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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 21:43:55 -0800 |
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diff --git a/40564-0.txt b/40564-0.txt new file mode 100644 index 0000000..105d071 --- /dev/null +++ b/40564-0.txt @@ -0,0 +1,11929 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40564 *** + +Anmerkungen zur Transkription: + +Im Original sind die Bühnedirektionen im Kleinschrift gesetzt. +Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; +lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der +vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Kursiver Text wurde _so_ markiert + Fett gedruckter Text wurde =so= markiert + + + + +[Illustration] + + + + + STEFAN ZWEIG + + =JEREMIAS= + + EINE DRAMATISCHE DICHTUNG IN NEUN BILDERN + + [Illustration] + + INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1918 + + + + + FRIEDERIKE MARIA VON WINTERNITZ + + DANKBARST + + + OSTERN 1915 -- OSTERN 1917 + + + + +DIE BILDER DES GEDICHTS + + + I. Die Erweckung des Profeten 11 + + II. Die Warnung 25 + + III. Das Gerücht 51 + + IV. Die Wachen auf dem Walle 67 + + V. Die Prüfung des Profeten 91 + + VI. Stimmen um Mitternacht 113 + + VII. Die letzte Not 147 + + VIII. Die Umkehr 163 + + IX. Der ewige Weg 193 + + + + +DIE GESTALTEN DES GEDICHTS + + +ZEDEKIA, der König + +PASHUR, der Hohepriester + +NACHUM, der Verwalter + +IMRE, der Älteste der Bürger + +ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte + +HANANJA, der Profet des Volkes + +Schwertträger, Krieger, Knechte + + * * * * * + +JEREMIAS + +SEINE MUTTER + +JOCHEBED, eine Anverwandte + +ACHAB, der Diener + +BARUCH, ein Jüngling + +SEBULON, sein Vater + + * * * * * + +DAS VOLK VON JERUSALEM + +DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS + +CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER + + * * * * * + +Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs. + + + + +DAS ERSTE BILD + +DIE ERWECKUNG DES PROFETEN + + »Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und + gewaltige Dinge, die du nicht weißt.« + + Jer. XXX, 3. + + + Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und + blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit + Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind + der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen. + + Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias + im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt + herauf. + +JEREMIAS: + +Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum Wall ... zum Walle!... Oh +Wächter, schlimme Wächter ... sie kommen ... sie sind da ... Brand über +uns ... im Tempel Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die +Mauer ... + +JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich +inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt +zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines +Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten, +brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider): + +Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume, +Träume, wie voll ist ihrer das Haus! + + (Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:) + +Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur +meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf +bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und +Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne +Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in +Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch +vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den +Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh +Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut +sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond! + +Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht, +der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu +gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der +Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines +Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich? +Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem, +wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom +Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du, +Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und +mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser +Stadt voll Schlummer und Entsinkens! + + (Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.) + +Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und +aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann +sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer +mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin +entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß +nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den +Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich +kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich, +nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, -- tu auf +dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den +Sinn! + +EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder +Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne): + +Jeremias! + +JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen): + +Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen, +riefs aus meinem Traum?... (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.) + +JEREMIAS: + +Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget ... bin ich es selbst, +tönt mein hinstürmend Blut ... noch einmal sprich, daß ich dich kenne, +Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ... + +DIE STIMME (näher tastend): + +Jeremias! + +JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend): + +Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts +regt sich ringsum.) + +JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft): + +Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die +Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort +und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes +Schweigen.) + +JEREMIAS: + +Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und +geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der +du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund, +daß er dann glühet deiner Rede, -- du wählst nach andern Zeichen. Wen du +berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist +berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich +habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich +flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter +mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf +die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht! + +DIE STIMME (näher, eindringlicher): + +Jeremias! + +JEREMIAS (entbrennend): + +Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu! +Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede +Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß, +deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin +ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in +deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich +liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will +lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein +will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da +ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein +gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines +Dienstes -- offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen! + +DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich): + +Jeremias! + +JEREMIAS (in Ekstase): + +Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon! +Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen +trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe -- einbrenn +mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe, +gebeuget schon ist mein Nacken, -- dein bin ich, dein für immerdar. Nur +erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine +Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit, +den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem +ewigen Knecht! + +DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist +ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit): + +Oh hier ... hier bist du, mein Kind. + +JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm): + +Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen der Weg ... +verborgen für immer ... + +DIE MUTTER: + +Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm +hinab, mein Kind ... Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ... + +JEREMIAS (voll Wildnis): + +Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt +von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf ... + +DIE MUTTER: + +Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als +hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ... + +JEREMIAS (auf sie zu): + +Du hörtest ... Du auch ... um der ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest +Ihn reden, vernahmest den Ruf ... + +DIE MUTTER: + +Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ... + +JEREMIAS (sie fassend): + +Mutter ... ich beschwöre dich, sprich mir ... Tod oder Seligkeit trägt +mir dein Wort ... Du hörtest eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du +sie ... + +DIE MUTTER: + +Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch +kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und +ich rief deinen Namen ... + +JEREMIAS (erschwankend): + +Du riefest ... Du riefest meinen Namen ... + +DIE MUTTER: + +Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ... + +JEREMIAS: + +Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ... + +DIE MUTTER: + +Dreimal rief ich dich an ... + +JEREMIAS (mit brechender Stimme): + +Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst +schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott ... + +DIE MUTTER: + +Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da +keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war +hier. + +JEREMIAS: + +Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh Qual und Marter der +Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines +Wahns!... + +DIE MUTTER: + +Was redest du ... was ficht dich an ... + +JEREMIAS: + +Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ... + +DIE MUTTER: + +Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir. +Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und +feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was +sorget dich? + +JEREMIAS: + +Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das Bett ... Kühlung kam ich +zu trinken ... + +DIE MUTTER: + +Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner +Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um +Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den +Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel, +wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich +schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das +dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die +Qual! + +JEREMIAS: + +Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich! + +DIE MUTTER: + +Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und +meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich +dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache +deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh +du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz +gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen +Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der +Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du +dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret +des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang. +Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest +dein Leben, daß du beginnest dein Werk! + +JEREMIAS: + +Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende! + +DIE MUTTER: + +Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes +verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters +Bild. + +JEREMIAS (in grimmigem Schmerz): + +Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich, +nicht bräutlich nahet die Stunde! + +DIE MUTTER: + +Ich faß dich nicht. + +JEREMIAS: + +Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll +ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir, +Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn +wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod. + +DIE MUTTER: + +Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller +im Frieden dies Land? + +JEREMIAS: + +Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob +kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die +Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe +wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über +Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in +der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel. +Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den +Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher +brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des +Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus +der Nacht. + +DIE MUTTER: + +Entsetzen ... wie wüßtest du's?... + +JEREMIAS: + + Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen, + Da ich Gesichte beschaute des Nachts + Und irrging in Träumen. + Furcht und Bangnis fiel über mich, + Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper, + Und gleich rissiger Mauer + Einstürzte mein Herz. -- + Mutter, + Ich habe Dinge gesehen, + Wenn die stünden geschrieben, + Würde starren der Menschen Haar + Und der Schlaf fallen wie Asche + Von ihrem Gesicht. + +DIE MUTTER: + +Jeremias ... was ist über dich ... + +JEREMIAS: + + Das Ende nahet, das Ende, + Es fahret aus + Dräuend von Mitternacht, + Feuer sein Wagen, + Würgung sein Flug! + Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel, + Schon bebt die Erde von Donner und Huf. + +DIE MUTTER (im Entsetzen): + +Jeremias! + +JEREMIAS (sie anfassend, lauschend): + +Hörst du ... hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ... + +DIE MUTTER: + +Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein +Wind umspielet das Dach. + +JEREMIAS: + + Ein klein Wind? + Wehe, wehe! + Gewaltigen Rauschens + Wächst er empor, + Sturmwind von Gott. + Aus dem Geklüfte + Der Mitternacht + Kommt er gefahren, + Schrecknis schwingt er + Über die Stadt. + Mutter! Mutter! Hörst du es nicht: + Schwert klirrt im Wind, + Räder rollt die rauschende Welle, + Lanze blinkt und Harnisch die Nacht, + Krieger und Krieger, unendliche Scharen + Schüttet der Sturmwind über das Land. + +DIE MUTTER: + +Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug! + +JEREMIAS: + + Es nahet, es nahet, + Fremd Volk, + Mächtig und alt + Aus dem Osten der Erde, + Unendliche Fülle + Rauschen sie an, + Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile, + Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet, + Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient. + Und inmitten ausfähret + Mit blutiger Krone + Der Stürzer der Städte, + Der Zünder der Brände, + Der Zwingherr der Völker, + Der König, der König von Mitternacht. + +DIE MUTTER: + +Der König von Mitternacht ... Du träumest ... der König von Mitternacht. + +JEREMIAS: + + Den Er erweckte, + Den Er erwählte, + Als harten Vollstrecker + Härtesten Spruchs, + Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle, + Daß er mahle die Mauer und berste die Türme, + Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser, + Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden + Und pflüge die Straßen Jerusalems. + +DIE MUTTER: + +Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem! + +JEREMIAS: + + Es fällt! + Was Gott berennet, + Hat nicht Bestand! + Von untenher + Werden dorren seine Wurzeln, + Und von obenher + Geschnitten seine Frucht! + Mit der Axt und dem Brande + Wird der Reisige roden + Israels Forst und Zions Gefild. + +DIE MUTTER (ausbrechend): + + Es ist nicht wahr! + Du lügst! Du lügst! + Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen, + Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen! + Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm, + Ewig werden die ragenden Mauern, + Ewig die Herzen Israels dauern, + Ewig währet Jerusalem! + +JEREMIAS: + +Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende +nahet, Israels Ende! + +DIE MUTTER: + +Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden +dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem! + +JEREMIAS: + +Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen +Gesichten! + +DIE MUTTER: + +Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen +Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und +zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu +werde mein Schoß? + +JEREMIAS: + +Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den +Gesichten. + +DIE MUTTER: + +Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn +zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist +du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die +Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn! + +JEREMIAS: + +Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß +ab von mir, Mutter, laß ab! + +DIE MUTTER: + +Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein +einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß +erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch +ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen +Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen +Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte +mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem +Schoß. + +JEREMIAS: + +Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal. + +DIE MUTTER: + +Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und +gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich +gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren +Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott. + +JEREMIAS: + +Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ... + +DIE MUTTER: + +Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet. +Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in +meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder +werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich +auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum +Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von +Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und +tritt in den Tag. + +JEREMIAS: + +Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum +andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich +worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu +Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh +Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich +weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer +geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens +Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer +mich gefordert ... + +DIE MUTTER: + +Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ... + +JEREMIAS: + +Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der +Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind +gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung ... + +DIE MUTTER: + +Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist +du nicht, schreist du aus solchen Wahn! + +JEREMIAS: + +Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im +Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir +ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort, +auch ich habe mich ihm gelobet ... + +DIE MUTTER: + +So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du +lobpreisest seinen Namen! + +JEREMIAS: + +Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen -- selbst will ich +das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein +Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner +gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im +Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel +brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias, +auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie +Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich +muß fort ... + +DIE MUTTER: + +Wohin willst du vor Tag? + +JEREMIAS: + +Ich weiß nicht, Gott weiß es. + +DIE MUTTER: + +Doch sage, was planest du? + +JEREMIAS: + +Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat! + +DIE MUTTER: + +Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du +verschweigst deine Träume ... + +JEREMIAS: + +Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen! + +DIE MUTTER: + +... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke. + +JEREMIAS: + +Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe! + +DIE MUTTER: + +Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu +säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus. + +JEREMIAS: + +Sein ist mein Wort, sein meine Hausung. + +DIE MUTTER: + +Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn! + +JEREMIAS: + +Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe. + +DIE MUTTER: + +So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die +Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der +Schrecknis wirft über Israel, ich fluche ... + +JEREMIAS (schauernd): + +Nicht fluche, Mutter, nicht fluche! + +DIE MUTTER: + +Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich +fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen +und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust. + +JEREMIAS: + +Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt Er mich unter ihn ... + +DIE MUTTER: + +Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes +Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre +es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias ... wähle! + +JEREMIAS: + +Ich ... geh ... meinen Weg ... (Er beginnt mit schwerem Schritt zur +Treppe zu treten.) + +DIE MUTTER: + +Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ... +entweiche meinem Fluch ... denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte +mein Gelöbnis. + +JEREMIAS: + +Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl! +(Er schreitet die erste Stufe hinab.) + +DIE MUTTER (aufschreiend): + +Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz! + +JEREMIAS: + +Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich fühl die Steine +nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich +rufet ... und ich folge dem Ruf ... + + (Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und + verhalten, die Augen starr in den Himmel.) + +DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung): + +Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!... + + (Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt + allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende + Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische + Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten + beginnt.) + + + + +DAS ZWEITE BILD + +DIE WARNUNG + + »Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider + viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz; + + wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob + ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.« + + Jer. XVIII, 8/9. + + + Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in + den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen + Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern + Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die + nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge + in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem + Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs + fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor + des Tempels. + + Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen + empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine + farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von + einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die + in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei + zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im + gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen + gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe. + +STIMMEN: + +Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... nein, noch nicht ... doch, +ich habe das Horn gehört ... ich auch ... ich auch ... sie müssen nahe +sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ... + +ANDERE STIMMEN: + +Vom Tore Moria kommen sie ... hier müssen sie vorbei ... sie gehen zum +Palast ... laßt die Gasse frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ... +weicht zurück ... macht Raum ... Raum für die Ägypter ... + +EINE STIMME: + +Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen? + +EINE ANDERE STIMME: + +Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt. + +STIMMEN: + +Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie viele sind ihrer ... +bringen sie Geschenke ... wer ist ihr Führer ... was bringen sie ... +erzähle, Isaschar! + + (EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.) + +ISASCHAR: + +Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt. +Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven +sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit +Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht. + +STIMMEN: + +Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... Heil Ägypten! + +EINE STIMME: + +Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia +vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar? + +ISASCHAR: + +Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie +seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt. + +STIMMEN: + +Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir sie schauen ... Heil +Ägypten!... + +EIN ALTER MANN: + +Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige ... + +STIMMEN: + +Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort mit ihnen ... was schmähst +du Ägypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ... +seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel ... was wollen +sie? + +EINE STIMME: + +Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von +Abimelech. + +STIMMEN: + +Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis ... kein Bündnis mit +Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim ... wider wen ist das Bündnis ... + +ISASCHAR: + +Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir +stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao +Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind +ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie +begehren unseres Beistands. + +DER ALTE: + +Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre! + +ISASCHAR: + +Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer! + +STIMMEN: + +Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit Assur ... zerbrechen +wir das Joch ... hüten wir uns ... + +BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch): + +In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten +allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch? + +SEBULON (der Vater Baruchs): + +Schweige ... nicht dein ist die Rede ... eine linde Knechtschaft ist +Chaldäas Joch ... + +STIMMEN: + +Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit +ist gekommen ... nieder mit Assur ... verbinden wir uns Ägypten ... + +SEBULON: + +Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen +und gedulden. + +STIMMEN: + +Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... nicht länger soll Baal sich +ihrer ergötzen ... nieder mit den Räubern des Tempels ... jetzt ist es +die Stunde ... + +ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her): + +Sie kommen! Sie kommen! + +STIMMEN (von allen Seiten jauchzend): + +Sie kommen ... Raum ... macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ... +zurück hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ... + + (DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die + nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht + vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der + lärmenden Menge leuchten.) + +STIMMEN: + +Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... Araxes ist es ... die +Geschenke ... die Sänften ... seht diese, sie ist verhüllt ... die +Tochter Pharaos muß es sein ... heil Araxes ... heil Ägypten ... wie +schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es +zahlen müssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern +sind besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger müssen es +sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten ... heil ... Gott +strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes ... es lebe Necho ... +Segen über Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ... + + (DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der + Ägypter.) + + (DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die + Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.) + +BARUCH (von den Stufen herab): + +Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund! + +STIMMEN: + +Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir das Joch ... es lebe +Necho ... Segen über eure Ankunft ... Rache für Zion ... + +ANDERE STIMMEN: + +Zum Palast ... geleitet sie zum Palast ... zum Könige ... er schließe +den Bund ... es lebe Araxes ... Segen über Zedekia, unsern König ... +ein König der Knechte ... nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ... + + (DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die + Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes. + Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den + Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die + Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die + Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.) + +BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat): + +Ich muß mit ihnen. + +SEBULON: + +Du bleibst! + +BARUCH: + +Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider +seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen, +und nun ist die Stunde genaht. + +SEBULON: + +Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die +Entscheidung. + +BARUCH: + +Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe. + +SEBULON: + +Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den +lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge. + +EIN ANDERER: + +Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht +erschienen? Freunde sind Israel erstanden. + +SEBULON: + +Nie war Mizraim Israels Freund. + +BARUCH: + +Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens. + +SEBULON: + +Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere +Gewalt. + +DER ANDERE: + +Aber sie wollen für uns kämpfen. + +SEBULON: + +Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein. + +BARUCH: + +Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und +Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia ... + +SEBULON: + +Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu +richten. + +BARUCH: + +Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die +Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet +und groß gemacht unter den Völkern. + +SEBULON: + +Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte. + +BARUCH: + +Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel +ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser +ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns +erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den +Frieden, und wir wollen den Krieg. + +SEBULON: + +Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn +gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit +und ein Schänder des Lebens. + +BARUCH: + +Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft! + +EINE STIMME: + +Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen. + +STIMMEN: + +Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den +Heiden ... + +STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel): + +Abimelech! Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil dir ... + + (DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger, + und jubeln ihm zu.) + +STIMMEN: + +Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet ... raffe dein +Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind +bereit ... wir sind bereit ... + +ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge): + +Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner +Freiheit. + + (DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.) + +ABIMELECH: + +Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns +gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun, +mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine +Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein +Herz, Volk von Jerusalem. + +DIE MENGE (jauchzend): + +Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa ... heil Abimelech ... + +EIN KRIEGER: + +Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt +gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers +Gewand. + +EINE STIMME: + +Das ist nicht wahr! + +DER KRIEGER: + +Wer sagt, es sei nicht wahr? + +EINE STIMME: + +Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er +ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel. + +STIMMEN: + +Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... ein Gekaufter ist er ... +sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie hat gehurt mit allen Knechten +Babels ... Verräter ... + +DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden): + +Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen? + +DIE STIMME: + +Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer. + +DER KRIEGER (auf ihn eindringend): + +Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn +Israel. + +STIMMEN: + +Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter ... Verräter ... + +DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert): + +Nicht das sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind. + +ABIMELECH: + +Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen. + +STIMMEN: + +Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab +zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die +Philister und Amalek ... Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der +uns schmäht ... + + (EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.) + +DIE MENGE (sie umdrängend): + +Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ... + +EIN BOTE: + +Der König hat den Rat berufen. + +STIMMEN: + +Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ... + +ABIMELECH: + +Wen hat er berufen? + +DER BOTE: + +Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein +Ruf. + +ABIMELECH: + +Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern +vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir +werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich +kämpfe für sie, Volk von Jerusalem! + +DIE MENGE: + +Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil dir, du Gottesstreiter ... +heil ... + + (ABIMELECH eilt in den Palast.) + +BARUCH: + +Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern +Willen erdonnern vor seinem Palast. + +SEBULON: + +Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und +Ruhe muß sein um den Ratschluß. + +BARUCH: + +Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle +wollen den Krieg. + +STIMMEN: + +Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ... + +EINE STIMME: + +Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ... + +STIMMEN: + +Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder +mit ihm ... wer bist du ... + +DER SPRECHER: + +Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg +stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg, +ich will nicht! + +BARUCH (wild): + +Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem +Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn +ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist +unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr +Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott. + +DER SPRECHER: + +So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes, +und er hat sie mir zu eigen gegeben. + +BARUCH: + +Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte, +daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist +erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet sind die Zeichen! Oh, wo +sind die Künder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, daß sie +die Trägen entflammen und hören machen die Tauben. Wo sind die Priester, +wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu +Jerusalem? + +STIMMEN: + +Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... wecket sie auf ... +sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ... + +BARUCH: + +Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mögen entscheiden, die +Gottesmänner! + +STIMMEN: + +Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die Wahrheit ... Hananja ... +Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ... +Hananja ... Pashur ... + + (EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür. + Die Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:) + +PASHUR (der Hohepriester): + +Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem? + +BARUCH: + +Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So säume nicht. Sprich +den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket +deinem Volke. + +STIMMEN: + +Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den Profeten rufe, daß er +uns Wahrheit sage ... aus den Büchern lies die Weissagungen ... zum +Könige sprich und zum Volke ... + +PASHUR: + +Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male? + +BARUCH: + +Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, und der König zaudert. +Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer +Stimme. + +STIMMEN: + +Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... Hananja ... Hananja ... +wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser +Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ... + +PASHUR: + +Was begehret ihr des Profeten? + +BARUCH: + +Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche +Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll wie Feuer über uns +fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die +Stunde, Gott fordert ihn. + +DIE MENGE: + +Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert ihn ... Er erscheine ... +wir dürsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ... + + (HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.) + + (DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.) + +BARUCH (zu ihm empor): + +Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk dürstet nach deiner Rede! +Gieß aus die Welle deines Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande, +mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen +liegt Jerusalems Schicksal! + +DIE MENGE: + +Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung verkünde ... Sage, sollen +wir ausziehen ... Gottes Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du +Bote des Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... sieh +unser Schwanken ... erwecke unser Herz. + +HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch): + +Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von +Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war +gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in den Sielen der +Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind geschritten über dich wie +über einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben +gelacht deiner Blöße. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine +Botschaft an die Verträumten, und ich will sie künden euch +Gotterweckten. + +DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus): + +Höret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir +gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ... + +HANANJA: + +Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte +... wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn +leer sind seine Krüge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre, +Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet, +denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er +harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen; +er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch nicht im Joche. So werfet +ab das Joch, reißt euch los von den Ketten, die Posaune laßt schallen +und erklirren das tödliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet +für ihn! + +BARUCH: + +Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht +Gottes Joch! + +DIE MENGE: + +Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen +Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft auf das Panier ... Sage, ist es +Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer +obsiegen? + +HANANJA: + +Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schäumt sie mir +stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: »Erhebe dich, Israel, +wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle +deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du +Gewaltiger, deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Köcher +getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In +deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und +knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrückten, hole +heim meine Habe, erlöse mich, wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir +widerraten, tilge aus, die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen, +nur meinen Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...« + +JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend): + +Nicht höret auf ihn! Nicht höret auf ihn --! Nicht höret auf ihn! + + (DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der + erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der + Stelle empor, wo Hananja spricht.) + +STIMMEN: + +Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... was sagt er ... wer +ist er ... + +JEREMIAS: + +Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden, +tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht höret die Gleisner, die euch +ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller, +nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges! + +PASHUR (sich aufrichtend): + +Wer redet in der Menge? + +HANANJA: + +Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel! + +JEREMIAS (sich vorstoßend): + +Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die +Schrecknis tut auf ihren Mund. Für Israel spreche ich und um Israels +Leben! + +STIMMEN: + +Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ... +ich kenne ihn nicht ... wer ist es ... + +EINE STIMME: + +Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth. + +STIMMEN: + +Wer ist Jeremias ... wer ist er ... was wollen die zu Anathoth in +Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ... + +PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist): + +Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern +und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist +es, Gottes Wille zu künden! + +JEREMIAS: + +Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr +die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Träumen +spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Träume gesandt. Mit +Entsetzen hat er gefüllt meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit, +er hat mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß ich +schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe +wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich +will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will künden meine Träume ... + +BARUCH: + +Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde! + +HANANJA: + +Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der +Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, daß du redest +vor dem Tempel? + +STIMMEN: + +Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... ein Wahnwitziger ist +er ... seine Träume soll er künden ... erzähle ... offen ist der Markt ... +frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ... + +PASHUR: + +Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gelaß! + +HANANJA: + +Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr +hören und nicht die Schwätzer der Gasse. Weg die Träumer vom Markte! + +BARUCH: + +Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten. + +STIMMEN: + +Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, Hananja rede ... +Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn ... sprich, Jeremias ... +warum ihn nicht hören ... was hat er geträumt ... in Träumen ist oftmals +Verkündung ... laß ihn reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ... +sprich, Jeremias ... + +JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen): + +Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im +Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen +nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern +wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr, +der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote +sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und +die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ... + +PASHUR: + +Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels. + +HANANJA: + +Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns. + +BARUCH: + +Hinunter mit ihm! + +STIMMEN: + +Nein, die Träume wollen wir hören ... was deuten sie ... ein Irrwitziger +ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ... + +JEREMIAS: + +Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da +spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im +Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind +rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines +Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da +scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein +Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine +Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget +wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn +lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig, +daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk +von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das +Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte +zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das +Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert +zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der +Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf +sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem +Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem! + +BARUCH: + +Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und +Verrätern! + +HANANJA: + +Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für Babel spricht er und Bel. + +STIMMEN: + +Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an seinem Wort ... lasset +ihn ausreden ... die Träume ... was für Verheißung ... lasset ihn ... +auch ihn wollen wir hören ... + +JEREMIAS: + +Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr +in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer +Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure +Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer? +Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist +denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe, +siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke +blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten, +es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in +Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte, +die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel, +sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons +Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug +sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den +Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den +Frieden! + +SEBULON: + +Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede! + +PASHUR: + +Wie chaldäisch Gold! + +STIMMEN: + +Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... Friede ... wir +wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... ein Söldling von Assur ... +lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ... + +HANANJA: + +Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich +also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes +Erstling ist unter den Völkern. + +BARUCH (auf Jeremias eindringend): + +Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, daß sie es hören: +soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an +Chaldäa? Sprich Antwort, du Verräter! + +STIMMEN: + +Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter zahlen ... +antworte. + +JEREMIAS: + +Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem +Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn +der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr! + +HANANJA: + +Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen +Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrücker, willst du +leugnen die Schrift? + +JEREMIAS: + +Doch es stehet auch geschrieben daselbst: »Wenn ihr stille bleibet, +würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.« + +STIMMEN: + +Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, so ist es +geschrieben ... weise ist sein Wort ... nein, er drehet es zu seinem +Sinne. + +HANANJA: + +Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch +dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um +deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg! + +JEREMIAS: + +Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die +Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das +Leben. + +BARUCH: + +Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, daß wir es +hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem +Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben für Israel +und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle +meines Sinnes sind! + +HANANJA: + +Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in +dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen +mit Ägypten. + +STIMMEN (jauchzend): + +In drei Monden ... Heil Hananja ... höret ihn ... in drei Monden ... + +HANANJA: + +Israel wird siegen, gegen tausend und tausend. + +BARUCH: + +Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten. + +STIMMEN: + +Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... Krieg ... Krieg ... +nein, Friede ... Friede über Israel ... Krieg ... Krieg ... für Assur +spricht er ... ein Verräter ... sind die nur wahrhaft, die Krieg +schreien?... gekauft ist er ... übereilet nicht ... + +BARUCH: + +Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus! + +EIN WEIB (Jeremias anspeiend): + +Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns +schändet! Krieg ... Krieg wider Assur! + +JEREMIAS (in Zorn ausbrechend): + +Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine +Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube? +Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über +die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres +Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und +um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an +euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien +wider mich und wider den Frieden ... + +STIMMEN (Weiber): + +Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... unsere Söhne ... wehe ... wehe ... +der Furchtbare ... wehe ... + +BARUCH: + +Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter +mit dir! + +EINIGE KRIEGER: + +Hinunter! Jagt ihn in die Gasse! + +HANANJA: + +Sperrt ihm den Mund! + +STIMMEN: + +Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug Unheil gekündet ... +kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ... + +JEREMIAS: + +Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem! +Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken, +Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein +eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde, +dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht +stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du +Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des +Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre! +Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ... + +STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit): + +Ja ... Gottes Friede über Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes +Friede über uns ... meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg +wider Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... wir +wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ... +Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben +ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ... +Krieg ... Friede ... + + (EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes, + eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der + schwertlos aus der Säulenhalle stürzt.) + +DIE STIMMEN DER NAHENDEN: + +Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel. + + (DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.) + +STIMMEN: + +Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm widerfahren ... vom +Könige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist +geschehen. + +ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias): + +Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern. +Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider Ägypten, und +der König gab ihnen Gehör. + +STIMMEN: + +Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... Verräter ... Was +ward beschlossen ... was sagte der König ... Friede, heil dem Frieden ... +Gottes Gericht. + +ABIMELECH: + +Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und +bereden, eh er entscheidet. + +JEREMIAS: + +Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet! + +ABIMELECH: + +Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine +Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr +um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich +diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft. + +BARUCH (ekstatisch): + +Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, heilig dein Schwert, das für Israel +flammt! + +PASHUR: + +Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den Käuflingen und +Krämern. + +HANANJA: + +Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des +Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes +Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß +er uns höre, daß er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß +aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf, +Israel, auf, in den Palast. + +STIMMEN: + +Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit den Greisen ... zum +Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf. + +PASHUR: + +Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Könige und zum +Siege! Gott will es! Gott will es! + +STIMMEN: + +Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ... + +JEREMIAS (vor den Eingang der Säulenhalle springend): + +Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem! + +STIMMEN: + +Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ... + +BARUCH (das Schwert ziehend): + +Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht! + +HANANJA: + +Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder! + +PASHUR: + +Nieder mit dem Verräter! + +JEREMIAS: + +Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem! + +PASHUR: + +Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen! + +JEREMIAS: + +Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet +Jerusalem! + +PASHUR: + +Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund! + +BARUCH: + +Bei meinem Zorn, weiche vom Markte! + +JEREMIAS: + +Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kämpfe ich, um +Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, höret ... + +DIE MENGE (die Stufen hinaufschäumend): + +Auf ... was zögert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum +Palast ... + +BARUCH: + +Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg! + +JEREMIAS: + +Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben für den Frieden! + +HANANJA: + +Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat! + +BARUCH: + +Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! (Er sucht ihn zur Seite zu +stoßen.) + +JEREMIAS (sich losreißend mit gewaltiger Stimme): + +Keinen Schritt für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel! + + (BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.) + + (JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.) + +DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend): + +Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ... +Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ... +warum schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ... +zum König ... zum König! + + (BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden + Hand.) + +HANANJA (ekstatisch über alle rufend): + +Mögen alle Feiglinge so enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte +Chaldäas! Auf zum Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset +Jerusalem! + +ABIMELECH: + +Tod den Verrätern! Rache an Assur! + +PASHUR: + +Gott hat ihn gefällt! + +HANANJA: + +Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren! + +DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend und in die +Säulenhalle des Palastes flutend): + +Zum Könige ... Israel über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ... +nieder mit den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit +uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ... + + (DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.) + + (JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß + einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg. + Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein + ausgeworfenes Stück Leben in den Steinen.) + + (BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der + Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er + tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen + heran, beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach + seinem Atem.) + +BARUCH: + +Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist! + + (BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.) + +JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne): + +Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... Feuer +über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ... + +BARUCH: + +Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen wische ... still ... + +JEREMIAS (die Augen aufschlagend): + +Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ... + +BARUCH: + +Halte dich still und laß deiner warten ... + +JEREMIAS: + +Wer ... wer bist du ... + +BARUCH: + +Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ... + +JEREMIAS: + +Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein Antlitz ... aus deiner +Stimme fuhr Haß wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich +kenne dich ... warst du es nicht ... + +BARUCH: + +Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein +Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich +geschlagen. Sühngeld will ich bieten für dein Blut ... laß es mich +stillen ... + +JEREMIAS: + +Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das meine strömte in +Jerusalem ... (sich aufrichtend): Wo ... wo sind die andern ... das +Volk, wo ... leer die Straße ... der Markt ... ah ... im Palaste schon ... +bei dem König, daß sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ... + +BARUCH: + +Beruhige dich ... + +JEREMIAS: + +Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, Fluch über dich, daß du +mich fälltest ... daß du brachst meine Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn +du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels +Blut ... nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ... +Zion zerstört ... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im +Heiligtum des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder +Israels ... + +BARUCH: + +Was willst du? + +JEREMIAS (fiebrig): + +Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, so hilf mir empor ... +auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ... + + (JAUCHZEN von fern aus dem Palast.) + +JEREMIAS (aufschreiend): + +Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung ... zu spät +wird es ... ich muß ... ich muß ... warnen ... auf, um Jerusalems +willen willen ... stütze mich ... ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es +ruft ... + +BARUCH (verwirrt): + +Was willst du? Noch beben deine Knie ... + +JEREMIAS: + +Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel des Krieges, wider das +Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien das Friedenswort, ich muß es +gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ... + +BARUCH (erstaunt): + +Noch einmal willst du ... noch einmal allein wider das Volk ... in +deinen Tod stürzest du dich ... + +JEREMIAS: + +Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben für Jerusalem und +Gottes Frieden ... so hilf mir ... hilf mir für mein vergossen Blut ... +noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ... + +BARUCH (schaudernd): + +Noch einmal willst du ... noch einmal allein gegen alle ... mächtig ist +die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter +meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen +habe ich dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch ich +sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... Jeremias ... +ein Gewaltiges kündest du mir ... + +JEREMIAS: + +Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze mich, daß ich wider sie +schreite ... daß ich rette Zion vor dem Verderben ... + +BARUCH (ihn stützend): + +Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen +Glauben ... denn Macht ist in dir, die mich zwingt ... wie heiß dein +Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich +dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den +sanften Frieden gefordert. + +JEREMIAS: + +Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um +Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der +Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das +Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die +Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit. +Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber +ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat +will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß. + +BARUCH: + +Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ... + +JEREMIAS: + +Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht +einstehet mit dem Leben für sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet. +Auf ... daß ich ausgieße meine Gesichte und schreie mein Warnen wider +den König ... fort ... hilf mir weiter ... + +BARUCH: + +Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich tue, wie du tuest ... +denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest. + +JEREMIAS: + +Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille nicht wider mich und +dein Schwert? + +BARUCH: + +Zu stark warst du, da ich wider dich war ... so will ich mit dir sein. +Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn +ich ... ich glaube dir, Jeremias! + +JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt): + +Du glaubst meinen Worten? + +BARUCH: + +Ich ... glaube an dich ... denn klar sah ich dein Auge unter meinem +Schwert. + +JEREMIAS: + +Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich +verleugnen, wider Volk und Stadt? + +BARUCH: + +Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für dein Wort. + +JEREMIAS: + +Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube meinen Träumen ... +redest du wahr, du Knabe? + +BARUCH: + +Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen +Willen tu ich in deinen Willen. + +JEREMIAS (erschüttert): + +Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du +gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste +bist du, der mir glaubet ... und noch weiß ich deinen Namen nicht. + +BARUCH: + +Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead. + +JEREMIAS: + +Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoßene +wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte und Verbannte, denn in +Flammen muß verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hüte dich, Baruch, du +Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine +schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): Laß sehn deine Augen! Morgendlich +noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? Rein +glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden +dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein, +Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgürtet, nicht wirf in Lauge +dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen. + +BARUCH: + +Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich +glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben. + +JEREMIAS (bewegt): + +Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling +bist du und meiner Angst erstgeboren Kind ... mit meinem Blute habe ich +dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden ... soll ich dich +wahrhaft nehmen in meiner Bitternis ... + +BARUCH: + +Nimm mich mit dir ... nimm mich mit dir ... um Jerusalems willen ... + +JEREMIAS (sich aufraffend): + +Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das +verwirrte ... So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze +mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen +wider den König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen +Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie! + +BARUCH: + +Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ... + + (JUBELGESCHREI von nahe.) + +JEREMIAS: + +Wehe ... wehe ... wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke. + +BARUCH: + +Sie kommen ... sieh ... aus dem Palast kommen sie ... + +JEREMIAS: + +Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ... + +BARUCH: + +Der König ... der König ist unter ihnen ... er hält das Schwert nackt +in den Händen ... zum Tempel ziehen sie ... + +JEREMIAS: + +So raffe mich weiter ... es ist Zeit ... + +BARUCH: + +Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie +David vor der Lade ... sie haben obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche +von ihnen, birg dich ... es ist zu spät. + +JEREMIAS: + +Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen. + +BARUCH: + +Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin jung und stark. + +JEREMIAS: + +Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... ich will wenden des Königs +Herz ... zu ihm muß ich durch ... zu ihm ... + + (DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang + und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder + und strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer + einzigen Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.) + +STIMMEN: + +Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg wider Assur ... das +Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... Krieg mit Chaldäa ... +Vernichtung Nabukadnezar ... zum Siege ... zum Siege ... heil dem Bund +mit Ägypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ... + +HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut): + +Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört der +König den Bund wider Assur! + +STIMMEN: + +Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... oh Ende der Knechtschaft ... +Nieder mit Assur ... heil Zedekia ... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel +über alles ... Gott ist mit Israel ... + + (DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus + dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen. + Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie + gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und + Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.) + + (DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt + mitten aus ihr der Schrei): + +JEREMIAS: + +Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert! + + (DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich + nieder.) + + (DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.) + +JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend): + +Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel! +Gottes Friede! + +DIE MENGE (wild aufschäumend durcheinander): + +Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ... +nieder mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder ... +Israel über alles ... Krieg ... Krieg ... + + (JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen, + er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die + Menge schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer + ekstatischen Stimmen zum Könige.) + + (DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem + untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick + sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn + brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des + Tempels werden breit aufgetan. Er zögert noch einen Augenblick, dann + hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten + Stufen empor.) + + + + +DAS DRITTE BILD + +DAS GERÜCHT + + »Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in + deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie + verbrennen.« + + Jer. IV, 14. + + + Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den + Stufen sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In + den Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und + Niedergehen von Menschen in Geschäften und Gespräch. + +EINER (in der großen Gruppe auf den Stufen): + +Und ich sage es euch, es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat +angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao. + +EIN ANDERER: + +Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote ist gekommen ... + +EINE STIMME: + +Unablässig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten. + +DER ZWEITE: + +Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es gewiß. + +DIE STIMME: + +Den Boten hast du gesprochen? + +DER ZWEITE: + +Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... auch er sagte, eine +Schlacht habe begonnen ... eine große Schlacht ... + +DER ERSTE: + +Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, Ägypten +gegen Nabukadnezar ... + +STIMMEN: + +Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten ... Ägypten ist mächtig ... +auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle ... sie werden ihn strafen, +den Hochmütigen ... + +EINER: + +Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns. + +EIN ANDERER: + +Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen. + +EIN ANDERER: + +Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ... + +EIN ANDERER: + +Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen! + +DER ERSTE: + +Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger! + +EINER: + +Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben +und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in +den Weiberhäusern sind sie Männer und nicht auf dem Feld. + +EIN ANDERER: + +Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern. + + (EINIGE lachen.) + +EINER: + +Pharao wird sie vernichten. + +STIMMEN: + +Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne ... lang lebe Pharao, unser +Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann +nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ... + +ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd): + +Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ... + +EINER: + +Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ... + +STIMMEN: + +Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten Schwänzen werden +sie vor ihm laufen ... ja, ich habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat +angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe +Pharao ... ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge man +ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs. + +NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend): + +Was ists ... was ist geschehen ... + +EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN: + +Pharao hat Nabukadnezar besiegt. + +STIMMEN: + +Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß heim, meinem Weibe es +künden ... heil Pharao Necho ... + +EINER: + +Aber noch ists nicht gewiß! + +ANDERE: + +Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider +unsern Gott ... Gott ist mit uns ... + +EINER: + +Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er +streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ... + +EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend): + +Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... + + (DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.) + +STIMMEN: + +Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar +geschlagen ... + +STIMMEN: + +Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es ist gewiß ... wer +sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört ... der Schreiber des +Königs hat es gesagt ... der König hat es gesagt ... er hat es selbst +gehört vom Könige ... Pharao möge leben ... es lebe unser Freund ... ein +Ende der Knechtschaft ... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ... + +EINER: + +Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß wir Tribut zahlten +diesen Übermütigen! + +STIMMEN: + +Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... das Haus Jahves muß +erneut werden ... ein neues müssen wir ihm bauen ... ja, ein neues ... +sie müssen es bezahlen zur Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ... +Salomos Haus ... + +EIN MANN: + +Was ists? Was ist geschehen? + +STIMMEN: + +Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ... +Sieg ... wir haben gesiegt ... + +DER MANN: + +Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es verkünden daheim ... sie +harren der Kunde ... (wegeilend) Sieg ... Sieg über Assur. + +DIE MENGE (strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die +Rufe werden lauter und lauter): + +Gottes Gebot war es, daß wir diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ... +nun müssen wir sie alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ... +ein Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere Feinde +geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja ... Sieg über +Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... daß wir mehr doch wüßten, mein +Herz verzehrt sich in Ungeduld ... von Gott war diese Erleuchtung über +Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ... +sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen wir +seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man holen ... Sklaven müssen +sie werden, unsere Sklaven ... mein Herz hat gedürstet nach dieser +Stunde ... + +EINER: + +Ein Bote kommt vom Tore ... + +ALLE (wild in die Richtung stürzend): + +Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt +er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist +er ... wo ... + + (EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die + Menge.) + +STIMMEN: + +Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel +sind der Toten ... + +DER BOTE: + +Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König geht meine Botschaft ... + +STIMMEN: + +Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort ... ist er geflohen ... +erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum Könige ... ein Wort nur ... + +DER BOTE (sich ihnen entwindend): + +Laßt mich frei!... laßt mich frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum +König ... ich muß zum König ... meine Botschaft ist eilig ... + +STIMMEN: + +Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat +er gesagt ... + +EINER: + +Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König. + +EIN ANDERER: + +Das ist gut. + +EIN DRITTER: + +Warum gut? + +DER ZWEITE: + +Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein? + +STIMMEN: + +Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem silbernen Schäkel zahlt +ihm der König jedes Wort ... ja ... er eilt um den Botenlohn ... er +verkündet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ... + +STIMMEN (von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten): + +Sieg ... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet ... +zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ... + +EINIGE LEUTE (neu herbeiströmend): + +Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ... + +STIMMEN: + +Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege +gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ... +ein gewaltiger Sieg ... danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ... +Sieg ... Sieg ... + +EINER: + +Ein gewaltiger Sieg muß es sein. + +EIN ZWEITER: + +Sonst hätte er nicht so verborgen getan. + +EIN DRITTER: + +Man spart uns die Kunde. + +STIMMEN: + +Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es hören ... Tausende +müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar selbst ... Tausende ... +Zehntausende müssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil +Zedekia ... ein weiser König ist er ... Salomo ... + +EINER (sich durchdrängend): + +Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen +Gassen ... + +STIMMEN: + +Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist noch nicht gewiß ... +ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie +ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ... +ja ... lobpreiset Gott ... danket dem Herrn ... der Bedrücker ist +gefallen ... Halleluja ... + +EIN ÄLTERER MANN: + +Aber er sagte doch nur, der Bote ... + +STIMMEN: + +Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... ausrotten soll man diese +Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... ich auch ... ich auch ... er +sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte +er ... nein, das hat er nicht gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er +gekündet ... frei ist Israel ... frei ... + +DER ÄLTERE MANN: + +Aber ich stand doch neben ihm und hörte ... + +STIMMEN: + +Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Würger der +Freude ... kommt, legt Festkleider an ... fort mit dir, du Schwätzer ... + + (EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.) + +STIMMEN: + +Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt ihr es auch gehört ... +durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ... +ja, hier ... hier hat er es erzählt ... längst wissen wir es schon ... +länger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ... +uns ... wir wußten es als erste!... + +EINER: + +Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie +weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die +flennten und greinten, der Tempel werde stürzen ... + +EIN ANDERER: + +Assur würde Zion besiegen ... + +EIN DRITTER: + +Unsere Jungfrauen geschwächt werden von den Chaldäern. + +DER ERSTE: + +Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem +Profeten! + +STIMMEN: + +Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude und Ungeduld zehrt +unser Herz ... der König wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es +gesagt ... immer erscheinen die Könige nach dem Siege ... er wird in +den Tempel gehen ... er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt +es ... ja ... ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns +rüsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... oh, +Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... den Reigen ... +die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger ... +ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege ... ein Fest +lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige .. ja, wir gehen ... +ich bleibe ... + + (DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider, + Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.) + + (JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren + Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.) + +EINER (lachend): + +Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ... + +ANDERE (übermütig): + +Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet kommt, lasset uns grüßen den +Zerstörer Jerusalems ... da ist er, der Schwätzer der Gasse ... kommt ... +kommt mit ... + + (EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren + Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.) + +EINER (sich tief verneigend): + +Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn! + +DIE ANDERN: + +Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder ... Gruß dir, du +Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten! + +JEREMIAS (stehen bleibend, finster): + +Was heischt ihr von mir? + +BARUCH (an ihm drängend): + +Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen +und Verhöhnung in ihrem Blick. + +EINER: + +Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung! + +DER ZWEITE: + +Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben dürfen. + +DER DRITTE: + +Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen +die Mauern Jerusalems. + +JEREMIAS (hart): + +Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fließt und +Krieg hängt über Israel. + +DER ERSTE: + +Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen! + +DER ZWEITE: + +Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwätzer. + +DER DRITTE: + +Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist er, du Verkünder? + +DER VIERTE: + +Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse? + +JEREMIAS: + +Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei +schon der Krieg, kaum daß er begonnen? + +BARUCH: + +Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit +Rasenden spricht! + +DER ERSTE: + +Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet! + +DER ZWEITE: + +Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und will künden, was morgen +geschieht. + +JEREMIAS: + +Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr +Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein. + +DER ERSTE: + +Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen Wünschen! + +DER ZWEITE: + +Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut! + +JEREMIAS: + +Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen? + +DER ERSTE: + +Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt. + +DER ZWEITE: + +Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt. + +DER DRITTE: + +Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist +Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem. + +JEREMIAS (erschüttert): + +Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewiß auch? Sprecht ... +treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem! + +DER ERSTE: + +Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet! + +DER ZWEITE: + +Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen +seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel! + +JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die +Arme wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt +er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen): + +Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden +machtest meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr +meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du, +Gott, gesegnet! + +DER ERSTE: + +Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt +unser Herz. + +DER ZWEITE: + +Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du +Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter? + +DER DRITTE: + +Wen nunab betrügen, du Betrüger? + +DER VIERTE (mit gespielter Entrüstung): + +Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen +sein Gewand, lasset uns ehren sein Geträume! + +STIMMEN (durcheinander lachend): + +Ja, erzähle uns, Elia ... belehre uns wieder, du Allweiser ... beglückt, +der dir vertrauet ... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit +Weisheit ... wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter +dir ... oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil, +Jeremia ... Berge von Unheil ... + +JEREMIAS (plötzlich ausbrechend): + +Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein +Wunder, das dich erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran, +spottest du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im +Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die +Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, daß +euer erster Schrei, seit der Strick riß eurer Kehle, Hohn war und +Überheben! + +BARUCH (sich an ihn drängend): + +Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht! + +EINER: + +Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns +Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe. + +DER ZWEITE: + +Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an +dir jetzt das Schweigen. + +DER DRITTE: + +Nicht hören willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich +schrei dirs hinein aus meiner Freude: »Wir haben gesiegt, wir haben +gesiegt!« + +JEREMIAS (einen anfassend): + +Wo hast du gesiegt, erzähle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du +dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe +zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen +allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der Ägypter +Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und bläht eure Hälse +nicht: denn nicht ihr habt gesiegt. + +STIMMEN: + +Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern +waren dabei ... wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist ... es ist +das gleiche ... er will uns nur höhnen ... seine Wut seht, daß wir +siegten ... + +JEREMIAS: + +Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen bläht, +nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die +Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod +zu leiden, mit krummen Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht, +und der Tod warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo +sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem +Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, daß sie siegten +für euch und euren stinkenden Stolz! + +STIMMEN: + +Weh, daß sie siegten -- habt ihr gehört?... er ist toll ... Ihn lüstet +nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur ... weh, daß sie siegten ... +er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ... + +JEREMIAS: + +Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren +gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist böses Ende. Da Josuas +Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem +Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und +Demut glänzte sein Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein +Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel +fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des +Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt +ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rülpst ihr +heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert +seid ihr, gezüchtigt zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an +eurer Hurenstirn muß sie zerbrechen! + +STIMMEN: + +Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... zerreißt die Kleider, denn +wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist +gefallen ... heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ... +trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit, +oh, Jeremias! + +JEREMIAS (immer mehr entbrennend): + +Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich +sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte +des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet +Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen! +Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr +Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen +Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein +werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rücklings wird fallen eure +Freude, denn nahe ist die Stunde der Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares +ist dir bereitet ... + +STIMMEN: + +Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir +kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des +Narren ... wie unsere Freude ihn brennet ... hört ihr wanken die +Mauern?... + +JEREMIAS: + +Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra +gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber +schon ist der Rächer gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget, +schon das Schwert gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon +eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten +seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der +Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, daß seine +Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote ... + +STIMMEN: + +Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner Galle und spei nicht auf +unsere Freude ... nein, hört ihn, er erheitert das Herz ... sprich +weiter ... spei dich aus, du Verkünder ... + +EINE STIMME (von rückwärts): + +Ein Bote ... von Moria kommt er ... + +DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung stürzend): + +Ein Bote ... wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn +her ... vom Siege bringt er Kunde ... + +JEREMIAS (erbebend im Schrecken): + +Der Bote ... der Bote ... + +EINE STIMME: + +Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner +Schnelle ... + +STIMMEN: + +Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle ... wann fiel +er ... hieher ... hieher ... + + (DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor + Erschöpfung keucht.) + +STIMMEN: + +Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... erzähle ... + +DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkämpfend): + +Den Weg frei ... ich ... zum König ... ich ... ich muß ... + +STIMMEN: + +Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ... + +DER BOTE: + +Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so viel Jubel in Jerusalem ... +rüstet euch, rüstet euch ... laßt mich ... zum König ... + +STIMMEN: + +Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht tot ... Pharao hat ihn +zerschlagen ... was sollen wir rüsten ... + +DER BOTE: + +Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar ... kaum entkam +ich seinen Reitern ... rüstet ... rüstet ... Wächter an die Mauern ... +ich ... ich muß ... + +STIMMEN: + +Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist +verwirrt ... gebt ihm Wasser ... er lebt ... es ist nicht möglich ... wo +ist Ägypten ... + +DER BOTE: + +Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist geschlagen ... Necho hat +Friede gemacht ... Tribut ... Tribut ... nun zieht er heran ... +Nabukadnezar ... führt mich ... ich kann nicht mehr ... hinter mir seine +Reiter ... zum Könige ... + + (EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum + Palast.) + +STIMMEN (von rückwärts): + +Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer geschlagen ... was ist ... warum +schweigt ihr ... was ist geschehen ...? + +DIE MENGE (wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der +große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen +der Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und +erschreckt aus der Stille aufzucken): + +Es ist nicht möglich ... es darf nicht wahr sein ... was ... was hat er +gesagt ... ein Betrüger ... er ist trunken ... nein, er war erschöpft ... +die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie +haben doch gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein +Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es +kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ... + +EINE STIMME (laut): + +Pharao hat uns verraten! + +STIMMEN (plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend): + +Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über Pharao ... +ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger die Ägypter ... +sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ... + +EINE STIMME: + +Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit Ägypten. + +STIMMEN: + +Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich auch ... wir alle ... +ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten ... weh, daß der König ihnen +traute ... ich habe widerraten ... ich auch ... ich auch ... wir alle ... +Fluch über Pharao ... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein +Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ... + +EIN MANN (hereinstürzend): + +Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht +heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ... + +STIMMEN: + +Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet er die Stadt ... wir sind +verloren ... nein ... an die Mauern ... wo ist der König ... man +schließe Friede ... nein ... es ist zu spät ... sind wir besiegt denn ... +die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den +Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren +sind wir ... von je hab ich gewarnt ... + +EINER (plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an +eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt): + +Da ... da seht hin ... + +STIMMEN: + +Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ... + +DER EINE: + +Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus ... er hat sie +gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er hat uns verflucht ... + +STIMMEN: + +Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ... +ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg ... ein +Gekaufter ist er ... zerreißet ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er +hat es gekündet ... ein Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er +brütet ... + +DER EINE: + +Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frühe freuet er sich. +Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen. + +STIMMEN: + +Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet +von ihm ... Macht ist in ihm ... weh, daß er uns fluchte ... er ist +alles Unheils schuld ... ausreißt ihm die Zunge ... nein, laßt ab von +ihm ... + + (EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.) + +STIMMEN: + +Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des Königs ... +schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ... + + (DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.) + +DER HEROLD: + +Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chaldäa ist auf +wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mögen +Pfeile rüsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine +Siechen und Unkräftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß +nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts +vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem! + +DIE MENGE: + +Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns rüsten ... ja ... Gott ist +mit uns ... auf ... zu den Waffen ... + +DER HEROLD: + +Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen +spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet, +den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den +Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk +Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem! + +DIE MENGE (wieder ganz im Taumel): + +Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ... +auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ... +eilt, eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden +zerschellen ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!... + + (DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß + der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung + einer grauenhaften Stille weicht.) + + (JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem + Antlitz die Stufen zum Tempel empor.) + +BARUCH (ihm nach): + +Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen! + +JEREMIAS: + +Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich erleuchte ... ein +Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht, +denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die +Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest +nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe, +wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume ... wehe ... + +BARUCH: + +Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein +Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten +ist über dir und ihre Gewalt! + +JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden +Händen): + +Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf +nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um +Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des +Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr, +denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer, +Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten +deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du +nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur +deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage +das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß +er verstoße meine Verkündung und, Baruch -- bete, bete mit mir, daß ich +als Lügner erfunden werde an Jerusalem! + + (JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit + gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt + regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.) + + + + +DAS VIERTE BILD + +DIE WACHEN AUF DEM WALLE + + »Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: 'Wenn ich ein + Schwert über das Land führen würde und das Volk im Lande nähme + einen Mann unter sich und machete ihn zum Wächter, und er sähe das + Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert käme und + nähme etliche weg, deren Blut will ich von des Wächters Hand + fordern.'« + + Hesekiel XXXIII, 1. + + + Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern, + laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete + Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen + Flächen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz. + + Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre + Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen + schimmert das Mondlicht. + + Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen + Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse + Ferne. + +EINE FRAU: + +Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frühe genug +siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht +das letzte Schlafen in Stille. + +EIN MANN: + +Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde, +wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe, +und kann doch nicht fort -- wie in einen Abgrund muß ich starren in die +Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter +und dann von Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und +immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet wie Korn und +die Lanzen wie Halme gesäet. + +EIN ANDERER: + +Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal. + +EIN ANDERER: + +Wehe, sie wollen verweilen. + +EIN ANDERER: + +Wie der Wind müssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in +Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein. + +DER ERSTE: + +Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen. + +DAS WEIB: + +Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die zum Himmel fährt. + +EINER: + +Samaria ist dort! + +EIN ANDERER: + +Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria +genommen! + +STIMMEN: + +Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist Samaria, dreifach +gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria ist es ... ich sehe es ... +wehe ... es ist nicht möglich ... + +EINER: + +Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen sie die Mauern +berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern, die Türme zerschmeißen ... + +EIN ANDERER: + +Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... Jerusalem ... + +EIN ANDERER: + +Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine neue Säule, rot greift sie den +Himmel hinan ... Gilgal ist das ... + +EIN ANDERER: + +Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ... + +EIN ANDERER: + +Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ... + +DER ERSTE: + +Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein Sturm sind sie über das +Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne. + +EIN ANDERER: + +Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen. + +STIMMEN: + +Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht ... der König ... die +Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ... + +EINER: + +Ägypten hat uns verlockt und verraten. + +STIMMEN: + +Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ... +verlassen haben sie unser Elend ... wo sind sie, die fünfzigtausend +Bogenschützen ... allein sind wir nun ... verloren ... + +EINER: + +Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist du gegeben, und +deine Neider blecken die Zähne ... + +DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend): + +Fort da! Was wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und +schlaft. Wir wachen für euch! + +EINER: + +Wir wollen schauen, wie ... + +DER ERSTE KRIEGER: + +Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur +gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen, +ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt. + +EINER: + +Aber sage uns ... + +DER ERSTE KRIEGER: + +Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fäuste +ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ... + + (DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von + der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der + Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist + jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im + weißen Mondlicht.) + +DER ERSTE KRIEGER: + +Wie verzagt das Volk schon ist, kaum daß sie die ersten Lanzen +erblickten. Man darf es nicht dulden, daß sie so reden. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft +nicht und hilft doch. + +DER ERSTE KRIEGER: + +Sie sollen schlafen und nicht schwätzen. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an +der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond. + +DER ERSTE KRIEGER: + +So sollen sie schweigen, die kein Schwert führen. Wir wachen für alle. + + (DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte + hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.) + +DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen): + +Hörst du? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Was soll ich hören? + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Es ist ganz still, und doch tönt es, wenn der Wind sich wider uns hebt. +Als ich in Joppe war, hört ich zum erstenmal das Meer von fern in der +Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind +alle, und doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk +muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es +dumpf an die Mauern. + +DER ERSTE KRIEGER (hart): + +Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen! + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum +unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch +harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie +Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den +Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht! + +DER ERSTE KRIEGER: + +Von jeher war es so. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Die Völker begehren seiner um seinetwillen. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es +nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes +Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte +einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im +Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn +nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod +ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am +Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich +nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir +einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus +sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das +Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter +die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel +Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich +verstehe es nicht! + +DER ERSTE KRIEGER: + +Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht +weiter. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des +Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht +verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Was weiß ich, woher er stammt! Ich weiß, er ist da und will nicht +beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, ich schärf mir den Speer und nicht +meine Zunge. + + (EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der + weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf »Simson + über sie« ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den + unsichtbaren Wachen »Simson über sie« und nun ganz deutlich heran + von den nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf + »Simson über sie«, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer + weiterlaufen und vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen + die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz. + Schweigen.) + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Weißt du etwas von den Chaldäern? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Unsere Feinde sind sie, das weiß ich, und wollen wider unsere Heimat. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn, +kennst du ihre Sitten und Lande? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtückisch wie die Schlangen, +hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von +Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Ich auch nicht. Es türmen sich viel Hügel zwischen Babel und Jerusalem, +Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen +durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders über ihren Häupten und +unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie +von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen, +daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in +meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns. Weißt +du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, daß +wir redeten Herz zu Herz. + +DER ERSTE KRIEGER: + +Das darfst du nicht. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Warum darf ich das nicht? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Warum muß ich sie hassen, wenn mein Herz nicht weiß um diesen Haß? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das +gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht +klar. + +DER ERSTE KRIEGER: + +Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns +befohlen, wir müssen gehorchen. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch +nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: »Du sollst nicht töten.« +Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm +wahrhafter denn mit der Feinde Blut. + +DER ERSTE KRIEGER: + +Aber es stehet auch in den Büchern: »Aug um Auge, Zahn um Zahn.« + +DER ZWEITE KRIEGER (seufzend): + +Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?! + +DER ERSTE KRIEGER: + +Ein Grübler bist du. Um unsere Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser +brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr +des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Aber ich frage ... + +DER ERSTE KRIEGER (hart): + +Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und müssen kämpfen, +nicht fragen. Was grübelst du, statt dich zu härten? + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser +Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies +Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt, +vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die +Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich +nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf +und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben +sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es +schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr. + +DER ERSTE KRIEGER: + +Du grübelst zu viel. Nichts nützt es und quält nur. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Gott hat uns das Herz aufgetan, daß es sich quäle. + +DER ERSTE KRIEGER: + +Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen. + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Das Reden hält wach, und es hörens nur die Sterne. + + (EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.) + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran. + +DER ERSTE KRIEGER: + +Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim! + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Nein! Laß sie reden und tritt ins Dunkel. Laß uns hören, was sie reden. +Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören. +Tritt zurück in den Schatten! + +DER ERSTE KRIEGER: + +Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde! + + (DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes. + Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer + Schattenschneide gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt. + Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.) + + (JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer + empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend. + Der Krieger steht -- von ihnen ungesehen -- im Schatten wie aus Erz + gegossen.) + +BARUCH: + +Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich? + +JEREMIAS: + +Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick. + + (JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte + Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.) + +BARUCH (ängstlich): + +Was starrst du so, was sprichst du nicht? + +JEREMIAS (schauernd): + +Der König ... er ist gekommen ... der König von Mitternacht (erregt nach +Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr +meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum. +Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer +dies aus Stein oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das +ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der +Mond dies, fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir, +Baruch, sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des +Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies +vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich +wach! + +BARUCH: + +Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht. + +JEREMIAS: + +Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies +Unheil vor ihnen, ich flehe dich an. + +BARUCH: + +Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ... + +JEREMIAS: + +Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich träume nicht mehr! +Meine Träume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und +Wagen gegürtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt +sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Träume +Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt, +und ich, ich warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh +Gott es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns +doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir +dawider und kein Schwert -- oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte! + +BARUCH: + +Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... sprich zu mir, +daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet. + +JEREMIAS: + +Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben +meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ... +wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwöre mit meiner +Seele Siegel ... denn wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ... + +BARUCH: + +Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ... + +JEREMIAS: + +So höre es, höre, was ich dir sage ... (geheimnisvoll, leise) Dies +alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es geträumt vor +Monden schon, ich habe es geträumet in meinen Nächten, ganz so +geträumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den +Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an +Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all +dies hab ich geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ... + +BARUCH (schauernd): + +Ich höre dich ... ich höre dich ... + +JEREMIAS: + +Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann +nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und +mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es +darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn +Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug +mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir +längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum +Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch, +ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine +Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein +Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ... + +BARUCH: + +Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ... + +JEREMIAS: + +Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende +Meer wogen von Mitternacht her ... + +BARUCH (schauernd): + +Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ... + +JEREMIAS: + +Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber +in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn +sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes +noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich +höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre +erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich +höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und +mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein +Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und +einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie +ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit, +daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein +und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, +es ist Zeit, es ist Zeit!... + +BARUCH (hingerissen): + +Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias! + +JEREMIAS (immer fanatischer): + + Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt, + Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen, + Da Tod ihnen unter die Lagerstatt + Sein eiskalt Linnen gebreitet hat. + Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt, + Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten! + Oh, wie können, wie können + Sie so hindämmern, in Träumen verloren, + Da donnernd wider die Tempel und Tore + Schon Assurs Widder hämmern und rennen; + Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten? + Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor, + Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr, + Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein + Gottes Gebot und Wille hinschrein? + +BARUCH (ekstatisch): + +Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode reiß sie auf! + +JEREMIAS: + + Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor! + Brand ist im Land! Feind hat die Stadt! + Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet, + Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen, + Laßt eure Habe, laßt euer Haus, + Die Frauen rafft, die Kinder zusammen, + Eh er euch faßt, flüchtet hinaus! + Auf! Empor! + Brand ist im Land! Feind hat die Stadt! + Empor! Empor! + +DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend): + +Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken. + +JEREMIAS: + +Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem ... +Gottesstadt, errette dich ... + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Trunken bist du ... fort mit dir ... geh schlafen ... + +BARUCH (sich dazwischen werfend): + +Ablasse von ihm! + +JEREMIAS: + +Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wächter bin ich, +der Wächter! Weh, wer mirs wehrt! + +DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend): + +Ein Mondkranker bist du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin +die Wache ... fort mit dir ... + +BARUCH: + +Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ... den Profeten ... + +DER ZWEITE KRIEGER (ablassend): + +Bist du Hananja, der Gotteskünder? + +BARUCH: + +Jeremias ist es, der Profet! + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur +werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu +früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn! +Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks ... ich +will dir Verkündigung geben ... + +BARUCH (mit ihm ringend): + +Laß ab von ihm ... laß ab ... + +DER ERSTE KRIEGER (herbeistürzend): + +Der König kommt ... der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ... + +JEREMIAS: + +Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche Deutung ... Gott +stößt ihn mir in die Hände ... + +DER ERSTE KRIEGER: + +Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ... + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Hinab mit dir ... da ... fort ... Da krieche unter und rühr dich nicht, +sonst mach ich dich kalt ... + +DER ERSTE KRIEGER: + +Weg ... fort ... der König kommt ... + + (JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie + verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die + beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem + Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße + mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.) + + (DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen + seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet + und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und + ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde + Blachfeld hinaus.) + +DER KÖNIG ZEDEKIA (zu Abimelech): + +Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech? + +ABIMELECH: + +Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zählen. Die +Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht +trauen. + +ZEDEKIA: + +Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht +trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die +Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldäas. + +ABIMELECH: + +Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig währet +Jerusalem! + +ZEDEKIA: + +Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz mißtraut schon den +Worten ... + +ABIMELECH: + +Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und Tat bekräfte meinen Eid. + +ZEDEKIA: + +Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir +das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der +Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun +ist Krieg und seine Lanzen gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die +an mir zerrten, daß ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich, +daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen +vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines +Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick, +tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will +beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag +nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden! + +ABIMELECH: + +Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. Laß Nabukadnezarn die +Stirn seines Zorns sich zerstoßen an diesen Mauern und die Widderböcke +seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann +den Frieden! + +ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne): + +Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein +Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an +Stern. Unendlich Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist +gezückt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns. +Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die +Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens +und des Schlafes vielleicht für immerdar. + +ABIMELECH: + +Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. Auf diesem steinernen +Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und +auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen +unendlich wie diese. Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige +Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß +ihre Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem! + +DIE ANDERN: + +Ewig währet Jerusalem! + +DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel): + +Wache auf, verlorene Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem +harten Schlaf, ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im +Schlummer, wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch +erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ... + +ZEDEKIA (zusammenfahrend): + +Wer spricht? Wer spricht? + +STIMMEN: + +Wer redet ... wer spricht ... + +DIE STIMME JEREMIAS: + +Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von +Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme +und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn +er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der +Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf! + +ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend): + +Wer spricht da? Wer redet da? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt. + +STIMMEN: + +Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ... + +ZEDEKIA: + +Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, daß +ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese +Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte +der Mauer das Wort ... + + (DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.) + +ABIMELECH: + +Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von +chaldäischem Gold ... + +ANDERE: + +Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den +Verängstigten sprich ... + + (JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt, + Jeremias vor den König gestoßen.) + +DER ZWEITE KRIEGER: + +Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn +belauscht. + +ZEDEKIA: + +Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den +Leuten. Ist es dieser? + +STIMMEN: + +Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil sprengt er aus ... +er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ... + +BARUCH: + +Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn. + +STIMMEN: + +Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... nicht höre ihn ... +niederschlagen soll man solch Otterngezücht. + +ZEDEKIA: + +Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ... + + (BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.) + +ZEDEKIA: + +Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt? + +JEREMIAS: + +Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir. + +ZEDEKIA: + +Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört haben ... aus meinem +Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich +dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor +dem Palast ... + +JEREMIAS: + +Ich war es, Herr! + +ZEDEKIA: + +Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als +ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war +dein Ruf noch wach in meinem Herzen. + +JEREMIAS: + +Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn +es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel. + +DIE ANDERN: + +Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes +Wort ... sprich nicht mit ihm ... + +ABIMELECH: + +Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst +du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr! + +EINER: + +Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er +meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den +Feinden ... + +JEREMIAS (erschreckt): + +Meine Mutter, sagst du ... + +ANDERE: + +Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König ... nicht höre ihn ... +nimm ihn fest ... + +ZEDEKIA: + +Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein +Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich +habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies +Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch +vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und +Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten +mit dem Willen ... + +JEREMIAS: + +Du kannst es, Herr! + +ZEDEKIA (zornig): + +Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du +seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden? + +JEREMIAS: + +Du kannst es, Herr, denn du bist der König. + +ZEDEKIA: + +Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das +Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden. + +JEREMIAS: + +Es ist nie zu spät. + +ZEDEKIA (noch zorniger): + +Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von +Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie +kann ich enden, was nicht begonnen? + +JEREMIAS: + +Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest, +so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem +Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft! + +ZEDEKIA: + +Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde? + +JEREMIAS: + +Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem! + +ABIMELECH: + +Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel ... fort mit dem +Zagherzigen ... + +ZEDEKIA: + +Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein +Knecht denn, bin ich der Besiegte schon? + +JEREMIAS: + +Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg. + +ZEDEKIA: + +Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht +er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich +Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste? + +JEREMIAS: + +Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König, +der das Blut spart seines Volkes. + +ZEDEKIA: + +Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn +ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand? + +JEREMIAS: + +Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie +auf an sein Herz. + +ZEDEKIA: + +Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber +lachen meiner Schmach. + +JEREMIAS: + +Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht +deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von +heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit +willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia, +bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so +beuge dich vor ihm! + +ZEDEKIA: + +Ich mich beugen? + +JEREMIAS: + +Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu +auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem! + +ZEDEKIA: + +Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit +meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir. + +JEREMIAS: + +Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den +Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt! +Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore, +tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest +dich, denn daß Israel gebeuget werde. + +ZEDEKIA: + +In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du +Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben, +als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir, +weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich! + +JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend): + +Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die +dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut +schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein +Gottesteil. Aber höre mich ... + +ZEDEKIA: + +Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ... + +JEREMIAS: + +Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du +zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis +in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst +nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat +mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes +Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich +dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine +Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen +Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion +gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es +verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du +vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger +Zions, du Mörder, du Mörder von Israel! + +ABIMELECH: + +Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken! + +DIE ANDERN: + +Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer +hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine +Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm. + + (DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.) + +ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand +am Herzen, sich wieder ermannend): + +Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein +frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe +ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen +Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an, +daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst +auf die Krieger falle. + +ABIMELECH: + +Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens. + +STIMMEN: + +Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er will die Stadt den +Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ... + +ZEDEKIA: + +Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein +Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch +einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz, +daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich! +Antworte mir frei! + +JEREMIAS: + +Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns +erretten. + +ZEDEKIA: + +Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben! + + (JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.) + +ZEDEKIA: + +Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft. +Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben! +Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen +Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache +der Brüder, die starben für Jerusalem. + +ABIMELECH: + +Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer. + + (JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.) + +ZEDEKIA: + +So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar, +des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines +Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten +Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet +Jerusalem! + +DIE ANDERN (jauchzend): + +Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus! + +ZEDEKIA: + +So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod +und kriech in dein Leben! + +JEREMIAS (sich fassend): + +Ich lasse nicht Jerusalem! + +ZEDEKIA: + +Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So +flieh, daß du ihm entweichest! + +JEREMIAS: + +Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend +schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich +stürze mit dem letzten seiner Steine. + +STIMMEN: + +Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung +sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er länger +Gemeinschaft mit uns ... + +ZEDEKIA: + +Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg! + +JEREMIAS: + +Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe! + +ZEDEKIA: + +Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem +Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du +noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben +verfallen. + +JEREMIAS: + +Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt +durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In +seine Hände habe ich mich gegeben. + +ZEDEKIA: + +Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest +du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an, +solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die +andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias): +Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns +aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet. + +JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme): + +Nicht mich hüte ich ... ich hüte Jerusalem ... + +ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend): + +Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen +und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar +ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu +begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem! + + (ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde + weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem + sinnend Hinschreitenden langsam nach.) + +BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend): + +Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes +Sendung ist über dir ... eile, daß du ihn zwingest. + +JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit): + +Wen ... wen soll ich zwingen? + +BARUCH: + +Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette +Jerusalem! + +JEREMIAS: + +Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend): +Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die heilige Stunde ... von +Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen +Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der +Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein +Wort ... Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich +mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich +geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem +Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines +Munds ... + +BARUCH: + +Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein +Wille! + +JEREMIAS: + +Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was +wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so +gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und +des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die +entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich +mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der +Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie +den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn +fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht +ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein +Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind ... + +BARUCH: + +Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich. + +JEREMIAS: + +So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich +vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von +Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ... +so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung, +wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ... +nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ... +Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen +schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage +geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten +und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und +kein Lebendiger glaubet meiner Rede! + +BARUCH: + +Ich glaube dir, ich laß dich nicht. + +JEREMIAS: + +Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir +glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die +Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, +und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre +Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines +Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine +Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit +zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der +Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die +Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur +fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist +und Ärgernis ... + +BARUCH: + +Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich +erwählt um deines Leidens willen. + +JEREMIAS: + +Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was +hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs +Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt +den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich +und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, +und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem +brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den +Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ... + +BARUCH: + +Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von +Nabukadnezar zum Könige? + +JEREMIAS: + +Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die +Könige, daß einer anhübe mit dem Wort. + +BARUCH (heiß): + +Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus +deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht +dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele +gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister, +Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir +gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ... +ich danke dir ... ich danke dir. + +JEREMIAS: + +Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ... + +BARUCH: + +Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ... +ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch +ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will +würdig sein deines Rufes, lebe wohl. + +JEREMIAS: + +Wohin willst du? + +BARUCH: + +Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe, +und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ... +es gilt Jerusalem ... + + (BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.) + +JEREMIAS: + +Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ... + +BARUCH: + +Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ... + + (BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.) + +JEREMIAS (sich über die Mauer beugend): + +Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die +Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ... +Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ... +Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ... + +DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt): + +Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ... + +JEREMIAS (sich aufrichtend): + +Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ... + +DER ERSTE KRIEGER: + +Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein +Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir? + +JEREMIAS: + +Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ... + + (JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer + stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im + Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und + schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz + still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern, + und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der + Wachtruf: »Simson über sie« ... »Simson über sie« durch die weiße + Nacht ...) + + + + +DAS FÜNFTE BILD + +DIE PRÜFUNG DES PROFETEN + + »Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.« + + Jes. LIII. + + + Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen + des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die + Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die + Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der + Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß + aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte + Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte + Diener. + +JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges): + +Achab ... hör, Achab ... + +ACHAB: + +Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr, +eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe! + +JOCHEBED: + +Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen +beben der Stadt! + +ACHAB: + +Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone +der Kranken. + +JOCHEBED: + +Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen? + +ACHAB: + +Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal. + +JOCHEBED: + +Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt? + +ACHAB: + +Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod. + +JOCHEBED (in höchstem Erstaunen): + +Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger +in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch +Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die +Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern +anrennen? + +ACHAB: + +Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die +Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang +finde von Lärmen und Licht! + +JOCHEBED: + +Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam +zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren +Sinn? + +ACHAB: + +Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht +ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders +Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und +reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im +Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei +erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der +König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie, +doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und +begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen +draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann +offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach. + +JOCHEBED: + +Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt? + +ACHAB: + +Ihre kranken Sinne suchen den Sohn. + +JOCHEBED: + +Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch +stieß ihn aus dem Haus. + +ACHAB: + +Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den +Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der +eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich +düster in ihren Sinnen. + +JOCHEBED: + +Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die +Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter +seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der +Würger der Freude? + +ACHAB: + +Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst, +nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen. + +JOCHEBED: + +So laß es ihn wissen. + +ACHAB: + +Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf +ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht? + +JOCHEBED: + +Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt. + +ACHAB: + +Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu +sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden? + +JOCHEBED: + +Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit. + +ACHAB: + +So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es +getan in meines Herzens Bedrängnis. + +JOCHEBED: + +Gesegnet, gesegnet dafür! + +ACHAB: + +Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich +sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den +seinen! + +JOCHEBED: Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der +Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn. + +ACHAB: + +Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie +wie mit sich selber entzweit. + +JOCHEBED: + +Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit! + + (DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.) + +JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab): + +Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind +ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ... + + (ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.) + +DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner +Gesang): + +Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein +Sorgensohn? + +JOCHEBED (flüsternd): + +Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort! + +ACHAB: + +Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen. + +DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf): + +Wo ... Achab ... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ... +Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ... + +ACHAB (zärtlich sich hinbeugend): + +Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht? + +DIE MUTTER: + +Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Träume Schrecknis ... wo ist +er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was +ging er fort ... + +JOCHEBED: + +Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie +der Traum. + +ACHAB: + +Wen meinst du, Liebe? + +DIE MUTTER: + +Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war +er, hier ... + +ACHAB: + +Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ... + +DIE MUTTER: + +Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus ... +(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn +nicht ... er soll kommen ... soll kommen ... + +ACHAB: + +Wen soll ich rufen? + +DIE MUTTER: + +Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du +rufst ihn nicht! + +ACHAB: + +Wie wagte ich ... + +DIE MUTTER: + +Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden +Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir! + +ACHAB: + +Aber Liebe ... + +DIE MUTTER: + +Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewiß war er hier, +und du hast ihn fortgestoßen ... er war hier ... mein Blut spürt ihn an +der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast +ihn weggestoßen. + +ACHAB: + +So höre doch, Liebe ... + +DIE MUTTER: + +Weh über mich ... fort ... fort von mir ... mögest du sterben wie ich, +verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige ... + +ACHAB: + +Ein Wort nur laß mich sagen. + +DIE MUTTER: + +Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ... + +ACHAB: + +Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine +Schritte ... + +DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt): + +Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge +mich ... nicht trüge den Tod ... + +JOCHEBED: + +Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ... + +DIE MUTTER: + +Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon höre ich ihn ... in +mir gehen seine Schritte ... ich hör ihn im Haus ... er will herein ... +im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ... +was steht ihr noch ... + +ACHAB (beruhigend): + +Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens schon sandte ich die +Söhne ... er kommt gewiß ... + +DIE MUTTER (wieder erregt): + +Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie +ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das +Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will +ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh +doch ... er ist da ... + +ACHAB: + +Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild. + +DIE MUTTER: + +Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... hörst du nicht, wie er +hämmert am Tor ... an den Schläfen fühle ichs schon ... auf ... tu ihm +auf ... wie er hämmert ... weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ... +auf, tu ihm auf ... + +ACHAB: + +Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ... + +JOCHEBED: + +Gleich wird er kommen ... gedulde dich ... + +DIE MUTTER: + +Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht +Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein +meine Beine ... es will ... es will ... + + (JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort + stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer + Last gebeugt.) + +ACHAB: + +Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ... + + (ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed + schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht + plötzlich im dunklen Raum.) + +DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend): + +Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so? +(Plötzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen ... ist er da, mein +Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel +sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ... + + (JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen, + gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.) + +DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend): + +Du bist da, ich fühl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so +dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände +dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia? + +JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft): + +Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt +mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht +Schauer anstreife dein heilig Herz! + +DIE MUTTER (fiebrig): + +Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber, +was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine +Hand? + +JEREMIAS: + +Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus! + +DIE MUTTER: + +Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich +sehnen, was bist du so hart? + +JEREMIAS: + +Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie +des Engels Schwert. + +DIE MUTTER: + +Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn +zerblasen, mit dem Atem ist er verweht. + +JEREMIAS: + +Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von +den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang +er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur +Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und +der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst. +Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den +Verfluchtesten aller! + +DIE MUTTER: + +Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester +Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von +seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für +ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie +gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich +verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz, +da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das +Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur +heim an mein mütterlich Herz ... + +JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend): + +Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt! + +DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre +Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib. +Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes, +glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm +spricht): + + Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind, + Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen + Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind! + Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter, + Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter + Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus, + Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut, + Väterlich hält dich mit Stille das Haus, + Mütterlich warm mein Arm dich gefangen. + Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar + Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war, + Und das Wort, das harte, das törige Wort, + Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort. + +JEREMIAS (mit leisem Erschrecken): + + Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind, + Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind, + Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß. + Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas? + +DIE MUTTER: + + Was mir fehlte, warst du allein, + All, was mich quälte, dein Fernesein. + Als hier vom Haus + Dein letzter Schritt im Gang verklang, + Da ward herzinnen mir so schwach, + Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr, + Als ich dich in die Welt gebar + Und vieler Monde volle Frucht + Aus meinem süß beschwerten Schoß + Mit einmal schmerzhaft von mir fiel + Und fast das Herz mir stille stand, + Da es nicht mehr dies andre fand, + Das mit ihm schwang im Wechselspiel. -- + Oh, jene Stunde banger Qual, + Da du zuerst dich mir entrafft, + Als neue Not und Mutterschaft + Durchlebt ich sie nun abermal, + Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht, + Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht. + +JEREMIAS: + + Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten, + Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein! + Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten, + Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn! + +DIE MUTTER: + + Und wenn ich so mit mir allein + Im leeren Haus verlassen lag, + Träumt ich dir all deine Träume nach. + Bei Tag + Da duckten sie sich, da hockten sie stumm + Im grauen Gespind und Gebälk herum. + Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich, + Da regten sie sich, + Wie Eule, Unke und Fledermaus + Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus. + Sie schlichen + Und strichen + Um meine Schläfen mit Graun und Geraun. + Sie hockten + Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte. + Sie hackten + Und nagten + Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn + Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn. + Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere, + Die wirrichten Träume, die geilen Vampire, + Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich, + Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich, + Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach, + Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag, + Von Schauer und Traum + Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum. + +JEREMIAS: + + Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an! + Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht! + Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen, + Die du um meinetwillen verwacht! + Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an, + Seit ich heim in deine Vergebung mich fand, + Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt + Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält, + Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt. + +DIE MUTTER: + + Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia, + Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst, + Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst, + Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst, + Du mein brennender Trost, mein seliges Licht, + Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank, + Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht! + Oh, höre, ich beschwöre dich, + Jeremias, verlaß mich nicht, + Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang, + Bleib da bei mir, Jeremia! + +JEREMIAS: + +Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ... + +DIE MUTTER: + + Nicht lüge, nicht betrüge mich. + Glaubst du, daß ichs nicht innen spür, + Wie sichs mit mir zu Ende neigt. + Ich fühls: der Tod ist wach in mir! + Und wie in einer Schattenuhr + Ganz unmerklich + Der schwarze Zeiger Strich um Strich + Wandaufwärts schiebt und ründet sich, + So steigt + Mit jedem wachen Atemzug + Das Dunkel tiefer mir ins Blut. + Weh, daß ichs selbst so wissend spür, + Wie ich im wachen Blut einfrier. + +JEREMIAS: + + Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn, + Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn? + Bedenke, nun sind + Wir doch einander kaum wiedergewonnen, + Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind, + Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen, + Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet + Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn: + Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende, + Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an! + +DIE MUTTER: + + Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind, + Wie verführungsvoll deine Worte doch sind! + Ach, daß ichs vermöchte, + Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden, + Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde! + Im stillen Haus, einträchtig zu zwein, + Wie friedsam sollte dies Leben sein! + Mit lindem Gang + Schritt ich des Tags deine Stunden entlang, + Und zur Nacht + Säß ich ob deinem Schlummer wach + Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht + In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht, + Ich horchte in deines Atems Getön, + Ob still er weht + Oder heiß von Fiebern und Träumen geht. + Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich, + So weckte ich dich, + Und dein erster, dunkelenttauchender Blick + Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück. + +JEREMIAS: + + Mutter, Geliebte, sorge dich nicht, + Meine Nächte sind dunkel und träumeleer. + Es ist vorüber: ich träume nicht mehr. + +DIE MUTTER: + +Du träumst nicht mehr? + +JEREMIAS: + + Ich träume nicht mehr. + Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm, + Nicht mehr wallen + In meinem Blut die Gesichte um, + Meine Träume sind tief in den Tag gefallen, + Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt: + Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt. + +DIE MUTTER (ekstatisch): + + Jeremia! Du träumst nicht mehr? + Oh, wie gut! Oh, wie gut! + Siehst du Verzagter, ich wußte es ja, + Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten + Von seiner Wirrnis und seinem Wahn! + Oh, so selig sicher glühts mir im Blut, + Was ich dich lehrte von Anfang an: + Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen, + Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen, + Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm, + Ewig werden die ragenden Mauern, + Ewig die Herzen Israels dauern, + Ewig währet Jerusalem! + +JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser +an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach): + +Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?... + +DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst): + + Was schrickst so jäh, + Was blickst du so blaß? + +JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer): + +Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ... + +DIE MUTTER: + + Jeremia, sprich, + Was ist dir geschehn, + Was krampfst du die Hand, + Was birgst du den Blick? + Was schrickst du und blickst du so unbewußt? + Und ihr, + Achab, Jochebed, + Was winkt ihr ihm ab, + Was blinkt ihr ihm zu, + Jeremia, Jeremia, + Sage mir, sage, was ist geschehn? + +JEREMIAS (sich fassend): + + Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich. + Mir war + Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar. + +DIE MUTTER: + + Nein! + Euer Blick + Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert; + Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert. + Fürchterlich, fürchterlich + Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt. + Ich spür + Es wie Tod und Gottes Zorn über mir. + +JEREMIAS (stammelnd): + +Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir. + +DIE MUTTER: + + Was belügt ihr mich, + Was betrügt ihr mich? + Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt, + Noch geht der warme Atem von mir, + Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus, + Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm, + Noch bin ich lebendig im eigenen Haus. + +JEREMIAS: + + Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt, + Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ... + +DIE MUTTER: + + Was biegt ihr mir aus, + Was schließt ihr mich ab? + Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen! + Warum, oh warum + Sind hier die Fenster und Türen verhängt, + Warum ist alles so dunkel und stumm? + Wie in einen Sarg + Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt, + Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen. + Warum, warum + Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab + Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab? + +JEREMIAS: + + Mutter ... Mutter ... bette dich hin ... + Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ... + Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ... + +DIE MUTTER: + + Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch, + Ich lasse mich nicht belügen und trügen. + Fürchterlich Wachen kommt über mich. + Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar, + Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war. + Oft + Hörte ich Dröhnen + Von Rossen und Wagen, + Ein Tönen, + Klirren und Klagen und Waffenschlagen, + Posaunen schollen dumpf in den Raum her, + Und ich lag + Von Grauen umdrängt + Und meinte, + Daß all dies nur mein eigener Traum wär. + Doch jetzt + Bin ich wach, + Grauenhaft wach, + Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt. + Ich weiß, + Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt: + Unheil ist um in der Stadt, in den Toren, + Wir sind geschlagen, wir sind verloren. + Wehe, Krieg ist in Israel! + +JEREMIAS: + +Mutter! Mutter! + +DIE MUTTER: + + Jeremia, + Jeremia, sprich, + Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an. + Sag, + Ist er gekommen, + Den du verkündet, + Der König, der König von Mitternacht? + +JEREMIAS: + +Du träumst, Mutter, du träumst. + +JOCHEBED (flüsternd): + +Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ... + +DIE MUTTER (im Fieber): + + Weh, die Fanfaren, + Wie sie dröhnen und schallen! + Er ist da, er ist da, + Der reisige König von Mitternacht! + Krieg ist in unsere Länder gefallen, + Feind kommt gefahren + Unendliche Scharen. + Weh, wie sie stürmen! + Es knicken die Mauern, + Es brechen die Tore + Gewaltig entzwei. + Verloren ... verloren + Israels Stadt und heiliges Haus. + Die Mauer begräbt mich, + Die Mauer erschlägt mich. + Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette! + Rette mich, rette! + Wohin + Soll ich entfliehn? + Jeremia ... wo bist du ... Jeremia, + Hebe mich fort ... trag mich hinaus! + +JEREMIAS (bei ihr kniend): + + Mutter, Mutter, unseliger Wahn + Hält dich umkettet, + Mutter, Mutter, höre mich an! + +DIE MUTTER: + + Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände, + So schwöre mir, schwöre, + Daß es nicht wahr ist. + Schwöre mir, schwöre, + Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist. + Schwör mirs, beschwöre, + Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört, + Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt! + +JEREMIAS (erschreckt): + + Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein + Unserm Tode, wie ers dem Leben ist. + +DIE MUTTER: + + Jeremia, + Sage mir, sage, + Bin ich wach oder wirr, + Ist Feind vor den Toren + Oder seligen Friedens voll unsere Welt? + + (JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.) + +ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend): + + Täusche sie ... sprich + doch ... eh sie vergeht. + Siehst du denn nicht, + Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht + Schatten des Todesengels hinweht? + Die Angst ... die Schrecknis ... scheuch ihr sie fort ... + +JOCHEBED: + + Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ... + Ein Wort nur ... ein Wort, + Daß sie in Frieden zu Gott eingeht. + +JEREMIAS (mit sich ringend): + + Ich ... kann nicht ... ich kann nicht. + Es hält mir einer die Kehle umpreßt, + Es hält mir einer die Seele umschnürt ... + +DIE MUTTER: + + Wehe, + Er schweigt, + Oh, wahr, es ist wahr! + Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ... + Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ... + Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ... + Brand überm Land ... die rasende Glut ... + Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ... + +ACHAB (gleichzeitig): + +Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort. + +JOCHEBED: + +Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein +Wort ... sieh, wie sie verschmachtet. + +JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd): + + Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ... + Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ... + Die Hand ... die grausame Gotteshand ... + Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ... + Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ... + +DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei): + + Verloren ... weh ... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ... + Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ... + Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ... + Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ... + + (Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.) + + (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die + Tote.) + +JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend): + + Es ist nicht wahr: + Ich log, ich log, + Ewig währet Jerusalem, + Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen, + Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen. + Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre, + Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre: + Ewig währet Jerusalem! + +ACHAB (im Zorn): + + Weg, + Du schreist sie nicht wach! + Laß ihr den Frieden! + +JEREMIAS: + + Sie muß mich hören, sie muß mich hören, + Eh es zu spät ist! + +ACHAB: + + Es ist zu spät! + Weg + Von ihrer Stille, + Fort aus dem Gemach, + Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach! + Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte + Und ihr Leben an deinem Schweigen verging? + Fort, + Du Mitleidsloser, du Gottesnarr, + Du wüster Träumer, du Ausgestoßner! + Da, + Sieh nur, wie starr + Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen, + Und du hast + Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen. + Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ... + Der du sie selber gemordet hast. + +JEREMIAS (stammelnd): + +Laß mich ... ich will ... + +JOCHEBED: + + Fort, du Aussatz + Von den Gerechten, + Fort aus dem Haus! + Wehe, warum + Ließ sie dich ein? + Weg, du Verfluchter, + Rühr nicht die heilige Stille an + Und den Tod, den du ihr angetan. + +JEREMIAS (zusammenbrechend): + + Ewig verflucht, + Ewig verstoßen, + Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein, + Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein! + + (ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr + die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den + Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr + ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden + gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des + Todes.) + + (LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.) + +ACHAB: + +Wer dringt heran? + +JOCHEBED: + +Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus. + +ACHAB: + +Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf! + +JOCHEBED: + +Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor! + + (Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das + Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON, + PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.) + +SEBULON: + +Hier muß er sein. + +EIN KNABE: + +Ich sah ihn eingehn ins Haus. + +STIMMEN: + +Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du +befahlst ... ich auch ... ich hab ihn gesehn. + +ACHAB: + +Wen sucht ihr? + +PASHUR: + +Gib ihn heraus, den du birgst! + +SEBULON: + +Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut! + +ACHAB: + +Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ... + +PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst): + +Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann +wendet er sich und tritt schweigend zurück.) + +DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln): + +Gelobt sei der ewige Richter ... + +EINER (leise): + +Wer starb? + +ACHAB: + +Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine +Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie +einen Feind ihrem Volke gebar. + +EINER: + +Jeremias! + +SEBULON: + +Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias! + +JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem +Zorne): + +Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme, +daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde! + +SEBULON: + +Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater +Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn? + +JEREMIAS (abwesend): + +Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes. + +SEBULON: + +Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen +auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret, +diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward +seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten +des Unheils und verleitet zur Schande. + +HANANJA: + +Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich! + +JEREMIAS: + +Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort +müßte fahren zu Gott! + +STIMMEN: + +Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht fasse ... Haltet +Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet +mit ihm ... haltet Gericht ... + +HANANJA: + +Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon? + +SEBULON: + +Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er +gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an +der Mauer, daß er überliefe zum Feind! + +HANANJA (zu dem ersten Krieger): + +Bist du des zu zeugen erbötig? + +DER ERSTE KRIEGER: + +Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die +beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein +Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ... + +SEBULON: + +Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte! + +DER ERSTE KRIEGER: + +Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut +Untergang, daß mir das Herz ergrimmte ... + +HANANJA (zu den andern): + +Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall! + +DER ERSTE KRIEGER: + +... und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr +Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte +und blieb. + +SEBULON: + +Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich +ihn und der Schmach über mein Haus. + +PASHUR: + +Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich. + +JEREMIAS (schweigt). + +PASHUR: + +So nennest du keinen Zeugen? + +JEREMIAS (dumpf): + +Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht. + +PASHUR: + +Wird er sich erweisen zur Zeit? + +JEREMIAS: + +Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte! + +HANANJA: + +Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke! + +STIMMEN: + +Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende. + +PASHUR: + +Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu +Einspruch und Widerrede! + +JEREMIAS (schweigt). + +PASHUR: + +Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß. + +JEREMIAS (schweigt). + +STIMMEN: + +Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein Ende, mach ein Ende ... + +HANANJA: + +So leugnest du deine Verheißung? + +JEREMIAS (schweigt wie abwesend). + +HANANJA: + +Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum +ersten Male schweiget er! + +JEREMIAS: + +Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für +Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich +weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider +mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und +ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er +los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh, +daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet +von mir und verstört nicht meinen Frieden! + +SEBULON: + +Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich, +gerecht Gericht. + +HANANJA: + +Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt! + +STIMMEN: + +Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... tilg ihn aus ... Sprich +deinen Spruch ... + +PASHUR: + +Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast +du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal +rufe ich dich. + +JEREMIAS (schweigt). + +PASHUR: + +So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen, +nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ... + +JEREMIAS: + +Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer +Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende! + +PASHUR: + +In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß +Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die +Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde. + +JEREMIAS: + +Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet +das Grab! + +PASHUR: + +Faßt ihn an, vollzieht den Spruch! + +STIMMEN: + +Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ... +schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir +ihn niederlassen. + +JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung): + +Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser +jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen +neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh, +wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten +Bruder zu sein -- fort -- weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich +erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei! + + (JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die + Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen, + ihm vorsichtig nachzufolgen.) + +HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend): + +Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen +die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte! +Ewig währet Jerusalem! + + (JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme + zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von + seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren + schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias + bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte + Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick + das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz + und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.) + +DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit): + +Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt ... ein +Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, daß nun doch +Frieden würde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, daß versiegelt sei +dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde +in Israel ... + + (ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt + ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind + zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab + ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.) + + + + +DAS SECHSTE BILD + +STIMMEN UM MITTERNACHT + + »Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.« + + Jer. VI, 4. + + + Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum, + dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett + leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das + weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne + ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter + Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes. + + (ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte + Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.) + + (DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet + ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich + nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.) + +DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam): + +Mein König! + + (ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.) + +DER KNABE: + +Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat +vor dich zu rufen. + +ZEDEKIA: + +Sind alle versammelt? + +DER KNABE: + +Alle, so du entboten. + +ZEDEKIA: + +Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen? + +DER KNABE: + +Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet. + +ZEDEKIA: + +Und der Späher, ist er gesondert von ihnen? + +DER KNABE: + +Er harrt in der Halle der Türhüter. + +ZEDEKIA: + +Er möge warten. Erst rufe den Rat. + + (DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und + entschwindet.) + +ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt +er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus): + +Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen +sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des +Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie, +sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache +pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf +Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im +Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht +Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar, +Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner +gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen +ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren +Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben, +doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der +mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich, +und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über +mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des +Auge keiner gesehn! + + (DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des + Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der + Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia + wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.) + +ZEDEKIA: + +Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede. +Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher +mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von +hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet +frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne, +wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und +Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in +unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit +einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er +bewahre an des Höchsten Statt euren Eid! + + (ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in + Pashurs Hand.) + +ZEDEKIA: + +Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz +verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt +seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist +mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der +elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün +geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider +Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser +schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn. +Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe +Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands, +daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände. +Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein. + +HANANJA (heftig): + +Gott ist mit uns! + + (DIE ANDERN schweigen.) + +ZEDEKIA (sehr ruhig): + +Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein +Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein +Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns +verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun +bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit +ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu +enden. + +HANANJA: + +Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere +Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein +Doppeltes tun als bisher ... + +NACHUM: + +Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke. + +HANANJA: + +Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die +du birgst vor den Altären. + +NACHUM: + +Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu +säugen, und als Zehrung den Kranken. + +HANANJA: + +Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren +die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers. + +PASHUR (ernst): + +Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe. + +HANANJA: + +Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das +Letzte und reiße es selbst sich vom Munde. + +PASHUR: + +Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren, +Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und +Wille. + +HANANJA: + +Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein +Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so +ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig, +vor sein Antlitz zu treten ... + +ZEDEKIA (heftig): + +Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner +kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede +widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch +zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden. +Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech, +den Obersten meiner Krieger. + +ABIMELECH: + +Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein +Herz. + +ZEDEKIA: + +Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie +jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr +die Schilde und wahren den Blick. + +ABIMELECH: + +Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die +Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den +Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird +schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die +Mauern Jerusalems. + +ZEDEKIA: + +Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich +neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren. + +ABIMELECH: + +Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit. + +ZEDEKIA: + +Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher +Art? + +PASHUR: + +Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen. + +ZEDEKIA: + +Und was ist dein Wort, Hananja? + +HANANJA: + +Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und +denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit +der Schärfe des Schwerts. + +IMRE: + +Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar +gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor +den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem +gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen, +die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen +Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem! + +ABIMELECH, HANANJA, PASHUR: + +Ewig währet Jerusalem! + +ZEDEKIA (nach einer Pause): + +Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen? + +NACHUM: + +Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht +drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist. + +ZEDEKIA: + +Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt, +willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen! + +NACHUM: + +Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns +gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis +zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein +ganzes Brot erhalte des Tages. + + (ALLE schweigen betroffen.) + +ZEDEKIA: + +Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und +Vieh in die Mauern treiben? + +NACHUM: + +Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt. + +ZEDEKIA (nach einer Pause): + +Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden +sparen. + +NACHUM: + +Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch +gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit. + +ZEDEKIA: + +Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren ... mit unserer +Zehrung ... + +NACHUM (leise): + +Drei Wochen, Herr, -- zum längsten. + + (ALLE schweigen wieder betroffen.) + +ZEDEKIA: + +Drei Wochen ... und dann? + +NACHUM: + +Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein. + + (ALLE schweigen wieder.) + +HANANJA (erregt): + +Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel. +Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie +darben für den Herrn. + +ABIMELECH: + +Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf +nicht darben. + +HANANJA: + +Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem. + +ABIMELECH: + +Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern, +die Luftbläser und Wortemacher. + +NACHUM: + +Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die +Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht +die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei +Sabbate mehr. + +PASHUR: + +Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr +gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und +verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von +unserer Not. + +ZEDEKIA: + +Und wenn er es wüßte bereits? + +NACHUM: + +Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür +der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not, +nicht Nabukadnezar. + +ABIMELECH: + +Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen. + +ZEDEKIA: + +Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir +bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf +wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt +sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich +Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden +zwischen unsern Völkern. + +HANANJA: + +Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen! + +ABIMELECH: + +Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm! + +PASHUR: + +Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen, +sobald er unsere Botschaft gehört. + +ZEDEKIA: + +Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen, +doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des +Geheimnisses nutzen. + +NACHUM: + +Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei +Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns. + +ABIMELECH (erbittert): + +Keine Gnade! Lieber den Tod! + +PASHUR: + +Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern! + +HANANJA: + +Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ... + +IMRE (mühsam): + +Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König. +Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm +entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind. + +ABIMELECH: + +Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns. + +PASHUR: + +Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft. + +ZEDEKIA: + +Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein +Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir! + + (ALLE aufspringend, wirr durcheinander.) + +NACHUM: + +Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde! + +HANANJA: + +Verrat! Du verhandelst mit den Feinden! + +ABIMELECH: + +Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen! + +PASHUR: + +Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen? + +ZEDEKIA: + +Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die +hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht +ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus, +Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie +empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies +Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet! + + (ALLE schweigen.) + +PASHUR: + +Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig +Schicksal trägt. + +ZEDEKIA: + +An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen. + +NACHUM: + +Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören. + +IMRE: + +Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten. + +ABIMELECH: + +Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag +ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen. + +ZEDEKIA: + +Und ihr, Pashur und Hananja? + +PASHUR: + +Man höre ihn! + + (HANANJA schweigt, wendet sich ab.) + +ZEDEKIA: + +Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:) +Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder +nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere +Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein. + + (BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und + dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.) + +ZEDEKIA: + +Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel? + +BARUCH: + +An dich hat er mich mit Botschaft gesandt. + +ZEDEKIA: + +Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn +sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den +andern:) Fraget ihn aus. + +HANANJA (höhnisch): + +Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs ... + +ABIMELECH (hart unterbrechend): + +Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name? + +BARUCH: + +Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali. + +ABIMELECH: + +Unseres Blutes nennst du dich? + +BARUCH: + +Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner +Väter Haus. + +ABIMELECH: + +Ist einem Kenntnis dieses Mannes? + +PASHUR: + +Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn. + +ABIMELECH: + +Wie fielest du in des Feindes Hand? + +BARUCH: + +Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich +von den Schultern her und griffen mich. + +ABIMELECH: + +Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir +gegeben, gesiegelte Schrift? + +BARUCH: + +Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen +Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.) + +ABIMELECH: + +Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft. + +BARUCH: + +Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des +Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer +sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch +der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage, +da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich +stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach +Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe +geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis +diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger. +Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir: +fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen. +Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder +sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.« + +ABIMELECH: + +Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu +haben elf Monde lang. + +BARUCH: + +Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine +gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut +und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben +lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem +Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut +vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker +von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein +Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der +mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen, +und dauern möge eure Stadt und eure Tage.« + +NACHUM: + +Milde dünkt mich die Botschaft. + +PASHUR: + +Zu milde, als daß ich ihr traute. + +ZEDEKIA: + +Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar? + +BARUCH: + +Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen +auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner +Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder +es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es +wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße +tun und deiner Hoffart.« + +ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam): + +Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue? + +BARUCH: + +Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne +reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite +durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis +zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...« + +ZEDEKIA (auffahrend): + +Ein Joch? + +BARUCH: + +»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei +und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch +nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.« + +ZEDEKIA: + +Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt. +Niemals! (Er steht auf.) + +ABIMELECH: + +Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.) + + (DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.) + +NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich): + +Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt? + +PASHUR: + +Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ... + +IMRE: + +Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ... + +ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn): + +Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das +Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch +gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit +mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der +Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid +ihr ... + +PASHUR: + +Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage, +was sein Herz ihm gebietet. + +ZEDEKIA: + +Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach +eurem Herzen. + +NACHUM: + +Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm +willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König. +Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch +tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken +genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn +wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk. + +PASHUR: + +Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu +leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu +gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten. + +ZEDEKIA: + +Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du, +Hananja? + +HANANJA: + +Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat! + +ZEDEKIA: + +Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner +Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen? + +ABIMELECH: + +Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein +Wille! + +ZEDEKIA: + +Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und +stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und +ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und +Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf +Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es +ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern +Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß +ich unter das Joch trete für Israel? + + (ALLE schweigen. Dann sagt:) + +NACHUM (als erster): + +Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder. + +IMRE: + +Für die Stadt und das Land. + +PASHUR: + +Für den heiligen Tempel und den Altar. + +HANANJA: + +Für Gott, der es heischt von dir. + + (ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.) + +ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich +tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich): + +Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn +zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt. + + (ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.) + +ZEDEKIA: + +Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den +Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein +Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan +von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in +meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret +ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn +kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt? + +PASHUR (ergriffen): + +Ich schwöre es, mein König. + +IMRE, HANANJA, NACHUM: + +Wir schwören es. + +ABIMELECH: + +Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen! + +NACHUM: + +Ewiges Gedenken dem König Zedekia. + +ZEDEKIA: + +So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in +Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem! + +ALLE (begeistert): + +Ewig währet Jerusalem! + +ZEDEKIA (zu Baruch): + +Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia, +der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun +sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald +vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das +köstliche Wort: Friede. + +BARUCH (unruhig, leise): + +Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines +noch heischt er von uns. + +ABIMELECH (auffahrend): + +Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach? + +BARUCH: + +Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß. + +ZEDEKIA: + +Was fordert sein Stolz noch mehr? + +BARUCH: + +Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone +wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit +man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind. +Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er +mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie +sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den +Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber +fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne. +Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote, +nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn +es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte +Nabukadnezar. + +PASHUR: + +Niemals! Niemals! + +HANANJA: + +Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler! + +PASHUR: + +Lieber in Staub den Tempel als entweiht! + +IMRE (bestürzt): + +Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen! + +PASHUR: + +Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König, +sende ihn heim! + +HANANJA: + +Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen! + +NACHUM: + +Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu +erwägen. + +ABIMELECH: + +Tausend Tode lieber als diese Schmach. + +PASHUR: + +Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger! + +HANANJA (wild): + +Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach! + +IMRE: + +Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort! +Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen! + +PASHUR: + +Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum? + +IMRE: + +Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben. +Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein? + +HANANJA: + +Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und +sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn. + +NACHUM: + +Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die +Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König, +errette Jerusalem! + +HANANJA: + +Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort! + +ZEDEKIA: + +Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet, +entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im +Bösen oder im Guten. + +IMRE: + +Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot. + +HANANJA: + +Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen. + +PASHUR: + +Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel! + +NACHUM: + +Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten. + +ZEDEKIA: + +Und du, Abimelech? + +ABIMELECH: + +Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein +Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir. + +ZEDEKIA: + +Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit +um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen +habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert +ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst +sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen? + +PASHUR: + +Gott wird dich erleuchten! + +ZEDEKIA: + +Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch +auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein +Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und +meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte +finde! + +NACHUM: + +Unsere Liebe ist mit dir, mein König! + +ZEDEKIA: + +Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen +oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich +erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer +Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir +sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie +in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte +gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für +Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem! + +PASHUR: + +Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe +du entschieden. Ich harre vor dem Altare! + +HANANJA (im Abgehen): + +Gedenke Gottes! + +NACHUM (gleichfalls): + +Gedenke der Stadt! + +IMRE: + +Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen! + +ABIMELECH: + +Du findest mich bei dir in Leben oder Tod. + + (ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.) + +BARUCH (leise): + +Soll ich mit ihnen, mein König? + +ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend): + +Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst! + + (BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt + unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange + hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich + scharf um.) + +ZEDEKIA: + +Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort? + +BARUCH: + +Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond. + +ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich): + +Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder +im geheimen? + +BARUCH: + +Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war +gegenwärtig und sein Vertrauter. + +ZEDEKIA: + +Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach? + +BARUCH: + +Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und +schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die +andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort. + +ZEDEKIA: + +Und da er drohete, wie war er? + +BARUCH: + +In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich +merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere +und ich Botschaft brächte seines Zorns. + +ZEDEKIA: + +Und frug er dich nach mir? + +BARUCH: + +Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es +nicht. + +ZEDEKIA: + +Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber +ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.) +Keine Frage hat er getan nach mir? + +BARUCH: + +Nein, mein König. + +ZEDEKIA: + +Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge +Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere +Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu +gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht +geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf +und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute? + +BARUCH: + +Morgen neut sich der volle Mond. + +ZEDEKIA: + +Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt. +Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball. +Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen +Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an +Nabukadnezar! Melde ihm ... + +BARUCH (erschreckt): + +Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich! + +ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen): + +Was erkühnst du dich? + +BARUCH (flehend): + +Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der +Botschaft. + +ZEDEKIA: + +Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern +Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du? + +BARUCH: + +Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft. + +ZEDEKIA: + +Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen? + +BARUCH: + +Nicht ihn fürchte ich -- ich fürchte die Botschaft. + +ZEDEKIA (erstaunt): + +Was fürchtest du? + +BARUCH: + +Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die +Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich, +rette, rette die Stadt! + + (ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.) + +BARUCH: + +Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke +aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und +sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf +dein Herz! + +ZEDEKIA (grimmig): + +Tu auf die Tore, tu auf dein Herz -- ich kenne dieses Wort. Nicht du +sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider +mich ... + +BARUCH: + +Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will +ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah, +daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu +ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich +an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich. + +ZEDEKIA: + +Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir +sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden +zu holen? + +BARUCH: + +So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König. + +ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf): + +Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du! + +BARUCH: + +Niemand hat mich sie geheißen. + +ZEDEKIA: + +Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus. + +BARUCH: + +Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer, +nicht hat er sie befohlen noch gebilligt. + +ZEDEKIA: + +Wer ist dieser, der dir gebietet? + +BARUCH (ausflüchtend): + +Mein Lehrer, mein Meister. + +ZEDEKIA: + +Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser +Stadt? + +BARUCH: + +Gottes Diener und Profet ist mein Meister -- Jeremias. + +ZEDEKIA (ausbrechend): + +Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in +Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch +immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt +er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich +mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten +wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich? + +BARUCH: + +Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser +Stadt. + +ZEDEKIA: + +Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen +Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in +der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt +er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich? +Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht +seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen +soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die +Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu +Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie +hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern, +Zedekia ist ihm bereit. + + (BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.) + +ZEDEKIA: + +Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt. +Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde. +Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich +will sterben als König zu Jerusalem. + + (BARUCH hebt noch einmal die Hände.) + +ZEDEKIA: + +Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine +Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh! + + (BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein + Antlitz und wendet sich ab.) + +ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch +abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz +verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend): + +Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf +und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt. +Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.) + +DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint): + +Mein König? + +ZEDEKIA: + +Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne +Träume! + + (DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen + Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder + unruhig.) + +ZEDEKIA: + +Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht +gegangen, zögert er noch? + +SCHWERTTRÄGER: + +Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia. + +ZEDEKIA: + +Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich +will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie +die andern. + +SCHWERTTRÄGER: + +Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles +auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht +glänzt in den Raum.) + +SCHWERTTRÄGER: + +Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie +gestern und ehetags? + +ZEDEKIA: + +Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich +will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und +mein Herz brennt mit. + +SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das +Ruhelager): + +Gott schütze deinen Schlummer, mein König. + + (ZEDEKIA breitet sich hin.) + + (SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel + zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe + ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich + zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden + an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das + leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles + wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm + weiter.) + +ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend): + +Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen? + +SCHWERTTRÄGER (erschrocken): + +Wir sprachen nichts, mein König. + +ZEDEKIA: + +Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem +Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen +kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern? + +SCHWERTTRÄGER: + +Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause. + +ZEDEKIA: + +Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die +Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein! + + (SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig + hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das + Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die + Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises + Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen + die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit + vorbei.) + +ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie +ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des +Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er +heftig): + +Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine +Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in +meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in +meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht? + +SCHWERTTRÄGER: + +Ich höre nichts, mein König! + +NEHEMIA: + +Nichts habe ich vernommen ... + +ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem +Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend): + +Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher, +Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im +Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es +nicht? + +SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann +schaudernd): + +Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor! + +ZEDEKIA: + +Ah, du hörst sie auch! + +SCHWERTTRÄGER (schaudernd): + +Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es +klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier. + +NEHEMIA: + +Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen? + +ZEDEKIA: + +Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier +nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes +ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache +ihn stumm. + + (SCHWERTTRÄGER eilends ab.) + +ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er +hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört +man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend): + +Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht! + + (SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.) + +ZEDEKIA: + +Wer war es, der da sprach? + +SCHWERTTRÄGER (zitternd): + +Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg +zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien +es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie +tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer +als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer +Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß +ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna. + +ZEDEKIA: + +Was tönte die Stimme? + +SCHWERTTRÄGER (schaudernd): + +Ich ... ich kann es nicht sagen! + +ZEDEKIA: + +Ich befehle dir: sage die Worte! + +SCHWERTTRÄGER: + +Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen. + +ZEDEKIA: + +Was waren die Worte? Bei meinem Zorn! + +SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang): + + So sang es von der Tiefe: + Ich habe mein Haus verlassen müssen + Und mein Erbe meiden, + Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben. + Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht + Und hören nicht auf, + Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks, + Ist greulich zerplagt. + +ZEDEKIA (aufschreiend): + +Jeremias! Er, immer er! + +SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend): + + Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion + Mit seinem Zorn überschüttet! + Er hat die Herrlichkeit Israels + Vom Himmel auf die Erde geworfen, + Er hat die Mauer seiner Paläste + In des Feindes Hände gegeben, + Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben + Wie an einem Fest. + Er hat ... + +ZEDEKIA (ausbrechend): + +Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht! +Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite, +hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich +ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem +fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm +entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer +befreit mich von ihm ... + +SCHWERTTRÄGER: + +Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.) + +ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann +in erwachendem Stolz): + +Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und +ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm +zu flüchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab): +Schwertträger! + +SCHWERTTRÄGER: + +Mein König? + +ZEDEKIA: + +Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder +Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er +gebracht werden und im geheimen wieder hinab. + + (DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.) + +ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin): + +An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß +ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht +alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen +den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen, +wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott, +der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt! + + (JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine + Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und + abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus + einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig + forschend an.) + +ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit): + +Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was +singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch? + +JEREMIAS: + +Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und +zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner. + +ZEDEKIA: + +Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem, +und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den +Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die +Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt +es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem. + +JEREMIAS: + +Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein +Tun. + +ZEDEKIA: + +Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich +dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern. +Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu +mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor +Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen, +daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes. + +JEREMIAS: + +Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte +des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet. + +ZEDEKIA: + +Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein! + +JEREMIAS: + +Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur +deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun +spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir? + +ZEDEKIA: + +Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und +deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von +Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet +die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die +Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das +Brot. + +JEREMIAS: + +Ich weiß es, Herr. + +ZEDEKIA: + +Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der +Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter +der Erde? + +JEREMIAS: + +Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube +reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde +winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen +mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt. + +ZEDEKIA (noch gereizter): + +Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und +mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die +Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen. + +JEREMIAS: + +Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm +bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der +Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit +Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne +sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer +aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in +die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele. + +ZEDEKIA: + +Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner +Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem +Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu +mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen +sein? + +JEREMIAS: + +Gott einzig bin ich zu Willen. + +ZEDEKIA: + +So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von +Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern. + +JEREMIAS (jauchzend): + +Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz! + +ZEDEKIA: + +Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart +ohne Maß. + +JEREMIAS: + +Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein +Herz, doch rette die Stadt! + +ZEDEKIA: + +Meine Ehre hat er gefordert. + +JEREMIAS: + +Gib sie hin für die Stadt! + +ZEDEKIA: + +Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone? + +JEREMIAS: + +Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn +Sterben. + +ZEDEKIA: + +In ein Joch will er mich beugen! + +JEREMIAS: + +Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge +den Nacken, errette die Stadt! + +ZEDEKIA: + +Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid +meiner Ahnen. + +JEREMIAS: + +Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke +der Stadt, gedenke der Lebendigen! + +ZEDEKIA: + +Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott. + +JEREMIAS: + +Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut +dein Herz! + +ZEDEKIA: + +Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht! + +JEREMIAS: + +Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu +auf der Demut dein Herz! + +ZEDEKIA (ergrimmt): + +Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren +hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort. + +JEREMIAS: + +Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem +Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher +dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit +lobe und nicht schreie wider deine Verblendung. + +ZEDEKIA: + +Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht. + +JEREMIAS: + +Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille +bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort? +Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst +ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung. +Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel. + +ZEDEKIA: + +Jeremias! + +JEREMIAS: + +Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und +Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du +willst nicht, daß ich ihn wende. + +ZEDEKIA (unsicher): + +Wie kannst du es wissen? + +JEREMIAS: + +Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn. +Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld +deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott +versucht er in ihnen. + +ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise): + +Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein +Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem +Boten. + +JEREMIAS: + +Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt! + +ZEDEKIA: + +Schon ist er gegangen. + +JEREMIAS: + +Zurück! Ruf ihn zurück! + +ZEDEKIA: + +Zu spät! Zu spät bist du gekommen. + +JEREMIAS: + +Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern. + +ZEDEKIA: + +Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand! + +JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen +Schrei die Hände reckend): + +Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe! + +ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend): + +Was ist dir, Jeremias? + +JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. +Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne +mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von +mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände +aufhebend, überwältigt von innern Gesichten): + + Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen, + Jerusalem, prächtiger Morgenstern, + Und gedachtest doch über die Welten zu steigen! + Über die Wolken wolltest du fahren, + Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner, + Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht. + +ZEDEKIA (ihn erwecken wollend): + +Jeremias! + +JEREMIAS: + + Was war heller, als deine Stirne, + Du Burg Jakobs, + Du Kronstadt Davids, + Du Zelt Salomos, + Gottes Kleinod und heiliges Haus? + Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen? + Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise, + Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen. + Völker pilgerten her, dich zu schauen, + Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz! + +ZEDEKIA: + +Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf! + +JEREMIAS: + + Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden, + Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel? + Nicht mehr flüstern + Die Stimmen des Bräutigams und der Braut, + Weithin verscholl das Wogen des Marktes, + Das Tönen der Freude, + Flötenklang und der Jungfraun Gesang! + Weh! Ein Würger ist über dich kommen, + Ein arger Vollstrecker von Mitternacht. + Eitel Wüstung sind deine Straßen, + Dornen wachsen in Marmelgemächern + Und Nesseln in deines Königs Palast. + Weh! Gesunken sind all deine Mauern, + Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen + Das ewige Herz deines Heiligtums. + +ZEDEKIA: + +Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern! + +JEREMIAS (immer frenetischer): + + Alles Haupt ist geschoren, + Aller Bart ist geschnitten, + In Säcken gehen die Mütter und reißen + Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen: + Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter? + Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen + Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten, + Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare, + Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht. + Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle, + Und die Schakale der Wüste sind satt. + +ZEDEKIA: + +Schweig still! Schweig still! Du lügst! + +JEREMIAS: + + Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte, + In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp? + Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten, + Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden, + Sie fassen dich an und fassen dich doch! + Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers, + Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise, + Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde + Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann. + +ZEDEKIA: + +Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn! + +JEREMIAS (aufklagend): + + Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind, + Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden, + Oh wehe, daß ich dich so schauen muß! + Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens, + Sie blecken die Zähne und lachen betulich: + »Ei, wie haben wir diese erniedrigt, + Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne! + Das ist der Tag, des wir haben begehret, + Wir habens erlanget, + Wir habens erlebt!« + +ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten): + +Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst! + +JEREMIAS: + + Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt, + Wiege der Völker und Kleinod der Welt. + Wer wird dich rühmen, wer findet dich? + Eine Sage der Zeiten bist du geworden, + Fabel und Sprichwort unter den Völkern, + Oh, ich sehe ... + +ZEDEKIA: + +Nichts wirst du sehen, du Rasender du! + +JEREMIAS: + + Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod, + Ich sehe ... + +ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn): + +Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden! + +JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann +plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase): + + Mich?! + Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein! + Anders hat Gottes Entschluß bestimmt! + Wohl wird einer geblendet sein, + Ehe der Tag noch sein Ende nimmt, + Doch jener, der längst schon verblendet war, + Als sein Auge noch blickte und sah: -- + Höre mich, König Zedekia! + + (ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.) + +JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu): + + Dich + Werden sie fassen, des Königs Knechte + Im Hause Gottes, das du verstört, + Sie reißen die Rechte + Dir los vom Altar, + Daran sie zur Hilfe verklammert war! + Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert, + Umtun deine Arme mit eisernen Flechten + Und schleppen + Und schleifen dich über die Treppen, + Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen + Jenem entgegen, + Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen + Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen! + + (ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.) + +JEREMIAS: + + In die Knie + Knicken sie dich und stoßen dich sie, + Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein, + Vier Hände halten den Blendstahl hinein. + Heiß + Frißt die Hitze + Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze. + Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß! + Und dann + Fassen dich rauh ihre Fäuste an, + Zischend und rauchend + Tauchen + Sie die Nacht dir in dein Auge hinein. + +ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein +Geblendeter): + +Weh! + +JEREMIAS: + + Doch eh + Dir noch in einer brennenden Gischt + Von Blut und Tränen dein Blick verlischt, + Mußt du noch sehn + Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn! + Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten, + Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten, + Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert + In den ersten! den zweiten! den letzten fährt! + Du siehst, + Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt, + Und siehst, + Eh der rote Stahl dich für immer blendet, + Wie Israels Stamm und Königtum endet. + +ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist, +die Hände flehend aufhebend): + +Erbarmen! Erbarmen! + +JEREMIAS: + + So wirst du ins ewige Dunkel schrein, + Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein, + Denn Gott erhört + Nie den, der frevelnden Übermutes + Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört. + Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen, + Die blind am Bauche der Erde hinlangen, + Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten, + Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten, + Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind, + Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind. + Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen, + Durchstreifst du fremd dein eigenes Land, + Und tritt einer nah + Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar + Das, was einstens König zu Zion war, + Dann hebt er die Hand + Und flucht dir, König Zedekia! + +ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager +liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias +mit einem wirren Blicke schauernd an): + +Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du +gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe. +Furchtbar sind deine Worte, Jeremias! + +JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen +erloschen): + +Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich +und nicht wenden! + +ZEDEKIA (erschüttert): + +Warum bist du nicht früher vor mich getreten? + +JEREMIAS: + +Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht. + +ZEDEKIA: + +Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia +langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an -- ich ... +glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem +König in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein +Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit +mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du +gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines +Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache +denn Gott allein. + + (JEREMIAS wendet sich zum Gehen.) + +ZEDEKIA (gequält): + +Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es +nicht wenden? + +JEREMIAS (düster): + +Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe +den Ohnmächtigen! + +ZEDEKIA (schweigt, dann von innen): + +Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich +liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast. +Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor +mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich +gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein +Wort sich erfüllt. + +JEREMIAS (ergriffen): + +Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia! + +(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist +schon bei der Türe, da ruft noch einmal:) + +ZEDEKIA: Jeremias! + + (JEREMIAS wendet sich.) + +ZEDEKIA: + +Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir +geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden. + +JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände +über des Königs Stirn): + +Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir +leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden. + +ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend): + +Und ... gebe ... uns ... den Frieden ... + + + + +DAS SIEBENTE BILD + +DIE LETZTE NOT + + »Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine + Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht + vor Spott und Speichel.« + + Jer. L, 6. + + + Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine + gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem + Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut, + überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten + sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor. + +DER TÜRHÜTER (erscheint): + +Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot +mehr gegeben! + +EIN WEIB: + +Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger! + +EINE ANDERE: + +Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die +Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre +Finger. (Sie hebt ein Kind empor.) + +EINE ANDERE: + +Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.) + +STIMMEN (wild durcheinander): + +Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ... +Brot ... Brot ... + +EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert): + +Her mit den Schlüsseln, sage ich. + +STIMMEN (durcheinander): + +Ja ... her mit den Schlüsseln ... Sperrt auf ... Die Schlüssel ... +Ja ... ja ... + +DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend): + +Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und +dann die Speicher zu schließen. + +EINE STIMME: + +Mir hat man keines gegeben! + +ANDERE STIMMEN: + +Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich +auch ... warum mir keines? + +EINE FRAU: + +Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust. +Gerechtigkeit! + +EINE ANDERE: + +Sand war in meinem, Kies und Sand! + +EINE ANDERE: + +Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu! +Gerechtigkeit! + +DER TÜRHÜTER: + +Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht. + +EINE STIMME: + +Wo ist er? + +ANDERE STIMMEN: + +Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede +stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ... + +EINE STIMME (aufreizend, grell): + +Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie. + +EIN ANDERER: + +Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen! + +ANDERE: + +Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot für +die Armen ... Brot ... Brot ... + +DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME: + +Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei. +Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren +Kindern. + +EINE STIMME: + +Das ist nicht wahr. + +ANDERE STIMMEN: + +Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es +auch ... Wo ist Nachum ... Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ... +Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ... + + (DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen + Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender + Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen + und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.) + + (DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort + ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.) + +ABIMELECH: + +Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum +vor dem Palast. + + (DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in + panischem Tumult.) + +DIE STIMMEN (durcheinander): + +Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist +mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe! + + (DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.) + +ABIMELECH: + +Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich +seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was +wollt ihr, Rotte? + +DIE STIMMEN: + +Brot ... Wir haben Hunger ... Brot ... Unsere Kinder verhungern. + +ABIMELECH: + +Jedem ist Brot zugeteilt. + +DIE STIMMEN: + +Mir nicht ... Man hat mich vergessen ... Nicht genug ... + +ABIMELECH: + +Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist +jetzt. + +DIE STIMMEN: + +Nicht genug ... Wir haben Hunger ... + +ABIMELECH: + +So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann +ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem! + +EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach): + +Es lebe Jerusalem! + +DIE AUFREIZENDE STIMME (grell): + +Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht +Jerusalem. Wir sind Jerusalem! + +DIE MENGE: + +Ja! Wir sind Jerusalem ... wir wollen leben ... wir wollen nicht +verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem? +Brot ... Brot ... + +ABIMELECH (aufstampfend): + +Ruhig, Volk! In die Häuser mit euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt +statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt. + +EIN WEIB: + +Warum ist Krieg? + +VIELE STIMMEN: + +Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede ... Friede ... Friede ... +Brot ... + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und +linde unsere Tage? + +VIELE STIMMEN: + +Ja ... ja ... Friede mit ihm ... Friede ... Ja ... ja ... Endet den +Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ... + +EIN WEIB: + +Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ... + +STIMMEN: + +Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben uns verraten ... +Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern. + +ABIMELECH: + +Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im +Kampfe ... + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Das ist nicht wahr! + +ABIMELECH: + +Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn +vor mein Schwert. Wer hat es gesagt? + + (DIE MENGE schweigt.) + +ABIMELECH: + +Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Häuser, und wer Kraft +hat, an die Wälle. + +STIMMEN (von rückwärts): + +Nachum ... Nachum ... da ist er. + +DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt): + +Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der +Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ... + +NACHUM (sich losringend): + +Laßt mich los! Gebt mich frei! + +DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend): + +Nachum, Nachum ... + +ABIMELECH: + +Zurück mit euch! + + (DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.) + +NACHUM: + +Was wollt ihr von mir? + +EINE STIMME: + +Die Speicher schließ auf! + +NACHUM: + +Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen. + +DIE STIMMEN VON FRÜHER: + +Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ... +tu auf die Speicher ... + +NACHUM: + +Die Speicher sind leer. + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Wir wollen sie sehen. + +VIELE STIMMEN: + +Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht +wahr ... mit unseren Augen wollen wir es sehen ... schließe sie auf ... +wir wollen selbst sehen ... ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es +nicht ... + +NACHUM: + +Ich schwöre euch ... + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen. + +VIELE STIMMEN: + +Ja ... alle haben uns belogen ... die Priester ... Ja, alle ... der +König ... Her mit den Schlüsseln ... Alle haben sie Lügen gesagt ... +Sieg haben sie verkündet. + +ANDERE STIMMEN (immer stärker ausbrechend): + +Wo sind die Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie +verheißen ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... Brot ... +Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ... + + (DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie + bedrängen Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.) + +NACHUM: + +Zu Hilfe! Zu Hilfe! + +ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten): + +Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter! + +EINE STIMME: + +Wehe, ich bin getroffen! + +VIELE STIMMEN: + +Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen ... Mörder ... Mörder ... +Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ... +Gewalt ... + +EIN WEIB (sich das Gewand aufreißend): + +Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her! + +DIE MENGE (die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus): + +Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder! + +ABIMELECH: + +Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse +das Schwert! + +DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME: + +Unser ist der Markt, unser die Stadt! + +VIELE STIMMEN: + +Ja, wir bleiben. + +EIN WEIB: + +Ich bleibe, bis der König kommt. + +STIMMEN: + +Ja ... ja ... + +DAS WEIB: + +Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es nähren. Ich weiche +nicht, ehe ich nicht Brot habe. + +ANDERE: + +Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe. + +EINE STIMME (von rückwärts durch das Gedränge): + +Abimelech, wo ist Abimelech? + +ABIMELECH: + +Hier bin ich! + +DIE MENGE: + +Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ... + +DER BOTE: + +Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen. + + (DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.) + +ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend): + +Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlägt sich durch eine Gasse von +Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.) + + (DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig + tönenden Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen + drängte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu, + flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten, + Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen + ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst, + ratloses Entsetzen.) + +STIMMEN AUS DER MENGE: + +Bei Moria sind sie ... Wir sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ... +wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist +du ... Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ... +Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir +tun ... + +EINE STIMME: + +An die Mauern ... Alles an die Mauern ... + +STIMMEN: + +Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ... + + EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen + wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen + +STIMMEN: + +In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß uns helfen ... Die +Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ... + +ANDERE STIMMEN: + +In den Tempel ... Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie? +Verschlossen die Türen! + +EINER (hereinstürmend): + +Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren! + + (DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.) + +STIMMEN: + +Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der König ... wo sind die +Priester ... wo Hananja ... verraten ... Verschlossen die Türen ... wir +sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ... +sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ... +Tod über uns ... Die Chaldäer ... + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Fluch dem Könige! + +STIMMEN (im Wutgeschrei): + +Fluch! Fluch! + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen! + +DIE MENGE: + +Fluch! Fluch! + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Sie haben geschlagen, die warnten und rieten ... + +EINE STIMME: + +Geschlagen Jeremias! + +ANDERE STIMME: + +Ja! Er hat es gesagt! Jeremias ... Jeremias ... + +ANDERE STIMMEN: + +Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert ... gedenket ihrs noch ... +ja ... Ich habe es gehört ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ... +ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ... +Ja ... ja ... ja ... Er hat alles gekündet. + +ANDERE STIMMEN: + +Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ... +er soll uns raten ... ja ... ja ... er hat stets das Rechte gewußt ... +er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ... + +EINE STIMME: + +In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast. + + (DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.) + +STIMMEN: + +Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ... +sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm. + +ANDERE STIMMEN: + +Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott +hat ihn gesandt ... Wo ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ... +Erlösung ... Erlösung ... + +ANDERE: + +Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der Wahre, er hat es +verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist Wahrheit geworden ... Gottes +Gnade war über ihm ... Gib das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen +ihn befreien ... hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König +sein ... Wo ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ... + + (DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei + »Jeremias, Jeremias« zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre + Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder + hinaufgeschäumt, mit Brettern und Hämmern und den Fäusten schlagen + sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zögernd aufgetan.) + +DER TÜRSTEHER: + +Was wollt ihr? + +DIE MENGE: + +Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoßen ihn zur Seite.) + +DER TÜRSTEHER: + +Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil +der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört dumpf das Sprengen von +Türen, das Schlagen von Äxten.) + + (DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das + Geschehen.) + +STIMMEN: + +Hinein!... Hinein!... Ganz unten haben sie ihn verscharrt ... sie hatten +Furcht vor ihm ... die Hunde ... + +STIMMEN: + +Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn ... Oh, Jeremia ... +er wird uns erretten ... + +EIN WEIB (in Ekstase): + +Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf +seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird +uns erlösen! + +EINE ANDERE: + +Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird über sie +fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des Heiligen, der für uns gelitten! + +EINE ANDERE: + +Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind für uns seine Wunden ... ich +will knien vor ihm in den Staub ... + +DIE ERSTE: + +Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia! + +STIMME (von oben): + +Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben! + +DAS WEIB: + +Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige +naht. + +DIE ANDERE: + +Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird +davon Jerusalem. + + (JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.) + +DIE MENGE UNTEN: + +Sie haben ihn gefunden!... Rettung ... Rettung ... Gottes Gnade ... +Jeremia ... Jeremia ... + +DAS WEIB: + +Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen! +Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mägden, +rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du +Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem! + +DIE MENGE (wild ekstatisch): + +Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ... + +DAS WEIB: + +Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie +die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh +nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf! + + (DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore + geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor + dem Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die + Ekstase der Menge.) + +STIMMEN: + +Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... Oh, Verkünder ... +Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... König ... Gesalbter +du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ... + +DAS WEIB (zu seinen Füßen sich werfend): + +Was verhüllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh, +Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir +auferstehen vom Tode! + +JEREMIAS (langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und +düster, wie er in die wilde Erwartung blickt): + +Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese +Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir? + +DIE MENGE: + +Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... rette die Stadt ... +Unser König sei ... tue ein Wunder ... + +JEREMIAS: + +Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir? + +DIE MENGE (chaotisch durcheinander): + +Moria ... die Burg ... rette Jerusalem ... ein Wunder ... wir sind +verloren ... Unser Hort bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ... + +JEREMIAS: + +Einer rede, nicht alle! + +DAS WEIB (hinstürzend zu seinen Füßen): + +Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände, +die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du +geschaut, hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns! + +EINE STIMME: + +Sie stürmen die Mauer von Moria! + +EINE ANDERE STIMME: + +Unsere Männer sind geschlagen ... + +EINE ANDERE STIMME: + +Vor dem Tempel schon kämpfen sie. + +EINE DRITTE STIMME (verzweifelt): + +Rette, rette Jerusalem! + +DIE MENGE (frenetisch): + +Rette, rette Jerusalem! + + (JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.) + +DAS WEIB: + +Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit den Nägeln zerreißen das +Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser +Hort bist du und unsere Hoffnung. + +EINE STIMME: + +Wer errettet uns, wenn nicht du? + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Die Priester haben uns verraten, der König uns verkauft. + +JEREMIAS (auffahrend): + +Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr den König? + +STIMMEN: + +Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft er nicht ... er ist +geflüchtet ... er ist geflohen ... + +JEREMIAS (stark): + +Das ist nicht wahr. + +STIMMEN: + +Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt ... sie haben uns +geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten +wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ... + +JEREMIAS: + +Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort +auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt. + +STIMMEN: + +Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der König hat ihn +gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ... + +JEREMIAS: + +Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und +schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hörte ich toben nach dem +Kriege, und die jetzt den König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du +Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung! +Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt +gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider euch schlaget +mit den Fäusten, wider euch mit den Worten! + +STIMMEN: + +Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ... +was sollen wir tun ... + +JEREMIAS: + +Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das +Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein +in sein Haus und diene mit seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und +murret nicht! + +DIE MENGE: + +Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns Sieg ... Laß uns nicht +ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... Jerusalem ... rette uns ... +rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger ... hilf uns ... ein Wunder tu, +laß es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie +Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ... + +JEREMIAS: + +Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft. + +DIE AUFREIZENDE STIMME: + +Gott hat uns verlassen! + +DIE MENGE: + +Ja ... Gott hat uns verlassen ... wo ist er ... wo ist der Bund, den er +geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ... + +JEREMIAS (zornig): + +Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt +ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war, +brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und +meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein +Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken, +aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget +euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet! + +STIMMEN: + +Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... nur Worte gibt er ... +Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ... +ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ... + +JEREMIAS: + +Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus +dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung! +Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget +euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse -- den Gott erlöset +in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe +ihr zerbrochen werdet! + +STIMMEN HERBEISTÜRMENDER: + +Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen! + +DIE MENGE (wild aufschreiend): + +Wehe ... wehe ... (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias +aufschäumend): Höre ... höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ... +tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ... + +JEREMIAS (verzweifelt): + +Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den +Feind ... + +DIE MENGE (ekstatisch): + +Ja ... ja ... tue also ... + +JEREMIAS: + +Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte? + +DIE MENGE: + +Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... Du mußt es können ... +ja ... ja ... alles kannst du ... + +JEREMIAS: + +Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott! + +DIE MENGE: + +Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ... + +JEREMIAS (ausbrechend): + +Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet +von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu +euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine +Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich +beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich +beuge mich. + +STIMMEN: + +Wehe ... nein ... nein ... + +JEREMIAS: + +Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das +Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt, +durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest -- sein Wille geschehe, +sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis +will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist -- ich +beuge mich. + +STIMMEN: + +Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ... + +JEREMIAS (immer mehr in Ekstase): + +Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein +Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist -- +ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein +Wille ist -- ich beuge mich! + + (DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.) + +JEREMIAS: + +Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist -- ich beuge mich! + + (AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.) + +JEREMIAS: + +Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name, +Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es +dein Wille ist -- ich beuge mich, Herr, ich beuge mich! + +DIE MENGE: + +Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... Wehe ... Er +verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ... + +JEREMIAS (ganz in Ekstase): + + Was immer du tust, ich beuge mich. + Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich! + Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern, + Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab, + Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern, + Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten, + Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten, + Verstoße dein Volk und verstoße auch mich -- + Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer, + Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich! + +DIE MENGE (ihn wild umstürmend): + +Verräter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget +ihn ... steiniget ihn ... + +JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der +dunkel schwelenden Masse): + + Herr, tue an mir, wie dir es gefällt. + Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit, + Herr, ich bin allem Leiden bereit! + Gieß aus deines Zornes fressende Lauge + In meine Seele -- sie wird dich nicht lassen, + Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen -- + Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen. + Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden, + Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit! + Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst, + Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst! + Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt, + Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt, + Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte, + Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte, + Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte, + Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte, + Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach, + Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach, + Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich! + Was immer du sendest, ich lobe dich, + Herr, höre mein Wort und erprobe mich! + +DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend): + +Verräter ... steiniget ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für +unsere Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ... +Lästerer ... Steiniget ihn ... + +DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend): + +Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ... + +DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei): + +Ja ... ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ... +steiniget ihn ... kreuziget ihn ... + +JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase): + + Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her! + Die Lanze rammt mir ein und den Speer, + Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich, + Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich, + Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, -- + Ich will ja nur für euch alle und alle + Vor Gott das selige Sühnopfer sein. + Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm, + Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen + Mein brennendes Herz und erbarmet sich + Und rettet und rettet Jerusalem! + + (DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere + werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.) + +STIMMEN: + +Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... Kreuziget ihn ... +Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ... + +ANDERE STIMMEN: + +Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm ... Er rast ... laßt ab ... + +ANDERE STIMMEN: + +Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht. + +JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet): + + Was zögert ihr noch? Den seligen Preis + Des Martertods, ich will ihn bezahlen! + Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen, + Denn ich weiß, + Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein, + Wird der selige Mittler und Fürbitter sein. + Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen, + Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen, + Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen, + Das erlösende Wort des Friedens aussprechen, + Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden, + Seine Qual die ewige Liebe auf Erden. + Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben, + Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen, + Doch seine Seele wird flügelnd mit allen + Sünden der Menschen zu Gott aufschweben + Und dort der Bitter und Bote sein! + Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde, + Meine Seele verzehrt und verlodert sich! + Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde! + Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich! + + (DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit + sich. Sie schlagen auf ihn ein.) + +STIMMEN: + +Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der +Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ... + + (Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in + wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und + gebärden sich wie Tolle.) + +WILDE STIMMEN: + +Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind in der Stadt ... Die Chaldäer +über uns ... Verloren ... Israel ist verloren ... + +NEUE FLÜCHTIGE: + +Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... Jerusalem ist gefallen ... +Rettet euch ... Die Chaldäer ... + +NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf): + +Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ... +Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem! + + (DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie + lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze + Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und + Flucht.) + + + + +DAS ACHTE BILD + +DIE UMKEHR + + »Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.« + + Hiob XXXIV, 36. + + + Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen + und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des + unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und + liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis + zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut + liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter. + + Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in + Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen + vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein + Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern. + + Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach + Sonnenuntergang. + +DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu +den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der +Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen +sie im murmelnden Chore mit): + + Höre, oh höre, du Hirte Israels, + Der du Josefs hütest wie der Schafe, + Erscheine, der du sitzest über Cherubim, + Erscheine, erwecke deine Gewalt! + +DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd): + +Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt! + +DER ÄLTESTE: + + Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns, + Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! + Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke, + Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken? + Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth, + Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! + +DIE ANDERN: + +Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! + +DER ÄLTESTE: + + Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet + Und eingepflanzt in der Heiden Land, + Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen, + Gehügel und Berge deckte sein Schatten + Und sprossende Reben die Zedern des Tals, + Doch wehe, + Die Fremden haben die Reben zerrissen, + Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet, + Festiglich war er, und wüst ist er nun! + +DIE ANDERN: + + Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth, + Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! + +DER ÄLTESTE: + + Nicht denke der Sünden, so wir begingen, + Erbarme dich unser, eh wir vergehn, + Denn dünn und schwank schon sind wir geworden, + Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod, + Nicht denke der Sünden, so wir begingen, + Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens, + Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde! + Erscheine! Erwecke deine Gewalt! + +DIE ANDERN: + +Erscheine! Erwecke deine Gewalt! + +ANDERE (flehentlich): + +Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! + +DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut +aufschreiend): + +Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich +verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser! + +DIE FRAU (neben ihm): + +Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst. + +DER ÄLTESTE: + +Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben. + +EIN ANDERER: + +Sie töten uns, wenn sie uns entdecken! + +DER VERWUNDETE: + +Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... ich ertrage es nicht ... es +frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir +Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!... + +EIN MANN: + +Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns. + +DIE FRAU: + +Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich +ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber ... +Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole +dir Wasser ... da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ... +so ... + + (DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein + Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.) + + (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder + niedergelassen.) + +EINER: + +Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort. + +EIN ANDERER: + +Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung! + +ANDERE: + +Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais Stamm ... die +Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein Herz ... vom Erlöser lies ... +unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts ... + + (DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen + beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.) + +EINE FRAU (ängstlich): + +Es hat gepocht! + +EINE ANDERE (erregt): + +Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt! + +EIN MANN: + +Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen +den Gang. Tut ihm auf! + +DIE FRAU: + +Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu! + +DER ÄLTESTE: + +Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe). +Wer ist es? + + (EINE STIMME von außen antwortet.) + +DER ÄLTESTE: + +Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft +gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie +ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt, +wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und +unbeteiligt.) + +ALLE (wild durcheinander): + +Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein +Weib ... mein Haus, haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo +ist der König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte, +Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was geschieht +mit uns ... Erzähle ... + +DER ÄLTESTE: + +Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und +die Stadt! + +ZEFANJA: + +Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als +dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen +zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde. +Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht +Salomos Burg. + +ALLE: + +Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ... + +ZEFANJA: + +Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den +Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein +des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus +seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die +Leuchter geraubt von den Wänden. + +DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend): + +Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies +mein Gewand! + +STIMMEN: + +Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die Verheißung ... wo sind +unsere Führer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ... +Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ... + +ZEFANJA: + +Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner +Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt. + +ALLE: + +Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit Abodassar ... +Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ... + +ZEFANJA: + +Nicht fraget mich ... ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott. + +ALLE (durcheinander): + +Und sage, auch Nachum ... antworte ... die Kinder des Königs ... +Absalon, mein Schwäher ... + +ZEFANJA: + +Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten +Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia. + +STIMMEN: + +Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum gerade ihn ... Ein +Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm +Schonung? + +ZEFANJA: + +Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide. + +STIMMEN: + +Was ist mit ihm ... ist er gefangen?... + +ZEFANJA: + +Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten +im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen +mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar. + +STIMMEN: + +Und er ... was tat er? + +ZEFANJA: + +Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn +in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines +nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll +waren mit Grauen und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann +ward Zedekia geblendet ... + +JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in +furchtbarstem Entsetzen): + +Geblendet, sagst du ... geblendet ... + +ZEFANJA: + +Wer ist dieser? + +STIMMEN: + +Sprich nicht mit ihm ... sieh ihn nicht an ... Schweiget ... nicht +nennet den Namen des Verruchten ... Fluch ist auf ihm ... fort ... +Sprich nicht zu ihm ... + +ZEFANJA: + +Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme. + +STIMMEN: + +Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht zu uns ... ein +Ausgestoßener ist es des Herrn... + +EINE FRAU: + +Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel +und Galle -- Jeremias, Jeremias! + +ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend): + +Jeremias! + +JEREMIAS: + +Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu +fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich +an und geh deines Wegs! + +ZEFANJA (schauernd): + +Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein, +ich tat dir nichts! Nicht fluche mir! + +JEREMIAS: + +Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich +segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort, +ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn +Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel. + +ZEFANJA (noch mehr schauernd): + +Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet +mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich +kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen +nicht hören, ohne zu schauern. + +DER ÄLTESTE: + +Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die +Schmach seine Heimstatt. + +ZEFANJA: + +Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... er hat es gewußt ... +er hat es gewußt voraus ... er ... er allein ... und er hat ihn +gerufen ... der König ... er ... er ... + +DER ÄLTESTE: + +Wer hat ihn gerufen? + +ZEFANJA (ganz entgeistert): + +Er ... er hat ihn gerufen ... der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen +Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder +schlüge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen +waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, wie +sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten griffen, +da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie +auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er +schrie: »Jeremias!« »Jeremias!« + + (ALLE schauern zurück.) + +ZEFANJA: + +Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen +zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias ... Jeremias... Wo bist du, +Verkünder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er +gerufen ... Er hat es gewußt ... + + (ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.) + +JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend): + +Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich +gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf +nicht ... Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ... +er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... nicht ich ... +Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ... +es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ... + +ZEFANJA: + +Was redet er? + +EIN WEIB: + +Wahnsinn hat ihn befallen. + +EIN ANDERER: + +Ein Rasender ist er. + +EIN MANN: + +Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... ein Weiser ist +er ... ein Profet ... + +JEREMIAS: + +Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein +Wort ist mein Wille nicht ... Macht ist über mir ... Er ... Er ... Der +Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein +Hauch ... seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ +mich bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich +geworden ... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ... Er ... der +Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das Bittere in meinen +Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust ... wen er faßt, der +Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... oh, daß er mich freigäbe, den +Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden +seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich +will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem +Fluche ... laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ... +ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ... + +DIE STIMMEN: + +Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe ... die Krämpfe ... wie eine +Gebärerin windet er sich ... weichet von ihm ... hört ihn nicht an ... +Gott hat ihn gestraft ... + + (JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.) + +DIE STIMMEN: + +Sehet ... seht ... Die Hand des Herrn hat ihn getroffen ... Wahnsinn hat +ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ... + + (ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias + fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige + Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich + von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.) + +ZEFANJA: + +Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils! + +ALLE (um ihn): + +Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet der Ruf ... Lasset den +Narren ... Sprich, Zefanja ... welche Botschaft ... + +ZEFANJA: + +Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes. + +STIMMEN: + +Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, sie zu hören ... dürfen +wirs wagen ... sprich, Zefanja ... + +ZEFANJA: + +Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen. + +STIMMEN: + +Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was ist uns verhängt ... + +ZEFANJA: + +Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden. + + (STIMMEN in Schreckensschreien.) + +ZEFANJA: + +Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von +der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die +Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß +wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von +hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben +aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten +Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt +heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen +es lüstet, sie zu vernehmen! + + (DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.) + +STIMMEN: + +Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ... + +DER ÄLTESTE: + +Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ... + +ZEFANJA: + +Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich +rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die +Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der +Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert. + +DER ÄLTESTE: + +Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne +Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert! + +EIN WEIB: + +Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber +sind mein Erbe, ich will es behüten. + +EIN MANN: + +Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm +würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind +meine Lider in fremder Welt. + +STIMMEN (begeistert): + +Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das +Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... sterben für Gott ... +sterben ... lieber sterben ... + +DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend): + +Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben +will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht sterben ... wer +wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... nicht ... nicht sterben ... +leben, leben, leben!... + +DIE FRAU (zu ihm hinstürzend): + +Beruhige dich ... ich trage dich. + +DER KRANKE (fiebernd): + +Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen ... nur nicht sterben ... nur +nicht sterben ... + +DER ÄLTESTE: + +Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert ... +er weiß nicht, was er redet ... + +DER KRANKE (in fiebriger Wut): + +Ich weiß ... ich weiß ... ich habe den Tod gespürt ... nur nicht +sterben ... Lieber verbrennen, lieber leiden ... aber doch Leben noch +fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht +sterben ... leben ... leben ... + +EINE JUNGE FRAU: + +Ja, auch ich will leben ... ich habe noch nichts geschaut, nichts +gefühlt ... meine Glieder blühn noch ... ich spüre mich ... ich will +nicht ins Kalte ... ich will nicht ... ich gehe mit dir ... +überallhin ... überallhin ... + +EIN ANDERES WEIB: + +Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden? + +DIE JUNGE FRAU: + +Alles ... alles ... nur leben, nur leben ... + +DER KRANKE: + +Leben ... alles leiden, alle Qualen ... aber leben ... + +EIN MANN (wild): + +Kein Leben ohne Gott ... kein Leben ohne Jerusalem ... + +ANDERE STIMMEN (durcheinander): + +Lieber sterben ... lieber sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ... +nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ... + + (DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.) + +EINER: + +Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir +stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht +locken! Sterben wir mit Jerusalem! + +DER ÄLTESTE: + +Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen +klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie +könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu +schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde +versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit +meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem, +Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein +Tod! + +ZEFANJA: + +Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe +ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der +Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein +Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben. +Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft, +daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit +krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich +verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit +noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual, +oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein! + +DER KRANKE (sich aufrichtend): + +Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen! +Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über +Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen. +Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen +die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein +eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen! +Leben, oh, leben, nur leben! + +DER ÄLTESTE: + +Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn +rücklings lassen in Schutt und Schande? + +EIN MANN: + +Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste. + +EINE FRAU: + +Wir wollen seiner gedenken im Gebet. + +DER ÄLTESTE: + +Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und +Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer +leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu. + +EIN MANN: + +Ein neues Haus wollen wir ihm bauen. + +DER ÄLTESTE: + +Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein. + +STIMMEN: + +Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns ... auch aus dem Golus +wird er uns hören ... auch dort werden wir gläubig sein ... unter allen +Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege ... + +DER ÄLTESTE: + +Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus, +hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar. + +STIMMEN (widerstreitend): + +Nein ... überall ist er ... hier ist er allein ... überall ... allerorts +ist er ... er wird sich uns weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist +sein Haus ... überall ist er ... überall ... nur hier ist sein +Antlitz ... + +JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch): + +Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer +gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die +ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der +Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der +Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er! + +DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen +aufzuckend zum Himmel fahrend): + +Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen! + +JEREMIAS (immer heißer): + +Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen +Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt +sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes +Lästerer, er, nur er! + +DER ÄLTESTE: + +Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein +Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen! + +JEREMIAS (immer mehr sich entzündend): + +Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig +wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um +seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich +geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem +Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen +meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war +seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen +Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor +Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich +meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht, +weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil +ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem! +Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort. +Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder +lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun, +da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er, +daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an +meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie +du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet +mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich +diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich +zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße +ihn! + +STIMMEN (durcheinander): + +Er ist rasend ... er lästert Gott ... fort von ihm ... Gott wütet in +ihm ... Irrwitz hat ihn befallen. + +JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend): + + So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich! + Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich! + Sag an, + Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte, + Ob je ich gemüdet und aufbegehrte? + So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich, + Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich! + Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, + Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden, + Und da meine Seele in Flammen stand, + Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt; + Was wars, als dein rasender Wille nur, + Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr? + Ich war die Drossel, die sie umkrampfte, + Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte, + Ich war die Säge, die sie zerkreischte, + Der Stachel, der sie lebendig entfleischte, + Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte, + Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte, + Der Brand, der an ihren Knochen fraß, + Der Dorn, der in ihrem Fleische saß, + Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte, + Der Henker, der sie zerpfählte und quälte, + Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte -- + Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte, + Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier, + So diente ich dir! So diente ich dir! + Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte, + Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte, + Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie, + Ich zäumte es nieder und züchtigte sie. + +STIMMEN: + +Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn +verbrennt ... Irrwitz redet er ... + +JEREMIAS: + + Aber ich sage mich los! + Ich tu nicht länger nach deinem Begehr, + Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr! + Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus, + Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus! + Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen, + Den harten Hasser, den Mitleidslosen, + Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt, + Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt! + Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein, + Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein! + Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet, + Dessen Hand die ewige Liebe aussäet, + Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen, + Dessen Seele Glut ist von allem warmen + Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist, + Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist! + Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein, + Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein, + Sie schlagen wie Flammen in mich hinein! + Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast, + Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast, + Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast, + Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast, + Mich ruft der König, den du geblendet, + Dein Altar, den du dir selber geschändet: + Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten + Urmächtigen Leidens mir zugesendet, + Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten, + Und mein Herz erhört sie -- es hat sich gewendet: + Gewendet von dir, der du hassend und hart bist + Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist, + Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern, + Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern! + Nur ihnen, nur ihnen + Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme, + Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie -- + Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie! + +DER ÄLTESTE: + +Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ... + +STIMMEN: + +Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges +träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ... + +JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt): + + Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht, + Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit! + Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet, + Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht, + Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht, + Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet. + Ich meinte, daß ich der Große bin, + Wenn seinen Namen ich wider euch reckte + Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, -- + Doch ich reiße mich los und verstoße ihn! + Und ob ich hoffärtig an euch getan, + Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an! + Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht, + Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht, + Zu euren Füßen werf ich mich hin, + Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin! + + (DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.) + +JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien): + + Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht, + Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid + Und ich der jüngste, geringste von allen! + Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen + Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen, + Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen, + Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre, + Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre, + Sich frech und mahnend wider euch kehren. + Das Letzte, das Niederste will ich euch tun, + Das ihr mir auflegt als Buße und Pein, + Den Staub will ich küssen von euren Schuhn + Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein. + Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid, + Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit, + Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht! + +DER ÄLTESTE: + +Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet. + +STIMMEN: + +Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus +unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ... +fort ... + +JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei): + +Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich +zusammen.) + +STIMMEN: + +Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nähe +den Atem ... Wahnsinn ist über ihm ... hinaus mit ihm ... tötet ihn ... +schlagt ihn nieder ... + +DER ÄLTESTE: + +Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn +die unsere. + + (EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.) + +ALLE (durcheinander): + +Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines +Gebieters ... es ist keiner der unsern ... + + (DAS POCHEN, heftiger und eiliger.) + +ALLE (durcheinander): + +Wie er drängt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzürnen ... +laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer ... man muß auftun ... er +erzürnt sonst. + +DER ÄLTESTE: + +Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde? + + (DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird + hastig aufgestoßen und herein stürzt) + +BARUCH (verstörten Gesichts): + +Brüder, ist Jeremias hier? + +DER ÄLTESTE: + +Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus! + +BARUCH: + +Ist er hier? Man hat mirs gesagt. + +DER ÄLTESTE: + +Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen +Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes +Hand. + +BARUCH (hinstürzend): + +Jeremias! Jeremias! + +JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd +ihn anstarrend): + +Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch? + +BARUCH: + +Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd +meine Stimme? + +JEREMIAS: + +Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem +im Maule hast! Laß mich liegen und faulen! + +BARUCH: + +Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie +fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen! + +JEREMIAS: + +Wer sucht mich noch auf dieser Welt? + +BARUCH: + +Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen +nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus. + +JEREMIAS: + +Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod! + +BARUCH: + +Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt; +alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch, +daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel. + +JEREMIAS: + +Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod! + +BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd): + +Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist +Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod +schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner. + +JEREMIAS: + +Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der +Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in +Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die +Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich +versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte +ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die +Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen +Qual wider die Gottesqual. + +BARUCH: + +Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein +Leben nicht, ich lasse es nicht! + +JEREMIAS: + +Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen! + +BARUCH (ihn umschlingend): + +Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir. + + (HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.) + +ALLE (stürzen in die Winkel): + +Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat +das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn +aus ... + +BARUCH (entsetzt): + +Es ist zu spät ... sie sind da ... + +JEREMIAS: + +Tu ihnen auf, Baruch! + + (BARUCH zögert.) + +JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender +Stimme): + +Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine +Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet, +gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser! + + (BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.) + + (NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.) + +JEREMIAS (mächtig): + +Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf! + + (BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.) + + (DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein + Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte + Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich + geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden + Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel + zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.) + +DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend): + +Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von +Anathoth? + +JEREMIAS: + +Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß. + + (DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias + nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden + anderen tun desgleichen.) + + (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.) + +DER GESANDTE (sich aufrichtend): + +Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder +des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder +dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem +Gehaben.) + + (JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.) + +DER GESANDTE: + +Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von +Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des +Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward +Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang +kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind +geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen, +aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat +deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun +dürstet sein Auge, dich zu schauen. + +JEREMIAS: + +Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort! + +DER GESANDTE: + +Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die +verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die +Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht +ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten +gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen, +und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch. + +JEREMIAS: + +Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und +müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst. + +DER GESANDTE: + +Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt, +sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du +seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne +zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein +Ausgang und Eingang in seinem Palast. + +JEREMIAS: + +Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge +es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet, +doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag +nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren +scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener +Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion. +Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem +Gnadelosen, ich mag sie nicht. + +DER GESANDTE: + +Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs +Botschaft will Gehorsam. + +JEREMIAS: + +Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du +gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu +Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen +keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel +Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine +Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du +mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich +will dich nicht finden.« + +DER GESANDTE: + +Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz +fordert! + +JEREMIAS: + +Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich! + +DER GESANDTE: + +Noch nie ward Weigerung ihm geboten. + +JEREMIAS: + +Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn +fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein +Zorn. + +DER GESANDTE: + +Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du +liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben! + +JEREMIAS (entbrennend): + +Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch +Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner +mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu +schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die +Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie +gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten +soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem +Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und +dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und +mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs? + +DER GESANDTE: + +Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg. + +JEREMIAS: + +Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die +Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er +seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er +sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen +ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht. +Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet +werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist +da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für +Jerusalem! + + (DER GESANDTE schrickt zurück.) + +DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit +begeistert): + +Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es! + +JEREMIAS (ganz in Glut): + +Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und +gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß +die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich +es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh +dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in +Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der +Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind +wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die +Tage Assurs und gezückt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert +wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild! +Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt, +es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger, +reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten +und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.« + + (DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und + halten die Hände abwehrend vor sich.) + +DER ÄLTESTE (in Ekstase): + +Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine +Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort! + +EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um +ihn gesammelt. Flehentlich): + +Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn! + +JEREMIAS: + +Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels +hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist +da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein +Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die +Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren, +schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am +Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein +Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen +Schwert. + +DER ÄLTESTE (ekstatisch): + +So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen! + +DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die +Begeisterung): + +Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, erfülle sein +Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... sende den Rächer ... +fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, Gott ... erhöre ihn ... + + (DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.) + +JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase): + +Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu +knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem? +Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine +Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf +Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird +unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er +hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären +wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird +die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher +mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des +Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße +Israel, daß er versäumte Jerusalem! + + (DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.) + +DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten +seine Rede mit hymnischem Zuruf): + +Segen auf dein Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht +Jerusalem ... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf dein +Wort ... Segen über dich! + +JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten): + +Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen +Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In +Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den +Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner +Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten +und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes, +aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den +Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt +seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder +und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer +Stunde: + + Stehe auf, Jerusalem, + Stehe auf, du Gekränkte, + Und fürchte dich nicht, + Denn ich erbarmte mich dein. + Ich habe dir gezürnet + Und dich einen kleinen Augenblick verlassen, + Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern, + Und ich zürne nicht ewiglich. + Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist + Und die Verstoßene einen Tag, + Sollst du die Prächtige sein für und für + Und die Erhobene in aller Ewigkeit. + Ich will dich schmücken mit meiner Liebe + Und gürten mit meinem Frieden, + Mein Antlitz hat sich dir zugewendet, + Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt. + So stehe auf, Jerusalem, + Stehe auf, + Denn ich hab dich erlöset! + +DER ÄLTESTE: + +Segen über dein Wort und Erfüllung! + +DIE ANDERN: + +Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhöre uns ... erlöse +Jerusalem ... erlöse Jerusalem ... + +JEREMIAS: + +Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den +wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das +Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt +ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut. +Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar +die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen +in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels +Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den +Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen +Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger +kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan +und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die +Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es +jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus +den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die +Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte, +sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es +schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der +Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede +Jerusalems! + +DIE ANDERN: + +Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... tue also, wie er +gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... laß +uns auferstehen ... laß uns auferstehen ... + +JEREMIAS: + + Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen, + Die wir so lange die klagenden Knechte + Im düsteren Zinshaus der Fremde waren, + Da werden wir gläubig zusammentreten, + Da werden wir sprechen, da werden wir beten: + »Gesegnet seist du, Herr Zebaoth, + Der du groß und gnädig an uns hast getan! + An den Wassern von Babel saßen wir bangend + Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot, + Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen, + Denn unsere Seele war heimverlangend + Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod. + Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen + Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an, + Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens, + Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt, + Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens + Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt, + Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte, + Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt, + Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte + Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt. + Oh, seht + Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande, + Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden! + Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel, + Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet, + Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten, + Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten! + Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton, + Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male, + Umschatte uns, Karmel und Libanon, + Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt! + Und du, + Du selige Stadt, geliebt und verloren, + Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen, + Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen, + Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön, + Wach auf und laß deinen Jubel erschallen, + Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!« + +DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend, +seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit): + +Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheißung ... Jerusalem ... +Jerusalem ... + +BARUCH (zu seinen Knien): + +Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen, +wie selig deine Erleuchtung! + +DER ÄLTESTE: + +Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen +über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung! + +EINE FRAU: + +Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm +auf und hellen den Raum. + +EINE ANDERE: + +Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt! + +DER KRANKE: + +Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich +lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch. + +ZEFANJA: + +Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias. + +JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase +erwachend und erschreckt um sich blickend): + +Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht +Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte, +drei Männer kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo +sind sie hin ... + +DER ÄLTESTE: + +Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht. + +ANDERE: + +Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn über +sie. + +JEREMIAS (immer verwirrter): + +Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs +von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr +mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um +mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich +an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit +euch? + +DER ÄLTESTE: + +Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von +dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet, +welche Verheißung! + +EIN MANN: + +Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter! + +EIN WEIB: + +Mein Herz mir mit Manna gespeist. + +STIMMEN: + +Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner +Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren +werden wir, oh, seliges Wort ... + +JEREMIAS (ergriffen): + +Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll +zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein +Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun +ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand +spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu! +Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen? + +DER ÄLTESTE: + +Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede +nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner +vordem! + +EINER: + +Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich, +Gebenedeiter! + +EIN ANDERER: + +Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt +bereitet. + +EIN ANDERER: + +Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele +wird ihm nicht mehr erliegen. + +EINE FRAU: + +Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich. + +JEREMIAS: + +Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe, +der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der +nächtigsten aller, ein liebendes Wort! + +EIN WEIB: + +Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben! +Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts! + +DER KRANKE: + +Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spüre die +Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie +Elia ... ein Wunder hast du an mir getan. + +DAS WEIB: + +Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich +bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ... + +STIMMEN (ekstatisch): + +Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ... +Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein +Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!... + +JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise): + +Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ... +ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht +ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr +Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde +an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner +Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in +meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem +Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein +steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er +mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh, +ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich +habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen, +und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich +erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein +Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und +nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein. + +DER ÄLTESTE (ekstatisch): + +Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir! + +JEREMIAS: + +Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch +ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht +fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt, +dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn +wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich +umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem +Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte, +gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein +gläubiges Wort! + + (Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:) + + Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet, + Als ich mich wehrte und von dir gekehrt, + Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet, + So segn ich, solang mir mein Leben währt. + Ich segne dich, daß du das würzige Brot + Des Wortes in meine Lippen getan, + Damit ich dich preise in Leben und Tod, + Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist, + Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist. + Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt + Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast, + Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid, + Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst + Und flammend mit deiner Allfältigkeit + Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst, + Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet, + Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest, + Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet, + Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet, + Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt + Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt, + Selig, der sich an dich verloren, + Selig, den du dir auserkoren, + Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt, + Selig dein lauschender Spiegel, die Welt, + Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben, + Selig der Tod und selig das Leben! + +BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend): + +Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein +Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre +Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um +Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen +Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den +Wassern des Lebens! + +DER ÄLTESTE: + +Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus +dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus! + +STIMME: + +Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib +ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkündigung ... gib +Verheißung ... + +JEREMIAS (sich aufrichtend): + +Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin +ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine +Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den +Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten, +daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem! + + (JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.) + +DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen +klingen ekstatisch durcheinander): + +Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr +Gottes ... Ewig währet Jerusalem ... + + + + +DAS NEUNTE BILD + +DER EWIGE WEG + + »Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht + der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch + gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und + ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen + werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und + will euer Gefängnis wenden.« + + Jer. XIX, 11--14. + + + Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun + mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung. + + Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat + beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der + strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch + rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter + wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos + Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische + Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das + Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die + Vertriebenen. + + Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer + mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden + Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich + aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von + Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich + kündet. + +STIMMEN: + +Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch +zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, daß +ihr die ersten seid ... + +ANDERE STIMMEN: + +Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere +Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran +sein ... + +EIN ALTER: + +Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ... + +DIE ANDERN STIMMEN: + +Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt ist die Schrift ... wer bist du, +daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es +gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist +entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ... +verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der +Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns +deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns +Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des +Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ... +selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ... +wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht +wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht +verbrannt, sein Altar nicht gestürzt ... ließ er nicht sinken seine +heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft +gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die +Verheißung ... lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht +mehr ... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir ... +daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns wäre ... der +König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ... +er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was +ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh, +Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker +Hand ... nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind +wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ... +lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ... + +EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel): + +Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ... +die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht +fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den +Tieren, führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ... +wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon Morgen +würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wünschest du, bete, +daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ... +ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere +Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den +Heiden zeigen ... wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser +beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr +geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die +unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels, +sie dürfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus müssen wir +ziehen ... ach, bräche doch nie dieser Tag über uns ... wehe uns, weh +unsern Kindern, den Knechten der Fremde ... + + (GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von + Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In + ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern, + daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.) + +DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander): + +So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht +falle, du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ... +nicht kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die +Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern +erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir +Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ... + + (DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der + Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein + matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz + hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.) + + (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.) + +STIMMEN: + +Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist +er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ... +seine Blicke sind verschnürt ... wie er die Hände hebt ... wer ist er ... +nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ... + + (EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.) + +EINER (plötzlich aufschreiend): + +Zedekia! + +DIE MENGE (durcheinander): + +Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ... + +ZEDEKIA (unsicher): + +Wer ruft mich?... + +STIMMEN: + +Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die +Ägypter ... wo ist Zion ... + +ANDERE STIMMEN: + +Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn +unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Könige ... ehret den Dulder ... + +ANDERE STIMMEN: + +Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib +sie mir wieder ... Fluch über den Mörder Israels ... sein ist die +Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben? + +ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet): + +Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist? + +DER FÜHRENDE: + +Herr, Unglückliche sind es! + +STIMMEN: + +Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits +möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ... + +ZEDEKIA: + +Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem +Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hören ... ihr Haß brennt auf meine +Wunden ... in den Tempel. + +DER FÜHRENDE: + +Herr, der Tempel ist nicht mehr. + +ZEDEKIA: + +Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer tötet +mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen, +daß sie ein Ende machen. + +DER ÄLTESTE: + +Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet +ihr einander, da der Feind uns würget? + +STIMMEN: + +Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er +brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Söhne geschlagen ... +ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr König sein ... nein ... +nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er +soll nicht König sein ... nein ... + +ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit): + +Führ mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch +reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen. + +EINE FRAU: + +Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin. + + (ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.) + +DER ÄLTESTE: + +Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist +er von Gott. + +STIMMEN: + +Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann er König sein in +Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine +Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters ... oh, daß Mose uns +erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter ... ein +Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rüstet zur +Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins +Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ... + + (EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.) + +STIMMEN: + +Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr sie tönen ... nein, es +ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ... +Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ... +oh, Qual ... + + (DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.) + +STIMMEN: + +Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns +fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde +jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschließet die Ohren ... weh, +ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu +müssen ... wohin flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ... +wem sollen wir klagen? + + (DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge. + Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich + jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.) + +EINER (aus der Menge): + +Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ... + +STIMMEN: + +Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn +Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene müssen es sein ... +die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie +umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlägt +die Zimbel das rasende Weib ... + + (DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der + Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die + Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst + und feierlich.) + +STIMMEN DER NAHENDEN: + +Hosianna ... Verkündigung ... ewig währet Jerusalem ... oh, selige +Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die +Tröstung ... Hosianna ... ewig währet Jerusalem ... + +STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung): + +Sie sind rasend ... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna +rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede +auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh, +Tröstung, wer gibt uns Tröstung ... + +EINER: + +Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten? + +STIMMEN: + +Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um +diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er +gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Süßes kommen von dem +Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ... + +BARUCH: + +Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes, +mit dem Brote des Lebens! + +STIMMEN: + +Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geißel schlägt +er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie +haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ... +hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere +Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger! + +BARUCH: + +Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten, +ihr Gottesbrüder! + +DER KRANKE: + +Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein +Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge ... + +STIMMEN: + +Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet er, und wir +bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein Herz ... mich trösten einzig +Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er +aufbaun die zederne Burg ... nein, höret ihn ... wehe uns ... + +DAS WEIB: + +Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und +dreimal hast du uns gesegnet. + +BARUCH: + +Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar +ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer! + +JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen): + +Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure +Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr? + +STIMMEN: + +Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er höhnt uns ... +er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ... +sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen +der Toten ... er spottet unserer Tränen ... schweige ... nein, höret +ihn ... lasset ihn reden ... + +JEREMIAS: + +Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß +ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch +geschenkt ... + +EINE STIMME: + +Wehe, welch ein Leben! + +JEREMIAS: + +Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der +Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren, +doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget +und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren +Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung! + +STIMMEN: + +Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so +richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht +unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ... + +JEREMIAS: + +Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und +eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch +unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung +nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen! + +STIMMEN: + +Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwählten ... warum +ist so hart diese Prüfung ... + +JEREMIAS: + +Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist +klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen +sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter +Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens +werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen +Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den +Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er +hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder, +immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen. + +STIMMEN: + +Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ... +ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum +weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht« ... Ja, ja ... so +steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir +getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an +wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Tröstung ist in seinen +Worten ... + +JEREMIAS: + +Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine +Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr +Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres +Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns +geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset +uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen. +Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des +Allmächtigen nicht! + +STIMMEN: + +Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prüfung ... ich will +die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in +Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch uns wird er hören ... +ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... sage, du Verkünder, wird +er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlöst er uns von +Babel ... laß es uns glauben ... + +JEREMIAS: + +Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn +wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern +Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren, +nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir +erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal +unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie +darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset +ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du +Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig +Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen. + +STIMMEN: + +Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf +mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns +ausführen, wie er uns führte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ... +Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter ... + +JEREMIAS: + +So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen +Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten +tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um +seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles +verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere +Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und +zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind +vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten +ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale +Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das +Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die +Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen +Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der +einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket +Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr +Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns +ihr erwählte in alle Ewigkeit! + + (DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen + heben sich rhythmisch die Chöre.) + +STIMMEN: + + Knechte Mizraims + Waren die Väter, + Eiserne Zäume + Preßten und banden + Israels Stirn. + Knechte und Vögte + Schlugen die Klage + Auf dienendem Rücken + Mit Peitschen entzwei, + Schlugen die Kinder + Mit tödlichem Erz. + +HELLERE STIMMEN: + + Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte, + Fand uns Gottes erbarmender Blick, + Einen Befreier in niederem Schoße + Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach. + In seine Zunge ergoß er die Rede + Und in seine Hände der Zeichen Gewalt. + Aufhub Mose das Volk, das bedrückte, + Aus seiner Rede glänzte uns Heimat, + Und wir ließen das bittere Land. + +JUBELNDE STIMMEN: + + Und die Siebzig dereinstens gekommen, + Tausend und Tausend kehrten darwider, + Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren, + Ein starkes Geschlechte zogen wir aus. + Säule des Rauchs und Säule des Feuers + Zogen voran den seligen Blicken, + Engel des Herrn flogen hell vor uns her. + Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes! + Oh, erste Einkehr und Wiederkehr! + +JEREMIAS: + + Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung! + Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet + sie! + +STIMMEN: + + Hinter uns jagten, + Schäumender Nüster, + Rosse und Wagen + Pharaos Heer. + Über uns schollen + Schon Schreie der Rache, + Vor uns war Meerflut + Und hinter uns Tod. + +HELLERE STIMMEN: + + Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe, + Weit voneinander riß er die Fluten, + Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang, + Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade, + Und wir wandelten trockenen Fußes + Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht. + +JAUCHZENDE STIMMEN: + + Klirrend folgten die gierigen Feinde, + Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse + Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei, + Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder, + Brandend zerschäumten die wassernen Mauern, + Über sie stürmte das blaue Verhängnis, + Rosse und Wagen erwürgte das Meer! + +ERNSTE STIMMEN: + + So zerbrach der Herr die Gefahren, + Heil entriß er das Volk seiner Haft. + Oh, großer Anhub der wunderbaren, + Selig unseligen Wanderschaft! + +JEREMIAS: + +Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der +Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet +sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem +Gottesland! + +STIMMEN: + + Brach die Kehle, + Leer die Lippen, + Ausgedürstet + Und verschmachtet + Wankten wir + Im leeren Land. + +JAUCHZENDE STIMMEN: + + Da reckte Mose, der Gottesgesandte, + Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein. + Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken, + Wasser netzte die lechzende Lippe, + Kühlung umspülte den staubigen Fuß. + +HELLERE STIMMEN: + + Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung, + Wunder durchrauschten den brennenden Tag, + Bittere Bronnen wurden zu süßen, + Würzige Wachteln herblies der Wind, + Und als Hunger feurigen Eisens + Unsere Eingeweide zerriß, + Brach aus dem Morgen blendende Weiße: + Manna fiel nieder, das himmlische Brot! + +JEREMIAS: + +Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit +seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke! +Besinnet sie! Besinnet sie! + +STIMMEN: + + Völker standen + Auf in Waffen, + Neid und Habsucht + Sperrten Wege + Unsrer Fahrt, + Städte schlossen + Turm und Tore, + Speere starrten + Trotz und Tod. + +HELLERE STIMMEN: + + Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen + Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts, + Wider Tausend gab er uns Stärke, + Wider Zehntausend gab er uns Sieg. + +JAUCHZENDE STIMMEN: + + Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern, + Moab zerknickte, Amalek verging. + Mit dem Schwerte schlugen wir Wege + Durch den Zorn der Völker und Zeiten, + Bis unser Herz die Prüfung bestand, + Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe, + Kanaan, unser verheißenes Land. + Heimat durften die Schweifenden haben, + Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe, + Rebe entgrünte dem Wanderstabe, + Israel blühte, und Zion erstand. + +ALLE STIMMEN: + + Immer waren wir Pflüger im Joche, + Immer gebeugt und in Dienstbarkeit, + Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen, + Aus allen Kerkern uns heimbefreit, + Wo immer sie Not und Drängung uns schufen, + Immer hat er uns heimgerufen, + Und unsern Samen zur Blüte erneut! + +JEREMIAS: + + Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt. + Bedenket, bedenket, + Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket, + Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist. + So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung, + Segnet die Schickung, so uns geschah, + Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung, + Erniedrigung macht uns nur gottesnah, + Jeder Sturz führt höher in seine Reiche, + Denn nur die Besiegten wissen um ihn: + Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen! + Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn! + +STIMMEN (ekstatisch): + +Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns an ... wie die Väter wollen wir +leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet +an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die +Knechtschaft ... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ... +Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ... + +DIE STIMME ZEDEKIAS: + +Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe, +wer hebet mich auf? + +JEREMIAS: + +Wes Ruf ist dies? + +STIMMEN: + +Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du führe uns +an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... Laß den Verworfenen ... + +JEREMIAS: + +Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller +willen! + +STIMMEN: + +Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles +Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen Gottes ... Laß den Verfluchten! + +JEREMIAS: + +Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich +war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie +aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward? + +STIMMEN: + +Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebückten ... +Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen. + +JEREMIAS: + +Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits? + +STIMMEN: + +Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind +irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ... + +JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken): + +Zedekia! Mein König! + +ZEDEKIA: + +Bist du es, Jeremias, der mir nahet? + +JEREMIAS: + +Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich +in die Knie vor dem Könige.) + +ZEDEKIA: + +Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir +stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone +mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des +Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der +Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden. + +JEREMIAS (zu seinen Füßen): + +Ich bin bei dir ... mein König Zedekia. + +ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend): + +Wo bist du? Ich fühle dich nicht! + +JEREMIAS: + +Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht. + +ZEDEKIA (zitternd): + +Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das +Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube. + +JEREMIAS: + +Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr +königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die +Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich +mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den +Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du +der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung +Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr, +erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest +und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk! + +JEREMIAS (aufstehend, zum Volke): + + Sehet, sehet, + Leidensvolk, Gottesvolk, + Gott erhörte euer Begehr, + Er hat euch einen Führer gesandt! + Der Schmerzengekrönte, + Der Menschenverhöhnte, + Wer mag wie er, + König der selig Besiegten sein? + Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen, + Daß er besser schaue sein ewiges Reich, + Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen + Diesem als König der Duldenden gleich? + +ZEDEKIA: + +Wohin führest du mich? Was geschieht mir? + +JEREMIAS: + + Hebet ihn auf, + Den Hingesenkten, + Ehrt den Gekränkten + Mit sorgender Liebe! + Hüllet um ihn + Königsgewande + Und erneuet + Der Zeichen Gewalt, + Ehret, oh ehret + In ihm euer Leiden, + Als der Erste schreite er aus. + Zäumet die Rosse, + Rüstet die Sänfte, + Fürchtigen Armes + Hebet ihn hoch, + Denn er ist + Heiligste Bürde, + Israels Hort und königlich Haus. + + (EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und + betten den Blinden in eine Sänfte.) + + (EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf, + der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist + inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die + geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd, + vom morgendlichen Himmel aus.) + + (DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände + gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.) + +STIMMEN: + +Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist +angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... die Sonne nahet Jerusalem ... +rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen, +wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ... +Jerusalem ... Jerusalem! + +JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn +sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger +scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung): + + Auf, ihr Verstoßenen, + Auf, ihr Besiegten, + Rüstet zur Reise! + Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes, + Hebe dein Herz! + + (DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.) + +JEREMIAS (zur Stadt hingewandt): + + Zum letztenmal glänzen + Jerusalems Zinnen + In eure Tränen, + Leuchtet euch Höhe + Des heiligen Bergs! + Einmal noch hebet + Brennende Blicke, + Trinket der Heimat + Verlorenes Bild! + Trinket die Zinnen, + Trinket die Mauern, + Trinket die Türme + Der ewigen Stadt, + Trinket das Dürsten, + Sie wieder zu schauen, + Trinket, oh trinket Jerusalem! + +STIMMEN: + +Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt ich dich vergessen, +Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße, +Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige +Stadt! + +JEREMIAS: + + Einmal noch beuget + Fromm euch der Erde, + Einmal noch rühret + Die Grube der Väter + Fürchtiger Hand! + Erde, oh Erde, die ich verlasse, + Du blutgetränkte, + Du tränenversengte, + Sehet, ich fasse + Sie fromm mit liebenden Händen an. + Erde, Erde, ich schlinge dich, + Erde, Erde, durchdringe mich! + Bitteren Kloß + Würg ich die schluchzende Kehle hinab, + Doch deine Bitternis innen im Leibe + Entbrenne mir Seele und Eingeweide, + Daß ich ewig deiner gedenke, + Ewig deiner teilhaftig werde! + Erde, du heilige Vätererde, + Schenke + Mir ewig Begehren und ewigen Brand, + Ewigen Hunger und Heimverlangen + Nach Zion, unserm verlorenen Land! + +DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß +schlingend): + +Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring ein in mich ... würg meine +Seele, wie ich dich würge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Väter ... +oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ... + +JEREMIAS (sich erhebend): + + Doch nun du gespeiset + Bittere Sehnsucht, + Doch nun du getrunken + Brennendes Bild, + Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf! + Lasset die Toten, + Sie haben den Frieden, + Lasset die Mauern, + Sie stehen nicht auf, + Du doch erstehest + Ewig und ewig + Aus deinen Tiefen + In deinem Gott. + Auf, + Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise, + Blick in die Ferne, + Blick nicht zurück! + Die verweilen, + Haben die Heimat, + Doch die wandern, + Haben die Welt! + Auf, ihr Gebeugten, + Auf, ihr Besiegten, + Hebet die Stirnen + Über die Nöte + Wider die ewigen Morgenröten + Und der Gestirne + Wanderndes Zelt. + Gott hat die Straßen, + Die ihr beschreitet, + Wissend bereitet, + Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt! + + (DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und + Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.) + +EINER (vortretend): + + Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage, + Werden die Tale uns wieder gehören, + Wird einstens Israel wiederkehren, + Sag, schauen wir wieder Jerusalem? + +STIMMEN: + +Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem? + +JEREMIAS: + + Ewig wird inwendig es schauen, + Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist, + Und mit dem Maß seines Gottvertrauens + Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt. + Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde + Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde, + Schöner als wir es vordem gekannt, + Jede Fremde wird ihm das Gottesland! + Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet, + Wer glaubt, schaut immer Jerusalem! + +STIMMEN: + +Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der +Glaube ist unser Jerusalem! + +EIN ANDERER (vortretend): + +Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen? + +JEREMIAS: + + Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker, + Und das Leiden, das euch gelehrigt hat, + Ihr selber werdet die heiligen Werker, + Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt. + Aus euern Trauern erhebet die Mauern, + Und je tiefer die Völker euch niederbeugen, + Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen, + Um so schöner erstehet Jerusalem! + +STIMMEN: + +Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ... +laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die +Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem. + +EIN ANDERER: + +Doch sage, du Führer, wird es dann dauern? + +JEREMIAS: + + Steine bröckeln, es stürzen die Mauern + Irdischer Werke, die Reiche veralten, + Städte verschwemmen im Strome der Zeit, + Doch was die Seelen in Leiden gestalten, + Dauert in Gottes Allewigkeit. + Wer kann sie zerstören, + Die unsichtbaren, + Innen geschauten, + Tränenerbauten + Zinnen der heiligen Zuversicht, + Wer kann ihn uns rauben + Den seligen Glauben, + Wer stürzet des Herzens Jerusalem? + +STIMMEN: + +Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig +unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ... +oh, Zuversicht ... + +EIN ANDERER: + +Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele +Jerusalem? + +JEREMIAS: + + Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet + Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt, + Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet, + Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt, + An jeglichem Orte, + Wo euch Glaube inwohnet, + Überwölbt euch hell seine mauerne Krone: + Wer glüht, sieht ewig Jerusalem! + +STIMMEN: + +Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört +hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall +wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig +ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ... + + (DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell + geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der + wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld + und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.) + +JEREMIAS (hoch über ihnen): + + Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen + Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang -- + Hebe dich auf, in die Welt zu fahren, + Rüste und schreite unendlichen Gang! + Wirf deinen Samen + Willig ins Dunkel der Völker und Jahre, + Wandre dein Wandern und leide dein Leid! + Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare + Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit! + + (DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein + ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann + schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die + geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts + gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste + Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner + bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und + schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, + als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.) + +STIMME DER SCHREITENDEN: + + In fremden Häusern werden wir wohnen + Und brechen ein tränensalzenes Brot. + Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen + Und ängstend schlafen an feindlichem Herd. + Dunkel der Jahre wird über uns fallen, + Der Könige Fron und der Herrschenden Haft, + Doch unsere Seelen entwandern der Fremde + Und ruhen allzeit in Jerusalem. + +ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN: + + Aus weiten Wassern werden wir trinken, + Die bitter brennen dem sehnenden Mund, + Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten + Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind, + Doch keine Fremde wird uns zur Ferne, + Denn von den Sternen wehet uns Tröstung; + Träume der Heimat enttauchen den Nächten, + Und unsere Seele erstehet gekräftigt + Von der heiligen Zehrung Jerusalem! + +ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN: + + Auf fremden Straßen werden wir fahren, + Durch Land und Länder stößt uns der Wind, + Heimat um Heimat reißen die Völker + Uns von den brennenden Sohlen fort, + Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme, + Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt, + Doch selig, selig wir Weltbesiegten, + Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen, + Nirgends verschwistert und keinem genehm, + Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten + Zu unserer Seelen Jerusalem! + + (EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus + dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über + das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.) + +DER HAUPTMANN DER CHALDÄER: + +Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag +unter sie, wenn sie trotzig sind! + +EIN CHALDÄER: + +Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht! + +DER HAUPTMANN: + +Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde. + +DER CHALDÄER: + +Herr, sie klagen nicht. + +EIN ANDERER CHALDÄER: + +Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es +leuchtet in ihren Blicken. + +DIE CHALDÄER: + +Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie +einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen +sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in +seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in +dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies +eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein +Volk wie dieses ... + +STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden +Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist): + + Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten + Unendliche Straßen des Leidens entlang, + Ewig sind wir die ewig Besiegten, + Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten, + Niedrige Knechte niedrigen Frons, + Doch die Städte, sie sinken, es gleiten + Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne, + Und die hart unsere Rücken zerschlugen, + Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht. + Wir aber schreiten und schreiten und schreiten + Tiefer hinein in die eigene Kraft, + Die sich aus Erden die Ewigkeiten + Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft. + +DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN: + +Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist +über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie +nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ... + +EIN CHALDÄER: + +Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares, +das sie verzückt ... + +EIN ANDERER CHALDÄER: + +Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ... + +DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN: + +Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht +sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ... +man müßte es lernen von ihnen ... + +DER CHALDÄER: + +Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei +ihr Gott. + +DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten +unter ihnen auszuschreiten beginnen): + + Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden, + Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung, + Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte, + Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite, + Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute, + Wir aller Völker Spielball und Spott, + Wir einzig Heimatlosen der Erde, + Wir wandern in alle Ewigkeiten, + Die Letztgebliebnen + Unendlicher Schar + Heimwärts zu Gott, + Der aller Anfang und Ausgang war, + Bis daß er uns selber die Heimstatt werde, + Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren + Die Welt umwandert und leuchtend umkreist, + Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren: + Verlorenes Volk, unsterblicher Geist. + +DER CHALDÄER: + +Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf +diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott +sein. + +DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN: + +Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht +gesiegt über ihn? + +DER CHALDÄER: + +Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber +nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie +seinen Geist. + + (DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen + über Jerusalem und strahlt üb er dem Auszug des Volkes, das aus der + Stadt in die Zeiten schreitet.) + + + + +Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist durch Felix Bloch +Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben. + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + + + + +INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG + + +Dichtungen von Stefan Zweig + +DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50. + +ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes +Tausend. In Pappband M. 5.--. + +DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen. In Leinen M. 4.50. + +TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.--. + +DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In +Halbpergament M. 3.50. + +BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25. +Tausend. In Pappband M. --.90. + + +_Von Stefan Zweig wurden übertragen:_ + +Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage. + + Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden + M. 5.50. + + Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50; + gebunden M. 5.50. + + Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden + M. 5.50. + +Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In +Halbleinen M. 5.--. + +Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In +Halbleinen M. 5.--. + +Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis +40. Tausend. In Pappband M. --.90. + + +_Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:_ + +Charles Dickens: Ausgewählte Romane. -- Arthur Rimbaud: Leben und +Dichtung. -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben. + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils +zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht. + + Seite 79: »jedes Hand gehoben« + »jede Hand gehoben« + + Seite 139: »wie ein Schuldiger schrakst du« + »wie ein Schuldiger schreckst du« + + Seite 175: »weil ich meinete« + »weil ich meinte« + + Seite 185: »sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!« + »sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!« + + Seite 196: »EINIGE der Beherzteren« + »EINIGE der Beherzten« + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Jeremias, by Stefan Zweig + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40564 *** |
