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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-08 12:48:19 -0800
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@@ -0,0 +1,272 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41517 ***
+
+Die Schlacht bei Sempach
+
+Erzählung
+von
+Robert Walser (1878-1956)
+
+Berlin.
+Verlag der Zukunft.
+1908.
+
+
+Eines Tages, mitten im heißen Sommer, zog sich auf der staubbedeckten
+Landstraße ein Heereszug in die Luzerner Gegend langsam dahin. Die
+helle, eigentlich mehr als helle Sonne blendete auf die tanzenden
+Rüstungen herab, auf Rüstungen, die Menschenkörper bedeckten, auf
+tanzende Rosse, auf Helme und Stücke Gesichter, auf Pferdeköpfe
+und Schweife, auf Zierathen und Büsche und Steigbügel, die groß waren
+wie Schneeschuhe. Rechts und links von dem glänzenden Heereszug
+breiteten sich Wiesen mit Tausenden von Obstbäumen aus, bis an Hügel
+heran, die aus der blauduftenden, halb verschwommenen Ferne wie
+leise und behutsam gemalte Dekorationen winkten und wirkten. Es
+war eine vormittäglich drückende Hitze, eine Wiesenhitze, eine
+Gras-, Heu- und Staubhitze, denn Staub wurde aufgeworfen, wie dicke
+Wolken, die manchmal Stücke und Theile vom Heer einhüllen wollten.
+Schleppend, stampfend und nachlässig ging die schwere Kavalkade
+vorwärts; sie glich oft einer schillernden, langen Schlange, oft einer
+Eidechse ungeheuren Umfanges, oft einem großen Stück Tuch, reich von
+Figuren und farbigen Formen durchwoben und feierlich nachgezogen, wie
+Damen, meinetwegen ältliche und herrische, gewöhnt sind, Schleppen
+nachzuziehen. In der ganzen Art und Weise dieses Heergewoges,
+im Stampfen und Klirren, in diesem schnöden, schönen Gerassel
+lag ein einziges "Meinetwegen" enthalten, etwas Freches, sehr
+Zuversichtliches, etwas Umwerfendes, träg bei Seite Schiebendes.
+Alle diese Ritter unterhielten sich, so gut es durch die stählernen
+Mäuler gehen wollte, in fröhlichem Wortgefecht mit einander; Lachen
+ertönte und dieser Laut paßte vorzüglich zu dem hellen Ton, den die
+Waffen und Ketten und goldenen Gehänge verursachten. Die Morgensonne
+schien manches Blech und feinere Metall noch zu liebkosen, die
+Pfeifentöne flogen zu der Sonne herauf; ab und zu reichte einer
+der vielen zu Fuß daherstelzenden Diener seinem reitenden Herrn
+einen delikaten Bissen, an eine silberne Gabel gesteckt, zum
+schwankenden Sattel hinauf. Wein wurde flüchtig getrunken, Geflügel
+verzehrt und nicht Eßbares ausgespuckt, mit einer leichten, sorglosen
+Gemüthlichkeit, denn es ging ja in keinen ernsthaften, ritterlichen
+Krieg, es ging zu Abstrafung, Nothzucht, zu blutigen, höhnischen,
+schauspielerischen Dingen, so dachte Jeder; und Jeder erblickte schon
+die Masse von abgeschlagenen Köpfen, die die Wiese blutig färben
+sollten. Unter den Kriegsherren befand sich mancher wundervolle junge
+adelige Mensch in herrlicher Bekleidung, zu Pferd sitzend wie ein
+vom blauen, ungewissen Himmel niedergeflogener männlicher Engel.
+Mancher hatte den Helm, um es sich bequem gemacht zu haben und
+einem Trotzbuben zum Tragen herabgereicht und zeigte so der freien
+Luft ein sonderbar von Unschuld und Uebermuth schöngezeichnetes
+Gesicht. Man erzählte die neusten Witze und besprach die jüngsten
+Geschichten von galanten Frauen. Wer ernst blieb, wurde zum Besten
+gehalten; eine nachdenkliche Miene schien man heute unanständig und
+unritterlich zu finden. Die Haare der Jünglinge, die ihren Helm
+abgenommen hatten, glänzten und dufteten von Salben und Oel und
+wohlriechendem Wasser, das sie sich aufgeschüttet hatten, als habe
+es gegolten, zu einer koketten Dame zu reiten, um ihr reizende Lieder
+vorzusingen. Die Hände, von denen die eisernen Handschuhe abgestreift
+worden, sahen nicht kriegerisch, vielmehr gepflegt und verhätschelt aus,
+schmal und weiß wie Hände von jungen Mädchen.
+
+Einer allein in dem tollen Zug war ernst. Schon sein Aeußeres, eine
+tiefschwarze, von zartem Gold durchbrochene Rüstung, zeigte an, wie
+der Mensch, den sie deckte, dachte. Es war der edle Herzog Leopold
+von Oesterreich. Dieser Mann sprach kein Wort; er schien ganz in
+sorgenvolle Gedanken versunken. Sein Gesicht sah aus wie das eines
+Menschen, der von einer frechen Fliege um das Auge herum belästigt
+wird. Diese Fliege wird wohl seine böse Ahnung gewesen sein, denn
+um seinen Mund spielte ein fortwährendes verächtlich-trauriges
+Lächeln; das Haupt hielt er gesenkt. Die ganze Erde, so heiter sie
+auch aussah, schien ihm zornig zu rollen und zu donnern. Oder war
+es nur der trampelnde Donner der Pferdehufe, da man jetzt eine
+hölzerne Reußbrücke passirte? Immerhin: etwas Unheil Verkündendes
+wob schauerlich um des Herzogs Gestalt.
+
+* * *
+
+In der Nähe des Städtchens Sempach machte das Heer halt; es war
+jetzt so um zwei Uhr nachmittags. Vielleicht war es auch drei Uhr;
+es war den Rittern so gleichgültig, wie viel Uhr es sein mochte;
+ihretwegen hätte es zwanzig Uhr sein dürfen: sie würden es auch in der
+Ordnung gefunden haben. Man langweilte sich schon schrecklich und
+fand jede leise Spur von kriegerischer Maßregel lächerlich. Es war ein
+stumpfsinniger Moment, es glich einem Scheinmanöver, wie man jetzt
+aus den Sätteln sprang, um Stellung zu nehmen. Das Lachen wollte
+nicht mehr tönen, man hatte schon so viel gelacht, eine Ermattung, ein
+Gähnen stellte sich ein. Selbst die Rosse schienen zu begreifen, daß
+man jetzt nur noch gähnen könne. Das dienende Fußvolk machte sich
+hinter die Reste der Speisen und Weine, soff und fraß, was es noch zu
+fressen und zu saufen gab. Wie lächerlich dieser ganze Feldzug Allen
+erschien! Dieses Lumpenstädtchen, das noch trotzte: wie dumm Das
+war!
+
+Da ertönte plötzlich in die furchtbare Hitze und Langeweile hinein der
+Ruf eines Hornes. Eine eigenthümliche Erkündigung, die ein paar
+aufmerksamere Ohren horchen ließ: Was kann da nun sein? Horch:
+schon wieder. Da tönte es schon wieder, wirklich, und man hätte
+allgemein glauben sollen, diesmal ertöne es in weniger weiter
+Entfernung. "Alle guten Dinge sind drei", lispelte ein geckiger
+Witzbold; "töne doch noch einmal, Horn!" Eine Weile verging.
+Man war etwas nachdenklich geworden; und nun, mit einem Mal,
+fürchterlich, als hätte das Ding Flügel bekommen und reite auf
+feurigen Ungeheuern daher, flammend und schreiend, setzte es
+noch einmal an, ein langer Schrei: Wir kommen! Es war in der That,
+als bekomme da plötzlich eine Unterwelt Luft, durch die harte Erde
+durchzubrechen. Der Ton glich einem sich öffnenden dunklen Abgrund
+und es wollte scheinen, als ob jetzt die Sonne aus einem finsteren
+Himmel herableuchte, noch glühender, noch greller, aber wie aus einer
+Hölle, nicht wie aus einem Himmel herab. Man lachte auch jetzt noch;
+es gibt ja Momente, wo der Mensch glaubt, lächeln zu sollen, während
+er sich vom Entsetzen angepackt fühlt. Die Stimmung eines Heereszuges
+von vielen Menschen ist schließlich ja nicht viel anders als die Stimmung
+eines einzelnen, einsamen Menschen. Die ganze Landschaft in ihrer
+brütend weißlichen Hitze schien jetzt nur noch immer Tut zu machen,
+sie war zum Hörnerton geworden; und nun warf sich denn auch alsobald
+zu dem Ton-Raum, wie aus einer Oeffnung, der Haufe von Menschen
+heraus, denen der Ruf vorangegangen war. Jetzt hatte die Landschaft
+keine Kontur mehr; Himmel und sommerliche Erde verschwammen in ein
+Festes; aus der Jahreszeit, die verschwand, war ein Fleck, ein
+Fechtboden, ein kriegerischer Spielraum, ein Schlachtfeld geworden.
+In einer Schlacht geht die Natur immer unter, der Würfel herrscht nur
+noch, das Gewebe der Waffen, der Haufe Volkes und der andere Haufe
+Volkes.
+
+Der vorwärtseilende, allem Anschein nach hitzige Volkshaufe kam näher
+heran. Und der ritterliche Haufe war fest, er schien auf einmal ineinander
+gewachsen zu sein. Kerle von Eisen hielten ihre Lanzen vor, daß man
+auf der Lanzenbrücke hätte per Break spazirenfahren können, so dicht
+waren die Ritter eingeklemmt und so stumpfsinnig stach Lanze an Lanze
+nach vorn, unbeweglich, unverrückbar, gerade Etwas, sollte man gemeint
+haben, für so eine drängende, stürmende Menschenbrust, die sich daran
+festspießen könnte. Hier eine stupide Wand von Spitzen, dort Menschen,
+mit Hemden zur Hälfte bedeckt. Hier Kriegskunst, von der bornirtesten
+Sorte, dort Menschen von ohnmächtigem Zorn ergriffen. Da stürmte nun
+immer Einer und dann der Andere, verwegen, um nur dieser ekelhaften
+Unlust ein Ende zu machen, in eine der Lanzenspitzen, toll, verrückt,
+vom Zorn und von der Wuth hingeworfen. Natürlich auf die Erde, ohne
+nur den behelmten und befiederten Lümmel aus Eisen noch mit der
+Handwaffe getroffen zu haben, erbärmlich aus der Brust blutend, sich
+überschlagend, das Gesicht in den staubigen Rossedreck, den hier die
+adeligen Rosse hinterlassen hatten. So gings all diesen beinahe
+unbekleideten Menschen, während die Lanzen, schon von dem Blut
+geröthet, höhnisch zu lächeln schienen.
+
+* * *
+
+Nein: Das war nichts; man sah sich auf der Seite der Menschen
+genöthigt, einen Trick anzuwenden. Der Kunst gegenübergestellt,
+wurde Kunst nöthig oder irgendein hoher Gedanke; und dieser höhere
+Gedanke, in Gestalt eines Mannes von hoher Figur, trat auch
+allsogleich vor, merkwürdig, wie von einer überirdischen Macht
+vorgeschoben, und sprach zu seinen Landsleuten: "Sorget Ihr für mein
+Weib und für meine Kinder, ich will Euch eine Gasse bohren"; und
+warf sich blitzschnell, um nur ja nicht an seiner Lust, sich zu opfern,
+zu erlahmen, in vier, fünf Lanzen, riß auch noch mehrere, so viele,
+wie er sterbend packen konnte, nach unten, zu seiner Brust, als könne
+er gar nicht genug eiserne Spitzen umarmen und an sich drücken, um
+nur ja so recht aus dem Vollen untergehen zu können, und lag am
+Boden und war Brücke geworden für Menschen, die auf seinen Leib
+traten, auf den hohen Gedanken, der eben getreten sein wollte. Nichts
+wird je wieder einem solchen Schmettern gleichen, wie nun die
+leichten, von der Wuth gestoßenen und gehobenen Berges- und
+Thalmenschen hineinschmetterten, in die tolpatschige verruchte Wand
+hinein, und sie zerrissen und zerklopften, Tigern ähnlich, die eine
+wehrlose Heerde von Kühen zerreißen. Die Ritter waren jetzt fast
+ganz wehrlos geworden, da sie sich, in ihre Enge gekeilt, kaum nach
+eine Seite bewegen konnten. Was auf Pferden saß, wurde wie Papier
+hinuntergeworfen, daß es krachte, wie mit Luft gefüllte Tüten krachen,
+wenn man sie zwischen zwei Händen zusammenschägt. Die Waffen
+der Hirten erwiesen sich jetzt als furchtbar und ihre leichte Bekleidung
+als gerade recht; um so lästiger waren die Rüstungen für die Ritter.
+Köpfe wurden von Hieben gestreift, scheinbar nur gestreift und
+erwiesen sich schon als eingeschlagen. Es wurde immer geschlagen,
+Pferde wurden umgeworfen, die Wuth und die Kraft nahmen immer zu,
+der Herzog wurde getötet; es wäre ein Wunder gewesen, wenn er nicht
+getötet worden wäre. Diejenigen, die schlugen, schrien dazu, als
+gehöre es sich so, als wäre das Töten eine noch zu geringfügige
+Vernichtung, etwas nur Halbes.
+
+Hitze, Dampf, Blutgeruch, Dreck und Staub und das Geschrei und
+Gebrüll vermischten sich zu einem wilden, höllischen Getümmel.
+Sterbende empfanden kaum noch ihr Sterben, so rapid starben sie.
+Sie erstickten vielfach in ihren prahlerischen Eisenrüstungen, diese
+adeligen Dreschflegel. Was galt nun noch eine Stellungnahme? Jeder
+würde gern darauf gepfiffen haben, wenn er überhaupt noch hätte
+pfeifen können. An die hundert schönen Edelleute ertranken, nein:
+ersoffen im nahegelegenen Sempachersee; sie ersoffen, denn sie
+wurden wie Katzen und Hunde ins Wasser gestürzt, sie überpurzelten
+und überschlugen sich in ihren eleganten Schnabelschuhen, daß es eine
+wahre Schande war. Der herrlichste Eisenpanzer konnte nur noch
+Vernichtung versprechen und die Verwirklichung dieser Ahnung war
+eine fürchterlich korrekte. Was war es nun, daß man daheim,
+irgendwo im Aargau oder in Schwaben, Schloß, Land und Leute
+besaß, eine schöne Frau, Knechte, Mägde, Obstland, Feld und Wald
+und Abgaben und die feinsten Privilegien? Das machte das Sterben
+in diesen Pfützen, zwischen dem straffgezogenen Knie eines tollen
+Hirten und einem Stück Boden, nur noch bitterer und elender. Natürlich
+zerstampften die Prachtrosse in wilder Flucht ihre eigenen Gebieter;
+viele Herren auch blieben, indem sie jählings absteigen wollten, in
+den Steigbügeln mit ihren dummen Modeschuhen hängen, so daß sie
+mit den blutenden Hinterköpfen die Wiesen küßten, während die
+erschreckten Augen, bevor sie erloschen, den Himmel über sich wie
+eine ergrimmte Flamme brennen sahen. Freilich brachen auch Hirten
+zusammen, aber auf einen Nacktbrüstigen und Nacktarmigen kamen
+immer zehn Stahlbedeckte und Eingemummelte. Die Schlacht bei
+Sempach lehrt eigentlich, wie furchtbar dumm es ist, sich einzumummeln.
+Hätten sie sich bewegen können, diese Hampelmänner: gut, sie würden
+sich eben bewegt haben; einige thaten es, da sie endlich sich vom
+Allerunerträglichsten, was sie über dem Leib hatten, befreit hatten.
+"Ich kämpfe mit Sklaven, o Schande!" rief ein schöner Junge mit
+gelblich vom Haupt niederquellenden Locken und sank, von einem
+grausamen Hieb ins liebe Gesicht getroffen, zu Boden, wo er, zu Tode
+verwundet, ins Gras biß mit dem halb zerschmetterten Munde. Ein paar
+Hirten, die ihre Mordwaffen aus den Händen verloren hatten, fielen wie
+Ringer auf dem Ringplatz die Gegner von unten herauf mit Nacken und
+Kopf an oder warfen sich, den Streichen ausweichend, auf den Hals der
+Ritter und würgten, bis abgewürgt war.
+
+* * *
+
+Inzwischen war Abend geworden, in den Bäumen und Büschen glühte
+das erlöschende Licht, während die Sonne zwischen den dunklen
+Vorbergen wie ein toter, schöner, trauriger Mann untersank. Die
+grimmige Schlacht hatte ein Ende. Die schneeweißen, blassen Alpen
+hingen im Hintergrund der Welt ihre schönen, kalten Stirnen hinunter.
+Man sammelte jetzt die Toten, man ging zu diesem Zweck still umher,
+hob auf, was an gefallenen Menschen am Boden lag, und trug es in
+den Massengrab, das Andere gegraben hatten. Fahnen und Rüstungen
+wurden zusammengethan, bis es ein stattlicher Haufe wurde. Geld und
+Kostbarkeiten, Alles gab man an einen bestimmten Ort ab. Die meisten
+dieser einfachen, starken Männer waren still und gut geworden;
+sie betrachteten den erbeuteten Schmuck nicht ohne wehmuthvolle
+Verachtung, gingen auf den Wiesen umher, sahen den Erschlagenen in
+die Gesichter und wuschen Blut ab, wo es sie reizte, zu sehen, wie etwa
+noch die besuldelten Gesichtszüge aussehen mochten. Zwei Jünglinge
+fand man zu Füßen eines Buschwerkes mit Gesichtern, so jung und hell,
+mit im Tode noch lächelnden Lippen, umarmt am Boden. Dem einen war
+die Brust eingeschlagen, dem anderen der Leib durchgehauen worden.
+Bis in die späte Nacht hatten sie zu thun; mit Fackeln wurde dann
+gesucht. Den Arnold von Winkelried fanden sie und erschauerten beim
+Anblick dieser Leiche. Als die Männer ihn begruben, sangen sie mit
+dunkeln Stimmen eins ihrer schlichten Lieder; mehr Gepränge gab es
+da nicht. Priester waren nicht da; was hätte man mit Priestern thun
+sollen? Beten und dem Herrgott danken für den erfochtenen Sieg:
+Das durfte ruhig ohne kirchliches Gefackel geschehen. Dann zogen
+sie heim. Und nach ein paar Tagen waren sie wieder in ihre hohen
+Thäler zerstreut, arbeiteten, dienten, wirthschafteten, sahen nach den
+Geschäften, versahen das Nöthige und sprachen noch manchmal ein
+Wort von der erlebten Schlacht; nicht viel. Sie sind nicht gefeiert
+worden (ja, vielleicht ein Bischen, in Luzern beim Einzug): gleichviel,
+die Tage gingen darüber weg, denn barsch und rauh werden die Tage
+mit ihren mannigfachen Sorgen schon damals, anno 1386, gewesen
+sein. Eine große That tilgt die mühselige Folge der Tage nicht aus.
+Das Leben steht an einem Schlachtentag noch lange nicht still; die
+Geschichte nur macht eine kleine Pause, bis auch sie, vom herrischen
+Leben gedrängt, vorwärtseilen muß.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Schlacht bei Sempach, by Robert Walser
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41517 ***
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@@ -1,651 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die Schlacht bei Sempach, by Robert Walser
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Die Schlacht bei Sempach
-
-Author: Robert Walser
-
-Release Date: November 30, 2012 [EBook #41517]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHLACHT BEI SEMPACH ***
-
-
-
-
-Produced by Michael Wooff
-
-
-
-
-Die Schlacht bei Sempach
-
-Erzählung
-von
-Robert Walser (1878-1956)
-
-Berlin.
-Verlag der Zukunft.
-1908.
-
-
-Eines Tages, mitten im heißen Sommer, zog sich auf der staubbedeckten
-Landstraße ein Heereszug in die Luzerner Gegend langsam dahin. Die
-helle, eigentlich mehr als helle Sonne blendete auf die tanzenden
-Rüstungen herab, auf Rüstungen, die Menschenkörper bedeckten, auf
-tanzende Rosse, auf Helme und Stücke Gesichter, auf Pferdeköpfe
-und Schweife, auf Zierathen und Büsche und Steigbügel, die groß waren
-wie Schneeschuhe. Rechts und links von dem glänzenden Heereszug
-breiteten sich Wiesen mit Tausenden von Obstbäumen aus, bis an Hügel
-heran, die aus der blauduftenden, halb verschwommenen Ferne wie
-leise und behutsam gemalte Dekorationen winkten und wirkten. Es
-war eine vormittäglich drückende Hitze, eine Wiesenhitze, eine
-Gras-, Heu- und Staubhitze, denn Staub wurde aufgeworfen, wie dicke
-Wolken, die manchmal Stücke und Theile vom Heer einhüllen wollten.
-Schleppend, stampfend und nachlässig ging die schwere Kavalkade
-vorwärts; sie glich oft einer schillernden, langen Schlange, oft einer
-Eidechse ungeheuren Umfanges, oft einem großen Stück Tuch, reich von
-Figuren und farbigen Formen durchwoben und feierlich nachgezogen, wie
-Damen, meinetwegen ältliche und herrische, gewöhnt sind, Schleppen
-nachzuziehen. In der ganzen Art und Weise dieses Heergewoges,
-im Stampfen und Klirren, in diesem schnöden, schönen Gerassel
-lag ein einziges "Meinetwegen" enthalten, etwas Freches, sehr
-Zuversichtliches, etwas Umwerfendes, träg bei Seite Schiebendes.
-Alle diese Ritter unterhielten sich, so gut es durch die stählernen
-Mäuler gehen wollte, in fröhlichem Wortgefecht mit einander; Lachen
-ertönte und dieser Laut paßte vorzüglich zu dem hellen Ton, den die
-Waffen und Ketten und goldenen Gehänge verursachten. Die Morgensonne
-schien manches Blech und feinere Metall noch zu liebkosen, die
-Pfeifentöne flogen zu der Sonne herauf; ab und zu reichte einer
-der vielen zu Fuß daherstelzenden Diener seinem reitenden Herrn
-einen delikaten Bissen, an eine silberne Gabel gesteckt, zum
-schwankenden Sattel hinauf. Wein wurde flüchtig getrunken, Geflügel
-verzehrt und nicht Eßbares ausgespuckt, mit einer leichten, sorglosen
-Gemüthlichkeit, denn es ging ja in keinen ernsthaften, ritterlichen
-Krieg, es ging zu Abstrafung, Nothzucht, zu blutigen, höhnischen,
-schauspielerischen Dingen, so dachte Jeder; und Jeder erblickte schon
-die Masse von abgeschlagenen Köpfen, die die Wiese blutig färben
-sollten. Unter den Kriegsherren befand sich mancher wundervolle junge
-adelige Mensch in herrlicher Bekleidung, zu Pferd sitzend wie ein
-vom blauen, ungewissen Himmel niedergeflogener männlicher Engel.
-Mancher hatte den Helm, um es sich bequem gemacht zu haben und
-einem Trotzbuben zum Tragen herabgereicht und zeigte so der freien
-Luft ein sonderbar von Unschuld und Uebermuth schöngezeichnetes
-Gesicht. Man erzählte die neusten Witze und besprach die jüngsten
-Geschichten von galanten Frauen. Wer ernst blieb, wurde zum Besten
-gehalten; eine nachdenkliche Miene schien man heute unanständig und
-unritterlich zu finden. Die Haare der Jünglinge, die ihren Helm
-abgenommen hatten, glänzten und dufteten von Salben und Oel und
-wohlriechendem Wasser, das sie sich aufgeschüttet hatten, als habe
-es gegolten, zu einer koketten Dame zu reiten, um ihr reizende Lieder
-vorzusingen. Die Hände, von denen die eisernen Handschuhe abgestreift
-worden, sahen nicht kriegerisch, vielmehr gepflegt und verhätschelt aus,
-schmal und weiß wie Hände von jungen Mädchen.
-
-Einer allein in dem tollen Zug war ernst. Schon sein Aeußeres, eine
-tiefschwarze, von zartem Gold durchbrochene Rüstung, zeigte an, wie
-der Mensch, den sie deckte, dachte. Es war der edle Herzog Leopold
-von Oesterreich. Dieser Mann sprach kein Wort; er schien ganz in
-sorgenvolle Gedanken versunken. Sein Gesicht sah aus wie das eines
-Menschen, der von einer frechen Fliege um das Auge herum belästigt
-wird. Diese Fliege wird wohl seine böse Ahnung gewesen sein, denn
-um seinen Mund spielte ein fortwährendes verächtlich-trauriges
-Lächeln; das Haupt hielt er gesenkt. Die ganze Erde, so heiter sie
-auch aussah, schien ihm zornig zu rollen und zu donnern. Oder war
-es nur der trampelnde Donner der Pferdehufe, da man jetzt eine
-hölzerne Reußbrücke passirte? Immerhin: etwas Unheil Verkündendes
-wob schauerlich um des Herzogs Gestalt.
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-* * *
-
-In der Nähe des Städtchens Sempach machte das Heer halt; es war
-jetzt so um zwei Uhr nachmittags. Vielleicht war es auch drei Uhr;
-es war den Rittern so gleichgültig, wie viel Uhr es sein mochte;
-ihretwegen hätte es zwanzig Uhr sein dürfen: sie würden es auch in der
-Ordnung gefunden haben. Man langweilte sich schon schrecklich und
-fand jede leise Spur von kriegerischer Maßregel lächerlich. Es war ein
-stumpfsinniger Moment, es glich einem Scheinmanöver, wie man jetzt
-aus den Sätteln sprang, um Stellung zu nehmen. Das Lachen wollte
-nicht mehr tönen, man hatte schon so viel gelacht, eine Ermattung, ein
-Gähnen stellte sich ein. Selbst die Rosse schienen zu begreifen, daß
-man jetzt nur noch gähnen könne. Das dienende Fußvolk machte sich
-hinter die Reste der Speisen und Weine, soff und fraß, was es noch zu
-fressen und zu saufen gab. Wie lächerlich dieser ganze Feldzug Allen
-erschien! Dieses Lumpenstädtchen, das noch trotzte: wie dumm Das
-war!
-
-Da ertönte plötzlich in die furchtbare Hitze und Langeweile hinein der
-Ruf eines Hornes. Eine eigenthümliche Erkündigung, die ein paar
-aufmerksamere Ohren horchen ließ: Was kann da nun sein? Horch:
-schon wieder. Da tönte es schon wieder, wirklich, und man hätte
-allgemein glauben sollen, diesmal ertöne es in weniger weiter
-Entfernung. "Alle guten Dinge sind drei", lispelte ein geckiger
-Witzbold; "töne doch noch einmal, Horn!" Eine Weile verging.
-Man war etwas nachdenklich geworden; und nun, mit einem Mal,
-fürchterlich, als hätte das Ding Flügel bekommen und reite auf
-feurigen Ungeheuern daher, flammend und schreiend, setzte es
-noch einmal an, ein langer Schrei: Wir kommen! Es war in der That,
-als bekomme da plötzlich eine Unterwelt Luft, durch die harte Erde
-durchzubrechen. Der Ton glich einem sich öffnenden dunklen Abgrund
-und es wollte scheinen, als ob jetzt die Sonne aus einem finsteren
-Himmel herableuchte, noch glühender, noch greller, aber wie aus einer
-Hölle, nicht wie aus einem Himmel herab. Man lachte auch jetzt noch;
-es gibt ja Momente, wo der Mensch glaubt, lächeln zu sollen, während
-er sich vom Entsetzen angepackt fühlt. Die Stimmung eines Heereszuges
-von vielen Menschen ist schließlich ja nicht viel anders als die Stimmung
-eines einzelnen, einsamen Menschen. Die ganze Landschaft in ihrer
-brütend weißlichen Hitze schien jetzt nur noch immer Tut zu machen,
-sie war zum Hörnerton geworden; und nun warf sich denn auch alsobald
-zu dem Ton-Raum, wie aus einer Oeffnung, der Haufe von Menschen
-heraus, denen der Ruf vorangegangen war. Jetzt hatte die Landschaft
-keine Kontur mehr; Himmel und sommerliche Erde verschwammen in ein
-Festes; aus der Jahreszeit, die verschwand, war ein Fleck, ein
-Fechtboden, ein kriegerischer Spielraum, ein Schlachtfeld geworden.
-In einer Schlacht geht die Natur immer unter, der Würfel herrscht nur
-noch, das Gewebe der Waffen, der Haufe Volkes und der andere Haufe
-Volkes.
-
-Der vorwärtseilende, allem Anschein nach hitzige Volkshaufe kam näher
-heran. Und der ritterliche Haufe war fest, er schien auf einmal ineinander
-gewachsen zu sein. Kerle von Eisen hielten ihre Lanzen vor, daß man
-auf der Lanzenbrücke hätte per Break spazirenfahren können, so dicht
-waren die Ritter eingeklemmt und so stumpfsinnig stach Lanze an Lanze
-nach vorn, unbeweglich, unverrückbar, gerade Etwas, sollte man gemeint
-haben, für so eine drängende, stürmende Menschenbrust, die sich daran
-festspießen könnte. Hier eine stupide Wand von Spitzen, dort Menschen,
-mit Hemden zur Hälfte bedeckt. Hier Kriegskunst, von der bornirtesten
-Sorte, dort Menschen von ohnmächtigem Zorn ergriffen. Da stürmte nun
-immer Einer und dann der Andere, verwegen, um nur dieser ekelhaften
-Unlust ein Ende zu machen, in eine der Lanzenspitzen, toll, verrückt,
-vom Zorn und von der Wuth hingeworfen. Natürlich auf die Erde, ohne
-nur den behelmten und befiederten Lümmel aus Eisen noch mit der
-Handwaffe getroffen zu haben, erbärmlich aus der Brust blutend, sich
-überschlagend, das Gesicht in den staubigen Rossedreck, den hier die
-adeligen Rosse hinterlassen hatten. So gings all diesen beinahe
-unbekleideten Menschen, während die Lanzen, schon von dem Blut
-geröthet, höhnisch zu lächeln schienen.
-
-* * *
-
-Nein: Das war nichts; man sah sich auf der Seite der Menschen
-genöthigt, einen Trick anzuwenden. Der Kunst gegenübergestellt,
-wurde Kunst nöthig oder irgendein hoher Gedanke; und dieser höhere
-Gedanke, in Gestalt eines Mannes von hoher Figur, trat auch
-allsogleich vor, merkwürdig, wie von einer überirdischen Macht
-vorgeschoben, und sprach zu seinen Landsleuten: "Sorget Ihr für mein
-Weib und für meine Kinder, ich will Euch eine Gasse bohren"; und
-warf sich blitzschnell, um nur ja nicht an seiner Lust, sich zu opfern,
-zu erlahmen, in vier, fünf Lanzen, riß auch noch mehrere, so viele,
-wie er sterbend packen konnte, nach unten, zu seiner Brust, als könne
-er gar nicht genug eiserne Spitzen umarmen und an sich drücken, um
-nur ja so recht aus dem Vollen untergehen zu können, und lag am
-Boden und war Brücke geworden für Menschen, die auf seinen Leib
-traten, auf den hohen Gedanken, der eben getreten sein wollte. Nichts
-wird je wieder einem solchen Schmettern gleichen, wie nun die
-leichten, von der Wuth gestoßenen und gehobenen Berges- und
-Thalmenschen hineinschmetterten, in die tolpatschige verruchte Wand
-hinein, und sie zerrissen und zerklopften, Tigern ähnlich, die eine
-wehrlose Heerde von Kühen zerreißen. Die Ritter waren jetzt fast
-ganz wehrlos geworden, da sie sich, in ihre Enge gekeilt, kaum nach
-eine Seite bewegen konnten. Was auf Pferden saß, wurde wie Papier
-hinuntergeworfen, daß es krachte, wie mit Luft gefüllte Tüten krachen,
-wenn man sie zwischen zwei Händen zusammenschägt. Die Waffen
-der Hirten erwiesen sich jetzt als furchtbar und ihre leichte Bekleidung
-als gerade recht; um so lästiger waren die Rüstungen für die Ritter.
-Köpfe wurden von Hieben gestreift, scheinbar nur gestreift und
-erwiesen sich schon als eingeschlagen. Es wurde immer geschlagen,
-Pferde wurden umgeworfen, die Wuth und die Kraft nahmen immer zu,
-der Herzog wurde getötet; es wäre ein Wunder gewesen, wenn er nicht
-getötet worden wäre. Diejenigen, die schlugen, schrien dazu, als
-gehöre es sich so, als wäre das Töten eine noch zu geringfügige
-Vernichtung, etwas nur Halbes.
-
-Hitze, Dampf, Blutgeruch, Dreck und Staub und das Geschrei und
-Gebrüll vermischten sich zu einem wilden, höllischen Getümmel.
-Sterbende empfanden kaum noch ihr Sterben, so rapid starben sie.
-Sie erstickten vielfach in ihren prahlerischen Eisenrüstungen, diese
-adeligen Dreschflegel. Was galt nun noch eine Stellungnahme? Jeder
-würde gern darauf gepfiffen haben, wenn er überhaupt noch hätte
-pfeifen können. An die hundert schönen Edelleute ertranken, nein:
-ersoffen im nahegelegenen Sempachersee; sie ersoffen, denn sie
-wurden wie Katzen und Hunde ins Wasser gestürzt, sie überpurzelten
-und überschlugen sich in ihren eleganten Schnabelschuhen, daß es eine
-wahre Schande war. Der herrlichste Eisenpanzer konnte nur noch
-Vernichtung versprechen und die Verwirklichung dieser Ahnung war
-eine fürchterlich korrekte. Was war es nun, daß man daheim,
-irgendwo im Aargau oder in Schwaben, Schloß, Land und Leute
-besaß, eine schöne Frau, Knechte, Mägde, Obstland, Feld und Wald
-und Abgaben und die feinsten Privilegien? Das machte das Sterben
-in diesen Pfützen, zwischen dem straffgezogenen Knie eines tollen
-Hirten und einem Stück Boden, nur noch bitterer und elender. Natürlich
-zerstampften die Prachtrosse in wilder Flucht ihre eigenen Gebieter;
-viele Herren auch blieben, indem sie jählings absteigen wollten, in
-den Steigbügeln mit ihren dummen Modeschuhen hängen, so daß sie
-mit den blutenden Hinterköpfen die Wiesen küßten, während die
-erschreckten Augen, bevor sie erloschen, den Himmel über sich wie
-eine ergrimmte Flamme brennen sahen. Freilich brachen auch Hirten
-zusammen, aber auf einen Nacktbrüstigen und Nacktarmigen kamen
-immer zehn Stahlbedeckte und Eingemummelte. Die Schlacht bei
-Sempach lehrt eigentlich, wie furchtbar dumm es ist, sich einzumummeln.
-Hätten sie sich bewegen können, diese Hampelmänner: gut, sie würden
-sich eben bewegt haben; einige thaten es, da sie endlich sich vom
-Allerunerträglichsten, was sie über dem Leib hatten, befreit hatten.
-"Ich kämpfe mit Sklaven, o Schande!" rief ein schöner Junge mit
-gelblich vom Haupt niederquellenden Locken und sank, von einem
-grausamen Hieb ins liebe Gesicht getroffen, zu Boden, wo er, zu Tode
-verwundet, ins Gras biß mit dem halb zerschmetterten Munde. Ein paar
-Hirten, die ihre Mordwaffen aus den Händen verloren hatten, fielen wie
-Ringer auf dem Ringplatz die Gegner von unten herauf mit Nacken und
-Kopf an oder warfen sich, den Streichen ausweichend, auf den Hals der
-Ritter und würgten, bis abgewürgt war.
-
-* * *
-
-Inzwischen war Abend geworden, in den Bäumen und Büschen glühte
-das erlöschende Licht, während die Sonne zwischen den dunklen
-Vorbergen wie ein toter, schöner, trauriger Mann untersank. Die
-grimmige Schlacht hatte ein Ende. Die schneeweißen, blassen Alpen
-hingen im Hintergrund der Welt ihre schönen, kalten Stirnen hinunter.
-Man sammelte jetzt die Toten, man ging zu diesem Zweck still umher,
-hob auf, was an gefallenen Menschen am Boden lag, und trug es in
-den Massengrab, das Andere gegraben hatten. Fahnen und Rüstungen
-wurden zusammengethan, bis es ein stattlicher Haufe wurde. Geld und
-Kostbarkeiten, Alles gab man an einen bestimmten Ort ab. Die meisten
-dieser einfachen, starken Männer waren still und gut geworden;
-sie betrachteten den erbeuteten Schmuck nicht ohne wehmuthvolle
-Verachtung, gingen auf den Wiesen umher, sahen den Erschlagenen in
-die Gesichter und wuschen Blut ab, wo es sie reizte, zu sehen, wie etwa
-noch die besuldelten Gesichtszüge aussehen mochten. Zwei Jünglinge
-fand man zu Füßen eines Buschwerkes mit Gesichtern, so jung und hell,
-mit im Tode noch lächelnden Lippen, umarmt am Boden. Dem einen war
-die Brust eingeschlagen, dem anderen der Leib durchgehauen worden.
-Bis in die späte Nacht hatten sie zu thun; mit Fackeln wurde dann
-gesucht. Den Arnold von Winkelried fanden sie und erschauerten beim
-Anblick dieser Leiche. Als die Männer ihn begruben, sangen sie mit
-dunkeln Stimmen eins ihrer schlichten Lieder; mehr Gepränge gab es
-da nicht. Priester waren nicht da; was hätte man mit Priestern thun
-sollen? Beten und dem Herrgott danken für den erfochtenen Sieg:
-Das durfte ruhig ohne kirchliches Gefackel geschehen. Dann zogen
-sie heim. Und nach ein paar Tagen waren sie wieder in ihre hohen
-Thäler zerstreut, arbeiteten, dienten, wirthschafteten, sahen nach den
-Geschäften, versahen das Nöthige und sprachen noch manchmal ein
-Wort von der erlebten Schlacht; nicht viel. Sie sind nicht gefeiert
-worden (ja, vielleicht ein Bischen, in Luzern beim Einzug): gleichviel,
-die Tage gingen darüber weg, denn barsch und rauh werden die Tage
-mit ihren mannigfachen Sorgen schon damals, anno 1386, gewesen
-sein. Eine große That tilgt die mühselige Folge der Tage nicht aus.
-Das Leben steht an einem Schlachtentag noch lange nicht still; die
-Geschichte nur macht eine kleine Pause, bis auch sie, vom herrischen
-Leben gedrängt, vorwärtseilen muß.
-
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-End of Project Gutenberg's Die Schlacht bei Sempach, by Robert Walser
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHLACHT BEI SEMPACH ***
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