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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,11929 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40564 ***
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Im Original sind die Bühnedirektionen im Kleinschrift gesetzt.
+Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der
+vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Kursiver Text wurde _so_ markiert
+ Fett gedruckter Text wurde =so= markiert
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+
+
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+[Illustration]
+
+
+
+
+ STEFAN ZWEIG
+
+ =JEREMIAS=
+
+ EINE DRAMATISCHE DICHTUNG IN NEUN BILDERN
+
+ [Illustration]
+
+ INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1918
+
+
+
+
+ FRIEDERIKE MARIA VON WINTERNITZ
+
+ DANKBARST
+
+
+ OSTERN 1915 -- OSTERN 1917
+
+
+
+
+DIE BILDER DES GEDICHTS
+
+
+ I. Die Erweckung des Profeten 11
+
+ II. Die Warnung 25
+
+ III. Das Gerücht 51
+
+ IV. Die Wachen auf dem Walle 67
+
+ V. Die Prüfung des Profeten 91
+
+ VI. Stimmen um Mitternacht 113
+
+ VII. Die letzte Not 147
+
+ VIII. Die Umkehr 163
+
+ IX. Der ewige Weg 193
+
+
+
+
+DIE GESTALTEN DES GEDICHTS
+
+
+ZEDEKIA, der König
+
+PASHUR, der Hohepriester
+
+NACHUM, der Verwalter
+
+IMRE, der Älteste der Bürger
+
+ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte
+
+HANANJA, der Profet des Volkes
+
+Schwertträger, Krieger, Knechte
+
+ * * * * *
+
+JEREMIAS
+
+SEINE MUTTER
+
+JOCHEBED, eine Anverwandte
+
+ACHAB, der Diener
+
+BARUCH, ein Jüngling
+
+SEBULON, sein Vater
+
+ * * * * *
+
+DAS VOLK VON JERUSALEM
+
+DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS
+
+CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER
+
+ * * * * *
+
+Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.
+
+
+
+
+DAS ERSTE BILD
+
+DIE ERWECKUNG DES PROFETEN
+
+ »Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und
+ gewaltige Dinge, die du nicht weißt.«
+
+ Jer. XXX, 3.
+
+
+ Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und
+ blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit
+ Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind
+ der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen.
+
+ Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias
+ im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt
+ herauf.
+
+JEREMIAS:
+
+Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum Wall ... zum Walle!... Oh
+Wächter, schlimme Wächter ... sie kommen ... sie sind da ... Brand über
+uns ... im Tempel Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die
+Mauer ...
+
+JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich
+inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt
+zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines
+Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten,
+brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider):
+
+Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume,
+Träume, wie voll ist ihrer das Haus!
+
+ (Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)
+
+Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur
+meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf
+bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und
+Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne
+Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in
+Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch
+vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den
+Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh
+Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut
+sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!
+
+Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht,
+der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu
+gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der
+Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines
+Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich?
+Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem,
+wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom
+Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du,
+Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und
+mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser
+Stadt voll Schlummer und Entsinkens!
+
+ (Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)
+
+Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und
+aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann
+sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer
+mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin
+entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß
+nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den
+Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich
+kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich,
+nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, -- tu auf
+dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den
+Sinn!
+
+EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder
+Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne):
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen):
+
+Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen,
+riefs aus meinem Traum?... (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.)
+
+JEREMIAS:
+
+Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget ... bin ich es selbst,
+tönt mein hinstürmend Blut ... noch einmal sprich, daß ich dich kenne,
+Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ...
+
+DIE STIMME (näher tastend):
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend):
+
+Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts
+regt sich ringsum.)
+
+JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft):
+
+Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die
+Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort
+und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes
+Schweigen.)
+
+JEREMIAS:
+
+Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und
+geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der
+du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund,
+daß er dann glühet deiner Rede, -- du wählst nach andern Zeichen. Wen du
+berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist
+berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich
+habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich
+flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter
+mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf
+die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!
+
+DIE STIMME (näher, eindringlicher):
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS (entbrennend):
+
+Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu!
+Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede
+Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß,
+deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin
+ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in
+deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich
+liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will
+lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein
+will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da
+ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein
+gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines
+Dienstes -- offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen!
+
+DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich):
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS (in Ekstase):
+
+Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon!
+Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen
+trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe -- einbrenn
+mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe,
+gebeuget schon ist mein Nacken, -- dein bin ich, dein für immerdar. Nur
+erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine
+Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit,
+den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem
+ewigen Knecht!
+
+DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist
+ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit):
+
+Oh hier ... hier bist du, mein Kind.
+
+JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm):
+
+Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen der Weg ...
+verborgen für immer ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm
+hinab, mein Kind ... Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ...
+
+JEREMIAS (voll Wildnis):
+
+Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt
+von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als
+hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ...
+
+JEREMIAS (auf sie zu):
+
+Du hörtest ... Du auch ... um der ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest
+Ihn reden, vernahmest den Ruf ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ...
+
+JEREMIAS (sie fassend):
+
+Mutter ... ich beschwöre dich, sprich mir ... Tod oder Seligkeit trägt
+mir dein Wort ... Du hörtest eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du
+sie ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch
+kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und
+ich rief deinen Namen ...
+
+JEREMIAS (erschwankend):
+
+Du riefest ... Du riefest meinen Namen ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ...
+
+JEREMIAS:
+
+Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Dreimal rief ich dich an ...
+
+JEREMIAS (mit brechender Stimme):
+
+Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst
+schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da
+keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war
+hier.
+
+JEREMIAS:
+
+Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh Qual und Marter der
+Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines
+Wahns!...
+
+DIE MUTTER:
+
+Was redest du ... was ficht dich an ...
+
+JEREMIAS:
+
+Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir.
+Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und
+feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was
+sorget dich?
+
+JEREMIAS:
+
+Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das Bett ... Kühlung kam ich
+zu trinken ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner
+Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um
+Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den
+Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel,
+wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich
+schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das
+dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die
+Qual!
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!
+
+DIE MUTTER:
+
+Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und
+meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich
+dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache
+deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh
+du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz
+gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen
+Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der
+Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du
+dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret
+des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang.
+Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest
+dein Leben, daß du beginnest dein Werk!
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!
+
+DIE MUTTER:
+
+Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes
+verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters
+Bild.
+
+JEREMIAS (in grimmigem Schmerz):
+
+Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich,
+nicht bräutlich nahet die Stunde!
+
+DIE MUTTER:
+
+Ich faß dich nicht.
+
+JEREMIAS:
+
+Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll
+ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir,
+Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn
+wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.
+
+DIE MUTTER:
+
+Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller
+im Frieden dies Land?
+
+JEREMIAS:
+
+Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob
+kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die
+Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe
+wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über
+Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in
+der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel.
+Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den
+Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher
+brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des
+Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus
+der Nacht.
+
+DIE MUTTER:
+
+Entsetzen ... wie wüßtest du's?...
+
+JEREMIAS:
+
+ Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen,
+ Da ich Gesichte beschaute des Nachts
+ Und irrging in Träumen.
+ Furcht und Bangnis fiel über mich,
+ Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper,
+ Und gleich rissiger Mauer
+ Einstürzte mein Herz. --
+ Mutter,
+ Ich habe Dinge gesehen,
+ Wenn die stünden geschrieben,
+ Würde starren der Menschen Haar
+ Und der Schlaf fallen wie Asche
+ Von ihrem Gesicht.
+
+DIE MUTTER:
+
+Jeremias ... was ist über dich ...
+
+JEREMIAS:
+
+ Das Ende nahet, das Ende,
+ Es fahret aus
+ Dräuend von Mitternacht,
+ Feuer sein Wagen,
+ Würgung sein Flug!
+ Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel,
+ Schon bebt die Erde von Donner und Huf.
+
+DIE MUTTER (im Entsetzen):
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS (sie anfassend, lauschend):
+
+Hörst du ... hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein
+Wind umspielet das Dach.
+
+JEREMIAS:
+
+ Ein klein Wind?
+ Wehe, wehe!
+ Gewaltigen Rauschens
+ Wächst er empor,
+ Sturmwind von Gott.
+ Aus dem Geklüfte
+ Der Mitternacht
+ Kommt er gefahren,
+ Schrecknis schwingt er
+ Über die Stadt.
+ Mutter! Mutter! Hörst du es nicht:
+ Schwert klirrt im Wind,
+ Räder rollt die rauschende Welle,
+ Lanze blinkt und Harnisch die Nacht,
+ Krieger und Krieger, unendliche Scharen
+ Schüttet der Sturmwind über das Land.
+
+DIE MUTTER:
+
+Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!
+
+JEREMIAS:
+
+ Es nahet, es nahet,
+ Fremd Volk,
+ Mächtig und alt
+ Aus dem Osten der Erde,
+ Unendliche Fülle
+ Rauschen sie an,
+ Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile,
+ Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet,
+ Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient.
+ Und inmitten ausfähret
+ Mit blutiger Krone
+ Der Stürzer der Städte,
+ Der Zünder der Brände,
+ Der Zwingherr der Völker,
+ Der König, der König von Mitternacht.
+
+DIE MUTTER:
+
+Der König von Mitternacht ... Du träumest ... der König von Mitternacht.
+
+JEREMIAS:
+
+ Den Er erweckte,
+ Den Er erwählte,
+ Als harten Vollstrecker
+ Härtesten Spruchs,
+ Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle,
+ Daß er mahle die Mauer und berste die Türme,
+ Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser,
+ Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden
+ Und pflüge die Straßen Jerusalems.
+
+DIE MUTTER:
+
+Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!
+
+JEREMIAS:
+
+ Es fällt!
+ Was Gott berennet,
+ Hat nicht Bestand!
+ Von untenher
+ Werden dorren seine Wurzeln,
+ Und von obenher
+ Geschnitten seine Frucht!
+ Mit der Axt und dem Brande
+ Wird der Reisige roden
+ Israels Forst und Zions Gefild.
+
+DIE MUTTER (ausbrechend):
+
+ Es ist nicht wahr!
+ Du lügst! Du lügst!
+ Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
+ Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen!
+ Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
+ Ewig werden die ragenden Mauern,
+ Ewig die Herzen Israels dauern,
+ Ewig währet Jerusalem!
+
+JEREMIAS:
+
+Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende
+nahet, Israels Ende!
+
+DIE MUTTER:
+
+Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden
+dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!
+
+JEREMIAS:
+
+Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen
+Gesichten!
+
+DIE MUTTER:
+
+Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen
+Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und
+zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu
+werde mein Schoß?
+
+JEREMIAS:
+
+Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den
+Gesichten.
+
+DIE MUTTER:
+
+Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn
+zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist
+du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die
+Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!
+
+JEREMIAS:
+
+Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß
+ab von mir, Mutter, laß ab!
+
+DIE MUTTER:
+
+Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein
+einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß
+erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch
+ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen
+Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen
+Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte
+mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem
+Schoß.
+
+JEREMIAS:
+
+Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal.
+
+DIE MUTTER:
+
+Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und
+gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich
+gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren
+Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.
+
+JEREMIAS:
+
+Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet.
+Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in
+meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder
+werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich
+auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum
+Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von
+Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und
+tritt in den Tag.
+
+JEREMIAS:
+
+Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum
+andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich
+worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu
+Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh
+Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich
+weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer
+geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens
+Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer
+mich gefordert ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der
+Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind
+gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist
+du nicht, schreist du aus solchen Wahn!
+
+JEREMIAS:
+
+Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im
+Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir
+ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort,
+auch ich habe mich ihm gelobet ...
+
+DIE MUTTER:
+
+So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du
+lobpreisest seinen Namen!
+
+JEREMIAS:
+
+Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen -- selbst will ich
+das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein
+Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner
+gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im
+Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel
+brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias,
+auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie
+Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich
+muß fort ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Wohin willst du vor Tag?
+
+JEREMIAS:
+
+Ich weiß nicht, Gott weiß es.
+
+DIE MUTTER:
+
+Doch sage, was planest du?
+
+JEREMIAS:
+
+Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!
+
+DIE MUTTER:
+
+Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du
+verschweigst deine Träume ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!
+
+DIE MUTTER:
+
+... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.
+
+JEREMIAS:
+
+Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!
+
+DIE MUTTER:
+
+Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu
+säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.
+
+JEREMIAS:
+
+Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.
+
+DIE MUTTER:
+
+Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn!
+
+JEREMIAS:
+
+Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.
+
+DIE MUTTER:
+
+So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die
+Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der
+Schrecknis wirft über Israel, ich fluche ...
+
+JEREMIAS (schauernd):
+
+Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!
+
+DIE MUTTER:
+
+Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich
+fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen
+und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt Er mich unter ihn ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes
+Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre
+es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias ... wähle!
+
+JEREMIAS:
+
+Ich ... geh ... meinen Weg ... (Er beginnt mit schwerem Schritt zur
+Treppe zu treten.)
+
+DIE MUTTER:
+
+Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ...
+entweiche meinem Fluch ... denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte
+mein Gelöbnis.
+
+JEREMIAS:
+
+Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl!
+(Er schreitet die erste Stufe hinab.)
+
+DIE MUTTER (aufschreiend):
+
+Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!
+
+JEREMIAS:
+
+Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich fühl die Steine
+nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich
+rufet ... und ich folge dem Ruf ...
+
+ (Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und
+ verhalten, die Augen starr in den Himmel.)
+
+DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung):
+
+Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!...
+
+ (Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt
+ allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende
+ Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische
+ Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten
+ beginnt.)
+
+
+
+
+DAS ZWEITE BILD
+
+DIE WARNUNG
+
+ »Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider
+ viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz;
+
+ wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob
+ ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.«
+
+ Jer. XVIII, 8/9.
+
+
+ Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in
+ den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen
+ Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern
+ Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die
+ nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge
+ in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem
+ Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs
+ fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor
+ des Tempels.
+
+ Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen
+ empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine
+ farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von
+ einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die
+ in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei
+ zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im
+ gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen
+ gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.
+
+STIMMEN:
+
+Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... nein, noch nicht ... doch,
+ich habe das Horn gehört ... ich auch ... ich auch ... sie müssen nahe
+sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Vom Tore Moria kommen sie ... hier müssen sie vorbei ... sie gehen zum
+Palast ... laßt die Gasse frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ...
+weicht zurück ... macht Raum ... Raum für die Ägypter ...
+
+EINE STIMME:
+
+Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?
+
+EINE ANDERE STIMME:
+
+Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.
+
+STIMMEN:
+
+Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie viele sind ihrer ...
+bringen sie Geschenke ... wer ist ihr Führer ... was bringen sie ...
+erzähle, Isaschar!
+
+ (EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)
+
+ISASCHAR:
+
+Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt.
+Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven
+sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit
+Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.
+
+STIMMEN:
+
+Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... Heil Ägypten!
+
+EINE STIMME:
+
+Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia
+vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar?
+
+ISASCHAR:
+
+Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie
+seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.
+
+STIMMEN:
+
+Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir sie schauen ... Heil
+Ägypten!...
+
+EIN ALTER MANN:
+
+Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige ...
+
+STIMMEN:
+
+Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort mit ihnen ... was schmähst
+du Ägypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ...
+seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel ... was wollen
+sie?
+
+EINE STIMME:
+
+Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von
+Abimelech.
+
+STIMMEN:
+
+Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis ... kein Bündnis mit
+Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim ... wider wen ist das Bündnis ...
+
+ISASCHAR:
+
+Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir
+stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao
+Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind
+ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie
+begehren unseres Beistands.
+
+DER ALTE:
+
+Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!
+
+ISASCHAR:
+
+Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer!
+
+STIMMEN:
+
+Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit Assur ... zerbrechen
+wir das Joch ... hüten wir uns ...
+
+BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch):
+
+In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten
+allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?
+
+SEBULON (der Vater Baruchs):
+
+Schweige ... nicht dein ist die Rede ... eine linde Knechtschaft ist
+Chaldäas Joch ...
+
+STIMMEN:
+
+Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit
+ist gekommen ... nieder mit Assur ... verbinden wir uns Ägypten ...
+
+SEBULON:
+
+Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen
+und gedulden.
+
+STIMMEN:
+
+Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... nicht länger soll Baal sich
+ihrer ergötzen ... nieder mit den Räubern des Tempels ... jetzt ist es
+die Stunde ...
+
+ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her):
+
+Sie kommen! Sie kommen!
+
+STIMMEN (von allen Seiten jauchzend):
+
+Sie kommen ... Raum ... macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ...
+zurück hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ...
+
+ (DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die
+ nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht
+ vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der
+ lärmenden Menge leuchten.)
+
+STIMMEN:
+
+Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... Araxes ist es ... die
+Geschenke ... die Sänften ... seht diese, sie ist verhüllt ... die
+Tochter Pharaos muß es sein ... heil Araxes ... heil Ägypten ... wie
+schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es
+zahlen müssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern
+sind besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger müssen es
+sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten ... heil ... Gott
+strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes ... es lebe Necho ...
+Segen über Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ...
+
+ (DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der
+ Ägypter.)
+
+ (DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die
+ Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)
+
+BARUCH (von den Stufen herab):
+
+Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund!
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir das Joch ... es lebe
+Necho ... Segen über eure Ankunft ... Rache für Zion ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Zum Palast ... geleitet sie zum Palast ... zum Könige ... er schließe
+den Bund ... es lebe Araxes ... Segen über Zedekia, unsern König ...
+ein König der Knechte ... nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ...
+
+ (DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die
+ Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes.
+ Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den
+ Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die
+ Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die
+ Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)
+
+BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat):
+
+Ich muß mit ihnen.
+
+SEBULON:
+
+Du bleibst!
+
+BARUCH:
+
+Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider
+seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen,
+und nun ist die Stunde genaht.
+
+SEBULON:
+
+Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die
+Entscheidung.
+
+BARUCH:
+
+Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe.
+
+SEBULON:
+
+Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den
+lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge.
+
+EIN ANDERER:
+
+Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht
+erschienen? Freunde sind Israel erstanden.
+
+SEBULON:
+
+Nie war Mizraim Israels Freund.
+
+BARUCH:
+
+Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.
+
+SEBULON:
+
+Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere
+Gewalt.
+
+DER ANDERE:
+
+Aber sie wollen für uns kämpfen.
+
+SEBULON:
+
+Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein.
+
+BARUCH:
+
+Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und
+Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia ...
+
+SEBULON:
+
+Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu
+richten.
+
+BARUCH:
+
+Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die
+Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet
+und groß gemacht unter den Völkern.
+
+SEBULON:
+
+Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.
+
+BARUCH:
+
+Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel
+ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser
+ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns
+erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den
+Frieden, und wir wollen den Krieg.
+
+SEBULON:
+
+Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn
+gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit
+und ein Schänder des Lebens.
+
+BARUCH:
+
+Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!
+
+EINE STIMME:
+
+Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.
+
+STIMMEN:
+
+Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den
+Heiden ...
+
+STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel):
+
+Abimelech! Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil dir ...
+
+ (DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger,
+ und jubeln ihm zu.)
+
+STIMMEN:
+
+Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet ... raffe dein
+Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind
+bereit ... wir sind bereit ...
+
+ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge):
+
+Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner
+Freiheit.
+
+ (DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)
+
+ABIMELECH:
+
+Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns
+gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun,
+mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine
+Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein
+Herz, Volk von Jerusalem.
+
+DIE MENGE (jauchzend):
+
+Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa ... heil Abimelech ...
+
+EIN KRIEGER:
+
+Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt
+gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers
+Gewand.
+
+EINE STIMME:
+
+Das ist nicht wahr!
+
+DER KRIEGER:
+
+Wer sagt, es sei nicht wahr?
+
+EINE STIMME:
+
+Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er
+ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.
+
+STIMMEN:
+
+Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... ein Gekaufter ist er ...
+sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie hat gehurt mit allen Knechten
+Babels ... Verräter ...
+
+DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden):
+
+Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen?
+
+DIE STIMME:
+
+Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.
+
+DER KRIEGER (auf ihn eindringend):
+
+Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn
+Israel.
+
+STIMMEN:
+
+Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter ... Verräter ...
+
+DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert):
+
+Nicht das sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind.
+
+ABIMELECH:
+
+Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.
+
+STIMMEN:
+
+Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab
+zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die
+Philister und Amalek ... Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der
+uns schmäht ...
+
+ (EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)
+
+DIE MENGE (sie umdrängend):
+
+Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ...
+
+EIN BOTE:
+
+Der König hat den Rat berufen.
+
+STIMMEN:
+
+Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ...
+
+ABIMELECH:
+
+Wen hat er berufen?
+
+DER BOTE:
+
+Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein
+Ruf.
+
+ABIMELECH:
+
+Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern
+vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir
+werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich
+kämpfe für sie, Volk von Jerusalem!
+
+DIE MENGE:
+
+Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil dir, du Gottesstreiter ...
+heil ...
+
+ (ABIMELECH eilt in den Palast.)
+
+BARUCH:
+
+Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern
+Willen erdonnern vor seinem Palast.
+
+SEBULON:
+
+Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und
+Ruhe muß sein um den Ratschluß.
+
+BARUCH:
+
+Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle
+wollen den Krieg.
+
+STIMMEN:
+
+Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ...
+
+EINE STIMME:
+
+Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ...
+
+STIMMEN:
+
+Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder
+mit ihm ... wer bist du ...
+
+DER SPRECHER:
+
+Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg
+stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg,
+ich will nicht!
+
+BARUCH (wild):
+
+Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem
+Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn
+ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist
+unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr
+Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.
+
+DER SPRECHER:
+
+So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes,
+und er hat sie mir zu eigen gegeben.
+
+BARUCH:
+
+Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte,
+daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist
+erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet sind die Zeichen! Oh, wo
+sind die Künder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, daß sie
+die Trägen entflammen und hören machen die Tauben. Wo sind die Priester,
+wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu
+Jerusalem?
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... wecket sie auf ...
+sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ...
+
+BARUCH:
+
+Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mögen entscheiden, die
+Gottesmänner!
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die Wahrheit ... Hananja ...
+Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ...
+Hananja ... Pashur ...
+
+ (EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür.
+ Die Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)
+
+PASHUR (der Hohepriester):
+
+Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem?
+
+BARUCH:
+
+Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So säume nicht. Sprich
+den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket
+deinem Volke.
+
+STIMMEN:
+
+Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den Profeten rufe, daß er
+uns Wahrheit sage ... aus den Büchern lies die Weissagungen ... zum
+Könige sprich und zum Volke ...
+
+PASHUR:
+
+Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male?
+
+BARUCH:
+
+Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, und der König zaudert.
+Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer
+Stimme.
+
+STIMMEN:
+
+Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... Hananja ... Hananja ...
+wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser
+Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ...
+
+PASHUR:
+
+Was begehret ihr des Profeten?
+
+BARUCH:
+
+Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche
+Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll wie Feuer über uns
+fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die
+Stunde, Gott fordert ihn.
+
+DIE MENGE:
+
+Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert ihn ... Er erscheine ...
+wir dürsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ...
+
+ (HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.)
+
+ (DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.)
+
+BARUCH (zu ihm empor):
+
+Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk dürstet nach deiner Rede!
+Gieß aus die Welle deines Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande,
+mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen
+liegt Jerusalems Schicksal!
+
+DIE MENGE:
+
+Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung verkünde ... Sage, sollen
+wir ausziehen ... Gottes Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du
+Bote des Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... sieh
+unser Schwanken ... erwecke unser Herz.
+
+HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch):
+
+Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von
+Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war
+gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in den Sielen der
+Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind geschritten über dich wie
+über einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben
+gelacht deiner Blöße. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine
+Botschaft an die Verträumten, und ich will sie künden euch
+Gotterweckten.
+
+DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus):
+
+Höret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir
+gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ...
+
+HANANJA:
+
+Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte
+... wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn
+leer sind seine Krüge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre,
+Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet,
+denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er
+harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen;
+er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch nicht im Joche. So werfet
+ab das Joch, reißt euch los von den Ketten, die Posaune laßt schallen
+und erklirren das tödliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet
+für ihn!
+
+BARUCH:
+
+Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht
+Gottes Joch!
+
+DIE MENGE:
+
+Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen
+Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft auf das Panier ... Sage, ist es
+Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer
+obsiegen?
+
+HANANJA:
+
+Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schäumt sie mir
+stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: »Erhebe dich, Israel,
+wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle
+deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du
+Gewaltiger, deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Köcher
+getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In
+deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und
+knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrückten, hole
+heim meine Habe, erlöse mich, wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir
+widerraten, tilge aus, die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen,
+nur meinen Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...«
+
+JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend):
+
+Nicht höret auf ihn! Nicht höret auf ihn --! Nicht höret auf ihn!
+
+ (DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der
+ erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der
+ Stelle empor, wo Hananja spricht.)
+
+STIMMEN:
+
+Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... was sagt er ... wer
+ist er ...
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden,
+tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht höret die Gleisner, die euch
+ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller,
+nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges!
+
+PASHUR (sich aufrichtend):
+
+Wer redet in der Menge?
+
+HANANJA:
+
+Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel!
+
+JEREMIAS (sich vorstoßend):
+
+Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die
+Schrecknis tut auf ihren Mund. Für Israel spreche ich und um Israels
+Leben!
+
+STIMMEN:
+
+Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ...
+ich kenne ihn nicht ... wer ist es ...
+
+EINE STIMME:
+
+Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth.
+
+STIMMEN:
+
+Wer ist Jeremias ... wer ist er ... was wollen die zu Anathoth in
+Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ...
+
+PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist):
+
+Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern
+und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist
+es, Gottes Wille zu künden!
+
+JEREMIAS:
+
+Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr
+die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Träumen
+spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Träume gesandt. Mit
+Entsetzen hat er gefüllt meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit,
+er hat mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß ich
+schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe
+wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich
+will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will künden meine Träume ...
+
+BARUCH:
+
+Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde!
+
+HANANJA:
+
+Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der
+Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, daß du redest
+vor dem Tempel?
+
+STIMMEN:
+
+Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... ein Wahnwitziger ist
+er ... seine Träume soll er künden ... erzähle ... offen ist der Markt ...
+frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ...
+
+PASHUR:
+
+Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gelaß!
+
+HANANJA:
+
+Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr
+hören und nicht die Schwätzer der Gasse. Weg die Träumer vom Markte!
+
+BARUCH:
+
+Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten.
+
+STIMMEN:
+
+Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, Hananja rede ...
+Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn ... sprich, Jeremias ...
+warum ihn nicht hören ... was hat er geträumt ... in Träumen ist oftmals
+Verkündung ... laß ihn reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ...
+sprich, Jeremias ...
+
+JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen):
+
+Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im
+Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen
+nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern
+wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr,
+der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote
+sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und
+die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ...
+
+PASHUR:
+
+Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels.
+
+HANANJA:
+
+Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns.
+
+BARUCH:
+
+Hinunter mit ihm!
+
+STIMMEN:
+
+Nein, die Träume wollen wir hören ... was deuten sie ... ein Irrwitziger
+ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ...
+
+JEREMIAS:
+
+Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da
+spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im
+Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind
+rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines
+Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da
+scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein
+Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine
+Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget
+wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn
+lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig,
+daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk
+von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das
+Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte
+zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das
+Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert
+zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der
+Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf
+sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem
+Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem!
+
+BARUCH:
+
+Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und
+Verrätern!
+
+HANANJA:
+
+Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für Babel spricht er und Bel.
+
+STIMMEN:
+
+Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an seinem Wort ... lasset
+ihn ausreden ... die Träume ... was für Verheißung ... lasset ihn ...
+auch ihn wollen wir hören ...
+
+JEREMIAS:
+
+Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr
+in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer
+Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure
+Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer?
+Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist
+denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe,
+siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke
+blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten,
+es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in
+Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte,
+die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel,
+sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons
+Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug
+sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den
+Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den
+Frieden!
+
+SEBULON:
+
+Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!
+
+PASHUR:
+
+Wie chaldäisch Gold!
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... Friede ... wir
+wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... ein Söldling von Assur ...
+lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ...
+
+HANANJA:
+
+Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich
+also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes
+Erstling ist unter den Völkern.
+
+BARUCH (auf Jeremias eindringend):
+
+Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, daß sie es hören:
+soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an
+Chaldäa? Sprich Antwort, du Verräter!
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter zahlen ...
+antworte.
+
+JEREMIAS:
+
+Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem
+Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn
+der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!
+
+HANANJA:
+
+Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen
+Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrücker, willst du
+leugnen die Schrift?
+
+JEREMIAS:
+
+Doch es stehet auch geschrieben daselbst: »Wenn ihr stille bleibet,
+würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.«
+
+STIMMEN:
+
+Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, so ist es
+geschrieben ... weise ist sein Wort ... nein, er drehet es zu seinem
+Sinne.
+
+HANANJA:
+
+Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch
+dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um
+deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!
+
+JEREMIAS:
+
+Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die
+Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das
+Leben.
+
+BARUCH:
+
+Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, daß wir es
+hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem
+Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben für Israel
+und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle
+meines Sinnes sind!
+
+HANANJA:
+
+Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in
+dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen
+mit Ägypten.
+
+STIMMEN (jauchzend):
+
+In drei Monden ... Heil Hananja ... höret ihn ... in drei Monden ...
+
+HANANJA:
+
+Israel wird siegen, gegen tausend und tausend.
+
+BARUCH:
+
+Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten.
+
+STIMMEN:
+
+Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... Krieg ... Krieg ...
+nein, Friede ... Friede über Israel ... Krieg ... Krieg ... für Assur
+spricht er ... ein Verräter ... sind die nur wahrhaft, die Krieg
+schreien?... gekauft ist er ... übereilet nicht ...
+
+BARUCH:
+
+Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus!
+
+EIN WEIB (Jeremias anspeiend):
+
+Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns
+schändet! Krieg ... Krieg wider Assur!
+
+JEREMIAS (in Zorn ausbrechend):
+
+Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine
+Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube?
+Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über
+die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres
+Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und
+um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an
+euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien
+wider mich und wider den Frieden ...
+
+STIMMEN (Weiber):
+
+Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... unsere Söhne ... wehe ... wehe ...
+der Furchtbare ... wehe ...
+
+BARUCH:
+
+Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter
+mit dir!
+
+EINIGE KRIEGER:
+
+Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!
+
+HANANJA:
+
+Sperrt ihm den Mund!
+
+STIMMEN:
+
+Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug Unheil gekündet ...
+kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem!
+Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken,
+Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein
+eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde,
+dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht
+stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du
+Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des
+Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre!
+Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ...
+
+STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit):
+
+Ja ... Gottes Friede über Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes
+Friede über uns ... meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg
+wider Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... wir
+wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ...
+Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben
+ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ...
+Krieg ... Friede ...
+
+ (EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes,
+ eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der
+ schwertlos aus der Säulenhalle stürzt.)
+
+DIE STIMMEN DER NAHENDEN:
+
+Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel.
+
+ (DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.)
+
+STIMMEN:
+
+Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm widerfahren ... vom
+Könige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist
+geschehen.
+
+ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias):
+
+Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern.
+Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider Ägypten, und
+der König gab ihnen Gehör.
+
+STIMMEN:
+
+Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... Verräter ... Was
+ward beschlossen ... was sagte der König ... Friede, heil dem Frieden ...
+Gottes Gericht.
+
+ABIMELECH:
+
+Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und
+bereden, eh er entscheidet.
+
+JEREMIAS:
+
+Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet!
+
+ABIMELECH:
+
+Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine
+Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr
+um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich
+diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft.
+
+BARUCH (ekstatisch):
+
+Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, heilig dein Schwert, das für Israel
+flammt!
+
+PASHUR:
+
+Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den Käuflingen und
+Krämern.
+
+HANANJA:
+
+Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des
+Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes
+Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß
+er uns höre, daß er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß
+aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf,
+Israel, auf, in den Palast.
+
+STIMMEN:
+
+Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit den Greisen ... zum
+Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf.
+
+PASHUR:
+
+Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Könige und zum
+Siege! Gott will es! Gott will es!
+
+STIMMEN:
+
+Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ...
+
+JEREMIAS (vor den Eingang der Säulenhalle springend):
+
+Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem!
+
+STIMMEN:
+
+Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ...
+
+BARUCH (das Schwert ziehend):
+
+Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht!
+
+HANANJA:
+
+Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder!
+
+PASHUR:
+
+Nieder mit dem Verräter!
+
+JEREMIAS:
+
+Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem!
+
+PASHUR:
+
+Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!
+
+JEREMIAS:
+
+Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet
+Jerusalem!
+
+PASHUR:
+
+Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund!
+
+BARUCH:
+
+Bei meinem Zorn, weiche vom Markte!
+
+JEREMIAS:
+
+Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kämpfe ich, um
+Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, höret ...
+
+DIE MENGE (die Stufen hinaufschäumend):
+
+Auf ... was zögert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum
+Palast ...
+
+BARUCH:
+
+Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg!
+
+JEREMIAS:
+
+Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben für den Frieden!
+
+HANANJA:
+
+Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat!
+
+BARUCH:
+
+Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! (Er sucht ihn zur Seite zu
+stoßen.)
+
+JEREMIAS (sich losreißend mit gewaltiger Stimme):
+
+Keinen Schritt für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel!
+
+ (BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.)
+
+ (JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.)
+
+DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend):
+
+Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ...
+Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ...
+warum schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ...
+zum König ... zum König!
+
+ (BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden
+ Hand.)
+
+HANANJA (ekstatisch über alle rufend):
+
+Mögen alle Feiglinge so enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte
+Chaldäas! Auf zum Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset
+Jerusalem!
+
+ABIMELECH:
+
+Tod den Verrätern! Rache an Assur!
+
+PASHUR:
+
+Gott hat ihn gefällt!
+
+HANANJA:
+
+Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren!
+
+DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend und in die
+Säulenhalle des Palastes flutend):
+
+Zum Könige ... Israel über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ...
+nieder mit den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit
+uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ...
+
+ (DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.)
+
+ (JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß
+ einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg.
+ Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein
+ ausgeworfenes Stück Leben in den Steinen.)
+
+ (BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der
+ Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er
+ tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen
+ heran, beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach
+ seinem Atem.)
+
+BARUCH:
+
+Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist!
+
+ (BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.)
+
+JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne):
+
+Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... Feuer
+über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ...
+
+BARUCH:
+
+Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen wische ... still ...
+
+JEREMIAS (die Augen aufschlagend):
+
+Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ...
+
+BARUCH:
+
+Halte dich still und laß deiner warten ...
+
+JEREMIAS:
+
+Wer ... wer bist du ...
+
+BARUCH:
+
+Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ...
+
+JEREMIAS:
+
+Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein Antlitz ... aus deiner
+Stimme fuhr Haß wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich
+kenne dich ... warst du es nicht ...
+
+BARUCH:
+
+Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein
+Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich
+geschlagen. Sühngeld will ich bieten für dein Blut ... laß es mich
+stillen ...
+
+JEREMIAS:
+
+Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das meine strömte in
+Jerusalem ... (sich aufrichtend): Wo ... wo sind die andern ... das
+Volk, wo ... leer die Straße ... der Markt ... ah ... im Palaste schon ...
+bei dem König, daß sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ...
+
+BARUCH:
+
+Beruhige dich ...
+
+JEREMIAS:
+
+Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, Fluch über dich, daß du
+mich fälltest ... daß du brachst meine Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn
+du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels
+Blut ... nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ...
+Zion zerstört ... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im
+Heiligtum des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder
+Israels ...
+
+BARUCH:
+
+Was willst du?
+
+JEREMIAS (fiebrig):
+
+Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, so hilf mir empor ...
+auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ...
+
+ (JAUCHZEN von fern aus dem Palast.)
+
+JEREMIAS (aufschreiend):
+
+Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung ... zu spät
+wird es ... ich muß ... ich muß ... warnen ... auf, um Jerusalems
+willen willen ... stütze mich ... ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es
+ruft ...
+
+BARUCH (verwirrt):
+
+Was willst du? Noch beben deine Knie ...
+
+JEREMIAS:
+
+Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel des Krieges, wider das
+Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien das Friedenswort, ich muß es
+gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ...
+
+BARUCH (erstaunt):
+
+Noch einmal willst du ... noch einmal allein wider das Volk ... in
+deinen Tod stürzest du dich ...
+
+JEREMIAS:
+
+Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben für Jerusalem und
+Gottes Frieden ... so hilf mir ... hilf mir für mein vergossen Blut ...
+noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ...
+
+BARUCH (schaudernd):
+
+Noch einmal willst du ... noch einmal allein gegen alle ... mächtig ist
+die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter
+meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen
+habe ich dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch ich
+sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... Jeremias ...
+ein Gewaltiges kündest du mir ...
+
+JEREMIAS:
+
+Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze mich, daß ich wider sie
+schreite ... daß ich rette Zion vor dem Verderben ...
+
+BARUCH (ihn stützend):
+
+Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen
+Glauben ... denn Macht ist in dir, die mich zwingt ... wie heiß dein
+Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich
+dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den
+sanften Frieden gefordert.
+
+JEREMIAS:
+
+Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um
+Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der
+Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das
+Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die
+Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit.
+Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber
+ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat
+will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß.
+
+BARUCH:
+
+Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht
+einstehet mit dem Leben für sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet.
+Auf ... daß ich ausgieße meine Gesichte und schreie mein Warnen wider
+den König ... fort ... hilf mir weiter ...
+
+BARUCH:
+
+Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich tue, wie du tuest ...
+denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest.
+
+JEREMIAS:
+
+Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille nicht wider mich und
+dein Schwert?
+
+BARUCH:
+
+Zu stark warst du, da ich wider dich war ... so will ich mit dir sein.
+Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn
+ich ... ich glaube dir, Jeremias!
+
+JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt):
+
+Du glaubst meinen Worten?
+
+BARUCH:
+
+Ich ... glaube an dich ... denn klar sah ich dein Auge unter meinem
+Schwert.
+
+JEREMIAS:
+
+Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich
+verleugnen, wider Volk und Stadt?
+
+BARUCH:
+
+Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für dein Wort.
+
+JEREMIAS:
+
+Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube meinen Träumen ...
+redest du wahr, du Knabe?
+
+BARUCH:
+
+Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen
+Willen tu ich in deinen Willen.
+
+JEREMIAS (erschüttert):
+
+Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du
+gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste
+bist du, der mir glaubet ... und noch weiß ich deinen Namen nicht.
+
+BARUCH:
+
+Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead.
+
+JEREMIAS:
+
+Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoßene
+wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte und Verbannte, denn in
+Flammen muß verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hüte dich, Baruch, du
+Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine
+schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): Laß sehn deine Augen! Morgendlich
+noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? Rein
+glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden
+dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein,
+Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgürtet, nicht wirf in Lauge
+dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen.
+
+BARUCH:
+
+Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich
+glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben.
+
+JEREMIAS (bewegt):
+
+Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling
+bist du und meiner Angst erstgeboren Kind ... mit meinem Blute habe ich
+dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden ... soll ich dich
+wahrhaft nehmen in meiner Bitternis ...
+
+BARUCH:
+
+Nimm mich mit dir ... nimm mich mit dir ... um Jerusalems willen ...
+
+JEREMIAS (sich aufraffend):
+
+Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das
+verwirrte ... So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze
+mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen
+wider den König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen
+Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie!
+
+BARUCH:
+
+Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ...
+
+ (JUBELGESCHREI von nahe.)
+
+JEREMIAS:
+
+Wehe ... wehe ... wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke.
+
+BARUCH:
+
+Sie kommen ... sieh ... aus dem Palast kommen sie ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ...
+
+BARUCH:
+
+Der König ... der König ist unter ihnen ... er hält das Schwert nackt
+in den Händen ... zum Tempel ziehen sie ...
+
+JEREMIAS:
+
+So raffe mich weiter ... es ist Zeit ...
+
+BARUCH:
+
+Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie
+David vor der Lade ... sie haben obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche
+von ihnen, birg dich ... es ist zu spät.
+
+JEREMIAS:
+
+Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen.
+
+BARUCH:
+
+Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin jung und stark.
+
+JEREMIAS:
+
+Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... ich will wenden des Königs
+Herz ... zu ihm muß ich durch ... zu ihm ...
+
+ (DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang
+ und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder
+ und strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer
+ einzigen Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.)
+
+STIMMEN:
+
+Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg wider Assur ... das
+Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... Krieg mit Chaldäa ...
+Vernichtung Nabukadnezar ... zum Siege ... zum Siege ... heil dem Bund
+mit Ägypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ...
+
+HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut):
+
+Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört der
+König den Bund wider Assur!
+
+STIMMEN:
+
+Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... oh Ende der Knechtschaft ...
+Nieder mit Assur ... heil Zedekia ... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel
+über alles ... Gott ist mit Israel ...
+
+ (DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus
+ dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen.
+ Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie
+ gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und
+ Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.)
+
+ (DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt
+ mitten aus ihr der Schrei):
+
+JEREMIAS:
+
+Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert!
+
+ (DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich
+ nieder.)
+
+ (DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)
+
+JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend):
+
+Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel!
+Gottes Friede!
+
+DIE MENGE (wild aufschäumend durcheinander):
+
+Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ...
+nieder mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder ...
+Israel über alles ... Krieg ... Krieg ...
+
+ (JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen,
+ er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die
+ Menge schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer
+ ekstatischen Stimmen zum Könige.)
+
+ (DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem
+ untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick
+ sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn
+ brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des
+ Tempels werden breit aufgetan. Er zögert noch einen Augenblick, dann
+ hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten
+ Stufen empor.)
+
+
+
+
+DAS DRITTE BILD
+
+DAS GERÜCHT
+
+ »Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in
+ deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie
+ verbrennen.«
+
+ Jer. IV, 14.
+
+
+ Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den
+ Stufen sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In
+ den Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und
+ Niedergehen von Menschen in Geschäften und Gespräch.
+
+EINER (in der großen Gruppe auf den Stufen):
+
+Und ich sage es euch, es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat
+angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao.
+
+EIN ANDERER:
+
+Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote ist gekommen ...
+
+EINE STIMME:
+
+Unablässig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten.
+
+DER ZWEITE:
+
+Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es gewiß.
+
+DIE STIMME:
+
+Den Boten hast du gesprochen?
+
+DER ZWEITE:
+
+Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... auch er sagte, eine
+Schlacht habe begonnen ... eine große Schlacht ...
+
+DER ERSTE:
+
+Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, Ägypten
+gegen Nabukadnezar ...
+
+STIMMEN:
+
+Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten ... Ägypten ist mächtig ...
+auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle ... sie werden ihn strafen,
+den Hochmütigen ...
+
+EINER:
+
+Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns.
+
+EIN ANDERER:
+
+Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen.
+
+EIN ANDERER:
+
+Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ...
+
+EIN ANDERER:
+
+Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen!
+
+DER ERSTE:
+
+Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger!
+
+EINER:
+
+Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben
+und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in
+den Weiberhäusern sind sie Männer und nicht auf dem Feld.
+
+EIN ANDERER:
+
+Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern.
+
+ (EINIGE lachen.)
+
+EINER:
+
+Pharao wird sie vernichten.
+
+STIMMEN:
+
+Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne ... lang lebe Pharao, unser
+Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann
+nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ...
+
+ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd):
+
+Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ...
+
+EINER:
+
+Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ...
+
+STIMMEN:
+
+Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten Schwänzen werden
+sie vor ihm laufen ... ja, ich habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat
+angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe
+Pharao ... ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge man
+ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs.
+
+NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend):
+
+Was ists ... was ist geschehen ...
+
+EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN:
+
+Pharao hat Nabukadnezar besiegt.
+
+STIMMEN:
+
+Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß heim, meinem Weibe es
+künden ... heil Pharao Necho ...
+
+EINER:
+
+Aber noch ists nicht gewiß!
+
+ANDERE:
+
+Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider
+unsern Gott ... Gott ist mit uns ...
+
+EINER:
+
+Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er
+streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ...
+
+EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend):
+
+Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ...
+
+ (DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)
+
+STIMMEN:
+
+Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar
+geschlagen ...
+
+STIMMEN:
+
+Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es ist gewiß ... wer
+sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört ... der Schreiber des
+Königs hat es gesagt ... der König hat es gesagt ... er hat es selbst
+gehört vom Könige ... Pharao möge leben ... es lebe unser Freund ... ein
+Ende der Knechtschaft ... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ...
+
+EINER:
+
+Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß wir Tribut zahlten
+diesen Übermütigen!
+
+STIMMEN:
+
+Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... das Haus Jahves muß
+erneut werden ... ein neues müssen wir ihm bauen ... ja, ein neues ...
+sie müssen es bezahlen zur Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ...
+Salomos Haus ...
+
+EIN MANN:
+
+Was ists? Was ist geschehen?
+
+STIMMEN:
+
+Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ...
+Sieg ... wir haben gesiegt ...
+
+DER MANN:
+
+Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es verkünden daheim ... sie
+harren der Kunde ... (wegeilend) Sieg ... Sieg über Assur.
+
+DIE MENGE (strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die
+Rufe werden lauter und lauter):
+
+Gottes Gebot war es, daß wir diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ...
+nun müssen wir sie alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ...
+ein Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere Feinde
+geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja ... Sieg über
+Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... daß wir mehr doch wüßten, mein
+Herz verzehrt sich in Ungeduld ... von Gott war diese Erleuchtung über
+Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ...
+sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen wir
+seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man holen ... Sklaven müssen
+sie werden, unsere Sklaven ... mein Herz hat gedürstet nach dieser
+Stunde ...
+
+EINER:
+
+Ein Bote kommt vom Tore ...
+
+ALLE (wild in die Richtung stürzend):
+
+Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt
+er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist
+er ... wo ...
+
+ (EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die
+ Menge.)
+
+STIMMEN:
+
+Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel
+sind der Toten ...
+
+DER BOTE:
+
+Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König geht meine Botschaft ...
+
+STIMMEN:
+
+Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort ... ist er geflohen ...
+erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum Könige ... ein Wort nur ...
+
+DER BOTE (sich ihnen entwindend):
+
+Laßt mich frei!... laßt mich frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum
+König ... ich muß zum König ... meine Botschaft ist eilig ...
+
+STIMMEN:
+
+Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat
+er gesagt ...
+
+EINER:
+
+Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König.
+
+EIN ANDERER:
+
+Das ist gut.
+
+EIN DRITTER:
+
+Warum gut?
+
+DER ZWEITE:
+
+Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein?
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem silbernen Schäkel zahlt
+ihm der König jedes Wort ... ja ... er eilt um den Botenlohn ... er
+verkündet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ...
+
+STIMMEN (von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten):
+
+Sieg ... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet ...
+zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ...
+
+EINIGE LEUTE (neu herbeiströmend):
+
+Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ...
+
+STIMMEN:
+
+Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege
+gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ...
+ein gewaltiger Sieg ... danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ...
+Sieg ... Sieg ...
+
+EINER:
+
+Ein gewaltiger Sieg muß es sein.
+
+EIN ZWEITER:
+
+Sonst hätte er nicht so verborgen getan.
+
+EIN DRITTER:
+
+Man spart uns die Kunde.
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es hören ... Tausende
+müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar selbst ... Tausende ...
+Zehntausende müssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil
+Zedekia ... ein weiser König ist er ... Salomo ...
+
+EINER (sich durchdrängend):
+
+Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen
+Gassen ...
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist noch nicht gewiß ...
+ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie
+ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ...
+ja ... lobpreiset Gott ... danket dem Herrn ... der Bedrücker ist
+gefallen ... Halleluja ...
+
+EIN ÄLTERER MANN:
+
+Aber er sagte doch nur, der Bote ...
+
+STIMMEN:
+
+Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... ausrotten soll man diese
+Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... ich auch ... ich auch ... er
+sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte
+er ... nein, das hat er nicht gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er
+gekündet ... frei ist Israel ... frei ...
+
+DER ÄLTERE MANN:
+
+Aber ich stand doch neben ihm und hörte ...
+
+STIMMEN:
+
+Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Würger der
+Freude ... kommt, legt Festkleider an ... fort mit dir, du Schwätzer ...
+
+ (EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.)
+
+STIMMEN:
+
+Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt ihr es auch gehört ...
+durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ...
+ja, hier ... hier hat er es erzählt ... längst wissen wir es schon ...
+länger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ...
+uns ... wir wußten es als erste!...
+
+EINER:
+
+Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie
+weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die
+flennten und greinten, der Tempel werde stürzen ...
+
+EIN ANDERER:
+
+Assur würde Zion besiegen ...
+
+EIN DRITTER:
+
+Unsere Jungfrauen geschwächt werden von den Chaldäern.
+
+DER ERSTE:
+
+Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem
+Profeten!
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude und Ungeduld zehrt
+unser Herz ... der König wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es
+gesagt ... immer erscheinen die Könige nach dem Siege ... er wird in
+den Tempel gehen ... er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt
+es ... ja ... ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns
+rüsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... oh,
+Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... den Reigen ...
+die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger ...
+ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege ... ein Fest
+lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige .. ja, wir gehen ...
+ich bleibe ...
+
+ (DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider,
+ Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.)
+
+ (JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren
+ Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.)
+
+EINER (lachend):
+
+Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ...
+
+ANDERE (übermütig):
+
+Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet kommt, lasset uns grüßen den
+Zerstörer Jerusalems ... da ist er, der Schwätzer der Gasse ... kommt ...
+kommt mit ...
+
+ (EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren
+ Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.)
+
+EINER (sich tief verneigend):
+
+Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn!
+
+DIE ANDERN:
+
+Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder ... Gruß dir, du
+Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten!
+
+JEREMIAS (stehen bleibend, finster):
+
+Was heischt ihr von mir?
+
+BARUCH (an ihm drängend):
+
+Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen
+und Verhöhnung in ihrem Blick.
+
+EINER:
+
+Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung!
+
+DER ZWEITE:
+
+Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben dürfen.
+
+DER DRITTE:
+
+Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen
+die Mauern Jerusalems.
+
+JEREMIAS (hart):
+
+Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fließt und
+Krieg hängt über Israel.
+
+DER ERSTE:
+
+Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen!
+
+DER ZWEITE:
+
+Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwätzer.
+
+DER DRITTE:
+
+Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist er, du Verkünder?
+
+DER VIERTE:
+
+Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse?
+
+JEREMIAS:
+
+Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei
+schon der Krieg, kaum daß er begonnen?
+
+BARUCH:
+
+Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit
+Rasenden spricht!
+
+DER ERSTE:
+
+Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet!
+
+DER ZWEITE:
+
+Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und will künden, was morgen
+geschieht.
+
+JEREMIAS:
+
+Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr
+Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein.
+
+DER ERSTE:
+
+Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen Wünschen!
+
+DER ZWEITE:
+
+Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut!
+
+JEREMIAS:
+
+Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen?
+
+DER ERSTE:
+
+Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt.
+
+DER ZWEITE:
+
+Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt.
+
+DER DRITTE:
+
+Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist
+Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem.
+
+JEREMIAS (erschüttert):
+
+Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewiß auch? Sprecht ...
+treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!
+
+DER ERSTE:
+
+Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet!
+
+DER ZWEITE:
+
+Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen
+seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel!
+
+JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die
+Arme wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt
+er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen):
+
+Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden
+machtest meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr
+meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du,
+Gott, gesegnet!
+
+DER ERSTE:
+
+Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt
+unser Herz.
+
+DER ZWEITE:
+
+Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du
+Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter?
+
+DER DRITTE:
+
+Wen nunab betrügen, du Betrüger?
+
+DER VIERTE (mit gespielter Entrüstung):
+
+Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen
+sein Gewand, lasset uns ehren sein Geträume!
+
+STIMMEN (durcheinander lachend):
+
+Ja, erzähle uns, Elia ... belehre uns wieder, du Allweiser ... beglückt,
+der dir vertrauet ... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit
+Weisheit ... wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter
+dir ... oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil,
+Jeremia ... Berge von Unheil ...
+
+JEREMIAS (plötzlich ausbrechend):
+
+Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein
+Wunder, das dich erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran,
+spottest du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im
+Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die
+Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, daß
+euer erster Schrei, seit der Strick riß eurer Kehle, Hohn war und
+Überheben!
+
+BARUCH (sich an ihn drängend):
+
+Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht!
+
+EINER:
+
+Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns
+Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe.
+
+DER ZWEITE:
+
+Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an
+dir jetzt das Schweigen.
+
+DER DRITTE:
+
+Nicht hören willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich
+schrei dirs hinein aus meiner Freude: »Wir haben gesiegt, wir haben
+gesiegt!«
+
+JEREMIAS (einen anfassend):
+
+Wo hast du gesiegt, erzähle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du
+dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe
+zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen
+allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der Ägypter
+Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und bläht eure Hälse
+nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.
+
+STIMMEN:
+
+Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern
+waren dabei ... wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist ... es ist
+das gleiche ... er will uns nur höhnen ... seine Wut seht, daß wir
+siegten ...
+
+JEREMIAS:
+
+Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen bläht,
+nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die
+Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod
+zu leiden, mit krummen Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht,
+und der Tod warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo
+sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem
+Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, daß sie siegten
+für euch und euren stinkenden Stolz!
+
+STIMMEN:
+
+Weh, daß sie siegten -- habt ihr gehört?... er ist toll ... Ihn lüstet
+nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur ... weh, daß sie siegten ...
+er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ...
+
+JEREMIAS:
+
+Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren
+gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist böses Ende. Da Josuas
+Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem
+Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und
+Demut glänzte sein Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein
+Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel
+fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des
+Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt
+ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rülpst ihr
+heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert
+seid ihr, gezüchtigt zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an
+eurer Hurenstirn muß sie zerbrechen!
+
+STIMMEN:
+
+Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... zerreißt die Kleider, denn
+wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist
+gefallen ... heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ...
+trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit,
+oh, Jeremias!
+
+JEREMIAS (immer mehr entbrennend):
+
+Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich
+sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte
+des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet
+Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen!
+Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr
+Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen
+Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein
+werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rücklings wird fallen eure
+Freude, denn nahe ist die Stunde der Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares
+ist dir bereitet ...
+
+STIMMEN:
+
+Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir
+kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des
+Narren ... wie unsere Freude ihn brennet ... hört ihr wanken die
+Mauern?...
+
+JEREMIAS:
+
+Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra
+gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber
+schon ist der Rächer gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget,
+schon das Schwert gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon
+eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten
+seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der
+Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, daß seine
+Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote ...
+
+STIMMEN:
+
+Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner Galle und spei nicht auf
+unsere Freude ... nein, hört ihn, er erheitert das Herz ... sprich
+weiter ... spei dich aus, du Verkünder ...
+
+EINE STIMME (von rückwärts):
+
+Ein Bote ... von Moria kommt er ...
+
+DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung stürzend):
+
+Ein Bote ... wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn
+her ... vom Siege bringt er Kunde ...
+
+JEREMIAS (erbebend im Schrecken):
+
+Der Bote ... der Bote ...
+
+EINE STIMME:
+
+Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner
+Schnelle ...
+
+STIMMEN:
+
+Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle ... wann fiel
+er ... hieher ... hieher ...
+
+ (DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor
+ Erschöpfung keucht.)
+
+STIMMEN:
+
+Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... erzähle ...
+
+DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkämpfend):
+
+Den Weg frei ... ich ... zum König ... ich ... ich muß ...
+
+STIMMEN:
+
+Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ...
+
+DER BOTE:
+
+Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so viel Jubel in Jerusalem ...
+rüstet euch, rüstet euch ... laßt mich ... zum König ...
+
+STIMMEN:
+
+Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht tot ... Pharao hat ihn
+zerschlagen ... was sollen wir rüsten ...
+
+DER BOTE:
+
+Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar ... kaum entkam
+ich seinen Reitern ... rüstet ... rüstet ... Wächter an die Mauern ...
+ich ... ich muß ...
+
+STIMMEN:
+
+Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist
+verwirrt ... gebt ihm Wasser ... er lebt ... es ist nicht möglich ... wo
+ist Ägypten ...
+
+DER BOTE:
+
+Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist geschlagen ... Necho hat
+Friede gemacht ... Tribut ... Tribut ... nun zieht er heran ...
+Nabukadnezar ... führt mich ... ich kann nicht mehr ... hinter mir seine
+Reiter ... zum Könige ...
+
+ (EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum
+ Palast.)
+
+STIMMEN (von rückwärts):
+
+Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer geschlagen ... was ist ... warum
+schweigt ihr ... was ist geschehen ...?
+
+DIE MENGE (wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der
+große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen
+der Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und
+erschreckt aus der Stille aufzucken):
+
+Es ist nicht möglich ... es darf nicht wahr sein ... was ... was hat er
+gesagt ... ein Betrüger ... er ist trunken ... nein, er war erschöpft ...
+die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie
+haben doch gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein
+Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es
+kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ...
+
+EINE STIMME (laut):
+
+Pharao hat uns verraten!
+
+STIMMEN (plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend):
+
+Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über Pharao ...
+ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger die Ägypter ...
+sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ...
+
+EINE STIMME:
+
+Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit Ägypten.
+
+STIMMEN:
+
+Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
+ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten ... weh, daß der König ihnen
+traute ... ich habe widerraten ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
+Fluch über Pharao ... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein
+Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ...
+
+EIN MANN (hereinstürzend):
+
+Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht
+heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ...
+
+STIMMEN:
+
+Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet er die Stadt ... wir sind
+verloren ... nein ... an die Mauern ... wo ist der König ... man
+schließe Friede ... nein ... es ist zu spät ... sind wir besiegt denn ...
+die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den
+Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren
+sind wir ... von je hab ich gewarnt ...
+
+EINER (plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an
+eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt):
+
+Da ... da seht hin ...
+
+STIMMEN:
+
+Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ...
+
+DER EINE:
+
+Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus ... er hat sie
+gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er hat uns verflucht ...
+
+STIMMEN:
+
+Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ...
+ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg ... ein
+Gekaufter ist er ... zerreißet ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er
+hat es gekündet ... ein Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er
+brütet ...
+
+DER EINE:
+
+Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frühe freuet er sich.
+Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet
+von ihm ... Macht ist in ihm ... weh, daß er uns fluchte ... er ist
+alles Unheils schuld ... ausreißt ihm die Zunge ... nein, laßt ab von
+ihm ...
+
+ (EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.)
+
+STIMMEN:
+
+Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des Königs ...
+schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ...
+
+ (DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.)
+
+DER HEROLD:
+
+Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chaldäa ist auf
+wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mögen
+Pfeile rüsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine
+Siechen und Unkräftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß
+nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts
+vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem!
+
+DIE MENGE:
+
+Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns rüsten ... ja ... Gott ist
+mit uns ... auf ... zu den Waffen ...
+
+DER HEROLD:
+
+Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen
+spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet,
+den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den
+Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk
+Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!
+
+DIE MENGE (wieder ganz im Taumel):
+
+Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ...
+auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ...
+eilt, eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden
+zerschellen ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!...
+
+ (DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß
+ der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung
+ einer grauenhaften Stille weicht.)
+
+ (JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem
+ Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)
+
+BARUCH (ihm nach):
+
+Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!
+
+JEREMIAS:
+
+Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich erleuchte ... ein
+Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht,
+denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die
+Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest
+nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe,
+wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume ... wehe ...
+
+BARUCH:
+
+Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein
+Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten
+ist über dir und ihre Gewalt!
+
+JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden
+Händen):
+
+Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf
+nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um
+Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des
+Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr,
+denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer,
+Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten
+deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du
+nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur
+deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage
+das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß
+er verstoße meine Verkündung und, Baruch -- bete, bete mit mir, daß ich
+als Lügner erfunden werde an Jerusalem!
+
+ (JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit
+ gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt
+ regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)
+
+
+
+
+DAS VIERTE BILD
+
+DIE WACHEN AUF DEM WALLE
+
+ »Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: 'Wenn ich ein
+ Schwert über das Land führen würde und das Volk im Lande nähme
+ einen Mann unter sich und machete ihn zum Wächter, und er sähe das
+ Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert käme und
+ nähme etliche weg, deren Blut will ich von des Wächters Hand
+ fordern.'«
+
+ Hesekiel XXXIII, 1.
+
+
+ Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern,
+ laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete
+ Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen
+ Flächen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz.
+
+ Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre
+ Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen
+ schimmert das Mondlicht.
+
+ Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen
+ Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse
+ Ferne.
+
+EINE FRAU:
+
+Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frühe genug
+siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht
+das letzte Schlafen in Stille.
+
+EIN MANN:
+
+Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde,
+wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe,
+und kann doch nicht fort -- wie in einen Abgrund muß ich starren in die
+Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter
+und dann von Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und
+immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet wie Korn und
+die Lanzen wie Halme gesäet.
+
+EIN ANDERER:
+
+Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal.
+
+EIN ANDERER:
+
+Wehe, sie wollen verweilen.
+
+EIN ANDERER:
+
+Wie der Wind müssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in
+Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein.
+
+DER ERSTE:
+
+Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen.
+
+DAS WEIB:
+
+Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die zum Himmel fährt.
+
+EINER:
+
+Samaria ist dort!
+
+EIN ANDERER:
+
+Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria
+genommen!
+
+STIMMEN:
+
+Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist Samaria, dreifach
+gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria ist es ... ich sehe es ...
+wehe ... es ist nicht möglich ...
+
+EINER:
+
+Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen sie die Mauern
+berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern, die Türme zerschmeißen ...
+
+EIN ANDERER:
+
+Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... Jerusalem ...
+
+EIN ANDERER:
+
+Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine neue Säule, rot greift sie den
+Himmel hinan ... Gilgal ist das ...
+
+EIN ANDERER:
+
+Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ...
+
+EIN ANDERER:
+
+Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ...
+
+DER ERSTE:
+
+Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein Sturm sind sie über das
+Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne.
+
+EIN ANDERER:
+
+Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen.
+
+STIMMEN:
+
+Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht ... der König ... die
+Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ...
+
+EINER:
+
+Ägypten hat uns verlockt und verraten.
+
+STIMMEN:
+
+Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ...
+verlassen haben sie unser Elend ... wo sind sie, die fünfzigtausend
+Bogenschützen ... allein sind wir nun ... verloren ...
+
+EINER:
+
+Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist du gegeben, und
+deine Neider blecken die Zähne ...
+
+DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend):
+
+Fort da! Was wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und
+schlaft. Wir wachen für euch!
+
+EINER:
+
+Wir wollen schauen, wie ...
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur
+gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen,
+ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt.
+
+EINER:
+
+Aber sage uns ...
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fäuste
+ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ...
+
+ (DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von
+ der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der
+ Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist
+ jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im
+ weißen Mondlicht.)
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Wie verzagt das Volk schon ist, kaum daß sie die ersten Lanzen
+erblickten. Man darf es nicht dulden, daß sie so reden.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft
+nicht und hilft doch.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Sie sollen schlafen und nicht schwätzen.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an
+der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+So sollen sie schweigen, die kein Schwert führen. Wir wachen für alle.
+
+ (DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte
+ hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.)
+
+DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen):
+
+Hörst du?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Was soll ich hören?
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Es ist ganz still, und doch tönt es, wenn der Wind sich wider uns hebt.
+Als ich in Joppe war, hört ich zum erstenmal das Meer von fern in der
+Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind
+alle, und doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk
+muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es
+dumpf an die Mauern.
+
+DER ERSTE KRIEGER (hart):
+
+Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum
+unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch
+harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie
+Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den
+Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Von jeher war es so.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Die Völker begehren seiner um seinetwillen.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es
+nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes
+Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte
+einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im
+Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn
+nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod
+ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am
+Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich
+nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir
+einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus
+sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das
+Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter
+die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel
+Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich
+verstehe es nicht!
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht
+weiter.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des
+Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht
+verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Was weiß ich, woher er stammt! Ich weiß, er ist da und will nicht
+beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, ich schärf mir den Speer und nicht
+meine Zunge.
+
+ (EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der
+ weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf »Simson
+ über sie« ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den
+ unsichtbaren Wachen »Simson über sie« und nun ganz deutlich heran
+ von den nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf
+ »Simson über sie«, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer
+ weiterlaufen und vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen
+ die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz.
+ Schweigen.)
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Weißt du etwas von den Chaldäern?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Unsere Feinde sind sie, das weiß ich, und wollen wider unsere Heimat.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn,
+kennst du ihre Sitten und Lande?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtückisch wie die Schlangen,
+hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von
+Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Ich auch nicht. Es türmen sich viel Hügel zwischen Babel und Jerusalem,
+Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen
+durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders über ihren Häupten und
+unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie
+von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen,
+daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in
+meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns. Weißt
+du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, daß
+wir redeten Herz zu Herz.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Das darfst du nicht.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Warum darf ich das nicht?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Warum muß ich sie hassen, wenn mein Herz nicht weiß um diesen Haß?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das
+gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht
+klar.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns
+befohlen, wir müssen gehorchen.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch
+nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: »Du sollst nicht töten.«
+Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm
+wahrhafter denn mit der Feinde Blut.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Aber es stehet auch in den Büchern: »Aug um Auge, Zahn um Zahn.«
+
+DER ZWEITE KRIEGER (seufzend):
+
+Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?!
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Ein Grübler bist du. Um unsere Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser
+brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr
+des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Aber ich frage ...
+
+DER ERSTE KRIEGER (hart):
+
+Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und müssen kämpfen,
+nicht fragen. Was grübelst du, statt dich zu härten?
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser
+Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies
+Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt,
+vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die
+Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich
+nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf
+und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben
+sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es
+schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Du grübelst zu viel. Nichts nützt es und quält nur.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Gott hat uns das Herz aufgetan, daß es sich quäle.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen.
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Das Reden hält wach, und es hörens nur die Sterne.
+
+ (EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.)
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran.
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim!
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Nein! Laß sie reden und tritt ins Dunkel. Laß uns hören, was sie reden.
+Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören.
+Tritt zurück in den Schatten!
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde!
+
+ (DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes.
+ Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer
+ Schattenschneide gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt.
+ Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.)
+
+ (JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer
+ empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend.
+ Der Krieger steht -- von ihnen ungesehen -- im Schatten wie aus Erz
+ gegossen.)
+
+BARUCH:
+
+Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich?
+
+JEREMIAS:
+
+Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick.
+
+ (JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte
+ Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.)
+
+BARUCH (ängstlich):
+
+Was starrst du so, was sprichst du nicht?
+
+JEREMIAS (schauernd):
+
+Der König ... er ist gekommen ... der König von Mitternacht (erregt nach
+Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr
+meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum.
+Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer
+dies aus Stein oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das
+ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der
+Mond dies, fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir,
+Baruch, sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des
+Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies
+vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich
+wach!
+
+BARUCH:
+
+Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht.
+
+JEREMIAS:
+
+Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies
+Unheil vor ihnen, ich flehe dich an.
+
+BARUCH:
+
+Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ...
+
+JEREMIAS:
+
+Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich träume nicht mehr!
+Meine Träume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und
+Wagen gegürtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt
+sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Träume
+Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt,
+und ich, ich warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh
+Gott es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns
+doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir
+dawider und kein Schwert -- oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte!
+
+BARUCH:
+
+Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... sprich zu mir,
+daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet.
+
+JEREMIAS:
+
+Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben
+meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ...
+wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwöre mit meiner
+Seele Siegel ... denn wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ...
+
+BARUCH:
+
+Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ...
+
+JEREMIAS:
+
+So höre es, höre, was ich dir sage ... (geheimnisvoll, leise) Dies
+alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es geträumt vor
+Monden schon, ich habe es geträumet in meinen Nächten, ganz so
+geträumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den
+Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an
+Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all
+dies hab ich geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ...
+
+BARUCH (schauernd):
+
+Ich höre dich ... ich höre dich ...
+
+JEREMIAS:
+
+Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann
+nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und
+mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es
+darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn
+Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug
+mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir
+längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum
+Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch,
+ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine
+Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein
+Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ...
+
+BARUCH:
+
+Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...
+
+JEREMIAS:
+
+Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende
+Meer wogen von Mitternacht her ...
+
+BARUCH (schauernd):
+
+Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ...
+
+JEREMIAS:
+
+Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber
+in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn
+sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes
+noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich
+höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre
+erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich
+höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und
+mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein
+Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und
+einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie
+ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit,
+daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein
+und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem,
+es ist Zeit, es ist Zeit!...
+
+BARUCH (hingerissen):
+
+Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias!
+
+JEREMIAS (immer fanatischer):
+
+ Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
+ Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen,
+ Da Tod ihnen unter die Lagerstatt
+ Sein eiskalt Linnen gebreitet hat.
+ Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
+ Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten!
+ Oh, wie können, wie können
+ Sie so hindämmern, in Träumen verloren,
+ Da donnernd wider die Tempel und Tore
+ Schon Assurs Widder hämmern und rennen;
+ Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten?
+ Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor,
+ Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr,
+ Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein
+ Gottes Gebot und Wille hinschrein?
+
+BARUCH (ekstatisch):
+
+Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode reiß sie auf!
+
+JEREMIAS:
+
+ Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor!
+ Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
+ Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet,
+ Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen,
+ Laßt eure Habe, laßt euer Haus,
+ Die Frauen rafft, die Kinder zusammen,
+ Eh er euch faßt, flüchtet hinaus!
+ Auf! Empor!
+ Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
+ Empor! Empor!
+
+DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend):
+
+Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken.
+
+JEREMIAS:
+
+Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem ...
+Gottesstadt, errette dich ...
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Trunken bist du ... fort mit dir ... geh schlafen ...
+
+BARUCH (sich dazwischen werfend):
+
+Ablasse von ihm!
+
+JEREMIAS:
+
+Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wächter bin ich,
+der Wächter! Weh, wer mirs wehrt!
+
+DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend):
+
+Ein Mondkranker bist du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin
+die Wache ... fort mit dir ...
+
+BARUCH:
+
+Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ... den Profeten ...
+
+DER ZWEITE KRIEGER (ablassend):
+
+Bist du Hananja, der Gotteskünder?
+
+BARUCH:
+
+Jeremias ist es, der Profet!
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur
+werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu
+früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn!
+Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks ... ich
+will dir Verkündigung geben ...
+
+BARUCH (mit ihm ringend):
+
+Laß ab von ihm ... laß ab ...
+
+DER ERSTE KRIEGER (herbeistürzend):
+
+Der König kommt ... der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ...
+
+JEREMIAS:
+
+Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche Deutung ... Gott
+stößt ihn mir in die Hände ...
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ...
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Hinab mit dir ... da ... fort ... Da krieche unter und rühr dich nicht,
+sonst mach ich dich kalt ...
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Weg ... fort ... der König kommt ...
+
+ (JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie
+ verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die
+ beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem
+ Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße
+ mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.)
+
+ (DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen
+ seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet
+ und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und
+ ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde
+ Blachfeld hinaus.)
+
+DER KÖNIG ZEDEKIA (zu Abimelech):
+
+Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech?
+
+ABIMELECH:
+
+Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zählen. Die
+Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht
+trauen.
+
+ZEDEKIA:
+
+Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht
+trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die
+Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldäas.
+
+ABIMELECH:
+
+Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig währet
+Jerusalem!
+
+ZEDEKIA:
+
+Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz mißtraut schon den
+Worten ...
+
+ABIMELECH:
+
+Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und Tat bekräfte meinen Eid.
+
+ZEDEKIA:
+
+Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir
+das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der
+Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun
+ist Krieg und seine Lanzen gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die
+an mir zerrten, daß ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich,
+daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen
+vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines
+Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick,
+tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will
+beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag
+nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden!
+
+ABIMELECH:
+
+Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. Laß Nabukadnezarn die
+Stirn seines Zorns sich zerstoßen an diesen Mauern und die Widderböcke
+seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann
+den Frieden!
+
+ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne):
+
+Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein
+Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an
+Stern. Unendlich Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist
+gezückt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns.
+Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die
+Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens
+und des Schlafes vielleicht für immerdar.
+
+ABIMELECH:
+
+Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. Auf diesem steinernen
+Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und
+auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen
+unendlich wie diese. Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige
+Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß
+ihre Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem!
+
+DIE ANDERN:
+
+Ewig währet Jerusalem!
+
+DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel):
+
+Wache auf, verlorene Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem
+harten Schlaf, ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im
+Schlummer, wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch
+erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ...
+
+ZEDEKIA (zusammenfahrend):
+
+Wer spricht? Wer spricht?
+
+STIMMEN:
+
+Wer redet ... wer spricht ...
+
+DIE STIMME JEREMIAS:
+
+Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von
+Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme
+und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn
+er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der
+Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!
+
+ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend):
+
+Wer spricht da? Wer redet da?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt.
+
+STIMMEN:
+
+Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, daß
+ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese
+Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte
+der Mauer das Wort ...
+
+ (DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)
+
+ABIMELECH:
+
+Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von
+chaldäischem Gold ...
+
+ANDERE:
+
+Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den
+Verängstigten sprich ...
+
+ (JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt,
+ Jeremias vor den König gestoßen.)
+
+DER ZWEITE KRIEGER:
+
+Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn
+belauscht.
+
+ZEDEKIA:
+
+Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den
+Leuten. Ist es dieser?
+
+STIMMEN:
+
+Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil sprengt er aus ...
+er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ...
+
+BARUCH:
+
+Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn.
+
+STIMMEN:
+
+Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... nicht höre ihn ...
+niederschlagen soll man solch Otterngezücht.
+
+ZEDEKIA:
+
+Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ...
+
+ (BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt?
+
+JEREMIAS:
+
+Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört haben ... aus meinem
+Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich
+dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor
+dem Palast ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ich war es, Herr!
+
+ZEDEKIA:
+
+Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als
+ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war
+dein Ruf noch wach in meinem Herzen.
+
+JEREMIAS:
+
+Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn
+es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.
+
+DIE ANDERN:
+
+Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes
+Wort ... sprich nicht mit ihm ...
+
+ABIMELECH:
+
+Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst
+du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr!
+
+EINER:
+
+Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er
+meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den
+Feinden ...
+
+JEREMIAS (erschreckt):
+
+Meine Mutter, sagst du ...
+
+ANDERE:
+
+Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König ... nicht höre ihn ...
+nimm ihn fest ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein
+Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich
+habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies
+Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch
+vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und
+Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten
+mit dem Willen ...
+
+JEREMIAS:
+
+Du kannst es, Herr!
+
+ZEDEKIA (zornig):
+
+Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du
+seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?
+
+JEREMIAS:
+
+Du kannst es, Herr, denn du bist der König.
+
+ZEDEKIA:
+
+Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das
+Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.
+
+JEREMIAS:
+
+Es ist nie zu spät.
+
+ZEDEKIA (noch zorniger):
+
+Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von
+Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie
+kann ich enden, was nicht begonnen?
+
+JEREMIAS:
+
+Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest,
+so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem
+Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?
+
+JEREMIAS:
+
+Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!
+
+ABIMELECH:
+
+Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel ... fort mit dem
+Zagherzigen ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein
+Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?
+
+JEREMIAS:
+
+Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.
+
+ZEDEKIA:
+
+Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht
+er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich
+Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?
+
+JEREMIAS:
+
+Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König,
+der das Blut spart seines Volkes.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn
+ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand?
+
+JEREMIAS:
+
+Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie
+auf an sein Herz.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber
+lachen meiner Schmach.
+
+JEREMIAS:
+
+Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht
+deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von
+heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit
+willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia,
+bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so
+beuge dich vor ihm!
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich mich beugen?
+
+JEREMIAS:
+
+Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu
+auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!
+
+ZEDEKIA:
+
+Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit
+meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir.
+
+JEREMIAS:
+
+Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den
+Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt!
+Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore,
+tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest
+dich, denn daß Israel gebeuget werde.
+
+ZEDEKIA:
+
+In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du
+Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben,
+als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir,
+weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!
+
+JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend):
+
+Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die
+dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut
+schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein
+Gottesteil. Aber höre mich ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ...
+
+JEREMIAS:
+
+Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du
+zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis
+in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst
+nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat
+mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes
+Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich
+dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine
+Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen
+Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion
+gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es
+verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du
+vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger
+Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!
+
+ABIMELECH:
+
+Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!
+
+DIE ANDERN:
+
+Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer
+hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine
+Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm.
+
+ (DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)
+
+ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand
+am Herzen, sich wieder ermannend):
+
+Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein
+frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe
+ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen
+Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an,
+daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst
+auf die Krieger falle.
+
+ABIMELECH:
+
+Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.
+
+STIMMEN:
+
+Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er will die Stadt den
+Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein
+Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch
+einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz,
+daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich!
+Antworte mir frei!
+
+JEREMIAS:
+
+Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns
+erretten.
+
+ZEDEKIA:
+
+Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben!
+
+ (JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft.
+Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben!
+Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen
+Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache
+der Brüder, die starben für Jerusalem.
+
+ABIMELECH:
+
+Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.
+
+ (JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)
+
+ZEDEKIA:
+
+So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar,
+des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines
+Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten
+Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet
+Jerusalem!
+
+DIE ANDERN (jauchzend):
+
+Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!
+
+ZEDEKIA:
+
+So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod
+und kriech in dein Leben!
+
+JEREMIAS (sich fassend):
+
+Ich lasse nicht Jerusalem!
+
+ZEDEKIA:
+
+Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So
+flieh, daß du ihm entweichest!
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend
+schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich
+stürze mit dem letzten seiner Steine.
+
+STIMMEN:
+
+Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung
+sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er länger
+Gemeinschaft mit uns ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!
+
+JEREMIAS:
+
+Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe!
+
+ZEDEKIA:
+
+Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem
+Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du
+noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben
+verfallen.
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt
+durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In
+seine Hände habe ich mich gegeben.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest
+du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an,
+solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die
+andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias):
+Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns
+aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.
+
+JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme):
+
+Nicht mich hüte ich ... ich hüte Jerusalem ...
+
+ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend):
+
+Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen
+und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar
+ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu
+begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem!
+
+ (ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde
+ weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem
+ sinnend Hinschreitenden langsam nach.)
+
+BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend):
+
+Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes
+Sendung ist über dir ... eile, daß du ihn zwingest.
+
+JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit):
+
+Wen ... wen soll ich zwingen?
+
+BARUCH:
+
+Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette
+Jerusalem!
+
+JEREMIAS:
+
+Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend):
+Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die heilige Stunde ... von
+Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen
+Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der
+Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein
+Wort ... Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich
+mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich
+geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem
+Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines
+Munds ...
+
+BARUCH:
+
+Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein
+Wille!
+
+JEREMIAS:
+
+Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was
+wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so
+gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und
+des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die
+entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich
+mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der
+Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie
+den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn
+fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht
+ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein
+Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind ...
+
+BARUCH:
+
+Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.
+
+JEREMIAS:
+
+So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich
+vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von
+Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ...
+so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung,
+wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ...
+nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ...
+Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen
+schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage
+geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten
+und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und
+kein Lebendiger glaubet meiner Rede!
+
+BARUCH:
+
+Ich glaube dir, ich laß dich nicht.
+
+JEREMIAS:
+
+Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir
+glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die
+Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt,
+und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre
+Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines
+Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine
+Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit
+zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der
+Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die
+Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur
+fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist
+und Ärgernis ...
+
+BARUCH:
+
+Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich
+erwählt um deines Leidens willen.
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was
+hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs
+Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt
+den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich
+und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt,
+und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem
+brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den
+Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...
+
+BARUCH:
+
+Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von
+Nabukadnezar zum Könige?
+
+JEREMIAS:
+
+Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die
+Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.
+
+BARUCH (heiß):
+
+Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus
+deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht
+dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele
+gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister,
+Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir
+gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ...
+ich danke dir ... ich danke dir.
+
+JEREMIAS:
+
+Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...
+
+BARUCH:
+
+Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ...
+ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch
+ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will
+würdig sein deines Rufes, lebe wohl.
+
+JEREMIAS:
+
+Wohin willst du?
+
+BARUCH:
+
+Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe,
+und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ...
+es gilt Jerusalem ...
+
+ (BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)
+
+JEREMIAS:
+
+Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ...
+
+BARUCH:
+
+Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ...
+
+ (BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)
+
+JEREMIAS (sich über die Mauer beugend):
+
+Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die
+Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ...
+Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ...
+Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...
+
+DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):
+
+Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...
+
+JEREMIAS (sich aufrichtend):
+
+Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ...
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein
+Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?
+
+JEREMIAS:
+
+Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...
+
+ (JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer
+ stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im
+ Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und
+ schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz
+ still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern,
+ und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der
+ Wachtruf: »Simson über sie« ... »Simson über sie« durch die weiße
+ Nacht ...)
+
+
+
+
+DAS FÜNFTE BILD
+
+DIE PRÜFUNG DES PROFETEN
+
+ »Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.«
+
+ Jes. LIII.
+
+
+ Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen
+ des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die
+ Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die
+ Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der
+ Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß
+ aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte
+ Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte
+ Diener.
+
+JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges):
+
+Achab ... hör, Achab ...
+
+ACHAB:
+
+Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr,
+eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe!
+
+JOCHEBED:
+
+Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen
+beben der Stadt!
+
+ACHAB:
+
+Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone
+der Kranken.
+
+JOCHEBED:
+
+Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?
+
+ACHAB:
+
+Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.
+
+JOCHEBED:
+
+Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt?
+
+ACHAB:
+
+Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod.
+
+JOCHEBED (in höchstem Erstaunen):
+
+Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger
+in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch
+Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die
+Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern
+anrennen?
+
+ACHAB:
+
+Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die
+Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang
+finde von Lärmen und Licht!
+
+JOCHEBED:
+
+Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam
+zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren
+Sinn?
+
+ACHAB:
+
+Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht
+ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders
+Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und
+reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im
+Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei
+erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der
+König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie,
+doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und
+begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen
+draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann
+offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach.
+
+JOCHEBED:
+
+Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?
+
+ACHAB:
+
+Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.
+
+JOCHEBED:
+
+Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch
+stieß ihn aus dem Haus.
+
+ACHAB:
+
+Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den
+Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der
+eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich
+düster in ihren Sinnen.
+
+JOCHEBED:
+
+Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die
+Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter
+seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der
+Würger der Freude?
+
+ACHAB:
+
+Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst,
+nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen.
+
+JOCHEBED:
+
+So laß es ihn wissen.
+
+ACHAB:
+
+Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf
+ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht?
+
+JOCHEBED:
+
+Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.
+
+ACHAB:
+
+Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu
+sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?
+
+JOCHEBED:
+
+Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit.
+
+ACHAB:
+
+So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es
+getan in meines Herzens Bedrängnis.
+
+JOCHEBED:
+
+Gesegnet, gesegnet dafür!
+
+ACHAB:
+
+Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich
+sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den
+seinen!
+
+JOCHEBED: Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der
+Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.
+
+ACHAB:
+
+Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie
+wie mit sich selber entzweit.
+
+JOCHEBED:
+
+Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!
+
+ (DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)
+
+JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab):
+
+Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind
+ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ...
+
+ (ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)
+
+DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner
+Gesang):
+
+Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein
+Sorgensohn?
+
+JOCHEBED (flüsternd):
+
+Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!
+
+ACHAB:
+
+Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.
+
+DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf):
+
+Wo ... Achab ... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ...
+Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ...
+
+ACHAB (zärtlich sich hinbeugend):
+
+Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?
+
+DIE MUTTER:
+
+Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Träume Schrecknis ... wo ist
+er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was
+ging er fort ...
+
+JOCHEBED:
+
+Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie
+der Traum.
+
+ACHAB:
+
+Wen meinst du, Liebe?
+
+DIE MUTTER:
+
+Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war
+er, hier ...
+
+ACHAB:
+
+Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus ...
+(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn
+nicht ... er soll kommen ... soll kommen ...
+
+ACHAB:
+
+Wen soll ich rufen?
+
+DIE MUTTER:
+
+Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du
+rufst ihn nicht!
+
+ACHAB:
+
+Wie wagte ich ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden
+Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir!
+
+ACHAB:
+
+Aber Liebe ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewiß war er hier,
+und du hast ihn fortgestoßen ... er war hier ... mein Blut spürt ihn an
+der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast
+ihn weggestoßen.
+
+ACHAB:
+
+So höre doch, Liebe ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Weh über mich ... fort ... fort von mir ... mögest du sterben wie ich,
+verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige ...
+
+ACHAB:
+
+Ein Wort nur laß mich sagen.
+
+DIE MUTTER:
+
+Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ...
+
+ACHAB:
+
+Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine
+Schritte ...
+
+DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt):
+
+Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge
+mich ... nicht trüge den Tod ...
+
+JOCHEBED:
+
+Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon höre ich ihn ... in
+mir gehen seine Schritte ... ich hör ihn im Haus ... er will herein ...
+im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ...
+was steht ihr noch ...
+
+ACHAB (beruhigend):
+
+Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens schon sandte ich die
+Söhne ... er kommt gewiß ...
+
+DIE MUTTER (wieder erregt):
+
+Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie
+ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das
+Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will
+ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh
+doch ... er ist da ...
+
+ACHAB:
+
+Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.
+
+DIE MUTTER:
+
+Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... hörst du nicht, wie er
+hämmert am Tor ... an den Schläfen fühle ichs schon ... auf ... tu ihm
+auf ... wie er hämmert ... weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ...
+auf, tu ihm auf ...
+
+ACHAB:
+
+Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ...
+
+JOCHEBED:
+
+Gleich wird er kommen ... gedulde dich ...
+
+DIE MUTTER:
+
+Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht
+Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein
+meine Beine ... es will ... es will ...
+
+ (JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort
+ stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer
+ Last gebeugt.)
+
+ACHAB:
+
+Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ...
+
+ (ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed
+ schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht
+ plötzlich im dunklen Raum.)
+
+DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend):
+
+Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so?
+(Plötzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen ... ist er da, mein
+Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel
+sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ...
+
+ (JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen,
+ gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.)
+
+DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend):
+
+Du bist da, ich fühl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so
+dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände
+dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia?
+
+JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft):
+
+Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt
+mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht
+Schauer anstreife dein heilig Herz!
+
+DIE MUTTER (fiebrig):
+
+Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber,
+was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine
+Hand?
+
+JEREMIAS:
+
+Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!
+
+DIE MUTTER:
+
+Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich
+sehnen, was bist du so hart?
+
+JEREMIAS:
+
+Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie
+des Engels Schwert.
+
+DIE MUTTER:
+
+Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn
+zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.
+
+JEREMIAS:
+
+Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von
+den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang
+er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur
+Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und
+der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst.
+Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den
+Verfluchtesten aller!
+
+DIE MUTTER:
+
+Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester
+Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von
+seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für
+ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie
+gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich
+verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz,
+da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das
+Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur
+heim an mein mütterlich Herz ...
+
+JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend):
+
+Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt!
+
+DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre
+Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib.
+Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes,
+glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm
+spricht):
+
+ Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,
+ Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen
+ Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!
+ Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,
+ Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter
+ Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,
+ Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,
+ Väterlich hält dich mit Stille das Haus,
+ Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.
+ Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar
+ Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,
+ Und das Wort, das harte, das törige Wort,
+ Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.
+
+JEREMIAS (mit leisem Erschrecken):
+
+ Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,
+ Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,
+ Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.
+ Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?
+
+DIE MUTTER:
+
+ Was mir fehlte, warst du allein,
+ All, was mich quälte, dein Fernesein.
+ Als hier vom Haus
+ Dein letzter Schritt im Gang verklang,
+ Da ward herzinnen mir so schwach,
+ Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,
+ Als ich dich in die Welt gebar
+ Und vieler Monde volle Frucht
+ Aus meinem süß beschwerten Schoß
+ Mit einmal schmerzhaft von mir fiel
+ Und fast das Herz mir stille stand,
+ Da es nicht mehr dies andre fand,
+ Das mit ihm schwang im Wechselspiel. --
+ Oh, jene Stunde banger Qual,
+ Da du zuerst dich mir entrafft,
+ Als neue Not und Mutterschaft
+ Durchlebt ich sie nun abermal,
+ Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,
+ Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.
+
+JEREMIAS:
+
+ Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,
+ Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!
+ Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,
+ Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!
+
+DIE MUTTER:
+
+ Und wenn ich so mit mir allein
+ Im leeren Haus verlassen lag,
+ Träumt ich dir all deine Träume nach.
+ Bei Tag
+ Da duckten sie sich, da hockten sie stumm
+ Im grauen Gespind und Gebälk herum.
+ Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,
+ Da regten sie sich,
+ Wie Eule, Unke und Fledermaus
+ Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.
+ Sie schlichen
+ Und strichen
+ Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.
+ Sie hockten
+ Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.
+ Sie hackten
+ Und nagten
+ Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn
+ Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.
+ Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,
+ Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,
+ Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,
+ Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,
+ Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,
+ Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,
+ Von Schauer und Traum
+ Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.
+
+JEREMIAS:
+
+ Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!
+ Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!
+ Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,
+ Die du um meinetwillen verwacht!
+ Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,
+ Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,
+ Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt
+ Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,
+ Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.
+
+DIE MUTTER:
+
+ Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,
+ Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,
+ Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,
+ Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,
+ Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,
+ Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,
+ Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!
+ Oh, höre, ich beschwöre dich,
+ Jeremias, verlaß mich nicht,
+ Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,
+ Bleib da bei mir, Jeremia!
+
+JEREMIAS:
+
+Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ...
+
+DIE MUTTER:
+
+ Nicht lüge, nicht betrüge mich.
+ Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,
+ Wie sichs mit mir zu Ende neigt.
+ Ich fühls: der Tod ist wach in mir!
+ Und wie in einer Schattenuhr
+ Ganz unmerklich
+ Der schwarze Zeiger Strich um Strich
+ Wandaufwärts schiebt und ründet sich,
+ So steigt
+ Mit jedem wachen Atemzug
+ Das Dunkel tiefer mir ins Blut.
+ Weh, daß ichs selbst so wissend spür,
+ Wie ich im wachen Blut einfrier.
+
+JEREMIAS:
+
+ Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn,
+ Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn?
+ Bedenke, nun sind
+ Wir doch einander kaum wiedergewonnen,
+ Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind,
+ Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen,
+ Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet
+ Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn:
+ Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende,
+ Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an!
+
+DIE MUTTER:
+
+ Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,
+ Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!
+ Ach, daß ichs vermöchte,
+ Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
+ Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!
+ Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,
+ Wie friedsam sollte dies Leben sein!
+ Mit lindem Gang
+ Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
+ Und zur Nacht
+ Säß ich ob deinem Schlummer wach
+ Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht
+ In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
+ Ich horchte in deines Atems Getön,
+ Ob still er weht
+ Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.
+ Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,
+ So weckte ich dich,
+ Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
+ Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.
+
+JEREMIAS:
+
+ Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
+ Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.
+ Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.
+
+DIE MUTTER:
+
+Du träumst nicht mehr?
+
+JEREMIAS:
+
+ Ich träume nicht mehr.
+ Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
+ Nicht mehr wallen
+ In meinem Blut die Gesichte um,
+ Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,
+ Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
+ Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.
+
+DIE MUTTER (ekstatisch):
+
+ Jeremia! Du träumst nicht mehr?
+ Oh, wie gut! Oh, wie gut!
+ Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,
+ Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten
+ Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
+ Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,
+ Was ich dich lehrte von Anfang an:
+ Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
+ Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
+ Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
+ Ewig werden die ragenden Mauern,
+ Ewig die Herzen Israels dauern,
+ Ewig währet Jerusalem!
+
+JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser
+an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach):
+
+Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?...
+
+DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst):
+
+ Was schrickst so jäh,
+ Was blickst du so blaß?
+
+JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer):
+
+Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ...
+
+DIE MUTTER:
+
+ Jeremia, sprich,
+ Was ist dir geschehn,
+ Was krampfst du die Hand,
+ Was birgst du den Blick?
+ Was schrickst du und blickst du so unbewußt?
+ Und ihr,
+ Achab, Jochebed,
+ Was winkt ihr ihm ab,
+ Was blinkt ihr ihm zu,
+ Jeremia, Jeremia,
+ Sage mir, sage, was ist geschehn?
+
+JEREMIAS (sich fassend):
+
+ Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich.
+ Mir war
+ Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar.
+
+DIE MUTTER:
+
+ Nein!
+ Euer Blick
+ Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;
+ Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.
+ Fürchterlich, fürchterlich
+ Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.
+ Ich spür
+ Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.
+
+JEREMIAS (stammelnd):
+
+Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir.
+
+DIE MUTTER:
+
+ Was belügt ihr mich,
+ Was betrügt ihr mich?
+ Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,
+ Noch geht der warme Atem von mir,
+ Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,
+ Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,
+ Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.
+
+JEREMIAS:
+
+ Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt,
+ Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ...
+
+DIE MUTTER:
+
+ Was biegt ihr mir aus,
+ Was schließt ihr mich ab?
+ Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!
+ Warum, oh warum
+ Sind hier die Fenster und Türen verhängt,
+ Warum ist alles so dunkel und stumm?
+ Wie in einen Sarg
+ Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,
+ Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.
+ Warum, warum
+ Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab
+ Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?
+
+JEREMIAS:
+
+ Mutter ... Mutter ... bette dich hin ...
+ Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ...
+ Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ...
+
+DIE MUTTER:
+
+ Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch,
+ Ich lasse mich nicht belügen und trügen.
+ Fürchterlich Wachen kommt über mich.
+ Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,
+ Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
+ Oft
+ Hörte ich Dröhnen
+ Von Rossen und Wagen,
+ Ein Tönen,
+ Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
+ Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
+ Und ich lag
+ Von Grauen umdrängt
+ Und meinte,
+ Daß all dies nur mein eigener Traum wär.
+ Doch jetzt
+ Bin ich wach,
+ Grauenhaft wach,
+ Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
+ Ich weiß,
+ Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:
+ Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
+ Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
+ Wehe, Krieg ist in Israel!
+
+JEREMIAS:
+
+Mutter! Mutter!
+
+DIE MUTTER:
+
+ Jeremia,
+ Jeremia, sprich,
+ Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
+ Sag,
+ Ist er gekommen,
+ Den du verkündet,
+ Der König, der König von Mitternacht?
+
+JEREMIAS:
+
+Du träumst, Mutter, du träumst.
+
+JOCHEBED (flüsternd):
+
+Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ...
+
+DIE MUTTER (im Fieber):
+
+ Weh, die Fanfaren,
+ Wie sie dröhnen und schallen!
+ Er ist da, er ist da,
+ Der reisige König von Mitternacht!
+ Krieg ist in unsere Länder gefallen,
+ Feind kommt gefahren
+ Unendliche Scharen.
+ Weh, wie sie stürmen!
+ Es knicken die Mauern,
+ Es brechen die Tore
+ Gewaltig entzwei.
+ Verloren ... verloren
+ Israels Stadt und heiliges Haus.
+ Die Mauer begräbt mich,
+ Die Mauer erschlägt mich.
+ Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!
+ Rette mich, rette!
+ Wohin
+ Soll ich entfliehn?
+ Jeremia ... wo bist du ... Jeremia,
+ Hebe mich fort ... trag mich hinaus!
+
+JEREMIAS (bei ihr kniend):
+
+ Mutter, Mutter, unseliger Wahn
+ Hält dich umkettet,
+ Mutter, Mutter, höre mich an!
+
+DIE MUTTER:
+
+ Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,
+ So schwöre mir, schwöre,
+ Daß es nicht wahr ist.
+ Schwöre mir, schwöre,
+ Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.
+ Schwör mirs, beschwöre,
+ Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,
+ Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!
+
+JEREMIAS (erschreckt):
+
+ Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein
+ Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.
+
+DIE MUTTER:
+
+ Jeremia,
+ Sage mir, sage,
+ Bin ich wach oder wirr,
+ Ist Feind vor den Toren
+ Oder seligen Friedens voll unsere Welt?
+
+ (JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.)
+
+ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend):
+
+ Täusche sie ... sprich
+ doch ... eh sie vergeht.
+ Siehst du denn nicht,
+ Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht
+ Schatten des Todesengels hinweht?
+ Die Angst ... die Schrecknis ... scheuch ihr sie fort ...
+
+JOCHEBED:
+
+ Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ...
+ Ein Wort nur ... ein Wort,
+ Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.
+
+JEREMIAS (mit sich ringend):
+
+ Ich ... kann nicht ... ich kann nicht.
+ Es hält mir einer die Kehle umpreßt,
+ Es hält mir einer die Seele umschnürt ...
+
+DIE MUTTER:
+
+ Wehe,
+ Er schweigt,
+ Oh, wahr, es ist wahr!
+ Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ...
+ Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ...
+ Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ...
+ Brand überm Land ... die rasende Glut ...
+ Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ...
+
+ACHAB (gleichzeitig):
+
+Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort.
+
+JOCHEBED:
+
+Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein
+Wort ... sieh, wie sie verschmachtet.
+
+JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd):
+
+ Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ...
+ Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ...
+ Die Hand ... die grausame Gotteshand ...
+ Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ...
+ Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ...
+
+DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei):
+
+ Verloren ... weh ... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ...
+ Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ...
+ Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ...
+ Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ...
+
+ (Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.)
+
+ (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die
+ Tote.)
+
+JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend):
+
+ Es ist nicht wahr:
+ Ich log, ich log,
+ Ewig währet Jerusalem,
+ Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,
+ Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.
+ Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,
+ Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:
+ Ewig währet Jerusalem!
+
+ACHAB (im Zorn):
+
+ Weg,
+ Du schreist sie nicht wach!
+ Laß ihr den Frieden!
+
+JEREMIAS:
+
+ Sie muß mich hören, sie muß mich hören,
+ Eh es zu spät ist!
+
+ACHAB:
+
+ Es ist zu spät!
+ Weg
+ Von ihrer Stille,
+ Fort aus dem Gemach,
+ Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!
+ Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte
+ Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?
+ Fort,
+ Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,
+ Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!
+ Da,
+ Sieh nur, wie starr
+ Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,
+ Und du hast
+ Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.
+ Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ...
+ Der du sie selber gemordet hast.
+
+JEREMIAS (stammelnd):
+
+Laß mich ... ich will ...
+
+JOCHEBED:
+
+ Fort, du Aussatz
+ Von den Gerechten,
+ Fort aus dem Haus!
+ Wehe, warum
+ Ließ sie dich ein?
+ Weg, du Verfluchter,
+ Rühr nicht die heilige Stille an
+ Und den Tod, den du ihr angetan.
+
+JEREMIAS (zusammenbrechend):
+
+ Ewig verflucht,
+ Ewig verstoßen,
+ Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,
+ Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein!
+
+ (ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr
+ die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den
+ Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr
+ ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden
+ gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des
+ Todes.)
+
+ (LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)
+
+ACHAB:
+
+Wer dringt heran?
+
+JOCHEBED:
+
+Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus.
+
+ACHAB:
+
+Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!
+
+JOCHEBED:
+
+Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!
+
+ (Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das
+ Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON,
+ PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)
+
+SEBULON:
+
+Hier muß er sein.
+
+EIN KNABE:
+
+Ich sah ihn eingehn ins Haus.
+
+STIMMEN:
+
+Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du
+befahlst ... ich auch ... ich hab ihn gesehn.
+
+ACHAB:
+
+Wen sucht ihr?
+
+PASHUR:
+
+Gib ihn heraus, den du birgst!
+
+SEBULON:
+
+Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!
+
+ACHAB:
+
+Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ...
+
+PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst):
+
+Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann
+wendet er sich und tritt schweigend zurück.)
+
+DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln):
+
+Gelobt sei der ewige Richter ...
+
+EINER (leise):
+
+Wer starb?
+
+ACHAB:
+
+Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine
+Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie
+einen Feind ihrem Volke gebar.
+
+EINER:
+
+Jeremias!
+
+SEBULON:
+
+Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias!
+
+JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem
+Zorne):
+
+Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme,
+daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde!
+
+SEBULON:
+
+Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater
+Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn?
+
+JEREMIAS (abwesend):
+
+Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes.
+
+SEBULON:
+
+Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen
+auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret,
+diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward
+seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten
+des Unheils und verleitet zur Schande.
+
+HANANJA:
+
+Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!
+
+JEREMIAS:
+
+Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort
+müßte fahren zu Gott!
+
+STIMMEN:
+
+Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht fasse ... Haltet
+Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet
+mit ihm ... haltet Gericht ...
+
+HANANJA:
+
+Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?
+
+SEBULON:
+
+Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er
+gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an
+der Mauer, daß er überliefe zum Feind!
+
+HANANJA (zu dem ersten Krieger):
+
+Bist du des zu zeugen erbötig?
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die
+beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein
+Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ...
+
+SEBULON:
+
+Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut
+Untergang, daß mir das Herz ergrimmte ...
+
+HANANJA (zu den andern):
+
+Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall!
+
+DER ERSTE KRIEGER:
+
+... und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr
+Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte
+und blieb.
+
+SEBULON:
+
+Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich
+ihn und der Schmach über mein Haus.
+
+PASHUR:
+
+Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.
+
+JEREMIAS (schweigt).
+
+PASHUR:
+
+So nennest du keinen Zeugen?
+
+JEREMIAS (dumpf):
+
+Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.
+
+PASHUR:
+
+Wird er sich erweisen zur Zeit?
+
+JEREMIAS:
+
+Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!
+
+HANANJA:
+
+Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!
+
+STIMMEN:
+
+Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.
+
+PASHUR:
+
+Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu
+Einspruch und Widerrede!
+
+JEREMIAS (schweigt).
+
+PASHUR:
+
+Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß.
+
+JEREMIAS (schweigt).
+
+STIMMEN:
+
+Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein Ende, mach ein Ende ...
+
+HANANJA:
+
+So leugnest du deine Verheißung?
+
+JEREMIAS (schweigt wie abwesend).
+
+HANANJA:
+
+Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum
+ersten Male schweiget er!
+
+JEREMIAS:
+
+Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für
+Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich
+weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider
+mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und
+ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er
+los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh,
+daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet
+von mir und verstört nicht meinen Frieden!
+
+SEBULON:
+
+Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich,
+gerecht Gericht.
+
+HANANJA:
+
+Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!
+
+STIMMEN:
+
+Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... tilg ihn aus ... Sprich
+deinen Spruch ...
+
+PASHUR:
+
+Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast
+du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal
+rufe ich dich.
+
+JEREMIAS (schweigt).
+
+PASHUR:
+
+So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen,
+nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer
+Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!
+
+PASHUR:
+
+In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß
+Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die
+Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.
+
+JEREMIAS:
+
+Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet
+das Grab!
+
+PASHUR:
+
+Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!
+
+STIMMEN:
+
+Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ...
+schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir
+ihn niederlassen.
+
+JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung):
+
+Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser
+jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen
+neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh,
+wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten
+Bruder zu sein -- fort -- weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich
+erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei!
+
+ (JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die
+ Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen,
+ ihm vorsichtig nachzufolgen.)
+
+HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend):
+
+Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen
+die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte!
+Ewig währet Jerusalem!
+
+ (JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme
+ zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von
+ seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren
+ schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias
+ bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte
+ Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick
+ das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz
+ und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.)
+
+DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit):
+
+Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt ... ein
+Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, daß nun doch
+Frieden würde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, daß versiegelt sei
+dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde
+in Israel ...
+
+ (ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt
+ ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind
+ zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab
+ ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)
+
+
+
+
+DAS SECHSTE BILD
+
+STIMMEN UM MITTERNACHT
+
+ »Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.«
+
+ Jer. VI, 4.
+
+
+ Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum,
+ dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett
+ leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das
+ weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne
+ ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter
+ Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.
+
+ (ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte
+ Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.)
+
+ (DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet
+ ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich
+ nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)
+
+DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam):
+
+Mein König!
+
+ (ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)
+
+DER KNABE:
+
+Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat
+vor dich zu rufen.
+
+ZEDEKIA:
+
+Sind alle versammelt?
+
+DER KNABE:
+
+Alle, so du entboten.
+
+ZEDEKIA:
+
+Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?
+
+DER KNABE:
+
+Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?
+
+DER KNABE:
+
+Er harrt in der Halle der Türhüter.
+
+ZEDEKIA:
+
+Er möge warten. Erst rufe den Rat.
+
+ (DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und
+ entschwindet.)
+
+ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt
+er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus):
+
+Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen
+sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des
+Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie,
+sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache
+pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf
+Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im
+Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht
+Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar,
+Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner
+gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen
+ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren
+Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben,
+doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der
+mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich,
+und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über
+mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des
+Auge keiner gesehn!
+
+ (DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des
+ Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der
+ Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia
+ wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede.
+Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher
+mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von
+hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet
+frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne,
+wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und
+Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in
+unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit
+einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er
+bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!
+
+ (ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in
+ Pashurs Hand.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz
+verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt
+seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist
+mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der
+elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün
+geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider
+Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser
+schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn.
+Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe
+Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands,
+daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände.
+Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.
+
+HANANJA (heftig):
+
+Gott ist mit uns!
+
+ (DIE ANDERN schweigen.)
+
+ZEDEKIA (sehr ruhig):
+
+Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein
+Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein
+Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns
+verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun
+bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit
+ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu
+enden.
+
+HANANJA:
+
+Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere
+Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein
+Doppeltes tun als bisher ...
+
+NACHUM:
+
+Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.
+
+HANANJA:
+
+Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die
+du birgst vor den Altären.
+
+NACHUM:
+
+Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu
+säugen, und als Zehrung den Kranken.
+
+HANANJA:
+
+Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren
+die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.
+
+PASHUR (ernst):
+
+Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.
+
+HANANJA:
+
+Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das
+Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.
+
+PASHUR:
+
+Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren,
+Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und
+Wille.
+
+HANANJA:
+
+Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein
+Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so
+ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig,
+vor sein Antlitz zu treten ...
+
+ZEDEKIA (heftig):
+
+Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner
+kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede
+widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch
+zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden.
+Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech,
+den Obersten meiner Krieger.
+
+ABIMELECH:
+
+Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein
+Herz.
+
+ZEDEKIA:
+
+Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie
+jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr
+die Schilde und wahren den Blick.
+
+ABIMELECH:
+
+Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die
+Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den
+Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird
+schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die
+Mauern Jerusalems.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich
+neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.
+
+ABIMELECH:
+
+Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit.
+
+ZEDEKIA:
+
+Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher
+Art?
+
+PASHUR:
+
+Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und was ist dein Wort, Hananja?
+
+HANANJA:
+
+Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und
+denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit
+der Schärfe des Schwerts.
+
+IMRE:
+
+Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar
+gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor
+den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem
+gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen,
+die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen
+Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem!
+
+ABIMELECH, HANANJA, PASHUR:
+
+Ewig währet Jerusalem!
+
+ZEDEKIA (nach einer Pause):
+
+Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?
+
+NACHUM:
+
+Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht
+drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt,
+willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!
+
+NACHUM:
+
+Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns
+gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis
+zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein
+ganzes Brot erhalte des Tages.
+
+ (ALLE schweigen betroffen.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und
+Vieh in die Mauern treiben?
+
+NACHUM:
+
+Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt.
+
+ZEDEKIA (nach einer Pause):
+
+Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden
+sparen.
+
+NACHUM:
+
+Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch
+gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren ... mit unserer
+Zehrung ...
+
+NACHUM (leise):
+
+Drei Wochen, Herr, -- zum längsten.
+
+ (ALLE schweigen wieder betroffen.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Drei Wochen ... und dann?
+
+NACHUM:
+
+Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.
+
+ (ALLE schweigen wieder.)
+
+HANANJA (erregt):
+
+Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel.
+Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie
+darben für den Herrn.
+
+ABIMELECH:
+
+Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf
+nicht darben.
+
+HANANJA:
+
+Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.
+
+ABIMELECH:
+
+Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern,
+die Luftbläser und Wortemacher.
+
+NACHUM:
+
+Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die
+Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht
+die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei
+Sabbate mehr.
+
+PASHUR:
+
+Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr
+gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und
+verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von
+unserer Not.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und wenn er es wüßte bereits?
+
+NACHUM:
+
+Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür
+der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not,
+nicht Nabukadnezar.
+
+ABIMELECH:
+
+Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir
+bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf
+wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt
+sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich
+Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden
+zwischen unsern Völkern.
+
+HANANJA:
+
+Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!
+
+ABIMELECH:
+
+Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm!
+
+PASHUR:
+
+Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen,
+sobald er unsere Botschaft gehört.
+
+ZEDEKIA:
+
+Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen,
+doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des
+Geheimnisses nutzen.
+
+NACHUM:
+
+Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei
+Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns.
+
+ABIMELECH (erbittert):
+
+Keine Gnade! Lieber den Tod!
+
+PASHUR:
+
+Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!
+
+HANANJA:
+
+Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ...
+
+IMRE (mühsam):
+
+Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König.
+Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm
+entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.
+
+ABIMELECH:
+
+Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.
+
+PASHUR:
+
+Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.
+
+ZEDEKIA:
+
+Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein
+Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!
+
+ (ALLE aufspringend, wirr durcheinander.)
+
+NACHUM:
+
+Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde!
+
+HANANJA:
+
+Verrat! Du verhandelst mit den Feinden!
+
+ABIMELECH:
+
+Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!
+
+PASHUR:
+
+Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?
+
+ZEDEKIA:
+
+Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die
+hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht
+ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus,
+Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie
+empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies
+Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet!
+
+ (ALLE schweigen.)
+
+PASHUR:
+
+Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig
+Schicksal trägt.
+
+ZEDEKIA:
+
+An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.
+
+NACHUM:
+
+Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.
+
+IMRE:
+
+Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.
+
+ABIMELECH:
+
+Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag
+ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und ihr, Pashur und Hananja?
+
+PASHUR:
+
+Man höre ihn!
+
+ (HANANJA schweigt, wendet sich ab.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:)
+Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder
+nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere
+Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.
+
+ (BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und
+ dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel?
+
+BARUCH:
+
+An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.
+
+ZEDEKIA:
+
+Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn
+sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den
+andern:) Fraget ihn aus.
+
+HANANJA (höhnisch):
+
+Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs ...
+
+ABIMELECH (hart unterbrechend):
+
+Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?
+
+BARUCH:
+
+Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.
+
+ABIMELECH:
+
+Unseres Blutes nennst du dich?
+
+BARUCH:
+
+Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner
+Väter Haus.
+
+ABIMELECH:
+
+Ist einem Kenntnis dieses Mannes?
+
+PASHUR:
+
+Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.
+
+ABIMELECH:
+
+Wie fielest du in des Feindes Hand?
+
+BARUCH:
+
+Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich
+von den Schultern her und griffen mich.
+
+ABIMELECH:
+
+Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir
+gegeben, gesiegelte Schrift?
+
+BARUCH:
+
+Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen
+Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)
+
+ABIMELECH:
+
+Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.
+
+BARUCH:
+
+Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des
+Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer
+sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch
+der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage,
+da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich
+stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach
+Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe
+geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis
+diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger.
+Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir:
+fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen.
+Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder
+sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.«
+
+ABIMELECH:
+
+Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu
+haben elf Monde lang.
+
+BARUCH:
+
+Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine
+gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut
+und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben
+lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem
+Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut
+vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker
+von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein
+Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der
+mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen,
+und dauern möge eure Stadt und eure Tage.«
+
+NACHUM:
+
+Milde dünkt mich die Botschaft.
+
+PASHUR:
+
+Zu milde, als daß ich ihr traute.
+
+ZEDEKIA:
+
+Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?
+
+BARUCH:
+
+Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen
+auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner
+Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder
+es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es
+wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße
+tun und deiner Hoffart.«
+
+ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):
+
+Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue?
+
+BARUCH:
+
+Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne
+reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite
+durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis
+zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...«
+
+ZEDEKIA (auffahrend):
+
+Ein Joch?
+
+BARUCH:
+
+»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei
+und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch
+nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.«
+
+ZEDEKIA:
+
+Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt.
+Niemals! (Er steht auf.)
+
+ABIMELECH:
+
+Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)
+
+ (DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)
+
+NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):
+
+Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?
+
+PASHUR:
+
+Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ...
+
+IMRE:
+
+Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ...
+
+ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):
+
+Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das
+Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch
+gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit
+mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der
+Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid
+ihr ...
+
+PASHUR:
+
+Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage,
+was sein Herz ihm gebietet.
+
+ZEDEKIA:
+
+Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach
+eurem Herzen.
+
+NACHUM:
+
+Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm
+willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König.
+Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch
+tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken
+genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn
+wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.
+
+PASHUR:
+
+Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu
+leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu
+gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.
+
+ZEDEKIA:
+
+Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du,
+Hananja?
+
+HANANJA:
+
+Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!
+
+ZEDEKIA:
+
+Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner
+Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?
+
+ABIMELECH:
+
+Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein
+Wille!
+
+ZEDEKIA:
+
+Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und
+stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und
+ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und
+Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf
+Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es
+ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern
+Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß
+ich unter das Joch trete für Israel?
+
+ (ALLE schweigen. Dann sagt:)
+
+NACHUM (als erster):
+
+Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder.
+
+IMRE:
+
+Für die Stadt und das Land.
+
+PASHUR:
+
+Für den heiligen Tempel und den Altar.
+
+HANANJA:
+
+Für Gott, der es heischt von dir.
+
+ (ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)
+
+ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich
+tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich):
+
+Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn
+zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.
+
+ (ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den
+Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein
+Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan
+von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in
+meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret
+ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn
+kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?
+
+PASHUR (ergriffen):
+
+Ich schwöre es, mein König.
+
+IMRE, HANANJA, NACHUM:
+
+Wir schwören es.
+
+ABIMELECH:
+
+Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen!
+
+NACHUM:
+
+Ewiges Gedenken dem König Zedekia.
+
+ZEDEKIA:
+
+So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in
+Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem!
+
+ALLE (begeistert):
+
+Ewig währet Jerusalem!
+
+ZEDEKIA (zu Baruch):
+
+Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia,
+der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun
+sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald
+vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das
+köstliche Wort: Friede.
+
+BARUCH (unruhig, leise):
+
+Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines
+noch heischt er von uns.
+
+ABIMELECH (auffahrend):
+
+Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach?
+
+BARUCH:
+
+Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß.
+
+ZEDEKIA:
+
+Was fordert sein Stolz noch mehr?
+
+BARUCH:
+
+Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone
+wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit
+man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind.
+Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er
+mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie
+sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den
+Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber
+fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne.
+Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote,
+nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn
+es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte
+Nabukadnezar.
+
+PASHUR:
+
+Niemals! Niemals!
+
+HANANJA:
+
+Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler!
+
+PASHUR:
+
+Lieber in Staub den Tempel als entweiht!
+
+IMRE (bestürzt):
+
+Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!
+
+PASHUR:
+
+Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König,
+sende ihn heim!
+
+HANANJA:
+
+Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!
+
+NACHUM:
+
+Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu
+erwägen.
+
+ABIMELECH:
+
+Tausend Tode lieber als diese Schmach.
+
+PASHUR:
+
+Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!
+
+HANANJA (wild):
+
+Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach!
+
+IMRE:
+
+Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort!
+Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!
+
+PASHUR:
+
+Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?
+
+IMRE:
+
+Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben.
+Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?
+
+HANANJA:
+
+Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und
+sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.
+
+NACHUM:
+
+Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die
+Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König,
+errette Jerusalem!
+
+HANANJA:
+
+Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet,
+entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im
+Bösen oder im Guten.
+
+IMRE:
+
+Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot.
+
+HANANJA:
+
+Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.
+
+PASHUR:
+
+Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!
+
+NACHUM:
+
+Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und du, Abimelech?
+
+ABIMELECH:
+
+Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein
+Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.
+
+ZEDEKIA:
+
+Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit
+um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen
+habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert
+ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst
+sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?
+
+PASHUR:
+
+Gott wird dich erleuchten!
+
+ZEDEKIA:
+
+Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch
+auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein
+Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und
+meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte
+finde!
+
+NACHUM:
+
+Unsere Liebe ist mit dir, mein König!
+
+ZEDEKIA:
+
+Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen
+oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich
+erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer
+Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir
+sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie
+in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte
+gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für
+Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!
+
+PASHUR:
+
+Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe
+du entschieden. Ich harre vor dem Altare!
+
+HANANJA (im Abgehen):
+
+Gedenke Gottes!
+
+NACHUM (gleichfalls):
+
+Gedenke der Stadt!
+
+IMRE:
+
+Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen!
+
+ABIMELECH:
+
+Du findest mich bei dir in Leben oder Tod.
+
+ (ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)
+
+BARUCH (leise):
+
+Soll ich mit ihnen, mein König?
+
+ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend):
+
+Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst!
+
+ (BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt
+ unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange
+ hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich
+ scharf um.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?
+
+BARUCH:
+
+Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.
+
+ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich):
+
+Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder
+im geheimen?
+
+BARUCH:
+
+Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war
+gegenwärtig und sein Vertrauter.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?
+
+BARUCH:
+
+Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und
+schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die
+andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und da er drohete, wie war er?
+
+BARUCH:
+
+In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich
+merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere
+und ich Botschaft brächte seines Zorns.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und frug er dich nach mir?
+
+BARUCH:
+
+Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es
+nicht.
+
+ZEDEKIA:
+
+Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber
+ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.)
+Keine Frage hat er getan nach mir?
+
+BARUCH:
+
+Nein, mein König.
+
+ZEDEKIA:
+
+Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge
+Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere
+Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu
+gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht
+geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf
+und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?
+
+BARUCH:
+
+Morgen neut sich der volle Mond.
+
+ZEDEKIA:
+
+Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt.
+Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball.
+Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen
+Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an
+Nabukadnezar! Melde ihm ...
+
+BARUCH (erschreckt):
+
+Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!
+
+ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):
+
+Was erkühnst du dich?
+
+BARUCH (flehend):
+
+Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der
+Botschaft.
+
+ZEDEKIA:
+
+Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern
+Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du?
+
+BARUCH:
+
+Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.
+
+ZEDEKIA:
+
+Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?
+
+BARUCH:
+
+Nicht ihn fürchte ich -- ich fürchte die Botschaft.
+
+ZEDEKIA (erstaunt):
+
+Was fürchtest du?
+
+BARUCH:
+
+Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die
+Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich,
+rette, rette die Stadt!
+
+ (ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)
+
+BARUCH:
+
+Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke
+aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und
+sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf
+dein Herz!
+
+ZEDEKIA (grimmig):
+
+Tu auf die Tore, tu auf dein Herz -- ich kenne dieses Wort. Nicht du
+sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider
+mich ...
+
+BARUCH:
+
+Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will
+ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah,
+daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu
+ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich
+an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.
+
+ZEDEKIA:
+
+Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir
+sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden
+zu holen?
+
+BARUCH:
+
+So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König.
+
+ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf):
+
+Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!
+
+BARUCH:
+
+Niemand hat mich sie geheißen.
+
+ZEDEKIA:
+
+Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.
+
+BARUCH:
+
+Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer,
+nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.
+
+ZEDEKIA:
+
+Wer ist dieser, der dir gebietet?
+
+BARUCH (ausflüchtend):
+
+Mein Lehrer, mein Meister.
+
+ZEDEKIA:
+
+Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser
+Stadt?
+
+BARUCH:
+
+Gottes Diener und Profet ist mein Meister -- Jeremias.
+
+ZEDEKIA (ausbrechend):
+
+Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in
+Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch
+immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt
+er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich
+mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten
+wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich?
+
+BARUCH:
+
+Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser
+Stadt.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen
+Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in
+der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt
+er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich?
+Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht
+seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen
+soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die
+Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu
+Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie
+hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern,
+Zedekia ist ihm bereit.
+
+ (BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt.
+Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde.
+Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich
+will sterben als König zu Jerusalem.
+
+ (BARUCH hebt noch einmal die Hände.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine
+Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!
+
+ (BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein
+ Antlitz und wendet sich ab.)
+
+ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch
+abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz
+verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend):
+
+Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf
+und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt.
+Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)
+
+DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint):
+
+Mein König?
+
+ZEDEKIA:
+
+Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne
+Träume!
+
+ (DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen
+ Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder
+ unruhig.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht
+gegangen, zögert er noch?
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia.
+
+ZEDEKIA:
+
+Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich
+will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie
+die andern.
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles
+auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht
+glänzt in den Raum.)
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie
+gestern und ehetags?
+
+ZEDEKIA:
+
+Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich
+will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und
+mein Herz brennt mit.
+
+SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das
+Ruhelager):
+
+Gott schütze deinen Schlummer, mein König.
+
+ (ZEDEKIA breitet sich hin.)
+
+ (SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel
+ zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe
+ ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich
+ zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden
+ an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das
+ leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles
+ wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm
+ weiter.)
+
+ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend):
+
+Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?
+
+SCHWERTTRÄGER (erschrocken):
+
+Wir sprachen nichts, mein König.
+
+ZEDEKIA:
+
+Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem
+Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen
+kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern?
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause.
+
+ZEDEKIA:
+
+Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die
+Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!
+
+ (SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig
+ hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das
+ Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die
+ Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises
+ Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen
+ die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit
+ vorbei.)
+
+ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie
+ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des
+Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er
+heftig):
+
+Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine
+Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in
+meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in
+meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht?
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Ich höre nichts, mein König!
+
+NEHEMIA:
+
+Nichts habe ich vernommen ...
+
+ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem
+Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend):
+
+Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher,
+Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im
+Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es
+nicht?
+
+SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann
+schaudernd):
+
+Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!
+
+ZEDEKIA:
+
+Ah, du hörst sie auch!
+
+SCHWERTTRÄGER (schaudernd):
+
+Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es
+klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier.
+
+NEHEMIA:
+
+Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?
+
+ZEDEKIA:
+
+Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier
+nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes
+ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache
+ihn stumm.
+
+ (SCHWERTTRÄGER eilends ab.)
+
+ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er
+hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört
+man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend):
+
+Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!
+
+ (SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Wer war es, der da sprach?
+
+SCHWERTTRÄGER (zitternd):
+
+Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg
+zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien
+es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie
+tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer
+als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer
+Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß
+ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.
+
+ZEDEKIA:
+
+Was tönte die Stimme?
+
+SCHWERTTRÄGER (schaudernd):
+
+Ich ... ich kann es nicht sagen!
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich befehle dir: sage die Worte!
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen.
+
+ZEDEKIA:
+
+Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!
+
+SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang):
+
+ So sang es von der Tiefe:
+ Ich habe mein Haus verlassen müssen
+ Und mein Erbe meiden,
+ Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben.
+ Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht
+ Und hören nicht auf,
+ Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks,
+ Ist greulich zerplagt.
+
+ZEDEKIA (aufschreiend):
+
+Jeremias! Er, immer er!
+
+SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend):
+
+ Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion
+ Mit seinem Zorn überschüttet!
+ Er hat die Herrlichkeit Israels
+ Vom Himmel auf die Erde geworfen,
+ Er hat die Mauer seiner Paläste
+ In des Feindes Hände gegeben,
+ Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben
+ Wie an einem Fest.
+ Er hat ...
+
+ZEDEKIA (ausbrechend):
+
+Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht!
+Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite,
+hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich
+ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem
+fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm
+entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer
+befreit mich von ihm ...
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.)
+
+ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann
+in erwachendem Stolz):
+
+Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und
+ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm
+zu flüchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab):
+Schwertträger!
+
+SCHWERTTRÄGER:
+
+Mein König?
+
+ZEDEKIA:
+
+Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder
+Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er
+gebracht werden und im geheimen wieder hinab.
+
+ (DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)
+
+ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin):
+
+An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß
+ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht
+alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen
+den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen,
+wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott,
+der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt!
+
+ (JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine
+ Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und
+ abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus
+ einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig
+ forschend an.)
+
+ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit):
+
+Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was
+singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?
+
+JEREMIAS:
+
+Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und
+zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner.
+
+ZEDEKIA:
+
+Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem,
+und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den
+Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die
+Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt
+es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.
+
+JEREMIAS:
+
+Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein
+Tun.
+
+ZEDEKIA:
+
+Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich
+dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern.
+Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu
+mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor
+Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen,
+daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte
+des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!
+
+JEREMIAS:
+
+Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur
+deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun
+spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?
+
+ZEDEKIA:
+
+Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und
+deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von
+Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet
+die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die
+Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das
+Brot.
+
+JEREMIAS:
+
+Ich weiß es, Herr.
+
+ZEDEKIA:
+
+Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der
+Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter
+der Erde?
+
+JEREMIAS:
+
+Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube
+reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde
+winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen
+mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt.
+
+ZEDEKIA (noch gereizter):
+
+Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und
+mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die
+Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.
+
+JEREMIAS:
+
+Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm
+bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der
+Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit
+Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne
+sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer
+aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in
+die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.
+
+ZEDEKIA:
+
+Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner
+Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem
+Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu
+mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen
+sein?
+
+JEREMIAS:
+
+Gott einzig bin ich zu Willen.
+
+ZEDEKIA:
+
+So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von
+Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.
+
+JEREMIAS (jauchzend):
+
+Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
+
+ZEDEKIA:
+
+Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart
+ohne Maß.
+
+JEREMIAS:
+
+Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein
+Herz, doch rette die Stadt!
+
+ZEDEKIA:
+
+Meine Ehre hat er gefordert.
+
+JEREMIAS:
+
+Gib sie hin für die Stadt!
+
+ZEDEKIA:
+
+Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?
+
+JEREMIAS:
+
+Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn
+Sterben.
+
+ZEDEKIA:
+
+In ein Joch will er mich beugen!
+
+JEREMIAS:
+
+Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge
+den Nacken, errette die Stadt!
+
+ZEDEKIA:
+
+Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid
+meiner Ahnen.
+
+JEREMIAS:
+
+Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke
+der Stadt, gedenke der Lebendigen!
+
+ZEDEKIA:
+
+Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.
+
+JEREMIAS:
+
+Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut
+dein Herz!
+
+ZEDEKIA:
+
+Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!
+
+JEREMIAS:
+
+Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu
+auf der Demut dein Herz!
+
+ZEDEKIA (ergrimmt):
+
+Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren
+hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.
+
+JEREMIAS:
+
+Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem
+Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher
+dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit
+lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.
+
+ZEDEKIA:
+
+Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.
+
+JEREMIAS:
+
+Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille
+bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort?
+Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst
+ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung.
+Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.
+
+ZEDEKIA:
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS:
+
+Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und
+Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du
+willst nicht, daß ich ihn wende.
+
+ZEDEKIA (unsicher):
+
+Wie kannst du es wissen?
+
+JEREMIAS:
+
+Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn.
+Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld
+deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott
+versucht er in ihnen.
+
+ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise):
+
+Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein
+Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem
+Boten.
+
+JEREMIAS:
+
+Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!
+
+ZEDEKIA:
+
+Schon ist er gegangen.
+
+JEREMIAS:
+
+Zurück! Ruf ihn zurück!
+
+ZEDEKIA:
+
+Zu spät! Zu spät bist du gekommen.
+
+JEREMIAS:
+
+Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern.
+
+ZEDEKIA:
+
+Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!
+
+JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen
+Schrei die Hände reckend):
+
+Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!
+
+ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):
+
+Was ist dir, Jeremias?
+
+JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper.
+Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne
+mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von
+mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände
+aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):
+
+ Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,
+ Jerusalem, prächtiger Morgenstern,
+ Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!
+ Über die Wolken wolltest du fahren,
+ Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,
+ Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.
+
+ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS:
+
+ Was war heller, als deine Stirne,
+ Du Burg Jakobs,
+ Du Kronstadt Davids,
+ Du Zelt Salomos,
+ Gottes Kleinod und heiliges Haus?
+ Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?
+ Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,
+ Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.
+ Völker pilgerten her, dich zu schauen,
+ Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!
+
+ZEDEKIA:
+
+Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!
+
+JEREMIAS:
+
+ Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,
+ Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?
+ Nicht mehr flüstern
+ Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,
+ Weithin verscholl das Wogen des Marktes,
+ Das Tönen der Freude,
+ Flötenklang und der Jungfraun Gesang!
+ Weh! Ein Würger ist über dich kommen,
+ Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.
+ Eitel Wüstung sind deine Straßen,
+ Dornen wachsen in Marmelgemächern
+ Und Nesseln in deines Königs Palast.
+ Weh! Gesunken sind all deine Mauern,
+ Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen
+ Das ewige Herz deines Heiligtums.
+
+ZEDEKIA:
+
+Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!
+
+JEREMIAS (immer frenetischer):
+
+ Alles Haupt ist geschoren,
+ Aller Bart ist geschnitten,
+ In Säcken gehen die Mütter und reißen
+ Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:
+ Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?
+ Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen
+ Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,
+ Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,
+ Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.
+ Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,
+ Und die Schakale der Wüste sind satt.
+
+ZEDEKIA:
+
+Schweig still! Schweig still! Du lügst!
+
+JEREMIAS:
+
+ Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,
+ In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?
+ Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,
+ Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,
+ Sie fassen dich an und fassen dich doch!
+ Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,
+ Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,
+ Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde
+ Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.
+
+ZEDEKIA:
+
+Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!
+
+JEREMIAS (aufklagend):
+
+ Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,
+ Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,
+ Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!
+ Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,
+ Sie blecken die Zähne und lachen betulich:
+ »Ei, wie haben wir diese erniedrigt,
+ Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!
+ Das ist der Tag, des wir haben begehret,
+ Wir habens erlanget,
+ Wir habens erlebt!«
+
+ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten):
+
+Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!
+
+JEREMIAS:
+
+ Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,
+ Wiege der Völker und Kleinod der Welt.
+ Wer wird dich rühmen, wer findet dich?
+ Eine Sage der Zeiten bist du geworden,
+ Fabel und Sprichwort unter den Völkern,
+ Oh, ich sehe ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Nichts wirst du sehen, du Rasender du!
+
+JEREMIAS:
+
+ Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,
+ Ich sehe ...
+
+ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn):
+
+Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!
+
+JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann
+plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):
+
+ Mich?!
+ Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!
+ Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!
+ Wohl wird einer geblendet sein,
+ Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,
+ Doch jener, der längst schon verblendet war,
+ Als sein Auge noch blickte und sah: --
+ Höre mich, König Zedekia!
+
+ (ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)
+
+JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu):
+
+ Dich
+ Werden sie fassen, des Königs Knechte
+ Im Hause Gottes, das du verstört,
+ Sie reißen die Rechte
+ Dir los vom Altar,
+ Daran sie zur Hilfe verklammert war!
+ Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,
+ Umtun deine Arme mit eisernen Flechten
+ Und schleppen
+ Und schleifen dich über die Treppen,
+ Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen
+ Jenem entgegen,
+ Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen
+ Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!
+
+ (ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)
+
+JEREMIAS:
+
+ In die Knie
+ Knicken sie dich und stoßen dich sie,
+ Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,
+ Vier Hände halten den Blendstahl hinein.
+ Heiß
+ Frißt die Hitze
+ Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.
+ Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!
+ Und dann
+ Fassen dich rauh ihre Fäuste an,
+ Zischend und rauchend
+ Tauchen
+ Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.
+
+ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein
+Geblendeter):
+
+Weh!
+
+JEREMIAS:
+
+ Doch eh
+ Dir noch in einer brennenden Gischt
+ Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,
+ Mußt du noch sehn
+ Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!
+ Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,
+ Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,
+ Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert
+ In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!
+ Du siehst,
+ Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,
+ Und siehst,
+ Eh der rote Stahl dich für immer blendet,
+ Wie Israels Stamm und Königtum endet.
+
+ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist,
+die Hände flehend aufhebend):
+
+Erbarmen! Erbarmen!
+
+JEREMIAS:
+
+ So wirst du ins ewige Dunkel schrein,
+ Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,
+ Denn Gott erhört
+ Nie den, der frevelnden Übermutes
+ Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.
+ Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,
+ Die blind am Bauche der Erde hinlangen,
+ Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,
+ Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,
+ Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,
+ Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.
+ Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,
+ Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,
+ Und tritt einer nah
+ Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar
+ Das, was einstens König zu Zion war,
+ Dann hebt er die Hand
+ Und flucht dir, König Zedekia!
+
+ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager
+liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias
+mit einem wirren Blicke schauernd an):
+
+Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du
+gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe.
+Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!
+
+JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen
+erloschen):
+
+Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich
+und nicht wenden!
+
+ZEDEKIA (erschüttert):
+
+Warum bist du nicht früher vor mich getreten?
+
+JEREMIAS:
+
+Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.
+
+ZEDEKIA:
+
+Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia
+langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an -- ich ...
+glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem
+König in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein
+Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit
+mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du
+gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines
+Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache
+denn Gott allein.
+
+ (JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)
+
+ZEDEKIA (gequält):
+
+Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es
+nicht wenden?
+
+JEREMIAS (düster):
+
+Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe
+den Ohnmächtigen!
+
+ZEDEKIA (schweigt, dann von innen):
+
+Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich
+liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast.
+Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor
+mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich
+gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein
+Wort sich erfüllt.
+
+JEREMIAS (ergriffen):
+
+Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!
+
+(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist
+schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)
+
+ZEDEKIA: Jeremias!
+
+ (JEREMIAS wendet sich.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir
+geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden.
+
+JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände
+über des Königs Stirn):
+
+Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir
+leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.
+
+ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend):
+
+Und ... gebe ... uns ... den Frieden ...
+
+
+
+
+DAS SIEBENTE BILD
+
+DIE LETZTE NOT
+
+ »Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine
+ Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht
+ vor Spott und Speichel.«
+
+ Jer. L, 6.
+
+
+ Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine
+ gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem
+ Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut,
+ überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten
+ sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.
+
+DER TÜRHÜTER (erscheint):
+
+Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot
+mehr gegeben!
+
+EIN WEIB:
+
+Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!
+
+EINE ANDERE:
+
+Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die
+Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre
+Finger. (Sie hebt ein Kind empor.)
+
+EINE ANDERE:
+
+Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.)
+
+STIMMEN (wild durcheinander):
+
+Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ...
+Brot ... Brot ...
+
+EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert):
+
+Her mit den Schlüsseln, sage ich.
+
+STIMMEN (durcheinander):
+
+Ja ... her mit den Schlüsseln ... Sperrt auf ... Die Schlüssel ...
+Ja ... ja ...
+
+DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend):
+
+Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und
+dann die Speicher zu schließen.
+
+EINE STIMME:
+
+Mir hat man keines gegeben!
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich
+auch ... warum mir keines?
+
+EINE FRAU:
+
+Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust.
+Gerechtigkeit!
+
+EINE ANDERE:
+
+Sand war in meinem, Kies und Sand!
+
+EINE ANDERE:
+
+Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu!
+Gerechtigkeit!
+
+DER TÜRHÜTER:
+
+Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.
+
+EINE STIMME:
+
+Wo ist er?
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede
+stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ...
+
+EINE STIMME (aufreizend, grell):
+
+Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.
+
+EIN ANDERER:
+
+Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!
+
+ANDERE:
+
+Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot für
+die Armen ... Brot ... Brot ...
+
+DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME:
+
+Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei.
+Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren
+Kindern.
+
+EINE STIMME:
+
+Das ist nicht wahr.
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es
+auch ... Wo ist Nachum ... Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ...
+Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ...
+
+ (DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen
+ Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender
+ Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen
+ und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.)
+
+ (DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort
+ ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)
+
+ABIMELECH:
+
+Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum
+vor dem Palast.
+
+ (DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in
+ panischem Tumult.)
+
+DIE STIMMEN (durcheinander):
+
+Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist
+mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe!
+
+ (DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)
+
+ABIMELECH:
+
+Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich
+seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was
+wollt ihr, Rotte?
+
+DIE STIMMEN:
+
+Brot ... Wir haben Hunger ... Brot ... Unsere Kinder verhungern.
+
+ABIMELECH:
+
+Jedem ist Brot zugeteilt.
+
+DIE STIMMEN:
+
+Mir nicht ... Man hat mich vergessen ... Nicht genug ...
+
+ABIMELECH:
+
+Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist
+jetzt.
+
+DIE STIMMEN:
+
+Nicht genug ... Wir haben Hunger ...
+
+ABIMELECH:
+
+So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann
+ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem!
+
+EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach):
+
+Es lebe Jerusalem!
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME (grell):
+
+Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht
+Jerusalem. Wir sind Jerusalem!
+
+DIE MENGE:
+
+Ja! Wir sind Jerusalem ... wir wollen leben ... wir wollen nicht
+verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem?
+Brot ... Brot ...
+
+ABIMELECH (aufstampfend):
+
+Ruhig, Volk! In die Häuser mit euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt
+statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt.
+
+EIN WEIB:
+
+Warum ist Krieg?
+
+VIELE STIMMEN:
+
+Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede ... Friede ... Friede ...
+Brot ...
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und
+linde unsere Tage?
+
+VIELE STIMMEN:
+
+Ja ... ja ... Friede mit ihm ... Friede ... Ja ... ja ... Endet den
+Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ...
+
+EIN WEIB:
+
+Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ...
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben uns verraten ...
+Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern.
+
+ABIMELECH:
+
+Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im
+Kampfe ...
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Das ist nicht wahr!
+
+ABIMELECH:
+
+Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn
+vor mein Schwert. Wer hat es gesagt?
+
+ (DIE MENGE schweigt.)
+
+ABIMELECH:
+
+Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Häuser, und wer Kraft
+hat, an die Wälle.
+
+STIMMEN (von rückwärts):
+
+Nachum ... Nachum ... da ist er.
+
+DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt):
+
+Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der
+Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ...
+
+NACHUM (sich losringend):
+
+Laßt mich los! Gebt mich frei!
+
+DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend):
+
+Nachum, Nachum ...
+
+ABIMELECH:
+
+Zurück mit euch!
+
+ (DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.)
+
+NACHUM:
+
+Was wollt ihr von mir?
+
+EINE STIMME:
+
+Die Speicher schließ auf!
+
+NACHUM:
+
+Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen.
+
+DIE STIMMEN VON FRÜHER:
+
+Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ...
+tu auf die Speicher ...
+
+NACHUM:
+
+Die Speicher sind leer.
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Wir wollen sie sehen.
+
+VIELE STIMMEN:
+
+Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht
+wahr ... mit unseren Augen wollen wir es sehen ... schließe sie auf ...
+wir wollen selbst sehen ... ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es
+nicht ...
+
+NACHUM:
+
+Ich schwöre euch ...
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen.
+
+VIELE STIMMEN:
+
+Ja ... alle haben uns belogen ... die Priester ... Ja, alle ... der
+König ... Her mit den Schlüsseln ... Alle haben sie Lügen gesagt ...
+Sieg haben sie verkündet.
+
+ANDERE STIMMEN (immer stärker ausbrechend):
+
+Wo sind die Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie
+verheißen ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... Brot ...
+Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ...
+
+ (DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie
+ bedrängen Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.)
+
+NACHUM:
+
+Zu Hilfe! Zu Hilfe!
+
+ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten):
+
+Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter!
+
+EINE STIMME:
+
+Wehe, ich bin getroffen!
+
+VIELE STIMMEN:
+
+Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen ... Mörder ... Mörder ...
+Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ...
+Gewalt ...
+
+EIN WEIB (sich das Gewand aufreißend):
+
+Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her!
+
+DIE MENGE (die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus):
+
+Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder!
+
+ABIMELECH:
+
+Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse
+das Schwert!
+
+DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Unser ist der Markt, unser die Stadt!
+
+VIELE STIMMEN:
+
+Ja, wir bleiben.
+
+EIN WEIB:
+
+Ich bleibe, bis der König kommt.
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... ja ...
+
+DAS WEIB:
+
+Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es nähren. Ich weiche
+nicht, ehe ich nicht Brot habe.
+
+ANDERE:
+
+Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe.
+
+EINE STIMME (von rückwärts durch das Gedränge):
+
+Abimelech, wo ist Abimelech?
+
+ABIMELECH:
+
+Hier bin ich!
+
+DIE MENGE:
+
+Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ...
+
+DER BOTE:
+
+Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen.
+
+ (DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.)
+
+ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend):
+
+Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlägt sich durch eine Gasse von
+Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.)
+
+ (DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig
+ tönenden Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen
+ drängte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu,
+ flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten,
+ Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen
+ ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst,
+ ratloses Entsetzen.)
+
+STIMMEN AUS DER MENGE:
+
+Bei Moria sind sie ... Wir sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ...
+wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist
+du ... Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ...
+Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir
+tun ...
+
+EINE STIMME:
+
+An die Mauern ... Alles an die Mauern ...
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ...
+
+ EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen
+ wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen
+
+STIMMEN:
+
+In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß uns helfen ... Die
+Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+In den Tempel ... Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie?
+Verschlossen die Türen!
+
+EINER (hereinstürmend):
+
+Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren!
+
+ (DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.)
+
+STIMMEN:
+
+Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der König ... wo sind die
+Priester ... wo Hananja ... verraten ... Verschlossen die Türen ... wir
+sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ...
+sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ...
+Tod über uns ... Die Chaldäer ...
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Fluch dem Könige!
+
+STIMMEN (im Wutgeschrei):
+
+Fluch! Fluch!
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen!
+
+DIE MENGE:
+
+Fluch! Fluch!
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Sie haben geschlagen, die warnten und rieten ...
+
+EINE STIMME:
+
+Geschlagen Jeremias!
+
+ANDERE STIMME:
+
+Ja! Er hat es gesagt! Jeremias ... Jeremias ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert ... gedenket ihrs noch ...
+ja ... Ich habe es gehört ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ...
+ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ...
+Ja ... ja ... ja ... Er hat alles gekündet.
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ...
+er soll uns raten ... ja ... ja ... er hat stets das Rechte gewußt ...
+er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ...
+
+EINE STIMME:
+
+In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast.
+
+ (DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.)
+
+STIMMEN:
+
+Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ...
+sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm.
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott
+hat ihn gesandt ... Wo ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ...
+Erlösung ... Erlösung ...
+
+ANDERE:
+
+Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der Wahre, er hat es
+verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist Wahrheit geworden ... Gottes
+Gnade war über ihm ... Gib das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen
+ihn befreien ... hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König
+sein ... Wo ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ...
+
+ (DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei
+ »Jeremias, Jeremias« zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre
+ Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder
+ hinaufgeschäumt, mit Brettern und Hämmern und den Fäusten schlagen
+ sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zögernd aufgetan.)
+
+DER TÜRSTEHER:
+
+Was wollt ihr?
+
+DIE MENGE:
+
+Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoßen ihn zur Seite.)
+
+DER TÜRSTEHER:
+
+Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil
+der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört dumpf das Sprengen von
+Türen, das Schlagen von Äxten.)
+
+ (DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das
+ Geschehen.)
+
+STIMMEN:
+
+Hinein!... Hinein!... Ganz unten haben sie ihn verscharrt ... sie hatten
+Furcht vor ihm ... die Hunde ...
+
+STIMMEN:
+
+Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn ... Oh, Jeremia ...
+er wird uns erretten ...
+
+EIN WEIB (in Ekstase):
+
+Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf
+seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird
+uns erlösen!
+
+EINE ANDERE:
+
+Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird über sie
+fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des Heiligen, der für uns gelitten!
+
+EINE ANDERE:
+
+Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind für uns seine Wunden ... ich
+will knien vor ihm in den Staub ...
+
+DIE ERSTE:
+
+Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia!
+
+STIMME (von oben):
+
+Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben!
+
+DAS WEIB:
+
+Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige
+naht.
+
+DIE ANDERE:
+
+Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird
+davon Jerusalem.
+
+ (JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.)
+
+DIE MENGE UNTEN:
+
+Sie haben ihn gefunden!... Rettung ... Rettung ... Gottes Gnade ...
+Jeremia ... Jeremia ...
+
+DAS WEIB:
+
+Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen!
+Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mägden,
+rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du
+Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem!
+
+DIE MENGE (wild ekstatisch):
+
+Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ...
+
+DAS WEIB:
+
+Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie
+die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh
+nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf!
+
+ (DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore
+ geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor
+ dem Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die
+ Ekstase der Menge.)
+
+STIMMEN:
+
+Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... Oh, Verkünder ...
+Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... König ... Gesalbter
+du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ...
+
+DAS WEIB (zu seinen Füßen sich werfend):
+
+Was verhüllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh,
+Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir
+auferstehen vom Tode!
+
+JEREMIAS (langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und
+düster, wie er in die wilde Erwartung blickt):
+
+Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese
+Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir?
+
+DIE MENGE:
+
+Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... rette die Stadt ...
+Unser König sei ... tue ein Wunder ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir?
+
+DIE MENGE (chaotisch durcheinander):
+
+Moria ... die Burg ... rette Jerusalem ... ein Wunder ... wir sind
+verloren ... Unser Hort bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ...
+
+JEREMIAS:
+
+Einer rede, nicht alle!
+
+DAS WEIB (hinstürzend zu seinen Füßen):
+
+Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände,
+die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du
+geschaut, hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns!
+
+EINE STIMME:
+
+Sie stürmen die Mauer von Moria!
+
+EINE ANDERE STIMME:
+
+Unsere Männer sind geschlagen ...
+
+EINE ANDERE STIMME:
+
+Vor dem Tempel schon kämpfen sie.
+
+EINE DRITTE STIMME (verzweifelt):
+
+Rette, rette Jerusalem!
+
+DIE MENGE (frenetisch):
+
+Rette, rette Jerusalem!
+
+ (JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.)
+
+DAS WEIB:
+
+Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit den Nägeln zerreißen das
+Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser
+Hort bist du und unsere Hoffnung.
+
+EINE STIMME:
+
+Wer errettet uns, wenn nicht du?
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Die Priester haben uns verraten, der König uns verkauft.
+
+JEREMIAS (auffahrend):
+
+Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr den König?
+
+STIMMEN:
+
+Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft er nicht ... er ist
+geflüchtet ... er ist geflohen ...
+
+JEREMIAS (stark):
+
+Das ist nicht wahr.
+
+STIMMEN:
+
+Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt ... sie haben uns
+geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten
+wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ...
+
+JEREMIAS:
+
+Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort
+auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt.
+
+STIMMEN:
+
+Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der König hat ihn
+gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ...
+
+JEREMIAS:
+
+Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und
+schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hörte ich toben nach dem
+Kriege, und die jetzt den König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du
+Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung!
+Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt
+gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider euch schlaget
+mit den Fäusten, wider euch mit den Worten!
+
+STIMMEN:
+
+Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ...
+was sollen wir tun ...
+
+JEREMIAS:
+
+Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das
+Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein
+in sein Haus und diene mit seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und
+murret nicht!
+
+DIE MENGE:
+
+Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns Sieg ... Laß uns nicht
+ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... Jerusalem ... rette uns ...
+rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger ... hilf uns ... ein Wunder tu,
+laß es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie
+Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ...
+
+JEREMIAS:
+
+Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft.
+
+DIE AUFREIZENDE STIMME:
+
+Gott hat uns verlassen!
+
+DIE MENGE:
+
+Ja ... Gott hat uns verlassen ... wo ist er ... wo ist der Bund, den er
+geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ...
+
+JEREMIAS (zornig):
+
+Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt
+ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war,
+brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und
+meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein
+Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken,
+aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget
+euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!
+
+STIMMEN:
+
+Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... nur Worte gibt er ...
+Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ...
+ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ...
+
+JEREMIAS:
+
+Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus
+dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung!
+Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget
+euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse -- den Gott erlöset
+in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe
+ihr zerbrochen werdet!
+
+STIMMEN HERBEISTÜRMENDER:
+
+Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen!
+
+DIE MENGE (wild aufschreiend):
+
+Wehe ... wehe ... (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias
+aufschäumend): Höre ... höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ...
+tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ...
+
+JEREMIAS (verzweifelt):
+
+Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den
+Feind ...
+
+DIE MENGE (ekstatisch):
+
+Ja ... ja ... tue also ...
+
+JEREMIAS:
+
+Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?
+
+DIE MENGE:
+
+Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... Du mußt es können ...
+ja ... ja ... alles kannst du ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!
+
+DIE MENGE:
+
+Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ...
+
+JEREMIAS (ausbrechend):
+
+Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet
+von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu
+euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine
+Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich
+beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich
+beuge mich.
+
+STIMMEN:
+
+Wehe ... nein ... nein ...
+
+JEREMIAS:
+
+Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das
+Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt,
+durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest -- sein Wille geschehe,
+sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis
+will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist -- ich
+beuge mich.
+
+STIMMEN:
+
+Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ...
+
+JEREMIAS (immer mehr in Ekstase):
+
+Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein
+Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist --
+ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein
+Wille ist -- ich beuge mich!
+
+ (DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)
+
+JEREMIAS:
+
+Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist -- ich beuge mich!
+
+ (AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)
+
+JEREMIAS:
+
+Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name,
+Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es
+dein Wille ist -- ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!
+
+DIE MENGE:
+
+Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... Wehe ... Er
+verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ...
+
+JEREMIAS (ganz in Ekstase):
+
+ Was immer du tust, ich beuge mich.
+ Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
+ Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,
+ Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,
+ Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,
+ Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,
+ Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,
+ Verstoße dein Volk und verstoße auch mich --
+ Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,
+ Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!
+
+DIE MENGE (ihn wild umstürmend):
+
+Verräter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget
+ihn ... steiniget ihn ...
+
+JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der
+dunkel schwelenden Masse):
+
+ Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.
+ Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,
+ Herr, ich bin allem Leiden bereit!
+ Gieß aus deines Zornes fressende Lauge
+ In meine Seele -- sie wird dich nicht lassen,
+ Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen --
+ Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.
+ Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,
+ Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!
+ Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,
+ Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!
+ Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,
+ Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,
+ Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,
+ Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,
+ Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,
+ Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,
+ Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,
+ Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,
+ Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
+ Was immer du sendest, ich lobe dich,
+ Herr, höre mein Wort und erprobe mich!
+
+DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend):
+
+Verräter ... steiniget ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für
+unsere Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ...
+Lästerer ... Steiniget ihn ...
+
+DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend):
+
+Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ...
+
+DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei):
+
+Ja ... ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ...
+steiniget ihn ... kreuziget ihn ...
+
+JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase):
+
+ Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!
+ Die Lanze rammt mir ein und den Speer,
+ Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,
+ Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,
+ Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, --
+ Ich will ja nur für euch alle und alle
+ Vor Gott das selige Sühnopfer sein.
+ Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,
+ Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen
+ Mein brennendes Herz und erbarmet sich
+ Und rettet und rettet Jerusalem!
+
+ (DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere
+ werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)
+
+STIMMEN:
+
+Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... Kreuziget ihn ...
+Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm ... Er rast ... laßt ab ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht.
+
+JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet):
+
+ Was zögert ihr noch? Den seligen Preis
+ Des Martertods, ich will ihn bezahlen!
+ Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,
+ Denn ich weiß,
+ Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,
+ Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.
+ Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,
+ Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,
+ Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,
+ Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,
+ Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,
+ Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.
+ Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,
+ Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,
+ Doch seine Seele wird flügelnd mit allen
+ Sünden der Menschen zu Gott aufschweben
+ Und dort der Bitter und Bote sein!
+ Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,
+ Meine Seele verzehrt und verlodert sich!
+ Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!
+ Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!
+
+ (DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit
+ sich. Sie schlagen auf ihn ein.)
+
+STIMMEN:
+
+Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der
+Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ...
+
+ (Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in
+ wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und
+ gebärden sich wie Tolle.)
+
+WILDE STIMMEN:
+
+Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind in der Stadt ... Die Chaldäer
+über uns ... Verloren ... Israel ist verloren ...
+
+NEUE FLÜCHTIGE:
+
+Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... Jerusalem ist gefallen ...
+Rettet euch ... Die Chaldäer ...
+
+NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf):
+
+Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ...
+Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem!
+
+ (DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie
+ lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze
+ Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und
+ Flucht.)
+
+
+
+
+DAS ACHTE BILD
+
+DIE UMKEHR
+
+ »Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.«
+
+ Hiob XXXIV, 36.
+
+
+ Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen
+ und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des
+ unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und
+ liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis
+ zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut
+ liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.
+
+ Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in
+ Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen
+ vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein
+ Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.
+
+ Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach
+ Sonnenuntergang.
+
+DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu
+den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der
+Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen
+sie im murmelnden Chore mit):
+
+ Höre, oh höre, du Hirte Israels,
+ Der du Josefs hütest wie der Schafe,
+ Erscheine, der du sitzest über Cherubim,
+ Erscheine, erwecke deine Gewalt!
+
+DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd):
+
+Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+ Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,
+ Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
+ Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,
+ Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?
+ Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
+ Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
+
+DIE ANDERN:
+
+Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+ Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet
+ Und eingepflanzt in der Heiden Land,
+ Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,
+ Gehügel und Berge deckte sein Schatten
+ Und sprossende Reben die Zedern des Tals,
+ Doch wehe,
+ Die Fremden haben die Reben zerrissen,
+ Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,
+ Festiglich war er, und wüst ist er nun!
+
+DIE ANDERN:
+
+ Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
+ Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+ Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
+ Erbarme dich unser, eh wir vergehn,
+ Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,
+ Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,
+ Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
+ Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,
+ Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!
+ Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
+
+DIE ANDERN:
+
+Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
+
+ANDERE (flehentlich):
+
+Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
+
+DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut
+aufschreiend):
+
+Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich
+verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser!
+
+DIE FRAU (neben ihm):
+
+Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben.
+
+EIN ANDERER:
+
+Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!
+
+DER VERWUNDETE:
+
+Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... ich ertrage es nicht ... es
+frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir
+Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!...
+
+EIN MANN:
+
+Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.
+
+DIE FRAU:
+
+Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich
+ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber ...
+Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole
+dir Wasser ... da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ...
+so ...
+
+ (DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein
+ Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.)
+
+ (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder
+ niedergelassen.)
+
+EINER:
+
+Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.
+
+EIN ANDERER:
+
+Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung!
+
+ANDERE:
+
+Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais Stamm ... die
+Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein Herz ... vom Erlöser lies ...
+unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts ...
+
+ (DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen
+ beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)
+
+EINE FRAU (ängstlich):
+
+Es hat gepocht!
+
+EINE ANDERE (erregt):
+
+Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!
+
+EIN MANN:
+
+Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen
+den Gang. Tut ihm auf!
+
+DIE FRAU:
+
+Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe).
+Wer ist es?
+
+ (EINE STIMME von außen antwortet.)
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft
+gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie
+ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt,
+wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und
+unbeteiligt.)
+
+ALLE (wild durcheinander):
+
+Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein
+Weib ... mein Haus, haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo
+ist der König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte,
+Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was geschieht
+mit uns ... Erzähle ...
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und
+die Stadt!
+
+ZEFANJA:
+
+Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als
+dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen
+zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde.
+Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht
+Salomos Burg.
+
+ALLE:
+
+Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ...
+
+ZEFANJA:
+
+Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den
+Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein
+des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus
+seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die
+Leuchter geraubt von den Wänden.
+
+DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend):
+
+Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies
+mein Gewand!
+
+STIMMEN:
+
+Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die Verheißung ... wo sind
+unsere Führer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ...
+Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ...
+
+ZEFANJA:
+
+Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner
+Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.
+
+ALLE:
+
+Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit Abodassar ...
+Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ...
+
+ZEFANJA:
+
+Nicht fraget mich ... ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott.
+
+ALLE (durcheinander):
+
+Und sage, auch Nachum ... antworte ... die Kinder des Königs ...
+Absalon, mein Schwäher ...
+
+ZEFANJA:
+
+Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten
+Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.
+
+STIMMEN:
+
+Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum gerade ihn ... Ein
+Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm
+Schonung?
+
+ZEFANJA:
+
+Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide.
+
+STIMMEN:
+
+Was ist mit ihm ... ist er gefangen?...
+
+ZEFANJA:
+
+Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten
+im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen
+mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.
+
+STIMMEN:
+
+Und er ... was tat er?
+
+ZEFANJA:
+
+Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn
+in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines
+nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll
+waren mit Grauen und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann
+ward Zedekia geblendet ...
+
+JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in
+furchtbarstem Entsetzen):
+
+Geblendet, sagst du ... geblendet ...
+
+ZEFANJA:
+
+Wer ist dieser?
+
+STIMMEN:
+
+Sprich nicht mit ihm ... sieh ihn nicht an ... Schweiget ... nicht
+nennet den Namen des Verruchten ... Fluch ist auf ihm ... fort ...
+Sprich nicht zu ihm ...
+
+ZEFANJA:
+
+Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.
+
+STIMMEN:
+
+Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht zu uns ... ein
+Ausgestoßener ist es des Herrn...
+
+EINE FRAU:
+
+Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel
+und Galle -- Jeremias, Jeremias!
+
+ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend):
+
+Jeremias!
+
+JEREMIAS:
+
+Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu
+fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich
+an und geh deines Wegs!
+
+ZEFANJA (schauernd):
+
+Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein,
+ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!
+
+JEREMIAS:
+
+Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich
+segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort,
+ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn
+Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.
+
+ZEFANJA (noch mehr schauernd):
+
+Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet
+mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich
+kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen
+nicht hören, ohne zu schauern.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die
+Schmach seine Heimstatt.
+
+ZEFANJA:
+
+Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... er hat es gewußt ...
+er hat es gewußt voraus ... er ... er allein ... und er hat ihn
+gerufen ... der König ... er ... er ...
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Wer hat ihn gerufen?
+
+ZEFANJA (ganz entgeistert):
+
+Er ... er hat ihn gerufen ... der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen
+Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder
+schlüge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen
+waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, wie
+sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten griffen,
+da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie
+auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er
+schrie: »Jeremias!« »Jeremias!«
+
+ (ALLE schauern zurück.)
+
+ZEFANJA:
+
+Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen
+zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias ... Jeremias... Wo bist du,
+Verkünder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er
+gerufen ... Er hat es gewußt ...
+
+ (ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)
+
+JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend):
+
+Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich
+gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf
+nicht ... Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ...
+er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... nicht ich ...
+Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ...
+es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ...
+
+ZEFANJA:
+
+Was redet er?
+
+EIN WEIB:
+
+Wahnsinn hat ihn befallen.
+
+EIN ANDERER:
+
+Ein Rasender ist er.
+
+EIN MANN:
+
+Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... ein Weiser ist
+er ... ein Profet ...
+
+JEREMIAS:
+
+Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein
+Wort ist mein Wille nicht ... Macht ist über mir ... Er ... Er ... Der
+Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein
+Hauch ... seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ
+mich bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich
+geworden ... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ... Er ... der
+Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das Bittere in meinen
+Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust ... wen er faßt, der
+Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... oh, daß er mich freigäbe, den
+Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden
+seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich
+will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem
+Fluche ... laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ...
+ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ...
+
+DIE STIMMEN:
+
+Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe ... die Krämpfe ... wie eine
+Gebärerin windet er sich ... weichet von ihm ... hört ihn nicht an ...
+Gott hat ihn gestraft ...
+
+ (JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)
+
+DIE STIMMEN:
+
+Sehet ... seht ... Die Hand des Herrn hat ihn getroffen ... Wahnsinn hat
+ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ...
+
+ (ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias
+ fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige
+ Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich
+ von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.)
+
+ZEFANJA:
+
+Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils!
+
+ALLE (um ihn):
+
+Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet der Ruf ... Lasset den
+Narren ... Sprich, Zefanja ... welche Botschaft ...
+
+ZEFANJA:
+
+Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.
+
+STIMMEN:
+
+Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, sie zu hören ... dürfen
+wirs wagen ... sprich, Zefanja ...
+
+ZEFANJA:
+
+Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen.
+
+STIMMEN:
+
+Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was ist uns verhängt ...
+
+ZEFANJA:
+
+Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.
+
+ (STIMMEN in Schreckensschreien.)
+
+ZEFANJA:
+
+Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von
+der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die
+Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß
+wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von
+hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben
+aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten
+Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt
+heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen
+es lüstet, sie zu vernehmen!
+
+ (DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)
+
+STIMMEN:
+
+Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ...
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ...
+
+ZEFANJA:
+
+Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich
+rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die
+Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der
+Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne
+Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!
+
+EIN WEIB:
+
+Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber
+sind mein Erbe, ich will es behüten.
+
+EIN MANN:
+
+Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm
+würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind
+meine Lider in fremder Welt.
+
+STIMMEN (begeistert):
+
+Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das
+Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... sterben für Gott ...
+sterben ... lieber sterben ...
+
+DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend):
+
+Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben
+will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht sterben ... wer
+wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... nicht ... nicht sterben ...
+leben, leben, leben!...
+
+DIE FRAU (zu ihm hinstürzend):
+
+Beruhige dich ... ich trage dich.
+
+DER KRANKE (fiebernd):
+
+Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen ... nur nicht sterben ... nur
+nicht sterben ...
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert ...
+er weiß nicht, was er redet ...
+
+DER KRANKE (in fiebriger Wut):
+
+Ich weiß ... ich weiß ... ich habe den Tod gespürt ... nur nicht
+sterben ... Lieber verbrennen, lieber leiden ... aber doch Leben noch
+fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht
+sterben ... leben ... leben ...
+
+EINE JUNGE FRAU:
+
+Ja, auch ich will leben ... ich habe noch nichts geschaut, nichts
+gefühlt ... meine Glieder blühn noch ... ich spüre mich ... ich will
+nicht ins Kalte ... ich will nicht ... ich gehe mit dir ...
+überallhin ... überallhin ...
+
+EIN ANDERES WEIB:
+
+Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden?
+
+DIE JUNGE FRAU:
+
+Alles ... alles ... nur leben, nur leben ...
+
+DER KRANKE:
+
+Leben ... alles leiden, alle Qualen ... aber leben ...
+
+EIN MANN (wild):
+
+Kein Leben ohne Gott ... kein Leben ohne Jerusalem ...
+
+ANDERE STIMMEN (durcheinander):
+
+Lieber sterben ... lieber sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ...
+nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ...
+
+ (DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)
+
+EINER:
+
+Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir
+stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht
+locken! Sterben wir mit Jerusalem!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen
+klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie
+könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu
+schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde
+versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit
+meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem,
+Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein
+Tod!
+
+ZEFANJA:
+
+Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe
+ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der
+Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein
+Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben.
+Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft,
+daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit
+krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich
+verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit
+noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual,
+oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!
+
+DER KRANKE (sich aufrichtend):
+
+Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen!
+Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über
+Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen.
+Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen
+die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein
+eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen!
+Leben, oh, leben, nur leben!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn
+rücklings lassen in Schutt und Schande?
+
+EIN MANN:
+
+Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.
+
+EINE FRAU:
+
+Wir wollen seiner gedenken im Gebet.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und
+Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer
+leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.
+
+EIN MANN:
+
+Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.
+
+STIMMEN:
+
+Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns ... auch aus dem Golus
+wird er uns hören ... auch dort werden wir gläubig sein ... unter allen
+Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege ...
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus,
+hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar.
+
+STIMMEN (widerstreitend):
+
+Nein ... überall ist er ... hier ist er allein ... überall ... allerorts
+ist er ... er wird sich uns weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist
+sein Haus ... überall ist er ... überall ... nur hier ist sein
+Antlitz ...
+
+JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch):
+
+Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer
+gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die
+ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der
+Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der
+Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!
+
+DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen
+aufzuckend zum Himmel fahrend):
+
+Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!
+
+JEREMIAS (immer heißer):
+
+Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen
+Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt
+sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes
+Lästerer, er, nur er!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein
+Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen!
+
+JEREMIAS (immer mehr sich entzündend):
+
+Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig
+wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um
+seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich
+geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem
+Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen
+meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war
+seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen
+Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor
+Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich
+meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht,
+weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil
+ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem!
+Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort.
+Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder
+lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun,
+da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er,
+daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an
+meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie
+du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet
+mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich
+diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich
+zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße
+ihn!
+
+STIMMEN (durcheinander):
+
+Er ist rasend ... er lästert Gott ... fort von ihm ... Gott wütet in
+ihm ... Irrwitz hat ihn befallen.
+
+JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend):
+
+ So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!
+ Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!
+ Sag an,
+ Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,
+ Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?
+ So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,
+ Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!
+ Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,
+ Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,
+ Und da meine Seele in Flammen stand,
+ Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;
+ Was wars, als dein rasender Wille nur,
+ Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?
+ Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,
+ Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,
+ Ich war die Säge, die sie zerkreischte,
+ Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,
+ Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,
+ Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,
+ Der Brand, der an ihren Knochen fraß,
+ Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,
+ Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,
+ Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,
+ Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte --
+ Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,
+ Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,
+ So diente ich dir! So diente ich dir!
+ Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,
+ Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,
+ Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,
+ Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.
+
+STIMMEN:
+
+Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn
+verbrennt ... Irrwitz redet er ...
+
+JEREMIAS:
+
+ Aber ich sage mich los!
+ Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,
+ Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!
+ Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,
+ Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!
+ Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,
+ Den harten Hasser, den Mitleidslosen,
+ Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,
+ Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!
+ Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,
+ Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!
+ Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,
+ Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,
+ Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,
+ Dessen Seele Glut ist von allem warmen
+ Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,
+ Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!
+ Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,
+ Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,
+ Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!
+ Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,
+ Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,
+ Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,
+ Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,
+ Mich ruft der König, den du geblendet,
+ Dein Altar, den du dir selber geschändet:
+ Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten
+ Urmächtigen Leidens mir zugesendet,
+ Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,
+ Und mein Herz erhört sie -- es hat sich gewendet:
+ Gewendet von dir, der du hassend und hart bist
+ Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,
+ Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,
+ Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!
+ Nur ihnen, nur ihnen
+ Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,
+ Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie --
+ Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ...
+
+STIMMEN:
+
+Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges
+träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ...
+
+JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):
+
+ Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
+ Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!
+ Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,
+ Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,
+ Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,
+ Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.
+ Ich meinte, daß ich der Große bin,
+ Wenn seinen Namen ich wider euch reckte
+ Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, --
+ Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!
+ Und ob ich hoffärtig an euch getan,
+ Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!
+ Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,
+ Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,
+ Zu euren Füßen werf ich mich hin,
+ Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!
+
+ (DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)
+
+JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):
+
+ Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
+ Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid
+ Und ich der jüngste, geringste von allen!
+ Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen
+ Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,
+ Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,
+ Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,
+ Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,
+ Sich frech und mahnend wider euch kehren.
+ Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,
+ Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,
+ Den Staub will ich küssen von euren Schuhn
+ Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.
+ Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,
+ Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,
+ Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.
+
+STIMMEN:
+
+Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus
+unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ...
+fort ...
+
+JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei):
+
+Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich
+zusammen.)
+
+STIMMEN:
+
+Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nähe
+den Atem ... Wahnsinn ist über ihm ... hinaus mit ihm ... tötet ihn ...
+schlagt ihn nieder ...
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn
+die unsere.
+
+ (EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)
+
+ALLE (durcheinander):
+
+Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines
+Gebieters ... es ist keiner der unsern ...
+
+ (DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)
+
+ALLE (durcheinander):
+
+Wie er drängt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzürnen ...
+laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer ... man muß auftun ... er
+erzürnt sonst.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?
+
+ (DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird
+ hastig aufgestoßen und herein stürzt)
+
+BARUCH (verstörten Gesichts):
+
+Brüder, ist Jeremias hier?
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!
+
+BARUCH:
+
+Ist er hier? Man hat mirs gesagt.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen
+Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes
+Hand.
+
+BARUCH (hinstürzend):
+
+Jeremias! Jeremias!
+
+JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd
+ihn anstarrend):
+
+Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?
+
+BARUCH:
+
+Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd
+meine Stimme?
+
+JEREMIAS:
+
+Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem
+im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!
+
+BARUCH:
+
+Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie
+fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!
+
+JEREMIAS:
+
+Wer sucht mich noch auf dieser Welt?
+
+BARUCH:
+
+Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen
+nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.
+
+JEREMIAS:
+
+Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!
+
+BARUCH:
+
+Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt;
+alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch,
+daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.
+
+JEREMIAS:
+
+Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!
+
+BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd):
+
+Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist
+Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod
+schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.
+
+JEREMIAS:
+
+Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der
+Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in
+Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die
+Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich
+versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte
+ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die
+Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen
+Qual wider die Gottesqual.
+
+BARUCH:
+
+Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein
+Leben nicht, ich lasse es nicht!
+
+JEREMIAS:
+
+Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!
+
+BARUCH (ihn umschlingend):
+
+Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.
+
+ (HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)
+
+ALLE (stürzen in die Winkel):
+
+Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat
+das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn
+aus ...
+
+BARUCH (entsetzt):
+
+Es ist zu spät ... sie sind da ...
+
+JEREMIAS:
+
+Tu ihnen auf, Baruch!
+
+ (BARUCH zögert.)
+
+JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender
+Stimme):
+
+Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine
+Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet,
+gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser!
+
+ (BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)
+
+ (NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)
+
+JEREMIAS (mächtig):
+
+Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!
+
+ (BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)
+
+ (DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein
+ Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte
+ Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich
+ geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden
+ Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel
+ zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.)
+
+DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend):
+
+Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von
+Anathoth?
+
+JEREMIAS:
+
+Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß.
+
+ (DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias
+ nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden
+ anderen tun desgleichen.)
+
+ (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)
+
+DER GESANDTE (sich aufrichtend):
+
+Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder
+des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder
+dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem
+Gehaben.)
+
+ (JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)
+
+DER GESANDTE:
+
+Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von
+Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des
+Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward
+Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang
+kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind
+geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen,
+aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat
+deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun
+dürstet sein Auge, dich zu schauen.
+
+JEREMIAS:
+
+Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!
+
+DER GESANDTE:
+
+Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die
+verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die
+Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht
+ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten
+gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen,
+und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.
+
+JEREMIAS:
+
+Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und
+müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.
+
+DER GESANDTE:
+
+Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt,
+sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du
+seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne
+zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein
+Ausgang und Eingang in seinem Palast.
+
+JEREMIAS:
+
+Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge
+es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet,
+doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag
+nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren
+scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener
+Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion.
+Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem
+Gnadelosen, ich mag sie nicht.
+
+DER GESANDTE:
+
+Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs
+Botschaft will Gehorsam.
+
+JEREMIAS:
+
+Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du
+gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu
+Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen
+keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel
+Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine
+Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du
+mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich
+will dich nicht finden.«
+
+DER GESANDTE:
+
+Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz
+fordert!
+
+JEREMIAS:
+
+Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!
+
+DER GESANDTE:
+
+Noch nie ward Weigerung ihm geboten.
+
+JEREMIAS:
+
+Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn
+fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein
+Zorn.
+
+DER GESANDTE:
+
+Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du
+liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben!
+
+JEREMIAS (entbrennend):
+
+Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch
+Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner
+mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu
+schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die
+Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie
+gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten
+soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem
+Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und
+dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und
+mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?
+
+DER GESANDTE:
+
+Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg.
+
+JEREMIAS:
+
+Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die
+Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er
+seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er
+sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen
+ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht.
+Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet
+werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist
+da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für
+Jerusalem!
+
+ (DER GESANDTE schrickt zurück.)
+
+DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit
+begeistert):
+
+Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!
+
+JEREMIAS (ganz in Glut):
+
+Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und
+gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß
+die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich
+es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh
+dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in
+Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der
+Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind
+wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die
+Tage Assurs und gezückt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert
+wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild!
+Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt,
+es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger,
+reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten
+und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.«
+
+ (DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und
+ halten die Hände abwehrend vor sich.)
+
+DER ÄLTESTE (in Ekstase):
+
+Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine
+Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!
+
+EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um
+ihn gesammelt. Flehentlich):
+
+Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!
+
+JEREMIAS:
+
+Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels
+hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist
+da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein
+Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die
+Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren,
+schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am
+Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein
+Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen
+Schwert.
+
+DER ÄLTESTE (ekstatisch):
+
+So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!
+
+DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die
+Begeisterung):
+
+Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, erfülle sein
+Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... sende den Rächer ...
+fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, Gott ... erhöre ihn ...
+
+ (DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)
+
+JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):
+
+Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu
+knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem?
+Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine
+Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf
+Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird
+unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er
+hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären
+wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird
+die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher
+mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des
+Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße
+Israel, daß er versäumte Jerusalem!
+
+ (DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)
+
+DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten
+seine Rede mit hymnischem Zuruf):
+
+Segen auf dein Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht
+Jerusalem ... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf dein
+Wort ... Segen über dich!
+
+JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):
+
+Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen
+Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In
+Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den
+Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner
+Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten
+und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes,
+aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den
+Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt
+seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder
+und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer
+Stunde:
+
+ Stehe auf, Jerusalem,
+ Stehe auf, du Gekränkte,
+ Und fürchte dich nicht,
+ Denn ich erbarmte mich dein.
+ Ich habe dir gezürnet
+ Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,
+ Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,
+ Und ich zürne nicht ewiglich.
+ Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist
+ Und die Verstoßene einen Tag,
+ Sollst du die Prächtige sein für und für
+ Und die Erhobene in aller Ewigkeit.
+ Ich will dich schmücken mit meiner Liebe
+ Und gürten mit meinem Frieden,
+ Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,
+ Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.
+ So stehe auf, Jerusalem,
+ Stehe auf,
+ Denn ich hab dich erlöset!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Segen über dein Wort und Erfüllung!
+
+DIE ANDERN:
+
+Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhöre uns ... erlöse
+Jerusalem ... erlöse Jerusalem ...
+
+JEREMIAS:
+
+Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den
+wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das
+Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt
+ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut.
+Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar
+die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen
+in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels
+Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den
+Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen
+Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger
+kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan
+und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die
+Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es
+jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus
+den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die
+Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte,
+sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es
+schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der
+Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede
+Jerusalems!
+
+DIE ANDERN:
+
+Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... tue also, wie er
+gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... laß
+uns auferstehen ... laß uns auferstehen ...
+
+JEREMIAS:
+
+ Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,
+ Die wir so lange die klagenden Knechte
+ Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,
+ Da werden wir gläubig zusammentreten,
+ Da werden wir sprechen, da werden wir beten:
+ »Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,
+ Der du groß und gnädig an uns hast getan!
+ An den Wassern von Babel saßen wir bangend
+ Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,
+ Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,
+ Denn unsere Seele war heimverlangend
+ Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.
+ Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen
+ Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,
+ Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,
+ Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,
+ Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens
+ Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,
+ Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,
+ Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,
+ Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte
+ Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.
+ Oh, seht
+ Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,
+ Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!
+ Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,
+ Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,
+ Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,
+ Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!
+ Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,
+ Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,
+ Umschatte uns, Karmel und Libanon,
+ Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!
+ Und du,
+ Du selige Stadt, geliebt und verloren,
+ Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,
+ Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,
+ Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,
+ Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,
+ Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!«
+
+DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend,
+seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit):
+
+Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheißung ... Jerusalem ...
+Jerusalem ...
+
+BARUCH (zu seinen Knien):
+
+Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen,
+wie selig deine Erleuchtung!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen
+über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung!
+
+EINE FRAU:
+
+Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm
+auf und hellen den Raum.
+
+EINE ANDERE:
+
+Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!
+
+DER KRANKE:
+
+Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich
+lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch.
+
+ZEFANJA:
+
+Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.
+
+JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase
+erwachend und erschreckt um sich blickend):
+
+Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht
+Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte,
+drei Männer kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo
+sind sie hin ...
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.
+
+ANDERE:
+
+Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn über
+sie.
+
+JEREMIAS (immer verwirrter):
+
+Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs
+von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr
+mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um
+mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich
+an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit
+euch?
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von
+dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet,
+welche Verheißung!
+
+EIN MANN:
+
+Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!
+
+EIN WEIB:
+
+Mein Herz mir mit Manna gespeist.
+
+STIMMEN:
+
+Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner
+Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren
+werden wir, oh, seliges Wort ...
+
+JEREMIAS (ergriffen):
+
+Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll
+zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein
+Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun
+ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand
+spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu!
+Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede
+nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner
+vordem!
+
+EINER:
+
+Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich,
+Gebenedeiter!
+
+EIN ANDERER:
+
+Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt
+bereitet.
+
+EIN ANDERER:
+
+Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele
+wird ihm nicht mehr erliegen.
+
+EINE FRAU:
+
+Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.
+
+JEREMIAS:
+
+Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe,
+der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der
+nächtigsten aller, ein liebendes Wort!
+
+EIN WEIB:
+
+Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben!
+Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!
+
+DER KRANKE:
+
+Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spüre die
+Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie
+Elia ... ein Wunder hast du an mir getan.
+
+DAS WEIB:
+
+Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich
+bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ...
+
+STIMMEN (ekstatisch):
+
+Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ...
+Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein
+Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!...
+
+JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):
+
+Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ...
+ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht
+ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr
+Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde
+an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner
+Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in
+meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem
+Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein
+steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er
+mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh,
+ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich
+habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen,
+und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich
+erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein
+Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und
+nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.
+
+DER ÄLTESTE (ekstatisch):
+
+Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir!
+
+JEREMIAS:
+
+Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch
+ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht
+fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt,
+dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn
+wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich
+umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem
+Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte,
+gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein
+gläubiges Wort!
+
+ (Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)
+
+ Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,
+ Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
+ Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
+ So segn ich, solang mir mein Leben währt.
+ Ich segne dich, daß du das würzige Brot
+ Des Wortes in meine Lippen getan,
+ Damit ich dich preise in Leben und Tod,
+ Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,
+ Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.
+ Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt
+ Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
+ Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
+ Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst
+ Und flammend mit deiner Allfältigkeit
+ Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
+ Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
+ Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
+ Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,
+ Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
+ Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt
+ Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,
+ Selig, der sich an dich verloren,
+ Selig, den du dir auserkoren,
+ Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
+ Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
+ Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
+ Selig der Tod und selig das Leben!
+
+BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):
+
+Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein
+Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre
+Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um
+Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen
+Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den
+Wassern des Lebens!
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus
+dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus!
+
+STIMME:
+
+Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib
+ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkündigung ... gib
+Verheißung ...
+
+JEREMIAS (sich aufrichtend):
+
+Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin
+ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine
+Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den
+Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten,
+daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!
+
+ (JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)
+
+DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen
+klingen ekstatisch durcheinander):
+
+Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr
+Gottes ... Ewig währet Jerusalem ...
+
+
+
+
+DAS NEUNTE BILD
+
+DER EWIGE WEG
+
+ »Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht
+ der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch
+ gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und
+ ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen
+ werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und
+ will euer Gefängnis wenden.«
+
+ Jer. XIX, 11--14.
+
+
+ Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun
+ mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.
+
+ Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat
+ beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der
+ strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch
+ rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter
+ wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos
+ Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische
+ Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das
+ Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die
+ Vertriebenen.
+
+ Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer
+ mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden
+ Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich
+ aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von
+ Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich
+ kündet.
+
+STIMMEN:
+
+Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch
+zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, daß
+ihr die ersten seid ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere
+Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran
+sein ...
+
+EIN ALTER:
+
+Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ...
+
+DIE ANDERN STIMMEN:
+
+Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt ist die Schrift ... wer bist du,
+daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es
+gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist
+entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ...
+verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der
+Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns
+deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns
+Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des
+Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ...
+selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ...
+wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht
+wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht
+verbrannt, sein Altar nicht gestürzt ... ließ er nicht sinken seine
+heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft
+gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die
+Verheißung ... lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht
+mehr ... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir ...
+daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns wäre ... der
+König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ...
+er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was
+ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh,
+Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker
+Hand ... nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind
+wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ...
+lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ...
+
+EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):
+
+Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ...
+die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht
+fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den
+Tieren, führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ...
+wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon Morgen
+würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wünschest du, bete,
+daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ...
+ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere
+Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den
+Heiden zeigen ... wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser
+beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr
+geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die
+unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels,
+sie dürfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus müssen wir
+ziehen ... ach, bräche doch nie dieser Tag über uns ... wehe uns, weh
+unsern Kindern, den Knechten der Fremde ...
+
+ (GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von
+ Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In
+ ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern,
+ daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)
+
+DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander):
+
+So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht
+falle, du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ...
+nicht kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die
+Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern
+erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir
+Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ...
+
+ (DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der
+ Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein
+ matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz
+ hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.)
+
+ (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)
+
+STIMMEN:
+
+Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist
+er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ...
+seine Blicke sind verschnürt ... wie er die Hände hebt ... wer ist er ...
+nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ...
+
+ (EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)
+
+EINER (plötzlich aufschreiend):
+
+Zedekia!
+
+DIE MENGE (durcheinander):
+
+Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ...
+
+ZEDEKIA (unsicher):
+
+Wer ruft mich?...
+
+STIMMEN:
+
+Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die
+Ägypter ... wo ist Zion ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn
+unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Könige ... ehret den Dulder ...
+
+ANDERE STIMMEN:
+
+Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib
+sie mir wieder ... Fluch über den Mörder Israels ... sein ist die
+Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben?
+
+ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):
+
+Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?
+
+DER FÜHRENDE:
+
+Herr, Unglückliche sind es!
+
+STIMMEN:
+
+Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits
+möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ...
+
+ZEDEKIA:
+
+Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem
+Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hören ... ihr Haß brennt auf meine
+Wunden ... in den Tempel.
+
+DER FÜHRENDE:
+
+Herr, der Tempel ist nicht mehr.
+
+ZEDEKIA:
+
+Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer tötet
+mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen,
+daß sie ein Ende machen.
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet
+ihr einander, da der Feind uns würget?
+
+STIMMEN:
+
+Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er
+brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Söhne geschlagen ...
+ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr König sein ... nein ...
+nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er
+soll nicht König sein ... nein ...
+
+ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):
+
+Führ mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch
+reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen.
+
+EINE FRAU:
+
+Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin.
+
+ (ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)
+
+DER ÄLTESTE:
+
+Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist
+er von Gott.
+
+STIMMEN:
+
+Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann er König sein in
+Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine
+Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters ... oh, daß Mose uns
+erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter ... ein
+Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rüstet zur
+Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins
+Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ...
+
+ (EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)
+
+STIMMEN:
+
+Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr sie tönen ... nein, es
+ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ...
+Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ...
+oh, Qual ...
+
+ (DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)
+
+STIMMEN:
+
+Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns
+fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde
+jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschließet die Ohren ... weh,
+ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu
+müssen ... wohin flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ...
+wem sollen wir klagen?
+
+ (DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge.
+ Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich
+ jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.)
+
+EINER (aus der Menge):
+
+Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ...
+
+STIMMEN:
+
+Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn
+Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene müssen es sein ...
+die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie
+umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlägt
+die Zimbel das rasende Weib ...
+
+ (DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der
+ Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die
+ Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst
+ und feierlich.)
+
+STIMMEN DER NAHENDEN:
+
+Hosianna ... Verkündigung ... ewig währet Jerusalem ... oh, selige
+Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die
+Tröstung ... Hosianna ... ewig währet Jerusalem ...
+
+STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):
+
+Sie sind rasend ... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna
+rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede
+auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh,
+Tröstung, wer gibt uns Tröstung ...
+
+EINER:
+
+Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um
+diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er
+gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Süßes kommen von dem
+Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ...
+
+BARUCH:
+
+Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes,
+mit dem Brote des Lebens!
+
+STIMMEN:
+
+Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geißel schlägt
+er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie
+haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ...
+hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere
+Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger!
+
+BARUCH:
+
+Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten,
+ihr Gottesbrüder!
+
+DER KRANKE:
+
+Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein
+Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge ...
+
+STIMMEN:
+
+Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet er, und wir
+bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein Herz ... mich trösten einzig
+Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er
+aufbaun die zederne Burg ... nein, höret ihn ... wehe uns ...
+
+DAS WEIB:
+
+Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und
+dreimal hast du uns gesegnet.
+
+BARUCH:
+
+Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar
+ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!
+
+JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen):
+
+Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure
+Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?
+
+STIMMEN:
+
+Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er höhnt uns ...
+er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ...
+sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen
+der Toten ... er spottet unserer Tränen ... schweige ... nein, höret
+ihn ... lasset ihn reden ...
+
+JEREMIAS:
+
+Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß
+ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch
+geschenkt ...
+
+EINE STIMME:
+
+Wehe, welch ein Leben!
+
+JEREMIAS:
+
+Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der
+Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren,
+doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget
+und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren
+Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung!
+
+STIMMEN:
+
+Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so
+richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht
+unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ...
+
+JEREMIAS:
+
+Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und
+eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch
+unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung
+nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!
+
+STIMMEN:
+
+Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwählten ... warum
+ist so hart diese Prüfung ...
+
+JEREMIAS:
+
+Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist
+klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen
+sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter
+Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens
+werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen
+Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den
+Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er
+hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder,
+immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen.
+
+STIMMEN:
+
+Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ...
+ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum
+weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht« ... Ja, ja ... so
+steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir
+getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an
+wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Tröstung ist in seinen
+Worten ...
+
+JEREMIAS:
+
+Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine
+Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr
+Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres
+Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns
+geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset
+uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen.
+Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des
+Allmächtigen nicht!
+
+STIMMEN:
+
+Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prüfung ... ich will
+die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in
+Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch uns wird er hören ...
+ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... sage, du Verkünder, wird
+er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlöst er uns von
+Babel ... laß es uns glauben ...
+
+JEREMIAS:
+
+Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn
+wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern
+Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren,
+nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir
+erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal
+unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie
+darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset
+ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du
+Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig
+Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.
+
+STIMMEN:
+
+Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf
+mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns
+ausführen, wie er uns führte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ...
+Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter ...
+
+JEREMIAS:
+
+So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen
+Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten
+tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um
+seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles
+verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere
+Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und
+zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind
+vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten
+ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale
+Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das
+Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die
+Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen
+Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der
+einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket
+Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr
+Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns
+ihr erwählte in alle Ewigkeit!
+
+ (DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen
+ heben sich rhythmisch die Chöre.)
+
+STIMMEN:
+
+ Knechte Mizraims
+ Waren die Väter,
+ Eiserne Zäume
+ Preßten und banden
+ Israels Stirn.
+ Knechte und Vögte
+ Schlugen die Klage
+ Auf dienendem Rücken
+ Mit Peitschen entzwei,
+ Schlugen die Kinder
+ Mit tödlichem Erz.
+
+HELLERE STIMMEN:
+
+ Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,
+ Fand uns Gottes erbarmender Blick,
+ Einen Befreier in niederem Schoße
+ Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach.
+ In seine Zunge ergoß er die Rede
+ Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.
+ Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,
+ Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,
+ Und wir ließen das bittere Land.
+
+JUBELNDE STIMMEN:
+
+ Und die Siebzig dereinstens gekommen,
+ Tausend und Tausend kehrten darwider,
+ Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,
+ Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.
+ Säule des Rauchs und Säule des Feuers
+ Zogen voran den seligen Blicken,
+ Engel des Herrn flogen hell vor uns her.
+ Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!
+ Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!
+
+JEREMIAS:
+
+ Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung!
+ Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet
+ sie!
+
+STIMMEN:
+
+ Hinter uns jagten,
+ Schäumender Nüster,
+ Rosse und Wagen
+ Pharaos Heer.
+ Über uns schollen
+ Schon Schreie der Rache,
+ Vor uns war Meerflut
+ Und hinter uns Tod.
+
+HELLERE STIMMEN:
+
+ Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,
+ Weit voneinander riß er die Fluten,
+ Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,
+ Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,
+ Und wir wandelten trockenen Fußes
+ Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.
+
+JAUCHZENDE STIMMEN:
+
+ Klirrend folgten die gierigen Feinde,
+ Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse
+ Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,
+ Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,
+ Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,
+ Über sie stürmte das blaue Verhängnis,
+ Rosse und Wagen erwürgte das Meer!
+
+ERNSTE STIMMEN:
+
+ So zerbrach der Herr die Gefahren,
+ Heil entriß er das Volk seiner Haft.
+ Oh, großer Anhub der wunderbaren,
+ Selig unseligen Wanderschaft!
+
+JEREMIAS:
+
+Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der
+Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet
+sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem
+Gottesland!
+
+STIMMEN:
+
+ Brach die Kehle,
+ Leer die Lippen,
+ Ausgedürstet
+ Und verschmachtet
+ Wankten wir
+ Im leeren Land.
+
+JAUCHZENDE STIMMEN:
+
+ Da reckte Mose, der Gottesgesandte,
+ Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.
+ Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,
+ Wasser netzte die lechzende Lippe,
+ Kühlung umspülte den staubigen Fuß.
+
+HELLERE STIMMEN:
+
+ Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,
+ Wunder durchrauschten den brennenden Tag,
+ Bittere Bronnen wurden zu süßen,
+ Würzige Wachteln herblies der Wind,
+ Und als Hunger feurigen Eisens
+ Unsere Eingeweide zerriß,
+ Brach aus dem Morgen blendende Weiße:
+ Manna fiel nieder, das himmlische Brot!
+
+JEREMIAS:
+
+Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit
+seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke!
+Besinnet sie! Besinnet sie!
+
+STIMMEN:
+
+ Völker standen
+ Auf in Waffen,
+ Neid und Habsucht
+ Sperrten Wege
+ Unsrer Fahrt,
+ Städte schlossen
+ Turm und Tore,
+ Speere starrten
+ Trotz und Tod.
+
+HELLERE STIMMEN:
+
+ Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen
+ Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,
+ Wider Tausend gab er uns Stärke,
+ Wider Zehntausend gab er uns Sieg.
+
+JAUCHZENDE STIMMEN:
+
+ Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,
+ Moab zerknickte, Amalek verging.
+ Mit dem Schwerte schlugen wir Wege
+ Durch den Zorn der Völker und Zeiten,
+ Bis unser Herz die Prüfung bestand,
+ Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,
+ Kanaan, unser verheißenes Land.
+ Heimat durften die Schweifenden haben,
+ Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,
+ Rebe entgrünte dem Wanderstabe,
+ Israel blühte, und Zion erstand.
+
+ALLE STIMMEN:
+
+ Immer waren wir Pflüger im Joche,
+ Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,
+ Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,
+ Aus allen Kerkern uns heimbefreit,
+ Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,
+ Immer hat er uns heimgerufen,
+ Und unsern Samen zur Blüte erneut!
+
+JEREMIAS:
+
+ Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.
+ Bedenket, bedenket,
+ Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,
+ Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
+ So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,
+ Segnet die Schickung, so uns geschah,
+ Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,
+ Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
+ Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,
+ Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
+ Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
+ Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!
+
+STIMMEN (ekstatisch):
+
+Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns an ... wie die Väter wollen wir
+leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet
+an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die
+Knechtschaft ... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ...
+Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ...
+
+DIE STIMME ZEDEKIAS:
+
+Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe,
+wer hebet mich auf?
+
+JEREMIAS:
+
+Wes Ruf ist dies?
+
+STIMMEN:
+
+Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du führe uns
+an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... Laß den Verworfenen ...
+
+JEREMIAS:
+
+Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller
+willen!
+
+STIMMEN:
+
+Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles
+Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen Gottes ... Laß den Verfluchten!
+
+JEREMIAS:
+
+Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich
+war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie
+aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward?
+
+STIMMEN:
+
+Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebückten ...
+Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.
+
+JEREMIAS:
+
+Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?
+
+STIMMEN:
+
+Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind
+irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ...
+
+JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken):
+
+Zedekia! Mein König!
+
+ZEDEKIA:
+
+Bist du es, Jeremias, der mir nahet?
+
+JEREMIAS:
+
+Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich
+in die Knie vor dem Könige.)
+
+ZEDEKIA:
+
+Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir
+stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone
+mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des
+Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der
+Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.
+
+JEREMIAS (zu seinen Füßen):
+
+Ich bin bei dir ... mein König Zedekia.
+
+ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):
+
+Wo bist du? Ich fühle dich nicht!
+
+JEREMIAS:
+
+Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.
+
+ZEDEKIA (zitternd):
+
+Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das
+Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.
+
+JEREMIAS:
+
+Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr
+königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die
+Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich
+mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den
+Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du
+der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung
+Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr,
+erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest
+und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!
+
+JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):
+
+ Sehet, sehet,
+ Leidensvolk, Gottesvolk,
+ Gott erhörte euer Begehr,
+ Er hat euch einen Führer gesandt!
+ Der Schmerzengekrönte,
+ Der Menschenverhöhnte,
+ Wer mag wie er,
+ König der selig Besiegten sein?
+ Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,
+ Daß er besser schaue sein ewiges Reich,
+ Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen
+ Diesem als König der Duldenden gleich?
+
+ZEDEKIA:
+
+Wohin führest du mich? Was geschieht mir?
+
+JEREMIAS:
+
+ Hebet ihn auf,
+ Den Hingesenkten,
+ Ehrt den Gekränkten
+ Mit sorgender Liebe!
+ Hüllet um ihn
+ Königsgewande
+ Und erneuet
+ Der Zeichen Gewalt,
+ Ehret, oh ehret
+ In ihm euer Leiden,
+ Als der Erste schreite er aus.
+ Zäumet die Rosse,
+ Rüstet die Sänfte,
+ Fürchtigen Armes
+ Hebet ihn hoch,
+ Denn er ist
+ Heiligste Bürde,
+ Israels Hort und königlich Haus.
+
+ (EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und
+ betten den Blinden in eine Sänfte.)
+
+ (EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf,
+ der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist
+ inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die
+ geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd,
+ vom morgendlichen Himmel aus.)
+
+ (DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände
+ gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)
+
+STIMMEN:
+
+Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist
+angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... die Sonne nahet Jerusalem ...
+rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen,
+wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ...
+Jerusalem ... Jerusalem!
+
+JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn
+sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger
+scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung):
+
+ Auf, ihr Verstoßenen,
+ Auf, ihr Besiegten,
+ Rüstet zur Reise!
+ Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,
+ Hebe dein Herz!
+
+ (DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)
+
+JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):
+
+ Zum letztenmal glänzen
+ Jerusalems Zinnen
+ In eure Tränen,
+ Leuchtet euch Höhe
+ Des heiligen Bergs!
+ Einmal noch hebet
+ Brennende Blicke,
+ Trinket der Heimat
+ Verlorenes Bild!
+ Trinket die Zinnen,
+ Trinket die Mauern,
+ Trinket die Türme
+ Der ewigen Stadt,
+ Trinket das Dürsten,
+ Sie wieder zu schauen,
+ Trinket, oh trinket Jerusalem!
+
+STIMMEN:
+
+Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt ich dich vergessen,
+Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße,
+Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige
+Stadt!
+
+JEREMIAS:
+
+ Einmal noch beuget
+ Fromm euch der Erde,
+ Einmal noch rühret
+ Die Grube der Väter
+ Fürchtiger Hand!
+ Erde, oh Erde, die ich verlasse,
+ Du blutgetränkte,
+ Du tränenversengte,
+ Sehet, ich fasse
+ Sie fromm mit liebenden Händen an.
+ Erde, Erde, ich schlinge dich,
+ Erde, Erde, durchdringe mich!
+ Bitteren Kloß
+ Würg ich die schluchzende Kehle hinab,
+ Doch deine Bitternis innen im Leibe
+ Entbrenne mir Seele und Eingeweide,
+ Daß ich ewig deiner gedenke,
+ Ewig deiner teilhaftig werde!
+ Erde, du heilige Vätererde,
+ Schenke
+ Mir ewig Begehren und ewigen Brand,
+ Ewigen Hunger und Heimverlangen
+ Nach Zion, unserm verlorenen Land!
+
+DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß
+schlingend):
+
+Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring ein in mich ... würg meine
+Seele, wie ich dich würge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Väter ...
+oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ...
+
+JEREMIAS (sich erhebend):
+
+ Doch nun du gespeiset
+ Bittere Sehnsucht,
+ Doch nun du getrunken
+ Brennendes Bild,
+ Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf!
+ Lasset die Toten,
+ Sie haben den Frieden,
+ Lasset die Mauern,
+ Sie stehen nicht auf,
+ Du doch erstehest
+ Ewig und ewig
+ Aus deinen Tiefen
+ In deinem Gott.
+ Auf,
+ Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,
+ Blick in die Ferne,
+ Blick nicht zurück!
+ Die verweilen,
+ Haben die Heimat,
+ Doch die wandern,
+ Haben die Welt!
+ Auf, ihr Gebeugten,
+ Auf, ihr Besiegten,
+ Hebet die Stirnen
+ Über die Nöte
+ Wider die ewigen Morgenröten
+ Und der Gestirne
+ Wanderndes Zelt.
+ Gott hat die Straßen,
+ Die ihr beschreitet,
+ Wissend bereitet,
+ Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!
+
+ (DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und
+ Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.)
+
+EINER (vortretend):
+
+ Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,
+ Werden die Tale uns wieder gehören,
+ Wird einstens Israel wiederkehren,
+ Sag, schauen wir wieder Jerusalem?
+
+STIMMEN:
+
+Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?
+
+JEREMIAS:
+
+ Ewig wird inwendig es schauen,
+ Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
+ Und mit dem Maß seines Gottvertrauens
+ Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.
+ Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde
+ Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
+ Schöner als wir es vordem gekannt,
+ Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
+ Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
+ Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!
+
+STIMMEN:
+
+Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der
+Glaube ist unser Jerusalem!
+
+EIN ANDERER (vortretend):
+
+Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?
+
+JEREMIAS:
+
+ Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
+ Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
+ Ihr selber werdet die heiligen Werker,
+ Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
+ Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
+ Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,
+ Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,
+ Um so schöner erstehet Jerusalem!
+
+STIMMEN:
+
+Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ...
+laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die
+Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.
+
+EIN ANDERER:
+
+Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?
+
+JEREMIAS:
+
+ Steine bröckeln, es stürzen die Mauern
+ Irdischer Werke, die Reiche veralten,
+ Städte verschwemmen im Strome der Zeit,
+ Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
+ Dauert in Gottes Allewigkeit.
+ Wer kann sie zerstören,
+ Die unsichtbaren,
+ Innen geschauten,
+ Tränenerbauten
+ Zinnen der heiligen Zuversicht,
+ Wer kann ihn uns rauben
+ Den seligen Glauben,
+ Wer stürzet des Herzens Jerusalem?
+
+STIMMEN:
+
+Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig
+unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ...
+oh, Zuversicht ...
+
+EIN ANDERER:
+
+Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele
+Jerusalem?
+
+JEREMIAS:
+
+ Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet
+ Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,
+ Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,
+ Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,
+ An jeglichem Orte,
+ Wo euch Glaube inwohnet,
+ Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:
+ Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!
+
+STIMMEN:
+
+Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört
+hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall
+wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig
+ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...
+
+ (DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell
+ geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der
+ wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld
+ und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)
+
+JEREMIAS (hoch über ihnen):
+
+ Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen
+ Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang --
+ Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,
+ Rüste und schreite unendlichen Gang!
+ Wirf deinen Samen
+ Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,
+ Wandre dein Wandern und leide dein Leid!
+ Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare
+ Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!
+
+ (DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein
+ ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann
+ schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die
+ geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts
+ gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste
+ Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner
+ bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und
+ schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist,
+ als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)
+
+STIMME DER SCHREITENDEN:
+
+ In fremden Häusern werden wir wohnen
+ Und brechen ein tränensalzenes Brot.
+ Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen
+ Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.
+ Dunkel der Jahre wird über uns fallen,
+ Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,
+ Doch unsere Seelen entwandern der Fremde
+ Und ruhen allzeit in Jerusalem.
+
+ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
+
+ Aus weiten Wassern werden wir trinken,
+ Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
+ Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten
+ Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,
+ Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
+ Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;
+ Träume der Heimat enttauchen den Nächten,
+ Und unsere Seele erstehet gekräftigt
+ Von der heiligen Zehrung Jerusalem!
+
+ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
+
+ Auf fremden Straßen werden wir fahren,
+ Durch Land und Länder stößt uns der Wind,
+ Heimat um Heimat reißen die Völker
+ Uns von den brennenden Sohlen fort,
+ Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,
+ Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,
+ Doch selig, selig wir Weltbesiegten,
+ Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,
+ Nirgends verschwistert und keinem genehm,
+ Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten
+ Zu unserer Seelen Jerusalem!
+
+ (EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus
+ dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über
+ das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)
+
+DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:
+
+Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag
+unter sie, wenn sie trotzig sind!
+
+EIN CHALDÄER:
+
+Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!
+
+DER HAUPTMANN:
+
+Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.
+
+DER CHALDÄER:
+
+Herr, sie klagen nicht.
+
+EIN ANDERER CHALDÄER:
+
+Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es
+leuchtet in ihren Blicken.
+
+DIE CHALDÄER:
+
+Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie
+einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen
+sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in
+seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in
+dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies
+eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein
+Volk wie dieses ...
+
+STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden
+Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):
+
+ Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten
+ Unendliche Straßen des Leidens entlang,
+ Ewig sind wir die ewig Besiegten,
+ Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,
+ Niedrige Knechte niedrigen Frons,
+ Doch die Städte, sie sinken, es gleiten
+ Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,
+ Und die hart unsere Rücken zerschlugen,
+ Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.
+ Wir aber schreiten und schreiten und schreiten
+ Tiefer hinein in die eigene Kraft,
+ Die sich aus Erden die Ewigkeiten
+ Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.
+
+DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
+
+Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist
+über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie
+nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...
+
+EIN CHALDÄER:
+
+Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares,
+das sie verzückt ...
+
+EIN ANDERER CHALDÄER:
+
+Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...
+
+DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
+
+Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht
+sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ...
+man müßte es lernen von ihnen ...
+
+DER CHALDÄER:
+
+Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei
+ihr Gott.
+
+DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten
+unter ihnen auszuschreiten beginnen):
+
+ Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
+ Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,
+ Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
+ Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
+ Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,
+ Wir aller Völker Spielball und Spott,
+ Wir einzig Heimatlosen der Erde,
+ Wir wandern in alle Ewigkeiten,
+ Die Letztgebliebnen
+ Unendlicher Schar
+ Heimwärts zu Gott,
+ Der aller Anfang und Ausgang war,
+ Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,
+ Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
+ Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
+ Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
+ Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.
+
+DER CHALDÄER:
+
+Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf
+diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott
+sein.
+
+DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
+
+Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht
+gesiegt über ihn?
+
+DER CHALDÄER:
+
+Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber
+nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie
+seinen Geist.
+
+ (DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen
+ über Jerusalem und strahlt üb er dem Auszug des Volkes, das aus der
+ Stadt in die Zeiten schreitet.)
+
+
+
+
+Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist durch Felix Bloch
+Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+
+
+
+
+INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
+
+
+Dichtungen von Stefan Zweig
+
+DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.
+
+ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes
+Tausend. In Pappband M. 5.--.
+
+DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen. In Leinen M. 4.50.
+
+TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.--.
+
+DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In
+Halbpergament M. 3.50.
+
+BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25.
+Tausend. In Pappband M. --.90.
+
+
+_Von Stefan Zweig wurden übertragen:_
+
+Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage.
+
+ Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden
+ M. 5.50.
+
+ Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50;
+ gebunden M. 5.50.
+
+ Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden
+ M. 5.50.
+
+Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In
+Halbleinen M. 5.--.
+
+Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In
+Halbleinen M. 5.--.
+
+Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis
+40. Tausend. In Pappband M. --.90.
+
+
+_Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:_
+
+Charles Dickens: Ausgewählte Romane. -- Arthur Rimbaud: Leben und
+Dichtung. -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils
+zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
+
+ Seite 79: »jedes Hand gehoben«
+ »jede Hand gehoben«
+
+ Seite 139: »wie ein Schuldiger schrakst du«
+ »wie ein Schuldiger schreckst du«
+
+ Seite 175: »weil ich meinete«
+ »weil ich meinte«
+
+ Seite 185: »sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!«
+ »sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!«
+
+ Seite 196: »EINIGE der Beherzteren«
+ »EINIGE der Beherzten«
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Jeremias, by Stefan Zweig
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40564 ***