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diff --git a/43361-0.txt b/43361-0.txt new file mode 100644 index 0000000..98560b6 --- /dev/null +++ b/43361-0.txt @@ -0,0 +1,5127 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43361 *** + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, offensichtliche +Druckfehler wurden berichtigt. Im Original-Frakturtext gesperrt gedruckte +Passagen sind hier durch _Unterstriche_ gekennzeichnet. + + + + + [Illustration: Cover] + + + Max Dauthendey + + Die acht Gesichter am Biwasee + + Japanische Liebesgeschichten + + + [Illustration: Signet] + + Albert Langen / Georg Müller / München + + + Auflage 110000 + Copyright 1911 by Albert Langen, München + Printed in Germany + + + + +Die acht Gesichter am Biwasee + + +«Neue Brüder sind sichtbar geworden», riefen die Japaner schon vor hundert +Jahren. «Bäume, die früher nur dazu da waren, Früchte und Holz zu tragen, +Flüsse und Seen, die nur Fische und Seegras anboten, Hügel und Berge, +welche Steine und Metalle den Menschen hinhielten, haben jetzt Seele und +Gesicht. + +Die Seelen der Landschaften sind uns herzliche Brüder geworden. Sie, die +bisher unsichtbar waren, zeigen uns heute leidenschaftliche Gebärden.» -- + +Am Biwasee, der hinter den Bergen, nahe der uralten Kaiserstadt Kioto, +liegt, haben die Japaner acht Landschaftsgesichter von unsterblicher +Leidenschaft entdeckt. + +Die acht Gesichter am Biwasee heißen: Erstens: Die Segelboote von Yabase im +Abend heimkehren sehen. + +Die Dichter vergleichen die Seele dieses Landschaftsgesichtes mit dem +Herannahen einer liebesseligen Schicksalswende. + +Zweitens: Den Nachtregen regnen hören in Karasaki. + +Dieses Gesicht beschwört die Sprache liebesseliger Vergangenheit und +liebesseliger Zukunft. + +Drittens: Die Abendglocke des Miideratempels hören. + +Dieses Gesicht singt das Lachen einer liebenden Frauenstimme, das weiser +macht als alle Weisheit. + +Viertens: Sonnenschein und Brise von Amazu. + +Dieses Gesicht spricht von Liebesberückung und Liebesbetörung. + +Fünftens: Dem Flug der Wildgänse nachsehen in Katata. + +Dieses Gesicht spricht von der Geheimschrift der Liebeserklärung. + +Sechstens: Den Herbstmond aufgehen sehen in Ishiyama. + +Beplaudert und rührt die Wunder der Liebe an. + +Siebentens: Das fließende Abendrot zu Seta. + +Dieses Gesicht spricht von seliger Blindheit hitziger Liebesleidenschaft. + +Achtens: Den Abendschnee am Hirayama sehen. + +Die Seele dieses Landschaftsgesichtes spricht vom erhabenen Wahn +unglückseliger Liebe. + + + + +Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen + + +Hanake hatte allen Körperschmuck, den ein japanisches Mädchen sitzend, +trippelnd und liegend zeigen muß, um zu den göttlichen Schönheiten der +Vergänglichkeit gezählt zu werden. Ihr Hals war biegsam wie eine +Reiherfeder, ihre Arme kurz wie die Flügel eines noch nicht flüggen +Sperlings. Saß sie auf der Matte und bereitete ihren Tee, so arbeitete sie +vorsichtig wie unter einer Glasglocke. Ging sie abends mit ihrer Dienerin +auf den hohen Holzschuhen zum Theater, so war sie unauffällig, als hätte +sich ihr Körper mit der Sonne zur Ruhe gelegt, und als ginge nur ihr +Schatten mit der Dienerin und der Papierlaterne den Weg zu den Schatten. +Lag sie in der Nacht hinter den geschlossenen Papierwänden ihres Hauses mit +frisiertem Kopf auf der Schlummerrolle und zog mit den Fingerspitzen den +seidenen Schlafsack ans Kinn, so war ihr feines, vom Mond beschienenes +Gesicht vornehm, als wäre es aus Jadestein geschnitten und erschien +unzerbrechlich und unvergänglich. + +Hanake war das reichste Mädchen am Biwasee, nicht bloß reich an der äußeren +Schönheit, welche die Frauen ruhig und wunschlos macht, -- auch reich an +Besitz. Die Götter der Vergänglichkeit hatten sie mit ihren glänzendsten +Geschenken, mit Schönheit und Geld, verwöhnt. Aber auch die Göttin der +Unendlichkeit hatte ihr eine Seele in die Augen gegeben, so daß ihre Augen +weinen konnten, denn die Wollust der Träne ist das höchste Geschenk dieser +Göttin. + +Lange, ehe der Krieg Japans mit Rußland begann, hörte Hanake in ihrem Hause +am Biwasee von Freunden und Freundinnen, die im Sommer über die Berge von +Kioto zum Besuch zu ihr an den See kamen, daß die Fremden vom Westen wie +böse Heuschreckenschwärme in Japan erwartet würden, um die Männer zu töten, +die Frauen zu verschleppen und sich in das Land zu teilen. Auf dem Biwasee +würde man dann bald Schiffe sehen, die Rauch ausstießen und die Seetiefe +mit Schrauben aufwühlten. Auf Eisen würden bald Eisenwagen, rasselnd wie +Gewitterwolken, täglich durch Japan eilen. Diese Wagen würden die Fremden +in Massen nach Kioto und an die Ufer des Biwasees bringen. Die leichten +Vogelkäfige der Bambushäuser würden verschwinden, und Steinhäuser, wie man +sie im Westen der Erde baut, würden zum Himmel wachsen, und überall würde +dann Rauch und Eisenlärm sein. Denn die Fremden lieben das Eisenrasseln und +können ohne die betäubende Stimme des Eisens nicht leben: sie lieben, das +Leben als einen ewigen Krieg anzusehen. Sie sind wie Donnergötter +ungeduldig und aufstampfend, und sie werden schlimmer als Wolkenbrüche und +schlimmer als Taifun Japan verheeren, so sagte man. + +Hanake, die keine Eltern hatte und nur mit ein paar Dienerinnen und Dienern +noch das Haus ihres Vaters bewohnte, hörte gruselnd die Berichte ihrer +Freunde und erfand mit ihren Freundinnen kleine Spottlieder, welche die +Dämonen des Westens verhöhnten, Lieder, die sie abends bei den Bootfahrten +in lampenerleuchteten Booten auf dem Biwasee sangen. + +Eines Abends -- die Sonne war eben untergegangen, der See war hell, als +wäre er aus Porzellan, weiß und glänzend, der Himmel war golden, als hätte +Hanake eine ihrer Truhen geöffnet, die aus Goldlack waren, und die +Geheimfächer enthielten, -- trat Hanake auf den Landungssteg, der vor ihrem +Haus in den See reichte, und den links und rechts hohes Schilf umwiegte. + +In der Richtung nach Yabase erschienen drei Segelboote. Die drei Segel +glitten wie senkrechte Papierwände über das abendglatte Wasser. Man sah +keine Menschen; denn jedes Segel reichte so tief, daß es das Boot +verdeckte. Die aufgepflanzten Segel wurden größer und kamen näher: Hanake +fühlte eine Bangigkeit, als kämen mit den drei Segeln drei weiße, +unbeschriebene Blätter aus ihrem Schicksalsbuch geschwommen, und plötzlich +las sie, als eine Sekunde von Windstille die Segel schlaff werden ließ, ein +japanisches Schriftzeichen, zufällig entstanden aus den Falten jeder +Segelleinwand. Das erste Boot sagte: «Ich grüße dich.» Das zweite Boot +sagte: «Ich liebe dich.» Das dritte Boot sagte: «Ich töte dich.» + +Nach der kurzen Windstille, die knappe Sekunden dauerte, wechselte der See +seine Farbe; wie vergossene schwarze Tusche über weißes Papier lief eine +Finsternis über die Seefläche, und ganz unvermittelt setzte ein +trompetender Seesturm ein, der alle drei Segel fast flach auf das Wasser +legte, als müßte die Leinwand den Seeschaum reiben; Hanake tat einen Schrei +vor Entsetzen, da sie glaubte, die Segelboote müßten unter dem plötzlichen +Wind und in den kreiselnden Wellen versinken. + +Aber die drei Boote hoben sich wieder. Geschickte Hände regierten die +Segel. Doch dieses sah Hanake nicht mehr. Sie hatte zugleich mit dem +Schrei, als das aufgeregte Schilf ihr um den Nacken schlug, einen Sprung in +die Luft gemacht wie eine elektrisierte Katze und war in das Wasser +gefallen; und als sie die Augen öffnete, sah sie ein Rudel Fische und +wußte, daß sie unter dem Wasser war, als wäre sie selbst ein Fisch. Dann +verlor sie das Bewußtsein. + +Als sie aufwachte, lag sie in ihrem Zimmer. Es war Nacht, eine Kerze +brannte, und ihre Lieblingsmagd, welche «Singende Seemuschel» hieß, kniete +neben ihr und weinte in beide Hände. Man hatte sie umgekleidet, aber sie +roch noch das Seewasser, von dem ihr Haar naß war, und sie besann sich +sofort wieder auf die drei Schiffe, und ihre erste Frage war: «Sind die +drei Segelboote, die aus Yabase kamen, untergegangen?» + +Die Magd antwortete nicht, hörte auf zu weinen und streichelte die Hände +ihrer Herrin, entzückt, sie wieder lebend zu sehen. + +«Sind die drei Segelboote untergegangen?» fragte Hanake beharrlich. + +Aber die Singende Seemuschel hatte keine Segelboote gesehen. Die Magd hatte +die Herrin auf dem Kies im Schilf gefunden und geglaubt, das junge Mädchen +sei von der Landungsbrücke ins Wasser gefallen und habe sich durch einen +Zufall selbst gerettet. + +«Schiebe die Seefenster auf», sagte Hanake zur Magd. Diese tat, wie ihr +befohlen. Draußen lagen der See und der Himmel wie ein einziges schwarzes +Loch: kein Stern, kein Mond, kein Licht auf dem See. Hanakes Fenster +schienen in einen Abgrund zu schauen, und dem jungen Mädchen war, als müsse +sie zum zweitenmal ertrinken, so schmerzhaft wurde ihr die Finsternis +draußen. Und in ihrer Brust war eine Leere, so unendlich wie die Nacht über +dem Biwasee, als habe sie einen großen Verlust erlitten, als wäre mit den +drei Booten ihr Herz fortgezogen; und totenstill war das kleine Bambushaus. + +«Schließe die Fenster und hole mir den grauen Papagei, nicht den grünen und +nicht den gelben, -- den grauen, Singende Seemuschel, den mein Vetter mir +vor ein paar Wochen mitgebracht hat aus Nagasaki.» + +Die Magd gehorchte, brachte den grauen Papagei und wurde dann von ihrer +Herrin schlafen geschickt. Aber sie hörte in der Nacht bis zum Morgen, wie +Hanake ihrem grauen Papagei drei Sätze lehrte: Ich grüße dich! Ich liebe +dich! Ich töte dich! Und sie sah an der weißen Papierwand den Schatten +ihrer Herrin aufrecht neben dem Schatten des Vogels sitzen. Und immer, wenn +der Vogel sagen sollte: Ich liebe dich!, dann lachte er so unheimlich +knarrend, daß es der Magd gruselte. Während der ganzen Nacht lachten und +sprachen Hanake und ihr Vogel zusammen. Und ganz früh rief Hanake zwei +Dienerinnen, die sie frisierten, und Seemuschel, die Lieblingsmagd, die +alle Verstecke des Hauses kannte, mußte aus dem ältesten Lackkasten zwei +winzige kostbare Satsumavasen holen, die sich in der Familie seit Hunderten +von Jahren vererbt hatten, und mußte am Seeufer zwei Schwertlilien +abschneiden, eine blaue und eine gelbe. Die Vasen mit je einer Lilie wurden +von Hanake in eine Nische gestellt und ein auf weiße Seide geschriebenes +Gedicht eigenhändig an die Wand gehängt. Das Gedicht hieß: + + Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot. + Mein Herz, mein leises, + Mein Auge, mein heißes, -- + Die Menschen, die einsam sind, + Sind wie die Boote von Yabase, + Die blaß hintreiben im Abendwind. + +Hanake hatte an diesem Tag allen ihren Freunden und Freundinnen absagen +lassen und saß drei Stunden vor Sonnenuntergang schon am Fenster, das auf +den See sah. Auf dem Seespiegel brannte die Sonne wie ein helles Herdfeuer, +und Hanake hielt einen Fächer zwischen sich und das grelle Licht. Aber von +Zeit zu Zeit strengte sie sich an, dem Licht zu trotzen, und suchte mit +aufmerksamen Augen die funkelnde Seefläche ab und wünschte die drei Segel +herbei, die gestern abend ihre Ruhe mit fortgenommen hatten. Auf Hanakes +Kleid waren Schwertlilien gewebt, blaue und gelbe auf silbrigem Grund, und +ihr Kopf sah aus der silbrigen Seide, als schaute er aus dem Kamm einer +hellen Welle. + +Sie hatte seit gestern abend noch nicht geschlafen, und das Schauen auf die +sonnenfeurige Seefläche brannte ihr fast die Augen aus, so daß sie für +einen Augenblick die Augenlider schloß und, ohne es zu wissen, einschlief. + +Sie hatte vielleicht eine kleine Stunde geschlafen, da weckte sie der graue +Papagei, der ihr auf die Schulter kletterte und ihr ins Ohr krächzte: «Ich +liebe dich!» und dazu schnarrend lachte. + +Hanake hob das Köpfchen aus der silbrigen Seide und sah am Landungssteg +ein großes gerafftes Segel. Das war so nah an ihrem Fenster, daß sie die +Segelleinwand an die Maststange klatschen hörte. Sie bog sich vorsichtig +aus dem Fenster und sah, daß das Segelboot festgebunden war. Aber im Boot +war kein Mensch zu sehen. + +Das ist eines der drei Boote, sagte atemstockend ihr heimkehrendes Herz. +Aber sie wußte nicht, war es das erste, das zweite oder das dritte Boot. + +Da trat ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, herein und brachte +einen zusammengerollten Brief. + +«O Herrin, diesen Brief sollt Ihr lesen und Euch für einen hohen Besuch +bereit halten», flüsterte die Magd. + +Im Brief stand: «Gestern, als wir nach Sonnenuntergang bei Deinem Hause +kreuzten, schöne Hanake, hatten wir das Unglück, Dich zu erschrecken, aber +auch das Glück, Dir das Leben zu retten. Und das allergrößte Glück, Dich zu +sehen, um Dich nie mehr zu vergessen, wurde mir zuteil. Ich sende Dir heute +meinen treuesten Freund, der Dich gestern rettete, der Dich heute zu mir +über den See bringen soll und in meine Arme, die Dich sehnsüchtig erwarten. +Ich grüße Dich, Hanake.» + +Der Brief war unterschrieben mit dem Namen eines jungen Prinzen aus dem +kaiserlichen Hause. Und Hanake wußte als guterzogene Japanerin, daß es eine +ungeheure Ehre bedeutete, daß ein kaiserlicher Prinz sie seiner Liebe +würdigte, und sie ließ den Freund des Prinzen sogleich zu sich herein ins +Zimmer bitten. + +Die Diele zitterte, und ein prächtiger junger Mann trat ein. Hanake fiel +vor ihm auf die Kniee und berührte mit der Stirn die Diele, wie es die +japanische Begrüßungssitte vorschreibt. Aber es war nicht, als ob ein +Mensch, sondern als ob ein stürmisches kleines Pferd ins Zimmer gekommen +sei. Sie hörte den Mann mit beiden Füßen mehrmals kräftig aufstampfen, und +aus seiner Brust drangen ein paar hohle seufzende Laute. + +Hanake wartete mit gesenktem Angesicht lange Zeit auf die Anrede des +kaiserlichen Gesandten, denn sie durfte sich erst erheben, wenn der +Begrüßte sie dazu aufforderte. + +Nach einer Weile, als immer noch keine Anrede erfolgte, hob Hanake leicht +ihr Gesicht von der Diele, die noch unter den stampfenden Füßen des Mannes +zitterte. Wie zwei Steine aus einer Schleuder geworfen, fielen des jungen +Mannes starke Augen in des Mädchens blinzelnden Blick. «Ich liebe dich!» +schrien ihr diese ungeduldigen Augen entgegen, und Hanake senkte von neuem +ihr Gesicht, das abwechselnd weiß und rot wurde, von Blutfülle und +Blutschwäche. + +«Antworte!» sagte plötzlich der Mann laut. + +«Ich liebe dich!» sagte Hanake, tief auf die Diele gebeugt, als wäre die +Diele ein Ohr, in das sie hineinflüsterte. Zugleich fiel ihr ein, daß der +Befehl «Antworte!» sich wahrscheinlich auf den Brief des Prinzen bezogen +habe. Aber es war nicht mehr zurückzunehmen. Ihre Lippen hatten deutlich +gesprochen: «Ich liebe dich!» und den zwei Männeraugen geantwortet, die sie +gefragt hatten. + +Dann fühlte sich das junge Mädchen von zwei hastigen Händen um den Leib +gefaßt. Wie ein Häufchen Seide hob sie der ungeduldige Mann hoch und trug +sie aus dem Hause, den Landungssteg entlang. In demselben Augenblick hatte +sich der Abendwind erhoben, und der seidene Ärmel von Hanakes Kleid +bauschte sich und fiel wie eine Kapuze über den Kopf des Mannes, der sie +auf den Armen trug. Und als Hanake aufsah, und ehe sie noch den Ärmel +zurückziehen konnte, erblickte sie ein zweites großes Segel, das eben an +der Landungsbrücke vorbeizog. Ein Schauder, kälter als der Wind, rieselte +ihr über die Haut. Denn in dem Boot stand ein Mann, der war kein Japaner. +Er hatte keine schöne gelbe Elfenbeinhaut. Er war grau im Gesicht wie +Moder, wie ein Stein, der lange auf dem Seegrund gelegen hat, und seine +Haut war runzlig wie die Haut der Kröten. Er hatte ein erschreckend gelbes +Haar. Das war hell wie Hobelspäne, und seine Augen waren fischblau, und +eine unordentliche Seele blickte Hanake wirr an, als stürze ein surrendes +häßliches Insekt auf Hanake los und wolle sie stechen. Sie wußte: es war +der Amerikaner, der abends hier am Biwasee im Uferschilf Wildenten jagte. +Morgens und abends hatte sie oft den Knall aus seiner Jagdbüchse gehört, +und dann waren, zu Tode geängstigt, kreischend und entsetzt, Scharen von +Wildenten über Hanakes Haus fortgeflogen. + +Das junge Mädchen wartete eine Sekunde; es ließ das Boot des häßlichen +Fremden vorübergleiten und zog dann erst den Ärmel vom Kopf des Geliebten. +Denn daß der Mann, der sie trug, ihr Geliebter war, sagten ihr seine Hände, +die beim Tragen Hanakes Blut anredeten und ihr von großen Zärtlichkeiten +erzählten, die sie ihr glühend versprachen. + +Nach einer Weile ging das Boot vor dem Wind, und drinnen lag Hanake mit dem +Kopf zwischen den Knien des Mannes, der wie ein Feuerdrache in Hanakes Haus +gestürzt war, und der wie ein großer Zauberer den Biwasee jetzt in ein +riesiges Seidenbett verwandelt hatte, darinnen die beiden eingebettet +lagen. Und Hanake sah das Wasser ohne Grenzen, den Himmel ohne Grenzen und +die Liebe zu dem plötzlich erschienenen Mann ohne Grenzen. + +Sie fragte nicht: «Wie heißt du?» Sein Name war ohne Namen. Sie fragte +nicht: «Wohin fahren wir?» Ihre Fahrt war ohne Fahrt. Das Segel stand +senkrecht zwischen Wasser und Himmel, und sie wußte, das Segel hatte ein +Spiegelbild unten im See, so wie ihr Gesicht im Schoß des Mannes das +Spiegelbild des geliebten Gesichtes geworden war. + +Das Segelboot glitt nah am Schilfufer hin. Das Mädchen verstand: der Mann +vermied es, auf die Höhe des Sees zu segeln, damit nicht Boote, die von +Yabase kämen, ihnen begegneten. + +Da knallte ein Schuß im Röhricht, und braune Wildenten strichen aus dem +Schilf heraus aufkreischend über die Seefläche. Ein zweiter Schuß schallt, +und Hanakes Geliebter wirft die Arme in die Luft, springt auf, wie von +einem Strick in die Höhe gerissen, und stürzt kopfüber in den abenddunkeln +See. Kein Schrei; nur das Aufklatschen des Wassers und der Hall der Schüsse +am Ufer des Biwasees entlang springt durch die Stille. Hanake greift +unwillkürlich mit beiden Händen über den Bootrand in das Wasser, wohin der +Geliebte verschwand, und als sie die Hände aus dem Wasser zieht, sind sie +blutig. Sie fällt lautlos auf den Boden des Bootes, das im Winde +weitertreibt. + +Hanakes Diener sehen vom Fenster, daß das Boot, in dem die Herrin +fortfuhr, draußen nicht weit vom Ufer steuerlos im Kreise treibt und daß +ein anderes Boot aus dem Schilf heraus die Seewölbung ersteigt und hinter +dem Wasser verschwindet. Ein paar der Diener schwimmen hinaus und bringen +das Boot mit der ohnmächtigen Hanake an den Landungssteg. + +Zur gleichen Stunde wie am vorhergehenden Abend liegt Hanake ohnmächtig in +dem Zimmer, das auf den See geht, bei derselben Kerze, die gestern brannte, +sitzt ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, und wartet auf das +Erwachen ihrer Herrin. + +Als diese gar nicht zu sich kommen will, kommt die Magd auf den Einfall, +den grauen Papagei zu holen, der von den drei Sätzen immer nur den einen +gelernt hat: Ich liebe dich. Als sie den Vogel neben die Kerze in das +Gemach bringt, schreit er sofort: «Ich liebe dich!» Da zuckt das Gesicht +der ohnmächtigen Hanake zusammen, als habe ihr einer einen unendlichen +Schmerz angetan. Ihre Lippen seufzen tief auf, ihr Gesicht verändert die +Farbe und wird wie Asche im Aschentopf, der neben der Kerze steht. Die Magd +beugt sich erschrocken über ihre Herrin, und wie sie noch zweifelt: Ist das +der Tod, der Hanake so entfärbt?, da schüttelt der Papagei sein Gefieder, +schlägt mit den Flügeln um sich und schreit plötzlich und unvermittelt: +«Ich töte dich!» + +Die Singende Seemuschel starrt entsetzt den Vogel an, dessen großer +Schatten vor der Kerze wie der Schatten eines mächtigen, schwarzen Segels +über die Wände des Gemaches fliegt. + +Die Magd greift mit beiden Händen nach dem um sich schlagenden Papagei. Der +Vogel schreit zum zweitenmal: «Ich töte dich!» Die Hände der Magd packen +das Tier und drücken dem Papagei den Hals zu, damit er nicht zum drittenmal +das schauerliche «Ich töte dich!» schreien kann. Der Vogel verdreht seine +Augen, läßt mit einem Ruck die Flügel schlaff hängen, spreizt die Krallen +und hängt als lebloser Vogelbalg in den Händen der Magd. + +Hanake schlägt die Augen auf. Die Magd wirft die Vogelleiche auf die Diele +und ruft: + +«O Herrin, Ihr kommt wieder! Ihr wart weit fort!» + +Hanake richtet sich auf, sitzt auf der Diele und sagt in Gedanken: + +«Ich glaube, ich komme von den Toten.» + +Dann sprach sie lange nicht mehr. Sie sah nicht den toten Papagei. Sie +weinte nicht über den Tod ihres Geliebten. Sie ließ sich von der Magd +umkleiden, und als ihr diese ein Hauskleid bringen wollte, sagte sie, und +ihre Augen sahen durchdringend durch die geschlossenen Wände des Hauses: + +«Ich sehe im Abend Boote von Yabase kommen. Ich sehe, man bringt mir ein +rotes Scharlachkleid, wie es die Hofdamen tragen. Aber die hundert Segel, +die jetzt von Yabase kommen, zeigen in den Segelfalten keine Schriftzeichen +mehr. Jedes Segel ist glatt wie eine leere Hand. Hundert leere Hände kommen +in mein Haus. + +Bringe mir ein weißseidenes Unterkleid, Singende Seemuschel, damit ich das +rote Scharlachkleid, das man mitbringt, darüber ziehen kann.» + +Die Magd widersprach ihrer Herrin nicht. Sie öffnete nur ein wenig die +Schiebewand nach dem See. Aber sie sah keine Lichter von Booten in der +Nacht draußen, kein Bootskiel rauschte im Wasser, nur das Schilf zischte +unten um das Haus und in der Ferne um den Landungssteg. + +Hanake ist hellsehend geworden, dachte die Magd. Dann ging sie durch die +Kammern des Hauses nach den Wandschränken, wo die Kleider gefaltet in +großen Lacktruhen lagen. Sie ließ sich von zwei Mägden leuchten. Und die +eine Magd erzählte halblaut: + +«Wißt ihr schon, unsere Männer, die zur Nachtzeit aus Yabase herüberkamen, +sagten, man erzählte sich in allen Teehäusern, daß der Freund eines +kaiserlichen Prinzen von einem Europäer auf dem See erschossen worden sei. +Der blutige Körper des Toten wurde in Yabase auf den Kies gespült, und +heimkehrende Boote haben gesehen, wie der fliehende Europäer, der Wildenten +im Schilf gejagt hat, durch einen Fehlschuß den Freund des Prinzen tötete. +Der Prinz selbst kam dann an das Ufer, wo die Leiche seines Freundes lag. +Der Prinz hat seinen Freund lange angesehen, aber nicht geweint, sagen die +Leute. Er hat gefragt, ob in der Nacht noch jemand über den See fährt; und +als er hörte, daß unsere Männer noch über den See fuhren, sandte er eine +kleine Kleidertruhe und ließ sie in das Boot unserer Männer stellen. Die +Truhe ist für Hanake. Morgen, ehe die Sonne im Mittag steht, wird der Prinz +selbst zu Hanake kommen, sagte ein kaiserlicher Diener heimlich zu unsern +Männern.» + +«In der Truhe ist ein rotes Scharlachkleid für Hanake», sagte die Singende +Seemuschel zu den Mägden. + +«Woher weißt du das?» fragten beide Mägde erstaunt. «Niemand durfte bis +jetzt in die Truhe sehen.» + +«Wir wissen das bestimmt», nickte die Gefragte. + +Sie nahm das weißseidene Unterkleid über den Arm und schickte die Mägde in +die Küche. -- + +Am nächsten Tag um die Mittagstunde kam ein Segel auf Hanakes Haus zu. + +Die Singende Seemuschel sagte zu Hanake, die im Purpurkleid auf der Altane +saß und weiß und rosa geschminkt war, so dick gepudert und geschminkt, als +verbärge sie das Gesicht hinter einer rot und weißen Maske: + +«Das ist nicht der Prinz, der da kommt. Denn ich sehe nur _ein_ Segel, +Herrin, und Ihr sagtet gestern nacht voraus, es würden hundert Segel +kommen. Alles, was Ihr sagtet, als Ihr von den Toten erwachtet, ist +eingetroffen. Wenn aber der Prinz nur in _einem_ Boot kommt, dann habt Ihr +Euch geirrt, weil Ihr von hundert Booten gestern redetet.» + +«Schweig und empfange den Prinzen», sagte Hanake mit einer fast männlichen +Stimme, die die Magd nie an ihr gehört hatte. «Geh mit allen Mägden und +allen Dienern dem Prinzen zur Landungsbrücke entgegen, denn ich kann noch +nicht gehen, meine Füße zittern noch. Ich kann den Prinzen nur hier im +Hause empfangen. + +Als ich im Tode lag unter den Toten, aber mit meinem Geliebten nicht +vereinigt war, fragte meine Seele alle Toten: + +'Was habe ich getan, daß ich meinen Geliebten nicht unter den Toten finde?' + +'Du hast noch dem Leben verweigerten Gehorsam zu geben,' sagten die Toten, +und ich erwachte wieder. + +Ich weiß es, ich habe gefrevelt. Ich habe meinen Leib einem Prinzen, einem +Sohn des Himmels, entziehen wollen und habe einen andern Mann umarmt. Aber +der Geliebte konnte meinen Leib nicht mit in den Tod nehmen weil ich erst +lernen mußte, dem Leben zu gehorchen.» + +Die Magd weinte über Hanakes Worte. Aber Hanake verbot es ihr und sagte: + +«Wir wollen nicht neuen Ungehorsam auf dies Haus laden. Ich darf nicht +weinen, wenn ich auch bis an die Augen voll Trauer bin. Meine Füße aber +zittern, und ich kann dem Prinzen nicht entgegen gehen. Ich kann meine Füße +noch nicht zum Gehorsam zwingen. + +Wenn der Prinz dich fragt: 'Wo ist Hanake?', sage, und laß dir nichts +merken, sage: 'Verzeihung, Sohn des Himmels, meine Herrin trauert um ihren +toten Lieblingspapagei. Aber wenn meine Herrin des Prinzen Angesicht sieht, +wird ihre Trauer zur Freude werden und doppelt glänzen, wie dein weißes +Segelboot, o Herr, im Biwasee.'» -- + +Und wie der Schiller auf starrem, poliertem Porzellan glänzte Hanake bis +zum Abend, so lange der Prinz in ihrem Hause war und mit ihr spielte. Und +auch als sie ihr Scharlachkleid öffnete und ihren kleinen weißgepuderten +Leib nackt in die Arme des Prinzen legte, sang sie Lieder und zwitscherte +mit den Lippen. Der Prinz sagte am Abend: + +«Dein Leib ist mir lieb, weil er kühl ist wie die Schneeflocken und mich +aufweckt wie die Kälte am Wintermorgen. + +Und nun singe mir noch zum Abschied das Lied vom Biwasee, das nur auf weiße +Seide geschrieben werden darf.» + +Die Singende Seemuschel saß hinter der Papierwand im Nebenzimmer, wo sie +die Gitarre spielen mußte, so lange der Prinz die nackte Hanake umarmte. +Aber als die treue Magd hörte, daß der Prinz das Lied von ihrer Herrin +verlangte, das nur eine sehnsüchtig Liebende singen darf, da konnte sie +sich nicht mehr des Schluchzens erwehren. Und während die Hände der +Singenden Seemuschel auf der Gitarre spielten, wimmerte ihre schluchzende +Brust. + +Hanake, die in ihr Scharlachkleid schlüpfte, raschelte mit der Seide, damit +der Prinz das Wimmern der Magd nicht höre. Dann wollte sie singen. Aber der +Prinz fragte, ehe sie begann: + +«Weint jemand hinter der Wand?» + +«O nein», lächelte Hanake, «das sind nur Brieftauben, die ich in einem +Käfig halte, und ihre Kröpfe glucksen, weil sie zu viel gefüttert wurden.» + +«Singe jetzt!» sagte der Prinz. + +Das Wimmern hinter der Papierwand verstummte, und Hanake sang das Lied: + + Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot. + Mein Herz, mein leises, + Mein Auge, mein heißes, -- + Die Menschen, die einsam sind, + Sind wie die Boote von Yabase, + Die blaß hintreiben im Abendwind. + +Hanake hatte während des Singens ihren Kopf in den Schoß des Prinzen gelegt +und mit offenen Augen zur Decke gestarrt. Ihr Körper war in derselben +Stellung wie an jenem Abend auf dem Biwasee im Boot, als sie mit dem Kopf +im Schoß ihres Geliebten gelegen. + +Plötzlich fährt Hanake, wie von einem Schuß getroffen, auf. Sie wirft die +Arme in die Luft und fällt ohne Aufschrei auf die Diele, wo sie in tiefer +Ohnmacht liegen bleibt. + +Der Prinz wird blaß. Auf seinen Ruf kommt die Magd hinter der Papierwand +vor. Der Prinz sieht die verweinten Augen derselben und denkt, daß Magd und +Herrin wirklich in Trauer seien über den toten Papagei. Er ist erstaunt +darüber und sagt: «Deine Herrin ist noch schwach von Trauer über ihren +toten Papagei. Pflege deine Herrin; und wenn sie aufwacht, sage ihr, ich +käme morgen abend und hundertmal wieder.» + +Die Magd verneigt sich vor dem Prinzen, sie verbirgt ihre verweinten Augen +und lügt: + +«Sohn des Himmels, verzeiht meiner Herrin! Aber der Tod ihres Papageis ging +ihr nicht so sehr zu Herzen wie jetzt der Abschied von Euch. Die Trauer +darüber hat sie gleich einer Ohnmacht überfallen.» -- + +Als Hanake wieder zu sich kommt, sieht sie fern im Abend über dem Biwasee +das verschwindende Segel des kaiserlichen Bootes, und das Kielwasser treibt +eine lange schwarzlinige Welle von der Mitte des Sees bis an Hanakes Haus. + +Hanake murmelt: «Die Magd sagt: hundertmal wird er wiederkommen! Ich will +lieber _hundert_ verschiedene Männer umarmen, ihr Götter! Erlaßt es mir, +_einem_ Mann Liebe heucheln zu müssen _hundertmal_ hintereinander. Ich +schwöre euch: ich will mich lieber auf dem Liebesmarkt zu Tokio hingeben, +wo fünftausend Mädchen sich jede Nacht einem andern Mann anbieten. Aber +erlaßt mir, o Götter, die Qual und bindet mich nicht hundert Nächte an den +einen Mann, der sich einredet, daß ich ihn liebe.» + +Die untergehende Sonne schminkte den Himmel wie das Gesicht eines +Freudenmädchens. Karminrosig und violett silbrig färbten sich alle Wolken +über dem Biwasee, wie die fünftausend Mädchengesichter auf dem Liebesmarkt +zu Tokio. + +Dann hörte Hanake lautes Gelächter, laute Männer- und Frauenstimmen, das +Räderrasseln von kleinen Rikschawagen und das Geschrei von Kulis. Eine +Schar ihrer Freunde und Freundinnen war in Wagen und Tragsesseln von der +Landstraße hergekommen und rief jetzt von draußen ins Haus nach Hanake. +Dann drängten die Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen in das +Nebenzimmer, und Hanakes Gesicht wurde wieder höflich und freundlich und +unbeschrieben wie eine weiße Eierschale. + +Sie warf noch rasch einen Blick aus dem Fenster. Das Segel des kaiserlichen +Bootes war hinter der Seehöhe verschwunden. Der See lag gradlinig, und nur +wie eine kleine, schwarze Schnur zog sich am Horizont das Kielwasser des +verschwundenen Bootes hin. Die Kielwelle erreichte nicht mehr Hanakes Haus +und verlor sich wie ein abgerissenes Band draußen auf der Seefläche. + +Hanakes Herz war leichter. Sie trat aus dem Seegemach in das +nebenanliegende Gemach, in das die Freunde hereindrängten. Das Haus war +jetzt voll von zwitschernden Frauenstimmen und gurgelnden Männerkehlen, die +den Atem auf japanische Sitte laut und achtungbezeugend einzogen. + +Nachdem alle eine Weile voreinander auf den Knien gelegen hatten und sich +verbeugt hatten, rutschten alle zusammen, bildeten einen Halbkreis um +Hanake und hockten auf den Seidenkissen am Boden, und das Zimmer war laut +wie ein Baum, in dem eine Sperlingschar plaudert. + +Gerüchte, daß ein kaiserlicher Prinz sich nach Hanake umsähe, hatten sich +bei den Freunden verbreitet; aber niemand wußte Genaues, und niemand wußte +vom Besuch des Prinzen. Alle waren des Mordes wegen gekommen, der sich auf +dem See in der Nähe von Hanakes Haus ereignet haben sollte. Sie wollten +wissen, ob Hanake den Schuß gehört habe? Ob der Europäer fehlgeschossen +oder auf den Japaner gezielt habe? Ob Hanake damals am Fenster gestanden +habe? Und ob nach dem Schuß das Seewasser rot von Blut gewesen sei? -- + +Hanakes Gesicht verlor keinen Augenblick die starre Politur. Die Magd hatte +ihr, als sie aus der Ohnmacht aufgewacht war, das Scharlachgewand +ausgezogen und ihr ein blaues Gewand gereicht, auf dem nur Seewellen und +Wolken eingewebt waren, und hatte die Schminke und den Puder erneuert und +den klingenden Haarschmuck in ihrem Haar fester gesteckt, als man das +Herannahen der Freunde hörte. + +Jetzt reichten die Singende Seemuschel und die anderen Mägde den Gästen Tee +und Pfefferminzzucker herum und kleine, winzige Kuchenwürfel. + +Als die Schar der Fragen sich wie eine Dornenhecke um Hanake aufbaute, +suchte die Singende Seemuschel nach einem rettenden Gedanken, um ihrer +Herrin zu helfen. Sie lief fort, holte den toten Papagei, kam wehklagend +herein und sagte: + +«Ach, Herrin, seht, der Papagei liegt im Sterben!» + +Aber wie war sie verblüfft, als Hanake sie abwies und lächelnd zu den +Gästen sagte: + +«Ich glaube, meine Magd ist irrsinnig geworden von der Ehre, die uns heute +widerfuhr. Sie zeigt mir den Papagei, der seit gestern tot ist, und der uns +heute schon helfen mußte, einen kaiserlichen Prinzen zu belügen.» + +Im Zimmer wurde es still, wie wenn alle Spatzen aus einem Baum fortgeflogen +sind. + +Alle Gäste verstanden, daß der Prinz dagewesen war, alle verstanden, daß +Hanake ihn nicht liebte; und daß man einen Prinzen belügen könnte, war +ihnen auch noch verständlich. Aber welch ein Frevel, laut über den Sohn des +Himmels zu spotten und einzugestehen, daß man ihn belogen hatte! + +Als wären allen Gästen die Teetassen aus den Händen gefallen, und als wäre +der Tee vergossen, so erschrocken saßen alle und starr. Keiner rührte mehr +einen Teeschluck an. Und als Hanake mit kalten, glitzernden Augen sagte: + +«Der Prinz wird nicht von dieser Lüge sterben. Ich bin auch nicht an seiner +Liebe gestorben», -- da schlossen die Freundinnen vor Schreck ihre Augen. +Die Männer richteten sich auf, und wie eine Schar Krebse, die nach +rückwärts krabbelt, verließ die Freundesschar das Gemach, teils aus Furcht, +weil in diesem Haus gegen den Sohn des Himmels gefrevelt wurde, teils +erschrocken, vor Hochachtung, weil die Luft hier noch voll sein mußte von +der Leidenschaft und der Nähe des kaiserlichen Prinzen. + +Unter kaum hörbar gewisperten Entschuldigungen verließen die letzten das +Haus, bestürzt und eilfertig, als wären die Zimmer des Hauses voll Feuer, +das sie alle verbrennen könnte. + +Hanake aber ließ das Zimmer aufräumen, ließ sich von der Singenden +Seemuschel eine Schlummerrolle unter das Genick schieben, streckte sich auf +der Diele aus und schlief fest ein. + +Am nächsten Abend erschien ein Segel auf der Seehöhe. Es kam wie ein +selbstbewußter Schwan lautlos auf Hanakes Haus zugeschwommen. Aber die +Landungsbrücke bei dem Hause blieb leer. Nur die Köpfe der Schilfblüten +bewegten sich und verneigten sich vor dem kaiserlichen Boot und vor dem +Prinzen, der ans Land stieg. + +Die Papierfenster und die Bambustüren von Hanakes Haus waren geschlossen +und öffneten sich nicht, als der Prinz klopfen ließ. Wie eine Laterne ohne +Licht lag am See das gegitterte Holzhaus mit den weißen Papierscheiben. Ein +vorüberfahrender Schiffer in seinem Boot sagte den Leuten des Prinzen, daß +Hanake am Morgen alle ihre Dienstboten entlassen habe. Sie habe ihr Haus +zugeschlossen und sei nur mit einer Magd auf ihrem Segelboot in den See +hinausgefahren; aber niemand wußte, wohin die Fahrt gegangen. + +Das kaiserliche Boot kreuzte die ganze Nacht auf der Seefläche in der Nähe +von Hanakes Haus. Aber die Papierfenster des Hauses blieben dunkel, und das +lautlose kaiserliche Boot verschwand gegen Morgen hinter der Seehöhe. + +Am nächsten Abend kamen hundert kaiserliche Segelboote von Yabase. Sie +kamen an wie hundert weiße Fächer, die sich über den See spannten. Sie +kreuzten über den ganzen Biwasee, während der ganzen Nacht, von Ozu bis +Yabase, von Karasaki bis Katata, von Seta bis Amazu. Und als leuchteten sie +in die Unterwelt des Sees, so zogen sie die hellen Scheinbilder der +hundert weißen Segel durch die Seetiefe nach sich. + +Die nächsten Abende wiederholte sich das Schauspiel der hundert Segelboote, +die Hanake suchen sollten, und die sich durch den Seenebel verteilten wie +hundert weiße Seidenspinnerschmetterlinge, die in einem grauen, riesigen +Spinnenwebnetz hängen geblieben wären. -- + +Jede kleine japanische Stadt eröffnet abends einen Liebesmarkt, der sich +Yoshiwara nennt. Der Yoshiwara in Tokio ist einer der größten Liebesmärkte +in Japan, wo die schönsten Mädchen vom Inland und aus allen Provinzen +zusammenkommen, wo sich verwaiste Mädchen vom Ertrag der Liebe zu ernähren +suchen, wo verarmte Mädchen mit dem Erlös der Liebe ihre alten Eltern zu +erhalten suchen. Auf diesen Liebesmärkten verkauft sich die Liebe natürlich +und schandlos. + +Unschuldig und feurig, wie die Sterne der Milchstraße nachts am Himmel, +beleuchten sich nach Sonnenuntergang die schöngepflegten, sauberen und +breiten Straßen des Liebesmarktes. Das große eiserne Gitter, das den +Stadtteil des Liebesmarktes von der Stadt trennt, steht, von Polizisten +bewacht, weit offen. Hinter dem offenen Tor, in der Mitte der +Eingangsstraße, zieht sich im Frühlingsabend eine rosige Wolke hin durch +die Luft: die rosigen Blüten blühender Kirschbäume, welche in der Mitte der +Straßenlinie eingehegt stehen. + +Links und rechts von der Straße beleuchten die kleinen, einstöckigen Häuser +mit milden, weißen, langen Lampionketten ihre Balkone. + +Lautlos und feierlich und ruhig beleuchtet, liegt hier der Weg offen zu den +fünftausend Mädchenschönheiten. In den weiten Seitenstraßen, welche die +Eingangsstraße kreuzen, beginnt der Liebesmarkt. Hier stehen saubere, +ebenfalls mit weißen Lampenketten erleuchtete Häuser. Die Erdgeschosse +aller dieser Häuser zu beiden Seiten der Straße zeigen große, offene, +vergoldete Gemächer. Die sind durch hölzerne Gitterstäbe wie goldene Käfige +von der Straße getrennt und innen beleuchtet von elektrischen Glühbirnen. + +In jedem langen Gemach sitzen in einer Reihe der Straße entlang dreißig bis +fünfzig junge, schmalschultrige Mädchen, in blumige kostbare Seidengewänder +gehüllt. Jede sitzt auf einem kleinen Seidenkissen, wie ein Schaustück in +einem Schaufenster. + +Die langen Reihen der weißgepuderten und rosageschminkten Gesichter, unter +schwarzen, hohen Frisuren, die mit goldenen Nadeln bedeckt sind, enden +nicht. Und Viertelstunde um Viertelstunde kannst du durch die Straßen +gehen, vorüber an den Heeren der Tausende von jungen Mädchen. + +Die Wände jedes Gittergemaches sind schwer geschnitzt. Aus Goldlack und +rotem Lack stehen lebensgroße Bäume darin, springen lebensgroße Tiger und +Drachen an den Lackwänden entlang, fliegen lebensgroße Kraniche und +Paradiesvögel, größer als die kleinen Mädchen, an den Wänden der Gemächer +hin. + +Wie dreißig weiße Perlen, in einer Reihe aufbewahrt in einer goldenen oder +roten Truhe, leuchten perlenweiß die eirunden gepuderten Mädchengesichter +in jedem Gemach. Mal sitzen da dreißig in eisvogelblauen Gewändern, mit +scharlachnen Blumen bestickt, mal dreißig in smaragdgrünen Gewändern, mit +karmoisinroten Blumen bestickt, mal fünfzig in weißen Gewändern, mit +regenbogenfarbigen Schmetterlingen bestickt, mal fünfzig in schwarzen +Gewändern, darunter die Schleppen von rosa-, grün- und blauseidenen +Gewändern abgestuft vorschauen. + +Jedes Mädchen hat neben sich einen großen Porzellantopf, darin Holzasche um +Kohlenglut liegt. Sie rauchen kleine silberne Pfeifen, in die nur eine +Prise Tabak geht, nicht mehr, als Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen +Tabakkugel drehen können, und zünden diese mit einem Stückchen Kohle in +feiner, silberner Zange an. Die eine frisiert sich vor ihrem kleinen +Spiegel; die andere schreibt mit einem Tuschepinsel auf ihrem Schoß auf +einem langen Reispapierstreifen einen Brief; die nächste trinkt Tee aus +einer fingerhutgroßen Tasse; und wieder eine fächelt sich, und wieder eine +andere liest in einem kleinen Büchlein einen Roman. Eine zupft eine +Mandoline, und eine andere wispert ein Lied dazu. Eine kommt an das Gitter +getrippelt, hebt vorsichtig ihre drei Schleppen, winkt vorsichtig ein paar +Fremden; eine andere kommt an das Gitter und plaudert mit Mutter und +Geschwistern, die zum Besuch auf der Straße stehen, freundlich und +bescheiden. + +Eine vielhundertköpfige Menschenmenge, Männer, Soldaten, Frauen und Kinder, +ziehen gesittet, flüsternd und lächelnd, mit hell beschienenen Gesichtern, +durch die erleuchteten Straßen, vorüber an den vergitterten Gemächern der +Erdgeschosse. Und stundenlang bis nach Mitternacht wandern die Volksmengen +jeden Abend vor den fünftausend Mädchen auf und ab, stehen als Besucher an +den Gittern, treten als Besucher in die Häuser, kaufen sich Gesang, Musik, +Tanz und Liebe, nachdem jeder Mann auf der Straße unter den Dreißig eines +Gemaches seine Wahl getroffen hat. + +Hier in eines der Häuser des Tokioyoshiwara trat Hanake mit ihrer Magd ein +und blieb hundert Nächte, um hundertmal ihren Leib zu verkaufen, wie sie es +den Göttern versprochen hatte, um sich dadurch frei zu kaufen von dem +Gehorsam gegen den Sohn des Himmels. + +Sie verkaufte sich jungen Männern, welche die Liebe kennen lernen wollten, +und alten, von der Lebenssorge abgetöteten einsamen Männern, welche die +Liebe noch einmal erleben wollten, ehe sie starben; sie verkaufte sich den +in den Krieg gehenden Soldaten und den aus Schlachten heimgeschickten +Invaliden; sie verkaufte sich Studenten, Handwerkern, Adeligen und Kulis. +Nur den Ausländern, den Europäern und Amerikanern, verweigerte Hanake ihren +Leib. + +Aber eines Abends kam ein junger Amerikaner, ein hübscher Marineoffizier, +in das Haus und forderte für sein gutes Geld vom Hausbesitzer Hanake. Es +war in den Tagen, da die amerikanische Flotte im Hafen von Yokohama lag und +die Amerikaner der japanischen Nation einen Ehrenbesuch machten. Vom +Stadtgouverneur war der Befehl ergangen und an den Straßenecken +angeschlagen: «Japaner! Ihr dürft nicht vor den Europäern ausspucken! Ihr +dürft ihnen auch keine Stöcke in den Weg werfen, daß sie stolpern. Auf den +Straßen sollt ihr nicht zu dicht neben den Europäern gehen, immer drei +Schritte von ihnen weg. Ihr sollt alle europäischen Barbaren überhaupt +höflich behandeln, als wenn sie gesittete Asiaten wären. In den +Besuchstagen der amerikanischen Flotte soll kein Mädchen in den Yoshiwaras +sich einem Ausländer verweigern dürfen.» + +Hanake verweigerte sich trotzdem. Und da es gerade die hundertste Nacht +war, in der sie den Göttern abgedient hatte, floh sie mitten in der Nacht +samt ihrer Magd durch eine Hintertür aus dem Yoshiwarahause, ließ ihre +Kleidung und ihren Schmuck zurück und eilte in ihren Alltagskleidern aus +dem Yoshiwara. Verhüllt und unbemerkt, entkam sie im Gedränge der +vielhundertköpfigen Menge. Sie trug nichts bei sich als einen kleinen Vogel +in einem winzigen Käfig. + +Eines der Mädchen in dem Yoshiwara hatte ihr eine Stunde vor der Flucht den +Vogel verkauft, eben als der amerikanische Offizier in das Haus trat. Im +Schreck der Flucht hatte Hanake den Vogelkäfig krampfhaft in der Hand +behalten, ohne ihn loszulassen. + +Der Vogel war ein Nachtigallenmännchen und saß verblüfft in dem kleinen +Käfig, denn er war eben erst von seinem Weibchen, mit dem er einen andern +Käfig geteilt hatte, getrennt worden. + +Die beiden Frauen wollten den Vogel unterwegs füttern, aber er fraß nicht. +Sie reisten beide mit dem wunderlichen Vogel in der Nacht mit dem nächsten +Zug nach dem Biwasee und kamen am nächsten Mittag wieder in Hanakes Haus am +See an. + +Die Magd öffnete die Fenster und ließ frische Luft durch die Kammern +streichen. Es war Herbst geworden, und mit jedem Luftzug flogen welke +Blätter von den Uferbäumen herein. + +Das Seewasser zeigte nicht mehr die blaue Sommerfarbe, es war tiefgrün. Die +Sonne stand schräg und warf gespenstige Schatten. Das lebhafte Schilf war +abgemäht, und die Stoppeln standen lautlos und tot. + +Aber Hanake wurde von der Herbstwelt nicht traurig gestimmt. Das Leben im +Yoshiwara ging noch in lauten Bildern durch ihr Blut. Sie war täglich +hundertmal bewundert worden, hatte hundertmal gefallen, hatte +hunderttausendmal lachen müssen, ohne lachen zu wollen, war hundertmal +umarmt worden, ohne eine Umarmung zu ersehnen. Die Bewunderung war ihrem +Körper zur Gewohnheit geworden. Hanake wußte jetzt fast nicht mehr, warum +sie einst aus diesem Hause hier am See fortgegangen war. Sie hatte den Tag +mit dem Prinzen beinah ganz vergessen, sie hatte kaum noch den Abend mit +dem Geliebten in Erinnerung. Sie hörte nur noch den Schuß im Ohr und sah +sich noch im Boot auf dem Schoße ihres Geliebten liegen, wenn sie wollte. +Aber sie konnte sich nicht mehr des Gesichts ihres toten Geliebten +erinnern, nicht mehr seine Stimme erinnernd zurückrufen. Die Hunderte von +Gesichtern und Stimmen, die im Yoshiwara Hanake bewunderten, hatten das +Gesicht und die Stimme des Geliebten aus ihrer Erinnerung verdrängt. Hanake +war auch darüber nicht traurig, nur verwundert. + +Es wurde Abend. Die Magd hatte das Haus bestellt. Da bemerkte Hanake das +kleine halbtote Nachtigallenmännchen im Käfig und dachte: «Ich will dich +fliegen lassen, kleiner Vogelmann. Vielleicht fliegst du zurück ins +Yoshiwara nach Tokio zu deinem Weibchen.» + +Sie öffnete den Käfig. Da schoß der kleine Vogel heraus. Aber anstatt aus +dem offenen Fenster zu fliegen, warf er sich wie ein Wütender in Hanakes +Frisur und riß wie wahnsinnig geworden mit den beiden kleinen Krallenfüßen +in den Haaren des erschrockenen Mädchens und fiel dann wie tot an Hanake +herunter auf die Diele. + +Hanake zitterte vor Schreck und sank in die Knie. Sie verstand, daß das +Vogelmännchen, das sie von dem Weibchen getrennt hatte, sich an ihr rächen +wollte und vor wütender Aufregung gestorben war. + +Hanake hielt die Finger an ihr schmerzendes Haar. Aber es war, als sei der +Liebesschmerz des Vogels in ihr Herz gedrungen und habe auch in ihrer Seele +wieder alle Liebeserinnerungen geweckt. + +In der Ferne auf dem See tauchten drei Segel auf. Sie zogen der Seelinie +entlang, langsam, und verschwanden. Hanake erkannte, als sie vom See weg +auf die weiße Wand ihres Zimmers sah, plötzlich wieder in der Erinnerung +das Gesicht ihres Geliebten. Sie schauderte vor Entzücken. + +Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weißen Wand +festhalten. Aber die Gesichtszüge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte +wieder, und Hanake wurde verstört und tief traurig. + +«Kleiner Vogel», seufzte Hanake, «zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!» + +Der kleine Vogelkörper zuckte plötzlich auf der Diele zusammen und +flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben +einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf +das Lackkästchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene +Schublade des Kästchens fiel heraus, und der Vogel stürzte dann tot zur +Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar +Seidenpapiere zu Hanake hin. + +Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stückchen des platten +Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmücken. Aber Hanake +verstand auch den tödlichen Wert, den das Schaumgold für den Lebensmüden +hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blättchen des +dünngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzüge und hüllte +ihr Gesicht in die Ärmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die +Diele am offenen Fenster hin. + + + + +Den Nachtregen regnen hören in Karasaki + + +Kiri war der einzige Sohn der «Wolke vor dem Mond», -- so hieß seine +Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den +Fischfanggeräten und einer kleinen, struppigen Strandhütte besaßen Kiris +Eltern nichts. + +«Doch wir sind reicher», sagte Kiri immer, «reicher als die +Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von +Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns +Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles was darin ist; der +Biwasee ist unser Königreich.» + +In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als +sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie +nannten ihn den Fischkönig von Karasaki. + +Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach +oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der +Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe +Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf +ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den +Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri +fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn +sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu +passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und +sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine +Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am großen +Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür +waagrecht im Winde flattern ließen. + +Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen +für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war, +aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und +gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen. +Sie hieß «Perlmutterfüßchen» und war Kiri besonders von seiner Mutter und +von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen. + +Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer +träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte. + +Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von +Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den +Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah; +aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, «der Wolke vor dem Mond», +erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag +Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am +Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam, +vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie +Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte. +In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein +Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten +fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich +der junge Fischer allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot +begegnete, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von +anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris +Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten +Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die +Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog +zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. So +oft er auch das Fischnetz hob, -- es war leer, und nicht die kleinste +Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, -- nichts hing in den nassen +Maschen. + +Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von +fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der +Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel +am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der +Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck +entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren, +soviel er auch ruderte. + +Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot +gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki +fürchten, sein Boot festhielt, und daß das blasse Licht, das durch den +rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war, +dem er nicht mehr ausweichen konnte. + +Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann +schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das +alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet, +gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und +wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch +sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der +nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen +Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den +Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei +den Menschen der Nabel ist. + +«Guten Abend, Kiri», sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. «Warum hast +du kein Licht an deinem Boot?» sagte die Stimme eines Mädchens. «Kannst du +nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen +lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslöschte. Kiri, +schläfst du? Höre doch und mache Licht!» + +«Wer bist du?» getraute sich Kiri erleichtert zu fragen. + +«Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell +dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr», sagte die +Stimme im Dunkel, «weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal +verließen?» + +«Nein, ich kenne dich noch nicht», gab Kiri zurück. Und sein Herz suchte in +allen seinen Erinnerungen. Und wie er grübelte, wurde es seltsamerweise +Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer, -- er lag auf der Altane eines +Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben +ihm auf einem flachen Seidenkissen saß ein schönes junges Mädchen und +sagte: «Samurai, kennst du mich jetzt?» Und er sah sie an und grübelte +wieder in seinen Erinnerungen und sah über das Altanengeländer einen +Zwerggarten mit kleinen Brücken und kleinen Felsen. Und unter einer der +kleinsten Brücken ging eben das letzte Stückchen der Abendsonne unter. Und +Kiri grübelte, und der erste Stern erschien über dem lautlosen Zwerggarten. +Aber der junge Mann erkannte das Mädchen nicht, und er erkannte auch das +Haus noch nicht, trotzdem er wußte, daß es sein Haus war. Doch es lag nicht +am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines +reichen Adeligen aus der Kriegerkaste. + +Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, daß sie nicht mehr die grobe +Hand eines Fischers war. Und Kiri grübelte und hörte plötzlich einen Laut, +wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andröhnen. Er fragte das Mädchen +neben sich auf der Altane: «Welches Fest ist heute, weil alle Tempel +rufen?» + +«Es ist kein Fest», sagte das Mädchen und war rot und leuchtete wie eine +Fackel, trotzdem kein Licht auf dem Altan brannte. + +Und Kiri grübelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch +die Erde unter ihm dröhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und +zu rufen. + +«Es ist kein Fest, es ist ein Krieg», sagte Kiri plötzlich. «Was ist das +für ein Krieg um die Tempel und auf der Erde?» fragte er von neuem das +Mädchen. + +Dieses wurde blaß und leuchtete weiß wie ein Metallspiegel und sagte: «Es +ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der +Erde.» Dabei bog sie sich über ihn, legte ihre Wange an Kiris Ohr und ihre +Hand auf sein Herz. + +Da wurde es still draußen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die +Sterne über dem Garten verschwanden, und Kiri hörte, wie ein leiser Regen +begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, daß das +Mädchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Sänfte legen +ließ und sich selbst zu ihm hinein in die Sänfte kauerte. Und der Regen +regnete leise auf das Dach der Sänfte, wie das Getrippel einer tanzenden +Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob +Kiri aus der Sänfte heraus. Er ließ alles geschehen und sah nur mit offenen +Augen zu, daß man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes, großes Boot, +ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine große +rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des +Goldlackhauses. Und Kiri hörte wieder den Regen auf das Dach trippeln, wie +die Füße von hundert Tänzerinnen. Neben ihm saß das junge Mädchen, dessen +Arme ließen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tür des +Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelöscht wurde und wieder +angezündet, daß es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nächte +vergingen, das wußte er nicht. + +Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die +Sonne am Tage hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tür des +Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhörte, wenn das Mädchen neben +ihm für einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an +seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze. + +Allmählich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages übte er +keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen +Gesicht des jungen Mädchens: es gefiel ihr nicht, daß er den Regen +vergessen, daß er sich aufrichten und sich umsehen konnte. + +Da fragte Kiri sie: «Wo sind wir?» + +«In Japan, Samurai», sagte das Mädchen ausweichend. + +Achtmal wurde die Laterne draußen ausgelöscht und achtmal wieder +angezündet, und Kiri hatte wieder zählen gelernt. Am neunten Tag fragte er +abermals das Mädchen: «Wo sind wir in Japan?» + +«Auf dem Biwasee, Samurai», sagte das Mädchen. + +«Sind viele Menschen auf dem See?» fragte Kiri. + +«Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines +Hauses.» + +«Aber ich höre viele Menschen auf dem See.» + +«O Herr, es sind nicht Menschen, die du hörst. Das sind die vielen Füße des +Regens.» + +Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am +Morgen ausgelöscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tür ging, +richtete er sich auf und fragte: «Wo sind wir auf dem Biwasee?» + +«Wir sind auf der Höhe von Karasaki, Herr», antwortete das Mädchen. Aber +ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der +Seide ihrer Ärmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mußte noch einmal +fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit +seinen Augen dem Mädchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurühren. Aber er +hatte ihr nicht befohlen zu schweigen. + +«Bleib doch bei mir, Samurai», sagte sie lauter und flehend. «Sieh, es wird +bald wieder Nacht draußen!» Und sie hob ihre weißen Händchen aus den Ärmeln +und langte nach den Zipfeln von Kiris Ärmeln und hielt sie mit ihren +kleinen Händen fester als ein Dornbusch. + +Da lachte Kiri über die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und +hörte für eine Weile wieder den Regen. + +Das Mädchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte: +«Was willst du draußen, Samurai, wo es immer regnet?» + +Und ihre Hände und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, daß Kiri +nicht aufstand und bei dem Mädchen sitzen blieb und sich schmeicheln ließ +und sie liebkoste. + +Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom +Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite +Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, daß es der +gelbe Vollmond war. + +«Wie kann es regnen», sagte Kiri zu dem Mädchen, «wenn der Vollmond draußen +neben der roten Laterne scheint?» + +«Es regnet immer nachts über Karasaki», sagte das Mädchen und war zwiefach +von der Laterne und dem Mond beschienen. + +«Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lögest. Ich höre keinen Regen +mehr.» + +«O, hörst du nicht mehr den Nachtregen über Karasaki?» sagte das Mädchen, +öffnete den großen Fächer und hielt ihn gegen den Mond und gegen die +Laterne, so daß ihr Gesicht dunkel war. + +«Ich höre keinen Regen mehr. Laß uns aufstehen, ich will den See und die +Ufer im Vollmond sehen.» + +«O, höre doch den Regen!» flehte das Mädchen. «Bleib!» Und sie hob wieder +ihre kleinen Hände, um ihn zu halten. + +Da befahl Kiri ihr, die Hände in die Ärmel zu verstecken, und sagte: +«Schweig!» + +Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nächten stand Kiri auf und +fühlte wieder, daß er Füße, Knie, Schultern, Ellenbogen und eine atmende +Brust hatte. Und aus dem schwülen Räucherwerk, das in dem Lackhaus brannte, +trat er durch die offene Tür hinaus in das Boot, das sich bei Kiris +aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drückte. + +«Ich will nach Karasaki fahren!» rief er den Ruderern zu. Und als er sich +gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des +Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei +hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie +schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hörte Kiri keinen Ton mehr im +Ohr, weder von den Trommeln, noch von den Mandolinen. + +Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot schoß jetzt auf +Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten. + +Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von +farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser. +Je näher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus +der Nacht. + +Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mädchen, das drinnen noch immer +auf der Diele des Boothauses hockte und sich nicht rührte. + +«Komm und sieh, wie Karasaki uns empfängt!» + +Ganz schwach hörte Kiri des Mädchens Stimme zurück: + +«O, komm wieder herein, Geliebtester! Komm herein zu mir! Das ist der +Nachtregen von Karasaki, der draußen im Mondschein glänzt. Es sind die +Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hörst und siehst du +nicht den Nachtregen?» + +Da stampfte Kiri ungeduldig, daß das Boot sich unter seinen Füßen noch +tiefer ins Wasser senkte, und rief: + +«Stehe ich nicht auf meinen zwei Füßen? Sehe ich nicht mit meinen zwei +Augen? Fühle ich nicht mit meinen zwei Händen, daß die Luft trocken ist!?» + +Da kam das Mädchen aus dem Boothaus und rief rasch zu den Musikantinnen auf +das Dach hinauf: + +«Spielt lauter! Bei allen Göttinnen bitte ich euch: spielt lauter!» + +«Spielen die dort oben, oder spielen sie nicht?» fragte plötzlich Kiri. + +«Zwei von ihnen spielten immer, Herr. Jetzt spielen aber alle sechs. Hörst +du nicht, Geliebter? Höre doch! Komm in das Haus! Du hörst vor dem +Ruderrauschen hier draußen nichts. Komm in das Haus!» + +«Nein, ich höre nichts. Aber welches Lied spielen sie?» + +«O Herr, sie spielen das Regenlied. Verzeiht! Sie spielen das Lied schon +seit Wochen, um dich einzuschläfern, Herr. Ich habe gelogen, Herr.» Das +Mädchen warf sich vor Kiri nieder. «O Geliebter, ich habe dich nicht von +mir lassen wollen. Das ganze Land war voll Krieg. Die Samurais aus dem +ganzen Land zogen in den Krieg. Seit Wochen tobt der Krieg. Als die Tempel +den Krieg verkündeten, habe ich dein Schwert verstecken lassen und habe +dich einschläfern lassen mit dem Regenlied und habe dich im Arm gehalten +und habe dich in eine Sänfte bringen lassen. Und die Musikanten, die das +Regenlied spielten, haben dich begleitet bis an den Biwasee, und ich habe +ihnen befohlen, sich auf das Dach zu setzen, und zwei von ihnen mußten +immer spielen, Tag und Nacht. Und ich habe dich nicht von meiner Seite +lassen können Tag und Nacht, vor Furcht, daß dich der Krieg töte, wenn du +ans Land gingest, und vor Furcht, daß der Tod dann mein Geliebter würde. + +Jetzt aber sehe ich, daß Friede am Land ist. Deshalb glänzt Karasaki +festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, daß Friede wurde, denn +dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hören, und ich +fühlte seit Tagen, daß ich dich nicht mehr aufhalten könnte, wenn du die +Musik nicht mehr hörtest und an den Regen nicht mehr glaubtest. + +Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt können wir +in unser Haus zurückkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die +Toten können sich nicht küssen, nur die Lebenden. + +Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Göttern, ich +hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich küßte! Warum wirfst du +dich auf deine Knie? Warum schüttelst du die Fäuste in die Luft? Warum +wird dein Haar lebendig und sträubt sich wie bei einer Katze? + +O Götter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet? +Suchen deine Hände dein Schwert an den Hüften? Ich will dir's bringen. +Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im +Lackhaus, im Wandschrank.» + +Während das junge Mädchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber +Kiris Gesicht leuchtete, als wäre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wölbten +sich, seine Fäuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte: + +«Mein Schwert!» + +Dann stürzte er an dem Mädchen vorüber in das Lackhaus und zerbrach die +Wandschranktür, die sich nicht sofort öffnete. Aber kaum berührten seine +Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann +weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die +Diele und preßte sein Schwert an seine Brust, als wäre es seine +wiedergefundene Geliebte. + +Eine Weile noch tobte sein Stöhnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein +tränenüberströmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den +Boden, löste den Seidengürtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert +aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der äußerst feinen +Schneide des Schwertes über den Haarbüschel an seiner nackten Brust, +schnitt ihn glatt ab und lächelte eine Sekunde zufrieden über die gute, +treue Schärfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mädchen, +mit einem Tonfall und einer Stimme, als wäre nichts geschehen: + +«Mach dich bereit! Wir müssen jetzt sterben!» + +Das Mädchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos +und bleich wie eine hingewehte weiße Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem +einen Wort: + +«Geliebter!» + +Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle +Muskeln an seinem Leibe zuckten, als würden sie von Zangen zerrissen. Darf +je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel +und selbst der große Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri +und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde hätte ihn mit ihrem Feuer +verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre; denn jeder Samurai +ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn +geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem +Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den +Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der +Tod des kriegerischen Feuers. + +Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versäumen. +Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines +Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hören. + +Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versäumt, so ist seine adlige +Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist, +wird ihm dann für immer genommen, und sein nächstes Leben ist das eines +gemeinen Mannes aus dem Volke. + +Doch das Schicksal gewährt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der +Zufall geben will und sein Mut, daß er im nächsten Leben als gemeiner Mann +einen Heldentod stirbt, -- dann erlangt seine Seele wieder die alte +Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurück. Bis dahin +aber muß er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden +von den niedersten des Volkes. + +Kiri sprach: «Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller +meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und +Liebe ist vor den Göttern unstrafbar. Darum hoffe ich, daß mich die Götter +begünstigen und dich und mich im nächsten Leben aus der Erniedrigung wieder +zum alten Adel erheben. + +Ich hasse dich nicht. Ich muß dich lieben trotz des Todes, den du uns +antust. + +Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben: + +Ihr Götter, könnt ihr durch einen Zufall drüben in Karasaki alle Lampen des +Friedensfestes auslöschen, dann will ich euch glauben, daß ihr mir im +nächsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden. +Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da +ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand +gehöre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Götter, euch ist nichts +unmöglich. Gebt mir das Zeichen!» -- + +Die rote Laterne draußen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den +Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des +festlichen Ufers wie feurige Girlanden über die rote Laterne des Kiels und +senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand. + +Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki plötzlich nicht mehr +auf. + +Kiri wartete und wartete und sagte mit gedämpfter und bewundernder Stimme +zu dem Mädchen: + +«Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung geändert haben und +nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst: +die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fährt in die Dunkelheit.» + +Das Mädchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber +sie blieb unter der Türe stehen und sagte: + +«Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki +ausgelöscht.» + +Da fragte Kiri lachend: + +«Ist es ein lauter Regen?» + +Das Mädchen beteuerte: + +«O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.» + +«Das ist der Regen der Götter. Aber ich höre ihn nicht», sagte Kiri +feierlich und hielt den Atem an. + +Das Mädchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu +Zeit fragte der Mann das Mädchen: + +«Wird der Regen lauter? Ich höre ihn nicht.» + +Dann hüllte das Weib sein Gesicht in die seidenen Ärmel und schluchzte. + +Kiri fragte: + +«Fürchtest du dich vor dem Tode?» + +«O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich fürchte mich vor der +Ungewißheit, ob die Götter mich im nächsten Leben mit dir leben lassen. +Wenn du wenigstens den Nachtregen über Karasaki wieder hören würdest, dann +würde ich das als Zeichen nehmen, daß die Götter mir verzeihen und mich im +nächsten Leben wieder mit dir leben lassen.» + +Und das Mädchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai, +als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte: + +«Ich höre den Nachtregen über Karasaki. Und ich höre, daß wir uns wieder +sehen und wieder lieben werden.» + +«O, Dank allen Göttern, und Dank auch dir, daß du mir verziehen hast, +Samurai. O, könnte ich dir im nächsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und +dir dein Schwert wieder schenken.» + +«Auch dieses werden die Götter erfüllen», antwortete Kiri, «denn wenn sie +zwei Lebenden zwei Wünsche erfüllt haben, so legen sie die Erfüllung des +dritten Wunsches als Göttergabe dazu.» -- + +Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert, +stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drückte es an seine +Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedärme ... + +Das Mädchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt; +als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden. +Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte +es an ihr Herz und stürzte sich in die Schwertspitze. + +Draußen tönte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn +fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne +stand still wie angemauert im Regen. + + * * * * * + +Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mädchen, +das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: «Wer bist du?» + +«Kennst du mich nun?» fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel. + +«Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib +mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.» + +«Wirf dein Netz aus!» sagte des Mädchens Stimme. + +«Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht länger ein +Fischer sein, seit ich weiß, daß ich einst ein Samurai war.» + +«Wirf dein Netz aus!» sagte die Stimme wieder. + +«Ich kann im Dunkeln nicht sehen», sagte der junge Fischer, «und ich habe +keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuzünden. Wie soll ich im Dunkeln +wissen, wohin ich mein Netz werfe!» + +«Wirf dein Netz aus und vertraue mir!» sagte noch einmal die Stimme. + +Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit +gewohntem Griff über den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft +und sagte zu dem Netz: + +«Geh zu den Göttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich weiß, daß +ich ein Samurai war.» + +Plötzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft +zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen +Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den +See. + +«Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht», sagte Kiri stolz in die +Luft. «Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich +weiß, wer ich bin.» + +«Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder über den Bootrand! Dann will +ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.» + +Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglühenden Strick +aus der Tiefe. Aber er fühlte, daß er keine Kraft besaß, den Strick nur um +das kleinste höher zu ziehen. Es war, als lägen steinerne Berge in seinem +Netz: der Strick rückte nicht von der Stelle. + +«Deine Kraft wird über dich kommen zu deiner Stunde», sagte das Mädchen. + +Aber Kiri war unwillig und schüttelte den Strick, verzweifelt über seine +Ohnmacht. + +«Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und +rudere!» befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so. + +Und wie er ruderte, schien es ihm, als würde der See in der Tiefe hell. + +«Sieh jetzt um, über deine Schulter in dein Netz; und alles, was darin ist, +wird deine Samuraiarbeit sein.» + +Kiri sah hinter sich den ganzen weiten See von den Maschen eines riesigen +feurigen Netzes leuchten. Drinnen in dem Netz lagen die zerstückelten +Leichen von abendländischen Offizieren, Arme, Beine, Köpfe, Kanonenrohre, +Bajonette, blutig, zerschossen, zerfetzt und zertrümmert. Es war, als +schleife das feurige Netz den ganzen See wie ein zuckendes Schlachtfeld +hinter sich her. + +Es schauderte Kiri. Entsetzt ließ er die Ruder ins Wasser fallen. Das +niedrige Gemüt des Fischersohnes überwältigte ihn. Er griff nach einem +Fischbottich, der auf dem Grunde des Bootes stand, und stülpte ihn über +seinen Kopf, um nichts mehr zu sehen. Er klapperte mit den Zähnen, daß der +Bottich dröhnte, und getraute sich mit seinem Kopf nicht mehr aus seinem +Versteck heraus. Er wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, bis ein +paar Fäuste von außen an den Bottich trommelten und ihn die Stimme seines +Vaters anrief: + +«Kiri, bei allen Göttern, was treibst du, Junge? Wo hast du dein Netz +gelassen? Wo sind deine Ruder?» + +Kiri zog vorsichtig seinen Kopf aus dem Versteck. Er sah im Morgendampf den +Vater im Strohmantel vor sich in einem andern Boot, und viele Boote waren +um ihn versammelt. Aber keiner der andern Fischer lachte ihn aus. Es +schien, als hätten sie alle dasselbe erlebt, denn alle waren bleich, und +alle waren ernst. Alle Boote drängten nach den Ufern; Boote, die sonst +wochenlang draußen zu liegen pflegten, -- alle kamen in Scharen +herbeigeströmt, und die Frauen der Fischer trippelten am Ufer, jede mit +einem Kind auf dem Rücken bepackt, und jede umgeben von einem Kinderkreis. +Aber der Uferlinie entlang standen im Morgennebel die rauchenden +Scheiterhaufen von großen Signalfeuern, die man angezündet hatte, um die +Fischer von draußen ans Land zu rufen. + +Und nun sah Kiri, wenn der Morgenwind die Rauchwolken zur Seite rückte, +Gruppen von kleinen japanischen Offizieren und Soldaten in europäischen +Uniformen. Bajonette blitzten im Morgennebel, und hie und da leuchteten rot +und gelb und golden im Morgengrau die Borten und Uniformaufschläge an den +Soldaten. + +«Kiri, du mußt in den Krieg», sagte der Vater. «Heute hat Japan den Krieg +mit Rußland angefangen, drüben über dem chinesischen Meer in der +Mandschurei.» + +«Ich bin kein Samurai! Ich will nicht in den Krieg», sagte Kiri. «Ich habe +schreckliche Träume heute nacht gehabt. Ich habe Netz und Ruder dabei +verloren. Ich will nicht in den Krieg und auch noch den Kopf verlieren.» + +«Du wirst nicht gefragt, ob du willst. Du mußt in den Krieg! Heutzutage +sind alle Männer, die einen rechten Arm und einen linken Arm, ein rechtes +Bein und ein linkes gesundes Bein am gesunden Leib haben, Samurais. Du bist +glücklicher als ich, mein Sohn. Zu meiner Zeit war das nicht so, und wir +armen Fischer bekamen kein Schwert vom Kaiser von Japan zugeschickt. Drüben +am Ufer stehen die Soldaten, die dir vom Kaiser einen neuen Anzug und +kaiserliche Waffen bringen. Geh in den Krieg, mein Sohn! Dort bekommst du +auch das Brot des Kaisers zu essen. Das ist ein Brot, das jeden Japaner +mutig und unsterblich macht.» + +Aber jetzt kam Kiris Mutter an das landende Boot gelaufen. Sie schüttelte +ihre Hände in die Luft und wehrte Kiri, er solle nicht landen, und rief: + +«Kiri, flieh, fliehe! Die Soldaten wollen dich uns holen! Schwimm in den +See hinaus! Der Biwasee wird dich verstecken! Eine alte Frau hat mir +prophezeit, daß du unsterblich bist vom Tage an, wo du den See betrittst, +aber daß du sterben wirst, wenn ein Krieg ausbricht und du ans Land +kommst.» + +«Mach deinen Sohn nicht feig, Wolke vor dem Mond», sagte der Vater zu Kiris +Mutter. Und er zog sein eigenes Boot mit beiden Händen ans Land, erwartend, +daß sein Sohn ihm folgen würde. + +Aber Kiri, bleich und grau vor kleinlicher Furcht, schlotterte vor Angst +und Kälte in seiner dünnen, blauen Leinwandjacke. Er tat, als wolle er +aussteigen, aber als sein Vater fortsah, griff er nach den Rudern in dem +Boote seines Vaters, stemmte ein Ruder auf den Kies und stieß sein Boot +zwischen den andern Booten durch in den See hinaus und rief seinem Vater +zu: + +«Ich will mein Netz noch suchen, das draußen bei meinen Rudern schwimmt.» + +In allen Kähnen, wo man die Unterhaltung des Alten mit dem Jungen gehört +hatte, lachten die ernstesten Leute hell auf über Kiris feigen Rückzug. + +«Er tritt den Krebsgang an», lachten einige Fischerburschen, die am Ufer +standen und Uniformen anprobierten. + +«Er wird wiederkommen», sagte der Vater dumpf. + +«Er ist unser einziges Kind. Er braucht nicht in den Krieg», jammerte die +Mutter. «Wir sind keine Samurais, die sich für andere töten lassen. Wir +sind arme Fischersleute. Er soll nur sein Netz holen! Kiri soll nur draußen +auf dem See bleiben, bis die Soldaten fortgezogen sind. Der See kann ihn +ernähren.» + +Kiri kam nicht am Abend und nicht am nächsten Tag und auch in den nächsten +Wochen nicht mehr nach Hause. + +Nach Monaten fanden Leute aus Karasaki Kiris Boot im Uferschilf versteckt, +und man sagte, er müsse wahrscheinlich im Schilf verborgen von Krebsen, +Wildenteneiern und Fischen leben. + +Aber als es dann Winter wurde, der See zufror, das Schilf abgemäht war und +die weiße Schneekruste an allen Ufern lag, und Kiri kam immer noch nicht zu +seinen Eltern heim, meinten einige, Kiri müsse ertrunken sein. Doch sein +Vater behauptete unerschütterlich: + +«Kiri ist in den Krieg gezogen.» + +Nur die Mutter wünschte, daß er noch auf dem See sei, wenn auch das Wasser +zugefroren war. Denn draußen auf dem See war Kiri unsterblich, wenn er auch +nichts aß, nichts trank. Er konnte nicht erfrieren, er konnte auf der +Eisfläche irgendwo liegen und schlafen, und im Frühling, wenn der Krieg aus +war, konnte er heimschwimmen. Alles dieses konnte möglich sein, dachte die +alte Frau, da die Prophezeiung Kiri für unsterblich erklärt hatte, so lange +er auf dem See bleiben würde. + +Aber der Frühling kam, und der Krieg dauerte, und Port Arthur hatte sich +noch nicht ergeben. Und das Schilf wuchs, und der See rauschte. Zwar waren +alle Männer im Krieg und keine Fischerboote auf dem Wasser. Aber so lange +Kiri nicht vom See heimkehrte, war er für seine Mutter unsterblich. + +Endlich war der Krieg zu Ende. Viele Fischer kehrten heim. Fast zwei Jahre +dauerte der Heimzug, bis die letzten angekommen waren. Dann baute man in +den kleinsten Dörfern aus Kiefernzweigen Triumphbogen. + +«Es sind noch ein paar Regimenter in der Mandschurei», sagte Kiris Vater zu +den Fischern; «Kiri kann noch immer heimkehren.» + +Aber die Leute verlachten den Alten wegen seines feigen Sohnes. Und auch +die Mutter sah nicht mehr auf den See hinaus, weil der Sohn nicht +heimkehrte und sie nicht mehr an seine Unsterblichkeit glaubte. + +Eines Tages hat sie ihren Zweifel laut ausgesprochen und zu ihrem Manne +gesagt: «Unser Sohn ist tot. Wir haben keinen Sohn mehr. Ich will heute +nacht eine kleine Kerze zu seinem Gedächtnis vor dem Gott des Biwasees in +einer Zimmerecke anzünden.» + +«Tu das!» sagte der Vater. «Ich will vor dem bronzenen Kriegsgott in +Karasaki eine Räucherstange für die Nacht anzünden lassen. Die Götter +werden uns vielleicht antworten und uns sagen, ob unser Sohn im Himmel bei +den Helden oder im See bei den Krebsen ist.» + +Die beiden Alten taten, was sie sich vorgenommen hatten. Und der Vater +kniete in dieser Nacht, das Gesicht auf der Erde, vor der bronzenen Statue +des Kriegsgottes von Karasaki. Die Mutter kniete zu Hause in der Zimmerecke +vor dem vergoldeten Gotte des Biwasees. + +Als es Mitternacht war, begann ein feiner Regen über Karasaki zu fallen. +Der Vater im Tempel konnte nicht beten. Er mußte immer dem Regen zuhören, +der auf die Ziegelhäuser der Tempeldächer pochte. Der Mutter zu Hause ging +es ebenso. Sie lauschte dem Regen, der auf die Altanen draußen fiel und an +die ölgetränkten Papierscheiben trommelte. Und sie mußte bei dem unruhigen +Regen die Schritte von zwei Fremden überhört haben, denn ein vornehm +gekleideter Samurai in schwarzer Zeremonientracht, eine vornehm gekleidete, +schwarze Samuraifrau in Schleppgewändern, die schoben gegen Mitternacht die +Türen zum Gemach der Alten auf und fragten sie, ob sie sich einen +Augenblick bei ihr ausruhen dürften. Sie seien auf dem Weg nach Tokio, wo +übermorgen das große Siegesfest sei, mit dem der Kaiser und die Minister +das Gedächtnis der großen Helden von Port Arthur feiern würden. + +«Mutter, laßt Euch im Beten nicht stören», sagte der junge Samurai. «Wir +sitzen nur einen Augenblick hier hinter Eurem Rücken und horchen auf den +Nachtregen von Karasaki.» + +Es regnete. Und Gebet und Regen schläferten die alte Frau ein. Ihr Mann, +der morgens vom Tempel heimkam, weckte sie, und sie hatte den Samuraibesuch +ganz vergessen. Das Zimmer war längst leer, und die beiden Nachtwanderer +waren verschwunden. + +«Liebe Wolke vor dem Mond», sagte der alte Fischer, «zieh deine besten +Kleider an! Nimm die Wandersandalen vom Nagel! Wir müssen eine Reise +machen. Der Kriegsgott hat es mir heute nacht befohlen.» + +«Wie kann ich auf meine alten Tage noch reisen?» sagte die Frau. «Wenn ich +wüßte, wo mein Sohn wäre, ja, dann würde ich hinreisen.» + +«Unser Sohn ist in Tokio», sagte der Alte. «Als ich heute nacht im Tempel +betete, kamen zwei Fremde herein und knieten an meiner Seite nieder. Es +waren ein junger Samurai und seine Frau. Da konnte ich nicht mehr beten und +ging auf die überdachte Tempelaltane und horchte auf den Nachtregen, der +über Karasaki fiel. Und, denke dir, wie ich dort sitze, kommt derselbe +Samurai, den ich eben noch drinnen neben mir knien sah, heraus. Aber er war +nicht mehr im schwarzen Zeremonienkleid. Er hatte Panzer, Schwert, Speer +und Helm des Kriegsgottes auf, und er deutete mit dem Speer nach der +Sternenrichtung von Tokio und er sagte: + +'Vater, du suchst deinen Sohn! Du wirst ihn in Tokio wiederfinden!' + +Für einen Augenblick war es mir, als wäre es Kiri selbst, der in der +altmodischen Rüstung vor mir stand. Wie ich aber genau hinsehen wollte, war +nichts als die Nachtluft um mich; und der große Hanfstrick, der über dem +Tempeltore hängt und die Geister vertreibt, schaukelte im Windzug, indessen +alle Tempeldächer im Regen wie Trommeln redeten.» + +«Hier bei mir war auch ein Samurai mit seiner Frau», sagte die 'Wolke vor +dem Mond'. «Ich habe ihn aber nicht als meinen Sohn erkannt. Er redete +fremd und feierlich und vornehm, wie ich Kiri nie sonst reden hörte. Er +blieb nicht lange hier mit seiner Frau. Er wollte nur etwas am Wege +ausruhen und dem Nachtregen von Karasaki lauschen. Wahrscheinlich hatte er +seine Tragsessel und die Träger vorausgeschickt, der Samurai. Denn ich +hörte keinen Laut ums Haus, nicht da sie kamen, und nicht da sie gingen. + +Aber wenn du sagst, daß dein Samurai im Tempel aussah wie unser Sohn, dann +erinnere ich mich, daß auch mein Samurai hier Ähnlichkeit mit Kiri hatte. +Aber wie hätte ich ihn erkennen können! Dieses Samuraigesicht war sehr +zerschlagen von Kriegswunden, und die Narben entstellten die Gesichtszüge. +Und die Narben waren so dicht über seinen Händen und über seinem Gesicht, +wie die Maschen in einem Fischernetz. Da war kaum ein fingerbreites +Stückchen Fleisch an seinem Gesicht, das nicht durch eine Narbe zertrennt +gewesen wäre. Ich habe meinen Sohn nicht erkannt.» + +«Du hast deinen Sohn niemals erkannt, 'Wolke vor dem Mond', aber du wirst +ihn in Tokio gleich erkennen», sagte der alte Fischer. + +Am nächsten Morgen reisten die beiden Alten nach Tokio. Erst mußten sie +wandern, und dann konnten sie die Eisenbahn nach Tokio benützen. Sie kamen +am Morgen dort an und nahmen sich nicht die Zeit, in ein Gasthaus zu gehen. + +Die Stadt war überfüllt von Japanern aus allen Landesteilen. Aber als die +beiden Leute vor den Menschenmassen in den Straßen standen, wurde ihnen +sehr bang, und sie fragten sich im Herzen: Wie sollen wir Kiri hier finden? +Eher findet man ein verlorengegangenes Ruder auf dem großen Biwasee, als +einen verlorengegangenen Menschen in dieser großen Stadt. + +Wie sie noch beratschlagten, kam ein Rikschawagen auf sie zugefahren, und +drinnen saß einer der angesehensten Männer aus Karasaki. Er war so hoch an +Rang, daß er die armen Fischerleute auf den Straßen von Karasaki niemals +angeredet hatte. Aber jetzt hielt er seine Rikscha an, winkte zehn +Rikschas, welche ihm folgten und in welchen dem Range nach lauter +angesehene Männer von Karasaki saßen, Männer, die im Krieg gewesen waren, +und Familienoberhäupter, die im Krieg Söhne verloren hatten. + +«O Herr», sagte der hohe Beamte und verbeugte sich aufs tiefste vor dem +alten Fischer, «welch ein Glück, daß ihr schon hier seid! Haben euch die +Kuriere des Kaisers geholt? Habt ihr die Telegramme erhalten, die man heute +nacht aus Tokio an euch schickte? Habt ihr den Sonderzug erhalten, mit dem +man euch heute hierher holen wollte?» + +Und alle andern Männer aus den zehn Rikschas standen mit tief gebeugten +Rücken vor dem alten Fischerpaar und getrauten sich nicht mehr, sich +aufzurichten, als verbeugten sie sich vor dem Kaiser selbst. + +Und nun schienen die Menschen auf den Straßen von Tokio und die Gesichter +auf den Straßen keinen Rücken und keine Rückseite mehr zu haben. Nur Wangen +und Augen und Augen und Wangen strahlten den beiden Fischersleuten +entgegen, ihnen, die die Eltern des großen Helden Kiri waren, von dem man +sagte, daß er vor dem Tor von Port Arthur eines dreihunderttausendfachen +Todes gestorben sei. Dreihunderttausendmal hatte er sich in den +Kriegsjahren dem Tod ausgesetzt. Immer dort, wo die Gefechte am schlimmsten +waren, sah man ihn auftauchen. Einmal schleppte er Arme voll Dynamit vor +das eiserne Tor eines Forts. Um den japanischen Truppen den Eingang in das +Fort zu verschaffen, lief er seinem Regiment voraus und warf am Eisentor +das Dynamit sich selbst vor die Füße und stampfte darauf, so daß das +massive Tor sich wie der Deckel einer Sardinenbüchse auftat; aber Kiri +blieb mitten in der Dynamitexplosion unversehrt wie ein Ei auf Stroh. + +In den Wolfsgräben, auf deren Grund die Russen Bajonette senkrecht +eingerammt hatten, warf Kiri sich hunderte Male steif wie ein Balken quer +über die Bajonette und ließ seine Kameraden über seinen Rücken laufen. Und +er blieb steif gestreckt, und sein Leib widerstand den Spitzen der +Bajonette, so hart machte der Mut seinen Körper, so hart, daß die Bajonette +nicht einmal seine Augäpfel zerschnitten hatten, bis der letzte seines +Regiments über ihn weggeschritten war. Dann stand er heil und unversehrt +auf. + +Zum letzten Male, als man von Kiri hörte, verdingte er sich verkleidet als +russischer Lotse, gelangte an das russische Admiralsschiff und führt es in +einem Morgennebel vor die Kanonen der im Nebel verborgenen japanischen +Flotte. Mit diesem Schiff war Kiri untergegangen, und niemand hatte ihn +seitdem wiedergesehen. + +Waffen, die er getragen, Uniformstücke, die seine Kameraden von ihm +aufgehoben hatten, alles lag jetzt auf dem Ehrenplatz im Kriegsmuseum, +dicht neben dem eroberten zerschossenen Feldbett des russischen Generals +Kuropatkin. + +Nun hatte es sich von Mund zu Mund auf den Straßen von Tokio +weitergesprochen, daß die Eltern des großen Kriegshelden Kiri, die Mutter, +die ihn im Schoß getragen, der Vater, der ihn gezeugt hatte, auf das +Paradefeld kämen. Dort stand ein mächtiger stacheliger Triumphbogen, +aufgebaut aus erbeuteten russischen Bajonetten. Weit über das morgensonnige +Feld blendeten die langen Reihen von erbeuteten russischen Kanonen, +aufgestapelten Stahlgranaten und eroberten Torpedogeschossen. Und über der +Holzhalle des Kriegsmuseums wimmelte ein Wald von erbeuteten Fahnen, die +den Himmel bunt belebten, ähnlich den bunten Scharen von Papierfischen, die +am ersten April über den Dächern flattern. + +Der Älteste der angesehenen Männer aus Karasaki sagte: «Alle diese Fahnen +hat euer Kiri erbeutet! Für jede seiner Heldentaten hängt eine Fahne dort +über dem Dach des Kriegsmuseums, in dem euer Sohn jetzt als ewiger Name +wohnt, angebetet vom japanischen Volk wie ein Kriegsgott.» -- + +Geehrt von Kaiser und Reich, kehrten die Fischersleute nach den +Friedensfeierlichkeiten wieder heim nach Karasaki. Und als man ihnen in der +Stadt Karasaki eine neue Hütte bauen wollte und dem Vater einen neuen Kahn +geben wollte, sträubten sich die beiden Alten und sagten: «Das Holz des +Kahnes und die Bambuswände der Hütte und die Papierscheiben, die mit uns +alt und grau geworden sind, und die mit Kiri so oft den Nachtregen fallen +hörten, -- alle diese Dinge sind wohltönend geworden vom Alter und den +Erinnerungen und wohltönend von dem Nachtregen, der melodisch auf sie +gefallen ist; wir leben im Alten wohler als im Neuen, wir alten Leute.» + +Den Regen von Karasaki hören bedeutet am Biwasee heute noch, daß dich dann +nie ein Mißlaut beirren wird; denn Kiris Heldenseele lauscht mit dir, und +dieser Nachtregen singt von Liebe und Unsterblichkeit. + + + + +Die Abendglocke vom Miideratempel hören + + +Der älteste Baum Japans steht am Biwasee, nicht weit von der Stadt Ozu, +nicht weit von den Tempelterrassen des Miideratempels, der auf grünem Hügel +über einem Kryptomerienwalde liegt. + +Als dieser viel tausend Jahre alte Baum nicht höher als ein Grashalm war, +leuchtete der harfenförmige Biwasee dicht bei dem Baumschößling ebenso wie +heute noch unverändert bei der alten, zerklüfteten Baumruine. + +Dieser älteste Baum Japans stützt sich jetzt wie ein gealterter Gott, der +Hunderte von Armen vom Himmel über die Erde ausbreitet, auf Hunderte von +Stangen, die gleich Hunderten von Krücken und Stelzen sein morsches Dasein +tragen. + +Damals, als der Baum jung wie ein Halm war, war aber der Miideratempel noch +nicht gebaut, und niemand hörte noch den wunderbaren Klang der +Miideraglocke, die abends beruhigend wie eine singende Frau ihre Stimme von +den Tempelterrassen an dem alten Uferbaum vorüber zur Harfe des Biwasees +schickt. + +Dieser Baum wurde in ferner Vorzeit aus China nach Japan herüber gebracht, +als winziges Würzelein zuerst; und in Japan erfuhr man erst sehr spät seine +chinesische Geschichte. + +Als der Baum so groß wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal +einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm +kamen, war er schon in den kräftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie +die Kryptomerienbäume des nahen Bergwaldes. + +So ein Baum, der nie von der Stelle rückt, und dessen Umgebung gleichfalls +nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein +vorzügliches Gedächtnis. Dieses drückt sich aber nicht darin aus, daß sich +sein Mark Gedanken macht über das, was gewesen ist oder was kommen wird, +sondern das Gedächtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Außenseite. +Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen, +Knorpeln, Schürfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer +stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich +dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich +verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrübelte sich seine Rinde und +faltete sich zu einer Zeichenschrift. + +Die Schriftgelehrten der Bäume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen, +die Vögel. Die Borkenkäfer und Borkenwürmer sind untergeordnetere +Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der +Rindenschrift, mitarbeiten. + +Diese Sprache der Bäume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch +vorzeitliche Bastkleider, Blättergewänder und verwildertes Kopfhaar trugen, +nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hieß Ata-Mono. + +Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurück; sie fällt vor die Entdeckung +des alten Baumes am Biwasee. + +Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum +entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib +unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand +geschrieben, daß jeder Mensch, ob groß oder niedrig, ob klug oder +beschränkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit +des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten könne, wenn er einmal im +Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der +chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit über dem Meer +in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und +nur von einigen «das Land des ewigen Feuers» genannt wurde, weil der +Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte. + +Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache, +bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinüberführen, denn nur +Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle +hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem +Ata-Monos Harfe liegen sollte. + +Ata-Mono saß jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der +Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rücken und sah mit seinem +Angesicht Tag für Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine +Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte. + +Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand +zurück. Da sah er in der Ferne über dem aufgerüttelten Meer ein vielarmiges +Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mächtiger, +belaubter Baum über das Meer geschossen. + +Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst für ein Gespenst, dann für einen +Drachen, und dann erkannte er, daß der vielarmige, riesige, aufgerichtete +Körper wirklich ein Baum war, ein grüner, frischer Kryptomerienbaum mit +feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbäume leuchten rot, wenn +sie naß werden. Dieser Baum troff von Seewasser, schoß an den kiesigen +Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom +Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere +Bäume fand, in deren Nähe er windgeschützt stehen blieb und sich mit seinen +Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte. + +Ata-Mono kannte keine Furcht; und als der wunderbare Baum wie eine rote +Fackel über das Wellengewühl des Meeres aufrecht daherkam und seine +finsteren Zweige wie schwarzen Rauch in die Luft streckte, da wich der +sehnsüchtige Träumer nicht zurück, denn er war ja der erste Vertraute, den +die Bäume sich unter den Menschen auserwählt und dem sie ihre Rindenschrift +in einer guten Stunde zu erkennen gegeben hatten; und er kannte keine +Furcht vor den Bäumen, auch nicht vor diesem seltsamen übers Meer +gewanderten Baumriesen. + +Ata-Mono legte sich in dieser Nacht unter den neuangekommenen Baum, nachdem +er Wurzeln und Rinde von Tang, Seeschlamm und Seemuscheln gereinigt hatte; +und er schlief ein mit dem Bewußtsein, daß dieser Baum zu ihm allein nach +China und sonst zu keinem andern gesendet war. Und er freute sich, am +nächsten Morgen aus der Rinde dieses Baumes Schicksale und Gedanken und +Wünsche dieser Kryptomerie zu lesen und vielleicht zu erfahren, wie er nach +dem kleinen Land des ewigen Feuers zu jener Harfe gelangen könne. + +Der Morgen kam, und Ata-Mono studierte bis zur untergehenden Sonne, ohne +zu essen, ohne zu trinken, ohne aufzuschauen, die Gruben, Windungen und +Furchen in der Rinde seines Baumkameraden. Aber es war ihm unmöglich, die +Zeichen der Rinde zu entziffern, er verstand nichts von der Sprache dieses +Baumes. Die Zeichensprache aller chinesischen Bäume konnte er lesen, an +diesem Baum aber blieb sie für ihn unleserlich. Und Ata-Mono weinte, als +die Sonne untergegangen war und er unter dem unbegreiflichen Baum saß, +unwissend und einsam. + +«Wenn ich dich nicht lesen kann, so sprich!» schrie er den Baum ungeduldig +an, als die Sonne zum letzten Male aufleuchtete und den Stamm rot bestrich. + +«Herrlicher, herrlicher Baum!» schrie Ata-Mono voll Entzücken, weil der +Baum von der Wurzel bis zur Krone wie eine feurige Kohle leuchtete. + +Der Baum schwieg. Die Sonne ging unter. + +Ata-Mono schrie: «Ich schwöre, daß ich nichts mehr essen und nichts mehr +trinken werde, bis du mich deine Rindenschrift lesen läßt, oder bis du mir +jemanden sendest, der mich deine Schrift lehrt.» + +Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll, +weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht +mehr atmen wollte. + +Halb erstickt lag er am Strande und haßte den neuen Baum und haßte China +und haßte seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit. + +«Ich will die Harfe vergessen», dachte er und lag in den letzten Atemzügen. +Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden +Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat +wieder festen Boden unter den Füßen. + +Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm +die Steine gedankenlos aus dem Munde und schöpfte frischen Atem. Dann +sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder +zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrübelt +hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe. + +«Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen.» Und Ata-Mono +bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grübchen im Sand und die +Wölklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bäume und +Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun ließ er auch sein +Gehör wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden +gelebt hatte, horchte, wie das Dünengras raschelte, wie die Dünenmäuse +miteinander wisperten, wie die Füchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie +die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein plätscherten. Und +nachdem er sein Gehör befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen +zu ihm, seine Zähne und sein Magen und sein gekühltes Blut: «Weißt du, es +gibt ganz andere Dinge zu essen, als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich +jahrelang genährt hast. Hörst du nicht? In der Ferne gackern Truthühner im +Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rüssel +scheint. Und Bauernhöfe sind in der Nähe, wo du Eier, Schweinespeck, +gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wärme +am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein +verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust?» + +Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu +ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, daß die Menschen Kleider +trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedörrtem +Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und +Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte, +zu gefallen wünschte. + +Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom +Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein. + +Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten +freundlich: «Guten Morgen, Ata-Mono.» Und Ata-Mono dankte und war +verwundert, daß man seinen Namen kannte, und er bat um etwas süßes Wasser. + +Und während er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging +eines der drei Weiber grüßend fort. + +Der erste Becher süßen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so +nahrhaft und so wohltuend, daß er glaubte, es würde ihn nie mehr dürsten. +Und er sagte zu den Frauen: + +«Ich werde euch später danken, wenn ich einmal reich werde.» + +Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und +sagten: «Du bist der Reichste im Lande!» Und ihr Gruß und ihre Ehrerbietung +machten, daß er sein Herz sich wieder erwärmen fühlte, als schiene ihm die +Sonne in den offenen Mund. + +Ata-Mono ging, gesättigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort, +tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbäume und kam +zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Häusern. Aber nahezu dreißig +Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreißig verneigten sich vor +Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an +dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und +hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darüber, daß das geschehen +war, und er wußte nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem +Unbekannten, machten. + +Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: «Unsere Männer sind bei der +Feldarbeit und wissen nicht, daß du kommst. Nur wir haben es eben erst +durch eine Frau erfahren, daß du nach China zurückkehrst.» + +Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken, -- so tief verfiel +er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust +hätten, sich um ihn zu kümmern. + +Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Häusern verlassen, da kamen +ihm auf der Landstraße über den nächsten Hügel und über den zweiten Hügel +und über den dritten und vierten Hügel schon neue Frauen und Mädchen +entgegen. Immer empfing er dieselben Grüße, und immer wieder mußte er +hören, daß die Männer bei der Arbeit seien. + +Ata-Mono ging über den fünften Hügel. Dort standen schon Reihen von Frauen +zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und +verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrängt. Aber kurz vor +Sonnenuntergang, am sechsten Hügel, dahinter die Hauptstadt der Provinz +lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saßen auch in den +Zweigen der Bäume, und ihre Gesichter waren glänzend wie Lampen am Abend. +Die oben in den Bäumen klatschten Beifall, und die, die unten standen, +verneigten sich und murmelten Beifall. + +Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Türmen der Provinzhauptstadt, wo +das Frauengedränge am Wege am dichtesten war, hörte Ata-Mono plötzlich +einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr, +und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand +senkrecht und zitternd fest vor seinem Fuß. + +Er staunte, aber er ließ sich nicht in seinem Weg stören und tat drei +Schritte weiter. Da stürzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine +zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der +dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und riß die Muschelkette aus seinem Haar +mit sich. + +Gleich darauf sah Ata-Mono, daß die Frauen auf den vier Türmen des +Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann +hinunterstürzten. + +«Was bedeutet das?» fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunächst +standen. + +«O, Herr, ein paar eifersüchtige Männer wollen Euch töten», sagte die eine +der beiden Frauen eifrig; die andere lachte. + +«Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrüßt?» fragte er +weiter. + +«O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach +China zurückkehren würdet, dürfe kein Mann sein Haus verlassen und kein +Mann die Straße betreten, da die Eifersucht der Männer grenzenlos ist, und +weil dich alle Männer hier hassen.» + +Ata-Mono sagte verwundert: «Ich habe seit Jahren keine Männer gesprochen. +Warum hassen sie mich, und warum sind sie eifersüchtig auf mich?» + +«Herr, Ihr wißt nicht, daß der Regent tief betrübt war, weil Ihr, der Ihr +der Erste seid, der die Sprache der Bäume verstand, -- weil Ihr China den +Rücken kehren wolltet.» + +Ata-Mono staunte: + +«Ich habe es niemand erzählt. Woher weiß der Regent, daß ich die Schrift +der Baumrinden lesen kann?» + +«Herr, man sah Euch ja täglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen +Wäldern, wie Ihr laut die Sprache der Bäume entziffert habt. Die Menschen +standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und +jetzt lesen alle unsere Männer und verstehen die Sprache der Bäume wie +Ihr.» + +«Sind sie deswegen eifersüchtig, eure Männer, weil ich der Erste war, der +die Sprache der Bäume verstand?» + +«O nein, Herr, sie sind eifersüchtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China +den Rücken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, daß Ihr an dem Tag, +an dem Ihr umkehren würdet und unter sein Volk zurückkehren, -- daß Ihr +dann die Wahl haben würdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder +unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst dürft Ihr als +Frau Euch erwählen. Aber Ihr müßt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses +Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewählt, wird man Euch morgen töten. +Der Regent will, daß Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und daß +Ihr nicht den Ruhm des Landes gefährdet, daß Ihr nicht auswandert oder eine +Frau aus einem andern Volke wählt als aus dem unsern. + +Die Männer, die vorhin von den Türmen gestürzt wurden, waren die Männer von +den vier schönen Töchtern des Regenten; diese vier Männer wollten Euch +töten, ehe Ihr die Stadt betreten hättet, weil sie bei Eurer Brautschau für +ihre Frauen fürchteten.» + +Ata-Mono sagte: «Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen. +So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig +Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin +ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine +Frau töteten, statt mich zu töten?» + +«Komm!» sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. «Lege deinen Arm um mich +und verkündige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben müssen. Und +ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer +vergeblich erwartet hast.» + +Ata-Mono fragte rasch: + +«Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbäume?» + +«Natürlich», sagte die Frau ebenso rasch. «Ich habe zwar nie einen solchen +Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner +Hand.» + +Ata-Mono fragte noch rascher: + +«Weißt du, wo die Harfe liegt, die ich suche?» + +«Natürlich», antwortete ebenso rasch die Frau. «Alle Bäume erzählen es, +daß die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt.» + +«Weib, weißt du den Weg dorthin?» + +«Natürlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau +gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen, +wenn du mich liebst.» + +«Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die +Unsterblichkeit mit mir teilen?» + +«Treu bleiben?» fragte das Weib und schmollte. «Das ist das Natürlichste +von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit +werde ich natürlich mit dir teilen.» -- -- + +Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt, +heißt es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm +um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches +immer so geläufig «natürlich» geantwortet hatte, sondern um eines, das +daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie +eine singende Glocke. + +Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Länder ehren heute +noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen. + +Als der große chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes +Weib nach glücklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am +Meeresstrande unter dem rätselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals +entziffert hat. -- + +Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den +harfenförmigen Biwasee, als die große Harfe, im Lande des ewigen Feuers +liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklärlichen Baumes, zu +einer Zeit, wo die Japaner noch in Blätterkleidern und mit ungekämmten +Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten +Apostel höherer Bildung und Gesittung wurden. + +Und wieder einige Jahrhunderte später, als die ersten chinesischen +Buddhisten-Mönche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des +Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrüderung aller +Weltallwesen lehrten und Mönche den Miideratempel mit seinen Terrassen am +Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rätselhaften Baumes, der +nun durch die Jahrhunderte stark und mächtig geworden war. Und jeder, der +zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines +Tages ein japanischer Mönch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die +Rinde des alten, rätselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis +dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der +Baumrinde den Satz: + +«O wisse, Mensch, und höre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir +und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe höher als die +Unsterblichkeit.» + +Und diesen Spruch las der japanische Mönch milliarden- und milliardenmal in +die Kronenäste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur +tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz. + +Nun erinnerte man sich auch, daß Ata-Mono, seitdem er glücklich mit dem +lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, daß er +sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus +der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als +Mönche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel +geläutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von +Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glücklichen Weibes +hat. + +Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krücken +gestützt. Zu dem Platze, wo er am See steht, führt ein hölzernes Tempeltor. +Seine Zweige sind mit Tausenden von weißen Gebetszetteln behangen. Tausende +von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der +verkündet: «Die Liebe ist größer als die Unsterblichkeit», und nennen ihn +«den Glücklichen», weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der +Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen +gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit vergaß. + + + + +Sonniger Himmel und Brise von Amazu + + +Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende, +milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt. + +Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie +sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten, +grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf, +unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und +Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von +dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von +spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die +Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die +Menschenstimmen über dem Wasser, -- Mädchen-, Frauen-, Männer- und +Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel +ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme. + +Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem +sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die +Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem +ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort +eingeatmet hat, -- eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees +eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei +Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glückseufzer die +Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich +anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glückseufzer +über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt. + +Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und +bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der +Seefläche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See +gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger +Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne +Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche +die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen +der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden +Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt +einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses +Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und +nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen +die Japaner, so daß man über den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses +hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu +versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der +Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen +Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das +Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu +benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung +des Sees, nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der +Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu. + +Nur so lange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels, +der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die +Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden +vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende. + +Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen +Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das +Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt +hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden +Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen +verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen +unten auf dem Seegrund. + +Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings +Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung +abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten +Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana +eingegangen ist. + +«Die Brise von Amazu hat ihn verlassen» oder «der Brise von Amazu trotzen +wollen», sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das +sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie +schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes +Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Träne. Dieser +Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins +Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm +einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert. +Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied +abends unter den Fenstern: + + Gab dir heute der sonnige Tag, + Als der See im Mittagsschlaf lag, + Freude und einen glücklichen Sinn + Und Götterkraft deinem Fuß im Schuh, -- + Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin. + Glück währt nie lang, + Wir sind um dich bang, + Glück und Tod bringt die Brise von Amazu. -- + +Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden +Knabenschulen an einem Sommertage in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den +ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen, +aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees +zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter. + +Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht groß und saß in je einem +Kahn. Nun wird in Ozu erzählt: Die heiße Mittagsstunde kam, und die Kähne +befanden sich auf der Höhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den +bläulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Kähne schienen zwischen +Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten. +Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser +beieinander. + +Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen +Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grünspanfarbig zu sehen +sind. Kirschbäume stiegen auf, als käme der rosigste Frühling noch einmal +in den Hochsommer herein, und kleine Mädchen in taubenblauen Gewändern +klatschten rhythmisch in die Hände und umwandelten die dunkeln Silhouetten +der Kirschbaumstämme. Bald gaben sie sich die Hände, bald breiteten sie die +Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knieenden. + +Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Kähnen unter +Kirschbäumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im +Hochsommer blüht, und wo die Mädchen den Frühlingsgottheiten eine +Tanzzeremonie ausdenken, um der lächelnden Kirschblüte zu huldigen. + +Kein Knabe war zu halten. Alle verließen die Boote, liefen auf die Wiesen, +kauerten im Kreis unter den Kirschbäumen und begleiteten mit rhythmischem +Händeklatschen die Mädchenfüße. + +Aber Kinder, die nichts vom Glückswechsel und von Beherrschung der +Glücksekunden verstehen, können auch nicht auf den Augenblick der +Windstille nach der Brise von Amazu achten. + +Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den +äußersten Spitzen der Kirschbäume, mit den glitzernden Grashalmen der +grünspanfarbigen Wiesen, legte sich plötzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat +ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den übers Wasser +wandernden Kindern zu: Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe +kehrte zurück, als die Brise von Amazu sich legte. + +Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trübes Glasmehl werden +und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle +Schulkinder im See verschwunden. + +Die beiden Schullehrer kamen drei Tage später, nachdem sie den ganzen See +abgesucht hatten, ohne Kinder zurück nach Ozu, wo der Jammer um die +verschwundenen Schulklassen so groß war, daß viele Väter noch in derselben +Nacht Selbstmord begingen und viele Mütter hinaus zum See stürzten und sich +ertränkten. + +Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nächsten Morgen tot +in seiner Wohnung gefunden, erwürgt von Nachtgeistern, sagten die Leute. +Der andere aber mußte seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist. + +Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hieß, und sagte, er +wolle sich ein Mädchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte, +warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglück über ihn und Amagata +gekommen sei, da schüttelte er nur den Kopf und sagte finster: «Auf Glück +folgt Unglück und auf Unglück Glück. Darum muß das Mädchen, das ich liebe, +aus Amazu sein und mir Glück bringen, weil ich dort mein größtes Unglück +hatte.» + +Wenige Tage später brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau +aus Amazu nach Ozu, schloß sein Weib in sein Haus ein und zeigte es +niemand. + +Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er größer wurde, dem ermordeten +Lehrer Amagata auffallend ähnlich. + +Nach der Geburt des Knaben trat eine Veränderung mit Omiya ein. Er +vernachlässigte seine Frau, er vernachlässigte sein Haus, er vertrank sein +Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine +kleine, kalte Pfeife, die er nie anzündete, die er aber alle Augenblicke +ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht. + +Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal +bekannt. Die Kinder flüchteten in die Häuser und versteckten sich hinter +die langen Ärmel der Mütter, wenn am Ende der Straße das Klopfen der +Tabakpfeife des Polizisten Omiya ertönte. Nachts schrien Knaben und Mädchen +im Schlafe auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorüberging und seine +Pfeife an die Hausecke pochte. + +Ältere Leute, die nachts noch bei der Kerze lasen, löschten das Licht aus, +wenn sie das Klopfen der Pfeife hörten. Junge Männer, die eben aus dem +Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in +das Teehaus und bestellten sich eine neue Tänzerin und Reiswein, um nicht +an das verrufene Klopfen denken zu müssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte +mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen. + +Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzählte keiner dem andern in ganz +Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengeräusch des Polizisten verursachte. Jeder +vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal +des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von +Omiya erlöst wurde. + +Es war in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der +damalige Kronprinz von Rußland Japan bereiste und, gefolgt von +verschiedenen japanischen Würdenträgern und begleitet von abendländischen +russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des +Miideratempels bewunderte. + +Es war am frühesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner +ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein großes silbernes Ei in +der Sonne, -- ein großes Silberei, das sich funkelnd um seine Längsachse +drehte. Über die Häuser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die +Augen der Menschenmengen, die in der Seestraße Kopf an Kopf standen und den +ausländischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom +Miideratempel zurückkam, -- den zukünftigen Kaiser jenes Landes, das so nah +an Japan grenzte, und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel +tragen, so daß man hätte glauben können, alle die schwerbestiefelten Russen +würden eines Tages dem kleinen Japan einen Fußtritt geben, daß es +zerstampft sein würde wie eine Fliege auf der Diele. + +Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraßen aufgereiht standen, +lächelten sauersüß, als dem russischen Kronprinzen vorauf in einigen +Rikschas ein paar riesige, schwerbestiefelte russische Generäle fuhren, die +während des Fahrens nichts von der Morgenschönheit des Biwasees zu bemerken +schienen, sondern mit noch übernächtigen Köpfen wie feiste Dämonen in den +kleinen Wagen saßen und halb eingeschlafen waren. + +An einer Straßenecke war der Polizist Omiya in dunkler, europäischer +Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand. +Ein kleiner, kurzer Säbel hing an seinem Gürtel. Seine Mütze war tief in +die Stirn gezogen, so daß ihn der glänzende Biwasee nicht blendete. + +Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an +den Mützenschild führen und den russischen Zarensohn grüßen. Aber die Leute +auf der Straße sahen plötzlich den russischen Prinzen im heftigsten +Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Säbel blitzte und zerbrach dann wie +ein Stück Glas und flog im Bogen in zwei Stücken über die Köpfe der +Zuschauer in eine Seitenstraße. + +Russische Uniformen und abendländische Fäuste sah man im Gewühl einen +Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von +Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, über +ganz Japan, über Rußland und über Europa, -- die Schreckensnachricht, daß +der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee +angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei. +Man erklärte diesen seltsamen Fall damit, daß der japanische Polizist in +plötzlichem Irrsinn und unter dem Einfluß der Tobsucht gehandelt habe. + +Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und +habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflüchtet. Und da alle +Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heißer, glühender Tag +war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentäter in den See +gelockt. + +Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fünfzehn Jahre alt. Das ist +das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und +einen Namen für ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen +des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben, +bis sie Kunde haben würde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen +Mannes. + +Einige Tage später, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rührte, +flog ein Kieselstein von der Straße her in den Reistopf. + +Die Frau streckte den Kopf über die Altane des Hauses und sah einen in +Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein großes Bündel gemähtes Schilf +auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und +um seinen Kopf, bis auf die Schultern, daß Omiyas Frau nur ein riesiges +Schilfbündel auf zwei Beinen wandelnd die Straße hinabgehen sah. + +Sie schüttelte verwundert den Kopf. Die Seestraße war zur Mittagsstunde +leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster +geschleudert hätte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fährt noch +einmal mit dem Kopf über den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang +der Männerbeine, die unter dem gelben Schilfbündel die staubweiße Straße +entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: «Das war Omiya.» + +Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte, +wäscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel +von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein über dem Herdfeuer +getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest: + +«Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist, +dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: töte ihn. Dann halte dich heute +um Mitternacht bereit. Du mußt mit mir auswandern. Hätte ich den +ausländischen Prinzen getötet und nicht bloß verwundet, so hätte ich Japan +einen so großen Dienst getan, daß meine Vergangenheit reingewaschen wäre, +reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir mißlungen, und +ich bin der Mörder Amagatas geblieben und der Mörder der Schulkinder von +Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der +Seehöhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im +Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht +gewußt. Du wußtest nur, daß ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben +muß. Ich habe dir vorgelogen, daß Amagatas letzter Wunsch war, daß du mich +heiraten solltest, wenn er tot wäre. Er hatte mir zwar gesagt, daß er dich +in Amazu besucht und verführt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, daß +ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen könnte. Tötest du das Kind +nicht, so werde ich es töten. -- Gehorche jetzt und rotte Amagata +vollständig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf +zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See +erzählte, daß er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen +und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser müde gekämpft +hatten, er und ich, und ich sah, daß alle Kinder ertrunken waren und mich +selbst beinahe die Kräfte verließen, veranlaßte ich ihn, mich vom Ertrinken +zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir größer als +dein Verlust, und indem ich eine Gleichgültigkeit heuchelte, die ich +niemals fühlte, und dabei erklärte, daß ich auf dich verzichten wollte. +Amagata, der kräftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rücken und +schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer. + +In Ozu verbreiteten wir das Märchen von der Brise von Amazu, das aber +trotzdem kein Märchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten +in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbäume und der tanzenden +Mädchen draußen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir über das +Wasser entgegen, und ich hielt dich glücklich in meinem Arm und verlebte in +dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis +plötzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis +deiner Verführung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwürgen, so wie ich +ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen +der Liebe zu dir erwürgt habe. + +Ich gestehe dir dieses alles heute ein, weil du mir hundertmal +versichertest, daß du mich mehr als Amagata liebtest. + +Mein Kampf gegen Amagata ist aber erst ausgekämpft, wenn sein Sohn nicht +mehr am Leben ist. Ich liebe dich. Darum töte Amagatas Sohn, wie ich für +dich getötet habe.» + +So sprach die Schrift des Kieselsteines zu der Frau. + +Der Reis verbrannte am Feuer, das Zimmer füllte sich mit Qualm. Aber der +Rauch verzog sich bald wieder, denn das Herdfeuer ging aus, weil die Frau +es nicht mehr schürte und den großen, flachen Stein in ihrer Hand hin und +her drehte und die Schrift, die winzig gekritzelte, entzifferte. + +Es wurde Nachmittag. Die Frau las immer noch. Wohl wunderte sie sich +manchmal, daß ihr Junge, der draußen auf dem See lag und angelte, nicht +heimkam und Essen verlangte. Aber der Stein in ihrer Hand, der die tiefsten +Geheimnisse zweier Menschenleben zu ihr redete, machte, daß sie bald wieder +Zeit, Ort und Wirklichkeit vergaß. + +Plötzlich weckte sie ein Gerede auf der Straße, Stimmen sprachen unter dem +Fenster den Namen ihres Sohnes und ihren eigenen Namen. Die Stimmen rannten +fort und kamen wieder. Füße und Stimmen drängten an ihr Haus. Die +Schiebetüre teilte sich, und die Stimmen drängten herein und umsummten sie, +und die vielen Füße traten zu ihr heran, und ebenso das Gemurmel. Und sie +dachte einen Augenblick: Ist der Reis wieder übergekocht, weil es so laut +wird? Da kamen Hände zu ihr, die ihre Hände streichelten. Vor ihr legte man +ein nasses, in graue Segeltücher gewickeltes Paket hin. Das roch nach dem +Grundwasser vom Biwasee. + +Und die Frau mußte an den Wasserkampf zwischen Amagata und Omiya denken und +an das Gemurmel und Geseufze und Gegurgel und Geschluchze der ertrinkenden +Schulkinder rings um die beiden kämpfenden Männer, und an Omiya, der +schwächer war und auch am Ertrinken war, und an Amagata, der sie zur Mutter +gemacht hatte, gleichfalls an einem heißen Tag, draußen im Boot auf der +Seehöhe, und der dann aus ihrem Schoß zu ihren Füßen hinrutschte und nach +dem Liebeskampf auf einem Haufen Segeltuch sanft einschlief, und den sie +dann zudeckte mit ihrem Gewand. Der See war ihr Hochzeitsgemach gewesen. +Der See konnte ihr nichts Böses tun. Was der Biwasee tat, war wohlgetan. + +War das Amagata oder Amagatas Sohn, der jetzt starr vor ihr lag in dem +nassen Segeltuch? + +Die Frau lüftete mit ihrer kleinen, abgearbeiteten Hand ein wenig das Tuch +des nassen Paketes. Da sah sie ein Endchen von dem Kleidersaum eines +Knabenrockes, den sie selbst genäht hatte. + +Sie sah tränenlos hin, ohne Erstaunen, und sagte zu dem Gemurmel und zu den +vielen Füßen, die rund um sie waren: + +«Es ist Amagatas Sohn. Der See hat mir Amagata damals geschenkt. Warum soll +ich nicht heute ihm meinen Sohn schenken!» + +Und das Gemurmel um sie verging allmählich, und die vielen Füße um sie +gingen aus dem Zimmer. Und es wurde still, als wäre das Feuer zum +zweitenmal im Herd ausgegangen. + +«Mein lieber Sohn», sagte die Frau, die neben dem ertrunkenen Knaben +kniete, «siehst du, hier ist ein Kopfkissen aus dem Biwasee.» + +Und sie schob dem Toten den großen, flachen Kieselstein, den sie immer noch +in der Hand hielt, unter den Kopf. + +«Ich sollte mich jetzt neben dich legen und für immer mit dir einschlafen, +Kind. Der Biwasee war mein Hochzeitsbett. Er könnte auch mein Sterbebett +werden, wie er deines geworden ist, Kind. Aber ich habe noch eine Rechnung +zu machen. Dein Vater Amagata würde mich nicht als deine Mutter im +Totenreich empfangen, wenn ich fortgegangen wäre von der Erde, ohne Omiya +zu zeigen, daß ich immer Amagatas Willen tat. Auch wenn ich Omiya +hundertmal sagte, daß ich ihn mehr liebte als Amagata, tat ich das, damit +er Amagatas Kind nicht schlüge und Amagatas Kind nicht verhungern ließe.» + +Dunkle Wasserflecken liefen von der nassen Segelleinwand über die +Strohdiele der Stube. Und die untergehende Sonne leuchtete rot über den See +draußen und rot über die Wasserflecken im Zimmer. + +Die Frau nickte und saß weiß in dem abendroten Gemach, als könne ihr auch +die Sonne kein Blut zum Weiterleben mehr geben. + +Die Frau nickte und sprach: «Vergossenes Blut braucht nicht mit vergossenem +Blut gerächt zu werden. Aber ich will Omiyas Seele in alle Winde +ausschütten, daß sie nie mehr in seinen Körper zurückkehren kann. Ich will +Omiyas Seele ausblasen, daß er hohl herumgeht und die Welt so leer sieht, +als wäre der Biwasee ausgetrocknet. Und ein unendlich großes Loch ohne +Glanz und ohne Welle soll den Platz von Omiyas Seele einnehmen.» + +Die Nachtzikaden begannen vor den Fenstern zu singen, und die Seelandschaft +draußen verflüchtigte sich in Dämmerung. Das kleine Zimmer mit der Leiche, +mit der toten Asche auf dem Herde, mit den dunkeln Wasserflecken auf der +Diele und mit dem regungslosen, blaßleuchtenden Frauengesicht neben der +Leiche war etwas so Stilles im Weltraum, daß im Fensterrahmen die +funkelnden Sterne am Nachthimmel dagegen wie gestikulierende, laute +Menschengesichter waren, wie ein Volksgetümmel, das Kopf an Kopf mit +glänzenden Augen vor den Fenstern ein Schauspiel erwartete. + +«Nur warten, nur warten!» nickte die Frau den Sternbildern zu, die sie für +Menschengesichter hielt. + +Dann knackte die Diele der Altane. Ein Gewand raschelte. In der Hand eine +kleine Blendlaterne, trat der ehemalige Polizist Omiya ein und ließ den +Laternenstrahl im Halbkreis durch das Zimmer leuchten. + +«Du hast ihn getötet! Gut. Komm!» sagte stoßweise seine Stimme. Und die +Blendlaterne, als wäre sie Omiyas drittes Auge, schoß abwechselnd einen +Strahl an die Decke und einen Strahl auf die eingewickelte Leiche am Boden. + +«Komm! Wir haben nichts mehr hier zu suchen in Ozu. Wir müssen am Ende des +Sees sein, ehe es Tag wird. Steh auf und nimm dein Kleid über den Kopf, daß +dich niemand erkennt.» + +«Setz dich hierher, ich habe zu reden!» antwortete Omiya eine Stimme, die +er nie gehört hatte. Und er fragte unwillkürlich erschrocken zurück: «Ist +Amagata hier?» + +«Amagatas Sohn war hier», antwortete die Stimme, welche Omiya nicht von der +Erde und nicht vom Himmel zu sein schien, -- eine Stimme, die war, als +spräche einer der bronzenen Versunkenen, die wie Statuen auf dem Grunde des +Biwasees stehen, einer von jenen, welche die Brise von Amazu überrascht +hatte, und die verschlungen wurden vom Unglück. + +«Wer bist du?» fragte Omiya. «Du bist nicht mein Weib, du, die da spricht.» + +«Du hast recht. Es ist Amagatas Weib, das zu dir spricht.» + +«Sagtest du nicht immer, daß du mich mehr liebst als Amagata?» sagte Omiya +rasch. + +«Du sagtest mir, Amagata hätte sterbend gewünscht, daß ich dich, Omiya, +lieben sollte; darum heiratete ich dich, seinen Freund. Aber niemals habe +ich dir gesagt und niemals dir gestanden, daß ich nur deshalb auf der Erde +blieb, nachdem Amagata tot war, um sein Kind zu gebären, damit dieses so +glücklich würde, wie ich glücklich war an meinem Hochzeitsmittag mit +Amagata auf dem See. Das Glück, das ich in Amagatas Armen auf dem See +draußen zum ersten Male genoß, wollte ich verlängern, wollte seinen Sohn +gebären und nicht sterben, bis Amagatas Fleisch und Blut die Liebe kennen +lernen würde und die glücklichsten Liebessekunden, wie ich sie gekannt +habe. Amagata, mein toter Geliebter, sollte in seinem Sohn für mich +weiteratmen.» + +«Verflucht!» brüllte Omiya. Und seine Kehle gurgelte wilde Laute, wie die +Kehle eines, der im dunkeln Wasser um sich schlägt und Wasser schluckt und +schreien will und um sich speit und nicht Luft zum Schreien findet. + +Dann verlosch die Blendlaterne. Es geschah scheinbar nichts im Dunkeln. +Kein Seufzen, kein Schrei mehr. Doch fanden am Morgen die Leute von Ozu die +kleine, blasse Frau des Omiya erwürgt neben der Leiche ihres ertrunkenen +Sohnes. + +Omiya aber blieb unauffindbar und ungestraft, was gleich ist mit der +größten Strafe der Götter. + + + + +Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen + + +In der alten Hauptstadt Kioto, in der ältesten Künstler-, Tempel- und +Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag erhalten, +die Gemächer eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel zog sich die +kaiserliche Familie in den Sommertagen zurück und pflegte dort einige +Wochen unter der Obhut der reichen Mönche zu wohnen. + +Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in +Scharen über die Wände flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen auf +Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf +Silberpapiergrund einen Saal, wo große Meereswellen aufrauschten und die +vier Wände umschäumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll von +Katzenmüttern und jungen Katzen, die in Blumenkörben spielten und die +Blütenköpfe großer Päonien zerzupften. + +Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der +schäumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen. + +Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmückung viel Anteil nahmen, +ließen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Sänften und mit großem +Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde in dem neuen +Saal. Und sie nahmen öfters ihre jungen Prinzessinnen mit, drei an der +Zahl. Und der Kaiser sagte zur ältesten eines Tages, als sie den Tempel +wieder besichtigten: + +«Wünsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler die +Freundlichkeit und werden von glücklichen Augenblicken begünstigt, dir +einen Saal zu malen nach deinem Einfall.» + +Die älteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf +ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wünschte sich einen Saal voll +Schoßhündchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr diesen +Saal. + +«Nun wünsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst!» sagte der Kaiser +zur zweitältesten Prinzessin. + +Diese wünschte sich etwas ganz Unmögliches: einen Saal, wo der Mondschein +käme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten. + +Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in +zwei Teile. Die eine Hälfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und +jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond +aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge der +Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben dulden +wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bäume in jeden Saal mit brauner +Sepia gemalt. + +Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt, +was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wünschte. + +O, sagte sie, sie wünsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgänse, die +durch die Luft flögen, graue und weiße Wildgänse, im Zickzackflug, rund um +den Saal. Aber jede Gans müsse so hinter der anderen fliegen, daß sie alle +zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten. Dieses +Zeichen würde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten Hügellinie und +der Fluglinie der Gänse gebildet. Nur in Katata am Biwasee könnten die +Maler den Gänseflug, den Baum und den Hügel zusammen treffen. Nur einmal, +an einem Frühlingsabend, habe die Prinzessin bei einem Ausflug in Katata +die Wildgänse so fliegen sehen, daß sich das wunderbare Schriftzeichen +zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der Gänseschar, aus der +Silhouette eines Hügels und aus einer Baumlinie bildete. + +«Und das nennst du ganz einfach?» sagte der Kaiser. + +«Es war ganz einfach, als ich es sah», antwortete die Prinzessin. + +«Es wird nicht zu malen sein», sagte die Kaiserin. + +«Dann wünsche ich keinen gemalten Saal», sagte die Prinzessin. + +«Und wie hieß das Schriftzeichen?» fragte der Maler Oizo, als der Kaiser +und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklärten. + +«Das hat die Prinzessin vergessen», wurde ihm zur Antwort. + +Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und Goldpapier +beladen nach Katata, um den Flug der Wildgänse zu studieren. Aber da es +Juli war und keine Wildgänse um diese Zeit vorüberziehen, mußten sie warten +bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hügellinie und die Baumlinie. +Aber da es Sommer war und die Bäume belaubt, und da die Hügel voll hoher +Gräser wehten, fand er nirgends die Linie freiliegend. + +Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in +Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bäume am Ufer, welche wie +Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung krümmen, +und Wachteln, die in den Reisfeldern brüten, und Wachtelmütter, die mit +ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese Bilder nach +Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich die Prinzessin +zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voller Uferbäume und +Fische. + +Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser und +die Kaiserin schwiegen. + +Da wurde der große Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata zurück. +Dort wohnte er in dem Hause eines Töpfers auf einem Hügel. Der formte aus +dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weiße Vasen, die er mit grüner und +blauer Glasur überzog, so daß sie spiegelten wie das grüne und blaue +Uferwasser des Biwasees in den Frühlingstagen. + +Der Töpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein +Aprilwind. Sie saß am Töpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen ihres +Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schüren und die Holzkohlen +aufzufüllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und schwarz an den +Händen, daß der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals gesehen hatte. + +Oft saß er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schürte, und er zeichnete +nachher die roten Korallenäste des Feuerflackerns. Natürlich wußte ganz +Katata, daß die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten, bis die +Wildgänse in den Oktoberabenden fortflögen. Und auch «Graswürzelein», wie +die Tochter des Töpfers hieß, wußte, daß Oizo jetzt traurig war, weil er +den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen konnte. + +Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Töpfers zwischen dem +Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig +beleuchtet, rot und blau wurde und Graswürzelein mondblau und feuerrot, +zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan saß, seufzte der +Maler in seiner Altanecke ärgerlich und trotzig darüber, daß der Prinzessin +nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen hatte und auch +der Kaiser und die Kaiserin darüber geschwiegen hatten. + +Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Töpfers und sagte: + +«Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin +denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges +der Wildgänse zeigen.» + +Und Graswürzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und +zeichnete auf einen weißen ungebrannten Tonkrug ein paar Linien. + +«Sieh her, Meister!» sagte sie. «Was heißt das auf japanisch, was ich hier +schrieb?» + +«Das heißt», sagte Oizo und betrachtete flüchtig den Krug mit dem +Schriftzeichen, «ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich +nicht, weil du fortsiehst.» + +«Sieh, Oizo», sagte Graswürzelein, «dies denkt die Prinzessin, denn sie ist +wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und sie will +das Schriftzeichen durch den Gänseflug in ihren Saal gemalt haben und will +den Mann dann in den Saal führen und ihn von den Wänden ihren Willen lesen +lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus drei Teilen. Sieh hier +die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes. Waagrecht durch die Gabel +hindurch siehst du die Brustlinie eines ansteigenden Hügels und darüber die +vielfach zackige Fluglinie einer unendlich langen Reihe von grauen und +weißen Wildgänsen. Aber zugleich siehst du: die grauen Gänse verschwinden +in der Dämmerung und unterbrechen die Linie, wogegen die weißen sich als +Schriftzeichen vom Abendhimmel abheben.» + +Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhörend: + +«Und woher weißt du, daß die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint: ich +liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil du +fortsiehst?» + +«Das ist ganz einfach», lachte Graswürzelein. «Mein Vater machte einmal +eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so daß die Glasuren +nicht gleichmäßig trockneten und sich seltsamerweise dieses Schriftzeichen +bildete, indem der weiße Grund der Vase in Zickzacklinien durch die +blaugrüne Glasur schimmerte. Flüchtig hingesehen, erschienen die weißen +Linien wie ein Flug Wildgänse, die in einer Landschaft über Baum und Hügel +hinflogen. + +Die Vase gefiel einem Mönch, der sie sah und ausnehmend schön fand, da sie +zugleich Bild und Schriftzeichen deuten ließ. Die Prinzessin hat +wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr gesagt, +daß das Bild darauf den Flug der Wildgänse in Katata darstellt. Aber ich +denke mir, daß das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der Flug der +Wildgänse», lachte Graswürzelein. + +Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte: + +«Also dieser Baum und dieser Hügel sind gar nicht in Katata? Und nur die +Wildgänse fliegen hier vorüber im Frühling und im Herbst?» + +«O ja», sagte Graswürzelein nachdenklich. «Der Baum lebt wohl hier irgendwo +und der Hügel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der Welt. Es war +auch kein Zufall, daß ich das Feuer damals schlecht schürte, und daß die +Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen die Götter hier bei uns +in Katata.» + +Und während Graswürzelein das sagte, öffnete sie die Feuerluke, zerschlug +den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt hatte, sammelte +die Scherben und warf sie ins Feuer. + +«Was machst du da?» sagte Oizo verblüfft. + +«Ich habe zuviel geredet, und das ärgert mich», sagte Graswürzelein. +«Deshalb zerbrach ich den Krug.» + +Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstück hin und sagte: + +«Nimm dies einstweilen als Dank für deine Aufklärung. Ich gebe dir später +mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgänsesaal bezahlt hat.» + +Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nächsten Morgen nach +Kioto zu reisen. + +Aber Graswürzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstück in das Feuer +des Ofens, geradeso, als wäre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo Lebewohl +sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie: + +«Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich weiß ja doch, daß du wiederkommen +mußt.» + +«Das wäre nur ein Zufall, wenn ich wiederkäme», sagte Oizo. + +«Die Götter von Katata kennen keinen Zufall», murmelte Graswürzelein und +blies in das Feuer. -- + +Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des +Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dämmernden Baum im Abend, die +Hügellinie und grau und weiß die große Zackenschleife in der Luft, welche +die fliegenden Wildgänse beschreiben. + +Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer Maler, +der auch draußen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus, weil er sich +immer so geheimnisvoll in den Saal einschloß, den er malte, und die andern +nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des Gänsefluges hieße. + +«Du machst dich lächerlich, daß du dich hier einschließt und nichts von der +Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir in die +Theaterstraße von Kioto. Ich verspreche dir, daß ein Besuch in der +Theaterstraße deiner Malerei mehr nützen wird, als du glaubst.» + +Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und +ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab über die Brücke +in die Stadt zur Theaterstraße, wo erleuchtete Budenreihen und farbige +Lampen waren und große Leinwandmalereien in der Nachtluft wie Fahnen +flatterten und Szenen aus den Theaterstücken schilderten. + +Verblüfft blieb Oizo am Eingang der Straße stehen. Da war ein +Papierlaternenverkäufer. Der hatte Lampen aus ölgetränktem Pflanzenpapier, +und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des geheimnisvollen Gänsefluges +gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte, das Schriftzeichen der +Wildgänse, des Hügels und des Baumes, von dem er geglaubt hatte, daß es nur +allein ihm, der Tochter des Töpfers und der Prinzessin bekannt sei. + +Oizo schwieg und verbiß sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen +spitzbübischen Verrat. + +Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem größten Theater in der +Mitte der Straße. Da zeigten auch die Theaterbilder außen an der Zeltbude +rund um die Zeltwand den Flug der Wildgänse. Zugleich kam ein +Straßenverkäufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an: aus +Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgänse, die an einer Seidenschnur hingen +und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform dahinflatterten. Ein +Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkästchen, darauf der Flug der Wildgänse +über Baum und Hügel ging, und alle diese Dinge prägten das Schriftzeichen +aus, das wie eine Liebeserklärung jene Worte sagte: + +Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du +fortsiehst. + +Ganz verstört, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich, und +er blieb im Menschengedränge stehen und wollte seinem Freund entlaufen. +Dieser hielt ihn am Ärmel fest und rief ihm zu: + +«Laß dir doch erklären, woher ganz Kioto den Flug der Wildgänse und das +Bild, das du malen willst, kennt. + +Du weißt, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthändler. Dessen Tochter +brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen Zwerggarten +in mein Zimmer. Darin blühte ein ganz winziger Kirschbaum. Der Baum war +nicht höher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein künstlicher Hügel +aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend hinter einen weißen +Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche kleine Wildgänse im +Schleifenflug gemalt waren. Sie zündete eine Lampe hinter dem Schirm an, so +daß der Schatten des Zwerggartens, des Baumes und des Hügels, auf den +weißen Schirm fiel und sich darauf abzeichnete und Garten und Gänse ein +einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber zugleich konnte man das Ganze +auch für ein Schriftzeichen halten. + +Ich verstand sofort, daß sie mich liebte, und daß dieses Bild eine +Liebeserklärung sein sollte. + +Ich kümmerte mich nicht um ihre Erklärung, nachdem ich den gesuchten +Wildgänseflug von Katata, der eine Liebeserklärung darstellt, so deutlich +gesehen hatte, daß ich ihn malen konnte. + +Ich wollte am nächsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus, +wo ich fünf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tänzerin den +Wildgänseflug von Katata bereits erklärt, dem andern ein Fischermädchen, +bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fünften andere +Mädchen von Katata, so daß wir alle merkten: das Schriftzeichen des +Gänsefluges war ein öffentliches Geheimnis der jungen Mädchen in Katata und +wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild +und so weiter, wenn ein Mädchen von Katata einem Manne eine Liebeserklärung +machen wollte. + +Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewußt. Aber jetzt kennen das +Schriftzeichen des Wildgänsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil +alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata waren. +Auch der kaiserliche Hof weiß es längst, und die junge Prinzessin ist +bereits von dem ganzen Hof als lächerlich erklärt. Der Kaiser und die +Kaiserin sollen sehr ärgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf +verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der +Prinzessin geliebt zu sein.» + +Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte: + +«Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht böse sein, +weil ich den Wildgänseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und +nicht mit Lust an der Liebeserklärung des Schriftzeichens.» + +«Doch, doch», sagte sein Freund. «Du mußt fliehen, du mußt dich verstecken, +bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin +verschlossen halten und garnicht zeigen. Aber du mußt fortbleiben, bis man +die Liebeserklärung der Prinzessin vergessen hat. + +Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem +Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser draußen wird dich niemand suchen, +und du kannst den Booten ausweichen.» + +«Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei», sagte der Maler Oizo. +«Aber du hast recht. Ich will fliehen und will mich verstecken, bis der +Saal der Prinzessin vergessen ist.» + +Oizo verließ Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er +mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See. + +Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrühling. Viele Tage lang +lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hörte +nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes. + +Eines Tages ließ er sein Boot treiben und sagte zu sich: «Ich will +aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, tötet mich die +Langeweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen dürfen. Und wo jetzt +das Boot landet, weiß ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir längst +in der Seele vorgeschwebt hat.» + +Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata. + +«O, unglücklicher Ort», sagte Oizo. «Soll ich also wirklich das Bild vom +Flug der Wildgänse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was +mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Götter haben das Boot +gelenkt, die Götter werden auch meine Schritte lenken.» + +Der Maler stieg ans Land und ging über den leeren Strand, auf dem kein +Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen. + +«Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleißig war und Fische malte. +Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur +Faulheit verdammt hat.» + +Plötzlich bückte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf, +die blau irisierend und rot irisierend mit weißer Innenschale und schwarzer +Außenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand +leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schüttelte den +Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich: + +«Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot +irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich weiß +gewiß, daß es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergeßlich +nebeneinander sah.» + +Wie er noch dachte und seinem Gedächtnis noch nicht auf den Grund kommen +konnte, kam ein japanisches Mädchen hügelabwärts zum Seewasser hin. Sie +trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schüttete den Inhalt des Korbes, +der wie Erde aussah, ungefähr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den +See. + +«Was machst du da?» rief der Maler ihr zu. + +Das Mädchen sah sich nach ihm um, streckte plötzlich die Arme von sich, +stieß einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder +einem Gott ins Gesicht sähe, hüllte ihr Gesicht in ihre Ärmel, kniete am +Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser. + +Oizo rief: «Haben denn die Götter dir deinen Verstand genommen, weil du +dich ertränken willst, Mädchen?» + +Oizo sprang hin, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen sich eifrig +das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshälfte, die noch +voll Ruß war, die Tochter des Töpfers, Graswürzelein, die aus dem Brennofen +ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte. + +«Was machst du da?» fragte Oizo noch einmal. «Ich hätte dich beinah nicht +erkannt, Graswürzelein, weil du zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß +bist.» + +Graswürzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere +Gesichtshälfte rein, und während sie sich mit dem Innenfutter ihres Ärmels +Gesicht und Hände trocknete, fuhr sie den Maler ärgerlich an: + +«Ich wollte gar nicht, daß du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so +plötzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See +geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ruß +vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja +nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.» + +Und wirklich, Oizo konnte das weiß gewaschene Mädchen kaum erkennen. + +«Du sagst, ich hätte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur +schwarz gekannt.» + +«Doch, doch», nickte Graswürzelein. «Erinnerst du dich nicht, Meister, da +ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgänse von Katata beschrieb? +Erinnerst du dich nicht? Es war im Mondschein. Du saßt auf dem Altan und +ich am Ofen im Hof.» + +«Du warst rot und blau beschienen», sagte Oizo, «wie die Muschel hier, die +mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das +Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond +und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen.» + +Graswürzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst. + +«Nein», sagte sie und schüttelte den Kopf. «Du darfst nicht mehr in unser +Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschürt, so lange du da warst, +und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.» + +«Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst», meinte Oizo. «Die Tonvasen +will ich deinem Vater alle bezahlen, während ich dich male. Rede und sage +deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll?» + +Graswürzeleins Wangen erröteten, und sie hielt rasch ihre Hände an die +Wangen, um die Wangenröte mit den Händen zu verbergen. + +Oizo sah staunend, wie schön das Mädchen war, und hörte, wie ihre Stimme +wisperte und rhythmisch sang, während sie sprach, als ob das Schilf vom +Vorjahr wieder um ihn sänge. + +«Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswürzelein? Es kommt +eine lauwarme Luft über den See, und die Abende sind schon lang und hell. +Ich glaube, die Wildgänse müssen bald wiederkommen.» + +«Ja, bei den Göttern, das ist wahr», seufzte das kleine Mädchen. «Die +Wildgänse möchte ich dir auf dem See zeigen, Meister.» Und ein Lachen +blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzten. +«Das ist die Luft der Wildgänse heute abend. Du hast sie nie vom See aus +kommen sehen, Meister?» + +«Nein, ich sah den Wildgänseflug nur vom Land, über Hügel und Baum.» + +«Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen», nickte das Mädchen eifrig; und +ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hände redeten schnelle Sätze, die +sie nicht aussprach. + +Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein +Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er +wolle. Oizo fühlte und verstand natürlich an der Röte und Blässe des +Mädchens, daß sie eine Herzensregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und +horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das +Mädchen wurde in seinen Augen immer schöner, und er hätte es gern umarmt. + +Der Biwasee lag wie Öl so glatt, und auch die Luft war wie Öl. Als legte +man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen +Vorfrühlingshimmels auf dem Spiegel des Sees. + +Graswürzelein legte plötzlich die Ruder ins Boot und sagte: «Still! Sie +kommen!» Und gleich darauf wiederholte sie: + +«Still! Sie kommen!» + +Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er +wußte nicht, daß seine Stimme fortwährend in den Ohren des Mädchens summte +und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete. + +Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte: + +«Still! Sie kommen!» Denn auch er hörte das Mädchen in seinem Blut reden, +-- sie, die kein Wort sprach. + +Dann war es, als wenn Ruderkähne hoch in der Luft mit großen Ruderschlägen +herbeiführen, und als ob Mühlen sich drehten mit unsichtbaren Rädern. Und +Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen +glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille über den See schufen, +klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im +Abendgrau zu weißen fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette über +den Köpfen des Mädchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser +nach, wie eine Reihe weißer winkender Tücher. Die weiße Geisterkette +beschrieb eine weiße Schleife am Himmel und eine weiße Schleife im +Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterließ +Atemzüge von Befremdung, von Sehnsucht, als wäre die Luft mit unerfüllten +Wünschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgänse von Katata angefüllt. + +Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wäre die Dunkelheit wie ein zweites +Wasser aus der Tiefe gestiegen und stünde über den Köpfen der beiden +Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie +ein durchsichtiges Ei, im Westen über dem Strand. + +Oizo konnte nicht Graswürzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im +Schiff, suchte ihre Hände, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre +beiden Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides gewickelt, als hätte man ihr +die Hände abgeschlagen. + +«Gib mir deine Hände! Ich will sie dir wärmen, wenn du frierst. Oder +fürchtest du dich vor bösen Seegeistern, daß sie dich an der Hand nehmen +könnten? Hab keine Furcht, Graswürzelein! Du bist zu schön. Alle Götter +müssen dich beschützen. Auch die bösen Götter werden gute Götter, wenn du +sie ansiehst.» + +«Was willst du von mir?» sagte das Mädchen. «Habe ich dir nicht den Flug +der Wildgänse über den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen +können, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?» + +«Die Liebeserklärung?» fragte Oizo. + +«Die Liebesabsage», flüsterte erregt und hastig die Tochter des Töpfers. + +Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die +im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn +die Mädchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er +abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgänse im Wasser und am Himmel, vom See +aus gesehen, bedeutete in Sprachzüge übersetzt: + +«Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht +nach dir um.» + +Welch sonderbarer Zufall, daß der Wildgänseflug sich doppelt deuten ließ, +je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfügte oder nicht. Daß +Graswürzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage +gab und ihn vielleicht zur Annäherung reizen wollte, begriff Oizo sofort, +denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwängert von Verlangen und +schweigender Zuneigung. + +Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand +keine Abwehr. Graswürzelein versteckte nur beschämt ihr Gesicht in des +Malers Brustgewand. + +Oizo erzählte ihr rasch: + +«Du weißt nicht, Graswürzelein, daß ich wie ein totes Holz draußen auf dem +See seit Tagen herumtreiben mußte, daß ich es endlich nicht aushalten +konnte, daß mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklärung der +Prinzessin fliehen mußte. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges +der Wildgänse weiß, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich +die Spiegellinie im Wasser hinzufüge. Und niemand im Land wird mehr sagen +können, daß die Prinzessin sich lächerlich gemacht hätte, sondern daß sie +sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen +dann im Saal das Schriftzeichen lesen: + +Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht +nach dir um. + +Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht +mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem +eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleide +des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und +alle sollen sagen: das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf +allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den +Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: +_Still! Sie kommen!_» + +Da wickelte Graswürzelein ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo. + + + + +Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen + + +Unter den zehn Teehausmädchen im Teehaus von Ishiyama war «Hasenauge» eines +der unscheinbarsten. Sie war nicht feurig, sie tanzte auch nicht sehr +lebendig, sie schminkte sich unordentlich und trug die vier Schleppen ihrer +vier Seidenkleider nicht in der richtigen Abstufung übereinander. Aber sie +konnte Geschichten erzählen, kleine winzige Geschichten, die nur fünf +Minuten dauerten, aber fünf Tage zum Nachdenken gaben. Deshalb war sie in +aller Unscheinbarkeit eine Kostbarkeit für das Teehaus in Ishiyama. + +«Hasenauge» kannte dreitausend Geschichten allein über den aufgehenden +Herbstmond, der, von Ishiyama gesehen, als eines der herrlichsten +Schauspiele über den Biwasee gilt. + +Ich will drei dieser nachdenklichen Geschichten hier wiedererzählen, die +alle den Herbstmond von Ishiyama teils als Hauptperson, teils als +Hintergrund haben. + +Stellt euch vor, wir hätten eben in einem der kleinen Gemächer, im ersten +Stock des Teehauses, auf den geglätteten Strohmatten des Fußbodens, auf +dünnen, nur fingerdicken seidenen Kissen an der Diele Platz genommen. Die +Schiebefenster zum See sind weit offen. Hinter dem roten Lackgeländer der +kleinen Veranda liegt die Seeflut, wie ein Wasser, das bis ans Ende der +Welt reicht. Zu beiden Seiten der Fenster zischeln Wassereschen. Ihre +Blätter sind in der Abenddämmerung lang und schmal und flirren wie +Libellenschwärme vor dem perlmutterfarbigen Seeglanz. + +Es liegen auch ein paar Hügellinien hinter den Bäumen, die sind im Abend +wie grünliche Glasglocken. Der Himmel ist spinnwebgrau und scheint hinter +einem Zipfel des Sees leicht zu brennen, wie wenn man ein +Streichholzflämmchen an einen Schleier hält. Die Helle kommt vom +aufgehenden Mond, den deine und viele Augen jetzt auf den Altanen der +Häuser von Ishiyama erwarten. + +Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind +gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemüse und Geflügelstücke soeben +heiß vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Eßstäbe liegen, wie lange +Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten +soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu +erzählen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflüchtigt hat +und ehe die große goldene Mondscheibe so hoch über den Seerand gestiegen +ist, daß sie die Seelinie losläßt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei +Eßstäbchen, die sie ergreift, und aus der dünnen Porzellanschale, die sie +mit Reis und anderen Speisen füllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer +mit ein paar Bissen gefüttert werden, und du bekommst aus einer +Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem +europäischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von +bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und +der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfümierte Puder von Hasenauges +weißgetünchtem Gesicht ist stärker als der Seegeruch. + +Hasenauge erzählt: + +Der König hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug +beigewohnt, bei dem man unter anderen großen Fischen auch ein Meerweib +fing. Aber nicht eines jener guten Meerfräulein, die am Strand mit den +Fröschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der +Wasseroberfläche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken +gesehen hatte. + +Das gefangene Meerweib hatte einen mächtigen Goldfischschweif statt der +Füße, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie +Kaninchenaugen. Es war dem König geweissagt worden, daß er drei Nächte ein +Weib lieben müßte, das weder Sonne noch Mond gesehen hätte. Deshalb war er +zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders +große Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der +König wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage +lieben will, lautete eine alte Prophezeiung. + +Aber damit, daß man das Weib gefangen hatte, war nicht die größte Sorge vom +König genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind +ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Kähne des +Königs zertrümmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht +seufzen konnte, drei Tage zu lieben, -- dies war eine so heroische Aufgabe, +daß sich alle, die um den König waren, entsetzten. + +Nur der König war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes +hin und fragte: + +«Wie weit reicht meine Macht?» + +«Deine Macht, o Herr, reicht über Himmel, Erde und Wasser.» + +«Über alles, was darinnen ist?» fragte der König. + +«Über alles Männliche, was im Himmel, auf der Erde und im Wasser ist», +sagten die Weisen. «Nur das Weibliche läßt sich nicht regieren.» + +«Gut, dann soll der Mond, der dort aufgeht, untergehen», rief der König. +«Wenn ich allen gebieten kann, dann soll der Mond nie mehr in meinem Reich +erscheinen, ehe er mir geholfen hat, dieses Fischweib hier in ein +Menschenweib zu verwandeln.» + +Der König ließ das Fischweib binden und in sein Zelt legen, ließ Essen und +Trinken in das Zelt stellen und ließ die Zeltvorhänge fest hinter sich +zuschließen, so daß es finster im Zelt war wie in der Meerestiefe. + +Die Weisen des Königs aber setzten sich mit des Königs Mannschaften rings +um das Zelt draußen und waren sicher, daß der Mond nicht in dieser und in +keiner Nacht mehr aufgehen werde. Aber der Mond kam wie immer und teilte +sanfte Schatten und gelben Feuerschimmer über die Weisen und über das Zelt +aus. + +Der Mond kam auch in der zweiten Nacht und in der dritten Nacht. Am Anfang +der vierten Nacht rief der König drinnen im Zelt, man solle die Zelttüren +öffnen. Und der König trat heraus, und neben ihm an seiner Hand ging ein +gesittetes schönes Weib. Das hatte Augen, so dunkel wie die mondleere +Nacht, und hatte keinen Fischschweif, sondern zierliche Füße und war +frisiert und in seidene Schleppenkleider gehüllt, wie es einer Königin +geziemt. + +Die Weisen waren erstaunt, daß der König ohne Hilfe des Mondes das Seeweib +in ein Menschenweib verwandelt hatte. Denn während der Mond drei Nächte +lang auf- und untergegangen war und sich nicht um den Befehl des Königs +gekümmert hatte, hatten die Weisen drei Nächte lang für ihr Leben +gezittert, weil sie des Königs Macht übertrieben hatten und in dem König +den Glauben an eine Allmacht erweckt hatten, die er nicht besaß. + +Jetzt aber waren die königlichen Weisen zufrieden, übertrieben des Königs +Macht noch mehr und sagten zungenfertig: + +«O König, Eure Macht ist noch größer, als wir dachten. Ihr habt ohne Hilfe +des Mondes das Meerweib in ein Menschenweib verwandelt.» + +Der König antwortete ihnen nicht, führte das Weib zu seinem Boot und +befahl, daß man die Segel lichte, um von Hakatate heim nach Süden zur +Königstadt zu ziehen und dort den Einzug der Königin zu feiern. + +Auf dem roten Lackaltan des goldenen Boothauses saß die neue Königin +schweigend neben dem König, sie, die noch keine Sonne und keinen Mond hatte +aufgehen sehen, sie, die von ihrem Menschenleben nur die Liebesumarmungen +des Königs kannte, sie, die drei Nächte und drei Tage an des Königs Brust +gelegen hatte und, von des Königs Wunsch und Sehnsucht durchdrungen, aus +einem Meerweib in ein Menschenweib verwandelt worden war. + +Ihre Haare hatten sich von selbst geflochten, um dem König zu gefallen; in +der Finsternis hatten sich Kleider um sie gewebt, damit sie für den König +geschmückt erscheine. Sie hatte sich aus ihrem Fischleib Füße gebildet, um +dem König folgen zu können, denn das starke Herz des Königs hatte drei +Nächte über ihr gelegen und hatte sechzigmal in der Minute das Wort «Liebe» +zu ihr gesagt. + +Von der Liebe jetzt verwandelt, sah die Königin noch nicht das schaukelnde +Schiff und noch nicht des Königs Gefolge und noch nicht sich selbst. Sie +ahnte noch nichts von ihrer Verwandlung und saß noch in liebestrunkenem +Zustande unbewußt neben dem König. + +Da tauchte, rot wie ein großer Berg aus rotem Lack, die Mondkugel aus der +Meerestiefe und zog im Wasser einen feuerroten Widerglanz hinter sich her +wie einen feuerroten Schweif. + +Die Weisen des Königs, welche unter dem Altanrand des Boothauses in der +Bootstiefe saßen, hätten sich längst gerne bei der Königin +eingeschmeichelt, fanden aber noch keine passende Anrede. Jetzt aber warf +sich einer der Weisen vor dem König nieder und rief: + +«Seht, Herr, der Mond trägt die Farbe der Scham, weil er zu schwach war, +Euch zu helfen.» + +Nun hob die Königin die Augen, und der Mond warf seinen Schein wie eine +Umarmung über sie. Und der König wurde fast eifersüchtig, daß jemand im +Weltraum wagte, sein Weib anzurühren, das er sich selbst geschaffen hatte. + +Aber ein anderer Weiser, der den ersten überbieten wollte, warf sich vor +der Königin nieder und rief: + +«Seht, der Mond, o Königin, hat, um Euch zu gefallen, den Fischleib +angezogen, den Ihr abgelegt habt. Er hat Euern roten Schweif und Eure roten +Augen angenommen, die der König in die Meerestiefe schickte.» + +Da ging über der Königin Gesicht ein zuckender Schreck; sie sah an sich +herab und wußte nicht, wer sie verwandelt hätte, und sie erkannte sich als +Menschenweib und schauderte über ihre Verwandlung. + +Der König wurde über die Rede des Weisen vor Zorn rot wie die Mondscheibe. + +Da warf sich rasch ein dritter Weiser vor ihm nieder, ihn und die verwirrte +Königin zu beschwichtigen: + +«Nein, hoher Herr, hohe Herrin, das ist nicht der Mond, den Ihr dort +aufgehen seht. Das ist des Königs Herz, das nicht in des Königs Brust, +sondern in des Königs Reich wohnt, des Königs Nachtherz, das abends rot aus +dem Meere steigt, und das nur Euch gehört, o Königin. Aber der König hat +auch ein Tagherz. Das werdet Ihr morgen früh sehen, o Königin. Das gehört +uns, uns Weisen, denn es ist hell wie die Weisheit selbst und teilt +Klarheit aus und nennt sich die Sonne.» + +Als dieser Weise so gesprochen hatte, daß ihn keiner mehr überbieten +konnte, zog er sich selbstzufrieden mit den andern in die Bootstiefe +zurück. Dort saßen sie in langer Reihe, jeder mit dem Kopf auf der Schulter +des andern und schliefen ein. + +Der König aber legte seine Brust an die Brust der Königin, und während das +Schiff mit gespannten Segeln durch die Nacht strich, nach Süden, umarmte +der König die Königin wie ein brünstiger Adler. + +Das Meer aber zischte und raschelte, als wären die Wellen bis an den +Weltrand des Königs Flügel, und als schlügen sie laut an den Himmel, +während der König die Königin umschlungen hielt. + +Gegen Morgen wurde das Meer still. Der König schlummerte ein, und seine +Arme ließen im Schlaf die Königin los. Diese richtete sich auf, als eben +der Mond gelblich-grau vom Himmelsbogen herabstieg und im Meer verschwinden +wollte. + +Da des Königs Augen geschlossen waren und er schlief, erkannte ihn die +Königin nicht mehr, denn sie hatte nie einen schlafenden Menschen gesehen. +Weil auch die Weisen unten im Schiff sich nicht rührten und die Bootswachen +lautlos unter dem Mast kauerten, glaubte sich die Königin ganz allein und +verlassen. Und sie sprach zum Monde, der schon zur Hälfte im Meer versunken +war, und den sie für des Königs Herz hielt: + +«O, Nachtherz, das mir gehört, ich will nicht des Königs zweites Herz +erwarten, das den andern gehört. Ich will bei dir bleiben und mit dir +gehen, wohin du gehst.» + +Die Königin stand auf, trat an den Bootrand und ließ sich ins Meer fallen +und verschwand in der Flut. Als der König die Königin am Morgen nicht fand, +versuchten ihn die Weisen mit ihrer Weisheit zu trösten und sagten: + +«Die Prophezeiung lautete, o König, du solltest ein Meerweib drei Tage und +drei Nächte lieben, aber nicht eine vierte Nacht dazu.» + +Doch der König war erschüttert von Trauer und wild und aufgebracht von +Verzweiflung über die Torheit der Weisen, die ihn nicht einen König hatten +sein lassen, sondern ihn zu einem Gott hatten machen wollen. Denn ihm war +klar: es hatte der Königin vor dem Tageslicht gegraut, das sie einsam +machen sollte, weil die Weisen gesagt hatten, das Tagesherz des Königs +gehöre nur der Weisheit und nicht der Liebe. + +Eine furchtbare Wut überfiel den verlassenen Mann. Er riß mit einer Faust +die Segel von den Tauen und wollte mit der andern Faust den Mastbaum +ausreißen, um alle Weisen damit zu erschlagen. + +Diese aber, erschrocken, heuchelten Demut und riefen: + +«O Herr, die Königin wird wiederkommen, wenn Ihr es befehlt, sobald der +Mond heute abend aufsteigt. Ehe Ihr uns jetzt ungerecht umbringt, wartet +wenigstens mit Eurem Urteil über uns bis zum Abend. Kommt die Königin nicht +mit dem aufgehenden Mond, so könnt Ihr uns immer noch töten.» + +Mit solchen Worten schläferten sie des Königs Wut ein, denn sein Schmerz +war größer als sein Zorn. Und als er hörte, daß die Königin vielleicht am +Abend wiederkommen könnte, glaubte er daran, wie jeder Liebende gern an +Wunder glaubt. Und er hoffte, die Königin würde vielleicht als Fischweib am +Abend wiederkommen und sich von ihm wieder in ein Menschenweib verwandeln +lassen, wenn der Mond aufginge. + +In der Mittaghitze, als die Sonne aus dem Meer und aus dem Himmel zugleich +brannte und der König auf einem Haufen Segeltuch am Bootrand einschlief, +schlichen sich die schlauen Weisen seines Landes an den Schlafenden heran +und stießen den Haufen Segeltuch samt dem schlafenden König ins Meer. Denn +alle hatten beratschlagt, daß sie den wütenden König noch vor Abend töten +müßten, um nicht selbst getötet zu werden. + +Als die Sonne den König nicht mehr auf dem Deck sah, stieg sie früher als +sonst von der Mastspitze herunter, und verwundert sahen die Weisen, daß der +Tag schneller zu Ende war als je. In dieser Nacht warteten sie vergeblich +auf den Mond. Es war kein Mondaufgang, und es schien eine endlose Nacht +angebrochen zu sein; denn die Sonne ging auch nicht mehr auf zu der Zeit, +da sie erwartet wurde. + +Danach verwirrte sich die Weisheit in allen ihren Hirnen; die Weisen des +Landes hatten die Liebe im Reich umgebracht, und mit der Liebe blieben +Sonne und Mond aus dem Reich verschwunden. Denn die Liebe ist allmächtiger +als die Weisheit. Alle, die im Boot waren, wurden wahnsinnig und stürzten +sich ins Meer, dem toten König nach. -- + +So erzählte Hasenauge. Und bei den letzten Worten deutete sie mit den +Eßstäbchen, mit denen sie dich bei der Unterhaltung gefüttert hatte, hinaus +auf den Biwasee. Umgeben von einem gelben Dunstkreis, als hätte er einen +gelben Ährenkranz auf dem Kopf, stand der Vollmondgott draußen am Fenster +und trat seinen Rundgang an. + +Wenn du dann aus dem Teehaus heimgehst, kann es einem Neuling, der +Hasenauge zum erstenmal erzählen hörte, vorkommen, daß er mit dem Mond in +Streit gerät. Der Mond stellt sich quer über den Weg und fragt ihn: + +«Nun, hat dir wirklich Hasenauge während meines Aufgangs zwölf Geschichten +erzählt?» + +Zuerst sagst du ja. Du besinnst dich nicht, rechnest nicht nach und sagst: +Ja, zwölf. + +Der Mond lacht stolz über Ishiyama und freut sich. + +Nach einer Weile rufst du den Mond, hinter einer Hausecke, an den Weg +hervor und sagst: + +«Es war nur _eine_ Geschichte, aber es klang wie zwölf.» + +Da lächelt der Mond noch stolzer und freut sich noch mehr über Ishiyama. + +Und wieder nach einer Weile, ehe du in dein Haus trittst, fragst du den +Mond an der Türschwelle: + +«Sag mal, wie kommt das, daß Fräulein Hasenauge dreitausend Geschichten +allein vom Mondaufgang über Ishiyama erzählen kann? Kommt es daher, daß du +nirgends so schön wie am Biwasee aufgehst? Ich glaube, du bist Fräulein +Hasenauges Geliebter.» + +Da rascheln alle Eschenbäume im Mond, und sie fragen dich: + +«Hat dir Fräulein Hasenauge heute ihre dreitausend Geschichten erzählt?» + +«Ja, ungefähr dreitausend», antwortest du, ohne dich zu besinnen. + +Und am nächsten Abend geht der Mond über dem Biwasee bei Ishiyama noch +geschichtenreicher auf als sonst. -- + +«Liebe und der aufgehende Mond machen das Haar wachsen. Darüber will ich +dir gleich eine Geschichte erzählen», sagte Hasenauge zu mir und reichte +mir ein Schälchen frischen Tee und einen großen Brocken Pfefferminzzucker +dazu und drückte mir eine kleine Prise frischen Tabak in die kleine +silberne Tabakpfeife. -- + +Als einer der schönsten Tempel in Kioto gebaut werden sollte, erwiesen sich +alle Stricke, die den bronzenen Dachfirst auf die Gerüste hinaufwinden +sollten, als zu schwach. Darum entschlossen sich alle die Tausende von +Frauen in Kioto, dem Tempel ein Opfer zu bringen und ihr Haar dicht am Kopf +abschneiden zu lassen, damit daraus Stricke für den Tempelbau gedreht +würden. Es wurde auch wirklich ein dreihundert Meter langer Haarstrick aus +den geopferten Haaren gedreht, und dieser schwarze Strick, der die Dicke +eines Männerarms hat, wird noch heute in einer Lacktonne im Tempel von +Kioto aufbewahrt. + +Die Frau eines japanischen Adligen, die auch ihr Haar zum Tempelopfer +abgeschnitten hatte, und die in jener Zeit schwanger war und nahe vor der +Stunde des Gebärens stand, erschrak so sehr, als sie sich im Handspiegel +sah und ihr Kopf ihr kahlrasiert entgegenglänzte, daß sie sich der Tränen +nicht erwehren konnte. + +Die Tempelgötter nahmen die Schwachheit dieser Frau übel und straften sie +an dem Kinde, das sie gebar. Sie schenkten ihr ein kleines Mädchen, aber +diesem wuchs nicht ein einziges Haar auf dem Kopf; und wie eine +Elfenbeinkugel so glatt, weiß und haarlos blieb die Schädelschale des +Kindes. + +Die Frauen von Kioto, denen allen daran gelegen war, daß ihr Haar bald +wieder wüchse, und die wußten, daß der zunehmende Vollmond den Haarwuchs +beschleunigt, taten sich zu Vollmondprozessionen zusammen und wallfahrteten +in langen Zügen im Mondschein zu den verschiedenen Kiototempeln. + +Jene adelige Dame nahm zu jenen Nachtprozessionen ihr kleines Mädchen mit, +in der Hoffnung, der Mond würde dem Kind Haare wachsen lassen. Aber die +Prozessionen nützten nichts, und die Mutter war gezwungen, dem Kind +Perücken machen zu lassen. Das Mädchen wurde damals von allen Leuten in +Kioto «Mondköpfchen» genannt, weil es so kahl war wie der Vollmond. + +Als Mondköpfchen verheiratet wurde, wußte der junge Mann, der sie zur Frau +nahm, daß er eine kahlköpfige Frau heiratete. Aber es lag ihm nichts +daran, denn er hatte Mondköpfchen immer in schöner gutsitzender Perücke +gesehen. Und er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie eine +kahlköpfige Frau ohne Perücke aussehen kann. + +Die Hochzeitsnacht verlief, wie die meisten Hochzeitsnächte, für die beiden +Neuvermählten mit geschlossenen Augen, und das Liebesglück ward nicht +gestört. + +Aber schon in der zweiten Nacht verschob der junge Ehemann erst zufällig, +dann scherzend Mondköpfchens schwarze Perücke. Er spaßte und schob sie ihr +bald auf das linke Ohr, bald auf das rechte, bald auf die Nase, bald auf +den Nacken zurück, und er kollerte sich neben seiner jungen Frau vor +Lachen. Immer, wenn die Frau ernst und liebend ihre Arme ausbreitete, +juckte den Mann ein Kobold an den Fingern, so daß er der Perücke erst +jedesmal einen kleinen Puff gab, ehe er seine Frau in die Arme schloß. + +Dieses geschah in der zweiten Nacht. Aber in der dritten war es überhaupt +nicht mehr zum Aushalten. Der junge Mann setzte sich selbst die Perücke +auf, so daß die Frau böse wurde, nicht mehr im Zimmer bleiben wollte und +sich auf den Altan setzte. Es war dunkel draußen, und er lief ihr mit einem +Licht nach. Als er sie perückenlos mit helleuchtendem Schädel am Altanrand +sitzen sah, prustete er vor Lachen, kollerte ins Zimmer zurück und rief: + +«Ich habe den Vollmond geheiratet.» + +Bisher hatte Mondköpfchen ihren Namen immer harmlos hingenommen und sich +nie darüber erschreckt. Aber nun brach sie in Weinen aus. + +Am dritten Tage nach der Hochzeit ist es in Japan Sitte, daß die Frau ihre +Eltern besucht. Mondköpfchen ließ sich am nächsten Morgen in einer Sänfte +in ihr Vaterhaus tragen, weinte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter aus +und wollte nicht mehr zu dem Mann zurückkehren, der mit ihrer Perücke +spielte und statt der Liebe Gelächter über sie ausschüttete. + +Aber Vater und Mutter überredeten Mondköpfchen, wieder zu ihrem Mann +zurückzukehren, und versprachen, alles daran zu setzen, ein Mittel +ausfindig zu machen, damit ihre Haare wüchsen. Sie sollte sich nur noch +eine kurze Wartezeit auferlegen. + +Mondköpfchens Eltern hatten diesen Rat nur aus Verzweiflung gegeben und +mußten jetzt selbst weinen, als ihr Kind zu seinem Mann zurückgekehrt war; +sie waren ratlos. + +Plötzlich sagte die alte Frau zu ihrem Mann: + +«Ich weiß, womit ich die Götter jetzt versöhnen kann. Ich will mein Haar +zum zweitenmal abschneiden und es den Tempelgöttern opfern. Die Götter sind +gut und geben mir dann sicher einen Rat für unser Kind.» + +Die Frau tat so und trug ihr ergrautes abgeschnittenes Haar, zu einer +kleinen Schnur geflochten, in den Tempel der tausendhändigen Kwannon und +band dort die Haarschnur um das goldene Handgelenk der tausendfach +segenspendenden Göttin. + +Die Götter versöhnten sich danach mit ihr und gaben ihr in der Nacht einen +Rat. Die Frau hörte im Traum eine Stimme, die sagte: + +«Liebe und Vollmond lassen die Haare wachsen. Schicke dein Kind nach +Ishiyama. Wenn es dort den Herbstmond aufgehen sieht, werden Liebe und Mond +deinem Kind ein schönes Haar schenken.» + +Die Mutter erzählte den Traum ihrer Tochter, und Mondköpfchen glaubte +begeistert an die Weissagung. Und Mondköpfchens Mann, der immer noch +lachte, sagte wenig rücksichtsvoll zu seiner jungen Frau: + +«Reise nur nach dem Biwasee und laß dir dort Haare wachsen. Ich muß mich +hier inzwischen von dem Nachtgelächter erholen.» + +Mondköpfchen reiste an den Biwasee. + +Im aufgehenden Mondschein sahen die Bewohner von Ishiyama die kahlköpfige +junge Frau auf dem Balkon des Rasthauses sitzen, wo Mondköpfchen Wohnung +genommen hatte. Die frommen Bewohner des Seeortes nannten sie nur die +elfenbeinerne Heilige, weil ihr haarloser Kopf wie vergilbtes altes +Elfenbein in der Abenddämmerung leuchtete. Viele lenkten abends vom See her +ihre Kähne am Rasthaus vorbei, um die bleiche, stille Frau auf dem Altan +unter den Sykomorenbäumen sitzen zu sehen, und jeder, der sie sah, dachte +sich eine Geschichte über sie aus. + +Ein junger Adliger, der ein Landhaus in der Nähe von Ishiyama hatte, hörte +durch seine Leute von der fremden Frau, die Abend für Abend den aufgehenden +Herbstmond von Ishiyama erwartete. Und er richtete es so ein, daß er am +Spätnachmittag in einen der Sykomorenbäume am Ufer stieg, wo er, hinter den +Ästen verborgen, Mondköpfchen beobachten konnte, die wie ein Götterbild +regungslos im Mondschein saß und sich Liebe und Haare wünschte. + +Bald danach erhielt die junge Frau von dem jungen Adligen ein Gedicht +gesandt, das war mit Goldtusche auf Purpurpapier geschrieben. Das Gedicht +erzählte von einem Sykomorenbaum, der ein Mensch werden wollte, um zu ihr +zu kommen und neben ihr auf dem Altan zu sitzen. + +Mondköpfchen freute sich aufrichtig über das schwärmerische Gedicht. Und +als sie wieder im Mondschein saß und mit der Hand über ihren Kopf strich, +fühlte sie zu ihrem Entzücken die ersten Haarspuren, denn sie sehnte sich +in dieser Nacht sehr nach ihrem Mann zurück. + +Am nächsten Tag erhielt sie einen Brief, der sagte ihr: + +«Ich bin ein Mann, der Dich liebt, und möchte Dich bald vom Altan holen. +Laß Dich entführen, schöne Frau.» + +In dieser Nacht sehnte sich Mondköpfchen noch mehr nach ihrem Manne, und +ihre Haare wuchsen einen Arm lang, und am Morgen reichten sie ihr bis zum +Gürtel. In der nächsten Nacht wuchsen sie ihr beim aufgehenden Mond bis zu +den Knieen. + +Mondköpfchen empfing in dieser Nacht einen dritten Brief, der sprach: + +«Ich weiß, daß Du einen Mann in Tokio hast. Liebe mich, so werde ich ihn +töten.» + +Da erschrak Mondköpfchen, ließ sich noch in derselben Nacht in einem Kahn +über den Biwasee fahren und reiste nach Kioto und zeigte sich und die +Briefe ihrem Mann. + +Als der Mann seine Frau im prächtigen Haar vor sich sah, wurde er still, +und seine Augen wurden dunkel vor Bewunderung. Und als er die drei Briefe +gelesen hatte, wurden seine Augen finster, seine Arme breiteten sich aus, +und sein Mund, der nicht mehr lachte, sagte: + +«Komm in meine Arme, wenn du mir jetzt noch treu sein willst, seit du so +schön bist, und wenn du mir verzeihen kannst, daß ich gelacht habe, als du +noch nicht so schön warst. Willst du mir aber eines Tages die Treue +brechen, dann tue es lieber jetzt und gehe zu dem Mann, der die Briefe +geschrieben hat, damit er mich tötet. Denn wenn du mich jetzt verläßt, hat +mich schon mein Leben verlassen, und der Tod ist dann nur eine Zeremonie, +die ich nicht spüren werde.» + +Mondköpfchen setzte sich auf die Diele vor ihren Mann nieder und begann den +Tee zu bereiten. Das bedeutete, daß sie ihn für immer lieben und ihm treu +bleiben würde und ihm verziehen hätte. -- + +Und Fräulein Hasenauge lächelte ungläubig und erzählt eine neue Geschichte. + +Ein Spielzeugverkäufer, ein Schilfmattenflechter und ein Holzkohlenhändler +saßen eines Abends, ehe der Vollmond über Ishiyama aufging, am Rande der +Landstraße nach Ishiyama. Der Spielzeugverkäufer hatte an einer langen +Stange ein Bündel Spielsachen hängen, meist aus Watte gearbeitete große +Insekten, ungeheure graue und silberne Riesenspinnen, grüne und braune +Grashüpfer und Heuschrecken, riesige Libellen mit farbigen Flügeln aus +Gelatinepapier. + +Der Schilfmattenflechter trug ein großes Bündel zusammengerollter, +feingeflochtener Schilfmatten auf dem Rücken. Das sah in der Abenddämmerung +aus, als trüge er lange Kanonenrohre. + +Der Kohlenhändler trug einen Korb auf dem Kopf, den er im Gehen +balancierte. Drinnen im Korb unter einem Tuch war die feinste Holzkohle, +die er selbst zubereitet hatte. + +Im Straßengraben sitzend, an welchen das Schilf vom See her heranreichte, +erzählten sich die drei Kriegsgeschichten. Der eine, der +Spielwarenhändler, behauptete, er wäre bei der Einnahme von Peking dabei +gewesen. Der Rohrmattenflechter behauptete, er hätte mit vor Port Arthur +gelegen. Der Kohlenhändler behauptete, er wäre auf einem Schlachtschiff im +Chinesischen Meer Heizer gewesen. Aber alle drei verstanden vom +Kriegshandwerk so wenig wie eine Katze vom Neujahrsfest. Und ihre +Erzählungen waren so drollig, daß ganz Japan sie lachend immer noch weiter +erzählt. + +Der Spielwarenhändler sagte: «Als wir die Stadtmauern von Peking sahen, +liefen unsere Augen wie Spinnen über die Ebene von Peking, unsere Füße +hüpften wie Heuschreckenbeine über die Mauerwälle, unsere Bajonette, Säbel +und Kugeln flogen wie surrende Libellen über die Chinesen her. Aber das war +alles umsonst. Ihr wißt: wenn man den Chinesen sticht, haut oder vierteilt, +ist dies geradeso unnütz, als wenn man gegen den aufgehenden Vollmond +streitet. Die Chinesen stehen immer wieder gesund und unverwundbar vor dir, +denn jeder hat Tausende von Körpern ineinander geschachtelt, so wie es +Spielzeugschachteln gibt, von denen Hunderte ineinander passen.» + +«Womit habt ihr denn die Chinesen umgebracht, wenn sie nicht zu erschießen +und nicht zu erschlagen sind?» fragte der Schilfmattenflechter. + +Der Spielzeughändler blähte sich auf wie eine Schweinsblase, die ein +Kinderluftballon werden will. + +«O, wir haben ihnen allen den Rücken gewendet, so daß die Chinesen keines +unserer Gesichter sahen und nicht sahen, wie wir lachten und haben unsere +Gewehre in die Luft abgeschossen, in die Wolken und in den blauen Himmel +und haben mit den Bajonetten und den Säbeln in die Luft gestochen und haben +nicht gegen die Chinesen, sondern gegen den Himmel gekämpft. + +Da hat die Chinesen, die Söhne des Himmels, ein großer Schreck erfaßt, als +sie sahen, daß wir ihren Himmel angriffen. Tausende starben vor Erstaunen, +Tausende vor Entsetzen, und Tausende kamen auf den Knien zu uns gekrochen +und hatten die Tore zur himmlischen Stadt Peking geöffnet, damit wir ihre +Väter und Götter im Himmel nicht bekriegten.» + +«Das ist drollig», sagte der Schilfmattenhändler. «Aber gegen die Russen +hättet ihr nicht so kämpfen dürfen. Die Russen haben von den Knien abwärts +Kanonenrohre statt der Füße, und immer, wenn sie ein Bein heben, können sie +mit dem Bein auf dich schießen. Sie heben ihre Beine in die Luft, geradeso +wie meine zusammengerollten Matten lang in die Luft gucken. Und sie +brauchen nicht zu zielen, denn ihre Füße haben Augen, die sie Hühneraugen +nennen, und diese zielen für sie. Und während ihre Beine gehen und +schießen, haben die meisten Essen und Trinkflasche in den Händen und +füttern und tränken jeder sein Maul. So bleiben sie immer stark und kommen +nie von Kräften und sind unbesiegbar.» + +«Ja, wie habt ihr sie denn besiegt, die Russen?» fragte der Kohlenhändler. + +«O, das war ganz einfach. Das sagt einem jeden doch der helle Verstand, wie +man einen Russen besiegt. Nur ein Kohlenhändler wie du kann so dumm fragen, +als ob du Kohlenstaub in deinen Augen hättest und nicht wüßtest, daß wir +die Russen besiegt haben. + +Der Russe läßt doch immer nur seine Beine gradaus marschieren und +schießen, aber seine Augen im Gesicht sehen nichts als das Essen und +Trinken vor dem Maul. Darum, wenn die Russen aus Port Arthur auf uns +losmarschierten mit ihren schießenden Beinen, stellten wir uns ruhig zu +beiden Seiten des Weges auf und ließen sie ruhig an uns vorbei. Dann gingen +wir hinter ihnen her, jeder faßte einen Russen am Gürtel und drehte ihn +einfach wieder gegen Port Arthur um, in der Richtung auf das Meer zu. Da +sie einmal im Gehen waren und sich im Fressen und Saufen nicht stören +lassen wollten, marschierten sie auf Port Arthur zurück und liefen dort +über die Kaimauern ins Meer, wo sie ertranken. Die Armeen aus der +Mandschurei aber, die aus dem Norden kamen, drehten wir nach Norden um, so +daß sie ruhig zur sibirischen Eisenbahn zurückmarschierten. Und die +Eisenbahnbeamten, im Glauben, der Krieg sei beendet und die Russen seien +Sieger, fuhren die fressenden und saufenden Armeen nach Petersburg zurück, +wo sie dann einzogen, immer noch in dem Glauben, daß sie die Sieger wären. +In der Zeit besetzten wir die ganze Mandschurei, und das soldatenleere Port +Arthur war unser.» + +«So einfach war es aber doch nicht», sagte der Kohlenhändler, «denn erst +mußten wir die russische Flotte zerstören, wobei ich einer der Haupthelden +war.» + +«Erzähle!» sagten die beiden anderen Helden. + +«Da ist nichts zu erzählen. Das war die allereinfachste Sache von der Welt, +die russische Flotte zu vernichten», wisperte der Kohlenhändler bescheiden +wie eine Feldmaus. + +«Eines Morgens dachte ich mir: heute zerstöre ich die russische Flotte, +denn ich hatte Sehnsucht nach meiner Frau, und nichts als die russische +Flotte hinderte mich, zu meiner Frau zu reisen. + +Ich steckte mir eine Schachtel Streichhölzer ein, ein paar japanische +Zeitungen und ein paar Stückchen Holzkohle. Ich schwamm von meinem Schiff +an die Hafenmauer von Port Arthur heran, zündete mir ein Pfeifchen an, +setzte mich auf einen Klippenstein und fabrizierte aus meinen japanischen +Zeitungen kleine Papierschiffe, wie sie die Schulkinder am Biwasee machen. +In jedes Schiffchen steckte ich ein Stückchen Kohle, das war der +Schornstein des Schiffes; manche hatten auch zwei und vier Schornsteine. +Die Kohlenstücke zündete ich an, und dann ließ ich meine Schiffe mit dem +Südostwind auf Port Arthur los, und sie zogen an der Hafenmauer entlang. +Meine kleine Papierflotte wurde augenblicklich von allen Leuchttürmen und +Fernrohren auf den Leuchttürmen dem Admiral der russischen Flotte +signalisiert. Die russische Flotte verließ sofort in Schlachtreihen den +Hafen und umzingelte meine Zeitungspapierflotte. Tausend Schüsse hallten +aus den russischen Schiffsbäuchen, und als sich der Rauch verzog, war +natürlich meine Papierflotte untergegangen. Auf allen Rahen und auf allen +Masten stellten sich nun die russischen Marinesoldaten in Parade auf, um +dem sieghaften russischen Admiral ein dreifaches Hurra für seinen Sieg +auszubringen. + +Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Denn ich wußte, die Russen +hatten ihren Mut mit Schnaps angefeuert, und es mußte beim Siegesgeschrei +der Tausende und Tausende von Soldaten eine Wolke von Alkoholgasen in der +Luft entstehen, und diese Wolke konnte ich mit einem einzigen Streichholz +in Brand setzen. + +So war es auch. Das erste Hurra ließ ich sie zum Vergnügen schreien. Aber +bei dem zweiten Hurra wäre ich beinahe selbst erstickt, -- so sehr stank +die Luft nach Alkohol. + +Kaum flackte das Streichholz auf, so entzündete sich über dem Meer die +Alkoholwolke, und eine Flamme pflanzte sich fort von Schiff zu Schiff; +Mannschaften und Schiffe, vom Alkoholdunst erfüllt, explodierten unter +Gekrach. Später sagten die Russen uns nach, wir hätten mit Stinkbomben +geschossen und mit griechischem Feuer. Und es war doch nur ihr Alkoholatem, +der die ganze Flotte verbrannt hat, als ich mein Streichholz anzündete.» + +«Ja, sag mir aber», fragte mißtrauisch und kleinlich der Spielzeughändler, +«sag mir, Kriegskamerad, wie konntest du die Streichholzschachtel trocken +erhalten, als du von deinem Schiff nach Port Arthur geschwommen bist?» + +Auch der Schilfmattenhändler nickte heftig und ungläubig und bezweifelte +gleichfalls, daß eine Streichholzschachtel beim Schwimmen trocken bleiben +könnte. + +«Habe ich euch denn nicht gesagt», fuhr der Kohlenhändler sie grob an, «daß +ich an diesem Morgen Sehnsucht nach meinem Weib hatte? Wißt ihr nicht, was +Sehnsucht bedeutet? Sehnsucht haben heißt so heißes Blut kriegen, daß alles +ringsum verdorrt.» + +«Ja, dann verstehen wir, daß deine Streichholzschachtel im Gürtel nicht naß +wurde, wenn du Sehnsucht nach deinem Weib hattest, Kriegskamerad», nickten +der Spielzeughändler und der Schilfmattenverkäufer dem Holzkohlenhändler +zu. + +Der Vollmond war inzwischen langsam aus dem Schilf gerollt, betrachtete +sich breit lachend die drei Überhelden und erzählte die Geschichte in ganz +Japan weiter. + + + + +Das Abendrot zu Seta + + +Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so +schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch +eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln +der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See +liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme +kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag +das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel +zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind, und der einer Wüste aus grauem +Basalt ähnelt. + +Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue +und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine +kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen +Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind +gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten +Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben, +gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und +Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den +Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes +warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütig +wie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine +Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des +Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel +dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist +nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit +Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte +Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt +sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund; +und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemächern, werden in den +kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt, wie +die Schriftzüge auf weißem Papier. + +Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren +die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und +winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde +Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren, farblosen +Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen +erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt +lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch +wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele +zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann +alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie +einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke. + +In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Türen +zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben, +ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren +einen sanften Tod. -- + +In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen +die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfters im +Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem +Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im +Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen +näher zu sein. + +In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen +Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis +dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto +einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen +die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden +die alte Kaiserstadt verteidigen. + +In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie +im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern +niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender. + +Die feuerrote düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend +goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab +der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend +goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel +vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihe +höher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen, +Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als +strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen. + +Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie +draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle +entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun, +hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten. +Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen, +mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe +angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des +Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist, +üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders +ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter +Übungsplatz in Kioto. + +Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue +Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen +unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner +Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie +anschaute. + +Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle +zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend, +daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie +kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern, +verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich +hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der +Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte +auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen. + +«Deine Augen können surren wie Pfeile», sagte der Mann und blieb neben ihr +stehen. + +«Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich», sagte die Frau. «Deswegen +habe ich dich angesehen.» + +Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch: + +«Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen +möchte ...» + +Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink, wie ein Affe eine +Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager. + +Danach sagte die Frau leise: + +«Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!» + +«Wollust schändet keinen Tempel», antwortete der Mann. «Fünftausendmal will +ich dich hier umarmen. Fünftausendmal wollen wir uns hier treffen.» + +Die Frau schauderte vor Glück. In die geheimnisvolle Tempelluft und +Tempeldunkelheit schienen außer den fünftausend Kriegsgöttern fünftausend +Liebesgötter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann: + +«Wir wollen nicht wissen, wie wir heißen, wir wollen nicht wissen, wo wir +wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es +den fünftausend Genien überlassen, daß sie unsere Wege zusammenführen. Und +immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts +fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben. + +Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine +Erscheinung, ähnlich meinem Mann. Ich will dich genießen wie die Abendröte, +die jetzt über die Türschwelle dort tritt, und die wirklich und unwirklich +ist zugleich.» + +Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau änderte nicht ihre Reisen und +ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie +monatelang in Kioto täglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der +fünftausend Genien besucht und täglich den Schützen dort getroffen, umarmt +und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem +Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen. + +In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem großen Zedernwald, darauf die +feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weißen, blauen und +gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten +Zedernstämmen stehen, dichtgedrängt wie Grabdenkmäler in einem Kirchhof, +Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege, +dichtgedrängt wie versteinerte Völker. Schwarzbronzene Hirsche, von +Künstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte +von lebenden Rehen und Hirschen gehen in großen Rudeln zahm auf allen +Wegen, zahmer als Hühner in einem Hühnerhof. + +Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein großes Gewitter über +dem Wald. Aber sie fürchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen +Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen +zurück. + +Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ältesten Sohn und kniete viele +Stunden in der Halle des großen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten +Buddhabilder Japans ist. + +In einem roten mächtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und +schwerfällig geschnitzt, bräunlich vergoldet auf einer ungeheuern +Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei +haushohe Flügeltüren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen draußen +kann den mächtigen Kopf, der bis in die Dämmerung des Dachstuhles reicht, +kaum erhellen. + +Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und +vertiefte sich in ein stilles Gespräch mit ihrem verstorbenen ältesten +Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die näherkommende Stimme eines +Gottes über ihr. Die schwüle Gewitterluft machte die große, dunkle +Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Räucherwerkes und der +Geruch der alten sonnengewärmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie +eine Last, als ob sich der schwere mächtige Buddha über sie böge. Und sie +mußte an den Mann denken, der sie Tag für Tag in Kioto im Tempel der +fünftausend Genien umarmt hatte. + +Der Regen prasselte jetzt draußen auf das Tempeldach und auf die ungeheure +Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der große goldene +Buddha erschien für den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das +Dach. + +«Ist es wahr, Gott», dachte die Frau, «daß die Wollust den Tempel nicht +schändet, so laß den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei +dir wiederfinden.» + +Über die Holzgalerien draußen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte +über die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wäldern, Männer, Frauen und +Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flüchtend, in die +Halle des großen Daibutsubildes eindrangen. + +Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lärm des +Regens, der vielen humpelnden Füße von Wallfahrern und der Menschenstimmen +zerstreute sie, so daß sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen +Türen trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weißen +Nebel hüllte. + +Blitz um Blitz blendete sie, daß sie sich von der Türe weg gegen die +Gesichter der Menschen wenden mußte, von denen einzelne Gruppen, weiß im +finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten. + +Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte +sie plötzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte, +ähnlich sah. So müßte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine +Kinder, wenn er jetzt lebte und glücklich wäre. + +Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht +ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor +dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten +Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg. + +Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter, +drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden +Regen den Hügelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit +weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer +Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie +hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid +klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch +nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine +Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer +Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie +hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und +den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und +Familienvater sehen zu müssen. + +Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode, +über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen. +Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die +Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer. + +Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an +inbrünstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lächelte und fühlte sich rot +durchtränkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach: + +«Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der +Mann aus dem Tempel der fünftausend Genien, den ich wie die Abendröte mit +Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn +gestern verließ, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen.» Aber +sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurückzugehen; +und sich zu überzeugen, fehlte ihr der Mut. + +Die Frau warf ihren zerknitterten Fächer fort, strich ihre Frisur glatt, +schob ihren Gürtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum +Bahnhof von Nara. + +Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fünftausend Genien aufzusuchen, +und ging nach Seta in ihr Haus zurück, tagsüber gepeinigt von dem Gedanken, +daß der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder hätte. Sie wurde nur +am Abend erlöst von dem fantastischen Abendrot, das sich über Seta in den +wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so daß alles Unwahrscheinliche +wahrscheinlich wird, so daß die Bäume blutrot wie Korallenwälder werden und +die Hügel wie die Brüste und Körperlinien hingelagerter Männer und Frauen, +als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden +und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am +Himmel ist dann in ihrer Röte nur wie eine kleine Kerze in einem roten +Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und +keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit +geschlossenen Augen ohne Licht sehen. + +Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fünftausend +goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und +die Wände im Hause jener Frau wurden düsterrot, als wären sie die uralten, +düsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wäre in dem Hause der +Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten +Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Geländer, Tag +für Tag den Mann treffen könnte, der sie wie das Feuer der Abendröte +schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendröte in das Unbekannte +wieder versänke. + +In den kältesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur +Spätnachmittagstunde an dem geöffneten Fenster sehen, das auf das flüchtige +Winterabendrot hinaussah, -- die Frau, die einen kleinen Fächer schwang, +als wäre es ihr heiß im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Geländer des +Altans lag und auf den Dächern der Holzhäuser von Seta. + +Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Röten des Himmels +hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weiße Laken des +Himmels betupfte, saß die Frau zwischen den zurückgeschobenen Papierwänden +ihres Teezimmers und fächelte sich, als müßte sie das Abendrot mit jedem +Fächerschlag anschüren. + +Der Frühling kam, und die Frau fürchtete sich immer noch vor einer +Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttäuschung. Sie beschloß +eine große Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um +dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten. + +Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich +unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko +kam, ganz im klaren, daß der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein +könnte, daß sie sich einfach in der Ähnlichkeit getäuscht hätte. Und sie +nahm sich vor, so bald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder +zurückkäme, wollte sie den Tempel der fünftausend Genien wieder aufsuchen +und versuchen, den Schützen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie +fünftausendmal zu umarmen. + +Das Rasseln der Eisenbahnräder, das Vorüberfliegen großer Plakatfiguren: +gemalter Männer und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische +Fahrräder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige +Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorüberhastenden Eindrücke +gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich +innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit +vergangen war, daß sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem +Geliebten hatte umarmen lassen. + +Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne über den +silbernen Kiesbächen, mit blausteinigen Schluchten, deren Ränder von +schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das +liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit +nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weißen Wasserfällen unter einer +Sonne, die einem weißen Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das +rotblättrige Frühlingslaub der Ahornbäume über den Gebirgswegen. Hie und da +blühten auch ein paar rosige wilde Kirschbäume und an der Sonnenseite der +Abhänge ganze Wälder von rosigen Kamelienbäumen. + +Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wäre es die eherne +Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden. + +Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grünen, dunkeln Waldterrassen mit +blaubronzenen Dächern und rotem Gebälk wie verwunschene Waldschlösser unter +bärtigen, tausendjährigen Kryptomerienbäumen liegen. + +Viele Tempelwände sind mit kopfgroßen Chrysanthemumblumen aus erhabener +Perlmutterarbeit geschmückt und leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf +andern Wänden sind aus goldenem Lack in Relief erhabene goldene Löwen und +goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem +Lack rote Fasanen, aus grünem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein +weiße Kaninchen und weiße Rehe und ganze Elfenbeinwände voll von weißen und +bläulichen Päonien, umgeben von Schmetterlingsscharen aus Perlmutter. + +Diese kostbaren Tempelwände unter grünen Waldbäumen, unter blau und weißem +Wolkenhimmel und umwandert von gelbem Sonnenschein, scheinen mit ihrem +irisierenden Perlmutter eine lebende Welt von immerblühenden hochzeitlichen +Blumen und eine unvergängliche Welt von sich tummelnden wilden und zahmen +Tieren zu sein. + +Die Frau kam auf die erste Terrasse, wo die drei berühmten Affen auf einem +Tempeltor dargestellt sind, geschnitzt und bemalt. Der erste Affe hält sich +die Augen zu, der zweite Affe die Ohren, der dritte Affe hält sich den Mund +zu. Und ihre Bedeutung ist: Du sollst nichts Böses sehen, du sollst nichts +Böses hören, du sollst nichts Böses reden. + +«Wie leicht ist das getan für den, der geliebt wird, und wie schwer für +den, der an der Liebe zweifeln muß», dachte die Frau und ging an den drei +Affen vorüber. Und sie kam zu dem schönsten aller Tempeltore. Dessen weiße +Säulen sind mit erhabenen Schnitzereien, mit Bäumen, Schilf, Kranichen, +Drachen und Wolken geschmückt. An den Friesen der Säulen entlang wandern +Scharen von winzigen kleinen Göttern. Dieses Tor ist so vollkommen +gearbeitet, daß es, als es fertig war, den Neid der Götter erweckt hätte, +wenn man nicht an einer der Säulen absichtlich einen ungeschickten Fehler +angebracht hätte, um die neidischen Götter zu versöhnen. + +«So vollkommen wie dieses Tor wäre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und +die Götter würden die Menschen beneiden müssen, wenn sich nicht glücklich +Liebende immer einen künstlichen Liebeszweifel erfänden», dachte die Frau +und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse. + +Hier ist zur rechten Hand über einer Tempeltür von einem Maler eine +lebensgroße weiße Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schläft schon +Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei +denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfüllung gehen darf, begegnen, daß +die schlafende Katze ihre Augen öffnet und ihn anblinzelt. + +«O, ihr Götter», wünschte die Frau, die Katze über dem Tor betrachtend, +«laßt eure Tempelkatze die Augen öffnen und mich ansehen, wenn mein +Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene +Männer sind.» + +Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die +Augen geschlossen und blinzelte nicht. + +«Ist es möglich, daß ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Männer sind +einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht +eine andere Frau außer mir glücklich? O, weiße Katze, schlage doch die +Augen auf und sage damit Nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind +werde!» + +Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr +Herz schmerzte, als würde es ihr ausgerenkt. + +«Gut, o Götter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfüllt», sprach sie plötzlich +entschlossen, «dann laßt mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu +überzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, daß es derselbe ist, dann laßt +mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, öffne jetzt deine +Augen und sage Ja!» + +Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten +Lackwand des Tempelhofes. Die großen Kryptomerienbäume über den +Tempeldächern bewegten sich schaukelnd für ein paar Sekunden und warfen +Licht- und Schattennetze über die Tempeldächer, über die Lackwände und über +die gemalte weiße Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die +weiße Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte für eine hundertstel +Sekunde ihre senkrechten Pupillen. + +«Sie hat mich angesehen», seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf +ihren Holzschuhen, demütig mit gesenktem Kopf, als wäre sie um viele Jahre +gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel. + +Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswänden lagen in +seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und +Könige, ihre Rüstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt +und mit Bronze beschlagen. Auch große Bogen und Köcher mit Pfeilen standen +da. + +Die Frau blieb unwillkürlich vor einem großen schwarzen Bogen stehen und +legte ihre warme Stirn an die kühle Glasscheibe des Glasschrankes. Es war +ganz menschenleer hier, nur vorher hie und da waren ihr Pilger begegnet +auf den Treppen und den Terrassen der Tempel -- Männer und Frauen aus allen +Teilen Japans, welche Nikko besuchen. + +Wie sie jetzt an der Glasscheibe lehnt, sieht sie in dem spiegelnden Glas +durch dieselbe Tür, durch die sie in die lange Kammer eingetreten ist, +einen Mann kommen, der eine weißhaarige, gebeugte alte Frau begleitet. Die +kleine Alte stützt sich auf einen Stock und auf den Arm des Mannes und sagt +zu ihm: «Mein Sohn.» + +Die Frau wendete ihren Kopf betroffen von der Glasscheibe und warf nur +einen Blick über ihre Schulter. Dann sah sie rasch wieder in den +Glasschrank zurück, als wollte sie ihr Gesicht im Glas verbergen. Sie hielt +den Atem an und ließ den Mann und die alte Frau an ihrem Rücken +vorübergehen. + +Die Götter hatten ihr ihren Wunsch erfüllt! Sie hatte ihren Geliebten noch +einmal gesehen, und sie wußte nun auch, daß er eine Mutter hatte wie andere +Menschen, und daß er ein Menschensohn war, daß er nicht bloß Vater und +Gatte war, so wie sie ihn in Nara gesehen hatte, daß er auch +Kindespflichten kannte, seine alte Mutter an seinem Arm stützte, und daß er +ihr nun nie mehr der Gott der Abendröte sein könnte, der Gott des +Unbekannten, des Abenteuerlichen, der Gott der Inbrunst ohne Pflichten und +ohne Schranken. + +Und nun wollte sie blind werden und nicht mehr in der Gegenwart und +Wirklichkeit leben, sondern im Dunkeln sitzen, wie ein Herz in der Brust, +ohne Licht, nur vom dunkeln Blut umgeben. + +Gealtert und bekümmert kehrte die Frau von ihrer Wallfahrt nach Seta an +den Biwasee zurück, ohne den Tempel der fünftausend Genien in Kioto zu +besuchen, wie sie sich vorgenommen hatte. + +Ein brennender, feuriger Sonnensommer verwandelte den Biwasee täglich in +eine weißglühende Masse. Zwischen dem flammigen Spiegel des Sees und dem +flammigen Spiegel des Sonnenhimmels saß die Frau auf dem Altan ihres Hauses +oder in einem schaukelnden Boot und ließ sich die tausend funkelnden +Sonnenscheiben, die sich in den Wellen brachen, wie tausend Brenngläser in +ihre Augen stechen. Wenn sie vor Schmerzen die Augen schloß, saß sie in +einer feuerrot durchflammten Dunkelheit, als wäre sie mitten im Abendrot +von Seta, als wäre sie die rote untergehende Sonne selbst. + +Sie wurde blind, wie sie gewollt hatte. Aber auch erblindet sahen sie die +Leute von Seta Sommer und Winter, Abend für Abend, mit dem Fächer auf dem +Altan sitzen, zu der Stunde, wo das Abendrot in Seta die irdischen +Landschaften zu roten Götterlandschaften verwandeln kann und die irdischen +gesetzmäßigen Menschengesichter in berauschte unirdische Göttergesichter. + +An einem Winternachmittag, als der Nebel des Sees so dick lag, daß die +Sonne schon am Mittag im Winterrauch wie eine papierne Scheibe blaß +verschwand und ein Hauch von Abendröte erschien, saß die Blinde wieder mit +begeistertem Ausdruck auf dem Altan und beschrieb der Dienerin, die ihr den +Tee brachte, daß sie rote Wolken sähe, rot wie das Tempelgebälk eines +Kiototempels, und daß fünftausend goldene Genien mit hunderttausend +goldenen Armen über die roten Wolken geschritten kämen, und daß ein +Bogenschütze an der Spitze der Fünftausend ginge. Er winke ihr auf der +obersten Stufe einer roten Treppe. + +«So schön wie heute sah ich das Abendrot von Seta noch nie», sagte die +Blinde und lehnte den Kopf an das Altangeländer, von dem der kalte Schnee +abbröckelte. Ihre kleine Teetasse klirrte. Sie setzte sie mit zitternden +Fingern auf den Boden. Sie fächelte sich noch mit dem Fächer, indes ihr +Gesicht die Helle des Schnees annahm. Dann starb sie lächelnd. + + + + +Den Abendschnee am Hirayama sehen + + +An großen Masten ragen ein Dutzend weiße elektrische Bogenlampen in die +Nacht. Sie beleuchten einen Landungskai im Hafen von Marseille. Wie ein +langer weißer Kreideblock liegt dort ein weißer eiserner Orientdampfer mit +Hunderten von runden, gelbleuchtenden Kabinenfenstern. Rot, gelb und weiß +beschienene Gesichter und viele beleuchtete Hände und Arme hantieren in der +Nacht auf der Plankenbrücke und um die klirrenden Ketten der +Verladungskähne, wo Haufen von Koffern, Reisekörben und Reisekisten +verstaut werden. + +Durch die langen, schneeweißen Korridore drinnen im Dampfer eilen +schneeweiß gekleidete Inder mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen, +aus prächtigen Küchen, in denen üppiges Kupfer leuchtet, in die prächtigen +Speisesäle, die von rotem Mahagoniholz und blanken Messingsäulen, von Prunk +und Gediegenheit strotzen, darinnen alles seltsam stille steht, indessen +die bittere, bewegliche Seeluft durch die glühlampenhellen Räume und durch +die Korridortüren wie ein unruhiges Fluidum streicht. Diese Seeluft, die in +dem Schiffspalast, auch wenn er am Kai still steht, immer noch allen Räumen +quecksilberhafte Ungeduld gibt, wie der Saft einer Pflanze, die man vom +Wald ins Zimmer geholt hat. Ein ruhiges Schiff ist kein stillstehender +Gegenstand, denn die Wanderluft, die auch im Hafen noch um seine Räume +streicht, läßt es nicht schlafend und nicht tot erscheinen. Die Offiziere, +Matrosen und Bedienungsmannschaften behalten auf dem ruhigen Schiff immer +noch das bittere Fieber der Seeluft in der Brust, und allen erscheint Ruhe +als ein Unglück und Wandern als das alleinige Glück. + +Das Schiff legt nachts in Marseille an und soll morgen um neun Uhr früh +seine Weiterfahrt nach Asien und Japan antreten. Die meisten Passagiere +haben für ein paar Nachtstunden das Schiff, das schon aus London kommt, zu +einem kurzen Aufenthalt in Marseille verlassen, um wieder einmal Abendbrot +an Land zu essen, denn das Schiff ist schon seit mehreren Tagen unterwegs +und hat seit London keinen Hafen angelaufen. + +Jetzt neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die elektrischen Lampen brennen +noch, aber der Himmel wird schon blau, und Scharen von lachenden und etwas +kindisch heiteren Passagieren kehren aus den Nachttheatern und Nachtcafés +der Stadt zurück. Junge Leute haben rote und blaue Kinderluftballons an +ihre Hüte gebunden. Damen haben sich Arme voll Blumen gekauft, +Winterveilchen von der Riviera; und alle Gesichter sehen belustigt aus, als +kehrten diese Menschen von einem Volksfest heim. Alle haben sie nur für ein +paar Stunden mit ihren Füßen die Erde besucht, die schöne, ruhige, +stillstehende Erde mit ihrem irdischen Staubgeruch, und die hat die +Passagiere im Herzen so überschwenglich und warm gestimmt. + +Jetzt müssen alle wieder auf die schwankenden Schiffsbretter, zurück auf +das buckelige Meer, in die staublose, unirdische Seeluft, in der ihnen die +Sonne noch treu bleibt, wo aber die Erde meilentief in das Wasser sinkt. + +Ein blauer, lauer Januarmorgen brach an. Die Lampen am Kai und im +Schiffsinnern verloschen. Dafür zündete die Morgensonne tausend Lampen in +den tausend Wellenspiegeln an, und die Messinggeländer des schneeweißen +Schiffes, seine roten Schornsteine und zinnoberroten Ventilatoren +leuchteten wie die künstliche Kulissenwelt eines Theaters, aufgebaut unter +dem indigoblauen Mittelmeerhimmel. + +Am Kai standen Verkäufer von Bergen von hölzernen Segeltuchstühlen, die sie +an die Passagiere für die weite Seereise nach Asien verkauften. An der +Abfahrtshalle vor der Telegraphenoffice drängten sich die Reisenden, +schrieben auf umgestülpten Koffern, Tonnen und Kisten Telegramme, -- die +letzten Abschiedsgrüße aus dem letzten europäischen Hafen nach den +Heimatorten. + +An den langen Geländern des Promenadendecks standen Kopf bei Kopf, +Ellenbogen bei Ellenbogen. Viele kleine Kodaks knipsten und fingen das +Hafenbild. + +Auf der nassen Kaimauer vor der Reihe der Packträger und Verlader hatte ein +Athlet einen braunen Teppichfetzen ausgebreitet. An dem einen Ende des +Teppichs tanzte in gelbem Trikot und rosa Tüllröckchen seine zehnjährige +Tochter und klapperte mit Kastagnetten, armselig und ungeschickt. + +Auf der andern Ecke des Teppichs stand der Sohn des Athleten in blauem +Trikot und spielte auf einer dünnen Violine. Auf der dritten Ecke lagen +Gewichtsteine und Kugeln, und auf der vierten Ecke des Teppichs stand der +Athlet selbst in schmutzig weißem Trikot und stemmte die Gewichtkugeln, +Kanonenrohre und eisernen Wagenräder. + +Die Schiffssirene hat bereits mehrmals ihre gellenden Abfahrtssignale +gegeben. Der Athlet, die kleine Tänzerin und der kleine Geiger rauften sich +mit den Packträgern um die Kupfersousstücke, die wie ein brauner Hagel vom +Schiff auf den Kai regneten. Scharen englischer Clerks, die nach Indien +reisen wollten und rote, whiskytrunkene Gesichter aus dem Nachtleben von +Marseille mitgebracht hatten, brüllten im Chor hundert «Cheers for Old +England». + +Dann bewegte sich wie eine Drehbühne das mächtige Schiff vom Ufer weg. Die +sich balgenden Leute am Ufer, die Landungshallen verkleinerten sich, als +schrumpften sie in irgendeine Tasche hinein. Erdbilder, Felsenufer, weiße +Kalksteingebirge, graue Dächerreihen drehten sich wie Bilder, gemalt auf +einen Riesenkreisel, vorüber. Das Schiff schien still zu stehen, aber die +Erde wurde zu einer ungeheuren Kugel, die sich unter dem Schiff drehte. + +Allmählich liefen die Bilder immer kleiner, ferner und farbloser wie +Nebelwische vorüber, und nun nahm der gewaltige Rausch der Seeluft das +Schiff in sich auf, und das Ungeheuer, der endlose Himmel, machte die +lauten Passagiere still, löste nicht nur die Erde unter den Füßen, sondern +nahm auch den Gedanken jede Festigkeit und Sicherheit, machte das Blut +argwöhnisch, die Füße schwankend, die Gehirne ohnmächtig. + +Hunderte von Deckstühlen wurden an die Geländer gebunden, daß sie nicht von +dem Seegang hin und her rutschten. Unter riesigen Reisekappen, in ungeheure +Reisemäntel und in vielfarbige und karierte Schals gewickelt, lagen die +Passagiere, ausgestreckt in endlosen Reihen, auf dem weißen Promenadendeck. +Die weißgetünchten Eisenwände, die sachlichen Eisengeländer, die alle +gerade und senkrechte Linien zeigten, flößten Sicherheit, aber auch +Nüchternheit ein, als wäre das Schiff ein riesiger, physikalischer Apparat +in einem Laboratorium, als wären die Menschen Präparate, die da künstlich +aufbewahrt würden, bis zur Landung an einem andern Kontinent. + +Unter den Schiffspassagieren, die da in Reih und Glied in Liegestühlen auf +den langen Decks lagen, als wären die Deckpromenaden Lazarette, fielen zwei +Japaner auf, die von zwei deutschen Damen, einer jungen rotblonden und +einer alten weißhaarigen, begleitet waren. Es waren die beiden Schauspieler +Kutsuma und Okuro, die mit der Sada-Yakko-Truppe eine Europa-Tournee +unternommen hatten und jetzt, getrennt von der Truppe, nach Japan +zurückkehrten. + +Okuro hatte sich eben erst mit einer deutschen Dame verheiratet, und diese, +welche immer mit ihrer Großmutter zusammengelebt hatte, wollte sich auch +nicht in der Ehe von ihr trennen. Darum begleitete die achtzigjährige +weißhaarige Alte das junge Ehepaar nach Japan. + +Die beiden Japaner waren europäisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter +und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahäutigen Engländern +auf. + +Ilse, Okuros junge und schöne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der +rote Metallglanz der Goldfische. + +Sie trug ein smaragdgrünes Reisekleid und war unter allen den braunen, +grauen und schwarzkarierten Engländerinnen und Engländern wie ein +Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Fülle eines freigebigen +Sommers. + +Die Großmutter neben ihr mit dem weißen Haar, das wie ein alter +Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit +blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und +lautlos. + +Nie sind zwei Menschen fröhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als +diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermögen durch seine Tournee +verdient. Ilse wußte nicht, was sie mehr an ihrem Mann schätzen sollte: die +ausgesuchte Fürsorge, mit der er sie umgab, die große Anspruchslosigkeit, +mit der er auftrat, oder die große Leichtigkeit, mit der er alle +Schwierigkeiten lächelnd aufnahm. + +Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmählich, daß ein Asiate nicht +ist: wie fünf und fünf ist zehn, sondern daß bei ihm fünf und fünf einmal +Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, daß sie noch nicht den +hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte +sie, daß seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinensüß und +lächelnd ausgesehen hatten, plötzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft +werden, oder sogar tödlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze, +funkelnde Tollkirschen. + +Aber gerade, daß sie seiner nicht sicher war, daß sie seine Weltallruhe und +sein göttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann +wieder plötzlich erschrecken mußte vor tierischen Kehllauten, die er +ausstoßen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten +ließen, -- dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit +einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe +gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach +exotischen Geheimnissen. + +Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen Äther des +Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von +Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weiße, +blendende Schiffsgerüst in der Bläue ringsum wie der weiße Silberkörper +eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Bläue untergetaucht wäre und +unter den Meeren mit ihr fortschwämme. Nur das gelbe Stück Sonne oben war +wie ein Stück Land, das in die Bläue herabschiene. Und sie hoffte, so +verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in +der Zukunft verändern, daß alle Begriffe sich umstülpten. + +Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das +damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorüberzogen, nahm +Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl saß und in der Dunkelheit +nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus +dem Mund, warf sie über Bord und sagte, schmollend in ihrer +Flitterwochenstimmung: + +«Geliebter, wie kannst du rauchen und dich mit deiner Zigarette lautlos +unterhalten? Ich bin eifersüchtig auf deine Zigarette und deine Ruhe bei +ihr. Ich bin noch keine so alte, ruhige Frau wie meine Großmutter, welche +einschläft, wenn du stundenlang schweigend rauchst. Ich möchte lieber, daß +du mich erwürgst, ins Meer wirfst, oder irgend etwas Böses mit mir tust, +aber ich mag nicht, daß du so ruhig und gleichgültig neben mir rauchst. Wir +kennen uns noch nicht auswendig. Nur ist das, als wärest du mir untreu, +wenn du die Zigarette mehr liebst als mich.» + +Darauf antwortete der junge asiatische Ehemann: + +«Wenn ich Diener brauche, die dich und mich bedienen, so bin ich deshalb +nicht ein schwacher Mann, der sich nicht selbst bedienen könnte. Wenn ich +eine Zigarette brauche, die mir Ruhe gibt, so habe ich deshalb dich nicht +aus meinem Herzen verstoßen, denn dich brauche ich natürlich erst recht zu +meiner Ruhe. Die Zigarette allein würde mich nicht genügend mit Ruhe +bedienen.» + +Ilse fuhr schnell und heftig auf: + +«Wenn du vielleicht statt der Zigarette eines Tages eine andere Frau +brauchst, die dich mit Ruhe bedienen müßte, dann dürfte ich auch nicht +unruhig werden, Okuro?» + +Dieser lächelte und sagte noch ruhiger: + +«In Japan liebt ein Mann seine Frau immer, so lange er sie nicht +fortschickt. Und Frauen fragen bei uns nicht nach den Wegen, die ein Mann +gehen muß, und die ihn zum Manne machen.» + +Ilse wurde noch heftiger: + +«Du darfst also viele Frauen lieben, wenn es dich zum Manne macht? Und ich +soll keinen Schmerz empfinden, wenn du deine Nächte mit anderen Frauen +teilst und deine Umarmungen, deinen Leib und dein Herz anderen Frauen +gibst, wo ich doch dachte, daß der Tag der Hochzeit dich mir ganz und gar +geschenkt hätte?» + +«Nicht _ich_ bin _dein_, sondern _du_ bist _mein_ geworden», antwortete +ruhig der Japaner. «_Ich_ bin _ich_ geblieben und bin nur durch dich mehr +geworden. Aber du bist seit dem Tag unserer Hochzeit nach unseren +asiatischen Begriffen verschwunden und bist nicht mehr.» + +«Ich bin also schon», lachte Ilse, «an dem Tag unserer Hochzeit ins +Nirwana eingegangen und gehöre jetzt zu den Toten?» + +«Ja, Ilse, größtes Glück ist Nirwana. Und die Frau, die sich nicht um das +wirkliche Leben zu kümmern braucht, um Geldverdienen und Staatsgeschäfte, +kann deshalb schon am Tag ihrer Hochzeit ins Nirwana eingehen, der Mann +erst am Tage seines Todes.» + +«Aber ich will gar nicht im Nirwana sein, wenn du nicht darin bist», rief +die junge Frau eigensinnig. «Und so lange du im gewöhnlichen Leben bist, +will ich auch eine gewöhnliche Lebende sein.» + +Okuro sagte ruhig: «Die Götter haben euch Frauen keine Knochen gegeben, um +im gewöhnlichen Leben so fest zu stehen wie der Mann.» + +Dieses war das erste von hundert ähnlichen Gesprächen, welche Ilse und +Okuro, in ihren Deckstühlen liegend oder um die Schiffsschornsteine +promenierend, morgens, mittags und abends führten. Seit Europa verschwunden +war und das nach Asien schweifende Meer vor ihnen lag, bauten sich die +Gedankenwelten der beiden Neuvermählten in der Leere des Meeres wie die +Ufer von zwei einander gegenüberliegenden Ländern voreinander auf. + +Nie hatten die beiden in den lebendigen Alltagstunden des zerstückelten +Tageslebens von Berlin, wo sie sich kennen gelernt hatten, Muße gefunden, +mehr voneinander zu sehen als nur leichte Beleuchtungen, unterhaltende +Augenblicksbilder ihres Herzens. Jetzt aber, unter der unendlichen Weite, +auf der Reise über die halbe Erdkugel, die vor ihnen lag, unter der +Riesenruhe des körperlosen Himmels und des unbegrenzten Wassers und in der +Ruhe der unendlichen Einförmigkeit des kasernenhaften Schiffslebens, +wuchsen die Betrachtungen der beiden wie meilenlange Seeschlangen, die +unterirdisch dem Schiff folgten und hie und da in großen Wellenlinien an +die Oberfläche kämen. + +Bei dem ersten Gespräch von dieser Art, das bei Nacht in der Meeresenge von +Messina geführt wurde, sahen sich die beiden nicht. Ihre Deckstühle standen +im Schatten von großen Rettungsbooten, und es war zu der späten Stunde, da +die Deckbeleuchtung der gelben Glühbirnen halb gelöscht ist. Es fehlte +diesem Gespräch das Echo der Gesichtsmienen und Bewegungen, und da es als +erstes Gespräch nicht zu Ende geführt wurde, und da sie danach nur immer +ihre Stimmen im Ohr und nicht ihre Gesichter gesehen hatten, so blieb +dieses Gespräch wie ein ewig dunkler verborgener Keim, der auf dem +beweglichen Schiff und auf der Bodenlosigkeit der Meerestiefe keine Wurzel +fassen und nicht ausgerissen werden konnte, sondern mit ihnen schwamm und +anwuchs wie ein millionenfingriges Seegewächs. + +Als Ilse und Okuro die erste Landstation, die lange, weiße Molenmauer von +Port Said, unter dem grünlichblauen Afrikahimmel sahen, da hingen die +Gespräche über die verschiedene Denk- und Empfindungsweise der beiden wie +der Schaum des Fahrwassers hinter ihrem Schiff. Ihre Gedankenwelt +schrumpfte aber sofort ein und verflüchtigte sich zu einer angenehmen +Gedankenlosigkeit, als die beiden mit Kutsuma und der Großmutter für ein +paar Stunden in den langen Bazarstraßen von Port Said unter Ägyptern, +Arabern, Abessiniern in den Straßencafés saßen und den Millionärstöchtern +der Amerikaner zusahen, die, mit den üppigsten Pelzen bekleidet, hier in +dem nächtlich kühlen Ägypten landeten und den kleinen Port Saider Bahnhof +belagerten, um den Schnellzug nach Kairo und in das Wüstenland nach Heluan +zu besteigen. + +Sowie sich Ilse von schwarzhäutigen Afrikanegern in langen weißen und +blauen Leinwandhemdkleidern umgeben sah, von schwarzen Schultern und +Gesichtern, die wie eine Schar lebendiggewordener riesiger Kaffeebohnen +hier am Kai durcheinanderliefen, fühlte sie sich magdhaft, fraulich und +sehnte sich schutzsuchend neben ihrer Großmutter nach ihrem Mann. Wenn sie +sich dann umsah und hinter ihr Okuro und Kutsuma gingen, fühlte sie keine +Sicherheit, keine Ruhe, denn die zierlichen gelbhäutigen Japaner waren hier +in Afrika noch weniger zu Hause als in Europa; und Okuros gelbe +Gesichtsfarbe erschien ihr lächerlich und leichenhaft neben der schönen +Pulverfarbe der Afrikaner. + +Hier am Land waren es jetzt nicht nur die Gedanken der Europäerin, die +gegen die Gedanken des Asiaten Wortgefechte führten. Es war noch schlimmer: +es war der Körper selbst, der dem Herzen abtrünnig zu werden schien. + +Als sie am Abend zum Schiff zurückkehren mußten, ging die junge Frau früher +als sonst zu Bett. Sie schloß ihre Augen hartnäckig und stellte sich +schlafend, als Okuro ihr Haar streichelte und ihr ein paar zärtliche Worte +zuflüsterte. + +Ilse hütete sich wohl, der Großmutter am nächsten Tag von ihren wankenden +Gedanken und Gefühlen zu erzählen. Auf dem Weg über das Mittelmeer nach +Afrika hatte sie geglaubt, es sei der schwankende Schiffsboden, der sie +selbstquälerisch und heimatlos stimme, und auf dem sie sich behaupten +müsse. Aber der Spaziergang in Port Said hatte sie noch mehr erschreckt, +und sie konnte sich nicht der Überlegung erwehren, ob sie von jetzt an +schweigen und asiatisch dulden oder sich auflehnen und europäisch behaupten +müßte. + +Trotzdem lachte sie äußerlich. Ihr rotgoldenes Haar strahlte schon allein +ein reiches sommerliches Lächeln; Ilse war im Grunde viel zu genußsüchtig, +als daß sie unter Gedanken lange hätte leiden mögen, und es schien, als +ließe sie ihr rotes Haar immer gern wie zu einem täglichen Lebensfest +leuchten. + +Die Deckbevölkerung hatte sich vermehrt und verändert. Reiche indische +Kaufleute in europäischer Kleidung, aber mit sehr viel Ringen und goldenen +Uhrketten geschmückt, standen wie die Schatten der weißen Leute auf den +langen Schiffspromenaden herum, hatten die Augen von guten Waldtieren oder +von eiteln Tropenvögeln. Die schmalen Messingstiegen, die vom +Promenadendeck der ersten Klasse in das tiefere Zwischendeck +hinunterführten, waren drunten belagert wie von einer Maskerade. +Mekkapilger mit smaragdgrünen Turbanen, buddhistische Mönche in senfgelben +Mänteln, türkische Hausierer in dunkelblauen und violetten Kaftanen, nackte +Fakire, in dicke Stricke und Muschelketten gekleidet, indische Handwerker +in weißen Schleierhosen, roten Sammetwesten und goldgestickten Kappen und +die braune indische Schiffsbemannung des englischen Dampfers in blauen +Hosen und roten Schärpengürteln mit tigerartig geschmeidigen nackten +Oberkörpern, und die alle barfuß wie die Tiere auf dem Feld +durcheinanderliefen, vervollständigten das Papageienbild des Zwischendecks. + +Das Schiff wanderte und wanderte, beladen und belastet mit den hundert +verschiedenen Ideenwelten von hundert verschiedenen Rassen. Es hatte die +lange Sandwüstengasse des Suezkanals passiert, wo der Sand auf Meilen wie +gelber Goldstaub lag, und wo weiße Salzlakenmoore gleich weißen Eisflächen +glänzen. Auf die Öde und den Stillstand dieses Landes folgte die höllische +Glutbrunst des Roten Meeres, wo das Meer nicht rot vor Korallen ist, +sondern rot wird von der Hitze, mit der es deine Augen brennt, wo die Sonne +wie ein Feuereimer das Tageslicht gleich rotem, flüssigem Metall ausgießt, +wo violette Steingebirge in Nubien dastehen und gegenüber in Arabien +solche, die silbernen Aschenhaufen gleichen, wo der Berg Sinai als +Silhouette am Himmel vor Hitze zittert. + +Die Arbeit der indischen Matrosen auf dem Schiff besteht jetzt den ganzen +Tag darin, die Segeldächer über den langen Schiffspromenaden über den in +Reihen hingestreckten und vor Hitze aufgelösten Passagieren zuzuziehen und +je nach dem Stand der Sonne anders zu stellen. Mit Strohhüten und weißen +Sommerkleidern liegen Herren und Damen wie am Rand einer Strandpromenade, +vor Hitze aufgedunsen, als wäre das Blut von der Hitze in den +Menschenkörpern zu Rotwein geworden, als wären die Reisenden vom Alkohol +betäubt und blau gedunsen, -- so liegen die Scharen der Reisenden wie in +einer betrunkenen Schlafwelt auf der dreitägigen Fahrt durch das Rote Meer. + +In den Schiffssälen bewegen sich an der Decke lange weiße Leinwandfächer, +die gleich den Stoffen eines Bühnenhimmels quer durch die Räume gezogen +sind und sich wie ein weißer Wellengang über die Köpfe der Speisenden +bewegen, aber keine Kühlung geben und nur die brühwarme Meeresluft von +einem Gesicht zum andern schicken. + +Das große geheizte Schiff wandert und wandert. Die Fernrohre entdecken +täglich wieder Afrika auf der einen Seite, Arabien auf der andern. Das +glühende Schiff schleppt am Tage die Sonne wie einen Riesenballast mit. Am +Abend scheint der Himmel zur Wüste ausgetrocknet zu sein und wird goldgelb +wie Wüstensand. Dann stehen über Afrika lange schilfgrüne Wolken, gleich +spukhaften Erscheinungen unwirklicher grüner Felder. Jetzt nach +Sonnenuntergang werden die Segeldächer gerafft. Die Reisenden, die vor +Hitze nicht hatten sprechen können, und jeder Mund, der geglaubt hatte, es +würden ihm Flammen aus der Lunge fahren, beginnen den Abend zu bewundern, +der aber immer noch heißer bleibt als ein europäischer Julitag. + +In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht +Europäerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst, +der oben über dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiterzog. Sie +brauchte keine Nachsicht zu üben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich +sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein. +Und jeder Menschenkörper war heißes Metall geworden und begriff kaum mehr +die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und +Vergänglichkeit, von Gegenwart und Zukunft. + +Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse +und Okuro so eng und sinnlich zusammen wie nie vorher, wie nicht einmal +die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte +von Deckstühlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend, +zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen +Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne daß sie ihre Arme +ausstreckten und sich berührten, ohne daß ihre Lippen sich fanden, lagen +sie mit dem Gefühl großer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen +Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng +vereinigt. + +Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom +Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse +lehnte in ihrem langen weißen Abendkleid am Schiffsgeländer, Okuro neben +ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der +afrikanische junge Mond. Und sie sagte, daß sie seine Hände so liebe, die +nie einen Ring trügen, die Knöchel hätten, fein und stark wie die kräftigen +Federposen elastischer Vogelflügel. Und sie sahen beide den in weißen +elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen +Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten. + +Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und +bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das +Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den +beiden, je länger sie sich über das Geländer lehnten, die Welt auf den +Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe +und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Füßen zurecht, +wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer +Kabinentür, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut +aneinander pochen ließen. + +Dann rückte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mächtiger, +dunkelbrauner, ausgedörrter Berg heran, zu seinen Füßen lange, rote +Kasernendächer: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tür +in den Indischen Ozean; und im grüngelben Abendhimmel blieb das Meer +zurück, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das +Dampfschiff draußen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben +zurück, und zurück blieben die Länder, wo der Halbmond regierte, und die +graue arabische Felsenküste, auf der weiße Minaretts am Nachmittag gleich +weißen Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll +Harems und Frauen träumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich +ölgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresfläche im Osten +lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stündlich nähernde +Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten. + +Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken +über Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle +Menschenkörper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die +Menschen wurden wieder selbständig und dachten wieder ihren eigenen +Gedanken nach. + +Eines Abends saß Ilses Großmutter allein am Ende des Promenadendecks. Große +Sternbilder der fremden Südzone stiegen aus der Meerestiefe auf und +wanderten über die Masten des Schiffes fort. + +In der Nähe der Dame saß nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine +große indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Märsche trommelten, und +sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die +Sterne hob, von Enttäuschung, wenn es wieder in die Leere sank. + +«Wie viele Gedanken mögen an den Sternen hängen», dachte die alte Dame. +«Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier +unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie +eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfäden +abspinnt.» + +«Sehen Sie, Herr Kutsuma», sagte die alte Dame, «Sie sagen immer, mein Haar +sei so weiß wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat +Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, daß +Ilse für ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit +ist nicht gesagt, daß Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse +finden und ohne Ilse sehr glücklich werden könnte.» + +Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Schoß, sah auf und sagte: + +«Ich bewundere immer, wie großartig die Europäer die Welt einteilen können, +die Länder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Längengrade; +in alles Irdische bringen die Europäer Zahlen und Ordnung. Aber sie +erfinden kein System für ihre Gefühle, wollen kein System anerkennen für +das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als +aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nicht als etwas +Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann.» + +«Aber, mein Herr», unterbrach die weißhaarige Dame ungeduldig Kutsuma, +«Gefühle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefühle sind doch das +Unbegrenzte am Leben! Liebesgefühl kann Unordnung und Ordnung zugleich +geben: Liebesgefühl ist eine Hasardnummer, man setzt auf Rouge oder Noir. +Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefühl in Ordnung +mit sich selbst kommen könnte. Wer liebt, wünscht glücklich zu machen, aber +das Leben muß erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen +hat.» + +«Wo Liebe ist, ist ewiges Glück», sagte der Asiate. «Wo ein Wechsel +eintreten kann, war die Liebe nicht vollständig. Ihr Europäer wünscht, daß +der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie höher halte als sich +selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, daß sie den Mann bediene und +sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe +zwischen Mann und Frau.» + +«Sehr weise gesprochen», sagte die alte Dame. «Aber lassen Sie jetzt auch +den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heißt: vertrauen +Sie den Gedanken, die unter meinen weißen Haaren entstanden. + +Das Kostbare an der Liebe ist, daß sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und daß +weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen +Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europäischen Liebe in +ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein, +immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die +Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genusses +verwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich +vorstellen, daß sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbärmlicher +chemischer Prozeß bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein +System fassen läßt.» + +Der Asiate schwieg lange und ließ die Sternbilder wandern. Dann sagte er +und faltete seine Landkarte zusammen: + +«Die Götter in Europa haben euch Europäer nicht umsonst Mikroskope für eure +Augen konstruieren lassen. Ihr könnt auch eure Liebesaufregung unter ein +Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euren Fenstern, so seht ihr die +Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europäer könnt über Dinge +sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben.» + +Die alte Dame antwortete: + +«Ihr Asiaten könnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswürdige +und bescheidene Kinder eurer Götter, und wir sind vorwitzig. Wir müssen +unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den +Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen +und Freuden.» + +Kutsuma spricht eifriger: + +«Wir haben nur immer von den Indern den Kreislauf der Seele zu beobachten +gelernt. Aber die Liebesleidenschaft haben wir nicht als Lebenswert +untersucht und haben die Liebe nicht auf die Höhe gestellt wie ihr in +Europa. Aber seit ich bei euch war, begreife ich, daß die Zukunftswelt die +Liebesleidenschaft als Weltmittelpunkt erkennen wird. Nicht die Weltruhe, +nicht das Nirwana, wie wir in Asien immer glaubten, und nicht den +Weltschmerz und das Weltmitleid, wie euer vergehendes Christentum immer +glaubte; die Liebesleidenschaft ist für jeden, der sein Leben ernst nimmt, +sein Gott, der ihm Leben und Tod gibt. So sagte auch gestern Okuro zu mir, +als wir bei Aden das Rote Meer verließen, er sagte mir, er würde nie mehr +mit Ilse über die Meinung streiten, die sie als Europäerin von der Ehe hat. +Sie macht ihn mit jeder Meinung glücklich. Sein Blut ist so zufrieden von +ihrem Blut, daß er nicht mehr nach Lebensgebräuchen und Lebenssitten fragt, +daß er ihr zuliebe ein Europäer werden will auch in seiner Heimat. Seine +Liebe ist jetzt so groß, daß er meinungslos geworden ist.» + +Kutsuma wartete auf einen Freudenausbruch der Dame. Und als der junge Mann +keinen Laut als Antwort erhielt, empfand er mit einemmal das Schweigen +zwischen sich und der alten Dame wie einen Abgrund, als wäre sie über einen +Ozean vor ihm und seinen Worten zurückgewichen. + +Lächelnd suchte Kutsuma eine Verbindung herzustellen und sagte: + +«Warum schweigt der Abendschnee am Hirayama? Er, der mir vorhin so schöne +weite Gedanken gab?» + +Da seufzte die alte Dame: + +«O, wie unglücklich sind die gütigen Liebenden! Güte in der Liebe bringt +Unglück. Liebe ist nie gütig, Liebe fordert, mißhandelt, vergewaltigt. Von +zwei Liebenden muß einer der Stärkere werden. Der Mann muß die Frau +unterjochen, er kann ihr ja den Wahn ihrer Selbstherrlichkeit lassen, wenn +sie es noch nötig hat. Aber er darf nicht gütig meinungslos werden. + +Sagen Sie das zu Okuro! Das sei die Ansicht dieser weißen Haare. Und +immer, wenn er meine weißen Haare sieht, die ihr Japaner mit dem +Abendschnee von Hirayama vergleichet, soll er stark werden, soll nicht vor +Ilse meinungslos werden. So wie der Schnee am Hirayama nie zu schmelzen +ist, so soll sein Wille von keinem Frauenwillen zu schmelzen sein. Nur dann +macht er Ilse glücklich.» + +Kutsuma betrachtete andächtig den weißen Kopf der alten Dame, so andächtig, +wie nur ein Japaner im Abend am Biwasee den Schnee von Hirayama betrachten +kann. -- + +Ceylon mit seinen wolkenblauen, glänzenden Bergen, die voll Amethysten und +Mondsteinen liegen, wurde von dem wandernden Schiff für einen Tag berührt. +Dann zog die magnetische Ferne das Schiff weiter nach Osten. Und Ilse +träumte sich Palmenwälder aufs Meer, denn sie wußte: rings waren Küsten mit +heiligen indischen Wäldern und heiligen indischen Tempeln. Und ringsum an +den Küsten lebten Völker, die so gut waren, daß sie den Schlaf eines Tieres +heilig hielten, -- den Schlaf des geringsten Straßenhundes, dem es einfiel, +mitten in den verkehrsreichsten Städten sich in die Sonne zu legen und zu +träumen. Kein Fußtritt verjagt den Träumenden, denn jeder Traum, auch der +Traum eines Hundes, ist ein Paradies, das sich für Augenblicke auf die Erde +senkt. Darum wird auch der Schlaf der Tiere mit Ehrfurcht behandelt. Keine +Peitschen knallen, nur Silberglocken am Kutschbock treiben die Pferde an. +Über alles das dachte sie oft mit Scheu nach. + +«Wie seltsam», meinten die beiden Japaner und die beiden Europäerinnen, +«daß Europa und Asien nebeneinander auf derselben Erde liegen, sie, die +weniger zusammengehören als Erde und Mond. Europa gibt seinem Leben das +Sprichwort: Zeit ist Geld. Und Asien beachtet weder die Zeit noch das Geld. +Es ist erstaunlich, daß die einfache Schiffsschraube, die nichts tut, als +sich drehen, uns aus der Welt der Begriffe von Zeit und Geld in die Welt +der entgegengesetzten Begriffe befördern kann, ohne daß wir dabei daran +zugrunde gehen oder erst sterben müssen.» + +«Am seltsamsten», sagte die alte Dame, «ist es für mich, die ich schneeweiß +aus Europa komme. Ich glaubte mich schon am Ende meines Lebens; und ohne +daß ich eine neue Inkarnation eingehen muß, verjüngen und erwärmen sich +hier in Asien meine Gedanken. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wundere +ich mich, daß ich immer noch den Schnee auf meinem Kopf trage.» -- + +Das Schiff hatte Hinterindien, Penang und Singapore passiert und drang in +das Chinesische Meer. + +In Singapore aber war Ilse aus ihren indischen Träumen gerissen worden. +Dort, wo die Chinesen wie der Sand am Meere sind, wo die gelbe Rasse die +braune Rasse verdrängt, wo Ilse noch gelbere Menschen als die gelben +Japaner sah, während ihr das Reisen schon wie das Wandern des Blutes in +ihrem Körper zur Gewohnheit geworden war, -- überfiel sie ein Schrecken und +eine Angst vor der Zukunft. Die schlitzäugigen Menschen entsetzten sie. Die +geschlitzten Augen, die hervorstehenden Backenknochen schienen ihr die +Gesichter zu verkrüppeln. + +Am Abend, als sie mit ihrer Großmutter aus Singapore an Bord des Schiffes +zurückkam und der Himmel voll gelber Abendwolken gleich tausend gelben +Chinesengesichtern war, ging sie nicht in ihre Kabine zu ihrem Mann. Sie +eilte in die Kabine ihrer Großmutter, drückte ihr Gesicht in die Hände der +alten Dame und schluchzte. + +«Kind, Kind, ich weiß es», sagte die alte Dame. «Ich habe dasselbe gedacht +wie du heute. Aber laß die Zeit verstreichen. Die Zeit bringt Gewohnheit, +und Gewohnheit kann dich wieder glücklich machen. Wenn die Erde hier auch +fremder ist als ein fremder Planet, wir stehen doch noch mit den Füßen auf +derselben Erde, und wir werden auch mit der gelben Rasse gut Freund +werden.» + +«Ich nicht», sagte Ilse. «Sieh mein rotes Haar an, sieh meine weiße Haut +an. Ich habe nicht daran gedacht, daß ich unter eine ganze Welt von gelben +Menschen komme. Okuro war mir lieber, als er, allein, eine Kuriosität in +Europa war. Aber jetzt ging er heute vor mir unter in der Flut der gelben +Gesichter, als wäre er im Chinesischen Meer ertrunken. Ich will heute nacht +nicht in seiner Kabine schlafen. Ich werde bei dir bleiben, Großmutter, und +im nächsten Hafen fliehen wir und kehren um nach Europa. Es ist mir, als +ginge ich bis zum Hals im gelben Lehm und erstickte, wenn ich unter den +gelben Menschen bleiben muß.» + +«Kehre nicht um, Kind! Die Gewohnheit wird dich glücklich machen», +wiederholte die alte Dame. + +«Großer Gott, welch ödes Glück dann! Gewohnheit ist das Glück der +Dienstboten, nicht das der Herrschaft, hast du immer weise gesagt, +Großmutter. Und jetzt gibst du deine Weisheit auf, nur um mich zu trösten! +Neulich sagtest du noch, daß das Liebesglück ein Zuviel im Blut haben +müsse, einen Überschwang. Dieses Zuviel wird unter diesen gelben Menschen +nie mehr zu mir zurückkommen.» + +Die beiden Frauen umarmten sich leidvoll und saßen miteinander auf dem +Rand des Kabinenbettes in dem kleinen weißlackierten Raum, und saßen eine +Stunde still, ohne sich zu rühren, und waren beide weit fort aus dem +Schiff. Beide gingen durch die Straßen von Europa, beide verstummt vor +Sehnsucht nach der Heimat und beide von neuem aufschluchzend, als sie sich +ansahen und sich vom Schiff weitergeschleppt fühlten. Sie wunderten sich im +stillen, daß das im Wasserdruck knisternde Schiff vom Heimweh zweier +Menschen nicht zum Sinken gebracht würde. + +Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Großmutter und ließ sich +durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen. + +Was dann in dieser Nacht geschah, weiß kaum ein einziger, der sich im +Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzählen. + +Die alte Dame fühlte sich plötzlich durch einen Stoß mitten im Schlaf aus +dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen +mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten +im Meer still zu liegen. Statt der taktmäßig arbeitenden Maschinenschraube +herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer +aufrichtete, auf den sie gefallen war, faßten sie zwei Männerhände, zogen +sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr +entgegenschoß, schäumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich +windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefüllt zu sein schien. + +Statt der Schiffstreppen fühlte sie Menschenkörper unter ihren nackten +Füßen. Die Männerhände und das sich türmende Wasser hoben sie wie mit +Hebeln über tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf +einen andern Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht +neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam. +Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getümmel der sich Rettenden, Okuro, +der ihre Hände hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich +eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich: +«Ilse!», und Okuro verschwand. + +Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Männern, die wie +in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und +Affen geworden wären, sich stießen, übereinandersprangen, in dem +Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Stühle +verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt «Hilfe!» riefen, +trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehörigen +schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten. + +«Ilse, Ilse!» rief die alte Dame immer wieder, als könnte sie mit dem +gerufenen Namen einen Menschen erschaffen. + +Das vom Meerwasser durchtränkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende +schwere Haut um den zitternden Körper. Aber sie rutschte noch mit den +letzten Kräften von den Knäueln der Menschen fort, die mit den Armen um +sich schlugen, fort von diesen Skelett-Menschen, welchen die Sekunden des +Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten. + +Ein paar wahnsinnig gewordene Männer wurden neben ihr von Matrosen +gefesselt. Ein paar andere strengten sich an, einen der +Glühlichtkronenleuchter von der Decke zu reißen, und zerschlugen mit den +Fäusten die gläsernen Birnen und schrien: «Wir wollen kein Licht! Wir +wollen nichts sehen.» + +Ein Mann biß sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem +Kopf, und die Frau lachte und schrie: «Mein Lieber! Mein Lieber!» Das Blut +rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzückung +aus den Höhlen. + +Die alte Dame kroch zu einer Kabinentür, die weit offen stand. Da sprang +ein wahnsinnig gewordener Malaye mit zwei Messern in den Händen über sie +weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen +schrien, stach nach den Männern, die unter dem Kronleuchter hingen, und +kniete sich dann auf den Rücken des Mannes, der sich in den Arm der Frau +hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzückter als der wahnsinnige +gelbe Malaye, der den weißen Rücken ihres Mannes mit den blutigen Messern +bearbeitete. + +Neue Matrosen stürzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter +der Türe sah die alte gerettete Dame die Flügel einer riesigen silbernen +Windmühle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit +ihren steilen weißen Strahlen die Nachtluft zertrennten. + +Am Schiffsgeländer neben ihr erkannte sie im weißblauen Licht des +Scheinwerfers zwei Männer, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen. +Die Dame schrie mit ihren letzten Kräften: «Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse!» +Dann sah sie, wie der eine Mann den andern mit dem Kopf an das +Messinggeländer schlug und dann den niedergeschlagenen zärtlich aufhob und +auf den Ruf: «Ilse, Ilse», sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmächtigen +aus dem weißen Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der +Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales +erschienen, fielen beide Männer wie tot an der Türschwelle nieder. Es waren +Okuro und Kutsuma. + +«Ilse», keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden +Japanern ohnmächtig hin. -- + +Die Geretteten hörten am nächsten Tag, daß im Mondnebel ein Zusammenstoß +zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden, +stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den +Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch +Ilses Leiche an Bord gebracht. + +Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurück und belog ihn und sagte ihm, +Ilse wäre mit ihrer Großmutter gerettet. Denn er fürchtete, daß sein Freund +sich nochmals ins Wasser stürzen würde, wie er es beim Untergang des +Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand. + +Aber Okuro war bei der Lüge seines Freundes ungläubig, schüttelte den Kopf +und sagte: + +«Ich weiß, daß Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war für mich schon nach +Europa zurückgekehrt, und sie war für mich schon tot, ehe das +Schiffsunglück eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst würde sie vor mir +stehen. Sonst wäre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben. +Ilse kehrt nicht wieder.» + +Nach den wahnwitzigen Kämpfen und Aufregungen der Unglücksnacht blieb Okuro +von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur +stundenlang seine Hände, welche Ilse immer geliebt hatte. -- Er, die +weißhaarige Großmutter und sein Freund Kutsuma saßen wie Wandbilder +schweigend nebeneinander auf den Deckstühlen des nach Japan wandernden +Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen. + +Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom +Schiffsgeländer zurückzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische +Kraft zu haben für alle die Schiffbrüchigen, welche Angehörige in der +Unglücksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt plötzlich ins +Wasser, Männer, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Männern +wollten. + +Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im +Frühnebel, die Silhouetten der vielfach gekrümmten uralten Bäume, die +zierlichen Hügel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder. + +Die beiden Japaner erwachten aus der Totenstille, und nur die weißhaarige +Dame blieb stumm, und ihre Augen sagten müde: Seit Ilse tot ist, ist die +Erde für mich ein Sargdeckel geworden. Ich möchte mich auch in den Sarg +legen. + +Als die Schiffsbrücke in Nagasaki herabgelassen wurde und unten Motorboote +voll von Angehörigen der japanischen Reisenden beim Schiff anlegten, sahen +die Leute, welche Okuro und seine junge Frau erwarteten, zu ihrem Erstaunen +den berühmten Schauspieler die Schiffstreppe herabsteigen, mit seinem Arm +eine alte, weißhaarige Dame stützend. + +«Ist Okuro deswegen nach Deutschland gereist, um sich eine alte Dame, die +weiß ist wie der Abendschnee am Hirayama, zur Frau zu holen?» fragten sich +seine Freunde verwundert. Aber niemand lachte. -- + +Unter Okuros Freunden war ein japanischer Schriftsteller, welcher den +Eindruck nicht vergessen konnte, welchen die weiße alte deutsche Dame auf +ihn gemacht hatte, die als vermeintliche Frau des Okuro am Arm des jungen +Japaners ans japanische Land gestiegen war. Dieser Schriftsteller schrieb +ein Drama; und nachdem Monate vergangen waren und die alte Großmutter von +deutschen Freunden nach Europa zurückgebracht worden war, las er sein Drama +Kutsuma und Okuro vor. + +Kutsuma, welcher in Japan Frauenrollen spielte, war sehr begeistert von der +Rolle der Ilse, und Okuro sollte die Rolle der weißhaarigen Großmutter +spielen. Der Schriftsteller hatte das Stück den «Abendschnee auf dem +Hirayama» genannt. + +Der Abend der Vorstellung kam, und Okuro trug eine Perücke aus weißer +Seidenwatte. Nie hatten die Zuschauer eines japanischen Theaters ein +lebhafteres und atemloseres Spiel gesehen. Nur einige murmelten und +wunderten sich, daß der junge Ehemann das Drama spielen wollte, das sich +erst vor Monaten ereignet hatte. Und viele nannten ihn herzlos und +gefühllos, weil er den Tod seiner jungen Frau nicht ernster nahm als ein +Drama. + +Der letzte Akt kam und die Szene, wo die gerettete Großmutter aus der +Kabinentür kriecht und während des Schiffsunglücks nach Ilse schreit. Sie +tastet sich vorwärts. Aber statt dessen richtet sich der die Großmutter +spielende Okuro auf und springt an die Theaterrampe vor, streckt die Arme +ins Publikum, und statt in Wehklagen über die Ertrunkene auszubrechen, ruft +er: + +«Seht mich aus dem Schrecken neugeboren und weise und kühl geworden, wie +der Abendschnee am Hirayama! Klatscht in die Hände, klatscht Beifall dem +Größten, dem Gott des Unglücks, der die Herzen erlöst, der männlicher ist +als das Glück, der einen Willen hat, wenn das Glück keinen mehr hat. +Gedankenvoller, als der Schnee am Hirayama über dem Biwasee im Abend +scheint, ist der Blick des Unglücks, wenn er sich auf uns richtet, +feierlicher und gigantischer ist die Weisheit des Unglücks und ragt über +alles Wissen. Ich beweine sie, die Ertrunkene, nicht, und ihr sollt auch +mich nicht beweinen, der ich die Gunst des größten Gottes genoß, die Gunst +des Unglücks, das heiliger ist als der Augenblick des Glückes.» + +«Klatscht Beifall!» rief Okuro noch einmal; und dann kam Kutsuma, der, als +Ilse verkleidet, jetzt ertrunken sein sollte und nicht mehr zu erscheinen +hatte, und fing den wahnsinnig gewordenen Freund in seinen Armen auf. + +Die Zuschauer sahen noch, wie Kutsuma dem Okuro die weiße Perücke vom Kopfe +riß, um ihm Luft zu machen und sein Gehirn zu kühlen. Da -- mit einem +einzigen Ausruf des Schreckens erhob sich das ganze Theaterpublikum; denn +Okuros Haar war unter dem Spiel vor Schmerz so weiß geworden wie die Watte +der weißen Perücke. Einer im Theater wies es dem andern und wurde +ehrfürchtig vor der Seele des Liebenden, die hier größer als die Kunst des +Schauspielers gespielt hatte. + +Alle im Theater weinten; und keiner, der je zum Biwasee kommt und den +Abendschnee am Hirayama bewundert, vergißt der Geschichte des Liebenden zu +gedenken, den das Unglück weiß wie Schnee machte. + + + + +Inhalt + + + Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen 7 + Den Nachtregen regnen hören in Karasaki 36 + Die Abendglocke vom Miideratempel hören 65 + Sonniger Himmel und Brise von Amazu 79 + Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen 96 + Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen 115 + Das Abendrot zu Seta 137 + Den Abendschnee am Hirayama sehen 155 + + + + + +End of Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43361 *** |
