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-The Project Gutenberg eBook, Sklaven der Liebe, by Knut Hamsun, Translated
-by Mathilde Mann
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
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-
-Title: Sklaven der Liebe
- und andere Novellen: Sklaven der Liebe--Der Sohn der Sonne--Zachäus--Über das Meer--Ein Erzschelm--Vater und Sohn
-
-
-Author: Knut Hamsun
-
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-
-Release Date: January 27, 2013 [eBook #41931]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***
-
-
-E-text prepared by G. Decknatel, Norbert H. Langkau, Jana Srna, and the
-Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
- Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
- übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
- korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
- sich am Ende des Textes.
-
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-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben.
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-
-
-Sklaven der Liebe
-
-Ein Verzeichnis
-der Werke Knut Hamsuns
-findet sich am Schluß
-dieses Buches
-
-KNUT HAMSUN
-
-SKLAVEN DER LIEBE
-
-und andere Novellen
-
-Einzig berechtigte Übersetzung von *Mathilde Mann*
-
-5. und 6. Tausend
-
-
-
-
-
-
-
-Albert Langen
-Verlag für Literatur und Kunst
-München 1922
-
-
-
-
-Inhalt
-
- Seite
-
- Sklaven der Liebe 1
-
- Der Sohn der Sonne 17
-
- Zachäus 31
-
- Über das Meer 61
-
- Ein Erzschelm 101
-
- Vater und Sohn 139
-
-
-
-
-Sklaven der Liebe
-
-
-Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu
-erleichtern. Ich habe meine Stellung im Café verloren und meine
-frohen Tage.
-
-Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend für Abend mit zwei
-Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so
-viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort für mich, nur
-er nicht. Er war groß und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar
-und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen
-Anflug von Bart auf der Oberlippe.
-
-Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine
-ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn
-gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging
-durch das ganze Café und sah mich nach ihm um; endlich fand ich
-ihn an einer der großen Säulen am anderen Ende; er saß mit einer
-Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange
-Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Sie war jung
-und hatte schöne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau.
-
-Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hörte zu, wovon
-sie sprachen: sie machte ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig
-und hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige
-Jungfrau, warum geht er nicht zu mir?
-
-Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm
-wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst
-wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie nicht bemerkt.
-Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: »Sie waren
-gestern nicht hier.«
-
-»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist,« sagte er zu
-seinen Kameraden.
-
-»Bier?« fragte ich.
-
-»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei
-Seidel.
-
-Ein paar Tage vergingen.
-
-Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen Sie die hinüber zu ...«
-
-Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie
-der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F.
-
-Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.
-
-»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.
-
-»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«
-
-»Nein.«
-
-Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:
-
-»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«
-
-Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und
-ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an
-ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen
-sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb
-einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die
-eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog
-ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem
-Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab
-und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«
-
-Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich
-über den Rücken.
-
-Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch
-Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er
-sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei
-dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und
-zog seine Hand sofort zurück.
-
-Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für
-ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er
-berührt hatte.
-
- * * * * *
-
-Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie
-bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot
-und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch
-liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich
-Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte
-bei mir: Wladimierz F. heißt er.
-
-Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah
-fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:
-
-»Erwarten Sie jemand?«
-
-Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich:
-
-»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?«
-
-»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.«
-
-»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.«
-
-Und er gab mir die Blumen.
-
-Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort
-hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam
-mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen
-sollte.
-
-»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.
-
-»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht.
-
-»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?«
-
-»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.«
-
-Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den
-Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen.
-
-»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit
-dem Bier davon.
-
-F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich
-erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte:
-
-»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«
-
-Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich
-bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft
-hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht,
-Wladimierz.
-
-Am Morgen darauf regnete es.
-
-»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?«
-dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich
-also an.« Ich war sehr heiter.
-
-Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und
-wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr
-an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da
-spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich
-wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei
-mir.
-
-Am Abend kam Wladimierz ins Café.
-
-»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz.
-
-»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den
-Blumen.«
-
-»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.
-
-Er zuckte die Achseln und entgegnete:
-
-»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«
-
-Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und
-war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte
-sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen,
-Wladimierz!
-
-Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte:
-
-»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«
-
-»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes
-Mädchen.«
-
-Da sah er mich an und sagte lächelnd:
-
-»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.«
-
-»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich
-habe hundertunddreißig Mark zu Hause.«
-
-»Zu Hause? Nicht hier?«
-
-Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit
-mir, wenn wir schließen.«
-
-Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.
-
-»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an
-meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen.
-
-»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner
-Hausthür stehen blieben.
-
-»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.«
-
-Er wartete.
-
-Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte:
-
-»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als
-Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
-Trinkgeld geben.«
-
-Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der
-Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin
-eine Mark geben.
-
-Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht
-zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte.
-Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe.
-
-»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie
-wissen: die gelbe Dame!«
-
-»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner
-Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.«
-
-»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.
-
-Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich.
-Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch,
-lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr
-hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten
-erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich
-kehre nie wieder zurück.«
-
-»Danke,« entgegnete sie.
-
-Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett
-und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr
-zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir
-einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus.
-
-Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F.
-bis an meine Hausthür.
-
-»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er.
-
-Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber
-trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.
-
-»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie
-bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine
-kleine Kammer.«
-
-»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!«
-
-Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß
-aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich
-lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von
-dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«
-
-»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau.
-
-»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«
-
-»Sind Sie seine Frau?«
-
-Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.«
-
-Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir
-mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
-zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und
-mehrere lachten deshalb über ihn.
-
-»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld
-von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe
-mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.«
-
-Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber
-nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte
-es nicht.
-
-Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es
-mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist.
-Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«
-
-»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte
-einer seiner Freunde.
-
-»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.
-
-Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in
-das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf
-meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast
-unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.
-
-»Danke!« sagte er.
-
-Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte,
-und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit.
-
-»Danke!« sagte er abermals.
-
-Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich
-sagte:
-
-»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich
-zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine
-Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er
-ergriff meine Hand.
-
-Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte,
-wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die
-vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger
-aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.
-
-»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob
-sich.
-
-Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also
-in vierzehn Tagen!«
-
-Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche
-ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken,
-ich wandte mich um, -- er war schon gegangen.
-
- * * * * *
-
-Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief
-von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben
-Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen,
-niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich
-wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er
-geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«
-
-Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine
-Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer
-neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und
-Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen
-meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte
-ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen
-sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann
-ich Wladimierz und mich retten ...
-
-Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von
-ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam
-erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo
-geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen
-zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.
-
-Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich
-nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände;
-dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich
-mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit
-den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte.
-Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und
-ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden
-und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich
-mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das
-ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«
-
-»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.
-
-Ich antwortete: »Nein, -- ich bin seine Witwe.«
-
-Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und
-jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er.
-
-
-
-
-Der Sohn der Sonne
-
-
-Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel
-lag über der Erde.
-
-Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen
-Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er
-fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu
-singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang
-zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich,
-ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen,
-schräg abfallenden Schultern zuckten.
-
-Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine
-andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des
-Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die
-langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen,
-sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten,
-seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines
-Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes
-Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt
-waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte
-ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner
-Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate
-lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch
-das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer
-beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten,
--- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht
-anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im
-Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste
-feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das
-Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die
-Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft
-aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des
-elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf
-und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel
-Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter
-die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer
-halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder
-heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm
-geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge
-Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein
-jähes Ende.
-
-Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.
-
-Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland,
-am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- --
-
-Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die
-Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der
-Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte
-der Hase heute leben!
-
-Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt
-das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier
-Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken.
-Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war
-jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an
-Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine
-zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf
-beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.
-
-Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im
-allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt
-eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an
-alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine
-Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß
-das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch
-diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch
-die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in
-anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein
-Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein
-Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume
-beunruhigten.
-
-Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte,
-konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren
-Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge
-waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor
-seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen
-Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe
-niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er
-selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die
-Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man
-sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße
-beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende
-über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre
-Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe
-sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte
-ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie
-suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach
-einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle
-die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das
-Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in
-umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen.
-Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde
-Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den
-Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.
-
-Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang
-herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen
-Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so
-sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während
-seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er
-geerntet hatte, leben und sterben.
-
- -30° Celsius.
-
-Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben
-auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus,
-und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu
-der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind
-wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme,
-kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da,
-wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen
-Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und
-kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie
-Talg.
-
-Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten
-zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame.
-Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen
-Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr
-und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube
-wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine
-gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit
-dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt
-zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn
-sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam
-bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen
-Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung
-dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten
-umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber
-Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.
-
-Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den
-Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene
-Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren
-liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im
-Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen
-seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er
-ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß
-auf die Stirn.
-
-Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz
-unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem
-Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den
-Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine
-dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror
-nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz
-verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror
-nie.
-
-Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr
-Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte
-gethan! denkt er mit zitternder Seele.
-
-In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und
-wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter
-wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde.
-Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde.
-
-Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den
-Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von
-gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren
-Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte
-ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen
-Trommeln rührte.
-
-Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein
-Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine
-wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über,
-eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh
-nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine
-gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in
-derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen
-Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten
-ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen
-Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und
-mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die
-zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt.
-
-Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und
-sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die
-Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische
-Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie
-Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und
-Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in
-seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen
-sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie
-Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz
-im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in
-der Ferne verliert.
-
-Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der
-Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom
-Scheitel bis zur Sohle. -- --
-
-Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde
-und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine
-ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während
-fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem
-Bilde: _Der Sohn der Sonne_. --
-
-Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart
-und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem
-Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und
-fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort
-an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine
-Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er
-den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und
-sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas
-daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als
-sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter
-Männer geraten.
-
-Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von
-demselben Tage an kennen ihn alle. -- --
-
-Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht
-mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und
-vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn
-der Sonne_ heißt.
-
-
-
-
-Zachäus
-
-
-I
-
-Tiefster Friede ruht über der Prärie.
-
-In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur
-Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
-Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde
-und Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren
-Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige
-Laut, den man hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der
-Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein
-anderer Laut ans Ohr -- das klappernde Geräusch der Mähmaschinen
-unten am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut ganz merkwürdig
-nahe.
-
-Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten
-Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt,
-und es sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen.
-Die Häuser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine
-Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
-
-Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum
-späten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen
-beschäftigt.
-
-Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden
-Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen
-Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige
-Frau auf der Billybory-Farm.
-
-Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern
-in dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt
-die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
-
-Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen,
-spangedeckten Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt
-wird, hört man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner
-beiden Gesellen, die sich in größter Geschäftigkeit regen. Sie
-feuern die großen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem
-Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Als
-das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und
-auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei
-Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
-
-Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig,
-von militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht
-offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von
-aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit
-einem Papagei hat.
-
-Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er
-ist litterarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch
-ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte
-Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt
-er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche
-liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben.
-Und er benutzt sie mit großem Fleiß.
-
-Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und
-eine Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um
-darin zu lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch
-anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor
-seinen Augen; dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung
-des Kochs in der Hand zu halten und bei der großen Schrift der
-Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermißte augenblicklich
-seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett auf und riß die
-Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und
-lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
-
-Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er
-schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
-jemals einen Soldaten gesehen habe, und ob er die Einrichtung
-eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er
-sich nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht
-nehmen! Und das Maul solle er halten! Was verdiene er im Monat?
-Habe er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh gestern
-gekalbt?
-
-Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den
-Koch, daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin
-anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er,
-Zachäus, sei ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung
-wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte. »Steh'
-nicht da und spuck' auf den Fußboden, du schmieriger Hund!«
-
-Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in
-dem wütenden Gesicht.
-
-Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den
-beiden Landsleuten. -- --
-
-Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und
-speisen jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von
-allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen
-sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten
-während der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das
-Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel und
-kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen
-fahren wieder nach der Farm zurück.
-
-Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und
-Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly
-selber draußen im Schatten hinter dem Hause und liest zum
-tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder aus dem teuren
-Buch, das er aus dem Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist
-Polly wieder Soldat.
-
-
-II
-
-Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen
-mit der Arbeiterschaar langsam aus der Prärie heim. Die meisten
-waschen ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot
-gehen, einige kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen und
-mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere und ältere Personen,
-Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher,
-alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte Existenzen.
-Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren
-Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in großer Hast eingenommen,
-ohne daß irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt
-vor dem Aufseher, der selber an der Mahlzeit teilnimmt und über
-die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich
-die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --
-
-Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von
-Schweiß geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf
-seinen Rücken brannte.
-
-Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem
-großen Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln
-in die Nacht hinaus.
-
-Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit
-Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser
-sorgfältig während der Regentage sammelte, denn das Wasser zu
-Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen.
-
-Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd
-ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt,
-es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er
-pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
-
-Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür. Er hielt eine Lampe
-in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
-
-»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
-
-Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus
-zu und fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
-
-»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
-
-»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast
-es genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
-
-Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem
-an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
-
-Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
-Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
-lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
-
-Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem
-kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
-
-»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um.
-»Ich habe es benutzt!«
-
-Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst
-du die?«
-
-»Ja,« antwortete Zachäus.
-
-»Ich will sie dich kosten lassen!«
-
-»Wenn du es wagst!«
-
-Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und
-im selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen
-ein Geheul über das andere aus, das war der Ausdruck ihres
-Beifalls und Wohlbehagens.
-
-Zachäus aber hielt nicht lange stand.
-
-Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze,
-seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten
-zu können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt
-über den Platz und fiel dann um.
-
-Der Koch wandte sich an die Menge:
-
-»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn
-gefällt!«
-
-»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
-
-Der Koch zuckte die Achseln.
-
-»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein
-großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft
-den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck
-verleihen, er wird litterarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,«
-sagt er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel
-Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich,
-der ich für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prärie,
-frage ich?«
-
-Und alle bewunderten Pollys Rede.
-
-Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so
-verbissen, genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du
-Hasenfuß!«
-
-Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur
-mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit
-dieser Lampe prügeln!«
-
-Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
-
-Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder
-in ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang
-es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter
-den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu
-kommen.
-
-
-III
-
-Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras
-auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist
-heute ebenso scharf und seine Augen laufen ihm hinter den
-Brillengläsern voll Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar
-Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es
-von einem Insekt gestochen. Zachäus stößt einen Schrei aus und
-springt vom Boden auf. Eine Minute später fängt er an, die linke
-Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen
-Schritten auf und nieder zu gehen.
-
-Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein
-Pferd an und fragt: »Was giebt's denn?«
-
-Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
-
-Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt:
-»Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem
-Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
-
-Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren
-zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus
-wie eine kleine Leiche.
-
-Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend
-an und bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn
-einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen
-davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern
-wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die
-Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die Hilfe und setzt sich
-wieder auf die Maschine. -- Er hielt fast bis zum Abend stand.
-Als der Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn aus und
-sandte ihn nach der Farm zurück.
-
-Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen Finger
-aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er
-Maschinenöl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und
-verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack
-in seiner Pritsche.
-
-Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in
-der Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug
-sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag
-da und litt und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit
-wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal
-vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen
-beschädigte.
-
-Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch
-Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die
-Gelegenheit, um den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde
-lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr
-als einmal, daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen und die Zähne
-schweigend zusammenbeißen mußte, weil er dem Riesen gegenüber so
-ohnmächtig war.
-
-Endlich kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen
-und gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich
-war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu
-sitzen, und des Tags, während der Hitze hielt er die Thür nach
-der Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß er mit offenem
-Munde da und lauschte dem Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter
-Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er
-sie vor sich habe.
-
-Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt
-nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Thür vor der Nase
-zu unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe ganz entsetzlich,
-und dem Zug dürfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus
-außer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen
-Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein
-brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu machen. Aber
-Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht um zu zielen, und er
-traf niemals.
-
-Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu
-Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbiete sich seinen
-Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute
-sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz
-verlassen da und krümmte sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß
-die Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem
-Mittagessen draußen in der Prärie, er hörte sie mit Gesang und
-Lärmen ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig zu
-machen.
-
-Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber
-nach der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen
-an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder
-zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und
-fängt an, die amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu
-lesen.
-
-Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden
-vergingen jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der
-Proviantwagen zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs,
-der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen
-zu waschen.
-
-Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies
-war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner
-Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann
-die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile
-holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf
-seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung
-wieder ausliefern!
-
-Es vergeht eine Minute.
-
-Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus
-liegt da und starrt zum Dach empor.
-
-Polly tritt ein.
-
-»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt
-mitten in dem Raum stehen.
-
-»Nein!« antwortet Zachäus.
-
-»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
-
-Zachäus richtet sich auf.
-
-»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er
-und wird ganz wütend.
-
-Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an,
-die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso
-die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
-
-»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte
-und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von
-neuem um und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur,
-mein Freund!«
-
-Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte:
-»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du
-schmutziges Ferkel!«
-
-Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot und
-ein unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er
-sah sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
-
-
-IV
-
-Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
-Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
-Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
-Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige
-flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes
-Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und
-Mähmaschinen.
-
-Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche,
-wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er
-ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein
-Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun
-an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein
-Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben
-wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die
-blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das
-vielleicht nicht gut genug?«
-
-Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein
-Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man
-ihm gab.
-
-»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?«
-knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her.
-
-»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß
-aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
-
-»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen
-mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du
-Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.
-
-Und er aß von dem Fleisch.
-
-Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug
-werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen
-mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat,
-nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund
-kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die
-Thüröffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es
-mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und
-sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die
-Flasche war verschwunden.
-
-Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
-verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thür stehen und sagt, so daß
-alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein
-Finger?«
-
-Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
-
-Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische an zu
-kichern.
-
-Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
-Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt'
-ich den nicht wiedererkennen?«
-
-Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die
-wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
-
-»Was hast du eigentlich?« fragt einer.
-
-»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
-erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem
-Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
-
-Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los,
-und die Leute schrieen durcheinander.
-
-»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen
-gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du
-hast die eine Seite abgenagt!«
-
-»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- --
-ich dachte nicht -- --«
-
-Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Thür hinaus.
-
-Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich,
-wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem
-anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«
-
-»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
-haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz
-anderen Kessel.«
-
-Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
-Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande,
-man stritt und lachte darüber wie die Verrückten, und der Koch
-feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
-
-Zachäus aber war verschwunden.
-
-Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch
-immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus
-aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug
-seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er
-konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten
-durchnäßt.
-
-Er setzt seine Wanderung fort.
-
-Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim
-Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg
-wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen,
-bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die
-Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder
-bei der Farm an.
-
-Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum
-beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster
-guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen,
-daß er sehr guter Laune ist.
-
-Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den
-Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken
-schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer und von
-Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel
-mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
-
-Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
-Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um
-nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig
-und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Küche.
-
-Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er
-tritt ruhig ein.
-
-»Guten Abend!« sagt er.
-
-Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
-
-»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
-
-Zachäus entgegnet:
-
-»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist
-gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder
-waschen.«
-
-»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
-
-»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
-
-»Ich rate dir davon ab.«
-
-»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
-
-»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
-
-Und Zachäus geht hinaus.
-
-Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so
-recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem
-Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
-
-Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht
-geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf
-Zachäus zu.
-
-»Was machst du hier?« fragt er.
-
-Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
-
-»In meinem Wasser?«
-
-»Natürlich!«
-
-Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich
-davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser
-nach dem Hemd.
-
-Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten
-Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
-
-Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
-
-
-V
-
-Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen
-kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen
-Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe.
-
-Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
-
-Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu
-hören.
-
-»Du hast ihn erschossen?«
-
-»Ja!«
-
-»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
-
-»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach
-oben.«
-
-»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
-
-»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
-
-»Hast du das gethan?«
-
-Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu
-schlafen.
-
-Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »Starb er gleich?«
-
-»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch
-das Gehirn.«
-
-»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch
-das Gehirn, so ist das der Tod.«
-
-Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- --
---.
-
-Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die
-seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef
-erhöht und war herzlich glücklich über den Mord.
-
-Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
-weiter über Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er
-lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen
-waren; dabei war nichts mehr zu machen.
-
-Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der
-nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken
-und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere
-Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und
-meinten es ehrlich damit.
-
-»Wohin gehst du, Zachäus?«
-
-»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht
-nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum
-Holzschlagen.«
-
-»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche
-Reise!«
-
-Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das
-große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.
-
-Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die
-Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
-gleichen.
-
-
-
-
-Über das Meer
-
-Ein Reisebrief
-
-
-Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich
-endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu
-senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, --
-der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte
-August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit
-einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in
-eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies
-griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute
-Septembergesundheit.
-
-Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis
-zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von
-allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg.
-Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der
-Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den
-Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei.
-Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie
-ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich
-mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken
-vermochte.
-
- * * * * *
-
-So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem
-wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung
-für die Emigrantenladung abgelegt hatte.
-
-»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger
-Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.
-
-»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«
-
-»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der
-Heimat fort,« schluchzte er.
-
-Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war
-noch nie von Hause fort gewesen.
-
-Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen
-wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von
-Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten
-Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen
-Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute,
-bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen,
-junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.
-
-»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren
-schon früher drüben?«
-
-»Ja!«
-
-Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne
-Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der
-Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips.
-Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.
-
-»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste
-auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.
-
-»Weshalb verlassen Sie es denn?«
-
-Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war
-Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in
-eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus
-geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine
-Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an
-die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der
-Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief
-geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das
-Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«
-
-»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«
-
-Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche
-Begeisterung:
-
-»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich
-durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine
-Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach
-den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen
-Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen
-den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben
-konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar
-Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich,
-von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines
-Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein
-Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil
-ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von
-Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem
-menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne
-Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein
-weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«
-
-Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem
-eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern,
-andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer
-Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort,
-über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:
-
-»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor
-der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu
-glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies
-geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so
-gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man
-keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in
-einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der
-fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will
-euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer
-gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«
-
-Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß
-Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des
-Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den
-geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten
-Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.
-
-Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und
-blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien
-vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord,
-starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden
-sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das
-Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen
-Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von
-ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht
-vergnügliches Leben an Bord.
-
-Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen
-reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein
-junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben
-auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje
-nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.
-
- * * * * *
-
-In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine
-Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche
-Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen
-Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein;
-der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes
-Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns
-während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie
-seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er
-zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig
-über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine
-drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen:
-nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem
-Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten
-vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den
-Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu
-erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während
-Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen
-»Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.
-
-Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.
-
-»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.
-
-Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter
-Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann
-mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht
-zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm
-wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich
-trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College
-gedacht.
-
-Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit
-Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde
-das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das
-Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging
-über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als
-Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig,
-daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können
-glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch
-ohne andere Hilfe gehen _konnte_.
-
-Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber
-hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.
-
-Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde
-herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte,
-ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger
-Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und
-schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach
-angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und
-verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel
-war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt
-_für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet
-Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das
-man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am
-Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit,
-Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den
-Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte
-dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.
-
-Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die
-Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum
-ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost
-zu ihrem Brot zu schwelgen.
-
-Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer
-Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an
-Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen
-Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich
-konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine
-Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht
-trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er
-mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.
-
-Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im
-Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache
-mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen.
-Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir
-hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er
-denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht
-wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen
-Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.
-
- * * * * *
-
-Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich.
-Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere
-Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in
-der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf
-Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß
-schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen
-flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.
-
-Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven
-gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus
-Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter
-für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer --
-bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren
-es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da
-unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka
-tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.
-
-Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er
-trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes
-Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.
-
-»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich
-gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«
-
-Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei
-versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel
-gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.
-
-Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die
-Sache.
-
-Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck
-geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir
-Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag
-in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen
-war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder
-mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln
-und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein
-verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und
-sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner
-erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die
-Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein
-besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar,
-das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu
-sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch
-ausbitten!
-
-Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.
-
- * * * * *
-
-Wir dampften in die Nordsee hinein.
-
-In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar
-Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben
-waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier
-getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland
-verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.
-
-Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war
-sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten
-schon Stiefel an.
-
-Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende
-Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich
-schlief wieder ein.
-
-Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden,
-die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück
-einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um
-Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu
-sehen.
-
-Was gab es denn nur?
-
-Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer
-gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um
-sich zu beklagen.
-
-Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel
-die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten
-des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der
-verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker
-Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges
-Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich
-auf Deck.
-
-Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen,
-denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der
-Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die
-See wurde immer unruhiger.
-
-Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich
-über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen
-Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?
-
-Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um
-sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut
-des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache
-nachzudenken.
-
-»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,«
-sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er
-wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«
-
-Nyke senkte sinnend das Haupt.
-
-»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon
-daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich
-zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das
-wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es
-wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach
-er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm
-einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.
-
-Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und
-mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll
-zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse
-hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun.
-Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den
-stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch
-war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang.
-Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann
-lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht
-hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein
-paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje
-links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche
-Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat
-ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht
-imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen.
-Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher
-Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank
-während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes
-Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über
-die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als
-ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er
-empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm
-glauben.
-
- * * * * *
-
-Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker
-saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der
-Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch
-genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund,
-einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen
-begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne
-Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie
-an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten;
-sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann.
-Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie
-mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines,
-schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet
-sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das
-kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre
-Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen,
-die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige
-Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht
-möglich ist, sie zu wiederholen -- --
-
-Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte
-hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war
-betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen,
-glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond
-spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten
-besten Platz und lallte weiter.
-
-Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und
-die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken
-lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern.
-Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine
-leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker
-saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.
-
-Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte
-wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem
-eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später
-erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei
-nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir
-seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und
-jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter
-dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er
-die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen
-hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.
-
-Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke
-sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner
-süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den
-Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir
-einen blutenden Finger.
-
-Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger
-Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich
-nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein
-wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem
-verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre
-Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.
-
-Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war
-überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war
-achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im
-letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln
-Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde
-ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die
-Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine
-Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir
-uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns
-das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war
-auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert.
-Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.
-
-Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.
-
-Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:
-
-Also jetzt! -- In Gottes Namen!
-
-Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm
-ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der
-atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß
-darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für
-Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie
-schief, so stürbe man.
-
-»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte
-der Kaufmann.
-
-»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die
-Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der
-Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann
-wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber
-aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«
-
-Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem
-Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen.
-Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die
-durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und
-wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke
-längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich
-machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in
-ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder
-und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei
-Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur
-zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien
-erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel
-aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand
-an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den
-Nägeln.
-
-Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit,
-und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein
-Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und
-dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte
-umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu
-können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos
-für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da
-und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und
-stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie
-die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.
-
-Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im
-Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er
-wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst
-niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er
-alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück
-Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang
-entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf
-dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so
-unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein
-verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter
-Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach?
-
-Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem
-gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn
-Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in
-Trümmer.
-
-Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom
-Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur
-der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel,
-der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der
-wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument,
-dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.
-
- * * * * *
-
-Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der
-Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor
-Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden
-Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger
-Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es
-sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er
-stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals
-wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so
-wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust
-eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit
-ernster.
-
-Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher
-auf den Beinen, und er war sehr blaß.
-
-»Ist Ihnen nicht wohl?«
-
-»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch,
-außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht
-einen elend.«
-
-Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit
-einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn
-das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er
-lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und
-schloß die Augen.
-
-»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm
-lächelnd ins Gesicht.
-
-Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn
-Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte
-seine Unvorsichtigkeit bezahlen.
-
-Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.
-
-Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.
-
-Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit
-jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und
-ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er
-uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte
-bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen
-ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen
-sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die
-Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack
-oder einer Kiste elendiglich wieder ein.
-
-Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere
-Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten
-Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die
-Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau
-schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.
-
-»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am
-Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«
-
-Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:
-
-»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das
-Schiff leck ist?«
-
-Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem
-sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das
-Schiff geborsten sei.
-
-Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein
-einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn
-einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht,
-murmelte er.
-
-Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns
-herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen
-bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene
-begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege
-zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten
-seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine
-Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle
-ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord
-wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.
-
-In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer
-traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden,
-daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln
-müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern
-eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen
-und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz
-oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische
-Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern.
-Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie
-versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend
-hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu
-ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell
-wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter
-Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« --
-Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu
-werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit
-sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach
-einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß,
-vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer
-flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu
-tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen.
-Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man
-vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde
-besinnen.
-
-Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar
-heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen
-der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier
-unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch
-gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser,
-seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war.
-Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues
-Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit
-dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- --
-
-Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert
-wurde.
-
-Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff
-hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See
-strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte
-Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch
-auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah
-mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje
-geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und
-geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als
-ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje
-zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts
-fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur
-eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. --
-Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!«
-
-Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:
-
-»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den
-Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«
-
-Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen
-Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger
-liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes
-Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine
-Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem
-Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die
-Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu
-Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte
-er:
-
-»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen
-Gedanken!«
-
-Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte,
-daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in
-seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- --
-
-Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage
-konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein
-Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke
-befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war
-auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und
-der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten,
-zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen
-Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit
-genesene Patienten besitzen.
-
- * * * * *
-
-Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise
-unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den
-Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem
-Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den
-Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten.
-Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten
-erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der
-Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem
-Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig
-neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn
-Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch
-nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten
-Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns
-die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern.
-Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und
-sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine
-sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark
-fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf
-der wir uns befinden.
-
-Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden
-wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst.
-Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich
-versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser
-Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und
-macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.
-
-Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord
-gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher,
-und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.
-
-Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich,
-gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt
-marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in
-allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren,
-wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und
-Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften,
-von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten
-Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.
-
-Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es
-ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere
-unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen
-sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen
-Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und
-ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger,
-einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen
-begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement
-ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war
-auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand
-er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in
-wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und
-greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte
-Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der
-Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.
-
-Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und
-konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen
-Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und
-der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine
-Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen
-Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und
-ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem
-Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.
-
-So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.
-
-
-
-
-Ein Erzschelm
-
-
-Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich
-that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber
-legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine
-Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:
-
-»Störe ich auch?«
-
-Da fing er an:
-
-»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich
-sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit
-einer Handbewegung auf die Gräber.
-
-Wir waren auf dem Krist-Friedhof.
-
-Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben
-geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen
-gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las
-Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen
-pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang
-geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen
-Kastanienbäumen.
-
-Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann,
-breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die
-Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit,
-nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn,
-wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.
-
-»Sie sind fremd hier?«
-
-»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«
-
-Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den
-Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und
-französische Zeitungen hervor.
-
-»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte
-er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so
-wenig ausgerichtet.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«
-
-Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.
-
-Er fuhr fort:
-
-»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit
-den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«
-
-»Eine fromme Zwecklosigkeit!«
-
-Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.
-
-»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern
-steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft
-sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen,
-errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den
-Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist
-einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja,
-nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal
-hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist
-unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine
-Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine
-Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken.
-Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«
-
-Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der
-im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt
-hat, -- nach dem Kapital.
-
-»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.
-
-»Ja!«
-
-Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank,
-blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.
-
-Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock,
-krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht
-Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den
-Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und
-raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt,
-und das von der Sonne getrocknet ist.
-
-»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern,
-nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns
-zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«
-
-Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem
-schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein
-kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug
-eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der
-Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.
-
-»Nun?« fragte er.
-
-»Nun?«
-
-»Haben Sie nichts bemerkt?«
-
-»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«
-
-»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die
-Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns
-entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier
-vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war
-bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes
-Handwerk einzuimpfen.« --
-
-»Aber weshalb denn nur?«
-
-»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für
-die Lebenden, die davon leben sollen.«
-
-Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo
-steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der
-Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu
-langweilen.
-
-»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht,
-sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah
-mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos:
-haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in
-den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt
-der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit
-gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens,
-aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis
-vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe
-wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich
-nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«
-
-»Blumen.«
-
-»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer
-Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich
-empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt,
-sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die
-Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«
-
-Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:
-
-»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«
-
-Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien
-die Einwendung bereits früher gehört zu haben.
-
-»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war
-obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt
-war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden,
-wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung
-gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in
-der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist
-etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern,
-Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu
-drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei
-Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden
-von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf
-steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit,
-ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal
-diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber
-hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß
-kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie
-doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das
-Leben!«
-
-Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller
-Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein
-bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar
-Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin
-ich auch heutigen Tages noch.
-
-»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier
-vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen,
-schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge
-Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von
-zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu
-so etwas hat, wird er Gourmand.«
-
-Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein
-Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu
-stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.
-
-Er fuhr fort:
-
-»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was
-der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung,
-und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der
-Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind
-sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös
-zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine
-Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie
-nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich
-Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger
-Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm
-zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, --
-beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen
-blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege.
-Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage
-später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist,
-und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu
-folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie
-können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn
-ich habe die ganze Nacht gewacht.«
-
-»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine
-Arbeit.«
-
-Ich erhob mich, um zu gehen.
-
-Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.
-
-»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu
-machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie
-nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor
-neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich
-glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht
-vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die
-Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der
-auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die
-Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog
-die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen
-Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume
-rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das
-hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg --
-schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und
-war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort
-heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines
-Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen
-sei.
-
-Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine
-Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?
-
-»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging
-weiter.
-
-Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.
-
-»Nun? haben Sie sie gefunden?«
-
-»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«
-
-Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine
-Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte
-endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute
-die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine
-Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie
-stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja,
-nette Kinder! das mußte man sagen!
-
-Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die
-Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den
-Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing
-an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.
-
-»Wo ist das bestohlene Grab?«
-
-»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«
-
-Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab
-kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut
-gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die
-Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie
-nirgends mehr.
-
-»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist
-schändlich!«
-
-Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber
-er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei
-an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges
-gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das
-zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter
-Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich
-so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben
-war.
-
-Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.
-
-»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?«
-fragte ich.
-
-Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die
-Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir
-nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um
-ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«
-
-Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:
-
-»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas
-Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du
-die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«
-
-Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.
-
-»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben
-wir die Diebin!«
-
-»Wie?«
-
-»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«
-
-Da mußte ich lächeln.
-
-»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die
-kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie
-heißt Elina, ich kenne sie.«
-
-Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der
-Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die
-sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem
-Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht
-einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen.
-
-Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden
-Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben
-elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem
-Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich
-auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber
-nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht
-gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte
-Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten,
-glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese
-beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das
-kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der
-ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu
-ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war
-auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine
-Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine
-Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe
-heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das
-Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft
-habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten
-überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes,
-ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.
-
-»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.
-
-Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar
-meine eigenen zwei, drei wieder.
-
-Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und
-sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus,
-sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und
-nahm das Kind mit sich.
-
-Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte,
-sie sagte plötzlich:
-
-»Nein, wo soll ich denn hin?«
-
-Der Totengräber antwortete:
-
-»Auf die Polizeistation!«
-
-»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.
-
-Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche,
-wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich,
-sie habe sie nicht gestohlen.
-
-In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß
-fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und
-dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.
-
-Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden
-einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der
-kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder,
-denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.
-
-Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war
-ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich
-nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage
-mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie
-wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen
-verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das
-Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und
-kann Sie zu ihr führen!«
-
-Er machte eine Pause.
-
-»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie
-zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so
-werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn
-die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche
-sendet vielleicht gar einen Kranz.
-
-Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark
-gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die
-Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht,
-schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt
-bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die
-Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen
-Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich
-die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit
-miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren
-Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.
-
-Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die
-Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf
-einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch
-nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl
-noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen
-hatten? Sie waren warm!
-
-Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu
-zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz
-genau.
-
-Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das
-Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel
-ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.
-
-Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.
-
-Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte
-sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße
-spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und
-oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke
-fahren. Sie kauften gewiß Blumen.
-
-Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.
-
-Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe
-kaufen.
-
-Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu
-sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina
-mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend
-abholen, ehe sie verwelkten.«
-
-»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«
-
-»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das
-Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte
-Griechisch als sie noch _so_ klein war.
-
-Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde
-sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen
-unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie
-verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich
-ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es
-auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den
-Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick,
-ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und
-bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert,
-Gott um Verzeihung zu bitten.
-
-Da zerbricht etwas in ihr.
-
-Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt
-ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen
-verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der
-Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen
-zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an,
-die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages,
-wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein
-gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre
-Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt
-ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab,
-die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße
-herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke --
--- --
-
-Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten.
-Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich
-konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich
-kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden
-war!«
-
-»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.
-
-»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden
-bist, Elina!«
-
-Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum
-Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich
-nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.
-
-Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die
-kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen
-und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.
-
-Als wir hineinkamen, sagte sie:
-
-»Spendieren Sie etwas zu trinken?«
-
-So war sie.
-
-»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann
-hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes
-geschwatzt.«
-
-Sie lachte schrill.
-
-»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder
-kindisch!«
-
-»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.
-
-Da spie sie wütend vor sich hin.
-
-Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind
-sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein
-Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.
-
-»Ja, gern.«
-
-Sie steht auf und geht hinaus.
-
-Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen,
-Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder
-zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach
-einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.
-
-Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß,
-sie zündete sich auch eine Cigarette an.
-
-»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.
-
-»Wie lange sind Sie hier gewesen?«
-
-»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«
-
-Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten
-Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.
-
-»Wo haben Sie das gelernt?«
-
-»Im Tivoli.«
-
-»Gehen Sie oft dahin?«
-
-»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr
-was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine
-so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann
-bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas
-Geld geben?«
-
-Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.
-
-Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht
-empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch
-eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich
-ausgepumpt werden.
-
-Der Wein kam.
-
-Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein
-paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein
-abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an,
-die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend,
-und sie trugen abgeschnittenes Haar.
-
-Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz
-genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld
-gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich
-um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.
-
-Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten
-sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei
-Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das
-Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch
-und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen,
-um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte
-gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich
-verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und
-machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und
-Jacke und schickte sich an auszugehen.
-
-»Wollen Sie gehen?« fragte ich.
-
-Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie
-vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die
-Thür nach dem Gang und rief:
-
-»Gina!«
-
-Das war ihre Mutter.
-
-Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend.
-Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.
-
-»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden
-Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine
-Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht
-wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch
-jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«
-
-Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte
-unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte
-die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.
-
-»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.
-
-Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die
-Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.
-
-Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:
-
-»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein
-bezahlen und gehen.«
-
-»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.
-
-Ich war ganz betroffen.
-
-»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich
-denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber
-vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.
-
-Die Mädchen fingen an zu lachen.
-
-»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so
-viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal
-den Wein bezahlen! Hahaha!«
-
-Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.
-
-»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr
-haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir
-gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und
-Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich
-auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen
-gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht
-Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu
-necken. Ihr sollt aber hinaus!«
-
-Und die Mädchen mußten hinaus.
-
-Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter
-ihnen abschloß.
-
-»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie
-entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen
-ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig
-waren?«
-
-»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu
-beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie
-erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette
-Mädchen.«
-
-»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du
-ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der
-Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin
-auf den Tisch geworfen hatte.
-
-»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie
-sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«
-
-»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe
-nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna
-anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und
-übel. Davon kann ich nicht leben!«
-
-»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte
-ich.
-
-Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer
-herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu
-machen.
-
-»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir
-still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl
-verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen
-mag ich nicht.«
-
-»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares
-Leben anzufangen.«
-
-»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden?
-Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich
-habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche
-Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen
-sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus.
-
-Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein
-vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie
-summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin,
-während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr
-Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder
-auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da,
-sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:
-
-»Bleibst du übernacht hier?«
-
-»Nein!« antwortete ich.
-
-»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- --
-
-Der Erzähler schwieg.
-
-»Nun?« fragte ich.
-
-»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde?
-Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage.
-Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«
-
-Er sah mich an.
-
-»Ich blieb!« sagte er.
-
-»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem
-Mädchen?«
-
-»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.
-
-»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei?
-Waren Sie betrunken?«
-
-»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger
-widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die
-Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war
-mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das
-begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von
-Zügellosigkeit wir versanken!«
-
-Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.
-
-»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß
-sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die
-geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so
-schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von
-übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre
-ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie
-voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen
-könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin
-rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen
-Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß
-gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du
-widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem
-solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch
-bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem
-Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es
-erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie
-jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich
-war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«
-
-Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.
-
-Endlich erwachte er wie aus einem Traum.
-
-»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich
-müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«
-
-Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir,
-ich hatte sie zu Hause vergessen.
-
-»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte
-seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da
-kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das
-kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder
-da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt.
-Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich
-ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein
-Unrecht!« --
-
-Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an
-mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.
-
-»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für
-die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«
-
-Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.
-
- * * * * *
-
-Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich
-mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und
-meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte
-die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine
-verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine
-erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum
-andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch
-einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte
-vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie
-gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent.
-Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!
-
-Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner
-Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die
-Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr
-gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!
-
-Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und
-meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen.
-Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen.
-Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.
-
-Ich schwieg.
-
-
-
-
-Vater und Sohn
-
-Eine Spielergeschichte
-
-
-I
-
-Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach
-dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem
-Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem
-sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem
-Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer
-Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und
-Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während
-einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel
-Leben und großer Umsatz.
-
-Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war
-herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit
-Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles nach Stand und
-Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo
-gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war
-das Zelt des Pavo aus Sinvara.
-
-Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der
-Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere
-Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld.
-
-Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen.
-Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich
-hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die
-Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des
-größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei
-dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht.
-Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei
-der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft
-sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene
-Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er
-war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.
-
-Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter
-das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet
-hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen.
-Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte
-Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der
-nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank
-angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch
-noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte
-er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank
-ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft;
-er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner
-gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln.
-Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle,
-sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.
-
-Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß
-er kommen würde.
-
- * * * * *
-
-
-II
-
-Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in
-den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte
-der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.
-
-»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch
-kommen!«
-
-Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem
-Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher
-kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus
-Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen
-Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos
-leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der
-Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach
-umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber
-dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und
-dessen Mutter so viel Kummer bereitete.
-
-»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete
-ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«
-
-Und dann ging der Diener.
-
-Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr
-war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller
-Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die
-Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte
-der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren
-Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des
-Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde
-war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten
-einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der
-Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.
-
-Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig
-Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von
-dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart
-und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts
-gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws
-Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil
-sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend
-war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und
-antwortete.
-
-Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen
-Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er
-gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem
-Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück.
-Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein,
-auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.
-
-Plötzlich sagt er:
-
-»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«
-
-Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor
-ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.
-
-Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das
-Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein
-brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig
-vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.
-
-Im selben Augenblick ruft der Croupier:
-
-»Dreizehn!«
-
-Er heimst alles Geld ein.
-
-Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze
-Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem
-eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von
-neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts
-geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn
-einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen
-Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder
-dreizehn!
-
-»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.
-
-Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher
-gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft
-eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen.
-Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener
-stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch,
-ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des
-Rades, das sich dreht.
-
-»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.
-
-Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles
-darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch
-genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es
-sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf
-seinem Stuhl hin und her.
-
-»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er
-arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«
-
-Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein
-Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu
-reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ,
-ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf
-eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.
-
-Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben
-ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn
-hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine
-eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb
-hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen
-Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.
-
-»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.
-
-Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:
-
-»Verloren!«
-
-»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von
-mir. Warte, ich will es selber thun.«
-
-Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu
-erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso
-wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«
-
-Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in
-Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.
-
-»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet
-er ein.
-
-»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie
-kommt,« lügt Pavo.
-
-Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein
-Taschenbuch hervor.
-
-»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber
-ganz niedrig, ungefährlich.«
-
-Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt
-Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:
-
-»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom
-Croupier? Sage ihm das doch!«
-
-Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken,
-als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine
-heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:
-
-»Setze auf dreizehn!«
-
-Pavo wendet ein:
-
-»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«
-
-Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:
-
-»Ja! Setze auf dreizehn!«
-
-Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer
-dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.
-
-»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das
-Doppelte!«
-
-Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man
-wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern
-die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den
-Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert,
-seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt
-auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an
-dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.
-
-Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten
-dreizehn nennt, ruft er:
-
-»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«
-
-»Aber --«
-
-»Setze hundert!«
-
-Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig,
-dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen
-Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis
-siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das
-ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.
-
-»Dreizehn!« ruft der Croupier.
-
-»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara.
-Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er
-sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!«
-
-»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt
-wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«
-
-»Setze hundert auf dreizehn!«
-
-»Warum willst du das Geld wegwerfen?«
-
-Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung,
-als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber
-und sagte:
-
-»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen
-und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu
-zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«
-
-Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem
-Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am
-Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das
-Roulette gelenkt.
-
-»Dreizehn!«
-
-»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das
-Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«
-
-Pavo war ganz bestürzt.
-
-»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen.
-»Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«
-
-»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze
-auf Rot!«
-
-Pavo setzte auf Rot und verlor.
-
-Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.
-
-»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man
-hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war
-gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf
-Gerade!«
-
-»Wieviel?«
-
-»Soviel du willst. Setze sechshundert.«
-
-»Sechshundert ist zu viel.«
-
-»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja,
-ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«
-
-Gerade verlor.
-
-Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und
-sagte heftig:
-
-»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren.
-Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«
-
-Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein
-Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt
-da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott
-halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten
-Mann, Roulette spielen zu wollen!«
-
-Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem
-Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.
-
-Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe
-neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.
-
-
-III
-
-Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in
-Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.
-Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von
-Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im
-Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu
-erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig
-geworden.
-
-»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt
-kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«
-
-Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der
-Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.
-
-»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten
-Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich
-konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau
-die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie
-zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in
-Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«
-
-Pavo steht stumm da.
-
-Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt
-kein Wort.
-
-»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht
-vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns
-keine Zeit verlieren.«
-
-Und von dannen ging es.
-
-»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns
-hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«
-
-Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht
-naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der
-Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt
-Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem
-Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles
-mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu
-zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende
-Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und
-bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er
-stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es
-zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um
-einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu
-unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch
-das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen.
-Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern,
-hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das
-nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten
-Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.
-
-Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn
-wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er
-das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint
-sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.
-
-»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich,
-was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am
-meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«
-
-Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit
-einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal
-hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf
-Schwarz.
-
-»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!«
-meldet der Croupier und streicht das Geld ein.
-
-»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,«
-sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?
-Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du
-auf Rot!«
-
-Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe,
-traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine.
-Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er
-diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und
-von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er
-gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf
-einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig
-den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm,
-ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem
-mit zitternden Händen.
-
-»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du
-hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und
-ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich
-bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«
-
-Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß
-sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und
-selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen.
-Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des
-Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen
-eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!
-
-Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
-geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er
--- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er
-wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde
-darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld
-zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu
-retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden?
-Fürchtet er das Unglück?
-
-Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und
-fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er
-plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie
-ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu
-Vater und Sohn hinüber und sagte:
-
-»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat
-schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er
-will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich
-versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist
-brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater
-ruiniert.«
-
-Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches
-vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn
-umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei
-Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln
-und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und
-unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen
-sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.
-
-»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.
-
-Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn
-zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen
-und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in
-den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,
-eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht
-nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist
-sehr finster.
-
-»Dreizehn!« meldet der Croupier.
-
-Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz
-blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose
-Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der
-Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann
-setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards
-gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt
-einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all
-sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft
-alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in
-einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem
-Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und
-links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.
-
-Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und
-sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.
-
-»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich
-spiele euch doch alle unter den Tisch!«
-
-Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern
-gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf
-die dreizehn.
-
-»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen,
-sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«
-
-Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es
-zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch
-einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern,
-der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.
-
-Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn
-von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.
-
-»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe
-auf dieser dummen Zahl genug verloren.«
-
-Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird
-gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen
-Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und
-dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an,
-sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend
-umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das
-junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:
-
-»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?«
-
-Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.
-
-»Ja, Herr!« antwortet sie.
-
-»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«
-
-Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug
-die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und
-reichte ihr noch ein Goldstück.
-
-»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«
-
-Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte
-voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück,
-lächelte allen zu und ging.
-
-Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.
-
-»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so
-viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«
-
-Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von
-Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.
-
-»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine
-habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich
-verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht
-ist das meine Farbe.«
-
-Rot gewann.
-
-»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist
-ein Versuch.«
-
-Rot verlor.
-
-Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.
-
-»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir
-Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich
-muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben
-Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und
-er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich
-will dich bessern.«
-
-»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.
-
-»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue
-das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«
-
-Und Pavo erhob sich und ging.
-
-
-IV
-
-Es war fast zwölf Uhr.
-
-Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der
-Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der
-weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen
-Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte
-fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.
-
-Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem
-geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht
-alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In
-zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort
-einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und
-er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der
-als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig
-ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.
-
-»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend
-auf.«
-
-Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen
-Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er
-sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch
-genommen, und trank den Wein schweigend aus.
-
-Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er
-gewann dreimal, Schlag auf Schlag.
-
-»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem
-alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch
-genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein.
-Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der
-sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit
-dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er
-beschließt das Spiel.
-
-Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich
-auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er
-sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.
-
-»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.
-
-Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn
-nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger
-seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara
-sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum
-geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger,
-einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem
-Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in
-sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn
-von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er
-hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er
-zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige
-Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine
-nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den
-Papierhüllen.
-
-Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert
-bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.
-
-»Rot!«
-
-Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden
-Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt
-den Tisch.
-
-
-V
-
-Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir
-erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend
-vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo
-dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe
-ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und
-habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens
-könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den
-Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das
-andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm
-deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken,
-daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?«
-
-Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte,
-er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen
-halten wollte.
-
-Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte
-überall Bescheid.
-
-»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.
-
-Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine
-Rechnung gebeten.
-
-»Woher weißt du das?« fragte ich.
-
-»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die
-Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch
-einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«
-
-Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als
-würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte
-mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich
-konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein
-paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.
-
-»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.
-
-Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht
-vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran
-dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem
-Rücken? Hatte er irgend etwas vor?
-
-»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich.
-Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich
-trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er
-vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet
-und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine
-Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt.
-Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff,
-es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich
-zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein
-lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn
-in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt
-herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr
-über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe
-regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf
-den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die
-Thür zu.
-
-»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er.
-»Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«
-
-Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:
-
-»Geh und hole meine Rechnung!«
-
-Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn
-laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- --
-
-Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig,
-und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk
-befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem,
-zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter
-hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen
-seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den
-Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher
-konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß
-in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur
-Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb.
-Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor
-meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg.
-Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche
-Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der
-sein Handgelenk verletzt habe.
-
-Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war
-in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der
-Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße
-heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam,
-konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:
-
-»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das
-Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen.
-Bringen Sie mir Thee.«
-
-Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts,
-sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich
-ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht
-nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch
-unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut
-machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:
-
-»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute
-auch krank.«
-
-Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und
-entgegnete:
-
-»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine
-ganz notwendige Besorgung war.«
-
-Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte
-Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller
-Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten
-über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.
-
-»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von
-Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um
-Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette
-ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«
-
-»Es ist gut!« sagte ich.
-
-»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei
-ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche
-Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es
-nicht glauben.«
-
-Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete
-den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der
-Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem
-Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß
-der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld
-holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit
-Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater
-habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen
-lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben.
-Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in
-allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle?
-Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen,
-um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die
-ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten
-nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring
-an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.
-
-»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so
-eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um
-seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz,
-die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«
-
-»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«
-
-»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder
-auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«
-
-Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen,
-und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es
-war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen
-Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig
-war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu
-halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes
-willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck
-würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein
-ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater
-dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller
-Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten,
-er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe
-unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe
-Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.
-
-»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die
-Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun.
-Leb wohl, Pavo!«
-
-Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in
-die Spielhölle gegangen.
-
-»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters
-ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?«
-fragte ich den Russen.
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der
-Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«
-
-Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel.
-Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch
-höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und
-wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.
-
-»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm
-geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«
-
-Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte,
-aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles
-berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer
-am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte
-mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück
-gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle
-er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und
-sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener
-gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.
-
-
-VI
-
-Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich
-hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um
-einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der
-Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege
-kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen
-Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen.
-Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von
-Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich
-nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und
-jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.
-
-Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört,
-daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen
-fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann
-hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem
-Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um
-ein ganzes Vermögen geschädigt.
-
-»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat,
--- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben
-hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe
-einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche
-Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir
-leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe
-es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der
-Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt,
-wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz
-richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«
-
-Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war
-selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des
-vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt
-hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie,
-tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen
-logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den
-schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen,
-roten Mund.
-
-»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.
-
-»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.
-
-»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines
-vernünftigen Mannes nicht.«
-
-Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf
-und nieder. Dann stand er still und fragte:
-
-»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe
-gemacht haben, mich aufzusuchen?«
-
-Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im
-Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten
-hatte, entfernte ich mich wieder.
-
-Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich
-zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei
-mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem
-zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts
-davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich
-eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo
-erzählte.
-
-Die Uhr wurde fünf.
-
-Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von
-Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die
-eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als
-gelobe er etwas.
-
-Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne
-hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen.
-Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.
-
-»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen
-operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen.
-Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.
-
-»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der
-Croupier, indem er sich verneigte.
-
-Das Spiel begann.
-
-Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal
-hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes
-Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er
-macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der
-Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot
-und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf
-dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er
-wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich
-schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er
-zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf
-ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große
-Summe auf dies Quadrat.
-
-Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze
-Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er
-nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen
-Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum,
-aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er
-atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein.
-Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt
-ihr ab.
-
-»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im
-nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen
-geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des
-Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das
-schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe
-in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und
-das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren
-eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.
-
-Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist,
-völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele
-schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn
-eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung
-mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen,
-beherrscht sich aber und läßt sie stehen.
-
-Das Rad hält an.
-
-»Rot!«
-
-»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den
-Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder
-Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«
-
-Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird
-zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler,
-deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter
-ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte
-mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von
-Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von
-allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er
-Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er
-arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit.
-Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand
-voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig
-zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um
-ihn her flüstern und warten.
-
-»Dreizehn!«
-
-Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der
-Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb
-auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null.
-Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle
-zurück.
-
-»Null!«
-
-In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen
-fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von
-dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo
-ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen,
-packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.
-
-Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff,
-daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.
-
-»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er
-seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine
-Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder
-Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand,
-steht auf und geht mit Pavo.
-
-Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach;
-das Spiel gerät ins Stocken -- --
-
-Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur
-seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder
-eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man
-nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen
-darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem
-Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige
-Zeiten den Rücken wenden.
-
- * * * * *
-
-
-VII
-
-Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach
-dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und
-alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in
-die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weißen
-Augen und fängt an zu weinen. Der arme Teufel küßt mir die Hand.
-
-»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er gleich darauf und trocknet
-seine Augen, -- »der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer
-wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.« Und der
-allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit
-seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede
-gehalten. Als es nicht half, daß er ihm mit Fürst Yariw drohte,
-hatte er ihm eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt,
-mit der er sich leider erschießen müsse, um seine Ehre zu retten.
-Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Fürst Yariws
-Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte er Gott hoch und
-teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld
-zurückgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause
-reisen.
-
-»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn unten am Dampfer.«
-
-Die Uhr schlug fünf.
-
-Im selben Augenblick, als der Spielsaal geöffnet wurde, begab ich
-mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie
-Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen auch wirklich der
-Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemäßig
-gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber
-nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte:
-
-»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?«
-
-»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges Mädchen, das gerade
-herzukam. »Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er
-nicht. Das sieht Pavo ähnlich.«
-
-Da stand auch das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie stand
-abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt.
-Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick.
-
-Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen
-Wagen und gab acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht waren.
-Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber
-sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen
-um, auch sie war verschwunden.
-
-Die letzte Matte wurde in den Lastraum versenkt, und der letzte
-Passagier kam an Bord. Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen
-nach dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte. Wo war er
-geblieben? Sein alter Diener springt auf. Wo in aller Welt war
-sein Herr? Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch nicht ohne
-den großen Herrn abfahren! Wir durchsuchen alle das Schiff, den
-Kai, alle Ecken und Winkel, wir fragen alle Menschen nach ihm,
-und niemand vermag uns Bescheid zu geben. War er ins Wasser
-gefallen? Hatte er sich hineingestürzt und war in aller Stille
-ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine Ahnung, ein ganz
-sonderbarer Gedanke, ich bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu
-warten, dann würde ich vielleicht Auskunft über den Vermißten
-geben können.
-
-Ich springe an Land, ich eile nach dem Hotel, stürme die Treppe
-hinauf, in das blaue Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich
-die Thür und sehe hinein.
-
-Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie hat
-ihre errötende Miene wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und
-vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara wieder am
-Roulette.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Knut Hamsun
-
-Die Königin von Saba
-
-und andere Novellen
-
-Dritte Auflage
-
-
-_Hamburger Fremdenblatt_: Wer es noch nicht gewußt hat, kann es an
-dem neuen _großartigen_ Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden,
-daß hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten
-der Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles _mit
-tiefem Seherblick_, seine Menschen sprechen lautere Wahrheit und
-bezahlen diese Wahrheit, die sie in der Natur schauen dürfen, mit
-seelischer Qual. Auch in dem neuen, _auf großer dichterischer Höhe
-stehenden Novellenbande_ tritt Hamsun dem Leser wieder in der
-Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner »Königin von
-Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch auf eine ganz kleine Skizze
-hinweisen: »Der Ring«, die, trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt,
-_das Werk eines echten Dichters ist_.
-
-_Literarisches Echo, Berlin_: Es ist nicht alltägliches in dem
-Buch, es enthält Dichtungen von überaus apartem Reiz, die uns so
-oft überraschen, da sie zu so unvermuteten Ausgängen geführt
-werden, ohne daß diese willkürlich wären. Hamsun versteht es
-wunderbar, mit wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er
-versteht es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen, und
-gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt.
-
-_Albert Langen, Verlag in München_
-
-
-
-
-Knut Hamsun
-
-Pan
-
-Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren
-
-Einundzwanzigste Auflage
-
-
-»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame Buch lesen,«
--- schreibt der »Hannoversche Courier« in einem längeren Artikel
--- »um den vollendeten Zauber seiner poetischen Stimmungen völlig
-genießen zu können. Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich
-atmen aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler Träume
-wechselt ab mit der _Innigkeit wahrster Empfindung_; Glut und
-Kälte, höchste Leidenschaft und tiefste Ermattung zugleich
-sprechen sich _in Worten von außerordentlicher Formvollendung_
-aus.«
-
-_Neue Freie Presse, Wien_: _Knut Hamsun_ ist ein merkwürdiger
-Schriftsteller, in vielen Dingen wohl der erste unter allen
-modernen Norwegern. Sein Roman »_Pan_« enthält viel Wunderliches,
-aber ein heller Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine
-so innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang
-mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen in alle ihre Reize und
-Geheimnisse ist wenigen gegeben. Hamsun ist ein Landschaftsmaler
-ersten Ranges mit der Feder.
-
-_Albert Langen, Verlag in München_
-
-
-
-
-Knut Hamsun
-
-Victoria
-
-Geschichte einer Liebe
-
-Fünfzehnte Auflage
-
-
-»_Victoria_« oder »_Die Geschichte einer Liebe_« kann nicht
-besser als mit diesem Untertitel charakterisiert werden. Wie
-Hamsun im »Pan« eine Symphonie über die _Natur_ schuf, die vor
-ihm vielleicht niemals intensiver künstlerisch erfaßt worden ist,
-so hat _Knut Hamsun_ in »_Victoria_« das _Hohe Lied der Liebe_
-gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit all der
-ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle, die nur
-Hamsun eigen sind.
-
-»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein _seltsames,
-unendlich feines Buch, warm und leuchtend wie ein Johannisfeuer
-in einer stillen Juninacht_.
-
-_Allg. Zeitung, München_: Was _Hamsun_ auszeichnet und ihm unter
-den zeitgenössischen Dichtern einen hervorragenden Platz sichert,
-das ist der Scharfblick, mit dem er in die Tiefen der Seelen
-dringt, die Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten
-inneren Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen
-weiß.
-
-_Albert Langen, Verlag in München_
-
-
-
-
-Einzelausgaben der Werke von _Knut Hamsun_
-aus dem Verlag von _Albert Langen_:
-
-
- _Hunger_, Roman 18. Auflage
- _Mysterien_, Roman 12. Auflage
- _Neue Erde_, Roman 8. Auflage
- _Pan_ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren) 21. Auflage
- _Redakteur Lynge_, Roman 6. Auflage
- _Viktoria_, Geschichte einer Liebe 15. Auflage
- _Die Königin von Saba_, Novellen 3. Auflage
- _Sklaven der Liebe_, Novellen 6. Auflage
- _Im Märchenland_, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien 3. Auflage
- _Kämpfende Kräfte_, Novellen 3. Auflage
- _Schwärmer_, Roman 3. Auflage
- _Unter dem Halbmond_, Reisebilder 3. Auflage
- _Benoni_, Roman 5. Auflage
- _Rosa_, Roman 3. Auflage
- _Unter Herbststernen_, Erzählung eines Wanderers 3. Auflage
- _Gedämpftes Saitenspiel_, Erzählung eines Wanderers 5. Auflage
- _Die letzte Freude_, Roman 7. Auflage
- _Kinder ihrer Zeit_, Roman 11. Auflage
- _Die Stadt Segelfoß_, Roman 8. Auflage
- _Segen der Erde_, Roman 23. Auflage
- _Die Weiber am Brunnen_, Roman 15. Auflage
- _Abenteurer_, Ausgewählte Novellen 15. Auflage
- _Erzählungen_, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo 20. Auflage
- _An des Reiches Pforten_, Schauspiel
- _Abendröte_, Schauspiel
- _Munken Vendt_, Dramatisches Gedicht
- _Königin Tamara_, Schauspiel
- _Spiel des Lebens_, Schauspiel
- _Vom Teufel geholt_, Schauspiel
-
-
-
-
-Druck von Hesse & Becker in Leipzig
-
-
-
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Die folgende Tabelle enthält die vorgenommenen Änderungen.
-
- S. 12: .. -> ... (mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur)
- S. 34: später -> späten
- S. 66: Offentlichkeit -> Öffentlichkeit
- S. 66: Christen -> Kristen (hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke)
- S. 68: Karl Johann-Toiletten -> Karl-Johann-Toiletten
- S. 69: Christen -> Kristen (unserer Koje hatten auch Kristen Nyke)
- S. 72: Getose -> Getöse (das Getöse unten sich ein wenig gelegt)
- S. 79: Offnung -> Öffnung
- S. 116: vorzubringen -> vorbringen
- S. 116: »Jetzt -> Jetzt (Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten)
- S. 116: gekannt -> gekannt; (lange gekannt; wir hatten eine)
- S. 117: Ubergewicht -> Übergewicht
- S. 122: verwelten -> verwelkten
- S. 126: abgeschnittes -> abgeschnittenes
- S. 132: kommen? -> kommen! (Laß noch eine Flasche Wein kommen!)
- S. 152: einmal -> einmal, (noch einmal, setze hundert auf dreizehn)
- S. 153: Gerade? -> Gerade!
- S. 156: Uberblick -> Überblick
- S. 171: Rechnung! -> Rechnung!«
- S. 172: Uberfall -> Überfall
- S. 184: Rot!« -> Rot! (»Wieder Rot! Ja, ich hatte)
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***
-
-
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-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
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-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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-1.E.9.
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-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
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-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
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