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-The Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-
-Title: Die Osternacht
- Zweite Abtheilung
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: August 18, 2012 [EBook #40524]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-Leopold Schefer
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-Die Osternacht
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-Die Osternacht.
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-Zweite Abtheilung.
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-Sinnwort:
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- Soldatenfreuden
- Sind Menschenleiden.
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-I.
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-Nun wird die gute Zeit wohl aus sein! sprach Christel, mit gesenktem
-Köpfchen zur Erde sehend und ihre Hände gefaltet.
-
-Vater, die Straße brennt! rief Daniel, durch das Thor in den Hof springend.
-
-Ach, daß _die_ nur brennte, nicht auch unser liebes Zahlbach, und Häuser,
-Gehöfte, Dörfer und Kirchen im Lande! erwiederte ihm Johannes und nahm ihn
-an die Hand. Wo erst die Pferde Rauch machen, da machen die Menschen dann
-Feuer und Elend.
-
-Was für Menschen? frug Wecker, fast erhaben darein sehend, und mit dem Ohre
-wie vom Himmel auf eine Antwort horchend. Aber, mein Daniel, fuhr er mit
-belehrender Geberde fort, die da kommen, _das_ sind gar wundersame
-Menschen, Cento- oder Milletauren aus Taurien, mit vier Pferdebeinen und
-Pferdeschwänzen, und mit zwei Köpfen -- einem Pferdekopf, der sehr klug
-ist, und Hafer frißt, auch grüne Saat und Dachschoben von den Strohhütten
-und liebes Brod von den Tischen -- und einem Menschenkopf mit einem Bart
-wie ein Ziegenbock, und mit zwei Händen, wovon die eine so lang ist, wie
-ein Spieß, und von Holze, und ganz vorn der eine Finger daran von Eisen! --
-Cavallerie, von Cavallo, nicht von Cavalier! wie euer alter Vater Frommholz
-sagt, Johannes!
-
-Ach, scherzt doch nicht, Wecker! bat Christel. Mir ist wie vor einem
-Gewitter, das still heraufzieht.
-
--- Und vorüber! meinte Wecker. Ist am Himmel nur Eine Wolke von heute früh
-nur, oder von gestern, von vor dem Jahre, von vor hundert oder tausend
-Jahren zu sehen! -- seht hinauf, mit euren lieben feuchten Aeuglein, liebe
-Christel: Alle sind weg! Verflogen, verregnet, verdonnert, verstoben -- und
-der alte Himmel ist hell! Und kommen auch neue Wolken, so wird der Schwarm,
-so groß und barbarisch er ist, auch vorüberziehen, und die Erde wird wieder
-rein sein -- wie nach der Sündfluth, Der arme Noah! Der litt einmal! Es ist
-auch ein Elend, viele, viele, ja alle andere Menschen umkommen zu sehen,
-und selbst feuer- und wasserfest und wohlverpicht in seiner Arche zu
-sitzen, und Tauben und Raben hinaus zu lassen, um zu wissen, ob die Erde
-wieder gangbar ist? -- Und hätte ich nachher den Regenbogen gesehen, so
-hätte ich gesagt: Verzeih' mir's Gott! er gefreut mich nicht; -- es sind
-gar zu viel Menschen ersoffen, denen er -- Frieden bedeutet! Das sind nur
-die Thränen von allen den Leuten, die zum Himmel geweint haben, aller der
-desperaten Sünder! Darum lieber selbst etwas mitleiden, etwas mitweinen,
-ein paar Glieder von den Seinigen oder von seinem Leibe miteinbüßen, wenn
-ganze Korporationen in und am corpore -- dem corpus delicti -- leiden, das
-ist in bösen Zeiten ein wahrer Trost! Das macht uns zu Mitmenschen,
-Mitkönigen und Mitbauern, je nachdem wir nun dies oder das sind, liebe
-Christel. Die Kinder Gottes _leiden!_ Von jeher, und noch wie lange, weiß
-Niemand! Und _die Herren_ denken: haben sie _so_ lange gelitten, mögen die
-paar Millionen auch noch ein paar tausend Unglücke weiter leiden. Denn
-_sie_ bleiben es doch. Aber -- Wecker bleibt Wecker!
-
-Ach, Ihr meint es rechtschaffen, mit uns und der ganzen Welt! sprach
-Christel.
-
-Das wollt' ich nur wissen! erwiederte er weich, da sich oben am Himmel ein
-Regenbogen aufbaute. Glaubt nur, Kinder, für einen _Rechtschaffenen_ ist
-das ganze Himmelszelt, so groß es ist, nur eine Hütte! _Er_ ist viel
-größer, viel leichter als die Bläue, viel fester in seinem Kerne, und lebt
-und schwebt mitten darin und doch hoch darüber -- wie euer alter Vater,
-Johannes, da droben als Zimmermann an dem Kirchthurme hängt, wie ein
-Grünspecht mit seiner grünen Jacke, und hackt! Seht nur, jetzt hackt er die
-Axt fest, und sieht sich um über die Gegend nach _Britzenheim_ zu, und
-sieht den Schwarm der Feinde kommen, davon wir nur erst noch den Staub
-erblicken, nicht die Herren Staubmacher, zu Staubmacher und zu Staubwerder
-selbst!
-
-Jetzt blieben alle eine Weile still, denn es fiel ein Kanonenschuß von der
-_Klubbistenschanze_ vor der, nur eine Viertelstunde von Zahlbach entfernten
-Festung Mainz; und als er verdonnert, und in den Thälern verhallt war,
-sahen sie sich an, Wecker aber fuhr fort: Kinder, das war seit langer Zeit
-der erste! Die blauröckigen Kinder drin werden wach, und schau . . . sie
-haben den Staub auch gesehen! Aber um hinauf zu dem alten Großvater
-Frommholz auf den Thurm zu kommen, seht nur, er läßt die Axt eingehackt und
-kriecht zum Loche hinein! Er wird herunter kommen, und uns _berichten_
-. . . oder kommt er bloß zum Abendessen? Das wäre besser! Aber dabei bleibe
-ich: Jetzt in der allgemeinen Noth marschirte ich mit keinem lieben Vieh,
-je einem Männlein oder Fräulein, und mit meiner seligen Frau, mit Söhnen
-und Töchtern und sündlosen Anverwandten, auch wenn ich welche hätte, doch
-nicht in die aufgethane Arche, und lebte darin in Freuden, und
-wohlverpicht! Denn das erlebe ich, daß auch mein Sohn _Friedrich Wecker_,
-der wohlgerathene Tambour, aber mißrathene Schulmeister, ohne Arme oder
-ohne Beine -- ad lubitum der Herren Feinde, aus Rußland oder aus
-Deutschland angewackelt kommt -- oder nur von _Hanau_, wo man unserem
-Hochverehrten den Weg verlegt hat, die Breite und nicht die Länge.
-Verkehrt! Denn von der Seite reitet man ein Pferd um. Aber mag er kommen
-ohne Trommel, ohne Arm, ohne Zehrpfennig -- er soll mein lieber Sohn sein!
-Ich will mich im Geiste seiner Mutter, als meiner lieben Ehehälfte im
-Grabe, wovon die andere Hälfte, als nämlich ich, noch über dem Grabe vagirt
--- freuen, und wieder einmal weinen, als ein einsamer Mensch, der gar
-Niemanden mehr schelten kann; denn ihr alle, der alte Großvater Frommholz,
-Ihr Johannes, Christel und eure Kindlein, ihr seid doch Alle gar zu gut,
-und ich habe nichts, als im Herzen euch Dank zu sagen! Aber Mann und Weib
-ist _ein_ Leib. Aber was ist ein Wittwer und eine Verklärte? nämlich meine
-Ehehälfte. Es ist doch ein närrisches Leben, wenn Einer halb im Grabe liegt
-mit schwarz bombasinenem Kleide und cannevassener Haube -- und zugleich
-auch halb draußen steht, wie Ich, und als Ich, ganz, gesund, alt, mager und
-sechs Fuß hoch, wie ein Weinstock -- ohne eine einzige Rebe, vor dem Winter
-eingepackt in einen alten Rock, grob wie eine Matte, und einen Stock im
-Leibe, damit die ganze Vogelscheuche nicht einfällt! Darum mein großer
-_Friedrich_, komme Du heim, komme _mir_ nur heim, ob ich gleich keine
-Heimath habe! Aber ich habe eine Brust und ein Herz, da sollst Du Schlingel
-zu Hause sein, weil Du doch einmal darin immer zu Hause gewesen bist --
-auch so lange Du entlaufen warst, oder wohlgerathener Landstreicher und
-Tambour -- vielleicht . . . Major!
-
-Nun, sprach Christel, das Unglück der Großen ist oft, wenn nicht immer, der
-Kleinen Glück; wenn ein Sack -- wie Napoleon, reißt, fallen viel Körner
-heraus; und so kommt vielleicht auch mein Bruder, der _Stephan_, wieder,
-der mit Gewalt mit angeworben wurde, weil er kein Weib, keine Kinder,
-sondern nur . . .
-
--- -- nur Haus und Hof, Kühe und Kälber, Pferde und Ochsen hatte, fiel
-Wecker ein. Freilich, um die war's nicht Schade, ob sie ihn gleich
-vielleicht auch gut gekannt und lieb gehabt haben! Aber wer kann alle
-Herzensangelegenheiten schonen!
-
-Daniel winkte zu hören, und sprach nach einer langen Pause: Wie sie
-gesungen kommen --
-
--- daß einem das Herz im Leibe lacht und der Magen, meinte Wecker. So in
-Fugen singen sie; Einer fällt nach dem Andern ein, der Dritte, der Vierte,
-und Alle aus vollem Halse. Und wie es fromm klingt! Das sind gewiß gute
-Menschen! Wer singt, ist gut, nämlich so lange er singt, und den Mund
-_dazu_ braucht.
-
--- Horcht! nun pfeifen sie gar! rief Daniel, freute sich, und wollte zum
-Thor gehen, um aus dem Gehöfte auf den Weg das Dorf hinauf zu sehen.
-
-Ach, seufzte Christel, was sollen wir thun? Was ist jetzt gut, oder was ist
-schlimm von dem, was wir Leute gewohnt sind? Jetzt ist kein Schritt recht
-oder gleichgültig, kein Fleisch recht gekocht, kein Huhn gut gebraten,
-keine Suppe recht gesalzen! Da lob' ich meinen Johannes und euch Alle! --
-Ihr wart immer mit mir zufrieden. Aber _darum_ vernachläßigte ich nichts,
-in dem guten Zutrauen auf eure Geduld; sondern je begnügter ihr wart, je
-sorgsamer strengte ich mich an, und lauschte und merkte mir gern, was der
-Kleinste gern hatte. Nun werde ich nichts recht machen; und ich möchte
-wahrhaftig mein _Sophiechen_ oder meine _Clementine_ sein! Heut nur in
-unserm Zahlbach! Denn . . . seht nur, wie glücklich sind doch die Kinder!
-Wie leben sie überall und immer im Paradiese! Ohne Sorge und Furcht,
-glücklich, wenn nur die Mutter lächelt und spricht: Du bist mein liebes
-Kind! Seht nur, mein kleines Osternachtkind, die kleine _Clementine_, die
-ich der guten gnädigen Frau zum Andenken so genannt -- sie versprach mir
-gestern Nacht: ohne mich ganz allein einzuschlafen, wenn ich ihr ein
-Brodchen mitbüke; und so konnte ich ungestört backen; jetzt hat sie es dort
-bei sich; und da _ihr_ das Schaukeln so gefällt, so denkt sie: dem lieben
-Brodchen soll es auch gefallen, und so hat sie es auf den Sitz der Schaukel
-_gesetzt_, und schaukelt es mit ihren kleinen Aermchen! Ach mag doch Alles
-verloren gehen . . .
-
-. . . Also hübsch langsam! schaltete Wecker ein. Verloren _gehen_, nicht
-verloren rennen!
-
-Auch das! fuhr Christel fort; mag heut, schnell, gleich Alles verloren
-werden, und hin sein, selber das tägliche Brod, sogar wie es Luther
-auslegt, nur nicht . . . nur nicht: Mann und Kinder! Nicht Ein Kind! Weiter
-bitte ich Gott um nichts . . .
-
-. . . Um nichts weiter! Ei, meine bescheidene Christel, da bittet Ihr recht
-viel, recht grob den lieben Gott! sprach Wecker. Denn, wie ich Euch kenne,
-habt Ihr eben nichts weiter, nichts Anderes in Euren Gedanken, in Eurem
-Herzen, als den Mann und die Kinder. Ihr wollt also nur geradezu Alles
-behalten, was Ihr habt und besitzt; denn die Tausend Gulden von Eurem
-Vater, die der alte Herr von Borromäus für Euch am Kaufgelde hat fahren
-lassen müssen, und die Ihr ausgeborgt habt für die Kinder, die kümmern Euch
-nicht; auch nicht die dreihundert Gulden Lotteriegewinn vom Gevatter Pathen
-Leineweber Krieg, die Euch Dorothee wiederbezahlt, weil sie nun mehr hat,
-und nichts schuldig sein wollte, das protzige Mädchen, das nicht aus
-Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus lauter Ehre
-zusammengebacken, und mit Mädchenstolz gesäuert.
-
-Ihr habt nicht ganz Unrecht, . . . _Meister_ Wecker, wie Ihr ohne Schule
-nun einmal wollt genannt sein, damit Ihr doch noch etwas wäret oder hießet;
-sprach Johannes dazu. Selbst die saubern Geräthschaften, Tische, Stühle,
-Schränke, Betten, Gebetten, Kisten und Kasten mit Wäsche und sächsischer
-Leinwand, und was wir Alles aus Herrn Paschalis Schiffchen packten, freute
-meine gute Christel nur um der Kinder willen; die freuten sich! Aber doch
-Sonntags, wenn Alles fein sauber aufgeräumt war, die liebe Sonne in die
-blanke Stube schien, und Christel selbst auch sonntäglich in dem lieben
-Sonnenschein stand, da gewann ihr die neue Heimath denn doch ein heimliches
-Lächeln ab. Das Geld haben wir nicht zum Bauen gebraucht; denn als meinem
-Vater seine zweite Frau gestorben war, mit welcher er Alles erheirathet
-hatte, da ward ich wieder sein Sohn, da durfte ich wieder zu ihm kommen, da
-mußte ich sogar Haus und Garten und Feld von ihm nehmen, zum Zeichen, daß
-er heimlich immer mein guter Vater gewesen.
-
-Jetzt kam der alte Frommholz vom Thurme. Die Kinder liefen ihm entgegen,
-auch die Kleinste mit ihrem Brodchen, und er mußte sie auf den Arm nehmen.
-Der alte Mann nahte und trat zu ihnen. Seine Gestalt war hoch, sein Gesicht
-ernst geworden von dem langen Zuschauen der wechselnden Erde, die ihre
-schönsten und besten Kinder, die Menschen, wenig zu achten scheint; dennoch
-war seine Stellung fest, sein Auge getrost, aber seine Hand vom Alter
-mager, von der Sonne braun; und das Kind hatte sein kleines, weißes
-Händchen darauf gelegt, wie ein Blüthenästchen auf einen trockenen Ast; und
--- wie eine Rose an ein altes Gemäuer -- lehnte es sein kleines Gesicht
-weiß und rosig an das gleichsam wettergraue Gesicht des Alten; und die
-_noch nicht_ gefärbten weißlichen Haare der Kleinen mischten sich mit den
-_schon wieder_ entfärbten, und nun auch weißen Haaren des Großvaters, die
-ihm voll bis auf die Schultern hingen, und er hieß bei Menschen ein
-_ehrwürdiger_ alter Mann, entweder weil er die Sonne lange gesehen hatte,
-oder sie nicht mehr lange schauen sollte. -- Da will ich die Wahl haben!
-meinte der lebenssatte Wecker, wenn die Leute demselben Glück zu dem
-schönen Alter wünschten und ihn bewunderten -- wie den eingefallenen Thurm
-zu Babel, und die vornehme Nase, die nach Damaskus -- geschaut hat, in
-ihrer Jugend.
-
-Nun, Großvater, sagte jetzt Christel, Ihr stellt Euch so ruhig und
-schweigsam zu uns! Erzählt uns doch! Rathet uns doch!
-
-Wer kommt denn eigentlich? frug Johannes; unsere große, ganz klein
-gewordene Armee?
-
--- Unser Friedensstifter, Vermittler, Bundruthe unseres Rheinbundes, unser
-allergroßmächtigster Kaiser und allezeit Mehrer des Reiches, auch wenn er
-ein Stück von seinem Kaisermantel nach dem andern verliert? fragte Wecker.
-
-Was sollen wir thun? frug Johannes; sollen wir hier bleiben, draußen? oder
-hineingehen? Kochen, braten oder backen? Und was? Oder sollen wir Alles
-stehen und liegen lassen, und ein ruhiges Land aufsuchen?
-
-Kinder, sagte der Alte, heut zu Tage kann man immer auf das
-Entgegengesetzte von dem gefaßt sein, was alle Menschen vermuthen und
-glauben, selbst die Herren Potentaten. Alles kommt anders und besser, als
-selbst der Freiestgesinnte und Beste denkt, und ganz etwas Neues! So kommen
-auch jetzt unsere Feinde, die Kosaken, _vor_ unserer Armee, als ihre
-Vorreiter, Voresser und Vortrinker. Aber, was Ihr thun sollt, meine Kinder?
--- Nichts! Wenn böse, gefährliche Zeiten kommen, muß Jeder schon das Seine
-gethan haben: gelebt, gebaut, geheirathet, gesorgt, verdient und gespart.
-Die böse Zeit tritt zum Menschengeschlecht als sein Richter, und spricht:
-So wie du gelebt _hast_, so wird dir geschehen; mein Buch ist geschlossen,
-deine Rechnung gezogen. Die sieben fetten Kühe müssen die sieben magern
-übertragen. Wer die sieben fetten in's Haus geschlachtet hat, der kommt um!
--- Aber, sprach er mit Lächeln, ein ruhiges Land aufsuchen? -- Wo denn?
-Jetzt nirgend. Wenn Erndte ist, ist überall Erndte, ein Paar Tage, ein Paar
-Wochen später; aber Erndte ist gewiß, gute oder schlechte, wie und was
-Jeder gesäet hat. Vielleicht hätten wir sollen mit den verständigen, freien
-Würtembergern, den Rhein hinunter, nach Amerika ziehen. Wenn in einem Lande
-Herbst wird, ziehen die Lerchen, die Schwalben und Störche von dannen, und
-sind unverständige Vögel. Sie nisten über dem Meere nicht, aber der Mensch
-baut sich an, und gedeiht überall wohl, wo nur die Erde ist, und nur die
-Erde ist sein Vaterhaus und seine gute gleichnährende Mutter überall. Die
-große Lehre hat uns Schmach und Schande gelehrt. Uns aber ließ man doch die
-vorzüglichste Freiheit -- wegzuziehen, wenn es uns nicht unter dem neuen
-Herrn des Landes gefiel; und nur die Freiheit des freien Abzugs mit Weib
-und Kindern, kleinen und großen, zu jeder Zeit muß den Menschen bleiben,
-wenn sie so durcheinander gewürfelt und hinüber und herüber verspielt und
-gewonnen werden, wie bis jetzt anno 1813, als wenn die Unterthanen liebes
-Vieh wären, und kein Herz hätten, und zu _Niemand ein Herz haben sollten_.
-So wollte man, und _so_ ist den ihr Wille geschehen. Amen!
-
-Amen! Amen! _In Ewigkeit!_ sprach Wecker fromm und gläubig dazu. Der Bauer
-Adam Müller hat doch Recht gehabt! Es ist Krieg geworden, 1812, wie in dem
-Briefe an den seligen Herrn von Borromäus stand! Vielleicht gehen nun auch
-die unschätzbaren schlechten Zeiten an, die er verheißen, und worüber sich
-das Landesväterchen so gefreut!
-
-Die Unsrigen rücken aus Mainz dem Feinde entgegen, und wahrscheinlich
-begegnen sie hier sich im Dorfe; sagte der Alte erst jetzt. Es kommt darauf
-an, wer schneller reitet.
-
-Mein Gott! stöhnte Christel. Wer hätte gedacht, daß man unter einer Festung
-Napoleons nicht sicher wohnte!
-
-Sogar er selber nicht mehr, sprach der Alte. Aber wenn Er sogar nicht mehr
-sicher ist, so können alle Andern, die nicht solche Männer wie Er sind,
-nicht ihren festen Sitz auf hundert Jahre verpachten, ohne daß der Pächter
-nicht vor Ablauf der Pachtzeit -- stirbt.
-
-Wecker schüttelte sich und sprach: Mir ist ordentlich als ginge Jemand mit
-Geisterschritt in den Wolken, und warnte herab mit dem Finger, und spräche
-große Lehren herab; und auf Erden liefen Teufel umher, und hielten den
-großen Menschen die Ohren zu, und sprächen: Das da oben ist bloßes
-Luftgebrause! Unsinn am Himmel! Wer nicht gehört hat, der darf nicht
-folgen. Erlauben Sie also gnädigst, Ihre hochgeehrten Ohren mit dem
-weichsten schadlosesten Wachs zu verkleben; es ist gelbes natürliches
-Wachs, ohne allen Arsenik! Sehen Sie, ich verschlinge ein Stück davon. --
-Und bei den Worten brach Wecker einen Krumen von Clementinens Brodchen, und
-verschlang ihn im Eifer.
-
-Der Lärm ist im Dorfe! sprach Christel bestürzt. Riegelt das Thor zu!
-
-Da sprengen sie es ein! und werden erst wüthende Gäste! versetzte der
-Greis.
-
--- Verbergt Euch!
-
-Da holen sie uns hervor mit Flintenkolben und flachen Klingen.
-
--- Fliehen wir!
-
-Da zünden sie das Haus an, oder richten uns Alles zu Grunde.
-
--- Kommt in das Haus!
-
-Da kommen sie nach, und erbitterter! Das weiß ich als alter Soldat. Thut,
-als kämt Ihr, sie zu begrüßen. Sagt, Ihr wartet auf sie. Laßt Alles offen!
-Bleibt, wo Ihr seid; wir sind überall in Gottes Händen! Wer da denkt: Gott
-hat ihn nur im Mutterleibe gebildet, und da das Leben gegeben; und nicht
-glaubt, daß Gott ihn jeden Augenblick so wunderbar fort bildet, und seinen
-Odem ihm leiht, der ist ein Blinder.
-
-Das wollt' ich nur wissen! meinte Wecker.
-
-Wißt, denkt, glaubt es doch auch, Ihr alle meine Lieben; fuhr der Alte
-fort, während man kaum vor Geräusch und Geschrei und Geklirr und Gestampf
-seine Stimme recht hörte. Wißt Ihr es auch. Die Rosse hat Er geschaffen,
-die eisernen Spitzen sind aus seiner Erde, die Menschen sind aus seinem
-Paradiese. --
-
-Die Wuth aber ist vom Teufel! schloß Wecker.
-
-Denn von den Feinden, die sich eben im Dorfe einnisten wollten, aber schon
-wieder ihre Feinde: französische Infanterie, begegneten, kam ein Kosak in
-den Hof gesprengt, der einen Franzosen verfolgte. Der Franzose lief in
-einem Zickzack um die schönen Linden, die jetzt schon gelbe Blätter
-verstreuten, auf das Haus zu. Alle sprangen nach dem Hause; Wecker mit
-Gotthelf, Christel mit Sophiechen, Johannes mit Daniel, und der alte
-Großvater Frommholz war mit dem kleinen Osternachtkinde, mit Clementinen,
-die er auf dem Arme trug, der Letzte. Das Kind sah über die Achsel des
-Großvaters nach dem weißen Pferde, und hielt sein Brodchen hoch und bereit,
-es dem fremden Manne zu geben -- da verfehlte der Kosak mit der langen,
-rothen, eschenen Lanze seinen Feind, der eine schnelle Wendung machte, und
-sich platt mit seinem Gewehr auf die Erde warf, und die eiserne lange
-Spitze der rothen Stange fuhr dicht über der Schulter des Großvaters mitten
-in die kleine Brust des Kindes, und durch und durch, daß der alte Mann die
-Spitze mit seinem rechten Auge erblickte; und er stand wie angewurzelt, wie
-mit Feuer begossen von dem Gedanken, was da geschehen sei; und ohne Kraft,
-das Schicksal der leichten, aber unglücksschweren Last zu tragen, sank er
-auf seine Kniee; vor seinen Augen war gänzliche Nacht, und in der Nacht war
-gänzliche Wüste; aber das Kind hielt er noch fest.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Nur der Kosak schrie auf -- _menschlicher_ Weise gedenkbar: selbst in der
-eigenen Wuth noch erschrocken über das -- Kriegsglück, daß er statt des
-Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schuß gefallen; denn der
-bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein
-Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher
-getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, daß er ein
-alter Mann mit silberweißem Barte war, kaum daß er ein Mensch sei, wenn es
-nicht die übrige Gestalt noch hätte schließen lassen; denn über Augen und
-Gesicht floß lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen
-Mütze hervor, und überfloß den breiten Bart, als sei er aus blühendem
-Fuchsschwanz künstlich gemacht; und die gerötheten Zähne im Munde
-klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein
-blautuchener Schlauch voll deutscher Beute.
-
-Die indeß genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden
-Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebürschet. Man
-hörte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Straße
-brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose
-hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen,
-stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, während er
-mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zähnen
-murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! -- Da liegst Du -- und Ich
-nicht! -- Du bist mein -- und Ich nicht Dein!
-
-Wecker war in heiliger Entrüstung indeß bei dem alten Frommholz vorüber,
-herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden
-Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem
-Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! -- Du hast Deinen Bruder
-erschlagen! Wir wollen unsere Augen indeß zudrücken, daß wir nicht wissen,
-wohin Du geflohen!
-
-Und so drückte er seine Augen zu, und stand mit geröthetem Angesicht
-harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hörte, schlug er die Augen
-wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr' an
-sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu
-erschlagen?
-
-Ihr seid verrückt! entgegnete der Franzose.
-
-Das habe ich schon von Andern gehört! entgegnete Wecker; aber, mein Freund
--- -- denn auch Ihr seid noch mein Freund -- aber auch so ein Ungeheurer,
-wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht
-gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu
-schenken!
-
-Das Beispiel! närrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste
-Kanonenschuß, das Wort »Marsch!« Kein Mensch hat es uns eigentlich laut
-gesagt.
-
-An der verschämten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger
-Freude; aber _gemeint_ haben sie es doch!
-
-Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun
-es vor, die Jungen nach.
-
-O Volk, du heiliger Affe! »sacra simia,« wie auch Horaz den verfluchten
-Hunger nennt; aber kennt Ihr nicht aus dem Vorschreibe-Versbüchlein das
-Symbolum? Daniel! Wo bist Du? Bete doch dem Herrn Todtschläger den Vers
-vor: »_Flieh, wenn Du -- --_« Da er aber den Daniel nicht gewahrte,
-dictirte er gleichsam die Zeilen dem Manne in die Feder oder _in die
-Flinte_ -- wie er bemerkte -- und sprach laut und warnend:
-
- Flieh, wenn Du Böses siehst,
- Und thu' es niemals nach!
- Du bist so strafbar sonst,
- Als der es erst verbrach!
-
-Der Franzose aber hatte einen _großen_ russischen Hund, Peter, oder der
-große Peter gerufen, mitgebracht; und der Hund nun beroch den Kosaken; und
-hungrig, wie Peter sein mochte, leckte er ihm endlich das warme Blut vom
-Gesicht und aus den Augenhöhlen -- und der Kosak stöhnte, schlug die Augen
-auf und erblickte seinen Schimmel, der sich von der Linde los gemacht, und
-mit gesenktem Kopfe neben seinem gefallenen Herrn, Freund und Vater stand.
-Und der Kosak schloß die Augen wieder.
-
-Der kleine Gotthelf aber frug Weckern: Meister Wecker! Ist das ein
-Centaure?
-
-Ja, mein Söhnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist
-ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und
-Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie
-Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich
-wohl nicht ein? Indeß, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch
-weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein
-drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet,
-ja nicht einmal bittet -- so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf,
-mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen!
-
-So sprach er in heißer Entrüstung und mit zum Himmel gestreckten Händen,
-und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo möglich noch
-Hülfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben -- als
-Christel laut aufschrie.
-
-Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind
-gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thüre, und als es die Mutter
-erblickte, streckte es beide Händchen nach ihr. Der alte Mann hätte sein
-Enkeltöchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht
-befürchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der
-langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust
-zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die
-Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos saß. Die Mutter bedeckte die
-Augen vor ihrem Kinde mit ihren Händen. Sie hatte gesehen . . . Alles mit
-einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschloß
-seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war blaß, und die
-rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus
-den schönen blauen, Hülfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr
-schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine
-sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr
-bald so unkenntlich und so unergründlich sein, wie -- Erde, und immer
-ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht
-innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen
-Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen
-Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall -- und nur in der Tiefe schlich
-noch ein kleiner, zusammengedrängter, warmer Quell unter der eisigen Decke,
-das ewige schöne Gefühl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich,
-unausweinbar, und zerflöße sie selber zu Thränen. Der blaue Himmel war ihr
-sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke über die Erde gewesen;
-die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus für die Menschen, und die
-Sonne das stille Geleucht zu den Geschäften und Sorgen und Mühen aller
-solcher treuen Mütter wie sie, solcher redlichen Väter wie ihr Johannes,
-und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war
-ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Füßen
-hinweg, _als habe sie auf falschem, nichtigem Gewölk gestanden; sie
-taumelte_ und hielt sich an die Pfosten der Thür. Und so war auch der
-Regenbogen über ihr nur ein Schatten; und die Sonne -- dem Regenbogen
-gegenüber -- war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein
-kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar -- sie hatte vergessen, daß
-es eine Welt gab, und ein Leben; denn _dieses_ ihr Kind war hin! Und ihr
-Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren
-ihr alle gestorben -- und _sie schrie laut und durchdringend._ Dadurch
-hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schüchtern und ängstlich und
-neugierig umher, ob es wahr sei, was sie geträumt -- und als sie nun
-wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da
-strömte Eifer zu retten über sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den
-Speer aus der Brust reißen mit schneller, schonungsloser und schonender
-Hand.
-
-Der französische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den
-Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es
-kann noch leben, bis ein verständiger Arzt kommt, der das vernünftig macht!
-
-_Johannes_ lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier.
-
-Seht, sprach der Soldat weiter, und riß seine breite, weiße, mit Haaren
-männlich geschmückte, schöne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch
-geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: »Es lebe der Kaiser!« --
-Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden
-Säbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug
--- wie ein Franzose! -- Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorüber
-gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen
--- aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und
-so schwach ich sehe, so sehe ich doch -- aus Uebung den Feind, er sei
-_blau, grün, weiß_ oder _roth_, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau!
-Ich muß denken -- es ist Herbst auf immer für mich geworden, oder
-Abenddämmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr
-Schleierkleid für mich angezogen -- also sie hat mich ausgezeichnet durch
-ihre besondere Gunst.
-
-Er sah sie bei diesen Worten an, und mußte zu ihr mitleidig lächeln, so
-freundlich sprach ihn das schöne, blasse, ängstliche Muttergesicht der
-Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine
-frühere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. _Christel war seine
-Schwester._ Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz
-kleines Jüngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie groß,
-ausgebildet, verändert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen
-durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause,
-sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von
-erd- und weltfremden Kindern. _Christel_ aber erkannte ihren Bruder
-_Stephan_ nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jünglingsgestalt und
-obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebräuntes,
-bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine
-Entfremdung für sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, _der aus
-einem sanften Knaben_ jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frühere
-Gutmüthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, groß und älter geworden,
-wie sie ihn nie gesehen. Hätte er sie erkannt, dann hätte sie das Bild
-ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwärtigen kriegerischen Gestalt
-vertauschen müssen; aber ihn hinderte vorzüglich die Unwahrscheinlichkeit:
-sie könne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede
-mögliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrückt: _Das_ ist ein Mörder --
-_der_ hat einen Mann erschlagen -- _der_ kann dein Bruder nicht sein! Und
-dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach
-seinem Namen.
-
-_St. Etienne_ heiße ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich
-durch und durch französisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen
-nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wüßte;
-und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich über ihr Kind hinbeugte, und
-ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in
-Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. _Und so hatte sie das Geschick
-auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getröstet_
--- und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der
-weinenden Mutter geklammert.
-
-Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer größer
-geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer länger,
-seine Hände immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten,
-bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und
-leise zu dem Kinde sprach:
-
- Wie freundlich thust du dich doch zu,
- Und greifst mit beiden Armen
- Nach aller Welt, in Lieb' und Ruh
- Uns ewig zu umarmen!
-
-Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht _schulfähig_
-warst! Nur _Aepfel-_ und _Birnenfähig_, die ich Dir brachte. O, mein Kind!
---
-
-Der Kosak hatte sich mühsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er
-zusähe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: »Hast Du noch etwas
-einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm' her, versuch' es ob Du was kannst
-enden; laß hören, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter
-Geist, daß Du mich von dem Kreuze reißst!« -- »Pfeif, pfeif, Du tückische
-Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach' es noch einmal so schöne,
-und preise, was Dir wohl gefällt: bei einem, der sich hier befindet, da
-kommst Du Narre viel zu blind!« -- Er schämte sich aber, da der alte Mann,
-auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rührte sie
-an der Schulter an, und sagte ihr, während Thränen aus seinen Augen
-tropften:
-
- »Wer hätte bei den Mördern
- Die Unschuld doch gesucht?
- Den Segen zu befördern
- Wirst du von Gott verflucht.
- Die _Dich_ zu Boden treten,
- Woher _Dir_ weh geschieht.
- Für diese willst Du beten;
- Mehr Rache weißt Du nicht.«
-
-Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wußte sie nicht, was sie
-dem Kinde vor seinem Tode _noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen
-oder versprechen sollte,_ um es über die böse Stunde hinweg zu bringen,
-oder nur die Augenblicke noch zu benutzen.
-
-Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie
-es vermochte. Und die kleine Clementine lächelte nur, und drohte ihr mit
-dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hören: Nun wer bin
-ich denn?
-
-»Nun meine liebe Mutter!«
-
-Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal (_»nur noch einmal«_ vermochte
-sie nicht zu sagen). Und das Kind drückte sie, daß es zitterte, und küßte
-sie wieder und frug dann: »Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!«
-
-Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, daß Du nicht
-aufstehen kannst, nicht herumspringen, daß Dir die Brust wohl weh thut?
-
-»Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so heiß ist es, Mutter.
-Gieb mir nur mein Brodchen -- ich will auch heute wieder ohne Dich
-einschlafen!«
-
-Die Mutter schloß die Augen über das Wort, und gab ihr das Brodchen und
-sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder
-kommt. Wenn Du hübsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weißes
-Kleid kriegen, neue grüne Schuhe, und in Deine Härchen einen Kranz von den
-schönen Astern, die Du nicht hast pflücken sollen, und auch nicht angerührt
-hast, mein folgsames Kind!
-
-Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen,
-wandte sich ab, und schüttete schnell ihre Thränen aus.
-
-»Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch!« Und das Kind lachte, klaschte
-in die Hände, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und
-heiliges Lachen.
-
-Das Kind hatte aber bei der Erschütterung der kleinen Brust große Schmerzen
-empfunden, und sagte auf einmal: »Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und
-grüße den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht
-bescheren, sondern gleich oben -- Du weißt schon: wo!«
-
-Der Mutter war fast unerträglich im Herzen, und es kam jener Ernst über
-sie, _wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird,_ und die Gedanken die
-Pforten der Heimath der Menschen aufthun, _und die Welt zum schönen
-Mährchen wird._ Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in
-Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem großen Vater: wir
-hätten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb
-hat; oder beinahe wie wir ihn lieben -- ich hätte Dich immer sanft am
-Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im
-Mondschein oder wenn draußen die Sterne standen -- -- -- sage ihm: ich
-hätte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooße
-getränkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzählt, und von ihm
-selbst, der die schönen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage
-ihm, wir würden Dich sanft in seine Erde senken, und er möchte Dich mir da
-bewahren, wie einen großen Schatz -- und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich
-komme, und mich zu Dir lege. --
-
-»Du kommst doch gewiß?« frug die Kleine.
-
--- Gewiß, Gewiß! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter.
-
-»Aber in die Erde!«
-
--- Habe ich Dir denn nicht gesagt, daß der liebe Gott auch _in_ der Erde
-ist! Denn Du weißt ja, die andern Sträucher und Blumen können die Blumen
-nicht machen, und machen sie nicht -- und doch hast Du immer welche am
-Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch,
-fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein
-Herz!
-
-»Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brüder und Schwestern!«
-
--- Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hände,
-daß sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schloß sie die Augen und
-lächelte sehr. Die Mutter beugte sich über sie und schwieg, so, lange,
-während die Abendglocke geläutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rüste
-ging und zu Golde ward, und zerschmolz.
-
-Indeß war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, daß es
-ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten
-in das Gras unter die Bäume -- aber durch das so eben geschehende Wunder
-der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der
-Schirm des Baumes über ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und
-golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft,
-von der Abendröthe daher und streute falbe Blätter leis über sie nieder,
-und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit über ihr
-Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz für das Kind
-bereit standen -- und diese schauerten und nickten mit ihren schönen
-Engelsgesichtern.
-
-Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Großvater! noch immer
-kaum glaublicher Großvater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure
-Zimmermannskunst an dem Kinde; faßt Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz
-und sägt die Länge des unschuldigen Spießes von beiden Seiten ab, sonst muß
-der Todtengräber ein unmöglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter
-Vater, geht! Braucht Euer _rechtschaffenes_ Handwerkszeug einmal _dazu!_
-Die schönen grünen sonnigen Hügel auf Erden dienen ja auch zu kleinen
-grünen Hügeln für Todte! Der Herr hat die schöne Erde also _auch dazu_
-bestimmt! Seid nicht dagegen, Großvater! und laßt die Sachen sein, was sie
-sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, daß ich es
-nicht begreife, wenn so ein Acker schöner weißumblühter und mit gelben
-Blumen geschmückter Frühlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich
-mag hinsehen wie ich will: die großen Hügel bleiben grün unter dem blauen
-Himmel, und die kleinen Todten-Hügel bleiben bunt von gelben und rothen
-Blumen, die duften und wehen; und die liebe, _wahrscheinlich unverständige_
-Sonne wärmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. _Närrisch, aber wahr!_
-Alter _Frommholz_ -- seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich
-sägen mit Gottes Hülfe! Und dann seid hübsch _ehrlich_ -- gebt die eiserne
-Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die
-dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben
--- durch seine zwei schönen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen
-zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der
-Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Großen!
-
-Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort
-neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da
-bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine;
-jetzt, da das Kind durch ganz überflüssiges Holz umgekommen, nun geh Du
-wieder hin, daß sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt
-habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand
-hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt,
-und ist ein bloßer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule
-der großen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder
-aufzuwecken, als bloße Strohwische; und alle Apotheken sind bloße
-Mördergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frühjahre schon
-die todten Blumen erweckt, daß sie riechen, daß wir sie riechen und
-kostbar! Gehe, geh. -- Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mädchen,
-die Mutter muß also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele
-nicht am trauerschwarzen Staar leidet, daß sie noch ein Töchterchen hat!
-Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von _Johann Menzer_ beten und
-sprechen: »Nun ist nur noch der Tod zurücke; jedoch er hat mir wenig an:
-mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist's um seine Macht gethan: weil er
-mir Christum nur nicht frißt, so weiß ich gar wohl wie mir ist.« Gehe, geh.
--- Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter
-nichts, als: Liebe Mutter, _Gotthelf_ ist da! Und, liebe Mutter, Du hast
-mir sonst immer gesagt: »Wenn Du _der Mutter_ folgst und das thust und das
-annimmst von ihr, was _sie_ will, so ist _Dir_ gleich wohl, mein Kind; nun,
-liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was _der Vater_ will -- so wird
-Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.«
-
-Und als Wecker sah, daß die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er
-selbst aus dem Gehöft auf den Kirchthurm -- um frische Luft zu schöpfen.
-St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplündern des Kosaken,
-des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste
-Wort des Aufgerüttelten, sich wieder Besinnenden und Hülfe Flehenden war:
--- -- »Mutter! -- -- Schnaps!« --
-
-
-
-
-III.
-
-
-Unterwegs traf Wecker seinen Schutz- und Brodherrn Johannes außer Athem. --
-
-»Er war nicht da, er war nicht dort, er war nirgends!« sprach er zu Wecker.
-
-Wer denn? frug Wecker. -- Nun, der Sonntagsbarbier, der wochentags sechs
-Handwerke treibt. --
-
-Geht nur heim, Johannes, tröstete ihn Wecker, »der Herr hat schon
-geholfen!«
-
-Und so eilte Johannes fröhlich nach Hause.
-
-»Aber der Christel steht bei!« rief ihm Wecker nach, und sprach dann zu
-sich: »Jetzt ist es in deinem kleinen Oberstübchen nicht richtig, mein
-lieber Meister, darum gehe du in dein großes Oberstübchen! auf den Thurm!
-der hilft! Ein Thurm ist ein gewaltiger Freund in der Noth; aber das
-alberne Volk läuft drunten hinweg, und kennt nicht die Kraft der tausend
-Riesen, die bloß im Lande umher als dumme Jungen stehen!«
-
-In der Halle begegnete er dem Chirurgus, den er herzlich bat, den Kosaken
-in seine Cur zu nehmen. Der aber entschuldigte sich mit dem Wort: er sei
-ein bloßer Civilchirurgus, und als solcher habe er keine solche
-wallfischmaulgroße Wunden von Pferden, Kanonenkugeln, ja von Kanonen
-selber, zu verbinden oder wohl gar zu heilen -- übrigens zahle die
-Soldateska nichts, es geschehe Alles auf Regiments-Unkosten, und das
-Regiment -- marschire weiter . . . mit klingendem Spiel! Kurz er gehe
-nicht, und werde lieber seine Pfeifen curiren und purgiren; denn sein Herr
-Bruder komme zu ihm, der Herr Licentiat! mit Frau Licentiatin!
-
-Wecker fielen alle dessen Sünden, selbst das Schweinchen, aufs Herz, und so
-ergriff er den in der Halle stehenden schwarzen, rußigen Besen, und trillte
-den störrischen Menschenfreund zum Tempel hinaus, und ein Stück auf dem Weg
-zu Johannes fort; dann warf er »das chirurgische Operationsinstrument« in
-den Winkel, und begegnete auf der Thurmtreppe -- dem Teufel -- _den er
-herabwünschte, um Deutschland rein zu kehren,_ und anfing ihn zu
-beschwören; aber der brummte: noch nicht; doch bald; -- und er erkannte den
-Schornsteinfeger, der sich nach den brennenden Dörfern umgesehen, und
-reichte ihm die Hand, um ihm seinen frommen Irrthum abzubitten.
-
-»Euer _Breitenthal_ brennt auch!« sagte ihm der Schwarze. »Auf _dem_
-Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht
-richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint
-das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, stürmt nicht
-erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht
-seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll
-Soldaten!«
-
-Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den
-Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu
-werden -- gezwungen waren -- so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth
-zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinüber gestarrt und ganz
-geblendet und wüthend war -- stand plötzlich der Teufel neben ihm. Wecker
-starrte ihn an, indem er die Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen das
-Ungethüm, wie zur Abwehr, hielt; und er hörte es sprechen: »Denkst du, ich
-bin gestorben? Närrisches Haus! der Teufel -- et le Roi -- stirbt nicht,
-als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im
-Abgrund der Welt verschüttet läge, also nicht mit Pfeffernüssen -- die
-kleinste Sünde der _letzten_ Zeit erweckt den Teufel in seiner _ersten_
-Kraft wieder auf -- und jetzt geschehen tausend Große, nun geht mein Reich
-wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Höllefüllendes: _das Reich der
-Unterlassungssünden!_ Wie lange habe ich mit meinen vorzüglichsten Geistern
-gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, ächte, erste
-Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht ungläubig, Schulmeisterlein,
-sondern höre mich aus. _Erfahren und weise_ muß die große Welt, oder auf
-französisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, _damit sie
-doppelt strafbar werde,_ damit doppelt so viel Große und Kleine zur Höllen
-fahren -- und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lämmchen
-zurückekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt,
-dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme --
-Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gänsen und glattzöpfigen Kuttenträgern an
-der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wußten, doch nirgends
-vorhanden war und keinen Leichnam enthält, -- so beginnt nun ein neuer
-Kreuzzug blutdürstend _nach einem lebendigen Leichnam._ Und nun sie so
-erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen
-alten Unsinn, ich will den Papst und seine -- oder meine Schaaren -- wieder
-auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem
-Regiment wieder einsetzen lassen. -- Kann ich frömmer und christlicher
-handeln? Mir ist Niemand auf Erden schätzbarer als Christus. Denn seit das
-Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen _dennoch_ in
-Finsterniß wandeln, Werke der Finsterniß fördern und thun, sich im Namen
-des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterniß auszusäen wie Ruß und Mohn;
-seitdem ist Gedräng in den Pforten der Hölle, und ich habe neue erbliche
-Pairs müssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe
-Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein närrisches Haus
--- denn alle Narren sind mein -- beruhige Du Dich! Für jeden Einen, der in
-den Kreuzzügen hochlöblicher Maaßen umgekommen, sind schon Millionen --
-Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus
-mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnüsse werden
-noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzüge, großer, kindlicher
-Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem -- Kreuzzuge die Taschen oft
-ausgesucht: Und was hätte sie sonst gefunden, als ächtdeutsche Plunschken
-und schöne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch künftige Kinder
-die Früchte _dieses_ Kreuzzuges aus den Taschen der Verrückten suchen. Ist
-das kein Gewinn für die _schöne, die große_ Welt, wenn Weiber, Kinder und
-Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: »Ich bin Wecker, bin
-verrückt, und ich sage Ja!« Und nun sei ruhig über das Surren und Stechen
-des Schwarmes, der nur einen Leichnam -- meinen großen Sohn in das Grab
-schaffen wird, und Kindern -- wenn nicht Enkeln -- und Sperlingen -- wenn
-nicht Adlern nutzen wird, und gewißlich doch mir; durch Weisheit, die
-Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lüge wird; durch Versprechungen, die
-Wortbrüchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die
-Hölle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von
-den Herren Musicis -- mit Blumengewinden malen zum Festball. -- Mit der
-Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Höre
-einen großen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht
-etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest -- das ist abgedroschen; nein,
-wenn Du nur heute das kleine Mädchen willst mit dem Speere durchstoßen
-haben; -- eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend
-Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thränen, die daheim Wittwen und
-Waisen, Väter und Mütter und Brüder und Schwestern um sie weinen werden.
-_Was_ ist also ein solches albernes Kind, und _was_ sind alle Reiche der
-Herrlichkeit, Wecker? Wach' auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz
-monarchisch, ja türkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution,
-ohne gebundene Hände, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene
-Gliedmaaße; ja ich gestehe Dir viel zu -- ohne Papst und Jesuiten! Schlag'
-ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.«
-
-»Hebe Dich von mir, Satan!« rief Wecker in äußerster Empörung. »Was hülfe
-es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an meiner
-Seele.«
-
-_»Das wollt' ich nur wissen!«_ rief _sein_ Satan lachend. »Sie -- sie
-werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende
-Seelenkratzerei -- und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren;
-denn wie können alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen
-alle Menschen Hörner bekommen, Du Schaaf!«
-
-Wecker führte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lügengeist.
-_Aber der stürzte sich jäh vom Geländer hinab,_ und zerfloß drunten wie
-Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam
-herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die
-vergessene Einladung herauf: . . . »Wecker, komm' wieder! Ich komme auch
-wieder. Verstanden?«
-
--- Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lügengeist! sprach Wecker, von
-wirbelnder Angst erlöst. Was will der Mensch -- oder verzeihe mir Gott, der
-Extract des Bösen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung
-ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! -- dann müßte Dich Jemand
-blasen! und das wollte er! Aber das wären abscheuliche deutsche Herzen, die
-nicht zufrieden wären mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde,
-wenn _Diese_ auch nichts gethan hätten, _als_ den Veruneiner, Hetzer und
-Schandesäer von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30
-Jahre auf solch eine Höllenarbeit ruhten -- und ein _langes Leichenessen_
-feierten -- ich gönnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf
-Jahrtausende gethan, o Du Schänder, Spötter, Lügengeist -- Teufel! -- Eine
-neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine -- des Teufels Lobrede
-auf Christum -- und Dein Vivat! -- mir stehen noch die Haare zu Berge! --
-
-Indem er so sprach, und sich, aber bedächtiger und menschlicher als der
-Teufel über -- _Stufe für Stufe_ -- die Treppe hinab vom Thurme stürzen
-wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz
-gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht
-wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weißen Hände vor die
-Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur
-verworrene Worte murmelte, sich hastig auflöste, sich wild umsah, bebend
-sich auf das Geländer schwang, und wahrscheinlich sich -- gerade an des
-Teufels Stelle hinunter stürzen wollte.
-
-»Du weiblicher Teufel!« schrie Wecker. »Hier geht's in die Hölle. Halt! in
-aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren!« Und so hatte er sie schon
-ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefaßt, und hob sie herab,
-und setzte sie derb nieder auf ihre Füße. Aber sie setzte sich auf den
-Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt
-sich den Schleier fest über Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz,
-und beim Scheine der Abendröthe sah er -- wie er meinte -- durch den
-angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte -- und er fuhr zurück, wie
-ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken.
-
-Und als er sich gefaßt hatte, trat er wieder näher, legte der weinenden
-Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmählig
-zu ihr, so mild er nur konnte: -- »D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja
-ganze, leibhafte _Dorothea_, Gott weiß es ja doch, wer Ihr seid -- das war
-albern! Ich weiß, Breitenthal ist abgebrannt -- oder brennt noch da drüben
--- aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal -- Goldenthal dazu wäre
--- so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!«
-
--- Sie schauderte. --
-
-»Oder, oder -- ich weiß -- Ihr seid _Braut_ mit dem gar lieben, jungen
-Herrn von Ellenroth -- ist Euch _der_ etwa untreu geworden? Dann weinen
-gewöhnlich treue Mädchen, die Gott danken sollten, daß sie _vorher_ klug
-werden, nicht _nachher!_«
-
--- Die Gestalt lehnte sich kraftlos an. --
-
-»Oder ist er Soldat geworden, und _kann_ erschossen werden? Oder ist er
-schon Soldat _und_ zerhauen worden?«
-
-Die Verschleierte stöhnte tief, aber das Stöhnen klang Weckern wie Freude.
-
-»Oder . . . wenn nur Euer Vater, der ehrbare Herr Paschalis nicht gestorben
-ist,« sprach er, »so wird sich Alles geben. Ihr lebt ja! Aus Euch ist noch
-Alles zu machen, die schönste, beste Frau im Lande! Und für allen Dank
-erbitte ich mir nur _auf Eurer Hochzeit_ erscheinen zu dürfen -- ein
-Hochzeit- oder Kindtaufenschmaus ist das beste Regal der geplagten
-Schulmeister! Und da ich nicht mehr geplagt bin, wird es mir desto besser
-schmecken, und gar erst _auf dem Kindtaufenschmaus_ . . .«
-
--- Die Gestalt beugte ihr Haupt, und drückte die Ballen der Hände in die
-Augen. --
-
-». . . Da wird sich Wecker freuen, wie der Großvater Paschalis!« fuhr er
-unwissend fort, gutgemeinte, aber der unerhört Gefallenen oder gewaltsam
-Herabgerissenen, entsetzliche, unerhörte Worte zu sagen: »Denn wenn der
-_gemeinste Schuft Vater_, ach, _Vater_ und endlich gar _Großvater_ wird,
-und noch so verwerflich gelebt hat, wird er eine _Respectsperson_, und so
-betrachtet, so behandelt; und der himmlische Vater stößt Jeden selbst mit
-der Nase auf seine Würde, und aller Firlefanz fällt nun weg -- es geht ihm
-Niemand mehr darauf ein, wer da weiß, was er ist und vorstellt auf Erden
-bei Menschen und bei den Seinen. So sicher und herrlich sorgt Gott für
-Jeden, der nur jemals Eine seiner lieben Jungfrauen recht angesehen hat;
-denn dann muß er heirathen; über sein, ihm von Gott hingesetztes Kind
-erschrecken, erstaunen, das Wunder bewundern, das Mysterium der Kindtaufe
-ausrichten, sich Vater von seinem Weibe rufen lassen, und ein neues,
-seliges Leben anfangen, er mag wollen oder nicht.«
-
--- Die Verschleierte schrie laut. --
-
-Wecker schwieg betroffen, aber in seiner Freude setzte er hinzu: »Ihr seid
-verschämt, und ein keusches Kind, das wissen wir, darum vergebt! Denn ich
-habe große Freude. Wäre die arme Clementine der armen Christel nicht
-umgekommen, so rannte ich nicht auf den Thurm! Wollte mich der Teufel nicht
-zu einem Teufel machen, so wäre ich nicht Euer Engel geworden und hätte
-Euch nicht gerettet -- denn ich war fort! Oder gar nicht da! Furchtbar!
-Entsetzlich! Ja _nun_ freu' ich mich ordentlich, daß ich so alt geworden,
-so lange gnädiges Brod -- _sogenanntes_ Gnadenbrod, aber von der guten
-Christel: _wirkliches_ -- gegessen, und ich möchte bald rufen wie Satan: Es
-lebe Christus, der Sohn . . . . aber heut kann ich nicht, vielleicht morgen
--- wenn ich ihn vergessen. Aber wollt Ihr nicht mit hinunterkommen zu der
-armen Christel? _Ihr könnt ihr helfen das Kinderzeug machen, das letzte
-weiße Kleid, das nicht mehr gewaschen wird!_ Kommt!«
-
--- Sie wollte aufstehen und reichte ihm matt die Hand. --
-
-»Haha!« lachte Wecker und rieb sich die Hände, »haha! Das wollt' ich nur
-wissen! _Ihr seid es_ . . . Ihr liebe Person seid Dorothea -- die Gabe
-Gottes -- sonst wolltet Ihr nicht zu _Christel_ kommen! Ja, ja, _Mitleid
-läßt gute Menschen nicht sterben_, und sie richten sich vom Sterbekissen
-noch einmal auf . . . und leben wieder lange. _Weiß Gott, was in der Welt
-steckt; ich glaube: der liebe Gott!_«
-
-Da sprang die Gestalt so plötzlich auf, daß Wecker erschrak und zurückfuhr.
-
-»Nun gut,« sprach sie, und riß ihren Schleier empor und hielt ihn so mit
-der rechten Hand; »ich bin Dorothea -- . . . oder -- ich war sie! -- Aber
-Eure Hand darauf -- schweigt, schweigt, schweigt . . . daß Ihr mich hier
-gesehen . . .«
-
-». . . und was ich gesehen!« setzte er hinzu. »Wecker bleibt Wecker. Ich
-bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rühmen,
-daß ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und
-wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist's lange
-schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?«
-
-Und da sie leise nickte, sprach er: »_nun so seid ihr gebunden_ -- da kommt
-Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernünftig wie ich!«
-
-Und so ging er. Und sie seufzte tief.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus,
-und von draußen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglücklich an wie je.
-In Christels Stübchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse
-gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem
-dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weißen
-nächtlichen Friedensbogen sich umgegürtet und die Gestirne schienen still
-so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu
-flackern und Strahlen zu schießen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer
--- der Lebendigen.
-
-Auf Johannes Hofe aber stand ein -- bei Tage und von Prunkthoren
-sogenannter prächtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der
-geraubten, braunen vier -- National-Engländer mit sechs schwarz und weiß
-großgescheckten holländischen Kühen bespannt, und hinten, statt der
-Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber saß neben
-dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu
-bereden und zu _regieren_ wußte. Die Kühe sollten für Herrn _Paschalis_ und
-seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie
-in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit
-sich eingeschlossen hätten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und
-die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann
-Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hübsch genug war.
-Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und
-ward bloß auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfaß von
-einem Winzer auf bessere Weinlesen.
-
-_Paschalis_ war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am
-Himmel zurück; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien
-ihn zu bedrücken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weißes Schnupftuch
-in der Hand, und wie er in dem Düster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte,
-hielt er es plötzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thränen
-darein ausgießen wollte, ob gleich kein Tropfen darein floß und sein Gehirn
-wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur -- wenn ihn ja Jemand bemerkt
--- das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus
-seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund -- denn es war
-schwarzbraunes egyptisches Opium.
-
-_Johannes_ hatte das schöne Vieh brüllen gehört, sich hinaus getraut,
-seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie
-sein Herz war -- demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt,
-das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen
-Händedruck und keine Antwort als: »_Dankt Gott für dieses reine Leid_, mein
-lieber Johannes!« und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den
-Bescheid: »sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal
-noch einmal zu sehen.«
-
-Während nun Johannes für die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis
-sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und
-er sahe: In der großen Wohnstube, ihm gegenüber an der Wand, hatte der alte
-Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen
-Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und
-der Alte sägten eben an den vier kleineren.
-
-»Ach, _Ihr_ seyd glücklich!« sagte Paschalis und schlich vorüber, an
-Christels Stübchen. Seine Angst, als _Vater_ Dorotheas, war groß; seine
-Ungewißheit war halbe Verzweiflung. Denn während in seinem Schlosse sieben
-Feinde, _Kosaken_, gelegen, schien _seiner_ Tochter ein unmenschliches
-Unglück zugestoßen zu sein. Er vermuthete es nur, er wußte es nicht. Er
-hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht
-geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er _ein
-siebenfaches Verbrechen_ begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea
-schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so
-schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur,
-und er wußte auch das nicht. Aber Dies _zugleich_ -- oder Jenes _allein_,
-schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur
-sein eigener körperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie
-der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte
-anzurühren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den
-schmählichen Riß -- ihm selber. Und noch unglücklicher hätte er sich
-gefühlt, wenn er nur hätte ahnen können, mit welchen seligen tröstenden
-Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea
-die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen.
-
-Jetzt sah er in _Christels_ Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus.
-Denn Christel hatte es unmöglich über das Herz bringen können, den Gebrauch
-noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus
-ihrem Bette reißen, und mit kaum zugedrückten Augen und kaum verbundenem
-Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das
-halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer für die Würmer, wo
-möglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer
-Einkleidung für die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach
-schicklicher Ruhe, sogleich schön gewaschen und angezogen, ihm über die
-Bettchen seiner Wiege -- worin es noch geschlafen -- ihr feinstes weißes
-Tuch gebreitet, und das liebe Mädchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von
-rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmüthig-schön um das theure
-kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug
-recht eigen leid, daß die Kleine _mit einer gefallenen und noch ungeheilten
-Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte_; wie ein Maler sein
-eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stäubchen aus seinen
-Händen giebt, es noch einmal zurückverlangt aus den Händen des Empfängers,
-es genau überblickt, _noch ein Sonnenstäubchen vorsichtig von dem goldenen
-Rahmen haucht_, und dann lächelnd und zufrieden es auf immer dahin läßt und
-spricht: »_Nun, so!_« -- Christel aber, welche die Wunde nicht hatte
-weghauchen oder wegküssen, noch mit Thränen wegwaschen können, hatte sie
-unter eine Blume versteckt -- _schüchtern sich umgesehen, als ob ihre
-redliche Seele Jemanden getäuscht habe,_ und leise gesagt: »_Nun, so!_«
-
-Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: »Meine Kinder, seht euch noch an
-eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne
-untergeht -- dann seht ihr sie lange nicht wieder!« -- Und so hatten die
-Kinder ihre Weihnachtswachsstöckchen aus ihren Schränkchen hervorgeholt,
-sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Häupten der Wiege an den
-Tischrand geklebt, angezündet -- alle auf einmal -- und nun waren die
-goldgeschmückten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und
-sie weinten nun, daß es würde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht
-mehr sähen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezündete
-Lichter. Aber Sophiechen war über das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf
-war müde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von
-der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder
-_alle drei_ wie vom Schlafe gelöst, noch mit den Gesichtern zusammen;
-_zweien_ davon blühten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre
-Haare waren unbekränzt -- dem _dritten_ aber blühten die Wangen von einem
-tiefern Schlafe _weiß_ und _rein_, und es bedurfte die Erde zu keinem
-Athemzuge mehr; aber seine Härchen waren bekränzt. Christel aber hatte dem
-Mörder des Kindes, nachdem er nothdürftig verbunden worden, ihr eigenes
-Bett eingeräumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und
-ihn ansah, seufzte sie schwer darüber, wie sehr er sie beraubt habe, und
-sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: »Armer, armer Mann!
-Armer _Sebast-Janow_!« Denn St. _Etienne_ hatte seinen Namen in seinen
-Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr
-aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildniß dagelassen, welches er
-dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und
-welches Christel hatte annehmen müssen, aber noch nicht angesehen, ja nur
-hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen
-hingehangen. Denn das Bildniß hatte unläugbare Aehnlichkeit mit der kleinen
-Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum
-neugierig um -- aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung:
-denn das Bild stellte ihre Schwester _Martha_ dar . . . . Niemand anders
-hatte es _getragen_, als ihre _Dorothea_, welcher es der Vater _Paschalis_
-geschenkt . . . Dorothea hätte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben
-. . . es war ihr also nur _gewaltsam geraubt_ . . . und Christel trat
-hastig drei Schritt nach der Thüre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte
-sie ändern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus
-Vertrauen und Liebe _von aller Welt_ das Beste hoffte. Und mit ganz anderem
-Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach
-jetzt mit Thränen: »Armer, armer Mann!« -- Aber die Worte zerschnitten ihr
-Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie küßte alle drei schlummernde Häupter;
-sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe -- die
-Mutter ahnend -- sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne
-aufzuwachen.
-
-Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen
-Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer
-großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange
-undenkliche Zeit _der Zaubersaal des Gottes_, in der That und unläugbar;
-und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und
-nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte, _wenn auch Er
-das Alles sähe:_ -- Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein
-Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der
-Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein
-brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als
-Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem
-Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er
-sähe: _Gute Kinder_ voll Liebe, Leid und Mitleid -- welche schöne Gefühle
-alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und _einen guten Vater_,
-der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: _den
-Großvater_, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen
-willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig -- denn sein eigenes
-Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen
-Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen.
-_Paschalis_ aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der
-himmlische Vater _zugleich mit ihm_, und doch ganz anders, in das Stübchen
-sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen
-Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er -- niesete wieder!
-
-»Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten
-Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!« sagte Wecker, der still
-gekommen. »Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie
-beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen -- das eben ruht;
-nur die Papierwände freilich _etwas groß von himmelblauem Himmelspapier!_
-Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee -- was ein wahres
-Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten
-Gliedmaaßen -- nicht -- füglich -- mehr -- wandeln -- -- am wenigsten
-anhero!« -- Und, um seinem Wohlthäter auf eine _unverständliche_ Weise zu
-verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: »Denn
-heute habe ich alter Mann -- wie Sie mich hier sehen -- eine gleich große
-schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr auch
-_eine neue Seele_ in ihre eigene Rippe geblasen -- denn Eva war eine Rippe
--- aber _Adam's_, wissen Sie -- _wie ich weiß_ -- können Sie denken! Der
-Mann bin ich.«
-
-O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still
-um die Ecke des Hauses in's Düstre; und _Dorothee_ ging darauf langsam
-hinein zu _Christel_.
-
-Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas
-Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon
-diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei
-Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich
-vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche
-Verwandlung in's Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle
-und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen
-konnte: was sie gethan. Denn auch _gethan_ hatte sie etwas, ja ein
-Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und
-niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte
-aber diesmal sein höflichstes: »_Gotthelf!_« wozu Paschalis nur leise
-verneinend den Kopf bewegte.
-
-Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen!
-
-Johannes aber hatte eine große Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue
-mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wäret -- unser lieber Herr
-Paschalis, der an uns schon so viel gethan. _Darum_ habe ich auch jetzt
-mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit!
-Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der
-Großvater aus zu großem Vertrauen _die Vorsicht_ uns versäumen lassen, möge
-Gott nicht auch _mein Mißtrauen_ gegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam
-und unter der Schanze, mit Unglück bestrafen! Aber wie es auch komme -- ich
-nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewiß auch der
-himmlische Vater meinen -- meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit
-Christel und mir! Nur der Großvater wird in der Sicherung der Kinder einen
-stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen möcht' ich kaum bitten . . . .
-aber ich bitte doch!
-
-Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird
-Dorothea schon wohl besorgen; und -- liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und
-trägt uns furchtlos über grause Wogen!
-
-Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint
-in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewiß auch, sonst käme es ihm
-gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer
-Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute -- Ihr wißt das
-nicht; nehmt das nicht übel; aber Ihr werdet meine Rede bestätiget finden!
---
-
-Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel
-arbeiteten, kam Christel herüber, grüßte Paschalis, und -- als könne sie es
-vor Angst nicht länger ertragen, bat sie unverweilt: er möchte sie selber
-mit nach Mainz nehmen!
-
-Paschalis lächelte niedergeschlagen darüber, als habe Dorothea ihr das
-gerathen, und sagte dagegen: _Die Kinder!_ liebe Christel. So meinte
-Johannes.
-
-Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt.
-
-Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewußt, daß sie 20
-Mann Einquartirung bekommt.
-
-»Zwanzig Mann, nicht Männer!« erklärte Wecker.
-
-O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen
-für die »Mann« und die Kinder. »Dorothea schläft!« hatte sie Paschalis noch
-gesagt.
-
-»Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben -- wie ich die Schulkinder
-verbesserte; eine sonderbare Braut!« sprach Wecker.
-
-»Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!« meinte Paschalis, zu
-welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus
-der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester
-zitiren solle?
-
-Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte,
-seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: »Lieber Daniel,
-hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das _sechste Capitel aus dem
-Buche der Weisheit_, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für
-alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet
-seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze
-Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!« -- Er
-wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde
-und er sprach, zu aller Verwunderung diese: »Ach, daß ich wüßte, wie ich
-ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte
-vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er
-mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!«
-
-Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben
-Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf
-die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel
-leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt!
-Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will --
-_nicht_ mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer!
-Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch!
-
-Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward
-trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne
-schienen herein zu den Schlummernden.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise
-besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen
--- nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh,
-als er den _Daniel_ aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und
-sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich
-gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben
-und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel
-aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens
-doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im
-Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: »_Die sieben Raben_,« und
-fuhr jetzt laut darin fort: »Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis
-an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne;
-aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig
-lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig
-und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: »ich rieche
-Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!« -- Diese Worte klangen aus
-eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten
-Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er
-seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: »da machte es
-sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und
-gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .«
-
-Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, _Sophiechen_ und _Gotthelf_
-ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen
-hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder
-wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den
-Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so,
-vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude
-durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon,
-wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für
-ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft
-war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage
-beglückte ihn.
-
-Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu
-und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch
-Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der
-kleinen Kinder, »damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben
-Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in
-ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja
-oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und
-Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, _selbst Vater und
-Mutter stundenlang vergessen_. Und sagt nur immer: »ich komme Morgen!«
-sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann.
-Da soll Freude sein in Mainz!« --
-
-Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel
-Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine
-Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben
-hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in
-guten Händen; die Stadt ist nicht weit -- und wir haben ja noch ein Kind --
-das auch in guten Händen ist! Komm hinein!
-
-Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln
-wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei
-einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem
-allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was
-sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden?
--- sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide
-für Eins.
-
-_St. Etienne_, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als
-Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als --
-_Werber_. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen
-und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen -- ausgenommen den einzigen
-Wirth oder Stamm des Hauses. Selber _Weckern_ hatte er gedroht in den
-Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix
-noch Kegel habe. _Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei
-eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;_ die Dummen
-raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter
-werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten,
-und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu
-gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch!
-Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als
-Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem
-Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet
-und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so
-bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber
-zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne.
-Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. --
-
-Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel,
-die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf
-hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen
-sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben
-verbunden war -- denn »der Herr bedarf sein,« wie Wecker dem Rechte den
-Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne
-endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem
-Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.
-
-So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch,
-zum Scherz sei's genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die
-schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters
-Hand »ein Pasquill auf das fünfte Gebot« sähe, wie unser Wecker einen Säbel
-oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten
-_Verstand_[A] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!
-
-[Fußnote A: ultima ratio.]
-
-Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: »Weß ist der Rock und
-das Bandelier?«
-
-»Des Kaisers!« sprach der Sergeant.
-
-»Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!«
-verlangte Wecker.
-
-Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete
-Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach:
-Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und
-meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth -- und euern Wecker zum
-Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran -- und wie
-_Ihr_ weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in
-aller Welt, und Viele _schon aufgehört_ in aller Welt, und so fügt Euch
-darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist --
-und Er hat gesagt: »Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!«
-
--- Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. »Denn
-_die Erde ist des Herrn_ und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem
-Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die
-Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte
-ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie,
-wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln
-wegführt.«
-
-St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er
-sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der
-Wirbelwind fortgeführt.
-
-Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie
-einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also
-der Wirbelwind Hieronymi?
-
-Tzschernitschef; hört' ich, antwortete St. Etienne.
-
-So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St.
-Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also!
-
-Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott,
-ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir
-däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und
-kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser,
-Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und
-alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König,
-wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt
-Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat
-wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird
-befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme
-amerikanische Zeit! --
-
-Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das
-Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt!
-
-Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne.
-Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! -- Wir haben noch einen Kaiser; und
-der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland --
-_angeführt_ hat! Tüchtig _angeführt!_ Also werbe ich! Denn ohne Soldaten
-bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer
-fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen,
-wenigstens, wenn's Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. --
-
-»-- Bank!« setzte Wecker hinzu.
-
-Also zur Schlachtbank -- meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den
-_einzigen Vater_ der Kinder, den _einzigen Mann_ unsrer Christel! sagte der
-alte Frommholz betäubt: »Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind
-des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben -- aber jetzt
-freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.«
-
-»_Ihr_ nicht! alter Mann!« belehrte ihn St. Etienne, noch lachend.
-
-Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg.
-
-Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret
-Ihr nicht, so wäre _Johannes_ der Einzige auf der Bude, die zu
-_Einquartirungen_ und _Lieferungen_ und _Abgaben_ und _zur Zucht_ von neuen
-Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei.
-
-»Frei!« rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.
-
-Warum hab' ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes:
-ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe
-geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich
-bin ein sicheres Mittel!
-
-Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte
-darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? -- Und
-Johannes antwortete: -- Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da
-sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.
-
-Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe _ausklopfe_ versetzte St.
-Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund
-ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird
-auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde
-finden, sondern _lauter nagelneue, brühwarme_. Sollen wir Andere mit Lahmen
-und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen -- fallen, welcher brave Soldat
-wohl vertrüge die Schmach. -- Also, Johannes, um zwei! --
-
-Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf
-sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach
-endlich laut mit sich selbst: »Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir
-immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath
-gleich lieber an, damit _Christel_ keine Wittwe wird, _die Kinder_ keine
-Waisen, und _Du_ kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern
-Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine
-eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer
-anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, _nicht um selbst
-hinein zu kommen_, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute
-verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen,
-wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen
-in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor
-Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in
-den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus -- _in die
-Hölle!_ Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! -- Wehe denen,
-die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und
-erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und
-Beine brechen! -- Hals und Beine!« --
-
-Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen
-Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch
-noch ganz, -- »Nun,« sprach er, »so ist es doch schlimm, daß es Dich
-trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches
-Holz macht dem Menschen wenig Plage -- einige Mal den Stamm querdurch
-gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die
-Kloben in Scheite gespalten -- so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes
-bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder
-ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine
-ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger
-Jahren statt Späne von Balken, _Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe
-hiebst_, gestehe nur, _Du mein halbvergessener_ Vorfahr, daß Du die Strafe
-wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der _Papst_ zur Veränderung
-auch einmal _der Türken_ Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann
-zusammen, weil »Erschlagen« befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen
-bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins
-Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du
-sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in _der_ Gestalt
-herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! -- Hei! das war ein schönes
-Ebenbild Gottes! -- Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der
-Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger
-zeigte -- daß _Dir_ die Haare zu Berge standen -- und wie sie es Gott dem
-unsichtbaren Vater zeigte, daß _Du_ vor Furcht Dich bücktest, -- und die
-silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der
-Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache
-schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen
-Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf
-beschworen und ihn wüthen geheißen, _bloß um selbst länger ihr Volk zu
-beglücken_ -- denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes
-Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du
-mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest
-ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim,
-legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum
-Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau
-werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter
-auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch,
-Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind
-alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne
-oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen,
-oder das »nicht« aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem
-Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: »Du sollst tödten!« ohne daß
-ihn der Donner des Herrn erschlüge! -- »Aber,« warf ihm der _Soldat_
-Frommholz ein: »Sie thun ja doch so -- und der Herr läßt regnen über
-Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.« --
-»Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische
-Mahnung!« entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich
-in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht
-Christen werden! -- Oder doch die Türken! -- Da sagte mir ein vornehmer
-Mann, der meine _laute_ Verwunderung hörte: »Ich würde die Juden und die
-Türken verabscheuen, wenn sie _das_ werden wollten: was wir _sind_ oder
-heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden
-Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab.
--- Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!« So schied er. Und jetzt da Einer 300
-Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter
-aufzuspießen, und ich sie nicht einmal _vor_ dem Wirrwar hineingetragen --
-nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat,
-gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst
-nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!«
-
-»Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du
-zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das
-Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl -- es schwankt; . . . Du
-schwankst -- es fällt; Du fällst . . . und _Johannes ist kein Soldat_, so
-wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt:
-daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht
-schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf
-mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu
-begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und »zum
-Wahrzeichen« hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe
-bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes -- und die thörichten Kinder im Dorfe
-sprechen: »Das ist der alte Frommholz!« Aber der Wahre hat die Seinen aus
-der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das
-wissen die Millionen nicht!«
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen _Sebastianow_ und
-auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag --
-krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem
-Russen kommen, der also wahrscheinlich die _ansteckende gefährliche_
-Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der
-vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte
-sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der
-Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu
-begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der
-grassirenden Krankheit sich -- das Reisegeld und die Aufenthaltskosten
-geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten,
-es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten -- und ohne
-Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes --
-denn Geistesgegenwart besaß er nirgend -- so waren sie bezahlt; oder er
-bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe
-erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die
-Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten
-Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit _Holenlassen_ zu drohen
-beauftragt war, und erwiederte: »Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den
-Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens
-meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber
-jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder
-selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich _vor ihr_ und _vor uns_ sein in
-Acht nimmt -- wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste
-Mittel selbst gegen die Pest: -- »_Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät
-erst kehre zurücke!_« -- Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden
-vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine
-Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht _spinnen!_ Und Ein Thaler
-bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?« --
-Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört
-hatte, daß die vorher so preßhafte _ganze Familie_ sich nun in gesegneten
-Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau _Christel_, also
-bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein
-bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl
-war. Und so versprach er zu kommen -- doch in der Dämmerung, aus besondern
-Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der
-Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch
-zum Troste in der Thür: »Vertraut nur der Christel . . .«
-
-Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes.
-
-». . . Nein vertraut ihr nur das: »ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt
-sie es leichter.«
-
-Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend --
-ein Elephant die Thür aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde
-reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle
-zog -- und »Guten Abend!« sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor.
-Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein,
-dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich
-selbst: »Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas
-reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!«
-
-_Sebastianow_ aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn
-schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum
-Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte,
-damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um
-etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: »Mutter, Schnaps!«
-
-Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die
-Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb,
-und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit
-der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus,
-der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las,
-nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald
-leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum
-Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung
-dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder
-weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache
-Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu
-ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen, _und sich nicht die heiligsten Tage
-einer Mutter zu verderben._
-
-Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der
-Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da
-schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker las _latent_, wie er es nannte,
-erst selbst _als Schuljunge_ oder Custos, an der Hausthüre mit
-nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann
-las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die
-Trostworte des Engels, als _geistlicher Herr_, mit viel mehr innerer Würde;
-und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weinte _latent_ mit, wie er;
-denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. -- Darauf sprach
-Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: »Nun sind
-wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man
-immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den
-Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht
-schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte,
-wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf _einem_
-Beine stehen, wie eine Gans -- ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen,
-wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe -- -- --
-links! Köpfe -- -- -- rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie
-nun jemand Anderm! -- Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch
-an -- Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe
-rechts dazu -- schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie!
-sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der
-Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne
-Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder -- und schreien, ja mucken
-auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch
-nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar
-eine Maschine! Also _die_ Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum
-Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst
-florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die _stille
-Musik_ dazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden! _Laßt uns begraben, daß
-ich weinen kann!_ Denn ehe die Rekruten -- schon ein ganz himmlischer Name
--- ein Rekrut -- ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit
-und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzt _hier_ niedrig, jetzt _drüben_,
-ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht
-nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen
-Thüre herum und vorbei! _Laßt ihm die Freude!_ Uns aber laßt allein zu dem
-Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht
-mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit
-Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit
-Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber
-lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die
-lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den
-Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann
-auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat »_vom Volke_« --
-wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen -- mit Unrecht Schläge
-bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die
-Schnäbel verbrannt, und ist _ausgetreten_. Sr. Hochehrwürden, der Herr
-Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein
-junges Weib, einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist
-also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich
-der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im
-Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich
-vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig
-Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber
-zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd'or.
-Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man
-jetzt nicht _auf_ der Straße, sondern bei dem Wetter _in_ der Straße bis an
-die Waden. -- Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr
-ein! Seid nur so gut!« --
-
-Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock
-zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter
-ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos
-mit dem Kinderkreuz, und sang -- stumm, oder latent, mit sehr beweglichem
-und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte
-Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht.
-
-Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der »Rotte« vorüber kamen,
-hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern _rechts_
-gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins
-Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe waren _links_ commandirt,
-und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem
-sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken;
-er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf _rechts_; und der _gnädige
-Gottlieb_, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rückte
-ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort »Links,«
-und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust.
-
-Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur
-halblaut vor sich: »_Es ist schon gut!_« -- Johannes aber sah sogar die
-große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in
-die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz
-anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen _still_, die Worte seinem Kinde
-nach: »Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des
-Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich
-vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und
-Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.« -- »_Amen!_« sprach er laut; und der
-Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los.
-
-Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer
-Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder
-Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen
-gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß
-es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog;
-ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich
-verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer
-verfolgt. -- »Es ist Krieg!« riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an
-dessen Stimme Wecker _seinen Sohn_ zu erkennen glaubte, sprach lachend:
-»Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und
-wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und
-schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!«
-
-»Es ist schon gut!« stöhnte der alte Vater wieder. »Mein Sarg steht schon
-lange auf unserem Boden.« Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck
-blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen
-frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die
-Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf,
-daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. -- Und während der alte
-Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und
-zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel
-und auch zum Thurme -- und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn
-herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere
-eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß
-ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie
-Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das
-alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue
-schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es -- seiner Erscheinung
-empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er
-seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete:
-»Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel
-gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber
-schlecht! Ich -- ich kann nicht singen -- mir ist die Kehle wie
-zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt' ich sagen: _Der_ Vater!«
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne
-Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte
-geblendet von dem schmückenden Scheine. --
-
-Wo ist denn das Kind? -- Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da
-gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde
-verschneit waren vom reinsten Schnee. -- Ach, seufzte sie, nachdem sie
-unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter
-einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn -- o mein Gott -- es hat
-mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende
-Stimme: »Mutter, mache die Augen auf! . . . mach' doch die Augen auf!« und
-ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne
-sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen
-Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel
-und die Schürzchen -- ich bin um Alles -- da hängt es, und liegt es, und
-sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt
--- und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die
-letzte Schmach an ihm! -- --
-
-Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.
-
-An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst
-erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden
-gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen -- und ärger! Und was hilft
-das Unglück eines Menschen den andern? Was mir -- das fremde? Und was den
-lieben fremden Menschen das meine -- oder das unsere, wollte ich sagen,
-Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein
-Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird,
-als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes,
-ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir
-haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz.
-Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein
-solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten
-muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja
-schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich
-Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt --
-vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der
-ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut
-und Soldatenfreiheit -- weil der Abscheuliche -- sein großer Friedrich,
-sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat
-ihn erkannt -- als ihn der Teufel gefragt hat: -- »Wecker! war das nicht
-Dein Sohn, der da reitet nach _Britzenheim!_« -- Siehe, und so ist der
-alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was
-er bei ihm und mit ihm will -- weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen
-. . . .
-
-»Ein Messer?« frug Johannes erstaunt.
-
-Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: »Kein Vater darf
-sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen -- ausgenommen sie werden
-besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und
-menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen
-vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! _Sonst_ muß der Vater aufstehen! und
-lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche
-Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker,
-bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie
-ich, soll gescheidter sein, als viele _ganz_ curiose Leute; und so ein
-armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene
-Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, _der
-Corsar zu Lande_, macht, -- und _meinen Sohn!_ . . .« -- So sprach er
-stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der
-Hand, und ließ sich nicht halten!
-
-Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes
-betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern
-lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße
-ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in
-Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen
-Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von
-Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er,
-würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe,
-die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein
-Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben,
-die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen
-Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben -- als nämlich
-mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; -- und Andere, die glauben:
-die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu
-besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen,
-sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären
-es wirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen,
-oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; -- und so mahlen sich
-die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben,
-und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche
-und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber
-werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher,
-hören mit Angst die Glocken rufen: »neue Menschenknochen aufzuschütten!«
-und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts
-gelernt. Wenn sie aber _Christen_ wären -- ließen sie den lieben Gott seine
-Gaben auf seine Mühle schütten, ließen _ihn_ das Mühlhaus beglücken, und
-hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ
-wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die _Menschen_
-Christen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden,
-als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten
-hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es
-muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das
-Volk muß nach der _wahren_ Lehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort
-Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten!
-
-»_Nichts weiter!_« sagte Christel zum Morgengebet. »Nichts weiter;« ich
-habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das
-Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch _indeß_
--- indeß -- bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein
-Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten
-schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser
-wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn
-erhält; aber nun _der_ seinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm
-erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest -- aber
-Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn
-ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für
-ein Bauer -- ein Prophet wie Daniel! -- Ach, was wird _mein_ Daniel machen?
--- »Ich muß fort, ich muß hin!« sprach sie, von dem Namen des Propheten an
-ihren Knaben erinnert.
-
-Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu
-leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen
-verträgt. »Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich
-will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner,
-das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große
-Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alle _die_ Hoffnung haben und die
-Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt -- eben weil das
-Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist --
-so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle
-geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und
-die Müller mögen ihre _eigenen_ Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir
-legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht
-länger bluten als dafür: -- daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht
-länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! -- so sagt der Vater.«
-
-Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen,
-die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberfluß hat; und sie saßen in
-süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich
-still an den Händen hielten. »Deines Vaters Geburtstag ist heut,« sprach
-sie endlich; »heut ist er siebzig Jahr.« Gott erhalte ihn uns noch lange!
-besonders nur _mir_; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen
-Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn
-er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen
-letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer
-Hausschatz, den kein _anderes_ Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein
-eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag
-still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den
-Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht
-wissen: warum? selber der alte _Sebastianow_ und der große Peter, der Hund.
-Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und
-zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge
-Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen
-ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In _diesen_
-Zeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die
-Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen
-um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen -- und nichts ist
-länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth -- spricht
-Wecker; aber in _der_ Länge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur
-ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich
-durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und
-helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem
-Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit
-ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus
-demselben weichen Stoffe -- aus Liebe und Thränen! --
-
-Christel brach ab; denn sie sahe durch's Thor einen vornehmen Reiter herein
-in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er
-wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr
-rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des
-Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen
-Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: »Ich heiße _Ellenroth_ und
-bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.« Er
-holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt
-fort: »Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem
-Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin
-ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein
-Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen
-sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch
-gewiß schon lieb und vertraut -- wie ein Anverwandter -- wenigstens habe
-ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe,
-denn _Ihr_ seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester
-_Martha_ dahin ist -- dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald
-folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr!
-»Sie will nicht die Meine werden« -- _weil_ sie mich liebe und ehre; aber
-auch keines Andern -- weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja,
-sie meint: »Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht
-katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.« Leset!
-Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee!
-Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee,
-ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!«
-
-Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem
-Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm
-traurig: »Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das
-hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!«
-
-»Geht zu ihr!« bat er; »redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie
-alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie
-nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset,
-_daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück_ -- und
-das ist: _die Wahrheit_, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe
-mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund
-der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es
-doch leer, halb, zerrissen _ohne Sie_ -- und der Tod ist jetzt leicht zu
-finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung
-vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht
-sollte das nur so kommen, _das_ sollte ich im Leben vielleicht nur thun!
-Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch _die Tage_ erst
-lichten _das Leben_ auf -- und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir
-nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.«
-
-Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward
-durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen
-oder nicht erst erworbenen Freund inständigst bitten . . . wenn er denn
-wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dann
-_ihrem Johannes_ zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von
-den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen
-ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen
-Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel und _muthvoll_ ist;
-ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle
-ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie
-nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: »Armer Herr!
-Ich weiß gewiß, es ist vergeblich -- aber ich gehe zu Euerer Dorothea.
-Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so
-helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon
-um Dorothea's willen! -- Die wird sich doch freuen über Euch!«
-
-»Sagt es dann gleich lieber jetzt!« bat er. Aber sie beruhigte ihn damit,
-daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das
-heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald
-darauf -- den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den
-Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu
-erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche
-Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie
-verhallt sind, »wie die ächten wenigen Worte Christi,« wie Wecker sagte.
-
-Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und
-auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem
-andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: »daß übermorgen, oder
-schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und
-halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite
-geführt werden sollten.« Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht
-nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor
-einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und
-zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der
-Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten
-Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes
-über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen
-Morgenfrühe den Tag aus -- den Montag -- wie er sonst immer erst nach dem
-Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den
-Kukuk die Stunden nachrufen -- und schrieb noch einmal seinen Namen auf das
-mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg.
-Dann betete er aus seinem _Kubach_ das sonderbare, doch ächte »Gebet eines
-Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,« welches zwei Seiten lang ist,
-also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene
-Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat.
-Er merkte das, und lächelte die geringe Höhe _seines_ Thurmes und seinen
-Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg -- und das Gebet bekräftigte ihn
-und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um
-noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in
-fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen
-würde!
-
-Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel
-dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie
-alle grüßen und bitten: »sie sollten ihn nicht vergessen!« Das durfte er
-sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag
-begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen.
-
-Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: »Vater,
-bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!« Das Wort traf den alten Vater,
-als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: »macht wenigstens
-Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja
-noch vor dem Winter gethan werden« -- da versprach er zu Mittag bei Zeiten
-bei ihnen zu Hause zu sein -- und sähe sich jetzt um, wie es dann in der
-Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert;
-aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem
-Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will,
-frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das
-Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das
-sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich
-gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde
-als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes:
-»Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir --
-das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit
-Dir -- so gut wie ein alter Vater noch kann! -- Lebe wohl -- indeß!«
-
-So ging er.
-
-Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn
-Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das
-kleine Mädchen sehr nach ihr geweint -- und mit gewollt! Das war nun schon
-Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt
-längst schon wieder ruhig war.
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Von den Kindern zurückgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage
-von Mainz nach Hause. So wußte sie nichts aus Zahlbach -- und so gewährt
-der Himmel den guten Menschen das Glück ihrer Treue und Liebe; und wo das
-Glück ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht
-nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle,
-ja alle Völker haben: tagtäglich zu bitten, daß auch ihre _Nachbarn_ und
-alle die Ihrigen auf unschädlicher, ja wohltätiger Bahn wandeln mögen,
-damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung
-und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden -- das erfuhr
-sie heute.
-
-Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen
-langen Gewölbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar
-und doch so wunderlich. Denn wenn draußen auf Markt und Straßen neue
-Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie
-Fledermäuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert
-verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Fröhliches und Trauriges herein
-oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich
-gleichsam nur -- als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die
-wettergraue, alterbraune Farbe -- der vergänglichen Welt gegeben. Die
-Gewölbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine
-nicht, daß so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden
-waren, während die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel
-gesungen.
-
-»Aber Mutter!« sprach Daniel, »sind das nicht unsere Kühe dort? und unsere
-vier neuen Räder am Wagen?«
-
-Sie drängten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im
-Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn
-Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Bürger sprach zu dem andern:
-»Das ist ein böses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun
-grade der Kaiser und seine Brüder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen,
-Töchter und Schwäger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein
-besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand, _deswegen_
-wollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen,
-noch ihre Söhne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern
-lassen!« --
-
-»Sie sagten, es wäre ein Zimmermann;« versetzte ein Anderer.
-
-»Ja,« bestätigte ein Dritter. »Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der
-Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestürzt -- weil er
-ihn habe früh morgens am Altare knien und beten sehen -- weil er einen
-einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.«
-
-Ach Gott! der Großvater ist todt! sagte Christel zu Daniel.
-
-»Der alte Mann gefällt mir!« sagte der Erste. »Erstlich, weil er ein Mann
-auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er
-soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krüppel wäre, nun er
-beide Beine zweimal gebrochen habe . . .«
-
-Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Großvater lebt ja! Er hat
-nur beide Beine zweimal gebrochen . . . .
-
-». . . und als ihm das ist bestätigt worden, hat er mit Freuden
-eingestanden: er sei _nicht gefallen!_ Auf dieses sein Geständniß, daß er
-seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun
-hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefängniß geworfen werden und,
-als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm -- sie wissen nur noch nicht
-in welches, denn alle -- Holzthürme sind voll: -- Verräther, das heißt nur
-voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heißt.«
-
-»Schwager!« versetzte der Dritte: »das ist das größte Elend auf der Erde,
-daß grade das wahre Herz der Völker jetzt ein Scorpion sein soll! und die
-alte ächte redlichste Treue -- Verrath; weil sie nicht mehr paßt, und nicht
-höflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet
-und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter
-Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe
-Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt würde -- ich würde kein
-Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt würde, so würde ich nie _ein_
-Russe, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und
-Kindeskindern -- und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden
-5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten -- geschweige die Knute bekäme;
--- -- denn so _Etwas_ ist nicht möglich, wider den Mann und wider den
-Menschen, und das sollte _man_ einsehen, besonders: -- »Man, der Teufel!«
-
-Darauf sahen sie einen schönen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und
-jetzt nur erblaßt und ängstlich nach dem braven Manne darin spähen . . .
-dann langsam und vorsichtig über die Leiter steigen und sich zu ihm setzen;
-und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: »Daniel!«
-und Daniel rief: »Mein Großvater!«
-
-Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten
-wehrten dem Knaben nicht; und so überwand auch Christel die Scheu, aber nur
-durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen;
-und so ließ sie die Menschen die Menschen sein, unbekümmert, ob sie solche
-heilige Kleinode unter der Stirn besäßen, die da zu sehen vermöchten, was
-unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hämmer in ihren Ohren ihnen
-verkündigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getönt in die
-himmlische Luft -- -- sie drückte dem Vater die Hand, und hielt sie fest,
-während ihre thränengefüllten Augen über ihm schwebten. Denn sie bedachte
-mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hülfe des Himmels durch den
-entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an
-Vertrauen gethan -- und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; -- er
-kehrte sein Gesicht ab -- und sie hatte nun eisernes Antlitz -- vor aller
-Welt zu weinen! Dann erblaßte sie über und über vor Scham vor der Welt der
-Großen, und erröthete wieder über ihre eigene Schuld der Verschweigung
-gegen den Schwiegervater: _welchen_ Trost ihr der Herr von Ellenroth
-gegeben! Aber »soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und
-gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine
-kleine grüne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann?« So tröstete sie sich
-selbst, faßte sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei
-dem Großvater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen, wohin
-man ihn ins Gefängniß werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, daß
-er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom
-Wagen und verlor sich unter der Menge.
-
-Und der eine Bürger sagte wieder: »Schwager! Wenn wir nicht alle _die_
-Hoffnung hätten, daß eigentlich Nichts lange besteht, was die Großen thun,
-höchstens von einem Friedensschluß bis zum andern, und wenn es nicht ein
-wahres Glück wäre, daß ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht
-versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fünfzehn Jahr alt
-wird -- so möchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!«
-
-»Und ich kein Schneider! Schwager!« versetzte der Andre, »Aber wir hoffen,
-das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene
-Gewand, das der liebe Gott am Schöpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird
-nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf
-eine beßre, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder
-zusammengenäht, daß es so lange hält wie ein Rock der Kinder Israel in der
-Wüsten -- 40 Jahr! Sela!«
-
-»Wenn's nur noch Stich hält!« schloß der Dritte. »Menschenherzen sollten
-sie können zusammen nähen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben
-Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!«
-
-»Ich auch!« sprach der Dritte. »Ich auch!« schrie der Erste. Und von ihrem
-Gedanken gleich froh ergriffen, _meckerten_ alle drei Freunde laut, und
-nunmehr erscholl unauslöschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst
-recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Kühe
-brüllten; die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung
-unter die Menge. Und die drei ursprünglichen Ziegenböcke fingen an zu reden
-und sprachen: »Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie
-thun! -- nur was sie leiden!«
-
-Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre -- mit den
-Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und
-ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete,
-daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte
-es sich aus gutem Herzen so: -- »Johannes liebte sie; das sahe der
-Großvater; -- und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und
-die Kinder liebte mit seiner Liebe.« So war es gekommen. Darum beschloß
-sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu
-schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem
-Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes;
-denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein
-gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt,
-und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das
-Frohe.
-
-Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: »Weißt Du?«
--- Und sie antwortete nur: »ich weiß!« Und nach zeitlangem Schweigen setzte
-er nur noch hinzu: »Deine schönen Kühe sind auch fort!« -- Sie aber
-versetzte heiter lächelnd: »aber die Kinder -- die Kinder sind alle -- ach
-nun alle die wir noch haben -- gesund und fröhlich -- bis auf den Daniel,
-der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!«
-
-Sie schwiegen darauf beide -- aber übereinstimmend -- und gingen an ihre
-Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen
-selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat,
-ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen _darüber_ zu machen, sondern
-seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder
-hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag -- und das Gottgeheißene willig
-und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit -- wenn er
-bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt.
-
-Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie
-verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein
-großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts
-gethan: -- _als eine Thüre zugemacht_, eine Gewölbthür im Unterstock des
-Schlosses, -- Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere
-Erkundigung gesagt: »in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit
-glühenden Kohlen gestanden.« -- Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte
-der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber -- er nahm
-seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie »eine Thür zumachen« seine
-Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können.
-
-So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte
-Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die
-sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- -- Todesschmause auf dem
-großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht
-aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; -- »so wie
-Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen
-Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom
-Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen
-oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren
-als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als -- den Braten
-gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen
-Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern
-aufgerissen hat;« wie Wecker gesagt.
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Das Weihnachtsfest kam während deß herbei, aber nicht als ein
-dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lärm,
-und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was
-über den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte
-langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten -- denen
-sie _Freude_ machen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre übereilte
-Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn
-sie jetzt auch nicht am Leben gefährdet schienen, so war ihr kindliches
-Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen
-Gäste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That
-derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hörten, _dankte Christel
-Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter_, welche die Weise gefunden
-hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten
-Herzen.
-
-Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, saß in stiller Nacht vor dem
-Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schön und
-ward groß; -- selber das Christbrod, das sie für die kleine umgekommene
-Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll großer Rosinen mitgebacken,
-ging hoch auf, und färbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit
-feuchten Augen und weinte und dachte: »es geht Dir also wohl im Himmel,
-mein Kind, das seh' ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein
-armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich!« --
-Auch für den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod
-groß und lockend daliegen, und der neue Rock dahängen -- bis er kommt! Und
-zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie
-freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hörte
-ihn wieder wie sonst dazu sprechen: »Daß wir durch des Christkindes Geburt
-nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern
-daß wir armen alten Schulmeister, ja jedermännig klüger sind, auch wohl
-besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient
-wohl, daß man ein paar Tage Christbrod ißt, oder wohl gar ein delikates
-Stück Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!«
-
--- »Oder auch _zwei_ Stück!« sprach Christel dann fast laut, und legte ihm
-in Gedanken noch ein tüchtiges Stück hin; und Daniel legte ihm still das
-Seine auch dazu -- und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben,
-sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der
-Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklärten heiligen Geiste, dafür, als
-welcher es eigentlich so weit gebracht, daß Christbrod in der Welt sei --
-und gute Menschen!
-
-Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid.
-Aber das künftige kannte sie nicht, und ahnete es kaum; wie Niemand an
-bunten warmen Herbsttagen den Alles weiß bedeckenden Schnee. Und doch war
-ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewußt hätte,
-nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur
-hinter die Nebelwand, die vor dem nächsten Jahre hängt, um zu sehn, was für
-Gestalten dahinter standen; blutig, glänzend, wohlthätig, oder schrecklich
--- alle aber vom Himmel gesandt; -- oder schon auf Erden wandelnd, aber
-ihre eigenen künftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt
-unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab
-auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: »Nun sei
-du selbst! Werde und wirke!«
-
-Am Vorabend des Neujahrfestes 1814 trat da in der Dämmerung ein Mann in
-Johannes Stubenthür und sprach: »Willkommen!« Sprich »Willkommen,« mein
-liebes sogenanntes Pathchen, denn ich bringe Euch einen Gast mit! -- Ich
-bin der sogenannte Leinweber _Krieg_ mit der Baßgeige; aber ich habe sie
-heute nicht mit! Und der Fremde wird Euch gewiß lieber sein, denn er brummt
-nicht so, und ist ein stiller Mann und alter guter Freund von mir -- und
-wird nicht lange bei Euch verweilen -- sage ich Euch zum Troste. Nun tretet
-nur ein, sogenannter Herr Prophet Adam! Hier wohnen treue verschwiegene
-Leute. Das sei Gott geklagt! Nämlich: daß nicht in jedem Hause dergleichen
-Adamskinder wohnen, mein Adam! Denkt, Ihr seid ihr Urvater, macht's Euch
-bequem, und setzt Euch nieder, als wärt Ihr zu Hause im sogenannten
-Paradiese. -- Marsch, hinein! nicht hinaus! denn ich bin kein sogenannter
-Engel mit dem Schwert -- nur mit dem Stocke, der heut gewiß so müde ist als
-ich -- ob ich gleich als Leinweber das Treten gewohnt bin, aber -- beim
-Sitzen, nicht beim Laufen! Nun Christel, macht sogenanntes Licht; das
-heißt: zündet es an, oder den Kamin! das heißt das Holz darauf, damit wir
-uns sehen und kennen lernen, und Adam nicht glaubt, ich habe ihn in ein
-sogenanntes Blindenhaus geführt, was jetzt die ganze Welt ist, nämlich
-nicht für immer, sondern nur bis wieder die sogenannte liebe Sonne aufgeht,
-das heißt: die Erde unter, das heißt: sich nur herumdreht mit den Betten
-voll schlafender Halbtodter, das heißt: nur immer eine Nacht Todter. Also
-nur Licht! Wärme, Brod, ein Schoppen Wein, und dann Stroh zu einem
-sogenannten Bett, mein liebes Pathchen! Erschreckt nicht über meine lange
-Eingangsrede; sie ist nicht der Eingang, sondern die Rede selbst, und ist
-nun aus und heraus! Vorhin war mir das Maul von der Kälte zugefroren --
-jetzt ist es aufgethaut.«
-
-Christel schlug mit freudezitternden Händen Feuer und -- machte Licht. Dann
-nahm sie dem lieben Pathen Leinweber den Pelz ab, und sahe mit sonderbarer
-Scheu zum ersten Mal in ihrem Leben einen Propheten. Der Mann war schlank
-und hager; seine großen schwarzen Augen funkelten sie an, und sie sahe
-darin Gutmüthigkeit, Treuherzigkeit und viel mehr Demüthiges als Stolzes,
-und vielmehr Offenheit als Schlauheit; wenn auch sein Mund nur freundlich
-grüßte, aber zurückhaltend dann schwieg, oder nur die nöthigsten Worte
-sprach. Denn er schien menschliches Wesen, den Lärm um das Heut und das
-Jetzt immerfort zu belächeln, wie das brennende sich verzehrende Licht; und
-doch beobachtete er alles Geschehende scharf, und schien es nicht recht
-fassen oder sich damit vertragen zu können. Und so lag eine gewisse, schwer
-zu verhüllende Hast und Ungeduld in seinen Geberden und Schritten, bis er
-wieder in einer Ecke still stand und sah und zusah. Wie Jemand, der selbst
-auf einer weitschauenden Höhe steht, und hinter den Bergen her viel fremde
-wunderbare Gäste erwartet, die ihm haben zusagen lassen: »sie würden
-kommen,« und die alle Augenblicke, aber auch in Jahren erst kommen können,
-und die zu erwarten und zu begrüßen er auf die Höhe gestellt ist. Und so
-lag auch Ueberdruß auf seinem blassen Gesicht, und seine Kleidung war nur
--- Kleidung, und schien nicht sorgfältig angezogen, sondern nur umgehangen.
-Auch seine schweren langen schwarzen Haare hingen ihm grad und schlicht,
-ohne zu glänzen, bis auf die Schultern herab. Seine Sprache aber drückte
-selbst das Gewöhnliche so aus, als sei sie bloß für diese jetzige Sache von
-ihm erschaffen worden, und solle in der Welt nichts anders mehr bedeuten;
-und so erschien sie klar wie Wasser, das den Grund durchsehen läßt, doch
-nicht wie geprägtes fertiges Gold, sondern wie solches, das eben geprägt
-wird, das mühsam aber sauber und fehllos unter dem hörbar arbeitenden
-Stempel hervorkommt.
-
-Sie hatten kaum zu Abend gegessen und sich ausgeruht, als ein furchtbarer
-Lärm im Dorfe entstand. Alle Soldaten liefen bewaffnet hinaus, und auch die
-Bewohner von Zahlbach standen eine Zeitlang betäubt in jenem allgemeinen
-Erschrecken, in welchem alles Grause, das in der Natur ist, aufgeschrien,
-wie Ungeheuer des Himmels, des Meers und der Erde drohend und schnappend
-mit offenen Rachen die Menschen umlagert, und gegen welches das größte
-Unglück nur Kinderei wird, wenn der Schreck seinen Namen durch die Taufe
-der Zeit erhalten. Und so ward sogar allen leicht um das Herz, als sich ein
-nahender Bote erbarmte und kund that: »Mainz brennt!«
-
-Nun eilten Viele auf die Clubbisten-Schanze. Aber es war nur dort ein
-matter niedergehaltener Schein über der Stadt zu sehen; oder bisweilen
-einige leuchtende Funken um die Thurmspitzen, und dumpfes Geräusch scholl
-auf; dazwischen auch wohl ein Knall, hier einer und dort zwei, auch drei;
-dann schwieg es wieder und rauschte und rief nur fort und blieb hell,
-Johannes mit seiner Christel und der Leinweber Krieg mit seinem Propheten
-Adam Müller stiegen also auf den noch höher liegenden Berg zur Seite. Krieg
-prophezeihe Unglück -- denn die sogenannten Verbündeten gingen in dieser
-Nacht über den Rhein! . . .
-
-»Friede! Friede! Es ist Friede!« scholl es von der Clubbistenschanze.
-
-»Friede?« rief Adam, aufglühend vor Zorn, »Friede! Der ist nicht! Der wäre
-schrecklich! Das kann ein Kind begreifen! Die Völker sollen Eins werden --
-und im Kriege erkennt Jedes das Andre als ein eigenes Wesen mit eigenen
-Rechten und Ansprüchen, und fühlt sein eigenes Unrecht und seine Sünden
-. . . wie seine Wunden! und kann den Himmel mit Händen greifen . . . wie
-seine Leichen. Friede? Entsetzlich! Wie würde da Frankreichs Licht
-ausgegossen über Europa! Der Kosak sticht in ein französisches Herz mit der
-Lanze, wie ein Hammerschmid in den hohen Ofen, und eine ganze Gans, ein
-Strom Feuer fließet ihm zu! Deswegen sind die rohen unwissenden Völker so
-kriegslustig -- um zu wissen, und sterben gern wie Ameisen; denn sie
-wissen, ihre Nachkommenden erstürmen die Zuckerdose!«
-
-In Mainz flogen Leuchtkugeln auf, und die nächste Umgebung ward schwach
-erhellt davon, wie von vielen kleinen zerplatzenden Monden.
-
-»Seht nur,« sprach der Leinweber; »das ist ein sogenannter alberner Spaß
-für einen Propheten, der den Feldmarschall Blücher wieder besuchen und ihm
-den Verlauf und den Ausgang des Krieges prophezeien will -- nämlich daß
-alle sogenannten Schlachten jetzt so gut wie halb umsonst geschlagen
-werden, und daß das viele junge Blut jetzt umsonst fließet, weil Napoleon
-wiederkommt nach Jahresfrist -- und nun machen sie Friede in Mainz!«
-
-»In Mainz!« versetzte Adam. »Der Friedensjubel ist nur eine Maske, in
-welche die endlich auch einmal schlau gewordenen Deutschen die Feinde
-gesteckt, damit sie drin tanzen und nicht -- den Uebergang über den Rhein
-sehen.«
-
-Also wird _der Kaiser_ vom Throne gestoßen werden? frug Johannes. Sagt uns
-doch auch Etwas!
-
-»Das kann ein Kind begreifen!« sprach Adam; »freilich der Kaiser; denn ein
-ganzes Volk läßt sich nicht absetzen von seiner Menschenwürde oder _auf den
-Thron stoßen!_ Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche
-freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib
-aufreißen, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaßen besteht. Aber
-nur ein schwangerer Mann wird ihn überwinden; denn mit einem solchen
-Elephanten-Unternehmen trächtig gehen, ist kein platter Spaß, sondern ein
-höherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger muß glauben, einen Elephanten
-gebären zu sollen. Nur wie man das einmal auf's Theater bringen will, oder
-malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und
-wär' es ein junger Elephant. Das Blut muß aber doch vergossen werden.«
-
-Und dann wird Friede? frug Christel fröhlich und getrost.
-
-»Das kann ein Kind begreifen!« sagte ihr Adam. »Aber, meine Frau Christel:
-ein Donnerwetter im Frühjahr ist nur eine sichtbare, hörbare und wandelnde
-Schaffung der Blüthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte
-gemeine Krieg nicht aufhören, damit der bekannte gemeine Friede wird,
-sondern damit der reine _große ewige_ Krieg wieder anheben kann, welchen
-die Menschheit unter sich tagtäglich kämpft. Denn Leben ist der Streit und
-das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewährt
-werden die Liebe und die Tugend; denn die Thränen und Wunden, die Schmerzen
-und Tode in dem _stillen Kriege_ der Menschen, der da Frieden heißt, sind
-unaussprechlich tiefer, schwerer und tödtlicher, und millionenfacher -- als
-in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf daß der wahre Krieg
-wieder seinen großen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg muß nicht
-mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg
-nur unterbricht. Und da müßte Einer oder Mehrere blind, stock -- blind
-sein, wenn sie nicht sehen, daß das deutsche Volk nun aufsteht die
-Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhäuser
-gleichsam begraben liegt, seine große, ganze Auferstehung! Nicht dafür, daß
-Jeder wieder seine vorher so beglückten Leute wieder so wie bisher
-beglücken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht
-begeistert auf für Andere, sondern für sich, von einer großen Ahnung voll:
-das große gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder
-Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Für Heinzen und Kunzen opfert
-es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los
-zu werden, daß es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen
-beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten; _den
-ihm Niemand abgewehrt_, den im Gegentheil ihm Viele lange herbeigeführt
-haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine
-Erniedrigung erhöhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das weiß
-das Volk -- und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!«
-
-Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschüsse rund um die Stadt, aus feurigen
-freudigen Schlünden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die
-deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig
-nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann
-schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme
-sprach es: »Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt
-des Unheils der unschuldigen Kinder, um _das Wort der Weisen_ zu Schanden
-zu machen: daß die Erlösung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird
-man hören aus thörigen Kindern, was -- die Erde will, und um dieser Kinder
-willen wird man ein Netz über alle Lande legen, ein eisernes Netz, das
-zehntausend Millionen Goldstücke kosten wird, und in _einer Sommernacht_
-zerreissen wird wie von Spinnenfäden, und dann keinen Kreuzer mehr werth
-sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen
-werden es spinnen, und eine große Kreuzspinne mitten darin still sitzen und
-Spinnen brüten, und hineilen, wo nur ein Fädchen sich lösen möchte. Aber
-das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht
-wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der
-Himmel bleibt.« --
-
-Da erscholl mit erschütternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall
-durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und
-über der heiligen Erde die Worte her: »_Herr Gott, Dich loben wir!« --
-»Herr Gott, wir danken Dir!_« --
-
-»Er hat schon geholfen!« schrach der Leineweber. »Mir ist, als spielte ich
-das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, daß es die
-adligen vornehmen Todten in den Grüften beim Altare hörten, und die
-gemeinen Bauern-Todten draußen in schlechter Erde auf dem Gottesacker!
-Blaset nicht mehr! Ich halte es nicht aus -- ohne meine Baßgeige! Hört auf,
-ihr Menschen!«
-
-Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte
-Christel. »Das Netz soll zerreißen« -- und gleich danken sie Gott dafür in
-Mainz!
-
-»Nicht nur in Mainz, meine Christel!« sprach Johannes. »Aber besinne Dich
-nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; --
-eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!«
-
-»Aber nicht Narren! -- Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannter
-_Herr_ und Gott! _Das_ trifft gewißlich ein;« meinte der Leinweber.
-
-»Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu
-machen, _und Gott bleibt nicht aus!_ Er ist immer da und nah! Gebt acht!«
--- sagte Adam Müller. --
-
-Und eine ungeheure Nachteule, groß wie der Vultur papa, oder auf Deutsch:
-der Papst der Geier, rauschte niedrig am Boden vor ihnen vorüber, und
-krächzte schauerlich-furchtbar und furchtsam wieder heran. Denn sie war
-geblendet, und wahrscheinlich aus dem alten, dunkelrothen Dome der Stadt
-verblasen und verschossen worden. Sie setzte sich nahe vor ihnen hin; ihre
-Augen funkelten; ihre Federn standen ihr zu Berge; sie war aufgehuschert,
-wie zum Schlafe. Und Peter, der Hund, der ihnen nachgekommen war, stürzte
-sich auf sie, und zerfederte sie; aber die Eule klammerte sich über seinem
-Maule fest, und hackte nach seinen Augen; und der Hund heulte, von ihren
-Krallen zerkratzt, durch die Zähne; schnaufte, boll dumpf, wälzte sich, biß
-sie endlich todt, und schüttelte das schändliche Schloß mit Schmerzen und
-Qual vom Munde, und kam dann blutend und doch fröhlich zu den Menschen.
-
-Allen war grauenvoll zu Muth.
-
-Ist das auch ein Zeichen heut in der Neujahrsnacht? frug Christel.
-
-»Die Natur verstehe ich nicht auszulegen;« erwiederte der Prophet, »ich
-sehe nur _Gesichte_. Aber etwas Aehnliches kann kommen. Denn das deutsche
-Volk nimmt jetzt einen ungeheuren Anlauf zum Hohen und Großen, wie nie
-zuvor; und unfehlbar auf immer; und wenn es Eines wird in Sinn und Geist,
-würde es furchtbar allen Blinden und Taubstummen -- _wenn_ es nicht ein
-treuer Hund wäre, der eher wacht und schützt, als raubt und verschlingt,
-wie ein Wolf. Deswegen werden die vergrößerungssüchtigen, falschen --
-Türken seinen Herren falsche Angst machen; daß der Hund nun ein Ungeheuer
-werden könnte, und bitten und rathen, und _befehlen_, daß ihm ein Schloß
-vor den Mund gelegt werde, damit er nicht . . . reden lerne wie Bileams
-Esel, und kaum klagen könne seine Nothdurft, aber nur dumpf, aber nicht
-bellen noch beißen -- das treue arme gute Thier! Seht nur, wie Peter
-blutet! heißt er nicht so? Denn was jetzt geschehen wird, das kann ein Kind
-begreifen . . . aber in den dreißiger Jahren, wenn der Komet kommen wird
-. . . da wird die Erde Angstschweiß schwitzen, wie ein Roß vor dem Kameel!
-Und wie die Fliegen, die auf dem Rosse sitzen, von dem Angstschweiß
-sterben; so werden die Menschen, die Fliegen und Würmer der Erde --
-sterben. Denn heut ist es ein Jahr, da klopfte es um Mitternacht an mein
-Fenster. Ich horchte; aber ich las still fort in den großen Propheten. Da
-klopfte es wieder. Ich sah hin -- es schwieg -- ich las fort. Aber -- ich
-weiß nicht auf welche Weise, ich schlich leise zur Hausthür, und harrte.
-Und als es zum dritten Mal pochte, riß ich die Thüre auf, um zu sehen, wer
-. . . doch ich sah -- laßt mich schweigen -- ich sah _Jemand_ in einem
-weißen langen Gewande, weiß, wie der Schnee . . und es blickte mich an mit
-hohlen Augen . . . und es winkte mir fort -- und als ob ich von ihm an
-einer Kette geführt würde, mußte ich folgen, und wir schritten durch das
-mondhelle todtenstille Dorf auf den mondhellen todtenstillen Gottesacker --
--- und die Pforten der Kirche standen offen, und es zog mich hinein, und
-die Pforten fielen hinter uns zu, und die Schlösser verriegelten sich --
-die Gestalt deutete nach dem Altar, und versank vor meinen Füßen in die
-Steine des Bodens, wie Wasser zerrinnt; und ich stand allein in der
-mondhellen todtenstillen Kirche. Aber sie war heller als von einem bloßen
-Monde, und so still, daß ich das Blut vor meinen Ohren sausen hörte, wie
-Rauschen des Meeres. Und aus Furcht schritt ich zu dem Altar hin, wo es
-heller war, und die Gestalten von Engeln wenigstens aus Stein gehauen um
-mich waren. Aber da kamen vor meinen Augen -- wie drei goldene Kähne still
-aus einem Wasser tauchen -- drei Särge aus dem Boden herauf, und an jedem
-stand eine Jahrzahl, wie von einem inwendigen Feuer glühend und licht. Und
-mich zog es wider meinen Willen hinzu, und ich mußte den Deckel des ersten
-Sarges abheben -- und der Sarg war voll von warmem noch dampfendem
-Menschenblut -- aber das Blut schrie leis und unaussprechlich bang zum
-Himmel, wie ein neugebornes Kind schreit in seinen Windeln. Das Blut aber
-wimmerte in drei Sprachen zum Himmel . . . und nannte drei Namen, und rief
-über jeden Namen dreimal Wehe! -- und die Engel neben mir riefen: »Wehe!«
--- Und ich konnte es nicht ertragen. Und um Grausen mit Grausen zu
-vertilgen, riß ich den Deckel vom zweiten Sarge . . . und ich sah . . . er
-lag voll Menschengebeine . . . und die Gebeine regten sich und klapperten,
-und dürre Hände falteten sich wie zu beten, und wollten sich aufstellen und
-konnten nicht, und fielen immer wieder in die Asche zusammen, wie
-Kartenhäuser den Kindern . . . . Und der tiefste Ton in der Orgel fing an
-zu sausen und mit dem Tremulanten zu zittern, daß die steinernen Glieder
-der Engel zitterten und klapperten; und die Steine der Kirche zitterten und
-klapperten mit, und die Fenster klirrten; der Mond von draußen und das
-Licht von drinnen erlosch, und ich stand in schwarzer Nacht. Und vom
-Orgelchor sang eine einsame Stimme eines Knaben -- vom Tremulanten in einem
-Tone begleitet, die Worte: »Und dann, wenn kein Elend mehr laut genug
-ächzen kann, dann wird ein Schaafsterben kommen und die Hirten erschrecken.
-Endlich muß Jeder dadurch einsehen: »Jeder sorgt zugleich für sich am
-besten, wenn er für die Andern sorgt: für die Armen, die Hungernden und
-Nackten, und die _zugleich_ arm, hungernd und nackt sind! Endlich soll nach
-den sechstausend Jahren seit der Schöpfung im Paradiese, Gottes Ebenbild
-und alle seine tausend kleine Bilder, nicht mehr tausendmal schlechter sein
-als das Vieh, das sein Fell -- seine Kleidung, sein Gras -- seine Nahrung
-hat für den Leib. Denn selbst das Vieh bleibt nur gesund und giebt Nutz,
-wenn es sein Futter bekommt zu rechter Zeit. Aber demüthig, ohne Fell und
-ohne Futter stehen noch Millionen Kinder Gottes und beten: »O Pest! Stecke
-nicht durch uns die Reichen an, sondern eröffne die Augen derer, die Zungen
-haben, daß der ungerechte Ueberfluß aufhört, und die überflüssigen Rechte,
-daß nicht länger Unbarmherzigkeit sei auf Erden! Darum soll dein Name, o
-Menschenvertilgerin, genannt werden: »Die endlich barmherzige Mutter der
-Menschheit!« -- Da erklang ein ungeheurer Lärm von lauter verstimmten
-Instrumenten, Geigen und Bässen, Fagotten und Hörnern und Trompeten und
-Pauken; die Orgel aber spielte noch obendarein einen halben Ton tiefer
-dazu, und ein _Gelächter_ erscholl, wie von hundert brüllenden Löwen. Ich
-sah mich um, und alle Orgelpfeifen waren gleissende dicke Schlangen und
-hatten Teufelsköpfe, und die Köpfe lachten alle; und eine große Schlange
-zischte und gebot dem Gelächter Stille, und die Stimme sprach dann herab:
-_Niemand ist barmherzig als Gott!_ Kein Teufel läßt einen Kreuzer aus
-seinem Sacke Gold fahren; kein Gewaltiger läßt ein Haar nach von seinen
-geerbten Rechten, als höchstens gezwungen ein Paar, um die übrigen sich zu
-erhalten! Niemand ist barmherzig als Gott! Kein Teufel!« -- Und die Köpfe
-verfielen wieder in ihr Gelächter, und lachten sie aus die Barmherzigkeit
-der Menschen. -- Und wie mir da grauenvoll zu Muthe war -- siehe da
-springen die Pforten der Kirche auf, und blendendes Licht bricht herein;
-und die Halle bricht oben aus einander, und die Gewölbe und das Schiff der
-Kirche bersten oben auseinander, und als wären die Mauern und Pfeiler und
-Säulen von blauem Weihrauchduft, werden sie lichter und lichter,
-durchsichtig und leicht, und duften nach und nach hinweg; und der tiefe
-blaue Himmel ist droben und drunten und um mich. Und ein Stern, groß wie
-zwölf Scheiben des Mondes, und weiß wie Schlehenblüthe, nahet da langsam
-wie ein Mensch, kommt herein in den Raum, und ich weiche vor ihm bis an den
-Altar, und er nahet und bleibt ruhig schwebend, wie die Sonne am Untergange
-anschaubar stehen vor den drei Särgen. Und der Stern war -- ein großes
-himmlisch-schönes Antlitz, und es blickte mit thränenfeuchten Augen auf die
-Gebeine im zweiten Sarge, und das Blut aus dem ersten Sarge sprach wieder,
-aber leise: Das ist _das leidende Gesicht der Menschheit!_ Sieh es an! --
-Und ich schaute es nun getroster an, und das Blut sprach: Siehst Du das
-leidende Gesicht der Menschheit von solchem Nebel umblasen, daß es wie
-blind ist und nicht gern die Augen aufmacht, weil ihm die Augen übergehen!
-Verwegene Buben haben ihm Nießwurz unter die Nase gestrichen, und es muß
-niesen, und schlägt mit dem Kinn auf das vor ihm zugemachte in Eisen
-eingebundene harte Buch, worin es gern lesen möchte . . . die
-Weltgeschichte. Das Haupt ist wie ein Engelshaupt, ohne Leib, ohne Hände
-und Füße, und rückt nur höher wie die Sonne; aber in tausend Jahren nur
-eine Spanne hoch, und sieht noch kaum die Erde vor Nebel und Glanz. Aber
-ach, es hat auch nicht Flügel wie Engel, und es muß auf Erden bleiben, es
-mag ihm gehen wie es will. Andere Dämonen wollten ihm die Augenlieder
-abschneiden, wie griechisch-gläubige Kaiser ihrem Vorgänger, damit es
-niemals schlafen könne, sondern nur, unschädlich, in einem irrigen Traume
-dahin starre! Sieh nur; das kindlich fromme Gesicht hat Wunden über und
-über aus tausend Kriegen, und Pestspuren, und sieht hungersatt, arbeitsmatt
-und kummervoll aus, und trägt einen Ausdruck in seinen götterschönen Zügen,
-der selbst dem härtesten Menschen das Herz im Leibe erweichen müßte, wenn
-er eins hätte -- und ihm das leidende Gesicht der Menschheit einmal
-erschiene. Du aber bist gewürdigt worden es zu sehen, und sage es nur, sage
-nur die Wahrheit: das erbarmungswürdigste, ehrwürdigste, leidendste und
-doch das schönste, was es geben kann, ist das leidende Gesicht der
-Menschheit! -- -- Ich selbst nun wollte ihm einen frommen Trostspruch aus
-Gotteswort in das Ohr rufen -- aber das Ohr war taub! und ich hatte zu viel
-Ehrfurcht, um zu schreien; aber das Haupt neigte sich, wie ein
-stillwahnsinniges Kind, und seine frommen großen milden Augen sahen
-freundlich auf mich; über das Antlitz flog einmal -- ein trauriges Lächeln,
-und die schönen Lippen zuckten, als wollten sie sprechen. Aber es bedeckte
-seine Augen wie blaue Glockenblumen, mit den schöngewölbten,
-langbewimperten Augenliedern -- und schwieg. Und ich rief außer mir:
-»Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht; mit Gott im Himmel hadre nicht!«
-und es war, als hätte das Haupt sein Herz in der Erde, und das Herz
-desselben schlug laut unter mir, und hämmerte wie ein tiefes unterirdisches
-Werk in stiller weithörender Nacht. -- Und der Chorknabe stand jetzt
-drunten neben mir in himmelblauem Gewande und frug, und Thränen rannen ihm
-dabei über seine reinen Wangen, er frug: »Ist es möglich, giebt es wohl so
-harte selbstsüchtige Herzen, dies Himmelsantlitz so tief zu kränken! Ist es
-möglich, ihm nicht alles Liebe und Holde zu thun, ihm selbst sein Herz zu
-opfern -- nicht wie dem Abgott Fitzliputzli -- denn das Antlitz ist Gottes
-Ebenbild und Gottes des Sohnes Ebenbild -- und was ihr ihm thut, das habt
-ihr _ihm_ gethan -- _oder ihm »nicht« gethan_. Aber hast Du Muth zu sterben
-und nur eine Viertelstunde todt zu sein (wenn Du, der schändlichen Welt
-entrissen, nicht immer unter den Seligen bleiben willst), so will ich Dich
-schauen lassen, welche Strafen und Qualen alle die leiden, die diesen
-Himmelsaugen nur eine Thräne ausgepreßt, über die das in der Erde
-schlagende Herz nur einmal verborgen geseufzet!« -- Und er sank hin vor
-meinen Augen und starb und war todt -- und eine geheimnißvolle innere Macht
-hielt mein Herz an, wie eine Uhr, nahm den Hauch aus meiner Brust und
-schloß mir leicht und süß die Augen zu, und ich war gestorben und todt --
-aber ich wunderte mich, daß ich noch lebte, als der Knabe mir an einem
-fremden Orte leuchtend entgegentrat, daß ich sah; aber Alles klarer, so daß
-ich zugleich es einsah; und daß ich hörte, aber aus ungemessenen Fernen,
-und doch Alles deutlich unterscheidbar und unterschieden. Und wir standen
-auf einem Berge, mitten in grüner, großer Ebene, groß, wie dem Schiffer die
-offenbare See um ihn her; doch die Ebene schien wie die Erde voll
-Saatfelder, Bäche, Flüsse mit Bäumen besäumt, mit Hügeln und Felsen und
-wunderlichen Gebäuden und altem Gemäuer besetzt, und sonderbare Gestalten
-regten sich emsig im ganzen Gefilde. In der Mitte desselben stand ein
-riesengroßer Kandelaber, und erleuchtete den ganzen Raum mit hellem
-Purpurlicht; denn keine Sonne, kein Mond und kein Stern war hier zu sehen;
-denn diese hatten noch alle ihre göttliche Arbeit in der lebendigen Welt.
-Auf dem Kandelaber aber stand als rubinrothe Lampe -- ein Menschenherz. Es
-war durchsichtig, und man sah das Blut in den Adern desselben umlaufen, und
-zu den Ohren des Herzens lüfteten sich von Zeit zu Zeit lichte Flämmchen
-heraus, wie wenn man Stahl in Lebensluft verbrennt; und in dem Kandelaber
-liefen Röhren, wie Adern, hinauf, die dem leuchtenden Menschenherzen sein
-Oel -- das vergossene Blut aus der Erde überall zusammensaugten und
-heraufführten. _Wärme_ aber gab ein ungeheures Felsenthor in einem Gebirge
-zur Seite, worin man Flammen brennen sah -- »das Feuer, das bereitet ist
-vom Anbeginn« -- sagte mein Führer. Am Himmel waren keine Wolken zu sehen,
-nur reine azurne Wand, aber in den vier Himmelsgegenden: vier himmelhohe
-Bilder, nicht gemalt, sondern nur in Umrissen, ausgelegt mit
-buntschimmernden falschen Edelsteinen. Ein Anblick, wie ihn selbst so groß
-und erstaunend der gestirnte Himmel nicht zeigt, der dagegen nur aussieht,
-wie eine -- blaue Wiese, oder eine blaue Höhe mit gelben Schmergelblumen.
-Aber hier war Arbeit! Gegen Morgen ragte das Bild der _Herrschsucht_ empor,
-und die Gestalt hatte ein Kind mit einer eisernen Spindel statt des
-Rückgrates auf ihren Armen -- den _Stolz_, der eine barbarische verachtende
-Unterlippe hatte, an welcher drei schwere Ordenskreuze hingen. Gegen Mittag
-aber stand die _Habsucht_, mager und lauschend, mit gierig umhergreifenden
-Händen wie Polypen, die jappend und schnappend im Leeren sich selber faßten
-und ansaugten und fraßen; weil der Himmel umher, wie eine Wand mit
-Eisenspitzen bewaffnet war, daß sie sich blutig ritzten. Gegen Norden aber
-stand die _Furcht_, wie auf dem Sprunge zu entfliehen, aber zu schwer
-gepanzert, als daß sie entfliehen konnte; und sie trug an ihrem Gürtel
-viele Arten Waffen. Ihr Mund aber war mit Schlangenzähnen besetzt, und
-statt des Herzens, sah man durch die Gestalt -- trug sie einen grünen
-Beutel voll Scorpionen, und auf dem Beutel stand: »Das böse Gewissen.«
-Gegen Abend aber stand die _Religion_, aber sonderbarer Weise nur als ein
-großer Deckmantel abgebildet, mit wunderlichen Zeichen, Mützen, Ketten,
-Bullen und Bullenbeißern und Fackeln farbig gestickt. Wie eine große
-Gallerie aber lief, über den Köpfen der vier Riesenbilder, horizontal unter
-der Kuppel des Himmels umher, ein breiter schwefelgelber Streif mit einer
-schwarzen Umschrift, die aber nicht still harrte, wie eine andere Schrift,
-bis sie Jemand läse; sondern sie rief immerfort selbst ihre eigenen Worte
-laut umher aus: _Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land._ Denn,
-sagte mein Engel: Gott hat zwar gesagt im neunten Gebot: Du -- also
-Jedermann, wer es sei, denn Gott redet jeden Erdenwurm aus
-Machtvollkommenheit mit »Du« an: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten
-Haus; und im zehnten Gebote hat er gesagt: Du sollst nicht begehren Deines
-Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles, was sein ist. Aber weil der
-gute Vater der Menschen nicht erst die Vermessenheit eines sterblichen
-Sünders für möglich gehalten, daß Einer hunderttausend Häuser, nebst
-Millionen Weibern, Millionen _Knechten_, Mägden, unzählbares Schaaf- auch
-Rindvieh und Alles, was ihr ist, _begehren_, ja sogar _nehmen_, ja sogar
-_behalten_ würde; darum steht nun hier deutlich ausgedrückt: Du sollst
-nicht begehren Deines Nächsten Land! Auch hatte er jene Gebote nur mit dem
-Finger auf stumme Steine geschrieben; darum spricht sich nun sein
-erläutertes Gebot ohne Rast und Ruhe Tag und Nacht, wie von Gott gerufen,
-selbst ganz laut aus, und Niemand kann die göttliche Stimme hemmen oder zum
-Schweigen bringen, noch in sich und in Andern betäuben; denn sie übertönt
-Alles, und nach ihr wird an jenem großen Tage ein Jeder unerbittlich
-gerichtet werden. Denn wie soll der gerechte, ja der barmherzige Gott
-Jemandem seine tausend Pfund, oder so etwas Heiliges wie sein Weib und
-seine Kinder, seinen Vater und seine Mutter wiedergeben, und die Seligkeit
-dazu, wenn ein Mensch so etwas Sorgenvolles und kurz Besessenes wie ein
-Land, seinem Nächsten auf Erden nicht wiedergegeben? Die zehn Pfund! --
-Mitten in dem Aetherdome aber hing ein erstaunend und furchtbar großes
-Kreuz, ganz einsam und allein, an einer langen, langen Wurzel des
-Lebensbaumes herab; doch Christus hing nicht an dem Kreuze, sondern es war
-nur verhüllt und umwunden mit schwarzem Trauerflor, und statt der
-Inschrift: I. N. R. I., an der Stelle wo sein Haupt für die Menschheit
-gestorben, glühten rubinroth die Worte: _Bis heute vergebens!_ Aber sie
-riefen sich nicht selber laut aus über die Welt, wie des Gebotes Erfüllung:
-Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land, sondern sie schwiegen
-unbeschreiblich wehmüthig anzublicken, und weinten immerfort, wie ein still
-rinnender lebendiger Quell in Tropfen herab, die verblinkten wie Thau und
-verdufteten wie Himmelsthau. Hoch droben aber, über dem Kreuze hing im
-Schlusse der Kuppel des Alles umfangenden Aetherdomes die große Posaune zum
-Weltgericht an Spinnenfäden; und ein Engel schwebte Wache um sie, mit einem
-silbernen Mundstück in der immer bereiten Hand. -- Gerade unter dem
-trauerumflorten gewaltigen Kreuze aber war ein Chor erbaut, auf welchem
-sechshundert auf Erden ermordete Tyrannen und Herrscher, in Bärenhäute
-gekleidet, saßen, mit ihren Weibern und Kindern und Brüdern und Schwestern
-und Vätern und Müttern. Und ich hörte sie singen, und frug; und der Engel
-antwortete mir: Höre nur, wie befangen, widerwillig und immer trotzig sie
-singen; denn sie singen die Marseiller Hymne immer durch, und vom Ende
-wieder zum Anfang in einem ewigen da Capo, bis der, wie ein feuriger Stahl
-und Strahl auf die Erde gefallene Gesang, dessen gleichen seit Paulus
-Worten nicht erscheinen, und seit welchem für die Menschheit das neue Reich
-anhebt, bis er in ihr Haupt gestiegen, und wo möglich in ihr Herz, damit
-ihre Seelen nicht verloren gehen. Denn das will der große Vater nicht! Sie
-singen ihn aber zugleich zur Ermunterung der Millionen Arbeiter in diesem
-großen Fabrikgefilde. Denn siehe, für alle Verbrechen muß erst
-_Wiederersatz_ geleistet werden; und das konnten sie Alle nicht im Leben,
-im immer gedrängtvollen, breit mit Werken besetzten Hause der Menschen;
-darum müssen sie Schadenersatz und Genugthuung leisten im Tode. Und hier in
-diesen Räumen -- dem Orte des Wiederersatzes -- hier ist unendlicher
-unbehinderter Raum dazu, und unendliche unbehinderte Zeit. -- Denn ehe
-nicht Jeder und Alle: Jedes und Alles wieder in den Stand gebracht, in
-welchem es war, ehe er es verdorben, verwüstet oder zerstört, ehe kann ja
-nicht _das Weltgericht_ beginnen, wo erst _die Sünde_ jeder That gewogen
-und vergolten wird! Hier also ist die bloße Vorbereitung zum Weltgericht,
-zum Gericht der Seelen, wo Herz und Nieren geprüft werden. Und der Engel
-rief einen alten Griechen, der Gesanglehrer bei dieser Singacademie war,
-und frug: Dionysius! Wer kann die Hymne? -- Sie singen und brummen alle die
-Weise, die wir wissen: Du einem Menschen eingegeben hast; aber . . . aber
-. . . ich will fragen! und nun frug er: -- He! Cäsar! -- Und mit Mühe und
-Noth sang Cäsar -- der vor Lange unsern Calender verbessert -- den ersten
-Vers:[A] »Sei uns gegrüßt du holde Freiheit! Zu dir ertönt froh der Gesang!
-Du zerschlägst das Joch der Bezwinger, Du erhebst zu Tugend und Heil. Uns
-zu erneu'n kehrst Du vom Himmel, längst deinen Geweihten ersehnt. Was hemmt
-ihr Bezwinger, noch in verschworener Wuth die Erneuung? Mit Waffen in den
-Kampf! für Freiheit und Recht!« -- und Alle fielen ein: »Wir nah'n, wir
-nah'n! Beb' Miethlingsschwarm, entfliehe und stirb!« -- -- »Ja die
-Chorworte wissen sie Alle!« sprach Dionysius lächelnd. »Aber, Richard der
-Dritte! wie heißt der zweite Vers?« -- Und Richard wußte den Anfang nicht,
-und stammelte die zweite Hälfte. »Ihr, die zum Vieh Menschen entwürdigt,
-Unmenschen, ihr trotzt noch jetzt? Ihr straft, wo ein Gedank' ertönt, und
-erzwingt fühllosen Gehorsam . . .« »Und der sechste Vers . . . Landvoigt
-Geßler! wie lautet der?« -- Und Geßler stand auf wie ein großer Schulknabe
-und brummte: »Und es erträgt zahllose Heere, die wie der Feind lasten und
-drohen, nur genährt zum Dienste der Willkür, dem Gewerb' und Pfluge
-geraubt! Und es erträgt Kriege des Throns, Arglisten und Launen ein Spiel!
-und Jammer!« -- -- -- Da erscholl eine dumpfe gesprungene eiserne Glocke,
-und läutete Mittag; und plötzliche Ruhe und tiefes Schweigen ward überall.
-Vom Himmel aber regnete es Mannakörner, aber nicht zur Speise, nur statt
-derselben. Denn ich kostete ein Korn, und es war bitter mit Galle gewürzt
--- damit _die Genugthuenden_ immerwährend nur einen bittern Geschmack im
-Munde hätten, wie mein Führer sagte; und Becher mit Thränen gefüllt, welche
-Menschen einst über sie geweint, gingen herum; aber nur die sonst am
-durstigsten Gewesenen, setzten sie kaum an die Lippen, und gaben sie
-weiter. Und während die Ersatzleistenden von ihrer Arbeit feierten, ging
-ich in ihren Werkstätten umher, und sah und besah, was sie geleistet oder
-noch zu leisten hatten; und ich erstaunte und sah vor Verwunderung empor --
-da zog am Himmel sich ein Augenlied von einem Auge weg, das ich nicht
-bemerkt hatte, und ein Donnerschlag erklang durch das ganze Gefild. Und
-mein Führer sprach: »Entsetze Dich nicht! Lilith, des Teufels Großmutter,
-schlägt ihr Wächterauge auf, um zu sehen, ob die Genugthuenden diesen
-halben Tag genug gethan? Denn ein teuflisches Weib sieht am meisten, und
-sieht am eh'sten, was fehlt; denn sie weiß am besten, was sie selber
-unterlassen und verbrechen würde. Darum ist sie die Wächterin, und so oft
-sie ihr Auge aufthut, fällt ein Donnerschlag, und die Trägen erschrecken
-und fallen mit Hast auf ihr Werk. Aber hörst Du? Sie lacht! Hohngelächter!
-Denn Nichts ist vollendet. Und Alles ist schwer zu thun, aber Ersatz zu
-leisten am schwersten.« Und das sah ich nun selbst. Denn nicht weit von uns
-stand die unbeschreiblich schöne Charlotte Corday; vor ihr lag der todte
-frischerhaltene Marat mit noch bluttriefender Brust, und sie sollte die
-Wunde des Dolches heilen; um sie standen alle köstlichen Salben, lagen
-Geräthe und Binden -- aber sie saß nur, das Werk bedenkend, in tieferem
-Schweigen, und düsterer Verdruß stand auf ihrem schönen ängstlichen
-Gesicht. Weiterhin stand _Napoleon_ und hatte dem erschossenen _Palm_ die
-Kugel aus dem Herzen gezogen, und hoffte ihn wieder lebendig zu seiner
-Wittwe und seinen Kindern nach Erlangen zuschicken. Und ich sprach
-verwundert: _Napoleon lebt ja noch auf der Erde_, und er steht doch auch
-schon hier unten und leistet Ersatz! -- Ja, sprach mein Führer: »Der Leib
-ist nicht der Mensch, sondern seine Seele, sein Wille. Der Mensch besteht
-aus so vielen Thaten als er gethan hat, guten und bösen -- und mit jeder
-That stirbt er einmal und stellt sich fest in ihren Reichen, in dem seligen
-oder dem unseligen Werke; und so siehst Du Napoleon dort eben wieder; aber
-einen andern seines Gepräges -- wie er dreimal hundert tausend Franzosen,
-die erfroren sind, durch seinen Trotz und sein blindes Gottvertrauen auf
-linden Winter, wieder durch Schnee, oder durch was er sonst meint und dazu
-begehrt, lebendig machen soll, und so, daß Keinem mehr eine Zehe schmerzt,
-oder eine Nase roth wird, wenn Nordwind streicht. Eher kommt er nicht von
-hinnen. Und dort steht noch ein Napoleon, der den _Schill_ in der heiligen
-Arbeit hat. Denn jeder Mensch muß selbst das entgelten, was er Andern
-befohlen hat, die gehorchen mußten; und die da schlechte unmenschliche
-Befehle vollzogen, müssen eben noch selbst auch dasselbe entgelten; denn
-dort arbeiten noch zehn Andere an dem Herzog von Enghien, die ihn
-erschossen haben, und jeder Einzelne hat seinen eigenen Herzog vor sich und
-für sich. Darum siehst Du auch hier im Gefilde so wenige Könige und
-Fürsten; meist nur die erbärmlichen Handlanger, Rathgeber und heimlichen
-Regenten der Leidenschaften und Leiden der Regierenden: -- ihre Frauen,
-Geliebte, Leibärzte, Kammerhusaren, Beichtväter, ja oft auch nur ihren Koch
-oder Hofnarren in mannigfach angezogener Person. Denn die Fürsten sind gut,
-und thäten gewiß lauter Königliches, wenn sie lauter edle Könige zu
-Freunden hätten, nicht unzähliges Volk dazu wählen müßten, das sich in
-Respect vor ihnen verhüllt, wie in eine Nebelkappe, so daß sie nie einen
-Menschen sehen; denn ein ächter Mensch ist wahr und frei, weil er gut ist,
-und gut, weil er frei ist, und nur das Gute, die Freiheit will und die
-Wahrheit.« -- Und so erstaunt' ich nicht mehr so stark, als ich eine
-verwüstete und verbrannte Stadt sah, die ich an ihrem schönen Dome als
-Magdeburg erkannte, und keine Seele war darin -- als _Tilly_, der
-Mutter-Seelen allein eine Kirche wieder aufbaute, die er zerstört. In den
-einigen Jahrhunderten hatte er nun Ziegel gestrichen, Grund gegraben, und
-war fast mit dem Sockel heraus; aber indem er hier mauerte, war dort ein
-Theil vom Wetter schon wieder verwaschen und aufgelöset -- und er sah mich
-wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Eben so gewahrte ich _Suwarow_ im
-Hemde arbeitend, wie er Warschau wieder baute -- und ich sah ihn auch
-wieder vor einer dabei liegenden Festung -- Ismael -- wo er dreißigtausend
-Menschen wieder Athem einblasen sollte. »So geht's dem treuen Diener der
-Mutter!« sprach er; einem Throne dienen, und Gott, oder nur den schofeln
-Menschen, ist ein Unterschied wie Suwarow oben und Suwarow drunten! Und er
-sah mich wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Weiterhin aber gewahrte ich
-_wahre_ Kriegsräthe, die unübersehbares Elend gut zu machen hatten hier
-unten, ob es gleich Gott der Herr wieder droben gut gemacht, so weit das
-selbst der Allmacht möglich ist in der Zeit. Sie fingen aber ihr Werk
-gründlicher an, als Charlotte Corday mit Marat -- sie studirten die Natur,
-und Einzelne versuchten Einzelnes nachzumachen, Diese: Augen; Andere: Adern
-und Nerven, wozu ihnen alle Zuthat unentgeldlich geliefert ward. Aber
-Manche saßen schon Jahrtausende und sahen ganz schimmlig und ganz zerdacht
-aus, und waren noch nicht mit der Bildung eines Auges zu Stande gekommen,
-das nicht sah! geschweige mit einem Ohre, das nicht hörte! Andere hatten
-zwar Zungen fertig liegen, aber sie _schmeckten_ nichts; denn es fehlte der
-Jemand, der Geist dazu, den sie aus dem Tode nicht wieder in den beinahe
-vollendeten künstlichen Leib herauf beschwören noch beten konnten, und
-studirten nun: erst nur einen Geist zu machen. Kurz, ihre Arbeit war
-schwer, und mehrere, selbst alte deutsche Minister und Kriegsräthe hatten
-siebzig bis achtzig tausend Menschen herzustellen, die Pferde und Ochsen
-ungerechnet -- die sie nachher machen wollten, oder sich an ihre Stelle
-gestellen; und zum Trocknen der Thränen und Aufwaschen des Blutes wollten
-sie sich Weiberkleider anziehen, wenn sie bis zu der letzten Arbeit gelangt
-wären. Einige theuer bezahlte Engländer aber bauten türkische Flotten in
-griechischen Häfen, und waren fast damit -- bis auf die Türken selber --
-fertig, und fluchten ein God dam nach dem andern, daß ich entsetzt mich
-entfernte. -- »Du wunderst Dich, über diese unerlassenen
-Wiederherstellungen,« sprach mein Begleiter. »Und eure Könige fordern für
-einen elenden Hirsch oder einen jämmerlichen Hasen erschrecklichen Ersatz
-und Strafen, wenn Jemand eines dieser unvernünftigen Thiere in ihren
-Thiergärten gebürscht. Aber in _Gottes Garten_ soll Alles frei stehen zu
-verwüsten und zu zerschlagen, selber der Mensch! Aber seid ihr nicht besser
-als viele Sperlinge? Und sind nicht alle eure Haare auf euren Häuptern
-gezählt, geschweige eure Adern und Gebeine, eure Thränen und Kinder! Du
-guter Narr! Und wisse: Auch Tyrannei, Gräuel und Mord darf kein Mensch
-tyrannisch, graunvoll und mörderisch wieder gut machen, noch Unrecht auf
-ungerechte Art. Glaube ja nicht, daß die Herrscher Alles thun, weder alles
-Gute noch alles Böse; sie thun in Wahrheit sehr wenig in dem großen
-Erdenleben, sondern bewachen das Volk bloß wie ein Nachtigallfreund die
-Ameisen, welche die Eier ihm dahin tragen, wo er ihnen ein Grübchen gemacht
-und mit Laub bedeckt. Das Volk thut Alles sich selbst, das Meiste aber
-durch sein Leiden, und alle eigene Hülfe soll bloß die sein, daß Alle
-besser werden, und wo möglich gut sind; dann fällt Unvernunft und
-Gewaltthat nimmer es an, wie keine Leichenwürmer und Asseln den Leichnam
-Christi, geschweige seinen lebendigen Leib, noch gar seinen verklärten, zu
-welchem die Menschen ja werden sollen!« -- Ich schwieg tief betroffen und
-überzeugt, ging beschämt von ihm -- und sprach mit Andern aus verschiedenen
-Völkern; und Alle verstanden mich, und ich verstand Alle; denn hier galt
-der Sinn der Rede wie Blumenduft, und die Worte waren nur wie erschütterte
-Luft, die ihn fort- und hinführte. Aber auch hohle Gebilde sah ich reglos
-liegen, denn ihr Geist war jetzt -- wo Nacht auf Erden war -- hinauf
-geschwebt als Träume, damit sie ihre Söhne oder Freunde bewegten: das zu
-halten für sie, was sie einmal versprochen und nicht gehalten. Und ich
-rührte die entgeisterten Gebilde an, und sie zuckten wie Chrysaliden und
-ihr Gesicht war in blutigem Angstschweiß gebadet und sah unbeschreiblich
-flehentlich aus -- so flehentlich wahrscheinlich, wie ihre Seele jetzt bat:
-ihr gegebenes heiliges Wort zu lösen! Und Grauen und Mitleid erfaßte mich
-um die Elenden -- und ich sah mich selbst -- meine eigene hohle Gestalt,
-die durch mein Nahen beseelt, wie rasend über mich herfiel, -- und vor
-Schreck -- erwachte ich . . . in der Kirche, und als ich zu mir gekommen
-war, faßte ich mir zum Troste meinen Begleiter an der Hand. Und als ich
-mich in dem leeren Raume umsah, sprach er: »Du wirst das leidende Gesicht
-der Menschheit wiedersehen . . im Kleinen abgedrückt auf allen
-Menschengesichtern in dieser Zeit; aber groß und erschütternd zu schauen,
-wird _es selber_ lebendig wiederkommen am Himmel . . . und _es wird der
-Komet sein!_ Der Komet, der in zwanzig Jahren erscheinen wird, um ihnen
-Frist zu lassen. Das Antlitz wird stumm fragen, tief in alle Augen und
-Herzen blicken, und Schrecken über alle Bösen und Säumigen bringen,
-Schrecken über Alle, die sich vor dem Volke fürchten mehr als vor Gott; die
-da aus Selbsterhaltung fürchten ihm Gutes zu thun und sein göttliches Recht
-und seine göttlichen Gaben ihm auszuhändigen, -- als sei Gottes Ebenbild
-des Teufels Ebenbild, und die Menschen lauter Teufel! nicht: arme Kinder
-der Erde, leicht froh zu machen und durch eine kleine Gabe herzlich
-dankbar, und schwer weinend vor Schmerz und leicht schluchzend vor Freude!
--- Du aber verschweige nicht dies Gesicht; denn alle Engel Gottes schützen
-den mit übergewaltigen Händen, der selber schuldlos und arglos im Herzen,
-nur will: daß Keinem ein Uebles geschehe, selbst einem Wurme nicht, und der
-durch himmlische Gesichte und Gottes unfehlbare Gerichte die Zweifelnden
-warnt: nicht darein zu verfallen, sondern durch jede ihrer Thaten sich
-täglich hinauf in das selige Reich zu stellen _und tausend Engel zu werden
-aus einem Menschen_, und zu leuchten wie die Sterne; denn die Gerechten
-sollen leuchten wie die Sterne; aber diejenigen, die da wissen, daß die
-Gerechtigkeit nur göttliche Milde und feurige Liebe sei, und _Liebe_ üben,
-die sollen leuchten wie die _Sonnen_ -- und Sonnen _sein!_
-
-[Fußnote A: Von Johann Heinrich Voß.]
-
-
-
-
-X.
-
-
-Der redliche Mann hatte sich selbst ganz erweicht durch seine Worte. Die
-ganze Angst, die er für alle Andern in seinem reinen besorgten Herzen
-fühlte, stand sichtbar auf seinem glühenden Gesicht. Er trieb nach Hause,
-und dort griff er sogleich nach dem Stabe, um diese Nacht noch weiter zu
-gehn; Krieg, der ihn kannte, machte keine Einwendungen, sondern erklärte
-bloß: er selber bleibe da. Auch Christel bat nicht; sondern von seinen
-Bildern und Worten fromm ergriffen, segnete sie seinen Weg. Ihr war, als
-müsse seinem klaren Auge die Nacht helle sein und der Weg licht; die Steine
-müßten vor seinem Fuße wegrollen, und die Kinder aus den Dörfern kommen und
-seine Hände küssen, weil er es gar so wohl, gar so herzlich meinte -- und
-sie küßte ihm selber die Hände zum Abschied, worüber er sie lächelnd ansah.
--- »Ihr wollt noch etwas wissen?« frug er als Menschenkenner . . . »Was in
-dem _dritten_ Sarge war? Meint Ihr, Goldstücke, die daraus emporflogen wie
-flügge Vögeleier, und die sich im Fluge verwandelten in bunte Spielsachen
-der großen und kleinen Kinder, in Pferde, Häuser, Kirchen, Schäfereien,
-kurz in die goldene Zeit! -- Ja wohl. Aber nicht so. Es lagen darin die
-Urkunden der Nachwelt; Landkarten mit den neuen Grenzen; blutig
-unterstrichene Städte und Dörfer mit den zwei Schwertern dabei, zum Zeichen
-der bei denselben zu liefernden Schlacht. -- Dann Volkslieder, und wie soll
-ich es ausdrücken: gedämpfte Kronen; mattgoldene Scepter mit
-Pergamentrollen umwunden, und kleine geschnitzte Modelle zu Thronen, alle
-mit eines gewissen Rousseau Bildniß in Brillanten. Dazu aber die Namen
-derer, die in fünfzig Jahren darauf sitzen werden; denn das kann ein Kind
-begreifen, daß alle jetzigen Daraufsitzer alsdann zu Staube sein werden, so
-herzhaft sie jetzt auch noch reiten, befehlen und unterschreiben. Wie es
-aber dann sein wird; und wie die von ihrem Anführer zehn Jahr angeführten
-oder betrogenen Franzosen dann im _Geiste_ wiederkommen werden, also
-mächtig unschlagbar und gar nicht todt zu machen, und wie sie für ihre
-Erlösung dann dankbar sein werden, nämlich ein bloßes Licht, das will ich
-meinem lieben Vorkämpfer des deutschen Volkes getreulich, aber geheim
-berichten! Denn Wissen ist dem Guten gut!« --
-
-»Ach nein!« sagte Christel, »das kümmert uns nicht, und Gott Vater auch
-nicht, denn der wird alles ohne Sorge und Mühe gewißlich thun; und wie
-Wecker sagt, weiß Er gewiß auch so viel von der heiligen Rechnenkunst: ob
-fünfzig Familien oder fünfzig Millionen Familien mehr sind; ich wollte nur
-wissen, wie es _uns_ ergehen wird in dieser Zeit?« -- »Euch?« frug der
-Prophet sich verwundernd, »Euch, meine liebe Frau Christel, und Eurem
-ganzen Hause wird es immer wohl, ganz wohl gehen! denn also seht Ihr mir
-aus! Wie der Mensch lebt, so geschieht ihm. Wie er ist, so ist ihm! Das
-kann ein Kind begreifen. Drum ist es mir auch immer wohl ergangen, und wird
-mir immer wohl gehn, so lange ich weiß -- daß ich bin. Länger braucht es
-nicht. Lebt wohl!«
-
-So ging der alte Mann allein fort in der Nacht, von einem innern Drange
-unaufhaltsam hingezogen. _Krieg_ hatte nicht geglaubt, daß er ohne ihn,
-ohne Ausruhe, gleich wirklich jetzt um Mitternacht sich aufmachen werde,
-und er that ihm leid, schon als er hundert Schritt auf dem Wege nicht mehr
-zu sehen war. Er wollte ihm nachrufen, auf ihn zu warten; aber sein guter
--- Verstand hielt ihn davon ab. Und sie waren kaum hineingetreten, als sie
-hörten, daß doppelte Wache vor Haus- und Hofthür angestellt ward. Sie
-schliefen aber ruhig; bis am Morgen St. Etienne herüber kam und erstaunte
-und frug, wo der fremde Wahrsager sei? Er erfuhr die Wahrheit und sandte
-ihm Flüche nach, weil ein wenig Sauerteig von einem Narren, ein ganzes
-landgroßes Backfaß zu Narren machen könnte; wenn auch solche neue Mähren
-nur schädlich würden, wenn sie Jemand glaubte und wahr machen wollte! Oder
-wahr machte . . . was möglich sei -- wie das Türkenthum oder die
-Peterskirche. Und der Unglücklichen wären jetzt sehr viel, und der
-Hoffenden noch mehr -- und die wollten alle einen Kern in ihre hohlen
-Nüsse, und ein Bild in den leeren Rahmen ihres Gehirns. Und zum Beweise
-seiner Rede setzte er zornig hinzu: »Bei uns hat man Länder -- das ganze
-große Reich -- nach dem Spiel Karten einer Mamsell aus der Normandie
-regiert und wird nach ihren Karten verspielen, ja sterben! Nun, laßt ihn,
-laßt ihn laufen; wer weiß, wem er mit seinem Hirngespinnst die Augen blind
-macht, daß er die Zeit nicht sieht, und ihm ein Brett vor die Stirn hängt,
-das zehn Tischler nicht durchschroppen können -- weil es unsichtbar ist! Ja
-das Herz kann er damit versteinern und Männer zu furchtsamen Hasen machen
--- laßt den Hasenfuß laufen! Doch zwei Husaren . . .«
-
-Der Leinweber Krieg sprach aber beherzt den Vers darein: »Er ließ keinen
-Menschen ihnen Schaden thun, und strafte Könige um ihretwillen. Tastet
-meine Gesalbten nicht an, und thut meinen Propheten kein Leid!« -- St.
-Etienne aber sagte: »Weil Ihr unserer Frau Christel Pathe seid . . .
-versteht Ihr mich! . .«
-
-Christel schwieg. Denn so geneigt sie ihr Herz dem unbekannten Bruder
-fühlte, so gefürchtet und widerlich waren ihr seine freundlichen Blicke,
-und seine zutraulichen Reden mit ihr; und ihr war nur freier zu Muth, wenn
-er zürnte und grob war, oder wenn er recht log oder großsprach; dann war
-dem guten Weibe das Herz leicht; denn an der Stelle der Neigung quoll dann
-das Blut feindselig in ihrem Herzen. Und mit ihm war ja das Unglück ins
-Haus gekommen. Mit ihm hatte sie das Zutrauen zur Welt und den Verlaß auf
-sich selbst verloren. Er war an allem Unglücke Schuld, oder hatte seine
-Hände dabei mit im Spiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was der
-Großvater gethan hatte und deswegen jetzt noch litt. Und dennoch _weinte_
-sie im Geheimen nur über Alles -- auch über den verhaßten Etienne! Als sie
-sich aber eines Abends Zeit genommen bei Licht zu spinnen, und er erst
-heimlich nur mit dem Schatten ihrer schönen, an der Wand sich bewegenden
-Haare gespielt; dann als er sich sogar geneigt und das liebliche schwarze
-Bild ihres sich auf den Faden neigenden Gesichtes geküßt hatte, worauf sie,
-wie aus Versehn, den Rocken angezündet, um eine halblächerliche und
-halbgefährliche Beschäftigung auf die Bahn zu bringen, um alle Fenster
-aufzumachen, ihn in dem Rauch und der Kälte stehen zu lassen, und selbst zu
-Johannes hinüber zu gehen oder zu flüchten; -- als er angefangen von seinem
-Golde für den schweren Bedarf in ihrem Hause einzukaufen und mit zu sorgen;
--- -- als er sie eines Morgens an den Stall geführt, die Thüre aufgestoßen,
-und ihr ihre beiden schönen Kühe wieder gezeigt, und als sie ihn darauf
-sogar an der Hand gehalten, oder sie gar gedrückt hatte, sie wußte das
-nicht gewiß, da sprach sie nur zu sich; »Ich weiß nicht wie mir ist! Aber
-Zeit ist es, daß . . . daß . . . .« Und sie wußte nicht, was geschehen
-sollte oder möchte.
-
-Darum war es ihr willkommen -- ein gutes Werk zu thun, und in die Stadt zu
-_Dorothea_ zu gehn, deren Namen nennen zu hören sie jedoch erschütterte,
-aber mit Muth: unter tausend Feinden, ja unter hunderttausend Freunden:
-_Christel_ zu sein und zu bleiben. Paschalis schrieb ihr nämlich ein Blatt
-voll -- »_Hauszeitungen_.« Dorothea hatte einen Frauenverein gestiftet, die
-Verwundeten und Kranken zu pflegen. Sie hatte aber nicht nur Geld und
-Leinwand gegeben, wie viele Andere, sondern sich selbst als Pflegerin
-gestellt, vielleicht als Opfer. Doch mit eigensinniger Auswahl hatte sie
-nur solche Opfer ihres Vaterlandes übernommen, deren Wunden an Kopf oder
-Brust -- Lanzenwunden, also wahrscheinlich Kosakenwunden waren. Jetzt lag
-sie an der mitgebrachten Krankheit darnieder, und begehrte herzlich nach
-Christel. Und wie die Tochter bat, flehte auch der Vater nach ihr -- »nur
-auf kurze Zeit! Denn die Zeit der Kranken rinnt durch eine zerbrochene
-Sanduhr; ihr Leben ist Sand und ihr Leib ist Glas und der Mensch überhaupt
-nur Vexier -- _Erde_ -- nur durch Einschmelzen in das ewige läuternde Feuer
-wieder aus Staube zu einem Gefäß zu blasen, und bleibt Blase, worin sich
-die Welt nur schimmernd spiegelt, hier die Erde oder dort die Sonne, der
-Himmel oder die Hölle!« --
-
-Der Brief war vom 20. Februar 1814. In der Nachschrift stand: »Kann ein
-Selbst- oder Andere-Beherrscher in ein gesundes feindliches Land
-pestbehaftete Soldaten schicken, oder kranke angesteckte Soldaten in alle
-gesunden Dörfer ihrer eigenen Heimath -- nach Hause schicken; so darf ein
-Mensch, ein wahrer Vater wohl einmal die Pflegemutter seiner Tochter
-bitten: in ihrer letzten Krankheit zu ihr zu kommen. »Völkerrecht --
-Hausrecht!« Ich habe gebeten, -- das Kommen nun steht bei Euch. Ich sage
-Euch aber aufrichtig: Eure _Kinder_ bitten: Ihr sollt nicht kommen! Daniel
-aber gesteht doch: der _Großvater_ wundere sich, daß er Euch noch mit
-keinem Auge in seinem Kerker gesehen habe, und meine: er habe das
-verdient.« --
-
-Der Christel war der Sinn der Worte des Briefes zu hoch, und sie verstand
-nicht: _durch_ dieselben das zerrissene Gemüth des Vaters zu sehen, der, um
-seine Leiden nicht ewig fühlen zu müssen, lieber gewünscht hätte -- neu
-eingeschmolzen zu werden und überall -- auch in der Sonne . . . . im Himmel
-. . . . oder in der Hölle schmelzbar oder zerbrechlich zu sein. Aber die
-Weiber werden von dem Unverständlichen oder Unverstandenen am tiefsten
-ergriffen, und leben und bewegen sich darum so sicher und froh in der Welt,
-weil sie ihre Gefühle und Gedanken ganz unbehindert hineinlegen können, und
-unbeschränkt darinnen verbreiten. Und so erschütterte der Brief ihre Seele.
-Die Nachschrift aber erinnerte sie an Anderer Grausamkeit; -- an die guten,
-für sie fürchtenden Kinder; -- an den Großvater, der seine Leiden meinte zu
-verdienen, indeß sie den durch ihn erlösten Johannes besaß und genoß; und
-so war sie weiblich wunderlich, grade entschieden, diesen ihren Johannes zu
-verlassen und grade zu den _sie liebenden_ Kindern hinzueilen! Und ihr Herz
-war doppelt froh.
-
-Die Ereignisse erleichterten ihr aber auch den Gang. Die Verbündeten hatten
-an demselben Tage Mainz berannt. Die Soldaten, die noch draußen auf den
-Dörfern sich genährt, und gesund erhalten hatten, waren alle, bis auf
-hundert Mann, aus Zahlbach fort, hineingezogen -- und in ihrem Hause lag
-nur noch St. Etienne allein. Dagegen war nun der Leineweber Krieg bei
-Johannes, bei welchem er bleiben mußte: denn er war durch eine
-Vorpostenkette rund abgesperrt, und konnte nirgends hinaus nach der nahen
-Heimath. Die Feinde standen sogar in _Britzenheim_ nur eine Viertelstunde
-von Zahlbach. Dieses ihres schönen freundlichen Dorfes Schicksal war voraus
-zu sehen, und Johannes trieb seine liebe Christel nicht allein zu dem Gange
-nach Mainz, sondern er bat sie auch dort zu bleiben. Denn die Einwohner von
-Zahlbach vergalten jetzt den braven Mainzern ihre tagtäglichen Spaziergänge
-zu ihnen heraus, die Sonntagsfeste und Morgen- und Abendbesuche unter ihren
-grünen Weinlauben, Kastanienbäumen und Wallnußbäumen, und flüchtete, jetzt
-ihr -- Vieh in die Häuser der Stadt, ihre Habe und Gut, ja Weiber und
-Kinder; denn das Dorf war kein Dorf mehr, sondern nur eine Caserne. Die
-Clubbistenschanze stand mit Kanonen bespickt und mit Soldaten besetzt,
-deren Vorhut im Dorfe stand, das nun der Belagerungsschauplatz werden
-mußte. Und so hatte Christel nur eine Bitte: daß Johannes mit ihr in die
-sichere Festung Mainz käme! Er aber wollte sein Erbe nicht Preis geben, und
-Alles zu Grunde gehen lassen, ohne es so lange wie möglich geschützt -- und
-dann seinen Untergang wenigstens selbst mit angesehen zu haben. Und so
-zeigte er jetzt den Muth des Landmanns, den Muth, den er seiner Christel
-unlängst mit kurzen aber wahren Worten versichert; und er wollte nicht sich
-selber, was sie besaßen, für sich bewahren, sondern eben für seine Christel
-und ihre Kinder. Und so gut er ihr war, so fest blieb er bei seinem
-Vorsatz, wenn er ihn auch nur in halblauten milden Worten mehr andeutete
-als vertheidigte. »Thut es Noth,« sprach er, sie bei der Hand fassend,
-»dann bist Du bei mir, oder ich bei Dir -- wie der Herr trifft. Denn die
-Soldaten laden und feuern nur los -- auf Gottes Gnade und in Gottes blauen
-Himmel.«
-
-Da nun auch ihr Pathe Leinweber Krieg dablieb, der als vieljähriger Wittwer
-sein Hauswesen und selbst Küche und Heerd und Töpfe zu seiner eigenen
-Zufriedenheit wohl bestellt, ja wie er sagte, sich sogar nie eine
-sogenannte Suppe versalzen habe, die -- er nicht habe essen können oder
-müssen; so brachte Christel ihr Haus in enge, leicht übersehliche Ordnung,
-führte die beiden Männer in Stall, in Keller, in Hausgewölbe bedächtig und
-belehrend umher, und deckte alles auf, und wieder zu, damit sie wüßten, wo,
-wieviel und in wie gutem Zustande alles vorhanden sei; klopfte mit dem
-Knöchel des Fingers an die ganzen Töpfe, und stellte die wenigen bei Seite,
-die einen Riß hatten, aber doch noch gute trockene Dienste leisteten; wobei
-der Pathe versprach, einen sogenannten Ring von Draht um dieselben zu
-legen, oder nach Verdienst und Würdigkeit dieser alten stillen Freunde und
-Hausgenossen, sie über und über in Ketten und Banden zu legen, oder zu
-überstricken. Als sie dann auch beide, Einer nach dem Andern, in die
-Rauchkammer hatten gucken müssen, was sie, des Rauches wegen, mit
-zugemachten Augen gethan, und als der Gevatter Pathe die prächtig gefärbten
-starken wohlriechenden Schinken, Speckseiten und Würste -- aus Liebe und
-Zutrauen zu Christel -- mit Verwunderung über das sogenannte quale et
-quantum aufrichtig gelobt hatte, so war die Uebergabe geschehen; und
-Christel stand im Hause als sei sie überflüssig, verborgt, verschenkt oder
-verkauft, und ihr war zu Muthe, sie wußte nicht wie. Sie legte an die
-Bestellung des Abendessens keine Hand an, schlich nur einmal heimlich
-nachsehen, schürete das Feuer, legte, wie ein kleines Mädchen, spielend ein
-Scheitchen mit zu, nahm es aber aus Rechtschaffenheit wieder weg und
-löschte es in der Asche aus -- und legte es doch wieder ins Feuer, weil es
-einmal angebrannt war und verrathen hätte, daß sie die Küchenmeisterin
-gemacht. Dann setzte sie sich an den Tisch wie ein Gast beim
-Kirchweihfeste, ließ lächelnd decken und auftragen und Jedem und sich
-selber austhun und aß -- ob ihr gleich vor Bangigkeit kein Bissen schmeckte
--- von allem recht viel, und lobte die Speisen und die zwei Köche, die
-dasmal nichts versalzen noch verdorben, und vermahnte sie scherzhaft so
-fortzufahren! St. Etienne war über Nacht auf dem Posten; und Johannes ließ
-in der Ferne der ruhigen Zeiten dem Gevatter Pathen, zur Dankbarkeit für
-seinen Beistand, wieder die Aussicht auf einen fröhlichen Kindtaufenschmauß
-erblicken, bei einer kleinen _neuen_ Clementine, oder am liebsten: der
-alten vorigen -- wenn der Herr seiner Christel _dieselbe_ wieder in
-ähnlicher Gestalt in die Wiege legen wolle. Ihre in Thränen schwimmenden
-Augen aber verlöschten die Aussicht wieder, und sie saßen still, dankten
-still, und standen still vom Tische auf, nachdem sie ihrem Johannes noch
-einmal die Hand über das weiße Tuch hinüber gereicht, um seines Lebens
-Wärme zu empfinden und von seinem Dasein recht handgreiflich überzeugt zu
-werden. Dann aber sprach sie als gute Wirthin nur leicht: »Aber ihr alten
-Kinder, das ist ein _gutes_ Tischtuch! Jetzt verrichten es die mittlen. Und
-ihr kleckt nicht wie die Kleinen -- zur großen Wäsche bin ich wieder zu
-Hause.«
-
-Dann gingen sie ruhen. Am Morgen aber stand sie allein schon lange vor Tage
-auf. Ihr Johannes schlief zu fest; so ließ sie ihn schlafen. Aber wie sie
-an die Thür trat, hatte er ihr im gelben Morgenscheine, eine fahle
-todtenähnliche Farbe auf Gesicht und Händen. Sie trat hastig hinzu, und sah
--- aber er athmete leis und schlief so ruhig -- und ruhig ging sie weg,
-während Daniels Monats-Täuberich, schon früh auf im Taubenschlage, über
-ihnen im Giebelfelde zu Neste heulte und trommelte. Wenn aber ein
-zukunftskundiger Mann oder ein Geist, der das kleine Leben der Menschen
-überschaut, sie gesehen hätte so ruhig hinweggehen, der hätte gesagt:
-
- So schlummert der Wandrer
- Voll sicherer Gnüge
- Im eigenen Hause
- Noch einmal, auf lange,
- Der sorglos und trauend
- Am blühenden Morgen
- Von Weib und von Kindern
- Dann scheidet, kaum einmal
- Sich umsieht -- und hingeht,
- Wo jählings am Abend
- Der Tod ihn ereilet,
- Ihn schweigend die Fremde
- Verschlingt und zurückhält;
- Und Heimath und Hütte
- Mit Bäumen und Blumen
- Sie bleiben auf immer
- Still hinter ihm stehen,
- Und ruhig bescheint sie
- Die leuchtende Sonne!
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Nun traf es sich, daß an diesem Tage St. Etienne's Geburtstag fiel. Da er
-aus so vielen Landen und Schlachten glücklich wieder bis in die Gegend
-seiner Heimath gelangt, so war er nicht ohne Schadenfreude, nämlich über
-seine geheilten Wunden; und wenn der Soldat keinen Sonntag hat, als wenn
-die Sonne scheint, und keinen Feiertag, als wenn er im Feuer steht, so war
-ihm in alle dem wüsten Leben nur noch der Tag, durch den er da war, im
-Herzen geblieben, und zwar ihm nicht mehr werth, als eben sein unvergnügtes
-Dasein jetzt selber, aber doch so viel, und in dem heutigen Tage lag die
-Erinnerung alle der frühern -- glücklichen -- mit. Auch machte ihn wohl der
-Verdruß ernst, daß Christel fehlte und ferner nicht da sein sollte. Und so
-setzte er sich bei drei Flaschen vaterländischen Rheinwein hin -- und
-begehrte die Bibel; und Johannes brachte die große Bibel von Christels
-Vater und Seinem, und ließ ihn allein zur Andacht.
-
-St. Etienne besah den gepreßten Deckel, schlug ihn um -- und fand von
-seines Vaters treubekannter Hand: »seine liebe Tochter _Christel_« darinnen
-verzeichnet, und seine Schwester _Martha_ und die andern Geschwister und
-sich selbst. Und er las das:
-
-»Mein lieber Sohn _Steffen_, den Gott gedeihen lasse, ward mir geboren
-während der unsichtbaren Sonnenfinsterniß, den« -- --
-
-Aber die Augen gingen ihm über. Und er trank hastig ein Glas Wein nach dem
-andern, schlug dann das wohlbekannte Buch zu, legte sich zugleich mit den
-Lippen darauf, als wenn er Vater, Mutter, Geschwister und Schwester
-Christel darin küssen wollte, blieb dann lang mit dem Gesicht darauf
-liegen, bis er Alles durchgedacht; dann richtete er sich auf, legte die
-gefalteten Hände auf die Bibel, und blieb so sitzen. Er war heim. Denn er
-hatte keine andere Heimath mehr, und wußte nicht welcher Stein diese Nacht
-noch sein Ruhekissen werden könnte, und welcher Rasen sein Deckbette. --
-»Welches Unglück! Wenn nun meine Schwester nicht ein Weib -- wie Christel
-war, sondern ein Weib, wie -- ich weiß nicht wie viel!« dachte er. »Aber
-wenn die andern zu albern-guten Dinger auch nicht _meines_ Vaters Töchter
-sind -- haben sie nicht alle einen Vater: _Einen!_« -- Dabei schlug er mit
-der Hand noch auf gut soldatisch auf die Bibel; aber die Hand kam, von
-Scheu gemäßigt, nur sanft darauf hernieder. »Heute möchte ich Feldprediger
-sein! wenn wir welche hätten! Aber das sieht der Kaiser ein, daß _Der_,
-dessen Wort er lehrt, und die, die ihm alle Augenblicke Hohn sprechen, sich
-nicht wohl passen. _Der_, -- warum nicht einmal wieder den Namen nennen --
-Jesus weinte über seine Vaterstadt, die sein Vaterland war; aber König
-darüber mochte er nicht sein, noch weniger: sich durch hunderttausend
-Umbringungen von seinen Brüdern als Herrscher erhalten -- und _herrscht
-doch_, aber _inwendig_ in den Menschen allein. Das Inwendigherrschen ist
-andern nicht respektabel genug! Das macht ihm kein Teufel nach, selbst
-unser Allergnädigster nicht. Es ist aus mit Ihm! Ich bin auch nichts mehr!
-Wir Alle sind nichts! Und zu erkennen geben kann ich mich nicht. Als wir im
-Siege waren, da redeten unsere Thaten. Nun im Verluste . . . mußte ich
-nicht ruhmredig werden, aufthauen wie ein altes Weib, das von ihrer
-Schönheit spricht, die einmal über ihr Gesicht gefahren, wie die Hand über
-. . . »den Verräther der Menschheit.« Mußte ich nicht beschönigen und
-lügen! Großthun! Aufschneiden, um nur vor den Leuten bei Ansehen zu
-bleiben; und selber bei mir nicht vor Scham zu vergehn! Plagte mich nicht
-der deutsche Ahnen- und Titel-Teufel: mich für eines großen Mannes Sohn
-auszugeben, für eines Generalpächters Sohn, der wahrscheinlich eines
-Prinzen Sohn gewesen -- weil er mit der ganzen noblen Gesellschaft das
-Hasenpanier ergriffen, anno: anno! Dies Jahr! wo es wieder andre Noble
-ergreifen werden! O Hasenpanier! Du bist allgegenwärtig! Und ich, ich
-möchte dich auch ergreifen, wenn ich nicht Sergeant wäre! Und _den großen
-Unglücklichen_ verlasse ich nicht! Und mich auch nicht! Sitze, mein
-Stephan, und thue Gutes! Vielleicht lernst Du noch wieder beten -- wenn das
-die Noth lehrt! Wir sind aber gelehrt: eher auf die Nase zu fallen, als auf
-die Kniee. Doch Unglück schickt sich! Und nun sang er, halbberauscht, gar
-den neuen Vers:
-
- Soll Unglück sich schicken.
- Stößt man sich am Grase,
- Und fällt auf den Rücken
- Und bricht sich -- die Nase!
-
-sang aber noch ärger dafür:
-
- Man fällt auf die Nase
- Und bricht sich -- den Rücken!
-
-Dabei sank er selbst auf den Rücken, dämmerte ein, schloß die Augen und
-redete dann halbschlafend, halbträumend: »Sacre: wenn meine Kinder in
-Rußland jetzt vielleicht die Knute kriegen, das sollte mich doch
-verdrießen! Oder wenn Einer von meinen Buben in Italien sollte Horas
-singen, oder, was Gott verhüten möge, in Rom einmal gar Papst werden; oder
-ein Schlingel wie der Mufti; oder in Spanien endlich ein Großinquisitor;
-alles und jedes möglich . . . denn was ist, oder das türkische Verhängniß
-beriefe mein Söhnlein aus Aegypten, und er würde ein Großthier -- wie der
-Groß . . . das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn gar eine oder die
-andere von meinen unbekannten lieben Töchtern -- gewiß jetzt schon recht
-hübsche Mädchen! -- das werden sollten, was ihre Mütter waren,
-Ehebrecherinnen, oder erlöste Nonnen und Contessinnen -- --«
-
-Er ward wüthend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß sie blutete,
-und schwere Bibel und Weinflasche wie vor Schreck in die Höh' sprangen.
-Aber sich erinnernd, setzte er leiser nur grimmiger noch hinzu:
-
-Doch Unglück schickt sich!
-
-Schickt sich . . . . schickt sich . . . . murrt' er und murmelt' er.
-Unglück schickt sich nicht! Nicht einmal der Teufel schickt es. Wir machen
-es selber. Unglück -- Ungeschick! Unglücklich -- unschicklich . . . . . .
-Na! das _dortige_ Unglück! Die Schönheit macht alles ausstehbar! . . . _Das
-hiesige_ aber hat sich nicht geschickt, und hätte sich nicht geschickt.
-»Steffen! mein Steffen!« würde der Vater sagen . . und die Mutter -- --
-ach, es ist doch nichts besser als eine Mutter! -- Rief sie nicht? --
-
-»Mutter, hie bin ich!« rief er, erweckte sich selbst, sprang auf -- und
-_Johannes_ stand vor ihm.
-
-Und Stephan war verwandelt, und sah ihn mit großen Augen an, ergriff das
-Glas, setzte es aber derb nieder, um nicht zu verrathen, daß er sich
-schäme. Und Johannes wischte die Bibel vom Wein ab.
-
-»Haltet das Buch in Ehren, Johannes!« sprach Stephan; »es macht gute
-Freunde!«
-
-Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen
-mit Willen und Geheiß bewaffnet »losgelassenen Mordläufer«[A], oder Subject
-aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem
-rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: »mit Hunderttausenden
-dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth
-hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller
-heidnischen alten Armeen Dämon -- denn bloß die christlichen Völker haben
-den Teufel -- fahre in _einen_ neuen Soldaten; und mit dem angezogenen
-Rocke ziehe der vernünftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frömmste
-Mönch, der des Papstes Kleider auf seine paar öffentlichen Jahre anziehe.
-Das sei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend
-dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder
-gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder
-hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im
-Kriege seinen Feind auf Händen tragen und füttern wolle, wie sein kleines
-Kind -- das wäre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause
--- nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern bloß _seinen_ Vater, _seine_
-Geschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln
-zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber über dem Kopfe anstecken
-wolle . . . das ginge nicht! Johannes möge das glauben!«
-
-[Fußnote A: In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.]
-
-Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte:
-es wundre ihn nur, daß Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wäre, nicht
-glaubten: daß _Alle Gottes_ Kinder wären! -- Stephan sprach erst nur so,
-weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward,
-wie eine reife Distel -- »_gefressen!_« sprach er satyrisch im Stillen; da
-er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fühlte, so ward diese seine gute
-Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, daß er für sie
-alle -- und meinte Christel -- einmal in eine _verlorene_ Schlacht gehen
-wolle, geschweige alles andere thun. -- Mehr könne ein ehrliebender Soldat
-sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, daß er ginge und Christel holte,
-weil er ihr etwas gar Wunderschönes zu sagen habe von ihm und von ihr!
-
-Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen
-Worten, weil sie wußte, daß solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu
-thun, und schon eine Bitte ihn verlegen machte vor Rührung, so daß er oft
-darüber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht
-ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spät, vielleicht
-zu spät geschickt.
-
-Er eilte also bloß mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der
-Stadt. Es dämmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rüste. Der Himmel
-war schwarz umwölkt -- denn aus schwarzen Wolken fällt der weiße Schnee --
-und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her
-blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; -- und wirklich: er hörte im
-Felde _Kinder_ rufen . . . aber so weit rechts ab, daß er im Winde seine
-eigenen Kinder _nicht erkannte_. Und doch stand er und horchte, ob sie
-nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hülfe? Und sein Herz
-klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinüber zu eilen. Aber er freute
-sich; denn die Kinder riefen nur: »Mutter! Mutter!« -- Und wie ein
-Traumbild sah er auch ein Weib -- sein eigenes Weib, seine Christel, stehen
-bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm
-nehmen -- das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind,
-daß es die Mutter hatte, und daß das Weinen still ward, und die Mutter
-wieder den beiden andern größeren Kindern voranschritt oder sprang! -- kam
-es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein
-gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb
-bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm
-die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand
-. . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr -- und alles war weg! Er
-lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein
-Wegweiser war, und starrte noch eine Weile hin; aber es blieb still; und er
-hörte nur den Schnee säuseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der
-Wind herstrich, hörte er auch die Mühle von Zahlbach gehen; und die Mühle
-von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein
-strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm
-grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getröstet: Das Dorf sei
-nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib
-in Britzenheim!
-
-Er eilte nun durch die wohlbekannten Straßen der Stadt nach Paschalis
-Wohnung. Er durfte an keine Thüre klopfen, denn sie standen offen; aber in
-allen Zimmern -- Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen!
-Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: »Vater!« kein »Willkommen!« schallte
-ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch
-ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thür war, und vielleicht Menschen
-dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thüre war,
-wie ein Schrank, nur mit dem Schlüssel aufzumachen; er merkte also nicht,
-daß sie verschlossen gewesen.
-
-Beim Dämmer einer an drei vergoldeten Ketten hängenden rubinrothen Lampe
-erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mädchen, das an jenem
-Abende neben dem englischen Kutscher die vier Kühe vom Bocke gefahren. Mit
-dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem
-Schnitt. Medizinflaschen und Gläser und Tassen und Schächtelchen auf dem
-Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weißen
-Bette, mit zurückgezogenen grünseidenen Vorhängen, lag Dorothea, wie er
-meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewiß gebetet; denn ihre Hände
-waren ausgestreckt und gefaltet. Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe, als
-habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich
-aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und
-erschrack vor Johannes, daß er selber erschrack, und beide sich fragend
-anstarrten. --
-
-». . . Schläft sie?« frug er leise.
-
-»Sie schläft;« antwortete das Mädchen; »aber Ihr könnt laut reden,
-Johannes; sie schläft fest.« Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor
-Furcht oder Ehrfurcht.
-
-». . . Also ist ihr wohl und besser?« frug er zutrauensvoller.
-
-»Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewiß;« erwiederte sie.
-
-». . . Nun ich gönne das Glück unserem Herrn Paschalis! Der wird sich
-freuen!« sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glänzten. »Die liebe
-ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben!« --
-
-»Und kann nun sein Tod sein!« sprach das Mädchen. Und die Worte schnitten
-Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thränen. Und als
-Johannes einen Schritt näher zum Bette gethan, und forschender hingesehen,
-trat er zurück, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht über dem
-Buche, wo vorhin des Mädchens Gesicht gelegen, und die Blätter waren noch
-naß. Aber er fühlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thränen zu
-ihren kalten.
-
-»Gönnt ihr die Ruhe!« sprach das Mädchen, »Ihr war zu schrecklich zu Muth.
-Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein
-rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja öfter in Wuth dabei. Und wenn sie
-sich auch die Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen,
-so ist sie doch nicht daran gestorben -- spricht der Licentiat, sondern an
-einer gewissen _Furcht_, die aber _gewiß_ wäre, an einer Furcht vor einer
-sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich über das Wort vor
-die Stirn schlug, als gehörte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe
-Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehört, noch in der letzten
-Nacht, wie Dorothea in weißen Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns
-zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: »Sage mir nur: Wer an dem
-ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und
-Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und saß der Abendstern
-auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf saß mit ihren Gespenstern!
-Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende
-Zeit, als das alte Glück an dem neuen Unglück? Die Könige des vorigen
-Jahrhunderts an den Königen des jetzt laufenden! O, daß alles Unheil liefe,
-verliefe wie Wasser aus Thränen und Blut, und ich mit darauf hinschwämme zu
-der großen Pforte hinein, schön und hoch und golden und purpurn wie das
-Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt
-verwandeln können, und _ein_ Teufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie
-die Andere; in der einen -- siebenarmigen -- Hand sieben blitzende Säbel,
-und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! -- Und
-sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? -- -- Und sieben Gewissen -- und
-sieben Schlangen in Jedem! -- Ah!« -- -- So phantasirte die arme Dorothee.
-Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hülfe, rang sich mit Jemand wild
-umher, ächzte, und lag dann lange wie todt -- dann sprang sie wüthend auf,
-starrte umher, daß uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel,
-oder ihr Bild darin, daß die Stücken umher flogen, und zertrat das letzte,
-aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. »Aber,« frug sie dann höhnisch
-lachend: »wäre es _für die Welt_ nicht besser: Ich wäre sieben
-Kaiserstöchter! Oder nur sieben Königstöchter! Aber mein Vater ist auch ein
-König, und ein ganz Anderer, und das ist besser für den Himmel; besonders
-wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in
-die Hölle stößt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich muß
-auch so thun? Nicht wahr!« -- -- Und dann lachte sie recht heimlich aber
-seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . »Ich habe
-gethan! Das Gewölbe hat gethan; der Wein hat gethan; und -- die Thür hat
-gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wäre doch
-besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wäre mir
-und dem sündigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich
-sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten hätten,
-alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fünfte -- --
-Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht -- aber nur Eines, das Eine,
-ein einziges Mal!« Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zählte
-dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fünf -- -- -- dann
-erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, daß wir da
-gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tücher über sich,
-und wir hörten sie darunter dumpf mit den Zähnen klappen, und dazwischen
-noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln:
-»Es wäre doch gut für die Welt: ich wäre Sieben Königstöchter; denn die
-Sieben Kaiserstöchter hätten Sieben Väter, und die Sieben Väter hätten
-Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglücks« -- -- -- --
-
-Das Mädchen deckte jetzt den weißen Schleier von Dorotheas Gesicht und
-Brust; und wie sie so schön und ruhig lag, und ganz unverstehlich und
-unausforschlich lächelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: »Seht nur, ob
-Sieben Königstöchter schöner sein können! Seht nur getrost hin: Sie ist nun
-eine Königstochter! Und eines ganz andern Königs Tochter, der ein ganz
-anderes Herz hat.«
-
-Sie schwieg; denn die Thüre ging auf, und ein französischer Soldat, in
-feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt, trat herein;
-Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch
-einmal so männlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schön, ihn mild
-begrüßte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie
-noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurück, und
-sagte: »Wie kann man das so bald vergessen, daß Du todt bist! Ach nur, weil
-ich es nicht glauben kann, daß Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort
-lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du
-willst, und _wolltest!_« -- Er nahm den Orden von der Brust, und sagte
-leis: »Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, für die Sieben Kosaken, die
-ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag
-mich erwarten ließen. Mit Erlaubniß der Obern wurden sie mein, und so viel
-ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug -- und nun falle ich
-Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. Der _Achte_ aber liegt schon
-_verwundet_ bei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter
-seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe der _Unglücksvogel_ heim und
-prophezeie! Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da
-hinunter gestiegen! -- Das waren schwere Tage, mein Johannes!« sprach er
-jetzt noch milder. »Wir sind Leidensgefährten! Denn Eure Christel, von
-derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hülfreich
-auch in ihrem Wahn -- ob sie gleich wirklich gehört, daß Wecker in
-Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich weiß nicht wie: abgethan
-werden soll -- Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen
-Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause
-undurchsucht -- und in den Straßen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt
-hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach führt, meinte
-eine Kastanienfrau, es wäre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib
-hindurch geschlichen wäre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste
-nach warmen Kästen (Kastanien) verlangt. -- Ihr müßt sie begegnet haben --
-sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verließ ihn im Thore; und daher
-komm' ich, noch naß von den Flocken.«
-
-Johannes hörte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern
-klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch
-er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die
-Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die
-Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der
-Hausthür aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem
-Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt fröhlich an ihm emporsprang. Dann
-eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich
-mit türkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie,
-und auf der Straße in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die
-Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln
-Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus;
-und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den
-Schnee. Er besann sich, wo er war; und während ihn der Hund mit der Pfote
-scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der
-angefangenen Erlösung in der Angst um Rettung den Vers: »Nun danket Alle
-Gott!« Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die
-Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschüsse fielen, und die Eule kam,
-und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und
-er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das
-Licht in der Mühle -- aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und
-donnerte ihm sein: »Zurück,« entgegen.
-
-Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen
-waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelöst; seine Bitten waren
-umsonst, denn der von seiner Erzählung nicht ungerührte Soldat aus dem
-Elsaß, fragte ihn nur: »Ob er wolle, daß er erschossen werde? Denn seine
-Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei -- so könne er
-durch einige fünfzig Stockschläge einer werden, indem er in aller Unschuld
-nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe?
-und so könne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert
-Schritte vorwärts. -- Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich
-vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glücklich zwischen den Posten
-durchgeschlichen nach Britzenheim.« --
-
-Der redliche Johannes war traurig überzeugt, blieb aber doch noch lange
-Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das
-Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den
-Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschüttete, und seine Thränen
-still in sein Kissen.
-
-Vom frühesten Morgen des, auf die betrübte Nacht schön anbrechenden
-Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch
-brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber
-und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er
-es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die
-Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Fußtapfen auf,
-ließ Petern auf die Fährte -- aber die Tritte waren vom eingefallenen
-Schnee verweht und verschüttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen.
-Johannes starrte betrübt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein
-schweres Geheimniß für ihn bedeckte, indeß es doch gewiß an seinem Orte ein
-offenbares war, und er weinte die lächelnde Sonne an. Darauf ging er -- als
-Gottesdienst -- den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie
-Jemanden, den er im Sichern wußte. Der Leinweber Krieg aber ging in den
-Krug, um vor Mißmuth und Trauer den Baß zum Tanze zu streichen; im Grunde
-aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hören, da das Volk
-Alles erfährt, Alles weiß; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft
-auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als
-schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Täschchen die Kunde
-berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern
-waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens
-Weiberkleider zu sehen und zu fassen wären. Steffen hatte den Kummer im
-Hause gemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack,
-bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hülfe.
-
-Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen »Blauspecht«
-gefangen, wie er sich ausdrückte, der in Britzenheim gestanden, und nun die
-gewöhnliche Soldatenbeichte ablegen mußte. Und so ließ sich der
-heimgekehrte Johannes nun selber erzählen, daß ein Weib in das Dorf
-gekommen, und drei Kinder; und der Wirth hätte sie wohl gekannt und wohl
-aufgenommen in diesen schweren Tagen, »wo die Menschen wunderlich
-durcheinander geworfen würden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit hätte,
-sein Herz zu beweisen;« wie ein alter närrischer Kerl gesagt, den man als
-Spion eingebracht mit einer großen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank,
-die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter.
-
-Der Gefangene ward in die Stadt geführt, und Johannes begleitete ihn ein
-Stück, um Alles noch einmal zuhören, oder nur noch einen kleinen neuen
-Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur
-schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel
-hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern -- da sie nicht zu ihm nach
-Hause konnten. Er wäre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach
-Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar
-nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woran _sein_
-Erlöser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer
-darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien
-ihm eben so liebend und fürsorgend, als der alte gute weißbärtige
-Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seiner
-_anbefohlenen_ Maria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egypten zog, aber seit
-mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der
-Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel
-war nicht verblüht, und der alte Joseph zerrte unermüdlich noch immer an
-dem morgenländischen vierbeinigen Wagen mit dünnhaarigem Schwanze; und sein
-Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom
-Kirchenstaube. So unverändert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur
-Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war
-der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters
-Lademann Munde. Außer der Vermuthung: daß sich die Seinen wahrscheinlich
-bei dem Richter befänden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst
-zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; daß sie, als im
-Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei
-Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wären, von welchem klarer als
-die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und
-aller Menschen Geschick bewachen soll -- außer dieser Vermuthung tröstete
-ihn nur sein Entschluß, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und
-hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht
-mit dem Bewußtsein, er könne ihn ausführen, in welcher Nacht er wolle --
-und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht
-untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge
-sei dann tausend Augen, und schieße zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl
-eines fallenden Sternes.
-
-Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, --
-
-»Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht,« sprach dieser; »denn ich habe den
-sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit
-Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde
-können näher heranrücken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen
--- dann kann _Christel_ herein -- oder noch her begraben werden, wenn sie
-gestorben ist; oder wir, das heißt, unsere sogenannten Freunde, können
-einen Ausfall machen, und Britzenheim _nehmen_, wie man so einen Jammer
-kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und
-dann könnt _Ihr_ zu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu
-Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und
-ist aller Verhältnisse gelassener Herr, besonders weil die Welt _keine_
-Geduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die
-große Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts
-ist für den Menschen erschrecklicher, als wenn Gott _morgen_ einen sichern
-glücklichen Weg für uns macht, und wir, wir machen einen unsichern
-unglücklichen -- _heute_. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten
-Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewiß niemals mehr
-zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten
-Werstbänkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hörte ich lustig einmal in
-die Morgenluft singen: »Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein
-Glück bei Zeiten an!«
-
-Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf
-1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf
-Jahrhunderte nachhaltende Sprüche über Menschenrechte standen, auf deren
-ersten Johannes ihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz
-ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las:
-
- Drei Dinge stehen jedem Menschen zu,
- Die Niemand niemals ihm verkümmern darf:
- Die Gaben Gottes, daß er sei, und froh sei;
- Die Hülfe seiner Lebensmitgenossen;
- Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen,
- Das Recht: den Gott zu ehren und die Seinen
- In Noth und Tod zu lieben. Ohne Liebe
- Fällt dieses große Haus der Welt zusammen,
- Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz.
- D'rum ohne dies Recht, muß er lieber sterben,
- Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.
-
-»Wie gesagt,« erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: »Ich gehe mit -- denn
-meine Baßgeige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu
-Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, außer
-Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden.
-Aber Eure Frau ist keine Baßgeige, und die Kinder keine Armgeigen oder
-sogenannte Bratschen -- die schon jämmerlich genug klingen. Doch, ich will
-Euch nicht wehren . . . . .«
-
-». . . _Niemand! Niemals!_« schloß Johannes; »denn da steht auch: »Die
-Gottes Wege gehn, schützt Gott mit seiner Macht.« --
-
-Und doch ließ der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach
-Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und
-gar noch verwittweten Baßgeige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen
---
-
-In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immer größer, und St.
-Etienne's Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes
-wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm
-eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nähten ausgetrennt und
-in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushändigte, ungezählt,
-denn ein lachender oder . . . _vielleicht_ auch weinender Erbe nehme Alles
-ungezählt, und zähle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor:
-wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und
-tränke allen Geizhälsen ein Vivat. »Doch ernstlich,« sprach St. Etienne:
-»Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthäupter; und da zwanzig
-Lieutenants auf einen Gemeinen aus Rußland und Deutschland wiedergekehrt
-sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtäglich Wache zu thun; »wie
-ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trägt, um
-zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf
-Hundertmeilenmärschen bei leeren Ranzen wird.« Wir haben die Ehre! Sag'
-ich, und wahrlich, das ist die größte Ehre -- vor Schusse zu stehen! Als
-gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der König des Krieges, der Gott des
-Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der
-Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brüllt,
-wenn die Batterien rasen, da genieße ich meines Lebens, da bin ich mir
-aller meiner Kraft bewußt, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll
-von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefühl: Ich bin da! Ich
-bin in der Welt! Was kümmert mich, wer siegt? _Mein_ Sieg, mein Triumph ist
-mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewiß über Furcht und Elend
-des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft -- Ich bin unbesiegbar im Kampfe
-mit einer halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen,
-einzigen -- _meinen_ Mann gegenüber, mein Alles, meine Habe, mein Gut,
-meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wächst
-gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und
-Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden -- Ich? -- Nie! Er sitzt
-auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein -- Ich esse sie aus! Ich bin
-ein Soldat -- Er ist ein bloßer Kaiser und König -- von Gottes Gnaden! Und
-Gottes Gnade wendet sich überall stets von den Alleinklugen, den Blinden,
-den Tauben und Taubblinden. -- Da nimm den Bettel!«
-
-Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezählt in
-Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: »Siehe mich, so lange ich noch
-sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal
-hunderttausend Jahre nicht gesehen, und können uns dreimal hunderttausend
-Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken
-und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder
-himmlischen Großthustraße! _Jetzt_ aber wirst Du mich zu erkennen glauben,
-Johannes (denn so dumm und gläubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage,
-_Deine_ Christel ist _meine_ Schwester! Und ich bin also ihr Bruder! So
-nennen die Menschen solch kleines Geschmeiß aus einem Mutterschooße! Und Du
-bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich
-ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und künftiges Unding; wenn die Todten
-nicht noch Dinge sind, oder nur Dünger, Bautzner Dünger, Leipziger Dünger
-und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das
-beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh', bringe die
-Bibel! Die Bibel macht Freunde -- Bluts- und Herzensfreunde und
-Seelenfreude! -- Das war noch einmal ein Spaß, Steffen, daß Dir die Augen
-überlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem -- Kaiser! -- der weidlich:
-»Schach den Königen,« gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen
-mögen selbst die schachmatten, durch die Völker -- die Bauern -- entsetzten
-Könige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Völkern! und die Völker mögen
-sagen: Schach den Königen! oder mag ein Tölpel von Kometen gar das
-Schachbret umstoßen -- der Spaß bleibt! Der Spaß war herrlich!«
-
-Auf diese Freude, besonders auf dieses _Zutrauen_, das Johannes zu _diesem_
-Soldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen
-Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschluß fröhlich sogleich
-auszuführen, als daß noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe
-und auch bei ihm fechten -- Brod erfechten -- umherging, der glücklich
-durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weißes Hemd über seine
-Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann ähnlich zu sehen, oder
-weiß auf weiß gar nicht gesehen zu werden, und der über den Gang nur Scherz
-trieb, den er aus der -- für Johannes zu leicht wiegenden -- Ursache
-unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsaß, Waffen gegen die
-Deutschen, auch Russen zu schmieden. »Hundert!« sagte er; »und mit jeder
-Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben.
-Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut
-sich am Feuer, und schlägt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede
-sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstens _Geheime_ Kriegsräthe
-heißen! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen, kein Polen! kein Frankreich!
-Häuser ins Wasser baut man auf Rost -- von Holze; aber alle Reiche ruhen
-auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus
-unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche
-auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und
-müssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus väterlicher Kinderliebe!« -- So
-sprach er. Und für ein warmes Frühstück sang er viel lustige Lieder, und
-zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwähle und
-behaupte, der habe _nunmehr_ das schlechte Theil erwählt. Aber Gott schützt
-Frankreich.
-
-Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu
-Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehört,
-und das ängstliche, ja abscheuliche blinde gotteslästerliche alte unsinnige
-Lied:
-
- »O große Noth:
- Gott selbst ist todt.«
-
-und sie hatte darauf vom Tode Gottes geträumt, um zu merken: er lebe; sie
-hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das
-Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, während er zwei weiße
-Ueberhemden und zwei weiße Nachmützen für sich und den Pathen aus der
-einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn
-mit seinem großen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst
-thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder
-Mutter, und selber die Kinder!
-
-Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu
-Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu:
-»Morgen komme ich wieder --« fütterte Petern; _vergaß aber ihn
-einzusperren_; überließ dem schwachen russischen Unglückspropheten und
-Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles
-Unrecht fühlenden, übrigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte
-die morgende Nacht wieder zurück sein, nur einen Tag mit den Seinen
-verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen!
-
-Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes
-bereit zu dem kalten Gange, in das weiße Hemd gekleidet; und der Pathe
-Leinweber im weißen Hemde; und Einer setzte dem Andern vergnügt die weiße
-Nachtmütze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch
-die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend
-die Hände, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der
-Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen -- weil er selbst
-gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach
-so lange auch wieder nach Hause wollte -- traten sie Beide die
-Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrücke, über eine gefährliche
-Kluft führte, die sie bisher unerträglich getrennt hatte. Aber sie wären
-lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden
-Schritt nach dem andern dahin.
-
-Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glückliches Zeichen in
-himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerführers Moses erfüllte,
-wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Räume der heitern glänzenden
-Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum
-Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hörten. »Ehe denn
-die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffen worden, bist du,
-Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. _Der du die Menschen lässest sterben_, und
-sprichst: Kommet wieder Menschenkinder!« --
-
-»Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze!« sprach der
-Leineweber leise, während sie weiter gingen. »Die Psalmen haben sie aus
-ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten
-ein Lied abzwingt, so preßt ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch
-wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den -- Ohren! Ich
-möchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat
-auch seine sogenannte Unzeit!«
-
-Johannes schwieg.
-
-Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unübersehliches
-weißes Gefild. Es war, als wenn die weiße silberfunkelnde innere Domdecke
-vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des
-Gewölbes _nicht_; denn die Milchstraße war breit und weiß, wie stiller
-wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht
-silbern, sondern funkelte golden; und daneben -- da überall, wo die Decke
-herabgestürzt und wo nun ein unergründlicher Bau durchsichtig sich
-aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie große Ampeln in
-fernen, fernen Gemächern und Sälen, nur klein, und ruhig. Und während
-Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern
-aus dem dunkeln Blau, entzündete sich wie ein feuriger Komet, und schoß mit
-langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorüber.
-
-Sie blieben einen Augenblick stehn -- und Peter der Hund war bei ihnen.
-
-Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reife gekommen, wie Saft
-und Kraft und Wärme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges
-Fruchtbäumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister war _er_ glücklich
-in seines Vaters Haus gelangt, ein Bündel mit frischbackenem Kuchen,
-wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Grüße
-auf seiner Zunge. So saß er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters,
-nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefühlt und
-davor gefragt: »Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder
-gesund!« Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: »Lieber Vater! Ich bin da!
-Seid aber ja nicht böse; Ihr konntet mir's nicht erlauben, und die Mutter
-weiß es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken
-hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin.« So hatte er
-gestanden, bis er gefühlt, daß das zweite Bett auch unberührt war, und in
-allen Winkeln Niemand; und so saß er denn still im Dunkeln am Ofen, und
-neben ihm schnarchte der ihm verhaßte, weißbärtige Sebastianow, während der
-Vater und Krieg in der Nacht hinschritten.
-
-Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der
-nahen Vorposten umher scholl; denn er hörte seines Herrn, St. Etienne's
-Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo
-Johannes mit seinem Gefährten vorüber mußte, Johannes rief Petern; und sie
-knüpften zwei Tücher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring
-seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und
-bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe.
-Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher
-Mühle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mühle
-umschlichen, deren Geklapper ihr Ohr erfüllt, standen sie eine Weile mit
-Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mühle spähend und horchend,
-nach welcher sie nun links über das offene Feld sich schleichen mußten. Und
-hier in der Stille hörten sie wieder, aber schwächer den von vielen
-deutsch-französischen Männerstimmen gesungenen Psalm: »Meine Seele ist
-stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hülfe, mein
-Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, so groß er ist. Wie lange stellet
-ihr Alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und
-zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dämpfen, befleißigen sich der
-Lügen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela.« -- Die Luft
-strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachfließenden Gesangstrom
-seitwärts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: »Meine Zuversicht ist
-auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm
-aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts,
-große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.«
---
-
-»Wenn der knisternde Schnee jetzt fünf Minuten lang nur Flaumenfedern wäre!
-oder heute schon: künftiges Wasser, daß er nicht knarrte!« flüsterte der
-Leinweber dem Pathen zum Ohr. »Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein
-Knabe; und daß Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen
-Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebückt! Und
-glaubt mir in aller Stille, daß mir der Buckel dabei weit weher thut, als
-Euch -- denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und
-wir Baßstreicher stehen wie Lichter -- aber ein Wurm krümmt sich -- denn
-dort dämmert der letzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorüber müssen.
-Nun, Glück zur höflichen Reise!«
-
-Und während sie jetzt so wunderlich wie zwei weiße Eisbären -- vom
-losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Stöhnen, dem
-Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in
-dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nähe von dem ersehnten
-Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem fröhlich
-gesungenen Liede (von Theodor Körner) inne: »Die Hölle braust auf in neuer
-Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bösen.
-Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig
-getagt, roth muß ja der Morgen sich lösen.«
-
-Jetzt trat plötzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb
-nicht stehen, sondern er flog über dem Himmel, wie ein purpurner Ball von
-einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend -- und fiel entfernt, wie es
-schien, in die schwarzgrünen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen,
-setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich
-nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen
-das sei? Und wieder floß deutscher Gesang jetzt näher und stärker daher:
-»Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterländische Geist! Und noch
-lebt die Begeisterung, die alle Ketten reißt! Und wie wir hier
-zusammenstehn, in Lieb' und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn,
-wenn's von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der
-Tag der Rache kömmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden
-weggeschwemmt. Und _Du_, im freien Morgenroth, zu dem dies Hochlied stieg,
-du führ' uns, Gott wär's auch zum Tod! Führ' uns das Volk zum Sieg!« --
-
-Jetzt sahe Johannes den letzten französischen Posten, und auch der spürende
-Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. -- --
-
-»Wer da?«[A] rief St. Etienne.
-
-[Fußnote A: Qui vit?]
-
-Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in
-seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten
-lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest
-geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich
-und wedelte mit dem Schwanze.
-
-»_Wer da?_« scholl es lauter.
-
-Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen weiter,
-während von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt
-überrieselten: »Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will
-schwer errungen sein. Freiwillig tränkt uns keine Traube, die Kelter nur
-erpreßt den Wein; und will ein Engel himmelwärts, erst bricht im Tod ein
-Menschenherz.«
-
-»Wer da?« rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrüstung,
-
-Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er
-wollte hinzu, und mit dem Manne mit männlicher Gewalt kämpfen -- und
-zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlüssen schwebend, er
-glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung
-versagte ihm die Sprache. -- Da sank er schon; und den Schuß selber hörte
-er nicht in den Schluchten verhallen.
-
-Die Wache tritt ins Gewehr. Der gnädige Gottlieb hört von St. Etienne, daß
-er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund
-springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der
-gnädige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die
-sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt
-seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen
-kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch
-übrigen paar Thränen, kurz aber heiß über den armen Freund geweint, sprach
-er: »Hättest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen --
-ich hätte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch
-Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und König. Aber waren nicht Alle
-die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . -- Ach! . . . .
-Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in
-die Brust geschossen, sondern mit ihm -- _Ihr_ grade ins Herz! Sie selber
-läge hier besser! Und ich am besten!«
-
-Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; -- ein im
-Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getöse wie von
-Geistern -- und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim
-und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig
-schlief, während der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glühend,
-doch kühl über den Horizont heraufstieg, und mit göttlicher Ruhe das
-heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien -- und Johannes
-entlaubte Bäume, und Johannes auf immer verlassenes Haus. So still! So
-göttlich!
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drängen. Nach der
-getümmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf,
-und ließ ihn nach Zahlbach tragen in sein Stübchen; nicht nach Britzenheim,
-wohin doch der Lebende -- vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber
-meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfüllen; und statt
-Freude bei Christel zu bringen, hätte er ihr nur plötzlichen Schreck
-gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafür selbst auf
-den Weg zu seiner Schwester, die schon unglücklich genug, noch auf
-vielfache Weise unglücklicher hätte werden können, und jetzt noch, ja erst
-werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten,
-und _in welcher Folge_ sie über ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging
-sein größter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm
-vorüber, weil er nicht wußte, daß der Leinweber treulich mit Johannes
-gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntniß würde ihn rathlos
-gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind,
-der plötzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der
-herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrün hervortauchenden Raine und
-Kämme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft
-erschienen waren, die er nicht fröhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie
-aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Töne zwitschernd, die Kehle
-probirte zum Frühlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen
-hangendem Schnee und braunen Frühlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum
-flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grünbelaubten, mit
-Blüthen ihn verbergenden, säuselnden »Häuser auf einem Stamme« noch nicht
-da waren; und vollends erst das Geräusch der sich sammelnden Wasser . . .
-und das ferne süße heilige Rauschen auf Berg und Wald -- das Alles stimmte
-ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn
-alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefühl
-des größten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie
-austräumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lächelnd,
-und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit
-ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt blaß; jetzt weinte; und ihm
-war, als schiffe er, übergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem
-blühenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt
-unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser!
-
-Plötzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah.
-
-»Wecker! Todtenwecker!« rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand.
-
-»Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben!« sprach Wecker, der viel
-von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rücken
--- reiten hatte. »Gut, daß Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider
-Niemand, das heißt kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und
-anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde
-in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der
-Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit! Ich habe es gestern durch
-den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine -- wollte ich sagen:
-Christels Angst war groß!«
-
-»Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch?« rief jetzt Christel, ihr Kleinstes
-auf dem Arme, über den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem
-gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herüber durch den
-Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den
-Fußweg zu ziehen und sprach: »Euer Johannes schickt Euch gewiß den
-Händedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht
-böse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause?« frug er bedenklich.
-
-»Nicht! Nicht?« tönte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt;
-und ihre großgeöffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von
-Wehmuth -- in seine Augen voll Wehmuth.
-
-»Wo wird er denn sonst sein!« rief Wecker, barsch vor Angst.
-
-»Christel,« sprach Stephan gedrängt, »was soll ich es Dir verhehlen liebes,
-liebes, gutes Weib -- ich komme Abschied von Dir zu nehmen -- ich ziehe
-nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet -- -- --«
-
-Christel erröthete und erblaßte.
-
-Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: »Also lebe
-wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!«
-
-Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schönen
-schwarzen Augen, und flüsterte ihr leise zu: »Weißt Du noch, als der Vater
-das Haus baute, und Du ein Lamm hattest als kleines Mädchen; und das Lamm
-Dich umstieß; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich
-immer wieder hinstieß -- wer erlösete Dich denn aus den Blumen? Christel!
-»Brodchristel,« wie wir Geschwister Dich nannten!«
-
-»Mein Bruder!« rief Christel; »Steffen!«
-
-»St. Etienne!« sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber
-wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das
-Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind.
-So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zügen
-entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die
-ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif über ihr blaß
-gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder,
-küßte sie auf die schöne geneigte Stirn -- schrie laut, wandte sich ab und
-schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja
-nun wußte . . . daß er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und
-vielleicht auch mehr erzählte, als Christel jetzt erfahren sollte -- bis er
-dahin geschieden.
-
-»Bruder!« rief sie ihm nach, »mein Bruder!«
-
-»Zum Teufel! Gott sei bei uns . . .« rief Wecker, »so bleibt doch!«
-
-»Schwester! -- Schwester, leb wohl,« rief er zurück, und sprang in den
-Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatte _ihren Bruder_
-wieder gesehen, rein den _Reinen_, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie
-ihn nur auch noch rein und redlich -- den Redlichen beweinen, wenn auch
-nicht den Reinen; _dann_ mochte sie Alles erfahren; _denn keine spätere_
-_Schuld kann frühere Unschuld rückwärts im Herzen ermorden; kein späterer
-Schmerz kann einmal genossenes Glück zu Unglück verwandeln_ -- nur färben!
-»und wie oft habe ich nach durchwachten Nächten gesehen,« sprach er: »wie
-die Morgendämmerung selbst schwarze Gegenstände herrlich blau färbt, selbst
-Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut es _die Abenddämmerung_ . . . in
-welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird,
-bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafür ganz leise
-auf das Kreuz ihres grünen Hügels schreibt!«
-
-Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte,
-und brannte zu hören, wie Daniel seiner Mutter erzählen würde, wie er sich
-allein bei dem Vater gefürchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weißem
-langem Hemde.
-
-Und siehe, da richtete sich _Johannes_ in weißem, langem Hemde vor Stephan
-auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es
-gleich nicht begriff -- so durchzuckte ihn Freude, daß er gelähmt stehen
-blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er
-den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich
-an einem Pfahl gestoßen hatte und liegen geblieben war, durchnäßt, von
-Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt.
-
-Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes.
-
-»Ich weiß nichts von ihm;« antwortete Stephan, froh, daß jener nichts
-wußte, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben
-entgegen eilten.
-
-Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan faßte den äußersten Muth: stehen
-zu bleiben. Und selbst in der geringen Entfernung war er jetzt am hellen
-lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermißte, an ihn
-nicht dachte, vor Freuden über Daniel. Aber . . . er hörte die Stimme des
-Knaben, die der Wind zerriß; und das Weinen; und ihren Ausruf über die
-Gestalt des Leinwebers . . . und die Wörter . . . »Baßgeige,« und
-»Armgeigen,« und Weckers lautes Wort: »so muß er begraben werden -- am
-Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, daß
-der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben
-rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rückt zu; das ist ein gutes
-Kind! Und mein großer Friedrich ein großer Schlingel!« -- Und er sahe
-darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle führte, wo Johannes Blut den
-Schnee befleckt hatte -- und sah seine Christel verschwinden . . .
-
-Und er zog seinen Weg.
-
-Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause.
-
-»Sie werden bloß zum bloßen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen
-und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und müssen erst
-wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben
-anfangen;« sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten,
-jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den
-beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in
-der ersten -- wohlriechenden Mühle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich
-bei diesen erst der Backofen wohlroch, und -- wärmten die Kinder aus. Aber
-es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. »Verdammter Krieg!« sprach
-Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund noch auf dem Kirchhofe,
-»wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergründlichen Loches,« in welches
-er als Kind stundenlang hinabgesehen, um _die_ Grube auszugrübeln und
-auszustudiren. -- Und so überzögerten sie »die erste wahrhaft traurige Zeit
-eines Weibes, aber nicht die letzte -- und die Frist: daß eine wie vom
-Himmel gefallene Wittwe sich nothdürftig ausweint, und den Thränenquell zum
-Fließen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hülfe, und
-schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trüben Most des Trostes ein, wobei
-Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer« -- wie Wecker sagte.
-
-So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber in
-_weißem_ -- Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze
-Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den
-Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode,
-die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig
-abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber
-packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stück, je
-Eines in jedes Händchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig
-umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: »Wie
-könnte ich nur den Kuchen essen, der für den Vater bestimmt ist! Ich wüßte
-da nicht, ob Er ihn äße, oder Wer!« Und die Kleinen legten ihn hin. --
-»Ja,« sagte Wecker, »folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner
-Vater.« Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten
-aßen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden
-Weber angeschnitten. »Muth!« sagte Wecker; »was schadet Rauch und Fleisch
-der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken -- oder leider
-nur eine kurze Abschnittszeit -- Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt
-Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.«
-
-Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, goß in die Gläser,
-kostete selbst -- weil ihn Johannes gepreßt hatte, und gab auch den Kindern
-zu nippen von des Vaters -- Mühe und Wohlthat, die so golden im Glase
-blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und
-erblickte die große mit Kreide deutlich geschriebene Schrift:
-
- »Morgen komme ich wieder, lieber Steffen.
- Seid ja nicht böse auf mich!
-
- _Johannes_.«
-
-Sie las sie vor Schreck, unbewußt, laut; und ging vor Wehmuth dann hinüber
-zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster,
-und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthür Wache, daß Niemand die
-Mutter störe, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mühselig
-genesen, schon lange so blaß aussah, daß er ihr sonst im Scherz, aber aus
-innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei
-Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh!
-
-Sie aber träumte jetzt bis die Sonne unterging -- nicht von dem neuen
-Unglück, welches der wohlthätige stilleste Freund der armen Menschen, der
-Traum, erst wie eine nachreifende Frucht, _bis sie süß und lieb ist_, auf
-spätere Nächte aufspart; sondern sie träumte von ihrem alten Glück. -- Sie
-war ein kleines Mädchen; und das Lamm stieß sie in die Blumen; und Stephan
-nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. -- Sie
-schlug grade die Augen auf, als die blitzende Sonne sank -- und ein
-ungeheurer Donnerschlag fiel und riß sie empor von dem Bett; und das Haus
-schütterte; selbst die Bäume zitterten; und die Erde unter ihren Füßen
-bebte weit hin -- und die Thüre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen;
-und eh' noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand
-sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen
-sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschütterten Brust.
-
-Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch
-eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendröthe
-durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere
-Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus
-dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drängten sich endlich Raum zum
-Sehen, und sahen und hörten. Und Einer sprach zu den Andern! »Uff! der hat
-kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren
-den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch in _vollem Monde der Ehre,
-im großen Tage_ des Vaterlandes, in welchem bald -- einst -- und nie ein
-Franzose mehr sterben kann!« Und ein Andrer sprach: »Die sechs Kanonen hat
-er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand -- alle mit
-Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, über
-kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich
-abgeprotzt.« -- »Ein Vorwand! _Ein Kind von zwei Müttern geboren!_« sagte
-noch ein Andrer. »Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann
-erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.«
-
-»Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht auf unserem Wege zu Christel
-kam von _Stephan_?« sagte Krieg bestürzt.
-
-»Ist gekommen!« sprach Wecker. »Dein Reich komme!«
-
-»Und hier erschießt er sich nun!«
-
-»_Hat_ sich!« sprach Wecker wieder. »_Vergieb uns unsere Schuld!_ Es ist
-kein tempus besser für Jeden, als das praeteritum! Und zum Glück ist unser
-Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes,
-Verschwindendes.«
-
-»Der Mann ist wie verschwunden!« sagte der gnädige Gottlieb. -- »Er liegt
-in hundert Stücken;« sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und
-besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes -- zerrissene Stücke
-von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller groß; und
-weit verstreute einzelne Knöpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den
-weggeschleuderten Tschako auf. »Wen der Teufel holt, der braucht keinen
-Sarg!« meinte der gnädige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern,
-den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene
-Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg
-gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten
-Kopfe St. Etienne's sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den
-Abendhimmel. Und Wecker sprach: »Ein Hund weiß doch, wer der Mensch ist! Er
-sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst
-nicht beim Herzen -- er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande!
-Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen!« Darauf kam
-Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhüllte und bewahrte ihn,
-und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt.
-
-»Schweigt!« hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder
-empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. »Siehe, mein Sohn,«
-sagte Wecker, »so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben
-wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehört -- und schweigen, und
-wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen -- nämlich wir! nämlich
-_nicht!_ Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen,
-mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen.« Da ihm Christel aber
-auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum
-jüngsten Gericht, erzählt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung:
-»Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, -- das ist
-mir zu hoch!«
-
-So mit gedrücktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel
-ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber:
-»Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen -- ich habe nun meinen
-Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so
-sonderbar -- Ihr wißt aber nicht _warum_, und danket Gott dafür!«
-
-»Ach, meine Mutter!« sprach Daniel, und wandte sich weinend weg.
-
-Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in
-der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr
-von Ellenroth langsam und leise ein -- und sagte aus gutem Herzen nicht:
-»Guten Abend,« sondern: »Ich muß Euch doch besuchen, liebe Christel; ich
-komme so gern, und muß. Denn hört Ihr nicht aus der Ferne die Schüsse? Man
-wird uns die Vertreibung vertreiben, und uns Eingeschlossene noch enger
-einschließen. Darum läßt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so
-bald als möglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann
-Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem
-ganzen Briefe vergüten, geschweige das Andere, was Ihr hier laßt, oder
-lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch
-rathen läßt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verändert gefunden;
-denn seit jenem Abend, wo vormals Euer -- nun wieder der Welt angehörige
-Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher
-Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht ließ er
-mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir!
-Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe,
-und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so
-verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu
-unserem möglichsten Glück! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen
-kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber
-wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfüllt -- wenn auch meine
-Seele nur mit Hoffnung und Thränen -- und dieses Bewußtsein ist
-immerwährend ein großes Glück -- oder für arme Menschen doch -- das
-größte!«
-
-Christel schwieg.
-
-Da die Schüsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hören waren,
-sprach Wecker: »_Die_ Christen feiern die Osternacht -- auf ihre
-altgläubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch
-kein Christ! sondern hatte nur wüthenden Respect vor Christo. Aber den
-Johannes können wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen
-alten Hector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen
-kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als
-die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begräbniß. . . . Das auf der
-elenden Erde berühmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch,
-wodurch alles Schöne heimlich herausläuft, wie aus einem See, so daß die
-Welt nur eine löcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil
-sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt -- als würfe man Erde auf
-einen Sarg -- das Thränenloch ist bald abgetäuft . . . . zu der großen
-Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des
-Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bäume sterben
-zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen
-Osternacht ist es schön, einen Lieben zu begraben, während alle Dörfer
-umher jetzt denken, denn singen dürfen sie's nicht: »Christ ist erstanden!«
-
-Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle
-Begräbniß.
-
-Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann;
-das heißt: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und
-verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt!
-Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die
-beste auf drei Quadrat -- Schuhe im Umkreis -- denn um die Lebendigen
-stehen alle guten Todten! Weiber und Männer; gewiß auch Johannes! Denn,
-sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und
-seinen Kindern hinter der Thür!«
-
-Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thür vorsichtig
-aufthat, weit offen stehen ließ, so daß Licht in das Haus fiel, und weit
-vorgebogen mit dem Köpfchen hinter die Thür nach dem Vater sah.
-
-Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um
-den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem
-Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mit gefalteten Händen wie
-betend: »Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind!
-Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch
-im Herzen wie Er!«
-
-Darauf beschickten die Männer, mit der nächsten Nachbarn Hülfe, den
-sonntäglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; während Christel,
-die einen kurzen getrosten Abschied genommen -- weil alle Wittwen ihren
-Männern ja bald nachzufolgen glauben -- mit Daniel und den Kleinen zu Hause
-geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hörte jetzt wirklich
-die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel -- und so sah sie nun auch
--- aus der Neujahrsnacht -- das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen
-Erlösung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die
-Inschrift rund umher mit den großen Buchstaben; und in der Ferne regte es
-sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hölle schien am
-Horizont herein; ein naher Kanonenschuß war ihr nur der Donnerschlag aus
-dem Wächterauge der Großmutter des Teufels »über die Arbeitenden im
-Gefild;« über die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier
-Riesenbilder an den Weltwänden -- aber es waren Wolkengestalten; und das
-Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wußte es, und doch sah
-sie das blasse Antlitz an als _das leidende Gesicht der Menschheit_ -- und
-endlich ward das Antlitz _ihr eigenes_ _blasses Gesicht_; und sie selber
-sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand
-berührte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der fröhlich die kalten
-Hände reibend sagte: »Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und
-Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist groß und schön, meine
-Christel; trotz des weltberühmten Allerweltsloches -- ja eben des Loches
-wegen! Wenn ich nicht die Aussicht hätte, mich einmal vor mir selbst
-_darein_ zu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu
-haben -- vielleicht: _das Antlitz_ Gottes, statt Eures lieben, schönen,
-leidenden Mondscheingesichts -- so wollt' ich, wir gingen sogleich nach
-Mainz!« Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen.
-
-Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines
-Glasschränkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem
-kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers großem, womit er den Daniel erweckt
-hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes
-ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und
-zuletzt, mit dem Stück ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die
-Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhäuschen
-»das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum« feierlich, als wollte
-er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. »Denn,« sprach er,
-»unser Geschichtschreiber wird sagen: »Sie eilten, von den nahenden
-Schüssen gedrängt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten, _froh_
-des eignen davon gebrachten Lebens, in die _sichere Stadt_ -- denn selbst
-seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und um _sie_ fort zu
-genießen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel
-mit allem genossenen Glücke klar und nah dahinter, statt Folie; und der
-Spiegel ist so warm und _beredt_, als das Glück groß war, daß es nicht
-ausgesprochen werden konnte -- wie das Leben.«
-
-Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenüber stand, wählten sie den Weg durch
-die erleuchtete, offene, menschenerfüllte Kathedrale, worin so eben
-Christus Auferstehung durch eine lebensgroße Puppe künstlich dargestellt
-ward, und -- _der Kinder willen_ wählte Christel den Weg durch die Kirche;
-obgleich Ellenroth sie so führte, daß sie an dem Grabmale des Churfürsten
-Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Ablaß für
-Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so daß der geistliche
-Pascha seine große Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen
-ausängsten mußte -- damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon
-erlöste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber
-jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzählte.
-
-Hier aber begrüßte sie leise _Paschalis_; und als er mit Christel allein
-einmal um das Altar gegangen, frug er sie: »Darf ich Dir den Schmerz um
-Johannes aus der Brust nehmen?« -- Und sie sagte: »Ich dächte nicht! Nicht
-gern.« »Aber doch!« sagte er langsam. »Siehe Christus ist erstanden: -- --
-und _Dein Bruder Stephan ist umgekommen_.«
-
-Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfüllte nun ganz ihre
-Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war
-nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem
-Sein -- und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen großen Welt,
-und die ganze Welt war ihr nur: der schöne geliebte todte Bruder. Und
-Paschalis ließ sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, still ausweinen,
-während sie in's Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und
-ihn fest an dem kalten Händchen hielt.
-
-Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand
-gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie
-noch milder als zuvor: »Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus
-der Seele nehmen?« Und sie sagte wieder: »Ich dächte nicht! Nicht gern!«--
-»Aber doch!« sagte er: »_Dein Bruder hat sich selber erschossen._«
-
-Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Sänger riefen vom Chor
-über die Menschenhäupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft:
-»Christ ist erstanden!« und die, das uralte, mächtige Wort zurückhallenden
-mächtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen
-das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewölbes wälzte es sich vor
-Freuden dahin, und stieg herauf, und floß wieder herab . . wie ein
-Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte
-sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele.
-
-Und als sie endlich aufsah, aber zürnend und doch niedergeschlagen, frug
-sie Paschalis wieder: »Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln?« -- Und
-sie sagte jetzt: »Gern! Aber unmöglich!« »Aber leicht!« sagte er: . . .
-»_Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen._«
-
-Und Christel ward blaß, schloß die Augen, lehnte sich zurück, und über den
-schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen
-verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als würde es
-tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schönsten Mater
-dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefem Meeresgrunde
-sängen es, in den verborgenen zauberisch schönen Meeresgärten, die
-wundervollen Blumen mit Blumenlippen -- und hoch, hoch, hoch darüber
-schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wüsten stürmenden Wogen
-mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wäre Christel!
-. . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rüttelten nur an der Mutter,
-die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jäh auffuhr, die Kinder
-vergaß und davon fliehen wollte, sie wußte nicht wohin. Paschalis hielt sie
-sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich stützend, ward sie wieder
-völlig munter, und war wieder aufgetaucht in die öde -- liebevolle Welt.
-
-»Denke doch, Christel,« sprach Paschalis, »das liebevolle Herz schlägt ja
-eben in der Welt! Wäre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was
-hättest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht öde, sie ist nur graunvoll --
-denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst!
-Stirb, -- und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie --
-ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich weiß, ich empfinde
-ganz Anderes. -- Ihr habt Euch nicht selbst geholfen -- Ihr leidet nur
-selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir!
-Jetzt glühst Du vielleicht so heiß in Gefühlen, und die Marterkammer der
-Menschen ist Dir so nah vor den Füßen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst
-auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund
-zu ermessen! -- Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du -- Du,
-Sebastianow! -- Ich kann alle Leiden heilen -- wie Moses selber sterbende
-Schlangen! Kommt!«
-
-Und im Gehen sagte Wecker: »Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben
-Alle nicht freventlich in der Arche gesessen! Wir sind rechtschaffen mit
-ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sündfluth der gemachten
-Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit
--- denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen
-das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es
-hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen den _Krieg_, und --
-und -- und werden nun auch erst recht die _Früchte_ mit Muth zu verlangen,
-mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu würdigen wissen, die uns der
-Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der
-bloße nackte Friede selber, _ohne seine versprochenen Gaben_, ist bloß ein
-dummer Junge -- ein wahrer »dummer Friede!« Eine Scheune voll leerer
-Strohschütten nebst abgedroschenen Flegeln! Früchte wollen wir sehen und
-mit Freuden erndten, die wir mit Thränen gesäet! Die sollen uns schmecken,
-wie Nürnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?«
-
-Und die Kleinen sagten: »Ja!«
-
-»Armer hoffender Wecker,« sagte Paschalis; »Ihr hofft für Andre. Mäßigung
-ist die beste Frucht der Unmäßigkeit.«
-
-»Die Todten gehen nicht auf;« seufzte Christel.
-
-»Ihr wißt,« erinnerte der Leinweber, »die Urheber müssen Alles gut machen,
-ersetzen; _gut_ macht es dann der sogenannte Herr!«
-
-Paschalis führte Alle darauf in den Saal seines Hauses. In der Mitte über
-der runden Tafel leuchtete nur ein uralter Kronleuchter, fast wie eine
-dickbäuchige Kreuzspinne mit langen, dünnen Arm-Beinen, an jeder Fußspitze
-ein Wachslicht. Er lud sie ein sich zu setzen, vertheilte Osternachts-Gaben
--- bunte Eier, ungesäuertes Brod und Honig, hatte aber wenig Geduld und
-viel Hast dabei, und sagte: »Ich reise weit weg; auf lange; und fahre die
-Nacht noch ab. Bleibt hier in meinem -- nun Eurem Hause, bis Ihr aus der
-Arche gehen könnt. Ich lege meine Ehre und meine Schande in Eure Zunge.
-Auch meine _Jungfrau Maria_ binde ich Euch mit Liebesstricken und
-Unglücksbanden auf's Herz! Vielleicht, lieber Ellenroth, da Sie schon in
-Griechenland waren, reisen Sie noch mit Ihr nach Italien -- nach Rom, --
-nach Loretto in die Casa santa!«
-
-Von Ellenroth und die Anderen sahen ihn an -- aber Paschalis fuhr fort:
-»Meine Christel, -- Dich bitte ich, künftig in dem jetzt ausgebrannten
-Schlosse von Breitenthal, wenn es wieder eingerichtet ist, eine wirklich
-gnädige »gnädige Frau« zu spielen; den alten weinseligen Herrn von
-Borromäus aus dem Vogelheerde zu erlösen, und ihm den Jäger Niklas zum
-Diener zu geben. Das Gut bleibe dann den Kindern. Der Leinweber und Wecker
-sollen Deine Amtleute und Rechnungsführer sein.« Zu dem Herrn von Ellenroth
-meinte er: »Geld ist Ihnen lieber! Mein ganzes übriges Vermögen -- wirklich
-nun ganz übrig -- möge Sie an meinen guten Willen erinnern, Ihnen meinen
-edelsten Schatz auch gern anzuvertrauen, wenn der Schatz wollen durfte!«
-
-Er gab ihm dabei einige Papiere, die der Schwiegersohn in -- ewiger -- spe,
-wie er ihn nannte, sogar aus Verlegenheit nahm und in Händen behielt.
-Darauf ward Paschalis sehr ernst, indem er nach Etwas in seiner Brusttasche
-zu fühlen schien, und sagte: »Dorothea ist todt! Meine und Ihre.« Aber
-. . . sprach er verstummend, ging und that leise die Thüre zu einer mäßig
-großen Halle zur Seite des Saales auf, welche ganz wie das heilige Haus,
-die Casa santa in Loretto eingerichtet und hell erleuchtet war -- »seht!
-Sehet recht hin! -- Dorothea lebt!«
-
-Christel sprang auf. Ellenroth wandte sich hin, und blieb wie bezaubert
-stehen.
-
-»Dorothea lebt;« sprach Paschalis mit bebender Stimme; »sie lebt; so
-scheint es. Ich weiß jedoch nicht, und nur _sie_ wird es wissen, ob es noch
-_unser_ Leben ist, wenn Jemand Andres in uns und aus uns lebt, denkt,
-empfindet und spricht . . . . wenn ein jetziger Mensch ein nunmehr gewiß
-sehr altes, ja todtes Weib ist; nicht seine Gedanken, sondern ein Gedanke
-der curiosen Welt, also für sich ein Wahn, ein Hirngespinnst, ein Gespenst
--- aber ein unerträglicher Geist für mich! Denn sie ist und bleibt meine
-Tochter, nichts weiter. Sie aber -- -- so hat sich ihre Krankheit gelöst
-. . . so hat sich ihre Seele wieder hergestellt, oder der Sache ein
-Mäntelchen umgehangen -- denn sie -- sie ist sich: die _Jungfrau_ Maria.
-Und also sind alle ihre Schmerzen verhallt, alle ihre vergeblichen Wünsche
-auf Erden wieder in dem Himmel ihrer Seele erfüllt. Sie war hoffärtig!
-Stolz! Sicher im Gefühl ihrer strengen Zucht und Ehre -- der Herr hat sie
-gedemüthigt; aber die Niedergeworfene wieder aufgehoben, doch sie -- Wecker
-geht hin und seht, -- sie hat das ABC stets vor sich auf dem Schooß, den
-Lobgesang Mariä aufgeschlagen, und betet oft kniend laut daraus mit
-_Freuden und Dank_, daß mir die Haut schauert . . . denn sie betet: »Er
-übet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres
-Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Elenden!«
---
-
-Und sie traten an die Thür und sahen das schöne blasse Mädchen,
-eingeschlafen; aber auch schlafend noch in ihren morgenländischen Kleidern,
-nur sonderbar mit dem Bande der Ehrenlegion geschmückt, auf alterthümlichem
-Sessel sitzend, die Linke auf die Lehne gelegt, die Rechte auf dem
-aufgeschlagenen Kinderbuche. Um ihren Kopf schimmerte ein ächtpersisches
-buntes Tuch, und auf dem Wirbel schimmerte eine kleine silberne Krone. Im
-Zimmer war wenig, aber gleichfalls alterthümliches Geräth; und an der Wand
-hing eine Copie der _Verkündigung_ von der Angelika Kaufmann, die zur Seite
-der Casa santa in der Kirche zu Loretto hängt.
-
-Und wie dort der willfährig empfangene Engel, kniete jetzt hier der
-verstoßene Bräutigam vor sie hin, und beugte sich dann zu ihren Füßen
-nieder. Wecker aber nahete leise, legte sehr sanft die alte zitternde Hand
-auf ihr Haupt und sagte zu der Schlafenden: »Hätte ich Dich doch hinunter
-stürzen lassen, wo ich den Teufel vom Thurme stürzte! Denn Du arme
-Verrückte hast ja doch gethan, wovor Dich Gott, laut Deines Briefes,
-bewahren sollte: -- Du bist katholisch geworden!« -- Dann zog er die Hand
-zurück.
-
-»Wecker!« tadelte ihn der Leinweber: »die wahre Jungfrau Maria ist nie
-katholisch gewesen! Selbst Christus war kein Katholik, höchstens rein
-evangelisch, und das noch kaum: Er war nur Er selbst ganz allein, nicht ein
-Christ, sondern Christus.«
-
-Die Kinder aber fürchteten sich hinein zu gehn, und die Kleine war schon
-schlafend bei ihren Ostereiern am Tische sitzen geblieben. Christel stand
-also entfernt mit Daniel und Gotthelf. Sebastianow, der Mitverwüster dieser
-starken Seele, dieser schönen Jungfraugestalt, aber zitterte am ganzen
-Leibe wie vor dem jüngsten Gericht, das so eben wie Wetter hereingebrochen,
-und bebte nun seinen Namen zu hören.
-
-Paschalis aber sagte ihm mild auf Russisch: »Janow -- Zschartowitsch![A]
-Gehe getrost hinein. Sie kennt selbst den Vater nicht, denn sie wohnt in
-Nazareth, in alten, heiligen Tagen; und ich bin ihr nur ein fremder,
-fremder Mann aus der Zukunft . . . und doch bekannt . . . wie aus dem
-Paradiese! Hast Du aber vorhin in der Kirche, nach Eurer Sitte, vor jedem
-Geistlichen dreimal ausgespuckt, so schlucke hier dein Gift hinunter.« --
-Dabei schenkte er ihm einen Beutel mit Golde, und der Mensch betete ihn
-bald an. »Ziehe in Frieden!« sagte er ihm, sich von ihm wendend, ob er ihn
-gleich mit keinem Auge angesehen.
-
-[Fußnote A: Teufels-Sohn.]
-
-»Nun, Christel.« frug er diese, »hast Du noch einen Dolch im Herzen, um
-Dorothea! Auch den Schmerz will ich aus Deiner reinen Brust nehmen! Ja,
-wenn Du auch um mich noch einen Stich empfinden solltest, so will ich
-vorher dem Dolche die Spitze umbiegen. Ja, was Du auch gelitten hast, Du
-sollst Dich darüber freuen und dem Herrn _dafür_ danken! Denn ich halte
-noch ein kleines aber furchtbares Licht in meiner Hand, das mich brennt es
-fallen zu lassen. Und doch bin ich innerlich schon dadurch verkohlt. Ich
-bin todt, und darf nur die Augen noch zuthun. Doch das ist bald gethan.«
-
-Die Andern traten jetzt Alle um ihn, und Paschalis sprach ernst: »Nun wohl,
-so mögt Ihr es wissen, besonders der Bräutigam. Wie der bessere Mensch nur
-ein Wort ist, und die meisten nur ungesetzte Buchstaben im
-Buchdruckerkasten, die der Geist der Welt setzt, so konnten die Menschen,
-jeder eine Lehre aus seinem Leben ziehen: wieder das Wort. Klarer aber, als
-da draußen aus der furchtbar wogenden Welt, springt aus unserem kleineren
-Leben eine große Lehre heraus, und die will ich als Kaufmann noch ziehen!
-Mäßigung, sagte ich angeklungen vorhin, Mäßigung ist die beste Frucht der
-Unmäßigkeit. Auch Mäßigung in den Wünschen. Die Hoffnung war auch etwas
-werth. Der Betrug wird auch klug machen. Ein Volk, das nur einmal wieder
-tüchtig zugestutzt worden ist, selbst bis auf den Stamm und die Wurzel, das
-hat wieder Lebenskraft erhalten, verjüngt sich wieder und geht nicht ein.
-Am schrecklichsten aber bestraft sich Selbsthülfe? Wenn sich ein Mensch
-helfen will, so thue er es bloß durch weise-, gelassen- und gut-sein.
-Völker denken oft anders. Aber auch zu ihrem Schaden; denn wenn Alle klug
-sind und fromm, kann Einer oder werden Mehrere nicht mehr gottlos und dumm
-sein. Sela.«
-
-»Das wollt' ich nur wissen!« sprach Wecker.
-
-»Ich aber verabscheue die Selbsthülfe, wenn sie nur ein wenig mehr ist, als
-Ertragung und Verwünschung der Uebel, selber der schwersten und
-schmählichsten,« (Er sah wehmüthig nach Dorothea.) »Denn der Lastträger hat
-Kraft; der Verwünschende hat weiseres Wissen und Zorn gegen das Böse, und
-den Wunsch des Bessern, ja des Guten. Ich aber -- beweint mich nicht -- ich
-habe mir selber so geholfen . . . daß ich mir nicht mehr zu helfen weiß.
-_Meine Tochter_ hat sich geholfen . . . bis in den Scheintod, ja bis zur
-Jungfrau Maria! Und ihr war doch schon geholfen durch mich. Der alte
-Zimmermann _Frommholz_ hat sich geholfen . . . bis in den Kerker -- und
-sein Helfer war schon bereit! -- _Johannes_ hat sich geholfen . . . bis in
-den ewigen Kerker -- und die Kugeln rührten sich schon in den Läufen, die
-ihm freie Bahn machten! _Stephan_ hat sich geholfen -- Alle haben sich
-selber geholfen . . . und Niemand kann _ihnen_ mehr helfen, selbst ein Gott
-nicht, der seine Welt nicht auf Selbsthülfe berechnet hat, sondern auf
-seinen Rath und seine Führung und seine Kraft, der _Niemand_, Niemand
-widersteht; und auf seine Liebe, die _Allen_ angedeiht; und auf das
-_Zutrauen_ zu Rath, Führung, Kraft und Liebe des außerdem --
-Erschrecklichen! Zermalmenden! -- Gottes!«
-
-Paschalis ging einige Schritte bei Seite; stand, wandte sich ab; bog den
-Kopf zurück, als starre er hinauf in den Himmel; aber er hatte dabei seine
-Hand am Munde. Dann kam er zurück und sprach: »Kinder, Daniel und Gotthelf,
-geht doch zu Euerem alten Großvater Frommholz! Keines von Euch hat ihn
-bemerkt. Er sitzt schlafen hinter der offenen Thür, da ist sein warmes
-Plätzchen. Ich hab' ihn erlöst; und als alter Zimmermann paßt er sich wohl
-hieher.« Und die Kinder gingen und der Pathe.
-
-Darauf sprach Paschalis eilend und schneller, aber auch schwächer und doch
-wie entzückt: »Sonderbar! Nun ich _weiß:_ Ich -- Ich habe sieben Menschen
-umgebracht -- und weiß: nur gräßlich _Schuldige_, also Thiermenschen -- und
-_Ich_ habe sie geschlachtet, nicht meine theuere Dorothea hat es gethan --
-nun ist mir leicht! Denn sie sind _eher_ an meinem mit Kirschlorbeerkraft
-vergifteten Rheinwein gestorben, als sie erstickt _sind_, nicht _worden_.
-Mein Kind hat es also nicht gethan -- _ob sie es gleich gethan hat_ --
-sondern doch nur gewollt. Todte kann man nicht tödten. Jeder Mensch, sieben
-oder einer -- auch Ich -- können nur einmal sterben. Ich könnte den
-sonderbarsten Prozeß mit meiner Tochter führen . . . und nur gewinnen! Denn
-Ich bin der Rächer für ihre erlittene Schmach! Mein Kind, mein armes Kind
-ist _unschuldig_ wie das Lamm Gottes, das -- der Welt Sünde trägt.« Er
-taumelte. Und eilender sprach er: »Holt keinen Arzt! Ihr Thoren, sterben
-werde ich nicht -- bis Gott stirbt.«
-
-Er zitterte; er holte heißeren Athem; sein Gesicht glühte; seine Augen
-standen glotzend. Ihn erdrückte das Gewicht der Worte, die er gesprochen --
-daß sein Kind _unschuldig_ sei, während sie doch der Welt Sünde trug, und
-schmachgebeugt, bis zur Unkenntlichkeit ihrer schönen Seele, vor ihm
-vergangen war, und herabgesunken bis zum Gespenst der Jungfrau Maria. Und
-zum Glück oder Unglück erhob sich jetzt die schöne stille Königin der
-Trauer, Dorothea, und kam in ihren rauschenden, langen Gewanden, mit
-schimmernder Silberkrone auf Paschalis zu. Und da sie so viele befreundete
-Menschen sah, breitete sie ihre Arme mit getäuschter und gesammelter
-Empfindung -- nach ihrem Vater aus. Und er sank in ihre Umarmung.
-
-So blieben sie lange. Bis Dorothea wankte, und sie ihr zu Hülfe kommen
-mußten. Denn der Vater, vom Gewissensschlag gerührt, wie Ananias, von
-Jammer zerrissen, und vom stillen schnellen Gift ausgelöscht wie ein Licht,
-war in ihren Armen vergangen.
-
-Sie lehnten ihn hin. Und Dorothea verwunderte sich nicht, vergoß keine --
-Klage, ja ihre Augen wurden nicht feucht.
-
-Und Christel zog und drückte ihre Kinder an sich, und pries sich glücklich,
-ja selig. »Der Prophet hat wahrgesagt! Mich würde kein Unglück treffen;«
-dachte sie. Denn sie selber litt rein das unreine, schmähliche, aber nicht
-beschmitzende Leid des Lebens.
-
-Nur Dorothea sah sie groß an, und lächelte spöttisch. Und Christel
-erröthete vor dem Geiste St. Etienne's, der ihr erschien und verschwand.
-Und sie seufzte tief aus befreiter, nicht schuldig gewordener Brust auf
-. . .
-
-Paschalis aber hielt in seiner Hand noch ein kleines Blatt Papier, das er
-vorhin, während er gesprochen, immer langsam um beide Zeigefinger spielend
-gerollt hatte. Dorothea langte es geisterhaft daraus, und wog es. Dann
-starrte sie lange hinein.
-
-Und als gälten die Worte sowohl dem Vater, als eben _so wohl_ auch ihr, las
-sie erst halblaut . . . dann laut . . . dann begeistert, und wieder wie
-entseelt, und Alle zu Thränen hinreißend:
-
-
-»Meine Grabschrift.«
-
- »Es ist nur Eine Ruh' vorhanden.« Doch
- Die _träge_ Ruh' im Grabe ist sie nicht!
- Die stille Kraft des _Geistes_ ist sie,
- Der in der Welt, doch _über_ aller Welt
- Festschwebend, alles Uebel niederhält,
- Nur voll vom Guten, nicht das Böse kennt,
- Und rein die Liebe walten läßt! _Ihm_ ist
- Das regste Leben: ungestörte Ruhe;
- Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Frieden!
- Der allverbreiteten urstillen Kraft,
- Die Ungemessenes unablässig wirkt,
- Der willst Du Ruh' und Fried' und Seligkeit
- Absprechen? Gott? -- Und Gott liegt nicht im Grabe!
- Ich selber gehe durch das Grab zu ihm,
- Und hoffe bei der Kraft und Liebe -- _Ruhe!_
- Gott ist nichts Besseres als Du . . . sein kannst.
-
-». . . Seine Tochter bin ich schon . . . seine Schwiegertochter!« sprach
-Dorothea holdselig und begnügt.
-
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Siebenter Theil. Veit und
-Comp., Berlin, 1845, pp. 1-178.
-
-Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-
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-
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-contact links and up to date contact information can be found at the
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-For additional contact information:
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-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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