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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:33:01 -0700 |
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D. | Die Entgleisten + Der Erzketzer. 2 Bde. + + _Novellen_ + + Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte + Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten + Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen Boheme + Da werden Weiber zu Hyaenen | Heiteres und Weiteres + Erlebtes Erlauschtes Erlogenes + Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien + Geschichten von lieben suessen Maedeln + + _Verse_ + +Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravuere Wolzogens) + + _Theater_ + + Der unverstandene Mann (Komoedie) + Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komoedie) + Lumpengesindel (Tragikomoedie) + Die Maibraut + (Ein Weihespiel in drei Handlungen) + + _Essays_ usw. + +Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung + (Neu herausgegeben von _E. von Wolzogen_) + Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch) + Linksum kehrt schwenkt - Trab! + + _Eheliches Andichtbuechlein_ + + Herausgegeben von _Ernst Ludwig_ und _Elsa Laura von Wolzogen_ + Buchschmuck von _J. Martini_ + + + + + + *Der* + *Dichter in Dollarica* + + Blumen-, Frucht- und Dornenstuecke + aus dem Maerchenlande der unbedingten Gegenwart + + von + + Ernst von Wolzogen + + +Zweite Auflage + + +Berlin 1912, F. Fontane & Co. + + + + + + Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschuetzt + +Die erste und zweite Auflage dieses Buches ist in 2220 Exemplaren gedruckt + und wurde im Jahre 1912 herausgegeben. + + + + + Altenburg + Pierersche Hofbuchdruckerei + Stephan Geibel & Co. + + + + + + The Germanistic Society of America + + + to whom I am deeply indebted for the opportunity of seeing + America, may kindly accept this document of how I saw America as a + token of my sincere gratitude, and may humour it as genially as it + was conceived. + + + + + + ZUR VERSTAeNDIGUNG. + + +Ich gehoere zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen und nichtige +Klugschwaetzen eilfertiger Reisender ueber fremde Laender, Voelker, +Einrichtungen und Sitten durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun +gleichwohl verleiten liess, nach einem Aufenthalt von nur drei Monaten, +dennoch meine Reiseeindruecke aus den Vereinigten Staaten zu Papier zu +bringen und sogar in Buchform herauszugeben, so muss ich wohl meinem +Unterfangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte Leute +ihm nicht von vornherein den Zutritt in den Bereich ihrer Aufmerksamkeit +verweigern. + +Ich wurde als Gast der _Germanistic Society of America_ zu einer Reihe von +Vorlesungen und Vortraegen an neunzehn Universitaeten und Colleges, sowie in +zahlreichen deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang +November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den oestlichen, noerdlichen und +mittelwestlichen Staaten auf. Die oft geruehmte grossartige und herzliche +Gastfreundschaft nicht nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der +fuer deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung interessierten +akademischen Kreise des Landes, sorgte in ueberaus umsichtiger Weise dafuer, +dass wir - denn meine reizendere Haelfte begleitete mich samt ihrer +tatbereiten Laute - in all den zahlreichen grossen und kleinen Staedten, die +wir beruehrten, moeglichst viel und moeglichst Eigenartiges und Bedeutsames +von dem wunderreichen Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im +allgemeinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmaessigen +Vorfuehrungen, die liebenswuerdige Komitees hastig vorbei sausenden +Ehrengaesten zuliebe von den Sitten und Gebraeuchen der Einwohner +veranstalten, nicht gerade fuer die sichersten Quellen ernsthafter +Belehrung zu halten und sich vergnueglich ins Faeustchen zu lachen, wenn der +also Gefeierte hinterher dankbaren und kindlichen Gemuets all dies +freundliche Geflunker fuer bare Muenze nimmt und daraufhin mit wichtiger +Kennermiene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverstaendlich +wurde ich wie jeder andere prominente Reisende schon bei der Einfahrt in +den Hafen von New York von den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie +mir Amerika gefiele; selbstverstaendlich begleitete mich diese +unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverstaendlich +machten die Herren Reporter, je nach ihrem Witz und ihrer stilistischen +Begabung, aus meinen verlegenen, duerftigen Antworten in ihren Interviews, +was ihnen gut duenkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach +meiner Ankunft gefragt, ob ich gedaechte, ein Buch ueber Amerika zu +schreiben, und habe diese Zumutung damals mit ehrlichem Erschrecken weit +von mir gewiesen. So lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der taeglich +und stuendlich in buntester Abwechslung am Auge vorueberhastenden, einander +ueberstuerzenden Erlebnisse und Begegnungen stand, erschien es mir auch +wirklich ein unmoegliches Unterfangen, diese Eindruecke auch nur +beschreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel weniger darueber +ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. Dass ich nicht voellig die Tinte +wuerde halten koennen, dass vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch +das Fenster des Expresszuges ein paar Feuilletons herausspringen wuerden, +lag ja freilich bei meiner berufsmaessigen Zugehoerigkeit zur Schreiberzunft +nahe; aber den Mut und die Lust zu einer erschoepfenden Bearbeitung meiner +Reisebeute gewann ich doch erst allmaehlich in der stillen Beschaulichkeit +meines fruchtbaren Darmstaedter Poetenwinkels. Ich schrieb erst einmal +kunterbunt alles zusammen, was mein Gedaechtnis und meine Notizen mir von +Gehoertem und Geschautem bewahrten, und was mir schon drueben weiteren +Nachdenkens wert erschienen war. Und dann schleppte ich mir einen Stoss +guter Buecher ueber die Vereinigten Staaten zusammen, verglich die darin +niedergelegten Anschauungen eingeborener und auslaendischer Kenner des +Landes und bewaehrter Beobachter mit den Eindruecken, die ich selbst +empfangen, und erst nach Beendigung dieser klaerenden Vorarbeit begann ich +mich fuer berechtigt zu halten, dem grossen Publikum, das bei einer +gerechten Beurteilung der neuen Welt interessiert ist, meine Meinung +aufzutischen. + +Es versteht sich wohl von selbst, dass ich mir trotz dieser gewissenhaften +Vorbereitung durchaus nicht einbilde, mein Urteil koennte neben dem +eingeborener gruendlicher Kenner des Landes oder ernsthafter +wissenschaftlicher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; darum habe +ich schon im Titel meines Buches den Nachdruck auf den _Dichter_ gelegt. +Ein Dichter ist, wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden +darf, "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Sein Schauen ist freilich +ein anderes als das des gelehrten Forschers: waehrend dieser geradlinig +rueckwaerts oder voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift +des Dichters Auge ueber den ganzen Horizont rund um und erfasst dennoch im +Voruebergleiten eine ganze Menge bedeutsamer Einzelheiten der naechsten +Umgebung. Sein Geist liebt es, Bruecken zu schlagen vom Kleinsten zum +Groessten. Moegen diese Bruecken oft auch luftig genug, mehr aus bunten +Regenbogenfarben als aus soliden Balken zusammengezimmert sein, wertlos +ist darum die dichterische Betrachtungsweise gewiss nicht; denn oft ahnt er +mit dem sicheren Instinkt des schoepferischen Geistes grosse, bedeutsame +Zusammenhaenge, die dem scharfen Auge des Forschers verborgen bleiben, weil +dem sein Gewissen nicht erlaubt, bei seinen Feststellungen unbekannte +Groessen in Rechnung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition und +den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme ich fuer mich in +Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit fuer dichterische Freiheit zu +beanspruchen. Ich gehoere nicht zu den Leuten, die sich durch glaenzende +Aeusserlichkeiten leicht blenden lassen, auch nicht zu den misstrauischen +Duckmaeusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich angelegen sein +lassen, drueben in dem merkwuerdigen Lande der unbedingten Gegenwart, wo es +irgend anging, die Meinung gescheiter, mir zuverlaessig erscheinender +Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen zu vervollstaendigen, zu +klaeren und zu berichtigen. Dabei ist es mir nun allerdings ueberaus haeufig +begegnet, dass der Sachverstaendige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande +war, den Sachverstaendigen A., der 27 Jahre im Lande war, fuer einen +ausgemachten Esel erklaerte, und dass der Sachverstaendige C., der 50 Jahre +im Lande war, zur Entscheidung aufgerufen, beiden als elenden Gruenhoernern +jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun eine alte Erfahrung, +die jeder mit einem klaren Blick begabte gebildete Reisende schon +bestaetigt gefunden haben wird, dass sich der Eingeborene eines Landes oft +gerade der auffallendsten Eigentuemlichkeiten desselben nicht bewusst ist, +weil ihm eben der Massstab zur Vergleichung fehlt und weil ihm naturgemaess +das Gewohnte als das Selbstverstaendliche erscheint. Ebenso verliert auch +der Einwanderer, je laenger er in dem neuen Lande weilt, desto mehr den +Blick fuer seine Besonderheit. Ihm duenkt vieles Neue bedeutsam, weil er es +unter seinen Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiss, dass man drueben +in der alten Heimat vielleicht schon laengst ueber den betreffenden Zustand +hinaus gekommen ist, waehrend ihm Dinge, die dem Fremden als hoechst +eigenartig auffallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil sie +fuer ihn Alltaeglichkeiten geworden sind. Aus diesem Grunde koennen selbst +des fluechtigen Besuchers erste Eindruecke von ganz erheblicher Bedeutung +werden. Es ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle +Dokumente als wissenschaftlich beweiskraeftig anzunehmen, denn mit Hilfe +der Statistik kann man bekanntlich ebenso wie mit Hilfe der Etymologie +alles Beliebige beweisen, und dass behoerdliche Urkunden auch nicht immer +direkt aus goettlicher Inspiration hervorgehen, duerfte wohl zugegeben +werden. Es bleibt also unter allen Umstaenden fuer das dichterische Schauen +ein weites Feld erspriesslicher Taetigkeit uebrig. Und der _Forscher_, der +den _Seher_ verachtet, gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im +Kalender die Laterne zu Hause laesst, auch wenn dicke Wolken das freundliche +Gestirn dauernd verfinstern. + +Ein wie schwieriges, unter Umstaenden sogar lebensgefaehrliches Unterfangen +es sei, auch mit dem ernstlichsten Bemuehen um Gerechtigkeit ueber +Jung-Amerika zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung +erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drueben taten. Ich habe, was wohl +niemand einem Poeten verargen wird, ernsthafte Dinge ernst und minder +bedeutsame Aeusserlichkeiten lustig behandelt und mich auch +selbstverstaendlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise +der heiteren Wirkung zuliebe keck zu uebertreiben und noetigenfalls sogar +ein Weniges dazu zu luegen, in der sicheren Erwartung, dass der +amerikanische Humor, der ja bekanntlich in der grotesken Uebertreibung sich +am besten gefaellt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen finden +wuerde. Darin scheine ich mich jedoch gruendlich getaeuscht zu haben, und +Henry F. Urban, der humoristische Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft +genaue Kenner seiner Bewohner, duerfte doch wohl recht haben mit seiner +Behauptung, dass der richtige Dollaricaner keinen Sinn fuer Satire habe, +wenigstens nicht sofern sie sich auf ihn selbst und sein Land bezieht. So +erklaert sich auch die fuer uns merkwuerdige Erscheinung, dass dieses so +humorbegabte und zu derben Spaessen aufgelegte Volk noch keine politischen +Witzblaetter besitzt. Der Dollaricaner sieht eben fortwaehrend vor seinen +Augen die Wuestenei sich in ueppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstaedte aus +elenden Ansiedlungen sich quasi ueber Nacht entwickeln, eine luxurioese +Tipptopp-Kultur urploetzlich, wie den glaenzenden Schmetterling aus der +unscheinbaren Puppe, aus dem Chaos herausschluepfen - da ist es freilich +begreiflich, dass sein Herz von unbaendigem Stolze auf sein Wunderland und +auf die Tatkraft seiner Bewohner geschwellt ist. Dieser schoene Stolz geht +nun aber so weit, dass er jeden fuer einen verleumderischen Schurken +erklaert, der nicht alles und jedes fuer vollkommen und unvergleichlich +haelt, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, und dass er nicht nur dem +auslaendischen Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede +kritische Anwandlung fuerchterlich uebel nimmt. Die englischen Zeitungen +haben sich vornehmlich an meine Spaesse und Uebertreibungen gehalten und mich +wie gaenzlich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten festgenagelt +und darum ihrem Publikum als unwissenden, leichtfertigen Verleumder +hingestellt; meine ehemaligen deutschen Landsleute aber haben sogar +Entruestungsmeetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der +auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, dass sie im allgemeinen an +koerperlichen Vorzuegen hinter den Yankees zurueckstehen, und dass sie nicht +verstanden haben, sich rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen +Einfluss zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmaessiges Uebergewicht, +sondern auch als hervorragendste Kulturtraeger rechtens zu beanspruchen +gehabt haetten. Fuer diese Missetat haben mich zahlreiche +deutsch-amerikanische Blaetter, vornehmlich minder betraechtliche +Provinzorgane, mit den liebenswuerdigsten Schmeichelnamen bedacht, unter +denen wohl 'krummer Hund' noch der mildeste war, und zahlreiche +Privatpersonen haben mich brieflich ihrer vorzueglichsten Tiefachtung +versichert und mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die +Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. Nun, ich darf +mir wohl erlauben, diese seltsamen Blueten patriotischer Entruestung nicht +allzu tragisch zu nehmen, da ausser solchen robusten Kundgebungen mir doch +auch zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, welche im +Gegensatz zu jener Knueppelpolemik durchweg aus den oberen geistigen +Regionen herstammten. Ich habe uebrigens die in jenem Aufsatz ueber die +Yankeerasse, der so viel boeses Blut gemacht hat, niedergelegten Ansichten +in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches begruendet und erweitert. +Es versteht sich von selbst, dass ich jedem dankbar sein werde, der mir +beweist, dass ich da und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir +zur Pflicht machen, Irrtuemer zu berichtigen, soweit etwaige Neuauflagen +die Gelegenheit dazu geben sollten. + +Zusammenfassend betone ich also noch einmal, dass dies Buch weder +wissenschaftlichen Wert beansprucht, noch etwa ein Fuehrer fuer Reisende +sein soll, dagegen auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben +beabsichtigt. Es ist fuer uns Europaeer von groesster Wichtigkeit, uns klare +Vorstellungen von diesem Lande ohne Vergangenheit zu verschaffen, das fuer +uns einen Spiegel unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten +Staaten zu reisen bedeutet fuer den wissbegierigen Europaeer soviel, wie es +fuer die Unschuld vom Lande bedeutet, zur Kartenschlaegerin zu gehen, nur +mit dem Unterschiede, dass das, was wir drueben ueber unsere Zukunft +erfahren, kein plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. Je +mehr wir mit unserer Vergangenheit aufraeumen, je rueckhaltloser wir uns von +dem reissenden Strome der modernen Entwicklung mit forttragen lassen, desto +sicherer werden sich unsere Zustaende und unser Charakter amerikanisieren; +und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der Gegenwart so genau +wie moeglich betrachten, und darum hat jeder, dem eine gute Beobachtung und +ein gesundes Urteil zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, ueber +Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt. + +Ich kann dies Vorwort nicht beschliessen, ohne meinen verehrten Goennern und +neugewonnenen lieben Freunden da drueben, vornehmlich der Germanistic +Society, den oertlichen Veranstaltern meiner Vortraege, den leitenden +Persoenlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden so umsichtigen +und eifrigen Managern meiner Rundreise, den Herren Professor Rudolf Tombo +jun. und Paul C. Holter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen fuer die +herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem Schaffen zuteil +werden liessen, wie fuer die grosse Muehe, die sie so erfolgreich aufwendeten, +um mir in der kurzen Zeit diese reiche Fuelle von Eindruecken zu +verschaffen. + +_Darmstadt_, im Oktober 1911. + *Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.* + + + + + + INHALTSVERZEICHNIS. + + + Zur Verstaendigung VII + 1. Als Mauernweiler in Dollarica 1 + 2. Die Yankeerasse 20 + 3. Der Yankee als Erzieher 32 + 4. Das Universitaetsleben in der Union 41 + 5. Oeffentliche und private Moral 64 + 6. Liebe und Ehe 79 + 7. Die Dienstbotenfrage 94 + 8. Die Kochkunst der Yankees 110 + 9. Kuenstlerische Kultur 122 +10. Vom Theater im Yankeelande 135 +11. Die amerikanische Presse 149 +12. Von der demokratischen Gesellschaft 169 +13. Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht 186 +14. Die Landschaft 207 +15. Dollaricas infamster Schurke 220 +16. Baedekereien fuer Amerikafahrer 232 +17. Was koennen wir von Amerika lernen? 250 +18. Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel 273 + Buecherverzeichnis 284 + Namen- und Sachregister 285 + + + + + + + ALS MAUERNWEILER IN DOLLARICA. + + +Ein rechtschaffener "teutscher Tichter" schlaegt drei Kreuze vor dem +Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, +der seinerzeit aus Begeisterung fuer die Freiheit und fuer die biederen +Rothaeute hinuebersegelte, hat bekanntlich das naechste Retourschiff benutzt, +und sein Entsetzen hat ihn das Wort praegen lassen von dem Lande, in +welchem die Voegel keine Lieder und die Blumen keinen Duft haetten. (Eine +Behauptung, die uebrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron +mochte kein intimes Verhaeltnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie +gar keine Miene machte, ihm von ihrem Ueberfluss an Dollars etwas abzugeben. +Ich vermute, dass sie ihn zunaechst hat Flaschen spuelen lassen, eine Pruefung +auf die maennliche Tuechtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und +sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensanspruechen beschwerten, zu grober +Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunaechst einmal +auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines +galanten Raeubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate +im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und +bescherte uns, als Frucht seines fleissigen Studiums, sein schoenes und +gerechtes Buch "Das Land der Zukunft". Dafuer war aber auch Polenz kein +solch naerrischer Lyriker, der in zornige Traenen ausbricht, wenn ihm ein +fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen +schlagen und Affen auf Lindenbaeumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau, +der welt-, witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat +eine Masse von Eindruecken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen +mit "gewandter Feder" feuilletonistisch aufgespiesst; gelegentlich der +grossen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der +und jener aus unserem Federvolke mit drueben gewesen, um mit mehr oder +minder leichtsinniger Wichtigkeit den Massstab seiner kleinen Person an die +Ungeheuerlichkeit der Verhaeltnisse da drueben zu legen, und sie sind alle, +durch starke Eindruecke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige +hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der +germanistischen Fakultaeten und Unterstuetzung etlicher fuer deutsche Kunst +und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Maezene die _Germanistic +Society of America_ gegruendet haben, ist es moeglich geworden, richtigen +deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Ruecksicht auf Geldverdienst und +etwaige lyrische Sentimentalitaeten, die grosse Kinderstube im fernen +Westen, das Maerchenland der absoluten Gegenwaertigkeit, zu zeigen und +andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend +vorzufuehren. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krueger, +Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren +deutschen Landsleuten drueben, sowie den fuer deutsche Geistesart +interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der +Gegenwart zu bringen. + +(M1) + +Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitaeten und +Colleges, sowie fuenfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe +dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreissig Jahre +deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persoenlicher +Eindruecke und Begegnungen durchgenommen, oder mich ueber das Theater der +deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstuetzung meiner Frau +die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und dass +ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in +die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen liess, +da leuchteten die Augen, da war der Jubel gross, und die gewohnten +Redensarten eines hoeflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie +haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach +getaner Arbeit heimwaerts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da +behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun +nicht etwa heissen, dass ich mich ueber eine laue Aufnahme oder ueber +Unverstaendnis zu beklagen gehabt haette. Ganz im Gegenteil: man muss bei uns +schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren +Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, dass ich diesen +lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem +Umstande zu verdanken hatte, dass ich einen wichtigen Teil meines Wesens +vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst +gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die +Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermassen; das ist der +Grund, weshalb mir's drueben so gut gegangen ist. Ich wusste schon vorher +genug ueber den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefaehr +beurteilen zu koennen, welche meiner Werke und Anschauungen fuer drueben +moeglich waeren und welche nicht. Und da musste von vornherein vieles von dem +als unmoeglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten +Erfolge geholt und meiner literarischen Persoenlichkeit ueberhaupt erst +feste Umrisse gegeben habe. Die Natuerlichkeiten der Erotik sind bei den +Angloamerikanern ebenso von der oeffentlichen Besprechung und +kuenstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die +Deutsch-Amerikaner, die lange genug drueben gelebt haben, sind immerhin von +diesem Puritanertum soweit angesteckt, dass die Grenzen des kuenstlerisch +Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen +Familienblatt aelteren Stils. Du lieber Himmel - und ich bin der Verfasser +des "Dritten Geschlechts", der "Geschichten von lieben suessen Maedeln" und +gar "des Erzketzers" und habe niemals einen Beitrag zur "Gartenlaube" oder +zum "Daheim" geliefert! Selbstverstaendlich hatte ich wohl ausnahmslos an +jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose +Leute unter meinem Publikum, die sich gerne haetten staerker beschwoeren +lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nuetzlich +machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und +besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewuerfelten +Deutsch-Amerikanern. + +(M2) + +Mit den Versen gab's wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf +die moderne Technik mussten ja in dem Lande der technischen Hochkultur +zuenden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste +verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastuecken hatte ich meine liebe +Not, und bei meinen Streifzuegen durch die deutsche Literatur der letzten +dreissig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem +gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner +Lieblingsfiguren etwas laenger verweilte oder den Versuch machte, ein +bisschen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein +suggestives Gaehnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll +gespannten Zuege zu erschlaffen begannen. Da musste ich mich denn beeilen, +mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten +Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so +vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem +kindlichen Standpunkt, dass sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern +auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem +Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muss so gut wie der +Universitaetsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er +sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg +haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten +Gegenstaenden humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche +Universitaetssitzung mitgemacht, bei welcher der Praesident der Universitaet +eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben +hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man sass in Ueberziehern und +Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung +gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten +erzaehlte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwaermte sich die +frierende Gesellschaft an lautem Gelaechter. In dem amerikanischen +nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, muss die erbauliche +Abwechslung zwischen Leichenaufhaeufung unter Revolvergeknatter und +sentimentaler Ruehrung ueber unmenschliche Edelmutsausbrueche (vom obligaten +Tremolo der Geigen begleitet) in regelmaessigen Abstaenden von derben +Clownspaessen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu +bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie +ihm der "Tristan" gefallen habe, achselzuckend erwiderte: "Nu, mer lacht", +koennte hier leicht manches Gegenstueck finden. Das ist nun etwa nicht als +besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der +Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenueber genau denselben +Standpunkt: er schaetzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die +geistige Erhebung durch tragische Erschuetterung vermag er ebensowenig zu +geniessen, wie die rein aesthetische Freude an der schoenen Form; sein +Interesse haengt rein am Stofflichen, am groeblich Sinnfaelligen, an der +handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute +und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen +aesthetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverstaendlich, dass +es dort im Verhaeltnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger aesthetisch +interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute +koennen von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum +weitaus ueberwiegenden Teil von gaenzlich amusischer Herkunft sind. Die +deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus +machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu +erhalten, setzen sich zusammen aus den Ueberresten der achtundvierziger +Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit +akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Aerzte, +Kuenstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen +nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe +hier ihr Glueck gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine +hoehere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine +sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein kuenstlerischen und +literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach +Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen +Anspruechen. Man darf also nicht erwarten, fuer irgend welche +wissenschaftlichen oder kuenstlerischen Darbietungen in den Vereinigten +Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu +finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften, +kaufmaennischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man +kann aber sicher sein, ueberall unter seinen Zuhoerern eine Anzahl fein +gebildeter und verstaendnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine +kleine Minderheit sein mag. Fuer diese Minderheit wird man dann aber, wenn +man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen +im Geiste nach Moeglichkeit durch Konzessionen an ihr +Unterhaltungsbeduerfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen +freilich bei solchen ueberraschenden Ausbruechen kindlicher Heiterkeit kalt +ueberlaufen. Im Hoersaal der Universitaet zu Rochester wollten sich Studenten +deutscher Abkunft halb tot lachen ueber die von mir berichtete traurige +Tatsache, dass Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den +Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal +der Universitaetsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High +School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor +Vergnuegen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Grossmutter +Schlangenkoechin uebersetzte. Ueber die Fischlein, die die boese Hexe mit +einem Stock im Krautgaertlein faengt, und gar ueber "_The black and tan +Doggie, that burst into a thousand pieces_" (das schwarzbraune Huendlein, +das in tausend Stuecke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und +meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Traenen zu ruehren +gedachte, war blass vor Schrecken, - hat sie aber dann doch zu packen +gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des +deutschen Maerchenstiles so siebenfach versiegelt ist. + +(M3) + +Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer +hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche +Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muss, als +Fuerstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die +Provinzen bereisende bessere Fuerstlichkeit wird man naemlich in den +Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als grosses Tier, als +illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das +einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des +Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den +Leib ruecken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Saeubern und +Ausruhen goennt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die +einzelnen Vortragsstaedte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa +Berlin und Neapel!) muss man mehrere Interviews ueber sich ergehen lassen, +bei denen einen der stete Zweifel nervoes macht, wer von beiden der groessere +Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee +wieder an, um einem die Sehenswuerdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu +bemerken ist, dass im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis +hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt +genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht +einziger Ausnahme von Boston und Washington), dass die Kriegerdenkmaeler +noch erheblich fuerchterlicher sind als bei uns, und man die beruehmtesten +Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden +diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wuesten Steinhaufen der +Citys hinaus ins Land fuehren und man einen schoenen Tag erwischt. +Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgaerten wie +bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind +selbst die zum Gaehnen einfoermigen gemuetlichen Holzhaeuschen, mit denen auch +sehr wohlhabende Amerikaner gluecklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu +sehen. Nachdem der aesthetische Graus der Staedte dergestalt ueberstanden +ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und +gemuetlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines +Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die +amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen +ausgeuebt werden, ist ueber alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen +Gelegenheiten das Menue nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine +Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife +Foermlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geaergert zu werden. Nicht +selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h. +nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultaet, wenn +der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und +Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig +kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form +der "reception". Man hoert alle Namen, schuettelt alle Haende, schwaetzt ein +Stuendchen herum und hat im Fluge einen oberflaechlichen Eindruck von dem +Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich +interessante Persoenlichkeit fluechtig angebohrt. Ist man an ein Komitee +geraten, das bereits Erfahrungen mit europaeischen Nerven gemacht hat, so +darf man sich zu einem Ruhestuendchen zurueckziehen, andernfalls geht es +ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur +Besichtigung der Universitaetsinstitute, der Bibliotheken, der +Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch +immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch +mindestens zum Buergermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, dass +so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den +meisten Faellen groesser als das Koenigreich Bayern, in einigen Faellen sogar +groesser als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt ueber die leichte +Zugaenglichkeit und jeder steifen Foermlichkeit abholde Art dieser grossen +Herren. Sie haben natuerlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie +beteuern, ueber die Bekanntschaft entzueckt zu sein, und stellen sich aufs +Liebenswuerdigste unseren Wuenschen zur Verfuegung. Mittlerweile wird es dann +Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne +mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend +gut, und man muss sein bisschen Witz gehoerig zusammennehmen, um diesem +nationalen Talente gegenueber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den +Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche +Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte, +stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmoegliche Masse von Speisen und +ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten +eingepumpt zu bekommen. Grosse offizielle Festessen dehnen sich freilich +auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Laenge des Menues, sondern nur +wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem +Dessert zu oeffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach +parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschoepft ist, beginnt +erst der echt amerikanische Hauptspass, indem der _Toastmaster_ noch unter +den besonders prominenten, durch ihre Eigenart beruehmten oder beruechtigten +Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten dass einer +auf solche Reizung nicht reagiert. Natuerlich reitet bei dieser Gelegenheit +jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder +gedankenreiches Eigengut zutage gefoerdert wird. Schlimm ist es, wenn man +unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muss, wie das gar nicht +selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert +ist, erst beim Besteigen der Rednertribuene vom Vorsitzenden zugeraunt +wird, dass man doch gefaelligst nur eine Stunde lang sprechen moege - ueber +ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gruendlich zu erledigen waere! Diese +beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverstaendlich an, +dass ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschaeft daraus macht, oeffentliche +Vortraege zu halten, jederzeit und unter allen Umstaenden bereit sein muesste, +sie aus der Pistole zu schiessen. Dass wir schwaechlichen Ostleute zu jeder +geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht +zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgueltig, +wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst geniesst oder seine Bildung +bereichert; offene Tueren, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und +klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und +probende Gesangvereine ueber dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich +ging an einem Universitaetshoersaal vorbei, dessen Tuer sperrangelweit offen +stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf +und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig +nachschreibenden Hoerer liessen sich dadurch auch nur im geringsten stoeren. +In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten, +ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruss, dass +ich einen weissen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das +elektrische Licht versagte; wir sassen also bei einigen Notlampen im +Finstern, und ich trug eine ruehrende Geschichte vom bitteren Leiden und +Sterben eines schwindsuechtigen Maedchens unter der rhythmischen Begleitung +zweier melodisch knallender Heizkoerper vor. Natuerlich war ich nahe daran, +aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese +stimmungsmordenden Umstaende nicht im mindesten beruehrt zu werden. Der +Vorsitzende bat fuer diese Uebelstaende um Entschuldigung, und damit war es +gut. Der Amerikaner fuegt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter +Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um fuer sein Geld Kunst zu geniessen +oder Weisheit zu schluerfen, so fuehrt er diesen Vorsatz auch unter den +widrigsten Verhaeltnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und +seine Nerven parieren ihm so absolut, dass er imstande ist, durch einfachen +Willensakt waehrend des zartesten Pianissimos einer Saengerin den knallenden +Heizkoerper oder die laeutende Lokomotive nicht zu hoeren. + +(M4) + +Die grosse _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken fuer beruehmte +Mauernweiler, diese echt amerikanische "Hetz", pflegt nach dem Vortrag des +zu feiernden Gastes in einem moeglichst grossen Saale stattzufinden. Der +Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im +Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann +sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines +scharmanten Menschen sein, ohne dass es ihm einfallen wird, sich selber +vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen +Hoeflichkeit sich bemuessigt fuehlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table +d'hote-Bekanntschaft gegenueber die Hacken zusammenzuschlagen und mit +kommentmaessig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: "Sie gestatten, mein +Name ist Mueller," so riskiert er, dass der Angeredete, ohne sich von seinem +Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit +gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurueckgibt: "_Aoh, +is that so?_" Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten +bekannt zu werden. Auslaendische Beruehmtheiten interessieren ihn brennend, +und fuer Leute mit schoenen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine +besondere Schwaeche, aber niemals wuerde er sich einfallen lassen, eine +formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft +nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man +sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfuellen +unter anderen Veranstaltungen auch die beruechtigten _receptions_. Jeder, +der nur irgendwelche Beruehrungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphaere +oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemueht sich, eine Einladung +zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser +hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in +musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine +Saeule an der Schmalseite des grossen Saales und meine Frau an eine andere +Saeule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein +_Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher = +Einfuehrer). Von diesen wird vorausgesetzt, dass sie wie ein Hofmarschall +alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In +langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die +Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wuenschen, und der Usher +waltet seines Amtes. "Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John +Dubbleju Weber (sprich: Uebbaeh) vorzustellen. Einer der prominentesten +Buerger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begruender, denn er hat +vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle +stand, den ersten Laden fuer baumwollene Taschentuecher, Whisky, Kautabak +und Schiesspulver eroeffnet." + +"_How do you do, Mister Uolsogen?_" gurgelt Mister John Dubbleju Uebbaeh +aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie +mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. "Komme Se mal zu mir, da wer' ich +Se mal was Scheenes sseigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn +se Aentiquitis gleicht." (Antiquitaeten gern hat). + +Und Missis Uebbaeh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons +in den Ohrlappen, grinst mich muetterlich bewegt an und versichert, +entzueckt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, +und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, dass ich gluecklich sei, +Persoenlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser +beruehmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht +haetten. + +"_Move on, please!_" sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar +sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. +Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) bekannt macht. Mister +Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) ist mit sieben Cents in der +Tasche vor fuenfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein +Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen +hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des +Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar +wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Bloesse +mit Brillanten fuer etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betruebt +(_so awfully sorry!_), dass ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, +denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen +von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Buechern gelesen, +darunter natuerlich auch meinen entzueckenden "Herrgottsschnitzer von +Oberammergau" und meinen reizenden "Huettenbesitzer" und ueberhaupt beinahe +alles. Leider habe das Maedchen die Mumps. + +Beschaemt und tief geruehrt bekenne ich, dass diese genaue Kenntnis meines +dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefuehl einer wahren +Popularitaet auf zwei Hemisphaeren voll empfinden lasse. + +Mister Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) quetscht mir bewegt die +Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) hat noch eine +Frage auf den ueppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwuerdigen +Greis in weissem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und +geistvoll geschnitten, als den beruehmten Professor der Ethik, Dr. James +Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der beruehmte Gelehrte ist so steinalt, +dass ich ihm aufs Wort geglaubt haette, wenn er mir versichert haette, dass +bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch +letzterer uebrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein +1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehoert +haetten. "Froh, Sie zu treffen, Baron", beginnt der grosse Gelehrte, mir +kraeftig die Hand drueckend, und wissend, dass ihm nicht viel Zeit gegeben +ist, knuepft er gleich eine Frage ueber den Stand der Ethik in Deutschland +als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewusste Ausdrucksform der +Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glueck, dass ich jahrelang eifriges +Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbraeu-Ausschankes in der +Franzoesischen Strasse in Berlin gewesen bin und erklaere ihm, dass wir in der +Ethik durchaus obenauf, _up to date_ waeren und ueberhaupt... + +"_Move on, please!_" ruft der unerbittliche Usher, und der grosse Gelehrte +bezaehmt laechelnd seinen Wissensdurst und laesst sich ohne Murren weiter +schieben. + +Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultaet an die Reihe, mit denen ich im +Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, +die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsaechlich +den "Kraft-Mayr" gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer +Maedchenschule, die just meine "Gloriahose" in ihrer Klasse uebersetzen laesst +- lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen +zurueckziehen moechte - es hilft nichts: "_Move on, please!_" kommandiert +die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanstaendig schieben sich +die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und +feste Saeulen der Buergerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Maennlein +und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit groesserer oder +geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschuettelt und versichert hatten, dass +sie _so_ gluecklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten spaeter an +der naechsten Saeule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos +so gluecklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: +lustige Studentinnen, die mit einem vergnuegten Knall in die Hand +einschlagen und die Affaere mit dem stereotypen "_How d'ye do?_" moeglichst +rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen +versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr +grossen roten und kalten Haenden, der mir sein deutsches +Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte ueberreicht, ihm da etwas +hineinzuschreiben. + +"Stehe ich drin in diesem Leitfaden?" frage ich den glatten Juengling. + +"Ich bin betruebt, nein zu sagen," laechelte er verlegen, und ich attestiere +es ihm schriftlich in sein Buch hinein, dass das eine ganz miserable +Literaturgeschichte sei. + +(M5) + +Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. +Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas +aehnliches und selbstverstaendlich das entsetzliche Eiswasser oder den +unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften +beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese +"reception" gluecklich geworden seien. Die sind mit uns voellig einig +darueber, das solche Veranstaltungen der groesste Bloedsinn von der Welt +seien, so ungeeignet wie moeglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen +Kennenlernens zu erfuellen. Aber trotzdem: wenn das naechste Mal zur +Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen +Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis +Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) mit ihren saemtlichen Brillanten +und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps ueberstanden haben +wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbaeh, der eigentliche Gruender des +jetzt so bluehenden Gemeinwesens, und die saemtlichen anderen Prominenten +der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjaehrige +James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe +stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht +beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung fuer den richtigen +Amerikaner, sagen zu duerfen: "Da und da traf ich den beruehmten X. und +schuettelte Haende mit ihm." Der Praesident der Vereinigten Staaten hat das +Vergnuegen, alljaehrlich bei der grossen Neujahrsreception Tausenden von +Menschen die Haende zu schuetteln und jedem einzeln zu versichern, dass er +_so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach +Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 +Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub's gerne, dass er das +noetig hatte, denn der musste taeglich Bankette und Receptions mitmachen, bei +denen noch x-mal so viel Haende zu schuetteln und Trinksprueche zu +beantworten waren, abgesehen davon, dass er im Laufe des Tages auch noch +saemtliche Kriegerdenkmaeler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, +Preisbullen und Deckhengste besichtigen musste. Auch mir, dem bescheidenen +Dichter, wurde der beruehmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen +hochmuetig starren Monokelaugen vorgefuehrt, auch vor mir taenzelte der +kokette Racker, die x-fach preisgekroente Jerseykuh, auch mir zu Ehren +wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber fuer +mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten +Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Fuer unseren +ungluecklichen Repraesentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von +frueh bis in die spaete Nacht tagtaeglich im Geschirr. Seine Nervenleistung +war so enorm, dass sie schliesslich sogar den Amerikanern imponiert hat. + +Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den +Fremdling, und waere er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: "Wie +gefaellt Ihnen Amerika?" Sie sollten eigentlich fragen: "Wie halten Sie +Amerika aus?" Denn das ist, wenigstens fuer den offiziell herumgezeigten +Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drueben. Mein Gott, es ist eben +ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen +Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Groesse, Neuheit, Kuehnheit +aller ihrer Unternehmungen, dass jeder Amerikaner den Kitzel in sich +verspuert, jeden Fremden, der auf der Strasse irgend etwas anstaunt, zu +fragen: "Na, was sagen Sie dazu, elender Europaeer, bartbewachsenes +Blassgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drueben nicht!" + +(M6) + +In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin +interviewt. Selbstverstaendlich: "_How do you like America_" usw., und dann +kam die verfaengliche Frage: "Und was denken Sie von unserer Kultur?" Da +kratzte ich mir den Kopf und sagte: "Mein liebes Fraeulein, in diese +Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht." Und nun schlug das suesse Ding seine +wunderschoenen Augen mit einem so traurig enttaeuschten, kindlich +erschrockenen Blick zu mir empor - ich werde diesen ruehrenden Blick nie +vergessen! Und um Ihrer schoenen traurigen Augen willen, reizendes Fraeulein +von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindruecke von meiner +Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, dass bei diesem grossen +Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, +unanstaendig gesunde Jugend ist. + + + + + + DIE YANKEERASSE. + + +(M7) + +Es ist ein weitverbreiteter europaeischer Irrtum, dass sich in den +Vereinigten Staaten Nordamerikas allmaehlich durch energisches Umruehren +eines ueberaus buntscheckigen Voelkergemisches die Bildung einer neuen Rasse +vollziehe. Ich gestehe, dass ich mich, bevor ich selber drueben war, +gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukuenftigen +form- und farblosen Voelkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit +offenen Augen und ohne vorgefasste Meinung sich die Menschen in den +Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts +weis machen laesst, der muss zu der Erkenntnis kommen, dass es drueben (mit +Ausnahme der suedlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvoelker gibt. +_Der Yankee aber ist ein reiner Grossbritannier oder, wenn man will, eine +Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut +staerker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen +Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den +britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden - drei +Jahrhunderte voll harter Kaempfe, wilder Arbeit und glaenzender Erfolge - +haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsaechsischen +und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der +neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden +Charakter aufzwingen muessen. Angelsaechsisch im Wesen des Yankees ist sein +Kolonisationstalent, seine Zaehigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine +nuechterne Beschraenkung auf das Naechstliegende, Nuetzliche, +Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag +zurueckzufuehren sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges +Spielertemperament, seine Begeisterungsfaehigkeit und seine leichte +Zugaenglichkeit fuer alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Saeufer und +Raufbold einigermassen beruechtigte Irlaender spielt in der Weltgeschichte +gewiss keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus +Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit ueblerer Geselle. Mit den +argen Schwaechen des Iren konnte seine katholisch gefaerbte Phantastik, sein +kindlich liebenswuerdiger Frohsinn immerhin versoehnen, waehrend die +sittenstrenge Lebensfuehrung und die ehrenhafte Geschaeftstuechtigkeit des +Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, +boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schoene +und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusoehnen. "Der Herr ist mit uns", +war das Feldgeschrei der Pilgervaeter - aber dieser Herr war eben ein +grimmiger Spezialgott fuer die Rechtglaeubigen, d. h. also fuer die blinden +Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte +sein auserwaehltes Volk dazu, die Rothaeute mit Feuerwasser und Feuerwaffen +auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu zuechtigen. Wenn drueben nicht +anfangs die Menschen so rar und die Haende so notwendig gewesen waeren, +haetten diese europaeischen Berserker gerade so eifervoll wie die +Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten +und protestantische Sektierer gewuetet, so aber begnuegten sie sich damit, +alle denkenden Koepfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen +geschaeftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein +amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, dass bei den Puritanern ausser +Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer +Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Buerger vorgeschrieben, wie er +sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu +denken und wie er zu fuehlen habe. Selbstverstaendlich waeren diese Menschen +niemals die Begruender des groessten demokratischen Freistaates der Welt +geworden, wenn nicht ihre geschaeftlichen Interessen sie gezwungen haetten, +allmaehlich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsaetzen fallen zu +lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtruennigen, grimmig +verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegruendet, war die erste, +welche religioese Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsaetze einfuehrte, +und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien, +dass die frommen Vaeter am geschaeftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln +begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsaechsischen +Rasse der praktische Nutzen ueber allen Idealen gestanden, und ihr klarer, +nuechterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz +ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Traeumereien und eigensinnige +Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter +of fact_, und diese Eigenschaft hat die Englaender befaehigt, die +mustergueltigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren grossen Stiles +und kaltbluetige Geschaefts-Politiker zu werden. Fuer das Klima des +noerdlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die +denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevoelkerung war trotz ihrer +Kriegstuechtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenueber +verloren, denn die Indianer waren fromm naturglaeubig und darum hilflos +abhaengig von der Natur, die fuer die naturfeindlichen Puritaner nur ein +Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung +keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die +unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsaechsischen Rasse zu +verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische +Steifheit und langweilige Ehrpusslichkeit und erzeugte in der Vereinigung +jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgaengern, von willensstarken +Optimisten, dem allein das grosse Werk gelingen konnte, durch die Steppe, +durch die Wueste und ueber das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den ueppigen +Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer +Herrenrasse aufzuschwingen, der alle uebrigen von Europa nachdringenden +Voelker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mussten, wie die ungluecklichen +Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel +in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, +dass er sich nicht einmal im Spass, d. h. im freien Verhaeltnis, viel weniger +in der Ehe, mit den Angehoerigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen +riesigen Kontinent bevoelkern, vermischt. Fuer die lateinischen Eroberer +Suedamerikas und auch der suedlichen Laender des noerdlichen Kontinents hat es +immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch +mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen? +Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das +fuer jede hoehere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfaehig, in +Leidenschaften verlottert oder in Traegheit versumpft. Solches +Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch +friedliche Mittel zu einer hoeheren Kultur emporzufuehren, denn +_Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so +mancher suedamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat +sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der groesste Luxusartikel im Lande +waren, niemals mit Indianermaedchen beholfen; seine Vernunft begeisterte +ihn zu der Grosstat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in +einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige +Moeglichkeit gewaehrte, die Plantagenwirtschaft der ueppig fruchtbaren Laender +des heissen Suedens durchzufuehren. Dennoch haelt er es bis auf den heutigen +Tag fuer die groesste Schande, die ein Weisser auf sich laden kann, sich +geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu +vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa +heruebergekommenen anderen weissen Rassen, die Romanen, die Slawen, die +Juden, ja selbst die ihm naechst verwandten Deutschen und Franzosen als +Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiss heisst er alle Voelker der Erde +vorlaeufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in +seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so +lange sie sich bescheiden gebaerden und mit Eifer nuetzlich machen, gut +gebrauchen kann. Er gewaehrt diesen Fremden das Buergerrecht, er laesst sie an +allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts +dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen, +als ihnen irgend moeglich ist, aber er weiss sie ueberaus geschickt von den +einflussreichen Staatsaemtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht +uebermaessig beflissen, um ihre schoenen Toechter zu freien oder seine schoenen +Toechter ihnen ins Haus zu fuehren. Als im Februar dieses Jahres die Tochter +des Milliardaers Jay Gould - nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen +oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen +englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren +Eltern aus allen Laendern der Union entruestete Protestkundgebungen, ja +sogar offene Drohungen, dass das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern +werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veroeffentlichten +Drohbriefe hiess: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der +freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sproesslinge +entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus +diesem Beispiel, dass der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das +eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbaermlich leicht werden bei uns in +Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine +Gelegenheit findet, den verblassten Glanz eines alten Wappens durch die +Mitgift einer juedischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Juedin +heiratet - der Fall duerfte uebrigens selten genug vorkommen - so tut er es +sicher aus Liebe, wie denn ueberhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne +unter den Yankees aeusserst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, +den Toechtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermoegens in Gestalt +einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das +Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Faehigkeiten und zu seinem +Glueck hat, macht tatsaechlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, +und damit ist auch schon eine starke Gewaehr fuer die Aufrechterhaltung +einer kraeftigen Rasse durch natuerliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte +Stellung der Frau spielt selbstverstaendlich unter den guenstigen +Bedingungen fuer die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die +Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen +Pionieren wie eine Halbgoettin verehrt, wie ein Kaetzchen verhaetschelt +worden. Niemals wurde ihr harte koerperliche Arbeit zugemutet, niemals +wurde ihren Schwaechen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer +sah es der Mann als eine gern geuebte Pflicht an, seine Kraefte bis aufs +aeusserste anzustrengen, um es der Frau zu ermoeglichen, sich gut zu naehren, +schoen zu kleiden und in Musse ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge +dieser Behandlung war die, dass sich die Yankee-Frau, wenigstens +koerperlich, zur schoensten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese +Schoenheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten +Europaeern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame +Ueppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie +den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fusses +und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn fuer Eleganz, in ihrem +aparten Geschmack fuer Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens +sehr nahe. Da sich diese schoene und verwoehnte Frau nur aeusserst selten zu +mehr als zwei Kindern bequemt, erhaelt sie sich lange jung und frisch, und +man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche, +muntere und huebsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. +Uebrigens hat die Rasse von England den Sinn fuer vernuenftige Koerperkultur, +besonders fuer peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft +ist auch den Maennern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten +Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten +muessen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze +und Kaelte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den boesen Fiebern der +Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wuesteneien raffte das +widerstandsunfaehige Menschenmaterial hinweg und liess nur die Staerksten mit +dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von +Muskel- und Nervenkraft, wovon die Maennlichkeit der Nation noch auf eine +gute Weile zu zehren haben wird. Ausserdem ist es durch Gesetz streng +verboten, Kranke oder gar Krueppel aus der alten Welt an den Gestaden der +neuen landen zu lassen. + +(M8) + +Unmittelbar nach meiner Rueckkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes +Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste groessere Versammlung deutscher +Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefaehr vier Monaten wieder +vor Augen kam. Und ich muss gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu +erschuettert ueber den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen, +diese Bierbaeuche, Kahlkoepfe, X- und Saebelbeine, diese verpustelten und +verpickelten, graemlich grauen, brutalen oder schwaechlichen, gierigen oder +aergerlich verknitterten Gesichter gehoerten also meinen lieben Landsleuten! +Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, +geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen kaesbleichen, blassaeugig +bloeden, stumpfnasigen, schiefzaehnigen, feuchthaendigen und dickbeinigen +Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fuerderhin ihren Nachwuchs +zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiss war es ein tueckischer +Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongress von +Missgeburten stossen liess, aber dass unsere arg vermanschte Rasse immer noch +von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer koerperlichen +Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten +Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach +englischem Muster betaetigten Saeuglingspflege und einer vernunft- und +naturgemaessen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschoenern +beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drueben in den Vereinigten +Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten +Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem +deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und +angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht +schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die +guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche +Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Faellen Toilette machen und scheint +im hoeheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser +Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, koerperlich +glaenzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, +den Kindern die Ueberzeugung beizubringen, dass es ein unueberschaetzbarer +Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, dass sich +alle uebrigen Weltteile, alle uebrigen Voelker nicht im entferntesten mit der +unerhoerten Vorzueglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen +Yankeerasse messen koennten. Selbstverstaendlich lernt das Kind die +englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern +jemals moeglich wird. Es kommt dazu, dass das amerikanische Leben, die ganze +Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder ausserordentlich schaerft. +Da koennen nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und +sich darueber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an +boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehoert, wie ein +Yankeebuebchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen +mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten haette, veraechtlich die +Achsel zuckend entgegnete: "Ich wuerde mich doch nicht darum kuemmern, was +der olle Dutchman sagt." ("_I would'nt care, what that old Dutchman +says._") So wird es selbstverstaendlich der Kinder groesster Ehrgeiz, in +ihrem Aeusseren zunaechst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem +Wirtsvolk anzuaehneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemaess bei +den geistig beweglichsten Kindern am staerksten. Es ist erstaunlich, wie +rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern +unaehnlich werden. Die Soehne schiessen um Kopfeslaenge ueber ihren Vater +hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die +Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejuengling mit der +aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald +fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Moebeln herum, und er +trifft mit toedlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der +entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjaehrige Toechterchen aber kann +seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so +unaehnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter. +Die Yankee-Miss fuehrt in ihrer kecken Selbstaendigkeit ein so +beneidenswertes Dasein, dass jedes deutsche Maedchen, wenn anders es nicht +voellig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Haenden und Fuessen dagegen +straeuben muesste, sich von einer toerichten Mutter gewaltsam zu einem +aengstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und erroetenden, +Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen. + +(M9) + +So spornt das Beispiel der staerkeren und gesunderen Rasse die koerperlich +und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer +maechtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen +Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten +Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind - und dennoch verhaelt +sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenueber +in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich sproede. Er sieht die Deutschen +sehr gern in seinem Lande, er schaetzt sie hoch als ehrliche, anstaendige +Menschen, die der politischen Korruption einen zaehen Widerstand +entgegensetzen, die mit ihren geschickten Haenden, ihrem Fleiss, ihrer +Geduld zu allen feineren Handwerken vorzueglich geeignet und mit ihrer +Klugheit und Gewissenhaftigkeit fuer allerlei ruhige Aemter, die dem Yankee +zu langweilig sind, und schliesslich auch in der Kunst und Wissenschaft +ganz hervorragend brauchbar sind - und dennoch gibt er ihnen seine Toechter +nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehoerigen der +romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Voelker. Sie hocken +alle in gewissen Stadtvierteln oder Strassenzuegen der Grossstaedte, oder in +kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl +mit allen Rechten des freien Buergers der Vereinigten Staaten ausgestattet, +fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es +ebenso wie in Europa zum grossen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. +Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsaetzen der Gesetze und +Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der +Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im aerztlichen Beruf +haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne +ihrer Mitglieder sind als Inhaber grosser Bankhaeuser zu einem +weltumspannenden Einfluss gelangt, und dennoch haust die grosse Masse +derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees wuerden, wenn +man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die +Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger +findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher +Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten +Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden ueberhaupt nicht +zugelassen! + +Wenn die Deutschen in der Zeit der grossen Massenauswanderung, als auf dem +nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert +waren, fuer sich ein solches Neuland erobert, zaeh festgehalten, und alle +neu zustroemenden Landsleute haetten zwingen koennen, sich dort gleichfalls +anzusiedeln, dann haetten die Deutschen einen starken Staat im Staate +bilden koennen und ihre Selbstaendigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie +sich dem Staatenbund angeschlossen haetten. Diese Gelegenheit ist endgueltig +verpasst. Aber damit sie in den anderen jungfraeulichen Weltgegenden nicht +abermals verpasst werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von +den Yankees, was das unerschuetterliche Kraftbewusstsein einer starken, +gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhaelt! + + + + + + DER YANKEE ALS ERZIEHER. + + +(M10) + +Die alte Erfahrung, dass junge Eltern sehr haeufig bessere Erzieher ihrer +Kinder sind als aeltere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende +Bestaetigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die uebrigen Buerger der +Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief +befangen in dem glueckseligen Taumel des Kraftueberschusses, dass sie ihre +kluegsten wie ihre duemmsten Streiche mit der gleichen schoenen Begeisterung +verueben und mit reizender Naivitaet dem eigenen Verdienst gutschreiben, was +sie oft doch nur gluecklichen Umstaenden zu verdanken haben. Der leichte +Erfolg, der den kraftvollen und ruecksichtslosen Ausbeutern jenes +jungfraeulichen Kontinents voll ungehobener Naturschaetze zu teil wurde, hat +die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und +diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswuerdigste +Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an +morgen, grundsaetzlich nicht an uebermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt +vor keinem Hindernis und troestet sich ueber alle Schwierigkeiten hinweg mit +dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen! +Weist ein Aussenstehender auf offenbare Schwaechen hin, so erwidert der +Yankee gut gelaunt: "Nun ja, Sie moegen recht haben; aber Sie sehen ja, wir +leben auch so, und wir leben recht gut!" Man laesst sich alle +Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an +ein jaehes Auf und Nieder von Ueberfluss und Mangel, von absoluter geistiger +Oede und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen Uebergaenge von +eisiger Kaelte zu gluehender Hitze gewoehnt ist. Aus dieser Quelle entspringt +der siegessichere Optimismus und die heisse Vaterlandsliebe des +amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverstaendlich alles +Amerikanische als das Beste, das Groesste, das Schoenste in der Welt, und das +juenglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso +charakteristisch fuer die Nation, wie ihre Vorliebe fuer unsinnige +Kraftproben, naerrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und laermende +Vergnuegungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis +in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben, +alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltaegliche +Erscheinungen. + +(M11) + +Es versteht sich von selbst, dass so geartete erwachsene Menschen fuer das +Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verstaendnis haben muessen, +als das gesetzte, bequemlich wuerdevolle Alter der Kulturvoelker unserer +alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige +Kritik und damit sehr haeufig auch den steten missmutigen Zweifel gelernt +hat. Die geistige Ueberlegenheit hoert auf, ein gluecklicher Erziehungsfaktor +zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr +geraet sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es +andererseits richtig ist, dass der Einfluss der Kameradschaft die Jugend +besser zu erziehen vermoege, als das Beispiel des Alters, so sind +zweifellos junge Voelker uns als Erzieher ueberlegen. Der Yankee vergoettert +sein Kind. Erstens einmal, weil es ueberhaupt ein rarer Artikel ist, und +zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt +gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, dass eine so stolze, +exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein muesste, die Reichtuemer +ihres Landes und die vielen glaenzenden Lebensaussichten lieber ihrer +eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzufuehren, als sie den +einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen +Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser +nahe liegenden Erwaegung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten +mehr als zwei Kinder hat, so erklaert sich das aus der eigenartigen +Stellung, die die Frau im noerdlichen Amerika einnimmt. Sie war in den +ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer +Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwuerfigen +Verehrung. Der glueckliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle +Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefaehrtin die Moeglichkeit zu gewaehren, +ihre Schoenheit, ihre geistige und koerperliche Beweglichkeit bis ins Alter +zu pflegen. Die Ansicht, dass es fuer den Mann die denkbar groesste Schande +sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja +schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, dass sie unter +den besonderen Verhaeltnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande +noch verstaerkt und sogar unvernuenftig uebertrieben werden musste. So wurde +also auch das Wochenbett unter die schweren koerperlichen Leistungen +gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht oefters zumuten duerfe, als der +Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So +ist es erklaerlich, dass bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die +ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, aeusserst selten sind. Die +wenigen vorhandenen Kinder profitieren natuerlich am meisten bei diesem +Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den +guenstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begueterte, sondern auch +das auf seine Arbeit angewiesene Maedchen in den Vereinigten Staaten hat, +erklaert es sich, dass die Geburt eines Knaben durchaus nicht hoeher +eingeschaetzt wird, als die eines Maedchens. Eine vernuenftige +Saeuglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft ueber den ganzen +Kontinent. Die Eltern sind von einer ruehrenden Geduld und Nachsicht den +Kleinen gegenueber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhoerte Roheit. +Kinderzucht in unserem Sinne wird drueben wohl nur noch von manchen der +eingewanderten Fremdvoelker, vornehmlich in deutschen Familien versucht, +aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den +Vergleich belehrt, dass sie es nicht noetig haben, sich in dem freien Lande +eine unwuerdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern +erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und +unertraeglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren +des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hueten, +deren Selbstaendigkeit zu unterdruecken. Sie geben sich die erdenklichste +Muehe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu +stimmen und behandeln die unverschaemten Gernegrosse, sobald sie aus dem +Alter der suessen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit +Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die +Kinder auch sehr fruehe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den +untersten Staenden, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die +laecherlichsten Knirpse oft schon zu selbstaendigen Unternehmern, zu fixen +kleinen Handelsleuten macht. + +(M12) + +Die oeffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche +Bezeichnung hat man allgemein uebernommen), sowie Volksschule +(Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder +Universitaeten. Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist +Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder saemtlicher eingewanderter +Fremdvoelker sofort fuer die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die +jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen +Juden, Syrer und Chinesen zunaechst einmal den Grundsatz eingetrichtert, +dass alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die +Verfassung der Vereinigten Staaten wird als hoechste Leistung idealen +demokratischen Buergersinnes auswendig gelernt. (Sie ist uebrigens +tatsaechlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und +edler, vernuenftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen +Heldenbeispielen nicht eben ueberreiche Geschichte des Staatenbundes gilt +als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der uebrigen Welt +dagegen als unbetraechtlich. So vernuenftig und so schoen nun auch dieser +heisse Eifer in der Foerderung der Vaterlandsliebe ist, so verfuehrt er doch +naturgemaess leicht zu ebenso groeblichen Faelschungen und Unterschlagungen +von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefaerbten Darstellungen +der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschaetzten +Schulbuch, "_History of the American Nation_" von Andrew C. Mc Laughlin, +Geschichtsprofessor an der Universitaet von Michigan, das ich mir zu meiner +eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte +Spalten umfassenden Index das Stichwort "_German_" gar nicht vor! Der +grosse und ruehmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als +Kaempfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den +verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird voellig mit Stillschweigen +uebergangen und nur der Baron Steuben fluechtig als nuetzlicher militaerischer +Drillmeister erwaehnt! Das ist ein etwas starkes Stueck und will gar nicht +dazu stimmen, dass die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem +Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der haeuslichen wie der oeffentlichen +Erziehungskunst laut verkuendet wird. Man darf es wohl den Amerikanern +glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch +die eigene Beobachtung genuegend bestaetigt gefunden zu haben, dass es ihrer +Erziehung gelinge, feige Luege und Heuchelei den Kindern schimpflicher +erscheinen zu lassen, als selbst gefaehrliche Streiche des Uebermuts und +sogar Ausbrueche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner luegt zwar, wenn es +sein Vorteil erheischt, aerger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich +dem Staate gegenueber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau - seine +Luegenkuenste werden sogar, wenn er Geschaeftsmann und Politiker ist, als +_smartness_ bewundert - aber das amerikanische Kind fuehlt sich nicht so +leicht zur Luege veranlasst, weil es nicht in steter Furcht vor Pruegeln und +sauertoepfischen Mienen aufwaechst. Auch die Schule laesst keinerlei +Duckmaeuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung, +anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Paedagogik geht darauf aus, das +Ehrgefuehl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist +ausserordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften +Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschaemung. Dadurch, dass sie +die Leistungen koerperlicher Tuechtigkeit kaum minder hoch einschaetzt als +die geistige Befaehigung, schafft sie auch fuer die minder Begabten, aber +wenigstens koerperlich gewandten und mutigen Schueler eine Moeglichkeit, +ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schueler, die sowohl in den +_Athletiks_ wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im +Laufe der Schuljahre in den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen +und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Buecherpreisen und +dergl., und diese Trophaeen aus der Schulzeit machen noch in hoeherem Alter +den groessten Stolz der Inhaber aus. + +(M13) + +Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin +beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute. +Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und +lebhafter, ungebaerdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der +meisten anderen Voelker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die +Lehrkraefte sind zum ueberwiegenden Teil weibliche) einer grossen Klasse von +tobsuechtigen Buben und ausgelassenen Maedels gegenueber vor. Schlagen darf +sie nicht, auch wenn sie koerperlich imstande waere, diese wilden Rangen zu +bewaeltigen. Wuestes Anschreien ist auch verpoent; wie soll sie also mit +einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzaehlt in seinem +Buche "Das amerikanische Volk" ein huebsches Beispiel, wie solch eine schon +fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde. +Sie erklaerte naemlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt, +sich die Schwindsucht an den Hals zu aergern, sie moechten sich gefaelligst +allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Praesidenten, einen +Vizepraesidenten und was sonst fuer Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte +zu waehlen und mache dann diese selbstgewaehlte Regierung fuer +Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene +_common sense_, d. h. der Instinkt fuer das Vernuenftige, brachte diese +schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu, +den besten und gesittetsten Schueler der Klasse zum Praesidenten und den +staerksten und gewalttaetigsten zum Vizepraesidenten zu erwaehlen. Der erstere +suchte durch vernuenftige Ueberredung einzuwirken, und der Vizepraesident, +als Haupt der Exekutive, verpruegelte eigenhaendig die unbotmaessigen Elemente +dergestalt, dass sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fuegen. Die +junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse ruehmen. Die +Selbstverwaltung spielt ueberhaupt eine grosse Rolle im amerikanischen +Schulwesen. Schuelerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns +unterdrueckt, sondern im Gegenteil beguenstigt. Die Lehrer unterweisen diese +Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur +darueber, dass keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen +stattfinden. Der schlimme Anreiz zur fruehzeitigen Nachahmung eines +studentischen Saufkomments fehlt den Schuelern der amerikanischen +Mittelschulen vollstaendig, da ein solcher auf den Universitaeten nicht +existiert. Und so laeuft die Haupttaetigkeit aller Schuelerverbindungen auf +Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachaeffung des politischen Lebens im +kleinen, auf Uebung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist +denn auch der, dass der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten +die rhetorische Phrase ausserordentlich gelaeufig beherrschen lernt und dass +die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzueglichen +Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den +Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf +gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an +Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlaessig +den im allgemeinen aeusserst hellen und lernbegierigen Koepfen +eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine hoechst +wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen Einwanderer durch +deren Kinder erziehen laesst. Selbstverstaendlich erlernen diese die +englische Sprache sehr viel rascher und gruendlicher als die Eltern und +werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern +ihrer Eltern in bezug auf Koerperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind, +das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird +seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Noetige zur Behebung +solcher Maengel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fuehlen sich +so beschaemt durch diese Massnahme, dass sie es in den meisten Faellen auch +bei Eltern, die einem Volke angehoeren, dem die Pflege des Drecks ein +Gegenstand religioeser Ueberzeugung ist, durchsetzen werden, dass um der +Schule willen Seife, Zahnbuerste, Kamm usw. mit der der angelsaechsischen +Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen +Faellen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher +Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen +der Eltern; oder die Angehoerigen besonderer sozialer Hilfsvereine +unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich +unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schaemen und bringen es noch auf +ihre alten Tage ueber sich, dem Weidwerk auf den eigenen Koepfen nachzugehen +und die ehrwuerdige Patina des waermenden Drecks, den sie aus Europa oder +Asien ueber das Weltmeer mit hinueber gebracht haben, den ungemuetlichen +Idealen moderner Hygiene zu opfern. + + + + + + DAS UNIVERSITAeTSLEBEN IN DER UNION. + + +(M14) + +Wer sich ueber die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der +europaeischen Kultur klar werden will, der moege sich nur ordentlich umsehen +auf den Staetten, wo die geistigen Werte in gangbare Muenze umgesetzt und +die grossen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, naemlich +- auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Buerger gewesen ist, +dem muss zunaechst unfehlbar der grosse Unterschied zwischen hueben und drueben +in der aeusseren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen. +Abgesehen davon, dass selbstverstaendlich der groteske Typus des Studiosus +Sueffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten, +kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmuetig blasierten +ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach +dem Typus unseres heissbeflissenen Juengers der Wissenschaft um, nach den +stubenbleichen Brillentraegern, den vertraeumten oder fruehzeitig +zergruebelten Denkerkoepfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren +ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres +Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drueben sieht man +nur frische, derbe Jungens und Maedels; die ersteren haeufig noch baerenhaft +tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der frueheren Reife +ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft +machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der groesseren oder +geringeren Zierlichkeit der Gliedmassen und Verfeinerung der Manieren. Im +Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleichartigkeit. +Die Studierenden der beiden ersten Semester werden _Freshmen_ genannt, der +zweite Jahrgang _Sophomors_, der dritte Jahrgang _Juniors_, der vierte +Jahrgang _Seniors_. Alle zusammen sind die _Undergraduates_, und was nach +dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem +Staatsexamen, noch weiter studiert, _Postgraduates_; als aeusserliches +Kennzeichen fuehren sie verschieden gefaerbte Knoepfe auf ihren Oxfordbaretts +oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17 +und 19 Jahren zur Universitaet oder in die Colleges; aber nicht, wie bei +uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen +Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedaechtigen +Schritt vorwaerts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn +auch auf der Universitaet und im College sind die jungen Leute einer +Disziplin unterworfen, die ihre persoenliche Freiheit immerhin beschraenkt. +Sie wohnen in sogenannten _Dormitories_ (Schlafhaeusern), wo sie, je nach +ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten +nehmen sie gemeinsam in einer grossen Halle ein, wo sie fuer billiges Geld +eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An +denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind +fuer die Maedchen besondere Schlafhaeuser und meist auch Speisesaele +vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und +besondere Spielplaetze; dagegen haeufig gemeinsame Klublokale, wo sie +Tanzvergnuegungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder +Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren +Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (_Fraternities_ und +_Sororities_). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein. +Sie bezeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit +Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines +Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein grosses +Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen koennen +sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft +leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Haeuser, in denen sie, zum +Teil sogar recht luxurioes, wie Gentlemen und Ladies der besten +Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten +dieser Verbindungshaeuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten +behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser +Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer +wieder von dem natuerlichen Drange des Menschen nach aristokratischer +Absonderung durchbrochen wird; nur, dass es in der grossen Republik ein +selbstverstaendliches Gebot anstaendiger Gesinnung ist, Vorzuege der Geburt +und des Besitzes nicht durch anmassendes Wesen gegenueber den vom Glueck +weniger Beguenstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich +jemals beobachten koennen, dass arme Studenten und Studentinnen, die sich +durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste muehsam +durchschlagen muessen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen +unterwuerfig kriechen, oder dass jene sich diesen gegenueber einen +ueberheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnaehmen. In allen +gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der +Stolz auf ihre Alma mater aeussert sich bei allen festlichen Gelegenheiten, +namentlich bei den sportlichen Wettkaempfen mit anderen Hochschulen, in +einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen +besonderen _Cheer_, d. h. _Hochruf_, nach Rhythmus und Melodie +verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die +sportlichen Siege gefeiert, bei den grossen Wettkaempfen muss er gleich dem +Kriegsruf wilder Voelkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer +einmal - etwa gar in dem beruehmten _Stadion_ der zwanzigtausend Menschen +fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fussballmatch zwischen +Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht +vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in +den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Maersche zum besten gibt +und waehrend des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute +Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der +beiden Musikkorps sind Angehoerige der betreffenden Parteien aufgestellt, +welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den _College-Cheer_ +intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gaenzlich +unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Blaeser dirigieren. Und dann +fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die +anwesenden frueheren Studierenden der betreffenden Universitaet und deren +ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit +einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, dass dem unbeteiligten Fremdling +darueber Hoeren und Sehen vergeht. Man springt auf die Baenke, man schwenkt +Taschentuecher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den +Schultern und schuetteln und stossen sich, um einander aufmerksam zu machen +auf spannende Momente oder sich zu groesserer Begeisterung fuer die Sieger +aufzuruetteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts +versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehuellten Knaeuel +grotesk bekleideter Juenglinge, der sich balgend auf dem Boden waelzt, wobei +ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Faeusten den Wind +ausblaest (_to blow the wind out_) oder die schweren Sportstiefel unter die +Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem +wuesten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Spruengen, wie ein junger +Hirsch, unter dem betaeubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit +begeisterten Landsleuten ueber den Kampfplatz stuermt. + +(M15) + +In diesen Wettspielen der hoechst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man +staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvoelker eine hoechst +eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schoenheit und Anmut der +nackten Griechen fehlt freilich voellig bei dieser unfoermlich wattierten, +mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgeruesteten Yankeemannschaft, aber +die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und +Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht, +kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreissender gewesen +sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das +Nasenbein oder sonstige Extremitaeten geknickt wurden, so stolz wie die +Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten +bis aufs Blut peitschen liess. + +(M16) + +Diese hohe Wertschaetzung der koerperlichen Tuechtigkeit, die uebrigens +keineswegs nur auf das maennliche Geschlecht beschraenkt ist, traegt sehr +viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus +eigenartiges Gepraege zu verleihen. Ich habe mir des oefteren erlaubt, +amerikanischen Studenten gegenueber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, dass +diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschlaeger, Ruderer, +Wettlaeufer und Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer +wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmaessig die Antwort +bekommen, dass meine Zweifel durchaus unbegruendet, vielmehr unter den +hervorragenden Athleten haeufig auch die tuechtigsten wissenschaftlichen +Begabungen, zum mindesten aber die fleissigsten Bueffler zu finden seien. +Weit weniger sichere und selbstbewusste Antworten dagegen erhielt ich, wenn +ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar +nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hiess es meist: "Ach, +darueber zerbrechen wir uns vorlaeufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen +gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti +oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht." Ein +anderer sagt: "O, ich trete einfach in das Geschaeft meines Vaters ein, da +brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans." Da die +englische Sprache keinen praezisen Ausdruck fuer Weltanschauung kennt, so +ist es ueberhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu +machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen +Volkes sitzt ihm so tief im Gebluet, dass er kaum begreift, wie man sich von +Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden +Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen koenne. Er fuehlt nicht +den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu ueben, +weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen +Erfahrung ueberall bestaetigt findet, dass fuer einen Buerger der Vereinigten +Staaten ueberall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Betaetigung seiner +Kraefte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft +gesund fuer Leib und Seele - aber fuer die wissenschaftliche Erkenntnis ist +sie nichts weniger als foerderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem +Gegebenen bleibt eben kein Platz fuer den fruchtbaren Zweifel und fuer die +Unersaettlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im +allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare +praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller +amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf +eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach +seine natuerlichen Instinkte sich freudig draengen, so sind auch die +Universitaeten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu zuechten, sondern ihre +Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das +_refinement_ der hoeheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu +geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische +Student glaubt an sein Lehrbuch und schwoert auf die Worte seines Lehrers. +Er lernt fleissig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschraenkt +sich auf die Faecher, die ihm fuer seinen kuenftigen Beruf als notwendig +vorgeschrieben sind. Ueberfluessige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit, +sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schoengeist zu glaenzen, und um sich +von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den +Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der +Ehrgeiz, den Prometheusfunken schoepferischen Instinktes, der etwa in den +jungen Koepfen seiner Hoerer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen +und die Methoden selbstaendiger wissenschaftlicher Forschung diesen +zukuenftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begnuegt sich meistens damit, +sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und +Aufgabenstellen dafuer, dass sie sich dies Fachwissen gruendlich einpraegen. +Er ist daher in weitaus den meisten Faellen nach unseren Begriffen selber +gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein +Experte, ein Korrepetitor. Unter den ueberaus zahlreichen Professoren +deutscher Abstammung, die es drueben als Universitaetslehrer zu grossem +Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals +wissenschaftlich betaetigt hat und als einfacher Toechterschul-, Real- oder +Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene +Handlanger der Wissenschaft drueben als gute Paedagogen, bei denen die +Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu +Hochschullehrern aufzuruecken. Anstandshalber pflegen sie dann einen +Leitfaden, ein Kompendium oder eine populaere Darstellung ihres speziellen +Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten +der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die +meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und +pauken dies gewissenhaft den Schuelern ein. Schueler bleiben die Studenten +ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der +_Freshman_ birgt in seinem Schaedel keineswegs jene beaengstigende Masse +verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schueler +im Abiturientenexamen nachweisen muss. In den philologischen Faechern, +namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines +deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und +Geographie weiss er vielleicht so viel, dass er bei uns das +Einjaehrigenexamen bestehen koennte, und in den Realien etwas mehr. Wer also +eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer +Obersekunda und Prima erst auf der Universitaet durch; die uebrigen werfen +sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie spaeter ihren Beruf zu machen +gedenken. Es gibt besondere Drillanstalten fuer Juristen, fuer Mediziner, +fuer Theologen - die letzteren werden von den einzelnen Denominationen +(Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am staerksten besucht und am +glaenzendsten ausgestattet sind die Institute fuer die technischen Berufe, +die chemischen und physikalischen Laboratorien, die +Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen fuer den +Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw. +usw. Weitaus die meisten Universitaeten sind im Grunde nichts anderes als +technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultaet, eine +juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind, +ganz aehnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen +ueber Nationaloekonomie, Literatur und Kunstgeschichte, ueber Philosophie und +dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstaende gehalten +werden. Es ist ja sehr begreiflich, dass vorlaeufig noch die weitaus +ueberwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich +nach den Berufen draengt, welche noch auf lange Zeit hinaus die groesste +praktische Bedeutung haben werden. Fuer Hoch- und Tiefbauingenieure, +Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker +gibt es selbstverstaendlich in dem Riesenkontinent mit den grossen, noch +unerschoepften Moeglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als fuer die +Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an +Ehrfurcht grenzende Hochachtung fuer die seltsamen Idealisten, welche, +anstatt ihre Schoepfkellen unter die zurzeit noch ueppig sprudelnden +Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten +Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach +Regenwuermern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Kaeuze, die +imstande sind, sagen wir ueber das Alpha privativum im Griechischen dicke +Waelzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung +irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung +keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar +solche Kaeuze - sie sind uebrigens fast alle Deutsche - sehr gut und ist +besonders stolz auf ihren Besitz - aus demselben Grunde, aus welchem man +unerhoerte Summen aufwendet, um allen moeglichen alten Troedel aus Europa +neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und oeffentlichen +Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen, +dass man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten +koenne und dass man keineswegs den uebeln Ruf verdiene, ein Volk von +Emporkoemmlingen zu sein, das nur fuer materielle Dinge Achtung und +Verstaendnis besitze. + +(M17) + +Es ist charakteristisch, dass es drueben Privatgelehrte wohl ueberhaupt nicht +gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren +praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer +Universitaetsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als +sorgfaeltig unter Glas verwahrte Raritaet. Es gibt also auch kein gelehrtes +Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen +wir das junge Land nur beneiden koennen. Jeder akademische Buerger ist +imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat, +spaeter praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen +Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt, +der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde +findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur +einen Stoss zu geben und die Annehmlichkeiten einer oestlichen Grossstadt mit +der Langenweile eines wildwestlichen Standquartiers zu vertauschen, so +wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben +Geschaeftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernuenftiges. Seine Bildung braucht +ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft +schicken ihre Soehne scharenweise auf die Universitaeten, um sich dort +allgemeine Bildung und nuetzliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das fuer +die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende +Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Uebrigens +finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen +Lehrtaetigkeit widmen wollen, als _Postgraduates_ auch in Amerika reichlich +Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt +weder an hervorragenden Kapazitaeten in fast allen wissenschaftlichen +Faechern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind ueberaus reich +ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete +werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie +sicher Maezene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermoeglichen, +wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten. + +(M18) + +Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass die Frische und Freudigkeit, +die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft +auffaellt, die glueckliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller +Verhaeltnisse drueben ist. Der junge Mensch kommt nicht als ueberfuettertes +Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schoensten +Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht +einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch +ohnmaechtiges Zaehneknirschen wider ein verhasstes System und deren lebendige +Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern +entgegen und braucht sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu +quaelen: wozu bueffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein +Wissen auch ein sicheres Auskommen gewaehren, oder wird die einzige +Vergeltung fuer dein hoeheres Streben darin bestehen, dass du einst als +abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein duerftiges +Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewoehnliche Amerikaner durch das +Bewusstsein, dass ihm alle Wege offen stehen, zur hoechsten Anspannung seiner +Kraefte angefeuert wird, so muss dieser Auftrieb natuerlich noch viel staerker +sein bei den jungen Auserwaehlten der Nation, die ja den Wettlauf um die +hoechst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen naeher an diesem Ziele +beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer +Verehrung zu jedem jungen _Harvard-Yale-Columbia-Cornellman_ wie zu einem +hoeheren Wesen auf, denn er weiss, dass diese strammen Burschen einst die +Richter, die Aerzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und dass ohne +Zweifel geniale Erfinder, Kulturfoerderer grossen Stils, auch wohl +Praesidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe +Wertschaetzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schoensten +Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute +aus einfachsten Verhaeltnissen fuerstliche Stiftungen fuer wissenschaftliche +Zwecke machen. Sobald eine Universitaet in Verlegenheit ist, woher sie das +Geld beschaffen soll fuer notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer +Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort +Praesident genannt, nur ein paar notorische Millionaere der Stadt oder des +Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die noetige +Summe zusammenzubringen. Unsere Grossindustriellen spenden ihre +Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schoene Orden zu bekommen; +drueben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebaeude, ein Laboratorium, eine +Klinik ihren Namen traegt. Der Holzhaendler Cornell hat die nach ihm +genannte, jetzt hoch beruehmte Universitaet von Ithaka ganz und gar aus +eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so +eifrige Nachahmung gefunden, dass heute schon die wissensdurstigen jungen +Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere +Heimat zu verlassen brauchen, um hoeheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt +schon eher zu viel als zu wenig Universitaeten und Colleges(2). Die grosse +Wertschaetzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes aeussert sich +manchmal auch in einer Weise, die uns einigermassen naiv erscheint. Die +Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der +ganzen Welt fertig herueber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast +ausschliesslich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint +dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen +Zauberkuensten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische +Lehrer in der Oeffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa. +Waehrend z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem +Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird +er in den Vereinigten Staaten als sachverstaendiger Berater und taetiger +Mitarbeiter zu allen oeffentlichen Angelegenheiten herangezogen. Er +schreibt fleissig fuer die Tageszeitungen, er haelt populaere Vortraege, er +beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen +diplomatischen Betaetigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D. +White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen +Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten +einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der +Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben +muss. + +(M19) + +Eine schoene Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beitraegt, die +geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu foerdern, ist +die, dass man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstaedte mit +landschaftlich schoener Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberuehmten +Universitaeten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington +und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der _Campus_, d. h. das +Gelaende der Universitaet, befindet sich ausserhalb der Ortschaften, mit +Vorliebe auf Anhoehen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch +ein ueppiger alter Baumwuchs der schaendlichen Waldvernichtung der ersten +Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander +gedraengt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so dass +die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich +Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist +selbstverstaendlich ueberall reichlich gegeben, wie man sich denn ueberhaupt +einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettlaeuft usw. gar nicht +vorstellen kann. Die kleinen Staedte bieten so gut wie keine Ablenkung oder +gar gefaehrliche Versuchung fuer die jungen Leute. Was sie brauchen an edler +geistiger Zerstreuung, an kuenstlerischer Anregung, das schaffen sie sich +selbst in ihren Vereinen fuer Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und +festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und +Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universitaet +herum und verdienen sich ein huebsches Geld mit Konzerten, das sie nicht +selten dazu verwenden, hervorragende Saenger und Virtuosen kommen zu lassen +und ihren Kommilitonen vorzufuehren, ja wohl gar hauptstaedtische +Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer +und bevorzugten Schueler der Berkley-University von Kalifornien alljaehrlich +in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und +Blockhuetten, die zum Teil im Geaest der riesigen Mammutbaeume (Sequoia +gigantea) errichtet werden und betreiben waehrend dieser Zeit die +Einstudierung und Auffuehrung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel. +_Bohemian Jinks_ nennen sie diese Freilichtspiele (etwa "zigeunerische +Luftspruenge" zu uebersetzen), fuer die sie aus eignen Kraeften Dichtung, +Musik, Kostueme und Darsteller liefern. Waehrend dieser heiligen +Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es +werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von +jungen Maennern dargestellt. Im uebrigen sorgt die an den meisten +Hochschulen bestehende _Coeducation_ (kurz _Coed_ genannt) dafuer, dass die +jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren +im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes +Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom +zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die +jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast +jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein _best girl_, mit dem +er "geht", wie man bei uns sagen wuerde. Diese Kameradschaften sind aber +durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit der +_collage_ des franzoesischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu +standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von +sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen +schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau +wissenschaftlichen Geistes der Ruecksichtnahme auf die weiblichen Studenten +zu. + +Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den +gemischten Universitaeten. Ich wuesste nicht, wo ein junges Maedchen mit +starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben waere, als z. B. in +Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser +Frauenakademie durchblaettert, erstaunt man ueber die schier fabelhaften +Bildungsmoeglichkeiten, die hier den Toechtern der Neuen Welt geboten +werden. 17 maennliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und +Assistenten lehren an dieser ueberaus reich dotierten Hochschule. Um +aufgenommen zu werden, muss die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte +1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten +Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die +Anzahl der Punkte bedeutet naemlich die Anzahl der Jahre, die der Schueler, +bei durchschnittlich 5 woechentlichen Stunden, auf den betreffenden +Gegenstand verwendet haben muss, und durch ein Abgangszeugnis oder ein +Examen muss er beweisen, dass er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um +einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte +zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung +angekuendigten Vorlesungen aufzaehlen: + +(M20) + 1. Elementarkursus, Grammatik, Uebungen im Sprechen, Lektuere, + Auswendiglernen von Gedichten. + 2-4. Vorbereitungskurse fuer deutsche Literaturgeschichte. + 5. Repetitions- und Erweiterungskurs fuer Grammatik und Stil. + 6. Freie Reproduktion. Buehnendeutsch. Uebungen im muendlichen und + schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in + Amerika erschienener Texte. + 7. Uebungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluss an die + Literaturgeschichte. + 8. Geschichte der deutschen Sprache. + 9. Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Goetter- und + Heldensagen). + 10. Goethes Leben und Werke. + 11. Das Drama des 19. Jahrhunderts. + 12. Der deutsche Roman. + 13. Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs. + 14. Literaturgeschichte bis Goethe. + 15. Mittelhochdeutsch. + 16. Die romantische Schule. + 17. Lessing als Dramatiker und Kritiker. + 18. Schiller als Philosoph und Aesthetiker. + 19. Goethes Faust. + 20. Schillers Leben und Werke. + 21. Stiluebungen. + 22. Gotisch. + 23. Die deutsche Lyrik und Ballade. +24 u. 25. Studien zur modernen deutschen Sprache. + +(M21) + +Demgegenueber stehen 45 Vorlesungen ueber englische Sprache und Literatur, +21 ueber Geschichte, 29 ueber Hygiene und koerperliche Ausbildung, wobei +Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind. +Ferner 18 Vorlesungen ueber lateinische Sprache und Literatur, 11 ueber +reine und 5 ueber angewandte Mathematik, 18 ueber Musik, 29 ueber Philosophie +und Psychologie, 19 ueber Soziologie und Nationaloekonomie, 6 ueber +Astronomie usw. usw. Die jungen Maedchen duerfen aber keineswegs nach ihrem +Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist +ihnen vorgeschrieben, und sie koennen nicht zu den hoeheren Offenbarungen +vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, dass ihnen die +niederen Grade gelaeufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune +bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser +zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf +der eignen niedlichen Buehne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu +vergnuegen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren, +so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus +reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehoeren, ihre eignen +Haeuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages +sich darbieten. Das Gebaeude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr huebsch +das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Faecher +sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser +Akademie, die sich also darauf beschraenkt, den jungen Damen eine +humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu +vermitteln. Wenn die Qualitaet der Lehrenden auch nur einigermassen der +landschaftlichen Schoenheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller +praktischen Einrichtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das +gegenwaertige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und +Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt +deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht +sein sollen. Unter den Studierenden sind Toechter fast aller +Bevoelkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb +gesunden, ein bisschen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Buergertoechter +der staedtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitaeten mit _Coed_. +Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Toechtern der vornehmeren +Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen +letzteren die spezifisch amerikanischen Schoenheiten sind. Das kommt daher, +dass die Amerikanerin die Schoenheit als einen Beruf fuer sich betrachtet, +als ein Kapital, das unter allen Umstaenden sich reichlich verzinst. Die +jungen Schoenheiten suchen ihre Erfolge ausschliesslich auf dem Parkett des +Salons, und die noetige Fertigkeit zur Lieferung des seichten +Salongeschwaetzes, mit dem sich drueben die elegante Welt der Amuesierlinge +begnuegt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und +ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, dass das +amerikanische Salongeschwaetz kaum auf der geistigen Hoehe des englischen, +dagegen noch betraechtlich unter der des franzoesischen und deutschen +Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann +man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann +und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, dass man mit ihnen wie mit +gebildeten Menschen reden duerfe - und man wird sich selten enttaeuscht +sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen +Toechterchen, ohne sie gerade zu Gelehrten zu machen, eine solide +weltlaeufige Bildung zu verschaffen, taeten gut, sie auf die amerikanischen +Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes +mitbringen sollten, als einen abgehaerteten geschmeidigen Koerper, +vernuenftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten +Dingen, so wuerde das immerhin wertvoller fuer sie sein, als was die +ueblichen Pensionate der franzoesischen Schweiz oder die Klosterschulen fuer +die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen. + +(M22) + +Mir persoenlich scheint ueberhaupt das ganze amerikanische +Unterrichtssystem, und besonders das der Universitaeten, gerade fuer uns +sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein +vernuenftig beduenken, dass die Zuegellockerung der strengen Schuldisziplin +zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20. +Jahre erfolgt, und dass dann die ueberschaeumende Kraft des ungebaerdigen +Juenglings bezw. des lebenshungrigen Maedchens nicht sofort in eine +schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem +Wohlwollen und Verstaendnis fuer die Jugend geleitet wird. Es ist ueberaus +bezeichnend, dass, wie die kuerzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete +Umfrage bei einer grossen Anzahl bekannter fuehrender Deutscher bewiesen +hat, ausser den spaeteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmaennern +und Theologen, fast saemtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit fuer die +schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklaerten; wogegen umgekehrt in +Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schueler- und +Studentenzeit als auf die schoenste seines Lebens zurueckblickt. Moegen +unsere hoechsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich fuer die +besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie ausser acht +gelassen werden, dass von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten, +die alljaehrlich unseren Universitaeten zustreben, doch nur eine +verhaeltnismaessig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich +traegt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universitaet die denkbar +beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwaehlten +willen aber wird die gewaltige Ueberzahl mehr auf das Praktische +gerichteter Geister, aus denen zwar keine schoepferischen Gedanken, wohl +aber viel nuetzliche Lebensarbeit herauszuholen waere, durch ein System +vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhasstes +Schrecknis bleiben muss. Dieses System zuechtet Noergler und Hasser, es ist +auch schuld daran, dass jener garstige Hochmut sich in den Koepfen der +Auserwaehlten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme +Volksfeindschaft hineintreibt und gaenzlich schiefe Lebensanschauungen in +ihnen gross zieht; es ist aber auch schuld daran, dass so viel +hoffnungsvolle Jugend auf den Universitaeten verbummelt. Sollte nicht +schliesslich ein junges Geschlecht von frohen, fuer die hoechsten Berufe der +Gegenwart gut ausgeruesteten Akademikern auch unserer Nation von groesserem +Werte sein, als die jetzige Ueberfuelle an wirklichen und verunglueckten +Gelehrten? Ich bin ueberzeugt, dass wir durch eine teilweise +Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzuegen nichts +einbuessen wuerden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden, +ebenso wie das kuenstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets +eine Besonderheit des deutschen Universitaetslehrers und Studenten bleiben, +einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die +Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine grossen Philosophen, +Dichter, schoepferischen Forscher hervorgebracht, weil ihr Schulsystem zu +diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als +Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten +Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der +starken Inanspruchnahme aller geistigen Kraefte durch rein praktische +Aufgaben ueberhaupt noch gar keine Moeglichkeit gehabt haben, nach jener +Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbstaendige Wissenschaft und eine +nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den +verschiedenartigen Voelkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine +neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan +sein wird, dass alle feineren Geister fuer die Beschaeftigung mit den +vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu +hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich +viel geaendert werden muessen. Die wissenschaftlichen Leistungen der +Studierenden werden selbstverstaendlich gleichen Schritt halten mit denen +der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher +durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein +hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen +Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; fuer Amerika +ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die +beliebten demokratischen Vorurteile laechelnd beiseite schiebt. Es wird +aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch +bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der +wissenschaftlichen Kritik sich ueberhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt +gebieten laesst, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst koennen +wir von dem amerikanischen Volke verlangen, dass es grosse Kuenstler und +originale Denker hervorbringe. In den regsamsten Koepfen, in den tiefsten +Gemuetern dieses Volkes ist schon jetzt eine grosse Sehnsucht lebendig nach +jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate +europaeischer Arbeit nuetzlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege +und Setzer neuer Ziele werden koennen. Das beweist der ungeheure Zulauf, +welchen die oeffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vortraege der +Wanderredner und besonders gemeinnuetzige Institute, wie die Sommerschule +in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel +wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andaechtig +den Vortraegen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europaeer +werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch laenger unseren +Vorrang des weisen Alters behalten und der maechtig emporstrebenden Neuen +Welt die Leitsaetze fuer ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung +liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, dass man von der Jugend immer +lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber +schwerlich jemals ueberfluegeln koennen. Wir werden an ihr alsdann keinen +verhoehnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden +besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben +Hoechstzielen wahrer Kultur nach. + + + + + + OeFFENTLICHE UND PRIVATE MORAL. + + +Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen +sich allgemein darueber, dass sie gezwungen seien, ihre Berichte den +Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu faerben und so dazu +beizutragen, dass diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Dass sie +Ungluecksfaelle nur kabeln duerfen, wenn sich ueber zehn Tote ergeben haben, +ist ja eine ganz weise Beschraenkung, aber dass sie sich genoetigt sehen, +immer nur sensationelle Faelle von wuester Korruption in der Politik, in der +Rechtsprechung, im Gebaren der grossen Truste, offenbare Verruecktheiten und +groteske Reklamemanoever auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels +und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schliesslich groebste +Familienskandale aus der Welt der Milliardaere zu berichten, das ist doch +recht bedenklich. Selbstverstaendlich sind gerade die guten Buerger jeder +Nation ueberzeugt, dass die allgemeine Ordnung der Dinge, die oeffentliche +wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem +anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natuerliche Neigung zur +Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der +oeffentlichen Aufklaerung, zu unterstuetzen; denn die Unterschaetzung fremder +und noch dazu rasseverwandter Voelker kann unter Umstaenden doch recht ueble +Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut +aufgemacht und aufmerksam zugehoert hat, wenn er wohlunterrichtete Leute +drueben die Verhaeltnisse besprechen hoerte, gestattet, mein bescheidenes +Teil zur Aufklaerung ueber die wichtige Frage der oeffentlichen und privaten +Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen. + +(M23) + +Die Korruption in der Politik ist ein oeffentliches Geheimnis und wird von +niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl +der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes +und besonders des Umstandes, dass sich alle vier Jahre verfassungsgemaess ein +Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen muss. Dass jeder neue +Praesident, Gouverneur, Buergermeister usw. seine guten Freunde und +Verwandten in die eintraeglichsten und einflussreichsten Stellungen zu +bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darueber +nicht weiter zu entruesten; aber die ebenso selbstverstaendliche Folge, dass +der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwaehrend in +Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschaeftigten Staatsbuerger natuerlich +unmoeglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern. +Er muss notgedrungen diese Betaetigung Leuten ueberlassen, die daraus einen +Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der +Geschaeftspolitiker. Da selbstverstaendlich diese, die sogenannten Bosse, +nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden koennen, so schaffen +sie sich ihre Einkuenfte dadurch, dass sie sich fuer die Unterstuetzung bei +Wahlen, fuer die Erlangung von oeffentlichen Aemtern, von Privilegien und +Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres +ein, dass sich nicht die Bluete der Nation, sondern nur machthungrige und +geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschaeft hergeben, und +dass diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem +intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu +verhelfen, sondern demjenigen, der am meisten zahlt. Da es nur zwei grosse +politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier +Jahre die Chance eines voelligen Systemwechsels durch den Sieg der +Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen Aemter, die ganze +Beamtenschaft, vom Praesidenten bis zum Ofenheizer im Weissen Hause, an die +Anhaenger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Boss am besten +geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, dass bei solchem System Staat +und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte fuer noch +schlechtere einzutauschen, und dass die oeffentliche Moral dadurch +schaendlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen +wollen, dass die Vereinigten Staaten bisher noch immer tuechtige, zum +mindesten doch anstaendige Praesidenten gehabt haben, und dass in die +obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige +Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man +den hochentwickelten _common __sens_, den gesunden Menschenverstand der +fuehrenden angelsaechsischen Rasse in Betracht zieht. Der anstaendige +Geschaeftsmann und die hoeher gebildeten Klassen ueberhaupt kuemmern sich um +das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit +dem gluecklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die +tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch +die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, dass die Bosse irgend +etwas im Schilde fuehren, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die +Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der +Verfassung geht, so tun sich ein paar einflussreiche Leute von tadellosem +Leumund zusammen - die fuehrenden Deutschen sind immer bei dieser +Anstandspartei zu finden - und klaeren durch geeignete Massnahmen die Massen +der Waehler ueber den Unfug auf, der veruebt werden soll. Und siehe da: immer +gelingt es der Wucht der oeffentlichen Meinung, wenigstens die groebsten +Schandtaten zu verhindern, die unmoeglichsten Kandidaten beiseite zu +schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die +Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unuebertreffliches Werk +genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souveraene Volk durch +seine Erwaehlten in den Einzelstaaten machen laesst, werden fuer vorzueglich +gehalten. Das ewig verdrossene Noergeln an den Gesetzen und oeffentlichen +Einrichtungen, jenes hoechste Vergnuegen des deutschen Bierbankpolitikers, +kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fuegt sich sogar in +Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, dass anders die Ordnung nicht +aufrechterhalten werden kann. Im uebrigen aber tut doch jeder, was ihm +beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram +passen. Man weiss, dass die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den +Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man weiss, dass sogar die +Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter +zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den +schreiendsten Missstaenden schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben +laesst, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenraender beschmutzt +und daher den Pfuetzen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine +persoenliche Bewegungsfreiheit und seine geschaeftlichen Unternehmungen +nicht empfindlich stoeren, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und +goennt den zahlreichen Mitbuergern, die von den Maengeln dieser Gesetze +leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschaeftsleuten und +geistvollen Hochstaplern, ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten +Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Koenigen +der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums koennen ja ueberhaupt +die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst juengst wieder in dem +vorsichtig weitmaschig abgefassten Urteil des obersten Gerichtshofes in +Sachen des Oeltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz grossen Herren, in deren +Macht es steht, die Bundesarmee gegen missliebige Nachbarn mobil zu machen, +oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzaehlige Betriebe lahmzulegen, +Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureissen, mit denen +huetet sich natuerlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der +Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die +kleineren Machthaber irgendwie laestig, so versteht man ihnen selbst in dem +Falle beizukommen, dass die Behoerde gegen sie ihre Pflicht vernachlaessigt. + +(M24) + +Ein huebsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in +St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst +unertraeglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale +herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte fruehlingsheiter +vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt +einfuhr, verblasste ploetzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten +Fettfleck in einer Wand gleichmaessig grauen, schweflig riechenden Nebels, +der selbst die naechsten Gegenstaende nur in verschwommenen Umrissen +erscheinen liess. In den Haeusern herrschte eine erstickende, verbrauchte +Luft, weil man kein Fenster oeffnen konnte, ohne dass sofort eine dichte +Russschicht, wie von einer schwer blakenden Oellampe, sich auf alle +Gegenstaende im Zimmer legte. Wenn man ueber die Strasse ging, waren Kragen +und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einliess, so +schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll +von Entruestungsartikeln ueber diesen schmachvollen Zustand. Ueberall +erschollen laut die Stimmen der Sachverstaendigen mit Vorschlaegen zur +Beseitigung des Uebels. Man erinnerte sich ploetzlich wieder, dass es im +Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzuegliche gesetzliche +Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen +Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und aehnlichen +Massnahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer +hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu stuerzen wegen +dieser aergerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der +Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermassen guenstig +wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden +Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen +mussten, ihre Lungen genuegend mit Sauerstoff fuettern. Es musste wohl immer +noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute +Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmaessigen Umbauten zu +bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, dass ein +vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um +ein moeglichst grosses Damenpublikum fuer ihre Zwecke herbeizuziehen, +kuendigten sie mit gehoeriger Reklame ein Konzert meiner Frau an. +Vierzehnhundert Frauen und Maedchen aus den besten Kreisen wurden hierzu +zusammengetrommelt und nach Schluss der musikalischen Darbietungen ersuchte +die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich ueber +die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. Es war alles so gut +vorbereitet, dass in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine grosse +Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus +gewaehlt und die notwendigen Mittel zur Ausfuehrung des Planes gezeichnet +waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft uebernahm es +naemlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit +Weichkohlenfeuerung einzudringen und noetigenfalls Tag und Nacht Patrouille +zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Missachter der Gesetze +zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebuehrend bestraft und die +vorgeschriebenen Massnahmen gegen den Rauch tatsaechlich ausgefuehrt waren. +Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor +energischen Frauen kapituliert der Yankee immer. + +(M25) + +Die Zuversicht, dass aus allen Schwierigkeiten und Uebelstaenden, wenn auch +vielleicht erst im Moment der hoechsten Gefahr, und wenn sie bis zur +Unertraeglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die +Rettung kommen muss, erhaelt dem Volke seinen optimistischen Gleichmut. +Selbstverstaendlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor +Paragraphen oder Untertaenigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergraebt sogar +recht bedenklich die Disziplin, ohne die schliesslich keine Ordnung +irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und +Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege +bis zum Grabe von den Behoerden so ruecksichtsvoll eingezaeunt wird, kann man +sich drueben fast voellig sparen, da sie doch keine Beachtung finden wuerden; +aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, dass Vorsicht, Unterordnung, +Geduld und Ruecksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da uebt er sie +auch ohne Warnungstafeln und ohne Einschuechterung durch saebelfuchtelnde +Schutzleute aus. Dem Europaeer faellt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im +Strassenverkehr der Grossstaedte sehr angenehm auf; nie hoert man wild +aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedraenge; nie werden +Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit +einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Strassenkreuzungen den +kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung +ab, dass um 6 Uhr abends alle Geschaefte geschlossen werden. In den Strassen- +und Untergrundbahnen, in ueberfuellten Lokalen jeder Art macht jedermann +bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in +der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschaeftsschlusses war, so +waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, dass der +beruehmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da draengte sich auf +einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen +Schaukelpferd herein. Die Maenner auf der hinteren Plattform schufen der +Frau mit kraeftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins +Schwanken, man trampelte sich gegenseitig kraeftig auf den Zehen herum, die +hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stiessen einigen +Passagieren in die Baeuche oder gegen die Kniescheiben - und dennoch zeigte +sich niemand gekraenkt oder nervoes gereizt. Mit ein paar gutmuetigen +Scherzen ging man ueber die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns waere ein +Sturm der Entruestung losgebrochen. Auch der eiligste Geschaeftsmann wartet +geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und +niemals wird ein hoeher Gestellter versuchen, fuer sich Ausnahmemassregeln +durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der +oeffentlichen Hygiene werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem +vernuenftigen Menschen klar ist. + +(M26) + +Hoechst merkwuerdig ist die Art, wie der Yankee oeffentliche Fragen loest, die +anderwaerts der Polizei die allergroessten Schwierigkeiten machen und ueber +die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die +Koepfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee naemlich +einfach dadurch, dass er erklaert, sie existierten gar nicht. Der +Prostitution z. B. ist im Gesetze ueberhaupt nicht Erwaehnung getan, und in +den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Maennern nennt man +die Prostitution verschaemt "das soziale Uebel" (_the social evel_), aber in +der Oeffentlichkeit erwaehnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals, +weil die jungen Maedchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und +weil man annimmt, dass der Amerikaner ueberhaupt viel zu anstaendig sei, um +irgendwelcher heimlicher Notbehelfe fuer die Forderungen seines Trieblebens +zu beduerfen. Dessenungeachtet weiss selbstverstaendlich jeder erwachsene +Mensch, dass die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten, +auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer gross ist. Die Polizei hat dafuer +zu sorgen, dass die Oeffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat +also nicht nur die oeffentlichen Haeuser, sondern auch jede einzeln +flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die oeffentlichen +Gerichtshoefe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten +beschaeftigen muessten, so koennte es nicht ausbleiben, dass das Publikum auf +diese Dinge aufmerksam wuerde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze +des Totschweigens unverbruechlich treu blieben. Folglich duldet es die +Behoerde wissentlich, dass die Polizeiorgane sich von den Uebeltaeterinnen +dafuer bezahlen lassen, dass sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und dass +die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafuer +entrichten, dass sie sie vor Konflikten mit Behoerden bewahren. +Selbstverstaendlich erhalten solche Haeuser keine polizeilichen +Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien +Prostitution. In den Adressbuechern figurieren jene Damen als Ladnerinnen, +Naeherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhaeuser +werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevoelkert, +und zwar vornehmlich mit - wahlfaehigen Maennern! Man bedient sich zu diesem +Zweck der Namen laengst verzogener oder gar verstorbener Persoenlichkeiten. +Durch dieses schlaue Manoever waechst bei den Wahlen dem Boss fuer jede +Gefangene einer solchen Lasterstaette ein Wahlzettel fuer seine Partei zu. +Eine Folge dieser unerhoerten Heuchelei ist auch die, dass die Bestrebungen +des internationalen Vereins gegen den Maedchenhandel in den Vereinigten +Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschaefte, der +weisse Sklavenhandel, blueht im Gegenteil in den nordamerikanischen grossen +Hafenplaetzen wo moeglich noch ueppiger als in denen Suedamerikas. Die dunkeln +Ehrenmaenner, die sich mit diesem schmutzigen Geschaeft befassen, +ausschliesslich galizische, ungarische und rumaenische Juden, fuehren der +Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche +Summen zu. + +Es ist juengst ein Roman ueber diese Zustaende erschienen: "_The House of +Bondage, by Reginald Wright Kaufmann_". Es duerfte wohl das erstemal sein, +dass in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der +Dichtung eroertert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine +literarische Qualitaet anbetrifft, nicht entfernt mit Else Jerusalems "Der +heilige Scarabaeus" messen, und es ist bezeichnend, dass der mutige +Verfasser selbst mit dem groessten Eifer betont, er habe in diesem Werke +nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten +wollen. Im Anhang des Buches sind all die behoerdlichen Aktenstuecke +abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers +gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehoert, ob die Zeitungen +angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen +heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behoerden +zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die +niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbusse an ihren +Einkuenften erleiden wuerden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen +schoenen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, dass der junge +Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen +Einwanderern vertretenen Sprachen uebersetzen und in vielen Tausenden von +Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Toechter ja +hauptsaechlich gefaehrdet sind, verteilen liess. So kann wenigstens nicht +mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Maedchen dafuer verantwortlich +gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller +geraten. + +(M27) + +Fuer uns Europaeer ist es schwer begreiflich, dass in demselben Lande, in +welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte +in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den +Reportern sicher ist, aus Anstandsruecksichten in der gesamten Tagespresse +kein Wort ueber ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des +beruehmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben +hier den fuer uns ueberaus seltsamen Fall, dass selbst der indiskreteste und +von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der +Journalisten aus Patriotismus eine verblueffende Selbstverleugnung uebt. Die +verehrten Pilgervaeter schon haben das Dogma aufgestellt, dass in den +Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert +sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe +wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt, +der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen +oder auf einer einsamen Insel wohnen koenne, ohne menschliche Begierden zu +verspueren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht +sagt, dass seine smarten Geschaeftsleute die groessten Gauner der Welt seien; +aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller duerfen es nicht +wagen, einen Yankee als Verfuehrer der Unschuld hinzustellen. Die +schaerfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, muessen +dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem +Heimatlande unmoeglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses +starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, dass es im +Yankeelande eine pornographische Literatur ueberhaupt nicht gibt, dass die +schluepfrigen franzoesischen Schwaenke der Buehne ferngehalten und der Import +von pikanter Lektuere, Bildern und dergleichen hoechstens auf ganz +versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muss auch unbedingt zugegeben +werden, dass der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine +starke koerperliche Betaetigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen +ungesunder Reizungen durch schlechte Lektuere dem jungen Mann, zumal der +gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen +bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Masse vorhanden sein +duerfte. Es ist richtig, dass kein Yankee sich durch gewandtes Erzaehlen von +Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und dass man selbst in +intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluss des Alkohols schwerlich +jemals die Sauglocke laeuten hoert. Es ist auch richtig, dass ein junger Mann +von guter Familie, der ein junges Maedchen aus seinem Gesellschaftskreise +kompromittiert und sitzen laesst, der Aechtung seiner Standesgenossen +verfaellt - aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Ueberzeugung das +Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenueber unbedingt zur Nachahmung +empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu foerdern, +die den weniger vom Glueck beguenstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt, +und ausserdem die Poesie der Liebe schwer schaedigt. Wie in allen +gesellschaftlichen Fragen, so wird naemlich auch in bezug auf die Erotik +das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall +der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehoerigen +der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begueterte junge Mann, +der die groesste Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen +seines Kreises auch bei staerkster Versuchung nicht missbrauchen wuerde, +macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine +fesche Manikuere, Typewriterin oder sonst eine huebsche Angestellte aus dem +Geschaeft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in +seinem Kreise auch keineswegs uebelgenommen, wenn er nur von seiner +Liebschaft kein grosses Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein +Maedchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise +einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft, +die sich die beste zu nennen beliebt, dieselbe niedertraechtige Doppelmoral +wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brueder mit geschliffenen +Saebeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten, +aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glueck und der Ehre +anderer Maedchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung +ist vielleicht nur der, dass drueben der Ruf des verfluchten Schwerenoeters +dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und dass ein Maedchen +aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den hoeheren +geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der hoeheren Gesellschaft +aufgenommen zu werden, falls es sich nur _ladylike_ zu benehmen versteht; +dagegen faellt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die +Gefuehlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien +Liebesverhaeltnisses drueben herrscht. Der Yankee hat fuer die illegitime +Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache uebrig. Selbst der +Ausdruck _Sweetheart_ hat einen veraechtlichen Nebenklang bekommen. Die +amerikanische Moral bekreuzt sich entruestet vor dem "Verhaeltnis" des +Deutschen oder vor der "Collage" des franzoesischen Studenten. Die +amerikanische junge Dame wuerde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich +liebenden deutschen "Gretchens" oder der franzoesischen Grisette nicht nur +fuer _shocking_, sondern besonders fuer entsetzlich dumm halten; denn sie +ist gewohnt, moeglichst viel zu fordern und moeglichst wenig dafuer zu +gewaehren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstueck ist folglich die +poetische Verklaerung eines freien Liebesverhaeltnisses voellig unmoeglich. +Ein Autor, der dergleichen wagen wuerde, und sei er selbst ein Mann von +anerkannter Bedeutung, wuerde nicht nur den Absatz seines Buches schwer +schaedigen, sondern sich auch gesellschaftlich unmoeglich machen. Ob bei +dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu +entscheiden, sicher nur duenkt es mich, dass die Heiligkeit der Liebe viel +dabei verliert. Manche Aeusserungen dieser einseitigen +christlich-pfaeffischen Moralauffassung erscheinen uns Europaeern ja +geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glueck hat, +sein geraubtes Schaefchen ganz gut drueben ins Trockene bringen und unter +Umstaenden sogar sich wieder zu allen buergerlichen Ehren emporarbeiten; +landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muss er gewaertig +sein, dass er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu +heiraten, oder umgehend nach Europa zurueckzukehren. Auf jedem Ozeandampfer +wachen scharfe Yankeeaugen ueber dem Benehmen der paarweise Reisenden, und +wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann +sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu +werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen +Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem +die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenueber zu +bewahren, die den groessten Teil ihrer Jugend jetzt schon als +Begleiterscheinung der koerperlichen Reinlichkeit und der vernuenftigen +Erziehung auszeichnet, so duerfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen +der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber muessen wir +uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Ueberlegenheit mit einem +grossen Fragezeichen zu versehen. + + + + + + LIEBE UND EHE. + + +(M28) + +So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so +viele Geschaefts- und Familienbeziehungen die Voelker diesseits und jenseits +des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade ueber manche wichtige +grundlegende Verhaeltnisse die groebsten Missverstaendnisse. Was wissen wir +Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen +in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen +Milliardaerstoechtern und europaeischen Aristokraten, von Millionenerbinnen +oder Gattinnen von Industriekoenigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder +Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die +ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik ueber die Scheidungen in +den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen +Erscheinungen schliessen zu duerfen, dass die Yankees ueber die Heiligkeit der +Ehe aeusserst frivol denken und ihre Toechter nur als Ware, als Tauschobjekt +fuer gute gesellschaftliche und geschaeftliche Beziehungen betrachten +muessten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken +Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemaedchen +nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus +naechster Naehe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren, +der duerfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen +wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und +Gewohnheiten der paar Hundert Multimillionaere und denen der +ueberwaeltigenden Mehrheit des uebrigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte +nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu +offenbaren, dass Frauen desto ungluecklicher, unzufriedener und zu toerichten +Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte +Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft bestaetigt finden koennen, wie +irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionaers, die ganz in +gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen +Hetze von Vergnuegen zu Vergnuegen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von +bloss spielerischer bis zu wirklich angreifender Taetigkeit aufreibt, dabei +drei- bis viermal taeglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe +ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen ruecksichtslos +befriedigen kann, die muss natuerlich, falls sie nicht einen unverwuestlich +guten Kern besitzt, ihre Nervenueberreizung irgendwie buessen. Die tollen +Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur +Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerruetteten +koerperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken. +Ebenso begreiflich ist es, dass die Maenner jenes Kreises, sobald der +aufgehaeufte Dollarberg ihnen bis ueber die Nase steigt und sie zu ersticken +droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunaechst dazu +zu fuehren pflegen, dass sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsaetze +vergessen und mit ihrem Ueberfluss das einzige zu erreichen trachten, was +drueben fuer kein Geld zu haben ist, naemlich einen Abglanz feudaler +Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fuersten- und +Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen koennen, ohne sich laecherlich zu +machen, so kaufen sie diese schoenen Dinge ihren ehrgeizigen Toechtern und +fuettern ihre Eitelkeit mit dem Bewusstsein, mit dem aeltesten Adel Europas +wenigstens verschwaegert zu sein und als Grosspapas Prinzlein und Komtesslein +auf ihren Knien schaukeln zu duerfen. Und dennoch ist gerade fuer die +Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Maedchenschacher. +Man darf getrost behaupten, dass in keinem Lande der Welt den Toechtern eine +groessere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten +Staaten, und dass auch nirgends das Spekulieren der jungen Maenner mit einer +fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist naemlich durchaus nicht +Sitte, den Toechtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute +machen hiervon eine Ausnahme. In der ueberwaeltigenden Mehrzahl der +Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten +Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber +als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief +zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwaehlten seiner +Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine +faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich +behaglich raekeln duerften. Die jungen Leute moegen sich im stillen auf die +fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich +gefaelligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem +eignen Verdienst gestalten. Dieser hoechst vernuenftige und gesunde +Grundsatz fuehrt zu der selbstverstaendlichen Folge, dass drueben viel mehr +aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Ausserdem wird aber auch viel +frueher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine +fruehe Selbstaendigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die +Lebensverhaeltnisse heute wenigstens noch so sind, dass ein junger Mensch, +der etwas gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel frueher als bei uns zu +einem leidlich anstaendigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am +Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau +ernaehren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der +Haeuslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Maedchen suchen, das +auch in einem praktischen Beruf taetig ist und ein selbstaendiges Einkommen +daraus bezieht. Wer in der teuren Grossstadt noch nicht imstande waere, von +seinem Einkommen eine duerftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet +weit draussen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen +Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft +sich leisten kann. Die vernuenftige Erziehung, bei der die beiden +Geschlechter stets auf dem Fusse der Gleichberechtigung und der guten +Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus +den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und +keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und +schoenste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge +Europaeer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel +einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, dass, wie gesagt, ein +sehr grosser Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine +Existenz zu begruenden beginnt, wo er keinen menschenwuerdigen Ersatz fuer +die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schliesslich gibt es +in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen +Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein +eingefuehrte Sitte. Es gilt naemlich in der Yankeefamilie als ganz +selbstverstaendlich, dass der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie +selbstaendig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen +Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernuenftig ist, die +geschaeftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten +Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht fuer +gefuehlsroh zu halten, so erwaegt man im Familienrate in aller Gemuetsruhe, +wie viel jedes einzelne Kind im Verhaeltnis zu den Aufwendungen, die fuer +seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den +Eltern zurueck zu erstatten habe. Man hoert selten davon, dass sich ein uebel +geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel +weniger davon, dass die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und +erwachsenen Kindern unter solcher Geschaeftspraxis leide. Die Eltern +spannen vielmehr ihre Kraefte aufs aeusserste an, um ihren Kindern eine +moeglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, dass sich das +aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden +durch diese geheiligte Sitte von frueh an in ihrem Pflichtbewusstsein und in +ihrer selbstlosen Schaetzung des Familienlebens gestaerkt. Waehrend also +unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten +Selbstsuechtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern +noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um +den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen +geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon +bedenklich muerbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und +Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Maennermaterial +fuer den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantitaet auf +Lager zu haben. Von nicht zu unterschaetzender Bedeutung duenkt mich auch +der Umstand, dass die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie +kennt, indem naemlich das Fuerwort _thou_, also das eigentliche du, nur noch +in der Poesie und im Gebet angewendet wird, waehrend _you_ - gleich Ihr - +schon seit Jahrhunderten ausschliesslich als Anrede bei Hoch und Niedrig in +den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es faellt +also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das +foermliche Sie bei uns errichtet, und der Uebergang zwischen einer blossen +guten Bekanntschaft in hoeflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe +markiert sich aeusserlich gar nicht. Die jungen Maenner und Maedchen, die +durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr +der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fuss gekommen +sind, behalten uebrigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen, +bis ins heiratsfaehige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von +jungen Maedchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fusse stehen; +ein junges Maedchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater, +morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, uebermorgen von ihrem +Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne dass die ganze Freundschaft, +Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darueber die Koepfe +zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen +zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer +ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu +leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art, +wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschaeftigung, den Flirt, ausuebt, +wenig erbaut sein. Deutsche junge Maedchen, die schon als Erwachsene +hinueber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese Verhaeltnisse wenig +nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und +darin rasche Fortschritte machen, so aergert es sie doch, dass sie nie +wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Maennern eigentlich daran +sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und +einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht, +als bei uns. Der junge Amerikaner der hoeheren Schichten kann jahrelang +ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Toechtern seines Kreises +unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz ueberraschend +irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht gross darueber +wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und +ihn urploetzlich mit der Frage ueberrascht: "Was meinst du, Jim, wir koennten +doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?" Der jungen Amerikanerin +geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Maedchen ab, als ob der +freie Verkehr mit jungen Maennern zu einer Ueberrumpelung in einer schwuelen +Stunde fuehren koennte, denn sie weiss ganz genau, dass der junge Mann, der +einen solchen Vertrauensbruch begehen wuerde, der lebenslangen Aechtung in +seinem Kreise verfallen wuerde. Sie weiss ebenso genau, dass ihr Freund, +falls sein Temperament ihm keine Ruhe laesst, aussereheliche Freuden bei den +leichten Maedchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens +auch nicht besonders uebel nehmen. Aus solchen Anschauungen und +Gewohnheiten erklaert es sich, dass in den Vereinigten Staaten der Typus Don +Juan, der kecke Herzensbrecher, gefaehrliche Schwerenoeter und verfluchte +Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Maennlichkeit darstellt, weder +dem Geschmack der Maenner, noch dem der Frauen nach, sondern dass dieses +Ideal vielmehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschuetzer weiblicher +Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schoenen +laechelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie +der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, faellt durch solche +Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen +Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos +sich hingebende und schwaermerisch sich aufopfernde junge Maedchen wuerde +nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine +dumme Gans sein. Und dem maennischen Mann, dem ruecksichtslosen Eroberer, +dem Schrecken und der suessen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, wuerde +einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden. +Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch +gar nicht vor. "Das suesse Maedel", wie Schnitzler und ich es novellistisch +verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertuer der Uebersetzung keinen +Einlass in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman "Das dritte +Geschlecht" liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische +Uebersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin +gepredigte Philosophie der Liebe _shocking_ ist. Ueberaus lehrreich war fuer +mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama "_The easiest way_" +(der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter, +der drueben als ein kuehner Pfadfinder gilt. Das freie Verhaeltnis eines +reichen Geschaeftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt +der Handlung. Das Maedchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der buergerlichen +Anstaendigkeit und dem behoerdlich approbierten heiligen Ehestand. Der +Verfasser jedoch scheint es als selbstverstaendlich anzusehen, dass solche +gefallenen Maedchen niemals die Kraft finden koennen, einem faulen, eiteln +Genussleben zu entsagen. Er laesst ihren Aushaelter mit seiner trotz aller +Grossmut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Maedchen im +Sumpf zu Grunde gehen. Fuer amerikanische Begriffe war es, wie gesagt, +schon eine ungeheure Kuehnheit, solch ein illegitimes Verhaeltnis ueberhaupt +auf die Buehne zu bringen. Ertraeglich wurde diese Kuehnheit fuer das +Theaterpublikum drueben nur durch den moralischen Standpunkt, den der +Verfasser einnahm. Sein grausamer Schluss entsetzte freilich die zarten +Gemueter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die +verlogene Sentimentalitaet einer Kameliendame, als der aus Mitleid und +tiefem Verstaendnis fuer alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der +modernen europaeischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so +spaehen wir Deutsche auch in der Oeffentlichkeit vergebens nach den uns +vertrauten Aeusserungen der Verliebtheit. Liebespaerchen, welche in dunkeln +Ecken von Biergaerten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem +Glase trinken, von einem Butterbrot abbeissen, oder etwa gar im +Eisenbahncoupe wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich +fortwaehrend zaertlich taetscheln und heimlich druecken, duerften wohl drueben +zu den Unmoeglichkeiten gehoeren. Kaum dass man einmal auf den Bahnhoefen +Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich kuessen sieht. Ob deswegen die +Amerikanerin weniger zaertlich oder gar feurig sei, als europaeische Frauen, +wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin +verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhaeltnis mit +einer solchen gehabt. + +(M29) + +Der Sinn fuer Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs +gaenzlich ab, was man daraus erkennen kann, dass abenteuerliche Entfuehrungen +viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber +freilich, was will eine Entfuehrung in dem Lande der Freiheit gross +bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg +freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat beduerfen die Toechter in den meisten +Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht, +einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge +Maedchen heiraten bloss, weil ihnen das Entfuehrtwerden so viel Spass macht. +Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und +sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern praesentieren kann. Man +braucht bekanntlich drueben nicht drei Wochen zu haengen oder in der Kirche +aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zustaendigen +Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald +man beschwoert, dass keine gesetzlichen Hinderungsgruende vorliegen. Mit +diesem Schein geht man zum naechsten besten Pastor und laesst sich auf der +Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben. +Gluecklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen. +Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten +sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem +Staate auf Schwierigkeiten stoesst, der verfuegt sich eben in einen +weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert hoechstens, dass er sich +dort einige Zeit aufhalten muss, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze +geniessen darf. Es koennte wunder nehmen, dass dieselben Yankees, die +vielfach noch sehr puritanisch streng ueber die Ehe denken, die Scheidung +so ueberaus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, dass hier, +wie so oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen +hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhaeltnisse des +jungen Landes beguenstigen das fruehe Heiraten; da nun aber ein despotisches +Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundsaetze +ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die +Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus +noch nicht faehig sind, sich ueber ihre eigenen sittlichen Kraefte, noch ueber +die Kaempfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen +Lebensverhaeltnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich +folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Waere +nun diesen ungluecklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmoeglich +gemacht oder auch nur betraechtlich erschwert, so wuerde bald das ganze Land +ueberschwemmt sein von veraergerten, zaehneknirschenden, entmutigten +Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten +wuerden. So aber weiss jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich +groeblich getaeuscht, nun dann ist's auch weiter nicht schlimm; eine +Scheidung kostet nicht den Kopf, und das naechste Mal kann ich es ja besser +treffen. Selbstverstaendlich wird die leichte Scheidungsmoeglichkeit aus +blosser Veraenderungssucht viel missbraucht werden, aber sicherlich nicht so +viel, wie aengstliche Gemueter sich vorstellen moegen, denn die liebe +Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu baendigen. Das +Anstands- und Gerechtigkeitsgefuehl des Mannes, besonders bei einer +allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und +zur Haeuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umstaenden einen starken +Schutzwall wider den ruecksichtslosen Leichtsinn auf. Uebrigens ist die +Gefahr der ungluecklichen Ehen auch schon dadurch herabgemindert, dass die +ganze Yankeerasse nuechterner denkt als wir und sich daher ueber Liebe und +Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist ueberhaupt dieses Volkes +Sache nicht, es wird daher um so staerker von der Tradition beherrscht, ist +auch von den Einfluessen der Erziehung, der Schule abhaengiger und darum in +seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemuet als wir. Durch +diese Gleichartigkeit faellt von vornherein der bei uns haeufigste Grund der +Ehestoerung fort. Hyperaesthetische, dekadente Maenner oder verzwickte +Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele +schwierigster Ehegesponse herumlaufen, duerfte man drueben nur sehr selten +antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann fuer die +Frau bequemer als der deutsche. Er fuehlt sich durch ihre nach unseren +Begriffen oft unverschaemten Ansprueche nicht weiter gekraenkt, weil ihm die +Verehrung fuer das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es duenkt +ihm ganz in der Ordnung, dass einer fuer das Vergnuegen, mit einer huebschen +und eleganten Frau prahlen zu duerfen, einen gehoerigen Preis zahlen, d. h. +bis an sein Lebensende sich maechtig anstrengen muss. Wie der Mann das viele +Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgueltig, denn fuer ihr +gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder +mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider +Industriekapitaen, Beamter, Anwalt, Arzt oder Kuenstler ist. Der +gesellschaftliche Rang des Gatten haengt vielmehr davon ab, ob er einer +mehr oder minder alten Familie angehoert, die schon lange Wohlstand und +Ansehen geniesst, oder ob er ein Emporkoemmling ist, von dem man in der +guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiss. Eine gescheite und reizvolle +Frau kann die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes wesentlich +verbessern, indem sie mit Kreisen in Fuehlung kommt, die ueber denen stehen, +aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie haelt es darum auch fuer ihre +vornehmste Pflicht, sich ihre Schoenheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu +machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche +gesellschaftlich geschickten Frauen gemuetlos und geistig beschraenkt sind, +dann koennen sie natuerlich auch den geduldigsten Mann durch ihre toerichten +Ansprueche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug +genug, sich gerade dann, wenn sie die aergsten Zumutungen an seinen +Geldbeutel und seine Geduld stellen, die groesste Muehe zu geben, ihn bei +guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eifersuechtige, keifende, den +Hausschluessel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den "Fliegenden +Blaettern" wird man drueben nicht oft finden; dagegen ist die putzsuechtige, +mit dem Scheckbuch des Gatten taeglich die Warenhaeuser heimsuchende und +ihre Zeit in nichtigen Vergnuegungen und spielerischer Vereinstaetigkeit +verzettelnde Hausfrau sicher noch haeufiger zu finden als bei uns. Es waere +aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die +Faehigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man +hoert sogar nicht selten von jungen Maedchen aus wohlhabenden Familien, die +mit ihrem Erwaehlten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter +rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die +Amerikanerin in beschraenkten Verhaeltnissen beinahe so gut wie die +Franzoesin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut +anzuziehen und ihren Koerper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die +Frau, die nur unter furchtbarem Getoese die Haushaltungsmaschine in Gang zu +halten versteht, immer seufzt und stoehnt, nie angezogen ist, und, sobald +sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr Aeusseres, ihre kleinen Talente und +ihren Bildungstrieb vernachlaessigt, die soll drueben angeblich nicht +existieren - auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist +eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten wuerde, und ihre +Toechter spielen Klavier und besuchen die hoeheren Schulen. Die arbeitende +Frau des Mittelstandes mag zwar nuechtern und uninteressant sein, aber sie +teilt doch meistens die gluecklichste Eigenschaft ihrer Rasse, naemlich die +leichte Anpassungsfaehigkeit an die verschiedenen Gluecksumstaende. Es wird +nicht oft vorkommen, dass eine Frau ihren Mann, wenn er ploetzlich zu grossem +Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch +schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren +sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen +Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschoepfen +noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu +Freiwild fuer die illegitimen Begierden der Maenner bestimmt hat. Einige +gefaellige Amerikaner veranstalteten zum Vergnuegen des Gefolges unseres +Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime +Abendgesellschaft - fuer jeden der Herren war ein gefaelliges Chorusgirl +eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Maedchen war so +anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, dass die Herren glaubten, +einer Einladung in ein feines Toechterpensionat gefolgt zu sein und gar +nicht genug Ruehmens von dieser liebenswuerdig kaschierten Frivolitaet machen +konnten. + +(M30) + +Man mag diese unzweifelhaften Vorzuege als Aeusserlichkeiten gering +einschaetzen und ihnen gegenueber die Gemuetstiefe, die Pflichttreue, die +enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Muetterlichkeit der deutschen +Frau als das Groessere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die +Liebesfaehigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht +leugnen, dass durch Gesetz, Sitte und Herkommen fuer den heiligen Ehestand +drueben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem +Zweifel unterliegen, dass die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke +das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt. + + + + + + DIE DIENSTBOTENFRAGE. + + +(M31) + +Es war in Philadelphia. Mir gegenueber im zweiten Stockwerk eines netten, +epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen +beschaeftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Fluegelfenster, sondern +ausschliesslich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein +behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer +rasch vorueber brausenden Strassensensation fast unmoeglich machen. Denn die +Fenster sind fast durchweg so niedrig ueber dem Fussboden angebracht, dass +die bewegliche untere Haelfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur +Brusthoehe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so muss man, um nicht +etwa das Uebergewicht zu verlieren und kopfueber hinauszupurzeln, schon auf +den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem +schlechten Funktionieren der Sperrfedern gekoepft zu werden, unter die +glaeserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem +Fensterbrett gemuetlich gemacht; das eine Bein hing auf die Strasse hinaus, +obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Waehrend er +sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedaechtig auf +dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale +Seitenstrasse hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein +Eckhaus). Da doch vorlaeufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er +sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwaerts. Er +dachte offenbar angestrengt ueber das Problem nach, wie er wohl, ohne sein +kostbares Leben zu gefaehrden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem +Oberkoerper rueckwaerts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen +in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von aussen reinigen +koennte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstueckchen sich nicht aufgelegt +fuehlte, so schuettelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er +mit ausgestreckter Hand ueber sich emporreichen koennte. Die Fingerspitzen +langten nur gerade ein weniges ueber die mittlere Rahmenleiste hinaus; das +genuegte ihm aber vorlaeufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am +aeusseren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf +erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des +hinaufgeschobenen Fensters. Er liess sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne +deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere +Scheibe seiner Meinung nach genuegend sauber war, nahm er wieder auf dem +Fensterbrett Platz und liess sein linkes Bein, dessen zierliches +Plattfuesschen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins +Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untaetig vor sich hingetraeumt +hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhaelfte +herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von aussen zu bearbeiten. Es dauerte +sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen, +und als er es endlich gluecklich los hatte und nun versuchte, die schwere +Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu stuetzen, dass ein genuegend grosser +Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er +alsbald, dass er sich dadurch in eine hoechst unbequeme Lage begeben und +besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also +stoehnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich mit dem +Aermel ueber den Schaedel und fletschte zornig sein anmutiges "G'friess" gegen +die Scheibe hinauf - gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der +Kommode boese sind, an der sie sich gestossen haben. Ploetzlich verklaerte +sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne liess sich +Militaermusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde +ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie moeglich und +spaehte die breite Hauptstrasse hinunter. Etwas ganz besonders +Herzerhebendes musste da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in +die Haende und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreissend, die +lachenden Zaehne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster +hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den +seltenen Anblick eines militaerischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen. +Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz +spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine +uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger +Parademarsch, inszeniert von einem politischen Boss und ausgefuehrt von +einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner +gesetzten Alters, wohl genaehrt, sauber und glatt rasiert, alle mit den +gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hueten und +denselben Bambusstoecken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre +aufrecht an die Schulter gedrueckt trugen, wie ehemals unser Militaer bei +dem Griff "fasst das Gewehr an". Ein gerade zu Besuch anwesender +Eingeborener erklaerte mir, dass die Parteikasse die Ausruestung an +Gamaschen, Schlipsen, Hueten und Spazierstoecken stelle und diese +oeffentlichen Umzuege ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener +Mitbuerger von Zeit zu Zeit veranstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie +gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhoert +fetter schwarzer Schutzmann, der an der Strassenkreuzung postiert war, +fuehrte vor Vergnuegen ueber diesen gelungenen Aufzug einen veritablen +Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster +putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergnuegen ueber solchen grotesken Anblick +und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd +zwischen den Schenkeln haette. Offenbar gehoerten der cancanierende +Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der +Demonstranten an und fuehlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer +Vertrauensmaenner in ihren patriotischen Gefuehlen angenehm gekitzelt. - Bis +der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverstaendlich +der farbige Juengling gegenueber nicht daran, sein Fenster wieder +vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und +hielt es nachdenklich in der Hand, waehrend seine schwarzen Sammetaugen +sich bekuemmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine +Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Ploetzlich kam wieder +Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf +ueber die Schulter und aeugte hoechst gespannt die Avenue hinauf. - +Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt, +paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre +mit Nickelknoepfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren +waren auf dem Wege zum Oberbuergermeister, um feierlich bei ihm vorstellig +zu werden, dass er die fromme Quaekerstadt beschuetzen moege vor dem +Satansgreuel der Salome von Richard Strauss, deren Auffuehrung in +Philadelphia eine fremde Operntruppe angekuendigt hatte. Es waere eigentlich +passend gewesen, dass der fette schwarze Schutzmann an der Strassenkreuzung +bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgefuehrt haette. Aber +er schien zu Richard Strauss und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen +zu haben, denn er liess die Parade ohne sichtliche Gemuetsbewegung +vorueberziehen und sorgte nur dafuer, den Wagenverkehr derweil zu baendigen. +- Mein Fensterputzer stierte bloed der schwarzen Prozession nach, bis sie +um die Ecke verschwunden war; dann fuehrte er mit seinem kalt gewordenen +Spielbein einige Freiuebungen aus und war eben dabei, tatsaechlich seinen +Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer +fluechtigen Waesche von aussen zu wagen, als es vom naechsten Kirchturm zwoelf +schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein ueber das Fensterbrett und +der schwarze Juengling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, dass +er am naechsten Ersten um eine Lohnerhoehung eingekommen ist. + +(M32) + +Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers duerfte einigermassen typisch +sein fuer den Eifer, mit dem haeusliche Dienstleistungen in den Vereinigten +Staaten verrichtet werden. Gewiss arbeitet ein frisch von Europa +eingewandertes Hausmaedchen fleissiger und gruendlicher, dafuer ist es aber +auch sehr viel anmassender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der +Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er +ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller +Fragen, nicht nur fuer die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die +ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen _Butler_ +(Haushofmeister), einen franzoesischen _Valet de chambre_, einen +italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassischer +Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche +irische Maedchen. Fuer Geld, d. h. fuer sehr viel Geld ist natuerlich auch +eine aristokratisch luxurioese, gut gedrillte Dienerschaft in den +Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem +Vermoegen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von +Regierungspraesidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten +Schriftsteller besitzen, koennen sich eine perfekte Koechin und noch ein +tuechtiges Stubenmaedchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Koechin, die +etwas Essbares zu kochen imstande ist, duerfte unter 100 Mk. Monatslohn +nicht zu haben sein, und 10 Dollars muss man sogar fuer einen frisch +importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits +ein paar Monate im Lande, so dass sie sowohl von der Sprache wie von dem +Wesen ihrer staatsbuergerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie +mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche +genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, dass sie +ausser dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuraeumen +haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das _Parlor_ (Wohnzimmer) +bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und +selbstverstaendlich ohne Kuendigung abziehen duerfen, sobald es ihnen +beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese +Damen grundsaetzlich nicht, dazu muessen extra Nigger, Chinesen, Polacken +oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau +irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder +landesueblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Fraeulein +achselzuckend: "_That's not my business, Ma'm_" - und fertig. Ein Maedchen, +das fuer die Kueche angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem +Hausherrn einen Knopf annaehen; und ein Hausmaedchen wird sich auch im Falle +der hoechsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Toepfchen zu +setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu +putzen, waere ungefaehr gleichbedeutend mit schwerer koerperlicher +Misshandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann +geheiratet hatte, erzaehlte mir, dass sie, um den Schwierigkeiten der +Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhaengliche +Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war. +Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbuerste vor die Fuesse +geworfen und erklaert, dass sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche +entwuerdigende Zumutung noch laenger gestellt wuerde. An einer +Frauenuniversitaet, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das +einzige fuer maennliche Gaeste reservierte Zimmer zum Uebernachten angewiesen, +in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur +Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schoen poliertes +Mahagonikaestchen, und als ich es neugierig oeffnete, fand ich darin ein +komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof musste sich also auch hoechst +eigenhaendig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversitaet +natuerlich keinen oeffentlichen Wichsier gab. Dass gerade gegen die +ehrenhafte Betaetigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht, +ist um so merkwuerdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst +durchaus nicht fuer unter seiner Wuerde haelt, seine Karriere als Inhaber +eines Strassenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen +Multimillionaere in diesem Geschaeft den Grundstock ihres Vermoegens legten! + +(M33) + +Deutsche Dienstmaedchen gibt es schon lange kaum mehr; die meisten der +Damen, die so anfingen, fahren heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn +wenn sie auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten und +einigermassen nett anzusehen waren, wurden sie mit Wonne von besser +situierten Landsleuten geheiratet. Auch die einstmals als Hausmaedchen +besonders beliebten Irinnen trifft man heute hoechstens noch in sehr +vornehmen Hotels in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer +sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 7 $, also gegen 30 +Mk. pro Tag! Selbstverstaendlich denken seine Toechter nicht daran, in +Dienst zu gehen, auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und +gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwaertig sind Ungarinnen +besonders gefragt, und wer eine solche dralle, hochgestiefelte Pusstadirne +nicht erschwingen kann, der nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin +oder dergleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen Aerger und der ewigen Angst, +ob er morgen noch auf die Unterstuetzung seiner Perle zu rechnen oder +abermals den Gang aufs Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner +Konstitution nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfuehlig ist, um +Menschen seinesgleichen, freie Mitbuerger in unwuerdiger Abhaengigkeit zu +erhalten, der verzichtet ueberhaupt auf haeusliche Dienstboten. Und zu +diesen vernuenftigen Leuten gehoeren fast alle Maenner, die das Glueck hatten, +eine Frau zu erwischen, die von Kueche und Haushalt etwas versteht, und der +eine rege Betaetigung im eignen Heim mehr Freude macht, als das fade +Gesellschaftsleben und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnuegen zu +Vergnuegen. + +(M34) + +An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine +der reizenden laendlichen Universitaeten des Nordens eine meiner neuen +Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein +hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreissigern, der in einen +hoechst eleganten Sealskinpelz gehuellt, einen glaenzend gebuegelten +Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder +Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zaehnen - einen eleganten +Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse fuer seinen +gluecklicherweise schlummernden Sproessling heuchelnd, begruesste ich den Herrn +Professor. Er mochte mir wohl anmerken, dass mir begriffsstutzigen Europaeer +seine vaeterliche Betaetigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und +erklaerte mir aus freien Stuecken den Zusammenhang. "_Look here_", sagte er, +"wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines +Einkommen; wir koennen uns keine Dienstboten halten - ausserdem ziehen wir +es vor, in unserer zaertlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und +wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darueber zerbrechen, wie wir aus +unserer Mary oder Jane die groesstmoegliche Arbeitsleistung herausziehen +koennten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbuergerin zu nahe zu treten. Wir +haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die +groeblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die +Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausraeumt und die Muellkasten vor +die Tuer stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute frueh +z. B. habe ich zunaechst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung +geschuert und Kohlen nachgefuellt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine +Frau nicht ganz wohl ist, und das Fruehstueck fuer uns beide hergerichtet. +Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer +Haustuer und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in +einen Gentleman verwandelt. Da es darueber fuer die Kirche zu spaet geworden +war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines +vorlaeufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu +verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Kueche, und wenn +meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im +Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbuechse gewaermt +habe. Vor dem Schlafengehen schuette ich dann noch einmal im Keller Kohlen +auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die +Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren." + +"Sehr schoen," sagte ich in ehrlicher Anerkennung. "Aber das nimmt Ihnen +doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun frueh morgens eine Vorlesung +haben, was machen Sie dann?" + +"_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde frueher auf," lachte er vergnuegt, +"und gehe abends eine Stunde frueher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich +habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist, +kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am +Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten +ueberhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch +nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon +einmal 50 Leute eingeladen gehabt." + +"Nicht moeglich! Wie haben Sie denn das angestellt?" + +"O, sehr einfach. Wir besitzen Service fuer 12 Personen, also waren wir 12 +Personen zum Lunch. Natuerlich haben wir kein Esszimmer, in dem 12 Personen +bei Tische sitzen koennten, es musste sich also jeder setzen, wo er gerade +Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein +Besteck, und darauf wurden die Schuesseln, eine nach der anderen, +herumgereicht - alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht +es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natuerlich hatten wir dabei +Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Maedchen, sondern zwei meiner Studentinnen; +die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann +die uebrigen 38 Personen - die wurden aber nur mit geistigen Genuessen +traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen +Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige +Floetensolos. Ausserdem konnten wir sogar noch mit der beruehmtesten +Schoenheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise +befand, aufwarten!" - - + +Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernuenftigen +Amerikaner von aehnlicher gesellschaftlicher Position und Vermoegenslage. +Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversitaet zu einem intimen +Diner geladen. Waehrend des Essens stiess mich meine Frau unter dem Tisch +mit dem Fusse und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die +bedienende Maid, die in ihrem weissen Kleid, mit dem weissen getollten +Haeubchen auf dem ueppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswuerdigkeit +darstellte. Wir drueckten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies +durch warnendes Raeuspern abgelehnt wurde, auf Franzoesisch, dann auf +Italienisch unsere Bewunderung fuer dieses nicht nur ungewoehnlich huebsche, +sondern auch ungewoehnlich intelligent aussehende Hausmaedchen aus. Da aber +fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schoene Blondine bekam +einen roten Kopf und hastete in groesster Verlegenheit hinaus. Und nun wurde +uns anvertraut, dass dieses reizende Servierfraeulein eine junge akademische +Kollegin von Fraeulein Professor sei, naemlich - die Privatdozentin fuer +Sanskrit! + +(M35) + +Das Merkwuerdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der +Umstand sein, dass es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen fuer +Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr huebsch sind, als vielmehr, +dass in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die +gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der +liebenswuerdigsten Weise gegenseitig in ihren haeuslichen Schwierigkeiten +aushelfen, waehrend gerade die untersten, auf koerperliche Arbeit +angewiesenen Staende die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande +anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch +entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Ruecksicht wie die +rohen Eier behandelt werden muessen, damit sie nicht gleich wieder +fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei +uns wohl ueberhaupt nicht geben duerfte, ziehen doch die Maedchen die +unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und +Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor. +Gehorchen zu sollen ist eben fuer den Amerikaner die furchtbarste Zumutung, +die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut noetig +hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurueckgelegt hat, sucht er sich +selbstaendig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes, +der auf der Strasse Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft, +fuehlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten +haeuslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen +hat. Es kommt noch dazu, dass dem Buerger der Neuen Welt nicht nur jedes +Gefuehl fuer die Schoenheit und Wuerde des sich Einfuegens in ein +patriarchalisches Abhaengigkeitsverhaeltnis von Herr und Knecht, von Meister +und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu +dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder fuer das einer bei uns +erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drueben alle Spieler und +Gluecksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade +bietet, und treiben es nur so lange - _until a better job turns up_ -, bis +sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drueben fuehlt sich +einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in +den weissen Anzug eines New Yorker Strassenkehrers stecken lassen muesste, so +zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, dass er berufen sein +koennte, uebers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in +Oklahama zu sein und auf der Hoehe seines Lebens in den Senatspalast von +Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem +Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich +nicht sicher, ob er nicht uebers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder +Truthaehne en gros zuechtet. Daher kommt es, dass auf dem Gebiete der +persoenlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine +fachmaennische Tuechtigkeit und Zuverlaessigkeit existiert. In Madison +(Wisconsin) liess ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch +einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, dass der +neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn +eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkaeufer in einer +geraeucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine +Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff loeten lassen. Man schickte mich +von Pontius zu Pilatus ueber fuenf Instanzen hinweg; endlich, in einer +Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten +und Hin- und Herreden ueber Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu +ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach +ein paar Minuten meinen Stock zurueck. Der aeusserst geschickte +Silberarbeiter hatte das losgeloeste Monogramm allerdings mit dem Loetrohr +befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und +als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, musste ich die +Entdeckung machen, dass das Monogramm endgueltig verloren war, nachdem es 14 +Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt +sich eben in diesem grossen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit +der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht +gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwuerde so ueberaus hoch +einschaetzt, dass er die Handarbeit und gar das persoenliche Dienstverhaeltnis +verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das aeusserste +an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu +lassen und die unumgaenglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil +die Dienstboten so rar, so teuer und so ueberaus bequem sind, lieben sie +z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast +ausschliesslich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar +nicht schneiden kann, die dafuer aber auch durch einfaches Durchziehen +durch heisses Wasser und Abtrocknen zu saeubern sind. Da es nun aber Messer +mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverstaendlich auch +keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Gefluegel macht man durch +Zerreissen zwischen Gabel und Messer einigermassen mundgerecht. Im +allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer +breifoermigen Gestalt her, sodass sie nur einfach in den aufgesperrten +Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel +kostbare Zeit. + +Vorlaeufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen, +suedeuropaeischen und westasiatischen Voelkerschaften statt. So lange diesen +noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer +Bedeutung als selbstherrliche Buerger der glorreichsten Republik der Welt +nicht bewusst sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus +angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmaedchen und dergl. her. Aber, +wie gesagt, immer nur bis der bessere "Job" auftaucht, dann gesellen sie +sich alsbald der stolzen Klasse der selbstaendigen Unternehmer zu. Wenn nun +aber einmal das Land voll ist, so dass es seine Tore vor den Einwanderern +zusperren muss - wer soll dann all die haeusliche und sonstige, niemals +voellig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese +kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew +D. White, dem frueheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich +seinen schoenen weissen Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt +laechelnd zur Antwort: "Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten. +Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder +so. Warum sollen wir uns die Koepfe unserer Enkel zerbrechen?" + +(M36) + +Hm! allerdings - man hat schon Bronzemesser eingefuehrt und auf Braten +verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein +abends selber aufdecken muss, auch morgens selber machen; man kann auch +seine Frau hinten zuknoepfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden, +aber man kann schliesslich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen, +Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gaenzlich und unter allen +Umstaenden verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch +wenigstens unter gewissen Verhaeltnissen die Hilfe von Leuten voraus, die +nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu +besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst +einmal selbstaendige Unternehmer geworden sind? + +Ich muss gestehen, mein beschraenktes Europaeergehirn ist, so oft es ueber +diese Frage nachgedacht hat, schliesslich immer wieder zu demselben Schluss +gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die +Sklaverei mindestens 100 Jahre zu frueh aufgehoben!_ + + + + + + DIE KOCHKUNST DER YANKEES. + + +Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Koechinnen beschaeftigt habe, +duerfte es angebracht sein, im Anschluss ein wenig in die amerikanische +Kueche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, dass der Weg zum +Herzen des Mannes durch den Magen fuehre, duerfte es noch sehr lange dauern, +bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Maennerwelt einer +auch nur annaehernd aehnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder +die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten +Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die grosse +Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger +Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern. +Wie lange ist es denn ueberhaupt her, dass sich die Besiedler der neuen Welt +des Segens sicherer behaglicher Haeuslichkeit erfreuen? Viele der jetzt +ueppig bluehenden Grossstaedte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz +wenige ueber ein Jahrhundert alt. Der wuesten Raubbau treibende +angelsaechsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem +Blockhause hauste, briet sich ueber dem offenen Feuer am Spiess seinen +Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien +irgend etwas zurecht, was einer geniessbaren Speise vielleicht entfernt +aehnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung +sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermassen vertrauen Frauen - +unter den Britinnen sind sie nicht besonders haeufig - eine Maennerwelt vor, +die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in +neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende +Abnehmer fuer alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch +bewaehrte Meister der Kochkunst ueber den Ozean zu ziehen; aber die traten +selbstverstaendlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten +Restaurants und der Milliardaere ein und konnten folglich nicht fuer die +breite Masse des maessig begueterten Buergertums erziehlich wirken. Die +amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im +Vergleich zu ihrer barbarischen Kueche natuerlich die Speisekarte der +Kulturvoelker lauter ueberraschende Offenbarungen bietet. + +(M37) + +Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in +Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Kueche. Das +Haupterfordernis der Essbarkeit ist fuer den Yankee die Suesse. Alles, was suess +ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz +groesster Muehe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein +Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen waere. +So ist Suessigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf +entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Fruehstueck geht der Genuss von +Fruechten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge +von Streuzucker mit dem Loeffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt: +das Fruchtessen vor dem Fruehstueck ist die einzige nationale Speisesitte, +die ich Europaeern zur Nachahmung empfehlen moechte. Die wundervoll saftige +Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist hoechst erfrischend und +bekoemmlich.) In einem ueppigeren Haushalt ist schon der Fruehstueckstisch +reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak, +Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art +werden von den Maennern bevorzugt, waehrend die Frauen und Kinder eine grosse +Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfuegung +haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz: +alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Gruetze, +Graupen, Flocken, Faeden oder papierduennen Schnipfeln, roh, gekocht oder +geroestet und werden groesstenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angeruehrt. +Duenne Eierkuchen werden mit uebersuessen Fruchtsaeften uebergossen, und der +Toast sowie die meist gleichfalls suessen Semmeln mit Fruchtgelees und +Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe fuer den Genuss von Suessigkeiten von +Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder +oder auf die wohlhabenden Klassen beschraenkt, sondern sie ist ganz +offenbar eine nationale Raserei. + +Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafes im Wienerischen Sinne. Als +ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift +"Coffeehouse" erblickte, stuermte ich begeistert in das Lokal. Es war eine +grosse reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und +Stuehle, nur den Waenden entlang zogen sich Holzbaenke, die durch +Zwischenwaende in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen +trennenden Seitenwaenden waren genuegend breite, rund geschnittene Bretter +angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu koennen. Am +Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die +herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke +vernickelte Samovars fuer Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen +Kaffeehauses bestand aber ausschliesslich aus Droschkenkutschern, +Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat +das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anstaendig, und den ganz +vorzueglichen und fuer New-Yorker Verhaeltnisse sehr billigen Schaum- und +Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses +robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermaeuliger Schuljungens zu. + +(M38) + +Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der +hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene. +Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von +Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besaenftigt die ungebaerdigen +Saeuglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er +kehrt bei grossen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als +Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpoenten Alkohol und bewirkt, +dass die Amerikaner sich der besten Zahnaerzte der Welt erfreuen - denn das +schroffe Durchsetzen siedheisser Suppen und gluehender Breie mit Eiswasser +und Icecream koennen selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz +springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umspuelten, schutzlosen +Zaehne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat +jedermann fortwaehrend den Zahnarzt noetig, und man braucht sich nicht zu +wundern, Kanalausraeumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu +sehen wie die koestlichste Maimorgenstunde. + +(M39) + +Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den +Mangel an Dienstpersonal die Kueche und die Tafelgewohnheiten beeinflusst +werden. Ich bemerkte, dass durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer +zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewaeltigenden +Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten, +Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsruecken oder Schlegel so gut wie gar nicht +auf den Tisch. Das nationale angelsaechsische blutruenstige Roastbeef, +drueben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, muss man von +der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn +man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels +der Gabel oder der Finger durch die Zaehne zu ziehen. Uebrigens sind diese +Ochsenrippenstuecke neben den sehr ueppigen und teuren Rinds- und +Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft +zubereitet zu sein pflegt, waehrend Kalbskoteletten und Schnitzel meistens +ungeniessbar sind. Als niedliches Kuriosum moechte ich erwaehnen, dass ich +einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten +bekam! Gefluegel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu +unwahrscheinlichen Dimensionen herangezuechtet. Ich habe Hennen gesehen, +die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das +Fleisch dieser abnorm grossen Tiere ist dafuer auch wenig zart, und die +Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das +Brustfleisch; es wird beim Braten braun und muerbe, waehrend das weisse +Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der +Genuss selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, suessliche +Mehltunke verkuemmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen +Kuechenpersonals auf eine zu harte Probe stellen wuerde, so muss man sich, +wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder +Abendmahlzeit einschliesslich des Kompotts auf ein und denselben Teller +packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang +lebten, bestand die sonderbare Sitte, dass nach der Suppe warme Teller mit +einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -laenge, verabfolgt +wurden, selbstverstaendlich in einer seimig-suessen Sauce versteckt. +(Uebrigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen +Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den +Fluss- und Suessseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt, +beziehungsweise misstrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der +ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten +verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten, +Rouladen und dergleichen aehnlich, in irgendeiner mehlweissen oder +kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu +verschiedene Gemuese, unter denen gruene Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl +die geniessbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale +im ganzen gebacken - man bricht sie auf und schaelt sie mit dem Teeloeffel +heraus; recht empfehlenswert - oder als Brei, oder klossartig, oder +gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_, +Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst +warnen moechte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und +schmecken leider auch so aehnlich. + +All diese Genussmittel, noch um diverse eingekochte Fruechte vermehrt, +arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller, +und man kann von Glueck sagen, wenn einem die Graeten nicht in die gruenen +Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehoehlte Kartoffelpelle und die +Huehnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es +ueberhaupt nicht. Der Ersatz dafuer, und ueberhaupt das einzige einheimische +Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drueben +aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint - moeglicherweise wird es aber +auch aus Abfaellen der Schuhfabrikation kuenstlich hergestellt. Alles uebrige +Wild haben die begeisterten Freischuetzen in den kultivierteren Staaten +schon laengst abgeschossen - bis auf die Ratten und die Klapperschlangen. +Hat man die essbaren Bestandteile der wuesten Speisenaufhaeufung auf seinem +Universalteller herausgefuttert, so bilden die Ueberbleibsel ein aesthetisch +reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner +Bestand jedes amerikanischen Menues sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf +dem einfachsten buergerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer +Schuessel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen +Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, dass noch kein +Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie +des amerikanischen Kochkuenstlers orgiastische Triumphe. + +(M40) + +Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch +einem amerikanischen Salat zu finden waere. Den Grundstock bilden ein bis +drei grosse gruene Blaetter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu +entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und Oel geschuettet +und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder kuehner Aufbau von allem +moeglichen und unmoeglichen Suessem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem, +Weichem, Fluessigem, Geniessbarem und Ungeniessbarem vollzogen. In einem +feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel +zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit +ausserordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein +und der Zunge nach ungefaehr folgendermassen analysieren moechte: zwei +Blaetter Salat mit je fuenf Tropfen Essig und Oel, darauf eine Scheibe +frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weisses Huehnerfleisch, +einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein +Klecks Butter, mit Streuzucker durchgeruehrt, ein Teeloeffel +Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf. +Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt - wie mein Freund, +der Rechtsanwalt in Landau, sagen wuerde - wie Oel und Werg! Diese +kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen +Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder +gebildeten Familien ist man natuerlich weniger waehlerisch und verwendet zur +Salatbereitung die naechstliegenden Gegenstaende, also in erster Reihe die +mehr oder minder traurigen Ueberreste frueherer Mahlzeiten, soweit sie +essbaren Naturprodukten einigermassen noch aehnlich sehen. Fehlt es aber zum +Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein +geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstoecke drueben ausser +Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken +stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trueffel taeuschend ersetzen, +zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem +Zucker kandiert werden. Salat von Fischgraeten, Kalmus und Bananen, mit +roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein; +ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders +anregenden Mahlzeit - ertraeumt! + +Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht, +wird regelmaessig ein derbes Stueck Kaese beigefuegt; zu welchem Zwecke, weiss +ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte +ich den Kaese instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn fuer ein Stueck +Radiergummi, den ich in meinem Geschaeft immer brauchen kann. Befindet sich +Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich, +fuelle auch womoeglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in +Amerika von ganz vorzueglicher Qualitaet - und man weiss ja nie, wie's kommen +mag! Was meine Person betrifft, so muss ich gestehen, dass ich mich waehrend +der ganzen Boardinghouse-Periode kuemmerlich von Austern und Hummern +genaehrt habe, denn die sind von unvergleichlicher Guete, Groesse und +Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das +man - neben Stiefeln - als billig bezeichnen kann. Europaeer von noch nicht +genuegend fortgeschrittener Perversitaet moechte ich jedoch vor den _Clams_ +warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter +Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verfuehren +koennte. + +Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind uebrigens sehr selten, +und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europaeischen Geniessers. +Im vornehmsten Hotel in Buffalo "Zum Irokesen" sollte ich zum erstenmal +die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon +in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen +halben Meter hohes, zylindrisches Silbergeraet mit einer oben +herausragenden, durch einen derben Querbalken betaetigten Schraube. Ein +einsamer Speiser liess sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung +sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war +dieser wuchtige Geselle mit dem roemischen Imperatorenkopf ein Geniesser +hoeherer Grade. Nach laengerer Zeit brachte man eine grosse verdeckte +silberne Schuessel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei +Kellner trugen dann jenen raetselhaften schweren Silbergegenstand herbei +und schraubten dessen obere Haelfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit +feierlicher Miene den Deckel der Silberschuessel auf und spiesste von den +beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Voegeln (Enten waren es +meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Muehe in jenen Zylinder +hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit +Anstrengung beider Haende betaetigt wurde. Aus einer Ausflussoeffnung am Boden +des Gefaesses rann dickes, schwaerzliches Blut in eine vorgehaltene Schale. +Dieses Blut wurde mit allerlei Gewuerzen angeruehrt und schliesslich als +Sauce ueber den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische +Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere +mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern waere es weiter +nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit +Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu spuelen pflegt. + +(M41) + +Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und +Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeekueche gewoehnlichen +Schlages nicht zu befreunden vermag, faehrt am besten, wenn er sich in +eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehaeuser +begibt, die seine heimische Kueche pflegen. Man kann in dem teuren New +York, und wohl auch in den meisten der ganz grossen Staedte, franzoesisch, +deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und +koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen, +in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York +wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants +ebenso schmerzlich wie Wiener Cafes vermisst. Ich meine, hier waere noch +eine Kulturmission fuer die Einwanderer der oesterreichischen Kronlaender zu +erfuellen. Wenn ich drueben irgendwo ein Stueck Rindfleisch mit Beilage, wie +bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen haette, ich haette es knieend +verzehrt und hernach stehend die oesterreichische Nationalhymne gesungen. +Und die Einfuehrung des Berliner Systems Kempinski, naemlich eine grosse +Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualitaet zu einem sehr billigen +Einheitspreis zu geben, koennte eine Revolution des Ernaehrungswesens drueben +hervorbringen. Bis dahin muss der deutsche andachtsvolle Geniesser mit +heisser Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drueben +fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen +Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen. + +(M42) + +Beim richtigen Yankee scheinen es uebrigens nicht die Geschmackswarzen zu +sein, welche ihm den Genuss beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die +Kinnbacken und die Speicheldruesen. Das Kauen und das Schlucken an sich +macht diese einfachen Naturkinder gluecklich. Wer zum erstenmal nach den +Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darueber wundern, hier +einem Volke von Wiederkaeuern zu begegnen. In der Strassenbahn, in den +Geschaeften, in den Vergnuegungslokalen wie auf der Strasse sind die +Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein +Widerschein von Zufriedenheit ueberstrahlt von dieser Kinnbackenbetaetigung +aus die Gesichter. Junge huebsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum +Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschaeft zurueckkehren. Die Soldaten +kauen beim Exerzieren; sie wuerden sicher auch kauend ihre Schlachten +schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er +seine Liebeserklaerung macht, und seine Erwaehlte erwidert erroetend: "Mum +mum mum - tschap tschap, sprechen Sie mit Mama." Und der gewaltige, 125 +Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim +Kragen mit dem Ausruf: "Dscham dscham - ich verhafte Sie - mum mum - im +Namen des Gesetzes!" Ein Stueckchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_) +zwischen die Backzaehne geschoben, beglueckt alle diese Leute wie den +Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Taeuschung ein, in +der besten aller Welten zu leben. Waere Cartesius als Yankee zur Welt +gekommen, er haette sicher sein beruehmtes "cogito ergo sum" abgewandelt in: +"Ich kaue, folglich bin ich." + + + + + + KUeNSTLERISCHE KULTUR. + + +Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue +Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen +Schoenheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse +imponiert, was viel gekostet hat, das muss nach den Begriffen des +Durchschnittsamerikaners auch schoen sein. + +(M43) + +Es ist mir als hoechst bezeichnend aufgefallen, dass selbst hochgebildete +Leute enttaeuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal +durch New York gefuehrt wird, sich weder durch die beruehmten Wolkenkratzer, +noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an oeffentlichen +Prachtbauten, noch etwa durch die glaenzende elektrische Lichtreklame fuer +aesthetisch besiegt erklaert. Allerdings vermoegen diese himmelhohen Kasten +mit den unzaehligen Fensterloechern unter Umstaenden schoen zu wirken. Wenn +man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der +Daemmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so koennen sie einen +traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen +Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie +vornehmlich das Gebaeude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft, +sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack +wird die ideale Schoenheit der neuen Staatsbibliothek in weissem Marmor oder +die Genialitaet des neuen Empfangsgebaeudes der Pennsylvaniabahn bestreiten. +Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur +als mechanische Kunststuecke, sondern auch als witzige Erfindungen und +farbiger Augenschmaus hoechst amuesant. Aber all diese Schoenheit, Groesse und +kuenstlerisch idealisierte Zweckmaessigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan +organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter +Banalitaet und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es, +die in weitaus den meisten Faellen die Wirkung der Schoenheit des einzelnen +zerstoert. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die +geographische Lage bedingten ueberaus vernuenftigen und klaren Plane +angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schoenheitsfeindlichkeit +der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der +kuenstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Palaeste stehen neben oeden +Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken; +entzueckende, gruenbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt +zwischen Metzger- und Gruenkramlaeden, oeffentliche Gebaeude von edlen +Proportionen und mit praechtigen Fassaden neben wuesten Kasten fuer Bureau- +und Werkstattzwecke, an deren Strassenfronten scheussliche rotgestrichene +Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen. + +Selbst in der Fuenften Avenue, der Strasse der prunkvollsten Laeden und der +Residenz der Milliardaere, finden sich noch genug solcher barbarischen +Scheusslichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die +Nebenstrassen, wo die kleinen Einfamilienhaeuser stehen, zeigen selbst in +den besseren Gegenden ein hoechst langweiliges Einerlei. Auch die +nuechternsten modernen Staedte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe, +fallen den amerikanischen gegenueber immerhin noch angenehm auf durch ihre +strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, waehrend die enorm reiche +Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anstaendige Pflasterung +und Strassenreinigung durchzufuehren vermochte. Der Fahrdamm der Fuenften +Avenue besteht aus Loechern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein +Stueck Asphalt liegen geblieben ist. Oberflaechliche Reparaturen werden in +der Weise ausgefuehrt, dass man mitten auf der Strasse zur Freude der +Gassenbuben in diesen Loechern Feuer anzuendet; dann schmilzt der Asphalt +ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Raender. Wem der +Arzt eine Vibrationsmassage gegen Traegheit der Unterleibsorgane verordnet +hat, der braucht nur auf dieser Fuenften Avenue - oder besser noch auf den +gepflasterten Hauptstrassen des nordoestlichen Teiles von Philadelphia - +eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei +der Zirbeldruese und seine Milz unter dem Mastdarm suchen. + +Es ist merkwuerdig, dass derselbe Amerikaner, den das wueste Durcheinander in +der Aussenseite seiner Staedte so wenig zu genieren scheint, doch fast +durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und +Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist fuer die Herrenkleidung England, +fuer die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster +werden doch fuer den amerikanischen Geschmack einigermassen abgeaendert, und +was dabei herauskommt, ist meist zweckmaessig und apart. In der +Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee ausserordentlich konservativ, und +der Kolonialstil ist immer noch massgebend. Das moderne deutsche +Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluss ausgeuebt; dafuer sieht man auch +nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos +zusammengewuerfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurueckgebliebenen +deutschen Spiessbuergers. Man haelt zaeh fest an der guten englischen +Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnraeume +als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben, +die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen. + +(M44) + +Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe fuer Schaukelstuehle. Ich habe +Zimmer angetroffen, in denen ueberhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen +vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu +gehoerte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnueren oder seinen Koffer zu +packen; denn wenn man seinen Fuss auf solch ein ungemein niedriges Moebel +setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so dass +man also auf einem Bein dem fluechtigen Stuhl nachhuepfen muss, bis er an der +Wand einen Stuetzpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen +aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener +Rockingchairs und beginnt vergnuegt das Packgeschaeft. Sobald der sich +fuellende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze ueberschreitet, neigen sich die +stuetzenden Stuehle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen +den Lehnen durch; es ist sehr amuesant, unter solchen Umstaenden seinen +Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit +einladend aussehenden Sitzmoebeln gemacht, die nicht nur vor- und +rueckwaerts, sondern auch seitwaerts schaukelten. Auf diesen heimtueckischen +Mokierstuehlen kann man sich ebenso famos fuer das Kamelreiten trainieren, +wie auf den einfachen Rockers fuer die Seefahrt. Vermutlich haben die immer +praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge. + +So nett und gemuetlich nun auch eine solche amerikanische +Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen +Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben ueberall dieselbe +ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common +__Wealth Avenue_ in Boston hinunter - nebenbei bemerkt eine der schoensten +Strassen, die mir ueberhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich +hier nur vornehme Familienhaeuser, die als besondere Eigentuemlichkeit grosse +Spiegelscheiben im Erdgeschoss aufweisen. Man kann also von der Strasse aus +in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schoenen +schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der +Strasse abschloss, der praechtigen Tueren und anderer reizvoller Einzelheiten. +Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: "Was wollen +Sie wetten? Unter den zwoelf naechsten Haeusern von hier aus finden wir +mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere +Einrichtung konstatieren koennen." Und richtig, so war es auch. Aber nicht +nur in sechs, sondern in neun von diesen Haeusern stand ueberall in +derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Saeule mit demselben Blumenkuebel +darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand +befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit +den Portraets der Eltern oder Grosseltern darueber usw. usw. Immerhin kann +man sich diese ermuedende Uniformitaet gefallen lassen, da sie doch +wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbuergt. +Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den +Palaesten ungebuehrlich rasch reich gewordener Emporkoemmlinge - gerade wie +bei uns. + +(M45) + +Merkwuerdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner +Vergnuegungen und kuenstlerischen Betaetigungen doch noch recht unkultiviert +zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und +hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der +Photographie, im Buchgewerbe. Waehrend die amerikanischen Museen zum +weitaus groessten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverstaendnis ihrer +freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch +und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Kuenstler +einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden +Entwicklung der Plastik kann selbstverstaendlich in einem Lande, das die +Scheu vor der Nacktheit in der Kunst laengst noch nicht ueberwunden hat, +keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, dass auf der Weltausstellung in +Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkoerper als +Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem +voellig neuen Anblick dermassen gefangen, dass er ueberhaupt fuer nichts +anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen +starr in die Hoehe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei +kopfschuettelnd vor sich hinseufzte: "_Oh good Lord, what tits, what +tits!_" + +Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich +in der Oeffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der +Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn +ausser etlichen anstaendigen Portraetstatuen, naturalistischen Kriegergruppen +und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten +nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persoenlich +in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania): +auf einer sehr hohen schlanken Saeule ein moderner Militaertrompeter; und im +Schalltrichter seines Instrumentes ergluehte nachts eine elektrische Birne! + +(M46) + +Allerdings haben die amerikanischen Kuenstler ihre Techniken vom Auslande +gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden +Kuensten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis +jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige +musikalische Spezialitaet, die sich zurzeit als echt amerikanisch +ansprechen laesst, naemlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_ +(eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus fuer Taenze und derbe +Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurueckzufuehren. +Es laesst sich aber nicht leugnen, dass fuer gute Musik heute schon ein recht +grosses und verstaendnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, dass +an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hoerers erst seit wenigen +Jahrzehnten von europaeischen Kuenstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es +doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, dass man heute schon den +"Parsival" vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhoererschaft geben kann, +und dass Konzertprogramme, die ausschliesslich aus Beethoven, Brahms, Hugo +Wolf und aehnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, grosse Scharen anziehen +und begeistern. Allerdings finden bei einer grossen Masse selbst der +hoeheren Schichten auch stillose Programme, in denen aergste Banalitaeten mit +echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall - aber koennen wir das +in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, dass +bei uns kein Kuenstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen wuerde, +dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir +Deutschen duerfen uns ruehmen, auf musikalischem Gebiet uns die +Meistbeguenstigung fuer unseren Import von Kunstwerken, Kuenstlern und +Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen +Musikanten aber auch arbeiten muessen, in welchen harten steinigen Boden +haben sie oft ihre Pflugschar druecken muessen, um ueberhaupt erst den Boden +fuer ihre Saat zu bereiten. + +Ich habe in der Person des Saengers Max Friedrich einen solchen Veteranen +von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20-30 Jahren +hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den +lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Loewe +und Franz vorzusingen, da gaehnte und hoehnte man ihn aus. Aber er liess +nicht locker, er liess sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von +seiner heiligen Ueberzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen +seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Kuenstler mit +einem vornehmen Programm sich ueberall in der ganzen Union hoeren lassen +kann, ohne fuerchten zu muessen, von entruesteten Cowboys mit dem Schiesseisen +vom Podium gejagt zu werden. + +Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spaerlich aus +amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthaeusler und Abenteurer in der +Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgervaeter haben +irgendwelche Keime zur kuenstlerischen Entwicklung mit heruebergebracht. Und +bis die grossen Kriege durchgekaempft, die Naturschaetze erschlossen, das +ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht +worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu +tun, um Musse zu kuenstlerischer Betaetigung zu finden. Gegenwaertig ist diese +Musse freilich schon fuer viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch +keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches +Beduerfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als +Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Hoechstgebildeten +aufgegangen, die grosse Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmueckenden +Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich +alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und geduengten +Kulturlandes. Sie wurzelt in der fruehesten Vergangenheit der Voelker, in +deren untersten Schichten, und ihr Wachstum staerkte sich an den Hemmungen, +die sie zu ueberwinden hatte. Ausserdem kann Kunst unmoeglich von einem Volke +hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische +Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Kuenstler ist ein geborener +Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und +Philistern, eine hochmuetige Scheidewand errichtet. + +Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem +Instinkt des Kuenstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betaetigung +schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre +Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten +Zeiten koenigliche Saenger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine +historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo +immer gegenwaertige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt +fertig uebernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst +vernuenftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als +Abkoemmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverstaendlich eine +angeborene Vorliebe fuer die englische Kunst und werden die von dort +empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen +Einwanderer sich instinktmaessig an die deutschen Vorbilder klammern werden. +Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natuerlich ihren +Einfluss auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt +auf die Architektur einen bestimmenden Einfluss ausueben. Darum ist es +selbstverstaendlich, dass in diesen beiden Kuensten zunaechst eigenartige +Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwaertig schon vorhanden sind. +Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt, +auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten +mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, dass allein schon aus +diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne +weiteres begreifen laesst. Das schliesst natuerlich nicht aus, dass geborene +Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen +koennen, deren auslaendische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben +und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die +Voelkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehoert und eine wirkliche +chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden +haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln, +aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst +hervorgehen muesste. + +(M47) + +Wie die Dinge heute noch liegen, waere aber beispielsweise ein jugendlicher +Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben moechte, das Hungerleiderdasein +eines deutschen oder franzoesischen Poeten zu fuehren, eine undenkbare +komische Figur. Der poetisch begabte Juengling faengt drueben mit der +Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden +Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben +mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider +den Geschmack der Zeit und der grossen Masse aufzulehnen. Auch wenn er +Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht +ruecksichtslos damit erschrecken, sondern es allmaehlich vorzubereiten +suchen. Die Beschaeftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen +Dingen ist eben drueben ein vornehmer Zeitvertreib fuer Ausnahmemenschen, +besonders also fuer solche, die keine Sorge um das taegliche Brot mehr +drueckt. Man setzt auch voraus, dass der Mann, der einen Beruf aus dem +Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei, +also ein gut angezogenes Mitglied der auserwaehlten Gesellschaft mit +normalen Manieren und auch einigermassen normalen Gesinnungen. Es ist +bezeichnend, dass der Name _Bohemiens_, der fuer Kuenstler- und +Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht +wohlhabender Maenner gewaehlt wird, die es sich leisten koennen, ihre +festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts +als franzoesischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon +deshalb drueben unmoeglich gedeihen, weil es keine Kaffeehaeuser gibt. Es +kommt vorlaeufig auch noch selten vor, dass kuenstlerische, besonders +literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in +denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist. +In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler +und Tapezierer ist - Hugo Bertsch heisst er - aber der schreibt Deutsch und +ist aus Reichelsheim i. O. gebuertig. + +Bemerkenswert ist, dass einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit +begonnen haben, sich von der herrschenden Pruederie und Konvention +freizumachen und die amerikanische Buehne fuer moderne Probleme zu erobern, +naemlich der anderwaerts von mir schon erwaehnte Walter von unten +heraufgekommen ist, gehoerig gehungert und im Zentralpark gepennt hat, +bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack +London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Faerbung +auszeichnet, hat als Goldgraeber angefangen, obwohl er eine gute +wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn +gleichfalls als Goldgraeber und betaetigte sich nacheinander als Lehrer, +Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch +Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem +Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber +wegen schlechter Auffuehrung von der Universitaet und der Militaerakademie +relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem beruehmten +Dichter entwickelte. Walt Whitman, urspruenglich gleichfalls Buchdrucker, +gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig +Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus hoeheren Kreisen und +erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betaetigte sich zunaechst +als Rechtsanwalt. + +(M48) + +Es scheint also, dass auch im neuen Lande das alte Gesetz, dass die +kuenstlerischen Kraefte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem +Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glueckliche Bewohner so gern +alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schoepfungswerk, haben +natuerlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die +vernuenftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgaengige Ware zu +liefern, und marktgaengig ist, was dem Unterhaltungs- und +Sensationsbeduerfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika, +folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschaeft zu +machen fuer diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen. +Dieser Geschmack heisst aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im +Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei +den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es muessen daher auch +ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das +Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf +strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein. +Sicherlich wuerde die Entwicklung des kuenstlerischen Geschmacks bei dem +amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder aengstlich noch +begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die +Tagespresse die mehr als kindliche Oberflaechlichkeit des Urteils in +unverantwortlicher Weise naehrte. Aber das ist ein Kapital fuer sich. + + + + + + VOM THEATER IM YANKEELANDE. + + +Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die +Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten heruebergenommen, +nur dass die Qualitaet ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl +noch um einiges hinter den besten englischen zurueckbleibt, was bei dem +Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hueben wie +drueben ist fuer das Drama hohen Stiles kein grosses Publikum vorhanden, und +darum suchen Buehnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die +grosse Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und +Massenentfaltung anzulocken. Fuer das moderne Gesellschaftsdrama und das +feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders haeufig +vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge - mit +verschwindend wenigen Ausnahmen - vom Konventionellen zum Individuellen +aufgerueckt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten +Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten fuer das +Rollenfach, in welches aeussere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie +verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein +Stueck laeuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist +wohl allgemein bekannt, dass man drueben Theater mit wechselndem Repertoir +bisher noch nicht kennt. Fuer jedes neue Stueck wird eine Truppe +zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert +die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzuloesen, sobald seine Zugkraft +erschoepft ist. Wer also drueben die Schauspielerei zum Beruf erwaehlt, der +muss schon ueber recht betraechtliche Reserven an Koerper- und Geisteskraft +verfuegen, wenn er nicht der sicheren Verbloedung und der unheilbaren +Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten +ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach kuenstlerischen +Grundsaetzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von +einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gruendung des _New +Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschraenkte +Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tuechtiger +Schauspieler zur Verfuegung stand, auch die Leitung in keineswegs +ungeschickten Haenden lag. Ich habe in diesem Theater eine Auffuehrung von +Maeterlinks "Der blaue Vogel" gesehen, die in bezug auf die +darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf kuenstlerische +Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch +gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten +Spielzeit als vorlaeufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gruende fuer +dieses seltsame Fiasko ins Feld gefuehrt; mir scheint der erheblichste und +zugleich auch betrueblichste der zu sein, dass fuer das Schauspiel die Anzahl +der kuenstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein +solches Unternehmen geschaeftlich halten zu koennen. Man ist es einfach noch +nicht gewoehnt in jenen Gesellschaftskreisen, die fuer den Besuch eines den +Anspruechen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen, +taeglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womoeglich gar wegen einer +Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in +seinen haeuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stoeren zu +lassen. Wenn es die grosse Oper gilt, nimmt man freilich alle moeglichen +Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die grosse Oper, die +_muss_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Saenger nicht alle Tage +grosse Partien singen koennen; und ausserdem gehoert die grosse Oper auch mehr +zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen +Opfer bringen muss, als zu den blossen kuenstlerischen Unterhaltungen. Ein +vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir wuerde ohne Zweifel +ebensogut moeglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan +Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Grosswuerdentraegern der +demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ waere, auch in diesem +Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu +treffen. Bis dahin aber und bis ein maechtig aufbluehendes nationales Drama +des Yankeetums nach einer nationalen Buehne schreit, wird noch viel Wasser +den Hudson hinunterlaufen. + +(M49) + +Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als +mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem +es vorlaeufig ganz gleichgueltig sein kann, ob ihm einheimische Kraefte als +Komponisten und als Saenger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren +Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken. +Im uebrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld +zur Verfuegung ist, vorausgesetzt dass die Leitung nicht gaenzlich unfaehig +ist. Mit dem noetigen Geld kann man sich nicht nur die besten Saenger und +Saengerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und +Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die +_Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, waere es +moeglich, ein genuegend zahlreiches Personal von Saengern und Saengerinnen, +darunter die beruehmtesten Kuenstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um +damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die +franzoesischen franzoesisch und die italienischen italienisch darzustellen?! +Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise fuer unsere +Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch +durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt +wird. Es ist also selbstverstaendlich, dass keine Opernbuehne Europas an +Grossartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es +versteht sich also auch ganz von selbst, dass man in diesem Theater +Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an aeusserem Glanz, sondern auch +an echter kuenstlerischer Qualitaet alles uebertreffen, was selbst Wien, +Berlin, Muenchen, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten +vermoegen. Andererseits treten aber freilich auch die grossen Gefahren +dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines +hingebenden kuenstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und +Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der +leitenden Kraefte ein Missgriff erfolgt ist oder diese Kraefte die Lust +verlieren, fuer das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu +tun. Aber schliesslich wird ueberall mit Wasser gekocht, und eine +ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter +Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls +ungerecht und toericht von uns Europaeern, die glaenzenden Veranstaltungen +der Metropolitan-Oper geringschaetzig als eitel Blendwerk abzutun. Die +Herren Milliardaere bekommen fuer ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst +geliefert. + +(M50) + +Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komoedienspiel erlebt +habe, fand ich in einem der fuenf jiddischen Theater an der Bowery, dem New +Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu +Tausenden beieinander hocken. "_The Miners_" (die Bergleute) hiess das +Theater, unansehnlich von aussen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen +veraltet von innen. Es wird nur zwei, hoechstens dreimal die Woche gespielt +an diesen kleinen Dialektbuehnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das +Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die +besseren Leute im ersten Rang, die grossen Glaubensgenossen, die schon ihr +Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter +und kleinen Gewerbetreibenden, aermlich und schaebig anzuschauen, mit +steifen kleinen Hueten oder schmutzigen russischen Muetzen auf dem Kopf. Sie +sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge, +_David Kessler_, zu sehen, der zugleich der kuenstlerische und geschaeftliche +Leiter des Unternehmens ist. Das Stueck hiess: "Jankel, der Schmied", von +_David Pinsky_, einem juedischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt +durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der +juedischen Kleinbuerger in Russland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stueck +Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Buehne +seit Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" kaum mehr dagewesen ist. Und diese +heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere +mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schoenheit, Licht und +Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes +Geschnatter vollfuehren, dass einem die Ohren gellen, sie lauschen +andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre +nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen +Einblick in unsaeglich traurige Familienverhaeltnisse und widrige +Menschenseelen, sie nehmen all dies Haessliche mit gelassenem Ernst hin und +begruessen die derben Spaesse oder auch die wenigen idyllisch gemuetvollen +Lichtblicke in dieser trostlosen Oede mit dankbarem Gelaechter und +begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen +Kunst auch fuer den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls +wuerdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des +Dichters die wirklich vollendete Leistung saemtlicher Darsteller; denn +nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Kessler, ist ein +wirklich grosser Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter +geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler +und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen, +als ob sie einfach sich selber ohne jede Ruecksicht auf die Optik der Buehne +und die Sinne der Zuschauer darzustellen haetten. Im Zwischenakt machte ich +die Bekanntschaft David Kesslers und war nicht wenig erstaunt aus seinem +Munde zu hoeren, dass ausser ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner +Truppe vorhanden seien, sondern dass er sich die Leute von ueberallher +zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzuegliche +komische Episodenspieler handelt tagsueber mit alten Hosen, diese schlichte +sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemuetstoene findet, ist +vielleicht Dienstmaedchen in einer besseren juedischen Familie, und diese +ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel +auf ihrem ehrwuerdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzaehlt uns mit +stolz aufleuchtenden Augen, dass sie mit ihrer Haende Arbeit ihren einzigen +Sohn so weit gebracht habe, dass er nun schon als Advokat in dem fremden +Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glaenzenden Zukunft +entgegengehe. Am Schluss des Stueckes bricht ein tobender Beifall los, der +sich sonderbarerweise ausser in Klatschen und wildem Trampeln auch in +gellenden Pfiffen aeussert, und sobald David Kessler auf der Buehne erscheint, +rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: "_Speech, speech!_" Der derbe +vierschroetige Gesell steht unschluessig mit niedergeschlagenen Augen da, +und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber +zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da +macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm +in der Richtung, von wo der Ruf kam. "Wer Musik haben will," ruft er in +kaum unterdrueckter Entruestung, "der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist +nicht der Ort fuer trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische +Kunst mit heissem Bemuehen fuer unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit +einer Reihe von Jahren und tue mein Aeusserstes, um euch, meinen armen +Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr +sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt fuer Schritt habe ich +versucht, euch zum Kunstbeduerfnis und Kunstverstaendnis zu erziehen, mit +dem Einfachsten und Verstaendlichsten habe ich angefangen, um euch +vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und +jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!" + +(M51) + +Es duerfte selbst fuer den abendlaendischen Juden schwer sein, das +russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hoert sich allmaehlich +hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu +folgen, und so glaube ich, dass ich auch den Gedankengang dieser aus echter +Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe. +Ganz still und beschaemt sassen die Zuschauer da, und die juengeren Leute +besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den +das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht +seines Volkes nach Kunst, nach taetiger Beteiligung an den hoeheren +Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die grossen Erfolge +hin, die juedische Dramatiker, juedische Darsteller vornehmlich auf der +deutschen Buehne gefunden haetten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max +Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel +hervorgezogen und zahlreichen anderen juedischen Kuenstlern Gelegenheit +gegeben habe, ihre grosse Begabung von dem anspruchsvollsten und +kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen +ersten grossen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit +seinen besten Kraeften immer eifriger an der Aufwaertsentwicklung der +modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden +und verliess unter donnernden Cheers die Buehne. + +Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glueck +herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller +Kulturen verschlagenen Orientalen, fuer ein starkes Talent zur +Menschendarstellung, d. h. also zur kuenstlerischen Selbstentaeusserung +besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, dass in allen Kulturlaendern +gerade das Theater von Angehoerigen dieser Rasse ueberschwemmt wird. +Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkraefte; +denn es gibt genug juedische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte +des Glueckes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner +Begeisterung fuer die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse +eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem +stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Raetselraten und in raschen +Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie fuer die Juristerei +besonders geeignet erscheinen laesst und ihren Handelsunternehmungen und +Geldspekulationen so oft einen kuehn-fantastischen Anstrich verleiht, so +mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der +jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemuet dieses Volkes lastete, die +naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert +haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des kuenstlerischen +Selbstbetruges ueber das gedrueckte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und +im Rampenlichte Koenige, Helden und glueckliche Liebhaber vorzustellen. Es +ist ueberhaupt charakteristisch, dass gerade diejenigen Voelker, deren +Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von +der Sympathie der dort herrschenden Rassen gestuetzt fuehlen, am eifrigsten +und mit dem groessten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden +sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco +stehende Buehnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an +der grossen Oper ihre nationale Kunst glaenzend vertreten, aber auch sie +werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehoerigen +der verschiedenen slawischen Volksstaemme eifrig Liebhabertheater spielen. +Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen. + +(M52) + +Aber seltsam muss es uns Deutsche beruehren, dass dies ungeheure Neuland, als +welches Deutschland es in musikalischer Beziehung ueberhaupt erst urbar +gemacht und vollstaendig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der +grossen Oper und eines bluehenden Konzertlebens glaenzend aufgegangen ist, +doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu +erhalten vermag. Wenn man bedenkt, dass der herrschenden Yankeerasse mit +ihren 20 400 000 Koepfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung +gegenueberstehen, dass New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher +Abstammung nach die zweitgroesste deutsche Stadt der Welt ist, so muss man +sich bass verwundern, dass die wenigen stehenden deutschen Buehnen in den +Vereinigten Staaten nicht nur kuenstlerisch immer mehr zurueckgehen, sondern +auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kaempfen haben. Bei laengerem +Hinschauen und ruhiger Ueberlegung wird diese traurige Tatsache allerdings +verstaendlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos +das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten +Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu +bedenken, dass die weitaus ueberwiegende Zahl der Einwanderer den wenig +gebildeten Staenden entstammt, bei denen naturgemaess von einem starken +Pflichtbewusstsein als deutsche Kulturtraeger nicht die Rede sein kann. Wenn +nun schon die Vaeter der fremden Sprache und damit der fremden +kuenstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so +wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall +sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befaehigte Geniesser und +berufene Foerderer des deutschen Dramas nur ein verhaeltnismaessig kleiner +Bruchteil uebrig, dessen Mitglieder zudem ueber den ganzen weiten Kontinent +verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen +Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit +schoenem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur +zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Toechter und Soehne +mitspielen, sondern auch zugunsten einer oeffentlichen Buehne tief in ihre +Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere grosse +Schwierigkeit auf: Fuer welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld +gespendet, dieser ruehrende Eifer aufgewendet werden? Ausser den paar +akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Hoehe der +Bildung stehenden berufsmaessigen Kritikern haben doch nur verschwindend +wenige Deutsch-Amerikaner ein so starkes Interesse an der Entwicklung +speziell des Theaters, dass sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang +unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen +waeren. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und +seiner Nachfolger gestuetzt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der +Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heissen +moegen, deren Modeglanz oft schon verblasst war, bevor ernsthafte Leute sich +noch ueber ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das +deutsche Theaterleben stark anregen, besassen aber nicht die Kraft, zumeist +auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die staerkste +Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48 +herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen +Drama, die also unsere wichtigsten Kulturtraeger mit herueberbrachten, +stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum +herrschte. Von den aufregenden Kaempfen, die in den letzten vier +Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen liessen und +unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum ueberm Ozean kaum +einen Hauch verspuert. Was ist begreiflicher, als dass der Leiter eines +deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs +moeglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befuerchten muss, sein +Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch +Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stossen und durch Frank +Wedekind zu entruesten, weil die angelsaechsische Geistesenge und Pruederie +bei langem Aufenthalt im Lande schliesslich doch auch auf die kecksten +Deutschen abfaerbt, so wird er sich darauf beschraenken, neben den +Klassikern das harmlose Familienlustspiel und das gesinnungstuechtige +Thesenstueck zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den +ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum +entruesteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben +vermoegen, was sein Gemuet in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu +denken geben koennte. Die sozialen Verhaeltnisse, auf denen das deutsche +Familienstueck beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder +durch spiessbuergerliche Beschraenktheit entstehen, auch manche +Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenoeter in Uniform, der +Backfisch, der schuechterne Kandidat usw. usw., sind ihm gaenzlich fremd +geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhaeltnisse auf der Buehne +interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings +sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die +deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine ungluecklichere Idee +konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem +Gebiete Abschreckenderes und Jaemmerlicheres als eine Operette, mit +unzulaenglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten +an Operettenbuehnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern +produziert, wird unfehlbar auf diesen Buehnen mit allem Pomp inszeniert und +von den zugkraeftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die +Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, dass in +ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmassen ruhig +halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald +ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen +verfuegbaren Extremitaeten zu zucken, zu schlenkern, zu stossen und zu +schleudern - kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmaessig in +Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen +ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg +nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag, +er ist einmal der herrschende geworden, und kein sesshafter amerikanischer +Buerger wird sich eine Operette anders vorstellen koennen, denn als eine +solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit +Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umstaenden eine deutsche +Operette bieten, die fuer den Mangel an kostspieliger Inszenierung und +geschmackvoller Kostuemierung keineswegs durch glaenzende Leistungen des +Orchesters und der Saenger zu entschaedigen vermag? Sie kann nur dazu +beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr +herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit duerftiger Ausstattung und +mittelmaessigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse +fuer deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfaehigkeit der +deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drueben nur dadurch +wieder erweckt werden, dass _von Deutschland aus_ grosse Mittel aufgewendet +werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten +Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glaenzender Ausstattung in den +deutschen Hauptstaedten der Union zu ermoeglichen. Mit zweiter Garnitur und +mit abgeblassten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn. +Wenn _Max Reinhardt_ seinen Plan verwirklicht, seinen "Oedipus", "Faust" +und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz +sicher nicht nur gute Geschaefte machen und persoenlich einen grossartigen +Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen +theatralischen Kunst wiederherstellen und fuer die Zukunft eine neue +Moeglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater staendig drueben zu +erhalten. Die Amerikaner wollen zunaechst einmal verbluefft sein; es muss +ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame muss +auch das ganze gebildete Publikum _englischer Zunge_ in dies Unternehmen +locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge muss vor Neid bersten +und zu dem Gestaendnis gezwungen werden, dass es dergleichen in seinem +Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees +wird das Solidaritaetsgefuehl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die +Schecks fuer einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge +aufhaeufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der grossen +Oper sich unsere ersten Saenger, Saengerinnen und Kapellmeister +herueberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer grossen Stils die +Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler +zu kaufen. Und wenngleich die grosse Sensation, die das deutsche Theater in +Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge +doch sogar die Denkfaulheit und die Pruederie des amerikanischen +Durchschnittsmenschen besiegen und auch kuehnere Neutoener unter den +lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des +deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und +ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strauss' +letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher +Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es +wird sogar - was schliesslich doch wohl das Beste dabei ist - wieder ein +tuechtiges Stueck Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung +Amerikas geleistet werden koennen. + + + + + + DIE AMERIKANISCHE PRESSE. + + +In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia +Universitaet zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten +richtete, fand ich folgende hoechst bezeichnende Worte ueber die +amerikanische Presse, die ich hier in Uebersetzung geben will: "Einen guten +Massstab fuer die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem +Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre +Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolitaet, ihre Skrupellosigkeit. Mir +scheint es manchmal wirklich besser, ueberhaupt keine Zeitungen zu lesen, +selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an +Verstaendnis fuer die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des +amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten ueber +unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fussballspiel +sechs Spalten und einer grossen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen +zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was +sein _sollte_ und dem, was praktisch _ist_. Amerikanische Lorbeeren gruenen +fuer die gigantischen Industriehaeuptlinge: wenn das Leben eines solchen +bedroht oder gar ausgeloescht ist, so muessen ganze Morgen herrlichen Waldes +fallen, um das Material zu liefern fuer das Papier, das notwendig ist, um +seine Verdienste in das gehoerige Licht zu setzen, wohingegen unser groesster +Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines +einzigen Baumes genuegt fuer die paar kurzen, unauffaelligen Saetzchen, die +ueber seine Krankheit und seinen Tod berichten. Vergleichen Sie einmal die +Ausfuehrungen der britischen und der amerikanischen Presse ueber einen solch +leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren +allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser +Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern koennen. Ueber einen noch viel +moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse +vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung ueber die Konstruktion der +Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische +Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des +Reiches gehalten wurde, in voller Ausfuehrlichkeit in seinem Morgenblatt; +er bekommt also in seiner Eigenschaft als Waehler sein Material aus erster +Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs." + +(M53) + +Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners moege mir +als Schild dienen gegen die empoerten Anfeindungen amerikanischer +Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als +einen Ausfluss bornierten europaeischen Neides hinstellen wuerden. Jeder +ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen +muessen, dass wir Europaeer ein gutes Recht haben, ueber das kulturelle Niveau +der Buerger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so +lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns +Meinung ist selbstverstaendlich auch die aller fein empfindenden und fuer +den guten Ruf ihrer Geisteshoehe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, +dass der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist, +eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, dass der schlechte +Geschmack bei der erdrueckenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand +der Zeitungsverleger noch nicht ausschliesslich aus reinen Idealisten +besteht, denen kein Geldopfer gross genug ist zur Hebung des geistigen +Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverstaendlich die Zeitung nach +dem Geschmack ihrer Kaeufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in +den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als +stilistisches Geschick genug besaessen, um auch einem erheblich +anspruchsvolleren Publikum zu genuegen. Es duenkt mich sogar nicht +unwahrscheinlich, dass in dem Lande der glaenzenden Redner, der scharfen, +witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene +Journalisten vorhanden sein duerften, als in manchen Laendern der Alten +Welt; wie aber gegenwaertig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen, +haben die skrupellosen fixen Reporter das Uebergewicht, und die besten +Koepfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder +schrauben, dem Zwange der Verhaeltnisse gehorchend, ihr Geistesniveau +absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist, +erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als fuer Kinder +und Unmuendige zugeschnitten. Selbstverstaendlich ist drueben, wie +schliesslich auch ueberall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied +zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blaettern und der +gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das +Betruebliche dabei ist eben, dass das Modernste auch das Schlechteste +bedeutet, und dass die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren +aelteren Blaetter zwingt, wenigstens in der aeusseren Aufmachung sich immer +mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren. + +(M54) + +Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin, +sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere ausserordentlich +fortgeschrittene Technik ist noch nicht imstande, fuer den Rotationsdruck +auf Zeitungspapier in Massenauflagen kuenstlerisch wirkende Bilder +herzustellen, abgesehen davon, dass es auch nur in sehr seltenen +Ausnahmefaellen moeglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger +Stunden flotte kuenstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich +also fuer den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln +koennen, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was +dabei fuer den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen +mit dem Kodak nachlaeuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffaengt und +die beruehmten Zeitgenossen tueckisch im Voruebergehen knipst, das erleben +wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften. +Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfuegen +wenigstens ueber ein besseres Papier und mehr Zeit fuer sorgfaeltige +technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des taeglichen Rotationsbetriebes wird +aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus +der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur +eines Raubmoerders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland, +gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung fuer ein Kutscherblatt an, und +der bessere Mensch schaemt sich, damit einen geraeucherten Hering +einzuwickeln. + +(M55) + +In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewusst, ueberhaupt keine +unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blaetter, +die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern +schuldig zu sein, wenigstens Portraets vom Tage und humoristische Beigaben +zu bringen. In den ausdruecklich fuer den Geschmack der grossen Masse +bestimmten Blaettern aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen +Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drueben die gelbe genannt, +laesst auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und +Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der +Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: "_287 Menschen verkohlt_", oder +"_Rabenmutter laesst sieben Kinder verhungern_", oder "_Das Arnoldmaedchen +mit Liebhaber in Neapel gesehen_" - wobei zu bemerken ist, dass "das +Arnoldmaedchen" die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten +Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbruellen ihres Herzeleides wie +oeffentlich geohrfeigt vorkommen muss! Dann folgen grosse Portraets der +Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wuest hingekleckste Darstellungen +der grossen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmaedchens als Baby, als +Schulmaedel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entfuehrers. Falls der +letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden +konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natuerlich +auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme ueber das gerade +vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Ungluecks-, +Verbrechens- oder Skandalchronik fuellen die erste und vielleicht auch noch +die zweite Seite aus; noetigenfalls schliessen sich hier die Schauer- und +Trauerfaelle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen +an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, dass alle die +Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik "Ungluecksfaelle und Verbrechen" +in moeglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit +lebhaftem Interesse gelesen werden, drueben an erster Stelle stehen und den +meisten Raum beanspruchen, selbst in Blaettern, die fuer anstaendig gelten. +Den Sportereignissen werden tagtaeglich, winters und sommers, viele, viele +Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt +schliesslich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem gruenen Felde in +irgendeinem Sport eifrig betaetigt, einmal dazu, seine interessanten Zuege +in der Zeitung festgehalten zu sehen, und dass das der jugendlichen +Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich - weniger begreiflich jedoch, +dass die Nation es nicht muede wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, +Dicks, Johns und Jacks zum Fruehstueck serviert zu kriegen. Alle prominenten +Persoenlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden +fleissig interviewt und selbstverstaendlich abgebildet. Mehr oder minder +harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des +Tagesinteresses stehenden Personen fuellen zahlreiche Spalten, und Big Bill +(der Praesident Taft) muss sich's gefallen lassen, ebenso burschikos +angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene +Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen, +verfaellt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die +Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weissen Hause _The +Spinster Aunt_ Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Praesidenten, im +Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhaendig Lebkuchen und +andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren +gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblaettern nur in +Zeiten der Wahlkaempfe einen grossen Raum ein, und die Sprache, die sie dann +fuehrt, zeichnet sich durch hahnebuechene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr +recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, +gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen +breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns "Hof und +Gesellschaft" ueberschrieben zu sein pflegt. Waehrend aber bei uns nur die +regierenden Haeuser, der hoechste Adel und ganz wenige grosse +Persoenlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Oeffentlichkeit +sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtaeglich von dem Leben und +Treiben nicht nur ihrer hoechsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionaere und +Modeberuehmtheiten, sondern ueber alle ihre besser gestellten Mitbuerger, +soweit sie ein Haus ausmachen. "Mister und Missis Habakuk J. Flips von +132. Strasse W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret +Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gaeste eingeladen. Unter +den prominenten Persoenlichkeiten bemerkte man ... usw." So geht es +spaltenlang fort waehrend der ganzen Saison. Wenn Damen aus der +Gesellschaft fuer die Wohltaetigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten, +so bringt die Presse die Portraits saemtlicher Patronessen und ausfuehrliche +Berichte; ebenso wenn ein bekannter Buerger der Stadt eine grosse Reise +unternimmt, wenn seine Tochter als Schoenheit in der Gesellschaft Aufsehen +erregt, oder sein Sohn beim Fussballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, +oder sein zu drei Viertel verkalkter Grossvater achtzig Jahre alt wird - +kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und +traegt zu der fuerchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze +Pressunwesen darstellt, am meisten bei. Ueber Theater und Musik kann man +unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in +weit groesserer Ausdehnung das alberne Gewaesch der Reporter finden, ebenso +wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem +sachverstaendigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gaenzlich +unqualifizierte Volksstimme, das Gaensegeschnatter des Salons und der +bloedeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von +Nichtigkeiten doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel +erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die +abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschaeftsreklamen zu +unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf ueber irgendeine brennende, sagen +wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen +Ausfuehrungen, bis ploetzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem +Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umraendert, die +Reklame eines Apothekers fuer sein neues Abfuehrmittel hinein; oder ich +erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen +Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener +Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfuer befindet sich in allen besseren +Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Ploetzlich wird eine reizende +Bosheit ueber die Liebe durch das sich breit hereindraengende Inserat einer +Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Ueberschritt: +"Waehle dir nie dein Leichenbestattungsgeschaeft aus persoenlicher +Freundschaft, denn wenn du das tust," geht es nun in kleinem Druck weiter, +"so schaedigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualitaet +Leichenbestattung zukommen laesst, und laedst zweitens den Hinterbliebenen +eine Schuldenlast auf, fuer die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein +kleines Unternehmen, das jaehrlich nur wenige Begraebnisse zu liefern hat, +selbstverstaendlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein grosses +von unserem Rang, und dennoch viel hoehere Preise berechnen muss, weil es ja +auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem +Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur +Erweisung der letzten Ehre fuer seine teuren Verblichenen sich wuenschen +kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen begraben +lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und +Bruderschaften zu unserer Verfuegung." Doppelstrich, - und dann geht es +weiter im Text. So muss ich ungluecklicher Zeitungsleser mir meine +Reflexionen ueber die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der +Leichenwaescherin stoeren lassen; kann keinen Leitartikel bewaeltigen, ohne +peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder +mangelhafte Darmtaetigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den +harmlosen Roman in der Beilage schmoekern will, halten mir die eifrigen +Verkaeufer aller moeglichen Waren fortwaehrend ihre Muster mit lautem +Geschrei unter die Nase. + +(M56) + +Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen +Unterbrechungen nur mit den Gefuehlen vergleichen, die das Telephon im +Busen des modernen Menschen ausloest, wenn es ihm ruecksichtslos in seinen +Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier +hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, dass der +Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. +Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr +alle seine freien Augenblicke, selbst waehrend der Geschaeftsstunden, und es +ist fuer den denkenden Europaeer hoechst verwunderlich zu beobachten, wie +Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des +Alters und Geschlechts, den naemlichen intellektuellen Schlangenfrass +geduldig und sogar wohlig hinunterwuergen. Man traut seinen Augen nicht, +wenn man einen ehrwuerdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn +betraechtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte +humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung +erscheint naemlich, ich weiss nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, +tagtaeglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im +Stile unseres "kleinen Moritz". Die scheusslichen Fratzen, welche sich die +amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietes anzuschminken pflegen, fanden +vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden +Karikaturenzeichnungen der Tagesblaetter, und diesen Fratzen haengen Zettel +aus dem Munde, auf denen ihre erschuetternd witzigen Aussprueche verzeichnet +stehen. Gewiss koennen auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung +einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen - die goldig harmlosen +Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blaettern tagtaeglich diesen +Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in +Buntdruck! + +Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche +Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das +der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, +beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an +eine beliebige Redaktion und setzt voraus, dass er da eine prompte Auskunft +auf alle erdenklichen Fragen erhaelt. Die Naivitaet der guten Leute geht +soweit, dass sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse +anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne +Abteilung fuer solche vertraulichen Auskuenfte, die manchmal in ganz +ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spasshaften Redakteur zur +ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine +angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik "Die Frau und +ihre Interessen" folgende Anfrage aus dem Leserkreise: "Liebes Fraeulein +Libbey!" - das ist die Redaktrice dieser Abteilung - "Schreiber dieses ist +ein junger Mann, welcher in einer Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit +dem schoenen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame, +und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht +die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in +der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame +von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wuenschen sollte, +wuerden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A." + +Antwort: "Ja, das koennte Ihnen schon vorwaerts helfen." + +Ist das nicht ruehrend niedlich? + +(M57) + +Eine allbekannte Eigentuemlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind die +_Head lines_ (Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann, +welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen +auffallenden, kurz orientierenden Ueberschriften zu versehen, und dieser +Mann wird gut bezahlt. Der europaeische Leser laeuft anfangs blau an vor Wut +ueber diese graesslichen _Head lines_; er fuehlt sich zum Idioten erniedrigt, +weil man durch diese Ueberschriften, die jeden Artikel alle Nase lang +zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdruecken will, +dass man ihn fuer zu stumpfsinnig halte, als dass er imstande sei, sich +selber ueber den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er aergert sich +noch ganz besonders ueber die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei +Berichten ueber Aeusserungen hervorragender Persoenlichkeiten zu Tagesfragen +den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und +gesperrt gedruckt: "_Sagt, Kalifrage nicht schuld_", und erst in dem in +Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuss gesetzten Text erfaehrt man, +dass es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin handele, der die +Mutmassung zurueckweise, dass seine Haltung in der Kalifrage die Ursache +seiner Abberufung gebildet habe. - Ein Bericht ueber mein und meiner Frau +Auftreten in einem Universitaetshoersaal war beispielsweise ueberschrieben: +"_Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hoererschaft_". Oder ein +Mordbericht ist ueberschrieben: "_Pfeift Signal aus Liebestagen, toetet +sodann Frau_". Genug der Beispiele. Aber derselbe Europaeer, der anfangs +mit knapper Not dem Schlagfluss entging vor Aerger ueber so viel Kinderei und +grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die +Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsaechlich den +Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wuesten Haufen +aufgetuermten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der +Headlines ist man naemlich imstande, die umfaenglichste Tageszeitung in fuenf +Minuten zu erledigen, waehrend man reichlich fuenf Stunden brauchen wuerde, +wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im +Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung. + +(M58) + +Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel +dafuer anzufuehren, was der Amerikaner unter journalistischer _Smartness_ +versteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft frueh +morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wuenschte. Ich merkte +sehr bald, dass der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen +Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch laechelnd ein, dass ihn +nur der "Baron" veranlasst habe, uns so ruecksichtslos zu ueberfallen, ehe +wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespuelt hatten. Da in jenen +Tagen die Auffuehrung von Richard Strauss' "Salome" in Chicago viel Staub +aufwirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob +ihr Stadtoberhaupt die Auffuehrung dieses gotteslaesterlichen Werkes +gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich +ueber meine Beziehungen zu Strauss und meine Ansicht ueber "Salome" +auszufragen. Er stenographierte fleissig, und wir brachten, wie mir schien, +ein ganz nettes Feuilleton zustande. Hoechst vergnuegt zog er mit seiner +Beute ab. Bereits eine Stunde spaeter wurden wir von seiner Redaktion +angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz bloedsinniges +Gewaesch abgeliefert, wir sollten doch die ueberfluessige Belaestigung +entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion +freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser +Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen +Kollegen fuer einen Trottel erklaert hatte, liess er sich ein Bild von meiner +Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Maenner gefielen, ob +ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbaerte, was +sie von den Humpelroecken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen +beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fuerchtete - und +dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe +seines hoechst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es +wurde uns nachher von vielen Leuten bestaetigt, dass das Publikum +tatsaechlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage +spaeter waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein +reizendes Heim und eine aus belangreichen Maennern und interessanten Frauen +anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine +hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame. + +(M59) + +Ich glaube, aus dieser und manchen aehnlichen Erfahrung schliessen zu +duerfen, dass der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer +einen Rueckschluss zulasse auf mangelhafte Befaehigung der amerikanischen +Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfuegen nicht selten +ueber eine sehr gute Bildung, ueber eine hoechst gewandte Feder, einen +schlagfertigen Witz, und es waere sehr wohl moeglich, mit denselben +Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. +In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach +ueberlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die +Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblaetter +meist weit uebertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und +Weise, wie die Zeitung oft tatkraeftig in oeffentliche Angelegenheiten von +Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist +zum Volksmanne grossen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und +Unterdrueckten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung +erfuellen. Ich brauche wohl nur die Namen _New-York Herald_ und _Henry M. +Stanley_ zu nennen! Es betaetigen sich eben im Journalismus nicht nur +Leute, "die ihren Beruf verfehlt haben," nicht nur Klugschwaetzer und +Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies - weil sie wissen, +dass aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein +Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Praesident der Republik! +Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, dass unter den +hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche +deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks +ist ein Deutscher; in dem am _Boston Transcript_, einer in geistigen +Dingen fuehrenden Tageszeitung, angestellten Redakteur fuer literarische +Angelegenheiten entdeckte ich einen ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er +schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im +Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Moeglichkeiten +zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend +niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger +schuld, die sich an das gefaehrliche Goethewort halten: "Wer vieles bringt, +wird manchem etwas bringen." + +Eine Zeitung fuer jedermann aus dem Volke kann es aber vernuenftigerweise +ueberhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut, +bedeutet fuer einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine +weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt +vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gaehnen usw. usw. Eine +Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur fuer den Geschmack, +sondern auch fuer die guten Sitten und sogar fuer das Denkvermoegen ihrer +Leser, indem sie allgemein verstaendlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem +Geschmack und dem beschraenkten Begriffsvermoegen der geistig Minderwertigen +herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine +Konzessionen macht und den Erbaermlichkeiten gegenueber, die die Wogen des +Lebens tagtaeglich ans Ufer der Oeffentlichkeit schleudern, gewissermassen +die Funktionen der Gesundheitspolizei ausuebt, dadurch dass sie alle uebel +riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum +Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jaemmerliche +Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse +gegenueber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis, +geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Dass sie, wie ich in den +Ausfuehrungen ueber oeffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz +ihrer indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten +Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen +gegenueber eine geradezu aengstlich pruede Zurueckhaltung ausuebt, verringert +die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwoert, nicht im geringsten, +wenn anders man zugibt, dass Moral keineswegs im Nichtswissen um die +Natuerlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, dass man +seinen Mitmenschen gegenueber eine anstaendige Gesinnung betaetigt und seine +schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum +obersten Richter ueber die Moral und den gesunden Menschenverstand zum +Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der traegt notwendig zur +Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe +Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet +ihn in den Sumpf der toedlichsten Trivialitaet hinein. Es ist sehr schwer, +sich da wieder herauszurappeln. + +(M60) + +Auch dafuer liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel; +anstatt dass naemlich, um die Geringwertigkeit des taeglichen Massenfutters +auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf +nahrhafte Qualitaet der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen, +sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem boesen Beispiel der +Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden +Preis! Ich weiss nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das +absichtlich den Kreis seiner Leser einschraenkte, um zwanglos zu einer +Gemeinde von Auserwaehlten sprechen zu duerfen. Weil der Hunger nach +Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genaehrt, nunmehr +bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so +glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- und Monatsschriften +Rechnung tragen zu muessen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel +waere. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern +sie einem achselzuckend: "Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere +Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz +die Leser weg." Dieser eine Sensationsartikel, der zum Aerger +geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen +Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen, +liebenswuerdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der +literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der +Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Waehrend +meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene +Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, dass in New York +taeglich etliche hunderttausend Stueck faule Eier importiert wuerden, und dass +saemtliche Zuckerbaecker ihre appetitlichen Suessigkeiten grundsaetzlich nur +aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch aelterem Rufe +entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefaehrlichen Ignoranz +der amerikanischen Aerzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als +Beispiel erzaehlt, dass ein Chirurg mit grosser Praxis eine Reise ins Ausland +unternehmen wollte und seine Patienten einem aelteren, angesehenen Kollegen +empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgefuehrt +hatte, die aber neuerdings wieder ueber Schmerzen klagte. Der aeltere +Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere +Diagnose als Blinddarmentzuendung stellen koennen. Schliesslich sei der +Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, dass sie selber auf eine +nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, dass der Blinddarm, +und zwar in scheusslicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der juengere +Kollege dann zurueckkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation +erfuhr, habe er totenblass ausgerufen: "Mein Gott, was habe _ich_ dann da +der Dame herausgeschnitten!?" Ich muesste mich sehr taeuschen, wenn ich +diesen Scherz nicht schon vor dreissig Jahren in Deutschland gehoert haette; +aber er genuegte, gehoerig aufgefrischt, um die saemtlichen medizinischen +Fakultaeten, die ganze Aerzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen +und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene +tuechtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht +aus diesen Beispielen, dass sich der Sensationsgier zuliebe selbst die fuer +die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit +der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der +ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafuer +klingt freilich plausibel genug: "Was wollen Sie?" sagen einem die +Herausgeber, "die Wissenden taeuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, +die amuesieren sich nur darueber, und im uebrigen wird so unendlich viel +gedruckt und gelesen, dass das Publikum es ja doch nicht alles behalten +kann. Wenn also die aergsten Luegen wirklich einmal nicht einwandfrei +dementiert werden sollten, so vergisst sie das Publikum doch sicher ueber +der naechsten Sensation. Wo bleibt also der grosse Schaden, den wir stiften +sollen?" + +Es muss allerdings zugegeben werden, dass unter den besonderen +amerikanischen Verhaeltnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er +bei uns in Deutschland sein wuerde, weil dort verhaeltnismaessig nur wenige +Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Grossstaedter zumal kauft sich +seine Zeitung und selbst seine Wochen- und Monatsschrift auf der Strasse, +und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also +die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in +demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und +uebermorgen gelb - wenn er noch seinen eignen gruenen Optimismus hinzutut, +ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schliesslich doch das Weiss +der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verbloedung durch die Presse ist also +schliesslich doch nicht so gross, wenigstens fuer den an sich schon freieren +Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, dass unter den etlichen 90 Millionen +Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevoelkern, nur wenige Tausend +noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt +ist, fuer wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor +der uebrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die +Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu +beurteilen, die sie sich gefallen laesst. + +(M61) + +Es sei uebrigens nachdruecklich betont, dass wenigstens ein Teil der +deutschen Presse Amerikas, und besonders der fuehrenden Blaetter New Yorks, +sich die redlichste Muehe gibt, sich ueber den Standard der englischen +Presse zu erheben. In den grossen deutschen Zeitungen findet man, besonders +ueber das Ausland, eine bei weitem ausfuehrlichere und zuverlaessigere +Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was +beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an +Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualitaet und Quantitaet +von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die grosse Mehrzahl +der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich ueberraschend schnell in +Dingen des Ungeschmacks und der oberflaechlichen Neugier, und so zwingt der +Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blaetter, manchen betrueblichen +Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es ueberhaupt moeglich, diesem +rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem grossen demokratischen +Freistaat, in dem die Masse sich zum allmaechtigen Tyrannen aufgeschwungen +hat? Ich habe an anderer Stelle ausgefuehrt, dass es die natuerliche Tendenz +jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu +entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege +dazu. Die Zeit muss kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug +ist, um die geistige Fuehrung an sich zu reissen. Eine aristokratische +Kultur aber laesst sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete +Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvoelker rechnen, wenn +sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den +Geschmack der Masse zu vergewaltigen. + + + + + + VON DER DEMOKRATISCHEN GESELLSCHAFT. + + +(M62) + +Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt +sind, und es sich leisten koennen, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu +besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Faellen, dass sie mit +staunender Genugtuung den grossen Aufschwung des Vaterlandes in +wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und +kuenstlerischer Beziehung wahrgenommen, dass sie mit stiller Ruehrung so +manche treu behuetete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswuerdige alte +Sitten und Gebraeuche, feuchtfroehliche Kneipwinkel und traute Gemuetlichkeit +im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestaerkt +haetten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der +Neuen Welt schmerzlich vermissten und ihr Leben nicht lieber mehr oder +minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des +Rentners in der alten Heimat beschliessen wollten, da bekommt man fast +immer zur Antwort: "Nein, Wurzel fassen koennte ich auch in dem ueppigen +modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so +habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. +Ihr fuehlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollstaendig +in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren grossen und kleinen +Fuersten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und +aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gaengeln +und behueten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzaeunt von Warnungs- +und Verordnungstafeln, der freie Entschluss und die freie Meinung trauen +sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis +oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu +bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schoene Sache, +aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muss doch mit zu viel +Demuetigungen des Selbstbewusstseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen +Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends laecherlich und +unertraeglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmoeglichsten +Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuraeumen. +Das sind die Gruende, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die +Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht +mehr heimisch werden kann." Und dann werden einem allerlei blamabel +komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil ueber unsere +Unfreiheit erhaerten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur +Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des +Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken +schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte +Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Muetze, der mit Papieren in der Hand +auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein +Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische +Angst der Gastgeber vor Verstoessen gegen die Rangordnung bei Einladungen in +ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die +umstaendlichen Hoeflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander - +und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit +mehr sind. + +Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Auslaender zu veruebeln, +wenn er diese Dinge bei uns mit ironischer Heiterkeit oder gar mit +bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist fuer uns nur die: lebt man in der +demokratischen Gesellschaft der groessten amerikanischen Republik wirklich +so sehr viel freier? Und ist es ueberhaupt moeglich, ein friedliches +Nebeneinanderleben von Menschen, eine oeffentliche Ordnung, Sicherung des +Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne +Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschraenken und ohne +Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die +republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr +energisch verneint. Ich wuesste nicht, wo in der Welt mehr und eifriger +Gesetze fabriziert wuerden, als gerade in der Union, wo nicht nur im +Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen saemtlicher 44 +Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die +wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen +weitgehende Ergaenzungen erfahren. Gewiss, unsere Verordnungswut, unsere +kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schoene Stunde und reizen +die Galle oefter als das Zwerchfell - aber ist das drueben so sehr viel +besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reisst +mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin +mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in +Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Strasse +ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe +belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen +lasse; wenn ich ein schoenes Maedchen bewundernd anblicke, riskiere ich, +durchgepruegelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack +und weisser Weste betrete, werde ich durch veraechtliche Blicke in den Boden +gebohrt. In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen +Unterschied der Staende, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren +deutlichsten Ausdruck darin finden, dass auf der Eisenbahn nur eine einzige +Wagenklasse fuer alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit +nur bei langsamen Lokalzuegen durchgefuehrt, die der "bessere Mensch" ja +doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite +Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, +Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmaedchen und Viehtreibern in die Car +mit den graesslich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, +sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft +und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem grossen luftigen, schoen +ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu +benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und +Rauchkabinett, Speisewagen, Buefettwagen mit Schreibgelegenheit und +reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich +sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, +manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder +besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse fuehre. Fuehle ich mich +aber so ausserordentlich _prominent_, dass mir auch diese Gesellschaft noch +zu ordinaer ist, gehoere ich also nach deutschen Begriffen zu den +_erstklassigen_ Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe +mir dafuer ein _Compartement_, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum +innerhalb des grossen Pullman-Wagens, in dem ich ueber ueppige Salonmoebel +verfuege und nachts auch allein schlafen kann, waehrend die Leute zweiter +Klasse, Maennlein und Weiblein pele-mele, der Laenge nach hinter einem +gruenen Vorhang uebereinander geschichtet und sorgfaeltig von der frischen +Luft abgeschlossen werden. Selbstverstaendlich kann man es, ebenso wie bei +uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn +es ihm Spass macht, fuer sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drueben +etwa ein Cowboy in verwegenem Raeuberaufzug sich fuer seine zerknitterten +Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird +er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch +spucken darf, bald genug ungemuetlich fuehlen und ganz bescheiden in den +Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas +anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer duenkelhaften +Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse fuer die +Leute mit der ganz schmalen Boerse - die Eisenbahnkoenige im Lande der +Freiheit und Gleichheit denken aber natuerlich nicht daran, diesem +Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzufuehren. Dass - in +den Suedstaaten wenigstens - Neger in der Eisen- und selbst in der +Strassenbahn im besonderen Wagen fahren muessen, ist ja eine weltbekannte, +echt demokratische Einrichtung. + +(M63) + +Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, dass auch in der grossen Republik +dafuer gesorgt ist, dass der freie Kulturmensch sich hie und da an +Gesetzestafeln Beulen stoesst und wegen laecherlicher Bevormundung gerade so +schoen die Kraenke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir naeher zusehen, +welchen Maechten es denn zu danken sei, dass wir drueben nicht vor lauter +Freiheit allzu uebermuetig werden, so stossen wir in den meisten Faellen auf - +_die alte Tante_! Ich fuer meinen Teil muss gestehen, dass mir diese alte +Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Tueren +einschlaegt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Koerperschaften die +Fenster des Sitzungssaales einschmeisst und am liebsten alle freie +Froehlichkeit durch ihr sauertoepfisches Geplaerr ersticken moechte, bei +weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das +ist ueberhaupt die ueble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den +Amerikanern, dass sie so leicht vor den verruecktesten Anschlaegen boshafter +und beschraenkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der +Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe +boesartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem +erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spuelen, oder +mir ein harmloses Glas Bier durch eine Luege zu erschleichen(3), dieselbe +auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase +zusperrt, mir jede schoene kuenstlerische Nacktheit mit Feigenblaettern +verschandelt und sogar meine Lektuere kontrolliert, indem sie die Tore des +Freistaates gegen die Einfuhr "freier" Buecher verschliesst und dem +einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und +Gedankenkreise beruehren zu lassen, die _sie_ fuer anstoessig erklaert! Dass +diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die +Vergnuegungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gaenzlich auszurotten +vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, dass sie eine +scheussliche und laecherliche Heuchelei zuechtet und auf kuenstlerischem und +wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin betraechtlich +hemmt. Da es dem Buerger der Vereinigten Staaten an so vielen Plaetzen +verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Nass zu loeschen, so verlernt +er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getraenken und berauscht sich +bei verschlossenen Tueren an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der +Genuss des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch +nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, +ganz und gar von dieser unter Umstaenden sogar bildenden Unterhaltung +auszuschliessen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen +unter dem Namen _Sacred Concert_ zu gestatten, wobei aber Kostuem und Tanz +fortfallen muessen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York +am Sonntag nachmittag "Madame Bonivard", der franzoesische Schwank von der +alten Balletteuse, als _geistliches Konzert_ gegeben! + +(M64) + +Und wenn die Amerikaner behaupten, dass es einen Kastengeist oder ueberhaupt +gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muss ich mir +erlauben, auch dahinter ein grosses Fragezeichen zu machen. Die Abkommen +der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner +Handwerker, die 1620 mit der "Mayflower" landeten, entwickeln einen +Adelstick, der unsere blaubluetigsten ostelbischen Junker neidisch machen +koennte. Ganz natuerlich: denn ein Amerikaner, der seine Grosseltern noch +kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, +die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich +rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen +Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehraeuber gewesen sein und am Galgen +geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere +geniessen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen +koeniglicher Haeuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel aeusserlich +erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines +gesellschaftlichen Kreises dafuer, dass er nicht mit der Krapuele verwechselt +werden kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten +Vierhundert hineinzukommen, als an den Hoefen europaeischer Kaiser und +Koenige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den +Hofgeschichtsschreibern Faelschungen und Unterschlagungen begehen lassen, +um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so +scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um +unangenehme Veroeffentlichungen ueber ihre Ahnen zu hintertreiben. +Nachschlagewerke wie "Wer ist wer?" spielen drueben eine Rolle wie bei uns +der "Gotha". Die guten alten Familien schuetteln ihre Bekanntschaften durch +sieben Siebe, bevor sie sie ihres naeheren Umganges wuerdigen, und die +Emporkoemmlinge, moegen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein hoeheres +Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Haeuser +zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer juengeren Prinzen oder +Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drueben offiziell +nicht, dafuer recken sich aber die guten Leute in den Theater- und +Konzertsaelen die Haelse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren +Diplomaten zu bestaunen und schmuecken ihre Knopfloecher mit Vereinszeichen +in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden +von weitem wenigstens sehr aehnlich sehen. Und jeder Buerger, der durch sein +geschaeftliches Glueck oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten +geraten ist, traegt eifrig dafuer Sorge, so oft wie irgend moeglich in den +Zeitungen erwaehnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine +gesellschaftliche Stellung ungemein erhoeht. Die guten Republikaner +scheinen ein vortreffliches Gedaechtnis sowohl fuer die +Zeitungsberuehmtheiten wie fuer die Familienverhaeltnisse aller ihrer grossen +Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders +die Damen ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit +wem nicht. Sie haben ihre Liste der _moeglichen_ Menschen so sicher im +Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium +die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von +hueben und drueben ist also nicht gar so gross - nur dass die europaeischen +Raubritter doch wenigstens urspruenglich Sprossen erlesensten Blutes waren +und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Raeuberei verfuehrt +wurden. Drueben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primaere und +wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von +ungeheuren Vermoegen gehoert neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, +Phantasie und Wagemut noch immer eine grosse Portion Ruecksichts- und +Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und +Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als +jedes andere. _Pluckyness_ ist heute noch ein hoechstes Lob fuer einen +Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm fuer +einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit +Hochgenuss studieren will, der lese die kuerzlich erschienenen Memoiren des +alten Gauners Drew(4). Darin kommt eine koestliche Anekdote vor, wie er +einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute +Gelegenheit benutzt und fuer ein Spottgeld eine ganze Herde hoechst +minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New +York und liess die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und +erbaermlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und +sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des +misstrauischen alten Geschaeftsfreundes liess er seine Herde saufen, saufen, +saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbaeuchen eine unerhoert strotzende +Gesundheit vortaeuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen +glaenzenden Preis. Dieses Schwindelmanoever hat eine sozusagen klassische +Beruehmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch +Vortaeuschung grosser Rentabilitaet bei gesundem finanziellem Fundament in +die Hoehe zu treiben "_Watering the stock_" die Herde waessern - denn das +Wort _stock_ bedeutet sowohl Aktie wie Herde. - Natuerlich faellt es mir gar +nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Geluesten einen Vorwurf +machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestaetigung meiner +Ueberzeugung, dass das Streben nach Zuechtung einer Aristokratie ein +Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwaerts- und Hochkommen +anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller staerkeren, +wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwaechlingen +abzusondern. + +(M65) + +Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Fuehrers der +Sozialdemokratie zu vernehmen, dass es in den Vereinigten Staaten so +ausserordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute +keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns +bekaempft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste - und +dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren +gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militaerische Drill sitzt seit etwa +fuenf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten +erzogen; dem freien Buerger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der +Welt so verhasst als wie Disziplin. Obwohl drueben die Herdeninstinkte noch +viel staerker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu +weitgehender Differenzierung der Persoenlichkeit fuehrt, so ist doch jeder +Einzelne als Republikaner viel eifersuechtiger auf seine persoenliche +Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel ueber die Dienstbotenfrage habe ich +diesen Punkt beruehrt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische +Eitelkeit, wie ich es nennen moechte, in der Frage der Rekrutierung des +stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus +naiv glorifiziert und liebenswuerdig verhaetschelt. Es braucht nur ein +Bataillon mit klingendem Spiel durch die Strassen zu ziehen, und alles ist +tief geruehrt vor nationaler Begeisterung - aber dienen will niemand, und +die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchfuehrbar. Die Regierung sieht +sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate +muessen mit schreienden Farben die Soehne des Vaterlandes zum Heeresdienst +verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen +und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende +Offiziere, den Arm in vaeterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner +Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespraech einherwandeln; +und auf den Schmuckplaetzen grosser Staedte etablieren sich Feldwebel und +harren unter aehnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die +es geluestet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber muessen +reden koennen wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken +voll lustiger Schwaenke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken +- denn Freund Alkohol muss meistens ein uebriges tun, um den schwankenden +Heldenjuengling soweit zu bringen, dass er Handgeld annimmt. Uebrigens +versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische +duerfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht +wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kraefte gehoerig +angespannt, aber dafuer wird auch der gemeine Mann wie ein anstaendiger +Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte +hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen fuer Unterhaltung und Erholung +dafuer gesorgt, dass er nicht von Kraeften komme und bei guter Laune bleibe. +Die Liebenswuerdigkeit eines praechtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten +in Columbus (Ohio) liess mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. +Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne +Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er +krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten +Hospital die denkbar sorgfaeltigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um +6 Uhr in einer eigens dafuer bestimmten grossen Halle mit den Kameraden ein +und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten +Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck +gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine +vorzuegliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemuese und hinterher +anstaendigen Kaffee mit delikatem Weissbrot. Selbstverstaendlich haben sie +auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem +Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreussischen +Begriffen nicht weit her, dafuer wird aber die Entschlussfaehigkeit des +einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem +Erfolge anerzogen. Dass die Loehnung eine ungleich viel bessere ist als bei +uns, ist wohl selbstverstaendlich. Der amerikanische Soldat koennte also den +unsrigen hoechstens in dem einen Punkte beneiden, dass er keine so bunte und +blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafuer ist die seinige aber auch +viel bequemer als die unsrige und ausserdem ein sichererer Schutz als der +festeste Kuerass, denn ihre staubgraue Farbe macht den Mann schon in einer +Entfernung von etwa 300 Meter voellig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst +erzaehlte mir, dass sie eines schoenen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe +abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa +350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen +bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst +befluegelt, sei sie vorwaerts gestuerzt und - nach ein paar Minuten sei der +schmerzlich Vermisste erst schattengleich, dann immer deutlicher und +kompakter wieder auf dem Ruecken seines Pferdes erschienen. Es wuerde also +aus der Hoehe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer +amerikanischen Armee unter Umstaenden ueberhaupt nichts zu sehen sein. Doch +dies nur nebenbei. + +(M66) + +Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete +Soeldnertruppe einem grossen, intelligent geleiteten Volksheer gegenueber +standzuhalten vermoege, wird ueber kurz oder lang doch einmal zur +Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, dass die Japs ein +aeusserst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die +amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap +Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den +ihm zur Begruessung entgegengeschickten hohen Wuerdentraegern des japanischen +Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos +freundliche Gesicht eines Mannes, der laengere Zeit bei ihm als Gaertner +angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie +wissen tatsaechlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Plaene von +langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte +behaupten, dass die pacifischen Republiken Suedamerikas schon alle durch die +Versprechungen der Japaner fuer deren Zwecke eingefangen und bereit seien, +beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Kueste zu bemaechtigen, +dem grossen Bruder in den Ruecken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es +aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann wuerde es +eine ueberaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es +gibt ueber die Rocky Mountains nur fuenf einigermassen gangbare Paesse, die +militaerisch leicht zuzuschliessen sind. Nur angesichts eines solchen +nationalen Ungluecks wuerde die gluehende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich +zur Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht hinreissen lassen. Ich glaube, +sie waere ein Segen fuer das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an +persoenlicher Opferwilligkeit macht sich ueberall als Hemmnis fuer den +Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im +Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Russland, durch Angst und Schrecken +muehsam aufrecht erhalten werden muss, schafft ueberhaupt erst die +Vorbedingungen fuer das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und +Einrichtungen. + +(M67) + +Die Freiheit, welche die Buerger der Vereinigten Staaten tatsaechlich vor +uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden muessen, besteht +also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen +Verhoehnung der Gesetze und in der geringen Empfindung fuer die Wichtigkeit +einer aengstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und +Berufsehre, als vielmehr darin, dass drueben tatsaechlich jede Energie, jedes +Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiss, +wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, +der kann sicher sein, ein Feld fuer Betaetigung seiner Kraefte zu finden, +Ohren, die auf ihn hoeren und Haende, die ihm vorwaerts helfen. Gute +Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflussreiche Goenner und ererbtes +Betriebskapital sind selbstverstaendlich auch drueben eine wertvolle +Vorbedingung; aber der wirklich Tuechtige kann auch ohne all das sicher +sein, vorwaerts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit +duenkelhafter Aengstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk +errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll +Einlassheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und +gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreissen; das Beste an +der demokratischen Freiheit ist es, dass sie einen solchen Bretterzaun +zwischen Regierung und "Untertan", zwischen Behoerde und Publikum nicht +duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, +dass nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen +da sei; dagegen entspringt aus dem Bewusstsein des freien Buergers, dass +nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich fuer sein Geld eine Regierung +nach seinem Geschmack leisten koenne, jenes Herrenbewusstsein, das die wahre +Menschenwuerde erst zur rechten Bluete bringt. Dieses Herrenbewusstsein ist +aber auch der grimmigste Feind aller Duckmaeuserei, Neidhammelei, +Noergelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene +beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spiessertums, +naemlich einerseits der untertaenigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende +und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel haeufigere, auf +alles schimpfende und doch nie zur Selbsthuelfe greifende Spiesser duerften +in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den oedesten Kleinstaedten zu +finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren +Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten +Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden ueberall in +der Oeffentlichkeit, nicht nur in den grossartigen Organisationen der +Wohltaetigkeit, der Erziehung, der Fuersorge fuer die physisch und moralisch +Kranken, in den koeniglichen Stiftungen der Milliardaere, sondern in vielen +kleinen Zuegen, die beweisen, dass auch der aermste dieser freien Buerger an +jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das fuer die +genialen Diebe grossen Stils so viel laechelndes Verstaendnis uebrig hat, das +auf der Strasse liegende Eigentum des Naechsten auffallend respektiert. Wenn +der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er +seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen +will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. +Man hoert nie davon, dass sich jemand an dem angesammelten Kleingeld +vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt fuer Drucksachen und +dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und +keinem kommt der Gedanke, dass sie da fortgenommen werden koennten; ja noch +mehr: man sieht in den Strassen massenhaft herrenlose Automobile +herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten koennen sich nur +sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der +Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kaelte geschuetzt +- und man hoert selten oder nie davon, dass ein Auto oder auch nur eine +solche Decke von der Strasse weg gestohlen worden waere. Bei hellichtem Tage +bandenweise in einen Laden oder in einen _Saloon_ einfallen und Inhaber +wie Kunden auspluendern, das ist guter Sport, das ist fesch, wuerde der +Wiener sagen; aber von der Strasse etwas fortnehmen, das ist gemeiner +Vertrauensmissbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der +Kleine, der sich von dem Grossen geschaedigt und schlecht behandelt fuehlt, +setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter ist leicht mit dem Streik bei +der Hand, wenn er die grossen Geldsaecke allzu zugeknoepft findet. Aber es +faellt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um +seinen Ueberfluss. Weiss er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, +dass sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, dass die Kerle +eben einen guten Kopf, Fleiss, Energie und Glueck gehabt haben - ihm selber +oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. +Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der +Weizen des Sozialismus drueben nicht bluehen will. + +Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen koennte, einige Schiffsladungen +voll Philister, Spiesser, Paragraphenreiter, Schulfuechse, +Bureaukratsbuersten und Einfaltspinsel hinueber zu schaffen, um bei Bruder +Jonathan einen mehrjaehrigen Kursus zwecks Charakterverbesserung +durchzumachen? + + + + + + WIE DER YANKEE SEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL MACHT. + + +Es war eine der kluegsten Massnahmen der Unionsbegruender, dass sie in ihrer +Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie ueberall in +der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung +Nordamerikas die Verquickung des religioesen Elements mit der Politik die +uebelsten Folgen gehabt. Die bischoefliche Kirche Englands, die papistische +wie die protestantische, hatte natuerlich versucht, ihre Herrschaft auch +auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen +Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgervaeter, das heisst +jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Haelfte des siebzehnten +Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich +weit unduldsamer erwiesen als selbst die roemische Pfaffenherrschaft in den +spanischen Suedstaaten. Sie waeren am liebsten mit Inquisition und +Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen. +Aber wie diese Pilgervaeter ueber dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch +niemals vergassen, ihre weltlichen Geschaefte als geriebene Kaufleute +intensiv zu foerdern, so liess sich auch der vielgeruehmte _Common __sence_ +ihrer angelsaechsischen Rasse selbst durch religioese Inbrunst nicht voellig +unterdruecken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende +Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen +Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen +Zusammenhalt angewiesenen Buergern erzeugt. Neugegruendete Staedte und +Staaten wurden entvoelkert, abtruennige Sektierer fanden grossen Zulauf und +gruendeten neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der +alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat +Maine, der als erster voellige Religionsfreiheit eingefuehrt hatte, +auffaellig rasch emporbluehte, begannen doch auch den starren Puritanern die +Augen aufzugehen. + +(M68) + +Und so kam es, dass nach der gewaltsamen Losreissung vom alten Vaterlande +die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz +erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist +dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatsaechlich in den +Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die +Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, dass die Grundsaetze einer +Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die +Vielehe bei den Mormonen. Ausserdem hat sie in weiser Voraussicht der +Ansammlung uebermaessigen Kirchensvermoegen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser +Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in +unzaehlige Sekten, die aber keineswegs eine Schwaechung, sondern vielmehr +eine Staerkung des religioesen Lebens bedeuten. Philosophisches und +besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen, +dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch +Begeisterungsfaehigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit +heute noch kindlich denkunreif, und so erklaert es sich, dass die Bibel ihm +noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natuerlich aber liest jedes +grueblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes +heraus. Und wer Beredsamkeit und Zaehigkeit genug besitzt, vermag Anhaenger +um sich zu scharen und eine unabhaengige Gemeinde zu gruenden. Die +Opferwilligkeit, die dazu gehoert, eine solche Gemeinde, Sekte oder Kirche +(_Denomination_) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis +ab fuer die Staerke des religioesen Beduerfnisses. Freigeister in unserem +Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst +hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geuebt. Die Tradition hat die +Bibelglaeubigkeit der Vorvaeter so lebendig erhalten, dass es heute noch, +ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes +geblieben ist, seinen Eifer fuer das Christentum irgendwie zu betaetigen. +Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher +oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen haelt fest +zusammen wie ueberall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie +gruendet ihre Macht auf das irische Element und erhaelt staendigen Zuwachs +durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie +ist, traegt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den +geistig minderwertigsten Einwanderern ueppig ins Kraut schiessenden Stolz +auf die persoenliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so +aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen +versucht sie mit allen moeglichen Mitteln Einfluss zu gewinnen. Die +bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irlaender, die bekannte +Tammany Hall im Staate New-York, uebt offensichtlich eine grosse politische +Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische +Irlaender in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefaehrlicher +Weise zu betaetigen, darueber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst +sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass der +nuechterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbuergerliches Wohlbefinden +und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien +uebers Ohr hauen lassen sollte. + +(M69) + +Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so +ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo +sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betaetigen. +Selbstverstaendlich wird in saemtlichen Kirchen und Betsaelen Nordamerikas - +man zaehlt gegenwaertig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer +Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse - der christliche +Grundsatz gepredigt, dass vor Gott alle Menschen gleich seien; in +Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischoefliche Hochkirche nur fuer +die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren praechtigen Kathedralen +kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf +einen ersten Rangplatz in der grossen Oper. Ein beliebiger Mensch der +minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im voruebergehen in +solch eine Kirche einzukehren, wuerde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz +finden, sondern sich auch durch die entruesteten Blicke der Stammgaeste +energisch hinausgeekelt fuehlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine +Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre +Karriere haeufig ihren glaenzenden Eigenschaften als Tischredner, +Bridgespieler, Musikdilettanten und Taenzer. Die Kirche der geistigen +Aristokratie, der wohl der groesste Teil der akademischen Welt angehoert, ist +die _Unitarian Church_. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur +den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie +treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen fuer +ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen, +vornehmlich bei ihrem beruehmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den +groessten religioesen Eifer entfalten natuerlich die kleineren Denominationen, +deren Prediger oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die +Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre +Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergnuegte musikalisch +deklamatorische Unterhaltungen oder schweisstreibende Leibesuebungen +veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den +Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame +dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker Uebertreibung Rechnung +tragen muessen. Am spasshaftesten muss es wohl in den Negerkirchen zugehen. +Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesaenge der Nigger gehoert hat, deren +Eigentuemlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung +von Himmel und Hoelle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der +Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der +Weihe eines Negergottesdienstes machen koennen. Der Rhythmus afrikanischer +Kriegs- und Geisterbeschwoerungstaenze sitzt diesem kindhaft gebliebenen +Volke eben noch so fest in den Knochen, dass auch seine religioesen Gefuehle +bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen. + +(M70) + +Um einen Begriff von dem Ton dieser religioesen Niggerpoesie zu geben, habe +ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu uebersetzen, wobei freilich zu +bedenken ist, dass die Eigentuemlichkeiten des Negerdialektes schon darum +jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch +kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet +folgendermassen: "Jossua fit de battle ob de Jerico". + + Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - so froh! + Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - + und die Mauern purzeln um - glatt um! + + Kommt Brueder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, lasst uns eilen, + da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen. + Wir waehlen uns zum Text - die Deutung, die liegt nah: + "Der Herr rief: Moses, Moses! - und der Mann sprach: Ich bin da!" + O Daniel! + Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho, + und die Mauern purzeln um, glatt um. + + Nu, oll' Pharo von Aegypten - klueger war kein Mensch gebor'n - + und er kriegt die Judenkinder 'ran zur Arbeit in sei'm Korn. + Schliesslich liess der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht, + dass der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen moecht'. + O Daniel usw. + + Sollt er aber dies verweigern! - o verdammt - dann ging's ihm schlimm. + Auf Aegypten wollt er leeren kuebelweise seinen Grimm. + So geschah's. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert. + Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfaehrt. + O Daniel usw. + + Tolle Sachen dreht der Herrgott - und nicht nur in alter Zeit, + nicht fuer Israel nur - Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit! + Seine Liebe reicht fuer uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt + mich meinem Massa, dass die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt. + O Daniel usw. + +Besonders interessant ist es, dass, wie auch in den aeltesten Zeiten des +Volksliedes der europaeischen Kulturlaender, das eigentlich sinnvolle +Gedicht von einem Solosaenger vorgetragen wird, waehrend der Chor sich durch +ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In +obigem Lied singt also der Chor: so froh - glatt um - o Daniel - und +wiederholt am Schlusse jedes Verses die ausser Zusammenhang mit dem Inhalt +stehenden Einleitungszeilen: "Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho". + +Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich +vergeblich bemueht habe, lautet hoechst charakteristisch: + + Der Vorsaenger: + O der Gaensekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn - + Mein Herr schreibt meine Zeit ein. + Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schaedel auch + alle Haare dir gezaehlt. Weisst du das nicht? + Oder meinst du, dass der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht + von 'nem Walfisch unterscheiden sollte koennen? + + Chor: + Suendige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen, + denn mein Herrgott schreibt es ein. + + Vorsaenger: + Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht - + mein Herrgott schreibt meine Zeit ein. + Du erwarte nicht vom Nachbar, dass er deiner Seele durchhilft, + deine Suenden muessen braten wie die Huehnchen auf dem Hofe. + + Chor: + Also suendige lieber nicht usw. + +In einem anderen Liede wird den armen Suendern angeraten, sich ja +rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen, +denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm. + +Es waere aber ein grosser Irrtum, anzunehmen, dass die groteske Form dieser +religioesen Gesaenge nur der Lust der Nigger an kindischer Spassmacherei +zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden +von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als +komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja +aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute veraengstigter Seelen in +armen gequaelten Leibern. Und die religioese Inbrunst, die aus ihnen +spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie. +Uebrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar, +was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht +haben, sowie auch die Negermusik die einzige originelle musikalische +Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet. + +(M71) + +Das weisse Gegenstueck zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist +die Heilsarmee, die Kirche der Alleraermsten und Untersten. Zeichnen sich +ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so +erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische +Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfuegen +oft sogar ueber sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten. +Ausserdem passt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesaenge, die Vorliebe +fuer die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von +Himmel und Hoelle vortrefflich zu ihren schwarzen, wuesten Gesichtern mit +den sanften schwaermerischen Augen. Wenn aber weisse Menschen unter einem +noerdlichen Himmelsstrich ihre religioesen Gefuehle in der Form einer mehr +als barbarischen Musikuebung mit grauenhaftem Gesang und misstoenender +Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Strasse ausueben und sich in +ihren Predigten wie ihren Gesaengen eines Jargons bedienen, der weder fuer +den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch fuer die schlichte +Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verstaendnis besitzt, so +muss einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial +fuehlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung +versagen; sie allein von allen religioesen Gemeinschaften hat es vermocht, +den natuerlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen +Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jaemmerlichsten Elend zu +ueberwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit +und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; sie +speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie +gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gaenzlich +Verzweifelten, von der Gesellschaft voellig aufgegebenen doch noch zu einem +menschenwuerdigen Dasein. Der grosse Erfolg, den sie auf der ganzen +christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, dass sie sich auf die +Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat, +versteht, und dass die sinnfaelligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer +Propaganda anwendet, die richtigen sind. + +Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund +so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer +gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer +Aufklaerung durch die Schule und unserer bewundernswuerdigen sozialen +Hilfsarbeit gebracht, dass in unseren prunkenden Weltstaedten ueberall noch +Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit +fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen +beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte +Wohltaetigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die +_Legal Aid Society_ zum Beispiel gewaehrt den Aermsten und Unwissendsten +unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemuehungen um die Besserung erblich +belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener +gegen das Zurueckgleiten in ihr frueheres Leben haben grossartige Erfolge +aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter +Menschenliebe - und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer +scheusslichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun! + +(M72) + +Wenn man die Verbreitung und die laute Betaetigung der Heilsarmee als +Massstab fuer die Gesittung eines Volkes annimmt, so muesste in dieser +Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Voelkern +stehen. Ich meine aber, dass dieser Massstab doch vielleicht zu einem +ungerechten Urteil verfuehrt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt +wohl die groessere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine +Folgeerscheinung des unerhoert raschen Emporschiessens einer rein +technischen Zivilisation und des dadurch gefoerderten unnatuerlichen raschen +Wachstums der Staedte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern +Halt, und die unmittelbare Beruehrung mit der erhabenen Natur, mit der zu +Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Aermsten edle +Freuden - Seelenfrieden wenigstens -, waehrend in der Grossstadt alle diese +idealen Gueter nur fuer die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen +verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so +fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je +mehr sich Riesenvermoegen in den Haenden weniger zusammenfinden, je mehr +eine glaenzende Luxuskultur sich in der Oeffentlichkeit breit macht, desto +sicherer verfaellt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der +Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil ueber den +Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schliesst. Die Arbeiter, +die in steter Beruehrung mit den erstaunlichsten Erfindungen des +Menschengeistes sind, die ihnen die Baendigung der Naturkraefte durch +unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen +Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtaeglich vor Augen +fuehren, gewinnen von diesem Umgang weder fuer ihre Verstandesbildung noch +fuer die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was +allenfalls dabei herausspringen kann, waere fuer gut veranlagte Koepfe der +Anreiz zu erfinderischer Eigenbetaetigung. Ebensowenig wird der Herr der +Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht, +Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schoenen Dingen eine seelische +Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heisst also an +Idealismus, an einem zeitig geweckten aesthetischen und ethischen Gewissen +fehlt. + +Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die +Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bussbank locken laesst, legt also im +Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen +Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und +reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religioes drapierten +Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen laesst. + +Von der oeffentlichen Katzenmusik der mit der grossen Trommel begleiteten +Busspredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuss, vor +dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablaessig in +Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten +Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen +anderen Grossstaedten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg - +und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europaeer sehen die durch Misses +Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religioese Bewegung als eine geistige +Epidemie an, welcher religioes veranlagte, aber denkunfaehige Geister +deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung +urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken +gleichmuetig die Achseln ueber diese sogenannte christliche Wissenschaft und +verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie. + +(M73) + +Der "American Encyclopedie Dictionary" definiert die Grundlage dieser +Wissenschaft folgendermassen: "Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit +und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der +Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die +Allmacht des Guten und die Unmacht des Uebels. Christian Science will die +Wahrheit der urspruenglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der +Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit +ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Suende. Bekaempfe also Suende und +Irrtum, so bekaempfst du Krankheit und Tod." - Christlich kann man diese +Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische +Begruendung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen. +Das Neue und fuer die grosse Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende +an dieser Lehre besteht darin, dass sie Christus zum Magier macht und die +magischen Kraefte seiner Glaeubigen durch inbruenstige Gebetsuebungen dermassen +staerken zu koennen vorgibt, dass auch die Wunder zu wirken imstande sind, +vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen +Religion ist also der, dass sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die +Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt +ist erfuellt von Uebeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not +und Tod; der Glaeubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in +der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch +seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren +Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es gluecklich zur +vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder +Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, dass eine solche Lehre in Amerika, +wo es so wenig philosophisch geschulte Koepfe gibt, ihr Glueck machen musste. +Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm +Hervorgebrachte fuer vortrefflich haelt, derselbe glueckliche Leichtsinn, der +die schwierigsten Fragen dadurch loest, dass er einfach behauptet, sie +existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution +gesehen haben), dieselbe Leichtglaeubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten, +Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der +Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Glaeubigen in +ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwuerdigen Frau +liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung. +Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg. +Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der +Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefuegte Organisation zu +schaffen versteht, der muss ein erwaehltes Werkzeug Gottes sein. + +(M74) + +Es will uns Europaeern schier unfasslich duenken, dass im zwanzigsten +Jahrhundert unter dem angeblich nuechternsten aller Voelker eine Frau zur +Gruenderin einer neuen maechtigen Kirche und von ihren Glaeubigen fuer heilig, +unfehlbar, ja selbst unsterblich erklaert werden konnte! Misses Baker Eddy +war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persoenlichkeit +geworden. Man wollte wissen, dass sie schon seit Jahren tot sei, und dass in +ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhaenger +nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Paepstin irre +werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz +wirklich gestorben und begraben worden, und die Aerzte wussten ganz genau +den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben. +Man haette nun meinen sollen, dass mit diesem unzweifelhaften leiblichen +Tode der magische Nymbus zerstoert worden sei, der die Person der Paepstin +ausserhalb der Menschheit in die Reihe der Goetter stellte. Aber das war +keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begraebnis verkuendete eine +ihrer vertrautesten Juengerinnen, sie koenne den Glaeubigen mit Bestimmtheit +versichern, dass nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der +Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter +Leiblichkeit, vermutlich verjuengt, vielleicht schon in vierzehn Tagen +wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings +hinzu, es koennte eventuell auch laenger dauern, vielleicht Jahre, viele, +viele Jahre lang. + +Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gruenderin gestorben; sie +hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschuetterungen ihres Ansehens +standgehalten, denen sie durch den hoechst unerquicklichen Zank der +Auserwaehltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten +paepstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt +war. Fuer uns Europaeer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur +eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den +Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefaehrlich, ueber diesen +Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu +aeussern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer +Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen +geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich +fuer ewige Zeiten unmoeglich zu machen, indem ich das Thema von der +Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles +Raeuspern brachten mich gluecklicherweise einige wohlmeinende Mitmenschen +zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, dass mein Nachbar +zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis ueberzeugte Anhaenger der +Misses Eddy seien. + +Wie ausserordentlich verhaengnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch fuer +die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafuer wurde mir ein +Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzaehlt. Ein gescheiter +und tuechtiger Geschaeftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet +und fuehrte eine durchaus glueckliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der +Gesundbeter geriet. Von da an liess er das Arbeiten bleiben und +beschaeftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie. +Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herueberzuziehen. Die +Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte +er sich so aus, dass nunmehr auch der Herr fuer die Bezahlung der laufenden +Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener +Gebetsuebungen merkwuerdigerweise nicht der Fall war, so musste seine Gattin +immer mehr und mehr von ihrem Kapital fluessig machen, bis sie eines Tages +die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie +dadurch klar machte, dass sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit +Sack und Pack sein Haus verliess. + +(M75) + +Wir wuerden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, dass nur in +ihrem Lande heutzutage noch ein guenstiger Boden fuer ausgiebigen Gimpelfang +auf religioesem Gebiet zu finden waere. Christian Science zum Beispiel hat +auch in Deutschland zahlreiche Anhaenger, und zwar vornehmlich in jenen +erlauchten Kreisen, die auf die "Kreuzzeitung" abonniert zu sein pflegen. +In meinen Haenden befinden sich zwei traurige Beweisstuecke fuer die engen +Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher +Strammglaeubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blaettern der ganzen +Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer +1106: "Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt +ueber die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt! + +Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingefloesst. Aerzte und Prediger +erzaehlen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertaeter +Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des +Todes entreisst. Seine Ratschlaege sind unentgeltlich fuer alle. Dieser Herr +entbietet sich, seine Ratschlaege unentgeltlich zu geben. Aerzte suchen +seine ausserordentliche Kraft zu ergruenden ..." + +Und in diesem scheusslichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort. +Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum +Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von +ihm erfundenen Radiopathie vor. "Die Radiopathie hilft nicht nur bei +gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nuetzt gegen alle Krankheiten, +wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer +Formel praepariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie +krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben +Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange +Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnuegen daraus machen, Ihnen die +Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu +beschreiben, das Ihnen nuetzen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und +Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: 'Wie man +sich selbst und anderen helfen kann' mitschicken usw." + +Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Fuer das Postfach 1106 in +Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und +Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natuerlich lauter arme, verzweifelte, +schmerzensreiche, meist von den Aerzten aufgegebene Menschen, erhielten ein +gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie +aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofuer +ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natuerlich eine voellig +wertlose Droge, zugehen wuerden. Die hochwichtige Broschuere voll angeblich +wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt. +Und siehe da, Tausende und aber Tausende liessen sich den letzten +Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem +schwerreichen Mann. Selbstverstaendlich ist er in Wirklichkeit weder Dr. +med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer +Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten +Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spass zu machen, liess er +zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis +photochemisch vervielfaeltigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der +diesem niedertraechtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden +mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preussische +Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn +Professor der Radiopathie in Rochester Gestaendnisse ablegen, wie man sie +selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande hoechster +Verzweiflung ablegen duerfte. + +(M76) + +Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spass daraus, diese +traurigen Intimitaeten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll +dieser gemeingefaehrliche Schwindler uebrigens sein Unwesen heute noch von +Paris aus froehlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, dass die +erwaehnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann +gestehen, sie haetten es unter anderem auch schon mit der Christian Science +versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europaeer +sind noch laengst nicht ueber den Berg des Aberglaubens hinweg; der +religioese wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des +Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie +ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehoerigen aller Bekenntnisse, aller +Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde +abgerueckt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der +Beschwoerungstaenze ihrer Medizinmaenner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr, +aber in den finsteren Hoehlen der Menschenseele kann der unerschrockene +Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden. + +Bei der voelligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten +Staaten gewaehrleistet, und der grossen Anzahl der Bekenntnisse, die der +heilsuchenden Seele zur Verfuegung stehen, braucht die Wahl der +Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschliessen will, +von keinen anderen als rein idealen Erwaegungen geleitet zu werden; +begreiflicherweise spielen aber dennoch Nuetzlichkeitsgruende, allerlei +komische oder betruebliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine +bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbstaendig denken gelernt haben, +und deren Zahl ist in Amerika besonders gross, sowie alle Leute, die nicht +von einer besonderen religioesen Inbrunst erfasst sind, werden entweder +einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde +anschliessen, durch die sie wertvolle geschaeftliche und gesellschaftliche +Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat +offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede +gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, dass sich immer gleich +zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und +der Aussenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der +natuerlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine +dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und +Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstueck zu den Klubs, die aber +nur den Wohlhabenden zugaenglich sind und die Familie ausschliessen. Der +selbstaendige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert +verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfuegung stehen, diejenigen +aussuchen, in der er ausschliesslich seinesgleichen in bezug auf Bildung, +gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen +findet. + +Es ist klar, dass der religioesen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum +durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die +Respektablitaet es erfordert, dass man einer christlichen Gemeinschaft +angehoere, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines +frommen Quaekers Sohn zu den Methodisten uebertritt oder die Tochter des +Presbyterianers sich den Baptisten anschliesst. Religioese Ueberzeugung wird +unter allen Umstaenden geachtet, auch wenn sie aeusserlich wunderliche Formen +annimmt. Und so faehrt schliesslich das echte religioese Beduerfnis bei dieser +Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar duerften in +keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in +den Vereinigten Staaten, weil ja bei der voelligen Freiheit der +Meinungsaeusserung jeder Geistliche in seiner Person gewissermassen eine +eigene Kirche darstellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm +seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht +deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfaenger, so mietet er +sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen +hineinzupredigen. Hat er deren ein Haeuflein beisammen, so ist seine +Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfaehige Geistliche, dessen Persoenlichkeit +der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das +Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da +brotlose Kuenste treiben. + +(M77) + +Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde +schliessen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New +York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem +feinsinnigen Gelehrten und allverehrten frueheren amerikanischen +Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle +Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedaempfte +Farbenharmonie fasst die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen +Holzton des Gestuehls mild zusammen, und die farbigen Fenster daempfen das +Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer +Daemmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder +Marterdarstellungen, ueberhaupt keine biblischen Schildereien finden sich +in diesem, ich moechte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine +einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle, +die dem Charlottenburger Mausoleum einigermassen aehnlich ist, ruhen in +herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhaendlers +Cornell, der seinen Namen durch die Gruendung dieser, zu den +allervornehmsten zaehlenden Universitaeten unsterblich machte. Hier ruht +auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine +Ruhestaette finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet, +sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem +berufenen Redner offen, dessen Denken und religioeses Fuehlen sich irgendwie +unter dem Einfluss christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also +hier allsonntaeglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen +Bekenntnisse, sowie auch ausserhalb alles Kirchentums stehende bedeutende +Denker und Redner. + +Ist es nicht bezeichnend, dass die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D. +White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam? +Allerdings haetten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger +gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit +suchenden Gemeinde geredet haetten - Rom aber sprach: "Quod non!" + + + + + + DIE LANDSCHAFT. + + +(M78) + +Schliesslich sieht es doch nicht ueberall in den Vereinigten Staaten aus wie +in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der +Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schoenheit mordenden +Industriegelaendes in den Mittelstaaten von den grossen Seen bis zum +Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und +Naechte lang durch Kohlen- und Petroleumhoellen, endlose Steppe und Wueste +bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinueberzufahren, um auf +landschaftliche Schoenheiten zu stossen. Schon die Manhattan-Insel, auf der +die Fuenfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt +erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den +gruenen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, +von New York nach Providence, glaubt man sich im suedlichen Schweden zu +befinden; die liebliche Wald- und Huegelszenerie mit ihren dunklen Taelern +und klaren Baechen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, +koennte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize +ostpreussischer oder maerkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der +Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und +vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem +nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake +Cayuga und wie sie alle heissen; in den Taelern des Delaware, des +Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche +Schoenheit herben und zarten, heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, +wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wuenschen kann, Schoenheit +genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung +zu schaffen. Aber der europaeische Naturfreund wird nirgends dieser +Schoenheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit +Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn - _es fehlt ueberall +an der kulturellen Inszenesetzung_. "O lieber Herrgott, wie gut hast du's +gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie uebel hast du die Absichten der +Natur verstanden!" Das ist das Stossgebet, das sich ueberall in den +Vereinigten Staaten dem schwergekraenkten aesthetischen Bewusstsein entringt. +Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhaeuser, die +Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepassten, von Gau zu Gau +wechselnden Charakter angenommen; ueberall dasselbe toedliche Einerlei +plattester Zweckmaessigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen +Granit in maechtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und +hie und da sogar ein Stueckchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der +ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten +Holzhaeuser, in lustigen Blumengaerten sauber aufgestellt, darinnen derbe, +blonde Dirnen in roten Roecken und gruenen Schuerzen hantieren? Wo ist die +bluehende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und +Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit +seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in +den anmutigen Flusstaelern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu +finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause waere? +Wo sind in den Glanzstuecken der Gebirgslandschaft die romantischen Wege +fuer Fusswanderer, die einsamen alten Wirtshaeuser an der Landstrasse, die +verraeucherten alten Raeubernester italienischer Bergdoerfer, oder gar die +lustigen Sennhuetten unserer Alpenlaender zu finden? Nichts, nichts von +alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist ueberhaupt +schwer hinzugelangen. Aber ueberall, wo so viel zu sehen ist, dass der +Baedeker einen Stern dabei machen wuerde, spreizen sich die lieblosen +grossen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebuehrender +Entfernung halten. Fuer die reichen Sommergaeste ist selbstverstaendlich +gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplaetzen, mit Motorbooten und allen +neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants +zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen +Futterplaetzen konzertieren selbstverstaendlich kleine Musikkapellen, die +die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten +geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten. + +(M79) + +Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Beduerfnis +nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer +Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns +sehen wir ihn ausschliesslich die grossen Hotels, die geraeuschvollen +internationalen Vergnuegungsorte bevoelkern, wo er von der Eigenart einer +Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren +Gebirgen, an unseren Fluessen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen +Ausruestung von modernsten Sportanzuegen und neuesten patentierten +Sportgeraetschaften. Vom juengsten Buebchen bis zum aeltesten Greise widmet er +sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut +ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Baellchen in Gesellschaft huebscher +Misses mit Knuetteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel +schwer zugaenglicher Schoenheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muss +seinen Kodak umhaengen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostuem oder +das mitgenommene suesse Baby in allen Lebenslagen knipsen zu koennen. +Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern +begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefaehrlich ist +und ihrer Raserei fuer das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und +sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Kaesebrot und einer Streu +vergnuegt bescheidet, den gruendlichen Wissensdrang, der am liebsten die +stillen Winkel durchstoebert, die fromme innige Naturschwaermerei, die den +grossen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege +geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt fuer +schoen, was ihm durch Dimension oder Quantitaet imponiert und - was viel +gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich ueber die graesslichen +Reklameschildereien ereifern hoeren, die gerade an den landschaftlich +bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt +von einigen Stunden, die recht genussreich fuer das Auge sein koennte, +etliche hundert Mal in der Gestalt eines ueberlebensgrossen rotbunten Ochsen +entgegenschreit, dass _Durham Bull_ der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak +sei, oder sonst irgendeine maechtig interessante Feststellung. Haelt man ihm +die Poesielosigkeit der grossen Hotelbauten in seinen beruehmten +Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der koennte +sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe +ausgeruestet in die Wildnis ziehen. O gewiss, das wuerde auch unserem +Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter den jungen +Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte "_camping out_". Aber auch +dieses Vergnuegen des Biwakierens ist mit Kosten verknuepft, die sich nur +wohlhabende Leute leisten koennen, denn es versteht sich von selbst, dass +man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, +ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, +Kochgeschirr, Angel- und Jagdgeraet usw. auf das vollkommenste mit den +allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgeruestet zu sein. In den +Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld haetten, +dass sie sich nicht einmal so etwas leisten koennten, oder wenigstens kennt +man in besseren Kreisen solche betruebliche Armseligkeit nicht. +Andererseits wuerde wieder das geistige Gepaeck, das unsere kultiviertesten +Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drueben fuer ein +ausserordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische +und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche +gruendliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was +dem historischen Sinn Nahrung geben koennte, so vermisst der Amerikaner die +edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverstaendlich +alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte +Geruempel. + +(M80) + +Es ist ein wahres Wunder zu nennen, dass die guten Kinder ihre Niagarafaelle +verhaeltnismaessig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen +Kraft, die dort umsonst zu haben ist, waere es doch eine Kleinigkeit, zum +Beispiel ueber dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und +Streifenbanner aus elektrischen Gluehkoerpern flattern zu lassen! (Sie +machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie wuerden +sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen Ufer +Onkel Sams Fahne flammen sehen muessten! Sie wuerden vermutlich nicht lange +zoegern, auf ihrer Seite einen wenn moeglich noch groesseren, elektrisch +bewegten _Union Jack_ zu hissen. Und damit waere sozusagen das Eis +gebrochen: in wenigen Wochen wuerde der strahlende Ochse Durham das Lob des +besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus +bruellen; ueber, unter, zwischen und hinter den Faellen selbst wuerden in +genial ersonnenen Lichtspielen die koestlichen Whiskys, die beliebtesten +Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abfuehrmittel sich dem +staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu +begreifen, dass nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywaesche diese +glaenzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch saemtliche +amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafaellen zu +unternehmen pflegen. Ich vermute, dass da irgend welche schlechten +Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schaendlich +unterbunden haben muessen; anders ist dieser geradezu barbarische und +schamlose Zustand gar nicht zu erklaeren, dass man hier die Natur so nackt +und bloss wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den +menschlichen Geschaefts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europaeer +kann so etwas schoen finden! + +Und dennoch muss ich gestehen, dass ich dekadenter Europaeer auch angesichts +der Niagarafaelle die feinere Regie vermisste. Ich musste an unsern lieben +Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche +Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch +eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche +Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begruenten Stadtmauer, +seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirtshaeusern! Wie +sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken - denn +auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die ueppigen Schaetze der Natur aus +reiner Sentimentalitaet ungehoben zu lassen -, wie sind sie so geschickt +unter dichtem Gruen versteckt! Dagegen dehnt sich drueben von der furchtbar +garstigen Grossstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheusslichen Nest +Niagara-Falls-City die trostloseste Einoede am Gestade des Eriesees +entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, +und infolgedessen sieht man ueberall verlassene Ansiedlungen, +Truemmerhaufen, Oedland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem +schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und missfarbigen Rinnsalen. Lange, +truebe Strassenzuege mit garstigen Arbeiterhaeusern durcheilt die elektrische +Bahn nach den Faellen, an wuesten Schnapskneipen und Tanzsalons mit +klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muss man vorueber, +bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden +Hauptfaelle angelegt hat. Dann gelangt man zunaechst an den kleineren +dritten Fall, den die Industrie ganz und gar fuer sich in Beschlag genommen +hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und +Schlote der Fabriken empor, und die gebaendigten Wassermassen quellen aus +einer Menge von eisernen Roehren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen +Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es muessen wohl Farbwerke +sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie +sah, waren alle diese Abfluesse zu Eiszapfen gefroren, die einen +pittoresken Behang ueber dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schoen +chromgelb, vitriolblau und krapprot gefaerbt waren. Die grossen Faelle selbst +gehoeren ja ohne Zweifel zu den gewaltigsten Naturschauspielen der Welt, +besonders im Winter, wenn die Baeume im weiten Umkreis in wunderbar +funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische +Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden +Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustueck +gaenzlich an Hintergrund. Der Niagarafluss verbindet eben zwei an sich wenig +reizvolle grosse Wasserflaechen, und wenn nicht zufaellig der Eriesee etliche +60 Meter hoeher als der Ontariosee gelegen waere, so wuerde es ueberhaupt +nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die +biedere Warthe in irgendeinem preussischen Kartoffelacker einen solchen +Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausfuehren liesse, so wuerde das einigen +Hunderttausenden Deutschen genuegenden Anlass bieten, um entruestet aus der +Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister +geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen. + +(M81) + +Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner +veruebeln durfte, weil er eben zunaechst fuer das Allernotwendigste zu +sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was +sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjaegern zu verteidigen hatte, +die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten fuer den hochkultivierten Osten, +und die Zahl derer, die sich nach Schoenheit zu sehnen beginnen, waechst von +Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten +Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt +Landschaftsregisseure mit unbeschraenktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was +liesse sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiss mir keinen +schoeneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New +York bis Albany schlaegt er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis +Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar +mit der Elbe zwischen Koenigstein und Schandau aufnehmen vermoege seiner +herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die +Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der +Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Stroeme, so liegt +das eben einfach daran, dass ihm die Rebenhaenge mit den beruehmten +Weinmarken, die lieben alten Staedtchen und ganz besonders die malerischen +Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons haette also die Aufgabe, das +ganze staedtische und doerfliche charakterlose Geruempel, das die Ufer des +Flusses verschimpfiert, niederzureissen und durch Neubauten im Stil des +Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das waere mit viel Geld zu +machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdraengte: Ja, welches +ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiss eben +kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die +Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, +ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederliessen, und jeder von +ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte +und seine Mittel es erlaubten. Gewiss haben sich an unserem Rhein die +Menschen urspruenglich auch nicht aus Bewunderung fuer die schoene Gegend +niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Hoehen gebaut, um +spaeteren Geschlechtern eine Sehenswuerdigkeit durch deren Ruinen zu +liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft spaeteren Dichtern und Malern +zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmaessige ist +immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten gerade so wie in +der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat +die Schoenheit dazu getan. Aber diese Schoenheit ist keineswegs ganz wild +gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein +einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, dass der Wille +einzelner Ueberragender sich den Herdenmenschen aufzwang, dass die +kuenstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden +erkannt und mit grossen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster +schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder +nachmachten. Die Zuenfte mussten ihren Zwang auf die Handwerker ausueben, die +Stadtvaeter mussten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die +Engigkeit der Verhaeltnisse musste ein konservatives Philisterium gezuechtet +werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der +Entwicklung stoerte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in +einer grossen demokratischen Republik nachahmen koennte. Gewiss, ein genialer +Architekt, nennen wir ihn Meyer, koennte mit den zur Verfuegung gestellten +Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, +und das koennte vielleicht etwas sehr Schoenes geben, aber dann muessten auch +drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwaengen, +ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten +und sich ueberhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. +Wuerden sich die freien Buerger des Staates New York das gefallen lassen? +Schwerlich. Sie wuerden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative +Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schoen geschwungenen +Uferbergen des Hudson kuenstliche Burgruinen zu errichten, zu denen +Zahnradbahnen oder Elevators hinauffuehrten. Es waere weiterhin nur +vernuenftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederliessen, die +auf den Plattformen der Tuerme Flugschiffstationen und auf den +Turnierplaetzen Hangars fuer Aeroplane einrichteten. Gewiss wuerden es die +Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige +Fabrik huebschere Formen annaehme und an Stelle manchen haesslichen Geruempels +reiche Mitbuerger ihre Sommervillen in allen moeglichen bizarren +europaeischen und asiatischen Stilen anlegen wuerden. Vermutlich wird man +schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und +Drachenburgen, japanische Teehaeuser, russische Datschen und Darmstaedter +Eigenheime bewundern koennen, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von +selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja +bei uns, wie schwer es die Vereine fuer Denkmal- und Heimatschutz haben, +unsere schoensten alten Staedtebilder vor Verschandelung zu behueten, und wie +auch die strengste Baupolizei hoechstens unter Mitwirkung wirklich +feinfuehliger Kuenstler einigermassen dem Eindringen der Stillosigkeit zu +wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorvaeter ist +uns Modernen durch den Mangel an Sesshaftigkeit der grossen Masse, die durch +unsere Verkehrsverhaeltnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. +Drueben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit +natuerlich niemals bestanden; der Kuenstler, den man zum +Landschaftsregisseur ernennen wollte, haette es also mit Kindern und +Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft +machen, aber keinen Stil aufzwingen koennte. Die Yankees mit ihrem +wundervollen Optimismus sind natuerlich ueberzeugt davon, dass die Schoenheit +und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln muessten als +eine Frucht der fortschreitenden Geschmackskultur ihrer reichen und +muessigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube +vielmehr, dass sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der grosse Unterschied +zwischen der alten Welt als einem Antiquitaetenmuseum und der neuen als +einem Novitaetenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmaehlicher +Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht +einzuholen. + +(M82) + +So muesste ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure fuer die Vereinigten +Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht +ganz. Im weiten Sueden, im aeussersten Norden und im fernen Westen ist noch +Platz genug fuer Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die +gesetzgebenden Koerperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur +Bedingung fuer neue Gruendungen machten, dass die Plaene nicht ohne +Hinzuziehung bewaehrter Kuenstler entworfen und ausgefuehrt werden duerften, +so waere von diesen neuen Staedten und Doerfern des 20. Jahrhunderts doch +wohl ein bisschen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko +nicht; ich weiss nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran +gedacht hat, die kuenstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die +Amerikaner behaupten ja, dass ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole +Seattle und andere nordwestliche Gruendungen von hervorragender Schoenheit +seien. Nun, dann wuerde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von +Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in +einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und +vor dem Schlafengehen nicht fortgeraeumt haben. Von dem grossen Voelkerumzug +sind noch ueberall die ausgeraeumten Kisten, die Stroh- und Papierhuellen, +die ausgerissenen Naegel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn +erst der Osten sich vor dem Westen zu schaemen beginnt, dann findet er +vielleicht auch Zeit, endlich einmal gruendlich aufzuraeumen. Und in der +aufgeraeumten Landschaft, dem gesaeuberten Stadtbilde werden wenigstens die +groebsten Scheusslichkeiten so unliebsam auffallen, dass man sich um so mehr +beeilt, sie gaenzlich wegzutilgen und durch Schoeneres zu ersetzen. Dann +wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir +sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere +Missionaere den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann +auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Kuenstler +hinueber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische +Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und +Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen +amerikanischen Stadt eine schoene Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem +Namen an Stelle des bei uns ueblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis +und Landwehr-Bataillon zu lesen waere: "Gestiftet von Carnegie, in Szene +gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus Muenchen-Pasing." + + + + + + DOLLARICAS INFAMSTER SCHURKE. + + +(M83) + +Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten +gegenueber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen +Enttaeuschungen dadurch zu schuetzen, dass ich meine Mitmenschen von +vornherein jeder Bosheit und Niedertracht fuer faehig halten moege, stets mit +Ernst und Eifer die Meinung verfochten, dass alle Kreatur von Mutterleibe +an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und dass nur widrige +Umstaende, zumeist gaenzlich unverschuldeter Art, wie ueble Herkunft, +leibliche Not und ungestillte Sehnsuechte der Seele die boesen Triebe +gewaltsam einzuimpfen vermoechten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) +Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muss ich gestehen, dass +meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschuettert +wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern +sogar ein Vierfuessler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden +Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demuetiger Ergebung +und verehrungswuerdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der +ganzen Vereinigten Staaten ist naemlich, gerade herausgesagt - _ein +Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.'s Packing Company_ in +den Chicagoer Schlachthoefen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter +waere, der ich, wie gesagt, nicht bin, so wuerde ich diesen Hammel eine +_eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer haette es je fuer moeglich +gehalten, dass ein Schafskopf so viel Niedertraechtigkeit beherbergen +koenne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden Aeusseren dieses Hammels deutet +auf die Schaendlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnuegtes +Schafsgesicht verklaert das satte Laecheln eines gutmuetigen Pfaeffleins auf +fetter Pfruende, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines +beleibten, aber noch ruestigen alten Herren, der unter Umstaenden wohl noch +zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt +getragene Maske der Bonhomie zu der eintraeglichen Stellung bei Armour & +Co. verholfen. + +Dieser ehrenwerte Beamte erfuellt naemlich die Aufgabe, waehrend der +Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende +seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehoerigen und +Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen +Eisenbahnzuegen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_ +von Chicago zusammen. Die Wagentueren oeffnen sich, und froh, der langen +grausamen Haft entrinnen zu koennen, draengen sich die Scharen munterer +Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, +von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren +bedraengten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige "Maeh" der Erloesung +von langer Qual. Weite Huerden nehmen sie auf, die krauswolligen, weissen +und schwarzen Brueder und Schwestern, Vettern und Basen aus saemtlichen +Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige +Heu, in langen Rinnen der kraeftig gemischte Trank. Und doch, die rechte +Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch +erfuellt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, gruene Weide, +kristallklare Baeche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht +treu besorgter Hunde und frommer Schaefer; hier aber engen himmelhohe +rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weisser Laemmerwoelkchen waelzen +schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Haeupten daher, und statt des +feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebruell +rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen +sie die Schwaenzlein und die Koepfe haengen, lassen sie die Trankrinne und +die Futterraufe unberuehrt. + +(M84) + +Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beaengstigend fremden Welt +mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den +besten Jahren: "Munter, meine lieben Kinder, munter!" beginnt er in +humoristisch gefaerbtem Bockston, und alsbald umdraengt ihn ein dichter +Kreis von Zuhoerern. "Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und +Schwaenze mutlos haengen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine grosse +Ehre fuer euch ungebildete Prairieschafe, in die grosse Millionenstadt +Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr waeret die einzigen +Schafskoepfe hier am Orte, maehaehaehae!? Hier geht es hoch her, das koennt ihr +mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht +lang werden, auf Eh - haehaehaehae - re! Ich habe es zwar nicht noetig, mich +fuer euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer +auskoemmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will +mich dennoch eurer hilflosen Laendlichkeit annehmen, weil doch nun einmal +der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, +ich fuehre euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte +uns geniert." - Und leichtfuessig taenzelt der feiste Onkel voran einen glatt +gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, dass nur zwei knapp nebeneinander +gehen koennen, aber sicher eingeplankt, so dass keines an den Seiten +herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnuegens ist +vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen +Rutschpartie geht's auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz +und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und +trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, dass es klingt, +wie wenn in schwuelen Fruehlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und +Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Boeen, ein dumpfes Wirbeln wie +von gedaempften Trommeln, - als sollten durch solchen Trauermarsch den +unschuldig Verurteilten die militaerischen letzten Ehren erwiesen werden. +Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und +hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Tuerchen in der +rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er +in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit +einem Ruck in ein gemuetliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, +waehrend seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu +Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere +Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an +einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwaerts, ein gewaltiges +Rad empfaengt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und laesst sie auf der +andern Seite rasch abwaerts schweben der Stelle zu, wo der Moerder mit +seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoss - und lautlos haben sie +ausgelitten. Derweile laesst sich's der erprobte Beamte von Armour & Co. in +seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl +sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu +Angekommenen in die Huerden hinunter zu begeben und seinen niedertraechtigen +Trick aufs neue auszufuehren. Wenn er ein Mensch waere, so wuerde er sicher +auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleissig +in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermoegen wohltaetigen Stiftungen +vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das +Beduerfnis, sein Gewissen zu betaeuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um +seinen Mut zur Infamie taeglich neu zu entflammen, sondern sein +eigentuemlich hammelhafter Ehrbegriff laesst ihn vielmehr seinen Stolz drein +setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverstaendlichkeit +seine verraeterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension +geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blaehungen ihm unversehens den +Garaus machen. - Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weissen Eunuchen +von Chicago fuer den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu +erklaeren? + +(M85) + +Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schoene Leserin, werden Sie mir +entgegnen wollen, dass die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur +schaendlich missbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, +dass seine von ihm verfuehrten Artgenossen dem Tode verfallen seien. - Ich +kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest ueberzeugt, dass auch dem +geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer +Schlachthoefe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muss, +sobald es nur den Eisenbahnwagen verlaesst. Und da ein Leithammel doch +jedenfalls die Bluete der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es +doch schwer glaublich, dass gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben +sollte, dass alle die von ihm angefuehrten Herden auf Nimmerwiedersehen in +dem Abgrund verschwinden, dem jener heisse Blutgeruch entstroemt, und dass es +immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an +deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich +koennte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen +Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, +nicht noch eine groessere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein +beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anruechigen +Handlungen, die im Interesse seiner hoeheren Zwecke verrichtet werden +muessen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafuer scheinbar harmloser +Umwege zu bedienen. So hat die edle weisse Haut der roten Haut ihre +Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher +Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man +hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung +eines grossen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden +Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur +Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Voelker zu verwenden. Solchen +imposanten Grosstaten menschlicher Niedertracht gegenueber will es moralisch +nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit +einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquaelerei und unliebsames +Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und +Menschenfreunde muss man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche +ganz Nordamerika tagtaeglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte +Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepoekelten und geraeucherten +Fleischwaren versehen. Wer an einem glaenzenden Beispiel lernen will, wie +der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnoeden +Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und koerperlichen +Geschicklichkeit schliesslich dazu gelangen kann, die Vollendung des +Zweckmaessigen sogar bis zum kuenstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe +sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an. + +Durch Upton Sinclaires beruehmten Roman "_The Jungle_" (der Sumpf) sind ja +die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.'s Packing Company gerichtet +worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman uebel geworden. Es hat +monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, dass in den +huebschen, sauberen Blechbuechsen mehr Rattenschwaenze, abgehackte +Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden waeren, als solides +Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in juengster Zeit, wie ich, +die Schlachthaeuser und Packraeume Armours aufmerksam durchwandert hat, der +wird doch sagen muessen, dass entweder Mister Sinclaire ein arger +Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder dass die Gesellschaft sich sein +Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen +gemacht haben muesse. Denn so wie das Unternehmen sich heute praesentiert, +bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf +sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, +auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des +verarbeiteten Materials. + +An einem schoenen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich +und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der +Firma, uns herumzufuehren. Es war zufaellig derselbe Herr, der auch unseren +Prinzen Heinrich gefuehrt hatte. In der stolzen Haltung des freien Buergers +der groessten Republik der Welt, d. h. die Haende in den Hosentaschen, eine +ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser +Herr zunaechst einmal das Kompliment, dass unser kaiserlicher Prinz ein +feiner Kerl - _a fine fellow_ - sei. Man habe ihn vorher instruiert +gehabt, den hohen Herrn mit "_Your Royal Highness_" anzureden; aber daran +habe er sich nicht gewoehnen koennen, und es habe offenbar dem Prinzen ganz +gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von +anstaendiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den +Mittelpunkt der Hoelle geleitet. Sehr vernuenftiges amerikanisches Prinzip: +denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder +wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushaelt, dem kann ueberhaupt auf dieser +Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren. + +(M86) + +Eine schwere schmale Tuer wird aufgestossen; eine heisse Welle von suesslichem +Blutdunst schlaegt ueber unseren Koepfen zusammen, und das furchtbare, +wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betaeubt uns die Ohren, +zerreisst uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, +die dick mit Saegespaenen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief +hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich +langsam eine riesige, metallene Scheibe, ueber die eine schwere, eiserne +Kette laeuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht +uebersehen koennen, werden die Schweine von riesenstarken Faeusten eines nach +dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer +Hinterschenkel befestigt. Im naechsten Augenblick wird das Tier +emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskraeften strampelnd und +schreiend, ueber die grosse Scheibe weggefuehrt. Auf der anderen Seite dieser +Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich +langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, fuehrt er +den Todesstoss in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schiesst heraus. Der +Mann ist ueber und ueber mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und +steht bis an die Knoechel in einem Bluttuempel. Ein zweiter Mann in seiner +Naehe hat die Aufgabe, mit einem grossen Besen das Blut in ein Loch im +Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren +Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den +Schlaechter, so dass er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit +dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der hoechstbezahlte +Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem graesslichen Fache; aber +unfehlbar ist seine Hand natuerlich doch nicht, und manche der gestochenen +Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange waehrt ihre +Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette fuehrt sie in die untere Etage +hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll +kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weissen Schweineleichen in +dichtem Gedraenge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder +nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrueht, wie man sie +in unseren Metzgerlaeden in der Auslage haengen sieht. Kein Unterschied mehr +zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blassrosig, +starr und schwach dampfend kommen sie in Abstaenden von etwa 2 Meter wieder +in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und +schreiten auf unserer erhoehten Schaugalerie in einen grossen, lichten Saal +hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die +Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Aexten, Knochensaegen und Loetlampen auf +ihren Posten, und waehrend die Kette in langsamer Vorwaertsbewegung das +Schwein an ihm vorbeifuehrt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer +dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste fuehrt einen Bauchschnitt der +ganzen Laenge des Koerpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die +Gedaerme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, +der vierte saegt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Loetlampe +die etwa noch uebriggebliebenen Borsten weg - und so fort. Am Ende des +Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter +Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist +das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgeloest, die Schinken, +die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt. + +(M87) + +Ganz aehnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder +bearbeitet werden. Aus einer Falltuer werden sie von unten heraufgehoben +und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betaeubt. Nach dem +Grausen der Schweineschlaechterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu +zart gedaempft, man moechte fast sagen, liebenswuerdig diskret, denn das Rind +schreit nicht, es ist betaeubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum +Bewusstsein kommt, dass es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige +Maschinenkraft hebt das schwere, bewusstlose Tier an den Hinterfuessen in die +Hoehe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den grossen +Arbeitssaal. Am Kopfe haengt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim +Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die +Schlaechtergesellen ihre Arbeit, dass man in diesem Saale, mit den Augen +wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem maechtigen Rindskadaver +die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so +haengen die Rinder in grossen Abstaenden an der Kette, und jeder Arbeiter +geht dem ihm zugewiesenen Stueck so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk +des Abhaeutens, Zersaegens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der +Arbeitsteilung ist strikte durchgefuehrt. Ein Arbeiter hat nie etwas +anderes zu tun, als das Rueckgrat von oben bis unten durchzusaegen, ein +anderer nur das Abhaeuten zu besorgen - und wehe dem, wenn er das wertvolle +Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung +ist seine Strafe. + +(M88) + +Von den Schlachtraeumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. +Ueber hoelzerne Bruecken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die +die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befoerdern, gehen +wir in die Packhaeuser hinueber, wo das gekochte, geraeucherte und +eingepoekelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen +von fabelhafter Praezision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und +Abertausende von Blechgefaessen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei +in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verloeten des Deckels und das +Bekleben der Dosen mit den schoenen, buntgedruckten Papieretiketten. Das +Schlussstueck in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist +der Saal, in welchem nette junge Maedchen in weissen, steif gestaerkten +Haeubchen und blendenden Kleiderschuerzen an langen Tischen sitzen, mit +feinen weissen Haenden die duennen Fleischscheiben, die die lautlos +arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren +Rhythmus hinstreut, in die Blechbuechsen verpacken. Die tadellose +Sauberkeit dieser Maedchenhaende wird dadurch sinnfaellig gemacht, dass nicht +nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, +sondern dass in einer Ecke des Saales auf einer erhoehten Tribuene eine +artige Manikuere fortwaehrend an der Arbeit ist, um die Fingernaegel zu +saeubern und streng vorschriftsmaessig im Verschnitt zu halten. Diese +Manikuere und jener infamste Schurke Dollaricas, naemlich der Leit - hammel, +stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der +gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste +Ruecksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand +zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, naemlich die +Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt +die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir +die gutgepoekelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Buechse auf +den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiss ihr Letztes +hergegeben und durch geniale Ausnuetzung des Materials und Hinaufsteigerung +aller Energien zu aeussersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und +darum aesthetisch wirkende Harmonie verwandelt. + + + + + + BAEDEKEREIEN FUeR AMERIKAFAHRER. + + +(M89) + +Waehrend meines Aufenthaltes in New York geschah es, dass ein aufgeweckter +Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heissen +mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herueber kam, sich fuer die etlichen +30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet +hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo +das Land noch spottbillig ist, eine grosse Farm zuzulegen. Der Mann war in +der Vollkraft seiner Jahre, verliess sich auf seine derbe Faust, seinen +klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiss und hatte guten Grund, +anzunehmen, dass er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder wuerde +nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines +Grossgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen koennen. Der +Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt +erzaehlt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitaen, der +es gut mit ihm meinte, hatte ihm fuer seinen Einzug in die +Fuenfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner +Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den +Arm und fuehrte ihn zunaechst einmal die Kellertreppe zur _Subway_, der +Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch +Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Aesten die ganze +Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas +Petersen ueber das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in +einen der Riesenwagen hineinbugsiert war und nun in drangvoll +fuerchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen +verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten +Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze +Felsenhoehle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die +Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu +weinen an und schluchzte: "Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. -" +Und dabei blieb's; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem naechsten +Schiffe kehrte er tatsaechlich wieder heim. + +Noch uebler erging es einem anderen Gruenhorn, das sich auf seinen eigenen +Witz verliess und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um ueber +die beruehmte Bruecke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann +aufsuchen wollte. Und er kam auch ueber die Bruecke, aber er verstand nicht, +was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl +auszusteigen; und ehe er sich's versah, war er wieder auf der Bruecke, denn +die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein +Gemuetsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in +seinem unerforschlichen Ratschluss ueber ihn beschlossen haette. Er fuhr also +auf der grossen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang. +Schliesslich musste man ihn aus Mitleid erschiessen, da er sonst verhungert +waere. + +Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser, +so lass es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstoessliche Wahrheit +bestehen, dass du in Amerika unmoeglich bist, sofern der Himmel dich zu +einem Junker Traeuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der +Zipfelmuetze bis ueber die Nase und einem schoenen Brett vorm Kopf in die +Welt entlassen haben. Bist du aber kein Muttersoehnchen, das in der Bangbuex +bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu +viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer +stuerzen. Bist du ein armer Teufel, der drueben sein Glueck machen will, so +wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schaeme dich keiner Arbeit und lass +die Ohren nicht haengen, wenn es dir in einem Fach misslingt. "_Let us try +another chance_" sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch +und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnuegen und zu deiner +Belehrung dich drueben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld - +noch viel mehr Geld! Denn wisse, dass fuer den nicht sesshaften Menschen +drueben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei +uns. Fuer ein Seidel Wuerzburger Hofbraeubier oder Pilsner, das nur 4/10 +Liter haelt, musst du einen _Quarter_ hinlegen, das ist _M_ 1.-, und du +wirst bald dahin gelangen, diesem _Quarter_ nicht mehr wehmuetig +nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthaelt zwar Wasser, Malz und +Hopfen und sieht schoen braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine +verlockende schneeweisse Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir +lieblich ein, aber bald merkst du, dass es doch kein Bier ist. Und dann +wirst du auch bald finden, dass es sehr viel leichter ist, die schmalen, +schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei +uns daheim ein schoenes blankes Zwanzigmarkstueck anzureissen; du musst +naemlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du ueberhaupt Gold zu sehen +bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an +irgendeiner Stelle wieder hereinsparen koenntest, was du an anderer Stelle +grosszuegig verschwendet hast. Abgesehen davon, dass der Knicker und +Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardaere hoechst veraechtlich ueber die +Achsel angesehen wird, kommst du auch schon aus dem Grunde nicht zum +Sparen, weil die guten Dinge, die zum taeglichen Beduerfnis des Gentleman +gehoeren, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst +zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem +Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten +Ranges gibt. In den grossen Staedten wenigstens sind alle Hotels, denen sich +ein besserer Zeitgenosse ueberhaupt anvertrauen kann, nach unseren +Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen +gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen +und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du +wirst bald davon zurueckkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer +unmoeglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel +und einem anstaendigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche +um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das wuerde dir +uebel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der +breitesten Oeffentlichkeit wuerde es deinem Renommee schaden. Ein werter +Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, dass +der uebliche Satz fuer den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen +zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem +belegten Broetchen mit einem Schnitt Bier, wofuer er 70 Cent = _M_ 2,80 +bezahlen musste. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und +schob sie reinen Herzens dem _waiter_ zu. Der starrte erst mit +verdaechtigem Grinsen auf das Suemmchen hin, dann lief er zum Oberkellner, +beriet sich laengere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurueck, um die 7 Cent +zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen +Froehlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen stand es in saemtlichen New +Yorker Blaettern, dass der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld +gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten +ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann, +besonders wenn du aus Muenchen kommen solltest, wo die Kati schon fuer drei +Pfennige danke schoen sagt, dass man unter zehn Cent ueberhaupt keiner +Hilfskraft in der Ernaehrungsbranche anbieten darf, und dass man das +Trinkgeld immer nach oben bis zur naechsten durch zehn teilbaren Ziffer +abrunden muss. + +(M90) + +Du darfst ruhig Piefke heissen und in Schmieroelen machen und brauchst dich +doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren. +Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die +Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so +wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Fuer +fuenf Dollar bekommst du ueberall ein anstaendiges Zimmer mit Bad, und wenn +du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du fuer +denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer +reichlich zweischlaefrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest, +auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so wuerde man das vielleicht als +einen Missbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars +extra tschardschen. Aber wer reist ueberhaupt mit Kindern nach Amerika?! + +(M91) + +Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie +bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschaeftlicher Treffpunkt, und +die _Lobby_, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoss mit ihren massenhaften +Schaukelstuehlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen +Verkaufsstaenden, spielt dieselbe Rolle, wie der Barbierladen im antiken +Athen und Rom und wie das Cafehaus in Oesterreich. In der Lobby befinden +sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und +Ausgabestelle fuer die Post. Die groesseren Haeuser haben sogar eine eigene +Telephonzentrale fuer die Vermittlung des riesigen Gespraechsverkehrs +innerhalb des Hauses wie mit der naeheren und ferneren Aussenwelt, und was +man dir nicht muendlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf +elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren +Staedten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze +Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo +der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum +Dachgarten, wo du in schoenen warmen Sommernaechten bei Musik und feenhafter +Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den +angrenzenden Restaurationsraeumen laufen fortwaehrend kleine niedliche Pagen +mit Zerevismuetzchen auf den Kinderschaedeln herum und quarren die Namen der +Leute aus, fuer die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am +Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann +aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei +boesem Wetter dort hineinfluechten, sich eine Zeitung und eine Zigarre +kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet +oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit +seinen Geschaeftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfaenger, +Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen +sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei +dem Clerk, der das Fremdenbuch fuehrt, in das jeder neu ankommende Gast +sich einschreiben muss, und stuerzen sich auf ihn, sofern er nur irgendwie +prominenzverdaechtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen +europaeischen Titel auffaellig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren +ueberall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gespraechen der +Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen +erlauschen koennen, beschreiben die Toilette und das Gepaeck reisender +Kuenstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem blossen +Mienenspiel aufgeregt fluesternder Leute. + +Jeder, der es irgend _afforden_ kann, kehrt in den grossen Hotels ein, +selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen wuerde, und +reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstaedten wohnen, aber oft +in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein +Zimmer fuer sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und +amuesant fuer jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und +Luxus wird dir fuer deine europaeischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad +und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverstaendlich; ein Transparent +leuchtet auf und zeigt dir an, dass Briefe fuer dich in der Office sind, und +was das Allererstaunlichste ist - jeden Abend wird dein Bett frisch +bezogen, als ob du ein Milliardaer oder ein Erzschweinepelz waerst! Nur +deine Kleider musst du dir selber reinigen, wenn du nicht _M_ 2 extra dem +Hausschneider dafuer bezahlen willst, und die Stiefel musst du dir im Keller +oder auf der Strasse putzen lassen. Was aber das Schoenste ist: du kannst +ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden +Bediensteten Spiessruten laufen zu muessen. Dem Hausdiener, der deine Koffer +dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und +wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit +einem Tip. Selbstverstaendlich kannst du auch im Office dein Bahnbillett +und dein Gepaeck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten +mit dem Zurechtfinden oder mit den Behoerden hast, so wird dir ein sehr +feiner Gentleman zur Verfuegung gestellt, der dich sicher geleitet und fuer +dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman +behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts +in die Hand zu druecken - er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was +du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, +deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst. + +(M92) + +Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in +New York deine Schritte zunaechst ins _Astorhotel_ lenken, und du wirst gut +daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie +herrlich weit aus kleinsten Anfaengen heraus es ein intelligenter, +tatkraeftiger Deutscher drueben bringen kann. In dem Hotel der _Gebrueder +Muschenheim_, aus dem hessischen Doerfchen gleichen Namens, findest du +nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch fuer +dein aesthetisches Beduerfnis in dem grossen Festsaal eine der schoensten +Orgeln der Welt, die taeglich von Kuenstlern ersten Ranges gespielt wird, +und im Grillroom etwas fuer deinen historischen Sinn, naemlich ein +geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir ueber Leben und Treiben +der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen hoechst lebendigen +Anschauungsunterricht erteilt. - Kommst du aber weiter ins Land hinein, in +die mittleren und kleineren Staedte, so erkundige dich ja, bevor du dich in +das Fremdenbuch eintraegst, ob das Haus in europaeischem oder amerikanischem +Stil gefuehrt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer +kleinen Stadt Wisconsins. Ich wurde mit meiner Frau in einem der besten +Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt +untergebracht. Ausser dem grossen Bett stand kein Moebel in diesem Zimmer +fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn ueberhaupt +vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck +zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom +Rauch herruehrend; ein Bad gehoerte selbstverstaendlich auch zu diesem +Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin +war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans +Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin +Platz finden. Da wir waehrend unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten +eingeladen waren, so verzehrten wir nichts ausser dem Fruehstueck am anderen +Morgen, d. h. wir haetten dieses Fruehstueck verzehren koennen, wenn man es +uns noch verabreicht haette, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach +neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mussten also in die Stadt gehen und +in einer Konditorei fruehstuecken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu +_M_ 30.- fuer ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein +Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da +entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: "Ja, _warum haben_ Sie +denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie haetten fuer die 7 Dollar +essen koennen, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben +naemlich amerikanischen Plan hier." Und die ganze Menschheit in der Lobby +quietschte vor Vergnuegen ueber die lange Nase, mit der ich abziehen musste. +Jetzt also, lieber Leser, weisst du, was _american plan_ ist. + +(M93) + +Wenn du nur einigermassen prominent bist oder durch sonst welche +auffaelligen Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Reporter auf dich gelenkt +hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins +Hotel in den Morgenblaettern eine schmeichelhafte Beschreibung deines +Exterieurs, eine Wuerdigung der Vorzueglichkeit deines eventuellen +Schmieroels und ausserdem deine Ansicht ueber Amerika zu lesen. Unter anderen +Folgen solcher frisch gebackenen Popularitaet wird sich auch ein Gentleman +in tadellosem Anzug mit liebenswuerdigen Manieren befinden, der dir seinen +Besuch macht und sich erbietet, dir gaenzlich kostenlos deine ganze +Reiseroute auszuarbeiten und die noetigen Fahrkarten nebst den Beikarten +fuer Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natuerlich bass erstaunt ueber +diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst, +wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da laesst sich ein +zweiter, ebenso eleganter und liebenswuerdiger Gentleman melden, erkundigt +sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich laechelnd +darauf aufmerksam, dass der Herr, der vorher da war, dir eine sehr +unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft wuerdest +du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Raetsels +Loesung. Da zwischen den bedeutenden Plaetzen der Union fast ueberall mehrere +Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften +ihre Kunden persoenlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen grossen +Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten +Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen +kann. Diese starke Konkurrenz hat fuer den Reisenden das Angenehme, dass +sich jede Linie die groesste Muehe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und +Vorteile zu bieten, wie irgend moeglich. Wenn du also zum Beispiel +geborener Berliner bist und als solcher Wert darauf legst, deiner +koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du waehrend deiner Reise +alles bemaekeln, und wenn du dich irgendwie zurueckgesetzt fuehlst, den +erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: "Wissen Sie, alter Freund, mit +Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!" Gegen +Langeweile oder Magendruecken ist eine solche Erleichterung der Galle recht +nuetzlich. Uebrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewoehnten +Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbuecher sind fuer den +Uneingeweihten sehr schwer verstaendlich; ausserdem gibt es auch keine. Die +einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrplaene in moeglichst farbenfreudiger +Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen +ueber ein Dutzend verschiedener Linien fuehrt, so stopft man sich also zwoelf +solcher schoenen bunten Buechelchen in die Tasche; man wird aber, wie +gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen +betrifft, von den Amerikanern ueberaus praktisch angepackt wird. Wie +praechtig glatt und rasch geht z. B. die Gepaeckaufgabe vonstatten! Durch +einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat +gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine +Nummer und den Namen des Bestimmungsortes traegt, das Duplikat dieser Marke +wird dir ausgehaendigt. Fertig! Und kostet nichts, ausser wenn du ueber einen +Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein +Mann durch den Zug und ruft: "Gepaeck fuer Chicago!", oder was es nun sein +mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier. +Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstaende oder schlecht verpackte Kolli +auf, so musst du einen Revers unterschreiben, dass du die Bahnverwaltung +nicht fuer etwaigen Schaden verantwortlich machen willst. Willst du das +nicht, so nimmt man dein Gepaeck nicht mit, oder du musst es besonders +versichern. Das ist alles sehr vernuenftig und nicht zeitraubend. + +(M94) + +Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel +gehoert, dass ich dir darueber schwerlich etwas Neues erzaehlen kann. +Verwunderlich ist es nur, dass in diesem Lande der hoechst entwickelten +technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten koennen, +die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch +die schoensten Pullmanwagen fast immer entsetzlich ueberheizt und waehrend +des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die +einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station +durch das Oeffnen der Aussentueren entsteht. Bevor du an deinem +Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, +klopft deinen Ueberzieher aus und buerstet dich von oben bis unten +sorgfaeltig ab. Das ist nun sehr huebsch von ihm, und du gibst ihm gern +seine 20 Cent dafuer, aber - die Zurueckbleibenden muessen deinen Staub +schlucken! Man kann sich die Atmosphaere am Ende einer langen Reise +vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natuerlich noch viel +aerger, weil da die Tueren seltener aufgemacht werden. Ich begreife +ueberhaupt nicht, wie europaeische Reisende die Schlafeinrichtung der +Pullmanwagen bewundern koennen. Man liegt naemlich nicht, wie bei uns, quer, +sondern laengs in zwei Reihen uebereinander, und zwar ohne Unterschied des +Standes, Alters oder Geschlechts. Fuer die Ruhe soll es freilich +vorteilhafter sein, die Stoesse des Wagens in der Laengslage abzufangen, und +die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar +hinter dicke, natuerlich mehr oder minder staubige Vorhaenge versteckt, +deren Schlitz man, wenn man gluecklich in sein Bett geturnt ist, von oben +bis unten zuknoepfen muss. Ich fuehlte mich einmal dem Ersticken nahe und +konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um +Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu oeffnen, +erklaerte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind +im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M. +"das Kind" gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist +moegen die Grossen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn +du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu +gehoert, das Beduerfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in +Einklang zu bringen, als der Anfaenger zu besitzen pflegt. Allerdings +befinden sich an beiden Enden der riesengrossen Wagen sehr geraeumige +Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder +ankleiden koennen; aber wenn man nicht praktisch im _american style_ +ausgeruestet ist, so weiss man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie +man im Nachtzustande ueber eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer +kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das +leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus +und werfen einen Schlafrock drueber. Frueher pflegten sie die Struempfe +anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wussten +das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und +tiefschlafenden Damen die Struempfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert +sich aber dies Geschaeft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der +Passagiere mit vorgehaltenem Schiesseisen, weil kein Mensch mehr Geld bei +sich traegt als er gerade fuer die Reise noetig hat. Heutzutage hat jeder +Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Raeuber nichts anfangen. +(Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang +zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein +Scheckkonto eroeffnen laesst.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was +amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umstaendliche +Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt +vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattache, noch +sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich taetowierten Armen und Haenden +nach zu schliessen, eher ein Metzger oder Viehhaendler. Der Kerl wusch sich +vom Kopf bis zu den Fuessen, rasierte und frisierte sich, putzte Zaehne, +Ohren, Naegel, dass es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm +sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib +mit der Liebe und Sorgfalt eines Kuenstlers, der die letzte Feile an sein +Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der +Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren koennten. - Uebrigens geht so +eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven fuer jeden, +der kein geborenes Murmeltier ist, dass die Glocken und Pfeifen der +Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Laerm vollfuehren, bei +dem einem angst und bange werden kann. Sie muessen naemlich alle Augenblicke +Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstrassen +sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne +Unter- oder Ueberfuehrung. Da wird der nervoese Europaeer schwer den Gedanken +los, dass ihm ploetzlich ein anderer Expresszug rechtwinklig durch seinen +werten Unterleib fahren koennte. Nein, alles was recht ist, aber +Nachtfahrten sind nur in Russland, Schweden und Norwegen wirklich +komfortabel. + +(M95) + +Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten +Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand +duerfte es da drueben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf +einen Wink ihr zu jedem Dienst erboetig, und wenn sie einen Kavalier bei +sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles fuer +sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden +Wortwechsel erlebt, der in Taetlichkeiten auszuarten drohte; das war in +einem ueberfuellten Strassenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette +Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedraengt +stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Maennerstimme: +"_Let the ladys get out first!_" - und eine andere Stimme hoehnte dagegen: +"_Let the Niggers get out first._" Und nun platzten ueber die Doktorfrage, +ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild +aufeinander! - Merke dir auch, mein Freund, dass du Damen deiner +Bekanntschaft auf der Strasse nicht zuerst gruessen darfst, das wuerde fuer +eine Anmassung angesehen werden; du musst abwarten, ob sie die Gnade haben +wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd +anstarren, und sei es noch so schoen. Hast du aber die Bekanntschaft einer +Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und wuerdigt sie dich +ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so +zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handkuesse sind nicht ueblich, +wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe +zuteil, eine Dame durch gefaehrliches Strassengewuehl zu geleiten, so packst +du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das +ist sicher und fuer beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in +den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder +zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine +Mutter oder eine Tante als Begleitung befuerchten zu muessen. Wenn du von +deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle moeglichen +Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne dass sie selbst oder die Familie +deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Kuessen sei vorsichtig; denn +das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuss als Heiratsversprechen, als +taetliche Beleidigung oder Koerperverletzung und brummt dir pro Stueck eine +betraechtliche Geldstrafe auf. Natuerlich gibt es aber auch nette +Amerikanerinnen, die gern und gratis kuessen. + +Den Hut kannst du fast ueberall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge, +sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator musst du ihn stramm +herunterziehen, sobald eine weibliche Person ueber vierzehn Jahre +hereintritt. Im uebrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreissen und +beflissenes Vorstellen nur laecherlich. Mache es dir zum Grundsatz, von +deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell +vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch hoefliche Formalitaeten zu nehmen. +Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Strasse begegnest, so hast +du es auch nicht noetig, deinen Deckel herunterzureissen und deinen Skalp +der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst +laechelnd: "_Hallo, Bobby, how do you do!_", worauf er gleichfalls winkt +und ruft: "_Hallo, Fritze, how do you do!_" Das ist praktisch und macht +einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und +ist euch auch beiden gaenzlich gleichgueltig, zu erfahren, wie es euch geht. +Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; +dafuer verlangt man aber auch von dir, dass du die sozial untergeordnete +Menschheit nicht hochmuetig von oben herunter behandelst. Der Schatz der +amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und +wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir +leicht passieren, dass du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem +Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Hoeflichkeit +besteht darin, dass man sich gegenseitig nicht im Wege ist, dass man seinem +Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten +sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose +Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie koennen eben +sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen +behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer +klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten +wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Aeussere hat, +laesst sogar ein eiliger stark beschaeftigter Grossstaedter seine Arbeit liegen +und begleitet einen bis an die naechste Ecke. In den kleinen Dingen der +taeglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit +seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um groessere Summen, +so reisse deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein +Schiesshund. + +(M96) + +Willst du in Amerika ein Geschaeft eroeffnen, so miete dir irgendwo im +neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und +Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle +ungemein gewandt und vielfach auch sehr huebsch. Alsdann ziehe deinen Rock +aus - denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es +Winter oder Sommer -, zuende dir eine Importierte an, verbreite deine Beine +anmutig ueber Tisch und Stuehle und beginne zu telephonieren. Telephonieren +und Briefe diktieren fuellt die amerikanischen Geschaeftsstunden von 10-5 +Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschaefte machen, muss +das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der +Hemdaermeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe +in allen Lebenslagen, solange du drueben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl +aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land. + + + + + + WAS KOeNNEN WIR VON AMERIKA LERNEN? + + +Das Land der absoluten Gegenwart ist fuer alle Kulturvoelker ein Spiegel, in +dem sie deutlich ihre Zukunft sehen koennen. Der Fortschrittsgedanke +marschiert drueben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor +sich, waehrend unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf +Hindernisse stossen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von +Vorurteilen, Abgruende von Dummheit, die nicht immer leicht zu ueberklettern +oder zu ueberspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden +Ueberfluegelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen +Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgruende auszufuellen und unsere +Berge abzutragen - was wuerden wir damit gewinnen? Eine trostlose +Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch +und philosophisch geschultem Denken, mit aesthetischem Bewusstsein und einer +idealistischen Weltanschauung ausgeruestet, wird, mit offenen Augen in +jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen koennen: Gott bewahre uns vor +dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, dass wir unseren wertvollsten +Besitz, naemlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen +Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten +Vergangenheit verdanken, und dass es gerade jene Hemmungen des +Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund fuer unser +gegenwaertiges Empfinden, Wissen und Koennen so ueberaus solid aufgemauert +haben. + +(M97) + +Wir Europaeer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als +uns gut ist. Seit naemlich die raum- und zeitverkuerzenden Erfindungen sich +zu ueberstuerzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefaehr, ist von +Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die +grossen Erfindungen, vermoege deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft +beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und haetten unter allen +Umstaenden die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern; +in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen +wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch +auch staerker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der +Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen +Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, +und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf +dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stuerzte sich mit +Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im +Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr +gefaehrlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt +und aufregende Vergnuegungen in viel groesseren Quantitaeten vertilgen kann, +ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrueckten Schnellzugs-, +Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern +begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein +Sensationsbeduerfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber +in der grossen Welt gewaltig geschuert. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, +der grossartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe +haben die Yankees in immer groesseren Scharen zu uns hinuebergelockt, und wo +immer sie in groesserer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum +die betreffenden Orte, sich ihren Anspruechen anzubequemen. Genau so, wie +ehemals die Reiselust der Englaender und ihr starres Festhalten an ihren +nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfaehigkeit, Sprachen zu erlernen +und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und +Fremdenindustrie einen starken Einfluss ausuebte, so geschieht dies jetzt +noch in hoeherem Masse durch die groessere Kapitalskraft ihrer amerikanischen +Vettern. Waehrend die amerikanischen Hotels sich allmaehlich den +europaeischen Stil aneignen, bemuehen sich jetzt unsere Hotels, sich zu +amerikanisieren. Die Englaender kamen frueher sehr haeufig auf den Kontinent, +um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind +viel grossartiger und leichtsinniger, als Emporkoemmlinge auch +protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das groesste +Vergnuegen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil +bodenstaendiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie ueberall die +Sensation, das Aeusserste, das Unerhoerte verlangen. Da sie bereit sind, es +gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, dass +auch bei uns immer mehr das Schoenste und das Bedeutendste, was unsere +Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen +Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des +Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau, +die Muenchener Musikfeste, die grossen Bilder- und Antiquitaetenauktionen, +die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der +europaeische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum +aufs aeusserste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein +gefaehrlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste +Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum +geknuepft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflaechlichkeit immer +mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Beduerfnis +nach Kunst- und Naturgenuss zu befriedigen. Wohl duerfen wir Voelker Europas +uns einbilden, dass anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns +verhaeltnismaessig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind +doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Ueberzahl, und diese +Ueberzahl wird leicht verfuehrt durch die glaenzende Aussenseite, die +amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betaetigungen seiner +Vergnuegungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen +Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variete, im Zirkus dringt +der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das +Vergnuegen an den Sentimentalitaeten, Hintertreppensensationen und +Clownspaessen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an +den scheusslichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus +amerikanisch an. + +(M98) + +Der ausschlaggebende Einfluss des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur +die Autoritaet des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das +Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles +bisher Dagewesene rasch ueberbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit +der Entwicklung und draengt den Tuechtigen ueberall zugunsten des Fixen +zurueck. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glaenzende +Auslese von flott und sicher auftretenden geschaefts- und sportgewandten +Maennern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen. +Das erweckt in uns die Meinung, dass diese beneidenswerten Neuweltler, die +es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht +haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein +muessten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer +bedaechtigen Gruendlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schaemen. Wir +vergessen dabei, dass gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es +ist, was uns heute immer noch ueber die glaenzende Scheinkultur der Neuen +Welt ein betraechtliches Uebergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen +Wettbewerb mit dem Riesenkontinent ueber dem Ozean einlassen, so werden wir +sicher den Kuerzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes +sind nicht so unerschoepflich wie die drueben, und wenn unsere Industrie, +unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das +unerprobte Neue, das Unfertige also, nur moeglichst schnell an die Stelle +des Alten zu setzen, um anderen Laendern zuvor zu kommen, so wuerden unsere +Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen +wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer +kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu +beziehen genoetigt sind, liegt hauptsaechlich darin, dass drueben jenes +Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch +Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und +verstaerkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzuege wuerden uns +aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch +weiter anstecken liessen. + +(M99) + +Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens +darauf hingewiesen, dass auch unsere Presse hie und da bereits recht +bedenkliche Anlaeufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wuester +Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der +minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch +bei uns beweist die Erfahrung, dass auf dem Gebiete des geistigen Schaffens +die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinaeren Geschmack +entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr +einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von +Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach +zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der +Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektuere. +Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft, +gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwuerdigung zumal der +literarischen Arbeit zum blossen Zeitvertreib dadurch anzukaempfen, dass wir +ueberall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine ueberaus lebhafte +Vereinstaetigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem +Volke fuer ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute +kuenstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte +und Kuenstler zu Vortraegen gewinnt. Ausserdem bluehen ueberall die +Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle +gemeinnuetzige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen +schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der +Drang nach Belehrung, nach kuenstlerischer Erbauung auch in weite Schichten +unseres Volkes getragen, fuer die frueher die Quellen des Wissens und der +Schoenheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemaess +erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch +dort, namentlich durch Gruendung von musterhaft eingerichteten oeffentlichen +Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung +von tuechtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan +wird. Es ist also wahrscheinlich, dass uns in nicht allzu ferner Zeit +Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht +ueberfluegeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso +wie der unserer Fabrikanten heissen muessen: "_Qualitaet, nicht Quantitaet; +nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das +Auffallendste, sondern das Originalste, das Persoenlichste, das Deutscheste +bieten._" + +(M100) + +Wir haben es ja so viel leichter, persoenlich, original, volkstuemlich zu +sein, denn wir _sind_ ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in +dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte +Europa fuer den feinsinnigen Betrachter so unerschoepflich interessant +macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter +seiner Voelker. Wie die Mundart schon in verhaeltnismaessig kleinen Bezirken +wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so gross ist wie der eine +Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und +das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der +Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der +Bauart, den Sitten und Gebraeuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische +Rasse gibt es aber vorlaeufig noch lange nicht, und die Behauptung +vereinzelter amerikanischer Gelehrten, dass die Menschheit drueben sich +deutlich dem Indianertypus zu naehern beginne, duerfte wohl als ein +wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in +der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare +Zeit hinaus Englaender, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden, +Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich wie z. B. die Neger in den +Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt +alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse +aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich +verraten, dem ihre Vorvaeter entstammten, so wird man auch den Nachkommen +der weissen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr urspruengliches +Vaterland ansehen, vorausgesetzt, dass sie nicht durch fortwaehrende +Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen. +Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen +Verhaeltnisse, welche drueben innerhalb der verschiedenen Rassen einen +eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei +Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Suedwestafrika Farmer gewesen ist, +so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem aeusseren Gebaren so +stark zu veraendern, dass seine Familienangehoerigen, wenn sie ihn nach so +langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er +ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein +Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist +ueberdies noch die Moeglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren, +dadurch ausgeschlossen, dass diese Ureinwohner bis auf klaegliche Ueberreste +vernichtet sind. Der Deutsche kann drueben dem Englaender, der Jude dem +Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder +unwillkuerlich in fremde Anschauungen sich hineinfuehlen, fremde Gebraeuche +uebernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus. +Es wohnt also drueben ein Voelkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine +gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen +Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kulturideale zu suchen. Von einem +amerikanischen Volke wird man erst sprechen koennen, wenn die ungeheuren +Laendergebiete drueben so gleichmaessig bis zur Saettigung bevoelkert sind, dass +die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten +kann. Aber auch bei verschlossenen Tueren wird der Prozess der Durchruehrung +des so verschiedenartigen Gebluetes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen. +Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben - +denkbar aber auch, dass bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des +internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der grossen +Kulturwelt ueberhaupt eine Rassenbildung nicht mehr moeglich ist, und die +ganze Aenderung darin bestehen wird, dass die alten Rassen ihre +charakteristischen Eigenschaften verlieren und hoechstens noch, als pikante +Erinnerung an die einstige schoene Verschiedenartigkeit, Farbennuancen +uebrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren +wirklich schon eingetreten sein, dann koennte man davon sprechen, dass +Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen +Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstoerenden Tendenz +bemerken laesst. Die Gewissensfrage ist fuer jeden einzelnen: soll ich dazu +beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbuergertum zu beschleunigen, +oder soll ich mich mit all meinen Kraeften dagegen straeuben? + +(M101) + +Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurueckkehrt, so nimmt +zunaechst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der +Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in +sich auf. Sei es eine englische Huegellandschaft mit ihrem ueppigen +Wiesengruen und ihren anmutigen Heckenzaeunen, sei es ein franzoesischer +alter Herrensitz mit wundervollem Schloss, umgeben von Weinbergen, Blumen +und Obstgaerten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit +ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Doerflein, +so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne +Grossstadt mit imposanten geraden Strassenfluchten, voll prunkender +oeffentlicher Gebaeude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige, +hochgieblige, vieltuermige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und +Wachttuermchen gegen einen laengst nicht mehr existierenden Feind geschuetzt. +Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermisst +haben und die man uns auch drueben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition +einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten +Disziplin, aesthetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen +hoeheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch ueberaus fruchtbar sind, +weil in allen diesen Dingen die besten Kraefte der Rasse aeusserlich sichtbar +werden. Diese ethisch aesthetischen Werte sind es, die den Begriff der +Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches +Lebensglueck. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu +kommen, die Heimat zu unterschaetzen, weil er meint, dass das Glueck da +wohnen muesste, wo die Mittel zu einem ueppigeren Dasein leichter zu +erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren +Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Fuer solche Leute ist es wohl +angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem +trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drueben werden +sie erst den Wert der Heimat schaetzen lernen - es sei denn, dass sie zu den +blinden Seelen gehoeren, welche im rein materiellen Genuss ihr Genuegen +finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprueche eine vertiefte Bildung +gesteigert hat, kommen ja jetzt mit ihrem grossen Hunger nach echter Kultur +zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und +sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen koenne, die ihre vorlaeufig noch fast +ausschliesslich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie +bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor +unserer Kunst, vor der Soliditaet unseres Handels und unserer Industrie, +vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten +Ordnung unserer Lebensverhaeltnisse; viele von ihnen bringen auch als +Reisegewinn eine liebenswuerdig verschaemte heimliche Liebe zu unserer +Romantik mit heim - nachahmen aber koennen sie auch beim besten Willen +diese unsere Vorzuege schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts uebrig, +als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner +Tradition geworden sind. + +(M102) + +Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige +Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinueber: alle die +ueberzaehligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, veraergerte, +aufsaessige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner +aus allen Staenden, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsaechlich da +drueben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen koennte. Der +entschlussunfaehige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine +liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen +kann, der langsame, aengstliche Philister, der faule Traeumer, der vornehme +Muessiggaenger, der hochmuetige Geld- oder Wissensprotz - sie alle werden +zunaechst einmal durch die groeblichen Fauststoesse der harten Not darauf +aufmerksam gemacht, dass die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf! +nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muss +arbeiten, und der persoenlichen Wuerde tut es keinen Eintrag, ob du von +Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein +Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbstaendiges Geschaeft +anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch +zu verwerten weiss, dass er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und +Nahrung findet, der muss sich eben ohne Zoegern auf dem grossen Arbeitsmarkt +fuer jede beliebige Taetigkeit zur Verfuegung stellen, die bezahlt wird. Ich +habe drueben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande +waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als +Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmaennische +Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent fuer irgendeine +Warenspezialitaet zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der +Schritt zum selbstaendigen Geschaeftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei +dieser Haerte ist, dass sich der Amerikaner durch Anmassung, hinter der keine +offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren laesst. Der Yankee macht sich +freilich oft laecherlich durch sein uebereifriges Herandraengen an unsere +Hoefe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drueben ist mit Recht +empoert ueber das Bestreben seiner Emporkoemmlinge, die schwere Mitgift der +Toechter gegen europaeische Titel und Stammbaeume einzutauschen; aber man +merkt bei naeherem Zusehen doch bald, dass es nicht der Titel an sich ist, +welcher diese faszinierende Wirkung uebt, sondern vielmehr die mit altem +Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche +Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drueben ihr Brot +suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber voellig. Eine +Persoenlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewoehnlichen geistigen oder +physischen Begabung durchzusetzen versteht, muss unerbittlich in die +Hackmaschine hinein und geht in der grossen Gleichheitswurst auf. Aber auch +mit philistroeser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein +Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der +kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefaehrt des Fortschritts +unterwegs verlassen, so muss er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung +abzuspringen verstehen - nach rueckwaerts aussteigen heisst unter die Raeder +kommen. + +(M103) + +Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, dass sie selbst dem +Verbrecher nicht den Rueckweg zum anstaendigen Leben verlegt. Das Vertrauen +auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, dass man sich vor den +Schaedlingen der Gesellschaft nicht so ueberaengstlich fuerchtet wie bei uns. +Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der +musste ja immer gegen Raeuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf +dem _qui-vive_ stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass ein einziger +beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er +hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen +durch den Zwang der Arbeit und schliesslich durch den Erfolg doch noch zu +brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist, +dass man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer +wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann +etwas Ordentliches erreicht, haelt man ihm seine Vergangenheit nicht wieder +vor. Das ist ein grosser, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche +Erziehung und angeborene Charakterschwaeche zu Verbrechern gewordene +Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind +gluecklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr +geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu +verspotten, aber es ist sicher, dass diese lustigen Entscheidungen nicht +halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zuruecklassen, als oft die +Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische +Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und +die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg. +Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben +selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er +wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle +Schmoekerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten +Herrschaft des Kgl. Grossbritannischen _common sense_ haben sich ja alle +besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir +alten Europaeer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht +ohne weiteres ablernen koennen, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische, +aber tatkraeftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben +Tugenden der Jugend, und andere Vorzuege, wie besonders ihre schoene +Neidlosigkeit, sind durch die Gewoehnung an Verhaeltnisse bedingt, die wir +alten Voelker ebensowenig nachahmen koennen wie die Jugend. + +Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch +etwas lernen koennen, naemlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden +ein rueckstaendiges Volk heissen muessen, so lange wir nicht die Trennung von +Staat und Kirche durchgefuehrt haben und so lange es noch moeglich ist, dass +ein Deutscher seines religioesen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich +verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren nicht an +der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder +nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige +behoerdliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich +anerkanntes religioeses Bekenntnis vorschriftsmaessige Bedingung zur +Erlangung oeffentlicher Aemter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der +absoluten Glaubensfreiheit ist das religioese Leben, trotz mancher +blamabeln Auswuechse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke +religioese Persoenlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann +eine Macht ueber die Seelen gewinnen, um die sie unsere +Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischoefe ehrlich beneiden +duerften. Ueber das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees +lernen koennten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das +Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemaess mit der Jugend besser +umzugehen. Uebrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf +Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon laengst aufgestellt +haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Misserfolgen. + +(M104) + +Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des +grossen Staatenbundes uns als Vorbild dienen koennen: dahin rechne ich in +allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt +hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen +Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer +nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es +verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten. +Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch +staatenbildendes Geschick bewiesen, waehrend die Deutschen nicht einmal die +von ihnen gegruendeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wussten. +Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin, +Michigan, Missouri ihrer Zeit foermlich ueberflutet. Germantown, Milwaukee +und einige andere waren einmal ganz deutsche Staedte. Cincinnati, +Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Grossstaedte zeigten +voruebergehend ein Uebergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben +sie sich ueberall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch +hie und da einen deutschen Buergermeister, aber er versteht kein Deutsch +mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem +einmuetigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich +nicht nur ihren Ausschuss ueber den Ozean geschickt, die grosse Mehrheit +bildeten vielmehr tuechtige baeuerliche und handwerkliche Kraefte, und im +Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinueber, +die den Beruf zu geistigen Fuehrern ihrer Stammesgenossen in sich trugen. +Woher kommt es denn nun, dass trotzdem diese 181/2 Millionen Menschen es zu +keiner politischen Selbstaendigkeit bringen konnten? Die Zahl jener +geborenen Fuehrer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital +niederliessen, und die man spottweise die _lateinischen Bauern_ nannte, mag +allerdings wohl der erdrueckenden Ueberzahl der ungebildeten, politisch +gleichgueltigen Landsleute gegenueber zu gering gewesen sein - auch war der +Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne +weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, dass alle diese Deutschen ein +stolzes Nationalgefuehl ueberhaupt nicht besassen, und dass sie ihren +Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spiessbuergertum mit +hinueberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tuechtige Bauern, +Handwerker und Kleinbuerger ab, zeigten sich aber den besonderen +Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von +ihnen waren nicht einmal faehig, sich die englische Sprache voellig +anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten +uebrigens haben auch diese Deutschen Grossartiges geleistet, wie denn ja +auch die von ihren edlen Fuersten verkauften Wuerttenberger, Hessen usw. +sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Loewen +geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Buergerkrieg verdanken +amerikanische Truppen deutschen Heerfuehrern einige ihrer glaenzendsten +Siege - und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern +geduldetes und gehoerig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen +britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverstaendlich nicht +daran, diese bequemen Biedermaenner in ihre grossen Ehrenstellen der Staats- +und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus +keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es haetten den deutschen +Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mussten resolut +ihr Deutschtum ueber Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden, +oder aber sie mussten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten, +von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im +Staate gruenden und diesen mit ruecksichtslosem Chauvinismus gegen das +Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschliessen. Die +meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich ueber +das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzaehligen Vereinen +wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren +landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgruenden aufs +gehaessigste bekaempfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten +Deutschland der 70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Aenderung +in diesen Verhaeltnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen haetten doch +alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden +Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische +Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begruenden +durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre +Tuechtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten +nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stuerzen - die meisten wohl aus +moralischem Reinlichkeitsbeduerfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit. +Man muss also doch wohl sagen, dass ihnen, einige ganz wenige glaenzende +Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent fuer die +Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben +kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Masse besessen und +verdankten dieser Eigenschaft die glaenzende Rolle, die sie waehrend der +Voelkerwanderung und noch waehrend der Staufferzeit in der Weltgeschichte +spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und +Pfaffenherrschaft haben aber jene urspruenglichen Veranlagungen vollstaendig +erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt +aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit +gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein, +politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religioesen auch zumeist +politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlassten, und sie +alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionaere sein, +brachten den Stolz mit hinueber, Buerger einer Weltmacht zu sein, deren +Flagge siegreich und gefuerchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese +Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein Herrenvolk zu fuehlen, +sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewusst, welches dieses +Herrentum ihnen auferlegte - der Pflicht naemlich, ihr Blut rein zu halten. +Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Suedamerikas und Mexikos, die +nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine +recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte fuer die +Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib ueberhaupt nicht; und selbst +gegen Mischehen mit den besten europaeischen Einwanderern richtete das +Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der +imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und +das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits +und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen muessen. Das Wort Chauvinismus +hat einen garstigen Klang fuer unsere kosmopolitischen Doktrinaere, unsere +edlen Friedensschwaermer und liberalen Idealisten, es ist aber schliesslich +nur ein anderer Ausdruck fuer Kraftbewusstsein. Denn bei allen wirklich +starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der +Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionaer _chauvin_. + +(M105) + +Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren +Kinder, besitzen nun allerdings jenen schoenen Nationalstolz, von dem die +vorigen Generationen noch nichts wussten. Sie lesen noch die deutschen +Zeitungen und freuen sich der Berichte ueber die grossartige Entwicklung des +deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufbluehen seiner +Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht laesen, wuerden +sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspueren, denn sie koennen +kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift: +"_Made in Germany_" zu stossen, und die gewaltigen Schiffe der grossen +Reedereien, allen voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen +Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlaessigkeit in +jeder Beziehung uebertreffen, haben fuer die Hebung des deutschen Ansehens +ueber dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten +Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten +des gesegneten Friedens sich fuer die Ewigkeit zu manifestieren trachtete. +Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen +Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Koennen, geniesst bei den +Deutschamerikanern eine fast uneingeschraenkte Verehrung, und auch das +Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft +bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und +einigen anderen Staedten erheben sich schoene deutsche Vereinshaeuser, in +denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem +Eifer deutsche Musik und ueberhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird. +In Cleveland haben die Deutschen in einem schoenen oeffentlichen Park eine +Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo +bemuehen sie sich mit ruehrender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst +im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer +rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des +Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, dass die +Bestrebungen einer ausschliesslich auf aesthetische Kultur gerichteten +intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begruendung +und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kraefte noch fast +ausschliesslich in Anspruch nimmt, wenig Verstaendnis finden koennen. In +dieser Beziehung sind es noch Grossvaeterideale, welche die versprengten +Landsleute drueben pflegen und es ist charakteristisch, dass die wenigen +leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur +vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind. + +(M106) + +Es hat sich also nachtraeglich doch noch so etwas wie ein deutscher +Chauvinismus entwickelt - leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein +halbes Jahrhundert zu spaet, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hiesse +unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man +sie jetzt noch zur Sonderbuendelei mit prahlerischem Maulaufreissen von uns +aus aufstacheln wollte; das waere toericht und geschmacklos. Wie wuerden wir +es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste +sind, uns fortwaehrend ihre Nationalitaet und Rasse unter die Nase reiben, +Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesaenge in die Ohren schmettern und +darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir wuerden uns +ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die +Yankees, die tatsaechlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht, +zu verlangen, dass die Einwanderer aufhoerten, Fremdlinge zu sein, indem sie +sich bemuehen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse +aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhaeltnissen, +sich stolz bewusst zu bleiben, dass sie die Erben einer tieferen und +feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und dass sie dazu berufen +sind, den Bluetenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen +Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinueber nehmen, in die Seelen +der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart, +deutschen wissenschaftlichen und kuenstlerischen Sinn, deutsche Treue, +deutsches Gemuet in der neuen Heimat zum ausschlaggebenden Kulturfaktor zu +machen, das muss ihnen als heilige Pflicht bewusst bleiben. Auf diese Weise +lassen sich immer noch Siege _gegen_ und, was noch wichtiger ist, auch +_mit_ dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit +deutschem Geiste zu durchtraenken und so zu unseren innerlichst Verbuendeten +zu machen, das waere ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glaenzende +Waffentaten. Inzwischen duerfen sich aber die Deutschen der Vereinigten +Staaten auch nicht fuer zu gut duenken, von den Yankees zu lernen, und +ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch +noetiger haben. Es ist naemlich leider nicht zu leugnen, dass wir trotz des +grossen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben, +als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen +entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Voelker +irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht +haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: "Ja, was wird aber +Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?" so wird ihm mit +laechelndem Achselzucken die Antwort: "Ach, die Deutschen! Die sind ja so +anstaendig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum." Es +ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Hoeflichkeit die +Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleissig bei den +Jungen die Fehler der Jugend - in der Politik werden viele davon zu +Tugenden, vornehmlich die goldene Ruecksichtslosigkeit. + +Man wird einwenden, dass jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden +nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien +Entwicklungsmoeglichkeiten einer grossen demokratischen Republik begruendet +seien. Ich fuer meine Person kann jedoch nicht glauben, dass die Staatsform +wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung +hat mich gelehrt, dass die demokratische Theorie drueben, wie ueberall, an +der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe +zahlreiche Beispiele dafuer beibringen koennen. Der innerlich freie Mensch +kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland +speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die +sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist hoechst wahrscheinlich, dass +die Propheten, die uns als naechstes Ziel unserer politischen Entwicklung +die _Vereinigten Staaten von Europa_ verheissen, recht behalten werden. +Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein voelkisches +Sonderdasein fuehren und auch ihre Kaiser und Koenige ebenso pietaetvoll +konservieren koennen, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn +aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernuenftiges, +zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit +zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als +untrueglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat. + + + + + + DAS HIRN AMERIKAS AUF EINER GOLDENEN SCHUeSSEL. + + +Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag +wohl keines so sehr den Europaeer staunen machen, wie der Expresselevator +eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk haelt. Wohnungen fuer +kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen +Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschliesslich Geschaeftsraeume fuer +die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien fuer Rechtsanwaelte, fuer +Konsulate, fuer alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt +beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz +Amerikas schlaegt in den kleinen, einfachen Holzhaeuschen der Vorstaedte und +laendlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen +gigantischen Tuermen und liefert zwischen 8 Uhr frueh bis 6 Uhr abends die +Hochdruckspannung fuer den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von +Telephonleitungen vereinigen sich auf den Daechern, die unablaessig von +diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im +Erdgeschoss unterhaelt eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt +und befoerdert unzaehlige Telegramme ueber den ganzen Kontinent, wie nach +allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebaendigte Blitz traegt +Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem +Mut in alle Welt hinaus. Millionen stroemen herein, Millionen stroemen +hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die grosse Wage, auf der die Gedanken +erfindungsreicher Koepfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geraeuschlos +der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem Schlage Existenzen +vernichtet; hier schwirren die Webstuehle, an denen die schimmernden Netze +fuer den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der +fleissige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf, +und mit dem Expressaufzug, der erst am elften Stockwerk haelt, schwingt sich +das Genie ueber die Koepfe der armen Durchschnittsmenschheit in +atembenehmendem Tempo empor. + +(M107) + +In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser +Expresselevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt. +Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschloesser gebaut, +wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches +Eisengerippe schiesst starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau +wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man +alsdann die Waende von Zementguss zwischen den Rippen zu spannen, also +gewissermassen fluessigen Stein vom Dach herunter zu giessen, bis er endlich +den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird, +schwer und gewaltig, wie fuer die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten +Welt aber haben zuerst in den Hoehlen gewohnt, die die Natur uns zum +Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wuehlen. +Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam +aneinander gefuegt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir +gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Hoehen +hinaufzufuehren, wo die Stickluft schwitzender Muehsal nicht mehr lastet, wo +der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte +Ferne. Die kuehnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten, +brachten die eisernen Traeger fuer den Aufbau ihrer Kultur gleich fertig +mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das grosse Wagnis +unternahmen; denn aengstliche, bedaechtig am Alten klebende Ofenhocker und +Duckmaeuser gingen ja ueberhaupt nicht ueber das grosse Wasser. Die Eroberer +brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Buechsen, der +Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gruss an die technisch hilflosen +Besitzer des neuen Landes. Und als die weisse Besiedlung in grossem Stile +einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die +Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte +keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff +brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herueber, und diese neuen +Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen +gegen den widerstrebenden Willen der Alten - denn es gab keine Alten in +diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer +die Idee der Dampfmaschine herueber, und alsbald erkannte man, dass die +Riesengroesse des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen +Quellen unerschoepflichen Reichtums ueberhaupt erst nutzbar gemacht werden +wuerden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen ueberwand. +1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste +Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston +und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische +Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie +vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man +wartete drueben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevoelkerte Gegenden und +grosse Staedte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte +resolut die Schienenstraenge durch jungfraeuliches Land, durch Wuesten und +Einoeden und veranlasste dadurch, dass jene Gegenden besiedelt wurden, Staedte +und Industrien ueber Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche +Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit +dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndaemme nicht lange auf, sondern +rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden +ein und liess die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar +Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen +gelegen, wenn nur die Ueberlebenden den winkenden Dollar gluecklich +erhaschen! + +(M108) + +Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen +Errungenschaften des europaeischen Geistes. Begierig wurden sie drueben +aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu +ueber das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfaehigkeit durch +Verbesserungen bis an die Grenze der Moeglichkeit gesteigert. Und genau so +wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der +geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft +gleichzeitig mit den neusten, kuehnsten Hypothesen und floesste sie den +lernbegierigen jungen Koepfen ein. Von den sieben freien Kuensten liess man +sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des +eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu +beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht noetig, +aus dunkler Angst und Erloesungssehnsucht langsam eine nationale Religion +empor wachsen zu lassen, sondern man liess sich die Religionen schockweise +aus den alten Laendern kommen und von einheimischen Koechen fuer die +amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besass man auf einmal Religion +und Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem +auf der Hoehe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt fuer +dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit +alten Vorraeten zu raeumen, alte Mauern niederzulegen, alte Muenzen +einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang fuer die Leute dieser Neuen Welt ein +Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein +Vollendetes geliefert hatte, so musste sich in den Koepfen dieser +Neuweltleute die Ueberzeugung festsetzen, dass es fuer ihre Entwicklung keine +Schranken gaebe. Der Himmel haengt diesen Leuten voll unbegrenzter +Moeglichkeiten. Weil sie es niemals noetig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen +mit schmerzenden Knien in die Hoehe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen +die natuerlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreissig Stockwerke per +Express mit hoechstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da +droben, im Genusse der schoenen Aussicht und der frischen Luft, fuehlen sie +sich so pudelwohl, dass sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft +haengen. Es muss schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich +zu machen, dass in ihrer Hoehe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung +etwas ungemuetlich zu werden beginnt und dass man unten zum mindesten +sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermoegen kultivierte Menschen der +Alten Welt in jenen stolzen Luftschloessern niemals heimisch zu werden. Sie +finden es fusskalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und +alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben +mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kaempfen +einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kraefte gewachsen; an den +Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres +Geistes geschaerft; unseren Goettern haben wir Wohnungen gebaut aus den +aufgetuermten Leichnamen unserer Maertyrer; den holden Rausch unseres +Fruehlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstuermen, aus Schutt +und Brand die Ideale unserer Schoenheit gerettet - aller Stolz auf unsere +Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der +heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. _Ein Mensch der Alten +Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Missgeburt._ Und wenn die +Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herueberkommen, so wandeln sie wie in +einem Museum einher: alles, was fuer uns lauter lebendige Quellen ewiger +Werte bedeutet, sind fuer sie ausgestopfte Kuriositaeten, patinierte +Schildereien, bleiche Spirituskonserven - sie gehen staunend oder laechelnd +vorbei und fragen hie und da: "Wieviel kostet das?" + +O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so vertraeumten +Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen +immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Voelkerwanderung. +Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die +die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und +innerlich doch noch ganz und gar angefuellt von den ererbten Eigenschaften +ihrer ritterlichen oder spiessbuergerlichen Vorfahren. Ihr Blut straeubt sich +dagegen, reine kalte Geschaeftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer +ruehrenden Gemuetlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer +streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blueht der +Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben. +Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat +im Staate, eine Freimaurerorganisation mit ungeschriebenen Gesetzen. Aber +es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das +Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden - jener grosse, der +offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern, +Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und +ruecksichtslosen Kuenstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu +allen tuechtigen deutschen Taten hergibt. Uebermenschen sind sie darum noch +lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein +praechtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des Uebermenschen schon jetzt +im Fleische wandeln duerften. + +(M109) + +Drueben glauben sie, wie es scheinen moechte, den Uebermenschen bereits zu +besitzen, und zwar in der Person des Spielers grossen Stiles, des Millionen +aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten +Geschaeftsmannes. Hoeren wir ein Stueckchen Yankeephilosophie aus dem Munde +eines ihrer besten Schriftsteller, _Jack London_(5): "Zu Zehntausenden und +zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Naechte durch und planen, wie sie +zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen koennen; +das sind die Geschaeftsleute. Die Kleinen von ihnen, Kraemer und +dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas +heraus, woran sie verdienen koennen; aber die grossen Geschaeftsleute +benutzen diese kleinen Geschaeftsleute, um die Werterzeuger fuer ihre Zwecke +herzurichten. Den ganz grossen Leuten aber liegt nichts daran, den +einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern +sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre +Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese Art von Glueckspiel nennt man 'die hohe +Finanz'. Urspruenglich bestand das Geschaeft nur darin, den Arbeiter +auszupluendern; dann aber taten sich die grossen Raeuber zusammen und jagten +einander die aufgehaeufte Beute ab. Unter den Uebermenschen der Geschaefts- +und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein +_noblesse oblige_. Diese modernen Uebermenschen sind eine Gesellschaft von +Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote +von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren. +Bei ihnen heisst es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er +gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das +nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverstaendlich +und werden von ihresgleichen der Groesse ihrer Beute entsprechend geschaetzt. +Obwohl jeder Raeuber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Raeuber zu +berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat +tatsaechlich die Kontrolle ueber den politischen Mechanismus der +Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben +geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane, +die Gerichte und die Armee. Des Uebermenschen Hauptgefahr liegt in seinem +Mituebermenschen, nicht etwa in der dummen grossen Masse des Volkes - die +kann man durch den laecherlichsten Bluff zum Narren halten - die zaehlt +nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf hoeherer Basis, aber +man kann sehr wohl die Betruegereien und Vortaeuschungen dabei durchschauen, +ohne sich sittlich darueber zu entruesten. Es ist eben die Ordnung der +Natur, dass die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den +Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen +berauben einander, weil sie eben so geschaffen sind. Sie rauben, wie die +Katze kratzt, der Frost beisst und der Hunger kneift. Der grosse Finanzier +lernt sein Geschaeft bald sportmaessig betreiben. Arbeiter und kleine Leute +beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport, +wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen, +wie sie in England noch betrieben werden soll. Der grosse Sport besteht +darin, den erfolgreichen Raeubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die +Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen +setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen +Spass hat." + +(M110) + +Die Uebermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings +dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszupraegen, +besonders wenn man ihr Treiben so auffasst, wie jener witzige Englaender, +der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschaeftsleute wie in den +Vereinigten Staaten haetten sie drueben in England doch nicht, kaltbluetig +erwiderte: "O ja, die haben wir auch - aber bei uns sitzen diese Herren +alle im Zuchthaus." Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten +seiner grossen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu +verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen +zwischen den grossen Tieren, ueber die er sich amuesiert, und denen, auf die +er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drueben, in deren +Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius +suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Hoehenmenschen. +So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in +welchen nur Maenner aufgenommen werden koennen, die irgendeine +bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen haben. Am +26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der +weltbekannten Industriefuersten angehoerte, die Gelegenheit eines festlichen +Fruehstuecks im Strassenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preussen _das +Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel darzubieten_. Ungefaehr 150 +Einladungen liessen sie ergehen an jene _Captains of Industrie_, wie Thomas +Carlyle sie genannt hat: "Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht +bloss eingebildeten Aristokratie!" Bei diesem denkwuerdigen Fruehstueck wurde +nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren +die blossen smarten Geschaeftsleute, die tollkuehnen Spieler des grossen +Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen +Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche +Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch +Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem +Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft ueberreicht, in dem die +Eingeladenen dem Alphabete nach aufgefuehrt und die Bedeutung jedes +Einzelnen in einer ganz knapp gefassten Notiz erlaeutert war. Die "New +Yorker Staatszeitung" sagte von diesem Fruehstueck: "Der erlauchte Bruder +des deutschen Kaisers und maechtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen +hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag +der Augsburger Fugger, Fuersten des Handels, Baumeister unserer Groesse. Es +waren nicht lauter Millionaere, die da sassen, aber sie gehoerten +ausschliesslich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschoepfliche +Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumuenzen verstehen und die +unseren Nationalwohlstand begruenden halfen." + +(M111) + +Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fuerst der +Alten Welt in aehnlicher Weise gefeiert worden waere. Wenn unsere gekroenten +Haeupter reisen, so bekommen sie ueberall dieselben Exzellenzen, Geheimraete, +Spitzen der Behoerden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter +wackere und verdienstvolle Staatsbuerger; aber die wahrhaft fuehrenden +Koepfe, die genialen Organisatoren, die Traeger der modernen Ideen - jene +Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne - jene Hervorleuchtenden - sie +finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der +Eifer der intimen Hueter des Thrones, der Hoeflinge und Buereaukraten sorgt +dafuer, dass von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des +Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck ueber +die Grenzen des beschraenkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drueben in +dem Maerchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der +Eingeladenen die grossen Philosophen, Kuenstler und Dichter, die Verkuender +einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kuehnen Umwerter und +gefaehrlichen Fackeltraeger - sie mussten fehlen, weil sie drueben noch nicht +vorhanden sind, diese Kulturblueten schwer von dem Honig einer glorreichen +Vergangenheit. + +Wann wird fuer Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor +seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestaet eine +Huelle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schliesslich zum Lohne +das Hirn Deutschlands auf einer Schuessel zu fordern? Vielleicht wird diese +Schuessel nicht, wie drueben in dem Lande der unerschoepflichen Naturschaetze, +von purem Golde sein koennen - aber das Hirn wird sich sehen lassen duerfen! + + + + + + + EINIGE FUeR DIES WERK BENUTZTE UND EMPFEHLENSWERTE BUeCHER: + + +_ Dr. Otto Ernst Hopp_, "Bundesstaat und Bundeskrieg in den + Vereinigten Staaten". Zwei Baende. Verlag G. Grote. Berlin 1886. +_ Mc. Laughlin_, "History of the American Nation". Verlag Appleton & + Co. New York 1903. +_ Paul Bourget_, "Outre Mer". Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905. +_ Georg von Skal_, "Das amerikanische Volk". Verlag Egon Fleischel & + Co. Berlin 1908. +_ Dr. Hintrager_, "Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten + Staaten?" Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904. +_ Wilhelm von Polenz_, "Das Land der Zukunft". Verlag F. Fontane & + Co. Berlin 1905. +_ Ludwig Max Goldberger_, "Das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten." + Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903. +_ A. von Ende_, "New York". Verlag Marquardt & Co. Berlin. + + + + + + NAMEN- UND SACHREGISTER. + + + Aberglaube 203. + Adel 261, 175 ff. + Akademische Vergnuegungen 55. +_ American plan_ (style) 240, 244. + Angelsachsen 21. + Antisemitismus 31. + Arbeit 105, 107, 261. + Armee 177 ff. + Armour & Co. 218 ff. + Asch, Schalom 142. + Astor 179. + Astorhotel 239. +_ Athletics_ 37, 45. + Ausgestanden! 17. +_ Avenue, common wealth_ 126. +_ Avenue, fifth_ 123 f. + + Baker G. Eddy, Mrs. Mary 196 bis 200. + Bauern, lateinische 265. + Bayreuth 138. + Berufstreue 106, 254. + Bertsch, Hugo 132. + Bibliotheken 51, 63. + Bier 234. + Bildungsgang des Volkes 63. + Bildungstrieb 63, 255. + Bischoefliche Hochkirche 187. + Blood and Thunder-Show 5. +_ Bohemian Jinks_ 55. +_ Bohemians_ 132. + Bordelle 72 f. + Bosse, die politischen 65, 73, 96. + Bret Hart 133. +_ Brooklyn-Bridge_ 233. + Bronzemesser 110. + Buchgewerbe 126. + Buffalo 118, 211. + + Cafes 112, 119, 237. +_ Camping out_ 209. +_ Campus_ 54, 205. +_ Car_ 172. + Carnegie 80. + Cartesius 120. + Century-Club 281. + Chautauqua 63. + Chauvinismus 28, 266 ff. + College _Cheers_ 43 f. + Chicagos Schlachthoefe 218-229. +_ Christian Science_ 196-203. + Clams 118. +_ Coeducation_ 36, 55, 82, 84. +_ Common sense_ 38, 66, 184, 263. +_ Compartement_ 172. +_ Concerd__, sacred_ 173. + Confessionslose Kirche 205 f. + Cornell 53, 205. + +_ Denomination_ 49, 188 ff. + Demokratischer Stolz 105. + Demokratische Tugenden 181. + Deutsch-Amerikaner 28 f., 36, 264 bis 271. + Deutsche Pflichten 6, 271 f. + Deutsche Staedte 265. + Deutsche System, das 61. + Dienstboten 94-109. + Dienstmaedchen, Karriere besserer, 101. + Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des 99. + Disziplin 38, 70 f., 170, 180, 278. + Dollarmaschine 273. + Doppelmoral 77. +_ Dormitorys_ 42. + Drew, Daniel 179. + + Ehe 79-93. + Ehescheidung 79, 88 f. + Ehrgeiz 37. + Ehrlich-Hata 74. + Ehrlichkeit 182. + Einwanderers, die Kinder des 29. + Eisenbahn 275 f. + Eisenbahnen, Kundenfang der 241. + Eiswasser 17. + Eitelkeitsmarkt 176, 155. + Emerson Ralph Waldo 62. +_ Episcopal Church_ 187. + Erotik 75 ff. + Erziehungskosten, Rueckzahlung der 83. + Eulenberg, Herbert 145. + Europa, Vereinigte Staaten von 272. + Exzellenzen, die wahren 283. + Expresselevator 273 f. + + Fahrplaene 242. + Familienhaeuser 123. + Fensterputzer, der schwarze 95. + Festessen 10 f. + Fische 115. + Fleischverarbeitung 230. +_ Flirtation_ 84 f. + Forschung, wissenschaftliche 46 f. + Fortschritt, kampfloser 275. +_ Fraternitys_ 42 f. + Frauenakademien 56 ff. + Friedrich, Max 129. + Fruechte 111, 118. + Fulda, Ludwig 2. + Frauenverehrung 26, 34, 70, 80, 90, 174, 246. + + Gastfreundschaft 9. + Gefluegel 114. + Geldheirat 25. + Ghetto 138. + Gold 234. + Gould, Jay 25, 176. + Gouverneur 10. + Germanistic Society of America VII, XIV, 2. + Geschaeftspolitiker 65. + Geschlechter, freier Verkehr der 84 f. + Gesetzen, Achtung vor den 67. + Gesetzfabrikation 173. + Gepaeckaufgabe 242 f. + Gesundbeter 197-200. + Gruenhoerner 232 ff. + Graf, Dr. Alfred 60. + + Handwerk 30, 106 f., 254. + Hapag 269. + Hardt, Ernst 147. + Harward 44. + Hauptmann, Gerhart 139, 145. + Hauptmann, Karl 2. + Hausfrauen 91 f., 93, 101. +_ Head lines_ (Kopfzeilen) 161 f. + Heilsarmee 193-196. + Heimatliebe 171, 259. + Hemdaermeligkeit 249. + Heinrich, Prinz von Preussen 18, 226, 282. + Heirat 88. + Heiratslust ein Gesundheitszeugnis 93. + Herald, New York 164. + High School von Youngstown 7. + Hotel 207, 236 ff., 252. + Hoeflichkeitsbezeugungen 13, 170, 247 f. + Hoelle, Mittelpunkt der 227. + Hudson 207, 215 ff. + Humanistische Bildung 48. + Humoristische Lichter 5. + +_ Icecream_ 17, 113 f. + Illustrierte Zeitungen 151 ff. + Indianer 23. + Industriehaeuptlinge 149, 282. + Interviewer 8, 19, 158 f. + Inquisition 21. + + Jerusalem, Else 74. + Judentum 30 f., 144. + Juristen 263. + + Kastengeist 172, 177. + Kaiser, der deutsche 269, 283. + Kannibalische Gerichte 119. + Karikaturen 160. + Kasernenleben 180. + Kaufmann, Reginald Wright 73. + Katholizismus 188. + Kauer, das Volk der 120. + Kaugummi 121. + Kelten 21. + Kempinskis System 120. + Kessler, David 139 ff. + Kindervergoetterung 33 f., 244. + Kinderzucht 35. + Kirchenwahl 203 f. + Kleidung 124. + Knickebockers 175. + Kochkunst 111-120. + Koketterie 79, 85. + Komisch finden, was sie alles 7. + Kongress deutscher Missgeburten 27. + Kontrakte der Dienstboten 99. + Korruption 65 ff. + Krueger, Hermann Anders 2. + Kunstbeduerfnis 129. + Kunst, nationale 62, 131. + Kuessen, vom 87, 247. + Kurmacherei, unverbindliche 85. + + Landschaftsregisseure 212 ff. + Laughlin, Andrew C. Mc. 36. +_ Legal__ Aid Society_ 192. + Lenau, Nikolaus 1. + Lehrer und Lehrerin 38 ff. + Leitartikel 154. + Leithammel 219. + Lesefutter fuer Kinder und Unmuendige 151. + Lichtreklame 122, 211. + Liebe, die, in der Oeffentlichkeit 87. + Liebesheirat 25. + Liebesverhaeltnis 77, 86 f. + Liebe und Ehe 79-93. + Liliencron, Detlev v. 1. + Lindau, Paul 1. + Lloyd, Norddeutscher 269. + Lobby, die 237. + London, Jack 132, 279 ff. + Longfellow 133. + Luegner 37. + Lynch, Richter 263. + + Manieren 27, 29, 92. + Mann, G. A. 201 ff. + Malerei 126, 130. + Mannszucht 117 ff. + Mark Twain 133. + Massengeschmack 133, 163 f. + Materialismus 193, 250. + Mayflower 175. + Maedchenhandel 73. + Maezene 51 ff. + Menschen, neue deutsche 278 f. + Menschliche Niedertracht 223. + Mischlinge 23 f. + Mitgift 25, 81. + Modedamen 80, 90 f. + Monatsschriften 164. + Moralbegriff 78, 164. + Morgentoilette des Taetowierten 245. + Multimillionaere 79 f. + Muschenheim, Gebrueder 239. + Musiker, deutsche 128 ff. + + Nacktheit in der Kunst 127, 174. + Neger 95 ff., 99, 173. + Negerkirchen 188 ff. + Neidlosigkeit 183. + Nervositaet 11. + Niagarafaelle 209 ff. + Niggerlied 128, 188, 191. + Niggerpoesie 188 ff. + + Oper 136 ff. + Operette 146 f. + Optimismus 21, 32, 108, 215, 263. + Osborn, Prof. Dr. Henry F. 149 f. + Orden 53, 176. + + Pagen 237. + Papiergeld 234. + Parsifal 128. + Paepstin, Tod der 198 f. + Philister 260. + Photographie 126. + Pilgervaeter 21, 75, 186. + Pinsky, David 139. + Plastik 127. + Poet, der neuweltliche 130. + Polenz, Wilhelm v. 1. + Politik 65 ff., 271, 264 f., 154. + Polizei 67, 72, 74, 171. + Postgraduates 51. + Prachtbauten 122 f. + Presse, deutsche 167. + Presse, gelbe 149, 153, 161, 164, 255. + Privatgelehrte 50. + Proletariat, gelehrtes 50. + Professor, der 53 f. + Professor, der, als Maedchen fuer alles 103. + Prohibition 171, 174. + Prostitution, die 73. + Pruederie 4, 74, 132, 145, 174. + Publikums, Psychologie des 3. + Puritaner 21 ff. + Pullman-Wagen 172 f., 243 ff. + + Quaeker 204. + + Radiopathie 199 f. +_ Ragtime_ 128. + Rasse, amerikanische 20 ff., 256 ff., 268. + Rassestolz 23. + Raubritter 179. + Rauchplage 68. +_ Reception_ 9, 12 ff. + Redegabe 10 f., 39. +_ Refinement_ 47. + Reinhardt, Max 142, 147 f. + Reinheit, erotische, der Maenner 75 f., 82. + Reklame 156, 208, 210. + Rekordfieber 251. + Rekrutierung 177. + Reliquienverehrung 50. + Renommage 33. + Rentiers 81. + Reporter 8, 241, 237, 160 f. + Richter 262 f. + Rockefeller jun. 74. + Romantik 87 f. + + Salat 116 f., 117. + Schaukelstuehle 125. + Scheidung, die 89. + Schlachtverfahren fuer Schweine 227. + Schlachtverfahren fuer Rinder 229. + Schlangenfrass, intellektueller 157. + Schliff, der letzte 47. + Schnitzler 86. + Schoenheit, koerperliche 26. + Schoenheiten, berufsmaessige 59, 104. + Schule 35 ff. + Schuelerverbindungen 39. + Schurz, Karl 267. + Sehenswuerdigkeiten 9. + Sekten 186 ff. + Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs 69. + Sensationsartikel 164 ff. + Sentimentalitaet 87. + Sexuelle Heuchelei 75. + Sinclaire, Upton 226. + Skal, Georg v. 38. + Sklaverei 109. + Snobismus 251 ff. +_ Social evel, the_ 72 ff. + Soldatenwerbung 179. + Soeldnerheer 181. + Sommerfrischen 209. +_ Sororitys_ 58. + Sozialdemokratie 180, 185. + Sparsamkeit 235. + Speisehaeuser, billige 119. + Spekulationsheiraten 81. + Spiessertum 183, 185. + Spione, japanische 181. + Spitzbueberei als Sport 281. + Sport 44 ff., 54, 281. + Sportberichte 153 f. + Sportliche Wettkaempfe 45. + Staatszeitung, New Yorker 167, 282. + Stanley, Henry M. 162. + Steuben, Baron 36. + Stiefelputzen 100. + Strassendemonstrationen 97. + Strassenpflaster 124. + Strassenverkehr 71. + Strauss, Richard 97, 98, 148, 160. + Studenten, arme 43. + Studentenverbindungen 43. + Studentin, Typus der 59. +_ Subway_ 232. + Suessigkeit 111 f., 117. +_ Sweet Potatoes_ 115. + + Tafelfreuden im Pensionat 115. +_ Tammany Hall_ 186. + Tante, die alte 173. + Tauschhandel, Toechter im 25. + Technische Hochschulen 49. + Technik und Wissenschaft 49. + Telephon 237, 249, 273. + Theater, amerikanisches 135-138. + Theater, deutsches 143-148. + Theater, jiddisches 138 ff. + Theatre, New 136. + Todessprung, der 221. + Toleranz 22. + Touristen 211. + Transcript, Boston 162. + Trennung von Staat und Kirche 185, 263. + Trinkgeld 235 f., 238. + Trustmagnaten 68. + + Uebermensch, der, von Wallstreet 279 ff. + Undergraduates 42. + Ungluecksfaelle, Verbrechen 153 f. + Uniform 180. + Unitarier 189. +_ University Extension_ 63, 255 f. + Urban, Henry F. XII. +_ Usher_ 13, 16. + + Verbrecher, Behandlung der 262. + Vereinsleben 6 f., 255, 266, 269. + Verfassung der V. St. 36. + Virginians, true 175. + Volkslied 3, 130. + Voelker, junge, u. Kinder 33. + Vorstellen, nicht! 13. + Vorurteile, demokratische 62. + + Wahlmanoever 73. + Walt Whitman 133. + Walter, Dramatiker 86, 132. + Wedekind, Frank 145. + Wehrpflicht 180. + Wellesley-College 56-59. + Weltanschauung 46. + Wettkaempfe 44 f. + White, Dr. Andrew D. 108, 203, 205 f. + Wildpret 115 f. + Williams, Roger 22. + Wissenschaftliche Speisekarte fuer Damen 57. + Wohltaetigkeit 194. + Wohnhaeuser, Stil der 208. + Wohnungseinrichtung 124 ff. + Wolkenkratzer 123, 273 f. + + Yale 44. + Yankee 20. + + Zahnarzt 113. + Zukunft, schwierige Frage an die 109. + Zwangsheirat 78. + + + + + + Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem + + Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten? + + Nordamerikanische Reiseskizzen + + von + + Dr. Hintrager + Geheimer Regierungsrat + + Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50 + + _II. Auflage_ + +New Yorker Staatszeitung: +(Aus einem mehrere Spalten fuellenden Feuilleton.) + +Dr. Hintrager hat in seinem Buche: "Wie lebt und arbeitet man in den +Vereinigten Staaten?" ein gutes Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den +Vereinigten Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten Besuchen +des Landes nicht darauf beschraenkt, die Aussenseite der Dinge anzusehen. Er +hat nicht nur auf einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige +Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gruendlich studiert, ist im Bureau +eines Rechtsanwaltes taetig gewesen, hat die meisten der groesseren +Strafanstalten besucht und geprueft und juristische Vorlesungen gehalten. +Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben des Volkes getan und weiss +huebsch und interessant davon zu erzaehlen. + +Sehr gut und lesenswert - auch fuer Deutsch-Amerikaner, die ueber diesen +Punkt wenig unterrichtet sind - ist das Kapitel ueber die Amerikanerin. Man +faengt doch an, einzusehen, dass die amerikanische Frau nicht bloss das +Sofakissen ist, fuer das man sie so lange gehalten hat. + + Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem + + Das Land + der + unbegrenzten Moeglichkeiten + + Beobachtungen ueber das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten von + Amerika + + von + + Ludwig Max Goldberger + Geheimer Kommerzienrat + + Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50 + + _VIII. Auflage_ + +Literarisches Zentralblatt, Leipzig: + +Unter der in der letzten Zeit betraechtlich angeschwollenen Literatur ueber +die Vereinigten Staaten darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz +beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschoepfende Gruendlichkeit, genaue +Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit und Gefaelligkeit der +Darstellung zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muss selbst auf den +Spuren des Verfassers in den Vereinigten Staaten gewandelt sein, um die +stets zutreffende und mit wenigen Worten ueberaus anschaulich gezeichnete +Schilderung ganz wuerdigen zu koennen, welche in diesem Werk vom Boden und +den Menschen, von der Arbeit und den Werkstaetten, dem Nationalreichtum, +den Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem Trustwesen und +verschiedenem anderen gegeben sind. Durch das ganze Werk zieht sich die +nicht hoch genug zu veranschlagende Tendenz, die beiden grossen Nationen +menschlich und wirtschaftlich naeher zu bringen ... + + Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem + + Das Land der Zukunft + + oder: + + Was koennen Amerika und Deutschland voneinander lernen? + + Von + + Wilhelm von Polenz + + Preis: broschiert M. 6,-; geb. M. 7,50 + + _VI. Auflage_ + +St. Petersburger Zeitung: + +Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder Verhaeltnisse die +glaenzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe, die wir in seinen +Dichtungen, besonders in seinem klassischen Roman "Der Buettnerbauer" +bewundern. Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen Welt +umgesehen und schildert scharf und klar, ohne sich auf der einen Seite +durch wirkliche und scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was +dem Europaeer fremd, sonderbar und vielfach auch abstossend erscheint, +beirren zu lassen. + +Rheinisch-Westfaelische Zeitung, Essen: + +Nicht landlaeufige Reiseeindruecke sind es, die uns Polenz wiedergibt, er +entrollt vielmehr vor uns ein treffliches, wahrheitsgetreues, +interessantes Gemaelde von kulturhistorischer Bedeutung, von den +Verhaeltnissen, Sitten und Gebraeuchen der heutigen Welt. + + + + + + ANMERKUNGEN + + + M1 Psychologie des Publikums. + M2 Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden. + M3 Sehenswuerdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervoes sind sie nicht. + M4 Nicht vorstellen! Great reception. + M5 Ausgestanden! + M6 Die reizende Reporterin. + M7 Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Toechter im Tauschhandel. + + 1 Das Wort Yankee kommt von einer misshoerten indianischen Aussprache + des Wortes "english" her und wurde in den Befreiungskriegen den + Amerikanern von den Englaendern als Spottname angehaengt. + + M8 Kongress deutscher Missgeburten. + M9 Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus? + M10 Junge Voelker und Kinder. + M11 Kinderzucht. + M12 Luegner und Duckmaeuser. + M13 Schuelerverbindungen. + M14 Studentenverbindungen. + M15 Sportliche Wettkaempfe. + M16 Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft. + M17 Postgraduates. + M18 Der Professor im oeffentlichen Leben. + + 2 Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer zu + umgrenzen. Professor Muensterberg von Havard definiert ihn dahin, dass + sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universitaet + dagegen mit dessen kritischer Wuerdigung und mit exakter Forschung + beschaeftigen soll, doch fliessen die Grenzen schon deshalb oft + ineinander, weil eben an den meisten Universitaeten auch noch nicht + viel von selbstaendiger Forschung und wissenschaftlicher Systematik + zu finden ist. + + M19 Akademische Vergnuegungen. + M20 Wissenschaftliche Speisekarte fuer Damen. + M21 Typus der Studentin. + M22 Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes. + M23 Geschaeftspolitiker. + Achtung vor den Gesetzen? + M24 Energische Selbsthilfe eines Damenklubs. + M25 Disziplin im Strassenverkehr. + M26 Die Prostitution. + M27 Oeffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit. + Beurteilung des freien Liebesverhaeltnisses. + M28 Spekulationsheiraten. + Rueckzahlung der Erziehungskosten. + Unverbindliche Kurmacherei. + Die Liebe in der Oeffentlichkeit. + M29 Die Scheidung. + Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft. + M30 Heiratslust ein Gesundheitszeugnis. + M31 Der schwarze Fensterputzer. + Strassendemonstrationen. + M32 Pflichten und Rechte des Dienstpersonals. + M33 Karriere besserer Dienstmaedchen. + M34 Der Professor als Maedchen fuer Alles. + M35 Demokratischer Stolz. + Unstetigkeit des Handwerks. + M36 Schwierige Frage an die Zukunft. + M37 Suess muss es sein! + M38 Icecream und Zahnarzt. + M39 Tafelfreuden im Pensionat. + M40 Amerikanischer Salat. + M41 Billige Speisehaeuser. + M42 Das Volk der Kauer. + M43 Planloses Durcheinander. + M44 Abenteuer mit Schaukelstuehlen. + M45 Die Nacktheit in der Plastik. + M46 Deutsche Musikpioniere. + M47 Der neuweltliche Poet. + M48 Diktatur des Massengeschmacks. + M49 Die grosse Oper. + M50 David Kesslers jiddisches Theater. + M51 Eine improvisierte Standrede. + M52 Niedergang des deutschen Theaters. + Repertoirschwierigkeiten der deutschen Buehne. + Reinhardt der Retter. + M53 Lesefutter fuer Kinder und Unmuendige. + M54 Illustrationsunfug. + M55 Eitelkeitsmarkt. + M56 Intellektueller Schlangenfrass. + M57 Kopfzeilen. + M58 Ein smarter Reporter. + M59 Ideale Moeglichkeiten fuer die Zeitung. + M60 Sensationsartikel ernster Zeitschriften. + M61 Die deutsche Presse. + M62 Die demokratische Freiheit. + M63 Die alte Tante. + + 3 "_A drink with a wink_" heisst das. In den Staaten, wo die + Prohibition streng durchgefuehrt ist, fordert man unter moeglichst + unmerklichem Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in + einem undurchsichtigen Gefaess sein Bier, wobei die weisse Schaumhaube + die Milch vortaeuschen muss. + + M64 Raubritter hueben und drueben. + + 4 "The Book of Daniel Drew" by Bouck White. + + M65 Soldatenwerbung. + M66 Vom Soeldnerheere. + M67 Demokratische Tugenden. + Neidlosigkeit. + M68 Trennung von Staat und Kirche. + M69 Die Bischoeflichen und die Unitarier. + M70 Die Negerkirchen. + M71 Die Heilsarmee. + M72 Bankrott des Materialismus. + M73 Die Kirche der Gesundbeter. + M74 Der Tod der Paepstin. + M75 Christian Science in Europa. + M76 Aberglaube, Kirchenwahl. + M77 Eine konfessionelle Christenkirche. + M78 Sommerfrischen. + M79 Kostspielige Ausruestung des Touristen. + M80 Die Niagarafaelle. + M81 Der Hudsonstil. + M82 Der Landschaftsregisseur. Aufgaben fuer deutsche Kuenstler. + M83 Der Leithammel. + M84 Der Todessprung + M85 Menschliche Niedertracht. + M86 Der Mittelpunkt der Hoelle. + M87 Schlachtverfahren beim Rindvieh. + M88 Der Zweck heiligt die Mittel. + M89 Tragikomoedien des Gruenhorns. + M90 Unangebrachte Sparsamkeit. + M91 In der Lobby. + M92 Das Astorhotel. + M93 Kundenfang der Eisenbahnen. + M94 Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Taetowierten. + M95 Vom Kuessen und von der Hoeflichkeit. + M96 Hemdaermeligkeit. + M97 Das Rekordfieber. + M98 Ansteckungsgefahr des Snobismus. + M99 Volkstuemliche Bildungsbestrebungen. + M100 Zaehigkeit der Rassen. + M101 Heimat. + M102 Arbeit und persoenliche Wuerde. + M103 Juristen und Menschenkenner. + M104 Die deutschen Kolonisatoren. + Unsere mangelhafte politische Befaehigung. + M105 Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen. + M106 Heiligste Pflicht des Deutschtums. + M107 Kampfloser Fortschritt. + M108 Unbegrenzte Moeglichkeiten. + M109 Der Uebermensch von Wallstreet. + + 5 Aus dem Roman "Burning Daylight", S. 159 ff. + + M110 Spitzbueberei als guter Sport. + M111 Die wahren Exzellenzen. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die lebenden Kolumnentitel sind als Randnotizen wiedergegeben. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 6: "Clownspaessen" geaendert in "Clownspaessen" + Seite 16: "sterotypen" geaendert in "stereotypen" + Seite 39: "rethorische" geaendert in "rhetorische" + Seite 107: "grossen" geaendert in "grossen" + Seite 109: "Unstaenden" geaendert in "Umstaenden" + Seite 118: "Neuurastheniker" geaendert in "Neurastheniker" + Seite 172: "Pullmann" geaendert in "Pullman" + Seite 192: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "koennen?" + Seite 201: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Gewalt!" + Seite 204: "auschliesslich" geaendert in "ausschliesslich" + Seite 222: "Jhr" geaendert in "Ihr" + Seite 256: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Qualitaet" + Seite 269: "uneingegeschraenkte" geaendert in "uneingeschraenkte" + Seite 286: "Karrikaturen" geaendert in "Karikaturen" + +Ungewoehnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa "Oklahama", +"Sherlok-Holmes") und englischen Begriffen wurden nicht korrigiert. Im +Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Eintraege an +die alphabetisch korrekte Stelle versetzt. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA*** + + + + CREDITS + + +August 1, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online + Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This + file was produced from images generously made available by The + Internet Archive/American Libraries.) + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 40391.txt or 40391.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/4/0/3/9/40391/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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