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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 22:06:27 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Die Osternacht - Zweite Abtheilung - -Author: Leopold Schefer - -Release Date: August 18, 2012 [EBook #40524] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - -Leopold Schefer - - - - -Die Osternacht - - - - -Die Osternacht. - - -Zweite Abtheilung. - - - - -Sinnwort: - - Soldatenfreuden - Sind Menschenleiden. - - - - - -I. - - -Nun wird die gute Zeit wohl aus sein! sprach Christel, mit gesenktem -Köpfchen zur Erde sehend und ihre Hände gefaltet. - -Vater, die Straße brennt! rief Daniel, durch das Thor in den Hof springend. - -Ach, daß _die_ nur brennte, nicht auch unser liebes Zahlbach, und Häuser, -Gehöfte, Dörfer und Kirchen im Lande! erwiederte ihm Johannes und nahm ihn -an die Hand. Wo erst die Pferde Rauch machen, da machen die Menschen dann -Feuer und Elend. - -Was für Menschen? frug Wecker, fast erhaben darein sehend, und mit dem Ohre -wie vom Himmel auf eine Antwort horchend. Aber, mein Daniel, fuhr er mit -belehrender Geberde fort, die da kommen, _das_ sind gar wundersame -Menschen, Cento- oder Milletauren aus Taurien, mit vier Pferdebeinen und -Pferdeschwänzen, und mit zwei Köpfen -- einem Pferdekopf, der sehr klug -ist, und Hafer frißt, auch grüne Saat und Dachschoben von den Strohhütten -und liebes Brod von den Tischen -- und einem Menschenkopf mit einem Bart -wie ein Ziegenbock, und mit zwei Händen, wovon die eine so lang ist, wie -ein Spieß, und von Holze, und ganz vorn der eine Finger daran von Eisen! -- -Cavallerie, von Cavallo, nicht von Cavalier! wie euer alter Vater Frommholz -sagt, Johannes! - -Ach, scherzt doch nicht, Wecker! bat Christel. Mir ist wie vor einem -Gewitter, das still heraufzieht. - --- Und vorüber! meinte Wecker. Ist am Himmel nur Eine Wolke von heute früh -nur, oder von gestern, von vor dem Jahre, von vor hundert oder tausend -Jahren zu sehen! -- seht hinauf, mit euren lieben feuchten Aeuglein, liebe -Christel: Alle sind weg! Verflogen, verregnet, verdonnert, verstoben -- und -der alte Himmel ist hell! Und kommen auch neue Wolken, so wird der Schwarm, -so groß und barbarisch er ist, auch vorüberziehen, und die Erde wird wieder -rein sein -- wie nach der Sündfluth, Der arme Noah! Der litt einmal! Es ist -auch ein Elend, viele, viele, ja alle andere Menschen umkommen zu sehen, -und selbst feuer- und wasserfest und wohlverpicht in seiner Arche zu -sitzen, und Tauben und Raben hinaus zu lassen, um zu wissen, ob die Erde -wieder gangbar ist? -- Und hätte ich nachher den Regenbogen gesehen, so -hätte ich gesagt: Verzeih' mir's Gott! er gefreut mich nicht; -- es sind -gar zu viel Menschen ersoffen, denen er -- Frieden bedeutet! Das sind nur -die Thränen von allen den Leuten, die zum Himmel geweint haben, aller der -desperaten Sünder! Darum lieber selbst etwas mitleiden, etwas mitweinen, -ein paar Glieder von den Seinigen oder von seinem Leibe miteinbüßen, wenn -ganze Korporationen in und am corpore -- dem corpus delicti -- leiden, das -ist in bösen Zeiten ein wahrer Trost! Das macht uns zu Mitmenschen, -Mitkönigen und Mitbauern, je nachdem wir nun dies oder das sind, liebe -Christel. Die Kinder Gottes _leiden!_ Von jeher, und noch wie lange, weiß -Niemand! Und _die Herren_ denken: haben sie _so_ lange gelitten, mögen die -paar Millionen auch noch ein paar tausend Unglücke weiter leiden. Denn -_sie_ bleiben es doch. Aber -- Wecker bleibt Wecker! - -Ach, Ihr meint es rechtschaffen, mit uns und der ganzen Welt! sprach -Christel. - -Das wollt' ich nur wissen! erwiederte er weich, da sich oben am Himmel ein -Regenbogen aufbaute. Glaubt nur, Kinder, für einen _Rechtschaffenen_ ist -das ganze Himmelszelt, so groß es ist, nur eine Hütte! _Er_ ist viel -größer, viel leichter als die Bläue, viel fester in seinem Kerne, und lebt -und schwebt mitten darin und doch hoch darüber -- wie euer alter Vater, -Johannes, da droben als Zimmermann an dem Kirchthurme hängt, wie ein -Grünspecht mit seiner grünen Jacke, und hackt! Seht nur, jetzt hackt er die -Axt fest, und sieht sich um über die Gegend nach _Britzenheim_ zu, und -sieht den Schwarm der Feinde kommen, davon wir nur erst noch den Staub -erblicken, nicht die Herren Staubmacher, zu Staubmacher und zu Staubwerder -selbst! - -Jetzt blieben alle eine Weile still, denn es fiel ein Kanonenschuß von der -_Klubbistenschanze_ vor der, nur eine Viertelstunde von Zahlbach entfernten -Festung Mainz; und als er verdonnert, und in den Thälern verhallt war, -sahen sie sich an, Wecker aber fuhr fort: Kinder, das war seit langer Zeit -der erste! Die blauröckigen Kinder drin werden wach, und schau . . . sie -haben den Staub auch gesehen! Aber um hinauf zu dem alten Großvater -Frommholz auf den Thurm zu kommen, seht nur, er läßt die Axt eingehackt und -kriecht zum Loche hinein! Er wird herunter kommen, und uns _berichten_ -. . . oder kommt er bloß zum Abendessen? Das wäre besser! Aber dabei bleibe -ich: Jetzt in der allgemeinen Noth marschirte ich mit keinem lieben Vieh, -je einem Männlein oder Fräulein, und mit meiner seligen Frau, mit Söhnen -und Töchtern und sündlosen Anverwandten, auch wenn ich welche hätte, doch -nicht in die aufgethane Arche, und lebte darin in Freuden, und -wohlverpicht! Denn das erlebe ich, daß auch mein Sohn _Friedrich Wecker_, -der wohlgerathene Tambour, aber mißrathene Schulmeister, ohne Arme oder -ohne Beine -- ad lubitum der Herren Feinde, aus Rußland oder aus -Deutschland angewackelt kommt -- oder nur von _Hanau_, wo man unserem -Hochverehrten den Weg verlegt hat, die Breite und nicht die Länge. -Verkehrt! Denn von der Seite reitet man ein Pferd um. Aber mag er kommen -ohne Trommel, ohne Arm, ohne Zehrpfennig -- er soll mein lieber Sohn sein! -Ich will mich im Geiste seiner Mutter, als meiner lieben Ehehälfte im -Grabe, wovon die andere Hälfte, als nämlich ich, noch über dem Grabe vagirt --- freuen, und wieder einmal weinen, als ein einsamer Mensch, der gar -Niemanden mehr schelten kann; denn ihr alle, der alte Großvater Frommholz, -Ihr Johannes, Christel und eure Kindlein, ihr seid doch Alle gar zu gut, -und ich habe nichts, als im Herzen euch Dank zu sagen! Aber Mann und Weib -ist _ein_ Leib. Aber was ist ein Wittwer und eine Verklärte? nämlich meine -Ehehälfte. Es ist doch ein närrisches Leben, wenn Einer halb im Grabe liegt -mit schwarz bombasinenem Kleide und cannevassener Haube -- und zugleich -auch halb draußen steht, wie Ich, und als Ich, ganz, gesund, alt, mager und -sechs Fuß hoch, wie ein Weinstock -- ohne eine einzige Rebe, vor dem Winter -eingepackt in einen alten Rock, grob wie eine Matte, und einen Stock im -Leibe, damit die ganze Vogelscheuche nicht einfällt! Darum mein großer -_Friedrich_, komme Du heim, komme _mir_ nur heim, ob ich gleich keine -Heimath habe! Aber ich habe eine Brust und ein Herz, da sollst Du Schlingel -zu Hause sein, weil Du doch einmal darin immer zu Hause gewesen bist -- -auch so lange Du entlaufen warst, oder wohlgerathener Landstreicher und -Tambour -- vielleicht . . . Major! - -Nun, sprach Christel, das Unglück der Großen ist oft, wenn nicht immer, der -Kleinen Glück; wenn ein Sack -- wie Napoleon, reißt, fallen viel Körner -heraus; und so kommt vielleicht auch mein Bruder, der _Stephan_, wieder, -der mit Gewalt mit angeworben wurde, weil er kein Weib, keine Kinder, -sondern nur . . . - --- -- nur Haus und Hof, Kühe und Kälber, Pferde und Ochsen hatte, fiel -Wecker ein. Freilich, um die war's nicht Schade, ob sie ihn gleich -vielleicht auch gut gekannt und lieb gehabt haben! Aber wer kann alle -Herzensangelegenheiten schonen! - -Daniel winkte zu hören, und sprach nach einer langen Pause: Wie sie -gesungen kommen -- - --- daß einem das Herz im Leibe lacht und der Magen, meinte Wecker. So in -Fugen singen sie; Einer fällt nach dem Andern ein, der Dritte, der Vierte, -und Alle aus vollem Halse. Und wie es fromm klingt! Das sind gewiß gute -Menschen! Wer singt, ist gut, nämlich so lange er singt, und den Mund -_dazu_ braucht. - --- Horcht! nun pfeifen sie gar! rief Daniel, freute sich, und wollte zum -Thor gehen, um aus dem Gehöfte auf den Weg das Dorf hinauf zu sehen. - -Ach, seufzte Christel, was sollen wir thun? Was ist jetzt gut, oder was ist -schlimm von dem, was wir Leute gewohnt sind? Jetzt ist kein Schritt recht -oder gleichgültig, kein Fleisch recht gekocht, kein Huhn gut gebraten, -keine Suppe recht gesalzen! Da lob' ich meinen Johannes und euch Alle! -- -Ihr wart immer mit mir zufrieden. Aber _darum_ vernachläßigte ich nichts, -in dem guten Zutrauen auf eure Geduld; sondern je begnügter ihr wart, je -sorgsamer strengte ich mich an, und lauschte und merkte mir gern, was der -Kleinste gern hatte. Nun werde ich nichts recht machen; und ich möchte -wahrhaftig mein _Sophiechen_ oder meine _Clementine_ sein! Heut nur in -unserm Zahlbach! Denn . . . seht nur, wie glücklich sind doch die Kinder! -Wie leben sie überall und immer im Paradiese! Ohne Sorge und Furcht, -glücklich, wenn nur die Mutter lächelt und spricht: Du bist mein liebes -Kind! Seht nur, mein kleines Osternachtkind, die kleine _Clementine_, die -ich der guten gnädigen Frau zum Andenken so genannt -- sie versprach mir -gestern Nacht: ohne mich ganz allein einzuschlafen, wenn ich ihr ein -Brodchen mitbüke; und so konnte ich ungestört backen; jetzt hat sie es dort -bei sich; und da _ihr_ das Schaukeln so gefällt, so denkt sie: dem lieben -Brodchen soll es auch gefallen, und so hat sie es auf den Sitz der Schaukel -_gesetzt_, und schaukelt es mit ihren kleinen Aermchen! Ach mag doch Alles -verloren gehen . . . - -. . . Also hübsch langsam! schaltete Wecker ein. Verloren _gehen_, nicht -verloren rennen! - -Auch das! fuhr Christel fort; mag heut, schnell, gleich Alles verloren -werden, und hin sein, selber das tägliche Brod, sogar wie es Luther -auslegt, nur nicht . . . nur nicht: Mann und Kinder! Nicht Ein Kind! Weiter -bitte ich Gott um nichts . . . - -. . . Um nichts weiter! Ei, meine bescheidene Christel, da bittet Ihr recht -viel, recht grob den lieben Gott! sprach Wecker. Denn, wie ich Euch kenne, -habt Ihr eben nichts weiter, nichts Anderes in Euren Gedanken, in Eurem -Herzen, als den Mann und die Kinder. Ihr wollt also nur geradezu Alles -behalten, was Ihr habt und besitzt; denn die Tausend Gulden von Eurem -Vater, die der alte Herr von Borromäus für Euch am Kaufgelde hat fahren -lassen müssen, und die Ihr ausgeborgt habt für die Kinder, die kümmern Euch -nicht; auch nicht die dreihundert Gulden Lotteriegewinn vom Gevatter Pathen -Leineweber Krieg, die Euch Dorothee wiederbezahlt, weil sie nun mehr hat, -und nichts schuldig sein wollte, das protzige Mädchen, das nicht aus -Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus lauter Ehre -zusammengebacken, und mit Mädchenstolz gesäuert. - -Ihr habt nicht ganz Unrecht, . . . _Meister_ Wecker, wie Ihr ohne Schule -nun einmal wollt genannt sein, damit Ihr doch noch etwas wäret oder hießet; -sprach Johannes dazu. Selbst die saubern Geräthschaften, Tische, Stühle, -Schränke, Betten, Gebetten, Kisten und Kasten mit Wäsche und sächsischer -Leinwand, und was wir Alles aus Herrn Paschalis Schiffchen packten, freute -meine gute Christel nur um der Kinder willen; die freuten sich! Aber doch -Sonntags, wenn Alles fein sauber aufgeräumt war, die liebe Sonne in die -blanke Stube schien, und Christel selbst auch sonntäglich in dem lieben -Sonnenschein stand, da gewann ihr die neue Heimath denn doch ein heimliches -Lächeln ab. Das Geld haben wir nicht zum Bauen gebraucht; denn als meinem -Vater seine zweite Frau gestorben war, mit welcher er Alles erheirathet -hatte, da ward ich wieder sein Sohn, da durfte ich wieder zu ihm kommen, da -mußte ich sogar Haus und Garten und Feld von ihm nehmen, zum Zeichen, daß -er heimlich immer mein guter Vater gewesen. - -Jetzt kam der alte Frommholz vom Thurme. Die Kinder liefen ihm entgegen, -auch die Kleinste mit ihrem Brodchen, und er mußte sie auf den Arm nehmen. -Der alte Mann nahte und trat zu ihnen. Seine Gestalt war hoch, sein Gesicht -ernst geworden von dem langen Zuschauen der wechselnden Erde, die ihre -schönsten und besten Kinder, die Menschen, wenig zu achten scheint; dennoch -war seine Stellung fest, sein Auge getrost, aber seine Hand vom Alter -mager, von der Sonne braun; und das Kind hatte sein kleines, weißes -Händchen darauf gelegt, wie ein Blüthenästchen auf einen trockenen Ast; und --- wie eine Rose an ein altes Gemäuer -- lehnte es sein kleines Gesicht -weiß und rosig an das gleichsam wettergraue Gesicht des Alten; und die -_noch nicht_ gefärbten weißlichen Haare der Kleinen mischten sich mit den -_schon wieder_ entfärbten, und nun auch weißen Haaren des Großvaters, die -ihm voll bis auf die Schultern hingen, und er hieß bei Menschen ein -_ehrwürdiger_ alter Mann, entweder weil er die Sonne lange gesehen hatte, -oder sie nicht mehr lange schauen sollte. -- Da will ich die Wahl haben! -meinte der lebenssatte Wecker, wenn die Leute demselben Glück zu dem -schönen Alter wünschten und ihn bewunderten -- wie den eingefallenen Thurm -zu Babel, und die vornehme Nase, die nach Damaskus -- geschaut hat, in -ihrer Jugend. - -Nun, Großvater, sagte jetzt Christel, Ihr stellt Euch so ruhig und -schweigsam zu uns! Erzählt uns doch! Rathet uns doch! - -Wer kommt denn eigentlich? frug Johannes; unsere große, ganz klein -gewordene Armee? - --- Unser Friedensstifter, Vermittler, Bundruthe unseres Rheinbundes, unser -allergroßmächtigster Kaiser und allezeit Mehrer des Reiches, auch wenn er -ein Stück von seinem Kaisermantel nach dem andern verliert? fragte Wecker. - -Was sollen wir thun? frug Johannes; sollen wir hier bleiben, draußen? oder -hineingehen? Kochen, braten oder backen? Und was? Oder sollen wir Alles -stehen und liegen lassen, und ein ruhiges Land aufsuchen? - -Kinder, sagte der Alte, heut zu Tage kann man immer auf das -Entgegengesetzte von dem gefaßt sein, was alle Menschen vermuthen und -glauben, selbst die Herren Potentaten. Alles kommt anders und besser, als -selbst der Freiestgesinnte und Beste denkt, und ganz etwas Neues! So kommen -auch jetzt unsere Feinde, die Kosaken, _vor_ unserer Armee, als ihre -Vorreiter, Voresser und Vortrinker. Aber, was Ihr thun sollt, meine Kinder? --- Nichts! Wenn böse, gefährliche Zeiten kommen, muß Jeder schon das Seine -gethan haben: gelebt, gebaut, geheirathet, gesorgt, verdient und gespart. -Die böse Zeit tritt zum Menschengeschlecht als sein Richter, und spricht: -So wie du gelebt _hast_, so wird dir geschehen; mein Buch ist geschlossen, -deine Rechnung gezogen. Die sieben fetten Kühe müssen die sieben magern -übertragen. Wer die sieben fetten in's Haus geschlachtet hat, der kommt um! --- Aber, sprach er mit Lächeln, ein ruhiges Land aufsuchen? -- Wo denn? -Jetzt nirgend. Wenn Erndte ist, ist überall Erndte, ein Paar Tage, ein Paar -Wochen später; aber Erndte ist gewiß, gute oder schlechte, wie und was -Jeder gesäet hat. Vielleicht hätten wir sollen mit den verständigen, freien -Würtembergern, den Rhein hinunter, nach Amerika ziehen. Wenn in einem Lande -Herbst wird, ziehen die Lerchen, die Schwalben und Störche von dannen, und -sind unverständige Vögel. Sie nisten über dem Meere nicht, aber der Mensch -baut sich an, und gedeiht überall wohl, wo nur die Erde ist, und nur die -Erde ist sein Vaterhaus und seine gute gleichnährende Mutter überall. Die -große Lehre hat uns Schmach und Schande gelehrt. Uns aber ließ man doch die -vorzüglichste Freiheit -- wegzuziehen, wenn es uns nicht unter dem neuen -Herrn des Landes gefiel; und nur die Freiheit des freien Abzugs mit Weib -und Kindern, kleinen und großen, zu jeder Zeit muß den Menschen bleiben, -wenn sie so durcheinander gewürfelt und hinüber und herüber verspielt und -gewonnen werden, wie bis jetzt anno 1813, als wenn die Unterthanen liebes -Vieh wären, und kein Herz hätten, und zu _Niemand ein Herz haben sollten_. -So wollte man, und _so_ ist den ihr Wille geschehen. Amen! - -Amen! Amen! _In Ewigkeit!_ sprach Wecker fromm und gläubig dazu. Der Bauer -Adam Müller hat doch Recht gehabt! Es ist Krieg geworden, 1812, wie in dem -Briefe an den seligen Herrn von Borromäus stand! Vielleicht gehen nun auch -die unschätzbaren schlechten Zeiten an, die er verheißen, und worüber sich -das Landesväterchen so gefreut! - -Die Unsrigen rücken aus Mainz dem Feinde entgegen, und wahrscheinlich -begegnen sie hier sich im Dorfe; sagte der Alte erst jetzt. Es kommt darauf -an, wer schneller reitet. - -Mein Gott! stöhnte Christel. Wer hätte gedacht, daß man unter einer Festung -Napoleons nicht sicher wohnte! - -Sogar er selber nicht mehr, sprach der Alte. Aber wenn Er sogar nicht mehr -sicher ist, so können alle Andern, die nicht solche Männer wie Er sind, -nicht ihren festen Sitz auf hundert Jahre verpachten, ohne daß der Pächter -nicht vor Ablauf der Pachtzeit -- stirbt. - -Wecker schüttelte sich und sprach: Mir ist ordentlich als ginge Jemand mit -Geisterschritt in den Wolken, und warnte herab mit dem Finger, und spräche -große Lehren herab; und auf Erden liefen Teufel umher, und hielten den -großen Menschen die Ohren zu, und sprächen: Das da oben ist bloßes -Luftgebrause! Unsinn am Himmel! Wer nicht gehört hat, der darf nicht -folgen. Erlauben Sie also gnädigst, Ihre hochgeehrten Ohren mit dem -weichsten schadlosesten Wachs zu verkleben; es ist gelbes natürliches -Wachs, ohne allen Arsenik! Sehen Sie, ich verschlinge ein Stück davon. -- -Und bei den Worten brach Wecker einen Krumen von Clementinens Brodchen, und -verschlang ihn im Eifer. - -Der Lärm ist im Dorfe! sprach Christel bestürzt. Riegelt das Thor zu! - -Da sprengen sie es ein! und werden erst wüthende Gäste! versetzte der -Greis. - --- Verbergt Euch! - -Da holen sie uns hervor mit Flintenkolben und flachen Klingen. - --- Fliehen wir! - -Da zünden sie das Haus an, oder richten uns Alles zu Grunde. - --- Kommt in das Haus! - -Da kommen sie nach, und erbitterter! Das weiß ich als alter Soldat. Thut, -als kämt Ihr, sie zu begrüßen. Sagt, Ihr wartet auf sie. Laßt Alles offen! -Bleibt, wo Ihr seid; wir sind überall in Gottes Händen! Wer da denkt: Gott -hat ihn nur im Mutterleibe gebildet, und da das Leben gegeben; und nicht -glaubt, daß Gott ihn jeden Augenblick so wunderbar fort bildet, und seinen -Odem ihm leiht, der ist ein Blinder. - -Das wollt' ich nur wissen! meinte Wecker. - -Wißt, denkt, glaubt es doch auch, Ihr alle meine Lieben; fuhr der Alte -fort, während man kaum vor Geräusch und Geschrei und Geklirr und Gestampf -seine Stimme recht hörte. Wißt Ihr es auch. Die Rosse hat Er geschaffen, -die eisernen Spitzen sind aus seiner Erde, die Menschen sind aus seinem -Paradiese. -- - -Die Wuth aber ist vom Teufel! schloß Wecker. - -Denn von den Feinden, die sich eben im Dorfe einnisten wollten, aber schon -wieder ihre Feinde: französische Infanterie, begegneten, kam ein Kosak in -den Hof gesprengt, der einen Franzosen verfolgte. Der Franzose lief in -einem Zickzack um die schönen Linden, die jetzt schon gelbe Blätter -verstreuten, auf das Haus zu. Alle sprangen nach dem Hause; Wecker mit -Gotthelf, Christel mit Sophiechen, Johannes mit Daniel, und der alte -Großvater Frommholz war mit dem kleinen Osternachtkinde, mit Clementinen, -die er auf dem Arme trug, der Letzte. Das Kind sah über die Achsel des -Großvaters nach dem weißen Pferde, und hielt sein Brodchen hoch und bereit, -es dem fremden Manne zu geben -- da verfehlte der Kosak mit der langen, -rothen, eschenen Lanze seinen Feind, der eine schnelle Wendung machte, und -sich platt mit seinem Gewehr auf die Erde warf, und die eiserne lange -Spitze der rothen Stange fuhr dicht über der Schulter des Großvaters mitten -in die kleine Brust des Kindes, und durch und durch, daß der alte Mann die -Spitze mit seinem rechten Auge erblickte; und er stand wie angewurzelt, wie -mit Feuer begossen von dem Gedanken, was da geschehen sei; und ohne Kraft, -das Schicksal der leichten, aber unglücksschweren Last zu tragen, sank er -auf seine Kniee; vor seinen Augen war gänzliche Nacht, und in der Nacht war -gänzliche Wüste; aber das Kind hielt er noch fest. - - - - -II. - - -Nur der Kosak schrie auf -- _menschlicher_ Weise gedenkbar: selbst in der -eigenen Wuth noch erschrocken über das -- Kriegsglück, daß er statt des -Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schuß gefallen; denn der -bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein -Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher -getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, daß er ein -alter Mann mit silberweißem Barte war, kaum daß er ein Mensch sei, wenn es -nicht die übrige Gestalt noch hätte schließen lassen; denn über Augen und -Gesicht floß lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen -Mütze hervor, und überfloß den breiten Bart, als sei er aus blühendem -Fuchsschwanz künstlich gemacht; und die gerötheten Zähne im Munde -klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein -blautuchener Schlauch voll deutscher Beute. - -Die indeß genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden -Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebürschet. Man -hörte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Straße -brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose -hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen, -stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, während er -mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zähnen -murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! -- Da liegst Du -- und Ich -nicht! -- Du bist mein -- und Ich nicht Dein! - -Wecker war in heiliger Entrüstung indeß bei dem alten Frommholz vorüber, -herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden -Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem -Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! -- Du hast Deinen Bruder -erschlagen! Wir wollen unsere Augen indeß zudrücken, daß wir nicht wissen, -wohin Du geflohen! - -Und so drückte er seine Augen zu, und stand mit geröthetem Angesicht -harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hörte, schlug er die Augen -wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr' an -sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu -erschlagen? - -Ihr seid verrückt! entgegnete der Franzose. - -Das habe ich schon von Andern gehört! entgegnete Wecker; aber, mein Freund --- -- denn auch Ihr seid noch mein Freund -- aber auch so ein Ungeheurer, -wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht -gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu -schenken! - -Das Beispiel! närrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste -Kanonenschuß, das Wort »Marsch!« Kein Mensch hat es uns eigentlich laut -gesagt. - -An der verschämten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger -Freude; aber _gemeint_ haben sie es doch! - -Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun -es vor, die Jungen nach. - -O Volk, du heiliger Affe! »sacra simia,« wie auch Horaz den verfluchten -Hunger nennt; aber kennt Ihr nicht aus dem Vorschreibe-Versbüchlein das -Symbolum? Daniel! Wo bist Du? Bete doch dem Herrn Todtschläger den Vers -vor: »_Flieh, wenn Du -- --_« Da er aber den Daniel nicht gewahrte, -dictirte er gleichsam die Zeilen dem Manne in die Feder oder _in die -Flinte_ -- wie er bemerkte -- und sprach laut und warnend: - - Flieh, wenn Du Böses siehst, - Und thu' es niemals nach! - Du bist so strafbar sonst, - Als der es erst verbrach! - -Der Franzose aber hatte einen _großen_ russischen Hund, Peter, oder der -große Peter gerufen, mitgebracht; und der Hund nun beroch den Kosaken; und -hungrig, wie Peter sein mochte, leckte er ihm endlich das warme Blut vom -Gesicht und aus den Augenhöhlen -- und der Kosak stöhnte, schlug die Augen -auf und erblickte seinen Schimmel, der sich von der Linde los gemacht, und -mit gesenktem Kopfe neben seinem gefallenen Herrn, Freund und Vater stand. -Und der Kosak schloß die Augen wieder. - -Der kleine Gotthelf aber frug Weckern: Meister Wecker! Ist das ein -Centaure? - -Ja, mein Söhnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist -ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und -Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie -Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich -wohl nicht ein? Indeß, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch -weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein -drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet, -ja nicht einmal bittet -- so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf, -mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen! - -So sprach er in heißer Entrüstung und mit zum Himmel gestreckten Händen, -und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo möglich noch -Hülfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben -- als -Christel laut aufschrie. - -Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind -gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thüre, und als es die Mutter -erblickte, streckte es beide Händchen nach ihr. Der alte Mann hätte sein -Enkeltöchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht -befürchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der -langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust -zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die -Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos saß. Die Mutter bedeckte die -Augen vor ihrem Kinde mit ihren Händen. Sie hatte gesehen . . . Alles mit -einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschloß -seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war blaß, und die -rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus -den schönen blauen, Hülfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr -schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine -sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr -bald so unkenntlich und so unergründlich sein, wie -- Erde, und immer -ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht -innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen -Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen -Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall -- und nur in der Tiefe schlich -noch ein kleiner, zusammengedrängter, warmer Quell unter der eisigen Decke, -das ewige schöne Gefühl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich, -unausweinbar, und zerflöße sie selber zu Thränen. Der blaue Himmel war ihr -sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke über die Erde gewesen; -die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus für die Menschen, und die -Sonne das stille Geleucht zu den Geschäften und Sorgen und Mühen aller -solcher treuen Mütter wie sie, solcher redlichen Väter wie ihr Johannes, -und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war -ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Füßen -hinweg, _als habe sie auf falschem, nichtigem Gewölk gestanden; sie -taumelte_ und hielt sich an die Pfosten der Thür. Und so war auch der -Regenbogen über ihr nur ein Schatten; und die Sonne -- dem Regenbogen -gegenüber -- war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein -kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar -- sie hatte vergessen, daß -es eine Welt gab, und ein Leben; denn _dieses_ ihr Kind war hin! Und ihr -Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren -ihr alle gestorben -- und _sie schrie laut und durchdringend._ Dadurch -hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schüchtern und ängstlich und -neugierig umher, ob es wahr sei, was sie geträumt -- und als sie nun -wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da -strömte Eifer zu retten über sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den -Speer aus der Brust reißen mit schneller, schonungsloser und schonender -Hand. - -Der französische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den -Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es -kann noch leben, bis ein verständiger Arzt kommt, der das vernünftig macht! - -_Johannes_ lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier. - -Seht, sprach der Soldat weiter, und riß seine breite, weiße, mit Haaren -männlich geschmückte, schöne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch -geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: »Es lebe der Kaiser!« -- -Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden -Säbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug --- wie ein Franzose! -- Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorüber -gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen --- aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und -so schwach ich sehe, so sehe ich doch -- aus Uebung den Feind, er sei -_blau, grün, weiß_ oder _roth_, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau! -Ich muß denken -- es ist Herbst auf immer für mich geworden, oder -Abenddämmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr -Schleierkleid für mich angezogen -- also sie hat mich ausgezeichnet durch -ihre besondere Gunst. - -Er sah sie bei diesen Worten an, und mußte zu ihr mitleidig lächeln, so -freundlich sprach ihn das schöne, blasse, ängstliche Muttergesicht der -Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine -frühere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. _Christel war seine -Schwester._ Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz -kleines Jüngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie groß, -ausgebildet, verändert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen -durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause, -sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von -erd- und weltfremden Kindern. _Christel_ aber erkannte ihren Bruder -_Stephan_ nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jünglingsgestalt und -obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebräuntes, -bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine -Entfremdung für sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, _der aus -einem sanften Knaben_ jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frühere -Gutmüthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, groß und älter geworden, -wie sie ihn nie gesehen. Hätte er sie erkannt, dann hätte sie das Bild -ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwärtigen kriegerischen Gestalt -vertauschen müssen; aber ihn hinderte vorzüglich die Unwahrscheinlichkeit: -sie könne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede -mögliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrückt: _Das_ ist ein Mörder -- -_der_ hat einen Mann erschlagen -- _der_ kann dein Bruder nicht sein! Und -dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach -seinem Namen. - -_St. Etienne_ heiße ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich -durch und durch französisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen -nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wüßte; -und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich über ihr Kind hinbeugte, und -ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in -Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. _Und so hatte sie das Geschick -auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getröstet_ --- und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der -weinenden Mutter geklammert. - -Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer größer -geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer länger, -seine Hände immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten, -bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und -leise zu dem Kinde sprach: - - Wie freundlich thust du dich doch zu, - Und greifst mit beiden Armen - Nach aller Welt, in Lieb' und Ruh - Uns ewig zu umarmen! - -Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht _schulfähig_ -warst! Nur _Aepfel-_ und _Birnenfähig_, die ich Dir brachte. O, mein Kind! --- - -Der Kosak hatte sich mühsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er -zusähe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: »Hast Du noch etwas -einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm' her, versuch' es ob Du was kannst -enden; laß hören, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter -Geist, daß Du mich von dem Kreuze reißst!« -- »Pfeif, pfeif, Du tückische -Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach' es noch einmal so schöne, -und preise, was Dir wohl gefällt: bei einem, der sich hier befindet, da -kommst Du Narre viel zu blind!« -- Er schämte sich aber, da der alte Mann, -auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rührte sie -an der Schulter an, und sagte ihr, während Thränen aus seinen Augen -tropften: - - »Wer hätte bei den Mördern - Die Unschuld doch gesucht? - Den Segen zu befördern - Wirst du von Gott verflucht. - Die _Dich_ zu Boden treten, - Woher _Dir_ weh geschieht. - Für diese willst Du beten; - Mehr Rache weißt Du nicht.« - -Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wußte sie nicht, was sie -dem Kinde vor seinem Tode _noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen -oder versprechen sollte,_ um es über die böse Stunde hinweg zu bringen, -oder nur die Augenblicke noch zu benutzen. - -Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie -es vermochte. Und die kleine Clementine lächelte nur, und drohte ihr mit -dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hören: Nun wer bin -ich denn? - -»Nun meine liebe Mutter!« - -Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal (_»nur noch einmal«_ vermochte -sie nicht zu sagen). Und das Kind drückte sie, daß es zitterte, und küßte -sie wieder und frug dann: »Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!« - -Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, daß Du nicht -aufstehen kannst, nicht herumspringen, daß Dir die Brust wohl weh thut? - -»Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so heiß ist es, Mutter. -Gieb mir nur mein Brodchen -- ich will auch heute wieder ohne Dich -einschlafen!« - -Die Mutter schloß die Augen über das Wort, und gab ihr das Brodchen und -sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder -kommt. Wenn Du hübsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weißes -Kleid kriegen, neue grüne Schuhe, und in Deine Härchen einen Kranz von den -schönen Astern, die Du nicht hast pflücken sollen, und auch nicht angerührt -hast, mein folgsames Kind! - -Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen, -wandte sich ab, und schüttete schnell ihre Thränen aus. - -»Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch!« Und das Kind lachte, klaschte -in die Hände, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und -heiliges Lachen. - -Das Kind hatte aber bei der Erschütterung der kleinen Brust große Schmerzen -empfunden, und sagte auf einmal: »Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und -grüße den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht -bescheren, sondern gleich oben -- Du weißt schon: wo!« - -Der Mutter war fast unerträglich im Herzen, und es kam jener Ernst über -sie, _wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird,_ und die Gedanken die -Pforten der Heimath der Menschen aufthun, _und die Welt zum schönen -Mährchen wird._ Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in -Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem großen Vater: wir -hätten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb -hat; oder beinahe wie wir ihn lieben -- ich hätte Dich immer sanft am -Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im -Mondschein oder wenn draußen die Sterne standen -- -- -- sage ihm: ich -hätte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooße -getränkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzählt, und von ihm -selbst, der die schönen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage -ihm, wir würden Dich sanft in seine Erde senken, und er möchte Dich mir da -bewahren, wie einen großen Schatz -- und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich -komme, und mich zu Dir lege. -- - -»Du kommst doch gewiß?« frug die Kleine. - --- Gewiß, Gewiß! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter. - -»Aber in die Erde!« - --- Habe ich Dir denn nicht gesagt, daß der liebe Gott auch _in_ der Erde -ist! Denn Du weißt ja, die andern Sträucher und Blumen können die Blumen -nicht machen, und machen sie nicht -- und doch hast Du immer welche am -Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch, -fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein -Herz! - -»Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brüder und Schwestern!« - --- Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hände, -daß sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schloß sie die Augen und -lächelte sehr. Die Mutter beugte sich über sie und schwieg, so, lange, -während die Abendglocke geläutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rüste -ging und zu Golde ward, und zerschmolz. - -Indeß war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, daß es -ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten -in das Gras unter die Bäume -- aber durch das so eben geschehende Wunder -der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der -Schirm des Baumes über ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und -golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft, -von der Abendröthe daher und streute falbe Blätter leis über sie nieder, -und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit über ihr -Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz für das Kind -bereit standen -- und diese schauerten und nickten mit ihren schönen -Engelsgesichtern. - -Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Großvater! noch immer -kaum glaublicher Großvater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure -Zimmermannskunst an dem Kinde; faßt Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz -und sägt die Länge des unschuldigen Spießes von beiden Seiten ab, sonst muß -der Todtengräber ein unmöglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter -Vater, geht! Braucht Euer _rechtschaffenes_ Handwerkszeug einmal _dazu!_ -Die schönen grünen sonnigen Hügel auf Erden dienen ja auch zu kleinen -grünen Hügeln für Todte! Der Herr hat die schöne Erde also _auch dazu_ -bestimmt! Seid nicht dagegen, Großvater! und laßt die Sachen sein, was sie -sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, daß ich es -nicht begreife, wenn so ein Acker schöner weißumblühter und mit gelben -Blumen geschmückter Frühlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich -mag hinsehen wie ich will: die großen Hügel bleiben grün unter dem blauen -Himmel, und die kleinen Todten-Hügel bleiben bunt von gelben und rothen -Blumen, die duften und wehen; und die liebe, _wahrscheinlich unverständige_ -Sonne wärmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. _Närrisch, aber wahr!_ -Alter _Frommholz_ -- seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich -sägen mit Gottes Hülfe! Und dann seid hübsch _ehrlich_ -- gebt die eiserne -Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die -dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben --- durch seine zwei schönen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen -zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der -Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Großen! - -Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort -neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da -bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine; -jetzt, da das Kind durch ganz überflüssiges Holz umgekommen, nun geh Du -wieder hin, daß sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt -habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand -hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt, -und ist ein bloßer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule -der großen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder -aufzuwecken, als bloße Strohwische; und alle Apotheken sind bloße -Mördergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frühjahre schon -die todten Blumen erweckt, daß sie riechen, daß wir sie riechen und -kostbar! Gehe, geh. -- Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mädchen, -die Mutter muß also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele -nicht am trauerschwarzen Staar leidet, daß sie noch ein Töchterchen hat! -Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von _Johann Menzer_ beten und -sprechen: »Nun ist nur noch der Tod zurücke; jedoch er hat mir wenig an: -mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist's um seine Macht gethan: weil er -mir Christum nur nicht frißt, so weiß ich gar wohl wie mir ist.« Gehe, geh. --- Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter -nichts, als: Liebe Mutter, _Gotthelf_ ist da! Und, liebe Mutter, Du hast -mir sonst immer gesagt: »Wenn Du _der Mutter_ folgst und das thust und das -annimmst von ihr, was _sie_ will, so ist _Dir_ gleich wohl, mein Kind; nun, -liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was _der Vater_ will -- so wird -Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.« - -Und als Wecker sah, daß die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er -selbst aus dem Gehöft auf den Kirchthurm -- um frische Luft zu schöpfen. -St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplündern des Kosaken, -des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste -Wort des Aufgerüttelten, sich wieder Besinnenden und Hülfe Flehenden war: --- -- »Mutter! -- -- Schnaps!« -- - - - - -III. - - -Unterwegs traf Wecker seinen Schutz- und Brodherrn Johannes außer Athem. -- - -»Er war nicht da, er war nicht dort, er war nirgends!« sprach er zu Wecker. - -Wer denn? frug Wecker. -- Nun, der Sonntagsbarbier, der wochentags sechs -Handwerke treibt. -- - -Geht nur heim, Johannes, tröstete ihn Wecker, »der Herr hat schon -geholfen!« - -Und so eilte Johannes fröhlich nach Hause. - -»Aber der Christel steht bei!« rief ihm Wecker nach, und sprach dann zu -sich: »Jetzt ist es in deinem kleinen Oberstübchen nicht richtig, mein -lieber Meister, darum gehe du in dein großes Oberstübchen! auf den Thurm! -der hilft! Ein Thurm ist ein gewaltiger Freund in der Noth; aber das -alberne Volk läuft drunten hinweg, und kennt nicht die Kraft der tausend -Riesen, die bloß im Lande umher als dumme Jungen stehen!« - -In der Halle begegnete er dem Chirurgus, den er herzlich bat, den Kosaken -in seine Cur zu nehmen. Der aber entschuldigte sich mit dem Wort: er sei -ein bloßer Civilchirurgus, und als solcher habe er keine solche -wallfischmaulgroße Wunden von Pferden, Kanonenkugeln, ja von Kanonen -selber, zu verbinden oder wohl gar zu heilen -- übrigens zahle die -Soldateska nichts, es geschehe Alles auf Regiments-Unkosten, und das -Regiment -- marschire weiter . . . mit klingendem Spiel! Kurz er gehe -nicht, und werde lieber seine Pfeifen curiren und purgiren; denn sein Herr -Bruder komme zu ihm, der Herr Licentiat! mit Frau Licentiatin! - -Wecker fielen alle dessen Sünden, selbst das Schweinchen, aufs Herz, und so -ergriff er den in der Halle stehenden schwarzen, rußigen Besen, und trillte -den störrischen Menschenfreund zum Tempel hinaus, und ein Stück auf dem Weg -zu Johannes fort; dann warf er »das chirurgische Operationsinstrument« in -den Winkel, und begegnete auf der Thurmtreppe -- dem Teufel -- _den er -herabwünschte, um Deutschland rein zu kehren,_ und anfing ihn zu -beschwören; aber der brummte: noch nicht; doch bald; -- und er erkannte den -Schornsteinfeger, der sich nach den brennenden Dörfern umgesehen, und -reichte ihm die Hand, um ihm seinen frommen Irrthum abzubitten. - -»Euer _Breitenthal_ brennt auch!« sagte ihm der Schwarze. »Auf _dem_ -Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht -richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint -das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, stürmt nicht -erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht -seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll -Soldaten!« - -Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den -Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu -werden -- gezwungen waren -- so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth -zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinüber gestarrt und ganz -geblendet und wüthend war -- stand plötzlich der Teufel neben ihm. Wecker -starrte ihn an, indem er die Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen das -Ungethüm, wie zur Abwehr, hielt; und er hörte es sprechen: »Denkst du, ich -bin gestorben? Närrisches Haus! der Teufel -- et le Roi -- stirbt nicht, -als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im -Abgrund der Welt verschüttet läge, also nicht mit Pfeffernüssen -- die -kleinste Sünde der _letzten_ Zeit erweckt den Teufel in seiner _ersten_ -Kraft wieder auf -- und jetzt geschehen tausend Große, nun geht mein Reich -wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Höllefüllendes: _das Reich der -Unterlassungssünden!_ Wie lange habe ich mit meinen vorzüglichsten Geistern -gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, ächte, erste -Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht ungläubig, Schulmeisterlein, -sondern höre mich aus. _Erfahren und weise_ muß die große Welt, oder auf -französisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, _damit sie -doppelt strafbar werde,_ damit doppelt so viel Große und Kleine zur Höllen -fahren -- und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lämmchen -zurückekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt, -dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme -- -Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gänsen und glattzöpfigen Kuttenträgern an -der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wußten, doch nirgends -vorhanden war und keinen Leichnam enthält, -- so beginnt nun ein neuer -Kreuzzug blutdürstend _nach einem lebendigen Leichnam._ Und nun sie so -erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen -alten Unsinn, ich will den Papst und seine -- oder meine Schaaren -- wieder -auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem -Regiment wieder einsetzen lassen. -- Kann ich frömmer und christlicher -handeln? Mir ist Niemand auf Erden schätzbarer als Christus. Denn seit das -Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen _dennoch_ in -Finsterniß wandeln, Werke der Finsterniß fördern und thun, sich im Namen -des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterniß auszusäen wie Ruß und Mohn; -seitdem ist Gedräng in den Pforten der Hölle, und ich habe neue erbliche -Pairs müssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe -Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein närrisches Haus --- denn alle Narren sind mein -- beruhige Du Dich! Für jeden Einen, der in -den Kreuzzügen hochlöblicher Maaßen umgekommen, sind schon Millionen -- -Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus -mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnüsse werden -noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzüge, großer, kindlicher -Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem -- Kreuzzuge die Taschen oft -ausgesucht: Und was hätte sie sonst gefunden, als ächtdeutsche Plunschken -und schöne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch künftige Kinder -die Früchte _dieses_ Kreuzzuges aus den Taschen der Verrückten suchen. Ist -das kein Gewinn für die _schöne, die große_ Welt, wenn Weiber, Kinder und -Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: »Ich bin Wecker, bin -verrückt, und ich sage Ja!« Und nun sei ruhig über das Surren und Stechen -des Schwarmes, der nur einen Leichnam -- meinen großen Sohn in das Grab -schaffen wird, und Kindern -- wenn nicht Enkeln -- und Sperlingen -- wenn -nicht Adlern nutzen wird, und gewißlich doch mir; durch Weisheit, die -Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lüge wird; durch Versprechungen, die -Wortbrüchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die -Hölle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von -den Herren Musicis -- mit Blumengewinden malen zum Festball. -- Mit der -Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Höre -einen großen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht -etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest -- das ist abgedroschen; nein, -wenn Du nur heute das kleine Mädchen willst mit dem Speere durchstoßen -haben; -- eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend -Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thränen, die daheim Wittwen und -Waisen, Väter und Mütter und Brüder und Schwestern um sie weinen werden. -_Was_ ist also ein solches albernes Kind, und _was_ sind alle Reiche der -Herrlichkeit, Wecker? Wach' auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz -monarchisch, ja türkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution, -ohne gebundene Hände, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene -Gliedmaaße; ja ich gestehe Dir viel zu -- ohne Papst und Jesuiten! Schlag' -ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.« - -»Hebe Dich von mir, Satan!« rief Wecker in äußerster Empörung. »Was hülfe -es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an meiner -Seele.« - -_»Das wollt' ich nur wissen!«_ rief _sein_ Satan lachend. »Sie -- sie -werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende -Seelenkratzerei -- und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren; -denn wie können alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen -alle Menschen Hörner bekommen, Du Schaaf!« - -Wecker führte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lügengeist. -_Aber der stürzte sich jäh vom Geländer hinab,_ und zerfloß drunten wie -Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam -herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die -vergessene Einladung herauf: . . . »Wecker, komm' wieder! Ich komme auch -wieder. Verstanden?« - --- Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lügengeist! sprach Wecker, von -wirbelnder Angst erlöst. Was will der Mensch -- oder verzeihe mir Gott, der -Extract des Bösen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung -ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! -- dann müßte Dich Jemand -blasen! und das wollte er! Aber das wären abscheuliche deutsche Herzen, die -nicht zufrieden wären mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde, -wenn _Diese_ auch nichts gethan hätten, _als_ den Veruneiner, Hetzer und -Schandesäer von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30 -Jahre auf solch eine Höllenarbeit ruhten -- und ein _langes Leichenessen_ -feierten -- ich gönnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf -Jahrtausende gethan, o Du Schänder, Spötter, Lügengeist -- Teufel! -- Eine -neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine -- des Teufels Lobrede -auf Christum -- und Dein Vivat! -- mir stehen noch die Haare zu Berge! -- - -Indem er so sprach, und sich, aber bedächtiger und menschlicher als der -Teufel über -- _Stufe für Stufe_ -- die Treppe hinab vom Thurme stürzen -wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz -gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht -wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weißen Hände vor die -Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur -verworrene Worte murmelte, sich hastig auflöste, sich wild umsah, bebend -sich auf das Geländer schwang, und wahrscheinlich sich -- gerade an des -Teufels Stelle hinunter stürzen wollte. - -»Du weiblicher Teufel!« schrie Wecker. »Hier geht's in die Hölle. Halt! in -aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren!« Und so hatte er sie schon -ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefaßt, und hob sie herab, -und setzte sie derb nieder auf ihre Füße. Aber sie setzte sich auf den -Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt -sich den Schleier fest über Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz, -und beim Scheine der Abendröthe sah er -- wie er meinte -- durch den -angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte -- und er fuhr zurück, wie -ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken. - -Und als er sich gefaßt hatte, trat er wieder näher, legte der weinenden -Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmählig -zu ihr, so mild er nur konnte: -- »D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja -ganze, leibhafte _Dorothea_, Gott weiß es ja doch, wer Ihr seid -- das war -albern! Ich weiß, Breitenthal ist abgebrannt -- oder brennt noch da drüben --- aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal -- Goldenthal dazu wäre --- so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!« - --- Sie schauderte. -- - -»Oder, oder -- ich weiß -- Ihr seid _Braut_ mit dem gar lieben, jungen -Herrn von Ellenroth -- ist Euch _der_ etwa untreu geworden? Dann weinen -gewöhnlich treue Mädchen, die Gott danken sollten, daß sie _vorher_ klug -werden, nicht _nachher!_« - --- Die Gestalt lehnte sich kraftlos an. -- - -»Oder ist er Soldat geworden, und _kann_ erschossen werden? Oder ist er -schon Soldat _und_ zerhauen worden?« - -Die Verschleierte stöhnte tief, aber das Stöhnen klang Weckern wie Freude. - -»Oder . . . wenn nur Euer Vater, der ehrbare Herr Paschalis nicht gestorben -ist,« sprach er, »so wird sich Alles geben. Ihr lebt ja! Aus Euch ist noch -Alles zu machen, die schönste, beste Frau im Lande! Und für allen Dank -erbitte ich mir nur _auf Eurer Hochzeit_ erscheinen zu dürfen -- ein -Hochzeit- oder Kindtaufenschmaus ist das beste Regal der geplagten -Schulmeister! Und da ich nicht mehr geplagt bin, wird es mir desto besser -schmecken, und gar erst _auf dem Kindtaufenschmaus_ . . .« - --- Die Gestalt beugte ihr Haupt, und drückte die Ballen der Hände in die -Augen. -- - -». . . Da wird sich Wecker freuen, wie der Großvater Paschalis!« fuhr er -unwissend fort, gutgemeinte, aber der unerhört Gefallenen oder gewaltsam -Herabgerissenen, entsetzliche, unerhörte Worte zu sagen: »Denn wenn der -_gemeinste Schuft Vater_, ach, _Vater_ und endlich gar _Großvater_ wird, -und noch so verwerflich gelebt hat, wird er eine _Respectsperson_, und so -betrachtet, so behandelt; und der himmlische Vater stößt Jeden selbst mit -der Nase auf seine Würde, und aller Firlefanz fällt nun weg -- es geht ihm -Niemand mehr darauf ein, wer da weiß, was er ist und vorstellt auf Erden -bei Menschen und bei den Seinen. So sicher und herrlich sorgt Gott für -Jeden, der nur jemals Eine seiner lieben Jungfrauen recht angesehen hat; -denn dann muß er heirathen; über sein, ihm von Gott hingesetztes Kind -erschrecken, erstaunen, das Wunder bewundern, das Mysterium der Kindtaufe -ausrichten, sich Vater von seinem Weibe rufen lassen, und ein neues, -seliges Leben anfangen, er mag wollen oder nicht.« - --- Die Verschleierte schrie laut. -- - -Wecker schwieg betroffen, aber in seiner Freude setzte er hinzu: »Ihr seid -verschämt, und ein keusches Kind, das wissen wir, darum vergebt! Denn ich -habe große Freude. Wäre die arme Clementine der armen Christel nicht -umgekommen, so rannte ich nicht auf den Thurm! Wollte mich der Teufel nicht -zu einem Teufel machen, so wäre ich nicht Euer Engel geworden und hätte -Euch nicht gerettet -- denn ich war fort! Oder gar nicht da! Furchtbar! -Entsetzlich! Ja _nun_ freu' ich mich ordentlich, daß ich so alt geworden, -so lange gnädiges Brod -- _sogenanntes_ Gnadenbrod, aber von der guten -Christel: _wirkliches_ -- gegessen, und ich möchte bald rufen wie Satan: Es -lebe Christus, der Sohn . . . . aber heut kann ich nicht, vielleicht morgen --- wenn ich ihn vergessen. Aber wollt Ihr nicht mit hinunterkommen zu der -armen Christel? _Ihr könnt ihr helfen das Kinderzeug machen, das letzte -weiße Kleid, das nicht mehr gewaschen wird!_ Kommt!« - --- Sie wollte aufstehen und reichte ihm matt die Hand. -- - -»Haha!« lachte Wecker und rieb sich die Hände, »haha! Das wollt' ich nur -wissen! _Ihr seid es_ . . . Ihr liebe Person seid Dorothea -- die Gabe -Gottes -- sonst wolltet Ihr nicht zu _Christel_ kommen! Ja, ja, _Mitleid -läßt gute Menschen nicht sterben_, und sie richten sich vom Sterbekissen -noch einmal auf . . . und leben wieder lange. _Weiß Gott, was in der Welt -steckt; ich glaube: der liebe Gott!_« - -Da sprang die Gestalt so plötzlich auf, daß Wecker erschrak und zurückfuhr. - -»Nun gut,« sprach sie, und riß ihren Schleier empor und hielt ihn so mit -der rechten Hand; »ich bin Dorothea -- . . . oder -- ich war sie! -- Aber -Eure Hand darauf -- schweigt, schweigt, schweigt . . . daß Ihr mich hier -gesehen . . .« - -». . . und was ich gesehen!« setzte er hinzu. »Wecker bleibt Wecker. Ich -bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rühmen, -daß ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und -wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist's lange -schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?« - -Und da sie leise nickte, sprach er: »_nun so seid ihr gebunden_ -- da kommt -Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernünftig wie ich!« - -Und so ging er. Und sie seufzte tief. - - - - -IV. - - -In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus, -und von draußen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglücklich an wie je. -In Christels Stübchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse -gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem -dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weißen -nächtlichen Friedensbogen sich umgegürtet und die Gestirne schienen still -so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu -flackern und Strahlen zu schießen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer --- der Lebendigen. - -Auf Johannes Hofe aber stand ein -- bei Tage und von Prunkthoren -sogenannter prächtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der -geraubten, braunen vier -- National-Engländer mit sechs schwarz und weiß -großgescheckten holländischen Kühen bespannt, und hinten, statt der -Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber saß neben -dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu -bereden und zu _regieren_ wußte. Die Kühe sollten für Herrn _Paschalis_ und -seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie -in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit -sich eingeschlossen hätten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und -die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann -Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hübsch genug war. -Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und -ward bloß auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfaß von -einem Winzer auf bessere Weinlesen. - -_Paschalis_ war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am -Himmel zurück; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien -ihn zu bedrücken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weißes Schnupftuch -in der Hand, und wie er in dem Düster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte, -hielt er es plötzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thränen -darein ausgießen wollte, ob gleich kein Tropfen darein floß und sein Gehirn -wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur -- wenn ihn ja Jemand bemerkt --- das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus -seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund -- denn es war -schwarzbraunes egyptisches Opium. - -_Johannes_ hatte das schöne Vieh brüllen gehört, sich hinaus getraut, -seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie -sein Herz war -- demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt, -das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen -Händedruck und keine Antwort als: »_Dankt Gott für dieses reine Leid_, mein -lieber Johannes!« und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den -Bescheid: »sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal -noch einmal zu sehen.« - -Während nun Johannes für die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis -sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und -er sahe: In der großen Wohnstube, ihm gegenüber an der Wand, hatte der alte -Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen -Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und -der Alte sägten eben an den vier kleineren. - -»Ach, _Ihr_ seyd glücklich!« sagte Paschalis und schlich vorüber, an -Christels Stübchen. Seine Angst, als _Vater_ Dorotheas, war groß; seine -Ungewißheit war halbe Verzweiflung. Denn während in seinem Schlosse sieben -Feinde, _Kosaken_, gelegen, schien _seiner_ Tochter ein unmenschliches -Unglück zugestoßen zu sein. Er vermuthete es nur, er wußte es nicht. Er -hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht -geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er _ein -siebenfaches Verbrechen_ begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea -schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so -schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur, -und er wußte auch das nicht. Aber Dies _zugleich_ -- oder Jenes _allein_, -schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur -sein eigener körperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie -der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte -anzurühren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den -schmählichen Riß -- ihm selber. Und noch unglücklicher hätte er sich -gefühlt, wenn er nur hätte ahnen können, mit welchen seligen tröstenden -Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea -die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen. - -Jetzt sah er in _Christels_ Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus. -Denn Christel hatte es unmöglich über das Herz bringen können, den Gebrauch -noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus -ihrem Bette reißen, und mit kaum zugedrückten Augen und kaum verbundenem -Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das -halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer für die Würmer, wo -möglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer -Einkleidung für die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach -schicklicher Ruhe, sogleich schön gewaschen und angezogen, ihm über die -Bettchen seiner Wiege -- worin es noch geschlafen -- ihr feinstes weißes -Tuch gebreitet, und das liebe Mädchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von -rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmüthig-schön um das theure -kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug -recht eigen leid, daß die Kleine _mit einer gefallenen und noch ungeheilten -Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte_; wie ein Maler sein -eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stäubchen aus seinen -Händen giebt, es noch einmal zurückverlangt aus den Händen des Empfängers, -es genau überblickt, _noch ein Sonnenstäubchen vorsichtig von dem goldenen -Rahmen haucht_, und dann lächelnd und zufrieden es auf immer dahin läßt und -spricht: »_Nun, so!_« -- Christel aber, welche die Wunde nicht hatte -weghauchen oder wegküssen, noch mit Thränen wegwaschen können, hatte sie -unter eine Blume versteckt -- _schüchtern sich umgesehen, als ob ihre -redliche Seele Jemanden getäuscht habe,_ und leise gesagt: »_Nun, so!_« - -Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: »Meine Kinder, seht euch noch an -eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne -untergeht -- dann seht ihr sie lange nicht wieder!« -- Und so hatten die -Kinder ihre Weihnachtswachsstöckchen aus ihren Schränkchen hervorgeholt, -sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Häupten der Wiege an den -Tischrand geklebt, angezündet -- alle auf einmal -- und nun waren die -goldgeschmückten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und -sie weinten nun, daß es würde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht -mehr sähen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezündete -Lichter. Aber Sophiechen war über das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf -war müde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von -der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder -_alle drei_ wie vom Schlafe gelöst, noch mit den Gesichtern zusammen; -_zweien_ davon blühten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre -Haare waren unbekränzt -- dem _dritten_ aber blühten die Wangen von einem -tiefern Schlafe _weiß_ und _rein_, und es bedurfte die Erde zu keinem -Athemzuge mehr; aber seine Härchen waren bekränzt. Christel aber hatte dem -Mörder des Kindes, nachdem er nothdürftig verbunden worden, ihr eigenes -Bett eingeräumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und -ihn ansah, seufzte sie schwer darüber, wie sehr er sie beraubt habe, und -sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: »Armer, armer Mann! -Armer _Sebast-Janow_!« Denn St. _Etienne_ hatte seinen Namen in seinen -Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr -aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildniß dagelassen, welches er -dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und -welches Christel hatte annehmen müssen, aber noch nicht angesehen, ja nur -hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen -hingehangen. Denn das Bildniß hatte unläugbare Aehnlichkeit mit der kleinen -Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum -neugierig um -- aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung: -denn das Bild stellte ihre Schwester _Martha_ dar . . . . Niemand anders -hatte es _getragen_, als ihre _Dorothea_, welcher es der Vater _Paschalis_ -geschenkt . . . Dorothea hätte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben -. . . es war ihr also nur _gewaltsam geraubt_ . . . und Christel trat -hastig drei Schritt nach der Thüre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte -sie ändern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus -Vertrauen und Liebe _von aller Welt_ das Beste hoffte. Und mit ganz anderem -Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach -jetzt mit Thränen: »Armer, armer Mann!« -- Aber die Worte zerschnitten ihr -Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie küßte alle drei schlummernde Häupter; -sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe -- die -Mutter ahnend -- sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne -aufzuwachen. - -Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen -Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer -großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange -undenkliche Zeit _der Zaubersaal des Gottes_, in der That und unläugbar; -und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und -nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte, _wenn auch Er -das Alles sähe:_ -- Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein -Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der -Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein -brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als -Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem -Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er -sähe: _Gute Kinder_ voll Liebe, Leid und Mitleid -- welche schöne Gefühle -alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und _einen guten Vater_, -der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: _den -Großvater_, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen -willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig -- denn sein eigenes -Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen -Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen. -_Paschalis_ aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der -himmlische Vater _zugleich mit ihm_, und doch ganz anders, in das Stübchen -sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen -Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er -- niesete wieder! - -»Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten -Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!« sagte Wecker, der still -gekommen. »Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie -beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen -- das eben ruht; -nur die Papierwände freilich _etwas groß von himmelblauem Himmelspapier!_ -Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee -- was ein wahres -Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten -Gliedmaaßen -- nicht -- füglich -- mehr -- wandeln -- -- am wenigsten -anhero!« -- Und, um seinem Wohlthäter auf eine _unverständliche_ Weise zu -verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: »Denn -heute habe ich alter Mann -- wie Sie mich hier sehen -- eine gleich große -schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr auch -_eine neue Seele_ in ihre eigene Rippe geblasen -- denn Eva war eine Rippe --- aber _Adam's_, wissen Sie -- _wie ich weiß_ -- können Sie denken! Der -Mann bin ich.« - -O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still -um die Ecke des Hauses in's Düstre; und _Dorothee_ ging darauf langsam -hinein zu _Christel_. - -Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas -Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon -diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei -Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich -vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche -Verwandlung in's Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle -und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen -konnte: was sie gethan. Denn auch _gethan_ hatte sie etwas, ja ein -Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und -niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte -aber diesmal sein höflichstes: »_Gotthelf!_« wozu Paschalis nur leise -verneinend den Kopf bewegte. - -Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen! - -Johannes aber hatte eine große Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue -mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wäret -- unser lieber Herr -Paschalis, der an uns schon so viel gethan. _Darum_ habe ich auch jetzt -mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit! -Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der -Großvater aus zu großem Vertrauen _die Vorsicht_ uns versäumen lassen, möge -Gott nicht auch _mein Mißtrauen_ gegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam -und unter der Schanze, mit Unglück bestrafen! Aber wie es auch komme -- ich -nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewiß auch der -himmlische Vater meinen -- meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit -Christel und mir! Nur der Großvater wird in der Sicherung der Kinder einen -stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen möcht' ich kaum bitten . . . . -aber ich bitte doch! - -Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird -Dorothea schon wohl besorgen; und -- liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und -trägt uns furchtlos über grause Wogen! - -Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint -in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewiß auch, sonst käme es ihm -gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer -Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute -- Ihr wißt das -nicht; nehmt das nicht übel; aber Ihr werdet meine Rede bestätiget finden! --- - -Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel -arbeiteten, kam Christel herüber, grüßte Paschalis, und -- als könne sie es -vor Angst nicht länger ertragen, bat sie unverweilt: er möchte sie selber -mit nach Mainz nehmen! - -Paschalis lächelte niedergeschlagen darüber, als habe Dorothea ihr das -gerathen, und sagte dagegen: _Die Kinder!_ liebe Christel. So meinte -Johannes. - -Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt. - -Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewußt, daß sie 20 -Mann Einquartirung bekommt. - -»Zwanzig Mann, nicht Männer!« erklärte Wecker. - -O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen -für die »Mann« und die Kinder. »Dorothea schläft!« hatte sie Paschalis noch -gesagt. - -»Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben -- wie ich die Schulkinder -verbesserte; eine sonderbare Braut!« sprach Wecker. - -»Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!« meinte Paschalis, zu -welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus -der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester -zitiren solle? - -Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte, -seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: »Lieber Daniel, -hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das _sechste Capitel aus dem -Buche der Weisheit_, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für -alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet -seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze -Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!« -- Er -wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde -und er sprach, zu aller Verwunderung diese: »Ach, daß ich wüßte, wie ich -ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte -vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er -mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!« - -Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben -Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf -die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel -leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt! -Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will -- -_nicht_ mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer! -Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch! - -Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward -trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne -schienen herein zu den Schlummernden. - - - - -V. - - -Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise -besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen --- nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh, -als er den _Daniel_ aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und -sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich -gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben -und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel -aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens -doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im -Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: »_Die sieben Raben_,« und -fuhr jetzt laut darin fort: »Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis -an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne; -aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig -lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig -und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: »ich rieche -Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!« -- Diese Worte klangen aus -eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten -Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er -seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: »da machte es -sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und -gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .« - -Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, _Sophiechen_ und _Gotthelf_ -ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen -hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder -wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den -Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so, -vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude -durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon, -wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für -ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft -war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage -beglückte ihn. - -Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu -und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch -Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der -kleinen Kinder, »damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben -Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in -ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja -oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und -Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, _selbst Vater und -Mutter stundenlang vergessen_. Und sagt nur immer: »ich komme Morgen!« -sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann. -Da soll Freude sein in Mainz!« -- - -Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel -Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine -Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben -hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in -guten Händen; die Stadt ist nicht weit -- und wir haben ja noch ein Kind -- -das auch in guten Händen ist! Komm hinein! - -Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln -wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei -einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem -allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was -sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden? --- sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide -für Eins. - -_St. Etienne_, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als -Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als -- -_Werber_. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen -und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen -- ausgenommen den einzigen -Wirth oder Stamm des Hauses. Selber _Weckern_ hatte er gedroht in den -Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix -noch Kegel habe. _Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei -eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;_ die Dummen -raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter -werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten, -und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu -gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch! -Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als -Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem -Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet -und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so -bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber -zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne. -Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. -- - -Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel, -die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf -hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen -sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben -verbunden war -- denn »der Herr bedarf sein,« wie Wecker dem Rechte den -Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne -endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem -Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah. - -So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch, -zum Scherz sei's genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die -schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters -Hand »ein Pasquill auf das fünfte Gebot« sähe, wie unser Wecker einen Säbel -oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten -_Verstand_[A] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus! - -[Fußnote A: ultima ratio.] - -Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: »Weß ist der Rock und -das Bandelier?« - -»Des Kaisers!« sprach der Sergeant. - -»Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!« -verlangte Wecker. - -Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete -Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach: -Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und -meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth -- und euern Wecker zum -Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran -- und wie -_Ihr_ weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in -aller Welt, und Viele _schon aufgehört_ in aller Welt, und so fügt Euch -darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist -- -und Er hat gesagt: »Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!« - --- Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. »Denn -_die Erde ist des Herrn_ und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem -Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die -Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte -ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie, -wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln -wegführt.« - -St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er -sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der -Wirbelwind fortgeführt. - -Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie -einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also -der Wirbelwind Hieronymi? - -Tzschernitschef; hört' ich, antwortete St. Etienne. - -So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St. -Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also! - -Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott, -ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir -däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und -kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser, -Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und -alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König, -wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt -Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat -wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird -befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme -amerikanische Zeit! -- - -Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das -Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt! - -Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne. -Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! -- Wir haben noch einen Kaiser; und -der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland -- -_angeführt_ hat! Tüchtig _angeführt!_ Also werbe ich! Denn ohne Soldaten -bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer -fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen, -wenigstens, wenn's Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. -- - -»-- Bank!« setzte Wecker hinzu. - -Also zur Schlachtbank -- meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den -_einzigen Vater_ der Kinder, den _einzigen Mann_ unsrer Christel! sagte der -alte Frommholz betäubt: »Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind -des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben -- aber jetzt -freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.« - -»_Ihr_ nicht! alter Mann!« belehrte ihn St. Etienne, noch lachend. - -Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg. - -Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret -Ihr nicht, so wäre _Johannes_ der Einzige auf der Bude, die zu -_Einquartirungen_ und _Lieferungen_ und _Abgaben_ und _zur Zucht_ von neuen -Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei. - -»Frei!« rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt. - -Warum hab' ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes: -ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe -geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich -bin ein sicheres Mittel! - -Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte -darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? -- Und -Johannes antwortete: -- Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da -sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel. - -Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe _ausklopfe_ versetzte St. -Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund -ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird -auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde -finden, sondern _lauter nagelneue, brühwarme_. Sollen wir Andere mit Lahmen -und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen -- fallen, welcher brave Soldat -wohl vertrüge die Schmach. -- Also, Johannes, um zwei! -- - -Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf -sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach -endlich laut mit sich selbst: »Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir -immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath -gleich lieber an, damit _Christel_ keine Wittwe wird, _die Kinder_ keine -Waisen, und _Du_ kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern -Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine -eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer -anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, _nicht um selbst -hinein zu kommen_, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute -verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen, -wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen -in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor -Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in -den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus -- _in die -Hölle!_ Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! -- Wehe denen, -die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und -erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und -Beine brechen! -- Hals und Beine!« -- - -Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen -Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch -noch ganz, -- »Nun,« sprach er, »so ist es doch schlimm, daß es Dich -trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches -Holz macht dem Menschen wenig Plage -- einige Mal den Stamm querdurch -gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die -Kloben in Scheite gespalten -- so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes -bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder -ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine -ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger -Jahren statt Späne von Balken, _Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe -hiebst_, gestehe nur, _Du mein halbvergessener_ Vorfahr, daß Du die Strafe -wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der _Papst_ zur Veränderung -auch einmal _der Türken_ Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann -zusammen, weil »Erschlagen« befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen -bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins -Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du -sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in _der_ Gestalt -herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! -- Hei! das war ein schönes -Ebenbild Gottes! -- Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der -Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger -zeigte -- daß _Dir_ die Haare zu Berge standen -- und wie sie es Gott dem -unsichtbaren Vater zeigte, daß _Du_ vor Furcht Dich bücktest, -- und die -silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der -Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache -schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen -Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf -beschworen und ihn wüthen geheißen, _bloß um selbst länger ihr Volk zu -beglücken_ -- denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes -Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du -mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest -ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim, -legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum -Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau -werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter -auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch, -Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind -alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne -oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen, -oder das »nicht« aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem -Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: »Du sollst tödten!« ohne daß -ihn der Donner des Herrn erschlüge! -- »Aber,« warf ihm der _Soldat_ -Frommholz ein: »Sie thun ja doch so -- und der Herr läßt regnen über -Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.« -- -»Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische -Mahnung!« entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich -in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht -Christen werden! -- Oder doch die Türken! -- Da sagte mir ein vornehmer -Mann, der meine _laute_ Verwunderung hörte: »Ich würde die Juden und die -Türken verabscheuen, wenn sie _das_ werden wollten: was wir _sind_ oder -heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden -Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab. --- Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!« So schied er. Und jetzt da Einer 300 -Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter -aufzuspießen, und ich sie nicht einmal _vor_ dem Wirrwar hineingetragen -- -nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat, -gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst -nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!« - -»Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du -zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das -Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl -- es schwankt; . . . Du -schwankst -- es fällt; Du fällst . . . und _Johannes ist kein Soldat_, so -wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt: -daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht -schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf -mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu -begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und »zum -Wahrzeichen« hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe -bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes -- und die thörichten Kinder im Dorfe -sprechen: »Das ist der alte Frommholz!« Aber der Wahre hat die Seinen aus -der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das -wissen die Millionen nicht!« - - - - -VI. - - -Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen _Sebastianow_ und -auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag -- -krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem -Russen kommen, der also wahrscheinlich die _ansteckende gefährliche_ -Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der -vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte -sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der -Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu -begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der -grassirenden Krankheit sich -- das Reisegeld und die Aufenthaltskosten -geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten, -es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten -- und ohne -Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes -- -denn Geistesgegenwart besaß er nirgend -- so waren sie bezahlt; oder er -bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe -erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die -Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten -Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit _Holenlassen_ zu drohen -beauftragt war, und erwiederte: »Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den -Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens -meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber -jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder -selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich _vor ihr_ und _vor uns_ sein in -Acht nimmt -- wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste -Mittel selbst gegen die Pest: -- »_Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät -erst kehre zurücke!_« -- Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden -vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine -Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht _spinnen!_ Und Ein Thaler -bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?« -- -Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört -hatte, daß die vorher so preßhafte _ganze Familie_ sich nun in gesegneten -Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau _Christel_, also -bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein -bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl -war. Und so versprach er zu kommen -- doch in der Dämmerung, aus besondern -Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der -Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch -zum Troste in der Thür: »Vertraut nur der Christel . . .« - -Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes. - -». . . Nein vertraut ihr nur das: »ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt -sie es leichter.« - -Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend -- -ein Elephant die Thür aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde -reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle -zog -- und »Guten Abend!« sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor. -Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein, -dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich -selbst: »Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas -reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!« - -_Sebastianow_ aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn -schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum -Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte, -damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um -etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: »Mutter, Schnaps!« - -Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die -Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb, -und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit -der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus, -der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las, -nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald -leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum -Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung -dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder -weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache -Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu -ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen, _und sich nicht die heiligsten Tage -einer Mutter zu verderben._ - -Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der -Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da -schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker las _latent_, wie er es nannte, -erst selbst _als Schuljunge_ oder Custos, an der Hausthüre mit -nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann -las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die -Trostworte des Engels, als _geistlicher Herr_, mit viel mehr innerer Würde; -und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weinte _latent_ mit, wie er; -denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. -- Darauf sprach -Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: »Nun sind -wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man -immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den -Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht -schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte, -wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf _einem_ -Beine stehen, wie eine Gans -- ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen, -wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe -- -- -- -links! Köpfe -- -- -- rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie -nun jemand Anderm! -- Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch -an -- Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe -rechts dazu -- schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie! -sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der -Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne -Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder -- und schreien, ja mucken -auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch -nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar -eine Maschine! Also _die_ Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum -Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst -florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die _stille -Musik_ dazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden! _Laßt uns begraben, daß -ich weinen kann!_ Denn ehe die Rekruten -- schon ein ganz himmlischer Name --- ein Rekrut -- ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit -und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzt _hier_ niedrig, jetzt _drüben_, -ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht -nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen -Thüre herum und vorbei! _Laßt ihm die Freude!_ Uns aber laßt allein zu dem -Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht -mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit -Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit -Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber -lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die -lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den -Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann -auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat »_vom Volke_« -- -wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen -- mit Unrecht Schläge -bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die -Schnäbel verbrannt, und ist _ausgetreten_. Sr. Hochehrwürden, der Herr -Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein -junges Weib, einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist -also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich -der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im -Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich -vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig -Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber -zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd'or. -Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man -jetzt nicht _auf_ der Straße, sondern bei dem Wetter _in_ der Straße bis an -die Waden. -- Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr -ein! Seid nur so gut!« -- - -Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock -zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter -ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos -mit dem Kinderkreuz, und sang -- stumm, oder latent, mit sehr beweglichem -und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte -Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht. - -Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der »Rotte« vorüber kamen, -hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern _rechts_ -gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins -Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe waren _links_ commandirt, -und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem -sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken; -er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf _rechts_; und der _gnädige -Gottlieb_, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rückte -ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort »Links,« -und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust. - -Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur -halblaut vor sich: »_Es ist schon gut!_« -- Johannes aber sah sogar die -große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in -die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz -anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen _still_, die Worte seinem Kinde -nach: »Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des -Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich -vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und -Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.« -- »_Amen!_« sprach er laut; und der -Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los. - -Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer -Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder -Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen -gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß -es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog; -ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich -verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer -verfolgt. -- »Es ist Krieg!« riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an -dessen Stimme Wecker _seinen Sohn_ zu erkennen glaubte, sprach lachend: -»Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und -wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und -schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!« - -»Es ist schon gut!« stöhnte der alte Vater wieder. »Mein Sarg steht schon -lange auf unserem Boden.« Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck -blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen -frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die -Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf, -daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. -- Und während der alte -Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und -zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel -und auch zum Thurme -- und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn -herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere -eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß -ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie -Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das -alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue -schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es -- seiner Erscheinung -empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er -seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete: -»Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel -gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber -schlecht! Ich -- ich kann nicht singen -- mir ist die Kehle wie -zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt' ich sagen: _Der_ Vater!« - - - - -VII. - - -Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne -Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte -geblendet von dem schmückenden Scheine. -- - -Wo ist denn das Kind? -- Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da -gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde -verschneit waren vom reinsten Schnee. -- Ach, seufzte sie, nachdem sie -unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter -einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn -- o mein Gott -- es hat -mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende -Stimme: »Mutter, mache die Augen auf! . . . mach' doch die Augen auf!« und -ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne -sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen -Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel -und die Schürzchen -- ich bin um Alles -- da hängt es, und liegt es, und -sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt --- und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die -letzte Schmach an ihm! -- -- - -Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht. - -An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst -erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden -gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen -- und ärger! Und was hilft -das Unglück eines Menschen den andern? Was mir -- das fremde? Und was den -lieben fremden Menschen das meine -- oder das unsere, wollte ich sagen, -Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein -Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird, -als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes, -ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir -haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz. -Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein -solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten -muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja -schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich -Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt -- -vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der -ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut -und Soldatenfreiheit -- weil der Abscheuliche -- sein großer Friedrich, -sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat -ihn erkannt -- als ihn der Teufel gefragt hat: -- »Wecker! war das nicht -Dein Sohn, der da reitet nach _Britzenheim!_« -- Siehe, und so ist der -alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was -er bei ihm und mit ihm will -- weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen -. . . . - -»Ein Messer?« frug Johannes erstaunt. - -Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: »Kein Vater darf -sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen -- ausgenommen sie werden -besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und -menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen -vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! _Sonst_ muß der Vater aufstehen! und -lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche -Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker, -bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie -ich, soll gescheidter sein, als viele _ganz_ curiose Leute; und so ein -armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene -Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, _der -Corsar zu Lande_, macht, -- und _meinen Sohn!_ . . .« -- So sprach er -stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der -Hand, und ließ sich nicht halten! - -Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes -betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern -lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße -ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in -Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen -Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von -Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er, -würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe, -die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein -Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben, -die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen -Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben -- als nämlich -mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; -- und Andere, die glauben: -die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu -besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen, -sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären -es wirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen, -oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; -- und so mahlen sich -die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben, -und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche -und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber -werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher, -hören mit Angst die Glocken rufen: »neue Menschenknochen aufzuschütten!« -und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts -gelernt. Wenn sie aber _Christen_ wären -- ließen sie den lieben Gott seine -Gaben auf seine Mühle schütten, ließen _ihn_ das Mühlhaus beglücken, und -hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ -wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die _Menschen_ -Christen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden, -als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten -hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es -muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das -Volk muß nach der _wahren_ Lehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort -Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten! - -»_Nichts weiter!_« sagte Christel zum Morgengebet. »Nichts weiter;« ich -habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das -Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch _indeß_ --- indeß -- bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein -Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten -schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser -wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn -erhält; aber nun _der_ seinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm -erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest -- aber -Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn -ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für -ein Bauer -- ein Prophet wie Daniel! -- Ach, was wird _mein_ Daniel machen? --- »Ich muß fort, ich muß hin!« sprach sie, von dem Namen des Propheten an -ihren Knaben erinnert. - -Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu -leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen -verträgt. »Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich -will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner, -das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große -Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alle _die_ Hoffnung haben und die -Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt -- eben weil das -Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist -- -so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle -geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und -die Müller mögen ihre _eigenen_ Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir -legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht -länger bluten als dafür: -- daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht -länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! -- so sagt der Vater.« - -Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen, -die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberfluß hat; und sie saßen in -süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich -still an den Händen hielten. »Deines Vaters Geburtstag ist heut,« sprach -sie endlich; »heut ist er siebzig Jahr.« Gott erhalte ihn uns noch lange! -besonders nur _mir_; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen -Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn -er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen -letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer -Hausschatz, den kein _anderes_ Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein -eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag -still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den -Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht -wissen: warum? selber der alte _Sebastianow_ und der große Peter, der Hund. -Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und -zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge -Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen -ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In _diesen_ -Zeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die -Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen -um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen -- und nichts ist -länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth -- spricht -Wecker; aber in _der_ Länge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur -ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich -durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und -helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem -Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit -ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus -demselben weichen Stoffe -- aus Liebe und Thränen! -- - -Christel brach ab; denn sie sahe durch's Thor einen vornehmen Reiter herein -in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er -wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr -rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des -Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen -Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: »Ich heiße _Ellenroth_ und -bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.« Er -holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt -fort: »Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem -Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin -ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein -Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen -sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch -gewiß schon lieb und vertraut -- wie ein Anverwandter -- wenigstens habe -ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe, -denn _Ihr_ seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester -_Martha_ dahin ist -- dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald -folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr! -»Sie will nicht die Meine werden« -- _weil_ sie mich liebe und ehre; aber -auch keines Andern -- weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja, -sie meint: »Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht -katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.« Leset! -Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee! -Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee, -ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!« - -Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem -Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm -traurig: »Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das -hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!« - -»Geht zu ihr!« bat er; »redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie -alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie -nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset, -_daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück_ -- und -das ist: _die Wahrheit_, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe -mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund -der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es -doch leer, halb, zerrissen _ohne Sie_ -- und der Tod ist jetzt leicht zu -finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung -vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht -sollte das nur so kommen, _das_ sollte ich im Leben vielleicht nur thun! -Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch _die Tage_ erst -lichten _das Leben_ auf -- und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir -nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.« - -Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward -durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen -oder nicht erst erworbenen Freund inständigst bitten . . . wenn er denn -wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dann -_ihrem Johannes_ zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von -den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen -ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen -Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel und _muthvoll_ ist; -ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle -ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie -nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: »Armer Herr! -Ich weiß gewiß, es ist vergeblich -- aber ich gehe zu Euerer Dorothea. -Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so -helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon -um Dorothea's willen! -- Die wird sich doch freuen über Euch!« - -»Sagt es dann gleich lieber jetzt!« bat er. Aber sie beruhigte ihn damit, -daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das -heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald -darauf -- den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den -Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu -erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche -Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie -verhallt sind, »wie die ächten wenigen Worte Christi,« wie Wecker sagte. - -Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und -auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem -andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: »daß übermorgen, oder -schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und -halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite -geführt werden sollten.« Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht -nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor -einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und -zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der -Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten -Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes -über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen -Morgenfrühe den Tag aus -- den Montag -- wie er sonst immer erst nach dem -Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den -Kukuk die Stunden nachrufen -- und schrieb noch einmal seinen Namen auf das -mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg. -Dann betete er aus seinem _Kubach_ das sonderbare, doch ächte »Gebet eines -Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,« welches zwei Seiten lang ist, -also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene -Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat. -Er merkte das, und lächelte die geringe Höhe _seines_ Thurmes und seinen -Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg -- und das Gebet bekräftigte ihn -und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um -noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in -fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen -würde! - -Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel -dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie -alle grüßen und bitten: »sie sollten ihn nicht vergessen!« Das durfte er -sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag -begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen. - -Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: »Vater, -bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!« Das Wort traf den alten Vater, -als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: »macht wenigstens -Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja -noch vor dem Winter gethan werden« -- da versprach er zu Mittag bei Zeiten -bei ihnen zu Hause zu sein -- und sähe sich jetzt um, wie es dann in der -Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert; -aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem -Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will, -frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das -Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das -sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich -gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde -als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes: -»Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir -- -das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit -Dir -- so gut wie ein alter Vater noch kann! -- Lebe wohl -- indeß!« - -So ging er. - -Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn -Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das -kleine Mädchen sehr nach ihr geweint -- und mit gewollt! Das war nun schon -Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt -längst schon wieder ruhig war. - - - - -VIII. - - -Von den Kindern zurückgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage -von Mainz nach Hause. So wußte sie nichts aus Zahlbach -- und so gewährt -der Himmel den guten Menschen das Glück ihrer Treue und Liebe; und wo das -Glück ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht -nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle, -ja alle Völker haben: tagtäglich zu bitten, daß auch ihre _Nachbarn_ und -alle die Ihrigen auf unschädlicher, ja wohltätiger Bahn wandeln mögen, -damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung -und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden -- das erfuhr -sie heute. - -Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen -langen Gewölbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar -und doch so wunderlich. Denn wenn draußen auf Markt und Straßen neue -Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie -Fledermäuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert -verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Fröhliches und Trauriges herein -oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich -gleichsam nur -- als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die -wettergraue, alterbraune Farbe -- der vergänglichen Welt gegeben. Die -Gewölbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine -nicht, daß so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden -waren, während die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel -gesungen. - -»Aber Mutter!« sprach Daniel, »sind das nicht unsere Kühe dort? und unsere -vier neuen Räder am Wagen?« - -Sie drängten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im -Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn -Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Bürger sprach zu dem andern: -»Das ist ein böses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun -grade der Kaiser und seine Brüder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen, -Töchter und Schwäger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein -besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand, _deswegen_ -wollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen, -noch ihre Söhne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern -lassen!« -- - -»Sie sagten, es wäre ein Zimmermann;« versetzte ein Anderer. - -»Ja,« bestätigte ein Dritter. »Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der -Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestürzt -- weil er -ihn habe früh morgens am Altare knien und beten sehen -- weil er einen -einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.« - -Ach Gott! der Großvater ist todt! sagte Christel zu Daniel. - -»Der alte Mann gefällt mir!« sagte der Erste. »Erstlich, weil er ein Mann -auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er -soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krüppel wäre, nun er -beide Beine zweimal gebrochen habe . . .« - -Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Großvater lebt ja! Er hat -nur beide Beine zweimal gebrochen . . . . - -». . . und als ihm das ist bestätigt worden, hat er mit Freuden -eingestanden: er sei _nicht gefallen!_ Auf dieses sein Geständniß, daß er -seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun -hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefängniß geworfen werden und, -als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm -- sie wissen nur noch nicht -in welches, denn alle -- Holzthürme sind voll: -- Verräther, das heißt nur -voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heißt.« - -»Schwager!« versetzte der Dritte: »das ist das größte Elend auf der Erde, -daß grade das wahre Herz der Völker jetzt ein Scorpion sein soll! und die -alte ächte redlichste Treue -- Verrath; weil sie nicht mehr paßt, und nicht -höflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet -und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter -Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe -Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt würde -- ich würde kein -Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt würde, so würde ich nie _ein_ -Russe, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und -Kindeskindern -- und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden -5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten -- geschweige die Knute bekäme; --- -- denn so _Etwas_ ist nicht möglich, wider den Mann und wider den -Menschen, und das sollte _man_ einsehen, besonders: -- »Man, der Teufel!« - -Darauf sahen sie einen schönen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und -jetzt nur erblaßt und ängstlich nach dem braven Manne darin spähen . . . -dann langsam und vorsichtig über die Leiter steigen und sich zu ihm setzen; -und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: »Daniel!« -und Daniel rief: »Mein Großvater!« - -Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten -wehrten dem Knaben nicht; und so überwand auch Christel die Scheu, aber nur -durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen; -und so ließ sie die Menschen die Menschen sein, unbekümmert, ob sie solche -heilige Kleinode unter der Stirn besäßen, die da zu sehen vermöchten, was -unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hämmer in ihren Ohren ihnen -verkündigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getönt in die -himmlische Luft -- -- sie drückte dem Vater die Hand, und hielt sie fest, -während ihre thränengefüllten Augen über ihm schwebten. Denn sie bedachte -mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hülfe des Himmels durch den -entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an -Vertrauen gethan -- und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; -- er -kehrte sein Gesicht ab -- und sie hatte nun eisernes Antlitz -- vor aller -Welt zu weinen! Dann erblaßte sie über und über vor Scham vor der Welt der -Großen, und erröthete wieder über ihre eigene Schuld der Verschweigung -gegen den Schwiegervater: _welchen_ Trost ihr der Herr von Ellenroth -gegeben! Aber »soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und -gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine -kleine grüne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann?« So tröstete sie sich -selbst, faßte sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei -dem Großvater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen, wohin -man ihn ins Gefängniß werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, daß -er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom -Wagen und verlor sich unter der Menge. - -Und der eine Bürger sagte wieder: »Schwager! Wenn wir nicht alle _die_ -Hoffnung hätten, daß eigentlich Nichts lange besteht, was die Großen thun, -höchstens von einem Friedensschluß bis zum andern, und wenn es nicht ein -wahres Glück wäre, daß ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht -versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fünfzehn Jahr alt -wird -- so möchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!« - -»Und ich kein Schneider! Schwager!« versetzte der Andre, »Aber wir hoffen, -das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene -Gewand, das der liebe Gott am Schöpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird -nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf -eine beßre, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder -zusammengenäht, daß es so lange hält wie ein Rock der Kinder Israel in der -Wüsten -- 40 Jahr! Sela!« - -»Wenn's nur noch Stich hält!« schloß der Dritte. »Menschenherzen sollten -sie können zusammen nähen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben -Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!« - -»Ich auch!« sprach der Dritte. »Ich auch!« schrie der Erste. Und von ihrem -Gedanken gleich froh ergriffen, _meckerten_ alle drei Freunde laut, und -nunmehr erscholl unauslöschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst -recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Kühe -brüllten; die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung -unter die Menge. Und die drei ursprünglichen Ziegenböcke fingen an zu reden -und sprachen: »Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie -thun! -- nur was sie leiden!« - -Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre -- mit den -Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und -ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete, -daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte -es sich aus gutem Herzen so: -- »Johannes liebte sie; das sahe der -Großvater; -- und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und -die Kinder liebte mit seiner Liebe.« So war es gekommen. Darum beschloß -sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu -schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem -Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes; -denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein -gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt, -und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das -Frohe. - -Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: »Weißt Du?« --- Und sie antwortete nur: »ich weiß!« Und nach zeitlangem Schweigen setzte -er nur noch hinzu: »Deine schönen Kühe sind auch fort!« -- Sie aber -versetzte heiter lächelnd: »aber die Kinder -- die Kinder sind alle -- ach -nun alle die wir noch haben -- gesund und fröhlich -- bis auf den Daniel, -der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!« - -Sie schwiegen darauf beide -- aber übereinstimmend -- und gingen an ihre -Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen -selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat, -ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen _darüber_ zu machen, sondern -seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder -hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag -- und das Gottgeheißene willig -und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit -- wenn er -bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt. - -Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie -verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein -großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts -gethan: -- _als eine Thüre zugemacht_, eine Gewölbthür im Unterstock des -Schlosses, -- Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere -Erkundigung gesagt: »in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit -glühenden Kohlen gestanden.« -- Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte -der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber -- er nahm -seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie »eine Thür zumachen« seine -Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können. - -So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte -Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die -sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- -- Todesschmause auf dem -großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht -aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; -- »so wie -Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen -Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom -Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen -oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren -als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als -- den Braten -gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen -Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern -aufgerissen hat;« wie Wecker gesagt. - - - - -IX. - - -Das Weihnachtsfest kam während deß herbei, aber nicht als ein -dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lärm, -und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was -über den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte -langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten -- denen -sie _Freude_ machen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre übereilte -Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn -sie jetzt auch nicht am Leben gefährdet schienen, so war ihr kindliches -Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen -Gäste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That -derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hörten, _dankte Christel -Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter_, welche die Weise gefunden -hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten -Herzen. - -Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, saß in stiller Nacht vor dem -Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schön und -ward groß; -- selber das Christbrod, das sie für die kleine umgekommene -Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll großer Rosinen mitgebacken, -ging hoch auf, und färbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit -feuchten Augen und weinte und dachte: »es geht Dir also wohl im Himmel, -mein Kind, das seh' ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein -armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich!« -- -Auch für den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod -groß und lockend daliegen, und der neue Rock dahängen -- bis er kommt! Und -zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie -freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hörte -ihn wieder wie sonst dazu sprechen: »Daß wir durch des Christkindes Geburt -nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern -daß wir armen alten Schulmeister, ja jedermännig klüger sind, auch wohl -besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient -wohl, daß man ein paar Tage Christbrod ißt, oder wohl gar ein delikates -Stück Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!« - --- »Oder auch _zwei_ Stück!« sprach Christel dann fast laut, und legte ihm -in Gedanken noch ein tüchtiges Stück hin; und Daniel legte ihm still das -Seine auch dazu -- und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben, -sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der -Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklärten heiligen Geiste, dafür, als -welcher es eigentlich so weit gebracht, daß Christbrod in der Welt sei -- -und gute Menschen! - -Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid. -Aber das künftige kannte sie nicht, und ahnete es kaum; wie Niemand an -bunten warmen Herbsttagen den Alles weiß bedeckenden Schnee. Und doch war -ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewußt hätte, -nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur -hinter die Nebelwand, die vor dem nächsten Jahre hängt, um zu sehn, was für -Gestalten dahinter standen; blutig, glänzend, wohlthätig, oder schrecklich --- alle aber vom Himmel gesandt; -- oder schon auf Erden wandelnd, aber -ihre eigenen künftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt -unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab -auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: »Nun sei -du selbst! Werde und wirke!« - -Am Vorabend des Neujahrfestes 1814 trat da in der Dämmerung ein Mann in -Johannes Stubenthür und sprach: »Willkommen!« Sprich »Willkommen,« mein -liebes sogenanntes Pathchen, denn ich bringe Euch einen Gast mit! -- Ich -bin der sogenannte Leinweber _Krieg_ mit der Baßgeige; aber ich habe sie -heute nicht mit! Und der Fremde wird Euch gewiß lieber sein, denn er brummt -nicht so, und ist ein stiller Mann und alter guter Freund von mir -- und -wird nicht lange bei Euch verweilen -- sage ich Euch zum Troste. Nun tretet -nur ein, sogenannter Herr Prophet Adam! Hier wohnen treue verschwiegene -Leute. Das sei Gott geklagt! Nämlich: daß nicht in jedem Hause dergleichen -Adamskinder wohnen, mein Adam! Denkt, Ihr seid ihr Urvater, macht's Euch -bequem, und setzt Euch nieder, als wärt Ihr zu Hause im sogenannten -Paradiese. -- Marsch, hinein! nicht hinaus! denn ich bin kein sogenannter -Engel mit dem Schwert -- nur mit dem Stocke, der heut gewiß so müde ist als -ich -- ob ich gleich als Leinweber das Treten gewohnt bin, aber -- beim -Sitzen, nicht beim Laufen! Nun Christel, macht sogenanntes Licht; das -heißt: zündet es an, oder den Kamin! das heißt das Holz darauf, damit wir -uns sehen und kennen lernen, und Adam nicht glaubt, ich habe ihn in ein -sogenanntes Blindenhaus geführt, was jetzt die ganze Welt ist, nämlich -nicht für immer, sondern nur bis wieder die sogenannte liebe Sonne aufgeht, -das heißt: die Erde unter, das heißt: sich nur herumdreht mit den Betten -voll schlafender Halbtodter, das heißt: nur immer eine Nacht Todter. Also -nur Licht! Wärme, Brod, ein Schoppen Wein, und dann Stroh zu einem -sogenannten Bett, mein liebes Pathchen! Erschreckt nicht über meine lange -Eingangsrede; sie ist nicht der Eingang, sondern die Rede selbst, und ist -nun aus und heraus! Vorhin war mir das Maul von der Kälte zugefroren -- -jetzt ist es aufgethaut.« - -Christel schlug mit freudezitternden Händen Feuer und -- machte Licht. Dann -nahm sie dem lieben Pathen Leinweber den Pelz ab, und sahe mit sonderbarer -Scheu zum ersten Mal in ihrem Leben einen Propheten. Der Mann war schlank -und hager; seine großen schwarzen Augen funkelten sie an, und sie sahe -darin Gutmüthigkeit, Treuherzigkeit und viel mehr Demüthiges als Stolzes, -und vielmehr Offenheit als Schlauheit; wenn auch sein Mund nur freundlich -grüßte, aber zurückhaltend dann schwieg, oder nur die nöthigsten Worte -sprach. Denn er schien menschliches Wesen, den Lärm um das Heut und das -Jetzt immerfort zu belächeln, wie das brennende sich verzehrende Licht; und -doch beobachtete er alles Geschehende scharf, und schien es nicht recht -fassen oder sich damit vertragen zu können. Und so lag eine gewisse, schwer -zu verhüllende Hast und Ungeduld in seinen Geberden und Schritten, bis er -wieder in einer Ecke still stand und sah und zusah. Wie Jemand, der selbst -auf einer weitschauenden Höhe steht, und hinter den Bergen her viel fremde -wunderbare Gäste erwartet, die ihm haben zusagen lassen: »sie würden -kommen,« und die alle Augenblicke, aber auch in Jahren erst kommen können, -und die zu erwarten und zu begrüßen er auf die Höhe gestellt ist. Und so -lag auch Ueberdruß auf seinem blassen Gesicht, und seine Kleidung war nur --- Kleidung, und schien nicht sorgfältig angezogen, sondern nur umgehangen. -Auch seine schweren langen schwarzen Haare hingen ihm grad und schlicht, -ohne zu glänzen, bis auf die Schultern herab. Seine Sprache aber drückte -selbst das Gewöhnliche so aus, als sei sie bloß für diese jetzige Sache von -ihm erschaffen worden, und solle in der Welt nichts anders mehr bedeuten; -und so erschien sie klar wie Wasser, das den Grund durchsehen läßt, doch -nicht wie geprägtes fertiges Gold, sondern wie solches, das eben geprägt -wird, das mühsam aber sauber und fehllos unter dem hörbar arbeitenden -Stempel hervorkommt. - -Sie hatten kaum zu Abend gegessen und sich ausgeruht, als ein furchtbarer -Lärm im Dorfe entstand. Alle Soldaten liefen bewaffnet hinaus, und auch die -Bewohner von Zahlbach standen eine Zeitlang betäubt in jenem allgemeinen -Erschrecken, in welchem alles Grause, das in der Natur ist, aufgeschrien, -wie Ungeheuer des Himmels, des Meers und der Erde drohend und schnappend -mit offenen Rachen die Menschen umlagert, und gegen welches das größte -Unglück nur Kinderei wird, wenn der Schreck seinen Namen durch die Taufe -der Zeit erhalten. Und so ward sogar allen leicht um das Herz, als sich ein -nahender Bote erbarmte und kund that: »Mainz brennt!« - -Nun eilten Viele auf die Clubbisten-Schanze. Aber es war nur dort ein -matter niedergehaltener Schein über der Stadt zu sehen; oder bisweilen -einige leuchtende Funken um die Thurmspitzen, und dumpfes Geräusch scholl -auf; dazwischen auch wohl ein Knall, hier einer und dort zwei, auch drei; -dann schwieg es wieder und rauschte und rief nur fort und blieb hell, -Johannes mit seiner Christel und der Leinweber Krieg mit seinem Propheten -Adam Müller stiegen also auf den noch höher liegenden Berg zur Seite. Krieg -prophezeihe Unglück -- denn die sogenannten Verbündeten gingen in dieser -Nacht über den Rhein! . . . - -»Friede! Friede! Es ist Friede!« scholl es von der Clubbistenschanze. - -»Friede?« rief Adam, aufglühend vor Zorn, »Friede! Der ist nicht! Der wäre -schrecklich! Das kann ein Kind begreifen! Die Völker sollen Eins werden -- -und im Kriege erkennt Jedes das Andre als ein eigenes Wesen mit eigenen -Rechten und Ansprüchen, und fühlt sein eigenes Unrecht und seine Sünden -. . . wie seine Wunden! und kann den Himmel mit Händen greifen . . . wie -seine Leichen. Friede? Entsetzlich! Wie würde da Frankreichs Licht -ausgegossen über Europa! Der Kosak sticht in ein französisches Herz mit der -Lanze, wie ein Hammerschmid in den hohen Ofen, und eine ganze Gans, ein -Strom Feuer fließet ihm zu! Deswegen sind die rohen unwissenden Völker so -kriegslustig -- um zu wissen, und sterben gern wie Ameisen; denn sie -wissen, ihre Nachkommenden erstürmen die Zuckerdose!« - -In Mainz flogen Leuchtkugeln auf, und die nächste Umgebung ward schwach -erhellt davon, wie von vielen kleinen zerplatzenden Monden. - -»Seht nur,« sprach der Leinweber; »das ist ein sogenannter alberner Spaß -für einen Propheten, der den Feldmarschall Blücher wieder besuchen und ihm -den Verlauf und den Ausgang des Krieges prophezeien will -- nämlich daß -alle sogenannten Schlachten jetzt so gut wie halb umsonst geschlagen -werden, und daß das viele junge Blut jetzt umsonst fließet, weil Napoleon -wiederkommt nach Jahresfrist -- und nun machen sie Friede in Mainz!« - -»In Mainz!« versetzte Adam. »Der Friedensjubel ist nur eine Maske, in -welche die endlich auch einmal schlau gewordenen Deutschen die Feinde -gesteckt, damit sie drin tanzen und nicht -- den Uebergang über den Rhein -sehen.« - -Also wird _der Kaiser_ vom Throne gestoßen werden? frug Johannes. Sagt uns -doch auch Etwas! - -»Das kann ein Kind begreifen!« sprach Adam; »freilich der Kaiser; denn ein -ganzes Volk läßt sich nicht absetzen von seiner Menschenwürde oder _auf den -Thron stoßen!_ Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche -freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib -aufreißen, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaßen besteht. Aber -nur ein schwangerer Mann wird ihn überwinden; denn mit einem solchen -Elephanten-Unternehmen trächtig gehen, ist kein platter Spaß, sondern ein -höherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger muß glauben, einen Elephanten -gebären zu sollen. Nur wie man das einmal auf's Theater bringen will, oder -malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und -wär' es ein junger Elephant. Das Blut muß aber doch vergossen werden.« - -Und dann wird Friede? frug Christel fröhlich und getrost. - -»Das kann ein Kind begreifen!« sagte ihr Adam. »Aber, meine Frau Christel: -ein Donnerwetter im Frühjahr ist nur eine sichtbare, hörbare und wandelnde -Schaffung der Blüthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte -gemeine Krieg nicht aufhören, damit der bekannte gemeine Friede wird, -sondern damit der reine _große ewige_ Krieg wieder anheben kann, welchen -die Menschheit unter sich tagtäglich kämpft. Denn Leben ist der Streit und -das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewährt -werden die Liebe und die Tugend; denn die Thränen und Wunden, die Schmerzen -und Tode in dem _stillen Kriege_ der Menschen, der da Frieden heißt, sind -unaussprechlich tiefer, schwerer und tödtlicher, und millionenfacher -- als -in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf daß der wahre Krieg -wieder seinen großen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg muß nicht -mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg -nur unterbricht. Und da müßte Einer oder Mehrere blind, stock -- blind -sein, wenn sie nicht sehen, daß das deutsche Volk nun aufsteht die -Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhäuser -gleichsam begraben liegt, seine große, ganze Auferstehung! Nicht dafür, daß -Jeder wieder seine vorher so beglückten Leute wieder so wie bisher -beglücken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht -begeistert auf für Andere, sondern für sich, von einer großen Ahnung voll: -das große gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder -Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Für Heinzen und Kunzen opfert -es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los -zu werden, daß es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen -beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten; _den -ihm Niemand abgewehrt_, den im Gegentheil ihm Viele lange herbeigeführt -haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine -Erniedrigung erhöhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das weiß -das Volk -- und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!« - -Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschüsse rund um die Stadt, aus feurigen -freudigen Schlünden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die -deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig -nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann -schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme -sprach es: »Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt -des Unheils der unschuldigen Kinder, um _das Wort der Weisen_ zu Schanden -zu machen: daß die Erlösung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird -man hören aus thörigen Kindern, was -- die Erde will, und um dieser Kinder -willen wird man ein Netz über alle Lande legen, ein eisernes Netz, das -zehntausend Millionen Goldstücke kosten wird, und in _einer Sommernacht_ -zerreissen wird wie von Spinnenfäden, und dann keinen Kreuzer mehr werth -sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen -werden es spinnen, und eine große Kreuzspinne mitten darin still sitzen und -Spinnen brüten, und hineilen, wo nur ein Fädchen sich lösen möchte. Aber -das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht -wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der -Himmel bleibt.« -- - -Da erscholl mit erschütternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall -durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und -über der heiligen Erde die Worte her: »_Herr Gott, Dich loben wir!« -- -»Herr Gott, wir danken Dir!_« -- - -»Er hat schon geholfen!« schrach der Leineweber. »Mir ist, als spielte ich -das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, daß es die -adligen vornehmen Todten in den Grüften beim Altare hörten, und die -gemeinen Bauern-Todten draußen in schlechter Erde auf dem Gottesacker! -Blaset nicht mehr! Ich halte es nicht aus -- ohne meine Baßgeige! Hört auf, -ihr Menschen!« - -Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte -Christel. »Das Netz soll zerreißen« -- und gleich danken sie Gott dafür in -Mainz! - -»Nicht nur in Mainz, meine Christel!« sprach Johannes. »Aber besinne Dich -nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; -- -eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!« - -»Aber nicht Narren! -- Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannter -_Herr_ und Gott! _Das_ trifft gewißlich ein;« meinte der Leinweber. - -»Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu -machen, _und Gott bleibt nicht aus!_ Er ist immer da und nah! Gebt acht!« --- sagte Adam Müller. -- - -Und eine ungeheure Nachteule, groß wie der Vultur papa, oder auf Deutsch: -der Papst der Geier, rauschte niedrig am Boden vor ihnen vorüber, und -krächzte schauerlich-furchtbar und furchtsam wieder heran. Denn sie war -geblendet, und wahrscheinlich aus dem alten, dunkelrothen Dome der Stadt -verblasen und verschossen worden. Sie setzte sich nahe vor ihnen hin; ihre -Augen funkelten; ihre Federn standen ihr zu Berge; sie war aufgehuschert, -wie zum Schlafe. Und Peter, der Hund, der ihnen nachgekommen war, stürzte -sich auf sie, und zerfederte sie; aber die Eule klammerte sich über seinem -Maule fest, und hackte nach seinen Augen; und der Hund heulte, von ihren -Krallen zerkratzt, durch die Zähne; schnaufte, boll dumpf, wälzte sich, biß -sie endlich todt, und schüttelte das schändliche Schloß mit Schmerzen und -Qual vom Munde, und kam dann blutend und doch fröhlich zu den Menschen. - -Allen war grauenvoll zu Muth. - -Ist das auch ein Zeichen heut in der Neujahrsnacht? frug Christel. - -»Die Natur verstehe ich nicht auszulegen;« erwiederte der Prophet, »ich -sehe nur _Gesichte_. Aber etwas Aehnliches kann kommen. Denn das deutsche -Volk nimmt jetzt einen ungeheuren Anlauf zum Hohen und Großen, wie nie -zuvor; und unfehlbar auf immer; und wenn es Eines wird in Sinn und Geist, -würde es furchtbar allen Blinden und Taubstummen -- _wenn_ es nicht ein -treuer Hund wäre, der eher wacht und schützt, als raubt und verschlingt, -wie ein Wolf. Deswegen werden die vergrößerungssüchtigen, falschen -- -Türken seinen Herren falsche Angst machen; daß der Hund nun ein Ungeheuer -werden könnte, und bitten und rathen, und _befehlen_, daß ihm ein Schloß -vor den Mund gelegt werde, damit er nicht . . . reden lerne wie Bileams -Esel, und kaum klagen könne seine Nothdurft, aber nur dumpf, aber nicht -bellen noch beißen -- das treue arme gute Thier! Seht nur, wie Peter -blutet! heißt er nicht so? Denn was jetzt geschehen wird, das kann ein Kind -begreifen . . . aber in den dreißiger Jahren, wenn der Komet kommen wird -. . . da wird die Erde Angstschweiß schwitzen, wie ein Roß vor dem Kameel! -Und wie die Fliegen, die auf dem Rosse sitzen, von dem Angstschweiß -sterben; so werden die Menschen, die Fliegen und Würmer der Erde -- -sterben. Denn heut ist es ein Jahr, da klopfte es um Mitternacht an mein -Fenster. Ich horchte; aber ich las still fort in den großen Propheten. Da -klopfte es wieder. Ich sah hin -- es schwieg -- ich las fort. Aber -- ich -weiß nicht auf welche Weise, ich schlich leise zur Hausthür, und harrte. -Und als es zum dritten Mal pochte, riß ich die Thüre auf, um zu sehen, wer -. . . doch ich sah -- laßt mich schweigen -- ich sah _Jemand_ in einem -weißen langen Gewande, weiß, wie der Schnee . . und es blickte mich an mit -hohlen Augen . . . und es winkte mir fort -- und als ob ich von ihm an -einer Kette geführt würde, mußte ich folgen, und wir schritten durch das -mondhelle todtenstille Dorf auf den mondhellen todtenstillen Gottesacker -- --- und die Pforten der Kirche standen offen, und es zog mich hinein, und -die Pforten fielen hinter uns zu, und die Schlösser verriegelten sich -- -die Gestalt deutete nach dem Altar, und versank vor meinen Füßen in die -Steine des Bodens, wie Wasser zerrinnt; und ich stand allein in der -mondhellen todtenstillen Kirche. Aber sie war heller als von einem bloßen -Monde, und so still, daß ich das Blut vor meinen Ohren sausen hörte, wie -Rauschen des Meeres. Und aus Furcht schritt ich zu dem Altar hin, wo es -heller war, und die Gestalten von Engeln wenigstens aus Stein gehauen um -mich waren. Aber da kamen vor meinen Augen -- wie drei goldene Kähne still -aus einem Wasser tauchen -- drei Särge aus dem Boden herauf, und an jedem -stand eine Jahrzahl, wie von einem inwendigen Feuer glühend und licht. Und -mich zog es wider meinen Willen hinzu, und ich mußte den Deckel des ersten -Sarges abheben -- und der Sarg war voll von warmem noch dampfendem -Menschenblut -- aber das Blut schrie leis und unaussprechlich bang zum -Himmel, wie ein neugebornes Kind schreit in seinen Windeln. Das Blut aber -wimmerte in drei Sprachen zum Himmel . . . und nannte drei Namen, und rief -über jeden Namen dreimal Wehe! -- und die Engel neben mir riefen: »Wehe!« --- Und ich konnte es nicht ertragen. Und um Grausen mit Grausen zu -vertilgen, riß ich den Deckel vom zweiten Sarge . . . und ich sah . . . er -lag voll Menschengebeine . . . und die Gebeine regten sich und klapperten, -und dürre Hände falteten sich wie zu beten, und wollten sich aufstellen und -konnten nicht, und fielen immer wieder in die Asche zusammen, wie -Kartenhäuser den Kindern . . . . Und der tiefste Ton in der Orgel fing an -zu sausen und mit dem Tremulanten zu zittern, daß die steinernen Glieder -der Engel zitterten und klapperten; und die Steine der Kirche zitterten und -klapperten mit, und die Fenster klirrten; der Mond von draußen und das -Licht von drinnen erlosch, und ich stand in schwarzer Nacht. Und vom -Orgelchor sang eine einsame Stimme eines Knaben -- vom Tremulanten in einem -Tone begleitet, die Worte: »Und dann, wenn kein Elend mehr laut genug -ächzen kann, dann wird ein Schaafsterben kommen und die Hirten erschrecken. -Endlich muß Jeder dadurch einsehen: »Jeder sorgt zugleich für sich am -besten, wenn er für die Andern sorgt: für die Armen, die Hungernden und -Nackten, und die _zugleich_ arm, hungernd und nackt sind! Endlich soll nach -den sechstausend Jahren seit der Schöpfung im Paradiese, Gottes Ebenbild -und alle seine tausend kleine Bilder, nicht mehr tausendmal schlechter sein -als das Vieh, das sein Fell -- seine Kleidung, sein Gras -- seine Nahrung -hat für den Leib. Denn selbst das Vieh bleibt nur gesund und giebt Nutz, -wenn es sein Futter bekommt zu rechter Zeit. Aber demüthig, ohne Fell und -ohne Futter stehen noch Millionen Kinder Gottes und beten: »O Pest! Stecke -nicht durch uns die Reichen an, sondern eröffne die Augen derer, die Zungen -haben, daß der ungerechte Ueberfluß aufhört, und die überflüssigen Rechte, -daß nicht länger Unbarmherzigkeit sei auf Erden! Darum soll dein Name, o -Menschenvertilgerin, genannt werden: »Die endlich barmherzige Mutter der -Menschheit!« -- Da erklang ein ungeheurer Lärm von lauter verstimmten -Instrumenten, Geigen und Bässen, Fagotten und Hörnern und Trompeten und -Pauken; die Orgel aber spielte noch obendarein einen halben Ton tiefer -dazu, und ein _Gelächter_ erscholl, wie von hundert brüllenden Löwen. Ich -sah mich um, und alle Orgelpfeifen waren gleissende dicke Schlangen und -hatten Teufelsköpfe, und die Köpfe lachten alle; und eine große Schlange -zischte und gebot dem Gelächter Stille, und die Stimme sprach dann herab: -_Niemand ist barmherzig als Gott!_ Kein Teufel läßt einen Kreuzer aus -seinem Sacke Gold fahren; kein Gewaltiger läßt ein Haar nach von seinen -geerbten Rechten, als höchstens gezwungen ein Paar, um die übrigen sich zu -erhalten! Niemand ist barmherzig als Gott! Kein Teufel!« -- Und die Köpfe -verfielen wieder in ihr Gelächter, und lachten sie aus die Barmherzigkeit -der Menschen. -- Und wie mir da grauenvoll zu Muthe war -- siehe da -springen die Pforten der Kirche auf, und blendendes Licht bricht herein; -und die Halle bricht oben aus einander, und die Gewölbe und das Schiff der -Kirche bersten oben auseinander, und als wären die Mauern und Pfeiler und -Säulen von blauem Weihrauchduft, werden sie lichter und lichter, -durchsichtig und leicht, und duften nach und nach hinweg; und der tiefe -blaue Himmel ist droben und drunten und um mich. Und ein Stern, groß wie -zwölf Scheiben des Mondes, und weiß wie Schlehenblüthe, nahet da langsam -wie ein Mensch, kommt herein in den Raum, und ich weiche vor ihm bis an den -Altar, und er nahet und bleibt ruhig schwebend, wie die Sonne am Untergange -anschaubar stehen vor den drei Särgen. Und der Stern war -- ein großes -himmlisch-schönes Antlitz, und es blickte mit thränenfeuchten Augen auf die -Gebeine im zweiten Sarge, und das Blut aus dem ersten Sarge sprach wieder, -aber leise: Das ist _das leidende Gesicht der Menschheit!_ Sieh es an! -- -Und ich schaute es nun getroster an, und das Blut sprach: Siehst Du das -leidende Gesicht der Menschheit von solchem Nebel umblasen, daß es wie -blind ist und nicht gern die Augen aufmacht, weil ihm die Augen übergehen! -Verwegene Buben haben ihm Nießwurz unter die Nase gestrichen, und es muß -niesen, und schlägt mit dem Kinn auf das vor ihm zugemachte in Eisen -eingebundene harte Buch, worin es gern lesen möchte . . . die -Weltgeschichte. Das Haupt ist wie ein Engelshaupt, ohne Leib, ohne Hände -und Füße, und rückt nur höher wie die Sonne; aber in tausend Jahren nur -eine Spanne hoch, und sieht noch kaum die Erde vor Nebel und Glanz. Aber -ach, es hat auch nicht Flügel wie Engel, und es muß auf Erden bleiben, es -mag ihm gehen wie es will. Andere Dämonen wollten ihm die Augenlieder -abschneiden, wie griechisch-gläubige Kaiser ihrem Vorgänger, damit es -niemals schlafen könne, sondern nur, unschädlich, in einem irrigen Traume -dahin starre! Sieh nur; das kindlich fromme Gesicht hat Wunden über und -über aus tausend Kriegen, und Pestspuren, und sieht hungersatt, arbeitsmatt -und kummervoll aus, und trägt einen Ausdruck in seinen götterschönen Zügen, -der selbst dem härtesten Menschen das Herz im Leibe erweichen müßte, wenn -er eins hätte -- und ihm das leidende Gesicht der Menschheit einmal -erschiene. Du aber bist gewürdigt worden es zu sehen, und sage es nur, sage -nur die Wahrheit: das erbarmungswürdigste, ehrwürdigste, leidendste und -doch das schönste, was es geben kann, ist das leidende Gesicht der -Menschheit! -- -- Ich selbst nun wollte ihm einen frommen Trostspruch aus -Gotteswort in das Ohr rufen -- aber das Ohr war taub! und ich hatte zu viel -Ehrfurcht, um zu schreien; aber das Haupt neigte sich, wie ein -stillwahnsinniges Kind, und seine frommen großen milden Augen sahen -freundlich auf mich; über das Antlitz flog einmal -- ein trauriges Lächeln, -und die schönen Lippen zuckten, als wollten sie sprechen. Aber es bedeckte -seine Augen wie blaue Glockenblumen, mit den schöngewölbten, -langbewimperten Augenliedern -- und schwieg. Und ich rief außer mir: -»Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht; mit Gott im Himmel hadre nicht!« -und es war, als hätte das Haupt sein Herz in der Erde, und das Herz -desselben schlug laut unter mir, und hämmerte wie ein tiefes unterirdisches -Werk in stiller weithörender Nacht. -- Und der Chorknabe stand jetzt -drunten neben mir in himmelblauem Gewande und frug, und Thränen rannen ihm -dabei über seine reinen Wangen, er frug: »Ist es möglich, giebt es wohl so -harte selbstsüchtige Herzen, dies Himmelsantlitz so tief zu kränken! Ist es -möglich, ihm nicht alles Liebe und Holde zu thun, ihm selbst sein Herz zu -opfern -- nicht wie dem Abgott Fitzliputzli -- denn das Antlitz ist Gottes -Ebenbild und Gottes des Sohnes Ebenbild -- und was ihr ihm thut, das habt -ihr _ihm_ gethan -- _oder ihm »nicht« gethan_. Aber hast Du Muth zu sterben -und nur eine Viertelstunde todt zu sein (wenn Du, der schändlichen Welt -entrissen, nicht immer unter den Seligen bleiben willst), so will ich Dich -schauen lassen, welche Strafen und Qualen alle die leiden, die diesen -Himmelsaugen nur eine Thräne ausgepreßt, über die das in der Erde -schlagende Herz nur einmal verborgen geseufzet!« -- Und er sank hin vor -meinen Augen und starb und war todt -- und eine geheimnißvolle innere Macht -hielt mein Herz an, wie eine Uhr, nahm den Hauch aus meiner Brust und -schloß mir leicht und süß die Augen zu, und ich war gestorben und todt -- -aber ich wunderte mich, daß ich noch lebte, als der Knabe mir an einem -fremden Orte leuchtend entgegentrat, daß ich sah; aber Alles klarer, so daß -ich zugleich es einsah; und daß ich hörte, aber aus ungemessenen Fernen, -und doch Alles deutlich unterscheidbar und unterschieden. Und wir standen -auf einem Berge, mitten in grüner, großer Ebene, groß, wie dem Schiffer die -offenbare See um ihn her; doch die Ebene schien wie die Erde voll -Saatfelder, Bäche, Flüsse mit Bäumen besäumt, mit Hügeln und Felsen und -wunderlichen Gebäuden und altem Gemäuer besetzt, und sonderbare Gestalten -regten sich emsig im ganzen Gefilde. In der Mitte desselben stand ein -riesengroßer Kandelaber, und erleuchtete den ganzen Raum mit hellem -Purpurlicht; denn keine Sonne, kein Mond und kein Stern war hier zu sehen; -denn diese hatten noch alle ihre göttliche Arbeit in der lebendigen Welt. -Auf dem Kandelaber aber stand als rubinrothe Lampe -- ein Menschenherz. Es -war durchsichtig, und man sah das Blut in den Adern desselben umlaufen, und -zu den Ohren des Herzens lüfteten sich von Zeit zu Zeit lichte Flämmchen -heraus, wie wenn man Stahl in Lebensluft verbrennt; und in dem Kandelaber -liefen Röhren, wie Adern, hinauf, die dem leuchtenden Menschenherzen sein -Oel -- das vergossene Blut aus der Erde überall zusammensaugten und -heraufführten. _Wärme_ aber gab ein ungeheures Felsenthor in einem Gebirge -zur Seite, worin man Flammen brennen sah -- »das Feuer, das bereitet ist -vom Anbeginn« -- sagte mein Führer. Am Himmel waren keine Wolken zu sehen, -nur reine azurne Wand, aber in den vier Himmelsgegenden: vier himmelhohe -Bilder, nicht gemalt, sondern nur in Umrissen, ausgelegt mit -buntschimmernden falschen Edelsteinen. Ein Anblick, wie ihn selbst so groß -und erstaunend der gestirnte Himmel nicht zeigt, der dagegen nur aussieht, -wie eine -- blaue Wiese, oder eine blaue Höhe mit gelben Schmergelblumen. -Aber hier war Arbeit! Gegen Morgen ragte das Bild der _Herrschsucht_ empor, -und die Gestalt hatte ein Kind mit einer eisernen Spindel statt des -Rückgrates auf ihren Armen -- den _Stolz_, der eine barbarische verachtende -Unterlippe hatte, an welcher drei schwere Ordenskreuze hingen. Gegen Mittag -aber stand die _Habsucht_, mager und lauschend, mit gierig umhergreifenden -Händen wie Polypen, die jappend und schnappend im Leeren sich selber faßten -und ansaugten und fraßen; weil der Himmel umher, wie eine Wand mit -Eisenspitzen bewaffnet war, daß sie sich blutig ritzten. Gegen Norden aber -stand die _Furcht_, wie auf dem Sprunge zu entfliehen, aber zu schwer -gepanzert, als daß sie entfliehen konnte; und sie trug an ihrem Gürtel -viele Arten Waffen. Ihr Mund aber war mit Schlangenzähnen besetzt, und -statt des Herzens, sah man durch die Gestalt -- trug sie einen grünen -Beutel voll Scorpionen, und auf dem Beutel stand: »Das böse Gewissen.« -Gegen Abend aber stand die _Religion_, aber sonderbarer Weise nur als ein -großer Deckmantel abgebildet, mit wunderlichen Zeichen, Mützen, Ketten, -Bullen und Bullenbeißern und Fackeln farbig gestickt. Wie eine große -Gallerie aber lief, über den Köpfen der vier Riesenbilder, horizontal unter -der Kuppel des Himmels umher, ein breiter schwefelgelber Streif mit einer -schwarzen Umschrift, die aber nicht still harrte, wie eine andere Schrift, -bis sie Jemand läse; sondern sie rief immerfort selbst ihre eigenen Worte -laut umher aus: _Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land._ Denn, -sagte mein Engel: Gott hat zwar gesagt im neunten Gebot: Du -- also -Jedermann, wer es sei, denn Gott redet jeden Erdenwurm aus -Machtvollkommenheit mit »Du« an: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten -Haus; und im zehnten Gebote hat er gesagt: Du sollst nicht begehren Deines -Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles, was sein ist. Aber weil der -gute Vater der Menschen nicht erst die Vermessenheit eines sterblichen -Sünders für möglich gehalten, daß Einer hunderttausend Häuser, nebst -Millionen Weibern, Millionen _Knechten_, Mägden, unzählbares Schaaf- auch -Rindvieh und Alles, was ihr ist, _begehren_, ja sogar _nehmen_, ja sogar -_behalten_ würde; darum steht nun hier deutlich ausgedrückt: Du sollst -nicht begehren Deines Nächsten Land! Auch hatte er jene Gebote nur mit dem -Finger auf stumme Steine geschrieben; darum spricht sich nun sein -erläutertes Gebot ohne Rast und Ruhe Tag und Nacht, wie von Gott gerufen, -selbst ganz laut aus, und Niemand kann die göttliche Stimme hemmen oder zum -Schweigen bringen, noch in sich und in Andern betäuben; denn sie übertönt -Alles, und nach ihr wird an jenem großen Tage ein Jeder unerbittlich -gerichtet werden. Denn wie soll der gerechte, ja der barmherzige Gott -Jemandem seine tausend Pfund, oder so etwas Heiliges wie sein Weib und -seine Kinder, seinen Vater und seine Mutter wiedergeben, und die Seligkeit -dazu, wenn ein Mensch so etwas Sorgenvolles und kurz Besessenes wie ein -Land, seinem Nächsten auf Erden nicht wiedergegeben? Die zehn Pfund! -- -Mitten in dem Aetherdome aber hing ein erstaunend und furchtbar großes -Kreuz, ganz einsam und allein, an einer langen, langen Wurzel des -Lebensbaumes herab; doch Christus hing nicht an dem Kreuze, sondern es war -nur verhüllt und umwunden mit schwarzem Trauerflor, und statt der -Inschrift: I. N. R. I., an der Stelle wo sein Haupt für die Menschheit -gestorben, glühten rubinroth die Worte: _Bis heute vergebens!_ Aber sie -riefen sich nicht selber laut aus über die Welt, wie des Gebotes Erfüllung: -Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land, sondern sie schwiegen -unbeschreiblich wehmüthig anzublicken, und weinten immerfort, wie ein still -rinnender lebendiger Quell in Tropfen herab, die verblinkten wie Thau und -verdufteten wie Himmelsthau. Hoch droben aber, über dem Kreuze hing im -Schlusse der Kuppel des Alles umfangenden Aetherdomes die große Posaune zum -Weltgericht an Spinnenfäden; und ein Engel schwebte Wache um sie, mit einem -silbernen Mundstück in der immer bereiten Hand. -- Gerade unter dem -trauerumflorten gewaltigen Kreuze aber war ein Chor erbaut, auf welchem -sechshundert auf Erden ermordete Tyrannen und Herrscher, in Bärenhäute -gekleidet, saßen, mit ihren Weibern und Kindern und Brüdern und Schwestern -und Vätern und Müttern. Und ich hörte sie singen, und frug; und der Engel -antwortete mir: Höre nur, wie befangen, widerwillig und immer trotzig sie -singen; denn sie singen die Marseiller Hymne immer durch, und vom Ende -wieder zum Anfang in einem ewigen da Capo, bis der, wie ein feuriger Stahl -und Strahl auf die Erde gefallene Gesang, dessen gleichen seit Paulus -Worten nicht erscheinen, und seit welchem für die Menschheit das neue Reich -anhebt, bis er in ihr Haupt gestiegen, und wo möglich in ihr Herz, damit -ihre Seelen nicht verloren gehen. Denn das will der große Vater nicht! Sie -singen ihn aber zugleich zur Ermunterung der Millionen Arbeiter in diesem -großen Fabrikgefilde. Denn siehe, für alle Verbrechen muß erst -_Wiederersatz_ geleistet werden; und das konnten sie Alle nicht im Leben, -im immer gedrängtvollen, breit mit Werken besetzten Hause der Menschen; -darum müssen sie Schadenersatz und Genugthuung leisten im Tode. Und hier in -diesen Räumen -- dem Orte des Wiederersatzes -- hier ist unendlicher -unbehinderter Raum dazu, und unendliche unbehinderte Zeit. -- Denn ehe -nicht Jeder und Alle: Jedes und Alles wieder in den Stand gebracht, in -welchem es war, ehe er es verdorben, verwüstet oder zerstört, ehe kann ja -nicht _das Weltgericht_ beginnen, wo erst _die Sünde_ jeder That gewogen -und vergolten wird! Hier also ist die bloße Vorbereitung zum Weltgericht, -zum Gericht der Seelen, wo Herz und Nieren geprüft werden. Und der Engel -rief einen alten Griechen, der Gesanglehrer bei dieser Singacademie war, -und frug: Dionysius! Wer kann die Hymne? -- Sie singen und brummen alle die -Weise, die wir wissen: Du einem Menschen eingegeben hast; aber . . . aber -. . . ich will fragen! und nun frug er: -- He! Cäsar! -- Und mit Mühe und -Noth sang Cäsar -- der vor Lange unsern Calender verbessert -- den ersten -Vers:[A] »Sei uns gegrüßt du holde Freiheit! Zu dir ertönt froh der Gesang! -Du zerschlägst das Joch der Bezwinger, Du erhebst zu Tugend und Heil. Uns -zu erneu'n kehrst Du vom Himmel, längst deinen Geweihten ersehnt. Was hemmt -ihr Bezwinger, noch in verschworener Wuth die Erneuung? Mit Waffen in den -Kampf! für Freiheit und Recht!« -- und Alle fielen ein: »Wir nah'n, wir -nah'n! Beb' Miethlingsschwarm, entfliehe und stirb!« -- -- »Ja die -Chorworte wissen sie Alle!« sprach Dionysius lächelnd. »Aber, Richard der -Dritte! wie heißt der zweite Vers?« -- Und Richard wußte den Anfang nicht, -und stammelte die zweite Hälfte. »Ihr, die zum Vieh Menschen entwürdigt, -Unmenschen, ihr trotzt noch jetzt? Ihr straft, wo ein Gedank' ertönt, und -erzwingt fühllosen Gehorsam . . .« »Und der sechste Vers . . . Landvoigt -Geßler! wie lautet der?« -- Und Geßler stand auf wie ein großer Schulknabe -und brummte: »Und es erträgt zahllose Heere, die wie der Feind lasten und -drohen, nur genährt zum Dienste der Willkür, dem Gewerb' und Pfluge -geraubt! Und es erträgt Kriege des Throns, Arglisten und Launen ein Spiel! -und Jammer!« -- -- -- Da erscholl eine dumpfe gesprungene eiserne Glocke, -und läutete Mittag; und plötzliche Ruhe und tiefes Schweigen ward überall. -Vom Himmel aber regnete es Mannakörner, aber nicht zur Speise, nur statt -derselben. Denn ich kostete ein Korn, und es war bitter mit Galle gewürzt --- damit _die Genugthuenden_ immerwährend nur einen bittern Geschmack im -Munde hätten, wie mein Führer sagte; und Becher mit Thränen gefüllt, welche -Menschen einst über sie geweint, gingen herum; aber nur die sonst am -durstigsten Gewesenen, setzten sie kaum an die Lippen, und gaben sie -weiter. Und während die Ersatzleistenden von ihrer Arbeit feierten, ging -ich in ihren Werkstätten umher, und sah und besah, was sie geleistet oder -noch zu leisten hatten; und ich erstaunte und sah vor Verwunderung empor -- -da zog am Himmel sich ein Augenlied von einem Auge weg, das ich nicht -bemerkt hatte, und ein Donnerschlag erklang durch das ganze Gefild. Und -mein Führer sprach: »Entsetze Dich nicht! Lilith, des Teufels Großmutter, -schlägt ihr Wächterauge auf, um zu sehen, ob die Genugthuenden diesen -halben Tag genug gethan? Denn ein teuflisches Weib sieht am meisten, und -sieht am eh'sten, was fehlt; denn sie weiß am besten, was sie selber -unterlassen und verbrechen würde. Darum ist sie die Wächterin, und so oft -sie ihr Auge aufthut, fällt ein Donnerschlag, und die Trägen erschrecken -und fallen mit Hast auf ihr Werk. Aber hörst Du? Sie lacht! Hohngelächter! -Denn Nichts ist vollendet. Und Alles ist schwer zu thun, aber Ersatz zu -leisten am schwersten.« Und das sah ich nun selbst. Denn nicht weit von uns -stand die unbeschreiblich schöne Charlotte Corday; vor ihr lag der todte -frischerhaltene Marat mit noch bluttriefender Brust, und sie sollte die -Wunde des Dolches heilen; um sie standen alle köstlichen Salben, lagen -Geräthe und Binden -- aber sie saß nur, das Werk bedenkend, in tieferem -Schweigen, und düsterer Verdruß stand auf ihrem schönen ängstlichen -Gesicht. Weiterhin stand _Napoleon_ und hatte dem erschossenen _Palm_ die -Kugel aus dem Herzen gezogen, und hoffte ihn wieder lebendig zu seiner -Wittwe und seinen Kindern nach Erlangen zuschicken. Und ich sprach -verwundert: _Napoleon lebt ja noch auf der Erde_, und er steht doch auch -schon hier unten und leistet Ersatz! -- Ja, sprach mein Führer: »Der Leib -ist nicht der Mensch, sondern seine Seele, sein Wille. Der Mensch besteht -aus so vielen Thaten als er gethan hat, guten und bösen -- und mit jeder -That stirbt er einmal und stellt sich fest in ihren Reichen, in dem seligen -oder dem unseligen Werke; und so siehst Du Napoleon dort eben wieder; aber -einen andern seines Gepräges -- wie er dreimal hundert tausend Franzosen, -die erfroren sind, durch seinen Trotz und sein blindes Gottvertrauen auf -linden Winter, wieder durch Schnee, oder durch was er sonst meint und dazu -begehrt, lebendig machen soll, und so, daß Keinem mehr eine Zehe schmerzt, -oder eine Nase roth wird, wenn Nordwind streicht. Eher kommt er nicht von -hinnen. Und dort steht noch ein Napoleon, der den _Schill_ in der heiligen -Arbeit hat. Denn jeder Mensch muß selbst das entgelten, was er Andern -befohlen hat, die gehorchen mußten; und die da schlechte unmenschliche -Befehle vollzogen, müssen eben noch selbst auch dasselbe entgelten; denn -dort arbeiten noch zehn Andere an dem Herzog von Enghien, die ihn -erschossen haben, und jeder Einzelne hat seinen eigenen Herzog vor sich und -für sich. Darum siehst Du auch hier im Gefilde so wenige Könige und -Fürsten; meist nur die erbärmlichen Handlanger, Rathgeber und heimlichen -Regenten der Leidenschaften und Leiden der Regierenden: -- ihre Frauen, -Geliebte, Leibärzte, Kammerhusaren, Beichtväter, ja oft auch nur ihren Koch -oder Hofnarren in mannigfach angezogener Person. Denn die Fürsten sind gut, -und thäten gewiß lauter Königliches, wenn sie lauter edle Könige zu -Freunden hätten, nicht unzähliges Volk dazu wählen müßten, das sich in -Respect vor ihnen verhüllt, wie in eine Nebelkappe, so daß sie nie einen -Menschen sehen; denn ein ächter Mensch ist wahr und frei, weil er gut ist, -und gut, weil er frei ist, und nur das Gute, die Freiheit will und die -Wahrheit.« -- Und so erstaunt' ich nicht mehr so stark, als ich eine -verwüstete und verbrannte Stadt sah, die ich an ihrem schönen Dome als -Magdeburg erkannte, und keine Seele war darin -- als _Tilly_, der -Mutter-Seelen allein eine Kirche wieder aufbaute, die er zerstört. In den -einigen Jahrhunderten hatte er nun Ziegel gestrichen, Grund gegraben, und -war fast mit dem Sockel heraus; aber indem er hier mauerte, war dort ein -Theil vom Wetter schon wieder verwaschen und aufgelöset -- und er sah mich -wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Eben so gewahrte ich _Suwarow_ im -Hemde arbeitend, wie er Warschau wieder baute -- und ich sah ihn auch -wieder vor einer dabei liegenden Festung -- Ismael -- wo er dreißigtausend -Menschen wieder Athem einblasen sollte. »So geht's dem treuen Diener der -Mutter!« sprach er; einem Throne dienen, und Gott, oder nur den schofeln -Menschen, ist ein Unterschied wie Suwarow oben und Suwarow drunten! Und er -sah mich wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Weiterhin aber gewahrte ich -_wahre_ Kriegsräthe, die unübersehbares Elend gut zu machen hatten hier -unten, ob es gleich Gott der Herr wieder droben gut gemacht, so weit das -selbst der Allmacht möglich ist in der Zeit. Sie fingen aber ihr Werk -gründlicher an, als Charlotte Corday mit Marat -- sie studirten die Natur, -und Einzelne versuchten Einzelnes nachzumachen, Diese: Augen; Andere: Adern -und Nerven, wozu ihnen alle Zuthat unentgeldlich geliefert ward. Aber -Manche saßen schon Jahrtausende und sahen ganz schimmlig und ganz zerdacht -aus, und waren noch nicht mit der Bildung eines Auges zu Stande gekommen, -das nicht sah! geschweige mit einem Ohre, das nicht hörte! Andere hatten -zwar Zungen fertig liegen, aber sie _schmeckten_ nichts; denn es fehlte der -Jemand, der Geist dazu, den sie aus dem Tode nicht wieder in den beinahe -vollendeten künstlichen Leib herauf beschwören noch beten konnten, und -studirten nun: erst nur einen Geist zu machen. Kurz, ihre Arbeit war -schwer, und mehrere, selbst alte deutsche Minister und Kriegsräthe hatten -siebzig bis achtzig tausend Menschen herzustellen, die Pferde und Ochsen -ungerechnet -- die sie nachher machen wollten, oder sich an ihre Stelle -gestellen; und zum Trocknen der Thränen und Aufwaschen des Blutes wollten -sie sich Weiberkleider anziehen, wenn sie bis zu der letzten Arbeit gelangt -wären. Einige theuer bezahlte Engländer aber bauten türkische Flotten in -griechischen Häfen, und waren fast damit -- bis auf die Türken selber -- -fertig, und fluchten ein God dam nach dem andern, daß ich entsetzt mich -entfernte. -- »Du wunderst Dich, über diese unerlassenen -Wiederherstellungen,« sprach mein Begleiter. »Und eure Könige fordern für -einen elenden Hirsch oder einen jämmerlichen Hasen erschrecklichen Ersatz -und Strafen, wenn Jemand eines dieser unvernünftigen Thiere in ihren -Thiergärten gebürscht. Aber in _Gottes Garten_ soll Alles frei stehen zu -verwüsten und zu zerschlagen, selber der Mensch! Aber seid ihr nicht besser -als viele Sperlinge? Und sind nicht alle eure Haare auf euren Häuptern -gezählt, geschweige eure Adern und Gebeine, eure Thränen und Kinder! Du -guter Narr! Und wisse: Auch Tyrannei, Gräuel und Mord darf kein Mensch -tyrannisch, graunvoll und mörderisch wieder gut machen, noch Unrecht auf -ungerechte Art. Glaube ja nicht, daß die Herrscher Alles thun, weder alles -Gute noch alles Böse; sie thun in Wahrheit sehr wenig in dem großen -Erdenleben, sondern bewachen das Volk bloß wie ein Nachtigallfreund die -Ameisen, welche die Eier ihm dahin tragen, wo er ihnen ein Grübchen gemacht -und mit Laub bedeckt. Das Volk thut Alles sich selbst, das Meiste aber -durch sein Leiden, und alle eigene Hülfe soll bloß die sein, daß Alle -besser werden, und wo möglich gut sind; dann fällt Unvernunft und -Gewaltthat nimmer es an, wie keine Leichenwürmer und Asseln den Leichnam -Christi, geschweige seinen lebendigen Leib, noch gar seinen verklärten, zu -welchem die Menschen ja werden sollen!« -- Ich schwieg tief betroffen und -überzeugt, ging beschämt von ihm -- und sprach mit Andern aus verschiedenen -Völkern; und Alle verstanden mich, und ich verstand Alle; denn hier galt -der Sinn der Rede wie Blumenduft, und die Worte waren nur wie erschütterte -Luft, die ihn fort- und hinführte. Aber auch hohle Gebilde sah ich reglos -liegen, denn ihr Geist war jetzt -- wo Nacht auf Erden war -- hinauf -geschwebt als Träume, damit sie ihre Söhne oder Freunde bewegten: das zu -halten für sie, was sie einmal versprochen und nicht gehalten. Und ich -rührte die entgeisterten Gebilde an, und sie zuckten wie Chrysaliden und -ihr Gesicht war in blutigem Angstschweiß gebadet und sah unbeschreiblich -flehentlich aus -- so flehentlich wahrscheinlich, wie ihre Seele jetzt bat: -ihr gegebenes heiliges Wort zu lösen! Und Grauen und Mitleid erfaßte mich -um die Elenden -- und ich sah mich selbst -- meine eigene hohle Gestalt, -die durch mein Nahen beseelt, wie rasend über mich herfiel, -- und vor -Schreck -- erwachte ich . . . in der Kirche, und als ich zu mir gekommen -war, faßte ich mir zum Troste meinen Begleiter an der Hand. Und als ich -mich in dem leeren Raume umsah, sprach er: »Du wirst das leidende Gesicht -der Menschheit wiedersehen . . im Kleinen abgedrückt auf allen -Menschengesichtern in dieser Zeit; aber groß und erschütternd zu schauen, -wird _es selber_ lebendig wiederkommen am Himmel . . . und _es wird der -Komet sein!_ Der Komet, der in zwanzig Jahren erscheinen wird, um ihnen -Frist zu lassen. Das Antlitz wird stumm fragen, tief in alle Augen und -Herzen blicken, und Schrecken über alle Bösen und Säumigen bringen, -Schrecken über Alle, die sich vor dem Volke fürchten mehr als vor Gott; die -da aus Selbsterhaltung fürchten ihm Gutes zu thun und sein göttliches Recht -und seine göttlichen Gaben ihm auszuhändigen, -- als sei Gottes Ebenbild -des Teufels Ebenbild, und die Menschen lauter Teufel! nicht: arme Kinder -der Erde, leicht froh zu machen und durch eine kleine Gabe herzlich -dankbar, und schwer weinend vor Schmerz und leicht schluchzend vor Freude! --- Du aber verschweige nicht dies Gesicht; denn alle Engel Gottes schützen -den mit übergewaltigen Händen, der selber schuldlos und arglos im Herzen, -nur will: daß Keinem ein Uebles geschehe, selbst einem Wurme nicht, und der -durch himmlische Gesichte und Gottes unfehlbare Gerichte die Zweifelnden -warnt: nicht darein zu verfallen, sondern durch jede ihrer Thaten sich -täglich hinauf in das selige Reich zu stellen _und tausend Engel zu werden -aus einem Menschen_, und zu leuchten wie die Sterne; denn die Gerechten -sollen leuchten wie die Sterne; aber diejenigen, die da wissen, daß die -Gerechtigkeit nur göttliche Milde und feurige Liebe sei, und _Liebe_ üben, -die sollen leuchten wie die _Sonnen_ -- und Sonnen _sein!_ - -[Fußnote A: Von Johann Heinrich Voß.] - - - - -X. - - -Der redliche Mann hatte sich selbst ganz erweicht durch seine Worte. Die -ganze Angst, die er für alle Andern in seinem reinen besorgten Herzen -fühlte, stand sichtbar auf seinem glühenden Gesicht. Er trieb nach Hause, -und dort griff er sogleich nach dem Stabe, um diese Nacht noch weiter zu -gehn; Krieg, der ihn kannte, machte keine Einwendungen, sondern erklärte -bloß: er selber bleibe da. Auch Christel bat nicht; sondern von seinen -Bildern und Worten fromm ergriffen, segnete sie seinen Weg. Ihr war, als -müsse seinem klaren Auge die Nacht helle sein und der Weg licht; die Steine -müßten vor seinem Fuße wegrollen, und die Kinder aus den Dörfern kommen und -seine Hände küssen, weil er es gar so wohl, gar so herzlich meinte -- und -sie küßte ihm selber die Hände zum Abschied, worüber er sie lächelnd ansah. --- »Ihr wollt noch etwas wissen?« frug er als Menschenkenner . . . »Was in -dem _dritten_ Sarge war? Meint Ihr, Goldstücke, die daraus emporflogen wie -flügge Vögeleier, und die sich im Fluge verwandelten in bunte Spielsachen -der großen und kleinen Kinder, in Pferde, Häuser, Kirchen, Schäfereien, -kurz in die goldene Zeit! -- Ja wohl. Aber nicht so. Es lagen darin die -Urkunden der Nachwelt; Landkarten mit den neuen Grenzen; blutig -unterstrichene Städte und Dörfer mit den zwei Schwertern dabei, zum Zeichen -der bei denselben zu liefernden Schlacht. -- Dann Volkslieder, und wie soll -ich es ausdrücken: gedämpfte Kronen; mattgoldene Scepter mit -Pergamentrollen umwunden, und kleine geschnitzte Modelle zu Thronen, alle -mit eines gewissen Rousseau Bildniß in Brillanten. Dazu aber die Namen -derer, die in fünfzig Jahren darauf sitzen werden; denn das kann ein Kind -begreifen, daß alle jetzigen Daraufsitzer alsdann zu Staube sein werden, so -herzhaft sie jetzt auch noch reiten, befehlen und unterschreiben. Wie es -aber dann sein wird; und wie die von ihrem Anführer zehn Jahr angeführten -oder betrogenen Franzosen dann im _Geiste_ wiederkommen werden, also -mächtig unschlagbar und gar nicht todt zu machen, und wie sie für ihre -Erlösung dann dankbar sein werden, nämlich ein bloßes Licht, das will ich -meinem lieben Vorkämpfer des deutschen Volkes getreulich, aber geheim -berichten! Denn Wissen ist dem Guten gut!« -- - -»Ach nein!« sagte Christel, »das kümmert uns nicht, und Gott Vater auch -nicht, denn der wird alles ohne Sorge und Mühe gewißlich thun; und wie -Wecker sagt, weiß Er gewiß auch so viel von der heiligen Rechnenkunst: ob -fünfzig Familien oder fünfzig Millionen Familien mehr sind; ich wollte nur -wissen, wie es _uns_ ergehen wird in dieser Zeit?« -- »Euch?« frug der -Prophet sich verwundernd, »Euch, meine liebe Frau Christel, und Eurem -ganzen Hause wird es immer wohl, ganz wohl gehen! denn also seht Ihr mir -aus! Wie der Mensch lebt, so geschieht ihm. Wie er ist, so ist ihm! Das -kann ein Kind begreifen. Drum ist es mir auch immer wohl ergangen, und wird -mir immer wohl gehn, so lange ich weiß -- daß ich bin. Länger braucht es -nicht. Lebt wohl!« - -So ging der alte Mann allein fort in der Nacht, von einem innern Drange -unaufhaltsam hingezogen. _Krieg_ hatte nicht geglaubt, daß er ohne ihn, -ohne Ausruhe, gleich wirklich jetzt um Mitternacht sich aufmachen werde, -und er that ihm leid, schon als er hundert Schritt auf dem Wege nicht mehr -zu sehen war. Er wollte ihm nachrufen, auf ihn zu warten; aber sein guter --- Verstand hielt ihn davon ab. Und sie waren kaum hineingetreten, als sie -hörten, daß doppelte Wache vor Haus- und Hofthür angestellt ward. Sie -schliefen aber ruhig; bis am Morgen St. Etienne herüber kam und erstaunte -und frug, wo der fremde Wahrsager sei? Er erfuhr die Wahrheit und sandte -ihm Flüche nach, weil ein wenig Sauerteig von einem Narren, ein ganzes -landgroßes Backfaß zu Narren machen könnte; wenn auch solche neue Mähren -nur schädlich würden, wenn sie Jemand glaubte und wahr machen wollte! Oder -wahr machte . . . was möglich sei -- wie das Türkenthum oder die -Peterskirche. Und der Unglücklichen wären jetzt sehr viel, und der -Hoffenden noch mehr -- und die wollten alle einen Kern in ihre hohlen -Nüsse, und ein Bild in den leeren Rahmen ihres Gehirns. Und zum Beweise -seiner Rede setzte er zornig hinzu: »Bei uns hat man Länder -- das ganze -große Reich -- nach dem Spiel Karten einer Mamsell aus der Normandie -regiert und wird nach ihren Karten verspielen, ja sterben! Nun, laßt ihn, -laßt ihn laufen; wer weiß, wem er mit seinem Hirngespinnst die Augen blind -macht, daß er die Zeit nicht sieht, und ihm ein Brett vor die Stirn hängt, -das zehn Tischler nicht durchschroppen können -- weil es unsichtbar ist! Ja -das Herz kann er damit versteinern und Männer zu furchtsamen Hasen machen --- laßt den Hasenfuß laufen! Doch zwei Husaren . . .« - -Der Leinweber Krieg sprach aber beherzt den Vers darein: »Er ließ keinen -Menschen ihnen Schaden thun, und strafte Könige um ihretwillen. Tastet -meine Gesalbten nicht an, und thut meinen Propheten kein Leid!« -- St. -Etienne aber sagte: »Weil Ihr unserer Frau Christel Pathe seid . . . -versteht Ihr mich! . .« - -Christel schwieg. Denn so geneigt sie ihr Herz dem unbekannten Bruder -fühlte, so gefürchtet und widerlich waren ihr seine freundlichen Blicke, -und seine zutraulichen Reden mit ihr; und ihr war nur freier zu Muth, wenn -er zürnte und grob war, oder wenn er recht log oder großsprach; dann war -dem guten Weibe das Herz leicht; denn an der Stelle der Neigung quoll dann -das Blut feindselig in ihrem Herzen. Und mit ihm war ja das Unglück ins -Haus gekommen. Mit ihm hatte sie das Zutrauen zur Welt und den Verlaß auf -sich selbst verloren. Er war an allem Unglücke Schuld, oder hatte seine -Hände dabei mit im Spiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was der -Großvater gethan hatte und deswegen jetzt noch litt. Und dennoch _weinte_ -sie im Geheimen nur über Alles -- auch über den verhaßten Etienne! Als sie -sich aber eines Abends Zeit genommen bei Licht zu spinnen, und er erst -heimlich nur mit dem Schatten ihrer schönen, an der Wand sich bewegenden -Haare gespielt; dann als er sich sogar geneigt und das liebliche schwarze -Bild ihres sich auf den Faden neigenden Gesichtes geküßt hatte, worauf sie, -wie aus Versehn, den Rocken angezündet, um eine halblächerliche und -halbgefährliche Beschäftigung auf die Bahn zu bringen, um alle Fenster -aufzumachen, ihn in dem Rauch und der Kälte stehen zu lassen, und selbst zu -Johannes hinüber zu gehen oder zu flüchten; -- als er angefangen von seinem -Golde für den schweren Bedarf in ihrem Hause einzukaufen und mit zu sorgen; --- -- als er sie eines Morgens an den Stall geführt, die Thüre aufgestoßen, -und ihr ihre beiden schönen Kühe wieder gezeigt, und als sie ihn darauf -sogar an der Hand gehalten, oder sie gar gedrückt hatte, sie wußte das -nicht gewiß, da sprach sie nur zu sich; »Ich weiß nicht wie mir ist! Aber -Zeit ist es, daß . . . daß . . . .« Und sie wußte nicht, was geschehen -sollte oder möchte. - -Darum war es ihr willkommen -- ein gutes Werk zu thun, und in die Stadt zu -_Dorothea_ zu gehn, deren Namen nennen zu hören sie jedoch erschütterte, -aber mit Muth: unter tausend Feinden, ja unter hunderttausend Freunden: -_Christel_ zu sein und zu bleiben. Paschalis schrieb ihr nämlich ein Blatt -voll -- »_Hauszeitungen_.« Dorothea hatte einen Frauenverein gestiftet, die -Verwundeten und Kranken zu pflegen. Sie hatte aber nicht nur Geld und -Leinwand gegeben, wie viele Andere, sondern sich selbst als Pflegerin -gestellt, vielleicht als Opfer. Doch mit eigensinniger Auswahl hatte sie -nur solche Opfer ihres Vaterlandes übernommen, deren Wunden an Kopf oder -Brust -- Lanzenwunden, also wahrscheinlich Kosakenwunden waren. Jetzt lag -sie an der mitgebrachten Krankheit darnieder, und begehrte herzlich nach -Christel. Und wie die Tochter bat, flehte auch der Vater nach ihr -- »nur -auf kurze Zeit! Denn die Zeit der Kranken rinnt durch eine zerbrochene -Sanduhr; ihr Leben ist Sand und ihr Leib ist Glas und der Mensch überhaupt -nur Vexier -- _Erde_ -- nur durch Einschmelzen in das ewige läuternde Feuer -wieder aus Staube zu einem Gefäß zu blasen, und bleibt Blase, worin sich -die Welt nur schimmernd spiegelt, hier die Erde oder dort die Sonne, der -Himmel oder die Hölle!« -- - -Der Brief war vom 20. Februar 1814. In der Nachschrift stand: »Kann ein -Selbst- oder Andere-Beherrscher in ein gesundes feindliches Land -pestbehaftete Soldaten schicken, oder kranke angesteckte Soldaten in alle -gesunden Dörfer ihrer eigenen Heimath -- nach Hause schicken; so darf ein -Mensch, ein wahrer Vater wohl einmal die Pflegemutter seiner Tochter -bitten: in ihrer letzten Krankheit zu ihr zu kommen. »Völkerrecht -- -Hausrecht!« Ich habe gebeten, -- das Kommen nun steht bei Euch. Ich sage -Euch aber aufrichtig: Eure _Kinder_ bitten: Ihr sollt nicht kommen! Daniel -aber gesteht doch: der _Großvater_ wundere sich, daß er Euch noch mit -keinem Auge in seinem Kerker gesehen habe, und meine: er habe das -verdient.« -- - -Der Christel war der Sinn der Worte des Briefes zu hoch, und sie verstand -nicht: _durch_ dieselben das zerrissene Gemüth des Vaters zu sehen, der, um -seine Leiden nicht ewig fühlen zu müssen, lieber gewünscht hätte -- neu -eingeschmolzen zu werden und überall -- auch in der Sonne . . . . im Himmel -. . . . oder in der Hölle schmelzbar oder zerbrechlich zu sein. Aber die -Weiber werden von dem Unverständlichen oder Unverstandenen am tiefsten -ergriffen, und leben und bewegen sich darum so sicher und froh in der Welt, -weil sie ihre Gefühle und Gedanken ganz unbehindert hineinlegen können, und -unbeschränkt darinnen verbreiten. Und so erschütterte der Brief ihre Seele. -Die Nachschrift aber erinnerte sie an Anderer Grausamkeit; -- an die guten, -für sie fürchtenden Kinder; -- an den Großvater, der seine Leiden meinte zu -verdienen, indeß sie den durch ihn erlösten Johannes besaß und genoß; und -so war sie weiblich wunderlich, grade entschieden, diesen ihren Johannes zu -verlassen und grade zu den _sie liebenden_ Kindern hinzueilen! Und ihr Herz -war doppelt froh. - -Die Ereignisse erleichterten ihr aber auch den Gang. Die Verbündeten hatten -an demselben Tage Mainz berannt. Die Soldaten, die noch draußen auf den -Dörfern sich genährt, und gesund erhalten hatten, waren alle, bis auf -hundert Mann, aus Zahlbach fort, hineingezogen -- und in ihrem Hause lag -nur noch St. Etienne allein. Dagegen war nun der Leineweber Krieg bei -Johannes, bei welchem er bleiben mußte: denn er war durch eine -Vorpostenkette rund abgesperrt, und konnte nirgends hinaus nach der nahen -Heimath. Die Feinde standen sogar in _Britzenheim_ nur eine Viertelstunde -von Zahlbach. Dieses ihres schönen freundlichen Dorfes Schicksal war voraus -zu sehen, und Johannes trieb seine liebe Christel nicht allein zu dem Gange -nach Mainz, sondern er bat sie auch dort zu bleiben. Denn die Einwohner von -Zahlbach vergalten jetzt den braven Mainzern ihre tagtäglichen Spaziergänge -zu ihnen heraus, die Sonntagsfeste und Morgen- und Abendbesuche unter ihren -grünen Weinlauben, Kastanienbäumen und Wallnußbäumen, und flüchtete, jetzt -ihr -- Vieh in die Häuser der Stadt, ihre Habe und Gut, ja Weiber und -Kinder; denn das Dorf war kein Dorf mehr, sondern nur eine Caserne. Die -Clubbistenschanze stand mit Kanonen bespickt und mit Soldaten besetzt, -deren Vorhut im Dorfe stand, das nun der Belagerungsschauplatz werden -mußte. Und so hatte Christel nur eine Bitte: daß Johannes mit ihr in die -sichere Festung Mainz käme! Er aber wollte sein Erbe nicht Preis geben, und -Alles zu Grunde gehen lassen, ohne es so lange wie möglich geschützt -- und -dann seinen Untergang wenigstens selbst mit angesehen zu haben. Und so -zeigte er jetzt den Muth des Landmanns, den Muth, den er seiner Christel -unlängst mit kurzen aber wahren Worten versichert; und er wollte nicht sich -selber, was sie besaßen, für sich bewahren, sondern eben für seine Christel -und ihre Kinder. Und so gut er ihr war, so fest blieb er bei seinem -Vorsatz, wenn er ihn auch nur in halblauten milden Worten mehr andeutete -als vertheidigte. »Thut es Noth,« sprach er, sie bei der Hand fassend, -»dann bist Du bei mir, oder ich bei Dir -- wie der Herr trifft. Denn die -Soldaten laden und feuern nur los -- auf Gottes Gnade und in Gottes blauen -Himmel.« - -Da nun auch ihr Pathe Leinweber Krieg dablieb, der als vieljähriger Wittwer -sein Hauswesen und selbst Küche und Heerd und Töpfe zu seiner eigenen -Zufriedenheit wohl bestellt, ja wie er sagte, sich sogar nie eine -sogenannte Suppe versalzen habe, die -- er nicht habe essen können oder -müssen; so brachte Christel ihr Haus in enge, leicht übersehliche Ordnung, -führte die beiden Männer in Stall, in Keller, in Hausgewölbe bedächtig und -belehrend umher, und deckte alles auf, und wieder zu, damit sie wüßten, wo, -wieviel und in wie gutem Zustande alles vorhanden sei; klopfte mit dem -Knöchel des Fingers an die ganzen Töpfe, und stellte die wenigen bei Seite, -die einen Riß hatten, aber doch noch gute trockene Dienste leisteten; wobei -der Pathe versprach, einen sogenannten Ring von Draht um dieselben zu -legen, oder nach Verdienst und Würdigkeit dieser alten stillen Freunde und -Hausgenossen, sie über und über in Ketten und Banden zu legen, oder zu -überstricken. Als sie dann auch beide, Einer nach dem Andern, in die -Rauchkammer hatten gucken müssen, was sie, des Rauches wegen, mit -zugemachten Augen gethan, und als der Gevatter Pathe die prächtig gefärbten -starken wohlriechenden Schinken, Speckseiten und Würste -- aus Liebe und -Zutrauen zu Christel -- mit Verwunderung über das sogenannte quale et -quantum aufrichtig gelobt hatte, so war die Uebergabe geschehen; und -Christel stand im Hause als sei sie überflüssig, verborgt, verschenkt oder -verkauft, und ihr war zu Muthe, sie wußte nicht wie. Sie legte an die -Bestellung des Abendessens keine Hand an, schlich nur einmal heimlich -nachsehen, schürete das Feuer, legte, wie ein kleines Mädchen, spielend ein -Scheitchen mit zu, nahm es aber aus Rechtschaffenheit wieder weg und -löschte es in der Asche aus -- und legte es doch wieder ins Feuer, weil es -einmal angebrannt war und verrathen hätte, daß sie die Küchenmeisterin -gemacht. Dann setzte sie sich an den Tisch wie ein Gast beim -Kirchweihfeste, ließ lächelnd decken und auftragen und Jedem und sich -selber austhun und aß -- ob ihr gleich vor Bangigkeit kein Bissen schmeckte --- von allem recht viel, und lobte die Speisen und die zwei Köche, die -dasmal nichts versalzen noch verdorben, und vermahnte sie scherzhaft so -fortzufahren! St. Etienne war über Nacht auf dem Posten; und Johannes ließ -in der Ferne der ruhigen Zeiten dem Gevatter Pathen, zur Dankbarkeit für -seinen Beistand, wieder die Aussicht auf einen fröhlichen Kindtaufenschmauß -erblicken, bei einer kleinen _neuen_ Clementine, oder am liebsten: der -alten vorigen -- wenn der Herr seiner Christel _dieselbe_ wieder in -ähnlicher Gestalt in die Wiege legen wolle. Ihre in Thränen schwimmenden -Augen aber verlöschten die Aussicht wieder, und sie saßen still, dankten -still, und standen still vom Tische auf, nachdem sie ihrem Johannes noch -einmal die Hand über das weiße Tuch hinüber gereicht, um seines Lebens -Wärme zu empfinden und von seinem Dasein recht handgreiflich überzeugt zu -werden. Dann aber sprach sie als gute Wirthin nur leicht: »Aber ihr alten -Kinder, das ist ein _gutes_ Tischtuch! Jetzt verrichten es die mittlen. Und -ihr kleckt nicht wie die Kleinen -- zur großen Wäsche bin ich wieder zu -Hause.« - -Dann gingen sie ruhen. Am Morgen aber stand sie allein schon lange vor Tage -auf. Ihr Johannes schlief zu fest; so ließ sie ihn schlafen. Aber wie sie -an die Thür trat, hatte er ihr im gelben Morgenscheine, eine fahle -todtenähnliche Farbe auf Gesicht und Händen. Sie trat hastig hinzu, und sah --- aber er athmete leis und schlief so ruhig -- und ruhig ging sie weg, -während Daniels Monats-Täuberich, schon früh auf im Taubenschlage, über -ihnen im Giebelfelde zu Neste heulte und trommelte. Wenn aber ein -zukunftskundiger Mann oder ein Geist, der das kleine Leben der Menschen -überschaut, sie gesehen hätte so ruhig hinweggehen, der hätte gesagt: - - So schlummert der Wandrer - Voll sicherer Gnüge - Im eigenen Hause - Noch einmal, auf lange, - Der sorglos und trauend - Am blühenden Morgen - Von Weib und von Kindern - Dann scheidet, kaum einmal - Sich umsieht -- und hingeht, - Wo jählings am Abend - Der Tod ihn ereilet, - Ihn schweigend die Fremde - Verschlingt und zurückhält; - Und Heimath und Hütte - Mit Bäumen und Blumen - Sie bleiben auf immer - Still hinter ihm stehen, - Und ruhig bescheint sie - Die leuchtende Sonne! - - - - -XI. - - -Nun traf es sich, daß an diesem Tage St. Etienne's Geburtstag fiel. Da er -aus so vielen Landen und Schlachten glücklich wieder bis in die Gegend -seiner Heimath gelangt, so war er nicht ohne Schadenfreude, nämlich über -seine geheilten Wunden; und wenn der Soldat keinen Sonntag hat, als wenn -die Sonne scheint, und keinen Feiertag, als wenn er im Feuer steht, so war -ihm in alle dem wüsten Leben nur noch der Tag, durch den er da war, im -Herzen geblieben, und zwar ihm nicht mehr werth, als eben sein unvergnügtes -Dasein jetzt selber, aber doch so viel, und in dem heutigen Tage lag die -Erinnerung alle der frühern -- glücklichen -- mit. Auch machte ihn wohl der -Verdruß ernst, daß Christel fehlte und ferner nicht da sein sollte. Und so -setzte er sich bei drei Flaschen vaterländischen Rheinwein hin -- und -begehrte die Bibel; und Johannes brachte die große Bibel von Christels -Vater und Seinem, und ließ ihn allein zur Andacht. - -St. Etienne besah den gepreßten Deckel, schlug ihn um -- und fand von -seines Vaters treubekannter Hand: »seine liebe Tochter _Christel_« darinnen -verzeichnet, und seine Schwester _Martha_ und die andern Geschwister und -sich selbst. Und er las das: - -»Mein lieber Sohn _Steffen_, den Gott gedeihen lasse, ward mir geboren -während der unsichtbaren Sonnenfinsterniß, den« -- -- - -Aber die Augen gingen ihm über. Und er trank hastig ein Glas Wein nach dem -andern, schlug dann das wohlbekannte Buch zu, legte sich zugleich mit den -Lippen darauf, als wenn er Vater, Mutter, Geschwister und Schwester -Christel darin küssen wollte, blieb dann lang mit dem Gesicht darauf -liegen, bis er Alles durchgedacht; dann richtete er sich auf, legte die -gefalteten Hände auf die Bibel, und blieb so sitzen. Er war heim. Denn er -hatte keine andere Heimath mehr, und wußte nicht welcher Stein diese Nacht -noch sein Ruhekissen werden könnte, und welcher Rasen sein Deckbette. -- -»Welches Unglück! Wenn nun meine Schwester nicht ein Weib -- wie Christel -war, sondern ein Weib, wie -- ich weiß nicht wie viel!« dachte er. »Aber -wenn die andern zu albern-guten Dinger auch nicht _meines_ Vaters Töchter -sind -- haben sie nicht alle einen Vater: _Einen!_« -- Dabei schlug er mit -der Hand noch auf gut soldatisch auf die Bibel; aber die Hand kam, von -Scheu gemäßigt, nur sanft darauf hernieder. »Heute möchte ich Feldprediger -sein! wenn wir welche hätten! Aber das sieht der Kaiser ein, daß _Der_, -dessen Wort er lehrt, und die, die ihm alle Augenblicke Hohn sprechen, sich -nicht wohl passen. _Der_, -- warum nicht einmal wieder den Namen nennen -- -Jesus weinte über seine Vaterstadt, die sein Vaterland war; aber König -darüber mochte er nicht sein, noch weniger: sich durch hunderttausend -Umbringungen von seinen Brüdern als Herrscher erhalten -- und _herrscht -doch_, aber _inwendig_ in den Menschen allein. Das Inwendigherrschen ist -andern nicht respektabel genug! Das macht ihm kein Teufel nach, selbst -unser Allergnädigster nicht. Es ist aus mit Ihm! Ich bin auch nichts mehr! -Wir Alle sind nichts! Und zu erkennen geben kann ich mich nicht. Als wir im -Siege waren, da redeten unsere Thaten. Nun im Verluste . . . mußte ich -nicht ruhmredig werden, aufthauen wie ein altes Weib, das von ihrer -Schönheit spricht, die einmal über ihr Gesicht gefahren, wie die Hand über -. . . »den Verräther der Menschheit.« Mußte ich nicht beschönigen und -lügen! Großthun! Aufschneiden, um nur vor den Leuten bei Ansehen zu -bleiben; und selber bei mir nicht vor Scham zu vergehn! Plagte mich nicht -der deutsche Ahnen- und Titel-Teufel: mich für eines großen Mannes Sohn -auszugeben, für eines Generalpächters Sohn, der wahrscheinlich eines -Prinzen Sohn gewesen -- weil er mit der ganzen noblen Gesellschaft das -Hasenpanier ergriffen, anno: anno! Dies Jahr! wo es wieder andre Noble -ergreifen werden! O Hasenpanier! Du bist allgegenwärtig! Und ich, ich -möchte dich auch ergreifen, wenn ich nicht Sergeant wäre! Und _den großen -Unglücklichen_ verlasse ich nicht! Und mich auch nicht! Sitze, mein -Stephan, und thue Gutes! Vielleicht lernst Du noch wieder beten -- wenn das -die Noth lehrt! Wir sind aber gelehrt: eher auf die Nase zu fallen, als auf -die Kniee. Doch Unglück schickt sich! Und nun sang er, halbberauscht, gar -den neuen Vers: - - Soll Unglück sich schicken. - Stößt man sich am Grase, - Und fällt auf den Rücken - Und bricht sich -- die Nase! - -sang aber noch ärger dafür: - - Man fällt auf die Nase - Und bricht sich -- den Rücken! - -Dabei sank er selbst auf den Rücken, dämmerte ein, schloß die Augen und -redete dann halbschlafend, halbträumend: »Sacre: wenn meine Kinder in -Rußland jetzt vielleicht die Knute kriegen, das sollte mich doch -verdrießen! Oder wenn Einer von meinen Buben in Italien sollte Horas -singen, oder, was Gott verhüten möge, in Rom einmal gar Papst werden; oder -ein Schlingel wie der Mufti; oder in Spanien endlich ein Großinquisitor; -alles und jedes möglich . . . denn was ist, oder das türkische Verhängniß -beriefe mein Söhnlein aus Aegypten, und er würde ein Großthier -- wie der -Groß . . . das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn gar eine oder die -andere von meinen unbekannten lieben Töchtern -- gewiß jetzt schon recht -hübsche Mädchen! -- das werden sollten, was ihre Mütter waren, -Ehebrecherinnen, oder erlöste Nonnen und Contessinnen -- --« - -Er ward wüthend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß sie blutete, -und schwere Bibel und Weinflasche wie vor Schreck in die Höh' sprangen. -Aber sich erinnernd, setzte er leiser nur grimmiger noch hinzu: - -Doch Unglück schickt sich! - -Schickt sich . . . . schickt sich . . . . murrt' er und murmelt' er. -Unglück schickt sich nicht! Nicht einmal der Teufel schickt es. Wir machen -es selber. Unglück -- Ungeschick! Unglücklich -- unschicklich . . . . . . -Na! das _dortige_ Unglück! Die Schönheit macht alles ausstehbar! . . . _Das -hiesige_ aber hat sich nicht geschickt, und hätte sich nicht geschickt. -»Steffen! mein Steffen!« würde der Vater sagen . . und die Mutter -- -- -ach, es ist doch nichts besser als eine Mutter! -- Rief sie nicht? -- - -»Mutter, hie bin ich!« rief er, erweckte sich selbst, sprang auf -- und -_Johannes_ stand vor ihm. - -Und Stephan war verwandelt, und sah ihn mit großen Augen an, ergriff das -Glas, setzte es aber derb nieder, um nicht zu verrathen, daß er sich -schäme. Und Johannes wischte die Bibel vom Wein ab. - -»Haltet das Buch in Ehren, Johannes!« sprach Stephan; »es macht gute -Freunde!« - -Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen -mit Willen und Geheiß bewaffnet »losgelassenen Mordläufer«[A], oder Subject -aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem -rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: »mit Hunderttausenden -dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth -hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller -heidnischen alten Armeen Dämon -- denn bloß die christlichen Völker haben -den Teufel -- fahre in _einen_ neuen Soldaten; und mit dem angezogenen -Rocke ziehe der vernünftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frömmste -Mönch, der des Papstes Kleider auf seine paar öffentlichen Jahre anziehe. -Das sei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend -dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder -gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder -hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im -Kriege seinen Feind auf Händen tragen und füttern wolle, wie sein kleines -Kind -- das wäre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause --- nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern bloß _seinen_ Vater, _seine_ -Geschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln -zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber über dem Kopfe anstecken -wolle . . . das ginge nicht! Johannes möge das glauben!« - -[Fußnote A: In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.] - -Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte: -es wundre ihn nur, daß Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wäre, nicht -glaubten: daß _Alle Gottes_ Kinder wären! -- Stephan sprach erst nur so, -weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward, -wie eine reife Distel -- »_gefressen!_« sprach er satyrisch im Stillen; da -er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fühlte, so ward diese seine gute -Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, daß er für sie -alle -- und meinte Christel -- einmal in eine _verlorene_ Schlacht gehen -wolle, geschweige alles andere thun. -- Mehr könne ein ehrliebender Soldat -sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, daß er ginge und Christel holte, -weil er ihr etwas gar Wunderschönes zu sagen habe von ihm und von ihr! - -Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen -Worten, weil sie wußte, daß solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu -thun, und schon eine Bitte ihn verlegen machte vor Rührung, so daß er oft -darüber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht -ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spät, vielleicht -zu spät geschickt. - -Er eilte also bloß mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der -Stadt. Es dämmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rüste. Der Himmel -war schwarz umwölkt -- denn aus schwarzen Wolken fällt der weiße Schnee -- -und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her -blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; -- und wirklich: er hörte im -Felde _Kinder_ rufen . . . aber so weit rechts ab, daß er im Winde seine -eigenen Kinder _nicht erkannte_. Und doch stand er und horchte, ob sie -nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hülfe? Und sein Herz -klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinüber zu eilen. Aber er freute -sich; denn die Kinder riefen nur: »Mutter! Mutter!« -- Und wie ein -Traumbild sah er auch ein Weib -- sein eigenes Weib, seine Christel, stehen -bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm -nehmen -- das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind, -daß es die Mutter hatte, und daß das Weinen still ward, und die Mutter -wieder den beiden andern größeren Kindern voranschritt oder sprang! -- kam -es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein -gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb -bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm -die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand -. . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr -- und alles war weg! Er -lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein -Wegweiser war, und starrte noch eine Weile hin; aber es blieb still; und er -hörte nur den Schnee säuseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der -Wind herstrich, hörte er auch die Mühle von Zahlbach gehen; und die Mühle -von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein -strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm -grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getröstet: Das Dorf sei -nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib -in Britzenheim! - -Er eilte nun durch die wohlbekannten Straßen der Stadt nach Paschalis -Wohnung. Er durfte an keine Thüre klopfen, denn sie standen offen; aber in -allen Zimmern -- Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen! -Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: »Vater!« kein »Willkommen!« schallte -ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch -ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thür war, und vielleicht Menschen -dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thüre war, -wie ein Schrank, nur mit dem Schlüssel aufzumachen; er merkte also nicht, -daß sie verschlossen gewesen. - -Beim Dämmer einer an drei vergoldeten Ketten hängenden rubinrothen Lampe -erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mädchen, das an jenem -Abende neben dem englischen Kutscher die vier Kühe vom Bocke gefahren. Mit -dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem -Schnitt. Medizinflaschen und Gläser und Tassen und Schächtelchen auf dem -Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weißen -Bette, mit zurückgezogenen grünseidenen Vorhängen, lag Dorothea, wie er -meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewiß gebetet; denn ihre Hände -waren ausgestreckt und gefaltet. Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe, als -habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich -aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und -erschrack vor Johannes, daß er selber erschrack, und beide sich fragend -anstarrten. -- - -». . . Schläft sie?« frug er leise. - -»Sie schläft;« antwortete das Mädchen; »aber Ihr könnt laut reden, -Johannes; sie schläft fest.« Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor -Furcht oder Ehrfurcht. - -». . . Also ist ihr wohl und besser?« frug er zutrauensvoller. - -»Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewiß;« erwiederte sie. - -». . . Nun ich gönne das Glück unserem Herrn Paschalis! Der wird sich -freuen!« sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glänzten. »Die liebe -ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben!« -- - -»Und kann nun sein Tod sein!« sprach das Mädchen. Und die Worte schnitten -Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thränen. Und als -Johannes einen Schritt näher zum Bette gethan, und forschender hingesehen, -trat er zurück, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht über dem -Buche, wo vorhin des Mädchens Gesicht gelegen, und die Blätter waren noch -naß. Aber er fühlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thränen zu -ihren kalten. - -»Gönnt ihr die Ruhe!« sprach das Mädchen, »Ihr war zu schrecklich zu Muth. -Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein -rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja öfter in Wuth dabei. Und wenn sie -sich auch die Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen, -so ist sie doch nicht daran gestorben -- spricht der Licentiat, sondern an -einer gewissen _Furcht_, die aber _gewiß_ wäre, an einer Furcht vor einer -sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich über das Wort vor -die Stirn schlug, als gehörte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe -Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehört, noch in der letzten -Nacht, wie Dorothea in weißen Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns -zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: »Sage mir nur: Wer an dem -ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und -Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und saß der Abendstern -auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf saß mit ihren Gespenstern! -Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende -Zeit, als das alte Glück an dem neuen Unglück? Die Könige des vorigen -Jahrhunderts an den Königen des jetzt laufenden! O, daß alles Unheil liefe, -verliefe wie Wasser aus Thränen und Blut, und ich mit darauf hinschwämme zu -der großen Pforte hinein, schön und hoch und golden und purpurn wie das -Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt -verwandeln können, und _ein_ Teufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie -die Andere; in der einen -- siebenarmigen -- Hand sieben blitzende Säbel, -und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! -- Und -sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? -- -- Und sieben Gewissen -- und -sieben Schlangen in Jedem! -- Ah!« -- -- So phantasirte die arme Dorothee. -Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hülfe, rang sich mit Jemand wild -umher, ächzte, und lag dann lange wie todt -- dann sprang sie wüthend auf, -starrte umher, daß uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel, -oder ihr Bild darin, daß die Stücken umher flogen, und zertrat das letzte, -aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. »Aber,« frug sie dann höhnisch -lachend: »wäre es _für die Welt_ nicht besser: Ich wäre sieben -Kaiserstöchter! Oder nur sieben Königstöchter! Aber mein Vater ist auch ein -König, und ein ganz Anderer, und das ist besser für den Himmel; besonders -wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in -die Hölle stößt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich muß -auch so thun? Nicht wahr!« -- -- Und dann lachte sie recht heimlich aber -seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . »Ich habe -gethan! Das Gewölbe hat gethan; der Wein hat gethan; und -- die Thür hat -gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wäre doch -besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wäre mir -und dem sündigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich -sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten hätten, -alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fünfte -- -- -Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht -- aber nur Eines, das Eine, -ein einziges Mal!« Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zählte -dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fünf -- -- -- dann -erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, daß wir da -gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tücher über sich, -und wir hörten sie darunter dumpf mit den Zähnen klappen, und dazwischen -noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln: -»Es wäre doch gut für die Welt: ich wäre Sieben Königstöchter; denn die -Sieben Kaiserstöchter hätten Sieben Väter, und die Sieben Väter hätten -Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglücks« -- -- -- -- - -Das Mädchen deckte jetzt den weißen Schleier von Dorotheas Gesicht und -Brust; und wie sie so schön und ruhig lag, und ganz unverstehlich und -unausforschlich lächelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: »Seht nur, ob -Sieben Königstöchter schöner sein können! Seht nur getrost hin: Sie ist nun -eine Königstochter! Und eines ganz andern Königs Tochter, der ein ganz -anderes Herz hat.« - -Sie schwieg; denn die Thüre ging auf, und ein französischer Soldat, in -feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt, trat herein; -Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch -einmal so männlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schön, ihn mild -begrüßte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie -noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurück, und -sagte: »Wie kann man das so bald vergessen, daß Du todt bist! Ach nur, weil -ich es nicht glauben kann, daß Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort -lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du -willst, und _wolltest!_« -- Er nahm den Orden von der Brust, und sagte -leis: »Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, für die Sieben Kosaken, die -ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag -mich erwarten ließen. Mit Erlaubniß der Obern wurden sie mein, und so viel -ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug -- und nun falle ich -Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. Der _Achte_ aber liegt schon -_verwundet_ bei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter -seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe der _Unglücksvogel_ heim und -prophezeie! Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da -hinunter gestiegen! -- Das waren schwere Tage, mein Johannes!« sprach er -jetzt noch milder. »Wir sind Leidensgefährten! Denn Eure Christel, von -derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hülfreich -auch in ihrem Wahn -- ob sie gleich wirklich gehört, daß Wecker in -Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich weiß nicht wie: abgethan -werden soll -- Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen -Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause -undurchsucht -- und in den Straßen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt -hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach führt, meinte -eine Kastanienfrau, es wäre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib -hindurch geschlichen wäre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste -nach warmen Kästen (Kastanien) verlangt. -- Ihr müßt sie begegnet haben -- -sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verließ ihn im Thore; und daher -komm' ich, noch naß von den Flocken.« - -Johannes hörte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern -klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch -er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die -Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die -Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der -Hausthür aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem -Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt fröhlich an ihm emporsprang. Dann -eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich -mit türkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie, -und auf der Straße in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die -Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln -Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus; -und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den -Schnee. Er besann sich, wo er war; und während ihn der Hund mit der Pfote -scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der -angefangenen Erlösung in der Angst um Rettung den Vers: »Nun danket Alle -Gott!« Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die -Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschüsse fielen, und die Eule kam, -und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und -er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das -Licht in der Mühle -- aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und -donnerte ihm sein: »Zurück,« entgegen. - -Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen -waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelöst; seine Bitten waren -umsonst, denn der von seiner Erzählung nicht ungerührte Soldat aus dem -Elsaß, fragte ihn nur: »Ob er wolle, daß er erschossen werde? Denn seine -Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei -- so könne er -durch einige fünfzig Stockschläge einer werden, indem er in aller Unschuld -nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe? -und so könne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert -Schritte vorwärts. -- Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich -vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glücklich zwischen den Posten -durchgeschlichen nach Britzenheim.« -- - -Der redliche Johannes war traurig überzeugt, blieb aber doch noch lange -Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das -Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den -Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschüttete, und seine Thränen -still in sein Kissen. - -Vom frühesten Morgen des, auf die betrübte Nacht schön anbrechenden -Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch -brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber -und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er -es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die -Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Fußtapfen auf, -ließ Petern auf die Fährte -- aber die Tritte waren vom eingefallenen -Schnee verweht und verschüttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen. -Johannes starrte betrübt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein -schweres Geheimniß für ihn bedeckte, indeß es doch gewiß an seinem Orte ein -offenbares war, und er weinte die lächelnde Sonne an. Darauf ging er -- als -Gottesdienst -- den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie -Jemanden, den er im Sichern wußte. Der Leinweber Krieg aber ging in den -Krug, um vor Mißmuth und Trauer den Baß zum Tanze zu streichen; im Grunde -aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hören, da das Volk -Alles erfährt, Alles weiß; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft -auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als -schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Täschchen die Kunde -berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern -waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens -Weiberkleider zu sehen und zu fassen wären. Steffen hatte den Kummer im -Hause gemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack, -bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hülfe. - -Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen »Blauspecht« -gefangen, wie er sich ausdrückte, der in Britzenheim gestanden, und nun die -gewöhnliche Soldatenbeichte ablegen mußte. Und so ließ sich der -heimgekehrte Johannes nun selber erzählen, daß ein Weib in das Dorf -gekommen, und drei Kinder; und der Wirth hätte sie wohl gekannt und wohl -aufgenommen in diesen schweren Tagen, »wo die Menschen wunderlich -durcheinander geworfen würden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit hätte, -sein Herz zu beweisen;« wie ein alter närrischer Kerl gesagt, den man als -Spion eingebracht mit einer großen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank, -die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter. - -Der Gefangene ward in die Stadt geführt, und Johannes begleitete ihn ein -Stück, um Alles noch einmal zuhören, oder nur noch einen kleinen neuen -Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur -schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel -hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern -- da sie nicht zu ihm nach -Hause konnten. Er wäre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach -Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar -nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woran _sein_ -Erlöser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer -darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien -ihm eben so liebend und fürsorgend, als der alte gute weißbärtige -Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seiner -_anbefohlenen_ Maria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egypten zog, aber seit -mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der -Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel -war nicht verblüht, und der alte Joseph zerrte unermüdlich noch immer an -dem morgenländischen vierbeinigen Wagen mit dünnhaarigem Schwanze; und sein -Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom -Kirchenstaube. So unverändert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur -Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war -der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters -Lademann Munde. Außer der Vermuthung: daß sich die Seinen wahrscheinlich -bei dem Richter befänden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst -zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; daß sie, als im -Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei -Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wären, von welchem klarer als -die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und -aller Menschen Geschick bewachen soll -- außer dieser Vermuthung tröstete -ihn nur sein Entschluß, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und -hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht -mit dem Bewußtsein, er könne ihn ausführen, in welcher Nacht er wolle -- -und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht -untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge -sei dann tausend Augen, und schieße zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl -eines fallenden Sternes. - -Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, -- - -»Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht,« sprach dieser; »denn ich habe den -sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit -Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde -können näher heranrücken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen --- dann kann _Christel_ herein -- oder noch her begraben werden, wenn sie -gestorben ist; oder wir, das heißt, unsere sogenannten Freunde, können -einen Ausfall machen, und Britzenheim _nehmen_, wie man so einen Jammer -kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und -dann könnt _Ihr_ zu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu -Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und -ist aller Verhältnisse gelassener Herr, besonders weil die Welt _keine_ -Geduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die -große Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts -ist für den Menschen erschrecklicher, als wenn Gott _morgen_ einen sichern -glücklichen Weg für uns macht, und wir, wir machen einen unsichern -unglücklichen -- _heute_. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten -Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewiß niemals mehr -zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten -Werstbänkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hörte ich lustig einmal in -die Morgenluft singen: »Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein -Glück bei Zeiten an!« - -Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf -1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf -Jahrhunderte nachhaltende Sprüche über Menschenrechte standen, auf deren -ersten Johannes ihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz -ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las: - - Drei Dinge stehen jedem Menschen zu, - Die Niemand niemals ihm verkümmern darf: - Die Gaben Gottes, daß er sei, und froh sei; - Die Hülfe seiner Lebensmitgenossen; - Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen, - Das Recht: den Gott zu ehren und die Seinen - In Noth und Tod zu lieben. Ohne Liebe - Fällt dieses große Haus der Welt zusammen, - Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz. - D'rum ohne dies Recht, muß er lieber sterben, - Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen. - -»Wie gesagt,« erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: »Ich gehe mit -- denn -meine Baßgeige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu -Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, außer -Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden. -Aber Eure Frau ist keine Baßgeige, und die Kinder keine Armgeigen oder -sogenannte Bratschen -- die schon jämmerlich genug klingen. Doch, ich will -Euch nicht wehren . . . . .« - -». . . _Niemand! Niemals!_« schloß Johannes; »denn da steht auch: »Die -Gottes Wege gehn, schützt Gott mit seiner Macht.« -- - -Und doch ließ der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach -Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und -gar noch verwittweten Baßgeige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen --- - -In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immer größer, und St. -Etienne's Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes -wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm -eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nähten ausgetrennt und -in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushändigte, ungezählt, -denn ein lachender oder . . . _vielleicht_ auch weinender Erbe nehme Alles -ungezählt, und zähle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor: -wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und -tränke allen Geizhälsen ein Vivat. »Doch ernstlich,« sprach St. Etienne: -»Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthäupter; und da zwanzig -Lieutenants auf einen Gemeinen aus Rußland und Deutschland wiedergekehrt -sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtäglich Wache zu thun; »wie -ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trägt, um -zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf -Hundertmeilenmärschen bei leeren Ranzen wird.« Wir haben die Ehre! Sag' -ich, und wahrlich, das ist die größte Ehre -- vor Schusse zu stehen! Als -gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der König des Krieges, der Gott des -Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der -Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brüllt, -wenn die Batterien rasen, da genieße ich meines Lebens, da bin ich mir -aller meiner Kraft bewußt, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll -von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefühl: Ich bin da! Ich -bin in der Welt! Was kümmert mich, wer siegt? _Mein_ Sieg, mein Triumph ist -mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewiß über Furcht und Elend -des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft -- Ich bin unbesiegbar im Kampfe -mit einer halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen, -einzigen -- _meinen_ Mann gegenüber, mein Alles, meine Habe, mein Gut, -meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wächst -gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und -Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden -- Ich? -- Nie! Er sitzt -auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein -- Ich esse sie aus! Ich bin -ein Soldat -- Er ist ein bloßer Kaiser und König -- von Gottes Gnaden! Und -Gottes Gnade wendet sich überall stets von den Alleinklugen, den Blinden, -den Tauben und Taubblinden. -- Da nimm den Bettel!« - -Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezählt in -Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: »Siehe mich, so lange ich noch -sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal -hunderttausend Jahre nicht gesehen, und können uns dreimal hunderttausend -Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken -und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder -himmlischen Großthustraße! _Jetzt_ aber wirst Du mich zu erkennen glauben, -Johannes (denn so dumm und gläubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage, -_Deine_ Christel ist _meine_ Schwester! Und ich bin also ihr Bruder! So -nennen die Menschen solch kleines Geschmeiß aus einem Mutterschooße! Und Du -bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich -ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und künftiges Unding; wenn die Todten -nicht noch Dinge sind, oder nur Dünger, Bautzner Dünger, Leipziger Dünger -und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das -beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh', bringe die -Bibel! Die Bibel macht Freunde -- Bluts- und Herzensfreunde und -Seelenfreude! -- Das war noch einmal ein Spaß, Steffen, daß Dir die Augen -überlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem -- Kaiser! -- der weidlich: -»Schach den Königen,« gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen -mögen selbst die schachmatten, durch die Völker -- die Bauern -- entsetzten -Könige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Völkern! und die Völker mögen -sagen: Schach den Königen! oder mag ein Tölpel von Kometen gar das -Schachbret umstoßen -- der Spaß bleibt! Der Spaß war herrlich!« - -Auf diese Freude, besonders auf dieses _Zutrauen_, das Johannes zu _diesem_ -Soldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen -Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschluß fröhlich sogleich -auszuführen, als daß noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe -und auch bei ihm fechten -- Brod erfechten -- umherging, der glücklich -durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weißes Hemd über seine -Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann ähnlich zu sehen, oder -weiß auf weiß gar nicht gesehen zu werden, und der über den Gang nur Scherz -trieb, den er aus der -- für Johannes zu leicht wiegenden -- Ursache -unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsaß, Waffen gegen die -Deutschen, auch Russen zu schmieden. »Hundert!« sagte er; »und mit jeder -Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben. -Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut -sich am Feuer, und schlägt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede -sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstens _Geheime_ Kriegsräthe -heißen! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen, kein Polen! kein Frankreich! -Häuser ins Wasser baut man auf Rost -- von Holze; aber alle Reiche ruhen -auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus -unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche -auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und -müssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus väterlicher Kinderliebe!« -- So -sprach er. Und für ein warmes Frühstück sang er viel lustige Lieder, und -zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwähle und -behaupte, der habe _nunmehr_ das schlechte Theil erwählt. Aber Gott schützt -Frankreich. - -Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu -Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehört, -und das ängstliche, ja abscheuliche blinde gotteslästerliche alte unsinnige -Lied: - - »O große Noth: - Gott selbst ist todt.« - -und sie hatte darauf vom Tode Gottes geträumt, um zu merken: er lebe; sie -hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das -Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, während er zwei weiße -Ueberhemden und zwei weiße Nachmützen für sich und den Pathen aus der -einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn -mit seinem großen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst -thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder -Mutter, und selber die Kinder! - -Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu -Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu: -»Morgen komme ich wieder --« fütterte Petern; _vergaß aber ihn -einzusperren_; überließ dem schwachen russischen Unglückspropheten und -Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles -Unrecht fühlenden, übrigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte -die morgende Nacht wieder zurück sein, nur einen Tag mit den Seinen -verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen! - -Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes -bereit zu dem kalten Gange, in das weiße Hemd gekleidet; und der Pathe -Leinweber im weißen Hemde; und Einer setzte dem Andern vergnügt die weiße -Nachtmütze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch -die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend -die Hände, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der -Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen -- weil er selbst -gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach -so lange auch wieder nach Hause wollte -- traten sie Beide die -Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrücke, über eine gefährliche -Kluft führte, die sie bisher unerträglich getrennt hatte. Aber sie wären -lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden -Schritt nach dem andern dahin. - -Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glückliches Zeichen in -himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerführers Moses erfüllte, -wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Räume der heitern glänzenden -Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum -Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hörten. »Ehe denn -die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffen worden, bist du, -Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. _Der du die Menschen lässest sterben_, und -sprichst: Kommet wieder Menschenkinder!« -- - -»Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze!« sprach der -Leineweber leise, während sie weiter gingen. »Die Psalmen haben sie aus -ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten -ein Lied abzwingt, so preßt ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch -wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den -- Ohren! Ich -möchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat -auch seine sogenannte Unzeit!« - -Johannes schwieg. - -Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unübersehliches -weißes Gefild. Es war, als wenn die weiße silberfunkelnde innere Domdecke -vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des -Gewölbes _nicht_; denn die Milchstraße war breit und weiß, wie stiller -wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht -silbern, sondern funkelte golden; und daneben -- da überall, wo die Decke -herabgestürzt und wo nun ein unergründlicher Bau durchsichtig sich -aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie große Ampeln in -fernen, fernen Gemächern und Sälen, nur klein, und ruhig. Und während -Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern -aus dem dunkeln Blau, entzündete sich wie ein feuriger Komet, und schoß mit -langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorüber. - -Sie blieben einen Augenblick stehn -- und Peter der Hund war bei ihnen. - -Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reife gekommen, wie Saft -und Kraft und Wärme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges -Fruchtbäumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister war _er_ glücklich -in seines Vaters Haus gelangt, ein Bündel mit frischbackenem Kuchen, -wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Grüße -auf seiner Zunge. So saß er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters, -nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefühlt und -davor gefragt: »Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder -gesund!« Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: »Lieber Vater! Ich bin da! -Seid aber ja nicht böse; Ihr konntet mir's nicht erlauben, und die Mutter -weiß es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken -hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin.« So hatte er -gestanden, bis er gefühlt, daß das zweite Bett auch unberührt war, und in -allen Winkeln Niemand; und so saß er denn still im Dunkeln am Ofen, und -neben ihm schnarchte der ihm verhaßte, weißbärtige Sebastianow, während der -Vater und Krieg in der Nacht hinschritten. - -Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der -nahen Vorposten umher scholl; denn er hörte seines Herrn, St. Etienne's -Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo -Johannes mit seinem Gefährten vorüber mußte, Johannes rief Petern; und sie -knüpften zwei Tücher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring -seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und -bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe. -Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher -Mühle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mühle -umschlichen, deren Geklapper ihr Ohr erfüllt, standen sie eine Weile mit -Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mühle spähend und horchend, -nach welcher sie nun links über das offene Feld sich schleichen mußten. Und -hier in der Stille hörten sie wieder, aber schwächer den von vielen -deutsch-französischen Männerstimmen gesungenen Psalm: »Meine Seele ist -stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hülfe, mein -Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, so groß er ist. Wie lange stellet -ihr Alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und -zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dämpfen, befleißigen sich der -Lügen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela.« -- Die Luft -strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachfließenden Gesangstrom -seitwärts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: »Meine Zuversicht ist -auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm -aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts, -große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.« --- - -»Wenn der knisternde Schnee jetzt fünf Minuten lang nur Flaumenfedern wäre! -oder heute schon: künftiges Wasser, daß er nicht knarrte!« flüsterte der -Leinweber dem Pathen zum Ohr. »Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein -Knabe; und daß Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen -Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebückt! Und -glaubt mir in aller Stille, daß mir der Buckel dabei weit weher thut, als -Euch -- denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und -wir Baßstreicher stehen wie Lichter -- aber ein Wurm krümmt sich -- denn -dort dämmert der letzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorüber müssen. -Nun, Glück zur höflichen Reise!« - -Und während sie jetzt so wunderlich wie zwei weiße Eisbären -- vom -losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Stöhnen, dem -Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in -dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nähe von dem ersehnten -Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem fröhlich -gesungenen Liede (von Theodor Körner) inne: »Die Hölle braust auf in neuer -Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bösen. -Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig -getagt, roth muß ja der Morgen sich lösen.« - -Jetzt trat plötzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb -nicht stehen, sondern er flog über dem Himmel, wie ein purpurner Ball von -einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend -- und fiel entfernt, wie es -schien, in die schwarzgrünen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen, -setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich -nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen -das sei? Und wieder floß deutscher Gesang jetzt näher und stärker daher: -»Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterländische Geist! Und noch -lebt die Begeisterung, die alle Ketten reißt! Und wie wir hier -zusammenstehn, in Lieb' und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn, -wenn's von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der -Tag der Rache kömmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden -weggeschwemmt. Und _Du_, im freien Morgenroth, zu dem dies Hochlied stieg, -du führ' uns, Gott wär's auch zum Tod! Führ' uns das Volk zum Sieg!« -- - -Jetzt sahe Johannes den letzten französischen Posten, und auch der spürende -Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. -- -- - -»Wer da?«[A] rief St. Etienne. - -[Fußnote A: Qui vit?] - -Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in -seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten -lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest -geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich -und wedelte mit dem Schwanze. - -»_Wer da?_« scholl es lauter. - -Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen weiter, -während von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt -überrieselten: »Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will -schwer errungen sein. Freiwillig tränkt uns keine Traube, die Kelter nur -erpreßt den Wein; und will ein Engel himmelwärts, erst bricht im Tod ein -Menschenherz.« - -»Wer da?« rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrüstung, - -Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er -wollte hinzu, und mit dem Manne mit männlicher Gewalt kämpfen -- und -zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlüssen schwebend, er -glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung -versagte ihm die Sprache. -- Da sank er schon; und den Schuß selber hörte -er nicht in den Schluchten verhallen. - -Die Wache tritt ins Gewehr. Der gnädige Gottlieb hört von St. Etienne, daß -er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund -springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der -gnädige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die -sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt -seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen -kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch -übrigen paar Thränen, kurz aber heiß über den armen Freund geweint, sprach -er: »Hättest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen -- -ich hätte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch -Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und König. Aber waren nicht Alle -die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . -- Ach! . . . . -Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in -die Brust geschossen, sondern mit ihm -- _Ihr_ grade ins Herz! Sie selber -läge hier besser! Und ich am besten!« - -Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; -- ein im -Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getöse wie von -Geistern -- und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim -und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig -schlief, während der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glühend, -doch kühl über den Horizont heraufstieg, und mit göttlicher Ruhe das -heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien -- und Johannes -entlaubte Bäume, und Johannes auf immer verlassenes Haus. So still! So -göttlich! - - - - -XII. - - -Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drängen. Nach der -getümmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf, -und ließ ihn nach Zahlbach tragen in sein Stübchen; nicht nach Britzenheim, -wohin doch der Lebende -- vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber -meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfüllen; und statt -Freude bei Christel zu bringen, hätte er ihr nur plötzlichen Schreck -gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafür selbst auf -den Weg zu seiner Schwester, die schon unglücklich genug, noch auf -vielfache Weise unglücklicher hätte werden können, und jetzt noch, ja erst -werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten, -und _in welcher Folge_ sie über ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging -sein größter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm -vorüber, weil er nicht wußte, daß der Leinweber treulich mit Johannes -gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntniß würde ihn rathlos -gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind, -der plötzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der -herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrün hervortauchenden Raine und -Kämme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft -erschienen waren, die er nicht fröhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie -aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Töne zwitschernd, die Kehle -probirte zum Frühlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen -hangendem Schnee und braunen Frühlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum -flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grünbelaubten, mit -Blüthen ihn verbergenden, säuselnden »Häuser auf einem Stamme« noch nicht -da waren; und vollends erst das Geräusch der sich sammelnden Wasser . . . -und das ferne süße heilige Rauschen auf Berg und Wald -- das Alles stimmte -ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn -alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefühl -des größten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie -austräumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lächelnd, -und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit -ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt blaß; jetzt weinte; und ihm -war, als schiffe er, übergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem -blühenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt -unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser! - -Plötzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah. - -»Wecker! Todtenwecker!« rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand. - -»Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben!« sprach Wecker, der viel -von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rücken --- reiten hatte. »Gut, daß Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider -Niemand, das heißt kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und -anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde -in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der -Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit! Ich habe es gestern durch -den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine -- wollte ich sagen: -Christels Angst war groß!« - -»Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch?« rief jetzt Christel, ihr Kleinstes -auf dem Arme, über den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem -gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herüber durch den -Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den -Fußweg zu ziehen und sprach: »Euer Johannes schickt Euch gewiß den -Händedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht -böse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause?« frug er bedenklich. - -»Nicht! Nicht?« tönte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt; -und ihre großgeöffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von -Wehmuth -- in seine Augen voll Wehmuth. - -»Wo wird er denn sonst sein!« rief Wecker, barsch vor Angst. - -»Christel,« sprach Stephan gedrängt, »was soll ich es Dir verhehlen liebes, -liebes, gutes Weib -- ich komme Abschied von Dir zu nehmen -- ich ziehe -nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet -- -- --« - -Christel erröthete und erblaßte. - -Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: »Also lebe -wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!« - -Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schönen -schwarzen Augen, und flüsterte ihr leise zu: »Weißt Du noch, als der Vater -das Haus baute, und Du ein Lamm hattest als kleines Mädchen; und das Lamm -Dich umstieß; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich -immer wieder hinstieß -- wer erlösete Dich denn aus den Blumen? Christel! -»Brodchristel,« wie wir Geschwister Dich nannten!« - -»Mein Bruder!« rief Christel; »Steffen!« - -»St. Etienne!« sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber -wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das -Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind. -So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zügen -entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die -ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif über ihr blaß -gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder, -küßte sie auf die schöne geneigte Stirn -- schrie laut, wandte sich ab und -schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja -nun wußte . . . daß er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und -vielleicht auch mehr erzählte, als Christel jetzt erfahren sollte -- bis er -dahin geschieden. - -»Bruder!« rief sie ihm nach, »mein Bruder!« - -»Zum Teufel! Gott sei bei uns . . .« rief Wecker, »so bleibt doch!« - -»Schwester! -- Schwester, leb wohl,« rief er zurück, und sprang in den -Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatte _ihren Bruder_ -wieder gesehen, rein den _Reinen_, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie -ihn nur auch noch rein und redlich -- den Redlichen beweinen, wenn auch -nicht den Reinen; _dann_ mochte sie Alles erfahren; _denn keine spätere_ -_Schuld kann frühere Unschuld rückwärts im Herzen ermorden; kein späterer -Schmerz kann einmal genossenes Glück zu Unglück verwandeln_ -- nur färben! -»und wie oft habe ich nach durchwachten Nächten gesehen,« sprach er: »wie -die Morgendämmerung selbst schwarze Gegenstände herrlich blau färbt, selbst -Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut es _die Abenddämmerung_ . . . in -welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird, -bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafür ganz leise -auf das Kreuz ihres grünen Hügels schreibt!« - -Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte, -und brannte zu hören, wie Daniel seiner Mutter erzählen würde, wie er sich -allein bei dem Vater gefürchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weißem -langem Hemde. - -Und siehe, da richtete sich _Johannes_ in weißem, langem Hemde vor Stephan -auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es -gleich nicht begriff -- so durchzuckte ihn Freude, daß er gelähmt stehen -blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er -den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich -an einem Pfahl gestoßen hatte und liegen geblieben war, durchnäßt, von -Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt. - -Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes. - -»Ich weiß nichts von ihm;« antwortete Stephan, froh, daß jener nichts -wußte, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben -entgegen eilten. - -Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan faßte den äußersten Muth: stehen -zu bleiben. Und selbst in der geringen Entfernung war er jetzt am hellen -lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermißte, an ihn -nicht dachte, vor Freuden über Daniel. Aber . . . er hörte die Stimme des -Knaben, die der Wind zerriß; und das Weinen; und ihren Ausruf über die -Gestalt des Leinwebers . . . und die Wörter . . . »Baßgeige,« und -»Armgeigen,« und Weckers lautes Wort: »so muß er begraben werden -- am -Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, daß -der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben -rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rückt zu; das ist ein gutes -Kind! Und mein großer Friedrich ein großer Schlingel!« -- Und er sahe -darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle führte, wo Johannes Blut den -Schnee befleckt hatte -- und sah seine Christel verschwinden . . . - -Und er zog seinen Weg. - -Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause. - -»Sie werden bloß zum bloßen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen -und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und müssen erst -wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben -anfangen;« sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten, -jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den -beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in -der ersten -- wohlriechenden Mühle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich -bei diesen erst der Backofen wohlroch, und -- wärmten die Kinder aus. Aber -es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. »Verdammter Krieg!« sprach -Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund noch auf dem Kirchhofe, -»wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergründlichen Loches,« in welches -er als Kind stundenlang hinabgesehen, um _die_ Grube auszugrübeln und -auszustudiren. -- Und so überzögerten sie »die erste wahrhaft traurige Zeit -eines Weibes, aber nicht die letzte -- und die Frist: daß eine wie vom -Himmel gefallene Wittwe sich nothdürftig ausweint, und den Thränenquell zum -Fließen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hülfe, und -schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trüben Most des Trostes ein, wobei -Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer« -- wie Wecker sagte. - -So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber in -_weißem_ -- Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze -Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den -Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode, -die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig -abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber -packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stück, je -Eines in jedes Händchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig -umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: »Wie -könnte ich nur den Kuchen essen, der für den Vater bestimmt ist! Ich wüßte -da nicht, ob Er ihn äße, oder Wer!« Und die Kleinen legten ihn hin. -- -»Ja,« sagte Wecker, »folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner -Vater.« Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten -aßen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden -Weber angeschnitten. »Muth!« sagte Wecker; »was schadet Rauch und Fleisch -der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken -- oder leider -nur eine kurze Abschnittszeit -- Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt -Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.« - -Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, goß in die Gläser, -kostete selbst -- weil ihn Johannes gepreßt hatte, und gab auch den Kindern -zu nippen von des Vaters -- Mühe und Wohlthat, die so golden im Glase -blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und -erblickte die große mit Kreide deutlich geschriebene Schrift: - - »Morgen komme ich wieder, lieber Steffen. - Seid ja nicht böse auf mich! - - _Johannes_.« - -Sie las sie vor Schreck, unbewußt, laut; und ging vor Wehmuth dann hinüber -zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster, -und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthür Wache, daß Niemand die -Mutter störe, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mühselig -genesen, schon lange so blaß aussah, daß er ihr sonst im Scherz, aber aus -innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei -Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh! - -Sie aber träumte jetzt bis die Sonne unterging -- nicht von dem neuen -Unglück, welches der wohlthätige stilleste Freund der armen Menschen, der -Traum, erst wie eine nachreifende Frucht, _bis sie süß und lieb ist_, auf -spätere Nächte aufspart; sondern sie träumte von ihrem alten Glück. -- Sie -war ein kleines Mädchen; und das Lamm stieß sie in die Blumen; und Stephan -nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. -- Sie -schlug grade die Augen auf, als die blitzende Sonne sank -- und ein -ungeheurer Donnerschlag fiel und riß sie empor von dem Bett; und das Haus -schütterte; selbst die Bäume zitterten; und die Erde unter ihren Füßen -bebte weit hin -- und die Thüre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen; -und eh' noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand -sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen -sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschütterten Brust. - -Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch -eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendröthe -durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere -Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus -dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drängten sich endlich Raum zum -Sehen, und sahen und hörten. Und Einer sprach zu den Andern! »Uff! der hat -kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren -den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch in _vollem Monde der Ehre, -im großen Tage_ des Vaterlandes, in welchem bald -- einst -- und nie ein -Franzose mehr sterben kann!« Und ein Andrer sprach: »Die sechs Kanonen hat -er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand -- alle mit -Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, über -kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich -abgeprotzt.« -- »Ein Vorwand! _Ein Kind von zwei Müttern geboren!_« sagte -noch ein Andrer. »Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann -erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.« - -»Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht auf unserem Wege zu Christel -kam von _Stephan_?« sagte Krieg bestürzt. - -»Ist gekommen!« sprach Wecker. »Dein Reich komme!« - -»Und hier erschießt er sich nun!« - -»_Hat_ sich!« sprach Wecker wieder. »_Vergieb uns unsere Schuld!_ Es ist -kein tempus besser für Jeden, als das praeteritum! Und zum Glück ist unser -Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes, -Verschwindendes.« - -»Der Mann ist wie verschwunden!« sagte der gnädige Gottlieb. -- »Er liegt -in hundert Stücken;« sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und -besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes -- zerrissene Stücke -von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller groß; und -weit verstreute einzelne Knöpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den -weggeschleuderten Tschako auf. »Wen der Teufel holt, der braucht keinen -Sarg!« meinte der gnädige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern, -den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene -Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg -gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten -Kopfe St. Etienne's sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den -Abendhimmel. Und Wecker sprach: »Ein Hund weiß doch, wer der Mensch ist! Er -sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst -nicht beim Herzen -- er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande! -Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen!« Darauf kam -Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhüllte und bewahrte ihn, -und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt. - -»Schweigt!« hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder -empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. »Siehe, mein Sohn,« -sagte Wecker, »so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben -wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehört -- und schweigen, und -wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen -- nämlich wir! nämlich -_nicht!_ Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen, -mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen.« Da ihm Christel aber -auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum -jüngsten Gericht, erzählt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung: -»Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, -- das ist -mir zu hoch!« - -So mit gedrücktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel -ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber: -»Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen -- ich habe nun meinen -Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so -sonderbar -- Ihr wißt aber nicht _warum_, und danket Gott dafür!« - -»Ach, meine Mutter!« sprach Daniel, und wandte sich weinend weg. - -Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in -der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr -von Ellenroth langsam und leise ein -- und sagte aus gutem Herzen nicht: -»Guten Abend,« sondern: »Ich muß Euch doch besuchen, liebe Christel; ich -komme so gern, und muß. Denn hört Ihr nicht aus der Ferne die Schüsse? Man -wird uns die Vertreibung vertreiben, und uns Eingeschlossene noch enger -einschließen. Darum läßt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so -bald als möglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann -Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem -ganzen Briefe vergüten, geschweige das Andere, was Ihr hier laßt, oder -lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch -rathen läßt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verändert gefunden; -denn seit jenem Abend, wo vormals Euer -- nun wieder der Welt angehörige -Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher -Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht ließ er -mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir! -Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe, -und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so -verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu -unserem möglichsten Glück! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen -kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber -wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfüllt -- wenn auch meine -Seele nur mit Hoffnung und Thränen -- und dieses Bewußtsein ist -immerwährend ein großes Glück -- oder für arme Menschen doch -- das -größte!« - -Christel schwieg. - -Da die Schüsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hören waren, -sprach Wecker: »_Die_ Christen feiern die Osternacht -- auf ihre -altgläubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch -kein Christ! sondern hatte nur wüthenden Respect vor Christo. Aber den -Johannes können wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen -alten Hector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen -kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als -die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begräbniß. . . . Das auf der -elenden Erde berühmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch, -wodurch alles Schöne heimlich herausläuft, wie aus einem See, so daß die -Welt nur eine löcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil -sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt -- als würfe man Erde auf -einen Sarg -- das Thränenloch ist bald abgetäuft . . . . zu der großen -Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des -Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bäume sterben -zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen -Osternacht ist es schön, einen Lieben zu begraben, während alle Dörfer -umher jetzt denken, denn singen dürfen sie's nicht: »Christ ist erstanden!« - -Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle -Begräbniß. - -Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann; -das heißt: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und -verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt! -Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die -beste auf drei Quadrat -- Schuhe im Umkreis -- denn um die Lebendigen -stehen alle guten Todten! Weiber und Männer; gewiß auch Johannes! Denn, -sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und -seinen Kindern hinter der Thür!« - -Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thür vorsichtig -aufthat, weit offen stehen ließ, so daß Licht in das Haus fiel, und weit -vorgebogen mit dem Köpfchen hinter die Thür nach dem Vater sah. - -Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um -den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem -Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mit gefalteten Händen wie -betend: »Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind! -Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch -im Herzen wie Er!« - -Darauf beschickten die Männer, mit der nächsten Nachbarn Hülfe, den -sonntäglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; während Christel, -die einen kurzen getrosten Abschied genommen -- weil alle Wittwen ihren -Männern ja bald nachzufolgen glauben -- mit Daniel und den Kleinen zu Hause -geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hörte jetzt wirklich -die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel -- und so sah sie nun auch --- aus der Neujahrsnacht -- das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen -Erlösung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die -Inschrift rund umher mit den großen Buchstaben; und in der Ferne regte es -sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hölle schien am -Horizont herein; ein naher Kanonenschuß war ihr nur der Donnerschlag aus -dem Wächterauge der Großmutter des Teufels »über die Arbeitenden im -Gefild;« über die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier -Riesenbilder an den Weltwänden -- aber es waren Wolkengestalten; und das -Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wußte es, und doch sah -sie das blasse Antlitz an als _das leidende Gesicht der Menschheit_ -- und -endlich ward das Antlitz _ihr eigenes_ _blasses Gesicht_; und sie selber -sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand -berührte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der fröhlich die kalten -Hände reibend sagte: »Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und -Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist groß und schön, meine -Christel; trotz des weltberühmten Allerweltsloches -- ja eben des Loches -wegen! Wenn ich nicht die Aussicht hätte, mich einmal vor mir selbst -_darein_ zu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu -haben -- vielleicht: _das Antlitz_ Gottes, statt Eures lieben, schönen, -leidenden Mondscheingesichts -- so wollt' ich, wir gingen sogleich nach -Mainz!« Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen. - -Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines -Glasschränkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem -kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers großem, womit er den Daniel erweckt -hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes -ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und -zuletzt, mit dem Stück ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die -Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhäuschen -»das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum« feierlich, als wollte -er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. »Denn,« sprach er, -»unser Geschichtschreiber wird sagen: »Sie eilten, von den nahenden -Schüssen gedrängt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten, _froh_ -des eignen davon gebrachten Lebens, in die _sichere Stadt_ -- denn selbst -seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und um _sie_ fort zu -genießen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel -mit allem genossenen Glücke klar und nah dahinter, statt Folie; und der -Spiegel ist so warm und _beredt_, als das Glück groß war, daß es nicht -ausgesprochen werden konnte -- wie das Leben.« - -Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenüber stand, wählten sie den Weg durch -die erleuchtete, offene, menschenerfüllte Kathedrale, worin so eben -Christus Auferstehung durch eine lebensgroße Puppe künstlich dargestellt -ward, und -- _der Kinder willen_ wählte Christel den Weg durch die Kirche; -obgleich Ellenroth sie so führte, daß sie an dem Grabmale des Churfürsten -Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Ablaß für -Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so daß der geistliche -Pascha seine große Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen -ausängsten mußte -- damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon -erlöste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber -jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzählte. - -Hier aber begrüßte sie leise _Paschalis_; und als er mit Christel allein -einmal um das Altar gegangen, frug er sie: »Darf ich Dir den Schmerz um -Johannes aus der Brust nehmen?« -- Und sie sagte: »Ich dächte nicht! Nicht -gern.« »Aber doch!« sagte er langsam. »Siehe Christus ist erstanden: -- -- -und _Dein Bruder Stephan ist umgekommen_.« - -Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfüllte nun ganz ihre -Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war -nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem -Sein -- und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen großen Welt, -und die ganze Welt war ihr nur: der schöne geliebte todte Bruder. Und -Paschalis ließ sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, still ausweinen, -während sie in's Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und -ihn fest an dem kalten Händchen hielt. - -Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand -gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie -noch milder als zuvor: »Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus -der Seele nehmen?« Und sie sagte wieder: »Ich dächte nicht! Nicht gern!«-- -»Aber doch!« sagte er: »_Dein Bruder hat sich selber erschossen._« - -Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Sänger riefen vom Chor -über die Menschenhäupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft: -»Christ ist erstanden!« und die, das uralte, mächtige Wort zurückhallenden -mächtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen -das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewölbes wälzte es sich vor -Freuden dahin, und stieg herauf, und floß wieder herab . . wie ein -Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte -sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele. - -Und als sie endlich aufsah, aber zürnend und doch niedergeschlagen, frug -sie Paschalis wieder: »Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln?« -- Und -sie sagte jetzt: »Gern! Aber unmöglich!« »Aber leicht!« sagte er: . . . -»_Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen._« - -Und Christel ward blaß, schloß die Augen, lehnte sich zurück, und über den -schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen -verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als würde es -tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schönsten Mater -dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefem Meeresgrunde -sängen es, in den verborgenen zauberisch schönen Meeresgärten, die -wundervollen Blumen mit Blumenlippen -- und hoch, hoch, hoch darüber -schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wüsten stürmenden Wogen -mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wäre Christel! -. . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rüttelten nur an der Mutter, -die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jäh auffuhr, die Kinder -vergaß und davon fliehen wollte, sie wußte nicht wohin. Paschalis hielt sie -sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich stützend, ward sie wieder -völlig munter, und war wieder aufgetaucht in die öde -- liebevolle Welt. - -»Denke doch, Christel,« sprach Paschalis, »das liebevolle Herz schlägt ja -eben in der Welt! Wäre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was -hättest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht öde, sie ist nur graunvoll -- -denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst! -Stirb, -- und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie -- -ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich weiß, ich empfinde -ganz Anderes. -- Ihr habt Euch nicht selbst geholfen -- Ihr leidet nur -selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir! -Jetzt glühst Du vielleicht so heiß in Gefühlen, und die Marterkammer der -Menschen ist Dir so nah vor den Füßen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst -auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund -zu ermessen! -- Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du -- Du, -Sebastianow! -- Ich kann alle Leiden heilen -- wie Moses selber sterbende -Schlangen! Kommt!« - -Und im Gehen sagte Wecker: »Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben -Alle nicht freventlich in der Arche gesessen! Wir sind rechtschaffen mit -ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sündfluth der gemachten -Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit --- denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen -das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es -hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen den _Krieg_, und -- -und -- und werden nun auch erst recht die _Früchte_ mit Muth zu verlangen, -mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu würdigen wissen, die uns der -Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der -bloße nackte Friede selber, _ohne seine versprochenen Gaben_, ist bloß ein -dummer Junge -- ein wahrer »dummer Friede!« Eine Scheune voll leerer -Strohschütten nebst abgedroschenen Flegeln! Früchte wollen wir sehen und -mit Freuden erndten, die wir mit Thränen gesäet! Die sollen uns schmecken, -wie Nürnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?« - -Und die Kleinen sagten: »Ja!« - -»Armer hoffender Wecker,« sagte Paschalis; »Ihr hofft für Andre. Mäßigung -ist die beste Frucht der Unmäßigkeit.« - -»Die Todten gehen nicht auf;« seufzte Christel. - -»Ihr wißt,« erinnerte der Leinweber, »die Urheber müssen Alles gut machen, -ersetzen; _gut_ macht es dann der sogenannte Herr!« - -Paschalis führte Alle darauf in den Saal seines Hauses. In der Mitte über -der runden Tafel leuchtete nur ein uralter Kronleuchter, fast wie eine -dickbäuchige Kreuzspinne mit langen, dünnen Arm-Beinen, an jeder Fußspitze -ein Wachslicht. Er lud sie ein sich zu setzen, vertheilte Osternachts-Gaben --- bunte Eier, ungesäuertes Brod und Honig, hatte aber wenig Geduld und -viel Hast dabei, und sagte: »Ich reise weit weg; auf lange; und fahre die -Nacht noch ab. Bleibt hier in meinem -- nun Eurem Hause, bis Ihr aus der -Arche gehen könnt. Ich lege meine Ehre und meine Schande in Eure Zunge. -Auch meine _Jungfrau Maria_ binde ich Euch mit Liebesstricken und -Unglücksbanden auf's Herz! Vielleicht, lieber Ellenroth, da Sie schon in -Griechenland waren, reisen Sie noch mit Ihr nach Italien -- nach Rom, -- -nach Loretto in die Casa santa!« - -Von Ellenroth und die Anderen sahen ihn an -- aber Paschalis fuhr fort: -»Meine Christel, -- Dich bitte ich, künftig in dem jetzt ausgebrannten -Schlosse von Breitenthal, wenn es wieder eingerichtet ist, eine wirklich -gnädige »gnädige Frau« zu spielen; den alten weinseligen Herrn von -Borromäus aus dem Vogelheerde zu erlösen, und ihm den Jäger Niklas zum -Diener zu geben. Das Gut bleibe dann den Kindern. Der Leinweber und Wecker -sollen Deine Amtleute und Rechnungsführer sein.« Zu dem Herrn von Ellenroth -meinte er: »Geld ist Ihnen lieber! Mein ganzes übriges Vermögen -- wirklich -nun ganz übrig -- möge Sie an meinen guten Willen erinnern, Ihnen meinen -edelsten Schatz auch gern anzuvertrauen, wenn der Schatz wollen durfte!« - -Er gab ihm dabei einige Papiere, die der Schwiegersohn in -- ewiger -- spe, -wie er ihn nannte, sogar aus Verlegenheit nahm und in Händen behielt. -Darauf ward Paschalis sehr ernst, indem er nach Etwas in seiner Brusttasche -zu fühlen schien, und sagte: »Dorothea ist todt! Meine und Ihre.« Aber -. . . sprach er verstummend, ging und that leise die Thüre zu einer mäßig -großen Halle zur Seite des Saales auf, welche ganz wie das heilige Haus, -die Casa santa in Loretto eingerichtet und hell erleuchtet war -- »seht! -Sehet recht hin! -- Dorothea lebt!« - -Christel sprang auf. Ellenroth wandte sich hin, und blieb wie bezaubert -stehen. - -»Dorothea lebt;« sprach Paschalis mit bebender Stimme; »sie lebt; so -scheint es. Ich weiß jedoch nicht, und nur _sie_ wird es wissen, ob es noch -_unser_ Leben ist, wenn Jemand Andres in uns und aus uns lebt, denkt, -empfindet und spricht . . . . wenn ein jetziger Mensch ein nunmehr gewiß -sehr altes, ja todtes Weib ist; nicht seine Gedanken, sondern ein Gedanke -der curiosen Welt, also für sich ein Wahn, ein Hirngespinnst, ein Gespenst --- aber ein unerträglicher Geist für mich! Denn sie ist und bleibt meine -Tochter, nichts weiter. Sie aber -- -- so hat sich ihre Krankheit gelöst -. . . so hat sich ihre Seele wieder hergestellt, oder der Sache ein -Mäntelchen umgehangen -- denn sie -- sie ist sich: die _Jungfrau_ Maria. -Und also sind alle ihre Schmerzen verhallt, alle ihre vergeblichen Wünsche -auf Erden wieder in dem Himmel ihrer Seele erfüllt. Sie war hoffärtig! -Stolz! Sicher im Gefühl ihrer strengen Zucht und Ehre -- der Herr hat sie -gedemüthigt; aber die Niedergeworfene wieder aufgehoben, doch sie -- Wecker -geht hin und seht, -- sie hat das ABC stets vor sich auf dem Schooß, den -Lobgesang Mariä aufgeschlagen, und betet oft kniend laut daraus mit -_Freuden und Dank_, daß mir die Haut schauert . . . denn sie betet: »Er -übet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres -Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Elenden!« --- - -Und sie traten an die Thür und sahen das schöne blasse Mädchen, -eingeschlafen; aber auch schlafend noch in ihren morgenländischen Kleidern, -nur sonderbar mit dem Bande der Ehrenlegion geschmückt, auf alterthümlichem -Sessel sitzend, die Linke auf die Lehne gelegt, die Rechte auf dem -aufgeschlagenen Kinderbuche. Um ihren Kopf schimmerte ein ächtpersisches -buntes Tuch, und auf dem Wirbel schimmerte eine kleine silberne Krone. Im -Zimmer war wenig, aber gleichfalls alterthümliches Geräth; und an der Wand -hing eine Copie der _Verkündigung_ von der Angelika Kaufmann, die zur Seite -der Casa santa in der Kirche zu Loretto hängt. - -Und wie dort der willfährig empfangene Engel, kniete jetzt hier der -verstoßene Bräutigam vor sie hin, und beugte sich dann zu ihren Füßen -nieder. Wecker aber nahete leise, legte sehr sanft die alte zitternde Hand -auf ihr Haupt und sagte zu der Schlafenden: »Hätte ich Dich doch hinunter -stürzen lassen, wo ich den Teufel vom Thurme stürzte! Denn Du arme -Verrückte hast ja doch gethan, wovor Dich Gott, laut Deines Briefes, -bewahren sollte: -- Du bist katholisch geworden!« -- Dann zog er die Hand -zurück. - -»Wecker!« tadelte ihn der Leinweber: »die wahre Jungfrau Maria ist nie -katholisch gewesen! Selbst Christus war kein Katholik, höchstens rein -evangelisch, und das noch kaum: Er war nur Er selbst ganz allein, nicht ein -Christ, sondern Christus.« - -Die Kinder aber fürchteten sich hinein zu gehn, und die Kleine war schon -schlafend bei ihren Ostereiern am Tische sitzen geblieben. Christel stand -also entfernt mit Daniel und Gotthelf. Sebastianow, der Mitverwüster dieser -starken Seele, dieser schönen Jungfraugestalt, aber zitterte am ganzen -Leibe wie vor dem jüngsten Gericht, das so eben wie Wetter hereingebrochen, -und bebte nun seinen Namen zu hören. - -Paschalis aber sagte ihm mild auf Russisch: »Janow -- Zschartowitsch![A] -Gehe getrost hinein. Sie kennt selbst den Vater nicht, denn sie wohnt in -Nazareth, in alten, heiligen Tagen; und ich bin ihr nur ein fremder, -fremder Mann aus der Zukunft . . . und doch bekannt . . . wie aus dem -Paradiese! Hast Du aber vorhin in der Kirche, nach Eurer Sitte, vor jedem -Geistlichen dreimal ausgespuckt, so schlucke hier dein Gift hinunter.« -- -Dabei schenkte er ihm einen Beutel mit Golde, und der Mensch betete ihn -bald an. »Ziehe in Frieden!« sagte er ihm, sich von ihm wendend, ob er ihn -gleich mit keinem Auge angesehen. - -[Fußnote A: Teufels-Sohn.] - -»Nun, Christel.« frug er diese, »hast Du noch einen Dolch im Herzen, um -Dorothea! Auch den Schmerz will ich aus Deiner reinen Brust nehmen! Ja, -wenn Du auch um mich noch einen Stich empfinden solltest, so will ich -vorher dem Dolche die Spitze umbiegen. Ja, was Du auch gelitten hast, Du -sollst Dich darüber freuen und dem Herrn _dafür_ danken! Denn ich halte -noch ein kleines aber furchtbares Licht in meiner Hand, das mich brennt es -fallen zu lassen. Und doch bin ich innerlich schon dadurch verkohlt. Ich -bin todt, und darf nur die Augen noch zuthun. Doch das ist bald gethan.« - -Die Andern traten jetzt Alle um ihn, und Paschalis sprach ernst: »Nun wohl, -so mögt Ihr es wissen, besonders der Bräutigam. Wie der bessere Mensch nur -ein Wort ist, und die meisten nur ungesetzte Buchstaben im -Buchdruckerkasten, die der Geist der Welt setzt, so konnten die Menschen, -jeder eine Lehre aus seinem Leben ziehen: wieder das Wort. Klarer aber, als -da draußen aus der furchtbar wogenden Welt, springt aus unserem kleineren -Leben eine große Lehre heraus, und die will ich als Kaufmann noch ziehen! -Mäßigung, sagte ich angeklungen vorhin, Mäßigung ist die beste Frucht der -Unmäßigkeit. Auch Mäßigung in den Wünschen. Die Hoffnung war auch etwas -werth. Der Betrug wird auch klug machen. Ein Volk, das nur einmal wieder -tüchtig zugestutzt worden ist, selbst bis auf den Stamm und die Wurzel, das -hat wieder Lebenskraft erhalten, verjüngt sich wieder und geht nicht ein. -Am schrecklichsten aber bestraft sich Selbsthülfe? Wenn sich ein Mensch -helfen will, so thue er es bloß durch weise-, gelassen- und gut-sein. -Völker denken oft anders. Aber auch zu ihrem Schaden; denn wenn Alle klug -sind und fromm, kann Einer oder werden Mehrere nicht mehr gottlos und dumm -sein. Sela.« - -»Das wollt' ich nur wissen!« sprach Wecker. - -»Ich aber verabscheue die Selbsthülfe, wenn sie nur ein wenig mehr ist, als -Ertragung und Verwünschung der Uebel, selber der schwersten und -schmählichsten,« (Er sah wehmüthig nach Dorothea.) »Denn der Lastträger hat -Kraft; der Verwünschende hat weiseres Wissen und Zorn gegen das Böse, und -den Wunsch des Bessern, ja des Guten. Ich aber -- beweint mich nicht -- ich -habe mir selber so geholfen . . . daß ich mir nicht mehr zu helfen weiß. -_Meine Tochter_ hat sich geholfen . . . bis in den Scheintod, ja bis zur -Jungfrau Maria! Und ihr war doch schon geholfen durch mich. Der alte -Zimmermann _Frommholz_ hat sich geholfen . . . bis in den Kerker -- und -sein Helfer war schon bereit! -- _Johannes_ hat sich geholfen . . . bis in -den ewigen Kerker -- und die Kugeln rührten sich schon in den Läufen, die -ihm freie Bahn machten! _Stephan_ hat sich geholfen -- Alle haben sich -selber geholfen . . . und Niemand kann _ihnen_ mehr helfen, selbst ein Gott -nicht, der seine Welt nicht auf Selbsthülfe berechnet hat, sondern auf -seinen Rath und seine Führung und seine Kraft, der _Niemand_, Niemand -widersteht; und auf seine Liebe, die _Allen_ angedeiht; und auf das -_Zutrauen_ zu Rath, Führung, Kraft und Liebe des außerdem -- -Erschrecklichen! Zermalmenden! -- Gottes!« - -Paschalis ging einige Schritte bei Seite; stand, wandte sich ab; bog den -Kopf zurück, als starre er hinauf in den Himmel; aber er hatte dabei seine -Hand am Munde. Dann kam er zurück und sprach: »Kinder, Daniel und Gotthelf, -geht doch zu Euerem alten Großvater Frommholz! Keines von Euch hat ihn -bemerkt. Er sitzt schlafen hinter der offenen Thür, da ist sein warmes -Plätzchen. Ich hab' ihn erlöst; und als alter Zimmermann paßt er sich wohl -hieher.« Und die Kinder gingen und der Pathe. - -Darauf sprach Paschalis eilend und schneller, aber auch schwächer und doch -wie entzückt: »Sonderbar! Nun ich _weiß:_ Ich -- Ich habe sieben Menschen -umgebracht -- und weiß: nur gräßlich _Schuldige_, also Thiermenschen -- und -_Ich_ habe sie geschlachtet, nicht meine theuere Dorothea hat es gethan -- -nun ist mir leicht! Denn sie sind _eher_ an meinem mit Kirschlorbeerkraft -vergifteten Rheinwein gestorben, als sie erstickt _sind_, nicht _worden_. -Mein Kind hat es also nicht gethan -- _ob sie es gleich gethan hat_ -- -sondern doch nur gewollt. Todte kann man nicht tödten. Jeder Mensch, sieben -oder einer -- auch Ich -- können nur einmal sterben. Ich könnte den -sonderbarsten Prozeß mit meiner Tochter führen . . . und nur gewinnen! Denn -Ich bin der Rächer für ihre erlittene Schmach! Mein Kind, mein armes Kind -ist _unschuldig_ wie das Lamm Gottes, das -- der Welt Sünde trägt.« Er -taumelte. Und eilender sprach er: »Holt keinen Arzt! Ihr Thoren, sterben -werde ich nicht -- bis Gott stirbt.« - -Er zitterte; er holte heißeren Athem; sein Gesicht glühte; seine Augen -standen glotzend. Ihn erdrückte das Gewicht der Worte, die er gesprochen -- -daß sein Kind _unschuldig_ sei, während sie doch der Welt Sünde trug, und -schmachgebeugt, bis zur Unkenntlichkeit ihrer schönen Seele, vor ihm -vergangen war, und herabgesunken bis zum Gespenst der Jungfrau Maria. Und -zum Glück oder Unglück erhob sich jetzt die schöne stille Königin der -Trauer, Dorothea, und kam in ihren rauschenden, langen Gewanden, mit -schimmernder Silberkrone auf Paschalis zu. Und da sie so viele befreundete -Menschen sah, breitete sie ihre Arme mit getäuschter und gesammelter -Empfindung -- nach ihrem Vater aus. Und er sank in ihre Umarmung. - -So blieben sie lange. Bis Dorothea wankte, und sie ihr zu Hülfe kommen -mußten. Denn der Vater, vom Gewissensschlag gerührt, wie Ananias, von -Jammer zerrissen, und vom stillen schnellen Gift ausgelöscht wie ein Licht, -war in ihren Armen vergangen. - -Sie lehnten ihn hin. Und Dorothea verwunderte sich nicht, vergoß keine -- -Klage, ja ihre Augen wurden nicht feucht. - -Und Christel zog und drückte ihre Kinder an sich, und pries sich glücklich, -ja selig. »Der Prophet hat wahrgesagt! Mich würde kein Unglück treffen;« -dachte sie. Denn sie selber litt rein das unreine, schmähliche, aber nicht -beschmitzende Leid des Lebens. - -Nur Dorothea sah sie groß an, und lächelte spöttisch. Und Christel -erröthete vor dem Geiste St. Etienne's, der ihr erschien und verschwand. -Und sie seufzte tief aus befreiter, nicht schuldig gewordener Brust auf -. . . - -Paschalis aber hielt in seiner Hand noch ein kleines Blatt Papier, das er -vorhin, während er gesprochen, immer langsam um beide Zeigefinger spielend -gerollt hatte. Dorothea langte es geisterhaft daraus, und wog es. Dann -starrte sie lange hinein. - -Und als gälten die Worte sowohl dem Vater, als eben _so wohl_ auch ihr, las -sie erst halblaut . . . dann laut . . . dann begeistert, und wieder wie -entseelt, und Alle zu Thränen hinreißend: - - -»Meine Grabschrift.« - - »Es ist nur Eine Ruh' vorhanden.« Doch - Die _träge_ Ruh' im Grabe ist sie nicht! - Die stille Kraft des _Geistes_ ist sie, - Der in der Welt, doch _über_ aller Welt - Festschwebend, alles Uebel niederhält, - Nur voll vom Guten, nicht das Böse kennt, - Und rein die Liebe walten läßt! _Ihm_ ist - Das regste Leben: ungestörte Ruhe; - Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Frieden! - Der allverbreiteten urstillen Kraft, - Die Ungemessenes unablässig wirkt, - Der willst Du Ruh' und Fried' und Seligkeit - Absprechen? Gott? -- Und Gott liegt nicht im Grabe! - Ich selber gehe durch das Grab zu ihm, - Und hoffe bei der Kraft und Liebe -- _Ruhe!_ - Gott ist nichts Besseres als Du . . . sein kannst. - -». . . Seine Tochter bin ich schon . . . seine Schwiegertochter!« sprach -Dorothea holdselig und begnügt. - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Siebenter Theil. Veit und -Comp., Berlin, 1845, pp. 1-178. - -Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT *** - -***** This file should be named 40524-8.txt or 40524-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/5/2/40524/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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