen, kleiner Vogelmann. Vielleicht fliegst du zurück ins
+Yoshiwara nach Tokio zu deinem Weibchen.»
+
+Sie öffnete den Käfig. Da schoß der kleine Vogel heraus. Aber anstatt aus
+dem offenen Fenster zu fliegen, warf er sich wie ein Wütender in Hanakes
+Frisur und riß wie wahnsinnig geworden mit den beiden kleinen Krallenfüßen
+in den Haaren des erschrockenen Mädchens und fiel dann wie tot an Hanake
+herunter auf die Diele.
+
+Hanake zitterte vor Schreck und sank in die Knie. Sie verstand, daß das
+Vogelmännchen, das sie von dem Weibchen getrennt hatte, sich an ihr rächen
+wollte und vor wütender Aufregung gestorben war.
+
+Hanake hielt die Finger an ihr schmerzendes Haar. Aber es war, als sei der
+Liebesschmerz des Vogels in ihr Herz gedrungen und habe auch in ihrer Seele
+wieder alle Liebeserinnerungen geweckt.
+
+In der Ferne auf dem See tauchten drei Segel auf. Sie zogen der Seelinie
+entlang, langsam, und verschwanden. Hanake erkannte, als sie vom See weg
+auf die weiße Wand ihres Zimmers sah, plötzlich wieder in der Erinnerung
+das Gesicht ihres Geliebten. Sie schauderte vor Entzücken.
+
+Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weißen Wand
+festhalten. Aber die Gesichtszüge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte
+wieder, und Hanake wurde verstört und tief traurig.
+
+«Kleiner Vogel», seufzte Hanake, «zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!»
+
+Der kleine Vogelkörper zuckte plötzlich auf der Diele zusammen und
+flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben
+einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf
+das Lackkästchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene
+Schublade des Kästchens fiel heraus, und der Vogel stürzte dann tot zur
+Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar
+Seidenpapiere zu Hanake hin.
+
+Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stückchen des platten
+Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmücken. Aber Hanake
+verstand auch den tödlichen Wert, den das Schaumgold für den Lebensmüden
+hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blättchen des
+dünngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzüge und hüllte
+ihr Gesicht in die Ärmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die
+Diele am offenen Fenster hin.
+
+
+
+
+Den Nachtregen regnen hören in Karasaki
+
+
+Kiri war der einzige Sohn der «Wolke vor dem Mond», -- so hieß seine
+Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den
+Fischfanggeräten und einer kleinen, struppigen Strandhütte besaßen Kiris
+Eltern nichts.
+
+«Doch wir sind reicher», sagte Kiri immer, «reicher als die
+Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von
+Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns
+Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles was darin ist; der
+Biwasee ist unser Königreich.»
+
+In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als
+sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie
+nannten ihn den Fischkönig von Karasaki.
+
+Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach
+oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der
+Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe
+Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf
+ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den
+Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri
+fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn
+sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu
+passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und
+sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine
+Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am großen
+Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür
+waagrecht im Winde flattern ließen.
+
+Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen
+für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war,
+aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und
+gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen.
+Sie hieß «Perlmutterfüßchen» und war Kiri besonders von seiner Mutter und
+von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.
+
+Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer
+träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte.
+
+Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von
+Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den
+Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah;
+aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, «der Wolke vor dem Mond»,
+erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag
+Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am
+Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam,
+vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie
+Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte.
+In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein
+Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten
+fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich
+der junge Fischer allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot
+begegnete, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von
+anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris
+Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten
+Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die
+Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog
+zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. So
+oft er auch das Fischnetz hob, -- es war leer, und nicht die kleinste
+Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, -- nichts hing in den nassen
+Maschen.
+
+Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von
+fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der
+Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel
+am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der
+Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck
+entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren,
+soviel er auch ruderte.
+
+Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot
+gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki
+fürchten, sein Boot festhielt, und daß das blasse Licht, das durch den
+rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war,
+dem er nicht mehr ausweichen konnte.
+
+Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann
+schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das
+alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet,
+gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und
+wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch
+sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der
+nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen
+Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den
+Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei
+den Menschen der Nabel ist.
+
+«Guten Abend, Kiri», sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. «Warum hast
+du kein Licht an deinem Boot?» sagte die Stimme eines Mädchens. «Kannst du
+nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen
+lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslöschte. Kiri,
+schläfst du? Höre doch und mache Licht!»
+
+«Wer bist du?» getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.
+
+«Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell
+dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr», sagte die
+Stimme im Dunkel, «weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal
+verließen?»
+
+«Nein, ich kenne dich noch nicht», gab Kiri zurück. Und sein Herz suchte in
+allen seinen Erinnerungen. Und wie er grübelte, wurde es seltsamerweise
+Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer, -- er lag auf der Altane eines
+Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben
+ihm auf einem flachen Seidenkissen saß ein schönes junges Mädchen und
+sagte: «Samurai, kennst du mich jetzt?» Und er sah sie an und grübelte
+wieder in seinen Erinnerungen und sah über das Altanengeländer einen
+Zwerggarten mit kleinen Brücken und kleinen Felsen. Und unter einer der
+kleinsten Brücken ging eben das letzte Stückchen der Abendsonne unter. Und
+Kiri grübelte, und der erste Stern erschien über dem lautlosen Zwerggarten.
+Aber der junge Mann erkannte das Mädchen nicht, und er erkannte auch das
+Haus noch nicht, trotzdem er wußte, daß es sein Haus war. Doch es lag nicht
+am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines
+reichen Adeligen aus der Kriegerkaste.
+
+Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, daß sie nicht mehr die grobe
+Hand eines Fischers war. Und Kiri grübelte und hörte plötzlich einen Laut,
+wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andröhnen. Er fragte das Mädchen
+neben sich auf der Altane: «Welches Fest ist heute, weil alle Tempel
+rufen?»
+
+«Es ist kein Fest», sagte das Mädchen und war rot und leuchtete wie eine
+Fackel, trotzdem kein Licht auf dem Altan brannte.
+
+Und Kiri grübelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch
+die Erde unter ihm dröhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und
+zu rufen.
+
+«Es ist kein Fest, es ist ein Krieg», sagte Kiri plötzlich. «Was ist das
+für ein Krieg um die Tempel und auf der Erde?» fragte er von neuem das
+Mädchen.
+
+Dieses wurde blaß und leuchtete weiß wie ein Metallspiegel und sagte: «Es
+ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der
+Erde.» Dabei bog sie sich über ihn, legte ihre Wange an Kiris Ohr und ihre
+Hand auf sein Herz.
+
+Da wurde es still draußen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die
+Sterne über dem Garten verschwanden, und Kiri hörte, wie ein leiser Regen
+begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, daß das
+Mädchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Sänfte legen
+ließ und sich selbst zu ihm hinein in die Sänfte kauerte. Und der Regen
+regnete leise auf das Dach der Sänfte, wie das Getrippel einer tanzenden
+Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob
+Kiri aus der Sänfte heraus. Er ließ alles geschehen und sah nur mit offenen
+Augen zu, daß man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes, großes Boot,
+ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine große
+rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des
+Goldlackhauses. Und Kiri hörte wieder den Regen auf das Dach trippeln, wie
+die Füße von hundert Tänzerinnen. Neben ihm saß das junge Mädchen, dessen
+Arme ließen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tür des
+Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelöscht wurde und wieder
+angezündet, daß es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nächte
+vergingen, das wußte er nicht.
+
+Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die
+Sonne am Tage hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tür des
+Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhörte, wenn das Mädchen neben
+ihm für einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an
+seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze.
+
+Allmählich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages übte er
+keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen
+Gesicht des jungen Mädchens: es gefiel ihr nicht, daß er den Regen
+vergessen, daß er sich aufrichten und sich umsehen konnte.
+
+Da fragte Kiri sie: «Wo sind wir?»
+
+«In Japan, Samurai», sagte das Mädchen ausweichend.
+
+Achtmal wurde die Laterne draußen ausgelöscht und achtmal wieder
+angezündet, und Kiri hatte wieder zählen gelernt. Am neunten Tag fragte er
+abermals das Mädchen: «Wo sind wir in Japan?»
+
+«Auf dem Biwasee, Samurai», sagte das Mädchen.
+
+«Sind viele Menschen auf dem See?» fragte Kiri.
+
+«Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines
+Hauses.»
+
+«Aber ich höre viele Menschen auf dem See.»
+
+«O Herr, es sind nicht Menschen, die du hörst. Das sind die vielen Füße des
+Regens.»
+
+Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am
+Morgen ausgelöscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tür ging,
+richtete er sich auf und fragte: «Wo sind wir auf dem Biwasee?»
+
+«Wir sind auf der Höhe von Karasaki, Herr», antwortete das Mädchen. Aber
+ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der
+Seide ihrer Ärmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mußte noch einmal
+fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit
+seinen Augen dem Mädchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurühren. Aber er
+hatte ihr nicht befohlen zu schweigen.
+
+«Bleib doch bei mir, Samurai», sagte sie lauter und flehend. «Sieh, es wird
+bald wieder Nacht draußen!» Und sie hob ihre weißen Händchen aus den Ärmeln
+und langte nach den Zipfeln von Kiris Ärmeln und hielt sie mit ihren
+kleinen Händen fester als ein Dornbusch.
+
+Da lachte Kiri über die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und
+hörte für eine Weile wieder den Regen.
+
+Das Mädchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte:
+«Was willst du draußen, Samurai, wo es immer regnet?»
+
+Und ihre Hände und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, daß Kiri
+nicht aufstand und bei dem Mädchen sitzen blieb und sich schmeicheln ließ
+und sie liebkoste.
+
+Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom
+Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite
+Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, daß es der
+gelbe Vollmond war.
+
+«Wie kann es regnen», sagte Kiri zu dem Mädchen, «wenn der Vollmond draußen
+neben der roten Laterne scheint?»
+
+«Es regnet immer nachts über Karasaki», sagte das Mädchen und war zwiefach
+von der Laterne und dem Mond beschienen.
+
+«Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lögest. Ich höre keinen Regen
+mehr.»
+
+«O, hörst du nicht mehr den Nachtregen über Karasaki?» sagte das Mädchen,
+öffnete den großen Fächer und hielt ihn gegen den Mond und gegen die
+Laterne, so daß ihr Gesicht dunkel war.
+
+«Ich höre keinen Regen mehr. Laß uns aufstehen, ich will den See und die
+Ufer im Vollmond sehen.»
+
+«O, höre doch den Regen!» flehte das Mädchen. «Bleib!» Und sie hob wieder
+ihre kleinen Hände, um ihn zu halten.
+
+Da befahl Kiri ihr, die Hände in die Ärmel zu verstecken, und sagte:
+«Schweig!»
+
+Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nächten stand Kiri auf und
+fühlte wieder, daß er Füße, Knie, Schultern, Ellenbogen und eine atmende
+Brust hatte. Und aus dem schwülen Räucherwerk, das in dem Lackhaus brannte,
+trat er durch die offene Tür hinaus in das Boot, das sich bei Kiris
+aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drückte.
+
+«Ich will nach Karasaki fahren!» rief er den Ruderern zu. Und als er sich
+gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des
+Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei
+hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie
+schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hörte Kiri keinen Ton mehr im
+Ohr, weder von den Trommeln, noch von den Mandolinen.
+
+Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot schoß jetzt auf
+Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten.
+
+Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von
+farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser.
+Je näher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus
+der Nacht.
+
+Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mädchen, das drinnen noch immer
+auf der Diele des Boothauses hockte und sich nicht rührte.
+
+«Komm und sieh, wie Karasaki uns empfängt!»
+
+Ganz schwach hörte Kiri des Mädchens Stimme zurück:
+
+«O, komm wieder herein, Geliebtester! Komm herein zu mir! Das ist der
+Nachtregen von Karasaki, der draußen im Mondschein glänzt. Es sind die
+Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hörst und siehst du
+nicht den Nachtregen?»
+
+Da stampfte Kiri ungeduldig, daß das Boot sich unter seinen Füßen noch
+tiefer ins Wasser senkte, und rief:
+
+«Stehe ich nicht auf meinen zwei Füßen? Sehe ich nicht mit meinen zwei
+Augen? Fühle ich nicht mit meinen zwei Händen, daß die Luft trocken ist!?»
+
+Da kam das Mädchen aus dem Boothaus und rief rasch zu den Musikantinnen auf
+das Dach hinauf:
+
+«Spielt lauter! Bei allen Göttinnen bitte ich euch: spielt lauter!»
+
+«Spielen die dort oben, oder spielen sie nicht?» fragte plötzlich Kiri.
+
+«Zwei von ihnen spielten immer, Herr. Jetzt spielen aber alle sechs. Hörst
+du nicht, Geliebter? Höre doch! Komm in das Haus! Du hörst vor dem
+Ruderrauschen hier draußen nichts. Komm in das Haus!»
+
+«Nein, ich höre nichts. Aber welches Lied spielen sie?»
+
+«O Herr, sie spielen das Regenlied. Verzeiht! Sie spielen das Lied schon
+seit Wochen, um dich einzuschläfern, Herr. Ich habe gelogen, Herr.» Das
+Mädchen warf sich vor Kiri nieder. «O Geliebter, ich habe dich nicht von
+mir lassen wollen. Das ganze Land war voll Krieg. Die Samurais aus dem
+ganzen Land zogen in den Krieg. Seit Wochen tobt der Krieg. Als die Tempel
+den Krieg verkündeten, habe ich dein Schwert verstecken lassen und habe
+dich einschläfern lassen mit dem Regenlied und habe dich im Arm gehalten
+und habe dich in eine Sänfte bringen lassen. Und die Musikanten, die das
+Regenlied spielten, haben dich begleitet bis an den Biwasee, und ich habe
+ihnen befohlen, sich auf das Dach zu setzen, und zwei von ihnen mußten
+immer spielen, Tag und Nacht. Und ich habe dich nicht von meiner Seite
+lassen können Tag und Nacht, vor Furcht, daß dich der Krieg töte, wenn du
+ans Land gingest, und vor Furcht, daß der Tod dann mein Geliebter würde.
+
+Jetzt aber sehe ich, daß Friede am Land ist. Deshalb glänzt Karasaki
+festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, daß Friede wurde, denn
+dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hören, und ich
+fühlte seit Tagen, daß ich dich nicht mehr aufhalten könnte, wenn du die
+Musik nicht mehr hörtest und an den Regen nicht mehr glaubtest.
+
+Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt können wir
+in unser Haus zurückkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die
+Toten können sich nicht küssen, nur die Lebenden.
+
+Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Göttern, ich
+hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich küßte! Warum wirfst du
+dich auf deine Knie? Warum schüttelst du die Fäuste in die Luft? Warum
+wird dein Haar lebendig und sträubt sich wie bei einer Katze?
+
+O Götter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet?
+Suchen deine Hände dein Schwert an den Hüften? Ich will dir's bringen.
+Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im
+Lackhaus, im Wandschrank.»
+
+Während das junge Mädchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber
+Kiris Gesicht leuchtete, als wäre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wölbten
+sich, seine Fäuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte:
+
+«Mein Schwert!»
+
+Dann stürzte er an dem Mädchen vorüber in das Lackhaus und zerbrach die
+Wandschranktür, die sich nicht sofort öffnete. Aber kaum berührten seine
+Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann
+weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die
+Diele und preßte sein Schwert an seine Brust, als wäre es seine
+wiedergefundene Geliebte.
+
+Eine Weile noch tobte sein Stöhnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein
+tränenüberströmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den
+Boden, löste den Seidengürtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert
+aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der äußerst feinen
+Schneide des Schwertes über den Haarbüschel an seiner nackten Brust,
+schnitt ihn glatt ab und lächelte eine Sekunde zufrieden über die gute,
+treue Schärfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mädchen,
+mit einem Tonfall und einer Stimme, als wäre nichts geschehen:
+
+«Mach dich bereit! Wir müssen jetzt sterben!»
+
+Das Mädchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos
+und bleich wie eine hingewehte weiße Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem
+einen Wort:
+
+«Geliebter!»
+
+Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle
+Muskeln an seinem Leibe zuckten, als würden sie von Zangen zerrissen. Darf
+je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel
+und selbst der große Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri
+und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde hätte ihn mit ihrem Feuer
+verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre; denn jeder Samurai
+ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn
+geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem
+Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den
+Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der
+Tod des kriegerischen Feuers.
+
+Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versäumen.
+Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines
+Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hören.
+
+Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versäumt, so ist seine adlige
+Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist,
+wird ihm dann für immer genommen, und sein nächstes Leben ist das eines
+gemeinen Mannes aus dem Volke.
+
+Doch das Schicksal gewährt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der
+Zufall geben will und sein Mut, daß er im nächsten Leben als gemeiner Mann
+einen Heldentod stirbt, -- dann erlangt seine Seele wieder die alte
+Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurück. Bis dahin
+aber muß er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden
+von den niedersten des Volkes.
+
+Kiri sprach: «Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller
+meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und
+Liebe ist vor den Göttern unstrafbar. Darum hoffe ich, daß mich die Götter
+begünstigen und dich und mich im nächsten Leben aus der Erniedrigung wieder
+zum alten Adel erheben.
+
+Ich hasse dich nicht. Ich muß dich lieben trotz des Todes, den du uns
+antust.
+
+Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben:
+
+Ihr Götter, könnt ihr durch einen Zufall drüben in Karasaki alle Lampen des
+Friedensfestes auslöschen, dann will ich euch glauben, daß ihr mir im
+nächsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden.
+Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da
+ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand
+gehöre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Götter, euch ist nichts
+unmöglich. Gebt mir das Zeichen!» --
+
+Die rote Laterne draußen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den
+Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des
+festlichen Ufers wie feurige Girlanden über die rote Laterne des Kiels und
+senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand.
+
+Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki plötzlich nicht mehr
+auf.
+
+Kiri wartete und wartete und sagte mit gedämpfter und bewundernder Stimme
+zu dem Mädchen:
+
+«Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung geändert haben und
+nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst:
+die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fährt in die Dunkelheit.»
+
+Das Mädchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber
+sie blieb unter der Türe stehen und sagte:
+
+«Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki
+ausgelöscht.»
+
+Da fragte Kiri lachend:
+
+«Ist es ein lauter Regen?»
+
+Das Mädchen beteuerte:
+
+«O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.»
+
+«Das ist der Regen der Götter. Aber ich höre ihn nicht», sagte Kiri
+feierlich und hielt den Atem an.
+
+Das Mädchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu
+Zeit fragte der Mann das Mädchen:
+
+«Wird der Regen lauter? Ich höre ihn nicht.»
+
+Dann hüllte das Weib sein Gesicht in die seidenen Ärmel und schluchzte.
+
+Kiri fragte:
+
+«Fürchtest du dich vor dem Tode?»
+
+«O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich fürchte mich vor der
+Ungewißheit, ob die Götter mich im nächsten Leben mit dir leben lassen.
+Wenn du wenigstens den Nachtregen über Karasaki wieder hören würdest, dann
+würde ich das als Zeichen nehmen, daß die Götter mir verzeihen und mich im
+nächsten Leben wieder mit dir leben lassen.»
+
+Und das Mädchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai,
+als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte:
+
+«Ich höre den Nachtregen über Karasaki. Und ich höre, daß wir uns wieder
+sehen und wieder lieben werden.»
+
+«O, Dank allen Göttern, und Dank auch dir, daß du mir verziehen hast,
+Samurai. O, könnte ich dir im nächsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und
+dir dein Schwert wieder schenken.»
+
+«Auch dieses werden die Götter erfüllen», antwortete Kiri, «denn wenn sie
+zwei Lebenden zwei Wünsche erfüllt haben, so legen sie die Erfüllung des
+dritten Wunsches als Göttergabe dazu.» --
+
+Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert,
+stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drückte es an seine
+Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedärme ...
+
+Das Mädchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt;
+als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden.
+Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte
+es an ihr Herz und stürzte sich in die Schwertspitze.
+
+Draußen tönte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn
+fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne
+stand still wie angemauert im Regen.
+
+ * * * * *
+
+Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mädchen,
+das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: «Wer bist du?»
+
+«Kennst du mich nun?» fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel.
+
+«Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib
+mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.»
+
+«Wirf dein Netz aus!» sagte des Mädchens Stimme.
+
+«Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht länger ein
+Fischer sein, seit ich weiß, daß ich einst ein Samurai war.»
+
+«Wirf dein Netz aus!» sagte die Stimme wieder.
+
+«Ich kann im Dunkeln nicht sehen», sagte der junge Fischer, «und ich habe
+keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuzünden. Wie soll ich im Dunkeln
+wissen, wohin ich mein Netz werfe!»
+
+«Wirf dein Netz aus und vertraue mir!» sagte noch einmal die Stimme.
+
+Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit
+gewohntem Griff über den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft
+und sagte zu dem Netz:
+
+«Geh zu den Göttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich weiß, daß
+ich ein Samurai war.»
+
+Plötzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft
+zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen
+Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den
+See.
+
+«Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht», sagte Kiri stolz in die
+Luft. «Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich
+weiß, wer ich bin.»
+
+«Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder über den Bootrand! Dann will
+ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.»
+
+Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglühenden Strick
+aus der Tiefe. Aber er fühlte, daß er keine Kraft besaß, den Strick nur um
+das kleinste höher zu ziehen. Es war, als lägen steinerne Berge in seinem
+Netz: der Strick rückte nicht von der Stelle.
+
+«Deine Kraft wird über dich kommen zu deiner Stunde», sagte das Mädchen.
+
+Aber Kiri war unwillig und schüttelte den Strick, verzweifelt über seine
+Ohnmacht.
+
+«Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und
+rudere!» befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so.
+
+Und wie er ruderte, schien es ihm, als würde der See in der Tiefe hell.
+
+«Sieh jetzt um, über deine Schulter in dein Netz; und alles, was darin ist,
+wird deine Samuraiarbeit sein.»
+
+Kiri sah hinter sich den ganzen weiten See von den Maschen eines riesigen
+feurigen Netzes leuchten. Drinnen in dem Netz lagen die zerstückelten
+Leichen von abendländischen Offizieren, Arme, Beine, Köpfe, Kanonenrohre,
+Bajonette, blutig, zerschossen, zerfetzt und zertrümmert. Es war, als
+schleife das feurige Netz den ganzen See wie ein zuckendes Schlachtfeld
+hinter sich her.
+
+Es schauderte Kiri. Entsetzt ließ er die Ruder ins Wasser fallen. Das
+niedrige Gemüt des Fischersohnes überwältigte ihn. Er griff nach einem
+Fischbottich, der auf dem Grunde des Bootes stand, und stülpte ihn über
+seinen Kopf, um nichts mehr zu sehen. Er klapperte mit den Zähnen, daß der
+Bottich dröhnte, und getraute sich mit seinem Kopf nicht mehr aus seinem
+Versteck heraus. Er wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, bis ein
+paar Fäuste von außen an den Bottich trommelten und ihn die Stimme seines
+Vaters anrief:
+
+«Kiri, bei allen Göttern, was treibst du, Junge? Wo hast du dein Netz
+gelassen? Wo sind deine Ruder?»
+
+Kiri zog vorsichtig seinen Kopf aus dem Versteck. Er sah im Morgendampf den
+Vater im Strohmantel vor sich in einem andern Boot, und viele Boote waren
+um ihn versammelt. Aber keiner der andern Fischer lachte ihn aus. Es
+schien, als hätten sie alle dasselbe erlebt, denn alle waren bleich, und
+alle waren ernst. Alle Boote drängten nach den Ufern; Boote, die sonst
+wochenlang draußen zu liegen pflegten, -- alle kamen in Scharen
+herbeigeströmt, und die Frauen der Fischer trippelten am Ufer, jede mit
+einem Kind auf dem Rücken bepackt, und jede umgeben von einem Kinderkreis.
+Aber der Uferlinie entlang standen im Morgennebel die rauchenden
+Scheiterhaufen von großen Signalfeuern, die man angezündet hatte, um die
+Fischer von draußen ans Land zu rufen.
+
+Und nun sah Kiri, wenn der Morgenwind die Rauchwolken zur Seite rückte,
+Gruppen von kleinen japanischen Offizieren und Soldaten in europäischen
+Uniformen. Bajonette blitzten im Morgennebel, und hie und da leuchteten rot
+und gelb und golden im Morgengrau die Borten und Uniformaufschläge an den
+Soldaten.
+
+«Kiri, du mußt in den Krieg», sagte der Vater. «Heute hat Japan den Krieg
+mit Rußland angefangen, drüben über dem chinesischen Meer in der
+Mandschurei.»
+
+«Ich bin kein Samurai! Ich will nicht in den Krieg», sagte Kiri. «Ich habe
+schreckliche Träume heute nacht gehabt. Ich habe Netz und Ruder dabei
+verloren. Ich will nicht in den Krieg und auch noch den Kopf verlieren.»
+
+«Du wirst nicht gefragt, ob du willst. Du mußt in den Krieg! Heutzutage
+sind alle Männer, die einen rechten Arm und einen linken Arm, ein rechtes
+Bein und ein linkes gesundes Bein am gesunden Leib haben, Samurais. Du bist
+glücklicher als ich, mein Sohn. Zu meiner Zeit war das nicht so, und wir
+armen Fischer bekamen kein Schwert vom Kaiser von Japan zugeschickt. Drüben
+am Ufer stehen die Soldaten, die dir vom Kaiser einen neuen Anzug und
+kaiserliche Waffen bringen. Geh in den Krieg, mein Sohn! Dort bekommst du
+auch das Brot des Kaisers zu essen. Das ist ein Brot, das jeden Japaner
+mutig und unsterblich macht.»
+
+Aber jetzt kam Kiris Mutter an das landende Boot gelaufen. Sie schüttelte
+ihre Hände in die Luft und wehrte Kiri, er solle nicht landen, und rief:
+
+«Kiri, flieh, fliehe! Die Soldaten wollen dich uns holen! Schwimm in den
+See hinaus! Der Biwasee wird dich verstecken! Eine alte Frau hat mir
+prophezeit, daß du unsterblich bist vom Tage an, wo du den See betrittst,
+aber daß du sterben wirst, wenn ein Krieg ausbricht und du ans Land
+kommst.»
+
+«Mach deinen Sohn nicht feig, Wolke vor dem Mond», sagte der Vater zu Kiris
+Mutter. Und er zog sein eigenes Boot mit beiden Händen ans Land, erwartend,
+daß sein Sohn ihm folgen würde.
+
+Aber Kiri, bleich und grau vor kleinlicher Furcht, schlotterte vor Angst
+und Kälte in seiner dünnen, blauen Leinwandjacke. Er tat, als wolle er
+aussteigen, aber als sein Vater fortsah, griff er nach den Rudern in dem
+Boote seines Vaters, stemmte ein Ruder auf den Kies und stieß sein Boot
+zwischen den andern Booten durch in den See hinaus und rief seinem Vater
+zu:
+
+«Ich will mein Netz noch suchen, das draußen bei meinen Rudern schwimmt.»
+
+In allen Kähnen, wo man die Unterhaltung des Alten mit dem Jungen gehört
+hatte, lachten die ernstesten Leute hell auf über Kiris feigen Rückzug.
+
+«Er tritt den Krebsgang an», lachten einige Fischerburschen, die am Ufer
+standen und Uniformen anprobierten.
+
+«Er wird wiederkommen», sagte der Vater dumpf.
+
+«Er ist unser einziges Kind. Er braucht nicht in den Krieg», jammerte die
+Mutter. «Wir sind keine Samurais, die sich für andere töten lassen. Wir
+sind arme Fischersleute. Er soll nur sein Netz holen! Kiri soll nur draußen
+auf dem See bleiben, bis die Soldaten fortgezogen sind. Der See kann ihn
+ernähren.»
+
+Kiri kam nicht am Abend und nicht am nächsten Tag und auch in den nächsten
+Wochen nicht mehr nach Hause.
+
+Nach Monaten fanden Leute aus Karasaki Kiris Boot im Uferschilf versteckt,
+und man sagte, er müsse wahrscheinlich im Schilf verborgen von Krebsen,
+Wildenteneiern und Fischen leben.
+
+Aber als es dann Winter wurde, der See zufror, das Schilf abgemäht war und
+die weiße Schneekruste an allen Ufern lag, und Kiri kam immer noch nicht zu
+seinen Eltern heim, meinten einige, Kiri müsse ertrunken sein. Doch sein
+Vater behauptete unerschütterlich:
+
+«Kiri ist in den Krieg gezogen.»
+
+Nur die Mutter wünschte, daß er noch auf dem See sei, wenn auch das Wasser
+zugefroren war. Denn draußen auf dem See war Kiri unsterblich, wenn er auch
+nichts aß, nichts trank. Er konnte nicht erfrieren, er konnte auf der
+Eisfläche irgendwo liegen und schlafen, und im Frühling, wenn der Krieg aus
+war, konnte er heimschwimmen. Alles dieses konnte möglich sein, dachte die
+alte Frau, da die Prophezeiung Kiri für unsterblich erklärt hatte, so lange
+er auf dem See bleiben würde.
+
+Aber der Frühling kam, und der Krieg dauerte, und Port Arthur hatte sich
+noch nicht ergeben. Und das Schilf wuchs, und der See rauschte. Zwar waren
+alle Männer im Krieg und keine Fischerboote auf dem Wasser. Aber so lange
+Kiri nicht vom See heimkehrte, war er für seine Mutter unsterblich.
+
+Endlich war der Krieg zu Ende. Viele Fischer kehrten heim. Fast zwei Jahre
+dauerte der Heimzug, bis die letzten angekommen waren. Dann baute man in
+den kleinsten Dörfern aus Kiefernzweigen Triumphbogen.
+
+«Es sind noch ein paar Regimenter in der Mandschurei», sagte Kiris Vater zu
+den Fischern; «Kiri kann noch immer heimkehren.»
+
+Aber die Leute verlachten den Alten wegen seines feigen Sohnes. Und auch
+die Mutter sah nicht mehr auf den See hinaus, weil der Sohn nicht
+heimkehrte und sie nicht mehr an seine Unsterblichkeit glaubte.
+
+Eines Tages hat sie ihren Zweifel laut ausgesprochen und zu ihrem Manne
+gesagt: «Unser Sohn ist tot. Wir haben keinen Sohn mehr. Ich will heute
+nacht eine kleine Kerze zu seinem Gedächtnis vor dem Gott des Biwasees in
+einer Zimmerecke anzünden.»
+
+«Tu das!» sagte der Vater. «Ich will vor dem bronzenen Kriegsgott in
+Karasaki eine Räucherstange für die Nacht anzünden lassen. Die Götter
+werden uns vielleicht antworten und uns sagen, ob unser Sohn im Himmel bei
+den Helden oder im See bei den Krebsen ist.»
+
+Die beiden Alten taten, was sie sich vorgenommen hatten. Und der Vater
+kniete in dieser Nacht, das Gesicht auf der Erde, vor der bronzenen Statue
+des Kriegsgottes von Karasaki. Die Mutter kniete zu Hause in der Zimmerecke
+vor dem vergoldeten Gotte des Biwasees.
+
+Als es Mitternacht war, begann ein feiner Regen über Karasaki zu fallen.
+Der Vater im Tempel konnte nicht beten. Er mußte immer dem Regen zuhören,
+der auf die Ziegelhäuser der Tempeldächer pochte. Der Mutter zu Hause ging
+es ebenso. Sie lauschte dem Regen, der auf die Altanen draußen fiel und an
+die ölgetränkten Papierscheiben trommelte. Und sie mußte bei dem unruhigen
+Regen die Schritte von zwei Fremden überhört haben, denn ein vornehm
+gekleideter Samurai in schwarzer Zeremonientracht, eine vornehm gekleidete,
+schwarze Samuraifrau in Schleppgewändern, die schoben gegen Mitternacht die
+Türen zum Gemach der Alten auf und fragten sie, ob sie sich einen
+Augenblick bei ihr ausruhen dürften. Sie seien auf dem Weg nach Tokio, wo
+übermorgen das große Siegesfest sei, mit dem der Kaiser und die Minister
+das Gedächtnis der großen Helden von Port Arthur feiern würden.
+
+«Mutter, laßt Euch im Beten nicht stören», sagte der junge Samurai. «Wir
+sitzen nur einen Augenblick hier hinter Eurem Rücken und horchen auf den
+Nachtregen von Karasaki.»
+
+Es regnete. Und Gebet und Regen schläferten die alte Frau ein. Ihr Mann,
+der morgens vom Tempel heimkam, weckte sie, und sie hatte den Samuraibesuch
+ganz vergessen. Das Zimmer war längst leer, und die beiden Nachtwanderer
+waren verschwunden.
+
+«Liebe Wolke vor dem Mond», sagte der alte Fischer, «zieh deine besten
+Kleider an! Nimm die Wandersandalen vom Nagel! Wir müssen eine Reise
+machen. Der Kriegsgott hat es mir heute nacht befohlen.»
+
+«Wie kann ich auf meine alten Tage noch reisen?» sagte die Frau. «Wenn ich
+wüßte, wo mein Sohn wäre, ja, dann würde ich hinreisen.»
+
+«Unser Sohn ist in Tokio», sagte der Alte. «Als ich heute nacht im Tempel
+betete, kamen zwei Fremde herein und knieten an meiner Seite nieder. Es
+waren ein junger Samurai und seine Frau. Da konnte ich nicht mehr beten und
+ging auf die überdachte Tempelaltane und horchte auf den Nachtregen, der
+über Karasaki fiel. Und, denke dir, wie ich dort sitze, kommt derselbe
+Samurai, den ich eben noch drinnen neben mir knien sah, heraus. Aber er war
+nicht mehr im schwarzen Zeremonienkleid. Er hatte Panzer, Schwert, Speer
+und Helm des Kriegsgottes auf, und er deutete mit dem Speer nach der
+Sternenrichtung von Tokio und er sagte:
+
+'Vater, du suchst deinen Sohn! Du wirst ihn in Tokio wiederfinden!'
+
+Für einen Augenblick war es mir, als wäre es Kiri selbst, der in der
+altmodischen Rüstung vor mir stand. Wie ich aber genau hinsehen wollte, war
+nichts als die Nachtluft um mich; und der große Hanfstrick, der über dem
+Tempeltore hängt und die Geister vertreibt, schaukelte im Windzug, indessen
+alle Tempeldächer im Regen wie Trommeln redeten.»
+
+«Hier bei mir war auch ein Samurai mit seiner Frau», sagte die 'Wolke vor
+dem Mond'. «Ich habe ihn aber nicht als meinen Sohn erkannt. Er redete
+fremd und feierlich und vornehm, wie ich Kiri nie sonst reden hörte. Er
+blieb nicht lange hier mit seiner Frau. Er wollte nur etwas am Wege
+ausruhen und dem Nachtregen von Karasaki lauschen. Wahrscheinlich hatte er
+seine Tragsessel und die Träger vorausgeschickt, der Samurai. Denn ich
+hörte keinen Laut ums Haus, nicht da sie kamen, und nicht da sie gingen.
+
+Aber wenn du sagst, daß dein Samurai im Tempel aussah wie unser Sohn, dann
+erinnere ich mich, daß auch mein Samurai hier Ähnlichkeit mit Kiri hatte.
+Aber wie hätte ich ihn erkennen können! Dieses Samuraigesicht war sehr
+zerschlagen von Kriegswunden, und die Narben entstellten die Gesichtszüge.
+Und die Narben waren so dicht über seinen Händen und über seinem Gesicht,
+wie die Maschen in einem Fischernetz. Da war kaum ein fingerbreites
+Stückchen Fleisch an seinem Gesicht, das nicht durch eine Narbe zertrennt
+gewesen wäre. Ich habe meinen Sohn nicht erkannt.»
+
+«Du hast deinen Sohn niemals erkannt, 'Wolke vor dem Mond', aber du wirst
+ihn in Tokio gleich erkennen», sagte der alte Fischer.
+
+Am nächsten Morgen reisten die beiden Alten nach Tokio. Erst mußten sie
+wandern, und dann konnten sie die Eisenbahn nach Tokio benützen. Sie kamen
+am Morgen dort an und nahmen sich nicht die Zeit, in ein Gasthaus zu gehen.
+
+Die Stadt war überfüllt von Japanern aus allen Landesteilen. Aber als die
+beiden Leute vor den Menschenmassen in den Straßen standen, wurde ihnen
+sehr bang, und sie fragten sich im Herzen: Wie sollen wir Kiri hier finden?
+Eher findet man ein verlorengegangenes Ruder auf dem großen Biwasee, als
+einen verlorengegangenen Menschen in dieser großen Stadt.
+
+Wie sie noch beratschlagten, kam ein Rikschawagen auf sie zugefahren, und
+drinnen saß einer der angesehensten Männer aus Karasaki. Er war so hoch an
+Rang, daß er die armen Fischerleute auf den Straßen von Karasaki niemals
+angeredet hatte. Aber jetzt hielt er seine Rikscha an, winkte zehn
+Rikschas, welche ihm folgten und in welchen dem Range nach lauter
+angesehene Männer von Karasaki saßen, Männer, die im Krieg gewesen waren,
+und Familienoberhäupter, die im Krieg Söhne verloren hatten.
+
+«O Herr», sagte der hohe Beamte und verbeugte sich aufs tiefste vor dem
+alten Fischer, «welch ein Glück, daß ihr schon hier seid! Haben euch die
+Kuriere des Kaisers geholt? Habt ihr die Telegramme erhalten, die man heute
+nacht aus Tokio an euch schickte? Habt ihr den Sonderzug erhalten, mit dem
+man euch heute hierher holen wollte?»
+
+Und alle andern Männer aus den zehn Rikschas standen mit tief gebeugten
+Rücken vor dem alten Fischerpaar und getrauten sich nicht mehr, sich
+aufzurichten, als verbeugten sie sich vor dem Kaiser selbst.
+
+Und nun schienen die Menschen auf den Straßen von Tokio und die Gesichter
+auf den Straßen keinen Rücken und keine Rückseite mehr zu haben. Nur Wangen
+und Augen und Augen und Wangen strahlten den beiden Fischersleuten
+entgegen, ihnen, die die Eltern des großen Helden Kiri waren, von dem man
+sagte, daß er vor dem Tor von Port Arthur eines dreihunderttausendfachen
+Todes gestorben sei. Dreihunderttausendmal hatte er sich in den
+Kriegsjahren dem Tod ausgesetzt. Immer dort, wo die Gefechte am schlimmsten
+waren, sah man ihn auftauchen. Einmal schleppte er Arme voll Dynamit vor
+das eiserne Tor eines Forts. Um den japanischen Truppen den Eingang in das
+Fort zu verschaffen, lief er seinem Regiment voraus und warf am Eisentor
+das Dynamit sich selbst vor die Füße und stampfte darauf, so daß das
+massive Tor sich wie der Deckel einer Sardinenbüchse auftat; aber Kiri
+blieb mitten in der Dynamitexplosion unversehrt wie ein Ei auf Stroh.
+
+In den Wolfsgräben, auf deren Grund die Russen Bajonette senkrecht
+eingerammt hatten, warf Kiri sich hunderte Male steif wie ein Balken quer
+über die Bajonette und ließ seine Kameraden über seinen Rücken laufen. Und
+er blieb steif gestreckt, und sein Leib widerstand den Spitzen der
+Bajonette, so hart machte der Mut seinen Körper, so hart, daß die Bajonette
+nicht einmal seine Augäpfel zerschnitten hatten, bis der letzte seines
+Regiments über ihn weggeschritten war. Dann stand er heil und unversehrt
+auf.
+
+Zum letzten Male, als man von Kiri hörte, verdingte er sich verkleidet als
+russischer Lotse, gelangte an das russische Admiralsschiff und führt es in
+einem Morgennebel vor die Kanonen der im Nebel verborgenen japanischen
+Flotte. Mit diesem Schiff war Kiri untergegangen, und niemand hatte ihn
+seitdem wiedergesehen.
+
+Waffen, die er getragen, Uniformstücke, die seine Kameraden von ihm
+aufgehoben hatten, alles lag jetzt auf dem Ehrenplatz im Kriegsmuseum,
+dicht neben dem eroberten zerschossenen Feldbett des russischen Generals
+Kuropatkin.
+
+Nun hatte es sich von Mund zu Mund auf den Straßen von Tokio
+weitergesprochen, daß die Eltern des großen Kriegshelden Kiri, die Mutter,
+die ihn im Schoß getragen, der Vater, der ihn gezeugt hatte, auf das
+Paradefeld kämen. Dort stand ein mächtiger stacheliger Triumphbogen,
+aufgebaut aus erbeuteten russischen Bajonetten. Weit über das morgensonnige
+Feld blendeten die langen Reihen von erbeuteten russischen Kanonen,
+aufgestapelten Stahlgranaten und eroberten Torpedogeschossen. Und über der
+Holzhalle des Kriegsmuseums wimmelte ein Wald von erbeuteten Fahnen, die
+den Himmel bunt belebten, ähnlich den bunten Scharen von Papierfischen, die
+am ersten April über den Dächern flattern.
+
+Der Älteste der angesehenen Männer aus Karasaki sagte: «Alle diese Fahnen
+hat euer Kiri erbeutet! Für jede seiner Heldentaten hängt eine Fahne dort
+über dem Dach des Kriegsmuseums, in dem euer Sohn jetzt als ewiger Name
+wohnt, angebetet vom japanischen Volk wie ein Kriegsgott.» --
+
+Geehrt von Kaiser und Reich, kehrten die Fischersleute nach den
+Friedensfeierlichkeiten wieder heim nach Karasaki. Und als man ihnen in der
+Stadt Karasaki eine neue Hütte bauen wollte und dem Vater einen neuen Kahn
+geben wollte, sträubten sich die beiden Alten und sagten: «Das Holz des
+Kahnes und die Bambuswände der Hütte und die Papierscheiben, die mit uns
+alt und grau geworden sind, und die mit Kiri so oft den Nachtregen fallen
+hörten, -- alle diese Dinge sind wohltönend geworden vom Alter und den
+Erinnerungen und wohltönend von dem Nachtregen, der melodisch auf sie
+gefallen ist; wir leben im Alten wohler als im Neuen, wir alten Leute.»
+
+Den Regen von Karasaki hören bedeutet am Biwasee heute noch, daß dich dann
+nie ein Mißlaut beirren wird; denn Kiris Heldenseele lauscht mit dir, und
+dieser Nachtregen singt von Liebe und Unsterblichkeit.
+
+
+
+
+Die Abendglocke vom Miideratempel hören
+
+
+Der älteste Baum Japans steht am Biwasee, nicht weit von der Stadt Ozu,
+nicht weit von den Tempelterrassen des Miideratempels, der auf grünem Hügel
+über einem Kryptomerienwalde liegt.
+
+Als dieser viel tausend Jahre alte Baum nicht höher als ein Grashalm war,
+leuchtete der harfenförmige Biwasee dicht bei dem Baumschößling ebenso wie
+heute noch unverändert bei der alten, zerklüfteten Baumruine.
+
+Dieser älteste Baum Japans stützt sich jetzt wie ein gealterter Gott, der
+Hunderte von Armen vom Himmel über die Erde ausbreitet, auf Hunderte von
+Stangen, die gleich Hunderten von Krücken und Stelzen sein morsches Dasein
+tragen.
+
+Damals, als der Baum jung wie ein Halm war, war aber der Miideratempel noch
+nicht gebaut, und niemand hörte noch den wunderbaren Klang der
+Miideraglocke, die abends beruhigend wie eine singende Frau ihre Stimme von
+den Tempelterrassen an dem alten Uferbaum vorüber zur Harfe des Biwasees
+schickt.
+
+Dieser Baum wurde in ferner Vorzeit aus China nach Japan herüber gebracht,
+als winziges Würzelein zuerst; und in Japan erfuhr man erst sehr spät seine
+chinesische Geschichte.
+
+Als der Baum so groß wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal
+einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm
+kamen, war er schon in den kräftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie
+die Kryptomerienbäume des nahen Bergwaldes.
+
+So ein Baum, der nie von der Stelle rückt, und dessen Umgebung gleichfalls
+nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein
+vorzügliches Gedächtnis. Dieses drückt sich aber nicht darin aus, daß sich
+sein Mark Gedanken macht über das, was gewesen ist oder was kommen wird,
+sondern das Gedächtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Außenseite.
+Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen,
+Knorpeln, Schürfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer
+stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich
+dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich
+verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrübelte sich seine Rinde und
+faltete sich zu einer Zeichenschrift.
+
+Die Schriftgelehrten der Bäume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen,
+die Vögel. Die Borkenkäfer und Borkenwürmer sind untergeordnetere
+Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der
+Rindenschrift, mitarbeiten.
+
+Diese Sprache der Bäume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch
+vorzeitliche Bastkleider, Blättergewänder und verwildertes Kopfhaar trugen,
+nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hieß Ata-Mono.
+
+Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurück; sie fällt vor die Entdeckung
+des alten Baumes am Biwasee.
+
+Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum
+entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib
+unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand
+geschrieben, daß jeder Mensch, ob groß oder niedrig, ob klug oder
+beschränkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit
+des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten könne, wenn er einmal im
+Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der
+chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit über dem Meer
+in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und
+nur von einigen «das Land des ewigen Feuers» genannt wurde, weil der
+Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte.
+
+Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache,
+bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinüberführen, denn nur
+Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle
+hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem
+Ata-Monos Harfe liegen sollte.
+
+Ata-Mono saß jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der
+Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rücken und sah mit seinem
+Angesicht Tag für Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine
+Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte.
+
+Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand
+zurück. Da sah er in der Ferne über dem aufgerüttelten Meer ein vielarmiges
+Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mächtiger,
+belaubter Baum über das Meer geschossen.
+
+Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst für ein Gespenst, dann für einen
+Drachen, und dann erkannte er, daß der vielarmige, riesige, aufgerichtete
+Körper wirklich ein Baum war, ein grüner, frischer Kryptomerienbaum mit
+feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbäume leuchten rot, wenn
+sie naß werden. Dieser Baum troff von Seewasser, schoß an den kiesigen
+Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom
+Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere
+Bäume fand, in deren Nähe er windgeschützt stehen blieb und sich mit seinen
+Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte.
+
+Ata-Mono kannte keine Furcht; und als der wunderbare Baum wie eine rote
+Fackel über das Wellengewühl des Meeres aufrecht daherkam und seine
+finsteren Zweige wie schwarzen Rauch in die Luft streckte, da wich der
+sehnsüchtige Träumer nicht zurück, denn er war ja der erste Vertraute, den
+die Bäume sich unter den Menschen auserwählt und dem sie ihre Rindenschrift
+in einer guten Stunde zu erkennen gegeben hatten; und er kannte keine
+Furcht vor den Bäumen, auch nicht vor diesem seltsamen übers Meer
+gewanderten Baumriesen.
+
+Ata-Mono legte sich in dieser Nacht unter den neuangekommenen Baum, nachdem
+er Wurzeln und Rinde von Tang, Seeschlamm und Seemuscheln gereinigt hatte;
+und er schlief ein mit dem Bewußtsein, daß dieser Baum zu ihm allein nach
+China und sonst zu keinem andern gesendet war. Und er freute sich, am
+nächsten Morgen aus der Rinde dieses Baumes Schicksale und Gedanken und
+Wünsche dieser Kryptomerie zu lesen und vielleicht zu erfahren, wie er nach
+dem kleinen Land des ewigen Feuers zu jener Harfe gelangen könne.
+
+Der Morgen kam, und Ata-Mono studierte bis zur untergehenden Sonne, ohne
+zu essen, ohne zu trinken, ohne aufzuschauen, die Gruben, Windungen und
+Furchen in der Rinde seines Baumkameraden. Aber es war ihm unmöglich, die
+Zeichen der Rinde zu entziffern, er verstand nichts von der Sprache dieses
+Baumes. Die Zeichensprache aller chinesischen Bäume konnte er lesen, an
+diesem Baum aber blieb sie für ihn unleserlich. Und Ata-Mono weinte, als
+die Sonne untergegangen war und er unter dem unbegreiflichen Baum saß,
+unwissend und einsam.
+
+«Wenn ich dich nicht lesen kann, so sprich!» schrie er den Baum ungeduldig
+an, als die Sonne zum letzten Male aufleuchtete und den Stamm rot bestrich.
+
+«Herrlicher, herrlicher Baum!» schrie Ata-Mono voll Entzücken, weil der
+Baum von der Wurzel bis zur Krone wie eine feurige Kohle leuchtete.
+
+Der Baum schwieg. Die Sonne ging unter.
+
+Ata-Mono schrie: «Ich schwöre, daß ich nichts mehr essen und nichts mehr
+trinken werde, bis du mich deine Rindenschrift lesen läßt, oder bis du mir
+jemanden sendest, der mich deine Schrift lehrt.»
+
+Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll,
+weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht
+mehr atmen wollte.
+
+Halb erstickt lag er am Strande und haßte den neuen Baum und haßte China
+und haßte seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit.
+
+«Ich will die Harfe vergessen», dachte er und lag in den letzten Atemzügen.
+Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden
+Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat
+wieder festen Boden unter den Füßen.
+
+Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm
+die Steine gedankenlos aus dem Munde und schöpfte frischen Atem. Dann
+sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder
+zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrübelt
+hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe.
+
+«Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen.» Und Ata-Mono
+bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grübchen im Sand und die
+Wölklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bäume und
+Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun ließ er auch sein
+Gehör wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden
+gelebt hatte, horchte, wie das Dünengras raschelte, wie die Dünenmäuse
+miteinander wisperten, wie die Füchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie
+die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein plätscherten. Und
+nachdem er sein Gehör befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen
+zu ihm, seine Zähne und sein Magen und sein gekühltes Blut: «Weißt du, es
+gibt ganz andere Dinge zu essen, als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich
+jahrelang genährt hast. Hörst du nicht? In der Ferne gackern Truthühner im
+Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rüssel
+scheint. Und Bauernhöfe sind in der Nähe, wo du Eier, Schweinespeck,
+gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wärme
+am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein
+verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust?»
+
+Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu
+ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, daß die Menschen Kleider
+trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedörrtem
+Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und
+Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte,
+zu gefallen wünschte.
+
+Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom
+Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein.
+
+Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten
+freundlich: «Guten Morgen, Ata-Mono.» Und Ata-Mono dankte und war
+verwundert, daß man seinen Namen kannte, und er bat um etwas süßes Wasser.
+
+Und während er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging
+eines der drei Weiber grüßend fort.
+
+Der erste Becher süßen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so
+nahrhaft und so wohltuend, daß er glaubte, es würde ihn nie mehr dürsten.
+Und er sagte zu den Frauen:
+
+«Ich werde euch später danken, wenn ich einmal reich werde.»
+
+Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und
+sagten: «Du bist der Reichste im Lande!» Und ihr Gruß und ihre Ehrerbietung
+machten, daß er sein Herz sich wieder erwärmen fühlte, als schiene ihm die
+Sonne in den offenen Mund.
+
+Ata-Mono ging, gesättigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort,
+tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbäume und kam
+zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Häusern. Aber nahezu dreißig
+Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreißig verneigten sich vor
+Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an
+dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und
+hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darüber, daß das geschehen
+war, und er wußte nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem
+Unbekannten, machten.
+
+Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: «Unsere Männer sind bei der
+Feldarbeit und wissen nicht, daß du kommst. Nur wir haben es eben erst
+durch eine Frau erfahren, daß du nach China zurückkehrst.»
+
+Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken, -- so tief verfiel
+er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust
+hätten, sich um ihn zu kümmern.
+
+Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Häusern verlassen, da kamen
+ihm auf der Landstraße über den nächsten Hügel und über den zweiten Hügel
+und über den dritten und vierten Hügel schon neue Frauen und Mädchen
+entgegen. Immer empfing er dieselben Grüße, und immer wieder mußte er
+hören, daß die Männer bei der Arbeit seien.
+
+Ata-Mono ging über den fünften Hügel. Dort standen schon Reihen von Frauen
+zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und
+verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrängt. Aber kurz vor
+Sonnenuntergang, am sechsten Hügel, dahinter die Hauptstadt der Provinz
+lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saßen auch in den
+Zweigen der Bäume, und ihre Gesichter waren glänzend wie Lampen am Abend.
+Die oben in den Bäumen klatschten Beifall, und die, die unten standen,
+verneigten sich und murmelten Beifall.
+
+Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Türmen der Provinzhauptstadt, wo
+das Frauengedränge am Wege am dichtesten war, hörte Ata-Mono plötzlich
+einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr,
+und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand
+senkrecht und zitternd fest vor seinem Fuß.
+
+Er staunte, aber er ließ sich nicht in seinem Weg stören und tat drei
+Schritte weiter. Da stürzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine
+zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der
+dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und riß die Muschelkette aus seinem Haar
+mit sich.
+
+Gleich darauf sah Ata-Mono, daß die Frauen auf den vier Türmen des
+Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann
+hinunterstürzten.
+
+«Was bedeutet das?» fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunächst
+standen.
+
+«O, Herr, ein paar eifersüchtige Männer wollen Euch töten», sagte die eine
+der beiden Frauen eifrig; die andere lachte.
+
+«Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrüßt?» fragte er
+weiter.
+
+«O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach
+China zurückkehren würdet, dürfe kein Mann sein Haus verlassen und kein
+Mann die Straße betreten, da die Eifersucht der Männer grenzenlos ist, und
+weil dich alle Männer hier hassen.»
+
+Ata-Mono sagte verwundert: «Ich habe seit Jahren keine Männer gesprochen.
+Warum hassen sie mich, und warum sind sie eifersüchtig auf mich?»
+
+«Herr, Ihr wißt nicht, daß der Regent tief betrübt war, weil Ihr, der Ihr
+der Erste seid, der die Sprache der Bäume verstand, -- weil Ihr China den
+Rücken kehren wolltet.»
+
+Ata-Mono staunte:
+
+«Ich habe es niemand erzählt. Woher weiß der Regent, daß ich die Schrift
+der Baumrinden lesen kann?»
+
+«Herr, man sah Euch ja täglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen
+Wäldern, wie Ihr laut die Sprache der Bäume entziffert habt. Die Menschen
+standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und
+jetzt lesen alle unsere Männer und verstehen die Sprache der Bäume wie
+Ihr.»
+
+«Sind sie deswegen eifersüchtig, eure Männer, weil ich der Erste war, der
+die Sprache der Bäume verstand?»
+
+«O nein, Herr, sie sind eifersüchtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China
+den Rücken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, daß Ihr an dem Tag,
+an dem Ihr umkehren würdet und unter sein Volk zurückkehren, -- daß Ihr
+dann die Wahl haben würdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder
+unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst dürft Ihr als
+Frau Euch erwählen. Aber Ihr müßt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses
+Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewählt, wird man Euch morgen töten.
+Der Regent will, daß Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und daß
+Ihr nicht den Ruhm des Landes gefährdet, daß Ihr nicht auswandert oder eine
+Frau aus einem andern Volke wählt als aus dem unsern.
+
+Die Männer, die vorhin von den Türmen gestürzt wurden, waren die Männer von
+den vier schönen Töchtern des Regenten; diese vier Männer wollten Euch
+töten, ehe Ihr die Stadt betreten hättet, weil sie bei Eurer Brautschau für
+ihre Frauen fürchteten.»
+
+Ata-Mono sagte: «Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen.
+So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig
+Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin
+ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine
+Frau töteten, statt mich zu töten?»
+
+«Komm!» sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. «Lege deinen Arm um mich
+und verkündige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben müssen. Und
+ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer
+vergeblich erwartet hast.»
+
+Ata-Mono fragte rasch:
+
+«Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbäume?»
+
+«Natürlich», sagte die Frau ebenso rasch. «Ich habe zwar nie einen solchen
+Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner
+Hand.»
+
+Ata-Mono fragte noch rascher:
+
+«Weißt du, wo die Harfe liegt, die ich suche?»
+
+«Natürlich», antwortete ebenso rasch die Frau. «Alle Bäume erzählen es,
+daß die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt.»
+
+«Weib, weißt du den Weg dorthin?»
+
+«Natürlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau
+gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen,
+wenn du mich liebst.»
+
+«Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die
+Unsterblichkeit mit mir teilen?»
+
+«Treu bleiben?» fragte das Weib und schmollte. «Das ist das Natürlichste
+von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit
+werde ich natürlich mit dir teilen.» -- --
+
+Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt,
+heißt es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm
+um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches
+immer so geläufig «natürlich» geantwortet hatte, sondern um eines, das
+daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie
+eine singende Glocke.
+
+Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Länder ehren heute
+noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen.
+
+Als der große chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes
+Weib nach glücklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am
+Meeresstrande unter dem rätselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals
+entziffert hat. --
+
+Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den
+harfenförmigen Biwasee, als die große Harfe, im Lande des ewigen Feuers
+liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklärlichen Baumes, zu
+einer Zeit, wo die Japaner noch in Blätterkleidern und mit ungekämmten
+Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten
+Apostel höherer Bildung und Gesittung wurden.
+
+Und wieder einige Jahrhunderte später, als die ersten chinesischen
+Buddhisten-Mönche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des
+Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrüderung aller
+Weltallwesen lehrten und Mönche den Miideratempel mit seinen Terrassen am
+Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rätselhaften Baumes, der
+nun durch die Jahrhunderte stark und mächtig geworden war. Und jeder, der
+zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines
+Tages ein japanischer Mönch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die
+Rinde des alten, rätselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis
+dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der
+Baumrinde den Satz:
+
+«O wisse, Mensch, und höre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir
+und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe höher als die
+Unsterblichkeit.»
+
+Und diesen Spruch las der japanische Mönch milliarden- und milliardenmal in
+die Kronenäste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur
+tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz.
+
+Nun erinnerte man sich auch, daß Ata-Mono, seitdem er glücklich mit dem
+lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, daß er
+sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus
+der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als
+Mönche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel
+geläutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von
+Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glücklichen Weibes
+hat.
+
+Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krücken
+gestützt. Zu dem Platze, wo er am See steht, führt ein hölzernes Tempeltor.
+Seine Zweige sind mit Tausenden von weißen Gebetszetteln behangen. Tausende
+von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der
+verkündet: «Die Liebe ist größer als die Unsterblichkeit», und nennen ihn
+«den Glücklichen», weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der
+Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen
+gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit vergaß.
+
+
+
+
+Sonniger Himmel und Brise von Amazu
+
+
+Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende,
+milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.
+
+Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie
+sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten,
+grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf,
+unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und
+Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von
+dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von
+spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die
+Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die
+Menschenstimmen über dem Wasser, -- Mädchen-, Frauen-, Männer- und
+Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel
+ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme.
+
+Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem
+sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die
+Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem
+ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort
+eingeatmet hat, -- eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees
+eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei
+Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glückseufzer die
+Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich
+anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glückseufzer
+über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.
+
+Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und
+bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der
+Seefläche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See
+gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger
+Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne
+Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche
+die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen
+der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden
+Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt
+einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses
+Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und
+nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen
+die Japaner, so daß man über den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses
+hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu
+versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der
+Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen
+Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das
+Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu
+benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung
+des Sees, nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der
+Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.
+
+Nur so lange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels,
+der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die
+Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden
+vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.
+
+Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen
+Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das
+Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt
+hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden
+Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen
+verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen
+unten auf dem Seegrund.
+
+Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings
+Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung
+abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten
+Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana
+eingegangen ist.
+
+«Die Brise von Amazu hat ihn verlassen» oder «der Brise von Amazu trotzen
+wollen», sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das
+sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie
+schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes
+Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Träne. Dieser
+Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins
+Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm
+einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert.
+Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied
+abends unter den Fenstern:
+
+ Gab dir heute der sonnige Tag,
+ Als der See im Mittagsschlaf lag,
+ Freude und einen glücklichen Sinn
+ Und Götterkraft deinem Fuß im Schuh, --
+ Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin.
+ Glück währt nie lang,
+ Wir sind um dich bang,
+ Glück und Tod bringt die Brise von Amazu. --
+
+Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden
+Knabenschulen an einem Sommertage in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den
+ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen,
+aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees
+zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter.
+
+Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht groß und saß in je einem
+Kahn. Nun wird in Ozu erzählt: Die heiße Mittagsstunde kam, und die Kähne
+befanden sich auf der Höhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den
+bläulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Kähne schienen zwischen
+Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten.
+Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser
+beieinander.
+
+Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen
+Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grünspanfarbig zu sehen
+sind. Kirschbäume stiegen auf, als käme der rosigste Frühling noch einmal
+in den Hochsommer herein, und kleine Mädchen in taubenblauen Gewändern
+klatschten rhythmisch in die Hände und umwandelten die dunkeln Silhouetten
+der Kirschbaumstämme. Bald gaben sie sich die Hände, bald breiteten sie die
+Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knieenden.
+
+Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Kähnen unter
+Kirschbäumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im
+Hochsommer blüht, und wo die Mädchen den Frühlingsgottheiten eine
+Tanzzeremonie ausdenken, um der lächelnden Kirschblüte zu huldigen.
+
+Kein Knabe war zu halten. Alle verließen die Boote, liefen auf die Wiesen,
+kauerten im Kreis unter den Kirschbäumen und begleiteten mit rhythmischem
+Händeklatschen die Mädchenfüße.
+
+Aber Kinder, die nichts vom Glückswechsel und von Beherrschung der
+Glücksekunden verstehen, können auch nicht auf den Augenblick der
+Windstille nach der Brise von Amazu achten.
+
+Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den
+äußersten Spitzen der Kirschbäume, mit den glitzernden Grashalmen der
+grünspanfarbigen Wiesen, legte sich plötzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat
+ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den übers Wasser
+wandernden Kindern zu: Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe
+kehrte zurück, als die Brise von Amazu sich legte.
+
+Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trübes Glasmehl werden
+und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle
+Schulkinder im See verschwunden.
+
+Die beiden Schullehrer kamen drei Tage später, nachdem sie den ganzen See
+abgesucht hatten, ohne Kinder zurück nach Ozu, wo der Jammer um die
+verschwundenen Schulklassen so groß war, daß viele Väter noch in derselben
+Nacht Selbstmord begingen und viele Mütter hinaus zum See stürzten und sich
+ertränkten.
+
+Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nächsten Morgen tot
+in seiner Wohnung gefunden, erwürgt von Nachtgeistern, sagten die Leute.
+Der andere aber mußte seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist.
+
+Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hieß, und sagte, er
+wolle sich ein Mädchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte,
+warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglück über ihn und Amagata
+gekommen sei, da schüttelte er nur den Kopf und sagte finster: «Auf Glück
+folgt Unglück und auf Unglück Glück. Darum muß das Mädchen, das ich liebe,
+aus Amazu sein und mir Glück bringen, weil ich dort mein größtes Unglück
+hatte.»
+
+Wenige Tage später brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau
+aus Amazu nach Ozu, schloß sein Weib in sein Haus ein und zeigte es
+niemand.
+
+Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er größer wurde, dem ermordeten
+Lehrer Amagata auffallend ähnlich.
+
+Nach der Geburt des Knaben trat eine Veränderung mit Omiya ein. Er
+vernachlässigte seine Frau, er vernachlässigte sein Haus, er vertrank sein
+Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine
+kleine, kalte Pfeife, die er nie anzündete, die er aber alle Augenblicke
+ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht.
+
+Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal
+bekannt. Die Kinder flüchteten in die Häuser und versteckten sich hinter
+die langen Ärmel der Mütter, wenn am Ende der Straße das Klopfen der
+Tabakpfeife des Polizisten Omiya ertönte. Nachts schrien Knaben und Mädchen
+im Schlafe auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorüberging und seine
+Pfeife an die Hausecke pochte.
+
+Ältere Leute, die nachts noch bei der Kerze lasen, löschten das Licht aus,
+wenn sie das Klopfen der Pfeife hörten. Junge Männer, die eben aus dem
+Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in
+das Teehaus und bestellten sich eine neue Tänzerin und Reiswein, um nicht
+an das verrufene Klopfen denken zu müssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte
+mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen.
+
+Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzählte keiner dem andern in ganz
+Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengeräusch des Polizisten verursachte. Jeder
+vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal
+des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von
+Omiya erlöst wurde.
+
+Es war in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der
+damalige Kronprinz von Rußland Japan bereiste und, gefolgt von
+verschiedenen japanischen Würdenträgern und begleitet von abendländischen
+russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des
+Miideratempels bewunderte.
+
+Es war am frühesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner
+ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein großes silbernes Ei in
+der Sonne, -- ein großes Silberei, das sich funkelnd um seine Längsachse
+drehte. Über die Häuser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die
+Augen der Menschenmengen, die in der Seestraße Kopf an Kopf standen und den
+ausländischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom
+Miideratempel zurückkam, -- den zukünftigen Kaiser jenes Landes, das so nah
+an Japan grenzte, und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel
+tragen, so daß man hätte glauben können, alle die schwerbestiefelten Russen
+würden eines Tages dem kleinen Japan einen Fußtritt geben, daß es
+zerstampft sein würde wie eine Fliege auf der Diele.
+
+Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraßen aufgereiht standen,
+lächelten sauersüß, als dem russischen Kronprinzen vorauf in einigen
+Rikschas ein paar riesige, schwerbestiefelte russische Generäle fuhren, die
+während des Fahrens nichts von der Morgenschönheit des Biwasees zu bemerken
+schienen, sondern mit noch übernächtigen Köpfen wie feiste Dämonen in den
+kleinen Wagen saßen und halb eingeschlafen waren.
+
+An einer Straßenecke war der Polizist Omiya in dunkler, europäischer
+Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand.
+Ein kleiner, kurzer Säbel hing an seinem Gürtel. Seine Mütze war tief in
+die Stirn gezogen, so daß ihn der glänzende Biwasee nicht blendete.
+
+Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an
+den Mützenschild führen und den russischen Zarensohn grüßen. Aber die Leute
+auf der Straße sahen plötzlich den russischen Prinzen im heftigsten
+Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Säbel blitzte und zerbrach dann wie
+ein Stück Glas und flog im Bogen in zwei Stücken über die Köpfe der
+Zuschauer in eine Seitenstraße.
+
+Russische Uniformen und abendländische Fäuste sah man im Gewühl einen
+Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von
+Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, über
+ganz Japan, über Rußland und über Europa, -- die Schreckensnachricht, daß
+der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee
+angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei.
+Man erklärte diesen seltsamen Fall damit, daß der japanische Polizist in
+plötzlichem Irrsinn und unter dem Einfluß der Tobsucht gehandelt habe.
+
+Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und
+habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflüchtet. Und da alle
+Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heißer, glühender Tag
+war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentäter in den See
+gelockt.
+
+Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fünfzehn Jahre alt. Das ist
+das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und
+einen Namen für ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen
+des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben,
+bis sie Kunde haben würde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen
+Mannes.
+
+Einige Tage später, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rührte,
+flog ein Kieselstein von der Straße her in den Reistopf.
+
+Die Frau streckte den Kopf über die Altane des Hauses und sah einen in
+Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein großes Bündel gemähtes Schilf
+auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und
+um seinen Kopf, bis auf die Schultern, daß Omiyas Frau nur ein riesiges
+Schilfbündel auf zwei Beinen wandelnd die Straße hinabgehen sah.
+
+Sie schüttelte verwundert den Kopf. Die Seestraße war zur Mittagsstunde
+leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster
+geschleudert hätte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fährt noch
+einmal mit dem Kopf über den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang
+der Männerbeine, die unter dem gelben Schilfbündel die staubweiße Straße
+entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: «Das war Omiya.»
+
+Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte,
+wäscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel
+von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein über dem Herdfeuer
+getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest:
+
+«Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist,
+dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: töte ihn. Dann halte dich heute
+um Mitternacht bereit. Du mußt mit mir auswandern. Hätte ich den
+ausländischen Prinzen getötet und nicht bloß verwundet, so hätte ich Japan
+einen so großen Dienst getan, daß meine Vergangenheit reingewaschen wäre,
+reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir mißlungen, und
+ich bin der Mörder Amagatas geblieben und der Mörder der Schulkinder von
+Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der
+Seehöhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im
+Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht
+gewußt. Du wußtest nur, daß ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben
+muß. Ich habe dir vorgelogen, daß Amagatas letzter Wunsch war, daß du mich
+heiraten solltest, wenn er tot wäre. Er hatte mir zwar gesagt, daß er dich
+in Amazu besucht und verführt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, daß
+ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen könnte. Tötest du das Kind
+nicht, so werde ich es töten. -- Gehorche jetzt und rotte Amagata
+vollständig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf
+zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See
+erzählte, daß er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen
+und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser müde gekämpft
+hatten, er und ich, und ich sah, daß alle Kinder ertrunken waren und mich
+selbst beinahe die Kräfte verließen, veranlaßte ich ihn, mich vom Ertrinken
+zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir größer als
+dein Verlust, und indem ich eine Gleichgültigkeit heuchelte, die ich
+niemals fühlte, und dabei erklärte, daß ich auf dich verzichten wollte.
+Amagata, der kräftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rücken und
+schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer.
+
+In Ozu verbreiteten wir das Märchen von der Brise von Amazu, das aber
+trotzdem kein Märchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten
+in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbäume und der tanzenden
+Mädchen draußen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir über das
+Wasser entgegen, und ich hielt dich glücklich in meinem Arm und verlebte in
+dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis
+plötzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis
+deiner Verführung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwürgen, so wie ich
+ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen
+der Liebe zu dir erwürgt habe.
+
+Ich gestehe dir dieses alles heute ein, weil du mir hundertmal
+versichertest, daß du mich mehr als Amagata liebtest.
+
+Mein Kampf gegen Amagata ist aber erst ausgekämpft, wenn sein Sohn nicht
+mehr am Leben ist. Ich liebe dich. Darum töte Amagatas Sohn, wie ich für
+dich getötet habe.»
+
+So sprach die Schrift des Kieselsteines zu der Frau.
+
+Der Reis verbrannte am Feuer, das Zimmer füllte sich mit Qualm. Aber der
+Rauch verzog sich bald wieder, denn das Herdfeuer ging aus, weil die Frau
+es nicht mehr schürte und den großen, flachen Stein in ihrer Hand hin und
+her drehte und die Schrift, die winzig gekritzelte, entzifferte.
+
+Es wurde Nachmittag. Die Frau las immer noch. Wohl wunderte sie sich
+manchmal, daß ihr Junge, der draußen auf dem See lag und angelte, nicht
+heimkam und Essen verlangte. Aber der Stein in ihrer Hand, der die tiefsten
+Geheimnisse zweier Menschenleben zu ihr redete, machte, daß sie bald wieder
+Zeit, Ort und Wirklichkeit vergaß.
+
+Plötzlich weckte sie ein Gerede auf der Straße, Stimmen sprachen unter dem
+Fenster den Namen ihres Sohnes und ihren eigenen Namen. Die Stimmen rannten
+fort und kamen wieder. Füße und Stimmen drängten an ihr Haus. Die
+Schiebetüre teilte sich, und die Stimmen drängten herein und umsummten sie,
+und die vielen Füße traten zu ihr heran, und ebenso das Gemurmel. Und sie
+dachte einen Augenblick: Ist der Reis wieder übergekocht, weil es so laut
+wird? Da kamen Hände zu ihr, die ihre Hände streichelten. Vor ihr legte man
+ein nasses, in graue Segeltücher gewickeltes Paket hin. Das roch nach dem
+Grundwasser vom Biwasee.
+
+Und die Frau mußte an den Wasserkampf zwischen Amagata und Omiya denken und
+an das Gemurmel und Geseufze und Gegurgel und Geschluchze der ertrinkenden
+Schulkinder rings um die beiden kämpfenden Männer, und an Omiya, der
+schwächer war und auch am Ertrinken war, und an Amagata, der sie zur Mutter
+gemacht hatte, gleichfalls an einem heißen Tag, draußen im Boot auf der
+Seehöhe, und der dann aus ihrem Schoß zu ihren Füßen hinrutschte und nach
+dem Liebeskampf auf einem Haufen Segeltuch sanft einschlief, und den sie
+dann zudeckte mit ihrem Gewand. Der See war ihr Hochzeitsgemach gewesen.
+Der See konnte ihr nichts Böses tun. Was der Biwasee tat, war wohlgetan.
+
+War das Amagata oder Amagatas Sohn, der jetzt starr vor ihr lag in dem
+nassen Segeltuch?
+
+Die Frau lüftete mit ihrer kleinen, abgearbeiteten Hand ein wenig das Tuch
+des nassen Paketes. Da sah sie ein Endchen von dem Kleidersaum eines
+Knabenrockes, den sie selbst genäht hatte.
+
+Sie sah tränenlos hin, ohne Erstaunen, und sagte zu dem Gemurmel und zu den
+vielen Füßen, die rund um sie waren:
+
+«Es ist Amagatas Sohn. Der See hat mir Amagata damals geschenkt. Warum soll
+ich nicht heute ihm meinen Sohn schenken!»
+
+Und das Gemurmel um sie verging allmählich, und die vielen Füße um sie
+gingen aus dem Zimmer. Und es wurde still, als wäre das Feuer zum
+zweitenmal im Herd ausgegangen.
+
+«Mein lieber Sohn», sagte die Frau, die neben dem ertrunkenen Knaben
+kniete, «siehst du, hier ist ein Kopfkissen aus dem Biwasee.»
+
+Und sie schob dem Toten den großen, flachen Kieselstein, den sie immer noch
+in der Hand hielt, unter den Kopf.
+
+«Ich sollte mich jetzt neben dich legen und für immer mit dir einschlafen,
+Kind. Der Biwasee war mein Hochzeitsbett. Er könnte auch mein Sterbebett
+werden, wie er deines geworden ist, Kind. Aber ich habe noch eine Rechnung
+zu machen. Dein Vater Amagata würde mich nicht als deine Mutter im
+Totenreich empfangen, wenn ich fortgegangen wäre von der Erde, ohne Omiya
+zu zeigen, daß ich immer Amagatas Willen tat. Auch wenn ich Omiya
+hundertmal sagte, daß ich ihn mehr liebte als Amagata, tat ich das, damit
+er Amagatas Kind nicht schlüge und Amagatas Kind nicht verhungern ließe.»
+
+Dunkle Wasserflecken liefen von der nassen Segelleinwand über die
+Strohdiele der Stube. Und die untergehende Sonne leuchtete rot über den See
+draußen und rot über die Wasserflecken im Zimmer.
+
+Die Frau nickte und saß weiß in dem abendroten Gemach, als könne ihr auch
+die Sonne kein Blut zum Weiterleben mehr geben.
+
+Die Frau nickte und sprach: «Vergossenes Blut braucht nicht mit vergossenem
+Blut gerächt zu werden. Aber ich will Omiyas Seele in alle Winde
+ausschütten, daß sie nie mehr in seinen Körper zurückkehren kann. Ich will
+Omiyas Seele ausblasen, daß er hohl herumgeht und die Welt so leer sieht,
+als wäre der Biwasee ausgetrocknet. Und ein unendlich großes Loch ohne
+Glanz und ohne Welle soll den Platz von Omiyas Seele einnehmen.»
+
+Die Nachtzikaden begannen vor den Fenstern zu singen, und die Seelandschaft
+draußen verflüchtigte sich in Dämmerung. Das kleine Zimmer mit der Leiche,
+mit der toten Asche auf dem Herde, mit den dunkeln Wasserflecken auf der
+Diele und mit dem regungslosen, blaßleuchtenden Frauengesicht neben der
+Leiche war etwas so Stilles im Weltraum, daß im Fensterrahmen die
+funkelnden Sterne am Nachthimmel dagegen wie gestikulierende, laute
+Menschengesichter waren, wie ein Volksgetümmel, das Kopf an Kopf mit
+glänzenden Augen vor den Fenstern ein Schauspiel erwartete.
+
+«Nur warten, nur warten!» nickte die Frau den Sternbildern zu, die sie für
+Menschengesichter hielt.
+
+Dann knackte die Diele der Altane. Ein Gewand raschelte. In der Hand eine
+kleine Blendlaterne, trat der ehemalige Polizist Omiya ein und ließ den
+Laternenstrahl im Halbkreis durch das Zimmer leuchten.
+
+«Du hast ihn getötet! Gut. Komm!» sagte stoßweise seine Stimme. Und die
+Blendlaterne, als wäre sie Omiyas drittes Auge, schoß abwechselnd einen
+Strahl an die Decke und einen Strahl auf die eingewickelte Leiche am Boden.
+
+«Komm! Wir haben nichts mehr hier zu suchen in Ozu. Wir müssen am Ende des
+Sees sein, ehe es Tag wird. Steh auf und nimm dein Kleid über den Kopf, daß
+dich niemand erkennt.»
+
+«Setz dich hierher, ich habe zu reden!» antwortete Omiya eine Stimme, die
+er nie gehört hatte. Und er fragte unwillkürlich erschrocken zurück: «Ist
+Amagata hier?»
+
+«Amagatas Sohn war hier», antwortete die Stimme, welche Omiya nicht von der
+Erde und nicht vom Himmel zu sein schien, -- eine Stimme, die war, als
+spräche einer der bronzenen Versunkenen, die wie Statuen auf dem Grunde des
+Biwasees stehen, einer von jenen, welche die Brise von Amazu überrascht
+hatte, und die verschlungen wurden vom Unglück.
+
+«Wer bist du?» fragte Omiya. «Du bist nicht mein Weib, du, die da spricht.»
+
+«Du hast recht. Es ist Amagatas Weib, das zu dir spricht.»
+
+«Sagtest du nicht immer, daß du mich mehr liebst als Amagata?» sagte Omiya
+rasch.
+
+«Du sagtest mir, Amagata hätte sterbend gewünscht, daß ich dich, Omiya,
+lieben sollte; darum heiratete ich dich, seinen Freund. Aber niemals habe
+ich dir gesagt und niemals dir gestanden, daß ich nur deshalb auf der Erde
+blieb, nachdem Amagata tot war, um sein Kind zu gebären, damit dieses so
+glücklich würde, wie ich glücklich war an meinem Hochzeitsmittag mit
+Amagata auf dem See. Das Glück, das ich in Amagatas Armen auf dem See
+draußen zum ersten Male genoß, wollte ich verlängern, wollte seinen Sohn
+gebären und nicht sterben, bis Amagatas Fleisch und Blut die Liebe kennen
+lernen würde und die glücklichsten Liebessekunden, wie ich sie gekannt
+habe. Amagata, mein toter Geliebter, sollte in seinem Sohn für mich
+weiteratmen.»
+
+«Verflucht!» brüllte Omiya. Und seine Kehle gurgelte wilde Laute, wie die
+Kehle eines, der im dunkeln Wasser um sich schlägt und Wasser schluckt und
+schreien will und um sich speit und nicht Luft zum Schreien findet.
+
+Dann verlosch die Blendlaterne. Es geschah scheinbar nichts im Dunkeln.
+Kein Seufzen, kein Schrei mehr. Doch fanden am Morgen die Leute von Ozu die
+kleine, blasse Frau des Omiya erwürgt neben der Leiche ihres ertrunkenen
+Sohnes.
+
+Omiya aber blieb unauffindbar und ungestraft, was gleich ist mit der
+größten Strafe der Götter.
+
+
+
+
+Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen
+
+
+In der alten Hauptstadt Kioto, in der ältesten Künstler-, Tempel- und
+Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag erhalten,
+die Gemächer eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel zog sich die
+kaiserliche Familie in den Sommertagen zurück und pflegte dort einige
+Wochen unter der Obhut der reichen Mönche zu wohnen.
+
+Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in
+Scharen über die Wände flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen auf
+Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf
+Silberpapiergrund einen Saal, wo große Meereswellen aufrauschten und die
+vier Wände umschäumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll von
+Katzenmüttern und jungen Katzen, die in Blumenkörben spielten und die
+Blütenköpfe großer Päonien zerzupften.
+
+Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der
+schäumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen.
+
+Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmückung viel Anteil nahmen,
+ließen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Sänften und mit großem
+Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde in dem neuen
+Saal. Und sie nahmen öfters ihre jungen Prinzessinnen mit, drei an der
+Zahl. Und der Kaiser sagte zur ältesten eines Tages, als sie den Tempel
+wieder besichtigten:
+
+«Wünsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler die
+Freundlichkeit und werden von glücklichen Augenblicken begünstigt, dir
+einen Saal zu malen nach deinem Einfall.»
+
+Die älteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf
+ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wünschte sich einen Saal voll
+Schoßhündchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr diesen
+Saal.
+
+«Nun wünsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst!» sagte der Kaiser
+zur zweitältesten Prinzessin.
+
+Diese wünschte sich etwas ganz Unmögliches: einen Saal, wo der Mondschein
+käme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten.
+
+Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in
+zwei Teile. Die eine Hälfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und
+jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond
+aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge der
+Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben dulden
+wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bäume in jeden Saal mit brauner
+Sepia gemalt.
+
+Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt,
+was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wünschte.
+
+O, sagte sie, sie wünsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgänse, die
+durch die Luft flögen, graue und weiße Wildgänse, im Zickzackflug, rund um
+den Saal. Aber jede Gans müsse so hinter der anderen fliegen, daß sie alle
+zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten. Dieses
+Zeichen würde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten Hügellinie und
+der Fluglinie der Gänse gebildet. Nur in Katata am Biwasee könnten die
+Maler den Gänseflug, den Baum und den Hügel zusammen treffen. Nur einmal,
+an einem Frühlingsabend, habe die Prinzessin bei einem Ausflug in Katata
+die Wildgänse so fliegen sehen, daß sich das wunderbare Schriftzeichen
+zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der Gänseschar, aus der
+Silhouette eines Hügels und aus einer Baumlinie bildete.
+
+«Und das nennst du ganz einfach?» sagte der Kaiser.
+
+«Es war ganz einfach, als ich es sah», antwortete die Prinzessin.
+
+«Es wird nicht zu malen sein», sagte die Kaiserin.
+
+«Dann wünsche ich keinen gemalten Saal», sagte die Prinzessin.
+
+«Und wie hieß das Schriftzeichen?» fragte der Maler Oizo, als der Kaiser
+und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklärten.
+
+«Das hat die Prinzessin vergessen», wurde ihm zur Antwort.
+
+Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und Goldpapier
+beladen nach Katata, um den Flug der Wildgänse zu studieren. Aber da es
+Juli war und keine Wildgänse um diese Zeit vorüberziehen, mußten sie warten
+bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hügellinie und die Baumlinie.
+Aber da es Sommer war und die Bäume belaubt, und da die Hügel voll hoher
+Gräser wehten, fand er nirgends die Linie freiliegend.
+
+Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in
+Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bäume am Ufer, welche wie
+Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung krümmen,
+und Wachteln, die in den Reisfeldern brüten, und Wachtelmütter, die mit
+ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese Bilder nach
+Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich die Prinzessin
+zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voller Uferbäume und
+Fische.
+
+Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser und
+die Kaiserin schwiegen.
+
+Da wurde der große Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata zurück.
+Dort wohnte er in dem Hause eines Töpfers auf einem Hügel. Der formte aus
+dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weiße Vasen, die er mit grüner und
+blauer Glasur überzog, so daß sie spiegelten wie das grüne und blaue
+Uferwasser des Biwasees in den Frühlingstagen.
+
+Der Töpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein
+Aprilwind. Sie saß am Töpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen ihres
+Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schüren und die Holzkohlen
+aufzufüllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und schwarz an den
+Händen, daß der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals gesehen hatte.
+
+Oft saß er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schürte, und er zeichnete
+nachher die roten Korallenäste des Feuerflackerns. Natürlich wußte ganz
+Katata, daß die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten, bis die
+Wildgänse in den Oktoberabenden fortflögen. Und auch «Graswürzelein», wie
+die Tochter des Töpfers hieß, wußte, daß Oizo jetzt traurig war, weil er
+den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen konnte.
+
+Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Töpfers zwischen dem
+Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig
+beleuchtet, rot und blau wurde und Graswürzelein mondblau und feuerrot,
+zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan saß, seufzte der
+Maler in seiner Altanecke ärgerlich und trotzig darüber, daß der Prinzessin
+nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen hatte und auch
+der Kaiser und die Kaiserin darüber geschwiegen hatten.
+
+Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Töpfers und sagte:
+
+«Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin
+denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges
+der Wildgänse zeigen.»
+
+Und Graswürzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und
+zeichnete auf einen weißen ungebrannten Tonkrug ein paar Linien.
+
+«Sieh her, Meister!» sagte sie. «Was heißt das auf japanisch, was ich hier
+schrieb?»
+
+«Das heißt», sagte Oizo und betrachtete flüchtig den Krug mit dem
+Schriftzeichen, «ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich
+nicht, weil du fortsiehst.»
+
+«Sieh, Oizo», sagte Graswürzelein, «dies denkt die Prinzessin, denn sie ist
+wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und sie will
+das Schriftzeichen durch den Gänseflug in ihren Saal gemalt haben und will
+den Mann dann in den Saal führen und ihn von den Wänden ihren Willen lesen
+lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus drei Teilen. Sieh hier
+die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes. Waagrecht durch die Gabel
+hindurch siehst du die Brustlinie eines ansteigenden Hügels und darüber die
+vielfach zackige Fluglinie einer unendlich langen Reihe von grauen und
+weißen Wildgänsen. Aber zugleich siehst du: die grauen Gänse verschwinden
+in der Dämmerung und unterbrechen die Linie, wogegen die weißen sich als
+Schriftzeichen vom Abendhimmel abheben.»
+
+Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhörend:
+
+«Und woher weißt du, daß die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint: ich
+liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil du
+fortsiehst?»
+
+«Das ist ganz einfach», lachte Graswürzelein. «Mein Vater machte einmal
+eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so daß die Glasuren
+nicht gleichmäßig trockneten und sich seltsamerweise dieses Schriftzeichen
+bildete, indem der weiße Grund der Vase in Zickzacklinien durch die
+blaugrüne Glasur schimmerte. Flüchtig hingesehen, erschienen die weißen
+Linien wie ein Flug Wildgänse, die in einer Landschaft über Baum und Hügel
+hinflogen.
+
+Die Vase gefiel einem Mönch, der sie sah und ausnehmend schön fand, da sie
+zugleich Bild und Schriftzeichen deuten ließ. Die Prinzessin hat
+wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr gesagt,
+daß das Bild darauf den Flug der Wildgänse in Katata darstellt. Aber ich
+denke mir, daß das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der Flug der
+Wildgänse», lachte Graswürzelein.
+
+Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte:
+
+«Also dieser Baum und dieser Hügel sind gar nicht in Katata? Und nur die
+Wildgänse fliegen hier vorüber im Frühling und im Herbst?»
+
+«O ja», sagte Graswürzelein nachdenklich. «Der Baum lebt wohl hier irgendwo
+und der Hügel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der Welt. Es war
+auch kein Zufall, daß ich das Feuer damals schlecht schürte, und daß die
+Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen die Götter hier bei uns
+in Katata.»
+
+Und während Graswürzelein das sagte, öffnete sie die Feuerluke, zerschlug
+den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt hatte, sammelte
+die Scherben und warf sie ins Feuer.
+
+«Was machst du da?» sagte Oizo verblüfft.
+
+«Ich habe zuviel geredet, und das ärgert mich», sagte Graswürzelein.
+«Deshalb zerbrach ich den Krug.»
+
+Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstück hin und sagte:
+
+«Nimm dies einstweilen als Dank für deine Aufklärung. Ich gebe dir später
+mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgänsesaal bezahlt hat.»
+
+Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nächsten Morgen nach
+Kioto zu reisen.
+
+Aber Graswürzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstück in das Feuer
+des Ofens, geradeso, als wäre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo Lebewohl
+sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie:
+
+«Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich weiß ja doch, daß du wiederkommen
+mußt.»
+
+«Das wäre nur ein Zufall, wenn ich wiederkäme», sagte Oizo.
+
+«Die Götter von Katata kennen keinen Zufall», murmelte Graswürzelein und
+blies in das Feuer. --
+
+Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des
+Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dämmernden Baum im Abend, die
+Hügellinie und grau und weiß die große Zackenschleife in der Luft, welche
+die fliegenden Wildgänse beschreiben.
+
+Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer Maler,
+der auch draußen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus, weil er sich
+immer so geheimnisvoll in den Saal einschloß, den er malte, und die andern
+nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des Gänsefluges hieße.
+
+«Du machst dich lächerlich, daß du dich hier einschließt und nichts von der
+Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir in die
+Theaterstraße von Kioto. Ich verspreche dir, daß ein Besuch in der
+Theaterstraße deiner Malerei mehr nützen wird, als du glaubst.»
+
+Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und
+ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab über die Brücke
+in die Stadt zur Theaterstraße, wo erleuchtete Budenreihen und farbige
+Lampen waren und große Leinwandmalereien in der Nachtluft wie Fahnen
+flatterten und Szenen aus den Theaterstücken schilderten.
+
+Verblüfft blieb Oizo am Eingang der Straße stehen. Da war ein
+Papierlaternenverkäufer. Der hatte Lampen aus ölgetränktem Pflanzenpapier,
+und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des geheimnisvollen Gänsefluges
+gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte, das Schriftzeichen der
+Wildgänse, des Hügels und des Baumes, von dem er geglaubt hatte, daß es nur
+allein ihm, der Tochter des Töpfers und der Prinzessin bekannt sei.
+
+Oizo schwieg und verbiß sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen
+spitzbübischen Verrat.
+
+Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem größten Theater in der
+Mitte der Straße. Da zeigten auch die Theaterbilder außen an der Zeltbude
+rund um die Zeltwand den Flug der Wildgänse. Zugleich kam ein
+Straßenverkäufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an: aus
+Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgänse, die an einer Seidenschnur hingen
+und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform dahinflatterten. Ein
+Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkästchen, darauf der Flug der Wildgänse
+über Baum und Hügel ging, und alle diese Dinge prägten das Schriftzeichen
+aus, das wie eine Liebeserklärung jene Worte sagte:
+
+Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du
+fortsiehst.
+
+Ganz verstört, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich, und
+er blieb im Menschengedränge stehen und wollte seinem Freund entlaufen.
+Dieser hielt ihn am Ärmel fest und rief ihm zu:
+
+«Laß dir doch erklären, woher ganz Kioto den Flug der Wildgänse und das
+Bild, das du malen willst, kennt.
+
+Du weißt, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthändler. Dessen Tochter
+brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen Zwerggarten
+in mein Zimmer. Darin blühte ein ganz winziger Kirschbaum. Der Baum war
+nicht höher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein künstlicher Hügel
+aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend hinter einen weißen
+Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche kleine Wildgänse im
+Schleifenflug gemalt waren. Sie zündete eine Lampe hinter dem Schirm an, so
+daß der Schatten des Zwerggartens, des Baumes und des Hügels, auf den
+weißen Schirm fiel und sich darauf abzeichnete und Garten und Gänse ein
+einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber zugleich konnte man das Ganze
+auch für ein Schriftzeichen halten.
+
+Ich verstand sofort, daß sie mich liebte, und daß dieses Bild eine
+Liebeserklärung sein sollte.
+
+Ich kümmerte mich nicht um ihre Erklärung, nachdem ich den gesuchten
+Wildgänseflug von Katata, der eine Liebeserklärung darstellt, so deutlich
+gesehen hatte, daß ich ihn malen konnte.
+
+Ich wollte am nächsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus,
+wo ich fünf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tänzerin den
+Wildgänseflug von Katata bereits erklärt, dem andern ein Fischermädchen,
+bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fünften andere
+Mädchen von Katata, so daß wir alle merkten: das Schriftzeichen des
+Gänsefluges war ein öffentliches Geheimnis der jungen Mädchen in Katata und
+wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild
+und so weiter, wenn ein Mädchen von Katata einem Manne eine Liebeserklärung
+machen wollte.
+
+Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewußt. Aber jetzt kennen das
+Schriftzeichen des Wildgänsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil
+alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata waren.
+Auch der kaiserliche Hof weiß es längst, und die junge Prinzessin ist
+bereits von dem ganzen Hof als lächerlich erklärt. Der Kaiser und die
+Kaiserin sollen sehr ärgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf
+verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der
+Prinzessin geliebt zu sein.»
+
+Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte:
+
+«Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht böse sein,
+weil ich den Wildgänseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und
+nicht mit Lust an der Liebeserklärung des Schriftzeichens.»
+
+«Doch, doch», sagte sein Freund. «Du mußt fliehen, du mußt dich verstecken,
+bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin
+verschlossen halten und garnicht zeigen. Aber du mußt fortbleiben, bis man
+die Liebeserklärung der Prinzessin vergessen hat.
+
+Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem
+Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser draußen wird dich niemand suchen,
+und du kannst den Booten ausweichen.»
+
+«Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei», sagte der Maler Oizo.
+«Aber du hast recht. Ich will fliehen und will mich verstecken, bis der
+Saal der Prinzessin vergessen ist.»
+
+Oizo verließ Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er
+mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See.
+
+Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrühling. Viele Tage lang
+lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hörte
+nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes.
+
+Eines Tages ließ er sein Boot treiben und sagte zu sich: «Ich will
+aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, tötet mich die
+Langeweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen dürfen. Und wo jetzt
+das Boot landet, weiß ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir längst
+in der Seele vorgeschwebt hat.»
+
+Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata.
+
+«O, unglücklicher Ort», sagte Oizo. «Soll ich also wirklich das Bild vom
+Flug der Wildgänse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was
+mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Götter haben das Boot
+gelenkt, die Götter werden auch meine Schritte lenken.»
+
+Der Maler stieg ans Land und ging über den leeren Strand, auf dem kein
+Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen.
+
+«Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleißig war und Fische malte.
+Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur
+Faulheit verdammt hat.»
+
+Plötzlich bückte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf,
+die blau irisierend und rot irisierend mit weißer Innenschale und schwarzer
+Außenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand
+leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schüttelte den
+Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich:
+
+«Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot
+irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich weiß
+gewiß, daß es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergeßlich
+nebeneinander sah.»
+
+Wie er noch dachte und seinem Gedächtnis noch nicht auf den Grund kommen
+konnte, kam ein japanisches Mädchen hügelabwärts zum Seewasser hin. Sie
+trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schüttete den Inhalt des Korbes,
+der wie Erde aussah, ungefähr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den
+See.
+
+«Was machst du da?» rief der Maler ihr zu.
+
+Das Mädchen sah sich nach ihm um, streckte plötzlich die Arme von sich,
+stieß einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder
+einem Gott ins Gesicht sähe, hüllte ihr Gesicht in ihre Ärmel, kniete am
+Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser.
+
+Oizo rief: «Haben denn die Götter dir deinen Verstand genommen, weil du
+dich ertränken willst, Mädchen?»
+
+Oizo sprang hin, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen sich eifrig
+das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshälfte, die noch
+voll Ruß war, die Tochter des Töpfers, Graswürzelein, die aus dem Brennofen
+ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte.
+
+«Was machst du da?» fragte Oizo noch einmal. «Ich hätte dich beinah nicht
+erkannt, Graswürzelein, weil du zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß
+bist.»
+
+Graswürzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere
+Gesichtshälfte rein, und während sie sich mit dem Innenfutter ihres Ärmels
+Gesicht und Hände trocknete, fuhr sie den Maler ärgerlich an:
+
+«Ich wollte gar nicht, daß du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so
+plötzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See
+geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ruß
+vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja
+nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.»
+
+Und wirklich, Oizo konnte das weiß gewaschene Mädchen kaum erkennen.
+
+«Du sagst, ich hätte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur
+schwarz gekannt.»
+
+«Doch, doch», nickte Graswürzelein. «Erinnerst du dich nicht, Meister, da
+ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgänse von Katata beschrieb?
+Erinnerst du dich nicht? Es war im Mondschein. Du saßt auf dem Altan und
+ich am Ofen im Hof.»
+
+«Du warst rot und blau beschienen», sagte Oizo, «wie die Muschel hier, die
+mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das
+Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond
+und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen.»
+
+Graswürzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst.
+
+«Nein», sagte sie und schüttelte den Kopf. «Du darfst nicht mehr in unser
+Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschürt, so lange du da warst,
+und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.»
+
+«Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst», meinte Oizo. «Die Tonvasen
+will ich deinem Vater alle bezahlen, während ich dich male. Rede und sage
+deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll?»
+
+Graswürzeleins Wangen erröteten, und sie hielt rasch ihre Hände an die
+Wangen, um die Wangenröte mit den Händen zu verbergen.
+
+Oizo sah staunend, wie schön das Mädchen war, und hörte, wie ihre Stimme
+wisperte und rhythmisch sang, während sie sprach, als ob das Schilf vom
+Vorjahr wieder um ihn sänge.
+
+«Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswürzelein? Es kommt
+eine lauwarme Luft über den See, und die Abende sind schon lang und hell.
+Ich glaube, die Wildgänse müssen bald wiederkommen.»
+
+«Ja, bei den Göttern, das ist wahr», seufzte das kleine Mädchen. «Die
+Wildgänse möchte ich dir auf dem See zeigen, Meister.» Und ein Lachen
+blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzten.
+«Das ist die Luft der Wildgänse heute abend. Du hast sie nie vom See aus
+kommen sehen, Meister?»
+
+«Nein, ich sah den Wildgänseflug nur vom Land, über Hügel und Baum.»
+
+«Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen», nickte das Mädchen eifrig; und
+ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hände redeten schnelle Sätze, die
+sie nicht aussprach.
+
+Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein
+Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er
+wolle. Oizo fühlte und verstand natürlich an der Röte und Blässe des
+Mädchens, daß sie eine Herzensregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und
+horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das
+Mädchen wurde in seinen Augen immer schöner, und er hätte es gern umarmt.
+
+Der Biwasee lag wie Öl so glatt, und auch die Luft war wie Öl. Als legte
+man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen
+Vorfrühlingshimmels auf dem Spiegel des Sees.
+
+Graswürzelein legte plötzlich die Ruder ins Boot und sagte: «Still! Sie
+kommen!» Und gleich darauf wiederholte sie:
+
+«Still! Sie kommen!»
+
+Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er
+wußte nicht, daß seine Stimme fortwährend in den Ohren des Mädchens summte
+und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete.
+
+Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte:
+
+«Still! Sie kommen!» Denn auch er hörte das Mädchen in seinem Blut reden,
+-- sie, die kein Wort sprach.
+
+Dann war es, als wenn Ruderkähne hoch in der Luft mit großen Ruderschlägen
+herbeiführen, und als ob Mühlen sich drehten mit unsichtbaren Rädern. Und
+Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen
+glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille über den See schufen,
+klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im
+Abendgrau zu weißen fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette über
+den Köpfen des Mädchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser
+nach, wie eine Reihe weißer winkender Tücher. Die weiße Geisterkette
+beschrieb eine weiße Schleife am Himmel und eine weiße Schleife im
+Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterließ
+Atemzüge von Befremdung, von Sehnsucht, als wäre die Luft mit unerfüllten
+Wünschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgänse von Katata angefüllt.
+
+Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wäre die Dunkelheit wie ein zweites
+Wasser aus der Tiefe gestiegen und stünde über den Köpfen der beiden
+Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie
+ein durchsichtiges Ei, im Westen über dem Strand.
+
+Oizo konnte nicht Graswürzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im
+Schiff, suchte ihre Hände, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre
+beiden Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides gewickelt, als hätte man ihr
+die Hände abgeschlagen.
+
+«Gib mir deine Hände! Ich will sie dir wärmen, wenn du frierst. Oder
+fürchtest du dich vor bösen Seegeistern, daß sie dich an der Hand nehmen
+könnten? Hab keine Furcht, Graswürzelein! Du bist zu schön. Alle Götter
+müssen dich beschützen. Auch die bösen Götter werden gute Götter, wenn du
+sie ansiehst.»
+
+«Was willst du von mir?» sagte das Mädchen. «Habe ich dir nicht den Flug
+der Wildgänse über den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen
+können, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?»
+
+«Die Liebeserklärung?» fragte Oizo.
+
+«Die Liebesabsage», flüsterte erregt und hastig die Tochter des Töpfers.
+
+Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die
+im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn
+die Mädchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er
+abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgänse im Wasser und am Himmel, vom See
+aus gesehen, bedeutete in Sprachzüge übersetzt:
+
+«Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht
+nach dir um.»
+
+Welch sonderbarer Zufall, daß der Wildgänseflug sich doppelt deuten ließ,
+je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfügte oder nicht. Daß
+Graswürzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage
+gab und ihn vielleicht zur Annäherung reizen wollte, begriff Oizo sofort,
+denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwängert von Verlangen und
+schweigender Zuneigung.
+
+Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand
+keine Abwehr. Graswürzelein versteckte nur beschämt ihr Gesicht in des
+Malers Brustgewand.
+
+Oizo erzählte ihr rasch:
+
+«Du weißt nicht, Graswürzelein, daß ich wie ein totes Holz draußen auf dem
+See seit Tagen herumtreiben mußte, daß ich es endlich nicht aushalten
+konnte, daß mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklärung der
+Prinzessin fliehen mußte. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges
+der Wildgänse weiß, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich
+die Spiegellinie im Wasser hinzufüge. Und niemand im Land wird mehr sagen
+können, daß die Prinzessin sich lächerlich gemacht hätte, sondern daß sie
+sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen
+dann im Saal das Schriftzeichen lesen:
+
+Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht
+nach dir um.
+
+Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht
+mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem
+eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleide
+des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und
+alle sollen sagen: das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf
+allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den
+Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet:
+_Still! Sie kommen!_»
+
+Da wickelte Graswürzelein ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.
+
+
+
+
+Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen
+
+
+Unter den zehn Teehausmädchen im Teehaus von Ishiyama war «Hasenauge» eines
+der unscheinbarsten. Sie war nicht feurig, sie tanzte auch nicht sehr
+lebendig, sie schminkte sich unordentlich und trug die vier Schleppen ihrer
+vier Seidenkleider nicht in der richtigen Abstufung übereinander. Aber sie
+konnte Geschichten erzählen, kleine winzige Geschichten, die nur fünf
+Minuten dauerten, aber fünf Tage zum Nachdenken gaben. Deshalb war sie in
+aller Unscheinbarkeit eine Kostbarkeit für das Teehaus in Ishiyama.
+
+«Hasenauge» kannte dreitausend Geschichten allein über den aufgehenden
+Herbstmond, der, von Ishiyama gesehen, als eines der herrlichsten
+Schauspiele über den Biwasee gilt.
+
+Ich will drei dieser nachdenklichen Geschichten hier wiedererzählen, die
+alle den Herbstmond von Ishiyama teils als Hauptperson, teils als
+Hintergrund haben.
+
+Stellt euch vor, wir hätten eben in einem der kleinen Gemächer, im ersten
+Stock des Teehauses, auf den geglätteten Strohmatten des Fußbodens, auf
+dünnen, nur fingerdicken seidenen Kissen an der Diele Platz genommen. Die
+Schiebefenster zum See sind weit offen. Hinter dem roten Lackgeländer der
+kleinen Veranda liegt die Seeflut, wie ein Wasser, das bis ans Ende der
+Welt reicht. Zu beiden Seiten der Fenster zischeln Wassereschen. Ihre
+Blätter sind in der Abenddämmerung lang und schmal und flirren wie
+Libellenschwärme vor dem perlmutterfarbigen Seeglanz.
+
+Es liegen auch ein paar Hügellinien hinter den Bäumen, die sind im Abend
+wie grünliche Glasglocken. Der Himmel ist spinnwebgrau und scheint hinter
+einem Zipfel des Sees leicht zu brennen, wie wenn man ein
+Streichholzflämmchen an einen Schleier hält. Die Helle kommt vom
+aufgehenden Mond, den deine und viele Augen jetzt auf den Altanen der
+Häuser von Ishiyama erwarten.
+
+Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind
+gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemüse und Geflügelstücke soeben
+heiß vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Eßstäbe liegen, wie lange
+Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten
+soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu
+erzählen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflüchtigt hat
+und ehe die große goldene Mondscheibe so hoch über den Seerand gestiegen
+ist, daß sie die Seelinie losläßt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei
+Eßstäbchen, die sie ergreift, und aus der dünnen Porzellanschale, die sie
+mit Reis und anderen Speisen füllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer
+mit ein paar Bissen gefüttert werden, und du bekommst aus einer
+Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem
+europäischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von
+bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und
+der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfümierte Puder von Hasenauges
+weißgetünchtem Gesicht ist stärker als der Seegeruch.
+
+Hasenauge erzählt:
+
+Der König hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug
+beigewohnt, bei dem man unter anderen großen Fischen auch ein Meerweib
+fing. Aber nicht eines jener guten Meerfräulein, die am Strand mit den
+Fröschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der
+Wasseroberfläche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken
+gesehen hatte.
+
+Das gefangene Meerweib hatte einen mächtigen Goldfischschweif statt der
+Füße, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie
+Kaninchenaugen. Es war dem König geweissagt worden, daß er drei Nächte ein
+Weib lieben müßte, das weder Sonne noch Mond gesehen hätte. Deshalb war er
+zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders
+große Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der
+König wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage
+lieben will, lautete eine alte Prophezeiung.
+
+Aber damit, daß man das Weib gefangen hatte, war nicht die größte Sorge vom
+König genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind
+ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Kähne des
+Königs zertrümmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht
+seufzen konnte, drei Tage zu lieben, -- dies war eine so heroische Aufgabe,
+daß sich alle, die um den König waren, entsetzten.
+
+Nur der König war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes
+hin und fragte:
+
+«Wie weit reicht meine Macht?»
+
+«Deine Macht, o Herr, reicht über Himmel, Erde und Wasser.»
+
+«Über alles, was darinnen ist?» fragte der König.
+
+«Über alles Männliche, was im Himmel, auf der Erde und im Wasser ist»,
+sagten die Weisen. «Nur das Weibliche läßt sich nicht regieren.»
+
+«Gut, dann soll der Mond, der dort aufgeht, untergehen», rief der König.
+«Wenn ich allen gebieten kann, dann soll der Mond nie mehr in meinem Reich
+erscheinen, ehe er mir geholfen hat, dieses Fischweib hier in ein
+Menschenweib zu verwandeln.»
+
+Der König ließ das Fischweib binden und in sein Zelt legen, ließ Essen und
+Trinken in das Zelt stellen und ließ die Zeltvorhänge fest hinter sich
+zuschließen, so daß es finster im Zelt war wie in der Meerestiefe.
+
+Die Weisen des Königs aber setzten sich mit des Königs Mannschaften rings
+um das Zelt draußen und waren sicher, daß der Mond nicht in dieser und in
+keiner Nacht mehr aufgehen werde. Aber der Mond kam wie immer und teilte
+sanfte Schatten und gelben Feuerschimmer über die Weisen und über das Zelt
+aus.
+
+Der Mond kam auch in der zweiten Nacht und in der dritten Nacht. Am Anfang
+der vierten Nacht rief der König drinnen im Zelt, man solle die Zelttüren
+öffnen. Und der König trat heraus, und neben ihm an seiner Hand ging ein
+gesittetes schönes Weib. Das hatte Augen, so dunkel wie die mondleere
+Nacht, und hatte keinen Fischschweif, sondern zierliche Füße und war
+frisiert und in seidene Schleppenkleider gehüllt, wie es einer Königin
+geziemt.
+
+Die Weisen waren erstaunt, daß der König ohne Hilfe des Mondes das Seeweib
+in ein Menschenweib verwandelt hatte. Denn während der Mond drei Nächte
+lang auf- und untergegangen war und sich nicht um den Befehl des Königs
+gekümmert hatte, hatten die Weisen drei Nächte lang für ihr Leben
+gezittert, weil sie des Königs Macht übertrieben hatten und in dem König
+den Glauben an eine Allmacht erweckt hatten, die er nicht besaß.
+
+Jetzt aber waren die königlichen Weisen zufrieden, übertrieben des Königs
+Macht noch mehr und sagten zungenfertig:
+
+«O König, Eure Macht ist noch größer, als wir dachten. Ihr habt ohne Hilfe
+des Mondes das Meerweib in ein Menschenweib verwandelt.»
+
+Der König antwortete ihnen nicht, führte das Weib zu seinem Boot und
+befahl, daß man die Segel lichte, um von Hakatate heim nach Süden zur
+Königstadt zu ziehen und dort den Einzug der Königin zu feiern.
+
+Auf dem roten Lackaltan des goldenen Boothauses saß die neue Königin
+schweigend neben dem König, sie, die noch keine Sonne und keinen Mond hatte
+aufgehen sehen, sie, die von ihrem Menschenleben nur die Liebesumarmungen
+des Königs kannte, sie, die drei Nächte und drei Tage an des Königs Brust
+gelegen hatte und, von des Königs Wunsch und Sehnsucht durchdrungen, aus
+einem Meerweib in ein Menschenweib verwandelt worden war.
+
+Ihre Haare hatten sich von selbst geflochten, um dem König zu gefallen; in
+der Finsternis hatten sich Kleider um sie gewebt, damit sie für den König
+geschmückt erscheine. Sie hatte sich aus ihrem Fischleib Füße gebildet, um
+dem König folgen zu können, denn das starke Herz des Königs hatte drei
+Nächte über ihr gelegen und hatte sechzigmal in der Minute das Wort «Liebe»
+zu ihr gesagt.
+
+Von der Liebe jetzt verwandelt, sah die Königin noch nicht das schaukelnde
+Schiff und noch nicht des Königs Gefolge und noch nicht sich selbst. Sie
+ahnte noch nichts von ihrer Verwandlung und saß noch in liebestrunkenem
+Zustande unbewußt neben dem König.
+
+Da tauchte, rot wie ein großer Berg aus rotem Lack, die Mondkugel aus der
+Meerestiefe und zog im Wasser einen feuerroten Widerglanz hinter sich her
+wie einen feuerroten Schweif.
+
+Die Weisen des Königs, welche unter dem Altanrand des Boothauses in der
+Bootstiefe saßen, hätten sich längst gerne bei der Königin
+eingeschmeichelt, fanden aber noch keine passende Anrede. Jetzt aber warf
+sich einer der Weisen vor dem König nieder und rief:
+
+«Seht, Herr, der Mond trägt die Farbe der Scham, weil er zu schwach war,
+Euch zu helfen.»
+
+Nun hob die Königin die Augen, und der Mond warf seinen Schein wie eine
+Umarmung über sie. Und der König wurde fast eifersüchtig, daß jemand im
+Weltraum wagte, sein Weib anzurühren, das er sich selbst geschaffen hatte.
+
+Aber ein anderer Weiser, der den ersten überbieten wollte, warf sich vor
+der Königin nieder und rief:
+
+«Seht, der Mond, o Königin, hat, um Euch zu gefallen, den Fischleib
+angezogen, den Ihr abgelegt habt. Er hat Euern roten Schweif und Eure roten
+Augen angenommen, die der König in die Meerestiefe schickte.»
+
+Da ging über der Königin Gesicht ein zuckender Schreck; sie sah an sich
+herab und wußte nicht, wer sie verwandelt hätte, und sie erkannte sich als
+Menschenweib und schauderte über ihre Verwandlung.
+
+Der König wurde über die Rede des Weisen vor Zorn rot wie die Mondscheibe.
+
+Da warf sich rasch ein dritter Weiser vor ihm nieder, ihn und die verwirrte
+Königin zu beschwichtigen:
+
+«Nein, hoher Herr, hohe Herrin, das ist nicht der Mond, den Ihr dort
+aufgehen seht. Das ist des Königs Herz, das nicht in des Königs Brust,
+sondern in des Königs Reich wohnt, des Königs Nachtherz, das abends rot aus
+dem Meere steigt, und das nur Euch gehört, o Königin. Aber der König hat
+auch ein Tagherz. Das werdet Ihr morgen früh sehen, o Königin. Das gehört
+uns, uns Weisen, denn es ist hell wie die Weisheit selbst und teilt
+Klarheit aus und nennt sich die Sonne.»
+
+Als dieser Weise so gesprochen hatte, daß ihn keiner mehr überbieten
+konnte, zog er sich selbstzufrieden mit den andern in die Bootstiefe
+zurück. Dort saßen sie in langer Reihe, jeder mit dem Kopf auf der Schulter
+des andern und schliefen ein.
+
+Der König aber legte seine Brust an die Brust der Königin, und während das
+Schiff mit gespannten Segeln durch die Nacht strich, nach Süden, umarmte
+der König die Königin wie ein brünstiger Adler.
+
+Das Meer aber zischte und raschelte, als wären die Wellen bis an den
+Weltrand des Königs Flügel, und als schlügen sie laut an den Himmel,
+während der König die Königin umschlungen hielt.
+
+Gegen Morgen wurde das Meer still. Der König schlummerte ein, und seine
+Arme ließen im Schlaf die Königin los. Diese richtete sich auf, als eben
+der Mond gelblich-grau vom Himmelsbogen herabstieg und im Meer verschwinden
+wollte.
+
+Da des Königs Augen geschlossen waren und er schlief, erkannte ihn die
+Königin nicht mehr, denn sie hatte nie einen schlafenden Menschen gesehen.
+Weil auch die Weisen unten im Schiff sich nicht rührten und die Bootswachen
+lautlos unter dem Mast kauerten, glaubte sich die Königin ganz allein und
+verlassen. Und sie sprach zum Monde, der schon zur Hälfte im Meer versunken
+war, und den sie für des Königs Herz hielt:
+
+«O, Nachtherz, das mir gehört, ich will nicht des Königs zweites Herz
+erwarten, das den andern gehört. Ich will bei dir bleiben und mit dir
+gehen, wohin du gehst.»
+
+Die Königin stand auf, trat an den Bootrand und ließ sich ins Meer fallen
+und verschwand in der Flut. Als der König die Königin am Morgen nicht fand,
+versuchten ihn die Weisen mit ihrer Weisheit zu trösten und sagten:
+
+«Die Prophezeiung lautete, o König, du solltest ein Meerweib drei Tage und
+drei Nächte lieben, aber nicht eine vierte Nacht dazu.»
+
+Doch der König war erschüttert von Trauer und wild und aufgebracht von
+Verzweiflung über die Torheit der Weisen, die ihn nicht einen König hatten
+sein lassen, sondern ihn zu einem Gott hatten machen wollen. Denn ihm war
+klar: es hatte der Königin vor dem Tageslicht gegraut, das sie einsam
+machen sollte, weil die Weisen gesagt hatten, das Tagesherz des Königs
+gehöre nur der Weisheit und nicht der Liebe.
+
+Eine furchtbare Wut überfiel den verlassenen Mann. Er riß mit einer Faust
+die Segel von den Tauen und wollte mit der andern Faust den Mastbaum
+ausreißen, um alle Weisen damit zu erschlagen.
+
+Diese aber, erschrocken, heuchelten Demut und riefen:
+
+«O Herr, die Königin wird wiederkommen, wenn Ihr es befehlt, sobald der
+Mond heute abend aufsteigt. Ehe Ihr uns jetzt ungerecht umbringt, wartet
+wenigstens mit Eurem Urteil über uns bis zum Abend. Kommt die Königin nicht
+mit dem aufgehenden Mond, so könnt Ihr uns immer noch töten.»
+
+Mit solchen Worten schläferten sie des Königs Wut ein, denn sein Schmerz
+war größer als sein Zorn. Und als er hörte, daß die Königin vielleicht am
+Abend wiederkommen könnte, glaubte er daran, wie jeder Liebende gern an
+Wunder glaubt. Und er hoffte, die Königin würde vielleicht als Fischweib am
+Abend wiederkommen und sich von ihm wieder in ein Menschenweib verwandeln
+lassen, wenn der Mond aufginge.
+
+In der Mittaghitze, als die Sonne aus dem Meer und aus dem Himmel zugleich
+brannte und der König auf einem Haufen Segeltuch am Bootrand einschlief,
+schlichen sich die schlauen Weisen seines Landes an den Schlafenden heran
+und stießen den Haufen Segeltuch samt dem schlafenden König ins Meer. Denn
+alle hatten beratschlagt, daß sie den wütenden König noch vor Abend töten
+müßten, um nicht selbst getötet zu werden.
+
+Als die Sonne den König nicht mehr auf dem Deck sah, stieg sie früher als
+sonst von der Mastspitze herunter, und verwundert sahen die Weisen, daß der
+Tag schneller zu Ende war als je. In dieser Nacht warteten sie vergeblich
+auf den Mond. Es war kein Mondaufgang, und es schien eine endlose Nacht
+angebrochen zu sein; denn die Sonne ging auch nicht mehr auf zu der Zeit,
+da sie erwartet wurde.
+
+Danach verwirrte sich die Weisheit in allen ihren Hirnen; die Weisen des
+Landes hatten die Liebe im Reich umgebracht, und mit der Liebe blieben
+Sonne und Mond aus dem Reich verschwunden. Denn die Liebe ist allmächtiger
+als die Weisheit. Alle, die im Boot waren, wurden wahnsinnig und stürzten
+sich ins Meer, dem toten König nach. --
+
+So erzählte Hasenauge. Und bei den letzten Worten deutete sie mit den
+Eßstäbchen, mit denen sie dich bei der Unterhaltung gefüttert hatte, hinaus
+auf den Biwasee. Umgeben von einem gelben Dunstkreis, als hätte er einen
+gelben Ährenkranz auf dem Kopf, stand der Vollmondgott draußen am Fenster
+und trat seinen Rundgang an.
+
+Wenn du dann aus dem Teehaus heimgehst, kann es einem Neuling, der
+Hasenauge zum erstenmal erzählen hörte, vorkommen, daß er mit dem Mond in
+Streit gerät. Der Mond stellt sich quer über den Weg und fragt ihn:
+
+«Nun, hat dir wirklich Hasenauge während meines Aufgangs zwölf Geschichten
+erzählt?»
+
+Zuerst sagst du ja. Du besinnst dich nicht, rechnest nicht nach und sagst:
+Ja, zwölf.
+
+Der Mond lacht stolz über Ishiyama und freut sich.
+
+Nach einer Weile rufst du den Mond, hinter einer Hausecke, an den Weg
+hervor und sagst:
+
+«Es war nur _eine_ Geschichte, aber es klang wie zwölf.»
+
+Da lächelt der Mond noch stolzer und freut sich noch mehr über Ishiyama.
+
+Und wieder nach einer Weile, ehe du in dein Haus trittst, fragst du den
+Mond an der Türschwelle:
+
+«Sag mal, wie kommt das, daß Fräulein Hasenauge dreitausend Geschichten
+allein vom Mondaufgang über Ishiyama erzählen kann? Kommt es daher, daß du
+nirgends so schön wie am Biwasee aufgehst? Ich glaube, du bist Fräulein
+Hasenauges Geliebter.»
+
+Da rascheln alle Eschenbäume im Mond, und sie fragen dich:
+
+«Hat dir Fräulein Hasenauge heute ihre dreitausend Geschichten erzählt?»
+
+«Ja, ungefähr dreitausend», antwortest du, ohne dich zu besinnen.
+
+Und am nächsten Abend geht der Mond über dem Biwasee bei Ishiyama noch
+geschichtenreicher auf als sonst. --
+
+«Liebe und der aufgehende Mond machen das Haar wachsen. Darüber will ich
+dir gleich eine Geschichte erzählen», sagte Hasenauge zu mir und reichte
+mir ein Schälchen frischen Tee und einen großen Brocken Pfefferminzzucker
+dazu und drückte mir eine kleine Prise frischen Tabak in die kleine
+silberne Tabakpfeife. --
+
+Als einer der schönsten Tempel in Kioto gebaut werden sollte, erwiesen sich
+alle Stricke, die den bronzenen Dachfirst auf die Gerüste hinaufwinden
+sollten, als zu schwach. Darum entschlossen sich alle die Tausende von
+Frauen in Kioto, dem Tempel ein Opfer zu bringen und ihr Haar dicht am Kopf
+abschneiden zu lassen, damit daraus Stricke für den Tempelbau gedreht
+würden. Es wurde auch wirklich ein dreihundert Meter langer Haarstrick aus
+den geopferten Haaren gedreht, und dieser schwarze Strick, der die Dicke
+eines Männerarms hat, wird noch heute in einer Lacktonne im Tempel von
+Kioto aufbewahrt.
+
+Die Frau eines japanischen Adligen, die auch ihr Haar zum Tempelopfer
+abgeschnitten hatte, und die in jener Zeit schwanger war und nahe vor der
+Stunde des Gebärens stand, erschrak so sehr, als sie sich im Handspiegel
+sah und ihr Kopf ihr kahlrasiert entgegenglänzte, daß sie sich der Tränen
+nicht erwehren konnte.
+
+Die Tempelgötter nahmen die Schwachheit dieser Frau übel und straften sie
+an dem Kinde, das sie gebar. Sie schenkten ihr ein kleines Mädchen, aber
+diesem wuchs nicht ein einziges Haar auf dem Kopf; und wie eine
+Elfenbeinkugel so glatt, weiß und haarlos blieb die Schädelschale des
+Kindes.
+
+Die Frauen von Kioto, denen allen daran gelegen war, daß ihr Haar bald
+wieder wüchse, und die wußten, daß der zunehmende Vollmond den Haarwuchs
+beschleunigt, taten sich zu Vollmondprozessionen zusammen und wallfahrteten
+in langen Zügen im Mondschein zu den verschiedenen Kiototempeln.
+
+Jene adelige Dame nahm zu jenen Nachtprozessionen ihr kleines Mädchen mit,
+in der Hoffnung, der Mond würde dem Kind Haare wachsen lassen. Aber die
+Prozessionen nützten nichts, und die Mutter war gezwungen, dem Kind
+Perücken machen zu lassen. Das Mädchen wurde damals von allen Leuten in
+Kioto «Mondköpfchen» genannt, weil es so kahl war wie der Vollmond.
+
+Als Mondköpfchen verheiratet wurde, wußte der junge Mann, der sie zur Frau
+nahm, daß er eine kahlköpfige Frau heiratete. Aber es lag ihm nichts
+daran, denn er hatte Mondköpfchen immer in schöner gutsitzender Perücke
+gesehen. Und er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie eine
+kahlköpfige Frau ohne Perücke aussehen kann.
+
+Die Hochzeitsnacht verlief, wie die meisten Hochzeitsnächte, für die beiden
+Neuvermählten mit geschlossenen Augen, und das Liebesglück ward nicht
+gestört.
+
+Aber schon in der zweiten Nacht verschob der junge Ehemann erst zufällig,
+dann scherzend Mondköpfchens schwarze Perücke. Er spaßte und schob sie ihr
+bald auf das linke Ohr, bald auf das rechte, bald auf die Nase, bald auf
+den Nacken zurück, und er kollerte sich neben seiner jungen Frau vor
+Lachen. Immer, wenn die Frau ernst und liebend ihre Arme ausbreitete,
+juckte den Mann ein Kobold an den Fingern, so daß er der Perücke erst
+jedesmal einen kleinen Puff gab, ehe er seine Frau in die Arme schloß.
+
+Dieses geschah in der zweiten Nacht. Aber in der dritten war es überhaupt
+nicht mehr zum Aushalten. Der junge Mann setzte sich selbst die Perücke
+auf, so daß die Frau böse wurde, nicht mehr im Zimmer bleiben wollte und
+sich auf den Altan setzte. Es war dunkel draußen, und er lief ihr mit einem
+Licht nach. Als er sie perückenlos mit helleuchtendem Schädel am Altanrand
+sitzen sah, prustete er vor Lachen, kollerte ins Zimmer zurück und rief:
+
+«Ich habe den Vollmond geheiratet.»
+
+Bisher hatte Mondköpfchen ihren Namen immer harmlos hingenommen und sich
+nie darüber erschreckt. Aber nun brach sie in Weinen aus.
+
+Am dritten Tage nach der Hochzeit ist es in Japan Sitte, daß die Frau ihre
+Eltern besucht. Mondköpfchen ließ sich am nächsten Morgen in einer Sänfte
+in ihr Vaterhaus tragen, weinte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter aus
+und wollte nicht mehr zu dem Mann zurückkehren, der mit ihrer Perücke
+spielte und statt der Liebe Gelächter über sie ausschüttete.
+
+Aber Vater und Mutter überredeten Mondköpfchen, wieder zu ihrem Mann
+zurückzukehren, und versprachen, alles daran zu setzen, ein Mittel
+ausfindig zu machen, damit ihre Haare wüchsen. Sie sollte sich nur noch
+eine kurze Wartezeit auferlegen.
+
+Mondköpfchens Eltern hatten diesen Rat nur aus Verzweiflung gegeben und
+mußten jetzt selbst weinen, als ihr Kind zu seinem Mann zurückgekehrt war;
+sie waren ratlos.
+
+Plötzlich sagte die alte Frau zu ihrem Mann:
+
+«Ich weiß, womit ich die Götter jetzt versöhnen kann. Ich will mein Haar
+zum zweitenmal abschneiden und es den Tempelgöttern opfern. Die Götter sind
+gut und geben mir dann sicher einen Rat für unser Kind.»
+
+Die Frau tat so und trug ihr ergrautes abgeschnittenes Haar, zu einer
+kleinen Schnur geflochten, in den Tempel der tausendhändigen Kwannon und
+band dort die Haarschnur um das goldene Handgelenk der tausendfach
+segenspendenden Göttin.
+
+Die Götter versöhnten sich danach mit ihr und gaben ihr in der Nacht einen
+Rat. Die Frau hörte im Traum eine Stimme, die sagte:
+
+«Liebe und Vollmond lassen die Haare wachsen. Schicke dein Kind nach
+Ishiyama. Wenn es dort den Herbstmond aufgehen sieht, werden Liebe und Mond
+deinem Kind ein schönes Haar schenken.»
+
+Die Mutter erzählte den Traum ihrer Tochter, und Mondköpfchen glaubte
+begeistert an die Weissagung. Und Mondköpfchens Mann, der immer noch
+lachte, sagte wenig rücksichtsvoll zu seiner jungen Frau:
+
+«Reise nur nach dem Biwasee und laß dir dort Haare wachsen. Ich muß mich
+hier inzwischen von dem Nachtgelächter erholen.»
+
+Mondköpfchen reiste an den Biwasee.
+
+Im aufgehenden Mondschein sahen die Bewohner von Ishiyama die kahlköpfige
+junge Frau auf dem Balkon des Rasthauses sitzen, wo Mondköpfchen Wohnung
+genommen hatte. Die frommen Bewohner des Seeortes nannten sie nur die
+elfenbeinerne Heilige, weil ihr haarloser Kopf wie vergilbtes altes
+Elfenbein in der Abenddämmerung leuchtete. Viele lenkten abends vom See her
+ihre Kähne am Rasthaus vorbei, um die bleiche, stille Frau auf dem Altan
+unter den Sykomorenbäumen sitzen zu sehen, und jeder, der sie sah, dachte
+sich eine Geschichte über sie aus.
+
+Ein junger Adliger, der ein Landhaus in der Nähe von Ishiyama hatte, hörte
+durch seine Leute von der fremden Frau, die Abend für Abend den aufgehenden
+Herbstmond von Ishiyama erwartete. Und er richtete es so ein, daß er am
+Spätnachmittag in einen der Sykomorenbäume am Ufer stieg, wo er, hinter den
+Ästen verborgen, Mondköpfchen beobachten konnte, die wie ein Götterbild
+regungslos im Mondschein saß und sich Liebe und Haare wünschte.
+
+Bald danach erhielt die junge Frau von dem jungen Adligen ein Gedicht
+gesandt, das war mit Goldtusche auf Purpurpapier geschrieben. Das Gedicht
+erzählte von einem Sykomorenbaum, der ein Mensch werden wollte, um zu ihr
+zu kommen und neben ihr auf dem Altan zu sitzen.
+
+Mondköpfchen freute sich aufrichtig über das schwärmerische Gedicht. Und
+als sie wieder im Mondschein saß und mit der Hand über ihren Kopf strich,
+fühlte sie zu ihrem Entzücken die ersten Haarspuren, denn sie sehnte sich
+in dieser Nacht sehr nach ihrem Mann zurück.
+
+Am nächsten Tag erhielt sie einen Brief, der sagte ihr:
+
+«Ich bin ein Mann, der Dich liebt, und möchte Dich bald vom Altan holen.
+Laß Dich entführen, schöne Frau.»
+
+In dieser Nacht sehnte sich Mondköpfchen noch mehr nach ihrem Manne, und
+ihre Haare wuchsen einen Arm lang, und am Morgen reichten sie ihr bis zum
+Gürtel. In der nächsten Nacht wuchsen sie ihr beim aufgehenden Mond bis zu
+den Knieen.
+
+Mondköpfchen empfing in dieser Nacht einen dritten Brief, der sprach:
+
+«Ich weiß, daß Du einen Mann in Tokio hast. Liebe mich, so werde ich ihn
+töten.»
+
+Da erschrak Mondköpfchen, ließ sich noch in derselben Nacht in einem Kahn
+über den Biwasee fahren und reiste nach Kioto und zeigte sich und die
+Briefe ihrem Mann.
+
+Als der Mann seine Frau im prächtigen Haar vor sich sah, wurde er still,
+und seine Augen wurden dunkel vor Bewunderung. Und als er die drei Briefe
+gelesen hatte, wurden seine Augen finster, seine Arme breiteten sich aus,
+und sein Mund, der nicht mehr lachte, sagte:
+
+«Komm in meine Arme, wenn du mir jetzt noch treu sein willst, seit du so
+schön bist, und wenn du mir verzeihen kannst, daß ich gelacht habe, als du
+noch nicht so schön warst. Willst du mir aber eines Tages die Treue
+brechen, dann tue es lieber jetzt und gehe zu dem Mann, der die Briefe
+geschrieben hat, damit er mich tötet. Denn wenn du mich jetzt verläßt, hat
+mich schon mein Leben verlassen, und der Tod ist dann nur eine Zeremonie,
+die ich nicht spüren werde.»
+
+Mondköpfchen setzte sich auf die Diele vor ihren Mann nieder und begann den
+Tee zu bereiten. Das bedeutete, daß sie ihn für immer lieben und ihm treu
+bleiben würde und ihm verziehen hätte. --
+
+Und Fräulein Hasenauge lächelte ungläubig und erzählt eine neue Geschichte.
+
+Ein Spielzeugverkäufer, ein Schilfmattenflechter und ein Holzkohlenhändler
+saßen eines Abends, ehe der Vollmond über Ishiyama aufging, am Rande der
+Landstraße nach Ishiyama. Der Spielzeugverkäufer hatte an einer langen
+Stange ein Bündel Spielsachen hängen, meist aus Watte gearbeitete große
+Insekten, ungeheure graue und silberne Riesenspinnen, grüne und braune
+Grashüpfer und Heuschrecken, riesige Libellen mit farbigen Flügeln aus
+Gelatinepapier.
+
+Der Schilfmattenflechter trug ein großes Bündel zusammengerollter,
+feingeflochtener Schilfmatten auf dem Rücken. Das sah in der Abenddämmerung
+aus, als trüge er lange Kanonenrohre.
+
+Der Kohlenhändler trug einen Korb auf dem Kopf, den er im Gehen
+balancierte. Drinnen im Korb unter einem Tuch war die feinste Holzkohle,
+die er selbst zubereitet hatte.
+
+Im Straßengraben sitzend, an welchen das Schilf vom See her heranreichte,
+erzählten sich die drei Kriegsgeschichten. Der eine, der
+Spielwarenhändler, behauptete, er wäre bei der Einnahme von Peking dabei
+gewesen. Der Rohrmattenflechter behauptete, er hätte mit vor Port Arthur
+gelegen. Der Kohlenhändler behauptete, er wäre auf einem Schlachtschiff im
+Chinesischen Meer Heizer gewesen. Aber alle drei verstanden vom
+Kriegshandwerk so wenig wie eine Katze vom Neujahrsfest. Und ihre
+Erzählungen waren so drollig, daß ganz Japan sie lachend immer noch weiter
+erzählt.
+
+Der Spielwarenhändler sagte: «Als wir die Stadtmauern von Peking sahen,
+liefen unsere Augen wie Spinnen über die Ebene von Peking, unsere Füße
+hüpften wie Heuschreckenbeine über die Mauerwälle, unsere Bajonette, Säbel
+und Kugeln flogen wie surrende Libellen über die Chinesen her. Aber das war
+alles umsonst. Ihr wißt: wenn man den Chinesen sticht, haut oder vierteilt,
+ist dies geradeso unnütz, als wenn man gegen den aufgehenden Vollmond
+streitet. Die Chinesen stehen immer wieder gesund und unverwundbar vor dir,
+denn jeder hat Tausende von Körpern ineinander geschachtelt, so wie es
+Spielzeugschachteln gibt, von denen Hunderte ineinander passen.»
+
+«Womit habt ihr denn die Chinesen umgebracht, wenn sie nicht zu erschießen
+und nicht zu erschlagen sind?» fragte der Schilfmattenflechter.
+
+Der Spielzeughändler blähte sich auf wie eine Schweinsblase, die ein
+Kinderluftballon werden will.
+
+«O, wir haben ihnen allen den Rücken gewendet, so daß die Chinesen keines
+unserer Gesichter sahen und nicht sahen, wie wir lachten und haben unsere
+Gewehre in die Luft abgeschossen, in die Wolken und in den blauen Himmel
+und haben mit den Bajonetten und den Säbeln in die Luft gestochen und haben
+nicht gegen die Chinesen, sondern gegen den Himmel gekämpft.
+
+Da hat die Chinesen, die Söhne des Himmels, ein großer Schreck erfaßt, als
+sie sahen, daß wir ihren Himmel angriffen. Tausende starben vor Erstaunen,
+Tausende vor Entsetzen, und Tausende kamen auf den Knien zu uns gekrochen
+und hatten die Tore zur himmlischen Stadt Peking geöffnet, damit wir ihre
+Väter und Götter im Himmel nicht bekriegten.»
+
+«Das ist drollig», sagte der Schilfmattenhändler. «Aber gegen die Russen
+hättet ihr nicht so kämpfen dürfen. Die Russen haben von den Knien abwärts
+Kanonenrohre statt der Füße, und immer, wenn sie ein Bein heben, können sie
+mit dem Bein auf dich schießen. Sie heben ihre Beine in die Luft, geradeso
+wie meine zusammengerollten Matten lang in die Luft gucken. Und sie
+brauchen nicht zu zielen, denn ihre Füße haben Augen, die sie Hühneraugen
+nennen, und diese zielen für sie. Und während ihre Beine gehen und
+schießen, haben die meisten Essen und Trinkflasche in den Händen und
+füttern und tränken jeder sein Maul. So bleiben sie immer stark und kommen
+nie von Kräften und sind unbesiegbar.»
+
+«Ja, wie habt ihr sie denn besiegt, die Russen?» fragte der Kohlenhändler.
+
+«O, das war ganz einfach. Das sagt einem jeden doch der helle Verstand, wie
+man einen Russen besiegt. Nur ein Kohlenhändler wie du kann so dumm fragen,
+als ob du Kohlenstaub in deinen Augen hättest und nicht wüßtest, daß wir
+die Russen besiegt haben.
+
+Der Russe läßt doch immer nur seine Beine gradaus marschieren und
+schießen, aber seine Augen im Gesicht sehen nichts als das Essen und
+Trinken vor dem Maul. Darum, wenn die Russen aus Port Arthur auf uns
+losmarschierten mit ihren schießenden Beinen, stellten wir uns ruhig zu
+beiden Seiten des Weges auf und ließen sie ruhig an uns vorbei. Dann gingen
+wir hinter ihnen her, jeder faßte einen Russen am Gürtel und drehte ihn
+einfach wieder gegen Port Arthur um, in der Richtung auf das Meer zu. Da
+sie einmal im Gehen waren und sich im Fressen und Saufen nicht stören
+lassen wollten, marschierten sie auf Port Arthur zurück und liefen dort
+über die Kaimauern ins Meer, wo sie ertranken. Die Armeen aus der
+Mandschurei aber, die aus dem Norden kamen, drehten wir nach Norden um, so
+daß sie ruhig zur sibirischen Eisenbahn zurückmarschierten. Und die
+Eisenbahnbeamten, im Glauben, der Krieg sei beendet und die Russen seien
+Sieger, fuhren die fressenden und saufenden Armeen nach Petersburg zurück,
+wo sie dann einzogen, immer noch in dem Glauben, daß sie die Sieger wären.
+In der Zeit besetzten wir die ganze Mandschurei, und das soldatenleere Port
+Arthur war unser.»
+
+«So einfach war es aber doch nicht», sagte der Kohlenhändler, «denn erst
+mußten wir die russische Flotte zerstören, wobei ich einer der Haupthelden
+war.»
+
+«Erzähle!» sagten die beiden anderen Helden.
+
+«Da ist nichts zu erzählen. Das war die allereinfachste Sache von der Welt,
+die russische Flotte zu vernichten», wisperte der Kohlenhändler bescheiden
+wie eine Feldmaus.
+
+«Eines Morgens dachte ich mir: heute zerstöre ich die russische Flotte,
+denn ich hatte Sehnsucht nach meiner Frau, und nichts als die russische
+Flotte hinderte mich, zu meiner Frau zu reisen.
+
+Ich steckte mir eine Schachtel Streichhölzer ein, ein paar japanische
+Zeitungen und ein paar Stückchen Holzkohle. Ich schwamm von meinem Schiff
+an die Hafenmauer von Port Arthur heran, zündete mir ein Pfeifchen an,
+setzte mich auf einen Klippenstein und fabrizierte aus meinen japanischen
+Zeitungen kleine Papierschiffe, wie sie die Schulkinder am Biwasee machen.
+In jedes Schiffchen steckte ich ein Stückchen Kohle, das war der
+Schornstein des Schiffes; manche hatten auch zwei und vier Schornsteine.
+Die Kohlenstücke zündete ich an, und dann ließ ich meine Schiffe mit dem
+Südostwind auf Port Arthur los, und sie zogen an der Hafenmauer entlang.
+Meine kleine Papierflotte wurde augenblicklich von allen Leuchttürmen und
+Fernrohren auf den Leuchttürmen dem Admiral der russischen Flotte
+signalisiert. Die russische Flotte verließ sofort in Schlachtreihen den
+Hafen und umzingelte meine Zeitungspapierflotte. Tausend Schüsse hallten
+aus den russischen Schiffsbäuchen, und als sich der Rauch verzog, war
+natürlich meine Papierflotte untergegangen. Auf allen Rahen und auf allen
+Masten stellten sich nun die russischen Marinesoldaten in Parade auf, um
+dem sieghaften russischen Admiral ein dreifaches Hurra für seinen Sieg
+auszubringen.
+
+Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Denn ich wußte, die Russen
+hatten ihren Mut mit Schnaps angefeuert, und es mußte beim Siegesgeschrei
+der Tausende und Tausende von Soldaten eine Wolke von Alkoholgasen in der
+Luft entstehen, und diese Wolke konnte ich mit einem einzigen Streichholz
+in Brand setzen.
+
+So war es auch. Das erste Hurra ließ ich sie zum Vergnügen schreien. Aber
+bei dem zweiten Hurra wäre ich beinahe selbst erstickt, -- so sehr stank
+die Luft nach Alkohol.
+
+Kaum flackte das Streichholz auf, so entzündete sich über dem Meer die
+Alkoholwolke, und eine Flamme pflanzte sich fort von Schiff zu Schiff;
+Mannschaften und Schiffe, vom Alkoholdunst erfüllt, explodierten unter
+Gekrach. Später sagten die Russen uns nach, wir hätten mit Stinkbomben
+geschossen und mit griechischem Feuer. Und es war doch nur ihr Alkoholatem,
+der die ganze Flotte verbrannt hat, als ich mein Streichholz anzündete.»
+
+«Ja, sag mir aber», fragte mißtrauisch und kleinlich der Spielzeughändler,
+«sag mir, Kriegskamerad, wie konntest du die Streichholzschachtel trocken
+erhalten, als du von deinem Schiff nach Port Arthur geschwommen bist?»
+
+Auch der Schilfmattenhändler nickte heftig und ungläubig und bezweifelte
+gleichfalls, daß eine Streichholzschachtel beim Schwimmen trocken bleiben
+könnte.
+
+«Habe ich euch denn nicht gesagt», fuhr der Kohlenhändler sie grob an, «daß
+ich an diesem Morgen Sehnsucht nach meinem Weib hatte? Wißt ihr nicht, was
+Sehnsucht bedeutet? Sehnsucht haben heißt so heißes Blut kriegen, daß alles
+ringsum verdorrt.»
+
+«Ja, dann verstehen wir, daß deine Streichholzschachtel im Gürtel nicht naß
+wurde, wenn du Sehnsucht nach deinem Weib hattest, Kriegskamerad», nickten
+der Spielzeughändler und der Schilfmattenverkäufer dem Holzkohlenhändler
+zu.
+
+Der Vollmond war inzwischen langsam aus dem Schilf gerollt, betrachtete
+sich breit lachend die drei Überhelden und erzählte die Geschichte in ganz
+Japan weiter.
+
+
+
+
+Das Abendrot zu Seta
+
+
+Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so
+schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch
+eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln
+der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See
+liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme
+kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag
+das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel
+zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind, und der einer Wüste aus grauem
+Basalt ähnelt.
+
+Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue
+und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine
+kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen
+Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind
+gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten
+Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben,
+gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und
+Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den
+Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes
+warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütig
+wie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine
+Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des
+Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel
+dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist
+nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit
+Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte
+Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt
+sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund;
+und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemächern, werden in den
+kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt, wie
+die Schriftzüge auf weißem Papier.
+
+Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren
+die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und
+winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde
+Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren, farblosen
+Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen
+erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt
+lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch
+wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele
+zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann
+alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie
+einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke.
+
+In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Türen
+zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben,
+ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren
+einen sanften Tod. --
+
+In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen
+die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfters im
+Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem
+Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im
+Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen
+näher zu sein.
+
+In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen
+Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis
+dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto
+einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen
+die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden
+die alte Kaiserstadt verteidigen.
+
+In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie
+im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern
+niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.
+
+Die feuerrote düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend
+goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab
+der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend
+goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel
+vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihe
+höher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen,
+Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als
+strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen.
+
+Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie
+draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle
+entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun,
+hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten.
+Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen,
+mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe
+angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des
+Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist,
+üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders
+ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter
+Übungsplatz in Kioto.
+
+Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue
+Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen
+unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner
+Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie
+anschaute.
+
+Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle
+zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend,
+daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie
+kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern,
+verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich
+hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der
+Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte
+auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen.
+
+«Deine Augen können surren wie Pfeile», sagte der Mann und blieb neben ihr
+stehen.
+
+«Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich», sagte die Frau. «Deswegen
+habe ich dich angesehen.»
+
+Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch:
+
+«Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen
+möchte ...»
+
+Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink, wie ein Affe eine
+Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.
+
+Danach sagte die Frau leise:
+
+«Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!»
+
+«Wollust schändet keinen Tempel», antwortete der Mann. «Fünftausendmal will
+ich dich hier umarmen. Fünftausendmal wollen wir uns hier treffen.»
+
+Die Frau schauderte vor Glück. In die geheimnisvolle Tempelluft und
+Tempeldunkelheit schienen außer den fünftausend Kriegsgöttern fünftausend
+Liebesgötter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann:
+
+«Wir wollen nicht wissen, wie wir heißen, wir wollen nicht wissen, wo wir
+wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es
+den fünftausend Genien überlassen, daß sie unsere Wege zusammenführen. Und
+immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts
+fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben.
+
+Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine
+Erscheinung, ähnlich meinem Mann. Ich will dich genießen wie die Abendröte,
+die jetzt über die Türschwelle dort tritt, und die wirklich und unwirklich
+ist zugleich.»
+
+Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau änderte nicht ihre Reisen und
+ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie
+monatelang in Kioto täglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der
+fünftausend Genien besucht und täglich den Schützen dort getroffen, umarmt
+und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem
+Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen.
+
+In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem großen Zedernwald, darauf die
+feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weißen, blauen und
+gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten
+Zedernstämmen stehen, dichtgedrängt wie Grabdenkmäler in einem Kirchhof,
+Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege,
+dichtgedrängt wie versteinerte Völker. Schwarzbronzene Hirsche, von
+Künstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte
+von lebenden Rehen und Hirschen gehen in großen Rudeln zahm auf allen
+Wegen, zahmer als Hühner in einem Hühnerhof.
+
+Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein großes Gewitter über
+dem Wald. Aber sie fürchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen
+Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen
+zurück.
+
+Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ältesten Sohn und kniete viele
+Stunden in der Halle des großen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten
+Buddhabilder Japans ist.
+
+In einem roten mächtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und
+schwerfällig geschnitzt, bräunlich vergoldet auf einer ungeheuern
+Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei
+haushohe Flügeltüren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen draußen
+kann den mächtigen Kopf, der bis in die Dämmerung des Dachstuhles reicht,
+kaum erhellen.
+
+Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und
+vertiefte sich in ein stilles Gespräch mit ihrem verstorbenen ältesten
+Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die näherkommende Stimme eines
+Gottes über ihr. Die schwüle Gewitterluft machte die große, dunkle
+Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Räucherwerkes und der
+Geruch der alten sonnengewärmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie
+eine Last, als ob sich der schwere mächtige Buddha über sie böge. Und sie
+mußte an den Mann denken, der sie Tag für Tag in Kioto im Tempel der
+fünftausend Genien umarmt hatte.
+
+Der Regen prasselte jetzt draußen auf das Tempeldach und auf die ungeheure
+Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der große goldene
+Buddha erschien für den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das
+Dach.
+
+«Ist es wahr, Gott», dachte die Frau, «daß die Wollust den Tempel nicht
+schändet, so laß den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei
+dir wiederfinden.»
+
+Über die Holzgalerien draußen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte
+über die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wäldern, Männer, Frauen und
+Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flüchtend, in die
+Halle des großen Daibutsubildes eindrangen.
+
+Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lärm des
+Regens, der vielen humpelnden Füße von Wallfahrern und der Menschenstimmen
+zerstreute sie, so daß sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen
+Türen trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weißen
+Nebel hüllte.
+
+Blitz um Blitz blendete sie, daß sie sich von der Türe weg gegen die
+Gesichter der Menschen wenden mußte, von denen einzelne Gruppen, weiß im
+finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten.
+
+Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte
+sie plötzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte,
+ähnlich sah. So müßte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine
+Kinder, wenn er jetzt lebte und glücklich wäre.
+
+Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht
+ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor
+dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten
+Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.
+
+Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter,
+drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden
+Regen den Hügelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit
+weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer
+Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie
+hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid
+klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch
+nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine
+Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer
+Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie
+hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und
+den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und
+Familienvater sehen zu müssen.
+
+Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode,
+über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen.
+Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die
+Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.
+
+Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an
+inbrünstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lächelte und fühlte sich rot
+durchtränkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach:
+
+«Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der
+Mann aus dem Tempel der fünftausend Genien, den ich wie die Abendröte mit
+Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn
+gestern verließ, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen.» Aber
+sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurückzugehen;
+und sich zu überzeugen, fehlte ihr der Mut.
+
+Die Frau warf ihren zerknitterten Fächer fort, strich ihre Frisur glatt,
+schob ihren Gürtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum
+Bahnhof von Nara.
+
+Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fünftausend Genien aufzusuchen,
+und ging nach Seta in ihr Haus zurück, tagsüber gepeinigt von dem Gedanken,
+daß der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder hätte. Sie wurde nur
+am Abend erlöst von dem fantastischen Abendrot, das sich über Seta in den
+wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so daß alles Unwahrscheinliche
+wahrscheinlich wird, so daß die Bäume blutrot wie Korallenwälder werden und
+die Hügel wie die Brüste und Körperlinien hingelagerter Männer und Frauen,
+als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden
+und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am
+Himmel ist dann in ihrer Röte nur wie eine kleine Kerze in einem roten
+Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und
+keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit
+geschlossenen Augen ohne Licht sehen.
+
+Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fünftausend
+goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und
+die Wände im Hause jener Frau wurden düsterrot, als wären sie die uralten,
+düsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wäre in dem Hause der
+Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten
+Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Geländer, Tag
+für Tag den Mann treffen könnte, der sie wie das Feuer der Abendröte
+schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendröte in das Unbekannte
+wieder versänke.
+
+In den kältesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur
+Spätnachmittagstunde an dem geöffneten Fenster sehen, das auf das flüchtige
+Winterabendrot hinaussah, -- die Frau, die einen kleinen Fächer schwang,
+als wäre es ihr heiß im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Geländer des
+Altans lag und auf den Dächern der Holzhäuser von Seta.
+
+Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Röten des Himmels
+hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weiße Laken des
+Himmels betupfte, saß die Frau zwischen den zurückgeschobenen Papierwänden
+ihres Teezimmers und fächelte sich, als müßte sie das Abendrot mit jedem
+Fächerschlag anschüren.
+
+Der Frühling kam, und die Frau fürchtete sich immer noch vor einer
+Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttäuschung. Sie beschloß
+eine große Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um
+dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten.
+
+Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich
+unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko
+kam, ganz im klaren, daß der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein
+könnte, daß sie sich einfach in der Ähnlichkeit getäuscht hätte. Und sie
+nahm sich vor, so bald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder
+zurückkäme, wollte sie den Tempel der fünftausend Genien wieder aufsuchen
+und versuchen, den Schützen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie
+fünftausendmal zu umarmen.
+
+Das Rasseln der Eisenbahnräder, das Vorüberfliegen großer Plakatfiguren:
+gemalter Männer und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische
+Fahrräder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige
+Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorüberhastenden Eindrücke
+gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich
+innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit
+vergangen war, daß sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem
+Geliebten hatte umarmen lassen.
+
+Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne über den
+silbernen Kiesbächen, mit blausteinigen Schluchten, deren Ränder von
+schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das
+liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit
+nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weißen Wasserfällen unter einer
+Sonne, die einem weißen Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das
+rotblättrige Frühlingslaub der Ahornbäume über den Gebirgswegen. Hie und da
+blühten auch ein paar rosige wilde Kirschbäume und an der Sonnenseite der
+Abhänge ganze Wälder von rosigen Kamelienbäumen.
+
+Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wäre es die eherne
+Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden.
+
+Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grünen, dunkeln Waldterrassen mit
+blaubronzenen Dächern und rotem Gebälk wie verwunschene Waldschlösser unter
+bärtigen, tausendjährigen Kryptomerienbäumen liegen.
+
+Viele Tempelwände sind mit kopfgroßen Chrysanthemumblumen aus erhabener
+Perlmutterarbeit geschmückt und leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf
+andern Wänden sind aus goldenem Lack in Relief erhabene goldene Löwen und
+goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem
+Lack rote Fasanen, aus grünem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein
+weiße Kaninchen und weiße Rehe und ganze Elfenbeinwände voll von weißen und
+bläulichen Päonien, umgeben von Schmetterlingsscharen aus Perlmutter.
+
+Diese kostbaren Tempelwände unter grünen Waldbäumen, unter blau und weißem
+Wolkenhimmel und umwandert von gelbem Sonnenschein, scheinen mit ihrem
+irisierenden Perlmutter eine lebende Welt von immerblühenden hochzeitlichen
+Blumen und eine unvergängliche Welt von sich tummelnden wilden und zahmen
+Tieren zu sein.
+
+Die Frau kam auf die erste Terrasse, wo die drei berühmten Affen auf einem
+Tempeltor dargestellt sind, geschnitzt und bemalt. Der erste Affe hält sich
+die Augen zu, der zweite Affe die Ohren, der dritte Affe hält sich den Mund
+zu. Und ihre Bedeutung ist: Du sollst nichts Böses sehen, du sollst nichts
+Böses hören, du sollst nichts Böses reden.
+
+«Wie leicht ist das getan für den, der geliebt wird, und wie schwer für
+den, der an der Liebe zweifeln muß», dachte die Frau und ging an den drei
+Affen vorüber. Und sie kam zu dem schönsten aller Tempeltore. Dessen weiße
+Säulen sind mit erhabenen Schnitzereien, mit Bäumen, Schilf, Kranichen,
+Drachen und Wolken geschmückt. An den Friesen der Säulen entlang wandern
+Scharen von winzigen kleinen Göttern. Dieses Tor ist so vollkommen
+gearbeitet, daß es, als es fertig war, den Neid der Götter erweckt hätte,
+wenn man nicht an einer der Säulen absichtlich einen ungeschickten Fehler
+angebracht hätte, um die neidischen Götter zu versöhnen.
+
+«So vollkommen wie dieses Tor wäre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und
+die Götter würden die Menschen beneiden müssen, wenn sich nicht glücklich
+Liebende immer einen künstlichen Liebeszweifel erfänden», dachte die Frau
+und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse.
+
+Hier ist zur rechten Hand über einer Tempeltür von einem Maler eine
+lebensgroße weiße Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schläft schon
+Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei
+denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfüllung gehen darf, begegnen, daß
+die schlafende Katze ihre Augen öffnet und ihn anblinzelt.
+
+«O, ihr Götter», wünschte die Frau, die Katze über dem Tor betrachtend,
+«laßt eure Tempelkatze die Augen öffnen und mich ansehen, wenn mein
+Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene
+Männer sind.»
+
+Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die
+Augen geschlossen und blinzelte nicht.
+
+«Ist es möglich, daß ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Männer sind
+einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht
+eine andere Frau außer mir glücklich? O, weiße Katze, schlage doch die
+Augen auf und sage damit Nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind
+werde!»
+
+Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr
+Herz schmerzte, als würde es ihr ausgerenkt.
+
+«Gut, o Götter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfüllt», sprach sie plötzlich
+entschlossen, «dann laßt mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu
+überzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, daß es derselbe ist, dann laßt
+mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, öffne jetzt deine
+Augen und sage Ja!»
+
+Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten
+Lackwand des Tempelhofes. Die großen Kryptomerienbäume über den
+Tempeldächern bewegten sich schaukelnd für ein paar Sekunden und warfen
+Licht- und Schattennetze über die Tempeldächer, über die Lackwände und über
+die gemalte weiße Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die
+weiße Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte für eine hundertstel
+Sekunde ihre senkrechten Pupillen.
+
+«Sie hat mich angesehen», seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf
+ihren Holzschuhen, demütig mit gesenktem Kopf, als wäre sie um viele Jahre
+gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel.
+
+Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswänden lagen in
+seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und
+Könige, ihre Rüstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt
+und mit Bronze beschlagen. Auch große Bogen und Köcher mit Pfeilen standen
+da.
+
+Die Frau blieb unwillkürlich vor einem großen schwarzen Bogen stehen und
+legte ihre warme Stirn an die kühle Glasscheibe des Glasschrankes. Es war
+ganz menschenleer hier, nur vorher hie und da waren ihr Pilger begegnet
+auf den Treppen und den Terrassen der Tempel -- Männer und Frauen aus allen
+Teilen Japans, welche Nikko besuchen.
+
+Wie sie jetzt an der Glasscheibe lehnt, sieht sie in dem spiegelnden Glas
+durch dieselbe Tür, durch die sie in die lange Kammer eingetreten ist,
+einen Mann kommen, der eine weißhaarige, gebeugte alte Frau begleitet. Die
+kleine Alte stützt sich auf einen Stock und auf den Arm des Mannes und sagt
+zu ihm: «Mein Sohn.»
+
+Die Frau wendete ihren Kopf betroffen von der Glasscheibe und warf nur
+einen Blick über ihre Schulter. Dann sah sie rasch wieder in den
+Glasschrank zurück, als wollte sie ihr Gesicht im Glas verbergen. Sie hielt
+den Atem an und ließ den Mann und die alte Frau an ihrem Rücken
+vorübergehen.
+
+Die Götter hatten ihr ihren Wunsch erfüllt! Sie hatte ihren Geliebten noch
+einmal gesehen, und sie wußte nun auch, daß er eine Mutter hatte wie andere
+Menschen, und daß er ein Menschensohn war, daß er nicht bloß Vater und
+Gatte war, so wie sie ihn in Nara gesehen hatte, daß er auch
+Kindespflichten kannte, seine alte Mutter an seinem Arm stützte, und daß er
+ihr nun nie mehr der Gott der Abendröte sein könnte, der Gott des
+Unbekannten, des Abenteuerlichen, der Gott der Inbrunst ohne Pflichten und
+ohne Schranken.
+
+Und nun wollte sie blind werden und nicht mehr in der Gegenwart und
+Wirklichkeit leben, sondern im Dunkeln sitzen, wie ein Herz in der Brust,
+ohne Licht, nur vom dunkeln Blut umgeben.
+
+Gealtert und bekümmert kehrte die Frau von ihrer Wallfahrt nach Seta an
+den Biwasee zurück, ohne den Tempel der fünftausend Genien in Kioto zu
+besuchen, wie sie sich vorgenommen hatte.
+
+Ein brennender, feuriger Sonnensommer verwandelte den Biwasee täglich in
+eine weißglühende Masse. Zwischen dem flammigen Spiegel des Sees und dem
+flammigen Spiegel des Sonnenhimmels saß die Frau auf dem Altan ihres Hauses
+oder in einem schaukelnden Boot und ließ sich die tausend funkelnden
+Sonnenscheiben, die sich in den Wellen brachen, wie tausend Brenngläser in
+ihre Augen stechen. Wenn sie vor Schmerzen die Augen schloß, saß sie in
+einer feuerrot durchflammten Dunkelheit, als wäre sie mitten im Abendrot
+von Seta, als wäre sie die rote untergehende Sonne selbst.
+
+Sie wurde blind, wie sie gewollt hatte. Aber auch erblindet sahen sie die
+Leute von Seta Sommer und Winter, Abend für Abend, mit dem Fächer auf dem
+Altan sitzen, zu der Stunde, wo das Abendrot in Seta die irdischen
+Landschaften zu roten Götterlandschaften verwandeln kann und die irdischen
+gesetzmäßigen Menschengesichter in berauschte unirdische Göttergesichter.
+
+An einem Winternachmittag, als der Nebel des Sees so dick lag, daß die
+Sonne schon am Mittag im Winterrauch wie eine papierne Scheibe blaß
+verschwand und ein Hauch von Abendröte erschien, saß die Blinde wieder mit
+begeistertem Ausdruck auf dem Altan und beschrieb der Dienerin, die ihr den
+Tee brachte, daß sie rote Wolken sähe, rot wie das Tempelgebälk eines
+Kiototempels, und daß fünftausend goldene Genien mit hunderttausend
+goldenen Armen über die roten Wolken geschritten kämen, und daß ein
+Bogenschütze an der Spitze der Fünftausend ginge. Er winke ihr auf der
+obersten Stufe einer roten Treppe.
+
+«So schön wie heute sah ich das Abendrot von Seta noch nie», sagte die
+Blinde und lehnte den Kopf an das Altangeländer, von dem der kalte Schnee
+abbröckelte. Ihre kleine Teetasse klirrte. Sie setzte sie mit zitternden
+Fingern auf den Boden. Sie fächelte sich noch mit dem Fächer, indes ihr
+Gesicht die Helle des Schnees annahm. Dann starb sie lächelnd.
+
+
+
+
+Den Abendschnee am Hirayama sehen
+
+
+An großen Masten ragen ein Dutzend weiße elektrische Bogenlampen in die
+Nacht. Sie beleuchten einen Landungskai im Hafen von Marseille. Wie ein
+langer weißer Kreideblock liegt dort ein weißer eiserner Orientdampfer mit
+Hunderten von runden, gelbleuchtenden Kabinenfenstern. Rot, gelb und weiß
+beschienene Gesichter und viele beleuchtete Hände und Arme hantieren in der
+Nacht auf der Plankenbrücke und um die klirrenden Ketten der
+Verladungskähne, wo Haufen von Koffern, Reisekörben und Reisekisten
+verstaut werden.
+
+Durch die langen, schneeweißen Korridore drinnen im Dampfer eilen
+schneeweiß gekleidete Inder mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen,
+aus prächtigen Küchen, in denen üppiges Kupfer leuchtet, in die prächtigen
+Speisesäle, die von rotem Mahagoniholz und blanken Messingsäulen, von Prunk
+und Gediegenheit strotzen, darinnen alles seltsam stille steht, indessen
+die bittere, bewegliche Seeluft durch die glühlampenhellen Räume und durch
+die Korridortüren wie ein unruhiges Fluidum streicht. Diese Seeluft, die in
+dem Schiffspalast, auch wenn er am Kai still steht, immer noch allen Räumen
+quecksilberhafte Ungeduld gibt, wie der Saft einer Pflanze, die man vom
+Wald ins Zimmer geholt hat. Ein ruhiges Schiff ist kein stillstehender
+Gegenstand, denn die Wanderluft, die auch im Hafen noch um seine Räume
+streicht, läßt es nicht schlafend und nicht tot erscheinen. Die Offiziere,
+Matrosen und Bedienungsmannschaften behalten auf dem ruhigen Schiff immer
+noch das bittere Fieber der Seeluft in der Brust, und allen erscheint Ruhe
+als ein Unglück und Wandern als das alleinige Glück.
+
+Das Schiff legt nachts in Marseille an und soll morgen um neun Uhr früh
+seine Weiterfahrt nach Asien und Japan antreten. Die meisten Passagiere
+haben für ein paar Nachtstunden das Schiff, das schon aus London kommt, zu
+einem kurzen Aufenthalt in Marseille verlassen, um wieder einmal Abendbrot
+an Land zu essen, denn das Schiff ist schon seit mehreren Tagen unterwegs
+und hat seit London keinen Hafen angelaufen.
+
+Jetzt neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die elektrischen Lampen brennen
+noch, aber der Himmel wird schon blau, und Scharen von lachenden und etwas
+kindisch heiteren Passagieren kehren aus den Nachttheatern und Nachtcafés
+der Stadt zurück. Junge Leute haben rote und blaue Kinderluftballons an
+ihre Hüte gebunden. Damen haben sich Arme voll Blumen gekauft,
+Winterveilchen von der Riviera; und alle Gesichter sehen belustigt aus, als
+kehrten diese Menschen von einem Volksfest heim. Alle haben sie nur für ein
+paar Stunden mit ihren Füßen die Erde besucht, die schöne, ruhige,
+stillstehende Erde mit ihrem irdischen Staubgeruch, und die hat die
+Passagiere im Herzen so überschwenglich und warm gestimmt.
+
+Jetzt müssen alle wieder auf die schwankenden Schiffsbretter, zurück auf
+das buckelige Meer, in die staublose, unirdische Seeluft, in der ihnen die
+Sonne noch treu bleibt, wo aber die Erde meilentief in das Wasser sinkt.
+
+Ein blauer, lauer Januarmorgen brach an. Die Lampen am Kai und im
+Schiffsinnern verloschen. Dafür zündete die Morgensonne tausend Lampen in
+den tausend Wellenspiegeln an, und die Messinggeländer des schneeweißen
+Schiffes, seine roten Schornsteine und zinnoberroten Ventilatoren
+leuchteten wie die künstliche Kulissenwelt eines Theaters, aufgebaut unter
+dem indigoblauen Mittelmeerhimmel.
+
+Am Kai standen Verkäufer von Bergen von hölzernen Segeltuchstühlen, die sie
+an die Passagiere für die weite Seereise nach Asien verkauften. An der
+Abfahrtshalle vor der Telegraphenoffice drängten sich die Reisenden,
+schrieben auf umgestülpten Koffern, Tonnen und Kisten Telegramme, -- die
+letzten Abschiedsgrüße aus dem letzten europäischen Hafen nach den
+Heimatorten.
+
+An den langen Geländern des Promenadendecks standen Kopf bei Kopf,
+Ellenbogen bei Ellenbogen. Viele kleine Kodaks knipsten und fingen das
+Hafenbild.
+
+Auf der nassen Kaimauer vor der Reihe der Packträger und Verlader hatte ein
+Athlet einen braunen Teppichfetzen ausgebreitet. An dem einen Ende des
+Teppichs tanzte in gelbem Trikot und rosa Tüllröckchen seine zehnjährige
+Tochter und klapperte mit Kastagnetten, armselig und ungeschickt.
+
+Auf der andern Ecke des Teppichs stand der Sohn des Athleten in blauem
+Trikot und spielte auf einer dünnen Violine. Auf der dritten Ecke lagen
+Gewichtsteine und Kugeln, und auf der vierten Ecke des Teppichs stand der
+Athlet selbst in schmutzig weißem Trikot und stemmte die Gewichtkugeln,
+Kanonenrohre und eisernen Wagenräder.
+
+Die Schiffssirene hat bereits mehrmals ihre gellenden Abfahrtssignale
+gegeben. Der Athlet, die kleine Tänzerin und der kleine Geiger rauften sich
+mit den Packträgern um die Kupfersousstücke, die wie ein brauner Hagel vom
+Schiff auf den Kai regneten. Scharen englischer Clerks, die nach Indien
+reisen wollten und rote, whiskytrunkene Gesichter aus dem Nachtleben von
+Marseille mitgebracht hatten, brüllten im Chor hundert «Cheers for Old
+England».
+
+Dann bewegte sich wie eine Drehbühne das mächtige Schiff vom Ufer weg. Die
+sich balgenden Leute am Ufer, die Landungshallen verkleinerten sich, als
+schrumpften sie in irgendeine Tasche hinein. Erdbilder, Felsenufer, weiße
+Kalksteingebirge, graue Dächerreihen drehten sich wie Bilder, gemalt auf
+einen Riesenkreisel, vorüber. Das Schiff schien still zu stehen, aber die
+Erde wurde zu einer ungeheuren Kugel, die sich unter dem Schiff drehte.
+
+Allmählich liefen die Bilder immer kleiner, ferner und farbloser wie
+Nebelwische vorüber, und nun nahm der gewaltige Rausch der Seeluft das
+Schiff in sich auf, und das Ungeheuer, der endlose Himmel, machte die
+lauten Passagiere still, löste nicht nur die Erde unter den Füßen, sondern
+nahm auch den Gedanken jede Festigkeit und Sicherheit, machte das Blut
+argwöhnisch, die Füße schwankend, die Gehirne ohnmächtig.
+
+Hunderte von Deckstühlen wurden an die Geländer gebunden, daß sie nicht von
+dem Seegang hin und her rutschten. Unter riesigen Reisekappen, in ungeheure
+Reisemäntel und in vielfarbige und karierte Schals gewickelt, lagen die
+Passagiere, ausgestreckt in endlosen Reihen, auf dem weißen Promenadendeck.
+Die weißgetünchten Eisenwände, die sachlichen Eisengeländer, die alle
+gerade und senkrechte Linien zeigten, flößten Sicherheit, aber auch
+Nüchternheit ein, als wäre das Schiff ein riesiger, physikalischer Apparat
+in einem Laboratorium, als wären die Menschen Präparate, die da künstlich
+aufbewahrt würden, bis zur Landung an einem andern Kontinent.
+
+Unter den Schiffspassagieren, die da in Reih und Glied in Liegestühlen auf
+den langen Decks lagen, als wären die Deckpromenaden Lazarette, fielen zwei
+Japaner auf, die von zwei deutschen Damen, einer jungen rotblonden und
+einer alten weißhaarigen, begleitet waren. Es waren die beiden Schauspieler
+Kutsuma und Okuro, die mit der Sada-Yakko-Truppe eine Europa-Tournee
+unternommen hatten und jetzt, getrennt von der Truppe, nach Japan
+zurückkehrten.
+
+Okuro hatte sich eben erst mit einer deutschen Dame verheiratet, und diese,
+welche immer mit ihrer Großmutter zusammengelebt hatte, wollte sich auch
+nicht in der Ehe von ihr trennen. Darum begleitete die achtzigjährige
+weißhaarige Alte das junge Ehepaar nach Japan.
+
+Die beiden Japaner waren europäisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter
+und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahäutigen Engländern
+auf.
+
+Ilse, Okuros junge und schöne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der
+rote Metallglanz der Goldfische.
+
+Sie trug ein smaragdgrünes Reisekleid und war unter allen den braunen,
+grauen und schwarzkarierten Engländerinnen und Engländern wie ein
+Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Fülle eines freigebigen
+Sommers.
+
+Die Großmutter neben ihr mit dem weißen Haar, das wie ein alter
+Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit
+blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und
+lautlos.
+
+Nie sind zwei Menschen fröhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als
+diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermögen durch seine Tournee
+verdient. Ilse wußte nicht, was sie mehr an ihrem Mann schätzen sollte: die
+ausgesuchte Fürsorge, mit der er sie umgab, die große Anspruchslosigkeit,
+mit der er auftrat, oder die große Leichtigkeit, mit der er alle
+Schwierigkeiten lächelnd aufnahm.
+
+Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmählich, daß ein Asiate nicht
+ist: wie fünf und fünf ist zehn, sondern daß bei ihm fünf und fünf einmal
+Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, daß sie noch nicht den
+hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte
+sie, daß seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinensüß und
+lächelnd ausgesehen hatten, plötzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft
+werden, oder sogar tödlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze,
+funkelnde Tollkirschen.
+
+Aber gerade, daß sie seiner nicht sicher war, daß sie seine Weltallruhe und
+sein göttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann
+wieder plötzlich erschrecken mußte vor tierischen Kehllauten, die er
+ausstoßen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten
+ließen, -- dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit
+einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe
+gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach
+exotischen Geheimnissen.
+
+Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen Äther des
+Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von
+Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weiße,
+blendende Schiffsgerüst in der Bläue ringsum wie der weiße Silberkörper
+eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Bläue untergetaucht wäre und
+unter den Meeren mit ihr fortschwämme. Nur das gelbe Stück Sonne oben war
+wie ein Stück Land, das in die Bläue herabschiene. Und sie hoffte, so
+verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in
+der Zukunft verändern, daß alle Begriffe sich umstülpten.
+
+Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das
+damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorüberzogen, nahm
+Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl saß und in der Dunkelheit
+nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus
+dem Mund, warf sie über Bord und sagte, schmollend in ihrer
+Flitterwochenstimmung:
+
+«Geliebter, wie kannst du rauchen und dich mit deiner Zigarette lautlos
+unterhalten? Ich bin eifersüchtig auf deine Zigarette und deine Ruhe bei
+ihr. Ich bin noch keine so alte, ruhige Frau wie meine Großmutter, welche
+einschläft, wenn du stundenlang schweigend rauchst. Ich möchte lieber, daß
+du mich erwürgst, ins Meer wirfst, oder irgend etwas Böses mit mir tust,
+aber ich mag nicht, daß du so ruhig und gleichgültig neben mir rauchst. Wir
+kennen uns noch nicht auswendig. Nur ist das, als wärest du mir untreu,
+wenn du die Zigarette mehr liebst als mich.»
+
+Darauf antwortete der junge asiatische Ehemann:
+
+«Wenn ich Diener brauche, die dich und mich bedienen, so bin ich deshalb
+nicht ein schwacher Mann, der sich nicht selbst bedienen könnte. Wenn ich
+eine Zigarette brauche, die mir Ruhe gibt, so habe ich deshalb dich nicht
+aus meinem Herzen verstoßen, denn dich brauche ich natürlich erst recht zu
+meiner Ruhe. Die Zigarette allein würde mich nicht genügend mit Ruhe
+bedienen.»
+
+Ilse fuhr schnell und heftig auf:
+
+«Wenn du vielleicht statt der Zigarette eines Tages eine andere Frau
+brauchst, die dich mit Ruhe bedienen müßte, dann dürfte ich auch nicht
+unruhig werden, Okuro?»
+
+Dieser lächelte und sagte noch ruhiger:
+
+«In Japan liebt ein Mann seine Frau immer, so lange er sie nicht
+fortschickt. Und Frauen fragen bei uns nicht nach den Wegen, die ein Mann
+gehen muß, und die ihn zum Manne machen.»
+
+Ilse wurde noch heftiger:
+
+«Du darfst also viele Frauen lieben, wenn es dich zum Manne macht? Und ich
+soll keinen Schmerz empfinden, wenn du deine Nächte mit anderen Frauen
+teilst und deine Umarmungen, deinen Leib und dein Herz anderen Frauen
+gibst, wo ich doch dachte, daß der Tag der Hochzeit dich mir ganz und gar
+geschenkt hätte?»
+
+«Nicht _ich_ bin _dein_, sondern _du_ bist _mein_ geworden», antwortete
+ruhig der Japaner. «_Ich_ bin _ich_ geblieben und bin nur durch dich mehr
+geworden. Aber du bist seit dem Tag unserer Hochzeit nach unseren
+asiatischen Begriffen verschwunden und bist nicht mehr.»
+
+«Ich bin also schon», lachte Ilse, «an dem Tag unserer Hochzeit ins
+Nirwana eingegangen und gehöre jetzt zu den Toten?»
+
+«Ja, Ilse, größtes Glück ist Nirwana. Und die Frau, die sich nicht um das
+wirkliche Leben zu kümmern braucht, um Geldverdienen und Staatsgeschäfte,
+kann deshalb schon am Tag ihrer Hochzeit ins Nirwana eingehen, der Mann
+erst am Tage seines Todes.»
+
+«Aber ich will gar nicht im Nirwana sein, wenn du nicht darin bist», rief
+die junge Frau eigensinnig. «Und so lange du im gewöhnlichen Leben bist,
+will ich auch eine gewöhnliche Lebende sein.»
+
+Okuro sagte ruhig: «Die Götter haben euch Frauen keine Knochen gegeben, um
+im gewöhnlichen Leben so fest zu stehen wie der Mann.»
+
+Dieses war das erste von hundert ähnlichen Gesprächen, welche Ilse und
+Okuro, in ihren Deckstühlen liegend oder um die Schiffsschornsteine
+promenierend, morgens, mittags und abends führten. Seit Europa verschwunden
+war und das nach Asien schweifende Meer vor ihnen lag, bauten sich die
+Gedankenwelten der beiden Neuvermählten in der Leere des Meeres wie die
+Ufer von zwei einander gegenüberliegenden Ländern voreinander auf.
+
+Nie hatten die beiden in den lebendigen Alltagstunden des zerstückelten
+Tageslebens von Berlin, wo sie sich kennen gelernt hatten, Muße gefunden,
+mehr voneinander zu sehen als nur leichte Beleuchtungen, unterhaltende
+Augenblicksbilder ihres Herzens. Jetzt aber, unter der unendlichen Weite,
+auf der Reise über die halbe Erdkugel, die vor ihnen lag, unter der
+Riesenruhe des körperlosen Himmels und des unbegrenzten Wassers und in der
+Ruhe der unendlichen Einförmigkeit des kasernenhaften Schiffslebens,
+wuchsen die Betrachtungen der beiden wie meilenlange Seeschlangen, die
+unterirdisch dem Schiff folgten und hie und da in großen Wellenlinien an
+die Oberfläche kämen.
+
+Bei dem ersten Gespräch von dieser Art, das bei Nacht in der Meeresenge von
+Messina geführt wurde, sahen sich die beiden nicht. Ihre Deckstühle standen
+im Schatten von großen Rettungsbooten, und es war zu der späten Stunde, da
+die Deckbeleuchtung der gelben Glühbirnen halb gelöscht ist. Es fehlte
+diesem Gespräch das Echo der Gesichtsmienen und Bewegungen, und da es als
+erstes Gespräch nicht zu Ende geführt wurde, und da sie danach nur immer
+ihre Stimmen im Ohr und nicht ihre Gesichter gesehen hatten, so blieb
+dieses Gespräch wie ein ewig dunkler verborgener Keim, der auf dem
+beweglichen Schiff und auf der Bodenlosigkeit der Meerestiefe keine Wurzel
+fassen und nicht ausgerissen werden konnte, sondern mit ihnen schwamm und
+anwuchs wie ein millionenfingriges Seegewächs.
+
+Als Ilse und Okuro die erste Landstation, die lange, weiße Molenmauer von
+Port Said, unter dem grünlichblauen Afrikahimmel sahen, da hingen die
+Gespräche über die verschiedene Denk- und Empfindungsweise der beiden wie
+der Schaum des Fahrwassers hinter ihrem Schiff. Ihre Gedankenwelt
+schrumpfte aber sofort ein und verflüchtigte sich zu einer angenehmen
+Gedankenlosigkeit, als die beiden mit Kutsuma und der Großmutter für ein
+paar Stunden in den langen Bazarstraßen von Port Said unter Ägyptern,
+Arabern, Abessiniern in den Straßencafés saßen und den Millionärstöchtern
+der Amerikaner zusahen, die, mit den üppigsten Pelzen bekleidet, hier in
+dem nächtlich kühlen Ägypten landeten und den kleinen Port Saider Bahnhof
+belagerten, um den Schnellzug nach Kairo und in das Wüstenland nach Heluan
+zu besteigen.
+
+Sowie sich Ilse von schwarzhäutigen Afrikanegern in langen weißen und
+blauen Leinwandhemdkleidern umgeben sah, von schwarzen Schultern und
+Gesichtern, die wie eine Schar lebendiggewordener riesiger Kaffeebohnen
+hier am Kai durcheinanderliefen, fühlte sie sich magdhaft, fraulich und
+sehnte sich schutzsuchend neben ihrer Großmutter nach ihrem Mann. Wenn sie
+sich dann umsah und hinter ihr Okuro und Kutsuma gingen, fühlte sie keine
+Sicherheit, keine Ruhe, denn die zierlichen gelbhäutigen Japaner waren hier
+in Afrika noch weniger zu Hause als in Europa; und Okuros gelbe
+Gesichtsfarbe erschien ihr lächerlich und leichenhaft neben der schönen
+Pulverfarbe der Afrikaner.
+
+Hier am Land waren es jetzt nicht nur die Gedanken der Europäerin, die
+gegen die Gedanken des Asiaten Wortgefechte führten. Es war noch schlimmer:
+es war der Körper selbst, der dem Herzen abtrünnig zu werden schien.
+
+Als sie am Abend zum Schiff zurückkehren mußten, ging die junge Frau früher
+als sonst zu Bett. Sie schloß ihre Augen hartnäckig und stellte sich
+schlafend, als Okuro ihr Haar streichelte und ihr ein paar zärtliche Worte
+zuflüsterte.
+
+Ilse hütete sich wohl, der Großmutter am nächsten Tag von ihren wankenden
+Gedanken und Gefühlen zu erzählen. Auf dem Weg über das Mittelmeer nach
+Afrika hatte sie geglaubt, es sei der schwankende Schiffsboden, der sie
+selbstquälerisch und heimatlos stimme, und auf dem sie sich behaupten
+müsse. Aber der Spaziergang in Port Said hatte sie noch mehr erschreckt,
+und sie konnte sich nicht der Überlegung erwehren, ob sie von jetzt an
+schweigen und asiatisch dulden oder sich auflehnen und europäisch behaupten
+müßte.
+
+Trotzdem lachte sie äußerlich. Ihr rotgoldenes Haar strahlte schon allein
+ein reiches sommerliches Lächeln; Ilse war im Grunde viel zu genußsüchtig,
+als daß sie unter Gedanken lange hätte leiden mögen, und es schien, als
+ließe sie ihr rotes Haar immer gern wie zu einem täglichen Lebensfest
+leuchten.
+
+Die Deckbevölkerung hatte sich vermehrt und verändert. Reiche indische
+Kaufleute in europäischer Kleidung, aber mit sehr viel Ringen und goldenen
+Uhrketten geschmückt, standen wie die Schatten der weißen Leute auf den
+langen Schiffspromenaden herum, hatten die Augen von guten Waldtieren oder
+von eiteln Tropenvögeln. Die schmalen Messingstiegen, die vom
+Promenadendeck der ersten Klasse in das tiefere Zwischendeck
+hinunterführten, waren drunten belagert wie von einer Maskerade.
+Mekkapilger mit smaragdgrünen Turbanen, buddhistische Mönche in senfgelben
+Mänteln, türkische Hausierer in dunkelblauen und violetten Kaftanen, nackte
+Fakire, in dicke Stricke und Muschelketten gekleidet, indische Handwerker
+in weißen Schleierhosen, roten Sammetwesten und goldgestickten Kappen und
+die braune indische Schiffsbemannung des englischen Dampfers in blauen
+Hosen und roten Schärpengürteln mit tigerartig geschmeidigen nackten
+Oberkörpern, und die alle barfuß wie die Tiere auf dem Feld
+durcheinanderliefen, vervollständigten das Papageienbild des Zwischendecks.
+
+Das Schiff wanderte und wanderte, beladen und belastet mit den hundert
+verschiedenen Ideenwelten von hundert verschiedenen Rassen. Es hatte die
+lange Sandwüstengasse des Suezkanals passiert, wo der Sand auf Meilen wie
+gelber Goldstaub lag, und wo weiße Salzlakenmoore gleich weißen Eisflächen
+glänzen. Auf die Öde und den Stillstand dieses Landes folgte die höllische
+Glutbrunst des Roten Meeres, wo das Meer nicht rot vor Korallen ist,
+sondern rot wird von der Hitze, mit der es deine Augen brennt, wo die Sonne
+wie ein Feuereimer das Tageslicht gleich rotem, flüssigem Metall ausgießt,
+wo violette Steingebirge in Nubien dastehen und gegenüber in Arabien
+solche, die silbernen Aschenhaufen gleichen, wo der Berg Sinai als
+Silhouette am Himmel vor Hitze zittert.
+
+Die Arbeit der indischen Matrosen auf dem Schiff besteht jetzt den ganzen
+Tag darin, die Segeldächer über den langen Schiffspromenaden über den in
+Reihen hingestreckten und vor Hitze aufgelösten Passagieren zuzuziehen und
+je nach dem Stand der Sonne anders zu stellen. Mit Strohhüten und weißen
+Sommerkleidern liegen Herren und Damen wie am Rand einer Strandpromenade,
+vor Hitze aufgedunsen, als wäre das Blut von der Hitze in den
+Menschenkörpern zu Rotwein geworden, als wären die Reisenden vom Alkohol
+betäubt und blau gedunsen, -- so liegen die Scharen der Reisenden wie in
+einer betrunkenen Schlafwelt auf der dreitägigen Fahrt durch das Rote Meer.
+
+In den Schiffssälen bewegen sich an der Decke lange weiße Leinwandfächer,
+die gleich den Stoffen eines Bühnenhimmels quer durch die Räume gezogen
+sind und sich wie ein weißer Wellengang über die Köpfe der Speisenden
+bewegen, aber keine Kühlung geben und nur die brühwarme Meeresluft von
+einem Gesicht zum andern schicken.
+
+Das große geheizte Schiff wandert und wandert. Die Fernrohre entdecken
+täglich wieder Afrika auf der einen Seite, Arabien auf der andern. Das
+glühende Schiff schleppt am Tage die Sonne wie einen Riesenballast mit. Am
+Abend scheint der Himmel zur Wüste ausgetrocknet zu sein und wird goldgelb
+wie Wüstensand. Dann stehen über Afrika lange schilfgrüne Wolken, gleich
+spukhaften Erscheinungen unwirklicher grüner Felder. Jetzt nach
+Sonnenuntergang werden die Segeldächer gerafft. Die Reisenden, die vor
+Hitze nicht hatten sprechen können, und jeder Mund, der geglaubt hatte, es
+würden ihm Flammen aus der Lunge fahren, beginnen den Abend zu bewundern,
+der aber immer noch heißer bleibt als ein europäischer Julitag.
+
+In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht
+Europäerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst,
+der oben über dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiterzog. Sie
+brauchte keine Nachsicht zu üben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich
+sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein.
+Und jeder Menschenkörper war heißes Metall geworden und begriff kaum mehr
+die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und
+Vergänglichkeit, von Gegenwart und Zukunft.
+
+Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse
+und Okuro so eng und sinnlich zusammen wie nie vorher, wie nicht einmal
+die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte
+von Deckstühlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend,
+zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen
+Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne daß sie ihre Arme
+ausstreckten und sich berührten, ohne daß ihre Lippen sich fanden, lagen
+sie mit dem Gefühl großer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen
+Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng
+vereinigt.
+
+Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom
+Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse
+lehnte in ihrem langen weißen Abendkleid am Schiffsgeländer, Okuro neben
+ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der
+afrikanische junge Mond. Und sie sagte, daß sie seine Hände so liebe, die
+nie einen Ring trügen, die Knöchel hätten, fein und stark wie die kräftigen
+Federposen elastischer Vogelflügel. Und sie sahen beide den in weißen
+elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen
+Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten.
+
+Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und
+bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das
+Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den
+beiden, je länger sie sich über das Geländer lehnten, die Welt auf den
+Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe
+und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Füßen zurecht,
+wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer
+Kabinentür, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut
+aneinander pochen ließen.
+
+Dann rückte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mächtiger,
+dunkelbrauner, ausgedörrter Berg heran, zu seinen Füßen lange, rote
+Kasernendächer: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tür
+in den Indischen Ozean; und im grüngelben Abendhimmel blieb das Meer
+zurück, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das
+Dampfschiff draußen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben
+zurück, und zurück blieben die Länder, wo der Halbmond regierte, und die
+graue arabische Felsenküste, auf der weiße Minaretts am Nachmittag gleich
+weißen Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll
+Harems und Frauen träumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich
+ölgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresfläche im Osten
+lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stündlich nähernde
+Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten.
+
+Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken
+über Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle
+Menschenkörper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die
+Menschen wurden wieder selbständig und dachten wieder ihren eigenen
+Gedanken nach.
+
+Eines Abends saß Ilses Großmutter allein am Ende des Promenadendecks. Große
+Sternbilder der fremden Südzone stiegen aus der Meerestiefe auf und
+wanderten über die Masten des Schiffes fort.
+
+In der Nähe der Dame saß nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine
+große indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Märsche trommelten, und
+sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die
+Sterne hob, von Enttäuschung, wenn es wieder in die Leere sank.
+
+«Wie viele Gedanken mögen an den Sternen hängen», dachte die alte Dame.
+«Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier
+unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie
+eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfäden
+abspinnt.»
+
+«Sehen Sie, Herr Kutsuma», sagte die alte Dame, «Sie sagen immer, mein Haar
+sei so weiß wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat
+Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, daß
+Ilse für ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit
+ist nicht gesagt, daß Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse
+finden und ohne Ilse sehr glücklich werden könnte.»
+
+Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Schoß, sah auf und sagte:
+
+«Ich bewundere immer, wie großartig die Europäer die Welt einteilen können,
+die Länder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Längengrade;
+in alles Irdische bringen die Europäer Zahlen und Ordnung. Aber sie
+erfinden kein System für ihre Gefühle, wollen kein System anerkennen für
+das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als
+aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nicht als etwas
+Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann.»
+
+«Aber, mein Herr», unterbrach die weißhaarige Dame ungeduldig Kutsuma,
+«Gefühle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefühle sind doch das
+Unbegrenzte am Leben! Liebesgefühl kann Unordnung und Ordnung zugleich
+geben: Liebesgefühl ist eine Hasardnummer, man setzt auf Rouge oder Noir.
+Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefühl in Ordnung
+mit sich selbst kommen könnte. Wer liebt, wünscht glücklich zu machen, aber
+das Leben muß erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen
+hat.»
+
+«Wo Liebe ist, ist ewiges Glück», sagte der Asiate. «Wo ein Wechsel
+eintreten kann, war die Liebe nicht vollständig. Ihr Europäer wünscht, daß
+der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie höher halte als sich
+selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, daß sie den Mann bediene und
+sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe
+zwischen Mann und Frau.»
+
+«Sehr weise gesprochen», sagte die alte Dame. «Aber lassen Sie jetzt auch
+den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heißt: vertrauen
+Sie den Gedanken, die unter meinen weißen Haaren entstanden.
+
+Das Kostbare an der Liebe ist, daß sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und daß
+weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen
+Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europäischen Liebe in
+ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein,
+immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die
+Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genusses
+verwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich
+vorstellen, daß sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbärmlicher
+chemischer Prozeß bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein
+System fassen läßt.»
+
+Der Asiate schwieg lange und ließ die Sternbilder wandern. Dann sagte er
+und faltete seine Landkarte zusammen:
+
+«Die Götter in Europa haben euch Europäer nicht umsonst Mikroskope für eure
+Augen konstruieren lassen. Ihr könnt auch eure Liebesaufregung unter ein
+Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euren Fenstern, so seht ihr die
+Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europäer könnt über Dinge
+sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben.»
+
+Die alte Dame antwortete:
+
+«Ihr Asiaten könnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswürdige
+und bescheidene Kinder eurer Götter, und wir sind vorwitzig. Wir müssen
+unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den
+Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen
+und Freuden.»
+
+Kutsuma spricht eifriger:
+
+«Wir haben nur immer von den Indern den Kreislauf der Seele zu beobachten
+gelernt. Aber die Liebesleidenschaft haben wir nicht als Lebenswert
+untersucht und haben die Liebe nicht auf die Höhe gestellt wie ihr in
+Europa. Aber seit ich bei euch war, begreife ich, daß die Zukunftswelt die
+Liebesleidenschaft als Weltmittelpunkt erkennen wird. Nicht die Weltruhe,
+nicht das Nirwana, wie wir in Asien immer glaubten, und nicht den
+Weltschmerz und das Weltmitleid, wie euer vergehendes Christentum immer
+glaubte; die Liebesleidenschaft ist für jeden, der sein Leben ernst nimmt,
+sein Gott, der ihm Leben und Tod gibt. So sagte auch gestern Okuro zu mir,
+als wir bei Aden das Rote Meer verließen, er sagte mir, er würde nie mehr
+mit Ilse über die Meinung streiten, die sie als Europäerin von der Ehe hat.
+Sie macht ihn mit jeder Meinung glücklich. Sein Blut ist so zufrieden von
+ihrem Blut, daß er nicht mehr nach Lebensgebräuchen und Lebenssitten fragt,
+daß er ihr zuliebe ein Europäer werden will auch in seiner Heimat. Seine
+Liebe ist jetzt so groß, daß er meinungslos geworden ist.»
+
+Kutsuma wartete auf einen Freudenausbruch der Dame. Und als der junge Mann
+keinen Laut als Antwort erhielt, empfand er mit einemmal das Schweigen
+zwischen sich und der alten Dame wie einen Abgrund, als wäre sie über einen
+Ozean vor ihm und seinen Worten zurückgewichen.
+
+Lächelnd suchte Kutsuma eine Verbindung herzustellen und sagte:
+
+«Warum schweigt der Abendschnee am Hirayama? Er, der mir vorhin so schöne
+weite Gedanken gab?»
+
+Da seufzte die alte Dame:
+
+«O, wie unglücklich sind die gütigen Liebenden! Güte in der Liebe bringt
+Unglück. Liebe ist nie gütig, Liebe fordert, mißhandelt, vergewaltigt. Von
+zwei Liebenden muß einer der Stärkere werden. Der Mann muß die Frau
+unterjochen, er kann ihr ja den Wahn ihrer Selbstherrlichkeit lassen, wenn
+sie es noch nötig hat. Aber er darf nicht gütig meinungslos werden.
+
+Sagen Sie das zu Okuro! Das sei die Ansicht dieser weißen Haare. Und
+immer, wenn er meine weißen Haare sieht, die ihr Japaner mit dem
+Abendschnee von Hirayama vergleichet, soll er stark werden, soll nicht vor
+Ilse meinungslos werden. So wie der Schnee am Hirayama nie zu schmelzen
+ist, so soll sein Wille von keinem Frauenwillen zu schmelzen sein. Nur dann
+macht er Ilse glücklich.»
+
+Kutsuma betrachtete andächtig den weißen Kopf der alten Dame, so andächtig,
+wie nur ein Japaner im Abend am Biwasee den Schnee von Hirayama betrachten
+kann. --
+
+Ceylon mit seinen wolkenblauen, glänzenden Bergen, die voll Amethysten und
+Mondsteinen liegen, wurde von dem wandernden Schiff für einen Tag berührt.
+Dann zog die magnetische Ferne das Schiff weiter nach Osten. Und Ilse
+träumte sich Palmenwälder aufs Meer, denn sie wußte: rings waren Küsten mit
+heiligen indischen Wäldern und heiligen indischen Tempeln. Und ringsum an
+den Küsten lebten Völker, die so gut waren, daß sie den Schlaf eines Tieres
+heilig hielten, -- den Schlaf des geringsten Straßenhundes, dem es einfiel,
+mitten in den verkehrsreichsten Städten sich in die Sonne zu legen und zu
+träumen. Kein Fußtritt verjagt den Träumenden, denn jeder Traum, auch der
+Traum eines Hundes, ist ein Paradies, das sich für Augenblicke auf die Erde
+senkt. Darum wird auch der Schlaf der Tiere mit Ehrfurcht behandelt. Keine
+Peitschen knallen, nur Silberglocken am Kutschbock treiben die Pferde an.
+Über alles das dachte sie oft mit Scheu nach.
+
+«Wie seltsam», meinten die beiden Japaner und die beiden Europäerinnen,
+«daß Europa und Asien nebeneinander auf derselben Erde liegen, sie, die
+weniger zusammengehören als Erde und Mond. Europa gibt seinem Leben das
+Sprichwort: Zeit ist Geld. Und Asien beachtet weder die Zeit noch das Geld.
+Es ist erstaunlich, daß die einfache Schiffsschraube, die nichts tut, als
+sich drehen, uns aus der Welt der Begriffe von Zeit und Geld in die Welt
+der entgegengesetzten Begriffe befördern kann, ohne daß wir dabei daran
+zugrunde gehen oder erst sterben müssen.»
+
+«Am seltsamsten», sagte die alte Dame, «ist es für mich, die ich schneeweiß
+aus Europa komme. Ich glaubte mich schon am Ende meines Lebens; und ohne
+daß ich eine neue Inkarnation eingehen muß, verjüngen und erwärmen sich
+hier in Asien meine Gedanken. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wundere
+ich mich, daß ich immer noch den Schnee auf meinem Kopf trage.» --
+
+Das Schiff hatte Hinterindien, Penang und Singapore passiert und drang in
+das Chinesische Meer.
+
+In Singapore aber war Ilse aus ihren indischen Träumen gerissen worden.
+Dort, wo die Chinesen wie der Sand am Meere sind, wo die gelbe Rasse die
+braune Rasse verdrängt, wo Ilse noch gelbere Menschen als die gelben
+Japaner sah, während ihr das Reisen schon wie das Wandern des Blutes in
+ihrem Körper zur Gewohnheit geworden war, -- überfiel sie ein Schrecken und
+eine Angst vor der Zukunft. Die schlitzäugigen Menschen entsetzten sie. Die
+geschlitzten Augen, die hervorstehenden Backenknochen schienen ihr die
+Gesichter zu verkrüppeln.
+
+Am Abend, als sie mit ihrer Großmutter aus Singapore an Bord des Schiffes
+zurückkam und der Himmel voll gelber Abendwolken gleich tausend gelben
+Chinesengesichtern war, ging sie nicht in ihre Kabine zu ihrem Mann. Sie
+eilte in die Kabine ihrer Großmutter, drückte ihr Gesicht in die Hände der
+alten Dame und schluchzte.
+
+«Kind, Kind, ich weiß es», sagte die alte Dame. «Ich habe dasselbe gedacht
+wie du heute. Aber laß die Zeit verstreichen. Die Zeit bringt Gewohnheit,
+und Gewohnheit kann dich wieder glücklich machen. Wenn die Erde hier auch
+fremder ist als ein fremder Planet, wir stehen doch noch mit den Füßen auf
+derselben Erde, und wir werden auch mit der gelben Rasse gut Freund
+werden.»
+
+«Ich nicht», sagte Ilse. «Sieh mein rotes Haar an, sieh meine weiße Haut
+an. Ich habe nicht daran gedacht, daß ich unter eine ganze Welt von gelben
+Menschen komme. Okuro war mir lieber, als er, allein, eine Kuriosität in
+Europa war. Aber jetzt ging er heute vor mir unter in der Flut der gelben
+Gesichter, als wäre er im Chinesischen Meer ertrunken. Ich will heute nacht
+nicht in seiner Kabine schlafen. Ich werde bei dir bleiben, Großmutter, und
+im nächsten Hafen fliehen wir und kehren um nach Europa. Es ist mir, als
+ginge ich bis zum Hals im gelben Lehm und erstickte, wenn ich unter den
+gelben Menschen bleiben muß.»
+
+«Kehre nicht um, Kind! Die Gewohnheit wird dich glücklich machen»,
+wiederholte die alte Dame.
+
+«Großer Gott, welch ödes Glück dann! Gewohnheit ist das Glück der
+Dienstboten, nicht das der Herrschaft, hast du immer weise gesagt,
+Großmutter. Und jetzt gibst du deine Weisheit auf, nur um mich zu trösten!
+Neulich sagtest du noch, daß das Liebesglück ein Zuviel im Blut haben
+müsse, einen Überschwang. Dieses Zuviel wird unter diesen gelben Menschen
+nie mehr zu mir zurückkommen.»
+
+Die beiden Frauen umarmten sich leidvoll und saßen miteinander auf dem
+Rand des Kabinenbettes in dem kleinen weißlackierten Raum, und saßen eine
+Stunde still, ohne sich zu rühren, und waren beide weit fort aus dem
+Schiff. Beide gingen durch die Straßen von Europa, beide verstummt vor
+Sehnsucht nach der Heimat und beide von neuem aufschluchzend, als sie sich
+ansahen und sich vom Schiff weitergeschleppt fühlten. Sie wunderten sich im
+stillen, daß das im Wasserdruck knisternde Schiff vom Heimweh zweier
+Menschen nicht zum Sinken gebracht würde.
+
+Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Großmutter und ließ sich
+durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen.
+
+Was dann in dieser Nacht geschah, weiß kaum ein einziger, der sich im
+Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzählen.
+
+Die alte Dame fühlte sich plötzlich durch einen Stoß mitten im Schlaf aus
+dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen
+mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten
+im Meer still zu liegen. Statt der taktmäßig arbeitenden Maschinenschraube
+herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer
+aufrichtete, auf den sie gefallen war, faßten sie zwei Männerhände, zogen
+sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr
+entgegenschoß, schäumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich
+windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefüllt zu sein schien.
+
+Statt der Schiffstreppen fühlte sie Menschenkörper unter ihren nackten
+Füßen. Die Männerhände und das sich türmende Wasser hoben sie wie mit
+Hebeln über tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf
+einen andern Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht
+neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam.
+Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getümmel der sich Rettenden, Okuro,
+der ihre Hände hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich
+eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich:
+«Ilse!», und Okuro verschwand.
+
+Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Männern, die wie
+in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und
+Affen geworden wären, sich stießen, übereinandersprangen, in dem
+Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Stühle
+verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt «Hilfe!» riefen,
+trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehörigen
+schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten.
+
+«Ilse, Ilse!» rief die alte Dame immer wieder, als könnte sie mit dem
+gerufenen Namen einen Menschen erschaffen.
+
+Das vom Meerwasser durchtränkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende
+schwere Haut um den zitternden Körper. Aber sie rutschte noch mit den
+letzten Kräften von den Knäueln der Menschen fort, die mit den Armen um
+sich schlugen, fort von diesen Skelett-Menschen, welchen die Sekunden des
+Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten.
+
+Ein paar wahnsinnig gewordene Männer wurden neben ihr von Matrosen
+gefesselt. Ein paar andere strengten sich an, einen der
+Glühlichtkronenleuchter von der Decke zu reißen, und zerschlugen mit den
+Fäusten die gläsernen Birnen und schrien: «Wir wollen kein Licht! Wir
+wollen nichts sehen.»
+
+Ein Mann biß sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem
+Kopf, und die Frau lachte und schrie: «Mein Lieber! Mein Lieber!» Das Blut
+rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzückung
+aus den Höhlen.
+
+Die alte Dame kroch zu einer Kabinentür, die weit offen stand. Da sprang
+ein wahnsinnig gewordener Malaye mit zwei Messern in den Händen über sie
+weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen
+schrien, stach nach den Männern, die unter dem Kronleuchter hingen, und
+kniete sich dann auf den Rücken des Mannes, der sich in den Arm der Frau
+hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzückter als der wahnsinnige
+gelbe Malaye, der den weißen Rücken ihres Mannes mit den blutigen Messern
+bearbeitete.
+
+Neue Matrosen stürzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter
+der Türe sah die alte gerettete Dame die Flügel einer riesigen silbernen
+Windmühle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit
+ihren steilen weißen Strahlen die Nachtluft zertrennten.
+
+Am Schiffsgeländer neben ihr erkannte sie im weißblauen Licht des
+Scheinwerfers zwei Männer, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen.
+Die Dame schrie mit ihren letzten Kräften: «Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse!»
+Dann sah sie, wie der eine Mann den andern mit dem Kopf an das
+Messinggeländer schlug und dann den niedergeschlagenen zärtlich aufhob und
+auf den Ruf: «Ilse, Ilse», sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmächtigen
+aus dem weißen Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der
+Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales
+erschienen, fielen beide Männer wie tot an der Türschwelle nieder. Es waren
+Okuro und Kutsuma.
+
+«Ilse», keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden
+Japanern ohnmächtig hin. --
+
+Die Geretteten hörten am nächsten Tag, daß im Mondnebel ein Zusammenstoß
+zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden,
+stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den
+Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch
+Ilses Leiche an Bord gebracht.
+
+Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurück und belog ihn und sagte ihm,
+Ilse wäre mit ihrer Großmutter gerettet. Denn er fürchtete, daß sein Freund
+sich nochmals ins Wasser stürzen würde, wie er es beim Untergang des
+Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand.
+
+Aber Okuro war bei der Lüge seines Freundes ungläubig, schüttelte den Kopf
+und sagte:
+
+«Ich weiß, daß Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war für mich schon nach
+Europa zurückgekehrt, und sie war für mich schon tot, ehe das
+Schiffsunglück eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst würde sie vor mir
+stehen. Sonst wäre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben.
+Ilse kehrt nicht wieder.»
+
+Nach den wahnwitzigen Kämpfen und Aufregungen der Unglücksnacht blieb Okuro
+von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur
+stundenlang seine Hände, welche Ilse immer geliebt hatte. -- Er, die
+weißhaarige Großmutter und sein Freund Kutsuma saßen wie Wandbilder
+schweigend nebeneinander auf den Deckstühlen des nach Japan wandernden
+Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen.
+
+Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom
+Schiffsgeländer zurückzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische
+Kraft zu haben für alle die Schiffbrüchigen, welche Angehörige in der
+Unglücksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt plötzlich ins
+Wasser, Männer, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Männern
+wollten.
+
+Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im
+Frühnebel, die Silhouetten der vielfach gekrümmten uralten Bäume, die
+zierlichen Hügel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder.
+
+Die beiden Japaner erwachten aus der Totenstille, und nur die weißhaarige
+Dame blieb stumm, und ihre Augen sagten müde: Seit Ilse tot ist, ist die
+Erde für mich ein Sargdeckel geworden. Ich möchte mich auch in den Sarg
+legen.
+
+Als die Schiffsbrücke in Nagasaki herabgelassen wurde und unten Motorboote
+voll von Angehörigen der japanischen Reisenden beim Schiff anlegten, sahen
+die Leute, welche Okuro und seine junge Frau erwarteten, zu ihrem Erstaunen
+den berühmten Schauspieler die Schiffstreppe herabsteigen, mit seinem Arm
+eine alte, weißhaarige Dame stützend.
+
+«Ist Okuro deswegen nach Deutschland gereist, um sich eine alte Dame, die
+weiß ist wie der Abendschnee am Hirayama, zur Frau zu holen?» fragten sich
+seine Freunde verwundert. Aber niemand lachte. --
+
+Unter Okuros Freunden war ein japanischer Schriftsteller, welcher den
+Eindruck nicht vergessen konnte, welchen die weiße alte deutsche Dame auf
+ihn gemacht hatte, die als vermeintliche Frau des Okuro am Arm des jungen
+Japaners ans japanische Land gestiegen war. Dieser Schriftsteller schrieb
+ein Drama; und nachdem Monate vergangen waren und die alte Großmutter von
+deutschen Freunden nach Europa zurückgebracht worden war, las er sein Drama
+Kutsuma und Okuro vor.
+
+Kutsuma, welcher in Japan Frauenrollen spielte, war sehr begeistert von der
+Rolle der Ilse, und Okuro sollte die Rolle der weißhaarigen Großmutter
+spielen. Der Schriftsteller hatte das Stück den «Abendschnee auf dem
+Hirayama» genannt.
+
+Der Abend der Vorstellung kam, und Okuro trug eine Perücke aus weißer
+Seidenwatte. Nie hatten die Zuschauer eines japanischen Theaters ein
+lebhafteres und atemloseres Spiel gesehen. Nur einige murmelten und
+wunderten sich, daß der junge Ehemann das Drama spielen wollte, das sich
+erst vor Monaten ereignet hatte. Und viele nannten ihn herzlos und
+gefühllos, weil er den Tod seiner jungen Frau nicht ernster nahm als ein
+Drama.
+
+Der letzte Akt kam und die Szene, wo die gerettete Großmutter aus der
+Kabinentür kriecht und während des Schiffsunglücks nach Ilse schreit. Sie
+tastet sich vorwärts. Aber statt dessen richtet sich der die Großmutter
+spielende Okuro auf und springt an die Theaterrampe vor, streckt die Arme
+ins Publikum, und statt in Wehklagen über die Ertrunkene auszubrechen, ruft
+er:
+
+«Seht mich aus dem Schrecken neugeboren und weise und kühl geworden, wie
+der Abendschnee am Hirayama! Klatscht in die Hände, klatscht Beifall dem
+Größten, dem Gott des Unglücks, der die Herzen erlöst, der männlicher ist
+als das Glück, der einen Willen hat, wenn das Glück keinen mehr hat.
+Gedankenvoller, als der Schnee am Hirayama über dem Biwasee im Abend
+scheint, ist der Blick des Unglücks, wenn er sich auf uns richtet,
+feierlicher und gigantischer ist die Weisheit des Unglücks und ragt über
+alles Wissen. Ich beweine sie, die Ertrunkene, nicht, und ihr sollt auch
+mich nicht beweinen, der ich die Gunst des größten Gottes genoß, die Gunst
+des Unglücks, das heiliger ist als der Augenblick des Glückes.»
+
+«Klatscht Beifall!» rief Okuro noch einmal; und dann kam Kutsuma, der, als
+Ilse verkleidet, jetzt ertrunken sein sollte und nicht mehr zu erscheinen
+hatte, und fing den wahnsinnig gewordenen Freund in seinen Armen auf.
+
+Die Zuschauer sahen noch, wie Kutsuma dem Okuro die weiße Perücke vom Kopfe
+riß, um ihm Luft zu machen und sein Gehirn zu kühlen. Da -- mit einem
+einzigen Ausruf des Schreckens erhob sich das ganze Theaterpublikum; denn
+Okuros Haar war unter dem Spiel vor Schmerz so weiß geworden wie die Watte
+der weißen Perücke. Einer im Theater wies es dem andern und wurde
+ehrfürchtig vor der Seele des Liebenden, die hier größer als die Kunst des
+Schauspielers gespielt hatte.
+
+Alle im Theater weinten; und keiner, der je zum Biwasee kommt und den
+Abendschnee am Hirayama bewundert, vergißt der Geschichte des Liebenden zu
+gedenken, den das Unglück weiß wie Schnee machte.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen 7
+ Den Nachtregen regnen hören in Karasaki 36
+ Die Abendglocke vom Miideratempel hören 65
+ Sonniger Himmel und Brise von Amazu 79
+ Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen 96
+ Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen 115
+ Das Abendrot zu Seta 137
+ Den Abendschnee am Hirayama sehen 155
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43361 ***
diff --git a/43361-8.txt b/43361-8.txt
deleted file mode 100644
index c9d3639..0000000
--- a/43361-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5512 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey
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-Title: Die acht Gesichter am Biwasee
- Japanische Liebesgeschichten
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-Author: Max Dauthendey
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-Release Date: July 30, 2013 [EBook #43361]
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-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHT GESICHTER AM BIWASEE ***
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-Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-Anmerkungen zur Transkription:
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-Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, offensichtliche
-Druckfehler wurden berichtigt. Im Original-Frakturtext gesperrt gedruckte
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- [Illustration: Cover]
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- Max Dauthendey
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- Die acht Gesichter am Biwasee
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- Japanische Liebesgeschichten
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- [Illustration: Signet]
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- Albert Langen / Georg Müller / München
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- Auflage 110000
- Copyright 1911 by Albert Langen, München
- Printed in Germany
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-Die acht Gesichter am Biwasee
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-«Neue Brüder sind sichtbar geworden», riefen die Japaner schon vor hundert
-Jahren. «Bäume, die früher nur dazu da waren, Früchte und Holz zu tragen,
-Flüsse und Seen, die nur Fische und Seegras anboten, Hügel und Berge,
-welche Steine und Metalle den Menschen hinhielten, haben jetzt Seele und
-Gesicht.
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-Die Seelen der Landschaften sind uns herzliche Brüder geworden. Sie, die
-bisher unsichtbar waren, zeigen uns heute leidenschaftliche Gebärden.» --
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-Am Biwasee, der hinter den Bergen, nahe der uralten Kaiserstadt Kioto,
-liegt, haben die Japaner acht Landschaftsgesichter von unsterblicher
-Leidenschaft entdeckt.
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-Die acht Gesichter am Biwasee heißen: Erstens: Die Segelboote von Yabase im
-Abend heimkehren sehen.
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-Die Dichter vergleichen die Seele dieses Landschaftsgesichtes mit dem
-Herannahen einer liebesseligen Schicksalswende.
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-Zweitens: Den Nachtregen regnen hören in Karasaki.
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-Dieses Gesicht beschwört die Sprache liebesseliger Vergangenheit und
-liebesseliger Zukunft.
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-Drittens: Die Abendglocke des Miideratempels hören.
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-Dieses Gesicht singt das Lachen einer liebenden Frauenstimme, das weiser
-macht als alle Weisheit.
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-Viertens: Sonnenschein und Brise von Amazu.
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-Dieses Gesicht spricht von Liebesberückung und Liebesbetörung.
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-Fünftens: Dem Flug der Wildgänse nachsehen in Katata.
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-Dieses Gesicht spricht von der Geheimschrift der Liebeserklärung.
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-Sechstens: Den Herbstmond aufgehen sehen in Ishiyama.
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-Beplaudert und rührt die Wunder der Liebe an.
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-Siebentens: Das fließende Abendrot zu Seta.
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-Dieses Gesicht spricht von seliger Blindheit hitziger Liebesleidenschaft.
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-Achtens: Den Abendschnee am Hirayama sehen.
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-Die Seele dieses Landschaftsgesichtes spricht vom erhabenen Wahn
-unglückseliger Liebe.
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-Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen
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-Hanake hatte allen Körperschmuck, den ein japanisches Mädchen sitzend,
-trippelnd und liegend zeigen muß, um zu den göttlichen Schönheiten der
-Vergänglichkeit gezählt zu werden. Ihr Hals war biegsam wie eine
-Reiherfeder, ihre Arme kurz wie die Flügel eines noch nicht flüggen
-Sperlings. Saß sie auf der Matte und bereitete ihren Tee, so arbeitete sie
-vorsichtig wie unter einer Glasglocke. Ging sie abends mit ihrer Dienerin
-auf den hohen Holzschuhen zum Theater, so war sie unauffällig, als hätte
-sich ihr Körper mit der Sonne zur Ruhe gelegt, und als ginge nur ihr
-Schatten mit der Dienerin und der Papierlaterne den Weg zu den Schatten.
-Lag sie in der Nacht hinter den geschlossenen Papierwänden ihres Hauses mit
-frisiertem Kopf auf der Schlummerrolle und zog mit den Fingerspitzen den
-seidenen Schlafsack ans Kinn, so war ihr feines, vom Mond beschienenes
-Gesicht vornehm, als wäre es aus Jadestein geschnitten und erschien
-unzerbrechlich und unvergänglich.
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-Hanake war das reichste Mädchen am Biwasee, nicht bloß reich an der äußeren
-Schönheit, welche die Frauen ruhig und wunschlos macht, -- auch reich an
-Besitz. Die Götter der Vergänglichkeit hatten sie mit ihren glänzendsten
-Geschenken, mit Schönheit und Geld, verwöhnt. Aber auch die Göttin der
-Unendlichkeit hatte ihr eine Seele in die Augen gegeben, so daß ihre Augen
-weinen konnten, denn die Wollust der Träne ist das höchste Geschenk dieser
-Göttin.
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-Lange, ehe der Krieg Japans mit Rußland begann, hörte Hanake in ihrem Hause
-am Biwasee von Freunden und Freundinnen, die im Sommer über die Berge von
-Kioto zum Besuch zu ihr an den See kamen, daß die Fremden vom Westen wie
-böse Heuschreckenschwärme in Japan erwartet würden, um die Männer zu töten,
-die Frauen zu verschleppen und sich in das Land zu teilen. Auf dem Biwasee
-würde man dann bald Schiffe sehen, die Rauch ausstießen und die Seetiefe
-mit Schrauben aufwühlten. Auf Eisen würden bald Eisenwagen, rasselnd wie
-Gewitterwolken, täglich durch Japan eilen. Diese Wagen würden die Fremden
-in Massen nach Kioto und an die Ufer des Biwasees bringen. Die leichten
-Vogelkäfige der Bambushäuser würden verschwinden, und Steinhäuser, wie man
-sie im Westen der Erde baut, würden zum Himmel wachsen, und überall würde
-dann Rauch und Eisenlärm sein. Denn die Fremden lieben das Eisenrasseln und
-können ohne die betäubende Stimme des Eisens nicht leben: sie lieben, das
-Leben als einen ewigen Krieg anzusehen. Sie sind wie Donnergötter
-ungeduldig und aufstampfend, und sie werden schlimmer als Wolkenbrüche und
-schlimmer als Taifun Japan verheeren, so sagte man.
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-Hanake, die keine Eltern hatte und nur mit ein paar Dienerinnen und Dienern
-noch das Haus ihres Vaters bewohnte, hörte gruselnd die Berichte ihrer
-Freunde und erfand mit ihren Freundinnen kleine Spottlieder, welche die
-Dämonen des Westens verhöhnten, Lieder, die sie abends bei den Bootfahrten
-in lampenerleuchteten Booten auf dem Biwasee sangen.
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-Eines Abends -- die Sonne war eben untergegangen, der See war hell, als
-wäre er aus Porzellan, weiß und glänzend, der Himmel war golden, als hätte
-Hanake eine ihrer Truhen geöffnet, die aus Goldlack waren, und die
-Geheimfächer enthielten, -- trat Hanake auf den Landungssteg, der vor ihrem
-Haus in den See reichte, und den links und rechts hohes Schilf umwiegte.
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-In der Richtung nach Yabase erschienen drei Segelboote. Die drei Segel
-glitten wie senkrechte Papierwände über das abendglatte Wasser. Man sah
-keine Menschen; denn jedes Segel reichte so tief, daß es das Boot
-verdeckte. Die aufgepflanzten Segel wurden größer und kamen näher: Hanake
-fühlte eine Bangigkeit, als kämen mit den drei Segeln drei weiße,
-unbeschriebene Blätter aus ihrem Schicksalsbuch geschwommen, und plötzlich
-las sie, als eine Sekunde von Windstille die Segel schlaff werden ließ, ein
-japanisches Schriftzeichen, zufällig entstanden aus den Falten jeder
-Segelleinwand. Das erste Boot sagte: «Ich grüße dich.» Das zweite Boot
-sagte: «Ich liebe dich.» Das dritte Boot sagte: «Ich töte dich.»
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-Nach der kurzen Windstille, die knappe Sekunden dauerte, wechselte der See
-seine Farbe; wie vergossene schwarze Tusche über weißes Papier lief eine
-Finsternis über die Seefläche, und ganz unvermittelt setzte ein
-trompetender Seesturm ein, der alle drei Segel fast flach auf das Wasser
-legte, als müßte die Leinwand den Seeschaum reiben; Hanake tat einen Schrei
-vor Entsetzen, da sie glaubte, die Segelboote müßten unter dem plötzlichen
-Wind und in den kreiselnden Wellen versinken.
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-Aber die drei Boote hoben sich wieder. Geschickte Hände regierten die
-Segel. Doch dieses sah Hanake nicht mehr. Sie hatte zugleich mit dem
-Schrei, als das aufgeregte Schilf ihr um den Nacken schlug, einen Sprung in
-die Luft gemacht wie eine elektrisierte Katze und war in das Wasser
-gefallen; und als sie die Augen öffnete, sah sie ein Rudel Fische und
-wußte, daß sie unter dem Wasser war, als wäre sie selbst ein Fisch. Dann
-verlor sie das Bewußtsein.
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-Als sie aufwachte, lag sie in ihrem Zimmer. Es war Nacht, eine Kerze
-brannte, und ihre Lieblingsmagd, welche «Singende Seemuschel» hieß, kniete
-neben ihr und weinte in beide Hände. Man hatte sie umgekleidet, aber sie
-roch noch das Seewasser, von dem ihr Haar naß war, und sie besann sich
-sofort wieder auf die drei Schiffe, und ihre erste Frage war: «Sind die
-drei Segelboote, die aus Yabase kamen, untergegangen?»
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-Die Magd antwortete nicht, hörte auf zu weinen und streichelte die Hände
-ihrer Herrin, entzückt, sie wieder lebend zu sehen.
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-«Sind die drei Segelboote untergegangen?» fragte Hanake beharrlich.
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-Aber die Singende Seemuschel hatte keine Segelboote gesehen. Die Magd hatte
-die Herrin auf dem Kies im Schilf gefunden und geglaubt, das junge Mädchen
-sei von der Landungsbrücke ins Wasser gefallen und habe sich durch einen
-Zufall selbst gerettet.
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-«Schiebe die Seefenster auf», sagte Hanake zur Magd. Diese tat, wie ihr
-befohlen. Draußen lagen der See und der Himmel wie ein einziges schwarzes
-Loch: kein Stern, kein Mond, kein Licht auf dem See. Hanakes Fenster
-schienen in einen Abgrund zu schauen, und dem jungen Mädchen war, als müsse
-sie zum zweitenmal ertrinken, so schmerzhaft wurde ihr die Finsternis
-draußen. Und in ihrer Brust war eine Leere, so unendlich wie die Nacht über
-dem Biwasee, als habe sie einen großen Verlust erlitten, als wäre mit den
-drei Booten ihr Herz fortgezogen; und totenstill war das kleine Bambushaus.
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-«Schließe die Fenster und hole mir den grauen Papagei, nicht den grünen und
-nicht den gelben, -- den grauen, Singende Seemuschel, den mein Vetter mir
-vor ein paar Wochen mitgebracht hat aus Nagasaki.»
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-Die Magd gehorchte, brachte den grauen Papagei und wurde dann von ihrer
-Herrin schlafen geschickt. Aber sie hörte in der Nacht bis zum Morgen, wie
-Hanake ihrem grauen Papagei drei Sätze lehrte: Ich grüße dich! Ich liebe
-dich! Ich töte dich! Und sie sah an der weißen Papierwand den Schatten
-ihrer Herrin aufrecht neben dem Schatten des Vogels sitzen. Und immer, wenn
-der Vogel sagen sollte: Ich liebe dich!, dann lachte er so unheimlich
-knarrend, daß es der Magd gruselte. Während der ganzen Nacht lachten und
-sprachen Hanake und ihr Vogel zusammen. Und ganz früh rief Hanake zwei
-Dienerinnen, die sie frisierten, und Seemuschel, die Lieblingsmagd, die
-alle Verstecke des Hauses kannte, mußte aus dem ältesten Lackkasten zwei
-winzige kostbare Satsumavasen holen, die sich in der Familie seit Hunderten
-von Jahren vererbt hatten, und mußte am Seeufer zwei Schwertlilien
-abschneiden, eine blaue und eine gelbe. Die Vasen mit je einer Lilie wurden
-von Hanake in eine Nische gestellt und ein auf weiße Seide geschriebenes
-Gedicht eigenhändig an die Wand gehängt. Das Gedicht hieß:
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- Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
- Mein Herz, mein leises,
- Mein Auge, mein heißes, --
- Die Menschen, die einsam sind,
- Sind wie die Boote von Yabase,
- Die blaß hintreiben im Abendwind.
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-Hanake hatte an diesem Tag allen ihren Freunden und Freundinnen absagen
-lassen und saß drei Stunden vor Sonnenuntergang schon am Fenster, das auf
-den See sah. Auf dem Seespiegel brannte die Sonne wie ein helles Herdfeuer,
-und Hanake hielt einen Fächer zwischen sich und das grelle Licht. Aber von
-Zeit zu Zeit strengte sie sich an, dem Licht zu trotzen, und suchte mit
-aufmerksamen Augen die funkelnde Seefläche ab und wünschte die drei Segel
-herbei, die gestern abend ihre Ruhe mit fortgenommen hatten. Auf Hanakes
-Kleid waren Schwertlilien gewebt, blaue und gelbe auf silbrigem Grund, und
-ihr Kopf sah aus der silbrigen Seide, als schaute er aus dem Kamm einer
-hellen Welle.
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-Sie hatte seit gestern abend noch nicht geschlafen, und das Schauen auf die
-sonnenfeurige Seefläche brannte ihr fast die Augen aus, so daß sie für
-einen Augenblick die Augenlider schloß und, ohne es zu wissen, einschlief.
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-Sie hatte vielleicht eine kleine Stunde geschlafen, da weckte sie der graue
-Papagei, der ihr auf die Schulter kletterte und ihr ins Ohr krächzte: «Ich
-liebe dich!» und dazu schnarrend lachte.
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-Hanake hob das Köpfchen aus der silbrigen Seide und sah am Landungssteg
-ein großes gerafftes Segel. Das war so nah an ihrem Fenster, daß sie die
-Segelleinwand an die Maststange klatschen hörte. Sie bog sich vorsichtig
-aus dem Fenster und sah, daß das Segelboot festgebunden war. Aber im Boot
-war kein Mensch zu sehen.
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-Das ist eines der drei Boote, sagte atemstockend ihr heimkehrendes Herz.
-Aber sie wußte nicht, war es das erste, das zweite oder das dritte Boot.
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-Da trat ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, herein und brachte
-einen zusammengerollten Brief.
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-«O Herrin, diesen Brief sollt Ihr lesen und Euch für einen hohen Besuch
-bereit halten», flüsterte die Magd.
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-Im Brief stand: «Gestern, als wir nach Sonnenuntergang bei Deinem Hause
-kreuzten, schöne Hanake, hatten wir das Unglück, Dich zu erschrecken, aber
-auch das Glück, Dir das Leben zu retten. Und das allergrößte Glück, Dich zu
-sehen, um Dich nie mehr zu vergessen, wurde mir zuteil. Ich sende Dir heute
-meinen treuesten Freund, der Dich gestern rettete, der Dich heute zu mir
-über den See bringen soll und in meine Arme, die Dich sehnsüchtig erwarten.
-Ich grüße Dich, Hanake.»
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-Der Brief war unterschrieben mit dem Namen eines jungen Prinzen aus dem
-kaiserlichen Hause. Und Hanake wußte als guterzogene Japanerin, daß es eine
-ungeheure Ehre bedeutete, daß ein kaiserlicher Prinz sie seiner Liebe
-würdigte, und sie ließ den Freund des Prinzen sogleich zu sich herein ins
-Zimmer bitten.
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-Die Diele zitterte, und ein prächtiger junger Mann trat ein. Hanake fiel
-vor ihm auf die Kniee und berührte mit der Stirn die Diele, wie es die
-japanische Begrüßungssitte vorschreibt. Aber es war nicht, als ob ein
-Mensch, sondern als ob ein stürmisches kleines Pferd ins Zimmer gekommen
-sei. Sie hörte den Mann mit beiden Füßen mehrmals kräftig aufstampfen, und
-aus seiner Brust drangen ein paar hohle seufzende Laute.
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-Hanake wartete mit gesenktem Angesicht lange Zeit auf die Anrede des
-kaiserlichen Gesandten, denn sie durfte sich erst erheben, wenn der
-Begrüßte sie dazu aufforderte.
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-Nach einer Weile, als immer noch keine Anrede erfolgte, hob Hanake leicht
-ihr Gesicht von der Diele, die noch unter den stampfenden Füßen des Mannes
-zitterte. Wie zwei Steine aus einer Schleuder geworfen, fielen des jungen
-Mannes starke Augen in des Mädchens blinzelnden Blick. «Ich liebe dich!»
-schrien ihr diese ungeduldigen Augen entgegen, und Hanake senkte von neuem
-ihr Gesicht, das abwechselnd weiß und rot wurde, von Blutfülle und
-Blutschwäche.
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-«Antworte!» sagte plötzlich der Mann laut.
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-«Ich liebe dich!» sagte Hanake, tief auf die Diele gebeugt, als wäre die
-Diele ein Ohr, in das sie hineinflüsterte. Zugleich fiel ihr ein, daß der
-Befehl «Antworte!» sich wahrscheinlich auf den Brief des Prinzen bezogen
-habe. Aber es war nicht mehr zurückzunehmen. Ihre Lippen hatten deutlich
-gesprochen: «Ich liebe dich!» und den zwei Männeraugen geantwortet, die sie
-gefragt hatten.
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-Dann fühlte sich das junge Mädchen von zwei hastigen Händen um den Leib
-gefaßt. Wie ein Häufchen Seide hob sie der ungeduldige Mann hoch und trug
-sie aus dem Hause, den Landungssteg entlang. In demselben Augenblick hatte
-sich der Abendwind erhoben, und der seidene Ärmel von Hanakes Kleid
-bauschte sich und fiel wie eine Kapuze über den Kopf des Mannes, der sie
-auf den Armen trug. Und als Hanake aufsah, und ehe sie noch den Ärmel
-zurückziehen konnte, erblickte sie ein zweites großes Segel, das eben an
-der Landungsbrücke vorbeizog. Ein Schauder, kälter als der Wind, rieselte
-ihr über die Haut. Denn in dem Boot stand ein Mann, der war kein Japaner.
-Er hatte keine schöne gelbe Elfenbeinhaut. Er war grau im Gesicht wie
-Moder, wie ein Stein, der lange auf dem Seegrund gelegen hat, und seine
-Haut war runzlig wie die Haut der Kröten. Er hatte ein erschreckend gelbes
-Haar. Das war hell wie Hobelspäne, und seine Augen waren fischblau, und
-eine unordentliche Seele blickte Hanake wirr an, als stürze ein surrendes
-häßliches Insekt auf Hanake los und wolle sie stechen. Sie wußte: es war
-der Amerikaner, der abends hier am Biwasee im Uferschilf Wildenten jagte.
-Morgens und abends hatte sie oft den Knall aus seiner Jagdbüchse gehört,
-und dann waren, zu Tode geängstigt, kreischend und entsetzt, Scharen von
-Wildenten über Hanakes Haus fortgeflogen.
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-Das junge Mädchen wartete eine Sekunde; es ließ das Boot des häßlichen
-Fremden vorübergleiten und zog dann erst den Ärmel vom Kopf des Geliebten.
-Denn daß der Mann, der sie trug, ihr Geliebter war, sagten ihr seine Hände,
-die beim Tragen Hanakes Blut anredeten und ihr von großen Zärtlichkeiten
-erzählten, die sie ihr glühend versprachen.
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-Nach einer Weile ging das Boot vor dem Wind, und drinnen lag Hanake mit dem
-Kopf zwischen den Knien des Mannes, der wie ein Feuerdrache in Hanakes Haus
-gestürzt war, und der wie ein großer Zauberer den Biwasee jetzt in ein
-riesiges Seidenbett verwandelt hatte, darinnen die beiden eingebettet
-lagen. Und Hanake sah das Wasser ohne Grenzen, den Himmel ohne Grenzen und
-die Liebe zu dem plötzlich erschienenen Mann ohne Grenzen.
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-Sie fragte nicht: «Wie heißt du?» Sein Name war ohne Namen. Sie fragte
-nicht: «Wohin fahren wir?» Ihre Fahrt war ohne Fahrt. Das Segel stand
-senkrecht zwischen Wasser und Himmel, und sie wußte, das Segel hatte ein
-Spiegelbild unten im See, so wie ihr Gesicht im Schoß des Mannes das
-Spiegelbild des geliebten Gesichtes geworden war.
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-Das Segelboot glitt nah am Schilfufer hin. Das Mädchen verstand: der Mann
-vermied es, auf die Höhe des Sees zu segeln, damit nicht Boote, die von
-Yabase kämen, ihnen begegneten.
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-Da knallte ein Schuß im Röhricht, und braune Wildenten strichen aus dem
-Schilf heraus aufkreischend über die Seefläche. Ein zweiter Schuß schallt,
-und Hanakes Geliebter wirft die Arme in die Luft, springt auf, wie von
-einem Strick in die Höhe gerissen, und stürzt kopfüber in den abenddunkeln
-See. Kein Schrei; nur das Aufklatschen des Wassers und der Hall der Schüsse
-am Ufer des Biwasees entlang springt durch die Stille. Hanake greift
-unwillkürlich mit beiden Händen über den Bootrand in das Wasser, wohin der
-Geliebte verschwand, und als sie die Hände aus dem Wasser zieht, sind sie
-blutig. Sie fällt lautlos auf den Boden des Bootes, das im Winde
-weitertreibt.
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-Hanakes Diener sehen vom Fenster, daß das Boot, in dem die Herrin
-fortfuhr, draußen nicht weit vom Ufer steuerlos im Kreise treibt und daß
-ein anderes Boot aus dem Schilf heraus die Seewölbung ersteigt und hinter
-dem Wasser verschwindet. Ein paar der Diener schwimmen hinaus und bringen
-das Boot mit der ohnmächtigen Hanake an den Landungssteg.
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-Zur gleichen Stunde wie am vorhergehenden Abend liegt Hanake ohnmächtig in
-dem Zimmer, das auf den See geht, bei derselben Kerze, die gestern brannte,
-sitzt ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, und wartet auf das
-Erwachen ihrer Herrin.
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-Als diese gar nicht zu sich kommen will, kommt die Magd auf den Einfall,
-den grauen Papagei zu holen, der von den drei Sätzen immer nur den einen
-gelernt hat: Ich liebe dich. Als sie den Vogel neben die Kerze in das
-Gemach bringt, schreit er sofort: «Ich liebe dich!» Da zuckt das Gesicht
-der ohnmächtigen Hanake zusammen, als habe ihr einer einen unendlichen
-Schmerz angetan. Ihre Lippen seufzen tief auf, ihr Gesicht verändert die
-Farbe und wird wie Asche im Aschentopf, der neben der Kerze steht. Die Magd
-beugt sich erschrocken über ihre Herrin, und wie sie noch zweifelt: Ist das
-der Tod, der Hanake so entfärbt?, da schüttelt der Papagei sein Gefieder,
-schlägt mit den Flügeln um sich und schreit plötzlich und unvermittelt:
-«Ich töte dich!»
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-Die Singende Seemuschel starrt entsetzt den Vogel an, dessen großer
-Schatten vor der Kerze wie der Schatten eines mächtigen, schwarzen Segels
-über die Wände des Gemaches fliegt.
-
-Die Magd greift mit beiden Händen nach dem um sich schlagenden Papagei. Der
-Vogel schreit zum zweitenmal: «Ich töte dich!» Die Hände der Magd packen
-das Tier und drücken dem Papagei den Hals zu, damit er nicht zum drittenmal
-das schauerliche «Ich töte dich!» schreien kann. Der Vogel verdreht seine
-Augen, läßt mit einem Ruck die Flügel schlaff hängen, spreizt die Krallen
-und hängt als lebloser Vogelbalg in den Händen der Magd.
-
-Hanake schlägt die Augen auf. Die Magd wirft die Vogelleiche auf die Diele
-und ruft:
-
-«O Herrin, Ihr kommt wieder! Ihr wart weit fort!»
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-Hanake richtet sich auf, sitzt auf der Diele und sagt in Gedanken:
-
-«Ich glaube, ich komme von den Toten.»
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-Dann sprach sie lange nicht mehr. Sie sah nicht den toten Papagei. Sie
-weinte nicht über den Tod ihres Geliebten. Sie ließ sich von der Magd
-umkleiden, und als ihr diese ein Hauskleid bringen wollte, sagte sie, und
-ihre Augen sahen durchdringend durch die geschlossenen Wände des Hauses:
-
-«Ich sehe im Abend Boote von Yabase kommen. Ich sehe, man bringt mir ein
-rotes Scharlachkleid, wie es die Hofdamen tragen. Aber die hundert Segel,
-die jetzt von Yabase kommen, zeigen in den Segelfalten keine Schriftzeichen
-mehr. Jedes Segel ist glatt wie eine leere Hand. Hundert leere Hände kommen
-in mein Haus.
-
-Bringe mir ein weißseidenes Unterkleid, Singende Seemuschel, damit ich das
-rote Scharlachkleid, das man mitbringt, darüber ziehen kann.»
-
-Die Magd widersprach ihrer Herrin nicht. Sie öffnete nur ein wenig die
-Schiebewand nach dem See. Aber sie sah keine Lichter von Booten in der
-Nacht draußen, kein Bootskiel rauschte im Wasser, nur das Schilf zischte
-unten um das Haus und in der Ferne um den Landungssteg.
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-Hanake ist hellsehend geworden, dachte die Magd. Dann ging sie durch die
-Kammern des Hauses nach den Wandschränken, wo die Kleider gefaltet in
-großen Lacktruhen lagen. Sie ließ sich von zwei Mägden leuchten. Und die
-eine Magd erzählte halblaut:
-
-«Wißt ihr schon, unsere Männer, die zur Nachtzeit aus Yabase herüberkamen,
-sagten, man erzählte sich in allen Teehäusern, daß der Freund eines
-kaiserlichen Prinzen von einem Europäer auf dem See erschossen worden sei.
-Der blutige Körper des Toten wurde in Yabase auf den Kies gespült, und
-heimkehrende Boote haben gesehen, wie der fliehende Europäer, der Wildenten
-im Schilf gejagt hat, durch einen Fehlschuß den Freund des Prinzen tötete.
-Der Prinz selbst kam dann an das Ufer, wo die Leiche seines Freundes lag.
-Der Prinz hat seinen Freund lange angesehen, aber nicht geweint, sagen die
-Leute. Er hat gefragt, ob in der Nacht noch jemand über den See fährt; und
-als er hörte, daß unsere Männer noch über den See fuhren, sandte er eine
-kleine Kleidertruhe und ließ sie in das Boot unserer Männer stellen. Die
-Truhe ist für Hanake. Morgen, ehe die Sonne im Mittag steht, wird der Prinz
-selbst zu Hanake kommen, sagte ein kaiserlicher Diener heimlich zu unsern
-Männern.»
-
-«In der Truhe ist ein rotes Scharlachkleid für Hanake», sagte die Singende
-Seemuschel zu den Mägden.
-
-«Woher weißt du das?» fragten beide Mägde erstaunt. «Niemand durfte bis
-jetzt in die Truhe sehen.»
-
-«Wir wissen das bestimmt», nickte die Gefragte.
-
-Sie nahm das weißseidene Unterkleid über den Arm und schickte die Mägde in
-die Küche. --
-
-Am nächsten Tag um die Mittagstunde kam ein Segel auf Hanakes Haus zu.
-
-Die Singende Seemuschel sagte zu Hanake, die im Purpurkleid auf der Altane
-saß und weiß und rosa geschminkt war, so dick gepudert und geschminkt, als
-verbärge sie das Gesicht hinter einer rot und weißen Maske:
-
-«Das ist nicht der Prinz, der da kommt. Denn ich sehe nur _ein_ Segel,
-Herrin, und Ihr sagtet gestern nacht voraus, es würden hundert Segel
-kommen. Alles, was Ihr sagtet, als Ihr von den Toten erwachtet, ist
-eingetroffen. Wenn aber der Prinz nur in _einem_ Boot kommt, dann habt Ihr
-Euch geirrt, weil Ihr von hundert Booten gestern redetet.»
-
-«Schweig und empfange den Prinzen», sagte Hanake mit einer fast männlichen
-Stimme, die die Magd nie an ihr gehört hatte. «Geh mit allen Mägden und
-allen Dienern dem Prinzen zur Landungsbrücke entgegen, denn ich kann noch
-nicht gehen, meine Füße zittern noch. Ich kann den Prinzen nur hier im
-Hause empfangen.
-
-Als ich im Tode lag unter den Toten, aber mit meinem Geliebten nicht
-vereinigt war, fragte meine Seele alle Toten:
-
-'Was habe ich getan, daß ich meinen Geliebten nicht unter den Toten finde?'
-
-'Du hast noch dem Leben verweigerten Gehorsam zu geben,' sagten die Toten,
-und ich erwachte wieder.
-
-Ich weiß es, ich habe gefrevelt. Ich habe meinen Leib einem Prinzen, einem
-Sohn des Himmels, entziehen wollen und habe einen andern Mann umarmt. Aber
-der Geliebte konnte meinen Leib nicht mit in den Tod nehmen weil ich erst
-lernen mußte, dem Leben zu gehorchen.»
-
-Die Magd weinte über Hanakes Worte. Aber Hanake verbot es ihr und sagte:
-
-«Wir wollen nicht neuen Ungehorsam auf dies Haus laden. Ich darf nicht
-weinen, wenn ich auch bis an die Augen voll Trauer bin. Meine Füße aber
-zittern, und ich kann dem Prinzen nicht entgegen gehen. Ich kann meine Füße
-noch nicht zum Gehorsam zwingen.
-
-Wenn der Prinz dich fragt: 'Wo ist Hanake?', sage, und laß dir nichts
-merken, sage: 'Verzeihung, Sohn des Himmels, meine Herrin trauert um ihren
-toten Lieblingspapagei. Aber wenn meine Herrin des Prinzen Angesicht sieht,
-wird ihre Trauer zur Freude werden und doppelt glänzen, wie dein weißes
-Segelboot, o Herr, im Biwasee.'» --
-
-Und wie der Schiller auf starrem, poliertem Porzellan glänzte Hanake bis
-zum Abend, so lange der Prinz in ihrem Hause war und mit ihr spielte. Und
-auch als sie ihr Scharlachkleid öffnete und ihren kleinen weißgepuderten
-Leib nackt in die Arme des Prinzen legte, sang sie Lieder und zwitscherte
-mit den Lippen. Der Prinz sagte am Abend:
-
-«Dein Leib ist mir lieb, weil er kühl ist wie die Schneeflocken und mich
-aufweckt wie die Kälte am Wintermorgen.
-
-Und nun singe mir noch zum Abschied das Lied vom Biwasee, das nur auf weiße
-Seide geschrieben werden darf.»
-
-Die Singende Seemuschel saß hinter der Papierwand im Nebenzimmer, wo sie
-die Gitarre spielen mußte, so lange der Prinz die nackte Hanake umarmte.
-Aber als die treue Magd hörte, daß der Prinz das Lied von ihrer Herrin
-verlangte, das nur eine sehnsüchtig Liebende singen darf, da konnte sie
-sich nicht mehr des Schluchzens erwehren. Und während die Hände der
-Singenden Seemuschel auf der Gitarre spielten, wimmerte ihre schluchzende
-Brust.
-
-Hanake, die in ihr Scharlachkleid schlüpfte, raschelte mit der Seide, damit
-der Prinz das Wimmern der Magd nicht höre. Dann wollte sie singen. Aber der
-Prinz fragte, ehe sie begann:
-
-«Weint jemand hinter der Wand?»
-
-«O nein», lächelte Hanake, «das sind nur Brieftauben, die ich in einem
-Käfig halte, und ihre Kröpfe glucksen, weil sie zu viel gefüttert wurden.»
-
-«Singe jetzt!» sagte der Prinz.
-
-Das Wimmern hinter der Papierwand verstummte, und Hanake sang das Lied:
-
- Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
- Mein Herz, mein leises,
- Mein Auge, mein heißes, --
- Die Menschen, die einsam sind,
- Sind wie die Boote von Yabase,
- Die blaß hintreiben im Abendwind.
-
-Hanake hatte während des Singens ihren Kopf in den Schoß des Prinzen gelegt
-und mit offenen Augen zur Decke gestarrt. Ihr Körper war in derselben
-Stellung wie an jenem Abend auf dem Biwasee im Boot, als sie mit dem Kopf
-im Schoß ihres Geliebten gelegen.
-
-Plötzlich fährt Hanake, wie von einem Schuß getroffen, auf. Sie wirft die
-Arme in die Luft und fällt ohne Aufschrei auf die Diele, wo sie in tiefer
-Ohnmacht liegen bleibt.
-
-Der Prinz wird blaß. Auf seinen Ruf kommt die Magd hinter der Papierwand
-vor. Der Prinz sieht die verweinten Augen derselben und denkt, daß Magd und
-Herrin wirklich in Trauer seien über den toten Papagei. Er ist erstaunt
-darüber und sagt: «Deine Herrin ist noch schwach von Trauer über ihren
-toten Papagei. Pflege deine Herrin; und wenn sie aufwacht, sage ihr, ich
-käme morgen abend und hundertmal wieder.»
-
-Die Magd verneigt sich vor dem Prinzen, sie verbirgt ihre verweinten Augen
-und lügt:
-
-«Sohn des Himmels, verzeiht meiner Herrin! Aber der Tod ihres Papageis ging
-ihr nicht so sehr zu Herzen wie jetzt der Abschied von Euch. Die Trauer
-darüber hat sie gleich einer Ohnmacht überfallen.» --
-
-Als Hanake wieder zu sich kommt, sieht sie fern im Abend über dem Biwasee
-das verschwindende Segel des kaiserlichen Bootes, und das Kielwasser treibt
-eine lange schwarzlinige Welle von der Mitte des Sees bis an Hanakes Haus.
-
-Hanake murmelt: «Die Magd sagt: hundertmal wird er wiederkommen! Ich will
-lieber _hundert_ verschiedene Männer umarmen, ihr Götter! Erlaßt es mir,
-_einem_ Mann Liebe heucheln zu müssen _hundertmal_ hintereinander. Ich
-schwöre euch: ich will mich lieber auf dem Liebesmarkt zu Tokio hingeben,
-wo fünftausend Mädchen sich jede Nacht einem andern Mann anbieten. Aber
-erlaßt mir, o Götter, die Qual und bindet mich nicht hundert Nächte an den
-einen Mann, der sich einredet, daß ich ihn liebe.»
-
-Die untergehende Sonne schminkte den Himmel wie das Gesicht eines
-Freudenmädchens. Karminrosig und violett silbrig färbten sich alle Wolken
-über dem Biwasee, wie die fünftausend Mädchengesichter auf dem Liebesmarkt
-zu Tokio.
-
-Dann hörte Hanake lautes Gelächter, laute Männer- und Frauenstimmen, das
-Räderrasseln von kleinen Rikschawagen und das Geschrei von Kulis. Eine
-Schar ihrer Freunde und Freundinnen war in Wagen und Tragsesseln von der
-Landstraße hergekommen und rief jetzt von draußen ins Haus nach Hanake.
-Dann drängten die Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen in das
-Nebenzimmer, und Hanakes Gesicht wurde wieder höflich und freundlich und
-unbeschrieben wie eine weiße Eierschale.
-
-Sie warf noch rasch einen Blick aus dem Fenster. Das Segel des kaiserlichen
-Bootes war hinter der Seehöhe verschwunden. Der See lag gradlinig, und nur
-wie eine kleine, schwarze Schnur zog sich am Horizont das Kielwasser des
-verschwundenen Bootes hin. Die Kielwelle erreichte nicht mehr Hanakes Haus
-und verlor sich wie ein abgerissenes Band draußen auf der Seefläche.
-
-Hanakes Herz war leichter. Sie trat aus dem Seegemach in das
-nebenanliegende Gemach, in das die Freunde hereindrängten. Das Haus war
-jetzt voll von zwitschernden Frauenstimmen und gurgelnden Männerkehlen, die
-den Atem auf japanische Sitte laut und achtungbezeugend einzogen.
-
-Nachdem alle eine Weile voreinander auf den Knien gelegen hatten und sich
-verbeugt hatten, rutschten alle zusammen, bildeten einen Halbkreis um
-Hanake und hockten auf den Seidenkissen am Boden, und das Zimmer war laut
-wie ein Baum, in dem eine Sperlingschar plaudert.
-
-Gerüchte, daß ein kaiserlicher Prinz sich nach Hanake umsähe, hatten sich
-bei den Freunden verbreitet; aber niemand wußte Genaues, und niemand wußte
-vom Besuch des Prinzen. Alle waren des Mordes wegen gekommen, der sich auf
-dem See in der Nähe von Hanakes Haus ereignet haben sollte. Sie wollten
-wissen, ob Hanake den Schuß gehört habe? Ob der Europäer fehlgeschossen
-oder auf den Japaner gezielt habe? Ob Hanake damals am Fenster gestanden
-habe? Und ob nach dem Schuß das Seewasser rot von Blut gewesen sei? --
-
-Hanakes Gesicht verlor keinen Augenblick die starre Politur. Die Magd hatte
-ihr, als sie aus der Ohnmacht aufgewacht war, das Scharlachgewand
-ausgezogen und ihr ein blaues Gewand gereicht, auf dem nur Seewellen und
-Wolken eingewebt waren, und hatte die Schminke und den Puder erneuert und
-den klingenden Haarschmuck in ihrem Haar fester gesteckt, als man das
-Herannahen der Freunde hörte.
-
-Jetzt reichten die Singende Seemuschel und die anderen Mägde den Gästen Tee
-und Pfefferminzzucker herum und kleine, winzige Kuchenwürfel.
-
-Als die Schar der Fragen sich wie eine Dornenhecke um Hanake aufbaute,
-suchte die Singende Seemuschel nach einem rettenden Gedanken, um ihrer
-Herrin zu helfen. Sie lief fort, holte den toten Papagei, kam wehklagend
-herein und sagte:
-
-«Ach, Herrin, seht, der Papagei liegt im Sterben!»
-
-Aber wie war sie verblüfft, als Hanake sie abwies und lächelnd zu den
-Gästen sagte:
-
-«Ich glaube, meine Magd ist irrsinnig geworden von der Ehre, die uns heute
-widerfuhr. Sie zeigt mir den Papagei, der seit gestern tot ist, und der uns
-heute schon helfen mußte, einen kaiserlichen Prinzen zu belügen.»
-
-Im Zimmer wurde es still, wie wenn alle Spatzen aus einem Baum fortgeflogen
-sind.
-
-Alle Gäste verstanden, daß der Prinz dagewesen war, alle verstanden, daß
-Hanake ihn nicht liebte; und daß man einen Prinzen belügen könnte, war
-ihnen auch noch verständlich. Aber welch ein Frevel, laut über den Sohn des
-Himmels zu spotten und einzugestehen, daß man ihn belogen hatte!
-
-Als wären allen Gästen die Teetassen aus den Händen gefallen, und als wäre
-der Tee vergossen, so erschrocken saßen alle und starr. Keiner rührte mehr
-einen Teeschluck an. Und als Hanake mit kalten, glitzernden Augen sagte:
-
-«Der Prinz wird nicht von dieser Lüge sterben. Ich bin auch nicht an seiner
-Liebe gestorben», -- da schlossen die Freundinnen vor Schreck ihre Augen.
-Die Männer richteten sich auf, und wie eine Schar Krebse, die nach
-rückwärts krabbelt, verließ die Freundesschar das Gemach, teils aus Furcht,
-weil in diesem Haus gegen den Sohn des Himmels gefrevelt wurde, teils
-erschrocken, vor Hochachtung, weil die Luft hier noch voll sein mußte von
-der Leidenschaft und der Nähe des kaiserlichen Prinzen.
-
-Unter kaum hörbar gewisperten Entschuldigungen verließen die letzten das
-Haus, bestürzt und eilfertig, als wären die Zimmer des Hauses voll Feuer,
-das sie alle verbrennen könnte.
-
-Hanake aber ließ das Zimmer aufräumen, ließ sich von der Singenden
-Seemuschel eine Schlummerrolle unter das Genick schieben, streckte sich auf
-der Diele aus und schlief fest ein.
-
-Am nächsten Abend erschien ein Segel auf der Seehöhe. Es kam wie ein
-selbstbewußter Schwan lautlos auf Hanakes Haus zugeschwommen. Aber die
-Landungsbrücke bei dem Hause blieb leer. Nur die Köpfe der Schilfblüten
-bewegten sich und verneigten sich vor dem kaiserlichen Boot und vor dem
-Prinzen, der ans Land stieg.
-
-Die Papierfenster und die Bambustüren von Hanakes Haus waren geschlossen
-und öffneten sich nicht, als der Prinz klopfen ließ. Wie eine Laterne ohne
-Licht lag am See das gegitterte Holzhaus mit den weißen Papierscheiben. Ein
-vorüberfahrender Schiffer in seinem Boot sagte den Leuten des Prinzen, daß
-Hanake am Morgen alle ihre Dienstboten entlassen habe. Sie habe ihr Haus
-zugeschlossen und sei nur mit einer Magd auf ihrem Segelboot in den See
-hinausgefahren; aber niemand wußte, wohin die Fahrt gegangen.
-
-Das kaiserliche Boot kreuzte die ganze Nacht auf der Seefläche in der Nähe
-von Hanakes Haus. Aber die Papierfenster des Hauses blieben dunkel, und das
-lautlose kaiserliche Boot verschwand gegen Morgen hinter der Seehöhe.
-
-Am nächsten Abend kamen hundert kaiserliche Segelboote von Yabase. Sie
-kamen an wie hundert weiße Fächer, die sich über den See spannten. Sie
-kreuzten über den ganzen Biwasee, während der ganzen Nacht, von Ozu bis
-Yabase, von Karasaki bis Katata, von Seta bis Amazu. Und als leuchteten sie
-in die Unterwelt des Sees, so zogen sie die hellen Scheinbilder der
-hundert weißen Segel durch die Seetiefe nach sich.
-
-Die nächsten Abende wiederholte sich das Schauspiel der hundert Segelboote,
-die Hanake suchen sollten, und die sich durch den Seenebel verteilten wie
-hundert weiße Seidenspinnerschmetterlinge, die in einem grauen, riesigen
-Spinnenwebnetz hängen geblieben wären. --
-
-Jede kleine japanische Stadt eröffnet abends einen Liebesmarkt, der sich
-Yoshiwara nennt. Der Yoshiwara in Tokio ist einer der größten Liebesmärkte
-in Japan, wo die schönsten Mädchen vom Inland und aus allen Provinzen
-zusammenkommen, wo sich verwaiste Mädchen vom Ertrag der Liebe zu ernähren
-suchen, wo verarmte Mädchen mit dem Erlös der Liebe ihre alten Eltern zu
-erhalten suchen. Auf diesen Liebesmärkten verkauft sich die Liebe natürlich
-und schandlos.
-
-Unschuldig und feurig, wie die Sterne der Milchstraße nachts am Himmel,
-beleuchten sich nach Sonnenuntergang die schöngepflegten, sauberen und
-breiten Straßen des Liebesmarktes. Das große eiserne Gitter, das den
-Stadtteil des Liebesmarktes von der Stadt trennt, steht, von Polizisten
-bewacht, weit offen. Hinter dem offenen Tor, in der Mitte der
-Eingangsstraße, zieht sich im Frühlingsabend eine rosige Wolke hin durch
-die Luft: die rosigen Blüten blühender Kirschbäume, welche in der Mitte der
-Straßenlinie eingehegt stehen.
-
-Links und rechts von der Straße beleuchten die kleinen, einstöckigen Häuser
-mit milden, weißen, langen Lampionketten ihre Balkone.
-
-Lautlos und feierlich und ruhig beleuchtet, liegt hier der Weg offen zu den
-fünftausend Mädchenschönheiten. In den weiten Seitenstraßen, welche die
-Eingangsstraße kreuzen, beginnt der Liebesmarkt. Hier stehen saubere,
-ebenfalls mit weißen Lampenketten erleuchtete Häuser. Die Erdgeschosse
-aller dieser Häuser zu beiden Seiten der Straße zeigen große, offene,
-vergoldete Gemächer. Die sind durch hölzerne Gitterstäbe wie goldene Käfige
-von der Straße getrennt und innen beleuchtet von elektrischen Glühbirnen.
-
-In jedem langen Gemach sitzen in einer Reihe der Straße entlang dreißig bis
-fünfzig junge, schmalschultrige Mädchen, in blumige kostbare Seidengewänder
-gehüllt. Jede sitzt auf einem kleinen Seidenkissen, wie ein Schaustück in
-einem Schaufenster.
-
-Die langen Reihen der weißgepuderten und rosageschminkten Gesichter, unter
-schwarzen, hohen Frisuren, die mit goldenen Nadeln bedeckt sind, enden
-nicht. Und Viertelstunde um Viertelstunde kannst du durch die Straßen
-gehen, vorüber an den Heeren der Tausende von jungen Mädchen.
-
-Die Wände jedes Gittergemaches sind schwer geschnitzt. Aus Goldlack und
-rotem Lack stehen lebensgroße Bäume darin, springen lebensgroße Tiger und
-Drachen an den Lackwänden entlang, fliegen lebensgroße Kraniche und
-Paradiesvögel, größer als die kleinen Mädchen, an den Wänden der Gemächer
-hin.
-
-Wie dreißig weiße Perlen, in einer Reihe aufbewahrt in einer goldenen oder
-roten Truhe, leuchten perlenweiß die eirunden gepuderten Mädchengesichter
-in jedem Gemach. Mal sitzen da dreißig in eisvogelblauen Gewändern, mit
-scharlachnen Blumen bestickt, mal dreißig in smaragdgrünen Gewändern, mit
-karmoisinroten Blumen bestickt, mal fünfzig in weißen Gewändern, mit
-regenbogenfarbigen Schmetterlingen bestickt, mal fünfzig in schwarzen
-Gewändern, darunter die Schleppen von rosa-, grün- und blauseidenen
-Gewändern abgestuft vorschauen.
-
-Jedes Mädchen hat neben sich einen großen Porzellantopf, darin Holzasche um
-Kohlenglut liegt. Sie rauchen kleine silberne Pfeifen, in die nur eine
-Prise Tabak geht, nicht mehr, als Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen
-Tabakkugel drehen können, und zünden diese mit einem Stückchen Kohle in
-feiner, silberner Zange an. Die eine frisiert sich vor ihrem kleinen
-Spiegel; die andere schreibt mit einem Tuschepinsel auf ihrem Schoß auf
-einem langen Reispapierstreifen einen Brief; die nächste trinkt Tee aus
-einer fingerhutgroßen Tasse; und wieder eine fächelt sich, und wieder eine
-andere liest in einem kleinen Büchlein einen Roman. Eine zupft eine
-Mandoline, und eine andere wispert ein Lied dazu. Eine kommt an das Gitter
-getrippelt, hebt vorsichtig ihre drei Schleppen, winkt vorsichtig ein paar
-Fremden; eine andere kommt an das Gitter und plaudert mit Mutter und
-Geschwistern, die zum Besuch auf der Straße stehen, freundlich und
-bescheiden.
-
-Eine vielhundertköpfige Menschenmenge, Männer, Soldaten, Frauen und Kinder,
-ziehen gesittet, flüsternd und lächelnd, mit hell beschienenen Gesichtern,
-durch die erleuchteten Straßen, vorüber an den vergitterten Gemächern der
-Erdgeschosse. Und stundenlang bis nach Mitternacht wandern die Volksmengen
-jeden Abend vor den fünftausend Mädchen auf und ab, stehen als Besucher an
-den Gittern, treten als Besucher in die Häuser, kaufen sich Gesang, Musik,
-Tanz und Liebe, nachdem jeder Mann auf der Straße unter den Dreißig eines
-Gemaches seine Wahl getroffen hat.
-
-Hier in eines der Häuser des Tokioyoshiwara trat Hanake mit ihrer Magd ein
-und blieb hundert Nächte, um hundertmal ihren Leib zu verkaufen, wie sie es
-den Göttern versprochen hatte, um sich dadurch frei zu kaufen von dem
-Gehorsam gegen den Sohn des Himmels.
-
-Sie verkaufte sich jungen Männern, welche die Liebe kennen lernen wollten,
-und alten, von der Lebenssorge abgetöteten einsamen Männern, welche die
-Liebe noch einmal erleben wollten, ehe sie starben; sie verkaufte sich den
-in den Krieg gehenden Soldaten und den aus Schlachten heimgeschickten
-Invaliden; sie verkaufte sich Studenten, Handwerkern, Adeligen und Kulis.
-Nur den Ausländern, den Europäern und Amerikanern, verweigerte Hanake ihren
-Leib.
-
-Aber eines Abends kam ein junger Amerikaner, ein hübscher Marineoffizier,
-in das Haus und forderte für sein gutes Geld vom Hausbesitzer Hanake. Es
-war in den Tagen, da die amerikanische Flotte im Hafen von Yokohama lag und
-die Amerikaner der japanischen Nation einen Ehrenbesuch machten. Vom
-Stadtgouverneur war der Befehl ergangen und an den Straßenecken
-angeschlagen: «Japaner! Ihr dürft nicht vor den Europäern ausspucken! Ihr
-dürft ihnen auch keine Stöcke in den Weg werfen, daß sie stolpern. Auf den
-Straßen sollt ihr nicht zu dicht neben den Europäern gehen, immer drei
-Schritte von ihnen weg. Ihr sollt alle europäischen Barbaren überhaupt
-höflich behandeln, als wenn sie gesittete Asiaten wären. In den
-Besuchstagen der amerikanischen Flotte soll kein Mädchen in den Yoshiwaras
-sich einem Ausländer verweigern dürfen.»
-
-Hanake verweigerte sich trotzdem. Und da es gerade die hundertste Nacht
-war, in der sie den Göttern abgedient hatte, floh sie mitten in der Nacht
-samt ihrer Magd durch eine Hintertür aus dem Yoshiwarahause, ließ ihre
-Kleidung und ihren Schmuck zurück und eilte in ihren Alltagskleidern aus
-dem Yoshiwara. Verhüllt und unbemerkt, entkam sie im Gedränge der
-vielhundertköpfigen Menge. Sie trug nichts bei sich als einen kleinen Vogel
-in einem winzigen Käfig.
-
-Eines der Mädchen in dem Yoshiwara hatte ihr eine Stunde vor der Flucht den
-Vogel verkauft, eben als der amerikanische Offizier in das Haus trat. Im
-Schreck der Flucht hatte Hanake den Vogelkäfig krampfhaft in der Hand
-behalten, ohne ihn loszulassen.
-
-Der Vogel war ein Nachtigallenmännchen und saß verblüfft in dem kleinen
-Käfig, denn er war eben erst von seinem Weibchen, mit dem er einen andern
-Käfig geteilt hatte, getrennt worden.
-
-Die beiden Frauen wollten den Vogel unterwegs füttern, aber er fraß nicht.
-Sie reisten beide mit dem wunderlichen Vogel in der Nacht mit dem nächsten
-Zug nach dem Biwasee und kamen am nächsten Mittag wieder in Hanakes Haus am
-See an.
-
-Die Magd öffnete die Fenster und ließ frische Luft durch die Kammern
-streichen. Es war Herbst geworden, und mit jedem Luftzug flogen welke
-Blätter von den Uferbäumen herein.
-
-Das Seewasser zeigte nicht mehr die blaue Sommerfarbe, es war tiefgrün. Die
-Sonne stand schräg und warf gespenstige Schatten. Das lebhafte Schilf war
-abgemäht, und die Stoppeln standen lautlos und tot.
-
-Aber Hanake wurde von der Herbstwelt nicht traurig gestimmt. Das Leben im
-Yoshiwara ging noch in lauten Bildern durch ihr Blut. Sie war täglich
-hundertmal bewundert worden, hatte hundertmal gefallen, hatte
-hunderttausendmal lachen müssen, ohne lachen zu wollen, war hundertmal
-umarmt worden, ohne eine Umarmung zu ersehnen. Die Bewunderung war ihrem
-Körper zur Gewohnheit geworden. Hanake wußte jetzt fast nicht mehr, warum
-sie einst aus diesem Hause hier am See fortgegangen war. Sie hatte den Tag
-mit dem Prinzen beinah ganz vergessen, sie hatte kaum noch den Abend mit
-dem Geliebten in Erinnerung. Sie hörte nur noch den Schuß im Ohr und sah
-sich noch im Boot auf dem Schoße ihres Geliebten liegen, wenn sie wollte.
-Aber sie konnte sich nicht mehr des Gesichts ihres toten Geliebten
-erinnern, nicht mehr seine Stimme erinnernd zurückrufen. Die Hunderte von
-Gesichtern und Stimmen, die im Yoshiwara Hanake bewunderten, hatten das
-Gesicht und die Stimme des Geliebten aus ihrer Erinnerung verdrängt. Hanake
-war auch darüber nicht traurig, nur verwundert.
-
-Es wurde Abend. Die Magd hatte das Haus bestellt. Da bemerkte Hanake das
-kleine halbtote Nachtigallenmännchen im Käfig und dachte: «Ich will dich
-fliegen lassen, kleiner Vogelmann. Vielleicht fliegst du zurück ins
-Yoshiwara nach Tokio zu deinem Weibchen.»
-
-Sie öffnete den Käfig. Da schoß der kleine Vogel heraus. Aber anstatt aus
-dem offenen Fenster zu fliegen, warf er sich wie ein Wütender in Hanakes
-Frisur und riß wie wahnsinnig geworden mit den beiden kleinen Krallenfüßen
-in den Haaren des erschrockenen Mädchens und fiel dann wie tot an Hanake
-herunter auf die Diele.
-
-Hanake zitterte vor Schreck und sank in die Knie. Sie verstand, daß das
-Vogelmännchen, das sie von dem Weibchen getrennt hatte, sich an ihr rächen
-wollte und vor wütender Aufregung gestorben war.
-
-Hanake hielt die Finger an ihr schmerzendes Haar. Aber es war, als sei der
-Liebesschmerz des Vogels in ihr Herz gedrungen und habe auch in ihrer Seele
-wieder alle Liebeserinnerungen geweckt.
-
-In der Ferne auf dem See tauchten drei Segel auf. Sie zogen der Seelinie
-entlang, langsam, und verschwanden. Hanake erkannte, als sie vom See weg
-auf die weiße Wand ihres Zimmers sah, plötzlich wieder in der Erinnerung
-das Gesicht ihres Geliebten. Sie schauderte vor Entzücken.
-
-Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weißen Wand
-festhalten. Aber die Gesichtszüge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte
-wieder, und Hanake wurde verstört und tief traurig.
-
-«Kleiner Vogel», seufzte Hanake, «zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!»
-
-Der kleine Vogelkörper zuckte plötzlich auf der Diele zusammen und
-flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben
-einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf
-das Lackkästchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene
-Schublade des Kästchens fiel heraus, und der Vogel stürzte dann tot zur
-Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar
-Seidenpapiere zu Hanake hin.
-
-Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stückchen des platten
-Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmücken. Aber Hanake
-verstand auch den tödlichen Wert, den das Schaumgold für den Lebensmüden
-hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blättchen des
-dünngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzüge und hüllte
-ihr Gesicht in die Ärmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die
-Diele am offenen Fenster hin.
-
-
-
-
-Den Nachtregen regnen hören in Karasaki
-
-
-Kiri war der einzige Sohn der «Wolke vor dem Mond», -- so hieß seine
-Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den
-Fischfanggeräten und einer kleinen, struppigen Strandhütte besaßen Kiris
-Eltern nichts.
-
-«Doch wir sind reicher», sagte Kiri immer, «reicher als die
-Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von
-Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns
-Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles was darin ist; der
-Biwasee ist unser Königreich.»
-
-In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als
-sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie
-nannten ihn den Fischkönig von Karasaki.
-
-Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach
-oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der
-Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe
-Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf
-ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den
-Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri
-fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn
-sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu
-passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und
-sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine
-Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am großen
-Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür
-waagrecht im Winde flattern ließen.
-
-Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen
-für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war,
-aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und
-gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen.
-Sie hieß «Perlmutterfüßchen» und war Kiri besonders von seiner Mutter und
-von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.
-
-Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer
-träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte.
-
-Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von
-Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den
-Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah;
-aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, «der Wolke vor dem Mond»,
-erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag
-Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am
-Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam,
-vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie
-Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte.
-In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein
-Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten
-fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich
-der junge Fischer allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot
-begegnete, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von
-anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris
-Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten
-Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die
-Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog
-zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. So
-oft er auch das Fischnetz hob, -- es war leer, und nicht die kleinste
-Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, -- nichts hing in den nassen
-Maschen.
-
-Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von
-fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der
-Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel
-am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der
-Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck
-entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren,
-soviel er auch ruderte.
-
-Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot
-gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki
-fürchten, sein Boot festhielt, und daß das blasse Licht, das durch den
-rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war,
-dem er nicht mehr ausweichen konnte.
-
-Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann
-schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das
-alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet,
-gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und
-wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch
-sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der
-nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen
-Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den
-Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei
-den Menschen der Nabel ist.
-
-«Guten Abend, Kiri», sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. «Warum hast
-du kein Licht an deinem Boot?» sagte die Stimme eines Mädchens. «Kannst du
-nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen
-lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslöschte. Kiri,
-schläfst du? Höre doch und mache Licht!»
-
-«Wer bist du?» getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.
-
-«Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell
-dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr», sagte die
-Stimme im Dunkel, «weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal
-verließen?»
-
-«Nein, ich kenne dich noch nicht», gab Kiri zurück. Und sein Herz suchte in
-allen seinen Erinnerungen. Und wie er grübelte, wurde es seltsamerweise
-Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer, -- er lag auf der Altane eines
-Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben
-ihm auf einem flachen Seidenkissen saß ein schönes junges Mädchen und
-sagte: «Samurai, kennst du mich jetzt?» Und er sah sie an und grübelte
-wieder in seinen Erinnerungen und sah über das Altanengeländer einen
-Zwerggarten mit kleinen Brücken und kleinen Felsen. Und unter einer der
-kleinsten Brücken ging eben das letzte Stückchen der Abendsonne unter. Und
-Kiri grübelte, und der erste Stern erschien über dem lautlosen Zwerggarten.
-Aber der junge Mann erkannte das Mädchen nicht, und er erkannte auch das
-Haus noch nicht, trotzdem er wußte, daß es sein Haus war. Doch es lag nicht
-am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines
-reichen Adeligen aus der Kriegerkaste.
-
-Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, daß sie nicht mehr die grobe
-Hand eines Fischers war. Und Kiri grübelte und hörte plötzlich einen Laut,
-wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andröhnen. Er fragte das Mädchen
-neben sich auf der Altane: «Welches Fest ist heute, weil alle Tempel
-rufen?»
-
-«Es ist kein Fest», sagte das Mädchen und war rot und leuchtete wie eine
-Fackel, trotzdem kein Licht auf dem Altan brannte.
-
-Und Kiri grübelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch
-die Erde unter ihm dröhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und
-zu rufen.
-
-«Es ist kein Fest, es ist ein Krieg», sagte Kiri plötzlich. «Was ist das
-für ein Krieg um die Tempel und auf der Erde?» fragte er von neuem das
-Mädchen.
-
-Dieses wurde blaß und leuchtete weiß wie ein Metallspiegel und sagte: «Es
-ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der
-Erde.» Dabei bog sie sich über ihn, legte ihre Wange an Kiris Ohr und ihre
-Hand auf sein Herz.
-
-Da wurde es still draußen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die
-Sterne über dem Garten verschwanden, und Kiri hörte, wie ein leiser Regen
-begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, daß das
-Mädchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Sänfte legen
-ließ und sich selbst zu ihm hinein in die Sänfte kauerte. Und der Regen
-regnete leise auf das Dach der Sänfte, wie das Getrippel einer tanzenden
-Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob
-Kiri aus der Sänfte heraus. Er ließ alles geschehen und sah nur mit offenen
-Augen zu, daß man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes, großes Boot,
-ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine große
-rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des
-Goldlackhauses. Und Kiri hörte wieder den Regen auf das Dach trippeln, wie
-die Füße von hundert Tänzerinnen. Neben ihm saß das junge Mädchen, dessen
-Arme ließen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tür des
-Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelöscht wurde und wieder
-angezündet, daß es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nächte
-vergingen, das wußte er nicht.
-
-Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die
-Sonne am Tage hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tür des
-Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhörte, wenn das Mädchen neben
-ihm für einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an
-seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze.
-
-Allmählich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages übte er
-keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen
-Gesicht des jungen Mädchens: es gefiel ihr nicht, daß er den Regen
-vergessen, daß er sich aufrichten und sich umsehen konnte.
-
-Da fragte Kiri sie: «Wo sind wir?»
-
-«In Japan, Samurai», sagte das Mädchen ausweichend.
-
-Achtmal wurde die Laterne draußen ausgelöscht und achtmal wieder
-angezündet, und Kiri hatte wieder zählen gelernt. Am neunten Tag fragte er
-abermals das Mädchen: «Wo sind wir in Japan?»
-
-«Auf dem Biwasee, Samurai», sagte das Mädchen.
-
-«Sind viele Menschen auf dem See?» fragte Kiri.
-
-«Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines
-Hauses.»
-
-«Aber ich höre viele Menschen auf dem See.»
-
-«O Herr, es sind nicht Menschen, die du hörst. Das sind die vielen Füße des
-Regens.»
-
-Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am
-Morgen ausgelöscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tür ging,
-richtete er sich auf und fragte: «Wo sind wir auf dem Biwasee?»
-
-«Wir sind auf der Höhe von Karasaki, Herr», antwortete das Mädchen. Aber
-ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der
-Seide ihrer Ärmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mußte noch einmal
-fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit
-seinen Augen dem Mädchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurühren. Aber er
-hatte ihr nicht befohlen zu schweigen.
-
-«Bleib doch bei mir, Samurai», sagte sie lauter und flehend. «Sieh, es wird
-bald wieder Nacht draußen!» Und sie hob ihre weißen Händchen aus den Ärmeln
-und langte nach den Zipfeln von Kiris Ärmeln und hielt sie mit ihren
-kleinen Händen fester als ein Dornbusch.
-
-Da lachte Kiri über die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und
-hörte für eine Weile wieder den Regen.
-
-Das Mädchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte:
-«Was willst du draußen, Samurai, wo es immer regnet?»
-
-Und ihre Hände und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, daß Kiri
-nicht aufstand und bei dem Mädchen sitzen blieb und sich schmeicheln ließ
-und sie liebkoste.
-
-Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom
-Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite
-Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, daß es der
-gelbe Vollmond war.
-
-«Wie kann es regnen», sagte Kiri zu dem Mädchen, «wenn der Vollmond draußen
-neben der roten Laterne scheint?»
-
-«Es regnet immer nachts über Karasaki», sagte das Mädchen und war zwiefach
-von der Laterne und dem Mond beschienen.
-
-«Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lögest. Ich höre keinen Regen
-mehr.»
-
-«O, hörst du nicht mehr den Nachtregen über Karasaki?» sagte das Mädchen,
-öffnete den großen Fächer und hielt ihn gegen den Mond und gegen die
-Laterne, so daß ihr Gesicht dunkel war.
-
-«Ich höre keinen Regen mehr. Laß uns aufstehen, ich will den See und die
-Ufer im Vollmond sehen.»
-
-«O, höre doch den Regen!» flehte das Mädchen. «Bleib!» Und sie hob wieder
-ihre kleinen Hände, um ihn zu halten.
-
-Da befahl Kiri ihr, die Hände in die Ärmel zu verstecken, und sagte:
-«Schweig!»
-
-Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nächten stand Kiri auf und
-fühlte wieder, daß er Füße, Knie, Schultern, Ellenbogen und eine atmende
-Brust hatte. Und aus dem schwülen Räucherwerk, das in dem Lackhaus brannte,
-trat er durch die offene Tür hinaus in das Boot, das sich bei Kiris
-aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drückte.
-
-«Ich will nach Karasaki fahren!» rief er den Ruderern zu. Und als er sich
-gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des
-Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei
-hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie
-schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hörte Kiri keinen Ton mehr im
-Ohr, weder von den Trommeln, noch von den Mandolinen.
-
-Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot schoß jetzt auf
-Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten.
-
-Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von
-farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser.
-Je näher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus
-der Nacht.
-
-Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mädchen, das drinnen noch immer
-auf der Diele des Boothauses hockte und sich nicht rührte.
-
-«Komm und sieh, wie Karasaki uns empfängt!»
-
-Ganz schwach hörte Kiri des Mädchens Stimme zurück:
-
-«O, komm wieder herein, Geliebtester! Komm herein zu mir! Das ist der
-Nachtregen von Karasaki, der draußen im Mondschein glänzt. Es sind die
-Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hörst und siehst du
-nicht den Nachtregen?»
-
-Da stampfte Kiri ungeduldig, daß das Boot sich unter seinen Füßen noch
-tiefer ins Wasser senkte, und rief:
-
-«Stehe ich nicht auf meinen zwei Füßen? Sehe ich nicht mit meinen zwei
-Augen? Fühle ich nicht mit meinen zwei Händen, daß die Luft trocken ist!?»
-
-Da kam das Mädchen aus dem Boothaus und rief rasch zu den Musikantinnen auf
-das Dach hinauf:
-
-«Spielt lauter! Bei allen Göttinnen bitte ich euch: spielt lauter!»
-
-«Spielen die dort oben, oder spielen sie nicht?» fragte plötzlich Kiri.
-
-«Zwei von ihnen spielten immer, Herr. Jetzt spielen aber alle sechs. Hörst
-du nicht, Geliebter? Höre doch! Komm in das Haus! Du hörst vor dem
-Ruderrauschen hier draußen nichts. Komm in das Haus!»
-
-«Nein, ich höre nichts. Aber welches Lied spielen sie?»
-
-«O Herr, sie spielen das Regenlied. Verzeiht! Sie spielen das Lied schon
-seit Wochen, um dich einzuschläfern, Herr. Ich habe gelogen, Herr.» Das
-Mädchen warf sich vor Kiri nieder. «O Geliebter, ich habe dich nicht von
-mir lassen wollen. Das ganze Land war voll Krieg. Die Samurais aus dem
-ganzen Land zogen in den Krieg. Seit Wochen tobt der Krieg. Als die Tempel
-den Krieg verkündeten, habe ich dein Schwert verstecken lassen und habe
-dich einschläfern lassen mit dem Regenlied und habe dich im Arm gehalten
-und habe dich in eine Sänfte bringen lassen. Und die Musikanten, die das
-Regenlied spielten, haben dich begleitet bis an den Biwasee, und ich habe
-ihnen befohlen, sich auf das Dach zu setzen, und zwei von ihnen mußten
-immer spielen, Tag und Nacht. Und ich habe dich nicht von meiner Seite
-lassen können Tag und Nacht, vor Furcht, daß dich der Krieg töte, wenn du
-ans Land gingest, und vor Furcht, daß der Tod dann mein Geliebter würde.
-
-Jetzt aber sehe ich, daß Friede am Land ist. Deshalb glänzt Karasaki
-festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, daß Friede wurde, denn
-dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hören, und ich
-fühlte seit Tagen, daß ich dich nicht mehr aufhalten könnte, wenn du die
-Musik nicht mehr hörtest und an den Regen nicht mehr glaubtest.
-
-Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt können wir
-in unser Haus zurückkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die
-Toten können sich nicht küssen, nur die Lebenden.
-
-Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Göttern, ich
-hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich küßte! Warum wirfst du
-dich auf deine Knie? Warum schüttelst du die Fäuste in die Luft? Warum
-wird dein Haar lebendig und sträubt sich wie bei einer Katze?
-
-O Götter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet?
-Suchen deine Hände dein Schwert an den Hüften? Ich will dir's bringen.
-Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im
-Lackhaus, im Wandschrank.»
-
-Während das junge Mädchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber
-Kiris Gesicht leuchtete, als wäre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wölbten
-sich, seine Fäuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte:
-
-«Mein Schwert!»
-
-Dann stürzte er an dem Mädchen vorüber in das Lackhaus und zerbrach die
-Wandschranktür, die sich nicht sofort öffnete. Aber kaum berührten seine
-Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann
-weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die
-Diele und preßte sein Schwert an seine Brust, als wäre es seine
-wiedergefundene Geliebte.
-
-Eine Weile noch tobte sein Stöhnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein
-tränenüberströmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den
-Boden, löste den Seidengürtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert
-aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der äußerst feinen
-Schneide des Schwertes über den Haarbüschel an seiner nackten Brust,
-schnitt ihn glatt ab und lächelte eine Sekunde zufrieden über die gute,
-treue Schärfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mädchen,
-mit einem Tonfall und einer Stimme, als wäre nichts geschehen:
-
-«Mach dich bereit! Wir müssen jetzt sterben!»
-
-Das Mädchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos
-und bleich wie eine hingewehte weiße Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem
-einen Wort:
-
-«Geliebter!»
-
-Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle
-Muskeln an seinem Leibe zuckten, als würden sie von Zangen zerrissen. Darf
-je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel
-und selbst der große Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri
-und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde hätte ihn mit ihrem Feuer
-verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre; denn jeder Samurai
-ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn
-geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem
-Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den
-Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der
-Tod des kriegerischen Feuers.
-
-Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versäumen.
-Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines
-Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hören.
-
-Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versäumt, so ist seine adlige
-Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist,
-wird ihm dann für immer genommen, und sein nächstes Leben ist das eines
-gemeinen Mannes aus dem Volke.
-
-Doch das Schicksal gewährt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der
-Zufall geben will und sein Mut, daß er im nächsten Leben als gemeiner Mann
-einen Heldentod stirbt, -- dann erlangt seine Seele wieder die alte
-Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurück. Bis dahin
-aber muß er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden
-von den niedersten des Volkes.
-
-Kiri sprach: «Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller
-meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und
-Liebe ist vor den Göttern unstrafbar. Darum hoffe ich, daß mich die Götter
-begünstigen und dich und mich im nächsten Leben aus der Erniedrigung wieder
-zum alten Adel erheben.
-
-Ich hasse dich nicht. Ich muß dich lieben trotz des Todes, den du uns
-antust.
-
-Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben:
-
-Ihr Götter, könnt ihr durch einen Zufall drüben in Karasaki alle Lampen des
-Friedensfestes auslöschen, dann will ich euch glauben, daß ihr mir im
-nächsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden.
-Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da
-ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand
-gehöre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Götter, euch ist nichts
-unmöglich. Gebt mir das Zeichen!» --
-
-Die rote Laterne draußen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den
-Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des
-festlichen Ufers wie feurige Girlanden über die rote Laterne des Kiels und
-senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand.
-
-Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki plötzlich nicht mehr
-auf.
-
-Kiri wartete und wartete und sagte mit gedämpfter und bewundernder Stimme
-zu dem Mädchen:
-
-«Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung geändert haben und
-nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst:
-die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fährt in die Dunkelheit.»
-
-Das Mädchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber
-sie blieb unter der Türe stehen und sagte:
-
-«Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki
-ausgelöscht.»
-
-Da fragte Kiri lachend:
-
-«Ist es ein lauter Regen?»
-
-Das Mädchen beteuerte:
-
-«O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.»
-
-«Das ist der Regen der Götter. Aber ich höre ihn nicht», sagte Kiri
-feierlich und hielt den Atem an.
-
-Das Mädchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu
-Zeit fragte der Mann das Mädchen:
-
-«Wird der Regen lauter? Ich höre ihn nicht.»
-
-Dann hüllte das Weib sein Gesicht in die seidenen Ärmel und schluchzte.
-
-Kiri fragte:
-
-«Fürchtest du dich vor dem Tode?»
-
-«O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich fürchte mich vor der
-Ungewißheit, ob die Götter mich im nächsten Leben mit dir leben lassen.
-Wenn du wenigstens den Nachtregen über Karasaki wieder hören würdest, dann
-würde ich das als Zeichen nehmen, daß die Götter mir verzeihen und mich im
-nächsten Leben wieder mit dir leben lassen.»
-
-Und das Mädchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai,
-als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte:
-
-«Ich höre den Nachtregen über Karasaki. Und ich höre, daß wir uns wieder
-sehen und wieder lieben werden.»
-
-«O, Dank allen Göttern, und Dank auch dir, daß du mir verziehen hast,
-Samurai. O, könnte ich dir im nächsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und
-dir dein Schwert wieder schenken.»
-
-«Auch dieses werden die Götter erfüllen», antwortete Kiri, «denn wenn sie
-zwei Lebenden zwei Wünsche erfüllt haben, so legen sie die Erfüllung des
-dritten Wunsches als Göttergabe dazu.» --
-
-Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert,
-stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drückte es an seine
-Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedärme ...
-
-Das Mädchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt;
-als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden.
-Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte
-es an ihr Herz und stürzte sich in die Schwertspitze.
-
-Draußen tönte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn
-fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne
-stand still wie angemauert im Regen.
-
- * * * * *
-
-Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mädchen,
-das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: «Wer bist du?»
-
-«Kennst du mich nun?» fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel.
-
-«Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib
-mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.»
-
-«Wirf dein Netz aus!» sagte des Mädchens Stimme.
-
-«Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht länger ein
-Fischer sein, seit ich weiß, daß ich einst ein Samurai war.»
-
-«Wirf dein Netz aus!» sagte die Stimme wieder.
-
-«Ich kann im Dunkeln nicht sehen», sagte der junge Fischer, «und ich habe
-keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuzünden. Wie soll ich im Dunkeln
-wissen, wohin ich mein Netz werfe!»
-
-«Wirf dein Netz aus und vertraue mir!» sagte noch einmal die Stimme.
-
-Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit
-gewohntem Griff über den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft
-und sagte zu dem Netz:
-
-«Geh zu den Göttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich weiß, daß
-ich ein Samurai war.»
-
-Plötzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft
-zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen
-Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den
-See.
-
-«Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht», sagte Kiri stolz in die
-Luft. «Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich
-weiß, wer ich bin.»
-
-«Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder über den Bootrand! Dann will
-ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.»
-
-Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglühenden Strick
-aus der Tiefe. Aber er fühlte, daß er keine Kraft besaß, den Strick nur um
-das kleinste höher zu ziehen. Es war, als lägen steinerne Berge in seinem
-Netz: der Strick rückte nicht von der Stelle.
-
-«Deine Kraft wird über dich kommen zu deiner Stunde», sagte das Mädchen.
-
-Aber Kiri war unwillig und schüttelte den Strick, verzweifelt über seine
-Ohnmacht.
-
-«Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und
-rudere!» befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so.
-
-Und wie er ruderte, schien es ihm, als würde der See in der Tiefe hell.
-
-«Sieh jetzt um, über deine Schulter in dein Netz; und alles, was darin ist,
-wird deine Samuraiarbeit sein.»
-
-Kiri sah hinter sich den ganzen weiten See von den Maschen eines riesigen
-feurigen Netzes leuchten. Drinnen in dem Netz lagen die zerstückelten
-Leichen von abendländischen Offizieren, Arme, Beine, Köpfe, Kanonenrohre,
-Bajonette, blutig, zerschossen, zerfetzt und zertrümmert. Es war, als
-schleife das feurige Netz den ganzen See wie ein zuckendes Schlachtfeld
-hinter sich her.
-
-Es schauderte Kiri. Entsetzt ließ er die Ruder ins Wasser fallen. Das
-niedrige Gemüt des Fischersohnes überwältigte ihn. Er griff nach einem
-Fischbottich, der auf dem Grunde des Bootes stand, und stülpte ihn über
-seinen Kopf, um nichts mehr zu sehen. Er klapperte mit den Zähnen, daß der
-Bottich dröhnte, und getraute sich mit seinem Kopf nicht mehr aus seinem
-Versteck heraus. Er wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, bis ein
-paar Fäuste von außen an den Bottich trommelten und ihn die Stimme seines
-Vaters anrief:
-
-«Kiri, bei allen Göttern, was treibst du, Junge? Wo hast du dein Netz
-gelassen? Wo sind deine Ruder?»
-
-Kiri zog vorsichtig seinen Kopf aus dem Versteck. Er sah im Morgendampf den
-Vater im Strohmantel vor sich in einem andern Boot, und viele Boote waren
-um ihn versammelt. Aber keiner der andern Fischer lachte ihn aus. Es
-schien, als hätten sie alle dasselbe erlebt, denn alle waren bleich, und
-alle waren ernst. Alle Boote drängten nach den Ufern; Boote, die sonst
-wochenlang draußen zu liegen pflegten, -- alle kamen in Scharen
-herbeigeströmt, und die Frauen der Fischer trippelten am Ufer, jede mit
-einem Kind auf dem Rücken bepackt, und jede umgeben von einem Kinderkreis.
-Aber der Uferlinie entlang standen im Morgennebel die rauchenden
-Scheiterhaufen von großen Signalfeuern, die man angezündet hatte, um die
-Fischer von draußen ans Land zu rufen.
-
-Und nun sah Kiri, wenn der Morgenwind die Rauchwolken zur Seite rückte,
-Gruppen von kleinen japanischen Offizieren und Soldaten in europäischen
-Uniformen. Bajonette blitzten im Morgennebel, und hie und da leuchteten rot
-und gelb und golden im Morgengrau die Borten und Uniformaufschläge an den
-Soldaten.
-
-«Kiri, du mußt in den Krieg», sagte der Vater. «Heute hat Japan den Krieg
-mit Rußland angefangen, drüben über dem chinesischen Meer in der
-Mandschurei.»
-
-«Ich bin kein Samurai! Ich will nicht in den Krieg», sagte Kiri. «Ich habe
-schreckliche Träume heute nacht gehabt. Ich habe Netz und Ruder dabei
-verloren. Ich will nicht in den Krieg und auch noch den Kopf verlieren.»
-
-«Du wirst nicht gefragt, ob du willst. Du mußt in den Krieg! Heutzutage
-sind alle Männer, die einen rechten Arm und einen linken Arm, ein rechtes
-Bein und ein linkes gesundes Bein am gesunden Leib haben, Samurais. Du bist
-glücklicher als ich, mein Sohn. Zu meiner Zeit war das nicht so, und wir
-armen Fischer bekamen kein Schwert vom Kaiser von Japan zugeschickt. Drüben
-am Ufer stehen die Soldaten, die dir vom Kaiser einen neuen Anzug und
-kaiserliche Waffen bringen. Geh in den Krieg, mein Sohn! Dort bekommst du
-auch das Brot des Kaisers zu essen. Das ist ein Brot, das jeden Japaner
-mutig und unsterblich macht.»
-
-Aber jetzt kam Kiris Mutter an das landende Boot gelaufen. Sie schüttelte
-ihre Hände in die Luft und wehrte Kiri, er solle nicht landen, und rief:
-
-«Kiri, flieh, fliehe! Die Soldaten wollen dich uns holen! Schwimm in den
-See hinaus! Der Biwasee wird dich verstecken! Eine alte Frau hat mir
-prophezeit, daß du unsterblich bist vom Tage an, wo du den See betrittst,
-aber daß du sterben wirst, wenn ein Krieg ausbricht und du ans Land
-kommst.»
-
-«Mach deinen Sohn nicht feig, Wolke vor dem Mond», sagte der Vater zu Kiris
-Mutter. Und er zog sein eigenes Boot mit beiden Händen ans Land, erwartend,
-daß sein Sohn ihm folgen würde.
-
-Aber Kiri, bleich und grau vor kleinlicher Furcht, schlotterte vor Angst
-und Kälte in seiner dünnen, blauen Leinwandjacke. Er tat, als wolle er
-aussteigen, aber als sein Vater fortsah, griff er nach den Rudern in dem
-Boote seines Vaters, stemmte ein Ruder auf den Kies und stieß sein Boot
-zwischen den andern Booten durch in den See hinaus und rief seinem Vater
-zu:
-
-«Ich will mein Netz noch suchen, das draußen bei meinen Rudern schwimmt.»
-
-In allen Kähnen, wo man die Unterhaltung des Alten mit dem Jungen gehört
-hatte, lachten die ernstesten Leute hell auf über Kiris feigen Rückzug.
-
-«Er tritt den Krebsgang an», lachten einige Fischerburschen, die am Ufer
-standen und Uniformen anprobierten.
-
-«Er wird wiederkommen», sagte der Vater dumpf.
-
-«Er ist unser einziges Kind. Er braucht nicht in den Krieg», jammerte die
-Mutter. «Wir sind keine Samurais, die sich für andere töten lassen. Wir
-sind arme Fischersleute. Er soll nur sein Netz holen! Kiri soll nur draußen
-auf dem See bleiben, bis die Soldaten fortgezogen sind. Der See kann ihn
-ernähren.»
-
-Kiri kam nicht am Abend und nicht am nächsten Tag und auch in den nächsten
-Wochen nicht mehr nach Hause.
-
-Nach Monaten fanden Leute aus Karasaki Kiris Boot im Uferschilf versteckt,
-und man sagte, er müsse wahrscheinlich im Schilf verborgen von Krebsen,
-Wildenteneiern und Fischen leben.
-
-Aber als es dann Winter wurde, der See zufror, das Schilf abgemäht war und
-die weiße Schneekruste an allen Ufern lag, und Kiri kam immer noch nicht zu
-seinen Eltern heim, meinten einige, Kiri müsse ertrunken sein. Doch sein
-Vater behauptete unerschütterlich:
-
-«Kiri ist in den Krieg gezogen.»
-
-Nur die Mutter wünschte, daß er noch auf dem See sei, wenn auch das Wasser
-zugefroren war. Denn draußen auf dem See war Kiri unsterblich, wenn er auch
-nichts aß, nichts trank. Er konnte nicht erfrieren, er konnte auf der
-Eisfläche irgendwo liegen und schlafen, und im Frühling, wenn der Krieg aus
-war, konnte er heimschwimmen. Alles dieses konnte möglich sein, dachte die
-alte Frau, da die Prophezeiung Kiri für unsterblich erklärt hatte, so lange
-er auf dem See bleiben würde.
-
-Aber der Frühling kam, und der Krieg dauerte, und Port Arthur hatte sich
-noch nicht ergeben. Und das Schilf wuchs, und der See rauschte. Zwar waren
-alle Männer im Krieg und keine Fischerboote auf dem Wasser. Aber so lange
-Kiri nicht vom See heimkehrte, war er für seine Mutter unsterblich.
-
-Endlich war der Krieg zu Ende. Viele Fischer kehrten heim. Fast zwei Jahre
-dauerte der Heimzug, bis die letzten angekommen waren. Dann baute man in
-den kleinsten Dörfern aus Kiefernzweigen Triumphbogen.
-
-«Es sind noch ein paar Regimenter in der Mandschurei», sagte Kiris Vater zu
-den Fischern; «Kiri kann noch immer heimkehren.»
-
-Aber die Leute verlachten den Alten wegen seines feigen Sohnes. Und auch
-die Mutter sah nicht mehr auf den See hinaus, weil der Sohn nicht
-heimkehrte und sie nicht mehr an seine Unsterblichkeit glaubte.
-
-Eines Tages hat sie ihren Zweifel laut ausgesprochen und zu ihrem Manne
-gesagt: «Unser Sohn ist tot. Wir haben keinen Sohn mehr. Ich will heute
-nacht eine kleine Kerze zu seinem Gedächtnis vor dem Gott des Biwasees in
-einer Zimmerecke anzünden.»
-
-«Tu das!» sagte der Vater. «Ich will vor dem bronzenen Kriegsgott in
-Karasaki eine Räucherstange für die Nacht anzünden lassen. Die Götter
-werden uns vielleicht antworten und uns sagen, ob unser Sohn im Himmel bei
-den Helden oder im See bei den Krebsen ist.»
-
-Die beiden Alten taten, was sie sich vorgenommen hatten. Und der Vater
-kniete in dieser Nacht, das Gesicht auf der Erde, vor der bronzenen Statue
-des Kriegsgottes von Karasaki. Die Mutter kniete zu Hause in der Zimmerecke
-vor dem vergoldeten Gotte des Biwasees.
-
-Als es Mitternacht war, begann ein feiner Regen über Karasaki zu fallen.
-Der Vater im Tempel konnte nicht beten. Er mußte immer dem Regen zuhören,
-der auf die Ziegelhäuser der Tempeldächer pochte. Der Mutter zu Hause ging
-es ebenso. Sie lauschte dem Regen, der auf die Altanen draußen fiel und an
-die ölgetränkten Papierscheiben trommelte. Und sie mußte bei dem unruhigen
-Regen die Schritte von zwei Fremden überhört haben, denn ein vornehm
-gekleideter Samurai in schwarzer Zeremonientracht, eine vornehm gekleidete,
-schwarze Samuraifrau in Schleppgewändern, die schoben gegen Mitternacht die
-Türen zum Gemach der Alten auf und fragten sie, ob sie sich einen
-Augenblick bei ihr ausruhen dürften. Sie seien auf dem Weg nach Tokio, wo
-übermorgen das große Siegesfest sei, mit dem der Kaiser und die Minister
-das Gedächtnis der großen Helden von Port Arthur feiern würden.
-
-«Mutter, laßt Euch im Beten nicht stören», sagte der junge Samurai. «Wir
-sitzen nur einen Augenblick hier hinter Eurem Rücken und horchen auf den
-Nachtregen von Karasaki.»
-
-Es regnete. Und Gebet und Regen schläferten die alte Frau ein. Ihr Mann,
-der morgens vom Tempel heimkam, weckte sie, und sie hatte den Samuraibesuch
-ganz vergessen. Das Zimmer war längst leer, und die beiden Nachtwanderer
-waren verschwunden.
-
-«Liebe Wolke vor dem Mond», sagte der alte Fischer, «zieh deine besten
-Kleider an! Nimm die Wandersandalen vom Nagel! Wir müssen eine Reise
-machen. Der Kriegsgott hat es mir heute nacht befohlen.»
-
-«Wie kann ich auf meine alten Tage noch reisen?» sagte die Frau. «Wenn ich
-wüßte, wo mein Sohn wäre, ja, dann würde ich hinreisen.»
-
-«Unser Sohn ist in Tokio», sagte der Alte. «Als ich heute nacht im Tempel
-betete, kamen zwei Fremde herein und knieten an meiner Seite nieder. Es
-waren ein junger Samurai und seine Frau. Da konnte ich nicht mehr beten und
-ging auf die überdachte Tempelaltane und horchte auf den Nachtregen, der
-über Karasaki fiel. Und, denke dir, wie ich dort sitze, kommt derselbe
-Samurai, den ich eben noch drinnen neben mir knien sah, heraus. Aber er war
-nicht mehr im schwarzen Zeremonienkleid. Er hatte Panzer, Schwert, Speer
-und Helm des Kriegsgottes auf, und er deutete mit dem Speer nach der
-Sternenrichtung von Tokio und er sagte:
-
-'Vater, du suchst deinen Sohn! Du wirst ihn in Tokio wiederfinden!'
-
-Für einen Augenblick war es mir, als wäre es Kiri selbst, der in der
-altmodischen Rüstung vor mir stand. Wie ich aber genau hinsehen wollte, war
-nichts als die Nachtluft um mich; und der große Hanfstrick, der über dem
-Tempeltore hängt und die Geister vertreibt, schaukelte im Windzug, indessen
-alle Tempeldächer im Regen wie Trommeln redeten.»
-
-«Hier bei mir war auch ein Samurai mit seiner Frau», sagte die 'Wolke vor
-dem Mond'. «Ich habe ihn aber nicht als meinen Sohn erkannt. Er redete
-fremd und feierlich und vornehm, wie ich Kiri nie sonst reden hörte. Er
-blieb nicht lange hier mit seiner Frau. Er wollte nur etwas am Wege
-ausruhen und dem Nachtregen von Karasaki lauschen. Wahrscheinlich hatte er
-seine Tragsessel und die Träger vorausgeschickt, der Samurai. Denn ich
-hörte keinen Laut ums Haus, nicht da sie kamen, und nicht da sie gingen.
-
-Aber wenn du sagst, daß dein Samurai im Tempel aussah wie unser Sohn, dann
-erinnere ich mich, daß auch mein Samurai hier Ähnlichkeit mit Kiri hatte.
-Aber wie hätte ich ihn erkennen können! Dieses Samuraigesicht war sehr
-zerschlagen von Kriegswunden, und die Narben entstellten die Gesichtszüge.
-Und die Narben waren so dicht über seinen Händen und über seinem Gesicht,
-wie die Maschen in einem Fischernetz. Da war kaum ein fingerbreites
-Stückchen Fleisch an seinem Gesicht, das nicht durch eine Narbe zertrennt
-gewesen wäre. Ich habe meinen Sohn nicht erkannt.»
-
-«Du hast deinen Sohn niemals erkannt, 'Wolke vor dem Mond', aber du wirst
-ihn in Tokio gleich erkennen», sagte der alte Fischer.
-
-Am nächsten Morgen reisten die beiden Alten nach Tokio. Erst mußten sie
-wandern, und dann konnten sie die Eisenbahn nach Tokio benützen. Sie kamen
-am Morgen dort an und nahmen sich nicht die Zeit, in ein Gasthaus zu gehen.
-
-Die Stadt war überfüllt von Japanern aus allen Landesteilen. Aber als die
-beiden Leute vor den Menschenmassen in den Straßen standen, wurde ihnen
-sehr bang, und sie fragten sich im Herzen: Wie sollen wir Kiri hier finden?
-Eher findet man ein verlorengegangenes Ruder auf dem großen Biwasee, als
-einen verlorengegangenen Menschen in dieser großen Stadt.
-
-Wie sie noch beratschlagten, kam ein Rikschawagen auf sie zugefahren, und
-drinnen saß einer der angesehensten Männer aus Karasaki. Er war so hoch an
-Rang, daß er die armen Fischerleute auf den Straßen von Karasaki niemals
-angeredet hatte. Aber jetzt hielt er seine Rikscha an, winkte zehn
-Rikschas, welche ihm folgten und in welchen dem Range nach lauter
-angesehene Männer von Karasaki saßen, Männer, die im Krieg gewesen waren,
-und Familienoberhäupter, die im Krieg Söhne verloren hatten.
-
-«O Herr», sagte der hohe Beamte und verbeugte sich aufs tiefste vor dem
-alten Fischer, «welch ein Glück, daß ihr schon hier seid! Haben euch die
-Kuriere des Kaisers geholt? Habt ihr die Telegramme erhalten, die man heute
-nacht aus Tokio an euch schickte? Habt ihr den Sonderzug erhalten, mit dem
-man euch heute hierher holen wollte?»
-
-Und alle andern Männer aus den zehn Rikschas standen mit tief gebeugten
-Rücken vor dem alten Fischerpaar und getrauten sich nicht mehr, sich
-aufzurichten, als verbeugten sie sich vor dem Kaiser selbst.
-
-Und nun schienen die Menschen auf den Straßen von Tokio und die Gesichter
-auf den Straßen keinen Rücken und keine Rückseite mehr zu haben. Nur Wangen
-und Augen und Augen und Wangen strahlten den beiden Fischersleuten
-entgegen, ihnen, die die Eltern des großen Helden Kiri waren, von dem man
-sagte, daß er vor dem Tor von Port Arthur eines dreihunderttausendfachen
-Todes gestorben sei. Dreihunderttausendmal hatte er sich in den
-Kriegsjahren dem Tod ausgesetzt. Immer dort, wo die Gefechte am schlimmsten
-waren, sah man ihn auftauchen. Einmal schleppte er Arme voll Dynamit vor
-das eiserne Tor eines Forts. Um den japanischen Truppen den Eingang in das
-Fort zu verschaffen, lief er seinem Regiment voraus und warf am Eisentor
-das Dynamit sich selbst vor die Füße und stampfte darauf, so daß das
-massive Tor sich wie der Deckel einer Sardinenbüchse auftat; aber Kiri
-blieb mitten in der Dynamitexplosion unversehrt wie ein Ei auf Stroh.
-
-In den Wolfsgräben, auf deren Grund die Russen Bajonette senkrecht
-eingerammt hatten, warf Kiri sich hunderte Male steif wie ein Balken quer
-über die Bajonette und ließ seine Kameraden über seinen Rücken laufen. Und
-er blieb steif gestreckt, und sein Leib widerstand den Spitzen der
-Bajonette, so hart machte der Mut seinen Körper, so hart, daß die Bajonette
-nicht einmal seine Augäpfel zerschnitten hatten, bis der letzte seines
-Regiments über ihn weggeschritten war. Dann stand er heil und unversehrt
-auf.
-
-Zum letzten Male, als man von Kiri hörte, verdingte er sich verkleidet als
-russischer Lotse, gelangte an das russische Admiralsschiff und führt es in
-einem Morgennebel vor die Kanonen der im Nebel verborgenen japanischen
-Flotte. Mit diesem Schiff war Kiri untergegangen, und niemand hatte ihn
-seitdem wiedergesehen.
-
-Waffen, die er getragen, Uniformstücke, die seine Kameraden von ihm
-aufgehoben hatten, alles lag jetzt auf dem Ehrenplatz im Kriegsmuseum,
-dicht neben dem eroberten zerschossenen Feldbett des russischen Generals
-Kuropatkin.
-
-Nun hatte es sich von Mund zu Mund auf den Straßen von Tokio
-weitergesprochen, daß die Eltern des großen Kriegshelden Kiri, die Mutter,
-die ihn im Schoß getragen, der Vater, der ihn gezeugt hatte, auf das
-Paradefeld kämen. Dort stand ein mächtiger stacheliger Triumphbogen,
-aufgebaut aus erbeuteten russischen Bajonetten. Weit über das morgensonnige
-Feld blendeten die langen Reihen von erbeuteten russischen Kanonen,
-aufgestapelten Stahlgranaten und eroberten Torpedogeschossen. Und über der
-Holzhalle des Kriegsmuseums wimmelte ein Wald von erbeuteten Fahnen, die
-den Himmel bunt belebten, ähnlich den bunten Scharen von Papierfischen, die
-am ersten April über den Dächern flattern.
-
-Der Älteste der angesehenen Männer aus Karasaki sagte: «Alle diese Fahnen
-hat euer Kiri erbeutet! Für jede seiner Heldentaten hängt eine Fahne dort
-über dem Dach des Kriegsmuseums, in dem euer Sohn jetzt als ewiger Name
-wohnt, angebetet vom japanischen Volk wie ein Kriegsgott.» --
-
-Geehrt von Kaiser und Reich, kehrten die Fischersleute nach den
-Friedensfeierlichkeiten wieder heim nach Karasaki. Und als man ihnen in der
-Stadt Karasaki eine neue Hütte bauen wollte und dem Vater einen neuen Kahn
-geben wollte, sträubten sich die beiden Alten und sagten: «Das Holz des
-Kahnes und die Bambuswände der Hütte und die Papierscheiben, die mit uns
-alt und grau geworden sind, und die mit Kiri so oft den Nachtregen fallen
-hörten, -- alle diese Dinge sind wohltönend geworden vom Alter und den
-Erinnerungen und wohltönend von dem Nachtregen, der melodisch auf sie
-gefallen ist; wir leben im Alten wohler als im Neuen, wir alten Leute.»
-
-Den Regen von Karasaki hören bedeutet am Biwasee heute noch, daß dich dann
-nie ein Mißlaut beirren wird; denn Kiris Heldenseele lauscht mit dir, und
-dieser Nachtregen singt von Liebe und Unsterblichkeit.
-
-
-
-
-Die Abendglocke vom Miideratempel hören
-
-
-Der älteste Baum Japans steht am Biwasee, nicht weit von der Stadt Ozu,
-nicht weit von den Tempelterrassen des Miideratempels, der auf grünem Hügel
-über einem Kryptomerienwalde liegt.
-
-Als dieser viel tausend Jahre alte Baum nicht höher als ein Grashalm war,
-leuchtete der harfenförmige Biwasee dicht bei dem Baumschößling ebenso wie
-heute noch unverändert bei der alten, zerklüfteten Baumruine.
-
-Dieser älteste Baum Japans stützt sich jetzt wie ein gealterter Gott, der
-Hunderte von Armen vom Himmel über die Erde ausbreitet, auf Hunderte von
-Stangen, die gleich Hunderten von Krücken und Stelzen sein morsches Dasein
-tragen.
-
-Damals, als der Baum jung wie ein Halm war, war aber der Miideratempel noch
-nicht gebaut, und niemand hörte noch den wunderbaren Klang der
-Miideraglocke, die abends beruhigend wie eine singende Frau ihre Stimme von
-den Tempelterrassen an dem alten Uferbaum vorüber zur Harfe des Biwasees
-schickt.
-
-Dieser Baum wurde in ferner Vorzeit aus China nach Japan herüber gebracht,
-als winziges Würzelein zuerst; und in Japan erfuhr man erst sehr spät seine
-chinesische Geschichte.
-
-Als der Baum so groß wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal
-einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm
-kamen, war er schon in den kräftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie
-die Kryptomerienbäume des nahen Bergwaldes.
-
-So ein Baum, der nie von der Stelle rückt, und dessen Umgebung gleichfalls
-nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein
-vorzügliches Gedächtnis. Dieses drückt sich aber nicht darin aus, daß sich
-sein Mark Gedanken macht über das, was gewesen ist oder was kommen wird,
-sondern das Gedächtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Außenseite.
-Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen,
-Knorpeln, Schürfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer
-stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich
-dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich
-verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrübelte sich seine Rinde und
-faltete sich zu einer Zeichenschrift.
-
-Die Schriftgelehrten der Bäume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen,
-die Vögel. Die Borkenkäfer und Borkenwürmer sind untergeordnetere
-Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der
-Rindenschrift, mitarbeiten.
-
-Diese Sprache der Bäume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch
-vorzeitliche Bastkleider, Blättergewänder und verwildertes Kopfhaar trugen,
-nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hieß Ata-Mono.
-
-Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurück; sie fällt vor die Entdeckung
-des alten Baumes am Biwasee.
-
-Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum
-entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib
-unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand
-geschrieben, daß jeder Mensch, ob groß oder niedrig, ob klug oder
-beschränkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit
-des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten könne, wenn er einmal im
-Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der
-chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit über dem Meer
-in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und
-nur von einigen «das Land des ewigen Feuers» genannt wurde, weil der
-Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte.
-
-Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache,
-bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinüberführen, denn nur
-Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle
-hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem
-Ata-Monos Harfe liegen sollte.
-
-Ata-Mono saß jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der
-Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rücken und sah mit seinem
-Angesicht Tag für Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine
-Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte.
-
-Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand
-zurück. Da sah er in der Ferne über dem aufgerüttelten Meer ein vielarmiges
-Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mächtiger,
-belaubter Baum über das Meer geschossen.
-
-Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst für ein Gespenst, dann für einen
-Drachen, und dann erkannte er, daß der vielarmige, riesige, aufgerichtete
-Körper wirklich ein Baum war, ein grüner, frischer Kryptomerienbaum mit
-feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbäume leuchten rot, wenn
-sie naß werden. Dieser Baum troff von Seewasser, schoß an den kiesigen
-Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom
-Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere
-Bäume fand, in deren Nähe er windgeschützt stehen blieb und sich mit seinen
-Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte.
-
-Ata-Mono kannte keine Furcht; und als der wunderbare Baum wie eine rote
-Fackel über das Wellengewühl des Meeres aufrecht daherkam und seine
-finsteren Zweige wie schwarzen Rauch in die Luft streckte, da wich der
-sehnsüchtige Träumer nicht zurück, denn er war ja der erste Vertraute, den
-die Bäume sich unter den Menschen auserwählt und dem sie ihre Rindenschrift
-in einer guten Stunde zu erkennen gegeben hatten; und er kannte keine
-Furcht vor den Bäumen, auch nicht vor diesem seltsamen übers Meer
-gewanderten Baumriesen.
-
-Ata-Mono legte sich in dieser Nacht unter den neuangekommenen Baum, nachdem
-er Wurzeln und Rinde von Tang, Seeschlamm und Seemuscheln gereinigt hatte;
-und er schlief ein mit dem Bewußtsein, daß dieser Baum zu ihm allein nach
-China und sonst zu keinem andern gesendet war. Und er freute sich, am
-nächsten Morgen aus der Rinde dieses Baumes Schicksale und Gedanken und
-Wünsche dieser Kryptomerie zu lesen und vielleicht zu erfahren, wie er nach
-dem kleinen Land des ewigen Feuers zu jener Harfe gelangen könne.
-
-Der Morgen kam, und Ata-Mono studierte bis zur untergehenden Sonne, ohne
-zu essen, ohne zu trinken, ohne aufzuschauen, die Gruben, Windungen und
-Furchen in der Rinde seines Baumkameraden. Aber es war ihm unmöglich, die
-Zeichen der Rinde zu entziffern, er verstand nichts von der Sprache dieses
-Baumes. Die Zeichensprache aller chinesischen Bäume konnte er lesen, an
-diesem Baum aber blieb sie für ihn unleserlich. Und Ata-Mono weinte, als
-die Sonne untergegangen war und er unter dem unbegreiflichen Baum saß,
-unwissend und einsam.
-
-«Wenn ich dich nicht lesen kann, so sprich!» schrie er den Baum ungeduldig
-an, als die Sonne zum letzten Male aufleuchtete und den Stamm rot bestrich.
-
-«Herrlicher, herrlicher Baum!» schrie Ata-Mono voll Entzücken, weil der
-Baum von der Wurzel bis zur Krone wie eine feurige Kohle leuchtete.
-
-Der Baum schwieg. Die Sonne ging unter.
-
-Ata-Mono schrie: «Ich schwöre, daß ich nichts mehr essen und nichts mehr
-trinken werde, bis du mich deine Rindenschrift lesen läßt, oder bis du mir
-jemanden sendest, der mich deine Schrift lehrt.»
-
-Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll,
-weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht
-mehr atmen wollte.
-
-Halb erstickt lag er am Strande und haßte den neuen Baum und haßte China
-und haßte seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit.
-
-«Ich will die Harfe vergessen», dachte er und lag in den letzten Atemzügen.
-Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden
-Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat
-wieder festen Boden unter den Füßen.
-
-Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm
-die Steine gedankenlos aus dem Munde und schöpfte frischen Atem. Dann
-sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder
-zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrübelt
-hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe.
-
-«Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen.» Und Ata-Mono
-bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grübchen im Sand und die
-Wölklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bäume und
-Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun ließ er auch sein
-Gehör wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden
-gelebt hatte, horchte, wie das Dünengras raschelte, wie die Dünenmäuse
-miteinander wisperten, wie die Füchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie
-die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein plätscherten. Und
-nachdem er sein Gehör befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen
-zu ihm, seine Zähne und sein Magen und sein gekühltes Blut: «Weißt du, es
-gibt ganz andere Dinge zu essen, als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich
-jahrelang genährt hast. Hörst du nicht? In der Ferne gackern Truthühner im
-Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rüssel
-scheint. Und Bauernhöfe sind in der Nähe, wo du Eier, Schweinespeck,
-gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wärme
-am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein
-verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust?»
-
-Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu
-ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, daß die Menschen Kleider
-trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedörrtem
-Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und
-Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte,
-zu gefallen wünschte.
-
-Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom
-Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein.
-
-Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten
-freundlich: «Guten Morgen, Ata-Mono.» Und Ata-Mono dankte und war
-verwundert, daß man seinen Namen kannte, und er bat um etwas süßes Wasser.
-
-Und während er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging
-eines der drei Weiber grüßend fort.
-
-Der erste Becher süßen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so
-nahrhaft und so wohltuend, daß er glaubte, es würde ihn nie mehr dürsten.
-Und er sagte zu den Frauen:
-
-«Ich werde euch später danken, wenn ich einmal reich werde.»
-
-Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und
-sagten: «Du bist der Reichste im Lande!» Und ihr Gruß und ihre Ehrerbietung
-machten, daß er sein Herz sich wieder erwärmen fühlte, als schiene ihm die
-Sonne in den offenen Mund.
-
-Ata-Mono ging, gesättigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort,
-tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbäume und kam
-zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Häusern. Aber nahezu dreißig
-Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreißig verneigten sich vor
-Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an
-dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und
-hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darüber, daß das geschehen
-war, und er wußte nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem
-Unbekannten, machten.
-
-Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: «Unsere Männer sind bei der
-Feldarbeit und wissen nicht, daß du kommst. Nur wir haben es eben erst
-durch eine Frau erfahren, daß du nach China zurückkehrst.»
-
-Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken, -- so tief verfiel
-er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust
-hätten, sich um ihn zu kümmern.
-
-Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Häusern verlassen, da kamen
-ihm auf der Landstraße über den nächsten Hügel und über den zweiten Hügel
-und über den dritten und vierten Hügel schon neue Frauen und Mädchen
-entgegen. Immer empfing er dieselben Grüße, und immer wieder mußte er
-hören, daß die Männer bei der Arbeit seien.
-
-Ata-Mono ging über den fünften Hügel. Dort standen schon Reihen von Frauen
-zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und
-verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrängt. Aber kurz vor
-Sonnenuntergang, am sechsten Hügel, dahinter die Hauptstadt der Provinz
-lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saßen auch in den
-Zweigen der Bäume, und ihre Gesichter waren glänzend wie Lampen am Abend.
-Die oben in den Bäumen klatschten Beifall, und die, die unten standen,
-verneigten sich und murmelten Beifall.
-
-Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Türmen der Provinzhauptstadt, wo
-das Frauengedränge am Wege am dichtesten war, hörte Ata-Mono plötzlich
-einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr,
-und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand
-senkrecht und zitternd fest vor seinem Fuß.
-
-Er staunte, aber er ließ sich nicht in seinem Weg stören und tat drei
-Schritte weiter. Da stürzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine
-zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der
-dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und riß die Muschelkette aus seinem Haar
-mit sich.
-
-Gleich darauf sah Ata-Mono, daß die Frauen auf den vier Türmen des
-Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann
-hinunterstürzten.
-
-«Was bedeutet das?» fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunächst
-standen.
-
-«O, Herr, ein paar eifersüchtige Männer wollen Euch töten», sagte die eine
-der beiden Frauen eifrig; die andere lachte.
-
-«Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrüßt?» fragte er
-weiter.
-
-«O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach
-China zurückkehren würdet, dürfe kein Mann sein Haus verlassen und kein
-Mann die Straße betreten, da die Eifersucht der Männer grenzenlos ist, und
-weil dich alle Männer hier hassen.»
-
-Ata-Mono sagte verwundert: «Ich habe seit Jahren keine Männer gesprochen.
-Warum hassen sie mich, und warum sind sie eifersüchtig auf mich?»
-
-«Herr, Ihr wißt nicht, daß der Regent tief betrübt war, weil Ihr, der Ihr
-der Erste seid, der die Sprache der Bäume verstand, -- weil Ihr China den
-Rücken kehren wolltet.»
-
-Ata-Mono staunte:
-
-«Ich habe es niemand erzählt. Woher weiß der Regent, daß ich die Schrift
-der Baumrinden lesen kann?»
-
-«Herr, man sah Euch ja täglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen
-Wäldern, wie Ihr laut die Sprache der Bäume entziffert habt. Die Menschen
-standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und
-jetzt lesen alle unsere Männer und verstehen die Sprache der Bäume wie
-Ihr.»
-
-«Sind sie deswegen eifersüchtig, eure Männer, weil ich der Erste war, der
-die Sprache der Bäume verstand?»
-
-«O nein, Herr, sie sind eifersüchtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China
-den Rücken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, daß Ihr an dem Tag,
-an dem Ihr umkehren würdet und unter sein Volk zurückkehren, -- daß Ihr
-dann die Wahl haben würdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder
-unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst dürft Ihr als
-Frau Euch erwählen. Aber Ihr müßt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses
-Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewählt, wird man Euch morgen töten.
-Der Regent will, daß Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und daß
-Ihr nicht den Ruhm des Landes gefährdet, daß Ihr nicht auswandert oder eine
-Frau aus einem andern Volke wählt als aus dem unsern.
-
-Die Männer, die vorhin von den Türmen gestürzt wurden, waren die Männer von
-den vier schönen Töchtern des Regenten; diese vier Männer wollten Euch
-töten, ehe Ihr die Stadt betreten hättet, weil sie bei Eurer Brautschau für
-ihre Frauen fürchteten.»
-
-Ata-Mono sagte: «Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen.
-So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig
-Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin
-ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine
-Frau töteten, statt mich zu töten?»
-
-«Komm!» sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. «Lege deinen Arm um mich
-und verkündige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben müssen. Und
-ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer
-vergeblich erwartet hast.»
-
-Ata-Mono fragte rasch:
-
-«Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbäume?»
-
-«Natürlich», sagte die Frau ebenso rasch. «Ich habe zwar nie einen solchen
-Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner
-Hand.»
-
-Ata-Mono fragte noch rascher:
-
-«Weißt du, wo die Harfe liegt, die ich suche?»
-
-«Natürlich», antwortete ebenso rasch die Frau. «Alle Bäume erzählen es,
-daß die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt.»
-
-«Weib, weißt du den Weg dorthin?»
-
-«Natürlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau
-gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen,
-wenn du mich liebst.»
-
-«Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die
-Unsterblichkeit mit mir teilen?»
-
-«Treu bleiben?» fragte das Weib und schmollte. «Das ist das Natürlichste
-von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit
-werde ich natürlich mit dir teilen.» -- --
-
-Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt,
-heißt es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm
-um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches
-immer so geläufig «natürlich» geantwortet hatte, sondern um eines, das
-daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie
-eine singende Glocke.
-
-Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Länder ehren heute
-noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen.
-
-Als der große chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes
-Weib nach glücklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am
-Meeresstrande unter dem rätselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals
-entziffert hat. --
-
-Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den
-harfenförmigen Biwasee, als die große Harfe, im Lande des ewigen Feuers
-liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklärlichen Baumes, zu
-einer Zeit, wo die Japaner noch in Blätterkleidern und mit ungekämmten
-Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten
-Apostel höherer Bildung und Gesittung wurden.
-
-Und wieder einige Jahrhunderte später, als die ersten chinesischen
-Buddhisten-Mönche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des
-Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrüderung aller
-Weltallwesen lehrten und Mönche den Miideratempel mit seinen Terrassen am
-Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rätselhaften Baumes, der
-nun durch die Jahrhunderte stark und mächtig geworden war. Und jeder, der
-zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines
-Tages ein japanischer Mönch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die
-Rinde des alten, rätselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis
-dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der
-Baumrinde den Satz:
-
-«O wisse, Mensch, und höre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir
-und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe höher als die
-Unsterblichkeit.»
-
-Und diesen Spruch las der japanische Mönch milliarden- und milliardenmal in
-die Kronenäste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur
-tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz.
-
-Nun erinnerte man sich auch, daß Ata-Mono, seitdem er glücklich mit dem
-lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, daß er
-sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus
-der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als
-Mönche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel
-geläutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von
-Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glücklichen Weibes
-hat.
-
-Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krücken
-gestützt. Zu dem Platze, wo er am See steht, führt ein hölzernes Tempeltor.
-Seine Zweige sind mit Tausenden von weißen Gebetszetteln behangen. Tausende
-von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der
-verkündet: «Die Liebe ist größer als die Unsterblichkeit», und nennen ihn
-«den Glücklichen», weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der
-Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen
-gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit vergaß.
-
-
-
-
-Sonniger Himmel und Brise von Amazu
-
-
-Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende,
-milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.
-
-Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie
-sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten,
-grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf,
-unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und
-Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von
-dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von
-spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die
-Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die
-Menschenstimmen über dem Wasser, -- Mädchen-, Frauen-, Männer- und
-Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel
-ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme.
-
-Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem
-sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die
-Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem
-ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort
-eingeatmet hat, -- eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees
-eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei
-Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glückseufzer die
-Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich
-anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glückseufzer
-über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.
-
-Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und
-bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der
-Seefläche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See
-gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger
-Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne
-Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche
-die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen
-der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden
-Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt
-einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses
-Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und
-nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen
-die Japaner, so daß man über den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses
-hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu
-versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der
-Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen
-Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das
-Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu
-benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung
-des Sees, nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der
-Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.
-
-Nur so lange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels,
-der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die
-Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden
-vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.
-
-Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen
-Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das
-Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt
-hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden
-Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen
-verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen
-unten auf dem Seegrund.
-
-Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings
-Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung
-abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten
-Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana
-eingegangen ist.
-
-«Die Brise von Amazu hat ihn verlassen» oder «der Brise von Amazu trotzen
-wollen», sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das
-sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie
-schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes
-Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Träne. Dieser
-Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins
-Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm
-einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert.
-Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied
-abends unter den Fenstern:
-
- Gab dir heute der sonnige Tag,
- Als der See im Mittagsschlaf lag,
- Freude und einen glücklichen Sinn
- Und Götterkraft deinem Fuß im Schuh, --
- Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin.
- Glück währt nie lang,
- Wir sind um dich bang,
- Glück und Tod bringt die Brise von Amazu. --
-
-Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden
-Knabenschulen an einem Sommertage in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den
-ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen,
-aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees
-zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter.
-
-Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht groß und saß in je einem
-Kahn. Nun wird in Ozu erzählt: Die heiße Mittagsstunde kam, und die Kähne
-befanden sich auf der Höhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den
-bläulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Kähne schienen zwischen
-Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten.
-Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser
-beieinander.
-
-Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen
-Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grünspanfarbig zu sehen
-sind. Kirschbäume stiegen auf, als käme der rosigste Frühling noch einmal
-in den Hochsommer herein, und kleine Mädchen in taubenblauen Gewändern
-klatschten rhythmisch in die Hände und umwandelten die dunkeln Silhouetten
-der Kirschbaumstämme. Bald gaben sie sich die Hände, bald breiteten sie die
-Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knieenden.
-
-Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Kähnen unter
-Kirschbäumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im
-Hochsommer blüht, und wo die Mädchen den Frühlingsgottheiten eine
-Tanzzeremonie ausdenken, um der lächelnden Kirschblüte zu huldigen.
-
-Kein Knabe war zu halten. Alle verließen die Boote, liefen auf die Wiesen,
-kauerten im Kreis unter den Kirschbäumen und begleiteten mit rhythmischem
-Händeklatschen die Mädchenfüße.
-
-Aber Kinder, die nichts vom Glückswechsel und von Beherrschung der
-Glücksekunden verstehen, können auch nicht auf den Augenblick der
-Windstille nach der Brise von Amazu achten.
-
-Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den
-äußersten Spitzen der Kirschbäume, mit den glitzernden Grashalmen der
-grünspanfarbigen Wiesen, legte sich plötzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat
-ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den übers Wasser
-wandernden Kindern zu: Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe
-kehrte zurück, als die Brise von Amazu sich legte.
-
-Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trübes Glasmehl werden
-und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle
-Schulkinder im See verschwunden.
-
-Die beiden Schullehrer kamen drei Tage später, nachdem sie den ganzen See
-abgesucht hatten, ohne Kinder zurück nach Ozu, wo der Jammer um die
-verschwundenen Schulklassen so groß war, daß viele Väter noch in derselben
-Nacht Selbstmord begingen und viele Mütter hinaus zum See stürzten und sich
-ertränkten.
-
-Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nächsten Morgen tot
-in seiner Wohnung gefunden, erwürgt von Nachtgeistern, sagten die Leute.
-Der andere aber mußte seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist.
-
-Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hieß, und sagte, er
-wolle sich ein Mädchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte,
-warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglück über ihn und Amagata
-gekommen sei, da schüttelte er nur den Kopf und sagte finster: «Auf Glück
-folgt Unglück und auf Unglück Glück. Darum muß das Mädchen, das ich liebe,
-aus Amazu sein und mir Glück bringen, weil ich dort mein größtes Unglück
-hatte.»
-
-Wenige Tage später brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau
-aus Amazu nach Ozu, schloß sein Weib in sein Haus ein und zeigte es
-niemand.
-
-Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er größer wurde, dem ermordeten
-Lehrer Amagata auffallend ähnlich.
-
-Nach der Geburt des Knaben trat eine Veränderung mit Omiya ein. Er
-vernachlässigte seine Frau, er vernachlässigte sein Haus, er vertrank sein
-Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine
-kleine, kalte Pfeife, die er nie anzündete, die er aber alle Augenblicke
-ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht.
-
-Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal
-bekannt. Die Kinder flüchteten in die Häuser und versteckten sich hinter
-die langen Ärmel der Mütter, wenn am Ende der Straße das Klopfen der
-Tabakpfeife des Polizisten Omiya ertönte. Nachts schrien Knaben und Mädchen
-im Schlafe auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorüberging und seine
-Pfeife an die Hausecke pochte.
-
-Ältere Leute, die nachts noch bei der Kerze lasen, löschten das Licht aus,
-wenn sie das Klopfen der Pfeife hörten. Junge Männer, die eben aus dem
-Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in
-das Teehaus und bestellten sich eine neue Tänzerin und Reiswein, um nicht
-an das verrufene Klopfen denken zu müssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte
-mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen.
-
-Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzählte keiner dem andern in ganz
-Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengeräusch des Polizisten verursachte. Jeder
-vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal
-des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von
-Omiya erlöst wurde.
-
-Es war in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der
-damalige Kronprinz von Rußland Japan bereiste und, gefolgt von
-verschiedenen japanischen Würdenträgern und begleitet von abendländischen
-russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des
-Miideratempels bewunderte.
-
-Es war am frühesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner
-ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein großes silbernes Ei in
-der Sonne, -- ein großes Silberei, das sich funkelnd um seine Längsachse
-drehte. Über die Häuser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die
-Augen der Menschenmengen, die in der Seestraße Kopf an Kopf standen und den
-ausländischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom
-Miideratempel zurückkam, -- den zukünftigen Kaiser jenes Landes, das so nah
-an Japan grenzte, und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel
-tragen, so daß man hätte glauben können, alle die schwerbestiefelten Russen
-würden eines Tages dem kleinen Japan einen Fußtritt geben, daß es
-zerstampft sein würde wie eine Fliege auf der Diele.
-
-Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraßen aufgereiht standen,
-lächelten sauersüß, als dem russischen Kronprinzen vorauf in einigen
-Rikschas ein paar riesige, schwerbestiefelte russische Generäle fuhren, die
-während des Fahrens nichts von der Morgenschönheit des Biwasees zu bemerken
-schienen, sondern mit noch übernächtigen Köpfen wie feiste Dämonen in den
-kleinen Wagen saßen und halb eingeschlafen waren.
-
-An einer Straßenecke war der Polizist Omiya in dunkler, europäischer
-Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand.
-Ein kleiner, kurzer Säbel hing an seinem Gürtel. Seine Mütze war tief in
-die Stirn gezogen, so daß ihn der glänzende Biwasee nicht blendete.
-
-Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an
-den Mützenschild führen und den russischen Zarensohn grüßen. Aber die Leute
-auf der Straße sahen plötzlich den russischen Prinzen im heftigsten
-Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Säbel blitzte und zerbrach dann wie
-ein Stück Glas und flog im Bogen in zwei Stücken über die Köpfe der
-Zuschauer in eine Seitenstraße.
-
-Russische Uniformen und abendländische Fäuste sah man im Gewühl einen
-Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von
-Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, über
-ganz Japan, über Rußland und über Europa, -- die Schreckensnachricht, daß
-der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee
-angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei.
-Man erklärte diesen seltsamen Fall damit, daß der japanische Polizist in
-plötzlichem Irrsinn und unter dem Einfluß der Tobsucht gehandelt habe.
-
-Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und
-habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflüchtet. Und da alle
-Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heißer, glühender Tag
-war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentäter in den See
-gelockt.
-
-Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fünfzehn Jahre alt. Das ist
-das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und
-einen Namen für ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen
-des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben,
-bis sie Kunde haben würde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen
-Mannes.
-
-Einige Tage später, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rührte,
-flog ein Kieselstein von der Straße her in den Reistopf.
-
-Die Frau streckte den Kopf über die Altane des Hauses und sah einen in
-Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein großes Bündel gemähtes Schilf
-auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und
-um seinen Kopf, bis auf die Schultern, daß Omiyas Frau nur ein riesiges
-Schilfbündel auf zwei Beinen wandelnd die Straße hinabgehen sah.
-
-Sie schüttelte verwundert den Kopf. Die Seestraße war zur Mittagsstunde
-leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster
-geschleudert hätte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fährt noch
-einmal mit dem Kopf über den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang
-der Männerbeine, die unter dem gelben Schilfbündel die staubweiße Straße
-entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: «Das war Omiya.»
-
-Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte,
-wäscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel
-von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein über dem Herdfeuer
-getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest:
-
-«Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist,
-dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: töte ihn. Dann halte dich heute
-um Mitternacht bereit. Du mußt mit mir auswandern. Hätte ich den
-ausländischen Prinzen getötet und nicht bloß verwundet, so hätte ich Japan
-einen so großen Dienst getan, daß meine Vergangenheit reingewaschen wäre,
-reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir mißlungen, und
-ich bin der Mörder Amagatas geblieben und der Mörder der Schulkinder von
-Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der
-Seehöhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im
-Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht
-gewußt. Du wußtest nur, daß ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben
-muß. Ich habe dir vorgelogen, daß Amagatas letzter Wunsch war, daß du mich
-heiraten solltest, wenn er tot wäre. Er hatte mir zwar gesagt, daß er dich
-in Amazu besucht und verführt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, daß
-ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen könnte. Tötest du das Kind
-nicht, so werde ich es töten. -- Gehorche jetzt und rotte Amagata
-vollständig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf
-zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See
-erzählte, daß er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen
-und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser müde gekämpft
-hatten, er und ich, und ich sah, daß alle Kinder ertrunken waren und mich
-selbst beinahe die Kräfte verließen, veranlaßte ich ihn, mich vom Ertrinken
-zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir größer als
-dein Verlust, und indem ich eine Gleichgültigkeit heuchelte, die ich
-niemals fühlte, und dabei erklärte, daß ich auf dich verzichten wollte.
-Amagata, der kräftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rücken und
-schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer.
-
-In Ozu verbreiteten wir das Märchen von der Brise von Amazu, das aber
-trotzdem kein Märchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten
-in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbäume und der tanzenden
-Mädchen draußen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir über das
-Wasser entgegen, und ich hielt dich glücklich in meinem Arm und verlebte in
-dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis
-plötzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis
-deiner Verführung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwürgen, so wie ich
-ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen
-der Liebe zu dir erwürgt habe.
-
-Ich gestehe dir dieses alles heute ein, weil du mir hundertmal
-versichertest, daß du mich mehr als Amagata liebtest.
-
-Mein Kampf gegen Amagata ist aber erst ausgekämpft, wenn sein Sohn nicht
-mehr am Leben ist. Ich liebe dich. Darum töte Amagatas Sohn, wie ich für
-dich getötet habe.»
-
-So sprach die Schrift des Kieselsteines zu der Frau.
-
-Der Reis verbrannte am Feuer, das Zimmer füllte sich mit Qualm. Aber der
-Rauch verzog sich bald wieder, denn das Herdfeuer ging aus, weil die Frau
-es nicht mehr schürte und den großen, flachen Stein in ihrer Hand hin und
-her drehte und die Schrift, die winzig gekritzelte, entzifferte.
-
-Es wurde Nachmittag. Die Frau las immer noch. Wohl wunderte sie sich
-manchmal, daß ihr Junge, der draußen auf dem See lag und angelte, nicht
-heimkam und Essen verlangte. Aber der Stein in ihrer Hand, der die tiefsten
-Geheimnisse zweier Menschenleben zu ihr redete, machte, daß sie bald wieder
-Zeit, Ort und Wirklichkeit vergaß.
-
-Plötzlich weckte sie ein Gerede auf der Straße, Stimmen sprachen unter dem
-Fenster den Namen ihres Sohnes und ihren eigenen Namen. Die Stimmen rannten
-fort und kamen wieder. Füße und Stimmen drängten an ihr Haus. Die
-Schiebetüre teilte sich, und die Stimmen drängten herein und umsummten sie,
-und die vielen Füße traten zu ihr heran, und ebenso das Gemurmel. Und sie
-dachte einen Augenblick: Ist der Reis wieder übergekocht, weil es so laut
-wird? Da kamen Hände zu ihr, die ihre Hände streichelten. Vor ihr legte man
-ein nasses, in graue Segeltücher gewickeltes Paket hin. Das roch nach dem
-Grundwasser vom Biwasee.
-
-Und die Frau mußte an den Wasserkampf zwischen Amagata und Omiya denken und
-an das Gemurmel und Geseufze und Gegurgel und Geschluchze der ertrinkenden
-Schulkinder rings um die beiden kämpfenden Männer, und an Omiya, der
-schwächer war und auch am Ertrinken war, und an Amagata, der sie zur Mutter
-gemacht hatte, gleichfalls an einem heißen Tag, draußen im Boot auf der
-Seehöhe, und der dann aus ihrem Schoß zu ihren Füßen hinrutschte und nach
-dem Liebeskampf auf einem Haufen Segeltuch sanft einschlief, und den sie
-dann zudeckte mit ihrem Gewand. Der See war ihr Hochzeitsgemach gewesen.
-Der See konnte ihr nichts Böses tun. Was der Biwasee tat, war wohlgetan.
-
-War das Amagata oder Amagatas Sohn, der jetzt starr vor ihr lag in dem
-nassen Segeltuch?
-
-Die Frau lüftete mit ihrer kleinen, abgearbeiteten Hand ein wenig das Tuch
-des nassen Paketes. Da sah sie ein Endchen von dem Kleidersaum eines
-Knabenrockes, den sie selbst genäht hatte.
-
-Sie sah tränenlos hin, ohne Erstaunen, und sagte zu dem Gemurmel und zu den
-vielen Füßen, die rund um sie waren:
-
-«Es ist Amagatas Sohn. Der See hat mir Amagata damals geschenkt. Warum soll
-ich nicht heute ihm meinen Sohn schenken!»
-
-Und das Gemurmel um sie verging allmählich, und die vielen Füße um sie
-gingen aus dem Zimmer. Und es wurde still, als wäre das Feuer zum
-zweitenmal im Herd ausgegangen.
-
-«Mein lieber Sohn», sagte die Frau, die neben dem ertrunkenen Knaben
-kniete, «siehst du, hier ist ein Kopfkissen aus dem Biwasee.»
-
-Und sie schob dem Toten den großen, flachen Kieselstein, den sie immer noch
-in der Hand hielt, unter den Kopf.
-
-«Ich sollte mich jetzt neben dich legen und für immer mit dir einschlafen,
-Kind. Der Biwasee war mein Hochzeitsbett. Er könnte auch mein Sterbebett
-werden, wie er deines geworden ist, Kind. Aber ich habe noch eine Rechnung
-zu machen. Dein Vater Amagata würde mich nicht als deine Mutter im
-Totenreich empfangen, wenn ich fortgegangen wäre von der Erde, ohne Omiya
-zu zeigen, daß ich immer Amagatas Willen tat. Auch wenn ich Omiya
-hundertmal sagte, daß ich ihn mehr liebte als Amagata, tat ich das, damit
-er Amagatas Kind nicht schlüge und Amagatas Kind nicht verhungern ließe.»
-
-Dunkle Wasserflecken liefen von der nassen Segelleinwand über die
-Strohdiele der Stube. Und die untergehende Sonne leuchtete rot über den See
-draußen und rot über die Wasserflecken im Zimmer.
-
-Die Frau nickte und saß weiß in dem abendroten Gemach, als könne ihr auch
-die Sonne kein Blut zum Weiterleben mehr geben.
-
-Die Frau nickte und sprach: «Vergossenes Blut braucht nicht mit vergossenem
-Blut gerächt zu werden. Aber ich will Omiyas Seele in alle Winde
-ausschütten, daß sie nie mehr in seinen Körper zurückkehren kann. Ich will
-Omiyas Seele ausblasen, daß er hohl herumgeht und die Welt so leer sieht,
-als wäre der Biwasee ausgetrocknet. Und ein unendlich großes Loch ohne
-Glanz und ohne Welle soll den Platz von Omiyas Seele einnehmen.»
-
-Die Nachtzikaden begannen vor den Fenstern zu singen, und die Seelandschaft
-draußen verflüchtigte sich in Dämmerung. Das kleine Zimmer mit der Leiche,
-mit der toten Asche auf dem Herde, mit den dunkeln Wasserflecken auf der
-Diele und mit dem regungslosen, blaßleuchtenden Frauengesicht neben der
-Leiche war etwas so Stilles im Weltraum, daß im Fensterrahmen die
-funkelnden Sterne am Nachthimmel dagegen wie gestikulierende, laute
-Menschengesichter waren, wie ein Volksgetümmel, das Kopf an Kopf mit
-glänzenden Augen vor den Fenstern ein Schauspiel erwartete.
-
-«Nur warten, nur warten!» nickte die Frau den Sternbildern zu, die sie für
-Menschengesichter hielt.
-
-Dann knackte die Diele der Altane. Ein Gewand raschelte. In der Hand eine
-kleine Blendlaterne, trat der ehemalige Polizist Omiya ein und ließ den
-Laternenstrahl im Halbkreis durch das Zimmer leuchten.
-
-«Du hast ihn getötet! Gut. Komm!» sagte stoßweise seine Stimme. Und die
-Blendlaterne, als wäre sie Omiyas drittes Auge, schoß abwechselnd einen
-Strahl an die Decke und einen Strahl auf die eingewickelte Leiche am Boden.
-
-«Komm! Wir haben nichts mehr hier zu suchen in Ozu. Wir müssen am Ende des
-Sees sein, ehe es Tag wird. Steh auf und nimm dein Kleid über den Kopf, daß
-dich niemand erkennt.»
-
-«Setz dich hierher, ich habe zu reden!» antwortete Omiya eine Stimme, die
-er nie gehört hatte. Und er fragte unwillkürlich erschrocken zurück: «Ist
-Amagata hier?»
-
-«Amagatas Sohn war hier», antwortete die Stimme, welche Omiya nicht von der
-Erde und nicht vom Himmel zu sein schien, -- eine Stimme, die war, als
-spräche einer der bronzenen Versunkenen, die wie Statuen auf dem Grunde des
-Biwasees stehen, einer von jenen, welche die Brise von Amazu überrascht
-hatte, und die verschlungen wurden vom Unglück.
-
-«Wer bist du?» fragte Omiya. «Du bist nicht mein Weib, du, die da spricht.»
-
-«Du hast recht. Es ist Amagatas Weib, das zu dir spricht.»
-
-«Sagtest du nicht immer, daß du mich mehr liebst als Amagata?» sagte Omiya
-rasch.
-
-«Du sagtest mir, Amagata hätte sterbend gewünscht, daß ich dich, Omiya,
-lieben sollte; darum heiratete ich dich, seinen Freund. Aber niemals habe
-ich dir gesagt und niemals dir gestanden, daß ich nur deshalb auf der Erde
-blieb, nachdem Amagata tot war, um sein Kind zu gebären, damit dieses so
-glücklich würde, wie ich glücklich war an meinem Hochzeitsmittag mit
-Amagata auf dem See. Das Glück, das ich in Amagatas Armen auf dem See
-draußen zum ersten Male genoß, wollte ich verlängern, wollte seinen Sohn
-gebären und nicht sterben, bis Amagatas Fleisch und Blut die Liebe kennen
-lernen würde und die glücklichsten Liebessekunden, wie ich sie gekannt
-habe. Amagata, mein toter Geliebter, sollte in seinem Sohn für mich
-weiteratmen.»
-
-«Verflucht!» brüllte Omiya. Und seine Kehle gurgelte wilde Laute, wie die
-Kehle eines, der im dunkeln Wasser um sich schlägt und Wasser schluckt und
-schreien will und um sich speit und nicht Luft zum Schreien findet.
-
-Dann verlosch die Blendlaterne. Es geschah scheinbar nichts im Dunkeln.
-Kein Seufzen, kein Schrei mehr. Doch fanden am Morgen die Leute von Ozu die
-kleine, blasse Frau des Omiya erwürgt neben der Leiche ihres ertrunkenen
-Sohnes.
-
-Omiya aber blieb unauffindbar und ungestraft, was gleich ist mit der
-größten Strafe der Götter.
-
-
-
-
-Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen
-
-
-In der alten Hauptstadt Kioto, in der ältesten Künstler-, Tempel- und
-Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag erhalten,
-die Gemächer eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel zog sich die
-kaiserliche Familie in den Sommertagen zurück und pflegte dort einige
-Wochen unter der Obhut der reichen Mönche zu wohnen.
-
-Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in
-Scharen über die Wände flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen auf
-Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf
-Silberpapiergrund einen Saal, wo große Meereswellen aufrauschten und die
-vier Wände umschäumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll von
-Katzenmüttern und jungen Katzen, die in Blumenkörben spielten und die
-Blütenköpfe großer Päonien zerzupften.
-
-Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der
-schäumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen.
-
-Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmückung viel Anteil nahmen,
-ließen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Sänften und mit großem
-Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde in dem neuen
-Saal. Und sie nahmen öfters ihre jungen Prinzessinnen mit, drei an der
-Zahl. Und der Kaiser sagte zur ältesten eines Tages, als sie den Tempel
-wieder besichtigten:
-
-«Wünsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler die
-Freundlichkeit und werden von glücklichen Augenblicken begünstigt, dir
-einen Saal zu malen nach deinem Einfall.»
-
-Die älteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf
-ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wünschte sich einen Saal voll
-Schoßhündchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr diesen
-Saal.
-
-«Nun wünsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst!» sagte der Kaiser
-zur zweitältesten Prinzessin.
-
-Diese wünschte sich etwas ganz Unmögliches: einen Saal, wo der Mondschein
-käme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten.
-
-Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in
-zwei Teile. Die eine Hälfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und
-jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond
-aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge der
-Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben dulden
-wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bäume in jeden Saal mit brauner
-Sepia gemalt.
-
-Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt,
-was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wünschte.
-
-O, sagte sie, sie wünsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgänse, die
-durch die Luft flögen, graue und weiße Wildgänse, im Zickzackflug, rund um
-den Saal. Aber jede Gans müsse so hinter der anderen fliegen, daß sie alle
-zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten. Dieses
-Zeichen würde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten Hügellinie und
-der Fluglinie der Gänse gebildet. Nur in Katata am Biwasee könnten die
-Maler den Gänseflug, den Baum und den Hügel zusammen treffen. Nur einmal,
-an einem Frühlingsabend, habe die Prinzessin bei einem Ausflug in Katata
-die Wildgänse so fliegen sehen, daß sich das wunderbare Schriftzeichen
-zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der Gänseschar, aus der
-Silhouette eines Hügels und aus einer Baumlinie bildete.
-
-«Und das nennst du ganz einfach?» sagte der Kaiser.
-
-«Es war ganz einfach, als ich es sah», antwortete die Prinzessin.
-
-«Es wird nicht zu malen sein», sagte die Kaiserin.
-
-«Dann wünsche ich keinen gemalten Saal», sagte die Prinzessin.
-
-«Und wie hieß das Schriftzeichen?» fragte der Maler Oizo, als der Kaiser
-und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklärten.
-
-«Das hat die Prinzessin vergessen», wurde ihm zur Antwort.
-
-Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und Goldpapier
-beladen nach Katata, um den Flug der Wildgänse zu studieren. Aber da es
-Juli war und keine Wildgänse um diese Zeit vorüberziehen, mußten sie warten
-bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hügellinie und die Baumlinie.
-Aber da es Sommer war und die Bäume belaubt, und da die Hügel voll hoher
-Gräser wehten, fand er nirgends die Linie freiliegend.
-
-Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in
-Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bäume am Ufer, welche wie
-Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung krümmen,
-und Wachteln, die in den Reisfeldern brüten, und Wachtelmütter, die mit
-ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese Bilder nach
-Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich die Prinzessin
-zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voller Uferbäume und
-Fische.
-
-Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser und
-die Kaiserin schwiegen.
-
-Da wurde der große Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata zurück.
-Dort wohnte er in dem Hause eines Töpfers auf einem Hügel. Der formte aus
-dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weiße Vasen, die er mit grüner und
-blauer Glasur überzog, so daß sie spiegelten wie das grüne und blaue
-Uferwasser des Biwasees in den Frühlingstagen.
-
-Der Töpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein
-Aprilwind. Sie saß am Töpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen ihres
-Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schüren und die Holzkohlen
-aufzufüllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und schwarz an den
-Händen, daß der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals gesehen hatte.
-
-Oft saß er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schürte, und er zeichnete
-nachher die roten Korallenäste des Feuerflackerns. Natürlich wußte ganz
-Katata, daß die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten, bis die
-Wildgänse in den Oktoberabenden fortflögen. Und auch «Graswürzelein», wie
-die Tochter des Töpfers hieß, wußte, daß Oizo jetzt traurig war, weil er
-den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen konnte.
-
-Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Töpfers zwischen dem
-Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig
-beleuchtet, rot und blau wurde und Graswürzelein mondblau und feuerrot,
-zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan saß, seufzte der
-Maler in seiner Altanecke ärgerlich und trotzig darüber, daß der Prinzessin
-nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen hatte und auch
-der Kaiser und die Kaiserin darüber geschwiegen hatten.
-
-Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Töpfers und sagte:
-
-«Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin
-denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges
-der Wildgänse zeigen.»
-
-Und Graswürzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und
-zeichnete auf einen weißen ungebrannten Tonkrug ein paar Linien.
-
-«Sieh her, Meister!» sagte sie. «Was heißt das auf japanisch, was ich hier
-schrieb?»
-
-«Das heißt», sagte Oizo und betrachtete flüchtig den Krug mit dem
-Schriftzeichen, «ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich
-nicht, weil du fortsiehst.»
-
-«Sieh, Oizo», sagte Graswürzelein, «dies denkt die Prinzessin, denn sie ist
-wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und sie will
-das Schriftzeichen durch den Gänseflug in ihren Saal gemalt haben und will
-den Mann dann in den Saal führen und ihn von den Wänden ihren Willen lesen
-lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus drei Teilen. Sieh hier
-die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes. Waagrecht durch die Gabel
-hindurch siehst du die Brustlinie eines ansteigenden Hügels und darüber die
-vielfach zackige Fluglinie einer unendlich langen Reihe von grauen und
-weißen Wildgänsen. Aber zugleich siehst du: die grauen Gänse verschwinden
-in der Dämmerung und unterbrechen die Linie, wogegen die weißen sich als
-Schriftzeichen vom Abendhimmel abheben.»
-
-Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhörend:
-
-«Und woher weißt du, daß die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint: ich
-liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil du
-fortsiehst?»
-
-«Das ist ganz einfach», lachte Graswürzelein. «Mein Vater machte einmal
-eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so daß die Glasuren
-nicht gleichmäßig trockneten und sich seltsamerweise dieses Schriftzeichen
-bildete, indem der weiße Grund der Vase in Zickzacklinien durch die
-blaugrüne Glasur schimmerte. Flüchtig hingesehen, erschienen die weißen
-Linien wie ein Flug Wildgänse, die in einer Landschaft über Baum und Hügel
-hinflogen.
-
-Die Vase gefiel einem Mönch, der sie sah und ausnehmend schön fand, da sie
-zugleich Bild und Schriftzeichen deuten ließ. Die Prinzessin hat
-wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr gesagt,
-daß das Bild darauf den Flug der Wildgänse in Katata darstellt. Aber ich
-denke mir, daß das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der Flug der
-Wildgänse», lachte Graswürzelein.
-
-Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte:
-
-«Also dieser Baum und dieser Hügel sind gar nicht in Katata? Und nur die
-Wildgänse fliegen hier vorüber im Frühling und im Herbst?»
-
-«O ja», sagte Graswürzelein nachdenklich. «Der Baum lebt wohl hier irgendwo
-und der Hügel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der Welt. Es war
-auch kein Zufall, daß ich das Feuer damals schlecht schürte, und daß die
-Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen die Götter hier bei uns
-in Katata.»
-
-Und während Graswürzelein das sagte, öffnete sie die Feuerluke, zerschlug
-den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt hatte, sammelte
-die Scherben und warf sie ins Feuer.
-
-«Was machst du da?» sagte Oizo verblüfft.
-
-«Ich habe zuviel geredet, und das ärgert mich», sagte Graswürzelein.
-«Deshalb zerbrach ich den Krug.»
-
-Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstück hin und sagte:
-
-«Nimm dies einstweilen als Dank für deine Aufklärung. Ich gebe dir später
-mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgänsesaal bezahlt hat.»
-
-Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nächsten Morgen nach
-Kioto zu reisen.
-
-Aber Graswürzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstück in das Feuer
-des Ofens, geradeso, als wäre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo Lebewohl
-sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie:
-
-«Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich weiß ja doch, daß du wiederkommen
-mußt.»
-
-«Das wäre nur ein Zufall, wenn ich wiederkäme», sagte Oizo.
-
-«Die Götter von Katata kennen keinen Zufall», murmelte Graswürzelein und
-blies in das Feuer. --
-
-Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des
-Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dämmernden Baum im Abend, die
-Hügellinie und grau und weiß die große Zackenschleife in der Luft, welche
-die fliegenden Wildgänse beschreiben.
-
-Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer Maler,
-der auch draußen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus, weil er sich
-immer so geheimnisvoll in den Saal einschloß, den er malte, und die andern
-nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des Gänsefluges hieße.
-
-«Du machst dich lächerlich, daß du dich hier einschließt und nichts von der
-Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir in die
-Theaterstraße von Kioto. Ich verspreche dir, daß ein Besuch in der
-Theaterstraße deiner Malerei mehr nützen wird, als du glaubst.»
-
-Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und
-ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab über die Brücke
-in die Stadt zur Theaterstraße, wo erleuchtete Budenreihen und farbige
-Lampen waren und große Leinwandmalereien in der Nachtluft wie Fahnen
-flatterten und Szenen aus den Theaterstücken schilderten.
-
-Verblüfft blieb Oizo am Eingang der Straße stehen. Da war ein
-Papierlaternenverkäufer. Der hatte Lampen aus ölgetränktem Pflanzenpapier,
-und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des geheimnisvollen Gänsefluges
-gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte, das Schriftzeichen der
-Wildgänse, des Hügels und des Baumes, von dem er geglaubt hatte, daß es nur
-allein ihm, der Tochter des Töpfers und der Prinzessin bekannt sei.
-
-Oizo schwieg und verbiß sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen
-spitzbübischen Verrat.
-
-Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem größten Theater in der
-Mitte der Straße. Da zeigten auch die Theaterbilder außen an der Zeltbude
-rund um die Zeltwand den Flug der Wildgänse. Zugleich kam ein
-Straßenverkäufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an: aus
-Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgänse, die an einer Seidenschnur hingen
-und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform dahinflatterten. Ein
-Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkästchen, darauf der Flug der Wildgänse
-über Baum und Hügel ging, und alle diese Dinge prägten das Schriftzeichen
-aus, das wie eine Liebeserklärung jene Worte sagte:
-
-Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du
-fortsiehst.
-
-Ganz verstört, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich, und
-er blieb im Menschengedränge stehen und wollte seinem Freund entlaufen.
-Dieser hielt ihn am Ärmel fest und rief ihm zu:
-
-«Laß dir doch erklären, woher ganz Kioto den Flug der Wildgänse und das
-Bild, das du malen willst, kennt.
-
-Du weißt, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthändler. Dessen Tochter
-brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen Zwerggarten
-in mein Zimmer. Darin blühte ein ganz winziger Kirschbaum. Der Baum war
-nicht höher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein künstlicher Hügel
-aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend hinter einen weißen
-Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche kleine Wildgänse im
-Schleifenflug gemalt waren. Sie zündete eine Lampe hinter dem Schirm an, so
-daß der Schatten des Zwerggartens, des Baumes und des Hügels, auf den
-weißen Schirm fiel und sich darauf abzeichnete und Garten und Gänse ein
-einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber zugleich konnte man das Ganze
-auch für ein Schriftzeichen halten.
-
-Ich verstand sofort, daß sie mich liebte, und daß dieses Bild eine
-Liebeserklärung sein sollte.
-
-Ich kümmerte mich nicht um ihre Erklärung, nachdem ich den gesuchten
-Wildgänseflug von Katata, der eine Liebeserklärung darstellt, so deutlich
-gesehen hatte, daß ich ihn malen konnte.
-
-Ich wollte am nächsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus,
-wo ich fünf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tänzerin den
-Wildgänseflug von Katata bereits erklärt, dem andern ein Fischermädchen,
-bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fünften andere
-Mädchen von Katata, so daß wir alle merkten: das Schriftzeichen des
-Gänsefluges war ein öffentliches Geheimnis der jungen Mädchen in Katata und
-wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild
-und so weiter, wenn ein Mädchen von Katata einem Manne eine Liebeserklärung
-machen wollte.
-
-Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewußt. Aber jetzt kennen das
-Schriftzeichen des Wildgänsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil
-alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata waren.
-Auch der kaiserliche Hof weiß es längst, und die junge Prinzessin ist
-bereits von dem ganzen Hof als lächerlich erklärt. Der Kaiser und die
-Kaiserin sollen sehr ärgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf
-verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der
-Prinzessin geliebt zu sein.»
-
-Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte:
-
-«Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht böse sein,
-weil ich den Wildgänseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und
-nicht mit Lust an der Liebeserklärung des Schriftzeichens.»
-
-«Doch, doch», sagte sein Freund. «Du mußt fliehen, du mußt dich verstecken,
-bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin
-verschlossen halten und garnicht zeigen. Aber du mußt fortbleiben, bis man
-die Liebeserklärung der Prinzessin vergessen hat.
-
-Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem
-Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser draußen wird dich niemand suchen,
-und du kannst den Booten ausweichen.»
-
-«Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei», sagte der Maler Oizo.
-«Aber du hast recht. Ich will fliehen und will mich verstecken, bis der
-Saal der Prinzessin vergessen ist.»
-
-Oizo verließ Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er
-mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See.
-
-Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrühling. Viele Tage lang
-lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hörte
-nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes.
-
-Eines Tages ließ er sein Boot treiben und sagte zu sich: «Ich will
-aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, tötet mich die
-Langeweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen dürfen. Und wo jetzt
-das Boot landet, weiß ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir längst
-in der Seele vorgeschwebt hat.»
-
-Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata.
-
-«O, unglücklicher Ort», sagte Oizo. «Soll ich also wirklich das Bild vom
-Flug der Wildgänse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was
-mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Götter haben das Boot
-gelenkt, die Götter werden auch meine Schritte lenken.»
-
-Der Maler stieg ans Land und ging über den leeren Strand, auf dem kein
-Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen.
-
-«Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleißig war und Fische malte.
-Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur
-Faulheit verdammt hat.»
-
-Plötzlich bückte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf,
-die blau irisierend und rot irisierend mit weißer Innenschale und schwarzer
-Außenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand
-leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schüttelte den
-Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich:
-
-«Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot
-irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich weiß
-gewiß, daß es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergeßlich
-nebeneinander sah.»
-
-Wie er noch dachte und seinem Gedächtnis noch nicht auf den Grund kommen
-konnte, kam ein japanisches Mädchen hügelabwärts zum Seewasser hin. Sie
-trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schüttete den Inhalt des Korbes,
-der wie Erde aussah, ungefähr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den
-See.
-
-«Was machst du da?» rief der Maler ihr zu.
-
-Das Mädchen sah sich nach ihm um, streckte plötzlich die Arme von sich,
-stieß einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder
-einem Gott ins Gesicht sähe, hüllte ihr Gesicht in ihre Ärmel, kniete am
-Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser.
-
-Oizo rief: «Haben denn die Götter dir deinen Verstand genommen, weil du
-dich ertränken willst, Mädchen?»
-
-Oizo sprang hin, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen sich eifrig
-das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshälfte, die noch
-voll Ruß war, die Tochter des Töpfers, Graswürzelein, die aus dem Brennofen
-ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte.
-
-«Was machst du da?» fragte Oizo noch einmal. «Ich hätte dich beinah nicht
-erkannt, Graswürzelein, weil du zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß
-bist.»
-
-Graswürzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere
-Gesichtshälfte rein, und während sie sich mit dem Innenfutter ihres Ärmels
-Gesicht und Hände trocknete, fuhr sie den Maler ärgerlich an:
-
-«Ich wollte gar nicht, daß du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so
-plötzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See
-geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ruß
-vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja
-nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.»
-
-Und wirklich, Oizo konnte das weiß gewaschene Mädchen kaum erkennen.
-
-«Du sagst, ich hätte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur
-schwarz gekannt.»
-
-«Doch, doch», nickte Graswürzelein. «Erinnerst du dich nicht, Meister, da
-ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgänse von Katata beschrieb?
-Erinnerst du dich nicht? Es war im Mondschein. Du saßt auf dem Altan und
-ich am Ofen im Hof.»
-
-«Du warst rot und blau beschienen», sagte Oizo, «wie die Muschel hier, die
-mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das
-Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond
-und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen.»
-
-Graswürzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst.
-
-«Nein», sagte sie und schüttelte den Kopf. «Du darfst nicht mehr in unser
-Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschürt, so lange du da warst,
-und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.»
-
-«Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst», meinte Oizo. «Die Tonvasen
-will ich deinem Vater alle bezahlen, während ich dich male. Rede und sage
-deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll?»
-
-Graswürzeleins Wangen erröteten, und sie hielt rasch ihre Hände an die
-Wangen, um die Wangenröte mit den Händen zu verbergen.
-
-Oizo sah staunend, wie schön das Mädchen war, und hörte, wie ihre Stimme
-wisperte und rhythmisch sang, während sie sprach, als ob das Schilf vom
-Vorjahr wieder um ihn sänge.
-
-«Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswürzelein? Es kommt
-eine lauwarme Luft über den See, und die Abende sind schon lang und hell.
-Ich glaube, die Wildgänse müssen bald wiederkommen.»
-
-«Ja, bei den Göttern, das ist wahr», seufzte das kleine Mädchen. «Die
-Wildgänse möchte ich dir auf dem See zeigen, Meister.» Und ein Lachen
-blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzten.
-«Das ist die Luft der Wildgänse heute abend. Du hast sie nie vom See aus
-kommen sehen, Meister?»
-
-«Nein, ich sah den Wildgänseflug nur vom Land, über Hügel und Baum.»
-
-«Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen», nickte das Mädchen eifrig; und
-ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hände redeten schnelle Sätze, die
-sie nicht aussprach.
-
-Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein
-Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er
-wolle. Oizo fühlte und verstand natürlich an der Röte und Blässe des
-Mädchens, daß sie eine Herzensregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und
-horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das
-Mädchen wurde in seinen Augen immer schöner, und er hätte es gern umarmt.
-
-Der Biwasee lag wie Öl so glatt, und auch die Luft war wie Öl. Als legte
-man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen
-Vorfrühlingshimmels auf dem Spiegel des Sees.
-
-Graswürzelein legte plötzlich die Ruder ins Boot und sagte: «Still! Sie
-kommen!» Und gleich darauf wiederholte sie:
-
-«Still! Sie kommen!»
-
-Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er
-wußte nicht, daß seine Stimme fortwährend in den Ohren des Mädchens summte
-und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete.
-
-Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte:
-
-«Still! Sie kommen!» Denn auch er hörte das Mädchen in seinem Blut reden,
--- sie, die kein Wort sprach.
-
-Dann war es, als wenn Ruderkähne hoch in der Luft mit großen Ruderschlägen
-herbeiführen, und als ob Mühlen sich drehten mit unsichtbaren Rädern. Und
-Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen
-glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille über den See schufen,
-klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im
-Abendgrau zu weißen fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette über
-den Köpfen des Mädchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser
-nach, wie eine Reihe weißer winkender Tücher. Die weiße Geisterkette
-beschrieb eine weiße Schleife am Himmel und eine weiße Schleife im
-Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterließ
-Atemzüge von Befremdung, von Sehnsucht, als wäre die Luft mit unerfüllten
-Wünschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgänse von Katata angefüllt.
-
-Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wäre die Dunkelheit wie ein zweites
-Wasser aus der Tiefe gestiegen und stünde über den Köpfen der beiden
-Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie
-ein durchsichtiges Ei, im Westen über dem Strand.
-
-Oizo konnte nicht Graswürzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im
-Schiff, suchte ihre Hände, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre
-beiden Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides gewickelt, als hätte man ihr
-die Hände abgeschlagen.
-
-«Gib mir deine Hände! Ich will sie dir wärmen, wenn du frierst. Oder
-fürchtest du dich vor bösen Seegeistern, daß sie dich an der Hand nehmen
-könnten? Hab keine Furcht, Graswürzelein! Du bist zu schön. Alle Götter
-müssen dich beschützen. Auch die bösen Götter werden gute Götter, wenn du
-sie ansiehst.»
-
-«Was willst du von mir?» sagte das Mädchen. «Habe ich dir nicht den Flug
-der Wildgänse über den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen
-können, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?»
-
-«Die Liebeserklärung?» fragte Oizo.
-
-«Die Liebesabsage», flüsterte erregt und hastig die Tochter des Töpfers.
-
-Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die
-im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn
-die Mädchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er
-abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgänse im Wasser und am Himmel, vom See
-aus gesehen, bedeutete in Sprachzüge übersetzt:
-
-«Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht
-nach dir um.»
-
-Welch sonderbarer Zufall, daß der Wildgänseflug sich doppelt deuten ließ,
-je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfügte oder nicht. Daß
-Graswürzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage
-gab und ihn vielleicht zur Annäherung reizen wollte, begriff Oizo sofort,
-denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwängert von Verlangen und
-schweigender Zuneigung.
-
-Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand
-keine Abwehr. Graswürzelein versteckte nur beschämt ihr Gesicht in des
-Malers Brustgewand.
-
-Oizo erzählte ihr rasch:
-
-«Du weißt nicht, Graswürzelein, daß ich wie ein totes Holz draußen auf dem
-See seit Tagen herumtreiben mußte, daß ich es endlich nicht aushalten
-konnte, daß mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklärung der
-Prinzessin fliehen mußte. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges
-der Wildgänse weiß, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich
-die Spiegellinie im Wasser hinzufüge. Und niemand im Land wird mehr sagen
-können, daß die Prinzessin sich lächerlich gemacht hätte, sondern daß sie
-sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen
-dann im Saal das Schriftzeichen lesen:
-
-Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht
-nach dir um.
-
-Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht
-mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem
-eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleide
-des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und
-alle sollen sagen: das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf
-allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den
-Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet:
-_Still! Sie kommen!_»
-
-Da wickelte Graswürzelein ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.
-
-
-
-
-Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen
-
-
-Unter den zehn Teehausmädchen im Teehaus von Ishiyama war «Hasenauge» eines
-der unscheinbarsten. Sie war nicht feurig, sie tanzte auch nicht sehr
-lebendig, sie schminkte sich unordentlich und trug die vier Schleppen ihrer
-vier Seidenkleider nicht in der richtigen Abstufung übereinander. Aber sie
-konnte Geschichten erzählen, kleine winzige Geschichten, die nur fünf
-Minuten dauerten, aber fünf Tage zum Nachdenken gaben. Deshalb war sie in
-aller Unscheinbarkeit eine Kostbarkeit für das Teehaus in Ishiyama.
-
-«Hasenauge» kannte dreitausend Geschichten allein über den aufgehenden
-Herbstmond, der, von Ishiyama gesehen, als eines der herrlichsten
-Schauspiele über den Biwasee gilt.
-
-Ich will drei dieser nachdenklichen Geschichten hier wiedererzählen, die
-alle den Herbstmond von Ishiyama teils als Hauptperson, teils als
-Hintergrund haben.
-
-Stellt euch vor, wir hätten eben in einem der kleinen Gemächer, im ersten
-Stock des Teehauses, auf den geglätteten Strohmatten des Fußbodens, auf
-dünnen, nur fingerdicken seidenen Kissen an der Diele Platz genommen. Die
-Schiebefenster zum See sind weit offen. Hinter dem roten Lackgeländer der
-kleinen Veranda liegt die Seeflut, wie ein Wasser, das bis ans Ende der
-Welt reicht. Zu beiden Seiten der Fenster zischeln Wassereschen. Ihre
-Blätter sind in der Abenddämmerung lang und schmal und flirren wie
-Libellenschwärme vor dem perlmutterfarbigen Seeglanz.
-
-Es liegen auch ein paar Hügellinien hinter den Bäumen, die sind im Abend
-wie grünliche Glasglocken. Der Himmel ist spinnwebgrau und scheint hinter
-einem Zipfel des Sees leicht zu brennen, wie wenn man ein
-Streichholzflämmchen an einen Schleier hält. Die Helle kommt vom
-aufgehenden Mond, den deine und viele Augen jetzt auf den Altanen der
-Häuser von Ishiyama erwarten.
-
-Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind
-gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemüse und Geflügelstücke soeben
-heiß vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Eßstäbe liegen, wie lange
-Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten
-soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu
-erzählen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflüchtigt hat
-und ehe die große goldene Mondscheibe so hoch über den Seerand gestiegen
-ist, daß sie die Seelinie losläßt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei
-Eßstäbchen, die sie ergreift, und aus der dünnen Porzellanschale, die sie
-mit Reis und anderen Speisen füllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer
-mit ein paar Bissen gefüttert werden, und du bekommst aus einer
-Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem
-europäischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von
-bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und
-der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfümierte Puder von Hasenauges
-weißgetünchtem Gesicht ist stärker als der Seegeruch.
-
-Hasenauge erzählt:
-
-Der König hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug
-beigewohnt, bei dem man unter anderen großen Fischen auch ein Meerweib
-fing. Aber nicht eines jener guten Meerfräulein, die am Strand mit den
-Fröschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der
-Wasseroberfläche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken
-gesehen hatte.
-
-Das gefangene Meerweib hatte einen mächtigen Goldfischschweif statt der
-Füße, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie
-Kaninchenaugen. Es war dem König geweissagt worden, daß er drei Nächte ein
-Weib lieben müßte, das weder Sonne noch Mond gesehen hätte. Deshalb war er
-zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders
-große Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der
-König wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage
-lieben will, lautete eine alte Prophezeiung.
-
-Aber damit, daß man das Weib gefangen hatte, war nicht die größte Sorge vom
-König genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind
-ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Kähne des
-Königs zertrümmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht
-seufzen konnte, drei Tage zu lieben, -- dies war eine so heroische Aufgabe,
-daß sich alle, die um den König waren, entsetzten.
-
-Nur der König war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes
-hin und fragte:
-
-«Wie weit reicht meine Macht?»
-
-«Deine Macht, o Herr, reicht über Himmel, Erde und Wasser.»
-
-«Über alles, was darinnen ist?» fragte der König.
-
-«Über alles Männliche, was im Himmel, auf der Erde und im Wasser ist»,
-sagten die Weisen. «Nur das Weibliche läßt sich nicht regieren.»
-
-«Gut, dann soll der Mond, der dort aufgeht, untergehen», rief der König.
-«Wenn ich allen gebieten kann, dann soll der Mond nie mehr in meinem Reich
-erscheinen, ehe er mir geholfen hat, dieses Fischweib hier in ein
-Menschenweib zu verwandeln.»
-
-Der König ließ das Fischweib binden und in sein Zelt legen, ließ Essen und
-Trinken in das Zelt stellen und ließ die Zeltvorhänge fest hinter sich
-zuschließen, so daß es finster im Zelt war wie in der Meerestiefe.
-
-Die Weisen des Königs aber setzten sich mit des Königs Mannschaften rings
-um das Zelt draußen und waren sicher, daß der Mond nicht in dieser und in
-keiner Nacht mehr aufgehen werde. Aber der Mond kam wie immer und teilte
-sanfte Schatten und gelben Feuerschimmer über die Weisen und über das Zelt
-aus.
-
-Der Mond kam auch in der zweiten Nacht und in der dritten Nacht. Am Anfang
-der vierten Nacht rief der König drinnen im Zelt, man solle die Zelttüren
-öffnen. Und der König trat heraus, und neben ihm an seiner Hand ging ein
-gesittetes schönes Weib. Das hatte Augen, so dunkel wie die mondleere
-Nacht, und hatte keinen Fischschweif, sondern zierliche Füße und war
-frisiert und in seidene Schleppenkleider gehüllt, wie es einer Königin
-geziemt.
-
-Die Weisen waren erstaunt, daß der König ohne Hilfe des Mondes das Seeweib
-in ein Menschenweib verwandelt hatte. Denn während der Mond drei Nächte
-lang auf- und untergegangen war und sich nicht um den Befehl des Königs
-gekümmert hatte, hatten die Weisen drei Nächte lang für ihr Leben
-gezittert, weil sie des Königs Macht übertrieben hatten und in dem König
-den Glauben an eine Allmacht erweckt hatten, die er nicht besaß.
-
-Jetzt aber waren die königlichen Weisen zufrieden, übertrieben des Königs
-Macht noch mehr und sagten zungenfertig:
-
-«O König, Eure Macht ist noch größer, als wir dachten. Ihr habt ohne Hilfe
-des Mondes das Meerweib in ein Menschenweib verwandelt.»
-
-Der König antwortete ihnen nicht, führte das Weib zu seinem Boot und
-befahl, daß man die Segel lichte, um von Hakatate heim nach Süden zur
-Königstadt zu ziehen und dort den Einzug der Königin zu feiern.
-
-Auf dem roten Lackaltan des goldenen Boothauses saß die neue Königin
-schweigend neben dem König, sie, die noch keine Sonne und keinen Mond hatte
-aufgehen sehen, sie, die von ihrem Menschenleben nur die Liebesumarmungen
-des Königs kannte, sie, die drei Nächte und drei Tage an des Königs Brust
-gelegen hatte und, von des Königs Wunsch und Sehnsucht durchdrungen, aus
-einem Meerweib in ein Menschenweib verwandelt worden war.
-
-Ihre Haare hatten sich von selbst geflochten, um dem König zu gefallen; in
-der Finsternis hatten sich Kleider um sie gewebt, damit sie für den König
-geschmückt erscheine. Sie hatte sich aus ihrem Fischleib Füße gebildet, um
-dem König folgen zu können, denn das starke Herz des Königs hatte drei
-Nächte über ihr gelegen und hatte sechzigmal in der Minute das Wort «Liebe»
-zu ihr gesagt.
-
-Von der Liebe jetzt verwandelt, sah die Königin noch nicht das schaukelnde
-Schiff und noch nicht des Königs Gefolge und noch nicht sich selbst. Sie
-ahnte noch nichts von ihrer Verwandlung und saß noch in liebestrunkenem
-Zustande unbewußt neben dem König.
-
-Da tauchte, rot wie ein großer Berg aus rotem Lack, die Mondkugel aus der
-Meerestiefe und zog im Wasser einen feuerroten Widerglanz hinter sich her
-wie einen feuerroten Schweif.
-
-Die Weisen des Königs, welche unter dem Altanrand des Boothauses in der
-Bootstiefe saßen, hätten sich längst gerne bei der Königin
-eingeschmeichelt, fanden aber noch keine passende Anrede. Jetzt aber warf
-sich einer der Weisen vor dem König nieder und rief:
-
-«Seht, Herr, der Mond trägt die Farbe der Scham, weil er zu schwach war,
-Euch zu helfen.»
-
-Nun hob die Königin die Augen, und der Mond warf seinen Schein wie eine
-Umarmung über sie. Und der König wurde fast eifersüchtig, daß jemand im
-Weltraum wagte, sein Weib anzurühren, das er sich selbst geschaffen hatte.
-
-Aber ein anderer Weiser, der den ersten überbieten wollte, warf sich vor
-der Königin nieder und rief:
-
-«Seht, der Mond, o Königin, hat, um Euch zu gefallen, den Fischleib
-angezogen, den Ihr abgelegt habt. Er hat Euern roten Schweif und Eure roten
-Augen angenommen, die der König in die Meerestiefe schickte.»
-
-Da ging über der Königin Gesicht ein zuckender Schreck; sie sah an sich
-herab und wußte nicht, wer sie verwandelt hätte, und sie erkannte sich als
-Menschenweib und schauderte über ihre Verwandlung.
-
-Der König wurde über die Rede des Weisen vor Zorn rot wie die Mondscheibe.
-
-Da warf sich rasch ein dritter Weiser vor ihm nieder, ihn und die verwirrte
-Königin zu beschwichtigen:
-
-«Nein, hoher Herr, hohe Herrin, das ist nicht der Mond, den Ihr dort
-aufgehen seht. Das ist des Königs Herz, das nicht in des Königs Brust,
-sondern in des Königs Reich wohnt, des Königs Nachtherz, das abends rot aus
-dem Meere steigt, und das nur Euch gehört, o Königin. Aber der König hat
-auch ein Tagherz. Das werdet Ihr morgen früh sehen, o Königin. Das gehört
-uns, uns Weisen, denn es ist hell wie die Weisheit selbst und teilt
-Klarheit aus und nennt sich die Sonne.»
-
-Als dieser Weise so gesprochen hatte, daß ihn keiner mehr überbieten
-konnte, zog er sich selbstzufrieden mit den andern in die Bootstiefe
-zurück. Dort saßen sie in langer Reihe, jeder mit dem Kopf auf der Schulter
-des andern und schliefen ein.
-
-Der König aber legte seine Brust an die Brust der Königin, und während das
-Schiff mit gespannten Segeln durch die Nacht strich, nach Süden, umarmte
-der König die Königin wie ein brünstiger Adler.
-
-Das Meer aber zischte und raschelte, als wären die Wellen bis an den
-Weltrand des Königs Flügel, und als schlügen sie laut an den Himmel,
-während der König die Königin umschlungen hielt.
-
-Gegen Morgen wurde das Meer still. Der König schlummerte ein, und seine
-Arme ließen im Schlaf die Königin los. Diese richtete sich auf, als eben
-der Mond gelblich-grau vom Himmelsbogen herabstieg und im Meer verschwinden
-wollte.
-
-Da des Königs Augen geschlossen waren und er schlief, erkannte ihn die
-Königin nicht mehr, denn sie hatte nie einen schlafenden Menschen gesehen.
-Weil auch die Weisen unten im Schiff sich nicht rührten und die Bootswachen
-lautlos unter dem Mast kauerten, glaubte sich die Königin ganz allein und
-verlassen. Und sie sprach zum Monde, der schon zur Hälfte im Meer versunken
-war, und den sie für des Königs Herz hielt:
-
-«O, Nachtherz, das mir gehört, ich will nicht des Königs zweites Herz
-erwarten, das den andern gehört. Ich will bei dir bleiben und mit dir
-gehen, wohin du gehst.»
-
-Die Königin stand auf, trat an den Bootrand und ließ sich ins Meer fallen
-und verschwand in der Flut. Als der König die Königin am Morgen nicht fand,
-versuchten ihn die Weisen mit ihrer Weisheit zu trösten und sagten:
-
-«Die Prophezeiung lautete, o König, du solltest ein Meerweib drei Tage und
-drei Nächte lieben, aber nicht eine vierte Nacht dazu.»
-
-Doch der König war erschüttert von Trauer und wild und aufgebracht von
-Verzweiflung über die Torheit der Weisen, die ihn nicht einen König hatten
-sein lassen, sondern ihn zu einem Gott hatten machen wollen. Denn ihm war
-klar: es hatte der Königin vor dem Tageslicht gegraut, das sie einsam
-machen sollte, weil die Weisen gesagt hatten, das Tagesherz des Königs
-gehöre nur der Weisheit und nicht der Liebe.
-
-Eine furchtbare Wut überfiel den verlassenen Mann. Er riß mit einer Faust
-die Segel von den Tauen und wollte mit der andern Faust den Mastbaum
-ausreißen, um alle Weisen damit zu erschlagen.
-
-Diese aber, erschrocken, heuchelten Demut und riefen:
-
-«O Herr, die Königin wird wiederkommen, wenn Ihr es befehlt, sobald der
-Mond heute abend aufsteigt. Ehe Ihr uns jetzt ungerecht umbringt, wartet
-wenigstens mit Eurem Urteil über uns bis zum Abend. Kommt die Königin nicht
-mit dem aufgehenden Mond, so könnt Ihr uns immer noch töten.»
-
-Mit solchen Worten schläferten sie des Königs Wut ein, denn sein Schmerz
-war größer als sein Zorn. Und als er hörte, daß die Königin vielleicht am
-Abend wiederkommen könnte, glaubte er daran, wie jeder Liebende gern an
-Wunder glaubt. Und er hoffte, die Königin würde vielleicht als Fischweib am
-Abend wiederkommen und sich von ihm wieder in ein Menschenweib verwandeln
-lassen, wenn der Mond aufginge.
-
-In der Mittaghitze, als die Sonne aus dem Meer und aus dem Himmel zugleich
-brannte und der König auf einem Haufen Segeltuch am Bootrand einschlief,
-schlichen sich die schlauen Weisen seines Landes an den Schlafenden heran
-und stießen den Haufen Segeltuch samt dem schlafenden König ins Meer. Denn
-alle hatten beratschlagt, daß sie den wütenden König noch vor Abend töten
-müßten, um nicht selbst getötet zu werden.
-
-Als die Sonne den König nicht mehr auf dem Deck sah, stieg sie früher als
-sonst von der Mastspitze herunter, und verwundert sahen die Weisen, daß der
-Tag schneller zu Ende war als je. In dieser Nacht warteten sie vergeblich
-auf den Mond. Es war kein Mondaufgang, und es schien eine endlose Nacht
-angebrochen zu sein; denn die Sonne ging auch nicht mehr auf zu der Zeit,
-da sie erwartet wurde.
-
-Danach verwirrte sich die Weisheit in allen ihren Hirnen; die Weisen des
-Landes hatten die Liebe im Reich umgebracht, und mit der Liebe blieben
-Sonne und Mond aus dem Reich verschwunden. Denn die Liebe ist allmächtiger
-als die Weisheit. Alle, die im Boot waren, wurden wahnsinnig und stürzten
-sich ins Meer, dem toten König nach. --
-
-So erzählte Hasenauge. Und bei den letzten Worten deutete sie mit den
-Eßstäbchen, mit denen sie dich bei der Unterhaltung gefüttert hatte, hinaus
-auf den Biwasee. Umgeben von einem gelben Dunstkreis, als hätte er einen
-gelben Ährenkranz auf dem Kopf, stand der Vollmondgott draußen am Fenster
-und trat seinen Rundgang an.
-
-Wenn du dann aus dem Teehaus heimgehst, kann es einem Neuling, der
-Hasenauge zum erstenmal erzählen hörte, vorkommen, daß er mit dem Mond in
-Streit gerät. Der Mond stellt sich quer über den Weg und fragt ihn:
-
-«Nun, hat dir wirklich Hasenauge während meines Aufgangs zwölf Geschichten
-erzählt?»
-
-Zuerst sagst du ja. Du besinnst dich nicht, rechnest nicht nach und sagst:
-Ja, zwölf.
-
-Der Mond lacht stolz über Ishiyama und freut sich.
-
-Nach einer Weile rufst du den Mond, hinter einer Hausecke, an den Weg
-hervor und sagst:
-
-«Es war nur _eine_ Geschichte, aber es klang wie zwölf.»
-
-Da lächelt der Mond noch stolzer und freut sich noch mehr über Ishiyama.
-
-Und wieder nach einer Weile, ehe du in dein Haus trittst, fragst du den
-Mond an der Türschwelle:
-
-«Sag mal, wie kommt das, daß Fräulein Hasenauge dreitausend Geschichten
-allein vom Mondaufgang über Ishiyama erzählen kann? Kommt es daher, daß du
-nirgends so schön wie am Biwasee aufgehst? Ich glaube, du bist Fräulein
-Hasenauges Geliebter.»
-
-Da rascheln alle Eschenbäume im Mond, und sie fragen dich:
-
-«Hat dir Fräulein Hasenauge heute ihre dreitausend Geschichten erzählt?»
-
-«Ja, ungefähr dreitausend», antwortest du, ohne dich zu besinnen.
-
-Und am nächsten Abend geht der Mond über dem Biwasee bei Ishiyama noch
-geschichtenreicher auf als sonst. --
-
-«Liebe und der aufgehende Mond machen das Haar wachsen. Darüber will ich
-dir gleich eine Geschichte erzählen», sagte Hasenauge zu mir und reichte
-mir ein Schälchen frischen Tee und einen großen Brocken Pfefferminzzucker
-dazu und drückte mir eine kleine Prise frischen Tabak in die kleine
-silberne Tabakpfeife. --
-
-Als einer der schönsten Tempel in Kioto gebaut werden sollte, erwiesen sich
-alle Stricke, die den bronzenen Dachfirst auf die Gerüste hinaufwinden
-sollten, als zu schwach. Darum entschlossen sich alle die Tausende von
-Frauen in Kioto, dem Tempel ein Opfer zu bringen und ihr Haar dicht am Kopf
-abschneiden zu lassen, damit daraus Stricke für den Tempelbau gedreht
-würden. Es wurde auch wirklich ein dreihundert Meter langer Haarstrick aus
-den geopferten Haaren gedreht, und dieser schwarze Strick, der die Dicke
-eines Männerarms hat, wird noch heute in einer Lacktonne im Tempel von
-Kioto aufbewahrt.
-
-Die Frau eines japanischen Adligen, die auch ihr Haar zum Tempelopfer
-abgeschnitten hatte, und die in jener Zeit schwanger war und nahe vor der
-Stunde des Gebärens stand, erschrak so sehr, als sie sich im Handspiegel
-sah und ihr Kopf ihr kahlrasiert entgegenglänzte, daß sie sich der Tränen
-nicht erwehren konnte.
-
-Die Tempelgötter nahmen die Schwachheit dieser Frau übel und straften sie
-an dem Kinde, das sie gebar. Sie schenkten ihr ein kleines Mädchen, aber
-diesem wuchs nicht ein einziges Haar auf dem Kopf; und wie eine
-Elfenbeinkugel so glatt, weiß und haarlos blieb die Schädelschale des
-Kindes.
-
-Die Frauen von Kioto, denen allen daran gelegen war, daß ihr Haar bald
-wieder wüchse, und die wußten, daß der zunehmende Vollmond den Haarwuchs
-beschleunigt, taten sich zu Vollmondprozessionen zusammen und wallfahrteten
-in langen Zügen im Mondschein zu den verschiedenen Kiototempeln.
-
-Jene adelige Dame nahm zu jenen Nachtprozessionen ihr kleines Mädchen mit,
-in der Hoffnung, der Mond würde dem Kind Haare wachsen lassen. Aber die
-Prozessionen nützten nichts, und die Mutter war gezwungen, dem Kind
-Perücken machen zu lassen. Das Mädchen wurde damals von allen Leuten in
-Kioto «Mondköpfchen» genannt, weil es so kahl war wie der Vollmond.
-
-Als Mondköpfchen verheiratet wurde, wußte der junge Mann, der sie zur Frau
-nahm, daß er eine kahlköpfige Frau heiratete. Aber es lag ihm nichts
-daran, denn er hatte Mondköpfchen immer in schöner gutsitzender Perücke
-gesehen. Und er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie eine
-kahlköpfige Frau ohne Perücke aussehen kann.
-
-Die Hochzeitsnacht verlief, wie die meisten Hochzeitsnächte, für die beiden
-Neuvermählten mit geschlossenen Augen, und das Liebesglück ward nicht
-gestört.
-
-Aber schon in der zweiten Nacht verschob der junge Ehemann erst zufällig,
-dann scherzend Mondköpfchens schwarze Perücke. Er spaßte und schob sie ihr
-bald auf das linke Ohr, bald auf das rechte, bald auf die Nase, bald auf
-den Nacken zurück, und er kollerte sich neben seiner jungen Frau vor
-Lachen. Immer, wenn die Frau ernst und liebend ihre Arme ausbreitete,
-juckte den Mann ein Kobold an den Fingern, so daß er der Perücke erst
-jedesmal einen kleinen Puff gab, ehe er seine Frau in die Arme schloß.
-
-Dieses geschah in der zweiten Nacht. Aber in der dritten war es überhaupt
-nicht mehr zum Aushalten. Der junge Mann setzte sich selbst die Perücke
-auf, so daß die Frau böse wurde, nicht mehr im Zimmer bleiben wollte und
-sich auf den Altan setzte. Es war dunkel draußen, und er lief ihr mit einem
-Licht nach. Als er sie perückenlos mit helleuchtendem Schädel am Altanrand
-sitzen sah, prustete er vor Lachen, kollerte ins Zimmer zurück und rief:
-
-«Ich habe den Vollmond geheiratet.»
-
-Bisher hatte Mondköpfchen ihren Namen immer harmlos hingenommen und sich
-nie darüber erschreckt. Aber nun brach sie in Weinen aus.
-
-Am dritten Tage nach der Hochzeit ist es in Japan Sitte, daß die Frau ihre
-Eltern besucht. Mondköpfchen ließ sich am nächsten Morgen in einer Sänfte
-in ihr Vaterhaus tragen, weinte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter aus
-und wollte nicht mehr zu dem Mann zurückkehren, der mit ihrer Perücke
-spielte und statt der Liebe Gelächter über sie ausschüttete.
-
-Aber Vater und Mutter überredeten Mondköpfchen, wieder zu ihrem Mann
-zurückzukehren, und versprachen, alles daran zu setzen, ein Mittel
-ausfindig zu machen, damit ihre Haare wüchsen. Sie sollte sich nur noch
-eine kurze Wartezeit auferlegen.
-
-Mondköpfchens Eltern hatten diesen Rat nur aus Verzweiflung gegeben und
-mußten jetzt selbst weinen, als ihr Kind zu seinem Mann zurückgekehrt war;
-sie waren ratlos.
-
-Plötzlich sagte die alte Frau zu ihrem Mann:
-
-«Ich weiß, womit ich die Götter jetzt versöhnen kann. Ich will mein Haar
-zum zweitenmal abschneiden und es den Tempelgöttern opfern. Die Götter sind
-gut und geben mir dann sicher einen Rat für unser Kind.»
-
-Die Frau tat so und trug ihr ergrautes abgeschnittenes Haar, zu einer
-kleinen Schnur geflochten, in den Tempel der tausendhändigen Kwannon und
-band dort die Haarschnur um das goldene Handgelenk der tausendfach
-segenspendenden Göttin.
-
-Die Götter versöhnten sich danach mit ihr und gaben ihr in der Nacht einen
-Rat. Die Frau hörte im Traum eine Stimme, die sagte:
-
-«Liebe und Vollmond lassen die Haare wachsen. Schicke dein Kind nach
-Ishiyama. Wenn es dort den Herbstmond aufgehen sieht, werden Liebe und Mond
-deinem Kind ein schönes Haar schenken.»
-
-Die Mutter erzählte den Traum ihrer Tochter, und Mondköpfchen glaubte
-begeistert an die Weissagung. Und Mondköpfchens Mann, der immer noch
-lachte, sagte wenig rücksichtsvoll zu seiner jungen Frau:
-
-«Reise nur nach dem Biwasee und laß dir dort Haare wachsen. Ich muß mich
-hier inzwischen von dem Nachtgelächter erholen.»
-
-Mondköpfchen reiste an den Biwasee.
-
-Im aufgehenden Mondschein sahen die Bewohner von Ishiyama die kahlköpfige
-junge Frau auf dem Balkon des Rasthauses sitzen, wo Mondköpfchen Wohnung
-genommen hatte. Die frommen Bewohner des Seeortes nannten sie nur die
-elfenbeinerne Heilige, weil ihr haarloser Kopf wie vergilbtes altes
-Elfenbein in der Abenddämmerung leuchtete. Viele lenkten abends vom See her
-ihre Kähne am Rasthaus vorbei, um die bleiche, stille Frau auf dem Altan
-unter den Sykomorenbäumen sitzen zu sehen, und jeder, der sie sah, dachte
-sich eine Geschichte über sie aus.
-
-Ein junger Adliger, der ein Landhaus in der Nähe von Ishiyama hatte, hörte
-durch seine Leute von der fremden Frau, die Abend für Abend den aufgehenden
-Herbstmond von Ishiyama erwartete. Und er richtete es so ein, daß er am
-Spätnachmittag in einen der Sykomorenbäume am Ufer stieg, wo er, hinter den
-Ästen verborgen, Mondköpfchen beobachten konnte, die wie ein Götterbild
-regungslos im Mondschein saß und sich Liebe und Haare wünschte.
-
-Bald danach erhielt die junge Frau von dem jungen Adligen ein Gedicht
-gesandt, das war mit Goldtusche auf Purpurpapier geschrieben. Das Gedicht
-erzählte von einem Sykomorenbaum, der ein Mensch werden wollte, um zu ihr
-zu kommen und neben ihr auf dem Altan zu sitzen.
-
-Mondköpfchen freute sich aufrichtig über das schwärmerische Gedicht. Und
-als sie wieder im Mondschein saß und mit der Hand über ihren Kopf strich,
-fühlte sie zu ihrem Entzücken die ersten Haarspuren, denn sie sehnte sich
-in dieser Nacht sehr nach ihrem Mann zurück.
-
-Am nächsten Tag erhielt sie einen Brief, der sagte ihr:
-
-«Ich bin ein Mann, der Dich liebt, und möchte Dich bald vom Altan holen.
-Laß Dich entführen, schöne Frau.»
-
-In dieser Nacht sehnte sich Mondköpfchen noch mehr nach ihrem Manne, und
-ihre Haare wuchsen einen Arm lang, und am Morgen reichten sie ihr bis zum
-Gürtel. In der nächsten Nacht wuchsen sie ihr beim aufgehenden Mond bis zu
-den Knieen.
-
-Mondköpfchen empfing in dieser Nacht einen dritten Brief, der sprach:
-
-«Ich weiß, daß Du einen Mann in Tokio hast. Liebe mich, so werde ich ihn
-töten.»
-
-Da erschrak Mondköpfchen, ließ sich noch in derselben Nacht in einem Kahn
-über den Biwasee fahren und reiste nach Kioto und zeigte sich und die
-Briefe ihrem Mann.
-
-Als der Mann seine Frau im prächtigen Haar vor sich sah, wurde er still,
-und seine Augen wurden dunkel vor Bewunderung. Und als er die drei Briefe
-gelesen hatte, wurden seine Augen finster, seine Arme breiteten sich aus,
-und sein Mund, der nicht mehr lachte, sagte:
-
-«Komm in meine Arme, wenn du mir jetzt noch treu sein willst, seit du so
-schön bist, und wenn du mir verzeihen kannst, daß ich gelacht habe, als du
-noch nicht so schön warst. Willst du mir aber eines Tages die Treue
-brechen, dann tue es lieber jetzt und gehe zu dem Mann, der die Briefe
-geschrieben hat, damit er mich tötet. Denn wenn du mich jetzt verläßt, hat
-mich schon mein Leben verlassen, und der Tod ist dann nur eine Zeremonie,
-die ich nicht spüren werde.»
-
-Mondköpfchen setzte sich auf die Diele vor ihren Mann nieder und begann den
-Tee zu bereiten. Das bedeutete, daß sie ihn für immer lieben und ihm treu
-bleiben würde und ihm verziehen hätte. --
-
-Und Fräulein Hasenauge lächelte ungläubig und erzählt eine neue Geschichte.
-
-Ein Spielzeugverkäufer, ein Schilfmattenflechter und ein Holzkohlenhändler
-saßen eines Abends, ehe der Vollmond über Ishiyama aufging, am Rande der
-Landstraße nach Ishiyama. Der Spielzeugverkäufer hatte an einer langen
-Stange ein Bündel Spielsachen hängen, meist aus Watte gearbeitete große
-Insekten, ungeheure graue und silberne Riesenspinnen, grüne und braune
-Grashüpfer und Heuschrecken, riesige Libellen mit farbigen Flügeln aus
-Gelatinepapier.
-
-Der Schilfmattenflechter trug ein großes Bündel zusammengerollter,
-feingeflochtener Schilfmatten auf dem Rücken. Das sah in der Abenddämmerung
-aus, als trüge er lange Kanonenrohre.
-
-Der Kohlenhändler trug einen Korb auf dem Kopf, den er im Gehen
-balancierte. Drinnen im Korb unter einem Tuch war die feinste Holzkohle,
-die er selbst zubereitet hatte.
-
-Im Straßengraben sitzend, an welchen das Schilf vom See her heranreichte,
-erzählten sich die drei Kriegsgeschichten. Der eine, der
-Spielwarenhändler, behauptete, er wäre bei der Einnahme von Peking dabei
-gewesen. Der Rohrmattenflechter behauptete, er hätte mit vor Port Arthur
-gelegen. Der Kohlenhändler behauptete, er wäre auf einem Schlachtschiff im
-Chinesischen Meer Heizer gewesen. Aber alle drei verstanden vom
-Kriegshandwerk so wenig wie eine Katze vom Neujahrsfest. Und ihre
-Erzählungen waren so drollig, daß ganz Japan sie lachend immer noch weiter
-erzählt.
-
-Der Spielwarenhändler sagte: «Als wir die Stadtmauern von Peking sahen,
-liefen unsere Augen wie Spinnen über die Ebene von Peking, unsere Füße
-hüpften wie Heuschreckenbeine über die Mauerwälle, unsere Bajonette, Säbel
-und Kugeln flogen wie surrende Libellen über die Chinesen her. Aber das war
-alles umsonst. Ihr wißt: wenn man den Chinesen sticht, haut oder vierteilt,
-ist dies geradeso unnütz, als wenn man gegen den aufgehenden Vollmond
-streitet. Die Chinesen stehen immer wieder gesund und unverwundbar vor dir,
-denn jeder hat Tausende von Körpern ineinander geschachtelt, so wie es
-Spielzeugschachteln gibt, von denen Hunderte ineinander passen.»
-
-«Womit habt ihr denn die Chinesen umgebracht, wenn sie nicht zu erschießen
-und nicht zu erschlagen sind?» fragte der Schilfmattenflechter.
-
-Der Spielzeughändler blähte sich auf wie eine Schweinsblase, die ein
-Kinderluftballon werden will.
-
-«O, wir haben ihnen allen den Rücken gewendet, so daß die Chinesen keines
-unserer Gesichter sahen und nicht sahen, wie wir lachten und haben unsere
-Gewehre in die Luft abgeschossen, in die Wolken und in den blauen Himmel
-und haben mit den Bajonetten und den Säbeln in die Luft gestochen und haben
-nicht gegen die Chinesen, sondern gegen den Himmel gekämpft.
-
-Da hat die Chinesen, die Söhne des Himmels, ein großer Schreck erfaßt, als
-sie sahen, daß wir ihren Himmel angriffen. Tausende starben vor Erstaunen,
-Tausende vor Entsetzen, und Tausende kamen auf den Knien zu uns gekrochen
-und hatten die Tore zur himmlischen Stadt Peking geöffnet, damit wir ihre
-Väter und Götter im Himmel nicht bekriegten.»
-
-«Das ist drollig», sagte der Schilfmattenhändler. «Aber gegen die Russen
-hättet ihr nicht so kämpfen dürfen. Die Russen haben von den Knien abwärts
-Kanonenrohre statt der Füße, und immer, wenn sie ein Bein heben, können sie
-mit dem Bein auf dich schießen. Sie heben ihre Beine in die Luft, geradeso
-wie meine zusammengerollten Matten lang in die Luft gucken. Und sie
-brauchen nicht zu zielen, denn ihre Füße haben Augen, die sie Hühneraugen
-nennen, und diese zielen für sie. Und während ihre Beine gehen und
-schießen, haben die meisten Essen und Trinkflasche in den Händen und
-füttern und tränken jeder sein Maul. So bleiben sie immer stark und kommen
-nie von Kräften und sind unbesiegbar.»
-
-«Ja, wie habt ihr sie denn besiegt, die Russen?» fragte der Kohlenhändler.
-
-«O, das war ganz einfach. Das sagt einem jeden doch der helle Verstand, wie
-man einen Russen besiegt. Nur ein Kohlenhändler wie du kann so dumm fragen,
-als ob du Kohlenstaub in deinen Augen hättest und nicht wüßtest, daß wir
-die Russen besiegt haben.
-
-Der Russe läßt doch immer nur seine Beine gradaus marschieren und
-schießen, aber seine Augen im Gesicht sehen nichts als das Essen und
-Trinken vor dem Maul. Darum, wenn die Russen aus Port Arthur auf uns
-losmarschierten mit ihren schießenden Beinen, stellten wir uns ruhig zu
-beiden Seiten des Weges auf und ließen sie ruhig an uns vorbei. Dann gingen
-wir hinter ihnen her, jeder faßte einen Russen am Gürtel und drehte ihn
-einfach wieder gegen Port Arthur um, in der Richtung auf das Meer zu. Da
-sie einmal im Gehen waren und sich im Fressen und Saufen nicht stören
-lassen wollten, marschierten sie auf Port Arthur zurück und liefen dort
-über die Kaimauern ins Meer, wo sie ertranken. Die Armeen aus der
-Mandschurei aber, die aus dem Norden kamen, drehten wir nach Norden um, so
-daß sie ruhig zur sibirischen Eisenbahn zurückmarschierten. Und die
-Eisenbahnbeamten, im Glauben, der Krieg sei beendet und die Russen seien
-Sieger, fuhren die fressenden und saufenden Armeen nach Petersburg zurück,
-wo sie dann einzogen, immer noch in dem Glauben, daß sie die Sieger wären.
-In der Zeit besetzten wir die ganze Mandschurei, und das soldatenleere Port
-Arthur war unser.»
-
-«So einfach war es aber doch nicht», sagte der Kohlenhändler, «denn erst
-mußten wir die russische Flotte zerstören, wobei ich einer der Haupthelden
-war.»
-
-«Erzähle!» sagten die beiden anderen Helden.
-
-«Da ist nichts zu erzählen. Das war die allereinfachste Sache von der Welt,
-die russische Flotte zu vernichten», wisperte der Kohlenhändler bescheiden
-wie eine Feldmaus.
-
-«Eines Morgens dachte ich mir: heute zerstöre ich die russische Flotte,
-denn ich hatte Sehnsucht nach meiner Frau, und nichts als die russische
-Flotte hinderte mich, zu meiner Frau zu reisen.
-
-Ich steckte mir eine Schachtel Streichhölzer ein, ein paar japanische
-Zeitungen und ein paar Stückchen Holzkohle. Ich schwamm von meinem Schiff
-an die Hafenmauer von Port Arthur heran, zündete mir ein Pfeifchen an,
-setzte mich auf einen Klippenstein und fabrizierte aus meinen japanischen
-Zeitungen kleine Papierschiffe, wie sie die Schulkinder am Biwasee machen.
-In jedes Schiffchen steckte ich ein Stückchen Kohle, das war der
-Schornstein des Schiffes; manche hatten auch zwei und vier Schornsteine.
-Die Kohlenstücke zündete ich an, und dann ließ ich meine Schiffe mit dem
-Südostwind auf Port Arthur los, und sie zogen an der Hafenmauer entlang.
-Meine kleine Papierflotte wurde augenblicklich von allen Leuchttürmen und
-Fernrohren auf den Leuchttürmen dem Admiral der russischen Flotte
-signalisiert. Die russische Flotte verließ sofort in Schlachtreihen den
-Hafen und umzingelte meine Zeitungspapierflotte. Tausend Schüsse hallten
-aus den russischen Schiffsbäuchen, und als sich der Rauch verzog, war
-natürlich meine Papierflotte untergegangen. Auf allen Rahen und auf allen
-Masten stellten sich nun die russischen Marinesoldaten in Parade auf, um
-dem sieghaften russischen Admiral ein dreifaches Hurra für seinen Sieg
-auszubringen.
-
-Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Denn ich wußte, die Russen
-hatten ihren Mut mit Schnaps angefeuert, und es mußte beim Siegesgeschrei
-der Tausende und Tausende von Soldaten eine Wolke von Alkoholgasen in der
-Luft entstehen, und diese Wolke konnte ich mit einem einzigen Streichholz
-in Brand setzen.
-
-So war es auch. Das erste Hurra ließ ich sie zum Vergnügen schreien. Aber
-bei dem zweiten Hurra wäre ich beinahe selbst erstickt, -- so sehr stank
-die Luft nach Alkohol.
-
-Kaum flackte das Streichholz auf, so entzündete sich über dem Meer die
-Alkoholwolke, und eine Flamme pflanzte sich fort von Schiff zu Schiff;
-Mannschaften und Schiffe, vom Alkoholdunst erfüllt, explodierten unter
-Gekrach. Später sagten die Russen uns nach, wir hätten mit Stinkbomben
-geschossen und mit griechischem Feuer. Und es war doch nur ihr Alkoholatem,
-der die ganze Flotte verbrannt hat, als ich mein Streichholz anzündete.»
-
-«Ja, sag mir aber», fragte mißtrauisch und kleinlich der Spielzeughändler,
-«sag mir, Kriegskamerad, wie konntest du die Streichholzschachtel trocken
-erhalten, als du von deinem Schiff nach Port Arthur geschwommen bist?»
-
-Auch der Schilfmattenhändler nickte heftig und ungläubig und bezweifelte
-gleichfalls, daß eine Streichholzschachtel beim Schwimmen trocken bleiben
-könnte.
-
-«Habe ich euch denn nicht gesagt», fuhr der Kohlenhändler sie grob an, «daß
-ich an diesem Morgen Sehnsucht nach meinem Weib hatte? Wißt ihr nicht, was
-Sehnsucht bedeutet? Sehnsucht haben heißt so heißes Blut kriegen, daß alles
-ringsum verdorrt.»
-
-«Ja, dann verstehen wir, daß deine Streichholzschachtel im Gürtel nicht naß
-wurde, wenn du Sehnsucht nach deinem Weib hattest, Kriegskamerad», nickten
-der Spielzeughändler und der Schilfmattenverkäufer dem Holzkohlenhändler
-zu.
-
-Der Vollmond war inzwischen langsam aus dem Schilf gerollt, betrachtete
-sich breit lachend die drei Überhelden und erzählte die Geschichte in ganz
-Japan weiter.
-
-
-
-
-Das Abendrot zu Seta
-
-
-Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so
-schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch
-eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln
-der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See
-liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme
-kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag
-das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel
-zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind, und der einer Wüste aus grauem
-Basalt ähnelt.
-
-Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue
-und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine
-kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen
-Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind
-gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten
-Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben,
-gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und
-Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den
-Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes
-warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütig
-wie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine
-Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des
-Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel
-dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist
-nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit
-Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte
-Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt
-sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund;
-und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemächern, werden in den
-kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt, wie
-die Schriftzüge auf weißem Papier.
-
-Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren
-die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und
-winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde
-Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren, farblosen
-Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen
-erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt
-lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch
-wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele
-zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann
-alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie
-einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke.
-
-In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Türen
-zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben,
-ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren
-einen sanften Tod. --
-
-In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen
-die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfters im
-Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem
-Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im
-Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen
-näher zu sein.
-
-In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen
-Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis
-dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto
-einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen
-die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden
-die alte Kaiserstadt verteidigen.
-
-In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie
-im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern
-niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.
-
-Die feuerrote düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend
-goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab
-der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend
-goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel
-vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihe
-höher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen,
-Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als
-strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen.
-
-Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie
-draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle
-entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun,
-hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten.
-Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen,
-mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe
-angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des
-Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist,
-üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders
-ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter
-Übungsplatz in Kioto.
-
-Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue
-Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen
-unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner
-Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie
-anschaute.
-
-Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle
-zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend,
-daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie
-kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern,
-verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich
-hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der
-Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte
-auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen.
-
-«Deine Augen können surren wie Pfeile», sagte der Mann und blieb neben ihr
-stehen.
-
-«Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich», sagte die Frau. «Deswegen
-habe ich dich angesehen.»
-
-Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch:
-
-«Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen
-möchte ...»
-
-Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink, wie ein Affe eine
-Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.
-
-Danach sagte die Frau leise:
-
-«Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!»
-
-«Wollust schändet keinen Tempel», antwortete der Mann. «Fünftausendmal will
-ich dich hier umarmen. Fünftausendmal wollen wir uns hier treffen.»
-
-Die Frau schauderte vor Glück. In die geheimnisvolle Tempelluft und
-Tempeldunkelheit schienen außer den fünftausend Kriegsgöttern fünftausend
-Liebesgötter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann:
-
-«Wir wollen nicht wissen, wie wir heißen, wir wollen nicht wissen, wo wir
-wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es
-den fünftausend Genien überlassen, daß sie unsere Wege zusammenführen. Und
-immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts
-fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben.
-
-Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine
-Erscheinung, ähnlich meinem Mann. Ich will dich genießen wie die Abendröte,
-die jetzt über die Türschwelle dort tritt, und die wirklich und unwirklich
-ist zugleich.»
-
-Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau änderte nicht ihre Reisen und
-ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie
-monatelang in Kioto täglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der
-fünftausend Genien besucht und täglich den Schützen dort getroffen, umarmt
-und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem
-Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen.
-
-In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem großen Zedernwald, darauf die
-feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weißen, blauen und
-gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten
-Zedernstämmen stehen, dichtgedrängt wie Grabdenkmäler in einem Kirchhof,
-Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege,
-dichtgedrängt wie versteinerte Völker. Schwarzbronzene Hirsche, von
-Künstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte
-von lebenden Rehen und Hirschen gehen in großen Rudeln zahm auf allen
-Wegen, zahmer als Hühner in einem Hühnerhof.
-
-Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein großes Gewitter über
-dem Wald. Aber sie fürchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen
-Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen
-zurück.
-
-Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ältesten Sohn und kniete viele
-Stunden in der Halle des großen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten
-Buddhabilder Japans ist.
-
-In einem roten mächtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und
-schwerfällig geschnitzt, bräunlich vergoldet auf einer ungeheuern
-Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei
-haushohe Flügeltüren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen draußen
-kann den mächtigen Kopf, der bis in die Dämmerung des Dachstuhles reicht,
-kaum erhellen.
-
-Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und
-vertiefte sich in ein stilles Gespräch mit ihrem verstorbenen ältesten
-Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die näherkommende Stimme eines
-Gottes über ihr. Die schwüle Gewitterluft machte die große, dunkle
-Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Räucherwerkes und der
-Geruch der alten sonnengewärmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie
-eine Last, als ob sich der schwere mächtige Buddha über sie böge. Und sie
-mußte an den Mann denken, der sie Tag für Tag in Kioto im Tempel der
-fünftausend Genien umarmt hatte.
-
-Der Regen prasselte jetzt draußen auf das Tempeldach und auf die ungeheure
-Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der große goldene
-Buddha erschien für den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das
-Dach.
-
-«Ist es wahr, Gott», dachte die Frau, «daß die Wollust den Tempel nicht
-schändet, so laß den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei
-dir wiederfinden.»
-
-Über die Holzgalerien draußen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte
-über die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wäldern, Männer, Frauen und
-Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flüchtend, in die
-Halle des großen Daibutsubildes eindrangen.
-
-Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lärm des
-Regens, der vielen humpelnden Füße von Wallfahrern und der Menschenstimmen
-zerstreute sie, so daß sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen
-Türen trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weißen
-Nebel hüllte.
-
-Blitz um Blitz blendete sie, daß sie sich von der Türe weg gegen die
-Gesichter der Menschen wenden mußte, von denen einzelne Gruppen, weiß im
-finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten.
-
-Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte
-sie plötzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte,
-ähnlich sah. So müßte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine
-Kinder, wenn er jetzt lebte und glücklich wäre.
-
-Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht
-ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor
-dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten
-Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.
-
-Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter,
-drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden
-Regen den Hügelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit
-weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer
-Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie
-hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid
-klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch
-nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine
-Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer
-Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie
-hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und
-den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und
-Familienvater sehen zu müssen.
-
-Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode,
-über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen.
-Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die
-Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.
-
-Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an
-inbrünstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lächelte und fühlte sich rot
-durchtränkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach:
-
-«Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der
-Mann aus dem Tempel der fünftausend Genien, den ich wie die Abendröte mit
-Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn
-gestern verließ, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen.» Aber
-sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurückzugehen;
-und sich zu überzeugen, fehlte ihr der Mut.
-
-Die Frau warf ihren zerknitterten Fächer fort, strich ihre Frisur glatt,
-schob ihren Gürtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum
-Bahnhof von Nara.
-
-Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fünftausend Genien aufzusuchen,
-und ging nach Seta in ihr Haus zurück, tagsüber gepeinigt von dem Gedanken,
-daß der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder hätte. Sie wurde nur
-am Abend erlöst von dem fantastischen Abendrot, das sich über Seta in den
-wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so daß alles Unwahrscheinliche
-wahrscheinlich wird, so daß die Bäume blutrot wie Korallenwälder werden und
-die Hügel wie die Brüste und Körperlinien hingelagerter Männer und Frauen,
-als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden
-und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am
-Himmel ist dann in ihrer Röte nur wie eine kleine Kerze in einem roten
-Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und
-keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit
-geschlossenen Augen ohne Licht sehen.
-
-Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fünftausend
-goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und
-die Wände im Hause jener Frau wurden düsterrot, als wären sie die uralten,
-düsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wäre in dem Hause der
-Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten
-Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Geländer, Tag
-für Tag den Mann treffen könnte, der sie wie das Feuer der Abendröte
-schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendröte in das Unbekannte
-wieder versänke.
-
-In den kältesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur
-Spätnachmittagstunde an dem geöffneten Fenster sehen, das auf das flüchtige
-Winterabendrot hinaussah, -- die Frau, die einen kleinen Fächer schwang,
-als wäre es ihr heiß im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Geländer des
-Altans lag und auf den Dächern der Holzhäuser von Seta.
-
-Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Röten des Himmels
-hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weiße Laken des
-Himmels betupfte, saß die Frau zwischen den zurückgeschobenen Papierwänden
-ihres Teezimmers und fächelte sich, als müßte sie das Abendrot mit jedem
-Fächerschlag anschüren.
-
-Der Frühling kam, und die Frau fürchtete sich immer noch vor einer
-Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttäuschung. Sie beschloß
-eine große Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um
-dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten.
-
-Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich
-unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko
-kam, ganz im klaren, daß der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein
-könnte, daß sie sich einfach in der Ähnlichkeit getäuscht hätte. Und sie
-nahm sich vor, so bald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder
-zurückkäme, wollte sie den Tempel der fünftausend Genien wieder aufsuchen
-und versuchen, den Schützen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie
-fünftausendmal zu umarmen.
-
-Das Rasseln der Eisenbahnräder, das Vorüberfliegen großer Plakatfiguren:
-gemalter Männer und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische
-Fahrräder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige
-Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorüberhastenden Eindrücke
-gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich
-innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit
-vergangen war, daß sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem
-Geliebten hatte umarmen lassen.
-
-Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne über den
-silbernen Kiesbächen, mit blausteinigen Schluchten, deren Ränder von
-schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das
-liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit
-nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weißen Wasserfällen unter einer
-Sonne, die einem weißen Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das
-rotblättrige Frühlingslaub der Ahornbäume über den Gebirgswegen. Hie und da
-blühten auch ein paar rosige wilde Kirschbäume und an der Sonnenseite der
-Abhänge ganze Wälder von rosigen Kamelienbäumen.
-
-Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wäre es die eherne
-Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden.
-
-Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grünen, dunkeln Waldterrassen mit
-blaubronzenen Dächern und rotem Gebälk wie verwunschene Waldschlösser unter
-bärtigen, tausendjährigen Kryptomerienbäumen liegen.
-
-Viele Tempelwände sind mit kopfgroßen Chrysanthemumblumen aus erhabener
-Perlmutterarbeit geschmückt und leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf
-andern Wänden sind aus goldenem Lack in Relief erhabene goldene Löwen und
-goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem
-Lack rote Fasanen, aus grünem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein
-weiße Kaninchen und weiße Rehe und ganze Elfenbeinwände voll von weißen und
-bläulichen Päonien, umgeben von Schmetterlingsscharen aus Perlmutter.
-
-Diese kostbaren Tempelwände unter grünen Waldbäumen, unter blau und weißem
-Wolkenhimmel und umwandert von gelbem Sonnenschein, scheinen mit ihrem
-irisierenden Perlmutter eine lebende Welt von immerblühenden hochzeitlichen
-Blumen und eine unvergängliche Welt von sich tummelnden wilden und zahmen
-Tieren zu sein.
-
-Die Frau kam auf die erste Terrasse, wo die drei berühmten Affen auf einem
-Tempeltor dargestellt sind, geschnitzt und bemalt. Der erste Affe hält sich
-die Augen zu, der zweite Affe die Ohren, der dritte Affe hält sich den Mund
-zu. Und ihre Bedeutung ist: Du sollst nichts Böses sehen, du sollst nichts
-Böses hören, du sollst nichts Böses reden.
-
-«Wie leicht ist das getan für den, der geliebt wird, und wie schwer für
-den, der an der Liebe zweifeln muß», dachte die Frau und ging an den drei
-Affen vorüber. Und sie kam zu dem schönsten aller Tempeltore. Dessen weiße
-Säulen sind mit erhabenen Schnitzereien, mit Bäumen, Schilf, Kranichen,
-Drachen und Wolken geschmückt. An den Friesen der Säulen entlang wandern
-Scharen von winzigen kleinen Göttern. Dieses Tor ist so vollkommen
-gearbeitet, daß es, als es fertig war, den Neid der Götter erweckt hätte,
-wenn man nicht an einer der Säulen absichtlich einen ungeschickten Fehler
-angebracht hätte, um die neidischen Götter zu versöhnen.
-
-«So vollkommen wie dieses Tor wäre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und
-die Götter würden die Menschen beneiden müssen, wenn sich nicht glücklich
-Liebende immer einen künstlichen Liebeszweifel erfänden», dachte die Frau
-und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse.
-
-Hier ist zur rechten Hand über einer Tempeltür von einem Maler eine
-lebensgroße weiße Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schläft schon
-Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei
-denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfüllung gehen darf, begegnen, daß
-die schlafende Katze ihre Augen öffnet und ihn anblinzelt.
-
-«O, ihr Götter», wünschte die Frau, die Katze über dem Tor betrachtend,
-«laßt eure Tempelkatze die Augen öffnen und mich ansehen, wenn mein
-Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene
-Männer sind.»
-
-Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die
-Augen geschlossen und blinzelte nicht.
-
-«Ist es möglich, daß ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Männer sind
-einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht
-eine andere Frau außer mir glücklich? O, weiße Katze, schlage doch die
-Augen auf und sage damit Nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind
-werde!»
-
-Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr
-Herz schmerzte, als würde es ihr ausgerenkt.
-
-«Gut, o Götter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfüllt», sprach sie plötzlich
-entschlossen, «dann laßt mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu
-überzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, daß es derselbe ist, dann laßt
-mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, öffne jetzt deine
-Augen und sage Ja!»
-
-Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten
-Lackwand des Tempelhofes. Die großen Kryptomerienbäume über den
-Tempeldächern bewegten sich schaukelnd für ein paar Sekunden und warfen
-Licht- und Schattennetze über die Tempeldächer, über die Lackwände und über
-die gemalte weiße Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die
-weiße Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte für eine hundertstel
-Sekunde ihre senkrechten Pupillen.
-
-«Sie hat mich angesehen», seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf
-ihren Holzschuhen, demütig mit gesenktem Kopf, als wäre sie um viele Jahre
-gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel.
-
-Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswänden lagen in
-seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und
-Könige, ihre Rüstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt
-und mit Bronze beschlagen. Auch große Bogen und Köcher mit Pfeilen standen
-da.
-
-Die Frau blieb unwillkürlich vor einem großen schwarzen Bogen stehen und
-legte ihre warme Stirn an die kühle Glasscheibe des Glasschrankes. Es war
-ganz menschenleer hier, nur vorher hie und da waren ihr Pilger begegnet
-auf den Treppen und den Terrassen der Tempel -- Männer und Frauen aus allen
-Teilen Japans, welche Nikko besuchen.
-
-Wie sie jetzt an der Glasscheibe lehnt, sieht sie in dem spiegelnden Glas
-durch dieselbe Tür, durch die sie in die lange Kammer eingetreten ist,
-einen Mann kommen, der eine weißhaarige, gebeugte alte Frau begleitet. Die
-kleine Alte stützt sich auf einen Stock und auf den Arm des Mannes und sagt
-zu ihm: «Mein Sohn.»
-
-Die Frau wendete ihren Kopf betroffen von der Glasscheibe und warf nur
-einen Blick über ihre Schulter. Dann sah sie rasch wieder in den
-Glasschrank zurück, als wollte sie ihr Gesicht im Glas verbergen. Sie hielt
-den Atem an und ließ den Mann und die alte Frau an ihrem Rücken
-vorübergehen.
-
-Die Götter hatten ihr ihren Wunsch erfüllt! Sie hatte ihren Geliebten noch
-einmal gesehen, und sie wußte nun auch, daß er eine Mutter hatte wie andere
-Menschen, und daß er ein Menschensohn war, daß er nicht bloß Vater und
-Gatte war, so wie sie ihn in Nara gesehen hatte, daß er auch
-Kindespflichten kannte, seine alte Mutter an seinem Arm stützte, und daß er
-ihr nun nie mehr der Gott der Abendröte sein könnte, der Gott des
-Unbekannten, des Abenteuerlichen, der Gott der Inbrunst ohne Pflichten und
-ohne Schranken.
-
-Und nun wollte sie blind werden und nicht mehr in der Gegenwart und
-Wirklichkeit leben, sondern im Dunkeln sitzen, wie ein Herz in der Brust,
-ohne Licht, nur vom dunkeln Blut umgeben.
-
-Gealtert und bekümmert kehrte die Frau von ihrer Wallfahrt nach Seta an
-den Biwasee zurück, ohne den Tempel der fünftausend Genien in Kioto zu
-besuchen, wie sie sich vorgenommen hatte.
-
-Ein brennender, feuriger Sonnensommer verwandelte den Biwasee täglich in
-eine weißglühende Masse. Zwischen dem flammigen Spiegel des Sees und dem
-flammigen Spiegel des Sonnenhimmels saß die Frau auf dem Altan ihres Hauses
-oder in einem schaukelnden Boot und ließ sich die tausend funkelnden
-Sonnenscheiben, die sich in den Wellen brachen, wie tausend Brenngläser in
-ihre Augen stechen. Wenn sie vor Schmerzen die Augen schloß, saß sie in
-einer feuerrot durchflammten Dunkelheit, als wäre sie mitten im Abendrot
-von Seta, als wäre sie die rote untergehende Sonne selbst.
-
-Sie wurde blind, wie sie gewollt hatte. Aber auch erblindet sahen sie die
-Leute von Seta Sommer und Winter, Abend für Abend, mit dem Fächer auf dem
-Altan sitzen, zu der Stunde, wo das Abendrot in Seta die irdischen
-Landschaften zu roten Götterlandschaften verwandeln kann und die irdischen
-gesetzmäßigen Menschengesichter in berauschte unirdische Göttergesichter.
-
-An einem Winternachmittag, als der Nebel des Sees so dick lag, daß die
-Sonne schon am Mittag im Winterrauch wie eine papierne Scheibe blaß
-verschwand und ein Hauch von Abendröte erschien, saß die Blinde wieder mit
-begeistertem Ausdruck auf dem Altan und beschrieb der Dienerin, die ihr den
-Tee brachte, daß sie rote Wolken sähe, rot wie das Tempelgebälk eines
-Kiototempels, und daß fünftausend goldene Genien mit hunderttausend
-goldenen Armen über die roten Wolken geschritten kämen, und daß ein
-Bogenschütze an der Spitze der Fünftausend ginge. Er winke ihr auf der
-obersten Stufe einer roten Treppe.
-
-«So schön wie heute sah ich das Abendrot von Seta noch nie», sagte die
-Blinde und lehnte den Kopf an das Altangeländer, von dem der kalte Schnee
-abbröckelte. Ihre kleine Teetasse klirrte. Sie setzte sie mit zitternden
-Fingern auf den Boden. Sie fächelte sich noch mit dem Fächer, indes ihr
-Gesicht die Helle des Schnees annahm. Dann starb sie lächelnd.
-
-
-
-
-Den Abendschnee am Hirayama sehen
-
-
-An großen Masten ragen ein Dutzend weiße elektrische Bogenlampen in die
-Nacht. Sie beleuchten einen Landungskai im Hafen von Marseille. Wie ein
-langer weißer Kreideblock liegt dort ein weißer eiserner Orientdampfer mit
-Hunderten von runden, gelbleuchtenden Kabinenfenstern. Rot, gelb und weiß
-beschienene Gesichter und viele beleuchtete Hände und Arme hantieren in der
-Nacht auf der Plankenbrücke und um die klirrenden Ketten der
-Verladungskähne, wo Haufen von Koffern, Reisekörben und Reisekisten
-verstaut werden.
-
-Durch die langen, schneeweißen Korridore drinnen im Dampfer eilen
-schneeweiß gekleidete Inder mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen,
-aus prächtigen Küchen, in denen üppiges Kupfer leuchtet, in die prächtigen
-Speisesäle, die von rotem Mahagoniholz und blanken Messingsäulen, von Prunk
-und Gediegenheit strotzen, darinnen alles seltsam stille steht, indessen
-die bittere, bewegliche Seeluft durch die glühlampenhellen Räume und durch
-die Korridortüren wie ein unruhiges Fluidum streicht. Diese Seeluft, die in
-dem Schiffspalast, auch wenn er am Kai still steht, immer noch allen Räumen
-quecksilberhafte Ungeduld gibt, wie der Saft einer Pflanze, die man vom
-Wald ins Zimmer geholt hat. Ein ruhiges Schiff ist kein stillstehender
-Gegenstand, denn die Wanderluft, die auch im Hafen noch um seine Räume
-streicht, läßt es nicht schlafend und nicht tot erscheinen. Die Offiziere,
-Matrosen und Bedienungsmannschaften behalten auf dem ruhigen Schiff immer
-noch das bittere Fieber der Seeluft in der Brust, und allen erscheint Ruhe
-als ein Unglück und Wandern als das alleinige Glück.
-
-Das Schiff legt nachts in Marseille an und soll morgen um neun Uhr früh
-seine Weiterfahrt nach Asien und Japan antreten. Die meisten Passagiere
-haben für ein paar Nachtstunden das Schiff, das schon aus London kommt, zu
-einem kurzen Aufenthalt in Marseille verlassen, um wieder einmal Abendbrot
-an Land zu essen, denn das Schiff ist schon seit mehreren Tagen unterwegs
-und hat seit London keinen Hafen angelaufen.
-
-Jetzt neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die elektrischen Lampen brennen
-noch, aber der Himmel wird schon blau, und Scharen von lachenden und etwas
-kindisch heiteren Passagieren kehren aus den Nachttheatern und Nachtcafés
-der Stadt zurück. Junge Leute haben rote und blaue Kinderluftballons an
-ihre Hüte gebunden. Damen haben sich Arme voll Blumen gekauft,
-Winterveilchen von der Riviera; und alle Gesichter sehen belustigt aus, als
-kehrten diese Menschen von einem Volksfest heim. Alle haben sie nur für ein
-paar Stunden mit ihren Füßen die Erde besucht, die schöne, ruhige,
-stillstehende Erde mit ihrem irdischen Staubgeruch, und die hat die
-Passagiere im Herzen so überschwenglich und warm gestimmt.
-
-Jetzt müssen alle wieder auf die schwankenden Schiffsbretter, zurück auf
-das buckelige Meer, in die staublose, unirdische Seeluft, in der ihnen die
-Sonne noch treu bleibt, wo aber die Erde meilentief in das Wasser sinkt.
-
-Ein blauer, lauer Januarmorgen brach an. Die Lampen am Kai und im
-Schiffsinnern verloschen. Dafür zündete die Morgensonne tausend Lampen in
-den tausend Wellenspiegeln an, und die Messinggeländer des schneeweißen
-Schiffes, seine roten Schornsteine und zinnoberroten Ventilatoren
-leuchteten wie die künstliche Kulissenwelt eines Theaters, aufgebaut unter
-dem indigoblauen Mittelmeerhimmel.
-
-Am Kai standen Verkäufer von Bergen von hölzernen Segeltuchstühlen, die sie
-an die Passagiere für die weite Seereise nach Asien verkauften. An der
-Abfahrtshalle vor der Telegraphenoffice drängten sich die Reisenden,
-schrieben auf umgestülpten Koffern, Tonnen und Kisten Telegramme, -- die
-letzten Abschiedsgrüße aus dem letzten europäischen Hafen nach den
-Heimatorten.
-
-An den langen Geländern des Promenadendecks standen Kopf bei Kopf,
-Ellenbogen bei Ellenbogen. Viele kleine Kodaks knipsten und fingen das
-Hafenbild.
-
-Auf der nassen Kaimauer vor der Reihe der Packträger und Verlader hatte ein
-Athlet einen braunen Teppichfetzen ausgebreitet. An dem einen Ende des
-Teppichs tanzte in gelbem Trikot und rosa Tüllröckchen seine zehnjährige
-Tochter und klapperte mit Kastagnetten, armselig und ungeschickt.
-
-Auf der andern Ecke des Teppichs stand der Sohn des Athleten in blauem
-Trikot und spielte auf einer dünnen Violine. Auf der dritten Ecke lagen
-Gewichtsteine und Kugeln, und auf der vierten Ecke des Teppichs stand der
-Athlet selbst in schmutzig weißem Trikot und stemmte die Gewichtkugeln,
-Kanonenrohre und eisernen Wagenräder.
-
-Die Schiffssirene hat bereits mehrmals ihre gellenden Abfahrtssignale
-gegeben. Der Athlet, die kleine Tänzerin und der kleine Geiger rauften sich
-mit den Packträgern um die Kupfersousstücke, die wie ein brauner Hagel vom
-Schiff auf den Kai regneten. Scharen englischer Clerks, die nach Indien
-reisen wollten und rote, whiskytrunkene Gesichter aus dem Nachtleben von
-Marseille mitgebracht hatten, brüllten im Chor hundert «Cheers for Old
-England».
-
-Dann bewegte sich wie eine Drehbühne das mächtige Schiff vom Ufer weg. Die
-sich balgenden Leute am Ufer, die Landungshallen verkleinerten sich, als
-schrumpften sie in irgendeine Tasche hinein. Erdbilder, Felsenufer, weiße
-Kalksteingebirge, graue Dächerreihen drehten sich wie Bilder, gemalt auf
-einen Riesenkreisel, vorüber. Das Schiff schien still zu stehen, aber die
-Erde wurde zu einer ungeheuren Kugel, die sich unter dem Schiff drehte.
-
-Allmählich liefen die Bilder immer kleiner, ferner und farbloser wie
-Nebelwische vorüber, und nun nahm der gewaltige Rausch der Seeluft das
-Schiff in sich auf, und das Ungeheuer, der endlose Himmel, machte die
-lauten Passagiere still, löste nicht nur die Erde unter den Füßen, sondern
-nahm auch den Gedanken jede Festigkeit und Sicherheit, machte das Blut
-argwöhnisch, die Füße schwankend, die Gehirne ohnmächtig.
-
-Hunderte von Deckstühlen wurden an die Geländer gebunden, daß sie nicht von
-dem Seegang hin und her rutschten. Unter riesigen Reisekappen, in ungeheure
-Reisemäntel und in vielfarbige und karierte Schals gewickelt, lagen die
-Passagiere, ausgestreckt in endlosen Reihen, auf dem weißen Promenadendeck.
-Die weißgetünchten Eisenwände, die sachlichen Eisengeländer, die alle
-gerade und senkrechte Linien zeigten, flößten Sicherheit, aber auch
-Nüchternheit ein, als wäre das Schiff ein riesiger, physikalischer Apparat
-in einem Laboratorium, als wären die Menschen Präparate, die da künstlich
-aufbewahrt würden, bis zur Landung an einem andern Kontinent.
-
-Unter den Schiffspassagieren, die da in Reih und Glied in Liegestühlen auf
-den langen Decks lagen, als wären die Deckpromenaden Lazarette, fielen zwei
-Japaner auf, die von zwei deutschen Damen, einer jungen rotblonden und
-einer alten weißhaarigen, begleitet waren. Es waren die beiden Schauspieler
-Kutsuma und Okuro, die mit der Sada-Yakko-Truppe eine Europa-Tournee
-unternommen hatten und jetzt, getrennt von der Truppe, nach Japan
-zurückkehrten.
-
-Okuro hatte sich eben erst mit einer deutschen Dame verheiratet, und diese,
-welche immer mit ihrer Großmutter zusammengelebt hatte, wollte sich auch
-nicht in der Ehe von ihr trennen. Darum begleitete die achtzigjährige
-weißhaarige Alte das junge Ehepaar nach Japan.
-
-Die beiden Japaner waren europäisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter
-und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahäutigen Engländern
-auf.
-
-Ilse, Okuros junge und schöne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der
-rote Metallglanz der Goldfische.
-
-Sie trug ein smaragdgrünes Reisekleid und war unter allen den braunen,
-grauen und schwarzkarierten Engländerinnen und Engländern wie ein
-Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Fülle eines freigebigen
-Sommers.
-
-Die Großmutter neben ihr mit dem weißen Haar, das wie ein alter
-Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit
-blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und
-lautlos.
-
-Nie sind zwei Menschen fröhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als
-diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermögen durch seine Tournee
-verdient. Ilse wußte nicht, was sie mehr an ihrem Mann schätzen sollte: die
-ausgesuchte Fürsorge, mit der er sie umgab, die große Anspruchslosigkeit,
-mit der er auftrat, oder die große Leichtigkeit, mit der er alle
-Schwierigkeiten lächelnd aufnahm.
-
-Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmählich, daß ein Asiate nicht
-ist: wie fünf und fünf ist zehn, sondern daß bei ihm fünf und fünf einmal
-Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, daß sie noch nicht den
-hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte
-sie, daß seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinensüß und
-lächelnd ausgesehen hatten, plötzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft
-werden, oder sogar tödlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze,
-funkelnde Tollkirschen.
-
-Aber gerade, daß sie seiner nicht sicher war, daß sie seine Weltallruhe und
-sein göttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann
-wieder plötzlich erschrecken mußte vor tierischen Kehllauten, die er
-ausstoßen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten
-ließen, -- dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit
-einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe
-gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach
-exotischen Geheimnissen.
-
-Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen Äther des
-Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von
-Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weiße,
-blendende Schiffsgerüst in der Bläue ringsum wie der weiße Silberkörper
-eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Bläue untergetaucht wäre und
-unter den Meeren mit ihr fortschwämme. Nur das gelbe Stück Sonne oben war
-wie ein Stück Land, das in die Bläue herabschiene. Und sie hoffte, so
-verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in
-der Zukunft verändern, daß alle Begriffe sich umstülpten.
-
-Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das
-damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorüberzogen, nahm
-Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl saß und in der Dunkelheit
-nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus
-dem Mund, warf sie über Bord und sagte, schmollend in ihrer
-Flitterwochenstimmung:
-
-«Geliebter, wie kannst du rauchen und dich mit deiner Zigarette lautlos
-unterhalten? Ich bin eifersüchtig auf deine Zigarette und deine Ruhe bei
-ihr. Ich bin noch keine so alte, ruhige Frau wie meine Großmutter, welche
-einschläft, wenn du stundenlang schweigend rauchst. Ich möchte lieber, daß
-du mich erwürgst, ins Meer wirfst, oder irgend etwas Böses mit mir tust,
-aber ich mag nicht, daß du so ruhig und gleichgültig neben mir rauchst. Wir
-kennen uns noch nicht auswendig. Nur ist das, als wärest du mir untreu,
-wenn du die Zigarette mehr liebst als mich.»
-
-Darauf antwortete der junge asiatische Ehemann:
-
-«Wenn ich Diener brauche, die dich und mich bedienen, so bin ich deshalb
-nicht ein schwacher Mann, der sich nicht selbst bedienen könnte. Wenn ich
-eine Zigarette brauche, die mir Ruhe gibt, so habe ich deshalb dich nicht
-aus meinem Herzen verstoßen, denn dich brauche ich natürlich erst recht zu
-meiner Ruhe. Die Zigarette allein würde mich nicht genügend mit Ruhe
-bedienen.»
-
-Ilse fuhr schnell und heftig auf:
-
-«Wenn du vielleicht statt der Zigarette eines Tages eine andere Frau
-brauchst, die dich mit Ruhe bedienen müßte, dann dürfte ich auch nicht
-unruhig werden, Okuro?»
-
-Dieser lächelte und sagte noch ruhiger:
-
-«In Japan liebt ein Mann seine Frau immer, so lange er sie nicht
-fortschickt. Und Frauen fragen bei uns nicht nach den Wegen, die ein Mann
-gehen muß, und die ihn zum Manne machen.»
-
-Ilse wurde noch heftiger:
-
-«Du darfst also viele Frauen lieben, wenn es dich zum Manne macht? Und ich
-soll keinen Schmerz empfinden, wenn du deine Nächte mit anderen Frauen
-teilst und deine Umarmungen, deinen Leib und dein Herz anderen Frauen
-gibst, wo ich doch dachte, daß der Tag der Hochzeit dich mir ganz und gar
-geschenkt hätte?»
-
-«Nicht _ich_ bin _dein_, sondern _du_ bist _mein_ geworden», antwortete
-ruhig der Japaner. «_Ich_ bin _ich_ geblieben und bin nur durch dich mehr
-geworden. Aber du bist seit dem Tag unserer Hochzeit nach unseren
-asiatischen Begriffen verschwunden und bist nicht mehr.»
-
-«Ich bin also schon», lachte Ilse, «an dem Tag unserer Hochzeit ins
-Nirwana eingegangen und gehöre jetzt zu den Toten?»
-
-«Ja, Ilse, größtes Glück ist Nirwana. Und die Frau, die sich nicht um das
-wirkliche Leben zu kümmern braucht, um Geldverdienen und Staatsgeschäfte,
-kann deshalb schon am Tag ihrer Hochzeit ins Nirwana eingehen, der Mann
-erst am Tage seines Todes.»
-
-«Aber ich will gar nicht im Nirwana sein, wenn du nicht darin bist», rief
-die junge Frau eigensinnig. «Und so lange du im gewöhnlichen Leben bist,
-will ich auch eine gewöhnliche Lebende sein.»
-
-Okuro sagte ruhig: «Die Götter haben euch Frauen keine Knochen gegeben, um
-im gewöhnlichen Leben so fest zu stehen wie der Mann.»
-
-Dieses war das erste von hundert ähnlichen Gesprächen, welche Ilse und
-Okuro, in ihren Deckstühlen liegend oder um die Schiffsschornsteine
-promenierend, morgens, mittags und abends führten. Seit Europa verschwunden
-war und das nach Asien schweifende Meer vor ihnen lag, bauten sich die
-Gedankenwelten der beiden Neuvermählten in der Leere des Meeres wie die
-Ufer von zwei einander gegenüberliegenden Ländern voreinander auf.
-
-Nie hatten die beiden in den lebendigen Alltagstunden des zerstückelten
-Tageslebens von Berlin, wo sie sich kennen gelernt hatten, Muße gefunden,
-mehr voneinander zu sehen als nur leichte Beleuchtungen, unterhaltende
-Augenblicksbilder ihres Herzens. Jetzt aber, unter der unendlichen Weite,
-auf der Reise über die halbe Erdkugel, die vor ihnen lag, unter der
-Riesenruhe des körperlosen Himmels und des unbegrenzten Wassers und in der
-Ruhe der unendlichen Einförmigkeit des kasernenhaften Schiffslebens,
-wuchsen die Betrachtungen der beiden wie meilenlange Seeschlangen, die
-unterirdisch dem Schiff folgten und hie und da in großen Wellenlinien an
-die Oberfläche kämen.
-
-Bei dem ersten Gespräch von dieser Art, das bei Nacht in der Meeresenge von
-Messina geführt wurde, sahen sich die beiden nicht. Ihre Deckstühle standen
-im Schatten von großen Rettungsbooten, und es war zu der späten Stunde, da
-die Deckbeleuchtung der gelben Glühbirnen halb gelöscht ist. Es fehlte
-diesem Gespräch das Echo der Gesichtsmienen und Bewegungen, und da es als
-erstes Gespräch nicht zu Ende geführt wurde, und da sie danach nur immer
-ihre Stimmen im Ohr und nicht ihre Gesichter gesehen hatten, so blieb
-dieses Gespräch wie ein ewig dunkler verborgener Keim, der auf dem
-beweglichen Schiff und auf der Bodenlosigkeit der Meerestiefe keine Wurzel
-fassen und nicht ausgerissen werden konnte, sondern mit ihnen schwamm und
-anwuchs wie ein millionenfingriges Seegewächs.
-
-Als Ilse und Okuro die erste Landstation, die lange, weiße Molenmauer von
-Port Said, unter dem grünlichblauen Afrikahimmel sahen, da hingen die
-Gespräche über die verschiedene Denk- und Empfindungsweise der beiden wie
-der Schaum des Fahrwassers hinter ihrem Schiff. Ihre Gedankenwelt
-schrumpfte aber sofort ein und verflüchtigte sich zu einer angenehmen
-Gedankenlosigkeit, als die beiden mit Kutsuma und der Großmutter für ein
-paar Stunden in den langen Bazarstraßen von Port Said unter Ägyptern,
-Arabern, Abessiniern in den Straßencafés saßen und den Millionärstöchtern
-der Amerikaner zusahen, die, mit den üppigsten Pelzen bekleidet, hier in
-dem nächtlich kühlen Ägypten landeten und den kleinen Port Saider Bahnhof
-belagerten, um den Schnellzug nach Kairo und in das Wüstenland nach Heluan
-zu besteigen.
-
-Sowie sich Ilse von schwarzhäutigen Afrikanegern in langen weißen und
-blauen Leinwandhemdkleidern umgeben sah, von schwarzen Schultern und
-Gesichtern, die wie eine Schar lebendiggewordener riesiger Kaffeebohnen
-hier am Kai durcheinanderliefen, fühlte sie sich magdhaft, fraulich und
-sehnte sich schutzsuchend neben ihrer Großmutter nach ihrem Mann. Wenn sie
-sich dann umsah und hinter ihr Okuro und Kutsuma gingen, fühlte sie keine
-Sicherheit, keine Ruhe, denn die zierlichen gelbhäutigen Japaner waren hier
-in Afrika noch weniger zu Hause als in Europa; und Okuros gelbe
-Gesichtsfarbe erschien ihr lächerlich und leichenhaft neben der schönen
-Pulverfarbe der Afrikaner.
-
-Hier am Land waren es jetzt nicht nur die Gedanken der Europäerin, die
-gegen die Gedanken des Asiaten Wortgefechte führten. Es war noch schlimmer:
-es war der Körper selbst, der dem Herzen abtrünnig zu werden schien.
-
-Als sie am Abend zum Schiff zurückkehren mußten, ging die junge Frau früher
-als sonst zu Bett. Sie schloß ihre Augen hartnäckig und stellte sich
-schlafend, als Okuro ihr Haar streichelte und ihr ein paar zärtliche Worte
-zuflüsterte.
-
-Ilse hütete sich wohl, der Großmutter am nächsten Tag von ihren wankenden
-Gedanken und Gefühlen zu erzählen. Auf dem Weg über das Mittelmeer nach
-Afrika hatte sie geglaubt, es sei der schwankende Schiffsboden, der sie
-selbstquälerisch und heimatlos stimme, und auf dem sie sich behaupten
-müsse. Aber der Spaziergang in Port Said hatte sie noch mehr erschreckt,
-und sie konnte sich nicht der Überlegung erwehren, ob sie von jetzt an
-schweigen und asiatisch dulden oder sich auflehnen und europäisch behaupten
-müßte.
-
-Trotzdem lachte sie äußerlich. Ihr rotgoldenes Haar strahlte schon allein
-ein reiches sommerliches Lächeln; Ilse war im Grunde viel zu genußsüchtig,
-als daß sie unter Gedanken lange hätte leiden mögen, und es schien, als
-ließe sie ihr rotes Haar immer gern wie zu einem täglichen Lebensfest
-leuchten.
-
-Die Deckbevölkerung hatte sich vermehrt und verändert. Reiche indische
-Kaufleute in europäischer Kleidung, aber mit sehr viel Ringen und goldenen
-Uhrketten geschmückt, standen wie die Schatten der weißen Leute auf den
-langen Schiffspromenaden herum, hatten die Augen von guten Waldtieren oder
-von eiteln Tropenvögeln. Die schmalen Messingstiegen, die vom
-Promenadendeck der ersten Klasse in das tiefere Zwischendeck
-hinunterführten, waren drunten belagert wie von einer Maskerade.
-Mekkapilger mit smaragdgrünen Turbanen, buddhistische Mönche in senfgelben
-Mänteln, türkische Hausierer in dunkelblauen und violetten Kaftanen, nackte
-Fakire, in dicke Stricke und Muschelketten gekleidet, indische Handwerker
-in weißen Schleierhosen, roten Sammetwesten und goldgestickten Kappen und
-die braune indische Schiffsbemannung des englischen Dampfers in blauen
-Hosen und roten Schärpengürteln mit tigerartig geschmeidigen nackten
-Oberkörpern, und die alle barfuß wie die Tiere auf dem Feld
-durcheinanderliefen, vervollständigten das Papageienbild des Zwischendecks.
-
-Das Schiff wanderte und wanderte, beladen und belastet mit den hundert
-verschiedenen Ideenwelten von hundert verschiedenen Rassen. Es hatte die
-lange Sandwüstengasse des Suezkanals passiert, wo der Sand auf Meilen wie
-gelber Goldstaub lag, und wo weiße Salzlakenmoore gleich weißen Eisflächen
-glänzen. Auf die Öde und den Stillstand dieses Landes folgte die höllische
-Glutbrunst des Roten Meeres, wo das Meer nicht rot vor Korallen ist,
-sondern rot wird von der Hitze, mit der es deine Augen brennt, wo die Sonne
-wie ein Feuereimer das Tageslicht gleich rotem, flüssigem Metall ausgießt,
-wo violette Steingebirge in Nubien dastehen und gegenüber in Arabien
-solche, die silbernen Aschenhaufen gleichen, wo der Berg Sinai als
-Silhouette am Himmel vor Hitze zittert.
-
-Die Arbeit der indischen Matrosen auf dem Schiff besteht jetzt den ganzen
-Tag darin, die Segeldächer über den langen Schiffspromenaden über den in
-Reihen hingestreckten und vor Hitze aufgelösten Passagieren zuzuziehen und
-je nach dem Stand der Sonne anders zu stellen. Mit Strohhüten und weißen
-Sommerkleidern liegen Herren und Damen wie am Rand einer Strandpromenade,
-vor Hitze aufgedunsen, als wäre das Blut von der Hitze in den
-Menschenkörpern zu Rotwein geworden, als wären die Reisenden vom Alkohol
-betäubt und blau gedunsen, -- so liegen die Scharen der Reisenden wie in
-einer betrunkenen Schlafwelt auf der dreitägigen Fahrt durch das Rote Meer.
-
-In den Schiffssälen bewegen sich an der Decke lange weiße Leinwandfächer,
-die gleich den Stoffen eines Bühnenhimmels quer durch die Räume gezogen
-sind und sich wie ein weißer Wellengang über die Köpfe der Speisenden
-bewegen, aber keine Kühlung geben und nur die brühwarme Meeresluft von
-einem Gesicht zum andern schicken.
-
-Das große geheizte Schiff wandert und wandert. Die Fernrohre entdecken
-täglich wieder Afrika auf der einen Seite, Arabien auf der andern. Das
-glühende Schiff schleppt am Tage die Sonne wie einen Riesenballast mit. Am
-Abend scheint der Himmel zur Wüste ausgetrocknet zu sein und wird goldgelb
-wie Wüstensand. Dann stehen über Afrika lange schilfgrüne Wolken, gleich
-spukhaften Erscheinungen unwirklicher grüner Felder. Jetzt nach
-Sonnenuntergang werden die Segeldächer gerafft. Die Reisenden, die vor
-Hitze nicht hatten sprechen können, und jeder Mund, der geglaubt hatte, es
-würden ihm Flammen aus der Lunge fahren, beginnen den Abend zu bewundern,
-der aber immer noch heißer bleibt als ein europäischer Julitag.
-
-In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht
-Europäerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst,
-der oben über dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiterzog. Sie
-brauchte keine Nachsicht zu üben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich
-sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein.
-Und jeder Menschenkörper war heißes Metall geworden und begriff kaum mehr
-die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und
-Vergänglichkeit, von Gegenwart und Zukunft.
-
-Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse
-und Okuro so eng und sinnlich zusammen wie nie vorher, wie nicht einmal
-die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte
-von Deckstühlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend,
-zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen
-Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne daß sie ihre Arme
-ausstreckten und sich berührten, ohne daß ihre Lippen sich fanden, lagen
-sie mit dem Gefühl großer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen
-Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng
-vereinigt.
-
-Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom
-Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse
-lehnte in ihrem langen weißen Abendkleid am Schiffsgeländer, Okuro neben
-ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der
-afrikanische junge Mond. Und sie sagte, daß sie seine Hände so liebe, die
-nie einen Ring trügen, die Knöchel hätten, fein und stark wie die kräftigen
-Federposen elastischer Vogelflügel. Und sie sahen beide den in weißen
-elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen
-Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten.
-
-Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und
-bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das
-Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den
-beiden, je länger sie sich über das Geländer lehnten, die Welt auf den
-Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe
-und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Füßen zurecht,
-wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer
-Kabinentür, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut
-aneinander pochen ließen.
-
-Dann rückte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mächtiger,
-dunkelbrauner, ausgedörrter Berg heran, zu seinen Füßen lange, rote
-Kasernendächer: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tür
-in den Indischen Ozean; und im grüngelben Abendhimmel blieb das Meer
-zurück, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das
-Dampfschiff draußen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben
-zurück, und zurück blieben die Länder, wo der Halbmond regierte, und die
-graue arabische Felsenküste, auf der weiße Minaretts am Nachmittag gleich
-weißen Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll
-Harems und Frauen träumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich
-ölgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresfläche im Osten
-lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stündlich nähernde
-Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten.
-
-Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken
-über Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle
-Menschenkörper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die
-Menschen wurden wieder selbständig und dachten wieder ihren eigenen
-Gedanken nach.
-
-Eines Abends saß Ilses Großmutter allein am Ende des Promenadendecks. Große
-Sternbilder der fremden Südzone stiegen aus der Meerestiefe auf und
-wanderten über die Masten des Schiffes fort.
-
-In der Nähe der Dame saß nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine
-große indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Märsche trommelten, und
-sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die
-Sterne hob, von Enttäuschung, wenn es wieder in die Leere sank.
-
-«Wie viele Gedanken mögen an den Sternen hängen», dachte die alte Dame.
-«Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier
-unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie
-eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfäden
-abspinnt.»
-
-«Sehen Sie, Herr Kutsuma», sagte die alte Dame, «Sie sagen immer, mein Haar
-sei so weiß wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat
-Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, daß
-Ilse für ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit
-ist nicht gesagt, daß Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse
-finden und ohne Ilse sehr glücklich werden könnte.»
-
-Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Schoß, sah auf und sagte:
-
-«Ich bewundere immer, wie großartig die Europäer die Welt einteilen können,
-die Länder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Längengrade;
-in alles Irdische bringen die Europäer Zahlen und Ordnung. Aber sie
-erfinden kein System für ihre Gefühle, wollen kein System anerkennen für
-das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als
-aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nicht als etwas
-Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann.»
-
-«Aber, mein Herr», unterbrach die weißhaarige Dame ungeduldig Kutsuma,
-«Gefühle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefühle sind doch das
-Unbegrenzte am Leben! Liebesgefühl kann Unordnung und Ordnung zugleich
-geben: Liebesgefühl ist eine Hasardnummer, man setzt auf Rouge oder Noir.
-Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefühl in Ordnung
-mit sich selbst kommen könnte. Wer liebt, wünscht glücklich zu machen, aber
-das Leben muß erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen
-hat.»
-
-«Wo Liebe ist, ist ewiges Glück», sagte der Asiate. «Wo ein Wechsel
-eintreten kann, war die Liebe nicht vollständig. Ihr Europäer wünscht, daß
-der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie höher halte als sich
-selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, daß sie den Mann bediene und
-sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe
-zwischen Mann und Frau.»
-
-«Sehr weise gesprochen», sagte die alte Dame. «Aber lassen Sie jetzt auch
-den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heißt: vertrauen
-Sie den Gedanken, die unter meinen weißen Haaren entstanden.
-
-Das Kostbare an der Liebe ist, daß sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und daß
-weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen
-Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europäischen Liebe in
-ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein,
-immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die
-Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genusses
-verwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich
-vorstellen, daß sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbärmlicher
-chemischer Prozeß bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein
-System fassen läßt.»
-
-Der Asiate schwieg lange und ließ die Sternbilder wandern. Dann sagte er
-und faltete seine Landkarte zusammen:
-
-«Die Götter in Europa haben euch Europäer nicht umsonst Mikroskope für eure
-Augen konstruieren lassen. Ihr könnt auch eure Liebesaufregung unter ein
-Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euren Fenstern, so seht ihr die
-Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europäer könnt über Dinge
-sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben.»
-
-Die alte Dame antwortete:
-
-«Ihr Asiaten könnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswürdige
-und bescheidene Kinder eurer Götter, und wir sind vorwitzig. Wir müssen
-unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den
-Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen
-und Freuden.»
-
-Kutsuma spricht eifriger:
-
-«Wir haben nur immer von den Indern den Kreislauf der Seele zu beobachten
-gelernt. Aber die Liebesleidenschaft haben wir nicht als Lebenswert
-untersucht und haben die Liebe nicht auf die Höhe gestellt wie ihr in
-Europa. Aber seit ich bei euch war, begreife ich, daß die Zukunftswelt die
-Liebesleidenschaft als Weltmittelpunkt erkennen wird. Nicht die Weltruhe,
-nicht das Nirwana, wie wir in Asien immer glaubten, und nicht den
-Weltschmerz und das Weltmitleid, wie euer vergehendes Christentum immer
-glaubte; die Liebesleidenschaft ist für jeden, der sein Leben ernst nimmt,
-sein Gott, der ihm Leben und Tod gibt. So sagte auch gestern Okuro zu mir,
-als wir bei Aden das Rote Meer verließen, er sagte mir, er würde nie mehr
-mit Ilse über die Meinung streiten, die sie als Europäerin von der Ehe hat.
-Sie macht ihn mit jeder Meinung glücklich. Sein Blut ist so zufrieden von
-ihrem Blut, daß er nicht mehr nach Lebensgebräuchen und Lebenssitten fragt,
-daß er ihr zuliebe ein Europäer werden will auch in seiner Heimat. Seine
-Liebe ist jetzt so groß, daß er meinungslos geworden ist.»
-
-Kutsuma wartete auf einen Freudenausbruch der Dame. Und als der junge Mann
-keinen Laut als Antwort erhielt, empfand er mit einemmal das Schweigen
-zwischen sich und der alten Dame wie einen Abgrund, als wäre sie über einen
-Ozean vor ihm und seinen Worten zurückgewichen.
-
-Lächelnd suchte Kutsuma eine Verbindung herzustellen und sagte:
-
-«Warum schweigt der Abendschnee am Hirayama? Er, der mir vorhin so schöne
-weite Gedanken gab?»
-
-Da seufzte die alte Dame:
-
-«O, wie unglücklich sind die gütigen Liebenden! Güte in der Liebe bringt
-Unglück. Liebe ist nie gütig, Liebe fordert, mißhandelt, vergewaltigt. Von
-zwei Liebenden muß einer der Stärkere werden. Der Mann muß die Frau
-unterjochen, er kann ihr ja den Wahn ihrer Selbstherrlichkeit lassen, wenn
-sie es noch nötig hat. Aber er darf nicht gütig meinungslos werden.
-
-Sagen Sie das zu Okuro! Das sei die Ansicht dieser weißen Haare. Und
-immer, wenn er meine weißen Haare sieht, die ihr Japaner mit dem
-Abendschnee von Hirayama vergleichet, soll er stark werden, soll nicht vor
-Ilse meinungslos werden. So wie der Schnee am Hirayama nie zu schmelzen
-ist, so soll sein Wille von keinem Frauenwillen zu schmelzen sein. Nur dann
-macht er Ilse glücklich.»
-
-Kutsuma betrachtete andächtig den weißen Kopf der alten Dame, so andächtig,
-wie nur ein Japaner im Abend am Biwasee den Schnee von Hirayama betrachten
-kann. --
-
-Ceylon mit seinen wolkenblauen, glänzenden Bergen, die voll Amethysten und
-Mondsteinen liegen, wurde von dem wandernden Schiff für einen Tag berührt.
-Dann zog die magnetische Ferne das Schiff weiter nach Osten. Und Ilse
-träumte sich Palmenwälder aufs Meer, denn sie wußte: rings waren Küsten mit
-heiligen indischen Wäldern und heiligen indischen Tempeln. Und ringsum an
-den Küsten lebten Völker, die so gut waren, daß sie den Schlaf eines Tieres
-heilig hielten, -- den Schlaf des geringsten Straßenhundes, dem es einfiel,
-mitten in den verkehrsreichsten Städten sich in die Sonne zu legen und zu
-träumen. Kein Fußtritt verjagt den Träumenden, denn jeder Traum, auch der
-Traum eines Hundes, ist ein Paradies, das sich für Augenblicke auf die Erde
-senkt. Darum wird auch der Schlaf der Tiere mit Ehrfurcht behandelt. Keine
-Peitschen knallen, nur Silberglocken am Kutschbock treiben die Pferde an.
-Über alles das dachte sie oft mit Scheu nach.
-
-«Wie seltsam», meinten die beiden Japaner und die beiden Europäerinnen,
-«daß Europa und Asien nebeneinander auf derselben Erde liegen, sie, die
-weniger zusammengehören als Erde und Mond. Europa gibt seinem Leben das
-Sprichwort: Zeit ist Geld. Und Asien beachtet weder die Zeit noch das Geld.
-Es ist erstaunlich, daß die einfache Schiffsschraube, die nichts tut, als
-sich drehen, uns aus der Welt der Begriffe von Zeit und Geld in die Welt
-der entgegengesetzten Begriffe befördern kann, ohne daß wir dabei daran
-zugrunde gehen oder erst sterben müssen.»
-
-«Am seltsamsten», sagte die alte Dame, «ist es für mich, die ich schneeweiß
-aus Europa komme. Ich glaubte mich schon am Ende meines Lebens; und ohne
-daß ich eine neue Inkarnation eingehen muß, verjüngen und erwärmen sich
-hier in Asien meine Gedanken. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wundere
-ich mich, daß ich immer noch den Schnee auf meinem Kopf trage.» --
-
-Das Schiff hatte Hinterindien, Penang und Singapore passiert und drang in
-das Chinesische Meer.
-
-In Singapore aber war Ilse aus ihren indischen Träumen gerissen worden.
-Dort, wo die Chinesen wie der Sand am Meere sind, wo die gelbe Rasse die
-braune Rasse verdrängt, wo Ilse noch gelbere Menschen als die gelben
-Japaner sah, während ihr das Reisen schon wie das Wandern des Blutes in
-ihrem Körper zur Gewohnheit geworden war, -- überfiel sie ein Schrecken und
-eine Angst vor der Zukunft. Die schlitzäugigen Menschen entsetzten sie. Die
-geschlitzten Augen, die hervorstehenden Backenknochen schienen ihr die
-Gesichter zu verkrüppeln.
-
-Am Abend, als sie mit ihrer Großmutter aus Singapore an Bord des Schiffes
-zurückkam und der Himmel voll gelber Abendwolken gleich tausend gelben
-Chinesengesichtern war, ging sie nicht in ihre Kabine zu ihrem Mann. Sie
-eilte in die Kabine ihrer Großmutter, drückte ihr Gesicht in die Hände der
-alten Dame und schluchzte.
-
-«Kind, Kind, ich weiß es», sagte die alte Dame. «Ich habe dasselbe gedacht
-wie du heute. Aber laß die Zeit verstreichen. Die Zeit bringt Gewohnheit,
-und Gewohnheit kann dich wieder glücklich machen. Wenn die Erde hier auch
-fremder ist als ein fremder Planet, wir stehen doch noch mit den Füßen auf
-derselben Erde, und wir werden auch mit der gelben Rasse gut Freund
-werden.»
-
-«Ich nicht», sagte Ilse. «Sieh mein rotes Haar an, sieh meine weiße Haut
-an. Ich habe nicht daran gedacht, daß ich unter eine ganze Welt von gelben
-Menschen komme. Okuro war mir lieber, als er, allein, eine Kuriosität in
-Europa war. Aber jetzt ging er heute vor mir unter in der Flut der gelben
-Gesichter, als wäre er im Chinesischen Meer ertrunken. Ich will heute nacht
-nicht in seiner Kabine schlafen. Ich werde bei dir bleiben, Großmutter, und
-im nächsten Hafen fliehen wir und kehren um nach Europa. Es ist mir, als
-ginge ich bis zum Hals im gelben Lehm und erstickte, wenn ich unter den
-gelben Menschen bleiben muß.»
-
-«Kehre nicht um, Kind! Die Gewohnheit wird dich glücklich machen»,
-wiederholte die alte Dame.
-
-«Großer Gott, welch ödes Glück dann! Gewohnheit ist das Glück der
-Dienstboten, nicht das der Herrschaft, hast du immer weise gesagt,
-Großmutter. Und jetzt gibst du deine Weisheit auf, nur um mich zu trösten!
-Neulich sagtest du noch, daß das Liebesglück ein Zuviel im Blut haben
-müsse, einen Überschwang. Dieses Zuviel wird unter diesen gelben Menschen
-nie mehr zu mir zurückkommen.»
-
-Die beiden Frauen umarmten sich leidvoll und saßen miteinander auf dem
-Rand des Kabinenbettes in dem kleinen weißlackierten Raum, und saßen eine
-Stunde still, ohne sich zu rühren, und waren beide weit fort aus dem
-Schiff. Beide gingen durch die Straßen von Europa, beide verstummt vor
-Sehnsucht nach der Heimat und beide von neuem aufschluchzend, als sie sich
-ansahen und sich vom Schiff weitergeschleppt fühlten. Sie wunderten sich im
-stillen, daß das im Wasserdruck knisternde Schiff vom Heimweh zweier
-Menschen nicht zum Sinken gebracht würde.
-
-Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Großmutter und ließ sich
-durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen.
-
-Was dann in dieser Nacht geschah, weiß kaum ein einziger, der sich im
-Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzählen.
-
-Die alte Dame fühlte sich plötzlich durch einen Stoß mitten im Schlaf aus
-dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen
-mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten
-im Meer still zu liegen. Statt der taktmäßig arbeitenden Maschinenschraube
-herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer
-aufrichtete, auf den sie gefallen war, faßten sie zwei Männerhände, zogen
-sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr
-entgegenschoß, schäumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich
-windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefüllt zu sein schien.
-
-Statt der Schiffstreppen fühlte sie Menschenkörper unter ihren nackten
-Füßen. Die Männerhände und das sich türmende Wasser hoben sie wie mit
-Hebeln über tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf
-einen andern Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht
-neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam.
-Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getümmel der sich Rettenden, Okuro,
-der ihre Hände hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich
-eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich:
-«Ilse!», und Okuro verschwand.
-
-Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Männern, die wie
-in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und
-Affen geworden wären, sich stießen, übereinandersprangen, in dem
-Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Stühle
-verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt «Hilfe!» riefen,
-trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehörigen
-schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten.
-
-«Ilse, Ilse!» rief die alte Dame immer wieder, als könnte sie mit dem
-gerufenen Namen einen Menschen erschaffen.
-
-Das vom Meerwasser durchtränkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende
-schwere Haut um den zitternden Körper. Aber sie rutschte noch mit den
-letzten Kräften von den Knäueln der Menschen fort, die mit den Armen um
-sich schlugen, fort von diesen Skelett-Menschen, welchen die Sekunden des
-Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten.
-
-Ein paar wahnsinnig gewordene Männer wurden neben ihr von Matrosen
-gefesselt. Ein paar andere strengten sich an, einen der
-Glühlichtkronenleuchter von der Decke zu reißen, und zerschlugen mit den
-Fäusten die gläsernen Birnen und schrien: «Wir wollen kein Licht! Wir
-wollen nichts sehen.»
-
-Ein Mann biß sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem
-Kopf, und die Frau lachte und schrie: «Mein Lieber! Mein Lieber!» Das Blut
-rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzückung
-aus den Höhlen.
-
-Die alte Dame kroch zu einer Kabinentür, die weit offen stand. Da sprang
-ein wahnsinnig gewordener Malaye mit zwei Messern in den Händen über sie
-weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen
-schrien, stach nach den Männern, die unter dem Kronleuchter hingen, und
-kniete sich dann auf den Rücken des Mannes, der sich in den Arm der Frau
-hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzückter als der wahnsinnige
-gelbe Malaye, der den weißen Rücken ihres Mannes mit den blutigen Messern
-bearbeitete.
-
-Neue Matrosen stürzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter
-der Türe sah die alte gerettete Dame die Flügel einer riesigen silbernen
-Windmühle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit
-ihren steilen weißen Strahlen die Nachtluft zertrennten.
-
-Am Schiffsgeländer neben ihr erkannte sie im weißblauen Licht des
-Scheinwerfers zwei Männer, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen.
-Die Dame schrie mit ihren letzten Kräften: «Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse!»
-Dann sah sie, wie der eine Mann den andern mit dem Kopf an das
-Messinggeländer schlug und dann den niedergeschlagenen zärtlich aufhob und
-auf den Ruf: «Ilse, Ilse», sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmächtigen
-aus dem weißen Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der
-Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales
-erschienen, fielen beide Männer wie tot an der Türschwelle nieder. Es waren
-Okuro und Kutsuma.
-
-«Ilse», keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden
-Japanern ohnmächtig hin. --
-
-Die Geretteten hörten am nächsten Tag, daß im Mondnebel ein Zusammenstoß
-zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden,
-stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den
-Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch
-Ilses Leiche an Bord gebracht.
-
-Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurück und belog ihn und sagte ihm,
-Ilse wäre mit ihrer Großmutter gerettet. Denn er fürchtete, daß sein Freund
-sich nochmals ins Wasser stürzen würde, wie er es beim Untergang des
-Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand.
-
-Aber Okuro war bei der Lüge seines Freundes ungläubig, schüttelte den Kopf
-und sagte:
-
-«Ich weiß, daß Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war für mich schon nach
-Europa zurückgekehrt, und sie war für mich schon tot, ehe das
-Schiffsunglück eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst würde sie vor mir
-stehen. Sonst wäre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben.
-Ilse kehrt nicht wieder.»
-
-Nach den wahnwitzigen Kämpfen und Aufregungen der Unglücksnacht blieb Okuro
-von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur
-stundenlang seine Hände, welche Ilse immer geliebt hatte. -- Er, die
-weißhaarige Großmutter und sein Freund Kutsuma saßen wie Wandbilder
-schweigend nebeneinander auf den Deckstühlen des nach Japan wandernden
-Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen.
-
-Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom
-Schiffsgeländer zurückzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische
-Kraft zu haben für alle die Schiffbrüchigen, welche Angehörige in der
-Unglücksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt plötzlich ins
-Wasser, Männer, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Männern
-wollten.
-
-Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im
-Frühnebel, die Silhouetten der vielfach gekrümmten uralten Bäume, die
-zierlichen Hügel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder.
-
-Die beiden Japaner erwachten aus der Totenstille, und nur die weißhaarige
-Dame blieb stumm, und ihre Augen sagten müde: Seit Ilse tot ist, ist die
-Erde für mich ein Sargdeckel geworden. Ich möchte mich auch in den Sarg
-legen.
-
-Als die Schiffsbrücke in Nagasaki herabgelassen wurde und unten Motorboote
-voll von Angehörigen der japanischen Reisenden beim Schiff anlegten, sahen
-die Leute, welche Okuro und seine junge Frau erwarteten, zu ihrem Erstaunen
-den berühmten Schauspieler die Schiffstreppe herabsteigen, mit seinem Arm
-eine alte, weißhaarige Dame stützend.
-
-«Ist Okuro deswegen nach Deutschland gereist, um sich eine alte Dame, die
-weiß ist wie der Abendschnee am Hirayama, zur Frau zu holen?» fragten sich
-seine Freunde verwundert. Aber niemand lachte. --
-
-Unter Okuros Freunden war ein japanischer Schriftsteller, welcher den
-Eindruck nicht vergessen konnte, welchen die weiße alte deutsche Dame auf
-ihn gemacht hatte, die als vermeintliche Frau des Okuro am Arm des jungen
-Japaners ans japanische Land gestiegen war. Dieser Schriftsteller schrieb
-ein Drama; und nachdem Monate vergangen waren und die alte Großmutter von
-deutschen Freunden nach Europa zurückgebracht worden war, las er sein Drama
-Kutsuma und Okuro vor.
-
-Kutsuma, welcher in Japan Frauenrollen spielte, war sehr begeistert von der
-Rolle der Ilse, und Okuro sollte die Rolle der weißhaarigen Großmutter
-spielen. Der Schriftsteller hatte das Stück den «Abendschnee auf dem
-Hirayama» genannt.
-
-Der Abend der Vorstellung kam, und Okuro trug eine Perücke aus weißer
-Seidenwatte. Nie hatten die Zuschauer eines japanischen Theaters ein
-lebhafteres und atemloseres Spiel gesehen. Nur einige murmelten und
-wunderten sich, daß der junge Ehemann das Drama spielen wollte, das sich
-erst vor Monaten ereignet hatte. Und viele nannten ihn herzlos und
-gefühllos, weil er den Tod seiner jungen Frau nicht ernster nahm als ein
-Drama.
-
-Der letzte Akt kam und die Szene, wo die gerettete Großmutter aus der
-Kabinentür kriecht und während des Schiffsunglücks nach Ilse schreit. Sie
-tastet sich vorwärts. Aber statt dessen richtet sich der die Großmutter
-spielende Okuro auf und springt an die Theaterrampe vor, streckt die Arme
-ins Publikum, und statt in Wehklagen über die Ertrunkene auszubrechen, ruft
-er:
-
-«Seht mich aus dem Schrecken neugeboren und weise und kühl geworden, wie
-der Abendschnee am Hirayama! Klatscht in die Hände, klatscht Beifall dem
-Größten, dem Gott des Unglücks, der die Herzen erlöst, der männlicher ist
-als das Glück, der einen Willen hat, wenn das Glück keinen mehr hat.
-Gedankenvoller, als der Schnee am Hirayama über dem Biwasee im Abend
-scheint, ist der Blick des Unglücks, wenn er sich auf uns richtet,
-feierlicher und gigantischer ist die Weisheit des Unglücks und ragt über
-alles Wissen. Ich beweine sie, die Ertrunkene, nicht, und ihr sollt auch
-mich nicht beweinen, der ich die Gunst des größten Gottes genoß, die Gunst
-des Unglücks, das heiliger ist als der Augenblick des Glückes.»
-
-«Klatscht Beifall!» rief Okuro noch einmal; und dann kam Kutsuma, der, als
-Ilse verkleidet, jetzt ertrunken sein sollte und nicht mehr zu erscheinen
-hatte, und fing den wahnsinnig gewordenen Freund in seinen Armen auf.
-
-Die Zuschauer sahen noch, wie Kutsuma dem Okuro die weiße Perücke vom Kopfe
-riß, um ihm Luft zu machen und sein Gehirn zu kühlen. Da -- mit einem
-einzigen Ausruf des Schreckens erhob sich das ganze Theaterpublikum; denn
-Okuros Haar war unter dem Spiel vor Schmerz so weiß geworden wie die Watte
-der weißen Perücke. Einer im Theater wies es dem andern und wurde
-ehrfürchtig vor der Seele des Liebenden, die hier größer als die Kunst des
-Schauspielers gespielt hatte.
-
-Alle im Theater weinten; und keiner, der je zum Biwasee kommt und den
-Abendschnee am Hirayama bewundert, vergißt der Geschichte des Liebenden zu
-gedenken, den das Unglück weiß wie Schnee machte.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen 7
- Den Nachtregen regnen hören in Karasaki 36
- Die Abendglocke vom Miideratempel hören 65
- Sonniger Himmel und Brise von Amazu 79
- Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen 96
- Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen 115
- Das Abendrot zu Seta 137
- Den Abendschnee am Hirayama sehen 155
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHT GESICHTER AM BIWASEE ***
-
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-
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-
-
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-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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-
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Binary files differ
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@@ -3,7 +3,7 @@
<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
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<title>
The Project Gutenberg eBook of Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey
</title>
@@ -67,44 +67,7 @@
</style>
</head>
<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Die acht Gesichter am Biwasee
- Japanische Liebesgeschichten
-
-Author: Max Dauthendey
-
-Release Date: July 30, 2013 [EBook #43361]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHT GESICHTER AM BIWASEE ***
-
-
-
-
-Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43361 ***</div>
<div class="ppnote">
<p>Anmerkungen zur Transkription:</p>
@@ -152,10 +115,10 @@ Printed in Germany</p>
<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="2" summary="Inhaltsverzeichnis">
<tr><td align="left"><a href="#yabase">Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen</a></td><td align="right">7</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#karasaki">Den Nachtregen regnen hören in Karasaki</a></td><td align="right">36</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#miideratempel">Die Abendglocke vom Miideratempel hören</a></td><td align="right">65</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#karasaki">Den Nachtregen regnen hören in Karasaki</a></td><td align="right">36</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#miideratempel">Die Abendglocke vom Miideratempel hören</a></td><td align="right">65</td></tr>
<tr><td align="left"><a href="#amazu">Sonniger Himmel und Brise von Amazu</a></td><td align="right">79</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#katata">Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen</a></td><td align="right">96</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#katata">Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen</a></td><td align="right">96</td></tr>
<tr><td align="left"><a href="#ishiyama">Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen</a></td><td align="right">115</td></tr>
<tr><td align="left"><a href="#seta">Das Abendrot zu Seta</a></td><td align="right">137</td></tr>
<tr><td align="left"><a href="#hirayama">Den Abendschnee am Hirayama sehen</a></td><td align="right">155</td></tr>
@@ -6514,382 +6477,6 @@ Biwasee kommt und den Abendschnee am Hirayama bewundert,
vergi&szlig;t der Geschichte des Liebenden zu gedenken,
den das Ungl&uuml;ck wei&szlig; wie Schnee machte.</p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHT GESICHTER AM BIWASEE ***
-
-***** This file should be named 43361-h.htm or 43361-h.zip *****
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-
-Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
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-
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-
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-Foundation
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