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D. | Die Entgleisten + Der Erzketzer. 2 Bde. + + _Novellen_ + + Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte + Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten + Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen Bohême + Da werden Weiber zu Hyänen | Heiteres und Weiteres + Erlebtes Erlauschtes Erlogenes + Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien + Geschichten von lieben süßen Mädeln + + _Verse_ + +Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravüre Wolzogens) + + _Theater_ + + Der unverstandene Mann (Komödie) + Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komödie) + Lumpengesindel (Tragikomödie) + Die Maibraut + (Ein Weihespiel in drei Handlungen) + + _Essays_ usw. + +Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung + (Neu herausgegeben von _E. von Wolzogen_) + Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch) + Linksum kehrt schwenkt - Trab! + + _Eheliches Andichtbüchlein_ + + Herausgegeben von _Ernst Ludwig_ und _Elsa Laura von Wolzogen_ + Buchschmuck von _J. Martini_ + + + + + + *Der* + *Dichter in Dollarica* + + Blumen-, Frucht- und Dornenstücke + aus dem Märchenlande der unbedingten Gegenwart + + von + + Ernst von Wolzogen + + +Zweite Auflage + + +Berlin 1912, F. Fontane & Co. + + + + + + Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschützt + +Die erste und zweite Auflage dieses Buches ist in 2220 Exemplaren gedruckt + und wurde im Jahre 1912 herausgegeben. + + + + + Altenburg + Pierersche Hofbuchdruckerei + Stephan Geibel & Co. + + + + + + The Germanistic Society of America + + + to whom I am deeply indebted for the opportunity of seeing + America, may kindly accept this document of how I saw America as a + token of my sincere gratitude, and may humour it as genially as it + was conceived. + + + + + + ZUR VERSTÄNDIGUNG. + + +Ich gehöre zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen und nichtige +Klugschwätzen eilfertiger Reisender über fremde Länder, Völker, +Einrichtungen und Sitten durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun +gleichwohl verleiten ließ, nach einem Aufenthalt von nur drei Monaten, +dennoch meine Reiseeindrücke aus den Vereinigten Staaten zu Papier zu +bringen und sogar in Buchform herauszugeben, so muß ich wohl meinem +Unterfangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte Leute +ihm nicht von vornherein den Zutritt in den Bereich ihrer Aufmerksamkeit +verweigern. + +Ich wurde als Gast der _Germanistic Society of America_ zu einer Reihe von +Vorlesungen und Vorträgen an neunzehn Universitäten und Colleges, sowie in +zahlreichen deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang +November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den östlichen, nördlichen und +mittelwestlichen Staaten auf. Die oft gerühmte großartige und herzliche +Gastfreundschaft nicht nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der +für deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung interessierten +akademischen Kreise des Landes, sorgte in überaus umsichtiger Weise dafür, +daß wir - denn meine reizendere Hälfte begleitete mich samt ihrer +tatbereiten Laute - in all den zahlreichen großen und kleinen Städten, die +wir berührten, möglichst viel und möglichst Eigenartiges und Bedeutsames +von dem wunderreichen Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im +allgemeinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmäßigen +Vorführungen, die liebenswürdige Komitees hastig vorbei sausenden +Ehrengästen zuliebe von den Sitten und Gebräuchen der Einwohner +veranstalten, nicht gerade für die sichersten Quellen ernsthafter +Belehrung zu halten und sich vergnüglich ins Fäustchen zu lachen, wenn der +also Gefeierte hinterher dankbaren und kindlichen Gemüts all dies +freundliche Geflunker für bare Münze nimmt und daraufhin mit wichtiger +Kennermiene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverständlich +wurde ich wie jeder andere prominente Reisende schon bei der Einfahrt in +den Hafen von New York von den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie +mir Amerika gefiele; selbstverständlich begleitete mich diese +unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverständlich +machten die Herren Reporter, je nach ihrem Witz und ihrer stilistischen +Begabung, aus meinen verlegenen, dürftigen Antworten in ihren Interviews, +was ihnen gut dünkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach +meiner Ankunft gefragt, ob ich gedächte, ein Buch über Amerika zu +schreiben, und habe diese Zumutung damals mit ehrlichem Erschrecken weit +von mir gewiesen. So lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der täglich +und stündlich in buntester Abwechslung am Auge vorüberhastenden, einander +überstürzenden Erlebnisse und Begegnungen stand, erschien es mir auch +wirklich ein unmögliches Unterfangen, diese Eindrücke auch nur +beschreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel weniger darüber +ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. Daß ich nicht völlig die Tinte +würde halten können, daß vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch +das Fenster des Expreßzuges ein paar Feuilletons herausspringen würden, +lag ja freilich bei meiner berufsmäßigen Zugehörigkeit zur Schreiberzunft +nahe; aber den Mut und die Lust zu einer erschöpfenden Bearbeitung meiner +Reisebeute gewann ich doch erst allmählich in der stillen Beschaulichkeit +meines fruchtbaren Darmstädter Poetenwinkels. Ich schrieb erst einmal +kunterbunt alles zusammen, was mein Gedächtnis und meine Notizen mir von +Gehörtem und Geschautem bewahrten, und was mir schon drüben weiteren +Nachdenkens wert erschienen war. Und dann schleppte ich mir einen Stoß +guter Bücher über die Vereinigten Staaten zusammen, verglich die darin +niedergelegten Anschauungen eingeborener und ausländischer Kenner des +Landes und bewährter Beobachter mit den Eindrücken, die ich selbst +empfangen, und erst nach Beendigung dieser klärenden Vorarbeit begann ich +mich für berechtigt zu halten, dem großen Publikum, das bei einer +gerechten Beurteilung der neuen Welt interessiert ist, meine Meinung +aufzutischen. + +Es versteht sich wohl von selbst, daß ich mir trotz dieser gewissenhaften +Vorbereitung durchaus nicht einbilde, mein Urteil könnte neben dem +eingeborener gründlicher Kenner des Landes oder ernsthafter +wissenschaftlicher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; darum habe +ich schon im Titel meines Buches den Nachdruck auf den _Dichter_ gelegt. +Ein Dichter ist, wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden +darf, "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Sein Schauen ist freilich +ein anderes als das des gelehrten Forschers: während dieser geradlinig +rückwärts oder voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift +des Dichters Auge über den ganzen Horizont rund um und erfaßt dennoch im +Vorübergleiten eine ganze Menge bedeutsamer Einzelheiten der nächsten +Umgebung. Sein Geist liebt es, Brücken zu schlagen vom Kleinsten zum +Größten. Mögen diese Brücken oft auch luftig genug, mehr aus bunten +Regenbogenfarben als aus soliden Balken zusammengezimmert sein, wertlos +ist darum die dichterische Betrachtungsweise gewiß nicht; denn oft ahnt er +mit dem sicheren Instinkt des schöpferischen Geistes große, bedeutsame +Zusammenhänge, die dem scharfen Auge des Forschers verborgen bleiben, weil +dem sein Gewissen nicht erlaubt, bei seinen Feststellungen unbekannte +Größen in Rechnung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition und +den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme ich für mich in +Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit für dichterische Freiheit zu +beanspruchen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich durch glänzende +Äußerlichkeiten leicht blenden lassen, auch nicht zu den mißtrauischen +Duckmäusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich angelegen sein +lassen, drüben in dem merkwürdigen Lande der unbedingten Gegenwart, wo es +irgend anging, die Meinung gescheiter, mir zuverlässig erscheinender +Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen zu vervollständigen, zu +klären und zu berichtigen. Dabei ist es mir nun allerdings überaus häufig +begegnet, daß der Sachverständige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande +war, den Sachverständigen A., der 27 Jahre im Lande war, für einen +ausgemachten Esel erklärte, und daß der Sachverständige C., der 50 Jahre +im Lande war, zur Entscheidung aufgerufen, beiden als elenden Grünhörnern +jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun eine alte Erfahrung, +die jeder mit einem klaren Blick begabte gebildete Reisende schon +bestätigt gefunden haben wird, daß sich der Eingeborene eines Landes oft +gerade der auffallendsten Eigentümlichkeiten desselben nicht bewußt ist, +weil ihm eben der Maßstab zur Vergleichung fehlt und weil ihm naturgemäß +das Gewohnte als das Selbstverständliche erscheint. Ebenso verliert auch +der Einwanderer, je länger er in dem neuen Lande weilt, desto mehr den +Blick für seine Besonderheit. Ihm dünkt vieles Neue bedeutsam, weil er es +unter seinen Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiß, daß man drüben +in der alten Heimat vielleicht schon längst über den betreffenden Zustand +hinaus gekommen ist, während ihm Dinge, die dem Fremden als höchst +eigenartig auffallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil sie +für ihn Alltäglichkeiten geworden sind. Aus diesem Grunde können selbst +des flüchtigen Besuchers erste Eindrücke von ganz erheblicher Bedeutung +werden. Es ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle +Dokumente als wissenschaftlich beweiskräftig anzunehmen, denn mit Hilfe +der Statistik kann man bekanntlich ebenso wie mit Hilfe der Etymologie +alles Beliebige beweisen, und daß behördliche Urkunden auch nicht immer +direkt aus göttlicher Inspiration hervorgehen, dürfte wohl zugegeben +werden. Es bleibt also unter allen Umständen für das dichterische Schauen +ein weites Feld ersprießlicher Tätigkeit übrig. Und der _Forscher_, der +den _Seher_ verachtet, gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im +Kalender die Laterne zu Hause läßt, auch wenn dicke Wolken das freundliche +Gestirn dauernd verfinstern. + +Ein wie schwieriges, unter Umständen sogar lebensgefährliches Unterfangen +es sei, auch mit dem ernstlichsten Bemühen um Gerechtigkeit über +Jung-Amerika zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung +erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drüben taten. Ich habe, was wohl +niemand einem Poeten verargen wird, ernsthafte Dinge ernst und minder +bedeutsame Äußerlichkeiten lustig behandelt und mich auch +selbstverständlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise +der heiteren Wirkung zuliebe keck zu übertreiben und nötigenfalls sogar +ein Weniges dazu zu lügen, in der sicheren Erwartung, daß der +amerikanische Humor, der ja bekanntlich in der grotesken Übertreibung sich +am besten gefällt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen finden +würde. Darin scheine ich mich jedoch gründlich getäuscht zu haben, und +Henry F. Urban, der humoristische Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft +genaue Kenner seiner Bewohner, dürfte doch wohl recht haben mit seiner +Behauptung, daß der richtige Dollaricaner keinen Sinn für Satire habe, +wenigstens nicht sofern sie sich auf ihn selbst und sein Land bezieht. So +erklärt sich auch die für uns merkwürdige Erscheinung, daß dieses so +humorbegabte und zu derben Späßen aufgelegte Volk noch keine politischen +Witzblätter besitzt. Der Dollaricaner sieht eben fortwährend vor seinen +Augen die Wüstenei sich in üppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstädte aus +elenden Ansiedlungen sich quasi über Nacht entwickeln, eine luxuriöse +Tipptopp-Kultur urplötzlich, wie den glänzenden Schmetterling aus der +unscheinbaren Puppe, aus dem Chaos herausschlüpfen - da ist es freilich +begreiflich, daß sein Herz von unbändigem Stolze auf sein Wunderland und +auf die Tatkraft seiner Bewohner geschwellt ist. Dieser schöne Stolz geht +nun aber so weit, daß er jeden für einen verleumderischen Schurken +erklärt, der nicht alles und jedes für vollkommen und unvergleichlich +hält, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, und daß er nicht nur dem +ausländischen Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede +kritische Anwandlung fürchterlich übel nimmt. Die englischen Zeitungen +haben sich vornehmlich an meine Späße und Übertreibungen gehalten und mich +wie gänzlich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten festgenagelt +und darum ihrem Publikum als unwissenden, leichtfertigen Verleumder +hingestellt; meine ehemaligen deutschen Landsleute aber haben sogar +Entrüstungsmeetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der +auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, daß sie im allgemeinen an +körperlichen Vorzügen hinter den Yankees zurückstehen, und daß sie nicht +verstanden haben, sich rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen +Einfluß zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmäßiges Übergewicht, +sondern auch als hervorragendste Kulturträger rechtens zu beanspruchen +gehabt hätten. Für diese Missetat haben mich zahlreiche +deutsch-amerikanische Blätter, vornehmlich minder beträchtliche +Provinzorgane, mit den liebenswürdigsten Schmeichelnamen bedacht, unter +denen wohl 'krummer Hund' noch der mildeste war, und zahlreiche +Privatpersonen haben mich brieflich ihrer vorzüglichsten Tiefachtung +versichert und mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die +Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. Nun, ich darf +mir wohl erlauben, diese seltsamen Blüten patriotischer Entrüstung nicht +allzu tragisch zu nehmen, da außer solchen robusten Kundgebungen mir doch +auch zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, welche im +Gegensatz zu jener Knüppelpolemik durchweg aus den oberen geistigen +Regionen herstammten. Ich habe übrigens die in jenem Aufsatz über die +Yankeerasse, der so viel böses Blut gemacht hat, niedergelegten Ansichten +in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches begründet und erweitert. +Es versteht sich von selbst, daß ich jedem dankbar sein werde, der mir +beweist, daß ich da und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir +zur Pflicht machen, Irrtümer zu berichtigen, soweit etwaige Neuauflagen +die Gelegenheit dazu geben sollten. + +Zusammenfassend betone ich also noch einmal, daß dies Buch weder +wissenschaftlichen Wert beansprucht, noch etwa ein Führer für Reisende +sein soll, dagegen auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben +beabsichtigt. Es ist für uns Europäer von größter Wichtigkeit, uns klare +Vorstellungen von diesem Lande ohne Vergangenheit zu verschaffen, das für +uns einen Spiegel unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten +Staaten zu reisen bedeutet für den wißbegierigen Europäer soviel, wie es +für die Unschuld vom Lande bedeutet, zur Kartenschlägerin zu gehen, nur +mit dem Unterschiede, daß das, was wir drüben über unsere Zukunft +erfahren, kein plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. Je +mehr wir mit unserer Vergangenheit aufräumen, je rückhaltloser wir uns von +dem reißenden Strome der modernen Entwicklung mit forttragen lassen, desto +sicherer werden sich unsere Zustände und unser Charakter amerikanisieren; +und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der Gegenwart so genau +wie möglich betrachten, und darum hat jeder, dem eine gute Beobachtung und +ein gesundes Urteil zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, über +Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt. + +Ich kann dies Vorwort nicht beschließen, ohne meinen verehrten Gönnern und +neugewonnenen lieben Freunden da drüben, vornehmlich der Germanistic +Society, den örtlichen Veranstaltern meiner Vorträge, den leitenden +Persönlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden so umsichtigen +und eifrigen Managern meiner Rundreise, den Herren Professor Rudolf Tombo +jun. und Paul C. Holter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen für die +herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem Schaffen zuteil +werden ließen, wie für die große Mühe, die sie so erfolgreich aufwendeten, +um mir in der kurzen Zeit diese reiche Fülle von Eindrücken zu +verschaffen. + +_Darmstadt_, im Oktober 1911. + *Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.* + + + + + + INHALTSVERZEICHNIS. + + + Zur Verständigung VII + 1. Als Mauernweiler in Dollarica 1 + 2. Die Yankeerasse 20 + 3. Der Yankee als Erzieher 32 + 4. Das Universitätsleben in der Union 41 + 5. Öffentliche und private Moral 64 + 6. Liebe und Ehe 79 + 7. Die Dienstbotenfrage 94 + 8. Die Kochkunst der Yankees 110 + 9. Künstlerische Kultur 122 +10. Vom Theater im Yankeelande 135 +11. Die amerikanische Presse 149 +12. Von der demokratischen Gesellschaft 169 +13. Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht 186 +14. Die Landschaft 207 +15. Dollaricas infamster Schurke 220 +16. Baedekereien für Amerikafahrer 232 +17. Was können wir von Amerika lernen? 250 +18. Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel 273 + Bücherverzeichnis 284 + Namen- und Sachregister 285 + + + + + + + ALS MAUERNWEILER IN DOLLARICA. + + +Ein rechtschaffener "teutscher Tichter" schlägt drei Kreuze vor dem +Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, +der seinerzeit aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen +Rothäute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff benutzt, +und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen lassen von dem Lande, in +welchem die Vögel keine Lieder und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine +Behauptung, die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron +mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie +gar keine Miene machte, ihm von ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. +Ich vermute, daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine Prüfung +auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und +sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober +Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunächst einmal +auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines +galanten Räubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate +im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und +bescherte uns, als Frucht seines fleißigen Studiums, sein schönes und +gerechtes Buch "Das Land der Zukunft". Dafür war aber auch Polenz kein +solch närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn ihm ein +fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen +schlagen und Affen auf Lindenbäumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau, +der welt-, witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat +eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen +mit "gewandter Feder" feuilletonistisch aufgespießt; gelegentlich der +großen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der +und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, um mit mehr oder +minder leichtsinniger Wichtigkeit den Maßstab seiner kleinen Person an die +Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle, +durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige +hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der +germanistischen Fakultäten und Unterstützung etlicher für deutsche Kunst +und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mäzene die _Germanistic +Society of America_ gegründet haben, ist es möglich geworden, richtigen +deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und +etwaige lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im fernen +Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, zu zeigen und +andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend +vorzuführen. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krüger, +Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren +deutschen Landsleuten drüben, sowie den für deutsche Geistesart +interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der +Gegenwart zu bringen. + +(M1) + +Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitäten und +Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe +dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre +deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher +Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder mich über das Theater der +deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau +die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und daß +ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in +die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, +da leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die gewohnten +Redensarten eines höflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie +haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach +getaner Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da +behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun +nicht etwa heißen, daß ich mich über eine laue Aufnahme oder über +Unverständnis zu beklagen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns +schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren +Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, daß ich diesen +lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem +Umstande zu verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines Wesens +vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst +gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die +Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der +Grund, weshalb mir's drüben so gut gegangen ist. Ich wußte schon vorher +genug über den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefähr +beurteilen zu können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben +möglich wären und welche nicht. Und da mußte von vornherein vieles von dem +als unmöglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten +Erfolge geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt erst +feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der Erotik sind bei den +Angloamerikanern ebenso von der öffentlichen Besprechung und +künstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die +Deutsch-Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind immerhin von +diesem Puritanertum soweit angesteckt, daß die Grenzen des künstlerisch +Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen +Familienblatt älteren Stils. Du lieber Himmel - und ich bin der Verfasser +des "Dritten Geschlechts", der "Geschichten von lieben süßen Mädeln" und +gar "des Erzketzers" und habe niemals einen Beitrag zur "Gartenlaube" oder +zum "Daheim" geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos an +jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose +Leute unter meinem Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören +lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nützlich +machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und +besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewürfelten +Deutsch-Amerikanern. + +(M2) + +Mit den Versen gab's wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf +die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur +zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste +verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe +Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten +dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem +gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner +Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein +bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein +suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll +gespannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen, +mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten +Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so +vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem +kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern +auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem +Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der +Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er +sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg +haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten +Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche +Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität +eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben +hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und +Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung +gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten +erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die +frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen +nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, muß die erbauliche +Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und +sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten +Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derben +Clownspäßen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu +bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie +ihm der "Tristan" gefallen habe, achselzuckend erwiderte: "Nu, mer lacht", +könnte hier leicht manches Gegenstück finden. Das ist nun etwa nicht als +besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der +Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben +Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die +geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu +genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein +Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der +handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute +und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen +ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß +es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch +interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute +können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum +weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die +deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus +machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu +erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger +Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit +akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte, +Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen +nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe +hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine +höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine +sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und +literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach +Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen +Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche +wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten +Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu +finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften, +kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man +kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein +gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine +kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn +man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen +im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr +Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen +freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt +überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten +deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige +Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den +Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal +der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High +School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor +Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter +Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit +einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über "_The black and tan +Doggie, that burst into a thousand pieces_" (das schwarzbraune Hündlein, +das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und +meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren +gedachte, war blaß vor Schrecken, - hat sie aber dann doch zu packen +gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des +deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist. + +(M3) + +Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer +hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche +Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als +Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die +Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den +Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als +illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das +einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des +Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den +Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und +Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die +einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa +Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen, +bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere +Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee +wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu +bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis +hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt +genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht +einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler +noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten +Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden +diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der +Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt. +Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie +bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind +selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch +sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu +sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden +ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und +gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines +Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die +amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen +ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen +Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine +Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife +Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht +selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h. +nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn +der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und +Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig +kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form +der "reception". Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein +Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem +Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich +interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee +geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so +darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es +ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur +Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der +Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch +immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch +mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß +so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den +meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar +größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte +Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen +Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie +beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs +Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann +Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne +mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend +gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem +nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den +Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche +Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte, +stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und +ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten +eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich +auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur +wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem +Dessert zu öffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach +parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt +erst der echt amerikanische Hauptspaß, indem der _Toastmaster_ noch unter +den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten +Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer +auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit +jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder +gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man +unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht +selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert +ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt +wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge - über +ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese +beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an, +daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche +Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte, +sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder +geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht +zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig, +wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung +bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und +klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und +probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich +ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen +stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf +und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig +nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören. +In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten, +ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß +ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das +elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im +Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und +Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung +zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran, +aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese +stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der +Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es +gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter +Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen +oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den +widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und +seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen +Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden +Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören. + +(M4) + +Die große _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte +Mauernweiler, diese echt amerikanische "Hetz", pflegt nach dem Vortrag des +zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der +Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im +Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann +sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines +scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber +vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen +Höflichkeit sich bemüßigt fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table +d'hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit +kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: "Sie gestatten, mein +Name ist Müller," so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem +Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit +gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: "_Aoh, +is that so?_" Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten +bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend, +und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine +besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine +formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft +nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man +sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen +unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigten _receptions_. Jeder, +der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre +oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung +zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser +hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in +musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine +Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere +Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein +_Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher = +Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall +alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In +langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die +Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wünschen, und der Usher +waltet seines Amtes. "Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John +Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten +Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat +vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle +stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak +und Schießpulver eröffnet." + +"_How do you do, Mister Uolsogen?_" gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh +aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie +mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. "Komme Se mal zu mir, da wer' ich +Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn +se Äntiquitis gleicht." (Antiquitäten gern hat). + +Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons +in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert, +entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, +und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei, +Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser +berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht +hätten. + +"_Move on, please!_" sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar +sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. +Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister +Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der +Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein +Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen +hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des +Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar +wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße +mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt +(_so awfully sorry!_), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, +denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen +von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen, +darunter natürlich auch meinen entzückenden "Herrgottsschnitzer von +Oberammergau" und meinen reizenden "Hüttenbesitzer" und überhaupt beinahe +alles. Leider habe das Mädchen die Mumps. + +Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines +dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren +Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse. + +Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die +Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine +Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen +Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und +geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James +Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt, +daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß +bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch +letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein +1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört +hätten. "Froh, Sie zu treffen, Baron", beginnt der große Gelehrte, mir +kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben +ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland +als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der +Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges +Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der +Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der +Ethik durchaus obenauf, _up to date_ wären und überhaupt... + +"_Move on, please!_" ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte +bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter +schieben. + +Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im +Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, +die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich +den "Kraft-Mayr" gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer +Mädchenschule, die just meine "Gloriahose" in ihrer Klasse übersetzen läßt +- lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen +zurückziehen möchte - es hilft nichts: "_Move on, please!_" kommandiert +die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich +die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und +feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein +und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder +geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß +sie _so_ glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an +der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos +so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: +lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand +einschlagen und die Affäre mit dem stereotypen "_How d'ye do?_" möglichst +rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen +versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr +großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches +Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas +hineinzuschreiben. + +"Stehe ich drin in diesem Leitfaden?" frage ich den glatten Jüngling. + +"Ich bin betrübt, nein zu sagen," lächelte er verlegen, und ich attestiere +es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable +Literaturgeschichte sei. + +(M5) + +Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. +Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas +ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den +unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften +beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese +"reception" glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig +darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt +seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen +Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur +Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen +Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis +Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten +und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben +wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des +jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten +der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige +James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe +stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht +beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen +Amerikaner, sagen zu dürfen: "Da und da traf ich den berühmten X. und +schüttelte Hände mit ihm." Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das +Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von +Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er +_so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach +Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 +Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub's gerne, daß er das +nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei +denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu +beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch +sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, +Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen +Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen +hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der +kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren +wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für +mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten +Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren +unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von +früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung +war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat. + +Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den +Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: "Wie +gefällt Ihnen Amerika?" Sie sollten eigentlich fragen: "Wie halten Sie +Amerika aus?" Denn das ist, wenigstens für den offiziell herumgezeigten +Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben +ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen +Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit +aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich +verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu +fragen: "Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes +Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!" + +(M6) + +In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin +interviewt. Selbstverständlich: "_How do you like America_" usw., und dann +kam die verfängliche Frage: "Und was denken Sie von unserer Kultur?" Da +kratzte ich mir den Kopf und sagte: "Mein liebes Fräulein, in diese +Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht." Und nun schlug das süße Ding seine +wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich +erschrockenen Blick zu mir empor - ich werde diesen rührenden Blick nie +vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein +von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner +Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen +Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, +unanständig gesunde Jugend ist. + + + + + + DIE YANKEERASSE. + + +(M7) + +Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den +Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren +eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse +vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war, +gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen +form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit +offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den +Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts +weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit +Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvölker gibt. +_Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine +Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut +stärker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen +Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den +britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden - drei +Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge - +haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen +und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der +neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden +Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein +Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine +nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche, +Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag +zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges +Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte +Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und +Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte +gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus +Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den +argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein +kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die +sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des +Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, +boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne +und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. "Der Herr ist mit uns", +war das Feldgeschrei der Pilgerväter - aber dieser Herr war eben ein +grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden +Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte +sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen +auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht +anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären, +hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die +Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten +und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten sie sich damit, +alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen +geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein +amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer +Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer +Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er +sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu +denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen +niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt +geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, +allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu +lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig +verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, +welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte, +und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien, +daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln +begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen +Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, +nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz +ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige +Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter +of fact_, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die +mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles +und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des +nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die +denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevölkerung war trotz ihrer +Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber +verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos +abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein +Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung +keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die +unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu +verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische +Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung +jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken +Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, +durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen +Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer +Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden +Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen +Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel +in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, +daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger +in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen +riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer +Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es +immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch +mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen? +Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das +für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in +Leidenschaften verlottert oder in Trägheit versumpft. Solches +Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch +friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, denn +_Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so +mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat +sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande +waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte +ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in +einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige +Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder +des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen +Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich +geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu +vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa +herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die +Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als +Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde +vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in +seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so +lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut +gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an +allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts +dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen, +als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den +einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht +übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen +Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter +des Milliardärs Jay Gould - nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen +oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen +englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren +Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja +sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern +werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten +Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der +freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge +entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus +diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das +eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in +Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine +Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die +Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin +heiratet - der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen - so tut er es +sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne +unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, +den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt +einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das +Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem +Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, +und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung +einer kräftigen Rasse durch natürliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte +Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen +Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die +Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen +Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt +worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals +wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer +sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs +äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, +schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge +dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens +körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese +Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten +Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame +Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie +den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes +und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem +aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens +sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu +mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und +man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche, +muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. +Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur, +besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft +ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten +Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten +müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze +und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der +Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das +widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit +dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von +Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine +gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng +verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der +neuen landen zu lassen. + +(M8) + +Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes +Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher +Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder +vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu +erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen, +diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und +verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder +ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten! +Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, +geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig +blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen +Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs +zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer +Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von +Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch +von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer körperlichen +Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten +Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach +englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und +naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern +beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten +Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten +Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem +deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und +angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht +schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die +guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche +Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint +im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser +Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich +glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, +den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer +Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich +alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der +unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen +Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die +englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern +jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze +Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft. +Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und +sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an +boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein +Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen +mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die +Achsel zuckend entgegnete: "Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was +der olle Dutchman sagt." ("_I would'nt care, what that old Dutchman +says._") So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in +ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem +Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei +den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie +rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern +unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater +hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die +Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der +aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald +fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er +trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der +entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann +seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so +unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter. +Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so +beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht +völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen +sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem +ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden, +Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen. + +(M9) + +So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen Rasse die körperlich +und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer +mächtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen +Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten +Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind - und dennoch verhält +sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenüber +in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. Er sieht die Deutschen +sehr gern in seinem Lande, er schätzt sie hoch als ehrliche, anständige +Menschen, die der politischen Korruption einen zähen Widerstand +entgegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem Fleiß, ihrer +Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich geeignet und mit ihrer +Klugheit und Gewissenhaftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee +zu langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und Wissenschaft +ganz hervorragend brauchbar sind - und dennoch gibt er ihnen seine Töchter +nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehörigen der +romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie hocken +alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen der Großstädte, oder in +kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl +mit allen Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet, +fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es +ebenso wie in Europa zum großen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. +Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und +Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der +Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im ärztlichen Beruf +haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne +ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu einem +weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch haust die große Masse +derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn +man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die +Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger +findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher +Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten +Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden überhaupt nicht +zugelassen! + +Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, als auf dem +nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert +waren, für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, und alle +neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen können, sich dort gleichfalls +anzusiedeln, dann hätten die Deutschen einen starken Staat im Staate +bilden können und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie +sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese Gelegenheit ist endgültig +verpaßt. Aber damit sie in den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht +abermals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von +den Yankees, was das unerschütterliche Kraftbewußtsein einer starken, +gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhält! + + + + + + DER YANKEE ALS ERZIEHER. + + +(M10) + +Die alte Erfahrung, daß junge Eltern sehr häufig bessere Erzieher ihrer +Kinder sind als ältere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende +Bestätigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die übrigen Bürger der +Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief +befangen in dem glückseligen Taumel des Kraftüberschusses, daß sie ihre +klügsten wie ihre dümmsten Streiche mit der gleichen schönen Begeisterung +verüben und mit reizender Naivität dem eigenen Verdienst gutschreiben, was +sie oft doch nur glücklichen Umständen zu verdanken haben. Der leichte +Erfolg, der den kraftvollen und rücksichtslosen Ausbeutern jenes +jungfräulichen Kontinents voll ungehobener Naturschätze zu teil wurde, hat +die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und +diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswürdigste +Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an +morgen, grundsätzlich nicht an übermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt +vor keinem Hindernis und tröstet sich über alle Schwierigkeiten hinweg mit +dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen! +Weist ein Außenstehender auf offenbare Schwächen hin, so erwidert der +Yankee gut gelaunt: "Nun ja, Sie mögen recht haben; aber Sie sehen ja, wir +leben auch so, und wir leben recht gut!" Man läßt sich alle +Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an +ein jähes Auf und Nieder von Überfluß und Mangel, von absoluter geistiger +Öde und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen Übergänge von +eisiger Kälte zu glühender Hitze gewöhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt +der siegessichere Optimismus und die heiße Vaterlandsliebe des +amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverständlich alles +Amerikanische als das Beste, das Größte, das Schönste in der Welt, und das +jünglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso +charakteristisch für die Nation, wie ihre Vorliebe für unsinnige +Kraftproben, närrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und lärmende +Vergnügungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis +in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben, +alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltägliche +Erscheinungen. + +(M11) + +Es versteht sich von selbst, daß so geartete erwachsene Menschen für das +Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verständnis haben müssen, +als das gesetzte, bequemlich würdevolle Alter der Kulturvölker unserer +alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige +Kritik und damit sehr häufig auch den steten mißmutigen Zweifel gelernt +hat. Die geistige Überlegenheit hört auf, ein glücklicher Erziehungsfaktor +zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr +gerät sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es +andererseits richtig ist, daß der Einfluß der Kameradschaft die Jugend +besser zu erziehen vermöge, als das Beispiel des Alters, so sind +zweifellos junge Völker uns als Erzieher überlegen. Der Yankee vergöttert +sein Kind. Erstens einmal, weil es überhaupt ein rarer Artikel ist, und +zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt +gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, daß eine so stolze, +exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein müßte, die Reichtümer +ihres Landes und die vielen glänzenden Lebensaussichten lieber ihrer +eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzuführen, als sie den +einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen +Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser +nahe liegenden Erwägung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten +mehr als zwei Kinder hat, so erklärt sich das aus der eigenartigen +Stellung, die die Frau im nördlichen Amerika einnimmt. Sie war in den +ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer +Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwürfigen +Verehrung. Der glückliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle +Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefährtin die Möglichkeit zu gewähren, +ihre Schönheit, ihre geistige und körperliche Beweglichkeit bis ins Alter +zu pflegen. Die Ansicht, daß es für den Mann die denkbar größte Schande +sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja +schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, daß sie unter +den besonderen Verhältnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande +noch verstärkt und sogar unvernünftig übertrieben werden mußte. So wurde +also auch das Wochenbett unter die schweren körperlichen Leistungen +gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht öfters zumuten dürfe, als der +Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So +ist es erklärlich, daß bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die +ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, äußerst selten sind. Die +wenigen vorhandenen Kinder profitieren natürlich am meisten bei diesem +Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den +günstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begüterte, sondern auch +das auf seine Arbeit angewiesene Mädchen in den Vereinigten Staaten hat, +erklärt es sich, daß die Geburt eines Knaben durchaus nicht höher +eingeschätzt wird, als die eines Mädchens. Eine vernünftige +Säuglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft über den ganzen +Kontinent. Die Eltern sind von einer rührenden Geduld und Nachsicht den +Kleinen gegenüber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhörte Roheit. +Kinderzucht in unserem Sinne wird drüben wohl nur noch von manchen der +eingewanderten Fremdvölker, vornehmlich in deutschen Familien versucht, +aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den +Vergleich belehrt, daß sie es nicht nötig haben, sich in dem freien Lande +eine unwürdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern +erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und +unerträglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren +des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hüten, +deren Selbständigkeit zu unterdrücken. Sie geben sich die erdenklichste +Mühe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu +stimmen und behandeln die unverschämten Gernegroße, sobald sie aus dem +Alter der süßen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit +Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die +Kinder auch sehr frühe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den +untersten Ständen, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die +lächerlichsten Knirpse oft schon zu selbständigen Unternehmern, zu fixen +kleinen Handelsleuten macht. + +(M12) + +Die öffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche +Bezeichnung hat man allgemein übernommen), sowie Volksschule +(Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder +Universitäten. Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist +Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder sämtlicher eingewanderter +Fremdvölker sofort für die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die +jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen +Juden, Syrer und Chinesen zunächst einmal den Grundsatz eingetrichtert, +daß alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die +Verfassung der Vereinigten Staaten wird als höchste Leistung idealen +demokratischen Bürgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist übrigens +tatsächlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und +edler, vernünftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen +Heldenbeispielen nicht eben überreiche Geschichte des Staatenbundes gilt +als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der übrigen Welt +dagegen als unbeträchtlich. So vernünftig und so schön nun auch dieser +heiße Eifer in der Förderung der Vaterlandsliebe ist, so verführt er doch +naturgemäß leicht zu ebenso gröblichen Fälschungen und Unterschlagungen +von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefärbten Darstellungen +der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschätzten +Schulbuch, "_History of the American Nation_" von Andrew C. Mc Laughlin, +Geschichtsprofessor an der Universität von Michigan, das ich mir zu meiner +eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte +Spalten umfassenden Index das Stichwort "_German_" gar nicht vor! Der +große und rühmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als +Kämpfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den +verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird völlig mit Stillschweigen +übergangen und nur der Baron Steuben flüchtig als nützlicher militärischer +Drillmeister erwähnt! Das ist ein etwas starkes Stück und will gar nicht +dazu stimmen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem +Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der häuslichen wie der öffentlichen +Erziehungskunst laut verkündet wird. Man darf es wohl den Amerikanern +glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch +die eigene Beobachtung genügend bestätigt gefunden zu haben, daß es ihrer +Erziehung gelinge, feige Lüge und Heuchelei den Kindern schimpflicher +erscheinen zu lassen, als selbst gefährliche Streiche des Übermuts und +sogar Ausbrüche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner lügt zwar, wenn es +sein Vorteil erheischt, ärger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich +dem Staate gegenüber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau - seine +Lügenkünste werden sogar, wenn er Geschäftsmann und Politiker ist, als +_smartness_ bewundert - aber das amerikanische Kind fühlt sich nicht so +leicht zur Lüge veranlaßt, weil es nicht in steter Furcht vor Prügeln und +sauertöpfischen Mienen aufwächst. Auch die Schule läßt keinerlei +Duckmäuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung, +anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Pädagogik geht darauf aus, das +Ehrgefühl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist +außerordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften +Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschämung. Dadurch, daß sie +die Leistungen körperlicher Tüchtigkeit kaum minder hoch einschätzt als +die geistige Befähigung, schafft sie auch für die minder Begabten, aber +wenigstens körperlich gewandten und mutigen Schüler eine Möglichkeit, +ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schüler, die sowohl in den +_Athletiks_ wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im +Laufe der Schuljahre in den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen +und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bücherpreisen und +dergl., und diese Trophäen aus der Schulzeit machen noch in höherem Alter +den größten Stolz der Inhaber aus. + +(M13) + +Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin +beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute. +Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und +lebhafter, ungebärdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der +meisten anderen Völker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die +Lehrkräfte sind zum überwiegenden Teil weibliche) einer großen Klasse von +tobsüchtigen Buben und ausgelassenen Mädels gegenüber vor. Schlagen darf +sie nicht, auch wenn sie körperlich imstande wäre, diese wilden Rangen zu +bewältigen. Wüstes Anschreien ist auch verpönt; wie soll sie also mit +einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzählt in seinem +Buche "Das amerikanische Volk" ein hübsches Beispiel, wie solch eine schon +fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde. +Sie erklärte nämlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt, +sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, sie möchten sich gefälligst +allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Präsidenten, einen +Vizepräsidenten und was sonst für Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte +zu wählen und mache dann diese selbstgewählte Regierung für +Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene +_common sense_, d. h. der Instinkt für das Vernünftige, brachte diese +schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu, +den besten und gesittetsten Schüler der Klasse zum Präsidenten und den +stärksten und gewalttätigsten zum Vizepräsidenten zu erwählen. Der erstere +suchte durch vernünftige Überredung einzuwirken, und der Vizepräsident, +als Haupt der Exekutive, verprügelte eigenhändig die unbotmäßigen Elemente +dergestalt, daß sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fügen. Die +junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rühmen. Die +Selbstverwaltung spielt überhaupt eine große Rolle im amerikanischen +Schulwesen. Schülerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns +unterdrückt, sondern im Gegenteil begünstigt. Die Lehrer unterweisen diese +Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur +darüber, daß keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen +stattfinden. Der schlimme Anreiz zur frühzeitigen Nachahmung eines +studentischen Saufkomments fehlt den Schülern der amerikanischen +Mittelschulen vollständig, da ein solcher auf den Universitäten nicht +existiert. Und so läuft die Haupttätigkeit aller Schülerverbindungen auf +Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachäffung des politischen Lebens im +kleinen, auf Übung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist +denn auch der, daß der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten +die rhetorische Phrase außerordentlich geläufig beherrschen lernt und daß +die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzüglichen +Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den +Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf +gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an +Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlässig +den im allgemeinen äußerst hellen und lernbegierigen Köpfen +eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine höchst +wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen Einwanderer durch +deren Kinder erziehen läßt. Selbstverständlich erlernen diese die +englische Sprache sehr viel rascher und gründlicher als die Eltern und +werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern +ihrer Eltern in bezug auf Körperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind, +das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird +seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Nötige zur Behebung +solcher Mängel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fühlen sich +so beschämt durch diese Maßnahme, daß sie es in den meisten Fällen auch +bei Eltern, die einem Volke angehören, dem die Pflege des Drecks ein +Gegenstand religiöser Überzeugung ist, durchsetzen werden, daß um der +Schule willen Seife, Zahnbürste, Kamm usw. mit der der angelsächsischen +Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen +Fällen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher +Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen +der Eltern; oder die Angehörigen besonderer sozialer Hilfsvereine +unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich +unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schämen und bringen es noch auf +ihre alten Tage über sich, dem Weidwerk auf den eigenen Köpfen nachzugehen +und die ehrwürdige Patina des wärmenden Drecks, den sie aus Europa oder +Asien über das Weltmeer mit hinüber gebracht haben, den ungemütlichen +Idealen moderner Hygiene zu opfern. + + + + + + DAS UNIVERSITÄTSLEBEN IN DER UNION. + + +(M14) + +Wer sich über die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der +europäischen Kultur klar werden will, der möge sich nur ordentlich umsehen +auf den Stätten, wo die geistigen Werte in gangbare Münze umgesetzt und +die großen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, nämlich +- auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Bürger gewesen ist, +dem muß zunächst unfehlbar der große Unterschied zwischen hüben und drüben +in der äußeren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen. +Abgesehen davon, daß selbstverständlich der groteske Typus des Studiosus +Süffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten, +kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmütig blasierten +ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach +dem Typus unseres heißbeflissenen Jüngers der Wissenschaft um, nach den +stubenbleichen Brillenträgern, den verträumten oder frühzeitig +zergrübelten Denkerköpfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren +ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres +Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drüben sieht man +nur frische, derbe Jungens und Mädels; die ersteren häufig noch bärenhaft +tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der früheren Reife +ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft +machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der größeren oder +geringeren Zierlichkeit der Gliedmaßen und Verfeinerung der Manieren. Im +Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleichartigkeit. +Die Studierenden der beiden ersten Semester werden _Freshmen_ genannt, der +zweite Jahrgang _Sophomors_, der dritte Jahrgang _Juniors_, der vierte +Jahrgang _Seniors_. Alle zusammen sind die _Undergraduates_, und was nach +dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem +Staatsexamen, noch weiter studiert, _Postgraduates_; als äußerliches +Kennzeichen führen sie verschieden gefärbte Knöpfe auf ihren Oxfordbaretts +oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17 +und 19 Jahren zur Universität oder in die Colleges; aber nicht, wie bei +uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen +Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedächtigen +Schritt vorwärts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn +auch auf der Universität und im College sind die jungen Leute einer +Disziplin unterworfen, die ihre persönliche Freiheit immerhin beschränkt. +Sie wohnen in sogenannten _Dormitories_ (Schlafhäusern), wo sie, je nach +ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten +nehmen sie gemeinsam in einer großen Halle ein, wo sie für billiges Geld +eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An +denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind +für die Mädchen besondere Schlafhäuser und meist auch Speisesäle +vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und +besondere Spielplätze; dagegen häufig gemeinsame Klublokale, wo sie +Tanzvergnügungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder +Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren +Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (_Fraternities_ und +_Sororities_). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein. +Sie bezeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit +Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines +Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein großes +Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen können +sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft +leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Häuser, in denen sie, zum +Teil sogar recht luxuriös, wie Gentlemen und Ladies der besten +Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten +dieser Verbindungshäuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten +behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser +Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer +wieder von dem natürlichen Drange des Menschen nach aristokratischer +Absonderung durchbrochen wird; nur, daß es in der großen Republik ein +selbstverständliches Gebot anständiger Gesinnung ist, Vorzüge der Geburt +und des Besitzes nicht durch anmaßendes Wesen gegenüber den vom Glück +weniger Begünstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich +jemals beobachten können, daß arme Studenten und Studentinnen, die sich +durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste mühsam +durchschlagen müssen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen +unterwürfig kriechen, oder daß jene sich diesen gegenüber einen +überheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnähmen. In allen +gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der +Stolz auf ihre Alma mater äußert sich bei allen festlichen Gelegenheiten, +namentlich bei den sportlichen Wettkämpfen mit anderen Hochschulen, in +einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen +besonderen _Cheer_, d. h. _Hochruf_, nach Rhythmus und Melodie +verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die +sportlichen Siege gefeiert, bei den großen Wettkämpfen muß er gleich dem +Kriegsruf wilder Völkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer +einmal - etwa gar in dem berühmten _Stadion_ der zwanzigtausend Menschen +fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fußballmatch zwischen +Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht +vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in +den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Märsche zum besten gibt +und während des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute +Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der +beiden Musikkorps sind Angehörige der betreffenden Parteien aufgestellt, +welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den _College-Cheer_ +intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gänzlich +unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Bläser dirigieren. Und dann +fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die +anwesenden früheren Studierenden der betreffenden Universität und deren +ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit +einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, daß dem unbeteiligten Fremdling +darüber Hören und Sehen vergeht. Man springt auf die Bänke, man schwenkt +Taschentücher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den +Schultern und schütteln und stoßen sich, um einander aufmerksam zu machen +auf spannende Momente oder sich zu größerer Begeisterung für die Sieger +aufzurütteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts +versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehüllten Knäuel +grotesk bekleideter Jünglinge, der sich balgend auf dem Boden wälzt, wobei +ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Fäusten den Wind +ausbläst (_to blow the wind out_) oder die schweren Sportstiefel unter die +Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem +wüsten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Sprüngen, wie ein junger +Hirsch, unter dem betäubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit +begeisterten Landsleuten über den Kampfplatz stürmt. + +(M15) + +In diesen Wettspielen der höchst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man +staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvölker eine höchst +eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schönheit und Anmut der +nackten Griechen fehlt freilich völlig bei dieser unförmlich wattierten, +mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgerüsteten Yankeemannschaft, aber +die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und +Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht, +kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreißender gewesen +sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das +Nasenbein oder sonstige Extremitäten geknickt wurden, so stolz wie die +Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten +bis aufs Blut peitschen ließ. + +(M16) + +Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Tüchtigkeit, die übrigens +keineswegs nur auf das männliche Geschlecht beschränkt ist, trägt sehr +viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus +eigenartiges Gepräge zu verleihen. Ich habe mir des öfteren erlaubt, +amerikanischen Studenten gegenüber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, daß +diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschläger, Ruderer, +Wettläufer und Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer +wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmäßig die Antwort +bekommen, daß meine Zweifel durchaus unbegründet, vielmehr unter den +hervorragenden Athleten häufig auch die tüchtigsten wissenschaftlichen +Begabungen, zum mindesten aber die fleißigsten Büffler zu finden seien. +Weit weniger sichere und selbstbewußte Antworten dagegen erhielt ich, wenn +ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar +nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hieß es meist: "Ach, +darüber zerbrechen wir uns vorläufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen +gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti +oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht." Ein +anderer sagt: "O, ich trete einfach in das Geschäft meines Vaters ein, da +brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans." Da die +englische Sprache keinen präzisen Ausdruck für Weltanschauung kennt, so +ist es überhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu +machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen +Volkes sitzt ihm so tief im Geblüt, daß er kaum begreift, wie man sich von +Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden +Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen könne. Er fühlt nicht +den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu üben, +weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen +Erfahrung überall bestätigt findet, daß für einen Bürger der Vereinigten +Staaten überall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Betätigung seiner +Kräfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft +gesund für Leib und Seele - aber für die wissenschaftliche Erkenntnis ist +sie nichts weniger als förderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem +Gegebenen bleibt eben kein Platz für den fruchtbaren Zweifel und für die +Unersättlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im +allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare +praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller +amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf +eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach +seine natürlichen Instinkte sich freudig drängen, so sind auch die +Universitäten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu züchten, sondern ihre +Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das +_refinement_ der höheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu +geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische +Student glaubt an sein Lehrbuch und schwört auf die Worte seines Lehrers. +Er lernt fleißig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschränkt +sich auf die Fächer, die ihm für seinen künftigen Beruf als notwendig +vorgeschrieben sind. Überflüssige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit, +sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schöngeist zu glänzen, und um sich +von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den +Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der +Ehrgeiz, den Prometheusfunken schöpferischen Instinktes, der etwa in den +jungen Köpfen seiner Hörer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen +und die Methoden selbständiger wissenschaftlicher Forschung diesen +zukünftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begnügt sich meistens damit, +sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und +Aufgabenstellen dafür, daß sie sich dies Fachwissen gründlich einprägen. +Er ist daher in weitaus den meisten Fällen nach unseren Begriffen selber +gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein +Experte, ein Korrepetitor. Unter den überaus zahlreichen Professoren +deutscher Abstammung, die es drüben als Universitätslehrer zu großem +Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals +wissenschaftlich betätigt hat und als einfacher Töchterschul-, Real- oder +Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene +Handlanger der Wissenschaft drüben als gute Pädagogen, bei denen die +Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu +Hochschullehrern aufzurücken. Anstandshalber pflegen sie dann einen +Leitfaden, ein Kompendium oder eine populäre Darstellung ihres speziellen +Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten +der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die +meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und +pauken dies gewissenhaft den Schülern ein. Schüler bleiben die Studenten +ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der +_Freshman_ birgt in seinem Schädel keineswegs jene beängstigende Masse +verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schüler +im Abiturientenexamen nachweisen muß. In den philologischen Fächern, +namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines +deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und +Geographie weiß er vielleicht so viel, daß er bei uns das +Einjährigenexamen bestehen könnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also +eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer +Obersekunda und Prima erst auf der Universität durch; die übrigen werfen +sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie später ihren Beruf zu machen +gedenken. Es gibt besondere Drillanstalten für Juristen, für Mediziner, +für Theologen - die letzteren werden von den einzelnen Denominationen +(Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am stärksten besucht und am +glänzendsten ausgestattet sind die Institute für die technischen Berufe, +die chemischen und physikalischen Laboratorien, die +Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen für den +Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw. +usw. Weitaus die meisten Universitäten sind im Grunde nichts anderes als +technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultät, eine +juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind, +ganz ähnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen +über Nationalökonomie, Literatur und Kunstgeschichte, über Philosophie und +dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstände gehalten +werden. Es ist ja sehr begreiflich, daß vorläufig noch die weitaus +überwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich +nach den Berufen drängt, welche noch auf lange Zeit hinaus die größte +praktische Bedeutung haben werden. Für Hoch- und Tiefbauingenieure, +Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker +gibt es selbstverständlich in dem Riesenkontinent mit den großen, noch +unerschöpften Möglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als für die +Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an +Ehrfurcht grenzende Hochachtung für die seltsamen Idealisten, welche, +anstatt ihre Schöpfkellen unter die zurzeit noch üppig sprudelnden +Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten +Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach +Regenwürmern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Käuze, die +imstande sind, sagen wir über das Alpha privativum im Griechischen dicke +Wälzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung +irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung +keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar +solche Käuze - sie sind übrigens fast alle Deutsche - sehr gut und ist +besonders stolz auf ihren Besitz - aus demselben Grunde, aus welchem man +unerhörte Summen aufwendet, um allen möglichen alten Trödel aus Europa +neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und öffentlichen +Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen, +daß man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten +könne und daß man keineswegs den übeln Ruf verdiene, ein Volk von +Emporkömmlingen zu sein, das nur für materielle Dinge Achtung und +Verständnis besitze. + +(M17) + +Es ist charakteristisch, daß es drüben Privatgelehrte wohl überhaupt nicht +gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren +praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer +Universitätsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als +sorgfältig unter Glas verwahrte Rarität. Es gibt also auch kein gelehrtes +Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen +wir das junge Land nur beneiden können. Jeder akademische Bürger ist +imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat, +später praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen +Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt, +der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde +findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur +einen Stoß zu geben und die Annehmlichkeiten einer östlichen Großstadt mit +der Langenweile eines wildwestlichen Standquartiers zu vertauschen, so +wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben +Geschäftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernünftiges. Seine Bildung braucht +ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft +schicken ihre Söhne scharenweise auf die Universitäten, um sich dort +allgemeine Bildung und nützliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das für +die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende +Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Übrigens +finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen +Lehrtätigkeit widmen wollen, als _Postgraduates_ auch in Amerika reichlich +Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt +weder an hervorragenden Kapazitäten in fast allen wissenschaftlichen +Fächern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind überaus reich +ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete +werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie +sicher Mäzene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermöglichen, +wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten. + +(M18) + +Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Frische und Freudigkeit, +die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft +auffällt, die glückliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller +Verhältnisse drüben ist. Der junge Mensch kommt nicht als überfüttertes +Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schönsten +Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht +einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch +ohnmächtiges Zähneknirschen wider ein verhaßtes System und deren lebendige +Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern +entgegen und braucht sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu +quälen: wozu büffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein +Wissen auch ein sicheres Auskommen gewähren, oder wird die einzige +Vergeltung für dein höheres Streben darin bestehen, daß du einst als +abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein dürftiges +Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewöhnliche Amerikaner durch das +Bewußtsein, daß ihm alle Wege offen stehen, zur höchsten Anspannung seiner +Kräfte angefeuert wird, so muß dieser Auftrieb natürlich noch viel stärker +sein bei den jungen Auserwählten der Nation, die ja den Wettlauf um die +höchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen näher an diesem Ziele +beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer +Verehrung zu jedem jungen _Harvard-Yale-Columbia-Cornellman_ wie zu einem +höheren Wesen auf, denn er weiß, daß diese strammen Burschen einst die +Richter, die Ärzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und daß ohne +Zweifel geniale Erfinder, Kulturförderer großen Stils, auch wohl +Präsidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe +Wertschätzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schönsten +Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute +aus einfachsten Verhältnissen fürstliche Stiftungen für wissenschaftliche +Zwecke machen. Sobald eine Universität in Verlegenheit ist, woher sie das +Geld beschaffen soll für notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer +Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort +Präsident genannt, nur ein paar notorische Millionäre der Stadt oder des +Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die nötige +Summe zusammenzubringen. Unsere Großindustriellen spenden ihre +Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schöne Orden zu bekommen; +drüben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebäude, ein Laboratorium, eine +Klinik ihren Namen trägt. Der Holzhändler Cornell hat die nach ihm +genannte, jetzt hoch berühmte Universität von Ithaka ganz und gar aus +eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so +eifrige Nachahmung gefunden, daß heute schon die wissensdurstigen jungen +Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere +Heimat zu verlassen brauchen, um höheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt +schon eher zu viel als zu wenig Universitäten und Colleges(2). Die große +Wertschätzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes äußert sich +manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaßen naiv erscheint. Die +Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der +ganzen Welt fertig herüber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast +ausschließlich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint +dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen +Zauberkünsten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische +Lehrer in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa. +Während z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem +Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird +er in den Vereinigten Staaten als sachverständiger Berater und tätiger +Mitarbeiter zu allen öffentlichen Angelegenheiten herangezogen. Er +schreibt fleißig für die Tageszeitungen, er hält populäre Vorträge, er +beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen +diplomatischen Betätigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D. +White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen +Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten +einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der +Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben +muß. + +(M19) + +Eine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beiträgt, die +geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu fördern, ist +die, daß man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit +landschaftlich schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberühmten +Universitäten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington +und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der _Campus_, d. h. das +Gelände der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften, mit +Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch +ein üppiger alter Baumwuchs der schändlichen Waldvernichtung der ersten +Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander +gedrängt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so daß +die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich +Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist +selbstverständlich überall reichlich gegeben, wie man sich denn überhaupt +einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht +vorstellen kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ablenkung oder +gar gefährliche Versuchung für die jungen Leute. Was sie brauchen an edler +geistiger Zerstreuung, an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich +selbst in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und +festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und +Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universität +herum und verdienen sich ein hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht +selten dazu verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen zu lassen +und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl gar hauptstädtische +Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer +und bevorzugten Schüler der Berkley-University von Kalifornien alljährlich +in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und +Blockhütten, die zum Teil im Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia +gigantea) errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die +Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel. +_Bohemian Jinks_ nennen sie diese Freilichtspiele (etwa "zigeunerische +Luftsprünge" zu übersetzen), für die sie aus eignen Kräften Dichtung, +Musik, Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen +Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es +werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von +jungen Männern dargestellt. Im übrigen sorgt die an den meisten +Hochschulen bestehende _Coeducation_ (kurz _Coed_ genannt) dafür, daß die +jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren +im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes +Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom +zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die +jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast +jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein _best girl_, mit dem +er "geht", wie man bei uns sagen würde. Diese Kameradschaften sind aber +durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der +_collage_ des französischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu +standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von +sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen +schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau +wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme auf die weiblichen Studenten +zu. + +Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den +gemischten Universitäten. Ich wüßte nicht, wo ein junges Mädchen mit +starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in +Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser +Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die schier fabelhaften +Bildungsmöglichkeiten, die hier den Töchtern der Neuen Welt geboten +werden. 17 männliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und +Assistenten lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um +aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte +1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten +Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die +Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre, die der Schüler, +bei durchschnittlich 5 wöchentlichen Stunden, auf den betreffenden +Gegenstand verwendet haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein +Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um +einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte +zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung +angekündigten Vorlesungen aufzählen: + +(M20) + 1. Elementarkursus, Grammatik, Übungen im Sprechen, Lektüre, + Auswendiglernen von Gedichten. + 2-4. Vorbereitungskurse für deutsche Literaturgeschichte. + 5. Repetitions- und Erweiterungskurs für Grammatik und Stil. + 6. Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen im mündlichen und + schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in + Amerika erschienener Texte. + 7. Übungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluß an die + Literaturgeschichte. + 8. Geschichte der deutschen Sprache. + 9. Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Götter- und + Heldensagen). + 10. Goethes Leben und Werke. + 11. Das Drama des 19. Jahrhunderts. + 12. Der deutsche Roman. + 13. Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs. + 14. Literaturgeschichte bis Goethe. + 15. Mittelhochdeutsch. + 16. Die romantische Schule. + 17. Lessing als Dramatiker und Kritiker. + 18. Schiller als Philosoph und Ästhetiker. + 19. Goethes Faust. + 20. Schillers Leben und Werke. + 21. Stilübungen. + 22. Gotisch. + 23. Die deutsche Lyrik und Ballade. +24 u. 25. Studien zur modernen deutschen Sprache. + +(M21) + +Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische Sprache und Literatur, +21 über Geschichte, 29 über Hygiene und körperliche Ausbildung, wobei +Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind. +Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und Literatur, 11 über +reine und 5 über angewandte Mathematik, 18 über Musik, 29 über Philosophie +und Psychologie, 19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über +Astronomie usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keineswegs nach ihrem +Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist +ihnen vorgeschrieben, und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen +vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, daß ihnen die +niederen Grade geläufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune +bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser +zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf +der eignen niedlichen Bühne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu +vergnügen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren, +so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus +reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehören, ihre eignen +Häuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages +sich darbieten. Das Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch +das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Fächer +sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser +Akademie, die sich also darauf beschränkt, den jungen Damen eine +humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu +vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch nur einigermaßen der +landschaftlichen Schönheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller +praktischen Einrichtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das +gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und +Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt +deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht +sein sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller +Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb +gesunden, ein bißchen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Bürgertöchter +der städtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit _Coed_. +Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Töchtern der vornehmeren +Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen +letzteren die spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt daher, +daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf für sich betrachtet, +als ein Kapital, das unter allen Umständen sich reichlich verzinst. Die +jungen Schönheiten suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des +Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten +Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt der Amüsierlinge +begnügt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und +ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das +amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen Höhe des englischen, +dagegen noch beträchtlich unter der des französischen und deutschen +Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann +man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann +und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit +gebildeten Menschen reden dürfe - und man wird sich selten enttäuscht +sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen +Töchterchen, ohne sie gerade zu Gelehrten zu machen, eine solide +weltläufige Bildung zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen +Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes +mitbringen sollten, als einen abgehärteten geschmeidigen Körper, +vernünftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten +Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als was die +üblichen Pensionate der französischen Schweiz oder die Klosterschulen für +die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen. + +(M22) + +Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerikanische +Unterrichtssystem, und besonders das der Universitäten, gerade für uns +sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein +vernünftig bedünken, daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin +zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20. +Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende Kraft des ungebärdigen +Jünglings bezw. des lebenshungrigen Mädchens nicht sofort in eine +schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem +Wohlwollen und Verständnis für die Jugend geleitet wird. Es ist überaus +bezeichnend, daß, wie die kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete +Umfrage bei einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher bewiesen +hat, außer den späteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmännern +und Theologen, fast sämtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit für die +schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklärten; wogegen umgekehrt in +Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schüler- und +Studentenzeit als auf die schönste seines Lebens zurückblickt. Mögen +unsere höchsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich für die +besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer acht +gelassen werden, daß von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten, +die alljährlich unseren Universitäten zustreben, doch nur eine +verhältnismäßig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich +trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universität die denkbar +beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten +willen aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische +gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen Gedanken, wohl +aber viel nützliche Lebensarbeit herauszuholen wäre, durch ein System +vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes +Schrecknis bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser, es ist +auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich in den Köpfen der +Auserwählten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme +Volksfeindschaft hineintreibt und gänzlich schiefe Lebensanschauungen in +ihnen groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel +hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt. Sollte nicht +schließlich ein junges Geschlecht von frohen, für die höchsten Berufe der +Gegenwart gut ausgerüsteten Akademikern auch unserer Nation von größerem +Werte sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und verunglückten +Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch eine teilweise +Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzügen nichts +einbüßen würden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden, +ebenso wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets +eine Besonderheit des deutschen Universitätslehrers und Studenten bleiben, +einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die +Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen Philosophen, +Dichter, schöpferischen Forscher hervorgebracht, weil ihr Schulsystem zu +diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als +Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten +Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der +starken Inanspruchnahme aller geistigen Kräfte durch rein praktische +Aufgaben überhaupt noch gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener +Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft und eine +nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den +verschiedenartigen Völkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine +neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan +sein wird, daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den +vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu +hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich +viel geändert werden müssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der +Studierenden werden selbstverständlich gleichen Schritt halten mit denen +der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher +durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein +hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen +Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; für Amerika +ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die +beliebten demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es wird +aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch +bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der +wissenschaftlichen Kritik sich überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt +gebieten läßt, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können +wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es große Künstler und +originale Denker hervorbringe. In den regsamsten Köpfen, in den tiefsten +Gemütern dieses Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach +jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate +europäischer Arbeit nützlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege +und Setzer neuer Ziele werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf, +welchen die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vorträge der +Wanderredner und besonders gemeinnützige Institute, wie die Sommerschule +in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel +wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig +den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europäer +werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch länger unseren +Vorrang des weisen Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen +Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung +liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß man von der Jugend immer +lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber +schwerlich jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann keinen +verhöhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden +besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben +Höchstzielen wahrer Kultur nach. + + + + + + ÖFFENTLICHE UND PRIVATE MORAL. + + +Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen +sich allgemein darüber, daß sie gezwungen seien, ihre Berichte den +Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu färben und so dazu +beizutragen, daß diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Daß sie +Unglücksfälle nur kabeln dürfen, wenn sich über zehn Tote ergeben haben, +ist ja eine ganz weise Beschränkung, aber daß sie sich genötigt sehen, +immer nur sensationelle Fälle von wüster Korruption in der Politik, in der +Rechtsprechung, im Gebaren der großen Truste, offenbare Verrücktheiten und +groteske Reklamemanöver auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels +und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schließlich gröbste +Familienskandale aus der Welt der Milliardäre zu berichten, das ist doch +recht bedenklich. Selbstverständlich sind gerade die guten Bürger jeder +Nation überzeugt, daß die allgemeine Ordnung der Dinge, die öffentliche +wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem +anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natürliche Neigung zur +Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der +öffentlichen Aufklärung, zu unterstützen; denn die Unterschätzung fremder +und noch dazu rasseverwandter Völker kann unter Umständen doch recht üble +Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut +aufgemacht und aufmerksam zugehört hat, wenn er wohlunterrichtete Leute +drüben die Verhältnisse besprechen hörte, gestattet, mein bescheidenes +Teil zur Aufklärung über die wichtige Frage der öffentlichen und privaten +Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen. + +(M23) + +Die Korruption in der Politik ist ein öffentliches Geheimnis und wird von +niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl +der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes +und besonders des Umstandes, daß sich alle vier Jahre verfassungsgemäß ein +Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen muß. Daß jeder neue +Präsident, Gouverneur, Bürgermeister usw. seine guten Freunde und +Verwandten in die einträglichsten und einflußreichsten Stellungen zu +bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darüber +nicht weiter zu entrüsten; aber die ebenso selbstverständliche Folge, daß +der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwährend in +Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschäftigten Staatsbürger natürlich +unmöglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern. +Er muß notgedrungen diese Betätigung Leuten überlassen, die daraus einen +Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der +Geschäftspolitiker. Da selbstverständlich diese, die sogenannten Bosse, +nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden können, so schaffen +sie sich ihre Einkünfte dadurch, daß sie sich für die Unterstützung bei +Wahlen, für die Erlangung von öffentlichen Ämtern, von Privilegien und +Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres +ein, daß sich nicht die Blüte der Nation, sondern nur machthungrige und +geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschäft hergeben, und +daß diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem +intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu +verhelfen, sondern demjenigen, der am meisten zahlt. Da es nur zwei große +politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier +Jahre die Chance eines völligen Systemwechsels durch den Sieg der +Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen Ämter, die ganze +Beamtenschaft, vom Präsidenten bis zum Ofenheizer im Weißen Hause, an die +Anhänger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Boß am besten +geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, daß bei solchem System Staat +und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte für noch +schlechtere einzutauschen, und daß die öffentliche Moral dadurch +schändlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen +wollen, daß die Vereinigten Staaten bisher noch immer tüchtige, zum +mindesten doch anständige Präsidenten gehabt haben, und daß in die +obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige +Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man +den hochentwickelten _common __sens_, den gesunden Menschenverstand der +führenden angelsächsischen Rasse in Betracht zieht. Der anständige +Geschäftsmann und die höher gebildeten Klassen überhaupt kümmern sich um +das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit +dem glücklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die +tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch +die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, daß die Bosse irgend +etwas im Schilde führen, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die +Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der +Verfassung geht, so tun sich ein paar einflußreiche Leute von tadellosem +Leumund zusammen - die führenden Deutschen sind immer bei dieser +Anstandspartei zu finden - und klären durch geeignete Maßnahmen die Massen +der Wähler über den Unfug auf, der verübt werden soll. Und siehe da: immer +gelingt es der Wucht der öffentlichen Meinung, wenigstens die gröbsten +Schandtaten zu verhindern, die unmöglichsten Kandidaten beiseite zu +schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die +Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unübertreffliches Werk +genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souveräne Volk durch +seine Erwählten in den Einzelstaaten machen läßt, werden für vorzüglich +gehalten. Das ewig verdrossene Nörgeln an den Gesetzen und öffentlichen +Einrichtungen, jenes höchste Vergnügen des deutschen Bierbankpolitikers, +kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fügt sich sogar in +Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, daß anders die Ordnung nicht +aufrechterhalten werden kann. Im übrigen aber tut doch jeder, was ihm +beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram +passen. Man weiß, daß die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den +Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man weiß, daß sogar die +Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter +zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den +schreiendsten Mißständen schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben +läßt, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenränder beschmutzt +und daher den Pfützen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine +persönliche Bewegungsfreiheit und seine geschäftlichen Unternehmungen +nicht empfindlich stören, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und +gönnt den zahlreichen Mitbürgern, die von den Mängeln dieser Gesetze +leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschäftsleuten und +geistvollen Hochstaplern, ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten +Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Königen +der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums können ja überhaupt +die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst jüngst wieder in dem +vorsichtig weitmaschig abgefaßten Urteil des obersten Gerichtshofes in +Sachen des Öltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz großen Herren, in deren +Macht es steht, die Bundesarmee gegen mißliebige Nachbarn mobil zu machen, +oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzählige Betriebe lahmzulegen, +Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureißen, mit denen +hütet sich natürlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der +Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die +kleineren Machthaber irgendwie lästig, so versteht man ihnen selbst in dem +Falle beizukommen, daß die Behörde gegen sie ihre Pflicht vernachlässigt. + +(M24) + +Ein hübsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in +St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst +unerträglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale +herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte frühlingsheiter +vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt +einfuhr, verblaßte plötzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten +Fettfleck in einer Wand gleichmäßig grauen, schweflig riechenden Nebels, +der selbst die nächsten Gegenstände nur in verschwommenen Umrissen +erscheinen ließ. In den Häusern herrschte eine erstickende, verbrauchte +Luft, weil man kein Fenster öffnen konnte, ohne daß sofort eine dichte +Rußschicht, wie von einer schwer blakenden Öllampe, sich auf alle +Gegenstände im Zimmer legte. Wenn man über die Straße ging, waren Kragen +und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einließ, so +schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll +von Entrüstungsartikeln über diesen schmachvollen Zustand. Überall +erschollen laut die Stimmen der Sachverständigen mit Vorschlägen zur +Beseitigung des Übels. Man erinnerte sich plötzlich wieder, daß es im +Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzügliche gesetzliche +Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen +Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und ähnlichen +Maßnahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer +hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu stürzen wegen +dieser ärgerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der +Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermaßen günstig +wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden +Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen +mußten, ihre Lungen genügend mit Sauerstoff füttern. Es mußte wohl immer +noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute +Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmäßigen Umbauten zu +bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, daß ein +vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um +ein möglichst großes Damenpublikum für ihre Zwecke herbeizuziehen, +kündigten sie mit gehöriger Reklame ein Konzert meiner Frau an. +Vierzehnhundert Frauen und Mädchen aus den besten Kreisen wurden hierzu +zusammengetrommelt und nach Schluß der musikalischen Darbietungen ersuchte +die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich über +die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. Es war alles so gut +vorbereitet, daß in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine große +Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus +gewählt und die notwendigen Mittel zur Ausführung des Planes gezeichnet +waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft übernahm es +nämlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit +Weichkohlenfeuerung einzudringen und nötigenfalls Tag und Nacht Patrouille +zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Mißachter der Gesetze +zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebührend bestraft und die +vorgeschriebenen Maßnahmen gegen den Rauch tatsächlich ausgeführt waren. +Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor +energischen Frauen kapituliert der Yankee immer. + +(M25) + +Die Zuversicht, daß aus allen Schwierigkeiten und Übelständen, wenn auch +vielleicht erst im Moment der höchsten Gefahr, und wenn sie bis zur +Unerträglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die +Rettung kommen muß, erhält dem Volke seinen optimistischen Gleichmut. +Selbstverständlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor +Paragraphen oder Untertänigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergräbt sogar +recht bedenklich die Disziplin, ohne die schließlich keine Ordnung +irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und +Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege +bis zum Grabe von den Behörden so rücksichtsvoll eingezäunt wird, kann man +sich drüben fast völlig sparen, da sie doch keine Beachtung finden würden; +aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, daß Vorsicht, Unterordnung, +Geduld und Rücksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da übt er sie +auch ohne Warnungstafeln und ohne Einschüchterung durch säbelfuchtelnde +Schutzleute aus. Dem Europäer fällt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im +Straßenverkehr der Großstädte sehr angenehm auf; nie hört man wild +aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedränge; nie werden +Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit +einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Straßenkreuzungen den +kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung +ab, daß um 6 Uhr abends alle Geschäfte geschlossen werden. In den Straßen- +und Untergrundbahnen, in überfüllten Lokalen jeder Art macht jedermann +bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in +der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschäftsschlusses war, so +waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, daß der +berühmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da drängte sich auf +einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen +Schaukelpferd herein. Die Männer auf der hinteren Plattform schufen der +Frau mit kräftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins +Schwanken, man trampelte sich gegenseitig kräftig auf den Zehen herum, die +hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stießen einigen +Passagieren in die Bäuche oder gegen die Kniescheiben - und dennoch zeigte +sich niemand gekränkt oder nervös gereizt. Mit ein paar gutmütigen +Scherzen ging man über die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns wäre ein +Sturm der Entrüstung losgebrochen. Auch der eiligste Geschäftsmann wartet +geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und +niemals wird ein höher Gestellter versuchen, für sich Ausnahmemaßregeln +durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der +öffentlichen Hygiene werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem +vernünftigen Menschen klar ist. + +(M26) + +Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffentliche Fragen löst, die +anderwärts der Polizei die allergrößten Schwierigkeiten machen und über +die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die +Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee nämlich +einfach dadurch, daß er erklärt, sie existierten gar nicht. Der +Prostitution z. B. ist im Gesetze überhaupt nicht Erwähnung getan, und in +den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Männern nennt man +die Prostitution verschämt "das soziale Übel" (_the social evel_), aber in +der Öffentlichkeit erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals, +weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und +weil man annimmt, daß der Amerikaner überhaupt viel zu anständig sei, um +irgendwelcher heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieblebens +zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstverständlich jeder erwachsene +Mensch, daß die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten, +auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei hat dafür +zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat +also nicht nur die öffentlichen Häuser, sondern auch jede einzeln +flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffentlichen +Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten +beschäftigen müßten, so könnte es nicht ausbleiben, daß das Publikum auf +diese Dinge aufmerksam würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze +des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben. Folglich duldet es die +Behörde wissentlich, daß die Polizeiorgane sich von den Übeltäterinnen +dafür bezahlen lassen, daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß +die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafür +entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Behörden bewahren. +Selbstverständlich erhalten solche Häuser keine polizeilichen +Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien +Prostitution. In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen, +Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhäuser +werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevölkert, +und zwar vornehmlich mit - wahlfähigen Männern! Man bedient sich zu diesem +Zweck der Namen längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten. +Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen dem Boß für jede +Gefangene einer solchen Lasterstätte ein Wahlzettel für seine Partei zu. +Eine Folge dieser unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen +des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel in den Vereinigten +Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschäfte, der +weiße Sklavenhandel, blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen großen +Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als in denen Südamerikas. Die dunkeln +Ehrenmänner, die sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen, +ausschließlich galizische, ungarische und rumänische Juden, führen der +Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche +Summen zu. + +Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen: "_The House of +Bondage, by Reginald Wright Kaufmann_". Es dürfte wohl das erstemal sein, +daß in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der +Dichtung erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine +literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else Jerusalems "Der +heilige Scarabäus" messen, und es ist bezeichnend, daß der mutige +Verfasser selbst mit dem größten Eifer betont, er habe in diesem Werke +nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten +wollen. Im Anhang des Buches sind all die behördlichen Aktenstücke +abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers +gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen +angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen +heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behörden +zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die +niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbuße an ihren +Einkünften erleiden würden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen +schönen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge +Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen +Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in vielen Tausenden von +Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Töchter ja +hauptsächlich gefährdet sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht +mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür verantwortlich +gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller +geraten. + +(M27) + +Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in demselben Lande, in +welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte +in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den +Reportern sicher ist, aus Anstandsrücksichten in der gesamten Tagespresse +kein Wort über ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des +berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben +hier den für uns überaus seltsamen Fall, daß selbst der indiskreteste und +von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der +Journalisten aus Patriotismus eine verblüffende Selbstverleugnung übt. Die +verehrten Pilgerväter schon haben das Dogma aufgestellt, daß in den +Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert +sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe +wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt, +der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen +oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne menschliche Begierden zu +verspüren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht +sagt, daß seine smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt seien; +aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller dürfen es nicht +wagen, einen Yankee als Verführer der Unschuld hinzustellen. Die +schärfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, müssen +dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem +Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses +starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, daß es im +Yankeelande eine pornographische Literatur überhaupt nicht gibt, daß die +schlüpfrigen französischen Schwänke der Bühne ferngehalten und der Import +von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen höchstens auf ganz +versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muß auch unbedingt zugegeben +werden, daß der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine +starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen +ungesunder Reizungen durch schlechte Lektüre dem jungen Mann, zumal der +gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen +bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße vorhanden sein +dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee sich durch gewandtes Erzählen von +Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und daß man selbst in +intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des Alkohols schwerlich +jemals die Sauglocke läuten hört. Es ist auch richtig, daß ein junger Mann +von guter Familie, der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise +kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner Standesgenossen +verfällt - aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Überzeugung das +Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung +empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu fördern, +die den weniger vom Glück begünstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt, +und außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in allen +gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in bezug auf die Erotik +das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall +der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehörigen +der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begüterte junge Mann, +der die größte Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen +seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht mißbrauchen würde, +macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine +fesche Maniküre, Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus dem +Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in +seinem Kreise auch keineswegs übelgenommen, wenn er nur von seiner +Liebschaft kein großes Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein +Mädchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise +einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft, +die sich die beste zu nennen beliebt, dieselbe niederträchtige Doppelmoral +wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen +Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten, +aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glück und der Ehre +anderer Mädchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung +ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf des verfluchten Schwerenöters +dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen +aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den höheren +geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der höheren Gesellschaft +aufgenommen zu werden, falls es sich nur _ladylike_ zu benehmen versteht; +dagegen fällt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die +Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien +Liebesverhältnisses drüben herrscht. Der Yankee hat für die illegitime +Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der +Ausdruck _Sweetheart_ hat einen verächtlichen Nebenklang bekommen. Die +amerikanische Moral bekreuzt sich entrüstet vor dem "Verhältnis" des +Deutschen oder vor der "Collage" des französischen Studenten. Die +amerikanische junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich +liebenden deutschen "Gretchens" oder der französischen Grisette nicht nur +für _shocking_, sondern besonders für entsetzlich dumm halten; denn sie +ist gewohnt, möglichst viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu +gewähren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist folglich die +poetische Verklärung eines freien Liebesverhältnisses völlig unmöglich. +Ein Autor, der dergleichen wagen würde, und sei er selbst ein Mann von +anerkannter Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches schwer +schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich unmöglich machen. Ob bei +dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu +entscheiden, sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der Liebe viel +dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen +christlich-pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns Europäern ja +geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glück hat, +sein geraubtes Schäfchen ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter +Umständen sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren emporarbeiten; +landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muß er gewärtig +sein, daß er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu +heiraten, oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem Ozeandampfer +wachen scharfe Yankeeaugen über dem Benehmen der paarweise Reisenden, und +wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann +sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu +werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen +Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem +die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenüber zu +bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend jetzt schon als +Begleiterscheinung der körperlichen Reinlichkeit und der vernünftigen +Erziehung auszeichnet, so dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen +der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber müssen wir +uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Überlegenheit mit einem +großen Fragezeichen zu versehen. + + + + + + LIEBE UND EHE. + + +(M28) + +So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so +viele Geschäfts- und Familienbeziehungen die Völker diesseits und jenseits +des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade über manche wichtige +grundlegende Verhältnisse die gröbsten Mißverständnisse. Was wissen wir +Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen +in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen +Milliardärstöchtern und europäischen Aristokraten, von Millionenerbinnen +oder Gattinnen von Industriekönigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder +Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die +ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik über die Scheidungen in +den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen +Erscheinungen schließen zu dürfen, daß die Yankees über die Heiligkeit der +Ehe äußerst frivol denken und ihre Töchter nur als Ware, als Tauschobjekt +für gute gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen betrachten +müßten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken +Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemädchen +nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus +nächster Nähe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren, +der dürfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen +wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und +Gewohnheiten der paar Hundert Multimillionäre und denen der +überwältigenden Mehrheit des übrigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte +nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu +offenbaren, daß Frauen desto unglücklicher, unzufriedener und zu törichten +Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte +Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft bestätigt finden können, wie +irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionärs, die ganz in +gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen +Hetze von Vergnügen zu Vergnügen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von +bloß spielerischer bis zu wirklich angreifender Tätigkeit aufreibt, dabei +drei- bis viermal täglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe +ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen rücksichtslos +befriedigen kann, die muß natürlich, falls sie nicht einen unverwüstlich +guten Kern besitzt, ihre Nervenüberreizung irgendwie büßen. Die tollen +Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur +Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerrütteten +körperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken. +Ebenso begreiflich ist es, daß die Männer jenes Kreises, sobald der +aufgehäufte Dollarberg ihnen bis über die Nase steigt und sie zu ersticken +droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunächst dazu +zu führen pflegen, daß sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsätze +vergessen und mit ihrem Überfluß das einzige zu erreichen trachten, was +drüben für kein Geld zu haben ist, nämlich einen Abglanz feudaler +Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fürsten- und +Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen können, ohne sich lächerlich zu +machen, so kaufen sie diese schönen Dinge ihren ehrgeizigen Töchtern und +füttern ihre Eitelkeit mit dem Bewußtsein, mit dem ältesten Adel Europas +wenigstens verschwägert zu sein und als Großpapas Prinzlein und Komteßlein +auf ihren Knien schaukeln zu dürfen. Und dennoch ist gerade für die +Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mädchenschacher. +Man darf getrost behaupten, daß in keinem Lande der Welt den Töchtern eine +größere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten +Staaten, und daß auch nirgends das Spekulieren der jungen Männer mit einer +fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist nämlich durchaus nicht +Sitte, den Töchtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute +machen hiervon eine Ausnahme. In der überwältigenden Mehrzahl der +Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten +Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber +als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief +zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwählten seiner +Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine +faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich +behaglich räkeln dürften. Die jungen Leute mögen sich im stillen auf die +fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich +gefälligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem +eignen Verdienst gestalten. Dieser höchst vernünftige und gesunde +Grundsatz führt zu der selbstverständlichen Folge, daß drüben viel mehr +aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Außerdem wird aber auch viel +früher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine +frühe Selbständigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die +Lebensverhältnisse heute wenigstens noch so sind, daß ein junger Mensch, +der etwas gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel früher als bei uns zu +einem leidlich anständigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am +Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau +ernähren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der +Häuslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Mädchen suchen, das +auch in einem praktischen Beruf tätig ist und ein selbständiges Einkommen +daraus bezieht. Wer in der teuren Großstadt noch nicht imstande wäre, von +seinem Einkommen eine dürftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet +weit draußen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen +Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft +sich leisten kann. Die vernünftige Erziehung, bei der die beiden +Geschlechter stets auf dem Fuße der Gleichberechtigung und der guten +Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus +den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und +keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und +schönste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge +Europäer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel +einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, daß, wie gesagt, ein +sehr großer Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine +Existenz zu begründen beginnt, wo er keinen menschenwürdigen Ersatz für +die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schließlich gibt es +in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen +Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein +eingeführte Sitte. Es gilt nämlich in der Yankeefamilie als ganz +selbstverständlich, daß der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie +selbständig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen +Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernünftig ist, die +geschäftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten +Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht für +gefühlsroh zu halten, so erwägt man im Familienrate in aller Gemütsruhe, +wie viel jedes einzelne Kind im Verhältnis zu den Aufwendungen, die für +seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den +Eltern zurück zu erstatten habe. Man hört selten davon, daß sich ein übel +geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel +weniger davon, daß die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und +erwachsenen Kindern unter solcher Geschäftspraxis leide. Die Eltern +spannen vielmehr ihre Kräfte aufs äußerste an, um ihren Kindern eine +möglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, daß sich das +aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden +durch diese geheiligte Sitte von früh an in ihrem Pflichtbewußtsein und in +ihrer selbstlosen Schätzung des Familienlebens gestärkt. Während also +unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten +Selbstsüchtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern +noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um +den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen +geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon +bedenklich mürbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und +Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Männermaterial +für den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantität auf +Lager zu haben. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung dünkt mich auch +der Umstand, daß die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie +kennt, indem nämlich das Fürwort _thou_, also das eigentliche du, nur noch +in der Poesie und im Gebet angewendet wird, während _you_ - gleich Ihr - +schon seit Jahrhunderten ausschließlich als Anrede bei Hoch und Niedrig in +den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es fällt +also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das +förmliche Sie bei uns errichtet, und der Übergang zwischen einer bloßen +guten Bekanntschaft in höflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe +markiert sich äußerlich gar nicht. Die jungen Männer und Mädchen, die +durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr +der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fuß gekommen +sind, behalten übrigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen, +bis ins heiratsfähige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von +jungen Mädchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fuße stehen; +ein junges Mädchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater, +morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, übermorgen von ihrem +Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne daß die ganze Freundschaft, +Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darüber die Köpfe +zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen +zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer +ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu +leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art, +wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschäftigung, den Flirt, ausübt, +wenig erbaut sein. Deutsche junge Mädchen, die schon als Erwachsene +hinüber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese Verhältnisse wenig +nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und +darin rasche Fortschritte machen, so ärgert es sie doch, daß sie nie +wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Männern eigentlich daran +sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und +einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht, +als bei uns. Der junge Amerikaner der höheren Schichten kann jahrelang +ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Töchtern seines Kreises +unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz überraschend +irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht groß darüber +wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und +ihn urplötzlich mit der Frage überrascht: "Was meinst du, Jim, wir könnten +doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?" Der jungen Amerikanerin +geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Mädchen ab, als ob der +freie Verkehr mit jungen Männern zu einer Überrumpelung in einer schwülen +Stunde führen könnte, denn sie weiß ganz genau, daß der junge Mann, der +einen solchen Vertrauensbruch begehen würde, der lebenslangen Ächtung in +seinem Kreise verfallen würde. Sie weiß ebenso genau, daß ihr Freund, +falls sein Temperament ihm keine Ruhe läßt, außereheliche Freuden bei den +leichten Mädchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens +auch nicht besonders übel nehmen. Aus solchen Anschauungen und +Gewohnheiten erklärt es sich, daß in den Vereinigten Staaten der Typus Don +Juan, der kecke Herzensbrecher, gefährliche Schwerenöter und verfluchte +Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Männlichkeit darstellt, weder +dem Geschmack der Männer, noch dem der Frauen nach, sondern daß dieses +Ideal vielmehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschützer weiblicher +Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schönen +lächelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie +der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fällt durch solche +Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen +Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos +sich hingebende und schwärmerisch sich aufopfernde junge Mädchen würde +nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine +dumme Gans sein. Und dem männischen Mann, dem rücksichtslosen Eroberer, +dem Schrecken und der süßen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, würde +einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden. +Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch +gar nicht vor. "Das süße Mädel", wie Schnitzler und ich es novellistisch +verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertür der Übersetzung keinen +Einlaß in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman "Das dritte +Geschlecht" liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische +Übersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin +gepredigte Philosophie der Liebe _shocking_ ist. Überaus lehrreich war für +mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama "_The easiest way_" +(der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter, +der drüben als ein kühner Pfadfinder gilt. Das freie Verhältnis eines +reichen Geschäftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt +der Handlung. Das Mädchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der bürgerlichen +Anständigkeit und dem behördlich approbierten heiligen Ehestand. Der +Verfasser jedoch scheint es als selbstverständlich anzusehen, daß solche +gefallenen Mädchen niemals die Kraft finden können, einem faulen, eiteln +Genußleben zu entsagen. Er läßt ihren Aushälter mit seiner trotz aller +Großmut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Mädchen im +Sumpf zu Grunde gehen. Für amerikanische Begriffe war es, wie gesagt, +schon eine ungeheure Kühnheit, solch ein illegitimes Verhältnis überhaupt +auf die Bühne zu bringen. Erträglich wurde diese Kühnheit für das +Theaterpublikum drüben nur durch den moralischen Standpunkt, den der +Verfasser einnahm. Sein grausamer Schluß entsetzte freilich die zarten +Gemüter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die +verlogene Sentimentalität einer Kameliendame, als der aus Mitleid und +tiefem Verständnis für alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der +modernen europäischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so +spähen wir Deutsche auch in der Öffentlichkeit vergebens nach den uns +vertrauten Äußerungen der Verliebtheit. Liebespärchen, welche in dunkeln +Ecken von Biergärten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem +Glase trinken, von einem Butterbrot abbeißen, oder etwa gar im +Eisenbahncoupé wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich +fortwährend zärtlich tätscheln und heimlich drücken, dürften wohl drüben +zu den Unmöglichkeiten gehören. Kaum daß man einmal auf den Bahnhöfen +Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich küssen sieht. Ob deswegen die +Amerikanerin weniger zärtlich oder gar feurig sei, als europäische Frauen, +wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin +verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhältnis mit +einer solchen gehabt. + +(M29) + +Der Sinn für Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs +gänzlich ab, was man daraus erkennen kann, daß abenteuerliche Entführungen +viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber +freilich, was will eine Entführung in dem Lande der Freiheit groß +bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg +freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat bedürfen die Töchter in den meisten +Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht, +einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge +Mädchen heiraten bloß, weil ihnen das Entführtwerden so viel Spaß macht. +Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und +sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern präsentieren kann. Man +braucht bekanntlich drüben nicht drei Wochen zu hängen oder in der Kirche +aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zuständigen +Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald +man beschwört, daß keine gesetzlichen Hinderungsgründe vorliegen. Mit +diesem Schein geht man zum nächsten besten Pastor und läßt sich auf der +Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben. +Glücklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen. +Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten +sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem +Staate auf Schwierigkeiten stößt, der verfügt sich eben in einen +weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert höchstens, daß er sich +dort einige Zeit aufhalten muß, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze +genießen darf. Es könnte wunder nehmen, daß dieselben Yankees, die +vielfach noch sehr puritanisch streng über die Ehe denken, die Scheidung +so überaus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, daß hier, +wie so oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen +hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhältnisse des +jungen Landes begünstigen das frühe Heiraten; da nun aber ein despotisches +Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundsätze +ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die +Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus +noch nicht fähig sind, sich über ihre eigenen sittlichen Kräfte, noch über +die Kämpfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen +Lebensverhältnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich +folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wäre +nun diesen unglücklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmöglich +gemacht oder auch nur beträchtlich erschwert, so würde bald das ganze Land +überschwemmt sein von verärgerten, zähneknirschenden, entmutigten +Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten +würden. So aber weiß jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich +gröblich getäuscht, nun dann ist's auch weiter nicht schlimm; eine +Scheidung kostet nicht den Kopf, und das nächste Mal kann ich es ja besser +treffen. Selbstverständlich wird die leichte Scheidungsmöglichkeit aus +bloßer Veränderungssucht viel mißbraucht werden, aber sicherlich nicht so +viel, wie ängstliche Gemüter sich vorstellen mögen, denn die liebe +Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu bändigen. Das +Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl des Mannes, besonders bei einer +allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und +zur Häuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umständen einen starken +Schutzwall wider den rücksichtslosen Leichtsinn auf. Übrigens ist die +Gefahr der unglücklichen Ehen auch schon dadurch herabgemindert, daß die +ganze Yankeerasse nüchterner denkt als wir und sich daher über Liebe und +Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist überhaupt dieses Volkes +Sache nicht, es wird daher um so stärker von der Tradition beherrscht, ist +auch von den Einflüssen der Erziehung, der Schule abhängiger und darum in +seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemüt als wir. Durch +diese Gleichartigkeit fällt von vornherein der bei uns häufigste Grund der +Ehestörung fort. Hyperästhetische, dekadente Männer oder verzwickte +Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele +schwierigster Ehegesponse herumlaufen, dürfte man drüben nur sehr selten +antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann für die +Frau bequemer als der deutsche. Er fühlt sich durch ihre nach unseren +Begriffen oft unverschämten Ansprüche nicht weiter gekränkt, weil ihm die +Verehrung für das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es dünkt +ihm ganz in der Ordnung, daß einer für das Vergnügen, mit einer hübschen +und eleganten Frau prahlen zu dürfen, einen gehörigen Preis zahlen, d. h. +bis an sein Lebensende sich mächtig anstrengen muß. Wie der Mann das viele +Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgültig, denn für ihr +gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder +mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider +Industriekapitän, Beamter, Anwalt, Arzt oder Künstler ist. Der +gesellschaftliche Rang des Gatten hängt vielmehr davon ab, ob er einer +mehr oder minder alten Familie angehört, die schon lange Wohlstand und +Ansehen genießt, oder ob er ein Emporkömmling ist, von dem man in der +guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiß. Eine gescheite und reizvolle +Frau kann die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes wesentlich +verbessern, indem sie mit Kreisen in Fühlung kommt, die über denen stehen, +aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hält es darum auch für ihre +vornehmste Pflicht, sich ihre Schönheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu +machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche +gesellschaftlich geschickten Frauen gemütlos und geistig beschränkt sind, +dann können sie natürlich auch den geduldigsten Mann durch ihre törichten +Ansprüche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug +genug, sich gerade dann, wenn sie die ärgsten Zumutungen an seinen +Geldbeutel und seine Geduld stellen, die größte Mühe zu geben, ihn bei +guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eifersüchtige, keifende, den +Hausschlüssel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den "Fliegenden +Blättern" wird man drüben nicht oft finden; dagegen ist die putzsüchtige, +mit dem Scheckbuch des Gatten täglich die Warenhäuser heimsuchende und +ihre Zeit in nichtigen Vergnügungen und spielerischer Vereinstätigkeit +verzettelnde Hausfrau sicher noch häufiger zu finden als bei uns. Es wäre +aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die +Fähigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man +hört sogar nicht selten von jungen Mädchen aus wohlhabenden Familien, die +mit ihrem Erwählten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter +rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die +Amerikanerin in beschränkten Verhältnissen beinahe so gut wie die +Französin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut +anzuziehen und ihren Körper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die +Frau, die nur unter furchtbarem Getöse die Haushaltungsmaschine in Gang zu +halten versteht, immer seufzt und stöhnt, nie angezogen ist, und, sobald +sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr Äußeres, ihre kleinen Talente und +ihren Bildungstrieb vernachlässigt, die soll drüben angeblich nicht +existieren - auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist +eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten würde, und ihre +Töchter spielen Klavier und besuchen die höheren Schulen. Die arbeitende +Frau des Mittelstandes mag zwar nüchtern und uninteressant sein, aber sie +teilt doch meistens die glücklichste Eigenschaft ihrer Rasse, nämlich die +leichte Anpassungsfähigkeit an die verschiedenen Glücksumstände. Es wird +nicht oft vorkommen, daß eine Frau ihren Mann, wenn er plötzlich zu großem +Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch +schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren +sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen +Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschöpfen +noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu +Freiwild für die illegitimen Begierden der Männer bestimmt hat. Einige +gefällige Amerikaner veranstalteten zum Vergnügen des Gefolges unseres +Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime +Abendgesellschaft - für jeden der Herren war ein gefälliges Chorusgirl +eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Mädchen war so +anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, daß die Herren glaubten, +einer Einladung in ein feines Töchterpensionat gefolgt zu sein und gar +nicht genug Rühmens von dieser liebenswürdig kaschierten Frivolität machen +konnten. + +(M30) + +Man mag diese unzweifelhaften Vorzüge als Äußerlichkeiten gering +einschätzen und ihnen gegenüber die Gemütstiefe, die Pflichttreue, die +enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Mütterlichkeit der deutschen +Frau als das Größere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die +Liebesfähigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht +leugnen, daß durch Gesetz, Sitte und Herkommen für den heiligen Ehestand +drüben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem +Zweifel unterliegen, daß die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke +das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt. + + + + + + DIE DIENSTBOTENFRAGE. + + +(M31) + +Es war in Philadelphia. Mir gegenüber im zweiten Stockwerk eines netten, +epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen +beschäftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flügelfenster, sondern +ausschließlich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein +behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer +rasch vorüber brausenden Straßensensation fast unmöglich machen. Denn die +Fenster sind fast durchweg so niedrig über dem Fußboden angebracht, daß +die bewegliche untere Hälfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur +Brusthöhe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so muß man, um nicht +etwa das Übergewicht zu verlieren und kopfüber hinauszupurzeln, schon auf +den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem +schlechten Funktionieren der Sperrfedern geköpft zu werden, unter die +gläserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem +Fensterbrett gemütlich gemacht; das eine Bein hing auf die Straße hinaus, +obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Während er +sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedächtig auf +dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale +Seitenstraße hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein +Eckhaus). Da doch vorläufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er +sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwärts. Er +dachte offenbar angestrengt über das Problem nach, wie er wohl, ohne sein +kostbares Leben zu gefährden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem +Oberkörper rückwärts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen +in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von außen reinigen +könnte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstückchen sich nicht aufgelegt +fühlte, so schüttelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er +mit ausgestreckter Hand über sich emporreichen könnte. Die Fingerspitzen +langten nur gerade ein weniges über die mittlere Rahmenleiste hinaus; das +genügte ihm aber vorläufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am +äußeren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf +erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des +hinaufgeschobenen Fensters. Er ließ sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne +deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere +Scheibe seiner Meinung nach genügend sauber war, nahm er wieder auf dem +Fensterbrett Platz und ließ sein linkes Bein, dessen zierliches +Plattfüßchen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins +Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untätig vor sich hingeträumt +hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhälfte +herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von außen zu bearbeiten. Es dauerte +sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen, +und als er es endlich glücklich los hatte und nun versuchte, die schwere +Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu stützen, daß ein genügend großer +Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er +alsbald, daß er sich dadurch in eine höchst unbequeme Lage begeben und +besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also +stöhnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich mit dem +Ärmel über den Schädel und fletschte zornig sein anmutiges "G'frieß" gegen +die Scheibe hinauf - gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der +Kommode böse sind, an der sie sich gestoßen haben. Plötzlich verklärte +sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne ließ sich +Militärmusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde +ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie möglich und +spähte die breite Hauptstraße hinunter. Etwas ganz besonders +Herzerhebendes mußte da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in +die Hände und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreißend, die +lachenden Zähne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster +hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den +seltenen Anblick eines militärischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen. +Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz +spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine +uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger +Parademarsch, inszeniert von einem politischen Boß und ausgeführt von +einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner +gesetzten Alters, wohl genährt, sauber und glatt rasiert, alle mit den +gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hüten und +denselben Bambusstöcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre +aufrecht an die Schulter gedrückt trugen, wie ehemals unser Militär bei +dem Griff "faßt das Gewehr an". Ein gerade zu Besuch anwesender +Eingeborener erklärte mir, daß die Parteikasse die Ausrüstung an +Gamaschen, Schlipsen, Hüten und Spazierstöcken stelle und diese +öffentlichen Umzüge ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener +Mitbürger von Zeit zu Zeit veranstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie +gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhört +fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straßenkreuzung postiert war, +führte vor Vergnügen über diesen gelungenen Aufzug einen veritablen +Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster +putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergnügen über solchen grotesken Anblick +und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd +zwischen den Schenkeln hätte. Offenbar gehörten der cancanierende +Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der +Demonstranten an und fühlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer +Vertrauensmänner in ihren patriotischen Gefühlen angenehm gekitzelt. - Bis +der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverständlich +der farbige Jüngling gegenüber nicht daran, sein Fenster wieder +vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und +hielt es nachdenklich in der Hand, während seine schwarzen Sammetaugen +sich bekümmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine +Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Plötzlich kam wieder +Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf +über die Schulter und äugte höchst gespannt die Avenue hinauf. - +Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt, +paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre +mit Nickelknöpfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren +waren auf dem Wege zum Oberbürgermeister, um feierlich bei ihm vorstellig +zu werden, daß er die fromme Quäkerstadt beschützen möge vor dem +Satansgreuel der Salome von Richard Strauß, deren Aufführung in +Philadelphia eine fremde Operntruppe angekündigt hatte. Es wäre eigentlich +passend gewesen, daß der fette schwarze Schutzmann an der Straßenkreuzung +bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgeführt hätte. Aber +er schien zu Richard Strauß und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen +zu haben, denn er ließ die Parade ohne sichtliche Gemütsbewegung +vorüberziehen und sorgte nur dafür, den Wagenverkehr derweil zu bändigen. +- Mein Fensterputzer stierte blöd der schwarzen Prozession nach, bis sie +um die Ecke verschwunden war; dann führte er mit seinem kalt gewordenen +Spielbein einige Freiübungen aus und war eben dabei, tatsächlich seinen +Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer +flüchtigen Wäsche von außen zu wagen, als es vom nächsten Kirchturm zwölf +schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein über das Fensterbrett und +der schwarze Jüngling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, daß +er am nächsten Ersten um eine Lohnerhöhung eingekommen ist. + +(M32) + +Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers dürfte einigermaßen typisch +sein für den Eifer, mit dem häusliche Dienstleistungen in den Vereinigten +Staaten verrichtet werden. Gewiß arbeitet ein frisch von Europa +eingewandertes Hausmädchen fleißiger und gründlicher, dafür ist es aber +auch sehr viel anmaßender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der +Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er +ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller +Fragen, nicht nur für die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die +ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen _Butler_ +(Haushofmeister), einen französischen _Valet de chambre_, einen +italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassischer +Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche +irische Mädchen. Für Geld, d. h. für sehr viel Geld ist natürlich auch +eine aristokratisch luxuriöse, gut gedrillte Dienerschaft in den +Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem +Vermögen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von +Regierungspräsidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten +Schriftsteller besitzen, können sich eine perfekte Köchin und noch ein +tüchtiges Stubenmädchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Köchin, die +etwas Eßbares zu kochen imstande ist, dürfte unter 100 Mk. Monatslohn +nicht zu haben sein, und 10 Dollars muß man sogar für einen frisch +importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits +ein paar Monate im Lande, so daß sie sowohl von der Sprache wie von dem +Wesen ihrer staatsbürgerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie +mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche +genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, daß sie +außer dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuräumen +haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das _Parlor_ (Wohnzimmer) +bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und +selbstverständlich ohne Kündigung abziehen dürfen, sobald es ihnen +beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese +Damen grundsätzlich nicht, dazu müssen extra Nigger, Chinesen, Polacken +oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau +irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder +landesüblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Fräulein +achselzuckend: "_That's not my business, Ma'm_" - und fertig. Ein Mädchen, +das für die Küche angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem +Hausherrn einen Knopf annähen; und ein Hausmädchen wird sich auch im Falle +der höchsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Töpfchen zu +setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu +putzen, wäre ungefähr gleichbedeutend mit schwerer körperlicher +Mißhandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann +geheiratet hatte, erzählte mir, daß sie, um den Schwierigkeiten der +Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhängliche +Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war. +Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbürste vor die Füße +geworfen und erklärt, daß sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche +entwürdigende Zumutung noch länger gestellt würde. An einer +Frauenuniversität, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das +einzige für männliche Gäste reservierte Zimmer zum Übernachten angewiesen, +in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur +Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schön poliertes +Mahagonikästchen, und als ich es neugierig öffnete, fand ich darin ein +komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mußte sich also auch höchst +eigenhändig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversität +natürlich keinen öffentlichen Wichsier gab. Daß gerade gegen die +ehrenhafte Betätigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht, +ist um so merkwürdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst +durchaus nicht für unter seiner Würde hält, seine Karriere als Inhaber +eines Straßenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen +Multimillionäre in diesem Geschäft den Grundstock ihres Vermögens legten! + +(M33) + +Deutsche Dienstmädchen gibt es schon lange kaum mehr; die meisten der +Damen, die so anfingen, fahren heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn +wenn sie auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten und +einigermaßen nett anzusehen waren, wurden sie mit Wonne von besser +situierten Landsleuten geheiratet. Auch die einstmals als Hausmädchen +besonders beliebten Irinnen trifft man heute höchstens noch in sehr +vornehmen Hotels in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer +sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 7 $, also gegen 30 +Mk. pro Tag! Selbstverständlich denken seine Töchter nicht daran, in +Dienst zu gehen, auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und +gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwärtig sind Ungarinnen +besonders gefragt, und wer eine solche dralle, hochgestiefelte Pußtadirne +nicht erschwingen kann, der nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin +oder dergleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen Ärger und der ewigen Angst, +ob er morgen noch auf die Unterstützung seiner Perle zu rechnen oder +abermals den Gang aufs Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner +Konstitution nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfühlig ist, um +Menschen seinesgleichen, freie Mitbürger in unwürdiger Abhängigkeit zu +erhalten, der verzichtet überhaupt auf häusliche Dienstboten. Und zu +diesen vernünftigen Leuten gehören fast alle Männer, die das Glück hatten, +eine Frau zu erwischen, die von Küche und Haushalt etwas versteht, und der +eine rege Betätigung im eignen Heim mehr Freude macht, als das fade +Gesellschaftsleben und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnügen zu +Vergnügen. + +(M34) + +An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine +der reizenden ländlichen Universitäten des Nordens eine meiner neuen +Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein +hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreißigern, der in einen +höchst eleganten Sealskinpelz gehüllt, einen glänzend gebügelten +Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder +Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zähnen - einen eleganten +Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse für seinen +glücklicherweise schlummernden Sprößling heuchelnd, begrüßte ich den Herrn +Professor. Er mochte mir wohl anmerken, daß mir begriffsstutzigen Europäer +seine väterliche Betätigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und +erklärte mir aus freien Stücken den Zusammenhang. "_Look here_", sagte er, +"wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines +Einkommen; wir können uns keine Dienstboten halten - außerdem ziehen wir +es vor, in unserer zärtlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und +wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darüber zerbrechen, wie wir aus +unserer Mary oder Jane die größtmögliche Arbeitsleistung herausziehen +könnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbürgerin zu nahe zu treten. Wir +haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die +gröblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die +Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausräumt und die Müllkasten vor +die Tür stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute früh +z. B. habe ich zunächst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung +geschürt und Kohlen nachgefüllt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine +Frau nicht ganz wohl ist, und das Frühstück für uns beide hergerichtet. +Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer +Haustür und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in +einen Gentleman verwandelt. Da es darüber für die Kirche zu spät geworden +war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines +vorläufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu +verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Küche, und wenn +meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im +Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbüchse gewärmt +habe. Vor dem Schlafengehen schütte ich dann noch einmal im Keller Kohlen +auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die +Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren." + +"Sehr schön," sagte ich in ehrlicher Anerkennung. "Aber das nimmt Ihnen +doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun früh morgens eine Vorlesung +haben, was machen Sie dann?" + +"_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde früher auf," lachte er vergnügt, +"und gehe abends eine Stunde früher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich +habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist, +kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am +Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten +überhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch +nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon +einmal 50 Leute eingeladen gehabt." + +"Nicht möglich! Wie haben Sie denn das angestellt?" + +"O, sehr einfach. Wir besitzen Service für 12 Personen, also waren wir 12 +Personen zum Lunch. Natürlich haben wir kein Eßzimmer, in dem 12 Personen +bei Tische sitzen könnten, es mußte sich also jeder setzen, wo er gerade +Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein +Besteck, und darauf wurden die Schüsseln, eine nach der anderen, +herumgereicht - alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht +es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natürlich hatten wir dabei +Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mädchen, sondern zwei meiner Studentinnen; +die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann +die übrigen 38 Personen - die wurden aber nur mit geistigen Genüssen +traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen +Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige +Flötensolos. Außerdem konnten wir sogar noch mit der berühmtesten +Schönheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise +befand, aufwarten!" - - + +Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernünftigen +Amerikaner von ähnlicher gesellschaftlicher Position und Vermögenslage. +Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversität zu einem intimen +Diner geladen. Während des Essens stieß mich meine Frau unter dem Tisch +mit dem Fuße und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die +bedienende Maid, die in ihrem weißen Kleid, mit dem weißen getollten +Häubchen auf dem üppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswürdigkeit +darstellte. Wir drückten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies +durch warnendes Räuspern abgelehnt wurde, auf Französisch, dann auf +Italienisch unsere Bewunderung für dieses nicht nur ungewöhnlich hübsche, +sondern auch ungewöhnlich intelligent aussehende Hausmädchen aus. Da aber +fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schöne Blondine bekam +einen roten Kopf und hastete in größter Verlegenheit hinaus. Und nun wurde +uns anvertraut, daß dieses reizende Servierfräulein eine junge akademische +Kollegin von Fräulein Professor sei, nämlich - die Privatdozentin für +Sanskrit! + +(M35) + +Das Merkwürdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der +Umstand sein, daß es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen für +Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr hübsch sind, als vielmehr, +daß in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die +gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der +liebenswürdigsten Weise gegenseitig in ihren häuslichen Schwierigkeiten +aushelfen, während gerade die untersten, auf körperliche Arbeit +angewiesenen Stände die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande +anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch +entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Rücksicht wie die +rohen Eier behandelt werden müssen, damit sie nicht gleich wieder +fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei +uns wohl überhaupt nicht geben dürfte, ziehen doch die Mädchen die +unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und +Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor. +Gehorchen zu sollen ist eben für den Amerikaner die furchtbarste Zumutung, +die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut nötig +hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurückgelegt hat, sucht er sich +selbständig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes, +der auf der Straße Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft, +fühlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten +häuslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen +hat. Es kommt noch dazu, daß dem Bürger der Neuen Welt nicht nur jedes +Gefühl für die Schönheit und Würde des sich Einfügens in ein +patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis von Herr und Knecht, von Meister +und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu +dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder für das einer bei uns +erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drüben alle Spieler und +Glücksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade +bietet, und treiben es nur so lange - _until a better job turns up_ -, bis +sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drüben fühlt sich +einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in +den weißen Anzug eines New Yorker Straßenkehrers stecken lassen müßte, so +zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, daß er berufen sein +könnte, übers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in +Oklahama zu sein und auf der Höhe seines Lebens in den Senatspalast von +Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem +Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich +nicht sicher, ob er nicht übers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder +Truthähne en gros züchtet. Daher kommt es, daß auf dem Gebiete der +persönlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine +fachmännische Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit existiert. In Madison +(Wisconsin) ließ ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch +einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, daß der +neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn +eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkäufer in einer +geräucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine +Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff löten lassen. Man schickte mich +von Pontius zu Pilatus über fünf Instanzen hinweg; endlich, in einer +Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten +und Hin- und Herreden über Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu +ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach +ein paar Minuten meinen Stock zurück. Der äußerst geschickte +Silberarbeiter hatte das losgelöste Monogramm allerdings mit dem Lötrohr +befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und +als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, mußte ich die +Entdeckung machen, daß das Monogramm endgültig verloren war, nachdem es 14 +Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt +sich eben in diesem großen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit +der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht +gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwürde so überaus hoch +einschätzt, daß er die Handarbeit und gar das persönliche Dienstverhältnis +verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das äußerste +an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu +lassen und die unumgänglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil +die Dienstboten so rar, so teuer und so überaus bequem sind, lieben sie +z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast +ausschließlich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar +nicht schneiden kann, die dafür aber auch durch einfaches Durchziehen +durch heißes Wasser und Abtrocknen zu säubern sind. Da es nun aber Messer +mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverständlich auch +keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Geflügel macht man durch +Zerreißen zwischen Gabel und Messer einigermaßen mundgerecht. Im +allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer +breiförmigen Gestalt her, sodaß sie nur einfach in den aufgesperrten +Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel +kostbare Zeit. + +Vorläufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen, +südeuropäischen und westasiatischen Völkerschaften statt. So lange diesen +noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer +Bedeutung als selbstherrliche Bürger der glorreichsten Republik der Welt +nicht bewußt sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus +angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmädchen und dergl. her. Aber, +wie gesagt, immer nur bis der bessere "Job" auftaucht, dann gesellen sie +sich alsbald der stolzen Klasse der selbständigen Unternehmer zu. Wenn nun +aber einmal das Land voll ist, so daß es seine Tore vor den Einwanderern +zusperren muß - wer soll dann all die häusliche und sonstige, niemals +völlig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese +kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew +D. White, dem früheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich +seinen schönen weißen Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt +lächelnd zur Antwort: "Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten. +Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder +so. Warum sollen wir uns die Köpfe unserer Enkel zerbrechen?" + +(M36) + +Hm! allerdings - man hat schon Bronzemesser eingeführt und auf Braten +verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein +abends selber aufdecken muß, auch morgens selber machen; man kann auch +seine Frau hinten zuknöpfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden, +aber man kann schließlich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen, +Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gänzlich und unter allen +Umständen verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch +wenigstens unter gewissen Verhältnissen die Hilfe von Leuten voraus, die +nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu +besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst +einmal selbständige Unternehmer geworden sind? + +Ich muß gestehen, mein beschränktes Europäergehirn ist, so oft es über +diese Frage nachgedacht hat, schließlich immer wieder zu demselben Schluß +gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die +Sklaverei mindestens 100 Jahre zu früh aufgehoben!_ + + + + + + DIE KOCHKUNST DER YANKEES. + + +Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Köchinnen beschäftigt habe, +dürfte es angebracht sein, im Anschluß ein wenig in die amerikanische +Küche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, daß der Weg zum +Herzen des Mannes durch den Magen führe, dürfte es noch sehr lange dauern, +bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Männerwelt einer +auch nur annähernd ähnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder +die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten +Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die große +Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger +Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern. +Wie lange ist es denn überhaupt her, daß sich die Besiedler der neuen Welt +des Segens sicherer behaglicher Häuslichkeit erfreuen? Viele der jetzt +üppig blühenden Großstädte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz +wenige über ein Jahrhundert alt. Der wüsten Raubbau treibende +angelsächsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem +Blockhause hauste, briet sich über dem offenen Feuer am Spieß seinen +Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien +irgend etwas zurecht, was einer genießbaren Speise vielleicht entfernt +ähnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung +sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermaßen vertrauen Frauen - +unter den Britinnen sind sie nicht besonders häufig - eine Männerwelt vor, +die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in +neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende +Abnehmer für alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch +bewährte Meister der Kochkunst über den Ozean zu ziehen; aber die traten +selbstverständlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten +Restaurants und der Milliardäre ein und konnten folglich nicht für die +breite Masse des mäßig begüterten Bürgertums erziehlich wirken. Die +amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im +Vergleich zu ihrer barbarischen Küche natürlich die Speisekarte der +Kulturvölker lauter überraschende Offenbarungen bietet. + +(M37) + +Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in +Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Küche. Das +Haupterfordernis der Eßbarkeit ist für den Yankee die Süße. Alles, was süß +ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz +größter Mühe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein +Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wäre. +So ist Süßigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf +entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Frühstück geht der Genuß von +Früchten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge +von Streuzucker mit dem Löffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt: +das Fruchtessen vor dem Frühstück ist die einzige nationale Speisesitte, +die ich Europäern zur Nachahmung empfehlen möchte. Die wundervoll saftige +Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist höchst erfrischend und +bekömmlich.) In einem üppigeren Haushalt ist schon der Frühstückstisch +reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak, +Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art +werden von den Männern bevorzugt, während die Frauen und Kinder eine große +Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfügung +haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz: +alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Grütze, +Graupen, Flocken, Fäden oder papierdünnen Schnipfeln, roh, gekocht oder +geröstet und werden größtenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angerührt. +Dünne Eierkuchen werden mit übersüßen Fruchtsäften übergossen, und der +Toast sowie die meist gleichfalls süßen Semmeln mit Fruchtgelees und +Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe für den Genuß von Süßigkeiten von +Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder +oder auf die wohlhabenden Klassen beschränkt, sondern sie ist ganz +offenbar eine nationale Raserei. + +Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafés im Wienerischen Sinne. Als +ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift +"Coffeehouse" erblickte, stürmte ich begeistert in das Lokal. Es war eine +große reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und +Stühle, nur den Wänden entlang zogen sich Holzbänke, die durch +Zwischenwände in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen +trennenden Seitenwänden waren genügend breite, rund geschnittene Bretter +angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu können. Am +Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die +herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke +vernickelte Samovars für Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen +Kaffeehauses bestand aber ausschließlich aus Droschkenkutschern, +Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat +das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anständig, und den ganz +vorzüglichen und für New-Yorker Verhältnisse sehr billigen Schaum- und +Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses +robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermäuliger Schuljungens zu. + +(M38) + +Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der +hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene. +Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von +Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besänftigt die ungebärdigen +Säuglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er +kehrt bei großen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als +Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpönten Alkohol und bewirkt, +daß die Amerikaner sich der besten Zahnärzte der Welt erfreuen - denn das +schroffe Durchsetzen siedheißer Suppen und glühender Breie mit Eiswasser +und Icecream können selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz +springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umspülten, schutzlosen +Zähne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat +jedermann fortwährend den Zahnarzt nötig, und man braucht sich nicht zu +wundern, Kanalausräumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu +sehen wie die köstlichste Maimorgenstunde. + +(M39) + +Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den +Mangel an Dienstpersonal die Küche und die Tafelgewohnheiten beeinflußt +werden. Ich bemerkte, daß durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer +zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewältigenden +Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten, +Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrücken oder Schlegel so gut wie gar nicht +auf den Tisch. Das nationale angelsächsische blutrünstige Roastbeef, +drüben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, muß man von +der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn +man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels +der Gabel oder der Finger durch die Zähne zu ziehen. Übrigens sind diese +Ochsenrippenstücke neben den sehr üppigen und teuren Rinds- und +Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft +zubereitet zu sein pflegt, während Kalbskoteletten und Schnitzel meistens +ungenießbar sind. Als niedliches Kuriosum möchte ich erwähnen, daß ich +einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten +bekam! Geflügel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu +unwahrscheinlichen Dimensionen herangezüchtet. Ich habe Hennen gesehen, +die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das +Fleisch dieser abnorm großen Tiere ist dafür auch wenig zart, und die +Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das +Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mürbe, während das weiße +Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der +Genuß selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, süßliche +Mehltunke verkümmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen +Küchenpersonals auf eine zu harte Probe stellen würde, so muß man sich, +wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder +Abendmahlzeit einschließlich des Kompotts auf ein und denselben Teller +packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang +lebten, bestand die sonderbare Sitte, daß nach der Suppe warme Teller mit +einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -länge, verabfolgt +wurden, selbstverständlich in einer seimig-süßen Sauce versteckt. +(Übrigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen +Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den +Fluß- und Süßseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt, +beziehungsweise mißtrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der +ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten +verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten, +Rouladen und dergleichen ähnlich, in irgendeiner mehlweißen oder +kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu +verschiedene Gemüse, unter denen grüne Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl +die genießbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale +im ganzen gebacken - man bricht sie auf und schält sie mit dem Teelöffel +heraus; recht empfehlenswert - oder als Brei, oder kloßartig, oder +gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_, +Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst +warnen möchte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und +schmecken leider auch so ähnlich. + +All diese Genußmittel, noch um diverse eingekochte Früchte vermehrt, +arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller, +und man kann von Glück sagen, wenn einem die Gräten nicht in die grünen +Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehöhlte Kartoffelpelle und die +Hühnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es +überhaupt nicht. Der Ersatz dafür, und überhaupt das einzige einheimische +Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drüben +aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint - möglicherweise wird es aber +auch aus Abfällen der Schuhfabrikation künstlich hergestellt. Alles übrige +Wild haben die begeisterten Freischützen in den kultivierteren Staaten +schon längst abgeschossen - bis auf die Ratten und die Klapperschlangen. +Hat man die eßbaren Bestandteile der wüsten Speisenaufhäufung auf seinem +Universalteller herausgefuttert, so bilden die Überbleibsel ein ästhetisch +reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner +Bestand jedes amerikanischen Menüs sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf +dem einfachsten bürgerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer +Schüssel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen +Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, daß noch kein +Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie +des amerikanischen Kochkünstlers orgiastische Triumphe. + +(M40) + +Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch +einem amerikanischen Salat zu finden wäre. Den Grundstock bilden ein bis +drei große grüne Blätter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu +entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und Öl geschüttet +und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder kühner Aufbau von allem +möglichen und unmöglichen Süßem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem, +Weichem, Flüssigem, Genießbarem und Ungenießbarem vollzogen. In einem +feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel +zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit +außerordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein +und der Zunge nach ungefähr folgendermaßen analysieren möchte: zwei +Blätter Salat mit je fünf Tropfen Essig und Öl, darauf eine Scheibe +frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weißes Hühnerfleisch, +einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein +Klecks Butter, mit Streuzucker durchgerührt, ein Teelöffel +Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf. +Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt - wie mein Freund, +der Rechtsanwalt in Landau, sagen würde - wie Öl und Werg! Diese +kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen +Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder +gebildeten Familien ist man natürlich weniger wählerisch und verwendet zur +Salatbereitung die nächstliegenden Gegenstände, also in erster Reihe die +mehr oder minder traurigen Überreste früherer Mahlzeiten, soweit sie +eßbaren Naturprodukten einigermaßen noch ähnlich sehen. Fehlt es aber zum +Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein +geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstöcke drüben außer +Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken +stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trüffel täuschend ersetzen, +zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem +Zucker kandiert werden. Salat von Fischgräten, Kalmus und Bananen, mit +roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein; +ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders +anregenden Mahlzeit - erträumt! + +Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht, +wird regelmäßig ein derbes Stück Käse beigefügt; zu welchem Zwecke, weiß +ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte +ich den Käse instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn für ein Stück +Radiergummi, den ich in meinem Geschäft immer brauchen kann. Befindet sich +Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich, +fülle auch womöglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in +Amerika von ganz vorzüglicher Qualität - und man weiß ja nie, wie's kommen +mag! Was meine Person betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mich während +der ganzen Boardinghouse-Periode kümmerlich von Austern und Hummern +genährt habe, denn die sind von unvergleichlicher Güte, Größe und +Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das +man - neben Stiefeln - als billig bezeichnen kann. Europäer von noch nicht +genügend fortgeschrittener Perversität möchte ich jedoch vor den _Clams_ +warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter +Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verführen +könnte. + +Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind übrigens sehr selten, +und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europäischen Genießers. +Im vornehmsten Hotel in Buffalo "Zum Irokesen" sollte ich zum erstenmal +die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon +in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen +halben Meter hohes, zylindrisches Silbergerät mit einer oben +herausragenden, durch einen derben Querbalken betätigten Schraube. Ein +einsamer Speiser ließ sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung +sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war +dieser wuchtige Geselle mit dem römischen Imperatorenkopf ein Genießer +höherer Grade. Nach längerer Zeit brachte man eine große verdeckte +silberne Schüssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei +Kellner trugen dann jenen rätselhaften schweren Silbergegenstand herbei +und schraubten dessen obere Hälfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit +feierlicher Miene den Deckel der Silberschüssel auf und spießte von den +beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Vögeln (Enten waren es +meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Mühe in jenen Zylinder +hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit +Anstrengung beider Hände betätigt wurde. Aus einer Ausflußöffnung am Boden +des Gefäßes rann dickes, schwärzliches Blut in eine vorgehaltene Schale. +Dieses Blut wurde mit allerlei Gewürzen angerührt und schließlich als +Sauce über den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische +Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere +mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern wäre es weiter +nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit +Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu spülen pflegt. + +(M41) + +Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und +Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeeküche gewöhnlichen +Schlages nicht zu befreunden vermag, fährt am besten, wenn er sich in +eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehäuser +begibt, die seine heimische Küche pflegen. Man kann in dem teuren New +York, und wohl auch in den meisten der ganz großen Städte, französisch, +deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und +koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen, +in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York +wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants +ebenso schmerzlich wie Wiener Cafés vermißt. Ich meine, hier wäre noch +eine Kulturmission für die Einwanderer der österreichischen Kronländer zu +erfüllen. Wenn ich drüben irgendwo ein Stück Rindfleisch mit Beilage, wie +bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen hätte, ich hätte es knieend +verzehrt und hernach stehend die österreichische Nationalhymne gesungen. +Und die Einführung des Berliner Systems Kempinski, nämlich eine große +Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualität zu einem sehr billigen +Einheitspreis zu geben, könnte eine Revolution des Ernährungswesens drüben +hervorbringen. Bis dahin muß der deutsche andachtsvolle Genießer mit +heißer Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drüben +fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen +Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen. + +(M42) + +Beim richtigen Yankee scheinen es übrigens nicht die Geschmackswarzen zu +sein, welche ihm den Genuß beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die +Kinnbacken und die Speicheldrüsen. Das Kauen und das Schlucken an sich +macht diese einfachen Naturkinder glücklich. Wer zum erstenmal nach den +Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darüber wundern, hier +einem Volke von Wiederkäuern zu begegnen. In der Straßenbahn, in den +Geschäften, in den Vergnügungslokalen wie auf der Straße sind die +Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein +Widerschein von Zufriedenheit überstrahlt von dieser Kinnbackenbetätigung +aus die Gesichter. Junge hübsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum +Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschäft zurückkehren. Die Soldaten +kauen beim Exerzieren; sie würden sicher auch kauend ihre Schlachten +schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er +seine Liebeserklärung macht, und seine Erwählte erwidert errötend: "Mum +mum mum - tschap tschap, sprechen Sie mit Mama." Und der gewaltige, 125 +Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim +Kragen mit dem Ausruf: "Dscham dscham - ich verhafte Sie - mum mum - im +Namen des Gesetzes!" Ein Stückchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_) +zwischen die Backzähne geschoben, beglückt alle diese Leute wie den +Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Täuschung ein, in +der besten aller Welten zu leben. Wäre Cartesius als Yankee zur Welt +gekommen, er hätte sicher sein berühmtes "cogito ergo sum" abgewandelt in: +"Ich kaue, folglich bin ich." + + + + + + KÜNSTLERISCHE KULTUR. + + +Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue +Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen +Schönheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse +imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Begriffen des +Durchschnittsamerikaners auch schön sein. + +(M43) + +Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß selbst hochgebildete +Leute enttäuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal +durch New York geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolkenkratzer, +noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an öffentlichen +Prachtbauten, noch etwa durch die glänzende elektrische Lichtreklame für +ästhetisch besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen Kasten +mit den unzähligen Fensterlöchern unter Umständen schön zu wirken. Wenn +man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der +Dämmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie einen +traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen +Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie +vornehmlich das Gebäude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft, +sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack +wird die ideale Schönheit der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder +die Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsylvaniabahn bestreiten. +Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur +als mechanische Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und +farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese Schönheit, Größe und +künstlerisch idealisierte Zweckmäßigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan +organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter +Banalität und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es, +die in weitaus den meisten Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen +zerstört. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die +geographische Lage bedingten überaus vernünftigen und klaren Plane +angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit +der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der +künstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben öden +Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken; +entzückende, grünbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt +zwischen Metzger- und Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen +Proportionen und mit prächtigen Fassaden neben wüsten Kasten für Bureau- +und Werkstattzwecke, an deren Straßenfronten scheußliche rotgestrichene +Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen. + +Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunkvollsten Läden und der +Residenz der Milliardäre, finden sich noch genug solcher barbarischen +Scheußlichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die +Nebenstraßen, wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen selbst in +den besseren Gegenden ein höchst langweiliges Einerlei. Auch die +nüchternsten modernen Städte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe, +fallen den amerikanischen gegenüber immerhin noch angenehm auf durch ihre +strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während die enorm reiche +Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anständige Pflasterung +und Straßenreinigung durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der Fünften +Avenue besteht aus Löchern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein +Stück Asphalt liegen geblieben ist. Oberflächliche Reparaturen werden in +der Weise ausgeführt, daß man mitten auf der Straße zur Freude der +Gassenbuben in diesen Löchern Feuer anzündet; dann schmilzt der Asphalt +ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Ränder. Wem der +Arzt eine Vibrationsmassage gegen Trägheit der Unterleibsorgane verordnet +hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue - oder besser noch auf den +gepflasterten Hauptstraßen des nordöstlichen Teiles von Philadelphia - +eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei +der Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen. + +Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das wüste Durcheinander in +der Außenseite seiner Städte so wenig zu genieren scheint, doch fast +durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und +Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung England, +für die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster +werden doch für den amerikanischen Geschmack einigermaßen abgeändert, und +was dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart. In der +Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außerordentlich konservativ, und +der Kolonialstil ist immer noch maßgebend. Das moderne deutsche +Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man auch +nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos +zusammengewürfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurückgebliebenen +deutschen Spießbürgers. Man hält zäh fest an der guten englischen +Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnräume +als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben, +die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen. + +(M44) + +Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukelstühle. Ich habe +Zimmer angetroffen, in denen überhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen +vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu +gehörte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen Koffer zu +packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch ein ungemein niedriges Möbel +setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß +man also auf einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis er an der +Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen +aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener +Rockingchairs und beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich +füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet, neigen sich die +stützenden Stühle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen +den Lehnen durch; es ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen +Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit +einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht, die nicht nur vor- und +rückwärts, sondern auch seitwärts schaukelten. Auf diesen heimtückischen +Mokierstühlen kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren, +wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich haben die immer +praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge. + +So nett und gemütlich nun auch eine solche amerikanische +Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen +Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben überall dieselbe +ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common +__Wealth Avenue_ in Boston hinunter - nebenbei bemerkt eine der schönsten +Straßen, die mir überhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich +hier nur vornehme Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große +Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also von der Straße aus +in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schönen +schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der +Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer reizvoller Einzelheiten. +Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: "Was wollen +Sie wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier aus finden wir +mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere +Einrichtung konstatieren können." Und richtig, so war es auch. Aber nicht +nur in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall in +derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit demselben Blumenkübel +darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand +befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit +den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber usw. usw. Immerhin kann +man sich diese ermüdende Uniformität gefallen lassen, da sie doch +wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt. +Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den +Palästen ungebührlich rasch reich gewordener Emporkömmlinge - gerade wie +bei uns. + +(M45) + +Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner +Vergnügungen und künstlerischen Betätigungen doch noch recht unkultiviert +zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und +hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der +Photographie, im Buchgewerbe. Während die amerikanischen Museen zum +weitaus größten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer +freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch +und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Künstler +einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden +Entwicklung der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande, das die +Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch nicht überwunden hat, +keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in +Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkörper als +Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem +völlig neuen Anblick dermaßen gefangen, daß er überhaupt für nichts +anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen +starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei +kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: "_Oh good Lord, what tits, what +tits!_" + +Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich +in der Öffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der +Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn +außer etlichen anständigen Porträtstatuen, naturalistischen Kriegergruppen +und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten +nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persönlich +in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania): +auf einer sehr hohen schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im +Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine elektrische Birne! + +(M46) + +Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre Techniken vom Auslande +gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden +Künsten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis +jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige +musikalische Spezialität, die sich zurzeit als echt amerikanisch +ansprechen läßt, nämlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_ +(eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze und derbe +Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurückzuführen. +Es läßt sich aber nicht leugnen, daß für gute Musik heute schon ein recht +großes und verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, daß +an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hörers erst seit wenigen +Jahrzehnten von europäischen Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es +doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man heute schon den +"Parsival" vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhörerschaft geben kann, +und daß Konzertprogramme, die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo +Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, große Scharen anziehen +und begeistern. Allerdings finden bei einer großen Masse selbst der +höheren Schichten auch stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit +echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall - aber können wir das +in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, daß +bei uns kein Künstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde, +dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir +Deutschen dürfen uns rühmen, auf musikalischem Gebiet uns die +Meistbegünstigung für unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und +Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen +Musikanten aber auch arbeiten müssen, in welchen harten steinigen Boden +haben sie oft ihre Pflugschar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden +für ihre Saat zu bereiten. + +Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich einen solchen Veteranen +von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20-30 Jahren +hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den +lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Löwe +und Franz vorzusingen, da gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ +nicht locker, er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von +seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen +seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Künstler mit +einem vornehmen Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen +kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys mit dem Schießeisen +vom Podium gejagt zu werden. + +Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spärlich aus +amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthäusler und Abenteurer in der +Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben +irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit herübergebracht. Und +bis die großen Kriege durchgekämpft, die Naturschätze erschlossen, das +ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht +worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu +tun, um Muße zu künstlerischer Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese +Muße freilich schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch +keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches +Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als +Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten +aufgegangen, die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmückenden +Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich +alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und gedüngten +Kulturlandes. Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker, in +deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte sich an den Hemmungen, +die sie zu überwinden hatte. Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke +hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische +Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Künstler ist ein geborener +Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und +Philistern, eine hochmütige Scheidewand errichtet. + +Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem +Instinkt des Künstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betätigung +schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre +Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten +Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine +historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo +immer gegenwärtige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt +fertig übernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst +vernünftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als +Abkömmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverständlich eine +angeborene Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort +empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen +Einwanderer sich instinktmäßig an die deutschen Vorbilder klammern werden. +Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natürlich ihren +Einfluß auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt +auf die Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum ist es +selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten zunächst eigenartige +Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwärtig schon vorhanden sind. +Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt, +auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten +mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, daß allein schon aus +diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne +weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus, daß geborene +Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen +können, deren ausländische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben +und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die +Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört und eine wirkliche +chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden +haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln, +aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst +hervorgehen müßte. + +(M47) + +Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispielsweise ein jugendlicher +Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben möchte, das Hungerleiderdasein +eines deutschen oder französischen Poeten zu führen, eine undenkbare +komische Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der +Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden +Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben +mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider +den Geschmack der Zeit und der großen Masse aufzulehnen. Auch wenn er +Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht +rücksichtslos damit erschrecken, sondern es allmählich vorzubereiten +suchen. Die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen +Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für Ausnahmemenschen, +besonders also für solche, die keine Sorge um das tägliche Brot mehr +drückt. Man setzt auch voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem +Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei, +also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten Gesellschaft mit +normalen Manieren und auch einigermaßen normalen Gesinnungen. Es ist +bezeichnend, daß der Name _Bohemiens_, der für Künstler- und +Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht +wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten können, ihre +festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts +als französischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon +deshalb drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffeehäuser gibt. Es +kommt vorläufig auch noch selten vor, daß künstlerische, besonders +literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in +denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist. +In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler +und Tapezierer ist - Hugo Bertsch heißt er - aber der schreibt Deutsch und +ist aus Reichelsheim i. O. gebürtig. + +Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit +begonnen haben, sich von der herrschenden Prüderie und Konvention +freizumachen und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu erobern, +nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte Walter von unten +heraufgekommen ist, gehörig gehungert und im Zentralpark gepennt hat, +bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack +London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Färbung +auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen, obwohl er eine gute +wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn +gleichfalls als Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer, +Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch +Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem +Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber +wegen schlechter Aufführung von der Universität und der Militärakademie +relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem berühmten +Dichter entwickelte. Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buchdrucker, +gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig +Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus höheren Kreisen und +erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betätigte sich zunächst +als Rechtsanwalt. + +(M48) + +Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz, daß die +künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem +Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glückliche Bewohner so gern +alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben +natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die +vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgängige Ware zu +liefern, und marktgängig ist, was dem Unterhaltungs- und +Sensationsbedürfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika, +folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschäft zu +machen für diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen. +Dieser Geschmack heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im +Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei +den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es müssen daher auch +ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das +Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf +strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein. +Sicherlich würde die Entwicklung des künstlerischen Geschmacks bei dem +amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder ängstlich noch +begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die +Tagespresse die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in +unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital für sich. + + + + + + VOM THEATER IM YANKEELANDE. + + +Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die +Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten herübergenommen, +nur daß die Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl +noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt, was bei dem +Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hüben wie +drüben ist für das Drama hohen Stiles kein großes Publikum vorhanden, und +darum suchen Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die +große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und +Massenentfaltung anzulocken. Für das moderne Gesellschaftsdrama und das +feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders häufig +vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge - mit +verschwindend wenigen Ausnahmen - vom Konventionellen zum Individuellen +aufgerückt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten +Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für das +Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie +verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein +Stück läuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist +wohl allgemein bekannt, daß man drüben Theater mit wechselndem Repertoir +bisher noch nicht kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe +zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert +die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen, sobald seine Zugkraft +erschöpft ist. Wer also drüben die Schauspielerei zum Beruf erwählt, der +muß schon über recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft +verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der unheilbaren +Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten +ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach künstlerischen +Grundsätzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von +einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gründung des _New +Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte +Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger +Schauspieler zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs +ungeschickten Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Aufführung von +Maeterlinks "Der blaue Vogel" gesehen, die in bezug auf die +darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf künstlerische +Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch +gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten +Spielzeit als vorläufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gründe für +dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint der erheblichste und +zugleich auch betrüblichste der zu sein, daß für das Schauspiel die Anzahl +der künstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein +solches Unternehmen geschäftlich halten zu können. Man ist es einfach noch +nicht gewöhnt in jenen Gesellschaftskreisen, die für den Besuch eines den +Ansprüchen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen, +täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womöglich gar wegen einer +Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in +seinen häuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu +lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich alle möglichen +Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die große Oper, die +_muß_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage +große Partien singen können; und außerdem gehört die große Oper auch mehr +zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen +Opfer bringen muß, als zu den bloßen künstlerischen Unterhaltungen. Ein +vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel +ebensogut möglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan +Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Großwürdenträgern der +demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ wäre, auch in diesem +Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu +treffen. Bis dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales Drama +des Yankeetums nach einer nationalen Bühne schreit, wird noch viel Wasser +den Hudson hinunterlaufen. + +(M49) + +Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als +mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem +es vorläufig ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte als +Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren +Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken. +Im übrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld +zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die Leitung nicht gänzlich unfähig +ist. Mit dem nötigen Geld kann man sich nicht nur die besten Sänger und +Sängerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und +Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die +_Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, wäre es +möglich, ein genügend zahlreiches Personal von Sängern und Sängerinnen, +darunter die berühmtesten Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um +damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die +französischen französisch und die italienischen italienisch darzustellen?! +Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise für unsere +Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch +durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt +wird. Es ist also selbstverständlich, daß keine Opernbühne Europas an +Großartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es +versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem Theater +Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an äußerem Glanz, sondern auch +an echter künstlerischer Qualität alles übertreffen, was selbst Wien, +Berlin, München, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten +vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die großen Gefahren +dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines +hingebenden künstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und +Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der +leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte die Lust +verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu +tun. Aber schließlich wird überall mit Wasser gekocht, und eine +ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter +Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls +ungerecht und töricht von uns Europäern, die glänzenden Veranstaltungen +der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel Blendwerk abzutun. Die +Herren Milliardäre bekommen für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst +geliefert. + +(M50) + +Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komödienspiel erlebt +habe, fand ich in einem der fünf jiddischen Theater an der Bowery, dem New +Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu +Tausenden beieinander hocken. "_The Miners_" (die Bergleute) hieß das +Theater, unansehnlich von außen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen +veraltet von innen. Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt +an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das +Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die +besseren Leute im ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon ihr +Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter +und kleinen Gewerbetreibenden, ärmlich und schäbig anzuschauen, mit +steifen kleinen Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf. Sie +sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge, +_David Keßler_, zu sehen, der zugleich der künstlerische und geschäftliche +Leiter des Unternehmens ist. Das Stück hieß: "Jankel, der Schmied", von +_David Pinsky_, einem jüdischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt +durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der +jüdischen Kleinbürger in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück +Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Bühne +seit Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" kaum mehr dagewesen ist. Und diese +heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere +mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schönheit, Licht und +Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes +Geschnatter vollführen, daß einem die Ohren gellen, sie lauschen +andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre +nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen +Einblick in unsäglich traurige Familienverhältnisse und widrige +Menschenseelen, sie nehmen all dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und +begrüßen die derben Späße oder auch die wenigen idyllisch gemütvollen +Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem Gelächter und +begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen +Kunst auch für den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls +würdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des +Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher Darsteller; denn +nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Keßler, ist ein +wirklich großer Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter +geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler +und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen, +als ob sie einfach sich selber ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne +und die Sinne der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte ich +die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig erstaunt aus seinem +Munde zu hören, daß außer ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner +Truppe vorhanden seien, sondern daß er sich die Leute von überallher +zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzügliche +komische Episodenspieler handelt tagsüber mit alten Hosen, diese schlichte +sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemütstöne findet, ist +vielleicht Dienstmädchen in einer besseren jüdischen Familie, und diese +ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel +auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzählt uns mit +stolz aufleuchtenden Augen, daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen +Sohn so weit gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem fremden +Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glänzenden Zukunft +entgegengehe. Am Schluß des Stückes bricht ein tobender Beifall los, der +sich sonderbarerweise außer in Klatschen und wildem Trampeln auch in +gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf der Bühne erscheint, +rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: "_Speech, speech!_" Der derbe +vierschrötige Gesell steht unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da, +und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber +zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da +macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm +in der Richtung, von wo der Ruf kam. "Wer Musik haben will," ruft er in +kaum unterdrückter Entrüstung, "der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist +nicht der Ort für trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische +Kunst mit heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit +einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um euch, meinen armen +Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr +sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich +versucht, euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu erziehen, mit +dem Einfachsten und Verständlichsten habe ich angefangen, um euch +vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und +jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!" + +(M51) + +Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer sein, das +russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hört sich allmählich +hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu +folgen, und so glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus echter +Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe. +Ganz still und beschämt saßen die Zuschauer da, und die jüngeren Leute +besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den +das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht +seines Volkes nach Kunst, nach tätiger Beteiligung an den höheren +Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die großen Erfolge +hin, die jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf der +deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max +Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel +hervorgezogen und zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit +gegeben habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten und +kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen +ersten großen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit +seinen besten Kräften immer eifriger an der Aufwärtsentwicklung der +modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden +und verließ unter donnernden Cheers die Bühne. + +Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glück +herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller +Kulturen verschlagenen Orientalen, für ein starkes Talent zur +Menschendarstellung, d. h. also zur künstlerischen Selbstentäußerung +besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, daß in allen Kulturländern +gerade das Theater von Angehörigen dieser Rasse überschwemmt wird. +Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkräfte; +denn es gibt genug jüdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte +des Glückes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner +Begeisterung für die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse +eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem +stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rätselraten und in raschen +Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie für die Juristerei +besonders geeignet erscheinen läßt und ihren Handelsunternehmungen und +Geldspekulationen so oft einen kühn-fantastischen Anstrich verleiht, so +mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der +jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemüt dieses Volkes lastete, die +naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert +haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des künstlerischen +Selbstbetruges über das gedrückte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und +im Rampenlichte Könige, Helden und glückliche Liebhaber vorzustellen. Es +ist überhaupt charakteristisch, daß gerade diejenigen Völker, deren +Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von +der Sympathie der dort herrschenden Rassen gestützt fühlen, am eifrigsten +und mit dem größten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden +sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco +stehende Bühnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an +der großen Oper ihre nationale Kunst glänzend vertreten, aber auch sie +werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehörigen +der verschiedenen slawischen Volksstämme eifrig Liebhabertheater spielen. +Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen. + +(M52) + +Aber seltsam muß es uns Deutsche berühren, daß dies ungeheure Neuland, als +welches Deutschland es in musikalischer Beziehung überhaupt erst urbar +gemacht und vollständig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der +großen Oper und eines blühenden Konzertlebens glänzend aufgegangen ist, +doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu +erhalten vermag. Wenn man bedenkt, daß der herrschenden Yankeerasse mit +ihren 20 400 000 Köpfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung +gegenüberstehen, daß New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher +Abstammung nach die zweitgrößte deutsche Stadt der Welt ist, so muß man +sich baß verwundern, daß die wenigen stehenden deutschen Bühnen in den +Vereinigten Staaten nicht nur künstlerisch immer mehr zurückgehen, sondern +auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kämpfen haben. Bei längerem +Hinschauen und ruhiger Überlegung wird diese traurige Tatsache allerdings +verständlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos +das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten +Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu +bedenken, daß die weitaus überwiegende Zahl der Einwanderer den wenig +gebildeten Ständen entstammt, bei denen naturgemäß von einem starken +Pflichtbewußtsein als deutsche Kulturträger nicht die Rede sein kann. Wenn +nun schon die Väter der fremden Sprache und damit der fremden +künstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so +wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall +sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befähigte Genießer und +berufene Förderer des deutschen Dramas nur ein verhältnismäßig kleiner +Bruchteil übrig, dessen Mitglieder zudem über den ganzen weiten Kontinent +verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen +Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit +schönem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur +zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Töchter und Söhne +mitspielen, sondern auch zugunsten einer öffentlichen Bühne tief in ihre +Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere große +Schwierigkeit auf: Für welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld +gespendet, dieser rührende Eifer aufgewendet werden? Außer den paar +akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Höhe der +Bildung stehenden berufsmäßigen Kritikern haben doch nur verschwindend +wenige Deutsch-Amerikaner ein so starkes Interesse an der Entwicklung +speziell des Theaters, daß sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang +unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen +wären. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und +seiner Nachfolger gestützt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der +Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heißen +mögen, deren Modeglanz oft schon verblaßt war, bevor ernsthafte Leute sich +noch über ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das +deutsche Theaterleben stark anregen, besaßen aber nicht die Kraft, zumeist +auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die stärkste +Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48 +herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen +Drama, die also unsere wichtigsten Kulturträger mit herüberbrachten, +stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum +herrschte. Von den aufregenden Kämpfen, die in den letzten vier +Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen ließen und +unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum überm Ozean kaum +einen Hauch verspürt. Was ist begreiflicher, als daß der Leiter eines +deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs +möglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befürchten muß, sein +Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch +Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stoßen und durch Frank +Wedekind zu entrüsten, weil die angelsächsische Geistesenge und Prüderie +bei langem Aufenthalt im Lande schließlich doch auch auf die kecksten +Deutschen abfärbt, so wird er sich darauf beschränken, neben den +Klassikern das harmlose Familienlustspiel und das gesinnungstüchtige +Thesenstück zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den +ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum +entrüsteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben +vermögen, was sein Gemüt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu +denken geben könnte. Die sozialen Verhältnisse, auf denen das deutsche +Familienstück beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder +durch spießbürgerliche Beschränktheit entstehen, auch manche +Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenöter in Uniform, der +Backfisch, der schüchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gänzlich fremd +geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhältnisse auf der Bühne +interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings +sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die +deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine unglücklichere Idee +konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem +Gebiete Abschreckenderes und Jämmerlicheres als eine Operette, mit +unzulänglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten +an Operettenbühnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern +produziert, wird unfehlbar auf diesen Bühnen mit allem Pomp inszeniert und +von den zugkräftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die +Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, daß in +ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaßen ruhig +halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald +ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen +verfügbaren Extremitäten zu zucken, zu schlenkern, zu stoßen und zu +schleudern - kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmäßig in +Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen +ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg +nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag, +er ist einmal der herrschende geworden, und kein seßhafter amerikanischer +Bürger wird sich eine Operette anders vorstellen können, denn als eine +solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit +Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umständen eine deutsche +Operette bieten, die für den Mangel an kostspieliger Inszenierung und +geschmackvoller Kostümierung keineswegs durch glänzende Leistungen des +Orchesters und der Sänger zu entschädigen vermag? Sie kann nur dazu +beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr +herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit dürftiger Ausstattung und +mittelmäßigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse +für deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfähigkeit der +deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drüben nur dadurch +wieder erweckt werden, daß _von Deutschland aus_ große Mittel aufgewendet +werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten +Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glänzender Ausstattung in den +deutschen Hauptstädten der Union zu ermöglichen. Mit zweiter Garnitur und +mit abgeblaßten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn. +Wenn _Max Reinhardt_ seinen Plan verwirklicht, seinen "Ödipus", "Faust" +und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz +sicher nicht nur gute Geschäfte machen und persönlich einen großartigen +Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen +theatralischen Kunst wiederherstellen und für die Zukunft eine neue +Möglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater ständig drüben zu +erhalten. Die Amerikaner wollen zunächst einmal verblüfft sein; es muß +ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame muß +auch das ganze gebildete Publikum _englischer Zunge_ in dies Unternehmen +locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge muß vor Neid bersten +und zu dem Geständnis gezwungen werden, daß es dergleichen in seinem +Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees +wird das Solidaritätsgefühl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die +Schecks für einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge +aufhäufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der großen +Oper sich unsere ersten Sänger, Sängerinnen und Kapellmeister +herüberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer großen Stils die +Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler +zu kaufen. Und wenngleich die große Sensation, die das deutsche Theater in +Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge +doch sogar die Denkfaulheit und die Prüderie des amerikanischen +Durchschnittsmenschen besiegen und auch kühnere Neutöner unter den +lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des +deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und +ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strauß' +letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher +Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es +wird sogar - was schließlich doch wohl das Beste dabei ist - wieder ein +tüchtiges Stück Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung +Amerikas geleistet werden können. + + + + + + DIE AMERIKANISCHE PRESSE. + + +In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia +Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten +richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die +amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: "Einen guten +Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem +Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre +Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir +scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen, +selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an +Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des +amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über +unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel +sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen +zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was +sein _sollte_ und dem, was praktisch _ist_. Amerikanische Lorbeeren grünen +für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen +bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes +fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um +seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter +Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines +einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die +über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Vergleichen Sie einmal die +Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch +leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren +allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser +Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel +moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse +vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der +Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische +Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des +Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt; +er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster +Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs." + +(M53) + +Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir +als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer +Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als +einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder +ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen +müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau +der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so +lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns +Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für +den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, +daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist, +eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte +Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand +der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus reinen Idealisten +besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen +Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach +dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in +den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als +stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich +anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht +unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen, +witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene +Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten +Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen, +haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten +Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder +schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau +absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist, +erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder +und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie +schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied +zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der +gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das +Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste +bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren +älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer +mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren. + +(M54) + +Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin, +sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich +fortgeschrittene Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck +auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder +herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen +Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger +Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich +also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln +können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was +dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen +mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und +die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben +wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften. +Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen +wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige +technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird +aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus +der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur +eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland, +gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und +der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering +einzuwickeln. + +(M55) + +In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine +unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, +die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern +schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben +zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse +bestimmten Blättern aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen +Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt, +läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und +Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der +Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: "_287 Menschen verkohlt_", oder +"_Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern_", oder "_Das Arnoldmädchen +mit Liebhaber in Neapel gesehen_" - wobei zu bemerken ist, daß "das +Arnoldmädchen" die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten +Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie +öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der +Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen +der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als +Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der +letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden +konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich +auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade +vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, +Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch +die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und +Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen +an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die +Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik "Unglücksfälle und Verbrechen" +in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit +lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den +meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten. +Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters und sommers, viele, viele +Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt +schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in +irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge +in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen +Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich - weniger begreiflich jedoch, +daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, +Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten +Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden +fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder +harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des +Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill +(der Präsident Taft) muß sich's gefallen lassen, ebenso burschikos +angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene +Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen, +verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die +Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen Hause _The +Spinster Aunt_ Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im +Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und +andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren +gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in +Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann +führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr +recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, +gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen +breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns "Hof und +Gesellschaft" überschrieben zu sein pflegt. Während aber bei uns nur die +regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große +Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit +sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und +Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und +Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, +soweit sie ein Haus ausmachen. "Mister und Missis Habakuk J. Flips von +132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret +Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter +den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw." So geht es +spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der +Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten, +so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche +Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise +unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen +erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, +oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird - +kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und +trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze +Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man +unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in +weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso +wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem +sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich +unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der +blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von +Nichtigkeiten doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel +erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die +abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu +unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen +wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen +Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem +Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die +Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich +erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen +Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener +Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren +Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende +Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer +Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt: +"Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher +Freundschaft, denn wenn du das tust," geht es nun in kleinem Druck weiter, +"so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität +Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen +eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein +kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat, +selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes +von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja +auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem +Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur +Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen +kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen begraben +lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und +Bruderschaften zu unserer Verfügung." Doppelstrich, - und dann geht es +weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine +Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der +Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne +peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder +mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den +harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen +Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem +Geschrei unter die Nase. + +(M56) + +Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen +Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im +Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen +Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier +hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der +Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. +Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr +alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es +ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie +Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des +Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß +geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht, +wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn +beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte +humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung +erscheint nämlich, ich weiß nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, +tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im +Stile unseres "kleinen Moritz". Die scheußlichen Fratzen, welche sich die +amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden +vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden +Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel +aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet +stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung +einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen - die goldig harmlosen +Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen +Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in +Buntdruck! + +Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche +Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das +der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, +beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an +eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft +auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht +soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse +anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne +Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz +ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur +ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine +angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik "Die Frau und +ihre Interessen" folgende Anfrage aus dem Leserkreise: "Liebes Fräulein +Libbey!" - das ist die Redaktrice dieser Abteilung - "Schreiber dieses ist +ein junger Mann, welcher in einer Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit +dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame, +und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht +die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in +der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame +von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte, +würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A." + +Antwort: "Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts helfen." + +Ist das nicht rührend niedlich? + +(M57) + +Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind die +_Head lines_ (Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann, +welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen +auffallenden, kurz orientierenden Überschriften zu versehen, und dieser +Mann wird gut bezahlt. Der europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut +über diese gräßlichen _Head lines_; er fühlt sich zum Idioten erniedrigt, +weil man durch diese Überschriften, die jeden Artikel alle Nase lang +zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken will, +daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er imstande sei, sich +selber über den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er ärgert sich +noch ganz besonders über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei +Berichten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten zu Tagesfragen +den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und +gesperrt gedruckt: "_Sagt, Kalifrage nicht schuld_", und erst in dem in +Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, +daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin handele, der die +Mutmaßung zurückweise, daß seine Haltung in der Kalifrage die Ursache +seiner Abberufung gebildet habe. - Ein Bericht über mein und meiner Frau +Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise überschrieben: +"_Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hörerschaft_". Oder ein +Mordbericht ist überschrieben: "_Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet +sodann Frau_". Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, der anfangs +mit knapper Not dem Schlagfluß entging vor Ärger über so viel Kinderei und +grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die +Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsächlich den +Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen +aufgetürmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der +Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste Tageszeitung in fünf +Minuten zu erledigen, während man reichlich fünf Stunden brauchen würde, +wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im +Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung. + +(M58) + +Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel +dafür anzuführen, was der Amerikaner unter journalistischer _Smartness_ +versteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh +morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. Ich merkte +sehr bald, daß der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen +Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn +nur der "Baron" veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, ehe +wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespült hatten. Da in jenen +Tagen die Aufführung von Richard Strauß' "Salome" in Chicago viel Staub +aufwirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob +ihr Stadtoberhaupt die Aufführung dieses gotteslästerlichen Werkes +gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich +über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht über "Salome" +auszufragen. Er stenographierte fleißig, und wir brachten, wie mir schien, +ein ganz nettes Feuilleton zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner +Beute ab. Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion +angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz blödsinniges +Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch die überflüssige Belästigung +entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion +freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser +Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen +Kollegen für einen Trottel erklärt hatte, ließ er sich ein Bild von meiner +Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob +ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, was +sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen +beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fürchtete - und +dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe +seines höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es +wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, daß das Publikum +tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage +später waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein +reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und interessanten Frauen +anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine +hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame. + +(M59) + +Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung schließen zu +dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer +einen Rückschluß zulasse auf mangelhafte Befähigung der amerikanischen +Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht selten +über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte Feder, einen +schlagfertigen Witz, und es wäre sehr wohl möglich, mit denselben +Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. +In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach +überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die +Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblätter +meist weit übertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und +Weise, wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten von +Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist +zum Volksmanne großen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und +Unterdrückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung +erfüllen. Ich brauche wohl nur die Namen _New-York Herald_ und _Henry M. +Stanley_ zu nennen! Es betätigen sich eben im Journalismus nicht nur +Leute, "die ihren Beruf verfehlt haben," nicht nur Klugschwätzer und +Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies - weil sie wissen, +daß aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein +Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! +Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß unter den +hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche +deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks +ist ein Deutscher; in dem am _Boston Transcript_, einer in geistigen +Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur für literarische +Angelegenheiten entdeckte ich einen ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er +schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im +Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten +zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend +niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger +schuld, die sich an das gefährliche Goethewort halten: "Wer vieles bringt, +wird manchem etwas bringen." + +Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es aber vernünftigerweise +überhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut, +bedeutet für einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine +weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt +vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gähnen usw. usw. Eine +Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, +sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen ihrer +Leser, indem sie allgemein verständlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem +Geschmack und dem beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen +herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine +Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten gegenüber, die die Wogen des +Lebens tagtäglich ans Ufer der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen +die Funktionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle übel +riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum +Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jämmerliche +Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse +gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis, +geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Daß sie, wie ich in den +Ausführungen über öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz +ihrer indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten +Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen +gegenüber eine geradezu ängstlich prüde Zurückhaltung ausübt, verringert +die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, +wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen um die +Natürlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, daß man +seinen Mitmenschen gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine +schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum +obersten Richter über die Moral und den gesunden Menschenverstand zum +Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig zur +Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe +Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet +ihn in den Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr schwer, +sich da wieder herauszurappeln. + +(M60) + +Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel; +anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit des täglichen Massenfutters +auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf +nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen, +sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bösen Beispiel der +Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden +Preis! Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das +absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um zwanglos zu einer +Gemeinde von Auserwählten sprechen zu dürfen. Weil der Hunger nach +Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr +bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so +glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- und Monatsschriften +Rechnung tragen zu müssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel +wäre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern +sie einem achselzuckend: "Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere +Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz +die Leser weg." Dieser eine Sensationsartikel, der zum Ärger +geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen +Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen, +liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der +literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der +Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Während +meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene +Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, daß in New York +täglich etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert würden, und daß +sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen Süßigkeiten grundsätzlich nur +aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem Rufe +entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen Ignoranz +der amerikanischen Ärzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als +Beispiel erzählt, daß ein Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland +unternehmen wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen Kollegen +empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgeführt +hatte, die aber neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere +Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere +Diagnose als Blinddarmentzündung stellen können. Schließlich sei der +Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine +nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, daß der Blinddarm, +und zwar in scheußlicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jüngere +Kollege dann zurückkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation +erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: "Mein Gott, was habe _ich_ dann da +der Dame herausgeschnitten!?" Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich +diesen Scherz nicht schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; +aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen medizinischen +Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen +und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene +tüchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht +aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier zuliebe selbst die für +die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit +der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der +ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafür +klingt freilich plausibel genug: "Was wollen Sie?" sagen einem die +Herausgeber, "die Wissenden täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, +die amüsieren sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel +gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht alles behalten +kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich einmal nicht einwandfrei +dementiert werden sollten, so vergißt sie das Publikum doch sicher über +der nächsten Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir stiften +sollen?" + +Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den besonderen +amerikanischen Verhältnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er +bei uns in Deutschland sein würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige +Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal kauft sich +seine Zeitung und selbst seine Wochen- und Monatsschrift auf der Straße, +und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also +die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in +demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und +übermorgen gelb - wenn er noch seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, +ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch das Weiß +der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung durch die Presse ist also +schließlich doch nicht so groß, wenigstens für den an sich schon freieren +Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen +Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur wenige Tausend +noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt +ist, für wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor +der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die +Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu +beurteilen, die sie sich gefallen läßt. + +(M61) + +Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens ein Teil der +deutschen Presse Amerikas, und besonders der führenden Blätter New Yorks, +sich die redlichste Mühe gibt, sich über den Standard der englischen +Presse zu erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, besonders +über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere und zuverlässigere +Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was +beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an +Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität und Quantität +von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die große Mehrzahl +der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in +Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neugier, und so zwingt der +Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blätter, manchen betrüblichen +Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, diesem +rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem großen demokratischen +Freistaat, in dem die Masse sich zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen +hat? Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche Tendenz +jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu +entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege +dazu. Die Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug +ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. Eine aristokratische +Kultur aber läßt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete +Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn +sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den +Geschmack der Masse zu vergewaltigen. + + + + + + VON DER DEMOKRATISCHEN GESELLSCHAFT. + + +(M62) + +Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt +sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu +besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit +staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in +wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und +künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so +manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte +Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit +im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt +hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der +Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder +minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des +Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast +immer zur Antwort: "Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen +modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so +habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. +Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig +in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen +Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und +aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln +und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs- +und Verordnungstafeln, der freie Entschluß und die freie Meinung trauen +sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis +oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu +bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache, +aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel +Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen +Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und +unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten +Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. +Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die +Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht +mehr heimisch werden kann." Und dann werden einem allerlei blamabel +komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere +Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur +Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des +Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken +schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte +Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand +auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein +Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische +Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in +ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die +umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander - +und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit +mehr sind. + +Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln, +wenn er diese Dinge bei uns mit ironischer Heiterkeit oder gar mit +bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der +demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich +so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches +Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des +Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne +Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne +Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die +republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr +energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger +Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im +Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 +Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die +wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen +weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere +kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen +die Galle öfter als das Zwerchfell - aber ist das drüben so sehr viel +besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt +mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin +mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in +Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße +ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe +belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen +lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich, +durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack +und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden +gebohrt. In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen +Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren +deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige +Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit +nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der "bessere Mensch" ja +doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite +Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, +Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car +mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, +sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft +und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön +ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu +benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und +Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und +reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich +sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, +manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder +besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich +aber so außerordentlich _prominent_, daß mir auch diese Gesellschaft noch +zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu den +_erstklassigen_ Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe +mir dafür ein _Compartement_, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum +innerhalb des großen Pullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel +verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter +Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem +grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen +Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei +uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn +es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben +etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten +Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird +er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch +spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den +Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas +anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften +Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die +Leute mit der ganz schmalen Börse - die Eisenbahnkönige im Lande der +Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem +Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß - in +den Südstaaten wenigstens - Neger in der Eisen- und selbst in der +Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, +echt demokratische Einrichtung. + +(M63) + +Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik +dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an +Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so +schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, +welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter +Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf - +_die alte Tante_! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte +Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen +einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die +Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie +Fröhlichkeit durch ihr sauertöpfisches Geplärr ersticken möchte, bei +weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das +ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den +Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter +und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der +Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe +bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem +erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder +mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen(3), dieselbe +auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase +zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern +verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des +Freistaates gegen die Einfuhr "freier" Bücher verschließt und dem +einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und +Gedankenkreise berühren zu lassen, die _sie_ für anstößig erklärt! Daß +diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die +Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten +vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine +scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und +wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich +hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen +verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt +er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht sich +bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der +Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch +nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, +ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung +auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen +unter dem Namen _Sacred Concert_ zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz +fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York +am Sonntag nachmittag "Madame Bonivard", der französische Schwank von der +alten Balletteuse, als _geistliches Konzert_ gegeben! + +(M64) + +Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt +gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir +erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen +der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner +Handwerker, die 1620 mit der "Mayflower" landeten, entwickeln einen +Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen +könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch +kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, +die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich +rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen +Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen +geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere +genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen +königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich +erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines +gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt +werden kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten +Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und +Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den +Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, +um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so +scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um +unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben. +Nachschlagewerke wie "Wer ist wer?" spielen drüben eine Rolle wie bei uns +der "Gotha". Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch +sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die +Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres +Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser +zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder +Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell +nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und +Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren +Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen +in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden +von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein +geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten +geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den +Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine +gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner +scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die +Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen +Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders +die Damen ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit +wem nicht. Sie haben ihre Liste der _möglichen_ Menschen so sicher im +Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium +die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von +hüben und drüben ist also nicht gar so groß - nur daß die europäischen +Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren +und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt +wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und +wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von +ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, +Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und +Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und +Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als +jedes andere. _Pluckyness_ ist heute noch ein höchstes Lob für einen +Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für +einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit +Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des +alten Gauners Drew(4). Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er +einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute +Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst +minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New +York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und +erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und +sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des +mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ er seine Herde saufen, saufen, +saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende +Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen +glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische +Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch +Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in +die Höhe zu treiben "_Watering the stock_" die Herde wässern - denn das +Wort _stock_ bedeutet sowohl Aktie wie Herde. - Natürlich fällt es mir gar +nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf +machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner +Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein +Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen +anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren, +wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen +abzusondern. + +(M65) + +Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der +Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so +außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute +keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns +bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste - und +dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren +gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa +fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten +erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der +Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch +viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu +weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder +Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche +Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich +diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische +Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des +stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus +naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein +Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist +tief gerührt vor nationaler Begeisterung - aber dienen will niemand, und +die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht +sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate +müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst +verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen +und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende +Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner +Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln; +und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und +harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die +es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen +reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken +voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken +- denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden +Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens +versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische +dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht +wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig +angespannt, aber dafür wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger +Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte +hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung +dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. +Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten +in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. +Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne +Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er +krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten +Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um +6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein +und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten +Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck +gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine +vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher +anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie +auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem +Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen +Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des +einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem +Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei +uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den +unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und +blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch +viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der +festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht den Mann schon in einer +Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst +erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe +abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa +350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen +bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst +beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und - nach ein paar Minuten sei der +schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und +kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also +aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer +amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch +dies nur nebenbei. + +(M66) + +Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete +Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber +standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur +Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein +äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die +amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap +Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den +ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen +Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos +freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner +angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie +wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von +langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte +behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die +Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien, +beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen, +dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es +aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es +eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es +gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die +militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen +nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich +zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube, +sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an +persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den +Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im +Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken +mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die +Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und +Einrichtungen. + +(M67) + +Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor +uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht +also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen +Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit +einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und +Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes +Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß, +wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, +der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden, +Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute +Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner und ererbtes +Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle +Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher +sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit +dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk +errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll +Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und +gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an +der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun +zwischen Regierung und "Untertan", zwischen Behörde und Publikum nicht +duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, +daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen +da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß +nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung +nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre +Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist +aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, +Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene +beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums, +nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende +und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf +alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften +in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu +finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren +Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten +Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in +der Öffentlichkeit, nicht nur in den großartigen Organisationen der +Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch +Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen +kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an +jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die +genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das +auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn +der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er +seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen +will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. +Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld +vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und +dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und +keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch +mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile +herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur +sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der +Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt +- und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine +solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage +bandenweise in einen Laden oder in einen _Saloon_ einfallen und Inhaber +wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der +Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner +Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der +Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt, +setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter ist leicht mit dem Streik bei +der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es +fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um +seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, +daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle +eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben - ihm selber +oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. +Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der +Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will. + +Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen +voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse, +Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder +Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung +durchzumachen? + + + + + + WIE DER YANKEE SEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL MACHT. + + +Es war eine der klügsten Maßnahmen der Unionsbegründer, daß sie in ihrer +Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie überall in +der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung +Nordamerikas die Verquickung des religiösen Elements mit der Politik die +übelsten Folgen gehabt. Die bischöfliche Kirche Englands, die papistische +wie die protestantische, hatte natürlich versucht, ihre Herrschaft auch +auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen +Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgerväter, das heißt +jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Hälfte des siebzehnten +Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich +weit unduldsamer erwiesen als selbst die römische Pfaffenherrschaft in den +spanischen Südstaaten. Sie wären am liebsten mit Inquisition und +Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen. +Aber wie diese Pilgerväter über dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch +niemals vergaßen, ihre weltlichen Geschäfte als geriebene Kaufleute +intensiv zu fördern, so ließ sich auch der vielgerühmte _Common __sence_ +ihrer angelsächsischen Rasse selbst durch religiöse Inbrunst nicht völlig +unterdrücken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende +Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen +Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen +Zusammenhalt angewiesenen Bürgern erzeugt. Neugegründete Städte und +Staaten wurden entvölkert, abtrünnige Sektierer fanden großen Zulauf und +gründeten neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der +alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat +Maine, der als erster völlige Religionsfreiheit eingeführt hatte, +auffällig rasch emporblühte, begannen doch auch den starren Puritanern die +Augen aufzugehen. + +(M68) + +Und so kam es, daß nach der gewaltsamen Losreißung vom alten Vaterlande +die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz +erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist +dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatsächlich in den +Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die +Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, daß die Grundsätze einer +Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die +Vielehe bei den Mormonen. Außerdem hat sie in weiser Voraussicht der +Ansammlung übermäßigen Kirchensvermögen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser +Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in +unzählige Sekten, die aber keineswegs eine Schwächung, sondern vielmehr +eine Stärkung des religiösen Lebens bedeuten. Philosophisches und +besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen, +dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch +Begeisterungsfähigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit +heute noch kindlich denkunreif, und so erklärt es sich, daß die Bibel ihm +noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natürlich aber liest jedes +grüblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes +heraus. Und wer Beredsamkeit und Zähigkeit genug besitzt, vermag Anhänger +um sich zu scharen und eine unabhängige Gemeinde zu gründen. Die +Opferwilligkeit, die dazu gehört, eine solche Gemeinde, Sekte oder Kirche +(_Denomination_) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis +ab für die Stärke des religiösen Bedürfnisses. Freigeister in unserem +Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst +hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geübt. Die Tradition hat die +Bibelgläubigkeit der Vorväter so lebendig erhalten, daß es heute noch, +ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes +geblieben ist, seinen Eifer für das Christentum irgendwie zu betätigen. +Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher +oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen hält fest +zusammen wie überall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie +gründet ihre Macht auf das irische Element und erhält ständigen Zuwachs +durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie +ist, trägt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den +geistig minderwertigsten Einwanderern üppig ins Kraut schießenden Stolz +auf die persönliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so +aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen +versucht sie mit allen möglichen Mitteln Einfluß zu gewinnen. Die +bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irländer, die bekannte +Tammany Hall im Staate New-York, übt offensichtlich eine große politische +Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische +Irländer in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefährlicher +Weise zu betätigen, darüber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst +sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der +nüchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbürgerliches Wohlbefinden +und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien +übers Ohr hauen lassen sollte. + +(M69) + +Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so +ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo +sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betätigen. +Selbstverständlich wird in sämtlichen Kirchen und Betsälen Nordamerikas - +man zählt gegenwärtig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer +Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse - der christliche +Grundsatz gepredigt, daß vor Gott alle Menschen gleich seien; in +Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischöfliche Hochkirche nur für +die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren prächtigen Kathedralen +kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf +einen ersten Rangplatz in der großen Oper. Ein beliebiger Mensch der +minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im vorübergehen in +solch eine Kirche einzukehren, würde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz +finden, sondern sich auch durch die entrüsteten Blicke der Stammgäste +energisch hinausgeekelt fühlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine +Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre +Karriere häufig ihren glänzenden Eigenschaften als Tischredner, +Bridgespieler, Musikdilettanten und Tänzer. Die Kirche der geistigen +Aristokratie, der wohl der größte Teil der akademischen Welt angehört, ist +die _Unitarian Church_. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur +den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie +treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen für +ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen, +vornehmlich bei ihrem berühmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den +größten religiösen Eifer entfalten natürlich die kleineren Denominationen, +deren Prediger oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die +Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre +Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergnügte musikalisch +deklamatorische Unterhaltungen oder schweißtreibende Leibesübungen +veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den +Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame +dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker Übertreibung Rechnung +tragen müssen. Am spaßhaftesten muß es wohl in den Negerkirchen zugehen. +Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesänge der Nigger gehört hat, deren +Eigentümlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung +von Himmel und Hölle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der +Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der +Weihe eines Negergottesdienstes machen können. Der Rhythmus afrikanischer +Kriegs- und Geisterbeschwörungstänze sitzt diesem kindhaft gebliebenen +Volke eben noch so fest in den Knochen, daß auch seine religiösen Gefühle +bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen. + +(M70) + +Um einen Begriff von dem Ton dieser religiösen Niggerpoesie zu geben, habe +ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu übersetzen, wobei freilich zu +bedenken ist, daß die Eigentümlichkeiten des Negerdialektes schon darum +jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch +kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet +folgendermaßen: "Jossua fit de battle ob de Jerico". + + Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - so froh! + Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - + und die Mauern purzeln um - glatt um! + + Kommt Brüder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, laßt uns eilen, + da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen. + Wir wählen uns zum Text - die Deutung, die liegt nah: + "Der Herr rief: Moses, Moses! - und der Mann sprach: Ich bin da!" + O Daniel! + Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho, + und die Mauern purzeln um, glatt um. + + Nu, oll' Pharo von Ägypten - klüger war kein Mensch gebor'n - + und er kriegt die Judenkinder 'ran zur Arbeit in sei'm Korn. + Schließlich ließ der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht, + daß der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen möcht'. + O Daniel usw. + + Sollt er aber dies verweigern! - o verdammt - dann ging's ihm schlimm. + Auf Ägypten wollt er leeren kübelweise seinen Grimm. + So geschah's. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert. + Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfährt. + O Daniel usw. + + Tolle Sachen dreht der Herrgott - und nicht nur in alter Zeit, + nicht für Israel nur - Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit! + Seine Liebe reicht für uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt + mich meinem Massa, daß die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt. + O Daniel usw. + +Besonders interessant ist es, daß, wie auch in den ältesten Zeiten des +Volksliedes der europäischen Kulturländer, das eigentlich sinnvolle +Gedicht von einem Solosänger vorgetragen wird, während der Chor sich durch +ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In +obigem Lied singt also der Chor: so froh - glatt um - o Daniel - und +wiederholt am Schlusse jedes Verses die außer Zusammenhang mit dem Inhalt +stehenden Einleitungszeilen: "Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho". + +Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich +vergeblich bemüht habe, lautet höchst charakteristisch: + + Der Vorsänger: + O der Gänsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn - + Mein Herr schreibt meine Zeit ein. + Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schädel auch + alle Haare dir gezählt. Weißt du das nicht? + Oder meinst du, daß der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht + von 'nem Walfisch unterscheiden sollte können? + + Chor: + Sündige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen, + denn mein Herrgott schreibt es ein. + + Vorsänger: + Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht - + mein Herrgott schreibt meine Zeit ein. + Du erwarte nicht vom Nachbar, daß er deiner Seele durchhilft, + deine Sünden müssen braten wie die Hühnchen auf dem Hofe. + + Chor: + Also sündige lieber nicht usw. + +In einem anderen Liede wird den armen Sündern angeraten, sich ja +rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen, +denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm. + +Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß die groteske Form dieser +religiösen Gesänge nur der Lust der Nigger an kindischer Spaßmacherei +zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden +von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als +komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja +aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter Seelen in +armen gequälten Leibern. Und die religiöse Inbrunst, die aus ihnen +spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie. +Übrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar, +was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht +haben, sowie auch die Negermusik die einzige originelle musikalische +Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet. + +(M71) + +Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist +die Heilsarmee, die Kirche der Allerärmsten und Untersten. Zeichnen sich +ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so +erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische +Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfügen +oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten. +Außerdem paßt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe +für die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von +Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten Gesichtern mit +den sanften schwärmerischen Augen. Wenn aber weiße Menschen unter einem +nördlichen Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer mehr +als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem Gesang und mißtönender +Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Straße ausüben und sich in +ihren Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen, der weder für +den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch für die schlichte +Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so +muß einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial +fühlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung +versagen; sie allein von allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht, +den natürlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen +Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jämmerlichsten Elend zu +überwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit +und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; sie +speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie +gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gänzlich +Verzweifelten, von der Gesellschaft völlig aufgegebenen doch noch zu einem +menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie auf der ganzen +christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, daß sie sich auf die +Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat, +versteht, und daß die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer +Propaganda anwendet, die richtigen sind. + +Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund +so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer +gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer +Aufklärung durch die Schule und unserer bewundernswürdigen sozialen +Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden Weltstädten überall noch +Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit +fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen +beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte +Wohltätigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die +_Legal Aid Society_ zum Beispiel gewährt den Ärmsten und Unwissendsten +unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemühungen um die Besserung erblich +belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener +gegen das Zurückgleiten in ihr früheres Leben haben großartige Erfolge +aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter +Menschenliebe - und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer +scheußlichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun! + +(M72) + +Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung der Heilsarmee als +Maßstab für die Gesittung eines Volkes annimmt, so müßte in dieser +Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern +stehen. Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu einem +ungerechten Urteil verführt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt +wohl die größere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine +Folgeerscheinung des unerhört raschen Emporschießens einer rein +technischen Zivilisation und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen +Wachstums der Städte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern +Halt, und die unmittelbare Berührung mit der erhabenen Natur, mit der zu +Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Ärmsten edle +Freuden - Seelenfrieden wenigstens -, während in der Großstadt alle diese +idealen Güter nur für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen +verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so +fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je +mehr sich Riesenvermögen in den Händen weniger zusammenfinden, je mehr +eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlichkeit breit macht, desto +sicherer verfällt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der +Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den +Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die Arbeiter, +die in steter Berührung mit den erstaunlichsten Erfindungen des +Menschengeistes sind, die ihnen die Bändigung der Naturkräfte durch +unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen +Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich vor Augen +führen, gewinnen von diesem Umgang weder für ihre Verstandesbildung noch +für die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was +allenfalls dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe der +Anreiz zu erfinderischer Eigenbetätigung. Ebensowenig wird der Herr der +Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht, +Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine seelische +Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heißt also an +Idealismus, an einem zeitig geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen +fehlt. + +Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die +Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bußbank locken läßt, legt also im +Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen +Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und +reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös drapierten +Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen läßt. + +Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen Trommel begleiteten +Bußpredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuß, vor +dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablässig in +Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten +Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen +anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg - +und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europäer sehen die durch Misses +Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige +Epidemie an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige Geister +deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung +urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken +gleichmütig die Achseln über diese sogenannte christliche Wissenschaft und +verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie. + +(M73) + +Der "American Encyclopedie Dictionary" definiert die Grundlage dieser +Wissenschaft folgendermaßen: "Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit +und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der +Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die +Allmacht des Guten und die Unmacht des Übels. Christian Science will die +Wahrheit der ursprünglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der +Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit +ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Sünde. Bekämpfe also Sünde und +Irrtum, so bekämpfst du Krankheit und Tod." - Christlich kann man diese +Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische +Begründung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen. +Das Neue und für die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende +an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum Magier macht und die +magischen Kräfte seiner Gläubigen durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen +stärken zu können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande sind, +vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen +Religion ist also der, daß sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die +Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt +ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not +und Tod; der Gläubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in +der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch +seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren +Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es glücklich zur +vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder +Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in Amerika, +wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe gibt, ihr Glück machen mußte. +Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm +Hervorgebrachte für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der +die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach behauptet, sie +existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution +gesehen haben), dieselbe Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten, +Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der +Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Gläubigen in +ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau +liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung. +Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg. +Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der +Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu +schaffen versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein. + +(M74) + +Es will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß im zwanzigsten +Jahrhundert unter dem angeblich nüchternsten aller Völker eine Frau zur +Gründerin einer neuen mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig, +unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte! Misses Baker Eddy +war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persönlichkeit +geworden. Man wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß in +ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhänger +nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre +werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz +wirklich gestorben und begraben worden, und die Ärzte wußten ganz genau +den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben. +Man hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften leiblichen +Tode der magische Nymbus zerstört worden sei, der die Person der Päpstin +außerhalb der Menschheit in die Reihe der Götter stellte. Aber das war +keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete eine +ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den Gläubigen mit Bestimmtheit +versichern, daß nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der +Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter +Leiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in vierzehn Tagen +wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings +hinzu, es könnte eventuell auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele, +viele Jahre lang. + +Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gründerin gestorben; sie +hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschütterungen ihres Ansehens +standgehalten, denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der +Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten +päpstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt +war. Für uns Europäer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur +eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den +Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefährlich, über diesen +Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu +äußern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer +Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen +geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich +für ewige Zeiten unmöglich zu machen, indem ich das Thema von der +Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles +Räuspern brachten mich glücklicherweise einige wohlmeinende Mitmenschen +zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar +zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis überzeugte Anhänger der +Misses Eddy seien. + +Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch für +die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafür wurde mir ein +Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein gescheiter +und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet +und führte eine durchaus glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der +Gesundbeter geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und +beschäftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie. +Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herüberzuziehen. Die +Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte +er sich so aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der laufenden +Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener +Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht der Fall war, so mußte seine Gattin +immer mehr und mehr von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages +die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie +dadurch klar machte, daß sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit +Sack und Pack sein Haus verließ. + +(M75) + +Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, daß nur in +ihrem Lande heutzutage noch ein günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang +auf religiösem Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel hat +auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar vornehmlich in jenen +erlauchten Kreisen, die auf die "Kreuzzeitung" abonniert zu sein pflegen. +In meinen Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die engen +Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher +Strammgläubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blättern der ganzen +Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer +1106: "Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt +über die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt! + +Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt. Ärzte und Prediger +erzählen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertäter +Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des +Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich für alle. Dieser Herr +entbietet sich, seine Ratschläge unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen +seine außerordentliche Kraft zu ergründen ..." + +Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort. +Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum +Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von +ihm erfundenen Radiopathie vor. "Die Radiopathie hilft nicht nur bei +gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nützt gegen alle Krankheiten, +wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer +Formel präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie +krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben +Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange +Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen die +Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu +beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und +Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: 'Wie man +sich selbst und anderen helfen kann' mitschicken usw." + +Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das Postfach 1106 in +Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und +Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte, +schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene Menschen, erhielten ein +gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie +aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür +ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natürlich eine völlig +wertlose Droge, zugehen würden. Die hochwichtige Broschüre voll angeblich +wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt. +Und siehe da, Tausende und aber Tausende ließen sich den letzten +Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem +schwerreichen Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder Dr. +med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer +Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten +Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er +zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis +photochemisch vervielfältigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der +diesem niederträchtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden +mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische +Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn +Professor der Radiopathie in Rochester Geständnisse ablegen, wie man sie +selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster +Verzweiflung ablegen dürfte. + +(M76) + +Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spaß daraus, diese +traurigen Intimitäten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll +dieser gemeingefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch von +Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, daß die +erwähnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann +gestehen, sie hätten es unter anderem auch schon mit der Christian Science +versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europäer +sind noch längst nicht über den Berg des Aberglaubens hinweg; der +religiöse wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des +Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie +ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller Bekenntnisse, aller +Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde +abgerückt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der +Beschwörungstänze ihrer Medizinmänner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr, +aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele kann der unerschrockene +Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden. + +Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten +Staaten gewährleistet, und der großen Anzahl der Bekenntnisse, die der +heilsuchenden Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der +Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschließen will, +von keinen anderen als rein idealen Erwägungen geleitet zu werden; +begreiflicherweise spielen aber dennoch Nützlichkeitsgründe, allerlei +komische oder betrübliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine +bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt haben, +und deren Zahl ist in Amerika besonders groß, sowie alle Leute, die nicht +von einer besonderen religiösen Inbrunst erfaßt sind, werden entweder +einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde +anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche und gesellschaftliche +Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat +offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede +gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich immer gleich +zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und +der Außenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der +natürlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine +dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und +Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück zu den Klubs, die aber +nur den Wohlhabenden zugänglich sind und die Familie ausschließen. Der +selbständige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert +verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung stehen, diejenigen +aussuchen, in der er ausschließlich seinesgleichen in bezug auf Bildung, +gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen +findet. + +Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum +durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die +Respektablität es erfordert, daß man einer christlichen Gemeinschaft +angehöre, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines +frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten übertritt oder die Tochter des +Presbyterianers sich den Baptisten anschließt. Religiöse Überzeugung wird +unter allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunderliche Formen +annimmt. Und so fährt schließlich das echte religiöse Bedürfnis bei dieser +Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar dürften in +keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in +den Vereinigten Staaten, weil ja bei der völligen Freiheit der +Meinungsäußerung jeder Geistliche in seiner Person gewissermaßen eine +eigene Kirche darstellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm +seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht +deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfänger, so mietet er +sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen +hineinzupredigen. Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine +Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen Persönlichkeit +der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das +Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da +brotlose Künste treiben. + +(M77) + +Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde +schließen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New +York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem +feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren amerikanischen +Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle +Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte +Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen +Holzton des Gestühls mild zusammen, und die farbigen Fenster dämpfen das +Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer +Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder +Marterdarstellungen, überhaupt keine biblischen Schildereien finden sich +in diesem, ich möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine +einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle, +die dem Charlottenburger Mausoleum einigermaßen ähnlich ist, ruhen in +herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhändlers +Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser, zu den +allervornehmsten zählenden Universitäten unsterblich machte. Hier ruht +auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine +Ruhestätte finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet, +sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem +berufenen Redner offen, dessen Denken und religiöses Fühlen sich irgendwie +unter dem Einfluß christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also +hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen +Bekenntnisse, sowie auch außerhalb alles Kirchentums stehende bedeutende +Denker und Redner. + +Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D. +White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam? +Allerdings hätten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger +gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit +suchenden Gemeinde geredet hätten - Rom aber sprach: "Quod non!" + + + + + + DIE LANDSCHAFT. + + +(M78) + +Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie +in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der +Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden +Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum +Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und +Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste +bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf +landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der +die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt +erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den +grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, +von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu +befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern +und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, +könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize +ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der +Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und +vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem +nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake +Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des +Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche +Schönheit herben und zarten, heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, +wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit +genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung +zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser +Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit +Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn - _es fehlt überall +an der kulturellen Inszenesetzung_. "O lieber Herrgott, wie gut hast du's +gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der +Natur verstanden!" Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den +Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt. +Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die +Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau +wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei +plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen +Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und +hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der +ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten +Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe, +blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die +blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und +Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit +seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in +den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu +finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? +Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen Wege +für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die +verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die +lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von +alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt +schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der +Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen +großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender +Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich +gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen +neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants +zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen +Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die +die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten +geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten. + +(M79) + +Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis +nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer +Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns +sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen +internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer +Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren +Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen +Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten +Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er +sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut +ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in Gesellschaft hübscher +Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel +schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß +seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder +das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. +Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern +begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist +und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und +sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu +vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die +stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den +großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege +geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für +schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und - was viel +gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen +Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich +bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt +von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, +etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen +entgegenschreit, daß _Durham Bull_ der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak +sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm +die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten +Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte +sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe +ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem +Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter den jungen +Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte "_camping out_". Aber auch +dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur +wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß +man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, +ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, +Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den +allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den +Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, +daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt +man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht. +Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten +Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein +außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische +und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche +gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was +dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die +edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich +alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte +Gerümpel. + +(M80) + +Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle +verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen +Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum +Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und +Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie +machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden +sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen Ufer +Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange +zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch +bewegten _Union Jack_ zu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis +gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des +besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus +brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in +genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten +Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem +staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu +begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese +glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche +amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu +unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten +Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich +unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und +schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt +und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den +menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer +kann so etwas schön finden! + +Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts +der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben +Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche +Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch +eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche +Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, +seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirtshäusern! Wie +sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken - denn +auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus +reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen -, wie sind sie so geschickt +unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar +garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest +Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees +entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, +und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen, +Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem +schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange, +trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische +Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit +klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber, +bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden +Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren +dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen +hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und +Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus +einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen +Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke +sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie +sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen +pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön +chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst +gehören ja ohne Zweifel zu den gewaltigsten Naturschauspielen der Welt, +besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar +funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische +Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden +Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück +gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig +reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche +60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt +nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die +biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen +Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen +Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der +Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister +geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen. + +(M81) + +Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner +verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu +sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was +sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte, +die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten, +und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von +Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten +Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt +Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was +ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen +schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New +York bis Albany schlägt er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis +Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar +mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner +herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die +Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der +Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt +das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten +Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen +Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das +ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des +Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des +Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu +machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches +ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben +kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die +Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, +ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von +ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte +und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die +Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend +niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um +späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu +liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern +zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist +immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten gerade so wie in +der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat +die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild +gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein +einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille +einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die +künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden +erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster +schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder +nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die +Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die +Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet +werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der +Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in +einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer +Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten +Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, +und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch +drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, +ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten +und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. +Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen? +Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative +Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen +Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen +Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur +vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die +auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den +Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die +Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige +Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels +reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren +europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man +schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und +Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter +Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von +selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja +bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben, +unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie +auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich +feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu +wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist +uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch +unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. +Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit +natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum +Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und +Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft +machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem +wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit +und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als +eine Frucht der fortschreitenden Geschmackskultur ihrer reichen und +müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube +vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied +zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als +einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher +Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht +einzuholen. + +(M82) + +So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten +Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht +ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch +Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die +gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur +Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne +Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, +so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch +wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko +nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran +gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die +Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole +Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit +seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von +Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in +einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und +vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug +sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, +die ausgerissenen Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn +erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er +vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der +aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die +gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr +beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann +wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir +sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere +Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann +auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler +hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische +Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und +Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen +amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem +Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis +und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: "Gestiftet von Carnegie, in Szene +gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing." + + + + + + DOLLARICAS INFAMSTER SCHURKE. + + +(M83) + +Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten +gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen +Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von +vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit +Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe +an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige +Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, +leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe +gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) +Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß +meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert +wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern +sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden +Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung +und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der +ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt - _ein +Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.'s Packing Company_ in +den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter +wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine +_eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer hätte es je für möglich +gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen +könne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden Äußeren dieses Hammels deutet +auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes +Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf +fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines +beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch +zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt +getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & +Co. verholfen. + +Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der +Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende +seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und +Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen +Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_ +von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen +grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer +Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, +von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren +bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige "Mäh" der Erlösung +von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen +und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen +Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige +Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte +Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch +erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, +kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht +treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe +rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen +schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des +feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll +rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen +sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und +die Futterraufe unberührt. + +(M84) + +Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt +mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den +besten Jahren: "Munter, meine lieben Kinder, munter!" beginnt er in +humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter +Kreis von Zuhörern. "Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und +Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große +Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt +Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen +Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr +mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht +lang werden, auf Eh - hähähähä - re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich +für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer +auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will +mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal +der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, +ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte +uns geniert." - Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt +gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander +gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten +herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist +vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen +Rutschpartie geht's auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz +und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und +trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, +wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und +Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie +von gedämpften Trommeln, - als sollten durch solchen Trauermarsch den +unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. +Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und +hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der +rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er +in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit +einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, +während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu +Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere +Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an +einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges +Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der +andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit +seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß - und lautlos haben sie +ausgelitten. Derweile läßt sich's der erprobte Beamte von Armour & Co. in +seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl +sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu +Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen +Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so würde er sicher +auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig +in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen +vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das +Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um +seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein +eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein +setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit +seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension +geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den +Garaus machen. - Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen +von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu +erklären? + +(M85) + +Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir +entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur +schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, +daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. - Ich +kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem +geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer +Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, +sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch +jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es +doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben +sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in +dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es +immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an +deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich +könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen +Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, +nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein +beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen +Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden +müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser +Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre +Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher +Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man +hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung +eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden +Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur +Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen +imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch +nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit +einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames +Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und +Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche +ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte +Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten +Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie +der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden +Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen +Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des +Zweckmäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe +sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an. + +Durch Upton Sinclaires berühmten Roman "_The Jungle_" (der Sumpf) sind ja +die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.'s Packing Company gerichtet +worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat +monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, daß in den +hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte +Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides +Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, +die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der +wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger +Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein +Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen +gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, +bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf +sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, +auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des +verarbeiteten Materials. + +An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich +und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der +Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren +Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers +der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine +ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser +Herr zunächst einmal das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein +feiner Kerl - _a fine fellow_ - sei. Man habe ihn vorher instruiert +gehabt, den hohen Herrn mit "_Your Royal Highness_" anzureden; aber daran +habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz +gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von +anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den +Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: +denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder +wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser +Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren. + +(M86) + +Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem +Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, +wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, +zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, +die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief +hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich +langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne +Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht +übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach +dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer +Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier +emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und +schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser +Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich +langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er +den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt heraus. Der +Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und +steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner +Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im +Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren +Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den +Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit +dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte +Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber +unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen +Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre +Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage +hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll +kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in +dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder +nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie +in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr +zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, +starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder +in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und +schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal +hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die +Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf +ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das +Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer +dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste führt einen Bauchschnitt der +ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die +Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, +der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe +die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg - und so fort. Am Ende des +Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter +Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist +das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, +die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt. + +(M87) + +Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder +bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben +und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem +Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu +zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind +schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum +Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige +Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die +Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen +Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim +Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die +Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen +wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver +die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so +hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter +geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk +des Abhäutens, Zersägens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der +Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas +anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein +anderer nur das Abhäuten zu besorgen - und wehe dem, wenn er das wertvolle +Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung +ist seine Strafe. + +(M88) + +Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. +Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die +die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen +wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und +eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen +von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und +Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei +in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das +Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das +Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist +der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten +Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit +feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos +arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren +Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose +Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht +nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, +sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine +artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu +säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese +Maniküre und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit - hammel, +stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der +gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste +Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand +zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die +Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt +die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir +die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf +den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes +hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung +aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und +darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt. + + + + + + BAEDEKEREIEN FÜR AMERIKAFAHRER. + + +(M89) + +Während meines Aufenthaltes in New York geschah es, daß ein aufgeweckter +Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen +mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die etlichen +30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet +hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo +das Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. Der Mann war in +der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich auf seine derbe Faust, seinen +klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiß und hatte guten Grund, +anzunehmen, daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde +nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines +Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen können. Der +Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt +erzählt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, der +es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug in die +Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner +Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den +Arm und führte ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur _Subway_, der +Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch +Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Ästen die ganze +Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas +Petersen über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in +einen der Riesenwagen hineinbugsiert war und nun in drangvoll +fürchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen +verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten +Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze +Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die +Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu +weinen an und schluchzte: "Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. -" +Und dabei blieb's; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem nächsten +Schiffe kehrte er tatsächlich wieder heim. + +Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das sich auf seinen eigenen +Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um über +die berühmte Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann +aufsuchen wollte. Und er kam auch über die Brücke, aber er verstand nicht, +was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl +auszusteigen; und ehe er sich's versah, war er wieder auf der Brücke, denn +die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein +Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in +seinem unerforschlichen Ratschluß über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also +auf der großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang. +Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, da er sonst verhungert +wäre. + +Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser, +so laß es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstößliche Wahrheit +bestehen, daß du in Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu +einem Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der +Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen Brett vorm Kopf in die +Welt entlassen haben. Bist du aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx +bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu +viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer +stürzen. Bist du ein armer Teufel, der drüben sein Glück machen will, so +wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß +die Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. "_Let us try +another chance_" sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch +und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnügen und zu deiner +Belehrung dich drüben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld - +noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften Menschen +drüben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei +uns. Für ein Seidel Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10 +Liter hält, mußt du einen _Quarter_ hinlegen, das ist _M_ 1.-, und du +wirst bald dahin gelangen, diesem _Quarter_ nicht mehr wehmütig +nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthält zwar Wasser, Malz und +Hopfen und sieht schön braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine +verlockende schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir +lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein Bier ist. Und dann +wirst du auch bald finden, daß es sehr viel leichter ist, die schmalen, +schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei +uns daheim ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du mußt +nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du überhaupt Gold zu sehen +bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an +irgendeiner Stelle wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle +großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der Knicker und +Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre höchst verächtlich über die +Achsel angesehen wird, kommst du auch schon aus dem Grunde nicht zum +Sparen, weil die guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman +gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst +zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem +Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten +Ranges gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, denen sich +ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen kann, nach unseren +Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen +gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen +und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du +wirst bald davon zurückkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer +unmöglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel +und einem anständigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche +um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir +übel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der +breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee schaden. Ein werter +Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, daß +der übliche Satz für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen +zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem +belegten Brötchen mit einem Schnitt Bier, wofür er 70 Cent = _M_ 2,80 +bezahlen mußte. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und +schob sie reinen Herzens dem _waiter_ zu. Der starrte erst mit +verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann lief er zum Oberkellner, +beriet sich längere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent +zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen +Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen stand es in sämtlichen New +Yorker Blättern, daß der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld +gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten +ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann, +besonders wenn du aus München kommen solltest, wo die Kati schon für drei +Pfennige danke schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner +Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und daß man das +Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten durch zehn teilbaren Ziffer +abrunden muß. + +(M90) + +Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen machen und brauchst dich +doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren. +Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die +Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so +wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Für +fünf Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit Bad, und wenn +du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du für +denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer +reichlich zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest, +auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so würde man das vielleicht als +einen Mißbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars +extra tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach Amerika?! + +(M91) + +Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie +bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschäftlicher Treffpunkt, und +die _Lobby_, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften +Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen +Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der Barbierladen im antiken +Athen und Rom und wie das Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden +sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und +Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser haben sogar eine eigene +Telephonzentrale für die Vermittlung des riesigen Gesprächsverkehrs +innerhalb des Hauses wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was +man dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf +elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren +Städten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze +Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo +der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum +Dachgarten, wo du in schönen warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter +Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den +angrenzenden Restaurationsräumen laufen fortwährend kleine niedliche Pagen +mit Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und quarren die Namen der +Leute aus, für die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am +Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann +aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei +bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine Zeitung und eine Zigarre +kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet +oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit +seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfänger, +Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen +sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei +dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder neu ankommende Gast +sich einschreiben muß, und stürzen sich auf ihn, sofern er nur irgendwie +prominenzverdächtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen +europäischen Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren +überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gesprächen der +Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen +erlauschen können, beschreiben die Toilette und das Gepäck reisender +Künstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem bloßen +Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute. + +Jeder, der es irgend _afforden_ kann, kehrt in den großen Hotels ein, +selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen würde, und +reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft +in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein +Zimmer für sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und +amüsant für jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und +Luxus wird dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad +und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich; ein Transparent +leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe für dich in der Office sind, und +was das Allererstaunlichste ist - jeden Abend wird dein Bett frisch +bezogen, als ob du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur +deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht _M_ 2 extra dem +Hausschneider dafür bezahlen willst, und die Stiefel mußt du dir im Keller +oder auf der Straße putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst +ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden +Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. Dem Hausdiener, der deine Koffer +dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und +wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit +einem Tip. Selbstverständlich kannst du auch im Office dein Bahnbillett +und dein Gepäck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten +mit dem Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir ein sehr +feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich sicher geleitet und für +dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman +behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts +in die Hand zu drücken - er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was +du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, +deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst. + +(M92) + +Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in +New York deine Schritte zunächst ins _Astorhotel_ lenken, und du wirst gut +daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie +herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus es ein intelligenter, +tatkräftiger Deutscher drüben bringen kann. In dem Hotel der _Gebrüder +Muschenheim_, aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, findest du +nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch für +dein ästhetisches Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten +Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges gespielt wird, +und im Grillroom etwas für deinen historischen Sinn, nämlich ein +geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir über Leben und Treiben +der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst lebendigen +Anschauungsunterricht erteilt. - Kommst du aber weiter ins Land hinein, in +die mittleren und kleineren Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in +das Fremdenbuch einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem +Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer +kleinen Stadt Wisconsins. Ich wurde mit meiner Frau in einem der besten +Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt +untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel in diesem Zimmer +fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn überhaupt +vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck +zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom +Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich auch zu diesem +Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin +war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans +Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin +Platz finden. Da wir während unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten +eingeladen waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am anderen +Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren können, wenn man es +uns noch verabreicht hätte, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach +neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt gehen und +in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu +_M_ 30.- für ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein +Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da +entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: "Ja, _warum haben_ Sie +denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar +essen können, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben +nämlich amerikanischen Plan hier." Und die ganze Menschheit in der Lobby +quietschte vor Vergnügen über die lange Nase, mit der ich abziehen mußte. +Jetzt also, lieber Leser, weißt du, was _american plan_ ist. + +(M93) + +Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch sonst welche +auffälligen Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Reporter auf dich gelenkt +hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins +Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung deines +Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit deines eventuellen +Schmieröls und außerdem deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen +Folgen solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein Gentleman +in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen Manieren befinden, der dir seinen +Besuch macht und sich erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze +Reiseroute auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den Beikarten +für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natürlich baß erstaunt über +diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst, +wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da läßt sich ein +zweiter, ebenso eleganter und liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt +sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd +darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, dir eine sehr +unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft würdest +du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels +Lösung. Da zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall mehrere +Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften +ihre Kunden persönlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen +Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten +Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen +kann. Diese starke Konkurrenz hat für den Reisenden das Angenehme, daß +sich jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und +Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn du also zum Beispiel +geborener Berliner bist und als solcher Wert darauf legst, deiner +koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du während deiner Reise +alles bemäkeln, und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, den +erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: "Wissen Sie, alter Freund, mit +Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!" Gegen +Langeweile oder Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle recht +nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewöhnten +Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbücher sind für den +Uneingeweihten sehr schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. Die +einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in möglichst farbenfreudiger +Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen +über ein Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also zwölf +solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; man wird aber, wie +gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen +betrifft, von den Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie +prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten! Durch +einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat +gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine +Nummer und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat dieser Marke +wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet nichts, außer wenn du über einen +Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein +Mann durch den Zug und ruft: "Gepäck für Chicago!", oder was es nun sein +mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier. +Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli +auf, so mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung +nicht für etwaigen Schaden verantwortlich machen willst. Willst du das +nicht, so nimmt man dein Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders +versichern. Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend. + +(M94) + +Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel +gehört, daß ich dir darüber schwerlich etwas Neues erzählen kann. +Verwunderlich ist es nur, daß in diesem Lande der höchst entwickelten +technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten können, +die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch +die schönsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich überheizt und während +des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die +einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station +durch das Öffnen der Außentüren entsteht. Bevor du an deinem +Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, +klopft deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis unten +sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und du gibst ihm gern +seine 20 Cent dafür, aber - die Zurückbleibenden müssen deinen Staub +schlucken! Man kann sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise +vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich noch viel +ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht werden. Ich begreife +überhaupt nicht, wie europäische Reisende die Schlafeinrichtung der +Pullmanwagen bewundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, quer, +sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar ohne Unterschied des +Standes, Alters oder Geschlechts. Für die Ruhe soll es freilich +vorteilhafter sein, die Stöße des Wagens in der Längslage abzufangen, und +die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar +hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige Vorhänge versteckt, +deren Schlitz man, wenn man glücklich in sein Bett geturnt ist, von oben +bis unten zuknöpfen muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und +konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um +Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu öffnen, +erklärte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind +im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M. +"das Kind" gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist +mögen die Großen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn +du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu +gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in +Einklang zu bringen, als der Anfänger zu besitzen pflegt. Allerdings +befinden sich an beiden Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige +Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder +ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch im _american style_ +ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie +man im Nachtzustande über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer +kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das +leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus +und werfen einen Schlafrock drüber. Früher pflegten sie die Strümpfe +anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten +das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und +tiefschlafenden Damen die Strümpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert +sich aber dies Geschäft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der +Passagiere mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei +sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. Heutzutage hat jeder +Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Räuber nichts anfangen. +(Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang +zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein +Scheckkonto eröffnen läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was +amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umständliche +Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt +vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch +sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen und Händen +nach zu schließen, eher ein Metzger oder Viehhändler. Der Kerl wusch sich +vom Kopf bis zu den Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, +Ohren, Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm +sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib +mit der Liebe und Sorgfalt eines Künstlers, der die letzte Feile an sein +Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der +Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. - Übrigens geht so +eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven für jeden, +der kein geborenes Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der +Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm vollführen, bei +dem einem angst und bange werden kann. Sie müssen nämlich alle Augenblicke +Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen +sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne +Unter- oder Überführung. Da wird der nervöse Europäer schwer den Gedanken +los, daß ihm plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch seinen +werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was recht ist, aber +Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden und Norwegen wirklich +komfortabel. + +(M95) + +Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten +Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand +dürfte es da drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf +einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn sie einen Kavalier bei +sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles für +sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden +Wortwechsel erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war in +einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette +Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrängt +stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme: +"_Let the ladys get out first!_" - und eine andere Stimme höhnte dagegen: +"_Let the Niggers get out first._" Und nun platzten über die Doktorfrage, +ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild +aufeinander! - Merke dir auch, mein Freund, daß du Damen deiner +Bekanntschaft auf der Straße nicht zuerst grüßen darfst, das würde für +eine Anmaßung angesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade haben +wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd +anstarren, und sei es noch so schön. Hast du aber die Bekanntschaft einer +Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie dich +ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so +zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handküsse sind nicht üblich, +wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe +zuteil, eine Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so packst +du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das +ist sicher und für beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in +den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder +zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine +Mutter oder eine Tante als Begleitung befürchten zu müssen. Wenn du von +deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen +Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie +deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen sei vorsichtig; denn +das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuß als Heiratsversprechen, als +tätliche Beleidigung oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine +beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch nette +Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen. + +Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge, +sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mußt du ihn stramm +herunterziehen, sobald eine weibliche Person über vierzehn Jahre +hereintritt. Im übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen und +beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es dir zum Grundsatz, von +deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell +vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen. +Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Straße begegnest, so hast +du es auch nicht nötig, deinen Deckel herunterzureißen und deinen Skalp +der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst +lächelnd: "_Hallo, Bobby, how do you do!_", worauf er gleichfalls winkt +und ruft: "_Hallo, Fritze, how do you do!_" Das ist praktisch und macht +einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und +ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, wie es euch geht. +Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; +dafür verlangt man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete +Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. Der Schatz der +amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und +wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir +leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem +Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Höflichkeit +besteht darin, daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man seinem +Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten +sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose +Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben +sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen +behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer +klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten +wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Äußere hat, +läßt sogar ein eiliger stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen +und begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen Dingen der +täglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit +seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um größere Summen, +so reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein +Schießhund. + +(M96) + +Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete dir irgendwo im +neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und +Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle +ungemein gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe deinen Rock +aus - denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es +Winter oder Sommer -, zünde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine +anmutig über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. Telephonieren +und Briefe diktieren füllt die amerikanischen Geschäftsstunden von 10-5 +Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß +das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der +Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe +in allen Lebenslagen, solange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl +aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land. + + + + + + WAS KÖNNEN WIR VON AMERIKA LERNEN? + + +Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker ein Spiegel, in +dem sie deutlich ihre Zukunft sehen können. Der Fortschrittsgedanke +marschiert drüben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor +sich, während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf +Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von +Vorurteilen, Abgründe von Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern +oder zu überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden +Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen +Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgründe auszufüllen und unsere +Berge abzutragen - was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose +Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch +und philosophisch geschultem Denken, mit ästhetischem Bewußtsein und einer +idealistischen Weltanschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in +jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre uns vor +dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß wir unseren wertvollsten +Besitz, nämlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen +Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten +Vergangenheit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des +Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für unser +gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so überaus solid aufgemauert +haben. + +(M97) + +Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als +uns gut ist. Seit nämlich die raum- und zeitverkürzenden Erfindungen sich +zu überstürzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von +Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die +großen Erfindungen, vermöge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft +beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und hätten unter allen +Umständen die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern; +in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen +wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch +auch stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der +Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen +Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, +und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf +dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stürzte sich mit +Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im +Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr +gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt +und aufregende Vergnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann, +ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten Schnellzugs-, +Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern +begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein +Sensationsbedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber +in der großen Welt gewaltig geschürt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, +der großartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe +haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns hinübergelockt, und wo +immer sie in größerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum +die betreffenden Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, wie +ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres Festhalten an ihren +nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen +und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und +Fremdenindustrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies jetzt +noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft ihrer amerikanischen +Vettern. Während die amerikanischen Hotels sich allmählich den +europäischen Stil aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu +amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig auf den Kontinent, +um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind +viel großartiger und leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch +protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte +Vergnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil +bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie überall die +Sensation, das Äußerste, das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es +gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, daß +auch bei uns immer mehr das Schönste und das Bedeutendste, was unsere +Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen +Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des +Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau, +die Münchener Musikfeste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen, +die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der +europäische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum +aufs äußerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein +gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste +Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum +geknüpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit immer +mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedürfnis +nach Kunst- und Naturgenuß zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas +uns einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns +verhältnismäßig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind +doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Überzahl, und diese +Überzahl wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die +amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen seiner +Vergnügungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen +Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt +der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das +Vergnügen an den Sentimentalitäten, Hintertreppensensationen und +Clownspäßen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an +den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus +amerikanisch an. + +(M98) + +Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur +die Autorität des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das +Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles +bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit +der Entwicklung und drängt den Tüchtigen überall zugunsten des Fixen +zurück. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende +Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und sportgewandten +Männern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen. +Das erweckt in uns die Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die +es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht +haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein +müßten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer +bedächtigen Gründlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. Wir +vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es +ist, was uns heute immer noch über die glänzende Scheinkultur der Neuen +Welt ein beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen +Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über dem Ozean einlassen, so werden wir +sicher den Kürzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes +sind nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere Industrie, +unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das +unerprobte Neue, das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle +des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, so würden unsere +Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen +wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer +kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu +beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich darin, daß drüben jenes +Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch +Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und +verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzüge würden uns +aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch +weiter anstecken ließen. + +(M99) + +Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens +darauf hingewiesen, daß auch unsere Presse hie und da bereits recht +bedenkliche Anläufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster +Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der +minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch +bei uns beweist die Erfahrung, daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens +die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinären Geschmack +entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr +einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von +Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach +zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der +Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektüre. +Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft, +gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwürdigung zumal der +literarischen Arbeit zum bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir +überall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte +Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem +Volke für ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute +künstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte +und Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall die +Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle +gemeinnützige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen +schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der +Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung auch in weite Schichten +unseres Volkes getragen, für die früher die Quellen des Wissens und der +Schönheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß +erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch +dort, namentlich durch Gründung von musterhaft eingerichteten öffentlichen +Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung +von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan +wird. Es ist also wahrscheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit +Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht +überflügeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso +wie der unserer Fabrikanten heißen müssen: "_Qualität, nicht Quantität; +nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das +Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, das Deutscheste +bieten._" + +(M100) + +Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, volkstümlich zu +sein, denn wir _sind_ ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in +dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte +Europa für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant +macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter +seiner Völker. Wie die Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken +wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß ist wie der eine +Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und +das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der +Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der +Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische +Rasse gibt es aber vorläufig noch lange nicht, und die Behauptung +vereinzelter amerikanischer Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich +deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte wohl als ein +wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in +der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare +Zeit hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden, +Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich wie z. B. die Neger in den +Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt +alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse +aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich +verraten, dem ihre Vorväter entstammten, so wird man auch den Nachkommen +der weißen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches +Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch fortwährende +Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen. +Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen +Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen Rassen einen +eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei +Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen ist, +so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem äußeren Gebaren so +stark zu verändern, daß seine Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so +langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er +ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein +Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist +überdies noch die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren, +dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf klägliche Überreste +vernichtet sind. Der Deutsche kann drüben dem Engländer, der Jude dem +Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder +unwillkürlich in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche +übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus. +Es wohnt also drüben ein Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine +gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen +Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kulturideale zu suchen. Von einem +amerikanischen Volke wird man erst sprechen können, wenn die ungeheuren +Ländergebiete drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert sind, daß +die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten +kann. Aber auch bei verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung +des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen. +Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben - +denkbar aber auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des +internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der großen +Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung nicht mehr möglich ist, und die +ganze Änderung darin bestehen wird, daß die alten Rassen ihre +charakteristischen Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante +Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, Farbennuancen +übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren +wirklich schon eingetreten sein, dann könnte man davon sprechen, daß +Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen +Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden Tendenz +bemerken läßt. Die Gewissensfrage ist für jeden einzelnen: soll ich dazu +beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen, +oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben? + +(M101) + +Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurückkehrt, so nimmt +zunächst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der +Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in +sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft mit ihrem üppigen +Wiesengrün und ihren anmutigen Heckenzäunen, sei es ein französischer +alter Herrensitz mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen, Blumen +und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit +ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Dörflein, +so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne +Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll prunkender +öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige, +hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und +Wachttürmchen gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt. +Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermißt +haben und die man uns auch drüben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition +einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten +Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen +höheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch überaus fruchtbar sind, +weil in allen diesen Dingen die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar +werden. Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff der +Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches +Lebensglück. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu +kommen, die Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da +wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein leichter zu +erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren +Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Für solche Leute ist es wohl +angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem +trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drüben werden +sie erst den Wert der Heimat schätzen lernen - es sei denn, daß sie zu den +blinden Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr Genügen +finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche eine vertiefte Bildung +gesteigert hat, kommen ja jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur +zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und +sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, die ihre vorläufig noch fast +ausschließlich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie +bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor +unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und unserer Industrie, +vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten +Ordnung unserer Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als +Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche Liebe zu unserer +Romantik mit heim - nachahmen aber können sie auch beim besten Willen +diese unsere Vorzüge schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig, +als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner +Tradition geworden sind. + +(M102) + +Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige +Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinüber: alle die +überzähligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, verärgerte, +aufsässige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner +aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsächlich da +drüben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen könnte. Der +entschlußunfähige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine +liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen +kann, der langsame, ängstliche Philister, der faule Träumer, der vornehme +Müßiggänger, der hochmütige Geld- oder Wissensprotz - sie alle werden +zunächst einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten Not darauf +aufmerksam gemacht, daß die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf! +nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß +arbeiten, und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du von +Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein +Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges Geschäft +anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch +zu verwerten weiß, daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und +Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem großen Arbeitsmarkt +für jede beliebige Tätigkeit zur Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich +habe drüben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande +waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als +Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische +Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für irgendeine +Warenspezialität zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der +Schritt zum selbständigen Geschäftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei +dieser Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, hinter der keine +offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren läßt. Der Yankee macht sich +freilich oft lächerlich durch sein übereifriges Herandrängen an unsere +Höfe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist mit Recht +empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge, die schwere Mitgift der +Töchter gegen europäische Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man +merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der Titel an sich ist, +welcher diese faszinierende Wirkung übt, sondern vielmehr die mit altem +Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche +Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drüben ihr Brot +suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber völlig. Eine +Persönlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder +physischen Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in die +Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst auf. Aber auch +mit philiströser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein +Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der +kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt des Fortschritts +unterwegs verlassen, so muß er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung +abzuspringen verstehen - nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder +kommen. + +(M103) + +Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, daß sie selbst dem +Verbrecher nicht den Rückweg zum anständigen Leben verlegt. Das Vertrauen +auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor den +Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich fürchtet wie bei uns. +Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der +mußte ja immer gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf +dem _qui-vive_ stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß ein einziger +beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er +hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen +durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den Erfolg doch noch zu +brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist, +daß man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer +wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann +etwas Ordentliches erreicht, hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder +vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche +Erziehung und angeborene Charakterschwäche zu Verbrechern gewordene +Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind +glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr +geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu +verspotten, aber es ist sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht +halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft die +Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische +Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und +die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg. +Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben +selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er +wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle +Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten +Herrschaft des Kgl. Großbritannischen _common sense_ haben sich ja alle +besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir +alten Europäer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht +ohne weiteres ablernen können, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische, +aber tatkräftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben +Tugenden der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre schöne +Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Verhältnisse bedingt, die wir +alten Völker ebensowenig nachahmen können wie die Jugend. + +Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch +etwas lernen können, nämlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden +ein rückständiges Volk heißen müssen, so lange wir nicht die Trennung von +Staat und Kirche durchgeführt haben und so lange es noch möglich ist, daß +ein Deutscher seines religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich +verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren nicht an +der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder +nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige +behördliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich +anerkanntes religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Bedingung zur +Erlangung öffentlicher Ämter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der +absoluten Glaubensfreiheit ist das religiöse Leben, trotz mancher +blamabeln Auswüchse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke +religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann +eine Macht über die Seelen gewinnen, um die sie unsere +Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischöfe ehrlich beneiden +dürften. Über das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees +lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das +Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemäß mit der Jugend besser +umzugehen. Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf +Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon längst aufgestellt +haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Mißerfolgen. + +(M104) + +Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des +großen Staatenbundes uns als Vorbild dienen können: dahin rechne ich in +allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt +hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen +Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer +nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es +verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten. +Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch +staatenbildendes Geschick bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die +von ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wußten. +Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin, +Michigan, Missouri ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee +und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte. Cincinnati, +Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Großstädte zeigten +vorübergehend ein Übergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben +sie sich überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch +hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber er versteht kein Deutsch +mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem +einmütigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich +nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die große Mehrheit +bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und handwerkliche Kräfte, und im +Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinüber, +die den Beruf zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen. +Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18½ Millionen Menschen es zu +keiner politischen Selbständigkeit bringen konnten? Die Zahl jener +geborenen Führer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital +niederließen, und die man spottweise die _lateinischen Bauern_ nannte, mag +allerdings wohl der erdrückenden Überzahl der ungebildeten, politisch +gleichgültigen Landsleute gegenüber zu gering gewesen sein - auch war der +Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne +weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, daß alle diese Deutschen ein +stolzes Nationalgefühl überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren +Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum mit +hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tüchtige Bauern, +Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten sich aber den besonderen +Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von +ihnen waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig +anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten +übrigens haben auch diese Deutschen Großartiges geleistet, wie denn ja +auch die von ihren edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw. +sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Löwen +geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Bürgerkrieg verdanken +amerikanische Truppen deutschen Heerführern einige ihrer glänzendsten +Siege - und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern +geduldetes und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen +britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverständlich nicht +daran, diese bequemen Biedermänner in ihre großen Ehrenstellen der Staats- +und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus +keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten den deutschen +Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mußten resolut +ihr Deutschtum über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden, +oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten, +von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im +Staate gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus gegen das +Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschließen. Die +meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich über +das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen +wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren +landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgründen aufs +gehässigste bekämpfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten +Deutschland der 70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Änderung +in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen hätten doch +alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden +Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische +Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begründen +durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre +Tüchtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten +nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stürzen - die meisten wohl aus +moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit. +Man muß also doch wohl sagen, daß ihnen, einige ganz wenige glänzende +Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für die +Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben +kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Maße besessen und +verdankten dieser Eigenschaft die glänzende Rolle, die sie während der +Völkerwanderung und noch während der Staufferzeit in der Weltgeschichte +spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und +Pfaffenherrschaft haben aber jene ursprünglichen Veranlagungen vollständig +erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt +aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit +gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein, +politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist +politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlaßten, und sie +alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionäre sein, +brachten den Stolz mit hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren +Flagge siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese +Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein Herrenvolk zu fühlen, +sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewußt, welches dieses +Herrentum ihnen auferlegte - der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten. +Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas und Mexikos, die +nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine +recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte für die +Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst +gegen Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern richtete das +Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der +imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und +das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits +und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen müssen. Das Wort Chauvinismus +hat einen garstigen Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere +edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist aber schließlich +nur ein anderer Ausdruck für Kraftbewußtsein. Denn bei allen wirklich +starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der +Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionär _chauvin_. + +(M105) + +Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren +Kinder, besitzen nun allerdings jenen schönen Nationalstolz, von dem die +vorigen Generationen noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen +Zeitungen und freuen sich der Berichte über die großartige Entwicklung des +deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufblühen seiner +Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden +sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspüren, denn sie können +kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift: +"_Made in Germany_" zu stoßen, und die gewaltigen Schiffe der großen +Reedereien, allen voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen +Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlässigkeit in +jeder Beziehung übertreffen, haben für die Hebung des deutschen Ansehens +über dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten +Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten +des gesegneten Friedens sich für die Ewigkeit zu manifestieren trachtete. +Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen +Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Können, genießt bei den +Deutschamerikanern eine fast uneingeschränkte Verehrung, und auch das +Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft +bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und +einigen anderen Städten erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in +denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem +Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird. +In Cleveland haben die Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine +Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo +bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst +im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer +rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des +Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, daß die +Bestrebungen einer ausschließlich auf ästhetische Kultur gerichteten +intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung +und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte noch fast +ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Verständnis finden können. In +dieser Beziehung sind es noch Großväterideale, welche die versprengten +Landsleute drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen +leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur +vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind. + +(M106) + +Es hat sich also nachträglich doch noch so etwas wie ein deutscher +Chauvinismus entwickelt - leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein +halbes Jahrhundert zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hieße +unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man +sie jetzt noch zur Sonderbündelei mit prahlerischem Maulaufreißen von uns +aus aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos. Wie würden wir +es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste +sind, uns fortwährend ihre Nationalität und Rasse unter die Nase reiben, +Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge in die Ohren schmettern und +darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns +ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die +Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht, +zu verlangen, daß die Einwanderer aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie +sich bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse +aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhältnissen, +sich stolz bewußt zu bleiben, daß sie die Erben einer tieferen und +feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen +sind, den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen +Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber nehmen, in die Seelen +der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart, +deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Sinn, deutsche Treue, +deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum ausschlaggebenden Kulturfaktor zu +machen, das muß ihnen als heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise +lassen sich immer noch Siege _gegen_ und, was noch wichtiger ist, auch +_mit_ dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit +deutschem Geiste zu durchtränken und so zu unseren innerlichst Verbündeten +zu machen, das wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende +Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen der Vereinigten +Staaten auch nicht für zu gut dünken, von den Yankees zu lernen, und +ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch +nötiger haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir trotz des +großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben, +als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen +entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker +irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht +haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: "Ja, was wird aber +Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?" so wird ihm mit +lächelndem Achselzucken die Antwort: "Ach, die Deutschen! Die sind ja so +anständig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum." Es +ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die +Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei den +Jungen die Fehler der Jugend - in der Politik werden viele davon zu +Tugenden, vornehmlich die goldene Rücksichtslosigkeit. + +Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden +nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien +Entwicklungsmöglichkeiten einer großen demokratischen Republik begründet +seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht glauben, daß die Staatsform +wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung +hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben, wie überall, an +der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe +zahlreiche Beispiele dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch +kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland +speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die +sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß +die Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen Entwicklung +die _Vereinigten Staaten von Europa_ verheißen, recht behalten werden. +Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches +Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige ebenso pietätvoll +konservieren können, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn +aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernünftiges, +zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit +zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als +untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat. + + + + + + DAS HIRN AMERIKAS AUF EINER GOLDENEN SCHÜSSEL. + + +Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag +wohl keines so sehr den Europäer staunen machen, wie der Expreßelevator +eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hält. Wohnungen für +kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen +Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschließlich Geschäftsräume für +die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien für Rechtsanwälte, für +Konsulate, für alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt +beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz +Amerikas schlägt in den kleinen, einfachen Holzhäuschen der Vorstädte und +ländlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen +gigantischen Türmen und liefert zwischen 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends die +Hochdruckspannung für den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von +Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dächern, die unablässig von +diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im +Erdgeschoß unterhält eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt +und befördert unzählige Telegramme über den ganzen Kontinent, wie nach +allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebändigte Blitz trägt +Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem +Mut in alle Welt hinaus. Millionen strömen herein, Millionen strömen +hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die große Wage, auf der die Gedanken +erfindungsreicher Köpfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geräuschlos +der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem Schlage Existenzen +vernichtet; hier schwirren die Webstühle, an denen die schimmernden Netze +für den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der +fleißige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf, +und mit dem Expreßaufzug, der erst am elften Stockwerk hält, schwingt sich +das Genie über die Köpfe der armen Durchschnittsmenschheit in +atembenehmendem Tempo empor. + +(M107) + +In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser +Expreßelevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt. +Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlösser gebaut, +wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches +Eisengerippe schießt starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau +wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man +alsdann die Wände von Zementguß zwischen den Rippen zu spannen, also +gewissermaßen flüssigen Stein vom Dach herunter zu gießen, bis er endlich +den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird, +schwer und gewaltig, wie für die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten +Welt aber haben zuerst in den Höhlen gewohnt, die die Natur uns zum +Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wühlen. +Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam +aneinander gefügt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir +gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Höhen +hinaufzuführen, wo die Stickluft schwitzender Mühsal nicht mehr lastet, wo +der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte +Ferne. Die kühnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten, +brachten die eisernen Träger für den Aufbau ihrer Kultur gleich fertig +mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das große Wagnis +unternahmen; denn ängstliche, bedächtig am Alten klebende Ofenhocker und +Duckmäuser gingen ja überhaupt nicht über das große Wasser. Die Eroberer +brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Büchsen, der +Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gruß an die technisch hilflosen +Besitzer des neuen Landes. Und als die weiße Besiedlung in großem Stile +einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die +Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte +keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff +brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herüber, und diese neuen +Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen +gegen den widerstrebenden Willen der Alten - denn es gab keine Alten in +diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer +die Idee der Dampfmaschine herüber, und alsbald erkannte man, daß die +Riesengröße des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen +Quellen unerschöpflichen Reichtums überhaupt erst nutzbar gemacht werden +würden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen überwand. +1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste +Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston +und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische +Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie +vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man +wartete drüben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevölkerte Gegenden und +große Städte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte +resolut die Schienenstränge durch jungfräuliches Land, durch Wüsten und +Einöden und veranlaßte dadurch, daß jene Gegenden besiedelt wurden, Städte +und Industrien über Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche +Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit +dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndämme nicht lange auf, sondern +rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden +ein und ließ die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar +Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen +gelegen, wenn nur die Überlebenden den winkenden Dollar glücklich +erhaschen! + +(M108) + +Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen +Errungenschaften des europäischen Geistes. Begierig wurden sie drüben +aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu +über das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfähigkeit durch +Verbesserungen bis an die Grenze der Möglichkeit gesteigert. Und genau so +wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der +geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft +gleichzeitig mit den neusten, kühnsten Hypothesen und flößte sie den +lernbegierigen jungen Köpfen ein. Von den sieben freien Künsten ließ man +sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des +eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu +beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht nötig, +aus dunkler Angst und Erlösungssehnsucht langsam eine nationale Religion +empor wachsen zu lassen, sondern man ließ sich die Religionen schockweise +aus den alten Ländern kommen und von einheimischen Köchen für die +amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besaß man auf einmal Religion +und Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem +auf der Höhe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt für +dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit +alten Vorräten zu räumen, alte Mauern niederzulegen, alte Münzen +einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang für die Leute dieser Neuen Welt ein +Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein +Vollendetes geliefert hatte, so mußte sich in den Köpfen dieser +Neuweltleute die Überzeugung festsetzen, daß es für ihre Entwicklung keine +Schranken gäbe. Der Himmel hängt diesen Leuten voll unbegrenzter +Möglichkeiten. Weil sie es niemals nötig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen +mit schmerzenden Knien in die Höhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen +die natürlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreißig Stockwerke per +Expreß mit höchstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da +droben, im Genuße der schönen Aussicht und der frischen Luft, fühlen sie +sich so pudelwohl, daß sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft +hängen. Es muß schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich +zu machen, daß in ihrer Höhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung +etwas ungemütlich zu werden beginnt und daß man unten zum mindesten +sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermögen kultivierte Menschen der +Alten Welt in jenen stolzen Luftschlössern niemals heimisch zu werden. Sie +finden es fußkalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und +alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben +mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kämpfen +einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kräfte gewachsen; an den +Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres +Geistes geschärft; unseren Göttern haben wir Wohnungen gebaut aus den +aufgetürmten Leichnamen unserer Märtyrer; den holden Rausch unseres +Frühlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstürmen, aus Schutt +und Brand die Ideale unserer Schönheit gerettet - aller Stolz auf unsere +Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der +heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. _Ein Mensch der Alten +Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Mißgeburt._ Und wenn die +Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herüberkommen, so wandeln sie wie in +einem Museum einher: alles, was für uns lauter lebendige Quellen ewiger +Werte bedeutet, sind für sie ausgestopfte Kuriositäten, patinierte +Schildereien, bleiche Spirituskonserven - sie gehen staunend oder lächelnd +vorbei und fragen hie und da: "Wieviel kostet das?" + +O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so verträumten +Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen +immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Völkerwanderung. +Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die +die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und +innerlich doch noch ganz und gar angefüllt von den ererbten Eigenschaften +ihrer ritterlichen oder spießbürgerlichen Vorfahren. Ihr Blut sträubt sich +dagegen, reine kalte Geschäftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer +rührenden Gemütlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer +streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blüht der +Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben. +Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat +im Staate, eine Freimaurerorganisation mit ungeschriebenen Gesetzen. Aber +es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das +Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden - jener große, der +offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern, +Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und +rücksichtslosen Künstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu +allen tüchtigen deutschen Taten hergibt. Übermenschen sind sie darum noch +lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein +prächtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des Übermenschen schon jetzt +im Fleische wandeln dürften. + +(M109) + +Drüben glauben sie, wie es scheinen möchte, den Übermenschen bereits zu +besitzen, und zwar in der Person des Spielers großen Stiles, des Millionen +aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten +Geschäftsmannes. Hören wir ein Stückchen Yankeephilosophie aus dem Munde +eines ihrer besten Schriftsteller, _Jack London_(5): "Zu Zehntausenden und +zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Nächte durch und planen, wie sie +zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen können; +das sind die Geschäftsleute. Die Kleinen von ihnen, Krämer und +dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas +heraus, woran sie verdienen können; aber die großen Geschäftsleute +benutzen diese kleinen Geschäftsleute, um die Werterzeuger für ihre Zwecke +herzurichten. Den ganz großen Leuten aber liegt nichts daran, den +einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern +sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre +Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese Art von Glückspiel nennt man 'die hohe +Finanz'. Ursprünglich bestand das Geschäft nur darin, den Arbeiter +auszuplündern; dann aber taten sich die großen Räuber zusammen und jagten +einander die aufgehäufte Beute ab. Unter den Übermenschen der Geschäfts- +und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein +_noblesse oblige_. Diese modernen Übermenschen sind eine Gesellschaft von +Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote +von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren. +Bei ihnen heißt es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er +gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das +nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverständlich +und werden von ihresgleichen der Größe ihrer Beute entsprechend geschätzt. +Obwohl jeder Räuber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Räuber zu +berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat +tatsächlich die Kontrolle über den politischen Mechanismus der +Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben +geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane, +die Gerichte und die Armee. Des Übermenschen Hauptgefahr liegt in seinem +Mitübermenschen, nicht etwa in der dummen großen Masse des Volkes - die +kann man durch den lächerlichsten Bluff zum Narren halten - die zählt +nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf höherer Basis, aber +man kann sehr wohl die Betrügereien und Vortäuschungen dabei durchschauen, +ohne sich sittlich darüber zu entrüsten. Es ist eben die Ordnung der +Natur, daß die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den +Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen +berauben einander, weil sie eben so geschaffen sind. Sie rauben, wie die +Katze kratzt, der Frost beißt und der Hunger kneift. Der große Finanzier +lernt sein Geschäft bald sportmäßig betreiben. Arbeiter und kleine Leute +beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport, +wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen, +wie sie in England noch betrieben werden soll. Der große Sport besteht +darin, den erfolgreichen Räubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die +Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen +setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen +Spaß hat." + +(M110) + +Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings +dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszuprägen, +besonders wenn man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer, +der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschäftsleute wie in den +Vereinigten Staaten hätten sie drüben in England doch nicht, kaltblütig +erwiderte: "O ja, die haben wir auch - aber bei uns sitzen diese Herren +alle im Zuchthaus." Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten +seiner großen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu +verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen +zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert, und denen, auf die +er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drüben, in deren +Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius +suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Höhenmenschen. +So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in +welchen nur Männer aufgenommen werden können, die irgendeine +bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen haben. Am +26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der +weltbekannten Industriefürsten angehörte, die Gelegenheit eines festlichen +Frühstücks im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preußen _das +Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel darzubieten_. Ungefähr 150 +Einladungen ließen sie ergehen an jene _Captains of Industrie_, wie Thomas +Carlyle sie genannt hat: "Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht +bloß eingebildeten Aristokratie!" Bei diesem denkwürdigen Frühstück wurde +nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren +die bloßen smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen +Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen +Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche +Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch +Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem +Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft überreicht, in dem die +Eingeladenen dem Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes +Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert war. Die "New +Yorker Staatszeitung" sagte von diesem Frühstück: "Der erlauchte Bruder +des deutschen Kaisers und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen +hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag +der Augsburger Fugger, Fürsten des Handels, Baumeister unserer Größe. Es +waren nicht lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten +ausschließlich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpfliche +Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumünzen verstehen und die +unseren Nationalwohlstand begründen halfen." + +(M111) + +Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fürst der +Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert worden wäre. Wenn unsere gekrönten +Häupter reisen, so bekommen sie überall dieselben Exzellenzen, Geheimräte, +Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter +wackere und verdienstvolle Staatsbürger; aber die wahrhaft führenden +Köpfe, die genialen Organisatoren, die Träger der modernen Ideen - jene +Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne - jene Hervorleuchtenden - sie +finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der +Eifer der intimen Hüter des Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt +dafür, daß von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des +Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck über +die Grenzen des beschränkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in +dem Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der +Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler und Dichter, die Verkünder +einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kühnen Umwerter und +gefährlichen Fackelträger - sie mußten fehlen, weil sie drüben noch nicht +vorhanden sind, diese Kulturblüten schwer von dem Honig einer glorreichen +Vergangenheit. + +Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor +seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine +Hülle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schließlich zum Lohne +das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern? Vielleicht wird diese +Schüssel nicht, wie drüben in dem Lande der unerschöpflichen Naturschätze, +von purem Golde sein können - aber das Hirn wird sich sehen lassen dürfen! + + + + + + + EINIGE FÜR DIES WERK BENUTZTE UND EMPFEHLENSWERTE BÜCHER: + + +_ Dr. Otto Ernst Hopp_, "Bundesstaat und Bundeskrieg in den + Vereinigten Staaten". Zwei Bände. Verlag G. Grote. Berlin 1886. +_ Mc. Laughlin_, "History of the American Nation". Verlag Appleton & + Co. New York 1903. +_ Paul Bourget_, "Outre Mer". Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905. +_ Georg von Skal_, "Das amerikanische Volk". Verlag Egon Fleischel & + Co. Berlin 1908. +_ Dr. Hintrager_, "Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten + Staaten?" Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904. +_ Wilhelm von Polenz_, "Das Land der Zukunft". Verlag F. Fontane & + Co. Berlin 1905. +_ Ludwig Max Goldberger_, "Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten." + Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903. +_ A. von Ende_, "New York". Verlag Marquardt & Co. Berlin. + + + + + + NAMEN- UND SACHREGISTER. + + + Aberglaube 203. + Adel 261, 175 ff. + Akademische Vergnügungen 55. +_ American plan_ (style) 240, 244. + Angelsachsen 21. + Antisemitismus 31. + Arbeit 105, 107, 261. + Armee 177 ff. + Armour & Co. 218 ff. + Asch, Schalom 142. + Astor 179. + Astorhotel 239. +_ Athletics_ 37, 45. + Ausgestanden! 17. +_ Avenue, common wealth_ 126. +_ Avenue, fifth_ 123 f. + + Baker G. Eddy, Mrs. Mary 196 bis 200. + Bauern, lateinische 265. + Bayreuth 138. + Berufstreue 106, 254. + Bertsch, Hugo 132. + Bibliotheken 51, 63. + Bier 234. + Bildungsgang des Volkes 63. + Bildungstrieb 63, 255. + Bischöfliche Hochkirche 187. + Blood and Thunder-Show 5. +_ Bohemian Jinks_ 55. +_ Bohemians_ 132. + Bordelle 72 f. + Bosse, die politischen 65, 73, 96. + Bret Hart 133. +_ Brooklyn-Bridge_ 233. + Bronzemesser 110. + Buchgewerbe 126. + Buffalo 118, 211. + + Cafés 112, 119, 237. +_ Camping out_ 209. +_ Campus_ 54, 205. +_ Car_ 172. + Carnegie 80. + Cartesius 120. + Century-Club 281. + Chautauqua 63. + Chauvinismus 28, 266 ff. + College _Cheers_ 43 f. + Chicagos Schlachthöfe 218-229. +_ Christian Science_ 196-203. + Clams 118. +_ Coeducation_ 36, 55, 82, 84. +_ Common sense_ 38, 66, 184, 263. +_ Compartement_ 172. +_ Concerd__, sacred_ 173. + Confessionslose Kirche 205 f. + Cornell 53, 205. + +_ Denomination_ 49, 188 ff. + Demokratischer Stolz 105. + Demokratische Tugenden 181. + Deutsch-Amerikaner 28 f., 36, 264 bis 271. + Deutsche Pflichten 6, 271 f. + Deutsche Städte 265. + Deutsche System, das 61. + Dienstboten 94-109. + Dienstmädchen, Karriere besserer, 101. + Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des 99. + Disziplin 38, 70 f., 170, 180, 278. + Dollarmaschine 273. + Doppelmoral 77. +_ Dormitorys_ 42. + Drew, Daniel 179. + + Ehe 79-93. + Ehescheidung 79, 88 f. + Ehrgeiz 37. + Ehrlich-Hata 74. + Ehrlichkeit 182. + Einwanderers, die Kinder des 29. + Eisenbahn 275 f. + Eisenbahnen, Kundenfang der 241. + Eiswasser 17. + Eitelkeitsmarkt 176, 155. + Emerson Ralph Waldo 62. +_ Episcopal Church_ 187. + Erotik 75 ff. + Erziehungskosten, Rückzahlung der 83. + Eulenberg, Herbert 145. + Europa, Vereinigte Staaten von 272. + Exzellenzen, die wahren 283. + Expreßelevator 273 f. + + Fahrpläne 242. + Familienhäuser 123. + Fensterputzer, der schwarze 95. + Festessen 10 f. + Fische 115. + Fleischverarbeitung 230. +_ Flirtation_ 84 f. + Forschung, wissenschaftliche 46 f. + Fortschritt, kampfloser 275. +_ Fraternitys_ 42 f. + Frauenakademien 56 ff. + Friedrich, Max 129. + Früchte 111, 118. + Fulda, Ludwig 2. + Frauenverehrung 26, 34, 70, 80, 90, 174, 246. + + Gastfreundschaft 9. + Geflügel 114. + Geldheirat 25. + Ghetto 138. + Gold 234. + Gould, Jay 25, 176. + Gouverneur 10. + Germanistic Society of America VII, XIV, 2. + Geschäftspolitiker 65. + Geschlechter, freier Verkehr der 84 f. + Gesetzen, Achtung vor den 67. + Gesetzfabrikation 173. + Gepäckaufgabe 242 f. + Gesundbeter 197-200. + Grünhörner 232 ff. + Graf, Dr. Alfred 60. + + Handwerk 30, 106 f., 254. + Hapag 269. + Hardt, Ernst 147. + Harward 44. + Hauptmann, Gerhart 139, 145. + Hauptmann, Karl 2. + Hausfrauen 91 f., 93, 101. +_ Head lines_ (Kopfzeilen) 161 f. + Heilsarmee 193-196. + Heimatliebe 171, 259. + Hemdärmeligkeit 249. + Heinrich, Prinz von Preußen 18, 226, 282. + Heirat 88. + Heiratslust ein Gesundheitszeugnis 93. + Herald, New York 164. + High School von Youngstown 7. + Hotel 207, 236 ff., 252. + Höflichkeitsbezeugungen 13, 170, 247 f. + Hölle, Mittelpunkt der 227. + Hudson 207, 215 ff. + Humanistische Bildung 48. + Humoristische Lichter 5. + +_ Icecream_ 17, 113 f. + Illustrierte Zeitungen 151 ff. + Indianer 23. + Industriehäuptlinge 149, 282. + Interviewer 8, 19, 158 f. + Inquisition 21. + + Jerusalem, Else 74. + Judentum 30 f., 144. + Juristen 263. + + Kastengeist 172, 177. + Kaiser, der deutsche 269, 283. + Kannibalische Gerichte 119. + Karikaturen 160. + Kasernenleben 180. + Kaufmann, Reginald Wright 73. + Katholizismus 188. + Kauer, das Volk der 120. + Kaugummi 121. + Kelten 21. + Kempinskis System 120. + Keßler, David 139 ff. + Kindervergötterung 33 f., 244. + Kinderzucht 35. + Kirchenwahl 203 f. + Kleidung 124. + Knickebockers 175. + Kochkunst 111-120. + Koketterie 79, 85. + Komisch finden, was sie alles 7. + Kongreß deutscher Mißgeburten 27. + Kontrakte der Dienstboten 99. + Korruption 65 ff. + Krüger, Hermann Anders 2. + Kunstbedürfnis 129. + Kunst, nationale 62, 131. + Küssen, vom 87, 247. + Kurmacherei, unverbindliche 85. + + Landschaftsregisseure 212 ff. + Laughlin, Andrew C. Mc. 36. +_ Legal__ Aid Society_ 192. + Lenau, Nikolaus 1. + Lehrer und Lehrerin 38 ff. + Leitartikel 154. + Leithammel 219. + Lesefutter für Kinder und Unmündige 151. + Lichtreklame 122, 211. + Liebe, die, in der Öffentlichkeit 87. + Liebesheirat 25. + Liebesverhältnis 77, 86 f. + Liebe und Ehe 79-93. + Liliencron, Detlev v. 1. + Lindau, Paul 1. + Lloyd, Norddeutscher 269. + Lobby, die 237. + London, Jack 132, 279 ff. + Longfellow 133. + Lügner 37. + Lynch, Richter 263. + + Manieren 27, 29, 92. + Mann, G. A. 201 ff. + Malerei 126, 130. + Mannszucht 117 ff. + Mark Twain 133. + Massengeschmack 133, 163 f. + Materialismus 193, 250. + Mayflower 175. + Mädchenhandel 73. + Mäzene 51 ff. + Menschen, neue deutsche 278 f. + Menschliche Niedertracht 223. + Mischlinge 23 f. + Mitgift 25, 81. + Modedamen 80, 90 f. + Monatsschriften 164. + Moralbegriff 78, 164. + Morgentoilette des Tätowierten 245. + Multimillionäre 79 f. + Muschenheim, Gebrüder 239. + Musiker, deutsche 128 ff. + + Nacktheit in der Kunst 127, 174. + Neger 95 ff., 99, 173. + Negerkirchen 188 ff. + Neidlosigkeit 183. + Nervosität 11. + Niagarafälle 209 ff. + Niggerlied 128, 188, 191. + Niggerpoesie 188 ff. + + Oper 136 ff. + Operette 146 f. + Optimismus 21, 32, 108, 215, 263. + Osborn, Prof. Dr. Henry F. 149 f. + Orden 53, 176. + + Pagen 237. + Papiergeld 234. + Parsifal 128. + Päpstin, Tod der 198 f. + Philister 260. + Photographie 126. + Pilgerväter 21, 75, 186. + Pinsky, David 139. + Plastik 127. + Poet, der neuweltliche 130. + Polenz, Wilhelm v. 1. + Politik 65 ff., 271, 264 f., 154. + Polizei 67, 72, 74, 171. + Postgraduates 51. + Prachtbauten 122 f. + Presse, deutsche 167. + Presse, gelbe 149, 153, 161, 164, 255. + Privatgelehrte 50. + Proletariat, gelehrtes 50. + Professor, der 53 f. + Professor, der, als Mädchen für alles 103. + Prohibition 171, 174. + Prostitution, die 73. + Prüderie 4, 74, 132, 145, 174. + Publikums, Psychologie des 3. + Puritaner 21 ff. + Pullman-Wagen 172 f., 243 ff. + + Quäker 204. + + Radiopathie 199 f. +_ Ragtime_ 128. + Rasse, amerikanische 20 ff., 256 ff., 268. + Rassestolz 23. + Raubritter 179. + Rauchplage 68. +_ Reception_ 9, 12 ff. + Redegabe 10 f., 39. +_ Refinement_ 47. + Reinhardt, Max 142, 147 f. + Reinheit, erotische, der Männer 75 f., 82. + Reklame 156, 208, 210. + Rekordfieber 251. + Rekrutierung 177. + Reliquienverehrung 50. + Renommage 33. + Rentiers 81. + Reporter 8, 241, 237, 160 f. + Richter 262 f. + Rockefeller jun. 74. + Romantik 87 f. + + Salat 116 f., 117. + Schaukelstühle 125. + Scheidung, die 89. + Schlachtverfahren für Schweine 227. + Schlachtverfahren für Rinder 229. + Schlangenfraß, intellektueller 157. + Schliff, der letzte 47. + Schnitzler 86. + Schönheit, körperliche 26. + Schönheiten, berufsmäßige 59, 104. + Schule 35 ff. + Schülerverbindungen 39. + Schurz, Karl 267. + Sehenswürdigkeiten 9. + Sekten 186 ff. + Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs 69. + Sensationsartikel 164 ff. + Sentimentalität 87. + Sexuelle Heuchelei 75. + Sinclaire, Upton 226. + Skal, Georg v. 38. + Sklaverei 109. + Snobismus 251 ff. +_ Social evel, the_ 72 ff. + Soldatenwerbung 179. + Söldnerheer 181. + Sommerfrischen 209. +_ Sororitys_ 58. + Sozialdemokratie 180, 185. + Sparsamkeit 235. + Speisehäuser, billige 119. + Spekulationsheiraten 81. + Spießertum 183, 185. + Spione, japanische 181. + Spitzbüberei als Sport 281. + Sport 44 ff., 54, 281. + Sportberichte 153 f. + Sportliche Wettkämpfe 45. + Staatszeitung, New Yorker 167, 282. + Stanley, Henry M. 162. + Steuben, Baron 36. + Stiefelputzen 100. + Straßendemonstrationen 97. + Straßenpflaster 124. + Straßenverkehr 71. + Strauß, Richard 97, 98, 148, 160. + Studenten, arme 43. + Studentenverbindungen 43. + Studentin, Typus der 59. +_ Subway_ 232. + Süßigkeit 111 f., 117. +_ Sweet Potatoes_ 115. + + Tafelfreuden im Pensionat 115. +_ Tammany Hall_ 186. + Tante, die alte 173. + Tauschhandel, Töchter im 25. + Technische Hochschulen 49. + Technik und Wissenschaft 49. + Telephon 237, 249, 273. + Theater, amerikanisches 135-138. + Theater, deutsches 143-148. + Theater, jiddisches 138 ff. + Theatre, New 136. + Todessprung, der 221. + Toleranz 22. + Touristen 211. + Transcript, Boston 162. + Trennung von Staat und Kirche 185, 263. + Trinkgeld 235 f., 238. + Trustmagnaten 68. + + Übermensch, der, von Wallstreet 279 ff. + Undergraduates 42. + Unglücksfälle, Verbrechen 153 f. + Uniform 180. + Unitarier 189. +_ University Extension_ 63, 255 f. + Urban, Henry F. XII. +_ Usher_ 13, 16. + + Verbrecher, Behandlung der 262. + Vereinsleben 6 f., 255, 266, 269. + Verfassung der V. St. 36. + Virginians, true 175. + Volkslied 3, 130. + Völker, junge, u. Kinder 33. + Vorstellen, nicht! 13. + Vorurteile, demokratische 62. + + Wahlmanöver 73. + Walt Whitman 133. + Walter, Dramatiker 86, 132. + Wedekind, Frank 145. + Wehrpflicht 180. + Wellesley-College 56-59. + Weltanschauung 46. + Wettkämpfe 44 f. + White, Dr. Andrew D. 108, 203, 205 f. + Wildpret 115 f. + Williams, Roger 22. + Wissenschaftliche Speisekarte für Damen 57. + Wohltätigkeit 194. + Wohnhäuser, Stil der 208. + Wohnungseinrichtung 124 ff. + Wolkenkratzer 123, 273 f. + + Yale 44. + Yankee 20. + + Zahnarzt 113. + Zukunft, schwierige Frage an die 109. + Zwangsheirat 78. + + + + + + Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem + + Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten? + + Nordamerikanische Reiseskizzen + + von + + Dr. Hintrager + Geheimer Regierungsrat + + Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50 + + _II. Auflage_ + +New Yorker Staatszeitung: +(Aus einem mehrere Spalten füllenden Feuilleton.) + +Dr. Hintrager hat in seinem Buche: "Wie lebt und arbeitet man in den +Vereinigten Staaten?" ein gutes Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den +Vereinigten Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten Besuchen +des Landes nicht darauf beschränkt, die Außenseite der Dinge anzusehen. Er +hat nicht nur auf einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige +Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gründlich studiert, ist im Bureau +eines Rechtsanwaltes tätig gewesen, hat die meisten der größeren +Strafanstalten besucht und geprüft und juristische Vorlesungen gehalten. +Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben des Volkes getan und weiß +hübsch und interessant davon zu erzählen. + +Sehr gut und lesenswert - auch für Deutsch-Amerikaner, die über diesen +Punkt wenig unterrichtet sind - ist das Kapitel über die Amerikanerin. Man +fängt doch an, einzusehen, daß die amerikanische Frau nicht bloß das +Sofakissen ist, für das man sie so lange gehalten hat. + + Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem + + Das Land + der + unbegrenzten Möglichkeiten + + Beobachtungen über das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten von + Amerika + + von + + Ludwig Max Goldberger + Geheimer Kommerzienrat + + Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50 + + _VIII. Auflage_ + +Literarisches Zentralblatt, Leipzig: + +Unter der in der letzten Zeit beträchtlich angeschwollenen Literatur über +die Vereinigten Staaten darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz +beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschöpfende Gründlichkeit, genaue +Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit und Gefälligkeit der +Darstellung zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muß selbst auf den +Spuren des Verfassers in den Vereinigten Staaten gewandelt sein, um die +stets zutreffende und mit wenigen Worten überaus anschaulich gezeichnete +Schilderung ganz würdigen zu können, welche in diesem Werk vom Boden und +den Menschen, von der Arbeit und den Werkstätten, dem Nationalreichtum, +den Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem Trustwesen und +verschiedenem anderen gegeben sind. Durch das ganze Werk zieht sich die +nicht hoch genug zu veranschlagende Tendenz, die beiden großen Nationen +menschlich und wirtschaftlich näher zu bringen ... + + Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem + + Das Land der Zukunft + + oder: + + Was können Amerika und Deutschland voneinander lernen? + + Von + + Wilhelm von Polenz + + Preis: broschiert M. 6,-; geb. M. 7,50 + + _VI. Auflage_ + +St. Petersburger Zeitung: + +Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder Verhältnisse die +glänzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe, die wir in seinen +Dichtungen, besonders in seinem klassischen Roman "Der Büttnerbauer" +bewundern. Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen Welt +umgesehen und schildert scharf und klar, ohne sich auf der einen Seite +durch wirkliche und scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was +dem Europäer fremd, sonderbar und vielfach auch abstoßend erscheint, +beirren zu lassen. + +Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen: + +Nicht landläufige Reiseeindrücke sind es, die uns Polenz wiedergibt, er +entrollt vielmehr vor uns ein treffliches, wahrheitsgetreues, +interessantes Gemälde von kulturhistorischer Bedeutung, von den +Verhältnissen, Sitten und Gebräuchen der heutigen Welt. + + + + + + ANMERKUNGEN + + + M1 Psychologie des Publikums. + M2 Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden. + M3 Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht. + M4 Nicht vorstellen! Great reception. + M5 Ausgestanden! + M6 Die reizende Reporterin. + M7 Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel. + + 1 Das Wort Yankee kommt von einer mißhörten indianischen Aussprache + des Wortes "english" her und wurde in den Befreiungskriegen den + Amerikanern von den Engländern als Spottname angehängt. + + M8 Kongreß deutscher Mißgeburten. + M9 Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus? + M10 Junge Völker und Kinder. + M11 Kinderzucht. + M12 Lügner und Duckmäuser. + M13 Schülerverbindungen. + M14 Studentenverbindungen. + M15 Sportliche Wettkämpfe. + M16 Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft. + M17 Postgraduates. + M18 Der Professor im öffentlichen Leben. + + 2 Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer zu + umgrenzen. Professor Münsterberg von Havard definiert ihn dahin, daß + sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universität + dagegen mit dessen kritischer Würdigung und mit exakter Forschung + beschäftigen soll, doch fließen die Grenzen schon deshalb oft + ineinander, weil eben an den meisten Universitäten auch noch nicht + viel von selbständiger Forschung und wissenschaftlicher Systematik + zu finden ist. + + M19 Akademische Vergnügungen. + M20 Wissenschaftliche Speisekarte für Damen. + M21 Typus der Studentin. + M22 Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes. + M23 Geschäftspolitiker. + Achtung vor den Gesetzen? + M24 Energische Selbsthilfe eines Damenklubs. + M25 Disziplin im Straßenverkehr. + M26 Die Prostitution. + M27 Öffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit. + Beurteilung des freien Liebesverhältnisses. + M28 Spekulationsheiraten. + Rückzahlung der Erziehungskosten. + Unverbindliche Kurmacherei. + Die Liebe in der Öffentlichkeit. + M29 Die Scheidung. + Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft. + M30 Heiratslust ein Gesundheitszeugnis. + M31 Der schwarze Fensterputzer. + Straßendemonstrationen. + M32 Pflichten und Rechte des Dienstpersonals. + M33 Karriere besserer Dienstmädchen. + M34 Der Professor als Mädchen für Alles. + M35 Demokratischer Stolz. + Unstetigkeit des Handwerks. + M36 Schwierige Frage an die Zukunft. + M37 Süß muß es sein! + M38 Icecream und Zahnarzt. + M39 Tafelfreuden im Pensionat. + M40 Amerikanischer Salat. + M41 Billige Speisehäuser. + M42 Das Volk der Kauer. + M43 Planloses Durcheinander. + M44 Abenteuer mit Schaukelstühlen. + M45 Die Nacktheit in der Plastik. + M46 Deutsche Musikpioniere. + M47 Der neuweltliche Poet. + M48 Diktatur des Massengeschmacks. + M49 Die große Oper. + M50 David Keßlers jiddisches Theater. + M51 Eine improvisierte Standrede. + M52 Niedergang des deutschen Theaters. + Repertoirschwierigkeiten der deutschen Bühne. + Reinhardt der Retter. + M53 Lesefutter für Kinder und Unmündige. + M54 Illustrationsunfug. + M55 Eitelkeitsmarkt. + M56 Intellektueller Schlangenfraß. + M57 Kopfzeilen. + M58 Ein smarter Reporter. + M59 Ideale Möglichkeiten für die Zeitung. + M60 Sensationsartikel ernster Zeitschriften. + M61 Die deutsche Presse. + M62 Die demokratische Freiheit. + M63 Die alte Tante. + + 3 "_A drink with a wink_" heißt das. In den Staaten, wo die + Prohibition streng durchgeführt ist, fordert man unter möglichst + unmerklichem Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in + einem undurchsichtigen Gefäß sein Bier, wobei die weiße Schaumhaube + die Milch vortäuschen muß. + + M64 Raubritter hüben und drüben. + + 4 "The Book of Daniel Drew" by Bouck White. + + M65 Soldatenwerbung. + M66 Vom Söldnerheere. + M67 Demokratische Tugenden. + Neidlosigkeit. + M68 Trennung von Staat und Kirche. + M69 Die Bischöflichen und die Unitarier. + M70 Die Negerkirchen. + M71 Die Heilsarmee. + M72 Bankrott des Materialismus. + M73 Die Kirche der Gesundbeter. + M74 Der Tod der Päpstin. + M75 Christian Science in Europa. + M76 Aberglaube, Kirchenwahl. + M77 Eine konfessionelle Christenkirche. + M78 Sommerfrischen. + M79 Kostspielige Ausrüstung des Touristen. + M80 Die Niagarafälle. + M81 Der Hudsonstil. + M82 Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler. + M83 Der Leithammel. + M84 Der Todessprung + M85 Menschliche Niedertracht. + M86 Der Mittelpunkt der Hölle. + M87 Schlachtverfahren beim Rindvieh. + M88 Der Zweck heiligt die Mittel. + M89 Tragikomödien des Grünhorns. + M90 Unangebrachte Sparsamkeit. + M91 In der Lobby. + M92 Das Astorhotel. + M93 Kundenfang der Eisenbahnen. + M94 Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Tätowierten. + M95 Vom Küssen und von der Höflichkeit. + M96 Hemdärmeligkeit. + M97 Das Rekordfieber. + M98 Ansteckungsgefahr des Snobismus. + M99 Volkstümliche Bildungsbestrebungen. + M100 Zähigkeit der Rassen. + M101 Heimat. + M102 Arbeit und persönliche Würde. + M103 Juristen und Menschenkenner. + M104 Die deutschen Kolonisatoren. + Unsere mangelhafte politische Befähigung. + M105 Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen. + M106 Heiligste Pflicht des Deutschtums. + M107 Kampfloser Fortschritt. + M108 Unbegrenzte Möglichkeiten. + M109 Der Übermensch von Wallstreet. + + 5 Aus dem Roman "Burning Daylight", S. 159 ff. + + M110 Spitzbüberei als guter Sport. + M111 Die wahren Exzellenzen. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die lebenden Kolumnentitel sind als Randnotizen wiedergegeben. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 6: "Clownspässen" geändert in "Clownspäßen" + Seite 16: "sterotypen" geändert in "stereotypen" + Seite 39: "rethorische" geändert in "rhetorische" + Seite 107: "grossen" geändert in "großen" + Seite 109: "Unständen" geändert in "Umständen" + Seite 118: "Neuurastheniker" geändert in "Neurastheniker" + Seite 172: "Pullmann" geändert in "Pullman" + Seite 192: Anführungszeichen entfernt hinter "können?" + Seite 201: Anführungszeichen entfernt hinter "Gewalt!" + Seite 204: "auschließlich" geändert in "ausschließlich" + Seite 222: "Jhr" geändert in "Ihr" + Seite 256: Anführungszeichen ergänzt vor "Qualität" + Seite 269: "uneingegeschränkte" geändert in "uneingeschränkte" + Seite 286: "Karrikaturen" geändert in "Karikaturen" + +Ungewöhnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa "Oklahama", +"Sherlok-Holmes") und englischen Begriffen wurden nicht korrigiert. Im +Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Einträge an +die alphabetisch korrekte Stelle versetzt. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA*** + + + + CREDITS + + +August 1, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online + Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This + file was produced from images generously made available by The + Internet Archive/American Libraries.) + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 40391-8.txt or 40391-8.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/4/0/3/9/40391/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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