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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 09:09:31 -0800 |
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Langkau, Jana Srna, and the -Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) - - - -Anmerkungen zur Transkription: - - Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden - übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden - korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet - sich am Ende des Textes. - - Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. - Fett gedruckter Text wurde mit * markiert. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben. - - - - - -Sklaven der Liebe - -Ein Verzeichnis -der Werke Knut Hamsuns -findet sich am Schluß -dieses Buches - -KNUT HAMSUN - -SKLAVEN DER LIEBE - -und andere Novellen - -Einzig berechtigte Übersetzung von *Mathilde Mann* - -5. und 6. Tausend - - - - - - - -Albert Langen -Verlag für Literatur und Kunst -München 1922 - - - - -Inhalt - - Seite - - Sklaven der Liebe 1 - - Der Sohn der Sonne 17 - - Zachäus 31 - - Über das Meer 61 - - Ein Erzschelm 101 - - Vater und Sohn 139 - - - - -Sklaven der Liebe - - -Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu -erleichtern. Ich habe meine Stellung im Café verloren und meine -frohen Tage. - -Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend für Abend mit zwei -Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so -viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort für mich, nur -er nicht. Er war groß und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar -und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen -Anflug von Bart auf der Oberlippe. - -Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine -ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn -gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging -durch das ganze Café und sah mich nach ihm um; endlich fand ich -ihn an einer der großen Säulen am anderen Ende; er saß mit einer -Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange -Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Sie war jung -und hatte schöne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau. - -Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hörte zu, wovon -sie sprachen: sie machte ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig -und hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige -Jungfrau, warum geht er nicht zu mir? - -Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm -wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst -wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie nicht bemerkt. -Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: »Sie waren -gestern nicht hier.« - -»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist,« sagte er zu -seinen Kameraden. - -»Bier?« fragte ich. - -»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei -Seidel. - -Ein paar Tage vergingen. - -Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen Sie die hinüber zu ...« - -Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie -der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F. - -Als ich zurückkam, sah er mich fragend an. - -»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich. - -»Und Sie haben keine Antwort erhalten?« - -»Nein.« - -Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd: - -»Keine Antwort ist auch eine Antwort.« - -Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und -ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an -ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen -sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb -einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die -eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog -ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem -Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab -und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!« - -Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich -über den Rücken. - -Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch -Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er -sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei -dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und -zog seine Hand sofort zurück. - -Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für -ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er -berührt hatte. - - * * * * * - -Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie -bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot -und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch -liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich -Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte -bei mir: Wladimierz F. heißt er. - -Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah -fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn: - -»Erwarten Sie jemand?« - -Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich: - -»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?« - -»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.« - -»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.« - -Und er gab mir die Blumen. - -Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort -hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam -mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen -sollte. - -»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell. - -»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht. - -»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?« - -»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.« - -Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den -Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen. - -»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit -dem Bier davon. - -F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich -erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte: - -»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.« - -Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich -bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft -hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht, -Wladimierz. - -Am Morgen darauf regnete es. - -»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?« -dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich -also an.« Ich war sehr heiter. - -Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und -wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr -an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da -spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich -wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei -mir. - -Am Abend kam Wladimierz ins Café. - -»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz. - -»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den -Blumen.« - -»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich. - -Er zuckte die Achseln und entgegnete: - -»Sie liebe ich nicht, Sklavin!« - -Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und -war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte -sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen, -Wladimierz! - -Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte: - -»Haben Sie viel Geld, Sklavin?« - -»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes -Mädchen.« - -Da sah er mich an und sagte lächelnd: - -»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.« - -»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich -habe hundertunddreißig Mark zu Hause.« - -»Zu Hause? Nicht hier?« - -Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit -mir, wenn wir schließen.« - -Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir. - -»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an -meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen. - -»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner -Hausthür stehen blieben. - -»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.« - -Er wartete. - -Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte: - -»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als -Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als -Trinkgeld geben.« - -Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der -Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin -eine Mark geben. - -Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht -zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte. -Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe. - -»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie -wissen: die gelbe Dame!« - -»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner -Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.« - -»Bier?« fragte ich und unterbrach sie. - -Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich. -Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch, -lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr -hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten -erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich -kehre nie wieder zurück.« - -»Danke,« entgegnete sie. - -Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett -und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr -zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir -einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus. - -Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F. -bis an meine Hausthür. - -»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er. - -Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber -trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück. - -»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie -bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine -kleine Kammer.« - -»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!« - -Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß -aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich -lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von -dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.« - -»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau. - -»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.« - -»Sind Sie seine Frau?« - -Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.« - -Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir -mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh -zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und -mehrere lachten deshalb über ihn. - -»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld -von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe -mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.« - -Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber -nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte -es nicht. - -Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es -mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist. -Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.« - -»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte -einer seiner Freunde. - -»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz. - -Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in -das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf -meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast -unmöglich, die Stecknadel zu befestigen. - -»Danke!« sagte er. - -Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte, -und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit. - -»Danke!« sagte er abermals. - -Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich -sagte: - -»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich -zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine -Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er -ergriff meine Hand. - -Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte, -wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die -vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger -aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände. - -»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob -sich. - -Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also -in vierzehn Tagen!« - -Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche -ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken, -ich wandte mich um, -- er war schon gegangen. - - * * * * * - -Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief -von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben -Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen, -niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich -wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er -geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.« - -Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine -Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer -neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und -Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen -meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte -ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen -sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann -ich Wladimierz und mich retten ... - -Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von -ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam -erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo -geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen -zu können; aber das weiß ich jetzt nicht. - -Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich -nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände; -dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich -mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit -den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte. -Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und -ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden -und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich -mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das -ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!« - -»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie. - -Ich antwortete: »Nein, -- ich bin seine Witwe.« - -Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und -jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er. - - - - -Der Sohn der Sonne - - -Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel -lag über der Erde. - -Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen -Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er -fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu -singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang -zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich, -ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen, -schräg abfallenden Schultern zuckten. - -Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine -andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des -Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die -langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen, -sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten, -seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines -Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes -Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt -waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte -ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner -Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate -lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch -das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer -beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten, --- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht -anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im -Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste -feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das -Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die -Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft -aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des -elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf -und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel -Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter -die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer -halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder -heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm -geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge -Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein -jähes Ende. - -Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt. - -Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland, -am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- -- - -Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die -Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der -Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte -der Hase heute leben! - -Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt -das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier -Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken. -Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war -jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an -Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine -zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf -beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken. - -Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im -allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt -eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an -alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine -Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß -das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch -diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch -die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in -anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein -Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein -Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume -beunruhigten. - -Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte, -konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren -Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge -waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor -seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen -Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe -niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er -selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die -Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man -sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße -beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende -über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre -Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe -sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte -ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie -suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach -einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle -die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das -Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in -umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen. -Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde -Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den -Stangen wehten nicht dieselben Flaggen. - -Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang -herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen -Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so -sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während -seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er -geerntet hatte, leben und sterben. - - -30° Celsius. - -Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben -auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus, -und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu -der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind -wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme, -kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da, -wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen -Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und -kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie -Talg. - -Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten -zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame. -Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen -Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr -und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube -wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine -gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit -dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt -zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn -sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam -bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen -Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung -dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten -umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber -Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind. - -Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den -Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene -Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren -liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im -Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen -seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er -ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß -auf die Stirn. - -Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz -unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem -Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den -Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine -dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror -nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz -verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror -nie. - -Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr -Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte -gethan! denkt er mit zitternder Seele. - -In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und -wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter -wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde. -Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde. - -Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den -Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von -gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren -Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte -ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen -Trommeln rührte. - -Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein -Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine -wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über, -eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh -nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine -gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in -derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen -Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten -ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen -Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und -mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die -zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt. - -Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und -sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die -Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische -Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie -Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und -Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in -seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen -sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie -Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz -im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in -der Ferne verliert. - -Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der -Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom -Scheitel bis zur Sohle. -- -- - -Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde -und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine -ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während -fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem -Bilde: _Der Sohn der Sonne_. -- - -Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart -und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem -Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und -fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort -an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine -Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er -den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und -sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas -daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als -sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter -Männer geraten. - -Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von -demselben Tage an kennen ihn alle. -- -- - -Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht -mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und -vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn -der Sonne_ heißt. - - - - -Zachäus - - -I - -Tiefster Friede ruht über der Prärie. - -In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur -Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter -Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde -und Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren -Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige -Laut, den man hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der -Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein -anderer Laut ans Ohr -- das klappernde Geräusch der Mähmaschinen -unten am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut ganz merkwürdig -nahe. - -Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten -Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, -und es sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. -Die Häuser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine -Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer aufragen. - -Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum -späten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen -beschäftigt. - -Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden -Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen -Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige -Frau auf der Billybory-Farm. - -Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern -in dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt -die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer. - -Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, -spangedeckten Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt -wird, hört man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner -beiden Gesellen, die sich in größter Geschäftigkeit regen. Sie -feuern die großen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem -Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Als -das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und -auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei -Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus. - -Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, -von militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht -offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von -aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit -einem Papagei hat. - -Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er -ist litterarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch -ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte -Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt -er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche -liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben. -Und er benutzt sie mit großem Fleiß. - -Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und -eine Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um -darin zu lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch -anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor -seinen Augen; dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung -des Kochs in der Hand zu halten und bei der großen Schrift der -Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermißte augenblicklich -seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett auf und riß die -Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und -lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern. - -Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er -schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er -jemals einen Soldaten gesehen habe, und ob er die Einrichtung -eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er -sich nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht -nehmen! Und das Maul solle er halten! Was verdiene er im Monat? -Habe er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh gestern -gekalbt? - -Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den -Koch, daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin -anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, -Zachäus, sei ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung -wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte. »Steh' -nicht da und spuck' auf den Fußboden, du schmieriger Hund!« - -Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in -dem wütenden Gesicht. - -Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den -beiden Landsleuten. -- -- - -Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und -speisen jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von -allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen -sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten -während der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das -Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel und -kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen -fahren wieder nach der Farm zurück. - -Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und -Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly -selber draußen im Schatten hinter dem Hause und liest zum -tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder aus dem teuren -Buch, das er aus dem Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist -Polly wieder Soldat. - - -II - -Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen -mit der Arbeiterschaar langsam aus der Prärie heim. Die meisten -waschen ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot -gehen, einige kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen und -mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, -Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher, -alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte Existenzen. -Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren -Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in großer Hast eingenommen, -ohne daß irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt -vor dem Aufseher, der selber an der Mahlzeit teilnimmt und über -die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich -die Leute sofort zur Ruhe. -- -- -- - -Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von -Schweiß geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf -seinen Rücken brannte. - -Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem -großen Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln -in die Nacht hinaus. - -Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit -Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser -sorgfältig während der Regentage sammelte, denn das Wasser zu -Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen. - -Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd -ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, -es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er -pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern. - -Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür. Er hielt eine Lampe -in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus. - -»Aha!« sagte der Koch und kam heraus. - -Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus -zu und fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?« - -»Ich nahm es,« antwortete Zachäus. - -»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast -es genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!« - -Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem -an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen. - -Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem -Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und -lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel. - -Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem -kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!« - -»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. -»Ich habe es benutzt!« - -Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst -du die?« - -»Ja,« antwortete Zachäus. - -»Ich will sie dich kosten lassen!« - -»Wenn du es wagst!« - -Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und -im selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen -ein Geheul über das andere aus, das war der Ausdruck ihres -Beifalls und Wohlbehagens. - -Zachäus aber hielt nicht lange stand. - -Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, -seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten -zu können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt -über den Platz und fiel dann um. - -Der Koch wandte sich an die Menge: - -»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn -gefällt!« - -»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme. - -Der Koch zuckte die Achseln. - -»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein -großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft -den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck -verleihen, er wird litterarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« -sagt er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel -Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, -der ich für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prärie, -frage ich?« - -Und alle bewunderten Pollys Rede. - -Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so -verbissen, genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du -Hasenfuß!« - -Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur -mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit -dieser Lampe prügeln!« - -Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein. - -Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder -in ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang -es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter -den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu -kommen. - - -III - -Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras -auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist -heute ebenso scharf und seine Augen laufen ihm hinter den -Brillengläsern voll Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar -Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es -von einem Insekt gestochen. Zachäus stößt einen Schrei aus und -springt vom Boden auf. Eine Minute später fängt er an, die linke -Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen -Schritten auf und nieder zu gehen. - -Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein -Pferd an und fragt: »Was giebt's denn?« - -Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.« - -Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: -»Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem -Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!« - -Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren -zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus -wie eine kleine Leiche. - -Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend -an und bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn -einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen -davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern -wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die -Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die Hilfe und setzt sich -wieder auf die Maschine. -- Er hielt fast bis zum Abend stand. -Als der Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn aus und -sandte ihn nach der Farm zurück. - -Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen Finger -aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er -Maschinenöl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und -verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack -in seiner Pritsche. - -Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in -der Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug -sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag -da und litt und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit -wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal -vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen -beschädigte. - -Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch -Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die -Gelegenheit, um den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde -lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr -als einmal, daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen und die Zähne -schweigend zusammenbeißen mußte, weil er dem Riesen gegenüber so -ohnmächtig war. - -Endlich kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen -und gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich -war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu -sitzen, und des Tags, während der Hitze hielt er die Thür nach -der Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß er mit offenem -Munde da und lauschte dem Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter -Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er -sie vor sich habe. - -Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt -nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Thür vor der Nase -zu unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe ganz entsetzlich, -und dem Zug dürfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus -außer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen -Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein -brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu machen. Aber -Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht um zu zielen, und er -traf niemals. - -Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu -Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbiete sich seinen -Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute -sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz -verlassen da und krümmte sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß -die Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem -Mittagessen draußen in der Prärie, er hörte sie mit Gesang und -Lärmen ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig zu -machen. - -Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber -nach der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen -an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder -zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und -fängt an, die amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu -lesen. - -Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden -vergingen jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der -Proviantwagen zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, -der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen -zu waschen. - -Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies -war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner -Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann -die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile -holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf -seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung -wieder ausliefern! - -Es vergeht eine Minute. - -Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus -liegt da und starrt zum Dach empor. - -Polly tritt ein. - -»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt -mitten in dem Raum stehen. - -»Nein!« antwortet Zachäus. - -»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran. - -Zachäus richtet sich auf. - -»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er -und wird ganz wütend. - -Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an, -die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso -die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte. - -»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte -und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von -neuem um und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, -mein Freund!« - -Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte: -»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du -schmutziges Ferkel!« - -Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot und -ein unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er -sah sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!« - - -IV - -Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der -Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die -Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher -Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige -flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes -Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und -Mähmaschinen. - -Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, -wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er -ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein -Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun -an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein -Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben -wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die -blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das -vielleicht nicht gut genug?« - -Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein -Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man -ihm gab. - -»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« -knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her. - -»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß -aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging. - -»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen -mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du -Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce. - -Und er aß von dem Fleisch. - -Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug -werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen -mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, -nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund -kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die -Thüröffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es -mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und -sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die -Flasche war verschwunden. - -Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit -verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thür stehen und sagt, so daß -alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein -Finger?« - -Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe. - -Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische an zu -kichern. - -Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und, -Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' -ich den nicht wiedererkennen?« - -Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die -wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an. - -»Was hast du eigentlich?« fragt einer. - -»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,« -erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem -Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.« - -Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, -und die Leute schrieen durcheinander. - -»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen -gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du -hast die eine Seite abgenagt!« - -»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- -- -ich dachte nicht -- --« - -Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Thür hinaus. - -Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, -wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem -anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?« - -»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür -haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz -anderen Kessel.« - -Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen -Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, -man stritt und lachte darüber wie die Verrückten, und der Koch -feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben. - -Zachäus aber war verschwunden. - -Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch -immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus -aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug -seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er -konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten -durchnäßt. - -Er setzt seine Wanderung fort. - -Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim -Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg -wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, -bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die -Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder -bei der Farm an. - -Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum -beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster -guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, -daß er sehr guter Laune ist. - -Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den -Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken -schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer und von -Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel -mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder. - -Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den -Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um -nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig -und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Küche. - -Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er -tritt ruhig ein. - -»Guten Abend!« sagt er. - -Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich: - -»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.« - -Zachäus entgegnet: - -»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist -gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder -waschen.« - -»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch. - -»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!« - -»Ich rate dir davon ab.« - -»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus. - -»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!« - -Und Zachäus geht hinaus. - -Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so -recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem -Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus. - -Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht -geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf -Zachäus zu. - -»Was machst du hier?« fragt er. - -Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.« - -»In meinem Wasser?« - -»Natürlich!« - -Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich -davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser -nach dem Hemd. - -Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten -Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab. - -Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus. - - -V - -Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen -kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen -Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe. - -Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.« - -Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu -hören. - -»Du hast ihn erschossen?« - -»Ja!« - -»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?« - -»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach -oben.« - -»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?« - -»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.« - -»Hast du das gethan?« - -Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu -schlafen. - -Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »Starb er gleich?« - -»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch -das Gehirn.« - -»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch -das Gehirn, so ist das der Tod.« - -Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- -- ---. - -Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die -seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef -erhöht und war herzlich glücklich über den Mord. - -Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht -weiter über Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er -lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen -waren; dabei war nichts mehr zu machen. - -Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der -nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken -und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere -Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und -meinten es ehrlich damit. - -»Wohin gehst du, Zachäus?« - -»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht -nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum -Holzschlagen.« - -»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche -Reise!« - -Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das -große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming. - -Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die -Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen -gleichen. - - - - -Über das Meer - -Ein Reisebrief - - -Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich -endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu -senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, -- -der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte -August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit -einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in -eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies -griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute -Septembergesundheit. - -Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis -zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von -allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg. -Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der -Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den -Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei. -Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie -ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich -mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken -vermochte. - - * * * * * - -So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem -wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung -für die Emigrantenladung abgelegt hatte. - -»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger -Reisegefährte mit weinerlicher Stimme. - -»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.« - -»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der -Heimat fort,« schluchzte er. - -Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war -noch nie von Hause fort gewesen. - -Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen -wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von -Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten -Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen -Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute, -bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen, -junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien. - -»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren -schon früher drüben?« - -»Ja!« - -Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne -Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der -Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips. -Er hatte Ohrlöcher in den Ohren. - -»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste -auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank. - -»Weshalb verlassen Sie es denn?« - -Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war -Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in -eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus -geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine -Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an -die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der -Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief -geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das -Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.« - -»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?« - -Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche -Begeisterung: - -»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich -durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine -Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach -den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen -Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen -den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben -konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar -Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich, -von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines -Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein -Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil -ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von -Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem -menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne -Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein -weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?« - -Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem -eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern, -andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer -Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort, -über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren: - -»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor -der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu -glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies -geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so -gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man -keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in -einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der -fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will -euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer -gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.« - -Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß -Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des -Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den -geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten -Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten. - -Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und -blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien -vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord, -starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden -sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das -Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen -Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von -ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht -vergnügliches Leben an Bord. - -Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen -reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein -junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben -auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje -nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf. - - * * * * * - -In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine -Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche -Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen -Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein; -der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes -Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns -während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie -seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er -zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig -über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine -drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen: -nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem -Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten -vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den -Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu -erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während -Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen -»Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein. - -Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen. - -»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann. - -Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter -Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann -mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht -zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm -wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich -trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College -gedacht. - -Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit -Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde -das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das -Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging -über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als -Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig, -daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können -glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch -ohne andere Hilfe gehen _konnte_. - -Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber -hatte Frau und Kinder in Kopenhagen. - -Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde -herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte, -ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger -Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und -schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach -angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und -verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel -war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt -_für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet -Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das -man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am -Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit, -Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den -Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte -dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ. - -Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die -Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum -ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost -zu ihrem Brot zu schwelgen. - -Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer -Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an -Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen -Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich -konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine -Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht -trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er -mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte. - -Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im -Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache -mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen. -Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir -hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er -denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht -wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen -Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten. - - * * * * * - -Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich. -Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere -Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in -der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf -Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß -schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen -flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden. - -Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven -gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus -Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter -für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer -- -bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren -es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da -unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka -tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten. - -Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er -trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes -Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen. - -»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich -gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!« - -Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei -versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel -gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt. - -Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die -Sache. - -Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck -geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir -Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag -in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen -war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder -mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln -und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein -verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und -sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner -erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die -Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein -besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar, -das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu -sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch -ausbitten! - -Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen. - - * * * * * - -Wir dampften in die Nordsee hinein. - -In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar -Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben -waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier -getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland -verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein. - -Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war -sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten -schon Stiefel an. - -Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende -Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich -schlief wieder ein. - -Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden, -die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück -einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um -Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu -sehen. - -Was gab es denn nur? - -Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer -gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um -sich zu beklagen. - -Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel -die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten -des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der -verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker -Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges -Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich -auf Deck. - -Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen, -denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der -Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die -See wurde immer unruhiger. - -Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich -über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen -Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen? - -Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um -sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut -des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache -nachzudenken. - -»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,« -sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er -wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!« - -Nyke senkte sinnend das Haupt. - -»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon -daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich -zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das -wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es -wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach -er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm -einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte. - -Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und -mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll -zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse -hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun. -Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den -stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch -war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang. -Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann -lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht -hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein -paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje -links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche -Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat -ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht -imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen. -Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher -Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank -während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes -Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über -die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als -ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er -empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm -glauben. - - * * * * * - -Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker -saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der -Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch -genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund, -einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen -begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne -Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie -an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten; -sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann. -Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie -mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines, -schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet -sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das -kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre -Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen, -die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige -Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht -möglich ist, sie zu wiederholen -- -- - -Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte -hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war -betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen, -glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond -spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten -besten Platz und lallte weiter. - -Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und -die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken -lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern. -Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine -leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker -saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen. - -Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte -wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem -eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später -erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei -nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir -seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und -jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter -dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er -die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen -hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten. - -Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke -sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner -süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den -Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir -einen blutenden Finger. - -Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger -Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich -nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein -wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem -verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre -Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war. - -Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war -überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war -achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im -letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln -Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde -ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die -Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine -Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir -uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns -das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war -auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert. -Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot. - -Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean. - -Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern: - -Also jetzt! -- In Gottes Namen! - -Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm -ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der -atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß -darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für -Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie -schief, so stürbe man. - -»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte -der Kaufmann. - -»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die -Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der -Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann -wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber -aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.« - -Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem -Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen. -Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die -durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und -wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke -längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich -machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in -ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder -und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei -Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur -zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien -erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel -aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand -an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den -Nägeln. - -Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, -und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein -Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und -dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte -umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu -können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos -für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da -und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und -stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie -die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten. - -Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im -Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er -wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst -niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er -alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück -Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang -entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf -dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so -unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein -verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter -Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach? - -Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem -gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn -Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in -Trümmer. - -Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom -Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur -der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel, -der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der -wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument, -dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte. - - * * * * * - -Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der -Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor -Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden -Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger -Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es -sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er -stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals -wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so -wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust -eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit -ernster. - -Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher -auf den Beinen, und er war sehr blaß. - -»Ist Ihnen nicht wohl?« - -»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch, -außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht -einen elend.« - -Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit -einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn -das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er -lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und -schloß die Augen. - -»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm -lächelnd ins Gesicht. - -Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn -Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte -seine Unvorsichtigkeit bezahlen. - -Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich. - -Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett. - -Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit -jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und -ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er -uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte -bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen -ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen -sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die -Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack -oder einer Kiste elendiglich wieder ein. - -Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere -Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten -Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die -Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau -schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung. - -»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am -Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?« - -Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken: - -»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das -Schiff leck ist?« - -Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem -sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das -Schiff geborsten sei. - -Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein -einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn -einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht, -murmelte er. - -Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns -herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen -bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene -begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege -zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten -seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine -Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle -ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord -wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen. - -In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer -traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden, -daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln -müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern -eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen -und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz -oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische -Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern. -Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie -versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend -hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu -ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell -wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter -Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« -- -Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu -werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit -sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach -einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß, -vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer -flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu -tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen. -Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man -vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde -besinnen. - -Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar -heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen -der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier -unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch -gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser, -seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war. -Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues -Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit -dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- -- - -Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert -wurde. - -Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff -hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See -strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte -Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch -auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah -mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje -geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und -geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als -ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje -zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts -fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur -eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. -- -Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!« - -Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr: - -»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den -Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!« - -Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen -Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger -liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes -Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine -Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem -Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die -Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu -Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte -er: - -»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen -Gedanken!« - -Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte, -daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in -seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- -- - -Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage -konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein -Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke -befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war -auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und -der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten, -zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen -Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit -genesene Patienten besitzen. - - * * * * * - -Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise -unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den -Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem -Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den -Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten. -Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten -erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der -Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem -Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig -neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn -Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch -nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten -Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns -die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern. -Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und -sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine -sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark -fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf -der wir uns befinden. - -Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden -wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst. -Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich -versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser -Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und -macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen. - -Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord -gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher, -und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen. - -Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich, -gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt -marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in -allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren, -wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und -Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften, -von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten -Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten. - -Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es -ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere -unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen -sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen -Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und -ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger, -einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen -begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement -ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war -auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand -er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in -wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und -greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte -Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der -Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest. - -Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und -konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen -Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und -der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine -Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen -Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und -ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem -Plagegeist, dem Kaufmann, stammte. - -So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein. - - - - -Ein Erzschelm - - -Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich -that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber -legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine -Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte: - -»Störe ich auch?« - -Da fing er an: - -»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich -sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit -einer Handbewegung auf die Gräber. - -Wir waren auf dem Krist-Friedhof. - -Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben -geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen -gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las -Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen -pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang -geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen -Kastanienbäumen. - -Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann, -breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die -Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit, -nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn, -wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«. - -»Sie sind fremd hier?« - -»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.« - -Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den -Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und -französische Zeitungen hervor. - -»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte -er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so -wenig ausgerichtet.« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.« - -Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir. - -Er fuhr fort: - -»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit -den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!« - -»Eine fromme Zwecklosigkeit!« - -Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf. - -»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern -steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft -sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen, -errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den -Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist -einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja, -nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal -hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist -unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine -Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine -Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken. -Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!« - -Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der -im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt -hat, -- nach dem Kapital. - -»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er. - -»Ja!« - -Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank, -blinzelte und dachte, blinzelte und dachte. - -Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock, -krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht -Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den -Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und -raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt, -und das von der Sonne getrocknet ist. - -»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern, -nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns -zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.« - -Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem -schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein -kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug -eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der -Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte. - -»Nun?« fragte er. - -»Nun?« - -»Haben Sie nichts bemerkt?« - -»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.« - -»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die -Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns -entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier -vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war -bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes -Handwerk einzuimpfen.« -- - -»Aber weshalb denn nur?« - -»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für -die Lebenden, die davon leben sollen.« - -Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo -steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der -Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu -langweilen. - -»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht, -sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah -mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos: -haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in -den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt -der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit -gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, -aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis -vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe -wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich -nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?« - -»Blumen.« - -»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer -Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich -empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt, -sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die -Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.« - -Da antwortete ich dem Freigeist und sagte: - -»Die Pyramiden waren doch noch teurer.« - -Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien -die Einwendung bereits früher gehört zu haben. - -»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war -obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt -war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden, -wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung -gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in -der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist -etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern, -Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu -drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei -Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden -von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf -steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit, -ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal -diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber -hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß -kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie -doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das -Leben!« - -Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller -Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein -bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar -Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin -ich auch heutigen Tages noch. - -»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier -vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen, -schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge -Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von -zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu -so etwas hat, wird er Gourmand.« - -Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein -Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu -stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu. - -Er fuhr fort: - -»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was -der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung, -und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der -Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind -sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös -zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine -Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie -nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich -Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger -Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm -zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, -- -beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen -blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege. -Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage -später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist, -und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu -folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie -können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn -ich habe die ganze Nacht gewacht.« - -»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine -Arbeit.« - -Ich erhob mich, um zu gehen. - -Er zeigte hinab auf die See und die Brücken. - -»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu -machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie -nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor -neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich -glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht -vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die -Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der -auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die -Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog -die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen -Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume -rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das -hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg -- -schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und -war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort -heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines -Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen -sei. - -Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine -Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen? - -»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging -weiter. - -Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam. - -»Nun? haben Sie sie gefunden?« - -»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.« - -Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine -Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte -endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute -die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine -Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie -stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja, -nette Kinder! das mußte man sagen! - -Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die -Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den -Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing -an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf. - -»Wo ist das bestohlene Grab?« - -»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?« - -Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab -kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut -gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die -Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie -nirgends mehr. - -»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist -schändlich!« - -Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber -er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei -an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges -gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das -zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter -Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich -so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben -war. - -Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen. - -»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?« -fragte ich. - -Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die -Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir -nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um -ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.« - -Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr: - -»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas -Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du -die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!« - -Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten. - -»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben -wir die Diebin!« - -»Wie?« - -»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!« - -Da mußte ich lächeln. - -»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die -kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie -heißt Elina, ich kenne sie.« - -Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der -Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die -sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem -Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht -einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen. - -Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden -Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben -elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem -Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich -auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber -nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht -gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte -Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten, -glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese -beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das -kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der -ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu -ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war -auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine -Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine -Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe -heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das -Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft -habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten -überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes, -ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer. - -»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber. - -Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar -meine eigenen zwei, drei wieder. - -Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und -sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus, -sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und -nahm das Kind mit sich. - -Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte, -sie sagte plötzlich: - -»Nein, wo soll ich denn hin?« - -Der Totengräber antwortete: - -»Auf die Polizeistation!« - -»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie. - -Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche, -wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich, -sie habe sie nicht gestohlen. - -In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß -fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und -dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm. - -Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden -einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der -kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder, -denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg. - -Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war -ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich -nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage -mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie -wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen -verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das -Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und -kann Sie zu ihr führen!« - -Er machte eine Pause. - -»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie -zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so -werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn -die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche -sendet vielleicht gar einen Kranz. - -Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark -gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die -Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht, -schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt -bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die -Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen -Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich -die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit -miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren -Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen. - -Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die -Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf -einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch -nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl -noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen -hatten? Sie waren warm! - -Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu -zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz -genau. - -Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das -Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel -ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen. - -Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm. - -Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte -sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße -spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und -oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke -fahren. Sie kauften gewiß Blumen. - -Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne. - -Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe -kaufen. - -Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu -sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina -mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend -abholen, ehe sie verwelkten.« - -»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?« - -»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das -Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte -Griechisch als sie noch _so_ klein war. - -Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde -sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen -unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie -verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich -ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es -auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den -Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick, -ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und -bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert, -Gott um Verzeihung zu bitten. - -Da zerbricht etwas in ihr. - -Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt -ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen -verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der -Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen -zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an, -die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages, -wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein -gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre -Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt -ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab, -die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße -herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke -- --- -- - -Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten. -Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich -konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich -kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden -war!« - -»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie. - -»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden -bist, Elina!« - -Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum -Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich -nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen. - -Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die -kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen -und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich. - -Als wir hineinkamen, sagte sie: - -»Spendieren Sie etwas zu trinken?« - -So war sie. - -»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann -hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes -geschwatzt.« - -Sie lachte schrill. - -»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder -kindisch!« - -»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich. - -Da spie sie wütend vor sich hin. - -Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind -sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein -Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle. - -»Ja, gern.« - -Sie steht auf und geht hinaus. - -Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen, -Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder -zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach -einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt. - -Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß, -sie zündete sich auch eine Cigarette an. - -»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie. - -»Wie lange sind Sie hier gewesen?« - -»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!« - -Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten -Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel. - -»Wo haben Sie das gelernt?« - -»Im Tivoli.« - -»Gehen Sie oft dahin?« - -»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr -was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine -so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann -bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas -Geld geben?« - -Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte. - -Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht -empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch -eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich -ausgepumpt werden. - -Der Wein kam. - -Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein -paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein -abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an, -die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend, -und sie trugen abgeschnittenes Haar. - -Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz -genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld -gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich -um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen. - -Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten -sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei -Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das -Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch -und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen, -um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte -gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich -verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und -machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und -Jacke und schickte sich an auszugehen. - -»Wollen Sie gehen?« fragte ich. - -Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie -vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die -Thür nach dem Gang und rief: - -»Gina!« - -Das war ihre Mutter. - -Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend. -Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen. - -»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden -Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine -Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht -wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch -jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!« - -Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte -unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte -die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören. - -»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina. - -Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die -Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen. - -Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte: - -»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein -bezahlen und gehen.« - -»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser. - -Ich war ganz betroffen. - -»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich -denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber -vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche. - -Die Mädchen fingen an zu lachen. - -»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so -viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal -den Wein bezahlen! Hahaha!« - -Da wurde Elina in ihrer Seele wütend. - -»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr -haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir -gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und -Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich -auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen -gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht -Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu -necken. Ihr sollt aber hinaus!« - -Und die Mädchen mußten hinaus. - -Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter -ihnen abschloß. - -»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie -entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen -ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig -waren?« - -»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu -beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie -erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette -Mädchen.« - -»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du -ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der -Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin -auf den Tisch geworfen hatte. - -»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie -sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.« - -»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe -nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna -anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und -übel. Davon kann ich nicht leben!« - -»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte -ich. - -Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer -herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu -machen. - -»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir -still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl -verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen -mag ich nicht.« - -»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares -Leben anzufangen.« - -»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden? -Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich -habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche -Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen -sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus. - -Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein -vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie -summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin, -während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr -Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder -auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da, -sieh!« Schließlich fragte sie geradezu: - -»Bleibst du übernacht hier?« - -»Nein!« antwortete ich. - -»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- - -Der Erzähler schwieg. - -»Nun?« fragte ich. - -»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde? -Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage. -Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?« - -Er sah mich an. - -»Ich blieb!« sagte er. - -»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem -Mädchen?« - -»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er. - -»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei? -Waren Sie betrunken?« - -»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger -widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die -Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war -mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das -begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von -Zügellosigkeit wir versanken!« - -Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber. - -»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß -sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die -geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so -schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von -übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre -ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie -voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen -könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin -rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen -Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß -gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du -widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem -solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch -bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem -Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es -erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie -jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich -war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!« - -Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen. - -Endlich erwachte er wie aus einem Traum. - -»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich -müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?« - -Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir, -ich hatte sie zu Hause vergessen. - -»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte -seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da -kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das -kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder -da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt. -Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich -ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein -Unrecht!« -- - -Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an -mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus. - -»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für -die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!« - -Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging. - - * * * * * - -Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich -mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und -meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte -die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine -verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine -erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum -andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch -einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte -vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie -gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent. -Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt! - -Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner -Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die -Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr -gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel! - -Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und -meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen. -Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen. -Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg. - -Ich schwieg. - - - - -Vater und Sohn - -Eine Spielergeschichte - - -I - -Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach -dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem -Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem -sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem -Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer -Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und -Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während -einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel -Leben und großer Umsatz. - -Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war -herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit -Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles nach Stand und -Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo -gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war -das Zelt des Pavo aus Sinvara. - -Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der -Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere -Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld. - -Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen. -Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich -hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die -Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des -größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei -dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht. -Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei -der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft -sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene -Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er -war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich. - -Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter -das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet -hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen. -Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte -Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der -nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank -angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch -noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte -er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank -ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft; -er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner -gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln. -Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle, -sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft. - -Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß -er kommen würde. - - * * * * * - - -II - -Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in -den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte -der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt. - -»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch -kommen!« - -Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem -Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher -kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus -Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen -Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos -leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der -Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach -umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber -dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und -dessen Mutter so viel Kummer bereitete. - -»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete -ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!« - -Und dann ging der Diener. - -Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr -war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller -Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die -Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte -der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren -Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des -Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde -war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten -einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der -Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher. - -Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig -Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von -dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart -und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts -gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws -Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil -sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend -war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und -antwortete. - -Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen -Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er -gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem -Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück. -Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein, -auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt. - -Plötzlich sagt er: - -»Wo ist die Bank? Ich will dahin.« - -Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor -ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen. - -Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das -Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein -brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig -vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz. - -Im selben Augenblick ruft der Croupier: - -»Dreizehn!« - -Er heimst alles Geld ein. - -Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze -Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem -eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von -neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts -geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn -einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen -Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder -dreizehn! - -»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein. - -Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher -gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft -eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen. -Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener -stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch, -ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des -Rades, das sich dreht. - -»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara. - -Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles -darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch -genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es -sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf -seinem Stuhl hin und her. - -»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er -arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.« - -Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein -Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu -reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ, -ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf -eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war. - -Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben -ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn -hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine -eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb -hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen -Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert. - -»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr. - -Der Sohn, Pavo, nickt und sagt: - -»Verloren!« - -»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von -mir. Warte, ich will es selber thun.« - -Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu -erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso -wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.« - -Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in -Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen. - -»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet -er ein. - -»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie -kommt,« lügt Pavo. - -Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein -Taschenbuch hervor. - -»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber -ganz niedrig, ungefährlich.« - -Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt -Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn: - -»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom -Croupier? Sage ihm das doch!« - -Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken, -als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine -heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt: - -»Setze auf dreizehn!« - -Pavo wendet ein: - -»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.« - -Der Vater nickt und entgegnet bestimmt: - -»Ja! Setze auf dreizehn!« - -Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer -dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit. - -»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das -Doppelte!« - -Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man -wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern -die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den -Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert, -seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt -auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an -dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe. - -Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten -dreizehn nennt, ruft er: - -»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!« - -»Aber --« - -»Setze hundert!« - -Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig, -dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen -Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis -siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das -ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen. - -»Dreizehn!« ruft der Croupier. - -»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara. -Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er -sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!« - -»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt -wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.« - -»Setze hundert auf dreizehn!« - -»Warum willst du das Geld wegwerfen?« - -Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung, -als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber -und sagte: - -»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen -und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu -zerstören? Setze hundert auf dreizehn!« - -Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem -Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am -Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das -Roulette gelenkt. - -»Dreizehn!« - -»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das -Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!« - -Pavo war ganz bestürzt. - -»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen. -»Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.« - -»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze -auf Rot!« - -Pavo setzte auf Rot und verlor. - -Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu. - -»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man -hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war -gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf -Gerade!« - -»Wieviel?« - -»Soviel du willst. Setze sechshundert.« - -»Sechshundert ist zu viel.« - -»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja, -ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.« - -Gerade verlor. - -Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und -sagte heftig: - -»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren. -Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.« - -Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein -Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt -da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott -halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten -Mann, Roulette spielen zu wollen!« - -Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem -Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe. - -Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe -neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ. - - -III - -Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in -Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen. -Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von -Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im -Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu -erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig -geworden. - -»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt -kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!« - -Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der -Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen. - -»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten -Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich -konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau -die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie -zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in -Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.« - -Pavo steht stumm da. - -Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt -kein Wort. - -»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht -vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns -keine Zeit verlieren.« - -Und von dannen ging es. - -»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns -hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.« - -Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht -naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der -Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt -Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem -Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles -mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu -zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende -Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und -bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er -stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es -zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um -einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu -unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch -das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen. -Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern, -hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das -nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten -Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben. - -Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn -wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er -das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint -sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen. - -»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich, -was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am -meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.« - -Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit -einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal -hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf -Schwarz. - -»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!« -meldet der Croupier und streicht das Geld ein. - -»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,« -sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen? -Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du -auf Rot!« - -Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe, -traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine. -Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er -diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und -von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er -gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf -einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig -den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm, -ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem -mit zitternden Händen. - -»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du -hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und -ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich -bessern. Pavo, hast du mich verstanden?« - -Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß -sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und -selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen. -Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des -Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen -eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut! - -Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam, -geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er --- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er -wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde -darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld -zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu -retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden? -Fürchtet er das Unglück? - -Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und -fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er -plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie -ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu -Vater und Sohn hinüber und sagte: - -»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat -schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er -will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich -versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist -brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater -ruiniert.« - -Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches -vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn -umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei -Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln -und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und -unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen -sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin. - -»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt. - -Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn -zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen -und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in -den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend, -eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht -nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist -sehr finster. - -»Dreizehn!« meldet der Croupier. - -Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz -blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose -Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der -Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann -setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards -gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt -einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all -sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft -alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in -einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem -Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und -links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen. - -Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und -sieht ihn mit fieberglühenden Augen an. - -»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich -spiele euch doch alle unter den Tisch!« - -Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern -gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf -die dreizehn. - -»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen, -sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.« - -Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es -zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch -einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern, -der ja doch früher oder später seine Beute werden muß. - -Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn -von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein. - -»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe -auf dieser dummen Zahl genug verloren.« - -Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird -gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen -Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und -dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an, -sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend -umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das -junge Mädchen aus der Menge heran und sagte: - -»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?« - -Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix. - -»Ja, Herr!« antwortet sie. - -»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?« - -Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug -die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und -reichte ihr noch ein Goldstück. - -»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!« - -Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte -voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück, -lächelte allen zu und ging. - -Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu. - -»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so -viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!« - -Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von -Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen. - -»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine -habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich -verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht -ist das meine Farbe.« - -Rot gewann. - -»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist -ein Versuch.« - -Rot verlor. - -Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft. - -»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir -Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich -muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben -Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und -er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich -will dich bessern.« - -»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo. - -»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue -das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.« - -Und Pavo erhob sich und ging. - - -IV - -Es war fast zwölf Uhr. - -Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der -Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der -weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen -Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte -fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner. - -Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem -geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht -alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In -zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort -einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und -er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der -als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig -ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara. - -»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend -auf.« - -Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen -Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er -sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch -genommen, und trank den Wein schweigend aus. - -Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er -gewann dreimal, Schlag auf Schlag. - -»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem -alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch -genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein. -Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der -sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit -dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er -beschließt das Spiel. - -Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich -auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er -sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden. - -»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er. - -Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn -nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger -seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara -sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum -geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger, -einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem -Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in -sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn -von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er -hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er -zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige -Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine -nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den -Papierhüllen. - -Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert -bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an. - -»Rot!« - -Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden -Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt -den Tisch. - - -V - -Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir -erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend -vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo -dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe -ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und -habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens -könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den -Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das -andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm -deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken, -daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?« - -Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte, -er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen -halten wollte. - -Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte -überall Bescheid. - -»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir. - -Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine -Rechnung gebeten. - -»Woher weißt du das?« fragte ich. - -»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die -Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch -einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.« - -Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als -würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte -mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich -konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein -paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind. - -»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich. - -Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht -vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran -dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem -Rücken? Hatte er irgend etwas vor? - -»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich. -Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich -trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er -vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet -und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine -Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt. -Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff, -es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich -zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein -lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn -in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt -herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr -über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe -regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf -den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die -Thür zu. - -»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er. -»Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!« - -Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl: - -»Geh und hole meine Rechnung!« - -Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn -laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- -- - -Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig, -und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk -befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem, -zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter -hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen -seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den -Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher -konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß -in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur -Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb. -Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor -meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg. -Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche -Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der -sein Handgelenk verletzt habe. - -Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war -in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der -Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße -heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam, -konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: - -»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das -Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen. -Bringen Sie mir Thee.« - -Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts, -sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich -ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht -nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch -unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut -machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam: - -»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute -auch krank.« - -Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und -entgegnete: - -»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine -ganz notwendige Besorgung war.« - -Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte -Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller -Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten -über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen. - -»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von -Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um -Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette -ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.« - -»Es ist gut!« sagte ich. - -»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei -ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche -Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es -nicht glauben.« - -Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete -den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der -Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem -Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß -der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld -holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit -Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater -habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen -lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben. -Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in -allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle? -Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen, -um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die -ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten -nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring -an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden. - -»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so -eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um -seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz, -die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.« - -»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?« - -»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder -auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!« - -Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen, -und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es -war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen -Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig -war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu -halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes -willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck -würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein -ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater -dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller -Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten, -er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe -unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe -Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht. - -»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die -Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun. -Leb wohl, Pavo!« - -Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in -die Spielhölle gegangen. - -»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters -ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?« -fragte ich den Russen. - -Er schüttelte den Kopf. - -»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der -Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.« - -Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel. -Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch -höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und -wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab. - -»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm -geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!« - -Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte, -aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles -berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer -am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte -mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück -gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle -er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und -sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener -gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte. - - -VI - -Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich -hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um -einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der -Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege -kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen -Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen. -Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von -Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich -nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und -jeden Tag nach dem Herrn zu fragen. - -Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört, -daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen -fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann -hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem -Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um -ein ganzes Vermögen geschädigt. - -»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat, --- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben -hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe -einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche -Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir -leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe -es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der -Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt, -wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz -richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?« - -Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war -selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des -vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt -hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie, -tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen -logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den -schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen, -roten Mund. - -»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er. - -»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich. - -»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines -vernünftigen Mannes nicht.« - -Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf -und nieder. Dann stand er still und fragte: - -»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe -gemacht haben, mich aufzusuchen?« - -Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im -Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten -hatte, entfernte ich mich wieder. - -Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich -zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei -mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem -zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts -davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich -eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo -erzählte. - -Die Uhr wurde fünf. - -Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von -Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die -eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als -gelobe er etwas. - -Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne -hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen. -Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus. - -»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen -operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen. -Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm. - -»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der -Croupier, indem er sich verneigte. - -Das Spiel begann. - -Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal -hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes -Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er -macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der -Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot -und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf -dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er -wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich -schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er -zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf -ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große -Summe auf dies Quadrat. - -Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze -Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er -nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen -Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum, -aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er -atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein. -Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt -ihr ab. - -»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im -nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen -geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des -Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das -schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe -in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und -das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren -eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus. - -Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist, -völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele -schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn -eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung -mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen, -beherrscht sich aber und läßt sie stehen. - -Das Rad hält an. - -»Rot!« - -»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den -Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder -Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!« - -Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird -zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler, -deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter -ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte -mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von -Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von -allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er -Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er -arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit. -Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand -voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig -zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um -ihn her flüstern und warten. - -»Dreizehn!« - -Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der -Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb -auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null. -Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle -zurück. - -»Null!« - -In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen -fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von -dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo -ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen, -packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn. - -Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff, -daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen. - -»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er -seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine -Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder -Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand, -steht auf und geht mit Pavo. - -Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach; -das Spiel gerät ins Stocken -- -- - -Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur -seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder -eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man -nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen -darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem -Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige -Zeiten den Rücken wenden. - - * * * * * - - -VII - -Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach -dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und -alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in -die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weißen -Augen und fängt an zu weinen. Der arme Teufel küßt mir die Hand. - -»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er gleich darauf und trocknet -seine Augen, -- »der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer -wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.« Und der -allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit -seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede -gehalten. Als es nicht half, daß er ihm mit Fürst Yariw drohte, -hatte er ihm eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt, -mit der er sich leider erschießen müsse, um seine Ehre zu retten. -Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Fürst Yariws -Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte er Gott hoch und -teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld -zurückgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause -reisen. - -»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn unten am Dampfer.« - -Die Uhr schlug fünf. - -Im selben Augenblick, als der Spielsaal geöffnet wurde, begab ich -mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie -Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen auch wirklich der -Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemäßig -gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber -nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte: - -»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?« - -»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges Mädchen, das gerade -herzukam. »Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er -nicht. Das sieht Pavo ähnlich.« - -Da stand auch das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie stand -abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt. -Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick. - -Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen -Wagen und gab acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht waren. -Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber -sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen -um, auch sie war verschwunden. - -Die letzte Matte wurde in den Lastraum versenkt, und der letzte -Passagier kam an Bord. Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen -nach dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte. Wo war er -geblieben? Sein alter Diener springt auf. Wo in aller Welt war -sein Herr? Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch nicht ohne -den großen Herrn abfahren! Wir durchsuchen alle das Schiff, den -Kai, alle Ecken und Winkel, wir fragen alle Menschen nach ihm, -und niemand vermag uns Bescheid zu geben. War er ins Wasser -gefallen? Hatte er sich hineingestürzt und war in aller Stille -ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine Ahnung, ein ganz -sonderbarer Gedanke, ich bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu -warten, dann würde ich vielleicht Auskunft über den Vermißten -geben können. - -Ich springe an Land, ich eile nach dem Hotel, stürme die Treppe -hinauf, in das blaue Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich -die Thür und sehe hinein. - -Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie hat -ihre errötende Miene wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und -vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara wieder am -Roulette. - - * * * * * - - - - -Knut Hamsun - -Die Königin von Saba - -und andere Novellen - -Dritte Auflage - - -_Hamburger Fremdenblatt_: Wer es noch nicht gewußt hat, kann es an -dem neuen _großartigen_ Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden, -daß hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten -der Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles _mit -tiefem Seherblick_, seine Menschen sprechen lautere Wahrheit und -bezahlen diese Wahrheit, die sie in der Natur schauen dürfen, mit -seelischer Qual. Auch in dem neuen, _auf großer dichterischer Höhe -stehenden Novellenbande_ tritt Hamsun dem Leser wieder in der -Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner »Königin von -Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch auf eine ganz kleine Skizze -hinweisen: »Der Ring«, die, trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt, -_das Werk eines echten Dichters ist_. - -_Literarisches Echo, Berlin_: Es ist nicht alltägliches in dem -Buch, es enthält Dichtungen von überaus apartem Reiz, die uns so -oft überraschen, da sie zu so unvermuteten Ausgängen geführt -werden, ohne daß diese willkürlich wären. Hamsun versteht es -wunderbar, mit wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er -versteht es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen, und -gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt. - -_Albert Langen, Verlag in München_ - - - - -Knut Hamsun - -Pan - -Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren - -Einundzwanzigste Auflage - - -»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame Buch lesen,« --- schreibt der »Hannoversche Courier« in einem längeren Artikel --- »um den vollendeten Zauber seiner poetischen Stimmungen völlig -genießen zu können. Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich -atmen aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler Träume -wechselt ab mit der _Innigkeit wahrster Empfindung_; Glut und -Kälte, höchste Leidenschaft und tiefste Ermattung zugleich -sprechen sich _in Worten von außerordentlicher Formvollendung_ -aus.« - -_Neue Freie Presse, Wien_: _Knut Hamsun_ ist ein merkwürdiger -Schriftsteller, in vielen Dingen wohl der erste unter allen -modernen Norwegern. Sein Roman »_Pan_« enthält viel Wunderliches, -aber ein heller Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine -so innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang -mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen in alle ihre Reize und -Geheimnisse ist wenigen gegeben. Hamsun ist ein Landschaftsmaler -ersten Ranges mit der Feder. - -_Albert Langen, Verlag in München_ - - - - -Knut Hamsun - -Victoria - -Geschichte einer Liebe - -Fünfzehnte Auflage - - -»_Victoria_« oder »_Die Geschichte einer Liebe_« kann nicht -besser als mit diesem Untertitel charakterisiert werden. Wie -Hamsun im »Pan« eine Symphonie über die _Natur_ schuf, die vor -ihm vielleicht niemals intensiver künstlerisch erfaßt worden ist, -so hat _Knut Hamsun_ in »_Victoria_« das _Hohe Lied der Liebe_ -gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit all der -ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle, die nur -Hamsun eigen sind. - -»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein _seltsames, -unendlich feines Buch, warm und leuchtend wie ein Johannisfeuer -in einer stillen Juninacht_. - -_Allg. Zeitung, München_: Was _Hamsun_ auszeichnet und ihm unter -den zeitgenössischen Dichtern einen hervorragenden Platz sichert, -das ist der Scharfblick, mit dem er in die Tiefen der Seelen -dringt, die Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten -inneren Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen -weiß. - -_Albert Langen, Verlag in München_ - - - - -Einzelausgaben der Werke von _Knut Hamsun_ -aus dem Verlag von _Albert Langen_: - - - _Hunger_, Roman 18. Auflage - _Mysterien_, Roman 12. Auflage - _Neue Erde_, Roman 8. Auflage - _Pan_ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren) 21. Auflage - _Redakteur Lynge_, Roman 6. Auflage - _Viktoria_, Geschichte einer Liebe 15. Auflage - _Die Königin von Saba_, Novellen 3. Auflage - _Sklaven der Liebe_, Novellen 6. Auflage - _Im Märchenland_, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien 3. Auflage - _Kämpfende Kräfte_, Novellen 3. Auflage - _Schwärmer_, Roman 3. Auflage - _Unter dem Halbmond_, Reisebilder 3. Auflage - _Benoni_, Roman 5. Auflage - _Rosa_, Roman 3. Auflage - _Unter Herbststernen_, Erzählung eines Wanderers 3. Auflage - _Gedämpftes Saitenspiel_, Erzählung eines Wanderers 5. Auflage - _Die letzte Freude_, Roman 7. Auflage - _Kinder ihrer Zeit_, Roman 11. Auflage - _Die Stadt Segelfoß_, Roman 8. Auflage - _Segen der Erde_, Roman 23. Auflage - _Die Weiber am Brunnen_, Roman 15. Auflage - _Abenteurer_, Ausgewählte Novellen 15. Auflage - _Erzählungen_, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo 20. Auflage - _An des Reiches Pforten_, Schauspiel - _Abendröte_, Schauspiel - _Munken Vendt_, Dramatisches Gedicht - _Königin Tamara_, Schauspiel - _Spiel des Lebens_, Schauspiel - _Vom Teufel geholt_, Schauspiel - - - - -Druck von Hesse & Becker in Leipzig - - - - - * * * * * - - - - -Die folgende Tabelle enthält die vorgenommenen Änderungen. - - S. 12: .. -> ... (mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur) - S. 34: später -> späten - S. 66: Offentlichkeit -> Öffentlichkeit - S. 66: Christen -> Kristen (hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke) - S. 68: Karl Johann-Toiletten -> Karl-Johann-Toiletten - S. 69: Christen -> Kristen (unserer Koje hatten auch Kristen Nyke) - S. 72: Getose -> Getöse (das Getöse unten sich ein wenig gelegt) - S. 79: Offnung -> Öffnung - S. 116: vorzubringen -> vorbringen - S. 116: »Jetzt -> Jetzt (Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten) - S. 116: gekannt -> gekannt; (lange gekannt; wir hatten eine) - S. 117: Ubergewicht -> Übergewicht - S. 122: verwelten -> verwelkten - S. 126: abgeschnittes -> abgeschnittenes - S. 132: kommen? -> kommen! (Laß noch eine Flasche Wein kommen!) - S. 152: einmal -> einmal, (noch einmal, setze hundert auf dreizehn) - S. 153: Gerade? -> Gerade! - S. 156: Uberblick -> Überblick - S. 171: Rechnung! -> Rechnung!« - S. 172: Uberfall -> Überfall - S. 184: Rot!« -> Rot! (»Wieder Rot! Ja, ich hatte) - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE*** - - -******* This file should be named 41931-8.txt or 41931-8.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/4/1/9/3/41931 - - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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