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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 09:32:01 -0800 |
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Fischer, Verlag, Berlin. - - - - -Erster Teil - - - - - -Erstes Kapitel - - -Jener junge Mann, um den es sich hier handelt, ein schlichter junger Mann, -wie es deren Tausende gibt, traf gerade zu einer Zeit in der kleinen -fränkischen Stadt ein, als sich alle Welt in der größten Aufregung befand. - -Ein Dienstmädchen nämlich, eine brave und beliebte Person, die jeder -hundertmal mit ihren roten Backen und dem Mund voll weißer Zähne gesehen -hatte, nahm sich das Leben. Sie war nicht zur Stelle, als man sie rief; man -wartete, suchte und fand sie erhängt auf dem Speicher. Aber das war nicht -alles. Dieses Dienstmädchen mit den roten Backen und weißen Zähnen, diese -ordentliche, unschuldig aussehende Person hatte zuvor ein Kind geboren und -es in ihrer Kammer versteckt. Sie hatte das Kind in ein Körbchen gebettet -und in die Ecke hinter einen Schrank gelegt. Ein Gesangbuch lag dabei, ein -goldenes Kreuzchen, ein silberner Ring mit einem winzigen blauen Stein. Das -Kind war in ein weißes seidenes Tuch gehüllt. In die Wand, oberhalb des -Körbchens, hatte sie eine Unmenge von Kreuzen geritzt, einen ganzen -Friedhof. Plötzlich nun schrie das Kind jämmerlich in der Kammer der Magd. -Ja, da schreit ja ein Kind, sagten die Leute, in ihrer Kammer! Und die Frau -des Hauses, Frau Häberlein, die Gattin des Bezirksamtmannes, fand das Kind -in der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehüllt, das die Frau des -Hauses dem Dienstmädchen einige Wochen vorher zu Weihnachten geschenkt -hatte. Ein fast neues, feines Tuch. - -Die Stadt geriet mehr und mehr in Aufregung. Man riß die Fenster auf und -rief: Was ist denn wieder? Ein Kind, sie haben ein Kind in ihrer Kammer -gefunden! Zwei barmherzige Schwestern schwebten über den Marktplatz und -verschwanden im Hause des Bezirksamtmannes. Sie trugen das Kind in das -Waisenhaus. - -Aber damit war es noch nicht zu Ende. Plötzlich hörte man ein Geschrei auf -der Straße, ein schreckliches Geschrei, und man sah eine verschrumpfte, -alte Frau, ein winziges Etwas von einer alten Frau, in großen Filzsocken -durch die Straßen rennen. Sie lief in das Haus des Bezirksamtmannes, -erschien wieder schreiend, lief zum Westtor und zurück zum Osttor, hin und -her, und immer tauchte sie wieder auf und ihr Geschrei und entsetzliches -Weinen schien überall zu sein und plötzlich dicht unter den Fenstern aus -dem Erdboden zu dringen. Die Leute öffneten die Fenster: Beruhigen Sie sich -doch! sagten sie. Sie sagten es mit eindringlicher, tiefer Stimme; sie -sagten es weich und tröstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hörte -nichts. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rannte Straße auf, -Straße ab und schrie, schrie. - -Vor dem Westtor gab es eine Szene. Hier kam ein Fleischergeselle auf einem -Karren angefahren, in dem ein Rudel kleiner Schweine saß. Arbeiter, -Handwerker stellten den Wagen und fielen mit den Fäusten über den Gesellen -her. Der Bursche wehrte sich so gut er konnte und brüllte, daß man es bis -in die Stadt hinein hörte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen -durch das Gitter und quiekten. Zwei Stadtsoldaten nahmen den -Fleischergesellen in Schutz, man hätte ihn sonst erschlagen. Ich bin nicht -schuld! schrie er. Sie führten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem -Wege dorthin begegneten sie der alten, kleinen Frau, die in ihren -Filzsocken hin und her rannte. Das ist er! riefen die Leute und deuteten -auf den Burschen. Aber die schreiende Frau sah und hörte nichts, sie schrie -und rannte weiter. - -Man sprach den ganzen Abend und den folgenden Tag von nichts anderm als dem -Dienstmädchen und dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab -förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte, verteidigte, -mutmaßte, und in dem Abendzug, der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre -es beinahe zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein Lehrer, ein -entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter Mann mit einem schwarzen, -wilden Kopf, der den Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre -nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und nichts als dieses -Dienstmädchen, eine solch alberne, beschränkte Person -- - -Kurz und gut, damit begann es. - -»Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person, die sich wegen eines -Kindes und eines untreuen Geliebten aufhängt,« schrie er. »Genug und -abermals genug --« Aber da erhob sich ein solcher Tumult in dem überfüllten -Coupé, daß man nicht verstand, was er sonst noch sagte, trotzdem er mit -einer ungeheueren tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine Bäuerin -in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen war, stand plötzlich auf -und stieß eine Menge Schimpfwörter heraus, einen ganzen Strahl von -Schimpfwörtern, allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts als -Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden Blechkranz in der Hand -und machte Miene auf den Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz -und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der Mitte des Abteils saß ein -jüdischer Viehhändler, ein dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den -Händen und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen auf- und abtanzte -und mit den Händen seine kurzen, fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte, -daß ihm das Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen gurgelnden -Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während er hin- und herschaukelte -und die Leute zu beiden Seiten zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich -eine Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand, drehte den Kopf hin -und her in einer bauschigen Boa aus schillernden Hahnenfedern und lächelte -mit tief herabgezogenen Mundwinkeln. »Pfui!« rief sie, »Pfui! Welch -entsetzliche Roheit. Pfui!« - -Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte. »Sie vergeben, meine Dame!« -wandte er sich mit einer Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in -der bauschigen Federboa hin und her drehte. »Aber ich denke, wenn dieses -Dienstmädchen, diese Margarete Sammet oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und -Überlegung, mit Stolz --« - -Aber man unterbrach ihn. »Ruhe! Ruhe!« - -»Die Herrschaften müssen doch einräumen --« - -Man räume nichts ein, gar nichts räume man ein! Alle schrien und der Lehrer -lachte und zuckte die Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und -ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen brüllenden -Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang. - -In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich wurden alle still. -Aber sobald sich die Laterne in der Nacht draußen schwang und die Maschine -heulte, begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich -mühsam durch das Getöse. - -»Davon war ja gar nicht die Rede!« sagte ein Mann mit aufgeblähtem Hals, -ein Schuhmachermeister, und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete, -sie fielen heraus. »Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der -Beerdigung.« - -»Ich würde sie auch nicht beerdigen!« sagte der Lehrer mit ruhigem Baß und -der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor. - -»Schweigen! Schweigen!« - -Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu schreien, wurde aber im -gleichen Moment vom Sitze geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und -alle auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder schwarzer Korb -rollte aus dem Netz und fiel dem Händler auf den Rücken. Die Bremsen waren -plötzlich angezogen worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt -gehabt. - -Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit draußen rief: »Ja, weshalb -schlafen Sie denn, wenn Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel -- -marsch!« Die Coupétüre sprang auf und ein junger Mann wurde -hereingeschoben. Hut und Mantel des jungen Mannes waren beschneit und mit -Eiskörnern bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der Kälte -aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich, beugte sich zum Fenster -hinaus und rief: »Vielen Dank, mein Herr!« Der Zug fuhr wieder. Alle sahen -auf den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung und Kälte gerötet -waren. Er kniff die Augen zusammen, blickte durch die Wimpern, die -auffallend lang und dicht waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam -mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien, Packen und Säcken -hindurch. - -»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er leise, ohne die Lippen zu öffnen, -»vielleicht erlauben Sie mir --« - -Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein gestickter Reisesack. Auf -einem abgewetzten roten Grund war eine Henne gestickt, die auf farbigen -Eiern brütete. Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als Auge -eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm und schwarzen Auge sah sie -herausfordernd und zornig aus. Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche -Reise. Der Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und alle -begannen plötzlich über die herausfordernd und zornig dasitzende Henne zu -lachen. Nur der Lehrer blieb ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden -an. - -Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der Ecke, er machte sich so -dünn als möglich, nahm den Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den -Mantel eng zu und schloß sofort die Augen. - -Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals betrachtete mit einem -raschen Blick die vom Schnee rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann -ließ er wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern gleiten und -schrie: - -»Ist das nicht -- meine Herren -- hören Sie! Ist das nicht empörend! Der -Dekan will sie nicht beerdigen. Nein, er will sie nicht beerdigen!« -wiederholte er und rollte die Augen. - -Der Lehrer lachte belustigt. - -»Schweigen Sie!« schrie der Schuhmachermeister empört und deutete auf den -Lehrer. »Ja, Sie, Sie sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er -beerdigt sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren, kein -Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.« Tränen traten in seine großen -Augen. Er zog die Dose heraus und schnupfte. »Keine geweihte Erde!« fügte -er hinzu. Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. »Oh du lieber guter -Himmelsvater --« - -»Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,« -sagte der jüdische Händler, »so scheint es mir -- die Kirchengesetze -- -eben --« - -Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig zu verändern. Er -schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den -stierenden großen Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten -chinesischen Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Händler vernichten, -aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem -Händler und reichte ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die -Dose. »Mein Freund!« zischelte er. »Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte -Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein -verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen ---« - -»Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,« unterbrach ihn der Händler, die -Prise Tabak auf dem Daumen. - -»Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen, -die Mutter, hören Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie -verrückt herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief also ins -Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß unser Pfarrer gestorben ist. -Sie klopft also, trommelt an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja -gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen -doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der -Beerdigung. Aber die Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte, -pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz verrückt, sagten sie, wie -kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der -neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach -Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also -nach Weinberg -- sie lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt, -verzweifelt -- sie lief und lief -- sie stellte sich vor das Haus des -Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan -- Gesundheit, Sie -beniesen es -- meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie in -Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren -- -lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden -damit -- diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Füßen, jammert, schreit. -Aber alles ist umsonst, für die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt -der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der Lebenswandel -Ihrer Tochter -- ich kann nicht -- ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter --- es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein -beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des -Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie sich -- des -Allmächtigen Wege sind unerforschlich --« - -»Da sehen Sie eben die Vorschriften!« sagte der Händler und nieste -dröhnend, indem er Mund und Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und -das Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte. - -»Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten, -es sind gute Menschen -- aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht -lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes -Mutterherz, keine Einsegnung.« - -Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben -Schnurrbart und großer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. »Sie hat -ihn zurückgewiesen, den Kaffee«, sagte er. »Die Frau Dekan hat es mir -selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es ist unmöglich«, sagte sie. - -Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte: - -»Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche muß einen -Unterschied machen zwischen einem Selbstmörder und einem anständigen -Menschen --« Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören -- »zwischen einem -Mädchen, das außerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer -barmherzigen Schwester --« - -Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals fiel ihm ins Wort. »Hören Sie -auf!« zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer -unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. »Was verstehen Sie? Ich -sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den -Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? -- Sie -kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Häuser -und bittet die Leute zu bezahlen -- die Kosten zu bezahlen -- ein jeder ein -wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurückbezahlen --« - -Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber gekleideten Mannes, der -sich bisher mit keinem Worte an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: »Der -Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!« Die Stimme sprach so -bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Würde, -daß alle auf ihn hören mußten. »Weshalb also ereifern Sie sich so, meine -Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen -lassen, die sich ihrer würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch -unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den Sünden noch jene des -Selbstmordes fügte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwürdig -- -unwürdig, voll und ganz --« - -Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den -Brillengläsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr -hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der -Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet: - -»Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem -katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der -geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan -nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun!« Er schlug die Hände zusammen -und ließ die Augen fragend von einem zum andern wandern. - -Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung erholt und nahm das -Wort wieder auf. »Ich selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,« -sagte er, »ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein -- Messerschmied -Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat -- ich wünsche nicht, daß -meine Angehörigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person -- -nun, ich habe nicht zu richten -- aber es ist in Ordnung, was der Herr hier -sagt: Es muß ein Unterschied herrschen! Wer unwürdig ist, ist unwürdig.« - -O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern. - -»Hier!« schrie der Schuhmachermeister, »hier sitzt sie! Hier sitzt eine -Tante von ihr! Sie muß so etwas mit anhören!« - -Der Händler sagte: »Ein Unterschied muß herrschen, das ist klar!« - -Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: »Was verstehen denn -Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie?« Das rief ein lautes -Gelächter hervor. »Nein!« fuhr der Schuhmachermeister fort und dämpfte die -Stimme. »Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr -Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals!« Er -flüsterte. - -Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. »Ich äußerte nur meine bescheidene -Meinung!« sagte er und ein böser Glanz kam in seine Augen. »Ich gebe dem -Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, daß man eine -Behörde öffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine -Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!« - -»Ja, Gott helfe ihm, Amen!« sagte lachend der Lehrer. »Gott helfe dem Herrn -Messerschmied Ulrich, eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn -selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten für die gute Sache und -sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die -Wahrheit ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf Schloß Bruck -ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen -Himmelsgegenden, nach der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan -beileibe nicht fehlen kann. Das ist -- hol' mich der Teufel! -- der Grund, -weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich -und Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und dort sein, das -versteht sich von selbst.« - -Der dicke Händler ließ wiederum den hohen gurrenden Laut hören, ähnlich -einer Turteltaube, und sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes -Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit durchs ganze Coupé -flatterte und einen Staubregen von Schnupftabak, Brotkrumen und andern -Dingen ausstreute; dahinter verbarg er sich. - -Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue Vikar sei ja angekommen --- he! -- hier, Kaiser habe es erzählt! - -»Ja, ich habe ihn gesehen!« sagte der Adjunkt und wischte sich etwas -unsicher den langen messinggelben Schnurrbart. »Auf Ehre! Er sieht wie ein -Offizier in Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen hat mir -die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar ist. Aber ich bitte Sie, -meine Herrn -- das ändert an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein -Vorgesetzter und er hat zu gehorchen, fertig!« - -»Also, trotzdem ein Verweser da ist, trotz alledem, das ist ja -- das ist -ja --« sagte ratlos der Schuhmachermeister. - -Der Lehrer lachte. »Alterieren Sie sich nicht, mein Freund!« sagte er. »Ich -gebe Ihnen die Versicherung, daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig -ist, ob man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen wird wie einen -eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder nicht.« - -»Wie? Wie?« - -»Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und gesetzt den Fall, daß es -einen Himmel gibt -- was ich für meine Person nicht glaube -- so ist es -einerlei, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie -kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg einen Empfehlungsbrief -mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb sage ich, ich würde sie auch nicht -kirchlich beerdigen -- ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich -- ebenfalls -nicht, nein!« - -»Wie? Wie?« - -»Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut einerlei. Ich für meine -Person verzichte freiwillig auf jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen -Pfarrern, Vikaren und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich -will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!« - -»Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch --« - -Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen auf, und der Kopf -der Dame tauchte wieder hinter der Scheidewand empor und drehte sich empört -hin und her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und her und der -Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert da und starrte mit großen, -leeren Augen auf den Lehrer. - -Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter. - -Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung. - - - - -Zweites Kapitel - - -Der Messerschmied Ulrich nämlich stand auf. Er stand auf und trat auf den -Lehrer zu. Sein Kinn und sein grauer Bart, der lang und schmal war und -Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu zittern, noch ehe er zu -sprechen begann. - -»Herr!« sagte er dann. »Herr!« sagte er dann. »Herr! Ich sage, Sie haben -- -Herr! -- Sie gehörten früher einem Stande an, einem gebildeten Stande -- -ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Nein! Sie haben sich -- -erfrecht -- jawohl, erfrecht, die mir teuern Toten auf dem Gottesacker zu -bespei -- bespeien, jawohl! -- Aber nicht genug damit -- Sie haben sich -erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhöhnen. Das ist mir zuviel!« -Der Lehrer lächelte gutmütig, und der Messerschmied schöpfte tief Atem, -wurde blaß und wiederholte einigemal keuchend: »Das ist mir zuviel!« Und -sein Bart zitterte. - -Der Lehrer winkte nachlässig mit der Hand und sagte mit ruhigem Lächeln und -gutmütigen Augen hinter den Brillengläsern: »Beruhigen Sie sich doch, -Verehrtester! Sie können sich in Ihrer Gesundheit schädigen.« - -Jedoch der Messerschmied Ulrich gehörte dem Stadtrat an und war überhaupt -ein Mann, der keinen Spaß verstand. - -»Wie?« schrie er pfeifend. »Wissen Sie auch, mit wem -- mit wem -- Sie -sprechen? Und erinnern Sie sich vielleicht, was Sie, wer Sie eigentlich -sind?« - -Der Lehrer lächelte und sein gleichsam von einem braunen Firnis überzogenes -Gesicht nahm einen gütigen, väterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von -verschiedener Größe, das größere betrachtete erstaunt den Messerschmied, -das kleinere lachte ihn lustig an. - -»Fragen Sie mich, junger Mann?« sagte er endlich. - -»Junger --!« - -»Ich sage vergleichsweise: junger Mann,« fuhr der Lehrer fort, »denn Sie -sind ja mir gegenüber noch sehr jung, eine Art Säugling, möchte ich sagen, -ja, noch ungeboren -- in der Tat! Ich meine, ob Sie mich fragen?« - -»Ob ich Sie frage?« antwortete der Messerschmied und seine Stimme zitterte, -als ob ihn jemand unausgesetzt auf den Rücken klopfe. »Ja, gewiß, ich frage -Sie! Ich möchte das zu gerne wissen!« - -Der Lehrer kämmte mit der Hand den langen, knisternden, schwarzen Bart und -schüttelte den Kopf. »Wenn Sie mich nun fragen -- und Sie fragen mich doch, -nicht wahr? -- so kann ich Ihnen wohl antworten, aber es tut mir leid für -Sie, denn ich sage keine Schmeichelei: Sie sind eine Art Scherenschleifer -und ich bin ein Edelmann!« - -Es wurde ganz still und man hörte die Räder auf den Schienen stampfen. Der -jüdische Händler gluckste leise. - -Der Messerschmied tat zuerst gar nichts. Es schien, als ob er nichts gehört -habe. Dann schüttelte er die Schultern, als sei ihm der Rock unbequem, er -schnitt eine Grimasse, zischelte und plötzlich verbeugte er sich tief vor -dem Lehrer. Er lachte meckernd und sagte mit wütender, zitternder Stimme: - -»Gut! Sie mögen im Recht sein, Herr Edelmann -- mein Herr Edelmann. Sie -mögen zehnmal im Recht sein -- aber, wenn Sie ein Edelmann sind -- was hier -von all diesen Herren niemand bezweifelt -- ach, nein, nein, niemand -bezweifelt es -- ach, du gütiger Himmel, nein, nein! -- so werden Sie -gefälligst, Herr Edelmann, zuvor Ihre Schulden bezahlen. Nicht wahr, Sie -werden zuvor Ihre Schulden bezahlen, mein Herr Edelmann. Sie erinnern sich -vielleicht, daß Sie mir seit sechs Jahren -- seit sechs Jahren! -- neun -Mark und fünfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich weiß nicht, wo Ihr -Schloß liegt oder Ihr Besitztum -- also, bitte sehr, bitte!« - -Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und musterte mit übertrieben -spöttischer Miene den Lehrer vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne -Kragen, ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen. Wie sein Gesicht, -so war seine ganze Kleidung verwettert und verwildert, seine Schuhe -klafften und man sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen -zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht. - -Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende Hand des -Messerschmieds und schüttelte den haarigen Kopf. »Ist das Ihr Ernst?« -fragte er voller Bedauern, im tiefsten Baß. - -»Ja -- hähä -- das ist mein Ernst!« - -»Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine Hände liefern, mein Herr!« -sagte der Lehrer. »Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken, -Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in -Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl, -Kraft, Genialität -- Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehört haben, -nicht mehr als ein Hering vom süßen Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle -nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist, Humor.« - -»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied und schüttelte die Hand. - -»-- eine Münze, die für Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe -Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in -der Welt, Edelleute, Fürsten -- ich bringe Glück und frohen Sinn in jedes -Haus -- man empfängt mich mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den -Augen -- ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare -auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wünschen -- wollen -Sie eine Probe? -- Nun, wollen Sie eine Probe -- he! Und nun Sie, ein -geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine -krankhaft zur Menschenähnlichkeit aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst, -der dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist --« - -»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied unaufhörlich und schüttelte die -ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte, -weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung -zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhändlers hörte man die -aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus. - -Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelächters, mit -seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nußbraunen Gesicht, seinen -kindlichen gütigen Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit -einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört hatte. - -»Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung!« sagte er endlich. »Ich -habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge -Ratte bin ich -- ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde -ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare -Versteinerung, teuerste Essenz der bürgerlichen Gesellschaft, -Aushängeschild der Krämergilde, Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle. -Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen können, -wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich -es nehme?« - -»Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!« - -»Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig Pfennig, wenn ich richtig -hörte, nicht wahr? Schön. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche --- aber sofort.« Er wandte sich an die Anwesenden. »Wer ist so freundlich, -mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig zu schenken -- zu schenken?« fragte er -und verneigte sich. - -Gelächter. »Bitte, bitte!« wiederholte der Messerschmied, der sich dem -Siege nahe wußte. - -»Seine Münze ist außer Kurs!« sagte der Viehhändler. »Hat er nicht selbst -gesagt, daß er niemals bezahlt?« - -»Schenken, schenken -- meine Herrn?« - -»Bitte, bitte!« triumphierte der Messerschmied. »Sie großes Maul von einem -Edelmann -- Sie Vagabond von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen -Sie, haha -- so etwas von -- haha.« - -»Geduld!« sagte der Lehrer. »Sofort werde ich Sie befriedigen, verehrter -Herr!« Er musterte spöttisch die Gesellschaft und zog mit der Hand den -schwarzen Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein kamen. Sie -sahen aus, als pfeife er. Er rief über die Scheidewand ins Nebenabteil -hinüber -- »neun Mark und fünfzig -- schenken!« Aber man lachte und sagte -ihm Schmeicheleien. - -»-- so etwas von einem großen Maul von einem Edelmann -- haha!« - -Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er zuckte bedauernd die -Schultern und sagte: »Aus Kieselsteinen läßt sich kein Likör abziehen, ich -hätte das wissen sollen. -- Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort -bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein Loch, eine Einbildung, -ein eingesessener Bürger.« Damit wandte er sich an den jungen Mann, der in -der Ecke schlief. - -Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die Lippen halb geöffnet, den -Hut auf den Knien, genau so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte. -Er hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne, die weit über die -Augen vorsprang, sein Gesicht war fein, mager und lang, ohne Bart und von -jener weißlichen Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen findet. Sein -Mund war knabenhaft und rot. - -Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen Arm mit der Fingerspitze. - -Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune, sanfte Augen; nun sah sein -Gesicht auffallend schön und strahlend aus. - -Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine Bitte: »neun Mark und -fünfzig Pfennig, sofort. Wenn es dem Herrn möglich sein sollte.« - -Gelächter. - -Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte, nur den Lehrer nicht. -Der Fremde lächelte, richtete sich ein wenig auf und griff in die Tasche -und klimperte mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff nach -dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte mit der langen Hand -hinein und zog ein Taschentuch mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete -er und es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin Diesem Papier -entnahm er ein kleines Goldstück und gab es dem Lehrer. - -»Danke!« sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er wandte sich an den -Messerschmied. »Sie sehen, daß es noch immer Edelleute auf der Welt gibt. -Bitte, Herr Messerschmied Ulrich!« - -Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen und begannen erst zu lachen, -als der Messerschmied, der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte, -das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab. Diese fünfzig -Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden, der sofort wieder die Augen -schloß und sich in die Ecke zurücklegte. - -In der letzten Station -- Stadt Weinberg -- stieg ein Herr mit glänzendem -Zylinder und schwarzem gewichsten Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte -und rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann wandte sich der -Viehhändler an den Herrn mit dem glänzenden Seidenhut. - -»Verzeihen Sie mir die Kühnheit;« sagte er mit schmeichlerischer Stimme. -»Können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen, -diese Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?« - -Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in Falten und sagte kühl: »Nein --- soviel mir bekannt ist -- hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand -genommen.« - -Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin, um weitere Fragen -abzuschneiden. - -Der Händler verneigte sich. »Danke!« Und er flüsterte den andern zu: »Nein, -nein.« - -Der Schuhmachermeister nickte resigniert mit dem Kopfe und bot allen eine -Prise an. - -Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief er ein und regte -sich nicht mehr. Als man hinaus sah, fand es sich, daß man weit draußen vor -der Station stehen geblieben war. Man war angekommen. Der erste, der -ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle ließen ihm den Vortritt. Zuletzt -stieg der Fremde mit dem gestickten Reisesack aus. - -Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten in der kleinen -Station, die ganz im Schnee versank. - - - - -Drittes Kapitel - - -Der Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den großen Filzhut gestiegen, -den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich. - -»Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht verschwinden würde, ohne -Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben!« sagte er und half dem -Fremden beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten, dem linken -Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berühren. »Erlauben -Sie Ihre Tasche -- bitte -- nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.« - -Der Fremde lächelte fein und gütig. »Danke, ganz und gar unnötig,« sagte -er. Er hatte schöne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und -leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde -sprach leise, als ob er sehr müde wäre. Er lächelte und sah den Lehrer an, -wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine -Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn genau ansehen zu können; dann -stürzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strömte über von -Freundlichkeit und Diensteifer. - -»Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!« - -»Bitte, oh, ich kann ja selbst --« sagte der junge Mann und zog mit einer -geradezu lächerlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich -leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die über -den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Höhe, nach rechts, nach -links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren. - -Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich -die Tasche. »Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr!« sagte er. -»Welche Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte, bei allen -Teufeln! -- Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen,« fuhr er fort, -indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen -Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. »Das war eine echte Edelmannstat!« -Seine kindlichen Augen leuchteten. - -Der Fremde sah umher. »Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert,« sagte -er. - -Der Lehrer lachte. »Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz -Selbstverständliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt -jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei -es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen! -Wenn Sie nun nicht dagewesen wären -- nehmen wir an -- oder keine zehn Mark -gehabt hätten? -- Hol' mich der Teufel, wie wäre ich vor diesen -Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen -Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern -- zum -Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen, -buchstäblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich! -Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie ich und breitete die -Arme aus -- heran mit diesem Floh von einem Hund! -- Was glauben Sie, was -passierte? Es war eine Ulmer Dogge --« - -»Nun?« fragte der junge Mann lächelnd. - -»Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie einen Pfahl rannte er mich -um -- aber, bin ich gegangen? -- Nein -- werde doch vor keinem Hunde -ausreißen -- hahaha!« - -Auch der Fremde lachte. - -»Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und -Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die -Höhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen -sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein -Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus -- sehen Sie hier -- -sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den ich immer stolz war, -brach ich mir ab -- aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen -Augenblick!« Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit -auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von -einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise überschritt. Der Diener war -mit Schachteln und Paketen beladen. »Guten Abend, gnädiges Fräulein!« sagte -der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde. - -Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung. - -Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den Fremden. »Sie ist sehr -stolz? Haben Sie es bemerkt?« sagte er mit gedämpftem Baß. »Sie dankte mir -nicht, aber ich grüße sie -- erstens ist sie sehr schön und zweitens ist -sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! -- Deshalb grüße ich sie und -deshalb werde ich sie immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht -danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulächelt, den küsse -ich auch schon, sehen Sie,« fügte er mit einem leisen zutraulichen Lächeln -hinzu. »Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem -Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in die Stadt, mein Herr?« - -Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar -nachblickte, sagte: »Ja, man könnte es so nennen.« Und er nickte. Die Dame -verschwand. - -Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden. »Verzeihung!« Er lachte und -sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden -Gange wieder, den sie durchschritten. »Es war mehr eine Verlegenheitsfrage -als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie -nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von -bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne Gebärde, ohne Ziel und -Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben. Eine Grube voller Ausschuß, Scherben -von Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die geistige -Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger jeden Gedanken in Grund -und Boden hineinlächeln. Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie -auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum von Bürgerlichkeit und -Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer -machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner -dreitausend Sprichwörter über den Bürger.« Der Lehrer lachte zufrieden; -dann fuhr er fort: »Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie -ein Schwein -- aber, ich bitte Sie, welch prächtiges kluges Geschöpf ist -ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und -verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele. -Der Bürgermeister allein -- von einer Essenz aus ihm gewonnen, würde ein -einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch -eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!« - -Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so daß -sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je -länger er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte -die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her -und drehte sich auf dem Absatze. - -Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer großen Hutschachtel ähnlich, -die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das -fette, zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge so gut -amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht -füllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles -Bündel und dieses Bündel rief: »Weißer Elefant?« - -»Nein, danke!« antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu -zittern begann. »Ist es denn weit zur Stadt?« - -»Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? Hü!« - -Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Händlers -erlosch in der Nacht wie ein kleines Fünkchen. - -Der Lehrer lachte herzlich. »Sie können sich doch denken, verehrter Herr,« -rief er aus, »daß der Bahnhof weit außerhalb der Stadt liegt! Man -befürchtete, die Häuser würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in -aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in -einer Woche, nein, morgen schon sagen können, ob ich ein Talent zu -Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also --« - -»Verzeihung!« unterbrach der Fremde den geschwätzigen Lehrer. »Darf ich mir -eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht -wahr?« - -»Ja.« - -»So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich das Leben genommen?« - -»Ja -- ja -- richtig!« Der Lehrer blickte den jungen Mann prüfend von der -Seite her an. »Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er, ohne seine -Überraschung verbergen zu können. - -»Nein!« Der Fremde lächelte fein. »Ich habe nicht geschlafen, ich habe -jedes Wort gehört.« - -»Ah!« Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das -kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick. - -»Aber Sie haben sich schlafend gestellt?« sagte der Lehrer langsam, -gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: »Ja, ich habe dies und jenes -gehört. Interessiert Sie der Fall?« - -Der junge Mann nickte. »Ich habe das allergrößte Interesse!« sagte er. - -Der Lehrer erzählte. »Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!« -schloß er. »Nicht wahr?« Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen -Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart -strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei. - -Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. »Sie kennen -vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?« - -Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte -nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. »Diese kleine, -alte Frau?« sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an, -die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu -unterdrücken versuchte. »Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum -in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein -armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im -Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.« - -»Danke!« sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen -Bewegung die Hand entgegen. »Danke Ihnen aufrichtig!« Die Herzlichkeit in -seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein -Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide -Hände hin. - -»Verehrter!« rief er aus. »Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen -auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht -ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß -ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres -Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein -entlassener Volksschullehrer -- sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie -das abhalten könnte mein Haus zu betreten.« Und als der Fremde mit -herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte -er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: »Ah, -herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert -darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! -- Mütterchen, so -heißt sie in der ganzen Stadt -- haha -- Sie werden sie kennen lernen, so -klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich -vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den -Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch -- wie klein und -leicht -- wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen -- meine -Tochter -- ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist -- eine -Art Heldin -- nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu -ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da -gewesen -- aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar -den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles -zu Fuß --« - -»Sie arbeiten also auswärts?« fragte der Fremde. - -»Wie?« - -»Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?« - -Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab. -»Ah!« rief er, »arbeiten?« Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und -seine Augen glühten. »Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein -Wanderer, wandere umher, jahraus -- jahrein -- in Sturm und Wetter, in -Sonne und Tau -- ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der -Sonne« -- hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten -schwärmerisch -- »ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet, -der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund, -haha, was Ihnen doch einfällt!« Er betrachtete den Fremden mit einem -gönnerhaften, väterlichen Blick. »Meine Familie lebt in angenehmen -Verhältnissen -- sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie -werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!« - -»Auf keinen Fall.« - -Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz -für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um -genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann -schüttelte er leicht den Kopf. - -»Sie sind ein eigentümlicher Mensch!« sagte er leise. »Ich habe auch Ihr -Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach -gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr -Diener!« Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und -verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied -vorstelle!« sagte er in tiefstem Baß. »Heinrich Löwenherz, ein fahrender -Gesell!« - -Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits. - -»Richard Grau,« sagte er. - -Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm -mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich -Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm -sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen. - - - - -Viertes Kapitel - - -Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen -brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten -Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber -gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort -schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß -friedlich über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf -einem Blocke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein -Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die -da droben im Giebelzimmer wohnte. - -Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und kämpfte mit einem Zeitungsblatt, -das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der -Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern entlang und ließ es -endlich die Gasse, die zum Flusse führte und Fischergasse hieß, -hinabflattern. - -Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der -Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den -Reisesack in der Hand. - -Er ging langsam auf das Hotel »Zum weißen Elefanten« zu und sah sich das -Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber -Fachwerkbau, der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und -sich im Gegensatz zu all den andern Häusern ringsum zurückbog. Rechts unten -hatte es einen kleinen Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule -stützte. Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten Tor stand der -Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel ähnlich sah. - -Die Aufschrift »Hotel zum weißen Elefant« zog sich über die ganze Breite -des mächtigen Hauses hin und zum Überfluß hing noch ein Schild über dem -breiten Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen und -geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln, ähnlich jenen ausgestopften -Exemplaren, die die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen. - -Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte. - -Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl -besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den -Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst -gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Plötzlich hörte Grau auf zu -suchen. »Aber natürlich!« rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm -einen glücklichen und träumerischen Ausdruck an. - -Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel -herab und eine hastige, sich überstürzende, ärgerliche Stimme fragte: -»Wollen Sie Bier?« Es hörte sich wie Gebell an. - -Grau nahm den Hut ab. »Nein,« sagte er, »ich will ein Zimmer -- ein -einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur für diese Nacht.« - -»Äh!« bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines Gesicht fuhr zum -Fenster heraus. »Sie haben an der Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn -nicht die Fremdenglocke? Können Sie denn nicht lesen?« - -Grau lächelte. »Natürlich kann ich lesen,« sagte er, »entschuldigen Sie -nur, wenn ich an der Gassenschenke geläutet habe --« - -»Jajajaja!« Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und -musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit -den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine -frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein -Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau -gefroren aussah. - -»Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!« - -Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet, -obgleich nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß, -die Wände, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch -geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die -Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen -Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und -etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten -Beamten der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen -liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu -hängen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren, -die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte -eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saßen eine -Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß -sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch -gestützt, das Gesicht in den Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, -die Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt -und rauchte. An seiner weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau -mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als -Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom -Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch -das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und -seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glänzender Atlas über -den Schädel. - -»Hö!« schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die -Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich -die Hände, als wasche er sie. - -»Was befehlen der Herr?« fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre -außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner -Rocktasche zirpte die Spieldose. - -Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. »Sind Sie der Kellner?« fragte er, -indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein -alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel -waren mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas -wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu -sein. - -Die blonde Frau lachte kichernd. »Aber, Herr Baron!« rief sie mit einer -Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und -sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an. - -»Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!« sagte der junge Mann, den die Frau -Baron nannte und lachte. »Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie -mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?« - -Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich. - -»Aha -- deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun -nicht kurzsichtig wären, so wäre -- aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt -Sie, natürlich, haha -- natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von -Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort -soll das Orchester antreten -- sofort --« - -Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die -Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen -Augen war unsicher und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte sich, -diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Füßen auf -Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern -- der -Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. -- Auf der rechten Wange hatte der -junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck -allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem -war es fein und regelmäßig, ja sanft. - -»Hören Sie das Orchester? Behüt' dich Gott -- Onkel!« schrie er den Wirt -mit dem kleinen Kopf an. »Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im -Keller -- schwarz muß er sein -- sofort! Das heißt, du brauchst dich nicht -zu beeilen. Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen -dich ja nicht hier -- keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel, -Onkel, wie ein Floh kommst du mir heute vor, genau wie ein im Dienst -ergrauter Floh --« - -»Herr von Hennenbach, Herr Baron!« rief die blonde Frau im Erker und -kicherte in die Hände. - -Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte sich Grau. »Was wünschen -der Herr? Abendbrot?« - -»Ja, eine Kleinigkeit.« - -»Schweinebraten, Schnitzel, Nieren --« - -Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen. -»Der Herr können auch Taube haben, Huhn --« - -Grau machte ein hilfloses Gesicht. »Nein, danke,« sagte er, »ich bin -nämlich gar nicht hungrig, müssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas -Wurst und Bier?« - -Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse. - -Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und plötzlich stieß sie -einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rückte den Stuhl. »Sie -sollten nicht mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!« kicherte sie. - -»Ruhe, Tante, Ruhe!« sagte der junge Mann rauh. »Ich trinke die ganze -Nacht, morgen, übermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und muß -mich betäuben --« - -Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. »Darf ich den Herrn zu -einer Partie Billard einladen?« - -»Danke.« - -»Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig Bälle auf hundert vor.« - -»Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.« Grau sprach sanft und höflich. - -Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? »Sie waren -wohl nie Student? Kann ich mir denken.« - -»Doch, mein Herr!« - -»Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich möchte schon -wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?« - -»Ich habe Stunden gegeben.« - -»Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören Sie, ob Sie Billard -spielen oder nicht, das ist ganz egal -- ganz egal -- Sie lernen es. -Trotzdem Sie sehr kurzsichtig zu sein scheinen -- trotzdem prophezeie ich -Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich gebe Ihnen auf hundert Bälle -neunzig vor -- Einsatz zwanzig Mark --« - -Grau lächelte. »Entschuldigen Sie --« - -»Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor -- neunundneunzig -- hören Sie -- und -wenn Sie blind sein sollten -- einen Ball werden Sie doch machen.« - -»Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.« - -»Ah!« Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. »Dann -vielleicht -- Dame, Domino -- oder Schach oder Mühle, was Sie wollen -- Sie -können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind -- ja, Sie brauchen nicht -einmal zu ziehen, ich ziehe für Sie -- die Hälfte Steine gebe ich Ihnen -- -ja, Donner und Doria!« rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er -hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack -in der Nähe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne -kitzle. »Was für eine kostbare Sache!« schrie er. »Wohl ein altes Stück?« - -»Es dürfte ziemlich alt sein, ja.« Grau lächelte, er änderte nicht den Ton -der Stimme. - -»Wohl ein -- ein Familienstück -- ein Erbstück?« - -»Nein.« - -»Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn -Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?« - -»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Grau geduldig. - -Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht -und sagte: »Hundert Mark! In die Hand! Na?« - -Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. »Ich sehe, der Herr sind in guter -Laune,« sagte er, »ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen -wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein?« Er sah den Baron an und -plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen -aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des -Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe. - -Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die -Lider zusammen und lachte. - -»Aber, Herr Baron!« kicherte die blonde Frau im Erker. - -»Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was -ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein -- aber hole -mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?« - -»Ich danke Ihnen herzlich,« sagte Grau und errötete, »ich habe keine Lust. -Ich bin zu müde, danke!« - -Der Baron lachte und schrie: »Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges -Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie -schlagen die Einladung aus?« wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete -ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen, -aber er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit. -Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und -schrie: »Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen -Sie nun, was? -- Hole Sie der Teufel!« Er klappte die Reitstiefel zusammen -und drehte sich um. - -Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. »Wo ist das -Hexengäßchen, bitte?« fragte er. - -»Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen, im -Hexengäßchen?« - -»Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.« - -»Armenhaus? Armenhaus?« - -»Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch -da, nicht wahr?« - -Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit -mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem -verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. »Der Herr kommen zur -Beerdigung?« - -»Ja,« sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg -beschrieb. - -»Wenn er doch zum Teufel ginge!« schrie der Baron mit einer zu Graus -Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme. - -Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung! - -Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich -auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen. - - - - -Fünftes Kapitel - - -Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit -sich selbst zu sprechen. - -»Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!« sagte er und gestikulierte -heftig. »Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie -es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch -etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der -Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn -herausfinden, bei Gott, das werde ich!« - -Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs -gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn -Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden. - -Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust -empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben -bezahlt. Genug, genug! - -Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen -Blechglocke geweckt. - -Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier -und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen -Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es -hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der -Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran, -ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da -drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf -Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten. - -Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen. - -»Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!« rief er aus und schlug mit -der flachen Hand auf die Bettdecke. »Da ist noch diese alte verzweifelte -Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das -arme verwaiste Kind! -- Aber auch das ist noch nicht alles!« fuhr er fort, -wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. »Tausende solch unglücklicher -Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch -verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!« - -Er befreite sich von diesem Gedanken. - -Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein -Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief -nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da -stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der -Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, -eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu. -Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit -geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt, -weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den -Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit -kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte -des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht, -das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt. -Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende -erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus -dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer -dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei. - -Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber -es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. -Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das -ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt -zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf -knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der -kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, -zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus. - -Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es -lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler -und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der -Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und -zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde -schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn -sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als -das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der -Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden -- - -Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des -Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren -verschließt, was hilft es doch? - -Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen, -aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage -vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung? - -Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort. - -Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende -von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch -hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in -der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden. - -»Wenn man doch etwas tun könnte,« sagte Grau und nickte und seine Augen -brannten. »Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm -- -viel zu arm!« - -Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her -und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie -verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe -- - -Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und -seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen, -Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen. - -Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine -schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer -Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond -sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem -Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine -Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde -Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang -ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen -zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie -spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten -- und alles -glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet. - -Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen, -das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen -Wirtshauses zeichnete. - -Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich -formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein -seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete -wieder. Er atmete tief und befreit. - -»Er schreibt! Er schreibt!« flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und -stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich. - -»Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!« - -Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In -seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der -eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte; -er schwang die Hände vor ihm und lachte. »Deine Handschuhe sind warm, -vergelt's Gott!« schrie er und nickte ihm zu. - - - - -Sechstes Kapitel - - -Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen -zu der kleinen Kirche mit dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land, -Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen -immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch -der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam, feierlich pustend, in -einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus -Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen Gassen -wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natürlich. Der kleine Friedhof war -ganz schwarz und alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke -hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und die Sonne blendete. - -Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, daß ein Sarg -die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus -dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der -Mitte etwas Weißhaariges führten, das sich schüttelte und hin- und herwarf -und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie. - -Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man räusperte sich, man -hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der -jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher. Die kleine Frau schrie -ohne Aufhören, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich. -Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen -den Frauen einher, und alle wichen zurück, niemand wollte einem solch -schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand. - -Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie weiß. Aber -diese Haare waren nicht nur weiß, das war es nicht allein, die Haare -flatterten. Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener -Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Höhe, kräuselten sich, -sanken zurück, andere lösten sich und flatterten langsam in die Höhe. - -Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Männern, es -schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee, -direkt auf das Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau sagte -etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß man nichts zu befürchten -habe. Dann ließ sie sich in die Knie nieder und küßte das Ende des gelben -Sarges, küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden -Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte. Als die Träger sich -anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit -den Fäusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück und -erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals wurde blaurot -im Gesicht und öffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und -bissen in die Taschentücher. - -Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in -der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft -herab; die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich klangen sie und -alle Augen richteten sich auf den kleinen, weißgetünchten Turm, wo sie sich -in den Luken schwangen. Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in -der Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es -gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein -Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja? - -»Er hat es befohlen, der Neue!« - -Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie -den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte -sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute. - -Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen -herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn -kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den -Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab. - -Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle -konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war. - -Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre -alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden -Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war -totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So -leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte -und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber -er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder -zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde -nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des -Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand -her. - -Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen -Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und -Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle -habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem -Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie -sehr man sie geliebt habe. - -»Sie war jung und frisch und voll von Leben,« sagte er, »ihr habt sie -gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und -starb den schwersten Tod, den es gibt.« - -Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie gewesen sei, wie -diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war. - -»Es war so fein, ihr Herz,« sagte er und lächelte leise, »sie starb an -ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, daß ihr alle sie mißachten würdet, -sie fürchtete euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war sie. Das -aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre -Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die -auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu -viel.« - -»Viel zu viel war es, viel zu viel,« wiederholte der Vikar, und das feine, -klingende Echo rief: Zu viel, zu viel. - -Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts -als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nuß aus. - -Der Vikar blickte auf sie und lächelte. »Sie hat wohl Grund zu weinen,« -sagte er, »wer von uns allen würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden -klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten. Aber in ihrem Schmerze -wird es wie eine feine Freude sein, daß die, um die sie trauern muß, so -fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mädchen, -es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie tröstet, -nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!« - -Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und er sagte auch, daß ihre -Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehören. - -»Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir,« sagte er. -»Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen -hast -- ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft. Ich habe auch -gesehen, daß du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast -es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor -deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben -- damals warst du -noch ein Kind -- auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke -nicht, daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse -- zittere nicht ---« - -Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die -Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen -auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das -kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und -die Tränen flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften in den -Schnee. - -Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Köpfe, sein Blick ging -über sie hin. - -Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und -kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht -senkte. Er stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt -und spöttisch auf den Vikar. - -Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in -der schmalen Türe der Sakristei. - -Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas -Merkwürdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann machte -sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Türe. - -Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei. - - - - -Siebentes Kapitel - - -Graus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte -gefunden, er hatte es nicht vermocht! - -Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke -kleine Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen -Bemalung. Ein herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen -Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und hinüber ins Pfarrhaus. -Während er sich umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das -Pfarrhaus war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern, -Holzvertäfelungen und einer kleinen Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes -pechschwarzes Ölgemälde. An der Türe war eine große Glocke angebracht und -zwar war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen anfing, wenn man -sie nur ansah. - -Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was er mit all den Zimmern -anfangen sollte. - -Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag -die Stadt und die weite Talebene. So unregelmäßig und klippig wie sich das -Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich all diese hundert -steilen Giebel und Dächer ineinander. Da und dort klafften Risse und -Spalten, das waren die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten -Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern geschüttet. Aus den -unzähligen Kaminen stiegen dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare -Winterluft. Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten und blendeten und -farbige Fünkchen tanzten auf den Schneedächern. - -Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch der Fluß, der die Stadt die -Höhe hinaufdrängte, war weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen, -Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise -und auf den Schiffen kletterten kleine Pünktchen herum, Kinder, die -spielten. - -Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen Fluß. Dann begann die Ebene, -weit und weiß dehnte sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder, -kriechendem Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut. - -Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer -Schmiede. Die Pünktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es -schrill. - -Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu -dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem, -wie Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Büsche, Gestrüpp, -Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die -eigentümlichen Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die Höhe, -war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten -stieß er gegen Gärten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume, -die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die -Mauer war niedrig. Zwischen den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein -langes weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern -anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und sah düster aus wie eine -Gefängnismauer. Über sie hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines -grauen alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter einer niedern -vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen -Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und trug -eine große Tafel, die man leicht von der Straße aus lesen konnte, mit der -Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht! -Fußangeln! - -Grau lächelte. »Eigentümlich!« sagte er. - -Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus, immer noch zitterten leise -seine Hände. Wie töricht! - -Grau begab sich in den »weißen Elefanten« und trug den roten Reisesack in -seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben -Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den -Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann -geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es -nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu -einem saueren Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und -freundlich. - -»Ein schöner Tag!« sagte er lächelnd. »Nicht wahr?« - -Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und -strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte -Grau und vergaß die Begegnung nicht wieder. - -Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen -lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er -ging rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim -Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler -Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte -ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau -heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm. - -Grau ging in den »weißen Elefanten« und beglich seine Rechnung. Der -x-beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu -lächeln. Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres -Zimmer gegeben haben. »Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!« Der -Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die -blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie mit einem -eigentümlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lächeln kam auf ihr -Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging. - -Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die -Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich -einige Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause -zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger. - -Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an -die Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste -heraus. - -»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im -höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit -erwerbsunfähig -- dazu die Unkosten -- Grau, Vikar Grau -- dann ist ja auch -das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um -Entschuldigung!« - -Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich -die Nasen, kamen in Verlegenheit -- denn Grau stand geduldig wartend da, -blickte sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig -mit der Liste in der Hand -- sie fuhren hastig in die Taschen und -klapperten mit Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut -nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände, -aber die Schlüssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins -Pfarrhaus senden. - -»Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht -bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe -ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern -Herrschaften -- denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei -sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr? -Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf -einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, -Frau Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark -- -wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist -- mit einem Tropfen kann man den -Durst ja nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht -schön ertrinken -- danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.« - -»Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!« - -»Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!« - -Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in alle möglichen Stuben, zu -allen möglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten -anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von -Turm hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und führten auf -weite, helle Vorplätze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Türen, -es gab aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen -kreuz und quer, endeten im Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die -Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen ein Konzert -gegeben. Da waren schüchterne und anmaßende Glocken, gutgelaunte und -mißgestimmte, winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten, -bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der leisesten Berührung -in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort -wieder, die andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken, die -sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten: -Geh weg, weg! Die Zimmer, in die Grau trat, waren weit und licht, oder -düster, oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge von interessanten -Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan, einen Ofen, der merkwürdigerweise -an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer stand, dafür aber die zwölf -Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von unglaublicher Größe, förmliche -Häuser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas. - -Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause -rannten ihn zwei große Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem -andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte ihn nicht aus der -Fassung. »Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie -- -Grau, Vikar Grau.« Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen Mädchen, die -steif wie Besen dastanden, vor den Männern und Frauen, den Dienstboten, ja -vor den Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch -ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten -und Sprichwörtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen -Liebenswürdigkeiten genügend bearbeitet hatte, um sie für sein erstes -Anliegen günstig zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus. Ja, -nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen? Es wäre am Platze, diese -Eierhändlerin auch anderweitig zu unterstützen. -- »Darf ich Ihre Adresse -in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich erlauben, zu Ihnen -zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen. Gut!« - -Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber -gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht -aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen mußten. Wie -merkwürdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen, -zu plaudern, zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein -- sie -zeichneten! - -Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Türen -waren entweder verschlossen oder sie öffneten sich sofort, als ob man -dahinter gewartet habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin, die in der -Stadt die »ewige Braut« hieß, ließ ihn sogar durch ein Mädchen bitten, bei -ihr vorzusprechen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes -Haar, ihre Manieren waren verschämt und kokett und doch war sie über -fünfzig Jahre alt. Ihr weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß. Sie -hatte den Bräutigam im Kriege verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie -erzählte Grau ihre ganze Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte -ihm auch das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während sie lächelte -und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete sie dreißig Pfennig, nicht ohne -zu erröten. Grau dankte ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die -Hand geküßt. - -Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre im Munde, die das -ganze Zimmer mit Rauch angefüllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab -prinzipiell nichts. - -»Wieso?« - -»Ja, zum Teufel -- Pardon! -- aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen, -Almosengeben und Unterstützungen und so weiter,« sagte er und paffte, so -daß er nahezu in der Rauchwolke verschwand! - -»Ah!« sagte Grau schüchtern. »Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt, -so nimmt man Wasser und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht -weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann -gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden -sprach -- ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber könnten -Sie nicht eine Ausnahme machen -- diese unglückliche Eierhändlerin --« - -»Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der Eierhändlerin etwas zu tun!« - -»Mehr als Sie glauben!« Grau setzte sich auf einen Stuhl, obgleich ihn der -feiste, glänzende Herr nicht zum Setzen aufgefordert hatte. »Weit mehr, als -Sie glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in einer Dachrinne -festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte von Schwalben --« begann er -lächelnd. - -»Ich bin aber keine Schwalbe!« unterbrach ihn der feiste Herr mit einer -verzweifelten Gebärde und verschwand in der Rauchwolke. - -»Mehr als Sie glauben, mein Herr!« sagte Grau und stand auf. »Entschuldigen -Sie, daß ich Sie in Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber -Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen, Eier und Schmalz -bei dieser armen Frau --« - -Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. »Hier!« sagte er. »Hier nehmen -Sie drei Mark, basta. Aber meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!« -Er warf ärgerlich die Münze auf den Tisch. - -Grau verneigte sich. »Also ungenannt sein wollender Wohltäter -- gut, -danke! Sehen Sie, wie recht ich hatte, Sie sind doch eine Schwalbe, -trotzdem!« - -»Ich gebe Ihnen diese Kleinigkeit da,« sagte der Herr und stand auf, -»ehrlich gesagt, um meine Ruhe zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der -wahre!« - -»Das glauben Sie nur!« sagte Grau, merkwürdig lächelnd. - -Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen, dann lachte er, und -zwar ein komisches Gemisch von zornigem und vergnügtem Lachen. - -»Ich war vielleicht etwas geradeaus!« sagte er lachend und seine Mienen -hellten sich mehr und mehr auf. »Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt -zu sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung und alles -Damenhaften! Hom, hom! Ich bin auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden, -hahaha! Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen, -verdamm' mich Gott! Aber ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Nachsicht -- -Ihrer -- ein paar meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!« - -Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte erregt den Kopf und -fuhr so energisch in die Zigarrenkiste, daß es aussah, als ob er Grau alle -Zigarren auf einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste -wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung und als er die Hand zurückzog, -befanden sich nur vier Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch, -merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen Fingern hängen und -wanderte wieder in die Kiste zurück. - -Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus, -bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend. - -»Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar --- hahaha -- auf Wiedersehen, Herr Grau!« Er lachte noch in das Stiegenhaus -hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte. - -Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals. Hier -mußte er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die -Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch -eine Filzsohle wollte er hineinlegen. Übrigens bezog er Eier und Schmalz -schon von ihr. - -»Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben -dem >Elefanten<, das alte Haus -- er ist der reichste Mann der Stadt!« - -»Auf keinen Fall!« - -Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links hinunter und rechts herauf. Er -vergaß kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er -machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen Menschen; viele Güte, -die sich in einem Lächeln verriet, viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich -in einem Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in -einer kleinen Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schönheiten -und viel Sehenswertes, so daß er sich für die geringe Mühe überreich -belohnt fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten -Male auf den Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu. - -Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all -dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten -Häuser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der -Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte -hervor, es war geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren liefen -vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren über ein altes, -schmutziges Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter -einem riesigen Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der -gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: »Ich bin der Geizhals -Eisenhut, bembele bembum --.« Von der Türe war die Farbe gesprungen und sie -sah fleckig aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze Staub vom -letzten Sommer daran. - -Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein -alter, heiserer Hund. Grau läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und -klaffte, aber niemand öffnete. - -Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister Keim unter der Tür des -Ladens, dick und wohlgenährt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste -in die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes Lachen. -Trotzdem es Winter war, glänzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte, -seine Schürze flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck -der Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen -Papierballone, die man zur Volksbelustigung an Jahrmärkten steigen läßt, -und das Zittern des Bauches drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus, -in die Höhe zu segeln. - -»Er ist da, er ist zu Hause!« sagte der Schlächtermeister Keim und schon -zitterte das Lachen in seinen dicken Backen. »Er ging soeben hinein.« - -Grau läutete wieder. - -»Unterdessen,« sagte er zu dem Schlächtermeister, »ich komme in einer -Angelegenheit, die nicht nur Herrn Eisenhut betrifft -- Grau, Vikar Grau -- -Sie kennen diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim, nicht -wahr, das ist Ihr Name -- auf dem Firmenschild da --« - -»Jawohl, Keim, so heiße ich.« - -»Wer so prächtig aussieht wie Sie -- hier ist die Liste -- deswegen wird -kein Auge weniger auf der Suppe schwimmen --« - -In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor Wohlgenährtheit nahezu -platzte, verschwand augenblicklich jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah -plötzlich betrübt aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er -wirklich nicht mehr konnte. Er rückte die Kappe vor, um sich hinterm Ohr -kratzen zu können. Jeden Tag käme etwas Neues. - -Grau sah ihn an und lächelte. »Aber wer so gütig aussieht wie Sie?« sagte -er. »Ich glaube ja gerne, daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch -genommen wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht wahr?« - -»Jeder Fall ist eben besonders.« Der Schlächtermeister steckte die Hände in -die Hosentaschen und schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen hin -und her. - -Grau lächelte. »Erlauben Sie,« begann er von neuem, »würden Sie sich zu -einer kleinen Gabe entschließen können, wenn ich Ihnen einen Scherz -erzählte, über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr ganzes Leben --- ich sage, Ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen?« - -Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu machen. - -»Das kommt darauf an!« sagte er und spuckte gleichgültig in den Schnee. - -Grau sagte lächelnd: »Hören Sie, Sie heißen Keim, aber wenn Sie schon Keim -heißen, so muß man zugeben, daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!« - -Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes Gelächter aus. Er -hielt den hüpfenden, dicken Bauch mit den beiden Händen und schüttelte -sich. - -»Hahaha!« lachte er und hustete, »hahaha!« - -Grau wippte mit der Liste und Herr Keim gab zwei Mark. - -Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre und ein Guckfensterchen, -nicht größer als eine Streichholzschachtel, fiel herab. - -Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam Grau bekannt vor. Und -nun schien es ihm, als ob er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher -gesehen hätte. - -Ein Auge funkelte in dem Guckloch und eine zaghafte, hohe Fistelstimme -fragte: - -»Wer ist da?« - -»Ist Herr Eisenhut zu Hause?« - -»Nein!« antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte ein feines Kichern zu -hören. - -»Wann kommt er denn zurück?« - -»Er ist verreist!« Das Guckfensterchen schloß sich wieder. - -Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen Empfindung. Wie merkwürdig! -dachte er und die Fistelstimme klang ihm noch lange im Ohr, während er die -Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem Kamin, der zwischen -kahlen Hauswänden und Gartenmauern zur Höhe führte. Er wollte im Schlosse -vorsprechen, jenem weißen Herrschaftshause, das er heute von seinem Fenster -aus gesehen hatte. - -Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so hoch waren, daß er sich -winzig klein dagegen vorkam, und sann darüber nach, wo er das kleine -Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim Herabfallen -verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig. »Es ist doch höchst einerlei,« -sagte er vor sich hin, »wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe, -was liegt viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster -schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist es.« Er schüttelte den Kopf und -stand vor dem weißen Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des -Herrschaftshauses eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte war -abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt, aber man sah keine -Handwerksleute. - -Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe und stand plötzlich -vor einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug. - -»Ach,« ging es ihm durch den Kopf, »jetzt erinnere ich mich! Ich habe -dieses Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine -alte Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren -abgeschlagen. Aber wo, wo denn?« - -Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere -Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Türe pochen, als ein Diener -hinter ihm fragte, was der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war -gestreift und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die -Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten. - -Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen -zwängte. Die Möbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen -Beinen. - -Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm. -Er hätte sich gerne geräuspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte -er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Türe. - -Sie nickte und fragte: »Womit kann ich Ihnen gefällig sein?« Sie sprach -höflich aber kühl. - -Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend -reiches Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer -Schönheit. Sie stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus. -Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das Merkwürdige daran war, daß sie -heller aussahen als selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den -schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten -und von den langen glänzenden Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von -dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen. - -»Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?« wiederholte das Mädchen. - -Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, daß sie -mit ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden würde. - -Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schöne, regungslose -Gesicht und ging. Er vergaß ganz mit seiner Liste herauszurücken und zu -fragen, wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezögen. - -Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, daß er nichts sah -und nichts hörte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand. - -»In welche Stadt bin ich doch da geraten!« flüsterte er. »Zuerst diese -Sache mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses -Mädchen schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich -deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.« - -Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel -ihm ein, daß er noch einen Besuch hatte machen wollen. - - - - -Achtes Kapitel - - -Grau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein vor, wo das Dienstmädchen -zuletzt gedient hatte. Hier hielt er sich längere Zeit auf. - -Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften, schmaler, fast -zierlicher Büste, porzellanartigem Teint und viel äußerlicher Vornehmheit, -empfing ihn mit übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte -immerfort wie ein kleines helles Glöckchen, besonders hell, wenn sie -lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme, -Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung -ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen. - -Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig verletzt sei, da Grau -so spät erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die -Rolle einer Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich -ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine Ergebenheit zu Füßen zu -legen. Aber als Grau ihr mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr -gekommen wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu erkundigen, -erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit -Vergnügen! - -Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwürdigerweise Graus -Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater -- sie war -von adeliger Abkunft -- eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit -ordengeschmückter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von -ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in ihrem -Gespräche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne -Pause, mit vor Liebenswürdigkeit und Eifer glänzenden Augen, die sie nur -gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen Wandspiegel -zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen -Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus -allen lebenden und toten Sprachen gespickt. - -Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu -fallen. Er erfuhr nun die näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten -aus dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues. - -Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen gewesen, ordentlich, -reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig -- mit einem Wort -- es sei sehr, -sehr schade, daß sie so traurig enden mußte. - -»Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?« - -Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei -- wie peinlich -- bei all -dem Bedauern mit dem armen Mädchen, natürlich -- kein Mensch könne sich -vorstellen -- wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. »Ja, so sagen die -Leute, der Bursche aber leugnet es.« - -»Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?« - -»Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustüre -- -Margarete klagte oft darüber -- er belagerte das Haus, so daß ich meinen -Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.« - -»In den letzten Monaten wartete er?« - -»Ja, sogar in den letzten Wochen.« - -Grau versank in Nachdenken. »Das ist sehr merkwürdig,« sagte er. Er dachte -nach und erinnerte sich erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich -leise räusperte. - -»Entschuldigen Sie, gnädige Frau,« sagte er, »darf ich noch fragen, wie -lange das Mädchen in Ihrem Hause gedient hat?« - -»Ein halbes Jahr. Genau ein halbes Jahr.« - -»Und vorher?« - -»Bei Herrn Eisenhut. Ach, solch eine heikle und penible Angelegenheit!« - -Grau erhob sich. »Entschuldigen Sie die lange Störung, gnädige Frau!« Er -verbeugte sich. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige -Aufklärung.« Er ging, aber unter der Türe wandte er sich zurück und sagte: -»Noch eine Frage, verzeihen Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen -des Mädchens?« - -Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte mit feiner Stimme, sie -bedaure, so genau pflege sie ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten. - -»Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten es ja sehen, ohne zu -wollen. Waren die Augen braun oder grau oder blau, erinnern Sie sich -nicht?« - -»Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune Augen gehabt, dunkelbraune -Augen, die im Dunkeln schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie -braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.« - -»Das stimmt mit der Aussage der Mutter des Mädchens überein,« sagte Grau. -»Danke.« - -Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht, Grau war zufrieden und -lachte in sich hinein. Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging -geradeswegs ins Waisenhaus. - -Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen und gütigen Worten in -den stillen Räumen, in denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das -gesammelte Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für die alte Frau, die -andere Hälfte bat er für die Verpflegung des Kindes zu verwenden. - -»Kann ich das Kind sehen?« fragte er. - -»Oh, recht gern können Sie das,« lispelten die Schwestern und er sah das -Kind. Er betrachtete es lange und aufmerksam. »Es kann ein schönes Kind -werden,« sagte er, »was für kluge, hellgraue Augen es doch hat! Ist es -nicht auffallend zierlich gebaut? Aber es sieht kränklich aus, oder täusche -ich mich?« - -Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege an der Amme. Eine -Schlossersfrau habe sich erboten, das Kind zu nähren, aber sie sei -brustleidend. - -»Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen. Sie haben niemand im -Hause, der das Kind stillen könnte?« fragte Grau. - -Die Schwestern lächelten und erröteten unter der weißen Haube. »O nein,« -flüsterten sie. - -Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und machte sich eiligst -davon. »Du bist doch der größte Dummkopf der ganzen Welt,« sagte er zu sich -und lachte in sich hinein. - -Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der Leute alle drei Hebammen, -die es am Platze gab, um nach einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den -halben Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu zu überreden, sich -des verwaisten Kindes anzunehmen. Die Magd war derb und stark, sicherlich -gesund und nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend zu -stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben bereit, aber nun stieß -er unerwartet auf Schwierigkeiten bei der Dienstherrschaft. - -Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und seine Gattin, und sie -wollten die Erlaubnis nicht hergeben. Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das -Mädchen, eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren hatte, und -wollten nicht, daß es noch weiter bekannt wurde als es schon war. Sie -blickten einander an, der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem -kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte Greisin mit -schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem Lächeln, und sagten nein, ein -für allemal nein. Da saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem -harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den beiden Alten, die noch -dazu schwerhörig waren. Der Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe -Mehlwürmer hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig in seinem Bauer -trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner mit einem Bügeleisen. Die Greisin -tat nichts, sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau. - -Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten rührten sich nicht. -Endlich sagte der Alte mit der Quaste: »Wir sind ja katholisch, mein Herr, -das Dienstmädchen aber ist ja protestantisch gewesen.« - -Grau lachte. »Aber, du gütiger Himmel.« - -Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen. Er sagte: »Das wäre es ja -nicht, Herr, aber es wird so bekannt -- so bekannt überall -- und wir -wollten in aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten wachsen -lassen.« - -»Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen Kindes annehmen, nicht wahr?« - -Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin und lächelte -pfiffig. - -»Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes annehmen. Da ist nun -der Herr beschäftigt, Hanf zu knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet -und richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen Braten, man -kann recht gut beobachten, mit welcher Sorgfalt er es tut -- und nun ein -Kind! Ein Menschenkind! Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm -- das ist -wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.« - -Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste gluckste. Er band sich eine -grüne Schürze um und begann Schleißen zu schnitzen. - -»Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem Tischler gewohnt, der -gewann das große Los -- er hat jetzt ein Karussell und ein -Wachsfigurenkabinett, zieht umher und bläst die C-Trompete« -- nein, -vielleicht sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer, man müsse -sich des Kindes unbedingt annehmen. - -Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten und sagten: »Nein!« - -Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles mögliche, über die Zucht von -Mehlwürmern und die Lebensweise der Rotkehlchen, über die -Verkehrsverhältnisse in früherer Zeit und was für eine Sache das doch -gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen. Die Alten lachten und -glucksten und machten es ihm vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude, -es zu sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen mehr, der es -kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen, das andre Alterchen nahm die -grüne Schürze wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren -geschnitten, und brachte aus einem Schranke ein Gläschen mit Öl, ein paar -alte Schlüssel und krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder -behutsam ein. - -Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter hätten. Ja, das hatten sie, -einen Sohn, zwei Töchter. Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie -sie lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf der Sohn und -die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit. Aber ehe sich's die beiden -Alten versahen, sprang Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht -wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging und brachte Photographien -herbei und der Greis putzte sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen -Putzwolle und einem wollenen Lappen und entnahm dem Schubfache ein -Vergrößerungsglas, denn er mußte nun die Enkel ebenfalls genau sehen. - -Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren seien, ob sie krank -waren, er mußte alles genau wissen. Er sah die Bilder an, lobte den -trotzigen Zug eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen -wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese Enkel. Ja, so klug, so -gesund, so blühend -- - -Die beiden Alten kicherten und glucksten. - -Plötzlich sagte Grau: »Also, wie steht es jetzt mit der Amme? So ein armes, -verwaistes Kindchen, nicht wahr?« - -Die Alterchen erschraken -- denn jetzt konnten sie ja nicht mehr, sie -konnten nicht -- sie sagten: »Ja.« - -Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm die Kappe mit der Quaste ab -und ließ es sich nicht nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler -Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm. - -»Da fällt mir noch etwas ein,« sagte Grau, »könnten Sie nicht im Frühling -Ihr Rotkehlchen fliegen lassen, zum Beispiel?« - -»Wie?« - - - - -Neuntes Kapitel - - -Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmädchen, -die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch -eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wünschte. - -Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren -noch fünf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr -Grau ihr helfen. - -Grau freute sich über ihr Vertrauen. »Ich danke Ihnen!« sagte er und -drückte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. »Bitte, treten Sie ein!« -Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm -ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein -ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund. -Dann ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und übergab -es der Frau. »Ich werde morgen früh kommen,« sagte er. »Sagen Sie keinem -Menschen etwas davon,« fügte er flüsternd hinzu, »und kommen Sie heute -abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefüllt. -Auch ein Bettstück will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns -bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und nicht mir, es muß ganz im -geheimen geschehen.« - -Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die eingetroffen war, und -den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher -stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote -Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wäsche, ein Pack -beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma, -eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene -Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein -Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke, -die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von -jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf -den Porzellankopf gemalt. - -Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der -Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner -Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe. -Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote -Äpfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen. -Auffallend an ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten Lächeln -verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine -Hände waren vor Kälte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor. - -Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie -hätten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem -Kegelklub hätten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn -ausgestoßen. - -Grau rauchte die Pfeife. »Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz,« sagte -er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. »Es ist mir sehr -angenehm, daß Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch -erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie -haben ein Verhältnis mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?« - -»Ja.« - -»Wann hat es geendet?« - -»Vorige Weihnachten.« - -»Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mädchen? Erzählen Sie -mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen -hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden, denn es wird alles -unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort.« Grau streckte ihm die Hand -hin. - -Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzählen. Grau -unterbrach ihn. - -»Ein Wort noch,« sagte er. »Sie können mir alles sagen und Sie dürfen -sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht, -denn es ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich -fühle es ja sofort, ich höre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!« - -Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die -Wand, während der Bursche erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach -einem wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen Heiligen dar, -der in einer Landschaft saß und dachte. An seiner Seite saß ein kleines -weißes Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und -sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, daß es nahezu -idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische -Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des -Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts gestellt; aber auch -diese Füße schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines -der größten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war -eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen -hatte: Ein nackter Jüngling, der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen -Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit. - -»Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so?« wandte sich -Grau an den Burschen. - -»Ja,« sagte der Bursche. »Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie -kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte -auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft, -aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.« - -»Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mädchen gehen sehen, -was sagen Sie dazu?« - -Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Straße, wie es ihm -gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen -ihnen sein könne. - -»Was hat sie darauf geantwortet?« - -»Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.« - -»Hat sie wirklich bald gesagt?« - -»So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.« - -»Und das nächste Mal, sagte sie es da?« - -Der Bursche schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »aber sie war sehr gut -zu mir. Ich habe mit ihr unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner -Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen könnten. Wir -gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich -wußte nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.« - -»Sie verstanden sie nicht mehr?« - -»Nein.« - -»Damals war sie schon sehr unglücklich!« sagte Grau und nickte. -»Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir -helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts -Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein Freund. Aus all dem, -was mir die Leute erzählt haben, konnte ich mir ein Bild von Fräulein -Sammet machen. Sie hätten wohl alles für sie getan?« - -»Ja!« - -Grau nickte. »Das ist schön von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie -das Gedächtnis der Toten hoch!« - -Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der -Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den -Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der Bursche saß verblüfft -und sah fast erstarrt zu Grau empor. - -Grau lächelte unmerklich. - -»Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,« sagte er leise und -ließ den Burschen nicht aus den Augen, »mit Verbrechern und Mördern, aber -sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun, -haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung -dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!« - -Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte -Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: »Ich will -Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über -diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt -um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut -unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen, -wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat -sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat -ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß. -Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen. -Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher -- aber das -hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl -verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will -Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen -haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich -fromm gestellt, wahnsinnig gestellt -- man fühlt aber nur zu deutlich was -Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden -war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er -sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging -- -er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen -nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt -und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu -verteidigen!« - -Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne. - -Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich -Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: »Nun sollen Sie mir -aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und -weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut. -Ich bin nun nicht gerade neugierig -- aber ich habe meine Gründe -- die -Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo -hat Fräulein Sammet zuerst gedient?« - -»Bei einem Wirt in Weinberg.« - -Grau stellte einige Fragen. »Und hierauf?« - -»Bei Herrn Eisenhut.« - -»Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der -Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.« - -Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf -große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige -Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine -Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd -zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er -sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß -sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam -noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause -kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch -die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine -Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in -der Hand durch sein Haus streichen. - -»Er ist nicht verheiratet?« fragte Grau. - -»Ach nein!« Hammerbacher lachte laut auf. »Keine mag ihn, trotzdem er so -reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.« - -»Unmöglich!« - -»So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt. Er sagte: Du sollst -ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen -wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grün -und blau werden.« - -»Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?« - -»Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn -nicht. Sie ging aus seinem Hause.« - -Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig und wie einfältig, nun -hatte ihn plötzlich ein Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller -Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein? - -»Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut?« fragte er endlich. - -»Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken -oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie -schreien und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen -sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heißen -sich: >Der goldene Zirkel<.« - -»Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?« - -»Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.« - -»Tut er das?« - -»Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen müssen, aber sie haben -nur gelacht und nie etwas bezahlt!« - -»Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?« - -»Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nürnberger, -ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von -der Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schloß, -Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt --« - -»Nun ja, ja --« unterbrach ihn Grau. »Die Herren sind wohl zumeist -Junggesellen?« - -»Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von -ihnen erzählt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da --« - -Grau unterbrach ihn. »Ich will das nicht wissen,« sagte er. - -»Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,« fuhr der Bursche fort, -»dafür sollte ich die Herren alle durchprügeln.« - -Grau lächelte. - -»Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei Monate einsperren lasse!« -Hammerbacher lachte. »Sie treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr -Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschießen. Sie -nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den -Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Räuber -genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so -wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mußt auch das Notizbuch -herausgeben.« - -»Was für ein Notizbuch?« - -»Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen -die Hände küssen müssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen -habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir -fünf Mark verdienen will.« - -»Sie haben aber abgelehnt?« - -»Ja.« - -»Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?« fragte Grau und rauchte -lächelnd. - -Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick. - -»Ich? -- Oh, was das anbetrifft -- aber ich riskierte zuviel.« - -»Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,« sagte Grau; »wenn Ihnen -Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten hätte?« - -»Dann schon!« sagte der Bursche und lachte. - -Grau sah ihn an. - -Er stand auf. »Ich darf wohl annehmen, daß Sie über unser Gespräch -Stillschweigen beobachten,« sagte er und gab Hammerbacher die Hand. »Ich -danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste -sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen, -nicht wahr? Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten Abend, Herr -Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz -allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?« - -»Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter -lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.« - -»Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?« - -»Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof draußen.« - -»Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt sie nicht Löwenherz?« - -»Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen Mütterchen, weil sie so -klein ist.« - -»Ah, ja!« rief Grau aus. »Herr Eisenhut wird wohl öfters hinaus kommen zu -seiner Mutter?« - -»Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.« - -»Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung -bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das -Andenken an Fräulein Sammet hoch!« - -Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und -warf folgende Notiz auf ein Blatt: »Der Fleischergeselle Herr Anton -Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung -abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen Fräulein Margarete -Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist -unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. --« - -Nun wurde es Abend. - - - - -Zehntes Kapitel - - -Der Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell -herein und mit ihr kam die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern. - -Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins hin. Er setzte sein -Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und -dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten -Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit -trotzdem. - -Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch wunderbare Produkte es doch -auf dieser Erde gab, Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube. -Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur um die Namen aller -Nüsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht -ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die -Meisterwerke von Millionen großen Chemikern, jeder noch so unscheinbare -Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu -bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach -Vollendung gehaucht ist. - -Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzüge und -Schiffe sie in jeder Stunde über Kontinente und Meere tragen -- -Eisenbahnzüge und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen -und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder? - -Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den -Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und -Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine -Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte, in -tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse gedacht, dann an die -Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken könnte? An die -Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An -die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte, die Orchidee, die -Mammutfichte, den Seestern, den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die -Giraffen, an die Papageien und die Adler -- an alles in seinem Wesen, -seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde man nicht taumeln wie der -Habgierige, auf den es Gold herabregnet? - -Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden Dingen. - -Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen -die Palmenwälder, die endlosen Fischzüge ziehen durch die Flut, die -Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwärme -von Paradiesvögeln sonnen, da und dort glüht jetzt eine Wiese in der Sonne -und Tausende von farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen -Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe heulen im Schneefelde, in -diesem Augenblick öffnet die schönste purpurne Blume in irgend einem -einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der -Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne -- es ist schön das -zu denken, es betäubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur -an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht, die der Mensch selbst -schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen, -die großen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen? -Es ist schön daran zu denken, es macht reich. - -Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge gedacht, an das Sichtbare -der Erscheinungen. Würde man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon -wie Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern rollt. Der -Gedanke allein macht schwindlig. - -Hätte man auch das getan, hätte man schon alles getan? - -Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der Erde ist, an nichts anderes, -nicht an den Raum, die Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und -Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die in jeder Sekunde aus -unendlichen Fernen fluten und das Menschenherz erbeben lassen. - -Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge in einer Sekunde denken -kann -- - -Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur Mahlzeit nieder. Es war -schön, allein zu sein. Er konnte denken an was er wollte, an alltägliche -Merkwürdigkeiten, zum Beispiel an den Löffel, den Teller, an die Fliege -dort auf dem Buche. - -Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte auf ihn. Bald hörte er -ihn wie ein Geräusch, bald unterschied er kleine Melodien, die immer -wiederkehrten und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch mein -Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann ich mir kaum denken. Wie eine -Orgel, in die der Wind fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man -will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl zwei? Ich habe zwei Augen -um rund zu sehen, vielleicht habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte -es das sein? - -Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes Augen und Ohren, sieht -und hört nicht mein kleiner Finger? - -Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche für mich, niemand schadet -das etwas, das sind meine Gedanken und ich bin gerne bereit, die andern -Leute zu vernehmen. - -Meine Haare, zum Beispiel, welch geheimnisvolle Funktionen -- genug! - -Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum Schweigen auffordern wolle, -und lächelte. Dann machte er sich an die Arbeit. - -Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er reden, zu den Kleinherzigen, -Eng- und Kaltherzigen, den Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja -zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz. Zuviel Zaghaftigkeit, -Schwäche, Mißtrauen und Trägheit und Haß! Zuviel Hader und Zank! - -Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn du allein bist, so ist dein -Herz mit Liebe angefüllt, du denkst, das werde ich tun und jenes, das wird -ihn freuen -- sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir seine -Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich zurück wie die Schnecke -in ihr Haus. Habe ich dich entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du -sollst ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst du nicht, -daß er gewartet hat im Wachen und im Schlafen, daß jemand zu ihm spräche, -sich Mühe gäbe ihn zu verstehen. - -Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich ist, das man ihm -sagt, und so rasch die Laune verliert? - -Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund und deinem Gesichte sieht man -die Gutmütigkeit an. Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach, -denkst du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde ihr ja -gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde still sein und sie wird -denken, es ist niemand zu Hause und wird fortgehen. Willst du denn dein -ganzes Leben lang so faul bleiben? Sprich? - -Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in ihren Herzen lagen. Er war -gekommen darin zu graben und die Schätze ans Licht zu heben. - -Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig sein, die Schönheit zu -empfinden -- oder jenes Größte zu fühlen, das Liebe und Schönheit -einschließt und sich dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken -offenbart? - -Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die Griesgrämigen und Geizigen -und Faulen die richtigen Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz so -wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den Menschen zu reden, so -wild, daß er stets glaubte, sterben zu müssen? - -Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der Heilige an der Wand, dessen -Füße sogar nachdachten, sah ihm zu. - - - - -Elftes Kapitel - - -Schon am nächsten Tage machte sich Grau auf den Weg, die Lehrersfrau zu -besuchen, bei der Eisenhuts Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er -von dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war. - -Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dächern und wo -man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die -Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen und Männer beschäftigt, -das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein -heller gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein Singen. Und -unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines -schönen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken, -ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes von weither. Vor -einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in -die großen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten. Er -streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte ihm ins Ohr und der -Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe. - -Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig in Sonne. Die Sonne -blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen, -die langsam und schwer von den Dächern fielen. - -Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine -eigentümliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulächeln und in die Augen zu -blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein, -frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist -jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den -Menschenaugen, jenes besondere Leuchten? - -Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten, daß sie schwitzten, -und als ein junges Mädchen mit halboffenem Munde an ihm vorüberging, -starrte er das Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste hastig -und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes ist ein junges Mädchen, ob es -nun Sommer oder Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge -Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache. - -Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe überfahren worden. Ein -Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte. - -Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner Tag heute, das mußte man -sagen! Er atmete die frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und -sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, großer Gott im -Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume -und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da glitzerte -die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bäume der -Allee streckten ihre Äste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor. - -Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite Ebene aus. In ihrer Mitte -lag der vom Rauch geschwärzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive, -nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der -Schnee lag unberührt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit -ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und -Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weißer Samt, -auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In der -Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen -bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grün, feuriges Rosa, -Schwefelgelb. - -Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und ein hagerer, etwas -schiefschultriger Mann, der ein Bündel Schlittschuhe trug. Sie hatten es -nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit -klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben -abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen -spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen -Sätzen. - -Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre -Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche; -sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es -Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas größer, -freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im -Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem -Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar, -das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber Schleier floß -um die Pelzmütze herum und flatterte lustig im Winde. - -Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung -ergriff ihn nahezu bis zu Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit -der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet, -späht, lockt und hofft. Der Mann an ihrer Seite dagegen ging nicht, er -schlich. Seine Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in sich -hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und -lachte. - -Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg nur zum Teil vom Schnee -freigemacht war, mußte er sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten. - -»Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört, der von der Doktorkutsche -auf der Straße gefunden wurde, nachts, im Schnee?« wandte sich das Mädchen -mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die Schlittschuhe trug. Sie -sprach scharf, mit einem kaum hörbaren fremden Akzent. - -»Adele!« sagten die Schwestern leise und lächelten. - -Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd. »Jä,« sagte er, »ich habe -diese Geschichte gehört, natürlicherweise habe ich sie gehört -- am andern -Tag -- aber ich kann schwören --« - -»Schwören Sie besser nicht!« fuhr das Mädchen fort. »Wie leicht hätten Sie -im Schnee erfrieren können.« - -»Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren können!« - -»Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde mich schämen.« - -»Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein von Hennenbach.« - -»Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller Mann, aber -vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie auch nur originell, weil Sie -verwahrlost sind.« - -Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. »Wie geistreich!« sagte er und -lüftete ein wenig den Hut, indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern -anfaßte und in die Höhe hob. »Wie geistreich!« meckerte er. »Wie -geistreich!« - -»Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!« sagte kühl das junge Mädchen und -wandte sich den Freundinnen zu. - -Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem: »Lassen Sie sich's -gesagt sein,« sagte sie, »daß ich meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu -besuchen. Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja die reinste -Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat er mit Ihnen durchgezecht. Es -wird auch Hasard gespielt, nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark -dabei verloren.« - -»Was hat er verloren?« - -»Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir verlangt. Weiß Gott, es ist -unrecht von Ihnen. Natürlich muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort -gegeben hat, aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.« - -Der schiefschultrige Mann lachte laut heraus. »Aber es ist ja keine Silbe -wahr von all dem, was Sie da sagen!« rief er. »Keine Silbe, nicht eine -einzige Silbe! Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch war bei -mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren haben, wie denn? Ich habe -nicht mit ihm gespielt, das schwöre ich Ihnen!« - -»Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen, Sie werden es leugnen. Das -ist selbstverständlich. Ich werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken, -mein Herr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier gehe, das werde ich tun. -Es ist Ihnen doch bekannt, daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht -wahr?« - -Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf dem Mädchen einen bösen -Blick zu, aber dann lachte er wieder. »Was Sie nicht sagen?« rief er aus. -»Ich bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich stecke jedem eine -Flasche Wein in die Tasche und dann gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein -von Hennenbach, hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt. Er brachte -es von Monte Carlo mit.« - -Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das Mädchen: »Er war ja nie -in seinem Leben in Monte Carlo, niemals!« - -»Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend Mark dort verloren, wie? -Also lügt er?« - -»Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!« - -Der junge Mann nahm den Hut ab und verbeugte sich. Er lachte. - -»Herr von Hennenbach lügt nicht!« rief er aus. »Herr von Hennenbach machen -sich einfach lustig. Er macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt -nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert Mark im Spiel -verloren und er hat drei Tage vorher mich um genau zweihundert Mark -gebeten, da er sie brauche. Ich habe sie ihm aber abgeschlagen -- rundweg --- ich gebe nichts mehr, keinen Pfennig, ich habe die schlimmsten -Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit!« - -Grau watete nun durch den Schnee und beschrieb einen weiten Bogen um die -Gesellschaft. Hinter ihm meckerte der junge Mann, er räusperte sich und -rasselte mit den Schlittschuhen. - -»Aber, nein!« sagten die Schwestern vorwurfsvoll, und die junge Dame fügte -in scharfem Tone hinzu: »Was denken Sie doch --?« - -Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut: »Alle Welt macht sich über -mich lustig -- ergo -- weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig -lustig machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas andres vielleicht -als die andern Menschen? Ich erlaube mir das zu fragen! Man soll sich nur -ein wenig in acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages einen -Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen Leuten nicht angenehm, nein!« -Er meckerte, aber er schien zornig zu sein. - -»Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!« sagte eine der Schwestern. - -Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: »Tun Sie doch, was Sie nicht -lassen können, aber lassen Sie mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in -Ruhe!« - -Darauf bat der Mann um Entschuldigung. Ein solch harmloser Mensch, wie er -sei! Wenn er sich nur erlaube, zu scherzen -- - -Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof angelangt, blieb stehen -und blickte sich um. Dem Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte, -gefüllt mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort stand ein dicker, -niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern -- ein alter Wartturm -- aber von -einem Wohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer, dieser Lehrer -Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich beim Bahnhof? - -Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen still, führten -flüsternd eine Beratung, dann sagte eine der Schwestern: »Suchen der Herr -etwas?« - -Grau zog den Hut. »Ja, ich suche ein Haus,« sagte er. - -»Hier sind keine Häuser,« sagte der Mann mit den Schlittschuhen mit dünner -Stimme und lächelte spöttisch. Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein -gelbes Gesicht, einen kleinen Spitzbart und Mausaugen. - -»Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,« sagte Grau und blickte -umher. »Aber man hat mich hierher gewiesen -- ich suche das Haus eines -Lehrers, eines gewissen Lehrers Löwenherz!« - -»Löwenherz?« - -Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen sich und schüttelten -die Köpfe. Die Schwestern sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige -Äpfel auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden vermocht, wenn -nicht die eine ein kleines braunes Mal auf der Wange gehabt hätte. Sie -hatten frische, runde Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der -Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen. - -Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus wie neulich, als Grau in -ihrem Hause vorsprach, ihre Wangen waren von einer feinen Röte überzogen, -aber ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie waren nahezu weiß. - -Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich zu kichern und zu lachen. -Er streckte wichtigtuerisch die spitze Nase vor. »Es ist der Lehrer!« rief -er aus. »Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter Herr. -Löwenherz! Was sagen die Damen dazu? Ein ausgezeichneter Einfall -- -Löwenherz!« - -Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen. »Ah, Susannas Vater!« -sagte sie, und die Schwestern fügten wie aus einem Munde hinzu: »Ach ja, -Susannas Vater!« - -»Ich erinnere mich, er sprach von seiner Tochter Susanna,« sagte Grau. - -»Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier. Nur muß man durch den Turm -gehen, bis zur Brücke. Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.« - -Sie gingen zusammen und schwiegen. »Ein schöner Tag!« sagte Grau nach einer -Weile. »Ja!« antworteten die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn alle -an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu ihm wandten, die außen -gehende mußte sich etwas vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein. -Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen sagen hätte können. - -Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen im Felde liegen sehen. -Dieses Häuschen lag ganz einsam, halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben, -kleinen Fenstern aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen als -Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen bewegten sich langsam in -einem Acker. Es lag da gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein -Siechenhaus, wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um das Haus herum -wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg ein Hauch von Rauch, den man nur mit -scharfen Augen wahrnehmen konnte. - -Dieses Haus sei es! - -Grau nahm den Hut ab. »Ich danke, meine Damen!« sagte er und verneigte sich -vor den drei jungen Mädchen. »Bitte, bitte!« - -Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete ihre hellen, klaren -Augen eine Weile auf Grau, dann sagte sie: »Wie schön Sie neulich -gesprochen haben!« Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr -Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst. - -Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen in ihren Wangen und -ihre weißen, kleinen Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und -leuchtend auf Grau. - -Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die Hand des Mädchens zu -berühren. Er errötete und machte abermals eine verwirrte Verbeugung. - -»Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!« riefen die Mädchen. - -»Morgen kommen wir!« setzten die Schwestern hinzu. - -Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und ging an Graus Seite -feldeinwärts. Sie wateten bis an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein -Träumender. - -Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und unwillkürlich wandte er sich -nochmals nach dem Mädchen um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen -schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume mit ihr über die Heide --- damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und -besonders ihre Art, den Kopf zu tragen -- wie merkwürdig ist das Leben! - -Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren -Gründen außerordentlich für ihn interessierte. - - - - -Zwölftes Kapitel - - -Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu -sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen -erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er sprach, und er sah -Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm -den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch -als Grau einmal im Felde ausglitt. - -Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit -unterwürfiger, fast demütiger Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr -Benehmen vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen -verlassen. - -»Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?« begann er und lüftete den -spitzen Hut. »Ja, ich habe gehört, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer -zusammengetroffen sind, man hat es mir erzählt. Sie haben den Lehrer -natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen. -Ich muß Ihnen leider sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen -muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das -Blaue vom Himmel herunter und halten -- nichts. Man kann hier Geld -zusetzen, du große Güte!« - -»Kennen Sie Herrn Lenz?« fragte Grau. - -»Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu -mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der -Stadt nicht blicken lassen.« - -»Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heißt das?« - -Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte -ihn in Brand. »Er hat den Stadtverweis, mein Herr!« sagte er vergnügt -lächelnd und paffte. »Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter, -niemand darf die Stadt betreten.« - -»Ja, was hat er denn Schreckliches getan?« fragte Grau und blieb stehen. - -Der junge Mann lachte meckernd. »Er hat,« sagte er flüsternd und kicherte --- »er hat sie durchgeprügelt! Die Polizeidiener zuerst und dann den -Bürgermeister. Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der Stadt.« - -»Warum wurde er denn entlassen?« - -»Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken, mehr als er vertragen -konnte. Einmal lag er am Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als -die Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran denke! Denn ich habe -ihn liegen sehen, bevor noch jemand kam, und gewartet und gedacht: Was für -ein Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag da, als ob er eben -einen großen Sprung machen wollte, so lag er da. Ich dachte, das wird einen -hübschen Spaß geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die in die -Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da und schlief, er war nicht -wach zu bekommen. Was ich gelacht habe!« - -»Deshalb also wurde er entlassen?« - -»Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen des Bürgermeisters, -deshalb wurde er nicht entlassen. Auch seine Frau, die lief zum -Bürgermeister, flehte und winselte, und deshalb ließen sie es hingehen. -Aber später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte Streiche über -Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute ist keine Schule, es ist zu -schönes Wetter, geht hinaus in den Wald. Das ist aber doch keine Schule, -nicht wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er hat ihnen -tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste, was er gemacht hat, sehen Sie, -das hat ihm auch den Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse -spazieren, er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen Tag im Juni. Da -kamen sie nun an einen Bach, es war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen -Sie nun, was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie können sich -denken, das ging hui, hui, das kam den kleinen Mädchen gerade recht, sie -kleideten sich aus und plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz, -er saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische Geistliche, der -geistliche Rat -- ein fetter -- ein etwas korpulenter Herr -- er kam -- und -so war es, der Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht, er ging -nicht!« - -»Er ging nicht?« - -»Nein, er sagte es, er sagte es zu mir. Ich werde nicht gehen, sagte er, -ich lasse es darauf ankommen. Ich werde morgen Schule halten und werde sie -hinauswerfen, wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch einen Spaß wird -das geben, einen unbezahlbaren Spaß. Er sagte auch, daß der Bürgermeister -sich ein wenig in acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen. Ja, -tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar drollig werden. Du nimmst -dich meiner Familie an, ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören -Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und sie wollten ihn aus -dem Schulhaus weisen, aber er prügelte die Polizeidiener durch, dann ging -er ins Rathaus und prügelte den Bürgermeister durch -- vor all den -Schreibern --« - -Der junge Mann lachte und hustete. - -»Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch -- er mußte dann sitzen, -lange, lange Monate, er verlor seine Stellung, sein bißchen Vermögen, -alles, alles -- hähähä -- nun treibt er sich in der Welt herum und seine -Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir wollen hoffen, daß der Herr ihn -antreffen.« - -Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz begann eigentümlicherweise zu -pochen. - -»Sie hat keine Pension?« fragte er. »Die Frau?« - -»Pension? Aber wieso denn Pension? Woher?« - -»Hm. Sie hat auch kein Vermögen?« - -»Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen --!« - -»Sie ist also arm,« sagte Grau leise zu sich selbst. »Wie sagten Sie? Sie -glauben also nicht, daß wir Herrn Lenz antreffen werden?« fügte er hinzu -und blickte den Mann mit dem Spitzbart an. - -Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen. »Nein,« sagte er verwirrt, »ich -glaube es nicht. Er bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau -zusammengeflickt hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört, daß er in -Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster eingeschlagen hat, nun wird ihm -wohl der Boden zu heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es? Er -ist sehr amüsant und er kann deklamieren -- was er doch alles im Kopfe hat! -Er kann Ihnen ganze Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze -Nacht hindurch vorgespielt.« - -»Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?« fragte Grau lächelnd. - -»Warum?« - -»Nun, ich meine nur!« sagte Grau und lächelte. - -»Ja, ich liebe es!« antwortete der Mann mit dem Spitzbart und errötete ein -wenig und blinzelte. »Er deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu -lachen anfängt --« - -»Zu lachen?« - -»Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie Angst bekommen -- dann -wird er gefährlich -- hier sind wir!« Er öffnete das Gartentürchen und ließ -Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen, auch das Haus lag ohne -jedes Zeichen von Leben. Eine ganz besondere Stille und Einsamkeit -herrschte hier und auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens -strich, schien ein besonderer Wind zu sein. - -Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die Haustüre. Sie warteten und -standen einander gegenüber. - -Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an. Eigentlich war das Gesicht -nicht gelb, es spielte in allen Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die -Schläfen zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen, die -fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen und sich hart um den Mund -eingruben. Diese Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz in ihnen. -Der Bart am Kinn sprang vor wie ein Geißbart; seine Haare waren von -unbestimmter Farbe, sie schienen feucht und klebend zu sein und waren grau -an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig kaum überschritten hatte. -Seine Augen waren leicht entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich -in dem getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten unaufhörlich. - -Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter; Schüchternheit, -Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier, Bosheit und Argwohn, alles konnte man -in diesen Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter -Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam hinter dem dünnen Schnurrbart -versteckten, der in feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing. - -Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der Mann mit dem Geißbart -auf zu blinzeln; das Blut stieg ihm in die Wangen, als ob er tief -erschrocken wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut und sagte -mit kaum hörbarer Stimme: »Eisenhut!« - -Grau reichte ihm die Hand. Eisenhuts Hand war feucht und schlaff. - -Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein gelbes Gesicht in Falten -zu einem Lächeln, so daß man seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte: -»Danke, danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.« - -Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen können, auch seine Stimme -blinzelte. - -Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges Mädchen, eine -Hornbrille auf der großen Nase, stand im Rahmen. - - - - -Dreizehntes Kapitel - - -»Guten Tag, Mütterchen!« sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das -die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: »Hier -ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!« - -Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie -versuchte zu lächeln. - -»Keineswegs!« rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. »Herr Eisenhut -scherzt. Ich komme lediglich --« - -Eisenhut lachte. »Nein,« unterbrach er Grau, »haben Sie keine Angst, -Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.« - -Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz -kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz -habe ihn zu einem Besuche aufgefordert. - -Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts -und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal, -hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen -Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte -mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu -Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf. - -»Sie haben ihn gesehen?« fragte sie leise und singend, und ihre Stimme -zitterte. »Er ist nicht hier!« Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte -sie ganz leise hinzu: »Er wird noch zu tun haben.« Sie versuchte zu -lächeln. - -»Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!« rief Eisenhut boshaft aus -und ging hinein ins Haus. - -Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den -verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte -Grau hilflos an. - -Aber Grau ging nicht. - -Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln -Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen. - -»Wie fatal, wie fatal!« sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er -gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich -hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht -anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles -mehr. - -»Könnte ich nicht auf ihn warten?« - -»Warten?« - -»Ja, warten, auf ihn warten!« wiederholte Grau und sah aus, als horche er -in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte -hinzu: »Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im -Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.« - -»Stören?« Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. »Der Herr stören -keineswegs,« flüsterte sie, »wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« Sie -trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung -auf einzutreten. - -»Die Ehrung ist auf meiner Seite!« sagte Grau freudig und verbeugte sich -ehrerbietig vor Mütterchen. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!« - -Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als -er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am -Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in -einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in -einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die -großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist -Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er -kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus. - -»Hier ist ein Herr, Susanna,« sagte Mütterchen leise. »Herr --?« - -»Grau!« Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie -legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den -Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber -Grau erlaubte es nicht. - -»Wie schön!« sagte Susanna. »Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so -selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum -erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.« Graus Herz begann -zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing. - -Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen -so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam -durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel, -während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen -nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und -noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer -Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den -kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten -die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der -niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen -über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug. - -Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und -erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe. - -»Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,« fügte er hinzu. - -Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das -nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien. -»Danke!« sagte sie und blickte Grau an. »Ich habe auch schon von Ihnen -gehört, Herr Grau,« fügte sie hinzu, »und ich habe gewünscht Sie zu sehen --- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch -merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der -mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich -weiß nicht warum.« Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf -etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können. - -»Das ist eigentümlich!« sagte Grau lächelnd. »Und doch hat jeder Mensch das -so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof -einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich, -daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.« - -»Er war es auch?« - -»Ja.« - -»Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf -über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der -Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie -kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die -andere dabei, nicht wahr?« Susanna blickte fragend in Graus Augen. »Haben -Sie die andere gesehen?« - -»Fräulein von Hennenbach?« - -»Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?« -Sie lächelte. - -Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den -eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah -man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre -Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und -enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein -wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte -sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, -sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte -sie: »Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?« - -»Wie schön sie doch ist!« sagte Grau und lächelte ebenfalls. - -Susanna nickte ein paarmal. »Ja, wie schön sie doch ist!« sagte sie. »Sie -ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht -zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind -Schulfreundinnen, müssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine -Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund -und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich -liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam -sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es, -man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders. -Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich -wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!« - -Grau lächelte. »Jetzt nicht mehr?« fragte er. - -»Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,« fuhr sie -geheimnistuerisch fort, »denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht. -Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten -- nun, das -war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hören -müssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann -an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er« -- sie flüsterte -und deutete auf die Türe -- »auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie, -auch er!« - -»Also deshalb!« sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an. - -»Susanna!« sagte Mütterchen. »Wenn er es hört!« Sie warf einen ängstlichen, -argwöhnischen Blick auf Grau. - -Susanna lachte leise und hustete. »Wie sollte er es hören können, -Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt -- -Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch -ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht? -Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.« - -Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen -und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. -Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf -den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er -nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der -Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus. - -Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder -auf Grau. - -»Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!« fuhr sie fort. »Es -ist noch etwas anderes.« - -»Sie ist gewiß sehr eigentümlich.« - -Ja, ob er das gefunden habe? - -»Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,« sagte Grau, der -Susanna unausgesetzt in die Augen blickte. - -»Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat -eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen, -und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein. -Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint -sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man -glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist -sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig, -unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß -- -Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande --« - -»Ich habe die Brandstätte gesehen.« - -»-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter -ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die -Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter -hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht -bewundernswert?« - -»Solch ein Gedanke!« sagte Grau. »Wie rasch sie denkt!« - -»Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging -leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu -ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt -und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch -die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.« - -»Wann war denn der Brand?« fragte Grau. - -»Mütterchen, wann war es wohl?« - -Mütterchen sagte: »Mitte August!« - -»Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flügel zerstört, nicht -wahr?« - -Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf. »Niemand weiß es,« sagte -sie. »Ja, es hat einen ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht -bewohnt war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.« - -»Welch ein Glück!« - -»Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen. -Vielleicht war es ein Racheakt. Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein -Dienstmädchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft -entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu einer Hochzeit verreist, also -konnte auch sie es nicht getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden -sein.« - -»Von selbst?« Aber ein Feuer könne doch nicht von selbst entstehen? Grau -schüttelte den Kopf. - -»Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge oder irgend etwas. Es war -furchtbar für die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Möbel -und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie müssen -wissen, daß die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden. -Oh, denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist -ein Leben großen Stils gewöhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag --« - -»Der Sohn?« unterbrach sie Grau. - -»Ja,« erwiderte Susanna ein wenig überrascht. »Kennen Sie ihn?« - -»Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,« antwortete Grau. »Was ist das -für ein Mensch, ich interessiere mich für ihn.« - -»Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, aber ein wenig -- -ein wenig --« - -Grau lächelte. »Nun?« - -Mütterchen in der Ecke sagte: »Er ist ein Leichtfuß!« - -Susanna lachte leise: »Aber wie kannst du das doch behaupten, Mütterchen! -Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist -verschwenderisch. Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele -braucht viel Geld, ja, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich -Ihnen sagen. Und nun brach das Feuer aus! Sie waren hoch versichert.« - -Susanna blickte Grau lange an. »Denken Sie, wie böse die Menschen sein -können! Sie wissen, was ich meine!« Susanna ballte die Fäuste. - -»Ja,« sagte Grau; »es ist übrigens recht gut möglich, daß das Feuer von -selbst entstanden ist,« fügte er hinzu, »durch Wolle, Späne oder irgend -etwas.« - -Susanna lächelte. »Aber hören Sie, es war doch ein Glück dabei. Ja, ein -großes Glück. Nämlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr -bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft -unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man -müsse versichern. Die Freifrau hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie -gut, daß wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.« - -»Das war allerdings Glück im Unglück!« sagte Grau. - -»Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich sie ist,« fuhr -Susanna fort. »Denken Sie, sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer -ausbrach und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der -Stadt, der nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wäre. -Auch den glücklichen Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung -der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt, zu keinem Menschen sprach sie -davon. Auch als sie sich verlobte -- sie hat sich mit einem Baron Kirchgang -verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie -- ja, da hat sie -ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich ist sie. Manchmal scheint es -als ob sie aus einer andern Welt sei.« - -Grau blickte Susanna an. »Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?« - -»Wie?« - -»Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,« sagte Grau mit eigentümlichen -Lächeln. - -»Ich verstehe nicht?« sagte Susanna gespannt. - -»Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte -das nicht möglich sein?« - -»Ja, wieso sollte es möglich sein?« fragte sie. - -Grau zuckte die Achseln. »Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?« fragte -er. - -Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie -leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte -auf den Feldern. - -»Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,« sagte Mütterchen leise -und wandte sich langsam der Küchentüre zu. - -»Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er -hatte noch immer ein Einsehen.« - -»Ja,« sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. »Der Herr -müssen mich einen Augen -- blick ent -- schuldigen --« - -»Mütterchen ist sehr scheu,« flüsterte Susanna. »Sie kann nicht sprechen, -aber sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in -ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum -Fenster hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die -Fußspuren im Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht -umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt, -beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst -nichts. Aber ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein. So ist -sie. Manchmal -- ach, nicht oft -- vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da -sagt sie: >Wenn er doch einen Brief schriebe!< Dann kann sie nicht mehr -schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten -- so -selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von -der Welt.« Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man -Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: »Ich hoffe, Sie -werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?« - -»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Grau. »Ich liebe es, Ihnen zuzuhören. -Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.« - -»Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit -jemand zu sprechen.« - -»Verzeihen Sie einen Augenblick,« unterbrach sie Grau, »da wir vorhin von -dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen -- er ist wohl Student?« - -»Ja. Weshalb?« - -Grau lächelte. »Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch -Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?« - -»Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war -noch nie dort.« - -»So, so. Er lebt also immer hier?« - -»Ja, ja. Ich verstehe nicht --« - -»Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde -- aber sprechen Sie doch nun, -bitte, Fräulein Lenz!« - -Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: »Ja, ich freue mich, sprechen -zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche -zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht, -wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen -fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!« - -»Warum gerade das?« Grau rückte den Stuhl näher heran. - -Susanna kicherte. »Sie werden vielleicht lachen!« sagte sie mit hoher -Stimme. »Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues -Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer -Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen, -die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt -gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich -gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein -neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit -wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so -ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen -und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu -mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all die neuen -Ideen -- all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große -Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn -all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege -- es ist ein Jahr und -noch ein halbes dazu -- habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei -mir gesehen -- ja, sechs waren es.« - -»Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?« - -»Es ist nun,« sagte Susanna und blickte in die Weite, »es ist nun vier -Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im -Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.« Sie lächelte. »Trotzdem -vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die -Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile --« - -»Wie gut das ist! Das ist gut!« unterbrach sie Grau. - -»So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen, -daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder -ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.« - -»Jeder Mensch hat solche Augenblicke!« - -»Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die -Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur -gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie -wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke -ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er -spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf: -Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe -die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie -sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die -von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so -fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein -kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.« - -»Wie schön Sie das sagten!« sagte Grau bewundernd und nickte. - -Susanna fuhr fort: »Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen, -denn sonst -- ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles -leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum -Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur -Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus -der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun -so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit -kann verstreichen, aber plötzlich -- sagen wir -- taucht der nickende Kopf -eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch, -wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe -auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser -spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung -- immer -sehen Kinder interessante Dinge im Wasser -- und sie müssen -hinunterspucken. Auch ich mußte es tun -- auch Sie?« - -Grau lachte. »Ja,« sagte er. - -Susanna fuhr fort: »Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der -Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie -sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei -ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen, -wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie -jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die -Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er -ist wie Sand, wenn es kalt ist -- er glänzt, wenn es getaut hat und Frost -darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es -aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die -Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein -Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen -ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die -Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt, -so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben. -Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt -aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz -genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche. -Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den -Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu -sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen, und wissen -Sie, was dann geschieht?« - -»Dann träumen Sie!« - -»Ja, dann träume ich.« - -»Was träumen Sie denn?« - -Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie -Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie -sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu -müde dazu war, so träumte sie Musik. - -»Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich -bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß -revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und -gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die -Reihe an Ihnen.« - -Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft -Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun -erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber -Grau verstand es, ihr zuzureden. - -Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: »Es kann eine -Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein -- -aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie, -das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es -ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied -schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die -Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen! -Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie -hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie -eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die -mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und -die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und -furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm -greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt -ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen -Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das -macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich -grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel -wieder wie am Anfang. -- So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha, -ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben -- aber so ähnlich ist es, Sie -müssen es sich eben ausmalen.« - -Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper -erbeben. - -»Sie frieren?« sagte Susanna und richtete sich auf. - -Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts. -»Nein,« sagte er und lächelte, »ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte -einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das -Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe -die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut -haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel -gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.« - -»Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es -wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die -Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es -muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das -man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht -und singt.« - -»Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?« - -»Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das -singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln -hüpfen.« - -Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an. - -»Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,« sagte er, »Sie sind ja ganz -außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!« - -Susanna lachte leise und errötete. - -»Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?« - -Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern -ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es -sang. - -»Da haben wir es!« Grau lachte. »Sie müssen Musik von Grund auf studieren. -Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt -ein Piano haben!« - -Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte -mit hoher Stimme: »Ich kann aber doch nicht spielen!« - -»Das? Was das anbelangt -- da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es -sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger -sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände, -Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir -natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch -sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht -beim Namen nennen -- nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in -einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen -- nach einem Jahr -oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu -geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon -zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden --« - -Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr -Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn -von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht? - -Dann sagte sie leise: »Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so -streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie -tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben -- -ich --« - -Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: »Das ist mein -Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde -genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich -mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt, -ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas -derartiges etwa erzählt? Wie? -- Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie -vor Schmerz nicht wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht -getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame -hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung schön gesprochen. Ich -habe mich geschämt. Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte -habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern war größer als mein -Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum --« - -Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: »Es muß -heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.« - -Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen. -»Er hat nein gesagt!« flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse -neben Grau. - -»Nein?« jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann -setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: »Ach, Mütterchen, -du mußt den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er -ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.« - -»Ja,« hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse. - -»Ja, was tun Sie denn!« schrie Grau erschrocken und sprang auf. - -»Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.« - -Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. »Wie liebenswürdig von -Ihnen,« sagte er und drückte Mütterchen die Hand. »Ich breche in Ihr Haus -ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!« -Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder. - -Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich war -ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer -umher. - -Mütterchen erstarrte vor Schrecken. »Da ist -- nun -- diese --« Sie blickte -starr und hilflos auf Grau. »Hsch, hsch -- du ungezogene --« - -»Putt -- putt,« machte Grau. »Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau -Lenz, seht an.« Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch. - -»Ja, in der Küche -- aber -- der Herr müssen entschuldigen -- mein ganzes -Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden -- wie mich -diese ungezogene -- hsch, hsch -- Kreatur blamiert -- Geh hinaus, -Klatschbase.« - -»Klatschbase, so heißt sie,« erklärte Susanna, »weil sie so viel gackert.« - -Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Türe hinaus, nicht -ohne vorher zu zeigen, daß sie ein echtes Huhn sei. »O -- o --« hauchte -Mütterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da -habe sie recht, ein schöner Tag sei heute. »In der Stadt hacken sie das Eis -auf,« sagte er. »Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der Frühling -kommt.« - -Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an. - -»Nun?« - -»Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!« sagte sie langsam. »Denn die -Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den -Frühling. Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an -ihn. Er ist mein Geliebter. Sie lieben ihn auch?« - -Grau lächelte. »Ja, wer liebt ihn nicht?« sagte er. »Es gibt auf der ganzen -weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann -noch so mißmutig sein.« - -Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling. Sie lächelte und atmete -tief. »Oft denke ich,« fuhr sie fort, »ob es sich nicht jetzt schon rührt -da drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen -und sich dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hören Sie, -sie müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht plötzlich schon -ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen, wie? Also müssen sie wohl oder -übel jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was -jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der -Frühling! Guter Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der -Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund -hauche. Wie warm es haucht! Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und -dachten, ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen Sie etwas an, -einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist, wenn er kommt.« - -Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie -- und es klang wie -ein frohes Seufzen: »Dann wächst das Gras!« - -Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr -wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie -ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust -empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf -Susanna. - -»Dann regnet es und Sie lachen!« fuhr Susanna fort. »Es regnet und Sie -lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt -er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt -im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft -ist süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher -geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses, -faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste -Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe -und Eichhörnchen, Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste -Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! -- Ja, wie sieht es -denn da aus?« rief sie und lachte. »Aber das ist ja alles, wenn er nur im -Anzuge ist --« - -Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße -Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige -Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen -in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter, -sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben, -und endlich schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten -den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und -Susannas Augen glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken. - -Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen, -den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz -und Herrlichkeit -- - -»Sie gehen in den Wald!« sagte sie fiebrisch. »Sie gehen hinein wie in eine -Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne -Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie -kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie -kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie -kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen, -mit einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig -und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst, -es wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser -nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege -ich stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die -Wiese gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!« - -Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete. - -»Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,« sagte Mütterchen. - -»Ich meine ja nur,« sagte Susanna. »Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?« - -»Ja,« sagte Grau. »Sie sehen so besonders reinlich aus.« - -»Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich -vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.« - -»Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!« sagte Grau. »Oh -- verzeihen -Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.« - -Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. »Das ehrt mich!« sagte sie und sah -Grau erfreut an. »Ja, ich liebe sie!« fuhr sie fort und rang ein wenig die -kleinen mageren Hände. »Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still -und geduldig. Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß -sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen -lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde, -Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend -wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend da. Können Sie sich -eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen -haben die Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich kann es, -denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe -ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen so -sehr.« - -Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: »Früher, ja, früher da -liebte ich sie.« - -»Jetzt nicht mehr, aber --!« - -Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie -kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein -Wort zu sagen. - -»Nein, aber ich protestiere!« sagte Grau. - -»Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen --« - -Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte -es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen -wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz -seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen -an den Fingern ab. - -Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken. -Ihre schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen -öffneten sich. Sie sprach mit sich selbst. - -»Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!« flüsterte sie. Sie -dachte nicht, daß Grau es hören könnte. - -Grau erhob sich. Susanna erschrak. - -»Oh, es ist spät?« sagte er. »Es ist spät!« Er griff in alle Westentaschen -und suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in -den Mantel. Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen. »Es ist -spät!« - -»Sie müssen gehen?« - -»Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen, -wenn es die Damen erlauben, ganz gewiß --« - -»Kommen Sie bald wieder!« - -»Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Fräulein Susanna, es -ist einer der schönsten Nachmittage meines Lebens gewesen -- der schönste -vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzählt -haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich muß, -erlauben Sie mir, ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit -welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!« - -Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. »Wie -rasch wir Freunde geworden sind!« sagte er. - -»Ja!« - -»Adieu, Fräulein Susanna!« - -»Adieu, Herr Grau!« - -Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: »Adieu, -Fräulein Susanna!« - -Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja -nicht, wie man das Gartentürchen öffne. - -Grau wehrte ab. »Sie können sich eine Erkältung holen, Frau Lenz. Wie es -doch schneit!« -- Nein, nein, der Herr wisse ja nicht -- - -Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna halte? - -»Oh!« rief Grau aus, den Hut in der Hand, »ein prächtiges Geschöpf, ein -ganz und gar wundervolles Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns -gesagt!« - -Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie -frage, was er von ihrem Befinden halte. - -»Eine Erkältung,« sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er -entfliehen, und blickte auf Mütterchen herab, in deren Haaren sich der -Schnee ansammelte. »Eine schlimme Erkältung vielleicht -- aber --« - -Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon über zwei -Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfüllten Augen an. - -Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke, stärkende Luft, Balsam für -Kranke. »Was übrigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl -sagen -- und jedermann wird es Ihnen bestätigen -- mit einem Leiden kann -man alt werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt --« Grau sprach noch -scheuer und wich ein wenig zurück. »Übrigens der Frühling, die Sonne --« Er -konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden sie ins Grab singen, -dachte er. - -Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprüngen -lief sie ins Haus zurück. - -Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er -verfolgt werde. Sobald das kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann -er zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee. - - - - -Vierzehntes Kapitel - - -»Sie ist einer von jenen Menschen, für die man sein Leben lassen müßte!« -sagte Grau, der in seinem dunkeln Zimmer auf und ab ging. »Nur um ihr einen -einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise sein Blut -hergeben!« Es blieb lange dunkel in Graus Zimmer, dann machte er Licht und -schrieb an Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte Freundin, -schrieb er. Er trug den Brief zur Post. Vielleicht kommt der Briefbote -selten in das kleine Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte. -Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund und Bruder gefunden -hatte. - -Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die Staffeln -hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war und der Schnee unter seinen -Schritten knarrte, trat er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die -Parkmauer entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen eisernen Gitter und -merkwürdigerweise pochte sein Herz, als er dieses Gitter sah. Der Park lag -öde und kalt. Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen in dem -weißen Hause stand, an die Stille des Salons mit den zierlichen Möbeln und -an den leisen Schritt, der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam -sie. Ihre Stimme, ihre Augen -- er ging weiter, diese Erinnerung schmerzte -ihn. Er stieg die Höhe hinauf. Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein -paar Lichter blinzelten im Tal, als ob die Kälte sie beize wie Augen, ein -kleiner grüner Stern sprühte am Himmel, der fast schwarz aussah. Der Wald -begann. In ihm war es noch stiller und ganz dunkel, aber es war wärmer -zwischen den Bäumen, die ohne jedes Zeichen von Leben dastanden und sich -gleichsam aneinander drängten. - -Grau lauschte unwillkürlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit erfüllten ihn -inmitten des winterstillen Waldes, den ein Zauber in Erstarrung versetzt -hatte. Die Herzen all der Bäume standen still und regten sich nicht mehr -und schienen tot zu sein. Er ging leise, nur der Schnee ächzte unter seinen -Schritten. Und er dachte an den großen Winterschlaf, den die Erde schlief, -die Wälder schliefen, die Quellen, selbst ganze Völker im Norden schliefen, -die Bären in den Höhlen. Aber Gott wird die Wimper heben und vom Süden wird -der Tauwind kommen, die Bären werden die Tatzen lecken, der Schläfer wird -vom Ofen kriechen, die Quellen werden sprudeln und die Wälder sich -schütteln. Auch die erstarrten Herzen dieser Bäume werden wieder zu pochen -beginnen: Denn da ist ja nichts Totes in der Welt. Was tot ist, ist nur -scheintot und selbst der Stein am Wege, er schläft nur. - -Grau blieb stehen. Ging nicht jemand an seiner Seite? Er lauschte. Nein. -Aber hatte nicht eben eine feine Stimme in sein Ohr geflüstert? Es -flüsterte und pochte. Es war sein Blut, das in seinem Körper strömte. Und -mit einer Art von Schrecken lauschte er auf jenes Pochen, Pulsieren, Atmen -in seinem Körper, das ihm Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgängen, die -ohne sein Wissen Tag und Nacht in ihm walteten. Die Zellen in ihm -verschoben sich, änderten sich, er wußte es nicht, eine Stelle in seinem -Körper mochte in großer Gefahr sein, die Blutkörperchen stürzten herbei, zu -verteidigen, zu helfen, zu heilen, die Nerven zitterten, ein unausgesetztes -Signalsystem war in Tätigkeit, er wußte es nicht. Die Blutwelle -überschwemmte sein Gehirn, ein vergessener Ton erwachte, ein vergessenes -Bild, ein Gedanke formte sich, ein Wunsch irrte hin und her, flackerte, -leuchtete Monate und Jahre, bis er ihn entdeckte, oder er erlosch -ungesehen, unbeachtet -- und er wußte von all dem nichts! Er sprach, -lachte, ging, er war nichts als Oberfläche, er lebte an der Oberfläche, -während in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen wirkte. - -Plötzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm Kälte entgegenstürzte. -Diese Wiese schien lebendig, bewohnt zu sein. Es war Licht auf ihr. Das -Licht kam vom Mond, das Licht des Mondes von der Sonne -- welches Licht, um -des Himmels willen, war es doch, das ihn, den nichtigen Wanderer, hier -grüßte? Aus welchen Zeiten, welchen Fernen kam es? Wie, wie, wie? - -Er, der hier stand und nicht mehr war als eines der Millionen -Schneesternchen, die auf einem Aste lagen, er wurde von Entsetzen gepackt, -denken zu können und zu fühlen, daß er lebte. - -Denn was Leben heißt, wer hat es doch je zu Ende gedacht? Niemand. Selbst -der schnelle, scharfe Gedanke des Weisen, er erlahmt, er erschrickt, er -kehrt entsetzt um. - -Da ist zum Beispiel das Blut! Nicht seine Funktionen allein, die die -wunderbaren menschlichen Apparate (ein Lob dem Menschen!) belauschen -konnten. Ein Tropfen Wasser ist köstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen, -köstlich, wer erdachte sie? Aber ein Tropfen Blut, wie --?! Das Blut -verrichtet seine Arbeit -- sein Schöpfer sagte: schaffe! und es gehorcht -- -aber es ist zugleich wie ein Volk, hat Gebräuche, Eigenschaften, -Geschichte, denn das Volk es ist ja aus Blut erbaut, es ist ja nichts als -die Vergrößerung des kleinen Tropfens. War nicht ein ewiges Vergehen in -ihm, Grau, der durch den Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblühen? Von -Eigenschaften und Fähigkeiten, von Völkern, Geschlechtern und Rassen, wer -weiß, wann sie lebten, woher sie kamen? War nicht ewiger Kampf, -Unterhandlung, Waffenstillstand dieser Geschlechter in ihm? Jene Rasse, die -vom Osten kam, vielleicht erstarb sie in ihm in dieser Minute und übergab -ihre Waffen an ein Geschlecht, das aus dem Norden kam, mit Ketten aus -Bärenzähnen geschmückt? Woher sollte es doch kommen, daß ihn zuweilen -namenlose Traurigkeit befiel, ohne jeden Grund? Namenloses Glück in ihm -aufloderte wie ein Siegesgeschrei, ohne jeden Grund? Tod und Geburt in ihm -wie in der Welt, Kampf und Sieg. Dieses Auf und Ab, dieses Gehen und -Kommen, dieses Laut und Leise, Fragen und Befehlen, Erschrecken und Locken, -wie wunderbar war es doch! Wie entsetzlich und wie köstlich schön! - -Und doch -- das war ja noch nicht das ganze Leben in ihm, nur ein kleines -Stück, soviel wie ein Blatt vom Walde ist, nicht mehr, nicht weniger. - -Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt umkreisten, -durchdrangen, dieses Sausen des Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne -und der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte. - -Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen Welt, von der er ein Teil -war, die sich öffnete und schloß in der gleichen Sekunde vor dem -geblendeten Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht? Oder erinnerst -du dich nicht mehr, da du zwischen Schlaf und Wachen warst und deine Seele -plötzlich in dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und Freude -erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und flau bist du, sprach deine -Seele. Und du antwortetest, gebannt von dem Unbekannten: »Ja, ja!« Deine -Seele sagte: »Tue dies, tue das!« Und du sagtest: »Ja, ja, ich gehorche!« -Das ist der Weg, sagte deine Seele und du sagtest: »Ich werde ihn gehen!« - -Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an jenen Moment, da -plötzlich ein Auge in dir leuchtete und dich von innen heraus anblickte. -Das Auge blickte mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war in dir --- und du, du sprangst auf. »Ich bin ja allein!« sagtest du laut, aber du -glaubtest dir nicht. Hattest du den Mut, zu fragen: »Wer ist hier?« Nein! -Denn du fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten! - -Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle Leben, das -wir ahnen, uns offenbarte. - -Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine Augen waren groß und -leuchtend. Der Mensch geht auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr: -er geht in der Luft. - -Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen, eisernen Gitter vorbei. Es war -noch immer angelehnt. Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne -Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem kleinen Salon ins -Gedächtnis zurück und es schmerzte ihn, daß er nicht genug in jenes schöne, -stolze Mädchenantlitz geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten. - -Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild mit aus dem Tage und das -Bild erscheint im Traum. So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des -Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände davor und wartete. Ja, -worauf wartete er doch nur? Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park -hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen Augen. »Hast du mich -heute wiedererkannt?« rief sie. Aber je näher sie kam, desto mehr -veränderte sie sich. Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen -Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken, ihr zu folgen. Er -zögerte -- aber dann folgte er ihr. - - - - -Fünfzehntes Kapitel - - -Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah -ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man -überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte. -Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute -zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den -dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der -reichen Leute, einerlei. - -Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon -einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute; -voll von Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles -kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu -benutzte er die Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei -angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann -wollte er weiter sehen. - -Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine -Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau -Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch -sprach er häufig bei der »ewigen Braut« vor, um mit ihr zu plaudern. -Susanna besuchte er, so oft er frei war. - -Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er -in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen -zu sein. - -Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat, -dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für -Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm, -so oft er das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen. -Eisenhut ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit -sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu; -zuweilen schüttelte er den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau -einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal -kam es auch vor, daß er auf der Straße stehen blieb, Grau spöttisch -lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst. -Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht -etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut -blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu -sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau angewidert -abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß. - -Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in -sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch -wunderliche Dinge auf dieser Erde! - -Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar -ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken -nach Hause. - -Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu. - -Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz -gewesen, so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn -Unsicherheit befallen: Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken, -was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im Schlaf? -- Er war -unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser -geglückt. - -Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte -nicht wie das zuging. Er spielte Orgel. - -Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die -Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen -den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden -sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an, -ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen -einander und küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum. - -Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt. -Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm. -Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete -am Himmel. - -Nun wollte er zu Susanna gehen. - -Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund -zu schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern. -Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder -einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war -er schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus -eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es -mit seiner Freude nichts geworden. - -Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein -Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände -berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es, -als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er -Feuer. - -Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines, -wie ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu. -Die Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick. - -Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch -blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war -der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer -- es lockte. - -Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe -ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen -- und -doch habe ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch -durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist. -Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein, -nein, wie sollte ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt -wie heute. Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer -fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt, -oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen, -oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem -Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein -Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen -scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser. -Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist -möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in die -Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die -Höhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase -und betet und ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott -in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen -Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja -nicht möglich, daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht -ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du -deine Hand anblickst? und wenn die Vögel im Walde singen -- wie wird dir? -Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im -Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als -Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch, -Ekstase. - -Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene -glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben -gesprochen, ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken, -was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht. - -Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in -die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln -metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er -bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber -die Leute kannten ihn und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr -Anerbieten, später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch zögerte, -trat jemand in den metergroßen Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das -sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier -waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier -gab, rochen nicht. - -»Herr Grau?« sagte eine schöne Stimme. - -Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen. - -Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr schmales -blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie -lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die -Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten -Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm. - -»Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!« sagte sie und -blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein -wenig geöffneten Lippen. - -Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung -ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. »Es -macht mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie -freut sich so,« sagte er, sich gleichsam entschuldigend. »Sie gehen zum -Eise, Fräulein von Hennenbach?« - -Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. »Ja,« sagte sie, »man muß die -letzten Tage noch benützen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit. -Ich habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht -ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit benütze?« - -»Bitte.« Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen den Laden. Adele -erkundigte sich nach den Formalitäten -- es handelte sich um ihre Trauung. -Dann plauderten sie. - -»Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!« sagte Adele. »Ganz als ob -Sie eine frohe Nachricht erhalten hätten!« - -»Das habe ich auch!« sagte Grau. »Aus weiter Ferne.« - -»Diese arme Susanna,« bemerkte Adele im Laufe des Gespräches, »wie es mir -doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen -Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und -bescheiden ist sie doch! Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich -ist, so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. -- Wollen -wir den Weg zum Fluß hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.« - -Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die -Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit -zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien -ebenfalls was sie nur konnten. - -Grau schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht finden,« erwiderte er, »daß -Susanna häßlich ist. Ich muß freilich zugeben, daß ich beim ersten Anblick -dachte, die Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint -sie mir schön.« - -»Wirklich?« - -»Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr. Sie hat doch ganz -wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort -von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das -Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie -die Lippen öffnet?« Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele. - -»Ja, ja.« - -»Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände genau betrachtet? Wie lebendig -sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie -doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind außerordentlich schön! -Ich schwärme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum -erstenmal sah, schwärme ich für sie -- ich gestehe es. Sie werden es ihr ja -auch nicht wieder sagen,« fügte er mit einem Lächeln hinzu. - -Adele sagte: »Wer weiß es?« - -»Ich würde es nicht wünschen,« sagte Grau. »Sie werden doch nicht am Ende -glauben, daß ich gerade deshalb so aufrichtig bin?« - -Adele schüttelte den Kopf und lachte. »Sie wissen, daß Sie es mit einer -Frau zu tun haben!« sagte sie scherzend. »Susanna würde all das wohl gerne -hören, denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch gesagt, daß -sie eine Dichterin sei und Bücher schreiben könnte. Glauben Sie das -wirklich?« - -»Würde ich es sonst sagen?« Grau nickte. »Ja, das glaube ich,« sagte er. -»Hat Ihnen Susanna schon die Geschichte erzählt, die sie über das -Porzellandämchen in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer der -Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschöne Sache! Als ich mein erstes -Kind erwartete, beginnt die Geschichte dieser Porzellandame -- haha!« - -Adele kannte diese Geschichte. »Wenn es weht, vermeide ich es, auf die -Straße zu gehen, erzählt Madame Ypsilon,« sagte sie. »Ich habe gar keine -Talente,« fügte sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen -Kopf. - -»Jeder Mensch hat seine Talente.« - -Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche Talente er ihr -zuschreibe? - -»Erstens,« antwortete Grau und blickte sie an, »sind Sie sehr musikalisch, -ich sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich auf Geräusche und Töne der Straße -zu reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin, an Ihrem Gange -kann man das erkennen, mehr noch an der Art wie die Bewegungen Ihres -Körpers eine Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben die -Fähigkeit fremde und unmögliche Dinge zu träumen, vielleicht mitunter -grausame Dinge.« - -Adele sah ihn an. »Bitte, bitte!« rief sie aus und lächelte. - -»Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,« fuhr Grau fort, »unklare -Situationen zu überblicken -- zuweilen geht Ihr Blick so rasch hinter den -Wimpern hervor und unvermittelt in die Weite -- und rasch und unerschrocken -zu handeln -- sogar tollkühn,« fügte er leiser hinzu. - -»Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe, für meinen Bruder um -Entschuldigung zu bitten,« sagte Adele ablenkend. »Wegen jener Affäre im -Elefanten.« - -Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das sei doch nicht der Rede -wert. - -Adele blickte ihn erstaunt an. »Nicht der Rede wert?« fragte sie. »Haben -Sie denn keinen Streit mit ihm gehabt?« - -»Nein, nein!« Grau lächelte. - -»Wie merkwürdig!« sagte Adele. »Er hat mir erzählt, Sie hätten Billard -zusammen gespielt, er habe gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel -- und -fast zu Tätlichkeiten gekommen,« fügte sie zögernd hinzu. - -Grau sah sie an. »Das ist nicht wahr!« sagte er ernst und leise, denn etwas -beschäftigte seine Gedanken. - -Adele öffnete erstaunt die Lippen. »So?« sagte sie gedehnt. »Ich habe mich -gewundert darüber -- er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die -Geschichte mit der Flasche ist also -- nicht wahr?« Sie errötete flüchtig, -»Ich habe bisher meinem Bruder alles geglaubt,« sagte sie mit einem Tone -von Verwunderung und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und -dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in -Nachdenken versunken war. »Lassen wir das!« sagte sie, indem sie ihrer -Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte. »Man hat mir erzählt, -daß Sie früher Gefängnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre -erste Anstellung?« - -Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine -Mienen drückten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage -wiederholte, fuhr er verwirrt auf. - -»Ich bitte um Verzeihung!« sagte er verlegen. »Allein ich kann manchmal -vollständig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit -beschäftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt -Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich -gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht -meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für -Kinder.« - -»Oh!« Adele zog wie unter einem körperlichen Schmerze die feinen schwarzen -Brauen hoch. Sie grüßte jemand auf der Straße, dann sagte sie: »Unter -Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie -schrecklich muß das sein!« - -»Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein,« sagte Grau und blickte -Adele an. - -»Ja, entsetzlich!« Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn. - -»Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich -habe es einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken -vornehm, ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht --« - -»Was taten Sie?« Adele sah Grau erschrocken an. - -»Verstehen Sie es recht,« fuhr Grau fort. »Ich habe mir eine Binde um die -Augen gelegt -- es war in jenem Institut -- vier Tage lang -- ich tat es -aus Interesse -- aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine -blinden Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu -sein -- kurzum, aber ich sage Ihnen gleich -- doch es ist besser nicht -davon zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.« Er wurde -plötzlich rot, dann fuhr er in anderem Tone fort: »Denken Sie daran, wie -wir uns freuen, wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert, -wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht -wie die Pflanzen, unsere Seele nährt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes -Glitzern eines Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen ohne -diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von Hennenbach, ein Mensch -mit zehntausend Sonnentagen und zehntausend Sternennächten in seinem Leben -ist ein ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.« - -Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen Stiefeln, das Gewehr auf dem -Rücken. Es war Eisenhut. Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg -hocherhobenen Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus dem Etui und -steckte sie in Brand. - -»Schönes Wetter, schönes Wetter!« rief er und blinzelte. - -»Ja, schönes Wetter!« sagte Grau. - -Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar nicht, und -wiederholte: »Schönes Wetter!« - -»Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt, Herr Grau?« sagte -Adele, die Eisenhut gänzlich ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den -Spitzbart in die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer Rauch -regungslos über dem Wege schwebte. - -»Es geschah auf meine Bitte hin,« antwortete Grau. - -»Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes dazu getrieben, -ich hatte eine Art Vision -- oder --« - -»Eine Vision?« - -»Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des Erzählens wert.« - -Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen allmählich ein frisches -Rot überzog. - -»Sie müssen mich recht verstehen,« sagte Grau, »was heißt das schließlich, -eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande, -nichts weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und -ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen den Gräsern, das -Wachsen der Halme, wie Zelle sich an Zelle schloß -- ganz wunderbare -Lebensvorgänge --« - -»Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war müde, aber ich schlief nicht -und plötzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der -Kleidung eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwärts und -vier Schritte zurück, so daß ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal -seinen Rücken. Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich -viele, vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein blicken -können, durch Mauern hindurch, so sah ich in all diese Zellen hinein. Sie -gingen hin und her, vier Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie -hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene. Sie -gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig, plötzlich aber blieben -sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit den -Fäusten an die Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das Wandern -wieder auf.« - -»Wie schrecklich!« - -»Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich!« sagte Grau leise und schwieg eine -Weile. Er fuhr fort: »Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder -still, gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rücken -zuzuwenden -- sie standen still, sage ich -- und sahen mich an. Alle auf -einmal! All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen -mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich -an den Gedanken, daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser -entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum länger als ein -Gedanke, dann lächelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder -ein wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln: Spöttisch, -überlegen, verächtlich -- dann machten sie kehrt und wanderten wieder.« - -Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide -auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte -leicht widerhallten, sagte Adele: »Deshalb also gingen Sie dorthin?« - -»Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.« - -Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte -plötzlich im Winde; denn die Höhe trat hier zurück und der Wind hatte freie -Bahn. Ein paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend, in einer -Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von -Susannas Häuschen auf. - -»Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen nachgedacht,« nahm -Grau das Wort wieder auf, »aber jetzt mußte ich es tun. Es war besonders -jenes Lächeln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich -sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich, aber all das sagt -nicht genug. Ihr Lächeln schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen -Gedankenlosen.« - -»Gedankenlosen?« - -»Ja,« sagte Grau, »und ich mußte immerzu an dieses rätselhafte Lächeln -denken und schließlich kam es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte, -was es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen über -Gefangene und Verbrecher getragen.« - -»Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen sie eigentlich sind?« fragte -Adele mit aufrichtigem Interesse. - -Grau sah Adele an. »Was für Menschen?« antwortete er und lächelte. »Sie -sind genau wie andere Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich, -nur daß sie etwas getan haben, irgend etwas, das gegen einen Paragraphen -des Gesetzes verstieß, daß sie nicht vorsichtig genug waren und daß man sie -packte.« - -Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte in die Ferne, genau -dahin, wo jetzt die Krähen flogen; sie sagte: »Ja -- daß man sie packte, -das ist ganz richtig, das ist wahr!« Sie lachte ein wenig seltsam. - -Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an. - -Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend gleichmütiger -Stimme fort: »Ich sehe, Sie interessieren sich für diese Unglücklichen, -Fräulein von Hennenbach. Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit -falschen Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind Leute, bei denen eine -der allgemein menschlichen Eigenschaften, Eitelkeit, Hochmut, Trägheit -Genußsucht, Sinnlichkeit, Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit, -Leichtsinn, Leidenschaftlichkeit -- (eine ungeheure Menge von allgemein -menschlichen Eigenschaften zählte Grau auf, sie wollten gar kein Ende -nehmen) -- unglücklich stark entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft, -stärker sogar als die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung, daß alle -Verbrecher und Sträflinge geisteskrank oder seelisch defekt sind, stimme -ich nicht bei. Im Gegenteil, Sie finden darunter einen nicht geringen Teil, -der sehr gesund ist, gesunder oft als die freien Menschen. Ganz prächtigen -Leuten können Sie dort begegnen, welche Kraft, Unerschrockenheit, welches -Feingefühl, welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie haben -einen Tropfen krankes Blut im Körper, den der Arzt natürlich weder sehen -noch nachweisen kann. Endlich kommen die schrecklichen Verbrecher, die als -Teufel geboren wurden und eines Tages ein Verbrechen begehen, daß alle -Zeitungsleser der ganzen Welt schreien: Er gehört geschlagen, gebrüht, die -ärgste Folter müßte ersonnen werden!« - -»Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen mögen das wohl sein?« - -»Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Sie -sind ein Mysterium, uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige -Gespenster -- irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher Geist haust -in ihnen, ich weiß es nicht, ich habe das noch nicht zu Ende gedacht!« - -Adele schüttelte den Kopf. »Nach all dem, nach Ihrer Auffassung vom -Verbrecher,« sagte sie, »die ja sehr gütig ist --« - -Grau unterbrach sie. »Das Resultat von Beobachtungen, erlauben Sie, mein -Gefühl spricht nicht mit.« - -Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht sein, die Verbrecher zu -bestrafen. - -Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: »Natürlich! Das ist eins -jener Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man -diesen menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man -heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.« - -»Aber --?« - -Grau lächelte. »Die Gesellschaft!« sagte er. - -»Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen, ich werde gar nicht -von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder -von den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft -will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr? -Störenfriede schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der -Gesellschaft ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum -allergeringsten Teil -- denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts -anderes als ein Ring kleiner und großer Bankiers -- es ist ihr vielleicht -ein wenig um das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von Seifen und -Gasmotoren und Kanonen -- vielleicht nur um Bereicherung, aber auch das ist -wohl nicht gerecht -- sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in -Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil sie bequem und in -Gemütsruhe leben will -- das Motiv steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann -also Störenfriede ausschließen -- aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat sie -das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren und sich dagegen -verfehlten, zu erziehen -- das aber ist alles!« - -»Ja, aber ich verstehe nicht ganz?« warf Adele ein. - -Grau schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie meinen, wenn jemand mir zum -Beispiel hundert Mark stiehlt -- ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn -bestrafen? Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein bißchen -Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm finden -- die Gesellschaft -aber glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher -gestohlen hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht. -Übrigens keine Einzelheiten. Müssen Sie nicht immer ein Auge schließen, -wenn Sie auf die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder -müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen, -fortzugehen, weit fort, zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus -Europa kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und -der schmutzigen Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt -werden. Gut -- obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf -legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang -- ohne zu -bedenken, daß das grausamer ist als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat -sich am Besitz, am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der Seele, -wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie -läßt sie vermodern und verfaulen. Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer -Überlegung -- könnte man fast sagen -- aber der Verbrecher --? Nun?« - -»Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht -wahr? Ja, aber muß denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist -das anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all -das am Platze war -- aber heute? Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so -bequem und so ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser, wenn -es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter? Übrigens haben schon -viele Leute darüber nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in -Amerika. Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter wird. Von -der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.« - -Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll man es aber -anstellen?« fragte sie. »Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel -verschicken?« - -»Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken -zusammen.« - -Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den -Gefallenen gesund zu machen. - -»Schulen?« - -»Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen öffnen, ihn auf ein -höheres Niveau der Anschauung vom Leben, vom Menschen, der Gesellschaft -stellen. Frische Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in Wald -und Feld. Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken, Steinbrüchen, das -ist einerlei, aber sie darf nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die -Hälfte des Tages.« - -Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das alles nichts helfe und der -Verbrecher rückfällig werde. - -Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja, wenn er wolle, könne er ja -sein ganzes Leben in den Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden -spazieren gehen. - -Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer der Verbrecher steige, -bei dieser linden Behandlung? - -Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische und ethische Bewußtsein des -Volkes würde gerade dadurch gehoben werden. - -Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte Menschen, die nicht -eine Spur von einer moralischen oder ethischen Anlage in sich hätten, es -seien oft die schrecklichsten -- - -»Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein Stück Gartenland.« - -»Ein Landhaus!« Adele lachte unwillkürlich. Grau errötete. Er blickte sie -an. »Nun, natürlich, eine Hütte,« sagte er sanft, »da mögen sie hausen. Man -kann sie nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen -- aber sie sind aus -dem Wege.« Ja, die Gesellschaft müsse es sich schon einiges kosten lassen, -wenn sie leben wolle, wie sie es wünsche. - -Sie standen auf der Brücke. »Leben Sie wohl nun,« sagte Adele. »Das -Gespräch hat mich angeregt, ich danke Ihnen.« - -»Ich danke Ihnen!« wehrte Grau ab. »Nicht weil Sie mir so aufmerksam -zuhörten, sondern für Ihr Interesse an diesem Gegenstand, Fräulein von -Hennenbach.« Das sagte er mit einem warmen Blick. - -»Wie lange waren Sie denn bei den Gefangenen?« - -»Leider nur ein Jahr.« - -»Leider?« - -»Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber es hat sich nicht so -gefügt.« - -»Weshalb?« - -Grau lächelte. »Die Wahrheit ist die,« sagte er, »ich habe eine Broschüre -geschrieben, die einiges Aufsehen erregt hat, und man hat mich zur Strafe -versetzt.« - -»Ah!« Adele gab ihm die Hand. - -Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt: »Ich sehe Sie dann -und wann in Ihrem Parke gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen -Sie ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis an die Mauer, es war ein -japanisches Kostüm denke ich --« - -Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag bestimmt. Sie liebe -es sich zuweilen phantastisch zu kleiden. - -»Einmal da gingen Sie ganz in Gold,« fuhr Grau fort, »es sah aus als ginge -ein Sonnenstrahl im Park spazieren, möchte ich beinahe sagen.« Er sah Adele -lange an und dann nickte er. »Ich denke zuweilen an Sie,« sagte er -aufrichtig mit einem Lächeln auf den knabenhaften Lippen, »ich wünsche, daß -Ihr Leben reich und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich habe -stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe, Fräulein von -Hennenbach, denn ich hatte einst einen sonderbaren Traum von einer Frau, -der Sie sehr ähnlich sind --« - -Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu -verbergen. »Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzählen?« - -Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. »Leben Sie recht wohl.« Er -lächelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen -roten Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen hinab. Er -hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen, der heftig über die Felder blies. - -Susanna hatte sich geschmückt. - - - - -Sechzehntes Kapitel - - -Ein Sonnenstrahl leuchtete in Susannas Stube umher, als Grau eintrat. In -Mütterchens Glasschrank, dessen Scheiben halb blind waren, wurde es auf -eine Weile tageshell und man sah all die Teller und Tassen, die da standen. -Auf dem Fensterbrett, dem Tisch und der Kommode standen Blumen, Tulpen, -Hyazinthen und ein kleiner blühender Baum, der genau wie ein blühender -Kirschbaum in kleinem Format aussah, die Blumen glänzten und lächelten als -der Sonnenstrahl sie berührte und die roten Tulpen glühten als hauche man -auf rote Glut. - -In der Mitte ihres Gartens saß Susanna und lächelte. Der Sonnenstrahl -beleuchtete ihr Gesicht und ihre Augen glänzten wie dunkles Kupfer. Sie -hatte sich geschmückt. - -Um die Ärmel ihres schwarzen Kleides hatte sie Spitzen genäht, um die -Schultern hatte sie ein goldgelbes Seidentuch gelegt, es warf einen warmen -Widerschein auf ihr schmales Gesicht. Hinter dem Kopfe lag ein weißes -Kissen. Es mochte sein, daß sie sich schlechter fühlte, aber man konnte -auch glauben, daß das weiße Kissen den Zweck habe, die schwarzen Haare mehr -zur Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit größter Sorgfalt frisiert, -sie glänzten von irgend einer Salbe, die Zöpfchen, die über die Ohren -herabhingen, waren zu Bändern geflochten, und man konnte sich recht gut -vorstellen, wie lange solche kleinen müden Hände wohl dazu brauchten. - -Sie lächelte als Grau eintrat und ihre Augen glänzten ihm entgegen. -»Willkommen, mein Freund! Aber da haben Sie sich ja trotz meines Verbotes -wiederum Ausgaben gemacht!« Sie drohte ihm mit den Finger. - -»Entschuldigen Sie nur, Fräulein Susanna!« sagte Grau und lachte, indem er -die kleine Tulpe auf den Tisch stellte. Er legte den Mantel ab, hauchte auf -die Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Füßen, ganz als ob er zu Hause -wäre. »Welche Kälte, dieser Winter scheint kein Ende zu nehmen. Nun, wie -geht es?« Er gab ihr die Hand. - -»Gut. Ich habe sehr gut geschlafen.« - -»Ich danke Ihnen für Ihren Brief, Fräulein Susanna!« sagte Grau und hielt -Susannas Hand. »Welch ein schöner und unvergeßlicher Brief!« Sie habe sich -gedrungen gefühlt, ihm zu schreiben, denn sie vergäße so vieles zu sagen -und manches lasse sich auch nicht erzählen. »Was gibt es neues?« sagte -Grau. - -Endlich entzog ihm Susanna sanft die Hand. - -»Sie sollten sich am Ofen wärmen,« sagte sie mit ihrer hohen feinen Stimme, -»Sie sehen ganz durchgefroren aus!« - -»Ja, neues? Mütterchen hat Streit mit Herrn Eisenhut gehabt; zum -hundertsten Male hat er gedroht, ihr zu kündigen.« Dann die Blumen. »Die -weiße Hyazinthe steht so matt da. Übrigens sie riecht am allerfeinsten. Sie -riecht wie ein feiner Apfel, nur noch feiner. Die weißen haben überhaupt -den feinsten Duft, die blauen oder roten, auch sie riechen fein, aber es -ist nicht das gleiche. Betrachten Sie die gelbe Tulpe. Sie hat ihre meisten -Tage gesehen, sie stirbt. Sehen Sie, wie sie verzweifelt den Kelch öffnet? -Aber so riechen Sie doch daran -- wie feinster Zimt, nicht wahr?« - -»Hören Sie, welch prächtige Menschen es doch auf der Welt gibt!« rief Grau -aus. »Da haben Sie diese alte Frau Sammet. Was tut sie, diese arme -Kirchenmaus? Heute kommt sie wieder zu mir und bringt zwölf Eier und ein -halbes Pfund Butter. Ja, sage ich, was soll das eigentlich? Jetzt sind Sie -erst vor acht Tagen dagewesen? Sie legt die Eier auf den Küchentisch und -die Butter, aber sie rückt nicht mit der Sprache heraus. Es ist Montag, -sagt sie. Sie nimmt auch kein Geld. Es ist Montag, sagt sie, sonst nichts. -Also scheine ich jeden Montag meine zwölf Eier und das halbe Pfund Butter -zu bekommen -- ist Ihnen so etwas schon im Leben passiert?« - -»Sie ist Ihnen so dankbar, die alte Frau,« sagte Susanna, »sie weint, so -oft sie von Ihnen spricht.« - -»Ah!« sagte Grau und lachte und wandte sich ab. »Da haben Sie es, sie ist -ein altes Weib. Wofür, um Gottes willen, sollte sie mir zu danken haben? -Nun rennt sie meilenweit in den Dörfern umher, um ihr bißchen Brot zu -verdienen, und bringt mir jeden Montag zwölf Eier und ein halbes Pfund -Butter -- ja, vielleicht ist es ein Pfund, wer weiß es -- für nichts, für -rein nichts, solche Menschen gibt es unter der Sonne.« - -»Sie soll jetzt eine große Kundschaft haben. Sie hat sich einen kleinen -Handwagen angeschafft. Das alles hat mir Adele erzählt.« - -»Fräulein von Hennenbach?« - -»Ja, sie war hier. Sie hat viel von Ihnen gesprochen.« - -»Wie freundlich von ihr.« - -»Adele hat mir das seidene Tuch hier geschenkt, auf eine kleine Äußerung -hin, auch die Spitzen hier. Ich habe nur gesagt, die Ärmel des Kleides -sehen so kurz aus. Von ihr habe ich eine ganze Menge Neuigkeiten!« Susanna -lächelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren pechschwarzen Augen glänzten -goldene Funken, Reflexe des Seidentuches. »Sie haben die alte Frau Sammet -auch aufgefordert im Pfarrhaus zu wohnen, ist es nicht so?« - -Grau sah erstaunt auf. »Grundgütiger Himmel, welch eine Stadt ist das -doch!« sagte er. »Jeder Pflasterstein scheint ein Ohr zu haben. Ja, ich -habe der alten Sammet dieses Anerbieten gemacht, weil ich vier Zimmer habe -und weil ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein wenig in der Wirtschaft -helfen --« - -»Aber Sie tun ja alles allein, nicht einmal die Stiefel lassen Sie sich von -der Küstersfrau putzen.« Susanna lachte. - -Susanna lächelte. »Wenn Sie wüßten, was ich alles erfahren habe! Ja, bei -Gott, das ist eine Stadt, jeder Pflasterstein scheint ein Dutzend Ohren zu -haben, da haben Sie recht!« Sie lachte und klatschte ein wenig in die -Hände. Dabei verrückte sich das Kissen hinter ihrem Rücken und Grau eilte, -ihr behilflich zu sein. Aber Susanna wurde dunkelrot und wehrte ab. Sie -wollte nicht, daß er sehe, daß sie ausgewachsen war. »Es betrifft ihn, -Herrn Eisenhut,« fuhr sie leise fort, »er ist hier und Mütterchen spricht -mit ihm -- wegen einer Rechnung von zwölf Mark ist ein langwieriger Krieg -zwischen den beiden ausgebrochen -- es betrifft ihn. Sie wissen nicht, was -ich meine? Nein? Wie klug Sie es auch angestellt haben, es ist doch bekannt -geworden. Ja, zuerst haben Sie einen Schulknaben herausgefischt und ihm das -Versprechen abgenommen, nicht mehr hinter Herrn Eisenhut herzulaufen und -Spottlieder zu singen, auch das Versprechen, daß er niemandem etwas sagen -sollte, daß Sie mit ihm sprachen -- dann einen zweiten und dritten und auf -diese Weise alle zusammen, aber es ist doch bekannt geworden.« - -Grau zog die Brauen zusammen, seine Augen wurden groß, er sah -niedergeschlagen und unglücklich aus. »Es ist also glücklich -herausgekommen, wie?« sagte er leise. »Ich hätte es mir denken können, wenn -ich ein klein wenig mehr gedacht hätte, so hätte ich es mir -- ja, es war -ein schlechter Einfall. Auf diese Rangen ist kein Verlaß! Ich habe gedacht, -sehen Sie, es war so, ich habe es gesehen, wie sie hinter Eisenhut -herliefen und sangen. Er war ein wenig angetrunken. Sie sangen und schrieen -und tanzten, grausam, wie Kinder sein können, die Polizei wollte sie -verjagen, aber das gelang natürlich nicht, und nun sah ich, daß Eisenhut -sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebärde machte. Diese Gebärde -aber und vor allem sein Blick -- nein, wie dumm ich es aber angestellt habe ---« Er schüttelte den Kopf und sah auf den Boden. - -Susanna aber lächelte und begann von neuem: »Sodann sagen die Leute, Sie -seien eine Art Freidenker und gar kein Geistlicher, wie er sein soll. Auch -sagt man, Sie lebten in Feindschaft mit dem Dekan in Weinberg.« - -Grau schien gar nicht zuzuhören. Er blickte zum Fenster hinaus. Der Schnee -sah eigentümlich rot aus und die Wolken waren kupferrot und drohend. Aber -rasch erblaßten die Farben und ein schweres düsteres Grau schlug über die -Erde zusammen. Nun wurde das Feuer im Ofen lebendig und tauchte Susannas -Gesicht in zarte huschende Glut. - -Grau sah Susanna an und lächelte. »Wie schön das Feuer doch Ihr Gesicht -macht,« sagte er leise, gleichsam als spräche er für sich selbst. Dann -sagte er: »Was ist doch mit der Bank, von der Sie in Ihrem Briefe -schrieben? Sie nannten sie >meine< Bank, es muß also eine ganz besondere -Bewandtnis mit der Bank haben? Wollen Sie mir nicht davon erzählen?« - -Susanna zögerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen mit der kleinen Spitze -ihrer Zunge an und begann: »Wenn man um das Haus herum geht, über den Bach -hinüber und dann die Höhe hinaufsteigt, so kommt man an diese Bank. Hier -saß ich schon mit zwölf Jahren. Aber nur dann und wann. Später öfter und -endlich saß ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank. Die Bank liegt so -hoch! Von ihr aus sieht man ein Stückchen von der Stadt und das sieht so -friedlich aus, jenes Stückchen, mit den alten Häusern und den vielen -rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstraße weit hinab ins Tal -ziehen und man sieht auch das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, daß man -über das Bahnhofgebäude hinweg noch die Waggons auf den Rangiergeleisen -stehen sieht. Noch etwas gutes hat die Bank, sie liegt so versteckt, müssen -Sie wissen, daß jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen zu sehen. -Dann hat sie auch im Sommer ein ordentliches Dach aus grünen Blättern, so -daß es nicht durchregnen kann. Das ist gut. Hier saß ich und blickte über -das Land hinaus und träumte. Ich träumte -- ja, mein Gott, ich träumte alle -möglichen Dinge hier oben. Ich war jung, ich war fröhlich! Ich träumte und -träumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen Träumen. Was war es doch, -ja, was sollte es sein? Was wollte ich hier und was nagte an meinem Herzen? --- Ich wartete! Ich wartete! Das war es, ich wartete und wußte nicht, -worauf ich wartete. Ich wußte es lange nicht, hören Sie, so lange, -vielleicht zwei Jahre lang nicht. Aber ich wartete und ich dachte: Ja, -worauf wartest du denn eigentlich? Ich wußte nur, daß ich wartete. Was -sollte denn kommen, wie und wann denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich saß -da und wartete, wartete und die Sonne ging unterdessen unter. Ich glaube, -es gibt keinen Menschen auf der Welt, der so oft in die untergehende Sonne -blickte wie ich! Auf der Landstraße kam ein Wagen daher, ein Fußgänger, ein -Trüpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es das? Ich blickte hin und her, -weit hinein ins Land, weit hinab die Straße. Nun war die Sonne gesunken, -ich ging nach Hause. Aber etwas in mir wartete unausgesetzt, auch auf dem -Weg nach Hause, auch zu Hause, aber richtig und bestimmt wartete ich -eigentlich nur oben auf der Bank.« Sie schwieg. - -»Weiter?« sagte Grau leise. Er saß und sah sie an. - -Susanna feuchtete wieder die Lippen mit der Zungenspitze und fuhr fort: »Da -saß ich Tag für Tag, da droben auf der Bank, sah die Sonne sinken, und -wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. So ging der Frühling und der -Sommer und der Herbst und so ging der Winter. Ich wartete. Die Tage wurden -lang, die Tage wurden kurz. Das konnte man so gut beobachten, am Expreßzug -nämlich. Ich höre ihn auch jetzt noch jeden Nachmittag rauschen, aber ich -kann ihn nicht mehr sehen, nur die kleine Postkutsche, die gelbe, die sehe -ich jetzt. Im Sommer da war es lichter Tag, wenn er kam, er tauchte auf als -kleiner Punkt zwischen den Feldern und roten Dächern der fernen Dörfer, -flog heran und flog in die Ferne und ließ nichts zurück als einen kleinen -Schreck und ein feines Klingen in der Luft. Im Frühling und Herbst da kam -er in der Dämmerung, und im Winter da kann man ihn gar nicht sehen, nur ein -feuriger Streifen fliegt vorüber und man hört ihn donnern, viel lauter als -im Sommer. Da fing es immer mit den Träumen an, wenn ich ihn sah, und ich -hatte Sehnsucht mit ihm zu fahren. Ich reise leidenschaftlich gern, aber -ich bin nie weit gekommen und nur zweimal kam ich fort. Ich und Mütterchen -zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei, unsere Billete in der Hand -- -er sollte ja extra für uns beide halten! Ja, großer Himmel, wie oft habe -ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mütterchen und ich zusammen -gemacht! Und denken Sie sich, daß der Zug extra für uns zwei anhalten -sollte, alles würde erstaunt sein, die Beamten, die Leute, auch die -Reisenden, daß er hält in dieser kleinen Stadt, nicht wahr, ausnahmsweise -sollte er anhalten. Vielleicht würde nun kein Platz sein und ein -freundlicher alter Herr würde sein Reisegepäck ins Netz legen und zu -Mütterchen sagen: Wollen Madame nicht Platz nehmen? Vielleicht wäre es ein -Franzose und er würde uns französisch ansprechen. Vielleicht aber würde nun -noch nicht Platz für mich sein und der freundliche alte Herr würde die -Zeitung zusammenlegen und sagen: Wollen Sie nicht meinen Platz nehmen? -Mille merci, monsieur, würde ich sagen, ich stehe sehr gern und sehe zum -Fenster hinaus. Der Zug kommt von Paris und geht nach Wien, und von Wien -geht er weiter -- immer weiter, bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele -Nächte schläft man wohl, bis er endlich, endlich hält? Nun, was gibt es da -nicht zu träumen? Man konnte einmal nach Paris fahren, einmal aber nach -Konstantinopel, wie man wollte. Paris, Paris, dachte ich, so weit ist es, -so fern, es lockt, schon der Name, nicht wahr? Und ich dachte an Paris und -ich stellte es mir vor wie eine Stadt, in der immer ein Feuerwerk ist und -die Leute Feste feiern und in den Straßen ziehen, als ob jeden Tag ein -König zu empfangen wäre. Welche Hüte sie dort tragen, welche Kleider, wie -sie sich verbeugen, verneigen und alle fein und graziös sprechen und so -schnell, daß niemand sie verstehen kann. Dann müßte es auch hohe spitze -Türme haben, die in der Sonne funkelten, denn die Dächer der spitzen Türme -waren vergoldet. Und die Museen so still, so kühl, grüne Grotten, und da -müßten die Statuen aus Marmor stehen, so schön und so alt, und die sie -meißelten sind lange tot. Von daher kommt der Zug, und er saust und saust -und zuweilen heult er in großen Bahnhöfen und wenn Sie hinausblicken, so -blenden Sie all die vielen Bogenlampen, die da hängen. Aber je weiter er -nach dem Osten fährt, desto niedriger werden die Häuser und ich stellte mir -die fremden Städte vor, viele, viele fremde Städte mit dicken, runden -Türmen und roten und gelben Dächern. Sogar die Menschen stellte ich mir -kleiner vor, dick mit runden Backen, in gelben und roten Kleidern. Wenn Sie -nun hinhorchen, was sie sprechen, so verstehen Sie keine Silbe mehr, denn -sie sprechen alle eine fremde Sprache. Plötzlich aber hielt der Zug und da -sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, viele Sonne und -- Palmen! Die -Sonne ist wie ein heißer Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie die -Sonne und Sie fühlen, wie Sie warm werden und glühen durch und durch und -plötzlich kommt ein neuer Geist über Sie. Können Sie sich diese Sonne -vorstellen, die ich meine?« - -Sie blickte Grau an und wartete. Über ihr Gesicht huschte der Schein des -Feuers. Sie zog das Tuch um die Schultern, als ob sie friere, und wandte -die großen Augen dem Feuer zu. Sie lächelte. - -»Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine, gerade diese -Sonne?« fragte sie, da Grau nicht antwortete. - -»Ja,« sagte Grau mit auffallend tiefer Stimme. Das aber war wahr, denn er -sah diese Sonne vor sich, gerade diese Sonne -- er, der so viel von Licht -und Sonne träumte -- er sah diese Palmen, in einem Nebel von Sonne zittern, -genau wie Susanna es beschrieb. - -Susanna lächelte und fuhr mit hoher, dünner Stimme fort: »Die Leute aber -haben einen Turban auf, rot oder grün oder gelb, mit Edelsteinen übersät, -und sie rauchen aus langen Pfeifen. Sie sehen aber so aus als ob sie in -Teppiche gehüllt wären, und nun können Sie sich wohl vorstellen, wie das -blitzt und funkelt, zumal wenn die Pfeifen aus Gold und Silber und mit -Edelsteinen besetzt sind -- und wie hübsch sich der Rauch aus dieser -Unmenge von Pfeifen in der Sonne ausnimmt. Die Türme sind spitz wie Nadeln -und funkeln ebenfalls, es gibt viele, viele Kuppeln aus farbigem Glas, die -Sonne leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so daß alles durchsichtig -aussieht, die Türme, die Kuppeln, die Leute, die Gesichter, die Palmen, die -Kamele und Elefanten -- denn da gibt es unzählige! -- die Pfeifen -- können -Sie sich das vorstellen?« - -Je mehr Susanna sprach, desto glänzender und größer wurden ihre schwarzen -Augen, und je mehr sie von der Sonne sprach, desto mehr fröstelte sie. -Zuweilen sprach sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hände -beschrieben alles mit, was sie erzählte. Wenn sie Turban sagte, so tat sie, -als schlinge sie sich ein Tuch um die Stirne, sprach sie von den Pfeifen, -so fuhr sie wagrecht von den Lippen aus mit den Fingerspitzen in die Luft, -dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf ließ sie die Finger -emporwirbeln, daß man den Rauch ordentlich emporsteigen sah. Sprach sie von -den Elefanten, so machte sie die Augen klein und listig und zeichnete sich -einen langen Rüssel an die Nase. Meistens aber sprach sie hastig, wie im -Fieber, und ihre eingesunkene schmale Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren -Wangen erblühten giftige Rosen. - -Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen, ihre Augen fieberten, -ihr Mund lächelte. - -»Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt. Mütterchen bekommt -Angst. Was will er nur? fragt sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine -Tasche tragen, Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen -Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir, Mütterchen, und -plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie, ich spreche türkisch! Ich öffne -den Mund und es geht, ich verstehe, ich spreche. Haha -- Mütterchen steht -da und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen und lachen über sie. -Ich aber erkläre ihnen, daß das meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die -Pfeifen aus dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur -- bis zur -Erde --« - -Susanna hielt inne und lauschte. - -Man hörte Mütterchen in der Küche draußen mit Geschirr klappern. Man -vernahm auch Eisenhuts Stimme. Er sagte etwas und Mütterchen machte pst, -pst! Aber Eisenhut kümmerte sich nicht darum. Er sagte laut: »Ach was! -Machen Sie doch keine solche Wirtschaft! Es ist sein Beruf Krankenbesuche -zu machen, dafür wird er ja bezahlt, punktum.« Er sagte es absichtlich -laut, damit man es durch die Türe höre. Mütterchen schrie leise auf und -sagte: Pst, pst! Eine Tasse klirrte am Boden und Eisenhut lachte belustigt. -Er meckerte nicht, er lachte ganz anders als sonst. - -Es war still im Zimmer und man hörte die kleine Uhr ticken und schnarchen, -denn die kleine Uhr hatte die Angewohnheit zuweilen zu schnarchen, als ob -sie aufatme. - -Susanna errötete, ganz langsam stieg ihr das Blut ins Gesicht, während sie -die großen Lider niederschlug, die an die Lider eines Vogels erinnerten. -Sie saß still, bewegungslos und wagte kaum zu atmen. - -»Wie geht es weiter mit Ihren Türken?« fragte Grau. - -Aber Susanna wandte ihm den Blick zu, mit einer hilflosen Bewegung der -Hände flüsterte sie hastig: »Er hat getrunken, Sie hören es am Lachen. Er -hat auch sein Gewehr dabei, da steht es zumeist schlimm um ihn. Dann kann -er so boshaft sein, so schrecklich boshaft.« - -Grau lachte. »Er wollte Mütterchen erschrecken, das tut mir leid,« sagte er -absichtlich laut. »Was seine Bemerkung anbetrifft, so weiß er recht gut, -daß ich so etwas richtig auszulegen verstehe. Er weiß es recht gut, denn er -ist klug, Herr Eisenhut!« - -Eisenhut räusperte sich in der Küche. - -»Freilich! Sie sind so vernünftig,« hauchte Susanna. »Nun wird Mütterchen -sich aber nicht ins Zimmer wagen?« - -»Klingeln Sie ihr!« - -Susanna klingelte und Mütterchen erschien zaghaft in der Türe. Sie trug ein -Servierbrettchen in der Hand. - -»Die Zeitung -- die Zeitung, nehmen Sie die Zeitung nur mit!« rief -Eisenhut, dessen gerötetes Gesicht in der Türspalte erschien. Er beugte -sich vor und legte ein Zeitungsblatt auf das Servierbrett. »Für ihn, für -Herrn Grau!« fügte er hinzu und lachte und zog die Tür zu. - -Susanna wurde glühend rot. Mütterchen wagte Grau nicht in die Augen zu -blicken. »Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« - -Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mütterchen und Mütterchen -schlich sich wieder hinaus. - -»So ist es gut!« sagte Susanna mit einem dankbaren Blick. »Nun ist sie -glücklich! Was ist es denn mit der >Zeitung<?« fragte sie. »Was will er nur -damit?« - -Grau fand eine angestrichene Notiz: Der Geselle Anton Hammerbacher hat vor -dem Vormundsgericht die Vaterschaft des Kindes der Dienstmagd Margarete -Sammet eingestanden. An den Rand hatte Eisenhut geschrieben: »Seiner -Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken -- hahaha! Eisenhut!« - -Grau verbarg rasch sein Erstaunen. - -»Aber Ihre Notiz in der Zeitung?« sagte Susanna. - -Grau zuckte die Achseln. »Man kann sich täuschen,« sagte er, »aber kümmern -wir uns nicht um diese Geschichten, Fräulein Susanna!« Wie sonderbar, -dachte er, deshalb hat wohl Herr Eisenhut getrunken, weil diese Notiz -erschien! Ein merkwürdiger Mann! Er lächelte und wandte Susanna den Blick -zu und sie mußte ihn ansehen. Susanna besann sich, was Graus Blick zu -bedeuten habe. - -»Sie haben nicht zu Ende erzählt.« - -Susanna schüttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe sie verloren. - -»Sie haben angefangen, Sie müssen fortfahren,« beharrte Grau und sah -Susanna in die Augen, »bis ans Ende müssen Sie erzählen. Sie sind übrigens -plötzlich mit dem Expreßzug davon gefahren, und was ist aus Ihrer Bank -geworden? Die haben Sie wohl ganz vergessen?« - -Susanna sah ganz erschrocken aus. Ja, bei Gott, da habe sie gänzlich diese -Bank vergessen! »Wie aufmerksam Sie doch zuhören?« sagte sie und richtete -sich auf. »Ich habe die Bank vergessen, das ist wahr. Ich -- ja, lassen wir -die Türken sein. Was wollte ich doch bei den Türken? Ich werde Ihnen -erzählen, denn ich muß Ihnen alles sagen. Ich muß! Sprechen Sie, wie ist -das: Sie sagen, erzählen Sie, Sie sagen ein kleines Wort und ich muß Ihnen -folgen. Sie sehen mich an und ich muß. -- Adele hat mir erzählt, Sie sind -bei einem schwerkranken Flickschneider gewesen, der vor Schmerzen nicht -schlafen konnte, und Sie haben zu ihm gesagt: >Schlafen Sie< und sahen ihn -an. Da schlief er.« - -Grau schüttelte den Kopf. - -»Doch!« sagte Susanna. »Die ganze Stadt spricht darüber, selbst die Ärzte, -denn sie konnten ihn ja nicht mehr einschläfern.« - -Grau lächelte. - -»Er schlief ja fast schon, Fräulein Susanna. Da legte ich ihm die Hand auf -die Stirn und sagte: Schlafen Sie -- das ist alles.« - -Susanna lachte und hustete. »Ich sagte ja ganz dasselbe, mein Freund, -nichts andres. Es ist ja so merkwürdig mit Ihnen. Sie kamen zu mir herein -und sofort begann ich zu erzählen, Dinge, die ich noch niemand erzählt -habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aber ja, ich will fortfahren, lassen -Sie mich alles sagen. Es tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Türken, -nicht wahr? Bei den Träumen, ja.« - -»Die Sie träumten, während Sie auf der Bank da droben saßen und warteten.« - -»Ja, als ich wartete.« - -»Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf sie warteten. Vielleicht -zwei Jahre lang wußten Sie es nicht.« - -Susanna lächelte fein. »Wie gut Sie aufmerken!« wiederholte sie. »Jedes -Wort wissen Sie. Ja, damit fing ich an und dann vergaß ich es ganz und -verlor mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß ich den Faden der -Erzählung verliere, mein Gedächtnis wird sehr schlecht, auch ist es mir oft -so schwer mich zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete, sagte -ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling ging, Sommer ging, -Herbst ging, Winter ging -- die Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend -saß ich da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen, worauf. Ich spann -Träume, ich träumte all diese Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer -neues, immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht aus. Es blieb eine -große Leere und diese große Leere habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in -der Brust, gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das Warten. -Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war ich ungeduldig. Es gab -manches in unserer Familie, nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie -Vater seine Stellung aufgab -- da litt ich, für Vater, für Mütterchen, wir -standen so allein, wir zwei, und mußten uns verkriechen und allein sein. -Wir wollten es auch so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber ich -sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn Mütterchen, hören Sie, sie -kann ja auch aus nichts etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war nie -ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse etwas Geduld haben. Es konnte -nicht so bald kommen, wiederum aber konnte es doch schon morgen oder -übermorgen da sein. Und ich sehnte mich und wartete. Und endlich, endlich, -da wußte ich, worauf ich wartete. Ich wartete auf etwas Seltenes!« - -Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen waren groß und glühend. -»Seltenes!« wiederholte sie und sie sprach das Wort aus wie ein -unheimliches fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und indem -sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: »Auf etwas Seltenes und Großes! Nicht -auf etwas Alltägliches, nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den -Menschen kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so groß und -selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber was würde wohl größer, süßer -und seltener sein, als eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so -unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare, dieses Seltene vor. -Es erfüllte mich, es blendete mich und oft schlug ich die Hände vors -Gesicht und lachte und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend -und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?« - -Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab, das Lächeln irrte hin und her -auf ihren Lippen, sie senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu: -»Und ich träumte davon -- wie es wohl sein würde -- wenn das Seltene mich -verklärte -- wenn es mich niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere -- -niederbeugen -- wie der Tau -- der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt --- wenn der große Tag erschien, da es kann --« - -Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber -dann, mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände -heftig vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte sich wie unter -einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drückte sich -auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und -mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau erschrak und vom Stuhle -auffuhr. Susanna krümmte sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die -Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper zu beben. -Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie -nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen. - -Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der -Brust. Es war kalt hier außen, die Dämmerung war grau und des Winters -trübes, vergrämtes Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt. - -Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie -reichte ihm die Hand hin und sagte: »Vergessen Sie es. So töricht war es -von mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen! Es ist ja nicht so, -schon lange ist es ja nicht mehr so.« - -»Erzählen Sie weiter!« sagte Grau leise und blickte Susanna an. - -Und Susanna fuhr fort: »Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um -Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage -gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und -Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen. -Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir. -Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl -noch ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht -mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir etwas schwer wurden. Und jetzt? -Jetzt weiß ich, daß es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens, wie -jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch -- zuweilen klingt -es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!« - -Sie lächelte und blickte Grau an. - -Und Grau sagte leise: »Warum sollte es nicht mehr kommen?« - -Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schüttelte -sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: »Nein, ich glaube es nicht mehr, -das ist es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme, jetzt hoffe ich -zuweilen noch -- ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch -- -aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt -vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche. Einen Wunsch -habe ich noch, wissen Sie welchen?« Aber ehe Grau antworten konnte, fügte -sie hinzu: »Ich möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.« - -Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. »Hören Sie, Fräulein -Susanna,« sagte er und lachte halblaut, »hören Sie, Fräulein Susanna,« -wiederholte er und lachte, »Sie sind bescheiden, das muß man sagen, zu -bescheiden!« - -Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken. - -Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte. »So übermäßig bescheiden -brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt -sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris -sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den kühlen, -grünen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer Nebel -ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie und Mütterchen, wer kann es -denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in -der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und müde, -aber sobald es Frühling wird -- meine Freundin, meine liebe Freundin?« - -Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich langsam mit Traurigkeit. -Sie schüttelte langsam den Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie -sagte nichts. - -»Sobald es Frühling wird,« wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen -bannenden Ausdruck an, »da werden Sie ganz anders denken!« Er lächelte und -begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts mehr. Die Uhr tickte und -schnarchte und in der Küche draußen gackerten die Hennen, die gefüttert -wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in -tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er -betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den -Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich ging Grau auf -Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht -und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls -und blickte Susanna lange an. - -»Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe geträumt?« fragte er -flüsternd. - -Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich viel dunkler aus, sie -errötete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an. - -Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann -verabschiedete er sich hastig. »Grüßen Sie Mütterchen, Susanna,« sagte er. -»Auf Wiedersehen.« Er ging. - -Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er am Türchen stehen und -zögerte es ins Schloß zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da -erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das -Türchen ins Schloß und ging rasch weg. - - - - -Zweiter Teil - - - - - -Erstes Kapitel - - -Der Liederkranzball bildete den Glanzpunkt des gesellschaftlichen Lebens in -der kleinen Stadt und kehrte seit undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie -der Faschingsmontag. Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun dabei war, am -Hotel stand und die Masken hineingehen sah, oder nur die Berichte des -»Gauboten« las, der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich -brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der »Gaubote« als Programm -angekündigt: Im Reiche der Mitte. »Nachdem am Sonntag ein lustiges -Maskentreiben die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden Straßen -unserer geliebten Vaterstadt erfüllte --« - -Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein paar Hanswurste mit -Schweinsblasen knallten und ein als Frau verkleideter Schlotfegergeselle -auf einem Fahrrade hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern, die -als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in den Straßen -einherstolzierten. - -Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde sich kaum lohnen, wenn -sich dabei nicht einige recht sonderbare Dinge ereignet hätten. - -Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden, aber er hatte keine -Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte den Abend in der Gesellschaft von -Susanna und Mütterchen. - -Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von seinem Freunde, dem -Gefängnisdirektor, seinerzeit auf die Reise mitbekommen hatte, sie tranken, -lachten und plauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht. Es war -schon spät als Grau aufbrach um nach Hause zu gehen. Er schritt über den -Marktplatz und plötzlich bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer -niedrigen Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade vor dem -festlich beleuchteten »Elefanten« und blickte ins Tor hinein. Es war -Hammerbacher. Grau blieb stehen. - -Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte ihn aber nirgends finden. -So viel er hörte, hatte der Geselle seine Stelle verlassen und trank mit -einigen Burschen in den Wirtschaften der Umgebung -- seit jenem Tage, da -die Notiz in der Zeitung gestanden hatte. - -Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den Burschen zugehen wollte, -aber er besann sich. Er ging über den Platz und beobachtete von hier aus -den Burschen. Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen -stampfte er auf den Boden, um die Füße warm zu halten, und jedesmal, wenn -er am Tore vorbei kam, blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er -schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum seine -Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete! Es gab nichts mehr zu -sehen, kein Mensch stand mehr vor dem Hotel, es war überdies empfindlich -kalt. Aber Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze eine -halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher vor dem Hotel Posten -stand. Ein merkwürdiger Gedanke stieg in ihm auf. - -So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete sich um und nach einer -kleinen Weile kam er wieder rasch die Stufen herab. - -Die helle Bluse Hammerbachers leuchtete gerade unter dem Tore. Er wartete -immer noch. - -Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte: »Wünschen Sie, daß ich den -Herrn herunterrufe, ich gehe gerade hinein?« - -Hammerbacher fuhr herum, er blickte Grau erschrocken an, schlug die Augen -nieder und nahm die Kappe ab. »Guten Abend.« - -»Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen? Es ist nicht sehr -angenehm zu warten in dieser Kälte, nicht wahr?« - -»Welchen Herrn?« - -»Wie gut wir uns verstehen!« sagte Grau und blickte den Burschen scharf an. -»Ist es nicht merkwürdig, wie gut wir uns verstehen?« - -Hammerbacher lächelte verlegen. »Ich habe damals gelogen, als ich bei Ihnen -war, aus Not -- sie ließen mir keine Ruhe mehr -- dieses Gestichel --« - -Grau schüttelte den Kopf: »Wie konnten Sie nur so etwas tun?« sagte er mit -mildem Vorwurf. »Das hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für -immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl, wann Sie gelogen haben, -Hammerbacher. Damals haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie gar -nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!« - -Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen. - -Grau schüttelte den Kopf. »Geben Sie sich weiter keine Mühe mehr!« rief er -zornig aus. »Ich habe mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem -fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend nahe gelegt das -Andenken jenes unglücklichen Mädchens hoch zu halten. Seien Sie nur still! -Ich will Ihnen das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht das -geringste zu befürchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen -- ich -werde nicht eher ruhen! -- bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie -beschwätzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das! -Leben Sie wohl -- wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer -Verfügung. Es läßt sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!« - -Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat. - -Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll, daß man sich kaum -bewegen konnte. Alles lachte, schrie, riß den Mund auf, alle waren in -übermütiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von -Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen und Farben schob sich -hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, -Fächer, breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der Saal aber -hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße mit Tee-, Kaffee-, Sekt-, -Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tücher mit phantastischen -Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und überall brannten -Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht größer als eine Faust, -mächtig groß und dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd und -manche verblaßten vollständig in all dem Rauch und Dunst, der aus der -lachenden, treibenden Menge emporstieg. - -Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich -fieberhaft zu suchen. - -Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglückliches, -gelbes Kostüm, eine Art Sack mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und -merkwürdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drückte, -so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder -mußte ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den -Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen -Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er -ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden. - -Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg, -als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei -Chinesinnen stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten auf, aber -Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude, -wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte. - -Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung und Grau wurde dicht ans -Orchester gedrückt, wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er -verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von zwei Seiten -angepackt. »Herr Grau, Herr Grau!« - -Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten, Sie hatten glühendrote -Wangen. In ihren losen Kostümen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er -sei doch hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl -Nichtraucher? - -»Wir haben Zigaretten zu verkaufen -- buh, buh!« Klara Sinding winkte der -Baßtrompete still zu sein. »Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle -vergnügt!« - -»Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern!« sagte Grau und er erstand -ein Paket Zigaretten. - -»Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!« - -»Ganz prächtig!« sagte Grau und paffte. »Ganz herrlich ist das.« - -Die beiden Mädchen sahen einander an und dann riefen sie wie aus einem -Munde aus: »Aber wir haben ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten -Glückwunsch! Allerherzlichsten Glückwunsch!« - -»Danke! Danke!« Grau verneigte sich. - -»Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung lasen! Und wie sehr wir -uns gefreut haben! Wie glücklich Susanna ist! Und Mütterchen erst! -Mütterchen hat die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich -haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!« Hahaha -- diese ganz -abscheuliche Baßtrompete! - -Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu ihnen, ein hoch -aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden langen Zähnen, die eine -eigentümliche Art hatte den Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann -rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen Fächer aufschwätzte, -es kam noch eine Chinesin, die Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines -häßliches Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine andere, und -schließlich stand ein ganzer Kreis von Mädchen um Grau herum. Alle lachten, -schwätzten und sahen Grau an. - -»Gestatten Sie, daß ich vorstelle -- Fräulein Anna Mohr --« - -»Keine Namen, keine Namen! Es ist ja Fasching!« schrien die Damen. - -Grau lachte und rauchte die Zigaretten. »Ich habe gar nicht gewußt, daß es -so viele schöne Damen in der Stadt gibt?« sagte er und sah alle der Reihe -nach an. Sein Blick war ruhig und rein. - -Die Mädchen lachten. - -»Wir wollen ihn fragen --« Aber ja! Sie wollten fragen, welche die schönste -von ihnen sei. - -»Welche ist die schönste von uns allen,« sagte Klara Sinding, jene, die das -kleine Mal auf der Wange hatte. - -»Die schönste?« Grau blies den Rauch durch die Lippen. Das sei eine sehr -schwierige Frage. Er errötete ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre -Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit warteten, -herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine nach der anderen an und fügte -hinzu: »Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber Sie -meinen -- so nach dem ersten Blick zu urteilen -- aber auch das ist schwer, -denn sobald ich glaube jene Dame sei die schönste, springt mir etwas im -Gesichte einer andern Dame in die Augen -- ja, es ist unmöglich.« Er -blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der stumpfen Nase und den -großen Ohren an und sagte: »Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen, -es sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem ganzen Leben -gesehen habe --« das Mädchen errötete und lachte allen verlegen ins Gesicht --- »bei Ihnen, mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so zitternd -weich sind und von eigentümlichen Rot -- bei Ihnen sind es die Brauen und -die Schläfen --« - -Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und machten solchen Lärm, daß -alles nach der Ecke blickte. Nein, das sei ja keine Antwort -- aber nein -- -wir sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist --! Sie fragten. - -»Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja noch schwerer!« Grau -lachte. »Wenn ich aber nun etwas Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich -dieses Fräulein hier für die klügste von allen.« Es war das kleine häßliche -Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände. Das kleine häßliche -Mädchen sagte mit tiefer Stimme: »Ich war stets die Dümmste im Institut!« -Aber sie lächelte. - -Grau lächelte ebenfalls. »Was sollte das beweisen? Ich werde den Damen eine -Frage vorlegen und wir werden es gleich sehen. Hören Sie zu --« - -Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden. - -»Wie hübsch er plaudert!« flüsterte das hochaufgeschossene Mädchen der -Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ ihre Augen funkeln. »Ja,« wisperte sie, »er -ist so jung und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist -- er zittert immer -ein wenig.« »Pst, er hört dich.« - -Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus. Klara Sinding also würde -eine Nadel nehmen und in die Bohnen stechen. »Es ist aber verboten, die -Bohnen irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.« Die jungen -Damen öffneten die Münder und blickten einander verdutzt an: Ja, große -Güte, da liegen nun zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen, alle -ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus Elfenbein, ganz wie die -andern, wie könnte man sie doch herausfinden? - -»Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste ist!« sagte Grau und -lachte. Die Damen dachten angestrengt nach. Sie brachten die -abenteuerlichsten Projekte vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie -unbrauchbar waren. - -Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen. Sie schüttelte den Kopf. -Sie habe ja von vornherein erklärt, daß sie die Dümmste sei. - -»Ich werde Ihnen etwas helfen,« sagte Grau lächelnd und blickte sie an. -Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen aus vollem Halse: »Ein Huhn!« - -»Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott --« die Mädchen schüttelten sich vor -Lachen. Wer sollte auch daran denken! Es sei das Ei des Kolumbus! - -Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt: »Es ist ganz -merkwürdig, ich habe ja gar nicht daran gedacht und plötzlich ist mir der -Gedanke gekommen -- gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir ein wenig -helfen --« Sie blickte mit verwirrten, fast scheuen Augen auf Grau. - -Grau lächelte. »Die Damen müssen mir den Scherz vergeben. Denn es war ja -ein Scherz. Ich maße mir keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art -aufzustellen. Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen, das erste -beste, das mir in den Kopf gekommen ist, natürlich. Klugheit und -Scharfsinn, rasches Denken und langsames Denken, das ist ja alles so -verschieden -- ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt haben ---?« - -Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers und die jungen Mädchen -machten Miene auseinander zu stieben. - -»Auf eine Sekunde noch!« bat Grau; und nun lud er sie alle zu einer kleinen -Feier bei Susanna ein. Er wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier -stattfinden sollte -- Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm die -Adressen der Damen aufzuschreiben --? - -Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und sagten alle zu. »Ja, -natürlich, natürlich.« Sie schrien, was sie konnten. - -Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz gerührt zu sich selbst, -mischte sich in die treibende Menge und spähte nach links und rechts aus. - -Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal, wo alles wirbelte und -fegte, musterte jede Gruppe. Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der -schien es nicht zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf -umherzuspähen. Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er ließ sich nicht in -Gespräche ein. Über einer Gruppe von Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas -ungeheuer Schönes, eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend; -das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen einem großen -chinesischen Schirm und einer geschminkten Wange hindurch auf die Gruppe. -Zufälligerweise schneuzte sich ein Herr und zufälligerweise einer jener -Herren, die sich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich verneigte, -sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter und übermütig. - -Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken hindurch und spähte in -jeden Winkel. Vielleicht doch unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des -Tanzsaales und blickte aufmerksam in jedes Gesicht. - -Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele stand vor ihm. - - - - -Zweites Kapitel - - -In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen -waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war -lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme -verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren -besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen. -Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch -den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die -Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen -so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren -Grund Licht brannte. - -Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten -ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte. - -»Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!« sagte sie dann. - -»Danke!« Adeles Hand war brennend heiß. - -»Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht, -als Sie um ihre Hand anhielten?« - -Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf -gekostet, bis sie einwilligte. - -Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte -unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen -Lächeln. »Heute ist Fasching!« sagte sie. »Kommen Sie, wir wollen fröhlich -sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas -erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir -machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt -getrunken.« Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen -und kühlte sie mit den Steinen. »Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis, -wir werden dabei umhergehen.« - -Grau lächelte. »Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,« sagte er »aber -wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? -Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts -in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend -schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr -die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie -doch den Kopf an meine Schulter legen -- und so geschah es. Plötzlich sank -ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an -meiner Schulter und atmete so tief.« Das erzählte er. - -»Wie hübsch!« sagte Adele und lachte. »Sehen Sie die Lauben und all die -närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?« - -»Prächtig!« - -»Echte Provinz -- haha! -- echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie -sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner -Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas -Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? -Aber ich befürchte Sie können es nicht --« - -»Doch,« sagte Grau, »ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.« - -»Unmöglich!« - -»Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.« - -»Ah! -- Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein -Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der -erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches -Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein -wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!« - -Sie legte ihre Hand in seinen Arm. - -»Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es -doch, nicht wahr?« fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge -bewegte. - -»Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,« -antwortete Grau. - -»Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?« - -Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit -winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe. -Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die -Westentasche. - -Adele lachte. »Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,« rief sie aus, -»sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so -verwundert an?« - -»Tat ich das?« - -»Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!« - -Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die -erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von -der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr -und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte. - -»Warten wir bis zum nächsten Tanze,« sagte Adele und lächelte. »Hier ist es -übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen -Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut -glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir -jene Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.« - -»Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie -sind so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber -ich erinnere mich ja gar nicht --?« - -Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die -chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige -Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer -Künstlermähne trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der -eine Extranummer zum besten gab. - -Adele lachte. »Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie -nicht begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen -können. Nun sind wir Gott sei Dank allein.« - -Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich -gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten -und quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen -Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah. -Man hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen -unterbrach ihn rasender Beifall. - -»Wie wohl das tut, diese Ruhe!« sagte Adele und ließ sich auf eine kleine -Bank nieder. »Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! -- Die -Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?« - -»Gewiß erinnere ich mich,« antwortete Grau. »Ist es nicht merkwürdig, daß -ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens -nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem -Ihre Augen.« - -Adele unterbrach ihn. »Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume -geschehen!« rief sie lachend aus. »Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß -ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie -sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie -mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?« - -»Danke,« sagte Grau und nahm neben Adele Platz. »Ja, es war ein Traum. Es -war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der -mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was -diese Frau mir alles gesagt hat -- ich träumte, ja, nun will ich endlich -beginnen -- ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.« - -»Ein Geist?« Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie -hatte ein feines anliegendes Ohr. - -»Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande -in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten -wir uns der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende -Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut, -ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von -Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel -war, sah ich sehr genau.« - -»Was sahen Sie denn da?« fragte Adele. - -»Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden -Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen -glänzten rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen -Brustkörbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im -Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.« - -Eine Lachsalve raste durch den Saal. - -»Wie schön!« Er möge doch fortfahren. - -»Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden -gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch -dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern -vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets -unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun -in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein -kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte -reiches, aber ergrautes Haar.« - -»Was tat er?« - -»Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und -lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah -ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der -kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle -tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf -einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und -lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte -und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte -seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut -sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese -Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer -kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie -seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen, -sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen, -lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten -Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte -sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen -Sie?« - -»Ah!« sagte Adele und sah rasch auf. »Es waren die einsamen Menschen der -Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!« - -Grau nickte. »Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich -wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. -Nun habe ich seitdem -- es ist ja sechs Jahre her -- die meisten dieser -Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum -sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein -wenig verschieden vielleicht -- kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten -dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was -sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich -an eines jener Gesichter im Traume -- aber ich wollte das ja nicht sagen, -Pardon.« - -»Fahren Sie doch fort!« sagte Adele. - -Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: »Wie -sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen -wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten, -wie er ist!« - -»Ja, wie eigentümlich ist das,« sagte Adele und blickte Grau an. »Man sagt, -an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?« - -Grau lächelte. »An den Augen?« sagte er. »Vielleicht. Ein wenig an den -Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz -besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie -können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich -hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein, -er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch, -schief gleichsam -- oder er ist ein großer Dichter. All das kann trügen. -Vielleicht ist das Lächeln noch am zuverlässigsten -- wie meinen Sie? -- -Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte, leiseste Lächeln. -Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen -- und es kann sein, -daß er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lächeln? Das -Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen können es auch -unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann -die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken, den -ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe -des Menschen.« - -»Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?« fragte Adele. »Aus dem Lächeln -dieser Einsamen? -- Hören Sie die Narren lachen, haha?« - -»Gewissermaßen,« fuhr Grau eifrig fort. »Gewissermaßen ja. Aber ich mache -zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen -also nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der -seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir -erschrecken würden, könnten wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß -zwischen den Menschen -- zwischen den Seelen -- überhaupt keine scharfe -Trennung existiert -- ich für meine Person glaube das -- vielleicht können -Sie an keinen Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß, -was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn -Sie nur auf der Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird -Ihren Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen -oder Unbehagen, vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz -genau. Jeder Mensch könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen -und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum -Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an, -blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter -Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm -- -jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast -darauf an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen -- und doch können -Sie den Glauben nicht lassen -- er ist einsam, arm, aber gut.« - -Adele sah auf. »Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich -dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt --« - -Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: »Ich bin -ja ganz vom Thema abgekommen!« - -Auch Adele lachte. »Aber ja! Sie wollten von jener Frau erzählen?« - -»Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und Fenstern vorüber, über -all die schlafenden Städte hinweg, das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging -es über endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne am Himmel vor -uns standen, vier Sterne in der Gestalt eines Quadrats. Wir kamen den -Sternen näher und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen, aber -sie entfernten sich plötzlich wieder und standen ganz klein am schwarzen -Himmel. Nun blickte ich plötzlich in ein Fenster und hier sah ich eine -Frau, die vor einem Kaminfeuer saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar wie -Sie und ihre Haut war ebenso weiß wie die Ihrige, sie trug die Haare in -einem losen Knoten im Nacken, wie Sie es gewöhnlich zu tragen pflegen, sie -hatte ebenfalls auffallend helle Augen. Aber trotzdem sah sie anders aus -als Sie.« - -»Was tat sie denn?« fragte Adele gespannt und zog das Gewand an sich, da -die beiden Backfische vorbeitanzten. - -»Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,« fuhr Grau fort. -»Sobald eine Rose fertig war, sah sie die Rose unzufrieden an und warf sie -in den Kamin. Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes Schiff. Es -sah aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne und eine kleine Karawane, ganz -glühend, zog durch die Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär, -ganz klein, aus der brennenden Rose.« - -»Wie amüsant!« sagte Adele. »Die Dame hat sich ganz gut unterhalten.« - -»Man sollte es glauben,« fuhr Grau fort. »Plötzlich nun sagt die Frau leise -und zaghaft: Herein! und zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins -Zimmer, obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.« - -Adele lachte. »Aber so pflegt es ja in den Träumen zuzugehen!« - -»Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir -gewissermaßen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine -silberne Kette um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir ein -Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich -nicht. Es war eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des -Klanges. Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins -Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vögel, die -zwitschernd in den Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich -habe nicht gedacht, daß du heute kommst.« - -»Verstanden Sie denn jetzt?« unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhörte, -während ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten. - -»Ja,« antwortete Grau, »ich weiß übrigens nicht, ob sie sich der fremden -Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn -ich hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte -ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging sie näher und legte ihre -Hand auf meinen Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren -klar und hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie -phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. -- Ich wiederholte das -gleiche. -- Wie sagst du? Wiederum sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? -Sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst -du mich denn nicht mehr? -- Ich schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich -sah sie an und nun schien es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles -verwirrte sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie noch nie gesehen -hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf die silberne -Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? -- -Nein. -- Aber sie ist von dir! -- Nein! -- Ja, sie ist von dir, wir haben -uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein, -sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schüttelte den Kopf. -- Komm! sagte -sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und -ganz still --« - -Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch. -Adele hielt sich die Ohren zu. »Wie schade!« sagte sie, indem sie aufstand. -»Nun kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der Traum?« - -»Ja.« - -Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende Beklommenheit im -Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und -seine Wangen röteten sich. - -Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann. -Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Fräcken -und Kostümen schossen hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der -Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie mit verstellter Stimme -um einen Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon -längst abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich -zurück. Er blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm -einer roten Chinesin im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann -Häberlein mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte -gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen. - -»In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu erzählen,« sagte sie. »Es -kommen nun gewiß recht merkwürdige Dinge?« - -»Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.« - -Adele lächelte. »Herrlich! Wie spannend das ist! Und nun, bitte!« - -Grau tanzte leicht und sicher und Adele lobte ihn mit einem Blicke. »Halten -Sie mich fester!« sagte sie. - -Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die Geigen wehten, es erschien -Grau als spielten sie etwas vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er -förmlich die Blumen aus dem Rasen steigen. - -Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine Runde getanzt, als Adele -inne hielt und erblaßte. Sie stand still. »Ich kann nicht mehr!« sagte sie -leise und heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken, scheu und -erstaunt an, während sie sich mit einem Lächeln entschuldigte. - -»Aber was ist Ihnen?« fragte Grau. - -»Ich kann nicht tanzen mit Ihnen, es macht mich schwindlig,« sagte Adele. -»Nichts, einen Augenblick nur.« Sie sammelte sich rasch. - -»Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.« - -Adele schüttelte den Kopf. »Es ist nichts,« sagte sie, »es ist nur so -merkwürdig --« Sie sah Grau an. Sie schwieg lange Zeit und während sie -schwieg, schien sie sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal. Sie -schien zerstreut zu sein. - -»Kommen Sie!« sagte sie und ging voran. Grau folgte ihr. - -In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele blickte in Graus Augen und -sagte unvermutet: »Sagen Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?« - -Grau errötete leicht. »Wie?« Dann blickte er Adele erstaunt an. »Gewiß -liebe ich Susanna aufrichtig,« erwiderte er. - -Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder mit einem Blicke, -dann raffte sie den Fächer auf und bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie -blickte stolz über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr Lächeln, -alles hatte sich verändert. - -»Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?« fragte Grau. - -»Nein, nicht jetzt,« erwiderte Adele höflich. Aber sie sah Grau nicht an. -»Meine Mutter würde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen,« fügte sie -hinzu, »darf ich Sie bemühen?« Auch ihre Stimme hatte sich verändert. - -Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der Anlaß zu ihrer Verstimmung -sein könnte. - - - - -Drittes Kapitel - - -Adele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten, mit lautem Hurra -begrüßt und mit schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben -überhäuft. - -»Hoch, hoch, hurra!« schrieen die Herren und schwenkten die Kelche. Adele -hatte Mühe sich den Weg in den Kiosk zu bahnen. - -Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt. Die Frau des -Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit dem porzellanartigen Teint, eine hohe -Blondine, die etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen -Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun, Flaschen zu entkorken, die -Kelche zu füllen, zu trinken. Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde -Stimmung und die Herren waren alle angeheitert. - -Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehüllt, fein, -durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte -Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen, -fröhlichen Herren -- es waren die Offiziere von Weinberg -- er war größer -als alle, grau und würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen -mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und -änderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder -zuhörte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt -und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder, die kokett über seinen -hohen Schädel gelegt war. - -Baron Kirchgang -- Adeles Bräutigam -- war ein schweigsamer, etwas -ärgerlich aussehender Herr, dessen Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war -rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrüht -worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den -Schenktisch trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt war, er -war kürzer als der rechte und lahm. - -Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um. - -»Ihr Herr Bruder ist nicht da?« fragte er Adele. - -»Er ist dagewesen,« antwortete sie ihm, »er sitzt mit seinen Freunden im -ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?« - -»Ich dachte nur,« sagte Grau. »Danke!« - -Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stieß mit ihm an und sagte -lächelnd: »Auf das Wohl Ihrer Braut!« - -Grau dankte. »Auf Susannas Wohl!« - -Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er -verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie -begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang kühl und ihre -Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an -ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien -heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie -auf ihre Mutter blickte, die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte -sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen sah sie die -Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe. - -Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich -langsam und hartnäckig den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden -Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er -um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich -stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, daß er -zufrieden lächelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle -beschäftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die -Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze -der Maske jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete um sich -bemerkbar zu machen, aber in all dem Getöse hörte man ihn gar nicht, -niemand beachtete ihn. - -Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch. - -Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen wandte sich ihm zu. »Sofort, -sofort, mein schöner Herr!« rief sie. »Willst du eine Flasche, eine ganze -Flasche? Nur zwanzig Mark!« - -Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte, dann sah er auf Adele -und rief: »Eine ganze Flasche, jawohl. Zwanzig Mark, einerlei.« Er sprach -immerzu mit verstellter, quiekender Stimme. - -Da drehte sich Adele rasch um und sagte: »Es ist Herr Eisenhut! Für ihn -geben wir es nicht so billig. Er soll etwas besonderes tun!« - -Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte. Aber dann machte er -sich ganz steif und quiekte mit verstellter Stimme: »Sind Sie auch sicher, -daß es Herr Eisenhut ist?« - -Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten. Das könne ein Blinder -sehen. Er könne ruhig die Maske abnehmen. - -»Maske ab! Maske ab!« schrieen die Herren. - -Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske ab. Sein gelbes verlebtes -Gesicht kam zum Vorschein, er lachte, strich sich den Spitzbart und gab -dann allen ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch gegen die -Herren, die um den alten Freiherrn von Hennenbach herum standen. Man schrie -und schüttelte ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern, -zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele. - -»Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt haben!« sagte er. »Guten -Abend, Fräulein von Hennenbach!« Er machte auch einen schüchternen Versuch, -ihr die Hand zu reichen. - -Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. »Nun will ich Ihnen einschenken, -ich werde es selbst tun, aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es -gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden für jedes Glas hundert -Mark bezahlen, nicht wahr?« - -»Bravo! Bravo!« riefen die Herren. - -Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden glänzend, gleichsam als ob sie -erwachten. Dann lächelte er und zeigte seine schlechten, zerfressenen -Zähne. - -»Sie scherzen?« sagte er. - -»Scherzen? Nein, ich bin gar nicht in der Laune zu scherzen!« - -Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases beschäftigt war. Seine -Augen glänzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre -Arme, er lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll -und schön, seine Wangen färbten sich. Adele füllte sorgfältig das Glas. -Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte -sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der Friede und die -momentane Schönheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten -erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die -Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm -das Glas und er sah ihren Augen an, daß sie nicht scherzte. - -»Fräulein von Hennenbach?« stotterte er. - -Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all die Ringe, die Steine. »Herr -Eisenhut?« - -»Hundert Mark? Hundert M--?« fragte Eisenhut leise. »Hundert Mark -- aber -ganz unmöglich?« Er lächelte beklommen. - -Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele. - -Eisenhut raffte sich zusammen. - -Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und fuhr hastig in die -Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er -einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche. - -Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit einem Millionär zu tun habe, -hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam. - -»Bitte, Herr Eisenhut!« sagte Adele, da Eisenhut zögerte. »Ich werde sogar -nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch!« Sie -lachte und nippte am Glase. - -Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander, -lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen -Hundertmarkschein auf den Tisch. - -»Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!« - -Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es -leer. Er fühlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr -unsicher. - -Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, daß sie wieder -daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafür bezahlen. - -»Wieder?« fragte Eisenhut mit zitternder Stimme. - -»Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie -hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.« - -»Noch mehr?« fragte Eisenhut in ungläubigem Tone. »Hundert Mark für die -Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin.« Er -deutete auf die Jüdin mit dem hohen Busen. - -Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen, aber für Millionäre da -hätten sie ganz besondere Preise. - -Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und -her. »Sie scherzt -- Fräulein von Hennenbach scherzt!« sagte er zu der -lachenden Gesellschaft von Herren. - -»Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie nicht, daß man sich -schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas für hundert -Mark, fülle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht -lange besinnen.« - -Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwärts -Eisenhut -- hahaha -- schmeißen Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und -lachten und stießen sich gegenseitig an. - -Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein -Zittern lief durch sein Gesicht, er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr -wieder in die Rocktasche. - -»Bravo! Hurra!« - -Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen -sollte? - -»Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind!« antwortete Adele. »Sie nennen -sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.« - -»O -- hoho!« versetzte Eisenhut geschmeichelt. - -»Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank vollgestopft mit -Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!« - -Eisenhut streckte den Kopf vor. »Haben Sie denn -- haben Sie denn diesen -Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich.« Er lächelte eigentümlich -und blickte Adele an. - -Adele lachte laut und unnatürlich. »Selbstverständlich habe ich ihn -gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in -der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?« - -Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele. - -»Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe -nochmals daran. Nun, nehmen Sie?« - -Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra! -Eisenhut, Eisenhut! - -Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei -ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die -Umstehenden, die lachten, plötzlich mit scharfen, bösen Blicken an. -Gelächter. - -»Bitte!« sagte Adele und lachte. »Weshalb zögern Sie denn?« - -Hier näherte sich Grau. Er sagte: »Fräulein von Hennenbach?« - -Adele wandte ihm den Blick zu. Sie zog die Augen zusammen und sagte: -»Bitte?« - -In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve auf Eisenhut ein. Er -hatte die Scheine wieder in die Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr -sein, ein vollständiger Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes Glas, -die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor die Fassung und stellte das -Glas so heftig auf den Tisch zurück, daß es zerbrach und der Wein über das -Tischtuch floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war seine -Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um etwas zu sagen, er blickte -verwirrt auf Adele. Adele lachte und alle, alle lachten und stampften mit -den Füßen und schrieen, was sie konnten. - -Eisenhut bewegte heftig die Hände. »Bezahlt ihr!« schrie er. »Bezahlt ihr! -Ich bin kein solcher Narr! Ich habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr, -bezahlt ihr!« wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu -überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde über den -Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas, stotterte, aber er sagte nichts. - -Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben Kostüm und mit seiner -gelben Mütze, gefolgt von lautem, wildem Gelächter. Er verschwand in der -treibenden Menge. - -»Haha! Ein Prachtexemplar, dieser Eisenhut! Haha! Hoch Eisenhut, hurra!« - -Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden, und als Adele zu Baron -Kirchgang blickte, mit dem er zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen -Platz leer. Baron Kirchgang unterdrückte ein Gähnen. - -Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter Ausgelassenheit zu -scherzen, zu lachen und Sektgläser zu füllen. - - - - -Viertes Kapitel - - -Eisenhut eilte dem Ausgang zu und war plötzlich spurlos verschwunden. -Gleichzeitig wurde Grau von Dr. Nürnberger aufgehalten. - -Dr. Nürnberger war ein junger Mann mit schwarzem Scheitel, niedriger Stirn, -goldenem Kneifer; er war im Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine -Höflichkeit stets von leichtem Spott begleitet, seine geheuchelte -Unterwürfigkeit abstoßend. - -Er nahm den Kneifer ab und verbeugte sich vor Grau. - -»Welches Vergnügen, Sie zu sehen!« rief er mit etwas näselnder Stimme aus. - -Grau erkundigte sich nach dem Kinde im Waisenhaus. Es gedieh prächtig. »Wie -haben Sie Susanna bei Ihrem letzten Besuche angetroffen, Herr Doktor?« -fragte er dann. - -Der Arzt verfolgte ein schönes Mädchen mit den Blicken und erwiderte: »Ja, -was soll ich sagen? Ich habe leider keine Besserung beobachten können. Ich -möchte fast sagen, im Gegenteil, der Zustand der Patientin hat sich -verschlimmert. Der Körper leistet leider gar keinen Widerstand.« - -Ob man nicht jetzt daran denken könne, die Kranke nach dem Süden zu -bringen? - -»Nein!« Der Arzt schüttelte den Kopf und sandte dem schönen Mädchen, das -zurückkehrte, ein Lächeln zu. »Man hätte es vor einem, zwei Jahren tun -sollen -- jetzt ist nicht daran zu denken. Sie würde die Reise nicht -vertragen. Ich spreche offen, ich könnte die Verantwortung, die Dame jetzt -reisen zu lassen, nicht übernehmen. Später vielleicht, sobald es Frühling -sein wird.« Doktor Nürnberger reichte Grau die Hand. Er lächelte und legte -die niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er möchte ihm nicht -leichtfertigerweise Hoffnungen erwecken -- immerhin, im Frühjahr, ja, da -könne man ja Entscheidungen treffen. »Guten Abend. Herzlich gefreut.« Im -Begriffe sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam überrascht von -einem Einfall, zu Grau zurück und sagte in verändertem Tone: »Vielleicht -darf ich Herrn Grau einladen, mit mir in eine Herrengesellschaft im ersten -Stock zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu -- das heißt, vielleicht -ziehen der Herr vor --« - -»Sehr liebenswürdig!« sagte Grau. Er sagte sofort zu und zwar mit einem -Eifer, der den Arzt in Verwunderung versetzte. »Gewiß werde ich mich -freuen, ich danke herzlichst, Herr Doktor!« - -Sie verließen den Saal und stiegen eine Treppe empor. Grau werde hier die -Intelligenz der Stadt kennen lernen, das heißt, präzis ausgedrückt, alle -Elemente, die auf eine relative Intelligenz Anspruch erheben könnten; -angenehme und gesellige Leute. Nur sei er außerstande, irgendwelche -Verantwortung zu übernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem eines -Salons entspräche. »Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit,« sagte Grau. -- -»Sie werden gewiß auf Ihre Kosten kommen, wenn Sie Ungezwungenheit lieben.« --- Sie gingen hin und her in breiten Gängen, die vom Tanzen im Saale -drunten zitterten. Durch ein kleines Fenster konnte Grau hinab in die -chinesische Straße blicken, es war ein hübsches Bild: Die wimmelnde Menge, -die Lampione, der Rauch. Er sah einen Augenblick lang Adele, die gerade ihr -Haar zurechtrückte. Sie wandte merkwürdigerweise im selben Moment den Blick -zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natürlich nicht sehen. - -Sie weiß nicht alles, dachte Grau und ein leiser Schmerz griff an sein -Herz. Er folgte dem Arzte, treppauf, treppab; dieses alte Haus war ein -Labyrinth. - -Endlich hörten sie den wüsten Lärm einer Herrengesellschaft und Dr. -Nürnberger verbeugte sich und öffnete eine kleine Türe. Augenblicklich -drang ihnen heiße Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch, Lachen, Rufen -entgegen und ein halbes Dutzend verschwimmender Gesichter wandte sich ihnen -zu. - -Grau machte die Augen scharf. Er entdeckte zuerst Eisenhuts Gesicht, -daneben das bleiche schmale Antlitz des jungen Herrn von Hennenbach, auf -dessen Knien die puppenschöne Wirtin saß. - -Grau war erstaunt Eisenhut heiter und guter Dinge zu sehen. - -Da saß er, eine Zigarre in der einen Hand, in der andern ein Glas, lächelte -und plauderte. - -»-- die Stühle sind aus Leder, aus gepreßtem Leder. Ein Löwe in Gold ist -auf die Lehne gepreßt.« - -»Ja, aber der Minister, Eisenhut,« unterbrach ihn jemand, »du wolltest doch -von ihm reden?« - -»Das Zimmer ist überhaupt ein Saal!« fuhr Eisenhut fort und blinzelte. »Der -Minister rauchte eine Zigarette.« - -»Aber was sagte er denn?« - -»Er sagte, >Herr Eisenhut, Sie haben also die Steine für die Brücke -geliefert, schön. Ich werde an Sie denken.< Er klopfte mir auf die -Schulter.« - -»Also sollst du wohl einen Orden bekommen?« - -Eisenhut lächelte. »Was ich bekomme, das weiß ich nicht. Aber er sagte: Ich -werde an dich denken, Eisenhut.« - -Haha! »Er duzte dich?« Gelächter. - -»Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was weiß ich -- seht an!« Er hatte Grau -bemerkt. - -Die Herren waren in bunten Kostümen, einige im Frack und einer, Postadjunkt -Kaiser, saß in weißen Hemdärmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben sich -mit vielem Tumult und warfen einander Blicke zu. Man war nicht sonderlich -erfreut über den Gast, das konnte jeder sehen. Aber die Herren verbeugten -sich höflich. - -Grau sah sie mit freundlichen, leuchtenden Augen an. »Ich bedaure unendlich -im Falle ich stören sollte,« jagte er leise und verlegen, »Herr Dr. -Nürnberger hatte die Liebenswürdigkeit mich einzuladen.« - -Plötzlich schlug ein dicker Chinese mit einem großen gelben Schirm auf dem -Rücken ein lautes Gelächter auf und einige fielen ein. - -»Willkommen, Pfirsichblüte, im Reiche der Mitte!« schrie der dicke Chinese -und machte eine tiefe Verbeugung. Er drückte Grau die Hand und setzte -hinzu: »Im bürgerlichen Leben heiße ich Richter, Professor Richter, Doktor -der Naturwissenschaften.« - -Der Arzt schob ihn beiseite. »Erlauben Sie doch, Professor,« sagte er, »und -geben Sie den Herren Gelegenheit ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu -genügen. Sie gestatten, die Herren, Herr Grau --« - -Er machte Grau mit den Herren bekannt. Da waren Amtsrichter Leutlein, ein -gutmütig aussehender Herr mit blaurasiertem Gesichte und spärlichem -flaumigen Haar auf dem runden Schädel, Rechtspraktikant Schmidt mit -scharfen stechenden Augen, vielen Schmissen, hohem Stehkragen, peinlich -gestriegelt und gebügelt, Redakteur Heinrich, vom »Gauboten«, ein kleiner -Mann mit struppigen schwarzen Haaren, der die Angewohnheit hatte, immer die -Zungenspitze herauszustrecken und heiter auf seinen Bauch herabzulächeln, -Assistent Pechmann, ein langer Mensch mit hellblauen träumerischen Augen, -der junge Freiherr von Hennenbach, ein junger bartloser Lehrer, der so -betrunken war, daß er leichenblaß aussah und die Augen weit aufreißen mußte -um zu sehen. - -Die Herren hatten alle ein wenig über den Durst getrunken. Sie lachten -sonderbar, sie verbeugten sich zu tief oder schief, dem Rechtspraktikanten -fiel der Kneifer von der Nase, Redakteur Heinrich setzte sich beinahe neben -den Stuhl, als er sich niederließ. Ihre Augen waren scharf oder -ausdruckslos, die Vorhemden zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas -Lächerliches an sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden -Haarbüschel, die Krawatte war in Unordnung oder das Kostüm so zugeknöpft, -daß oben ein Knopf übrig blieb. Sie rauchten alle und es war solch ein -Rauch im Zimmer, daß man kaum die Wände sah. Sie saßen um einen ovalen -Tisch herum, über dem eine Hängelampe brannte. Auf dem Tisch herrschte ein -wüstes Durcheinander und eine Manschette rollte darauf herum. - -»-- Herr Redakteur Heinrich, die Herren kennen sich, Pardon -- auch Herr -Eisenhut wird Ihnen schon persönlich bekannt sein --« - -Eisenhut beachtete Grau nicht; er rief: »Spielen, weiter spielen, ich habe -zwei Mark von der Bank gut! Keine unnötigen Pausen, meine Herren!« Er -trommelte auf den Tisch und lachte. - -»Er ist in etwas ungenießbarer Stimmung heute, unser Herr Eisenhut,« -entschuldigte ihn der Arzt. »Herr von Hennenbach!« - -Die Blicke der beiden tauchten ineinander. Grau lächelte nicht. Er -verbeugte sich zurückhaltend, ja kühl, und Herr von Hennenbach blickte ihn -verblüfft mit seinen grauen Augen an und zuckte mit den Mundwinkeln. Die -schöne Wirtin raffte eilig einige Gläser auf und machte sich aus dem -Zimmer. - -»Spielen, weiter spielen! Keine unnötigen Pausen!« wiederholte Eisenhut und -goß Punsch in sein Glas. Seine Hand zitterte und er verschüttete das halbe -Glas, als er es an den Mund führte. »Tante! Du besorgst jetzt die -Sektbowle, auf meine Rechnung! Alles auf meine Rechnung!« - -»Ruhe!« rief ihm der dicke Chinese zu. »Einen Augenblick noch, ich nehme -das Spiel sofort wieder auf -- unser verehrter Gast -- geben Sie ein Glas -herüber, Doktor! -- ich darf doch einschenken? -- oder sollten Sie etwa -Abstinenzler sein?« - -Grau lächelte. »Nein.« Er nahm Eisenhut gegenüber Platz. - -Der dicke Chinese ließ sich an seiner Seite schwer in den Sessel fallen und -mischte die Karten; er hielt den Schirm mit dem runden Schädel, rauchte -eine Zigarre in einer langen Spitze, die er beim Sprechen von einem -Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen und -Behagen. Er hatte kurzgeschorenes rotes Haar und seine feisten Backen waren -mit goldenschimmernden Bartstoppeln bedeckt. »Fertig!« rief er, und die -Karten schlüpften blitzschnell aus seiner Hand. »Die Bank ist bereit. Herr -Adjunkt Kaiser! Was setzen Sie? Bei allen Teufeln, mehr Aufmerksamkeit, -meine Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Großkapitalist Eisenhut? -Sie spielen hoch, das läßt sich sehen, nur keine Knickerei, nur das nicht. -Herr von Hennenbach -- Herr -- von -- Sie wünschen noch eine Karte? Gut. -Die Bank hat acht, acht! Hurra! Alle Gewehre aufs Rathaus -- hahaha!« - -Der feiste Chinese stieß ein rasselndes fettes Lachen aus und strich den -Gewinst ein. Alle, außer dem Arzte, hatten verloren und schrien und -fluchten. - -Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstück zu. »Es ist alles -einerlei!« rief er und trommelte mit den Knöcheln auf den Tisch und -blinzelte. - -Der Chinese mischte, während das fette Lachen noch leise in seinem Halse -rasselte und seinen ganzen Körper erschütterte, so daß der Schirm auf -seinem Kopfe tanzte. »Sehen Sie, welch ein Geschäft, verehrter Herr!« -wandte er sich an Grau. »Dreiundzwanzig Mark bei einem einzigen Gang. -Hurra! Darf ich Ihnen vielleicht eine Karte geben? Es ist ein sehr -einfaches und höchst anregendes Spiel, absolut, ich betone, absolut -unschuldig. Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Könige und Damen gleich -Null -- übrigens durch die Praxis lernen Sie am schnellsten. Wollen Sie ein -Spielchen wagen? Höchster Einsatz zwanzig Mark, niederster fünfzig Pfennig --- staatlich konzessioniertes Spiel -- Gewinn und Verlust gleichen sich -stets aus. Nun?« - -Grau lehnte ab. »Ich danke, ich habe kein Geld!« sagte er. »Übrigens macht -es mir großes Vergnügen, zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar -nicht stören.« - -Er könne auch auf Borg spielen. Nicht? - -»Spione vor die Tür!« sagte Eisenhut leise und räusperte sich! »Nicht wahr? -Spione vor die Tür!« wiederholte er und klopfte dem leichenblassen Lehrer -auf den Arm. Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an. - -Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese schrie und brüllte und trieb -zur Eile. Am eifrigsten spielte Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd, -er schrie, fluchte und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das -Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie nach der Sektbowle! Ja, -Himmel und Hölle: Die Sektbowle! Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da -wandte er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und mit seinen -hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke begegneten sich dann und -wann, und Eisenhut grub seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen, -verzog das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren Lachen ab. Es -schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl zu übermannen drohe, er -heftete die Augen auf die Karten und zählte die Points unsicher und falsch. - -»Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!« schrie der Chinese. »Das -ist ja eine Sieben! Oder sind Sie betrunken?« - -»Noch nicht, noch nicht!« kicherte Eisenhut. Da fiel ihm die Bank zu und er -begann fieberhaft zu spielen. Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu -sein als dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und mit Asche -und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte das Gesicht bis auf die -Tischdecke herab, gab die Karten, mischte und ließ seine kleinen -glitzernden Augen im Kreise wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er -lachte, wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu verlieren. Er -sah nichts mehr als die Hände, die nach den Karten griffen, Geld hin und -her schoben, alle diese verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare -auf den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif, den Herr von -Hennenbach trug. - -Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf, starrte vor sich hin, -um sofort wieder das fieberhafte Wesen anzunehmen. - -Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die Röte aus seinen Wangen wich -und verstärkt wiederkehrte, als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um -wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose Einsätze den -Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den Stuhl zurück und suchte hastig in -allen Westentaschen. Dann beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins -Ohr. Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen haßerfüllten -Blicke an und schrie: »Ich gebe nichts mehr!« Darauf erhob sich Herr von -Hennenbach und sagte: »Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise zu -antworten!« - -»Ich tue, was ich will!« erwiderte blinzelnd Eisenhut und mischte rasend -die Karten. - -Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. »Ich bin bankerott!« sagte er -und verließ das Zimmer. - -»Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches großen Baumeister!« lallte -Redakteur Heinrich und lud mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische -ein, ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck und ergriff das -Glas. »Auf das Wohl des Alten aus dem deutschen Eichenwalde, Ritter ohne -Furcht und Tadel, des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas -Erwecker -- alles hoch, hoch!« - -Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. »Schreibe den Festbericht für dein -Käsblatt und halte das Maul!« sagte er. - -»Hoch das Deutsche Reich, das Vaterland, hoch der deutsche Dichterwald und -die Armee, die den Franzmann schlug! Alles hoch!« fuhr der Redakteur -schmunzelnd fort und plötzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze -zwischen den Zähnen, das Glas in der Hand, da. »Hochverehrte -Festversammlung, meine Herren und Damen, Festgäste --« - -»Keine Reden! Um Gottes willen!« - -»-- der einzige Mann, sage ich, der die Lage überblickt hat, fahre ich -fort, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind, ein einig Volk, die erste -Nation der Erde, bei deren Namen Klange die Erde erzittert -- meine Herren! --- Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand in der Welt --« er sank -auf den Stuhl zurück. - -»Was setzen Sie?« schrie Eisenhut und schlug auf den Tisch, daß das Geld in -die Höhe sprang. - -»Meine Damen und Herren -- fünfzig Pfennig -- hoch die Fahne, sage ich, -hoch! zum Kampfe gegen die rote und schwarze Gefahr, die des Reiches -Wappenschild --« - -»Schließen Sie endlich gefälligst die Klappe!« sagte der dicke Chinese und -lachte rasselnd. »Ihr Geschwätz versteht ja kein Teufel und gehen Sie in -die Hölle mit Ihrer Politik, Verehrter -- noch eine Karte Eisenhut, neun! --- Doktor, vergessen Sie nicht unserm Gast einzuschenken --« - -Der Redakteur fuhr flüsternd fort: »Laut statistischer Ziffern sind wir die -stärkste Heeresmacht in Europa -- ich fordere die Herren auf --« - -»Sie langweilen unsern Gast!« - -»Er ist unser!« schrie der Redakteur und erhob das Glas gegen Grau. »Er ist -unser, eine Stütze, ein Kämpe! Ja, wir müssen Brüderschaft trinken, -unbedingt, eine Seele und ein Geist, der in uns lodert -- wir sind im -herrlichsten Fahrwasser mit unserer Politik. Die letzten Ergebnisse -- was -meinen Sie? Nicht, daß schon alles getan wäre -- aber das Fahrwasser, das -Fahrwasser, wie?« - -»Ich bin leider nicht imstande, die gegenwärtige Lage zu überblicken,« -sagte Grau. - -»Oh! Sofort --« - -»Gehen Sie in die Hölle! sage ich, mit Ihrer Politik!« schrie Professor -Richter und schlug auf den Tisch. »Politisch Lied, ein garstig Lied! Es ist -uns ja alles einerlei, der ganze Mumpitz ist uns schnuppe -- schließen Sie -ab! Lassen Sie sich, Herr Grau, um Gottes willen in kein Gespräch mit ihm -ein, er tötet Sie, er tötet Sie buchstäblich.« - -Aber der Redakteur mit den wilden Dichterhaaren gab sich nicht zufrieden. -»Es ist die Begeisterung, die aus mir spricht!« rief er aus. »Echte -deutsche Mannesbegeisterung. Man muß die Turn- und Kriegervereine -unterstützen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden -- nieder mit den -Sozialdemokraten, mit diesen schmutzigen Kerlen!« - -»Warum nennen Sie sie schmutzig?« fragte Grau leise lächelnd. - -»Warum?« Ob er schon einen von diesen Dreckhammeln mit sauberen Händen und -einem reinen Kragen gesehen habe? »Sie sind dreckig und unzufrieden und -faul und trinken Schnaps und sie wollen, daß wir Jauche pumpen und die -Straßen kehren! Ja, warum lachen Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder -täusche ich mich?« - -»Ja, ich mußte lachen, entschuldigen Sie,« sagte Grau. - -»Sie stimmen mir also nicht bei?« - -Grau lächelte. »Sie sprechen ja nicht im Ernste.« - -»Im Ernste? Ich? Redakteur Heinrich?« - -»Dann sind Sie nicht gerecht!« sagte Grau. - -»Gerecht? Ich? Der Herr behaupten -- eiei!« Der Redakteur lachte belustigt. - -»Nun ja,« begann Grau, »diese Sozialdemokraten sind doch zumeist Arbeiter. -Sie arbeiten für uns, sie bringen Geld ins Land --« - -Der Redakteur steckte die Zungenspitze heraus. »Aber dafür bezahlt man ja -diese Kerle!« schrie er, Grau ins Wort fallend. - -»Dann gebe ich mich zufrieden,« sagte Grau. »Wenn man sie nur bezahlt und -auch sonst menschlich behandelt --« - -Redakteur Heinrich rückte näher. »Also sind wir einig, nicht wahr, wir sind -einig, haben uns wiederum gefunden! Hoch! Prosit! Sie sagen, Sie sind nicht -imstande die Situation zu überblicken? Ich werde mir erlauben -- Nummer -eins, Nummer zwei und drei -- nieder mit der Sozialdemokratie, die mit -schmutzigen Händen die heiligsten Güter der Nation betastet -- Nummer eins --- man bezahlt sie und fertig damit, fort mit dem Gesindel -- Nummer eins, -sage ich, Nummer zwei -- nieder mit den Juden, die das germanische Blut -saugen -- Sie lächeln, ja bitte, darf ich bitten -- Sie lächeln -- nun, ich -denke Sie sind ja doch kein Jude, nicht wahr -- oder? -- hier, Herr Doktor -Nürnberger, er ist Jude -- aber er ist Antisemit -- wie jeder gebildete -anständige Jude, den der deutsche Geist bestrahlt hat -- kurz und gut -- -ich spreche wie ein echter deutscher Mann spricht -- Nummer drei, vier und -fünf -- nieder mit den Ultramontanen, die deutsches Geld nach Rom schleppen -und die Tugend unserer Frauen und Töchter gefährden -- Sie lächeln? Ist es -etwa nicht wahr? Ja, mein Gott, ich wage es ja nicht, die Kirche, welche es -auch sei -- denn ich bin ja tolerant -- mit meinem kleinen Finger -anzutasten -- Kirche und Thron -- prosit! -- hoch! -- aber der Ultramon -- -Ultramon --« - -Er quälte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur großen Heiterkeit aller -brachte er es nicht fertig. - -»Ultramon --« - -Der Chinese lachte laut heraus. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt, lassen Sie -sich in kein Gespräch mit ihm ein. Er ist ein prächtiger Mensch, unser -Redakteur Heinrich, aber sobald er ins Reden kommt wird er ungenießbar. Nun -ist ihm Gott sei Dank ein Wort im Halse stecken geblieben. Er hat sich auf -Sie geworfen, weil er mit uns kein Geschäft mit seinen Phrasen machen kann. -Wir sind gar nicht für Politik, wir kümmern uns um nichts. Was liegt uns -daran, was sie mit dem ganzen heiligen Bierstaat machen? Frage ich Sie? Hol -mich der Teufel, nichts! Wir bezahlen unsere Steuern, weil wir müssen, -fertig damit. Mögen sie da droben wirtschaften, wie sie wollen, das geht -uns ja nichts an. Wie beliebt? Sagten Sie etwas? Nun, haben Sie keine -Angst, welcher Partei Sie angehören, das weiß ich nicht, ich bekümmere mich -auch nicht darum. Frei sind wir, frei, keine Parteifanatiker, wir tun -unsere Arbeit, man bezahlt uns, fertig. Wir leben, wir sind Menschen. -Partei ist Unsinn -- wir alle hier sind Individualitäten -- Aristokraten, -basta! Ich setzte drei Mark, Eisenhut. Habe fünf!« - -»Wie sagten Sie?« fragte Grau, als ob er nicht gehört hätte. - -»Ultramontanismus! Ultramontanismus!« schrie laut triumphierend der -Redakteur. Er hatte das Wort vor sich auf den Tisch geschrieben. - -Der Chinese beugte sich zu Grau. »Individualitäten, Aristokraten, sagte -ich, sind wir. Gehören zu keiner Partei. Wir alle, wie Sie uns hier sehen, -und auch Sie, Herr Grau -- wenn ich Sie recht kenne, nach all dem, was ich -von Ihnen gehört habe -- auch Sie sind Aristokrat und Individualität! Auf -Ihre Gesundheit!« - -Grau lächelte und schüttelte den Kopf. »Auf Ihr Wohlsein!« sagte er. »Ich -danke Ihnen für Ihre gute Meinung, aber Sie überschätzen mich ganz -ungeheuer. Ich bin kein Aristokrat, bei Gott, nein, noch lange nicht! Ich -würde es auch nicht wagen, mich eine Individualität zu nennen. Ich bin noch -weit entfernt davon, zu jung, zu wenig reif; ich danke Ihnen vielmals, aber -eine Individualität -- sehr schmeichelhaft, allein --« - -»Ha!« schrie der Redakteur. »Prosit, Herr Grau! Ultramontanismus, -Ultramontanismus, Prosit!« - -»Aber?« sagte der fette glänzende Chinese gedehnt und sah Grau mit den -kleinen Augen an, die schimmernd in den fetten Backen schwammen. »Ich -dachte --« - -»Keine Gespräche, Professor,« unterbrach ihn Dr. Nürnberger. »Keine -Gespräche. Es nimmt kein Ende und kommt nichts dabei heraus zum Schlusse. -Spielen Sie!« - -»Ich spiele ja! Sehen Sie denn nicht, daß ich ganz verzweifelt spiele. Ah! -wo bleibt denn deine Bowle, Eisenhut, machst immer ein großes Geschrei! -- -Sie sind ja zu bescheiden, verehrtester Herr,« wandte er sich an Grau. -»Nun, Sie können sich nennen wie Sie wollen, aber wir hier sind alle -Individualitäten und Aristokraten.« - -Er beschrieb mit der Hand einen Bogen, der die ganze Gesellschaft -einschloß. Dann erhob er das Glas und fügte hinzu: »Und nun lassen Sie uns -ein Glas auf unsere Zeit leeren, die Zeit der Aufklärung!« - -Redakteur Heinrich schrieb eifrig an seinem Festbericht für den »Gauboten«, -er kritzelte mit dem Bleistift einige Briefbogen voll, spielte dabei und -horchte noch dazu immer mit einem Ohre auf das Gespräch an seiner Seite. -Sobald jemand prosit sagte, schrie er ebenfalls prosit, und als er etwas -von Aufklärung hörte, sprang er auf und schwenkte das Glas. »Aufklärung in -Stadt und Land, prosit!« schrie er. - -»Nun?« sagte der dicke Chinese zu Grau. »Sie trinken nicht, Sie scheinen -nicht einverstanden zu sein mit mir?« - -»Gewiß, ich trinke,« sagte Grau. »Mein Glas ist leer -- danke, Herr -Doktor!« - -Ob er nicht selbst sagen müsse, daß es eine Freude sei, in dieser, gerade -in dieser Zeit zu leben: Eine Zeit der Entdeckungen, der horrendesten -Entdeckungen, Erfindungen, eine Zeit der Ideen, ja zum Teufel, -- einer -gesegneten Zeit der Aufklärung, Abklärung und Erklärung, einer Zeit der -Befreiung des Menschengeistes, einer neuen Zeit. - -»Gewiß eine hochinteressante Epoche!« warf Dr. Nürnberger ein. »Das -Mittelalter liegt weit hinter uns!« - -Eine Zeit der Wissenschaft, der Sieg der Naturwissenschaften über den -Aberglauben, Chemie, Physik hoch! Wie beliebt? - -Grau lächelte. »Gewiß, eine hochinteressante Epoche!« sagte er. - -Der Chinese sah ihn an. »Aber?« - -»Wieso denn: Aber?« - -»Sie akzeptieren also unsere Zeit ohne jeglichen Widerspruch, Herr Grau?« -sagte Dr. Nürnberger mit feinem ironischem Lächeln. - -Die Herren verbargen ihm nicht, daß er sich in grellem Kontrast zu seinen -öffentlichen Äußerungen befände. - -Grau lächelte fein. »Ich akzeptiere unsere Zeit als eine hochinteressante -Epoche, meine Herren,« erwiderte er, »ohne ihr jedoch in allem zuzustimmen ---« - -»Ah -- haha! Nun lassen Sie, bitte, hören!« fiel ihm der Chinese ins Wort. - -Grau sah ihn an, dann fuhr er fort: »Auf jeden Fall ist es mir unmöglich, -Ihre kritiklose Begeisterung zu teilen, meine Herren. Ich wiederhole -nochmals, die Epoche ist hochinteressant, trotzdem kann ich nicht in -Entzücken geraten über unsere Zeit. Vielleicht verstehe ich die Zeit nicht -recht, aber ich darf wohl meine Meinung sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir -hätten das Mittelalter hinter uns, ich glaube das nicht, ich glaube es -nicht ganz.« - -»Wie? Aber --« - -»Lassen Sie Herrn Grau reden, Herr Professor!« - -»Nein, ich glaube es nicht ganz. Sondern ich glaube, daß wir in vieler -Beziehung tief im Mittelalter stecken. Die Welt ist etwas reinlicher -geworden, ja, das ist gut, wir haben Bahnen und Schnelldampfer, auch das -ist ganz hübsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber sind es -wesentliche, wertvolle Dinge? Ich sage nein. Entschuldigen Sie, es ist -meine bescheidene Ansicht. Sie erlauben doch, nicht wahr? Es kommt mir so -vor, wenn ich es sagen darf, ich blicke auf unsere Justiz, auf unsere -sozialen Verhältnisse, die Stellung der Frau, auf eine Menge Dinge. Das -Beil hängt noch über ganz Europa, ach, ich brauche mich ja nicht auf -Einzelheiten einzulassen, es gibt keine Leibeigenen mehr, nein, auf dem -Papier existieren sie nicht mehr, aber es gibt Millionen Sklaven des -Kapitalismus, wir haben das alte Kastenwesen, privilegierte Stände -- und -selbst die aufgeklärten und vornehmen Menschen, die meisten wenigstens, die -ich kenne -- treten die Privilegien des Standes an, in dem sie geboren -sind, ohne weiter darüber nachzudenken. Die gleichen, nahezu die gleichen -Ideen regieren -- mit dem einen Unterschied, daß sie jetzt hohle Formen -geworden sind, während sie früher wirkliche Kräfte waren. Kurz und gut, ich -könnte Ihnen hunderte von Dingen aufzählen, die um kein Haar anders sind -als sie im Mittelalter waren -- vielleicht sehen sie etwas anders aus und -vielleicht sehen wir sie anders, weil wir dicht vor ihnen stehen. Aber -- -und nun hören Sie -- ich glaube, es ist ja nur meine Ansicht -- eines haben -wir verloren: Die Überzeugung, die das Mittelalter besaß, die Tiefe, den -ganzen Mystizismus, die wilde und schöne Atmosphäre. Ja, Sie lachen, Gott, -wie gesund und gut Sie lachen können, das freut mich, Sie sind ein guter -Mensch, lachen Sie ruhig, es ist ja nur meine Ansicht. Sie sprechen von -unserer Zeit, nicht wahr, vor hundert oder achtzig Jahren sah es viel -besser in der Welt aus glaube ich, besonders in Deutschland.« - -»Halten Sie ein!« unterbrach ihn der Chinese. »Entschuldigen Sie, daß ich -Sie unterbreche: Nehmen Sie mir auch mein Lachen nicht übel. Ich lache und -wir alle sind ja in guter Stimmung, hurra, hoch! Ja, wir sind alle gut -aufgelegt. Eisenhut könnte die Bank nach und nach abgeben, er wird -langweilig mit der Zeit! Wir brauchen -- ja, was sagen Sie doch -- tiefe -Überzeugung, Mystizismus -- ja, gehen Sie doch in die Hölle damit -- Sie -verzeihen meine starken Ausdrücke, es ist die Stimmung --« - -»Bitte, bitte!« sagte Grau lächelnd. »Ich verstehe sehr wohl --« - -»Wir sind ja gerade froh, daß wir all das los haben, Hochwürden! Es macht -mir Freude, Ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu sprechen, aber was sagten Sie -doch alles? Es scheint mir doch, daß Sie den modernen Zeitgeist wenig -spüren und ein bißchen altmodisch sind, Herr Grau, hahaha!« - -Grau lächelte. Er könne recht haben, vielleicht sei er ein wenig -altmodisch. Mindestens sei er sehr langsam, sehr schwerfällig. Aber wenn -Herr Professor sich etwas Mühe gäbe. - -Professor Richter räusperte sich und nahm einen tiefen Schluck. »Wir sind -moderne Menschen, mein Freund,« sagte er. »Modern bis auf die Knochen. Ein -moderner Mensch, haben Sie eine Vorstellung von einem modernen Menschen? -Ich will es Ihnen sagen. Ein moderner Mensch, das ist ein Mensch dieser -Zeit der Aufklärung, ein freidenkender, toleranter Mensch, dem es ganz -einerlei ist, was der andere tut, er kann tun und lassen, was er will und -soll schauen, daß er zurecht kommt, ein Mensch ohne Aberglaube und -utopistische Träume und schwächliche Ideale, ein Mensch mit einem gesunden -Egoismus und einer gesunden Sinnlichkeit, ein Mensch, der sich nicht schämt -ein Mensch zu sein -- bei allen Teufeln in der Hölle -- eben ein Mensch mit -gesunden Sinnen und kein Phantast, kein Mönch, kein Spießbürger -- sondern -ein Einzelwesen, ein Individuum -- ja, zum Henker -- das ist der moderne -Mensch. Ich habe mich wohl deutlich genug ausgedrückt, wie?« - -»Danke, ja!« Grau sah den Chinesen an. »Lassen Sie mir etwas Zeit, ich muß -all das überlegen. Ich denke sehr langsam, das ist es. Als ich jung war, -fiel mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem muß ich langsam -denken.« - -»Die Leiter hat Ihnen doch weiter nicht geschadet, wie?« - -»Nein, ich glaube nicht.« Grau lächelte. - -»Sie kennen Lombroso, nicht? So ein Anstoß von außen her kann zuweilen ein -ganz gutes Resultat haben. Übrigens auf Ihr Wohlsein! Ich habe Sie vorhin -unterbrochen.« - -Grau lächelte und stieß mit dem Chinesen und Dr. Nürnberger an. »Es ist -sehr angenehm in dieser Gesellschaft!« sagte er. »Ich danke Ihnen nochmals, -Herr Doktor, daß Sie die Freundlichkeit besaßen mich einzuführen. Sie haben -mir erklärt was der moderne Mensch ist, Herr Professor. Erlauben Sie mir -nun eine Frage, ich verstehe manches nicht. Zum Beispiel: Gesunder Egoismus -und gesunde Sinnlichkeit, das sind ebenfalls solche Worte, die ich überall -höre, ohne mir viel darunter vorstellen zu können. Ja, bei Gott, ich muß in -Wirklichkeit ein altmodischer Mensch sein -- haha -- Sie haben am Ende doch -recht -- denn ich wünsche mir den Menschen gerade mit recht viel Träumen -und Idealen -- sie brauchen ja nicht schwächlich zu sein, da haben Sie -recht, wenn sie nur hoch sind! -- mit recht vielen Träumen und Idealen -sagte ich, auch Phantast kann er sein, weshalb nicht? Welche Rechte hat Ihr -moderner Mensch?« - -»Er tut, was er will!« - -»Was er will?« sagte Grau leise und erstaunt. »Nun, aber er hat doch wohl -Pflichten, Verantwortung --« - -Der Chinese lachte. »Faule Fische! Er tut, was er will und jeder tut, was -er will. Pflichten und Verantwortung, das sind ganz ekelhaft abgestandene -Begriffe --« - -Hm. Grau dachte nach. Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie mögen recht -haben, daß ich ein altmodischer Mensch bin, aber ich glaube nicht, daß der -moderne Mensch so ist, wie Sie ihn beschreiben. Der moderne Mensch fühlt -sich im Gegenteil mehr durchdrungen vom Gefühle der Verantwortung als der -Mensch irgend einer andern Epoche. Oft scheint es als ob in ihm erst jenes -Gefühl richtig erwacht sei.« - -Der Arzt unterbrach ihn. - -Man müsse ja nur den Mut und die Ehrlichkeit haben die Wahrheit zu sehen -und zu sagen, warf er ein. Ein Blick in die Natur genüge, um jeden zu -überzeugen, daß das Prinzip des Egoismus überall regiere. Ebenso im -Menschen. Man fange an, das zu erkennen und -- - -»Erlauben Sie,« sagte Grau, »das hat man schon vor Tausenden von Jahren -erkannt. Es springt ja in die Augen und ist das Natürlichste. Aber seit -Tausenden von Jahren haben sich nun die Weisen mit diesen Problemen -beschäftigt, über Recht und Pflicht, den Einzelnen und die Gesamtheit, über -Tugend und Laster -- sie haben darüber nachgedacht, haben sich die Köpfe -zerbrochen -- die Allerweisesten der Menschen -- ich bin ja ein Nichts im -Verhältnis zu diesen Köpfen -- aber mir erscheint nichts lächerlicher und -kleinlicher als der Egoismus.« - -In diesem Augenblick wurde die Sektbowle von der schönen Wirtin -hereingetragen und mit lautem Hallo begrüßt. Der Redakteur ließ seinen -Festbericht im Stiche und führte einen indianischen Tanz auf. Eisenhut -pfiff auf einem Schlüssel und der Adjunkt segnete die Bowle mit feierlichen -Gebärden. Herr von Hennenbach kam mit der schönen Wirtin herein und faßte -sie um die Hüfte. Der leichenblasse Lehrer schlief in der Sofaecke, er -erwachte bei dem Geschrei, blickte auf die Bowle, machte eine abwehrende -Handbewegung und schlief weiter. - -Die Bowle brachte neues Leben in die Gesellschaft. Man sang einen -Rundgesang und stürzte sich dann mit neuem Eifer auf das Spiel. Eisenhut -hielt noch immer die Bank. Er sah bleicher und erregter aus, schrie und -lachte mehr als alle. Zuweilen lauschte er gegen die Türe, wenn die Musik -hereindrang, dann bellte er, trommelte und sprach sinnloses Zeug. - -»Ich werde jetzt mein Kostüm ausziehen!« schrie er. - -»Du bist ein Chinese auch ohne Kostüm!« sagte der Adjunkt und der Witz fand -großen Beifall. - -»Vorsicht!« sagte Eisenhut böse und deutete mit dem Zeigefinger auf den -Adjunkten, aber augenblicklich lachte er wieder heiter. - -Herr von Hennenbach nahm wieder am Spiele teil. Es schien als ob das Glück -sich ihm zuwende. Er strich sich aufgeregt das schwarze, glänzende Haar aus -der bleichen hohen Stirne und lachte. - -»Es beginnt!« rief er. »Nur los, Eisenhut! Ich brauche Geld! Noch eine -Karte, wenn ich bitten darf. Ich setze zehn Mark!« - -Aber er verlor, und obgleich Eisenhut unvorsichtig spielte, verlor der -Freiherr fortwährend. Er wurde noch aufgeregter und erbleichte mehr und -mehr. Er setzte nun stets zwanzig Mark. - -»Zum Teufel!« schrie er und lachte nervös. - -Dann aber gewann er. Er gewann fünf-, sechsmal nacheinander und gebärdete -sich laut vor Freude. »Endlich wendet sich das Blatt! Prosit, prosit -allerseits!« - -»Die Bank hat acht!« rief Eisenhut. - -»Neun!« schrie Herr von Hennenbach und schlug auf den Tisch. - -Eisenhut sah ihn an und lächelte hämisch. »Sehen lassen!« sagte er. - -Es waren nur sechs Points. - -Freiherr von Hennenbach stand auf und stieß den Stuhl zurück und -erbleichte. »Ich habe doch gezählt und gezählt!« rief er. »Sehe ich nicht -recht? Das ist ja eine Figur -- aber das ist ja zum Teufelholen -- bin ich -denn bezecht?« - -Eisenhut meckerte. »Du hast dich getäuscht, Kurt -- setze dich -- getäuscht -hast du dich, das kann vorkommen.« - -Rechtspraktikant Schmidt aber sagte scharf: »Man muß eben acht geben!« - -»Wie beliebt, Herr Grau? Wir haben die Telegraphie, das Telephon, -Bogenlampen, Blitzzüge, die Röntgenstrahlen -- all das hat unsere Zeit -geschaffen. Imponiert Ihnen das nicht ein wenig? Kinematograph, Phonograph, -ja, was haben wir doch alles. Die eminente Entwickelung der -Naturwissenschaften.« - -Herr Grau möge sich auch an die Errungenschaften der modernen Physiologie, -Bakteriologie, Chirurgie erinnern, bemerkte der Arzt. - -Grau lächelte. »Ich sagte schon, daß das alles ganz groß ist,« sagte er, -»all diese Erfindungen, von denen Sie sprechen, wunderbar! Ich lege Ihnen -sogar noch einen tieferen Sinn bei -- sie sind in gewissem Sinne -Offenbarungen -- Verzeihung, ich spreche im vollen Ernste, meine Herren -- -aber --« - -»Aber?« - -»-- trotz ihrer Größe und Wichtigkeit und Tiefe sind sie alle zusammen noch -nicht imstande eine Kultur zu bilden. So groß sie sind, sind sie doch kein -wesentlicher kultureller Faktor. Ich nehme an, ja, zum Beispiel, ein -einziger Psalm von Salomo ist weitaus mehr wert als alle Fernsprechapparate -und Dynamomaschinen zusammen --« - -»Allen schuldigen Respekt vor Ihrem Salomo, aber --« - -»Wir können ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine, eine Kantate von Bach, -ein Beethovenscher Akkord, ein Gedanke von Plato oder Goethe, wie Sie -wollen.« - -»Pardon,« unterbrach ihn der Arzt, »glauben Herr Grau vielleicht, daß ein -Goethescher Gedanke, um nur eines herauszugreifen, kulturell höher zu -werten ist als zum Beispiel die Erfindung des Serums gegen die Tollwut oder -die Entdeckung des Cholerabazillus?« - -Grau sah ihn erstaunt an. »Aber natürlich!« sagte er lächelnd. »Wir -sprechen ja von Kulturwerten, nicht wahr?« - -Hm! - -Aber mit einem Serum könne man doch Tausende von Menschen heilen und ihr -Leben retten? - -Grau lächelte. »Haben Sie damit schon etwas zur Kultur beigetragen, Herr -Doktor?« - -»Hahaha!« lachte der dicke Chinese und zog seine Karten auf. - -Hier geschah es, daß Herr von Hennenbach auf Grau blickte. Wiederum ruhten -die Blicke der beiden eine Weile merkwürdig fragend und suchend ineinander. -Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentümlich, der junge -Mann erbleichte unter Graus Blick. Er erbleichte ganz langsam. Er wandte -die Augen ab, um Grau sofort wieder anzusehen. Er legte die Karten auf den -Tisch, starrte Grau an und drehte mechanisch den silbernen Reif um das -Handgelenk. Dann gab er sich einen Ruck, verzog den Mund und griff nach -seinem Glase und erhob es gegen Grau. - -»Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!« sagte er und lächelte. - -Grau rührte sich nicht. Es war ein solcher Lärm, daß der Freiherr annahm -Grau habe nicht gehört. Er wiederholte: »Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!« - -Sah Grau nicht? Hörte er nicht? Er blickte ruhig und ohne eine Miene zu -bewegen auf den jungen Mann. - -»Auf Ihre Gesundheit, Herr!« - -Grau sah und hörte nicht. - -»Das ist doch unerhört!« stammelte der Freiherr und erbleichte. - -Niemand hatte dem Vorfall Beachtung geschenkt. - -Professor Richter rückte näher an Grau heran, so daß jetzt Grau ebenfalls -unter den gelben chinesischen Schirm zu sitzen kam. - -»Also unsere Zeit findet keine Gnade vor Ihren Augen? Seht an, seht an!« -begann er von neuem. - -Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von dem ewigen Geschwätz, -übrigens beschäftigten ihn auch andere Gedanken, gerade jetzt. - -»Bitte?« sagte er. Er lächelte. »Gerade vor meinen Augen? Ich bin ja nicht -befugt, zu urteilen und zu richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich -wohl antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet, man sucht, -ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte ich das leugnen, unsere Zeit -bereitet gewiß eine andere vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es -gegenwärtig aussieht -- nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz und gar -nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur gegeben, die so tief stand -wie die Kultur unserer Zeit. Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint -es mir. Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen -Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige Bewegung, ein -Rausch, eine Begeisterung, Ideale? Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger -der Kultur ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa. Auch das -belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst auf die Gefahr hin, daß ich -mich vor den Herren lächerlich mache und immer mehr und mehr altmodisch -erscheine. Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja, so scheint -es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste und zivilisierteste Stück -Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen -- wir haben das Mittelalter -gehabt, mit einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung, wie -haben doch die Menschen damals gefühlt? Ich weiß, daß Sie den Mönchen -gegenüber nicht freundschaftlich gesinnt sind -- aber der Gedanke des -Mönchtums war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein den Gedanken -kurzerhand abtut -- aber wenn man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer --- die Fakire und Derwische -- zu welchen Taten sind sie fähig gewesen, und -die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten Dinge. Was ist -Gefühl, was ist Mysterium, Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses -Empfinden? Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine Ihnen vielleicht -altmodisch, weil ich mich danach umsehe. Übrigens weiß ich wohl, daß all -das noch existiert, aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung. Wir -haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen, aber wissen Sie, woran es -uns vor allem fehlt?« - -»Bitte?« - -»An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen -Eigenschaften.« - -»Hahaha. Fahren Sie fort! Auf das Wohl der Fakire und heulenden Derwische!« - -Grau erhob das Glas. »Auf ihr Wohl!« sagte er. Und er fuhr fort: »Wir haben -in unserer Zeit eine Art von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint. -Wenn ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt sich ohne -jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten und trivialsten -Lebensanschauungen anzuschließen -- zum Beispiel dem Materialismus, -Atheismus und so weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach, so -nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und weil diese Anschauungen -so gar keine Anforderungen stellen. Das erscheint mir so ärmlich und -trivial und das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur, sehen -Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch zum größten Teil -geworden, die Feste, jede Lebens- und Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,« -fügte er hinzu, »ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer, wenn -auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur vorbereitet!« - -Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer nämlich war langsam vom -Sofa geglitten und unter den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn -laut schnarchen. - -Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf der -Brust und die Oberlippe stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten -tapfer in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die Runde an ihn kam. -Das erriet er stets. Die Stimmen der Spieler wurden leidenschaftlicher, -rauh und betrunken. Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde zu -werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik im Saale, die Geigen, die -Klarinetten, die Pauken. Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe, -kicherte durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte sich heiter. - -Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe. - -Da erhob sich Grau plötzlich und sagte: »Meine Herren, ich bitte um eine -Minute Gehör. Ich finde Sie alle bei guter Laune und ich möchte die gute -Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohltätigen Werke zu animieren.« Er zog -den silbernen Ring mit dem winzigen blauen Stein aus der Westentasche. »Ich -habe hier einen Ring,« fuhr er fort, »den ich zu Geld machen möchte. Er -gehört einer armen alten Frau. Vielleicht findet sich hier ein Liebhaber?« - -Er lächelte und zeigte den Ring. Seine weißen hübschen Zähne blitzten. - -Der dicke Chinese lachte zuerst und alle fielen in sein Lachen ein. - -»Nein, Sie sind schon ein wenig sehr altmodisch -- hahaha -- alles was -recht ist --« - -»Der Ring ist freilich einfach und schlicht,« sagte Grau, der leicht -errötete, und zeigte den Ring im Kreise umher, »er gehörte Fräulein -Margarete Sammet, die sich das Leben nahm -- Sie erinnern sich gewiß alle --- für die Mutter möchte ich ihn zu Geld machen. Natürlich gebe ich ihn -nicht billig her, nicht allzu billig. Findet sich kein Liebhaber? Herr -Redakteur Heinrich -- oder vielleicht Sie, Herr Assistent Pechmann? Sie -lachen, meine Herren, aber die Frau ist ja arm und hat Geld nötig. Herr -Amtsrichter Leutlein, Herr Eisenhut?« - -Eisenhut blickte auf den Ring und blinzelte, dann sah er Grau ins Gesicht. -Er wurde totenblaß und hörte auf zu blinzeln. Er schüttelte den Kopf. -»Nein, danke!« sagte er leise. - -Grau verbeugte sich und lächelte. »Nicht? Wie schade! Aber vielleicht Sie, -Herr von Hennenbach? Ich habe die Angelegenheit in die Hand genommen und -möchte sie auch zu Ende bringen, deshalb. Vielleicht Sie, Herr von -Hennenbach? Wollen Sie sich den Ring nicht ansehen?« Grau beugte sich über -den Tisch und zeigte den Ring. »Sie sind ja ein Liebhaber solcher Dinge, -wollten Sie mir nicht einmal meinen Reisesack abkaufen? Sie erinnern sich, -es war hier im Elefanten am Tage vor der Beerdigung des Dienstmädchens. -- -Ich habe Sie vorhin beleidigt, ich war unhöflich gegen Sie. Tragen Sie mir -das nicht nach. Sie waren ja an jenem Abend ebenfalls nicht gerade -freundlich gegen mich -- vergessen wir es, wir sind quitt. Wollen Sie sich -den Ring nicht ansehen?« - -Grau spielte eine lächerliche Rolle. Alles belustigte sich über ihn. - -Herr von Hennenbach begann augenblicklich laut aufzulachen. Er lachte, daß -sich sein Gesicht rötete und hustete. »Danke, danke!« rief er aus. - -»Oh, aber ich denke, Sie verstehen sich auf die Schätzung eines solchen -Ringes --« - -Der Freiherr lachte immer noch. - -»Für den Ring habe ich leider keine Verwendung,« sagte er und lachte -immerfort. - -»Bitte sehr!« Grau lächelte sonderbar. »Selbst Sie also nicht!« sagte er -und sah dem lachenden jungen Mann in die Augen. - -Plötzlich jubelten alle und blickten zur Türe. An der Türe hörte man das -Lachen von Mädchen, Adele und die Schwestern Sinding traten ein. - -»Hurra! Hoch die Damen!« - - - - -Fünftes Kapitel - - -»Ah!« schrien die Herren und fuhren in die Höhe. Der dicke Chinese schwang -den Schirm wie eine Fahne und der Redakteur verneigte sich tief und -ruckweise, daß sein wirres Haar über die Stirne flog. Hurra! Hoch die -Damen! Hoch! Ein Stuhl klapperte auf dem Boden und ein Weinglas fiel auf -geisterhafte Weise ganz langsam von selbst um und zerbrach. Adjunkt Kaiser -schlief friedlich in seinen Hemdärmeln; da keine Karte mehr gekommen war, -war er eingeschlafen. - -Der Rauch wirbelte zur Türe hinaus, so sah es aus als kämen die Mädchen aus -einer Wolke. Sie standen alle drei zögernd beisammen und hatten Furcht der -Gesellschaft nahe zu kommen, die lärmend auf sie eindrang. - -»Wir wollten einmal sehen, wie die Herren sich amüsieren!« sagte Adele und -blickte umher. Sie bewegte den Fächer in der Hand und der Ärmel ihres -Kostüms fiel herab, so daß man ihren weißen vollen Arm sah. In dem roten -Kostüm, mit den schwarzen Haaren, den hellen Augen sah sie imponierend und -fremdartig schön aus. Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel. -Sie lachte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen waren so rot. Aber ihre -Augen waren ohne Erbarmen, stechend und hart. - -Sie blickte auf Grau, sah aber sofort weg, sie streifte Eisenhut mit einem -raschen Blicke. - -Eisenhut hatte sich langsam erhoben als Adele sichtbar wurde. Er reckte den -Spitzbart vor, hörte auf zu blinzeln und machte die Augen scharf, um sich -zu überzeugen, daß sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde fahl, richtete -sein Kostüm, strich sich die Haare zurecht und starrte unausgesetzt auf -Adele. Auf seinen Lippen erschien ein verzweifeltes Lächeln. Er ließ sich -auf das Sofa nieder, langsam, um kein Geräusch zu machen, und versteckte -sich hinter dem jungen Hennenbach, der mit Klara Sinding plauderte. - -Plötzlich lachten alle. Der junge Lehrer nämlich, der unter dem Tische -schlief, erwachte und machte sich auf allen Vieren aus dem Staube. Er kroch -zur Türe, stieß sie mit dem Kopfe auf und verschwand. - -»Ja, was ist denn das?« schrien die Mädchen. - -»Das ist unser Hund!« sagte Herr von Hennenbach, der seine Trunkenheit -geschickt hinter seinen sicheren gesellschaftlichen Formen verbarg. »Er -geht um für die Damen zu bestellen!« - -»Hahaha!« lachten die Schwestern Sinding und Klara blickte Herrn von -Hennenbach mit schwärmerischen, glänzenden Augen an; sie verriet sich mit -einem Blicke. - -Professor Richter ordnete geschickt wie ein Kellner die Gesellschaft. -Gläser! Die Damen sollten sich zu Hause fühlen, höhö! Gläser für die Damen. - -»Nein, keinen Wein, um Gottes willen!« rief Adele. »Vielleicht könnte man -ein Glas Selters haben.« - -»Selters! Selters!« - -Auch die Schwestern Sinding wollten nichts mehr trinken. »Selters, ja.« Sie -saßen mit glühenden Wangen da. - -Adele lachte laut auf. »Hier ist er ja, unser Herr Eisenhut!« rief sie und -zeigte auf Eisenhut. »Bedenken Sie nur, meine Herrschaften, hundert Mark -war ihm zuviel für ein Glas Sekt, an dem ich nippte!« - -»Ah, oh -- oho!« riefen die Herren rings im Kreise. - -Eisenhut bewegte die Lippen. Er blinzelte. »Ich habe ja -- habe ich nicht -hundert Mark bezahlt -- ich wollte Ihnen die Hand geben --« - -Aber Adele war grausam. Sie hörte ihn nicht, sie erzählte die Geschichte -von den hundert Mark, die ganze Szene und ahmte Eisenhuts Erstaunen, -Schrecken und Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fächelte sich -unaufhörlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich heiß es sei! Ob man die Fenster -nicht -- - -»Die Fenster auf -- zum Donnerwetter! Für die Damen --« - -Der Redakteur stand schon eine ganze Weile da, das Glas in der Hand und -klappte mit den Lidern wie eine mechanische Figur. Offenbar hielt er eine -Rede, aber niemand nahm Notiz von ihm. - -»-- des Lebens heitere Zierde -- ehret die Frauen, sie flechten und weben --- hoch die Damen! --« murmelte er -- »hoch! Ein Kranz schöner Jungfrauen, -der des Festes Tafel schmückt -- könnte ich jeder ein Kränzchen von -Maienblumen auf das holde Haupt legen --« Plötzlich liefen dicke Tränen -über sein Gesicht. »Hoch die Damen, hoch!« - -Die Herren fielen stürmisch ein. - -Spielen? Ja, natürlich wollten sie spielen. Alle! Man stürzte sich kopfüber -ins Spiel, schrie und lachte. Die Damen würden es sofort können, eine -Kinderei! Der Adjunkt schlief immer noch. Amtsrichter Leutlein, der seine -schläfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein auf die Glatze, und er -erwachte. Er starrte lange Zeit geistesabwesend auf die Mädchen, dann sagte -er feierlich: »Guten Abend!« - -»Es ist ganz herrlich hier!« rief Adele. »Kann ich dem Klub beitreten? Ein -Glas Bowle nun, Herr Doktor, bitte.« - -»Bowle, ein Glas Bowle, rasch!« kommandierte der dicke Chinese. - -»Ja, also, verehrter Herr Grau --« Er müsse doch zugeben -- selbst wenn er -mit allem und allem unzufrieden sei -- er müsse doch gestehen, daß die -Wissenschaft in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine ganz -unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten Vorurteilen, habe sie -zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen habe sie in Grund und Boden -hineingeritten -- - -»Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten Respekt vor der -Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren großen Männern. Wo habe ich denn -behauptet, daß ich, ein kleiner und einfacher Mensch -- das wäre ja -geradezu kühn --« - -»Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel, zum Teufel ist er! Pardon! -Aber er ist zum Teufel, einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage -mehr glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder fünftausend -Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?« - -»Natürlich, das ist Fabel!« - -»Bravo, bravo! Also endlich --« - -»Im übrigen,« fügte Grau hinzu, »wer weiß, ob es nicht doch ein wahres -Geschehnis ist? Wie schön ist aber jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach -dem Außerordentlichen, jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren? Nicht wahr? -Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es auch, ich glaube es. Ich bin -geneigt, das Unglaublichste zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen -kann --« - -»Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand -- wo bleibt da der -gesunde Menschenverstand? Ich bitte, Ehrwürdiger, der gesunde -Menschenverstand muß doch auch auf seine Rechnung kommen?« - -Grau lächelte. »Der gesunde Menschenverstand?« sagte er. »Was ist es -eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen, Herr Professor, daß mein -Verstand, obwohl ich annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr -häufig im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat schon ganze -Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie mir einen Kirschkern her und -behaupten Sie, es wird ein Baum daraus werden mit Blättern, Blüten, -Kirschen, verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für möglich -halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit -von so und soviel Meilen um die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie, -mein gesunder Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe einen Stein, -der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht einmal das. Ich muß Ihnen -leider gestehen, daß ich mich auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei -den einfachsten Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar nicht zu -sprechen.« - -Hm, hm. - -»Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr gesunder Menschenverstand -den Wunderglauben abweist, nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft -arbeiten lassen -- Hölle und Tod! -- sie wird ihr Werk der Aufklärung schon -vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel sie darstellt, das ist wohl -eine Fabel oder nicht?« - -»Natürlich ist das eine Fabel, aber --« - -Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die Hand. »Redefreiheit für -jedermann! Wir sind unter uns!« sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln. -»Sie können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand wird ein Wort -erfahren. Ein Wort, ein Mann!« - -»Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal nicht gesetzt, Eisenhut, -schreie nicht so! Ich erlaube mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn -die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und Poren des Volkes -gedrungen ist -- all der Zauber, Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs -schmelzen -- ja was dann? -- Ich erlaube mir zu behaupten, daß die Religion -dann bankerott ist, einfach. Sie kann ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich -bitte wegen des starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so, bei -allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.« - -»Bitte,« sagte Grau, »es ist ja nur eine Formsache, die nichts zu sagen -hat. Also, das glauben Sie? Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft -erkennen wird, desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es wird -nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen, ungeheuer anwachsen. Denn -die Wissenschaft wird Wunder um Wunder aufdecken, es wird alles -verwirrender und verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff -verliert natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr und mehr -verfeinern, vergeistigen; je wissender und größer der Mensch wird, desto -erhabener und größer und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird -gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht --« - -»Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem so tiefen religiösen -Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich kommt.« - -»Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem Menschen begreiflich macht, -daß vor etlichen Millionen Jahren der Mensch noch gar nicht existierte? -Wie? Was denn, was denn? Gott?« - -Grau sah ihn erstaunt an. »Wenn es jetzt keinen Menschen gäbe,« versetzte -er lächelnd, »so gäbe es allerdings kein menschliches religiöses Gefühl. -Aber es handelt sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des -Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch existiert und seit wann, -das ist ja nebensächlicher Natur.« Grau lächelte. »Es ist merkwürdig wie -sehr Sie an die Naturwissenschaften glauben,« fuhr er fort, »ich verehre -die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen zum größten Teil meiner -Erziehung -- allein so unumstößlich wahr sind ihre Thesen nicht, glaube -ich. Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über einen Anhänger der -jetzigen Entwickelungslehre ebenso, wie man in unseren Tagen über jemand -lacht, der noch glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt worden. -Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht dieser Meinung, sondern -ich finde die Behauptungen der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar. -Aber was soll das sagen, nicht wahr?« - -»Wie!« Der dicke Chinese lachte und schrie. »Alles, alles mein Herr, alles! -Ich bitte Sie, die Konsequenzen -- die Konsequenzen! Fassen Sie die -Konsequenzen ins Auge!« heulte er triumphierend. - -Erstens also sei -- und zweitens -- - -Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwährend. - -»Nun auf das Wohl der Herren!« rief sie und erhob das Glas. Sie sah -wiederum Grau einen Augenblick lang eigentümlich an. Dann lächelte sie. -»Auf das Wohl Susannas!« sagte sie. »Auf gute Freundschaft!« setzte sie -hinzu und lächelte wieder. - -»Auf gute Freundschaft!« - -Eisenhut hatte keinen Wein im Glase und bis er es füllte, war es zu spät. -Er sagte höflich: »Auf die Gesundheit der Damen!« und stürzte das volle -Glas hinunter. Dann lachte er. Nur Maria Sinding sagte: »Zum Wohlsein!« - -»Es ist sehr unterhaltend hier!« sagte Adele. »Alles Ernstes, ich will -Mitglied des Klubs werden. Ja! ich will die kurzen Monate noch genießen.« - -Wann denn die Hochzeit sei? - -»Im Mai!« antwortete Adele lachend. Dann schüttelte sie den Kopf. »Wer weiß -es?« fügte sie hinzu. »Niemand weiß es. Seht her, wieviel ich gewonnen -habe! Ich habe Glück im Spiel! Faites vos jeux, messieurs!« - -Professor Richter verlor endlich die Geduld. Ja, ein merkwürdiger Herr war -dieser Herr Grau. Wie eine Katze fiel er stets auf die Füße. Nun er -zugegeben hatte, daß der Mensch vielleicht nichts sei als das letzte Glied -einer langen Entwickelungsreihe -- ein Produkt der Auslese und Zuchtwahl -- -nun war alles noch viel wunderbarer für ihn. Er bewunderte den feinen -Geschmack und Instinkt der Wesen, immer das Schönere und Zweckmäßigere -auszuwählen, er bewunderte das Resultat. Nein! Man könne nicht mit ihm -diskutieren. - -Aber nach einer Weile begann Professor Richter von neuem die Diskussion. Er -bearbeitete Grau nach allen Regeln und von allen Seiten. Die ganze moderne -Wissenschaft ließ er aufmarschieren. Endlich -- ach, endlich! - -»Nun, verehrter Herr,« murmelte er und rieb bedächtig die großen fetten -Hände aneinander, »die Schlußfolgerungen sind höchst einfach. Ja, das ist -ja erstaunlich, was Sie nun alles zugegeben haben, haha! Sie sind ja gar -kein solch altmodischer Mensch, Donner und Doria -- nein, Sie sind ja ganz -modern. Und beschlagen sind Sie ebenfalls, nicht wahr, Doktor, wie er doch -die Literatur kennt, unser Herr Grau! Aber nun erlauben Sie, daß ich -zusammenfasse! Wenn Sie mir all das zugeben und behaupten all das ändere ja -an der Sache nichts -- wenn Sie mir zugeben, daß die Seele des Menschen aus -der Tierseele entstanden ist, ein Komplex von Gehirnfunktionen -- wenn Sie -mir das zugeben, wenn Sie mir zugeben, daß jedes Empfinden von einem -physiologischen Vorgange begleitet sein muß -- so erlischt also die Seele --- sie hört auf, sie ist fort und verschwunden, in die Binsen ist sie -gegangen -- in dem Augenblicke, da die Blutzirkulation im Gehirn stockt! -Das ist doch logisch, nicht wahr? Ja, zum Henker, jeder Idiot begreift das. -Aber dann leugnen Sie ja die Unsterblichkeit der Seele, haha! Vollständig, -mein Verehrter, jawohl -- Sie lachen -- aber Sie taten es, gerade vor zwei -Minuten. Prosit! Ja, prosit, Sie sind ein moderner Mensch, durch und durch, -einen Orden sollen Sie haben!« - -»Haben Sie gesehen, daß alle herblickten, als Sie das kleine Wort -Unsterblichkeit aussprachen?« entgegnete Grau. »Es fiel mir auf. Ja, das -nur nebenbei. Was sagten Sie? Was habe ich doch getan? Aber auf Ihre -Gesundheit, auf die Gesundheit der Damen -- gewiß werde ich heute einen -Rausch bekommen, so oft schenkt mir der liebenswürdige Herr Doktor ein! Ja, -was habe ich doch nur getan, daß Sie so triumphieren, Herr Professor? -Triumphieren Sie, bitte, nicht zu früh. Ja trotzdem, trotz alledem glaube -ich an die Unsterblichkeit der Seele. Ich werde Ihnen nicht mit Gründen -kommen, denn so unzulänglich meine Worte wären, so unwürdig wären Worte -diesem Gegenstande. Auch finde ich es häßlich, jedes Geheimnis mit einem -Worte zu vernageln. Wie würde es sich doch ausnehmen, wollte ich sagen, all -die Millionen Schwingungen, Strahlen, die in jeder Stunde von Ihnen -ausgehen und ja gewiß fortdauern müssen, sie zusammen -- oder die Seele -könnte sich irgend eines unbekannten Mediums bedienen -- wie häßlich würde -das doch klingen und nichts sagen obendrein. Nein, meine Herren, ich fühle -es und ich denke auch, nie hätte ein Mensch diesen Gedanken fassen können, -niemals, wenn es nicht etwas Wahres mit ihm wäre!« - -Grau lächelte und einen Augenblick lang leuchteten seine Augen wie dunkles -Gold. - -»Ja,« wiederholte er, »wie hätte doch solch ein Gedanke in den menschlichen -Kopf kommen können, wenn er nicht wahr wäre!« - -Aber da höre jede Diskussion auf. Herr Grau sei ein ganz modern denkender -Mensch, aber sobald man gewisse Dinge berühre -- haha! - -»Diese Dinge lassen sich eben nicht diskutieren!« erklärte Grau lächelnd. - -Dr. Nürnberger rollte sich eine Zigarette und sagte: »Aber der Mensch hat -ja auch den Gedanken der Sterblichkeit der Seele fassen können, also muß es -auch damit eine gewisse Richtigkeit haben.« - -»Gewiß,« erwiderte Grau, »der Irrtum ist verzeihlich, denn wir sehen den -Tod stets ringsum und es ist auch möglich, daß ein Teil -- jener Teil, Herr -Doktor -- der Seele stirbt -- -- -- -- Aber sehen Sie doch, was ist mit -Herrn Eisenhut?« - -Eisenhut nämlich deutete mit dem Zeigefinger auf den Tisch und schrie -unaufhörlich: »Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ich lasse mir das -nicht bieten!« - -»Er läßt sich das nicht bieten!« ahmte der Adjunkt Eisenhuts heulende und -pfeifende Stimme nach. - -»Bitte, bitte!« sagte Adele und lachte gereizt. »Herr Eisenhut weiß es -besser, natürlich!« - -Jemand hatte Adele grausam genannt, weil sie Eisenhut soviel Geld abnähme. -Sie hatte ganze Rollen von Geld vor sich liegen. Man könne doch sehen, daß -Eisenhut es aufs Verlieren anlege. - -»Er mag spielen, wie er will!« antwortete Adele lachend. »Wenn es ihm -Freude macht zu verlieren, so mag er ruhig verlieren. Ich für meine Person -freue mich, wenn ich gewinne, und ich freue mich, wenn jemand verliert. Wer -hat mich doch grausam genannt? Sie, Herr Assistent Pechmann? Danke! -- Ja,« -fügte sie in scherzendem Tone hinzu, »gewissermaßen haben Sie recht, ich -bin vielleicht grausam. Zum Beispiel, ich hasse die Kranken und die -Krüppel, ob sie nun bucklig sind oder hinken, einerlei, und oft denke ich, -man sollte sie eigentlich vergiften, das beste wäre es! Ist das nicht -grausam? Und dann, schon als Kind war ich recht unangenehm, ich habe meine -Amme in die Nase gebissen und später liebte ich es, den Mücken den Kopf -abzureißen --« - -Sie sagte es in scherzendem Tone und gab dabei die Karten; niemand -beachtete es weiter, aber Eisenhut begann plötzlich sich ganz unsinnig zu -gebärden. - -»Das ist nicht wahr.« schrie er und pochte auf den Tisch. Gelächter. - -»Wie beliebt?« fragte Adele und richtete die hellen Augen auf ihn. - -Eisenhut schrie: »Niemals haben Sie Mücken die Köpfe abgerissen, das ist -eine Lüge. Ich habe es in einem Buche gelesen!« - -Jemand fragte, ob er denn überhaupt je ein Buch gelesen habe? - -Der Redakteur streckte beide Hände gegen Eisenhut aus: »Friede sei mit -dir!« Aber der dicke Chinese schob ihn zur Seite und faßte Eisenhut an der -Schulter. »Eisenhut!« rief er. »Ruhig, oder du fliegst hinaus! Du brauchst -Damen lügen zu strafen! Eine Dame lügt nie! Verstanden, du Erzlügner!« Ja, -die Damen müßten den unangenehmen Zwischenfall entschuldigen. - -Eisenhut machte sich frei und erhob sich. Er war weiß wie eine getünchte -Wand. Er atmete tief und versuchte zu lächeln. Seine Lippen zitterten, das -Haar klebte an seiner Stirn. Er ließ die Augen im Kreise umherirren, von -einem zum andern, und seine Lippen bebten stärker: Feinde, lauter Feinde! - -»Wie sagen Sie?« sagte er, stotterte er. »Ich stehe -- ja, was soll das -heißen -- was soll das heißen! frage ich?« Er rang die Hände und alle sahen -ihm zu, wie zu einem Schauspiel. »Was soll das heißen,« fuhr er zitternd -und bleich fort. »Ich bin wohl kein Mensch? Alles was recht ist -- es ist -zuviel! Erzlügner? Wie -- alles was recht ist -- Sie -- Sie haben -- dieser -Doktor dort, Herr Dr. Nürnberger -- er hat Herrn Grau heraufgelockt. Dr. -Nürnberger ist gegangen um Herrn Grau heraufzuholen, wir wollen ihm die -Würmer aus der Nase ziehen, er sagte es, Professor Richter -- es wäre ein -Vergnügen, zum Scherz ein Gespräch mit ihm anzufangen -- er hat es gesagt. -Alles lügt hier, alles macht sich lustig hier, so ist es. Eine Dame lügt -nie? Er sagt es, hier, Herr Professor Richter, aber vorhin hat er gesagt, -jede Frau wäre ein Sack voll Lügen und die Frauen lügen so, daß sie sogar -manchmal die Wahrheit sagen. Ich habe es gehört, alle haben es gehört --« - -Alle Teufel! Ruhe! - -Aber Eisenhut schrie nur um so lauter. »Das lasse ich mir nicht bieten. -Erzlügner? Muß ich mir denn --« - -»Hören Sie mal! Eisenhut!« sagte Professor Richter und faßte Eisenhuts Arm. -Aber Eisenhut stieß ihn zurück, er stieg auf das Sofa. - -»Es hat gar keinen Sinn!« sagte er. »Gar keinen Sinn -- Fräulein von -Hennenbach hat mich verhöhnt -- vor allen Leuten -- ich habe aber hundert -Mark bezahlt für ein Glas Sekt -- sie hat mir nicht einmal die Hand gegeben --- dann zerbrach ich ein Glas -- Ja, ich kam hierher und freute mich. Ich -freute mich so sehr. Ich war allen dankbar, euch allen -- aber wie begann -es. Es begann mit den hundert Mark! Ich hasse euch alle, alle! Ich hasse -euch, ihr Hunde und Lügner! Und auch Sie hasse ich, Fräulein von Hennenbach --- mehr als alle! Bin ich geizig, bin ich schmutzig, ich? Wie? Ihr alle -seid mir Geld schuldig, sechzehntausend Mark seid ihr mir alle zusammen -schuldig -- bin ich geizig? Ihr lacht?!« Er fuhr rasch in die Tasche und -zog den Pack Banknoten heraus. »Es ist mir alles einerlei -- hier, ich -zerreiße das Geld -- alles, alles -- nehmt es, ihr Bettler! -- ich hasse -euch!« - -Man schrie, lachte und stieß Eisenhut vom Sofa herunter. - -Adele sagte: »Lassen Sie ihn doch! Er klebt die Stücke ja morgen doch -wieder zusammen.« - -Eisenhut richtete die Blicke auf sie. Er schloß einen Augenblick lang die -Augen und hatte das Aussehen eines Menschen, der das Gefühl hat, in die -Tiefe zu stürzen. Er legte auch die Hände auf den Tisch um sich zu stützen. - -»Sie sagen das!« sagte er mit böse funkelnden Augen. »Sie! Nach all dem was -vorgefallen ist!« - -Adele stand auf. »Herr Eisenhut!« sagte sie und erbleichte. - -Eisenhut machte eine verzweifelte Gebärde. Er blickte Adele an und -plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes vollständig. Er -errötete und wurde wieder bleich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er -rang die Hände und schrie: »Ich bin schlecht, schlecht, ich bin -- seht -alle her, wie schlecht ich bin! Ja, bei Gott, bei allen Göttern, verzeihen -Sie mir, Fräulein von Hennenbach! Ha! Oh, was habe ich gesagt! Was habe ich -gesagt? Was sollte denn vorgefallen sein? Daß Sie freundlich zu mir waren -und mich einluden zum Tennis? Jeder weiß, daß nichts vorgefallen ist. Ich -beleidigte Sie -- ich wollte Sie beleidigen, das ist es! Sie müssen es -vergessen. Sie haben recht, ich habe ja schon öfters Banknoten zerrissen -und wieder zusammengeklebt. Sie sagten die Wahrheit -- ja, bei Gott --« - -»Eisenhut!« sagte Grau. - -Eisenhut blickte ihn an und suchte mit seinen glitzernden verzweifelten -Blicken in Graus Augen. Dann lächelte er spöttisch. »Herr Eisenhut -- ich -bitte recht sehr!« sagte er und deutete auf den Tisch. »Euch allen sage ich ---« - -Man lachte wiederum und schrie ihm zu doch endlich ruhig zu sein. - -»Ich will nicht!« keuchte Eisenhut. - -Der dicke Chinese umklammerte Eisenhuts Arm und sagte: »Jetzt bist du -ruhig, du bist ja vollständig betrunken!« - -Eisenhut spie ihm ins Gesicht. - -»Lassen Sie mich in Ruhe!« rief er. »Wer gibt Ihnen das Recht mich zu -duzen, he? Ich fordere Sie zum Duell. Auf Pistolen fordere ich Sie, Sie -Schuft!« - -Alle Wetter! Ruhe! - -Der Chinese sprang zurück und besann sich einen Augenblick. Er blickte auf -die Mädchen, dann lachte er wütend. - -Eisenhut aber schrie: »Haben Sie gehört, Sie Schuft und Heuchler! Haben Sie -es gehört? Oder sind Sie zu feige, wie, wie, wie?« - -»Ich nehme die Forderung mit Vergnügen an!« sagte der Chinese und verbeugte -sich vor Eisenhut. »Auf Kanonen oder Pistolen, wie Sie wünschen!« - -Man nötigte Eisenhut sich zu setzen. »Er nimmt sie ja an, schreie nicht -so!« - -»Gewiß nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman an!« sagte Professor -Richter mit ruhiger Stimme. »Aber Sie erlauben mir eine Frage, wo haben Sie -Ihre Papiere?« - -»Papiere?« Eisenhut stotterte und tastete an seine Taschen. - -»Als Offizier der Reserve und ehemaliger Korpsstudent bin ich dem -Ehrenkodex unterworfen. Ich bitte Herrn Eisenhut um sein -Universitätsmatrikel.« - -Eisenhut öffnete den Mund und starrte dem Chinesen ins Gesicht. - -Man lächelte und lachte ringsum. - -»Ich sehe, Sie haben die Matrikel nicht in der Tasche, wer sollte sie auch -immer mit sich herumschleppen,« fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort. -»Natürlich bin ich kein Pedant. Ich will Ihnen nur eine einzige Frage -vorlegen, eine kleine Prüfung gewissermaßen. Wir kennen einander und können -auf schriftliche Ausweise verzichten. Übersetzen Sie mir den bekannten -Satz: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat, -ignis sanat. Bitte!« Er stand mit den Fäusten in den Hüften und schnarrte -die Sentenz herunter, daß es rasselte. - -Eisenhuts Blick flackerte. Er errötete, er erblaßte, er blickte scheu auf -Adele, ohne den Mut zu haben, sie anzusehen. - -»Quae medica --« stotterte er. - -»Ein bekanntes Sprüchlein von Hippokrates,« schnarrte der Chinese. »Das ist -nicht zuviel verlangt.« - -»Quae --« - -Eisenhut sank auf das Sofa zurück. - -Es war ganz still und plötzlich hörte man Grau lachen; er lachte heiter, -belustigt, und noch niemals hatte man dieses Lachen von ihm gehört. - -Er faßte Eisenhut am Arm und sagte: »Herr Eisenhut! Fallen Sie doch auf den -albernen Scherz dieses Herrn hier nicht herein!« - -»Fort!« sagte Eisenhut. »Fort! Hinweg!« Er stieß ihn zurück. - -»Guten Abend!« Grau verließ das Zimmer. - -Eisenhut sprang auf. »Leben Sie wohl!« sagte er zu allen. »Ich sage nicht -mehr als leben Sie wohl!« - -»Leben Sie wohl!« wiederholte trocken der Adjunkt. - -Eisenhut fixierte ihn und der dicke Chinese brach in lautes Gelächter aus. - -Eisenhut schwankte zur Türe. Die Tanzmusik drang herein; man tanzte -Française und Bezirksamtmann Häberlein rief mit lauter Stimme französische -Kommandos. Er wandte den Blick auf Adele und sagte, indem er den Kopf -senkte: »Leben auch Sie wohl, Fräulein von Hennenbach! Leben Sie wohl für -immer!« - -Adeles Lippen zuckten. Das sei das beste, was er tun könne. - -Eisenhut lachte verzweifelt und verließ das Zimmer. Er taumelte, immerzu -verzweifelt lachend, den Korridor entlang, er ging die Treppen hinab und -lachte immerzu dasselbe verzweifelte Lachen. - -Grau verließ vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel und verschwand in der -Richtung nach seinem Hause. - - - - -Sechstes Kapitel - - -Eisenhut lief so schnell ihn die Füße trugen über den Marktplatz, und sein -gelbes chinesisches Kostüm flatterte die Straße hinunter, die zum Flusse -führte. - -Es schneite fein; kleine Flocken, einzelne Kristalle gleichsam, fielen -langsam und flimmernd herab und bedeckten den Boden mit einer sanften -dünnen Schicht weißen Schnees. - -Eisenhut überschritt mit großen flüchtigen Schritten die Steinbrücke und wo -die Felder anfingen, begann er wieder zu laufen. Hier außen war die Nacht -kalt und schwarz und der Wind hauchte über die Ebene. Eisenhuts dunkle -Gestalt erschien auf einer Anhöhe, verschwand wieder, tauchte als Schatten -auf dem nächsten Hügel auf und wurde kleiner und kleiner mit jeder -Bodenwelle. Er lief wahnsinnig rasch und bald erschien es als ob ein Hund -oder ein Fuchs sich rasch über die öde nächtige Ebene bewege und endlich im -Düster verschwände. Seine Spuren schrieben eine ungeheure Kurve in den -beschneiten Grund. Endlich wurden sie schnurgerade, sie liefen wie mit dem -Lineal gezogen ferner und ferner in die Ebene hinein. - -Eisenhut lief und lief, bis er erschöpft in den Schnee fiel und sich nicht -wieder erhob. - -Der Wind blies dicht über die Erde und feiner Schneestaub bereifte seine -Kleider, seine Haare, seinen Bart. Er füllte die Falten seiner Kleider, die -Vertiefungen zwischen Armen und Körper und errichtete einen kleinen Wall -auf der einen Seite, der Wind blies und drehte sich im Kreise und begann -die Arbeit auf der andern Seite. Bald lag er halb zugeweht in der öden -lautlosen Ebene . . . - -Als Eisenhut wieder die Augen öffnete, wußte er nicht sofort, was -vorgefallen war. Er zwinkerte und der Schnee fiel von seinen Lidern, er -schüttelte den Kopf und der Schnee fiel aus seinen Haaren. Ein Mann kniete -bei ihm, schüttelte ihn, rieb, klopfte. - -Eisenhut starrte ihn mit blöden Augen an. Er erkannte Grau. - - - - -Siebentes Kapitel - - -Eisenhut und Grau kamen rasch über die Brücke gegangen. Eisenhut war in -Graus Mantel eingehüllt und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mühe -Grau zu folgen, der zur Eile trieb. Er zitterte und die Kälte schüttelte -ihn am ganzen Körper. Zuweilen weinte er leise vor Erschöpfung. - -»Eines begreife ich nicht,« begann Eisenhut zitternd, es war das erste -Wort, das er sprach, »wie konnten Sie mich finden, wie soll das ein Mensch -begreifen?« - -Grau lächelte. »Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut. Ich habe gesehen, was -vorfiel. Sie waren sehr erregt und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein -Kunststück, ich konnte ja Ihre Spuren im Schnee sehen. So einfach ist das. -Nur vorwärts!« - -Eisenhut nickte, er lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich habe von einem -großen Feuer geträumt,« sagte er, »daran wärmte ich mich -- ein helles, -großes Feuer. Ich streckte die Hände hinein. Nun fällt mir alles ein -- oh, -wie schrecklich, ich hatte so furchtbar getrunken! Das große Feuer schrie -meinen Namen. Eisenhut, schrie es, tanze, tanze! Ich tanzte und das Feuer -lachte -- hahaha -- Eisenhut tanze! -- da waren Sie es, der mich -schüttelte! Nun fällt mir alles ein, ich bin nicht mehr betrunken -- ich -lief im Schnee, durch den Schnee -- haha -- ich wollte sterben, ja, aber -nun lebe ich noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brücke hinabrannte. -Stürze dich ins Wasser, kopfüber -- kopfüber, genau so dachte ich, kopfüber --- aber das Wasser in der Mitte des Flusses glitzerte so kalt -- all das -Eis -- vielleicht unter dem Eise schwimmen -- niemals -- ich lief weiter. -Ich lief und warf mich in den Schnee, auf einer Anhöhe, da lag ich und es -wurde kalt und ich fühlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich -hatte alle Lust zum Sterben verloren. Sterben, warum? Aber ich konnte ja -doch nicht mehr zurückgehen, konnte ich mich denn wieder sehen lassen? Ich -hatte ja Abschied genommen -- hatte ein großes Geschrei gemacht -- also -mußte ich wohl oder übel sterben. Das ist kein Vergnügen, das ist ein -schauderhaftes Gefühl, sterben zu müssen und nicht zu wollen. Ich lief in -die Nacht hinein, vorwärts, fort und schrie: Du bist zum Tode verurteilt, -Eisenhut -- es geschieht dir recht -- zum Tode bist du verurteilt. Dieser -Professor mit seinem Duell -- ich hatte mich verabschiedet -- von allen -- -lebewohl für immer -- also vorwärts, vorwärts! Wie ich doch gefroren habe --- eine fürchterliche Kälte -- ich lief um warm zu werden. Ich wollte auch -nicht mehr denken. Du bist zum Tode verurteilt, sagte ich und hatte -wahnsinnige Angst. Ich wurde müde und setzte mich in den Schnee -- nur ein -bißchen ausruhen, ein klein wenig -- aber ich hatte furchtbare Angst. Ich -wurde schläfrig und alles wurde mir gleichgültig. Einerlei, einerlei, sagte -ich, es geht dahin mit dir, Eisenhut, in die Hölle hinein. Ich lachte. Ich -hatte eine Menge von Gedanken -- wie ich im Schnee liegen würde, lang und -steif -- man wird dich finden, dachte ich. Alle würden es erfahren -- man -hat ihn gefunden -- alle, aber nein, jetzt war nichts mehr zu ändern -- es -konnte ihnen leid tun -- es war nichts mehr zu ändern, haha! Dann würde ich -beerdigt werden und Sie -- Sie werden die Rede halten. Ich dachte an alles -und auch daran, daß die jungen Damen vom Tennisklub kämen. Aber da kam die -Angst zurück. Nein! Ich werde nicht sterben. Ich hatte Angst! Wie dumm -nicht zu wissen, was morgen ist. Nicht zu wissen, wie das und jenes enden -wird -- schon aus Neugierde konnte ich ja nicht sterben. Nein, nein -- -hihihi! Du gehst nach Hause, stellst dich ans Fenster und lachst, ja! Alles -ist einerlei! Also ging ich nach Hause, ich rannte -- im Nu war ich zu -Hause -- ah, ich war ja gar nicht weit gegangen gewesen -- in meinem Zimmer -saß eine Katze. Ich machte ein großes Feuer und setzte mich davor und -wärmte mich -- und ich vergaß alles, fühlte mich so wohl -- aber plötzlich -erwachte ich, ich richtete mich auf: Da lag ich ja im Schnee! Ich war gar -nicht zu Hause? Das ist ja schrecklich, sagte ich mir, und zitterte und -konnte nicht denken. Du bist ja gar nicht zu Hause. Bei allen Teufeln in -der Hölle! Das ist toll, sagte ich, das ist -- ich kroch ein wenig -vorwärts, ich stand auf -- ich laufe wieder -- ich glaube immerzu zu -laufen, ich sehe die Brückenlampe -- ich erwache wieder und finde mich -wieder im Schnee. Das ist entsetzlich! sage ich und schreie.« -- Hier -begann Eisenhut wieder vor Erschöpfung leise zu weinen. -- »Ich laufe und -glaube ich laufe nach Hause und immer, immer finde ich mich wieder im -Schnee. Da verzweifelte ich, ich schrie, ich schrie -- aber ich hörte nicht -mehr, ich hörte mich nicht schreien -- ich lief, lief, lief -- oh, wie -schrecklich lief ich doch --« - -Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hörte wie seine Zähne -klapperten. - -»Ich habe Sie beleidigt, Herr Grau, neulich, heute abend, ich wollte --« - -»Lassen wir die alten Geschichten ruhen!« - -Der »weiße Elefant« war noch immer hell beleuchtet, die Musik wiegte sich -in der Ferne, Lachen und Singen drang aus dem Torweg. Eisenhut hielt sich -die Ohren zu. - -»Ich darf doch ein wenig mit Ihnen eintreten?« sagte Grau. »Nur, bis Sie -ganz in Ordnung sind, Herr Eisenhut.« Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht. - - - - -Achtes Kapitel - - -Eisenhut nahm eine demütige Haltung an. Er nickte und schloß die fleckige -Tür mit dem kleinen Guckfensterchen auf. Er verneigte sich und sagte mit -demütigen Augen und einer linkischen, rührenden Handbewegung: »Treten Sie -ein in mein Haus!« - -Im Hause war es ganz dunkel und es roch dumpf und feucht wie in einem -Keller. Etwas raschelte und sprang über Graus Füße. »Es gibt Ratten hier, -deshalb bewohne ich den ersten Stock,« sagte Eisenhut und zündete eine -kleine Talgkerze an. - -Grau blickte sich gespannt um: In der Ecke stand eine alte Holzfigur, ein -Heiliger, dessen Arme abgeschlagen waren. - -Grau nickte. Ich bin aber noch nie in diesem Hause gewesen, dachte er und -starrte die Figur an. Er war wie betäubt. - -Eisenhut öffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter, das das Treppenhaus -abschloß. »Eine alte Figur, die ich auf dem Speicher fand. Bitte!« - -»Ja!« - -Kaum hatte Grau einen Fuß auf die Stufen gesetzt, als es im ganzen Hause -schrill zu läuten begann. »Das sind Alarmglocken. Ich wohne ganz allein im -Hause.« - -Vor Eisenhuts Zimmern im ersten Stock stand ein kleines braunes Hündchen -mit einem Backenbart wie ein Oberkellner, und wedelte vergnügt mit dem -Schweife und streckte die Zunge heraus. - -»Sehen Sie her!« sagte Eisenhut und schüttelte den Kopf. »Solch ein Hund!« -Er stampfte mit dem Fuße und rief: »Warum bellst du nicht, wenn ein Fremder -kommt!« Das Hündchen rannte entsetzt davon und kroch unter einen Diwan. - -Eisenhut stellte die Kerze auf den Tisch und sank erschöpft auf den alten -Lederdiwan. Er schloß die Augen und sah aus wie ein Greis. Er zitterte am -ganzen Körper. - -Das Zimmer war eine Art Halle und hatte eine gewölbte Decke und zwei breite -Fenster in tiefen Nischen, der Boden war krumm und knarrte bei jedem -Schritte; ein mächtiger hellbrauner Ofen in der Form eines Würfels, der auf -vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan, ein hoher zerrissener Sessel mit -geschnitzter Lehne, ein großer schwarzer Schrank, einige Stühle, der Tisch, -das war alles, was im Zimmer stand. Die Wände waren vollständig nackt, nur -an dem Pfeiler zwischen den Fenstern hing ein Bild, jedoch bis zur -Unkenntlichkeit vom Rauch geschwärzt. Die Fenster waren ohne Gardinen, das -Zimmer kahl und unordentlich, man konnte glauben in einem Gefängnis zu -sein. - -Es war eisig kalt hier. - -Plötzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet, Eisenhut verfolgte -ihn mit den Blicken. Er lächelte spöttisch. Dann begann er zu sprechen, -aber die Stimme versagte ihm, er räusperte sich und begann von neuem. -»Weshalb gehen Sie denn nicht?« fragte er heiser. Er zitterte. - -»Davon ist nun gar nicht die Rede. Vor allen Dingen will ich Feuer -anschüren,« versetzte Grau. »Wo kann ich Holz finden? Sie müssen trachten -ins Bett zu kommen, Herr Eisenhut.« - -Eisenhut schloß wieder die Augen; er wiegte den Kopf hin und her und -murmelte, daß er gewohnt sei, in den Kleidern zu schlafen. - -Grau ging hinaus und suchte die Küche. Hier fand er einen großen Haufen von -Tannenzapfen, Ästen, Stücken von Latten und Splittern von Bauholz. Das -zerbrochene Rad eines Kinderkärrchens lag dabei, ein Peitschenstiel, ein -unbrauchbarer Kochlöffel und viele Dinge, wie man sie auf der Straße finden -kann. Auf ein Bord waren Kohlenbrocken gelegt, geordnet zu einem langen -Zuge, Stückchen um Stückchen, einige Reihen. Ebenso entdeckte Grau auf -einem Gesimse eine Sammlung alter Eisenteile, Schrauben, Nägel, Hufeisen, -das Stück einer Eisenbahnschiene und einen Türdrücker. - -Grau füllte den gelben Ofen mit Holz und machte Feuer. Dann kam er wieder -aus der Küche zurück mit einem Kochtopf voll Wasser, mit Tellern, Messern, -Brot und einem riesigen Stück Speck, das er in der Küche entdeckt hatte. Er -stellte den Topf auf den Ofen, schnitt Brot und Speck und hantierte -lautlos, während Eisenhut auf dem Diwan saß und zu schlafen schien. -Zeitweise öffnete er ein Auge und lächelte spöttisch. Das kleine Hündchen -streckte die Schnauze unter dem Diwan vor und verfolgte jede Bewegung -Graus. - -Der dicke Ofen begann zu prasseln und zu fauchen, manchmal knallte es wie -Schüsse in seinem Innern und weißlicher dicker Rauch quoll aus den Fugen. - -Es war lange still. Dann ging Grau hinaus und holte Gläser aus der Küche. - -Eisenhut blinzelte. »Sie bemühen sich!« sagte er leise. »Sie bemühen sich!« -Er lächelte spöttisch. - -Grau lächelte und antwortete freundlich: »Die Mühe ist sehr gering, Herr -Eisenhut. Wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, so sagen Sie mir, -bitte, ob ich nicht etwas Kognak finden kann.« - -Eisenhut lächelte und deutete auf den alten schwarzen Schrank. - -Dieser Schrank sah im Innern aus wie das Schaufenster eines -Branntweinfabrikanten, er war angefüllt mit Flaschen von allen Größen und -Farben und Formen, zierlichen Flakons, dicken Bocksbeuteln; Eisenhut schien -auch Liebhaber von Phantasieflaschen zu sein, da stand eine Flasche aus -zwei Kugeln, ein pechschwarzer Neger in rot-weiß-gestreifter Badehose und -mit weißen lachenden Zähnen, und andere Sehenswürdigkeiten. Eine Menge von -Kerzenstumpfen und Zigarrenresten, ein Revolver und ein Fernglas lagen in -dem obersten Fach, das mit staubigen Weinflaschen vollgestopft war. - -»Ah, das ist ja ganz prächtig,« sagte Grau. »Hier haben wir alles was wir -brauchen.« - -Er bereitete Grog und stellte ein Glas vor Eisenhut. »Bitte,« sagte er. Er -blickte im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Wie häßlich -Sie doch wohnen, Herr Eisenhut! Ein Mann wie Sie, Gott stehe mir bei! Wie -schön könnten Sie es hier haben, eine freundliche Farbe an den Wänden, -Vorhänge, ein hübscher Teppich. Ein paar Bilder, die Sie erfreuen, so oft -Sie sie ansehen, eine Uhr mit einem langen Pendel, die Ihnen die Zeit -vormißt und etwas Lärm macht. Sie könnten es schön haben, daß es eine -Freude wäre, zu Ihnen zu kommen.« - -»Sie haben auch keine Bücher hier. Ein Bord mit schönen Büchern. Wenn Sie -allein sind oder müde, dann könnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen -bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich für meine Person. Es gibt so -herrliche Bücher. Die ganze Welt ist darin, alles was die Menschen gedacht -und gefühlt haben. Sie können in der Gesellschaft von wirklich großen und -außerordentlichen Menschen leben, die alle wie Freunde zu Ihnen sind. Sie -finden Friede, Ruhe und Halt, Freude, Schönheit und Rat. Sehen Sie, hier an -dieser Wand, da könnten die Bücher stehen. Ich werde mit Ihnen in den -nächsten Tagen zum Buchhändler gehen. -- Wollen Sie nicht den Grog trinken? -Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wünschen Sie ihn ein wenig stärker?« - -Eisenhut schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. - -»Seien Sie kein Narr! Ich will Ihnen die Schuhe ausziehen, es wird warm -hier, alle Wetter! Das ist gut für uns beide.« Grau zog ihm die Stiefel -aus. Eisenhut richtete sich auf und blickte sich nach dem Hündchen um. Das -kleine braune Hündchen verschwand blitzschnell unter dem Diwan und zerrte -ein Paar alte Pantoffeln hervor. - -»Was für ein hübsches und kluges Hündchen!« sagte Grau. »Ich darf ihm doch -etwas Speck geben? Du hast deine Sache ganz außerordentlich gut gemacht!« - -Wä! Wä! Wäwä! - -»Schon gut, schon gut! Siehst du, das hat mir gefallen, schleppst die -Pantoffeln für deinen Herrn herbei und bist selbst so klein. Nun auf Ihre -Gesundheit, Herr Eisenhut, auf unsere Gesundheit, raffen Sie sich auf, -stärken Sie sich!« - -Eisenhut schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin. Sein Auge war trübe -und hoffnungslos. »Es ist alles vorbei!« murmelte er leise und nickte. Er -schlürfte langsam den heißen Grog, er zitterte immer noch. Grau machte ihm -ein zweites Glas zurecht. »Nein, nein!« sagte Eisenhut, aber er schlürfte -auch dieses Glas. Es wurde warm und er hörte auf zu zittern. - -Plötzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf Eisenhuts Schulter und -dann umarmte er ihn. »Ich bin als Freund zu Ihnen gekommen!« flüsterte er. - -Eisenhuts Schultern bebten. - -Es war stille und die lange Ofenröhre ließ einen hohlen surrenden Ton -hören. Vom Marktplatze herauf drang der fröhliche Lärm einer Gesellschaft, -die sich verabschiedete. Gute Nacht, gute Nacht -- huhu! - -»Glauben Sie an die Hölle?« fragte Eisenhut leise nach einer Weile. - -»Nein.« - -»Sie glauben nicht daran?« - -»Nein.« - -»Warum nicht?« - -»Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.« - -»Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle. Ja! Hören Sie wohl, es -gibt eine Hölle, sage ich Ihnen! Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die -Hölle, ich bin die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle. Meine -Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle, meine Träume! Ich kann einen -Hund vor mein Haus legen, daß niemand herein kommt, aber -- frage ich Sie --- kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein Herz legen? Wenn ich wache, -da kann ich mich betäuben, ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht -meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe --? Sie träumen, daß ihr Körper -mit Aussatz bedeckt ist, mit Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was -ist das? Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine Spinne sitzt auf -ihren Augen und saugt sie aus. Das ist entsetzlich!« - -»Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen, die fröhlich und guter Dinge -sind? Warum kann ich nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht's? und dabei -lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft -- ich hasse die -Menschen! Aber warum hasse ich sie doch? Warum, warum? Habe ich mich selbst -so geschaffen? Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle. Ich -sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt mir einen Stich, ich -höre, daß man einen Menschen lobt, daß man gut und bewundernd von ihm -spricht, das kann ich nicht ertragen -- ich schimpfe über ihn. Ich mache -ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute. Die guten Menschen, denke ich, -sind alle Heuchler, sie hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen -einander wie Teufel. Ich glaube nicht an Gott, an nichts glaube ich. Ich -freue mich, wenn es einem Menschen schlecht geht. Er bricht das Bein, ich -lache und sage: Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen, -ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück. Selbst das -macht mir eine geheime Freude, obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind. -Haha -- so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben, sterben kann -ich auch nicht, denn ich liebe das Leben, schrecklich liebe ich es, -obgleich es die Hölle ist. Wie soll ich es doch anpacken?« Er schüttelte -den Kopf. »Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist, Ihnen meinen -Bankerott zu erklären, es macht mir Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein -ich bin. Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld, offen und -ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu mir, was du hast. Und -sie beneiden dich darum, die andern. Sie kommen zu mir und wollen Geld. -Nichts als Geld, keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich liebe -das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur, um mir den Menschen zu -kaufen, er wird freundlich gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So -ist es und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen vor mir auf dem -Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir schmeichelt -- nimm! nimm! er kann alles -haben -- ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die hübschen -Worte zu hören -- Herr Eisenhut hin und Herr Eisenhut her, vorwärts und -rückwärts -- wie geht es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser -Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann ist er doch! Ja, wenn ich -es glauben könnte, aber ich kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts. -Sobald man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir -- hier, in meiner -Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht ja nicht die Wahrheit, denke ich. -Ein nobler und feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht wirklich -meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan. Sprechen Sie?« - -»Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr Eisenhut!« - -»Aber es gibt ja viele Lumpen und Hunde ringsumher -- wie spricht man von -ihnen? Man ist freundlich, Ja, man liebt sie. Man liebt sie, obgleich sie -Lumpen und Hunde sind! Warum das? Warum liebt mich keiner?« - -»Weil Sie die Menschen nicht lieben, Eisenhut!« - -Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er nickte. »Ich hasse die -Menschen, es ist wahr! Aber ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu -lassen.« - -Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts Schulter. »Das hilft Ihnen -nichts.« sagte er. »Die Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und -Freundschaft heucheln.« - -Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. »Sie fühlen es?« Er blickte mit -hilflosen Augen vor sich hin und gab dem kleinen Hunde einen Stoß auf die -Schnauze, als er sich ihm zu Füßen setzte. Der Hund sah ihn erschrocken und -erstaunt an und blickte auch auf Grau, was er davon halte? »Wenn ich daran -denke, an alles denke, so ist mein Leben eine fortgesetzte Blamage -gewesen,« fuhr Eisenhut fort und stützte das verzehrte Gesicht in die -Hände. »Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige Blamage. Ich will gar nicht daran -denken, wie die Bauern mich durchgeprügelt haben -- das ist ja eine -Kleinigkeit -- aber ich mache den Mund auf -- ich sage etwas, ich tue etwas --- alles ist nichts als Blamage. Ich bin auch so unwissend -- ich schäme -mich -- so unwissend -- ich kann nicht richtig schreiben, einmal wollte ich -einen Brief an eine Dame schreiben, ich konnte nicht, diese Sätze, Komma, -Punkt, diese Wörter, man schreibt sie hin, sie haben keinen Sinn mehr, es -ist zum wahnsinnig werden. Haha, wie haben sie gelacht, dieser Professor -Richter und die ganze Bande -- -- ich spreche -- alle lachen, die Herren -und die Damen. Sie sprechen von einer Stadt und ich denke, sie liegt in -Deutschland, aber die Stadt liegt in China. Alles lacht, alles! Ich lache -mit und sage, ja, man kann sich täuschen. Aber ich liebe es, gebildet zu -erscheinen, trotzdem ich nichts weiß, ich sage ein Wort französisch, ich -streue ein lateinisches Wort ein -- damit man glaubt, dieser Eisenhut kennt -eine Menge Sprachen -- aber ich wende ein fremdes Wort an und wieder lacht -man. Das ist doch kein Vergnügen, oder?« - -Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fühle, daß er unwissend sei, -und darunter leide, weshalb lasse er sich nicht belehren. - -»Glauben Sie? Glauben Sie, daß es nicht zu spät ist?« - -»Wie alt sind Sie denn, um Gottes willen?« - -»Dreiunddreißig.« - -Grau lachte. - -Eisenhut flüsterte: »Niemand weiß es. Ich habe gar keinen Unterricht -genossen. Meine Mutter sagte, was brauchst du den Kram, du hast Geld. Lenz -hat mich unterrichtet -- aber was war es doch? Er spielte Karten mit meinem -Vater -- sie tranken und spielten -- Ah, sagte Lenz, dein Sohn braucht -nichts zu lernen, er saugt die Weisheit aus dem Leben und aus der Natur! -Auf diese Weise habe ich gar nichts gelernt, könnte ich dem Lehrer den -Schädel einschlagen! Ich habe nie den Mut gehabt, Unterricht zu nehmen, -denn der Lehrer hätte ja gesehen, wie unwissend ich bin.« - -»Das ist ja nebensächlich, das läßt sich leicht nachholen,« warf Grau ein. -»Mit einigem guten Willen.« - -»Ja?« sagte Eisenhut und nickte. »Das ist es ja nicht, es ist auch nur ein -Stückchen. Aber alles zusammen, alles, alles. Ich könnte nicht einmal alles -sagen, selbst wenn ich wollte. Solch schreckliche Dinge! Aber was sagen Sie -dazu, wenn einem Menschen mit der Zeit alles gleichgültig wird? Hören Sie, -ist es möglich, daß es einem Menschen gleichgültig ist, ob es Tag oder -Nacht ist? Ich liege im Bett und wage nicht aufzustehen, nicht aufzuwachen, -denn ich fürchte mich vor dem Tag, vor der Langeweile und dem Nichts. Was -wird vorgehen, frage ich mich? Nichts, nichts! Weshalb soll ich aufstehen? -Nun, ich stehe nicht auf, ich möchte im Bette liegen und schlafen, immerzu, -bis ich sterbe. Aber auch das ist sinnlos. Ich stehe auf, und ich denke, -warum bist du aufgestanden, hast ja nichts zu tun. Ich gehe auf die Straße -und die Sonne scheint. Mein Gott, wie gut es ist, daß die Sonne scheint, -denke ich. Ich freue mich, ich grüße die Leute. Das ist das Leben, denke -ich, wenn die Sonne scheint und der Mensch fröhlich ist. Ich gehe ein wenig -in der Sonne und freue mich nicht mehr. Es ist ja so einerlei, ganz -einerlei, ob die Sonne scheint oder nicht. So gehe ich in das nächste -Wirtshaus, setze mich hin, trinke Bier, esse Käse, sitze da, stundenlang -und trinke -- es ist mir ja alles einerlei. Ich kann ruhig hier sitzen, -warum nicht? Mein Kopf ist leer, ich kann nichts denken. Aber ich kann -träumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf der Straße, da kommen sechs junge -Mädchen daher, Arm in Arm und lachen mich an. Ich träume, ich gehe durch -den Wald und eine Dame kommt daher und begrüßt mich und plaudert mit mir, -ganz wie mit andern Herrn, ja, was will ich sonst? Nichts andres will ich -sonst! Aber wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grüßt sie kaum -und läßt mich stehen. Haha, denke ich, so sind sie, und ich trinke. Oh, -wenn sie doch zum Teufel ginge, sie und alle Mädchen, die immer lachen und -vergnügt sind, alle, alle, mit ihr in die Hölle! Ich wünsche, daß sie krank -wird und ihr die Haare ausfallen und ich freue mich -- ja, wie häßlich wird -sie doch aussehen? Niemand wird sie mehr ansehen -- auch ich -- nein, ich -nicht, ich werde alles für sie tun, was sie will. Alles, alles, sie mag -häßlich sein wie sie will. Aber das alles wird ja nie sein. Sie wird leben -und fröhlich sein, alle, alle Menschen. Ich fluche den Menschen, auch -meinen Freunden! Habe ich welche? -- Mögen sie dahinfahren! Brauche ich -Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgültig und ich brüte vor mich -hin -- ja, nun ist mir wieder alles einerlei -- alles -- aber das ist noch -schrecklicher, lieber noch Haß, noch Qual -- Das ist das schrecklichste -meiner Hölle, daß mir alles einerlei geworden ist!« Er stand mit einer -Gebärde des Ekels auf. -- Seine Züge waren bleich und verfallen. Die Linien -um seinen Mund waren tief und gaben dem Gesichte den Ausdruck eines -trostlosen Lächelns, obgleich er keine Miene bewegte. Ein verzweifeltes -stummes Lachen war für immer in sein Gesicht eingegraben. Seine Augen waren -scharf und brannten in kranker Glut, wie die eines Irren. Er ergriff das -Glas mit Grog, das Grau für ihn gerichtet hatte und stürzte es hinunter. -Seine Hand zitterte. - -»Ja!« sagte er heiser wie ein Mensch, der lange geweint hat. »Laßt uns -trinken! Geben Sie mir noch ein Glas, es ist so nicht auszuhalten. Alles -peinigt mich! Dieses Zimmer, ich brauche es nur anzusehen! Dieses Sofa, -dieser Stuhl, alles quält mich! In meinem Kopfe geht etwas herum, immer das -gleiche! Haben Sie das schon erlebt, daß in Ihrem Kopfe immer das gleiche -herumgeht, etwas das Sie foltert, wachen Sie auf, es ist da, gehen Sie zu -Bett, es ist da. Es ist immer da, es weicht nicht mehr. Jemand lacht, es -ist in seinem Lachen, sie trinken eine Flasche Schnaps, es ist in der -Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmächtig, aber je ohnmächtiger Sie -werden, desto mehr ist es da! Sie werden wahnsinnig, aber dann ist es für -immer da. Es quält mich, weil es immer da ist. Hier -- hier -- der Boden, -der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Türschwelle -- da ist es! Hören Sie! Es -ist das Tollste, was Sie je gehört haben. Hören Sie?« - -»Ich höre, sprechen Sie, Eisenhut!« sagte Grau. - -Eisenhut atmete tief und begann: »Eines Nachts da klopft es an meine Türe --- ich muß es Ihnen sagen, ich muß! -- es klopft, ich horche, es klopft an -der Türe, die zum Garten führt. Ha! denke ich, wer, bei allen Teufeln, soll -denn mitten in der Nacht an der Türe, der hintern Türe klopfen? Bum, bum! -Die Haare stehen mir zu Berg, ich bekomme Angst und es siedet in meinem -Kopfe. Ich sitze hier an meinem Tische wie aus Stein. Vielleicht sind es -Diebe oder Mörder, die dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu kläffen. -Pack, pack! sage ich, pack Nero, und öffne die Türe und er kollert die -Treppe hinunter und bellt. Bum, bum! Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme das -Gewehr und öffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut, aus -Angst schreie ich so laut. Jemand lacht leise im Garten. Ja, zur Hölle mit -dir, wer kann denn im Garten lachen, das ist doch unerhört! Wer ist da? Es -ist eine Dame, deren Stimme ich kenne.« Hier hielt Eisenhut inne und -blickte auf Grau. Ein Schatten fiel über sein Gesicht, nur das Kinn war -beleuchtet und Grau sah, daß sein Mund lächelte, so wie der eines Menschen, -der horcht und lächelt zu gleicher Zeit. »Es sind weder Diebe noch Mörder,« -fuhr er fort »es ist ja eine Dame, die du kennst. Sie hat mit mir zu -sprechen. Was um alles in der Welt -- es ist ja Nacht -- tiefe Nacht! -- -Ich öffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich mit den Hunden, -vor denen gewarnt wird, und mit den Fußangeln und Selbstschüssen in Ihrem -Garten, sagt sie und lacht als ob es heller Tag wäre. Bitte? Ja, das sei -eine Finte, um das Gesindel abzuschrecken. Nichts ist wahr daran! Nun also, -bitte? Sie habe mit mir zu sprechen. Bitte, sage ich, bitte, hier ist es -finster ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gnädiges Fräulein. -Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr, hier, wo Sie jetzt sitzen. Es -ist zwei Uhr nachts, es ist Sommer. Geben Sie mir noch ein Glas Grog, ich -muß trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat dringend mit mir zu -sprechen. Es war am dritten Juni, nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer -großen Bitte, sie weiß nicht, ob ich sie ihr erfüllen werde. Bitte, bitte, -sage ich, mein gnädiges Fräulein -- nein, sie will nichts trinken, sie hat -es auch sehr eilig, es tut ihr leid, daß sie nicht immer liebenswürdig mit -mir umging. Ich muß verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch. So sprach -sie, so freundlich und blickte mir in die Augen. Sie sagte einfach -Eisenhut, nicht Herr Eisenhut, nein, gibt's nicht, Eisenhut bin ich. Bitte, -sage ich, wenn es in meiner Macht steht? Ja, es steht in Ihrer Macht, es -ist so leicht für Sie, Eisenhut. -- Eisenhut, einfach Eisenhut! -- Sie hat -ein hellrotes Tuch um die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es -hätten sich zu Hause Dinge ereignet, die unangenehmsten Dinge --. Geld! -Auch sie wollte Geld von mir! Sie sind ja doch kein Geizhals, Eisenhut, -sagte sie. Eine plötzliche Forderung -- hm -- ihre Mutter sei -sterbenskrank, das ganze Haus, nun käme sie zu mir, sie habe Vertrauen zu -meiner Güte. Güte? denke ich. Sie lügt, sie will Geld. Da sitzt sie nun, -sie blickt mich an, sie tut ganz gleichgültig, spricht als ob sie vom -Wetter spreche, aber sie bebt, sie bebt! Warum soll ich nicht helfen, denke -ich, warum nicht? Die Familie ist verschuldet, das Geld ist verloren, ich -kann es ebensogut einem Hunde zum Fressen geben -- niemals wirst du auch -einen Pfennig wieder sehen! -- aber da sitzt sie ja, ich sehe wie sie -innerlich zittert. Das freut mich -- unsäglich! Da sitzt sie, früher, da -sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase in die Luft, sie ging wie eine -Königin durch die Straßen und wir andern alle waren Hanswurste und Luft für -sie. Aber da sitzt sie nun -- weshalb soll ich nicht -- wie? Wieviel -ungefähr? Sie atmet zweimal tief, pickt mit dem Finger Brotkörnchen vom -Tisch, sie lächelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan--zig--tausend -- -sie hatte wohl den Verstand -- nein, nein, nein. Ah, was die Leute doch -denken. Esse ich Gansbraten und eingemachte Birnen? Ich esse nur einmal im -Tage -- nein! Da steht sie auf, sie legt mir die Hand auf die Schulter. Es -ist so leicht für Sie, in einigen Monaten bekommen Sie es zurück. Ich -stelle Ihnen einen Wechsel aus, einen Schuldschein, wie Sie wollen. Es wird -alles geschäftsmäßig geregelt werden -- nun spricht sie wie ein Bankier. -Aber sie bebt ja doch! Sie sieht, daß ich zögere, sie fährt mir mit der -Hand übers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hören Sie, sage ich zu -ihr, hören Sie, gnädiges Fräulein, Sie wissen, daß ich Sie liebe, werden -Sie meine Frau. Ich liebe Sie, Sie können tun was Sie wollen, nur daß ich -Sie täglich sehen kann -- denn ich will ja lieber Ihr Lakai sein, als der -Mann einer der geschwollenen Krämerstöchter von hier. So sage ich und sie -hört aufmerksam zu. Ich sage, Sie werden dann so viel Geld haben wie Sie -nur wünschen. Alles wird Ihnen gehören, alles, eine Million und mehr! Haben -Sie soviel? fragt sie und lächelt. Ja, sage ich, ich lüge nicht. Ich öffne -die Türe und zeige ihr den Schrank, öffne ihn: Sehen Sie! Alles sollen Sie -haben. Hören Sie, Eisenhut, sagte sie, es kann doch nicht so rasch gehen, -ich muß es mir doch überlegen und wenn ich Ihre Frau werde, so werde ich es -doch nicht Ihres Geldes halber. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und -lächelt. Ich möchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine Bewegung -und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, daß ich ordentlich und gut werden -würde -- ich schwöre ihr, nicht mehr zu trinken. Sie soll befehlen und ich -gehorche, blindlings. Ihr Lakai werde ich sein. Ja, sie wolle nachdenken. -So schnell kann es ja nicht gehen, mein Freund -- sagt sie -- mein Freund, -das ist ja ausgeschlossen. Sie müßten bei meinen Eltern um meine Hand -anhalten, aber so -- ich bringe Ihnen ja gewiß Freundschaft und Sympathie -entgegen, obgleich ich immer launisch gegen Sie war -- ob ich Sie aber -heiraten kann, das muß ich mir doch überlegen. -- Wann werden Sie mir -Antwort sagen? -- Morgen oder in den allernächsten Tagen. Gut, sage ich, -dann will ich Ihnen das Geld mitbringen. Sie besinnt sich und setzt sich -langsam nieder. -- Das geht ja nicht, mein Freund, sagt sie! Morgen gibt es -zu Hause eine Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelöst werden kann. -Es ist ein Wechsel. Könnte es Ihnen nicht einerlei sein -- ich komme morgen -wieder zu Ihnen, ich verspreche es Ihnen. -- Gut, ich zähle ihr die Scheine -hin. Danke, sagt sie, und zählt das Geld sorgfältig nach -- aber ich sehe, -wie ihre Hand bebt. Sie geht. Über diese Schwelle hier ist sie gegangen. -Sie geht wieder durch den Garten. Also morgen! sage ich. Ja, antwortet sie, -wenn es mir möglich ist, sicherlich. -- Am andern Tage gehe ich zum -Schneider und lasse mir einen Frack anmessen. Sie heiraten wohl? Ja, -vielleicht. Ich warte. Der Tag vergeht, sie kommt nicht. Ich warte einige -Tage. Der Frack ist fertig. Ich probiere ihn an und der Gedanke kommt mir -in den Kopf um ihre Hand anzuhalten. Ja? Sofort -- vorwärts, -- haha -- -vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfängt mich. Wie? sagt er. Ich -spreche und er lacht. Na, sagt er, Herr Eisenhut, was fällt Ihnen doch ein --- hahaha -- er lacht -- er lacht und sagt: Entschuldigen Sie, ich lache ja -nicht -- es ist ja höchst ehrenvoll -- aber ich glaube, daß meine Tochter --- hahaha! -- daß meine Tochter, na, daß die Wünsche und Absichten meiner -Tochter -- übrigens, wer kennt die Frauen? Sie wird es Ihnen ja sagen. -Konrad -- meine Tochter soll kommen. -- Sie kommt. Ich sehe sie nicht, aber -ich höre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, höre ich ihn. Sie ist -da. -- Herr Eisenhut gibt uns die Ehre, gibt dir die Ehre -- Sie ist -totenbleich -- sie sieht mich an und auch ihre Lippen werden blaß -- sie -hat Angst, ich werde sprechen -- nein, Sie brauchen keine Angst zu haben, -nein, so bin ich ja nun doch nicht -- ich werde Sie nicht verraten. Sie -lächelt, gibt mir freundliche und höfliche Worte. Sie sagt nicht Ja, sie -sagt nicht Nein, sie sagt hmhm. Ich gehe. Der Diener lächelt ebenfalls. -Soll ich dich aufs Maul hauen, du Affe? -- Ich warte, ich denke, wie dumm, -wie voreilig. Endlich treffe ich die Dame und sage: Nun? Wie steht es mit -der Antwort? -- Sie lächelt und sagt: Ja, was für Einfälle Sie doch haben, -Sie kommen ins Haus -- ich bin ja nicht wiedergekommen, war Ihnen das nicht -klar genug? -- Ich sage: Haha, was ist das! Sie haben aber versprochen zu -kommen. Ja, sagt sie gleichgültig. Ich möchte Sie bitten weniger laut zu -sprechen und sich weniger auffallend zu gebärden, Herr Eisenhut, wenn uns -jemand beobachtet! -- Nun sprechen Sie ja ganz anders, seht an, sage ich, -neulich da konnten Sie viel freundlicher sein. Sie haben von Freundschaft -und Sympathie gesprochen -- was weiß ich -- es war aber nur eine Falle, so -ist es. Sie haben wohl auch nie im entferntesten daran gedacht, mich zu -heiraten -- wie? -- Sie sieht mich an und lächelt verächtlich. Wenn Sie es -wissen wollen: Nein! Ich bitte Sie nun -- Was bitten Sie! schreie ich. Dann -haben Sie mich einfach betrogen! -- Sie stampft mit den Füßen und wird -blaß. Bitte! sagt sie und sieht mich an als ob ich ein Lakai wäre. Ich -hätte nicht gedacht, daß Sie ein solch ungebildeter Mann wären! Außerdem -wäre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. -Sie geht. -- Ja, wie konnte ich auch so ungebildet schreien, denke ich, wie -konnte ich mich so vergessen. -- Ich kam mir vor wie ein Hund. Ich trank, -schrecklich trank ich in dieser Zeit, ich wollte gar nicht mehr zur -Besinnung kommen. Ich habe eine Dame beleidigt und liebe sie doch, ja zum -Teufel mit mir! Ich trinke hier in dem gleichen Zimmer, wo sie mir das Haar -streichelte. Ich bin ein ungebildeter Mann, jawohl, ganz richtig. Das ist -wahr, sie hat es gesagt. Ich könnte mir die Haare ausreißen! Sie hätte mich -ja nie um eine Gefälligkeit gebeten, wenn sie gewußt hätte, was für ein -ungebildeter Mann ich eigentlich bin. Ja, es ist wahr, sie heuchelte mir -etwas vor, sie machte mir Versprechungen -- soll ein Mensch in der Welt -aufstehen und das Gegenteil behaupten! -- sie schmeichelte mir, sie nahm -die Gefälligkeit von zwanzigtausend Mark mit sich, das tat sie -- aber -trotzdem! Und ich fluchte und trank, weil sie mich angelogen hatte, ich -trank weil ich ein Narr war und ihr glaubte, ich trank, weil ich sie -kränkte und am meisten trank ich, weil sie mich nun verachtete wegen meines -ungebildeten Benehmens. Ich mag schon gar nicht daran denken -- wie ich den -Freiersmann spielte und mir einen Korb holte -- Wie sollte ich je mit der -Sache fertig werden, je ins Klare kommen? Ich sitze hier und trinke und -deute auf den Tisch -- hier hast du also auf der einen Seite eine Dame, die -kommt, dich streichelt und heuchelt und verspricht und -- ich deute auf den -Tisch -- hier hast du also einen Mann, der sich die Freiheit nimmt zu -fragen, was denn eigentlich -- hier hast du also -- und hier -- nein! Mein -Kopf faßt das nicht. Wie ist es doch? Wer hat recht und wer hat unrecht. -Wie ist es doch? Nein, ich bin zu dumm, um das je herauszubekommen. Aber -Zorn kommt über mich, Wut, daß ich schreie! Hier hast du also, hier -- und -hier -- ja, ich bitte einen vernünftigen Menschen mir zu erklären -- wie? -Ist es vielleicht ein Vergnügen -- ich frage den Teufel! -- ist es ein -Vergnügen -- einen Frack anzuziehen -- wie -- und ein alter Habenichts -lacht -- ist das ein Vergnügen -- ich bitte weniger laut zu sprechen -- -wenn uns jemand beobachtet -- wie? Gott im Himmel, wie soll ich das -verstehen! -- Ich hasse die Menschen! Was für eine Behandlung ist das? Ich -hasse die Frauen! Ja, ich liebte jene Dame, es ist die Wahrheit, ich liebte -sie. Aber nun hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Straße, ich grüße -nicht, ich blicke sie nur durchdringend an. Ich gehe an ihr vorüber und -ziehe einen Brief heraus, auf den ich mit haushohen Buchstaben Schuldschein -schrieb -- ich mache es so, daß sie es sieht. Ich hasse sie, sie könnte es -Schwarz auf Weiß haben -- ich treffe sie in der Buchhandlung und lasse den -Brief fallen. Sie soll nur etwas Angst vor mir haben, jetzt, da ich sie -hasse. Ich habe sie geliebt, was ist geschehen, daß ich sie jetzt hasse? -Habe ich zu mir gesagt: Hasse sie, hasse sie! Nein! -- Ich begegne ihr mit -den Freundinnen, sie spricht das erste Wort, sie reicht mir die Hand. Sie -spricht mit mir: Sie hat Angst. Gott im Himmel! denke ich, weshalb hat sie -doch nur Angst? Nun spricht sie freundlich mit mir, sagt, ob ich nicht zum -Tennis kommen wolle -- nur weil sie Angst hat. Ja, weshalb sollte sie denn -Angst haben? Vor mir? Ach, bei Gott, nein, sie braucht gar keine Angst zu -haben, ich tue ihr nichts, nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, daß sie -Angst hat. Denn ich liebe sie ja, ich hasse sie ja gar nicht, ich liebe -sie! Ich blicke auf ihr Haus und weine. -- Wie lächerlich, Angst zu haben, -ich werde es ihr sagen, von einem Skandal kann ja gar keine Rede sein. -- -Ich laure auf den Wegen, bei ihrem Haus, endlich treffe ich sie. Ich nehme -den Brief aus der Tasche, um ihr den Schuldschein zurückzugeben -- sie -sieht mich an und sagt: Man wird Sie bezahlen, haben Sie keine Angst, Herr -Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich gefälligst ungeschoren zu lassen, ich -kann ja keinen Fuß mehr aus dem Hause setzen, ohne daß Sie dastehen. -- -Glauben Sie nun, ein Mensch wie ich, lächelt, gibt den Brief zurück, sagt -ihr, daß sie unbesorgt sein möge? Glauben Sie das? Dann sind Sie auf -falschem Wege. Ich bin nicht so. Nein. Was hat mich doch so wütend gemacht? -Ich stehe da mit dem Briefe und also muß sie denken -- deshalb spricht sie -ja so -- aber daß sie so spricht, ihre Haltung, ihr Blick -- alles -- was -hat mich doch wütend gemacht, daß ich schreie: Nehmen Sie sich in acht vor -dem Skandal! Ich schreie das, ich lache ganz gemütlich und gehe. - -Ist das nicht um verrückt zu werden, wie? Nichts ist geblieben als Haß. Aus -allem, was man tut, nichts bleibt als Blamage, Ekel und Haß! Ach, wie ich -doch die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schön, wärmen sich in der Sonne -und glitzern, denken böse und sind giftig! Man sollte sie alle einsperren, -gehen daher und blähen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch die -Männer, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz andere Weise! Ich sitze -hier, bewerfe sie mit Schmutz und hasse sie. In manchen Stunden, da liebe -ich sie ja. Sie sind schön, Gott im Himmel, sie sind ja schön, sage ich, -schön und rührend sind sie. Ich bitte euch um Verzeihung, ihr Frauen auf -der ganzen Erde, ich! Aber der Haß kommt zurück. Auch die Menschen liebe -ich zuweilen, aber der Haß kommt zurück und zerfrißt mich wie Gift. Ist das -ein Dasein? frage ich Sie, was für ein Leben soll das sein! Es ist ein -Hundedasein, nichts als ein Hundedasein!« - -Er lachte verzweifelt auf und schrie. - -»Das ist das, hören Sir, Herr Grau, das ist das, nun habe ich es Ihnen -erzählt, das, was mich quält -- was nicht mehr von mir weicht, ich denke -daran, fresse daran über ein halbes Jahr -- immer wieder ziehe ich den -Frack an -- immer wieder -- geht die Dame über diese Schwelle -- immer -wieder spricht sie mit mir oben im Walde -- immer, immer, immer wieder -- -ah!« Er vergrub den Kopf in den Händen. - -»Halt!« schrie er. »Sagen Sie nichts! Es ist noch nicht alles! Ich muß -alles sagen, es muß heraus, ich muß es tun, Sie sollen wissen, wie es um -mich steht. Glauben Sie denn, es sei eine Wonne so zu leben -- mit all dem -im Kopfe? Wie ist das alles gekommen? Weiß ich es? Wie ist es gekommen, daß -alles sich in meinen Gedanken in Schmutz verwandelt? Jedes harmlose Wort -- -ich höre es, man spricht es -- aber in meinem Kopfe verwandelt es sich zu -einer Niedrigkeit. Was für Gedanken habe ich doch früh und spät -- -abscheuliche Gedanken, die kein Mensch ertragen kann, ich möchte weit fort -von ihnen, aber es geht nicht. Nichts ist schrecklicher als eine verdorbene -Phantasie -- sie ist ein Gespenst, das alles häßlich und stinkend macht.« -Er schauderte zusammen und schüttelte sich wie gepackt vom Grausen. »Auch -meine Phantasie ist eine Hölle!« - -»Ich will nicht mehr!« fuhr er fort und wiegte den Kopf auf den Schultern -hin und her. »Ich will nicht -- aber ich muß -- ich muß Ihnen alles sagen. -Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie zu mir gesagt: Nun, -Eisenhut, wie steht es mit dir? Was macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie -gesagt. Aber ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus ein, -damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich auf Abbruch vor Ihnen. -Warum? Vielleicht, weil Sie mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe -Sie gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei der Beerdigung -- -ich habe an Sie gedacht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von Ihnen -losreißen. Warum? Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken -muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und jung er ist und wie -freundlich und gleichmäßig liebenswürdig gegen jedermann. Vielleicht ist er -glücklich, vielleicht ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der -Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht! Nein, er ist -ein Dummkopf und ein Schwätzer, habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot, -ein Narr -- so wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an Sie -denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre Fenster, ich mußte Ihnen -immer begegnen, Sie immer ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und -kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten Tage, da begegnete ich -Ihnen -- ich richtete es so ein -- ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich -grüßte nicht. Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder was Sie -doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an. Ich aber lachte über Sie. Ich -lachte und ich weiß nicht, warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke, -am gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat eine Liste bei -sich, er will Geld! Aber nicht deshalb allein öffnete ich nicht, nein -- -ich hatte Angst vor Ihnen, ganz plötzlich -- eine eigentümliche unsagbare -Angst. Seitdem mußte ich immer an Sie denken.« - -»Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte, einige Schurken hätten mich -angeschossen. Ich lag da und stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte -die Hand auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste aus -- -da ging die Türe auf und Sie kamen herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie -legten mir die Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie -feuchteten den Finger an den Augen an, da war die Wunde geheilt. Das -träumte ich von Ihnen und oft träumte ich von Ihnen.« - -»Warum, warum? Seitdem ich Sie sah -- weshalb doch? Ich verstehe ja das -ganze Leben nicht mehr. Ich mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie -denken mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte, desto mehr -mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie nur sah, konnte ich wütend werden. -Sie gehen dahin, so leicht -- Ihre Augen sind so klar -- alles zusammen -- -ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle Ihnen alles. Ich muß. -Ich muß fortfahren, ich weiß nicht warum.« - -»Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor Richter, dem -Adjunkten, von Dr. Nürnberger -- von mir und ihnen -- alles sollen Sie -hören. Weshalb verkehre ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil -sie angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt, diese Hunde, die -alle so sind -- so niedrig wie ich -- die nichts glauben, nur lachen, -nichts wollen, alles in den Schmutz ziehen -- diese -- nein, nein, nein, -genug -- einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert, ich -glaubte es sei ihm Ernst -- ich -- nein, nein, nein -- genug -- nichts mehr ---« - -Er schwieg und schloß die Augen und es sah aus als ob er ohnmächtig werden -würde. Grau wollte ihm eben beispringen, aber da sah er, daß Eisenhut -lächelte. - -Er lächelte und ohne die Augen zu öffnen sagte er: »Es ist zu toll, es -waren ja gar keine zwanzigtausend Mark, die die Dame holte. Es waren nur -zehntausend!« Er schüttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus -Erstaunen heiter zu lachen. »Ja,« rief er aus, »wie toll! Es waren ja nur -zehntausend Mark! Ich bildete mir ein, es seien zwanzigtausend gewesen, all -die Zeit lang und endlich glaubte ich es selbst. Ha! Ha! Ha! Ja, bei Gott, -so ist es mit mir! Ich lüge und manche Lügen wiederhole ich so oft, daß ich -sie selbst glaube. Warum muß ich denn immerzu lügen? Das ist sonderbar! Ich -komme in eine Wirtschaft und erzähle, daß ich soeben einen weißen Hirsch -gesehen habe. Weshalb, warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Können -Sie mir das erklären?« - -Grau antwortete: »Ich denke, Sie wollen sich interessant machen, Herr -Eisenhut.« - -Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt über Graus Antwort. »Ja, das ist es. -Ich habe mich schon wahnsinnig gestellt, ja sogar tot habe ich mich -gestellt -- sogar tot! Um Aufsehen zu erregen, um mich interessant zu -machen. Deshalb lüge ich auch immerzu. Ich habe auch Sie einmal angelogen, -als wir zu Mütterchen hinaus gingen. Daß Lenz mit den Mädchen im Sommer -spazieren ging und sagte: Alle auskleiden. Das war eine Lüge. Ha! Ha! Ha! -Wie kam ich doch darauf. Warum tat ich es doch! Ha! Ha! Ha!« - -Grau unterbrach ihn, denn er sah, daß Eisenhut den äußersten Grad von -Erregung erreicht hatte. »Ruhen Sie sich aus, Eisenhut, sprechen Sie nicht -mehr!« sagte er und führte ihn zum Sofa. - -»Ja, ja!« sagte Eisenhut. »Ha! Ha! Ha!« - -Eisenhut schwieg. Dann lachte er wieder, sah Grau an und wurde plötzlich -ernst. »Sie sind gewissermaßen der allerschrecklichste Mensch!« flüsterte -er. »Mir graut vor Ihnen, denn man kann Sie nie kennen, nie, nie!« - -»Aber lieber Freund!« sagte Grau. »Ruhen Sie doch ein wenig.« - -Eisenhut nickte und schwieg. - -Aber er begann von neuem und er sprach und flüsterte die ganze Nacht -hindurch. Das Licht der Kerze erlosch und sie saßen im Dunkeln. Durch die -Risse des Ofens flackerte der Schein des Feuers, das langsam erstarb. Er -sprach aus der Dunkelheit, lachte, schrie, schluchzte, flüsterte. All die -Qual, die in den Menschenherzen haust -- - -Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie pressen mußte, um sich -nicht zu verraten. Warum zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. »Es ist so -schrecklich, so schrecklich all das zu hören!« - -Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen. Die Scheiben der -Fenster wurden blau und begannen zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts -regte sich auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde Glocke im -Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche hallte aus der Ferne. - -Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und schwieg. - -Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster wurden hellblau und die -Häuser gegenüber tauchten wie aus einem dicken Nebel auf. - -Dann sagte Grau: »Sie haben viel gelitten, Eisenhut!« - -»Ich bin verloren und schlecht, schlecht und verloren.« - -Grau schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »aber Sie haben zu viel -gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur schrecklich unglücklich sind Sie!« - -Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden Augen. »Kann ich -denn so leben?« fragte er und wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn -sitzen zu bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und drückte sie. Er -nickte und saß lange Zeit, die hellen freundlichen Augen auf ihn gerichtet. - -»Geduld, Geduld!« sagte er endlich. »Nun wird es ja schon Tag; die Sonne -muß bald aufgehen. Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird ein -schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen doch sagen, Eisenhut? Da -sitze ich nun und beginne vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie -ich beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung, Sie müssen Nachsicht -haben, ich bin ja sogar jünger als Sie, Eisenhut -- wie anmaßend wäre es -doch, wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen zu mir gehabt -und wie schön ist es doch, daß Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem -Menschen haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich damit -auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht mehr vergessen. Ich habe mich -so gefreut darüber und ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur -wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken, -es wird Sie stärken. Sind Sie müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich -und arm Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten, konnte ich ja -entnehmen, daß Sie niemals, aber auch niemals einen Freund gehabt haben.« - -»Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!« - -»Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte. Sie sagte, wenn sie in den -Büchern liest, so fühlt sie, daß sie von all den Gestalten, die in den -Büchern vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut sind. So empfand -auch ich, als ich Ihnen zuhörte. Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all -Ihren Wünschen, Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil. Ich -will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie, nein, jeder Mensch ist -ja doch anders, aber so im allgemeinen? Mehr oder weniger sind alle -Menschen wie Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf, es -scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie sind Ihnen alle verwandt. -Sie sind allein oder fühlen sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter -dieser Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe und -Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und haßerfüllte Gedanken, -jeder Mensch hat sie zuweilen. Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört, -beachtet zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun fast alle. -Fast alle sind so empfindlich wie Sie und wir alle fühlen einen Tropfen -Essig stärker auf der Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig, -alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung der Menschen wie -Sie -- und das ist ja nur gut! Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir -möchten bewundert sein. Und das ist ja nur gut!« - -»Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser gewesen als -gegen andere, Eisenhut. Das hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark -genug gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet, wie haben Sie in -Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie ein Mörder! Ja, das haben Sie getan, -verzeihen Sie mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie, hat Ihre -Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein! Sie hat sich gewehrt dagegen -und hat Sie gefoltert dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug, -genug, wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut, Eisenhut. Sie -sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch! Das glauben Sie nicht? Seht an! -Ich habe ja schon früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel, -viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an? Ja, das habe ich getan. -Ich habe mich in Gedanken viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch -mit mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein guter Mensch, den -man viel quälte. Ein guter, aber einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen, -ich habe das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen. Sie hassen -die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so große Liebe entgegen brachten. Wie -können Sie doch lieben! Haben Sie nicht gesagt -- als Sie von jener Frau -sprachen -- ich blicke auf ihr Haus und weine? Sie vergeben mir wohl, daß -ich es wage, Ihre intimsten Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur -beweisen, wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie sich selbst -kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe für diejenigen, die in ihrer -Seele wüten, daß sie sich selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die -Sonne scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute -- kurz und -gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen Dingen zeigen, daß ich im Recht -bin. Haben Sie nicht auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam, -geholfen?« - -»Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen haben. Sie haben jenen -Fehler begangen, den die meisten Menschen begehen: Sie suchten Glück und -Erlösung durch andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben jenen -Fehler begangen, den die meisten Männer begehen, sie suchten Glück und -Friede durch die Frau. Ja, fragen Sie sich doch, sollten die Frauen -vielleicht dazu da sein, daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir -von ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein, wie unsinnig wäre -das doch! Sie wollten, daß die Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie -lieben, daß Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen geholfen. -Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen, so sieht er Sie an und fragt sich: -Was wird er mir geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben? Ja, -Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben? Richtig, aber jene -Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie -mit sich allein nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung -wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus gehen, essen, trinken und -nicht bezahlen können, so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein -Zechpreller. Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten Menschen sind -solche Wirte, die den vor die Türe werfen, der nicht bezahlen kann und den -nicht hinein lassen, der arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen -vielleicht so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine reichen -Herren, die Bettler speisen können.« - -»Sie fragen mich nun -- ja, sagen Sie, ich sehe doch, man liebt den oder -jenen und was ist er im Grunde genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt -ihn. Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn auf, man liebt ihn -um einer einzigen schätzenswerten Eigenschaft willen! Vielleicht kann er -singen, oder Geschichten erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er -ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur eine einzige -Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet. Haben Sie eine solche -Eigenschaft? Fragen Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann -und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber das ist ja eigentlich -keine Eigenschaft, nicht wahr.« - -»Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie wissen ja selbst, Sie leben -nicht im Frieden mit sich. Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein -kann und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie wollen, daß man -Sie liebt! Freunde sind der Preis unserer Tugenden, Eisenhut.« - -»Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben nicht an ihre Liebe und -Güte und an das Edele in ihnen. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du -guter Gott, was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen -Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr, aber Sie wollen, daß die Frauen -Sie lieben. Da kommen Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind -liebenswürdig, Sie sind freundlich -- aber die Frauen? Die Frauen fühlen ja -deutlich, wie Sie sonst über sie denken. Sie bleiben kühl. Ein anderer -spricht dieselben Worte, lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die -Augen der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken? Warum? Ja, die -Frauen fühlen, er denkt immer so von uns. Das Gefühl eines Mannes können -Sie am Ende täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie sind -alle Hellseherinnen.« - -»Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut -- ich bin ja Ihr Freund und -mir müssen Sie alle diese grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr -Freund, Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage ich. Sie fanden -keine freundliche Miene bei den Menschen. Was taten Sie aber? Gingen Sie -nach Hause und sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich habe -den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht einmal ein guter -Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig und habe meine Kenntnisse nicht -bereichert. Taten Sie das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die -Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit an und begannen zu -trinken. Sie suchten also Erlösung, Glück und Friede im Rausch. Das tun -ebenfalls alle Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend -eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt und Ihre Seele -schreit hungriger und durstiger als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine -Lüge und Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten wie ein König, -aber der Rausch vergeht und Sie sind ein Bettler. Denn Sie sind ja kein -wirklicher König gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren Sie. -Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund, denn -- all das habe ich an -mir selbst erlebt.« - -»Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt das? Wissen Sie denn, -wie gefährlich es ist mit den Geistern der Nacht zu leben, für den -Menschen, der ja geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen des -Tages und des Lichtes?« - -»Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich. Nur wenige -Menschen können es ungestraft tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum -Umgange mit seinen Brüdern.« - -»Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr Geist nach Erkenntnis? Haben -Sie Ihre Seele gesättigt, Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der -zufrieden ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren und in -Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie das nicht befriedigt. Ihre hungernde -Seele soll Sie quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu -sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis, in diesen -Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen Stadt, wo das Leben still steht. Was -würden all die andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie Sie, -wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und Poesie hätten? Es ist ja nicht -genug, daß der Mensch ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel -mehr. Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt? Warum nicht? Wo -täglich tausend neue Eindrücke Ihre Seele erquicken und ermutigen? Warum -taten Sie das nie?« - -»Da draußen kennt mich ja kein Mensch,« antwortete Eisenhut. - -Grau lächelte. »Lieber Freund,« sagte er, »daran müssen Sie sich ja -gewöhnen, nicht mehr gekannt zu sein. Sie müssen es lernen Ihr Leben zu -leben, ohne daß Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern -läßt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen, so müssen Sie ihn nicht tragen -für die andern, sondern weil es Sie freut Ihre Hand geschmückt zu sehen. -Und wenn Sie glücklich sind und heiter und tanzen und singen, so müssen Sie -nicht tanzen und singen, weil andere es sehen und hören und denken werden: -Er tanzt, er singt, er ist guter Dinge. Sie müssen es tun für sich allein.« - -Eisenhut schüttelte den Kopf. Er ging herum, er schüttelte den Kopf. Worte, -Worte, was sollten ihm all diese Worte nützen, frage er? Diese Hölle von -Leben --. Aber er war schon hoffnungsvoller gestimmt. - -»Ja,« sagte Grau, »es ist wahr, Sie haben die Hölle in sich und Sie sind -sehr unglücklich. Ich weiß es und ich würde Ihnen gerne etwas abnehmen, -könnte ich nur. Aber haben Sie nichts anderes als diese Hölle in sich, -nichts anderes sonst?« - -Grau griff sich an die Wangen. Er fühlte plötzlich, daß er Fieber hatte. - -Eisenhut schlich an den Wänden entlang und schüttelte den Kopf. Hinter ihm -ging das Hündchen; doch da Eisenhut sehr langsam dahin schlürfte, hatte es -immer Zeit, sich nach jedem dritten Schritte seines Herrn zu setzen. Dann -blickte es auf Grau und spitzte die Ohren. Eisenhut schüttelte den Kopf. - -»Nein!« - -Grau lachte leise. »Das ist ja nicht wahr!« sagte er, »Sie haben ja selbst --- ach, haben Sie nicht gesagt, Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, -Sie freuen sich, wenn Sie jene Dame im Walde treffen? Sie haben schöne -Träume, wie das Leben sein könnte, Sie haben gewiß nicht nur häßliche -Träume.« - -Eisenhut lachte. Er träume oft, er fliege, es gehe dahin über die Lande -- -haha! - -»Sehen Sie! Und auch wenn Sie wachen, haben Sie schöne Träume. Es gibt doch -noch so viel Schönes für Sie!« - -»Nein, nichts mehr.« - -»Heute sehen Sie ja alles schwarz, Eisenhut. Aber Sie freuen sich doch über -viele Dinge -- wenn Sie zum Beispiel ein schönes Pferd sehen oder eine -dicke hohe Eiche im Walde --« - -»Ja, ja.« - -»Sehen Sie! Ich könnte wohl stundenlang -- stundenlang Dinge nennen, die -Sie lieben. Es ist ja lange nicht so schlimm wie Sie es heute sehen, mein -Freund, lange nicht so schlimm. Haben Sie denn keine Sehnsucht mehr? Kein -Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?« - -»Ja, doch!« - -»Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wünscht ja noch zu leben und das -Leben ist ihm noch kostbar. Die Menschen, mein Freund, die mit dem Leben -fertig sind, wünschen sich nichts mehr. Und nun muß ich Ihnen doch -Ratschläge geben, obschon es mir anmaßend erscheint. Ich meine, vielleicht -könnte ich Ihnen sagen, wie Sie es zu beginnen hätten -- für den Anfang -wenigstens -- was meines Erachtens gut für Sie wäre. Sie brauchen das ja -nicht zu befolgen -- es ist ja nur meine Ansicht, die Ansicht eines jungen -und unerfahrenen Menschen --« - -»Ich befolge alles, alles!« sagte Eisenhut. Er öffnete die Tischschublade -und nahm eine Handvoll Zigarren heraus, die er Grau reichte. - -»Danke, danke!« sagte Grau. »Als ob Sie wüßten, wie leidenschaftlich ich -rauche. Nun hören Sie --« - -Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst müsse er seine Nerven kurieren, -seine Gesundheit kräftigen. »Sehen Sie mich an, Eisenhut,« sagte Grau und -fuhr erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. »Hören Sie wohl! -Sie müssen ein neues Leben beginnen, und jeder Mensch muß das von Zeit zu -Zeit. Von Grund auf neu! In jeder Beziehung! Jeden Tag um sechs Uhr heraus, -von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends harte körperliche Arbeit in den -Steinbrüchen, wie ein Taglöhner -- einen Monat lang. -- Wie? -- Ja, das -müssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darüber wird nicht mehr gesprochen. -Sie müssen sich den Schlaf erarbeiten. Danach, zwei Monate lang jeden -Vormittag von sechs Uhr bis zwölf Uhr harte Taglöhnerarbeit in den -Steinbrüchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen Bücher geben, Bücher -empfehlen. Ich will Ihnen gern etwas behilflich sein. Wenn Sie wollen, gebe -ich Ihnen regelrechte Stunden, natürlich kann ich es nicht ganz umsonst -tun. Ich verlange für die Stunde eine Mark. Das ist Ihnen nicht zuviel? -Schön! Sobald Sie etwas sicherer sind, fort auf Reisen.« - -»Wohin?« - -»Das alles wird sich finden. Wir werden alles noch genau besprechen. Ich -deute Ihnen vorläufig alles nur an.« Grau lächelte, während er Eisenhut -immerzu ansah. - -»Ich werde alles tun -- tun -- tun -- alles!« sagte Eisenhut. - -»Gut. Wir werden auch zu besprechen haben, wie Sie sich einzurichten haben. -Wir werden Ihre Wohnung hübsch herrichten und ich werde häufig zu Ihnen -kommen. Wir werden uns gut unterhalten. Am besten wird es sein, wenn Sie -vorläufig nicht mehr mit Professor Richter und Konsorten verkehren. Die -passen nicht zu Ihnen. Ah, sehen Sie doch, jetzt funkelt die Sonne auf den -Dächern. Bist du müde?« - -»Nein, nicht im geringsten.« - -»Gut, dann lasse deinen Schlitten einspannen und wir fahren hinaus in -irgend ein Dorf und frühstücken da. Bist du einverstanden damit?« - -»Wie Sie wünschen, ich bin dabei.« - -Grau lachte. »Hörst du nicht, daß ich Du sage, wie? Freilich, es ist -unverschämt, denn ich bin ja der Jüngere. Aber was kümmern wir uns um -solche Höflichkeitsregeln, haha, jetzt, da wir so gute Freunde geworden -sind. Wenn du aber nicht willst --« - -Eisenhut lächelte und blinzelte. »Zigarren? Zigarren haben wir. Wir können -gehen und den Kutscher wecken.« - -Vielleicht ist nie in seinem Leben jemand gut gegen ihn gewesen, dachte -Grau. - -Sie fuhren hinaus in den Winter, der aufsteigenden Sonne entgegen, die -Schellen klingelten am Schlitten -- - - * * * * * - -Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er hatte sich in der Nacht -vorher erkältet und fiel in ein heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang -anhielt. Eisenhut pflegte ihn wie ein Bruder. - - - - -Dritter Teil - - - - - -Erstes Kapitel - - -Grau lag in leichtem Fieber und dachte über die Menschen nach. Diese -Zwietracht in vielen Familien! Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte. -Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen. Geld? Nein. Es gibt -Bücher zu lächerlichen Preisen. Der Sohn oder die Tochter liest vor, die -andern arbeiten nebenbei -- es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine -Broschüre schreiben: Wegweiser -- - -Grau erwachte. - -Da standen die Fenster offen und die Luft war lau und würzig. Die Bäume -grünten. Es war Frühling geworden. - -Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste. Er lächelte und -stand auf. - -Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne Wipfel und blühende Bäume -ragten über Häuser und Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah -einen kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch einen Torweg -und sah zu seiner Überraschung ein ganzes Beet von Tulpen brennen. An den -Häusern und Erkern kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der -Frühling die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen. - -Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die Schiffe und Fähren zogen an -der Stadt vorüber. Ein kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine -Reihe flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe schaukelte -ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit einer Pfeife im Munde. Im -Schaukeln des Bootes war der Frühling und auch in der Art, wie der Mann im -Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war der Frühling. - -Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner Dörfer leuchteten; Burgen -auf den Höhen und weite grüne Wälder. - -Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und müde von dem langen -Krankenlager und lächelte. Seine Seele in diesen Wochen der Genesung war -empfänglicher, fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit. - -Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein Herz klopfte. Zuweilen -kam das Fieber zurück, ein leises, fast angenehmes Fieber, dann empfand er -alles wie einen Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen Rasen -und wehte von Adeles Park her, alles war so frisch und neu. Die Vögel -zwitscherten in allen Wipfeln und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all -dieser kleinen Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton: Der -Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf seiner Flöte einen betörenden -Schmeichelsang. - -Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den kleinen Dörfern, die in -der Ferne lagen. Da standen Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den -Gärten wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den Hängen -Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am Himmelsrande waren grün, hinter -ihnen dehnte sich grünes Land. Grün, grün -- die ganze Erde war nichts als -eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm. - -Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde zu bestellen. Bei der -großen Steinbrücke wimmelte es von Arbeitern, die einen neuen Bahndamm -aufwarfen. Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem Neubau -kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und hämmerten, auf der Landstraße -knarrten Wagen mit Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren. - -War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der Mensch sich seine -Wohnstätte bereitete? - -Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem war. Eine flache Insel von -einem Meere umbraust, über ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde -und so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke mich! Und der -Mensch spähte aus und die Erde wuchs. Die Erde ruhte nicht, und flüsterte -und flüsterte und plötzlich stand ein Mensch auf, einer von den -Schlaflosen, und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst du wandern, -die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball, um den Sonne, Mond und Sterne -kreisen. Aber die Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein -Mann erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde steht nicht -still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf mehr. Die Erde wuchs und die -Welt wuchs. Die Gestirne rückten auseinander, in erschreckende Fernen -rückten sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren und er -ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu folgen. Und mit jedem Tage -wächst die Welt. Der Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in -jeder Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und suchen -- und -morgen wird eine Depesche über die Länder fliegen: Die Welt ist gewachsen, -abermals ist sie größer geworden! - -Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere sind an der Arbeit. Wenn -jener Mann zurückkehrt, der jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald -stößt, wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt wird: Sieg! Die -Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden! Erobere mich, spricht die -Erde, ich bin dein! - -Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich liebe den Menschen, den -Entdecker, den Eroberer, den Pionier, den Rastlosen! - -Und er sah zu, wie die Menschen im Tale arbeiteten und Schaufeln und Picken -triumphierend in der Sonne blitzten. - -Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem Frühling, niemals -empfand er stärker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit -ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein, selbst -in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein Herz pochen und Freude -erfüllte ihn und er dachte: Und morgen und übermorgen und jeden Morgen -beginnt ein neuer Tag. - -Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch -des Meisters, wo man es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und -tiefes Geheimnis -- aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein -Gleichnis des Lebens? - -Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wärme über die Stadt -und berührte Graus Wangen. Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt -sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er -zurück in sein Haus. - -Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wäre das Leben -nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die -Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der -Hagelschauer -- sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir -atmen, es rieselt in uns, es erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das -ist das Leben. - - - - -Zweites Kapitel - - -Die Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im Vorgärtchen platzten die -Knospen. In all der Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am -Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines gelbes Gesicht. - -Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und lächelte. - -Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über den Himmel steuerte und -der Tauwind die Pappeln auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den -Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte, über Nacht regnete es -grüne Flocken über die Pappeln auf der Brücke, an der Landstraße stellte -der Frühling eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna lächelte. - -Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna trank die Luft, erschauerte -und wurde bleich. Fühlst du? sagte sie und griff mit der Hand in die Luft, -als greife sie etwas: Das ist die Luft! - -Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die Blumen und sie bebte, wie wenn -all die Gräser, all die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. -- Aber -doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte: - -»Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gütigster und Schönster von -allen, ich liebe dich. Mein Geliebter und Freund, Glück in dein Herz, höre -mich, du Gütiger mit den goldenen Augen, höre mich und sprich. Wie ist mein -Herz? Ich weiß es nicht. Ich habe in den Büchern gelesen und mir mein Herz -aus den Büchern gesucht, aber so ist es nicht, nein. Es ist nicht, wie ich -will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schön, es ist Frühling, das -Gras wächst, die Blumen leuchten. Die Sonne liegt in meinem Gärtchen und -ich danke ihr, daß sie auch an mein Gärtchen denkt, und ich sage mir, -wollten sich doch die Schollen lockern und die Sonne hineinlassen, denn da -unten will es auch Wärme haben. Ich danke der Luft, so süß ist sie. Ich -lache, wenn ein Vogel vorüberfliegt.« - -»Aber doch, mein Herz ist nicht so, wie ich es will, es ist anders.« - -»Ich habe geweint, ich weine so oft! Ich habe geträumt, ich ginge in einer -Wiese, schlank und schön und gesund und ich sang, ich erwachte und mußte -weinen. Soll ich es nicht sagen? Soll man dem, den man liebt, seine -Schwächen verhüllen, oder ist es ein Recht der Liebe, alles zu gestehen? -Sprich! Würdest du nicht du sein, ich würde schweigen, ich könnte dich ja -trotzdem lieben, aber ich würde es nicht wagen, dir alles zu gestehen. Aber -du verstehst mein Herz und es nennt dich Freund. Ich bin glücklich, so -sehr! Ich habe dich, ich bin froh. Ja, das Große ist gekommen, das Seltene -ist gekommen, auf das ich so viele Jahre wartete, nun ist es ja doch -gekommen, ich bin das glücklichste Mädchen der grünen Erde. Es ist ja -gekommen das Seltene, da ich es nicht mehr glaubte und nicht mehr hoffte. -Wie wunderlich ist das Leben! Nun ist es da. Ich habe gewünscht, noch -einmal das Gras zu sehen und die Blumen. Da ist das Gras und da sind die -Blumen. Ich bin glücklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen: Hast du nicht -ihn? Und hast du nicht auch den Frühling? Ja, sagt mein Herz, ich bin ja -froh. Es ist ja froh, es ist ja voller Freude -- aber es ist nicht so, wie -ich es will. Es ist traurig zur gleichen Zeit, traurig, traurig und weint -in mir. Gibt es solch ein Herz wieder auf der Welt? Es jauchzt und es weint -in derselben Stunde. Gütiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz, -wie ich es gerne möchte --« - -»Eines weiß ich nun. Wenn du zu deinem Herzen sagst: Sei so, so, so! -- es -tut doch was es will, du kannst ihm nicht befehlen.« - -»Kannst du zu deinem Herzen sagen: Sei nicht bange! Wenn es aber doch vor -Angst zittert? Habe keine Furcht! Wenn es voller Angst ist? Denn die Angst -quält mich, die Angst. Hörst du, es pocht, es pocht überall, mein Blut -pocht, es pocht in meinen Fingern, es pocht in der Wand, der Decke. Dann -schweigt es plötzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder pochen! -Das ist in den Nächten. Ich sage zu meinem Herzen: Sieh die Sterne, sieh -den Himmel, fühle die Nacht des Frühlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr -liebe als die Frühlingsnacht, sagt mein Herz -- und vergeht vor Angst. -Fühle wie die Erde schläft, sage ich, ein Kind, so tief und schön -- aber -die Angst quält mich. Ist mein Leben vorüber, vorbei, vorbei, gegangen, -gegangen? Sage nein! Denn wie könnte mein Leben vorüber sein, da es eben -erst begann? Nein, nein, nein! Sage nein! mein Geliebter.« - -»Gibt es Menschen, die die Sprache der Vögel verstehen? Vielleicht -verstehst du die Sprache der Vögel und es ist eines deiner vielen -Geheimnisse, die dir das Lächeln geben, das man nie auf andern -Menschenlippen sieht! Ich liege hier und die Stare sitzen auf dem Kobel, -den du mit Herrn Eisenhut gezimmert hast, sie sitzen da, blicken zu mir her -und unterhalten sich über mich. Sieh doch die Stare, wie sie glänzen! sage -ich zu meinem Herzen, höre sie, wie sie pfeifen -- aber mein Herz lauscht -starr vor Angst. Ist es denn möglich, daß die Stare wissen, wie schlimm es -um mich steht? Ist es denn möglich, daß sie wissen, was in den nächsten -Wochen sein wird? Nein, nein, bei Gott, all das ist ja unmöglich! Und doch? -Es muß, es muß unmöglich sein, denn es ist schrecklich, was die Stare -sagen!« - -»Es ist nicht das allein! Wäre es nur das allein. Auch der Wind spricht, -auch die Luft spricht. Der Wind flüstert und ich verstehe wohl, was er -sagt. Er sagt dasselbe wie die Stare. Ich sage zu meinem Herzen: Fühle, wie -fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz glaubt es nicht: Höre was er -spricht, sagt mein Herz. Ach, alles, alles sagt das gleiche, es ist ja -immer das gleiche, selbst die Uhr sagt es, wenn sie ticktackt. Und der Wind -sagt es in jeder Nacht. Hast du den Wind schon gesehen? Nicht laufen, nicht -im Laub, im Getreide. So, eine Person, eine Gestalt. Ich habe ihn gesehen -wie er am Fenster stand, ein graues dürres Männchen in weitem Mantel, -voller Buckel und Höcker. Er hat einen Höcker auf der Brust, auf dem -Rücken, seine Nase, seine Stirn, sein Ellbogen, alles ist ausgezogen zu -Höckern.« - -»Wärest du hier! Wenn du hier bist, so hat die Angst keine Macht über -mich.« - -»Ich sehe Gestalten. Oft stehen viele Gestalten in meinem Zimmer und sie -blicken mich alle mit ihren fahlen Augen an, ohne Gefühl, ohne Interesse, -gleichgültig. Sie regen sich nicht, sie sagen nichts, sie sagen auch nichts -zu einander. Sie stehen und warten. Niemals könnte ich sagen, wo sie -beginnen und wo sie aufhören, aber sie sind da. Merkwürdig -- ich fürchte -mich nicht vor ihnen. Es ist als müßten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen -gesprochen. Ich habe allen Mut zusammengenommen und habe gesagt: Was wollt -ihr von mir? Seid ihr dahingeschiedene Seelen, wollt ihr mich begleiten, -wenn ich von der Erde fortgehe? Aber sie regten sich nicht, sie standen wie -zuvor und sahen mich an. Ich weinte. Denn ich kam mir so verlassen vor.« - -»Zuweilen geht auch ein Schritt ums Haus und es ist mir, als ob jemand am -Fenster stehen bliebe. Einmal erwachte ich mitten in der Nacht, ich hörte -wie der Schritt anhielt und eine Stimme am Fenster hauchte: Bald --« - -»Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich. All die Knaben, die am -Morgen über die Brücke zur Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen, -Klara und Maria und auch Adele -- ja, auch sie! -- und auch Mütterchen und -auch du, mein Liebling -- alle, alle! All die Menschen, die jetzt schlafen -oder wachen, in einem Zuge fahren oder auf Schiffen segeln -- alle werden -eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch du. Auch -Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte ich mir alle gestorben vor. -Auch Adele. Sie sah so schön aus.« - -»So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.« - -»Es ist das Fieber, es ist die Angst --« - -»So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich! Glaube es mir. Adele -sagte zu mir: Es muß dich glücklich machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja! -sagte ich und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie ich will. -Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben, denn es muß ja sein, ich hatte -mir vorgenommen zu lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu -sterben -- aber nun -- die Angst -- die Angst!« - -»Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die Stirn legen, daß ich Ruhe -habe!« - -»Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich ein Kind und ohne Angst -war. Ich höre die Vögel, ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein, -nein! Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du bringst Mut. Die -Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube dir. Aber weshalb lächelt der -Arzt, wenn er mit mir spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaube -dir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das macht mich ja -gesund, wenn es mein Herz glaubt --« - -»Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück. Ich denke, ich darf ihm -schreiben. Es gehen viele in der Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt -er Maria, liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne dich -nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen. Es fiel mir erst -jetzt auf, daß du nie mit einem Worte geklagt hast, du sprichst nie von -dir. Die Leute sagen, du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute -töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild nicht festhalten, -ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn du mir nahe bist, da weiß ich es, da -frage ich nicht danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und -nimm die Angst von meinem Herzen -- Susanna --« - - - - -Drittes Kapitel - - -Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder -öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende -nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet -hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück -fortwährend die Brille. »Welche Freude -- daß sie uns die Ehre schenken -- -an Susannas Ehrentage.« -- Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz -- anders -hatte es Mütterchen nicht getan. »Willkommen« stand darauf und Mütterchen -hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war -immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie -keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein. - -Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen. -Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu -einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein -Sperling kam, die »ewige Braut«. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen. -Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu -gerührt mit dem Kopfe. - -Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und glänzenden Augen und -roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten -soviel wie ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht. Sie -brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht hätten, und füllten -das Zimmer damit an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte -Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen Rosen. Die Schwestern -Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den -Kopf setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände. - -Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg. -Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach -kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein -kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle vergnügt anstarrte. Der -Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war -Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er -sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mädchen kümmerten -sich nicht um ihn. - -Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mütterchens Bett -und schafften es in die Küche. Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch -Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch -herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in -Ordnung und das Fest konnte beginnen. - -Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her -gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das -hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt sich gut und ohne -jede Pause. - -Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten -all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden -Mädchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern, -lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an -seine Schulter. - -Er drückte ihr die Hand. - -Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen plötzlich einen Schrei -aus: Ein bärtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme -sagte: »Guten Tag, allerseits!« Es war der Lehrer. - -Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem Halse. - -Wie kam er doch hierher? »Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe -eben ein Engagement von einem Theater gehabt -- als König Lear zu gastieren --- habe aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hörte!« -Es war ihm glänzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glänzend und -fürstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron -hatte er förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art -Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben. Als ob das so einfach -wäre --! - -Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche -Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals -hatten ihn seine Freunde so fürstlich aufgenommen. Hahaha! - -Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nämlich -tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Gruße hinstreckte. - -»Mein Name ist Pracht!« sagte er. »Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie -zu kennen.« - -»Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine -Hand!« - -Aber Herr Pracht kannte ihn nicht. - -Lenz streckte ihm die Hand hin. - -»Genug, genug!« sagte er und lachte herzlich. »Hier ist meine Hand! Frieden -wollen wir schließen.« - -Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Hätte er gewußt -- - -»Unsinn!« sagte Lenz und lachte. »Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein -Name, Herr Pracht!« - -Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure. - -»Gut!« sagte Lenz und lachte. »Die Herrschaften haben gesehen, daß ich -diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand -hinstreckte und meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins -Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!« - -Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte ihn hinaus durch den -Garten, er öffnete ihm höflich die Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr -Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte. - -Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände und bat die Gesellschaft -wegen der kleinen Störung um Entschuldigung. - -Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit -herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz' ich hier. -- Niemand -konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers, -der Widerhall riesiger Fässer -- alles. Niemand konnte wie er den Wein im -Glase anlächeln, mit einem verliebten gönnerhaften Lächeln, niemand konnte -wie er mit solch königlicher Geste das Glas erheben. - -Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn -Schwestern mit eisernen Nasen -- sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen -und sandten ihn nach Freiern aus -- eine Hexe vollständig aus Eisen -- -niemand könnte diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte -herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig vergessen. Die -Mädchen tranken und ihre Wangen wurden röter, ihre Augen glänzender. Sie -sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore -- -Als ich noch im Flügelkleide -- Der Mai ist gekommen -- Mütterchen hörte -andächtig zu. Als die Fröhlichkeit den Höhepunkt erreicht hatte, sangen -sie: Ich weiß nicht was soll es bedeuten -- - -Auch die »ewige Braut« fühlte sich zu Hause unter den jungen Mädchen, sie -sang indem sie den blondweißen Kopf hin und her auf den Schultern wiegte -und man hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon -zu Ende waren. - -Dann lachte sie. - -Eisenhut sang nicht, aber er lächelte. - -»Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!« rief Adele und sah ihn an. Eisenhut -kam in Verlegenheit. »Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr -unrecht getan,« fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten, »vergeben -Sie mir!« - -Eisenhut sagte: »Ach, das ist ja -- haha -- schon -- so lange her -- wie?« -Später erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im -Süden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es Grau ins -Ohr. - -Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und als die Sonne unterging -blendete sie all den jungen Mädchen ins Gesicht. All die singenden Lippen -und strahlenden Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen blitzten. - -Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief sie ein. - -Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte Grau ein kleines -Paketchen in die Tasche. »Nimm!« sagte sie geheimnisvoll. »Wie soll ich dir -doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich -sie war!« - - - - -Viertes Kapitel - - -In den Häusern zündete man die Lampen an und die Glocken läuteten den Abend -ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straßen war es schon -auffallend dunkel und merkwürdig warm. Kinder lärmten und die Leute standen -vor den Häusern um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man hörte -Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie -des Schlächtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das -Abendessen ein. - -Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lärm und fröhlichem -Lachen auseinander. - -Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg. - -»Wir haben ja den gleichen Weg!« sagte Adele und sie sahen einander an und -nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen -hinauf. Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen -Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse von Blüten und Duft gingen. -Es war schwül hier und dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein. -»Es ist Jasmin.« - -»Ja, es ist Jasmin!« sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke. - -Oben war es kühler. Sie atmeten auf. - -Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es mehr blühende Bäume als -Häuser gab. Aus dem Dunst der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem -Dache lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange -Woge von Blüten, die gegen die Höhe anschäumte. Adele schüttelte den Kopf -und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer. - -»Die Tafeln,« sagte sie, »die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird -gewarnt, Vorsicht Selbstschüsse -- Sie erinnern sich? Was ist doch mit -Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was mußten -Sie sich doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht -behandelte?« - -»Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.« - -»Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt -getrunken und plötzlich kam es über mich. So häßlich war ich an jenem -Abend. Und Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig -fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal -schlecht gegen ihn gehandelt und er hat mir doch einen großen Dienst -erwiesen -- er lieh mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen -Schuldschein haben -- aber ich will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch -noch andre häßliche Bemerkungen gemacht.« Sie sah Grau prüfend an. - -»Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen -wurde,« sagte Grau. - -»Das ist gut,« fuhr Adele fort, sie stockte. »Haben Sie denn Besuch, Herr -Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe,« fragte sie. - -Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es -war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung. - -»Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis,« sagte er. - -»Es ist ein alter Handwerksbursche,« sagte Grau, »der vorläufig hier wohnt. -Er saß eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich -ihn da. Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der -Herberge verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte -ihm doch nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht -wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.« - -»Wie lange wohnt er schon hier?« - -»Drei Wochen. Warum?« - -»Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen -sich selbst mit einem Strohsack?« - -Grau lächelte. »Eine merkwürdige Stadt!« sagte er. Sonst nichts. - -»Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja zum Pfarrhause, es gehört -nicht Ihnen?« - -»Ich werde ein neues Bett kaufen,« sagte Grau. »Sagen Sie der Dame, sie -könne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen -Wöchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das -Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!« -- Adele lachte leise. - -Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele -blickte hinein. Im Hause war ein Flügel beleuchtet und man hörte ein -Klavier. - -»Wir haben Gesellschaft,« sagte sie, »die Offiziere von Weinberg.« Sie sah -zu den hellen Fenstern hinauf und lauschte. »Es ist Mama, die spielt.« Sie -blickte in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und -schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte -sie mit einem Blick auf die hellen Fenster: »Ich habe keine Lust. Kommen -Sie!« - -Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald führte. Es war ein -Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier -ganz dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine schmale blaue -Straße des Himmels und ein früher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder -Laut hinter ihnen und sie waren allein. - -Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewöhnte sich -daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes. - -»Welcher Friede, fühlen Sie!« sagte Grau leise. - -»Ja, hier ist Friede!« sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu -leuchten anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre -Augen, so hell waren sie. »Horchen Sie! Hören Sie das Klavier nicht mehr?« - -»Nein.« - -»Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie -nun, meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja -nichts andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu -Konrad: Konrad, wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie -wartet und wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.« - -»Sollten Sie nicht umkehren?« fragte Grau. - -Adele schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »ich habe keine Lust. Ja, -fühlen Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden -hier fühlen. Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben Sie viel -Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde lügen, würde ich es behaupten. --- Das heißt, es ist ja nicht so schlimm,« fuhr sie mit freierer Stimme -fort, »es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und die jungen -Mädchen heute lachten so viel.« - -Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der Boden -war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln. - -Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt habe, blickte sie zu -ihm her. Er sagte: »Wir gehen wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all -den schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.« - -Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten. - -»Warum sprechen Sie so eigentümlich?« fragte sie. - -»Sprach ich denn eigentümlich?« - -»Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.« - -Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos -dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen -ließen, als beginne es zu tagen. Sie lächelte und sagte: »Aus unseren -Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern sich, daß ich neulich -bei Ihnen anfragte?« - -Er stehe jederzeit zur Verfügung. - -»Ich danke Ihnen aufrichtig,« sagte Adele, »aber der Baron sieht es nicht -gerne, mein Bräutigam. Ich weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die -Leute könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehört, daß -eine Dame Orgel spielte. Wüßte er, daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er -nichts dagegen, nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er hält -viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er -will nicht, daß die Leute über mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen -gelernt? Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?« - -»Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.« - -»Schade!« sagte Adele. »Ich wünschte, Sie hätten mit ihm gesprochen, er ist -sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er -liebt es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht den Eindruck -bekommen, daß er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er könnte -zum Beispiel nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem -Leben -- aber er ist --. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden -Wunsch von den Augen ab.« - -»Sie werden ja nun bald heiraten?« - -»Ja.« Adele blickte auf den Weg. »Er, der Baron, drängt sehr. Auch fühlt -sich Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr -- obgleich ich den -Baron von ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer Eigenschaften, -Sie würden das bald herausfinden -- nun hört der Wald auf -- lassen Sie uns -nicht von diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an? - -Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hören, Herr -Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie -auf dem Ball begannen?« - -»Gerne.« - -Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe lag im Dämmerlichte vor -ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige -Lichter flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von -Laternen wie der Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und -einige matte Sterne schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang -und kamen an eine Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie -ging weiter. - -»Jene Frau und ich,« begann Grau, »gingen über die Heide, es war graue -Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, -es war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören ist. -Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so wie sie ist, wenn der Morgen -nahe ist, sie war gewürzt von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide -blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte -Ähnlichkeit haben, und ich. Alles war wie ein Schatten und wir selbst -schienen Schatten zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es standen -viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten nicht. Plötzlich begann es zu -sausen über unseren Häuptern und ein Heer von Sternschnuppen, ein -ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel und -verschwand hinter dem Horizonte. Es waren Milliarden von Sternschnuppen, -der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals -so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an meiner Seite -- und -wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal -dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein. Endlich -hörte er auf und die letzten Funken versprühten am Horizonte. Mein Herz -schlug heftig, ja, es schlägt jetzt sogar bei der Erinnerung an dieses -schöne Schauspiel, das schöner war, als alles was ich im Wachen und im -Traum gesehen habe.« - -»Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel -es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.« - -»Und weiter?« fragte Adele. - -»Wir wanderten zusammen,« fuhr Grau fort, »und es schien als wanderten wir -eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte -mich glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach sehr gütig zu -mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, daß -sie sehr gütig zu mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der -Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich sie, niemals hatte ich -die sanfte Hand einer Frau auf meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da -fühlte ich es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide und mein Herz -war fröhlich. Wir unterhielten uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte -keine Schwierigkeiten damit, ich verstand, ich sprach --« - -»So ist es im Traume.« - -»Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und wir konnten unsere Schritte -nicht hören -- wie jetzt, da wir über die Wiesen gehen. In der Heide -blühten Blumen. Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze -Heide war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben. -Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber -in jedem dieser Kelche lebte -- so schien es -- ein Lichtgeisterchen, die -Lichtgeisterchen umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem Blütenrande, sie -wirbelten hin und her. Plötzlich sah ich die ganze Luft von solchen -Geisterchen erfüllt, die auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur -Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft --« Grau -erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles Arm legte und in die Luft -deutete, als sei sie erfüllt von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an -- »sieh -doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen, daß du -ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender. Weißt du denn -nicht, daß jeder Hauch der Luft erfüllt ist von Wesen? -- Wir mußten einen -schmalen Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen, daß sich -über den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie -schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen -Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie -merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich berückend auf das -Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die -Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an. Sie -kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu müssen, ein Geisterchen -streifte meine Wange, ein anderes saß einen Augenblick lang auf meiner -Lippe.« - -»Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte, -erschütterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang -unheimlich, er klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich -zitterte, denn ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer -Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an -meiner Seite, aber sie sprach gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige -zitternde Gespenster, nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer Leben. -Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern Wesen.« - -»Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, daß ich -einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen -sähe ich nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle überaus klug -und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, daß es bei -jedem kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch. -Weshalb lebst du, weißt du es? -- Welche Angst hatte ich doch zu antworten! -Ich lebe um meine Seele zur Harmonie und Schönheit zu entfalten, sagte ich. -Die Frau lächelte. Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich -vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und Wahrheit und -Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Das ist ja -alles so nebensächlich, sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um -mich zu wundern? -- Da faßte sie meinen Arm und sagte: Verhülle dein -Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie rasch die Hände auf das Gesicht legte -und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise -Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen Ton, der -wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich -erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.« - -»Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewöhnliche Heide und ich -erkannte die Kühle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es -ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist -vorüber. Leben Sie wohl. -- Sie sprach wie eine Fremde. - -Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut. - -Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand ganz nahe. - -Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt. -Leben Sie wohl. - -Leben Sie wohl. - -Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und sah mich an. Leben Sie -wohl, flüsterte sie, bis wir uns wiedersehen! - -Leben Sie wohl. - -Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke? -Nein? Leben Sie wohl. -- Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und -bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin. Ich stand in der -Heide und blickte ringsum. -- Das ist der ganze Traum,« schloß Grau. - -Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam! Welch ein schöner -Traum! »Vielleicht haben Sie im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir -in Wirklichkeit nicht sehen können? Wie seltsam!« Sie standen am Gitter des -Parkes. - -Nach einer Weile sagte sie: »Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte: -Sie wissen nicht, was ich denke?« - -Grau lächelte. »Wie kann ich es wissen?« - -Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter, indem sie rückwärts ging. -»Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, -ob sie nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte -sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?« Adele lächelte. - -»Welch ein Gedanke!« sagt Grau erstaunt und verwirrt. - -Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber -eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr? »Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr -Grau. Leben Sie wohl!« Adele nickte. - -Grau zog den Hut: »Leben Sie wohl, Fräulein von Hennenbach.« - -Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt. - -»Leben Sie wohl,« wiederholte sie und sie sahen einander lange an. - -Grau schwindelte. »Gute Nacht und Dank für den Abend!« sagte er mechanisch. - -Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. »Leben Sie wohl --- bis wir uns wiedersehen!« sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne -schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. -- -- -- -- - -Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der -Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand. - -Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch -offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte -den Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht -alles! - -Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten -stand ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen -blühenden Bäumen im Lande. - -Wußte sie denn das? - -Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl --- bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen -wie jene Frau im Traum? - -Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser -flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des -Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte -erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die -Höhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht -durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte -er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel -ihn, er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch -er die Kräuter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem -innern Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem -Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da -sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu -flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen -Kopf an meine Schulter, flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal. - -Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park. - -»Ich werde ja schweigen,« sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort -zu flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal -- - -Er lauschte und lächelte. »Ja, ja!« sagte er. - -Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft -war feuchtwarm, duftend und so stark, daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge -weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte -ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam -Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich -auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm -zugesteckt hatte. - -Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin. - - - - -Fünftes Kapitel - - -Der Himmel wurde höher und blauer, die Wolken weißer und schwebender, im -Garten schrien die jungen Stare. - -Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, denn sie sollte Kräfte zur Reise -sammeln. Ihre Augen glänzten in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre -Wangen füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand, sie sah -blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so schwarz und ihre Augen so -groß. Sie wurde schöner, alle waren überrascht, die sie sahen. - -Aber ihre Stimme verfiel. Sie konnte nicht mehr in ihrer hohen singenden -Stimme sprechen. Sie sprach leise und heiser und war kaum zu verstehen. - -Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher und Pfeifen der Stare. Sie -lächelte, wenn die Starenmutter geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und -all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare in dem runden Loch des -Kobels erschienen und ein kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben. - -»Hörst du?« sagte sie leise und heiser. »Wie glücklich diese Vögelchen -sind! Hätte ich es mir denn träumen lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen -der Stare hören werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen, wenn das -erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist. Ich liege hier und denke, wie -herrlich, wie rührend ist es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch -ganz grau auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen. Dann färbt -sich der Himmel und ich rieche das Gras und die Bäche. Und ich kann es kaum -erwarten bis es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du die Knospen -gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In ein paar Wochen, da wird alles -blühen. Auch der Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und -traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Flieder blühen sehen und -diese Luft einatmen, die dann sein wird! Diese Luft, die so schwer von Duft -ist, daß sie sich kaum bewegen kann!« - -Ihre Augen leuchteten und sie lächelte. - -Geduld, Geduld! süße Susanna. - -Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie hatte die Augen halb -geöffnet, aber es schien als ob sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie -sprach kein Wort, lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust. -Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier um ihren Geist. - -Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte sie, sie öffnete die -Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte sich der Himmel wieder, so -verdunkelte sich auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne -Bewegung und ohne Wunsch. - -Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche sprach Lenz, fast ohne -Pause. Es war ihm ganz einerlei mit wem er sprach und wovon, wenn er nur -sprechen konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst: Da wären wir -glücklich, alter Knabe, da wären wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und -den alten Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und wir stechen in -das hohe Meer des Lebens hinaus -- prosit! Ein schwarzer Panther in einer -Küche -- haha -- bei Hühnern -- hole mich der Teufel! Er erzählte sich -selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser. Er kam selten -ins Zimmer und immer nur auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte -Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihn Eisenhut, der gegenwärtig -einen kleinen Rückfall hatte und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon -wieder die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus. - -Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen. Eisenhut kam aus der -Küche, mit gerötetem unrasierten Gesichte, blinzelnd und in guter Laune, -ein wenig unsicher in seinen Bewegungen. »Nun, wie geht es? Vorzüglich, -natürlich, hähä -- wie zwei Turteltäubchen, ja --« - -»Nein,« sagte Susanna leise und heiser, »es geht nicht gut.« Sie gab sich -alle Mühe zu sprechen, aber man hörte kaum was sie sagte. »Setzen Sie sich -hierher ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen. Ganz nahe, -ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach, Richard, mein Freund, du sollst dich -einstweilen auf den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut. Ich wollte -Ihnen danken, Herr Eisenhut!« - -Eisenhut ertrug ihren Blick nicht. Er blinzelte, stammelte etwas; es sei -doch nicht der Rede wert. - -»Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut!« sagte Susanna und faßte -Eisenhuts Hand. »Viel Gutes haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre -wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen wären?« - -Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es aussah, als beginne er zu -weinen, aber er lächelte. »Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts, -gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also bitte recht sehr, -behalten Sie den Dank für sich. Nein, lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe -gedacht, dieses Mütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau hat -nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für billiges Geld tun. So habe -ich gerechnet, genau so. Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür -sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist alles, was ich getan -habe. Und dann habe ich zuletzt monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier -haben sie alles zusammen, fertig!« - -Susanna lächelte. »Aber die Wohnung? Sie vergessen ja ganz die Wohnung. -Nun? Nein, Herr Eisenhut, Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr, -Mütterchen reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen, beim -Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und die Schulden wuchsen und -wuchsen und Mütterchen verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich -doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist so gut, das ist wahr, -sagte Mütterchen und nahm all ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja, -Sie wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen eben doch die -zwanzig Mark auf dem Küchentisch und Sie haben kein Wort weiter gesagt, so -sind Sie! So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie lieber Freund --- ja, so nenne ich Sie -- und Mütterchen spricht so oft von Ihnen und -dankt Ihnen jeden Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie -nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie geht hinaus um die -Türklinke abzureiben, wenn Sie kommen, damit Sie sich nicht die Hände -staubig machen.« - -»Eisenhut!« sagte die Baßstimme des Lehrers an der Küchentüre; er klopfte -ungeduldig und schob den bärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt. -Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm auch ein Gedanke wie -ein Blitz durch den Hirnschädel gefahren, eine geniale Idee, die das -Weltenbild total umforme -- - -»Sofort,« sagte Eisenhut, »ich habe einige Worte mit Susanna zu sprechen.« - -»Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich warten, drei Tage und drei -Nächte, ohne zu murren,« sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann -einstweilen ein Lied zu brummen. - -»Haben Sie mir alles gesagt, Susanna?« - -Nein, es sei erst die Einleitung. »Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges. -Das Allerwichtigste, das es für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es -nicht erraten?« - -Eisenhut versank in tiefes Nachdenken und lauschte auf das Lied, das der -Lehrer in der Küche brummte: Es war einmal ein König, der hatt' einen -großen Floh -- - -»Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erraten können,« antwortete -Eisenhut, der mühsam seine Ungeduld verbarg. - -»Es ist so schwer, es zu sagen!« flüsterte Susanna und streichelte -Eisenhuts Hand. Sie streichelte die ganze Hand und dann jeden einzelnen -Finger. »Nun?« fragte sie und blickte ihn mit feuchten, pechschwarzen Augen -an. - -Nein, niemals könne er es erraten. - -»Wir knicken und ersticken -- doch gleich, wenn einer sticht --« brummte -Lenz in der Küche. »Bravo, bravo, das war schön! -- So soll es jedem Floh -ergehn!« - -Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hände und liebkoste sie auf beiden -Seiten. Es handele sich um Mütterchen. »Seien Sie gut zu Mütterchen,« -flüsterte sie. - -Eisenhut nickte. - -Und Susanna fuhr flüsternd fort: »Mütterchen darf es nie erfahren, daß ich -Sie darum gebeten habe, und auch Sie müssen verzeihen, daß ich es tat, -lieber, guter Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mütterchen kann nicht -sprechen, sie kann nicht bitten. Sie kann nur hungern, leiden und in ihre -Schürze weinen. Und Sie, ach, auch Sie, Herr Eisenhut, Sie sind ja gut, -aber Sie wissen gar nie, wo es einem fehlt und wie Sie ihm helfen könnten. -Was soll aus Mütterchen werden, wenn Sie ihr nicht etwas helfen?« - -Grau sagte leise: »Mütterchen soll es gut haben. Dafür werden wir beide -sorgen. Und du, sobald es besser geht --« - -Das wisse sie, das beruhige sie. »Aber nun, wenn Herrn Eisenhuts Mutter -stirbt -- wir setzen den Fall, wolle sie noch recht lange leben, -- ja -- -aber wir setzen den Fall -- was dann?« Sie habe nun gedacht, Herr Eisenhut -habe ja doch ihre Reise nach dem Süden bezahlen wollen -- das sei ja so -fraglich, ob sie reise -- ob er nicht das Geld vielleicht -- - -In der Küche brummte der Lehrer -- ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, als -hätte sie Lieb' im Leibe. -- Als hätte sie Lieb' im Leibe, wiederholte er -im tiefsten Baß. - -Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze Leben auszusetzen. -»Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.« - -Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen und küßte sie -inbrünstig, wobei sie die Augen schloß. - -»Ja, nun ist alles gut!« sagte sie und nickte und lächelte. -- - -Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße von Blumen mit, süße Weine -und Kuchen. Sie kamen herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen -und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten, sprachen mit -gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein paar Minuten da waren, sprachen sie -laut und lachten und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge, -Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht werden -- - -»Ja?« Susanna lachte und hustete. »Viel Vergnügen,« sagte sie und lachte -wieder und hustete mehr. »Recht viel Vergnügen!« - -»Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!« - -Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten beide. - -»Komme zu mir, Adele,« sagte Susanna. »Laß mich dein Kleid befühlen. Wie -fein ist der Stoff, so zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie -fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine Hand blicke -- siehst -du, Adele, warum ist Unfriede in deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand. -So viel Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und was schadet -es? Nicht wahr? Großer Unfriede, das ist das Leben und großer Friede, das -ist das Leben. Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert. -Aber vielleicht -- wer weiß es denn! -- vielleicht ist es auch schön, im -Grase zu liegen, zufrieden zu sein und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es -ist auch schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur zu leben. -Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest! Es ist die Luft, es ist der -Frühling und so jung bist du, das ist es auch!« - -»Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr guten Herzen! Wißt ihr -was schön ist? Es ist schön euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in -Arm zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst, und sie singen in den -Weinbergen, dann kommt der Winter und sie spielen in hellen Zimmern und -tanzen, dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter, -der Frühling wieder, und wieder singen sie in den Weinbergen: Und ihr -werdet leben! Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines Klara und -deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so ansehe, dir wird es ja nicht so -leicht werden, ich fühle es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht -werden, vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet euch in -Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm Kopfe sehen als schwarze -Schleier. Schmerzen werdet ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben, -nicht? Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr -- das ist der -Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und ich wünsche es so. Und wenn ich es -verhindern kann, daß euer Kindchen stirbt -- wenn ich da etwas vermag -- -nichts soll mir zuviel sein -- oh, ihr Guten -- so schön wird es sein, wenn -ein Mann euch liebt -- ich weiß es ja wohl und auch Adele weiß es -- seht, -sie wird rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele -- schön wird es sein, -all die Geheimnisse, wie schön -- und euere Kinder! Denn sicher werdet ihr -Kinder haben, werdet sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und -schlafen legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen, die -Sonne wird scheinen und ihr werdet froh sein im Herzen. Ihr werdet -fortgehen, hinaus und viele neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und -Sitten, Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen, hatte nie -Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr sehen. Da wird ein großer, -heller Saal sein und alle kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei. -Ich wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke werdet ihr -sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne und kluge Bücher -- ja, möge es so -sein, möge es so sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt, -heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören. Ich wünsche es! -Ich wünsche es! Möge es so sein!« - -»Nun Susanna, bald wirst du reisen und ebenfalls viel Schönes erleben.« - -Susanna lächelte und sah mit eigentümlichen Augen auf die Freundinnen. - -»Ja,« sagte sie, »wie recht sie doch hat! Bald werde ich reisen, aber ich -weiß nicht wohin. Du nimmst ein Billet nach Genf, du setzt dich in den Zug -und steigst aus und bist in Genf. Aber ich werde nicht wissen, wo ich -aussteige.« - -Niemand wagte zu sprechen, so eigentümlich klang das, was Susanna sagte. - -»Drum adieu!« fuhr Susanna fort und im Augenblick hatte sie sich im Bette -aufgerichtet. »Drum adieu, adieu!« - -Sie winkte mit beiden Händen den Freundinnen zu, die Hände bewegten sich -matt in den Gelenken. - -»Drum adieu, adieu!« sagte Susanna und lächelte und ihre Stimme klang, als -sänge sie. »Drum adieu, adieu?« wiederholte sie und winkte hinaus zum -Fenster und hinauf zum blauen Himmel. - -»Sagt allen Leuten, die ich kenne, adieu!« - -Klara und Maria hatten Tränen in den Augen, Adele zog die Brauen zusammen -und lächelte voller Pein. - -»Aber Susanna --« begann Klara. - -Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab. - -»Ich weiß es nun,« sagte sie und lächelte, »ich weiß es nun ganz bestimmt. -Mit der Reise nach dem Süden ist es nichts, ich habe auch nie recht daran -geglaubt, es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da erwachte ich -und siehe da, wie schön waren doch die Sterne! Wie schön und ich mußte -weinen, denn ich sah drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so -friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete das Fenster und sah ein -Kind im Garten stehen. Wie kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte -mich nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das Kind hatte lange -Beine, dünne hübsche Beine, es war ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das -Kind hatte gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond. Es -stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die Knospen. Ich sah ihm zu -und dachte, was tut es? Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau, -Pfefferminzkraut und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so deutlich und -freute mich so sehr, bald wird er blühen. Nun, das Kind stand und hauchte -auf die Rosenknospe, auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann kam es -auf mich zu und ich sah, daß es wirklich silberblonde Löckchen hatte. Es -sah mich an mit hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den Kopf -neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen von acht Jahren es tut. Dann -verschwand es und ich blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen -sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei. Ja, sagte ich, ohne -hinzusehen, die oberste Rose des Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen -und sie wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.« - -Susanna schwieg und lächelte. - -»Wie sonderbar der Traum ist!« sagte Maria zu Adele. - -Susanna schüttelte den Kopf. »Es ist ja gar kein Traum, es ist ja -Wirklichkeit,« sagte sie, sonst nichts. - -»Wir müssen jetzt gehen.« - -»Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche ich euch, ihr lieben -Menschen. Ja, so viel Glück sollt ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich -ungerecht und launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du mir, -Adele!« - -»Ach, Susanna --« - -»Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneidete ich, weil sie -reich und vornehm und schön ist. Ich wünschte in meinem Herzen, es möge -euch recht schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit ihr fühlt -wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich euch ja Glück! Hört ihr es denn -nicht?« - -Sie sah Adele tief an. »Du bist mir so fremd!« sagte sie zögernd. »Und erst -seit einigen Tagen verstehe ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht -glücklich. Du bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut dich -nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen Augen deiner -Zukunft entgegen. Glück, Glück sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht -zu stolz warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen. Glück! Glück!« - -Adele küßte Susannas Hände. - -»O, wie gut du bist!« seufzte Susanna. »Ja, denkt alle nicht mehr an das -Böse, das ich euch zufügte.« - -Niemals habe sie ihnen Böses zugefügt. - -»In Gedanken! In Gedanken fügen wir einander ja alle Böses zu. Und auch ich -tat es. Gerade in den letzten Tagen habe ich einen bösen Gedanken gehabt. -Ich habe gedacht, ja, auch sie werden einmal sterben müssen, auch sie. Nun -sind sie jung und schön, aber einmal wird es auch an sie kommen. Das habe -ich gedacht und es tat so gut das zu denken. Ich freute mich darüber -- -haha -- ich habe gelacht dabei -- auch sie, auch sie, alle, alle, alle -werden sterben müssen! Vergebt mir! Lebt wohl, Lebt wohl!« - -Die Freundinnen küßten ihr die Hand, Maria weinte in das Taschentuch. - -»Wie lieb sie mich haben, die guten Geschöpfe, sieh nur!« sagte Susanna zu -Mütterchen, die mit einem Glase aus der Küche kam. Und sie drückte die -Fingerspitzen in die Wangen und ihre Augen wurden noch größer und -strahlender. - -»Da gehen sie dahin!« sagte sie und blickte den Freundinnen nach, die in -hellen Kleidern durch die sonnige Wiese gingen. - -»Lebt wohl!« - - - - -Sechstes Kapitel - - -Lebe wohl, mein Geliebter! - -Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen, lebe wohl! Die -Blätter, die Halme, die Blumen, lebet wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr -Wolken am Himmel, lebet wohl! - -Susanna lag in den Kissen und ihre Augen wanderten hin und her, sie konnte -nicht mehr sprechen, ihre Stimme war erloschen, aber ihre Augen sprachen. - -So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum und selbst Lenz -dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten und in der Ferne schlug ein -Fink, immerzu, vom Morgen bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen, -oft war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als zittere eine -Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten sich in der Ferne vorbei und -ein hohles dumpfes Echo rollte lange im Tal. - -Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtig aus, in den letzten Wochen -hatte er nicht mehr regelmäßig geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein -Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen waren rot. - -Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man das Ohr an ihren Mund -hielt, verstand man mühsam, was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu -sagen. - -Sie sagte: »Heute nacht habe ich geträumt, ich ging im Walde, wie herrlich -dunkel war es da! Grüne Dämmerung! Und alle Bäume waren so alt und standen -regungslos da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen und ich -fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte am Boden wie ein Baum. -Ich konnte kaum mehr atmen. Es war schön!« - -Das war alles was sie an einem Tage sagte. - -Sie sagte: »Wenn ich auf der Bank auf der Höhe saß und von dem Großen und -Seltenen träumte, das kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann -sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest: Haben Sie nicht -auch von Liebe geträumt? Aber wie hätte ich denn das sagen können! Nicht? -Und ich habe gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind -- denn sie -sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt und zu Adele sagtest du, ich -habe Hände wie eine Japanerin. Das hat mich so glücklich gemacht!« Sie -lächelte, aber es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige, -denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu zittern. Sie fuhr -fort: »Denn was ein Mensch Schönes an sich hat, das möchte er entdeckt und -bewundert haben von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schön und -gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön und gut gefunden haben. -Ist es nicht so? Das würde ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich -Mühe geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist doch der Mensch! -Je mehr ich über des Menschen Herz nachdenke, desto wunderlicher erscheint -es mir. Wer könnte es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es -betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun, so hat es sich -schon wieder verändert. Es lebt in uns wie ein fremder Gast in einem Hause, -den man nie zu sehen bekommt.« - -Sie lag still und lauschte. »Vater spricht!« sagte sie mit den Lippen ohne -Laut. - -»So empfindlich bist du geworden, Eisenhut!« sagte Lenz mit gedämpftem Baß -in der Küche draußen. »Wie du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in -Heuschobern und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen -- -haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir können ja auch in Gasthäusern -schlafen, in seidenen Betten. Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst -oder nicht, das hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so und -so -- aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen guten Einfall, einen -Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb trinke. Morgen lichten wir die -Anker, Eisenhut, mitzunehmen brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen. -Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben. Die Menschen sind schön -für einen Tag, zwei Tage, deshalb immerzu vorwärts, am dritten Tage werden -sie ja doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten -angenommen, obgleich sie eine Deputation in die Scheune schickten, wo ich -schlief, wie? Nicht um eine Million Jahresgehalt, mein Freund!« - -»Hähä -- für tausend Mark, für fünfhundert, für zweihundert,« sagte -Eisenhut kichernd. - -»Nicht für eine Milliarde!« entgegnete Lenz und schlug auf den Tisch. - -»Pst, pst --« sagte Mütterchen. - -»Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun -- die Gegend war ja schön -- Wein, -Obst, schöne Mädchen -- aber nicht für eine Milliarde --« - -Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und ihre Augen füllten sich mit -Angst. - -»Sieh mich an,« sagte Grau und sie wandte ihm den Blick zu. - -Grau lächelte. »Du hast recht, Susanna, wunderlich ist des Menschen Herz, -ich will dir eine Geschichte erzählen -- laß mich nur besinnen auf den -Anfang und sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen Augen -zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern -- ja, eine Geschichte von einer -alten Frau, ein Mann hat sie mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber -sieh mich doch an und gib mir auch die Hand, so -- es ist die Geschichte -von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig Kindern. Haha, du lächelst, -Susanna! Es ist aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der Mann, -der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser Frau, da sie siebzig -Jahre alt war, er kannte die Schicksale von all den zweiundzwanzig Kindern. -Es waren recht wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man sagen; -und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frau sprach immerzu, vom -Morgen bis zum Abend von ihren zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber -sprach die Frau von ihrem Sohne -- wie hieß er doch -- Haffis, es ist ja -nebensächlich, also Haffis -- denn Haffis war ihr Lieblingssohn. Sie -erzählte von Haffis und es war anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe -dieser Haffis doch war! -- Wie schön, wie stark, wie kräftig und kühn er -doch war! Doch all das, diese Schönheit, Kühnheit, Stärke des Knaben, wer -hätte annehmen können, daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe -zum Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige Greisin, sprach -mit Feuer in den Augen von ihm, sie sprach von ihm wie von einem Gott, der -auf die Erde herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen Pferde drei -Menschenleben lang in der Welt herumreiten, ohne wieder solch einen -Jüngling wie Haffis zu finden. So schön, so stark, so kühn! Sie, die -Mutter, hörte es mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern -ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten und seufzten vor -unsinniger Liebe.« - -»Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu Pferde saß!« - -»Nun, wie ging er denn?« fragte der Fremde, dem die Greisin von ihrem Sohne -vorschwärmte, »ging er so, ging er so?« Und der Fremde ging so stolz und -herrisch wie nur möglich. - -»Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen Kopf.« - -»Niemals wirst du es fertig bringen zu gehen wie Haffis ging. Haffis ging -wie der Hengst des Scheichs.« - -»Nun, er, der Fremde, versuchte zu gehen wie der Hengst des Scheichs, aber -es war doch nicht das richtige. Die Mutter lachte ganz einfach. Dem Hengst -fehlen ja Nacken und Mähne! Niemals konnte der Fremde so gehen wie Haffis -ging, das war ja selbstverständlich.« - -»Es ist ganz natürlich, daß sich das Leben eines solchen Jünglings -besonders glänzend gestaltete, nicht wahr? Haffis Leben gestaltete sich -ganz wunderbar. Nämlich, das Auge des Scheichs fiel auf Haffis und er nahm -ihn an den Hof. Haffis schlug Schlachten und warf die Feinde nieder. In der -Heimat aber weinten sich die Mädchen die Augen blind und viele -- das ist -Tatsache, Susanna -- viele sind aus Kummer und Sehnsucht gestorben. Die -Mutter hörte in Gesängen die Taten des Sohnes preisen. Einmal sprengte ein -Bote vor ihre Hütte, brachte Grüße und Geschenke und jagte wieder von -dannen. Er durfte ja keine Minute versäumen, wenn er nicht seinen Kopf -verlieren wollte. Am vierten Vollmond zieht dein Sohn hier vorbei, sagte -der Bote, und am vierten Vollmond zog Haffis, der Gefürchtete, der -Herrliche, der Göttliche, vorüber. Endlos war die Zahl seiner Kamele und -Pferde und Frauen und Diener und seiner Lasten von Seide und Gold und -Geschmeide. Das kann ich ja gar nicht schildern, Susanna, kein Mensch kann -es, du mußt dir das selbst ausmalen. Der Zug reichte gerade von dem Punkte, -wo die Sonne aus der Steppe steigt, bis zu dem Punkte, wo die Sonne in die -Erde sinkt. An der Spitze ritt Haffis in Seide und Edelsteinen, er funkelte -wie die Sonne. Haffis war ein dankbarer Sohn. Er sprang vom Pferde, küßte -den Boden vor den Füßen der Mutter und sprang wieder in den Sattel und -schon war er verschwunden.« - -»Die greise Mutter konnte tagelang erzählen von der Pracht der Tiere und -Geschmeide und Waffen, von der Schönheit der Frauen, die sich auf den -Kamelen schaukelten. Sie berauschte sich noch in der Erinnerung an dem -Anblick der Karawane.« - -»Nun sollte man glauben, daß das genug sei? Aber nein. Haffis wuchs und -wuchs und der Scheich gab ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Sänger zogen -umher und feierten ihn in Liedern. Er würde Scheich werden.« - -»Wochen und Monate hindurch hat die Mutter dem Fremden von Haffis erzählt -und die Zahl seiner Frauen und Diener wuchs ins Unglaubliche.« - -»Aber nun ist die Geschichte bald zu Ende. Denn die alte Mutter sollte -sterben.« - -»Sie lag da und der Fremde wußte, daß es für sie keine Rettung mehr gab. -Wie merkwürdig aber war es doch: Die alte Mutter, die sterbende alte -Mutter, sie sprach mit keiner Silbe mehr von all den andern einundzwanzig -Kindern -- wieder lächelst du, Susanna! -- sie sprach nur noch von Haffis, -dem Lieblingssohne, seiner Schönheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und -seinem Ruhme. Wieder und wieder!« - -»Dann kam der Tod und machte die Mutter fahl. Aber sie hatte noch etwas zu -sagen, bevor sie starb. Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flüsterte: -Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Fluß. -- Und sie verfluchte den -Fluß und starb.« - -»So wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna!« - -Susanna lag still und blickte auf ein Stückchen Sonne, das auf dem -Fensterbrett lag. Die jungen Stare schrien und sie erschrak. Wieder begann -sie am ganzen Körper zu zittern und die Angst erfüllte wiederum ihre Augen. - -Grau lächelte und nahm ihre Hand. »Willst du mich nicht anblicken, Susanna? -Nun geht die Sonne unter und deine Augen bekommen einen kupfernen Glanz. -Ja, wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklärlich tief und -wundersam ist es in uns verborgen. Schlummern nicht unendliche Schönheiten -darin? Träume, Gefühle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir -nicht kennen, Ahnungen, deren Ziel uns unbekannt ist? Zuweilen ist das -Menschenherz wie eine Orgel, es braust und singt in uns, zuweilen wie ein -Dichter, es dichtet in uns, zuweilen wie ein erzürnter gütiger Prediger, es -ruft, ruft. So tief und wundervoll ist es. -- Nun will ich dir die -Geschichte von einem Trinker erzählen, er trank schrecklich und machte alle -unglücklich, seine Familie, aber was für ein Herz hatte er doch! Du sollst -es hören!« - -Eisenhut klopfte draußen auf den Tisch und fand irgend etwas ganz -unmöglich, unfaßbar und unbegreiflich! - -»Wir schneiden mit dieser Maschine deine Steine wie Butter!« sagte Lenz und -lachte. »Wie Butter! Ich habe diese Maschine extra für dich erfunden, -Eisenhut. Ja, es war mir eine Freude, sie für dich zu erfinden. Ich tue das -gern. Der Frau eines Gärtners -- eines Freundes von mir, ich habe Freunde -in allen Berufsklassen -- habe ich einen Kinderwagen erfunden, der eine -Gummibadewanne enthält -- Kinderwagen, Badewanne, fahrbare Badewanne in -einem Stück also. Ich liebe das und bin auch meinen Freunden gerne -nützlich. Für dich habe ich diese Maschine erfunden, Eisenhut, wir stecken -die Hände in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet. Deine Arbeiter -können Karten spielen oder sich die Schädel einschlagen zur Unterhaltung ---« - -»Ja, zum Teufel -- eine Maschine -- wer sollte das verstehen -- -unbegreiflich ist das!« Eisenhut meckerte belustigt. - -»Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brücke. Hier hast du eine -Kreissäge -- Hebel auf! -- Der Dampf fährt hinein und die Kreissäge -- vier -Meter Durchmesser -- schneidet den Stein. Die Brücke steigt in die Höhe, -sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissäge wagerecht -- auf diese -Weise schneiden wir deine zwölf Steinbrüche wie Butter -- wie Butter --« - -»Ausgezeichnet -- unglaublich, aber ausgezeichnet!« - -Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzückt über seine Maschine. - -»Wie schön!« sagte Susanna, als Grau die Geschichte von dem Trinker erzählt -hatte. - -Sie lächelte und drückte Grau die Hand. - -»Beuge dein Ohr -- so -- sage mir und verzeihe die Frage, ich weiß ja -nicht, ob ich alles fragen darf?« - -»Alles, alles, Susanna!« - -»Wirklich alles, alles?« - -»Ja!« - -Susanna blickte Grau lange an. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich sage es -nicht -- doch ich frage es -- ich frage nur -- du sollst nicht antworten, -hörst du! Würdest du mir versprechen -- du sollst es ja nicht tun -- ich -frage bloß -- würdest du mir versprechen, kein Mädchen nach mir zu küssen? -Würdest du? Ich frage bloß, du versprichst ja nichts.« - -»Ich würde es dir versprechen, Susanna, meine Freundin!« - -»Wenn ich -- es nun sagte?« - -»Sage es, meine Geliebte!« - -»Willst du mir versprechen -- nein, nein, nein, laß es mich nicht sagen -- -nein, es macht mich glücklich, zu denken -- nein. Vielleicht werde ich es -ja doch tun? Aber nein, nicht dies. Ich wollte ja gar nicht dies fragen. -Ich darf doch fragen was ich will, du hast es gesagt. Hast du?« - -»Ja, Susanna!« - -»So sage mir -- wieviele Mädchen hast du schon geküßt? Nun?« - -Grau lächelte. - -Susanna lächelte und küßte flüchtig seine Hand. »Auf den Mund, wieviele? -Fünf, sechs?« - -Grau schüttelte den Kopf. Mehr? »Nein,« sagte Grau lächelnd. - -»Dann waren es wohl vier? Nicht? Dann waren es wohl drei? Ist auch das noch -zuviel?« - -Grau lächelte und Susanna wartete lange. - -»Zwei?« - -Grau schüttelte den Kopf. - -»Eine!« - -»Du hättest nicht fragen sollen,« sagte Grau. - -»Außer mir noch eine?« - -Grau schüttelte den Kopf. Er errötete. »Warum hast du doch gefragt? Ich -habe ja nie Gelegenheit gehabt, ein Mädchen näher kennen zu lernen. Ich -sage ja nicht, daß ich nicht gewünscht habe, das oder jenes Mädchen zu -küssen. Aber ich bin ihnen ja nicht näher gekommen -- warum hast du doch -nur gefragt!« Susanna blickte ihn mit strahlenden und erstaunten Augen an. -Ihr Blick veränderte sich seitdem nicht mehr, so oft sie ihn ansah. -Häufiger als sonst zog sie Graus Hand an die Lippen. - -Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte: »Ich liebe dich. Du bist -mein, bist du?« - -»Ja,« antwortete Grau. - -Susanna hustete ein wenig, sie errötete und ihre Augen flammten. - -»So versprich mir, zu keiner Frau mehr von Liebe zu reden!« - -Grau zögerte nicht. Er versprach. - -»Oh, oh!« rief Susanna aus und warf sich in die Kissen und weinte. - -Grau verstand sie nicht. - -Lenz und Eisenhut lachten draußen in der Küche. - -Mütterchen kam ins Zimmer und sagte: »Höre, wie sie lachen! Nun will er -Klatschbase schlachten, für heute abend!« - -Lenz wurde in den nächsten Tagen schweigsam. Er streckte sich, trieb sich -herum, er blickte den ziehenden Wolken nach. Er reiste ab. Mütterchen hatte -ihm den Rock zurecht geflickt und ein kleines Ränzchen gepackt. - -»Nun denn, adieu!« sagte Lenz laut und fröhlich zu Susanna. »Adieu, meine -prächtige Susanna, meine Freunde erwarten mich! Ich bin diesmal lange -dageblieben. Adieu und sieh, daß du bald ganz gesund wirst, mein schönes, -herrliches Mädchen!« - -Er ging. Mütterchen weinte den ganzen Tag. -- - -Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie saß in der Laube an der Mauer -und stickte. Sie sprachen von Susanna. Ja, es gehe zu Ende jetzt. - -Adele sagte: »Ich gehe zuweilen des Abends oben auf der Höhe, die Abende -sind so schön.« - -»Ja,« sagte Grau. - -»Sie sind ja gegenwärtig so sehr in Anspruch genommen, nicht wahr. Aber ich -würde gerne wieder mit Ihnen sprechen. Heute abend?« - -Sie gingen zusammen auf der Höhe, bis der Mond aufging. Sie sprachen fast -nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. - -Aber als sie sich trennten, sahen sie einander in die Augen. - -Plötzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna gegeben hatte, und -er erbleichte so sehr, daß Adele es gewahrte. - -»Weshalb sind Sie plötzlich so bleich geworden?« fragte sie. - -»Es ist nichts. Gute Nacht.« - -»Gute Nacht, Herr Grau.« -- - -Am andern Tage starb Susanna. - - - - -Siebentes Kapitel - - -Grau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der -Türe stehen und winkte schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich -nicht, er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke Beine und einen -silberblonden Lockenkopf. Es näherte sich und berührte mit geheimnisvoller -wichtiger Gebärde seinen Arm: Grau erwachte. - -Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen -klaren Gedanken fassen. - -Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er -hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig -schwankte. Der Garten sah verändert aus und auch er schien ein Geheimnis zu -wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verließ -rasch das Haus. - -Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder -spielten vor den Häusern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu. -Aber er hatte heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun liefen -sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen, lachten; es wurden ihrer -immer mehr. Überall öffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich -gäbe. Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen. - -Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen -ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie -spielten, was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge -Neuigkeiten. - -Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne folgten ihm noch. Grau -beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. -So oft ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr lebend anträfe, -lief er ein Stück des Weges. - -Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der -Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu -sinken. Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war das, der im Garten -stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war -Susanna, so unmöglich es ihm auch schien. - -Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mütterchen -mit der Brille lehnte am Pfosten der Türe. Susanna winkte und öffnete das -Gartentürchen. - -»Nun?« rief sie mit hoher, feiner Stimme. »Was sagst du dazu? Ich habe so -sehr gewünscht, daß du kämest, und nun bist du da!« - -Sie war klein und niemals hätte er sich denken können, daß sie so klein -war. Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmäßigen Fieberröte -überzogen und ihre großen Augen leuchteten gespenstisch. - -Eisenhut lachte. »Ich hätte gestern keinen Pfennig mehr für sie gegeben!« -rief er. »Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute -steht sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So verrückt, wie?« - -»Ich kann auch wieder sprechen!« sagte Susanna und atmete tief. »Ich habe -die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich -gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schön -ist es doch zu gehen. Ich bin so müde in den Knien und das ist so schön!« - -Grau drückte sie an die Brust. »Ja,« hauchte er. Er fand keine Worte. - -Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher, besah die Rosen, den Mohn, -die Nelken, die Halme und liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das -Gras und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und Duft standen wie eine -Mauer im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht -hinein und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen. - -Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich phantastischen Ballen von -feuerfarbener Seide, die an der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der -Wind erwachte. - -»Sieh, wie der Wind läuft!« rief Susanna und deutete über die Felder. »Wie -hurtig!« - -Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab, strich über die Felder, -wühlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein -Hund. Er kam rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten ihn, -die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwül und -Susanna hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe -hob, gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon -war er verschwunden. - -Dann kam er von neuem über die Wiesen. - -»Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt ein Gewitter.« - -Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna ließ ihn nicht aus -den Augen, fieberhaft rückte sie den Blick hin und her. »Pst?« sagte sie. -»Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!« -sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken. Der Zitronenfalter -gaukelte zuerst um eine Kleeblüte, dann kam er in den Garten herein und -Susanna, ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am -ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es -war, als wolle sie die Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte -sich der Falter auf ihren Finger. - -Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd auf den Schmetterling, der -seinen Rüssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flügeln wippte. -Sie streifte Grau mit einem triumphierenden Blick. - -»Er sieht mich an!« sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Höhe und -flog über das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie -tief auf. - -»Das war schön!« sagte sie leise. »Das war schön!« Sie blickte mit einem -langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide -wurden dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue -unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte und ging ganz von selbst -hinein ins Haus. - -Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne Susanna wieder aufstehen, -oh, du guter Gott! - -Grau sagte: »Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!« und legte ihr die Hand -auf den Scheitel und sah sie an. Mütterchen erblaßte und zitterte. - -Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna. - -Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes -und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen -auf, in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. »Ach, so müde, so -köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der -Frühling, ja. Du hast es gesagt. Du und der Frühling, ihr zwei habt mich -gesund gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden, -deine Augen sind golden! Bald werde ich in den Wald gehen können. Ich höre -Gesang, Lieder höre ich, wie ist das doch?« Ihre Stimme klang fein und -ferne; die Kräfte erloschen rasch. - -»Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich!« sagte Grau. -Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles -sein werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben. - -»Ja!« Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, während ihre Wangen -erblaßten, mehr und mehr. »Wie wird es sein?« - -»Nun höre zu,« fuhr Grau fort, »höre zu und sieh mich an. Ich will dir -sagen wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde -warten bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn wir drei Zimmer -haben, so werden zwei davon dir gehören. Da wirst du wohnen. Du wirst eine -Bibliothek haben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten Bücher. Du -wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Stoß von weißem -Papier darauf, damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn -du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen, wenn du schläfst, ich -werde stehen und auf deine Atemzüge lauschen, und ich werde denken: Susanna -schläft da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst. Ich werde nicht -schlafen. Ich werde denken, es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich muß -hören, wie Susanna schläft, ich muß ihrem Atmen lauschen.« - -»Oh! sprich, wie wird es sein!« Tränen traten in ihre Augen. - -»Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße für dich pflücken, Susanna, -aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen -sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle legen und der Tau wird -daran sein. Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich -werde dir in die Augen blicken -- wie ich es jetzt tue -- und ich werde -fragen, ob du gut geschlafen hast.« - -»Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird es in den Nächten sein? Hast -du daran gedacht?« In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen -wurden fahler und fahler. - -»Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna. Laß uns das nicht -sagen, die Nächte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause -und im Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und -niemand sonst wird da sein.« - -»Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nächte sein -werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Küsse in stiller -Nacht?« flüsterte sie und die Tränen liefen über ihre Wangen. - -»Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und -viele lange Nächte lag ich wach.« - -»Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe -geträumt und geträumt -- keine verrät es, aber alle, alle graben sie die -Nägel in die Brust --.« - -Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner -Brust. Und er erzählte wie es sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im -Zimmer, der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann -kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder weiß und das Gärtchen -eingeschneit. Aber Susanna sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab -ihren Blick nicht mehr frei. - -»-- die Hände werde ich dir küssen, die werden so kühl und frisch wie der -Morgen sein. Ich werde dir die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe -sind, die Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch aus den -Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna! Ja, du hörst wohl, was ich sage? -So wird es sein. Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna, -die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in den Garten führen: -Siehe, Susanna, die Blumen wollen ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden -sich verneigen und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur dich -ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde -deinen Namen nennen auch wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht hast du -einen kleinen Hund, den du liebst, und mit ihm werde ich mich unterhalten, -solange du fort bist.« - -Grau küßte Susannas Stirn. - -»Ich liebe dich, werde ich sagen,« fuhr er fort, »so wie ich es jetzt sage. -Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne -wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling wird kommen -- ich liebe -dich, Susanna -- der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna -- der -Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!« - -Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß halb die Augen. - -»Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna!« flüsterte Grau. -»Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe -sagen. Ich werde alt werden und meine Haare werden weiß werden -- ich liebe -dich Susanna, werde ich sagen -- ich liebe dich, du Süßeste von allen --« - -Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund und ihr Kopf sank in den -Nacken zurück. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ -er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lächelte friedlich und -schön. Sie schlief. Die Tränen trockneten auf ihren fahlen Wangen. - -Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hände zitterten von -der Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann -wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn -niederbeugte. Er küßte Susannas kleine Hände. - -Er hatte sie ja so sehr geliebt. - -Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die -Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine -stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude -geweint hätte. - -Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und -versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art -von Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu -sein, daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen. - -Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmäßig -lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn -bittend an und sagte: »Mache sie mir wieder lebendig!« - -Grau schüttelte den Kopf. »Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger -und glücklicher als wir.« - -Mütterchen war wieder ganz ruhig. - - - - -Achtes Kapitel - - -An einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde Susanna begraben. Die Sonne -funkelte, die Luft zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug -Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in Weiß und wiegten sich -und kicherten. Vor dem »weißen Elefanten« konzertierte die Stadtkapelle. - -Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im entferntesten solch -schöne Worte wie seinerzeit bei der Beerdigung der Margarete Sammet. Die -Freundinnen waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern Sinding -und einzelne von den Mädchen, die das Fest mitgemacht hatten. Auch Lenz -kam. Er war bestaubt und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg -hinabließen. Er trug einen hellen alten Sommerrock, war ohne Kragen und -Binde, und hatte einen knotigen Stock in der Hand. Als ihn die Leute -ansahen, räusperte er sich herausfordernd. - -Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die Hand. »Schön,« sagte er, -»schön hast du deine Sache gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer -Susanna Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine großen -Worte.« - -»Wie hast du es denn erfahren?« fragte Grau. - -Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er den Heiligen an der Wand -sah, jene Reproduktion eines alten Meisters. »Vorbei,« sagte er, »vorbei -ist es mit diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. -- Hast -du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganz ausgetrocknet? Nein? Es ist ja -nicht gerade nötig. Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest. -Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage ich, meine Tochter -stirbt nicht so schnell. Es ist eine Lehrerstochter gestorben, Susanna -Lenz. Es gibt nur eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte -mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen um zur rechten Zeit -einzutreffen. Als ich nachts durch den Wald ging, erschien mir Susanna -- -nein, es war natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht traurig, -nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell starb, an diesem bißchen -Brustleiden. Ja, sie war prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie -Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht traurig. Eine -Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab und ist tot. Warum sollte es mit -den Menschen anders sein? -- Hier lief übrigens eben eine Maus über den -Boden --« - -»Sie lebt hier,« sagte Grau. - -»So?« Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf Grau zu und faßte ihn bei -der Schulter. »Sieh mir in die Augen!« sagte er in befehlendem Tone. -»Antworte auf meine Fragen! Du hast Susanna immer gut behandelt? Hast ihr -nie böse Worte gegeben?« - -»Nein, ich glaube nicht!« sagte Grau und sah Lenz an. - -»Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit! Du hast sie nie beleidigt, -bist ihr stets mit schuldigem Respekte entgegengetreten?« - -»Ich glaube, ja!« - -Der Lehrer drückte ihn an die Brust. »Dank!« sagte er. »Dank! Ich liebte -Susanna sehr!« Er pfiff durch die Zähne und nahm Hut und Stock. »Fahre -wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer vorwärts, daß die -Erscheinungen hinter mir zerrinnen. Die Welt ist weit, wir werden uns nicht -wiedersehen. Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden -sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die Kniescheiben einrennen, -denn wir gehören ja zum internationalen Orden der Edelleute. Diesmal werde -ich eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich einen kleinen -Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes machen -- siehst du diesen -Stock hier? -- die Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie -einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben mich ausgewiesen aus -ihrem Negerkral. -- Ich werde hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh -dem, der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich prügele ihn durch, -wie es sich gehört! Dann werden sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am -Beerdigungstage seiner Tochter! Ha! ha!« - -Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und ging. - -Grau dachte mit Wehmut an Susanna, aber er war nicht traurig: Sie war ja -nicht tot, sie war ja lebendiger als er. - -Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine Botschaft zu tragen hat; -er weiß nicht was in der Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und -sein Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der menschlichen -Existenz, der Tod nicht ihr Ende. Ein Stück der unendlichen Bahn, die die -Seele zu durchmessen hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist das -irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form und das Gegenwärtige ist -nichtig klein im Verhältnis zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem -Sommer, wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute brüsten, wo -werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm und Wetter werden es zerreiben, -wo wird es sein, die Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von -Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem, wo wird es sein? -Vergangen, verweht, aber irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das -ewig saust und braust. - -Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte an seiner Ruhe, daß -Susanna jetzt glücklicher war. Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in -all seine Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren, selbst aus den -Bäumen, dem Grase, toten Dingen schien ihm etwas von Susannas Wesen -entgegen zu dringen. - -Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung wurde so lebhaft, daß -er sie einmal in der Dunkelheit des Zimmers stehen sah. Sie war schön und -schlank. Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. -- Bist du es denn -wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb zweifelst du? - -Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb allein. Es war als ob er -rings in Abgründe starrte, er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich -doch empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne, Sterne und Friede -in sanfter Nacht. Das war die Welt, der er angehörte. - -Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume standen im Schlafe, aber -sie bebten leise. Ein unbestimmtes Licht rieselte an ihnen herab und die -höchsten Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob jede Blattseite -dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden sollte. Die weiße schmale Mauer -glich einem Streifen von Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich -im verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen schien. - -Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus. Aber in dem erhabenen -Frieden der Nacht kam er sich wie ein Eindringling vor, wie einer, der das -Gesetz der Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat. Er -dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging bis an das Parktor und hier -blieb er lange stehen. - -Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das er Susanna gegeben -hatte. Er neigte den Kopf. Ich werde halten, was ich versprochen habe! -sagte er und ging langsam nach Hause. - -Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein Vogel in Adeles Park zu -singen und es klang, als sei es Adeles eigene Seele, die lockte. Er -lauschte mit verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte die Hände auf -die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Singe nur, du kleiner Vogel! -Singe nur! Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn wieder im -Traume zwitschern. Er träumte, er gehe mit Adele auf der Höhe und Adele sah -ihn an mit traurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie. Er aber -schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete er. Adele faßte seine Hand -und bot ihm die Lippen. Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er -entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte er wieder. Sein -Herz brannte vor Sehnsucht, überall winkte und lockte es, es leuchtete wie -Feuer vor seinen Augen. - -Er stand auf und machte Licht und schickte sich an zu arbeiten, während die -Stille der Nacht tiefer und tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber -während er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute und nimmer -aufhörte zu bluten. - -Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es nicht mehr lösen, das -Versprechen wird gehalten werden. Niemand hatte je erlebt, daß er ein -Versprechen brach. - -Aber seine Augen wurden brennend und seine Wangen hohl. - -Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit. - -In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf. - -Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und obschon es im Dampfe der -Sonne lag, so sah es doch elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde -alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf und die Blumen -wuchsen in Susannas Garten bis zu den Fenstern empor. Aber das kleine Haus -sah elend und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer war eine -andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert aus. Dieses leere Bett, die -verwelkten Sträuße in den Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch. -Selbst die Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert zu haben, auch -der Schritt klang anders, wenn man durch das Zimmer ging. - -All die schönen Träume Susannas waren aus dem Häuschen ausgewandert, all -die freundlichen Wesen, die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das -Haus verlassen. - -Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der großen Nase in einer -dämmerigen Ecke des Zimmers und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus. -Sie weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit Susanna. »Es wird -Zeit sein dein Essen zu richten, Kindchen,« sagte sie. »Huste nicht so -viel, Susanna, es schadet dir ja.« - -Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen und pickte an seine Türe: Ob -er die Schuhe noch habe? Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf -einen Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war Grau machtlos. Er war -so tief und edel, daß Grau auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu -trösten, die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm zu weinen. -Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden, daß Susanna tot war. - -Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends kam Eisenhut zu ihm zur -Stunde. Nach der Stunde plauderten sie eine Weile; sie stellten die -Reiseroute zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er hatte sich -schon sechs große Lederkoffer angeschafft. - -Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges Freundschaftsverhältnis -gebildet. Das lange Krankenlager Graus hatte einen ganz ungezwungenen -Verkehr zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht mehr zu -befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch zu machen oder ihn durch seine -Bevormundung zu beschämen. - -Er hatte Eisenhut vollständig in seine Macht bekommen und war imstande ihn -mit einem einzigen Blicke zu beherrschen. Bis auf unscheinbare Dinge selbst -dehnte er seinen Einfluß aus. Eisenhut mußte anders gehen, anders sprechen, -den Leuten ins Gesicht sehen, er durfte nie Müdigkeit verraten oder -unordentlich gekleidet sein. - -Eisenhut gab sich alle Mühe. Die Arbeit in den Steinbrüchen hatte seine -Gesundheit gestärkt und schon das Bewußtsein körperlicher Kraft machte ihn -den Menschen gegenüber kühner und sicherer. Er kleidete sich ganz neu und -selbst sein Haus war frisch gestrichen, die Wohnung eingerichtet. Er bekam -Freude an Tätigkeit und zeigte den Eifer eines Schulknaben für alle Zweige -des menschlichen Wissens. Er lachte fröhlich und fast kindisch, wenn sie in -den Bildwerken blätterten und Grau erklärte. - -An jedem Ersten erhielt Grau zwanzig Mark von ihm, die er für wohltätige -Zwecke nach Gutdünken verwenden konnte. Dafür war ihm Grau sehr dankbar. -Denn mit zwanzig Mark -- wieviel konnte er doch damit ausrichten! Wenn er -in eine Familie kam, wo es am Nötigsten fehlte und sprach und sprach und -fünf Mark auf dem Tischrande liegen ließ! - -Bald hoffte er Eisenhut für eine große Lebensaufgabe erzogen zu haben. - -Wie? Ja, natürlich. Eisenhut wandelte sich nur allmählich um. Es war noch -der alte Eisenhut mit dem gelben Gesicht, dem Spitzbart, den kleinen -neugierigen Mausaugen, dem Geiz, dem Argwohn und kleinlichen Gedanken. -Zuweilen hatte er auch Rückfälle. Er trank, verwahrloste und mied Grau. -Aber immer kam er nach einigen Tagen zu Grau zurück und Grau fühlte zu -seiner Freude, daß er ihn mehr und mehr in seine Gewalt bekam. -- - -Einmal hatte Grau in diesen Tagen auch eine Begegnung mit dem jungen Herrn -von Hennenbach. - -Es war in der Dämmerung und sie begegneten einander auf den Stufen, die zum -Marktplatz hinabführten. Herr von Hennenbach grüßte höflich, auch Grau -grüßte. Er blieb stehen und sah den jungen Mann an. Eine Weile standen sie -so. - -»Bitte?« sagte Herr von Hennenbach und lächelte. - -Grau sah ihn an. - -»Sie verstehen mich nicht?« flüsterte er. - -Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln. - -»Nein, Pardon -- ich verstehe nicht, wirklich --« - -Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr. »Ich will Ihnen noch einige -Tage Zeit lassen!« flüsterte er. »Aber nicht mehr viele!« - -»Bitte? Ich kann nicht verstehen?« stammelte Herr von Hennenbach -- aber -Grau war schon gegangen. -- - -Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte es, seine freien Stunden in -seinem Gärtchen zuzubringen, das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit -den hohen schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegte ihn mit -aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne Blume, ja fast jeden einzelnen -Halm. Da konnte er stehen und stehen und sich umsehen und es kam ihm vor, -als ob er im Kreise von Geschwistern weile. - -Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht. - -Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen Gottes Blumen und Halme, -ersonnen von ihm, geliebt von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick -seiner tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren, war dieser Garten -so viel wie der Lustpark einer Königin und sein gütiges Lächeln hatte auch -ihn gesegnet, daß er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben, jeder -Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig, jede Scholle eine wimmelnde -Stadt, jedes Krümchen ein Haus, jede Furche eine Straße. - -Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es nicht. Nicht die kleinste -Fliege konnte er verstehen. Seht sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie -weiß sich zu bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat es -eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun, Tag und Nacht, -Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein er auch ist -- er ist ein Kind des -großen Gottes und der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt. - -Grau stand und blickte in den Sommerhimmel empor. Er betete. Er betete ohne -Worte und ohne Gedanken. Er sandte seine Seele der Heimat zu. - -Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und reich. Die Luft schien -erfüllt mit Geheimnissen und Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit -jedem Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn an und sein Gedanke -flüsterte immerzu. Er selbst dachte ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte -und ruhte nicht. Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste, -Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den Vogel fliegen? wisperte -der Gedanke: Bist du nicht selbst ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge -Mädchen einen Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln, die -Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern Willkommen winkt? Siehst -du die Katze? sprach leise der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht -sie zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die Katze und der Baum -- -eine verschieden gestaltete, verschieden gefärbte Blume auf Gottes Acker -nur ist der Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke: Sie -kommt aus dem Unendlichen, da wo die Gestirne funkeln, sie umspült in jeder -Sekunde die Erde, Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin, -durch dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne, zu den Sternen, -zum fernsten Sterne, und ist hier und dort, jagt, jagt und hat keine Eile. - -Und der Gedanke flüstert in ihm, flüsterte, lachte, sang -- - -Die Sonne ging unter und Grau ging hinein ins Haus und arbeitete. Die -Arbeit ging vorwärts, Ungeduld und Jubel erfüllten ihn. Diese >Reden<! Denn -bald wollte er ja hinausziehen und zu den Menschen sprechen, zu den -Tausenden, Tausenden! - - - - -Neuntes Kapitel - - -An einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb gerade, als er ihren -Schritt hörte und hielt die Feder an und erblich. - -Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare rahmten scharf das schmale -Gesicht ein. Ihre Wangen waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre -Augen noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im Winter waren sie -schmal und blaß, im Sommer geschwungen und rot, wie merkwürdig war doch -das. Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter Veilchen, eine -große hellrote Koralle hielt es an der Brust zusammen. Kühle und Duft -gingen von ihrem leichten Kleide aus. - -Sie blieb lächelnd an der Türe stehen. - -»Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?« sagte sie. »Sie schrieben -gerade.« Sie sah ihn mit klaren Augen an. - -»Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich bitte Sie Platz zu -nehmen. Sie befinden sich wohl?« - -»Wie immer, danke!« Sie sah sich um und öffnete halb den Mund, während sie -Graus Zimmer betrachtete. Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum -Fenster hinaus. »Wie eigentümlich ist es doch, den Park von hier aus zu -sehen!« sagte sie, ein wenig verlegen, da sie Graus Blick fühlte. - -Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah. - -Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen, das ewige Licht, das um -Gottes Haupt wogt. - -Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe? - -Adele lächelte fein. »Muß es denn eine besondere Angelegenheit sein, die -mich zu Ihnen führt? Ich denke mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen. -Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer zu Hause?« - -»Im Gegenteil, ich bin viel unterwegs.« - -Pause. Adele sah ihn an. »Sie kommen mir verändert vor,« sagte sie und -schüttelte den Kopf. »Sind Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!« - -»Nein, ich fühle mich wohl,« antwortete Grau und dankte. - -Adele blickte ihn prüfend an. »Sie sehen leidend aus,« setzte sie hinzu, -dann sprach sie von andern Dingen. - -Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte. Aber er fand nicht den -kleinsten Gedanken in seinem Kopfe. - -»Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!« sagte Adele, aber sie brach -plötzlich ab und lachte leise. »Aber sehen Sie doch, da sitzt ja eine -Maus!« rief sie aus. - -»Es ist eine zahme Maus,« sagte Grau und raffte sich auf. »Das heißt alle -Mäuse sind ja zahm, aber diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt -Mirza und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist sehr zutraulich -und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert sie an meinen Schuhen.« - -Adele lachte und sah Grau erstaunt an. »Mit einer Maus leben Sie?« sagte -sie. - -»Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei?« fragte er lächelnd. - -Adele lächelte leicht. »Sie haben ja auch einen Hund, nicht wahr?« forschte -sie. »Man sieht zuweilen einen gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.« - -»Ja,« erwiderte Grau, »aber er ist sehr untreu. Er läßt sich oft wochenlang -nicht blicken. Es ist ein verwilderter Hund, dessen Herr gestorben ist, ein -Waldhüter. Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen Sie sehen, wie -klug diese Maus ist?« - -»Ja!« - -»Nun, sofort!« Grau legte ein Stückchen Speck auf den Boden in die Nähe des -Schrankes, unter dem die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut -aus. »Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.« - -Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie streckte die spitzige -Schnauze unter dem Schranke vor und lugte mit den runden, glänzenden Augen, -die wie pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf Adele zu -gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in einem Bogen um den Speck herum -und huschte wieder unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen -können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben Sekunde wieder sichtbar -als der Schwanz verschwand. - -»Sie hat einen Versuch gemacht,« sagte Grau, »ob sie sicher sein könne. Nun -aber werden Sie sehen, auf welche Weise sie den Speck fortschleppt!« Er war -plötzlich gesprächig geworden. - -Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor. Sie saß eine Weile vor dem -Speck, dann beschrieb sie einen Bogen und saß nun so, daß der Speck -zwischen ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch ein Weilchen, dann lief -sie blitzschnell auf den Speck zu und verschwand mit ihm. - -»Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im Maule umzuwenden, haben Sie -das beobachtet?« erklärte Grau. »So klug ist sie.« Er erzählte noch einige -Geschichten von der Maus, dann war er wieder still. - -Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und zu sprechen: --! Aber er tat -es nicht. - -Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand. - -»Ich habe einen Brief für Sie,« sagte sie leise, »er ist von Susanna.« - -»Von Susanna?« Er begriff es nicht. Er starrte Adele an. - -»Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben -- wann war es doch? -- in der -Zeit, da sie still lag um Kräfte für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir -diesen Brief. Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben -- im Falle -sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet und gewartet, denn es schien -mir grausam Sie durch den Brief -- nun ich wartete. Aber nun hat mich -Susanna sozusagen daran erinnert.« - -Grau nahm das Messer vom Schreibtisch und schnitt den Brief auf. Er hielt -inne und sagte nach einer Weile: »Sie hat Sie sozusagen daran erinnert?« - -Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe. - -»Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und an Susanna und schob es -doch von Tag zu Tag hinaus ihn abzugeben,« sagte Adele. »Es ist also nicht -zu verwundern, daß ich davon träumte. Ich habe geträumt, ich ginge mit -Susanna zum Bade. Wir unterhielten uns und plötzlich sagte sie etwas von -einem Briefe und ich lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe. -Aber am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm mir vor, den Brief -aus dem Hause zu schaffen.« - -Grau sah Adele an. - -Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte hinzu: »Ich wollte Ruhe -haben. Ich liebe es nicht, an Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.« - -Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre. Man fühlte, wie man -sich durch die Wärme hindurch gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und -Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches Haar sprühte wie eine -schwarze Flamme und hob sich scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das -einzige ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün, golden und blau. - -An der Türe sagte Grau: »Ich habe gehört, Sie reisen bald?« - -Ja, bald ginge es fort. Adele lachte und blickte in die Luft empor, wo die -Mücken über dem heißen Wege tanzten. »Es ist übrigens nicht ganz sicher, ob -ich so bald reise,« sagte sie. »Aber ich freue mich darauf, fortzukommen, -hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen --« - -»Was denken Sie zuweilen?« - -»Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin, denke ich zuweilen. -Wenn ich den Baron nicht so sehr liebte, aber ich liebe ihn ja so sehr.« - -Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick. - -»Nun?« fragte Adele. - -»Es ist mir bange um Sie!« sagte Grau und er wußte nicht wie ihm die Worte -auf die Lippen kamen. - -Adele öffnete die Lippen und erbleichte ein wenig. »Bange?« - -»Ja!« fuhr Grau fort -- und plötzlich verlor er die Sicherheit, er wurde -verlegen und setzte höflich hinzu: »Ich bitte Sie recht herzlich, den -Schritt reiflich zu überlegen.« - -Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in seine Augen. Sie -lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf, als ob sie ihn nicht verstanden -habe und sagte hauchend: »Adieu!« - -»Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!« wiederholte Grau. - -Adele nickte ihm zu. »Adieu!« sagte sie und ging langsam und stolz weiter, -als ob nichts ihre Ruhe trübte. - -Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie kam es doch, daß ich -plötzlich sprach! dachte er. Ich wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt -verschwand zwischen den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die -Hand auf die Brust legen mußte. - -Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich setzen, stand wieder auf, -streckte die Hände nach den Büschen aus, hinter denen sie verschwunden war. - -Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen. Er öffnete -Susannas Brief und so bald er ihre Schrift sah, wurde er ruhig. - -»Mein Geliebter,« schrieb Susanna, »Du süßester aller Menschen! Wolle Gott, -der Gott an den Du glaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft -bete ich so. - -Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem -Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab -gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, daß ich vor -Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern? -Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen Brief mit Dir lese und -meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir -zusammen in den Büchern blätterten? - -Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich, -wenn Du fröhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du -traurig bist. - -Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es. Dann küsse sie und -vergiß mich ganz. Ich will, daß Du glücklich bist und Glück um Dich -streust. - -So spricht mein Herz. - -Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte Dich keine Frau lieben! -Ist es ein Wunder, daß ich über diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen, -aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange. - -O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz hätte, so hätte -ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das -gleiche. - -Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die das erste Herz nicht -wünscht. Es wünscht Dir ebenfalls Glück, aber es ist traurig, daß es dieses -Glück nicht mit Dir leben kann. - -Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust küssen möchtest und nun wünscht -es, daß Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen würdest -und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen -- das wünscht mein zweites -Herz und es bebt vor Freude -- obgleich mein erstes Herz es nicht wollte. -Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wünscht, daß Du nie -mehr eine Frau küssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz -allein. - -Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau -könnte jede Erinnerung an mich auslöschen. Ich habe gesehen, wie Du diese -Frau anblicktest, es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du -blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wünscht, -daß jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. Laß es ruhig sein -und schweigen. - -Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger, und vergiß mich so, -daß Du nicht mehr leidest. Sei glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so -viele du willst. - -Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen. - -Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte mich. Es ist nicht wahr, -was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn zu -haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fühlen, wie sehr -ich Dich liebe, daß ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das -ist die Wahrheit. - -Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kämpfe mit ihm. -Würdest Du mir schwören, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen? -Mein zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach -werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben -- ach, verzeihe -mir dann, ich bin es ja nicht, die das will -- Du bist frei, es gibt kein -solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben! - -Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe -wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl -für immer! Deine Susanna.« - -Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht. Dann tastete er sich -hinaus, durch die Türe hindurch, in das Schlafzimmer, dessen Läden -geschlossen waren. Hier warf er sich auf das Bett und weinte. - -Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er Grau in seiner Stube damit -beschäftigt, Noten auf ein Blatt zu schreiben. - -»Was tust du da?« fragte Eisenhut. - -»Ich schreibe ein kleines Lied,« antwortete Grau und lächelte und Eisenhut -wunderte sich über seine zitternde Stimme. - -»Ein Lied?« - -»Ja, ich habe es noch nie getan, es ist mein erstes.« - - - - -Zehntes Kapitel - - -Wie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete und plötzlich Grau -im Dämmerlichte stehen sah. Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen. - -»Sie sind hier?« sagte sie und gab sich Mühe ihre Überraschung zu -verbergen. Sie sah ihn freundlich an und lächelte leise. Ein seidnes Tuch -von roter Farbe lag lässig auf ihren Schultern. - -Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und -dicht und man konnte sie gleichsam mit den Händen greifen. Sie hüllte einen -vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen, -Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten in der Ferne, aber hier -oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und -verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam -leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum -dunkel. - -Er nahm den Hut ab. - -»Ja, ich bin hier,« antwortete er und trat näher. »Verzeihen Sie mir, es -ist gewiß nicht schön vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich -wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von -Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, daß Sie -morgen reisen.« - -Adele zog das Tuch fester um die Schultern. »Ja, morgen früh.« Sie lächelte -und schloß das Gitter. »Es ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.« - -»Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!« - -Adele sah ihn mit großen Augen an. »Bitte?« sagte sie dann und das kleine -Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhören und alle Nachsicht. -»Wollen wir ein wenig gehen?« - -»Ja, gerne!« - -Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und -blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark -roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und -begann: »Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr.« Er schwieg; wie -sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und -setzte hinzu: »Sind Sie entschlossen zu reisen?« - -»Ja!« - -»Wirklich entschlossen?« - -»Ja, aber -- und weiter?« - -»Ich wollte Sie nur dies fragen,« sagte Grau und senkte den Blick. - -Adele schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich glaube wohl zu wissen, weshalb -Sie fragen, Herr Grau. Sie haben ja vor einigen Tagen schon eine Andeutung -gemacht, die ich nicht mißverstehen konnte! Sprechen Sie, bitte, nicht mehr -davon. Sagen Sie doch selbst, kann ich denn das anhören?« - -»Ich habe Sie verletzt, verzeihen Sie mir!« sagte Grau. - -Adele lächelte. - -»Ich will gerne heute noch ein wenig mit Ihnen plaudern,« sagte sie leise. -»Sie sind mein Freund und darüber bin ich froh. Aber Sie müssen solche -Dinge nicht sagen. Ich freue mich, daß ich Sie noch zufällig getroffen -habe, aber -- nein, nein, nein, all diese Dinge.« - -Grau wollte sprechen, aber sie ließ es nicht zu. »Sie sind so merkwürdig,« -sagte sie und lachte leise, gleichsam heiter, »Sie kümmern sich um mich, -Sie ängstigen sich um mich -- so sonderbar sind Sie manchmal.« - -»Es ist vielleicht mein Fehler, daß ich mich zuweilen zu sehr um die -Angelegenheiten anderer bekümmere,« entschuldigte sich Grau. - -Sie gingen bergan. Auf der Höhe schimmerte der Widerschein einer -erblassenden Abendwolke im Laub der Bäume. Unter ihnen lag die Dämmerung -wie ein weiches Dunkel. Es raschelte zuweilen in den Zweigen, das waren -Vögel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und dort, aber je tiefer sie in -den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Stimmen des Tales waren -erloschen und den Lärm der Frösche hörten sie nur noch einmal gedämpft, als -sie einen kreuzenden Weg überschritten, der wie ein Kamin zur Stadt -hinablief. - -Dann begann Adele mit gleichmütiger Stimme zu sprechen. »Sie haben ja -Urlaub genommen, Herr Grau,« sagte sie, »ich habe es gelesen.« - -»Ja, das habe ich getan,« antwortete Grau und dachte an ganz andere Dinge. -»Ich habe gemußt. Der Herr Dekan hat es mir nahe gelegt.« - -Wie solle man das verstehen? - -»Und doch ist es so. Übrigens, wenn der Herr Dekan nicht so liebenswürdig -gewesen wäre, so könnte ich nun die größten Schwierigkeiten haben; bei der -Behörde bin ich schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst große Hoffnungen -auf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfüllen. Da kam diese -Broschüre über die Gefängnisse, andere Flugschriften, das Begräbnis der -Margarete Sammet, dann meine Predigten. Ich kann nichts anderes predigen -als was ich glaube. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Dazu kam noch -jene Affäre mit der Kollekte für innere Mission. Sie haben nicht davon -gehört? Auf irgend eine Weise ist nämlich die Geschichte doch bekannt -geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswürdiger Weise die Sache zu -verdecken versuchte. Wie? Sehr einfach. Ich sollte die Kollekte abliefern, -aber ich vergaß es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir das passiert, -etwas zu vergessen. Ich war in jener Zeit sehr beschäftigt. Kurz und gut, -ich vergaß es und der Herr Dekan kam zu einer langen Auseinandersetzung. Er -bemühte sich persönlich in mein Haus. Wegen der Gegenstände, die ich -verschenkt und verliehen habe, obgleich sie zum Inventar des Pfarrhauses -gehören, machte er wenig Worte. Hm, hm. Aber alle die andern Dinge, diese -heillosen Dinge. Besonders die Pfingstpredigt im Freien. Zuletzt kam die -Kollekte daran. Ja, bei Gott, ich hatte sie vergessen. Es waren vierzehn -Mark. Ich wollte sie dem Dekan geben, ich hatte sie in eine Schachtel -gelegt. Aber das Geld war fort, es war gar nichts mehr da. Nun sang zum -Unglück der Handwerksbursche im Nebenzimmer und da wurde der Dekan -ärgerlich. Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Würde, -Handwerksburschen zu beherbergen -- sagte er.« - -»Ist denn der Alte noch immer zu Besuch?« - -»Nein, ein anderer, ein Freund von ihm. Er hat ihn mir geschickt. Ebenfalls -krank und die Papiere in Unordnung.« - -Adele lachte leise. »Glauben Sie denn alles, was diese Leute Ihnen sagen?« - -»Natürlich glaube ich es. Und die Papiere sind wirklich nicht ganz in -Ordnung gewesen. Die Kollekte also war verschwunden. Ich habe das Geld am -Abend zuvor in die Schachtel gelegt, muß es aber in Gedanken herausgenommen -und verwendet haben -- es war ja nicht mehr da. Der Dekan sagte: Nun, Sie -haben den Betrag vielleicht verlegt -- verlegt -- senden Sie ihn mir bis -morgen früh zehn Uhr, bitte. Er war sehr gütig, er hätte mir ja große -Schwierigkeiten bereiten können. Eisenhut lieh mir das Geld gerne und damit -war die Sache in Ordnung gebracht.« - -»Nach dem Urlaub werden Sie aber wieder hierher zurückkehren?« erkundigte -sich Adele. - -Grau lächelte. »Ich glaube es nicht, ich werde wahrscheinlich entlassen -werden.« - -Adele blieb stehen. »Sie werden entlassen werden?« - -Grau lächelte wieder. »Ja,« sagte er, »weshalb denn nicht? Ich mache zu -viele Schwierigkeiten. -- Übrigens, um offen zu sein, ich werde selbst um -Entlassung einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurück,« setzte er -leise, wie beschämt, hinzu. »Es gibt so viele Dinge, die sich mit meinen -Anschauungen, trotz des besten Willens --« - -Was er aber dann beginnen wolle? - -Grau lachte leicht. »Das?« sagte er, »Oh, das macht mir nicht die -geringsten Bedenken. Ich finde auch in einem andern Beruf ein großes -Arbeitsfeld. Ich werde Medizin studieren, ich trug mich schon früher mit -dem Gedanken.« - -»Also Arzt wollen Sie werden?« rief Adele freudig aus. »Ich liebe die -Ärzte. Was für ein Arzt?« - -»Nun, ein guter Arzt, denke ich, für die, die krank sind,« erwiderte Grau -lächelnd. - -Sie kamen an eine Lichtung und sahen tief unten die Stadt mit ihren -blinzelnden Lichtern liegen. Man sah Adeles Park. Hier duftete es stark -nach Honig. Ein Insekt schwirrte über den Kräutern. - -»Wie hoch wir doch sind!« - -»Ja!« - -Sie stiegen höher und plötzlich sahen sie den Mond in einem Himmel so -dunkelblau wie ein Kirchenfenster stehen. Er erschien wie ein bleiches -Gesicht, das voll namenloser Sehnsucht immerzu in die ferne Sonne starrte. -Sie kamen ganz auf die Höhe und Adele war überrascht, eine Ebene vor sich -zu sehen. Sie hatte gedacht, es gehe hier wieder bergab. Im Mondschein lag -ein kleines kalkweißes Dorf. Die Ebene sah auffallend hell aus im Licht des -Mondes, die Grillen zirpten in den Feldern und ihr schrilles feilendes -Gezirpe schien alles ringsum in Silber zu verwandeln. Einen Augenblick lang -blickte Adele auf das kalkweiße, gespensterhaft aussehende Dorf, dann -wandte sie sich wieder dem Walde zu. Hier war es warm und schwül. Der Mond -lag in Streifen und silbernen Tümpeln im Walde und auf dem Wege und warf -fortwährend ein glitzerndes Netz über Adele, gleichsam um sie darin zu -fangen; sie aber schlüpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu Boden. - -Wie schön war es doch an ihrer Seite zu gehen! - -Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht und lautlos, er -lächelte, und nie hatte er den Wald stärker gerochen. Er sah und hörte mit -wacheren Sinnen. So schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen -in der Tiefe. - -In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen durch die Wälder, laß -uns wandeln in den Au'n! sang es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte -leise und räusperte sich. - -In seinem Kopfe wisperten die Gedanken -- und sie flüsterten im Rhythmus -der Schritte. Er wehrte ihnen nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte, -flüsterten sie (weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein, Wald -und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es ist wichtig, wieviele -Sonnentage es erlebte. Die Formen, die Farben, das Werk der Wurzeln, das -Werk der Wipfel, sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den Tieren -lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des Blickes, Fassung und Ruhe -- ohne -daß der Mensch es weiß -- hahaha -- der Mensch weiß ja nichts -- - -Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor alle Befangenheit und er -fühlte wie seine Wangen vor Freude heiß wurden. - -»Wie es duftet!« begann er mit freier klarer Stimme. »Es riecht, als ob der -Wald eine Pfanne voll Harz und Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese -Fichten dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, die durch die -Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer, geschliffener Stern, der immer -wieder auftaucht und im Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie. -Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei Gott! Er durchdringt -einen. Ich habe auch das Gefühl, als ob der Herr des Waldes in der Nähe -wäre, der Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht uns, -beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen sehen zu können, aber -sobald man hinblickt, zieht er sich ins Dunkel zurück. Die Nacht ist -wundervoll! Ja, diese Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein -wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts im Walde zu hören. -Ihre Stimme ist sehr schön und weich. Sie sprechen auch ein wenig -eigentümlich, einen fremden Akzent --« - -»Das ist gemacht,« sagte Adele. »Ich liebe das Fremde!« Sie lächelte und -sah Grau an, dann blickte sie wieder zu Boden und fuhr fort: »Wie leid tut -es mir nun doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch mit -dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz andere Meinung von ihm -bekommen haben. Er ist sehr gebildet und sehr klug und liebenswürdig. -Freilich, er ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das -Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen seines Armes -konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem mit Leib und Seele -Offizier. Ich liebe ebenfalls das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es -auch sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter Gefahr -- ich -liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade schön, aber er sieht sehr gut aus, -männlich sieht er aus, sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen. -Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch denkt, das ist der -Einfluß seiner Familie, seiner Mutter und Tanten -- er sagt zum Beispiel, -der Mann gehört auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist der -Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe nichts anderes zu tun -als schön zu sein und ihn zu lieben und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie -sagen gar nichts, Herr Grau?« - -»Ich habe kein Recht, mich zu äußern,« antwortete Grau ausweichend. - -»So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.« Adele lachte leise. »Es ist -ja gut, wenn wir uns aussprechen, nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron -doch unrecht --« - -»Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,« entgegnete Grau, »ich kenne -ihn ja gar nicht. Es handelt sich ja auch nicht darum, ich glaube nur --« - -»Nun?« - -»Es ist vielleicht besser, wenn ich nichts sage. Ich habe kein Recht dazu.« - -»Aber ich bitte Sie darum, Herr Grau.« - -Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe kein Recht dazu, Fräulein von -Hennenbach. Aber ich kann eines eigentümlichen Gefühls nicht Herr werden -- -ich fühle das, fühle das so unsagbar stark -- daß in Ihrem Verhältnisse zu -dem Baron etwas nicht in Ordnung ist. Verzeihen Sie mir, bitte. Vielleicht -ist Ihre Neigung --« - -»Ich liebe ihn sehr!« - -»Aber vielleicht lieben Sie ihn nicht genug, um seine Frau zu werden?« - -Adele blickte auf den weißen Stamm einer kleinen Birke, der im Mondlicht -leuchtete, und sagte: »Ich liebe ihn, ja. Oft denke ich, ich liebe ihn -nicht genug, aber je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr liebe ich ihn. -Ganz abgesehen davon, zumeist sind sogenannte Vernunftehen glücklicher als -Liebesheiraten -- ich sage ja nicht, daß ich den Baron nicht liebe, aber ---« - -»Trotzdem erscheint es mir besser, an einer Liebesheirat zugrunde zu gehen -als in einer Vernunftehe zufrieden zu werden,« entgegnete Grau. - -Adele lachte leise. »Sie sind ein Träumer!« sagte sie. »Man nimmt die Ehe -ja gar nicht so wichtig in meinen Kreisen.« - -»Nicht?« fragte Grau verwundert, beinahe erschrocken. - -»O nein,« sagte Adele und fröstelte, während ihre Lippen lächelten. - -»Unmöglich!« Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe darüber nachgedacht,« -sagte er nach einer Weile, »und die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie -zu Ende denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein großer -Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken Sie sich: Die Ehe! Sie -sind nicht mehr allein, Sie sind zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt, -wir wollen bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind plötzlich ein -anderer Mensch geworden. Es ist als ob Sie immerfort einen vornehmen Gast -im Hause hätten. Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber -jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jeder Beziehung, da Sie -den Gast im Hause haben. Wenn Sie allein sind und Sie haben einen -schlechten oder kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit -sich selbst fertig zu werden -- nun aber? Wenn er wüßte, daß Sie diesen -niedrigen Gedanken haben, würde er nicht von Ihnen gehen? Beleidigen Sie -ihn nicht durch den niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches -Gefühl. Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln, nun, da Sie den Gast -im Hause haben, gleichsam geschmückt wie zu einem Feste muß allezeit Ihre -Seele sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber jetzt wäre -es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen dreifach eifrig sein. Sie -müssen den Gast bewirten mit guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen -seiner würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und Sie müssen doch -jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde und jede, jede Minute mit einer -festtäglich geschmückten Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der -kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen ja nicht still -stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen? Keinen unschönen Gedanken, kein -unschönes Gefühl dürfen Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne -Gebärde -- keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen -- es ist ja schwer, es -ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen, um -vor Ihrem Gaste bestehen zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.« - -»Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum Tode durchs Leben -zusammen wandern -- als ob die beiden eine Kathedrale zusammen errichten -wollten -- eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit. Von -dem Tage an, da sie einander begegneten, beginnen sie zu bauen. Nur mit den -schönsten und reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten. Die -beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort angestreift -- aber die -Kathedrale, die Idee ihrer Ehe, die können sie ja herrlich und groß -errichten. Und die beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige -Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten, nein, vielleicht ist -die Kathedrale nur ein großes kühles Heiligtum über der Wiege ihres -Kindes!« - -»Ach, es ist ja so schwer, so schwer!« fügte Grau kopfschüttelnd hinzu. -»Und denen, die es wagen, denen soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja, -man soll für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder nicht -wagen können, die sollen für die wenigen beten, die es wagen. Weil es so -schwer ist -- und so herrlich, es zu unternehmen.« - -Adele sah lächelnd auf den Weg. »Wie Sie es doch auffassen!« sagte sie -leise. »Und die Liebe? Wie denken Sie darüber?« - -Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu. - -Grau lauschte. »Hören Sie das feine Sausen, das rings im Walde geht?« sagte -er. »Hören Sie es? Bald ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es -macht alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht wie ein Traum? -Sind wir nicht wie ein Traum im dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin -reich, weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir zu, wenn ich -spreche, wenn ich in meinen dürftigen Worten auszudrücken versuche, was ich -empfinde, wie ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie mir zu. -Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich bin Ihr Freund und das macht -mich glücklich. Sie sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das -gemacht hat!« - -»Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen Sie mir Zeit. Sehen Sie -wie das Licht überall glitzert, es hängt in Tropfen an den Zweigen, es -klettert an den Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön ist -das! Ja, ich sage -- Sie singen ein Lied, und es gibt ja wundervolle Lieder --- Sie singen es und mitten darin bricht Ihre Stimme -- denn plötzlich -fühlten Sie, wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im Werke der -Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme heißt, ein süßer, flötender, -lebendiger Ton, der durch alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt -- -das ist die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber denke -- denn -es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.« - -Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er hatte plötzlich den Mut zum -Sprechen verloren. Adeles Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte -auf den Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte leise, -fast spöttisch. - -»Nun?« sagte Adele und sah auf. - -Aber Grau schwieg und blickte sie an. - -»Sprechen Sie doch!« sagte Adele ungeduldig. »Sprechen Sie doch. Es ist -schön Ihnen zuzuhören und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und -jenes denken.« - -Er sah, daß sie an der Lippe nagte. - -»Was ist Ihnen?« sagte er. »Ich spreche ja gern, aber was ist Ihnen? Sie -erscheinen bedrückt, ja, fremd erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch -glücklich sein? Aber Sie sind ja nicht glücklich!« - -Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was schade es im großen und -ganzen, daß sie nicht glücklich sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu -sein und zu werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das Glück -herlege und hier das Unglück -- - -»So werden Sie das Glück wählen!« sagte Grau. - -»Wirklich?« Adele sah ihn an. »Nein, nein, ich werde es nicht tun. Ich -werde das Unglück wählen, es liegt in meiner Natur. Und sobald ich etwas -Glück in mir fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück wählen ---« sie hielt inne und fügte zögernd und leise hinzu: »Oder würde ich das -Glück wählen?« - -»Sie würden es wohl tun!« sagte Grau. »Denn alle -- wie wir leben -- wir -mögen uns noch so gleichgültig und trotzig gebärden, wenn wir allein sind, -verzehrt sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem Glücke. Nein, nein, -Sie sind in einem Irrtum über sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.« - -Adele nickte. »Ich bin in einem Irrtum -- in einem Irrtum über mich selbst -befangen,« sagte sie. »Vielleicht, vielleicht? Oft scheint es mir selbst -so, Sie haben recht. Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben -verloren hätte. Was früher für mich groß und schön war -- wüßte ich es doch -noch! Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andres -und keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen und gelesen und -gesucht -- jeder große Geist hat mich überzeugt und mitgerissen -- nun weiß -ich gar nichts mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft habe ich -Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und oft bin ich müde und ich möchte -mich fallen lassen -- wohin ich auch falle. Ja, oft hab' ich ein Verlangen -nach unten -- denn da ist kein Kampf mehr, es ist verlockend zugrunde zu -gehen und gar nichts mehr zu sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die -Wahrheit, ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und nicht -den Kopf zu schütteln -- ich kenne mich ja am besten. Wenn ich nun den -Baron heirate, was schadet es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie -können recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte und -wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was liegt schließlich an mir? -Nichts. Alle machen es so, denn alle werden nach und nach müde und geben -sich auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz der -menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen -- ich liebe den Reichtum -und der Baron ist reich. Ich habe unaussprechliche Furcht vor Armut und -Dürftigkeit -- grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche Furcht wie -davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe Bequemlichkeit, Luxus und -Nichtstun. Ich bin ehrlich und sage Ihnen all das, es ist die volle -Wahrheit. Oft denke ich an das Glück und an die Liebe -- so fern ist es für -mich -- und ich denke, es ist nicht für mich, es liegt nicht in meiner -Natur. Wenn ich eine junge Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es -haben, das Glück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und ich -würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht geschaffen. Ich höre Ihnen -zu, ja, es lockt mich, aber ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist -alles so schön, zu schön, ich glaube nicht daran.« - -Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke. Die Stücke streute sie -auf den Weg. Das letzte Stückchen wollte nicht brechen, sie bog es zwischen -den Fingern, aber es brach nicht. Sie ließ es fallen. - -Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier lagen Nadeln und der Weg war -von Moos überwachsen. - -Es hauchte hoch oben in den Wipfeln. Wie ein Bach im flachen Lande, mit -vielen Inseln und Kanälen und Adern, so floß über ihren Häuptern der -tiefblaue Nachthimmel dahin, kleine und große Sterne trieben darauf und -glitzerten. - -Nach langem Schweigen sagte Grau: »Wir Menschen fürchten uns ja nicht so -sehr vor dem Unglück, aber es graut uns davor elend zu werden!« - -Adele zuckte zusammen. - -»Davor graut Ihnen ja so sehr!« fuhr Grau eindringlicher fort, indem er -Adeles Arm leise berührte. Ihr erschrockener Blick streifte ihn. »Tag und -Nacht graut Ihnen davor. Nicht davor würde Ihnen grauen, etwas Schlechtes -zu begehen, denn es wäre vielleicht Trotz und Wille und Tat darin, aber es -graut Ihnen davor unterzusinken in Unwürdigkeit. Ich habe auch wieder von -jener Frau geträumt, die Ihnen ähnlich sieht -- der Traum erschreckte mich, -warnte mich --« - -Adele machte eine abwehrende, fliehende Bewegung. Aber Grau berührte -wiederum ihren Arm. - -»Begehen Sie kein Verbrechen an Ihrer Seele, Adele!« flüsterte er. - -»Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch!« sagte Adele bleich. »Weshalb -quälen Sie mich denn?« - -Sie legte die Hände an die Ohren, als Grau wieder zu sprechen begann, und -sah ihn mit zu schmalen Spalten zusammengezogenen Augen an. - -Grau blickte sie an. Er war bleich vor Erregung. - -»Verzeihen Sie!« stammelte er. »Oh, was habe ich doch getan. Es ist ja so -unrecht von mir.« - -Er lächelte schmerzlich und fuhr leise fort: »Ich sehe Sie an, wie schön -sind Sie doch! Wie Sie den Kopf tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein -großer Geist auf und alle Menschen lauschen auf ihn und sie sagen: Der -Weltgeist spricht aus ihm. Sie sehen eine Rose an, die Rose ist schön, ein -eigentümliches Gefühl erfaßt sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet -aus ihr, er glänzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele -- der Weltgeist strahlt -aus Ihnen! Sie sind seine Priesterin, geschaffen umherzugehen und die -Menschen mit Ehrfurcht zu erfüllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie -die Bahn eines Gestirnes sein, erhaben und gewaltig und sichtbar allen -Blicken. Das ist Ihre Mission, ich will Ihnen sagen, was Ihre Mission ist! -Das ist sie! So fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch muß doch -eine bestimmte Mission haben und das ist die Ihrige!« - -Adele hatte die Hände halb sinken lassen und hörte ihm zu, den Blick in -seine Augen gerichtet. - -»Sie sind ein vollendetes Werk des Schöpfers und haben Ihre Mission zu -erfüllen,« setzte Grau hinzu, »und deshalb hat er Ihnen jenes schreckliche -Grauen vor der Unwürdigkeit in die Brust gelegt.« - -»Nein, nein --« stammelte Adele und entfloh. - -»Adele!« sagte Grau und sie blieb stehen. Ihre Lippen bebten und sie sah -ihn nicht an. Sie hatte abwehrend die Hände an die Brust gezogen und Grau -ergriff ihre Hände. - -Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu. »Sie sollen nicht vor mir -fliehen,« flüsterte er, »denn ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie. -Hören Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und alles war so -wunderbar schön, so ganz anders schön, und ich hörte zum erstenmal eine -Stimme in mir sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben. Als ich -Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da kamen alle meine Kinder und -küßten mich auf die Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen -und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich damals fühlte! Seitdem -änderte sich abermals mein Leben. Dies sind meine größten und schönsten -Erlebnisse. Dann sah ich Sie -- ich war ja so scheu Ihnen gegenüber, weil -Sie so vornehm und schön gekleidet sind und weil Sie so schön sind. Aber -daß ich Ihr Freund geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis -meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft und mein Leben wird sich -ändern, ich weiß es, vielleicht werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich -danke Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben. Was ich jetzt -sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem Baron sagte, alles, alles, ich -habe ja nicht das Recht dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten, -von diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht zu sprechen. Sie -wissen wohl warum, Sie wissen es recht gut.« - -Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken an, aber in ihren -Augen begann es zu leuchten. - -»Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich werde Sie nichts fragen. -Sie sollen nichts sprechen, kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht. -Reisen Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre Entschlüsse -einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie sollen mir nicht antworten, ich -frage nichts, aber ich will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als -ich Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich ankam hier, auf dem -Bahnhof. Aber ich habe es nicht gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres -Hauses und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im Frühling stand in -Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum und ihn liebte ich am meisten von all -den blühenden Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr vergessen, -seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne, nie mehr, obgleich ich so viele -blühende Apfelbäume gesehen habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie, -wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen das Blut zu Kopf, -Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß, und Sie wissen eigentlich nicht warum -- -ein Gedanke, eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über mich und -dann wußte ich es. Ich habe nicht gegen das Gefühl angekämpft, nein, ich -habe es nicht getan, denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich habe -Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in mir, er lebte in mir -verborgen, wie ein Vogel im Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen, -wie mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang, -Sonnenuntergang -- und ich sagte guten Tag und Adieu, kleine Worte.« - -Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er, desto verzückter wurde sein -rasches Lächeln, desto glänzender und begeisterter sein Blick. Adele wich -gleichsam mehr und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle -bewegte, der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude, Schreck, Liebe, -Scheu. - -Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und sprach. - -»Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht mehr vergessen, wo Sie -standen, immer werde ich Sie sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin- -und herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen mir nicht zu -antworten. Sie haben mich ja so reich beschenkt --« - -Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte, er schloß die -Augen und schwankte. - -»Was ist Ihnen?« fragte Adele. - -Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete wieder die Augen. Er atmete -tief auf. - -»Verzeihung,« sagte er, »es war nur ein Augenblick -- Antworten Sie mir -nicht, ich frage nichts, ich will nichts -- ich danke Ihnen, daß Sie -zuhörten. Vergeben Sie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie -glücklich.« - -Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht den Kopf, schüttelte -ihn immerzu, ein feines, frohes Lächeln erschien auf ihren Wangen. - -»Nein, nein!« flüsterte sie. »Ich werde nicht reisen, nein, nein.« - - - - -Elftes Kapitel - - -Grau ging mit Adele durch den stillen Wald. - -»Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall, ohne Liebe ist ja -nichts,« sagte er und küßte ihre Hand. - -»Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte und ist im Licht und ist -das Beben des Lichtes. Sie hat alles durchdrungen und du findest kein Atom -der Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten ein gehetzter -Funke, im Guten ein Feuer.« - -»Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe gibt es keine Wahrheit. -Sie ist die Seele der Welt, das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das -Ganze und der kleinste Teil.« - -»Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein Tod, dein Tag mein Tag, -deine Nacht meine Nacht,« flüsterte er und küßte ihr die Hand. »Warte.« Er -bückte sich. - -»Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn, öffne deine Hand, daß ich -ihn aus den Blumen in deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!« - -Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich. - -»Ja, laß uns leben!« rief sie aus. »Laß uns fröhlich sein und leben. Fliehe -mit mir, ich will dein sein!« - - * * * * * - -Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe auf einem Stein. Er regte sich -nicht, er saß wie ohne Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten. - -»Es ist zuviel,« flüsterte er, »es ist zuviel!« - -Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es. Tau fiel ins Gras, kleine -glitzernde Welten tropften von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er -lauschte. - -Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel. Er lauschte: Im ganzen -weiten Walde zwitscherten Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche! - -Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte. Feurige Wolken flogen -im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und -winkten und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph. -Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt. - -Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und -stand auf und badete sein Gesicht im Lichte. - - - - -Zwölftes Kapitel - - -Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefühl, als sei seine -Brust angefüllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er spürte den Schein -seiner Augen. - -Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt, die Blumen -leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen -strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der -Frühsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor -gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen -ihm zuzulächeln. - -Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe. -Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen mußten -angeknüpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten, -arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine -Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes Leben neu; keine -Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, tätiger mußte er werden! - -Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht -und fragte neugierig, aber Grau ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf -Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. »Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!« - -War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen lächelten? Da gingen sie -dahin mit einem kleinen Glück im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu -erfassen, sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah ihn jemand -an, so hatte er sofort ein freundliches Wort für ihn. Die Leute sahen ihm -erstaunt ins Gesicht. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften, -roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr -eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte mit ihm, ermutigte -ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen -Bart Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz im -Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der -Schule und als er damit fertig war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen -und lud sich eigenmächtig bei der »ewigen Braut« zum Kaffee ein. Er traf es -günstig, Fräulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand -ein Strauß von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie -plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Fräulein Sperling -legte den weißblonden Kopf auf die Seite und lächelte Grau kokett zu. - -Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein -Ende nehmen? - -Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand irgendwohin. Er wartete -oben auf der Höhe. Da saß er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors -Gesicht und lachte und weinte. - -Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser Glanz vor ihm, dieser -Reichtum, so unerwartet und plötzlich! Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück -beschieden wurde, warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück? Er -konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die Zukunft denken, nein, das -blendete, er konnte nicht an die vergangene Nacht denken, nein, nein, das -funkelte. Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen im Walde -zwitscherten -- - -Adele kam nicht in der ersten Nacht, auch nicht in der zweiten und dritten. -Aber Grau erhielt ein Billet. »Mama ist nicht wohl. Ich bin dein, warte!« -stand darin, sonst nichts. - -Gewiß, er wartete! - - * * * * * - -»Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein Herz,« sprach Grau zu seinem -Herzen. »Freude und Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal. -Jubele!« - -Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust. - -»Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und unten, alle Dinge sind -freundlich. Es ist schön die Augen zu schließen und in die Brust -hineinzublicken, wo es funkelt von Herrlichkeiten.« - -Die Tage waren schön, und schöner noch waren die Nächte. Die Tage waren -sonnig und heiß, die Nächte warm und nahezu silberweiß vom Mond und den -vielen, vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet und funkelte -wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß. Freundliche Wolken zogen langsam -über den tiefblauen, glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der -gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal regnete es, nur -fünf Minuten lang, während die Sonne schien, dann war die Luft um so -köstlicher und alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker. - -Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er plötzlich zu sich sagte: -Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien geben, wie? Zwei, drei Tage, an -denen ich nur das Notwendige verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und -wandern, schauen und fühlen. - -Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem -Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die -sich schwer neigten, wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung -eines Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude erfüllte seine -Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt, geschmückt. Zuweilen nahm er -Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder -sorgfältig ein. - -»Ich darf ja nicht daran denken,« sagte er und lachte und schüttelte den -Kopf. »Es ist ja zuviel!« - -Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt hatte, es sang und klang -im Tale, und er dachte an all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie -es wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den Werkstätten, den -Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, daß es immerzu -lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine -Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in -jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf -der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert, -jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein -als die Vögel im Walde? - -Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war -saftig und vom tiefsten Grün. Er ging nach Hause und legte sich in seinem -kühlen, dämmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er -ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Köstlichkeit seines -Schlafes. Dann kam ein großer Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor -eine Orgel setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle und hatte -nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste die Orgel: Auf, auf! Und er -fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken. - -Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als er zwischen Obstgärten und -Weinpflanzungen empor zur Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau -legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, stützte den Kopf in -die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wußte, daß Adele -erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war. - -Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen, die gleichsam -zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer über die Ebene. Der -Fluß brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von -dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf den Höhen -erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er -verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte -der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne blitzte ein -kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es plötzlich still -geworden. In der Stadt läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig, -bis die erste Grille zu zirpen begann. - -Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf, -groß und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und -jetzt kam die Nacht. - -In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles Licht, aus der -Stille kamen merkwürdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein -warmer Strom von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit Leben. -Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben, das Silber des Mondes auf -den Schwingen, Käfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein -Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von Sternen, der Mond ging -auf. - -Die Sommernacht funkelte. - -Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut -oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes, -das Gute wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmälern und -Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg -des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird -vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde -vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst? Wenn du kalt bist und spottest, -vielleicht hätte er dir eher die große Missetat vergeben. - -Es rauschte! War sie es, die kam? - -Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die Stunden nicht zählte. Er -lag im Grase und atmete. Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er -und endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume, die Gräser. - -Und er lächelte. - -Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie? - -Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch die Erde, deshalb atmete -sie und alles, was auf ihr ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere, -alles, alles atmet. - -Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert und bis in die -kleinsten und fernsten Teile immerzu bebt von der großen schwingenden -Kraft! Wir fühlen sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die -Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die Erde schwingt, so -schwingt das Blut in den Adern der Menschen. - -Und überall pocht und pulst und bebt es! In den Urwäldern, den Sümpfen, wo -es gurrt und miaut, in der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub -ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts als ein einziges -großes pochendes Herz! - -Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes Herz! All, all das -zu denken! - -Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf. - -Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein, es war ein Reh, das aus dem -Walde trat um zu äsen, ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den -dünnen Läufen bewegte. - -Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke dahintragen. Es -schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes Meer. - -Er lauschte erstaunt: In seinem linken Ohre sang jemand ein Lied! - - * * * * * - -Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses Glück? Zuweilen fuhr es -über ihn dahin wie ein heißer, erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm -leise und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es vor ihm ruhig und -unendlich wie ein goldenes sanftes Meer. - -Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe, seine Augen waren -schärfer geworden, seine Ohren feiner, sein Gefühl lebendiger. Er fühlte -wie das Zittergras zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen -wunderschönen Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig eines -Baumes schwankte. Es war so schön in dieser Welt zu leben, wo alle Dinge so -schön und sinnreich waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die -Blumen, ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben der Sonne -aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind aber nicht nur schön, sie -stehen nicht umsonst da, sie sind notwendig für die Quellen und die Luft; -da hast du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist nicht umsonst -da, sie befruchtet die Blumen. Da hast du --. Alles, alles verschlingt -sich, verwebt sich, jedes kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen, -geheimnisvollen Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch, nichts anderes -als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst der Welt ist er. Er mag ein -Unternehmer sein, der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein -Denker, einerlei -- er arbeitet für Geld und Ruhm, ja, und doch dient und -wirkt er, ob er will oder nicht, der Unternehmer, der die Bahn baut, dient -der Verbrüderung der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit, der Künstler -verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker vertieft ihren Sinn -- alle, -alle arbeiten sie für den kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der -Traum der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der Mensch, verwebt -mit dem was lebt und tot scheint, verwandt mit dem Grase und der Eiche, dem -Pferde, der Luft und den Sternen. - -»Weiter, weiter! Gehen und wandern!« - -Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat in die blendende Sonne. Er -prallte zurück. Was war das, was mitten im Tale stand in der flimmernden -Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom Mensch! Seine Füße -standen im Tal und sein Haupt reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein -Leib leuchtete in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne. - -Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau schloß die Augen, eine -ungeheure Erschöpfung lähmte seine Glieder. Er setzte sich in das Gras und -lächelte. Wie herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten -dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen! Ja, das war er, -dachte Grau, der Mensch, das Phantom! Der Mensch mit seinen Gebräuchen und -Sitten, seinen Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen und -Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben und Maschinen, seinen Wünschen, -seiner Sehnsucht, seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz, -seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker als der Elefant, -schneller als der Vogel, mit köstlichern Gesängen als des Vogels Lieder -sind. - -Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie es glänzt und dunkelt und -blitzt unter der Wimper, die sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie -sich seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch. - -Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain, ein Volk wie ein Baum, der -seine Zeit hat, aber der Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und -wächst und wächst! -- - -Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah ihn ja ganz deutlich, wie -kühn, wie herrlich, nie mehr werde ich diese Erscheinung vergessen. - -Er sprang auf. »Weiter, weiter, gehen und wandern, meine reichen Tage sind -gekommen.« - - - - -Dreizehntes Kapitel - - -Grau erhielt einen Brief von Adele. »Warte! Mama ist besser, ich will mich -ihr anvertrauen. Habe Geduld!« Er traf die Schwestern Sinding auf der -Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig kamen sie auf Adele -zu sprechen. - -»Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell,« sagten die Schwestern. »Sie soll -ja in den allernächsten Tagen reisen.« - -»So?« - -Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen erstaunt anblickten. - -Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen reisen, nur wußte niemand -wohin und mit wem. Der Stadt stand eine kleine Überraschung bevor. - -Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten, Wochen, Monate, Jahre, -wenn es sein mußte, es war ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es -durfte. - -Mit jedem Tage wurde sein Herz reicher, es frohlockte, es sang in seiner -Brust. Er ging durch die Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren -seine Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher, seine -Augen waren heller, goldener geworden in den letzten Tagen, er lächelte und -seine Wangen waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte er und -er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht hatte. Ganze Strecken lief -er dahin, den Hut in der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet. -Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von allen Seiten auf ihn ein, -unausgesetzt, und dabei pochte immerfort das Herz in seiner Brust, pochte -und klopfte und zitterte. Reiche Tage waren das. - -Wie aber waren Graus Nächte? - -Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie würde er sie vergessen -können! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel -emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war kein Platz -am Himmel leer. Da schimmerten sie, die großen Sternbilder spannten sich -gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg -herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein -blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten -Sternen abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten große -Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte. -Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlüpft und wieder erhascht, -oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden. - -Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzückten ihn. Sie -zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen überkam ihn, -Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen Walde, so war -er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und würde ihnen -nicht näher kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser Stunde ein ihm -verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor -Entzücken und Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den -unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den -unverständlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er -taumelt, er möchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran. -Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht -leer, sondern von Geistern erfüllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes -und plötzlich könnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst -du es? - -Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit -zu sein. - -Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte ihn. -- - -Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine -Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes -Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald -war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte er, bald schüttelte er sich, -er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein -junges Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief. - -Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins -Wasser falle. Knistern, Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in -der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde? - -In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nächsten da -war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer -andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie -mit einer Geliebten. - -Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden Lichtern erschien wie -eine große warzige Kröte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an -den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet, -aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden -Silberwellen. - -Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken -flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dächer der -Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich zerrissen -sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wütende Schmiede -arbeiteten. Die Funken sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten. -Die Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die Blitze gleichsam über -den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war -kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen, so daß er -lange nichts andres denken konnte. - -Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und Graus Herz war still und -lächelnd und voller Liebe. - -»Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie schlafen,« dachte er, »und -sonnige Wiesen, wenn sie wachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den -Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!« - -»Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor den geängstigten Menschen -tanzen und spielen, ich möchte ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe -des Gefängnisses setzen und meine schönen Farben zeigen.« - -»Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern der Häuser wachse und -die Tannen Wein und Früchte tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.« - -»Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden in die Lande, damit der -Hader und Zank endigte.« - -»Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden, damit sich alle Herzen -entzündeten zu friedevollem Wettkampfe. Das möchte ich!« - -Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz hatte, winkte leise mit -der Hand und sagte: »Allen, allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem -Mißmutigen einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige, jeder Flöte will ich -ihm einen Ton schenken, von jedem Vogel ein Federchen, das er entbehren -kann, von jeder Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem -Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen, das jetzt lacht, einen -Gruß, und dir, dem Schwarzen einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche -arbeitet und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!« - -Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da Grau wartete. - -Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und sich umblickte. Das -glänzte! Der Fluß, die Stadt, die Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte! - -Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da stand er und staunte. Das -war ja sein Glanz, des großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern und -Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er diesen Glanz vorher gesehen. -Das Firmament, war es nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die -Erde beugte? - -Gott? - -Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte? Unfaßbare Formen, -verwirrende Gebilde. Sein Gedanke ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang, -seine Blicke schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein Blick fiel -auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt der Erde sprang der Mensch. Das -Heben seines Lides kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides ein -neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor. - -War er so? Er, er? Er, nach dem die menschliche Sehnsucht irrt wie ein -Hund, der die Spur des Herrn sucht. - -Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze, die über die Mauer -schleicht und in mir? Blickt er ewig auf mich mit einem seiner ungezählten -Augen? Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in mir, in -jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine Gedanken? Duftet er aus der -Blume? - -Ist er in den Sternen, im Licht? - -Oder ist er fern von allem, fern, fern von der Erde und wirft nur in -Millionen Jahren einen Blick auf sie. - -Ist er in der Bewegung -- oder ist er das Einzige, das ruht? - -Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem Garten mit den Menschen -wandelte, oder im Donner redete oder auf einer Wolke dahin fuhr. - -Wir können ihn ja nicht mehr denken -- aber wäre er nicht weniger groß, -wenn wir ihn denken könnten? - -Er ist eine Sehnsucht! - -Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu denken? - -Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an, Glanz blendete ihn. Er -zitterte, sein Herz stand still und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er -hatte Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte sein -Gesicht. - -Wozu fragen, wozu denken, wozu Worte? Niederfallen, knien, sich beugen, -beten, das ist alles, es gibt nichts andres. - -Grau ging hinein in den Wald, wo es ganz dunkel war. - -»Vergebung!« sagte er. Der Wald rauschte. - -Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. »Goldener Gott!« flüsterte -Grau. »Auch hierher folgst du mir?« Er schloß die Augen -- da fühlte er den -Duft des Waldes. »Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig für ein -Menschenherz.« Er roch den Duft nicht mehr, da begann sein Herz zu pochen, -fürchterlich schlug es. »Auch hierher folgst du mir!« - -Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge in ihm zu funkeln. -- Er -kniete nieder und beugte das Haupt. -- - -Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Walde trat, war er ganz blaß und -erschöpft. Er lächelte matt und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte -gebetet zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht, Adele würdig zu werden. - -Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich freier und glücklicher -gefühlt. - -»Komm, Adele!« rief er. »Ich bin bereit! Komm!« - - - - -Vierzehntes Kapitel - - -Am andern Tage kam Adele zu Grau. - -»Ich komme um mit dir zu sprechen,« begann sie hastig und streifte Grau mit -einem raschen, scheuen Blick. Ihre Wangen waren gerötet, aber plötzlich -erbleichte sie. Sie nahm auf einem Stuhle Platz und beugte den Kopf, so daß -ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut, der mit großen weißen -Federn geschmückt war, verschwand. - -»Höre mich an, liebster Freund,« fuhr sie nach einer Weile ruhig fort und -wandte Grau den Blick zu, »ich werde dir alles sagen. Unterbrich mich -nicht, laß mich sprechen, du wirst mich verstehen. Du hast gewartet, du -lieber Freund, viele Nächte -- ich konnte aber nicht abkommen. Es war ganz -unmöglich. Mama fühlte sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch förmlich -bewacht. Sie wußten, daß ich nachts fort war, mein Gott, wie sie es -herausgebracht haben, das weiß ich nicht. Auch der Baron wußte es, an -seinen Blicken konnte ich sehen, daß er es wußte. Aber er machte nicht die -kleinste Anspielung. Papa gab eine Einladung -- ich konnte ja nicht gut -wegbleiben? Jeden Abend gab es etwas anderes und dann fühlte ich mich auch -stets bewacht. Einmal da kam das fürchterliche Gewitter. Du sollst alles -hören! Du ahnst es gewiß. Ich sah es dir an, auf den ersten Blick. Es war -schön, als wir oben im Walde gingen, so schön war es. Ich werde diese Nacht -nicht mehr vergessen, nie mehr! Wie herrlich du gesprochen hast, über die -Ehe und über alles, ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was für schöne -und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mögen! Ich liebe das! Ich -liebe dich auch, glaube nicht, daß ich dich nicht mehr liebe, oder daß ich -dich weniger liebe. Nein, nein. Ja, wie wir doch zusammen gingen und -sprachen wie wirkliche Freunde. Ich denke immer daran. Als du mir den Tau -gabst, da lachte ich, ich fühlte mich so frei. Ja, da war ich glücklich, in -diesem Augenblick! -- Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fühlst. -Du hast mich förmlich berauscht. Und deine Augen! Sie waren so schön, sie -sind so schön, wie waren sie doch? Wie am Liederkranzball, du sahst mich an -und ich konnte nicht mehr tanzen. Man spricht hier viel von dir. Man sagt, -du habest eine solch eigentümliche Macht über die Menschen. Eine Dame hier -batest du um ein altes Bett, sie hatte gar kein altes, aber sie gab dir ein -neues. Sie selbst hat es mir erzählt, sie konnte nicht anders. Es war dein -Blick, sagte sie.« - -»Es ist mir schwer zu sprechen, wenn ich in deine Augen sehe.« - -»Aber doch muß es sein, doch mußt du alles hören. - -Es war so wunderbar in jener Nacht, wie ein Traum war es. Ich liebe dich, -es ist wahr. So deutlich empfinde ich es jetzt, da ich dir nahe bin. Ja, -wie hast du mich doch geküßt, ich mußte immer daran denken. Du liebst mich, -gewiß, aber ob deine Liebe nicht erblassen würde, wer sollte das wissen -können. Ob unsere Liebe immer so groß und schön bliebe? Vielleicht würden -wir nie wieder so empfinden können wie in jener Nacht. Es ist nicht -möglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles andere und dann ist -sie vorbei. Ich weiß auch nicht, ob ich dich immer so lieben würde. Ich -weiß nicht einmal, ob ich wirklich lieben kann? Sage nichts. Es ist wahr, -ich liebe Mama, aber eigentlich liebe ich doch nur mich allein.« - -Ihre Lippen bebten, sie fuhr fort: »Ich wollte mit dir fliehen, nur weit -fort von allem, glaube mir, ich wollte es. Als wir die Abendgesellschaft im -Garten hatten, da dachte ich nur an dich. Nun wartet er, dachte ich, er -wartet! Ich habe nur an dich gedacht. Am nächsten Abend, da konnte ich -nicht fort, weil ich mich bewacht fühlte. Ich habe mir alles überlegt. Es -kam mir so schön vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend zu dir kommen -und doch bereitete ich nebenbei alles zur Abreise mit dem Baron vor. Dann -dachte ich, ob ich das ertragen würde auf lange Zeit? Du bist du, aber ob -ich das ertrage, immer in dieser reinen und schönen Welt zu leben, immer -diese Gedanken zu haben? Nein, ich glaube nicht. Du hast mich berauscht, so -war es. Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentümliches -Gefühl. Wenn ich doch wüßte, wie er ist, dachte ich. Es zog mich zu dir. Du -hast mich trunken gemacht in jener Nacht. Ja, so könnte es sein, es könnte -ja so sein, das wäre das Leben -- aber ich bin ja nicht dafür geschaffen. -Ich liebe dich, aber auch du bist nicht der Rechte für mich. Ich muß es -sagen, verzeihe mir, ich will ja ehrlich sein. Du nicht und auch der Baron -nicht. Sprich nichts, laß mich alles sagen.« - -»Ich habe mich neulich auch über den Baron geäußert, ich habe gesagt, er -ist beschränkt und in mancher Beziehung roh, das tut mir nun leid, denn er -hat mir und meiner Familie nur Gutes erwiesen. Er hat andere Gedanken und -vielleicht sind sie nicht so schön und groß wie die deinigen, er ist auch -nicht herzlos, er verbirgt nur sein Herz. Doch wozu sage ich all das? Er -ist mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.« - -Sie schwieg und wandte die hellen, von den schwarzen Wimpern umsäumten -Augen dem Fenster zu und sah hinaus in den Garten. In Eisenhuts -Kirschbäumen lärmten die Vögel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah -nichts. Sie nagte an der Lippe. Dann wandte sie das Gesicht Grau zu und sah -ihn mit halbgeschlossenen Augen an. Sie lächelte schmerzlich. »Ich habe -meinen Entschluß gefaßt,« fuhr sie leise fort, »er ist nicht mehr zu -ändern. Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte für mich bist. Du -bist zu gut und fein. Du würdest mich nie zu etwas zwingen und ich würde -nie Furcht vor dir haben. Ich sage ja nicht, daß ich das wünsche, aber du -solltest ein starker Mann sein, vor dem man Furcht haben könnte! Verzeihe -mir, es ist ja so schwer für mich, die richtigen Worte zu finden. Es wäre -schön mit dir, ich fühle es, ich habe geträumt und geträumt, aber du bist -doch nicht der Rechte.« - -»So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig. Ich liebe dich, -ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht mehr liebe! Du hast vielleicht -größere Kräfte in dir und bist vielleicht viel stärker als all die andern, -die sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine Kraft nur nicht. -Aber trotzdem bist du nicht der Rechte -- auch der Baron nicht. Aber es muß -ja sein! Du sollst mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich -denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu sein! Aber es ist ja -unmöglich.« - -»Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte ich es auch. Aber du -bist nicht ganz der Richtige, nun sollte ich auch keinem andern gehören. -Aber das geht ja nicht. -- Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es bei -mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber wir sind ja nicht so reich, -mein Bruder verdient nichts, die Pension meines Vaters reicht nicht weit. -Und ich, auch ich koste Geld -- so töricht ist das Leben, alles, alles -kostet Geld -- und die Bäder, die Mama aufsuchen soll -- es kann ja nicht -sein. Versprich mir, es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja -sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht. Du selbst hast ja -gesagt, der Baron sei ein sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er -liebt mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja mit dir -glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.« - -»Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und all das zu sagen -- -beinahe hätte ich dir nur einen Brief geschrieben. Ja, ich habe es getan, -drei Tage schrieb ich daran -- aber dann habe ich so große Sehnsucht -gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so schön, das habe ich gedacht, -als ich dich zum ersten Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen -genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte. Wie gut bist du auch gegen -Susanna gewesen!« - -Adeles Lippen bebten. »Lebe wohl!« sagte sie. - -»Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles. Was könnte ich tun? Nichts -würde etwas helfen. Es hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und -mich vor ihm demütigte und ihn streichelte -- wie ein Tropfen auf einen -heißen Stein war es ja -- es hat auch nichts geholfen, daß das Haus -abbrannte -- es mußte ja brennen! -- es mußte ja brennen! -- auch das hat -nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das ist nicht alles. Ich liebe mich! -Ich habe Furcht vor der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das -ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu zerstören und auch -mich. Du bist so gut und schön, ich werde immer, immer an dich denken -- -aber es gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich beschwöre dich, -sage kein Wort dagegen, es gibt nichts anderes mehr. Um dich ist es mir -schrecklich leid, um dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!« - -Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen Kuß auf den Mund. - -»Lebe wohl, Adele!« - -Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang, sie ging rückwärts und -winkte. Sie war gegangen. - -Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Da saß er und es wurde -dunkel, er regte sich nicht. Die Glocken läuteten schrecklich. - -Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen. Die Brauen waren -in die Höhe gezogen, die Augen waren groß, der Mund stand halb offen. - -Die ganze Nacht saß er so und als der Morgen kam, saß er immer noch auf dem -Stuhl und sein Gesicht staunte. - - - - -Fünfzehntes Kapitel - - -Grau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal ins Antlitz zu blicken -ohne zu zittern, sagte er. Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun -erst fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber. Er legte sich auf -das Sofa und blickte zur Decke empor. Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt -in einem großen, schrecklichen Staunen. - -Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf und plauderten von Adele. -»Wie ruhig und gefaßt sie Abschied nahm!« sagte Marie Sinding, die ein -wenig mit der Zunge anstieß. - -»Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte bis der Zug fuhr. Sie -beherrscht sich so. Wir sind nicht so -- haha!« - -»Nein, nein!« Die Schwestern lachten. - -Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: »Was wird der Tennisklub als -Hochzeitsgeschenk geben?« - -Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte wohl, was die Mädchen sagten, -er lächelte nicht, er weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er -sich an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen Brief an einen -Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen wollte. Dann versank er wieder in -ein leichtes, fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem Sofa, er -fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich der Ausdruck des Staunens -nicht aus seinem Gesichte. - -Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte langsam, mit Anwendung all -der Klarheit, die ihm das Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten -gestickten Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte nochmals -den Teller für seinen Kostgänger, den gelben, zottigen Hund und legte alle -Speisereste unter den Schrank für die Maus. »Eine Maus findet ja immer -etwas,« murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf hin und her, -»sie ist auch klein und ißt nicht viel.« - -Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er antwortete: »Ja!« und -ging. - -Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den Weg durch den Wald, hoch -über der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und -glühte seine Stirn. - -Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen -Wolke, deren Ränder gleißten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon -leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die -Sonne flammte plötzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie -ein Kind, das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs -Zimmer geht. - -Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und -versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da -stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und -starrte mit großen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er -lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch -seinen Kopf, daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes -geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde Sonnenstäubchen seien und -tausend Altäre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber -er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft -waren Altäre und sie opferten Tag und Nacht darauf. - -Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstäubchen und opfern. -Sie zerschmolzen, Königreiche und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue -Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Städte, neue Tempel, -immer herrlicher und schöner. Ein Jubelbrausen künftiger Jahrtausende -- -Schönheit, Adel -- - -»Es ist ja alles gut, alles gut!« sagte Grau und lachte. Er war nicht -imstande zu denken, aber eine mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann -rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin. - -So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles! - -Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit -rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstäblich in -Lumpen gehüllt. »Wohin geht die Reise?« fragte Grau und gab ihm die Hand -und lachte. »In die Stadt,« antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein -Hemd an hatte, »ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen -hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?« - -Grau lächelte. »Er ist abgereist, heute!« sagte er. »Aber was schadet es? -Nehmen Sie, nehmen Sie!« Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein -Taschentuch, sein Messer. »Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, daß -er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha!« Er zog seinen Rock aus -und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme. - -Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein. - -»Guten Tag, Mütterchen!« rief er aus. »Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da -bin ich nun, siehst du?« - -Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie -gewahrte, daß er in Hemdärmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. »Du gehst? -Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!« - -»Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem Freund von mir, ein -seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er -unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann -sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du begreifst wohl -nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser -- Er wartet auf mich. -Morgen früh! Ein guter Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen -gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mörder, nein! Er -war verurteilt wegen Mords, aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das -sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der Prozeß -wurde wieder aufgenommen -- Lüge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn -betrunken --« - -»Ja, was ist dir denn?« sagte Mütterchen erschrocken. - -»Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht -lästig fallen --« - -»Warte!« stotterte Mütterchen und ging in die Küche hinaus, um eine -Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte saß Grau im Sessel und schlief -und flüsterte im Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum -Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig -aus, es dauerte einige Wochen. - -Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des -Staunens in sein Gesicht zurück. - -»Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!« flüsterte er. »Verzeihe!« - -Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur -Brücke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe -Postkutsche über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die -Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste jeden Nachmittag -vorüber und sein Rauch hing lange in der Luft. - -Häufig versuchte er aufzustehen; »Ich muß ja fort!« sagte er. »Mein Gott, -es gibt ja so viel zu tun!« Aber seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er -wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin. - -Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man mähte es wieder, es verfaulte -im Regen. Der Herbst kam. - -Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare Tage. Dann schrieb er, aber -er zerriß alles wieder, endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und -einen kurzen. - -»Hier,« sagte er, »Eisenhut, nimm sie. Ich werde dir alles erklären. In -diesem Brief befindet sich ein Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in -einem Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl zu, -Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die Rede ist. Vergiß nichts. Es -ist eine alte Angelegenheit, die ich in die Hand nahm, als ich hier in der -Stadt eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.« - -Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran und flüsterte: »Die -Pioniere, siehst du, man muß sie loben. Sie sind immer da, wo die -Menschheit noch nicht ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich -dran, aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner, Eisenhut, -auch ich, auch ich, wollte solch ein Säemann werden. Im kleinen natürlich, -im kleinen nur --« - -»Still, still!« sagte Eisenhut und legte ihm Eis auf die Stirn. - -Grau schloß sofort die Augen. »Mein Bruder!« flüsterte er und drückte -Eisenhuts Hand. Als Grau schon sehr schwach war, richtete er sich eines -Tages plötzlich auf und sagte erschrocken: »Eisenhut, deine Mutter?« Er -schwieg lange, dann fügte er hinzu: »Da ging ich ein und aus in diesem -Hause und dachte nicht an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr -geschwächter Geist, man kann ihn stärken -- Gott verzeihe mir! -- Versprich -es mir, Eisenhut!« Er umklammerte Eisenhuts Hand und sank lächelnd ins -Kissen zurück, als Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte. - -Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort leise flüsterte und -lachte. Er lebte mit einer schönen Frau mit hellen Augen und schwarzen -Haaren am Meer. Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln. Er blickte -ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald in jenes: Sie war da! Er -lachte und trommelte an die Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in -den Sand. - -Einmal ging er hinein in einen Wald. Es war Sommer. Die Sonne glühte in den -grünen Wipfeln. Da ging er dahin und sang. Plötzlich wurde es totenstill im -Walde, die Hitze wurde unerträglich und langsam fiel Blatt um Blatt, mit -einem singenden, seufzenden Laut. Die Blätter fielen dichter und dichter, -sie schrumpften zusammen, knisterten, wie versengt von der großen Hitze, -fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die Äste starrten kahl und immer -mehr Blätter regneten und drohten ihn zu ersticken -- - --- Da erwachte er mit einem Schrei und fuhr auf. Sein Mund war voller Blut. - -Tagelang lag er nun geschwächt und atmete nur leise. - -Eisenhut kam ans Bett. »Worüber staunst du doch nur?« fragte er. »Du -staunst immer!« - -Grau lag und staunte. - -Dann kamen die Tage, da Grau schwer atmete und Mütterchen ihm immerfort die -Stirne trocknen mußte. - -Das war der Glutwind! Er trug ihn dahin und viele, viele trug er dahin. Es -ging durch die kahlen Äste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen -jammerten. Wir kleinen schäbigen Seelen, Erbarmen! jammerten sie. Es fegte, -Tag und Nacht, immerzu und endlich hoch über den Wipfeln des verdorrten -Waldes, in balsamischer Luft. Tief unten jammerten die Seelen. Wir sind zu -schwer, Erbarmen. Aber er flog und sauste und viele sausten mit ihm. Es -wurde glühend heiß -- er erwachte. - -Sein Kopf war ganz klar. Er war durstig und seine Lippen brannten. Aber es -war Nacht und er wollte Mütterchen nicht wecken. Er kühlte die Hände am -Fenster und kühlte dann die Lippen. - -Sofort versank er wieder. Er wanderte. Eine Felsenecke, wieder, wieder, -eine endlose, schreckliche Wanderung. Ein Tor, eine Schlucht, ein -furchtbarer Weg. Er kam in einen großen Felsenhof und hier waren viele -Millionen Seelen und warteten. Wir sind die armen Seelen! beteten sie. Er -wanderte und wanderte durch das Heer von Seelen hindurch und kam auf eine -Heide. Hier ließ es sich gut ausschreiten. - -Aber plötzlich warf ihn eine Stimme zu Boden. - -»Mit Versprechungen hast du die Menschen getröstet und von Hoffnungen hast -du gelebt!« sprach die Stimme, die furchtbar klang. - -»Ich wollte beginnen! Vergib mir armen kleinen Seele!« - -»Wie das Schwirren von Pfeilen und ein Schall von Hörnern hätte deine Rede -sein sollen, deine Zunge war Stroh! Ich habe Antrieb und Neigung in dich -gelegt, ich habe über deine Seele Ahnungen geschleudert wie Hagelschauer -über das Feld, ich habe gefunkelt in dir wie der Mond am schwarzen Himmel -funkelt, ich stand am Wege als kleine Blume, aber du hast mich nicht -gesehen! Ich kam zu dir und fand dich schlafend, ich habe meinen Gedanken -auf dich geworfen wie einen Felsblock, aber du bist nicht aufgewacht. Auf -deiner Zunge saß ich als süßes Lied, warum hast du nicht gesungen? Zehnmal -in deinem Leben ging mein großer Verkünder an dir vorüber, du sahst ihn an, -aber du hast ihn nicht erkannt?« - -»Ich habe dich als Feuer entsandt und du bist als Asche wiedergekommen!« - -»Sprich, elende Seele, wo sind deine Früchte, wenn ich dich schüttele? -Sprich, sprich, elende Seele?« - -Er begann zu stammeln, verwirrt zu reden. Er stotterte Entschuldigungen. Er -suchte in seinem Kopfe, nichts fiel ihm ein. Nichts, nichts. »Erbarmen, -Erbarmen!« schrie er und krümmte sich. - -»Sprich, sprich!« sagte die furchtbare Stimme. - -Da fiel ihm ein, daß er einst für ein krankes Kind ein Bilderbuch gemacht -hatte, geschrieben, gemalt, Tag und Nacht hatte er gearbeitet. - -Aber die furchtbare Stimme sprach: »Sprich, elende Seele!« - -Grau stöhnte. Drei Tage und drei Nächte sprach diese Stimme und drei Tage -und drei Nächte flehte, bat Grau. - -Eisenhut trat ans Bett und fragte, ob er wach sei. Grau sah ihn mit Augen -an, die nichts sahen. - -»Erkennst du mich?« fragte Eisenhut und lächelte, als ob er ihn lächelnd -eher erkennen sollte. - -Aber Grau sprach von einem Gefängnis und einem Gefangenen mit schrecklicher -Sehnsucht nach seinem einzigen Kinde. - -Eisenhut trocknete ihm die Stirne und kühlte sie mit Eis. - -Nun war es ihm plötzlich leichter. Diese furchtbare Stimme war nicht mehr -zu hören, und er ging in der Heide, wo es sich gut ausschreiten ließ. Er -war fröhlich. Über die Heide kamen zwei Gestalten, sie kamen näher und er -erkannte Susanna. - -Er lief ihr entgegen und stürzte in die Knie: »Verzeihe, verzeihe, -Susanna!« rief er. »Verzeihe das Zuviel -- ich habe dich ja geliebt -- aber -verzeihe das Zuviel!« - -Susanna hob ihn auf. »Es ist alles gut,« sagte sie leise und lächelte. - -Da fiel sein Blick auf die andere Gestalt. Auch sie war eine Frau. Er -erstaunte und richtete sich auf. Mit dieser Frau war er einst über die -Heide im Sternschnuppenregen gegangen, nun war sie da. - -»Bist du wieder du?« sagte sie und sah ihn an. - -Bei ihrem Blicke aber erhellte sich sein Inneres, es war ihm, als ob er -sein ganzes Leben verstände. »Ach so!« rief er aus und eilte ihr entgegen -und weinte vor Glück. - -In dieser Nacht starb Grau. Er starb als der Tag nahte und Eisenhut, der -während der Wache eingeschlafen war, wurde durch das klagende Geheul eines -Hundes geweckt. Er blickte auf Grau, und Grau sah so schön und friedevoll -aus, daß Eisenhut sofort zu schluchzen begann. Er sah, daß er tot war. - -Er fürchtete sich und ging hinaus, um den Hund zu vertreiben. Er warf -Steine nach ihm, aber dieser gelbe, zottige Hund kümmerte sich nicht um -Steine, er lief ihnen entgegen und heulte und winselte und gebärdete sich -ganz unsinnig. - -Als Mütterchen erfuhr, daß Grau gestorben war, sagte sie erschrocken: »Aber -die Schuhe, wo hat er denn Susannas Schuhe?« - -»Schwätzen Sie keinen solchen Unsinn!« sagte Eisenhut ärgerlich. »Er wird -die Schuhe wohl in seinem Koffer haben!« - - - - -Sechzehntes Kapitel - - -Es regnete, als man Grau begrub. Viele Leute waren gekommen, auch Fremde, -die man noch nie gesehen hatte. Eine Menge Kränze und Blumen bedeckten -Graus Sarg und noch Tage, ja Wochen nach seinem Tode trafen Kränze ein. Ein -Gärtner hatte einen wunderbaren Kranz mitgebracht, man hatte noch nie zuvor -solch einen Kranz in der Stadt gesehen. Auch Adele war gekommen. - -Der Dekan von Weinberg hielt die Rede. Es war ein schöner Mann mit blondem -Vollbart, der sich selbst stets einen echten Germanen nannte. Er prüfte, ob -das Brett fest sei, das man wegen des Schmutzes gelegt hatte, und der -Kirchner mußte die ganze Zeit einen Regenschirm über ihn halten. - -Dicht am Grabe standen zwei fremde Offiziere, die Helme in der Hand. Sie -hatten rötliches Haar und helle Augen und jeder sah, daß sie Graus Brüder -waren. - -Der Dekan sprach, er sprach von dem jugendlichen Eifer Graus, seiner großen -Nächstenliebe, den himmlischen Herrschern und vielem anderen. Je mehr er -sprach, desto spöttischer lächelte Eisenhut, schließlich räusperte er sich -unverschämt und endlich hustete er. Der Dekan mit dem blonden Vollbart warf -ihm zornige Blicke zu. - -Der Dekan hatte geendigt, da trat Eisenhut ans Grab. Er hob die Hand, zum -Zeichen, daß er sprechen wolle. Dann sprach er. - -»Hochverehrte Anwesende --« so sprach Eisenhut -- »dieser Mensch, den wir -heute begraben -- er ist --« - -Er konnte nicht fortfahren. Eisenhut war kein Redner. Die Leute sahen ihn -erstaunt an und unterdrückten ein Lächeln. - -Adele ging hinaus zu Mütterchen. Mütterchen saß allein in der Stube, die -Hände im Schoß. - -»Welche Freude!« sagte sie. »Wenn Susanna wüßte, daß Sie mich besuchen!« - -Adele setzte sich in den Sessel. - -Sie sagte: »Wer hätte denn denken können, daß er krank war und daß es so -schnell mit ihm zu Ende gehen könnte.« - -Mütterchen seufzte. »Sie war immer ein schwächliches Kind.« - -Nach einer Weile sagte Adele: »Hat er viel leiden müssen?« - -Mütterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie: »Nein, sie hat einen -sanften Tod gehabt. Sie wußte gar nicht, daß sie sterben sollte.« Darauf -nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser singender Stimme: »Susanna? -Susanna?« - -Adele schauerte zusammen; sie ging. - -Auf der Brücke stand Eisenhut und wartete. Er zog den Hut, verbeugte sich -und nahm einen Brief aus der Tasche. - -»Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gnädige Frau,« sagte er, »außerdem -hätte ich es ja nicht gewagt Sie anzusprechen.« - -Adele lächelte und gab ihm die Hand. »Sie sind es, Herr Eisenhut! Ich freue -mich Sie zu sehen. Es war schön von Ihnen, daß Sie heute eine Rede -- --« - -Eisenhut sah sie überrascht an. Sie hatte sich sehr verändert, bleich sah -sie aus und gleichsam um viele Jahre älter, auch ihre Stimme klang ganz -anders. Sie begann laut zu sprechen, aber ihre Stimme sank rasch zu einem -Flüstern herab, so daß man die letzten Worte nicht mehr verstehen konnte. - -Sie nahm den Brief an sich. - -»Er ist ja offen?« sagte sie. - -»Ja,« entgegnete Eisenhut, »so hat er ihn mir gegeben.« - -»Ah! Er tat es absichtlich. Aber sehen Sie doch, in dem Brief ist ja noch -ein Brief? An meinen Bruder, ein solch dicker Brief! Was mag er doch mit -meinem Bruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzählte mir, daß er sie -einmal vor ihm warnte. Aber -- nun gehen Sie mit mir und erzählen Sie mir -von ihm. Sie sind ja um ihn gewesen, Sie waren ja sein Freund!« - -Eisenhut erzählte was er wußte. - -»Er hat auch einigemal Ihren Namen genannt, gnädige Frau.« - -Adele lächelte und errötete flüchtig. »Wie hat er mich genannt?« fragte -sie. - -»Er nannte Ihren Vornamen, gnädige Frau.« - -Adele schwieg lange. Dann sagte sie: »Wer hätte denn denken können, daß es -so kommen könnte!« - -»Der Arzt sagt, Grau hätte die Krankheit von Susanna bekommen,« sagte -Eisenhut. - -Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab Eisenhut die Hand. -»Vielleicht sehen wir uns einmal irgendwo,« sagte sie, »da Sie nun doch auf -Reisen gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie einst kränkte, -ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe, es wird Ihnen gut ergehen, ein -wenig besser vielleicht als mir. Leben Sie wohl!« Sie hielt inne, dann -fügte sie leise hinzu: »Er war ein solch guter Mensch!« - -Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum Kusse und Eisenhut küßte -ehrfürchtig ihre weiße Hand. Dann ging sie langsam hinein in den Park und -es dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie langsam -emporstieg. - -Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern nach dem Süden ab. --- - -Das aber ist der Brief, den Grau an Adele geschrieben hatte: - -»Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das Einzige, was Du besitzt, -unerforscht ist das Leben, unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder -und wieder werden wir einander begegnen in den Reichen.« - -Ende - - - - -Werke von Bernhard Kellermann - - -Yester und Li - -(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25 -Mark. - -Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt -- einer -zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, -wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein -Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen, -wundervollen Weibe empfinden kann. -- Henri Ginstermann heißt er. Und sie -heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für -Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen -Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind --- ein triviales Bild zu gebrauchen -- wie äußerst verfeinerte -phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in -ihnen haften, läßt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und -rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine -innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist -hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie -ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer -Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um -unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam -geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und -Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Seine Liebe ist ihm das -Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Kräfte werden davon -aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser -Frau. Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren -Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen, -himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine -innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester -und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund -japanischer Kultur.) Henri verfällt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem -Wahnsinn nahe. Er verschmäht die Liebe anderer Frauen. Alles um -ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden -Verzicht. Wunderbar greifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm -- fast -wortlos -- ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die -Unmöglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß reist -sie ab. Und die »Geschichte einer Sehnsucht« schließt mit dem -schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, über -die der Zug die Geliebte entführt. - -(Königsberger Allgemeine Zeitung) - -Ingeborg - -Roman. 18. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark. - -Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch -- Ingeborg --, diesen zweiten -Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und -der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein närrisches Buch, -aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, -unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, -und das Blut macht es unruhig, es fiebert von Liebe. In einigen -Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen; -mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn -allein daran schuld war . . . Mit einer kindlich zarten und zugleich -unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen -gesprochen. Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem -möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen -kann. - -(Die Zeit, Wien) - -Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es schlägt Töne an, -die man schwer vergißt . . . Selten ist etwas Glühenderes und Sanfteres -geschrieben worden als die Schilderung dieser Liebe. - -(Der Tag, Berlin) - -Maßlos schön muß ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen daran -genossen, so schön und schwer ist es an blühenden Wundern und quellenden -Tränen. So schwer ist es an tiefem Leben, daß man Stufe um Stufe -mitschreiten und Tropfen um Tropfen mitkosten muß, so voll ist es von Liebe -und Blut aus einem großen, großen Herzen. - -(Münchener Zeitung) - -Das Meer - -Roman. Zehnte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark. - -Ein kulturmüder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer bretonischen -Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwüchsigen Dasein dieser -einsamen Welt. Trinkt, flucht, liebt und haßt wie die Bewohner der Insel, -die gleich abgeschlossen ist von den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden -der Welt da draußen. Alle Leidenschaften pulsen in jagendem Tempo, alle -Gedanken schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Haß, -Freundschaft, Verrat -- es ist eine Urzeit, in der sich der Trieb in sich -verwickelt, noch ungeteilt in das Zweigeschlechtliche, das Gute und Böse. -Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus der furchtbaren -Unendlichkeit des Meeres hebt. Man soll vorsichtig sein -- aber doch, hier -darf man es aussprechen: Es ist ein Meister, der dies Buch geschrieben hat. -Manchem wird die wilde Schönheit unverständlich bleiben, manchem wird auch -die feinste Sprachkunst nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur -das Meer ist -- und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich aber in -dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit wohl -erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen, daß auch einem -Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten Reiche der Natur gelungen -ist, der bisher Männern wie Kipling oder Loti vorbehalten schien. Nur daß -Kellermanns Empfindung, wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine -Sehnsucht tiefer ist. - -(B. Z. am Mittag, Berlin) - -Man braucht nach »Ingeborg« niemandem zu sagen, welcher Meister der -Dichtkunst dieses Buch geschrieben hat. Nur wird man hervorheben dürfen, -daß in den Tiefen dieses Werkes unterhalb seines großen künstlerischen -Ernstes ein kostbares Lebenselement geschäftig ist und manchen wirbelnden -Strahl zur Oberfläche schickt: der Humor, der leibhaftige Humor! - -(Anhaltischer Staatsanzeiger, Dessau) - -Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOR *** - -***** This file should be named 41882-8.txt or 41882-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/8/8/41882/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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