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+The Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Mutter und Kind
+
+Author: Friedrich Hebbel
+
+Posting Date: May 27, 2009 [EBook #4083]
+Release Date: May, 2003
+First Posted: November 13, 2001
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND ***
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+
+Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines.
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+Mutter und Kind
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+Friedrich Hebbel
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+Ein Gedicht in sieben Gesängen.
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+1859
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+ Erster Gesang.
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+ Eben grauet der Morgen. Noch stehen die zitternden Sterne
+ An der Wölbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen
+ Anfängt, während die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhängt.
+ Frierend kriechen die Wächter mit Spieß und Knarre nach Hause,
+ Doch sie erlöste die Uhr und nicht die steigende Sonne,
+ Denn noch ruhen die Bürger der Stadt und bedürfen des Schutzes
+ Gegen den schleichenden Dieb, den spähende Augen gewähren.
+ Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter
+ Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen
+ Nach dem Frühstück krächze, es kümmert nicht Mensch noch Tiere.
+ Nur in den Ställen, die hinter die stattlichen Häuser versteckt sind,
+ Wird's allmählich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde,
+ Und es brüllen die Kühe, allein die Knechte und Mägde
+ Schwören sich bloß, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen,
+ Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden.
+ Nun, man müßte sie loben, wofern sie sich rascher erhüben,
+ Aber, wer könnte sie tadeln, daß sie sich noch einmal herumdrehn?
+ Ist doch die Kälte zu groß! Der Fuß, dem die Decke entgleitet,
+ Schrickt zurück vor der Luft, als ob er in Wasser geriete,
+ Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten,
+ Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen!
+ Dennoch lehnt schon am Pfahl der still verglühnden Laterne
+ Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes,
+ Welcher sich selbst verzehrt, des Öls allmählich ermangelnd,
+ Kann man den Jüngling erkennen, der unbeweglich hinüber
+ Schaut nach dem Erdgeschoß des Hauses über der Straße.
+ Wahrlich, es müssen die Pulse ihm heiß und fieberisch hüpfen,
+ Daß er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zähne
+ Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern,
+ Hier so ruhig steht, als wär' er in Eisen gegossen.
+ Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Lüfte,
+ Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser
+ Spüren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht.
+ Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm
+ Denn so plötzlich Gefühl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer
+ Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe
+ Zu verbreiten scheint. Er bückt sich nieder, zu lauschen,
+ Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster.
+ Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben
+ Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen,
+ Lugt er schüchtern hindurch. Es ist ein blühendes Mädchen,
+ Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend,
+ Nach dem Klopfenden späht. Er ruft: mach' auf, Magdalena!
+ Und enteilt in das Gäßchen, das links am Hause sich hinzieht.
+ Bald auch öffnet sich seitwärts das Dienerpförtchen, doch halb nur,
+ Und den Fuß in der Tür, beim Licht noch einmal ihn prüfend,
+ Spricht sie: Christian, du? Was kannst du so zeitig nur wollen?
+ Laß uns hinein--versetzt er--du würdest draußen erfrieren,
+ Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang,
+ Doch er hält ihr den Pelz entgegen, in den er gehüllt ist,
+ Und nun tritt sie zurück und geht voran in die Küche,
+ Während er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde
+ Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser
+ Jetzt darüber und setzt sich an einer Seite daneben,
+ An der anderen er. Die rötliche Flamme vergoldet
+ Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebräuntes
+ Sticht ihr lilienweißes, mit blonden Locken bekränztes,
+ Fein und angenehm ab. So mußt du--beginnt sie--schon wieder
+ Auf die Straße hinaus, und das am heiligen Abend?
+ Wer dem Fuhrmann dient,–-entgegnet er--feiert die Feste
+ Selten gemächlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann
+ Dies und das im Gewölb', und da die Kunden nicht warten,
+ Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise,
+ Fast in Vorwurfes Ton--du könntest es lange schon besser
+ Haben, wenn du nur wolltest!–-Du meinst, ich könnte beim Kaufmann
+ Selber, könnte bei euch sein--versetzt er mit Lächeln--und freilich
+ Hätt ich's bequemer und dürfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen.
+ Aber, das täte nicht gut!–-Er springt empor, und die Küche
+ Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich plötzlicher Wendung
+ Vor das Mädchen tretend und ihre Schönheit betrachtend,
+ Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren!
+ Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich,
+ Daß er bewegt ist, wie nie. Was hast du? fragt sie ihn ängstlich,
+ Und er streichelt sie sanft und spricht die bedächtigen Worte:
+ Wem ein altes Weib für seinen Groschen das Schicksal
+ Aus den Karten verkündigt, der mag noch zweifeln und lachen,
+ Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder
+ Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen!
+ Hätte der Ärmste mich in solchem Elend gesehen,
+ Wie ich gestern ihn, er wäre wohl ledig geblieben,
+ Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn trösten-–
+ Nicht verloren sein für seinen Jugendgenossen!
+ Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend–-ich habe
+ Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen,
+ Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen,
+ Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider.
+ Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte
+ Ihn so gut wie verloren, denn ängstlich, wie Sünde und Schande,
+ Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen.
+ Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu führen,
+ Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen,
+ Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet,
+ Aber in welcher Gestalt! Wie gänzlich verändert! Du kannst es
+ Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst, es wäre sein Vater,
+ Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren,
+ Weil er den Greis nicht fürder ernähren kann, wie so lange!
+ Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen,
+ Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern
+ Zu verbreiten fürchtet, ich aber blieb ihm zur Seite
+ Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern.
+ Nun, die dienten zusammen!--Das Mädchen erhebt sich und schließt ihn
+ Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller
+ Welchen ich jemals sah. Dem Totengräber gehörig,
+ Hat er die nassen Wände mit Brettern von Särgen beschlagen,
+ Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder eröffneten Gräbern
+ Fett und modrig liefert. Die dunsten, daß, wer hereintritt,
+ Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr
+ Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber,
+ Darum bleiben sie sitzen. Sie sollen vom Fieber genesen,
+ Wo's ein Gesunder bekommt. Da macht's natürlich die Runde,
+ Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern
+ Und verläßt sie nicht mehr! Du weinst schon bittere Tränen,
+ Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich plötzlich die Augen,
+ Welche ihr längst schon strömten, und spricht mit krampfhaftem Lachen,
+ Ihn bei der Hand ergreifend und über und über erglühend:
+ Christian, weißt du was? Es ist der heilige Abend,
+ Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren!
+ Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft,
+ Kleider und Tücher und Geld, und was noch etwa hinzukommt,
+ Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm,
+ Und sie können den Keller verlassen und wieder gesunden!
+ Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte,
+ Und der Weihnacht1) ist die Hälfte des Lohnes in Hamburg,
+ Aber es sei darum! Denn, wie kein Engel im Himmel,
+ Hat mich Wilhelm gestern für ewige Zeiten gesegnet,
+ Und ich dank' es ihm gern! Zwar war sie bitter, die Lehre,
+ Die ich empfing, als ich sah, daß trockenes Brot ihm, wie Kuchen,
+ Schmeckte, Käse wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen.
+ Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren:
+ Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden,
+ Ist es sündlich, als dächte der Reiche auf Kaiser und König,
+ Und es straft sich noch härter. So bin ich denn fest auch entschlossen,
+ Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen,
+ Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch würfeln!--
+ Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Lächeln
+ Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem höchsten Erstaunen
+ Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh
+ Eingewickelt, den sie vermißt und den er entwandte,
+ Um ihr Maß zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod.
+ Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren,
+ Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes
+ In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darüber ergrauen,
+ Und das Glück hat Zeit, mir einen Finger zu reichen!
+ In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren
+ Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes?
+ Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem
+ Mehr zurück Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven!
+ Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es würde
+ Mir das Gewissen belasten, du bist nicht länger gebunden,
+ Wenn die Frist verlief, auch ist sie völlig genügend,
+ Und wenn ich dich nicht löse, so magst du selber dich lösen!
+ Aber--ruft sie--was können so wenige Jahre dir bringen,
+ Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2),
+ Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen!
+ Darauf schwöre nur nicht--versetzt er--du würdest dich täuschen,
+ Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen,
+ Nein, ich setze mich selbst. Ich geh' im Frühling zu Schiffe.
+ Schlage nicht gleich die Hände zusammen und halte die Schürze
+ Vor die Augen! Ich hab' es lange bedacht und erwogen,
+ Gestern kam's zum Entschluß! Die Welt ist anders geworden,
+ Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln
+ Passen nicht mehr hinein! Wer bliebe nicht gerne im Lande
+ Und ernährte sich redlich! Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil,
+ Wo man Löwen und Affen und Papageien umsonst sieht,
+ Nein, ich will das Pläsier mit Freuden noch länger bezahlen,
+ Wenn wir über den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung!
+ Aber, wer kann, was er möchte! Wofür mein Vater das Häuschen
+ Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was für den Ochsen
+ Einst der Schlachter gab, das gibt für die Haut jetzt der Gerber!
+ Sprich, wo wäre da Hoffnung! Es sind der Menschen zu viele
+ Über die Erde versät, und statt, wie einst, sich zu helfen,
+ Drängen sie sich und stoßen und suchen sich neidisch die Bissen
+ Aus den Händen zu reißen. Drum sind auch die schrecklichen Tiere
+ Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis
+ Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten.
+ Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense,
+ Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heißen,
+ Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke.
+ Fault nicht schon die Kartoffel? So sagte der Alte aus Bremen,
+ Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Mägden
+ Seine Gesichte verkündigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt!
+ Höre den Orgeldreher, wer will! Doch sieh wie dein Kessel
+ Siedet! Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen,
+ Und je eher daran, je eher davon. Bis zum Abend
+ Bin ich morgen zurück und bringe Wilhelm das Seine,
+ Denn du würdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden,
+ Dürftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern
+ Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weißt du.
+ Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied,
+ Aber sie hält ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schüttelt
+ Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schüchtern,
+ Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet,
+ Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet
+ Ihm, wie zum Danke, den Mund. Er aber weigert sich lächelnd,
+ Diesen Kuß zu nehmen und spricht: Das wär' ein Gelöbnis,
+ Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben,
+ Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe
+ Mit den Gefährten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon drängten,
+ Wenn die Störche kommen, damit wir endlich erfahren,
+ Welche Reise sie machen. Das wenige, was ich ersparte,
+ Reicht schon aus für das Schiff, und warum gingen nur wir nicht,
+ Unser Glück zu versuchen! Zu Tausenden ziehn sie hinüber,
+ Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden!
+ Wäre der Himmel geöffnet und würde am Tore geläutet,
+ Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gäbe
+ Schier kein größres Getümmel, kein ärgeres Rennen und Laufen:
+ Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel,
+ Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen.
+ Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor,
+ Und sein Koch ist voraus, es stoße im Mörser, wer Lust hat,
+ Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge,
+ Die sie so lange ernährte, und rechnen auf Arme und Beine,
+ Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist,
+ Und der Prediger kaum hält's aus bei seiner Gemeinde.
+ Sollte der Ärmste da fehlen? Ich dächte doch, diesem vor allen
+ Wäre der Segen beschert, nur muß er sich freilich auch rühren,
+ Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter.
+ Darum weine mir nicht! Ich bin ja nicht, wie die andern,
+ Unersättlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden,
+ Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche,
+ Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche führen zu können,
+ Und du bist es wohl wert, daß mir dies wenige werde.
+ Hätt' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und würde ihn willig
+ Wieder verlassen, wenn hier noch ein mäßiges Glück sich mir zeigte,
+ Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen,
+ Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt.
+ Knarrt nicht die Treppe? Jawohl! Man kommt! So trockne die Augen,
+ Daß sie nicht glauben, wir zankten! Da rollt schon der Wagen des Nachbars!
+ Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser.
+ Lebe denn wohl! Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig,
+ Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln,
+ Und hier brauchen wir Schinken und wohlgeräucherte Zungen!
+ Heller Tag! Wie die Zeit verstrichen ist! Glücklicherweise
+ Hat mein Alter die Gicht! Da schläft er hinein in den Morgen,
+ Weil sie ihn zwickt bei der Nacht fürs fleißige Schnapsen von früher,
+ Sonst erging' es mir übel! Es hat ihn nicht wenig verdrossen,
+ Daß ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich,
+ Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten
+ Wirklich die Zügel vertauschen! Ei nun, er wird es erfahren!
+ Keinen Kuß? Doch die Hand! Auch die nicht? Du sollst mich noch loben!--
+ Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen,
+ Doch ihr rinnen die Tränen von neuem, es kann sie nicht trösten,
+ Daß die Raben noch krächzen und nicht die Störche schon klappern,
+ Denn sie weiß: Was er sagt, das tut er! Sie kennt ihn zu lange.
+
+
+ Zweiter Gesang.
+
+ Während dies in der Küche geschah, ist alles im Hause
+ Nacheinander lebendig geworden, das fleißige Mädchen
+ Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer ländlichen Weise
+ Nach der Kälte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrießlich
+ Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdämmert,
+ Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und Öfen
+ Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst völlig ermuntert,
+ Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Löckchen
+ Sich entzündete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd,
+ Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend.
+ Noch viel später schlüpfte der Kutscher in seine Pantoffeln:
+ Diesen weckt zwar gewöhnlich die Kaffeemühle, doch hütet
+ Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist,
+ Denn er käme zu früh, noch wäre das Brot nicht geröstet
+ Oder die Sahne gesotten, das hat er längst schon berechnet,
+ Und ein verständiger Mann verachtet nie die Erfahrung.
+ Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster
+ Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht möglich,
+ Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Häupten am Bett hängt,
+ Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken.
+ Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen
+ Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer
+ Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kälte beschlagen,
+ Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen.
+ Darum bemerkt sie's auch nicht, daß Magdalena schon weinte,
+ Sondern erkundigt sich bloß, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat.
+ Nur der Bediente fehlt, der muß die Klingel erst hören,
+ Aber er rühmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen,
+ Daß er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig
+ In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte:
+ Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen.
+ Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens,
+ Welches er über sich hört, allein dem Springen der Bretter
+ Zuschreibt, wenn sie auch mächtig im klingenden Winter sich krümmen,
+ Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend
+ In den Gemächern herum, die königlich weit und geschmückt sind,
+ Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen.
+ Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern
+ Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr nötig, doch mag er,
+ Wie er sie angezündet, sie nicht auch selber noch löschen,
+ Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen.
+ Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewächse, sie füllen
+ Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde
+ Haben ihr Schönstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen,
+ Die er sonst wohl mustert, als wär' er in Holland geboren
+ Und ein Bürger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten,
+ Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geöffneten Kelche
+ Hauchen ihm heute vergebens die heißen Düfte entgegen,
+ Welche den Papagei, er schließt vor Behagen die Augen
+ Und ist betäubt und berauscht, zurück in die Heimat versetzen.
+ Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase:
+ Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter,
+ Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefüllt bis zum Rande
+ Wäre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung
+ Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum
+ Einen Wächter daneben, doch er, in plötzlicher Wendung
+ Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade,
+ Stößt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es
+ Bloß des Geprassels wegen, das dennoch der türkische Teppich
+ Mächtig dämpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln
+ Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem
+ Nach der linken Seite hinüber, wo ihm die Gattin
+ Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt,
+ Spricht er lächelnd: so war denn doch noch ein Glück bei dem Unglück!
+ Und, als hätte er nur die Kaffeetasse zerbrochen,
+ Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock
+ Erst um den Leib sich gürtend und weiteren Schaden verhütend,
+ Vor das Gemälde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns
+ Marius unter den Cimbern im grimmigen Würgen. Kein König
+ Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der König der Juden,
+ Auch kein reicher Prälat, kein Julius oder ein Bembo,
+ Noch viel minder ein Junker, was kümmern sie Künstler und Dichter,
+ Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren,
+ Und von manchen bespöttelt, die mit ihm rechnen und tauschen,
+ Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte,
+ Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild.
+
+ Freilich hält ihn auch dies, so sehr er es schätzt und bewundert,
+ Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer,
+ Dem gewaltigen Stier, der eben den Römer gespießt hat,
+ Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Säugling
+ Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze,
+ Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht
+ Wieder verdüstert ward durch jenes graue Geriesel,
+ Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet
+ Und die Finsternis mehrt, die Kälte aber nicht mindert.
+ Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet
+ Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schränke ihm zieren,
+ Bald auf Figuren und Büsten und bald auf Stiche und Bücher.
+ Alles besieht er und prüft's, er späht begierig nach Lücken,
+ Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes
+ Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es
+ Doch auch keinen Verdruß. Da fällt sein schweifendes Auge
+ Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben,
+ Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig
+ Wendet er's wieder ab, als sähe er, was ihn nicht freute,
+ Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer.
+ Wär' nur das Stück kein Geschenk, ich würd' es noch heute entfernen,
+ Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoß sie
+ Oft schon Tränen davor, sie kann in der Fürstin des Himmels
+ Nur noch die glückliche Mutter erblicken und ließe ihr willig
+ Für den flüchtigsten Kuß des Kindes die ewige Krone.
+ Wär' doch der Tag erst vorüber, besonders der Abend! Die Domzeit3)
+ Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den göttlichen Künstler
+ Und sein köstliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete,
+ In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen,
+ Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden,
+ Welche den Gänsemarkt den ganzen Advent so beleben,
+ Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg
+ Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lächeln
+ Halber Ergötzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne,
+ Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern,
+ Die das häßliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer
+ Auch die Öchslein und Esel von Zinn, mit denen sie trödeln,
+ Und um die sich begierig die Knaben und Mädchen versammeln,
+ Und da kehren sogleich die bittren Gefühle ihr wieder.
+ Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade
+ Alles so übel sich träfe! Der Affe ist nicht gekommen,
+ Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vögel
+ Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde
+ Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr.
+ Wäre die Blumenuhr nicht da, ich müßte verzweifeln,
+ Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden,
+ Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen,
+ Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute
+ Fest geschlossen, den Mittag, die türkische Tulpe den Abend,
+ und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkündigt,
+ Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Düften
+ Abzuzählen und Farben, die alle Wunder der Ferne
+ Vor die Seele ihr rücken! Er wiederholt es und klingelt
+ Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fuße der Doktor,
+ Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht
+ Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet.
+
+ Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen--
+ Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber
+ Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder!
+ Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht
+ Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln,
+ Welche aus Freudentränen bestehen sollen, ich müßte
+ Sonst auch den Ärger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert,
+ Wie er wohl könnte. Sie lächeln? Sie glauben, daß ich nur scherze
+ Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt?
+ Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln?
+ Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Bäume,
+ Welche er pflanzt und begießt und säubert von Raupen und Würmern,
+ Werden ihm nimmer zu grün, doch leicht die Armen zu fröhlich,
+ Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken,
+ Welche ein Märtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren;
+ Wen man aber beschämt, den wird man zugleich auch erbittern.
+ Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer
+ Einmal besteht, durch Milde nicht füllen wollen, man kann's nicht,
+ Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken,
+ Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hüllen.
+ Denn es ist nicht genug, daß bloß die Rechte nicht wisse,
+ Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen;
+ Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken!
+ Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rührung--
+ Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und üben
+ Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt,
+ Heute müssen Sie's hören, ich heiße seit Jahren das letzte
+ Unglück aller Heroen, und meine verrufene Zunge
+ Schont auch so wenig den Cäsar, als Bonaparte und Friedrich,
+ Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen,
+ Aber wenn ich das Große in Völkerwürgern und Künstlern,
+ Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer,
+ Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schätzen,
+ Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben.
+ Wären Sie nur auch so glücklich, als gut! Wie ging es denn gestern?--
+ Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme:
+ Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder
+ Ihr die Hölle im Busen entzündet, das Schlimmste ist aber,
+ Daß mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren.
+ Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge
+ Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen
+ Auf die Trauerweide hinüber und fand sich getröstet:
+ Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Räume des Jubels,
+ Aber der Kirchhof rückt in immer weitere Ferne,
+ Und doch stehen die Särge so nah an den Wiegen und werden,
+ Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden,
+ Oft aus dem nämlichen Baum vom nämlichen Meister gehobelt,
+ Ja, ich fürchte für sie, ich will es nicht länger verhehlen,
+ Und Sie fürchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen,
+ Und so mag es wohl kommen, daß sich der letzte der Bettler,
+ Welchen ich heute beschenke, noch glücklicher fühlt, wie ich selber,
+ Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke.
+ Ihrethalben könnte ich wünschen, wir wären katholisch,
+ Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit,
+ Und ihr göttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken,
+ Wie es der zwölfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen,
+ Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkämpfte.
+ Denn da dürft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade
+ Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe
+ Zu Jerusalem würde die Hoffnung völlig erlöschen,
+ Aber da wäre zugleich doch auch das Leben zu Ende.
+ Was mich selber betrifft, so fand ich mich längst in mein Schicksal,
+ Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet,
+ Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen.
+ Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine.
+ Wissen Sie, was mich zumeist am großen Brande entsetzte,
+ Welcher ein Fünftel der Stadt in Asche legte vor Jahren?
+ Nicht die flammenden Straßen mit ihren donnernden Häusern,
+ Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten;
+ Nicht der tückische Wind, der, wie ein dämonisches Wesen,
+ Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden;
+ Nicht die lodernde Börse mit all den Kaisergestalten,
+ Die das römische Reich, doch auch uns Bürger bevogtet;
+ Nicht die grünlichen Flammen der Türme, welche von Kupfer
+ Sich ernährten und Blei und gräßlichen Regen verspritzten;
+ Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5),
+ Fast so entsetzlich für uns, als bräche die Erde zusammen;
+ Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles
+ Überwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so daß man
+ Keine einzige hörte, als wären die Zeiten vollendet,
+ Und als müßte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen:
+ Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter,
+ Welche mit Ratten und Mäusen verschüchtert zutage sich drängten,
+ Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen
+ Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune.
+ Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde,
+ War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wäre es Sünde
+ Gegen die glücklichen Brüder, auch jetzt noch zögernd und ängstlich,
+ Und vom dräuenden Tode gejagt, hervor aus den Löchern!
+ Männer, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg,
+ Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen.
+ Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Güter und schämte
+ Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich
+ In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rätsel
+ Meines Lebens gelöst. Für diese strömen die Schätze
+ So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt,
+ Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es
+ Bis zur Stunde noch fort! Ich möchte, wie Fugger in Augsburg6),
+ Ein Asyl begründen, in welchem es nimmer an Mitteln,
+ Eher an Dürftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern,
+ Die man mit Pulver und Blei verscheuchen müsse. Sie sind wohl
+ Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen,
+ Und, anstatt die Erde in unersättlicher Goldgier
+ Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen,
+ Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wüsten und weise
+ Ihnen die Äcker an! Das heißt, sich selber beschützen,
+ Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine,
+ Die wir freilich mit keinem zu teilen vermögen, und sollen
+ Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt:
+ Fürchterlich könnt' es sich rächen! Ich würde mit Freuden beginnen,
+ Und mir wär' es genug fürs Leben und sicher fürs Sterben,
+ Wenn ich mir sagen dürfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten
+ Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden,
+ Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln!
+ Ja, mir wär' es genug! Doch sie ist anders geschaffen,
+ Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse,
+ Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kräfte.
+ Anfangs freute ich mich, daß sie am heutigen Morgen
+ Nicht so früh, wie gewöhnlich, erwachte, aber es währt mir
+ Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen,
+ Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends?
+ Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken
+ Bringe ich mit: Sie mögen ihn nun als töricht verwerfen
+ Oder, wie ich, als tröstlich mit einiger Freude begrüßen,
+ Immer verdient er die Prüfung. Ich war vorhin in der Küche,
+ Und da fand ich das Mädchen vom Lande in bitteren Tränen,
+ Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen.
+ Sie eröffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber
+ Sie befreite, vertraut sie mir, als wär' ich ihr Vater.
+ Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem
+ Und dort unten am andern! Es wäre vielleicht noch zu helfen,
+ Wenn man die Hände sich böte. Denn: Alles beruht ja auf Mischung!
+ Sagt Apotheker Franz, der Helgoländer, und kämen
+ Mit den Kräutern des Berges die Kräuter des Tals nicht zusammen,
+ Würde kein Übel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen.
+ Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider,
+ Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich
+ Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich,
+ Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen,
+ Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel
+ Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude.
+
+
+ Dritter Gesang.
+
+ Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen,
+ Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert
+ Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen?
+ Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin
+ Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er
+ Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich,
+ Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn
+ Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit
+ Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend,
+ Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle
+ Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend
+ Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen,
+ Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen,
+ Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden
+ Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen.
+ Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen
+ Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte
+ Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe
+ Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt:
+ Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles
+ Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet
+ Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend
+ Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel.
+ Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle
+ Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet,
+ Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten:
+ Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde,
+ Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden,
+ Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt.
+ Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten
+ Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er
+ Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet.
+ Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert,
+ Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten
+ Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden,
+ Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch,
+ Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich
+ Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte,
+ Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung,
+ Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken,
+ Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb.
+ Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben,
+ Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist
+ Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken!
+ Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen,
+ Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte,
+ Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich,
+ Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen,
+ Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner
+ Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen
+ Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen,
+ Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln,
+ Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden,
+ Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich
+ Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele
+ In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen,
+ Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre,
+ Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen:
+ Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen,
+ Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen,
+ Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden,
+ Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten.
+ Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen
+ Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen,
+ Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter
+ Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich
+ Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn
+ Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen!
+ Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue,
+ Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen,
+ Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue!
+ Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner
+ Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal
+ An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen!
+ Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen,
+ Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande
+ Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken
+ Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet
+ Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif
+ Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter,
+ Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte
+ Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens,
+ Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte
+ Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen.
+ Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken,
+ Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie,
+ Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt
+ Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen,
+ Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet
+ Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume
+ Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen,
+ Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen,
+ Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht,
+ Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren,
+ Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden,
+ Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden,
+ Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte
+ Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal,
+ Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten,
+ Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer
+ Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen,
+ Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs
+ Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie
+ Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung
+ Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich
+ Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien,
+ Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben.
+ Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes,
+ Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat,
+ Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen,
+ Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte
+ Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern
+ Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte,
+ Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber
+ Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke,
+ Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen
+ Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer,
+ Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder:
+ All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist,
+ Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert
+ Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren,
+ Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele,
+ Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen,
+ Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen.
+ Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten,
+ Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken
+ Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen,
+ Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt.
+ Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe
+ Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten,
+ Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist
+ Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert,
+ Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren.
+ Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich
+ Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel
+ Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit,
+ Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden.
+ Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen,
+ Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig,
+ Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten
+ Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben,
+ Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen,
+ Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen.
+ Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern,
+ Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren,
+ Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen.
+ Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd
+ Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel,
+ Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend,
+ Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung
+ Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen,
+ Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen.
+ So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung,
+ Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt,
+ Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert.
+ Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen,
+ Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe--
+ Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange,
+ Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen.
+ Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm,
+ Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen.
+ Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren:
+ Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen,
+ Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen,
+ Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen,
+ Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen.
+ Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen,
+ Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung
+ Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen,
+ Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut,
+ Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben.
+ Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie
+ Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge,
+ Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück,
+ Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen,
+ Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln,
+ Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe
+ Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt,
+ Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke,
+ Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte
+ Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide
+ An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem:
+ Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen,
+ Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling
+ Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben,
+ Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat;
+ Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen
+ Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern
+ Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln
+ In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten:
+ Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben!
+ Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen,
+ Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel,
+ Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen,
+ Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines,
+ Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren,
+ Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet,
+ Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden
+ Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen.
+ Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten,
+ Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise,
+ Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder:
+ Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich
+ Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands,
+ Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich,
+ Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern!
+ Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend:
+ Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden!
+ Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten,
+ Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt,
+ Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen!
+ Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen!
+ Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe,
+ Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie
+ Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet,
+ Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen,
+ Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert:
+ Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen:
+ Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen.
+ Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten,
+ Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen,
+ Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen.
+ Abraham wurde geprüft, er sollte den Isaak schlachten,
+ Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens,
+ Aber mit lächelnden Mienen, der Sarah den Liebling entführte;
+ Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg,
+ Oder den Opfer-Altar mit bebenden Händen erbaute;
+ Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hälschen entblößte,
+ Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel!
+ Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden.
+ Darum fürchte dich nicht der Sünde in deinem Gewissen:
+ Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung.
+ Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vögel und Blumen,
+ Die dich so freundlich begrüßen und sage mir, ob ich's getroffen?
+ Sie entgegnet: ich habe da drüben für dich auch ein Tischchen,
+ Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genügsam,
+ Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide,
+ Um hinüber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken,
+ Daß die türkische Tulpe vor ihren Augen sich öffnet,
+ Ja, sie würden nicht horchen, wenn plötzlich die Sterne erklängen.
+ Bald auch kehrt der Doktor zurück mit vergnügtem Gesichte,
+ Ihn begleitet das Mädchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen,
+ Aber sie lächelt dabei. Sie möchte reden und danken,
+ Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Füßen.
+ Diese erhebt sie und küßt sie. Da schallen Hörner und Zinken
+ Fromm von der Straße herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder,
+ Aber sie faltet die Hände und blickt gen Himmel. Die Gatten
+ Knieen neben ihr ihn, und also schließt sich die Weihnacht.
+
+
+ Vierter Gesang.
+
+ Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein,
+ Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte
+ Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln,
+ Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs.
+ Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen
+ An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde,
+ Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon
+ Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster,
+ Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend,
+ Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen!
+ Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter,
+ Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd,
+ Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.
+ Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere
+ Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer
+ Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen.
+ Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen
+ Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet,
+ Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat,
+ Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer
+ Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber,
+ Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören,
+ Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie
+ Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern
+ Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite,
+ Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden,
+ Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch
+ Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen,
+ Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen.
+ Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue,
+ Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend,
+ Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen!
+ O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet,
+ Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen,
+ Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber,
+ Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet,
+ Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern,
+ Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten
+ An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat,
+ Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele,
+ Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig
+ Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du
+ Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland,
+ Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader
+ In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du,
+ Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen,
+ Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern,
+ Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen!
+ Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre:
+ Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle,
+ Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben,
+ Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber!
+ Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend:
+ Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden,
+ Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert?
+ Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen,
+ Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler
+ Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen
+ Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen,
+ Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter,
+ Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern?
+ Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen
+ Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen,
+ Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen!
+ Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen,
+ Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen!
+ Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich
+ Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden,
+ Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen,
+ Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde
+ Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen.
+ Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft
+ Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe.
+ Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage,
+ Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet
+ Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre!
+ Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd:
+ Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden,
+ Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern?
+ Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es!
+ Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles
+ Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre,
+ Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen,
+ Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles
+ Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben
+ Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt
+ Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase,
+ Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange
+ Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten,
+ Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen
+ Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren.
+ Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote
+ Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter
+ Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen
+ An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels
+ Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln,
+ Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe
+ Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken
+ Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten!
+ So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren,
+ Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte
+ Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen
+ Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen,
+ Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse,
+ Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe,
+ Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich
+ Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche
+ Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen
+ Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen,
+ Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife
+ Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte,
+ Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe
+ Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte.
+ Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen,
+ Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig
+ Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter,
+ Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen,
+ Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner,
+ Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug
+ Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder,
+ Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern,
+ Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren.
+ Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler,
+ Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen,
+ Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen,
+ Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen,
+ Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1)
+ Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen,
+ Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn.
+ Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause
+ Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen,
+ Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen.
+ Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln
+ Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich:
+ Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten,
+ Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste
+ Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte
+ Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte
+ Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte,
+ Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre.
+ Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen,
+ Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern,
+ Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen,
+ Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter,
+ Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte.
+ Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben,
+ Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte
+ Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig
+ In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe,
+ Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig:
+ Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen,
+ Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester,
+ Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag,
+ Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es
+ Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen
+ Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen
+ War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen
+ Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden.
+ So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich
+ Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen,
+ Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen,
+ Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter.
+ Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe,
+ Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite.
+ So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich
+ Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe
+ Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen.
+ Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte:
+ Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende:
+ Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen?
+ Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden,
+ Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden,
+ Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge.
+ Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen:
+ Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen.
+ Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger
+ Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder.
+ Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig
+ Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte,
+ Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte
+ Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre
+ Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase,
+ Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste,
+ Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen,
+ Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber,
+ Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend,
+ Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme:
+ Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande,
+ Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche,
+ So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte,
+ Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher
+ Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte,
+ Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber:
+ Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens,
+ Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken,
+ Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd:
+ Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten,
+ Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen,
+ Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen,
+ Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon
+ Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert,
+ Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt,
+ Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern
+ Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln.
+ Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet,
+ Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer,
+ Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher
+ Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite,
+ Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten,
+ Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen,
+ Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3).
+ Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen,
+ Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken,
+ Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen?
+ Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen,
+ Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben.
+ Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel!
+ Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich
+ Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken,
+ Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen,
+ Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch
+ Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger
+ Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich,
+ Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch
+ Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen
+ Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten
+ Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel
+ Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln,
+ Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier
+ Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter
+ Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen,
+ Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen,
+ Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun,
+ Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen
+ Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's
+ Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen!
+ Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen,
+ Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen,
+ Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben
+ Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen,
+ Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten.
+ Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen,
+ Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit!
+ Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren,
+ Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen!
+ Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten
+ Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer,
+ Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach,
+ Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige
+ Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort!
+ Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen,
+ Und wir sollen dafür--– ich weiß nicht, ob ich's verstanden,
+ Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen!
+ Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet,
+ Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen
+ Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben,
+ Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet.
+ Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich
+ Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft,
+ Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern,
+ Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert.
+ Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt,
+ Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen.
+ Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe
+ Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette,
+ Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide,
+ Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen!
+ Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber,
+ Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs,
+ Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen,
+ Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner,
+ Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg,
+ Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens,
+ Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen
+ Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen.
+ Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde,
+ Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft
+ Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten,
+ Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese
+ Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken
+ An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich
+ Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet
+ Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte.
+
+
+ Fünfter Gesang.
+
+ O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter
+ Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche
+ Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch
+ Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche,
+ Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln
+ Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte,
+ Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet,
+ Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung
+ Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer
+ So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte
+ Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben
+ Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt
+ Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man
+ Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen,
+ Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend,
+ Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert,
+ Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen,
+ Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet,
+ Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe
+ Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist,
+ Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe
+ Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden,
+ Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern.
+ Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen
+ Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen,
+ Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar
+ Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden
+ Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen,
+ Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem
+ Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg
+ Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen,
+ Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge
+ Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert,
+ Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch
+ Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten
+ Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden,
+ Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist.
+ Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme
+ Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet,
+ Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern,
+ Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum,
+ Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet,
+ Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen,
+ Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen,
+ Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung,
+ Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede
+ Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten,
+ Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen,
+ Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn,
+ Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung,
+ Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du?
+ Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet:
+ Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder,
+ Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender
+ Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich,
+ Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele
+ Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren,
+ Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern,
+ Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen!
+ Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen.
+ Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern,
+ Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich
+ Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren,
+ Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend
+ Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft
+ Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern
+ Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten,
+ Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren!
+ Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du
+ Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte
+ Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben,
+ Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen,
+ Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet;
+ Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen,
+ Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten
+ Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen,
+ Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig
+ Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon,
+ Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend,
+ Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden,
+ Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet,
+ Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!--
+ Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme
+ Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke,
+ Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber
+ Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze
+ In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig
+ Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen,
+ Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer,
+ Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen,
+ Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen,
+ Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen,
+ Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer.
+ Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder
+ Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe
+ Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen,
+ Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln,
+ Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war:
+ Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte
+ Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert
+ Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer,
+ War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück,
+ Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen.
+ Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen
+ Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen,
+ Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet
+ In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten
+ Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen,
+ Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen
+ Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken,
+ Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl
+ Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es
+ Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden
+ Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist,
+ Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette!
+ Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen,
+ Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler
+ Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter
+ Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's
+ Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!--
+
+ So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen,
+ Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter,
+ Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise!
+ Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe.
+ Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde,
+ Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen,
+ Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen
+ Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense
+ Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel
+ Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut,
+ Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet,
+ Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert,
+ Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte
+ Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne
+ Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel
+ Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne,
+ Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen
+ Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags,
+ Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang.
+ Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte
+ Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse,
+ Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen
+ Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde
+ Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen,
+ Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen,
+ Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können,
+ Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder.
+ Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken
+ Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise
+ Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken,
+ Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen
+ Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute,
+ Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit
+ Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen,
+ Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung
+ Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert.
+ Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet,
+ Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben
+ Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen.
+ Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen,
+ Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde
+ Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen
+ Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten,
+ Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden,
+ Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet,
+ Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie
+ Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil
+ Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite,
+ Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet:
+ Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden,
+ Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden.
+ Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen,
+ Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein,
+ Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen.
+ Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln,
+ Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen,
+ Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling
+ Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung.
+ Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken
+ Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken,
+ Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken,
+ Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen,
+ Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade,
+ Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen
+ Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken,
+ Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten!
+ So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten,
+ Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich
+ Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten,
+ Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe
+ Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte,
+ Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte,
+ Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten.
+ Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten,
+ Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten
+ Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen,
+ Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen,
+ Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten
+ All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen
+ Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen,
+ Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen,
+ Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen.
+ Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen,
+ Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel
+ Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet,
+ Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend,
+ Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide,
+ Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer,
+ Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn,
+ Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern.
+ Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte
+ Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen,
+ Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen,
+ Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines
+ Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste
+ Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen,
+ Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich
+ Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren,
+ Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern,
+ Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung
+ So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben
+ Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände
+ Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte,
+ Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen
+ Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig,
+ Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen,
+ Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert
+ Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche,
+ Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens
+ Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer
+ Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn
+ So von allem zugleich, was für den traurigen Winter
+ Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine
+ Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte,
+ Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind,
+ Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis
+ Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre
+ Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen,
+ Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen
+ So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen
+ Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte,
+ Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten,
+ Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner
+ Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist.
+ Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen,
+ Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt,
+ Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen,
+ Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne,
+ Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche
+ Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite,
+ Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern.
+ Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung,
+ Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer
+ Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie
+ Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich
+ Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen.
+ Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen,
+ Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste,
+ Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt,
+ Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt
+ Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel,
+ Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet.
+ Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten,
+ Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen
+ Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte
+ Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben
+ Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar
+ Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste,
+ Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre
+ Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause?
+ Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen,
+ Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein
+ Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen,
+ Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte,
+ Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich
+ Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert:
+ Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen,
+ Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen:
+ Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet,
+ Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen,
+ Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen!
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+ Sechster Gesang.
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+ Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin
+ Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis,
+ Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren.
+ Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen
+ An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift,
+ Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen,
+ Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden,
+ Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird:
+ Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter
+ Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern,
+ Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung,
+ Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen
+ Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde,
+ Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde,
+ Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich,
+ Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet.
+ Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen
+ Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde
+ Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah
+ Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar,
+ Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet,
+ Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden
+ Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen,
+ Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern.
+ Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre,
+ Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert.
+ Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva!
+ Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten
+ Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände
+ Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung.
+ Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben
+ Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter,
+ Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg
+ Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen,
+ Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet,
+ Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer
+ Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel,
+ Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert.
+ Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde
+ Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert,
+ Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen
+ Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen,
+ Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen
+ Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen.
+ Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien,
+ Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege,
+ Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen:
+ Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern,
+ Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen,
+ Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich
+ Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern,
+ Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs,
+ Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern
+ Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig!
+ Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände,
+ Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde
+ Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen.
+ Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!--
+ Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger,
+ Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte,
+ Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste
+ Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen,
+ Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben,
+ War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte,
+ Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste
+ Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten,
+ Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland
+ Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft
+ Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme
+ Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften.
+ Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes
+ Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier
+ Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling
+ Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen,
+ Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert.
+ Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg
+ An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln,
+ Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen
+ Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend,
+ Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet,
+ Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet.
+ Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter
+ Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern
+ An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter,
+ Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater
+ Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig
+ Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber,
+ Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen
+ Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher
+ Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche
+ Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt!
+ Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,
+ Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen,
+ Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?
+ Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle
+ Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle:
+ Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer,
+ Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern
+ In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder,
+ Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen
+ Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--
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+ Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet?
+ So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen
+ Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben
+ Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern
+ Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten,
+ Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern,
+ Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich
+ Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich
+ Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern,
+ Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel,
+ Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen.
+ Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln,
+ Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet,
+ Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse!
+ Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern,
+ Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke
+ Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine,
+ Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen
+ Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen,
+ Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen,
+ Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne,
+ Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge
+ Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend
+ Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit
+ Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht
+ Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen,
+ Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß,
+ Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes
+ Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite,
+ Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände,
+ Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet,
+ Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken,
+ Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen.
+ Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe,
+ Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder,
+ Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er
+ Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen!
+ Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden,
+ Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut,
+ Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise,
+ Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein.
+ Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte,
+ Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung
+ In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn,
+ Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen,
+ Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe,
+ Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung
+ Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken,
+ Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er
+ Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen?
+ Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle
+ Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte,
+ Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde
+ Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen,
+ Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt.
+ So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen,
+ Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung,
+ Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen,
+ Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage.
+ Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen,
+ Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken
+ Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen.
+ Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt,
+ Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen,
+ Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer!
+ Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine,
+ Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig!
+ Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken,
+ Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen,
+ Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig!
+ Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten,
+ Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen,
+ Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen!
+ Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten,
+ Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben,
+ Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin!
+ Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe,
+ Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,
+ Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal.
+ Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,
+ Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken,
+ Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,
+ Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet.
+ Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue,
+ Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände:
+ Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle!
+ Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte,
+ Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen.
+ Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel,
+ Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich
+ Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung
+ Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern
+ Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben,
+ Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe
+ Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung
+ Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken,
+ Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen
+ Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken.
+ Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle,
+ Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken,
+ Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen
+ Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte,
+ Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet.
+ Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege,
+ Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile,
+ Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei
+ Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen,
+ Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne.
+ Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied
+ Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen,
+ Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen,
+ Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen.
+ Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen
+ Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen,
+ Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange,
+ Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich!
+ Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede,
+ Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles
+ Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher
+ Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel.
+ Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche,
+ Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube,
+ Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien
+ Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber,
+ Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert:
+ Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen,
+ Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt,
+ Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig,
+ Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte
+ Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen.
+ Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie,
+ Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend,
+ Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager,
+ Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet,
+ Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren,
+ Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen.
+ Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange
+ Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung
+ Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat.
+ Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite,
+ Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich
+ Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens
+ Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer.
+ Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige
+ Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen,
+ Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen
+ Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern,
+ Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend,
+ Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen
+ Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet.
+ Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause
+ Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich
+ Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes
+ Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren,
+ Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig.
+ Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten,
+ Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern,
+ Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche,
+ Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er
+ Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet,
+ Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe.
+ Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege.
+ Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze.
+ Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde!
+ Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden!
+ Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer,
+ Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich.
+ Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben?
+ Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich,
+ Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen,
+ Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren.
+ Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge,
+ Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre,
+ Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet.
+ Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise,
+ Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen,
+ Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln,
+ Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen,
+ Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte
+ Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack
+ Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung,
+ Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden.
+ Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das?
+ Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde!
+ Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung!
+ Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe
+ Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen,
+ Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben,
+ Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme
+ Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen
+ Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig?
+ Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen,
+ Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,--
+ Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte,
+ Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend.
+ Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme,
+ Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig
+ Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen?
+ Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen.
+ Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben,
+ Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber,
+ Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden!
+ Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen:
+ Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen!
+ Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne,
+ Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze!
+
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+ Siebenter Gesang.
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+ Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne
+ Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger
+ Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen--
+ Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen,
+ Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden,
+ Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben,
+ Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter
+ Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen.
+ Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte
+ Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht
+ Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten,
+ Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen.
+ Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler
+ Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden
+ Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen.
+ O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter
+ Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück
+ Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt,
+ Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben,
+ Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen,
+ Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen,
+ Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist,
+ Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben,
+ Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen,
+ Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen.
+ Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste,
+ Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten,
+ Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen.
+ Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen,
+ Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder
+ Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen,
+ Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet:
+ Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen,
+ Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde,
+ Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute,
+ Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen,
+ Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern.
+ Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge,
+ Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen,
+ Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide
+ Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel,
+ Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen,
+ Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen,
+ Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine
+ Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel
+ Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde
+ Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen
+ Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen,
+ An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern
+ Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer
+ Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche!
+ Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert
+ Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster,
+ Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen
+ Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen,
+ Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher,
+ Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen!
+ Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag
+ Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen
+ Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte?
+ Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben,
+ Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen,
+ Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich,
+ Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen
+ Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest,
+ Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären.
+ Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert,
+ Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung
+ Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars,
+ Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln
+ Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen,
+ Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune,
+ Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten,
+ Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen
+ Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung,
+ Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten
+ Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken,
+ Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen
+ Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten,
+ Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe,
+ Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre,
+ Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen
+ Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es
+ Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren,
+ Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe,
+ Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen!
+ Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles,
+ Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind,
+ Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen!
+ Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen,
+ Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben,
+ Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet,
+ Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe.
+ Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen,
+ Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig,
+ Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr,
+ Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter.
+ Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen
+ Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen,
+ Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller
+ Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten
+ Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen,
+ Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme:
+ Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben!
+ Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten,
+ Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten,
+ Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler
+ In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen
+ Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte:
+ Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte
+ Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen,
+ Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen?
+ Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht
+ Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde
+ Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen,
+ Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten:
+ Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern
+ Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen,
+ Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen!
+ Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung
+ Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben
+ Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden.
+ Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen
+ Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends
+ Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen
+ Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft
+ Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben:
+ Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen!
+ Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen,
+ Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen,
+ Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen,
+ Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen,
+ Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber,
+ Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken!
+ Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin,
+ Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend,
+ Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten.
+ Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden,
+ Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten,
+ Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen
+ Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel,
+ Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen
+ Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd
+ Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe
+ Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche,
+ Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen,
+ Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen,
+ Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar,
+ Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen,
+ Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel
+ Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe,
+ Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung
+ Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles,
+ Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin
+ Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen,
+ Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben!
+ Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben,
+ Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke,
+ Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns,
+ Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden,
+ Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren,
+ Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben!
+ Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger,
+ Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend,
+ Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte
+ Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen
+ Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt
+ Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde
+ Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter,
+ Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter
+ Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben,
+ Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen,
+ Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen.
+ Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet,
+ Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen,
+ Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen:
+ Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden!
+ Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege
+ Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen,
+ Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!
+
+ Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich,
+ Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen,
+ Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen,
+ Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden.
+ Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen,
+ Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern
+ Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange,
+ Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen,
+ Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam,
+ Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter!
+ Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze,
+ Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten,
+ Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte,
+ Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte,
+ Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie
+ Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich
+ Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße
+ Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich,
+ Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde,
+ Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen,
+ Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken,
+ Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden
+ Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern.
+ Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster,
+ Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen
+ Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben,
+ Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe,
+ Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen
+ In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen.
+ Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter!
+ Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung,
+ Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen,
+ Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken,
+ Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren.
+ Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken,
+ Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen,
+ Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken:
+ Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen.
+ Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich,
+ Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können,
+ Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider,
+ Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken.
+
+ Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe,
+ Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden,
+ Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend,
+ Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben?
+ Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe
+ In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet,
+ Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben,
+ Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken,
+ Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann,
+ Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen
+ Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen
+ Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe,
+ Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber!
+ Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert
+ Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen,
+ Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben,
+ Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese,
+ Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa
+ Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen,
+ Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage:
+ Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken,
+ Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert?
+ Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer,
+ Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt,
+ Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal
+ Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser,
+ Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe?
+ Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren
+ Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose
+ Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten,
+ Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern,
+ Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten,
+ Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen,
+ Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber,
+ Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte!
+ Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter,
+ Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen.
+ Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher!
+ Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg.
+ Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen?
+ Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich
+ Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien,
+ Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze
+ Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer
+ Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3),
+ Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten,
+ Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten.
+ Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten,
+ Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen,
+ Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher
+ Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels
+ Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich
+ Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen!
+ Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen
+ Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten
+ Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten,
+ Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet.
+ Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna,
+ Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen
+ Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk,
+ Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese.
+ Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe,
+ Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten:
+ Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste!
+ Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste
+ Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen,
+ Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre,
+ Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen!
+ Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte:
+ Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten,
+ Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken,
+ Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer
+ Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen,
+ Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen,
+ Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren!
+ Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren,
+ So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet,
+ Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden
+ Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert,
+ Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage.
+ Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles,
+ Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen?
+ Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden!
+ Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen,
+ Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst,
+ Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten,
+ Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde,
+ Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten.
+ Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen,
+ Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn,
+ Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken.
+ Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen,
+ Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen,
+ Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat
+ Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich,
+ Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten.
+ Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue,
+ Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben,
+ Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles!
+ Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben
+ Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren
+ Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!--
+ Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen
+ Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert
+ Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe
+ Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig:
+ Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben,
+ Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter,
+ Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel,
+ Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte:
+ Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln,
+ Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen,
+ Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben:
+ War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt
+ Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern
+ Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken,
+ Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna,
+ Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten,
+ Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert
+ Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen,
+ Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr,
+ Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben
+ Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel,
+ Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee
+ Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig.
+ Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe
+ Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern!
+ Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet
+ Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben,
+ Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden,
+ Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen.
+ Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke
+ Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen;
+ Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung,
+ Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße.
+ Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm,
+ Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend,
+ Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen
+ Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert!
+ Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen
+ Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen,
+ Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest
+ Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten,
+ Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet
+ Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen,
+ Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert,
+ Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen,
+ Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge.
+ Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern
+ Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig,
+ Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er:
+ Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen,
+ Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen,
+ In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest,
+ Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber!
+ Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten,
+ Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben,
+ Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln
+ Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er
+ Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue;
+ Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen.
+
+ Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frühstück,
+ Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder
+ Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen,
+ Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen!
+ Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen,
+ Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder
+ Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit,
+ Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning,
+ Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre
+ Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest!
+ Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben?
+ Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen?
+ Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert,
+ Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden!
+ Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe,
+ Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren,
+ Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden,
+ Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen.
+ O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen!
+ Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte,
+ Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde
+ Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer
+ Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten,
+ Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden
+ Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder,
+ Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde
+ Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen
+ Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter
+ Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher
+ Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche,
+ Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen,
+ Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen,
+ Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen!
+ Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors,
+ Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden!
+ Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet,
+ Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern:
+ Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben,
+ Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen,
+ Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend,
+ Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten.
+ Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel,
+ Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße
+ Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung
+ Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern.
+ Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten,
+ Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen
+ Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden,
+ Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert,
+ Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert.
+ Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen!
+ Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen
+ Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers!
+ Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern,
+ Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn
+ Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen!
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+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND ***
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+
+For additional contact information:
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+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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+
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