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-The Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Der Tor
-
-Author: Bernhard Kellermann
-
-Release Date: January 20, 2013 [EBook #41882]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOR ***
-
-
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-
-Produced by Jens Sadowski
-
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-Der Tor
-
-
-Roman
-von
-Bernhard Kellermann
-
-Achte Auflage
-
-
-S. Fischer, Verlag, Berlin
-1913
-
-
-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
-Copyright 1908 S. Fischer, Verlag, Berlin.
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-Erster Teil
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-Erstes Kapitel
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-Jener junge Mann, um den es sich hier handelt, ein schlichter junger Mann,
-wie es deren Tausende gibt, traf gerade zu einer Zeit in der kleinen
-fränkischen Stadt ein, als sich alle Welt in der größten Aufregung befand.
-
-Ein Dienstmädchen nämlich, eine brave und beliebte Person, die jeder
-hundertmal mit ihren roten Backen und dem Mund voll weißer Zähne gesehen
-hatte, nahm sich das Leben. Sie war nicht zur Stelle, als man sie rief; man
-wartete, suchte und fand sie erhängt auf dem Speicher. Aber das war nicht
-alles. Dieses Dienstmädchen mit den roten Backen und weißen Zähnen, diese
-ordentliche, unschuldig aussehende Person hatte zuvor ein Kind geboren und
-es in ihrer Kammer versteckt. Sie hatte das Kind in ein Körbchen gebettet
-und in die Ecke hinter einen Schrank gelegt. Ein Gesangbuch lag dabei, ein
-goldenes Kreuzchen, ein silberner Ring mit einem winzigen blauen Stein. Das
-Kind war in ein weißes seidenes Tuch gehüllt. In die Wand, oberhalb des
-Körbchens, hatte sie eine Unmenge von Kreuzen geritzt, einen ganzen
-Friedhof. Plötzlich nun schrie das Kind jämmerlich in der Kammer der Magd.
-Ja, da schreit ja ein Kind, sagten die Leute, in ihrer Kammer! Und die Frau
-des Hauses, Frau Häberlein, die Gattin des Bezirksamtmannes, fand das Kind
-in der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehüllt, das die Frau des
-Hauses dem Dienstmädchen einige Wochen vorher zu Weihnachten geschenkt
-hatte. Ein fast neues, feines Tuch.
-
-Die Stadt geriet mehr und mehr in Aufregung. Man riß die Fenster auf und
-rief: Was ist denn wieder? Ein Kind, sie haben ein Kind in ihrer Kammer
-gefunden! Zwei barmherzige Schwestern schwebten über den Marktplatz und
-verschwanden im Hause des Bezirksamtmannes. Sie trugen das Kind in das
-Waisenhaus.
-
-Aber damit war es noch nicht zu Ende. Plötzlich hörte man ein Geschrei auf
-der Straße, ein schreckliches Geschrei, und man sah eine verschrumpfte,
-alte Frau, ein winziges Etwas von einer alten Frau, in großen Filzsocken
-durch die Straßen rennen. Sie lief in das Haus des Bezirksamtmannes,
-erschien wieder schreiend, lief zum Westtor und zurück zum Osttor, hin und
-her, und immer tauchte sie wieder auf und ihr Geschrei und entsetzliches
-Weinen schien überall zu sein und plötzlich dicht unter den Fenstern aus
-dem Erdboden zu dringen. Die Leute öffneten die Fenster: Beruhigen Sie sich
-doch! sagten sie. Sie sagten es mit eindringlicher, tiefer Stimme; sie
-sagten es weich und tröstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hörte
-nichts. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rannte Straße auf,
-Straße ab und schrie, schrie.
-
-Vor dem Westtor gab es eine Szene. Hier kam ein Fleischergeselle auf einem
-Karren angefahren, in dem ein Rudel kleiner Schweine saß. Arbeiter,
-Handwerker stellten den Wagen und fielen mit den Fäusten über den Gesellen
-her. Der Bursche wehrte sich so gut er konnte und brüllte, daß man es bis
-in die Stadt hinein hörte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen
-durch das Gitter und quiekten. Zwei Stadtsoldaten nahmen den
-Fleischergesellen in Schutz, man hätte ihn sonst erschlagen. Ich bin nicht
-schuld! schrie er. Sie führten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem
-Wege dorthin begegneten sie der alten, kleinen Frau, die in ihren
-Filzsocken hin und her rannte. Das ist er! riefen die Leute und deuteten
-auf den Burschen. Aber die schreiende Frau sah und hörte nichts, sie schrie
-und rannte weiter.
-
-Man sprach den ganzen Abend und den folgenden Tag von nichts anderm als dem
-Dienstmädchen und dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab
-förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte, verteidigte,
-mutmaßte, und in dem Abendzug, der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre
-es beinahe zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein Lehrer, ein
-entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter Mann mit einem schwarzen,
-wilden Kopf, der den Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre
-nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und nichts als dieses
-Dienstmädchen, eine solch alberne, beschränkte Person --
-
-Kurz und gut, damit begann es.
-
-»Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person, die sich wegen eines
-Kindes und eines untreuen Geliebten aufhängt,« schrie er. »Genug und
-abermals genug --« Aber da erhob sich ein solcher Tumult in dem überfüllten
-Coupé, daß man nicht verstand, was er sonst noch sagte, trotzdem er mit
-einer ungeheueren tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine Bäuerin
-in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen war, stand plötzlich auf
-und stieß eine Menge Schimpfwörter heraus, einen ganzen Strahl von
-Schimpfwörtern, allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts als
-Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden Blechkranz in der Hand
-und machte Miene auf den Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz
-und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der Mitte des Abteils saß ein
-jüdischer Viehhändler, ein dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den
-Händen und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen auf- und abtanzte
-und mit den Händen seine kurzen, fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte,
-daß ihm das Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen gurgelnden
-Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während er hin- und herschaukelte
-und die Leute zu beiden Seiten zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich
-eine Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand, drehte den Kopf hin
-und her in einer bauschigen Boa aus schillernden Hahnenfedern und lächelte
-mit tief herabgezogenen Mundwinkeln. »Pfui!« rief sie, »Pfui! Welch
-entsetzliche Roheit. Pfui!«
-
-Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte. »Sie vergeben, meine Dame!«
-wandte er sich mit einer Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in
-der bauschigen Federboa hin und her drehte. »Aber ich denke, wenn dieses
-Dienstmädchen, diese Margarete Sammet oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und
-Überlegung, mit Stolz --«
-
-Aber man unterbrach ihn. »Ruhe! Ruhe!«
-
-»Die Herrschaften müssen doch einräumen --«
-
-Man räume nichts ein, gar nichts räume man ein! Alle schrien und der Lehrer
-lachte und zuckte die Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und
-ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen brüllenden
-Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang.
-
-In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich wurden alle still.
-Aber sobald sich die Laterne in der Nacht draußen schwang und die Maschine
-heulte, begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich
-mühsam durch das Getöse.
-
-»Davon war ja gar nicht die Rede!« sagte ein Mann mit aufgeblähtem Hals,
-ein Schuhmachermeister, und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete,
-sie fielen heraus. »Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der
-Beerdigung.«
-
-»Ich würde sie auch nicht beerdigen!« sagte der Lehrer mit ruhigem Baß und
-der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.
-
-»Schweigen! Schweigen!«
-
-Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu schreien, wurde aber im
-gleichen Moment vom Sitze geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und
-alle auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder schwarzer Korb
-rollte aus dem Netz und fiel dem Händler auf den Rücken. Die Bremsen waren
-plötzlich angezogen worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt
-gehabt.
-
-Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit draußen rief: »Ja, weshalb
-schlafen Sie denn, wenn Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel --
-marsch!« Die Coupétüre sprang auf und ein junger Mann wurde
-hereingeschoben. Hut und Mantel des jungen Mannes waren beschneit und mit
-Eiskörnern bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der Kälte
-aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich, beugte sich zum Fenster
-hinaus und rief: »Vielen Dank, mein Herr!« Der Zug fuhr wieder. Alle sahen
-auf den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung und Kälte gerötet
-waren. Er kniff die Augen zusammen, blickte durch die Wimpern, die
-auffallend lang und dicht waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam
-mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien, Packen und Säcken
-hindurch.
-
-»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er leise, ohne die Lippen zu öffnen,
-»vielleicht erlauben Sie mir --«
-
-Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein gestickter Reisesack. Auf
-einem abgewetzten roten Grund war eine Henne gestickt, die auf farbigen
-Eiern brütete. Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als Auge
-eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm und schwarzen Auge sah sie
-herausfordernd und zornig aus. Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche
-Reise. Der Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und alle
-begannen plötzlich über die herausfordernd und zornig dasitzende Henne zu
-lachen. Nur der Lehrer blieb ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden
-an.
-
-Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der Ecke, er machte sich so
-dünn als möglich, nahm den Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den
-Mantel eng zu und schloß sofort die Augen.
-
-Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals betrachtete mit einem
-raschen Blick die vom Schnee rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann
-ließ er wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern gleiten und
-schrie:
-
-»Ist das nicht -- meine Herren -- hören Sie! Ist das nicht empörend! Der
-Dekan will sie nicht beerdigen. Nein, er will sie nicht beerdigen!«
-wiederholte er und rollte die Augen.
-
-Der Lehrer lachte belustigt.
-
-»Schweigen Sie!« schrie der Schuhmachermeister empört und deutete auf den
-Lehrer. »Ja, Sie, Sie sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er
-beerdigt sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren, kein
-Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.« Tränen traten in seine großen
-Augen. Er zog die Dose heraus und schnupfte. »Keine geweihte Erde!« fügte
-er hinzu. Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. »Oh du lieber guter
-Himmelsvater --«
-
-»Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,«
-sagte der jüdische Händler, »so scheint es mir -- die Kirchengesetze --
-eben --«
-
-Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig zu verändern. Er
-schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den
-stierenden großen Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten
-chinesischen Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Händler vernichten,
-aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem
-Händler und reichte ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die
-Dose. »Mein Freund!« zischelte er. »Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte
-Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein
-verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen
---«
-
-»Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,« unterbrach ihn der Händler, die
-Prise Tabak auf dem Daumen.
-
-»Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen,
-die Mutter, hören Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie
-verrückt herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief also ins
-Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß unser Pfarrer gestorben ist.
-Sie klopft also, trommelt an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja
-gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen
-doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der
-Beerdigung. Aber die Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte,
-pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz verrückt, sagten sie, wie
-kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der
-neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach
-Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also
-nach Weinberg -- sie lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt,
-verzweifelt -- sie lief und lief -- sie stellte sich vor das Haus des
-Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan -- Gesundheit, Sie
-beniesen es -- meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie in
-Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren --
-lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden
-damit -- diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Füßen, jammert, schreit.
-Aber alles ist umsonst, für die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt
-der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der Lebenswandel
-Ihrer Tochter -- ich kann nicht -- ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter
--- es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein
-beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des
-Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie sich -- des
-Allmächtigen Wege sind unerforschlich --«
-
-»Da sehen Sie eben die Vorschriften!« sagte der Händler und nieste
-dröhnend, indem er Mund und Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und
-das Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte.
-
-»Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten,
-es sind gute Menschen -- aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht
-lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes
-Mutterherz, keine Einsegnung.«
-
-Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben
-Schnurrbart und großer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. »Sie hat
-ihn zurückgewiesen, den Kaffee«, sagte er. »Die Frau Dekan hat es mir
-selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es ist unmöglich«, sagte sie.
-
-Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte:
-
-»Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche muß einen
-Unterschied machen zwischen einem Selbstmörder und einem anständigen
-Menschen --« Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören -- »zwischen einem
-Mädchen, das außerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer
-barmherzigen Schwester --«
-
-Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals fiel ihm ins Wort. »Hören Sie
-auf!« zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer
-unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. »Was verstehen Sie? Ich
-sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den
-Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? -- Sie
-kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Häuser
-und bittet die Leute zu bezahlen -- die Kosten zu bezahlen -- ein jeder ein
-wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurückbezahlen --«
-
-Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber gekleideten Mannes, der
-sich bisher mit keinem Worte an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: »Der
-Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!« Die Stimme sprach so
-bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Würde,
-daß alle auf ihn hören mußten. »Weshalb also ereifern Sie sich so, meine
-Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen
-lassen, die sich ihrer würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch
-unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den Sünden noch jene des
-Selbstmordes fügte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwürdig --
-unwürdig, voll und ganz --«
-
-Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den
-Brillengläsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr
-hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der
-Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet:
-
-»Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem
-katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der
-geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan
-nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun!« Er schlug die Hände zusammen
-und ließ die Augen fragend von einem zum andern wandern.
-
-Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung erholt und nahm das
-Wort wieder auf. »Ich selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,«
-sagte er, »ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein -- Messerschmied
-Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat -- ich wünsche nicht, daß
-meine Angehörigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person --
-nun, ich habe nicht zu richten -- aber es ist in Ordnung, was der Herr hier
-sagt: Es muß ein Unterschied herrschen! Wer unwürdig ist, ist unwürdig.«
-
-O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern.
-
-»Hier!« schrie der Schuhmachermeister, »hier sitzt sie! Hier sitzt eine
-Tante von ihr! Sie muß so etwas mit anhören!«
-
-Der Händler sagte: »Ein Unterschied muß herrschen, das ist klar!«
-
-Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: »Was verstehen denn
-Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie?« Das rief ein lautes
-Gelächter hervor. »Nein!« fuhr der Schuhmachermeister fort und dämpfte die
-Stimme. »Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr
-Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals!« Er
-flüsterte.
-
-Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. »Ich äußerte nur meine bescheidene
-Meinung!« sagte er und ein böser Glanz kam in seine Augen. »Ich gebe dem
-Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, daß man eine
-Behörde öffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine
-Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!«
-
-»Ja, Gott helfe ihm, Amen!« sagte lachend der Lehrer. »Gott helfe dem Herrn
-Messerschmied Ulrich, eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn
-selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten für die gute Sache und
-sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die
-Wahrheit ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf Schloß Bruck
-ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen
-Himmelsgegenden, nach der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan
-beileibe nicht fehlen kann. Das ist -- hol' mich der Teufel! -- der Grund,
-weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich
-und Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und dort sein, das
-versteht sich von selbst.«
-
-Der dicke Händler ließ wiederum den hohen gurrenden Laut hören, ähnlich
-einer Turteltaube, und sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes
-Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit durchs ganze Coupé
-flatterte und einen Staubregen von Schnupftabak, Brotkrumen und andern
-Dingen ausstreute; dahinter verbarg er sich.
-
-Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue Vikar sei ja angekommen
--- he! -- hier, Kaiser habe es erzählt!
-
-»Ja, ich habe ihn gesehen!« sagte der Adjunkt und wischte sich etwas
-unsicher den langen messinggelben Schnurrbart. »Auf Ehre! Er sieht wie ein
-Offizier in Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen hat mir
-die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar ist. Aber ich bitte Sie,
-meine Herrn -- das ändert an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein
-Vorgesetzter und er hat zu gehorchen, fertig!«
-
-»Also, trotzdem ein Verweser da ist, trotz alledem, das ist ja -- das ist
-ja --« sagte ratlos der Schuhmachermeister.
-
-Der Lehrer lachte. »Alterieren Sie sich nicht, mein Freund!« sagte er. »Ich
-gebe Ihnen die Versicherung, daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig
-ist, ob man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen wird wie einen
-eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder nicht.«
-
-»Wie? Wie?«
-
-»Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und gesetzt den Fall, daß es
-einen Himmel gibt -- was ich für meine Person nicht glaube -- so ist es
-einerlei, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie
-kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg einen Empfehlungsbrief
-mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb sage ich, ich würde sie auch nicht
-kirchlich beerdigen -- ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich -- ebenfalls
-nicht, nein!«
-
-»Wie? Wie?«
-
-»Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut einerlei. Ich für meine
-Person verzichte freiwillig auf jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen
-Pfarrern, Vikaren und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich
-will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!«
-
-»Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch --«
-
-Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen auf, und der Kopf
-der Dame tauchte wieder hinter der Scheidewand empor und drehte sich empört
-hin und her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und her und der
-Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert da und starrte mit großen,
-leeren Augen auf den Lehrer.
-
-Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter.
-
-Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Der Messerschmied Ulrich nämlich stand auf. Er stand auf und trat auf den
-Lehrer zu. Sein Kinn und sein grauer Bart, der lang und schmal war und
-Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu zittern, noch ehe er zu
-sprechen begann.
-
-»Herr!« sagte er dann. »Herr!« sagte er dann. »Herr! Ich sage, Sie haben --
-Herr! -- Sie gehörten früher einem Stande an, einem gebildeten Stande --
-ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Nein! Sie haben sich --
-erfrecht -- jawohl, erfrecht, die mir teuern Toten auf dem Gottesacker zu
-bespei -- bespeien, jawohl! -- Aber nicht genug damit -- Sie haben sich
-erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhöhnen. Das ist mir zuviel!«
-Der Lehrer lächelte gutmütig, und der Messerschmied schöpfte tief Atem,
-wurde blaß und wiederholte einigemal keuchend: »Das ist mir zuviel!« Und
-sein Bart zitterte.
-
-Der Lehrer winkte nachlässig mit der Hand und sagte mit ruhigem Lächeln und
-gutmütigen Augen hinter den Brillengläsern: »Beruhigen Sie sich doch,
-Verehrtester! Sie können sich in Ihrer Gesundheit schädigen.«
-
-Jedoch der Messerschmied Ulrich gehörte dem Stadtrat an und war überhaupt
-ein Mann, der keinen Spaß verstand.
-
-»Wie?« schrie er pfeifend. »Wissen Sie auch, mit wem -- mit wem -- Sie
-sprechen? Und erinnern Sie sich vielleicht, was Sie, wer Sie eigentlich
-sind?«
-
-Der Lehrer lächelte und sein gleichsam von einem braunen Firnis überzogenes
-Gesicht nahm einen gütigen, väterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von
-verschiedener Größe, das größere betrachtete erstaunt den Messerschmied,
-das kleinere lachte ihn lustig an.
-
-»Fragen Sie mich, junger Mann?« sagte er endlich.
-
-»Junger --!«
-
-»Ich sage vergleichsweise: junger Mann,« fuhr der Lehrer fort, »denn Sie
-sind ja mir gegenüber noch sehr jung, eine Art Säugling, möchte ich sagen,
-ja, noch ungeboren -- in der Tat! Ich meine, ob Sie mich fragen?«
-
-»Ob ich Sie frage?« antwortete der Messerschmied und seine Stimme zitterte,
-als ob ihn jemand unausgesetzt auf den Rücken klopfe. »Ja, gewiß, ich frage
-Sie! Ich möchte das zu gerne wissen!«
-
-Der Lehrer kämmte mit der Hand den langen, knisternden, schwarzen Bart und
-schüttelte den Kopf. »Wenn Sie mich nun fragen -- und Sie fragen mich doch,
-nicht wahr? -- so kann ich Ihnen wohl antworten, aber es tut mir leid für
-Sie, denn ich sage keine Schmeichelei: Sie sind eine Art Scherenschleifer
-und ich bin ein Edelmann!«
-
-Es wurde ganz still und man hörte die Räder auf den Schienen stampfen. Der
-jüdische Händler gluckste leise.
-
-Der Messerschmied tat zuerst gar nichts. Es schien, als ob er nichts gehört
-habe. Dann schüttelte er die Schultern, als sei ihm der Rock unbequem, er
-schnitt eine Grimasse, zischelte und plötzlich verbeugte er sich tief vor
-dem Lehrer. Er lachte meckernd und sagte mit wütender, zitternder Stimme:
-
-»Gut! Sie mögen im Recht sein, Herr Edelmann -- mein Herr Edelmann. Sie
-mögen zehnmal im Recht sein -- aber, wenn Sie ein Edelmann sind -- was hier
-von all diesen Herren niemand bezweifelt -- ach, nein, nein, niemand
-bezweifelt es -- ach, du gütiger Himmel, nein, nein! -- so werden Sie
-gefälligst, Herr Edelmann, zuvor Ihre Schulden bezahlen. Nicht wahr, Sie
-werden zuvor Ihre Schulden bezahlen, mein Herr Edelmann. Sie erinnern sich
-vielleicht, daß Sie mir seit sechs Jahren -- seit sechs Jahren! -- neun
-Mark und fünfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich weiß nicht, wo Ihr
-Schloß liegt oder Ihr Besitztum -- also, bitte sehr, bitte!«
-
-Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und musterte mit übertrieben
-spöttischer Miene den Lehrer vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne
-Kragen, ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen. Wie sein Gesicht,
-so war seine ganze Kleidung verwettert und verwildert, seine Schuhe
-klafften und man sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen
-zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht.
-
-Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende Hand des
-Messerschmieds und schüttelte den haarigen Kopf. »Ist das Ihr Ernst?«
-fragte er voller Bedauern, im tiefsten Baß.
-
-»Ja -- hähä -- das ist mein Ernst!«
-
-»Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine Hände liefern, mein Herr!«
-sagte der Lehrer. »Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken,
-Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in
-Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl,
-Kraft, Genialität -- Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehört haben,
-nicht mehr als ein Hering vom süßen Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle
-nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist, Humor.«
-
-»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied und schüttelte die Hand.
-
-»-- eine Münze, die für Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe
-Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in
-der Welt, Edelleute, Fürsten -- ich bringe Glück und frohen Sinn in jedes
-Haus -- man empfängt mich mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den
-Augen -- ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare
-auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wünschen -- wollen
-Sie eine Probe? -- Nun, wollen Sie eine Probe -- he! Und nun Sie, ein
-geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine
-krankhaft zur Menschenähnlichkeit aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst,
-der dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist --«
-
-»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied unaufhörlich und schüttelte die
-ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte,
-weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung
-zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhändlers hörte man die
-aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus.
-
-Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelächters, mit
-seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nußbraunen Gesicht, seinen
-kindlichen gütigen Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit
-einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört hatte.
-
-»Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung!« sagte er endlich. »Ich
-habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge
-Ratte bin ich -- ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde
-ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare
-Versteinerung, teuerste Essenz der bürgerlichen Gesellschaft,
-Aushängeschild der Krämergilde, Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle.
-Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen können,
-wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich
-es nehme?«
-
-»Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!«
-
-»Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig Pfennig, wenn ich richtig
-hörte, nicht wahr? Schön. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche
--- aber sofort.« Er wandte sich an die Anwesenden. »Wer ist so freundlich,
-mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig zu schenken -- zu schenken?« fragte er
-und verneigte sich.
-
-Gelächter. »Bitte, bitte!« wiederholte der Messerschmied, der sich dem
-Siege nahe wußte.
-
-»Seine Münze ist außer Kurs!« sagte der Viehhändler. »Hat er nicht selbst
-gesagt, daß er niemals bezahlt?«
-
-»Schenken, schenken -- meine Herrn?«
-
-»Bitte, bitte!« triumphierte der Messerschmied. »Sie großes Maul von einem
-Edelmann -- Sie Vagabond von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen
-Sie, haha -- so etwas von -- haha.«
-
-»Geduld!« sagte der Lehrer. »Sofort werde ich Sie befriedigen, verehrter
-Herr!« Er musterte spöttisch die Gesellschaft und zog mit der Hand den
-schwarzen Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein kamen. Sie
-sahen aus, als pfeife er. Er rief über die Scheidewand ins Nebenabteil
-hinüber -- »neun Mark und fünfzig -- schenken!« Aber man lachte und sagte
-ihm Schmeicheleien.
-
-»-- so etwas von einem großen Maul von einem Edelmann -- haha!«
-
-Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er zuckte bedauernd die
-Schultern und sagte: »Aus Kieselsteinen läßt sich kein Likör abziehen, ich
-hätte das wissen sollen. -- Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort
-bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein Loch, eine Einbildung,
-ein eingesessener Bürger.« Damit wandte er sich an den jungen Mann, der in
-der Ecke schlief.
-
-Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die Lippen halb geöffnet, den
-Hut auf den Knien, genau so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte.
-Er hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne, die weit über die
-Augen vorsprang, sein Gesicht war fein, mager und lang, ohne Bart und von
-jener weißlichen Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen findet. Sein
-Mund war knabenhaft und rot.
-
-Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen Arm mit der Fingerspitze.
-
-Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune, sanfte Augen; nun sah sein
-Gesicht auffallend schön und strahlend aus.
-
-Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine Bitte: »neun Mark und
-fünfzig Pfennig, sofort. Wenn es dem Herrn möglich sein sollte.«
-
-Gelächter.
-
-Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte, nur den Lehrer nicht.
-Der Fremde lächelte, richtete sich ein wenig auf und griff in die Tasche
-und klimperte mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff nach
-dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte mit der langen Hand
-hinein und zog ein Taschentuch mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete
-er und es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin Diesem Papier
-entnahm er ein kleines Goldstück und gab es dem Lehrer.
-
-»Danke!« sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er wandte sich an den
-Messerschmied. »Sie sehen, daß es noch immer Edelleute auf der Welt gibt.
-Bitte, Herr Messerschmied Ulrich!«
-
-Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen und begannen erst zu lachen,
-als der Messerschmied, der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte,
-das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab. Diese fünfzig
-Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden, der sofort wieder die Augen
-schloß und sich in die Ecke zurücklegte.
-
-In der letzten Station -- Stadt Weinberg -- stieg ein Herr mit glänzendem
-Zylinder und schwarzem gewichsten Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte
-und rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann wandte sich der
-Viehhändler an den Herrn mit dem glänzenden Seidenhut.
-
-»Verzeihen Sie mir die Kühnheit;« sagte er mit schmeichlerischer Stimme.
-»Können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen,
-diese Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?«
-
-Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in Falten und sagte kühl: »Nein
--- soviel mir bekannt ist -- hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand
-genommen.«
-
-Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin, um weitere Fragen
-abzuschneiden.
-
-Der Händler verneigte sich. »Danke!« Und er flüsterte den andern zu: »Nein,
-nein.«
-
-Der Schuhmachermeister nickte resigniert mit dem Kopfe und bot allen eine
-Prise an.
-
-Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief er ein und regte
-sich nicht mehr. Als man hinaus sah, fand es sich, daß man weit draußen vor
-der Station stehen geblieben war. Man war angekommen. Der erste, der
-ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle ließen ihm den Vortritt. Zuletzt
-stieg der Fremde mit dem gestickten Reisesack aus.
-
-Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten in der kleinen
-Station, die ganz im Schnee versank.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Der Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den großen Filzhut gestiegen,
-den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich.
-
-»Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht verschwinden würde, ohne
-Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben!« sagte er und half dem
-Fremden beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten, dem linken
-Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berühren. »Erlauben
-Sie Ihre Tasche -- bitte -- nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.«
-
-Der Fremde lächelte fein und gütig. »Danke, ganz und gar unnötig,« sagte
-er. Er hatte schöne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und
-leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde
-sprach leise, als ob er sehr müde wäre. Er lächelte und sah den Lehrer an,
-wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine
-Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn genau ansehen zu können; dann
-stürzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strömte über von
-Freundlichkeit und Diensteifer.
-
-»Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!«
-
-»Bitte, oh, ich kann ja selbst --« sagte der junge Mann und zog mit einer
-geradezu lächerlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich
-leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die über
-den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Höhe, nach rechts, nach
-links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.
-
-Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich
-die Tasche. »Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr!« sagte er.
-»Welche Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte, bei allen
-Teufeln! -- Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen,« fuhr er fort,
-indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen
-Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. »Das war eine echte Edelmannstat!«
-Seine kindlichen Augen leuchteten.
-
-Der Fremde sah umher. »Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert,« sagte
-er.
-
-Der Lehrer lachte. »Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz
-Selbstverständliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt
-jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei
-es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen!
-Wenn Sie nun nicht dagewesen wären -- nehmen wir an -- oder keine zehn Mark
-gehabt hätten? -- Hol' mich der Teufel, wie wäre ich vor diesen
-Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen
-Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern -- zum
-Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen,
-buchstäblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich!
-Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie ich und breitete die
-Arme aus -- heran mit diesem Floh von einem Hund! -- Was glauben Sie, was
-passierte? Es war eine Ulmer Dogge --«
-
-»Nun?« fragte der junge Mann lächelnd.
-
-»Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie einen Pfahl rannte er mich
-um -- aber, bin ich gegangen? -- Nein -- werde doch vor keinem Hunde
-ausreißen -- hahaha!«
-
-Auch der Fremde lachte.
-
-»Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und
-Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die
-Höhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen
-sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein
-Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus -- sehen Sie hier --
-sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den ich immer stolz war,
-brach ich mir ab -- aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen
-Augenblick!« Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit
-auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von
-einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise überschritt. Der Diener war
-mit Schachteln und Paketen beladen. »Guten Abend, gnädiges Fräulein!« sagte
-der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde.
-
-Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.
-
-Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den Fremden. »Sie ist sehr
-stolz? Haben Sie es bemerkt?« sagte er mit gedämpftem Baß. »Sie dankte mir
-nicht, aber ich grüße sie -- erstens ist sie sehr schön und zweitens ist
-sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! -- Deshalb grüße ich sie und
-deshalb werde ich sie immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht
-danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulächelt, den küsse
-ich auch schon, sehen Sie,« fügte er mit einem leisen zutraulichen Lächeln
-hinzu. »Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem
-Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in die Stadt, mein Herr?«
-
-Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar
-nachblickte, sagte: »Ja, man könnte es so nennen.« Und er nickte. Die Dame
-verschwand.
-
-Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden. »Verzeihung!« Er lachte und
-sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden
-Gange wieder, den sie durchschritten. »Es war mehr eine Verlegenheitsfrage
-als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie
-nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von
-bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne Gebärde, ohne Ziel und
-Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben. Eine Grube voller Ausschuß, Scherben
-von Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die geistige
-Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger jeden Gedanken in Grund
-und Boden hineinlächeln. Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie
-auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum von Bürgerlichkeit und
-Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer
-machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner
-dreitausend Sprichwörter über den Bürger.« Der Lehrer lachte zufrieden;
-dann fuhr er fort: »Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie
-ein Schwein -- aber, ich bitte Sie, welch prächtiges kluges Geschöpf ist
-ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und
-verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele.
-Der Bürgermeister allein -- von einer Essenz aus ihm gewonnen, würde ein
-einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch
-eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!«
-
-Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so daß
-sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je
-länger er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte
-die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her
-und drehte sich auf dem Absatze.
-
-Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer großen Hutschachtel ähnlich,
-die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das
-fette, zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge so gut
-amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht
-füllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles
-Bündel und dieses Bündel rief: »Weißer Elefant?«
-
-»Nein, danke!« antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu
-zittern begann. »Ist es denn weit zur Stadt?«
-
-»Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? Hü!«
-
-Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Händlers
-erlosch in der Nacht wie ein kleines Fünkchen.
-
-Der Lehrer lachte herzlich. »Sie können sich doch denken, verehrter Herr,«
-rief er aus, »daß der Bahnhof weit außerhalb der Stadt liegt! Man
-befürchtete, die Häuser würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in
-aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in
-einer Woche, nein, morgen schon sagen können, ob ich ein Talent zu
-Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also --«
-
-»Verzeihung!« unterbrach der Fremde den geschwätzigen Lehrer. »Darf ich mir
-eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht
-wahr?«
-
-»Ja.«
-
-»So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich das Leben genommen?«
-
-»Ja -- ja -- richtig!« Der Lehrer blickte den jungen Mann prüfend von der
-Seite her an. »Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er, ohne seine
-Überraschung verbergen zu können.
-
-»Nein!« Der Fremde lächelte fein. »Ich habe nicht geschlafen, ich habe
-jedes Wort gehört.«
-
-»Ah!« Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das
-kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick.
-
-»Aber Sie haben sich schlafend gestellt?« sagte der Lehrer langsam,
-gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: »Ja, ich habe dies und jenes
-gehört. Interessiert Sie der Fall?«
-
-Der junge Mann nickte. »Ich habe das allergrößte Interesse!« sagte er.
-
-Der Lehrer erzählte. »Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!«
-schloß er. »Nicht wahr?« Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen
-Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart
-strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei.
-
-Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. »Sie kennen
-vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?«
-
-Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte
-nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. »Diese kleine,
-alte Frau?« sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an,
-die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu
-unterdrücken versuchte. »Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum
-in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein
-armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im
-Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.«
-
-»Danke!« sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen
-Bewegung die Hand entgegen. »Danke Ihnen aufrichtig!« Die Herzlichkeit in
-seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein
-Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide
-Hände hin.
-
-»Verehrter!« rief er aus. »Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen
-auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht
-ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß
-ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres
-Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein
-entlassener Volksschullehrer -- sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie
-das abhalten könnte mein Haus zu betreten.« Und als der Fremde mit
-herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte
-er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: »Ah,
-herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert
-darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! -- Mütterchen, so
-heißt sie in der ganzen Stadt -- haha -- Sie werden sie kennen lernen, so
-klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich
-vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den
-Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch -- wie klein und
-leicht -- wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen -- meine
-Tochter -- ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist -- eine
-Art Heldin -- nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu
-ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da
-gewesen -- aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar
-den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles
-zu Fuß --«
-
-»Sie arbeiten also auswärts?« fragte der Fremde.
-
-»Wie?«
-
-»Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?«
-
-Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab.
-»Ah!« rief er, »arbeiten?« Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und
-seine Augen glühten. »Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein
-Wanderer, wandere umher, jahraus -- jahrein -- in Sturm und Wetter, in
-Sonne und Tau -- ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der
-Sonne« -- hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten
-schwärmerisch -- »ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet,
-der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund,
-haha, was Ihnen doch einfällt!« Er betrachtete den Fremden mit einem
-gönnerhaften, väterlichen Blick. »Meine Familie lebt in angenehmen
-Verhältnissen -- sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie
-werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!«
-
-»Auf keinen Fall.«
-
-Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz
-für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um
-genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann
-schüttelte er leicht den Kopf.
-
-»Sie sind ein eigentümlicher Mensch!« sagte er leise. »Ich habe auch Ihr
-Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach
-gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr
-Diener!« Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und
-verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied
-vorstelle!« sagte er in tiefstem Baß. »Heinrich Löwenherz, ein fahrender
-Gesell!«
-
-Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits.
-
-»Richard Grau,« sagte er.
-
-Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm
-mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich
-Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm
-sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen
-brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten
-Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber
-gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort
-schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß
-friedlich über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf
-einem Blocke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein
-Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die
-da droben im Giebelzimmer wohnte.
-
-Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und kämpfte mit einem Zeitungsblatt,
-das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der
-Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern entlang und ließ es
-endlich die Gasse, die zum Flusse führte und Fischergasse hieß,
-hinabflattern.
-
-Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der
-Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den
-Reisesack in der Hand.
-
-Er ging langsam auf das Hotel »Zum weißen Elefanten« zu und sah sich das
-Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber
-Fachwerkbau, der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und
-sich im Gegensatz zu all den andern Häusern ringsum zurückbog. Rechts unten
-hatte es einen kleinen Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule
-stützte. Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten Tor stand der
-Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel ähnlich sah.
-
-Die Aufschrift »Hotel zum weißen Elefant« zog sich über die ganze Breite
-des mächtigen Hauses hin und zum Überfluß hing noch ein Schild über dem
-breiten Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen und
-geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln, ähnlich jenen ausgestopften
-Exemplaren, die die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen.
-
-Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte.
-
-Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl
-besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den
-Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst
-gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Plötzlich hörte Grau auf zu
-suchen. »Aber natürlich!« rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm
-einen glücklichen und träumerischen Ausdruck an.
-
-Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel
-herab und eine hastige, sich überstürzende, ärgerliche Stimme fragte:
-»Wollen Sie Bier?« Es hörte sich wie Gebell an.
-
-Grau nahm den Hut ab. »Nein,« sagte er, »ich will ein Zimmer -- ein
-einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur für diese Nacht.«
-
-»Äh!« bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines Gesicht fuhr zum
-Fenster heraus. »Sie haben an der Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn
-nicht die Fremdenglocke? Können Sie denn nicht lesen?«
-
-Grau lächelte. »Natürlich kann ich lesen,« sagte er, »entschuldigen Sie
-nur, wenn ich an der Gassenschenke geläutet habe --«
-
-»Jajajaja!« Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und
-musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit
-den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine
-frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein
-Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau
-gefroren aussah.
-
-»Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!«
-
-Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet,
-obgleich nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß,
-die Wände, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch
-geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die
-Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen
-Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und
-etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten
-Beamten der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen
-liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu
-hängen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren,
-die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte
-eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saßen eine
-Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß
-sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch
-gestützt, das Gesicht in den Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle,
-die Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt
-und rauchte. An seiner weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau
-mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als
-Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom
-Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch
-das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und
-seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glänzender Atlas über
-den Schädel.
-
-»Hö!« schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die
-Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich
-die Hände, als wasche er sie.
-
-»Was befehlen der Herr?« fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre
-außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner
-Rocktasche zirpte die Spieldose.
-
-Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. »Sind Sie der Kellner?« fragte er,
-indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein
-alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel
-waren mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas
-wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu
-sein.
-
-Die blonde Frau lachte kichernd. »Aber, Herr Baron!« rief sie mit einer
-Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und
-sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an.
-
-»Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!« sagte der junge Mann, den die Frau
-Baron nannte und lachte. »Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie
-mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?«
-
-Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich.
-
-»Aha -- deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun
-nicht kurzsichtig wären, so wäre -- aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt
-Sie, natürlich, haha -- natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von
-Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort
-soll das Orchester antreten -- sofort --«
-
-Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die
-Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen
-Augen war unsicher und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte sich,
-diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Füßen auf
-Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern -- der
-Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. -- Auf der rechten Wange hatte der
-junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck
-allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem
-war es fein und regelmäßig, ja sanft.
-
-»Hören Sie das Orchester? Behüt' dich Gott -- Onkel!« schrie er den Wirt
-mit dem kleinen Kopf an. »Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im
-Keller -- schwarz muß er sein -- sofort! Das heißt, du brauchst dich nicht
-zu beeilen. Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen
-dich ja nicht hier -- keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel,
-Onkel, wie ein Floh kommst du mir heute vor, genau wie ein im Dienst
-ergrauter Floh --«
-
-»Herr von Hennenbach, Herr Baron!« rief die blonde Frau im Erker und
-kicherte in die Hände.
-
-Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte sich Grau. »Was wünschen
-der Herr? Abendbrot?«
-
-»Ja, eine Kleinigkeit.«
-
-»Schweinebraten, Schnitzel, Nieren --«
-
-Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen.
-»Der Herr können auch Taube haben, Huhn --«
-
-Grau machte ein hilfloses Gesicht. »Nein, danke,« sagte er, »ich bin
-nämlich gar nicht hungrig, müssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas
-Wurst und Bier?«
-
-Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse.
-
-Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und plötzlich stieß sie
-einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rückte den Stuhl. »Sie
-sollten nicht mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!« kicherte sie.
-
-»Ruhe, Tante, Ruhe!« sagte der junge Mann rauh. »Ich trinke die ganze
-Nacht, morgen, übermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und muß
-mich betäuben --«
-
-Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. »Darf ich den Herrn zu
-einer Partie Billard einladen?«
-
-»Danke.«
-
-»Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig Bälle auf hundert vor.«
-
-»Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.« Grau sprach sanft und höflich.
-
-Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? »Sie waren
-wohl nie Student? Kann ich mir denken.«
-
-»Doch, mein Herr!«
-
-»Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich möchte schon
-wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?«
-
-»Ich habe Stunden gegeben.«
-
-»Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören Sie, ob Sie Billard
-spielen oder nicht, das ist ganz egal -- ganz egal -- Sie lernen es.
-Trotzdem Sie sehr kurzsichtig zu sein scheinen -- trotzdem prophezeie ich
-Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich gebe Ihnen auf hundert Bälle
-neunzig vor -- Einsatz zwanzig Mark --«
-
-Grau lächelte. »Entschuldigen Sie --«
-
-»Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor -- neunundneunzig -- hören Sie -- und
-wenn Sie blind sein sollten -- einen Ball werden Sie doch machen.«
-
-»Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.«
-
-»Ah!« Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. »Dann
-vielleicht -- Dame, Domino -- oder Schach oder Mühle, was Sie wollen -- Sie
-können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind -- ja, Sie brauchen nicht
-einmal zu ziehen, ich ziehe für Sie -- die Hälfte Steine gebe ich Ihnen --
-ja, Donner und Doria!« rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er
-hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack
-in der Nähe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne
-kitzle. »Was für eine kostbare Sache!« schrie er. »Wohl ein altes Stück?«
-
-»Es dürfte ziemlich alt sein, ja.« Grau lächelte, er änderte nicht den Ton
-der Stimme.
-
-»Wohl ein -- ein Familienstück -- ein Erbstück?«
-
-»Nein.«
-
-»Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn
-Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?«
-
-»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Grau geduldig.
-
-Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht
-und sagte: »Hundert Mark! In die Hand! Na?«
-
-Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. »Ich sehe, der Herr sind in guter
-Laune,« sagte er, »ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen
-wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein?« Er sah den Baron an und
-plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen
-aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des
-Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe.
-
-Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die
-Lider zusammen und lachte.
-
-»Aber, Herr Baron!« kicherte die blonde Frau im Erker.
-
-»Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was
-ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein -- aber hole
-mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?«
-
-»Ich danke Ihnen herzlich,« sagte Grau und errötete, »ich habe keine Lust.
-Ich bin zu müde, danke!«
-
-Der Baron lachte und schrie: »Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges
-Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie
-schlagen die Einladung aus?« wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete
-ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen,
-aber er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit.
-Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und
-schrie: »Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen
-Sie nun, was? -- Hole Sie der Teufel!« Er klappte die Reitstiefel zusammen
-und drehte sich um.
-
-Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. »Wo ist das
-Hexengäßchen, bitte?« fragte er.
-
-»Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen, im
-Hexengäßchen?«
-
-»Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.«
-
-»Armenhaus? Armenhaus?«
-
-»Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch
-da, nicht wahr?«
-
-Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit
-mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem
-verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. »Der Herr kommen zur
-Beerdigung?«
-
-»Ja,« sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg
-beschrieb.
-
-»Wenn er doch zum Teufel ginge!« schrie der Baron mit einer zu Graus
-Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme.
-
-Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung!
-
-Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich
-auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit
-sich selbst zu sprechen.
-
-»Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!« sagte er und gestikulierte
-heftig. »Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie
-es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch
-etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der
-Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn
-herausfinden, bei Gott, das werde ich!«
-
-Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs
-gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn
-Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden.
-
-Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust
-empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben
-bezahlt. Genug, genug!
-
-Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen
-Blechglocke geweckt.
-
-Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier
-und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen
-Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es
-hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der
-Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran,
-ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da
-drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf
-Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten.
-
-Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.
-
-»Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!« rief er aus und schlug mit
-der flachen Hand auf die Bettdecke. »Da ist noch diese alte verzweifelte
-Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das
-arme verwaiste Kind! -- Aber auch das ist noch nicht alles!« fuhr er fort,
-wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. »Tausende solch unglücklicher
-Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch
-verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!«
-
-Er befreite sich von diesem Gedanken.
-
-Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein
-Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief
-nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da
-stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der
-Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau,
-eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu.
-Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit
-geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt,
-weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den
-Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit
-kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte
-des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht,
-das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt.
-Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende
-erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus
-dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer
-dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.
-
-Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber
-es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen.
-Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das
-ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt
-zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf
-knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der
-kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte,
-zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.
-
-Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es
-lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler
-und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der
-Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und
-zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde
-schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn
-sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als
-das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der
-Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden --
-
-Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des
-Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren
-verschließt, was hilft es doch?
-
-Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen,
-aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage
-vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?
-
-Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.
-
-Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende
-von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch
-hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in
-der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.
-
-»Wenn man doch etwas tun könnte,« sagte Grau und nickte und seine Augen
-brannten. »Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm --
-viel zu arm!«
-
-Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her
-und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie
-verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe --
-
-Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und
-seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen,
-Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.
-
-Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine
-schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer
-Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond
-sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem
-Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine
-Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde
-Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang
-ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen
-zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie
-spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten -- und alles
-glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.
-
-Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen,
-das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen
-Wirtshauses zeichnete.
-
-Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich
-formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein
-seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete
-wieder. Er atmete tief und befreit.
-
-»Er schreibt! Er schreibt!« flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und
-stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.
-
-»Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!«
-
-Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In
-seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der
-eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte;
-er schwang die Hände vor ihm und lachte. »Deine Handschuhe sind warm,
-vergelt's Gott!« schrie er und nickte ihm zu.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen
-zu der kleinen Kirche mit dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land,
-Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen
-immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch
-der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam, feierlich pustend, in
-einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus
-Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen Gassen
-wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natürlich. Der kleine Friedhof war
-ganz schwarz und alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke
-hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und die Sonne blendete.
-
-Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, daß ein Sarg
-die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus
-dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der
-Mitte etwas Weißhaariges führten, das sich schüttelte und hin- und herwarf
-und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie.
-
-Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man räusperte sich, man
-hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der
-jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher. Die kleine Frau schrie
-ohne Aufhören, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich.
-Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen
-den Frauen einher, und alle wichen zurück, niemand wollte einem solch
-schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand.
-
-Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie weiß. Aber
-diese Haare waren nicht nur weiß, das war es nicht allein, die Haare
-flatterten. Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener
-Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Höhe, kräuselten sich,
-sanken zurück, andere lösten sich und flatterten langsam in die Höhe.
-
-Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Männern, es
-schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee,
-direkt auf das Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau sagte
-etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß man nichts zu befürchten
-habe. Dann ließ sie sich in die Knie nieder und küßte das Ende des gelben
-Sarges, küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden
-Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte. Als die Träger sich
-anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit
-den Fäusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück und
-erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals wurde blaurot
-im Gesicht und öffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und
-bissen in die Taschentücher.
-
-Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in
-der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft
-herab; die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich klangen sie und
-alle Augen richteten sich auf den kleinen, weißgetünchten Turm, wo sie sich
-in den Luken schwangen. Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in
-der Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es
-gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein
-Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?
-
-»Er hat es befohlen, der Neue!«
-
-Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie
-den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte
-sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.
-
-Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen
-herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn
-kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den
-Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab.
-
-Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle
-konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war.
-
-Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre
-alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden
-Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war
-totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So
-leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte
-und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber
-er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder
-zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde
-nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des
-Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand
-her.
-
-Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen
-Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und
-Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle
-habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem
-Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie
-sehr man sie geliebt habe.
-
-»Sie war jung und frisch und voll von Leben,« sagte er, »ihr habt sie
-gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und
-starb den schwersten Tod, den es gibt.«
-
-Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie gewesen sei, wie
-diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war.
-
-»Es war so fein, ihr Herz,« sagte er und lächelte leise, »sie starb an
-ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, daß ihr alle sie mißachten würdet,
-sie fürchtete euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war sie. Das
-aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre
-Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die
-auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu
-viel.«
-
-»Viel zu viel war es, viel zu viel,« wiederholte der Vikar, und das feine,
-klingende Echo rief: Zu viel, zu viel.
-
-Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts
-als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nuß aus.
-
-Der Vikar blickte auf sie und lächelte. »Sie hat wohl Grund zu weinen,«
-sagte er, »wer von uns allen würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden
-klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten. Aber in ihrem Schmerze
-wird es wie eine feine Freude sein, daß die, um die sie trauern muß, so
-fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mädchen,
-es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie tröstet,
-nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!«
-
-Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und er sagte auch, daß ihre
-Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehören.
-
-»Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir,« sagte er.
-»Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen
-hast -- ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft. Ich habe auch
-gesehen, daß du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast
-es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor
-deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben -- damals warst du
-noch ein Kind -- auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke
-nicht, daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse -- zittere nicht
---«
-
-Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die
-Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen
-auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das
-kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und
-die Tränen flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften in den
-Schnee.
-
-Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Köpfe, sein Blick ging
-über sie hin.
-
-Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und
-kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht
-senkte. Er stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt
-und spöttisch auf den Vikar.
-
-Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in
-der schmalen Türe der Sakristei.
-
-Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas
-Merkwürdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann machte
-sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Türe.
-
-Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-Graus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte
-gefunden, er hatte es nicht vermocht!
-
-Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke
-kleine Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen
-Bemalung. Ein herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen
-Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und hinüber ins Pfarrhaus.
-Während er sich umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das
-Pfarrhaus war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern,
-Holzvertäfelungen und einer kleinen Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes
-pechschwarzes Ölgemälde. An der Türe war eine große Glocke angebracht und
-zwar war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen anfing, wenn man
-sie nur ansah.
-
-Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was er mit all den Zimmern
-anfangen sollte.
-
-Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag
-die Stadt und die weite Talebene. So unregelmäßig und klippig wie sich das
-Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich all diese hundert
-steilen Giebel und Dächer ineinander. Da und dort klafften Risse und
-Spalten, das waren die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten
-Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern geschüttet. Aus den
-unzähligen Kaminen stiegen dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare
-Winterluft. Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten und blendeten und
-farbige Fünkchen tanzten auf den Schneedächern.
-
-Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch der Fluß, der die Stadt die
-Höhe hinaufdrängte, war weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen,
-Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise
-und auf den Schiffen kletterten kleine Pünktchen herum, Kinder, die
-spielten.
-
-Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen Fluß. Dann begann die Ebene,
-weit und weiß dehnte sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder,
-kriechendem Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut.
-
-Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer
-Schmiede. Die Pünktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es
-schrill.
-
-Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu
-dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem,
-wie Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Büsche, Gestrüpp,
-Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die
-eigentümlichen Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die Höhe,
-war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten
-stieß er gegen Gärten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume,
-die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die
-Mauer war niedrig. Zwischen den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein
-langes weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern
-anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und sah düster aus wie eine
-Gefängnismauer. Über sie hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines
-grauen alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter einer niedern
-vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen
-Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und trug
-eine große Tafel, die man leicht von der Straße aus lesen konnte, mit der
-Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht!
-Fußangeln!
-
-Grau lächelte. »Eigentümlich!« sagte er.
-
-Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus, immer noch zitterten leise
-seine Hände. Wie töricht!
-
-Grau begab sich in den »weißen Elefanten« und trug den roten Reisesack in
-seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben
-Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den
-Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann
-geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es
-nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu
-einem saueren Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und
-freundlich.
-
-»Ein schöner Tag!« sagte er lächelnd. »Nicht wahr?«
-
-Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und
-strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte
-Grau und vergaß die Begegnung nicht wieder.
-
-Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen
-lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er
-ging rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim
-Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler
-Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte
-ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau
-heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm.
-
-Grau ging in den »weißen Elefanten« und beglich seine Rechnung. Der
-x-beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu
-lächeln. Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres
-Zimmer gegeben haben. »Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!« Der
-Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die
-blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie mit einem
-eigentümlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lächeln kam auf ihr
-Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging.
-
-Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die
-Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich
-einige Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause
-zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.
-
-Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an
-die Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste
-heraus.
-
-»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im
-höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit
-erwerbsunfähig -- dazu die Unkosten -- Grau, Vikar Grau -- dann ist ja auch
-das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um
-Entschuldigung!«
-
-Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich
-die Nasen, kamen in Verlegenheit -- denn Grau stand geduldig wartend da,
-blickte sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig
-mit der Liste in der Hand -- sie fuhren hastig in die Taschen und
-klapperten mit Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut
-nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände,
-aber die Schlüssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins
-Pfarrhaus senden.
-
-»Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht
-bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe
-ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern
-Herrschaften -- denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei
-sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr?
-Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf
-einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark,
-Frau Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark --
-wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist -- mit einem Tropfen kann man den
-Durst ja nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht
-schön ertrinken -- danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.«
-
-»Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!«
-
-»Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!«
-
-Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in alle möglichen Stuben, zu
-allen möglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten
-anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von
-Turm hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und führten auf
-weite, helle Vorplätze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Türen,
-es gab aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen
-kreuz und quer, endeten im Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die
-Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen ein Konzert
-gegeben. Da waren schüchterne und anmaßende Glocken, gutgelaunte und
-mißgestimmte, winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten,
-bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der leisesten Berührung
-in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort
-wieder, die andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken, die
-sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten:
-Geh weg, weg! Die Zimmer, in die Grau trat, waren weit und licht, oder
-düster, oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge von interessanten
-Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan, einen Ofen, der merkwürdigerweise
-an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer stand, dafür aber die zwölf
-Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von unglaublicher Größe, förmliche
-Häuser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas.
-
-Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause
-rannten ihn zwei große Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem
-andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte ihn nicht aus der
-Fassung. »Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie --
-Grau, Vikar Grau.« Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen Mädchen, die
-steif wie Besen dastanden, vor den Männern und Frauen, den Dienstboten, ja
-vor den Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch
-ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten
-und Sprichwörtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen
-Liebenswürdigkeiten genügend bearbeitet hatte, um sie für sein erstes
-Anliegen günstig zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus. Ja,
-nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen? Es wäre am Platze, diese
-Eierhändlerin auch anderweitig zu unterstützen. -- »Darf ich Ihre Adresse
-in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich erlauben, zu Ihnen
-zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen. Gut!«
-
-Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber
-gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht
-aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen mußten. Wie
-merkwürdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen,
-zu plaudern, zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein -- sie
-zeichneten!
-
-Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Türen
-waren entweder verschlossen oder sie öffneten sich sofort, als ob man
-dahinter gewartet habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin, die in der
-Stadt die »ewige Braut« hieß, ließ ihn sogar durch ein Mädchen bitten, bei
-ihr vorzusprechen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes
-Haar, ihre Manieren waren verschämt und kokett und doch war sie über
-fünfzig Jahre alt. Ihr weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß. Sie
-hatte den Bräutigam im Kriege verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie
-erzählte Grau ihre ganze Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte
-ihm auch das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während sie lächelte
-und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete sie dreißig Pfennig, nicht ohne
-zu erröten. Grau dankte ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die
-Hand geküßt.
-
-Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre im Munde, die das
-ganze Zimmer mit Rauch angefüllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab
-prinzipiell nichts.
-
-»Wieso?«
-
-»Ja, zum Teufel -- Pardon! -- aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen,
-Almosengeben und Unterstützungen und so weiter,« sagte er und paffte, so
-daß er nahezu in der Rauchwolke verschwand!
-
-»Ah!« sagte Grau schüchtern. »Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt,
-so nimmt man Wasser und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht
-weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann
-gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden
-sprach -- ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber könnten
-Sie nicht eine Ausnahme machen -- diese unglückliche Eierhändlerin --«
-
-»Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der Eierhändlerin etwas zu tun!«
-
-»Mehr als Sie glauben!« Grau setzte sich auf einen Stuhl, obgleich ihn der
-feiste, glänzende Herr nicht zum Setzen aufgefordert hatte. »Weit mehr, als
-Sie glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in einer Dachrinne
-festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte von Schwalben --« begann er
-lächelnd.
-
-»Ich bin aber keine Schwalbe!« unterbrach ihn der feiste Herr mit einer
-verzweifelten Gebärde und verschwand in der Rauchwolke.
-
-»Mehr als Sie glauben, mein Herr!« sagte Grau und stand auf. »Entschuldigen
-Sie, daß ich Sie in Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber
-Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen, Eier und Schmalz
-bei dieser armen Frau --«
-
-Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. »Hier!« sagte er. »Hier nehmen
-Sie drei Mark, basta. Aber meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!«
-Er warf ärgerlich die Münze auf den Tisch.
-
-Grau verneigte sich. »Also ungenannt sein wollender Wohltäter -- gut,
-danke! Sehen Sie, wie recht ich hatte, Sie sind doch eine Schwalbe,
-trotzdem!«
-
-»Ich gebe Ihnen diese Kleinigkeit da,« sagte der Herr und stand auf,
-»ehrlich gesagt, um meine Ruhe zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der
-wahre!«
-
-»Das glauben Sie nur!« sagte Grau, merkwürdig lächelnd.
-
-Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen, dann lachte er, und
-zwar ein komisches Gemisch von zornigem und vergnügtem Lachen.
-
-»Ich war vielleicht etwas geradeaus!« sagte er lachend und seine Mienen
-hellten sich mehr und mehr auf. »Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt
-zu sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung und alles
-Damenhaften! Hom, hom! Ich bin auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden,
-hahaha! Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen,
-verdamm' mich Gott! Aber ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Nachsicht --
-Ihrer -- ein paar meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!«
-
-Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte erregt den Kopf und
-fuhr so energisch in die Zigarrenkiste, daß es aussah, als ob er Grau alle
-Zigarren auf einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste
-wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung und als er die Hand zurückzog,
-befanden sich nur vier Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch,
-merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen Fingern hängen und
-wanderte wieder in die Kiste zurück.
-
-Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus,
-bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend.
-
-»Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar
--- hahaha -- auf Wiedersehen, Herr Grau!« Er lachte noch in das Stiegenhaus
-hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte.
-
-Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals. Hier
-mußte er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die
-Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch
-eine Filzsohle wollte er hineinlegen. Übrigens bezog er Eier und Schmalz
-schon von ihr.
-
-»Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben
-dem >Elefanten<, das alte Haus -- er ist der reichste Mann der Stadt!«
-
-»Auf keinen Fall!«
-
-Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links hinunter und rechts herauf. Er
-vergaß kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er
-machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen Menschen; viele Güte,
-die sich in einem Lächeln verriet, viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich
-in einem Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in
-einer kleinen Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schönheiten
-und viel Sehenswertes, so daß er sich für die geringe Mühe überreich
-belohnt fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten
-Male auf den Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu.
-
-Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all
-dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten
-Häuser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der
-Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte
-hervor, es war geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren liefen
-vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren über ein altes,
-schmutziges Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter
-einem riesigen Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der
-gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: »Ich bin der Geizhals
-Eisenhut, bembele bembum --.« Von der Türe war die Farbe gesprungen und sie
-sah fleckig aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze Staub vom
-letzten Sommer daran.
-
-Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein
-alter, heiserer Hund. Grau läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und
-klaffte, aber niemand öffnete.
-
-Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister Keim unter der Tür des
-Ladens, dick und wohlgenährt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste
-in die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes Lachen.
-Trotzdem es Winter war, glänzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte,
-seine Schürze flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck
-der Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen
-Papierballone, die man zur Volksbelustigung an Jahrmärkten steigen läßt,
-und das Zittern des Bauches drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus,
-in die Höhe zu segeln.
-
-»Er ist da, er ist zu Hause!« sagte der Schlächtermeister Keim und schon
-zitterte das Lachen in seinen dicken Backen. »Er ging soeben hinein.«
-
-Grau läutete wieder.
-
-»Unterdessen,« sagte er zu dem Schlächtermeister, »ich komme in einer
-Angelegenheit, die nicht nur Herrn Eisenhut betrifft -- Grau, Vikar Grau --
-Sie kennen diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim, nicht
-wahr, das ist Ihr Name -- auf dem Firmenschild da --«
-
-»Jawohl, Keim, so heiße ich.«
-
-»Wer so prächtig aussieht wie Sie -- hier ist die Liste -- deswegen wird
-kein Auge weniger auf der Suppe schwimmen --«
-
-In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor Wohlgenährtheit nahezu
-platzte, verschwand augenblicklich jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah
-plötzlich betrübt aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er
-wirklich nicht mehr konnte. Er rückte die Kappe vor, um sich hinterm Ohr
-kratzen zu können. Jeden Tag käme etwas Neues.
-
-Grau sah ihn an und lächelte. »Aber wer so gütig aussieht wie Sie?« sagte
-er. »Ich glaube ja gerne, daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch
-genommen wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht wahr?«
-
-»Jeder Fall ist eben besonders.« Der Schlächtermeister steckte die Hände in
-die Hosentaschen und schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen hin
-und her.
-
-Grau lächelte. »Erlauben Sie,« begann er von neuem, »würden Sie sich zu
-einer kleinen Gabe entschließen können, wenn ich Ihnen einen Scherz
-erzählte, über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr ganzes Leben
--- ich sage, Ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen?«
-
-Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu machen.
-
-»Das kommt darauf an!« sagte er und spuckte gleichgültig in den Schnee.
-
-Grau sagte lächelnd: »Hören Sie, Sie heißen Keim, aber wenn Sie schon Keim
-heißen, so muß man zugeben, daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!«
-
-Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes Gelächter aus. Er
-hielt den hüpfenden, dicken Bauch mit den beiden Händen und schüttelte
-sich.
-
-»Hahaha!« lachte er und hustete, »hahaha!«
-
-Grau wippte mit der Liste und Herr Keim gab zwei Mark.
-
-Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre und ein Guckfensterchen,
-nicht größer als eine Streichholzschachtel, fiel herab.
-
-Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam Grau bekannt vor. Und
-nun schien es ihm, als ob er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher
-gesehen hätte.
-
-Ein Auge funkelte in dem Guckloch und eine zaghafte, hohe Fistelstimme
-fragte:
-
-»Wer ist da?«
-
-»Ist Herr Eisenhut zu Hause?«
-
-»Nein!« antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte ein feines Kichern zu
-hören.
-
-»Wann kommt er denn zurück?«
-
-»Er ist verreist!« Das Guckfensterchen schloß sich wieder.
-
-Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen Empfindung. Wie merkwürdig!
-dachte er und die Fistelstimme klang ihm noch lange im Ohr, während er die
-Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem Kamin, der zwischen
-kahlen Hauswänden und Gartenmauern zur Höhe führte. Er wollte im Schlosse
-vorsprechen, jenem weißen Herrschaftshause, das er heute von seinem Fenster
-aus gesehen hatte.
-
-Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so hoch waren, daß er sich
-winzig klein dagegen vorkam, und sann darüber nach, wo er das kleine
-Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim Herabfallen
-verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig. »Es ist doch höchst einerlei,«
-sagte er vor sich hin, »wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe,
-was liegt viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster
-schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist es.« Er schüttelte den Kopf und
-stand vor dem weißen Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des
-Herrschaftshauses eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte war
-abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt, aber man sah keine
-Handwerksleute.
-
-Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe und stand plötzlich
-vor einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug.
-
-»Ach,« ging es ihm durch den Kopf, »jetzt erinnere ich mich! Ich habe
-dieses Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine
-alte Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren
-abgeschlagen. Aber wo, wo denn?«
-
-Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere
-Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Türe pochen, als ein Diener
-hinter ihm fragte, was der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war
-gestreift und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die
-Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten.
-
-Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen
-zwängte. Die Möbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen
-Beinen.
-
-Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm.
-Er hätte sich gerne geräuspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte
-er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Türe.
-
-Sie nickte und fragte: »Womit kann ich Ihnen gefällig sein?« Sie sprach
-höflich aber kühl.
-
-Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend
-reiches Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer
-Schönheit. Sie stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus.
-Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das Merkwürdige daran war, daß sie
-heller aussahen als selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den
-schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten
-und von den langen glänzenden Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von
-dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen.
-
-»Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?« wiederholte das Mädchen.
-
-Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, daß sie
-mit ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden würde.
-
-Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schöne, regungslose
-Gesicht und ging. Er vergaß ganz mit seiner Liste herauszurücken und zu
-fragen, wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezögen.
-
-Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, daß er nichts sah
-und nichts hörte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand.
-
-»In welche Stadt bin ich doch da geraten!« flüsterte er. »Zuerst diese
-Sache mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses
-Mädchen schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich
-deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.«
-
-Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel
-ihm ein, daß er noch einen Besuch hatte machen wollen.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Grau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein vor, wo das Dienstmädchen
-zuletzt gedient hatte. Hier hielt er sich längere Zeit auf.
-
-Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften, schmaler, fast
-zierlicher Büste, porzellanartigem Teint und viel äußerlicher Vornehmheit,
-empfing ihn mit übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte
-immerfort wie ein kleines helles Glöckchen, besonders hell, wenn sie
-lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme,
-Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung
-ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen.
-
-Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig verletzt sei, da Grau
-so spät erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die
-Rolle einer Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich
-ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine Ergebenheit zu Füßen zu
-legen. Aber als Grau ihr mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr
-gekommen wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu erkundigen,
-erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit
-Vergnügen!
-
-Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwürdigerweise Graus
-Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater -- sie war
-von adeliger Abkunft -- eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit
-ordengeschmückter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von
-ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in ihrem
-Gespräche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne
-Pause, mit vor Liebenswürdigkeit und Eifer glänzenden Augen, die sie nur
-gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen Wandspiegel
-zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen
-Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus
-allen lebenden und toten Sprachen gespickt.
-
-Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu
-fallen. Er erfuhr nun die näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten
-aus dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues.
-
-Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen gewesen, ordentlich,
-reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig -- mit einem Wort -- es sei sehr,
-sehr schade, daß sie so traurig enden mußte.
-
-»Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?«
-
-Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei -- wie peinlich -- bei all
-dem Bedauern mit dem armen Mädchen, natürlich -- kein Mensch könne sich
-vorstellen -- wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. »Ja, so sagen die
-Leute, der Bursche aber leugnet es.«
-
-»Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?«
-
-»Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustüre --
-Margarete klagte oft darüber -- er belagerte das Haus, so daß ich meinen
-Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.«
-
-»In den letzten Monaten wartete er?«
-
-»Ja, sogar in den letzten Wochen.«
-
-Grau versank in Nachdenken. »Das ist sehr merkwürdig,« sagte er. Er dachte
-nach und erinnerte sich erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich
-leise räusperte.
-
-»Entschuldigen Sie, gnädige Frau,« sagte er, »darf ich noch fragen, wie
-lange das Mädchen in Ihrem Hause gedient hat?«
-
-»Ein halbes Jahr. Genau ein halbes Jahr.«
-
-»Und vorher?«
-
-»Bei Herrn Eisenhut. Ach, solch eine heikle und penible Angelegenheit!«
-
-Grau erhob sich. »Entschuldigen Sie die lange Störung, gnädige Frau!« Er
-verbeugte sich. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige
-Aufklärung.« Er ging, aber unter der Türe wandte er sich zurück und sagte:
-»Noch eine Frage, verzeihen Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen
-des Mädchens?«
-
-Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte mit feiner Stimme, sie
-bedaure, so genau pflege sie ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten.
-
-»Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten es ja sehen, ohne zu
-wollen. Waren die Augen braun oder grau oder blau, erinnern Sie sich
-nicht?«
-
-»Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune Augen gehabt, dunkelbraune
-Augen, die im Dunkeln schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie
-braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.«
-
-»Das stimmt mit der Aussage der Mutter des Mädchens überein,« sagte Grau.
-»Danke.«
-
-Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht, Grau war zufrieden und
-lachte in sich hinein. Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging
-geradeswegs ins Waisenhaus.
-
-Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen und gütigen Worten in
-den stillen Räumen, in denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das
-gesammelte Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für die alte Frau, die
-andere Hälfte bat er für die Verpflegung des Kindes zu verwenden.
-
-»Kann ich das Kind sehen?« fragte er.
-
-»Oh, recht gern können Sie das,« lispelten die Schwestern und er sah das
-Kind. Er betrachtete es lange und aufmerksam. »Es kann ein schönes Kind
-werden,« sagte er, »was für kluge, hellgraue Augen es doch hat! Ist es
-nicht auffallend zierlich gebaut? Aber es sieht kränklich aus, oder täusche
-ich mich?«
-
-Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege an der Amme. Eine
-Schlossersfrau habe sich erboten, das Kind zu nähren, aber sie sei
-brustleidend.
-
-»Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen. Sie haben niemand im
-Hause, der das Kind stillen könnte?« fragte Grau.
-
-Die Schwestern lächelten und erröteten unter der weißen Haube. »O nein,«
-flüsterten sie.
-
-Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und machte sich eiligst
-davon. »Du bist doch der größte Dummkopf der ganzen Welt,« sagte er zu sich
-und lachte in sich hinein.
-
-Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der Leute alle drei Hebammen,
-die es am Platze gab, um nach einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den
-halben Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu zu überreden, sich
-des verwaisten Kindes anzunehmen. Die Magd war derb und stark, sicherlich
-gesund und nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend zu
-stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben bereit, aber nun stieß
-er unerwartet auf Schwierigkeiten bei der Dienstherrschaft.
-
-Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und seine Gattin, und sie
-wollten die Erlaubnis nicht hergeben. Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das
-Mädchen, eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren hatte, und
-wollten nicht, daß es noch weiter bekannt wurde als es schon war. Sie
-blickten einander an, der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem
-kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte Greisin mit
-schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem Lächeln, und sagten nein, ein
-für allemal nein. Da saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem
-harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den beiden Alten, die noch
-dazu schwerhörig waren. Der Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe
-Mehlwürmer hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig in seinem Bauer
-trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner mit einem Bügeleisen. Die Greisin
-tat nichts, sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau.
-
-Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten rührten sich nicht.
-Endlich sagte der Alte mit der Quaste: »Wir sind ja katholisch, mein Herr,
-das Dienstmädchen aber ist ja protestantisch gewesen.«
-
-Grau lachte. »Aber, du gütiger Himmel.«
-
-Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen. Er sagte: »Das wäre es ja
-nicht, Herr, aber es wird so bekannt -- so bekannt überall -- und wir
-wollten in aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten wachsen
-lassen.«
-
-»Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen Kindes annehmen, nicht wahr?«
-
-Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin und lächelte
-pfiffig.
-
-»Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes annehmen. Da ist nun
-der Herr beschäftigt, Hanf zu knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet
-und richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen Braten, man
-kann recht gut beobachten, mit welcher Sorgfalt er es tut -- und nun ein
-Kind! Ein Menschenkind! Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm -- das ist
-wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.«
-
-Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste gluckste. Er band sich eine
-grüne Schürze um und begann Schleißen zu schnitzen.
-
-»Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem Tischler gewohnt, der
-gewann das große Los -- er hat jetzt ein Karussell und ein
-Wachsfigurenkabinett, zieht umher und bläst die C-Trompete« -- nein,
-vielleicht sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer, man müsse
-sich des Kindes unbedingt annehmen.
-
-Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten und sagten: »Nein!«
-
-Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles mögliche, über die Zucht von
-Mehlwürmern und die Lebensweise der Rotkehlchen, über die
-Verkehrsverhältnisse in früherer Zeit und was für eine Sache das doch
-gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen. Die Alten lachten und
-glucksten und machten es ihm vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude,
-es zu sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen mehr, der es
-kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen, das andre Alterchen nahm die
-grüne Schürze wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren
-geschnitten, und brachte aus einem Schranke ein Gläschen mit Öl, ein paar
-alte Schlüssel und krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder
-behutsam ein.
-
-Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter hätten. Ja, das hatten sie,
-einen Sohn, zwei Töchter. Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie
-sie lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf der Sohn und
-die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit. Aber ehe sich's die beiden
-Alten versahen, sprang Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht
-wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging und brachte Photographien
-herbei und der Greis putzte sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen
-Putzwolle und einem wollenen Lappen und entnahm dem Schubfache ein
-Vergrößerungsglas, denn er mußte nun die Enkel ebenfalls genau sehen.
-
-Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren seien, ob sie krank
-waren, er mußte alles genau wissen. Er sah die Bilder an, lobte den
-trotzigen Zug eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen
-wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese Enkel. Ja, so klug, so
-gesund, so blühend --
-
-Die beiden Alten kicherten und glucksten.
-
-Plötzlich sagte Grau: »Also, wie steht es jetzt mit der Amme? So ein armes,
-verwaistes Kindchen, nicht wahr?«
-
-Die Alterchen erschraken -- denn jetzt konnten sie ja nicht mehr, sie
-konnten nicht -- sie sagten: »Ja.«
-
-Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm die Kappe mit der Quaste ab
-und ließ es sich nicht nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler
-Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm.
-
-»Da fällt mir noch etwas ein,« sagte Grau, »könnten Sie nicht im Frühling
-Ihr Rotkehlchen fliegen lassen, zum Beispiel?«
-
-»Wie?«
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmädchen,
-die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch
-eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wünschte.
-
-Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren
-noch fünf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr
-Grau ihr helfen.
-
-Grau freute sich über ihr Vertrauen. »Ich danke Ihnen!« sagte er und
-drückte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. »Bitte, treten Sie ein!«
-Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm
-ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein
-ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund.
-Dann ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und übergab
-es der Frau. »Ich werde morgen früh kommen,« sagte er. »Sagen Sie keinem
-Menschen etwas davon,« fügte er flüsternd hinzu, »und kommen Sie heute
-abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefüllt.
-Auch ein Bettstück will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns
-bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und nicht mir, es muß ganz im
-geheimen geschehen.«
-
-Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die eingetroffen war, und
-den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher
-stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote
-Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wäsche, ein Pack
-beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma,
-eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene
-Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein
-Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke,
-die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von
-jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf
-den Porzellankopf gemalt.
-
-Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der
-Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner
-Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe.
-Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote
-Äpfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen.
-Auffallend an ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten Lächeln
-verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine
-Hände waren vor Kälte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor.
-
-Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie
-hätten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem
-Kegelklub hätten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn
-ausgestoßen.
-
-Grau rauchte die Pfeife. »Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz,« sagte
-er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. »Es ist mir sehr
-angenehm, daß Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch
-erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie
-haben ein Verhältnis mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?«
-
-»Ja.«
-
-»Wann hat es geendet?«
-
-»Vorige Weihnachten.«
-
-»Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mädchen? Erzählen Sie
-mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen
-hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden, denn es wird alles
-unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort.« Grau streckte ihm die Hand
-hin.
-
-Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzählen. Grau
-unterbrach ihn.
-
-»Ein Wort noch,« sagte er. »Sie können mir alles sagen und Sie dürfen
-sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht,
-denn es ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich
-fühle es ja sofort, ich höre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!«
-
-Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die
-Wand, während der Bursche erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach
-einem wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen Heiligen dar,
-der in einer Landschaft saß und dachte. An seiner Seite saß ein kleines
-weißes Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und
-sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, daß es nahezu
-idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische
-Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des
-Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts gestellt; aber auch
-diese Füße schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines
-der größten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war
-eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen
-hatte: Ein nackter Jüngling, der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen
-Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit.
-
-»Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so?« wandte sich
-Grau an den Burschen.
-
-»Ja,« sagte der Bursche. »Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie
-kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte
-auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft,
-aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.«
-
-»Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mädchen gehen sehen,
-was sagen Sie dazu?«
-
-Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Straße, wie es ihm
-gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen
-ihnen sein könne.
-
-»Was hat sie darauf geantwortet?«
-
-»Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.«
-
-»Hat sie wirklich bald gesagt?«
-
-»So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.«
-
-»Und das nächste Mal, sagte sie es da?«
-
-Der Bursche schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »aber sie war sehr gut
-zu mir. Ich habe mit ihr unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner
-Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen könnten. Wir
-gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich
-wußte nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.«
-
-»Sie verstanden sie nicht mehr?«
-
-»Nein.«
-
-»Damals war sie schon sehr unglücklich!« sagte Grau und nickte.
-»Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir
-helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts
-Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein Freund. Aus all dem,
-was mir die Leute erzählt haben, konnte ich mir ein Bild von Fräulein
-Sammet machen. Sie hätten wohl alles für sie getan?«
-
-»Ja!«
-
-Grau nickte. »Das ist schön von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie
-das Gedächtnis der Toten hoch!«
-
-Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der
-Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den
-Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der Bursche saß verblüfft
-und sah fast erstarrt zu Grau empor.
-
-Grau lächelte unmerklich.
-
-»Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,« sagte er leise und
-ließ den Burschen nicht aus den Augen, »mit Verbrechern und Mördern, aber
-sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun,
-haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung
-dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!«
-
-Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte
-Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: »Ich will
-Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über
-diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt
-um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut
-unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen,
-wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat
-sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat
-ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß.
-Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen.
-Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher -- aber das
-hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl
-verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will
-Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen
-haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich
-fromm gestellt, wahnsinnig gestellt -- man fühlt aber nur zu deutlich was
-Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden
-war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er
-sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging --
-er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen
-nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt
-und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu
-verteidigen!«
-
-Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne.
-
-Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich
-Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: »Nun sollen Sie mir
-aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und
-weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut.
-Ich bin nun nicht gerade neugierig -- aber ich habe meine Gründe -- die
-Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo
-hat Fräulein Sammet zuerst gedient?«
-
-»Bei einem Wirt in Weinberg.«
-
-Grau stellte einige Fragen. »Und hierauf?«
-
-»Bei Herrn Eisenhut.«
-
-»Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der
-Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.«
-
-Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf
-große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige
-Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine
-Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd
-zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er
-sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß
-sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam
-noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause
-kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch
-die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine
-Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in
-der Hand durch sein Haus streichen.
-
-»Er ist nicht verheiratet?« fragte Grau.
-
-»Ach nein!« Hammerbacher lachte laut auf. »Keine mag ihn, trotzdem er so
-reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.«
-
-»Unmöglich!«
-
-»So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt. Er sagte: Du sollst
-ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen
-wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grün
-und blau werden.«
-
-»Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?«
-
-»Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn
-nicht. Sie ging aus seinem Hause.«
-
-Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig und wie einfältig, nun
-hatte ihn plötzlich ein Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller
-Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein?
-
-»Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut?« fragte er endlich.
-
-»Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken
-oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie
-schreien und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen
-sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heißen
-sich: >Der goldene Zirkel<.«
-
-»Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?«
-
-»Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.«
-
-»Tut er das?«
-
-»Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen müssen, aber sie haben
-nur gelacht und nie etwas bezahlt!«
-
-»Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?«
-
-»Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nürnberger,
-ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von
-der Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schloß,
-Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt --«
-
-»Nun ja, ja --« unterbrach ihn Grau. »Die Herren sind wohl zumeist
-Junggesellen?«
-
-»Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von
-ihnen erzählt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da --«
-
-Grau unterbrach ihn. »Ich will das nicht wissen,« sagte er.
-
-»Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,« fuhr der Bursche fort,
-»dafür sollte ich die Herren alle durchprügeln.«
-
-Grau lächelte.
-
-»Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei Monate einsperren lasse!«
-Hammerbacher lachte. »Sie treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr
-Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschießen. Sie
-nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den
-Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Räuber
-genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so
-wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mußt auch das Notizbuch
-herausgeben.«
-
-»Was für ein Notizbuch?«
-
-»Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen
-die Hände küssen müssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen
-habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir
-fünf Mark verdienen will.«
-
-»Sie haben aber abgelehnt?«
-
-»Ja.«
-
-»Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?« fragte Grau und rauchte
-lächelnd.
-
-Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick.
-
-»Ich? -- Oh, was das anbetrifft -- aber ich riskierte zuviel.«
-
-»Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,« sagte Grau; »wenn Ihnen
-Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten hätte?«
-
-»Dann schon!« sagte der Bursche und lachte.
-
-Grau sah ihn an.
-
-Er stand auf. »Ich darf wohl annehmen, daß Sie über unser Gespräch
-Stillschweigen beobachten,« sagte er und gab Hammerbacher die Hand. »Ich
-danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste
-sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen,
-nicht wahr? Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten Abend, Herr
-Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz
-allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?«
-
-»Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter
-lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.«
-
-»Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?«
-
-»Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof draußen.«
-
-»Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt sie nicht Löwenherz?«
-
-»Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen Mütterchen, weil sie so
-klein ist.«
-
-»Ah, ja!« rief Grau aus. »Herr Eisenhut wird wohl öfters hinaus kommen zu
-seiner Mutter?«
-
-»Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.«
-
-»Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung
-bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das
-Andenken an Fräulein Sammet hoch!«
-
-Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und
-warf folgende Notiz auf ein Blatt: »Der Fleischergeselle Herr Anton
-Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung
-abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen Fräulein Margarete
-Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist
-unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. --«
-
-Nun wurde es Abend.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Der Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell
-herein und mit ihr kam die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern.
-
-Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins hin. Er setzte sein
-Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und
-dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten
-Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit
-trotzdem.
-
-Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch wunderbare Produkte es doch
-auf dieser Erde gab, Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube.
-Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur um die Namen aller
-Nüsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht
-ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die
-Meisterwerke von Millionen großen Chemikern, jeder noch so unscheinbare
-Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu
-bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach
-Vollendung gehaucht ist.
-
-Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzüge und
-Schiffe sie in jeder Stunde über Kontinente und Meere tragen --
-Eisenbahnzüge und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen
-und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder?
-
-Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den
-Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und
-Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine
-Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte, in
-tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse gedacht, dann an die
-Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken könnte? An die
-Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An
-die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte, die Orchidee, die
-Mammutfichte, den Seestern, den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die
-Giraffen, an die Papageien und die Adler -- an alles in seinem Wesen,
-seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde man nicht taumeln wie der
-Habgierige, auf den es Gold herabregnet?
-
-Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden Dingen.
-
-Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen
-die Palmenwälder, die endlosen Fischzüge ziehen durch die Flut, die
-Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwärme
-von Paradiesvögeln sonnen, da und dort glüht jetzt eine Wiese in der Sonne
-und Tausende von farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen
-Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe heulen im Schneefelde, in
-diesem Augenblick öffnet die schönste purpurne Blume in irgend einem
-einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der
-Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne -- es ist schön das
-zu denken, es betäubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur
-an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht, die der Mensch selbst
-schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen,
-die großen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen?
-Es ist schön daran zu denken, es macht reich.
-
-Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge gedacht, an das Sichtbare
-der Erscheinungen. Würde man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon
-wie Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern rollt. Der
-Gedanke allein macht schwindlig.
-
-Hätte man auch das getan, hätte man schon alles getan?
-
-Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der Erde ist, an nichts anderes,
-nicht an den Raum, die Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und
-Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die in jeder Sekunde aus
-unendlichen Fernen fluten und das Menschenherz erbeben lassen.
-
-Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge in einer Sekunde denken
-kann --
-
-Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur Mahlzeit nieder. Es war
-schön, allein zu sein. Er konnte denken an was er wollte, an alltägliche
-Merkwürdigkeiten, zum Beispiel an den Löffel, den Teller, an die Fliege
-dort auf dem Buche.
-
-Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte auf ihn. Bald hörte er
-ihn wie ein Geräusch, bald unterschied er kleine Melodien, die immer
-wiederkehrten und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch mein
-Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann ich mir kaum denken. Wie eine
-Orgel, in die der Wind fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man
-will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl zwei? Ich habe zwei Augen
-um rund zu sehen, vielleicht habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte
-es das sein?
-
-Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes Augen und Ohren, sieht
-und hört nicht mein kleiner Finger?
-
-Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche für mich, niemand schadet
-das etwas, das sind meine Gedanken und ich bin gerne bereit, die andern
-Leute zu vernehmen.
-
-Meine Haare, zum Beispiel, welch geheimnisvolle Funktionen -- genug!
-
-Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum Schweigen auffordern wolle,
-und lächelte. Dann machte er sich an die Arbeit.
-
-Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er reden, zu den Kleinherzigen,
-Eng- und Kaltherzigen, den Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja
-zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz. Zuviel Zaghaftigkeit,
-Schwäche, Mißtrauen und Trägheit und Haß! Zuviel Hader und Zank!
-
-Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn du allein bist, so ist dein
-Herz mit Liebe angefüllt, du denkst, das werde ich tun und jenes, das wird
-ihn freuen -- sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir seine
-Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich zurück wie die Schnecke
-in ihr Haus. Habe ich dich entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du
-sollst ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst du nicht,
-daß er gewartet hat im Wachen und im Schlafen, daß jemand zu ihm spräche,
-sich Mühe gäbe ihn zu verstehen.
-
-Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich ist, das man ihm
-sagt, und so rasch die Laune verliert?
-
-Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund und deinem Gesichte sieht man
-die Gutmütigkeit an. Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach,
-denkst du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde ihr ja
-gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde still sein und sie wird
-denken, es ist niemand zu Hause und wird fortgehen. Willst du denn dein
-ganzes Leben lang so faul bleiben? Sprich?
-
-Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in ihren Herzen lagen. Er war
-gekommen darin zu graben und die Schätze ans Licht zu heben.
-
-Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig sein, die Schönheit zu
-empfinden -- oder jenes Größte zu fühlen, das Liebe und Schönheit
-einschließt und sich dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken
-offenbart?
-
-Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die Griesgrämigen und Geizigen
-und Faulen die richtigen Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz so
-wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den Menschen zu reden, so
-wild, daß er stets glaubte, sterben zu müssen?
-
-Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der Heilige an der Wand, dessen
-Füße sogar nachdachten, sah ihm zu.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-Schon am nächsten Tage machte sich Grau auf den Weg, die Lehrersfrau zu
-besuchen, bei der Eisenhuts Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er
-von dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war.
-
-Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dächern und wo
-man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die
-Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen und Männer beschäftigt,
-das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein
-heller gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein Singen. Und
-unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines
-schönen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken,
-ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes von weither. Vor
-einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in
-die großen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten. Er
-streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte ihm ins Ohr und der
-Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe.
-
-Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig in Sonne. Die Sonne
-blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen,
-die langsam und schwer von den Dächern fielen.
-
-Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine
-eigentümliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulächeln und in die Augen zu
-blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein,
-frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist
-jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den
-Menschenaugen, jenes besondere Leuchten?
-
-Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten, daß sie schwitzten,
-und als ein junges Mädchen mit halboffenem Munde an ihm vorüberging,
-starrte er das Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste hastig
-und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes ist ein junges Mädchen, ob es
-nun Sommer oder Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge
-Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.
-
-Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe überfahren worden. Ein
-Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte.
-
-Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner Tag heute, das mußte man
-sagen! Er atmete die frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und
-sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, großer Gott im
-Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume
-und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da glitzerte
-die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bäume der
-Allee streckten ihre Äste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor.
-
-Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite Ebene aus. In ihrer Mitte
-lag der vom Rauch geschwärzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive,
-nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der
-Schnee lag unberührt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit
-ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und
-Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weißer Samt,
-auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In der
-Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen
-bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grün, feuriges Rosa,
-Schwefelgelb.
-
-Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und ein hagerer, etwas
-schiefschultriger Mann, der ein Bündel Schlittschuhe trug. Sie hatten es
-nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit
-klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben
-abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen
-spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen
-Sätzen.
-
-Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre
-Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche;
-sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es
-Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas größer,
-freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im
-Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem
-Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar,
-das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber Schleier floß
-um die Pelzmütze herum und flatterte lustig im Winde.
-
-Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung
-ergriff ihn nahezu bis zu Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit
-der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet,
-späht, lockt und hofft. Der Mann an ihrer Seite dagegen ging nicht, er
-schlich. Seine Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in sich
-hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und
-lachte.
-
-Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg nur zum Teil vom Schnee
-freigemacht war, mußte er sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten.
-
-»Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört, der von der Doktorkutsche
-auf der Straße gefunden wurde, nachts, im Schnee?« wandte sich das Mädchen
-mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die Schlittschuhe trug. Sie
-sprach scharf, mit einem kaum hörbaren fremden Akzent.
-
-»Adele!« sagten die Schwestern leise und lächelten.
-
-Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd. »Jä,« sagte er, »ich habe
-diese Geschichte gehört, natürlicherweise habe ich sie gehört -- am andern
-Tag -- aber ich kann schwören --«
-
-»Schwören Sie besser nicht!« fuhr das Mädchen fort. »Wie leicht hätten Sie
-im Schnee erfrieren können.«
-
-»Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren können!«
-
-»Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde mich schämen.«
-
-»Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein von Hennenbach.«
-
-»Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller Mann, aber
-vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie auch nur originell, weil Sie
-verwahrlost sind.«
-
-Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. »Wie geistreich!« sagte er und
-lüftete ein wenig den Hut, indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern
-anfaßte und in die Höhe hob. »Wie geistreich!« meckerte er. »Wie
-geistreich!«
-
-»Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!« sagte kühl das junge Mädchen und
-wandte sich den Freundinnen zu.
-
-Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem: »Lassen Sie sich's
-gesagt sein,« sagte sie, »daß ich meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu
-besuchen. Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja die reinste
-Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat er mit Ihnen durchgezecht. Es
-wird auch Hasard gespielt, nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark
-dabei verloren.«
-
-»Was hat er verloren?«
-
-»Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir verlangt. Weiß Gott, es ist
-unrecht von Ihnen. Natürlich muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort
-gegeben hat, aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.«
-
-Der schiefschultrige Mann lachte laut heraus. »Aber es ist ja keine Silbe
-wahr von all dem, was Sie da sagen!« rief er. »Keine Silbe, nicht eine
-einzige Silbe! Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch war bei
-mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren haben, wie denn? Ich habe
-nicht mit ihm gespielt, das schwöre ich Ihnen!«
-
-»Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen, Sie werden es leugnen. Das
-ist selbstverständlich. Ich werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken,
-mein Herr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier gehe, das werde ich tun.
-Es ist Ihnen doch bekannt, daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht
-wahr?«
-
-Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf dem Mädchen einen bösen
-Blick zu, aber dann lachte er wieder. »Was Sie nicht sagen?« rief er aus.
-»Ich bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich stecke jedem eine
-Flasche Wein in die Tasche und dann gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein
-von Hennenbach, hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt. Er brachte
-es von Monte Carlo mit.«
-
-Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das Mädchen: »Er war ja nie
-in seinem Leben in Monte Carlo, niemals!«
-
-»Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend Mark dort verloren, wie?
-Also lügt er?«
-
-»Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!«
-
-Der junge Mann nahm den Hut ab und verbeugte sich. Er lachte.
-
-»Herr von Hennenbach lügt nicht!« rief er aus. »Herr von Hennenbach machen
-sich einfach lustig. Er macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt
-nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert Mark im Spiel
-verloren und er hat drei Tage vorher mich um genau zweihundert Mark
-gebeten, da er sie brauche. Ich habe sie ihm aber abgeschlagen -- rundweg
--- ich gebe nichts mehr, keinen Pfennig, ich habe die schlimmsten
-Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit!«
-
-Grau watete nun durch den Schnee und beschrieb einen weiten Bogen um die
-Gesellschaft. Hinter ihm meckerte der junge Mann, er räusperte sich und
-rasselte mit den Schlittschuhen.
-
-»Aber, nein!« sagten die Schwestern vorwurfsvoll, und die junge Dame fügte
-in scharfem Tone hinzu: »Was denken Sie doch --?«
-
-Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut: »Alle Welt macht sich über
-mich lustig -- ergo -- weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig
-lustig machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas andres vielleicht
-als die andern Menschen? Ich erlaube mir das zu fragen! Man soll sich nur
-ein wenig in acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages einen
-Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen Leuten nicht angenehm, nein!«
-Er meckerte, aber er schien zornig zu sein.
-
-»Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!« sagte eine der Schwestern.
-
-Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: »Tun Sie doch, was Sie nicht
-lassen können, aber lassen Sie mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in
-Ruhe!«
-
-Darauf bat der Mann um Entschuldigung. Ein solch harmloser Mensch, wie er
-sei! Wenn er sich nur erlaube, zu scherzen --
-
-Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof angelangt, blieb stehen
-und blickte sich um. Dem Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte,
-gefüllt mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort stand ein dicker,
-niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern -- ein alter Wartturm -- aber von
-einem Wohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer, dieser Lehrer
-Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich beim Bahnhof?
-
-Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen still, führten
-flüsternd eine Beratung, dann sagte eine der Schwestern: »Suchen der Herr
-etwas?«
-
-Grau zog den Hut. »Ja, ich suche ein Haus,« sagte er.
-
-»Hier sind keine Häuser,« sagte der Mann mit den Schlittschuhen mit dünner
-Stimme und lächelte spöttisch. Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein
-gelbes Gesicht, einen kleinen Spitzbart und Mausaugen.
-
-»Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,« sagte Grau und blickte
-umher. »Aber man hat mich hierher gewiesen -- ich suche das Haus eines
-Lehrers, eines gewissen Lehrers Löwenherz!«
-
-»Löwenherz?«
-
-Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen sich und schüttelten
-die Köpfe. Die Schwestern sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige
-Äpfel auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden vermocht, wenn
-nicht die eine ein kleines braunes Mal auf der Wange gehabt hätte. Sie
-hatten frische, runde Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der
-Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen.
-
-Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus wie neulich, als Grau in
-ihrem Hause vorsprach, ihre Wangen waren von einer feinen Röte überzogen,
-aber ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie waren nahezu weiß.
-
-Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich zu kichern und zu lachen.
-Er streckte wichtigtuerisch die spitze Nase vor. »Es ist der Lehrer!« rief
-er aus. »Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter Herr.
-Löwenherz! Was sagen die Damen dazu? Ein ausgezeichneter Einfall --
-Löwenherz!«
-
-Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen. »Ah, Susannas Vater!«
-sagte sie, und die Schwestern fügten wie aus einem Munde hinzu: »Ach ja,
-Susannas Vater!«
-
-»Ich erinnere mich, er sprach von seiner Tochter Susanna,« sagte Grau.
-
-»Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier. Nur muß man durch den Turm
-gehen, bis zur Brücke. Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.«
-
-Sie gingen zusammen und schwiegen. »Ein schöner Tag!« sagte Grau nach einer
-Weile. »Ja!« antworteten die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn alle
-an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu ihm wandten, die außen
-gehende mußte sich etwas vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein.
-Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen sagen hätte können.
-
-Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen im Felde liegen sehen.
-Dieses Häuschen lag ganz einsam, halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben,
-kleinen Fenstern aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen als
-Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen bewegten sich langsam in
-einem Acker. Es lag da gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein
-Siechenhaus, wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um das Haus herum
-wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg ein Hauch von Rauch, den man nur mit
-scharfen Augen wahrnehmen konnte.
-
-Dieses Haus sei es!
-
-Grau nahm den Hut ab. »Ich danke, meine Damen!« sagte er und verneigte sich
-vor den drei jungen Mädchen. »Bitte, bitte!«
-
-Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete ihre hellen, klaren
-Augen eine Weile auf Grau, dann sagte sie: »Wie schön Sie neulich
-gesprochen haben!« Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr
-Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst.
-
-Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen in ihren Wangen und
-ihre weißen, kleinen Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und
-leuchtend auf Grau.
-
-Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die Hand des Mädchens zu
-berühren. Er errötete und machte abermals eine verwirrte Verbeugung.
-
-»Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!« riefen die Mädchen.
-
-»Morgen kommen wir!« setzten die Schwestern hinzu.
-
-Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und ging an Graus Seite
-feldeinwärts. Sie wateten bis an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein
-Träumender.
-
-Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und unwillkürlich wandte er sich
-nochmals nach dem Mädchen um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen
-schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume mit ihr über die Heide
--- damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und
-besonders ihre Art, den Kopf zu tragen -- wie merkwürdig ist das Leben!
-
-Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren
-Gründen außerordentlich für ihn interessierte.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu
-sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen
-erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er sprach, und er sah
-Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm
-den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch
-als Grau einmal im Felde ausglitt.
-
-Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit
-unterwürfiger, fast demütiger Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr
-Benehmen vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen
-verlassen.
-
-»Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?« begann er und lüftete den
-spitzen Hut. »Ja, ich habe gehört, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer
-zusammengetroffen sind, man hat es mir erzählt. Sie haben den Lehrer
-natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen.
-Ich muß Ihnen leider sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen
-muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das
-Blaue vom Himmel herunter und halten -- nichts. Man kann hier Geld
-zusetzen, du große Güte!«
-
-»Kennen Sie Herrn Lenz?« fragte Grau.
-
-»Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu
-mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der
-Stadt nicht blicken lassen.«
-
-»Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heißt das?«
-
-Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte
-ihn in Brand. »Er hat den Stadtverweis, mein Herr!« sagte er vergnügt
-lächelnd und paffte. »Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter,
-niemand darf die Stadt betreten.«
-
-»Ja, was hat er denn Schreckliches getan?« fragte Grau und blieb stehen.
-
-Der junge Mann lachte meckernd. »Er hat,« sagte er flüsternd und kicherte
--- »er hat sie durchgeprügelt! Die Polizeidiener zuerst und dann den
-Bürgermeister. Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der Stadt.«
-
-»Warum wurde er denn entlassen?«
-
-»Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken, mehr als er vertragen
-konnte. Einmal lag er am Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als
-die Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran denke! Denn ich habe
-ihn liegen sehen, bevor noch jemand kam, und gewartet und gedacht: Was für
-ein Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag da, als ob er eben
-einen großen Sprung machen wollte, so lag er da. Ich dachte, das wird einen
-hübschen Spaß geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die in die
-Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da und schlief, er war nicht
-wach zu bekommen. Was ich gelacht habe!«
-
-»Deshalb also wurde er entlassen?«
-
-»Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen des Bürgermeisters,
-deshalb wurde er nicht entlassen. Auch seine Frau, die lief zum
-Bürgermeister, flehte und winselte, und deshalb ließen sie es hingehen.
-Aber später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte Streiche über
-Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute ist keine Schule, es ist zu
-schönes Wetter, geht hinaus in den Wald. Das ist aber doch keine Schule,
-nicht wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er hat ihnen
-tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste, was er gemacht hat, sehen Sie,
-das hat ihm auch den Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse
-spazieren, er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen Tag im Juni. Da
-kamen sie nun an einen Bach, es war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen
-Sie nun, was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie können sich
-denken, das ging hui, hui, das kam den kleinen Mädchen gerade recht, sie
-kleideten sich aus und plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz,
-er saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische Geistliche, der
-geistliche Rat -- ein fetter -- ein etwas korpulenter Herr -- er kam -- und
-so war es, der Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht, er ging
-nicht!«
-
-»Er ging nicht?«
-
-»Nein, er sagte es, er sagte es zu mir. Ich werde nicht gehen, sagte er,
-ich lasse es darauf ankommen. Ich werde morgen Schule halten und werde sie
-hinauswerfen, wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch einen Spaß wird
-das geben, einen unbezahlbaren Spaß. Er sagte auch, daß der Bürgermeister
-sich ein wenig in acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen. Ja,
-tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar drollig werden. Du nimmst
-dich meiner Familie an, ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören
-Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und sie wollten ihn aus
-dem Schulhaus weisen, aber er prügelte die Polizeidiener durch, dann ging
-er ins Rathaus und prügelte den Bürgermeister durch -- vor all den
-Schreibern --«
-
-Der junge Mann lachte und hustete.
-
-»Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch -- er mußte dann sitzen,
-lange, lange Monate, er verlor seine Stellung, sein bißchen Vermögen,
-alles, alles -- hähähä -- nun treibt er sich in der Welt herum und seine
-Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir wollen hoffen, daß der Herr ihn
-antreffen.«
-
-Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz begann eigentümlicherweise zu
-pochen.
-
-»Sie hat keine Pension?« fragte er. »Die Frau?«
-
-»Pension? Aber wieso denn Pension? Woher?«
-
-»Hm. Sie hat auch kein Vermögen?«
-
-»Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen --!«
-
-»Sie ist also arm,« sagte Grau leise zu sich selbst. »Wie sagten Sie? Sie
-glauben also nicht, daß wir Herrn Lenz antreffen werden?« fügte er hinzu
-und blickte den Mann mit dem Spitzbart an.
-
-Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen. »Nein,« sagte er verwirrt, »ich
-glaube es nicht. Er bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau
-zusammengeflickt hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört, daß er in
-Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster eingeschlagen hat, nun wird ihm
-wohl der Boden zu heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es? Er
-ist sehr amüsant und er kann deklamieren -- was er doch alles im Kopfe hat!
-Er kann Ihnen ganze Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze
-Nacht hindurch vorgespielt.«
-
-»Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?« fragte Grau lächelnd.
-
-»Warum?«
-
-»Nun, ich meine nur!« sagte Grau und lächelte.
-
-»Ja, ich liebe es!« antwortete der Mann mit dem Spitzbart und errötete ein
-wenig und blinzelte. »Er deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu
-lachen anfängt --«
-
-»Zu lachen?«
-
-»Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie Angst bekommen -- dann
-wird er gefährlich -- hier sind wir!« Er öffnete das Gartentürchen und ließ
-Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen, auch das Haus lag ohne
-jedes Zeichen von Leben. Eine ganz besondere Stille und Einsamkeit
-herrschte hier und auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens
-strich, schien ein besonderer Wind zu sein.
-
-Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die Haustüre. Sie warteten und
-standen einander gegenüber.
-
-Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an. Eigentlich war das Gesicht
-nicht gelb, es spielte in allen Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die
-Schläfen zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen, die
-fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen und sich hart um den Mund
-eingruben. Diese Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz in ihnen.
-Der Bart am Kinn sprang vor wie ein Geißbart; seine Haare waren von
-unbestimmter Farbe, sie schienen feucht und klebend zu sein und waren grau
-an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig kaum überschritten hatte.
-Seine Augen waren leicht entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich
-in dem getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten unaufhörlich.
-
-Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter; Schüchternheit,
-Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier, Bosheit und Argwohn, alles konnte man
-in diesen Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter
-Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam hinter dem dünnen Schnurrbart
-versteckten, der in feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing.
-
-Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der Mann mit dem Geißbart
-auf zu blinzeln; das Blut stieg ihm in die Wangen, als ob er tief
-erschrocken wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut und sagte
-mit kaum hörbarer Stimme: »Eisenhut!«
-
-Grau reichte ihm die Hand. Eisenhuts Hand war feucht und schlaff.
-
-Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein gelbes Gesicht in Falten
-zu einem Lächeln, so daß man seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte:
-»Danke, danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
-
-Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen können, auch seine Stimme
-blinzelte.
-
-Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges Mädchen, eine
-Hornbrille auf der großen Nase, stand im Rahmen.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-»Guten Tag, Mütterchen!« sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das
-die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: »Hier
-ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!«
-
-Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie
-versuchte zu lächeln.
-
-»Keineswegs!« rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. »Herr Eisenhut
-scherzt. Ich komme lediglich --«
-
-Eisenhut lachte. »Nein,« unterbrach er Grau, »haben Sie keine Angst,
-Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.«
-
-Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz
-kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz
-habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.
-
-Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts
-und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal,
-hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen
-Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte
-mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu
-Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf.
-
-»Sie haben ihn gesehen?« fragte sie leise und singend, und ihre Stimme
-zitterte. »Er ist nicht hier!« Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte
-sie ganz leise hinzu: »Er wird noch zu tun haben.« Sie versuchte zu
-lächeln.
-
-»Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!« rief Eisenhut boshaft aus
-und ging hinein ins Haus.
-
-Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den
-verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte
-Grau hilflos an.
-
-Aber Grau ging nicht.
-
-Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln
-Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.
-
-»Wie fatal, wie fatal!« sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er
-gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich
-hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht
-anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles
-mehr.
-
-»Könnte ich nicht auf ihn warten?«
-
-»Warten?«
-
-»Ja, warten, auf ihn warten!« wiederholte Grau und sah aus, als horche er
-in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte
-hinzu: »Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im
-Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.«
-
-»Stören?« Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. »Der Herr stören
-keineswegs,« flüsterte sie, »wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« Sie
-trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung
-auf einzutreten.
-
-»Die Ehrung ist auf meiner Seite!« sagte Grau freudig und verbeugte sich
-ehrerbietig vor Mütterchen. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!«
-
-Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als
-er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am
-Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in
-einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in
-einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die
-großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist
-Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er
-kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.
-
-»Hier ist ein Herr, Susanna,« sagte Mütterchen leise. »Herr --?«
-
-»Grau!« Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie
-legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den
-Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber
-Grau erlaubte es nicht.
-
-»Wie schön!« sagte Susanna. »Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so
-selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum
-erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.« Graus Herz begann
-zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.
-
-Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen
-so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam
-durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel,
-während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen
-nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und
-noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer
-Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den
-kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten
-die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der
-niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen
-über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.
-
-Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und
-erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.
-
-»Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,« fügte er hinzu.
-
-Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das
-nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien.
-»Danke!« sagte sie und blickte Grau an. »Ich habe auch schon von Ihnen
-gehört, Herr Grau,« fügte sie hinzu, »und ich habe gewünscht Sie zu sehen
--- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch
-merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der
-mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich
-weiß nicht warum.« Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf
-etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können.
-
-»Das ist eigentümlich!« sagte Grau lächelnd. »Und doch hat jeder Mensch das
-so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof
-einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich,
-daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.«
-
-»Er war es auch?«
-
-»Ja.«
-
-»Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf
-über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der
-Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie
-kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die
-andere dabei, nicht wahr?« Susanna blickte fragend in Graus Augen. »Haben
-Sie die andere gesehen?«
-
-»Fräulein von Hennenbach?«
-
-»Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?«
-Sie lächelte.
-
-Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den
-eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah
-man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre
-Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und
-enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein
-wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte
-sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme,
-sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte
-sie: »Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?«
-
-»Wie schön sie doch ist!« sagte Grau und lächelte ebenfalls.
-
-Susanna nickte ein paarmal. »Ja, wie schön sie doch ist!« sagte sie. »Sie
-ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht
-zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind
-Schulfreundinnen, müssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine
-Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund
-und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich
-liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam
-sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es,
-man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders.
-Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich
-wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!«
-
-Grau lächelte. »Jetzt nicht mehr?« fragte er.
-
-»Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,« fuhr sie
-geheimnistuerisch fort, »denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht.
-Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten -- nun, das
-war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hören
-müssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann
-an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er« -- sie flüsterte
-und deutete auf die Türe -- »auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie,
-auch er!«
-
-»Also deshalb!« sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.
-
-»Susanna!« sagte Mütterchen. »Wenn er es hört!« Sie warf einen ängstlichen,
-argwöhnischen Blick auf Grau.
-
-Susanna lachte leise und hustete. »Wie sollte er es hören können,
-Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt --
-Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch
-ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht?
-Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.«
-
-Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen
-und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder.
-Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf
-den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er
-nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der
-Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.
-
-Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder
-auf Grau.
-
-»Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!« fuhr sie fort. »Es
-ist noch etwas anderes.«
-
-»Sie ist gewiß sehr eigentümlich.«
-
-Ja, ob er das gefunden habe?
-
-»Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,« sagte Grau, der
-Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.
-
-»Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat
-eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen,
-und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein.
-Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint
-sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man
-glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist
-sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig,
-unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß --
-Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande --«
-
-»Ich habe die Brandstätte gesehen.«
-
-»-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter
-ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die
-Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter
-hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht
-bewundernswert?«
-
-»Solch ein Gedanke!« sagte Grau. »Wie rasch sie denkt!«
-
-»Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging
-leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu
-ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt
-und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch
-die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.«
-
-»Wann war denn der Brand?« fragte Grau.
-
-»Mütterchen, wann war es wohl?«
-
-Mütterchen sagte: »Mitte August!«
-
-»Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flügel zerstört, nicht
-wahr?«
-
-Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf. »Niemand weiß es,« sagte
-sie. »Ja, es hat einen ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht
-bewohnt war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.«
-
-»Welch ein Glück!«
-
-»Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen.
-Vielleicht war es ein Racheakt. Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein
-Dienstmädchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft
-entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu einer Hochzeit verreist, also
-konnte auch sie es nicht getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden
-sein.«
-
-»Von selbst?« Aber ein Feuer könne doch nicht von selbst entstehen? Grau
-schüttelte den Kopf.
-
-»Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge oder irgend etwas. Es war
-furchtbar für die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Möbel
-und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie müssen
-wissen, daß die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden.
-Oh, denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist
-ein Leben großen Stils gewöhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag --«
-
-»Der Sohn?« unterbrach sie Grau.
-
-»Ja,« erwiderte Susanna ein wenig überrascht. »Kennen Sie ihn?«
-
-»Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,« antwortete Grau. »Was ist das
-für ein Mensch, ich interessiere mich für ihn.«
-
-»Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, aber ein wenig --
-ein wenig --«
-
-Grau lächelte. »Nun?«
-
-Mütterchen in der Ecke sagte: »Er ist ein Leichtfuß!«
-
-Susanna lachte leise: »Aber wie kannst du das doch behaupten, Mütterchen!
-Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist
-verschwenderisch. Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele
-braucht viel Geld, ja, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich
-Ihnen sagen. Und nun brach das Feuer aus! Sie waren hoch versichert.«
-
-Susanna blickte Grau lange an. »Denken Sie, wie böse die Menschen sein
-können! Sie wissen, was ich meine!« Susanna ballte die Fäuste.
-
-»Ja,« sagte Grau; »es ist übrigens recht gut möglich, daß das Feuer von
-selbst entstanden ist,« fügte er hinzu, »durch Wolle, Späne oder irgend
-etwas.«
-
-Susanna lächelte. »Aber hören Sie, es war doch ein Glück dabei. Ja, ein
-großes Glück. Nämlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr
-bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft
-unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man
-müsse versichern. Die Freifrau hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie
-gut, daß wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.«
-
-»Das war allerdings Glück im Unglück!« sagte Grau.
-
-»Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich sie ist,« fuhr
-Susanna fort. »Denken Sie, sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer
-ausbrach und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der
-Stadt, der nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wäre.
-Auch den glücklichen Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung
-der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt, zu keinem Menschen sprach sie
-davon. Auch als sie sich verlobte -- sie hat sich mit einem Baron Kirchgang
-verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie -- ja, da hat sie
-ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich ist sie. Manchmal scheint es
-als ob sie aus einer andern Welt sei.«
-
-Grau blickte Susanna an. »Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?«
-
-»Wie?«
-
-»Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,« sagte Grau mit eigentümlichen
-Lächeln.
-
-»Ich verstehe nicht?« sagte Susanna gespannt.
-
-»Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte
-das nicht möglich sein?«
-
-»Ja, wieso sollte es möglich sein?« fragte sie.
-
-Grau zuckte die Achseln. »Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?« fragte
-er.
-
-Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie
-leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte
-auf den Feldern.
-
-»Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,« sagte Mütterchen leise
-und wandte sich langsam der Küchentüre zu.
-
-»Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er
-hatte noch immer ein Einsehen.«
-
-»Ja,« sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. »Der Herr
-müssen mich einen Augen -- blick ent -- schuldigen --«
-
-»Mütterchen ist sehr scheu,« flüsterte Susanna. »Sie kann nicht sprechen,
-aber sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in
-ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum
-Fenster hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die
-Fußspuren im Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht
-umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt,
-beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst
-nichts. Aber ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein. So ist
-sie. Manchmal -- ach, nicht oft -- vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da
-sagt sie: >Wenn er doch einen Brief schriebe!< Dann kann sie nicht mehr
-schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten -- so
-selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von
-der Welt.« Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man
-Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: »Ich hoffe, Sie
-werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?«
-
-»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Grau. »Ich liebe es, Ihnen zuzuhören.
-Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.«
-
-»Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit
-jemand zu sprechen.«
-
-»Verzeihen Sie einen Augenblick,« unterbrach sie Grau, »da wir vorhin von
-dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen -- er ist wohl Student?«
-
-»Ja. Weshalb?«
-
-Grau lächelte. »Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch
-Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?«
-
-»Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war
-noch nie dort.«
-
-»So, so. Er lebt also immer hier?«
-
-»Ja, ja. Ich verstehe nicht --«
-
-»Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde -- aber sprechen Sie doch nun,
-bitte, Fräulein Lenz!«
-
-Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: »Ja, ich freue mich, sprechen
-zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche
-zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht,
-wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen
-fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!«
-
-»Warum gerade das?« Grau rückte den Stuhl näher heran.
-
-Susanna kicherte. »Sie werden vielleicht lachen!« sagte sie mit hoher
-Stimme. »Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues
-Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer
-Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen,
-die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt
-gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich
-gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein
-neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit
-wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so
-ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen
-und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu
-mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all die neuen
-Ideen -- all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große
-Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn
-all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege -- es ist ein Jahr und
-noch ein halbes dazu -- habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei
-mir gesehen -- ja, sechs waren es.«
-
-»Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?«
-
-»Es ist nun,« sagte Susanna und blickte in die Weite, »es ist nun vier
-Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im
-Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.« Sie lächelte. »Trotzdem
-vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die
-Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile --«
-
-»Wie gut das ist! Das ist gut!« unterbrach sie Grau.
-
-»So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen,
-daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder
-ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.«
-
-»Jeder Mensch hat solche Augenblicke!«
-
-»Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die
-Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur
-gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie
-wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke
-ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er
-spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf:
-Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe
-die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie
-sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die
-von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so
-fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein
-kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.«
-
-»Wie schön Sie das sagten!« sagte Grau bewundernd und nickte.
-
-Susanna fuhr fort: »Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen,
-denn sonst -- ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles
-leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum
-Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur
-Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus
-der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun
-so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit
-kann verstreichen, aber plötzlich -- sagen wir -- taucht der nickende Kopf
-eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch,
-wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe
-auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser
-spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung -- immer
-sehen Kinder interessante Dinge im Wasser -- und sie müssen
-hinunterspucken. Auch ich mußte es tun -- auch Sie?«
-
-Grau lachte. »Ja,« sagte er.
-
-Susanna fuhr fort: »Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der
-Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie
-sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei
-ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen,
-wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie
-jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die
-Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er
-ist wie Sand, wenn es kalt ist -- er glänzt, wenn es getaut hat und Frost
-darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es
-aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die
-Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein
-Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen
-ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die
-Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt,
-so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben.
-Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt
-aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz
-genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche.
-Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den
-Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu
-sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen, und wissen
-Sie, was dann geschieht?«
-
-»Dann träumen Sie!«
-
-»Ja, dann träume ich.«
-
-»Was träumen Sie denn?«
-
-Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie
-Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie
-sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu
-müde dazu war, so träumte sie Musik.
-
-»Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich
-bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß
-revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und
-gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die
-Reihe an Ihnen.«
-
-Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft
-Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun
-erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber
-Grau verstand es, ihr zuzureden.
-
-Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: »Es kann eine
-Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein --
-aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie,
-das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es
-ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied
-schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die
-Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen!
-Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie
-hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie
-eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die
-mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und
-die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und
-furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm
-greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt
-ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen
-Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das
-macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich
-grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel
-wieder wie am Anfang. -- So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha,
-ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben -- aber so ähnlich ist es, Sie
-müssen es sich eben ausmalen.«
-
-Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper
-erbeben.
-
-»Sie frieren?« sagte Susanna und richtete sich auf.
-
-Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts.
-»Nein,« sagte er und lächelte, »ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte
-einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das
-Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe
-die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut
-haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel
-gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.«
-
-»Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es
-wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die
-Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es
-muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das
-man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht
-und singt.«
-
-»Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?«
-
-»Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das
-singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln
-hüpfen.«
-
-Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.
-
-»Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,« sagte er, »Sie sind ja ganz
-außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!«
-
-Susanna lachte leise und errötete.
-
-»Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?«
-
-Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern
-ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es
-sang.
-
-»Da haben wir es!« Grau lachte. »Sie müssen Musik von Grund auf studieren.
-Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt
-ein Piano haben!«
-
-Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte
-mit hoher Stimme: »Ich kann aber doch nicht spielen!«
-
-»Das? Was das anbelangt -- da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es
-sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger
-sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände,
-Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir
-natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch
-sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht
-beim Namen nennen -- nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in
-einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen -- nach einem Jahr
-oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu
-geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon
-zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden --«
-
-Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr
-Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn
-von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?
-
-Dann sagte sie leise: »Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so
-streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie
-tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben --
-ich --«
-
-Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: »Das ist mein
-Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde
-genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich
-mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt,
-ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas
-derartiges etwa erzählt? Wie? -- Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie
-vor Schmerz nicht wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht
-getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame
-hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung schön gesprochen. Ich
-habe mich geschämt. Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte
-habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern war größer als mein
-Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum --«
-
-Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: »Es muß
-heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.«
-
-Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen.
-»Er hat nein gesagt!« flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse
-neben Grau.
-
-»Nein?« jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann
-setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: »Ach, Mütterchen,
-du mußt den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er
-ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.«
-
-»Ja,« hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse.
-
-»Ja, was tun Sie denn!« schrie Grau erschrocken und sprang auf.
-
-»Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.«
-
-Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. »Wie liebenswürdig von
-Ihnen,« sagte er und drückte Mütterchen die Hand. »Ich breche in Ihr Haus
-ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!«
-Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder.
-
-Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich war
-ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer
-umher.
-
-Mütterchen erstarrte vor Schrecken. »Da ist -- nun -- diese --« Sie blickte
-starr und hilflos auf Grau. »Hsch, hsch -- du ungezogene --«
-
-»Putt -- putt,« machte Grau. »Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau
-Lenz, seht an.« Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.
-
-»Ja, in der Küche -- aber -- der Herr müssen entschuldigen -- mein ganzes
-Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden -- wie mich
-diese ungezogene -- hsch, hsch -- Kreatur blamiert -- Geh hinaus,
-Klatschbase.«
-
-»Klatschbase, so heißt sie,« erklärte Susanna, »weil sie so viel gackert.«
-
-Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Türe hinaus, nicht
-ohne vorher zu zeigen, daß sie ein echtes Huhn sei. »O -- o --« hauchte
-Mütterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da
-habe sie recht, ein schöner Tag sei heute. »In der Stadt hacken sie das Eis
-auf,« sagte er. »Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der Frühling
-kommt.«
-
-Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an.
-
-»Nun?«
-
-»Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!« sagte sie langsam. »Denn die
-Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den
-Frühling. Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an
-ihn. Er ist mein Geliebter. Sie lieben ihn auch?«
-
-Grau lächelte. »Ja, wer liebt ihn nicht?« sagte er. »Es gibt auf der ganzen
-weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann
-noch so mißmutig sein.«
-
-Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling. Sie lächelte und atmete
-tief. »Oft denke ich,« fuhr sie fort, »ob es sich nicht jetzt schon rührt
-da drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen
-und sich dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hören Sie,
-sie müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht plötzlich schon
-ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen, wie? Also müssen sie wohl oder
-übel jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was
-jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der
-Frühling! Guter Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der
-Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund
-hauche. Wie warm es haucht! Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und
-dachten, ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen Sie etwas an,
-einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist, wenn er kommt.«
-
-Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie -- und es klang wie
-ein frohes Seufzen: »Dann wächst das Gras!«
-
-Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr
-wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie
-ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust
-empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf
-Susanna.
-
-»Dann regnet es und Sie lachen!« fuhr Susanna fort. »Es regnet und Sie
-lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt
-er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt
-im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft
-ist süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher
-geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses,
-faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste
-Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe
-und Eichhörnchen, Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste
-Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! -- Ja, wie sieht es
-denn da aus?« rief sie und lachte. »Aber das ist ja alles, wenn er nur im
-Anzuge ist --«
-
-Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße
-Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige
-Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen
-in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter,
-sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben,
-und endlich schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten
-den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und
-Susannas Augen glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.
-
-Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen,
-den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz
-und Herrlichkeit --
-
-»Sie gehen in den Wald!« sagte sie fiebrisch. »Sie gehen hinein wie in eine
-Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne
-Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie
-kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie
-kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie
-kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen,
-mit einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig
-und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst,
-es wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser
-nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege
-ich stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die
-Wiese gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!«
-
-Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete.
-
-»Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,« sagte Mütterchen.
-
-»Ich meine ja nur,« sagte Susanna. »Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?«
-
-»Ja,« sagte Grau. »Sie sehen so besonders reinlich aus.«
-
-»Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich
-vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.«
-
-»Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!« sagte Grau. »Oh -- verzeihen
-Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.«
-
-Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. »Das ehrt mich!« sagte sie und sah
-Grau erfreut an. »Ja, ich liebe sie!« fuhr sie fort und rang ein wenig die
-kleinen mageren Hände. »Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still
-und geduldig. Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß
-sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen
-lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde,
-Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend
-wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend da. Können Sie sich
-eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen
-haben die Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich kann es,
-denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe
-ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen so
-sehr.«
-
-Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: »Früher, ja, früher da
-liebte ich sie.«
-
-»Jetzt nicht mehr, aber --!«
-
-Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie
-kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein
-Wort zu sagen.
-
-»Nein, aber ich protestiere!« sagte Grau.
-
-»Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen --«
-
-Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte
-es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen
-wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz
-seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen
-an den Fingern ab.
-
-Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken.
-Ihre schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen
-öffneten sich. Sie sprach mit sich selbst.
-
-»Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!« flüsterte sie. Sie
-dachte nicht, daß Grau es hören könnte.
-
-Grau erhob sich. Susanna erschrak.
-
-»Oh, es ist spät?« sagte er. »Es ist spät!« Er griff in alle Westentaschen
-und suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in
-den Mantel. Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen. »Es ist
-spät!«
-
-»Sie müssen gehen?«
-
-»Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen,
-wenn es die Damen erlauben, ganz gewiß --«
-
-»Kommen Sie bald wieder!«
-
-»Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Fräulein Susanna, es
-ist einer der schönsten Nachmittage meines Lebens gewesen -- der schönste
-vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzählt
-haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich muß,
-erlauben Sie mir, ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit
-welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!«
-
-Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. »Wie
-rasch wir Freunde geworden sind!« sagte er.
-
-»Ja!«
-
-»Adieu, Fräulein Susanna!«
-
-»Adieu, Herr Grau!«
-
-Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: »Adieu,
-Fräulein Susanna!«
-
-Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja
-nicht, wie man das Gartentürchen öffne.
-
-Grau wehrte ab. »Sie können sich eine Erkältung holen, Frau Lenz. Wie es
-doch schneit!« -- Nein, nein, der Herr wisse ja nicht --
-
-Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna halte?
-
-»Oh!« rief Grau aus, den Hut in der Hand, »ein prächtiges Geschöpf, ein
-ganz und gar wundervolles Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns
-gesagt!«
-
-Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie
-frage, was er von ihrem Befinden halte.
-
-»Eine Erkältung,« sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er
-entfliehen, und blickte auf Mütterchen herab, in deren Haaren sich der
-Schnee ansammelte. »Eine schlimme Erkältung vielleicht -- aber --«
-
-Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon über zwei
-Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfüllten Augen an.
-
-Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke, stärkende Luft, Balsam für
-Kranke. »Was übrigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl
-sagen -- und jedermann wird es Ihnen bestätigen -- mit einem Leiden kann
-man alt werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt --« Grau sprach noch
-scheuer und wich ein wenig zurück. »Übrigens der Frühling, die Sonne --« Er
-konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden sie ins Grab singen,
-dachte er.
-
-Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprüngen
-lief sie ins Haus zurück.
-
-Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er
-verfolgt werde. Sobald das kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann
-er zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel
-
-
-»Sie ist einer von jenen Menschen, für die man sein Leben lassen müßte!«
-sagte Grau, der in seinem dunkeln Zimmer auf und ab ging. »Nur um ihr einen
-einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise sein Blut
-hergeben!« Es blieb lange dunkel in Graus Zimmer, dann machte er Licht und
-schrieb an Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte Freundin,
-schrieb er. Er trug den Brief zur Post. Vielleicht kommt der Briefbote
-selten in das kleine Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte.
-Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund und Bruder gefunden
-hatte.
-
-Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die Staffeln
-hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war und der Schnee unter seinen
-Schritten knarrte, trat er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die
-Parkmauer entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen eisernen Gitter und
-merkwürdigerweise pochte sein Herz, als er dieses Gitter sah. Der Park lag
-öde und kalt. Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen in dem
-weißen Hause stand, an die Stille des Salons mit den zierlichen Möbeln und
-an den leisen Schritt, der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam
-sie. Ihre Stimme, ihre Augen -- er ging weiter, diese Erinnerung schmerzte
-ihn. Er stieg die Höhe hinauf. Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein
-paar Lichter blinzelten im Tal, als ob die Kälte sie beize wie Augen, ein
-kleiner grüner Stern sprühte am Himmel, der fast schwarz aussah. Der Wald
-begann. In ihm war es noch stiller und ganz dunkel, aber es war wärmer
-zwischen den Bäumen, die ohne jedes Zeichen von Leben dastanden und sich
-gleichsam aneinander drängten.
-
-Grau lauschte unwillkürlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit erfüllten ihn
-inmitten des winterstillen Waldes, den ein Zauber in Erstarrung versetzt
-hatte. Die Herzen all der Bäume standen still und regten sich nicht mehr
-und schienen tot zu sein. Er ging leise, nur der Schnee ächzte unter seinen
-Schritten. Und er dachte an den großen Winterschlaf, den die Erde schlief,
-die Wälder schliefen, die Quellen, selbst ganze Völker im Norden schliefen,
-die Bären in den Höhlen. Aber Gott wird die Wimper heben und vom Süden wird
-der Tauwind kommen, die Bären werden die Tatzen lecken, der Schläfer wird
-vom Ofen kriechen, die Quellen werden sprudeln und die Wälder sich
-schütteln. Auch die erstarrten Herzen dieser Bäume werden wieder zu pochen
-beginnen: Denn da ist ja nichts Totes in der Welt. Was tot ist, ist nur
-scheintot und selbst der Stein am Wege, er schläft nur.
-
-Grau blieb stehen. Ging nicht jemand an seiner Seite? Er lauschte. Nein.
-Aber hatte nicht eben eine feine Stimme in sein Ohr geflüstert? Es
-flüsterte und pochte. Es war sein Blut, das in seinem Körper strömte. Und
-mit einer Art von Schrecken lauschte er auf jenes Pochen, Pulsieren, Atmen
-in seinem Körper, das ihm Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgängen, die
-ohne sein Wissen Tag und Nacht in ihm walteten. Die Zellen in ihm
-verschoben sich, änderten sich, er wußte es nicht, eine Stelle in seinem
-Körper mochte in großer Gefahr sein, die Blutkörperchen stürzten herbei, zu
-verteidigen, zu helfen, zu heilen, die Nerven zitterten, ein unausgesetztes
-Signalsystem war in Tätigkeit, er wußte es nicht. Die Blutwelle
-überschwemmte sein Gehirn, ein vergessener Ton erwachte, ein vergessenes
-Bild, ein Gedanke formte sich, ein Wunsch irrte hin und her, flackerte,
-leuchtete Monate und Jahre, bis er ihn entdeckte, oder er erlosch
-ungesehen, unbeachtet -- und er wußte von all dem nichts! Er sprach,
-lachte, ging, er war nichts als Oberfläche, er lebte an der Oberfläche,
-während in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen wirkte.
-
-Plötzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm Kälte entgegenstürzte.
-Diese Wiese schien lebendig, bewohnt zu sein. Es war Licht auf ihr. Das
-Licht kam vom Mond, das Licht des Mondes von der Sonne -- welches Licht, um
-des Himmels willen, war es doch, das ihn, den nichtigen Wanderer, hier
-grüßte? Aus welchen Zeiten, welchen Fernen kam es? Wie, wie, wie?
-
-Er, der hier stand und nicht mehr war als eines der Millionen
-Schneesternchen, die auf einem Aste lagen, er wurde von Entsetzen gepackt,
-denken zu können und zu fühlen, daß er lebte.
-
-Denn was Leben heißt, wer hat es doch je zu Ende gedacht? Niemand. Selbst
-der schnelle, scharfe Gedanke des Weisen, er erlahmt, er erschrickt, er
-kehrt entsetzt um.
-
-Da ist zum Beispiel das Blut! Nicht seine Funktionen allein, die die
-wunderbaren menschlichen Apparate (ein Lob dem Menschen!) belauschen
-konnten. Ein Tropfen Wasser ist köstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen,
-köstlich, wer erdachte sie? Aber ein Tropfen Blut, wie --?! Das Blut
-verrichtet seine Arbeit -- sein Schöpfer sagte: schaffe! und es gehorcht --
-aber es ist zugleich wie ein Volk, hat Gebräuche, Eigenschaften,
-Geschichte, denn das Volk es ist ja aus Blut erbaut, es ist ja nichts als
-die Vergrößerung des kleinen Tropfens. War nicht ein ewiges Vergehen in
-ihm, Grau, der durch den Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblühen? Von
-Eigenschaften und Fähigkeiten, von Völkern, Geschlechtern und Rassen, wer
-weiß, wann sie lebten, woher sie kamen? War nicht ewiger Kampf,
-Unterhandlung, Waffenstillstand dieser Geschlechter in ihm? Jene Rasse, die
-vom Osten kam, vielleicht erstarb sie in ihm in dieser Minute und übergab
-ihre Waffen an ein Geschlecht, das aus dem Norden kam, mit Ketten aus
-Bärenzähnen geschmückt? Woher sollte es doch kommen, daß ihn zuweilen
-namenlose Traurigkeit befiel, ohne jeden Grund? Namenloses Glück in ihm
-aufloderte wie ein Siegesgeschrei, ohne jeden Grund? Tod und Geburt in ihm
-wie in der Welt, Kampf und Sieg. Dieses Auf und Ab, dieses Gehen und
-Kommen, dieses Laut und Leise, Fragen und Befehlen, Erschrecken und Locken,
-wie wunderbar war es doch! Wie entsetzlich und wie köstlich schön!
-
-Und doch -- das war ja noch nicht das ganze Leben in ihm, nur ein kleines
-Stück, soviel wie ein Blatt vom Walde ist, nicht mehr, nicht weniger.
-
-Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt umkreisten,
-durchdrangen, dieses Sausen des Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne
-und der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte.
-
-Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen Welt, von der er ein Teil
-war, die sich öffnete und schloß in der gleichen Sekunde vor dem
-geblendeten Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht? Oder erinnerst
-du dich nicht mehr, da du zwischen Schlaf und Wachen warst und deine Seele
-plötzlich in dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und Freude
-erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und flau bist du, sprach deine
-Seele. Und du antwortetest, gebannt von dem Unbekannten: »Ja, ja!« Deine
-Seele sagte: »Tue dies, tue das!« Und du sagtest: »Ja, ja, ich gehorche!«
-Das ist der Weg, sagte deine Seele und du sagtest: »Ich werde ihn gehen!«
-
-Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an jenen Moment, da
-plötzlich ein Auge in dir leuchtete und dich von innen heraus anblickte.
-Das Auge blickte mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war in dir
--- und du, du sprangst auf. »Ich bin ja allein!« sagtest du laut, aber du
-glaubtest dir nicht. Hattest du den Mut, zu fragen: »Wer ist hier?« Nein!
-Denn du fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten!
-
-Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle Leben, das
-wir ahnen, uns offenbarte.
-
-Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine Augen waren groß und
-leuchtend. Der Mensch geht auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr:
-er geht in der Luft.
-
-Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen, eisernen Gitter vorbei. Es war
-noch immer angelehnt. Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne
-Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem kleinen Salon ins
-Gedächtnis zurück und es schmerzte ihn, daß er nicht genug in jenes schöne,
-stolze Mädchenantlitz geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten.
-
-Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild mit aus dem Tage und das
-Bild erscheint im Traum. So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des
-Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände davor und wartete. Ja,
-worauf wartete er doch nur? Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park
-hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen Augen. »Hast du mich
-heute wiedererkannt?« rief sie. Aber je näher sie kam, desto mehr
-veränderte sie sich. Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen
-Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken, ihr zu folgen. Er
-zögerte -- aber dann folgte er ihr.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel
-
-
-Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah
-ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man
-überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte.
-Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute
-zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den
-dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der
-reichen Leute, einerlei.
-
-Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon
-einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute;
-voll von Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles
-kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu
-benutzte er die Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei
-angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann
-wollte er weiter sehen.
-
-Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine
-Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau
-Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch
-sprach er häufig bei der »ewigen Braut« vor, um mit ihr zu plaudern.
-Susanna besuchte er, so oft er frei war.
-
-Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er
-in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen
-zu sein.
-
-Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat,
-dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für
-Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm,
-so oft er das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen.
-Eisenhut ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit
-sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu;
-zuweilen schüttelte er den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau
-einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal
-kam es auch vor, daß er auf der Straße stehen blieb, Grau spöttisch
-lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst.
-Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht
-etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut
-blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu
-sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau angewidert
-abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß.
-
-Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in
-sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch
-wunderliche Dinge auf dieser Erde!
-
-Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar
-ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken
-nach Hause.
-
-Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu.
-
-Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz
-gewesen, so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn
-Unsicherheit befallen: Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken,
-was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im Schlaf? -- Er war
-unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser
-geglückt.
-
-Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte
-nicht wie das zuging. Er spielte Orgel.
-
-Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die
-Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen
-den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden
-sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an,
-ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen
-einander und küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum.
-
-Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt.
-Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm.
-Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete
-am Himmel.
-
-Nun wollte er zu Susanna gehen.
-
-Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund
-zu schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern.
-Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder
-einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war
-er schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus
-eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es
-mit seiner Freude nichts geworden.
-
-Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein
-Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände
-berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es,
-als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er
-Feuer.
-
-Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines,
-wie ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu.
-Die Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick.
-
-Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch
-blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war
-der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer -- es lockte.
-
-Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe
-ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen -- und
-doch habe ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch
-durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist.
-Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein,
-nein, wie sollte ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt
-wie heute. Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer
-fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt,
-oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen,
-oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem
-Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein
-Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen
-scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser.
-Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist
-möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in die
-Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die
-Höhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase
-und betet und ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott
-in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen
-Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja
-nicht möglich, daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht
-ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du
-deine Hand anblickst? und wenn die Vögel im Walde singen -- wie wird dir?
-Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im
-Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als
-Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch,
-Ekstase.
-
-Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene
-glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben
-gesprochen, ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken,
-was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht.
-
-Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in
-die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln
-metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er
-bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber
-die Leute kannten ihn und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr
-Anerbieten, später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch zögerte,
-trat jemand in den metergroßen Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das
-sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier
-waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier
-gab, rochen nicht.
-
-»Herr Grau?« sagte eine schöne Stimme.
-
-Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.
-
-Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr schmales
-blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie
-lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die
-Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten
-Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm.
-
-»Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!« sagte sie und
-blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein
-wenig geöffneten Lippen.
-
-Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung
-ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. »Es
-macht mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie
-freut sich so,« sagte er, sich gleichsam entschuldigend. »Sie gehen zum
-Eise, Fräulein von Hennenbach?«
-
-Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. »Ja,« sagte sie, »man muß die
-letzten Tage noch benützen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit.
-Ich habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht
-ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit benütze?«
-
-»Bitte.« Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen den Laden. Adele
-erkundigte sich nach den Formalitäten -- es handelte sich um ihre Trauung.
-Dann plauderten sie.
-
-»Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!« sagte Adele. »Ganz als ob
-Sie eine frohe Nachricht erhalten hätten!«
-
-»Das habe ich auch!« sagte Grau. »Aus weiter Ferne.«
-
-»Diese arme Susanna,« bemerkte Adele im Laufe des Gespräches, »wie es mir
-doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen
-Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und
-bescheiden ist sie doch! Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich
-ist, so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. -- Wollen
-wir den Weg zum Fluß hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.«
-
-Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die
-Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit
-zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien
-ebenfalls was sie nur konnten.
-
-Grau schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht finden,« erwiderte er, »daß
-Susanna häßlich ist. Ich muß freilich zugeben, daß ich beim ersten Anblick
-dachte, die Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint
-sie mir schön.«
-
-»Wirklich?«
-
-»Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr. Sie hat doch ganz
-wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort
-von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das
-Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie
-die Lippen öffnet?« Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.
-
-»Ja, ja.«
-
-»Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände genau betrachtet? Wie lebendig
-sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie
-doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind außerordentlich schön!
-Ich schwärme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum
-erstenmal sah, schwärme ich für sie -- ich gestehe es. Sie werden es ihr ja
-auch nicht wieder sagen,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.
-
-Adele sagte: »Wer weiß es?«
-
-»Ich würde es nicht wünschen,« sagte Grau. »Sie werden doch nicht am Ende
-glauben, daß ich gerade deshalb so aufrichtig bin?«
-
-Adele schüttelte den Kopf und lachte. »Sie wissen, daß Sie es mit einer
-Frau zu tun haben!« sagte sie scherzend. »Susanna würde all das wohl gerne
-hören, denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch gesagt, daß
-sie eine Dichterin sei und Bücher schreiben könnte. Glauben Sie das
-wirklich?«
-
-»Würde ich es sonst sagen?« Grau nickte. »Ja, das glaube ich,« sagte er.
-»Hat Ihnen Susanna schon die Geschichte erzählt, die sie über das
-Porzellandämchen in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer der
-Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschöne Sache! Als ich mein erstes
-Kind erwartete, beginnt die Geschichte dieser Porzellandame -- haha!«
-
-Adele kannte diese Geschichte. »Wenn es weht, vermeide ich es, auf die
-Straße zu gehen, erzählt Madame Ypsilon,« sagte sie. »Ich habe gar keine
-Talente,« fügte sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen
-Kopf.
-
-»Jeder Mensch hat seine Talente.«
-
-Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche Talente er ihr
-zuschreibe?
-
-»Erstens,« antwortete Grau und blickte sie an, »sind Sie sehr musikalisch,
-ich sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich auf Geräusche und Töne der Straße
-zu reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin, an Ihrem Gange
-kann man das erkennen, mehr noch an der Art wie die Bewegungen Ihres
-Körpers eine Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben die
-Fähigkeit fremde und unmögliche Dinge zu träumen, vielleicht mitunter
-grausame Dinge.«
-
-Adele sah ihn an. »Bitte, bitte!« rief sie aus und lächelte.
-
-»Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,« fuhr Grau fort, »unklare
-Situationen zu überblicken -- zuweilen geht Ihr Blick so rasch hinter den
-Wimpern hervor und unvermittelt in die Weite -- und rasch und unerschrocken
-zu handeln -- sogar tollkühn,« fügte er leiser hinzu.
-
-»Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe, für meinen Bruder um
-Entschuldigung zu bitten,« sagte Adele ablenkend. »Wegen jener Affäre im
-Elefanten.«
-
-Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das sei doch nicht der Rede
-wert.
-
-Adele blickte ihn erstaunt an. »Nicht der Rede wert?« fragte sie. »Haben
-Sie denn keinen Streit mit ihm gehabt?«
-
-»Nein, nein!« Grau lächelte.
-
-»Wie merkwürdig!« sagte Adele. »Er hat mir erzählt, Sie hätten Billard
-zusammen gespielt, er habe gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel -- und
-fast zu Tätlichkeiten gekommen,« fügte sie zögernd hinzu.
-
-Grau sah sie an. »Das ist nicht wahr!« sagte er ernst und leise, denn etwas
-beschäftigte seine Gedanken.
-
-Adele öffnete erstaunt die Lippen. »So?« sagte sie gedehnt. »Ich habe mich
-gewundert darüber -- er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die
-Geschichte mit der Flasche ist also -- nicht wahr?« Sie errötete flüchtig,
-»Ich habe bisher meinem Bruder alles geglaubt,« sagte sie mit einem Tone
-von Verwunderung und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und
-dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in
-Nachdenken versunken war. »Lassen wir das!« sagte sie, indem sie ihrer
-Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte. »Man hat mir erzählt,
-daß Sie früher Gefängnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre
-erste Anstellung?«
-
-Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine
-Mienen drückten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage
-wiederholte, fuhr er verwirrt auf.
-
-»Ich bitte um Verzeihung!« sagte er verlegen. »Allein ich kann manchmal
-vollständig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit
-beschäftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt
-Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich
-gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht
-meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für
-Kinder.«
-
-»Oh!« Adele zog wie unter einem körperlichen Schmerze die feinen schwarzen
-Brauen hoch. Sie grüßte jemand auf der Straße, dann sagte sie: »Unter
-Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie
-schrecklich muß das sein!«
-
-»Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein,« sagte Grau und blickte
-Adele an.
-
-»Ja, entsetzlich!« Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn.
-
-»Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich
-habe es einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken
-vornehm, ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht --«
-
-»Was taten Sie?« Adele sah Grau erschrocken an.
-
-»Verstehen Sie es recht,« fuhr Grau fort. »Ich habe mir eine Binde um die
-Augen gelegt -- es war in jenem Institut -- vier Tage lang -- ich tat es
-aus Interesse -- aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine
-blinden Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu
-sein -- kurzum, aber ich sage Ihnen gleich -- doch es ist besser nicht
-davon zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.« Er wurde
-plötzlich rot, dann fuhr er in anderem Tone fort: »Denken Sie daran, wie
-wir uns freuen, wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert,
-wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht
-wie die Pflanzen, unsere Seele nährt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes
-Glitzern eines Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen ohne
-diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von Hennenbach, ein Mensch
-mit zehntausend Sonnentagen und zehntausend Sternennächten in seinem Leben
-ist ein ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.«
-
-Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen Stiefeln, das Gewehr auf dem
-Rücken. Es war Eisenhut. Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg
-hocherhobenen Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus dem Etui und
-steckte sie in Brand.
-
-»Schönes Wetter, schönes Wetter!« rief er und blinzelte.
-
-»Ja, schönes Wetter!« sagte Grau.
-
-Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar nicht, und
-wiederholte: »Schönes Wetter!«
-
-»Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt, Herr Grau?« sagte
-Adele, die Eisenhut gänzlich ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den
-Spitzbart in die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer Rauch
-regungslos über dem Wege schwebte.
-
-»Es geschah auf meine Bitte hin,« antwortete Grau.
-
-Ȇbrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes dazu getrieben,
-ich hatte eine Art Vision -- oder --«
-
-»Eine Vision?«
-
-»Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des Erzählens wert.«
-
-Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen allmählich ein frisches
-Rot überzog.
-
-»Sie müssen mich recht verstehen,« sagte Grau, »was heißt das schließlich,
-eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande,
-nichts weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und
-ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen den Gräsern, das
-Wachsen der Halme, wie Zelle sich an Zelle schloß -- ganz wunderbare
-Lebensvorgänge --«
-
-»Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war müde, aber ich schlief nicht
-und plötzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der
-Kleidung eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwärts und
-vier Schritte zurück, so daß ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal
-seinen Rücken. Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich
-viele, vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein blicken
-können, durch Mauern hindurch, so sah ich in all diese Zellen hinein. Sie
-gingen hin und her, vier Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie
-hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene. Sie
-gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig, plötzlich aber blieben
-sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit den
-Fäusten an die Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das Wandern
-wieder auf.«
-
-»Wie schrecklich!«
-
-»Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich!« sagte Grau leise und schwieg eine
-Weile. Er fuhr fort: »Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder
-still, gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rücken
-zuzuwenden -- sie standen still, sage ich -- und sahen mich an. Alle auf
-einmal! All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen
-mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich
-an den Gedanken, daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser
-entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum länger als ein
-Gedanke, dann lächelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder
-ein wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln: Spöttisch,
-überlegen, verächtlich -- dann machten sie kehrt und wanderten wieder.«
-
-Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide
-auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte
-leicht widerhallten, sagte Adele: »Deshalb also gingen Sie dorthin?«
-
-»Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.«
-
-Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte
-plötzlich im Winde; denn die Höhe trat hier zurück und der Wind hatte freie
-Bahn. Ein paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend, in einer
-Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von
-Susannas Häuschen auf.
-
-»Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen nachgedacht,« nahm
-Grau das Wort wieder auf, »aber jetzt mußte ich es tun. Es war besonders
-jenes Lächeln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich
-sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich, aber all das sagt
-nicht genug. Ihr Lächeln schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen
-Gedankenlosen.«
-
-»Gedankenlosen?«
-
-»Ja,« sagte Grau, »und ich mußte immerzu an dieses rätselhafte Lächeln
-denken und schließlich kam es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte,
-was es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen über
-Gefangene und Verbrecher getragen.«
-
-»Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen sie eigentlich sind?« fragte
-Adele mit aufrichtigem Interesse.
-
-Grau sah Adele an. »Was für Menschen?« antwortete er und lächelte. »Sie
-sind genau wie andere Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich,
-nur daß sie etwas getan haben, irgend etwas, das gegen einen Paragraphen
-des Gesetzes verstieß, daß sie nicht vorsichtig genug waren und daß man sie
-packte.«
-
-Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte in die Ferne, genau
-dahin, wo jetzt die Krähen flogen; sie sagte: »Ja -- daß man sie packte,
-das ist ganz richtig, das ist wahr!« Sie lachte ein wenig seltsam.
-
-Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an.
-
-Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend gleichmütiger
-Stimme fort: »Ich sehe, Sie interessieren sich für diese Unglücklichen,
-Fräulein von Hennenbach. Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit
-falschen Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind Leute, bei denen eine
-der allgemein menschlichen Eigenschaften, Eitelkeit, Hochmut, Trägheit
-Genußsucht, Sinnlichkeit, Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit,
-Leichtsinn, Leidenschaftlichkeit -- (eine ungeheure Menge von allgemein
-menschlichen Eigenschaften zählte Grau auf, sie wollten gar kein Ende
-nehmen) -- unglücklich stark entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft,
-stärker sogar als die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung, daß alle
-Verbrecher und Sträflinge geisteskrank oder seelisch defekt sind, stimme
-ich nicht bei. Im Gegenteil, Sie finden darunter einen nicht geringen Teil,
-der sehr gesund ist, gesunder oft als die freien Menschen. Ganz prächtigen
-Leuten können Sie dort begegnen, welche Kraft, Unerschrockenheit, welches
-Feingefühl, welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie haben
-einen Tropfen krankes Blut im Körper, den der Arzt natürlich weder sehen
-noch nachweisen kann. Endlich kommen die schrecklichen Verbrecher, die als
-Teufel geboren wurden und eines Tages ein Verbrechen begehen, daß alle
-Zeitungsleser der ganzen Welt schreien: Er gehört geschlagen, gebrüht, die
-ärgste Folter müßte ersonnen werden!«
-
-»Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen mögen das wohl sein?«
-
-»Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Sie
-sind ein Mysterium, uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige
-Gespenster -- irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher Geist haust
-in ihnen, ich weiß es nicht, ich habe das noch nicht zu Ende gedacht!«
-
-Adele schüttelte den Kopf. »Nach all dem, nach Ihrer Auffassung vom
-Verbrecher,« sagte sie, »die ja sehr gütig ist --«
-
-Grau unterbrach sie. »Das Resultat von Beobachtungen, erlauben Sie, mein
-Gefühl spricht nicht mit.«
-
-Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht sein, die Verbrecher zu
-bestrafen.
-
-Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: »Natürlich! Das ist eins
-jener Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man
-diesen menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man
-heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.«
-
-»Aber --?«
-
-Grau lächelte. »Die Gesellschaft!« sagte er.
-
-»Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen, ich werde gar nicht
-von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder
-von den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft
-will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr?
-Störenfriede schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der
-Gesellschaft ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum
-allergeringsten Teil -- denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts
-anderes als ein Ring kleiner und großer Bankiers -- es ist ihr vielleicht
-ein wenig um das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von Seifen und
-Gasmotoren und Kanonen -- vielleicht nur um Bereicherung, aber auch das ist
-wohl nicht gerecht -- sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in
-Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil sie bequem und in
-Gemütsruhe leben will -- das Motiv steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann
-also Störenfriede ausschließen -- aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat sie
-das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren und sich dagegen
-verfehlten, zu erziehen -- das aber ist alles!«
-
-»Ja, aber ich verstehe nicht ganz?« warf Adele ein.
-
-Grau schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie meinen, wenn jemand mir zum
-Beispiel hundert Mark stiehlt -- ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn
-bestrafen? Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein bißchen
-Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm finden -- die Gesellschaft
-aber glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher
-gestohlen hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht.
-Übrigens keine Einzelheiten. Müssen Sie nicht immer ein Auge schließen,
-wenn Sie auf die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder
-müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen,
-fortzugehen, weit fort, zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus
-Europa kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und
-der schmutzigen Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt
-werden. Gut -- obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf
-legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang -- ohne zu
-bedenken, daß das grausamer ist als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat
-sich am Besitz, am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der Seele,
-wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie
-läßt sie vermodern und verfaulen. Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer
-Überlegung -- könnte man fast sagen -- aber der Verbrecher --? Nun?«
-
-»Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht
-wahr? Ja, aber muß denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist
-das anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all
-das am Platze war -- aber heute? Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so
-bequem und so ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser, wenn
-es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter? Übrigens haben schon
-viele Leute darüber nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in
-Amerika. Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter wird. Von
-der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.«
-
-Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll man es aber
-anstellen?« fragte sie. »Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel
-verschicken?«
-
-»Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken
-zusammen.«
-
-Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den
-Gefallenen gesund zu machen.
-
-»Schulen?«
-
-»Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen öffnen, ihn auf ein
-höheres Niveau der Anschauung vom Leben, vom Menschen, der Gesellschaft
-stellen. Frische Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in Wald
-und Feld. Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken, Steinbrüchen, das
-ist einerlei, aber sie darf nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die
-Hälfte des Tages.«
-
-Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das alles nichts helfe und der
-Verbrecher rückfällig werde.
-
-Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja, wenn er wolle, könne er ja
-sein ganzes Leben in den Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden
-spazieren gehen.
-
-Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer der Verbrecher steige,
-bei dieser linden Behandlung?
-
-Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische und ethische Bewußtsein des
-Volkes würde gerade dadurch gehoben werden.
-
-Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte Menschen, die nicht
-eine Spur von einer moralischen oder ethischen Anlage in sich hätten, es
-seien oft die schrecklichsten --
-
-»Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein Stück Gartenland.«
-
-»Ein Landhaus!« Adele lachte unwillkürlich. Grau errötete. Er blickte sie
-an. »Nun, natürlich, eine Hütte,« sagte er sanft, »da mögen sie hausen. Man
-kann sie nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen -- aber sie sind aus
-dem Wege.« Ja, die Gesellschaft müsse es sich schon einiges kosten lassen,
-wenn sie leben wolle, wie sie es wünsche.
-
-Sie standen auf der Brücke. »Leben Sie wohl nun,« sagte Adele. »Das
-Gespräch hat mich angeregt, ich danke Ihnen.«
-
-»Ich danke Ihnen!« wehrte Grau ab. »Nicht weil Sie mir so aufmerksam
-zuhörten, sondern für Ihr Interesse an diesem Gegenstand, Fräulein von
-Hennenbach.« Das sagte er mit einem warmen Blick.
-
-»Wie lange waren Sie denn bei den Gefangenen?«
-
-»Leider nur ein Jahr.«
-
-»Leider?«
-
-»Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber es hat sich nicht so
-gefügt.«
-
-»Weshalb?«
-
-Grau lächelte. »Die Wahrheit ist die,« sagte er, »ich habe eine Broschüre
-geschrieben, die einiges Aufsehen erregt hat, und man hat mich zur Strafe
-versetzt.«
-
-»Ah!« Adele gab ihm die Hand.
-
-Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt: »Ich sehe Sie dann
-und wann in Ihrem Parke gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen
-Sie ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis an die Mauer, es war ein
-japanisches Kostüm denke ich --«
-
-Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag bestimmt. Sie liebe
-es sich zuweilen phantastisch zu kleiden.
-
-»Einmal da gingen Sie ganz in Gold,« fuhr Grau fort, »es sah aus als ginge
-ein Sonnenstrahl im Park spazieren, möchte ich beinahe sagen.« Er sah Adele
-lange an und dann nickte er. »Ich denke zuweilen an Sie,« sagte er
-aufrichtig mit einem Lächeln auf den knabenhaften Lippen, »ich wünsche, daß
-Ihr Leben reich und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich habe
-stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe, Fräulein von
-Hennenbach, denn ich hatte einst einen sonderbaren Traum von einer Frau,
-der Sie sehr ähnlich sind --«
-
-Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu
-verbergen. »Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzählen?«
-
-Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. »Leben Sie recht wohl.« Er
-lächelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen
-roten Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen hinab. Er
-hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen, der heftig über die Felder blies.
-
-Susanna hatte sich geschmückt.
-
-
-
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-Sechzehntes Kapitel
-
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-Ein Sonnenstrahl leuchtete in Susannas Stube umher, als Grau eintrat. In
-Mütterchens Glasschrank, dessen Scheiben halb blind waren, wurde es auf
-eine Weile tageshell und man sah all die Teller und Tassen, die da standen.
-Auf dem Fensterbrett, dem Tisch und der Kommode standen Blumen, Tulpen,
-Hyazinthen und ein kleiner blühender Baum, der genau wie ein blühender
-Kirschbaum in kleinem Format aussah, die Blumen glänzten und lächelten als
-der Sonnenstrahl sie berührte und die roten Tulpen glühten als hauche man
-auf rote Glut.
-
-In der Mitte ihres Gartens saß Susanna und lächelte. Der Sonnenstrahl
-beleuchtete ihr Gesicht und ihre Augen glänzten wie dunkles Kupfer. Sie
-hatte sich geschmückt.
-
-Um die Ärmel ihres schwarzen Kleides hatte sie Spitzen genäht, um die
-Schultern hatte sie ein goldgelbes Seidentuch gelegt, es warf einen warmen
-Widerschein auf ihr schmales Gesicht. Hinter dem Kopfe lag ein weißes
-Kissen. Es mochte sein, daß sie sich schlechter fühlte, aber man konnte
-auch glauben, daß das weiße Kissen den Zweck habe, die schwarzen Haare mehr
-zur Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit größter Sorgfalt frisiert,
-sie glänzten von irgend einer Salbe, die Zöpfchen, die über die Ohren
-herabhingen, waren zu Bändern geflochten, und man konnte sich recht gut
-vorstellen, wie lange solche kleinen müden Hände wohl dazu brauchten.
-
-Sie lächelte als Grau eintrat und ihre Augen glänzten ihm entgegen.
-»Willkommen, mein Freund! Aber da haben Sie sich ja trotz meines Verbotes
-wiederum Ausgaben gemacht!« Sie drohte ihm mit den Finger.
-
-»Entschuldigen Sie nur, Fräulein Susanna!« sagte Grau und lachte, indem er
-die kleine Tulpe auf den Tisch stellte. Er legte den Mantel ab, hauchte auf
-die Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Füßen, ganz als ob er zu Hause
-wäre. »Welche Kälte, dieser Winter scheint kein Ende zu nehmen. Nun, wie
-geht es?« Er gab ihr die Hand.
-
-»Gut. Ich habe sehr gut geschlafen.«
-
-»Ich danke Ihnen für Ihren Brief, Fräulein Susanna!« sagte Grau und hielt
-Susannas Hand. »Welch ein schöner und unvergeßlicher Brief!« Sie habe sich
-gedrungen gefühlt, ihm zu schreiben, denn sie vergäße so vieles zu sagen
-und manches lasse sich auch nicht erzählen. »Was gibt es neues?« sagte
-Grau.
-
-Endlich entzog ihm Susanna sanft die Hand.
-
-»Sie sollten sich am Ofen wärmen,« sagte sie mit ihrer hohen feinen Stimme,
-»Sie sehen ganz durchgefroren aus!«
-
-»Ja, neues? Mütterchen hat Streit mit Herrn Eisenhut gehabt; zum
-hundertsten Male hat er gedroht, ihr zu kündigen.« Dann die Blumen. »Die
-weiße Hyazinthe steht so matt da. Übrigens sie riecht am allerfeinsten. Sie
-riecht wie ein feiner Apfel, nur noch feiner. Die weißen haben überhaupt
-den feinsten Duft, die blauen oder roten, auch sie riechen fein, aber es
-ist nicht das gleiche. Betrachten Sie die gelbe Tulpe. Sie hat ihre meisten
-Tage gesehen, sie stirbt. Sehen Sie, wie sie verzweifelt den Kelch öffnet?
-Aber so riechen Sie doch daran -- wie feinster Zimt, nicht wahr?«
-
-»Hören Sie, welch prächtige Menschen es doch auf der Welt gibt!« rief Grau
-aus. »Da haben Sie diese alte Frau Sammet. Was tut sie, diese arme
-Kirchenmaus? Heute kommt sie wieder zu mir und bringt zwölf Eier und ein
-halbes Pfund Butter. Ja, sage ich, was soll das eigentlich? Jetzt sind Sie
-erst vor acht Tagen dagewesen? Sie legt die Eier auf den Küchentisch und
-die Butter, aber sie rückt nicht mit der Sprache heraus. Es ist Montag,
-sagt sie. Sie nimmt auch kein Geld. Es ist Montag, sagt sie, sonst nichts.
-Also scheine ich jeden Montag meine zwölf Eier und das halbe Pfund Butter
-zu bekommen -- ist Ihnen so etwas schon im Leben passiert?«
-
-»Sie ist Ihnen so dankbar, die alte Frau,« sagte Susanna, »sie weint, so
-oft sie von Ihnen spricht.«
-
-»Ah!« sagte Grau und lachte und wandte sich ab. »Da haben Sie es, sie ist
-ein altes Weib. Wofür, um Gottes willen, sollte sie mir zu danken haben?
-Nun rennt sie meilenweit in den Dörfern umher, um ihr bißchen Brot zu
-verdienen, und bringt mir jeden Montag zwölf Eier und ein halbes Pfund
-Butter -- ja, vielleicht ist es ein Pfund, wer weiß es -- für nichts, für
-rein nichts, solche Menschen gibt es unter der Sonne.«
-
-»Sie soll jetzt eine große Kundschaft haben. Sie hat sich einen kleinen
-Handwagen angeschafft. Das alles hat mir Adele erzählt.«
-
-»Fräulein von Hennenbach?«
-
-»Ja, sie war hier. Sie hat viel von Ihnen gesprochen.«
-
-»Wie freundlich von ihr.«
-
-»Adele hat mir das seidene Tuch hier geschenkt, auf eine kleine Äußerung
-hin, auch die Spitzen hier. Ich habe nur gesagt, die Ärmel des Kleides
-sehen so kurz aus. Von ihr habe ich eine ganze Menge Neuigkeiten!« Susanna
-lächelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren pechschwarzen Augen glänzten
-goldene Funken, Reflexe des Seidentuches. »Sie haben die alte Frau Sammet
-auch aufgefordert im Pfarrhaus zu wohnen, ist es nicht so?«
-
-Grau sah erstaunt auf. »Grundgütiger Himmel, welch eine Stadt ist das
-doch!« sagte er. »Jeder Pflasterstein scheint ein Ohr zu haben. Ja, ich
-habe der alten Sammet dieses Anerbieten gemacht, weil ich vier Zimmer habe
-und weil ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein wenig in der Wirtschaft
-helfen --«
-
-»Aber Sie tun ja alles allein, nicht einmal die Stiefel lassen Sie sich von
-der Küstersfrau putzen.« Susanna lachte.
-
-Susanna lächelte. »Wenn Sie wüßten, was ich alles erfahren habe! Ja, bei
-Gott, das ist eine Stadt, jeder Pflasterstein scheint ein Dutzend Ohren zu
-haben, da haben Sie recht!« Sie lachte und klatschte ein wenig in die
-Hände. Dabei verrückte sich das Kissen hinter ihrem Rücken und Grau eilte,
-ihr behilflich zu sein. Aber Susanna wurde dunkelrot und wehrte ab. Sie
-wollte nicht, daß er sehe, daß sie ausgewachsen war. »Es betrifft ihn,
-Herrn Eisenhut,« fuhr sie leise fort, »er ist hier und Mütterchen spricht
-mit ihm -- wegen einer Rechnung von zwölf Mark ist ein langwieriger Krieg
-zwischen den beiden ausgebrochen -- es betrifft ihn. Sie wissen nicht, was
-ich meine? Nein? Wie klug Sie es auch angestellt haben, es ist doch bekannt
-geworden. Ja, zuerst haben Sie einen Schulknaben herausgefischt und ihm das
-Versprechen abgenommen, nicht mehr hinter Herrn Eisenhut herzulaufen und
-Spottlieder zu singen, auch das Versprechen, daß er niemandem etwas sagen
-sollte, daß Sie mit ihm sprachen -- dann einen zweiten und dritten und auf
-diese Weise alle zusammen, aber es ist doch bekannt geworden.«
-
-Grau zog die Brauen zusammen, seine Augen wurden groß, er sah
-niedergeschlagen und unglücklich aus. »Es ist also glücklich
-herausgekommen, wie?« sagte er leise. »Ich hätte es mir denken können, wenn
-ich ein klein wenig mehr gedacht hätte, so hätte ich es mir -- ja, es war
-ein schlechter Einfall. Auf diese Rangen ist kein Verlaß! Ich habe gedacht,
-sehen Sie, es war so, ich habe es gesehen, wie sie hinter Eisenhut
-herliefen und sangen. Er war ein wenig angetrunken. Sie sangen und schrieen
-und tanzten, grausam, wie Kinder sein können, die Polizei wollte sie
-verjagen, aber das gelang natürlich nicht, und nun sah ich, daß Eisenhut
-sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebärde machte. Diese Gebärde
-aber und vor allem sein Blick -- nein, wie dumm ich es aber angestellt habe
---« Er schüttelte den Kopf und sah auf den Boden.
-
-Susanna aber lächelte und begann von neuem: »Sodann sagen die Leute, Sie
-seien eine Art Freidenker und gar kein Geistlicher, wie er sein soll. Auch
-sagt man, Sie lebten in Feindschaft mit dem Dekan in Weinberg.«
-
-Grau schien gar nicht zuzuhören. Er blickte zum Fenster hinaus. Der Schnee
-sah eigentümlich rot aus und die Wolken waren kupferrot und drohend. Aber
-rasch erblaßten die Farben und ein schweres düsteres Grau schlug über die
-Erde zusammen. Nun wurde das Feuer im Ofen lebendig und tauchte Susannas
-Gesicht in zarte huschende Glut.
-
-Grau sah Susanna an und lächelte. »Wie schön das Feuer doch Ihr Gesicht
-macht,« sagte er leise, gleichsam als spräche er für sich selbst. Dann
-sagte er: »Was ist doch mit der Bank, von der Sie in Ihrem Briefe
-schrieben? Sie nannten sie >meine< Bank, es muß also eine ganz besondere
-Bewandtnis mit der Bank haben? Wollen Sie mir nicht davon erzählen?«
-
-Susanna zögerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen mit der kleinen Spitze
-ihrer Zunge an und begann: »Wenn man um das Haus herum geht, über den Bach
-hinüber und dann die Höhe hinaufsteigt, so kommt man an diese Bank. Hier
-saß ich schon mit zwölf Jahren. Aber nur dann und wann. Später öfter und
-endlich saß ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank. Die Bank liegt so
-hoch! Von ihr aus sieht man ein Stückchen von der Stadt und das sieht so
-friedlich aus, jenes Stückchen, mit den alten Häusern und den vielen
-rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstraße weit hinab ins Tal
-ziehen und man sieht auch das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, daß man
-über das Bahnhofgebäude hinweg noch die Waggons auf den Rangiergeleisen
-stehen sieht. Noch etwas gutes hat die Bank, sie liegt so versteckt, müssen
-Sie wissen, daß jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen zu sehen.
-Dann hat sie auch im Sommer ein ordentliches Dach aus grünen Blättern, so
-daß es nicht durchregnen kann. Das ist gut. Hier saß ich und blickte über
-das Land hinaus und träumte. Ich träumte -- ja, mein Gott, ich träumte alle
-möglichen Dinge hier oben. Ich war jung, ich war fröhlich! Ich träumte und
-träumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen Träumen. Was war es doch,
-ja, was sollte es sein? Was wollte ich hier und was nagte an meinem Herzen?
--- Ich wartete! Ich wartete! Das war es, ich wartete und wußte nicht,
-worauf ich wartete. Ich wußte es lange nicht, hören Sie, so lange,
-vielleicht zwei Jahre lang nicht. Aber ich wartete und ich dachte: Ja,
-worauf wartest du denn eigentlich? Ich wußte nur, daß ich wartete. Was
-sollte denn kommen, wie und wann denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich saß
-da und wartete, wartete und die Sonne ging unterdessen unter. Ich glaube,
-es gibt keinen Menschen auf der Welt, der so oft in die untergehende Sonne
-blickte wie ich! Auf der Landstraße kam ein Wagen daher, ein Fußgänger, ein
-Trüpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es das? Ich blickte hin und her,
-weit hinein ins Land, weit hinab die Straße. Nun war die Sonne gesunken,
-ich ging nach Hause. Aber etwas in mir wartete unausgesetzt, auch auf dem
-Weg nach Hause, auch zu Hause, aber richtig und bestimmt wartete ich
-eigentlich nur oben auf der Bank.« Sie schwieg.
-
-»Weiter?« sagte Grau leise. Er saß und sah sie an.
-
-Susanna feuchtete wieder die Lippen mit der Zungenspitze und fuhr fort: »Da
-saß ich Tag für Tag, da droben auf der Bank, sah die Sonne sinken, und
-wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. So ging der Frühling und der
-Sommer und der Herbst und so ging der Winter. Ich wartete. Die Tage wurden
-lang, die Tage wurden kurz. Das konnte man so gut beobachten, am Expreßzug
-nämlich. Ich höre ihn auch jetzt noch jeden Nachmittag rauschen, aber ich
-kann ihn nicht mehr sehen, nur die kleine Postkutsche, die gelbe, die sehe
-ich jetzt. Im Sommer da war es lichter Tag, wenn er kam, er tauchte auf als
-kleiner Punkt zwischen den Feldern und roten Dächern der fernen Dörfer,
-flog heran und flog in die Ferne und ließ nichts zurück als einen kleinen
-Schreck und ein feines Klingen in der Luft. Im Frühling und Herbst da kam
-er in der Dämmerung, und im Winter da kann man ihn gar nicht sehen, nur ein
-feuriger Streifen fliegt vorüber und man hört ihn donnern, viel lauter als
-im Sommer. Da fing es immer mit den Träumen an, wenn ich ihn sah, und ich
-hatte Sehnsucht mit ihm zu fahren. Ich reise leidenschaftlich gern, aber
-ich bin nie weit gekommen und nur zweimal kam ich fort. Ich und Mütterchen
-zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei, unsere Billete in der Hand --
-er sollte ja extra für uns beide halten! Ja, großer Himmel, wie oft habe
-ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mütterchen und ich zusammen
-gemacht! Und denken Sie sich, daß der Zug extra für uns zwei anhalten
-sollte, alles würde erstaunt sein, die Beamten, die Leute, auch die
-Reisenden, daß er hält in dieser kleinen Stadt, nicht wahr, ausnahmsweise
-sollte er anhalten. Vielleicht würde nun kein Platz sein und ein
-freundlicher alter Herr würde sein Reisegepäck ins Netz legen und zu
-Mütterchen sagen: Wollen Madame nicht Platz nehmen? Vielleicht wäre es ein
-Franzose und er würde uns französisch ansprechen. Vielleicht aber würde nun
-noch nicht Platz für mich sein und der freundliche alte Herr würde die
-Zeitung zusammenlegen und sagen: Wollen Sie nicht meinen Platz nehmen?
-Mille merci, monsieur, würde ich sagen, ich stehe sehr gern und sehe zum
-Fenster hinaus. Der Zug kommt von Paris und geht nach Wien, und von Wien
-geht er weiter -- immer weiter, bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele
-Nächte schläft man wohl, bis er endlich, endlich hält? Nun, was gibt es da
-nicht zu träumen? Man konnte einmal nach Paris fahren, einmal aber nach
-Konstantinopel, wie man wollte. Paris, Paris, dachte ich, so weit ist es,
-so fern, es lockt, schon der Name, nicht wahr? Und ich dachte an Paris und
-ich stellte es mir vor wie eine Stadt, in der immer ein Feuerwerk ist und
-die Leute Feste feiern und in den Straßen ziehen, als ob jeden Tag ein
-König zu empfangen wäre. Welche Hüte sie dort tragen, welche Kleider, wie
-sie sich verbeugen, verneigen und alle fein und graziös sprechen und so
-schnell, daß niemand sie verstehen kann. Dann müßte es auch hohe spitze
-Türme haben, die in der Sonne funkelten, denn die Dächer der spitzen Türme
-waren vergoldet. Und die Museen so still, so kühl, grüne Grotten, und da
-müßten die Statuen aus Marmor stehen, so schön und so alt, und die sie
-meißelten sind lange tot. Von daher kommt der Zug, und er saust und saust
-und zuweilen heult er in großen Bahnhöfen und wenn Sie hinausblicken, so
-blenden Sie all die vielen Bogenlampen, die da hängen. Aber je weiter er
-nach dem Osten fährt, desto niedriger werden die Häuser und ich stellte mir
-die fremden Städte vor, viele, viele fremde Städte mit dicken, runden
-Türmen und roten und gelben Dächern. Sogar die Menschen stellte ich mir
-kleiner vor, dick mit runden Backen, in gelben und roten Kleidern. Wenn Sie
-nun hinhorchen, was sie sprechen, so verstehen Sie keine Silbe mehr, denn
-sie sprechen alle eine fremde Sprache. Plötzlich aber hielt der Zug und da
-sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, viele Sonne und -- Palmen! Die
-Sonne ist wie ein heißer Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie die
-Sonne und Sie fühlen, wie Sie warm werden und glühen durch und durch und
-plötzlich kommt ein neuer Geist über Sie. Können Sie sich diese Sonne
-vorstellen, die ich meine?«
-
-Sie blickte Grau an und wartete. Über ihr Gesicht huschte der Schein des
-Feuers. Sie zog das Tuch um die Schultern, als ob sie friere, und wandte
-die großen Augen dem Feuer zu. Sie lächelte.
-
-»Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine, gerade diese
-Sonne?« fragte sie, da Grau nicht antwortete.
-
-»Ja,« sagte Grau mit auffallend tiefer Stimme. Das aber war wahr, denn er
-sah diese Sonne vor sich, gerade diese Sonne -- er, der so viel von Licht
-und Sonne träumte -- er sah diese Palmen, in einem Nebel von Sonne zittern,
-genau wie Susanna es beschrieb.
-
-Susanna lächelte und fuhr mit hoher, dünner Stimme fort: »Die Leute aber
-haben einen Turban auf, rot oder grün oder gelb, mit Edelsteinen übersät,
-und sie rauchen aus langen Pfeifen. Sie sehen aber so aus als ob sie in
-Teppiche gehüllt wären, und nun können Sie sich wohl vorstellen, wie das
-blitzt und funkelt, zumal wenn die Pfeifen aus Gold und Silber und mit
-Edelsteinen besetzt sind -- und wie hübsch sich der Rauch aus dieser
-Unmenge von Pfeifen in der Sonne ausnimmt. Die Türme sind spitz wie Nadeln
-und funkeln ebenfalls, es gibt viele, viele Kuppeln aus farbigem Glas, die
-Sonne leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so daß alles durchsichtig
-aussieht, die Türme, die Kuppeln, die Leute, die Gesichter, die Palmen, die
-Kamele und Elefanten -- denn da gibt es unzählige! -- die Pfeifen -- können
-Sie sich das vorstellen?«
-
-Je mehr Susanna sprach, desto glänzender und größer wurden ihre schwarzen
-Augen, und je mehr sie von der Sonne sprach, desto mehr fröstelte sie.
-Zuweilen sprach sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hände
-beschrieben alles mit, was sie erzählte. Wenn sie Turban sagte, so tat sie,
-als schlinge sie sich ein Tuch um die Stirne, sprach sie von den Pfeifen,
-so fuhr sie wagrecht von den Lippen aus mit den Fingerspitzen in die Luft,
-dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf ließ sie die Finger
-emporwirbeln, daß man den Rauch ordentlich emporsteigen sah. Sprach sie von
-den Elefanten, so machte sie die Augen klein und listig und zeichnete sich
-einen langen Rüssel an die Nase. Meistens aber sprach sie hastig, wie im
-Fieber, und ihre eingesunkene schmale Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren
-Wangen erblühten giftige Rosen.
-
-Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen, ihre Augen fieberten,
-ihr Mund lächelte.
-
-»Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt. Mütterchen bekommt
-Angst. Was will er nur? fragt sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine
-Tasche tragen, Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen
-Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir, Mütterchen, und
-plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie, ich spreche türkisch! Ich öffne
-den Mund und es geht, ich verstehe, ich spreche. Haha -- Mütterchen steht
-da und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen und lachen über sie.
-Ich aber erkläre ihnen, daß das meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die
-Pfeifen aus dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur -- bis zur
-Erde --«
-
-Susanna hielt inne und lauschte.
-
-Man hörte Mütterchen in der Küche draußen mit Geschirr klappern. Man
-vernahm auch Eisenhuts Stimme. Er sagte etwas und Mütterchen machte pst,
-pst! Aber Eisenhut kümmerte sich nicht darum. Er sagte laut: »Ach was!
-Machen Sie doch keine solche Wirtschaft! Es ist sein Beruf Krankenbesuche
-zu machen, dafür wird er ja bezahlt, punktum.« Er sagte es absichtlich
-laut, damit man es durch die Türe höre. Mütterchen schrie leise auf und
-sagte: Pst, pst! Eine Tasse klirrte am Boden und Eisenhut lachte belustigt.
-Er meckerte nicht, er lachte ganz anders als sonst.
-
-Es war still im Zimmer und man hörte die kleine Uhr ticken und schnarchen,
-denn die kleine Uhr hatte die Angewohnheit zuweilen zu schnarchen, als ob
-sie aufatme.
-
-Susanna errötete, ganz langsam stieg ihr das Blut ins Gesicht, während sie
-die großen Lider niederschlug, die an die Lider eines Vogels erinnerten.
-Sie saß still, bewegungslos und wagte kaum zu atmen.
-
-»Wie geht es weiter mit Ihren Türken?« fragte Grau.
-
-Aber Susanna wandte ihm den Blick zu, mit einer hilflosen Bewegung der
-Hände flüsterte sie hastig: »Er hat getrunken, Sie hören es am Lachen. Er
-hat auch sein Gewehr dabei, da steht es zumeist schlimm um ihn. Dann kann
-er so boshaft sein, so schrecklich boshaft.«
-
-Grau lachte. »Er wollte Mütterchen erschrecken, das tut mir leid,« sagte er
-absichtlich laut. »Was seine Bemerkung anbetrifft, so weiß er recht gut,
-daß ich so etwas richtig auszulegen verstehe. Er weiß es recht gut, denn er
-ist klug, Herr Eisenhut!«
-
-Eisenhut räusperte sich in der Küche.
-
-»Freilich! Sie sind so vernünftig,« hauchte Susanna. »Nun wird Mütterchen
-sich aber nicht ins Zimmer wagen?«
-
-»Klingeln Sie ihr!«
-
-Susanna klingelte und Mütterchen erschien zaghaft in der Türe. Sie trug ein
-Servierbrettchen in der Hand.
-
-»Die Zeitung -- die Zeitung, nehmen Sie die Zeitung nur mit!« rief
-Eisenhut, dessen gerötetes Gesicht in der Türspalte erschien. Er beugte
-sich vor und legte ein Zeitungsblatt auf das Servierbrett. »Für ihn, für
-Herrn Grau!« fügte er hinzu und lachte und zog die Tür zu.
-
-Susanna wurde glühend rot. Mütterchen wagte Grau nicht in die Augen zu
-blicken. »Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?«
-
-Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mütterchen und Mütterchen
-schlich sich wieder hinaus.
-
-»So ist es gut!« sagte Susanna mit einem dankbaren Blick. »Nun ist sie
-glücklich! Was ist es denn mit der >Zeitung<?« fragte sie. »Was will er nur
-damit?«
-
-Grau fand eine angestrichene Notiz: Der Geselle Anton Hammerbacher hat vor
-dem Vormundsgericht die Vaterschaft des Kindes der Dienstmagd Margarete
-Sammet eingestanden. An den Rand hatte Eisenhut geschrieben: »Seiner
-Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken -- hahaha! Eisenhut!«
-
-Grau verbarg rasch sein Erstaunen.
-
-»Aber Ihre Notiz in der Zeitung?« sagte Susanna.
-
-Grau zuckte die Achseln. »Man kann sich täuschen,« sagte er, »aber kümmern
-wir uns nicht um diese Geschichten, Fräulein Susanna!« Wie sonderbar,
-dachte er, deshalb hat wohl Herr Eisenhut getrunken, weil diese Notiz
-erschien! Ein merkwürdiger Mann! Er lächelte und wandte Susanna den Blick
-zu und sie mußte ihn ansehen. Susanna besann sich, was Graus Blick zu
-bedeuten habe.
-
-»Sie haben nicht zu Ende erzählt.«
-
-Susanna schüttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe sie verloren.
-
-»Sie haben angefangen, Sie müssen fortfahren,« beharrte Grau und sah
-Susanna in die Augen, »bis ans Ende müssen Sie erzählen. Sie sind übrigens
-plötzlich mit dem Expreßzug davon gefahren, und was ist aus Ihrer Bank
-geworden? Die haben Sie wohl ganz vergessen?«
-
-Susanna sah ganz erschrocken aus. Ja, bei Gott, da habe sie gänzlich diese
-Bank vergessen! »Wie aufmerksam Sie doch zuhören?« sagte sie und richtete
-sich auf. »Ich habe die Bank vergessen, das ist wahr. Ich -- ja, lassen wir
-die Türken sein. Was wollte ich doch bei den Türken? Ich werde Ihnen
-erzählen, denn ich muß Ihnen alles sagen. Ich muß! Sprechen Sie, wie ist
-das: Sie sagen, erzählen Sie, Sie sagen ein kleines Wort und ich muß Ihnen
-folgen. Sie sehen mich an und ich muß. -- Adele hat mir erzählt, Sie sind
-bei einem schwerkranken Flickschneider gewesen, der vor Schmerzen nicht
-schlafen konnte, und Sie haben zu ihm gesagt: >Schlafen Sie< und sahen ihn
-an. Da schlief er.«
-
-Grau schüttelte den Kopf.
-
-»Doch!« sagte Susanna. »Die ganze Stadt spricht darüber, selbst die Ärzte,
-denn sie konnten ihn ja nicht mehr einschläfern.«
-
-Grau lächelte.
-
-»Er schlief ja fast schon, Fräulein Susanna. Da legte ich ihm die Hand auf
-die Stirn und sagte: Schlafen Sie -- das ist alles.«
-
-Susanna lachte und hustete. »Ich sagte ja ganz dasselbe, mein Freund,
-nichts andres. Es ist ja so merkwürdig mit Ihnen. Sie kamen zu mir herein
-und sofort begann ich zu erzählen, Dinge, die ich noch niemand erzählt
-habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aber ja, ich will fortfahren, lassen
-Sie mich alles sagen. Es tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Türken,
-nicht wahr? Bei den Träumen, ja.«
-
-»Die Sie träumten, während Sie auf der Bank da droben saßen und warteten.«
-
-»Ja, als ich wartete.«
-
-»Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf sie warteten. Vielleicht
-zwei Jahre lang wußten Sie es nicht.«
-
-Susanna lächelte fein. »Wie gut Sie aufmerken!« wiederholte sie. »Jedes
-Wort wissen Sie. Ja, damit fing ich an und dann vergaß ich es ganz und
-verlor mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß ich den Faden der
-Erzählung verliere, mein Gedächtnis wird sehr schlecht, auch ist es mir oft
-so schwer mich zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete, sagte
-ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling ging, Sommer ging,
-Herbst ging, Winter ging -- die Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend
-saß ich da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen, worauf. Ich spann
-Träume, ich träumte all diese Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer
-neues, immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht aus. Es blieb eine
-große Leere und diese große Leere habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in
-der Brust, gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das Warten.
-Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war ich ungeduldig. Es gab
-manches in unserer Familie, nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie
-Vater seine Stellung aufgab -- da litt ich, für Vater, für Mütterchen, wir
-standen so allein, wir zwei, und mußten uns verkriechen und allein sein.
-Wir wollten es auch so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber ich
-sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn Mütterchen, hören Sie, sie
-kann ja auch aus nichts etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war nie
-ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse etwas Geduld haben. Es konnte
-nicht so bald kommen, wiederum aber konnte es doch schon morgen oder
-übermorgen da sein. Und ich sehnte mich und wartete. Und endlich, endlich,
-da wußte ich, worauf ich wartete. Ich wartete auf etwas Seltenes!«
-
-Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen waren groß und glühend.
-»Seltenes!« wiederholte sie und sie sprach das Wort aus wie ein
-unheimliches fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und indem
-sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: »Auf etwas Seltenes und Großes! Nicht
-auf etwas Alltägliches, nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den
-Menschen kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so groß und
-selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber was würde wohl größer, süßer
-und seltener sein, als eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so
-unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare, dieses Seltene vor.
-Es erfüllte mich, es blendete mich und oft schlug ich die Hände vors
-Gesicht und lachte und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend
-und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?«
-
-Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab, das Lächeln irrte hin und her
-auf ihren Lippen, sie senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu:
-»Und ich träumte davon -- wie es wohl sein würde -- wenn das Seltene mich
-verklärte -- wenn es mich niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere --
-niederbeugen -- wie der Tau -- der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt
--- wenn der große Tag erschien, da es kann --«
-
-Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber
-dann, mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände
-heftig vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte sich wie unter
-einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drückte sich
-auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und
-mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau erschrak und vom Stuhle
-auffuhr. Susanna krümmte sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die
-Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper zu beben.
-Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie
-nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen.
-
-Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der
-Brust. Es war kalt hier außen, die Dämmerung war grau und des Winters
-trübes, vergrämtes Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt.
-
-Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie
-reichte ihm die Hand hin und sagte: »Vergessen Sie es. So töricht war es
-von mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen! Es ist ja nicht so,
-schon lange ist es ja nicht mehr so.«
-
-»Erzählen Sie weiter!« sagte Grau leise und blickte Susanna an.
-
-Und Susanna fuhr fort: »Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um
-Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage
-gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und
-Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen.
-Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir.
-Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl
-noch ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht
-mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir etwas schwer wurden. Und jetzt?
-Jetzt weiß ich, daß es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens, wie
-jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch -- zuweilen klingt
-es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!«
-
-Sie lächelte und blickte Grau an.
-
-Und Grau sagte leise: »Warum sollte es nicht mehr kommen?«
-
-Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schüttelte
-sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: »Nein, ich glaube es nicht mehr,
-das ist es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme, jetzt hoffe ich
-zuweilen noch -- ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch --
-aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt
-vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche. Einen Wunsch
-habe ich noch, wissen Sie welchen?« Aber ehe Grau antworten konnte, fügte
-sie hinzu: »Ich möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.«
-
-Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. »Hören Sie, Fräulein
-Susanna,« sagte er und lachte halblaut, »hören Sie, Fräulein Susanna,«
-wiederholte er und lachte, »Sie sind bescheiden, das muß man sagen, zu
-bescheiden!«
-
-Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken.
-
-Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte. »So übermäßig bescheiden
-brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt
-sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris
-sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den kühlen,
-grünen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer Nebel
-ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie und Mütterchen, wer kann es
-denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in
-der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und müde,
-aber sobald es Frühling wird -- meine Freundin, meine liebe Freundin?«
-
-Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich langsam mit Traurigkeit.
-Sie schüttelte langsam den Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie
-sagte nichts.
-
-»Sobald es Frühling wird,« wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen
-bannenden Ausdruck an, »da werden Sie ganz anders denken!« Er lächelte und
-begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts mehr. Die Uhr tickte und
-schnarchte und in der Küche draußen gackerten die Hennen, die gefüttert
-wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in
-tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er
-betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den
-Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich ging Grau auf
-Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht
-und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls
-und blickte Susanna lange an.
-
-»Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe geträumt?« fragte er
-flüsternd.
-
-Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich viel dunkler aus, sie
-errötete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an.
-
-Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann
-verabschiedete er sich hastig. »Grüßen Sie Mütterchen, Susanna,« sagte er.
-»Auf Wiedersehen.« Er ging.
-
-Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er am Türchen stehen und
-zögerte es ins Schloß zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da
-erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das
-Türchen ins Schloß und ging rasch weg.
-
-
-
-
-Zweiter Teil
-
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-
-Der Liederkranzball bildete den Glanzpunkt des gesellschaftlichen Lebens in
-der kleinen Stadt und kehrte seit undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie
-der Faschingsmontag. Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun dabei war, am
-Hotel stand und die Masken hineingehen sah, oder nur die Berichte des
-»Gauboten« las, der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich
-brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der »Gaubote« als Programm
-angekündigt: Im Reiche der Mitte. »Nachdem am Sonntag ein lustiges
-Maskentreiben die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden Straßen
-unserer geliebten Vaterstadt erfüllte --«
-
-Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein paar Hanswurste mit
-Schweinsblasen knallten und ein als Frau verkleideter Schlotfegergeselle
-auf einem Fahrrade hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern, die
-als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in den Straßen
-einherstolzierten.
-
-Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde sich kaum lohnen, wenn
-sich dabei nicht einige recht sonderbare Dinge ereignet hätten.
-
-Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden, aber er hatte keine
-Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte den Abend in der Gesellschaft von
-Susanna und Mütterchen.
-
-Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von seinem Freunde, dem
-Gefängnisdirektor, seinerzeit auf die Reise mitbekommen hatte, sie tranken,
-lachten und plauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht. Es war
-schon spät als Grau aufbrach um nach Hause zu gehen. Er schritt über den
-Marktplatz und plötzlich bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer
-niedrigen Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade vor dem
-festlich beleuchteten »Elefanten« und blickte ins Tor hinein. Es war
-Hammerbacher. Grau blieb stehen.
-
-Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte ihn aber nirgends finden.
-So viel er hörte, hatte der Geselle seine Stelle verlassen und trank mit
-einigen Burschen in den Wirtschaften der Umgebung -- seit jenem Tage, da
-die Notiz in der Zeitung gestanden hatte.
-
-Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den Burschen zugehen wollte,
-aber er besann sich. Er ging über den Platz und beobachtete von hier aus
-den Burschen. Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen
-stampfte er auf den Boden, um die Füße warm zu halten, und jedesmal, wenn
-er am Tore vorbei kam, blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er
-schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum seine
-Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete! Es gab nichts mehr zu
-sehen, kein Mensch stand mehr vor dem Hotel, es war überdies empfindlich
-kalt. Aber Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze eine
-halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher vor dem Hotel Posten
-stand. Ein merkwürdiger Gedanke stieg in ihm auf.
-
-So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete sich um und nach einer
-kleinen Weile kam er wieder rasch die Stufen herab.
-
-Die helle Bluse Hammerbachers leuchtete gerade unter dem Tore. Er wartete
-immer noch.
-
-Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte: »Wünschen Sie, daß ich den
-Herrn herunterrufe, ich gehe gerade hinein?«
-
-Hammerbacher fuhr herum, er blickte Grau erschrocken an, schlug die Augen
-nieder und nahm die Kappe ab. »Guten Abend.«
-
-»Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen? Es ist nicht sehr
-angenehm zu warten in dieser Kälte, nicht wahr?«
-
-»Welchen Herrn?«
-
-»Wie gut wir uns verstehen!« sagte Grau und blickte den Burschen scharf an.
-»Ist es nicht merkwürdig, wie gut wir uns verstehen?«
-
-Hammerbacher lächelte verlegen. »Ich habe damals gelogen, als ich bei Ihnen
-war, aus Not -- sie ließen mir keine Ruhe mehr -- dieses Gestichel --«
-
-Grau schüttelte den Kopf: »Wie konnten Sie nur so etwas tun?« sagte er mit
-mildem Vorwurf. »Das hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für
-immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl, wann Sie gelogen haben,
-Hammerbacher. Damals haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie gar
-nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!«
-
-Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen.
-
-Grau schüttelte den Kopf. »Geben Sie sich weiter keine Mühe mehr!« rief er
-zornig aus. »Ich habe mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem
-fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend nahe gelegt das
-Andenken jenes unglücklichen Mädchens hoch zu halten. Seien Sie nur still!
-Ich will Ihnen das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht das
-geringste zu befürchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen -- ich
-werde nicht eher ruhen! -- bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie
-beschwätzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das!
-Leben Sie wohl -- wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer
-Verfügung. Es läßt sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!«
-
-Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat.
-
-Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll, daß man sich kaum
-bewegen konnte. Alles lachte, schrie, riß den Mund auf, alle waren in
-übermütiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von
-Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen und Farben schob sich
-hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme,
-Fächer, breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der Saal aber
-hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße mit Tee-, Kaffee-, Sekt-,
-Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tücher mit phantastischen
-Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und überall brannten
-Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht größer als eine Faust,
-mächtig groß und dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd und
-manche verblaßten vollständig in all dem Rauch und Dunst, der aus der
-lachenden, treibenden Menge emporstieg.
-
-Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich
-fieberhaft zu suchen.
-
-Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglückliches,
-gelbes Kostüm, eine Art Sack mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und
-merkwürdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drückte,
-so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder
-mußte ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den
-Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen
-Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er
-ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.
-
-Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg,
-als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei
-Chinesinnen stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten auf, aber
-Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude,
-wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte.
-
-Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung und Grau wurde dicht ans
-Orchester gedrückt, wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er
-verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von zwei Seiten
-angepackt. »Herr Grau, Herr Grau!«
-
-Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten, Sie hatten glühendrote
-Wangen. In ihren losen Kostümen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er
-sei doch hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl
-Nichtraucher?
-
-»Wir haben Zigaretten zu verkaufen -- buh, buh!« Klara Sinding winkte der
-Baßtrompete still zu sein. »Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle
-vergnügt!«
-
-»Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern!« sagte Grau und er erstand
-ein Paket Zigaretten.
-
-»Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!«
-
-»Ganz prächtig!« sagte Grau und paffte. »Ganz herrlich ist das.«
-
-Die beiden Mädchen sahen einander an und dann riefen sie wie aus einem
-Munde aus: »Aber wir haben ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten
-Glückwunsch! Allerherzlichsten Glückwunsch!«
-
-»Danke! Danke!« Grau verneigte sich.
-
-»Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung lasen! Und wie sehr wir
-uns gefreut haben! Wie glücklich Susanna ist! Und Mütterchen erst!
-Mütterchen hat die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich
-haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!« Hahaha -- diese ganz
-abscheuliche Baßtrompete!
-
-Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu ihnen, ein hoch
-aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden langen Zähnen, die eine
-eigentümliche Art hatte den Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann
-rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen Fächer aufschwätzte,
-es kam noch eine Chinesin, die Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines
-häßliches Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine andere, und
-schließlich stand ein ganzer Kreis von Mädchen um Grau herum. Alle lachten,
-schwätzten und sahen Grau an.
-
-»Gestatten Sie, daß ich vorstelle -- Fräulein Anna Mohr --«
-
-»Keine Namen, keine Namen! Es ist ja Fasching!« schrien die Damen.
-
-Grau lachte und rauchte die Zigaretten. »Ich habe gar nicht gewußt, daß es
-so viele schöne Damen in der Stadt gibt?« sagte er und sah alle der Reihe
-nach an. Sein Blick war ruhig und rein.
-
-Die Mädchen lachten.
-
-»Wir wollen ihn fragen --« Aber ja! Sie wollten fragen, welche die schönste
-von ihnen sei.
-
-»Welche ist die schönste von uns allen,« sagte Klara Sinding, jene, die das
-kleine Mal auf der Wange hatte.
-
-»Die schönste?« Grau blies den Rauch durch die Lippen. Das sei eine sehr
-schwierige Frage. Er errötete ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre
-Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit warteten,
-herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine nach der anderen an und fügte
-hinzu: »Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber Sie
-meinen -- so nach dem ersten Blick zu urteilen -- aber auch das ist schwer,
-denn sobald ich glaube jene Dame sei die schönste, springt mir etwas im
-Gesichte einer andern Dame in die Augen -- ja, es ist unmöglich.« Er
-blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der stumpfen Nase und den
-großen Ohren an und sagte: »Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen,
-es sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem ganzen Leben
-gesehen habe --« das Mädchen errötete und lachte allen verlegen ins Gesicht
--- »bei Ihnen, mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so zitternd
-weich sind und von eigentümlichen Rot -- bei Ihnen sind es die Brauen und
-die Schläfen --«
-
-Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und machten solchen Lärm, daß
-alles nach der Ecke blickte. Nein, das sei ja keine Antwort -- aber nein --
-wir sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist --! Sie fragten.
-
-»Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja noch schwerer!« Grau
-lachte. »Wenn ich aber nun etwas Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich
-dieses Fräulein hier für die klügste von allen.« Es war das kleine häßliche
-Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände. Das kleine häßliche
-Mädchen sagte mit tiefer Stimme: »Ich war stets die Dümmste im Institut!«
-Aber sie lächelte.
-
-Grau lächelte ebenfalls. »Was sollte das beweisen? Ich werde den Damen eine
-Frage vorlegen und wir werden es gleich sehen. Hören Sie zu --«
-
-Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden.
-
-»Wie hübsch er plaudert!« flüsterte das hochaufgeschossene Mädchen der
-Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ ihre Augen funkeln. »Ja,« wisperte sie, »er
-ist so jung und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist -- er zittert immer
-ein wenig.« »Pst, er hört dich.«
-
-Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus. Klara Sinding also würde
-eine Nadel nehmen und in die Bohnen stechen. »Es ist aber verboten, die
-Bohnen irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.« Die jungen
-Damen öffneten die Münder und blickten einander verdutzt an: Ja, große
-Güte, da liegen nun zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen, alle
-ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus Elfenbein, ganz wie die
-andern, wie könnte man sie doch herausfinden?
-
-»Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste ist!« sagte Grau und
-lachte. Die Damen dachten angestrengt nach. Sie brachten die
-abenteuerlichsten Projekte vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie
-unbrauchbar waren.
-
-Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen. Sie schüttelte den Kopf.
-Sie habe ja von vornherein erklärt, daß sie die Dümmste sei.
-
-»Ich werde Ihnen etwas helfen,« sagte Grau lächelnd und blickte sie an.
-Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen aus vollem Halse: »Ein Huhn!«
-
-»Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott --« die Mädchen schüttelten sich vor
-Lachen. Wer sollte auch daran denken! Es sei das Ei des Kolumbus!
-
-Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt: »Es ist ganz
-merkwürdig, ich habe ja gar nicht daran gedacht und plötzlich ist mir der
-Gedanke gekommen -- gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir ein wenig
-helfen --« Sie blickte mit verwirrten, fast scheuen Augen auf Grau.
-
-Grau lächelte. »Die Damen müssen mir den Scherz vergeben. Denn es war ja
-ein Scherz. Ich maße mir keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art
-aufzustellen. Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen, das erste
-beste, das mir in den Kopf gekommen ist, natürlich. Klugheit und
-Scharfsinn, rasches Denken und langsames Denken, das ist ja alles so
-verschieden -- ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt haben
---?«
-
-Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers und die jungen Mädchen
-machten Miene auseinander zu stieben.
-
-»Auf eine Sekunde noch!« bat Grau; und nun lud er sie alle zu einer kleinen
-Feier bei Susanna ein. Er wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier
-stattfinden sollte -- Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm die
-Adressen der Damen aufzuschreiben --?
-
-Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und sagten alle zu. »Ja,
-natürlich, natürlich.« Sie schrien, was sie konnten.
-
-Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz gerührt zu sich selbst,
-mischte sich in die treibende Menge und spähte nach links und rechts aus.
-
-Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal, wo alles wirbelte und
-fegte, musterte jede Gruppe. Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der
-schien es nicht zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf
-umherzuspähen. Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er ließ sich nicht in
-Gespräche ein. Über einer Gruppe von Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas
-ungeheuer Schönes, eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend;
-das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen einem großen
-chinesischen Schirm und einer geschminkten Wange hindurch auf die Gruppe.
-Zufälligerweise schneuzte sich ein Herr und zufälligerweise einer jener
-Herren, die sich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich verneigte,
-sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter und übermütig.
-
-Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken hindurch und spähte in
-jeden Winkel. Vielleicht doch unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des
-Tanzsaales und blickte aufmerksam in jedes Gesicht.
-
-Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele stand vor ihm.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen
-waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war
-lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme
-verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren
-besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen.
-Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch
-den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die
-Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen
-so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren
-Grund Licht brannte.
-
-Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten
-ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte.
-
-»Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!« sagte sie dann.
-
-»Danke!« Adeles Hand war brennend heiß.
-
-»Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht,
-als Sie um ihre Hand anhielten?«
-
-Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf
-gekostet, bis sie einwilligte.
-
-Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte
-unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen
-Lächeln. »Heute ist Fasching!« sagte sie. »Kommen Sie, wir wollen fröhlich
-sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas
-erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir
-machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt
-getrunken.« Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen
-und kühlte sie mit den Steinen. »Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis,
-wir werden dabei umhergehen.«
-
-Grau lächelte. »Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,« sagte er »aber
-wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf?
-Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts
-in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend
-schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr
-die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie
-doch den Kopf an meine Schulter legen -- und so geschah es. Plötzlich sank
-ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an
-meiner Schulter und atmete so tief.« Das erzählte er.
-
-»Wie hübsch!« sagte Adele und lachte. »Sehen Sie die Lauben und all die
-närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?«
-
-»Prächtig!«
-
-»Echte Provinz -- haha! -- echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie
-sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner
-Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas
-Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen?
-Aber ich befürchte Sie können es nicht --«
-
-»Doch,« sagte Grau, »ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.«
-
-»Unmöglich!«
-
-»Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.«
-
-»Ah! -- Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein
-Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der
-erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches
-Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein
-wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!«
-
-Sie legte ihre Hand in seinen Arm.
-
-»Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es
-doch, nicht wahr?« fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge
-bewegte.
-
-»Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,«
-antwortete Grau.
-
-»Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?«
-
-Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit
-winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe.
-Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die
-Westentasche.
-
-Adele lachte. »Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,« rief sie aus,
-»sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so
-verwundert an?«
-
-»Tat ich das?«
-
-»Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!«
-
-Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die
-erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von
-der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr
-und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte.
-
-»Warten wir bis zum nächsten Tanze,« sagte Adele und lächelte. »Hier ist es
-übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen
-Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut
-glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir
-jene Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.«
-
-»Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie
-sind so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber
-ich erinnere mich ja gar nicht --?«
-
-Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die
-chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige
-Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer
-Künstlermähne trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der
-eine Extranummer zum besten gab.
-
-Adele lachte. »Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie
-nicht begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen
-können. Nun sind wir Gott sei Dank allein.«
-
-Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich
-gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten
-und quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen
-Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah.
-Man hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen
-unterbrach ihn rasender Beifall.
-
-»Wie wohl das tut, diese Ruhe!« sagte Adele und ließ sich auf eine kleine
-Bank nieder. »Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! -- Die
-Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?«
-
-»Gewiß erinnere ich mich,« antwortete Grau. »Ist es nicht merkwürdig, daß
-ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens
-nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem
-Ihre Augen.«
-
-Adele unterbrach ihn. »Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume
-geschehen!« rief sie lachend aus. »Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß
-ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie
-sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie
-mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?«
-
-»Danke,« sagte Grau und nahm neben Adele Platz. »Ja, es war ein Traum. Es
-war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der
-mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was
-diese Frau mir alles gesagt hat -- ich träumte, ja, nun will ich endlich
-beginnen -- ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.«
-
-»Ein Geist?« Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie
-hatte ein feines anliegendes Ohr.
-
-»Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande
-in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten
-wir uns der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende
-Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut,
-ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von
-Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel
-war, sah ich sehr genau.«
-
-»Was sahen Sie denn da?« fragte Adele.
-
-»Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden
-Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen
-glänzten rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen
-Brustkörbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im
-Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.«
-
-Eine Lachsalve raste durch den Saal.
-
-»Wie schön!« Er möge doch fortfahren.
-
-»Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden
-gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch
-dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern
-vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets
-unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun
-in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein
-kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte
-reiches, aber ergrautes Haar.«
-
-»Was tat er?«
-
-»Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und
-lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah
-ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der
-kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle
-tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf
-einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und
-lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte
-und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte
-seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut
-sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese
-Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer
-kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie
-seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen,
-sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen,
-lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten
-Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte
-sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen
-Sie?«
-
-»Ah!« sagte Adele und sah rasch auf. »Es waren die einsamen Menschen der
-Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!«
-
-Grau nickte. »Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich
-wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war.
-Nun habe ich seitdem -- es ist ja sechs Jahre her -- die meisten dieser
-Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum
-sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein
-wenig verschieden vielleicht -- kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten
-dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was
-sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich
-an eines jener Gesichter im Traume -- aber ich wollte das ja nicht sagen,
-Pardon.«
-
-»Fahren Sie doch fort!« sagte Adele.
-
-Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: »Wie
-sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen
-wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten,
-wie er ist!«
-
-»Ja, wie eigentümlich ist das,« sagte Adele und blickte Grau an. »Man sagt,
-an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?«
-
-Grau lächelte. »An den Augen?« sagte er. »Vielleicht. Ein wenig an den
-Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz
-besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie
-können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich
-hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein,
-er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch,
-schief gleichsam -- oder er ist ein großer Dichter. All das kann trügen.
-Vielleicht ist das Lächeln noch am zuverlässigsten -- wie meinen Sie? --
-Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte, leiseste Lächeln.
-Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen -- und es kann sein,
-daß er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lächeln? Das
-Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen können es auch
-unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann
-die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken, den
-ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe
-des Menschen.«
-
-»Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?« fragte Adele. »Aus dem Lächeln
-dieser Einsamen? -- Hören Sie die Narren lachen, haha?«
-
-»Gewissermaßen,« fuhr Grau eifrig fort. »Gewissermaßen ja. Aber ich mache
-zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen
-also nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der
-seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir
-erschrecken würden, könnten wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß
-zwischen den Menschen -- zwischen den Seelen -- überhaupt keine scharfe
-Trennung existiert -- ich für meine Person glaube das -- vielleicht können
-Sie an keinen Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß,
-was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn
-Sie nur auf der Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird
-Ihren Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen
-oder Unbehagen, vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz
-genau. Jeder Mensch könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen
-und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum
-Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an,
-blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter
-Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm --
-jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast
-darauf an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen -- und doch können
-Sie den Glauben nicht lassen -- er ist einsam, arm, aber gut.«
-
-Adele sah auf. »Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich
-dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt --«
-
-Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: »Ich bin
-ja ganz vom Thema abgekommen!«
-
-Auch Adele lachte. »Aber ja! Sie wollten von jener Frau erzählen?«
-
-»Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und Fenstern vorüber, über
-all die schlafenden Städte hinweg, das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging
-es über endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne am Himmel vor
-uns standen, vier Sterne in der Gestalt eines Quadrats. Wir kamen den
-Sternen näher und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen, aber
-sie entfernten sich plötzlich wieder und standen ganz klein am schwarzen
-Himmel. Nun blickte ich plötzlich in ein Fenster und hier sah ich eine
-Frau, die vor einem Kaminfeuer saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar wie
-Sie und ihre Haut war ebenso weiß wie die Ihrige, sie trug die Haare in
-einem losen Knoten im Nacken, wie Sie es gewöhnlich zu tragen pflegen, sie
-hatte ebenfalls auffallend helle Augen. Aber trotzdem sah sie anders aus
-als Sie.«
-
-»Was tat sie denn?« fragte Adele gespannt und zog das Gewand an sich, da
-die beiden Backfische vorbeitanzten.
-
-»Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,« fuhr Grau fort.
-»Sobald eine Rose fertig war, sah sie die Rose unzufrieden an und warf sie
-in den Kamin. Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes Schiff. Es
-sah aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne und eine kleine Karawane, ganz
-glühend, zog durch die Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär,
-ganz klein, aus der brennenden Rose.«
-
-»Wie amüsant!« sagte Adele. »Die Dame hat sich ganz gut unterhalten.«
-
-»Man sollte es glauben,« fuhr Grau fort. »Plötzlich nun sagt die Frau leise
-und zaghaft: Herein! und zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins
-Zimmer, obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.«
-
-Adele lachte. »Aber so pflegt es ja in den Träumen zuzugehen!«
-
-»Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir
-gewissermaßen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine
-silberne Kette um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir ein
-Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich
-nicht. Es war eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des
-Klanges. Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins
-Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vögel, die
-zwitschernd in den Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich
-habe nicht gedacht, daß du heute kommst.«
-
-»Verstanden Sie denn jetzt?« unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhörte,
-während ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten.
-
-»Ja,« antwortete Grau, »ich weiß übrigens nicht, ob sie sich der fremden
-Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn
-ich hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte
-ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging sie näher und legte ihre
-Hand auf meinen Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren
-klar und hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie
-phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. -- Ich wiederholte das
-gleiche. -- Wie sagst du? Wiederum sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet?
-Sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst
-du mich denn nicht mehr? -- Ich schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich
-sah sie an und nun schien es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles
-verwirrte sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie noch nie gesehen
-hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf die silberne
-Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? --
-Nein. -- Aber sie ist von dir! -- Nein! -- Ja, sie ist von dir, wir haben
-uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein,
-sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schüttelte den Kopf. -- Komm! sagte
-sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und
-ganz still --«
-
-Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch.
-Adele hielt sich die Ohren zu. »Wie schade!« sagte sie, indem sie aufstand.
-»Nun kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der Traum?«
-
-»Ja.«
-
-Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende Beklommenheit im
-Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und
-seine Wangen röteten sich.
-
-Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann.
-Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Fräcken
-und Kostümen schossen hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der
-Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie mit verstellter Stimme
-um einen Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon
-längst abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich
-zurück. Er blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm
-einer roten Chinesin im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann
-Häberlein mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte
-gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen.
-
-»In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu erzählen,« sagte sie. »Es
-kommen nun gewiß recht merkwürdige Dinge?«
-
-»Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.«
-
-Adele lächelte. »Herrlich! Wie spannend das ist! Und nun, bitte!«
-
-Grau tanzte leicht und sicher und Adele lobte ihn mit einem Blicke. »Halten
-Sie mich fester!« sagte sie.
-
-Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die Geigen wehten, es erschien
-Grau als spielten sie etwas vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er
-förmlich die Blumen aus dem Rasen steigen.
-
-Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine Runde getanzt, als Adele
-inne hielt und erblaßte. Sie stand still. »Ich kann nicht mehr!« sagte sie
-leise und heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken, scheu und
-erstaunt an, während sie sich mit einem Lächeln entschuldigte.
-
-»Aber was ist Ihnen?« fragte Grau.
-
-»Ich kann nicht tanzen mit Ihnen, es macht mich schwindlig,« sagte Adele.
-»Nichts, einen Augenblick nur.« Sie sammelte sich rasch.
-
-»Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.«
-
-Adele schüttelte den Kopf. »Es ist nichts,« sagte sie, »es ist nur so
-merkwürdig --« Sie sah Grau an. Sie schwieg lange Zeit und während sie
-schwieg, schien sie sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal. Sie
-schien zerstreut zu sein.
-
-»Kommen Sie!« sagte sie und ging voran. Grau folgte ihr.
-
-In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele blickte in Graus Augen und
-sagte unvermutet: »Sagen Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?«
-
-Grau errötete leicht. »Wie?« Dann blickte er Adele erstaunt an. »Gewiß
-liebe ich Susanna aufrichtig,« erwiderte er.
-
-Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder mit einem Blicke,
-dann raffte sie den Fächer auf und bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie
-blickte stolz über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr Lächeln,
-alles hatte sich verändert.
-
-»Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?« fragte Grau.
-
-»Nein, nicht jetzt,« erwiderte Adele höflich. Aber sie sah Grau nicht an.
-»Meine Mutter würde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen,« fügte sie
-hinzu, »darf ich Sie bemühen?« Auch ihre Stimme hatte sich verändert.
-
-Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der Anlaß zu ihrer Verstimmung
-sein könnte.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Adele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten, mit lautem Hurra
-begrüßt und mit schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben
-überhäuft.
-
-»Hoch, hoch, hurra!« schrieen die Herren und schwenkten die Kelche. Adele
-hatte Mühe sich den Weg in den Kiosk zu bahnen.
-
-Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt. Die Frau des
-Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit dem porzellanartigen Teint, eine hohe
-Blondine, die etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen
-Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun, Flaschen zu entkorken, die
-Kelche zu füllen, zu trinken. Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde
-Stimmung und die Herren waren alle angeheitert.
-
-Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehüllt, fein,
-durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte
-Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen,
-fröhlichen Herren -- es waren die Offiziere von Weinberg -- er war größer
-als alle, grau und würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen
-mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und
-änderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder
-zuhörte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt
-und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder, die kokett über seinen
-hohen Schädel gelegt war.
-
-Baron Kirchgang -- Adeles Bräutigam -- war ein schweigsamer, etwas
-ärgerlich aussehender Herr, dessen Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war
-rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrüht
-worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den
-Schenktisch trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt war, er
-war kürzer als der rechte und lahm.
-
-Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um.
-
-»Ihr Herr Bruder ist nicht da?« fragte er Adele.
-
-»Er ist dagewesen,« antwortete sie ihm, »er sitzt mit seinen Freunden im
-ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?«
-
-»Ich dachte nur,« sagte Grau. »Danke!«
-
-Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stieß mit ihm an und sagte
-lächelnd: »Auf das Wohl Ihrer Braut!«
-
-Grau dankte. »Auf Susannas Wohl!«
-
-Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er
-verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie
-begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang kühl und ihre
-Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an
-ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien
-heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie
-auf ihre Mutter blickte, die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte
-sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen sah sie die
-Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe.
-
-Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich
-langsam und hartnäckig den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden
-Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er
-um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich
-stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, daß er
-zufrieden lächelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle
-beschäftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die
-Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze
-der Maske jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete um sich
-bemerkbar zu machen, aber in all dem Getöse hörte man ihn gar nicht,
-niemand beachtete ihn.
-
-Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch.
-
-Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen wandte sich ihm zu. »Sofort,
-sofort, mein schöner Herr!« rief sie. »Willst du eine Flasche, eine ganze
-Flasche? Nur zwanzig Mark!«
-
-Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte, dann sah er auf Adele
-und rief: »Eine ganze Flasche, jawohl. Zwanzig Mark, einerlei.« Er sprach
-immerzu mit verstellter, quiekender Stimme.
-
-Da drehte sich Adele rasch um und sagte: »Es ist Herr Eisenhut! Für ihn
-geben wir es nicht so billig. Er soll etwas besonderes tun!«
-
-Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte. Aber dann machte er
-sich ganz steif und quiekte mit verstellter Stimme: »Sind Sie auch sicher,
-daß es Herr Eisenhut ist?«
-
-Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten. Das könne ein Blinder
-sehen. Er könne ruhig die Maske abnehmen.
-
-»Maske ab! Maske ab!« schrieen die Herren.
-
-Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske ab. Sein gelbes verlebtes
-Gesicht kam zum Vorschein, er lachte, strich sich den Spitzbart und gab
-dann allen ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch gegen die
-Herren, die um den alten Freiherrn von Hennenbach herum standen. Man schrie
-und schüttelte ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern,
-zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele.
-
-»Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt haben!« sagte er. »Guten
-Abend, Fräulein von Hennenbach!« Er machte auch einen schüchternen Versuch,
-ihr die Hand zu reichen.
-
-Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. »Nun will ich Ihnen einschenken,
-ich werde es selbst tun, aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es
-gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden für jedes Glas hundert
-Mark bezahlen, nicht wahr?«
-
-»Bravo! Bravo!« riefen die Herren.
-
-Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden glänzend, gleichsam als ob sie
-erwachten. Dann lächelte er und zeigte seine schlechten, zerfressenen
-Zähne.
-
-»Sie scherzen?« sagte er.
-
-»Scherzen? Nein, ich bin gar nicht in der Laune zu scherzen!«
-
-Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases beschäftigt war. Seine
-Augen glänzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre
-Arme, er lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll
-und schön, seine Wangen färbten sich. Adele füllte sorgfältig das Glas.
-Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte
-sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der Friede und die
-momentane Schönheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten
-erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die
-Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm
-das Glas und er sah ihren Augen an, daß sie nicht scherzte.
-
-»Fräulein von Hennenbach?« stotterte er.
-
-Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all die Ringe, die Steine. »Herr
-Eisenhut?«
-
-»Hundert Mark? Hundert M--?« fragte Eisenhut leise. »Hundert Mark -- aber
-ganz unmöglich?« Er lächelte beklommen.
-
-Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele.
-
-Eisenhut raffte sich zusammen.
-
-Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und fuhr hastig in die
-Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er
-einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche.
-
-Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit einem Millionär zu tun habe,
-hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam.
-
-»Bitte, Herr Eisenhut!« sagte Adele, da Eisenhut zögerte. »Ich werde sogar
-nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch!« Sie
-lachte und nippte am Glase.
-
-Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander,
-lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen
-Hundertmarkschein auf den Tisch.
-
-»Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!«
-
-Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es
-leer. Er fühlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr
-unsicher.
-
-Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, daß sie wieder
-daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafür bezahlen.
-
-»Wieder?« fragte Eisenhut mit zitternder Stimme.
-
-»Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie
-hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.«
-
-»Noch mehr?« fragte Eisenhut in ungläubigem Tone. »Hundert Mark für die
-Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin.« Er
-deutete auf die Jüdin mit dem hohen Busen.
-
-Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen, aber für Millionäre da
-hätten sie ganz besondere Preise.
-
-Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und
-her. »Sie scherzt -- Fräulein von Hennenbach scherzt!« sagte er zu der
-lachenden Gesellschaft von Herren.
-
-»Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie nicht, daß man sich
-schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas für hundert
-Mark, fülle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht
-lange besinnen.«
-
-Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwärts
-Eisenhut -- hahaha -- schmeißen Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und
-lachten und stießen sich gegenseitig an.
-
-Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein
-Zittern lief durch sein Gesicht, er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr
-wieder in die Rocktasche.
-
-»Bravo! Hurra!«
-
-Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen
-sollte?
-
-»Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind!« antwortete Adele. »Sie nennen
-sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.«
-
-»O -- hoho!« versetzte Eisenhut geschmeichelt.
-
-»Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank vollgestopft mit
-Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!«
-
-Eisenhut streckte den Kopf vor. »Haben Sie denn -- haben Sie denn diesen
-Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich.« Er lächelte eigentümlich
-und blickte Adele an.
-
-Adele lachte laut und unnatürlich. »Selbstverständlich habe ich ihn
-gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in
-der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?«
-
-Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele.
-
-»Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe
-nochmals daran. Nun, nehmen Sie?«
-
-Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra!
-Eisenhut, Eisenhut!
-
-Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei
-ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die
-Umstehenden, die lachten, plötzlich mit scharfen, bösen Blicken an.
-Gelächter.
-
-»Bitte!« sagte Adele und lachte. »Weshalb zögern Sie denn?«
-
-Hier näherte sich Grau. Er sagte: »Fräulein von Hennenbach?«
-
-Adele wandte ihm den Blick zu. Sie zog die Augen zusammen und sagte:
-»Bitte?«
-
-In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve auf Eisenhut ein. Er
-hatte die Scheine wieder in die Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr
-sein, ein vollständiger Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes Glas,
-die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor die Fassung und stellte das
-Glas so heftig auf den Tisch zurück, daß es zerbrach und der Wein über das
-Tischtuch floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war seine
-Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um etwas zu sagen, er blickte
-verwirrt auf Adele. Adele lachte und alle, alle lachten und stampften mit
-den Füßen und schrieen, was sie konnten.
-
-Eisenhut bewegte heftig die Hände. »Bezahlt ihr!« schrie er. »Bezahlt ihr!
-Ich bin kein solcher Narr! Ich habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr,
-bezahlt ihr!« wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu
-überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde über den
-Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas, stotterte, aber er sagte nichts.
-
-Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben Kostüm und mit seiner
-gelben Mütze, gefolgt von lautem, wildem Gelächter. Er verschwand in der
-treibenden Menge.
-
-»Haha! Ein Prachtexemplar, dieser Eisenhut! Haha! Hoch Eisenhut, hurra!«
-
-Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden, und als Adele zu Baron
-Kirchgang blickte, mit dem er zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen
-Platz leer. Baron Kirchgang unterdrückte ein Gähnen.
-
-Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter Ausgelassenheit zu
-scherzen, zu lachen und Sektgläser zu füllen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Eisenhut eilte dem Ausgang zu und war plötzlich spurlos verschwunden.
-Gleichzeitig wurde Grau von Dr. Nürnberger aufgehalten.
-
-Dr. Nürnberger war ein junger Mann mit schwarzem Scheitel, niedriger Stirn,
-goldenem Kneifer; er war im Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine
-Höflichkeit stets von leichtem Spott begleitet, seine geheuchelte
-Unterwürfigkeit abstoßend.
-
-Er nahm den Kneifer ab und verbeugte sich vor Grau.
-
-»Welches Vergnügen, Sie zu sehen!« rief er mit etwas näselnder Stimme aus.
-
-Grau erkundigte sich nach dem Kinde im Waisenhaus. Es gedieh prächtig. »Wie
-haben Sie Susanna bei Ihrem letzten Besuche angetroffen, Herr Doktor?«
-fragte er dann.
-
-Der Arzt verfolgte ein schönes Mädchen mit den Blicken und erwiderte: »Ja,
-was soll ich sagen? Ich habe leider keine Besserung beobachten können. Ich
-möchte fast sagen, im Gegenteil, der Zustand der Patientin hat sich
-verschlimmert. Der Körper leistet leider gar keinen Widerstand.«
-
-Ob man nicht jetzt daran denken könne, die Kranke nach dem Süden zu
-bringen?
-
-»Nein!« Der Arzt schüttelte den Kopf und sandte dem schönen Mädchen, das
-zurückkehrte, ein Lächeln zu. »Man hätte es vor einem, zwei Jahren tun
-sollen -- jetzt ist nicht daran zu denken. Sie würde die Reise nicht
-vertragen. Ich spreche offen, ich könnte die Verantwortung, die Dame jetzt
-reisen zu lassen, nicht übernehmen. Später vielleicht, sobald es Frühling
-sein wird.« Doktor Nürnberger reichte Grau die Hand. Er lächelte und legte
-die niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er möchte ihm nicht
-leichtfertigerweise Hoffnungen erwecken -- immerhin, im Frühjahr, ja, da
-könne man ja Entscheidungen treffen. »Guten Abend. Herzlich gefreut.« Im
-Begriffe sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam überrascht von
-einem Einfall, zu Grau zurück und sagte in verändertem Tone: »Vielleicht
-darf ich Herrn Grau einladen, mit mir in eine Herrengesellschaft im ersten
-Stock zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu -- das heißt, vielleicht
-ziehen der Herr vor --«
-
-»Sehr liebenswürdig!« sagte Grau. Er sagte sofort zu und zwar mit einem
-Eifer, der den Arzt in Verwunderung versetzte. »Gewiß werde ich mich
-freuen, ich danke herzlichst, Herr Doktor!«
-
-Sie verließen den Saal und stiegen eine Treppe empor. Grau werde hier die
-Intelligenz der Stadt kennen lernen, das heißt, präzis ausgedrückt, alle
-Elemente, die auf eine relative Intelligenz Anspruch erheben könnten;
-angenehme und gesellige Leute. Nur sei er außerstande, irgendwelche
-Verantwortung zu übernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem eines
-Salons entspräche. »Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit,« sagte Grau. --
-»Sie werden gewiß auf Ihre Kosten kommen, wenn Sie Ungezwungenheit lieben.«
--- Sie gingen hin und her in breiten Gängen, die vom Tanzen im Saale
-drunten zitterten. Durch ein kleines Fenster konnte Grau hinab in die
-chinesische Straße blicken, es war ein hübsches Bild: Die wimmelnde Menge,
-die Lampione, der Rauch. Er sah einen Augenblick lang Adele, die gerade ihr
-Haar zurechtrückte. Sie wandte merkwürdigerweise im selben Moment den Blick
-zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natürlich nicht sehen.
-
-Sie weiß nicht alles, dachte Grau und ein leiser Schmerz griff an sein
-Herz. Er folgte dem Arzte, treppauf, treppab; dieses alte Haus war ein
-Labyrinth.
-
-Endlich hörten sie den wüsten Lärm einer Herrengesellschaft und Dr.
-Nürnberger verbeugte sich und öffnete eine kleine Türe. Augenblicklich
-drang ihnen heiße Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch, Lachen, Rufen
-entgegen und ein halbes Dutzend verschwimmender Gesichter wandte sich ihnen
-zu.
-
-Grau machte die Augen scharf. Er entdeckte zuerst Eisenhuts Gesicht,
-daneben das bleiche schmale Antlitz des jungen Herrn von Hennenbach, auf
-dessen Knien die puppenschöne Wirtin saß.
-
-Grau war erstaunt Eisenhut heiter und guter Dinge zu sehen.
-
-Da saß er, eine Zigarre in der einen Hand, in der andern ein Glas, lächelte
-und plauderte.
-
-»-- die Stühle sind aus Leder, aus gepreßtem Leder. Ein Löwe in Gold ist
-auf die Lehne gepreßt.«
-
-»Ja, aber der Minister, Eisenhut,« unterbrach ihn jemand, »du wolltest doch
-von ihm reden?«
-
-»Das Zimmer ist überhaupt ein Saal!« fuhr Eisenhut fort und blinzelte. »Der
-Minister rauchte eine Zigarette.«
-
-»Aber was sagte er denn?«
-
-»Er sagte, >Herr Eisenhut, Sie haben also die Steine für die Brücke
-geliefert, schön. Ich werde an Sie denken.< Er klopfte mir auf die
-Schulter.«
-
-»Also sollst du wohl einen Orden bekommen?«
-
-Eisenhut lächelte. »Was ich bekomme, das weiß ich nicht. Aber er sagte: Ich
-werde an dich denken, Eisenhut.«
-
-Haha! »Er duzte dich?« Gelächter.
-
-»Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was weiß ich -- seht an!« Er hatte Grau
-bemerkt.
-
-Die Herren waren in bunten Kostümen, einige im Frack und einer, Postadjunkt
-Kaiser, saß in weißen Hemdärmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben sich
-mit vielem Tumult und warfen einander Blicke zu. Man war nicht sonderlich
-erfreut über den Gast, das konnte jeder sehen. Aber die Herren verbeugten
-sich höflich.
-
-Grau sah sie mit freundlichen, leuchtenden Augen an. »Ich bedaure unendlich
-im Falle ich stören sollte,« jagte er leise und verlegen, »Herr Dr.
-Nürnberger hatte die Liebenswürdigkeit mich einzuladen.«
-
-Plötzlich schlug ein dicker Chinese mit einem großen gelben Schirm auf dem
-Rücken ein lautes Gelächter auf und einige fielen ein.
-
-»Willkommen, Pfirsichblüte, im Reiche der Mitte!« schrie der dicke Chinese
-und machte eine tiefe Verbeugung. Er drückte Grau die Hand und setzte
-hinzu: »Im bürgerlichen Leben heiße ich Richter, Professor Richter, Doktor
-der Naturwissenschaften.«
-
-Der Arzt schob ihn beiseite. »Erlauben Sie doch, Professor,« sagte er, »und
-geben Sie den Herren Gelegenheit ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu
-genügen. Sie gestatten, die Herren, Herr Grau --«
-
-Er machte Grau mit den Herren bekannt. Da waren Amtsrichter Leutlein, ein
-gutmütig aussehender Herr mit blaurasiertem Gesichte und spärlichem
-flaumigen Haar auf dem runden Schädel, Rechtspraktikant Schmidt mit
-scharfen stechenden Augen, vielen Schmissen, hohem Stehkragen, peinlich
-gestriegelt und gebügelt, Redakteur Heinrich, vom »Gauboten«, ein kleiner
-Mann mit struppigen schwarzen Haaren, der die Angewohnheit hatte, immer die
-Zungenspitze herauszustrecken und heiter auf seinen Bauch herabzulächeln,
-Assistent Pechmann, ein langer Mensch mit hellblauen träumerischen Augen,
-der junge Freiherr von Hennenbach, ein junger bartloser Lehrer, der so
-betrunken war, daß er leichenblaß aussah und die Augen weit aufreißen mußte
-um zu sehen.
-
-Die Herren hatten alle ein wenig über den Durst getrunken. Sie lachten
-sonderbar, sie verbeugten sich zu tief oder schief, dem Rechtspraktikanten
-fiel der Kneifer von der Nase, Redakteur Heinrich setzte sich beinahe neben
-den Stuhl, als er sich niederließ. Ihre Augen waren scharf oder
-ausdruckslos, die Vorhemden zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas
-Lächerliches an sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden
-Haarbüschel, die Krawatte war in Unordnung oder das Kostüm so zugeknöpft,
-daß oben ein Knopf übrig blieb. Sie rauchten alle und es war solch ein
-Rauch im Zimmer, daß man kaum die Wände sah. Sie saßen um einen ovalen
-Tisch herum, über dem eine Hängelampe brannte. Auf dem Tisch herrschte ein
-wüstes Durcheinander und eine Manschette rollte darauf herum.
-
-»-- Herr Redakteur Heinrich, die Herren kennen sich, Pardon -- auch Herr
-Eisenhut wird Ihnen schon persönlich bekannt sein --«
-
-Eisenhut beachtete Grau nicht; er rief: »Spielen, weiter spielen, ich habe
-zwei Mark von der Bank gut! Keine unnötigen Pausen, meine Herren!« Er
-trommelte auf den Tisch und lachte.
-
-»Er ist in etwas ungenießbarer Stimmung heute, unser Herr Eisenhut,«
-entschuldigte ihn der Arzt. »Herr von Hennenbach!«
-
-Die Blicke der beiden tauchten ineinander. Grau lächelte nicht. Er
-verbeugte sich zurückhaltend, ja kühl, und Herr von Hennenbach blickte ihn
-verblüfft mit seinen grauen Augen an und zuckte mit den Mundwinkeln. Die
-schöne Wirtin raffte eilig einige Gläser auf und machte sich aus dem
-Zimmer.
-
-»Spielen, weiter spielen! Keine unnötigen Pausen!« wiederholte Eisenhut und
-goß Punsch in sein Glas. Seine Hand zitterte und er verschüttete das halbe
-Glas, als er es an den Mund führte. »Tante! Du besorgst jetzt die
-Sektbowle, auf meine Rechnung! Alles auf meine Rechnung!«
-
-»Ruhe!« rief ihm der dicke Chinese zu. »Einen Augenblick noch, ich nehme
-das Spiel sofort wieder auf -- unser verehrter Gast -- geben Sie ein Glas
-herüber, Doktor! -- ich darf doch einschenken? -- oder sollten Sie etwa
-Abstinenzler sein?«
-
-Grau lächelte. »Nein.« Er nahm Eisenhut gegenüber Platz.
-
-Der dicke Chinese ließ sich an seiner Seite schwer in den Sessel fallen und
-mischte die Karten; er hielt den Schirm mit dem runden Schädel, rauchte
-eine Zigarre in einer langen Spitze, die er beim Sprechen von einem
-Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen und
-Behagen. Er hatte kurzgeschorenes rotes Haar und seine feisten Backen waren
-mit goldenschimmernden Bartstoppeln bedeckt. »Fertig!« rief er, und die
-Karten schlüpften blitzschnell aus seiner Hand. »Die Bank ist bereit. Herr
-Adjunkt Kaiser! Was setzen Sie? Bei allen Teufeln, mehr Aufmerksamkeit,
-meine Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Großkapitalist Eisenhut?
-Sie spielen hoch, das läßt sich sehen, nur keine Knickerei, nur das nicht.
-Herr von Hennenbach -- Herr -- von -- Sie wünschen noch eine Karte? Gut.
-Die Bank hat acht, acht! Hurra! Alle Gewehre aufs Rathaus -- hahaha!«
-
-Der feiste Chinese stieß ein rasselndes fettes Lachen aus und strich den
-Gewinst ein. Alle, außer dem Arzte, hatten verloren und schrien und
-fluchten.
-
-Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstück zu. »Es ist alles
-einerlei!« rief er und trommelte mit den Knöcheln auf den Tisch und
-blinzelte.
-
-Der Chinese mischte, während das fette Lachen noch leise in seinem Halse
-rasselte und seinen ganzen Körper erschütterte, so daß der Schirm auf
-seinem Kopfe tanzte. »Sehen Sie, welch ein Geschäft, verehrter Herr!«
-wandte er sich an Grau. »Dreiundzwanzig Mark bei einem einzigen Gang.
-Hurra! Darf ich Ihnen vielleicht eine Karte geben? Es ist ein sehr
-einfaches und höchst anregendes Spiel, absolut, ich betone, absolut
-unschuldig. Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Könige und Damen gleich
-Null -- übrigens durch die Praxis lernen Sie am schnellsten. Wollen Sie ein
-Spielchen wagen? Höchster Einsatz zwanzig Mark, niederster fünfzig Pfennig
--- staatlich konzessioniertes Spiel -- Gewinn und Verlust gleichen sich
-stets aus. Nun?«
-
-Grau lehnte ab. »Ich danke, ich habe kein Geld!« sagte er. »Übrigens macht
-es mir großes Vergnügen, zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar
-nicht stören.«
-
-Er könne auch auf Borg spielen. Nicht?
-
-»Spione vor die Tür!« sagte Eisenhut leise und räusperte sich! »Nicht wahr?
-Spione vor die Tür!« wiederholte er und klopfte dem leichenblassen Lehrer
-auf den Arm. Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an.
-
-Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese schrie und brüllte und trieb
-zur Eile. Am eifrigsten spielte Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd,
-er schrie, fluchte und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das
-Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie nach der Sektbowle! Ja,
-Himmel und Hölle: Die Sektbowle! Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da
-wandte er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und mit seinen
-hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke begegneten sich dann und
-wann, und Eisenhut grub seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen,
-verzog das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren Lachen ab. Es
-schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl zu übermannen drohe, er
-heftete die Augen auf die Karten und zählte die Points unsicher und falsch.
-
-»Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!« schrie der Chinese. »Das
-ist ja eine Sieben! Oder sind Sie betrunken?«
-
-»Noch nicht, noch nicht!« kicherte Eisenhut. Da fiel ihm die Bank zu und er
-begann fieberhaft zu spielen. Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu
-sein als dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und mit Asche
-und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte das Gesicht bis auf die
-Tischdecke herab, gab die Karten, mischte und ließ seine kleinen
-glitzernden Augen im Kreise wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er
-lachte, wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu verlieren. Er
-sah nichts mehr als die Hände, die nach den Karten griffen, Geld hin und
-her schoben, alle diese verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare
-auf den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif, den Herr von
-Hennenbach trug.
-
-Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf, starrte vor sich hin,
-um sofort wieder das fieberhafte Wesen anzunehmen.
-
-Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die Röte aus seinen Wangen wich
-und verstärkt wiederkehrte, als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um
-wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose Einsätze den
-Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den Stuhl zurück und suchte hastig in
-allen Westentaschen. Dann beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins
-Ohr. Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen haßerfüllten
-Blicke an und schrie: »Ich gebe nichts mehr!« Darauf erhob sich Herr von
-Hennenbach und sagte: »Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise zu
-antworten!«
-
-»Ich tue, was ich will!« erwiderte blinzelnd Eisenhut und mischte rasend
-die Karten.
-
-Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. »Ich bin bankerott!« sagte er
-und verließ das Zimmer.
-
-»Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches großen Baumeister!« lallte
-Redakteur Heinrich und lud mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische
-ein, ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck und ergriff das
-Glas. »Auf das Wohl des Alten aus dem deutschen Eichenwalde, Ritter ohne
-Furcht und Tadel, des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas
-Erwecker -- alles hoch, hoch!«
-
-Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. »Schreibe den Festbericht für dein
-Käsblatt und halte das Maul!« sagte er.
-
-»Hoch das Deutsche Reich, das Vaterland, hoch der deutsche Dichterwald und
-die Armee, die den Franzmann schlug! Alles hoch!« fuhr der Redakteur
-schmunzelnd fort und plötzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze
-zwischen den Zähnen, das Glas in der Hand, da. »Hochverehrte
-Festversammlung, meine Herren und Damen, Festgäste --«
-
-»Keine Reden! Um Gottes willen!«
-
-»-- der einzige Mann, sage ich, der die Lage überblickt hat, fahre ich
-fort, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind, ein einig Volk, die erste
-Nation der Erde, bei deren Namen Klange die Erde erzittert -- meine Herren!
--- Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand in der Welt --« er sank
-auf den Stuhl zurück.
-
-»Was setzen Sie?« schrie Eisenhut und schlug auf den Tisch, daß das Geld in
-die Höhe sprang.
-
-»Meine Damen und Herren -- fünfzig Pfennig -- hoch die Fahne, sage ich,
-hoch! zum Kampfe gegen die rote und schwarze Gefahr, die des Reiches
-Wappenschild --«
-
-»Schließen Sie endlich gefälligst die Klappe!« sagte der dicke Chinese und
-lachte rasselnd. »Ihr Geschwätz versteht ja kein Teufel und gehen Sie in
-die Hölle mit Ihrer Politik, Verehrter -- noch eine Karte Eisenhut, neun!
--- Doktor, vergessen Sie nicht unserm Gast einzuschenken --«
-
-Der Redakteur fuhr flüsternd fort: »Laut statistischer Ziffern sind wir die
-stärkste Heeresmacht in Europa -- ich fordere die Herren auf --«
-
-»Sie langweilen unsern Gast!«
-
-»Er ist unser!« schrie der Redakteur und erhob das Glas gegen Grau. »Er ist
-unser, eine Stütze, ein Kämpe! Ja, wir müssen Brüderschaft trinken,
-unbedingt, eine Seele und ein Geist, der in uns lodert -- wir sind im
-herrlichsten Fahrwasser mit unserer Politik. Die letzten Ergebnisse -- was
-meinen Sie? Nicht, daß schon alles getan wäre -- aber das Fahrwasser, das
-Fahrwasser, wie?«
-
-»Ich bin leider nicht imstande, die gegenwärtige Lage zu überblicken,«
-sagte Grau.
-
-»Oh! Sofort --«
-
-»Gehen Sie in die Hölle! sage ich, mit Ihrer Politik!« schrie Professor
-Richter und schlug auf den Tisch. »Politisch Lied, ein garstig Lied! Es ist
-uns ja alles einerlei, der ganze Mumpitz ist uns schnuppe -- schließen Sie
-ab! Lassen Sie sich, Herr Grau, um Gottes willen in kein Gespräch mit ihm
-ein, er tötet Sie, er tötet Sie buchstäblich.«
-
-Aber der Redakteur mit den wilden Dichterhaaren gab sich nicht zufrieden.
-»Es ist die Begeisterung, die aus mir spricht!« rief er aus. »Echte
-deutsche Mannesbegeisterung. Man muß die Turn- und Kriegervereine
-unterstützen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden -- nieder mit den
-Sozialdemokraten, mit diesen schmutzigen Kerlen!«
-
-»Warum nennen Sie sie schmutzig?« fragte Grau leise lächelnd.
-
-»Warum?« Ob er schon einen von diesen Dreckhammeln mit sauberen Händen und
-einem reinen Kragen gesehen habe? »Sie sind dreckig und unzufrieden und
-faul und trinken Schnaps und sie wollen, daß wir Jauche pumpen und die
-Straßen kehren! Ja, warum lachen Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder
-täusche ich mich?«
-
-»Ja, ich mußte lachen, entschuldigen Sie,« sagte Grau.
-
-»Sie stimmen mir also nicht bei?«
-
-Grau lächelte. »Sie sprechen ja nicht im Ernste.«
-
-»Im Ernste? Ich? Redakteur Heinrich?«
-
-»Dann sind Sie nicht gerecht!« sagte Grau.
-
-»Gerecht? Ich? Der Herr behaupten -- eiei!« Der Redakteur lachte belustigt.
-
-»Nun ja,« begann Grau, »diese Sozialdemokraten sind doch zumeist Arbeiter.
-Sie arbeiten für uns, sie bringen Geld ins Land --«
-
-Der Redakteur steckte die Zungenspitze heraus. »Aber dafür bezahlt man ja
-diese Kerle!« schrie er, Grau ins Wort fallend.
-
-»Dann gebe ich mich zufrieden,« sagte Grau. »Wenn man sie nur bezahlt und
-auch sonst menschlich behandelt --«
-
-Redakteur Heinrich rückte näher. »Also sind wir einig, nicht wahr, wir sind
-einig, haben uns wiederum gefunden! Hoch! Prosit! Sie sagen, Sie sind nicht
-imstande die Situation zu überblicken? Ich werde mir erlauben -- Nummer
-eins, Nummer zwei und drei -- nieder mit der Sozialdemokratie, die mit
-schmutzigen Händen die heiligsten Güter der Nation betastet -- Nummer eins
--- man bezahlt sie und fertig damit, fort mit dem Gesindel -- Nummer eins,
-sage ich, Nummer zwei -- nieder mit den Juden, die das germanische Blut
-saugen -- Sie lächeln, ja bitte, darf ich bitten -- Sie lächeln -- nun, ich
-denke Sie sind ja doch kein Jude, nicht wahr -- oder? -- hier, Herr Doktor
-Nürnberger, er ist Jude -- aber er ist Antisemit -- wie jeder gebildete
-anständige Jude, den der deutsche Geist bestrahlt hat -- kurz und gut --
-ich spreche wie ein echter deutscher Mann spricht -- Nummer drei, vier und
-fünf -- nieder mit den Ultramontanen, die deutsches Geld nach Rom schleppen
-und die Tugend unserer Frauen und Töchter gefährden -- Sie lächeln? Ist es
-etwa nicht wahr? Ja, mein Gott, ich wage es ja nicht, die Kirche, welche es
-auch sei -- denn ich bin ja tolerant -- mit meinem kleinen Finger
-anzutasten -- Kirche und Thron -- prosit! -- hoch! -- aber der Ultramon --
-Ultramon --«
-
-Er quälte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur großen Heiterkeit aller
-brachte er es nicht fertig.
-
-»Ultramon --«
-
-Der Chinese lachte laut heraus. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt, lassen Sie
-sich in kein Gespräch mit ihm ein. Er ist ein prächtiger Mensch, unser
-Redakteur Heinrich, aber sobald er ins Reden kommt wird er ungenießbar. Nun
-ist ihm Gott sei Dank ein Wort im Halse stecken geblieben. Er hat sich auf
-Sie geworfen, weil er mit uns kein Geschäft mit seinen Phrasen machen kann.
-Wir sind gar nicht für Politik, wir kümmern uns um nichts. Was liegt uns
-daran, was sie mit dem ganzen heiligen Bierstaat machen? Frage ich Sie? Hol
-mich der Teufel, nichts! Wir bezahlen unsere Steuern, weil wir müssen,
-fertig damit. Mögen sie da droben wirtschaften, wie sie wollen, das geht
-uns ja nichts an. Wie beliebt? Sagten Sie etwas? Nun, haben Sie keine
-Angst, welcher Partei Sie angehören, das weiß ich nicht, ich bekümmere mich
-auch nicht darum. Frei sind wir, frei, keine Parteifanatiker, wir tun
-unsere Arbeit, man bezahlt uns, fertig. Wir leben, wir sind Menschen.
-Partei ist Unsinn -- wir alle hier sind Individualitäten -- Aristokraten,
-basta! Ich setzte drei Mark, Eisenhut. Habe fünf!«
-
-»Wie sagten Sie?« fragte Grau, als ob er nicht gehört hätte.
-
-»Ultramontanismus! Ultramontanismus!« schrie laut triumphierend der
-Redakteur. Er hatte das Wort vor sich auf den Tisch geschrieben.
-
-Der Chinese beugte sich zu Grau. »Individualitäten, Aristokraten, sagte
-ich, sind wir. Gehören zu keiner Partei. Wir alle, wie Sie uns hier sehen,
-und auch Sie, Herr Grau -- wenn ich Sie recht kenne, nach all dem, was ich
-von Ihnen gehört habe -- auch Sie sind Aristokrat und Individualität! Auf
-Ihre Gesundheit!«
-
-Grau lächelte und schüttelte den Kopf. »Auf Ihr Wohlsein!« sagte er. »Ich
-danke Ihnen für Ihre gute Meinung, aber Sie überschätzen mich ganz
-ungeheuer. Ich bin kein Aristokrat, bei Gott, nein, noch lange nicht! Ich
-würde es auch nicht wagen, mich eine Individualität zu nennen. Ich bin noch
-weit entfernt davon, zu jung, zu wenig reif; ich danke Ihnen vielmals, aber
-eine Individualität -- sehr schmeichelhaft, allein --«
-
-»Ha!« schrie der Redakteur. »Prosit, Herr Grau! Ultramontanismus,
-Ultramontanismus, Prosit!«
-
-»Aber?« sagte der fette glänzende Chinese gedehnt und sah Grau mit den
-kleinen Augen an, die schimmernd in den fetten Backen schwammen. »Ich
-dachte --«
-
-»Keine Gespräche, Professor,« unterbrach ihn Dr. Nürnberger. »Keine
-Gespräche. Es nimmt kein Ende und kommt nichts dabei heraus zum Schlusse.
-Spielen Sie!«
-
-»Ich spiele ja! Sehen Sie denn nicht, daß ich ganz verzweifelt spiele. Ah!
-wo bleibt denn deine Bowle, Eisenhut, machst immer ein großes Geschrei! --
-Sie sind ja zu bescheiden, verehrtester Herr,« wandte er sich an Grau.
-»Nun, Sie können sich nennen wie Sie wollen, aber wir hier sind alle
-Individualitäten und Aristokraten.«
-
-Er beschrieb mit der Hand einen Bogen, der die ganze Gesellschaft
-einschloß. Dann erhob er das Glas und fügte hinzu: »Und nun lassen Sie uns
-ein Glas auf unsere Zeit leeren, die Zeit der Aufklärung!«
-
-Redakteur Heinrich schrieb eifrig an seinem Festbericht für den »Gauboten«,
-er kritzelte mit dem Bleistift einige Briefbogen voll, spielte dabei und
-horchte noch dazu immer mit einem Ohre auf das Gespräch an seiner Seite.
-Sobald jemand prosit sagte, schrie er ebenfalls prosit, und als er etwas
-von Aufklärung hörte, sprang er auf und schwenkte das Glas. »Aufklärung in
-Stadt und Land, prosit!« schrie er.
-
-»Nun?« sagte der dicke Chinese zu Grau. »Sie trinken nicht, Sie scheinen
-nicht einverstanden zu sein mit mir?«
-
-»Gewiß, ich trinke,« sagte Grau. »Mein Glas ist leer -- danke, Herr
-Doktor!«
-
-Ob er nicht selbst sagen müsse, daß es eine Freude sei, in dieser, gerade
-in dieser Zeit zu leben: Eine Zeit der Entdeckungen, der horrendesten
-Entdeckungen, Erfindungen, eine Zeit der Ideen, ja zum Teufel, -- einer
-gesegneten Zeit der Aufklärung, Abklärung und Erklärung, einer Zeit der
-Befreiung des Menschengeistes, einer neuen Zeit.
-
-»Gewiß eine hochinteressante Epoche!« warf Dr. Nürnberger ein. »Das
-Mittelalter liegt weit hinter uns!«
-
-Eine Zeit der Wissenschaft, der Sieg der Naturwissenschaften über den
-Aberglauben, Chemie, Physik hoch! Wie beliebt?
-
-Grau lächelte. »Gewiß, eine hochinteressante Epoche!« sagte er.
-
-Der Chinese sah ihn an. »Aber?«
-
-»Wieso denn: Aber?«
-
-»Sie akzeptieren also unsere Zeit ohne jeglichen Widerspruch, Herr Grau?«
-sagte Dr. Nürnberger mit feinem ironischem Lächeln.
-
-Die Herren verbargen ihm nicht, daß er sich in grellem Kontrast zu seinen
-öffentlichen Äußerungen befände.
-
-Grau lächelte fein. »Ich akzeptiere unsere Zeit als eine hochinteressante
-Epoche, meine Herren,« erwiderte er, »ohne ihr jedoch in allem zuzustimmen
---«
-
-»Ah -- haha! Nun lassen Sie, bitte, hören!« fiel ihm der Chinese ins Wort.
-
-Grau sah ihn an, dann fuhr er fort: »Auf jeden Fall ist es mir unmöglich,
-Ihre kritiklose Begeisterung zu teilen, meine Herren. Ich wiederhole
-nochmals, die Epoche ist hochinteressant, trotzdem kann ich nicht in
-Entzücken geraten über unsere Zeit. Vielleicht verstehe ich die Zeit nicht
-recht, aber ich darf wohl meine Meinung sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir
-hätten das Mittelalter hinter uns, ich glaube das nicht, ich glaube es
-nicht ganz.«
-
-»Wie? Aber --«
-
-»Lassen Sie Herrn Grau reden, Herr Professor!«
-
-»Nein, ich glaube es nicht ganz. Sondern ich glaube, daß wir in vieler
-Beziehung tief im Mittelalter stecken. Die Welt ist etwas reinlicher
-geworden, ja, das ist gut, wir haben Bahnen und Schnelldampfer, auch das
-ist ganz hübsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber sind es
-wesentliche, wertvolle Dinge? Ich sage nein. Entschuldigen Sie, es ist
-meine bescheidene Ansicht. Sie erlauben doch, nicht wahr? Es kommt mir so
-vor, wenn ich es sagen darf, ich blicke auf unsere Justiz, auf unsere
-sozialen Verhältnisse, die Stellung der Frau, auf eine Menge Dinge. Das
-Beil hängt noch über ganz Europa, ach, ich brauche mich ja nicht auf
-Einzelheiten einzulassen, es gibt keine Leibeigenen mehr, nein, auf dem
-Papier existieren sie nicht mehr, aber es gibt Millionen Sklaven des
-Kapitalismus, wir haben das alte Kastenwesen, privilegierte Stände -- und
-selbst die aufgeklärten und vornehmen Menschen, die meisten wenigstens, die
-ich kenne -- treten die Privilegien des Standes an, in dem sie geboren
-sind, ohne weiter darüber nachzudenken. Die gleichen, nahezu die gleichen
-Ideen regieren -- mit dem einen Unterschied, daß sie jetzt hohle Formen
-geworden sind, während sie früher wirkliche Kräfte waren. Kurz und gut, ich
-könnte Ihnen hunderte von Dingen aufzählen, die um kein Haar anders sind
-als sie im Mittelalter waren -- vielleicht sehen sie etwas anders aus und
-vielleicht sehen wir sie anders, weil wir dicht vor ihnen stehen. Aber --
-und nun hören Sie -- ich glaube, es ist ja nur meine Ansicht -- eines haben
-wir verloren: Die Überzeugung, die das Mittelalter besaß, die Tiefe, den
-ganzen Mystizismus, die wilde und schöne Atmosphäre. Ja, Sie lachen, Gott,
-wie gesund und gut Sie lachen können, das freut mich, Sie sind ein guter
-Mensch, lachen Sie ruhig, es ist ja nur meine Ansicht. Sie sprechen von
-unserer Zeit, nicht wahr, vor hundert oder achtzig Jahren sah es viel
-besser in der Welt aus glaube ich, besonders in Deutschland.«
-
-»Halten Sie ein!« unterbrach ihn der Chinese. »Entschuldigen Sie, daß ich
-Sie unterbreche: Nehmen Sie mir auch mein Lachen nicht übel. Ich lache und
-wir alle sind ja in guter Stimmung, hurra, hoch! Ja, wir sind alle gut
-aufgelegt. Eisenhut könnte die Bank nach und nach abgeben, er wird
-langweilig mit der Zeit! Wir brauchen -- ja, was sagen Sie doch -- tiefe
-Überzeugung, Mystizismus -- ja, gehen Sie doch in die Hölle damit -- Sie
-verzeihen meine starken Ausdrücke, es ist die Stimmung --«
-
-»Bitte, bitte!« sagte Grau lächelnd. »Ich verstehe sehr wohl --«
-
-»Wir sind ja gerade froh, daß wir all das los haben, Hochwürden! Es macht
-mir Freude, Ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu sprechen, aber was sagten Sie
-doch alles? Es scheint mir doch, daß Sie den modernen Zeitgeist wenig
-spüren und ein bißchen altmodisch sind, Herr Grau, hahaha!«
-
-Grau lächelte. Er könne recht haben, vielleicht sei er ein wenig
-altmodisch. Mindestens sei er sehr langsam, sehr schwerfällig. Aber wenn
-Herr Professor sich etwas Mühe gäbe.
-
-Professor Richter räusperte sich und nahm einen tiefen Schluck. »Wir sind
-moderne Menschen, mein Freund,« sagte er. »Modern bis auf die Knochen. Ein
-moderner Mensch, haben Sie eine Vorstellung von einem modernen Menschen?
-Ich will es Ihnen sagen. Ein moderner Mensch, das ist ein Mensch dieser
-Zeit der Aufklärung, ein freidenkender, toleranter Mensch, dem es ganz
-einerlei ist, was der andere tut, er kann tun und lassen, was er will und
-soll schauen, daß er zurecht kommt, ein Mensch ohne Aberglaube und
-utopistische Träume und schwächliche Ideale, ein Mensch mit einem gesunden
-Egoismus und einer gesunden Sinnlichkeit, ein Mensch, der sich nicht schämt
-ein Mensch zu sein -- bei allen Teufeln in der Hölle -- eben ein Mensch mit
-gesunden Sinnen und kein Phantast, kein Mönch, kein Spießbürger -- sondern
-ein Einzelwesen, ein Individuum -- ja, zum Henker -- das ist der moderne
-Mensch. Ich habe mich wohl deutlich genug ausgedrückt, wie?«
-
-»Danke, ja!« Grau sah den Chinesen an. »Lassen Sie mir etwas Zeit, ich muß
-all das überlegen. Ich denke sehr langsam, das ist es. Als ich jung war,
-fiel mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem muß ich langsam
-denken.«
-
-»Die Leiter hat Ihnen doch weiter nicht geschadet, wie?«
-
-»Nein, ich glaube nicht.« Grau lächelte.
-
-»Sie kennen Lombroso, nicht? So ein Anstoß von außen her kann zuweilen ein
-ganz gutes Resultat haben. Übrigens auf Ihr Wohlsein! Ich habe Sie vorhin
-unterbrochen.«
-
-Grau lächelte und stieß mit dem Chinesen und Dr. Nürnberger an. »Es ist
-sehr angenehm in dieser Gesellschaft!« sagte er. »Ich danke Ihnen nochmals,
-Herr Doktor, daß Sie die Freundlichkeit besaßen mich einzuführen. Sie haben
-mir erklärt was der moderne Mensch ist, Herr Professor. Erlauben Sie mir
-nun eine Frage, ich verstehe manches nicht. Zum Beispiel: Gesunder Egoismus
-und gesunde Sinnlichkeit, das sind ebenfalls solche Worte, die ich überall
-höre, ohne mir viel darunter vorstellen zu können. Ja, bei Gott, ich muß in
-Wirklichkeit ein altmodischer Mensch sein -- haha -- Sie haben am Ende doch
-recht -- denn ich wünsche mir den Menschen gerade mit recht viel Träumen
-und Idealen -- sie brauchen ja nicht schwächlich zu sein, da haben Sie
-recht, wenn sie nur hoch sind! -- mit recht vielen Träumen und Idealen
-sagte ich, auch Phantast kann er sein, weshalb nicht? Welche Rechte hat Ihr
-moderner Mensch?«
-
-»Er tut, was er will!«
-
-»Was er will?« sagte Grau leise und erstaunt. »Nun, aber er hat doch wohl
-Pflichten, Verantwortung --«
-
-Der Chinese lachte. »Faule Fische! Er tut, was er will und jeder tut, was
-er will. Pflichten und Verantwortung, das sind ganz ekelhaft abgestandene
-Begriffe --«
-
-Hm. Grau dachte nach. Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie mögen recht
-haben, daß ich ein altmodischer Mensch bin, aber ich glaube nicht, daß der
-moderne Mensch so ist, wie Sie ihn beschreiben. Der moderne Mensch fühlt
-sich im Gegenteil mehr durchdrungen vom Gefühle der Verantwortung als der
-Mensch irgend einer andern Epoche. Oft scheint es als ob in ihm erst jenes
-Gefühl richtig erwacht sei.«
-
-Der Arzt unterbrach ihn.
-
-Man müsse ja nur den Mut und die Ehrlichkeit haben die Wahrheit zu sehen
-und zu sagen, warf er ein. Ein Blick in die Natur genüge, um jeden zu
-überzeugen, daß das Prinzip des Egoismus überall regiere. Ebenso im
-Menschen. Man fange an, das zu erkennen und --
-
-»Erlauben Sie,« sagte Grau, »das hat man schon vor Tausenden von Jahren
-erkannt. Es springt ja in die Augen und ist das Natürlichste. Aber seit
-Tausenden von Jahren haben sich nun die Weisen mit diesen Problemen
-beschäftigt, über Recht und Pflicht, den Einzelnen und die Gesamtheit, über
-Tugend und Laster -- sie haben darüber nachgedacht, haben sich die Köpfe
-zerbrochen -- die Allerweisesten der Menschen -- ich bin ja ein Nichts im
-Verhältnis zu diesen Köpfen -- aber mir erscheint nichts lächerlicher und
-kleinlicher als der Egoismus.«
-
-In diesem Augenblick wurde die Sektbowle von der schönen Wirtin
-hereingetragen und mit lautem Hallo begrüßt. Der Redakteur ließ seinen
-Festbericht im Stiche und führte einen indianischen Tanz auf. Eisenhut
-pfiff auf einem Schlüssel und der Adjunkt segnete die Bowle mit feierlichen
-Gebärden. Herr von Hennenbach kam mit der schönen Wirtin herein und faßte
-sie um die Hüfte. Der leichenblasse Lehrer schlief in der Sofaecke, er
-erwachte bei dem Geschrei, blickte auf die Bowle, machte eine abwehrende
-Handbewegung und schlief weiter.
-
-Die Bowle brachte neues Leben in die Gesellschaft. Man sang einen
-Rundgesang und stürzte sich dann mit neuem Eifer auf das Spiel. Eisenhut
-hielt noch immer die Bank. Er sah bleicher und erregter aus, schrie und
-lachte mehr als alle. Zuweilen lauschte er gegen die Türe, wenn die Musik
-hereindrang, dann bellte er, trommelte und sprach sinnloses Zeug.
-
-»Ich werde jetzt mein Kostüm ausziehen!« schrie er.
-
-»Du bist ein Chinese auch ohne Kostüm!« sagte der Adjunkt und der Witz fand
-großen Beifall.
-
-»Vorsicht!« sagte Eisenhut böse und deutete mit dem Zeigefinger auf den
-Adjunkten, aber augenblicklich lachte er wieder heiter.
-
-Herr von Hennenbach nahm wieder am Spiele teil. Es schien als ob das Glück
-sich ihm zuwende. Er strich sich aufgeregt das schwarze, glänzende Haar aus
-der bleichen hohen Stirne und lachte.
-
-»Es beginnt!« rief er. »Nur los, Eisenhut! Ich brauche Geld! Noch eine
-Karte, wenn ich bitten darf. Ich setze zehn Mark!«
-
-Aber er verlor, und obgleich Eisenhut unvorsichtig spielte, verlor der
-Freiherr fortwährend. Er wurde noch aufgeregter und erbleichte mehr und
-mehr. Er setzte nun stets zwanzig Mark.
-
-»Zum Teufel!« schrie er und lachte nervös.
-
-Dann aber gewann er. Er gewann fünf-, sechsmal nacheinander und gebärdete
-sich laut vor Freude. »Endlich wendet sich das Blatt! Prosit, prosit
-allerseits!«
-
-»Die Bank hat acht!« rief Eisenhut.
-
-»Neun!« schrie Herr von Hennenbach und schlug auf den Tisch.
-
-Eisenhut sah ihn an und lächelte hämisch. »Sehen lassen!« sagte er.
-
-Es waren nur sechs Points.
-
-Freiherr von Hennenbach stand auf und stieß den Stuhl zurück und
-erbleichte. »Ich habe doch gezählt und gezählt!« rief er. »Sehe ich nicht
-recht? Das ist ja eine Figur -- aber das ist ja zum Teufelholen -- bin ich
-denn bezecht?«
-
-Eisenhut meckerte. »Du hast dich getäuscht, Kurt -- setze dich -- getäuscht
-hast du dich, das kann vorkommen.«
-
-Rechtspraktikant Schmidt aber sagte scharf: »Man muß eben acht geben!«
-
-»Wie beliebt, Herr Grau? Wir haben die Telegraphie, das Telephon,
-Bogenlampen, Blitzzüge, die Röntgenstrahlen -- all das hat unsere Zeit
-geschaffen. Imponiert Ihnen das nicht ein wenig? Kinematograph, Phonograph,
-ja, was haben wir doch alles. Die eminente Entwickelung der
-Naturwissenschaften.«
-
-Herr Grau möge sich auch an die Errungenschaften der modernen Physiologie,
-Bakteriologie, Chirurgie erinnern, bemerkte der Arzt.
-
-Grau lächelte. »Ich sagte schon, daß das alles ganz groß ist,« sagte er,
-»all diese Erfindungen, von denen Sie sprechen, wunderbar! Ich lege Ihnen
-sogar noch einen tieferen Sinn bei -- sie sind in gewissem Sinne
-Offenbarungen -- Verzeihung, ich spreche im vollen Ernste, meine Herren --
-aber --«
-
-»Aber?«
-
-»-- trotz ihrer Größe und Wichtigkeit und Tiefe sind sie alle zusammen noch
-nicht imstande eine Kultur zu bilden. So groß sie sind, sind sie doch kein
-wesentlicher kultureller Faktor. Ich nehme an, ja, zum Beispiel, ein
-einziger Psalm von Salomo ist weitaus mehr wert als alle Fernsprechapparate
-und Dynamomaschinen zusammen --«
-
-»Allen schuldigen Respekt vor Ihrem Salomo, aber --«
-
-»Wir können ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine, eine Kantate von Bach,
-ein Beethovenscher Akkord, ein Gedanke von Plato oder Goethe, wie Sie
-wollen.«
-
-»Pardon,« unterbrach ihn der Arzt, »glauben Herr Grau vielleicht, daß ein
-Goethescher Gedanke, um nur eines herauszugreifen, kulturell höher zu
-werten ist als zum Beispiel die Erfindung des Serums gegen die Tollwut oder
-die Entdeckung des Cholerabazillus?«
-
-Grau sah ihn erstaunt an. »Aber natürlich!« sagte er lächelnd. »Wir
-sprechen ja von Kulturwerten, nicht wahr?«
-
-Hm!
-
-Aber mit einem Serum könne man doch Tausende von Menschen heilen und ihr
-Leben retten?
-
-Grau lächelte. »Haben Sie damit schon etwas zur Kultur beigetragen, Herr
-Doktor?«
-
-»Hahaha!« lachte der dicke Chinese und zog seine Karten auf.
-
-Hier geschah es, daß Herr von Hennenbach auf Grau blickte. Wiederum ruhten
-die Blicke der beiden eine Weile merkwürdig fragend und suchend ineinander.
-Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentümlich, der junge
-Mann erbleichte unter Graus Blick. Er erbleichte ganz langsam. Er wandte
-die Augen ab, um Grau sofort wieder anzusehen. Er legte die Karten auf den
-Tisch, starrte Grau an und drehte mechanisch den silbernen Reif um das
-Handgelenk. Dann gab er sich einen Ruck, verzog den Mund und griff nach
-seinem Glase und erhob es gegen Grau.
-
-»Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!« sagte er und lächelte.
-
-Grau rührte sich nicht. Es war ein solcher Lärm, daß der Freiherr annahm
-Grau habe nicht gehört. Er wiederholte: »Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!«
-
-Sah Grau nicht? Hörte er nicht? Er blickte ruhig und ohne eine Miene zu
-bewegen auf den jungen Mann.
-
-»Auf Ihre Gesundheit, Herr!«
-
-Grau sah und hörte nicht.
-
-»Das ist doch unerhört!« stammelte der Freiherr und erbleichte.
-
-Niemand hatte dem Vorfall Beachtung geschenkt.
-
-Professor Richter rückte näher an Grau heran, so daß jetzt Grau ebenfalls
-unter den gelben chinesischen Schirm zu sitzen kam.
-
-»Also unsere Zeit findet keine Gnade vor Ihren Augen? Seht an, seht an!«
-begann er von neuem.
-
-Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von dem ewigen Geschwätz,
-übrigens beschäftigten ihn auch andere Gedanken, gerade jetzt.
-
-»Bitte?« sagte er. Er lächelte. »Gerade vor meinen Augen? Ich bin ja nicht
-befugt, zu urteilen und zu richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich
-wohl antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet, man sucht,
-ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte ich das leugnen, unsere Zeit
-bereitet gewiß eine andere vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es
-gegenwärtig aussieht -- nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz und gar
-nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur gegeben, die so tief stand
-wie die Kultur unserer Zeit. Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint
-es mir. Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen
-Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige Bewegung, ein
-Rausch, eine Begeisterung, Ideale? Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger
-der Kultur ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa. Auch das
-belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst auf die Gefahr hin, daß ich
-mich vor den Herren lächerlich mache und immer mehr und mehr altmodisch
-erscheine. Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja, so scheint
-es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste und zivilisierteste Stück
-Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen -- wir haben das Mittelalter
-gehabt, mit einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung, wie
-haben doch die Menschen damals gefühlt? Ich weiß, daß Sie den Mönchen
-gegenüber nicht freundschaftlich gesinnt sind -- aber der Gedanke des
-Mönchtums war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein den Gedanken
-kurzerhand abtut -- aber wenn man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer
--- die Fakire und Derwische -- zu welchen Taten sind sie fähig gewesen, und
-die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten Dinge. Was ist
-Gefühl, was ist Mysterium, Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses
-Empfinden? Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine Ihnen vielleicht
-altmodisch, weil ich mich danach umsehe. Übrigens weiß ich wohl, daß all
-das noch existiert, aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung. Wir
-haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen, aber wissen Sie, woran es
-uns vor allem fehlt?«
-
-»Bitte?«
-
-»An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen
-Eigenschaften.«
-
-»Hahaha. Fahren Sie fort! Auf das Wohl der Fakire und heulenden Derwische!«
-
-Grau erhob das Glas. »Auf ihr Wohl!« sagte er. Und er fuhr fort: »Wir haben
-in unserer Zeit eine Art von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint.
-Wenn ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt sich ohne
-jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten und trivialsten
-Lebensanschauungen anzuschließen -- zum Beispiel dem Materialismus,
-Atheismus und so weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach, so
-nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und weil diese Anschauungen
-so gar keine Anforderungen stellen. Das erscheint mir so ärmlich und
-trivial und das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur, sehen
-Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch zum größten Teil
-geworden, die Feste, jede Lebens- und Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,«
-fügte er hinzu, »ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer, wenn
-auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur vorbereitet!«
-
-Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer nämlich war langsam vom
-Sofa geglitten und unter den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn
-laut schnarchen.
-
-Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf der
-Brust und die Oberlippe stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten
-tapfer in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die Runde an ihn kam.
-Das erriet er stets. Die Stimmen der Spieler wurden leidenschaftlicher,
-rauh und betrunken. Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde zu
-werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik im Saale, die Geigen, die
-Klarinetten, die Pauken. Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe,
-kicherte durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte sich heiter.
-
-Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe.
-
-Da erhob sich Grau plötzlich und sagte: »Meine Herren, ich bitte um eine
-Minute Gehör. Ich finde Sie alle bei guter Laune und ich möchte die gute
-Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohltätigen Werke zu animieren.« Er zog
-den silbernen Ring mit dem winzigen blauen Stein aus der Westentasche. »Ich
-habe hier einen Ring,« fuhr er fort, »den ich zu Geld machen möchte. Er
-gehört einer armen alten Frau. Vielleicht findet sich hier ein Liebhaber?«
-
-Er lächelte und zeigte den Ring. Seine weißen hübschen Zähne blitzten.
-
-Der dicke Chinese lachte zuerst und alle fielen in sein Lachen ein.
-
-»Nein, Sie sind schon ein wenig sehr altmodisch -- hahaha -- alles was
-recht ist --«
-
-»Der Ring ist freilich einfach und schlicht,« sagte Grau, der leicht
-errötete, und zeigte den Ring im Kreise umher, »er gehörte Fräulein
-Margarete Sammet, die sich das Leben nahm -- Sie erinnern sich gewiß alle
--- für die Mutter möchte ich ihn zu Geld machen. Natürlich gebe ich ihn
-nicht billig her, nicht allzu billig. Findet sich kein Liebhaber? Herr
-Redakteur Heinrich -- oder vielleicht Sie, Herr Assistent Pechmann? Sie
-lachen, meine Herren, aber die Frau ist ja arm und hat Geld nötig. Herr
-Amtsrichter Leutlein, Herr Eisenhut?«
-
-Eisenhut blickte auf den Ring und blinzelte, dann sah er Grau ins Gesicht.
-Er wurde totenblaß und hörte auf zu blinzeln. Er schüttelte den Kopf.
-»Nein, danke!« sagte er leise.
-
-Grau verbeugte sich und lächelte. »Nicht? Wie schade! Aber vielleicht Sie,
-Herr von Hennenbach? Ich habe die Angelegenheit in die Hand genommen und
-möchte sie auch zu Ende bringen, deshalb. Vielleicht Sie, Herr von
-Hennenbach? Wollen Sie sich den Ring nicht ansehen?« Grau beugte sich über
-den Tisch und zeigte den Ring. »Sie sind ja ein Liebhaber solcher Dinge,
-wollten Sie mir nicht einmal meinen Reisesack abkaufen? Sie erinnern sich,
-es war hier im Elefanten am Tage vor der Beerdigung des Dienstmädchens. --
-Ich habe Sie vorhin beleidigt, ich war unhöflich gegen Sie. Tragen Sie mir
-das nicht nach. Sie waren ja an jenem Abend ebenfalls nicht gerade
-freundlich gegen mich -- vergessen wir es, wir sind quitt. Wollen Sie sich
-den Ring nicht ansehen?«
-
-Grau spielte eine lächerliche Rolle. Alles belustigte sich über ihn.
-
-Herr von Hennenbach begann augenblicklich laut aufzulachen. Er lachte, daß
-sich sein Gesicht rötete und hustete. »Danke, danke!« rief er aus.
-
-»Oh, aber ich denke, Sie verstehen sich auf die Schätzung eines solchen
-Ringes --«
-
-Der Freiherr lachte immer noch.
-
-»Für den Ring habe ich leider keine Verwendung,« sagte er und lachte
-immerfort.
-
-»Bitte sehr!« Grau lächelte sonderbar. »Selbst Sie also nicht!« sagte er
-und sah dem lachenden jungen Mann in die Augen.
-
-Plötzlich jubelten alle und blickten zur Türe. An der Türe hörte man das
-Lachen von Mädchen, Adele und die Schwestern Sinding traten ein.
-
-»Hurra! Hoch die Damen!«
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-»Ah!« schrien die Herren und fuhren in die Höhe. Der dicke Chinese schwang
-den Schirm wie eine Fahne und der Redakteur verneigte sich tief und
-ruckweise, daß sein wirres Haar über die Stirne flog. Hurra! Hoch die
-Damen! Hoch! Ein Stuhl klapperte auf dem Boden und ein Weinglas fiel auf
-geisterhafte Weise ganz langsam von selbst um und zerbrach. Adjunkt Kaiser
-schlief friedlich in seinen Hemdärmeln; da keine Karte mehr gekommen war,
-war er eingeschlafen.
-
-Der Rauch wirbelte zur Türe hinaus, so sah es aus als kämen die Mädchen aus
-einer Wolke. Sie standen alle drei zögernd beisammen und hatten Furcht der
-Gesellschaft nahe zu kommen, die lärmend auf sie eindrang.
-
-»Wir wollten einmal sehen, wie die Herren sich amüsieren!« sagte Adele und
-blickte umher. Sie bewegte den Fächer in der Hand und der Ärmel ihres
-Kostüms fiel herab, so daß man ihren weißen vollen Arm sah. In dem roten
-Kostüm, mit den schwarzen Haaren, den hellen Augen sah sie imponierend und
-fremdartig schön aus. Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel.
-Sie lachte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen waren so rot. Aber ihre
-Augen waren ohne Erbarmen, stechend und hart.
-
-Sie blickte auf Grau, sah aber sofort weg, sie streifte Eisenhut mit einem
-raschen Blicke.
-
-Eisenhut hatte sich langsam erhoben als Adele sichtbar wurde. Er reckte den
-Spitzbart vor, hörte auf zu blinzeln und machte die Augen scharf, um sich
-zu überzeugen, daß sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde fahl, richtete
-sein Kostüm, strich sich die Haare zurecht und starrte unausgesetzt auf
-Adele. Auf seinen Lippen erschien ein verzweifeltes Lächeln. Er ließ sich
-auf das Sofa nieder, langsam, um kein Geräusch zu machen, und versteckte
-sich hinter dem jungen Hennenbach, der mit Klara Sinding plauderte.
-
-Plötzlich lachten alle. Der junge Lehrer nämlich, der unter dem Tische
-schlief, erwachte und machte sich auf allen Vieren aus dem Staube. Er kroch
-zur Türe, stieß sie mit dem Kopfe auf und verschwand.
-
-»Ja, was ist denn das?« schrien die Mädchen.
-
-»Das ist unser Hund!« sagte Herr von Hennenbach, der seine Trunkenheit
-geschickt hinter seinen sicheren gesellschaftlichen Formen verbarg. »Er
-geht um für die Damen zu bestellen!«
-
-»Hahaha!« lachten die Schwestern Sinding und Klara blickte Herrn von
-Hennenbach mit schwärmerischen, glänzenden Augen an; sie verriet sich mit
-einem Blicke.
-
-Professor Richter ordnete geschickt wie ein Kellner die Gesellschaft.
-Gläser! Die Damen sollten sich zu Hause fühlen, höhö! Gläser für die Damen.
-
-»Nein, keinen Wein, um Gottes willen!« rief Adele. »Vielleicht könnte man
-ein Glas Selters haben.«
-
-»Selters! Selters!«
-
-Auch die Schwestern Sinding wollten nichts mehr trinken. »Selters, ja.« Sie
-saßen mit glühenden Wangen da.
-
-Adele lachte laut auf. »Hier ist er ja, unser Herr Eisenhut!« rief sie und
-zeigte auf Eisenhut. »Bedenken Sie nur, meine Herrschaften, hundert Mark
-war ihm zuviel für ein Glas Sekt, an dem ich nippte!«
-
-»Ah, oh -- oho!« riefen die Herren rings im Kreise.
-
-Eisenhut bewegte die Lippen. Er blinzelte. »Ich habe ja -- habe ich nicht
-hundert Mark bezahlt -- ich wollte Ihnen die Hand geben --«
-
-Aber Adele war grausam. Sie hörte ihn nicht, sie erzählte die Geschichte
-von den hundert Mark, die ganze Szene und ahmte Eisenhuts Erstaunen,
-Schrecken und Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fächelte sich
-unaufhörlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich heiß es sei! Ob man die Fenster
-nicht --
-
-»Die Fenster auf -- zum Donnerwetter! Für die Damen --«
-
-Der Redakteur stand schon eine ganze Weile da, das Glas in der Hand und
-klappte mit den Lidern wie eine mechanische Figur. Offenbar hielt er eine
-Rede, aber niemand nahm Notiz von ihm.
-
-»-- des Lebens heitere Zierde -- ehret die Frauen, sie flechten und weben
--- hoch die Damen! --« murmelte er -- »hoch! Ein Kranz schöner Jungfrauen,
-der des Festes Tafel schmückt -- könnte ich jeder ein Kränzchen von
-Maienblumen auf das holde Haupt legen --« Plötzlich liefen dicke Tränen
-über sein Gesicht. »Hoch die Damen, hoch!«
-
-Die Herren fielen stürmisch ein.
-
-Spielen? Ja, natürlich wollten sie spielen. Alle! Man stürzte sich kopfüber
-ins Spiel, schrie und lachte. Die Damen würden es sofort können, eine
-Kinderei! Der Adjunkt schlief immer noch. Amtsrichter Leutlein, der seine
-schläfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein auf die Glatze, und er
-erwachte. Er starrte lange Zeit geistesabwesend auf die Mädchen, dann sagte
-er feierlich: »Guten Abend!«
-
-»Es ist ganz herrlich hier!« rief Adele. »Kann ich dem Klub beitreten? Ein
-Glas Bowle nun, Herr Doktor, bitte.«
-
-»Bowle, ein Glas Bowle, rasch!« kommandierte der dicke Chinese.
-
-»Ja, also, verehrter Herr Grau --« Er müsse doch zugeben -- selbst wenn er
-mit allem und allem unzufrieden sei -- er müsse doch gestehen, daß die
-Wissenschaft in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine ganz
-unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten Vorurteilen, habe sie
-zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen habe sie in Grund und Boden
-hineingeritten --
-
-»Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten Respekt vor der
-Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren großen Männern. Wo habe ich denn
-behauptet, daß ich, ein kleiner und einfacher Mensch -- das wäre ja
-geradezu kühn --«
-
-»Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel, zum Teufel ist er! Pardon!
-Aber er ist zum Teufel, einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage
-mehr glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder fünftausend
-Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?«
-
-»Natürlich, das ist Fabel!«
-
-»Bravo, bravo! Also endlich --«
-
-»Im übrigen,« fügte Grau hinzu, »wer weiß, ob es nicht doch ein wahres
-Geschehnis ist? Wie schön ist aber jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach
-dem Außerordentlichen, jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren? Nicht wahr?
-Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es auch, ich glaube es. Ich bin
-geneigt, das Unglaublichste zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen
-kann --«
-
-»Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand -- wo bleibt da der
-gesunde Menschenverstand? Ich bitte, Ehrwürdiger, der gesunde
-Menschenverstand muß doch auch auf seine Rechnung kommen?«
-
-Grau lächelte. »Der gesunde Menschenverstand?« sagte er. »Was ist es
-eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen, Herr Professor, daß mein
-Verstand, obwohl ich annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr
-häufig im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat schon ganze
-Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie mir einen Kirschkern her und
-behaupten Sie, es wird ein Baum daraus werden mit Blättern, Blüten,
-Kirschen, verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für möglich
-halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit
-von so und soviel Meilen um die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie,
-mein gesunder Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe einen Stein,
-der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht einmal das. Ich muß Ihnen
-leider gestehen, daß ich mich auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei
-den einfachsten Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar nicht zu
-sprechen.«
-
-Hm, hm.
-
-»Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr gesunder Menschenverstand
-den Wunderglauben abweist, nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft
-arbeiten lassen -- Hölle und Tod! -- sie wird ihr Werk der Aufklärung schon
-vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel sie darstellt, das ist wohl
-eine Fabel oder nicht?«
-
-»Natürlich ist das eine Fabel, aber --«
-
-Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die Hand. »Redefreiheit für
-jedermann! Wir sind unter uns!« sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln.
-»Sie können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand wird ein Wort
-erfahren. Ein Wort, ein Mann!«
-
-»Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal nicht gesetzt, Eisenhut,
-schreie nicht so! Ich erlaube mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn
-die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und Poren des Volkes
-gedrungen ist -- all der Zauber, Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs
-schmelzen -- ja was dann? -- Ich erlaube mir zu behaupten, daß die Religion
-dann bankerott ist, einfach. Sie kann ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich
-bitte wegen des starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so, bei
-allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.«
-
-»Bitte,« sagte Grau, »es ist ja nur eine Formsache, die nichts zu sagen
-hat. Also, das glauben Sie? Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft
-erkennen wird, desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es wird
-nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen, ungeheuer anwachsen. Denn
-die Wissenschaft wird Wunder um Wunder aufdecken, es wird alles
-verwirrender und verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff
-verliert natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr und mehr
-verfeinern, vergeistigen; je wissender und größer der Mensch wird, desto
-erhabener und größer und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird
-gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht --«
-
-»Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem so tiefen religiösen
-Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich kommt.«
-
-»Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem Menschen begreiflich macht,
-daß vor etlichen Millionen Jahren der Mensch noch gar nicht existierte?
-Wie? Was denn, was denn? Gott?«
-
-Grau sah ihn erstaunt an. »Wenn es jetzt keinen Menschen gäbe,« versetzte
-er lächelnd, »so gäbe es allerdings kein menschliches religiöses Gefühl.
-Aber es handelt sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des
-Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch existiert und seit wann,
-das ist ja nebensächlicher Natur.« Grau lächelte. »Es ist merkwürdig wie
-sehr Sie an die Naturwissenschaften glauben,« fuhr er fort, »ich verehre
-die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen zum größten Teil meiner
-Erziehung -- allein so unumstößlich wahr sind ihre Thesen nicht, glaube
-ich. Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über einen Anhänger der
-jetzigen Entwickelungslehre ebenso, wie man in unseren Tagen über jemand
-lacht, der noch glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt worden.
-Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht dieser Meinung, sondern
-ich finde die Behauptungen der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar.
-Aber was soll das sagen, nicht wahr?«
-
-»Wie!« Der dicke Chinese lachte und schrie. »Alles, alles mein Herr, alles!
-Ich bitte Sie, die Konsequenzen -- die Konsequenzen! Fassen Sie die
-Konsequenzen ins Auge!« heulte er triumphierend.
-
-Erstens also sei -- und zweitens --
-
-Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwährend.
-
-»Nun auf das Wohl der Herren!« rief sie und erhob das Glas. Sie sah
-wiederum Grau einen Augenblick lang eigentümlich an. Dann lächelte sie.
-»Auf das Wohl Susannas!« sagte sie. »Auf gute Freundschaft!« setzte sie
-hinzu und lächelte wieder.
-
-»Auf gute Freundschaft!«
-
-Eisenhut hatte keinen Wein im Glase und bis er es füllte, war es zu spät.
-Er sagte höflich: »Auf die Gesundheit der Damen!« und stürzte das volle
-Glas hinunter. Dann lachte er. Nur Maria Sinding sagte: »Zum Wohlsein!«
-
-»Es ist sehr unterhaltend hier!« sagte Adele. »Alles Ernstes, ich will
-Mitglied des Klubs werden. Ja! ich will die kurzen Monate noch genießen.«
-
-Wann denn die Hochzeit sei?
-
-»Im Mai!« antwortete Adele lachend. Dann schüttelte sie den Kopf. »Wer weiß
-es?« fügte sie hinzu. »Niemand weiß es. Seht her, wieviel ich gewonnen
-habe! Ich habe Glück im Spiel! Faites vos jeux, messieurs!«
-
-Professor Richter verlor endlich die Geduld. Ja, ein merkwürdiger Herr war
-dieser Herr Grau. Wie eine Katze fiel er stets auf die Füße. Nun er
-zugegeben hatte, daß der Mensch vielleicht nichts sei als das letzte Glied
-einer langen Entwickelungsreihe -- ein Produkt der Auslese und Zuchtwahl --
-nun war alles noch viel wunderbarer für ihn. Er bewunderte den feinen
-Geschmack und Instinkt der Wesen, immer das Schönere und Zweckmäßigere
-auszuwählen, er bewunderte das Resultat. Nein! Man könne nicht mit ihm
-diskutieren.
-
-Aber nach einer Weile begann Professor Richter von neuem die Diskussion. Er
-bearbeitete Grau nach allen Regeln und von allen Seiten. Die ganze moderne
-Wissenschaft ließ er aufmarschieren. Endlich -- ach, endlich!
-
-»Nun, verehrter Herr,« murmelte er und rieb bedächtig die großen fetten
-Hände aneinander, »die Schlußfolgerungen sind höchst einfach. Ja, das ist
-ja erstaunlich, was Sie nun alles zugegeben haben, haha! Sie sind ja gar
-kein solch altmodischer Mensch, Donner und Doria -- nein, Sie sind ja ganz
-modern. Und beschlagen sind Sie ebenfalls, nicht wahr, Doktor, wie er doch
-die Literatur kennt, unser Herr Grau! Aber nun erlauben Sie, daß ich
-zusammenfasse! Wenn Sie mir all das zugeben und behaupten all das ändere ja
-an der Sache nichts -- wenn Sie mir zugeben, daß die Seele des Menschen aus
-der Tierseele entstanden ist, ein Komplex von Gehirnfunktionen -- wenn Sie
-mir das zugeben, wenn Sie mir zugeben, daß jedes Empfinden von einem
-physiologischen Vorgange begleitet sein muß -- so erlischt also die Seele
--- sie hört auf, sie ist fort und verschwunden, in die Binsen ist sie
-gegangen -- in dem Augenblicke, da die Blutzirkulation im Gehirn stockt!
-Das ist doch logisch, nicht wahr? Ja, zum Henker, jeder Idiot begreift das.
-Aber dann leugnen Sie ja die Unsterblichkeit der Seele, haha! Vollständig,
-mein Verehrter, jawohl -- Sie lachen -- aber Sie taten es, gerade vor zwei
-Minuten. Prosit! Ja, prosit, Sie sind ein moderner Mensch, durch und durch,
-einen Orden sollen Sie haben!«
-
-»Haben Sie gesehen, daß alle herblickten, als Sie das kleine Wort
-Unsterblichkeit aussprachen?« entgegnete Grau. »Es fiel mir auf. Ja, das
-nur nebenbei. Was sagten Sie? Was habe ich doch getan? Aber auf Ihre
-Gesundheit, auf die Gesundheit der Damen -- gewiß werde ich heute einen
-Rausch bekommen, so oft schenkt mir der liebenswürdige Herr Doktor ein! Ja,
-was habe ich doch nur getan, daß Sie so triumphieren, Herr Professor?
-Triumphieren Sie, bitte, nicht zu früh. Ja trotzdem, trotz alledem glaube
-ich an die Unsterblichkeit der Seele. Ich werde Ihnen nicht mit Gründen
-kommen, denn so unzulänglich meine Worte wären, so unwürdig wären Worte
-diesem Gegenstande. Auch finde ich es häßlich, jedes Geheimnis mit einem
-Worte zu vernageln. Wie würde es sich doch ausnehmen, wollte ich sagen, all
-die Millionen Schwingungen, Strahlen, die in jeder Stunde von Ihnen
-ausgehen und ja gewiß fortdauern müssen, sie zusammen -- oder die Seele
-könnte sich irgend eines unbekannten Mediums bedienen -- wie häßlich würde
-das doch klingen und nichts sagen obendrein. Nein, meine Herren, ich fühle
-es und ich denke auch, nie hätte ein Mensch diesen Gedanken fassen können,
-niemals, wenn es nicht etwas Wahres mit ihm wäre!«
-
-Grau lächelte und einen Augenblick lang leuchteten seine Augen wie dunkles
-Gold.
-
-»Ja,« wiederholte er, »wie hätte doch solch ein Gedanke in den menschlichen
-Kopf kommen können, wenn er nicht wahr wäre!«
-
-Aber da höre jede Diskussion auf. Herr Grau sei ein ganz modern denkender
-Mensch, aber sobald man gewisse Dinge berühre -- haha!
-
-»Diese Dinge lassen sich eben nicht diskutieren!« erklärte Grau lächelnd.
-
-Dr. Nürnberger rollte sich eine Zigarette und sagte: »Aber der Mensch hat
-ja auch den Gedanken der Sterblichkeit der Seele fassen können, also muß es
-auch damit eine gewisse Richtigkeit haben.«
-
-»Gewiß,« erwiderte Grau, »der Irrtum ist verzeihlich, denn wir sehen den
-Tod stets ringsum und es ist auch möglich, daß ein Teil -- jener Teil, Herr
-Doktor -- der Seele stirbt -- -- -- -- Aber sehen Sie doch, was ist mit
-Herrn Eisenhut?«
-
-Eisenhut nämlich deutete mit dem Zeigefinger auf den Tisch und schrie
-unaufhörlich: »Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ich lasse mir das
-nicht bieten!«
-
-»Er läßt sich das nicht bieten!« ahmte der Adjunkt Eisenhuts heulende und
-pfeifende Stimme nach.
-
-»Bitte, bitte!« sagte Adele und lachte gereizt. »Herr Eisenhut weiß es
-besser, natürlich!«
-
-Jemand hatte Adele grausam genannt, weil sie Eisenhut soviel Geld abnähme.
-Sie hatte ganze Rollen von Geld vor sich liegen. Man könne doch sehen, daß
-Eisenhut es aufs Verlieren anlege.
-
-»Er mag spielen, wie er will!« antwortete Adele lachend. »Wenn es ihm
-Freude macht zu verlieren, so mag er ruhig verlieren. Ich für meine Person
-freue mich, wenn ich gewinne, und ich freue mich, wenn jemand verliert. Wer
-hat mich doch grausam genannt? Sie, Herr Assistent Pechmann? Danke! -- Ja,«
-fügte sie in scherzendem Tone hinzu, »gewissermaßen haben Sie recht, ich
-bin vielleicht grausam. Zum Beispiel, ich hasse die Kranken und die
-Krüppel, ob sie nun bucklig sind oder hinken, einerlei, und oft denke ich,
-man sollte sie eigentlich vergiften, das beste wäre es! Ist das nicht
-grausam? Und dann, schon als Kind war ich recht unangenehm, ich habe meine
-Amme in die Nase gebissen und später liebte ich es, den Mücken den Kopf
-abzureißen --«
-
-Sie sagte es in scherzendem Tone und gab dabei die Karten; niemand
-beachtete es weiter, aber Eisenhut begann plötzlich sich ganz unsinnig zu
-gebärden.
-
-»Das ist nicht wahr.« schrie er und pochte auf den Tisch. Gelächter.
-
-»Wie beliebt?« fragte Adele und richtete die hellen Augen auf ihn.
-
-Eisenhut schrie: »Niemals haben Sie Mücken die Köpfe abgerissen, das ist
-eine Lüge. Ich habe es in einem Buche gelesen!«
-
-Jemand fragte, ob er denn überhaupt je ein Buch gelesen habe?
-
-Der Redakteur streckte beide Hände gegen Eisenhut aus: »Friede sei mit
-dir!« Aber der dicke Chinese schob ihn zur Seite und faßte Eisenhut an der
-Schulter. »Eisenhut!« rief er. »Ruhig, oder du fliegst hinaus! Du brauchst
-Damen lügen zu strafen! Eine Dame lügt nie! Verstanden, du Erzlügner!« Ja,
-die Damen müßten den unangenehmen Zwischenfall entschuldigen.
-
-Eisenhut machte sich frei und erhob sich. Er war weiß wie eine getünchte
-Wand. Er atmete tief und versuchte zu lächeln. Seine Lippen zitterten, das
-Haar klebte an seiner Stirn. Er ließ die Augen im Kreise umherirren, von
-einem zum andern, und seine Lippen bebten stärker: Feinde, lauter Feinde!
-
-»Wie sagen Sie?« sagte er, stotterte er. »Ich stehe -- ja, was soll das
-heißen -- was soll das heißen! frage ich?« Er rang die Hände und alle sahen
-ihm zu, wie zu einem Schauspiel. »Was soll das heißen,« fuhr er zitternd
-und bleich fort. »Ich bin wohl kein Mensch? Alles was recht ist -- es ist
-zuviel! Erzlügner? Wie -- alles was recht ist -- Sie -- Sie haben -- dieser
-Doktor dort, Herr Dr. Nürnberger -- er hat Herrn Grau heraufgelockt. Dr.
-Nürnberger ist gegangen um Herrn Grau heraufzuholen, wir wollen ihm die
-Würmer aus der Nase ziehen, er sagte es, Professor Richter -- es wäre ein
-Vergnügen, zum Scherz ein Gespräch mit ihm anzufangen -- er hat es gesagt.
-Alles lügt hier, alles macht sich lustig hier, so ist es. Eine Dame lügt
-nie? Er sagt es, hier, Herr Professor Richter, aber vorhin hat er gesagt,
-jede Frau wäre ein Sack voll Lügen und die Frauen lügen so, daß sie sogar
-manchmal die Wahrheit sagen. Ich habe es gehört, alle haben es gehört --«
-
-Alle Teufel! Ruhe!
-
-Aber Eisenhut schrie nur um so lauter. »Das lasse ich mir nicht bieten.
-Erzlügner? Muß ich mir denn --«
-
-»Hören Sie mal! Eisenhut!« sagte Professor Richter und faßte Eisenhuts Arm.
-Aber Eisenhut stieß ihn zurück, er stieg auf das Sofa.
-
-»Es hat gar keinen Sinn!« sagte er. »Gar keinen Sinn -- Fräulein von
-Hennenbach hat mich verhöhnt -- vor allen Leuten -- ich habe aber hundert
-Mark bezahlt für ein Glas Sekt -- sie hat mir nicht einmal die Hand gegeben
--- dann zerbrach ich ein Glas -- Ja, ich kam hierher und freute mich. Ich
-freute mich so sehr. Ich war allen dankbar, euch allen -- aber wie begann
-es. Es begann mit den hundert Mark! Ich hasse euch alle, alle! Ich hasse
-euch, ihr Hunde und Lügner! Und auch Sie hasse ich, Fräulein von Hennenbach
--- mehr als alle! Bin ich geizig, bin ich schmutzig, ich? Wie? Ihr alle
-seid mir Geld schuldig, sechzehntausend Mark seid ihr mir alle zusammen
-schuldig -- bin ich geizig? Ihr lacht?!« Er fuhr rasch in die Tasche und
-zog den Pack Banknoten heraus. »Es ist mir alles einerlei -- hier, ich
-zerreiße das Geld -- alles, alles -- nehmt es, ihr Bettler! -- ich hasse
-euch!«
-
-Man schrie, lachte und stieß Eisenhut vom Sofa herunter.
-
-Adele sagte: »Lassen Sie ihn doch! Er klebt die Stücke ja morgen doch
-wieder zusammen.«
-
-Eisenhut richtete die Blicke auf sie. Er schloß einen Augenblick lang die
-Augen und hatte das Aussehen eines Menschen, der das Gefühl hat, in die
-Tiefe zu stürzen. Er legte auch die Hände auf den Tisch um sich zu stützen.
-
-»Sie sagen das!« sagte er mit böse funkelnden Augen. »Sie! Nach all dem was
-vorgefallen ist!«
-
-Adele stand auf. »Herr Eisenhut!« sagte sie und erbleichte.
-
-Eisenhut machte eine verzweifelte Gebärde. Er blickte Adele an und
-plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes vollständig. Er
-errötete und wurde wieder bleich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er
-rang die Hände und schrie: »Ich bin schlecht, schlecht, ich bin -- seht
-alle her, wie schlecht ich bin! Ja, bei Gott, bei allen Göttern, verzeihen
-Sie mir, Fräulein von Hennenbach! Ha! Oh, was habe ich gesagt! Was habe ich
-gesagt? Was sollte denn vorgefallen sein? Daß Sie freundlich zu mir waren
-und mich einluden zum Tennis? Jeder weiß, daß nichts vorgefallen ist. Ich
-beleidigte Sie -- ich wollte Sie beleidigen, das ist es! Sie müssen es
-vergessen. Sie haben recht, ich habe ja schon öfters Banknoten zerrissen
-und wieder zusammengeklebt. Sie sagten die Wahrheit -- ja, bei Gott --«
-
-»Eisenhut!« sagte Grau.
-
-Eisenhut blickte ihn an und suchte mit seinen glitzernden verzweifelten
-Blicken in Graus Augen. Dann lächelte er spöttisch. »Herr Eisenhut -- ich
-bitte recht sehr!« sagte er und deutete auf den Tisch. »Euch allen sage ich
---«
-
-Man lachte wiederum und schrie ihm zu doch endlich ruhig zu sein.
-
-»Ich will nicht!« keuchte Eisenhut.
-
-Der dicke Chinese umklammerte Eisenhuts Arm und sagte: »Jetzt bist du
-ruhig, du bist ja vollständig betrunken!«
-
-Eisenhut spie ihm ins Gesicht.
-
-»Lassen Sie mich in Ruhe!« rief er. »Wer gibt Ihnen das Recht mich zu
-duzen, he? Ich fordere Sie zum Duell. Auf Pistolen fordere ich Sie, Sie
-Schuft!«
-
-Alle Wetter! Ruhe!
-
-Der Chinese sprang zurück und besann sich einen Augenblick. Er blickte auf
-die Mädchen, dann lachte er wütend.
-
-Eisenhut aber schrie: »Haben Sie gehört, Sie Schuft und Heuchler! Haben Sie
-es gehört? Oder sind Sie zu feige, wie, wie, wie?«
-
-»Ich nehme die Forderung mit Vergnügen an!« sagte der Chinese und verbeugte
-sich vor Eisenhut. »Auf Kanonen oder Pistolen, wie Sie wünschen!«
-
-Man nötigte Eisenhut sich zu setzen. »Er nimmt sie ja an, schreie nicht
-so!«
-
-»Gewiß nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman an!« sagte Professor
-Richter mit ruhiger Stimme. »Aber Sie erlauben mir eine Frage, wo haben Sie
-Ihre Papiere?«
-
-»Papiere?« Eisenhut stotterte und tastete an seine Taschen.
-
-»Als Offizier der Reserve und ehemaliger Korpsstudent bin ich dem
-Ehrenkodex unterworfen. Ich bitte Herrn Eisenhut um sein
-Universitätsmatrikel.«
-
-Eisenhut öffnete den Mund und starrte dem Chinesen ins Gesicht.
-
-Man lächelte und lachte ringsum.
-
-»Ich sehe, Sie haben die Matrikel nicht in der Tasche, wer sollte sie auch
-immer mit sich herumschleppen,« fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort.
-»Natürlich bin ich kein Pedant. Ich will Ihnen nur eine einzige Frage
-vorlegen, eine kleine Prüfung gewissermaßen. Wir kennen einander und können
-auf schriftliche Ausweise verzichten. Übersetzen Sie mir den bekannten
-Satz: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat,
-ignis sanat. Bitte!« Er stand mit den Fäusten in den Hüften und schnarrte
-die Sentenz herunter, daß es rasselte.
-
-Eisenhuts Blick flackerte. Er errötete, er erblaßte, er blickte scheu auf
-Adele, ohne den Mut zu haben, sie anzusehen.
-
-»Quae medica --« stotterte er.
-
-»Ein bekanntes Sprüchlein von Hippokrates,« schnarrte der Chinese. »Das ist
-nicht zuviel verlangt.«
-
-»Quae --«
-
-Eisenhut sank auf das Sofa zurück.
-
-Es war ganz still und plötzlich hörte man Grau lachen; er lachte heiter,
-belustigt, und noch niemals hatte man dieses Lachen von ihm gehört.
-
-Er faßte Eisenhut am Arm und sagte: »Herr Eisenhut! Fallen Sie doch auf den
-albernen Scherz dieses Herrn hier nicht herein!«
-
-»Fort!« sagte Eisenhut. »Fort! Hinweg!« Er stieß ihn zurück.
-
-»Guten Abend!« Grau verließ das Zimmer.
-
-Eisenhut sprang auf. »Leben Sie wohl!« sagte er zu allen. »Ich sage nicht
-mehr als leben Sie wohl!«
-
-»Leben Sie wohl!« wiederholte trocken der Adjunkt.
-
-Eisenhut fixierte ihn und der dicke Chinese brach in lautes Gelächter aus.
-
-Eisenhut schwankte zur Türe. Die Tanzmusik drang herein; man tanzte
-Française und Bezirksamtmann Häberlein rief mit lauter Stimme französische
-Kommandos. Er wandte den Blick auf Adele und sagte, indem er den Kopf
-senkte: »Leben auch Sie wohl, Fräulein von Hennenbach! Leben Sie wohl für
-immer!«
-
-Adeles Lippen zuckten. Das sei das beste, was er tun könne.
-
-Eisenhut lachte verzweifelt und verließ das Zimmer. Er taumelte, immerzu
-verzweifelt lachend, den Korridor entlang, er ging die Treppen hinab und
-lachte immerzu dasselbe verzweifelte Lachen.
-
-Grau verließ vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel und verschwand in der
-Richtung nach seinem Hause.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Eisenhut lief so schnell ihn die Füße trugen über den Marktplatz, und sein
-gelbes chinesisches Kostüm flatterte die Straße hinunter, die zum Flusse
-führte.
-
-Es schneite fein; kleine Flocken, einzelne Kristalle gleichsam, fielen
-langsam und flimmernd herab und bedeckten den Boden mit einer sanften
-dünnen Schicht weißen Schnees.
-
-Eisenhut überschritt mit großen flüchtigen Schritten die Steinbrücke und wo
-die Felder anfingen, begann er wieder zu laufen. Hier außen war die Nacht
-kalt und schwarz und der Wind hauchte über die Ebene. Eisenhuts dunkle
-Gestalt erschien auf einer Anhöhe, verschwand wieder, tauchte als Schatten
-auf dem nächsten Hügel auf und wurde kleiner und kleiner mit jeder
-Bodenwelle. Er lief wahnsinnig rasch und bald erschien es als ob ein Hund
-oder ein Fuchs sich rasch über die öde nächtige Ebene bewege und endlich im
-Düster verschwände. Seine Spuren schrieben eine ungeheure Kurve in den
-beschneiten Grund. Endlich wurden sie schnurgerade, sie liefen wie mit dem
-Lineal gezogen ferner und ferner in die Ebene hinein.
-
-Eisenhut lief und lief, bis er erschöpft in den Schnee fiel und sich nicht
-wieder erhob.
-
-Der Wind blies dicht über die Erde und feiner Schneestaub bereifte seine
-Kleider, seine Haare, seinen Bart. Er füllte die Falten seiner Kleider, die
-Vertiefungen zwischen Armen und Körper und errichtete einen kleinen Wall
-auf der einen Seite, der Wind blies und drehte sich im Kreise und begann
-die Arbeit auf der andern Seite. Bald lag er halb zugeweht in der öden
-lautlosen Ebene . . .
-
-Als Eisenhut wieder die Augen öffnete, wußte er nicht sofort, was
-vorgefallen war. Er zwinkerte und der Schnee fiel von seinen Lidern, er
-schüttelte den Kopf und der Schnee fiel aus seinen Haaren. Ein Mann kniete
-bei ihm, schüttelte ihn, rieb, klopfte.
-
-Eisenhut starrte ihn mit blöden Augen an. Er erkannte Grau.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-Eisenhut und Grau kamen rasch über die Brücke gegangen. Eisenhut war in
-Graus Mantel eingehüllt und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mühe
-Grau zu folgen, der zur Eile trieb. Er zitterte und die Kälte schüttelte
-ihn am ganzen Körper. Zuweilen weinte er leise vor Erschöpfung.
-
-»Eines begreife ich nicht,« begann Eisenhut zitternd, es war das erste
-Wort, das er sprach, »wie konnten Sie mich finden, wie soll das ein Mensch
-begreifen?«
-
-Grau lächelte. »Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut. Ich habe gesehen, was
-vorfiel. Sie waren sehr erregt und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein
-Kunststück, ich konnte ja Ihre Spuren im Schnee sehen. So einfach ist das.
-Nur vorwärts!«
-
-Eisenhut nickte, er lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich habe von einem
-großen Feuer geträumt,« sagte er, »daran wärmte ich mich -- ein helles,
-großes Feuer. Ich streckte die Hände hinein. Nun fällt mir alles ein -- oh,
-wie schrecklich, ich hatte so furchtbar getrunken! Das große Feuer schrie
-meinen Namen. Eisenhut, schrie es, tanze, tanze! Ich tanzte und das Feuer
-lachte -- hahaha -- Eisenhut tanze! -- da waren Sie es, der mich
-schüttelte! Nun fällt mir alles ein, ich bin nicht mehr betrunken -- ich
-lief im Schnee, durch den Schnee -- haha -- ich wollte sterben, ja, aber
-nun lebe ich noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brücke hinabrannte.
-Stürze dich ins Wasser, kopfüber -- kopfüber, genau so dachte ich, kopfüber
--- aber das Wasser in der Mitte des Flusses glitzerte so kalt -- all das
-Eis -- vielleicht unter dem Eise schwimmen -- niemals -- ich lief weiter.
-Ich lief und warf mich in den Schnee, auf einer Anhöhe, da lag ich und es
-wurde kalt und ich fühlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich
-hatte alle Lust zum Sterben verloren. Sterben, warum? Aber ich konnte ja
-doch nicht mehr zurückgehen, konnte ich mich denn wieder sehen lassen? Ich
-hatte ja Abschied genommen -- hatte ein großes Geschrei gemacht -- also
-mußte ich wohl oder übel sterben. Das ist kein Vergnügen, das ist ein
-schauderhaftes Gefühl, sterben zu müssen und nicht zu wollen. Ich lief in
-die Nacht hinein, vorwärts, fort und schrie: Du bist zum Tode verurteilt,
-Eisenhut -- es geschieht dir recht -- zum Tode bist du verurteilt. Dieser
-Professor mit seinem Duell -- ich hatte mich verabschiedet -- von allen --
-lebewohl für immer -- also vorwärts, vorwärts! Wie ich doch gefroren habe
--- eine fürchterliche Kälte -- ich lief um warm zu werden. Ich wollte auch
-nicht mehr denken. Du bist zum Tode verurteilt, sagte ich und hatte
-wahnsinnige Angst. Ich wurde müde und setzte mich in den Schnee -- nur ein
-bißchen ausruhen, ein klein wenig -- aber ich hatte furchtbare Angst. Ich
-wurde schläfrig und alles wurde mir gleichgültig. Einerlei, einerlei, sagte
-ich, es geht dahin mit dir, Eisenhut, in die Hölle hinein. Ich lachte. Ich
-hatte eine Menge von Gedanken -- wie ich im Schnee liegen würde, lang und
-steif -- man wird dich finden, dachte ich. Alle würden es erfahren -- man
-hat ihn gefunden -- alle, aber nein, jetzt war nichts mehr zu ändern -- es
-konnte ihnen leid tun -- es war nichts mehr zu ändern, haha! Dann würde ich
-beerdigt werden und Sie -- Sie werden die Rede halten. Ich dachte an alles
-und auch daran, daß die jungen Damen vom Tennisklub kämen. Aber da kam die
-Angst zurück. Nein! Ich werde nicht sterben. Ich hatte Angst! Wie dumm
-nicht zu wissen, was morgen ist. Nicht zu wissen, wie das und jenes enden
-wird -- schon aus Neugierde konnte ich ja nicht sterben. Nein, nein --
-hihihi! Du gehst nach Hause, stellst dich ans Fenster und lachst, ja! Alles
-ist einerlei! Also ging ich nach Hause, ich rannte -- im Nu war ich zu
-Hause -- ah, ich war ja gar nicht weit gegangen gewesen -- in meinem Zimmer
-saß eine Katze. Ich machte ein großes Feuer und setzte mich davor und
-wärmte mich -- und ich vergaß alles, fühlte mich so wohl -- aber plötzlich
-erwachte ich, ich richtete mich auf: Da lag ich ja im Schnee! Ich war gar
-nicht zu Hause? Das ist ja schrecklich, sagte ich mir, und zitterte und
-konnte nicht denken. Du bist ja gar nicht zu Hause. Bei allen Teufeln in
-der Hölle! Das ist toll, sagte ich, das ist -- ich kroch ein wenig
-vorwärts, ich stand auf -- ich laufe wieder -- ich glaube immerzu zu
-laufen, ich sehe die Brückenlampe -- ich erwache wieder und finde mich
-wieder im Schnee. Das ist entsetzlich! sage ich und schreie.« -- Hier
-begann Eisenhut wieder vor Erschöpfung leise zu weinen. -- »Ich laufe und
-glaube ich laufe nach Hause und immer, immer finde ich mich wieder im
-Schnee. Da verzweifelte ich, ich schrie, ich schrie -- aber ich hörte nicht
-mehr, ich hörte mich nicht schreien -- ich lief, lief, lief -- oh, wie
-schrecklich lief ich doch --«
-
-Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hörte wie seine Zähne
-klapperten.
-
-»Ich habe Sie beleidigt, Herr Grau, neulich, heute abend, ich wollte --«
-
-»Lassen wir die alten Geschichten ruhen!«
-
-Der »weiße Elefant« war noch immer hell beleuchtet, die Musik wiegte sich
-in der Ferne, Lachen und Singen drang aus dem Torweg. Eisenhut hielt sich
-die Ohren zu.
-
-»Ich darf doch ein wenig mit Ihnen eintreten?« sagte Grau. »Nur, bis Sie
-ganz in Ordnung sind, Herr Eisenhut.« Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Eisenhut nahm eine demütige Haltung an. Er nickte und schloß die fleckige
-Tür mit dem kleinen Guckfensterchen auf. Er verneigte sich und sagte mit
-demütigen Augen und einer linkischen, rührenden Handbewegung: »Treten Sie
-ein in mein Haus!«
-
-Im Hause war es ganz dunkel und es roch dumpf und feucht wie in einem
-Keller. Etwas raschelte und sprang über Graus Füße. »Es gibt Ratten hier,
-deshalb bewohne ich den ersten Stock,« sagte Eisenhut und zündete eine
-kleine Talgkerze an.
-
-Grau blickte sich gespannt um: In der Ecke stand eine alte Holzfigur, ein
-Heiliger, dessen Arme abgeschlagen waren.
-
-Grau nickte. Ich bin aber noch nie in diesem Hause gewesen, dachte er und
-starrte die Figur an. Er war wie betäubt.
-
-Eisenhut öffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter, das das Treppenhaus
-abschloß. »Eine alte Figur, die ich auf dem Speicher fand. Bitte!«
-
-»Ja!«
-
-Kaum hatte Grau einen Fuß auf die Stufen gesetzt, als es im ganzen Hause
-schrill zu läuten begann. »Das sind Alarmglocken. Ich wohne ganz allein im
-Hause.«
-
-Vor Eisenhuts Zimmern im ersten Stock stand ein kleines braunes Hündchen
-mit einem Backenbart wie ein Oberkellner, und wedelte vergnügt mit dem
-Schweife und streckte die Zunge heraus.
-
-»Sehen Sie her!« sagte Eisenhut und schüttelte den Kopf. »Solch ein Hund!«
-Er stampfte mit dem Fuße und rief: »Warum bellst du nicht, wenn ein Fremder
-kommt!« Das Hündchen rannte entsetzt davon und kroch unter einen Diwan.
-
-Eisenhut stellte die Kerze auf den Tisch und sank erschöpft auf den alten
-Lederdiwan. Er schloß die Augen und sah aus wie ein Greis. Er zitterte am
-ganzen Körper.
-
-Das Zimmer war eine Art Halle und hatte eine gewölbte Decke und zwei breite
-Fenster in tiefen Nischen, der Boden war krumm und knarrte bei jedem
-Schritte; ein mächtiger hellbrauner Ofen in der Form eines Würfels, der auf
-vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan, ein hoher zerrissener Sessel mit
-geschnitzter Lehne, ein großer schwarzer Schrank, einige Stühle, der Tisch,
-das war alles, was im Zimmer stand. Die Wände waren vollständig nackt, nur
-an dem Pfeiler zwischen den Fenstern hing ein Bild, jedoch bis zur
-Unkenntlichkeit vom Rauch geschwärzt. Die Fenster waren ohne Gardinen, das
-Zimmer kahl und unordentlich, man konnte glauben in einem Gefängnis zu
-sein.
-
-Es war eisig kalt hier.
-
-Plötzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet, Eisenhut verfolgte
-ihn mit den Blicken. Er lächelte spöttisch. Dann begann er zu sprechen,
-aber die Stimme versagte ihm, er räusperte sich und begann von neuem.
-»Weshalb gehen Sie denn nicht?« fragte er heiser. Er zitterte.
-
-»Davon ist nun gar nicht die Rede. Vor allen Dingen will ich Feuer
-anschüren,« versetzte Grau. »Wo kann ich Holz finden? Sie müssen trachten
-ins Bett zu kommen, Herr Eisenhut.«
-
-Eisenhut schloß wieder die Augen; er wiegte den Kopf hin und her und
-murmelte, daß er gewohnt sei, in den Kleidern zu schlafen.
-
-Grau ging hinaus und suchte die Küche. Hier fand er einen großen Haufen von
-Tannenzapfen, Ästen, Stücken von Latten und Splittern von Bauholz. Das
-zerbrochene Rad eines Kinderkärrchens lag dabei, ein Peitschenstiel, ein
-unbrauchbarer Kochlöffel und viele Dinge, wie man sie auf der Straße finden
-kann. Auf ein Bord waren Kohlenbrocken gelegt, geordnet zu einem langen
-Zuge, Stückchen um Stückchen, einige Reihen. Ebenso entdeckte Grau auf
-einem Gesimse eine Sammlung alter Eisenteile, Schrauben, Nägel, Hufeisen,
-das Stück einer Eisenbahnschiene und einen Türdrücker.
-
-Grau füllte den gelben Ofen mit Holz und machte Feuer. Dann kam er wieder
-aus der Küche zurück mit einem Kochtopf voll Wasser, mit Tellern, Messern,
-Brot und einem riesigen Stück Speck, das er in der Küche entdeckt hatte. Er
-stellte den Topf auf den Ofen, schnitt Brot und Speck und hantierte
-lautlos, während Eisenhut auf dem Diwan saß und zu schlafen schien.
-Zeitweise öffnete er ein Auge und lächelte spöttisch. Das kleine Hündchen
-streckte die Schnauze unter dem Diwan vor und verfolgte jede Bewegung
-Graus.
-
-Der dicke Ofen begann zu prasseln und zu fauchen, manchmal knallte es wie
-Schüsse in seinem Innern und weißlicher dicker Rauch quoll aus den Fugen.
-
-Es war lange still. Dann ging Grau hinaus und holte Gläser aus der Küche.
-
-Eisenhut blinzelte. »Sie bemühen sich!« sagte er leise. »Sie bemühen sich!«
-Er lächelte spöttisch.
-
-Grau lächelte und antwortete freundlich: »Die Mühe ist sehr gering, Herr
-Eisenhut. Wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, so sagen Sie mir,
-bitte, ob ich nicht etwas Kognak finden kann.«
-
-Eisenhut lächelte und deutete auf den alten schwarzen Schrank.
-
-Dieser Schrank sah im Innern aus wie das Schaufenster eines
-Branntweinfabrikanten, er war angefüllt mit Flaschen von allen Größen und
-Farben und Formen, zierlichen Flakons, dicken Bocksbeuteln; Eisenhut schien
-auch Liebhaber von Phantasieflaschen zu sein, da stand eine Flasche aus
-zwei Kugeln, ein pechschwarzer Neger in rot-weiß-gestreifter Badehose und
-mit weißen lachenden Zähnen, und andere Sehenswürdigkeiten. Eine Menge von
-Kerzenstumpfen und Zigarrenresten, ein Revolver und ein Fernglas lagen in
-dem obersten Fach, das mit staubigen Weinflaschen vollgestopft war.
-
-»Ah, das ist ja ganz prächtig,« sagte Grau. »Hier haben wir alles was wir
-brauchen.«
-
-Er bereitete Grog und stellte ein Glas vor Eisenhut. »Bitte,« sagte er. Er
-blickte im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Wie häßlich
-Sie doch wohnen, Herr Eisenhut! Ein Mann wie Sie, Gott stehe mir bei! Wie
-schön könnten Sie es hier haben, eine freundliche Farbe an den Wänden,
-Vorhänge, ein hübscher Teppich. Ein paar Bilder, die Sie erfreuen, so oft
-Sie sie ansehen, eine Uhr mit einem langen Pendel, die Ihnen die Zeit
-vormißt und etwas Lärm macht. Sie könnten es schön haben, daß es eine
-Freude wäre, zu Ihnen zu kommen.«
-
-»Sie haben auch keine Bücher hier. Ein Bord mit schönen Büchern. Wenn Sie
-allein sind oder müde, dann könnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen
-bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich für meine Person. Es gibt so
-herrliche Bücher. Die ganze Welt ist darin, alles was die Menschen gedacht
-und gefühlt haben. Sie können in der Gesellschaft von wirklich großen und
-außerordentlichen Menschen leben, die alle wie Freunde zu Ihnen sind. Sie
-finden Friede, Ruhe und Halt, Freude, Schönheit und Rat. Sehen Sie, hier an
-dieser Wand, da könnten die Bücher stehen. Ich werde mit Ihnen in den
-nächsten Tagen zum Buchhändler gehen. -- Wollen Sie nicht den Grog trinken?
-Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wünschen Sie ihn ein wenig stärker?«
-
-Eisenhut schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen.
-
-»Seien Sie kein Narr! Ich will Ihnen die Schuhe ausziehen, es wird warm
-hier, alle Wetter! Das ist gut für uns beide.« Grau zog ihm die Stiefel
-aus. Eisenhut richtete sich auf und blickte sich nach dem Hündchen um. Das
-kleine braune Hündchen verschwand blitzschnell unter dem Diwan und zerrte
-ein Paar alte Pantoffeln hervor.
-
-»Was für ein hübsches und kluges Hündchen!« sagte Grau. »Ich darf ihm doch
-etwas Speck geben? Du hast deine Sache ganz außerordentlich gut gemacht!«
-
-Wä! Wä! Wäwä!
-
-»Schon gut, schon gut! Siehst du, das hat mir gefallen, schleppst die
-Pantoffeln für deinen Herrn herbei und bist selbst so klein. Nun auf Ihre
-Gesundheit, Herr Eisenhut, auf unsere Gesundheit, raffen Sie sich auf,
-stärken Sie sich!«
-
-Eisenhut schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin. Sein Auge war trübe
-und hoffnungslos. »Es ist alles vorbei!« murmelte er leise und nickte. Er
-schlürfte langsam den heißen Grog, er zitterte immer noch. Grau machte ihm
-ein zweites Glas zurecht. »Nein, nein!« sagte Eisenhut, aber er schlürfte
-auch dieses Glas. Es wurde warm und er hörte auf zu zittern.
-
-Plötzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf Eisenhuts Schulter und
-dann umarmte er ihn. »Ich bin als Freund zu Ihnen gekommen!« flüsterte er.
-
-Eisenhuts Schultern bebten.
-
-Es war stille und die lange Ofenröhre ließ einen hohlen surrenden Ton
-hören. Vom Marktplatze herauf drang der fröhliche Lärm einer Gesellschaft,
-die sich verabschiedete. Gute Nacht, gute Nacht -- huhu!
-
-»Glauben Sie an die Hölle?« fragte Eisenhut leise nach einer Weile.
-
-»Nein.«
-
-»Sie glauben nicht daran?«
-
-»Nein.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.«
-
-»Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle. Ja! Hören Sie wohl, es
-gibt eine Hölle, sage ich Ihnen! Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die
-Hölle, ich bin die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle. Meine
-Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle, meine Träume! Ich kann einen
-Hund vor mein Haus legen, daß niemand herein kommt, aber -- frage ich Sie
--- kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein Herz legen? Wenn ich wache,
-da kann ich mich betäuben, ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht
-meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe --? Sie träumen, daß ihr Körper
-mit Aussatz bedeckt ist, mit Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was
-ist das? Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine Spinne sitzt auf
-ihren Augen und saugt sie aus. Das ist entsetzlich!«
-
-»Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen, die fröhlich und guter Dinge
-sind? Warum kann ich nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht's? und dabei
-lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft -- ich hasse die
-Menschen! Aber warum hasse ich sie doch? Warum, warum? Habe ich mich selbst
-so geschaffen? Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle. Ich
-sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt mir einen Stich, ich
-höre, daß man einen Menschen lobt, daß man gut und bewundernd von ihm
-spricht, das kann ich nicht ertragen -- ich schimpfe über ihn. Ich mache
-ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute. Die guten Menschen, denke ich,
-sind alle Heuchler, sie hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen
-einander wie Teufel. Ich glaube nicht an Gott, an nichts glaube ich. Ich
-freue mich, wenn es einem Menschen schlecht geht. Er bricht das Bein, ich
-lache und sage: Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen,
-ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück. Selbst das
-macht mir eine geheime Freude, obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind.
-Haha -- so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben, sterben kann
-ich auch nicht, denn ich liebe das Leben, schrecklich liebe ich es,
-obgleich es die Hölle ist. Wie soll ich es doch anpacken?« Er schüttelte
-den Kopf. »Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist, Ihnen meinen
-Bankerott zu erklären, es macht mir Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein
-ich bin. Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld, offen und
-ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu mir, was du hast. Und
-sie beneiden dich darum, die andern. Sie kommen zu mir und wollen Geld.
-Nichts als Geld, keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich liebe
-das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur, um mir den Menschen zu
-kaufen, er wird freundlich gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So
-ist es und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen vor mir auf dem
-Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir schmeichelt -- nimm! nimm! er kann alles
-haben -- ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die hübschen
-Worte zu hören -- Herr Eisenhut hin und Herr Eisenhut her, vorwärts und
-rückwärts -- wie geht es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser
-Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann ist er doch! Ja, wenn ich
-es glauben könnte, aber ich kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts.
-Sobald man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir -- hier, in meiner
-Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht ja nicht die Wahrheit, denke ich.
-Ein nobler und feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht wirklich
-meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan. Sprechen Sie?«
-
-»Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr Eisenhut!«
-
-»Aber es gibt ja viele Lumpen und Hunde ringsumher -- wie spricht man von
-ihnen? Man ist freundlich, Ja, man liebt sie. Man liebt sie, obgleich sie
-Lumpen und Hunde sind! Warum das? Warum liebt mich keiner?«
-
-»Weil Sie die Menschen nicht lieben, Eisenhut!«
-
-Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er nickte. »Ich hasse die
-Menschen, es ist wahr! Aber ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu
-lassen.«
-
-Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts Schulter. »Das hilft Ihnen
-nichts.« sagte er. »Die Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und
-Freundschaft heucheln.«
-
-Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. »Sie fühlen es?« Er blickte mit
-hilflosen Augen vor sich hin und gab dem kleinen Hunde einen Stoß auf die
-Schnauze, als er sich ihm zu Füßen setzte. Der Hund sah ihn erschrocken und
-erstaunt an und blickte auch auf Grau, was er davon halte? »Wenn ich daran
-denke, an alles denke, so ist mein Leben eine fortgesetzte Blamage
-gewesen,« fuhr Eisenhut fort und stützte das verzehrte Gesicht in die
-Hände. »Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige Blamage. Ich will gar nicht daran
-denken, wie die Bauern mich durchgeprügelt haben -- das ist ja eine
-Kleinigkeit -- aber ich mache den Mund auf -- ich sage etwas, ich tue etwas
--- alles ist nichts als Blamage. Ich bin auch so unwissend -- ich schäme
-mich -- so unwissend -- ich kann nicht richtig schreiben, einmal wollte ich
-einen Brief an eine Dame schreiben, ich konnte nicht, diese Sätze, Komma,
-Punkt, diese Wörter, man schreibt sie hin, sie haben keinen Sinn mehr, es
-ist zum wahnsinnig werden. Haha, wie haben sie gelacht, dieser Professor
-Richter und die ganze Bande -- -- ich spreche -- alle lachen, die Herren
-und die Damen. Sie sprechen von einer Stadt und ich denke, sie liegt in
-Deutschland, aber die Stadt liegt in China. Alles lacht, alles! Ich lache
-mit und sage, ja, man kann sich täuschen. Aber ich liebe es, gebildet zu
-erscheinen, trotzdem ich nichts weiß, ich sage ein Wort französisch, ich
-streue ein lateinisches Wort ein -- damit man glaubt, dieser Eisenhut kennt
-eine Menge Sprachen -- aber ich wende ein fremdes Wort an und wieder lacht
-man. Das ist doch kein Vergnügen, oder?«
-
-Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fühle, daß er unwissend sei,
-und darunter leide, weshalb lasse er sich nicht belehren.
-
-»Glauben Sie? Glauben Sie, daß es nicht zu spät ist?«
-
-»Wie alt sind Sie denn, um Gottes willen?«
-
-»Dreiunddreißig.«
-
-Grau lachte.
-
-Eisenhut flüsterte: »Niemand weiß es. Ich habe gar keinen Unterricht
-genossen. Meine Mutter sagte, was brauchst du den Kram, du hast Geld. Lenz
-hat mich unterrichtet -- aber was war es doch? Er spielte Karten mit meinem
-Vater -- sie tranken und spielten -- Ah, sagte Lenz, dein Sohn braucht
-nichts zu lernen, er saugt die Weisheit aus dem Leben und aus der Natur!
-Auf diese Weise habe ich gar nichts gelernt, könnte ich dem Lehrer den
-Schädel einschlagen! Ich habe nie den Mut gehabt, Unterricht zu nehmen,
-denn der Lehrer hätte ja gesehen, wie unwissend ich bin.«
-
-»Das ist ja nebensächlich, das läßt sich leicht nachholen,« warf Grau ein.
-»Mit einigem guten Willen.«
-
-»Ja?« sagte Eisenhut und nickte. »Das ist es ja nicht, es ist auch nur ein
-Stückchen. Aber alles zusammen, alles, alles. Ich könnte nicht einmal alles
-sagen, selbst wenn ich wollte. Solch schreckliche Dinge! Aber was sagen Sie
-dazu, wenn einem Menschen mit der Zeit alles gleichgültig wird? Hören Sie,
-ist es möglich, daß es einem Menschen gleichgültig ist, ob es Tag oder
-Nacht ist? Ich liege im Bett und wage nicht aufzustehen, nicht aufzuwachen,
-denn ich fürchte mich vor dem Tag, vor der Langeweile und dem Nichts. Was
-wird vorgehen, frage ich mich? Nichts, nichts! Weshalb soll ich aufstehen?
-Nun, ich stehe nicht auf, ich möchte im Bette liegen und schlafen, immerzu,
-bis ich sterbe. Aber auch das ist sinnlos. Ich stehe auf, und ich denke,
-warum bist du aufgestanden, hast ja nichts zu tun. Ich gehe auf die Straße
-und die Sonne scheint. Mein Gott, wie gut es ist, daß die Sonne scheint,
-denke ich. Ich freue mich, ich grüße die Leute. Das ist das Leben, denke
-ich, wenn die Sonne scheint und der Mensch fröhlich ist. Ich gehe ein wenig
-in der Sonne und freue mich nicht mehr. Es ist ja so einerlei, ganz
-einerlei, ob die Sonne scheint oder nicht. So gehe ich in das nächste
-Wirtshaus, setze mich hin, trinke Bier, esse Käse, sitze da, stundenlang
-und trinke -- es ist mir ja alles einerlei. Ich kann ruhig hier sitzen,
-warum nicht? Mein Kopf ist leer, ich kann nichts denken. Aber ich kann
-träumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf der Straße, da kommen sechs junge
-Mädchen daher, Arm in Arm und lachen mich an. Ich träume, ich gehe durch
-den Wald und eine Dame kommt daher und begrüßt mich und plaudert mit mir,
-ganz wie mit andern Herrn, ja, was will ich sonst? Nichts andres will ich
-sonst! Aber wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grüßt sie kaum
-und läßt mich stehen. Haha, denke ich, so sind sie, und ich trinke. Oh,
-wenn sie doch zum Teufel ginge, sie und alle Mädchen, die immer lachen und
-vergnügt sind, alle, alle, mit ihr in die Hölle! Ich wünsche, daß sie krank
-wird und ihr die Haare ausfallen und ich freue mich -- ja, wie häßlich wird
-sie doch aussehen? Niemand wird sie mehr ansehen -- auch ich -- nein, ich
-nicht, ich werde alles für sie tun, was sie will. Alles, alles, sie mag
-häßlich sein wie sie will. Aber das alles wird ja nie sein. Sie wird leben
-und fröhlich sein, alle, alle Menschen. Ich fluche den Menschen, auch
-meinen Freunden! Habe ich welche? -- Mögen sie dahinfahren! Brauche ich
-Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgültig und ich brüte vor mich
-hin -- ja, nun ist mir wieder alles einerlei -- alles -- aber das ist noch
-schrecklicher, lieber noch Haß, noch Qual -- Das ist das schrecklichste
-meiner Hölle, daß mir alles einerlei geworden ist!« Er stand mit einer
-Gebärde des Ekels auf. -- Seine Züge waren bleich und verfallen. Die Linien
-um seinen Mund waren tief und gaben dem Gesichte den Ausdruck eines
-trostlosen Lächelns, obgleich er keine Miene bewegte. Ein verzweifeltes
-stummes Lachen war für immer in sein Gesicht eingegraben. Seine Augen waren
-scharf und brannten in kranker Glut, wie die eines Irren. Er ergriff das
-Glas mit Grog, das Grau für ihn gerichtet hatte und stürzte es hinunter.
-Seine Hand zitterte.
-
-»Ja!« sagte er heiser wie ein Mensch, der lange geweint hat. »Laßt uns
-trinken! Geben Sie mir noch ein Glas, es ist so nicht auszuhalten. Alles
-peinigt mich! Dieses Zimmer, ich brauche es nur anzusehen! Dieses Sofa,
-dieser Stuhl, alles quält mich! In meinem Kopfe geht etwas herum, immer das
-gleiche! Haben Sie das schon erlebt, daß in Ihrem Kopfe immer das gleiche
-herumgeht, etwas das Sie foltert, wachen Sie auf, es ist da, gehen Sie zu
-Bett, es ist da. Es ist immer da, es weicht nicht mehr. Jemand lacht, es
-ist in seinem Lachen, sie trinken eine Flasche Schnaps, es ist in der
-Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmächtig, aber je ohnmächtiger Sie
-werden, desto mehr ist es da! Sie werden wahnsinnig, aber dann ist es für
-immer da. Es quält mich, weil es immer da ist. Hier -- hier -- der Boden,
-der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Türschwelle -- da ist es! Hören Sie! Es
-ist das Tollste, was Sie je gehört haben. Hören Sie?«
-
-»Ich höre, sprechen Sie, Eisenhut!« sagte Grau.
-
-Eisenhut atmete tief und begann: »Eines Nachts da klopft es an meine Türe
--- ich muß es Ihnen sagen, ich muß! -- es klopft, ich horche, es klopft an
-der Türe, die zum Garten führt. Ha! denke ich, wer, bei allen Teufeln, soll
-denn mitten in der Nacht an der Türe, der hintern Türe klopfen? Bum, bum!
-Die Haare stehen mir zu Berg, ich bekomme Angst und es siedet in meinem
-Kopfe. Ich sitze hier an meinem Tische wie aus Stein. Vielleicht sind es
-Diebe oder Mörder, die dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu kläffen.
-Pack, pack! sage ich, pack Nero, und öffne die Türe und er kollert die
-Treppe hinunter und bellt. Bum, bum! Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme das
-Gewehr und öffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut, aus
-Angst schreie ich so laut. Jemand lacht leise im Garten. Ja, zur Hölle mit
-dir, wer kann denn im Garten lachen, das ist doch unerhört! Wer ist da? Es
-ist eine Dame, deren Stimme ich kenne.« Hier hielt Eisenhut inne und
-blickte auf Grau. Ein Schatten fiel über sein Gesicht, nur das Kinn war
-beleuchtet und Grau sah, daß sein Mund lächelte, so wie der eines Menschen,
-der horcht und lächelt zu gleicher Zeit. »Es sind weder Diebe noch Mörder,«
-fuhr er fort »es ist ja eine Dame, die du kennst. Sie hat mit mir zu
-sprechen. Was um alles in der Welt -- es ist ja Nacht -- tiefe Nacht! --
-Ich öffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich mit den Hunden,
-vor denen gewarnt wird, und mit den Fußangeln und Selbstschüssen in Ihrem
-Garten, sagt sie und lacht als ob es heller Tag wäre. Bitte? Ja, das sei
-eine Finte, um das Gesindel abzuschrecken. Nichts ist wahr daran! Nun also,
-bitte? Sie habe mit mir zu sprechen. Bitte, sage ich, bitte, hier ist es
-finster ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gnädiges Fräulein.
-Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr, hier, wo Sie jetzt sitzen. Es
-ist zwei Uhr nachts, es ist Sommer. Geben Sie mir noch ein Glas Grog, ich
-muß trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat dringend mit mir zu
-sprechen. Es war am dritten Juni, nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer
-großen Bitte, sie weiß nicht, ob ich sie ihr erfüllen werde. Bitte, bitte,
-sage ich, mein gnädiges Fräulein -- nein, sie will nichts trinken, sie hat
-es auch sehr eilig, es tut ihr leid, daß sie nicht immer liebenswürdig mit
-mir umging. Ich muß verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch. So sprach
-sie, so freundlich und blickte mir in die Augen. Sie sagte einfach
-Eisenhut, nicht Herr Eisenhut, nein, gibt's nicht, Eisenhut bin ich. Bitte,
-sage ich, wenn es in meiner Macht steht? Ja, es steht in Ihrer Macht, es
-ist so leicht für Sie, Eisenhut. -- Eisenhut, einfach Eisenhut! -- Sie hat
-ein hellrotes Tuch um die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es
-hätten sich zu Hause Dinge ereignet, die unangenehmsten Dinge --. Geld!
-Auch sie wollte Geld von mir! Sie sind ja doch kein Geizhals, Eisenhut,
-sagte sie. Eine plötzliche Forderung -- hm -- ihre Mutter sei
-sterbenskrank, das ganze Haus, nun käme sie zu mir, sie habe Vertrauen zu
-meiner Güte. Güte? denke ich. Sie lügt, sie will Geld. Da sitzt sie nun,
-sie blickt mich an, sie tut ganz gleichgültig, spricht als ob sie vom
-Wetter spreche, aber sie bebt, sie bebt! Warum soll ich nicht helfen, denke
-ich, warum nicht? Die Familie ist verschuldet, das Geld ist verloren, ich
-kann es ebensogut einem Hunde zum Fressen geben -- niemals wirst du auch
-einen Pfennig wieder sehen! -- aber da sitzt sie ja, ich sehe wie sie
-innerlich zittert. Das freut mich -- unsäglich! Da sitzt sie, früher, da
-sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase in die Luft, sie ging wie eine
-Königin durch die Straßen und wir andern alle waren Hanswurste und Luft für
-sie. Aber da sitzt sie nun -- weshalb soll ich nicht -- wie? Wieviel
-ungefähr? Sie atmet zweimal tief, pickt mit dem Finger Brotkörnchen vom
-Tisch, sie lächelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan--zig--tausend --
-sie hatte wohl den Verstand -- nein, nein, nein. Ah, was die Leute doch
-denken. Esse ich Gansbraten und eingemachte Birnen? Ich esse nur einmal im
-Tage -- nein! Da steht sie auf, sie legt mir die Hand auf die Schulter. Es
-ist so leicht für Sie, in einigen Monaten bekommen Sie es zurück. Ich
-stelle Ihnen einen Wechsel aus, einen Schuldschein, wie Sie wollen. Es wird
-alles geschäftsmäßig geregelt werden -- nun spricht sie wie ein Bankier.
-Aber sie bebt ja doch! Sie sieht, daß ich zögere, sie fährt mir mit der
-Hand übers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hören Sie, sage ich zu
-ihr, hören Sie, gnädiges Fräulein, Sie wissen, daß ich Sie liebe, werden
-Sie meine Frau. Ich liebe Sie, Sie können tun was Sie wollen, nur daß ich
-Sie täglich sehen kann -- denn ich will ja lieber Ihr Lakai sein, als der
-Mann einer der geschwollenen Krämerstöchter von hier. So sage ich und sie
-hört aufmerksam zu. Ich sage, Sie werden dann so viel Geld haben wie Sie
-nur wünschen. Alles wird Ihnen gehören, alles, eine Million und mehr! Haben
-Sie soviel? fragt sie und lächelt. Ja, sage ich, ich lüge nicht. Ich öffne
-die Türe und zeige ihr den Schrank, öffne ihn: Sehen Sie! Alles sollen Sie
-haben. Hören Sie, Eisenhut, sagte sie, es kann doch nicht so rasch gehen,
-ich muß es mir doch überlegen und wenn ich Ihre Frau werde, so werde ich es
-doch nicht Ihres Geldes halber. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und
-lächelt. Ich möchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine Bewegung
-und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, daß ich ordentlich und gut werden
-würde -- ich schwöre ihr, nicht mehr zu trinken. Sie soll befehlen und ich
-gehorche, blindlings. Ihr Lakai werde ich sein. Ja, sie wolle nachdenken.
-So schnell kann es ja nicht gehen, mein Freund -- sagt sie -- mein Freund,
-das ist ja ausgeschlossen. Sie müßten bei meinen Eltern um meine Hand
-anhalten, aber so -- ich bringe Ihnen ja gewiß Freundschaft und Sympathie
-entgegen, obgleich ich immer launisch gegen Sie war -- ob ich Sie aber
-heiraten kann, das muß ich mir doch überlegen. -- Wann werden Sie mir
-Antwort sagen? -- Morgen oder in den allernächsten Tagen. Gut, sage ich,
-dann will ich Ihnen das Geld mitbringen. Sie besinnt sich und setzt sich
-langsam nieder. -- Das geht ja nicht, mein Freund, sagt sie! Morgen gibt es
-zu Hause eine Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelöst werden kann.
-Es ist ein Wechsel. Könnte es Ihnen nicht einerlei sein -- ich komme morgen
-wieder zu Ihnen, ich verspreche es Ihnen. -- Gut, ich zähle ihr die Scheine
-hin. Danke, sagt sie, und zählt das Geld sorgfältig nach -- aber ich sehe,
-wie ihre Hand bebt. Sie geht. Über diese Schwelle hier ist sie gegangen.
-Sie geht wieder durch den Garten. Also morgen! sage ich. Ja, antwortet sie,
-wenn es mir möglich ist, sicherlich. -- Am andern Tage gehe ich zum
-Schneider und lasse mir einen Frack anmessen. Sie heiraten wohl? Ja,
-vielleicht. Ich warte. Der Tag vergeht, sie kommt nicht. Ich warte einige
-Tage. Der Frack ist fertig. Ich probiere ihn an und der Gedanke kommt mir
-in den Kopf um ihre Hand anzuhalten. Ja? Sofort -- vorwärts, -- haha --
-vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfängt mich. Wie? sagt er. Ich
-spreche und er lacht. Na, sagt er, Herr Eisenhut, was fällt Ihnen doch ein
--- hahaha -- er lacht -- er lacht und sagt: Entschuldigen Sie, ich lache ja
-nicht -- es ist ja höchst ehrenvoll -- aber ich glaube, daß meine Tochter
--- hahaha! -- daß meine Tochter, na, daß die Wünsche und Absichten meiner
-Tochter -- übrigens, wer kennt die Frauen? Sie wird es Ihnen ja sagen.
-Konrad -- meine Tochter soll kommen. -- Sie kommt. Ich sehe sie nicht, aber
-ich höre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, höre ich ihn. Sie ist
-da. -- Herr Eisenhut gibt uns die Ehre, gibt dir die Ehre -- Sie ist
-totenbleich -- sie sieht mich an und auch ihre Lippen werden blaß -- sie
-hat Angst, ich werde sprechen -- nein, Sie brauchen keine Angst zu haben,
-nein, so bin ich ja nun doch nicht -- ich werde Sie nicht verraten. Sie
-lächelt, gibt mir freundliche und höfliche Worte. Sie sagt nicht Ja, sie
-sagt nicht Nein, sie sagt hmhm. Ich gehe. Der Diener lächelt ebenfalls.
-Soll ich dich aufs Maul hauen, du Affe? -- Ich warte, ich denke, wie dumm,
-wie voreilig. Endlich treffe ich die Dame und sage: Nun? Wie steht es mit
-der Antwort? -- Sie lächelt und sagt: Ja, was für Einfälle Sie doch haben,
-Sie kommen ins Haus -- ich bin ja nicht wiedergekommen, war Ihnen das nicht
-klar genug? -- Ich sage: Haha, was ist das! Sie haben aber versprochen zu
-kommen. Ja, sagt sie gleichgültig. Ich möchte Sie bitten weniger laut zu
-sprechen und sich weniger auffallend zu gebärden, Herr Eisenhut, wenn uns
-jemand beobachtet! -- Nun sprechen Sie ja ganz anders, seht an, sage ich,
-neulich da konnten Sie viel freundlicher sein. Sie haben von Freundschaft
-und Sympathie gesprochen -- was weiß ich -- es war aber nur eine Falle, so
-ist es. Sie haben wohl auch nie im entferntesten daran gedacht, mich zu
-heiraten -- wie? -- Sie sieht mich an und lächelt verächtlich. Wenn Sie es
-wissen wollen: Nein! Ich bitte Sie nun -- Was bitten Sie! schreie ich. Dann
-haben Sie mich einfach betrogen! -- Sie stampft mit den Füßen und wird
-blaß. Bitte! sagt sie und sieht mich an als ob ich ein Lakai wäre. Ich
-hätte nicht gedacht, daß Sie ein solch ungebildeter Mann wären! Außerdem
-wäre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.
-Sie geht. -- Ja, wie konnte ich auch so ungebildet schreien, denke ich, wie
-konnte ich mich so vergessen. -- Ich kam mir vor wie ein Hund. Ich trank,
-schrecklich trank ich in dieser Zeit, ich wollte gar nicht mehr zur
-Besinnung kommen. Ich habe eine Dame beleidigt und liebe sie doch, ja zum
-Teufel mit mir! Ich trinke hier in dem gleichen Zimmer, wo sie mir das Haar
-streichelte. Ich bin ein ungebildeter Mann, jawohl, ganz richtig. Das ist
-wahr, sie hat es gesagt. Ich könnte mir die Haare ausreißen! Sie hätte mich
-ja nie um eine Gefälligkeit gebeten, wenn sie gewußt hätte, was für ein
-ungebildeter Mann ich eigentlich bin. Ja, es ist wahr, sie heuchelte mir
-etwas vor, sie machte mir Versprechungen -- soll ein Mensch in der Welt
-aufstehen und das Gegenteil behaupten! -- sie schmeichelte mir, sie nahm
-die Gefälligkeit von zwanzigtausend Mark mit sich, das tat sie -- aber
-trotzdem! Und ich fluchte und trank, weil sie mich angelogen hatte, ich
-trank weil ich ein Narr war und ihr glaubte, ich trank, weil ich sie
-kränkte und am meisten trank ich, weil sie mich nun verachtete wegen meines
-ungebildeten Benehmens. Ich mag schon gar nicht daran denken -- wie ich den
-Freiersmann spielte und mir einen Korb holte -- Wie sollte ich je mit der
-Sache fertig werden, je ins Klare kommen? Ich sitze hier und trinke und
-deute auf den Tisch -- hier hast du also auf der einen Seite eine Dame, die
-kommt, dich streichelt und heuchelt und verspricht und -- ich deute auf den
-Tisch -- hier hast du also einen Mann, der sich die Freiheit nimmt zu
-fragen, was denn eigentlich -- hier hast du also -- und hier -- nein! Mein
-Kopf faßt das nicht. Wie ist es doch? Wer hat recht und wer hat unrecht.
-Wie ist es doch? Nein, ich bin zu dumm, um das je herauszubekommen. Aber
-Zorn kommt über mich, Wut, daß ich schreie! Hier hast du also, hier -- und
-hier -- ja, ich bitte einen vernünftigen Menschen mir zu erklären -- wie?
-Ist es vielleicht ein Vergnügen -- ich frage den Teufel! -- ist es ein
-Vergnügen -- einen Frack anzuziehen -- wie -- und ein alter Habenichts
-lacht -- ist das ein Vergnügen -- ich bitte weniger laut zu sprechen --
-wenn uns jemand beobachtet -- wie? Gott im Himmel, wie soll ich das
-verstehen! -- Ich hasse die Menschen! Was für eine Behandlung ist das? Ich
-hasse die Frauen! Ja, ich liebte jene Dame, es ist die Wahrheit, ich liebte
-sie. Aber nun hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Straße, ich grüße
-nicht, ich blicke sie nur durchdringend an. Ich gehe an ihr vorüber und
-ziehe einen Brief heraus, auf den ich mit haushohen Buchstaben Schuldschein
-schrieb -- ich mache es so, daß sie es sieht. Ich hasse sie, sie könnte es
-Schwarz auf Weiß haben -- ich treffe sie in der Buchhandlung und lasse den
-Brief fallen. Sie soll nur etwas Angst vor mir haben, jetzt, da ich sie
-hasse. Ich habe sie geliebt, was ist geschehen, daß ich sie jetzt hasse?
-Habe ich zu mir gesagt: Hasse sie, hasse sie! Nein! -- Ich begegne ihr mit
-den Freundinnen, sie spricht das erste Wort, sie reicht mir die Hand. Sie
-spricht mit mir: Sie hat Angst. Gott im Himmel! denke ich, weshalb hat sie
-doch nur Angst? Nun spricht sie freundlich mit mir, sagt, ob ich nicht zum
-Tennis kommen wolle -- nur weil sie Angst hat. Ja, weshalb sollte sie denn
-Angst haben? Vor mir? Ach, bei Gott, nein, sie braucht gar keine Angst zu
-haben, ich tue ihr nichts, nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, daß sie
-Angst hat. Denn ich liebe sie ja, ich hasse sie ja gar nicht, ich liebe
-sie! Ich blicke auf ihr Haus und weine. -- Wie lächerlich, Angst zu haben,
-ich werde es ihr sagen, von einem Skandal kann ja gar keine Rede sein. --
-Ich laure auf den Wegen, bei ihrem Haus, endlich treffe ich sie. Ich nehme
-den Brief aus der Tasche, um ihr den Schuldschein zurückzugeben -- sie
-sieht mich an und sagt: Man wird Sie bezahlen, haben Sie keine Angst, Herr
-Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich gefälligst ungeschoren zu lassen, ich
-kann ja keinen Fuß mehr aus dem Hause setzen, ohne daß Sie dastehen. --
-Glauben Sie nun, ein Mensch wie ich, lächelt, gibt den Brief zurück, sagt
-ihr, daß sie unbesorgt sein möge? Glauben Sie das? Dann sind Sie auf
-falschem Wege. Ich bin nicht so. Nein. Was hat mich doch so wütend gemacht?
-Ich stehe da mit dem Briefe und also muß sie denken -- deshalb spricht sie
-ja so -- aber daß sie so spricht, ihre Haltung, ihr Blick -- alles -- was
-hat mich doch wütend gemacht, daß ich schreie: Nehmen Sie sich in acht vor
-dem Skandal! Ich schreie das, ich lache ganz gemütlich und gehe.
-
-Ist das nicht um verrückt zu werden, wie? Nichts ist geblieben als Haß. Aus
-allem, was man tut, nichts bleibt als Blamage, Ekel und Haß! Ach, wie ich
-doch die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schön, wärmen sich in der Sonne
-und glitzern, denken böse und sind giftig! Man sollte sie alle einsperren,
-gehen daher und blähen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch die
-Männer, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz andere Weise! Ich sitze
-hier, bewerfe sie mit Schmutz und hasse sie. In manchen Stunden, da liebe
-ich sie ja. Sie sind schön, Gott im Himmel, sie sind ja schön, sage ich,
-schön und rührend sind sie. Ich bitte euch um Verzeihung, ihr Frauen auf
-der ganzen Erde, ich! Aber der Haß kommt zurück. Auch die Menschen liebe
-ich zuweilen, aber der Haß kommt zurück und zerfrißt mich wie Gift. Ist das
-ein Dasein? frage ich Sie, was für ein Leben soll das sein! Es ist ein
-Hundedasein, nichts als ein Hundedasein!«
-
-Er lachte verzweifelt auf und schrie.
-
-»Das ist das, hören Sir, Herr Grau, das ist das, nun habe ich es Ihnen
-erzählt, das, was mich quält -- was nicht mehr von mir weicht, ich denke
-daran, fresse daran über ein halbes Jahr -- immer wieder ziehe ich den
-Frack an -- immer wieder -- geht die Dame über diese Schwelle -- immer
-wieder spricht sie mit mir oben im Walde -- immer, immer, immer wieder --
-ah!« Er vergrub den Kopf in den Händen.
-
-»Halt!« schrie er. »Sagen Sie nichts! Es ist noch nicht alles! Ich muß
-alles sagen, es muß heraus, ich muß es tun, Sie sollen wissen, wie es um
-mich steht. Glauben Sie denn, es sei eine Wonne so zu leben -- mit all dem
-im Kopfe? Wie ist das alles gekommen? Weiß ich es? Wie ist es gekommen, daß
-alles sich in meinen Gedanken in Schmutz verwandelt? Jedes harmlose Wort --
-ich höre es, man spricht es -- aber in meinem Kopfe verwandelt es sich zu
-einer Niedrigkeit. Was für Gedanken habe ich doch früh und spät --
-abscheuliche Gedanken, die kein Mensch ertragen kann, ich möchte weit fort
-von ihnen, aber es geht nicht. Nichts ist schrecklicher als eine verdorbene
-Phantasie -- sie ist ein Gespenst, das alles häßlich und stinkend macht.«
-Er schauderte zusammen und schüttelte sich wie gepackt vom Grausen. »Auch
-meine Phantasie ist eine Hölle!«
-
-»Ich will nicht mehr!« fuhr er fort und wiegte den Kopf auf den Schultern
-hin und her. »Ich will nicht -- aber ich muß -- ich muß Ihnen alles sagen.
-Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie zu mir gesagt: Nun,
-Eisenhut, wie steht es mit dir? Was macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie
-gesagt. Aber ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus ein,
-damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich auf Abbruch vor Ihnen.
-Warum? Vielleicht, weil Sie mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe
-Sie gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei der Beerdigung --
-ich habe an Sie gedacht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von Ihnen
-losreißen. Warum? Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken
-muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und jung er ist und wie
-freundlich und gleichmäßig liebenswürdig gegen jedermann. Vielleicht ist er
-glücklich, vielleicht ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der
-Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht! Nein, er ist
-ein Dummkopf und ein Schwätzer, habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot,
-ein Narr -- so wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an Sie
-denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre Fenster, ich mußte Ihnen
-immer begegnen, Sie immer ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und
-kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten Tage, da begegnete ich
-Ihnen -- ich richtete es so ein -- ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich
-grüßte nicht. Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder was Sie
-doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an. Ich aber lachte über Sie. Ich
-lachte und ich weiß nicht, warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke,
-am gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat eine Liste bei
-sich, er will Geld! Aber nicht deshalb allein öffnete ich nicht, nein --
-ich hatte Angst vor Ihnen, ganz plötzlich -- eine eigentümliche unsagbare
-Angst. Seitdem mußte ich immer an Sie denken.«
-
-»Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte, einige Schurken hätten mich
-angeschossen. Ich lag da und stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte
-die Hand auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste aus --
-da ging die Türe auf und Sie kamen herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie
-legten mir die Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie
-feuchteten den Finger an den Augen an, da war die Wunde geheilt. Das
-träumte ich von Ihnen und oft träumte ich von Ihnen.«
-
-»Warum, warum? Seitdem ich Sie sah -- weshalb doch? Ich verstehe ja das
-ganze Leben nicht mehr. Ich mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie
-denken mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte, desto mehr
-mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie nur sah, konnte ich wütend werden.
-Sie gehen dahin, so leicht -- Ihre Augen sind so klar -- alles zusammen --
-ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle Ihnen alles. Ich muß.
-Ich muß fortfahren, ich weiß nicht warum.«
-
-»Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor Richter, dem
-Adjunkten, von Dr. Nürnberger -- von mir und ihnen -- alles sollen Sie
-hören. Weshalb verkehre ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil
-sie angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt, diese Hunde, die
-alle so sind -- so niedrig wie ich -- die nichts glauben, nur lachen,
-nichts wollen, alles in den Schmutz ziehen -- diese -- nein, nein, nein,
-genug -- einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert, ich
-glaubte es sei ihm Ernst -- ich -- nein, nein, nein -- genug -- nichts mehr
---«
-
-Er schwieg und schloß die Augen und es sah aus als ob er ohnmächtig werden
-würde. Grau wollte ihm eben beispringen, aber da sah er, daß Eisenhut
-lächelte.
-
-Er lächelte und ohne die Augen zu öffnen sagte er: »Es ist zu toll, es
-waren ja gar keine zwanzigtausend Mark, die die Dame holte. Es waren nur
-zehntausend!« Er schüttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus
-Erstaunen heiter zu lachen. »Ja,« rief er aus, »wie toll! Es waren ja nur
-zehntausend Mark! Ich bildete mir ein, es seien zwanzigtausend gewesen, all
-die Zeit lang und endlich glaubte ich es selbst. Ha! Ha! Ha! Ja, bei Gott,
-so ist es mit mir! Ich lüge und manche Lügen wiederhole ich so oft, daß ich
-sie selbst glaube. Warum muß ich denn immerzu lügen? Das ist sonderbar! Ich
-komme in eine Wirtschaft und erzähle, daß ich soeben einen weißen Hirsch
-gesehen habe. Weshalb, warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Können
-Sie mir das erklären?«
-
-Grau antwortete: »Ich denke, Sie wollen sich interessant machen, Herr
-Eisenhut.«
-
-Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt über Graus Antwort. »Ja, das ist es.
-Ich habe mich schon wahnsinnig gestellt, ja sogar tot habe ich mich
-gestellt -- sogar tot! Um Aufsehen zu erregen, um mich interessant zu
-machen. Deshalb lüge ich auch immerzu. Ich habe auch Sie einmal angelogen,
-als wir zu Mütterchen hinaus gingen. Daß Lenz mit den Mädchen im Sommer
-spazieren ging und sagte: Alle auskleiden. Das war eine Lüge. Ha! Ha! Ha!
-Wie kam ich doch darauf. Warum tat ich es doch! Ha! Ha! Ha!«
-
-Grau unterbrach ihn, denn er sah, daß Eisenhut den äußersten Grad von
-Erregung erreicht hatte. »Ruhen Sie sich aus, Eisenhut, sprechen Sie nicht
-mehr!« sagte er und führte ihn zum Sofa.
-
-»Ja, ja!« sagte Eisenhut. »Ha! Ha! Ha!«
-
-Eisenhut schwieg. Dann lachte er wieder, sah Grau an und wurde plötzlich
-ernst. »Sie sind gewissermaßen der allerschrecklichste Mensch!« flüsterte
-er. »Mir graut vor Ihnen, denn man kann Sie nie kennen, nie, nie!«
-
-»Aber lieber Freund!« sagte Grau. »Ruhen Sie doch ein wenig.«
-
-Eisenhut nickte und schwieg.
-
-Aber er begann von neuem und er sprach und flüsterte die ganze Nacht
-hindurch. Das Licht der Kerze erlosch und sie saßen im Dunkeln. Durch die
-Risse des Ofens flackerte der Schein des Feuers, das langsam erstarb. Er
-sprach aus der Dunkelheit, lachte, schrie, schluchzte, flüsterte. All die
-Qual, die in den Menschenherzen haust --
-
-Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie pressen mußte, um sich
-nicht zu verraten. Warum zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. »Es ist so
-schrecklich, so schrecklich all das zu hören!«
-
-Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen. Die Scheiben der
-Fenster wurden blau und begannen zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts
-regte sich auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde Glocke im
-Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche hallte aus der Ferne.
-
-Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und schwieg.
-
-Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster wurden hellblau und die
-Häuser gegenüber tauchten wie aus einem dicken Nebel auf.
-
-Dann sagte Grau: »Sie haben viel gelitten, Eisenhut!«
-
-»Ich bin verloren und schlecht, schlecht und verloren.«
-
-Grau schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »aber Sie haben zu viel
-gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur schrecklich unglücklich sind Sie!«
-
-Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden Augen. »Kann ich
-denn so leben?« fragte er und wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn
-sitzen zu bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und drückte sie. Er
-nickte und saß lange Zeit, die hellen freundlichen Augen auf ihn gerichtet.
-
-»Geduld, Geduld!« sagte er endlich. »Nun wird es ja schon Tag; die Sonne
-muß bald aufgehen. Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird ein
-schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen doch sagen, Eisenhut? Da
-sitze ich nun und beginne vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie
-ich beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung, Sie müssen Nachsicht
-haben, ich bin ja sogar jünger als Sie, Eisenhut -- wie anmaßend wäre es
-doch, wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen zu mir gehabt
-und wie schön ist es doch, daß Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem
-Menschen haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich damit
-auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht mehr vergessen. Ich habe mich
-so gefreut darüber und ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur
-wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken,
-es wird Sie stärken. Sind Sie müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich
-und arm Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten, konnte ich ja
-entnehmen, daß Sie niemals, aber auch niemals einen Freund gehabt haben.«
-
-»Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!«
-
-»Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte. Sie sagte, wenn sie in den
-Büchern liest, so fühlt sie, daß sie von all den Gestalten, die in den
-Büchern vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut sind. So empfand
-auch ich, als ich Ihnen zuhörte. Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all
-Ihren Wünschen, Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil. Ich
-will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie, nein, jeder Mensch ist
-ja doch anders, aber so im allgemeinen? Mehr oder weniger sind alle
-Menschen wie Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf, es
-scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie sind Ihnen alle verwandt.
-Sie sind allein oder fühlen sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter
-dieser Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe und
-Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und haßerfüllte Gedanken,
-jeder Mensch hat sie zuweilen. Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört,
-beachtet zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun fast alle.
-Fast alle sind so empfindlich wie Sie und wir alle fühlen einen Tropfen
-Essig stärker auf der Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig,
-alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung der Menschen wie
-Sie -- und das ist ja nur gut! Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir
-möchten bewundert sein. Und das ist ja nur gut!«
-
-»Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser gewesen als
-gegen andere, Eisenhut. Das hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark
-genug gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet, wie haben Sie in
-Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie ein Mörder! Ja, das haben Sie getan,
-verzeihen Sie mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie, hat Ihre
-Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein! Sie hat sich gewehrt dagegen
-und hat Sie gefoltert dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug,
-genug, wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut, Eisenhut. Sie
-sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch! Das glauben Sie nicht? Seht an!
-Ich habe ja schon früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel,
-viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an? Ja, das habe ich getan.
-Ich habe mich in Gedanken viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch
-mit mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein guter Mensch, den
-man viel quälte. Ein guter, aber einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen,
-ich habe das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen. Sie hassen
-die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so große Liebe entgegen brachten. Wie
-können Sie doch lieben! Haben Sie nicht gesagt -- als Sie von jener Frau
-sprachen -- ich blicke auf ihr Haus und weine? Sie vergeben mir wohl, daß
-ich es wage, Ihre intimsten Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur
-beweisen, wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie sich selbst
-kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe für diejenigen, die in ihrer
-Seele wüten, daß sie sich selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die
-Sonne scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute -- kurz und
-gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen Dingen zeigen, daß ich im Recht
-bin. Haben Sie nicht auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam,
-geholfen?«
-
-»Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen haben. Sie haben jenen
-Fehler begangen, den die meisten Menschen begehen: Sie suchten Glück und
-Erlösung durch andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben jenen
-Fehler begangen, den die meisten Männer begehen, sie suchten Glück und
-Friede durch die Frau. Ja, fragen Sie sich doch, sollten die Frauen
-vielleicht dazu da sein, daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir
-von ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein, wie unsinnig wäre
-das doch! Sie wollten, daß die Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie
-lieben, daß Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen geholfen.
-Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen, so sieht er Sie an und fragt sich:
-Was wird er mir geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben? Ja,
-Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben? Richtig, aber jene
-Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie
-mit sich allein nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung
-wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus gehen, essen, trinken und
-nicht bezahlen können, so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein
-Zechpreller. Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten Menschen sind
-solche Wirte, die den vor die Türe werfen, der nicht bezahlen kann und den
-nicht hinein lassen, der arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen
-vielleicht so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine reichen
-Herren, die Bettler speisen können.«
-
-»Sie fragen mich nun -- ja, sagen Sie, ich sehe doch, man liebt den oder
-jenen und was ist er im Grunde genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt
-ihn. Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn auf, man liebt ihn
-um einer einzigen schätzenswerten Eigenschaft willen! Vielleicht kann er
-singen, oder Geschichten erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er
-ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur eine einzige
-Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet. Haben Sie eine solche
-Eigenschaft? Fragen Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann
-und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber das ist ja eigentlich
-keine Eigenschaft, nicht wahr.«
-
-»Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie wissen ja selbst, Sie leben
-nicht im Frieden mit sich. Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein
-kann und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie wollen, daß man
-Sie liebt! Freunde sind der Preis unserer Tugenden, Eisenhut.«
-
-»Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben nicht an ihre Liebe und
-Güte und an das Edele in ihnen. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du
-guter Gott, was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen
-Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr, aber Sie wollen, daß die Frauen
-Sie lieben. Da kommen Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind
-liebenswürdig, Sie sind freundlich -- aber die Frauen? Die Frauen fühlen ja
-deutlich, wie Sie sonst über sie denken. Sie bleiben kühl. Ein anderer
-spricht dieselben Worte, lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die
-Augen der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken? Warum? Ja, die
-Frauen fühlen, er denkt immer so von uns. Das Gefühl eines Mannes können
-Sie am Ende täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie sind
-alle Hellseherinnen.«
-
-»Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut -- ich bin ja Ihr Freund und
-mir müssen Sie alle diese grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr
-Freund, Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage ich. Sie fanden
-keine freundliche Miene bei den Menschen. Was taten Sie aber? Gingen Sie
-nach Hause und sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich habe
-den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht einmal ein guter
-Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig und habe meine Kenntnisse nicht
-bereichert. Taten Sie das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die
-Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit an und begannen zu
-trinken. Sie suchten also Erlösung, Glück und Friede im Rausch. Das tun
-ebenfalls alle Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend
-eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt und Ihre Seele
-schreit hungriger und durstiger als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine
-Lüge und Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten wie ein König,
-aber der Rausch vergeht und Sie sind ein Bettler. Denn Sie sind ja kein
-wirklicher König gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren Sie.
-Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund, denn -- all das habe ich an
-mir selbst erlebt.«
-
-»Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt das? Wissen Sie denn,
-wie gefährlich es ist mit den Geistern der Nacht zu leben, für den
-Menschen, der ja geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen des
-Tages und des Lichtes?«
-
-»Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich. Nur wenige
-Menschen können es ungestraft tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum
-Umgange mit seinen Brüdern.«
-
-»Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr Geist nach Erkenntnis? Haben
-Sie Ihre Seele gesättigt, Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der
-zufrieden ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren und in
-Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie das nicht befriedigt. Ihre hungernde
-Seele soll Sie quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu
-sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis, in diesen
-Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen Stadt, wo das Leben still steht. Was
-würden all die andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie Sie,
-wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und Poesie hätten? Es ist ja nicht
-genug, daß der Mensch ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel
-mehr. Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt? Warum nicht? Wo
-täglich tausend neue Eindrücke Ihre Seele erquicken und ermutigen? Warum
-taten Sie das nie?«
-
-»Da draußen kennt mich ja kein Mensch,« antwortete Eisenhut.
-
-Grau lächelte. »Lieber Freund,« sagte er, »daran müssen Sie sich ja
-gewöhnen, nicht mehr gekannt zu sein. Sie müssen es lernen Ihr Leben zu
-leben, ohne daß Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern
-läßt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen, so müssen Sie ihn nicht tragen
-für die andern, sondern weil es Sie freut Ihre Hand geschmückt zu sehen.
-Und wenn Sie glücklich sind und heiter und tanzen und singen, so müssen Sie
-nicht tanzen und singen, weil andere es sehen und hören und denken werden:
-Er tanzt, er singt, er ist guter Dinge. Sie müssen es tun für sich allein.«
-
-Eisenhut schüttelte den Kopf. Er ging herum, er schüttelte den Kopf. Worte,
-Worte, was sollten ihm all diese Worte nützen, frage er? Diese Hölle von
-Leben --. Aber er war schon hoffnungsvoller gestimmt.
-
-»Ja,« sagte Grau, »es ist wahr, Sie haben die Hölle in sich und Sie sind
-sehr unglücklich. Ich weiß es und ich würde Ihnen gerne etwas abnehmen,
-könnte ich nur. Aber haben Sie nichts anderes als diese Hölle in sich,
-nichts anderes sonst?«
-
-Grau griff sich an die Wangen. Er fühlte plötzlich, daß er Fieber hatte.
-
-Eisenhut schlich an den Wänden entlang und schüttelte den Kopf. Hinter ihm
-ging das Hündchen; doch da Eisenhut sehr langsam dahin schlürfte, hatte es
-immer Zeit, sich nach jedem dritten Schritte seines Herrn zu setzen. Dann
-blickte es auf Grau und spitzte die Ohren. Eisenhut schüttelte den Kopf.
-
-»Nein!«
-
-Grau lachte leise. »Das ist ja nicht wahr!« sagte er, »Sie haben ja selbst
--- ach, haben Sie nicht gesagt, Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint,
-Sie freuen sich, wenn Sie jene Dame im Walde treffen? Sie haben schöne
-Träume, wie das Leben sein könnte, Sie haben gewiß nicht nur häßliche
-Träume.«
-
-Eisenhut lachte. Er träume oft, er fliege, es gehe dahin über die Lande --
-haha!
-
-»Sehen Sie! Und auch wenn Sie wachen, haben Sie schöne Träume. Es gibt doch
-noch so viel Schönes für Sie!«
-
-»Nein, nichts mehr.«
-
-»Heute sehen Sie ja alles schwarz, Eisenhut. Aber Sie freuen sich doch über
-viele Dinge -- wenn Sie zum Beispiel ein schönes Pferd sehen oder eine
-dicke hohe Eiche im Walde --«
-
-»Ja, ja.«
-
-»Sehen Sie! Ich könnte wohl stundenlang -- stundenlang Dinge nennen, die
-Sie lieben. Es ist ja lange nicht so schlimm wie Sie es heute sehen, mein
-Freund, lange nicht so schlimm. Haben Sie denn keine Sehnsucht mehr? Kein
-Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?«
-
-»Ja, doch!«
-
-»Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wünscht ja noch zu leben und das
-Leben ist ihm noch kostbar. Die Menschen, mein Freund, die mit dem Leben
-fertig sind, wünschen sich nichts mehr. Und nun muß ich Ihnen doch
-Ratschläge geben, obschon es mir anmaßend erscheint. Ich meine, vielleicht
-könnte ich Ihnen sagen, wie Sie es zu beginnen hätten -- für den Anfang
-wenigstens -- was meines Erachtens gut für Sie wäre. Sie brauchen das ja
-nicht zu befolgen -- es ist ja nur meine Ansicht, die Ansicht eines jungen
-und unerfahrenen Menschen --«
-
-»Ich befolge alles, alles!« sagte Eisenhut. Er öffnete die Tischschublade
-und nahm eine Handvoll Zigarren heraus, die er Grau reichte.
-
-»Danke, danke!« sagte Grau. »Als ob Sie wüßten, wie leidenschaftlich ich
-rauche. Nun hören Sie --«
-
-Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst müsse er seine Nerven kurieren,
-seine Gesundheit kräftigen. »Sehen Sie mich an, Eisenhut,« sagte Grau und
-fuhr erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. »Hören Sie wohl!
-Sie müssen ein neues Leben beginnen, und jeder Mensch muß das von Zeit zu
-Zeit. Von Grund auf neu! In jeder Beziehung! Jeden Tag um sechs Uhr heraus,
-von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends harte körperliche Arbeit in den
-Steinbrüchen, wie ein Taglöhner -- einen Monat lang. -- Wie? -- Ja, das
-müssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darüber wird nicht mehr gesprochen.
-Sie müssen sich den Schlaf erarbeiten. Danach, zwei Monate lang jeden
-Vormittag von sechs Uhr bis zwölf Uhr harte Taglöhnerarbeit in den
-Steinbrüchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen Bücher geben, Bücher
-empfehlen. Ich will Ihnen gern etwas behilflich sein. Wenn Sie wollen, gebe
-ich Ihnen regelrechte Stunden, natürlich kann ich es nicht ganz umsonst
-tun. Ich verlange für die Stunde eine Mark. Das ist Ihnen nicht zuviel?
-Schön! Sobald Sie etwas sicherer sind, fort auf Reisen.«
-
-»Wohin?«
-
-»Das alles wird sich finden. Wir werden alles noch genau besprechen. Ich
-deute Ihnen vorläufig alles nur an.« Grau lächelte, während er Eisenhut
-immerzu ansah.
-
-»Ich werde alles tun -- tun -- tun -- alles!« sagte Eisenhut.
-
-»Gut. Wir werden auch zu besprechen haben, wie Sie sich einzurichten haben.
-Wir werden Ihre Wohnung hübsch herrichten und ich werde häufig zu Ihnen
-kommen. Wir werden uns gut unterhalten. Am besten wird es sein, wenn Sie
-vorläufig nicht mehr mit Professor Richter und Konsorten verkehren. Die
-passen nicht zu Ihnen. Ah, sehen Sie doch, jetzt funkelt die Sonne auf den
-Dächern. Bist du müde?«
-
-»Nein, nicht im geringsten.«
-
-»Gut, dann lasse deinen Schlitten einspannen und wir fahren hinaus in
-irgend ein Dorf und frühstücken da. Bist du einverstanden damit?«
-
-»Wie Sie wünschen, ich bin dabei.«
-
-Grau lachte. »Hörst du nicht, daß ich Du sage, wie? Freilich, es ist
-unverschämt, denn ich bin ja der Jüngere. Aber was kümmern wir uns um
-solche Höflichkeitsregeln, haha, jetzt, da wir so gute Freunde geworden
-sind. Wenn du aber nicht willst --«
-
-Eisenhut lächelte und blinzelte. »Zigarren? Zigarren haben wir. Wir können
-gehen und den Kutscher wecken.«
-
-Vielleicht ist nie in seinem Leben jemand gut gegen ihn gewesen, dachte
-Grau.
-
-Sie fuhren hinaus in den Winter, der aufsteigenden Sonne entgegen, die
-Schellen klingelten am Schlitten --
-
- * * * * *
-
-Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er hatte sich in der Nacht
-vorher erkältet und fiel in ein heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang
-anhielt. Eisenhut pflegte ihn wie ein Bruder.
-
-
-
-
-Dritter Teil
-
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-
-Grau lag in leichtem Fieber und dachte über die Menschen nach. Diese
-Zwietracht in vielen Familien! Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte.
-Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen. Geld? Nein. Es gibt
-Bücher zu lächerlichen Preisen. Der Sohn oder die Tochter liest vor, die
-andern arbeiten nebenbei -- es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine
-Broschüre schreiben: Wegweiser --
-
-Grau erwachte.
-
-Da standen die Fenster offen und die Luft war lau und würzig. Die Bäume
-grünten. Es war Frühling geworden.
-
-Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste. Er lächelte und
-stand auf.
-
-Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne Wipfel und blühende Bäume
-ragten über Häuser und Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah
-einen kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch einen Torweg
-und sah zu seiner Überraschung ein ganzes Beet von Tulpen brennen. An den
-Häusern und Erkern kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der
-Frühling die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen.
-
-Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die Schiffe und Fähren zogen an
-der Stadt vorüber. Ein kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine
-Reihe flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe schaukelte
-ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit einer Pfeife im Munde. Im
-Schaukeln des Bootes war der Frühling und auch in der Art, wie der Mann im
-Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war der Frühling.
-
-Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner Dörfer leuchteten; Burgen
-auf den Höhen und weite grüne Wälder.
-
-Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und müde von dem langen
-Krankenlager und lächelte. Seine Seele in diesen Wochen der Genesung war
-empfänglicher, fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit.
-
-Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein Herz klopfte. Zuweilen
-kam das Fieber zurück, ein leises, fast angenehmes Fieber, dann empfand er
-alles wie einen Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen Rasen
-und wehte von Adeles Park her, alles war so frisch und neu. Die Vögel
-zwitscherten in allen Wipfeln und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all
-dieser kleinen Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton: Der
-Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf seiner Flöte einen betörenden
-Schmeichelsang.
-
-Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den kleinen Dörfern, die in
-der Ferne lagen. Da standen Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den
-Gärten wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den Hängen
-Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am Himmelsrande waren grün, hinter
-ihnen dehnte sich grünes Land. Grün, grün -- die ganze Erde war nichts als
-eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm.
-
-Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde zu bestellen. Bei der
-großen Steinbrücke wimmelte es von Arbeitern, die einen neuen Bahndamm
-aufwarfen. Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem Neubau
-kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und hämmerten, auf der Landstraße
-knarrten Wagen mit Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren.
-
-War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der Mensch sich seine
-Wohnstätte bereitete?
-
-Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem war. Eine flache Insel von
-einem Meere umbraust, über ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde
-und so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke mich! Und der
-Mensch spähte aus und die Erde wuchs. Die Erde ruhte nicht, und flüsterte
-und flüsterte und plötzlich stand ein Mensch auf, einer von den
-Schlaflosen, und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst du wandern,
-die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball, um den Sonne, Mond und Sterne
-kreisen. Aber die Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein
-Mann erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde steht nicht
-still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf mehr. Die Erde wuchs und die
-Welt wuchs. Die Gestirne rückten auseinander, in erschreckende Fernen
-rückten sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren und er
-ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu folgen. Und mit jedem Tage
-wächst die Welt. Der Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in
-jeder Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und suchen -- und
-morgen wird eine Depesche über die Länder fliegen: Die Welt ist gewachsen,
-abermals ist sie größer geworden!
-
-Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere sind an der Arbeit. Wenn
-jener Mann zurückkehrt, der jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald
-stößt, wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt wird: Sieg! Die
-Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden! Erobere mich, spricht die
-Erde, ich bin dein!
-
-Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich liebe den Menschen, den
-Entdecker, den Eroberer, den Pionier, den Rastlosen!
-
-Und er sah zu, wie die Menschen im Tale arbeiteten und Schaufeln und Picken
-triumphierend in der Sonne blitzten.
-
-Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem Frühling, niemals
-empfand er stärker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit
-ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein, selbst
-in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein Herz pochen und Freude
-erfüllte ihn und er dachte: Und morgen und übermorgen und jeden Morgen
-beginnt ein neuer Tag.
-
-Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch
-des Meisters, wo man es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und
-tiefes Geheimnis -- aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein
-Gleichnis des Lebens?
-
-Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wärme über die Stadt
-und berührte Graus Wangen. Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt
-sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er
-zurück in sein Haus.
-
-Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wäre das Leben
-nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die
-Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der
-Hagelschauer -- sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir
-atmen, es rieselt in uns, es erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das
-ist das Leben.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Die Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im Vorgärtchen platzten die
-Knospen. In all der Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am
-Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines gelbes Gesicht.
-
-Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und lächelte.
-
-Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über den Himmel steuerte und
-der Tauwind die Pappeln auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den
-Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte, über Nacht regnete es
-grüne Flocken über die Pappeln auf der Brücke, an der Landstraße stellte
-der Frühling eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna lächelte.
-
-Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna trank die Luft, erschauerte
-und wurde bleich. Fühlst du? sagte sie und griff mit der Hand in die Luft,
-als greife sie etwas: Das ist die Luft!
-
-Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die Blumen und sie bebte, wie wenn
-all die Gräser, all die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. -- Aber
-doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte:
-
-»Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gütigster und Schönster von
-allen, ich liebe dich. Mein Geliebter und Freund, Glück in dein Herz, höre
-mich, du Gütiger mit den goldenen Augen, höre mich und sprich. Wie ist mein
-Herz? Ich weiß es nicht. Ich habe in den Büchern gelesen und mir mein Herz
-aus den Büchern gesucht, aber so ist es nicht, nein. Es ist nicht, wie ich
-will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schön, es ist Frühling, das
-Gras wächst, die Blumen leuchten. Die Sonne liegt in meinem Gärtchen und
-ich danke ihr, daß sie auch an mein Gärtchen denkt, und ich sage mir,
-wollten sich doch die Schollen lockern und die Sonne hineinlassen, denn da
-unten will es auch Wärme haben. Ich danke der Luft, so süß ist sie. Ich
-lache, wenn ein Vogel vorüberfliegt.«
-
-»Aber doch, mein Herz ist nicht so, wie ich es will, es ist anders.«
-
-»Ich habe geweint, ich weine so oft! Ich habe geträumt, ich ginge in einer
-Wiese, schlank und schön und gesund und ich sang, ich erwachte und mußte
-weinen. Soll ich es nicht sagen? Soll man dem, den man liebt, seine
-Schwächen verhüllen, oder ist es ein Recht der Liebe, alles zu gestehen?
-Sprich! Würdest du nicht du sein, ich würde schweigen, ich könnte dich ja
-trotzdem lieben, aber ich würde es nicht wagen, dir alles zu gestehen. Aber
-du verstehst mein Herz und es nennt dich Freund. Ich bin glücklich, so
-sehr! Ich habe dich, ich bin froh. Ja, das Große ist gekommen, das Seltene
-ist gekommen, auf das ich so viele Jahre wartete, nun ist es ja doch
-gekommen, ich bin das glücklichste Mädchen der grünen Erde. Es ist ja
-gekommen das Seltene, da ich es nicht mehr glaubte und nicht mehr hoffte.
-Wie wunderlich ist das Leben! Nun ist es da. Ich habe gewünscht, noch
-einmal das Gras zu sehen und die Blumen. Da ist das Gras und da sind die
-Blumen. Ich bin glücklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen: Hast du nicht
-ihn? Und hast du nicht auch den Frühling? Ja, sagt mein Herz, ich bin ja
-froh. Es ist ja froh, es ist ja voller Freude -- aber es ist nicht so, wie
-ich es will. Es ist traurig zur gleichen Zeit, traurig, traurig und weint
-in mir. Gibt es solch ein Herz wieder auf der Welt? Es jauchzt und es weint
-in derselben Stunde. Gütiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz,
-wie ich es gerne möchte --«
-
-»Eines weiß ich nun. Wenn du zu deinem Herzen sagst: Sei so, so, so! -- es
-tut doch was es will, du kannst ihm nicht befehlen.«
-
-»Kannst du zu deinem Herzen sagen: Sei nicht bange! Wenn es aber doch vor
-Angst zittert? Habe keine Furcht! Wenn es voller Angst ist? Denn die Angst
-quält mich, die Angst. Hörst du, es pocht, es pocht überall, mein Blut
-pocht, es pocht in meinen Fingern, es pocht in der Wand, der Decke. Dann
-schweigt es plötzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder pochen!
-Das ist in den Nächten. Ich sage zu meinem Herzen: Sieh die Sterne, sieh
-den Himmel, fühle die Nacht des Frühlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr
-liebe als die Frühlingsnacht, sagt mein Herz -- und vergeht vor Angst.
-Fühle wie die Erde schläft, sage ich, ein Kind, so tief und schön -- aber
-die Angst quält mich. Ist mein Leben vorüber, vorbei, vorbei, gegangen,
-gegangen? Sage nein! Denn wie könnte mein Leben vorüber sein, da es eben
-erst begann? Nein, nein, nein! Sage nein! mein Geliebter.«
-
-»Gibt es Menschen, die die Sprache der Vögel verstehen? Vielleicht
-verstehst du die Sprache der Vögel und es ist eines deiner vielen
-Geheimnisse, die dir das Lächeln geben, das man nie auf andern
-Menschenlippen sieht! Ich liege hier und die Stare sitzen auf dem Kobel,
-den du mit Herrn Eisenhut gezimmert hast, sie sitzen da, blicken zu mir her
-und unterhalten sich über mich. Sieh doch die Stare, wie sie glänzen! sage
-ich zu meinem Herzen, höre sie, wie sie pfeifen -- aber mein Herz lauscht
-starr vor Angst. Ist es denn möglich, daß die Stare wissen, wie schlimm es
-um mich steht? Ist es denn möglich, daß sie wissen, was in den nächsten
-Wochen sein wird? Nein, nein, bei Gott, all das ist ja unmöglich! Und doch?
-Es muß, es muß unmöglich sein, denn es ist schrecklich, was die Stare
-sagen!«
-
-»Es ist nicht das allein! Wäre es nur das allein. Auch der Wind spricht,
-auch die Luft spricht. Der Wind flüstert und ich verstehe wohl, was er
-sagt. Er sagt dasselbe wie die Stare. Ich sage zu meinem Herzen: Fühle, wie
-fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz glaubt es nicht: Höre was er
-spricht, sagt mein Herz. Ach, alles, alles sagt das gleiche, es ist ja
-immer das gleiche, selbst die Uhr sagt es, wenn sie ticktackt. Und der Wind
-sagt es in jeder Nacht. Hast du den Wind schon gesehen? Nicht laufen, nicht
-im Laub, im Getreide. So, eine Person, eine Gestalt. Ich habe ihn gesehen
-wie er am Fenster stand, ein graues dürres Männchen in weitem Mantel,
-voller Buckel und Höcker. Er hat einen Höcker auf der Brust, auf dem
-Rücken, seine Nase, seine Stirn, sein Ellbogen, alles ist ausgezogen zu
-Höckern.«
-
-»Wärest du hier! Wenn du hier bist, so hat die Angst keine Macht über
-mich.«
-
-»Ich sehe Gestalten. Oft stehen viele Gestalten in meinem Zimmer und sie
-blicken mich alle mit ihren fahlen Augen an, ohne Gefühl, ohne Interesse,
-gleichgültig. Sie regen sich nicht, sie sagen nichts, sie sagen auch nichts
-zu einander. Sie stehen und warten. Niemals könnte ich sagen, wo sie
-beginnen und wo sie aufhören, aber sie sind da. Merkwürdig -- ich fürchte
-mich nicht vor ihnen. Es ist als müßten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen
-gesprochen. Ich habe allen Mut zusammengenommen und habe gesagt: Was wollt
-ihr von mir? Seid ihr dahingeschiedene Seelen, wollt ihr mich begleiten,
-wenn ich von der Erde fortgehe? Aber sie regten sich nicht, sie standen wie
-zuvor und sahen mich an. Ich weinte. Denn ich kam mir so verlassen vor.«
-
-»Zuweilen geht auch ein Schritt ums Haus und es ist mir, als ob jemand am
-Fenster stehen bliebe. Einmal erwachte ich mitten in der Nacht, ich hörte
-wie der Schritt anhielt und eine Stimme am Fenster hauchte: Bald --«
-
-»Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich. All die Knaben, die am
-Morgen über die Brücke zur Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen,
-Klara und Maria und auch Adele -- ja, auch sie! -- und auch Mütterchen und
-auch du, mein Liebling -- alle, alle! All die Menschen, die jetzt schlafen
-oder wachen, in einem Zuge fahren oder auf Schiffen segeln -- alle werden
-eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch du. Auch
-Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte ich mir alle gestorben vor.
-Auch Adele. Sie sah so schön aus.«
-
-»So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.«
-
-»Es ist das Fieber, es ist die Angst --«
-
-»So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich! Glaube es mir. Adele
-sagte zu mir: Es muß dich glücklich machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja!
-sagte ich und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie ich will.
-Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben, denn es muß ja sein, ich hatte
-mir vorgenommen zu lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu
-sterben -- aber nun -- die Angst -- die Angst!«
-
-»Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die Stirn legen, daß ich Ruhe
-habe!«
-
-»Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich ein Kind und ohne Angst
-war. Ich höre die Vögel, ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein,
-nein! Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du bringst Mut. Die
-Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube dir. Aber weshalb lächelt der
-Arzt, wenn er mit mir spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaube
-dir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das macht mich ja
-gesund, wenn es mein Herz glaubt --«
-
-»Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück. Ich denke, ich darf ihm
-schreiben. Es gehen viele in der Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt
-er Maria, liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne dich
-nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen. Es fiel mir erst
-jetzt auf, daß du nie mit einem Worte geklagt hast, du sprichst nie von
-dir. Die Leute sagen, du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute
-töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild nicht festhalten,
-ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn du mir nahe bist, da weiß ich es, da
-frage ich nicht danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und
-nimm die Angst von meinem Herzen -- Susanna --«
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder
-öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende
-nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet
-hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück
-fortwährend die Brille. »Welche Freude -- daß sie uns die Ehre schenken --
-an Susannas Ehrentage.« -- Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz -- anders
-hatte es Mütterchen nicht getan. »Willkommen« stand darauf und Mütterchen
-hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war
-immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie
-keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.
-
-Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen.
-Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu
-einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein
-Sperling kam, die »ewige Braut«. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen.
-Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu
-gerührt mit dem Kopfe.
-
-Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und glänzenden Augen und
-roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten
-soviel wie ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht. Sie
-brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht hätten, und füllten
-das Zimmer damit an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte
-Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen Rosen. Die Schwestern
-Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den
-Kopf setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände.
-
-Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg.
-Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach
-kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein
-kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle vergnügt anstarrte. Der
-Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war
-Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er
-sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mädchen kümmerten
-sich nicht um ihn.
-
-Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mütterchens Bett
-und schafften es in die Küche. Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch
-Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch
-herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in
-Ordnung und das Fest konnte beginnen.
-
-Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her
-gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das
-hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt sich gut und ohne
-jede Pause.
-
-Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten
-all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden
-Mädchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern,
-lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an
-seine Schulter.
-
-Er drückte ihr die Hand.
-
-Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen plötzlich einen Schrei
-aus: Ein bärtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme
-sagte: »Guten Tag, allerseits!« Es war der Lehrer.
-
-Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem Halse.
-
-Wie kam er doch hierher? »Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe
-eben ein Engagement von einem Theater gehabt -- als König Lear zu gastieren
--- habe aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hörte!«
-Es war ihm glänzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glänzend und
-fürstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron
-hatte er förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art
-Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben. Als ob das so einfach
-wäre --!
-
-Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche
-Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals
-hatten ihn seine Freunde so fürstlich aufgenommen. Hahaha!
-
-Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nämlich
-tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Gruße hinstreckte.
-
-»Mein Name ist Pracht!« sagte er. »Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie
-zu kennen.«
-
-»Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine
-Hand!«
-
-Aber Herr Pracht kannte ihn nicht.
-
-Lenz streckte ihm die Hand hin.
-
-»Genug, genug!« sagte er und lachte herzlich. »Hier ist meine Hand! Frieden
-wollen wir schließen.«
-
-Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Hätte er gewußt --
-
-»Unsinn!« sagte Lenz und lachte. »Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein
-Name, Herr Pracht!«
-
-Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure.
-
-»Gut!« sagte Lenz und lachte. »Die Herrschaften haben gesehen, daß ich
-diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand
-hinstreckte und meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins
-Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!«
-
-Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte ihn hinaus durch den
-Garten, er öffnete ihm höflich die Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr
-Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte.
-
-Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände und bat die Gesellschaft
-wegen der kleinen Störung um Entschuldigung.
-
-Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit
-herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz' ich hier. -- Niemand
-konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers,
-der Widerhall riesiger Fässer -- alles. Niemand konnte wie er den Wein im
-Glase anlächeln, mit einem verliebten gönnerhaften Lächeln, niemand konnte
-wie er mit solch königlicher Geste das Glas erheben.
-
-Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn
-Schwestern mit eisernen Nasen -- sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen
-und sandten ihn nach Freiern aus -- eine Hexe vollständig aus Eisen --
-niemand könnte diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte
-herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig vergessen. Die
-Mädchen tranken und ihre Wangen wurden röter, ihre Augen glänzender. Sie
-sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore --
-Als ich noch im Flügelkleide -- Der Mai ist gekommen -- Mütterchen hörte
-andächtig zu. Als die Fröhlichkeit den Höhepunkt erreicht hatte, sangen
-sie: Ich weiß nicht was soll es bedeuten --
-
-Auch die »ewige Braut« fühlte sich zu Hause unter den jungen Mädchen, sie
-sang indem sie den blondweißen Kopf hin und her auf den Schultern wiegte
-und man hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon
-zu Ende waren.
-
-Dann lachte sie.
-
-Eisenhut sang nicht, aber er lächelte.
-
-»Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!« rief Adele und sah ihn an. Eisenhut
-kam in Verlegenheit. »Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr
-unrecht getan,« fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten, »vergeben
-Sie mir!«
-
-Eisenhut sagte: »Ach, das ist ja -- haha -- schon -- so lange her -- wie?«
-Später erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im
-Süden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es Grau ins
-Ohr.
-
-Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und als die Sonne unterging
-blendete sie all den jungen Mädchen ins Gesicht. All die singenden Lippen
-und strahlenden Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen blitzten.
-
-Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief sie ein.
-
-Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte Grau ein kleines
-Paketchen in die Tasche. »Nimm!« sagte sie geheimnisvoll. »Wie soll ich dir
-doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich
-sie war!«
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-In den Häusern zündete man die Lampen an und die Glocken läuteten den Abend
-ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straßen war es schon
-auffallend dunkel und merkwürdig warm. Kinder lärmten und die Leute standen
-vor den Häusern um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man hörte
-Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie
-des Schlächtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das
-Abendessen ein.
-
-Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lärm und fröhlichem
-Lachen auseinander.
-
-Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg.
-
-»Wir haben ja den gleichen Weg!« sagte Adele und sie sahen einander an und
-nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen
-hinauf. Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen
-Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse von Blüten und Duft gingen.
-Es war schwül hier und dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein.
-»Es ist Jasmin.«
-
-»Ja, es ist Jasmin!« sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke.
-
-Oben war es kühler. Sie atmeten auf.
-
-Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es mehr blühende Bäume als
-Häuser gab. Aus dem Dunst der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem
-Dache lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange
-Woge von Blüten, die gegen die Höhe anschäumte. Adele schüttelte den Kopf
-und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer.
-
-»Die Tafeln,« sagte sie, »die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird
-gewarnt, Vorsicht Selbstschüsse -- Sie erinnern sich? Was ist doch mit
-Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was mußten
-Sie sich doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht
-behandelte?«
-
-»Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.«
-
-»Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt
-getrunken und plötzlich kam es über mich. So häßlich war ich an jenem
-Abend. Und Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig
-fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal
-schlecht gegen ihn gehandelt und er hat mir doch einen großen Dienst
-erwiesen -- er lieh mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen
-Schuldschein haben -- aber ich will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch
-noch andre häßliche Bemerkungen gemacht.« Sie sah Grau prüfend an.
-
-»Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen
-wurde,« sagte Grau.
-
-»Das ist gut,« fuhr Adele fort, sie stockte. »Haben Sie denn Besuch, Herr
-Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe,« fragte sie.
-
-Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es
-war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung.
-
-»Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis,« sagte er.
-
-»Es ist ein alter Handwerksbursche,« sagte Grau, »der vorläufig hier wohnt.
-Er saß eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich
-ihn da. Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der
-Herberge verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte
-ihm doch nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht
-wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.«
-
-»Wie lange wohnt er schon hier?«
-
-»Drei Wochen. Warum?«
-
-»Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen
-sich selbst mit einem Strohsack?«
-
-Grau lächelte. »Eine merkwürdige Stadt!« sagte er. Sonst nichts.
-
-»Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja zum Pfarrhause, es gehört
-nicht Ihnen?«
-
-»Ich werde ein neues Bett kaufen,« sagte Grau. »Sagen Sie der Dame, sie
-könne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen
-Wöchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das
-Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!« -- Adele lachte leise.
-
-Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele
-blickte hinein. Im Hause war ein Flügel beleuchtet und man hörte ein
-Klavier.
-
-»Wir haben Gesellschaft,« sagte sie, »die Offiziere von Weinberg.« Sie sah
-zu den hellen Fenstern hinauf und lauschte. »Es ist Mama, die spielt.« Sie
-blickte in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und
-schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte
-sie mit einem Blick auf die hellen Fenster: »Ich habe keine Lust. Kommen
-Sie!«
-
-Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald führte. Es war ein
-Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier
-ganz dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine schmale blaue
-Straße des Himmels und ein früher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder
-Laut hinter ihnen und sie waren allein.
-
-Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewöhnte sich
-daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes.
-
-»Welcher Friede, fühlen Sie!« sagte Grau leise.
-
-»Ja, hier ist Friede!« sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu
-leuchten anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre
-Augen, so hell waren sie. »Horchen Sie! Hören Sie das Klavier nicht mehr?«
-
-»Nein.«
-
-»Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie
-nun, meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja
-nichts andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu
-Konrad: Konrad, wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie
-wartet und wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.«
-
-»Sollten Sie nicht umkehren?« fragte Grau.
-
-Adele schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »ich habe keine Lust. Ja,
-fühlen Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden
-hier fühlen. Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben Sie viel
-Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde lügen, würde ich es behaupten.
--- Das heißt, es ist ja nicht so schlimm,« fuhr sie mit freierer Stimme
-fort, »es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und die jungen
-Mädchen heute lachten so viel.«
-
-Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der Boden
-war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln.
-
-Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt habe, blickte sie zu
-ihm her. Er sagte: »Wir gehen wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all
-den schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.«
-
-Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten.
-
-»Warum sprechen Sie so eigentümlich?« fragte sie.
-
-»Sprach ich denn eigentümlich?«
-
-»Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.«
-
-Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos
-dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen
-ließen, als beginne es zu tagen. Sie lächelte und sagte: »Aus unseren
-Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern sich, daß ich neulich
-bei Ihnen anfragte?«
-
-Er stehe jederzeit zur Verfügung.
-
-»Ich danke Ihnen aufrichtig,« sagte Adele, »aber der Baron sieht es nicht
-gerne, mein Bräutigam. Ich weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die
-Leute könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehört, daß
-eine Dame Orgel spielte. Wüßte er, daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er
-nichts dagegen, nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er hält
-viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er
-will nicht, daß die Leute über mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen
-gelernt? Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?«
-
-»Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.«
-
-»Schade!« sagte Adele. »Ich wünschte, Sie hätten mit ihm gesprochen, er ist
-sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er
-liebt es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht den Eindruck
-bekommen, daß er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er könnte
-zum Beispiel nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem
-Leben -- aber er ist --. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden
-Wunsch von den Augen ab.«
-
-»Sie werden ja nun bald heiraten?«
-
-»Ja.« Adele blickte auf den Weg. »Er, der Baron, drängt sehr. Auch fühlt
-sich Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr -- obgleich ich den
-Baron von ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer Eigenschaften,
-Sie würden das bald herausfinden -- nun hört der Wald auf -- lassen Sie uns
-nicht von diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an?
-
-Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hören, Herr
-Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie
-auf dem Ball begannen?«
-
-»Gerne.«
-
-Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe lag im Dämmerlichte vor
-ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige
-Lichter flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von
-Laternen wie der Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und
-einige matte Sterne schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang
-und kamen an eine Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie
-ging weiter.
-
-»Jene Frau und ich,« begann Grau, »gingen über die Heide, es war graue
-Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging,
-es war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören ist.
-Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so wie sie ist, wenn der Morgen
-nahe ist, sie war gewürzt von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide
-blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte
-Ähnlichkeit haben, und ich. Alles war wie ein Schatten und wir selbst
-schienen Schatten zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es standen
-viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten nicht. Plötzlich begann es zu
-sausen über unseren Häuptern und ein Heer von Sternschnuppen, ein
-ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel und
-verschwand hinter dem Horizonte. Es waren Milliarden von Sternschnuppen,
-der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals
-so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an meiner Seite -- und
-wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal
-dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein. Endlich
-hörte er auf und die letzten Funken versprühten am Horizonte. Mein Herz
-schlug heftig, ja, es schlägt jetzt sogar bei der Erinnerung an dieses
-schöne Schauspiel, das schöner war, als alles was ich im Wachen und im
-Traum gesehen habe.«
-
-»Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel
-es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.«
-
-»Und weiter?« fragte Adele.
-
-»Wir wanderten zusammen,« fuhr Grau fort, »und es schien als wanderten wir
-eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte
-mich glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach sehr gütig zu
-mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, daß
-sie sehr gütig zu mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der
-Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich sie, niemals hatte ich
-die sanfte Hand einer Frau auf meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da
-fühlte ich es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide und mein Herz
-war fröhlich. Wir unterhielten uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte
-keine Schwierigkeiten damit, ich verstand, ich sprach --«
-
-»So ist es im Traume.«
-
-»Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und wir konnten unsere Schritte
-nicht hören -- wie jetzt, da wir über die Wiesen gehen. In der Heide
-blühten Blumen. Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze
-Heide war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben.
-Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber
-in jedem dieser Kelche lebte -- so schien es -- ein Lichtgeisterchen, die
-Lichtgeisterchen umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem Blütenrande, sie
-wirbelten hin und her. Plötzlich sah ich die ganze Luft von solchen
-Geisterchen erfüllt, die auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur
-Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft --« Grau
-erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles Arm legte und in die Luft
-deutete, als sei sie erfüllt von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an -- »sieh
-doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen, daß du
-ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender. Weißt du denn
-nicht, daß jeder Hauch der Luft erfüllt ist von Wesen? -- Wir mußten einen
-schmalen Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen, daß sich
-über den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie
-schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen
-Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie
-merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich berückend auf das
-Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die
-Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an. Sie
-kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu müssen, ein Geisterchen
-streifte meine Wange, ein anderes saß einen Augenblick lang auf meiner
-Lippe.«
-
-»Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte,
-erschütterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang
-unheimlich, er klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich
-zitterte, denn ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer
-Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an
-meiner Seite, aber sie sprach gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige
-zitternde Gespenster, nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer Leben.
-Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern Wesen.«
-
-»Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, daß ich
-einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen
-sähe ich nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle überaus klug
-und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, daß es bei
-jedem kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch.
-Weshalb lebst du, weißt du es? -- Welche Angst hatte ich doch zu antworten!
-Ich lebe um meine Seele zur Harmonie und Schönheit zu entfalten, sagte ich.
-Die Frau lächelte. Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich
-vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und Wahrheit und
-Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Das ist ja
-alles so nebensächlich, sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um
-mich zu wundern? -- Da faßte sie meinen Arm und sagte: Verhülle dein
-Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie rasch die Hände auf das Gesicht legte
-und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise
-Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen Ton, der
-wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich
-erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.«
-
-»Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewöhnliche Heide und ich
-erkannte die Kühle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es
-ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist
-vorüber. Leben Sie wohl. -- Sie sprach wie eine Fremde.
-
-Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut.
-
-Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand ganz nahe.
-
-Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt.
-Leben Sie wohl.
-
-Leben Sie wohl.
-
-Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und sah mich an. Leben Sie
-wohl, flüsterte sie, bis wir uns wiedersehen!
-
-Leben Sie wohl.
-
-Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke?
-Nein? Leben Sie wohl. -- Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und
-bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin. Ich stand in der
-Heide und blickte ringsum. -- Das ist der ganze Traum,« schloß Grau.
-
-Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam! Welch ein schöner
-Traum! »Vielleicht haben Sie im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir
-in Wirklichkeit nicht sehen können? Wie seltsam!« Sie standen am Gitter des
-Parkes.
-
-Nach einer Weile sagte sie: »Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte:
-Sie wissen nicht, was ich denke?«
-
-Grau lächelte. »Wie kann ich es wissen?«
-
-Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter, indem sie rückwärts ging.
-»Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei,
-ob sie nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte
-sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?« Adele lächelte.
-
-»Welch ein Gedanke!« sagt Grau erstaunt und verwirrt.
-
-Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber
-eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr? »Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr
-Grau. Leben Sie wohl!« Adele nickte.
-
-Grau zog den Hut: »Leben Sie wohl, Fräulein von Hennenbach.«
-
-Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt.
-
-»Leben Sie wohl,« wiederholte sie und sie sahen einander lange an.
-
-Grau schwindelte. »Gute Nacht und Dank für den Abend!« sagte er mechanisch.
-
-Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. »Leben Sie wohl
--- bis wir uns wiedersehen!« sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne
-schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. -- -- -- --
-
-Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der
-Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand.
-
-Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch
-offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte
-den Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht
-alles!
-
-Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten
-stand ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen
-blühenden Bäumen im Lande.
-
-Wußte sie denn das?
-
-Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl
--- bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen
-wie jene Frau im Traum?
-
-Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser
-flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des
-Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte
-erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die
-Höhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht
-durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte
-er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel
-ihn, er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch
-er die Kräuter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem
-innern Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem
-Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da
-sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu
-flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen
-Kopf an meine Schulter, flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal.
-
-Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.
-
-»Ich werde ja schweigen,« sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort
-zu flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal --
-
-Er lauschte und lächelte. »Ja, ja!« sagte er.
-
-Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft
-war feuchtwarm, duftend und so stark, daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge
-weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte
-ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam
-Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich
-auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm
-zugesteckt hatte.
-
-Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-Der Himmel wurde höher und blauer, die Wolken weißer und schwebender, im
-Garten schrien die jungen Stare.
-
-Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, denn sie sollte Kräfte zur Reise
-sammeln. Ihre Augen glänzten in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre
-Wangen füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand, sie sah
-blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so schwarz und ihre Augen so
-groß. Sie wurde schöner, alle waren überrascht, die sie sahen.
-
-Aber ihre Stimme verfiel. Sie konnte nicht mehr in ihrer hohen singenden
-Stimme sprechen. Sie sprach leise und heiser und war kaum zu verstehen.
-
-Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher und Pfeifen der Stare. Sie
-lächelte, wenn die Starenmutter geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und
-all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare in dem runden Loch des
-Kobels erschienen und ein kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben.
-
-»Hörst du?« sagte sie leise und heiser. »Wie glücklich diese Vögelchen
-sind! Hätte ich es mir denn träumen lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen
-der Stare hören werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen, wenn das
-erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist. Ich liege hier und denke, wie
-herrlich, wie rührend ist es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch
-ganz grau auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen. Dann färbt
-sich der Himmel und ich rieche das Gras und die Bäche. Und ich kann es kaum
-erwarten bis es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du die Knospen
-gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In ein paar Wochen, da wird alles
-blühen. Auch der Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und
-traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Flieder blühen sehen und
-diese Luft einatmen, die dann sein wird! Diese Luft, die so schwer von Duft
-ist, daß sie sich kaum bewegen kann!«
-
-Ihre Augen leuchteten und sie lächelte.
-
-Geduld, Geduld! süße Susanna.
-
-Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie hatte die Augen halb
-geöffnet, aber es schien als ob sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie
-sprach kein Wort, lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust.
-Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier um ihren Geist.
-
-Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte sie, sie öffnete die
-Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte sich der Himmel wieder, so
-verdunkelte sich auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne
-Bewegung und ohne Wunsch.
-
-Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche sprach Lenz, fast ohne
-Pause. Es war ihm ganz einerlei mit wem er sprach und wovon, wenn er nur
-sprechen konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst: Da wären wir
-glücklich, alter Knabe, da wären wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und
-den alten Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und wir stechen in
-das hohe Meer des Lebens hinaus -- prosit! Ein schwarzer Panther in einer
-Küche -- haha -- bei Hühnern -- hole mich der Teufel! Er erzählte sich
-selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser. Er kam selten
-ins Zimmer und immer nur auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte
-Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihn Eisenhut, der gegenwärtig
-einen kleinen Rückfall hatte und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon
-wieder die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus.
-
-Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen. Eisenhut kam aus der
-Küche, mit gerötetem unrasierten Gesichte, blinzelnd und in guter Laune,
-ein wenig unsicher in seinen Bewegungen. »Nun, wie geht es? Vorzüglich,
-natürlich, hähä -- wie zwei Turteltäubchen, ja --«
-
-»Nein,« sagte Susanna leise und heiser, »es geht nicht gut.« Sie gab sich
-alle Mühe zu sprechen, aber man hörte kaum was sie sagte. »Setzen Sie sich
-hierher ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen. Ganz nahe,
-ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach, Richard, mein Freund, du sollst dich
-einstweilen auf den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut. Ich wollte
-Ihnen danken, Herr Eisenhut!«
-
-Eisenhut ertrug ihren Blick nicht. Er blinzelte, stammelte etwas; es sei
-doch nicht der Rede wert.
-
-»Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut!« sagte Susanna und faßte
-Eisenhuts Hand. »Viel Gutes haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre
-wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen wären?«
-
-Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es aussah, als beginne er zu
-weinen, aber er lächelte. »Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts,
-gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also bitte recht sehr,
-behalten Sie den Dank für sich. Nein, lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe
-gedacht, dieses Mütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau hat
-nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für billiges Geld tun. So habe
-ich gerechnet, genau so. Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür
-sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist alles, was ich getan
-habe. Und dann habe ich zuletzt monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier
-haben sie alles zusammen, fertig!«
-
-Susanna lächelte. »Aber die Wohnung? Sie vergessen ja ganz die Wohnung.
-Nun? Nein, Herr Eisenhut, Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr,
-Mütterchen reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen, beim
-Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und die Schulden wuchsen und
-wuchsen und Mütterchen verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich
-doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist so gut, das ist wahr,
-sagte Mütterchen und nahm all ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja,
-Sie wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen eben doch die
-zwanzig Mark auf dem Küchentisch und Sie haben kein Wort weiter gesagt, so
-sind Sie! So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie lieber Freund
--- ja, so nenne ich Sie -- und Mütterchen spricht so oft von Ihnen und
-dankt Ihnen jeden Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie
-nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie geht hinaus um die
-Türklinke abzureiben, wenn Sie kommen, damit Sie sich nicht die Hände
-staubig machen.«
-
-»Eisenhut!« sagte die Baßstimme des Lehrers an der Küchentüre; er klopfte
-ungeduldig und schob den bärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt.
-Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm auch ein Gedanke wie
-ein Blitz durch den Hirnschädel gefahren, eine geniale Idee, die das
-Weltenbild total umforme --
-
-»Sofort,« sagte Eisenhut, »ich habe einige Worte mit Susanna zu sprechen.«
-
-»Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich warten, drei Tage und drei
-Nächte, ohne zu murren,« sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann
-einstweilen ein Lied zu brummen.
-
-»Haben Sie mir alles gesagt, Susanna?«
-
-Nein, es sei erst die Einleitung. »Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges.
-Das Allerwichtigste, das es für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es
-nicht erraten?«
-
-Eisenhut versank in tiefes Nachdenken und lauschte auf das Lied, das der
-Lehrer in der Küche brummte: Es war einmal ein König, der hatt' einen
-großen Floh --
-
-»Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erraten können,« antwortete
-Eisenhut, der mühsam seine Ungeduld verbarg.
-
-»Es ist so schwer, es zu sagen!« flüsterte Susanna und streichelte
-Eisenhuts Hand. Sie streichelte die ganze Hand und dann jeden einzelnen
-Finger. »Nun?« fragte sie und blickte ihn mit feuchten, pechschwarzen Augen
-an.
-
-Nein, niemals könne er es erraten.
-
-»Wir knicken und ersticken -- doch gleich, wenn einer sticht --« brummte
-Lenz in der Küche. »Bravo, bravo, das war schön! -- So soll es jedem Floh
-ergehn!«
-
-Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hände und liebkoste sie auf beiden
-Seiten. Es handele sich um Mütterchen. »Seien Sie gut zu Mütterchen,«
-flüsterte sie.
-
-Eisenhut nickte.
-
-Und Susanna fuhr flüsternd fort: »Mütterchen darf es nie erfahren, daß ich
-Sie darum gebeten habe, und auch Sie müssen verzeihen, daß ich es tat,
-lieber, guter Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mütterchen kann nicht
-sprechen, sie kann nicht bitten. Sie kann nur hungern, leiden und in ihre
-Schürze weinen. Und Sie, ach, auch Sie, Herr Eisenhut, Sie sind ja gut,
-aber Sie wissen gar nie, wo es einem fehlt und wie Sie ihm helfen könnten.
-Was soll aus Mütterchen werden, wenn Sie ihr nicht etwas helfen?«
-
-Grau sagte leise: »Mütterchen soll es gut haben. Dafür werden wir beide
-sorgen. Und du, sobald es besser geht --«
-
-Das wisse sie, das beruhige sie. »Aber nun, wenn Herrn Eisenhuts Mutter
-stirbt -- wir setzen den Fall, wolle sie noch recht lange leben, -- ja --
-aber wir setzen den Fall -- was dann?« Sie habe nun gedacht, Herr Eisenhut
-habe ja doch ihre Reise nach dem Süden bezahlen wollen -- das sei ja so
-fraglich, ob sie reise -- ob er nicht das Geld vielleicht --
-
-In der Küche brummte der Lehrer -- ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, als
-hätte sie Lieb' im Leibe. -- Als hätte sie Lieb' im Leibe, wiederholte er
-im tiefsten Baß.
-
-Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze Leben auszusetzen.
-»Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.«
-
-Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen und küßte sie
-inbrünstig, wobei sie die Augen schloß.
-
-»Ja, nun ist alles gut!« sagte sie und nickte und lächelte. --
-
-Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße von Blumen mit, süße Weine
-und Kuchen. Sie kamen herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen
-und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten, sprachen mit
-gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein paar Minuten da waren, sprachen sie
-laut und lachten und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge,
-Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht werden --
-
-»Ja?« Susanna lachte und hustete. »Viel Vergnügen,« sagte sie und lachte
-wieder und hustete mehr. »Recht viel Vergnügen!«
-
-»Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!«
-
-Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten beide.
-
-»Komme zu mir, Adele,« sagte Susanna. »Laß mich dein Kleid befühlen. Wie
-fein ist der Stoff, so zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie
-fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine Hand blicke -- siehst
-du, Adele, warum ist Unfriede in deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand.
-So viel Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und was schadet
-es? Nicht wahr? Großer Unfriede, das ist das Leben und großer Friede, das
-ist das Leben. Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert.
-Aber vielleicht -- wer weiß es denn! -- vielleicht ist es auch schön, im
-Grase zu liegen, zufrieden zu sein und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es
-ist auch schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur zu leben.
-Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest! Es ist die Luft, es ist der
-Frühling und so jung bist du, das ist es auch!«
-
-»Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr guten Herzen! Wißt ihr
-was schön ist? Es ist schön euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in
-Arm zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst, und sie singen in den
-Weinbergen, dann kommt der Winter und sie spielen in hellen Zimmern und
-tanzen, dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter,
-der Frühling wieder, und wieder singen sie in den Weinbergen: Und ihr
-werdet leben! Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines Klara und
-deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so ansehe, dir wird es ja nicht so
-leicht werden, ich fühle es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht
-werden, vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet euch in
-Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm Kopfe sehen als schwarze
-Schleier. Schmerzen werdet ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben,
-nicht? Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr -- das ist der
-Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und ich wünsche es so. Und wenn ich es
-verhindern kann, daß euer Kindchen stirbt -- wenn ich da etwas vermag --
-nichts soll mir zuviel sein -- oh, ihr Guten -- so schön wird es sein, wenn
-ein Mann euch liebt -- ich weiß es ja wohl und auch Adele weiß es -- seht,
-sie wird rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele -- schön wird es sein,
-all die Geheimnisse, wie schön -- und euere Kinder! Denn sicher werdet ihr
-Kinder haben, werdet sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und
-schlafen legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen, die
-Sonne wird scheinen und ihr werdet froh sein im Herzen. Ihr werdet
-fortgehen, hinaus und viele neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und
-Sitten, Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen, hatte nie
-Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr sehen. Da wird ein großer,
-heller Saal sein und alle kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei.
-Ich wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke werdet ihr
-sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne und kluge Bücher -- ja, möge es so
-sein, möge es so sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt,
-heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören. Ich wünsche es!
-Ich wünsche es! Möge es so sein!«
-
-»Nun Susanna, bald wirst du reisen und ebenfalls viel Schönes erleben.«
-
-Susanna lächelte und sah mit eigentümlichen Augen auf die Freundinnen.
-
-»Ja,« sagte sie, »wie recht sie doch hat! Bald werde ich reisen, aber ich
-weiß nicht wohin. Du nimmst ein Billet nach Genf, du setzt dich in den Zug
-und steigst aus und bist in Genf. Aber ich werde nicht wissen, wo ich
-aussteige.«
-
-Niemand wagte zu sprechen, so eigentümlich klang das, was Susanna sagte.
-
-»Drum adieu!« fuhr Susanna fort und im Augenblick hatte sie sich im Bette
-aufgerichtet. »Drum adieu, adieu!«
-
-Sie winkte mit beiden Händen den Freundinnen zu, die Hände bewegten sich
-matt in den Gelenken.
-
-»Drum adieu, adieu!« sagte Susanna und lächelte und ihre Stimme klang, als
-sänge sie. »Drum adieu, adieu?« wiederholte sie und winkte hinaus zum
-Fenster und hinauf zum blauen Himmel.
-
-»Sagt allen Leuten, die ich kenne, adieu!«
-
-Klara und Maria hatten Tränen in den Augen, Adele zog die Brauen zusammen
-und lächelte voller Pein.
-
-»Aber Susanna --« begann Klara.
-
-Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab.
-
-»Ich weiß es nun,« sagte sie und lächelte, »ich weiß es nun ganz bestimmt.
-Mit der Reise nach dem Süden ist es nichts, ich habe auch nie recht daran
-geglaubt, es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da erwachte ich
-und siehe da, wie schön waren doch die Sterne! Wie schön und ich mußte
-weinen, denn ich sah drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so
-friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete das Fenster und sah ein
-Kind im Garten stehen. Wie kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte
-mich nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das Kind hatte lange
-Beine, dünne hübsche Beine, es war ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das
-Kind hatte gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond. Es
-stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die Knospen. Ich sah ihm zu
-und dachte, was tut es? Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau,
-Pfefferminzkraut und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so deutlich und
-freute mich so sehr, bald wird er blühen. Nun, das Kind stand und hauchte
-auf die Rosenknospe, auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann kam es
-auf mich zu und ich sah, daß es wirklich silberblonde Löckchen hatte. Es
-sah mich an mit hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den Kopf
-neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen von acht Jahren es tut. Dann
-verschwand es und ich blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen
-sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei. Ja, sagte ich, ohne
-hinzusehen, die oberste Rose des Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen
-und sie wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.«
-
-Susanna schwieg und lächelte.
-
-»Wie sonderbar der Traum ist!« sagte Maria zu Adele.
-
-Susanna schüttelte den Kopf. »Es ist ja gar kein Traum, es ist ja
-Wirklichkeit,« sagte sie, sonst nichts.
-
-»Wir müssen jetzt gehen.«
-
-»Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche ich euch, ihr lieben
-Menschen. Ja, so viel Glück sollt ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich
-ungerecht und launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du mir,
-Adele!«
-
-»Ach, Susanna --«
-
-»Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneidete ich, weil sie
-reich und vornehm und schön ist. Ich wünschte in meinem Herzen, es möge
-euch recht schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit ihr fühlt
-wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich euch ja Glück! Hört ihr es denn
-nicht?«
-
-Sie sah Adele tief an. »Du bist mir so fremd!« sagte sie zögernd. »Und erst
-seit einigen Tagen verstehe ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht
-glücklich. Du bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut dich
-nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen Augen deiner
-Zukunft entgegen. Glück, Glück sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht
-zu stolz warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen. Glück! Glück!«
-
-Adele küßte Susannas Hände.
-
-»O, wie gut du bist!« seufzte Susanna. »Ja, denkt alle nicht mehr an das
-Böse, das ich euch zufügte.«
-
-Niemals habe sie ihnen Böses zugefügt.
-
-»In Gedanken! In Gedanken fügen wir einander ja alle Böses zu. Und auch ich
-tat es. Gerade in den letzten Tagen habe ich einen bösen Gedanken gehabt.
-Ich habe gedacht, ja, auch sie werden einmal sterben müssen, auch sie. Nun
-sind sie jung und schön, aber einmal wird es auch an sie kommen. Das habe
-ich gedacht und es tat so gut das zu denken. Ich freute mich darüber --
-haha -- ich habe gelacht dabei -- auch sie, auch sie, alle, alle, alle
-werden sterben müssen! Vergebt mir! Lebt wohl, Lebt wohl!«
-
-Die Freundinnen küßten ihr die Hand, Maria weinte in das Taschentuch.
-
-»Wie lieb sie mich haben, die guten Geschöpfe, sieh nur!« sagte Susanna zu
-Mütterchen, die mit einem Glase aus der Küche kam. Und sie drückte die
-Fingerspitzen in die Wangen und ihre Augen wurden noch größer und
-strahlender.
-
-»Da gehen sie dahin!« sagte sie und blickte den Freundinnen nach, die in
-hellen Kleidern durch die sonnige Wiese gingen.
-
-»Lebt wohl!«
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Lebe wohl, mein Geliebter!
-
-Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen, lebe wohl! Die
-Blätter, die Halme, die Blumen, lebet wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr
-Wolken am Himmel, lebet wohl!
-
-Susanna lag in den Kissen und ihre Augen wanderten hin und her, sie konnte
-nicht mehr sprechen, ihre Stimme war erloschen, aber ihre Augen sprachen.
-
-So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum und selbst Lenz
-dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten und in der Ferne schlug ein
-Fink, immerzu, vom Morgen bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen,
-oft war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als zittere eine
-Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten sich in der Ferne vorbei und
-ein hohles dumpfes Echo rollte lange im Tal.
-
-Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtig aus, in den letzten Wochen
-hatte er nicht mehr regelmäßig geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein
-Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen waren rot.
-
-Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man das Ohr an ihren Mund
-hielt, verstand man mühsam, was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu
-sagen.
-
-Sie sagte: »Heute nacht habe ich geträumt, ich ging im Walde, wie herrlich
-dunkel war es da! Grüne Dämmerung! Und alle Bäume waren so alt und standen
-regungslos da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen und ich
-fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte am Boden wie ein Baum.
-Ich konnte kaum mehr atmen. Es war schön!«
-
-Das war alles was sie an einem Tage sagte.
-
-Sie sagte: »Wenn ich auf der Bank auf der Höhe saß und von dem Großen und
-Seltenen träumte, das kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann
-sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest: Haben Sie nicht
-auch von Liebe geträumt? Aber wie hätte ich denn das sagen können! Nicht?
-Und ich habe gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind -- denn sie
-sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt und zu Adele sagtest du, ich
-habe Hände wie eine Japanerin. Das hat mich so glücklich gemacht!« Sie
-lächelte, aber es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige,
-denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu zittern. Sie fuhr
-fort: »Denn was ein Mensch Schönes an sich hat, das möchte er entdeckt und
-bewundert haben von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schön und
-gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön und gut gefunden haben.
-Ist es nicht so? Das würde ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich
-Mühe geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist doch der Mensch!
-Je mehr ich über des Menschen Herz nachdenke, desto wunderlicher erscheint
-es mir. Wer könnte es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es
-betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun, so hat es sich
-schon wieder verändert. Es lebt in uns wie ein fremder Gast in einem Hause,
-den man nie zu sehen bekommt.«
-
-Sie lag still und lauschte. »Vater spricht!« sagte sie mit den Lippen ohne
-Laut.
-
-»So empfindlich bist du geworden, Eisenhut!« sagte Lenz mit gedämpftem Baß
-in der Küche draußen. »Wie du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in
-Heuschobern und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen --
-haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir können ja auch in Gasthäusern
-schlafen, in seidenen Betten. Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst
-oder nicht, das hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so und
-so -- aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen guten Einfall, einen
-Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb trinke. Morgen lichten wir die
-Anker, Eisenhut, mitzunehmen brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen.
-Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben. Die Menschen sind schön
-für einen Tag, zwei Tage, deshalb immerzu vorwärts, am dritten Tage werden
-sie ja doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten
-angenommen, obgleich sie eine Deputation in die Scheune schickten, wo ich
-schlief, wie? Nicht um eine Million Jahresgehalt, mein Freund!«
-
-»Hähä -- für tausend Mark, für fünfhundert, für zweihundert,« sagte
-Eisenhut kichernd.
-
-»Nicht für eine Milliarde!« entgegnete Lenz und schlug auf den Tisch.
-
-»Pst, pst --« sagte Mütterchen.
-
-»Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun -- die Gegend war ja schön -- Wein,
-Obst, schöne Mädchen -- aber nicht für eine Milliarde --«
-
-Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und ihre Augen füllten sich mit
-Angst.
-
-»Sieh mich an,« sagte Grau und sie wandte ihm den Blick zu.
-
-Grau lächelte. »Du hast recht, Susanna, wunderlich ist des Menschen Herz,
-ich will dir eine Geschichte erzählen -- laß mich nur besinnen auf den
-Anfang und sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen Augen
-zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern -- ja, eine Geschichte von einer
-alten Frau, ein Mann hat sie mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber
-sieh mich doch an und gib mir auch die Hand, so -- es ist die Geschichte
-von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig Kindern. Haha, du lächelst,
-Susanna! Es ist aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der Mann,
-der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser Frau, da sie siebzig
-Jahre alt war, er kannte die Schicksale von all den zweiundzwanzig Kindern.
-Es waren recht wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man sagen;
-und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frau sprach immerzu, vom
-Morgen bis zum Abend von ihren zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber
-sprach die Frau von ihrem Sohne -- wie hieß er doch -- Haffis, es ist ja
-nebensächlich, also Haffis -- denn Haffis war ihr Lieblingssohn. Sie
-erzählte von Haffis und es war anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe
-dieser Haffis doch war! -- Wie schön, wie stark, wie kräftig und kühn er
-doch war! Doch all das, diese Schönheit, Kühnheit, Stärke des Knaben, wer
-hätte annehmen können, daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe
-zum Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige Greisin, sprach
-mit Feuer in den Augen von ihm, sie sprach von ihm wie von einem Gott, der
-auf die Erde herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen Pferde drei
-Menschenleben lang in der Welt herumreiten, ohne wieder solch einen
-Jüngling wie Haffis zu finden. So schön, so stark, so kühn! Sie, die
-Mutter, hörte es mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern
-ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten und seufzten vor
-unsinniger Liebe.«
-
-»Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu Pferde saß!«
-
-»Nun, wie ging er denn?« fragte der Fremde, dem die Greisin von ihrem Sohne
-vorschwärmte, »ging er so, ging er so?« Und der Fremde ging so stolz und
-herrisch wie nur möglich.
-
-»Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen Kopf.«
-
-»Niemals wirst du es fertig bringen zu gehen wie Haffis ging. Haffis ging
-wie der Hengst des Scheichs.«
-
-»Nun, er, der Fremde, versuchte zu gehen wie der Hengst des Scheichs, aber
-es war doch nicht das richtige. Die Mutter lachte ganz einfach. Dem Hengst
-fehlen ja Nacken und Mähne! Niemals konnte der Fremde so gehen wie Haffis
-ging, das war ja selbstverständlich.«
-
-»Es ist ganz natürlich, daß sich das Leben eines solchen Jünglings
-besonders glänzend gestaltete, nicht wahr? Haffis Leben gestaltete sich
-ganz wunderbar. Nämlich, das Auge des Scheichs fiel auf Haffis und er nahm
-ihn an den Hof. Haffis schlug Schlachten und warf die Feinde nieder. In der
-Heimat aber weinten sich die Mädchen die Augen blind und viele -- das ist
-Tatsache, Susanna -- viele sind aus Kummer und Sehnsucht gestorben. Die
-Mutter hörte in Gesängen die Taten des Sohnes preisen. Einmal sprengte ein
-Bote vor ihre Hütte, brachte Grüße und Geschenke und jagte wieder von
-dannen. Er durfte ja keine Minute versäumen, wenn er nicht seinen Kopf
-verlieren wollte. Am vierten Vollmond zieht dein Sohn hier vorbei, sagte
-der Bote, und am vierten Vollmond zog Haffis, der Gefürchtete, der
-Herrliche, der Göttliche, vorüber. Endlos war die Zahl seiner Kamele und
-Pferde und Frauen und Diener und seiner Lasten von Seide und Gold und
-Geschmeide. Das kann ich ja gar nicht schildern, Susanna, kein Mensch kann
-es, du mußt dir das selbst ausmalen. Der Zug reichte gerade von dem Punkte,
-wo die Sonne aus der Steppe steigt, bis zu dem Punkte, wo die Sonne in die
-Erde sinkt. An der Spitze ritt Haffis in Seide und Edelsteinen, er funkelte
-wie die Sonne. Haffis war ein dankbarer Sohn. Er sprang vom Pferde, küßte
-den Boden vor den Füßen der Mutter und sprang wieder in den Sattel und
-schon war er verschwunden.«
-
-»Die greise Mutter konnte tagelang erzählen von der Pracht der Tiere und
-Geschmeide und Waffen, von der Schönheit der Frauen, die sich auf den
-Kamelen schaukelten. Sie berauschte sich noch in der Erinnerung an dem
-Anblick der Karawane.«
-
-»Nun sollte man glauben, daß das genug sei? Aber nein. Haffis wuchs und
-wuchs und der Scheich gab ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Sänger zogen
-umher und feierten ihn in Liedern. Er würde Scheich werden.«
-
-»Wochen und Monate hindurch hat die Mutter dem Fremden von Haffis erzählt
-und die Zahl seiner Frauen und Diener wuchs ins Unglaubliche.«
-
-»Aber nun ist die Geschichte bald zu Ende. Denn die alte Mutter sollte
-sterben.«
-
-»Sie lag da und der Fremde wußte, daß es für sie keine Rettung mehr gab.
-Wie merkwürdig aber war es doch: Die alte Mutter, die sterbende alte
-Mutter, sie sprach mit keiner Silbe mehr von all den andern einundzwanzig
-Kindern -- wieder lächelst du, Susanna! -- sie sprach nur noch von Haffis,
-dem Lieblingssohne, seiner Schönheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und
-seinem Ruhme. Wieder und wieder!«
-
-»Dann kam der Tod und machte die Mutter fahl. Aber sie hatte noch etwas zu
-sagen, bevor sie starb. Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flüsterte:
-Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Fluß. -- Und sie verfluchte den
-Fluß und starb.«
-
-»So wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna!«
-
-Susanna lag still und blickte auf ein Stückchen Sonne, das auf dem
-Fensterbrett lag. Die jungen Stare schrien und sie erschrak. Wieder begann
-sie am ganzen Körper zu zittern und die Angst erfüllte wiederum ihre Augen.
-
-Grau lächelte und nahm ihre Hand. »Willst du mich nicht anblicken, Susanna?
-Nun geht die Sonne unter und deine Augen bekommen einen kupfernen Glanz.
-Ja, wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklärlich tief und
-wundersam ist es in uns verborgen. Schlummern nicht unendliche Schönheiten
-darin? Träume, Gefühle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir
-nicht kennen, Ahnungen, deren Ziel uns unbekannt ist? Zuweilen ist das
-Menschenherz wie eine Orgel, es braust und singt in uns, zuweilen wie ein
-Dichter, es dichtet in uns, zuweilen wie ein erzürnter gütiger Prediger, es
-ruft, ruft. So tief und wundervoll ist es. -- Nun will ich dir die
-Geschichte von einem Trinker erzählen, er trank schrecklich und machte alle
-unglücklich, seine Familie, aber was für ein Herz hatte er doch! Du sollst
-es hören!«
-
-Eisenhut klopfte draußen auf den Tisch und fand irgend etwas ganz
-unmöglich, unfaßbar und unbegreiflich!
-
-»Wir schneiden mit dieser Maschine deine Steine wie Butter!« sagte Lenz und
-lachte. »Wie Butter! Ich habe diese Maschine extra für dich erfunden,
-Eisenhut. Ja, es war mir eine Freude, sie für dich zu erfinden. Ich tue das
-gern. Der Frau eines Gärtners -- eines Freundes von mir, ich habe Freunde
-in allen Berufsklassen -- habe ich einen Kinderwagen erfunden, der eine
-Gummibadewanne enthält -- Kinderwagen, Badewanne, fahrbare Badewanne in
-einem Stück also. Ich liebe das und bin auch meinen Freunden gerne
-nützlich. Für dich habe ich diese Maschine erfunden, Eisenhut, wir stecken
-die Hände in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet. Deine Arbeiter
-können Karten spielen oder sich die Schädel einschlagen zur Unterhaltung
---«
-
-»Ja, zum Teufel -- eine Maschine -- wer sollte das verstehen --
-unbegreiflich ist das!« Eisenhut meckerte belustigt.
-
-»Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brücke. Hier hast du eine
-Kreissäge -- Hebel auf! -- Der Dampf fährt hinein und die Kreissäge -- vier
-Meter Durchmesser -- schneidet den Stein. Die Brücke steigt in die Höhe,
-sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissäge wagerecht -- auf diese
-Weise schneiden wir deine zwölf Steinbrüche wie Butter -- wie Butter --«
-
-»Ausgezeichnet -- unglaublich, aber ausgezeichnet!«
-
-Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzückt über seine Maschine.
-
-»Wie schön!« sagte Susanna, als Grau die Geschichte von dem Trinker erzählt
-hatte.
-
-Sie lächelte und drückte Grau die Hand.
-
-»Beuge dein Ohr -- so -- sage mir und verzeihe die Frage, ich weiß ja
-nicht, ob ich alles fragen darf?«
-
-»Alles, alles, Susanna!«
-
-»Wirklich alles, alles?«
-
-»Ja!«
-
-Susanna blickte Grau lange an. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich sage es
-nicht -- doch ich frage es -- ich frage nur -- du sollst nicht antworten,
-hörst du! Würdest du mir versprechen -- du sollst es ja nicht tun -- ich
-frage bloß -- würdest du mir versprechen, kein Mädchen nach mir zu küssen?
-Würdest du? Ich frage bloß, du versprichst ja nichts.«
-
-»Ich würde es dir versprechen, Susanna, meine Freundin!«
-
-»Wenn ich -- es nun sagte?«
-
-»Sage es, meine Geliebte!«
-
-»Willst du mir versprechen -- nein, nein, nein, laß es mich nicht sagen --
-nein, es macht mich glücklich, zu denken -- nein. Vielleicht werde ich es
-ja doch tun? Aber nein, nicht dies. Ich wollte ja gar nicht dies fragen.
-Ich darf doch fragen was ich will, du hast es gesagt. Hast du?«
-
-»Ja, Susanna!«
-
-»So sage mir -- wieviele Mädchen hast du schon geküßt? Nun?«
-
-Grau lächelte.
-
-Susanna lächelte und küßte flüchtig seine Hand. »Auf den Mund, wieviele?
-Fünf, sechs?«
-
-Grau schüttelte den Kopf. Mehr? »Nein,« sagte Grau lächelnd.
-
-»Dann waren es wohl vier? Nicht? Dann waren es wohl drei? Ist auch das noch
-zuviel?«
-
-Grau lächelte und Susanna wartete lange.
-
-»Zwei?«
-
-Grau schüttelte den Kopf.
-
-»Eine!«
-
-»Du hättest nicht fragen sollen,« sagte Grau.
-
-»Außer mir noch eine?«
-
-Grau schüttelte den Kopf. Er errötete. »Warum hast du doch gefragt? Ich
-habe ja nie Gelegenheit gehabt, ein Mädchen näher kennen zu lernen. Ich
-sage ja nicht, daß ich nicht gewünscht habe, das oder jenes Mädchen zu
-küssen. Aber ich bin ihnen ja nicht näher gekommen -- warum hast du doch
-nur gefragt!« Susanna blickte ihn mit strahlenden und erstaunten Augen an.
-Ihr Blick veränderte sich seitdem nicht mehr, so oft sie ihn ansah.
-Häufiger als sonst zog sie Graus Hand an die Lippen.
-
-Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte: »Ich liebe dich. Du bist
-mein, bist du?«
-
-»Ja,« antwortete Grau.
-
-Susanna hustete ein wenig, sie errötete und ihre Augen flammten.
-
-»So versprich mir, zu keiner Frau mehr von Liebe zu reden!«
-
-Grau zögerte nicht. Er versprach.
-
-»Oh, oh!« rief Susanna aus und warf sich in die Kissen und weinte.
-
-Grau verstand sie nicht.
-
-Lenz und Eisenhut lachten draußen in der Küche.
-
-Mütterchen kam ins Zimmer und sagte: »Höre, wie sie lachen! Nun will er
-Klatschbase schlachten, für heute abend!«
-
-Lenz wurde in den nächsten Tagen schweigsam. Er streckte sich, trieb sich
-herum, er blickte den ziehenden Wolken nach. Er reiste ab. Mütterchen hatte
-ihm den Rock zurecht geflickt und ein kleines Ränzchen gepackt.
-
-»Nun denn, adieu!« sagte Lenz laut und fröhlich zu Susanna. »Adieu, meine
-prächtige Susanna, meine Freunde erwarten mich! Ich bin diesmal lange
-dageblieben. Adieu und sieh, daß du bald ganz gesund wirst, mein schönes,
-herrliches Mädchen!«
-
-Er ging. Mütterchen weinte den ganzen Tag. --
-
-Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie saß in der Laube an der Mauer
-und stickte. Sie sprachen von Susanna. Ja, es gehe zu Ende jetzt.
-
-Adele sagte: »Ich gehe zuweilen des Abends oben auf der Höhe, die Abende
-sind so schön.«
-
-»Ja,« sagte Grau.
-
-»Sie sind ja gegenwärtig so sehr in Anspruch genommen, nicht wahr. Aber ich
-würde gerne wieder mit Ihnen sprechen. Heute abend?«
-
-Sie gingen zusammen auf der Höhe, bis der Mond aufging. Sie sprachen fast
-nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
-
-Aber als sie sich trennten, sahen sie einander in die Augen.
-
-Plötzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna gegeben hatte, und
-er erbleichte so sehr, daß Adele es gewahrte.
-
-»Weshalb sind Sie plötzlich so bleich geworden?« fragte sie.
-
-»Es ist nichts. Gute Nacht.«
-
-»Gute Nacht, Herr Grau.« --
-
-Am andern Tage starb Susanna.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-Grau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der
-Türe stehen und winkte schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich
-nicht, er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke Beine und einen
-silberblonden Lockenkopf. Es näherte sich und berührte mit geheimnisvoller
-wichtiger Gebärde seinen Arm: Grau erwachte.
-
-Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen
-klaren Gedanken fassen.
-
-Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er
-hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig
-schwankte. Der Garten sah verändert aus und auch er schien ein Geheimnis zu
-wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verließ
-rasch das Haus.
-
-Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder
-spielten vor den Häusern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu.
-Aber er hatte heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun liefen
-sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen, lachten; es wurden ihrer
-immer mehr. Überall öffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich
-gäbe. Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen.
-
-Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen
-ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie
-spielten, was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge
-Neuigkeiten.
-
-Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne folgten ihm noch. Grau
-beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne.
-So oft ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr lebend anträfe,
-lief er ein Stück des Weges.
-
-Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der
-Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu
-sinken. Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war das, der im Garten
-stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war
-Susanna, so unmöglich es ihm auch schien.
-
-Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mütterchen
-mit der Brille lehnte am Pfosten der Türe. Susanna winkte und öffnete das
-Gartentürchen.
-
-»Nun?« rief sie mit hoher, feiner Stimme. »Was sagst du dazu? Ich habe so
-sehr gewünscht, daß du kämest, und nun bist du da!«
-
-Sie war klein und niemals hätte er sich denken können, daß sie so klein
-war. Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmäßigen Fieberröte
-überzogen und ihre großen Augen leuchteten gespenstisch.
-
-Eisenhut lachte. »Ich hätte gestern keinen Pfennig mehr für sie gegeben!«
-rief er. »Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute
-steht sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So verrückt, wie?«
-
-»Ich kann auch wieder sprechen!« sagte Susanna und atmete tief. »Ich habe
-die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich
-gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schön
-ist es doch zu gehen. Ich bin so müde in den Knien und das ist so schön!«
-
-Grau drückte sie an die Brust. »Ja,« hauchte er. Er fand keine Worte.
-
-Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher, besah die Rosen, den Mohn,
-die Nelken, die Halme und liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das
-Gras und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und Duft standen wie eine
-Mauer im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht
-hinein und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen.
-
-Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich phantastischen Ballen von
-feuerfarbener Seide, die an der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der
-Wind erwachte.
-
-»Sieh, wie der Wind läuft!« rief Susanna und deutete über die Felder. »Wie
-hurtig!«
-
-Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab, strich über die Felder,
-wühlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein
-Hund. Er kam rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten ihn,
-die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwül und
-Susanna hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe
-hob, gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon
-war er verschwunden.
-
-Dann kam er von neuem über die Wiesen.
-
-»Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt ein Gewitter.«
-
-Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna ließ ihn nicht aus
-den Augen, fieberhaft rückte sie den Blick hin und her. »Pst?« sagte sie.
-»Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!«
-sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken. Der Zitronenfalter
-gaukelte zuerst um eine Kleeblüte, dann kam er in den Garten herein und
-Susanna, ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am
-ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es
-war, als wolle sie die Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte
-sich der Falter auf ihren Finger.
-
-Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd auf den Schmetterling, der
-seinen Rüssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flügeln wippte.
-Sie streifte Grau mit einem triumphierenden Blick.
-
-»Er sieht mich an!« sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Höhe und
-flog über das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie
-tief auf.
-
-»Das war schön!« sagte sie leise. »Das war schön!« Sie blickte mit einem
-langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide
-wurden dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue
-unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte und ging ganz von selbst
-hinein ins Haus.
-
-Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne Susanna wieder aufstehen,
-oh, du guter Gott!
-
-Grau sagte: »Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!« und legte ihr die Hand
-auf den Scheitel und sah sie an. Mütterchen erblaßte und zitterte.
-
-Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna.
-
-Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes
-und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen
-auf, in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. »Ach, so müde, so
-köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der
-Frühling, ja. Du hast es gesagt. Du und der Frühling, ihr zwei habt mich
-gesund gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden,
-deine Augen sind golden! Bald werde ich in den Wald gehen können. Ich höre
-Gesang, Lieder höre ich, wie ist das doch?« Ihre Stimme klang fein und
-ferne; die Kräfte erloschen rasch.
-
-»Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich!« sagte Grau.
-Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles
-sein werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben.
-
-»Ja!« Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, während ihre Wangen
-erblaßten, mehr und mehr. »Wie wird es sein?«
-
-»Nun höre zu,« fuhr Grau fort, »höre zu und sieh mich an. Ich will dir
-sagen wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde
-warten bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn wir drei Zimmer
-haben, so werden zwei davon dir gehören. Da wirst du wohnen. Du wirst eine
-Bibliothek haben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten Bücher. Du
-wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Stoß von weißem
-Papier darauf, damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn
-du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen, wenn du schläfst, ich
-werde stehen und auf deine Atemzüge lauschen, und ich werde denken: Susanna
-schläft da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst. Ich werde nicht
-schlafen. Ich werde denken, es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich muß
-hören, wie Susanna schläft, ich muß ihrem Atmen lauschen.«
-
-»Oh! sprich, wie wird es sein!« Tränen traten in ihre Augen.
-
-»Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße für dich pflücken, Susanna,
-aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen
-sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle legen und der Tau wird
-daran sein. Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich
-werde dir in die Augen blicken -- wie ich es jetzt tue -- und ich werde
-fragen, ob du gut geschlafen hast.«
-
-»Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird es in den Nächten sein? Hast
-du daran gedacht?« In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen
-wurden fahler und fahler.
-
-»Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna. Laß uns das nicht
-sagen, die Nächte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause
-und im Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und
-niemand sonst wird da sein.«
-
-»Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nächte sein
-werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Küsse in stiller
-Nacht?« flüsterte sie und die Tränen liefen über ihre Wangen.
-
-»Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und
-viele lange Nächte lag ich wach.«
-
-»Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe
-geträumt und geträumt -- keine verrät es, aber alle, alle graben sie die
-Nägel in die Brust --.«
-
-Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner
-Brust. Und er erzählte wie es sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im
-Zimmer, der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann
-kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder weiß und das Gärtchen
-eingeschneit. Aber Susanna sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab
-ihren Blick nicht mehr frei.
-
-»-- die Hände werde ich dir küssen, die werden so kühl und frisch wie der
-Morgen sein. Ich werde dir die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe
-sind, die Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch aus den
-Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna! Ja, du hörst wohl, was ich sage?
-So wird es sein. Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna,
-die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in den Garten führen:
-Siehe, Susanna, die Blumen wollen ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden
-sich verneigen und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur dich
-ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde
-deinen Namen nennen auch wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht hast du
-einen kleinen Hund, den du liebst, und mit ihm werde ich mich unterhalten,
-solange du fort bist.«
-
-Grau küßte Susannas Stirn.
-
-»Ich liebe dich, werde ich sagen,« fuhr er fort, »so wie ich es jetzt sage.
-Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne
-wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling wird kommen -- ich liebe
-dich, Susanna -- der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna -- der
-Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!«
-
-Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß halb die Augen.
-
-»Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna!« flüsterte Grau.
-»Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe
-sagen. Ich werde alt werden und meine Haare werden weiß werden -- ich liebe
-dich Susanna, werde ich sagen -- ich liebe dich, du Süßeste von allen --«
-
-Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund und ihr Kopf sank in den
-Nacken zurück. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ
-er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lächelte friedlich und
-schön. Sie schlief. Die Tränen trockneten auf ihren fahlen Wangen.
-
-Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hände zitterten von
-der Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann
-wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn
-niederbeugte. Er küßte Susannas kleine Hände.
-
-Er hatte sie ja so sehr geliebt.
-
-Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die
-Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine
-stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude
-geweint hätte.
-
-Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und
-versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art
-von Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu
-sein, daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen.
-
-Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmäßig
-lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn
-bittend an und sagte: »Mache sie mir wieder lebendig!«
-
-Grau schüttelte den Kopf. »Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger
-und glücklicher als wir.«
-
-Mütterchen war wieder ganz ruhig.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-An einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde Susanna begraben. Die Sonne
-funkelte, die Luft zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug
-Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in Weiß und wiegten sich
-und kicherten. Vor dem »weißen Elefanten« konzertierte die Stadtkapelle.
-
-Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im entferntesten solch
-schöne Worte wie seinerzeit bei der Beerdigung der Margarete Sammet. Die
-Freundinnen waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern Sinding
-und einzelne von den Mädchen, die das Fest mitgemacht hatten. Auch Lenz
-kam. Er war bestaubt und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg
-hinabließen. Er trug einen hellen alten Sommerrock, war ohne Kragen und
-Binde, und hatte einen knotigen Stock in der Hand. Als ihn die Leute
-ansahen, räusperte er sich herausfordernd.
-
-Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die Hand. »Schön,« sagte er,
-»schön hast du deine Sache gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer
-Susanna Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine großen
-Worte.«
-
-»Wie hast du es denn erfahren?« fragte Grau.
-
-Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er den Heiligen an der Wand
-sah, jene Reproduktion eines alten Meisters. »Vorbei,« sagte er, »vorbei
-ist es mit diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. -- Hast
-du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganz ausgetrocknet? Nein? Es ist ja
-nicht gerade nötig. Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest.
-Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage ich, meine Tochter
-stirbt nicht so schnell. Es ist eine Lehrerstochter gestorben, Susanna
-Lenz. Es gibt nur eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte
-mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen um zur rechten Zeit
-einzutreffen. Als ich nachts durch den Wald ging, erschien mir Susanna --
-nein, es war natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht traurig,
-nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell starb, an diesem bißchen
-Brustleiden. Ja, sie war prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie
-Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht traurig. Eine
-Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab und ist tot. Warum sollte es mit
-den Menschen anders sein? -- Hier lief übrigens eben eine Maus über den
-Boden --«
-
-»Sie lebt hier,« sagte Grau.
-
-»So?« Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf Grau zu und faßte ihn bei
-der Schulter. »Sieh mir in die Augen!« sagte er in befehlendem Tone.
-»Antworte auf meine Fragen! Du hast Susanna immer gut behandelt? Hast ihr
-nie böse Worte gegeben?«
-
-»Nein, ich glaube nicht!« sagte Grau und sah Lenz an.
-
-»Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit! Du hast sie nie beleidigt,
-bist ihr stets mit schuldigem Respekte entgegengetreten?«
-
-»Ich glaube, ja!«
-
-Der Lehrer drückte ihn an die Brust. »Dank!« sagte er. »Dank! Ich liebte
-Susanna sehr!« Er pfiff durch die Zähne und nahm Hut und Stock. »Fahre
-wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer vorwärts, daß die
-Erscheinungen hinter mir zerrinnen. Die Welt ist weit, wir werden uns nicht
-wiedersehen. Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden
-sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die Kniescheiben einrennen,
-denn wir gehören ja zum internationalen Orden der Edelleute. Diesmal werde
-ich eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich einen kleinen
-Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes machen -- siehst du diesen
-Stock hier? -- die Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie
-einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben mich ausgewiesen aus
-ihrem Negerkral. -- Ich werde hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh
-dem, der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich prügele ihn durch,
-wie es sich gehört! Dann werden sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am
-Beerdigungstage seiner Tochter! Ha! ha!«
-
-Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und ging.
-
-Grau dachte mit Wehmut an Susanna, aber er war nicht traurig: Sie war ja
-nicht tot, sie war ja lebendiger als er.
-
-Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine Botschaft zu tragen hat;
-er weiß nicht was in der Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und
-sein Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der menschlichen
-Existenz, der Tod nicht ihr Ende. Ein Stück der unendlichen Bahn, die die
-Seele zu durchmessen hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist das
-irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form und das Gegenwärtige ist
-nichtig klein im Verhältnis zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem
-Sommer, wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute brüsten, wo
-werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm und Wetter werden es zerreiben,
-wo wird es sein, die Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von
-Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem, wo wird es sein?
-Vergangen, verweht, aber irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das
-ewig saust und braust.
-
-Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte an seiner Ruhe, daß
-Susanna jetzt glücklicher war. Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in
-all seine Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren, selbst aus den
-Bäumen, dem Grase, toten Dingen schien ihm etwas von Susannas Wesen
-entgegen zu dringen.
-
-Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung wurde so lebhaft, daß
-er sie einmal in der Dunkelheit des Zimmers stehen sah. Sie war schön und
-schlank. Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. -- Bist du es denn
-wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb zweifelst du?
-
-Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb allein. Es war als ob er
-rings in Abgründe starrte, er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich
-doch empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne, Sterne und Friede
-in sanfter Nacht. Das war die Welt, der er angehörte.
-
-Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume standen im Schlafe, aber
-sie bebten leise. Ein unbestimmtes Licht rieselte an ihnen herab und die
-höchsten Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob jede Blattseite
-dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden sollte. Die weiße schmale Mauer
-glich einem Streifen von Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich
-im verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen schien.
-
-Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus. Aber in dem erhabenen
-Frieden der Nacht kam er sich wie ein Eindringling vor, wie einer, der das
-Gesetz der Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat. Er
-dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging bis an das Parktor und hier
-blieb er lange stehen.
-
-Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das er Susanna gegeben
-hatte. Er neigte den Kopf. Ich werde halten, was ich versprochen habe!
-sagte er und ging langsam nach Hause.
-
-Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein Vogel in Adeles Park zu
-singen und es klang, als sei es Adeles eigene Seele, die lockte. Er
-lauschte mit verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte die Hände auf
-die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Singe nur, du kleiner Vogel!
-Singe nur! Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn wieder im
-Traume zwitschern. Er träumte, er gehe mit Adele auf der Höhe und Adele sah
-ihn an mit traurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie. Er aber
-schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete er. Adele faßte seine Hand
-und bot ihm die Lippen. Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er
-entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte er wieder. Sein
-Herz brannte vor Sehnsucht, überall winkte und lockte es, es leuchtete wie
-Feuer vor seinen Augen.
-
-Er stand auf und machte Licht und schickte sich an zu arbeiten, während die
-Stille der Nacht tiefer und tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber
-während er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute und nimmer
-aufhörte zu bluten.
-
-Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es nicht mehr lösen, das
-Versprechen wird gehalten werden. Niemand hatte je erlebt, daß er ein
-Versprechen brach.
-
-Aber seine Augen wurden brennend und seine Wangen hohl.
-
-Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit.
-
-In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf.
-
-Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und obschon es im Dampfe der
-Sonne lag, so sah es doch elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde
-alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf und die Blumen
-wuchsen in Susannas Garten bis zu den Fenstern empor. Aber das kleine Haus
-sah elend und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer war eine
-andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert aus. Dieses leere Bett, die
-verwelkten Sträuße in den Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch.
-Selbst die Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert zu haben, auch
-der Schritt klang anders, wenn man durch das Zimmer ging.
-
-All die schönen Träume Susannas waren aus dem Häuschen ausgewandert, all
-die freundlichen Wesen, die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das
-Haus verlassen.
-
-Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der großen Nase in einer
-dämmerigen Ecke des Zimmers und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus.
-Sie weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit Susanna. »Es wird
-Zeit sein dein Essen zu richten, Kindchen,« sagte sie. »Huste nicht so
-viel, Susanna, es schadet dir ja.«
-
-Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen und pickte an seine Türe: Ob
-er die Schuhe noch habe? Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf
-einen Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war Grau machtlos. Er war
-so tief und edel, daß Grau auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu
-trösten, die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm zu weinen.
-Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden, daß Susanna tot war.
-
-Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends kam Eisenhut zu ihm zur
-Stunde. Nach der Stunde plauderten sie eine Weile; sie stellten die
-Reiseroute zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er hatte sich
-schon sechs große Lederkoffer angeschafft.
-
-Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges Freundschaftsverhältnis
-gebildet. Das lange Krankenlager Graus hatte einen ganz ungezwungenen
-Verkehr zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht mehr zu
-befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch zu machen oder ihn durch seine
-Bevormundung zu beschämen.
-
-Er hatte Eisenhut vollständig in seine Macht bekommen und war imstande ihn
-mit einem einzigen Blicke zu beherrschen. Bis auf unscheinbare Dinge selbst
-dehnte er seinen Einfluß aus. Eisenhut mußte anders gehen, anders sprechen,
-den Leuten ins Gesicht sehen, er durfte nie Müdigkeit verraten oder
-unordentlich gekleidet sein.
-
-Eisenhut gab sich alle Mühe. Die Arbeit in den Steinbrüchen hatte seine
-Gesundheit gestärkt und schon das Bewußtsein körperlicher Kraft machte ihn
-den Menschen gegenüber kühner und sicherer. Er kleidete sich ganz neu und
-selbst sein Haus war frisch gestrichen, die Wohnung eingerichtet. Er bekam
-Freude an Tätigkeit und zeigte den Eifer eines Schulknaben für alle Zweige
-des menschlichen Wissens. Er lachte fröhlich und fast kindisch, wenn sie in
-den Bildwerken blätterten und Grau erklärte.
-
-An jedem Ersten erhielt Grau zwanzig Mark von ihm, die er für wohltätige
-Zwecke nach Gutdünken verwenden konnte. Dafür war ihm Grau sehr dankbar.
-Denn mit zwanzig Mark -- wieviel konnte er doch damit ausrichten! Wenn er
-in eine Familie kam, wo es am Nötigsten fehlte und sprach und sprach und
-fünf Mark auf dem Tischrande liegen ließ!
-
-Bald hoffte er Eisenhut für eine große Lebensaufgabe erzogen zu haben.
-
-Wie? Ja, natürlich. Eisenhut wandelte sich nur allmählich um. Es war noch
-der alte Eisenhut mit dem gelben Gesicht, dem Spitzbart, den kleinen
-neugierigen Mausaugen, dem Geiz, dem Argwohn und kleinlichen Gedanken.
-Zuweilen hatte er auch Rückfälle. Er trank, verwahrloste und mied Grau.
-Aber immer kam er nach einigen Tagen zu Grau zurück und Grau fühlte zu
-seiner Freude, daß er ihn mehr und mehr in seine Gewalt bekam. --
-
-Einmal hatte Grau in diesen Tagen auch eine Begegnung mit dem jungen Herrn
-von Hennenbach.
-
-Es war in der Dämmerung und sie begegneten einander auf den Stufen, die zum
-Marktplatz hinabführten. Herr von Hennenbach grüßte höflich, auch Grau
-grüßte. Er blieb stehen und sah den jungen Mann an. Eine Weile standen sie
-so.
-
-»Bitte?« sagte Herr von Hennenbach und lächelte.
-
-Grau sah ihn an.
-
-»Sie verstehen mich nicht?« flüsterte er.
-
-Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln.
-
-»Nein, Pardon -- ich verstehe nicht, wirklich --«
-
-Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr. »Ich will Ihnen noch einige
-Tage Zeit lassen!« flüsterte er. »Aber nicht mehr viele!«
-
-»Bitte? Ich kann nicht verstehen?« stammelte Herr von Hennenbach -- aber
-Grau war schon gegangen. --
-
-Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte es, seine freien Stunden in
-seinem Gärtchen zuzubringen, das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit
-den hohen schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegte ihn mit
-aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne Blume, ja fast jeden einzelnen
-Halm. Da konnte er stehen und stehen und sich umsehen und es kam ihm vor,
-als ob er im Kreise von Geschwistern weile.
-
-Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht.
-
-Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen Gottes Blumen und Halme,
-ersonnen von ihm, geliebt von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick
-seiner tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren, war dieser Garten
-so viel wie der Lustpark einer Königin und sein gütiges Lächeln hatte auch
-ihn gesegnet, daß er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben, jeder
-Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig, jede Scholle eine wimmelnde
-Stadt, jedes Krümchen ein Haus, jede Furche eine Straße.
-
-Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es nicht. Nicht die kleinste
-Fliege konnte er verstehen. Seht sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie
-weiß sich zu bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat es
-eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun, Tag und Nacht,
-Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein er auch ist -- er ist ein Kind des
-großen Gottes und der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt.
-
-Grau stand und blickte in den Sommerhimmel empor. Er betete. Er betete ohne
-Worte und ohne Gedanken. Er sandte seine Seele der Heimat zu.
-
-Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und reich. Die Luft schien
-erfüllt mit Geheimnissen und Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit
-jedem Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn an und sein Gedanke
-flüsterte immerzu. Er selbst dachte ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte
-und ruhte nicht. Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste,
-Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den Vogel fliegen? wisperte
-der Gedanke: Bist du nicht selbst ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge
-Mädchen einen Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln, die
-Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern Willkommen winkt? Siehst
-du die Katze? sprach leise der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht
-sie zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die Katze und der Baum --
-eine verschieden gestaltete, verschieden gefärbte Blume auf Gottes Acker
-nur ist der Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke: Sie
-kommt aus dem Unendlichen, da wo die Gestirne funkeln, sie umspült in jeder
-Sekunde die Erde, Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin,
-durch dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne, zu den Sternen,
-zum fernsten Sterne, und ist hier und dort, jagt, jagt und hat keine Eile.
-
-Und der Gedanke flüstert in ihm, flüsterte, lachte, sang --
-
-Die Sonne ging unter und Grau ging hinein ins Haus und arbeitete. Die
-Arbeit ging vorwärts, Ungeduld und Jubel erfüllten ihn. Diese >Reden<! Denn
-bald wollte er ja hinausziehen und zu den Menschen sprechen, zu den
-Tausenden, Tausenden!
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-An einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb gerade, als er ihren
-Schritt hörte und hielt die Feder an und erblich.
-
-Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare rahmten scharf das schmale
-Gesicht ein. Ihre Wangen waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre
-Augen noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im Winter waren sie
-schmal und blaß, im Sommer geschwungen und rot, wie merkwürdig war doch
-das. Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter Veilchen, eine
-große hellrote Koralle hielt es an der Brust zusammen. Kühle und Duft
-gingen von ihrem leichten Kleide aus.
-
-Sie blieb lächelnd an der Türe stehen.
-
-»Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?« sagte sie. »Sie schrieben
-gerade.« Sie sah ihn mit klaren Augen an.
-
-»Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich bitte Sie Platz zu
-nehmen. Sie befinden sich wohl?«
-
-»Wie immer, danke!« Sie sah sich um und öffnete halb den Mund, während sie
-Graus Zimmer betrachtete. Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum
-Fenster hinaus. »Wie eigentümlich ist es doch, den Park von hier aus zu
-sehen!« sagte sie, ein wenig verlegen, da sie Graus Blick fühlte.
-
-Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah.
-
-Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen, das ewige Licht, das um
-Gottes Haupt wogt.
-
-Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe?
-
-Adele lächelte fein. »Muß es denn eine besondere Angelegenheit sein, die
-mich zu Ihnen führt? Ich denke mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen.
-Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer zu Hause?«
-
-»Im Gegenteil, ich bin viel unterwegs.«
-
-Pause. Adele sah ihn an. »Sie kommen mir verändert vor,« sagte sie und
-schüttelte den Kopf. »Sind Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!«
-
-»Nein, ich fühle mich wohl,« antwortete Grau und dankte.
-
-Adele blickte ihn prüfend an. »Sie sehen leidend aus,« setzte sie hinzu,
-dann sprach sie von andern Dingen.
-
-Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte. Aber er fand nicht den
-kleinsten Gedanken in seinem Kopfe.
-
-»Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!« sagte Adele, aber sie brach
-plötzlich ab und lachte leise. »Aber sehen Sie doch, da sitzt ja eine
-Maus!« rief sie aus.
-
-»Es ist eine zahme Maus,« sagte Grau und raffte sich auf. »Das heißt alle
-Mäuse sind ja zahm, aber diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt
-Mirza und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist sehr zutraulich
-und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert sie an meinen Schuhen.«
-
-Adele lachte und sah Grau erstaunt an. »Mit einer Maus leben Sie?« sagte
-sie.
-
-»Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei?« fragte er lächelnd.
-
-Adele lächelte leicht. »Sie haben ja auch einen Hund, nicht wahr?« forschte
-sie. »Man sieht zuweilen einen gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.«
-
-»Ja,« erwiderte Grau, »aber er ist sehr untreu. Er läßt sich oft wochenlang
-nicht blicken. Es ist ein verwilderter Hund, dessen Herr gestorben ist, ein
-Waldhüter. Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen Sie sehen, wie
-klug diese Maus ist?«
-
-»Ja!«
-
-»Nun, sofort!« Grau legte ein Stückchen Speck auf den Boden in die Nähe des
-Schrankes, unter dem die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut
-aus. »Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.«
-
-Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie streckte die spitzige
-Schnauze unter dem Schranke vor und lugte mit den runden, glänzenden Augen,
-die wie pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf Adele zu
-gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in einem Bogen um den Speck herum
-und huschte wieder unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen
-können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben Sekunde wieder sichtbar
-als der Schwanz verschwand.
-
-»Sie hat einen Versuch gemacht,« sagte Grau, »ob sie sicher sein könne. Nun
-aber werden Sie sehen, auf welche Weise sie den Speck fortschleppt!« Er war
-plötzlich gesprächig geworden.
-
-Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor. Sie saß eine Weile vor dem
-Speck, dann beschrieb sie einen Bogen und saß nun so, daß der Speck
-zwischen ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch ein Weilchen, dann lief
-sie blitzschnell auf den Speck zu und verschwand mit ihm.
-
-»Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im Maule umzuwenden, haben Sie
-das beobachtet?« erklärte Grau. »So klug ist sie.« Er erzählte noch einige
-Geschichten von der Maus, dann war er wieder still.
-
-Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und zu sprechen: --! Aber er tat
-es nicht.
-
-Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand.
-
-»Ich habe einen Brief für Sie,« sagte sie leise, »er ist von Susanna.«
-
-»Von Susanna?« Er begriff es nicht. Er starrte Adele an.
-
-»Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben -- wann war es doch? -- in der
-Zeit, da sie still lag um Kräfte für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir
-diesen Brief. Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben -- im Falle
-sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet und gewartet, denn es schien
-mir grausam Sie durch den Brief -- nun ich wartete. Aber nun hat mich
-Susanna sozusagen daran erinnert.«
-
-Grau nahm das Messer vom Schreibtisch und schnitt den Brief auf. Er hielt
-inne und sagte nach einer Weile: »Sie hat Sie sozusagen daran erinnert?«
-
-Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe.
-
-»Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und an Susanna und schob es
-doch von Tag zu Tag hinaus ihn abzugeben,« sagte Adele. »Es ist also nicht
-zu verwundern, daß ich davon träumte. Ich habe geträumt, ich ginge mit
-Susanna zum Bade. Wir unterhielten uns und plötzlich sagte sie etwas von
-einem Briefe und ich lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe.
-Aber am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm mir vor, den Brief
-aus dem Hause zu schaffen.«
-
-Grau sah Adele an.
-
-Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte hinzu: »Ich wollte Ruhe
-haben. Ich liebe es nicht, an Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.«
-
-Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre. Man fühlte, wie man
-sich durch die Wärme hindurch gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und
-Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches Haar sprühte wie eine
-schwarze Flamme und hob sich scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das
-einzige ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün, golden und blau.
-
-An der Türe sagte Grau: »Ich habe gehört, Sie reisen bald?«
-
-Ja, bald ginge es fort. Adele lachte und blickte in die Luft empor, wo die
-Mücken über dem heißen Wege tanzten. »Es ist übrigens nicht ganz sicher, ob
-ich so bald reise,« sagte sie. »Aber ich freue mich darauf, fortzukommen,
-hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen --«
-
-»Was denken Sie zuweilen?«
-
-»Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin, denke ich zuweilen.
-Wenn ich den Baron nicht so sehr liebte, aber ich liebe ihn ja so sehr.«
-
-Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick.
-
-»Nun?« fragte Adele.
-
-»Es ist mir bange um Sie!« sagte Grau und er wußte nicht wie ihm die Worte
-auf die Lippen kamen.
-
-Adele öffnete die Lippen und erbleichte ein wenig. »Bange?«
-
-»Ja!« fuhr Grau fort -- und plötzlich verlor er die Sicherheit, er wurde
-verlegen und setzte höflich hinzu: »Ich bitte Sie recht herzlich, den
-Schritt reiflich zu überlegen.«
-
-Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in seine Augen. Sie
-lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf, als ob sie ihn nicht verstanden
-habe und sagte hauchend: »Adieu!«
-
-»Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!« wiederholte Grau.
-
-Adele nickte ihm zu. »Adieu!« sagte sie und ging langsam und stolz weiter,
-als ob nichts ihre Ruhe trübte.
-
-Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie kam es doch, daß ich
-plötzlich sprach! dachte er. Ich wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt
-verschwand zwischen den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die
-Hand auf die Brust legen mußte.
-
-Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich setzen, stand wieder auf,
-streckte die Hände nach den Büschen aus, hinter denen sie verschwunden war.
-
-Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen. Er öffnete
-Susannas Brief und so bald er ihre Schrift sah, wurde er ruhig.
-
-»Mein Geliebter,« schrieb Susanna, »Du süßester aller Menschen! Wolle Gott,
-der Gott an den Du glaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft
-bete ich so.
-
-Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem
-Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab
-gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, daß ich vor
-Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern?
-Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen Brief mit Dir lese und
-meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir
-zusammen in den Büchern blätterten?
-
-Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich,
-wenn Du fröhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du
-traurig bist.
-
-Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es. Dann küsse sie und
-vergiß mich ganz. Ich will, daß Du glücklich bist und Glück um Dich
-streust.
-
-So spricht mein Herz.
-
-Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte Dich keine Frau lieben!
-Ist es ein Wunder, daß ich über diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen,
-aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange.
-
-O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz hätte, so hätte
-ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das
-gleiche.
-
-Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die das erste Herz nicht
-wünscht. Es wünscht Dir ebenfalls Glück, aber es ist traurig, daß es dieses
-Glück nicht mit Dir leben kann.
-
-Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust küssen möchtest und nun wünscht
-es, daß Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen würdest
-und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen -- das wünscht mein zweites
-Herz und es bebt vor Freude -- obgleich mein erstes Herz es nicht wollte.
-Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wünscht, daß Du nie
-mehr eine Frau küssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz
-allein.
-
-Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau
-könnte jede Erinnerung an mich auslöschen. Ich habe gesehen, wie Du diese
-Frau anblicktest, es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du
-blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wünscht,
-daß jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. Laß es ruhig sein
-und schweigen.
-
-Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger, und vergiß mich so,
-daß Du nicht mehr leidest. Sei glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so
-viele du willst.
-
-Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen.
-
-Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte mich. Es ist nicht wahr,
-was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn zu
-haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fühlen, wie sehr
-ich Dich liebe, daß ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das
-ist die Wahrheit.
-
-Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kämpfe mit ihm.
-Würdest Du mir schwören, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen?
-Mein zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach
-werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben -- ach, verzeihe
-mir dann, ich bin es ja nicht, die das will -- Du bist frei, es gibt kein
-solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben!
-
-Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe
-wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl
-für immer! Deine Susanna.«
-
-Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht. Dann tastete er sich
-hinaus, durch die Türe hindurch, in das Schlafzimmer, dessen Läden
-geschlossen waren. Hier warf er sich auf das Bett und weinte.
-
-Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er Grau in seiner Stube damit
-beschäftigt, Noten auf ein Blatt zu schreiben.
-
-»Was tust du da?« fragte Eisenhut.
-
-»Ich schreibe ein kleines Lied,« antwortete Grau und lächelte und Eisenhut
-wunderte sich über seine zitternde Stimme.
-
-»Ein Lied?«
-
-»Ja, ich habe es noch nie getan, es ist mein erstes.«
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Wie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete und plötzlich Grau
-im Dämmerlichte stehen sah. Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen.
-
-»Sie sind hier?« sagte sie und gab sich Mühe ihre Überraschung zu
-verbergen. Sie sah ihn freundlich an und lächelte leise. Ein seidnes Tuch
-von roter Farbe lag lässig auf ihren Schultern.
-
-Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und
-dicht und man konnte sie gleichsam mit den Händen greifen. Sie hüllte einen
-vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen,
-Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten in der Ferne, aber hier
-oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und
-verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam
-leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum
-dunkel.
-
-Er nahm den Hut ab.
-
-»Ja, ich bin hier,« antwortete er und trat näher. »Verzeihen Sie mir, es
-ist gewiß nicht schön vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich
-wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von
-Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, daß Sie
-morgen reisen.«
-
-Adele zog das Tuch fester um die Schultern. »Ja, morgen früh.« Sie lächelte
-und schloß das Gitter. »Es ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.«
-
-»Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!«
-
-Adele sah ihn mit großen Augen an. »Bitte?« sagte sie dann und das kleine
-Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhören und alle Nachsicht.
-»Wollen wir ein wenig gehen?«
-
-»Ja, gerne!«
-
-Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und
-blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark
-roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und
-begann: »Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr.« Er schwieg; wie
-sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und
-setzte hinzu: »Sind Sie entschlossen zu reisen?«
-
-»Ja!«
-
-»Wirklich entschlossen?«
-
-»Ja, aber -- und weiter?«
-
-»Ich wollte Sie nur dies fragen,« sagte Grau und senkte den Blick.
-
-Adele schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich glaube wohl zu wissen, weshalb
-Sie fragen, Herr Grau. Sie haben ja vor einigen Tagen schon eine Andeutung
-gemacht, die ich nicht mißverstehen konnte! Sprechen Sie, bitte, nicht mehr
-davon. Sagen Sie doch selbst, kann ich denn das anhören?«
-
-»Ich habe Sie verletzt, verzeihen Sie mir!« sagte Grau.
-
-Adele lächelte.
-
-»Ich will gerne heute noch ein wenig mit Ihnen plaudern,« sagte sie leise.
-»Sie sind mein Freund und darüber bin ich froh. Aber Sie müssen solche
-Dinge nicht sagen. Ich freue mich, daß ich Sie noch zufällig getroffen
-habe, aber -- nein, nein, nein, all diese Dinge.«
-
-Grau wollte sprechen, aber sie ließ es nicht zu. »Sie sind so merkwürdig,«
-sagte sie und lachte leise, gleichsam heiter, »Sie kümmern sich um mich,
-Sie ängstigen sich um mich -- so sonderbar sind Sie manchmal.«
-
-»Es ist vielleicht mein Fehler, daß ich mich zuweilen zu sehr um die
-Angelegenheiten anderer bekümmere,« entschuldigte sich Grau.
-
-Sie gingen bergan. Auf der Höhe schimmerte der Widerschein einer
-erblassenden Abendwolke im Laub der Bäume. Unter ihnen lag die Dämmerung
-wie ein weiches Dunkel. Es raschelte zuweilen in den Zweigen, das waren
-Vögel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und dort, aber je tiefer sie in
-den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Stimmen des Tales waren
-erloschen und den Lärm der Frösche hörten sie nur noch einmal gedämpft, als
-sie einen kreuzenden Weg überschritten, der wie ein Kamin zur Stadt
-hinablief.
-
-Dann begann Adele mit gleichmütiger Stimme zu sprechen. »Sie haben ja
-Urlaub genommen, Herr Grau,« sagte sie, »ich habe es gelesen.«
-
-»Ja, das habe ich getan,« antwortete Grau und dachte an ganz andere Dinge.
-»Ich habe gemußt. Der Herr Dekan hat es mir nahe gelegt.«
-
-Wie solle man das verstehen?
-
-»Und doch ist es so. Übrigens, wenn der Herr Dekan nicht so liebenswürdig
-gewesen wäre, so könnte ich nun die größten Schwierigkeiten haben; bei der
-Behörde bin ich schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst große Hoffnungen
-auf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfüllen. Da kam diese
-Broschüre über die Gefängnisse, andere Flugschriften, das Begräbnis der
-Margarete Sammet, dann meine Predigten. Ich kann nichts anderes predigen
-als was ich glaube. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Dazu kam noch
-jene Affäre mit der Kollekte für innere Mission. Sie haben nicht davon
-gehört? Auf irgend eine Weise ist nämlich die Geschichte doch bekannt
-geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswürdiger Weise die Sache zu
-verdecken versuchte. Wie? Sehr einfach. Ich sollte die Kollekte abliefern,
-aber ich vergaß es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir das passiert,
-etwas zu vergessen. Ich war in jener Zeit sehr beschäftigt. Kurz und gut,
-ich vergaß es und der Herr Dekan kam zu einer langen Auseinandersetzung. Er
-bemühte sich persönlich in mein Haus. Wegen der Gegenstände, die ich
-verschenkt und verliehen habe, obgleich sie zum Inventar des Pfarrhauses
-gehören, machte er wenig Worte. Hm, hm. Aber alle die andern Dinge, diese
-heillosen Dinge. Besonders die Pfingstpredigt im Freien. Zuletzt kam die
-Kollekte daran. Ja, bei Gott, ich hatte sie vergessen. Es waren vierzehn
-Mark. Ich wollte sie dem Dekan geben, ich hatte sie in eine Schachtel
-gelegt. Aber das Geld war fort, es war gar nichts mehr da. Nun sang zum
-Unglück der Handwerksbursche im Nebenzimmer und da wurde der Dekan
-ärgerlich. Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Würde,
-Handwerksburschen zu beherbergen -- sagte er.«
-
-»Ist denn der Alte noch immer zu Besuch?«
-
-»Nein, ein anderer, ein Freund von ihm. Er hat ihn mir geschickt. Ebenfalls
-krank und die Papiere in Unordnung.«
-
-Adele lachte leise. »Glauben Sie denn alles, was diese Leute Ihnen sagen?«
-
-»Natürlich glaube ich es. Und die Papiere sind wirklich nicht ganz in
-Ordnung gewesen. Die Kollekte also war verschwunden. Ich habe das Geld am
-Abend zuvor in die Schachtel gelegt, muß es aber in Gedanken herausgenommen
-und verwendet haben -- es war ja nicht mehr da. Der Dekan sagte: Nun, Sie
-haben den Betrag vielleicht verlegt -- verlegt -- senden Sie ihn mir bis
-morgen früh zehn Uhr, bitte. Er war sehr gütig, er hätte mir ja große
-Schwierigkeiten bereiten können. Eisenhut lieh mir das Geld gerne und damit
-war die Sache in Ordnung gebracht.«
-
-»Nach dem Urlaub werden Sie aber wieder hierher zurückkehren?« erkundigte
-sich Adele.
-
-Grau lächelte. »Ich glaube es nicht, ich werde wahrscheinlich entlassen
-werden.«
-
-Adele blieb stehen. »Sie werden entlassen werden?«
-
-Grau lächelte wieder. »Ja,« sagte er, »weshalb denn nicht? Ich mache zu
-viele Schwierigkeiten. -- Übrigens, um offen zu sein, ich werde selbst um
-Entlassung einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurück,« setzte er
-leise, wie beschämt, hinzu. »Es gibt so viele Dinge, die sich mit meinen
-Anschauungen, trotz des besten Willens --«
-
-Was er aber dann beginnen wolle?
-
-Grau lachte leicht. »Das?« sagte er, »Oh, das macht mir nicht die
-geringsten Bedenken. Ich finde auch in einem andern Beruf ein großes
-Arbeitsfeld. Ich werde Medizin studieren, ich trug mich schon früher mit
-dem Gedanken.«
-
-»Also Arzt wollen Sie werden?« rief Adele freudig aus. »Ich liebe die
-Ärzte. Was für ein Arzt?«
-
-»Nun, ein guter Arzt, denke ich, für die, die krank sind,« erwiderte Grau
-lächelnd.
-
-Sie kamen an eine Lichtung und sahen tief unten die Stadt mit ihren
-blinzelnden Lichtern liegen. Man sah Adeles Park. Hier duftete es stark
-nach Honig. Ein Insekt schwirrte über den Kräutern.
-
-»Wie hoch wir doch sind!«
-
-»Ja!«
-
-Sie stiegen höher und plötzlich sahen sie den Mond in einem Himmel so
-dunkelblau wie ein Kirchenfenster stehen. Er erschien wie ein bleiches
-Gesicht, das voll namenloser Sehnsucht immerzu in die ferne Sonne starrte.
-Sie kamen ganz auf die Höhe und Adele war überrascht, eine Ebene vor sich
-zu sehen. Sie hatte gedacht, es gehe hier wieder bergab. Im Mondschein lag
-ein kleines kalkweißes Dorf. Die Ebene sah auffallend hell aus im Licht des
-Mondes, die Grillen zirpten in den Feldern und ihr schrilles feilendes
-Gezirpe schien alles ringsum in Silber zu verwandeln. Einen Augenblick lang
-blickte Adele auf das kalkweiße, gespensterhaft aussehende Dorf, dann
-wandte sie sich wieder dem Walde zu. Hier war es warm und schwül. Der Mond
-lag in Streifen und silbernen Tümpeln im Walde und auf dem Wege und warf
-fortwährend ein glitzerndes Netz über Adele, gleichsam um sie darin zu
-fangen; sie aber schlüpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu Boden.
-
-Wie schön war es doch an ihrer Seite zu gehen!
-
-Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht und lautlos, er
-lächelte, und nie hatte er den Wald stärker gerochen. Er sah und hörte mit
-wacheren Sinnen. So schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen
-in der Tiefe.
-
-In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen durch die Wälder, laß
-uns wandeln in den Au'n! sang es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte
-leise und räusperte sich.
-
-In seinem Kopfe wisperten die Gedanken -- und sie flüsterten im Rhythmus
-der Schritte. Er wehrte ihnen nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte,
-flüsterten sie (weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein, Wald
-und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es ist wichtig, wieviele
-Sonnentage es erlebte. Die Formen, die Farben, das Werk der Wurzeln, das
-Werk der Wipfel, sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den Tieren
-lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des Blickes, Fassung und Ruhe -- ohne
-daß der Mensch es weiß -- hahaha -- der Mensch weiß ja nichts --
-
-Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor alle Befangenheit und er
-fühlte wie seine Wangen vor Freude heiß wurden.
-
-»Wie es duftet!« begann er mit freier klarer Stimme. »Es riecht, als ob der
-Wald eine Pfanne voll Harz und Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese
-Fichten dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, die durch die
-Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer, geschliffener Stern, der immer
-wieder auftaucht und im Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie.
-Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei Gott! Er durchdringt
-einen. Ich habe auch das Gefühl, als ob der Herr des Waldes in der Nähe
-wäre, der Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht uns,
-beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen sehen zu können, aber
-sobald man hinblickt, zieht er sich ins Dunkel zurück. Die Nacht ist
-wundervoll! Ja, diese Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein
-wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts im Walde zu hören.
-Ihre Stimme ist sehr schön und weich. Sie sprechen auch ein wenig
-eigentümlich, einen fremden Akzent --«
-
-»Das ist gemacht,« sagte Adele. »Ich liebe das Fremde!« Sie lächelte und
-sah Grau an, dann blickte sie wieder zu Boden und fuhr fort: »Wie leid tut
-es mir nun doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch mit
-dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz andere Meinung von ihm
-bekommen haben. Er ist sehr gebildet und sehr klug und liebenswürdig.
-Freilich, er ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das
-Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen seines Armes
-konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem mit Leib und Seele
-Offizier. Ich liebe ebenfalls das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es
-auch sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter Gefahr -- ich
-liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade schön, aber er sieht sehr gut aus,
-männlich sieht er aus, sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen.
-Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch denkt, das ist der
-Einfluß seiner Familie, seiner Mutter und Tanten -- er sagt zum Beispiel,
-der Mann gehört auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist der
-Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe nichts anderes zu tun
-als schön zu sein und ihn zu lieben und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie
-sagen gar nichts, Herr Grau?«
-
-»Ich habe kein Recht, mich zu äußern,« antwortete Grau ausweichend.
-
-»So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.« Adele lachte leise. »Es ist
-ja gut, wenn wir uns aussprechen, nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron
-doch unrecht --«
-
-»Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,« entgegnete Grau, »ich kenne
-ihn ja gar nicht. Es handelt sich ja auch nicht darum, ich glaube nur --«
-
-»Nun?«
-
-»Es ist vielleicht besser, wenn ich nichts sage. Ich habe kein Recht dazu.«
-
-»Aber ich bitte Sie darum, Herr Grau.«
-
-Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe kein Recht dazu, Fräulein von
-Hennenbach. Aber ich kann eines eigentümlichen Gefühls nicht Herr werden --
-ich fühle das, fühle das so unsagbar stark -- daß in Ihrem Verhältnisse zu
-dem Baron etwas nicht in Ordnung ist. Verzeihen Sie mir, bitte. Vielleicht
-ist Ihre Neigung --«
-
-»Ich liebe ihn sehr!«
-
-»Aber vielleicht lieben Sie ihn nicht genug, um seine Frau zu werden?«
-
-Adele blickte auf den weißen Stamm einer kleinen Birke, der im Mondlicht
-leuchtete, und sagte: »Ich liebe ihn, ja. Oft denke ich, ich liebe ihn
-nicht genug, aber je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr liebe ich ihn.
-Ganz abgesehen davon, zumeist sind sogenannte Vernunftehen glücklicher als
-Liebesheiraten -- ich sage ja nicht, daß ich den Baron nicht liebe, aber
---«
-
-»Trotzdem erscheint es mir besser, an einer Liebesheirat zugrunde zu gehen
-als in einer Vernunftehe zufrieden zu werden,« entgegnete Grau.
-
-Adele lachte leise. »Sie sind ein Träumer!« sagte sie. »Man nimmt die Ehe
-ja gar nicht so wichtig in meinen Kreisen.«
-
-»Nicht?« fragte Grau verwundert, beinahe erschrocken.
-
-»O nein,« sagte Adele und fröstelte, während ihre Lippen lächelten.
-
-»Unmöglich!« Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe darüber nachgedacht,«
-sagte er nach einer Weile, »und die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie
-zu Ende denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein großer
-Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken Sie sich: Die Ehe! Sie
-sind nicht mehr allein, Sie sind zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt,
-wir wollen bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind plötzlich ein
-anderer Mensch geworden. Es ist als ob Sie immerfort einen vornehmen Gast
-im Hause hätten. Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber
-jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jeder Beziehung, da Sie
-den Gast im Hause haben. Wenn Sie allein sind und Sie haben einen
-schlechten oder kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit
-sich selbst fertig zu werden -- nun aber? Wenn er wüßte, daß Sie diesen
-niedrigen Gedanken haben, würde er nicht von Ihnen gehen? Beleidigen Sie
-ihn nicht durch den niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches
-Gefühl. Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln, nun, da Sie den Gast
-im Hause haben, gleichsam geschmückt wie zu einem Feste muß allezeit Ihre
-Seele sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber jetzt wäre
-es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen dreifach eifrig sein. Sie
-müssen den Gast bewirten mit guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen
-seiner würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und Sie müssen doch
-jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde und jede, jede Minute mit einer
-festtäglich geschmückten Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der
-kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen ja nicht still
-stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen? Keinen unschönen Gedanken, kein
-unschönes Gefühl dürfen Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne
-Gebärde -- keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen -- es ist ja schwer, es
-ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen, um
-vor Ihrem Gaste bestehen zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.«
-
-»Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum Tode durchs Leben
-zusammen wandern -- als ob die beiden eine Kathedrale zusammen errichten
-wollten -- eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit. Von
-dem Tage an, da sie einander begegneten, beginnen sie zu bauen. Nur mit den
-schönsten und reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten. Die
-beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort angestreift -- aber die
-Kathedrale, die Idee ihrer Ehe, die können sie ja herrlich und groß
-errichten. Und die beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige
-Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten, nein, vielleicht ist
-die Kathedrale nur ein großes kühles Heiligtum über der Wiege ihres
-Kindes!«
-
-»Ach, es ist ja so schwer, so schwer!« fügte Grau kopfschüttelnd hinzu.
-»Und denen, die es wagen, denen soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja,
-man soll für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder nicht
-wagen können, die sollen für die wenigen beten, die es wagen. Weil es so
-schwer ist -- und so herrlich, es zu unternehmen.«
-
-Adele sah lächelnd auf den Weg. »Wie Sie es doch auffassen!« sagte sie
-leise. »Und die Liebe? Wie denken Sie darüber?«
-
-Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu.
-
-Grau lauschte. »Hören Sie das feine Sausen, das rings im Walde geht?« sagte
-er. »Hören Sie es? Bald ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es
-macht alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht wie ein Traum?
-Sind wir nicht wie ein Traum im dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin
-reich, weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir zu, wenn ich
-spreche, wenn ich in meinen dürftigen Worten auszudrücken versuche, was ich
-empfinde, wie ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie mir zu.
-Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich bin Ihr Freund und das macht
-mich glücklich. Sie sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das
-gemacht hat!«
-
-»Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen Sie mir Zeit. Sehen Sie
-wie das Licht überall glitzert, es hängt in Tropfen an den Zweigen, es
-klettert an den Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön ist
-das! Ja, ich sage -- Sie singen ein Lied, und es gibt ja wundervolle Lieder
--- Sie singen es und mitten darin bricht Ihre Stimme -- denn plötzlich
-fühlten Sie, wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im Werke der
-Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme heißt, ein süßer, flötender,
-lebendiger Ton, der durch alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt --
-das ist die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber denke -- denn
-es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.«
-
-Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er hatte plötzlich den Mut zum
-Sprechen verloren. Adeles Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte
-auf den Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte leise,
-fast spöttisch.
-
-»Nun?« sagte Adele und sah auf.
-
-Aber Grau schwieg und blickte sie an.
-
-»Sprechen Sie doch!« sagte Adele ungeduldig. »Sprechen Sie doch. Es ist
-schön Ihnen zuzuhören und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und
-jenes denken.«
-
-Er sah, daß sie an der Lippe nagte.
-
-»Was ist Ihnen?« sagte er. »Ich spreche ja gern, aber was ist Ihnen? Sie
-erscheinen bedrückt, ja, fremd erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch
-glücklich sein? Aber Sie sind ja nicht glücklich!«
-
-Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was schade es im großen und
-ganzen, daß sie nicht glücklich sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu
-sein und zu werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das Glück
-herlege und hier das Unglück --
-
-»So werden Sie das Glück wählen!« sagte Grau.
-
-»Wirklich?« Adele sah ihn an. »Nein, nein, ich werde es nicht tun. Ich
-werde das Unglück wählen, es liegt in meiner Natur. Und sobald ich etwas
-Glück in mir fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück wählen
---« sie hielt inne und fügte zögernd und leise hinzu: »Oder würde ich das
-Glück wählen?«
-
-»Sie würden es wohl tun!« sagte Grau. »Denn alle -- wie wir leben -- wir
-mögen uns noch so gleichgültig und trotzig gebärden, wenn wir allein sind,
-verzehrt sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem Glücke. Nein, nein,
-Sie sind in einem Irrtum über sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.«
-
-Adele nickte. »Ich bin in einem Irrtum -- in einem Irrtum über mich selbst
-befangen,« sagte sie. »Vielleicht, vielleicht? Oft scheint es mir selbst
-so, Sie haben recht. Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben
-verloren hätte. Was früher für mich groß und schön war -- wüßte ich es doch
-noch! Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andres
-und keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen und gelesen und
-gesucht -- jeder große Geist hat mich überzeugt und mitgerissen -- nun weiß
-ich gar nichts mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft habe ich
-Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und oft bin ich müde und ich möchte
-mich fallen lassen -- wohin ich auch falle. Ja, oft hab' ich ein Verlangen
-nach unten -- denn da ist kein Kampf mehr, es ist verlockend zugrunde zu
-gehen und gar nichts mehr zu sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die
-Wahrheit, ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und nicht
-den Kopf zu schütteln -- ich kenne mich ja am besten. Wenn ich nun den
-Baron heirate, was schadet es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie
-können recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte und
-wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was liegt schließlich an mir?
-Nichts. Alle machen es so, denn alle werden nach und nach müde und geben
-sich auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz der
-menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen -- ich liebe den Reichtum
-und der Baron ist reich. Ich habe unaussprechliche Furcht vor Armut und
-Dürftigkeit -- grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche Furcht wie
-davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe Bequemlichkeit, Luxus und
-Nichtstun. Ich bin ehrlich und sage Ihnen all das, es ist die volle
-Wahrheit. Oft denke ich an das Glück und an die Liebe -- so fern ist es für
-mich -- und ich denke, es ist nicht für mich, es liegt nicht in meiner
-Natur. Wenn ich eine junge Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es
-haben, das Glück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und ich
-würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht geschaffen. Ich höre Ihnen
-zu, ja, es lockt mich, aber ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist
-alles so schön, zu schön, ich glaube nicht daran.«
-
-Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke. Die Stücke streute sie
-auf den Weg. Das letzte Stückchen wollte nicht brechen, sie bog es zwischen
-den Fingern, aber es brach nicht. Sie ließ es fallen.
-
-Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier lagen Nadeln und der Weg war
-von Moos überwachsen.
-
-Es hauchte hoch oben in den Wipfeln. Wie ein Bach im flachen Lande, mit
-vielen Inseln und Kanälen und Adern, so floß über ihren Häuptern der
-tiefblaue Nachthimmel dahin, kleine und große Sterne trieben darauf und
-glitzerten.
-
-Nach langem Schweigen sagte Grau: »Wir Menschen fürchten uns ja nicht so
-sehr vor dem Unglück, aber es graut uns davor elend zu werden!«
-
-Adele zuckte zusammen.
-
-»Davor graut Ihnen ja so sehr!« fuhr Grau eindringlicher fort, indem er
-Adeles Arm leise berührte. Ihr erschrockener Blick streifte ihn. »Tag und
-Nacht graut Ihnen davor. Nicht davor würde Ihnen grauen, etwas Schlechtes
-zu begehen, denn es wäre vielleicht Trotz und Wille und Tat darin, aber es
-graut Ihnen davor unterzusinken in Unwürdigkeit. Ich habe auch wieder von
-jener Frau geträumt, die Ihnen ähnlich sieht -- der Traum erschreckte mich,
-warnte mich --«
-
-Adele machte eine abwehrende, fliehende Bewegung. Aber Grau berührte
-wiederum ihren Arm.
-
-»Begehen Sie kein Verbrechen an Ihrer Seele, Adele!« flüsterte er.
-
-»Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch!« sagte Adele bleich. »Weshalb
-quälen Sie mich denn?«
-
-Sie legte die Hände an die Ohren, als Grau wieder zu sprechen begann, und
-sah ihn mit zu schmalen Spalten zusammengezogenen Augen an.
-
-Grau blickte sie an. Er war bleich vor Erregung.
-
-»Verzeihen Sie!« stammelte er. »Oh, was habe ich doch getan. Es ist ja so
-unrecht von mir.«
-
-Er lächelte schmerzlich und fuhr leise fort: »Ich sehe Sie an, wie schön
-sind Sie doch! Wie Sie den Kopf tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein
-großer Geist auf und alle Menschen lauschen auf ihn und sie sagen: Der
-Weltgeist spricht aus ihm. Sie sehen eine Rose an, die Rose ist schön, ein
-eigentümliches Gefühl erfaßt sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet
-aus ihr, er glänzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele -- der Weltgeist strahlt
-aus Ihnen! Sie sind seine Priesterin, geschaffen umherzugehen und die
-Menschen mit Ehrfurcht zu erfüllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie
-die Bahn eines Gestirnes sein, erhaben und gewaltig und sichtbar allen
-Blicken. Das ist Ihre Mission, ich will Ihnen sagen, was Ihre Mission ist!
-Das ist sie! So fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch muß doch
-eine bestimmte Mission haben und das ist die Ihrige!«
-
-Adele hatte die Hände halb sinken lassen und hörte ihm zu, den Blick in
-seine Augen gerichtet.
-
-»Sie sind ein vollendetes Werk des Schöpfers und haben Ihre Mission zu
-erfüllen,« setzte Grau hinzu, »und deshalb hat er Ihnen jenes schreckliche
-Grauen vor der Unwürdigkeit in die Brust gelegt.«
-
-»Nein, nein --« stammelte Adele und entfloh.
-
-»Adele!« sagte Grau und sie blieb stehen. Ihre Lippen bebten und sie sah
-ihn nicht an. Sie hatte abwehrend die Hände an die Brust gezogen und Grau
-ergriff ihre Hände.
-
-Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu. »Sie sollen nicht vor mir
-fliehen,« flüsterte er, »denn ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie.
-Hören Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und alles war so
-wunderbar schön, so ganz anders schön, und ich hörte zum erstenmal eine
-Stimme in mir sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben. Als ich
-Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da kamen alle meine Kinder und
-küßten mich auf die Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen
-und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich damals fühlte! Seitdem
-änderte sich abermals mein Leben. Dies sind meine größten und schönsten
-Erlebnisse. Dann sah ich Sie -- ich war ja so scheu Ihnen gegenüber, weil
-Sie so vornehm und schön gekleidet sind und weil Sie so schön sind. Aber
-daß ich Ihr Freund geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis
-meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft und mein Leben wird sich
-ändern, ich weiß es, vielleicht werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich
-danke Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben. Was ich jetzt
-sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem Baron sagte, alles, alles, ich
-habe ja nicht das Recht dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten,
-von diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht zu sprechen. Sie
-wissen wohl warum, Sie wissen es recht gut.«
-
-Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken an, aber in ihren
-Augen begann es zu leuchten.
-
-»Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich werde Sie nichts fragen.
-Sie sollen nichts sprechen, kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht.
-Reisen Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre Entschlüsse
-einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie sollen mir nicht antworten, ich
-frage nichts, aber ich will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als
-ich Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich ankam hier, auf dem
-Bahnhof. Aber ich habe es nicht gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres
-Hauses und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im Frühling stand in
-Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum und ihn liebte ich am meisten von all
-den blühenden Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr vergessen,
-seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne, nie mehr, obgleich ich so viele
-blühende Apfelbäume gesehen habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie,
-wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen das Blut zu Kopf,
-Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß, und Sie wissen eigentlich nicht warum --
-ein Gedanke, eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über mich und
-dann wußte ich es. Ich habe nicht gegen das Gefühl angekämpft, nein, ich
-habe es nicht getan, denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich habe
-Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in mir, er lebte in mir
-verborgen, wie ein Vogel im Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen,
-wie mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang,
-Sonnenuntergang -- und ich sagte guten Tag und Adieu, kleine Worte.«
-
-Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er, desto verzückter wurde sein
-rasches Lächeln, desto glänzender und begeisterter sein Blick. Adele wich
-gleichsam mehr und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle
-bewegte, der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude, Schreck, Liebe,
-Scheu.
-
-Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und sprach.
-
-»Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht mehr vergessen, wo Sie
-standen, immer werde ich Sie sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin-
-und herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen mir nicht zu
-antworten. Sie haben mich ja so reich beschenkt --«
-
-Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte, er schloß die
-Augen und schwankte.
-
-»Was ist Ihnen?« fragte Adele.
-
-Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete wieder die Augen. Er atmete
-tief auf.
-
-»Verzeihung,« sagte er, »es war nur ein Augenblick -- Antworten Sie mir
-nicht, ich frage nichts, ich will nichts -- ich danke Ihnen, daß Sie
-zuhörten. Vergeben Sie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie
-glücklich.«
-
-Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht den Kopf, schüttelte
-ihn immerzu, ein feines, frohes Lächeln erschien auf ihren Wangen.
-
-»Nein, nein!« flüsterte sie. »Ich werde nicht reisen, nein, nein.«
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-Grau ging mit Adele durch den stillen Wald.
-
-»Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall, ohne Liebe ist ja
-nichts,« sagte er und küßte ihre Hand.
-
-»Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte und ist im Licht und ist
-das Beben des Lichtes. Sie hat alles durchdrungen und du findest kein Atom
-der Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten ein gehetzter
-Funke, im Guten ein Feuer.«
-
-»Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe gibt es keine Wahrheit.
-Sie ist die Seele der Welt, das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das
-Ganze und der kleinste Teil.«
-
-»Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein Tod, dein Tag mein Tag,
-deine Nacht meine Nacht,« flüsterte er und küßte ihr die Hand. »Warte.« Er
-bückte sich.
-
-»Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn, öffne deine Hand, daß ich
-ihn aus den Blumen in deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!«
-
-Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich.
-
-»Ja, laß uns leben!« rief sie aus. »Laß uns fröhlich sein und leben. Fliehe
-mit mir, ich will dein sein!«
-
- * * * * *
-
-Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe auf einem Stein. Er regte sich
-nicht, er saß wie ohne Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten.
-
-»Es ist zuviel,« flüsterte er, »es ist zuviel!«
-
-Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es. Tau fiel ins Gras, kleine
-glitzernde Welten tropften von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er
-lauschte.
-
-Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel. Er lauschte: Im ganzen
-weiten Walde zwitscherten Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche!
-
-Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte. Feurige Wolken flogen
-im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und
-winkten und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph.
-Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt.
-
-Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und
-stand auf und badete sein Gesicht im Lichte.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefühl, als sei seine
-Brust angefüllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er spürte den Schein
-seiner Augen.
-
-Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt, die Blumen
-leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen
-strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der
-Frühsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor
-gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen
-ihm zuzulächeln.
-
-Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe.
-Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen mußten
-angeknüpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten,
-arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine
-Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes Leben neu; keine
-Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, tätiger mußte er werden!
-
-Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht
-und fragte neugierig, aber Grau ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf
-Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. »Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!«
-
-War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen lächelten? Da gingen sie
-dahin mit einem kleinen Glück im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu
-erfassen, sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah ihn jemand
-an, so hatte er sofort ein freundliches Wort für ihn. Die Leute sahen ihm
-erstaunt ins Gesicht. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften,
-roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr
-eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte mit ihm, ermutigte
-ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen
-Bart Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz im
-Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der
-Schule und als er damit fertig war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen
-und lud sich eigenmächtig bei der »ewigen Braut« zum Kaffee ein. Er traf es
-günstig, Fräulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand
-ein Strauß von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie
-plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Fräulein Sperling
-legte den weißblonden Kopf auf die Seite und lächelte Grau kokett zu.
-
-Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein
-Ende nehmen?
-
-Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand irgendwohin. Er wartete
-oben auf der Höhe. Da saß er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors
-Gesicht und lachte und weinte.
-
-Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser Glanz vor ihm, dieser
-Reichtum, so unerwartet und plötzlich! Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück
-beschieden wurde, warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück? Er
-konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die Zukunft denken, nein, das
-blendete, er konnte nicht an die vergangene Nacht denken, nein, nein, das
-funkelte. Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen im Walde
-zwitscherten --
-
-Adele kam nicht in der ersten Nacht, auch nicht in der zweiten und dritten.
-Aber Grau erhielt ein Billet. »Mama ist nicht wohl. Ich bin dein, warte!«
-stand darin, sonst nichts.
-
-Gewiß, er wartete!
-
- * * * * *
-
-»Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein Herz,« sprach Grau zu seinem
-Herzen. »Freude und Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal.
-Jubele!«
-
-Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust.
-
-»Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und unten, alle Dinge sind
-freundlich. Es ist schön die Augen zu schließen und in die Brust
-hineinzublicken, wo es funkelt von Herrlichkeiten.«
-
-Die Tage waren schön, und schöner noch waren die Nächte. Die Tage waren
-sonnig und heiß, die Nächte warm und nahezu silberweiß vom Mond und den
-vielen, vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet und funkelte
-wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß. Freundliche Wolken zogen langsam
-über den tiefblauen, glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der
-gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal regnete es, nur
-fünf Minuten lang, während die Sonne schien, dann war die Luft um so
-köstlicher und alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker.
-
-Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er plötzlich zu sich sagte:
-Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien geben, wie? Zwei, drei Tage, an
-denen ich nur das Notwendige verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und
-wandern, schauen und fühlen.
-
-Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem
-Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die
-sich schwer neigten, wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung
-eines Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude erfüllte seine
-Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt, geschmückt. Zuweilen nahm er
-Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder
-sorgfältig ein.
-
-»Ich darf ja nicht daran denken,« sagte er und lachte und schüttelte den
-Kopf. »Es ist ja zuviel!«
-
-Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt hatte, es sang und klang
-im Tale, und er dachte an all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie
-es wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den Werkstätten, den
-Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, daß es immerzu
-lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine
-Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in
-jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf
-der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert,
-jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein
-als die Vögel im Walde?
-
-Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war
-saftig und vom tiefsten Grün. Er ging nach Hause und legte sich in seinem
-kühlen, dämmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er
-ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Köstlichkeit seines
-Schlafes. Dann kam ein großer Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor
-eine Orgel setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle und hatte
-nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste die Orgel: Auf, auf! Und er
-fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken.
-
-Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als er zwischen Obstgärten und
-Weinpflanzungen empor zur Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau
-legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, stützte den Kopf in
-die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wußte, daß Adele
-erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war.
-
-Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen, die gleichsam
-zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer über die Ebene. Der
-Fluß brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von
-dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf den Höhen
-erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er
-verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte
-der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne blitzte ein
-kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es plötzlich still
-geworden. In der Stadt läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig,
-bis die erste Grille zu zirpen begann.
-
-Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf,
-groß und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und
-jetzt kam die Nacht.
-
-In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles Licht, aus der
-Stille kamen merkwürdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein
-warmer Strom von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit Leben.
-Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben, das Silber des Mondes auf
-den Schwingen, Käfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein
-Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von Sternen, der Mond ging
-auf.
-
-Die Sommernacht funkelte.
-
-Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut
-oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes,
-das Gute wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmälern und
-Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg
-des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird
-vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde
-vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst? Wenn du kalt bist und spottest,
-vielleicht hätte er dir eher die große Missetat vergeben.
-
-Es rauschte! War sie es, die kam?
-
-Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die Stunden nicht zählte. Er
-lag im Grase und atmete. Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er
-und endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume, die Gräser.
-
-Und er lächelte.
-
-Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie?
-
-Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch die Erde, deshalb atmete
-sie und alles, was auf ihr ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere,
-alles, alles atmet.
-
-Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert und bis in die
-kleinsten und fernsten Teile immerzu bebt von der großen schwingenden
-Kraft! Wir fühlen sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die
-Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die Erde schwingt, so
-schwingt das Blut in den Adern der Menschen.
-
-Und überall pocht und pulst und bebt es! In den Urwäldern, den Sümpfen, wo
-es gurrt und miaut, in der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub
-ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts als ein einziges
-großes pochendes Herz!
-
-Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes Herz! All, all das
-zu denken!
-
-Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf.
-
-Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein, es war ein Reh, das aus dem
-Walde trat um zu äsen, ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den
-dünnen Läufen bewegte.
-
-Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke dahintragen. Es
-schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes Meer.
-
-Er lauschte erstaunt: In seinem linken Ohre sang jemand ein Lied!
-
- * * * * *
-
-Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses Glück? Zuweilen fuhr es
-über ihn dahin wie ein heißer, erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm
-leise und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es vor ihm ruhig und
-unendlich wie ein goldenes sanftes Meer.
-
-Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe, seine Augen waren
-schärfer geworden, seine Ohren feiner, sein Gefühl lebendiger. Er fühlte
-wie das Zittergras zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen
-wunderschönen Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig eines
-Baumes schwankte. Es war so schön in dieser Welt zu leben, wo alle Dinge so
-schön und sinnreich waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die
-Blumen, ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben der Sonne
-aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind aber nicht nur schön, sie
-stehen nicht umsonst da, sie sind notwendig für die Quellen und die Luft;
-da hast du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist nicht umsonst
-da, sie befruchtet die Blumen. Da hast du --. Alles, alles verschlingt
-sich, verwebt sich, jedes kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen,
-geheimnisvollen Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch, nichts anderes
-als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst der Welt ist er. Er mag ein
-Unternehmer sein, der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein
-Denker, einerlei -- er arbeitet für Geld und Ruhm, ja, und doch dient und
-wirkt er, ob er will oder nicht, der Unternehmer, der die Bahn baut, dient
-der Verbrüderung der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit, der Künstler
-verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker vertieft ihren Sinn -- alle,
-alle arbeiten sie für den kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der
-Traum der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der Mensch, verwebt
-mit dem was lebt und tot scheint, verwandt mit dem Grase und der Eiche, dem
-Pferde, der Luft und den Sternen.
-
-»Weiter, weiter! Gehen und wandern!«
-
-Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat in die blendende Sonne. Er
-prallte zurück. Was war das, was mitten im Tale stand in der flimmernden
-Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom Mensch! Seine Füße
-standen im Tal und sein Haupt reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein
-Leib leuchtete in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne.
-
-Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau schloß die Augen, eine
-ungeheure Erschöpfung lähmte seine Glieder. Er setzte sich in das Gras und
-lächelte. Wie herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten
-dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen! Ja, das war er,
-dachte Grau, der Mensch, das Phantom! Der Mensch mit seinen Gebräuchen und
-Sitten, seinen Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen und
-Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben und Maschinen, seinen Wünschen,
-seiner Sehnsucht, seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz,
-seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker als der Elefant,
-schneller als der Vogel, mit köstlichern Gesängen als des Vogels Lieder
-sind.
-
-Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie es glänzt und dunkelt und
-blitzt unter der Wimper, die sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie
-sich seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch.
-
-Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain, ein Volk wie ein Baum, der
-seine Zeit hat, aber der Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und
-wächst und wächst! --
-
-Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah ihn ja ganz deutlich, wie
-kühn, wie herrlich, nie mehr werde ich diese Erscheinung vergessen.
-
-Er sprang auf. »Weiter, weiter, gehen und wandern, meine reichen Tage sind
-gekommen.«
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-Grau erhielt einen Brief von Adele. »Warte! Mama ist besser, ich will mich
-ihr anvertrauen. Habe Geduld!« Er traf die Schwestern Sinding auf der
-Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig kamen sie auf Adele
-zu sprechen.
-
-»Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell,« sagten die Schwestern. »Sie soll
-ja in den allernächsten Tagen reisen.«
-
-»So?«
-
-Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen erstaunt anblickten.
-
-Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen reisen, nur wußte niemand
-wohin und mit wem. Der Stadt stand eine kleine Überraschung bevor.
-
-Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten, Wochen, Monate, Jahre,
-wenn es sein mußte, es war ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es
-durfte.
-
-Mit jedem Tage wurde sein Herz reicher, es frohlockte, es sang in seiner
-Brust. Er ging durch die Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren
-seine Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher, seine
-Augen waren heller, goldener geworden in den letzten Tagen, er lächelte und
-seine Wangen waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte er und
-er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht hatte. Ganze Strecken lief
-er dahin, den Hut in der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet.
-Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von allen Seiten auf ihn ein,
-unausgesetzt, und dabei pochte immerfort das Herz in seiner Brust, pochte
-und klopfte und zitterte. Reiche Tage waren das.
-
-Wie aber waren Graus Nächte?
-
-Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie würde er sie vergessen
-können! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel
-emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war kein Platz
-am Himmel leer. Da schimmerten sie, die großen Sternbilder spannten sich
-gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg
-herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein
-blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten
-Sternen abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten große
-Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte.
-Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlüpft und wieder erhascht,
-oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden.
-
-Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzückten ihn. Sie
-zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen überkam ihn,
-Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen Walde, so war
-er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und würde ihnen
-nicht näher kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser Stunde ein ihm
-verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor
-Entzücken und Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den
-unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den
-unverständlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er
-taumelt, er möchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran.
-Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht
-leer, sondern von Geistern erfüllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes
-und plötzlich könnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst
-du es?
-
-Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit
-zu sein.
-
-Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte ihn. --
-
-Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine
-Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes
-Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald
-war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte er, bald schüttelte er sich,
-er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein
-junges Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief.
-
-Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins
-Wasser falle. Knistern, Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in
-der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde?
-
-In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nächsten da
-war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer
-andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie
-mit einer Geliebten.
-
-Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden Lichtern erschien wie
-eine große warzige Kröte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an
-den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet,
-aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden
-Silberwellen.
-
-Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken
-flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dächer der
-Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich zerrissen
-sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wütende Schmiede
-arbeiteten. Die Funken sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten.
-Die Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die Blitze gleichsam über
-den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war
-kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen, so daß er
-lange nichts andres denken konnte.
-
-Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und Graus Herz war still und
-lächelnd und voller Liebe.
-
-»Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie schlafen,« dachte er, »und
-sonnige Wiesen, wenn sie wachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den
-Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!«
-
-»Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor den geängstigten Menschen
-tanzen und spielen, ich möchte ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe
-des Gefängnisses setzen und meine schönen Farben zeigen.«
-
-»Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern der Häuser wachse und
-die Tannen Wein und Früchte tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.«
-
-»Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden in die Lande, damit der
-Hader und Zank endigte.«
-
-»Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden, damit sich alle Herzen
-entzündeten zu friedevollem Wettkampfe. Das möchte ich!«
-
-Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz hatte, winkte leise mit
-der Hand und sagte: »Allen, allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem
-Mißmutigen einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige, jeder Flöte will ich
-ihm einen Ton schenken, von jedem Vogel ein Federchen, das er entbehren
-kann, von jeder Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem
-Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen, das jetzt lacht, einen
-Gruß, und dir, dem Schwarzen einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche
-arbeitet und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!«
-
-Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da Grau wartete.
-
-Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und sich umblickte. Das
-glänzte! Der Fluß, die Stadt, die Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte!
-
-Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da stand er und staunte. Das
-war ja sein Glanz, des großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern und
-Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er diesen Glanz vorher gesehen.
-Das Firmament, war es nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die
-Erde beugte?
-
-Gott?
-
-Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte? Unfaßbare Formen,
-verwirrende Gebilde. Sein Gedanke ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang,
-seine Blicke schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein Blick fiel
-auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt der Erde sprang der Mensch. Das
-Heben seines Lides kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides ein
-neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor.
-
-War er so? Er, er? Er, nach dem die menschliche Sehnsucht irrt wie ein
-Hund, der die Spur des Herrn sucht.
-
-Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze, die über die Mauer
-schleicht und in mir? Blickt er ewig auf mich mit einem seiner ungezählten
-Augen? Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in mir, in
-jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine Gedanken? Duftet er aus der
-Blume?
-
-Ist er in den Sternen, im Licht?
-
-Oder ist er fern von allem, fern, fern von der Erde und wirft nur in
-Millionen Jahren einen Blick auf sie.
-
-Ist er in der Bewegung -- oder ist er das Einzige, das ruht?
-
-Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem Garten mit den Menschen
-wandelte, oder im Donner redete oder auf einer Wolke dahin fuhr.
-
-Wir können ihn ja nicht mehr denken -- aber wäre er nicht weniger groß,
-wenn wir ihn denken könnten?
-
-Er ist eine Sehnsucht!
-
-Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu denken?
-
-Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an, Glanz blendete ihn. Er
-zitterte, sein Herz stand still und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er
-hatte Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte sein
-Gesicht.
-
-Wozu fragen, wozu denken, wozu Worte? Niederfallen, knien, sich beugen,
-beten, das ist alles, es gibt nichts andres.
-
-Grau ging hinein in den Wald, wo es ganz dunkel war.
-
-»Vergebung!« sagte er. Der Wald rauschte.
-
-Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. »Goldener Gott!« flüsterte
-Grau. »Auch hierher folgst du mir?« Er schloß die Augen -- da fühlte er den
-Duft des Waldes. »Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig für ein
-Menschenherz.« Er roch den Duft nicht mehr, da begann sein Herz zu pochen,
-fürchterlich schlug es. »Auch hierher folgst du mir!«
-
-Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge in ihm zu funkeln. -- Er
-kniete nieder und beugte das Haupt. --
-
-Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Walde trat, war er ganz blaß und
-erschöpft. Er lächelte matt und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte
-gebetet zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht, Adele würdig zu werden.
-
-Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich freier und glücklicher
-gefühlt.
-
-»Komm, Adele!« rief er. »Ich bin bereit! Komm!«
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel
-
-
-Am andern Tage kam Adele zu Grau.
-
-»Ich komme um mit dir zu sprechen,« begann sie hastig und streifte Grau mit
-einem raschen, scheuen Blick. Ihre Wangen waren gerötet, aber plötzlich
-erbleichte sie. Sie nahm auf einem Stuhle Platz und beugte den Kopf, so daß
-ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut, der mit großen weißen
-Federn geschmückt war, verschwand.
-
-»Höre mich an, liebster Freund,« fuhr sie nach einer Weile ruhig fort und
-wandte Grau den Blick zu, »ich werde dir alles sagen. Unterbrich mich
-nicht, laß mich sprechen, du wirst mich verstehen. Du hast gewartet, du
-lieber Freund, viele Nächte -- ich konnte aber nicht abkommen. Es war ganz
-unmöglich. Mama fühlte sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch förmlich
-bewacht. Sie wußten, daß ich nachts fort war, mein Gott, wie sie es
-herausgebracht haben, das weiß ich nicht. Auch der Baron wußte es, an
-seinen Blicken konnte ich sehen, daß er es wußte. Aber er machte nicht die
-kleinste Anspielung. Papa gab eine Einladung -- ich konnte ja nicht gut
-wegbleiben? Jeden Abend gab es etwas anderes und dann fühlte ich mich auch
-stets bewacht. Einmal da kam das fürchterliche Gewitter. Du sollst alles
-hören! Du ahnst es gewiß. Ich sah es dir an, auf den ersten Blick. Es war
-schön, als wir oben im Walde gingen, so schön war es. Ich werde diese Nacht
-nicht mehr vergessen, nie mehr! Wie herrlich du gesprochen hast, über die
-Ehe und über alles, ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was für schöne
-und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mögen! Ich liebe das! Ich
-liebe dich auch, glaube nicht, daß ich dich nicht mehr liebe, oder daß ich
-dich weniger liebe. Nein, nein. Ja, wie wir doch zusammen gingen und
-sprachen wie wirkliche Freunde. Ich denke immer daran. Als du mir den Tau
-gabst, da lachte ich, ich fühlte mich so frei. Ja, da war ich glücklich, in
-diesem Augenblick! -- Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fühlst.
-Du hast mich förmlich berauscht. Und deine Augen! Sie waren so schön, sie
-sind so schön, wie waren sie doch? Wie am Liederkranzball, du sahst mich an
-und ich konnte nicht mehr tanzen. Man spricht hier viel von dir. Man sagt,
-du habest eine solch eigentümliche Macht über die Menschen. Eine Dame hier
-batest du um ein altes Bett, sie hatte gar kein altes, aber sie gab dir ein
-neues. Sie selbst hat es mir erzählt, sie konnte nicht anders. Es war dein
-Blick, sagte sie.«
-
-»Es ist mir schwer zu sprechen, wenn ich in deine Augen sehe.«
-
-»Aber doch muß es sein, doch mußt du alles hören.
-
-Es war so wunderbar in jener Nacht, wie ein Traum war es. Ich liebe dich,
-es ist wahr. So deutlich empfinde ich es jetzt, da ich dir nahe bin. Ja,
-wie hast du mich doch geküßt, ich mußte immer daran denken. Du liebst mich,
-gewiß, aber ob deine Liebe nicht erblassen würde, wer sollte das wissen
-können. Ob unsere Liebe immer so groß und schön bliebe? Vielleicht würden
-wir nie wieder so empfinden können wie in jener Nacht. Es ist nicht
-möglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles andere und dann ist
-sie vorbei. Ich weiß auch nicht, ob ich dich immer so lieben würde. Ich
-weiß nicht einmal, ob ich wirklich lieben kann? Sage nichts. Es ist wahr,
-ich liebe Mama, aber eigentlich liebe ich doch nur mich allein.«
-
-Ihre Lippen bebten, sie fuhr fort: »Ich wollte mit dir fliehen, nur weit
-fort von allem, glaube mir, ich wollte es. Als wir die Abendgesellschaft im
-Garten hatten, da dachte ich nur an dich. Nun wartet er, dachte ich, er
-wartet! Ich habe nur an dich gedacht. Am nächsten Abend, da konnte ich
-nicht fort, weil ich mich bewacht fühlte. Ich habe mir alles überlegt. Es
-kam mir so schön vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend zu dir kommen
-und doch bereitete ich nebenbei alles zur Abreise mit dem Baron vor. Dann
-dachte ich, ob ich das ertragen würde auf lange Zeit? Du bist du, aber ob
-ich das ertrage, immer in dieser reinen und schönen Welt zu leben, immer
-diese Gedanken zu haben? Nein, ich glaube nicht. Du hast mich berauscht, so
-war es. Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentümliches
-Gefühl. Wenn ich doch wüßte, wie er ist, dachte ich. Es zog mich zu dir. Du
-hast mich trunken gemacht in jener Nacht. Ja, so könnte es sein, es könnte
-ja so sein, das wäre das Leben -- aber ich bin ja nicht dafür geschaffen.
-Ich liebe dich, aber auch du bist nicht der Rechte für mich. Ich muß es
-sagen, verzeihe mir, ich will ja ehrlich sein. Du nicht und auch der Baron
-nicht. Sprich nichts, laß mich alles sagen.«
-
-»Ich habe mich neulich auch über den Baron geäußert, ich habe gesagt, er
-ist beschränkt und in mancher Beziehung roh, das tut mir nun leid, denn er
-hat mir und meiner Familie nur Gutes erwiesen. Er hat andere Gedanken und
-vielleicht sind sie nicht so schön und groß wie die deinigen, er ist auch
-nicht herzlos, er verbirgt nur sein Herz. Doch wozu sage ich all das? Er
-ist mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.«
-
-Sie schwieg und wandte die hellen, von den schwarzen Wimpern umsäumten
-Augen dem Fenster zu und sah hinaus in den Garten. In Eisenhuts
-Kirschbäumen lärmten die Vögel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah
-nichts. Sie nagte an der Lippe. Dann wandte sie das Gesicht Grau zu und sah
-ihn mit halbgeschlossenen Augen an. Sie lächelte schmerzlich. »Ich habe
-meinen Entschluß gefaßt,« fuhr sie leise fort, »er ist nicht mehr zu
-ändern. Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte für mich bist. Du
-bist zu gut und fein. Du würdest mich nie zu etwas zwingen und ich würde
-nie Furcht vor dir haben. Ich sage ja nicht, daß ich das wünsche, aber du
-solltest ein starker Mann sein, vor dem man Furcht haben könnte! Verzeihe
-mir, es ist ja so schwer für mich, die richtigen Worte zu finden. Es wäre
-schön mit dir, ich fühle es, ich habe geträumt und geträumt, aber du bist
-doch nicht der Rechte.«
-
-»So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig. Ich liebe dich,
-ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht mehr liebe! Du hast vielleicht
-größere Kräfte in dir und bist vielleicht viel stärker als all die andern,
-die sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine Kraft nur nicht.
-Aber trotzdem bist du nicht der Rechte -- auch der Baron nicht. Aber es muß
-ja sein! Du sollst mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich
-denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu sein! Aber es ist ja
-unmöglich.«
-
-»Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte ich es auch. Aber du
-bist nicht ganz der Richtige, nun sollte ich auch keinem andern gehören.
-Aber das geht ja nicht. -- Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es bei
-mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber wir sind ja nicht so reich,
-mein Bruder verdient nichts, die Pension meines Vaters reicht nicht weit.
-Und ich, auch ich koste Geld -- so töricht ist das Leben, alles, alles
-kostet Geld -- und die Bäder, die Mama aufsuchen soll -- es kann ja nicht
-sein. Versprich mir, es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja
-sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht. Du selbst hast ja
-gesagt, der Baron sei ein sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er
-liebt mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja mit dir
-glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.«
-
-»Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und all das zu sagen --
-beinahe hätte ich dir nur einen Brief geschrieben. Ja, ich habe es getan,
-drei Tage schrieb ich daran -- aber dann habe ich so große Sehnsucht
-gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so schön, das habe ich gedacht,
-als ich dich zum ersten Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen
-genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte. Wie gut bist du auch gegen
-Susanna gewesen!«
-
-Adeles Lippen bebten. »Lebe wohl!« sagte sie.
-
-»Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles. Was könnte ich tun? Nichts
-würde etwas helfen. Es hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und
-mich vor ihm demütigte und ihn streichelte -- wie ein Tropfen auf einen
-heißen Stein war es ja -- es hat auch nichts geholfen, daß das Haus
-abbrannte -- es mußte ja brennen! -- es mußte ja brennen! -- auch das hat
-nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das ist nicht alles. Ich liebe mich!
-Ich habe Furcht vor der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das
-ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu zerstören und auch
-mich. Du bist so gut und schön, ich werde immer, immer an dich denken --
-aber es gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich beschwöre dich,
-sage kein Wort dagegen, es gibt nichts anderes mehr. Um dich ist es mir
-schrecklich leid, um dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!«
-
-Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen Kuß auf den Mund.
-
-»Lebe wohl, Adele!«
-
-Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang, sie ging rückwärts und
-winkte. Sie war gegangen.
-
-Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Da saß er und es wurde
-dunkel, er regte sich nicht. Die Glocken läuteten schrecklich.
-
-Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen. Die Brauen waren
-in die Höhe gezogen, die Augen waren groß, der Mund stand halb offen.
-
-Die ganze Nacht saß er so und als der Morgen kam, saß er immer noch auf dem
-Stuhl und sein Gesicht staunte.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel
-
-
-Grau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal ins Antlitz zu blicken
-ohne zu zittern, sagte er. Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun
-erst fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber. Er legte sich auf
-das Sofa und blickte zur Decke empor. Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt
-in einem großen, schrecklichen Staunen.
-
-Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf und plauderten von Adele.
-»Wie ruhig und gefaßt sie Abschied nahm!« sagte Marie Sinding, die ein
-wenig mit der Zunge anstieß.
-
-»Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte bis der Zug fuhr. Sie
-beherrscht sich so. Wir sind nicht so -- haha!«
-
-»Nein, nein!« Die Schwestern lachten.
-
-Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: »Was wird der Tennisklub als
-Hochzeitsgeschenk geben?«
-
-Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte wohl, was die Mädchen sagten,
-er lächelte nicht, er weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er
-sich an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen Brief an einen
-Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen wollte. Dann versank er wieder in
-ein leichtes, fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem Sofa, er
-fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich der Ausdruck des Staunens
-nicht aus seinem Gesichte.
-
-Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte langsam, mit Anwendung all
-der Klarheit, die ihm das Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten
-gestickten Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte nochmals
-den Teller für seinen Kostgänger, den gelben, zottigen Hund und legte alle
-Speisereste unter den Schrank für die Maus. »Eine Maus findet ja immer
-etwas,« murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf hin und her,
-»sie ist auch klein und ißt nicht viel.«
-
-Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er antwortete: »Ja!« und
-ging.
-
-Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den Weg durch den Wald, hoch
-über der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und
-glühte seine Stirn.
-
-Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen
-Wolke, deren Ränder gleißten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon
-leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die
-Sonne flammte plötzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie
-ein Kind, das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs
-Zimmer geht.
-
-Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und
-versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da
-stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und
-starrte mit großen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er
-lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch
-seinen Kopf, daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes
-geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde Sonnenstäubchen seien und
-tausend Altäre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber
-er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft
-waren Altäre und sie opferten Tag und Nacht darauf.
-
-Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstäubchen und opfern.
-Sie zerschmolzen, Königreiche und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue
-Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Städte, neue Tempel,
-immer herrlicher und schöner. Ein Jubelbrausen künftiger Jahrtausende --
-Schönheit, Adel --
-
-»Es ist ja alles gut, alles gut!« sagte Grau und lachte. Er war nicht
-imstande zu denken, aber eine mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann
-rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin.
-
-So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles!
-
-Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit
-rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstäblich in
-Lumpen gehüllt. »Wohin geht die Reise?« fragte Grau und gab ihm die Hand
-und lachte. »In die Stadt,« antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein
-Hemd an hatte, »ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen
-hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?«
-
-Grau lächelte. »Er ist abgereist, heute!« sagte er. »Aber was schadet es?
-Nehmen Sie, nehmen Sie!« Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein
-Taschentuch, sein Messer. »Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, daß
-er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha!« Er zog seinen Rock aus
-und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme.
-
-Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein.
-
-»Guten Tag, Mütterchen!« rief er aus. »Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da
-bin ich nun, siehst du?«
-
-Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie
-gewahrte, daß er in Hemdärmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. »Du gehst?
-Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!«
-
-»Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem Freund von mir, ein
-seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er
-unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann
-sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du begreifst wohl
-nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser -- Er wartet auf mich.
-Morgen früh! Ein guter Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen
-gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mörder, nein! Er
-war verurteilt wegen Mords, aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das
-sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der Prozeß
-wurde wieder aufgenommen -- Lüge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn
-betrunken --«
-
-»Ja, was ist dir denn?« sagte Mütterchen erschrocken.
-
-»Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht
-lästig fallen --«
-
-»Warte!« stotterte Mütterchen und ging in die Küche hinaus, um eine
-Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte saß Grau im Sessel und schlief
-und flüsterte im Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum
-Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig
-aus, es dauerte einige Wochen.
-
-Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des
-Staunens in sein Gesicht zurück.
-
-»Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!« flüsterte er. »Verzeihe!«
-
-Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur
-Brücke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe
-Postkutsche über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die
-Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste jeden Nachmittag
-vorüber und sein Rauch hing lange in der Luft.
-
-Häufig versuchte er aufzustehen; »Ich muß ja fort!« sagte er. »Mein Gott,
-es gibt ja so viel zu tun!« Aber seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er
-wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin.
-
-Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man mähte es wieder, es verfaulte
-im Regen. Der Herbst kam.
-
-Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare Tage. Dann schrieb er, aber
-er zerriß alles wieder, endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und
-einen kurzen.
-
-»Hier,« sagte er, »Eisenhut, nimm sie. Ich werde dir alles erklären. In
-diesem Brief befindet sich ein Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in
-einem Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl zu,
-Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die Rede ist. Vergiß nichts. Es
-ist eine alte Angelegenheit, die ich in die Hand nahm, als ich hier in der
-Stadt eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.«
-
-Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran und flüsterte: »Die
-Pioniere, siehst du, man muß sie loben. Sie sind immer da, wo die
-Menschheit noch nicht ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich
-dran, aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner, Eisenhut,
-auch ich, auch ich, wollte solch ein Säemann werden. Im kleinen natürlich,
-im kleinen nur --«
-
-»Still, still!« sagte Eisenhut und legte ihm Eis auf die Stirn.
-
-Grau schloß sofort die Augen. »Mein Bruder!« flüsterte er und drückte
-Eisenhuts Hand. Als Grau schon sehr schwach war, richtete er sich eines
-Tages plötzlich auf und sagte erschrocken: »Eisenhut, deine Mutter?« Er
-schwieg lange, dann fügte er hinzu: »Da ging ich ein und aus in diesem
-Hause und dachte nicht an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr
-geschwächter Geist, man kann ihn stärken -- Gott verzeihe mir! -- Versprich
-es mir, Eisenhut!« Er umklammerte Eisenhuts Hand und sank lächelnd ins
-Kissen zurück, als Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte.
-
-Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort leise flüsterte und
-lachte. Er lebte mit einer schönen Frau mit hellen Augen und schwarzen
-Haaren am Meer. Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln. Er blickte
-ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald in jenes: Sie war da! Er
-lachte und trommelte an die Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in
-den Sand.
-
-Einmal ging er hinein in einen Wald. Es war Sommer. Die Sonne glühte in den
-grünen Wipfeln. Da ging er dahin und sang. Plötzlich wurde es totenstill im
-Walde, die Hitze wurde unerträglich und langsam fiel Blatt um Blatt, mit
-einem singenden, seufzenden Laut. Die Blätter fielen dichter und dichter,
-sie schrumpften zusammen, knisterten, wie versengt von der großen Hitze,
-fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die Äste starrten kahl und immer
-mehr Blätter regneten und drohten ihn zu ersticken --
-
--- Da erwachte er mit einem Schrei und fuhr auf. Sein Mund war voller Blut.
-
-Tagelang lag er nun geschwächt und atmete nur leise.
-
-Eisenhut kam ans Bett. »Worüber staunst du doch nur?« fragte er. »Du
-staunst immer!«
-
-Grau lag und staunte.
-
-Dann kamen die Tage, da Grau schwer atmete und Mütterchen ihm immerfort die
-Stirne trocknen mußte.
-
-Das war der Glutwind! Er trug ihn dahin und viele, viele trug er dahin. Es
-ging durch die kahlen Äste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen
-jammerten. Wir kleinen schäbigen Seelen, Erbarmen! jammerten sie. Es fegte,
-Tag und Nacht, immerzu und endlich hoch über den Wipfeln des verdorrten
-Waldes, in balsamischer Luft. Tief unten jammerten die Seelen. Wir sind zu
-schwer, Erbarmen. Aber er flog und sauste und viele sausten mit ihm. Es
-wurde glühend heiß -- er erwachte.
-
-Sein Kopf war ganz klar. Er war durstig und seine Lippen brannten. Aber es
-war Nacht und er wollte Mütterchen nicht wecken. Er kühlte die Hände am
-Fenster und kühlte dann die Lippen.
-
-Sofort versank er wieder. Er wanderte. Eine Felsenecke, wieder, wieder,
-eine endlose, schreckliche Wanderung. Ein Tor, eine Schlucht, ein
-furchtbarer Weg. Er kam in einen großen Felsenhof und hier waren viele
-Millionen Seelen und warteten. Wir sind die armen Seelen! beteten sie. Er
-wanderte und wanderte durch das Heer von Seelen hindurch und kam auf eine
-Heide. Hier ließ es sich gut ausschreiten.
-
-Aber plötzlich warf ihn eine Stimme zu Boden.
-
-»Mit Versprechungen hast du die Menschen getröstet und von Hoffnungen hast
-du gelebt!« sprach die Stimme, die furchtbar klang.
-
-»Ich wollte beginnen! Vergib mir armen kleinen Seele!«
-
-»Wie das Schwirren von Pfeilen und ein Schall von Hörnern hätte deine Rede
-sein sollen, deine Zunge war Stroh! Ich habe Antrieb und Neigung in dich
-gelegt, ich habe über deine Seele Ahnungen geschleudert wie Hagelschauer
-über das Feld, ich habe gefunkelt in dir wie der Mond am schwarzen Himmel
-funkelt, ich stand am Wege als kleine Blume, aber du hast mich nicht
-gesehen! Ich kam zu dir und fand dich schlafend, ich habe meinen Gedanken
-auf dich geworfen wie einen Felsblock, aber du bist nicht aufgewacht. Auf
-deiner Zunge saß ich als süßes Lied, warum hast du nicht gesungen? Zehnmal
-in deinem Leben ging mein großer Verkünder an dir vorüber, du sahst ihn an,
-aber du hast ihn nicht erkannt?«
-
-»Ich habe dich als Feuer entsandt und du bist als Asche wiedergekommen!«
-
-»Sprich, elende Seele, wo sind deine Früchte, wenn ich dich schüttele?
-Sprich, sprich, elende Seele?«
-
-Er begann zu stammeln, verwirrt zu reden. Er stotterte Entschuldigungen. Er
-suchte in seinem Kopfe, nichts fiel ihm ein. Nichts, nichts. »Erbarmen,
-Erbarmen!« schrie er und krümmte sich.
-
-»Sprich, sprich!« sagte die furchtbare Stimme.
-
-Da fiel ihm ein, daß er einst für ein krankes Kind ein Bilderbuch gemacht
-hatte, geschrieben, gemalt, Tag und Nacht hatte er gearbeitet.
-
-Aber die furchtbare Stimme sprach: »Sprich, elende Seele!«
-
-Grau stöhnte. Drei Tage und drei Nächte sprach diese Stimme und drei Tage
-und drei Nächte flehte, bat Grau.
-
-Eisenhut trat ans Bett und fragte, ob er wach sei. Grau sah ihn mit Augen
-an, die nichts sahen.
-
-»Erkennst du mich?« fragte Eisenhut und lächelte, als ob er ihn lächelnd
-eher erkennen sollte.
-
-Aber Grau sprach von einem Gefängnis und einem Gefangenen mit schrecklicher
-Sehnsucht nach seinem einzigen Kinde.
-
-Eisenhut trocknete ihm die Stirne und kühlte sie mit Eis.
-
-Nun war es ihm plötzlich leichter. Diese furchtbare Stimme war nicht mehr
-zu hören, und er ging in der Heide, wo es sich gut ausschreiten ließ. Er
-war fröhlich. Über die Heide kamen zwei Gestalten, sie kamen näher und er
-erkannte Susanna.
-
-Er lief ihr entgegen und stürzte in die Knie: »Verzeihe, verzeihe,
-Susanna!« rief er. »Verzeihe das Zuviel -- ich habe dich ja geliebt -- aber
-verzeihe das Zuviel!«
-
-Susanna hob ihn auf. »Es ist alles gut,« sagte sie leise und lächelte.
-
-Da fiel sein Blick auf die andere Gestalt. Auch sie war eine Frau. Er
-erstaunte und richtete sich auf. Mit dieser Frau war er einst über die
-Heide im Sternschnuppenregen gegangen, nun war sie da.
-
-»Bist du wieder du?« sagte sie und sah ihn an.
-
-Bei ihrem Blicke aber erhellte sich sein Inneres, es war ihm, als ob er
-sein ganzes Leben verstände. »Ach so!« rief er aus und eilte ihr entgegen
-und weinte vor Glück.
-
-In dieser Nacht starb Grau. Er starb als der Tag nahte und Eisenhut, der
-während der Wache eingeschlafen war, wurde durch das klagende Geheul eines
-Hundes geweckt. Er blickte auf Grau, und Grau sah so schön und friedevoll
-aus, daß Eisenhut sofort zu schluchzen begann. Er sah, daß er tot war.
-
-Er fürchtete sich und ging hinaus, um den Hund zu vertreiben. Er warf
-Steine nach ihm, aber dieser gelbe, zottige Hund kümmerte sich nicht um
-Steine, er lief ihnen entgegen und heulte und winselte und gebärdete sich
-ganz unsinnig.
-
-Als Mütterchen erfuhr, daß Grau gestorben war, sagte sie erschrocken: »Aber
-die Schuhe, wo hat er denn Susannas Schuhe?«
-
-»Schwätzen Sie keinen solchen Unsinn!« sagte Eisenhut ärgerlich. »Er wird
-die Schuhe wohl in seinem Koffer haben!«
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel
-
-
-Es regnete, als man Grau begrub. Viele Leute waren gekommen, auch Fremde,
-die man noch nie gesehen hatte. Eine Menge Kränze und Blumen bedeckten
-Graus Sarg und noch Tage, ja Wochen nach seinem Tode trafen Kränze ein. Ein
-Gärtner hatte einen wunderbaren Kranz mitgebracht, man hatte noch nie zuvor
-solch einen Kranz in der Stadt gesehen. Auch Adele war gekommen.
-
-Der Dekan von Weinberg hielt die Rede. Es war ein schöner Mann mit blondem
-Vollbart, der sich selbst stets einen echten Germanen nannte. Er prüfte, ob
-das Brett fest sei, das man wegen des Schmutzes gelegt hatte, und der
-Kirchner mußte die ganze Zeit einen Regenschirm über ihn halten.
-
-Dicht am Grabe standen zwei fremde Offiziere, die Helme in der Hand. Sie
-hatten rötliches Haar und helle Augen und jeder sah, daß sie Graus Brüder
-waren.
-
-Der Dekan sprach, er sprach von dem jugendlichen Eifer Graus, seiner großen
-Nächstenliebe, den himmlischen Herrschern und vielem anderen. Je mehr er
-sprach, desto spöttischer lächelte Eisenhut, schließlich räusperte er sich
-unverschämt und endlich hustete er. Der Dekan mit dem blonden Vollbart warf
-ihm zornige Blicke zu.
-
-Der Dekan hatte geendigt, da trat Eisenhut ans Grab. Er hob die Hand, zum
-Zeichen, daß er sprechen wolle. Dann sprach er.
-
-»Hochverehrte Anwesende --« so sprach Eisenhut -- »dieser Mensch, den wir
-heute begraben -- er ist --«
-
-Er konnte nicht fortfahren. Eisenhut war kein Redner. Die Leute sahen ihn
-erstaunt an und unterdrückten ein Lächeln.
-
-Adele ging hinaus zu Mütterchen. Mütterchen saß allein in der Stube, die
-Hände im Schoß.
-
-»Welche Freude!« sagte sie. »Wenn Susanna wüßte, daß Sie mich besuchen!«
-
-Adele setzte sich in den Sessel.
-
-Sie sagte: »Wer hätte denn denken können, daß er krank war und daß es so
-schnell mit ihm zu Ende gehen könnte.«
-
-Mütterchen seufzte. »Sie war immer ein schwächliches Kind.«
-
-Nach einer Weile sagte Adele: »Hat er viel leiden müssen?«
-
-Mütterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie: »Nein, sie hat einen
-sanften Tod gehabt. Sie wußte gar nicht, daß sie sterben sollte.« Darauf
-nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser singender Stimme: »Susanna?
-Susanna?«
-
-Adele schauerte zusammen; sie ging.
-
-Auf der Brücke stand Eisenhut und wartete. Er zog den Hut, verbeugte sich
-und nahm einen Brief aus der Tasche.
-
-»Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gnädige Frau,« sagte er, »außerdem
-hätte ich es ja nicht gewagt Sie anzusprechen.«
-
-Adele lächelte und gab ihm die Hand. »Sie sind es, Herr Eisenhut! Ich freue
-mich Sie zu sehen. Es war schön von Ihnen, daß Sie heute eine Rede -- --«
-
-Eisenhut sah sie überrascht an. Sie hatte sich sehr verändert, bleich sah
-sie aus und gleichsam um viele Jahre älter, auch ihre Stimme klang ganz
-anders. Sie begann laut zu sprechen, aber ihre Stimme sank rasch zu einem
-Flüstern herab, so daß man die letzten Worte nicht mehr verstehen konnte.
-
-Sie nahm den Brief an sich.
-
-»Er ist ja offen?« sagte sie.
-
-»Ja,« entgegnete Eisenhut, »so hat er ihn mir gegeben.«
-
-»Ah! Er tat es absichtlich. Aber sehen Sie doch, in dem Brief ist ja noch
-ein Brief? An meinen Bruder, ein solch dicker Brief! Was mag er doch mit
-meinem Bruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzählte mir, daß er sie
-einmal vor ihm warnte. Aber -- nun gehen Sie mit mir und erzählen Sie mir
-von ihm. Sie sind ja um ihn gewesen, Sie waren ja sein Freund!«
-
-Eisenhut erzählte was er wußte.
-
-»Er hat auch einigemal Ihren Namen genannt, gnädige Frau.«
-
-Adele lächelte und errötete flüchtig. »Wie hat er mich genannt?« fragte
-sie.
-
-»Er nannte Ihren Vornamen, gnädige Frau.«
-
-Adele schwieg lange. Dann sagte sie: »Wer hätte denn denken können, daß es
-so kommen könnte!«
-
-»Der Arzt sagt, Grau hätte die Krankheit von Susanna bekommen,« sagte
-Eisenhut.
-
-Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab Eisenhut die Hand.
-»Vielleicht sehen wir uns einmal irgendwo,« sagte sie, »da Sie nun doch auf
-Reisen gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie einst kränkte,
-ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe, es wird Ihnen gut ergehen, ein
-wenig besser vielleicht als mir. Leben Sie wohl!« Sie hielt inne, dann
-fügte sie leise hinzu: »Er war ein solch guter Mensch!«
-
-Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum Kusse und Eisenhut küßte
-ehrfürchtig ihre weiße Hand. Dann ging sie langsam hinein in den Park und
-es dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie langsam
-emporstieg.
-
-Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern nach dem Süden ab.
---
-
-Das aber ist der Brief, den Grau an Adele geschrieben hatte:
-
-»Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das Einzige, was Du besitzt,
-unerforscht ist das Leben, unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder
-und wieder werden wir einander begegnen in den Reichen.«
-
-Ende
-
-
-
-
-Werke von Bernhard Kellermann
-
-
-Yester und Li
-
-(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25
-Mark.
-
-Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt -- einer
-zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden,
-wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein
-Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen,
-wundervollen Weibe empfinden kann. -- Henri Ginstermann heißt er. Und sie
-heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für
-Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen
-Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind
--- ein triviales Bild zu gebrauchen -- wie äußerst verfeinerte
-phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in
-ihnen haften, läßt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und
-rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine
-innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist
-hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie
-ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer
-Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um
-unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam
-geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und
-Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Seine Liebe ist ihm das
-Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Kräfte werden davon
-aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser
-Frau. Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren
-Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen,
-himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine
-innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester
-und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund
-japanischer Kultur.) Henri verfällt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem
-Wahnsinn nahe. Er verschmäht die Liebe anderer Frauen. Alles um
-ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden
-Verzicht. Wunderbar greifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm -- fast
-wortlos -- ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die
-Unmöglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß reist
-sie ab. Und die »Geschichte einer Sehnsucht« schließt mit dem
-schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, über
-die der Zug die Geliebte entführt.
-
-(Königsberger Allgemeine Zeitung)
-
-Ingeborg
-
-Roman. 18. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.
-
-Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch -- Ingeborg --, diesen zweiten
-Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und
-der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein närrisches Buch,
-aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen,
-unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung,
-und das Blut macht es unruhig, es fiebert von Liebe. In einigen
-Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen;
-mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn
-allein daran schuld war . . . Mit einer kindlich zarten und zugleich
-unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen
-gesprochen. Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem
-möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen
-kann.
-
-(Die Zeit, Wien)
-
-Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es schlägt Töne an,
-die man schwer vergißt . . . Selten ist etwas Glühenderes und Sanfteres
-geschrieben worden als die Schilderung dieser Liebe.
-
-(Der Tag, Berlin)
-
-Maßlos schön muß ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen daran
-genossen, so schön und schwer ist es an blühenden Wundern und quellenden
-Tränen. So schwer ist es an tiefem Leben, daß man Stufe um Stufe
-mitschreiten und Tropfen um Tropfen mitkosten muß, so voll ist es von Liebe
-und Blut aus einem großen, großen Herzen.
-
-(Münchener Zeitung)
-
-Das Meer
-
-Roman. Zehnte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.
-
-Ein kulturmüder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer bretonischen
-Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwüchsigen Dasein dieser
-einsamen Welt. Trinkt, flucht, liebt und haßt wie die Bewohner der Insel,
-die gleich abgeschlossen ist von den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden
-der Welt da draußen. Alle Leidenschaften pulsen in jagendem Tempo, alle
-Gedanken schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Haß,
-Freundschaft, Verrat -- es ist eine Urzeit, in der sich der Trieb in sich
-verwickelt, noch ungeteilt in das Zweigeschlechtliche, das Gute und Böse.
-Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus der furchtbaren
-Unendlichkeit des Meeres hebt. Man soll vorsichtig sein -- aber doch, hier
-darf man es aussprechen: Es ist ein Meister, der dies Buch geschrieben hat.
-Manchem wird die wilde Schönheit unverständlich bleiben, manchem wird auch
-die feinste Sprachkunst nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur
-das Meer ist -- und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich aber in
-dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit wohl
-erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen, daß auch einem
-Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten Reiche der Natur gelungen
-ist, der bisher Männern wie Kipling oder Loti vorbehalten schien. Nur daß
-Kellermanns Empfindung, wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine
-Sehnsucht tiefer ist.
-
-(B. Z. am Mittag, Berlin)
-
-Man braucht nach »Ingeborg« niemandem zu sagen, welcher Meister der
-Dichtkunst dieses Buch geschrieben hat. Nur wird man hervorheben dürfen,
-daß in den Tiefen dieses Werkes unterhalb seines großen künstlerischen
-Ernstes ein kostbares Lebenselement geschäftig ist und manchen wirbelnden
-Strahl zur Oberfläche schickt: der Humor, der leibhaftige Humor!
-
-(Anhaltischer Staatsanzeiger, Dessau)
-
-Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOR ***
-
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-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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