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+The Project Gutenberg EBook of Der Dichter in Dollarica by Ernst von
+Wolzogen
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Der Dichter in Dollarica
+
+Author: Ernst von Wolzogen
+
+Release Date: August 1, 2012 [Ebook #40391]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***
+
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+
+ Der Dichter in Dollarica
+
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+
+
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin-Grunewald
+
+ _Es erschien von_
+
+ *Ernst von Wolzogen*
+
+ _Romane_
+
+ Ecce ego - Erst komme ich
+ Die Großherzogin a. D. | Die Entgleisten
+ Der Erzketzer. 2 Bde.
+
+ _Novellen_
+
+ Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte
+ Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten
+ Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen Bohême
+ Da werden Weiber zu Hyänen | Heiteres und Weiteres
+ Erlebtes Erlauschtes Erlogenes
+ Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien
+ Geschichten von lieben süßen Mädeln
+
+ _Verse_
+
+Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravüre Wolzogens)
+
+ _Theater_
+
+ Der unverstandene Mann (Komödie)
+ Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komödie)
+ Lumpengesindel (Tragikomödie)
+ Die Maibraut
+ (Ein Weihespiel in drei Handlungen)
+
+ _Essays_ usw.
+
+Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung
+ (Neu herausgegeben von _E. von Wolzogen_)
+ Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch)
+ Linksum kehrt schwenkt - Trab!
+
+ _Eheliches Andichtbüchlein_
+
+ Herausgegeben von _Ernst Ludwig_ und _Elsa Laura von Wolzogen_
+ Buchschmuck von _J. Martini_
+
+
+
+
+
+ *Der*
+ *Dichter in Dollarica*
+
+ Blumen-, Frucht- und Dornenstücke
+ aus dem Märchenlande der unbedingten Gegenwart
+
+ von
+
+ Ernst von Wolzogen
+
+
+Zweite Auflage
+
+
+Berlin 1912, F. Fontane & Co.
+
+
+
+
+
+ Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschützt
+
+Die erste und zweite Auflage dieses Buches ist in 2220 Exemplaren gedruckt
+ und wurde im Jahre 1912 herausgegeben.
+
+
+
+
+ Altenburg
+ Pierersche Hofbuchdruckerei
+ Stephan Geibel & Co.
+
+
+
+
+
+ The Germanistic Society of America
+
+
+ to whom I am deeply indebted for the opportunity of seeing
+ America, may kindly accept this document of how I saw America as a
+ token of my sincere gratitude, and may humour it as genially as it
+ was conceived.
+
+
+
+
+
+ ZUR VERSTÄNDIGUNG.
+
+
+Ich gehöre zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen und nichtige
+Klugschwätzen eilfertiger Reisender über fremde Länder, Völker,
+Einrichtungen und Sitten durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun
+gleichwohl verleiten ließ, nach einem Aufenthalt von nur drei Monaten,
+dennoch meine Reiseeindrücke aus den Vereinigten Staaten zu Papier zu
+bringen und sogar in Buchform herauszugeben, so muß ich wohl meinem
+Unterfangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte Leute
+ihm nicht von vornherein den Zutritt in den Bereich ihrer Aufmerksamkeit
+verweigern.
+
+Ich wurde als Gast der _Germanistic Society of America_ zu einer Reihe von
+Vorlesungen und Vorträgen an neunzehn Universitäten und Colleges, sowie in
+zahlreichen deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang
+November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den östlichen, nördlichen und
+mittelwestlichen Staaten auf. Die oft gerühmte großartige und herzliche
+Gastfreundschaft nicht nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der
+für deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung interessierten
+akademischen Kreise des Landes, sorgte in überaus umsichtiger Weise dafür,
+daß wir - denn meine reizendere Hälfte begleitete mich samt ihrer
+tatbereiten Laute - in all den zahlreichen großen und kleinen Städten, die
+wir berührten, möglichst viel und möglichst Eigenartiges und Bedeutsames
+von dem wunderreichen Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im
+allgemeinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmäßigen
+Vorführungen, die liebenswürdige Komitees hastig vorbei sausenden
+Ehrengästen zuliebe von den Sitten und Gebräuchen der Einwohner
+veranstalten, nicht gerade für die sichersten Quellen ernsthafter
+Belehrung zu halten und sich vergnüglich ins Fäustchen zu lachen, wenn der
+also Gefeierte hinterher dankbaren und kindlichen Gemüts all dies
+freundliche Geflunker für bare Münze nimmt und daraufhin mit wichtiger
+Kennermiene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverständlich
+wurde ich wie jeder andere prominente Reisende schon bei der Einfahrt in
+den Hafen von New York von den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie
+mir Amerika gefiele; selbstverständlich begleitete mich diese
+unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverständlich
+machten die Herren Reporter, je nach ihrem Witz und ihrer stilistischen
+Begabung, aus meinen verlegenen, dürftigen Antworten in ihren Interviews,
+was ihnen gut dünkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach
+meiner Ankunft gefragt, ob ich gedächte, ein Buch über Amerika zu
+schreiben, und habe diese Zumutung damals mit ehrlichem Erschrecken weit
+von mir gewiesen. So lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der täglich
+und stündlich in buntester Abwechslung am Auge vorüberhastenden, einander
+überstürzenden Erlebnisse und Begegnungen stand, erschien es mir auch
+wirklich ein unmögliches Unterfangen, diese Eindrücke auch nur
+beschreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel weniger darüber
+ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. Daß ich nicht völlig die Tinte
+würde halten können, daß vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch
+das Fenster des Expreßzuges ein paar Feuilletons herausspringen würden,
+lag ja freilich bei meiner berufsmäßigen Zugehörigkeit zur Schreiberzunft
+nahe; aber den Mut und die Lust zu einer erschöpfenden Bearbeitung meiner
+Reisebeute gewann ich doch erst allmählich in der stillen Beschaulichkeit
+meines fruchtbaren Darmstädter Poetenwinkels. Ich schrieb erst einmal
+kunterbunt alles zusammen, was mein Gedächtnis und meine Notizen mir von
+Gehörtem und Geschautem bewahrten, und was mir schon drüben weiteren
+Nachdenkens wert erschienen war. Und dann schleppte ich mir einen Stoß
+guter Bücher über die Vereinigten Staaten zusammen, verglich die darin
+niedergelegten Anschauungen eingeborener und ausländischer Kenner des
+Landes und bewährter Beobachter mit den Eindrücken, die ich selbst
+empfangen, und erst nach Beendigung dieser klärenden Vorarbeit begann ich
+mich für berechtigt zu halten, dem großen Publikum, das bei einer
+gerechten Beurteilung der neuen Welt interessiert ist, meine Meinung
+aufzutischen.
+
+Es versteht sich wohl von selbst, daß ich mir trotz dieser gewissenhaften
+Vorbereitung durchaus nicht einbilde, mein Urteil könnte neben dem
+eingeborener gründlicher Kenner des Landes oder ernsthafter
+wissenschaftlicher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; darum habe
+ich schon im Titel meines Buches den Nachdruck auf den _Dichter_ gelegt.
+Ein Dichter ist, wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden
+darf, "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Sein Schauen ist freilich
+ein anderes als das des gelehrten Forschers: während dieser geradlinig
+rückwärts oder voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift
+des Dichters Auge über den ganzen Horizont rund um und erfaßt dennoch im
+Vorübergleiten eine ganze Menge bedeutsamer Einzelheiten der nächsten
+Umgebung. Sein Geist liebt es, Brücken zu schlagen vom Kleinsten zum
+Größten. Mögen diese Brücken oft auch luftig genug, mehr aus bunten
+Regenbogenfarben als aus soliden Balken zusammengezimmert sein, wertlos
+ist darum die dichterische Betrachtungsweise gewiß nicht; denn oft ahnt er
+mit dem sicheren Instinkt des schöpferischen Geistes große, bedeutsame
+Zusammenhänge, die dem scharfen Auge des Forschers verborgen bleiben, weil
+dem sein Gewissen nicht erlaubt, bei seinen Feststellungen unbekannte
+Größen in Rechnung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition und
+den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme ich für mich in
+Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit für dichterische Freiheit zu
+beanspruchen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich durch glänzende
+Äußerlichkeiten leicht blenden lassen, auch nicht zu den mißtrauischen
+Duckmäusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich angelegen sein
+lassen, drüben in dem merkwürdigen Lande der unbedingten Gegenwart, wo es
+irgend anging, die Meinung gescheiter, mir zuverlässig erscheinender
+Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen zu vervollständigen, zu
+klären und zu berichtigen. Dabei ist es mir nun allerdings überaus häufig
+begegnet, daß der Sachverständige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande
+war, den Sachverständigen A., der 27 Jahre im Lande war, für einen
+ausgemachten Esel erklärte, und daß der Sachverständige C., der 50 Jahre
+im Lande war, zur Entscheidung aufgerufen, beiden als elenden Grünhörnern
+jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun eine alte Erfahrung,
+die jeder mit einem klaren Blick begabte gebildete Reisende schon
+bestätigt gefunden haben wird, daß sich der Eingeborene eines Landes oft
+gerade der auffallendsten Eigentümlichkeiten desselben nicht bewußt ist,
+weil ihm eben der Maßstab zur Vergleichung fehlt und weil ihm naturgemäß
+das Gewohnte als das Selbstverständliche erscheint. Ebenso verliert auch
+der Einwanderer, je länger er in dem neuen Lande weilt, desto mehr den
+Blick für seine Besonderheit. Ihm dünkt vieles Neue bedeutsam, weil er es
+unter seinen Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiß, daß man drüben
+in der alten Heimat vielleicht schon längst über den betreffenden Zustand
+hinaus gekommen ist, während ihm Dinge, die dem Fremden als höchst
+eigenartig auffallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil sie
+für ihn Alltäglichkeiten geworden sind. Aus diesem Grunde können selbst
+des flüchtigen Besuchers erste Eindrücke von ganz erheblicher Bedeutung
+werden. Es ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle
+Dokumente als wissenschaftlich beweiskräftig anzunehmen, denn mit Hilfe
+der Statistik kann man bekanntlich ebenso wie mit Hilfe der Etymologie
+alles Beliebige beweisen, und daß behördliche Urkunden auch nicht immer
+direkt aus göttlicher Inspiration hervorgehen, dürfte wohl zugegeben
+werden. Es bleibt also unter allen Umständen für das dichterische Schauen
+ein weites Feld ersprießlicher Tätigkeit übrig. Und der _Forscher_, der
+den _Seher_ verachtet, gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im
+Kalender die Laterne zu Hause läßt, auch wenn dicke Wolken das freundliche
+Gestirn dauernd verfinstern.
+
+Ein wie schwieriges, unter Umständen sogar lebensgefährliches Unterfangen
+es sei, auch mit dem ernstlichsten Bemühen um Gerechtigkeit über
+Jung-Amerika zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung
+erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drüben taten. Ich habe, was wohl
+niemand einem Poeten verargen wird, ernsthafte Dinge ernst und minder
+bedeutsame Äußerlichkeiten lustig behandelt und mich auch
+selbstverständlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise
+der heiteren Wirkung zuliebe keck zu übertreiben und nötigenfalls sogar
+ein Weniges dazu zu lügen, in der sicheren Erwartung, daß der
+amerikanische Humor, der ja bekanntlich in der grotesken Übertreibung sich
+am besten gefällt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen finden
+würde. Darin scheine ich mich jedoch gründlich getäuscht zu haben, und
+Henry F. Urban, der humoristische Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft
+genaue Kenner seiner Bewohner, dürfte doch wohl recht haben mit seiner
+Behauptung, daß der richtige Dollaricaner keinen Sinn für Satire habe,
+wenigstens nicht sofern sie sich auf ihn selbst und sein Land bezieht. So
+erklärt sich auch die für uns merkwürdige Erscheinung, daß dieses so
+humorbegabte und zu derben Späßen aufgelegte Volk noch keine politischen
+Witzblätter besitzt. Der Dollaricaner sieht eben fortwährend vor seinen
+Augen die Wüstenei sich in üppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstädte aus
+elenden Ansiedlungen sich quasi über Nacht entwickeln, eine luxuriöse
+Tipptopp-Kultur urplötzlich, wie den glänzenden Schmetterling aus der
+unscheinbaren Puppe, aus dem Chaos herausschlüpfen - da ist es freilich
+begreiflich, daß sein Herz von unbändigem Stolze auf sein Wunderland und
+auf die Tatkraft seiner Bewohner geschwellt ist. Dieser schöne Stolz geht
+nun aber so weit, daß er jeden für einen verleumderischen Schurken
+erklärt, der nicht alles und jedes für vollkommen und unvergleichlich
+hält, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, und daß er nicht nur dem
+ausländischen Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede
+kritische Anwandlung fürchterlich übel nimmt. Die englischen Zeitungen
+haben sich vornehmlich an meine Späße und Übertreibungen gehalten und mich
+wie gänzlich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten festgenagelt
+und darum ihrem Publikum als unwissenden, leichtfertigen Verleumder
+hingestellt; meine ehemaligen deutschen Landsleute aber haben sogar
+Entrüstungsmeetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der
+auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, daß sie im allgemeinen an
+körperlichen Vorzügen hinter den Yankees zurückstehen, und daß sie nicht
+verstanden haben, sich rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen
+Einfluß zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmäßiges Übergewicht,
+sondern auch als hervorragendste Kulturträger rechtens zu beanspruchen
+gehabt hätten. Für diese Missetat haben mich zahlreiche
+deutsch-amerikanische Blätter, vornehmlich minder beträchtliche
+Provinzorgane, mit den liebenswürdigsten Schmeichelnamen bedacht, unter
+denen wohl 'krummer Hund' noch der mildeste war, und zahlreiche
+Privatpersonen haben mich brieflich ihrer vorzüglichsten Tiefachtung
+versichert und mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die
+Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. Nun, ich darf
+mir wohl erlauben, diese seltsamen Blüten patriotischer Entrüstung nicht
+allzu tragisch zu nehmen, da außer solchen robusten Kundgebungen mir doch
+auch zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, welche im
+Gegensatz zu jener Knüppelpolemik durchweg aus den oberen geistigen
+Regionen herstammten. Ich habe übrigens die in jenem Aufsatz über die
+Yankeerasse, der so viel böses Blut gemacht hat, niedergelegten Ansichten
+in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches begründet und erweitert.
+Es versteht sich von selbst, daß ich jedem dankbar sein werde, der mir
+beweist, daß ich da und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir
+zur Pflicht machen, Irrtümer zu berichtigen, soweit etwaige Neuauflagen
+die Gelegenheit dazu geben sollten.
+
+Zusammenfassend betone ich also noch einmal, daß dies Buch weder
+wissenschaftlichen Wert beansprucht, noch etwa ein Führer für Reisende
+sein soll, dagegen auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben
+beabsichtigt. Es ist für uns Europäer von größter Wichtigkeit, uns klare
+Vorstellungen von diesem Lande ohne Vergangenheit zu verschaffen, das für
+uns einen Spiegel unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten
+Staaten zu reisen bedeutet für den wißbegierigen Europäer soviel, wie es
+für die Unschuld vom Lande bedeutet, zur Kartenschlägerin zu gehen, nur
+mit dem Unterschiede, daß das, was wir drüben über unsere Zukunft
+erfahren, kein plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. Je
+mehr wir mit unserer Vergangenheit aufräumen, je rückhaltloser wir uns von
+dem reißenden Strome der modernen Entwicklung mit forttragen lassen, desto
+sicherer werden sich unsere Zustände und unser Charakter amerikanisieren;
+und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der Gegenwart so genau
+wie möglich betrachten, und darum hat jeder, dem eine gute Beobachtung und
+ein gesundes Urteil zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, über
+Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt.
+
+Ich kann dies Vorwort nicht beschließen, ohne meinen verehrten Gönnern und
+neugewonnenen lieben Freunden da drüben, vornehmlich der Germanistic
+Society, den örtlichen Veranstaltern meiner Vorträge, den leitenden
+Persönlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden so umsichtigen
+und eifrigen Managern meiner Rundreise, den Herren Professor Rudolf Tombo
+jun. und Paul C. Holter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen für die
+herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem Schaffen zuteil
+werden ließen, wie für die große Mühe, die sie so erfolgreich aufwendeten,
+um mir in der kurzen Zeit diese reiche Fülle von Eindrücken zu
+verschaffen.
+
+_Darmstadt_, im Oktober 1911.
+ *Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.*
+
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNIS.
+
+
+ Zur Verständigung VII
+ 1. Als Mauernweiler in Dollarica 1
+ 2. Die Yankeerasse 20
+ 3. Der Yankee als Erzieher 32
+ 4. Das Universitätsleben in der Union 41
+ 5. Öffentliche und private Moral 64
+ 6. Liebe und Ehe 79
+ 7. Die Dienstbotenfrage 94
+ 8. Die Kochkunst der Yankees 110
+ 9. Künstlerische Kultur 122
+10. Vom Theater im Yankeelande 135
+11. Die amerikanische Presse 149
+12. Von der demokratischen Gesellschaft 169
+13. Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht 186
+14. Die Landschaft 207
+15. Dollaricas infamster Schurke 220
+16. Baedekereien für Amerikafahrer 232
+17. Was können wir von Amerika lernen? 250
+18. Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel 273
+ Bücherverzeichnis 284
+ Namen- und Sachregister 285
+
+
+
+
+
+
+ ALS MAUERNWEILER IN DOLLARICA.
+
+
+Ein rechtschaffener "teutscher Tichter" schlägt drei Kreuze vor dem
+Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau,
+der seinerzeit aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen
+Rothäute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff benutzt,
+und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen lassen von dem Lande, in
+welchem die Vögel keine Lieder und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine
+Behauptung, die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron
+mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie
+gar keine Miene machte, ihm von ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben.
+Ich vermute, daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine Prüfung
+auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und
+sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober
+Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunächst einmal
+auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines
+galanten Räubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate
+im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und
+bescherte uns, als Frucht seines fleißigen Studiums, sein schönes und
+gerechtes Buch "Das Land der Zukunft". Dafür war aber auch Polenz kein
+solch närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn ihm ein
+fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen
+schlagen und Affen auf Lindenbäumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau,
+der welt-, witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat
+eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen
+mit "gewandter Feder" feuilletonistisch aufgespießt; gelegentlich der
+großen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der
+und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, um mit mehr oder
+minder leichtsinniger Wichtigkeit den Maßstab seiner kleinen Person an die
+Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle,
+durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige
+hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der
+germanistischen Fakultäten und Unterstützung etlicher für deutsche Kunst
+und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mäzene die _Germanistic
+Society of America_ gegründet haben, ist es möglich geworden, richtigen
+deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und
+etwaige lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im fernen
+Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, zu zeigen und
+andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend
+vorzuführen. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krüger,
+Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren
+deutschen Landsleuten drüben, sowie den für deutsche Geistesart
+interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der
+Gegenwart zu bringen.
+
+(M1)
+
+Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitäten und
+Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe
+dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre
+deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher
+Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder mich über das Theater der
+deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau
+die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und daß
+ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in
+die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ,
+da leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die gewohnten
+Redensarten eines höflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie
+haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach
+getaner Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da
+behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun
+nicht etwa heißen, daß ich mich über eine laue Aufnahme oder über
+Unverständnis zu beklagen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns
+schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren
+Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, daß ich diesen
+lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem
+Umstande zu verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines Wesens
+vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst
+gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die
+Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der
+Grund, weshalb mir's drüben so gut gegangen ist. Ich wußte schon vorher
+genug über den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefähr
+beurteilen zu können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben
+möglich wären und welche nicht. Und da mußte von vornherein vieles von dem
+als unmöglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten
+Erfolge geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt erst
+feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der Erotik sind bei den
+Angloamerikanern ebenso von der öffentlichen Besprechung und
+künstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die
+Deutsch-Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind immerhin von
+diesem Puritanertum soweit angesteckt, daß die Grenzen des künstlerisch
+Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen
+Familienblatt älteren Stils. Du lieber Himmel - und ich bin der Verfasser
+des "Dritten Geschlechts", der "Geschichten von lieben süßen Mädeln" und
+gar "des Erzketzers" und habe niemals einen Beitrag zur "Gartenlaube" oder
+zum "Daheim" geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos an
+jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose
+Leute unter meinem Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören
+lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nützlich
+machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und
+besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewürfelten
+Deutsch-Amerikanern.
+
+(M2)
+
+Mit den Versen gab's wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf
+die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur
+zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste
+verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe
+Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten
+dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem
+gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner
+Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein
+bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein
+suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll
+gespannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen,
+mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten
+Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so
+vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem
+kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern
+auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem
+Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der
+Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er
+sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg
+haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten
+Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche
+Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität
+eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben
+hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und
+Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung
+gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten
+erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die
+frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen
+nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, muß die erbauliche
+Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und
+sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten
+Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derben
+Clownspäßen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu
+bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie
+ihm der "Tristan" gefallen habe, achselzuckend erwiderte: "Nu, mer lacht",
+könnte hier leicht manches Gegenstück finden. Das ist nun etwa nicht als
+besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der
+Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben
+Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die
+geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu
+genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein
+Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der
+handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute
+und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen
+ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß
+es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch
+interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute
+können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum
+weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die
+deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus
+machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu
+erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger
+Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit
+akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte,
+Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen
+nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe
+hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine
+höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine
+sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und
+literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach
+Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen
+Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche
+wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten
+Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu
+finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften,
+kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man
+kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein
+gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine
+kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn
+man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen
+im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr
+Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen
+freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt
+überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten
+deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige
+Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den
+Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal
+der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High
+School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor
+Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter
+Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit
+einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über "_The black and tan
+Doggie, that burst into a thousand pieces_" (das schwarzbraune Hündlein,
+das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und
+meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren
+gedachte, war blaß vor Schrecken, - hat sie aber dann doch zu packen
+gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des
+deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist.
+
+(M3)
+
+Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer
+hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche
+Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als
+Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die
+Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den
+Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als
+illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das
+einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des
+Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den
+Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und
+Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die
+einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa
+Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen,
+bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere
+Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee
+wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu
+bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis
+hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt
+genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht
+einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler
+noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten
+Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden
+diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der
+Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt.
+Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie
+bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind
+selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch
+sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu
+sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden
+ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und
+gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines
+Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die
+amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen
+ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen
+Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine
+Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife
+Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht
+selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h.
+nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn
+der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und
+Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig
+kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form
+der "reception". Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein
+Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem
+Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich
+interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee
+geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so
+darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es
+ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur
+Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der
+Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch
+immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch
+mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß
+so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den
+meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar
+größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte
+Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen
+Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie
+beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs
+Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann
+Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne
+mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend
+gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem
+nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den
+Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche
+Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte,
+stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und
+ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten
+eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich
+auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur
+wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem
+Dessert zu öffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach
+parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt
+erst der echt amerikanische Hauptspaß, indem der _Toastmaster_ noch unter
+den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten
+Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer
+auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit
+jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder
+gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man
+unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht
+selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert
+ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt
+wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge - über
+ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese
+beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an,
+daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche
+Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte,
+sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder
+geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht
+zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig,
+wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung
+bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und
+klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und
+probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich
+ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen
+stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf
+und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig
+nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören.
+In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten,
+ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß
+ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das
+elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im
+Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und
+Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung
+zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran,
+aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese
+stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der
+Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es
+gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter
+Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen
+oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den
+widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und
+seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen
+Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden
+Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.
+
+(M4)
+
+Die große _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte
+Mauernweiler, diese echt amerikanische "Hetz", pflegt nach dem Vortrag des
+zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der
+Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im
+Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann
+sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines
+scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber
+vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen
+Höflichkeit sich bemüßigt fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table
+d'hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit
+kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: "Sie gestatten, mein
+Name ist Müller," so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem
+Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit
+gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: "_Aoh,
+is that so?_" Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten
+bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend,
+und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine
+besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine
+formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft
+nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man
+sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen
+unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigten _receptions_. Jeder,
+der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre
+oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung
+zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser
+hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in
+musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine
+Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere
+Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein
+_Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher =
+Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall
+alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In
+langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die
+Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wünschen, und der Usher
+waltet seines Amtes. "Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John
+Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten
+Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat
+vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle
+stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak
+und Schießpulver eröffnet."
+
+"_How do you do, Mister Uolsogen?_" gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh
+aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie
+mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. "Komme Se mal zu mir, da wer' ich
+Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn
+se Äntiquitis gleicht." (Antiquitäten gern hat).
+
+Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons
+in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert,
+entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter,
+und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei,
+Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser
+berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht
+hätten.
+
+"_Move on, please!_" sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar
+sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O.
+Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister
+Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der
+Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein
+Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen
+hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des
+Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar
+wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße
+mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt
+(_so awfully sorry!_), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann,
+denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen
+von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen,
+darunter natürlich auch meinen entzückenden "Herrgottsschnitzer von
+Oberammergau" und meinen reizenden "Hüttenbesitzer" und überhaupt beinahe
+alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.
+
+Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines
+dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren
+Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.
+
+Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die
+Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine
+Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen
+Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und
+geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James
+Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt,
+daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß
+bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch
+letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein
+1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört
+hätten. "Froh, Sie zu treffen, Baron", beginnt der große Gelehrte, mir
+kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben
+ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland
+als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der
+Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges
+Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der
+Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der
+Ethik durchaus obenauf, _up to date_ wären und überhaupt...
+
+"_Move on, please!_" ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte
+bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter
+schieben.
+
+Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im
+Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees,
+die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich
+den "Kraft-Mayr" gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer
+Mädchenschule, die just meine "Gloriahose" in ihrer Klasse übersetzen läßt
+- lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen
+zurückziehen möchte - es hilft nichts: "_Move on, please!_" kommandiert
+die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich
+die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und
+feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein
+und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder
+geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß
+sie _so_ glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an
+der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos
+so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe:
+lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand
+einschlagen und die Affäre mit dem stereotypen "_How d'ye do?_" möglichst
+rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen
+versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr
+großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches
+Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas
+hineinzuschreiben.
+
+"Stehe ich drin in diesem Leitfaden?" frage ich den glatten Jüngling.
+
+"Ich bin betrübt, nein zu sagen," lächelte er verlegen, und ich attestiere
+es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable
+Literaturgeschichte sei.
+
+(M5)
+
+Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein.
+Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas
+ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den
+unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften
+beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese
+"reception" glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig
+darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt
+seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen
+Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur
+Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen
+Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis
+Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten
+und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben
+wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des
+jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten
+der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige
+James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe
+stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht
+beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen
+Amerikaner, sagen zu dürfen: "Da und da traf ich den berühmten X. und
+schüttelte Hände mit ihm." Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das
+Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von
+Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er
+_so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach
+Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48
+Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub's gerne, daß er das
+nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei
+denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu
+beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch
+sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe,
+Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen
+Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen
+hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der
+kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren
+wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für
+mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten
+Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren
+unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von
+früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung
+war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.
+
+Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den
+Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: "Wie
+gefällt Ihnen Amerika?" Sie sollten eigentlich fragen: "Wie halten Sie
+Amerika aus?" Denn das ist, wenigstens für den offiziell herumgezeigten
+Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben
+ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen
+Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit
+aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich
+verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu
+fragen: "Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes
+Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!"
+
+(M6)
+
+In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin
+interviewt. Selbstverständlich: "_How do you like America_" usw., und dann
+kam die verfängliche Frage: "Und was denken Sie von unserer Kultur?" Da
+kratzte ich mir den Kopf und sagte: "Mein liebes Fräulein, in diese
+Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht." Und nun schlug das süße Ding seine
+wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich
+erschrockenen Blick zu mir empor - ich werde diesen rührenden Blick nie
+vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein
+von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner
+Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen
+Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke,
+unanständig gesunde Jugend ist.
+
+
+
+
+
+ DIE YANKEERASSE.
+
+
+(M7)
+
+Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den
+Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren
+eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse
+vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war,
+gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen
+form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit
+offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den
+Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts
+weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit
+Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvölker gibt.
+_Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine
+Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut
+stärker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen
+Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den
+britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden - drei
+Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge -
+haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen
+und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der
+neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden
+Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein
+Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine
+nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche,
+Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag
+zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges
+Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte
+Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und
+Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte
+gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus
+Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den
+argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein
+kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die
+sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des
+Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen,
+boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne
+und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. "Der Herr ist mit uns",
+war das Feldgeschrei der Pilgerväter - aber dieser Herr war eben ein
+grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden
+Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte
+sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen
+auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht
+anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären,
+hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die
+Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten
+und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten sie sich damit,
+alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen
+geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein
+amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer
+Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer
+Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er
+sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu
+denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen
+niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt
+geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten,
+allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu
+lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig
+verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste,
+welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte,
+und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien,
+daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln
+begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen
+Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer,
+nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz
+ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige
+Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter
+of fact_, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die
+mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles
+und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des
+nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die
+denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevölkerung war trotz ihrer
+Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber
+verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos
+abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein
+Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung
+keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die
+unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu
+verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische
+Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung
+jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken
+Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe,
+durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen
+Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer
+Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden
+Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen
+Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel
+in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit,
+daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger
+in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen
+riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer
+Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es
+immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch
+mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen?
+Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das
+für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in
+Leidenschaften verlottert oder in Trägheit versumpft. Solches
+Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch
+friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, denn
+_Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so
+mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat
+sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande
+waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte
+ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in
+einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige
+Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder
+des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen
+Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich
+geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu
+vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa
+herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die
+Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als
+Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde
+vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in
+seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so
+lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut
+gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an
+allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts
+dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen,
+als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den
+einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht
+übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen
+Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter
+des Milliardärs Jay Gould - nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen
+oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen
+englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren
+Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja
+sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern
+werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten
+Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der
+freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge
+entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus
+diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das
+eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in
+Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine
+Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die
+Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin
+heiratet - der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen - so tut er es
+sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne
+unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist,
+den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt
+einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das
+Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem
+Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren,
+und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung
+einer kräftigen Rasse durch natürliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte
+Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen
+Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die
+Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen
+Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt
+worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals
+wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer
+sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs
+äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren,
+schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge
+dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens
+körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese
+Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten
+Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame
+Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie
+den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes
+und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem
+aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens
+sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu
+mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und
+man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche,
+muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt.
+Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur,
+besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft
+ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten
+Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten
+müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze
+und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der
+Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das
+widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit
+dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von
+Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine
+gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng
+verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der
+neuen landen zu lassen.
+
+(M8)
+
+Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes
+Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher
+Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder
+vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu
+erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen,
+diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und
+verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder
+ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten!
+Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden,
+geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig
+blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen
+Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs
+zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer
+Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von
+Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch
+von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer körperlichen
+Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten
+Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach
+englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und
+naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern
+beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten
+Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten
+Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem
+deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und
+angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht
+schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die
+guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche
+Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint
+im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser
+Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich
+glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist,
+den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer
+Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich
+alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der
+unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen
+Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die
+englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern
+jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze
+Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft.
+Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und
+sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an
+boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein
+Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen
+mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die
+Achsel zuckend entgegnete: "Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was
+der olle Dutchman sagt." ("_I would'nt care, what that old Dutchman
+says._") So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in
+ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem
+Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei
+den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie
+rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern
+unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater
+hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die
+Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der
+aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald
+fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er
+trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der
+entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann
+seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so
+unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter.
+Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so
+beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht
+völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen
+sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem
+ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden,
+Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.
+
+(M9)
+
+So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen Rasse die körperlich
+und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer
+mächtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen
+Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten
+Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind - und dennoch verhält
+sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenüber
+in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. Er sieht die Deutschen
+sehr gern in seinem Lande, er schätzt sie hoch als ehrliche, anständige
+Menschen, die der politischen Korruption einen zähen Widerstand
+entgegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem Fleiß, ihrer
+Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich geeignet und mit ihrer
+Klugheit und Gewissenhaftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee
+zu langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und Wissenschaft
+ganz hervorragend brauchbar sind - und dennoch gibt er ihnen seine Töchter
+nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehörigen der
+romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie hocken
+alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen der Großstädte, oder in
+kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl
+mit allen Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet,
+fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es
+ebenso wie in Europa zum großen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht.
+Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und
+Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der
+Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im ärztlichen Beruf
+haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne
+ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu einem
+weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch haust die große Masse
+derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn
+man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die
+Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger
+findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher
+Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten
+Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden überhaupt nicht
+zugelassen!
+
+Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, als auf dem
+nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert
+waren, für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, und alle
+neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen können, sich dort gleichfalls
+anzusiedeln, dann hätten die Deutschen einen starken Staat im Staate
+bilden können und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie
+sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese Gelegenheit ist endgültig
+verpaßt. Aber damit sie in den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht
+abermals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von
+den Yankees, was das unerschütterliche Kraftbewußtsein einer starken,
+gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhält!
+
+
+
+
+
+ DER YANKEE ALS ERZIEHER.
+
+
+(M10)
+
+Die alte Erfahrung, daß junge Eltern sehr häufig bessere Erzieher ihrer
+Kinder sind als ältere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende
+Bestätigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die übrigen Bürger der
+Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief
+befangen in dem glückseligen Taumel des Kraftüberschusses, daß sie ihre
+klügsten wie ihre dümmsten Streiche mit der gleichen schönen Begeisterung
+verüben und mit reizender Naivität dem eigenen Verdienst gutschreiben, was
+sie oft doch nur glücklichen Umständen zu verdanken haben. Der leichte
+Erfolg, der den kraftvollen und rücksichtslosen Ausbeutern jenes
+jungfräulichen Kontinents voll ungehobener Naturschätze zu teil wurde, hat
+die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und
+diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswürdigste
+Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an
+morgen, grundsätzlich nicht an übermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt
+vor keinem Hindernis und tröstet sich über alle Schwierigkeiten hinweg mit
+dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen!
+Weist ein Außenstehender auf offenbare Schwächen hin, so erwidert der
+Yankee gut gelaunt: "Nun ja, Sie mögen recht haben; aber Sie sehen ja, wir
+leben auch so, und wir leben recht gut!" Man läßt sich alle
+Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an
+ein jähes Auf und Nieder von Überfluß und Mangel, von absoluter geistiger
+Öde und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen Übergänge von
+eisiger Kälte zu glühender Hitze gewöhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt
+der siegessichere Optimismus und die heiße Vaterlandsliebe des
+amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverständlich alles
+Amerikanische als das Beste, das Größte, das Schönste in der Welt, und das
+jünglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso
+charakteristisch für die Nation, wie ihre Vorliebe für unsinnige
+Kraftproben, närrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und lärmende
+Vergnügungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis
+in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben,
+alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltägliche
+Erscheinungen.
+
+(M11)
+
+Es versteht sich von selbst, daß so geartete erwachsene Menschen für das
+Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verständnis haben müssen,
+als das gesetzte, bequemlich würdevolle Alter der Kulturvölker unserer
+alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige
+Kritik und damit sehr häufig auch den steten mißmutigen Zweifel gelernt
+hat. Die geistige Überlegenheit hört auf, ein glücklicher Erziehungsfaktor
+zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr
+gerät sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es
+andererseits richtig ist, daß der Einfluß der Kameradschaft die Jugend
+besser zu erziehen vermöge, als das Beispiel des Alters, so sind
+zweifellos junge Völker uns als Erzieher überlegen. Der Yankee vergöttert
+sein Kind. Erstens einmal, weil es überhaupt ein rarer Artikel ist, und
+zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt
+gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, daß eine so stolze,
+exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein müßte, die Reichtümer
+ihres Landes und die vielen glänzenden Lebensaussichten lieber ihrer
+eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzuführen, als sie den
+einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen
+Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser
+nahe liegenden Erwägung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten
+mehr als zwei Kinder hat, so erklärt sich das aus der eigenartigen
+Stellung, die die Frau im nördlichen Amerika einnimmt. Sie war in den
+ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer
+Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwürfigen
+Verehrung. Der glückliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle
+Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefährtin die Möglichkeit zu gewähren,
+ihre Schönheit, ihre geistige und körperliche Beweglichkeit bis ins Alter
+zu pflegen. Die Ansicht, daß es für den Mann die denkbar größte Schande
+sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja
+schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, daß sie unter
+den besonderen Verhältnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande
+noch verstärkt und sogar unvernünftig übertrieben werden mußte. So wurde
+also auch das Wochenbett unter die schweren körperlichen Leistungen
+gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht öfters zumuten dürfe, als der
+Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So
+ist es erklärlich, daß bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die
+ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, äußerst selten sind. Die
+wenigen vorhandenen Kinder profitieren natürlich am meisten bei diesem
+Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den
+günstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begüterte, sondern auch
+das auf seine Arbeit angewiesene Mädchen in den Vereinigten Staaten hat,
+erklärt es sich, daß die Geburt eines Knaben durchaus nicht höher
+eingeschätzt wird, als die eines Mädchens. Eine vernünftige
+Säuglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft über den ganzen
+Kontinent. Die Eltern sind von einer rührenden Geduld und Nachsicht den
+Kleinen gegenüber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhörte Roheit.
+Kinderzucht in unserem Sinne wird drüben wohl nur noch von manchen der
+eingewanderten Fremdvölker, vornehmlich in deutschen Familien versucht,
+aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den
+Vergleich belehrt, daß sie es nicht nötig haben, sich in dem freien Lande
+eine unwürdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern
+erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und
+unerträglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren
+des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hüten,
+deren Selbständigkeit zu unterdrücken. Sie geben sich die erdenklichste
+Mühe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu
+stimmen und behandeln die unverschämten Gernegroße, sobald sie aus dem
+Alter der süßen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit
+Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die
+Kinder auch sehr frühe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den
+untersten Ständen, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die
+lächerlichsten Knirpse oft schon zu selbständigen Unternehmern, zu fixen
+kleinen Handelsleuten macht.
+
+(M12)
+
+Die öffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche
+Bezeichnung hat man allgemein übernommen), sowie Volksschule
+(Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder
+Universitäten. Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist
+Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder sämtlicher eingewanderter
+Fremdvölker sofort für die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die
+jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen
+Juden, Syrer und Chinesen zunächst einmal den Grundsatz eingetrichtert,
+daß alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die
+Verfassung der Vereinigten Staaten wird als höchste Leistung idealen
+demokratischen Bürgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist übrigens
+tatsächlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und
+edler, vernünftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen
+Heldenbeispielen nicht eben überreiche Geschichte des Staatenbundes gilt
+als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der übrigen Welt
+dagegen als unbeträchtlich. So vernünftig und so schön nun auch dieser
+heiße Eifer in der Förderung der Vaterlandsliebe ist, so verführt er doch
+naturgemäß leicht zu ebenso gröblichen Fälschungen und Unterschlagungen
+von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefärbten Darstellungen
+der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschätzten
+Schulbuch, "_History of the American Nation_" von Andrew C. Mc Laughlin,
+Geschichtsprofessor an der Universität von Michigan, das ich mir zu meiner
+eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte
+Spalten umfassenden Index das Stichwort "_German_" gar nicht vor! Der
+große und rühmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als
+Kämpfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den
+verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird völlig mit Stillschweigen
+übergangen und nur der Baron Steuben flüchtig als nützlicher militärischer
+Drillmeister erwähnt! Das ist ein etwas starkes Stück und will gar nicht
+dazu stimmen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem
+Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der häuslichen wie der öffentlichen
+Erziehungskunst laut verkündet wird. Man darf es wohl den Amerikanern
+glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch
+die eigene Beobachtung genügend bestätigt gefunden zu haben, daß es ihrer
+Erziehung gelinge, feige Lüge und Heuchelei den Kindern schimpflicher
+erscheinen zu lassen, als selbst gefährliche Streiche des Übermuts und
+sogar Ausbrüche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner lügt zwar, wenn es
+sein Vorteil erheischt, ärger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich
+dem Staate gegenüber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau - seine
+Lügenkünste werden sogar, wenn er Geschäftsmann und Politiker ist, als
+_smartness_ bewundert - aber das amerikanische Kind fühlt sich nicht so
+leicht zur Lüge veranlaßt, weil es nicht in steter Furcht vor Prügeln und
+sauertöpfischen Mienen aufwächst. Auch die Schule läßt keinerlei
+Duckmäuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung,
+anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Pädagogik geht darauf aus, das
+Ehrgefühl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist
+außerordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften
+Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschämung. Dadurch, daß sie
+die Leistungen körperlicher Tüchtigkeit kaum minder hoch einschätzt als
+die geistige Befähigung, schafft sie auch für die minder Begabten, aber
+wenigstens körperlich gewandten und mutigen Schüler eine Möglichkeit,
+ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schüler, die sowohl in den
+_Athletiks_ wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im
+Laufe der Schuljahre in den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen
+und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bücherpreisen und
+dergl., und diese Trophäen aus der Schulzeit machen noch in höherem Alter
+den größten Stolz der Inhaber aus.
+
+(M13)
+
+Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin
+beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute.
+Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und
+lebhafter, ungebärdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der
+meisten anderen Völker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die
+Lehrkräfte sind zum überwiegenden Teil weibliche) einer großen Klasse von
+tobsüchtigen Buben und ausgelassenen Mädels gegenüber vor. Schlagen darf
+sie nicht, auch wenn sie körperlich imstande wäre, diese wilden Rangen zu
+bewältigen. Wüstes Anschreien ist auch verpönt; wie soll sie also mit
+einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzählt in seinem
+Buche "Das amerikanische Volk" ein hübsches Beispiel, wie solch eine schon
+fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde.
+Sie erklärte nämlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt,
+sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, sie möchten sich gefälligst
+allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Präsidenten, einen
+Vizepräsidenten und was sonst für Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte
+zu wählen und mache dann diese selbstgewählte Regierung für
+Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene
+_common sense_, d. h. der Instinkt für das Vernünftige, brachte diese
+schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu,
+den besten und gesittetsten Schüler der Klasse zum Präsidenten und den
+stärksten und gewalttätigsten zum Vizepräsidenten zu erwählen. Der erstere
+suchte durch vernünftige Überredung einzuwirken, und der Vizepräsident,
+als Haupt der Exekutive, verprügelte eigenhändig die unbotmäßigen Elemente
+dergestalt, daß sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fügen. Die
+junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rühmen. Die
+Selbstverwaltung spielt überhaupt eine große Rolle im amerikanischen
+Schulwesen. Schülerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns
+unterdrückt, sondern im Gegenteil begünstigt. Die Lehrer unterweisen diese
+Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur
+darüber, daß keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen
+stattfinden. Der schlimme Anreiz zur frühzeitigen Nachahmung eines
+studentischen Saufkomments fehlt den Schülern der amerikanischen
+Mittelschulen vollständig, da ein solcher auf den Universitäten nicht
+existiert. Und so läuft die Haupttätigkeit aller Schülerverbindungen auf
+Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachäffung des politischen Lebens im
+kleinen, auf Übung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist
+denn auch der, daß der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten
+die rhetorische Phrase außerordentlich geläufig beherrschen lernt und daß
+die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzüglichen
+Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den
+Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf
+gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an
+Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlässig
+den im allgemeinen äußerst hellen und lernbegierigen Köpfen
+eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine höchst
+wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen Einwanderer durch
+deren Kinder erziehen läßt. Selbstverständlich erlernen diese die
+englische Sprache sehr viel rascher und gründlicher als die Eltern und
+werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern
+ihrer Eltern in bezug auf Körperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind,
+das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird
+seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Nötige zur Behebung
+solcher Mängel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fühlen sich
+so beschämt durch diese Maßnahme, daß sie es in den meisten Fällen auch
+bei Eltern, die einem Volke angehören, dem die Pflege des Drecks ein
+Gegenstand religiöser Überzeugung ist, durchsetzen werden, daß um der
+Schule willen Seife, Zahnbürste, Kamm usw. mit der der angelsächsischen
+Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen
+Fällen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher
+Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen
+der Eltern; oder die Angehörigen besonderer sozialer Hilfsvereine
+unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich
+unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schämen und bringen es noch auf
+ihre alten Tage über sich, dem Weidwerk auf den eigenen Köpfen nachzugehen
+und die ehrwürdige Patina des wärmenden Drecks, den sie aus Europa oder
+Asien über das Weltmeer mit hinüber gebracht haben, den ungemütlichen
+Idealen moderner Hygiene zu opfern.
+
+
+
+
+
+ DAS UNIVERSITÄTSLEBEN IN DER UNION.
+
+
+(M14)
+
+Wer sich über die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der
+europäischen Kultur klar werden will, der möge sich nur ordentlich umsehen
+auf den Stätten, wo die geistigen Werte in gangbare Münze umgesetzt und
+die großen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, nämlich
+- auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Bürger gewesen ist,
+dem muß zunächst unfehlbar der große Unterschied zwischen hüben und drüben
+in der äußeren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen.
+Abgesehen davon, daß selbstverständlich der groteske Typus des Studiosus
+Süffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten,
+kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmütig blasierten
+ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach
+dem Typus unseres heißbeflissenen Jüngers der Wissenschaft um, nach den
+stubenbleichen Brillenträgern, den verträumten oder frühzeitig
+zergrübelten Denkerköpfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren
+ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres
+Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drüben sieht man
+nur frische, derbe Jungens und Mädels; die ersteren häufig noch bärenhaft
+tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der früheren Reife
+ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft
+machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der größeren oder
+geringeren Zierlichkeit der Gliedmaßen und Verfeinerung der Manieren. Im
+Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleichartigkeit.
+Die Studierenden der beiden ersten Semester werden _Freshmen_ genannt, der
+zweite Jahrgang _Sophomors_, der dritte Jahrgang _Juniors_, der vierte
+Jahrgang _Seniors_. Alle zusammen sind die _Undergraduates_, und was nach
+dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem
+Staatsexamen, noch weiter studiert, _Postgraduates_; als äußerliches
+Kennzeichen führen sie verschieden gefärbte Knöpfe auf ihren Oxfordbaretts
+oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17
+und 19 Jahren zur Universität oder in die Colleges; aber nicht, wie bei
+uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen
+Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedächtigen
+Schritt vorwärts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn
+auch auf der Universität und im College sind die jungen Leute einer
+Disziplin unterworfen, die ihre persönliche Freiheit immerhin beschränkt.
+Sie wohnen in sogenannten _Dormitories_ (Schlafhäusern), wo sie, je nach
+ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten
+nehmen sie gemeinsam in einer großen Halle ein, wo sie für billiges Geld
+eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An
+denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind
+für die Mädchen besondere Schlafhäuser und meist auch Speisesäle
+vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und
+besondere Spielplätze; dagegen häufig gemeinsame Klublokale, wo sie
+Tanzvergnügungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder
+Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren
+Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (_Fraternities_ und
+_Sororities_). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein.
+Sie bezeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit
+Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines
+Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein großes
+Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen können
+sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft
+leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Häuser, in denen sie, zum
+Teil sogar recht luxuriös, wie Gentlemen und Ladies der besten
+Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten
+dieser Verbindungshäuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten
+behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser
+Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer
+wieder von dem natürlichen Drange des Menschen nach aristokratischer
+Absonderung durchbrochen wird; nur, daß es in der großen Republik ein
+selbstverständliches Gebot anständiger Gesinnung ist, Vorzüge der Geburt
+und des Besitzes nicht durch anmaßendes Wesen gegenüber den vom Glück
+weniger Begünstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich
+jemals beobachten können, daß arme Studenten und Studentinnen, die sich
+durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste mühsam
+durchschlagen müssen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen
+unterwürfig kriechen, oder daß jene sich diesen gegenüber einen
+überheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnähmen. In allen
+gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der
+Stolz auf ihre Alma mater äußert sich bei allen festlichen Gelegenheiten,
+namentlich bei den sportlichen Wettkämpfen mit anderen Hochschulen, in
+einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen
+besonderen _Cheer_, d. h. _Hochruf_, nach Rhythmus und Melodie
+verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die
+sportlichen Siege gefeiert, bei den großen Wettkämpfen muß er gleich dem
+Kriegsruf wilder Völkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer
+einmal - etwa gar in dem berühmten _Stadion_ der zwanzigtausend Menschen
+fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fußballmatch zwischen
+Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht
+vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in
+den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Märsche zum besten gibt
+und während des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute
+Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der
+beiden Musikkorps sind Angehörige der betreffenden Parteien aufgestellt,
+welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den _College-Cheer_
+intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gänzlich
+unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Bläser dirigieren. Und dann
+fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die
+anwesenden früheren Studierenden der betreffenden Universität und deren
+ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit
+einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, daß dem unbeteiligten Fremdling
+darüber Hören und Sehen vergeht. Man springt auf die Bänke, man schwenkt
+Taschentücher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den
+Schultern und schütteln und stoßen sich, um einander aufmerksam zu machen
+auf spannende Momente oder sich zu größerer Begeisterung für die Sieger
+aufzurütteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts
+versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehüllten Knäuel
+grotesk bekleideter Jünglinge, der sich balgend auf dem Boden wälzt, wobei
+ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Fäusten den Wind
+ausbläst (_to blow the wind out_) oder die schweren Sportstiefel unter die
+Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem
+wüsten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Sprüngen, wie ein junger
+Hirsch, unter dem betäubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit
+begeisterten Landsleuten über den Kampfplatz stürmt.
+
+(M15)
+
+In diesen Wettspielen der höchst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man
+staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvölker eine höchst
+eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schönheit und Anmut der
+nackten Griechen fehlt freilich völlig bei dieser unförmlich wattierten,
+mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgerüsteten Yankeemannschaft, aber
+die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und
+Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht,
+kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreißender gewesen
+sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das
+Nasenbein oder sonstige Extremitäten geknickt wurden, so stolz wie die
+Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten
+bis aufs Blut peitschen ließ.
+
+(M16)
+
+Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Tüchtigkeit, die übrigens
+keineswegs nur auf das männliche Geschlecht beschränkt ist, trägt sehr
+viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus
+eigenartiges Gepräge zu verleihen. Ich habe mir des öfteren erlaubt,
+amerikanischen Studenten gegenüber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, daß
+diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschläger, Ruderer,
+Wettläufer und Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer
+wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmäßig die Antwort
+bekommen, daß meine Zweifel durchaus unbegründet, vielmehr unter den
+hervorragenden Athleten häufig auch die tüchtigsten wissenschaftlichen
+Begabungen, zum mindesten aber die fleißigsten Büffler zu finden seien.
+Weit weniger sichere und selbstbewußte Antworten dagegen erhielt ich, wenn
+ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar
+nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hieß es meist: "Ach,
+darüber zerbrechen wir uns vorläufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen
+gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti
+oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht." Ein
+anderer sagt: "O, ich trete einfach in das Geschäft meines Vaters ein, da
+brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans." Da die
+englische Sprache keinen präzisen Ausdruck für Weltanschauung kennt, so
+ist es überhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu
+machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen
+Volkes sitzt ihm so tief im Geblüt, daß er kaum begreift, wie man sich von
+Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden
+Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen könne. Er fühlt nicht
+den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu üben,
+weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen
+Erfahrung überall bestätigt findet, daß für einen Bürger der Vereinigten
+Staaten überall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Betätigung seiner
+Kräfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft
+gesund für Leib und Seele - aber für die wissenschaftliche Erkenntnis ist
+sie nichts weniger als förderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem
+Gegebenen bleibt eben kein Platz für den fruchtbaren Zweifel und für die
+Unersättlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im
+allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare
+praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller
+amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf
+eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach
+seine natürlichen Instinkte sich freudig drängen, so sind auch die
+Universitäten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu züchten, sondern ihre
+Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das
+_refinement_ der höheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu
+geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische
+Student glaubt an sein Lehrbuch und schwört auf die Worte seines Lehrers.
+Er lernt fleißig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschränkt
+sich auf die Fächer, die ihm für seinen künftigen Beruf als notwendig
+vorgeschrieben sind. Überflüssige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit,
+sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schöngeist zu glänzen, und um sich
+von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den
+Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der
+Ehrgeiz, den Prometheusfunken schöpferischen Instinktes, der etwa in den
+jungen Köpfen seiner Hörer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen
+und die Methoden selbständiger wissenschaftlicher Forschung diesen
+zukünftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begnügt sich meistens damit,
+sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und
+Aufgabenstellen dafür, daß sie sich dies Fachwissen gründlich einprägen.
+Er ist daher in weitaus den meisten Fällen nach unseren Begriffen selber
+gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein
+Experte, ein Korrepetitor. Unter den überaus zahlreichen Professoren
+deutscher Abstammung, die es drüben als Universitätslehrer zu großem
+Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals
+wissenschaftlich betätigt hat und als einfacher Töchterschul-, Real- oder
+Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene
+Handlanger der Wissenschaft drüben als gute Pädagogen, bei denen die
+Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu
+Hochschullehrern aufzurücken. Anstandshalber pflegen sie dann einen
+Leitfaden, ein Kompendium oder eine populäre Darstellung ihres speziellen
+Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten
+der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die
+meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und
+pauken dies gewissenhaft den Schülern ein. Schüler bleiben die Studenten
+ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der
+_Freshman_ birgt in seinem Schädel keineswegs jene beängstigende Masse
+verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schüler
+im Abiturientenexamen nachweisen muß. In den philologischen Fächern,
+namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines
+deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und
+Geographie weiß er vielleicht so viel, daß er bei uns das
+Einjährigenexamen bestehen könnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also
+eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer
+Obersekunda und Prima erst auf der Universität durch; die übrigen werfen
+sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie später ihren Beruf zu machen
+gedenken. Es gibt besondere Drillanstalten für Juristen, für Mediziner,
+für Theologen - die letzteren werden von den einzelnen Denominationen
+(Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am stärksten besucht und am
+glänzendsten ausgestattet sind die Institute für die technischen Berufe,
+die chemischen und physikalischen Laboratorien, die
+Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen für den
+Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw.
+usw. Weitaus die meisten Universitäten sind im Grunde nichts anderes als
+technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultät, eine
+juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind,
+ganz ähnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen
+über Nationalökonomie, Literatur und Kunstgeschichte, über Philosophie und
+dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstände gehalten
+werden. Es ist ja sehr begreiflich, daß vorläufig noch die weitaus
+überwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich
+nach den Berufen drängt, welche noch auf lange Zeit hinaus die größte
+praktische Bedeutung haben werden. Für Hoch- und Tiefbauingenieure,
+Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker
+gibt es selbstverständlich in dem Riesenkontinent mit den großen, noch
+unerschöpften Möglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als für die
+Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an
+Ehrfurcht grenzende Hochachtung für die seltsamen Idealisten, welche,
+anstatt ihre Schöpfkellen unter die zurzeit noch üppig sprudelnden
+Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten
+Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach
+Regenwürmern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Käuze, die
+imstande sind, sagen wir über das Alpha privativum im Griechischen dicke
+Wälzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung
+irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung
+keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar
+solche Käuze - sie sind übrigens fast alle Deutsche - sehr gut und ist
+besonders stolz auf ihren Besitz - aus demselben Grunde, aus welchem man
+unerhörte Summen aufwendet, um allen möglichen alten Trödel aus Europa
+neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und öffentlichen
+Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen,
+daß man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten
+könne und daß man keineswegs den übeln Ruf verdiene, ein Volk von
+Emporkömmlingen zu sein, das nur für materielle Dinge Achtung und
+Verständnis besitze.
+
+(M17)
+
+Es ist charakteristisch, daß es drüben Privatgelehrte wohl überhaupt nicht
+gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren
+praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer
+Universitätsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als
+sorgfältig unter Glas verwahrte Rarität. Es gibt also auch kein gelehrtes
+Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen
+wir das junge Land nur beneiden können. Jeder akademische Bürger ist
+imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat,
+später praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen
+Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt,
+der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde
+findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur
+einen Stoß zu geben und die Annehmlichkeiten einer östlichen Großstadt mit
+der Langenweile eines wildwestlichen Standquartiers zu vertauschen, so
+wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben
+Geschäftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernünftiges. Seine Bildung braucht
+ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft
+schicken ihre Söhne scharenweise auf die Universitäten, um sich dort
+allgemeine Bildung und nützliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das für
+die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende
+Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Übrigens
+finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen
+Lehrtätigkeit widmen wollen, als _Postgraduates_ auch in Amerika reichlich
+Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt
+weder an hervorragenden Kapazitäten in fast allen wissenschaftlichen
+Fächern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind überaus reich
+ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete
+werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie
+sicher Mäzene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermöglichen,
+wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten.
+
+(M18)
+
+Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Frische und Freudigkeit,
+die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft
+auffällt, die glückliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller
+Verhältnisse drüben ist. Der junge Mensch kommt nicht als überfüttertes
+Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schönsten
+Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht
+einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch
+ohnmächtiges Zähneknirschen wider ein verhaßtes System und deren lebendige
+Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern
+entgegen und braucht sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu
+quälen: wozu büffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein
+Wissen auch ein sicheres Auskommen gewähren, oder wird die einzige
+Vergeltung für dein höheres Streben darin bestehen, daß du einst als
+abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein dürftiges
+Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewöhnliche Amerikaner durch das
+Bewußtsein, daß ihm alle Wege offen stehen, zur höchsten Anspannung seiner
+Kräfte angefeuert wird, so muß dieser Auftrieb natürlich noch viel stärker
+sein bei den jungen Auserwählten der Nation, die ja den Wettlauf um die
+höchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen näher an diesem Ziele
+beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer
+Verehrung zu jedem jungen _Harvard-Yale-Columbia-Cornellman_ wie zu einem
+höheren Wesen auf, denn er weiß, daß diese strammen Burschen einst die
+Richter, die Ärzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und daß ohne
+Zweifel geniale Erfinder, Kulturförderer großen Stils, auch wohl
+Präsidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe
+Wertschätzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schönsten
+Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute
+aus einfachsten Verhältnissen fürstliche Stiftungen für wissenschaftliche
+Zwecke machen. Sobald eine Universität in Verlegenheit ist, woher sie das
+Geld beschaffen soll für notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer
+Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort
+Präsident genannt, nur ein paar notorische Millionäre der Stadt oder des
+Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die nötige
+Summe zusammenzubringen. Unsere Großindustriellen spenden ihre
+Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schöne Orden zu bekommen;
+drüben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebäude, ein Laboratorium, eine
+Klinik ihren Namen trägt. Der Holzhändler Cornell hat die nach ihm
+genannte, jetzt hoch berühmte Universität von Ithaka ganz und gar aus
+eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so
+eifrige Nachahmung gefunden, daß heute schon die wissensdurstigen jungen
+Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere
+Heimat zu verlassen brauchen, um höheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt
+schon eher zu viel als zu wenig Universitäten und Colleges(2). Die große
+Wertschätzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes äußert sich
+manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaßen naiv erscheint. Die
+Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der
+ganzen Welt fertig herüber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast
+ausschließlich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint
+dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen
+Zauberkünsten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische
+Lehrer in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa.
+Während z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem
+Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird
+er in den Vereinigten Staaten als sachverständiger Berater und tätiger
+Mitarbeiter zu allen öffentlichen Angelegenheiten herangezogen. Er
+schreibt fleißig für die Tageszeitungen, er hält populäre Vorträge, er
+beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen
+diplomatischen Betätigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D.
+White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen
+Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten
+einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der
+Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben
+muß.
+
+(M19)
+
+Eine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beiträgt, die
+geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu fördern, ist
+die, daß man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit
+landschaftlich schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberühmten
+Universitäten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington
+und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der _Campus_, d. h. das
+Gelände der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften, mit
+Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch
+ein üppiger alter Baumwuchs der schändlichen Waldvernichtung der ersten
+Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander
+gedrängt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so daß
+die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich
+Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist
+selbstverständlich überall reichlich gegeben, wie man sich denn überhaupt
+einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht
+vorstellen kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ablenkung oder
+gar gefährliche Versuchung für die jungen Leute. Was sie brauchen an edler
+geistiger Zerstreuung, an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich
+selbst in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und
+festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und
+Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universität
+herum und verdienen sich ein hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht
+selten dazu verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen zu lassen
+und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl gar hauptstädtische
+Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer
+und bevorzugten Schüler der Berkley-University von Kalifornien alljährlich
+in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und
+Blockhütten, die zum Teil im Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia
+gigantea) errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die
+Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel.
+_Bohemian Jinks_ nennen sie diese Freilichtspiele (etwa "zigeunerische
+Luftsprünge" zu übersetzen), für die sie aus eignen Kräften Dichtung,
+Musik, Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen
+Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es
+werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von
+jungen Männern dargestellt. Im übrigen sorgt die an den meisten
+Hochschulen bestehende _Coeducation_ (kurz _Coed_ genannt) dafür, daß die
+jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren
+im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes
+Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom
+zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die
+jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast
+jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein _best girl_, mit dem
+er "geht", wie man bei uns sagen würde. Diese Kameradschaften sind aber
+durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der
+_collage_ des französischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu
+standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von
+sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen
+schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau
+wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme auf die weiblichen Studenten
+zu.
+
+Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den
+gemischten Universitäten. Ich wüßte nicht, wo ein junges Mädchen mit
+starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in
+Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser
+Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die schier fabelhaften
+Bildungsmöglichkeiten, die hier den Töchtern der Neuen Welt geboten
+werden. 17 männliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und
+Assistenten lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um
+aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte
+1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten
+Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die
+Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre, die der Schüler,
+bei durchschnittlich 5 wöchentlichen Stunden, auf den betreffenden
+Gegenstand verwendet haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein
+Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um
+einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte
+zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung
+angekündigten Vorlesungen aufzählen:
+
+(M20)
+ 1. Elementarkursus, Grammatik, Übungen im Sprechen, Lektüre,
+ Auswendiglernen von Gedichten.
+ 2-4. Vorbereitungskurse für deutsche Literaturgeschichte.
+ 5. Repetitions- und Erweiterungskurs für Grammatik und Stil.
+ 6. Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen im mündlichen und
+ schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in
+ Amerika erschienener Texte.
+ 7. Übungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluß an die
+ Literaturgeschichte.
+ 8. Geschichte der deutschen Sprache.
+ 9. Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Götter- und
+ Heldensagen).
+ 10. Goethes Leben und Werke.
+ 11. Das Drama des 19. Jahrhunderts.
+ 12. Der deutsche Roman.
+ 13. Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs.
+ 14. Literaturgeschichte bis Goethe.
+ 15. Mittelhochdeutsch.
+ 16. Die romantische Schule.
+ 17. Lessing als Dramatiker und Kritiker.
+ 18. Schiller als Philosoph und Ästhetiker.
+ 19. Goethes Faust.
+ 20. Schillers Leben und Werke.
+ 21. Stilübungen.
+ 22. Gotisch.
+ 23. Die deutsche Lyrik und Ballade.
+24 u. 25. Studien zur modernen deutschen Sprache.
+
+(M21)
+
+Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische Sprache und Literatur,
+21 über Geschichte, 29 über Hygiene und körperliche Ausbildung, wobei
+Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind.
+Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und Literatur, 11 über
+reine und 5 über angewandte Mathematik, 18 über Musik, 29 über Philosophie
+und Psychologie, 19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über
+Astronomie usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keineswegs nach ihrem
+Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist
+ihnen vorgeschrieben, und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen
+vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, daß ihnen die
+niederen Grade geläufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune
+bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser
+zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf
+der eignen niedlichen Bühne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu
+vergnügen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren,
+so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus
+reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehören, ihre eignen
+Häuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages
+sich darbieten. Das Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch
+das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Fächer
+sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser
+Akademie, die sich also darauf beschränkt, den jungen Damen eine
+humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu
+vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch nur einigermaßen der
+landschaftlichen Schönheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller
+praktischen Einrichtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das
+gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und
+Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt
+deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht
+sein sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller
+Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb
+gesunden, ein bißchen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Bürgertöchter
+der städtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit _Coed_.
+Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Töchtern der vornehmeren
+Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen
+letzteren die spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt daher,
+daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf für sich betrachtet,
+als ein Kapital, das unter allen Umständen sich reichlich verzinst. Die
+jungen Schönheiten suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des
+Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten
+Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt der Amüsierlinge
+begnügt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und
+ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das
+amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen Höhe des englischen,
+dagegen noch beträchtlich unter der des französischen und deutschen
+Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann
+man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann
+und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit
+gebildeten Menschen reden dürfe - und man wird sich selten enttäuscht
+sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen
+Töchterchen, ohne sie gerade zu Gelehrten zu machen, eine solide
+weltläufige Bildung zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen
+Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes
+mitbringen sollten, als einen abgehärteten geschmeidigen Körper,
+vernünftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten
+Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als was die
+üblichen Pensionate der französischen Schweiz oder die Klosterschulen für
+die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen.
+
+(M22)
+
+Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerikanische
+Unterrichtssystem, und besonders das der Universitäten, gerade für uns
+sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein
+vernünftig bedünken, daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin
+zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20.
+Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende Kraft des ungebärdigen
+Jünglings bezw. des lebenshungrigen Mädchens nicht sofort in eine
+schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem
+Wohlwollen und Verständnis für die Jugend geleitet wird. Es ist überaus
+bezeichnend, daß, wie die kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete
+Umfrage bei einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher bewiesen
+hat, außer den späteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmännern
+und Theologen, fast sämtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit für die
+schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklärten; wogegen umgekehrt in
+Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schüler- und
+Studentenzeit als auf die schönste seines Lebens zurückblickt. Mögen
+unsere höchsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich für die
+besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer acht
+gelassen werden, daß von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten,
+die alljährlich unseren Universitäten zustreben, doch nur eine
+verhältnismäßig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich
+trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universität die denkbar
+beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten
+willen aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische
+gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen Gedanken, wohl
+aber viel nützliche Lebensarbeit herauszuholen wäre, durch ein System
+vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes
+Schrecknis bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser, es ist
+auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich in den Köpfen der
+Auserwählten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme
+Volksfeindschaft hineintreibt und gänzlich schiefe Lebensanschauungen in
+ihnen groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel
+hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt. Sollte nicht
+schließlich ein junges Geschlecht von frohen, für die höchsten Berufe der
+Gegenwart gut ausgerüsteten Akademikern auch unserer Nation von größerem
+Werte sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und verunglückten
+Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch eine teilweise
+Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzügen nichts
+einbüßen würden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden,
+ebenso wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets
+eine Besonderheit des deutschen Universitätslehrers und Studenten bleiben,
+einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die
+Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen Philosophen,
+Dichter, schöpferischen Forscher hervorgebracht, weil ihr Schulsystem zu
+diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als
+Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten
+Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der
+starken Inanspruchnahme aller geistigen Kräfte durch rein praktische
+Aufgaben überhaupt noch gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener
+Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft und eine
+nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den
+verschiedenartigen Völkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine
+neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan
+sein wird, daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den
+vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu
+hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich
+viel geändert werden müssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der
+Studierenden werden selbstverständlich gleichen Schritt halten mit denen
+der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher
+durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein
+hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen
+Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; für Amerika
+ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die
+beliebten demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es wird
+aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch
+bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der
+wissenschaftlichen Kritik sich überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt
+gebieten läßt, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können
+wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es große Künstler und
+originale Denker hervorbringe. In den regsamsten Köpfen, in den tiefsten
+Gemütern dieses Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach
+jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate
+europäischer Arbeit nützlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege
+und Setzer neuer Ziele werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf,
+welchen die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vorträge der
+Wanderredner und besonders gemeinnützige Institute, wie die Sommerschule
+in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel
+wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig
+den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europäer
+werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch länger unseren
+Vorrang des weisen Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen
+Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung
+liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß man von der Jugend immer
+lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber
+schwerlich jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann keinen
+verhöhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden
+besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben
+Höchstzielen wahrer Kultur nach.
+
+
+
+
+
+ ÖFFENTLICHE UND PRIVATE MORAL.
+
+
+Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen
+sich allgemein darüber, daß sie gezwungen seien, ihre Berichte den
+Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu färben und so dazu
+beizutragen, daß diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Daß sie
+Unglücksfälle nur kabeln dürfen, wenn sich über zehn Tote ergeben haben,
+ist ja eine ganz weise Beschränkung, aber daß sie sich genötigt sehen,
+immer nur sensationelle Fälle von wüster Korruption in der Politik, in der
+Rechtsprechung, im Gebaren der großen Truste, offenbare Verrücktheiten und
+groteske Reklamemanöver auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels
+und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schließlich gröbste
+Familienskandale aus der Welt der Milliardäre zu berichten, das ist doch
+recht bedenklich. Selbstverständlich sind gerade die guten Bürger jeder
+Nation überzeugt, daß die allgemeine Ordnung der Dinge, die öffentliche
+wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem
+anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natürliche Neigung zur
+Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der
+öffentlichen Aufklärung, zu unterstützen; denn die Unterschätzung fremder
+und noch dazu rasseverwandter Völker kann unter Umständen doch recht üble
+Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut
+aufgemacht und aufmerksam zugehört hat, wenn er wohlunterrichtete Leute
+drüben die Verhältnisse besprechen hörte, gestattet, mein bescheidenes
+Teil zur Aufklärung über die wichtige Frage der öffentlichen und privaten
+Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen.
+
+(M23)
+
+Die Korruption in der Politik ist ein öffentliches Geheimnis und wird von
+niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl
+der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes
+und besonders des Umstandes, daß sich alle vier Jahre verfassungsgemäß ein
+Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen muß. Daß jeder neue
+Präsident, Gouverneur, Bürgermeister usw. seine guten Freunde und
+Verwandten in die einträglichsten und einflußreichsten Stellungen zu
+bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darüber
+nicht weiter zu entrüsten; aber die ebenso selbstverständliche Folge, daß
+der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwährend in
+Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschäftigten Staatsbürger natürlich
+unmöglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern.
+Er muß notgedrungen diese Betätigung Leuten überlassen, die daraus einen
+Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der
+Geschäftspolitiker. Da selbstverständlich diese, die sogenannten Bosse,
+nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden können, so schaffen
+sie sich ihre Einkünfte dadurch, daß sie sich für die Unterstützung bei
+Wahlen, für die Erlangung von öffentlichen Ämtern, von Privilegien und
+Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres
+ein, daß sich nicht die Blüte der Nation, sondern nur machthungrige und
+geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschäft hergeben, und
+daß diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem
+intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu
+verhelfen, sondern demjenigen, der am meisten zahlt. Da es nur zwei große
+politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier
+Jahre die Chance eines völligen Systemwechsels durch den Sieg der
+Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen Ämter, die ganze
+Beamtenschaft, vom Präsidenten bis zum Ofenheizer im Weißen Hause, an die
+Anhänger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Boß am besten
+geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, daß bei solchem System Staat
+und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte für noch
+schlechtere einzutauschen, und daß die öffentliche Moral dadurch
+schändlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen
+wollen, daß die Vereinigten Staaten bisher noch immer tüchtige, zum
+mindesten doch anständige Präsidenten gehabt haben, und daß in die
+obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige
+Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man
+den hochentwickelten _common __sens_, den gesunden Menschenverstand der
+führenden angelsächsischen Rasse in Betracht zieht. Der anständige
+Geschäftsmann und die höher gebildeten Klassen überhaupt kümmern sich um
+das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit
+dem glücklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die
+tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch
+die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, daß die Bosse irgend
+etwas im Schilde führen, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die
+Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der
+Verfassung geht, so tun sich ein paar einflußreiche Leute von tadellosem
+Leumund zusammen - die führenden Deutschen sind immer bei dieser
+Anstandspartei zu finden - und klären durch geeignete Maßnahmen die Massen
+der Wähler über den Unfug auf, der verübt werden soll. Und siehe da: immer
+gelingt es der Wucht der öffentlichen Meinung, wenigstens die gröbsten
+Schandtaten zu verhindern, die unmöglichsten Kandidaten beiseite zu
+schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die
+Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unübertreffliches Werk
+genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souveräne Volk durch
+seine Erwählten in den Einzelstaaten machen läßt, werden für vorzüglich
+gehalten. Das ewig verdrossene Nörgeln an den Gesetzen und öffentlichen
+Einrichtungen, jenes höchste Vergnügen des deutschen Bierbankpolitikers,
+kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fügt sich sogar in
+Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, daß anders die Ordnung nicht
+aufrechterhalten werden kann. Im übrigen aber tut doch jeder, was ihm
+beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram
+passen. Man weiß, daß die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den
+Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man weiß, daß sogar die
+Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter
+zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den
+schreiendsten Mißständen schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben
+läßt, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenränder beschmutzt
+und daher den Pfützen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine
+persönliche Bewegungsfreiheit und seine geschäftlichen Unternehmungen
+nicht empfindlich stören, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und
+gönnt den zahlreichen Mitbürgern, die von den Mängeln dieser Gesetze
+leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschäftsleuten und
+geistvollen Hochstaplern, ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten
+Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Königen
+der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums können ja überhaupt
+die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst jüngst wieder in dem
+vorsichtig weitmaschig abgefaßten Urteil des obersten Gerichtshofes in
+Sachen des Öltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz großen Herren, in deren
+Macht es steht, die Bundesarmee gegen mißliebige Nachbarn mobil zu machen,
+oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzählige Betriebe lahmzulegen,
+Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureißen, mit denen
+hütet sich natürlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der
+Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die
+kleineren Machthaber irgendwie lästig, so versteht man ihnen selbst in dem
+Falle beizukommen, daß die Behörde gegen sie ihre Pflicht vernachlässigt.
+
+(M24)
+
+Ein hübsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in
+St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst
+unerträglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale
+herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte frühlingsheiter
+vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt
+einfuhr, verblaßte plötzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten
+Fettfleck in einer Wand gleichmäßig grauen, schweflig riechenden Nebels,
+der selbst die nächsten Gegenstände nur in verschwommenen Umrissen
+erscheinen ließ. In den Häusern herrschte eine erstickende, verbrauchte
+Luft, weil man kein Fenster öffnen konnte, ohne daß sofort eine dichte
+Rußschicht, wie von einer schwer blakenden Öllampe, sich auf alle
+Gegenstände im Zimmer legte. Wenn man über die Straße ging, waren Kragen
+und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einließ, so
+schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll
+von Entrüstungsartikeln über diesen schmachvollen Zustand. Überall
+erschollen laut die Stimmen der Sachverständigen mit Vorschlägen zur
+Beseitigung des Übels. Man erinnerte sich plötzlich wieder, daß es im
+Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzügliche gesetzliche
+Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen
+Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und ähnlichen
+Maßnahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer
+hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu stürzen wegen
+dieser ärgerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der
+Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermaßen günstig
+wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden
+Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen
+mußten, ihre Lungen genügend mit Sauerstoff füttern. Es mußte wohl immer
+noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute
+Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmäßigen Umbauten zu
+bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, daß ein
+vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um
+ein möglichst großes Damenpublikum für ihre Zwecke herbeizuziehen,
+kündigten sie mit gehöriger Reklame ein Konzert meiner Frau an.
+Vierzehnhundert Frauen und Mädchen aus den besten Kreisen wurden hierzu
+zusammengetrommelt und nach Schluß der musikalischen Darbietungen ersuchte
+die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich über
+die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. Es war alles so gut
+vorbereitet, daß in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine große
+Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus
+gewählt und die notwendigen Mittel zur Ausführung des Planes gezeichnet
+waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft übernahm es
+nämlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit
+Weichkohlenfeuerung einzudringen und nötigenfalls Tag und Nacht Patrouille
+zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Mißachter der Gesetze
+zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebührend bestraft und die
+vorgeschriebenen Maßnahmen gegen den Rauch tatsächlich ausgeführt waren.
+Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor
+energischen Frauen kapituliert der Yankee immer.
+
+(M25)
+
+Die Zuversicht, daß aus allen Schwierigkeiten und Übelständen, wenn auch
+vielleicht erst im Moment der höchsten Gefahr, und wenn sie bis zur
+Unerträglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die
+Rettung kommen muß, erhält dem Volke seinen optimistischen Gleichmut.
+Selbstverständlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor
+Paragraphen oder Untertänigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergräbt sogar
+recht bedenklich die Disziplin, ohne die schließlich keine Ordnung
+irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und
+Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege
+bis zum Grabe von den Behörden so rücksichtsvoll eingezäunt wird, kann man
+sich drüben fast völlig sparen, da sie doch keine Beachtung finden würden;
+aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, daß Vorsicht, Unterordnung,
+Geduld und Rücksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da übt er sie
+auch ohne Warnungstafeln und ohne Einschüchterung durch säbelfuchtelnde
+Schutzleute aus. Dem Europäer fällt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im
+Straßenverkehr der Großstädte sehr angenehm auf; nie hört man wild
+aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedränge; nie werden
+Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit
+einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Straßenkreuzungen den
+kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung
+ab, daß um 6 Uhr abends alle Geschäfte geschlossen werden. In den Straßen-
+und Untergrundbahnen, in überfüllten Lokalen jeder Art macht jedermann
+bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in
+der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschäftsschlusses war, so
+waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, daß der
+berühmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da drängte sich auf
+einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen
+Schaukelpferd herein. Die Männer auf der hinteren Plattform schufen der
+Frau mit kräftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins
+Schwanken, man trampelte sich gegenseitig kräftig auf den Zehen herum, die
+hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stießen einigen
+Passagieren in die Bäuche oder gegen die Kniescheiben - und dennoch zeigte
+sich niemand gekränkt oder nervös gereizt. Mit ein paar gutmütigen
+Scherzen ging man über die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns wäre ein
+Sturm der Entrüstung losgebrochen. Auch der eiligste Geschäftsmann wartet
+geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und
+niemals wird ein höher Gestellter versuchen, für sich Ausnahmemaßregeln
+durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der
+öffentlichen Hygiene werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem
+vernünftigen Menschen klar ist.
+
+(M26)
+
+Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffentliche Fragen löst, die
+anderwärts der Polizei die allergrößten Schwierigkeiten machen und über
+die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die
+Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee nämlich
+einfach dadurch, daß er erklärt, sie existierten gar nicht. Der
+Prostitution z. B. ist im Gesetze überhaupt nicht Erwähnung getan, und in
+den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Männern nennt man
+die Prostitution verschämt "das soziale Übel" (_the social evel_), aber in
+der Öffentlichkeit erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals,
+weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und
+weil man annimmt, daß der Amerikaner überhaupt viel zu anständig sei, um
+irgendwelcher heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieblebens
+zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstverständlich jeder erwachsene
+Mensch, daß die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten,
+auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei hat dafür
+zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat
+also nicht nur die öffentlichen Häuser, sondern auch jede einzeln
+flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffentlichen
+Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten
+beschäftigen müßten, so könnte es nicht ausbleiben, daß das Publikum auf
+diese Dinge aufmerksam würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze
+des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben. Folglich duldet es die
+Behörde wissentlich, daß die Polizeiorgane sich von den Übeltäterinnen
+dafür bezahlen lassen, daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß
+die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafür
+entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Behörden bewahren.
+Selbstverständlich erhalten solche Häuser keine polizeilichen
+Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien
+Prostitution. In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen,
+Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhäuser
+werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevölkert,
+und zwar vornehmlich mit - wahlfähigen Männern! Man bedient sich zu diesem
+Zweck der Namen längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten.
+Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen dem Boß für jede
+Gefangene einer solchen Lasterstätte ein Wahlzettel für seine Partei zu.
+Eine Folge dieser unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen
+des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel in den Vereinigten
+Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschäfte, der
+weiße Sklavenhandel, blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen großen
+Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als in denen Südamerikas. Die dunkeln
+Ehrenmänner, die sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen,
+ausschließlich galizische, ungarische und rumänische Juden, führen der
+Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche
+Summen zu.
+
+Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen: "_The House of
+Bondage, by Reginald Wright Kaufmann_". Es dürfte wohl das erstemal sein,
+daß in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der
+Dichtung erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine
+literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else Jerusalems "Der
+heilige Scarabäus" messen, und es ist bezeichnend, daß der mutige
+Verfasser selbst mit dem größten Eifer betont, er habe in diesem Werke
+nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten
+wollen. Im Anhang des Buches sind all die behördlichen Aktenstücke
+abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers
+gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen
+angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen
+heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behörden
+zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die
+niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbuße an ihren
+Einkünften erleiden würden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen
+schönen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge
+Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen
+Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in vielen Tausenden von
+Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Töchter ja
+hauptsächlich gefährdet sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht
+mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür verantwortlich
+gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller
+geraten.
+
+(M27)
+
+Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in demselben Lande, in
+welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte
+in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den
+Reportern sicher ist, aus Anstandsrücksichten in der gesamten Tagespresse
+kein Wort über ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des
+berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben
+hier den für uns überaus seltsamen Fall, daß selbst der indiskreteste und
+von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der
+Journalisten aus Patriotismus eine verblüffende Selbstverleugnung übt. Die
+verehrten Pilgerväter schon haben das Dogma aufgestellt, daß in den
+Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert
+sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe
+wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt,
+der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen
+oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne menschliche Begierden zu
+verspüren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht
+sagt, daß seine smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt seien;
+aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller dürfen es nicht
+wagen, einen Yankee als Verführer der Unschuld hinzustellen. Die
+schärfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, müssen
+dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem
+Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses
+starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, daß es im
+Yankeelande eine pornographische Literatur überhaupt nicht gibt, daß die
+schlüpfrigen französischen Schwänke der Bühne ferngehalten und der Import
+von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen höchstens auf ganz
+versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muß auch unbedingt zugegeben
+werden, daß der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine
+starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen
+ungesunder Reizungen durch schlechte Lektüre dem jungen Mann, zumal der
+gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen
+bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße vorhanden sein
+dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee sich durch gewandtes Erzählen von
+Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und daß man selbst in
+intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des Alkohols schwerlich
+jemals die Sauglocke läuten hört. Es ist auch richtig, daß ein junger Mann
+von guter Familie, der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise
+kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner Standesgenossen
+verfällt - aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Überzeugung das
+Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung
+empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu fördern,
+die den weniger vom Glück begünstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt,
+und außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in allen
+gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in bezug auf die Erotik
+das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall
+der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehörigen
+der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begüterte junge Mann,
+der die größte Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen
+seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht mißbrauchen würde,
+macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine
+fesche Maniküre, Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus dem
+Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in
+seinem Kreise auch keineswegs übelgenommen, wenn er nur von seiner
+Liebschaft kein großes Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein
+Mädchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise
+einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft,
+die sich die beste zu nennen beliebt, dieselbe niederträchtige Doppelmoral
+wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen
+Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten,
+aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glück und der Ehre
+anderer Mädchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung
+ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf des verfluchten Schwerenöters
+dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen
+aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den höheren
+geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der höheren Gesellschaft
+aufgenommen zu werden, falls es sich nur _ladylike_ zu benehmen versteht;
+dagegen fällt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die
+Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien
+Liebesverhältnisses drüben herrscht. Der Yankee hat für die illegitime
+Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der
+Ausdruck _Sweetheart_ hat einen verächtlichen Nebenklang bekommen. Die
+amerikanische Moral bekreuzt sich entrüstet vor dem "Verhältnis" des
+Deutschen oder vor der "Collage" des französischen Studenten. Die
+amerikanische junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich
+liebenden deutschen "Gretchens" oder der französischen Grisette nicht nur
+für _shocking_, sondern besonders für entsetzlich dumm halten; denn sie
+ist gewohnt, möglichst viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu
+gewähren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist folglich die
+poetische Verklärung eines freien Liebesverhältnisses völlig unmöglich.
+Ein Autor, der dergleichen wagen würde, und sei er selbst ein Mann von
+anerkannter Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches schwer
+schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich unmöglich machen. Ob bei
+dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu
+entscheiden, sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der Liebe viel
+dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen
+christlich-pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns Europäern ja
+geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glück hat,
+sein geraubtes Schäfchen ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter
+Umständen sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren emporarbeiten;
+landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muß er gewärtig
+sein, daß er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu
+heiraten, oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem Ozeandampfer
+wachen scharfe Yankeeaugen über dem Benehmen der paarweise Reisenden, und
+wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann
+sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu
+werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen
+Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem
+die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenüber zu
+bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend jetzt schon als
+Begleiterscheinung der körperlichen Reinlichkeit und der vernünftigen
+Erziehung auszeichnet, so dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen
+der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber müssen wir
+uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Überlegenheit mit einem
+großen Fragezeichen zu versehen.
+
+
+
+
+
+ LIEBE UND EHE.
+
+
+(M28)
+
+So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so
+viele Geschäfts- und Familienbeziehungen die Völker diesseits und jenseits
+des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade über manche wichtige
+grundlegende Verhältnisse die gröbsten Mißverständnisse. Was wissen wir
+Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen
+in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen
+Milliardärstöchtern und europäischen Aristokraten, von Millionenerbinnen
+oder Gattinnen von Industriekönigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder
+Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die
+ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik über die Scheidungen in
+den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen
+Erscheinungen schließen zu dürfen, daß die Yankees über die Heiligkeit der
+Ehe äußerst frivol denken und ihre Töchter nur als Ware, als Tauschobjekt
+für gute gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen betrachten
+müßten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken
+Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemädchen
+nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus
+nächster Nähe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren,
+der dürfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen
+wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und
+Gewohnheiten der paar Hundert Multimillionäre und denen der
+überwältigenden Mehrheit des übrigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte
+nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu
+offenbaren, daß Frauen desto unglücklicher, unzufriedener und zu törichten
+Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte
+Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft bestätigt finden können, wie
+irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionärs, die ganz in
+gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen
+Hetze von Vergnügen zu Vergnügen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von
+bloß spielerischer bis zu wirklich angreifender Tätigkeit aufreibt, dabei
+drei- bis viermal täglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe
+ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen rücksichtslos
+befriedigen kann, die muß natürlich, falls sie nicht einen unverwüstlich
+guten Kern besitzt, ihre Nervenüberreizung irgendwie büßen. Die tollen
+Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur
+Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerrütteten
+körperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken.
+Ebenso begreiflich ist es, daß die Männer jenes Kreises, sobald der
+aufgehäufte Dollarberg ihnen bis über die Nase steigt und sie zu ersticken
+droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunächst dazu
+zu führen pflegen, daß sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsätze
+vergessen und mit ihrem Überfluß das einzige zu erreichen trachten, was
+drüben für kein Geld zu haben ist, nämlich einen Abglanz feudaler
+Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fürsten- und
+Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen können, ohne sich lächerlich zu
+machen, so kaufen sie diese schönen Dinge ihren ehrgeizigen Töchtern und
+füttern ihre Eitelkeit mit dem Bewußtsein, mit dem ältesten Adel Europas
+wenigstens verschwägert zu sein und als Großpapas Prinzlein und Komteßlein
+auf ihren Knien schaukeln zu dürfen. Und dennoch ist gerade für die
+Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mädchenschacher.
+Man darf getrost behaupten, daß in keinem Lande der Welt den Töchtern eine
+größere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten
+Staaten, und daß auch nirgends das Spekulieren der jungen Männer mit einer
+fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist nämlich durchaus nicht
+Sitte, den Töchtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute
+machen hiervon eine Ausnahme. In der überwältigenden Mehrzahl der
+Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten
+Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber
+als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief
+zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwählten seiner
+Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine
+faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich
+behaglich räkeln dürften. Die jungen Leute mögen sich im stillen auf die
+fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich
+gefälligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem
+eignen Verdienst gestalten. Dieser höchst vernünftige und gesunde
+Grundsatz führt zu der selbstverständlichen Folge, daß drüben viel mehr
+aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Außerdem wird aber auch viel
+früher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine
+frühe Selbständigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die
+Lebensverhältnisse heute wenigstens noch so sind, daß ein junger Mensch,
+der etwas gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel früher als bei uns zu
+einem leidlich anständigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am
+Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau
+ernähren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der
+Häuslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Mädchen suchen, das
+auch in einem praktischen Beruf tätig ist und ein selbständiges Einkommen
+daraus bezieht. Wer in der teuren Großstadt noch nicht imstande wäre, von
+seinem Einkommen eine dürftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet
+weit draußen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen
+Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft
+sich leisten kann. Die vernünftige Erziehung, bei der die beiden
+Geschlechter stets auf dem Fuße der Gleichberechtigung und der guten
+Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus
+den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und
+keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und
+schönste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge
+Europäer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel
+einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, daß, wie gesagt, ein
+sehr großer Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine
+Existenz zu begründen beginnt, wo er keinen menschenwürdigen Ersatz für
+die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schließlich gibt es
+in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen
+Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein
+eingeführte Sitte. Es gilt nämlich in der Yankeefamilie als ganz
+selbstverständlich, daß der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie
+selbständig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen
+Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernünftig ist, die
+geschäftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten
+Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht für
+gefühlsroh zu halten, so erwägt man im Familienrate in aller Gemütsruhe,
+wie viel jedes einzelne Kind im Verhältnis zu den Aufwendungen, die für
+seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den
+Eltern zurück zu erstatten habe. Man hört selten davon, daß sich ein übel
+geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel
+weniger davon, daß die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und
+erwachsenen Kindern unter solcher Geschäftspraxis leide. Die Eltern
+spannen vielmehr ihre Kräfte aufs äußerste an, um ihren Kindern eine
+möglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, daß sich das
+aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden
+durch diese geheiligte Sitte von früh an in ihrem Pflichtbewußtsein und in
+ihrer selbstlosen Schätzung des Familienlebens gestärkt. Während also
+unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten
+Selbstsüchtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern
+noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um
+den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen
+geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon
+bedenklich mürbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und
+Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Männermaterial
+für den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantität auf
+Lager zu haben. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung dünkt mich auch
+der Umstand, daß die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie
+kennt, indem nämlich das Fürwort _thou_, also das eigentliche du, nur noch
+in der Poesie und im Gebet angewendet wird, während _you_ - gleich Ihr -
+schon seit Jahrhunderten ausschließlich als Anrede bei Hoch und Niedrig in
+den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es fällt
+also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das
+förmliche Sie bei uns errichtet, und der Übergang zwischen einer bloßen
+guten Bekanntschaft in höflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe
+markiert sich äußerlich gar nicht. Die jungen Männer und Mädchen, die
+durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr
+der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fuß gekommen
+sind, behalten übrigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen,
+bis ins heiratsfähige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von
+jungen Mädchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fuße stehen;
+ein junges Mädchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater,
+morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, übermorgen von ihrem
+Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne daß die ganze Freundschaft,
+Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darüber die Köpfe
+zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen
+zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer
+ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu
+leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art,
+wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschäftigung, den Flirt, ausübt,
+wenig erbaut sein. Deutsche junge Mädchen, die schon als Erwachsene
+hinüber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese Verhältnisse wenig
+nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und
+darin rasche Fortschritte machen, so ärgert es sie doch, daß sie nie
+wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Männern eigentlich daran
+sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und
+einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht,
+als bei uns. Der junge Amerikaner der höheren Schichten kann jahrelang
+ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Töchtern seines Kreises
+unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz überraschend
+irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht groß darüber
+wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und
+ihn urplötzlich mit der Frage überrascht: "Was meinst du, Jim, wir könnten
+doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?" Der jungen Amerikanerin
+geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Mädchen ab, als ob der
+freie Verkehr mit jungen Männern zu einer Überrumpelung in einer schwülen
+Stunde führen könnte, denn sie weiß ganz genau, daß der junge Mann, der
+einen solchen Vertrauensbruch begehen würde, der lebenslangen Ächtung in
+seinem Kreise verfallen würde. Sie weiß ebenso genau, daß ihr Freund,
+falls sein Temperament ihm keine Ruhe läßt, außereheliche Freuden bei den
+leichten Mädchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens
+auch nicht besonders übel nehmen. Aus solchen Anschauungen und
+Gewohnheiten erklärt es sich, daß in den Vereinigten Staaten der Typus Don
+Juan, der kecke Herzensbrecher, gefährliche Schwerenöter und verfluchte
+Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Männlichkeit darstellt, weder
+dem Geschmack der Männer, noch dem der Frauen nach, sondern daß dieses
+Ideal vielmehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschützer weiblicher
+Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schönen
+lächelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie
+der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fällt durch solche
+Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen
+Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos
+sich hingebende und schwärmerisch sich aufopfernde junge Mädchen würde
+nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine
+dumme Gans sein. Und dem männischen Mann, dem rücksichtslosen Eroberer,
+dem Schrecken und der süßen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, würde
+einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden.
+Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch
+gar nicht vor. "Das süße Mädel", wie Schnitzler und ich es novellistisch
+verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertür der Übersetzung keinen
+Einlaß in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman "Das dritte
+Geschlecht" liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische
+Übersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin
+gepredigte Philosophie der Liebe _shocking_ ist. Überaus lehrreich war für
+mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama "_The easiest way_"
+(der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter,
+der drüben als ein kühner Pfadfinder gilt. Das freie Verhältnis eines
+reichen Geschäftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt
+der Handlung. Das Mädchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der bürgerlichen
+Anständigkeit und dem behördlich approbierten heiligen Ehestand. Der
+Verfasser jedoch scheint es als selbstverständlich anzusehen, daß solche
+gefallenen Mädchen niemals die Kraft finden können, einem faulen, eiteln
+Genußleben zu entsagen. Er läßt ihren Aushälter mit seiner trotz aller
+Großmut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Mädchen im
+Sumpf zu Grunde gehen. Für amerikanische Begriffe war es, wie gesagt,
+schon eine ungeheure Kühnheit, solch ein illegitimes Verhältnis überhaupt
+auf die Bühne zu bringen. Erträglich wurde diese Kühnheit für das
+Theaterpublikum drüben nur durch den moralischen Standpunkt, den der
+Verfasser einnahm. Sein grausamer Schluß entsetzte freilich die zarten
+Gemüter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die
+verlogene Sentimentalität einer Kameliendame, als der aus Mitleid und
+tiefem Verständnis für alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der
+modernen europäischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so
+spähen wir Deutsche auch in der Öffentlichkeit vergebens nach den uns
+vertrauten Äußerungen der Verliebtheit. Liebespärchen, welche in dunkeln
+Ecken von Biergärten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem
+Glase trinken, von einem Butterbrot abbeißen, oder etwa gar im
+Eisenbahncoupé wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich
+fortwährend zärtlich tätscheln und heimlich drücken, dürften wohl drüben
+zu den Unmöglichkeiten gehören. Kaum daß man einmal auf den Bahnhöfen
+Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich küssen sieht. Ob deswegen die
+Amerikanerin weniger zärtlich oder gar feurig sei, als europäische Frauen,
+wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin
+verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhältnis mit
+einer solchen gehabt.
+
+(M29)
+
+Der Sinn für Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs
+gänzlich ab, was man daraus erkennen kann, daß abenteuerliche Entführungen
+viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber
+freilich, was will eine Entführung in dem Lande der Freiheit groß
+bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg
+freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat bedürfen die Töchter in den meisten
+Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht,
+einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge
+Mädchen heiraten bloß, weil ihnen das Entführtwerden so viel Spaß macht.
+Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und
+sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern präsentieren kann. Man
+braucht bekanntlich drüben nicht drei Wochen zu hängen oder in der Kirche
+aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zuständigen
+Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald
+man beschwört, daß keine gesetzlichen Hinderungsgründe vorliegen. Mit
+diesem Schein geht man zum nächsten besten Pastor und läßt sich auf der
+Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben.
+Glücklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen.
+Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten
+sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem
+Staate auf Schwierigkeiten stößt, der verfügt sich eben in einen
+weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert höchstens, daß er sich
+dort einige Zeit aufhalten muß, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze
+genießen darf. Es könnte wunder nehmen, daß dieselben Yankees, die
+vielfach noch sehr puritanisch streng über die Ehe denken, die Scheidung
+so überaus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, daß hier,
+wie so oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen
+hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhältnisse des
+jungen Landes begünstigen das frühe Heiraten; da nun aber ein despotisches
+Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundsätze
+ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die
+Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus
+noch nicht fähig sind, sich über ihre eigenen sittlichen Kräfte, noch über
+die Kämpfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen
+Lebensverhältnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich
+folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wäre
+nun diesen unglücklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmöglich
+gemacht oder auch nur beträchtlich erschwert, so würde bald das ganze Land
+überschwemmt sein von verärgerten, zähneknirschenden, entmutigten
+Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten
+würden. So aber weiß jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich
+gröblich getäuscht, nun dann ist's auch weiter nicht schlimm; eine
+Scheidung kostet nicht den Kopf, und das nächste Mal kann ich es ja besser
+treffen. Selbstverständlich wird die leichte Scheidungsmöglichkeit aus
+bloßer Veränderungssucht viel mißbraucht werden, aber sicherlich nicht so
+viel, wie ängstliche Gemüter sich vorstellen mögen, denn die liebe
+Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu bändigen. Das
+Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl des Mannes, besonders bei einer
+allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und
+zur Häuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umständen einen starken
+Schutzwall wider den rücksichtslosen Leichtsinn auf. Übrigens ist die
+Gefahr der unglücklichen Ehen auch schon dadurch herabgemindert, daß die
+ganze Yankeerasse nüchterner denkt als wir und sich daher über Liebe und
+Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist überhaupt dieses Volkes
+Sache nicht, es wird daher um so stärker von der Tradition beherrscht, ist
+auch von den Einflüssen der Erziehung, der Schule abhängiger und darum in
+seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemüt als wir. Durch
+diese Gleichartigkeit fällt von vornherein der bei uns häufigste Grund der
+Ehestörung fort. Hyperästhetische, dekadente Männer oder verzwickte
+Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele
+schwierigster Ehegesponse herumlaufen, dürfte man drüben nur sehr selten
+antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann für die
+Frau bequemer als der deutsche. Er fühlt sich durch ihre nach unseren
+Begriffen oft unverschämten Ansprüche nicht weiter gekränkt, weil ihm die
+Verehrung für das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es dünkt
+ihm ganz in der Ordnung, daß einer für das Vergnügen, mit einer hübschen
+und eleganten Frau prahlen zu dürfen, einen gehörigen Preis zahlen, d. h.
+bis an sein Lebensende sich mächtig anstrengen muß. Wie der Mann das viele
+Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgültig, denn für ihr
+gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder
+mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider
+Industriekapitän, Beamter, Anwalt, Arzt oder Künstler ist. Der
+gesellschaftliche Rang des Gatten hängt vielmehr davon ab, ob er einer
+mehr oder minder alten Familie angehört, die schon lange Wohlstand und
+Ansehen genießt, oder ob er ein Emporkömmling ist, von dem man in der
+guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiß. Eine gescheite und reizvolle
+Frau kann die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes wesentlich
+verbessern, indem sie mit Kreisen in Fühlung kommt, die über denen stehen,
+aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hält es darum auch für ihre
+vornehmste Pflicht, sich ihre Schönheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu
+machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche
+gesellschaftlich geschickten Frauen gemütlos und geistig beschränkt sind,
+dann können sie natürlich auch den geduldigsten Mann durch ihre törichten
+Ansprüche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug
+genug, sich gerade dann, wenn sie die ärgsten Zumutungen an seinen
+Geldbeutel und seine Geduld stellen, die größte Mühe zu geben, ihn bei
+guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eifersüchtige, keifende, den
+Hausschlüssel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den "Fliegenden
+Blättern" wird man drüben nicht oft finden; dagegen ist die putzsüchtige,
+mit dem Scheckbuch des Gatten täglich die Warenhäuser heimsuchende und
+ihre Zeit in nichtigen Vergnügungen und spielerischer Vereinstätigkeit
+verzettelnde Hausfrau sicher noch häufiger zu finden als bei uns. Es wäre
+aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die
+Fähigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man
+hört sogar nicht selten von jungen Mädchen aus wohlhabenden Familien, die
+mit ihrem Erwählten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter
+rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die
+Amerikanerin in beschränkten Verhältnissen beinahe so gut wie die
+Französin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut
+anzuziehen und ihren Körper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die
+Frau, die nur unter furchtbarem Getöse die Haushaltungsmaschine in Gang zu
+halten versteht, immer seufzt und stöhnt, nie angezogen ist, und, sobald
+sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr Äußeres, ihre kleinen Talente und
+ihren Bildungstrieb vernachlässigt, die soll drüben angeblich nicht
+existieren - auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist
+eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten würde, und ihre
+Töchter spielen Klavier und besuchen die höheren Schulen. Die arbeitende
+Frau des Mittelstandes mag zwar nüchtern und uninteressant sein, aber sie
+teilt doch meistens die glücklichste Eigenschaft ihrer Rasse, nämlich die
+leichte Anpassungsfähigkeit an die verschiedenen Glücksumstände. Es wird
+nicht oft vorkommen, daß eine Frau ihren Mann, wenn er plötzlich zu großem
+Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch
+schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren
+sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen
+Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschöpfen
+noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu
+Freiwild für die illegitimen Begierden der Männer bestimmt hat. Einige
+gefällige Amerikaner veranstalteten zum Vergnügen des Gefolges unseres
+Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime
+Abendgesellschaft - für jeden der Herren war ein gefälliges Chorusgirl
+eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Mädchen war so
+anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, daß die Herren glaubten,
+einer Einladung in ein feines Töchterpensionat gefolgt zu sein und gar
+nicht genug Rühmens von dieser liebenswürdig kaschierten Frivolität machen
+konnten.
+
+(M30)
+
+Man mag diese unzweifelhaften Vorzüge als Äußerlichkeiten gering
+einschätzen und ihnen gegenüber die Gemütstiefe, die Pflichttreue, die
+enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Mütterlichkeit der deutschen
+Frau als das Größere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die
+Liebesfähigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht
+leugnen, daß durch Gesetz, Sitte und Herkommen für den heiligen Ehestand
+drüben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem
+Zweifel unterliegen, daß die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke
+das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt.
+
+
+
+
+
+ DIE DIENSTBOTENFRAGE.
+
+
+(M31)
+
+Es war in Philadelphia. Mir gegenüber im zweiten Stockwerk eines netten,
+epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen
+beschäftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flügelfenster, sondern
+ausschließlich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein
+behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer
+rasch vorüber brausenden Straßensensation fast unmöglich machen. Denn die
+Fenster sind fast durchweg so niedrig über dem Fußboden angebracht, daß
+die bewegliche untere Hälfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur
+Brusthöhe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so muß man, um nicht
+etwa das Übergewicht zu verlieren und kopfüber hinauszupurzeln, schon auf
+den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem
+schlechten Funktionieren der Sperrfedern geköpft zu werden, unter die
+gläserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem
+Fensterbrett gemütlich gemacht; das eine Bein hing auf die Straße hinaus,
+obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Während er
+sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedächtig auf
+dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale
+Seitenstraße hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein
+Eckhaus). Da doch vorläufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er
+sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwärts. Er
+dachte offenbar angestrengt über das Problem nach, wie er wohl, ohne sein
+kostbares Leben zu gefährden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem
+Oberkörper rückwärts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen
+in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von außen reinigen
+könnte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstückchen sich nicht aufgelegt
+fühlte, so schüttelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er
+mit ausgestreckter Hand über sich emporreichen könnte. Die Fingerspitzen
+langten nur gerade ein weniges über die mittlere Rahmenleiste hinaus; das
+genügte ihm aber vorläufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am
+äußeren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf
+erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des
+hinaufgeschobenen Fensters. Er ließ sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne
+deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere
+Scheibe seiner Meinung nach genügend sauber war, nahm er wieder auf dem
+Fensterbrett Platz und ließ sein linkes Bein, dessen zierliches
+Plattfüßchen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins
+Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untätig vor sich hingeträumt
+hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhälfte
+herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von außen zu bearbeiten. Es dauerte
+sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen,
+und als er es endlich glücklich los hatte und nun versuchte, die schwere
+Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu stützen, daß ein genügend großer
+Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er
+alsbald, daß er sich dadurch in eine höchst unbequeme Lage begeben und
+besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also
+stöhnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich mit dem
+Ärmel über den Schädel und fletschte zornig sein anmutiges "G'frieß" gegen
+die Scheibe hinauf - gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der
+Kommode böse sind, an der sie sich gestoßen haben. Plötzlich verklärte
+sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne ließ sich
+Militärmusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde
+ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie möglich und
+spähte die breite Hauptstraße hinunter. Etwas ganz besonders
+Herzerhebendes mußte da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in
+die Hände und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreißend, die
+lachenden Zähne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster
+hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den
+seltenen Anblick eines militärischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen.
+Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz
+spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine
+uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger
+Parademarsch, inszeniert von einem politischen Boß und ausgeführt von
+einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner
+gesetzten Alters, wohl genährt, sauber und glatt rasiert, alle mit den
+gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hüten und
+denselben Bambusstöcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre
+aufrecht an die Schulter gedrückt trugen, wie ehemals unser Militär bei
+dem Griff "faßt das Gewehr an". Ein gerade zu Besuch anwesender
+Eingeborener erklärte mir, daß die Parteikasse die Ausrüstung an
+Gamaschen, Schlipsen, Hüten und Spazierstöcken stelle und diese
+öffentlichen Umzüge ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener
+Mitbürger von Zeit zu Zeit veranstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie
+gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhört
+fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straßenkreuzung postiert war,
+führte vor Vergnügen über diesen gelungenen Aufzug einen veritablen
+Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster
+putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergnügen über solchen grotesken Anblick
+und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd
+zwischen den Schenkeln hätte. Offenbar gehörten der cancanierende
+Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der
+Demonstranten an und fühlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer
+Vertrauensmänner in ihren patriotischen Gefühlen angenehm gekitzelt. - Bis
+der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverständlich
+der farbige Jüngling gegenüber nicht daran, sein Fenster wieder
+vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und
+hielt es nachdenklich in der Hand, während seine schwarzen Sammetaugen
+sich bekümmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine
+Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Plötzlich kam wieder
+Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf
+über die Schulter und äugte höchst gespannt die Avenue hinauf. -
+Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt,
+paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre
+mit Nickelknöpfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren
+waren auf dem Wege zum Oberbürgermeister, um feierlich bei ihm vorstellig
+zu werden, daß er die fromme Quäkerstadt beschützen möge vor dem
+Satansgreuel der Salome von Richard Strauß, deren Aufführung in
+Philadelphia eine fremde Operntruppe angekündigt hatte. Es wäre eigentlich
+passend gewesen, daß der fette schwarze Schutzmann an der Straßenkreuzung
+bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgeführt hätte. Aber
+er schien zu Richard Strauß und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen
+zu haben, denn er ließ die Parade ohne sichtliche Gemütsbewegung
+vorüberziehen und sorgte nur dafür, den Wagenverkehr derweil zu bändigen.
+- Mein Fensterputzer stierte blöd der schwarzen Prozession nach, bis sie
+um die Ecke verschwunden war; dann führte er mit seinem kalt gewordenen
+Spielbein einige Freiübungen aus und war eben dabei, tatsächlich seinen
+Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer
+flüchtigen Wäsche von außen zu wagen, als es vom nächsten Kirchturm zwölf
+schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein über das Fensterbrett und
+der schwarze Jüngling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, daß
+er am nächsten Ersten um eine Lohnerhöhung eingekommen ist.
+
+(M32)
+
+Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers dürfte einigermaßen typisch
+sein für den Eifer, mit dem häusliche Dienstleistungen in den Vereinigten
+Staaten verrichtet werden. Gewiß arbeitet ein frisch von Europa
+eingewandertes Hausmädchen fleißiger und gründlicher, dafür ist es aber
+auch sehr viel anmaßender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der
+Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er
+ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller
+Fragen, nicht nur für die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die
+ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen _Butler_
+(Haushofmeister), einen französischen _Valet de chambre_, einen
+italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassischer
+Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche
+irische Mädchen. Für Geld, d. h. für sehr viel Geld ist natürlich auch
+eine aristokratisch luxuriöse, gut gedrillte Dienerschaft in den
+Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem
+Vermögen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von
+Regierungspräsidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten
+Schriftsteller besitzen, können sich eine perfekte Köchin und noch ein
+tüchtiges Stubenmädchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Köchin, die
+etwas Eßbares zu kochen imstande ist, dürfte unter 100 Mk. Monatslohn
+nicht zu haben sein, und 10 Dollars muß man sogar für einen frisch
+importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits
+ein paar Monate im Lande, so daß sie sowohl von der Sprache wie von dem
+Wesen ihrer staatsbürgerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie
+mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche
+genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, daß sie
+außer dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuräumen
+haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das _Parlor_ (Wohnzimmer)
+bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und
+selbstverständlich ohne Kündigung abziehen dürfen, sobald es ihnen
+beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese
+Damen grundsätzlich nicht, dazu müssen extra Nigger, Chinesen, Polacken
+oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau
+irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder
+landesüblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Fräulein
+achselzuckend: "_That's not my business, Ma'm_" - und fertig. Ein Mädchen,
+das für die Küche angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem
+Hausherrn einen Knopf annähen; und ein Hausmädchen wird sich auch im Falle
+der höchsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Töpfchen zu
+setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu
+putzen, wäre ungefähr gleichbedeutend mit schwerer körperlicher
+Mißhandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann
+geheiratet hatte, erzählte mir, daß sie, um den Schwierigkeiten der
+Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhängliche
+Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war.
+Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbürste vor die Füße
+geworfen und erklärt, daß sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche
+entwürdigende Zumutung noch länger gestellt würde. An einer
+Frauenuniversität, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das
+einzige für männliche Gäste reservierte Zimmer zum Übernachten angewiesen,
+in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur
+Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schön poliertes
+Mahagonikästchen, und als ich es neugierig öffnete, fand ich darin ein
+komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mußte sich also auch höchst
+eigenhändig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversität
+natürlich keinen öffentlichen Wichsier gab. Daß gerade gegen die
+ehrenhafte Betätigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht,
+ist um so merkwürdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst
+durchaus nicht für unter seiner Würde hält, seine Karriere als Inhaber
+eines Straßenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen
+Multimillionäre in diesem Geschäft den Grundstock ihres Vermögens legten!
+
+(M33)
+
+Deutsche Dienstmädchen gibt es schon lange kaum mehr; die meisten der
+Damen, die so anfingen, fahren heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn
+wenn sie auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten und
+einigermaßen nett anzusehen waren, wurden sie mit Wonne von besser
+situierten Landsleuten geheiratet. Auch die einstmals als Hausmädchen
+besonders beliebten Irinnen trifft man heute höchstens noch in sehr
+vornehmen Hotels in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer
+sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 7 $, also gegen 30
+Mk. pro Tag! Selbstverständlich denken seine Töchter nicht daran, in
+Dienst zu gehen, auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und
+gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwärtig sind Ungarinnen
+besonders gefragt, und wer eine solche dralle, hochgestiefelte Pußtadirne
+nicht erschwingen kann, der nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin
+oder dergleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen Ärger und der ewigen Angst,
+ob er morgen noch auf die Unterstützung seiner Perle zu rechnen oder
+abermals den Gang aufs Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner
+Konstitution nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfühlig ist, um
+Menschen seinesgleichen, freie Mitbürger in unwürdiger Abhängigkeit zu
+erhalten, der verzichtet überhaupt auf häusliche Dienstboten. Und zu
+diesen vernünftigen Leuten gehören fast alle Männer, die das Glück hatten,
+eine Frau zu erwischen, die von Küche und Haushalt etwas versteht, und der
+eine rege Betätigung im eignen Heim mehr Freude macht, als das fade
+Gesellschaftsleben und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnügen zu
+Vergnügen.
+
+(M34)
+
+An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine
+der reizenden ländlichen Universitäten des Nordens eine meiner neuen
+Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein
+hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreißigern, der in einen
+höchst eleganten Sealskinpelz gehüllt, einen glänzend gebügelten
+Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder
+Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zähnen - einen eleganten
+Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse für seinen
+glücklicherweise schlummernden Sprößling heuchelnd, begrüßte ich den Herrn
+Professor. Er mochte mir wohl anmerken, daß mir begriffsstutzigen Europäer
+seine väterliche Betätigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und
+erklärte mir aus freien Stücken den Zusammenhang. "_Look here_", sagte er,
+"wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines
+Einkommen; wir können uns keine Dienstboten halten - außerdem ziehen wir
+es vor, in unserer zärtlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und
+wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darüber zerbrechen, wie wir aus
+unserer Mary oder Jane die größtmögliche Arbeitsleistung herausziehen
+könnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbürgerin zu nahe zu treten. Wir
+haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die
+gröblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die
+Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausräumt und die Müllkasten vor
+die Tür stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute früh
+z. B. habe ich zunächst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung
+geschürt und Kohlen nachgefüllt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine
+Frau nicht ganz wohl ist, und das Frühstück für uns beide hergerichtet.
+Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer
+Haustür und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in
+einen Gentleman verwandelt. Da es darüber für die Kirche zu spät geworden
+war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines
+vorläufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu
+verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Küche, und wenn
+meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im
+Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbüchse gewärmt
+habe. Vor dem Schlafengehen schütte ich dann noch einmal im Keller Kohlen
+auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die
+Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren."
+
+"Sehr schön," sagte ich in ehrlicher Anerkennung. "Aber das nimmt Ihnen
+doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun früh morgens eine Vorlesung
+haben, was machen Sie dann?"
+
+"_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde früher auf," lachte er vergnügt,
+"und gehe abends eine Stunde früher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich
+habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist,
+kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am
+Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten
+überhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch
+nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon
+einmal 50 Leute eingeladen gehabt."
+
+"Nicht möglich! Wie haben Sie denn das angestellt?"
+
+"O, sehr einfach. Wir besitzen Service für 12 Personen, also waren wir 12
+Personen zum Lunch. Natürlich haben wir kein Eßzimmer, in dem 12 Personen
+bei Tische sitzen könnten, es mußte sich also jeder setzen, wo er gerade
+Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein
+Besteck, und darauf wurden die Schüsseln, eine nach der anderen,
+herumgereicht - alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht
+es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natürlich hatten wir dabei
+Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mädchen, sondern zwei meiner Studentinnen;
+die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann
+die übrigen 38 Personen - die wurden aber nur mit geistigen Genüssen
+traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen
+Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige
+Flötensolos. Außerdem konnten wir sogar noch mit der berühmtesten
+Schönheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise
+befand, aufwarten!" - -
+
+Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernünftigen
+Amerikaner von ähnlicher gesellschaftlicher Position und Vermögenslage.
+Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversität zu einem intimen
+Diner geladen. Während des Essens stieß mich meine Frau unter dem Tisch
+mit dem Fuße und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die
+bedienende Maid, die in ihrem weißen Kleid, mit dem weißen getollten
+Häubchen auf dem üppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswürdigkeit
+darstellte. Wir drückten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies
+durch warnendes Räuspern abgelehnt wurde, auf Französisch, dann auf
+Italienisch unsere Bewunderung für dieses nicht nur ungewöhnlich hübsche,
+sondern auch ungewöhnlich intelligent aussehende Hausmädchen aus. Da aber
+fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schöne Blondine bekam
+einen roten Kopf und hastete in größter Verlegenheit hinaus. Und nun wurde
+uns anvertraut, daß dieses reizende Servierfräulein eine junge akademische
+Kollegin von Fräulein Professor sei, nämlich - die Privatdozentin für
+Sanskrit!
+
+(M35)
+
+Das Merkwürdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der
+Umstand sein, daß es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen für
+Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr hübsch sind, als vielmehr,
+daß in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die
+gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der
+liebenswürdigsten Weise gegenseitig in ihren häuslichen Schwierigkeiten
+aushelfen, während gerade die untersten, auf körperliche Arbeit
+angewiesenen Stände die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande
+anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch
+entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Rücksicht wie die
+rohen Eier behandelt werden müssen, damit sie nicht gleich wieder
+fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei
+uns wohl überhaupt nicht geben dürfte, ziehen doch die Mädchen die
+unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und
+Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor.
+Gehorchen zu sollen ist eben für den Amerikaner die furchtbarste Zumutung,
+die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut nötig
+hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurückgelegt hat, sucht er sich
+selbständig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes,
+der auf der Straße Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft,
+fühlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten
+häuslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen
+hat. Es kommt noch dazu, daß dem Bürger der Neuen Welt nicht nur jedes
+Gefühl für die Schönheit und Würde des sich Einfügens in ein
+patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis von Herr und Knecht, von Meister
+und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu
+dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder für das einer bei uns
+erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drüben alle Spieler und
+Glücksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade
+bietet, und treiben es nur so lange - _until a better job turns up_ -, bis
+sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drüben fühlt sich
+einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in
+den weißen Anzug eines New Yorker Straßenkehrers stecken lassen müßte, so
+zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, daß er berufen sein
+könnte, übers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in
+Oklahama zu sein und auf der Höhe seines Lebens in den Senatspalast von
+Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem
+Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich
+nicht sicher, ob er nicht übers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder
+Truthähne en gros züchtet. Daher kommt es, daß auf dem Gebiete der
+persönlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine
+fachmännische Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit existiert. In Madison
+(Wisconsin) ließ ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch
+einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, daß der
+neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn
+eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkäufer in einer
+geräucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine
+Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff löten lassen. Man schickte mich
+von Pontius zu Pilatus über fünf Instanzen hinweg; endlich, in einer
+Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten
+und Hin- und Herreden über Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu
+ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach
+ein paar Minuten meinen Stock zurück. Der äußerst geschickte
+Silberarbeiter hatte das losgelöste Monogramm allerdings mit dem Lötrohr
+befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und
+als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, mußte ich die
+Entdeckung machen, daß das Monogramm endgültig verloren war, nachdem es 14
+Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt
+sich eben in diesem großen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit
+der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht
+gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwürde so überaus hoch
+einschätzt, daß er die Handarbeit und gar das persönliche Dienstverhältnis
+verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das äußerste
+an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu
+lassen und die unumgänglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil
+die Dienstboten so rar, so teuer und so überaus bequem sind, lieben sie
+z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast
+ausschließlich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar
+nicht schneiden kann, die dafür aber auch durch einfaches Durchziehen
+durch heißes Wasser und Abtrocknen zu säubern sind. Da es nun aber Messer
+mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverständlich auch
+keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Geflügel macht man durch
+Zerreißen zwischen Gabel und Messer einigermaßen mundgerecht. Im
+allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer
+breiförmigen Gestalt her, sodaß sie nur einfach in den aufgesperrten
+Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel
+kostbare Zeit.
+
+Vorläufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen,
+südeuropäischen und westasiatischen Völkerschaften statt. So lange diesen
+noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer
+Bedeutung als selbstherrliche Bürger der glorreichsten Republik der Welt
+nicht bewußt sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus
+angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmädchen und dergl. her. Aber,
+wie gesagt, immer nur bis der bessere "Job" auftaucht, dann gesellen sie
+sich alsbald der stolzen Klasse der selbständigen Unternehmer zu. Wenn nun
+aber einmal das Land voll ist, so daß es seine Tore vor den Einwanderern
+zusperren muß - wer soll dann all die häusliche und sonstige, niemals
+völlig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese
+kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew
+D. White, dem früheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich
+seinen schönen weißen Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt
+lächelnd zur Antwort: "Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten.
+Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder
+so. Warum sollen wir uns die Köpfe unserer Enkel zerbrechen?"
+
+(M36)
+
+Hm! allerdings - man hat schon Bronzemesser eingeführt und auf Braten
+verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein
+abends selber aufdecken muß, auch morgens selber machen; man kann auch
+seine Frau hinten zuknöpfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden,
+aber man kann schließlich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen,
+Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gänzlich und unter allen
+Umständen verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch
+wenigstens unter gewissen Verhältnissen die Hilfe von Leuten voraus, die
+nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu
+besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst
+einmal selbständige Unternehmer geworden sind?
+
+Ich muß gestehen, mein beschränktes Europäergehirn ist, so oft es über
+diese Frage nachgedacht hat, schließlich immer wieder zu demselben Schluß
+gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die
+Sklaverei mindestens 100 Jahre zu früh aufgehoben!_
+
+
+
+
+
+ DIE KOCHKUNST DER YANKEES.
+
+
+Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Köchinnen beschäftigt habe,
+dürfte es angebracht sein, im Anschluß ein wenig in die amerikanische
+Küche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, daß der Weg zum
+Herzen des Mannes durch den Magen führe, dürfte es noch sehr lange dauern,
+bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Männerwelt einer
+auch nur annähernd ähnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder
+die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten
+Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die große
+Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger
+Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern.
+Wie lange ist es denn überhaupt her, daß sich die Besiedler der neuen Welt
+des Segens sicherer behaglicher Häuslichkeit erfreuen? Viele der jetzt
+üppig blühenden Großstädte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz
+wenige über ein Jahrhundert alt. Der wüsten Raubbau treibende
+angelsächsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem
+Blockhause hauste, briet sich über dem offenen Feuer am Spieß seinen
+Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien
+irgend etwas zurecht, was einer genießbaren Speise vielleicht entfernt
+ähnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung
+sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermaßen vertrauen Frauen -
+unter den Britinnen sind sie nicht besonders häufig - eine Männerwelt vor,
+die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in
+neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende
+Abnehmer für alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch
+bewährte Meister der Kochkunst über den Ozean zu ziehen; aber die traten
+selbstverständlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten
+Restaurants und der Milliardäre ein und konnten folglich nicht für die
+breite Masse des mäßig begüterten Bürgertums erziehlich wirken. Die
+amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im
+Vergleich zu ihrer barbarischen Küche natürlich die Speisekarte der
+Kulturvölker lauter überraschende Offenbarungen bietet.
+
+(M37)
+
+Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in
+Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Küche. Das
+Haupterfordernis der Eßbarkeit ist für den Yankee die Süße. Alles, was süß
+ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz
+größter Mühe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein
+Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wäre.
+So ist Süßigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf
+entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Frühstück geht der Genuß von
+Früchten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge
+von Streuzucker mit dem Löffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt:
+das Fruchtessen vor dem Frühstück ist die einzige nationale Speisesitte,
+die ich Europäern zur Nachahmung empfehlen möchte. Die wundervoll saftige
+Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist höchst erfrischend und
+bekömmlich.) In einem üppigeren Haushalt ist schon der Frühstückstisch
+reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak,
+Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art
+werden von den Männern bevorzugt, während die Frauen und Kinder eine große
+Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfügung
+haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz:
+alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Grütze,
+Graupen, Flocken, Fäden oder papierdünnen Schnipfeln, roh, gekocht oder
+geröstet und werden größtenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angerührt.
+Dünne Eierkuchen werden mit übersüßen Fruchtsäften übergossen, und der
+Toast sowie die meist gleichfalls süßen Semmeln mit Fruchtgelees und
+Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe für den Genuß von Süßigkeiten von
+Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder
+oder auf die wohlhabenden Klassen beschränkt, sondern sie ist ganz
+offenbar eine nationale Raserei.
+
+Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafés im Wienerischen Sinne. Als
+ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift
+"Coffeehouse" erblickte, stürmte ich begeistert in das Lokal. Es war eine
+große reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und
+Stühle, nur den Wänden entlang zogen sich Holzbänke, die durch
+Zwischenwände in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen
+trennenden Seitenwänden waren genügend breite, rund geschnittene Bretter
+angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu können. Am
+Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die
+herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke
+vernickelte Samovars für Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen
+Kaffeehauses bestand aber ausschließlich aus Droschkenkutschern,
+Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat
+das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anständig, und den ganz
+vorzüglichen und für New-Yorker Verhältnisse sehr billigen Schaum- und
+Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses
+robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermäuliger Schuljungens zu.
+
+(M38)
+
+Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der
+hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene.
+Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von
+Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besänftigt die ungebärdigen
+Säuglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er
+kehrt bei großen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als
+Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpönten Alkohol und bewirkt,
+daß die Amerikaner sich der besten Zahnärzte der Welt erfreuen - denn das
+schroffe Durchsetzen siedheißer Suppen und glühender Breie mit Eiswasser
+und Icecream können selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz
+springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umspülten, schutzlosen
+Zähne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat
+jedermann fortwährend den Zahnarzt nötig, und man braucht sich nicht zu
+wundern, Kanalausräumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu
+sehen wie die köstlichste Maimorgenstunde.
+
+(M39)
+
+Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den
+Mangel an Dienstpersonal die Küche und die Tafelgewohnheiten beeinflußt
+werden. Ich bemerkte, daß durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer
+zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewältigenden
+Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten,
+Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrücken oder Schlegel so gut wie gar nicht
+auf den Tisch. Das nationale angelsächsische blutrünstige Roastbeef,
+drüben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, muß man von
+der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn
+man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels
+der Gabel oder der Finger durch die Zähne zu ziehen. Übrigens sind diese
+Ochsenrippenstücke neben den sehr üppigen und teuren Rinds- und
+Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft
+zubereitet zu sein pflegt, während Kalbskoteletten und Schnitzel meistens
+ungenießbar sind. Als niedliches Kuriosum möchte ich erwähnen, daß ich
+einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten
+bekam! Geflügel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu
+unwahrscheinlichen Dimensionen herangezüchtet. Ich habe Hennen gesehen,
+die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das
+Fleisch dieser abnorm großen Tiere ist dafür auch wenig zart, und die
+Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das
+Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mürbe, während das weiße
+Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der
+Genuß selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, süßliche
+Mehltunke verkümmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen
+Küchenpersonals auf eine zu harte Probe stellen würde, so muß man sich,
+wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder
+Abendmahlzeit einschließlich des Kompotts auf ein und denselben Teller
+packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang
+lebten, bestand die sonderbare Sitte, daß nach der Suppe warme Teller mit
+einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -länge, verabfolgt
+wurden, selbstverständlich in einer seimig-süßen Sauce versteckt.
+(Übrigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen
+Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den
+Fluß- und Süßseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt,
+beziehungsweise mißtrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der
+ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten
+verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten,
+Rouladen und dergleichen ähnlich, in irgendeiner mehlweißen oder
+kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu
+verschiedene Gemüse, unter denen grüne Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl
+die genießbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale
+im ganzen gebacken - man bricht sie auf und schält sie mit dem Teelöffel
+heraus; recht empfehlenswert - oder als Brei, oder kloßartig, oder
+gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_,
+Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst
+warnen möchte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und
+schmecken leider auch so ähnlich.
+
+All diese Genußmittel, noch um diverse eingekochte Früchte vermehrt,
+arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller,
+und man kann von Glück sagen, wenn einem die Gräten nicht in die grünen
+Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehöhlte Kartoffelpelle und die
+Hühnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es
+überhaupt nicht. Der Ersatz dafür, und überhaupt das einzige einheimische
+Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drüben
+aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint - möglicherweise wird es aber
+auch aus Abfällen der Schuhfabrikation künstlich hergestellt. Alles übrige
+Wild haben die begeisterten Freischützen in den kultivierteren Staaten
+schon längst abgeschossen - bis auf die Ratten und die Klapperschlangen.
+Hat man die eßbaren Bestandteile der wüsten Speisenaufhäufung auf seinem
+Universalteller herausgefuttert, so bilden die Überbleibsel ein ästhetisch
+reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner
+Bestand jedes amerikanischen Menüs sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf
+dem einfachsten bürgerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer
+Schüssel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen
+Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, daß noch kein
+Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie
+des amerikanischen Kochkünstlers orgiastische Triumphe.
+
+(M40)
+
+Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch
+einem amerikanischen Salat zu finden wäre. Den Grundstock bilden ein bis
+drei große grüne Blätter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu
+entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und Öl geschüttet
+und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder kühner Aufbau von allem
+möglichen und unmöglichen Süßem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem,
+Weichem, Flüssigem, Genießbarem und Ungenießbarem vollzogen. In einem
+feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel
+zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit
+außerordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein
+und der Zunge nach ungefähr folgendermaßen analysieren möchte: zwei
+Blätter Salat mit je fünf Tropfen Essig und Öl, darauf eine Scheibe
+frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weißes Hühnerfleisch,
+einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein
+Klecks Butter, mit Streuzucker durchgerührt, ein Teelöffel
+Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf.
+Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt - wie mein Freund,
+der Rechtsanwalt in Landau, sagen würde - wie Öl und Werg! Diese
+kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen
+Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder
+gebildeten Familien ist man natürlich weniger wählerisch und verwendet zur
+Salatbereitung die nächstliegenden Gegenstände, also in erster Reihe die
+mehr oder minder traurigen Überreste früherer Mahlzeiten, soweit sie
+eßbaren Naturprodukten einigermaßen noch ähnlich sehen. Fehlt es aber zum
+Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein
+geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstöcke drüben außer
+Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken
+stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trüffel täuschend ersetzen,
+zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem
+Zucker kandiert werden. Salat von Fischgräten, Kalmus und Bananen, mit
+roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein;
+ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders
+anregenden Mahlzeit - erträumt!
+
+Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht,
+wird regelmäßig ein derbes Stück Käse beigefügt; zu welchem Zwecke, weiß
+ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte
+ich den Käse instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn für ein Stück
+Radiergummi, den ich in meinem Geschäft immer brauchen kann. Befindet sich
+Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich,
+fülle auch womöglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in
+Amerika von ganz vorzüglicher Qualität - und man weiß ja nie, wie's kommen
+mag! Was meine Person betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mich während
+der ganzen Boardinghouse-Periode kümmerlich von Austern und Hummern
+genährt habe, denn die sind von unvergleichlicher Güte, Größe und
+Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das
+man - neben Stiefeln - als billig bezeichnen kann. Europäer von noch nicht
+genügend fortgeschrittener Perversität möchte ich jedoch vor den _Clams_
+warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter
+Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verführen
+könnte.
+
+Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind übrigens sehr selten,
+und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europäischen Genießers.
+Im vornehmsten Hotel in Buffalo "Zum Irokesen" sollte ich zum erstenmal
+die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon
+in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen
+halben Meter hohes, zylindrisches Silbergerät mit einer oben
+herausragenden, durch einen derben Querbalken betätigten Schraube. Ein
+einsamer Speiser ließ sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung
+sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war
+dieser wuchtige Geselle mit dem römischen Imperatorenkopf ein Genießer
+höherer Grade. Nach längerer Zeit brachte man eine große verdeckte
+silberne Schüssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei
+Kellner trugen dann jenen rätselhaften schweren Silbergegenstand herbei
+und schraubten dessen obere Hälfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit
+feierlicher Miene den Deckel der Silberschüssel auf und spießte von den
+beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Vögeln (Enten waren es
+meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Mühe in jenen Zylinder
+hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit
+Anstrengung beider Hände betätigt wurde. Aus einer Ausflußöffnung am Boden
+des Gefäßes rann dickes, schwärzliches Blut in eine vorgehaltene Schale.
+Dieses Blut wurde mit allerlei Gewürzen angerührt und schließlich als
+Sauce über den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische
+Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere
+mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern wäre es weiter
+nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit
+Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu spülen pflegt.
+
+(M41)
+
+Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und
+Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeeküche gewöhnlichen
+Schlages nicht zu befreunden vermag, fährt am besten, wenn er sich in
+eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehäuser
+begibt, die seine heimische Küche pflegen. Man kann in dem teuren New
+York, und wohl auch in den meisten der ganz großen Städte, französisch,
+deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und
+koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen,
+in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York
+wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants
+ebenso schmerzlich wie Wiener Cafés vermißt. Ich meine, hier wäre noch
+eine Kulturmission für die Einwanderer der österreichischen Kronländer zu
+erfüllen. Wenn ich drüben irgendwo ein Stück Rindfleisch mit Beilage, wie
+bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen hätte, ich hätte es knieend
+verzehrt und hernach stehend die österreichische Nationalhymne gesungen.
+Und die Einführung des Berliner Systems Kempinski, nämlich eine große
+Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualität zu einem sehr billigen
+Einheitspreis zu geben, könnte eine Revolution des Ernährungswesens drüben
+hervorbringen. Bis dahin muß der deutsche andachtsvolle Genießer mit
+heißer Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drüben
+fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen
+Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen.
+
+(M42)
+
+Beim richtigen Yankee scheinen es übrigens nicht die Geschmackswarzen zu
+sein, welche ihm den Genuß beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die
+Kinnbacken und die Speicheldrüsen. Das Kauen und das Schlucken an sich
+macht diese einfachen Naturkinder glücklich. Wer zum erstenmal nach den
+Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darüber wundern, hier
+einem Volke von Wiederkäuern zu begegnen. In der Straßenbahn, in den
+Geschäften, in den Vergnügungslokalen wie auf der Straße sind die
+Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein
+Widerschein von Zufriedenheit überstrahlt von dieser Kinnbackenbetätigung
+aus die Gesichter. Junge hübsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum
+Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschäft zurückkehren. Die Soldaten
+kauen beim Exerzieren; sie würden sicher auch kauend ihre Schlachten
+schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er
+seine Liebeserklärung macht, und seine Erwählte erwidert errötend: "Mum
+mum mum - tschap tschap, sprechen Sie mit Mama." Und der gewaltige, 125
+Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim
+Kragen mit dem Ausruf: "Dscham dscham - ich verhafte Sie - mum mum - im
+Namen des Gesetzes!" Ein Stückchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_)
+zwischen die Backzähne geschoben, beglückt alle diese Leute wie den
+Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Täuschung ein, in
+der besten aller Welten zu leben. Wäre Cartesius als Yankee zur Welt
+gekommen, er hätte sicher sein berühmtes "cogito ergo sum" abgewandelt in:
+"Ich kaue, folglich bin ich."
+
+
+
+
+
+ KÜNSTLERISCHE KULTUR.
+
+
+Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue
+Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen
+Schönheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse
+imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Begriffen des
+Durchschnittsamerikaners auch schön sein.
+
+(M43)
+
+Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß selbst hochgebildete
+Leute enttäuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal
+durch New York geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolkenkratzer,
+noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an öffentlichen
+Prachtbauten, noch etwa durch die glänzende elektrische Lichtreklame für
+ästhetisch besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen Kasten
+mit den unzähligen Fensterlöchern unter Umständen schön zu wirken. Wenn
+man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der
+Dämmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie einen
+traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen
+Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie
+vornehmlich das Gebäude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft,
+sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack
+wird die ideale Schönheit der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder
+die Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsylvaniabahn bestreiten.
+Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur
+als mechanische Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und
+farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese Schönheit, Größe und
+künstlerisch idealisierte Zweckmäßigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan
+organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter
+Banalität und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es,
+die in weitaus den meisten Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen
+zerstört. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die
+geographische Lage bedingten überaus vernünftigen und klaren Plane
+angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit
+der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der
+künstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben öden
+Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken;
+entzückende, grünbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt
+zwischen Metzger- und Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen
+Proportionen und mit prächtigen Fassaden neben wüsten Kasten für Bureau-
+und Werkstattzwecke, an deren Straßenfronten scheußliche rotgestrichene
+Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen.
+
+Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunkvollsten Läden und der
+Residenz der Milliardäre, finden sich noch genug solcher barbarischen
+Scheußlichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die
+Nebenstraßen, wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen selbst in
+den besseren Gegenden ein höchst langweiliges Einerlei. Auch die
+nüchternsten modernen Städte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe,
+fallen den amerikanischen gegenüber immerhin noch angenehm auf durch ihre
+strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während die enorm reiche
+Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anständige Pflasterung
+und Straßenreinigung durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der Fünften
+Avenue besteht aus Löchern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein
+Stück Asphalt liegen geblieben ist. Oberflächliche Reparaturen werden in
+der Weise ausgeführt, daß man mitten auf der Straße zur Freude der
+Gassenbuben in diesen Löchern Feuer anzündet; dann schmilzt der Asphalt
+ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Ränder. Wem der
+Arzt eine Vibrationsmassage gegen Trägheit der Unterleibsorgane verordnet
+hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue - oder besser noch auf den
+gepflasterten Hauptstraßen des nordöstlichen Teiles von Philadelphia -
+eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei
+der Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.
+
+Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das wüste Durcheinander in
+der Außenseite seiner Städte so wenig zu genieren scheint, doch fast
+durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und
+Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung England,
+für die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster
+werden doch für den amerikanischen Geschmack einigermaßen abgeändert, und
+was dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart. In der
+Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außerordentlich konservativ, und
+der Kolonialstil ist immer noch maßgebend. Das moderne deutsche
+Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man auch
+nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos
+zusammengewürfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurückgebliebenen
+deutschen Spießbürgers. Man hält zäh fest an der guten englischen
+Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnräume
+als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben,
+die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.
+
+(M44)
+
+Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukelstühle. Ich habe
+Zimmer angetroffen, in denen überhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen
+vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu
+gehörte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen Koffer zu
+packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch ein ungemein niedriges Möbel
+setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß
+man also auf einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis er an der
+Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen
+aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener
+Rockingchairs und beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich
+füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet, neigen sich die
+stützenden Stühle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen
+den Lehnen durch; es ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen
+Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit
+einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht, die nicht nur vor- und
+rückwärts, sondern auch seitwärts schaukelten. Auf diesen heimtückischen
+Mokierstühlen kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren,
+wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich haben die immer
+praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge.
+
+So nett und gemütlich nun auch eine solche amerikanische
+Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen
+Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben überall dieselbe
+ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common
+__Wealth Avenue_ in Boston hinunter - nebenbei bemerkt eine der schönsten
+Straßen, die mir überhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich
+hier nur vornehme Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große
+Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also von der Straße aus
+in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schönen
+schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der
+Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer reizvoller Einzelheiten.
+Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: "Was wollen
+Sie wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier aus finden wir
+mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere
+Einrichtung konstatieren können." Und richtig, so war es auch. Aber nicht
+nur in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall in
+derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit demselben Blumenkübel
+darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand
+befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit
+den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber usw. usw. Immerhin kann
+man sich diese ermüdende Uniformität gefallen lassen, da sie doch
+wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt.
+Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den
+Palästen ungebührlich rasch reich gewordener Emporkömmlinge - gerade wie
+bei uns.
+
+(M45)
+
+Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner
+Vergnügungen und künstlerischen Betätigungen doch noch recht unkultiviert
+zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und
+hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der
+Photographie, im Buchgewerbe. Während die amerikanischen Museen zum
+weitaus größten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer
+freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch
+und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Künstler
+einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden
+Entwicklung der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande, das die
+Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch nicht überwunden hat,
+keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in
+Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkörper als
+Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem
+völlig neuen Anblick dermaßen gefangen, daß er überhaupt für nichts
+anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen
+starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei
+kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: "_Oh good Lord, what tits, what
+tits!_"
+
+Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich
+in der Öffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der
+Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn
+außer etlichen anständigen Porträtstatuen, naturalistischen Kriegergruppen
+und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten
+nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persönlich
+in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania):
+auf einer sehr hohen schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im
+Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine elektrische Birne!
+
+(M46)
+
+Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre Techniken vom Auslande
+gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden
+Künsten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis
+jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige
+musikalische Spezialität, die sich zurzeit als echt amerikanisch
+ansprechen läßt, nämlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_
+(eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze und derbe
+Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurückzuführen.
+Es läßt sich aber nicht leugnen, daß für gute Musik heute schon ein recht
+großes und verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, daß
+an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hörers erst seit wenigen
+Jahrzehnten von europäischen Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es
+doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man heute schon den
+"Parsival" vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhörerschaft geben kann,
+und daß Konzertprogramme, die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo
+Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, große Scharen anziehen
+und begeistern. Allerdings finden bei einer großen Masse selbst der
+höheren Schichten auch stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit
+echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall - aber können wir das
+in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, daß
+bei uns kein Künstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde,
+dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir
+Deutschen dürfen uns rühmen, auf musikalischem Gebiet uns die
+Meistbegünstigung für unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und
+Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen
+Musikanten aber auch arbeiten müssen, in welchen harten steinigen Boden
+haben sie oft ihre Pflugschar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden
+für ihre Saat zu bereiten.
+
+Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich einen solchen Veteranen
+von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20-30 Jahren
+hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den
+lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Löwe
+und Franz vorzusingen, da gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ
+nicht locker, er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von
+seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen
+seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Künstler mit
+einem vornehmen Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen
+kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys mit dem Schießeisen
+vom Podium gejagt zu werden.
+
+Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spärlich aus
+amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthäusler und Abenteurer in der
+Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben
+irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit herübergebracht. Und
+bis die großen Kriege durchgekämpft, die Naturschätze erschlossen, das
+ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht
+worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu
+tun, um Muße zu künstlerischer Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese
+Muße freilich schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch
+keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches
+Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als
+Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten
+aufgegangen, die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmückenden
+Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich
+alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und gedüngten
+Kulturlandes. Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker, in
+deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte sich an den Hemmungen,
+die sie zu überwinden hatte. Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke
+hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische
+Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Künstler ist ein geborener
+Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und
+Philistern, eine hochmütige Scheidewand errichtet.
+
+Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem
+Instinkt des Künstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betätigung
+schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre
+Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten
+Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine
+historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo
+immer gegenwärtige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt
+fertig übernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst
+vernünftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als
+Abkömmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverständlich eine
+angeborene Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort
+empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen
+Einwanderer sich instinktmäßig an die deutschen Vorbilder klammern werden.
+Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natürlich ihren
+Einfluß auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt
+auf die Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum ist es
+selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten zunächst eigenartige
+Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwärtig schon vorhanden sind.
+Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt,
+auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten
+mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, daß allein schon aus
+diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne
+weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus, daß geborene
+Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen
+können, deren ausländische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben
+und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die
+Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört und eine wirkliche
+chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden
+haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln,
+aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst
+hervorgehen müßte.
+
+(M47)
+
+Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispielsweise ein jugendlicher
+Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben möchte, das Hungerleiderdasein
+eines deutschen oder französischen Poeten zu führen, eine undenkbare
+komische Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der
+Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden
+Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben
+mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider
+den Geschmack der Zeit und der großen Masse aufzulehnen. Auch wenn er
+Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht
+rücksichtslos damit erschrecken, sondern es allmählich vorzubereiten
+suchen. Die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen
+Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für Ausnahmemenschen,
+besonders also für solche, die keine Sorge um das tägliche Brot mehr
+drückt. Man setzt auch voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem
+Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei,
+also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten Gesellschaft mit
+normalen Manieren und auch einigermaßen normalen Gesinnungen. Es ist
+bezeichnend, daß der Name _Bohemiens_, der für Künstler- und
+Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht
+wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten können, ihre
+festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts
+als französischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon
+deshalb drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffeehäuser gibt. Es
+kommt vorläufig auch noch selten vor, daß künstlerische, besonders
+literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in
+denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist.
+In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler
+und Tapezierer ist - Hugo Bertsch heißt er - aber der schreibt Deutsch und
+ist aus Reichelsheim i. O. gebürtig.
+
+Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit
+begonnen haben, sich von der herrschenden Prüderie und Konvention
+freizumachen und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu erobern,
+nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte Walter von unten
+heraufgekommen ist, gehörig gehungert und im Zentralpark gepennt hat,
+bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack
+London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Färbung
+auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen, obwohl er eine gute
+wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn
+gleichfalls als Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer,
+Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch
+Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem
+Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber
+wegen schlechter Aufführung von der Universität und der Militärakademie
+relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem berühmten
+Dichter entwickelte. Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buchdrucker,
+gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig
+Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus höheren Kreisen und
+erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betätigte sich zunächst
+als Rechtsanwalt.
+
+(M48)
+
+Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz, daß die
+künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem
+Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glückliche Bewohner so gern
+alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben
+natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die
+vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgängige Ware zu
+liefern, und marktgängig ist, was dem Unterhaltungs- und
+Sensationsbedürfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika,
+folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschäft zu
+machen für diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen.
+Dieser Geschmack heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im
+Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei
+den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es müssen daher auch
+ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das
+Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf
+strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein.
+Sicherlich würde die Entwicklung des künstlerischen Geschmacks bei dem
+amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder ängstlich noch
+begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die
+Tagespresse die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in
+unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital für sich.
+
+
+
+
+
+ VOM THEATER IM YANKEELANDE.
+
+
+Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die
+Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten herübergenommen,
+nur daß die Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl
+noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt, was bei dem
+Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hüben wie
+drüben ist für das Drama hohen Stiles kein großes Publikum vorhanden, und
+darum suchen Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die
+große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und
+Massenentfaltung anzulocken. Für das moderne Gesellschaftsdrama und das
+feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders häufig
+vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge - mit
+verschwindend wenigen Ausnahmen - vom Konventionellen zum Individuellen
+aufgerückt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten
+Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für das
+Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie
+verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein
+Stück läuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist
+wohl allgemein bekannt, daß man drüben Theater mit wechselndem Repertoir
+bisher noch nicht kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe
+zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert
+die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen, sobald seine Zugkraft
+erschöpft ist. Wer also drüben die Schauspielerei zum Beruf erwählt, der
+muß schon über recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft
+verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der unheilbaren
+Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten
+ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach künstlerischen
+Grundsätzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von
+einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gründung des _New
+Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte
+Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger
+Schauspieler zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs
+ungeschickten Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Aufführung von
+Maeterlinks "Der blaue Vogel" gesehen, die in bezug auf die
+darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf künstlerische
+Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch
+gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten
+Spielzeit als vorläufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gründe für
+dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint der erheblichste und
+zugleich auch betrüblichste der zu sein, daß für das Schauspiel die Anzahl
+der künstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein
+solches Unternehmen geschäftlich halten zu können. Man ist es einfach noch
+nicht gewöhnt in jenen Gesellschaftskreisen, die für den Besuch eines den
+Ansprüchen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen,
+täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womöglich gar wegen einer
+Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in
+seinen häuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu
+lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich alle möglichen
+Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die große Oper, die
+_muß_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage
+große Partien singen können; und außerdem gehört die große Oper auch mehr
+zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen
+Opfer bringen muß, als zu den bloßen künstlerischen Unterhaltungen. Ein
+vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel
+ebensogut möglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan
+Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Großwürdenträgern der
+demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ wäre, auch in diesem
+Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu
+treffen. Bis dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales Drama
+des Yankeetums nach einer nationalen Bühne schreit, wird noch viel Wasser
+den Hudson hinunterlaufen.
+
+(M49)
+
+Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als
+mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem
+es vorläufig ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte als
+Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren
+Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken.
+Im übrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld
+zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die Leitung nicht gänzlich unfähig
+ist. Mit dem nötigen Geld kann man sich nicht nur die besten Sänger und
+Sängerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und
+Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die
+_Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, wäre es
+möglich, ein genügend zahlreiches Personal von Sängern und Sängerinnen,
+darunter die berühmtesten Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um
+damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die
+französischen französisch und die italienischen italienisch darzustellen?!
+Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise für unsere
+Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch
+durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt
+wird. Es ist also selbstverständlich, daß keine Opernbühne Europas an
+Großartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es
+versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem Theater
+Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an äußerem Glanz, sondern auch
+an echter künstlerischer Qualität alles übertreffen, was selbst Wien,
+Berlin, München, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten
+vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die großen Gefahren
+dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines
+hingebenden künstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und
+Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der
+leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte die Lust
+verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu
+tun. Aber schließlich wird überall mit Wasser gekocht, und eine
+ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter
+Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls
+ungerecht und töricht von uns Europäern, die glänzenden Veranstaltungen
+der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel Blendwerk abzutun. Die
+Herren Milliardäre bekommen für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst
+geliefert.
+
+(M50)
+
+Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komödienspiel erlebt
+habe, fand ich in einem der fünf jiddischen Theater an der Bowery, dem New
+Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu
+Tausenden beieinander hocken. "_The Miners_" (die Bergleute) hieß das
+Theater, unansehnlich von außen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen
+veraltet von innen. Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt
+an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das
+Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die
+besseren Leute im ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon ihr
+Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter
+und kleinen Gewerbetreibenden, ärmlich und schäbig anzuschauen, mit
+steifen kleinen Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf. Sie
+sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge,
+_David Keßler_, zu sehen, der zugleich der künstlerische und geschäftliche
+Leiter des Unternehmens ist. Das Stück hieß: "Jankel, der Schmied", von
+_David Pinsky_, einem jüdischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt
+durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der
+jüdischen Kleinbürger in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück
+Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Bühne
+seit Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" kaum mehr dagewesen ist. Und diese
+heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere
+mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schönheit, Licht und
+Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes
+Geschnatter vollführen, daß einem die Ohren gellen, sie lauschen
+andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre
+nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen
+Einblick in unsäglich traurige Familienverhältnisse und widrige
+Menschenseelen, sie nehmen all dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und
+begrüßen die derben Späße oder auch die wenigen idyllisch gemütvollen
+Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem Gelächter und
+begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen
+Kunst auch für den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls
+würdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des
+Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher Darsteller; denn
+nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Keßler, ist ein
+wirklich großer Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter
+geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler
+und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen,
+als ob sie einfach sich selber ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne
+und die Sinne der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte ich
+die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig erstaunt aus seinem
+Munde zu hören, daß außer ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner
+Truppe vorhanden seien, sondern daß er sich die Leute von überallher
+zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzügliche
+komische Episodenspieler handelt tagsüber mit alten Hosen, diese schlichte
+sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemütstöne findet, ist
+vielleicht Dienstmädchen in einer besseren jüdischen Familie, und diese
+ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel
+auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzählt uns mit
+stolz aufleuchtenden Augen, daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen
+Sohn so weit gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem fremden
+Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glänzenden Zukunft
+entgegengehe. Am Schluß des Stückes bricht ein tobender Beifall los, der
+sich sonderbarerweise außer in Klatschen und wildem Trampeln auch in
+gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf der Bühne erscheint,
+rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: "_Speech, speech!_" Der derbe
+vierschrötige Gesell steht unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da,
+und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber
+zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da
+macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm
+in der Richtung, von wo der Ruf kam. "Wer Musik haben will," ruft er in
+kaum unterdrückter Entrüstung, "der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist
+nicht der Ort für trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische
+Kunst mit heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit
+einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um euch, meinen armen
+Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr
+sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich
+versucht, euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu erziehen, mit
+dem Einfachsten und Verständlichsten habe ich angefangen, um euch
+vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und
+jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!"
+
+(M51)
+
+Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer sein, das
+russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hört sich allmählich
+hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu
+folgen, und so glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus echter
+Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe.
+Ganz still und beschämt saßen die Zuschauer da, und die jüngeren Leute
+besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den
+das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht
+seines Volkes nach Kunst, nach tätiger Beteiligung an den höheren
+Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die großen Erfolge
+hin, die jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf der
+deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max
+Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel
+hervorgezogen und zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit
+gegeben habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten und
+kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen
+ersten großen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit
+seinen besten Kräften immer eifriger an der Aufwärtsentwicklung der
+modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden
+und verließ unter donnernden Cheers die Bühne.
+
+Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glück
+herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller
+Kulturen verschlagenen Orientalen, für ein starkes Talent zur
+Menschendarstellung, d. h. also zur künstlerischen Selbstentäußerung
+besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, daß in allen Kulturländern
+gerade das Theater von Angehörigen dieser Rasse überschwemmt wird.
+Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkräfte;
+denn es gibt genug jüdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte
+des Glückes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner
+Begeisterung für die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse
+eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem
+stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rätselraten und in raschen
+Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie für die Juristerei
+besonders geeignet erscheinen läßt und ihren Handelsunternehmungen und
+Geldspekulationen so oft einen kühn-fantastischen Anstrich verleiht, so
+mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der
+jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemüt dieses Volkes lastete, die
+naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert
+haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des künstlerischen
+Selbstbetruges über das gedrückte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und
+im Rampenlichte Könige, Helden und glückliche Liebhaber vorzustellen. Es
+ist überhaupt charakteristisch, daß gerade diejenigen Völker, deren
+Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von
+der Sympathie der dort herrschenden Rassen gestützt fühlen, am eifrigsten
+und mit dem größten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden
+sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco
+stehende Bühnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an
+der großen Oper ihre nationale Kunst glänzend vertreten, aber auch sie
+werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehörigen
+der verschiedenen slawischen Volksstämme eifrig Liebhabertheater spielen.
+Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen.
+
+(M52)
+
+Aber seltsam muß es uns Deutsche berühren, daß dies ungeheure Neuland, als
+welches Deutschland es in musikalischer Beziehung überhaupt erst urbar
+gemacht und vollständig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der
+großen Oper und eines blühenden Konzertlebens glänzend aufgegangen ist,
+doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu
+erhalten vermag. Wenn man bedenkt, daß der herrschenden Yankeerasse mit
+ihren 20 400 000 Köpfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung
+gegenüberstehen, daß New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher
+Abstammung nach die zweitgrößte deutsche Stadt der Welt ist, so muß man
+sich baß verwundern, daß die wenigen stehenden deutschen Bühnen in den
+Vereinigten Staaten nicht nur künstlerisch immer mehr zurückgehen, sondern
+auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kämpfen haben. Bei längerem
+Hinschauen und ruhiger Überlegung wird diese traurige Tatsache allerdings
+verständlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos
+das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten
+Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu
+bedenken, daß die weitaus überwiegende Zahl der Einwanderer den wenig
+gebildeten Ständen entstammt, bei denen naturgemäß von einem starken
+Pflichtbewußtsein als deutsche Kulturträger nicht die Rede sein kann. Wenn
+nun schon die Väter der fremden Sprache und damit der fremden
+künstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so
+wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall
+sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befähigte Genießer und
+berufene Förderer des deutschen Dramas nur ein verhältnismäßig kleiner
+Bruchteil übrig, dessen Mitglieder zudem über den ganzen weiten Kontinent
+verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen
+Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit
+schönem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur
+zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Töchter und Söhne
+mitspielen, sondern auch zugunsten einer öffentlichen Bühne tief in ihre
+Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere große
+Schwierigkeit auf: Für welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld
+gespendet, dieser rührende Eifer aufgewendet werden? Außer den paar
+akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Höhe der
+Bildung stehenden berufsmäßigen Kritikern haben doch nur verschwindend
+wenige Deutsch-Amerikaner ein so starkes Interesse an der Entwicklung
+speziell des Theaters, daß sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang
+unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen
+wären. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und
+seiner Nachfolger gestützt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der
+Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heißen
+mögen, deren Modeglanz oft schon verblaßt war, bevor ernsthafte Leute sich
+noch über ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das
+deutsche Theaterleben stark anregen, besaßen aber nicht die Kraft, zumeist
+auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die stärkste
+Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48
+herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen
+Drama, die also unsere wichtigsten Kulturträger mit herüberbrachten,
+stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum
+herrschte. Von den aufregenden Kämpfen, die in den letzten vier
+Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen ließen und
+unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum überm Ozean kaum
+einen Hauch verspürt. Was ist begreiflicher, als daß der Leiter eines
+deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs
+möglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befürchten muß, sein
+Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch
+Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stoßen und durch Frank
+Wedekind zu entrüsten, weil die angelsächsische Geistesenge und Prüderie
+bei langem Aufenthalt im Lande schließlich doch auch auf die kecksten
+Deutschen abfärbt, so wird er sich darauf beschränken, neben den
+Klassikern das harmlose Familienlustspiel und das gesinnungstüchtige
+Thesenstück zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den
+ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum
+entrüsteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben
+vermögen, was sein Gemüt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu
+denken geben könnte. Die sozialen Verhältnisse, auf denen das deutsche
+Familienstück beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder
+durch spießbürgerliche Beschränktheit entstehen, auch manche
+Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenöter in Uniform, der
+Backfisch, der schüchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gänzlich fremd
+geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhältnisse auf der Bühne
+interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings
+sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die
+deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine unglücklichere Idee
+konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem
+Gebiete Abschreckenderes und Jämmerlicheres als eine Operette, mit
+unzulänglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten
+an Operettenbühnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern
+produziert, wird unfehlbar auf diesen Bühnen mit allem Pomp inszeniert und
+von den zugkräftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die
+Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, daß in
+ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaßen ruhig
+halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald
+ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen
+verfügbaren Extremitäten zu zucken, zu schlenkern, zu stoßen und zu
+schleudern - kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmäßig in
+Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen
+ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg
+nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag,
+er ist einmal der herrschende geworden, und kein seßhafter amerikanischer
+Bürger wird sich eine Operette anders vorstellen können, denn als eine
+solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit
+Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umständen eine deutsche
+Operette bieten, die für den Mangel an kostspieliger Inszenierung und
+geschmackvoller Kostümierung keineswegs durch glänzende Leistungen des
+Orchesters und der Sänger zu entschädigen vermag? Sie kann nur dazu
+beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr
+herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit dürftiger Ausstattung und
+mittelmäßigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse
+für deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfähigkeit der
+deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drüben nur dadurch
+wieder erweckt werden, daß _von Deutschland aus_ große Mittel aufgewendet
+werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten
+Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glänzender Ausstattung in den
+deutschen Hauptstädten der Union zu ermöglichen. Mit zweiter Garnitur und
+mit abgeblaßten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn.
+Wenn _Max Reinhardt_ seinen Plan verwirklicht, seinen "Ödipus", "Faust"
+und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz
+sicher nicht nur gute Geschäfte machen und persönlich einen großartigen
+Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen
+theatralischen Kunst wiederherstellen und für die Zukunft eine neue
+Möglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater ständig drüben zu
+erhalten. Die Amerikaner wollen zunächst einmal verblüfft sein; es muß
+ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame muß
+auch das ganze gebildete Publikum _englischer Zunge_ in dies Unternehmen
+locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge muß vor Neid bersten
+und zu dem Geständnis gezwungen werden, daß es dergleichen in seinem
+Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees
+wird das Solidaritätsgefühl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die
+Schecks für einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge
+aufhäufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der großen
+Oper sich unsere ersten Sänger, Sängerinnen und Kapellmeister
+herüberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer großen Stils die
+Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler
+zu kaufen. Und wenngleich die große Sensation, die das deutsche Theater in
+Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge
+doch sogar die Denkfaulheit und die Prüderie des amerikanischen
+Durchschnittsmenschen besiegen und auch kühnere Neutöner unter den
+lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des
+deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und
+ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strauß'
+letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher
+Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es
+wird sogar - was schließlich doch wohl das Beste dabei ist - wieder ein
+tüchtiges Stück Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung
+Amerikas geleistet werden können.
+
+
+
+
+
+ DIE AMERIKANISCHE PRESSE.
+
+
+In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia
+Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten
+richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die
+amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: "Einen guten
+Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem
+Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre
+Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir
+scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen,
+selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an
+Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des
+amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über
+unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel
+sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen
+zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was
+sein _sollte_ und dem, was praktisch _ist_. Amerikanische Lorbeeren grünen
+für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen
+bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes
+fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um
+seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter
+Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines
+einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die
+über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Vergleichen Sie einmal die
+Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch
+leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren
+allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser
+Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel
+moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse
+vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der
+Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische
+Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des
+Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt;
+er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster
+Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs."
+
+(M53)
+
+Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir
+als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer
+Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als
+einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder
+ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen
+müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau
+der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so
+lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns
+Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für
+den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand,
+daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist,
+eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte
+Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand
+der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus reinen Idealisten
+besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen
+Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach
+dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in
+den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als
+stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich
+anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht
+unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen,
+witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene
+Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten
+Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen,
+haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten
+Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder
+schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau
+absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist,
+erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder
+und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie
+schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied
+zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der
+gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das
+Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste
+bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren
+älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer
+mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.
+
+(M54)
+
+Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin,
+sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich
+fortgeschrittene Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck
+auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder
+herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen
+Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger
+Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich
+also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln
+können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was
+dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen
+mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und
+die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben
+wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften.
+Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen
+wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige
+technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird
+aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus
+der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur
+eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland,
+gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und
+der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering
+einzuwickeln.
+
+(M55)
+
+In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine
+unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter,
+die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern
+schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben
+zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse
+bestimmten Blättern aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen
+Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt,
+läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und
+Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der
+Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: "_287 Menschen verkohlt_", oder
+"_Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern_", oder "_Das Arnoldmädchen
+mit Liebhaber in Neapel gesehen_" - wobei zu bemerken ist, daß "das
+Arnoldmädchen" die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten
+Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie
+öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der
+Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen
+der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als
+Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der
+letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden
+konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich
+auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade
+vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-,
+Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch
+die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und
+Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen
+an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die
+Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik "Unglücksfälle und Verbrechen"
+in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit
+lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den
+meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten.
+Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters und sommers, viele, viele
+Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt
+schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in
+irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge
+in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen
+Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich - weniger begreiflich jedoch,
+daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs,
+Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten
+Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden
+fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder
+harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des
+Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill
+(der Präsident Taft) muß sich's gefallen lassen, ebenso burschikos
+angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene
+Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen,
+verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die
+Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen Hause _The
+Spinster Aunt_ Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im
+Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und
+andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren
+gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in
+Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann
+führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr
+recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene,
+gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen
+breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns "Hof und
+Gesellschaft" überschrieben zu sein pflegt. Während aber bei uns nur die
+regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große
+Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit
+sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und
+Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und
+Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger,
+soweit sie ein Haus ausmachen. "Mister und Missis Habakuk J. Flips von
+132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret
+Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter
+den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw." So geht es
+spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der
+Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten,
+so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche
+Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise
+unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen
+erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt,
+oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird -
+kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und
+trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze
+Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man
+unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in
+weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso
+wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem
+sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich
+unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der
+blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von
+Nichtigkeiten doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel
+erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die
+abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu
+unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen
+wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen
+Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem
+Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die
+Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich
+erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen
+Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener
+Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren
+Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende
+Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer
+Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt:
+"Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher
+Freundschaft, denn wenn du das tust," geht es nun in kleinem Druck weiter,
+"so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität
+Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen
+eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein
+kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat,
+selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes
+von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja
+auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem
+Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur
+Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen
+kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen begraben
+lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und
+Bruderschaften zu unserer Verfügung." Doppelstrich, - und dann geht es
+weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine
+Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der
+Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne
+peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder
+mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den
+harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen
+Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem
+Geschrei unter die Nase.
+
+(M56)
+
+Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen
+Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im
+Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen
+Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier
+hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der
+Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt.
+Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr
+alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es
+ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie
+Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des
+Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß
+geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht,
+wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn
+beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte
+humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung
+erscheint nämlich, ich weiß nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits,
+tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im
+Stile unseres "kleinen Moritz". Die scheußlichen Fratzen, welche sich die
+amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden
+vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden
+Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel
+aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet
+stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung
+einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen - die goldig harmlosen
+Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen
+Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in
+Buntdruck!
+
+Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche
+Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das
+der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt,
+beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an
+eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft
+auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht
+soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse
+anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne
+Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz
+ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur
+ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine
+angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik "Die Frau und
+ihre Interessen" folgende Anfrage aus dem Leserkreise: "Liebes Fräulein
+Libbey!" - das ist die Redaktrice dieser Abteilung - "Schreiber dieses ist
+ein junger Mann, welcher in einer Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit
+dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame,
+und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht
+die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in
+der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame
+von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte,
+würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A."
+
+Antwort: "Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts helfen."
+
+Ist das nicht rührend niedlich?
+
+(M57)
+
+Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind die
+_Head lines_ (Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann,
+welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen
+auffallenden, kurz orientierenden Überschriften zu versehen, und dieser
+Mann wird gut bezahlt. Der europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut
+über diese gräßlichen _Head lines_; er fühlt sich zum Idioten erniedrigt,
+weil man durch diese Überschriften, die jeden Artikel alle Nase lang
+zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken will,
+daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er imstande sei, sich
+selber über den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er ärgert sich
+noch ganz besonders über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei
+Berichten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten zu Tagesfragen
+den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und
+gesperrt gedruckt: "_Sagt, Kalifrage nicht schuld_", und erst in dem in
+Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man,
+daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin handele, der die
+Mutmaßung zurückweise, daß seine Haltung in der Kalifrage die Ursache
+seiner Abberufung gebildet habe. - Ein Bericht über mein und meiner Frau
+Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise überschrieben:
+"_Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hörerschaft_". Oder ein
+Mordbericht ist überschrieben: "_Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet
+sodann Frau_". Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, der anfangs
+mit knapper Not dem Schlagfluß entging vor Ärger über so viel Kinderei und
+grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die
+Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsächlich den
+Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen
+aufgetürmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der
+Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste Tageszeitung in fünf
+Minuten zu erledigen, während man reichlich fünf Stunden brauchen würde,
+wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im
+Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.
+
+(M58)
+
+Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel
+dafür anzuführen, was der Amerikaner unter journalistischer _Smartness_
+versteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh
+morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. Ich merkte
+sehr bald, daß der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen
+Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn
+nur der "Baron" veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, ehe
+wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespült hatten. Da in jenen
+Tagen die Aufführung von Richard Strauß' "Salome" in Chicago viel Staub
+aufwirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob
+ihr Stadtoberhaupt die Aufführung dieses gotteslästerlichen Werkes
+gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich
+über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht über "Salome"
+auszufragen. Er stenographierte fleißig, und wir brachten, wie mir schien,
+ein ganz nettes Feuilleton zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner
+Beute ab. Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion
+angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz blödsinniges
+Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch die überflüssige Belästigung
+entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion
+freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser
+Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen
+Kollegen für einen Trottel erklärt hatte, ließ er sich ein Bild von meiner
+Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob
+ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, was
+sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen
+beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fürchtete - und
+dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe
+seines höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es
+wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, daß das Publikum
+tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage
+später waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein
+reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und interessanten Frauen
+anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine
+hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.
+
+(M59)
+
+Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung schließen zu
+dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer
+einen Rückschluß zulasse auf mangelhafte Befähigung der amerikanischen
+Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht selten
+über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte Feder, einen
+schlagfertigen Witz, und es wäre sehr wohl möglich, mit denselben
+Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen.
+In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach
+überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die
+Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblätter
+meist weit übertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und
+Weise, wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten von
+Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist
+zum Volksmanne großen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und
+Unterdrückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung
+erfüllen. Ich brauche wohl nur die Namen _New-York Herald_ und _Henry M.
+Stanley_ zu nennen! Es betätigen sich eben im Journalismus nicht nur
+Leute, "die ihren Beruf verfehlt haben," nicht nur Klugschwätzer und
+Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies - weil sie wissen,
+daß aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein
+Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik!
+Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß unter den
+hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche
+deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks
+ist ein Deutscher; in dem am _Boston Transcript_, einer in geistigen
+Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur für literarische
+Angelegenheiten entdeckte ich einen ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er
+schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im
+Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten
+zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend
+niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger
+schuld, die sich an das gefährliche Goethewort halten: "Wer vieles bringt,
+wird manchem etwas bringen."
+
+Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es aber vernünftigerweise
+überhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut,
+bedeutet für einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine
+weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt
+vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gähnen usw. usw. Eine
+Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack,
+sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen ihrer
+Leser, indem sie allgemein verständlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem
+Geschmack und dem beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen
+herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine
+Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten gegenüber, die die Wogen des
+Lebens tagtäglich ans Ufer der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen
+die Funktionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle übel
+riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum
+Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jämmerliche
+Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse
+gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis,
+geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Daß sie, wie ich in den
+Ausführungen über öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz
+ihrer indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten
+Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen
+gegenüber eine geradezu ängstlich prüde Zurückhaltung ausübt, verringert
+die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten,
+wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen um die
+Natürlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, daß man
+seinen Mitmenschen gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine
+schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum
+obersten Richter über die Moral und den gesunden Menschenverstand zum
+Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig zur
+Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe
+Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet
+ihn in den Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr schwer,
+sich da wieder herauszurappeln.
+
+(M60)
+
+Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel;
+anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit des täglichen Massenfutters
+auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf
+nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen,
+sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bösen Beispiel der
+Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden
+Preis! Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das
+absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um zwanglos zu einer
+Gemeinde von Auserwählten sprechen zu dürfen. Weil der Hunger nach
+Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr
+bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so
+glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- und Monatsschriften
+Rechnung tragen zu müssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel
+wäre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern
+sie einem achselzuckend: "Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere
+Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz
+die Leser weg." Dieser eine Sensationsartikel, der zum Ärger
+geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen
+Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen,
+liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der
+literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der
+Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Während
+meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene
+Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, daß in New York
+täglich etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert würden, und daß
+sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen Süßigkeiten grundsätzlich nur
+aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem Rufe
+entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen Ignoranz
+der amerikanischen Ärzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als
+Beispiel erzählt, daß ein Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland
+unternehmen wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen Kollegen
+empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgeführt
+hatte, die aber neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere
+Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere
+Diagnose als Blinddarmentzündung stellen können. Schließlich sei der
+Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine
+nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, daß der Blinddarm,
+und zwar in scheußlicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jüngere
+Kollege dann zurückkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation
+erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: "Mein Gott, was habe _ich_ dann da
+der Dame herausgeschnitten!?" Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich
+diesen Scherz nicht schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte;
+aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen medizinischen
+Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen
+und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene
+tüchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht
+aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier zuliebe selbst die für
+die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit
+der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der
+ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafür
+klingt freilich plausibel genug: "Was wollen Sie?" sagen einem die
+Herausgeber, "die Wissenden täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff,
+die amüsieren sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel
+gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht alles behalten
+kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich einmal nicht einwandfrei
+dementiert werden sollten, so vergißt sie das Publikum doch sicher über
+der nächsten Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir stiften
+sollen?"
+
+Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den besonderen
+amerikanischen Verhältnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er
+bei uns in Deutschland sein würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige
+Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal kauft sich
+seine Zeitung und selbst seine Wochen- und Monatsschrift auf der Straße,
+und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also
+die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in
+demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und
+übermorgen gelb - wenn er noch seinen eignen grünen Optimismus hinzutut,
+ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch das Weiß
+der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung durch die Presse ist also
+schließlich doch nicht so groß, wenigstens für den an sich schon freieren
+Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen
+Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur wenige Tausend
+noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt
+ist, für wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor
+der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die
+Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu
+beurteilen, die sie sich gefallen läßt.
+
+(M61)
+
+Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens ein Teil der
+deutschen Presse Amerikas, und besonders der führenden Blätter New Yorks,
+sich die redlichste Mühe gibt, sich über den Standard der englischen
+Presse zu erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, besonders
+über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere und zuverlässigere
+Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was
+beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an
+Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität und Quantität
+von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die große Mehrzahl
+der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in
+Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neugier, und so zwingt der
+Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blätter, manchen betrüblichen
+Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, diesem
+rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem großen demokratischen
+Freistaat, in dem die Masse sich zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen
+hat? Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche Tendenz
+jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu
+entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege
+dazu. Die Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug
+ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. Eine aristokratische
+Kultur aber läßt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete
+Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn
+sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den
+Geschmack der Masse zu vergewaltigen.
+
+
+
+
+
+ VON DER DEMOKRATISCHEN GESELLSCHAFT.
+
+
+(M62)
+
+Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt
+sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu
+besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit
+staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in
+wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und
+künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so
+manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte
+Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit
+im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt
+hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der
+Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder
+minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des
+Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast
+immer zur Antwort: "Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen
+modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so
+habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit.
+Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig
+in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen
+Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und
+aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln
+und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs-
+und Verordnungstafeln, der freie Entschluß und die freie Meinung trauen
+sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis
+oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu
+bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache,
+aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel
+Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen
+Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und
+unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten
+Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen.
+Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die
+Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht
+mehr heimisch werden kann." Und dann werden einem allerlei blamabel
+komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere
+Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur
+Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des
+Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken
+schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte
+Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand
+auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein
+Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische
+Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in
+ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die
+umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander -
+und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit
+mehr sind.
+
+Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln,
+wenn er diese Dinge bei uns mit ironischer Heiterkeit oder gar mit
+bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der
+demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich
+so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches
+Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des
+Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne
+Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne
+Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die
+republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr
+energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger
+Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im
+Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44
+Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die
+wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen
+weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere
+kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen
+die Galle öfter als das Zwerchfell - aber ist das drüben so sehr viel
+besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt
+mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin
+mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in
+Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße
+ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe
+belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen
+lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich,
+durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack
+und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden
+gebohrt. In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen
+Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren
+deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige
+Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit
+nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der "bessere Mensch" ja
+doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite
+Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern,
+Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car
+mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen,
+sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft
+und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön
+ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu
+benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und
+Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und
+reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich
+sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter,
+manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder
+besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich
+aber so außerordentlich _prominent_, daß mir auch diese Gesellschaft noch
+zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu den
+_erstklassigen_ Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe
+mir dafür ein _Compartement_, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum
+innerhalb des großen Pullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel
+verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter
+Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem
+grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen
+Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei
+uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn
+es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben
+etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten
+Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird
+er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch
+spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den
+Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas
+anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften
+Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die
+Leute mit der ganz schmalen Börse - die Eisenbahnkönige im Lande der
+Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem
+Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß - in
+den Südstaaten wenigstens - Neger in der Eisen- und selbst in der
+Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte,
+echt demokratische Einrichtung.
+
+(M63)
+
+Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik
+dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an
+Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so
+schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen,
+welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter
+Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf -
+_die alte Tante_! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte
+Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen
+einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die
+Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie
+Fröhlichkeit durch ihr sauertöpfisches Geplärr ersticken möchte, bei
+weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das
+ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den
+Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter
+und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der
+Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe
+bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem
+erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder
+mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen(3), dieselbe
+auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase
+zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern
+verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des
+Freistaates gegen die Einfuhr "freier" Bücher verschließt und dem
+einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und
+Gedankenkreise berühren zu lassen, die _sie_ für anstößig erklärt! Daß
+diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die
+Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten
+vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine
+scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und
+wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich
+hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen
+verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt
+er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht sich
+bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der
+Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch
+nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben,
+ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung
+auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen
+unter dem Namen _Sacred Concert_ zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz
+fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York
+am Sonntag nachmittag "Madame Bonivard", der französische Schwank von der
+alten Balletteuse, als _geistliches Konzert_ gegeben!
+
+(M64)
+
+Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt
+gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir
+erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen
+der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner
+Handwerker, die 1620 mit der "Mayflower" landeten, entwickeln einen
+Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen
+könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch
+kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt,
+die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich
+rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen
+Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen
+geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere
+genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen
+königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich
+erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines
+gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt
+werden kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten
+Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und
+Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den
+Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen,
+um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so
+scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um
+unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben.
+Nachschlagewerke wie "Wer ist wer?" spielen drüben eine Rolle wie bei uns
+der "Gotha". Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch
+sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die
+Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres
+Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser
+zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder
+Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell
+nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und
+Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren
+Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen
+in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden
+von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein
+geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten
+geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den
+Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine
+gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner
+scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die
+Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen
+Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders
+die Damen ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit
+wem nicht. Sie haben ihre Liste der _möglichen_ Menschen so sicher im
+Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium
+die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von
+hüben und drüben ist also nicht gar so groß - nur daß die europäischen
+Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren
+und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt
+wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und
+wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von
+ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit,
+Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und
+Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und
+Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als
+jedes andere. _Pluckyness_ ist heute noch ein höchstes Lob für einen
+Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für
+einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit
+Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des
+alten Gauners Drew(4). Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er
+einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute
+Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst
+minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New
+York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und
+erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und
+sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des
+mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ er seine Herde saufen, saufen,
+saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende
+Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen
+glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische
+Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch
+Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in
+die Höhe zu treiben "_Watering the stock_" die Herde wässern - denn das
+Wort _stock_ bedeutet sowohl Aktie wie Herde. - Natürlich fällt es mir gar
+nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf
+machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner
+Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein
+Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen
+anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren,
+wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen
+abzusondern.
+
+(M65)
+
+Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der
+Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so
+außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute
+keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns
+bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste - und
+dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren
+gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa
+fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten
+erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der
+Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch
+viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu
+weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder
+Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche
+Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich
+diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische
+Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des
+stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus
+naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein
+Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist
+tief gerührt vor nationaler Begeisterung - aber dienen will niemand, und
+die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht
+sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate
+müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst
+verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen
+und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende
+Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner
+Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln;
+und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und
+harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die
+es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen
+reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken
+voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken
+- denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden
+Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens
+versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische
+dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht
+wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig
+angespannt, aber dafür wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger
+Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte
+hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung
+dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe.
+Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten
+in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun.
+Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne
+Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er
+krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten
+Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um
+6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein
+und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten
+Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck
+gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine
+vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher
+anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie
+auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem
+Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen
+Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des
+einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem
+Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei
+uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den
+unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und
+blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch
+viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der
+festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht den Mann schon in einer
+Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst
+erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe
+abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa
+350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen
+bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst
+beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und - nach ein paar Minuten sei der
+schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und
+kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also
+aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer
+amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch
+dies nur nebenbei.
+
+(M66)
+
+Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete
+Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber
+standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur
+Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein
+äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die
+amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap
+Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den
+ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen
+Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos
+freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner
+angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie
+wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von
+langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte
+behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die
+Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien,
+beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen,
+dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es
+aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es
+eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es
+gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die
+militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen
+nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich
+zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube,
+sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an
+persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den
+Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im
+Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken
+mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die
+Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und
+Einrichtungen.
+
+(M67)
+
+Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor
+uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht
+also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen
+Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit
+einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und
+Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes
+Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß,
+wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat,
+der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden,
+Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute
+Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner und ererbtes
+Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle
+Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher
+sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit
+dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk
+errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll
+Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und
+gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an
+der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun
+zwischen Regierung und "Untertan", zwischen Behörde und Publikum nicht
+duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest,
+daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen
+da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß
+nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung
+nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre
+Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist
+aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei,
+Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene
+beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums,
+nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende
+und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf
+alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften
+in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu
+finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren
+Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten
+Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in
+der Öffentlichkeit, nicht nur in den großartigen Organisationen der
+Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch
+Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen
+kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an
+jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die
+genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das
+auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn
+der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er
+seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen
+will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf.
+Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld
+vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und
+dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und
+keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch
+mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile
+herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur
+sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der
+Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt
+- und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine
+solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage
+bandenweise in einen Laden oder in einen _Saloon_ einfallen und Inhaber
+wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der
+Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner
+Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der
+Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt,
+setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter ist leicht mit dem Streik bei
+der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es
+fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um
+seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren,
+daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle
+eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben - ihm selber
+oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen.
+Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der
+Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.
+
+Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen
+voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse,
+Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder
+Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung
+durchzumachen?
+
+
+
+
+
+ WIE DER YANKEE SEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL MACHT.
+
+
+Es war eine der klügsten Maßnahmen der Unionsbegründer, daß sie in ihrer
+Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie überall in
+der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung
+Nordamerikas die Verquickung des religiösen Elements mit der Politik die
+übelsten Folgen gehabt. Die bischöfliche Kirche Englands, die papistische
+wie die protestantische, hatte natürlich versucht, ihre Herrschaft auch
+auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen
+Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgerväter, das heißt
+jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Hälfte des siebzehnten
+Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich
+weit unduldsamer erwiesen als selbst die römische Pfaffenherrschaft in den
+spanischen Südstaaten. Sie wären am liebsten mit Inquisition und
+Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen.
+Aber wie diese Pilgerväter über dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch
+niemals vergaßen, ihre weltlichen Geschäfte als geriebene Kaufleute
+intensiv zu fördern, so ließ sich auch der vielgerühmte _Common __sence_
+ihrer angelsächsischen Rasse selbst durch religiöse Inbrunst nicht völlig
+unterdrücken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende
+Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen
+Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen
+Zusammenhalt angewiesenen Bürgern erzeugt. Neugegründete Städte und
+Staaten wurden entvölkert, abtrünnige Sektierer fanden großen Zulauf und
+gründeten neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der
+alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat
+Maine, der als erster völlige Religionsfreiheit eingeführt hatte,
+auffällig rasch emporblühte, begannen doch auch den starren Puritanern die
+Augen aufzugehen.
+
+(M68)
+
+Und so kam es, daß nach der gewaltsamen Losreißung vom alten Vaterlande
+die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz
+erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist
+dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatsächlich in den
+Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die
+Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, daß die Grundsätze einer
+Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die
+Vielehe bei den Mormonen. Außerdem hat sie in weiser Voraussicht der
+Ansammlung übermäßigen Kirchensvermögen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser
+Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in
+unzählige Sekten, die aber keineswegs eine Schwächung, sondern vielmehr
+eine Stärkung des religiösen Lebens bedeuten. Philosophisches und
+besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen,
+dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch
+Begeisterungsfähigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit
+heute noch kindlich denkunreif, und so erklärt es sich, daß die Bibel ihm
+noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natürlich aber liest jedes
+grüblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes
+heraus. Und wer Beredsamkeit und Zähigkeit genug besitzt, vermag Anhänger
+um sich zu scharen und eine unabhängige Gemeinde zu gründen. Die
+Opferwilligkeit, die dazu gehört, eine solche Gemeinde, Sekte oder Kirche
+(_Denomination_) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis
+ab für die Stärke des religiösen Bedürfnisses. Freigeister in unserem
+Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst
+hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geübt. Die Tradition hat die
+Bibelgläubigkeit der Vorväter so lebendig erhalten, daß es heute noch,
+ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes
+geblieben ist, seinen Eifer für das Christentum irgendwie zu betätigen.
+Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher
+oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen hält fest
+zusammen wie überall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie
+gründet ihre Macht auf das irische Element und erhält ständigen Zuwachs
+durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie
+ist, trägt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den
+geistig minderwertigsten Einwanderern üppig ins Kraut schießenden Stolz
+auf die persönliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so
+aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen
+versucht sie mit allen möglichen Mitteln Einfluß zu gewinnen. Die
+bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irländer, die bekannte
+Tammany Hall im Staate New-York, übt offensichtlich eine große politische
+Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische
+Irländer in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefährlicher
+Weise zu betätigen, darüber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst
+sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der
+nüchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbürgerliches Wohlbefinden
+und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien
+übers Ohr hauen lassen sollte.
+
+(M69)
+
+Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so
+ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo
+sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betätigen.
+Selbstverständlich wird in sämtlichen Kirchen und Betsälen Nordamerikas -
+man zählt gegenwärtig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer
+Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse - der christliche
+Grundsatz gepredigt, daß vor Gott alle Menschen gleich seien; in
+Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischöfliche Hochkirche nur für
+die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren prächtigen Kathedralen
+kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf
+einen ersten Rangplatz in der großen Oper. Ein beliebiger Mensch der
+minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im vorübergehen in
+solch eine Kirche einzukehren, würde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz
+finden, sondern sich auch durch die entrüsteten Blicke der Stammgäste
+energisch hinausgeekelt fühlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine
+Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre
+Karriere häufig ihren glänzenden Eigenschaften als Tischredner,
+Bridgespieler, Musikdilettanten und Tänzer. Die Kirche der geistigen
+Aristokratie, der wohl der größte Teil der akademischen Welt angehört, ist
+die _Unitarian Church_. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur
+den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie
+treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen für
+ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen,
+vornehmlich bei ihrem berühmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den
+größten religiösen Eifer entfalten natürlich die kleineren Denominationen,
+deren Prediger oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die
+Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre
+Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergnügte musikalisch
+deklamatorische Unterhaltungen oder schweißtreibende Leibesübungen
+veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den
+Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame
+dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker Übertreibung Rechnung
+tragen müssen. Am spaßhaftesten muß es wohl in den Negerkirchen zugehen.
+Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesänge der Nigger gehört hat, deren
+Eigentümlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung
+von Himmel und Hölle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der
+Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der
+Weihe eines Negergottesdienstes machen können. Der Rhythmus afrikanischer
+Kriegs- und Geisterbeschwörungstänze sitzt diesem kindhaft gebliebenen
+Volke eben noch so fest in den Knochen, daß auch seine religiösen Gefühle
+bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen.
+
+(M70)
+
+Um einen Begriff von dem Ton dieser religiösen Niggerpoesie zu geben, habe
+ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu übersetzen, wobei freilich zu
+bedenken ist, daß die Eigentümlichkeiten des Negerdialektes schon darum
+jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch
+kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet
+folgendermaßen: "Jossua fit de battle ob de Jerico".
+
+ Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - so froh!
+ Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho -
+ und die Mauern purzeln um - glatt um!
+
+ Kommt Brüder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, laßt uns eilen,
+ da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.
+ Wir wählen uns zum Text - die Deutung, die liegt nah:
+ "Der Herr rief: Moses, Moses! - und der Mann sprach: Ich bin da!"
+ O Daniel!
+ Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,
+ und die Mauern purzeln um, glatt um.
+
+ Nu, oll' Pharo von Ägypten - klüger war kein Mensch gebor'n -
+ und er kriegt die Judenkinder 'ran zur Arbeit in sei'm Korn.
+ Schließlich ließ der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,
+ daß der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen möcht'.
+ O Daniel usw.
+
+ Sollt er aber dies verweigern! - o verdammt - dann ging's ihm schlimm.
+ Auf Ägypten wollt er leeren kübelweise seinen Grimm.
+ So geschah's. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.
+ Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfährt.
+ O Daniel usw.
+
+ Tolle Sachen dreht der Herrgott - und nicht nur in alter Zeit,
+ nicht für Israel nur - Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!
+ Seine Liebe reicht für uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt
+ mich meinem Massa, daß die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.
+ O Daniel usw.
+
+Besonders interessant ist es, daß, wie auch in den ältesten Zeiten des
+Volksliedes der europäischen Kulturländer, das eigentlich sinnvolle
+Gedicht von einem Solosänger vorgetragen wird, während der Chor sich durch
+ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In
+obigem Lied singt also der Chor: so froh - glatt um - o Daniel - und
+wiederholt am Schlusse jedes Verses die außer Zusammenhang mit dem Inhalt
+stehenden Einleitungszeilen: "Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho".
+
+Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich
+vergeblich bemüht habe, lautet höchst charakteristisch:
+
+ Der Vorsänger:
+ O der Gänsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn -
+ Mein Herr schreibt meine Zeit ein.
+ Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schädel auch
+ alle Haare dir gezählt. Weißt du das nicht?
+ Oder meinst du, daß der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht
+ von 'nem Walfisch unterscheiden sollte können?
+
+ Chor:
+ Sündige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,
+ denn mein Herrgott schreibt es ein.
+
+ Vorsänger:
+ Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht -
+ mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.
+ Du erwarte nicht vom Nachbar, daß er deiner Seele durchhilft,
+ deine Sünden müssen braten wie die Hühnchen auf dem Hofe.
+
+ Chor:
+ Also sündige lieber nicht usw.
+
+In einem anderen Liede wird den armen Sündern angeraten, sich ja
+rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen,
+denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm.
+
+Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß die groteske Form dieser
+religiösen Gesänge nur der Lust der Nigger an kindischer Spaßmacherei
+zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden
+von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als
+komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja
+aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter Seelen in
+armen gequälten Leibern. Und die religiöse Inbrunst, die aus ihnen
+spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie.
+Übrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar,
+was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht
+haben, sowie auch die Negermusik die einzige originelle musikalische
+Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet.
+
+(M71)
+
+Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist
+die Heilsarmee, die Kirche der Allerärmsten und Untersten. Zeichnen sich
+ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so
+erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische
+Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfügen
+oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten.
+Außerdem paßt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe
+für die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von
+Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten Gesichtern mit
+den sanften schwärmerischen Augen. Wenn aber weiße Menschen unter einem
+nördlichen Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer mehr
+als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem Gesang und mißtönender
+Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Straße ausüben und sich in
+ihren Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen, der weder für
+den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch für die schlichte
+Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so
+muß einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial
+fühlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung
+versagen; sie allein von allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht,
+den natürlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen
+Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jämmerlichsten Elend zu
+überwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit
+und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; sie
+speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie
+gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gänzlich
+Verzweifelten, von der Gesellschaft völlig aufgegebenen doch noch zu einem
+menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie auf der ganzen
+christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, daß sie sich auf die
+Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat,
+versteht, und daß die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer
+Propaganda anwendet, die richtigen sind.
+
+Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund
+so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer
+gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer
+Aufklärung durch die Schule und unserer bewundernswürdigen sozialen
+Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden Weltstädten überall noch
+Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit
+fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen
+beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte
+Wohltätigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die
+_Legal Aid Society_ zum Beispiel gewährt den Ärmsten und Unwissendsten
+unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemühungen um die Besserung erblich
+belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener
+gegen das Zurückgleiten in ihr früheres Leben haben großartige Erfolge
+aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter
+Menschenliebe - und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer
+scheußlichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!
+
+(M72)
+
+Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung der Heilsarmee als
+Maßstab für die Gesittung eines Volkes annimmt, so müßte in dieser
+Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern
+stehen. Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu einem
+ungerechten Urteil verführt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt
+wohl die größere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine
+Folgeerscheinung des unerhört raschen Emporschießens einer rein
+technischen Zivilisation und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen
+Wachstums der Städte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern
+Halt, und die unmittelbare Berührung mit der erhabenen Natur, mit der zu
+Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Ärmsten edle
+Freuden - Seelenfrieden wenigstens -, während in der Großstadt alle diese
+idealen Güter nur für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen
+verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so
+fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je
+mehr sich Riesenvermögen in den Händen weniger zusammenfinden, je mehr
+eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlichkeit breit macht, desto
+sicherer verfällt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der
+Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den
+Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die Arbeiter,
+die in steter Berührung mit den erstaunlichsten Erfindungen des
+Menschengeistes sind, die ihnen die Bändigung der Naturkräfte durch
+unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen
+Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich vor Augen
+führen, gewinnen von diesem Umgang weder für ihre Verstandesbildung noch
+für die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was
+allenfalls dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe der
+Anreiz zu erfinderischer Eigenbetätigung. Ebensowenig wird der Herr der
+Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht,
+Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine seelische
+Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heißt also an
+Idealismus, an einem zeitig geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen
+fehlt.
+
+Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die
+Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bußbank locken läßt, legt also im
+Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen
+Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und
+reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös drapierten
+Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen läßt.
+
+Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen Trommel begleiteten
+Bußpredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuß, vor
+dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablässig in
+Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten
+Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen
+anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg -
+und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europäer sehen die durch Misses
+Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige
+Epidemie an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige Geister
+deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung
+urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken
+gleichmütig die Achseln über diese sogenannte christliche Wissenschaft und
+verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie.
+
+(M73)
+
+Der "American Encyclopedie Dictionary" definiert die Grundlage dieser
+Wissenschaft folgendermaßen: "Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit
+und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der
+Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die
+Allmacht des Guten und die Unmacht des Übels. Christian Science will die
+Wahrheit der ursprünglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der
+Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit
+ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Sünde. Bekämpfe also Sünde und
+Irrtum, so bekämpfst du Krankheit und Tod." - Christlich kann man diese
+Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische
+Begründung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen.
+Das Neue und für die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende
+an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum Magier macht und die
+magischen Kräfte seiner Gläubigen durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen
+stärken zu können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande sind,
+vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen
+Religion ist also der, daß sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die
+Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt
+ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not
+und Tod; der Gläubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in
+der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch
+seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren
+Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es glücklich zur
+vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder
+Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in Amerika,
+wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe gibt, ihr Glück machen mußte.
+Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm
+Hervorgebrachte für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der
+die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach behauptet, sie
+existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution
+gesehen haben), dieselbe Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten,
+Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der
+Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Gläubigen in
+ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau
+liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung.
+Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg.
+Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der
+Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu
+schaffen versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein.
+
+(M74)
+
+Es will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß im zwanzigsten
+Jahrhundert unter dem angeblich nüchternsten aller Völker eine Frau zur
+Gründerin einer neuen mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig,
+unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte! Misses Baker Eddy
+war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persönlichkeit
+geworden. Man wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß in
+ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhänger
+nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre
+werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz
+wirklich gestorben und begraben worden, und die Ärzte wußten ganz genau
+den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben.
+Man hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften leiblichen
+Tode der magische Nymbus zerstört worden sei, der die Person der Päpstin
+außerhalb der Menschheit in die Reihe der Götter stellte. Aber das war
+keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete eine
+ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den Gläubigen mit Bestimmtheit
+versichern, daß nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der
+Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter
+Leiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in vierzehn Tagen
+wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings
+hinzu, es könnte eventuell auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele,
+viele Jahre lang.
+
+Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gründerin gestorben; sie
+hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschütterungen ihres Ansehens
+standgehalten, denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der
+Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten
+päpstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt
+war. Für uns Europäer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur
+eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den
+Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefährlich, über diesen
+Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu
+äußern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer
+Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen
+geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich
+für ewige Zeiten unmöglich zu machen, indem ich das Thema von der
+Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles
+Räuspern brachten mich glücklicherweise einige wohlmeinende Mitmenschen
+zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar
+zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis überzeugte Anhänger der
+Misses Eddy seien.
+
+Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch für
+die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafür wurde mir ein
+Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein gescheiter
+und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet
+und führte eine durchaus glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der
+Gesundbeter geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und
+beschäftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie.
+Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herüberzuziehen. Die
+Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte
+er sich so aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der laufenden
+Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener
+Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht der Fall war, so mußte seine Gattin
+immer mehr und mehr von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages
+die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie
+dadurch klar machte, daß sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit
+Sack und Pack sein Haus verließ.
+
+(M75)
+
+Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, daß nur in
+ihrem Lande heutzutage noch ein günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang
+auf religiösem Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel hat
+auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar vornehmlich in jenen
+erlauchten Kreisen, die auf die "Kreuzzeitung" abonniert zu sein pflegen.
+In meinen Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die engen
+Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher
+Strammgläubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blättern der ganzen
+Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer
+1106: "Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt
+über die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt!
+
+Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt. Ärzte und Prediger
+erzählen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertäter
+Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des
+Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich für alle. Dieser Herr
+entbietet sich, seine Ratschläge unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen
+seine außerordentliche Kraft zu ergründen ..."
+
+Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort.
+Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum
+Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von
+ihm erfundenen Radiopathie vor. "Die Radiopathie hilft nicht nur bei
+gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nützt gegen alle Krankheiten,
+wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer
+Formel präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie
+krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben
+Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange
+Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen die
+Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu
+beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und
+Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: 'Wie man
+sich selbst und anderen helfen kann' mitschicken usw."
+
+Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das Postfach 1106 in
+Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und
+Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte,
+schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene Menschen, erhielten ein
+gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie
+aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür
+ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natürlich eine völlig
+wertlose Droge, zugehen würden. Die hochwichtige Broschüre voll angeblich
+wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt.
+Und siehe da, Tausende und aber Tausende ließen sich den letzten
+Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem
+schwerreichen Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder Dr.
+med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer
+Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten
+Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er
+zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis
+photochemisch vervielfältigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der
+diesem niederträchtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden
+mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische
+Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn
+Professor der Radiopathie in Rochester Geständnisse ablegen, wie man sie
+selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster
+Verzweiflung ablegen dürfte.
+
+(M76)
+
+Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spaß daraus, diese
+traurigen Intimitäten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll
+dieser gemeingefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch von
+Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, daß die
+erwähnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann
+gestehen, sie hätten es unter anderem auch schon mit der Christian Science
+versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europäer
+sind noch längst nicht über den Berg des Aberglaubens hinweg; der
+religiöse wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des
+Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie
+ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller Bekenntnisse, aller
+Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde
+abgerückt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der
+Beschwörungstänze ihrer Medizinmänner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr,
+aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele kann der unerschrockene
+Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden.
+
+Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten
+Staaten gewährleistet, und der großen Anzahl der Bekenntnisse, die der
+heilsuchenden Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der
+Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschließen will,
+von keinen anderen als rein idealen Erwägungen geleitet zu werden;
+begreiflicherweise spielen aber dennoch Nützlichkeitsgründe, allerlei
+komische oder betrübliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine
+bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt haben,
+und deren Zahl ist in Amerika besonders groß, sowie alle Leute, die nicht
+von einer besonderen religiösen Inbrunst erfaßt sind, werden entweder
+einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde
+anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche und gesellschaftliche
+Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat
+offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede
+gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich immer gleich
+zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und
+der Außenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der
+natürlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine
+dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und
+Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück zu den Klubs, die aber
+nur den Wohlhabenden zugänglich sind und die Familie ausschließen. Der
+selbständige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert
+verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung stehen, diejenigen
+aussuchen, in der er ausschließlich seinesgleichen in bezug auf Bildung,
+gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen
+findet.
+
+Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum
+durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die
+Respektablität es erfordert, daß man einer christlichen Gemeinschaft
+angehöre, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines
+frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten übertritt oder die Tochter des
+Presbyterianers sich den Baptisten anschließt. Religiöse Überzeugung wird
+unter allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunderliche Formen
+annimmt. Und so fährt schließlich das echte religiöse Bedürfnis bei dieser
+Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar dürften in
+keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in
+den Vereinigten Staaten, weil ja bei der völligen Freiheit der
+Meinungsäußerung jeder Geistliche in seiner Person gewissermaßen eine
+eigene Kirche darstellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm
+seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht
+deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfänger, so mietet er
+sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen
+hineinzupredigen. Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine
+Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen Persönlichkeit
+der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das
+Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da
+brotlose Künste treiben.
+
+(M77)
+
+Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde
+schließen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New
+York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem
+feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren amerikanischen
+Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle
+Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte
+Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen
+Holzton des Gestühls mild zusammen, und die farbigen Fenster dämpfen das
+Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer
+Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder
+Marterdarstellungen, überhaupt keine biblischen Schildereien finden sich
+in diesem, ich möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine
+einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle,
+die dem Charlottenburger Mausoleum einigermaßen ähnlich ist, ruhen in
+herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhändlers
+Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser, zu den
+allervornehmsten zählenden Universitäten unsterblich machte. Hier ruht
+auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine
+Ruhestätte finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet,
+sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem
+berufenen Redner offen, dessen Denken und religiöses Fühlen sich irgendwie
+unter dem Einfluß christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also
+hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen
+Bekenntnisse, sowie auch außerhalb alles Kirchentums stehende bedeutende
+Denker und Redner.
+
+Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D.
+White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam?
+Allerdings hätten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger
+gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit
+suchenden Gemeinde geredet hätten - Rom aber sprach: "Quod non!"
+
+
+
+
+
+ DIE LANDSCHAFT.
+
+
+(M78)
+
+Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie
+in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der
+Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden
+Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum
+Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und
+Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste
+bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf
+landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der
+die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt
+erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den
+grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer,
+von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu
+befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern
+und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt,
+könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize
+ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der
+Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und
+vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem
+nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake
+Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des
+Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche
+Schönheit herben und zarten, heroischen und idyllischen Stiles vorhanden,
+wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit
+genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung
+zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser
+Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit
+Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn - _es fehlt überall
+an der kulturellen Inszenesetzung_. "O lieber Herrgott, wie gut hast du's
+gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der
+Natur verstanden!" Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den
+Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt.
+Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die
+Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau
+wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei
+plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen
+Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und
+hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der
+ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten
+Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe,
+blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die
+blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und
+Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit
+seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in
+den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu
+finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre?
+Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen Wege
+für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die
+verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die
+lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von
+alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt
+schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der
+Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen
+großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender
+Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich
+gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen
+neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants
+zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen
+Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die
+die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten
+geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.
+
+(M79)
+
+Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis
+nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer
+Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns
+sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen
+internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer
+Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren
+Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen
+Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten
+Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er
+sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut
+ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in Gesellschaft hübscher
+Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel
+schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß
+seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder
+das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können.
+Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern
+begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist
+und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und
+sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu
+vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die
+stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den
+großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege
+geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für
+schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und - was viel
+gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen
+Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich
+bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt
+von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte,
+etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen
+entgegenschreit, daß _Durham Bull_ der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak
+sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm
+die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten
+Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte
+sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe
+ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem
+Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter den jungen
+Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte "_camping out_". Aber auch
+dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur
+wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß
+man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt,
+ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit,
+Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den
+allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den
+Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten,
+daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt
+man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht.
+Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten
+Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein
+außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische
+und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche
+gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was
+dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die
+edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich
+alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte
+Gerümpel.
+
+(M80)
+
+Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle
+verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen
+Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum
+Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und
+Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie
+machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden
+sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen Ufer
+Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange
+zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch
+bewegten _Union Jack_ zu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis
+gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des
+besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus
+brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in
+genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten
+Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem
+staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu
+begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese
+glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche
+amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu
+unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten
+Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich
+unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und
+schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt
+und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den
+menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer
+kann so etwas schön finden!
+
+Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts
+der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben
+Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche
+Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch
+eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche
+Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer,
+seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirtshäusern! Wie
+sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken - denn
+auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus
+reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen -, wie sind sie so geschickt
+unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar
+garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest
+Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees
+entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar,
+und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen,
+Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem
+schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange,
+trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische
+Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit
+klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber,
+bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden
+Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren
+dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen
+hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und
+Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus
+einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen
+Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke
+sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie
+sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen
+pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön
+chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst
+gehören ja ohne Zweifel zu den gewaltigsten Naturschauspielen der Welt,
+besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar
+funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische
+Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden
+Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück
+gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig
+reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche
+60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt
+nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die
+biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen
+Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen
+Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der
+Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister
+geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.
+
+(M81)
+
+Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner
+verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu
+sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was
+sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte,
+die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten,
+und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von
+Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten
+Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt
+Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was
+ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen
+schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New
+York bis Albany schlägt er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis
+Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar
+mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner
+herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die
+Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der
+Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt
+das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten
+Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen
+Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das
+ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des
+Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des
+Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu
+machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches
+ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben
+kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die
+Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall,
+ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von
+ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte
+und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die
+Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend
+niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um
+späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu
+liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern
+zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist
+immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten gerade so wie in
+der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat
+die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild
+gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein
+einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille
+einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die
+künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden
+erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster
+schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder
+nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die
+Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die
+Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet
+werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der
+Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in
+einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer
+Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten
+Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen,
+und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch
+drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen,
+ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten
+und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen.
+Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen?
+Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative
+Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen
+Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen
+Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur
+vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die
+auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den
+Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die
+Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige
+Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels
+reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren
+europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man
+schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und
+Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter
+Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von
+selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja
+bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben,
+unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie
+auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich
+feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu
+wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist
+uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch
+unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen.
+Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit
+natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum
+Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und
+Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft
+machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem
+wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit
+und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als
+eine Frucht der fortschreitenden Geschmackskultur ihrer reichen und
+müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube
+vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied
+zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als
+einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher
+Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht
+einzuholen.
+
+(M82)
+
+So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten
+Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht
+ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch
+Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die
+gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur
+Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne
+Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften,
+so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch
+wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko
+nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran
+gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die
+Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole
+Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit
+seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von
+Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in
+einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und
+vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug
+sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen,
+die ausgerissenen Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn
+erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er
+vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der
+aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die
+gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr
+beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann
+wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir
+sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere
+Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann
+auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler
+hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische
+Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und
+Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen
+amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem
+Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis
+und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: "Gestiftet von Carnegie, in Szene
+gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing."
+
+
+
+
+
+ DOLLARICAS INFAMSTER SCHURKE.
+
+
+(M83)
+
+Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten
+gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen
+Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von
+vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit
+Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe
+an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige
+Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft,
+leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe
+gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois)
+Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß
+meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert
+wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern
+sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden
+Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung
+und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der
+ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt - _ein
+Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.'s Packing Company_ in
+den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter
+wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine
+_eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer hätte es je für möglich
+gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen
+könne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden Äußeren dieses Hammels deutet
+auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes
+Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf
+fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines
+beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch
+zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt
+getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour &
+Co. verholfen.
+
+Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der
+Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende
+seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und
+Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen
+Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_
+von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen
+grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer
+Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky,
+von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren
+bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige "Mäh" der Erlösung
+von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen
+und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen
+Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige
+Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte
+Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch
+erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide,
+kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht
+treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe
+rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen
+schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des
+feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll
+rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen
+sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und
+die Futterraufe unberührt.
+
+(M84)
+
+Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt
+mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den
+besten Jahren: "Munter, meine lieben Kinder, munter!" beginnt er in
+humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter
+Kreis von Zuhörern. "Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und
+Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große
+Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt
+Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen
+Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr
+mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht
+lang werden, auf Eh - hähähähä - re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich
+für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer
+auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will
+mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal
+der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach,
+ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte
+uns geniert." - Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt
+gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander
+gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten
+herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist
+vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen
+Rutschpartie geht's auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz
+und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und
+trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt,
+wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und
+Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie
+von gedämpften Trommeln, - als sollten durch solchen Trauermarsch den
+unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden.
+Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und
+hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der
+rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er
+in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit
+einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht,
+während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu
+Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere
+Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an
+einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges
+Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der
+andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit
+seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß - und lautlos haben sie
+ausgelitten. Derweile läßt sich's der erprobte Beamte von Armour & Co. in
+seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl
+sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu
+Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen
+Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so würde er sicher
+auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig
+in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen
+vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das
+Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um
+seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein
+eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein
+setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit
+seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension
+geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den
+Garaus machen. - Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen
+von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu
+erklären?
+
+(M85)
+
+Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir
+entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur
+schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse,
+daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. - Ich
+kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem
+geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer
+Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß,
+sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch
+jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es
+doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben
+sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in
+dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es
+immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an
+deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich
+könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen
+Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient,
+nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein
+beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen
+Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden
+müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser
+Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre
+Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher
+Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man
+hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung
+eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden
+Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur
+Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen
+imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch
+nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit
+einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames
+Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und
+Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche
+ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte
+Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten
+Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie
+der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden
+Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen
+Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des
+Zweckmäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe
+sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.
+
+Durch Upton Sinclaires berühmten Roman "_The Jungle_" (der Sumpf) sind ja
+die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.'s Packing Company gerichtet
+worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat
+monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, daß in den
+hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte
+Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides
+Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich,
+die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der
+wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger
+Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein
+Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen
+gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert,
+bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf
+sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft,
+auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des
+verarbeiteten Materials.
+
+An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich
+und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der
+Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren
+Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers
+der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine
+ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser
+Herr zunächst einmal das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein
+feiner Kerl - _a fine fellow_ - sei. Man habe ihn vorher instruiert
+gehabt, den hohen Herrn mit "_Your Royal Highness_" anzureden; aber daran
+habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz
+gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von
+anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den
+Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip:
+denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder
+wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser
+Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.
+
+(M86)
+
+Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem
+Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare,
+wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren,
+zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie,
+die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief
+hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich
+langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne
+Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht
+übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach
+dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer
+Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier
+emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und
+schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser
+Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich
+langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er
+den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt heraus. Der
+Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und
+steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner
+Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im
+Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren
+Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den
+Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit
+dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte
+Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber
+unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen
+Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre
+Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage
+hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll
+kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in
+dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder
+nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie
+in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr
+zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig,
+starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder
+in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und
+schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal
+hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die
+Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf
+ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das
+Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer
+dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste führt einen Bauchschnitt der
+ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die
+Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen,
+der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe
+die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg - und so fort. Am Ende des
+Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter
+Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist
+das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken,
+die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.
+
+(M87)
+
+Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder
+bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben
+und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem
+Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu
+zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind
+schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum
+Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige
+Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die
+Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen
+Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim
+Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die
+Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen
+wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver
+die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so
+hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter
+geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk
+des Abhäutens, Zersägens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der
+Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas
+anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein
+anderer nur das Abhäuten zu besorgen - und wehe dem, wenn er das wertvolle
+Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung
+ist seine Strafe.
+
+(M88)
+
+Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft.
+Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die
+die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen
+wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und
+eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen
+von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und
+Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei
+in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das
+Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das
+Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist
+der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten
+Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit
+feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos
+arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren
+Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose
+Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht
+nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen,
+sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine
+artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu
+säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese
+Maniküre und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit - hammel,
+stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der
+gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste
+Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand
+zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die
+Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt
+die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir
+die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf
+den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes
+hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung
+aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und
+darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.
+
+
+
+
+
+ BAEDEKEREIEN FÜR AMERIKAFAHRER.
+
+
+(M89)
+
+Während meines Aufenthaltes in New York geschah es, daß ein aufgeweckter
+Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen
+mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die etlichen
+30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet
+hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo
+das Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. Der Mann war in
+der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich auf seine derbe Faust, seinen
+klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiß und hatte guten Grund,
+anzunehmen, daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde
+nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines
+Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen können. Der
+Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt
+erzählt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, der
+es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug in die
+Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner
+Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den
+Arm und führte ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur _Subway_, der
+Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch
+Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Ästen die ganze
+Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas
+Petersen über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in
+einen der Riesenwagen hineinbugsiert war und nun in drangvoll
+fürchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen
+verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten
+Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze
+Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die
+Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu
+weinen an und schluchzte: "Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. -"
+Und dabei blieb's; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem nächsten
+Schiffe kehrte er tatsächlich wieder heim.
+
+Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das sich auf seinen eigenen
+Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um über
+die berühmte Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann
+aufsuchen wollte. Und er kam auch über die Brücke, aber er verstand nicht,
+was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl
+auszusteigen; und ehe er sich's versah, war er wieder auf der Brücke, denn
+die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein
+Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in
+seinem unerforschlichen Ratschluß über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also
+auf der großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang.
+Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, da er sonst verhungert
+wäre.
+
+Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser,
+so laß es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstößliche Wahrheit
+bestehen, daß du in Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu
+einem Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der
+Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen Brett vorm Kopf in die
+Welt entlassen haben. Bist du aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx
+bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu
+viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer
+stürzen. Bist du ein armer Teufel, der drüben sein Glück machen will, so
+wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß
+die Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. "_Let us try
+another chance_" sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch
+und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnügen und zu deiner
+Belehrung dich drüben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld -
+noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften Menschen
+drüben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei
+uns. Für ein Seidel Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10
+Liter hält, mußt du einen _Quarter_ hinlegen, das ist _M_ 1.-, und du
+wirst bald dahin gelangen, diesem _Quarter_ nicht mehr wehmütig
+nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthält zwar Wasser, Malz und
+Hopfen und sieht schön braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine
+verlockende schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir
+lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein Bier ist. Und dann
+wirst du auch bald finden, daß es sehr viel leichter ist, die schmalen,
+schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei
+uns daheim ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du mußt
+nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du überhaupt Gold zu sehen
+bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an
+irgendeiner Stelle wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle
+großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der Knicker und
+Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre höchst verächtlich über die
+Achsel angesehen wird, kommst du auch schon aus dem Grunde nicht zum
+Sparen, weil die guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman
+gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst
+zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem
+Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten
+Ranges gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, denen sich
+ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen kann, nach unseren
+Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen
+gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen
+und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du
+wirst bald davon zurückkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer
+unmöglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel
+und einem anständigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche
+um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir
+übel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der
+breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee schaden. Ein werter
+Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, daß
+der übliche Satz für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen
+zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem
+belegten Brötchen mit einem Schnitt Bier, wofür er 70 Cent = _M_ 2,80
+bezahlen mußte. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und
+schob sie reinen Herzens dem _waiter_ zu. Der starrte erst mit
+verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann lief er zum Oberkellner,
+beriet sich längere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent
+zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen
+Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen stand es in sämtlichen New
+Yorker Blättern, daß der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld
+gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten
+ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann,
+besonders wenn du aus München kommen solltest, wo die Kati schon für drei
+Pfennige danke schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner
+Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und daß man das
+Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten durch zehn teilbaren Ziffer
+abrunden muß.
+
+(M90)
+
+Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen machen und brauchst dich
+doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren.
+Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die
+Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so
+wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Für
+fünf Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit Bad, und wenn
+du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du für
+denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer
+reichlich zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest,
+auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so würde man das vielleicht als
+einen Mißbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars
+extra tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach Amerika?!
+
+(M91)
+
+Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie
+bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschäftlicher Treffpunkt, und
+die _Lobby_, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften
+Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen
+Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der Barbierladen im antiken
+Athen und Rom und wie das Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden
+sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und
+Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser haben sogar eine eigene
+Telephonzentrale für die Vermittlung des riesigen Gesprächsverkehrs
+innerhalb des Hauses wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was
+man dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf
+elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren
+Städten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze
+Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo
+der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum
+Dachgarten, wo du in schönen warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter
+Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den
+angrenzenden Restaurationsräumen laufen fortwährend kleine niedliche Pagen
+mit Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und quarren die Namen der
+Leute aus, für die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am
+Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann
+aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei
+bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine Zeitung und eine Zigarre
+kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet
+oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit
+seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfänger,
+Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen
+sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei
+dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder neu ankommende Gast
+sich einschreiben muß, und stürzen sich auf ihn, sofern er nur irgendwie
+prominenzverdächtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen
+europäischen Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren
+überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gesprächen der
+Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen
+erlauschen können, beschreiben die Toilette und das Gepäck reisender
+Künstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem bloßen
+Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute.
+
+Jeder, der es irgend _afforden_ kann, kehrt in den großen Hotels ein,
+selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen würde, und
+reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft
+in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein
+Zimmer für sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und
+amüsant für jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und
+Luxus wird dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad
+und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich; ein Transparent
+leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe für dich in der Office sind, und
+was das Allererstaunlichste ist - jeden Abend wird dein Bett frisch
+bezogen, als ob du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur
+deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht _M_ 2 extra dem
+Hausschneider dafür bezahlen willst, und die Stiefel mußt du dir im Keller
+oder auf der Straße putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst
+ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden
+Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. Dem Hausdiener, der deine Koffer
+dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und
+wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit
+einem Tip. Selbstverständlich kannst du auch im Office dein Bahnbillett
+und dein Gepäck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten
+mit dem Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir ein sehr
+feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich sicher geleitet und für
+dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman
+behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts
+in die Hand zu drücken - er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was
+du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei,
+deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.
+
+(M92)
+
+Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in
+New York deine Schritte zunächst ins _Astorhotel_ lenken, und du wirst gut
+daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie
+herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus es ein intelligenter,
+tatkräftiger Deutscher drüben bringen kann. In dem Hotel der _Gebrüder
+Muschenheim_, aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, findest du
+nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch für
+dein ästhetisches Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten
+Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges gespielt wird,
+und im Grillroom etwas für deinen historischen Sinn, nämlich ein
+geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir über Leben und Treiben
+der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst lebendigen
+Anschauungsunterricht erteilt. - Kommst du aber weiter ins Land hinein, in
+die mittleren und kleineren Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in
+das Fremdenbuch einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem
+Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer
+kleinen Stadt Wisconsins. Ich wurde mit meiner Frau in einem der besten
+Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt
+untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel in diesem Zimmer
+fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn überhaupt
+vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck
+zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom
+Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich auch zu diesem
+Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin
+war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans
+Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin
+Platz finden. Da wir während unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten
+eingeladen waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am anderen
+Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren können, wenn man es
+uns noch verabreicht hätte, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach
+neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt gehen und
+in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu
+_M_ 30.- für ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein
+Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da
+entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: "Ja, _warum haben_ Sie
+denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar
+essen können, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben
+nämlich amerikanischen Plan hier." Und die ganze Menschheit in der Lobby
+quietschte vor Vergnügen über die lange Nase, mit der ich abziehen mußte.
+Jetzt also, lieber Leser, weißt du, was _american plan_ ist.
+
+(M93)
+
+Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch sonst welche
+auffälligen Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Reporter auf dich gelenkt
+hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins
+Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung deines
+Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit deines eventuellen
+Schmieröls und außerdem deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen
+Folgen solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein Gentleman
+in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen Manieren befinden, der dir seinen
+Besuch macht und sich erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze
+Reiseroute auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den Beikarten
+für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natürlich baß erstaunt über
+diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst,
+wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da läßt sich ein
+zweiter, ebenso eleganter und liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt
+sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd
+darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, dir eine sehr
+unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft würdest
+du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels
+Lösung. Da zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall mehrere
+Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften
+ihre Kunden persönlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen
+Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten
+Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen
+kann. Diese starke Konkurrenz hat für den Reisenden das Angenehme, daß
+sich jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und
+Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn du also zum Beispiel
+geborener Berliner bist und als solcher Wert darauf legst, deiner
+koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du während deiner Reise
+alles bemäkeln, und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, den
+erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: "Wissen Sie, alter Freund, mit
+Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!" Gegen
+Langeweile oder Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle recht
+nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewöhnten
+Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbücher sind für den
+Uneingeweihten sehr schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. Die
+einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in möglichst farbenfreudiger
+Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen
+über ein Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also zwölf
+solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; man wird aber, wie
+gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen
+betrifft, von den Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie
+prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten! Durch
+einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat
+gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine
+Nummer und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat dieser Marke
+wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet nichts, außer wenn du über einen
+Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein
+Mann durch den Zug und ruft: "Gepäck für Chicago!", oder was es nun sein
+mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier.
+Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli
+auf, so mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung
+nicht für etwaigen Schaden verantwortlich machen willst. Willst du das
+nicht, so nimmt man dein Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders
+versichern. Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend.
+
+(M94)
+
+Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel
+gehört, daß ich dir darüber schwerlich etwas Neues erzählen kann.
+Verwunderlich ist es nur, daß in diesem Lande der höchst entwickelten
+technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten können,
+die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch
+die schönsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich überheizt und während
+des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die
+einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station
+durch das Öffnen der Außentüren entsteht. Bevor du an deinem
+Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung,
+klopft deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis unten
+sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und du gibst ihm gern
+seine 20 Cent dafür, aber - die Zurückbleibenden müssen deinen Staub
+schlucken! Man kann sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise
+vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich noch viel
+ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht werden. Ich begreife
+überhaupt nicht, wie europäische Reisende die Schlafeinrichtung der
+Pullmanwagen bewundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, quer,
+sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar ohne Unterschied des
+Standes, Alters oder Geschlechts. Für die Ruhe soll es freilich
+vorteilhafter sein, die Stöße des Wagens in der Längslage abzufangen, und
+die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar
+hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige Vorhänge versteckt,
+deren Schlitz man, wenn man glücklich in sein Bett geturnt ist, von oben
+bis unten zuknöpfen muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und
+konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um
+Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu öffnen,
+erklärte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind
+im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M.
+"das Kind" gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist
+mögen die Großen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn
+du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu
+gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in
+Einklang zu bringen, als der Anfänger zu besitzen pflegt. Allerdings
+befinden sich an beiden Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige
+Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder
+ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch im _american style_
+ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie
+man im Nachtzustande über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer
+kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das
+leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus
+und werfen einen Schlafrock drüber. Früher pflegten sie die Strümpfe
+anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten
+das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und
+tiefschlafenden Damen die Strümpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert
+sich aber dies Geschäft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der
+Passagiere mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei
+sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. Heutzutage hat jeder
+Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Räuber nichts anfangen.
+(Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang
+zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein
+Scheckkonto eröffnen läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was
+amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umständliche
+Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt
+vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch
+sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen und Händen
+nach zu schließen, eher ein Metzger oder Viehhändler. Der Kerl wusch sich
+vom Kopf bis zu den Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne,
+Ohren, Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm
+sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib
+mit der Liebe und Sorgfalt eines Künstlers, der die letzte Feile an sein
+Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der
+Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. - Übrigens geht so
+eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven für jeden,
+der kein geborenes Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der
+Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm vollführen, bei
+dem einem angst und bange werden kann. Sie müssen nämlich alle Augenblicke
+Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen
+sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne
+Unter- oder Überführung. Da wird der nervöse Europäer schwer den Gedanken
+los, daß ihm plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch seinen
+werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was recht ist, aber
+Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden und Norwegen wirklich
+komfortabel.
+
+(M95)
+
+Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten
+Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand
+dürfte es da drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf
+einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn sie einen Kavalier bei
+sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles für
+sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden
+Wortwechsel erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war in
+einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette
+Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrängt
+stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme:
+"_Let the ladys get out first!_" - und eine andere Stimme höhnte dagegen:
+"_Let the Niggers get out first._" Und nun platzten über die Doktorfrage,
+ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild
+aufeinander! - Merke dir auch, mein Freund, daß du Damen deiner
+Bekanntschaft auf der Straße nicht zuerst grüßen darfst, das würde für
+eine Anmaßung angesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade haben
+wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd
+anstarren, und sei es noch so schön. Hast du aber die Bekanntschaft einer
+Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie dich
+ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so
+zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handküsse sind nicht üblich,
+wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe
+zuteil, eine Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so packst
+du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das
+ist sicher und für beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in
+den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder
+zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine
+Mutter oder eine Tante als Begleitung befürchten zu müssen. Wenn du von
+deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen
+Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie
+deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen sei vorsichtig; denn
+das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuß als Heiratsversprechen, als
+tätliche Beleidigung oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine
+beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch nette
+Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen.
+
+Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge,
+sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mußt du ihn stramm
+herunterziehen, sobald eine weibliche Person über vierzehn Jahre
+hereintritt. Im übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen und
+beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es dir zum Grundsatz, von
+deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell
+vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen.
+Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Straße begegnest, so hast
+du es auch nicht nötig, deinen Deckel herunterzureißen und deinen Skalp
+der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst
+lächelnd: "_Hallo, Bobby, how do you do!_", worauf er gleichfalls winkt
+und ruft: "_Hallo, Fritze, how do you do!_" Das ist praktisch und macht
+einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und
+ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, wie es euch geht.
+Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen;
+dafür verlangt man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete
+Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. Der Schatz der
+amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und
+wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir
+leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem
+Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Höflichkeit
+besteht darin, daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man seinem
+Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten
+sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose
+Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben
+sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen
+behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer
+klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten
+wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Äußere hat,
+läßt sogar ein eiliger stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen
+und begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen Dingen der
+täglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit
+seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um größere Summen,
+so reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein
+Schießhund.
+
+(M96)
+
+Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete dir irgendwo im
+neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und
+Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle
+ungemein gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe deinen Rock
+aus - denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es
+Winter oder Sommer -, zünde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine
+anmutig über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. Telephonieren
+und Briefe diktieren füllt die amerikanischen Geschäftsstunden von 10-5
+Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß
+das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der
+Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe
+in allen Lebenslagen, solange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl
+aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.
+
+
+
+
+
+ WAS KÖNNEN WIR VON AMERIKA LERNEN?
+
+
+Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker ein Spiegel, in
+dem sie deutlich ihre Zukunft sehen können. Der Fortschrittsgedanke
+marschiert drüben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor
+sich, während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf
+Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von
+Vorurteilen, Abgründe von Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern
+oder zu überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden
+Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen
+Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgründe auszufüllen und unsere
+Berge abzutragen - was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose
+Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch
+und philosophisch geschultem Denken, mit ästhetischem Bewußtsein und einer
+idealistischen Weltanschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in
+jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre uns vor
+dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß wir unseren wertvollsten
+Besitz, nämlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen
+Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten
+Vergangenheit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des
+Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für unser
+gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so überaus solid aufgemauert
+haben.
+
+(M97)
+
+Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als
+uns gut ist. Seit nämlich die raum- und zeitverkürzenden Erfindungen sich
+zu überstürzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von
+Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die
+großen Erfindungen, vermöge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft
+beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und hätten unter allen
+Umständen die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern;
+in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen
+wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch
+auch stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der
+Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen
+Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung,
+und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf
+dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stürzte sich mit
+Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im
+Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr
+gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt
+und aufregende Vergnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann,
+ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten Schnellzugs-,
+Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern
+begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein
+Sensationsbedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber
+in der großen Welt gewaltig geschürt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit,
+der großartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe
+haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns hinübergelockt, und wo
+immer sie in größerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum
+die betreffenden Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, wie
+ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres Festhalten an ihren
+nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen
+und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und
+Fremdenindustrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies jetzt
+noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft ihrer amerikanischen
+Vettern. Während die amerikanischen Hotels sich allmählich den
+europäischen Stil aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu
+amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig auf den Kontinent,
+um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind
+viel großartiger und leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch
+protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte
+Vergnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil
+bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie überall die
+Sensation, das Äußerste, das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es
+gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, daß
+auch bei uns immer mehr das Schönste und das Bedeutendste, was unsere
+Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen
+Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des
+Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau,
+die Münchener Musikfeste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen,
+die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der
+europäische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum
+aufs äußerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein
+gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste
+Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum
+geknüpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit immer
+mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedürfnis
+nach Kunst- und Naturgenuß zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas
+uns einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns
+verhältnismäßig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind
+doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Überzahl, und diese
+Überzahl wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die
+amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen seiner
+Vergnügungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen
+Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt
+der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das
+Vergnügen an den Sentimentalitäten, Hintertreppensensationen und
+Clownspäßen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an
+den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus
+amerikanisch an.
+
+(M98)
+
+Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur
+die Autorität des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das
+Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles
+bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit
+der Entwicklung und drängt den Tüchtigen überall zugunsten des Fixen
+zurück. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende
+Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und sportgewandten
+Männern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen.
+Das erweckt in uns die Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die
+es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht
+haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein
+müßten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer
+bedächtigen Gründlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. Wir
+vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es
+ist, was uns heute immer noch über die glänzende Scheinkultur der Neuen
+Welt ein beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen
+Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über dem Ozean einlassen, so werden wir
+sicher den Kürzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes
+sind nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere Industrie,
+unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das
+unerprobte Neue, das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle
+des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, so würden unsere
+Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen
+wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer
+kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu
+beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich darin, daß drüben jenes
+Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch
+Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und
+verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzüge würden uns
+aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch
+weiter anstecken ließen.
+
+(M99)
+
+Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens
+darauf hingewiesen, daß auch unsere Presse hie und da bereits recht
+bedenkliche Anläufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster
+Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der
+minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch
+bei uns beweist die Erfahrung, daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens
+die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinären Geschmack
+entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr
+einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von
+Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach
+zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der
+Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektüre.
+Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft,
+gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwürdigung zumal der
+literarischen Arbeit zum bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir
+überall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte
+Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem
+Volke für ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute
+künstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte
+und Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall die
+Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle
+gemeinnützige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen
+schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der
+Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung auch in weite Schichten
+unseres Volkes getragen, für die früher die Quellen des Wissens und der
+Schönheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß
+erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch
+dort, namentlich durch Gründung von musterhaft eingerichteten öffentlichen
+Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung
+von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan
+wird. Es ist also wahrscheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit
+Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht
+überflügeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso
+wie der unserer Fabrikanten heißen müssen: "_Qualität, nicht Quantität;
+nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das
+Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, das Deutscheste
+bieten._"
+
+(M100)
+
+Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, volkstümlich zu
+sein, denn wir _sind_ ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in
+dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte
+Europa für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant
+macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter
+seiner Völker. Wie die Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken
+wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß ist wie der eine
+Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und
+das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der
+Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der
+Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische
+Rasse gibt es aber vorläufig noch lange nicht, und die Behauptung
+vereinzelter amerikanischer Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich
+deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte wohl als ein
+wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in
+der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare
+Zeit hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden,
+Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich wie z. B. die Neger in den
+Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt
+alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse
+aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich
+verraten, dem ihre Vorväter entstammten, so wird man auch den Nachkommen
+der weißen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches
+Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch fortwährende
+Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen.
+Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen
+Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen Rassen einen
+eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei
+Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen ist,
+so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem äußeren Gebaren so
+stark zu verändern, daß seine Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so
+langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er
+ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein
+Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist
+überdies noch die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren,
+dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf klägliche Überreste
+vernichtet sind. Der Deutsche kann drüben dem Engländer, der Jude dem
+Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder
+unwillkürlich in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche
+übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus.
+Es wohnt also drüben ein Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine
+gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen
+Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kulturideale zu suchen. Von einem
+amerikanischen Volke wird man erst sprechen können, wenn die ungeheuren
+Ländergebiete drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert sind, daß
+die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten
+kann. Aber auch bei verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung
+des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen.
+Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben -
+denkbar aber auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des
+internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der großen
+Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung nicht mehr möglich ist, und die
+ganze Änderung darin bestehen wird, daß die alten Rassen ihre
+charakteristischen Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante
+Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, Farbennuancen
+übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren
+wirklich schon eingetreten sein, dann könnte man davon sprechen, daß
+Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen
+Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden Tendenz
+bemerken läßt. Die Gewissensfrage ist für jeden einzelnen: soll ich dazu
+beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen,
+oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben?
+
+(M101)
+
+Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurückkehrt, so nimmt
+zunächst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der
+Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in
+sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft mit ihrem üppigen
+Wiesengrün und ihren anmutigen Heckenzäunen, sei es ein französischer
+alter Herrensitz mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen, Blumen
+und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit
+ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Dörflein,
+so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne
+Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll prunkender
+öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige,
+hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und
+Wachttürmchen gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt.
+Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermißt
+haben und die man uns auch drüben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition
+einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten
+Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen
+höheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch überaus fruchtbar sind,
+weil in allen diesen Dingen die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar
+werden. Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff der
+Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches
+Lebensglück. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu
+kommen, die Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da
+wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein leichter zu
+erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren
+Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Für solche Leute ist es wohl
+angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem
+trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drüben werden
+sie erst den Wert der Heimat schätzen lernen - es sei denn, daß sie zu den
+blinden Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr Genügen
+finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche eine vertiefte Bildung
+gesteigert hat, kommen ja jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur
+zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und
+sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, die ihre vorläufig noch fast
+ausschließlich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie
+bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor
+unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und unserer Industrie,
+vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten
+Ordnung unserer Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als
+Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche Liebe zu unserer
+Romantik mit heim - nachahmen aber können sie auch beim besten Willen
+diese unsere Vorzüge schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig,
+als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner
+Tradition geworden sind.
+
+(M102)
+
+Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige
+Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinüber: alle die
+überzähligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, verärgerte,
+aufsässige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner
+aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsächlich da
+drüben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen könnte. Der
+entschlußunfähige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine
+liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen
+kann, der langsame, ängstliche Philister, der faule Träumer, der vornehme
+Müßiggänger, der hochmütige Geld- oder Wissensprotz - sie alle werden
+zunächst einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten Not darauf
+aufmerksam gemacht, daß die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf!
+nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß
+arbeiten, und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du von
+Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein
+Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges Geschäft
+anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch
+zu verwerten weiß, daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und
+Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem großen Arbeitsmarkt
+für jede beliebige Tätigkeit zur Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich
+habe drüben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande
+waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als
+Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische
+Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für irgendeine
+Warenspezialität zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der
+Schritt zum selbständigen Geschäftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei
+dieser Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, hinter der keine
+offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren läßt. Der Yankee macht sich
+freilich oft lächerlich durch sein übereifriges Herandrängen an unsere
+Höfe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist mit Recht
+empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge, die schwere Mitgift der
+Töchter gegen europäische Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man
+merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der Titel an sich ist,
+welcher diese faszinierende Wirkung übt, sondern vielmehr die mit altem
+Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche
+Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drüben ihr Brot
+suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber völlig. Eine
+Persönlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder
+physischen Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in die
+Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst auf. Aber auch
+mit philiströser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein
+Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der
+kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt des Fortschritts
+unterwegs verlassen, so muß er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung
+abzuspringen verstehen - nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder
+kommen.
+
+(M103)
+
+Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, daß sie selbst dem
+Verbrecher nicht den Rückweg zum anständigen Leben verlegt. Das Vertrauen
+auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor den
+Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich fürchtet wie bei uns.
+Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der
+mußte ja immer gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf
+dem _qui-vive_ stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß ein einziger
+beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er
+hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen
+durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den Erfolg doch noch zu
+brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist,
+daß man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer
+wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann
+etwas Ordentliches erreicht, hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder
+vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche
+Erziehung und angeborene Charakterschwäche zu Verbrechern gewordene
+Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind
+glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr
+geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu
+verspotten, aber es ist sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht
+halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft die
+Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische
+Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und
+die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg.
+Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben
+selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er
+wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle
+Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten
+Herrschaft des Kgl. Großbritannischen _common sense_ haben sich ja alle
+besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir
+alten Europäer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht
+ohne weiteres ablernen können, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische,
+aber tatkräftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben
+Tugenden der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre schöne
+Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Verhältnisse bedingt, die wir
+alten Völker ebensowenig nachahmen können wie die Jugend.
+
+Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch
+etwas lernen können, nämlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden
+ein rückständiges Volk heißen müssen, so lange wir nicht die Trennung von
+Staat und Kirche durchgeführt haben und so lange es noch möglich ist, daß
+ein Deutscher seines religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich
+verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren nicht an
+der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder
+nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige
+behördliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich
+anerkanntes religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Bedingung zur
+Erlangung öffentlicher Ämter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der
+absoluten Glaubensfreiheit ist das religiöse Leben, trotz mancher
+blamabeln Auswüchse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke
+religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann
+eine Macht über die Seelen gewinnen, um die sie unsere
+Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischöfe ehrlich beneiden
+dürften. Über das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees
+lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das
+Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemäß mit der Jugend besser
+umzugehen. Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf
+Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon längst aufgestellt
+haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Mißerfolgen.
+
+(M104)
+
+Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des
+großen Staatenbundes uns als Vorbild dienen können: dahin rechne ich in
+allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt
+hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen
+Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer
+nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es
+verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten.
+Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch
+staatenbildendes Geschick bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die
+von ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wußten.
+Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin,
+Michigan, Missouri ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee
+und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte. Cincinnati,
+Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Großstädte zeigten
+vorübergehend ein Übergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben
+sie sich überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch
+hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber er versteht kein Deutsch
+mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem
+einmütigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich
+nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die große Mehrheit
+bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und handwerkliche Kräfte, und im
+Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinüber,
+die den Beruf zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen.
+Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18½ Millionen Menschen es zu
+keiner politischen Selbständigkeit bringen konnten? Die Zahl jener
+geborenen Führer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital
+niederließen, und die man spottweise die _lateinischen Bauern_ nannte, mag
+allerdings wohl der erdrückenden Überzahl der ungebildeten, politisch
+gleichgültigen Landsleute gegenüber zu gering gewesen sein - auch war der
+Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne
+weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, daß alle diese Deutschen ein
+stolzes Nationalgefühl überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren
+Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum mit
+hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tüchtige Bauern,
+Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten sich aber den besonderen
+Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von
+ihnen waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig
+anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten
+übrigens haben auch diese Deutschen Großartiges geleistet, wie denn ja
+auch die von ihren edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw.
+sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Löwen
+geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Bürgerkrieg verdanken
+amerikanische Truppen deutschen Heerführern einige ihrer glänzendsten
+Siege - und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern
+geduldetes und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen
+britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverständlich nicht
+daran, diese bequemen Biedermänner in ihre großen Ehrenstellen der Staats-
+und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus
+keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten den deutschen
+Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mußten resolut
+ihr Deutschtum über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden,
+oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten,
+von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im
+Staate gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus gegen das
+Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschließen. Die
+meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich über
+das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen
+wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren
+landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgründen aufs
+gehässigste bekämpfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten
+Deutschland der 70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Änderung
+in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen hätten doch
+alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden
+Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische
+Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begründen
+durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre
+Tüchtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten
+nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stürzen - die meisten wohl aus
+moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit.
+Man muß also doch wohl sagen, daß ihnen, einige ganz wenige glänzende
+Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für die
+Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben
+kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Maße besessen und
+verdankten dieser Eigenschaft die glänzende Rolle, die sie während der
+Völkerwanderung und noch während der Staufferzeit in der Weltgeschichte
+spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und
+Pfaffenherrschaft haben aber jene ursprünglichen Veranlagungen vollständig
+erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt
+aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit
+gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein,
+politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist
+politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlaßten, und sie
+alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionäre sein,
+brachten den Stolz mit hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren
+Flagge siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese
+Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein Herrenvolk zu fühlen,
+sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewußt, welches dieses
+Herrentum ihnen auferlegte - der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten.
+Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas und Mexikos, die
+nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine
+recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte für die
+Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst
+gegen Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern richtete das
+Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der
+imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und
+das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits
+und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen müssen. Das Wort Chauvinismus
+hat einen garstigen Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere
+edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist aber schließlich
+nur ein anderer Ausdruck für Kraftbewußtsein. Denn bei allen wirklich
+starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der
+Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionär _chauvin_.
+
+(M105)
+
+Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren
+Kinder, besitzen nun allerdings jenen schönen Nationalstolz, von dem die
+vorigen Generationen noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen
+Zeitungen und freuen sich der Berichte über die großartige Entwicklung des
+deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufblühen seiner
+Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden
+sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspüren, denn sie können
+kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift:
+"_Made in Germany_" zu stoßen, und die gewaltigen Schiffe der großen
+Reedereien, allen voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen
+Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlässigkeit in
+jeder Beziehung übertreffen, haben für die Hebung des deutschen Ansehens
+über dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten
+Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten
+des gesegneten Friedens sich für die Ewigkeit zu manifestieren trachtete.
+Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen
+Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Können, genießt bei den
+Deutschamerikanern eine fast uneingeschränkte Verehrung, und auch das
+Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft
+bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und
+einigen anderen Städten erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in
+denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem
+Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird.
+In Cleveland haben die Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine
+Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo
+bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst
+im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer
+rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des
+Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, daß die
+Bestrebungen einer ausschließlich auf ästhetische Kultur gerichteten
+intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung
+und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte noch fast
+ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Verständnis finden können. In
+dieser Beziehung sind es noch Großväterideale, welche die versprengten
+Landsleute drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen
+leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur
+vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind.
+
+(M106)
+
+Es hat sich also nachträglich doch noch so etwas wie ein deutscher
+Chauvinismus entwickelt - leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein
+halbes Jahrhundert zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hieße
+unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man
+sie jetzt noch zur Sonderbündelei mit prahlerischem Maulaufreißen von uns
+aus aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos. Wie würden wir
+es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste
+sind, uns fortwährend ihre Nationalität und Rasse unter die Nase reiben,
+Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge in die Ohren schmettern und
+darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns
+ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die
+Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht,
+zu verlangen, daß die Einwanderer aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie
+sich bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse
+aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhältnissen,
+sich stolz bewußt zu bleiben, daß sie die Erben einer tieferen und
+feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen
+sind, den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen
+Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber nehmen, in die Seelen
+der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart,
+deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Sinn, deutsche Treue,
+deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum ausschlaggebenden Kulturfaktor zu
+machen, das muß ihnen als heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise
+lassen sich immer noch Siege _gegen_ und, was noch wichtiger ist, auch
+_mit_ dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit
+deutschem Geiste zu durchtränken und so zu unseren innerlichst Verbündeten
+zu machen, das wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende
+Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen der Vereinigten
+Staaten auch nicht für zu gut dünken, von den Yankees zu lernen, und
+ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch
+nötiger haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir trotz des
+großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben,
+als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen
+entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker
+irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht
+haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: "Ja, was wird aber
+Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?" so wird ihm mit
+lächelndem Achselzucken die Antwort: "Ach, die Deutschen! Die sind ja so
+anständig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum." Es
+ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die
+Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei den
+Jungen die Fehler der Jugend - in der Politik werden viele davon zu
+Tugenden, vornehmlich die goldene Rücksichtslosigkeit.
+
+Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden
+nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien
+Entwicklungsmöglichkeiten einer großen demokratischen Republik begründet
+seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht glauben, daß die Staatsform
+wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung
+hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben, wie überall, an
+der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe
+zahlreiche Beispiele dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch
+kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland
+speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die
+sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß
+die Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen Entwicklung
+die _Vereinigten Staaten von Europa_ verheißen, recht behalten werden.
+Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches
+Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige ebenso pietätvoll
+konservieren können, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn
+aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernünftiges,
+zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit
+zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als
+untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat.
+
+
+
+
+
+ DAS HIRN AMERIKAS AUF EINER GOLDENEN SCHÜSSEL.
+
+
+Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag
+wohl keines so sehr den Europäer staunen machen, wie der Expreßelevator
+eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hält. Wohnungen für
+kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen
+Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschließlich Geschäftsräume für
+die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien für Rechtsanwälte, für
+Konsulate, für alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt
+beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz
+Amerikas schlägt in den kleinen, einfachen Holzhäuschen der Vorstädte und
+ländlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen
+gigantischen Türmen und liefert zwischen 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends die
+Hochdruckspannung für den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von
+Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dächern, die unablässig von
+diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im
+Erdgeschoß unterhält eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt
+und befördert unzählige Telegramme über den ganzen Kontinent, wie nach
+allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebändigte Blitz trägt
+Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem
+Mut in alle Welt hinaus. Millionen strömen herein, Millionen strömen
+hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die große Wage, auf der die Gedanken
+erfindungsreicher Köpfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geräuschlos
+der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem Schlage Existenzen
+vernichtet; hier schwirren die Webstühle, an denen die schimmernden Netze
+für den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der
+fleißige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf,
+und mit dem Expreßaufzug, der erst am elften Stockwerk hält, schwingt sich
+das Genie über die Köpfe der armen Durchschnittsmenschheit in
+atembenehmendem Tempo empor.
+
+(M107)
+
+In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser
+Expreßelevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt.
+Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlösser gebaut,
+wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches
+Eisengerippe schießt starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau
+wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man
+alsdann die Wände von Zementguß zwischen den Rippen zu spannen, also
+gewissermaßen flüssigen Stein vom Dach herunter zu gießen, bis er endlich
+den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird,
+schwer und gewaltig, wie für die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten
+Welt aber haben zuerst in den Höhlen gewohnt, die die Natur uns zum
+Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wühlen.
+Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam
+aneinander gefügt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir
+gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Höhen
+hinaufzuführen, wo die Stickluft schwitzender Mühsal nicht mehr lastet, wo
+der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte
+Ferne. Die kühnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten,
+brachten die eisernen Träger für den Aufbau ihrer Kultur gleich fertig
+mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das große Wagnis
+unternahmen; denn ängstliche, bedächtig am Alten klebende Ofenhocker und
+Duckmäuser gingen ja überhaupt nicht über das große Wasser. Die Eroberer
+brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Büchsen, der
+Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gruß an die technisch hilflosen
+Besitzer des neuen Landes. Und als die weiße Besiedlung in großem Stile
+einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die
+Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte
+keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff
+brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herüber, und diese neuen
+Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen
+gegen den widerstrebenden Willen der Alten - denn es gab keine Alten in
+diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer
+die Idee der Dampfmaschine herüber, und alsbald erkannte man, daß die
+Riesengröße des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen
+Quellen unerschöpflichen Reichtums überhaupt erst nutzbar gemacht werden
+würden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen überwand.
+1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste
+Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston
+und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische
+Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie
+vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man
+wartete drüben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevölkerte Gegenden und
+große Städte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte
+resolut die Schienenstränge durch jungfräuliches Land, durch Wüsten und
+Einöden und veranlaßte dadurch, daß jene Gegenden besiedelt wurden, Städte
+und Industrien über Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche
+Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit
+dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndämme nicht lange auf, sondern
+rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden
+ein und ließ die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar
+Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen
+gelegen, wenn nur die Überlebenden den winkenden Dollar glücklich
+erhaschen!
+
+(M108)
+
+Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen
+Errungenschaften des europäischen Geistes. Begierig wurden sie drüben
+aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu
+über das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfähigkeit durch
+Verbesserungen bis an die Grenze der Möglichkeit gesteigert. Und genau so
+wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der
+geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft
+gleichzeitig mit den neusten, kühnsten Hypothesen und flößte sie den
+lernbegierigen jungen Köpfen ein. Von den sieben freien Künsten ließ man
+sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des
+eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu
+beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht nötig,
+aus dunkler Angst und Erlösungssehnsucht langsam eine nationale Religion
+empor wachsen zu lassen, sondern man ließ sich die Religionen schockweise
+aus den alten Ländern kommen und von einheimischen Köchen für die
+amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besaß man auf einmal Religion
+und Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem
+auf der Höhe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt für
+dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit
+alten Vorräten zu räumen, alte Mauern niederzulegen, alte Münzen
+einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang für die Leute dieser Neuen Welt ein
+Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein
+Vollendetes geliefert hatte, so mußte sich in den Köpfen dieser
+Neuweltleute die Überzeugung festsetzen, daß es für ihre Entwicklung keine
+Schranken gäbe. Der Himmel hängt diesen Leuten voll unbegrenzter
+Möglichkeiten. Weil sie es niemals nötig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen
+mit schmerzenden Knien in die Höhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen
+die natürlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreißig Stockwerke per
+Expreß mit höchstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da
+droben, im Genuße der schönen Aussicht und der frischen Luft, fühlen sie
+sich so pudelwohl, daß sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft
+hängen. Es muß schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich
+zu machen, daß in ihrer Höhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung
+etwas ungemütlich zu werden beginnt und daß man unten zum mindesten
+sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermögen kultivierte Menschen der
+Alten Welt in jenen stolzen Luftschlössern niemals heimisch zu werden. Sie
+finden es fußkalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und
+alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben
+mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kämpfen
+einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kräfte gewachsen; an den
+Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres
+Geistes geschärft; unseren Göttern haben wir Wohnungen gebaut aus den
+aufgetürmten Leichnamen unserer Märtyrer; den holden Rausch unseres
+Frühlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstürmen, aus Schutt
+und Brand die Ideale unserer Schönheit gerettet - aller Stolz auf unsere
+Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der
+heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. _Ein Mensch der Alten
+Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Mißgeburt._ Und wenn die
+Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herüberkommen, so wandeln sie wie in
+einem Museum einher: alles, was für uns lauter lebendige Quellen ewiger
+Werte bedeutet, sind für sie ausgestopfte Kuriositäten, patinierte
+Schildereien, bleiche Spirituskonserven - sie gehen staunend oder lächelnd
+vorbei und fragen hie und da: "Wieviel kostet das?"
+
+O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so verträumten
+Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen
+immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Völkerwanderung.
+Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die
+die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und
+innerlich doch noch ganz und gar angefüllt von den ererbten Eigenschaften
+ihrer ritterlichen oder spießbürgerlichen Vorfahren. Ihr Blut sträubt sich
+dagegen, reine kalte Geschäftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer
+rührenden Gemütlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer
+streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blüht der
+Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben.
+Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat
+im Staate, eine Freimaurerorganisation mit ungeschriebenen Gesetzen. Aber
+es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das
+Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden - jener große, der
+offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern,
+Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und
+rücksichtslosen Künstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu
+allen tüchtigen deutschen Taten hergibt. Übermenschen sind sie darum noch
+lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein
+prächtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des Übermenschen schon jetzt
+im Fleische wandeln dürften.
+
+(M109)
+
+Drüben glauben sie, wie es scheinen möchte, den Übermenschen bereits zu
+besitzen, und zwar in der Person des Spielers großen Stiles, des Millionen
+aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten
+Geschäftsmannes. Hören wir ein Stückchen Yankeephilosophie aus dem Munde
+eines ihrer besten Schriftsteller, _Jack London_(5): "Zu Zehntausenden und
+zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Nächte durch und planen, wie sie
+zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen können;
+das sind die Geschäftsleute. Die Kleinen von ihnen, Krämer und
+dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas
+heraus, woran sie verdienen können; aber die großen Geschäftsleute
+benutzen diese kleinen Geschäftsleute, um die Werterzeuger für ihre Zwecke
+herzurichten. Den ganz großen Leuten aber liegt nichts daran, den
+einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern
+sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre
+Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese Art von Glückspiel nennt man 'die hohe
+Finanz'. Ursprünglich bestand das Geschäft nur darin, den Arbeiter
+auszuplündern; dann aber taten sich die großen Räuber zusammen und jagten
+einander die aufgehäufte Beute ab. Unter den Übermenschen der Geschäfts-
+und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein
+_noblesse oblige_. Diese modernen Übermenschen sind eine Gesellschaft von
+Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote
+von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren.
+Bei ihnen heißt es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er
+gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das
+nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverständlich
+und werden von ihresgleichen der Größe ihrer Beute entsprechend geschätzt.
+Obwohl jeder Räuber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Räuber zu
+berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat
+tatsächlich die Kontrolle über den politischen Mechanismus der
+Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben
+geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane,
+die Gerichte und die Armee. Des Übermenschen Hauptgefahr liegt in seinem
+Mitübermenschen, nicht etwa in der dummen großen Masse des Volkes - die
+kann man durch den lächerlichsten Bluff zum Narren halten - die zählt
+nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf höherer Basis, aber
+man kann sehr wohl die Betrügereien und Vortäuschungen dabei durchschauen,
+ohne sich sittlich darüber zu entrüsten. Es ist eben die Ordnung der
+Natur, daß die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den
+Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen
+berauben einander, weil sie eben so geschaffen sind. Sie rauben, wie die
+Katze kratzt, der Frost beißt und der Hunger kneift. Der große Finanzier
+lernt sein Geschäft bald sportmäßig betreiben. Arbeiter und kleine Leute
+beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport,
+wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen,
+wie sie in England noch betrieben werden soll. Der große Sport besteht
+darin, den erfolgreichen Räubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die
+Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen
+setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen
+Spaß hat."
+
+(M110)
+
+Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings
+dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszuprägen,
+besonders wenn man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer,
+der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschäftsleute wie in den
+Vereinigten Staaten hätten sie drüben in England doch nicht, kaltblütig
+erwiderte: "O ja, die haben wir auch - aber bei uns sitzen diese Herren
+alle im Zuchthaus." Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten
+seiner großen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu
+verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen
+zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert, und denen, auf die
+er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drüben, in deren
+Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius
+suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Höhenmenschen.
+So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in
+welchen nur Männer aufgenommen werden können, die irgendeine
+bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen haben. Am
+26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der
+weltbekannten Industriefürsten angehörte, die Gelegenheit eines festlichen
+Frühstücks im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preußen _das
+Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel darzubieten_. Ungefähr 150
+Einladungen ließen sie ergehen an jene _Captains of Industrie_, wie Thomas
+Carlyle sie genannt hat: "Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht
+bloß eingebildeten Aristokratie!" Bei diesem denkwürdigen Frühstück wurde
+nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren
+die bloßen smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen
+Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen
+Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche
+Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch
+Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem
+Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft überreicht, in dem die
+Eingeladenen dem Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes
+Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert war. Die "New
+Yorker Staatszeitung" sagte von diesem Frühstück: "Der erlauchte Bruder
+des deutschen Kaisers und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen
+hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag
+der Augsburger Fugger, Fürsten des Handels, Baumeister unserer Größe. Es
+waren nicht lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten
+ausschließlich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpfliche
+Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumünzen verstehen und die
+unseren Nationalwohlstand begründen halfen."
+
+(M111)
+
+Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fürst der
+Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert worden wäre. Wenn unsere gekrönten
+Häupter reisen, so bekommen sie überall dieselben Exzellenzen, Geheimräte,
+Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter
+wackere und verdienstvolle Staatsbürger; aber die wahrhaft führenden
+Köpfe, die genialen Organisatoren, die Träger der modernen Ideen - jene
+Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne - jene Hervorleuchtenden - sie
+finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der
+Eifer der intimen Hüter des Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt
+dafür, daß von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des
+Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck über
+die Grenzen des beschränkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in
+dem Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der
+Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler und Dichter, die Verkünder
+einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kühnen Umwerter und
+gefährlichen Fackelträger - sie mußten fehlen, weil sie drüben noch nicht
+vorhanden sind, diese Kulturblüten schwer von dem Honig einer glorreichen
+Vergangenheit.
+
+Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor
+seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine
+Hülle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schließlich zum Lohne
+das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern? Vielleicht wird diese
+Schüssel nicht, wie drüben in dem Lande der unerschöpflichen Naturschätze,
+von purem Golde sein können - aber das Hirn wird sich sehen lassen dürfen!
+
+
+
+
+
+
+ EINIGE FÜR DIES WERK BENUTZTE UND EMPFEHLENSWERTE BÜCHER:
+
+
+_ Dr. Otto Ernst Hopp_, "Bundesstaat und Bundeskrieg in den
+ Vereinigten Staaten". Zwei Bände. Verlag G. Grote. Berlin 1886.
+_ Mc. Laughlin_, "History of the American Nation". Verlag Appleton &
+ Co. New York 1903.
+_ Paul Bourget_, "Outre Mer". Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905.
+_ Georg von Skal_, "Das amerikanische Volk". Verlag Egon Fleischel &
+ Co. Berlin 1908.
+_ Dr. Hintrager_, "Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten
+ Staaten?" Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904.
+_ Wilhelm von Polenz_, "Das Land der Zukunft". Verlag F. Fontane &
+ Co. Berlin 1905.
+_ Ludwig Max Goldberger_, "Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten."
+ Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903.
+_ A. von Ende_, "New York". Verlag Marquardt & Co. Berlin.
+
+
+
+
+
+ NAMEN- UND SACHREGISTER.
+
+
+ Aberglaube 203.
+ Adel 261, 175 ff.
+ Akademische Vergnügungen 55.
+_ American plan_ (style) 240, 244.
+ Angelsachsen 21.
+ Antisemitismus 31.
+ Arbeit 105, 107, 261.
+ Armee 177 ff.
+ Armour & Co. 218 ff.
+ Asch, Schalom 142.
+ Astor 179.
+ Astorhotel 239.
+_ Athletics_ 37, 45.
+ Ausgestanden! 17.
+_ Avenue, common wealth_ 126.
+_ Avenue, fifth_ 123 f.
+
+ Baker G. Eddy, Mrs. Mary 196 bis 200.
+ Bauern, lateinische 265.
+ Bayreuth 138.
+ Berufstreue 106, 254.
+ Bertsch, Hugo 132.
+ Bibliotheken 51, 63.
+ Bier 234.
+ Bildungsgang des Volkes 63.
+ Bildungstrieb 63, 255.
+ Bischöfliche Hochkirche 187.
+ Blood and Thunder-Show 5.
+_ Bohemian Jinks_ 55.
+_ Bohemians_ 132.
+ Bordelle 72 f.
+ Bosse, die politischen 65, 73, 96.
+ Bret Hart 133.
+_ Brooklyn-Bridge_ 233.
+ Bronzemesser 110.
+ Buchgewerbe 126.
+ Buffalo 118, 211.
+
+ Cafés 112, 119, 237.
+_ Camping out_ 209.
+_ Campus_ 54, 205.
+_ Car_ 172.
+ Carnegie 80.
+ Cartesius 120.
+ Century-Club 281.
+ Chautauqua 63.
+ Chauvinismus 28, 266 ff.
+ College _Cheers_ 43 f.
+ Chicagos Schlachthöfe 218-229.
+_ Christian Science_ 196-203.
+ Clams 118.
+_ Coeducation_ 36, 55, 82, 84.
+_ Common sense_ 38, 66, 184, 263.
+_ Compartement_ 172.
+_ Concerd__, sacred_ 173.
+ Confessionslose Kirche 205 f.
+ Cornell 53, 205.
+
+_ Denomination_ 49, 188 ff.
+ Demokratischer Stolz 105.
+ Demokratische Tugenden 181.
+ Deutsch-Amerikaner 28 f., 36, 264 bis 271.
+ Deutsche Pflichten 6, 271 f.
+ Deutsche Städte 265.
+ Deutsche System, das 61.
+ Dienstboten 94-109.
+ Dienstmädchen, Karriere besserer, 101.
+ Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des 99.
+ Disziplin 38, 70 f., 170, 180, 278.
+ Dollarmaschine 273.
+ Doppelmoral 77.
+_ Dormitorys_ 42.
+ Drew, Daniel 179.
+
+ Ehe 79-93.
+ Ehescheidung 79, 88 f.
+ Ehrgeiz 37.
+ Ehrlich-Hata 74.
+ Ehrlichkeit 182.
+ Einwanderers, die Kinder des 29.
+ Eisenbahn 275 f.
+ Eisenbahnen, Kundenfang der 241.
+ Eiswasser 17.
+ Eitelkeitsmarkt 176, 155.
+ Emerson Ralph Waldo 62.
+_ Episcopal Church_ 187.
+ Erotik 75 ff.
+ Erziehungskosten, Rückzahlung der 83.
+ Eulenberg, Herbert 145.
+ Europa, Vereinigte Staaten von 272.
+ Exzellenzen, die wahren 283.
+ Expreßelevator 273 f.
+
+ Fahrpläne 242.
+ Familienhäuser 123.
+ Fensterputzer, der schwarze 95.
+ Festessen 10 f.
+ Fische 115.
+ Fleischverarbeitung 230.
+_ Flirtation_ 84 f.
+ Forschung, wissenschaftliche 46 f.
+ Fortschritt, kampfloser 275.
+_ Fraternitys_ 42 f.
+ Frauenakademien 56 ff.
+ Friedrich, Max 129.
+ Früchte 111, 118.
+ Fulda, Ludwig 2.
+ Frauenverehrung 26, 34, 70, 80, 90, 174, 246.
+
+ Gastfreundschaft 9.
+ Geflügel 114.
+ Geldheirat 25.
+ Ghetto 138.
+ Gold 234.
+ Gould, Jay 25, 176.
+ Gouverneur 10.
+ Germanistic Society of America VII, XIV, 2.
+ Geschäftspolitiker 65.
+ Geschlechter, freier Verkehr der 84 f.
+ Gesetzen, Achtung vor den 67.
+ Gesetzfabrikation 173.
+ Gepäckaufgabe 242 f.
+ Gesundbeter 197-200.
+ Grünhörner 232 ff.
+ Graf, Dr. Alfred 60.
+
+ Handwerk 30, 106 f., 254.
+ Hapag 269.
+ Hardt, Ernst 147.
+ Harward 44.
+ Hauptmann, Gerhart 139, 145.
+ Hauptmann, Karl 2.
+ Hausfrauen 91 f., 93, 101.
+_ Head lines_ (Kopfzeilen) 161 f.
+ Heilsarmee 193-196.
+ Heimatliebe 171, 259.
+ Hemdärmeligkeit 249.
+ Heinrich, Prinz von Preußen 18, 226, 282.
+ Heirat 88.
+ Heiratslust ein Gesundheitszeugnis 93.
+ Herald, New York 164.
+ High School von Youngstown 7.
+ Hotel 207, 236 ff., 252.
+ Höflichkeitsbezeugungen 13, 170, 247 f.
+ Hölle, Mittelpunkt der 227.
+ Hudson 207, 215 ff.
+ Humanistische Bildung 48.
+ Humoristische Lichter 5.
+
+_ Icecream_ 17, 113 f.
+ Illustrierte Zeitungen 151 ff.
+ Indianer 23.
+ Industriehäuptlinge 149, 282.
+ Interviewer 8, 19, 158 f.
+ Inquisition 21.
+
+ Jerusalem, Else 74.
+ Judentum 30 f., 144.
+ Juristen 263.
+
+ Kastengeist 172, 177.
+ Kaiser, der deutsche 269, 283.
+ Kannibalische Gerichte 119.
+ Karikaturen 160.
+ Kasernenleben 180.
+ Kaufmann, Reginald Wright 73.
+ Katholizismus 188.
+ Kauer, das Volk der 120.
+ Kaugummi 121.
+ Kelten 21.
+ Kempinskis System 120.
+ Keßler, David 139 ff.
+ Kindervergötterung 33 f., 244.
+ Kinderzucht 35.
+ Kirchenwahl 203 f.
+ Kleidung 124.
+ Knickebockers 175.
+ Kochkunst 111-120.
+ Koketterie 79, 85.
+ Komisch finden, was sie alles 7.
+ Kongreß deutscher Mißgeburten 27.
+ Kontrakte der Dienstboten 99.
+ Korruption 65 ff.
+ Krüger, Hermann Anders 2.
+ Kunstbedürfnis 129.
+ Kunst, nationale 62, 131.
+ Küssen, vom 87, 247.
+ Kurmacherei, unverbindliche 85.
+
+ Landschaftsregisseure 212 ff.
+ Laughlin, Andrew C. Mc. 36.
+_ Legal__ Aid Society_ 192.
+ Lenau, Nikolaus 1.
+ Lehrer und Lehrerin 38 ff.
+ Leitartikel 154.
+ Leithammel 219.
+ Lesefutter für Kinder und Unmündige 151.
+ Lichtreklame 122, 211.
+ Liebe, die, in der Öffentlichkeit 87.
+ Liebesheirat 25.
+ Liebesverhältnis 77, 86 f.
+ Liebe und Ehe 79-93.
+ Liliencron, Detlev v. 1.
+ Lindau, Paul 1.
+ Lloyd, Norddeutscher 269.
+ Lobby, die 237.
+ London, Jack 132, 279 ff.
+ Longfellow 133.
+ Lügner 37.
+ Lynch, Richter 263.
+
+ Manieren 27, 29, 92.
+ Mann, G. A. 201 ff.
+ Malerei 126, 130.
+ Mannszucht 117 ff.
+ Mark Twain 133.
+ Massengeschmack 133, 163 f.
+ Materialismus 193, 250.
+ Mayflower 175.
+ Mädchenhandel 73.
+ Mäzene 51 ff.
+ Menschen, neue deutsche 278 f.
+ Menschliche Niedertracht 223.
+ Mischlinge 23 f.
+ Mitgift 25, 81.
+ Modedamen 80, 90 f.
+ Monatsschriften 164.
+ Moralbegriff 78, 164.
+ Morgentoilette des Tätowierten 245.
+ Multimillionäre 79 f.
+ Muschenheim, Gebrüder 239.
+ Musiker, deutsche 128 ff.
+
+ Nacktheit in der Kunst 127, 174.
+ Neger 95 ff., 99, 173.
+ Negerkirchen 188 ff.
+ Neidlosigkeit 183.
+ Nervosität 11.
+ Niagarafälle 209 ff.
+ Niggerlied 128, 188, 191.
+ Niggerpoesie 188 ff.
+
+ Oper 136 ff.
+ Operette 146 f.
+ Optimismus 21, 32, 108, 215, 263.
+ Osborn, Prof. Dr. Henry F. 149 f.
+ Orden 53, 176.
+
+ Pagen 237.
+ Papiergeld 234.
+ Parsifal 128.
+ Päpstin, Tod der 198 f.
+ Philister 260.
+ Photographie 126.
+ Pilgerväter 21, 75, 186.
+ Pinsky, David 139.
+ Plastik 127.
+ Poet, der neuweltliche 130.
+ Polenz, Wilhelm v. 1.
+ Politik 65 ff., 271, 264 f., 154.
+ Polizei 67, 72, 74, 171.
+ Postgraduates 51.
+ Prachtbauten 122 f.
+ Presse, deutsche 167.
+ Presse, gelbe 149, 153, 161, 164, 255.
+ Privatgelehrte 50.
+ Proletariat, gelehrtes 50.
+ Professor, der 53 f.
+ Professor, der, als Mädchen für alles 103.
+ Prohibition 171, 174.
+ Prostitution, die 73.
+ Prüderie 4, 74, 132, 145, 174.
+ Publikums, Psychologie des 3.
+ Puritaner 21 ff.
+ Pullman-Wagen 172 f., 243 ff.
+
+ Quäker 204.
+
+ Radiopathie 199 f.
+_ Ragtime_ 128.
+ Rasse, amerikanische 20 ff., 256 ff., 268.
+ Rassestolz 23.
+ Raubritter 179.
+ Rauchplage 68.
+_ Reception_ 9, 12 ff.
+ Redegabe 10 f., 39.
+_ Refinement_ 47.
+ Reinhardt, Max 142, 147 f.
+ Reinheit, erotische, der Männer 75 f., 82.
+ Reklame 156, 208, 210.
+ Rekordfieber 251.
+ Rekrutierung 177.
+ Reliquienverehrung 50.
+ Renommage 33.
+ Rentiers 81.
+ Reporter 8, 241, 237, 160 f.
+ Richter 262 f.
+ Rockefeller jun. 74.
+ Romantik 87 f.
+
+ Salat 116 f., 117.
+ Schaukelstühle 125.
+ Scheidung, die 89.
+ Schlachtverfahren für Schweine 227.
+ Schlachtverfahren für Rinder 229.
+ Schlangenfraß, intellektueller 157.
+ Schliff, der letzte 47.
+ Schnitzler 86.
+ Schönheit, körperliche 26.
+ Schönheiten, berufsmäßige 59, 104.
+ Schule 35 ff.
+ Schülerverbindungen 39.
+ Schurz, Karl 267.
+ Sehenswürdigkeiten 9.
+ Sekten 186 ff.
+ Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs 69.
+ Sensationsartikel 164 ff.
+ Sentimentalität 87.
+ Sexuelle Heuchelei 75.
+ Sinclaire, Upton 226.
+ Skal, Georg v. 38.
+ Sklaverei 109.
+ Snobismus 251 ff.
+_ Social evel, the_ 72 ff.
+ Soldatenwerbung 179.
+ Söldnerheer 181.
+ Sommerfrischen 209.
+_ Sororitys_ 58.
+ Sozialdemokratie 180, 185.
+ Sparsamkeit 235.
+ Speisehäuser, billige 119.
+ Spekulationsheiraten 81.
+ Spießertum 183, 185.
+ Spione, japanische 181.
+ Spitzbüberei als Sport 281.
+ Sport 44 ff., 54, 281.
+ Sportberichte 153 f.
+ Sportliche Wettkämpfe 45.
+ Staatszeitung, New Yorker 167, 282.
+ Stanley, Henry M. 162.
+ Steuben, Baron 36.
+ Stiefelputzen 100.
+ Straßendemonstrationen 97.
+ Straßenpflaster 124.
+ Straßenverkehr 71.
+ Strauß, Richard 97, 98, 148, 160.
+ Studenten, arme 43.
+ Studentenverbindungen 43.
+ Studentin, Typus der 59.
+_ Subway_ 232.
+ Süßigkeit 111 f., 117.
+_ Sweet Potatoes_ 115.
+
+ Tafelfreuden im Pensionat 115.
+_ Tammany Hall_ 186.
+ Tante, die alte 173.
+ Tauschhandel, Töchter im 25.
+ Technische Hochschulen 49.
+ Technik und Wissenschaft 49.
+ Telephon 237, 249, 273.
+ Theater, amerikanisches 135-138.
+ Theater, deutsches 143-148.
+ Theater, jiddisches 138 ff.
+ Theatre, New 136.
+ Todessprung, der 221.
+ Toleranz 22.
+ Touristen 211.
+ Transcript, Boston 162.
+ Trennung von Staat und Kirche 185, 263.
+ Trinkgeld 235 f., 238.
+ Trustmagnaten 68.
+
+ Übermensch, der, von Wallstreet 279 ff.
+ Undergraduates 42.
+ Unglücksfälle, Verbrechen 153 f.
+ Uniform 180.
+ Unitarier 189.
+_ University Extension_ 63, 255 f.
+ Urban, Henry F. XII.
+_ Usher_ 13, 16.
+
+ Verbrecher, Behandlung der 262.
+ Vereinsleben 6 f., 255, 266, 269.
+ Verfassung der V. St. 36.
+ Virginians, true 175.
+ Volkslied 3, 130.
+ Völker, junge, u. Kinder 33.
+ Vorstellen, nicht! 13.
+ Vorurteile, demokratische 62.
+
+ Wahlmanöver 73.
+ Walt Whitman 133.
+ Walter, Dramatiker 86, 132.
+ Wedekind, Frank 145.
+ Wehrpflicht 180.
+ Wellesley-College 56-59.
+ Weltanschauung 46.
+ Wettkämpfe 44 f.
+ White, Dr. Andrew D. 108, 203, 205 f.
+ Wildpret 115 f.
+ Williams, Roger 22.
+ Wissenschaftliche Speisekarte für Damen 57.
+ Wohltätigkeit 194.
+ Wohnhäuser, Stil der 208.
+ Wohnungseinrichtung 124 ff.
+ Wolkenkratzer 123, 273 f.
+
+ Yale 44.
+ Yankee 20.
+
+ Zahnarzt 113.
+ Zukunft, schwierige Frage an die 109.
+ Zwangsheirat 78.
+
+
+
+
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem
+
+ Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten?
+
+ Nordamerikanische Reiseskizzen
+
+ von
+
+ Dr. Hintrager
+ Geheimer Regierungsrat
+
+ Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50
+
+ _II. Auflage_
+
+New Yorker Staatszeitung:
+(Aus einem mehrere Spalten füllenden Feuilleton.)
+
+Dr. Hintrager hat in seinem Buche: "Wie lebt und arbeitet man in den
+Vereinigten Staaten?" ein gutes Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den
+Vereinigten Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten Besuchen
+des Landes nicht darauf beschränkt, die Außenseite der Dinge anzusehen. Er
+hat nicht nur auf einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige
+Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gründlich studiert, ist im Bureau
+eines Rechtsanwaltes tätig gewesen, hat die meisten der größeren
+Strafanstalten besucht und geprüft und juristische Vorlesungen gehalten.
+Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben des Volkes getan und weiß
+hübsch und interessant davon zu erzählen.
+
+Sehr gut und lesenswert - auch für Deutsch-Amerikaner, die über diesen
+Punkt wenig unterrichtet sind - ist das Kapitel über die Amerikanerin. Man
+fängt doch an, einzusehen, daß die amerikanische Frau nicht bloß das
+Sofakissen ist, für das man sie so lange gehalten hat.
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem
+
+ Das Land
+ der
+ unbegrenzten Möglichkeiten
+
+ Beobachtungen über das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten von
+ Amerika
+
+ von
+
+ Ludwig Max Goldberger
+ Geheimer Kommerzienrat
+
+ Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50
+
+ _VIII. Auflage_
+
+Literarisches Zentralblatt, Leipzig:
+
+Unter der in der letzten Zeit beträchtlich angeschwollenen Literatur über
+die Vereinigten Staaten darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz
+beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschöpfende Gründlichkeit, genaue
+Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit und Gefälligkeit der
+Darstellung zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muß selbst auf den
+Spuren des Verfassers in den Vereinigten Staaten gewandelt sein, um die
+stets zutreffende und mit wenigen Worten überaus anschaulich gezeichnete
+Schilderung ganz würdigen zu können, welche in diesem Werk vom Boden und
+den Menschen, von der Arbeit und den Werkstätten, dem Nationalreichtum,
+den Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem Trustwesen und
+verschiedenem anderen gegeben sind. Durch das ganze Werk zieht sich die
+nicht hoch genug zu veranschlagende Tendenz, die beiden großen Nationen
+menschlich und wirtschaftlich näher zu bringen ...
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem
+
+ Das Land der Zukunft
+
+ oder:
+
+ Was können Amerika und Deutschland voneinander lernen?
+
+ Von
+
+ Wilhelm von Polenz
+
+ Preis: broschiert M. 6,-; geb. M. 7,50
+
+ _VI. Auflage_
+
+St. Petersburger Zeitung:
+
+Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder Verhältnisse die
+glänzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe, die wir in seinen
+Dichtungen, besonders in seinem klassischen Roman "Der Büttnerbauer"
+bewundern. Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen Welt
+umgesehen und schildert scharf und klar, ohne sich auf der einen Seite
+durch wirkliche und scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was
+dem Europäer fremd, sonderbar und vielfach auch abstoßend erscheint,
+beirren zu lassen.
+
+Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen:
+
+Nicht landläufige Reiseeindrücke sind es, die uns Polenz wiedergibt, er
+entrollt vielmehr vor uns ein treffliches, wahrheitsgetreues,
+interessantes Gemälde von kulturhistorischer Bedeutung, von den
+Verhältnissen, Sitten und Gebräuchen der heutigen Welt.
+
+
+
+
+
+ ANMERKUNGEN
+
+
+ M1 Psychologie des Publikums.
+ M2 Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.
+ M3 Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.
+ M4 Nicht vorstellen! Great reception.
+ M5 Ausgestanden!
+ M6 Die reizende Reporterin.
+ M7 Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.
+
+ 1 Das Wort Yankee kommt von einer mißhörten indianischen Aussprache
+ des Wortes "english" her und wurde in den Befreiungskriegen den
+ Amerikanern von den Engländern als Spottname angehängt.
+
+ M8 Kongreß deutscher Mißgeburten.
+ M9 Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?
+ M10 Junge Völker und Kinder.
+ M11 Kinderzucht.
+ M12 Lügner und Duckmäuser.
+ M13 Schülerverbindungen.
+ M14 Studentenverbindungen.
+ M15 Sportliche Wettkämpfe.
+ M16 Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft.
+ M17 Postgraduates.
+ M18 Der Professor im öffentlichen Leben.
+
+ 2 Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer zu
+ umgrenzen. Professor Münsterberg von Havard definiert ihn dahin, daß
+ sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universität
+ dagegen mit dessen kritischer Würdigung und mit exakter Forschung
+ beschäftigen soll, doch fließen die Grenzen schon deshalb oft
+ ineinander, weil eben an den meisten Universitäten auch noch nicht
+ viel von selbständiger Forschung und wissenschaftlicher Systematik
+ zu finden ist.
+
+ M19 Akademische Vergnügungen.
+ M20 Wissenschaftliche Speisekarte für Damen.
+ M21 Typus der Studentin.
+ M22 Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes.
+ M23 Geschäftspolitiker.
+ Achtung vor den Gesetzen?
+ M24 Energische Selbsthilfe eines Damenklubs.
+ M25 Disziplin im Straßenverkehr.
+ M26 Die Prostitution.
+ M27 Öffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit.
+ Beurteilung des freien Liebesverhältnisses.
+ M28 Spekulationsheiraten.
+ Rückzahlung der Erziehungskosten.
+ Unverbindliche Kurmacherei.
+ Die Liebe in der Öffentlichkeit.
+ M29 Die Scheidung.
+ Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.
+ M30 Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.
+ M31 Der schwarze Fensterputzer.
+ Straßendemonstrationen.
+ M32 Pflichten und Rechte des Dienstpersonals.
+ M33 Karriere besserer Dienstmädchen.
+ M34 Der Professor als Mädchen für Alles.
+ M35 Demokratischer Stolz.
+ Unstetigkeit des Handwerks.
+ M36 Schwierige Frage an die Zukunft.
+ M37 Süß muß es sein!
+ M38 Icecream und Zahnarzt.
+ M39 Tafelfreuden im Pensionat.
+ M40 Amerikanischer Salat.
+ M41 Billige Speisehäuser.
+ M42 Das Volk der Kauer.
+ M43 Planloses Durcheinander.
+ M44 Abenteuer mit Schaukelstühlen.
+ M45 Die Nacktheit in der Plastik.
+ M46 Deutsche Musikpioniere.
+ M47 Der neuweltliche Poet.
+ M48 Diktatur des Massengeschmacks.
+ M49 Die große Oper.
+ M50 David Keßlers jiddisches Theater.
+ M51 Eine improvisierte Standrede.
+ M52 Niedergang des deutschen Theaters.
+ Repertoirschwierigkeiten der deutschen Bühne.
+ Reinhardt der Retter.
+ M53 Lesefutter für Kinder und Unmündige.
+ M54 Illustrationsunfug.
+ M55 Eitelkeitsmarkt.
+ M56 Intellektueller Schlangenfraß.
+ M57 Kopfzeilen.
+ M58 Ein smarter Reporter.
+ M59 Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.
+ M60 Sensationsartikel ernster Zeitschriften.
+ M61 Die deutsche Presse.
+ M62 Die demokratische Freiheit.
+ M63 Die alte Tante.
+
+ 3 "_A drink with a wink_" heißt das. In den Staaten, wo die
+ Prohibition streng durchgeführt ist, fordert man unter möglichst
+ unmerklichem Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in
+ einem undurchsichtigen Gefäß sein Bier, wobei die weiße Schaumhaube
+ die Milch vortäuschen muß.
+
+ M64 Raubritter hüben und drüben.
+
+ 4 "The Book of Daniel Drew" by Bouck White.
+
+ M65 Soldatenwerbung.
+ M66 Vom Söldnerheere.
+ M67 Demokratische Tugenden.
+ Neidlosigkeit.
+ M68 Trennung von Staat und Kirche.
+ M69 Die Bischöflichen und die Unitarier.
+ M70 Die Negerkirchen.
+ M71 Die Heilsarmee.
+ M72 Bankrott des Materialismus.
+ M73 Die Kirche der Gesundbeter.
+ M74 Der Tod der Päpstin.
+ M75 Christian Science in Europa.
+ M76 Aberglaube, Kirchenwahl.
+ M77 Eine konfessionelle Christenkirche.
+ M78 Sommerfrischen.
+ M79 Kostspielige Ausrüstung des Touristen.
+ M80 Die Niagarafälle.
+ M81 Der Hudsonstil.
+ M82 Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.
+ M83 Der Leithammel.
+ M84 Der Todessprung
+ M85 Menschliche Niedertracht.
+ M86 Der Mittelpunkt der Hölle.
+ M87 Schlachtverfahren beim Rindvieh.
+ M88 Der Zweck heiligt die Mittel.
+ M89 Tragikomödien des Grünhorns.
+ M90 Unangebrachte Sparsamkeit.
+ M91 In der Lobby.
+ M92 Das Astorhotel.
+ M93 Kundenfang der Eisenbahnen.
+ M94 Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Tätowierten.
+ M95 Vom Küssen und von der Höflichkeit.
+ M96 Hemdärmeligkeit.
+ M97 Das Rekordfieber.
+ M98 Ansteckungsgefahr des Snobismus.
+ M99 Volkstümliche Bildungsbestrebungen.
+ M100 Zähigkeit der Rassen.
+ M101 Heimat.
+ M102 Arbeit und persönliche Würde.
+ M103 Juristen und Menschenkenner.
+ M104 Die deutschen Kolonisatoren.
+ Unsere mangelhafte politische Befähigung.
+ M105 Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen.
+ M106 Heiligste Pflicht des Deutschtums.
+ M107 Kampfloser Fortschritt.
+ M108 Unbegrenzte Möglichkeiten.
+ M109 Der Übermensch von Wallstreet.
+
+ 5 Aus dem Roman "Burning Daylight", S. 159 ff.
+
+ M110 Spitzbüberei als guter Sport.
+ M111 Die wahren Exzellenzen.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die lebenden Kolumnentitel sind als Randnotizen wiedergegeben.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 6: "Clownspässen" geändert in "Clownspäßen"
+ Seite 16: "sterotypen" geändert in "stereotypen"
+ Seite 39: "rethorische" geändert in "rhetorische"
+ Seite 107: "grossen" geändert in "großen"
+ Seite 109: "Unständen" geändert in "Umständen"
+ Seite 118: "Neuurastheniker" geändert in "Neurastheniker"
+ Seite 172: "Pullmann" geändert in "Pullman"
+ Seite 192: Anführungszeichen entfernt hinter "können?"
+ Seite 201: Anführungszeichen entfernt hinter "Gewalt!"
+ Seite 204: "auschließlich" geändert in "ausschließlich"
+ Seite 222: "Jhr" geändert in "Ihr"
+ Seite 256: Anführungszeichen ergänzt vor "Qualität"
+ Seite 269: "uneingegeschränkte" geändert in "uneingeschränkte"
+ Seite 286: "Karrikaturen" geändert in "Karikaturen"
+
+Ungewöhnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa "Oklahama",
+"Sherlok-Holmes") und englischen Begriffen wurden nicht korrigiert. Im
+Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Einträge an
+die alphabetisch korrekte Stelle versetzt.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+August 1, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+ file was produced from images generously made available by The
+ Internet Archive/American Libraries.)
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+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 40391-8.txt or 40391-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
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+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
+share it without charge with others.
+
+
+ 1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
+downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+ 1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+ 1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+ 1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+ 1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
+ 1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
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+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
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+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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+new filenames and etext numbers.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
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