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+The Project Gutenberg EBook of Der Dichter in Dollarica by Ernst von
+Wolzogen
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Der Dichter in Dollarica
+
+Author: Ernst von Wolzogen
+
+Release Date: August 1, 2012 [Ebook #40391]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***
+
+
+
+
+
+ Der Dichter in Dollarica
+
+
+
+
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin-Grunewald
+
+ _Es erschien von_
+
+ *Ernst von Wolzogen*
+
+ _Romane_
+
+ Ecce ego - Erst komme ich
+ Die Grossherzogin a. D. | Die Entgleisten
+ Der Erzketzer. 2 Bde.
+
+ _Novellen_
+
+ Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte
+ Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten
+ Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen Boheme
+ Da werden Weiber zu Hyaenen | Heiteres und Weiteres
+ Erlebtes Erlauschtes Erlogenes
+ Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien
+ Geschichten von lieben suessen Maedeln
+
+ _Verse_
+
+Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravuere Wolzogens)
+
+ _Theater_
+
+ Der unverstandene Mann (Komoedie)
+ Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komoedie)
+ Lumpengesindel (Tragikomoedie)
+ Die Maibraut
+ (Ein Weihespiel in drei Handlungen)
+
+ _Essays_ usw.
+
+Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung
+ (Neu herausgegeben von _E. von Wolzogen_)
+ Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch)
+ Linksum kehrt schwenkt - Trab!
+
+ _Eheliches Andichtbuechlein_
+
+ Herausgegeben von _Ernst Ludwig_ und _Elsa Laura von Wolzogen_
+ Buchschmuck von _J. Martini_
+
+
+
+
+
+ *Der*
+ *Dichter in Dollarica*
+
+ Blumen-, Frucht- und Dornenstuecke
+ aus dem Maerchenlande der unbedingten Gegenwart
+
+ von
+
+ Ernst von Wolzogen
+
+
+Zweite Auflage
+
+
+Berlin 1912, F. Fontane & Co.
+
+
+
+
+
+ Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschuetzt
+
+Die erste und zweite Auflage dieses Buches ist in 2220 Exemplaren gedruckt
+ und wurde im Jahre 1912 herausgegeben.
+
+
+
+
+ Altenburg
+ Pierersche Hofbuchdruckerei
+ Stephan Geibel & Co.
+
+
+
+
+
+ The Germanistic Society of America
+
+
+ to whom I am deeply indebted for the opportunity of seeing
+ America, may kindly accept this document of how I saw America as a
+ token of my sincere gratitude, and may humour it as genially as it
+ was conceived.
+
+
+
+
+
+ ZUR VERSTAeNDIGUNG.
+
+
+Ich gehoere zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen und nichtige
+Klugschwaetzen eilfertiger Reisender ueber fremde Laender, Voelker,
+Einrichtungen und Sitten durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun
+gleichwohl verleiten liess, nach einem Aufenthalt von nur drei Monaten,
+dennoch meine Reiseeindruecke aus den Vereinigten Staaten zu Papier zu
+bringen und sogar in Buchform herauszugeben, so muss ich wohl meinem
+Unterfangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte Leute
+ihm nicht von vornherein den Zutritt in den Bereich ihrer Aufmerksamkeit
+verweigern.
+
+Ich wurde als Gast der _Germanistic Society of America_ zu einer Reihe von
+Vorlesungen und Vortraegen an neunzehn Universitaeten und Colleges, sowie in
+zahlreichen deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang
+November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den oestlichen, noerdlichen und
+mittelwestlichen Staaten auf. Die oft geruehmte grossartige und herzliche
+Gastfreundschaft nicht nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der
+fuer deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung interessierten
+akademischen Kreise des Landes, sorgte in ueberaus umsichtiger Weise dafuer,
+dass wir - denn meine reizendere Haelfte begleitete mich samt ihrer
+tatbereiten Laute - in all den zahlreichen grossen und kleinen Staedten, die
+wir beruehrten, moeglichst viel und moeglichst Eigenartiges und Bedeutsames
+von dem wunderreichen Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im
+allgemeinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmaessigen
+Vorfuehrungen, die liebenswuerdige Komitees hastig vorbei sausenden
+Ehrengaesten zuliebe von den Sitten und Gebraeuchen der Einwohner
+veranstalten, nicht gerade fuer die sichersten Quellen ernsthafter
+Belehrung zu halten und sich vergnueglich ins Faeustchen zu lachen, wenn der
+also Gefeierte hinterher dankbaren und kindlichen Gemuets all dies
+freundliche Geflunker fuer bare Muenze nimmt und daraufhin mit wichtiger
+Kennermiene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverstaendlich
+wurde ich wie jeder andere prominente Reisende schon bei der Einfahrt in
+den Hafen von New York von den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie
+mir Amerika gefiele; selbstverstaendlich begleitete mich diese
+unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverstaendlich
+machten die Herren Reporter, je nach ihrem Witz und ihrer stilistischen
+Begabung, aus meinen verlegenen, duerftigen Antworten in ihren Interviews,
+was ihnen gut duenkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach
+meiner Ankunft gefragt, ob ich gedaechte, ein Buch ueber Amerika zu
+schreiben, und habe diese Zumutung damals mit ehrlichem Erschrecken weit
+von mir gewiesen. So lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der taeglich
+und stuendlich in buntester Abwechslung am Auge vorueberhastenden, einander
+ueberstuerzenden Erlebnisse und Begegnungen stand, erschien es mir auch
+wirklich ein unmoegliches Unterfangen, diese Eindruecke auch nur
+beschreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel weniger darueber
+ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. Dass ich nicht voellig die Tinte
+wuerde halten koennen, dass vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch
+das Fenster des Expresszuges ein paar Feuilletons herausspringen wuerden,
+lag ja freilich bei meiner berufsmaessigen Zugehoerigkeit zur Schreiberzunft
+nahe; aber den Mut und die Lust zu einer erschoepfenden Bearbeitung meiner
+Reisebeute gewann ich doch erst allmaehlich in der stillen Beschaulichkeit
+meines fruchtbaren Darmstaedter Poetenwinkels. Ich schrieb erst einmal
+kunterbunt alles zusammen, was mein Gedaechtnis und meine Notizen mir von
+Gehoertem und Geschautem bewahrten, und was mir schon drueben weiteren
+Nachdenkens wert erschienen war. Und dann schleppte ich mir einen Stoss
+guter Buecher ueber die Vereinigten Staaten zusammen, verglich die darin
+niedergelegten Anschauungen eingeborener und auslaendischer Kenner des
+Landes und bewaehrter Beobachter mit den Eindruecken, die ich selbst
+empfangen, und erst nach Beendigung dieser klaerenden Vorarbeit begann ich
+mich fuer berechtigt zu halten, dem grossen Publikum, das bei einer
+gerechten Beurteilung der neuen Welt interessiert ist, meine Meinung
+aufzutischen.
+
+Es versteht sich wohl von selbst, dass ich mir trotz dieser gewissenhaften
+Vorbereitung durchaus nicht einbilde, mein Urteil koennte neben dem
+eingeborener gruendlicher Kenner des Landes oder ernsthafter
+wissenschaftlicher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; darum habe
+ich schon im Titel meines Buches den Nachdruck auf den _Dichter_ gelegt.
+Ein Dichter ist, wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden
+darf, "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Sein Schauen ist freilich
+ein anderes als das des gelehrten Forschers: waehrend dieser geradlinig
+rueckwaerts oder voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift
+des Dichters Auge ueber den ganzen Horizont rund um und erfasst dennoch im
+Voruebergleiten eine ganze Menge bedeutsamer Einzelheiten der naechsten
+Umgebung. Sein Geist liebt es, Bruecken zu schlagen vom Kleinsten zum
+Groessten. Moegen diese Bruecken oft auch luftig genug, mehr aus bunten
+Regenbogenfarben als aus soliden Balken zusammengezimmert sein, wertlos
+ist darum die dichterische Betrachtungsweise gewiss nicht; denn oft ahnt er
+mit dem sicheren Instinkt des schoepferischen Geistes grosse, bedeutsame
+Zusammenhaenge, die dem scharfen Auge des Forschers verborgen bleiben, weil
+dem sein Gewissen nicht erlaubt, bei seinen Feststellungen unbekannte
+Groessen in Rechnung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition und
+den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme ich fuer mich in
+Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit fuer dichterische Freiheit zu
+beanspruchen. Ich gehoere nicht zu den Leuten, die sich durch glaenzende
+Aeusserlichkeiten leicht blenden lassen, auch nicht zu den misstrauischen
+Duckmaeusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich angelegen sein
+lassen, drueben in dem merkwuerdigen Lande der unbedingten Gegenwart, wo es
+irgend anging, die Meinung gescheiter, mir zuverlaessig erscheinender
+Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen zu vervollstaendigen, zu
+klaeren und zu berichtigen. Dabei ist es mir nun allerdings ueberaus haeufig
+begegnet, dass der Sachverstaendige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande
+war, den Sachverstaendigen A., der 27 Jahre im Lande war, fuer einen
+ausgemachten Esel erklaerte, und dass der Sachverstaendige C., der 50 Jahre
+im Lande war, zur Entscheidung aufgerufen, beiden als elenden Gruenhoernern
+jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun eine alte Erfahrung,
+die jeder mit einem klaren Blick begabte gebildete Reisende schon
+bestaetigt gefunden haben wird, dass sich der Eingeborene eines Landes oft
+gerade der auffallendsten Eigentuemlichkeiten desselben nicht bewusst ist,
+weil ihm eben der Massstab zur Vergleichung fehlt und weil ihm naturgemaess
+das Gewohnte als das Selbstverstaendliche erscheint. Ebenso verliert auch
+der Einwanderer, je laenger er in dem neuen Lande weilt, desto mehr den
+Blick fuer seine Besonderheit. Ihm duenkt vieles Neue bedeutsam, weil er es
+unter seinen Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiss, dass man drueben
+in der alten Heimat vielleicht schon laengst ueber den betreffenden Zustand
+hinaus gekommen ist, waehrend ihm Dinge, die dem Fremden als hoechst
+eigenartig auffallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil sie
+fuer ihn Alltaeglichkeiten geworden sind. Aus diesem Grunde koennen selbst
+des fluechtigen Besuchers erste Eindruecke von ganz erheblicher Bedeutung
+werden. Es ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle
+Dokumente als wissenschaftlich beweiskraeftig anzunehmen, denn mit Hilfe
+der Statistik kann man bekanntlich ebenso wie mit Hilfe der Etymologie
+alles Beliebige beweisen, und dass behoerdliche Urkunden auch nicht immer
+direkt aus goettlicher Inspiration hervorgehen, duerfte wohl zugegeben
+werden. Es bleibt also unter allen Umstaenden fuer das dichterische Schauen
+ein weites Feld erspriesslicher Taetigkeit uebrig. Und der _Forscher_, der
+den _Seher_ verachtet, gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im
+Kalender die Laterne zu Hause laesst, auch wenn dicke Wolken das freundliche
+Gestirn dauernd verfinstern.
+
+Ein wie schwieriges, unter Umstaenden sogar lebensgefaehrliches Unterfangen
+es sei, auch mit dem ernstlichsten Bemuehen um Gerechtigkeit ueber
+Jung-Amerika zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung
+erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drueben taten. Ich habe, was wohl
+niemand einem Poeten verargen wird, ernsthafte Dinge ernst und minder
+bedeutsame Aeusserlichkeiten lustig behandelt und mich auch
+selbstverstaendlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise
+der heiteren Wirkung zuliebe keck zu uebertreiben und noetigenfalls sogar
+ein Weniges dazu zu luegen, in der sicheren Erwartung, dass der
+amerikanische Humor, der ja bekanntlich in der grotesken Uebertreibung sich
+am besten gefaellt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen finden
+wuerde. Darin scheine ich mich jedoch gruendlich getaeuscht zu haben, und
+Henry F. Urban, der humoristische Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft
+genaue Kenner seiner Bewohner, duerfte doch wohl recht haben mit seiner
+Behauptung, dass der richtige Dollaricaner keinen Sinn fuer Satire habe,
+wenigstens nicht sofern sie sich auf ihn selbst und sein Land bezieht. So
+erklaert sich auch die fuer uns merkwuerdige Erscheinung, dass dieses so
+humorbegabte und zu derben Spaessen aufgelegte Volk noch keine politischen
+Witzblaetter besitzt. Der Dollaricaner sieht eben fortwaehrend vor seinen
+Augen die Wuestenei sich in ueppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstaedte aus
+elenden Ansiedlungen sich quasi ueber Nacht entwickeln, eine luxurioese
+Tipptopp-Kultur urploetzlich, wie den glaenzenden Schmetterling aus der
+unscheinbaren Puppe, aus dem Chaos herausschluepfen - da ist es freilich
+begreiflich, dass sein Herz von unbaendigem Stolze auf sein Wunderland und
+auf die Tatkraft seiner Bewohner geschwellt ist. Dieser schoene Stolz geht
+nun aber so weit, dass er jeden fuer einen verleumderischen Schurken
+erklaert, der nicht alles und jedes fuer vollkommen und unvergleichlich
+haelt, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, und dass er nicht nur dem
+auslaendischen Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede
+kritische Anwandlung fuerchterlich uebel nimmt. Die englischen Zeitungen
+haben sich vornehmlich an meine Spaesse und Uebertreibungen gehalten und mich
+wie gaenzlich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten festgenagelt
+und darum ihrem Publikum als unwissenden, leichtfertigen Verleumder
+hingestellt; meine ehemaligen deutschen Landsleute aber haben sogar
+Entruestungsmeetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der
+auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, dass sie im allgemeinen an
+koerperlichen Vorzuegen hinter den Yankees zurueckstehen, und dass sie nicht
+verstanden haben, sich rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen
+Einfluss zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmaessiges Uebergewicht,
+sondern auch als hervorragendste Kulturtraeger rechtens zu beanspruchen
+gehabt haetten. Fuer diese Missetat haben mich zahlreiche
+deutsch-amerikanische Blaetter, vornehmlich minder betraechtliche
+Provinzorgane, mit den liebenswuerdigsten Schmeichelnamen bedacht, unter
+denen wohl 'krummer Hund' noch der mildeste war, und zahlreiche
+Privatpersonen haben mich brieflich ihrer vorzueglichsten Tiefachtung
+versichert und mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die
+Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. Nun, ich darf
+mir wohl erlauben, diese seltsamen Blueten patriotischer Entruestung nicht
+allzu tragisch zu nehmen, da ausser solchen robusten Kundgebungen mir doch
+auch zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, welche im
+Gegensatz zu jener Knueppelpolemik durchweg aus den oberen geistigen
+Regionen herstammten. Ich habe uebrigens die in jenem Aufsatz ueber die
+Yankeerasse, der so viel boeses Blut gemacht hat, niedergelegten Ansichten
+in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches begruendet und erweitert.
+Es versteht sich von selbst, dass ich jedem dankbar sein werde, der mir
+beweist, dass ich da und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir
+zur Pflicht machen, Irrtuemer zu berichtigen, soweit etwaige Neuauflagen
+die Gelegenheit dazu geben sollten.
+
+Zusammenfassend betone ich also noch einmal, dass dies Buch weder
+wissenschaftlichen Wert beansprucht, noch etwa ein Fuehrer fuer Reisende
+sein soll, dagegen auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben
+beabsichtigt. Es ist fuer uns Europaeer von groesster Wichtigkeit, uns klare
+Vorstellungen von diesem Lande ohne Vergangenheit zu verschaffen, das fuer
+uns einen Spiegel unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten
+Staaten zu reisen bedeutet fuer den wissbegierigen Europaeer soviel, wie es
+fuer die Unschuld vom Lande bedeutet, zur Kartenschlaegerin zu gehen, nur
+mit dem Unterschiede, dass das, was wir drueben ueber unsere Zukunft
+erfahren, kein plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. Je
+mehr wir mit unserer Vergangenheit aufraeumen, je rueckhaltloser wir uns von
+dem reissenden Strome der modernen Entwicklung mit forttragen lassen, desto
+sicherer werden sich unsere Zustaende und unser Charakter amerikanisieren;
+und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der Gegenwart so genau
+wie moeglich betrachten, und darum hat jeder, dem eine gute Beobachtung und
+ein gesundes Urteil zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, ueber
+Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt.
+
+Ich kann dies Vorwort nicht beschliessen, ohne meinen verehrten Goennern und
+neugewonnenen lieben Freunden da drueben, vornehmlich der Germanistic
+Society, den oertlichen Veranstaltern meiner Vortraege, den leitenden
+Persoenlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden so umsichtigen
+und eifrigen Managern meiner Rundreise, den Herren Professor Rudolf Tombo
+jun. und Paul C. Holter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen fuer die
+herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem Schaffen zuteil
+werden liessen, wie fuer die grosse Muehe, die sie so erfolgreich aufwendeten,
+um mir in der kurzen Zeit diese reiche Fuelle von Eindruecken zu
+verschaffen.
+
+_Darmstadt_, im Oktober 1911.
+ *Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.*
+
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNIS.
+
+
+ Zur Verstaendigung VII
+ 1. Als Mauernweiler in Dollarica 1
+ 2. Die Yankeerasse 20
+ 3. Der Yankee als Erzieher 32
+ 4. Das Universitaetsleben in der Union 41
+ 5. Oeffentliche und private Moral 64
+ 6. Liebe und Ehe 79
+ 7. Die Dienstbotenfrage 94
+ 8. Die Kochkunst der Yankees 110
+ 9. Kuenstlerische Kultur 122
+10. Vom Theater im Yankeelande 135
+11. Die amerikanische Presse 149
+12. Von der demokratischen Gesellschaft 169
+13. Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht 186
+14. Die Landschaft 207
+15. Dollaricas infamster Schurke 220
+16. Baedekereien fuer Amerikafahrer 232
+17. Was koennen wir von Amerika lernen? 250
+18. Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel 273
+ Buecherverzeichnis 284
+ Namen- und Sachregister 285
+
+
+
+
+
+
+ ALS MAUERNWEILER IN DOLLARICA.
+
+
+Ein rechtschaffener "teutscher Tichter" schlaegt drei Kreuze vor dem
+Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau,
+der seinerzeit aus Begeisterung fuer die Freiheit und fuer die biederen
+Rothaeute hinuebersegelte, hat bekanntlich das naechste Retourschiff benutzt,
+und sein Entsetzen hat ihn das Wort praegen lassen von dem Lande, in
+welchem die Voegel keine Lieder und die Blumen keinen Duft haetten. (Eine
+Behauptung, die uebrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron
+mochte kein intimes Verhaeltnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie
+gar keine Miene machte, ihm von ihrem Ueberfluss an Dollars etwas abzugeben.
+Ich vermute, dass sie ihn zunaechst hat Flaschen spuelen lassen, eine Pruefung
+auf die maennliche Tuechtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und
+sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensanspruechen beschwerten, zu grober
+Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunaechst einmal
+auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines
+galanten Raeubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate
+im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und
+bescherte uns, als Frucht seines fleissigen Studiums, sein schoenes und
+gerechtes Buch "Das Land der Zukunft". Dafuer war aber auch Polenz kein
+solch naerrischer Lyriker, der in zornige Traenen ausbricht, wenn ihm ein
+fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen
+schlagen und Affen auf Lindenbaeumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau,
+der welt-, witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat
+eine Masse von Eindruecken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen
+mit "gewandter Feder" feuilletonistisch aufgespiesst; gelegentlich der
+grossen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der
+und jener aus unserem Federvolke mit drueben gewesen, um mit mehr oder
+minder leichtsinniger Wichtigkeit den Massstab seiner kleinen Person an die
+Ungeheuerlichkeit der Verhaeltnisse da drueben zu legen, und sie sind alle,
+durch starke Eindruecke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige
+hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der
+germanistischen Fakultaeten und Unterstuetzung etlicher fuer deutsche Kunst
+und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Maezene die _Germanistic
+Society of America_ gegruendet haben, ist es moeglich geworden, richtigen
+deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Ruecksicht auf Geldverdienst und
+etwaige lyrische Sentimentalitaeten, die grosse Kinderstube im fernen
+Westen, das Maerchenland der absoluten Gegenwaertigkeit, zu zeigen und
+andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend
+vorzufuehren. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krueger,
+Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren
+deutschen Landsleuten drueben, sowie den fuer deutsche Geistesart
+interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der
+Gegenwart zu bringen.
+
+(M1)
+
+Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitaeten und
+Colleges, sowie fuenfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe
+dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreissig Jahre
+deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persoenlicher
+Eindruecke und Begegnungen durchgenommen, oder mich ueber das Theater der
+deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstuetzung meiner Frau
+die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und dass
+ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in
+die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen liess,
+da leuchteten die Augen, da war der Jubel gross, und die gewohnten
+Redensarten eines hoeflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie
+haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach
+getaner Arbeit heimwaerts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da
+behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun
+nicht etwa heissen, dass ich mich ueber eine laue Aufnahme oder ueber
+Unverstaendnis zu beklagen gehabt haette. Ganz im Gegenteil: man muss bei uns
+schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren
+Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, dass ich diesen
+lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem
+Umstande zu verdanken hatte, dass ich einen wichtigen Teil meines Wesens
+vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst
+gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die
+Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermassen; das ist der
+Grund, weshalb mir's drueben so gut gegangen ist. Ich wusste schon vorher
+genug ueber den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefaehr
+beurteilen zu koennen, welche meiner Werke und Anschauungen fuer drueben
+moeglich waeren und welche nicht. Und da musste von vornherein vieles von dem
+als unmoeglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten
+Erfolge geholt und meiner literarischen Persoenlichkeit ueberhaupt erst
+feste Umrisse gegeben habe. Die Natuerlichkeiten der Erotik sind bei den
+Angloamerikanern ebenso von der oeffentlichen Besprechung und
+kuenstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die
+Deutsch-Amerikaner, die lange genug drueben gelebt haben, sind immerhin von
+diesem Puritanertum soweit angesteckt, dass die Grenzen des kuenstlerisch
+Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen
+Familienblatt aelteren Stils. Du lieber Himmel - und ich bin der Verfasser
+des "Dritten Geschlechts", der "Geschichten von lieben suessen Maedeln" und
+gar "des Erzketzers" und habe niemals einen Beitrag zur "Gartenlaube" oder
+zum "Daheim" geliefert! Selbstverstaendlich hatte ich wohl ausnahmslos an
+jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose
+Leute unter meinem Publikum, die sich gerne haetten staerker beschwoeren
+lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nuetzlich
+machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und
+besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewuerfelten
+Deutsch-Amerikanern.
+
+(M2)
+
+Mit den Versen gab's wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf
+die moderne Technik mussten ja in dem Lande der technischen Hochkultur
+zuenden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste
+verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastuecken hatte ich meine liebe
+Not, und bei meinen Streifzuegen durch die deutsche Literatur der letzten
+dreissig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem
+gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner
+Lieblingsfiguren etwas laenger verweilte oder den Versuch machte, ein
+bisschen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein
+suggestives Gaehnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll
+gespannten Zuege zu erschlaffen begannen. Da musste ich mich denn beeilen,
+mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten
+Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so
+vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem
+kindlichen Standpunkt, dass sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern
+auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem
+Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muss so gut wie der
+Universitaetsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er
+sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg
+haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten
+Gegenstaenden humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche
+Universitaetssitzung mitgemacht, bei welcher der Praesident der Universitaet
+eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben
+hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man sass in Ueberziehern und
+Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung
+gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten
+erzaehlte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwaermte sich die
+frierende Gesellschaft an lautem Gelaechter. In dem amerikanischen
+nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, muss die erbauliche
+Abwechslung zwischen Leichenaufhaeufung unter Revolvergeknatter und
+sentimentaler Ruehrung ueber unmenschliche Edelmutsausbrueche (vom obligaten
+Tremolo der Geigen begleitet) in regelmaessigen Abstaenden von derben
+Clownspaessen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu
+bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie
+ihm der "Tristan" gefallen habe, achselzuckend erwiderte: "Nu, mer lacht",
+koennte hier leicht manches Gegenstueck finden. Das ist nun etwa nicht als
+besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der
+Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenueber genau denselben
+Standpunkt: er schaetzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die
+geistige Erhebung durch tragische Erschuetterung vermag er ebensowenig zu
+geniessen, wie die rein aesthetische Freude an der schoenen Form; sein
+Interesse haengt rein am Stofflichen, am groeblich Sinnfaelligen, an der
+handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute
+und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen
+aesthetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverstaendlich, dass
+es dort im Verhaeltnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger aesthetisch
+interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute
+koennen von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum
+weitaus ueberwiegenden Teil von gaenzlich amusischer Herkunft sind. Die
+deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus
+machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu
+erhalten, setzen sich zusammen aus den Ueberresten der achtundvierziger
+Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit
+akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Aerzte,
+Kuenstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen
+nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe
+hier ihr Glueck gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine
+hoehere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine
+sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein kuenstlerischen und
+literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach
+Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen
+Anspruechen. Man darf also nicht erwarten, fuer irgend welche
+wissenschaftlichen oder kuenstlerischen Darbietungen in den Vereinigten
+Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu
+finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften,
+kaufmaennischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man
+kann aber sicher sein, ueberall unter seinen Zuhoerern eine Anzahl fein
+gebildeter und verstaendnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine
+kleine Minderheit sein mag. Fuer diese Minderheit wird man dann aber, wenn
+man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen
+im Geiste nach Moeglichkeit durch Konzessionen an ihr
+Unterhaltungsbeduerfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen
+freilich bei solchen ueberraschenden Ausbruechen kindlicher Heiterkeit kalt
+ueberlaufen. Im Hoersaal der Universitaet zu Rochester wollten sich Studenten
+deutscher Abkunft halb tot lachen ueber die von mir berichtete traurige
+Tatsache, dass Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den
+Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal
+der Universitaetsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High
+School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor
+Vergnuegen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Grossmutter
+Schlangenkoechin uebersetzte. Ueber die Fischlein, die die boese Hexe mit
+einem Stock im Krautgaertlein faengt, und gar ueber "_The black and tan
+Doggie, that burst into a thousand pieces_" (das schwarzbraune Huendlein,
+das in tausend Stuecke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und
+meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Traenen zu ruehren
+gedachte, war blass vor Schrecken, - hat sie aber dann doch zu packen
+gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des
+deutschen Maerchenstiles so siebenfach versiegelt ist.
+
+(M3)
+
+Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer
+hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche
+Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muss, als
+Fuerstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die
+Provinzen bereisende bessere Fuerstlichkeit wird man naemlich in den
+Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als grosses Tier, als
+illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das
+einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des
+Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den
+Leib ruecken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Saeubern und
+Ausruhen goennt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die
+einzelnen Vortragsstaedte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa
+Berlin und Neapel!) muss man mehrere Interviews ueber sich ergehen lassen,
+bei denen einen der stete Zweifel nervoes macht, wer von beiden der groessere
+Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee
+wieder an, um einem die Sehenswuerdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu
+bemerken ist, dass im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis
+hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt
+genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht
+einziger Ausnahme von Boston und Washington), dass die Kriegerdenkmaeler
+noch erheblich fuerchterlicher sind als bei uns, und man die beruehmtesten
+Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden
+diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wuesten Steinhaufen der
+Citys hinaus ins Land fuehren und man einen schoenen Tag erwischt.
+Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgaerten wie
+bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind
+selbst die zum Gaehnen einfoermigen gemuetlichen Holzhaeuschen, mit denen auch
+sehr wohlhabende Amerikaner gluecklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu
+sehen. Nachdem der aesthetische Graus der Staedte dergestalt ueberstanden
+ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und
+gemuetlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines
+Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die
+amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen
+ausgeuebt werden, ist ueber alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen
+Gelegenheiten das Menue nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine
+Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife
+Foermlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geaergert zu werden. Nicht
+selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h.
+nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultaet, wenn
+der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und
+Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig
+kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form
+der "reception". Man hoert alle Namen, schuettelt alle Haende, schwaetzt ein
+Stuendchen herum und hat im Fluge einen oberflaechlichen Eindruck von dem
+Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich
+interessante Persoenlichkeit fluechtig angebohrt. Ist man an ein Komitee
+geraten, das bereits Erfahrungen mit europaeischen Nerven gemacht hat, so
+darf man sich zu einem Ruhestuendchen zurueckziehen, andernfalls geht es
+ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur
+Besichtigung der Universitaetsinstitute, der Bibliotheken, der
+Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch
+immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch
+mindestens zum Buergermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, dass
+so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den
+meisten Faellen groesser als das Koenigreich Bayern, in einigen Faellen sogar
+groesser als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt ueber die leichte
+Zugaenglichkeit und jeder steifen Foermlichkeit abholde Art dieser grossen
+Herren. Sie haben natuerlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie
+beteuern, ueber die Bekanntschaft entzueckt zu sein, und stellen sich aufs
+Liebenswuerdigste unseren Wuenschen zur Verfuegung. Mittlerweile wird es dann
+Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne
+mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend
+gut, und man muss sein bisschen Witz gehoerig zusammennehmen, um diesem
+nationalen Talente gegenueber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den
+Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche
+Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte,
+stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmoegliche Masse von Speisen und
+ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten
+eingepumpt zu bekommen. Grosse offizielle Festessen dehnen sich freilich
+auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Laenge des Menues, sondern nur
+wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem
+Dessert zu oeffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach
+parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschoepft ist, beginnt
+erst der echt amerikanische Hauptspass, indem der _Toastmaster_ noch unter
+den besonders prominenten, durch ihre Eigenart beruehmten oder beruechtigten
+Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten dass einer
+auf solche Reizung nicht reagiert. Natuerlich reitet bei dieser Gelegenheit
+jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder
+gedankenreiches Eigengut zutage gefoerdert wird. Schlimm ist es, wenn man
+unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muss, wie das gar nicht
+selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert
+ist, erst beim Besteigen der Rednertribuene vom Vorsitzenden zugeraunt
+wird, dass man doch gefaelligst nur eine Stunde lang sprechen moege - ueber
+ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gruendlich zu erledigen waere! Diese
+beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverstaendlich an,
+dass ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschaeft daraus macht, oeffentliche
+Vortraege zu halten, jederzeit und unter allen Umstaenden bereit sein muesste,
+sie aus der Pistole zu schiessen. Dass wir schwaechlichen Ostleute zu jeder
+geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht
+zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgueltig,
+wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst geniesst oder seine Bildung
+bereichert; offene Tueren, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und
+klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und
+probende Gesangvereine ueber dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich
+ging an einem Universitaetshoersaal vorbei, dessen Tuer sperrangelweit offen
+stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf
+und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig
+nachschreibenden Hoerer liessen sich dadurch auch nur im geringsten stoeren.
+In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten,
+ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruss, dass
+ich einen weissen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das
+elektrische Licht versagte; wir sassen also bei einigen Notlampen im
+Finstern, und ich trug eine ruehrende Geschichte vom bitteren Leiden und
+Sterben eines schwindsuechtigen Maedchens unter der rhythmischen Begleitung
+zweier melodisch knallender Heizkoerper vor. Natuerlich war ich nahe daran,
+aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese
+stimmungsmordenden Umstaende nicht im mindesten beruehrt zu werden. Der
+Vorsitzende bat fuer diese Uebelstaende um Entschuldigung, und damit war es
+gut. Der Amerikaner fuegt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter
+Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um fuer sein Geld Kunst zu geniessen
+oder Weisheit zu schluerfen, so fuehrt er diesen Vorsatz auch unter den
+widrigsten Verhaeltnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und
+seine Nerven parieren ihm so absolut, dass er imstande ist, durch einfachen
+Willensakt waehrend des zartesten Pianissimos einer Saengerin den knallenden
+Heizkoerper oder die laeutende Lokomotive nicht zu hoeren.
+
+(M4)
+
+Die grosse _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken fuer beruehmte
+Mauernweiler, diese echt amerikanische "Hetz", pflegt nach dem Vortrag des
+zu feiernden Gastes in einem moeglichst grossen Saale stattzufinden. Der
+Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im
+Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann
+sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines
+scharmanten Menschen sein, ohne dass es ihm einfallen wird, sich selber
+vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen
+Hoeflichkeit sich bemuessigt fuehlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table
+d'hote-Bekanntschaft gegenueber die Hacken zusammenzuschlagen und mit
+kommentmaessig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: "Sie gestatten, mein
+Name ist Mueller," so riskiert er, dass der Angeredete, ohne sich von seinem
+Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit
+gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurueckgibt: "_Aoh,
+is that so?_" Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten
+bekannt zu werden. Auslaendische Beruehmtheiten interessieren ihn brennend,
+und fuer Leute mit schoenen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine
+besondere Schwaeche, aber niemals wuerde er sich einfallen lassen, eine
+formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft
+nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man
+sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfuellen
+unter anderen Veranstaltungen auch die beruechtigten _receptions_. Jeder,
+der nur irgendwelche Beruehrungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphaere
+oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemueht sich, eine Einladung
+zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser
+hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in
+musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine
+Saeule an der Schmalseite des grossen Saales und meine Frau an eine andere
+Saeule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein
+_Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher =
+Einfuehrer). Von diesen wird vorausgesetzt, dass sie wie ein Hofmarschall
+alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In
+langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die
+Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wuenschen, und der Usher
+waltet seines Amtes. "Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John
+Dubbleju Weber (sprich: Uebbaeh) vorzustellen. Einer der prominentesten
+Buerger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begruender, denn er hat
+vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle
+stand, den ersten Laden fuer baumwollene Taschentuecher, Whisky, Kautabak
+und Schiesspulver eroeffnet."
+
+"_How do you do, Mister Uolsogen?_" gurgelt Mister John Dubbleju Uebbaeh
+aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie
+mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. "Komme Se mal zu mir, da wer' ich
+Se mal was Scheenes sseigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn
+se Aentiquitis gleicht." (Antiquitaeten gern hat).
+
+Und Missis Uebbaeh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons
+in den Ohrlappen, grinst mich muetterlich bewegt an und versichert,
+entzueckt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter,
+und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, dass ich gluecklich sei,
+Persoenlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser
+beruehmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht
+haetten.
+
+"_Move on, please!_" sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar
+sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O.
+Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) bekannt macht. Mister
+Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) ist mit sieben Cents in der
+Tasche vor fuenfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein
+Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen
+hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des
+Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar
+wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Bloesse
+mit Brillanten fuer etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betruebt
+(_so awfully sorry!_), dass ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann,
+denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen
+von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Buechern gelesen,
+darunter natuerlich auch meinen entzueckenden "Herrgottsschnitzer von
+Oberammergau" und meinen reizenden "Huettenbesitzer" und ueberhaupt beinahe
+alles. Leider habe das Maedchen die Mumps.
+
+Beschaemt und tief geruehrt bekenne ich, dass diese genaue Kenntnis meines
+dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefuehl einer wahren
+Popularitaet auf zwei Hemisphaeren voll empfinden lasse.
+
+Mister Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) quetscht mir bewegt die
+Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) hat noch eine
+Frage auf den ueppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwuerdigen
+Greis in weissem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und
+geistvoll geschnitten, als den beruehmten Professor der Ethik, Dr. James
+Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der beruehmte Gelehrte ist so steinalt,
+dass ich ihm aufs Wort geglaubt haette, wenn er mir versichert haette, dass
+bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch
+letzterer uebrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein
+1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehoert
+haetten. "Froh, Sie zu treffen, Baron", beginnt der grosse Gelehrte, mir
+kraeftig die Hand drueckend, und wissend, dass ihm nicht viel Zeit gegeben
+ist, knuepft er gleich eine Frage ueber den Stand der Ethik in Deutschland
+als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewusste Ausdrucksform der
+Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glueck, dass ich jahrelang eifriges
+Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbraeu-Ausschankes in der
+Franzoesischen Strasse in Berlin gewesen bin und erklaere ihm, dass wir in der
+Ethik durchaus obenauf, _up to date_ waeren und ueberhaupt...
+
+"_Move on, please!_" ruft der unerbittliche Usher, und der grosse Gelehrte
+bezaehmt laechelnd seinen Wissensdurst und laesst sich ohne Murren weiter
+schieben.
+
+Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultaet an die Reihe, mit denen ich im
+Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees,
+die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsaechlich
+den "Kraft-Mayr" gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer
+Maedchenschule, die just meine "Gloriahose" in ihrer Klasse uebersetzen laesst
+- lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen
+zurueckziehen moechte - es hilft nichts: "_Move on, please!_" kommandiert
+die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanstaendig schieben sich
+die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und
+feste Saeulen der Buergerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Maennlein
+und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit groesserer oder
+geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschuettelt und versichert hatten, dass
+sie _so_ gluecklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten spaeter an
+der naechsten Saeule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos
+so gluecklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe:
+lustige Studentinnen, die mit einem vergnuegten Knall in die Hand
+einschlagen und die Affaere mit dem stereotypen "_How d'ye do?_" moeglichst
+rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen
+versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr
+grossen roten und kalten Haenden, der mir sein deutsches
+Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte ueberreicht, ihm da etwas
+hineinzuschreiben.
+
+"Stehe ich drin in diesem Leitfaden?" frage ich den glatten Juengling.
+
+"Ich bin betruebt, nein zu sagen," laechelte er verlegen, und ich attestiere
+es ihm schriftlich in sein Buch hinein, dass das eine ganz miserable
+Literaturgeschichte sei.
+
+(M5)
+
+Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein.
+Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas
+aehnliches und selbstverstaendlich das entsetzliche Eiswasser oder den
+unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften
+beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese
+"reception" gluecklich geworden seien. Die sind mit uns voellig einig
+darueber, das solche Veranstaltungen der groesste Bloedsinn von der Welt
+seien, so ungeeignet wie moeglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen
+Kennenlernens zu erfuellen. Aber trotzdem: wenn das naechste Mal zur
+Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen
+Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis
+Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) mit ihren saemtlichen Brillanten
+und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps ueberstanden haben
+wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbaeh, der eigentliche Gruender des
+jetzt so bluehenden Gemeinwesens, und die saemtlichen anderen Prominenten
+der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjaehrige
+James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe
+stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht
+beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung fuer den richtigen
+Amerikaner, sagen zu duerfen: "Da und da traf ich den beruehmten X. und
+schuettelte Haende mit ihm." Der Praesident der Vereinigten Staaten hat das
+Vergnuegen, alljaehrlich bei der grossen Neujahrsreception Tausenden von
+Menschen die Haende zu schuetteln und jedem einzeln zu versichern, dass er
+_so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach
+Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48
+Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub's gerne, dass er das
+noetig hatte, denn der musste taeglich Bankette und Receptions mitmachen, bei
+denen noch x-mal so viel Haende zu schuetteln und Trinksprueche zu
+beantworten waren, abgesehen davon, dass er im Laufe des Tages auch noch
+saemtliche Kriegerdenkmaeler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe,
+Preisbullen und Deckhengste besichtigen musste. Auch mir, dem bescheidenen
+Dichter, wurde der beruehmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen
+hochmuetig starren Monokelaugen vorgefuehrt, auch vor mir taenzelte der
+kokette Racker, die x-fach preisgekroente Jerseykuh, auch mir zu Ehren
+wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber fuer
+mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten
+Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Fuer unseren
+ungluecklichen Repraesentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von
+frueh bis in die spaete Nacht tagtaeglich im Geschirr. Seine Nervenleistung
+war so enorm, dass sie schliesslich sogar den Amerikanern imponiert hat.
+
+Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den
+Fremdling, und waere er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: "Wie
+gefaellt Ihnen Amerika?" Sie sollten eigentlich fragen: "Wie halten Sie
+Amerika aus?" Denn das ist, wenigstens fuer den offiziell herumgezeigten
+Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drueben. Mein Gott, es ist eben
+ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen
+Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Groesse, Neuheit, Kuehnheit
+aller ihrer Unternehmungen, dass jeder Amerikaner den Kitzel in sich
+verspuert, jeden Fremden, der auf der Strasse irgend etwas anstaunt, zu
+fragen: "Na, was sagen Sie dazu, elender Europaeer, bartbewachsenes
+Blassgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drueben nicht!"
+
+(M6)
+
+In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin
+interviewt. Selbstverstaendlich: "_How do you like America_" usw., und dann
+kam die verfaengliche Frage: "Und was denken Sie von unserer Kultur?" Da
+kratzte ich mir den Kopf und sagte: "Mein liebes Fraeulein, in diese
+Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht." Und nun schlug das suesse Ding seine
+wunderschoenen Augen mit einem so traurig enttaeuschten, kindlich
+erschrockenen Blick zu mir empor - ich werde diesen ruehrenden Blick nie
+vergessen! Und um Ihrer schoenen traurigen Augen willen, reizendes Fraeulein
+von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindruecke von meiner
+Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, dass bei diesem grossen
+Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke,
+unanstaendig gesunde Jugend ist.
+
+
+
+
+
+ DIE YANKEERASSE.
+
+
+(M7)
+
+Es ist ein weitverbreiteter europaeischer Irrtum, dass sich in den
+Vereinigten Staaten Nordamerikas allmaehlich durch energisches Umruehren
+eines ueberaus buntscheckigen Voelkergemisches die Bildung einer neuen Rasse
+vollziehe. Ich gestehe, dass ich mich, bevor ich selber drueben war,
+gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukuenftigen
+form- und farblosen Voelkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit
+offenen Augen und ohne vorgefasste Meinung sich die Menschen in den
+Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts
+weis machen laesst, der muss zu der Erkenntnis kommen, dass es drueben (mit
+Ausnahme der suedlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvoelker gibt.
+_Der Yankee aber ist ein reiner Grossbritannier oder, wenn man will, eine
+Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut
+staerker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen
+Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den
+britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden - drei
+Jahrhunderte voll harter Kaempfe, wilder Arbeit und glaenzender Erfolge -
+haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsaechsischen
+und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der
+neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden
+Charakter aufzwingen muessen. Angelsaechsisch im Wesen des Yankees ist sein
+Kolonisationstalent, seine Zaehigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine
+nuechterne Beschraenkung auf das Naechstliegende, Nuetzliche,
+Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag
+zurueckzufuehren sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges
+Spielertemperament, seine Begeisterungsfaehigkeit und seine leichte
+Zugaenglichkeit fuer alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Saeufer und
+Raufbold einigermassen beruechtigte Irlaender spielt in der Weltgeschichte
+gewiss keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus
+Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit ueblerer Geselle. Mit den
+argen Schwaechen des Iren konnte seine katholisch gefaerbte Phantastik, sein
+kindlich liebenswuerdiger Frohsinn immerhin versoehnen, waehrend die
+sittenstrenge Lebensfuehrung und die ehrenhafte Geschaeftstuechtigkeit des
+Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen,
+boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schoene
+und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusoehnen. "Der Herr ist mit uns",
+war das Feldgeschrei der Pilgervaeter - aber dieser Herr war eben ein
+grimmiger Spezialgott fuer die Rechtglaeubigen, d. h. also fuer die blinden
+Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte
+sein auserwaehltes Volk dazu, die Rothaeute mit Feuerwasser und Feuerwaffen
+auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu zuechtigen. Wenn drueben nicht
+anfangs die Menschen so rar und die Haende so notwendig gewesen waeren,
+haetten diese europaeischen Berserker gerade so eifervoll wie die
+Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten
+und protestantische Sektierer gewuetet, so aber begnuegten sie sich damit,
+alle denkenden Koepfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen
+geschaeftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein
+amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, dass bei den Puritanern ausser
+Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer
+Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Buerger vorgeschrieben, wie er
+sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu
+denken und wie er zu fuehlen habe. Selbstverstaendlich waeren diese Menschen
+niemals die Begruender des groessten demokratischen Freistaates der Welt
+geworden, wenn nicht ihre geschaeftlichen Interessen sie gezwungen haetten,
+allmaehlich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsaetzen fallen zu
+lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtruennigen, grimmig
+verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegruendet, war die erste,
+welche religioese Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsaetze einfuehrte,
+und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien,
+dass die frommen Vaeter am geschaeftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln
+begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsaechsischen
+Rasse der praktische Nutzen ueber allen Idealen gestanden, und ihr klarer,
+nuechterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz
+ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Traeumereien und eigensinnige
+Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter
+of fact_, und diese Eigenschaft hat die Englaender befaehigt, die
+mustergueltigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren grossen Stiles
+und kaltbluetige Geschaefts-Politiker zu werden. Fuer das Klima des
+noerdlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die
+denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevoelkerung war trotz ihrer
+Kriegstuechtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenueber
+verloren, denn die Indianer waren fromm naturglaeubig und darum hilflos
+abhaengig von der Natur, die fuer die naturfeindlichen Puritaner nur ein
+Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung
+keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die
+unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsaechsischen Rasse zu
+verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische
+Steifheit und langweilige Ehrpusslichkeit und erzeugte in der Vereinigung
+jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgaengern, von willensstarken
+Optimisten, dem allein das grosse Werk gelingen konnte, durch die Steppe,
+durch die Wueste und ueber das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den ueppigen
+Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer
+Herrenrasse aufzuschwingen, der alle uebrigen von Europa nachdringenden
+Voelker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mussten, wie die ungluecklichen
+Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel
+in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit,
+dass er sich nicht einmal im Spass, d. h. im freien Verhaeltnis, viel weniger
+in der Ehe, mit den Angehoerigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen
+riesigen Kontinent bevoelkern, vermischt. Fuer die lateinischen Eroberer
+Suedamerikas und auch der suedlichen Laender des noerdlichen Kontinents hat es
+immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch
+mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen?
+Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das
+fuer jede hoehere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfaehig, in
+Leidenschaften verlottert oder in Traegheit versumpft. Solches
+Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch
+friedliche Mittel zu einer hoeheren Kultur emporzufuehren, denn
+_Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so
+mancher suedamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat
+sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der groesste Luxusartikel im Lande
+waren, niemals mit Indianermaedchen beholfen; seine Vernunft begeisterte
+ihn zu der Grosstat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in
+einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige
+Moeglichkeit gewaehrte, die Plantagenwirtschaft der ueppig fruchtbaren Laender
+des heissen Suedens durchzufuehren. Dennoch haelt er es bis auf den heutigen
+Tag fuer die groesste Schande, die ein Weisser auf sich laden kann, sich
+geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu
+vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa
+heruebergekommenen anderen weissen Rassen, die Romanen, die Slawen, die
+Juden, ja selbst die ihm naechst verwandten Deutschen und Franzosen als
+Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiss heisst er alle Voelker der Erde
+vorlaeufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in
+seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so
+lange sie sich bescheiden gebaerden und mit Eifer nuetzlich machen, gut
+gebrauchen kann. Er gewaehrt diesen Fremden das Buergerrecht, er laesst sie an
+allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts
+dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen,
+als ihnen irgend moeglich ist, aber er weiss sie ueberaus geschickt von den
+einflussreichen Staatsaemtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht
+uebermaessig beflissen, um ihre schoenen Toechter zu freien oder seine schoenen
+Toechter ihnen ins Haus zu fuehren. Als im Februar dieses Jahres die Tochter
+des Milliardaers Jay Gould - nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen
+oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen
+englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren
+Eltern aus allen Laendern der Union entruestete Protestkundgebungen, ja
+sogar offene Drohungen, dass das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern
+werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veroeffentlichten
+Drohbriefe hiess: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der
+freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sproesslinge
+entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus
+diesem Beispiel, dass der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das
+eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbaermlich leicht werden bei uns in
+Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine
+Gelegenheit findet, den verblassten Glanz eines alten Wappens durch die
+Mitgift einer juedischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Juedin
+heiratet - der Fall duerfte uebrigens selten genug vorkommen - so tut er es
+sicher aus Liebe, wie denn ueberhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne
+unter den Yankees aeusserst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist,
+den Toechtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermoegens in Gestalt
+einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das
+Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Faehigkeiten und zu seinem
+Glueck hat, macht tatsaechlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren,
+und damit ist auch schon eine starke Gewaehr fuer die Aufrechterhaltung
+einer kraeftigen Rasse durch natuerliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte
+Stellung der Frau spielt selbstverstaendlich unter den guenstigen
+Bedingungen fuer die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die
+Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen
+Pionieren wie eine Halbgoettin verehrt, wie ein Kaetzchen verhaetschelt
+worden. Niemals wurde ihr harte koerperliche Arbeit zugemutet, niemals
+wurde ihren Schwaechen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer
+sah es der Mann als eine gern geuebte Pflicht an, seine Kraefte bis aufs
+aeusserste anzustrengen, um es der Frau zu ermoeglichen, sich gut zu naehren,
+schoen zu kleiden und in Musse ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge
+dieser Behandlung war die, dass sich die Yankee-Frau, wenigstens
+koerperlich, zur schoensten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese
+Schoenheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten
+Europaeern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame
+Ueppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie
+den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fusses
+und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn fuer Eleganz, in ihrem
+aparten Geschmack fuer Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens
+sehr nahe. Da sich diese schoene und verwoehnte Frau nur aeusserst selten zu
+mehr als zwei Kindern bequemt, erhaelt sie sich lange jung und frisch, und
+man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche,
+muntere und huebsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt.
+Uebrigens hat die Rasse von England den Sinn fuer vernuenftige Koerperkultur,
+besonders fuer peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft
+ist auch den Maennern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten
+Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten
+muessen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze
+und Kaelte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den boesen Fiebern der
+Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wuesteneien raffte das
+widerstandsunfaehige Menschenmaterial hinweg und liess nur die Staerksten mit
+dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von
+Muskel- und Nervenkraft, wovon die Maennlichkeit der Nation noch auf eine
+gute Weile zu zehren haben wird. Ausserdem ist es durch Gesetz streng
+verboten, Kranke oder gar Krueppel aus der alten Welt an den Gestaden der
+neuen landen zu lassen.
+
+(M8)
+
+Unmittelbar nach meiner Rueckkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes
+Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste groessere Versammlung deutscher
+Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefaehr vier Monaten wieder
+vor Augen kam. Und ich muss gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu
+erschuettert ueber den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen,
+diese Bierbaeuche, Kahlkoepfe, X- und Saebelbeine, diese verpustelten und
+verpickelten, graemlich grauen, brutalen oder schwaechlichen, gierigen oder
+aergerlich verknitterten Gesichter gehoerten also meinen lieben Landsleuten!
+Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden,
+geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen kaesbleichen, blassaeugig
+bloeden, stumpfnasigen, schiefzaehnigen, feuchthaendigen und dickbeinigen
+Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fuerderhin ihren Nachwuchs
+zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiss war es ein tueckischer
+Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongress von
+Missgeburten stossen liess, aber dass unsere arg vermanschte Rasse immer noch
+von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer koerperlichen
+Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten
+Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach
+englischem Muster betaetigten Saeuglingspflege und einer vernunft- und
+naturgemaessen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschoenern
+beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drueben in den Vereinigten
+Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten
+Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem
+deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und
+angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht
+schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die
+guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche
+Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Faellen Toilette machen und scheint
+im hoeheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser
+Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, koerperlich
+glaenzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist,
+den Kindern die Ueberzeugung beizubringen, dass es ein unueberschaetzbarer
+Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, dass sich
+alle uebrigen Weltteile, alle uebrigen Voelker nicht im entferntesten mit der
+unerhoerten Vorzueglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen
+Yankeerasse messen koennten. Selbstverstaendlich lernt das Kind die
+englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern
+jemals moeglich wird. Es kommt dazu, dass das amerikanische Leben, die ganze
+Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder ausserordentlich schaerft.
+Da koennen nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und
+sich darueber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an
+boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehoert, wie ein
+Yankeebuebchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen
+mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten haette, veraechtlich die
+Achsel zuckend entgegnete: "Ich wuerde mich doch nicht darum kuemmern, was
+der olle Dutchman sagt." ("_I would'nt care, what that old Dutchman
+says._") So wird es selbstverstaendlich der Kinder groesster Ehrgeiz, in
+ihrem Aeusseren zunaechst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem
+Wirtsvolk anzuaehneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemaess bei
+den geistig beweglichsten Kindern am staerksten. Es ist erstaunlich, wie
+rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern
+unaehnlich werden. Die Soehne schiessen um Kopfeslaenge ueber ihren Vater
+hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die
+Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejuengling mit der
+aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald
+fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Moebeln herum, und er
+trifft mit toedlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der
+entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjaehrige Toechterchen aber kann
+seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so
+unaehnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter.
+Die Yankee-Miss fuehrt in ihrer kecken Selbstaendigkeit ein so
+beneidenswertes Dasein, dass jedes deutsche Maedchen, wenn anders es nicht
+voellig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Haenden und Fuessen dagegen
+straeuben muesste, sich von einer toerichten Mutter gewaltsam zu einem
+aengstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und erroetenden,
+Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.
+
+(M9)
+
+So spornt das Beispiel der staerkeren und gesunderen Rasse die koerperlich
+und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer
+maechtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen
+Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten
+Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind - und dennoch verhaelt
+sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenueber
+in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich sproede. Er sieht die Deutschen
+sehr gern in seinem Lande, er schaetzt sie hoch als ehrliche, anstaendige
+Menschen, die der politischen Korruption einen zaehen Widerstand
+entgegensetzen, die mit ihren geschickten Haenden, ihrem Fleiss, ihrer
+Geduld zu allen feineren Handwerken vorzueglich geeignet und mit ihrer
+Klugheit und Gewissenhaftigkeit fuer allerlei ruhige Aemter, die dem Yankee
+zu langweilig sind, und schliesslich auch in der Kunst und Wissenschaft
+ganz hervorragend brauchbar sind - und dennoch gibt er ihnen seine Toechter
+nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehoerigen der
+romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Voelker. Sie hocken
+alle in gewissen Stadtvierteln oder Strassenzuegen der Grossstaedte, oder in
+kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl
+mit allen Rechten des freien Buergers der Vereinigten Staaten ausgestattet,
+fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es
+ebenso wie in Europa zum grossen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht.
+Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsaetzen der Gesetze und
+Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der
+Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im aerztlichen Beruf
+haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne
+ihrer Mitglieder sind als Inhaber grosser Bankhaeuser zu einem
+weltumspannenden Einfluss gelangt, und dennoch haust die grosse Masse
+derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees wuerden, wenn
+man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die
+Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger
+findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher
+Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten
+Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden ueberhaupt nicht
+zugelassen!
+
+Wenn die Deutschen in der Zeit der grossen Massenauswanderung, als auf dem
+nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert
+waren, fuer sich ein solches Neuland erobert, zaeh festgehalten, und alle
+neu zustroemenden Landsleute haetten zwingen koennen, sich dort gleichfalls
+anzusiedeln, dann haetten die Deutschen einen starken Staat im Staate
+bilden koennen und ihre Selbstaendigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie
+sich dem Staatenbund angeschlossen haetten. Diese Gelegenheit ist endgueltig
+verpasst. Aber damit sie in den anderen jungfraeulichen Weltgegenden nicht
+abermals verpasst werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von
+den Yankees, was das unerschuetterliche Kraftbewusstsein einer starken,
+gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhaelt!
+
+
+
+
+
+ DER YANKEE ALS ERZIEHER.
+
+
+(M10)
+
+Die alte Erfahrung, dass junge Eltern sehr haeufig bessere Erzieher ihrer
+Kinder sind als aeltere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende
+Bestaetigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die uebrigen Buerger der
+Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief
+befangen in dem glueckseligen Taumel des Kraftueberschusses, dass sie ihre
+kluegsten wie ihre duemmsten Streiche mit der gleichen schoenen Begeisterung
+verueben und mit reizender Naivitaet dem eigenen Verdienst gutschreiben, was
+sie oft doch nur gluecklichen Umstaenden zu verdanken haben. Der leichte
+Erfolg, der den kraftvollen und ruecksichtslosen Ausbeutern jenes
+jungfraeulichen Kontinents voll ungehobener Naturschaetze zu teil wurde, hat
+die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und
+diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswuerdigste
+Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an
+morgen, grundsaetzlich nicht an uebermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt
+vor keinem Hindernis und troestet sich ueber alle Schwierigkeiten hinweg mit
+dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen!
+Weist ein Aussenstehender auf offenbare Schwaechen hin, so erwidert der
+Yankee gut gelaunt: "Nun ja, Sie moegen recht haben; aber Sie sehen ja, wir
+leben auch so, und wir leben recht gut!" Man laesst sich alle
+Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an
+ein jaehes Auf und Nieder von Ueberfluss und Mangel, von absoluter geistiger
+Oede und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen Uebergaenge von
+eisiger Kaelte zu gluehender Hitze gewoehnt ist. Aus dieser Quelle entspringt
+der siegessichere Optimismus und die heisse Vaterlandsliebe des
+amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverstaendlich alles
+Amerikanische als das Beste, das Groesste, das Schoenste in der Welt, und das
+juenglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso
+charakteristisch fuer die Nation, wie ihre Vorliebe fuer unsinnige
+Kraftproben, naerrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und laermende
+Vergnuegungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis
+in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben,
+alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltaegliche
+Erscheinungen.
+
+(M11)
+
+Es versteht sich von selbst, dass so geartete erwachsene Menschen fuer das
+Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verstaendnis haben muessen,
+als das gesetzte, bequemlich wuerdevolle Alter der Kulturvoelker unserer
+alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige
+Kritik und damit sehr haeufig auch den steten missmutigen Zweifel gelernt
+hat. Die geistige Ueberlegenheit hoert auf, ein gluecklicher Erziehungsfaktor
+zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr
+geraet sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es
+andererseits richtig ist, dass der Einfluss der Kameradschaft die Jugend
+besser zu erziehen vermoege, als das Beispiel des Alters, so sind
+zweifellos junge Voelker uns als Erzieher ueberlegen. Der Yankee vergoettert
+sein Kind. Erstens einmal, weil es ueberhaupt ein rarer Artikel ist, und
+zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt
+gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, dass eine so stolze,
+exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein muesste, die Reichtuemer
+ihres Landes und die vielen glaenzenden Lebensaussichten lieber ihrer
+eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzufuehren, als sie den
+einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen
+Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser
+nahe liegenden Erwaegung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten
+mehr als zwei Kinder hat, so erklaert sich das aus der eigenartigen
+Stellung, die die Frau im noerdlichen Amerika einnimmt. Sie war in den
+ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer
+Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwuerfigen
+Verehrung. Der glueckliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle
+Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefaehrtin die Moeglichkeit zu gewaehren,
+ihre Schoenheit, ihre geistige und koerperliche Beweglichkeit bis ins Alter
+zu pflegen. Die Ansicht, dass es fuer den Mann die denkbar groesste Schande
+sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja
+schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, dass sie unter
+den besonderen Verhaeltnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande
+noch verstaerkt und sogar unvernuenftig uebertrieben werden musste. So wurde
+also auch das Wochenbett unter die schweren koerperlichen Leistungen
+gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht oefters zumuten duerfe, als der
+Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So
+ist es erklaerlich, dass bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die
+ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, aeusserst selten sind. Die
+wenigen vorhandenen Kinder profitieren natuerlich am meisten bei diesem
+Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den
+guenstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begueterte, sondern auch
+das auf seine Arbeit angewiesene Maedchen in den Vereinigten Staaten hat,
+erklaert es sich, dass die Geburt eines Knaben durchaus nicht hoeher
+eingeschaetzt wird, als die eines Maedchens. Eine vernuenftige
+Saeuglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft ueber den ganzen
+Kontinent. Die Eltern sind von einer ruehrenden Geduld und Nachsicht den
+Kleinen gegenueber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhoerte Roheit.
+Kinderzucht in unserem Sinne wird drueben wohl nur noch von manchen der
+eingewanderten Fremdvoelker, vornehmlich in deutschen Familien versucht,
+aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den
+Vergleich belehrt, dass sie es nicht noetig haben, sich in dem freien Lande
+eine unwuerdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern
+erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und
+unertraeglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren
+des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hueten,
+deren Selbstaendigkeit zu unterdruecken. Sie geben sich die erdenklichste
+Muehe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu
+stimmen und behandeln die unverschaemten Gernegrosse, sobald sie aus dem
+Alter der suessen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit
+Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die
+Kinder auch sehr fruehe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den
+untersten Staenden, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die
+laecherlichsten Knirpse oft schon zu selbstaendigen Unternehmern, zu fixen
+kleinen Handelsleuten macht.
+
+(M12)
+
+Die oeffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche
+Bezeichnung hat man allgemein uebernommen), sowie Volksschule
+(Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder
+Universitaeten. Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist
+Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder saemtlicher eingewanderter
+Fremdvoelker sofort fuer die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die
+jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen
+Juden, Syrer und Chinesen zunaechst einmal den Grundsatz eingetrichtert,
+dass alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die
+Verfassung der Vereinigten Staaten wird als hoechste Leistung idealen
+demokratischen Buergersinnes auswendig gelernt. (Sie ist uebrigens
+tatsaechlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und
+edler, vernuenftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen
+Heldenbeispielen nicht eben ueberreiche Geschichte des Staatenbundes gilt
+als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der uebrigen Welt
+dagegen als unbetraechtlich. So vernuenftig und so schoen nun auch dieser
+heisse Eifer in der Foerderung der Vaterlandsliebe ist, so verfuehrt er doch
+naturgemaess leicht zu ebenso groeblichen Faelschungen und Unterschlagungen
+von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefaerbten Darstellungen
+der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschaetzten
+Schulbuch, "_History of the American Nation_" von Andrew C. Mc Laughlin,
+Geschichtsprofessor an der Universitaet von Michigan, das ich mir zu meiner
+eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte
+Spalten umfassenden Index das Stichwort "_German_" gar nicht vor! Der
+grosse und ruehmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als
+Kaempfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den
+verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird voellig mit Stillschweigen
+uebergangen und nur der Baron Steuben fluechtig als nuetzlicher militaerischer
+Drillmeister erwaehnt! Das ist ein etwas starkes Stueck und will gar nicht
+dazu stimmen, dass die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem
+Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der haeuslichen wie der oeffentlichen
+Erziehungskunst laut verkuendet wird. Man darf es wohl den Amerikanern
+glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch
+die eigene Beobachtung genuegend bestaetigt gefunden zu haben, dass es ihrer
+Erziehung gelinge, feige Luege und Heuchelei den Kindern schimpflicher
+erscheinen zu lassen, als selbst gefaehrliche Streiche des Uebermuts und
+sogar Ausbrueche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner luegt zwar, wenn es
+sein Vorteil erheischt, aerger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich
+dem Staate gegenueber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau - seine
+Luegenkuenste werden sogar, wenn er Geschaeftsmann und Politiker ist, als
+_smartness_ bewundert - aber das amerikanische Kind fuehlt sich nicht so
+leicht zur Luege veranlasst, weil es nicht in steter Furcht vor Pruegeln und
+sauertoepfischen Mienen aufwaechst. Auch die Schule laesst keinerlei
+Duckmaeuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung,
+anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Paedagogik geht darauf aus, das
+Ehrgefuehl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist
+ausserordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften
+Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschaemung. Dadurch, dass sie
+die Leistungen koerperlicher Tuechtigkeit kaum minder hoch einschaetzt als
+die geistige Befaehigung, schafft sie auch fuer die minder Begabten, aber
+wenigstens koerperlich gewandten und mutigen Schueler eine Moeglichkeit,
+ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schueler, die sowohl in den
+_Athletiks_ wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im
+Laufe der Schuljahre in den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen
+und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Buecherpreisen und
+dergl., und diese Trophaeen aus der Schulzeit machen noch in hoeherem Alter
+den groessten Stolz der Inhaber aus.
+
+(M13)
+
+Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin
+beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute.
+Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und
+lebhafter, ungebaerdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der
+meisten anderen Voelker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die
+Lehrkraefte sind zum ueberwiegenden Teil weibliche) einer grossen Klasse von
+tobsuechtigen Buben und ausgelassenen Maedels gegenueber vor. Schlagen darf
+sie nicht, auch wenn sie koerperlich imstande waere, diese wilden Rangen zu
+bewaeltigen. Wuestes Anschreien ist auch verpoent; wie soll sie also mit
+einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzaehlt in seinem
+Buche "Das amerikanische Volk" ein huebsches Beispiel, wie solch eine schon
+fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde.
+Sie erklaerte naemlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt,
+sich die Schwindsucht an den Hals zu aergern, sie moechten sich gefaelligst
+allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Praesidenten, einen
+Vizepraesidenten und was sonst fuer Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte
+zu waehlen und mache dann diese selbstgewaehlte Regierung fuer
+Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene
+_common sense_, d. h. der Instinkt fuer das Vernuenftige, brachte diese
+schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu,
+den besten und gesittetsten Schueler der Klasse zum Praesidenten und den
+staerksten und gewalttaetigsten zum Vizepraesidenten zu erwaehlen. Der erstere
+suchte durch vernuenftige Ueberredung einzuwirken, und der Vizepraesident,
+als Haupt der Exekutive, verpruegelte eigenhaendig die unbotmaessigen Elemente
+dergestalt, dass sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fuegen. Die
+junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse ruehmen. Die
+Selbstverwaltung spielt ueberhaupt eine grosse Rolle im amerikanischen
+Schulwesen. Schuelerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns
+unterdrueckt, sondern im Gegenteil beguenstigt. Die Lehrer unterweisen diese
+Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur
+darueber, dass keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen
+stattfinden. Der schlimme Anreiz zur fruehzeitigen Nachahmung eines
+studentischen Saufkomments fehlt den Schuelern der amerikanischen
+Mittelschulen vollstaendig, da ein solcher auf den Universitaeten nicht
+existiert. Und so laeuft die Haupttaetigkeit aller Schuelerverbindungen auf
+Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachaeffung des politischen Lebens im
+kleinen, auf Uebung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist
+denn auch der, dass der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten
+die rhetorische Phrase ausserordentlich gelaeufig beherrschen lernt und dass
+die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzueglichen
+Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den
+Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf
+gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an
+Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlaessig
+den im allgemeinen aeusserst hellen und lernbegierigen Koepfen
+eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine hoechst
+wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen Einwanderer durch
+deren Kinder erziehen laesst. Selbstverstaendlich erlernen diese die
+englische Sprache sehr viel rascher und gruendlicher als die Eltern und
+werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern
+ihrer Eltern in bezug auf Koerperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind,
+das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird
+seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Noetige zur Behebung
+solcher Maengel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fuehlen sich
+so beschaemt durch diese Massnahme, dass sie es in den meisten Faellen auch
+bei Eltern, die einem Volke angehoeren, dem die Pflege des Drecks ein
+Gegenstand religioeser Ueberzeugung ist, durchsetzen werden, dass um der
+Schule willen Seife, Zahnbuerste, Kamm usw. mit der der angelsaechsischen
+Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen
+Faellen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher
+Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen
+der Eltern; oder die Angehoerigen besonderer sozialer Hilfsvereine
+unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich
+unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schaemen und bringen es noch auf
+ihre alten Tage ueber sich, dem Weidwerk auf den eigenen Koepfen nachzugehen
+und die ehrwuerdige Patina des waermenden Drecks, den sie aus Europa oder
+Asien ueber das Weltmeer mit hinueber gebracht haben, den ungemuetlichen
+Idealen moderner Hygiene zu opfern.
+
+
+
+
+
+ DAS UNIVERSITAeTSLEBEN IN DER UNION.
+
+
+(M14)
+
+Wer sich ueber die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der
+europaeischen Kultur klar werden will, der moege sich nur ordentlich umsehen
+auf den Staetten, wo die geistigen Werte in gangbare Muenze umgesetzt und
+die grossen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, naemlich
+- auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Buerger gewesen ist,
+dem muss zunaechst unfehlbar der grosse Unterschied zwischen hueben und drueben
+in der aeusseren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen.
+Abgesehen davon, dass selbstverstaendlich der groteske Typus des Studiosus
+Sueffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten,
+kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmuetig blasierten
+ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach
+dem Typus unseres heissbeflissenen Juengers der Wissenschaft um, nach den
+stubenbleichen Brillentraegern, den vertraeumten oder fruehzeitig
+zergruebelten Denkerkoepfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren
+ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres
+Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drueben sieht man
+nur frische, derbe Jungens und Maedels; die ersteren haeufig noch baerenhaft
+tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der frueheren Reife
+ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft
+machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der groesseren oder
+geringeren Zierlichkeit der Gliedmassen und Verfeinerung der Manieren. Im
+Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleichartigkeit.
+Die Studierenden der beiden ersten Semester werden _Freshmen_ genannt, der
+zweite Jahrgang _Sophomors_, der dritte Jahrgang _Juniors_, der vierte
+Jahrgang _Seniors_. Alle zusammen sind die _Undergraduates_, und was nach
+dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem
+Staatsexamen, noch weiter studiert, _Postgraduates_; als aeusserliches
+Kennzeichen fuehren sie verschieden gefaerbte Knoepfe auf ihren Oxfordbaretts
+oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17
+und 19 Jahren zur Universitaet oder in die Colleges; aber nicht, wie bei
+uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen
+Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedaechtigen
+Schritt vorwaerts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn
+auch auf der Universitaet und im College sind die jungen Leute einer
+Disziplin unterworfen, die ihre persoenliche Freiheit immerhin beschraenkt.
+Sie wohnen in sogenannten _Dormitories_ (Schlafhaeusern), wo sie, je nach
+ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten
+nehmen sie gemeinsam in einer grossen Halle ein, wo sie fuer billiges Geld
+eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An
+denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind
+fuer die Maedchen besondere Schlafhaeuser und meist auch Speisesaele
+vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und
+besondere Spielplaetze; dagegen haeufig gemeinsame Klublokale, wo sie
+Tanzvergnuegungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder
+Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren
+Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (_Fraternities_ und
+_Sororities_). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein.
+Sie bezeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit
+Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines
+Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein grosses
+Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen koennen
+sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft
+leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Haeuser, in denen sie, zum
+Teil sogar recht luxurioes, wie Gentlemen und Ladies der besten
+Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten
+dieser Verbindungshaeuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten
+behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser
+Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer
+wieder von dem natuerlichen Drange des Menschen nach aristokratischer
+Absonderung durchbrochen wird; nur, dass es in der grossen Republik ein
+selbstverstaendliches Gebot anstaendiger Gesinnung ist, Vorzuege der Geburt
+und des Besitzes nicht durch anmassendes Wesen gegenueber den vom Glueck
+weniger Beguenstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich
+jemals beobachten koennen, dass arme Studenten und Studentinnen, die sich
+durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste muehsam
+durchschlagen muessen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen
+unterwuerfig kriechen, oder dass jene sich diesen gegenueber einen
+ueberheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnaehmen. In allen
+gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der
+Stolz auf ihre Alma mater aeussert sich bei allen festlichen Gelegenheiten,
+namentlich bei den sportlichen Wettkaempfen mit anderen Hochschulen, in
+einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen
+besonderen _Cheer_, d. h. _Hochruf_, nach Rhythmus und Melodie
+verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die
+sportlichen Siege gefeiert, bei den grossen Wettkaempfen muss er gleich dem
+Kriegsruf wilder Voelkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer
+einmal - etwa gar in dem beruehmten _Stadion_ der zwanzigtausend Menschen
+fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fussballmatch zwischen
+Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht
+vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in
+den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Maersche zum besten gibt
+und waehrend des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute
+Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der
+beiden Musikkorps sind Angehoerige der betreffenden Parteien aufgestellt,
+welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den _College-Cheer_
+intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gaenzlich
+unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Blaeser dirigieren. Und dann
+fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die
+anwesenden frueheren Studierenden der betreffenden Universitaet und deren
+ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit
+einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, dass dem unbeteiligten Fremdling
+darueber Hoeren und Sehen vergeht. Man springt auf die Baenke, man schwenkt
+Taschentuecher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den
+Schultern und schuetteln und stossen sich, um einander aufmerksam zu machen
+auf spannende Momente oder sich zu groesserer Begeisterung fuer die Sieger
+aufzuruetteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts
+versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehuellten Knaeuel
+grotesk bekleideter Juenglinge, der sich balgend auf dem Boden waelzt, wobei
+ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Faeusten den Wind
+ausblaest (_to blow the wind out_) oder die schweren Sportstiefel unter die
+Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem
+wuesten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Spruengen, wie ein junger
+Hirsch, unter dem betaeubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit
+begeisterten Landsleuten ueber den Kampfplatz stuermt.
+
+(M15)
+
+In diesen Wettspielen der hoechst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man
+staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvoelker eine hoechst
+eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schoenheit und Anmut der
+nackten Griechen fehlt freilich voellig bei dieser unfoermlich wattierten,
+mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgeruesteten Yankeemannschaft, aber
+die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und
+Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht,
+kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreissender gewesen
+sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das
+Nasenbein oder sonstige Extremitaeten geknickt wurden, so stolz wie die
+Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten
+bis aufs Blut peitschen liess.
+
+(M16)
+
+Diese hohe Wertschaetzung der koerperlichen Tuechtigkeit, die uebrigens
+keineswegs nur auf das maennliche Geschlecht beschraenkt ist, traegt sehr
+viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus
+eigenartiges Gepraege zu verleihen. Ich habe mir des oefteren erlaubt,
+amerikanischen Studenten gegenueber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, dass
+diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschlaeger, Ruderer,
+Wettlaeufer und Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer
+wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmaessig die Antwort
+bekommen, dass meine Zweifel durchaus unbegruendet, vielmehr unter den
+hervorragenden Athleten haeufig auch die tuechtigsten wissenschaftlichen
+Begabungen, zum mindesten aber die fleissigsten Bueffler zu finden seien.
+Weit weniger sichere und selbstbewusste Antworten dagegen erhielt ich, wenn
+ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar
+nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hiess es meist: "Ach,
+darueber zerbrechen wir uns vorlaeufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen
+gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti
+oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht." Ein
+anderer sagt: "O, ich trete einfach in das Geschaeft meines Vaters ein, da
+brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans." Da die
+englische Sprache keinen praezisen Ausdruck fuer Weltanschauung kennt, so
+ist es ueberhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu
+machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen
+Volkes sitzt ihm so tief im Gebluet, dass er kaum begreift, wie man sich von
+Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden
+Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen koenne. Er fuehlt nicht
+den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu ueben,
+weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen
+Erfahrung ueberall bestaetigt findet, dass fuer einen Buerger der Vereinigten
+Staaten ueberall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Betaetigung seiner
+Kraefte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft
+gesund fuer Leib und Seele - aber fuer die wissenschaftliche Erkenntnis ist
+sie nichts weniger als foerderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem
+Gegebenen bleibt eben kein Platz fuer den fruchtbaren Zweifel und fuer die
+Unersaettlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im
+allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare
+praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller
+amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf
+eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach
+seine natuerlichen Instinkte sich freudig draengen, so sind auch die
+Universitaeten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu zuechten, sondern ihre
+Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das
+_refinement_ der hoeheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu
+geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische
+Student glaubt an sein Lehrbuch und schwoert auf die Worte seines Lehrers.
+Er lernt fleissig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschraenkt
+sich auf die Faecher, die ihm fuer seinen kuenftigen Beruf als notwendig
+vorgeschrieben sind. Ueberfluessige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit,
+sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schoengeist zu glaenzen, und um sich
+von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den
+Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der
+Ehrgeiz, den Prometheusfunken schoepferischen Instinktes, der etwa in den
+jungen Koepfen seiner Hoerer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen
+und die Methoden selbstaendiger wissenschaftlicher Forschung diesen
+zukuenftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begnuegt sich meistens damit,
+sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und
+Aufgabenstellen dafuer, dass sie sich dies Fachwissen gruendlich einpraegen.
+Er ist daher in weitaus den meisten Faellen nach unseren Begriffen selber
+gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein
+Experte, ein Korrepetitor. Unter den ueberaus zahlreichen Professoren
+deutscher Abstammung, die es drueben als Universitaetslehrer zu grossem
+Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals
+wissenschaftlich betaetigt hat und als einfacher Toechterschul-, Real- oder
+Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene
+Handlanger der Wissenschaft drueben als gute Paedagogen, bei denen die
+Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu
+Hochschullehrern aufzuruecken. Anstandshalber pflegen sie dann einen
+Leitfaden, ein Kompendium oder eine populaere Darstellung ihres speziellen
+Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten
+der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die
+meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und
+pauken dies gewissenhaft den Schuelern ein. Schueler bleiben die Studenten
+ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der
+_Freshman_ birgt in seinem Schaedel keineswegs jene beaengstigende Masse
+verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schueler
+im Abiturientenexamen nachweisen muss. In den philologischen Faechern,
+namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines
+deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und
+Geographie weiss er vielleicht so viel, dass er bei uns das
+Einjaehrigenexamen bestehen koennte, und in den Realien etwas mehr. Wer also
+eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer
+Obersekunda und Prima erst auf der Universitaet durch; die uebrigen werfen
+sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie spaeter ihren Beruf zu machen
+gedenken. Es gibt besondere Drillanstalten fuer Juristen, fuer Mediziner,
+fuer Theologen - die letzteren werden von den einzelnen Denominationen
+(Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am staerksten besucht und am
+glaenzendsten ausgestattet sind die Institute fuer die technischen Berufe,
+die chemischen und physikalischen Laboratorien, die
+Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen fuer den
+Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw.
+usw. Weitaus die meisten Universitaeten sind im Grunde nichts anderes als
+technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultaet, eine
+juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind,
+ganz aehnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen
+ueber Nationaloekonomie, Literatur und Kunstgeschichte, ueber Philosophie und
+dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstaende gehalten
+werden. Es ist ja sehr begreiflich, dass vorlaeufig noch die weitaus
+ueberwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich
+nach den Berufen draengt, welche noch auf lange Zeit hinaus die groesste
+praktische Bedeutung haben werden. Fuer Hoch- und Tiefbauingenieure,
+Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker
+gibt es selbstverstaendlich in dem Riesenkontinent mit den grossen, noch
+unerschoepften Moeglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als fuer die
+Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an
+Ehrfurcht grenzende Hochachtung fuer die seltsamen Idealisten, welche,
+anstatt ihre Schoepfkellen unter die zurzeit noch ueppig sprudelnden
+Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten
+Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach
+Regenwuermern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Kaeuze, die
+imstande sind, sagen wir ueber das Alpha privativum im Griechischen dicke
+Waelzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung
+irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung
+keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar
+solche Kaeuze - sie sind uebrigens fast alle Deutsche - sehr gut und ist
+besonders stolz auf ihren Besitz - aus demselben Grunde, aus welchem man
+unerhoerte Summen aufwendet, um allen moeglichen alten Troedel aus Europa
+neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und oeffentlichen
+Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen,
+dass man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten
+koenne und dass man keineswegs den uebeln Ruf verdiene, ein Volk von
+Emporkoemmlingen zu sein, das nur fuer materielle Dinge Achtung und
+Verstaendnis besitze.
+
+(M17)
+
+Es ist charakteristisch, dass es drueben Privatgelehrte wohl ueberhaupt nicht
+gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren
+praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer
+Universitaetsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als
+sorgfaeltig unter Glas verwahrte Raritaet. Es gibt also auch kein gelehrtes
+Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen
+wir das junge Land nur beneiden koennen. Jeder akademische Buerger ist
+imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat,
+spaeter praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen
+Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt,
+der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde
+findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur
+einen Stoss zu geben und die Annehmlichkeiten einer oestlichen Grossstadt mit
+der Langenweile eines wildwestlichen Standquartiers zu vertauschen, so
+wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben
+Geschaeftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernuenftiges. Seine Bildung braucht
+ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft
+schicken ihre Soehne scharenweise auf die Universitaeten, um sich dort
+allgemeine Bildung und nuetzliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das fuer
+die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende
+Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Uebrigens
+finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen
+Lehrtaetigkeit widmen wollen, als _Postgraduates_ auch in Amerika reichlich
+Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt
+weder an hervorragenden Kapazitaeten in fast allen wissenschaftlichen
+Faechern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind ueberaus reich
+ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete
+werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie
+sicher Maezene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermoeglichen,
+wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten.
+
+(M18)
+
+Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass die Frische und Freudigkeit,
+die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft
+auffaellt, die glueckliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller
+Verhaeltnisse drueben ist. Der junge Mensch kommt nicht als ueberfuettertes
+Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schoensten
+Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht
+einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch
+ohnmaechtiges Zaehneknirschen wider ein verhasstes System und deren lebendige
+Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern
+entgegen und braucht sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu
+quaelen: wozu bueffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein
+Wissen auch ein sicheres Auskommen gewaehren, oder wird die einzige
+Vergeltung fuer dein hoeheres Streben darin bestehen, dass du einst als
+abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein duerftiges
+Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewoehnliche Amerikaner durch das
+Bewusstsein, dass ihm alle Wege offen stehen, zur hoechsten Anspannung seiner
+Kraefte angefeuert wird, so muss dieser Auftrieb natuerlich noch viel staerker
+sein bei den jungen Auserwaehlten der Nation, die ja den Wettlauf um die
+hoechst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen naeher an diesem Ziele
+beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer
+Verehrung zu jedem jungen _Harvard-Yale-Columbia-Cornellman_ wie zu einem
+hoeheren Wesen auf, denn er weiss, dass diese strammen Burschen einst die
+Richter, die Aerzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und dass ohne
+Zweifel geniale Erfinder, Kulturfoerderer grossen Stils, auch wohl
+Praesidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe
+Wertschaetzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schoensten
+Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute
+aus einfachsten Verhaeltnissen fuerstliche Stiftungen fuer wissenschaftliche
+Zwecke machen. Sobald eine Universitaet in Verlegenheit ist, woher sie das
+Geld beschaffen soll fuer notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer
+Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort
+Praesident genannt, nur ein paar notorische Millionaere der Stadt oder des
+Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die noetige
+Summe zusammenzubringen. Unsere Grossindustriellen spenden ihre
+Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schoene Orden zu bekommen;
+drueben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebaeude, ein Laboratorium, eine
+Klinik ihren Namen traegt. Der Holzhaendler Cornell hat die nach ihm
+genannte, jetzt hoch beruehmte Universitaet von Ithaka ganz und gar aus
+eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so
+eifrige Nachahmung gefunden, dass heute schon die wissensdurstigen jungen
+Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere
+Heimat zu verlassen brauchen, um hoeheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt
+schon eher zu viel als zu wenig Universitaeten und Colleges(2). Die grosse
+Wertschaetzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes aeussert sich
+manchmal auch in einer Weise, die uns einigermassen naiv erscheint. Die
+Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der
+ganzen Welt fertig herueber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast
+ausschliesslich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint
+dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen
+Zauberkuensten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische
+Lehrer in der Oeffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa.
+Waehrend z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem
+Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird
+er in den Vereinigten Staaten als sachverstaendiger Berater und taetiger
+Mitarbeiter zu allen oeffentlichen Angelegenheiten herangezogen. Er
+schreibt fleissig fuer die Tageszeitungen, er haelt populaere Vortraege, er
+beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen
+diplomatischen Betaetigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D.
+White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen
+Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten
+einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der
+Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben
+muss.
+
+(M19)
+
+Eine schoene Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beitraegt, die
+geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu foerdern, ist
+die, dass man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstaedte mit
+landschaftlich schoener Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberuehmten
+Universitaeten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington
+und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der _Campus_, d. h. das
+Gelaende der Universitaet, befindet sich ausserhalb der Ortschaften, mit
+Vorliebe auf Anhoehen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch
+ein ueppiger alter Baumwuchs der schaendlichen Waldvernichtung der ersten
+Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander
+gedraengt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so dass
+die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich
+Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist
+selbstverstaendlich ueberall reichlich gegeben, wie man sich denn ueberhaupt
+einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettlaeuft usw. gar nicht
+vorstellen kann. Die kleinen Staedte bieten so gut wie keine Ablenkung oder
+gar gefaehrliche Versuchung fuer die jungen Leute. Was sie brauchen an edler
+geistiger Zerstreuung, an kuenstlerischer Anregung, das schaffen sie sich
+selbst in ihren Vereinen fuer Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und
+festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und
+Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universitaet
+herum und verdienen sich ein huebsches Geld mit Konzerten, das sie nicht
+selten dazu verwenden, hervorragende Saenger und Virtuosen kommen zu lassen
+und ihren Kommilitonen vorzufuehren, ja wohl gar hauptstaedtische
+Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer
+und bevorzugten Schueler der Berkley-University von Kalifornien alljaehrlich
+in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und
+Blockhuetten, die zum Teil im Geaest der riesigen Mammutbaeume (Sequoia
+gigantea) errichtet werden und betreiben waehrend dieser Zeit die
+Einstudierung und Auffuehrung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel.
+_Bohemian Jinks_ nennen sie diese Freilichtspiele (etwa "zigeunerische
+Luftspruenge" zu uebersetzen), fuer die sie aus eignen Kraeften Dichtung,
+Musik, Kostueme und Darsteller liefern. Waehrend dieser heiligen
+Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es
+werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von
+jungen Maennern dargestellt. Im uebrigen sorgt die an den meisten
+Hochschulen bestehende _Coeducation_ (kurz _Coed_ genannt) dafuer, dass die
+jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren
+im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes
+Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom
+zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die
+jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast
+jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein _best girl_, mit dem
+er "geht", wie man bei uns sagen wuerde. Diese Kameradschaften sind aber
+durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit der
+_collage_ des franzoesischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu
+standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von
+sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen
+schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau
+wissenschaftlichen Geistes der Ruecksichtnahme auf die weiblichen Studenten
+zu.
+
+Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den
+gemischten Universitaeten. Ich wuesste nicht, wo ein junges Maedchen mit
+starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben waere, als z. B. in
+Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser
+Frauenakademie durchblaettert, erstaunt man ueber die schier fabelhaften
+Bildungsmoeglichkeiten, die hier den Toechtern der Neuen Welt geboten
+werden. 17 maennliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und
+Assistenten lehren an dieser ueberaus reich dotierten Hochschule. Um
+aufgenommen zu werden, muss die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte
+1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten
+Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die
+Anzahl der Punkte bedeutet naemlich die Anzahl der Jahre, die der Schueler,
+bei durchschnittlich 5 woechentlichen Stunden, auf den betreffenden
+Gegenstand verwendet haben muss, und durch ein Abgangszeugnis oder ein
+Examen muss er beweisen, dass er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um
+einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte
+zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung
+angekuendigten Vorlesungen aufzaehlen:
+
+(M20)
+ 1. Elementarkursus, Grammatik, Uebungen im Sprechen, Lektuere,
+ Auswendiglernen von Gedichten.
+ 2-4. Vorbereitungskurse fuer deutsche Literaturgeschichte.
+ 5. Repetitions- und Erweiterungskurs fuer Grammatik und Stil.
+ 6. Freie Reproduktion. Buehnendeutsch. Uebungen im muendlichen und
+ schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in
+ Amerika erschienener Texte.
+ 7. Uebungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluss an die
+ Literaturgeschichte.
+ 8. Geschichte der deutschen Sprache.
+ 9. Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Goetter- und
+ Heldensagen).
+ 10. Goethes Leben und Werke.
+ 11. Das Drama des 19. Jahrhunderts.
+ 12. Der deutsche Roman.
+ 13. Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs.
+ 14. Literaturgeschichte bis Goethe.
+ 15. Mittelhochdeutsch.
+ 16. Die romantische Schule.
+ 17. Lessing als Dramatiker und Kritiker.
+ 18. Schiller als Philosoph und Aesthetiker.
+ 19. Goethes Faust.
+ 20. Schillers Leben und Werke.
+ 21. Stiluebungen.
+ 22. Gotisch.
+ 23. Die deutsche Lyrik und Ballade.
+24 u. 25. Studien zur modernen deutschen Sprache.
+
+(M21)
+
+Demgegenueber stehen 45 Vorlesungen ueber englische Sprache und Literatur,
+21 ueber Geschichte, 29 ueber Hygiene und koerperliche Ausbildung, wobei
+Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind.
+Ferner 18 Vorlesungen ueber lateinische Sprache und Literatur, 11 ueber
+reine und 5 ueber angewandte Mathematik, 18 ueber Musik, 29 ueber Philosophie
+und Psychologie, 19 ueber Soziologie und Nationaloekonomie, 6 ueber
+Astronomie usw. usw. Die jungen Maedchen duerfen aber keineswegs nach ihrem
+Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist
+ihnen vorgeschrieben, und sie koennen nicht zu den hoeheren Offenbarungen
+vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, dass ihnen die
+niederen Grade gelaeufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune
+bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser
+zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf
+der eignen niedlichen Buehne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu
+vergnuegen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren,
+so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus
+reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehoeren, ihre eignen
+Haeuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages
+sich darbieten. Das Gebaeude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr huebsch
+das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Faecher
+sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser
+Akademie, die sich also darauf beschraenkt, den jungen Damen eine
+humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu
+vermitteln. Wenn die Qualitaet der Lehrenden auch nur einigermassen der
+landschaftlichen Schoenheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller
+praktischen Einrichtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das
+gegenwaertige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und
+Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt
+deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht
+sein sollen. Unter den Studierenden sind Toechter fast aller
+Bevoelkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb
+gesunden, ein bisschen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Buergertoechter
+der staedtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitaeten mit _Coed_.
+Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Toechtern der vornehmeren
+Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen
+letzteren die spezifisch amerikanischen Schoenheiten sind. Das kommt daher,
+dass die Amerikanerin die Schoenheit als einen Beruf fuer sich betrachtet,
+als ein Kapital, das unter allen Umstaenden sich reichlich verzinst. Die
+jungen Schoenheiten suchen ihre Erfolge ausschliesslich auf dem Parkett des
+Salons, und die noetige Fertigkeit zur Lieferung des seichten
+Salongeschwaetzes, mit dem sich drueben die elegante Welt der Amuesierlinge
+begnuegt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und
+ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, dass das
+amerikanische Salongeschwaetz kaum auf der geistigen Hoehe des englischen,
+dagegen noch betraechtlich unter der des franzoesischen und deutschen
+Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann
+man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann
+und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, dass man mit ihnen wie mit
+gebildeten Menschen reden duerfe - und man wird sich selten enttaeuscht
+sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen
+Toechterchen, ohne sie gerade zu Gelehrten zu machen, eine solide
+weltlaeufige Bildung zu verschaffen, taeten gut, sie auf die amerikanischen
+Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes
+mitbringen sollten, als einen abgehaerteten geschmeidigen Koerper,
+vernuenftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten
+Dingen, so wuerde das immerhin wertvoller fuer sie sein, als was die
+ueblichen Pensionate der franzoesischen Schweiz oder die Klosterschulen fuer
+die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen.
+
+(M22)
+
+Mir persoenlich scheint ueberhaupt das ganze amerikanische
+Unterrichtssystem, und besonders das der Universitaeten, gerade fuer uns
+sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein
+vernuenftig beduenken, dass die Zuegellockerung der strengen Schuldisziplin
+zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20.
+Jahre erfolgt, und dass dann die ueberschaeumende Kraft des ungebaerdigen
+Juenglings bezw. des lebenshungrigen Maedchens nicht sofort in eine
+schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem
+Wohlwollen und Verstaendnis fuer die Jugend geleitet wird. Es ist ueberaus
+bezeichnend, dass, wie die kuerzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete
+Umfrage bei einer grossen Anzahl bekannter fuehrender Deutscher bewiesen
+hat, ausser den spaeteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmaennern
+und Theologen, fast saemtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit fuer die
+schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklaerten; wogegen umgekehrt in
+Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schueler- und
+Studentenzeit als auf die schoenste seines Lebens zurueckblickt. Moegen
+unsere hoechsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich fuer die
+besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie ausser acht
+gelassen werden, dass von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten,
+die alljaehrlich unseren Universitaeten zustreben, doch nur eine
+verhaeltnismaessig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich
+traegt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universitaet die denkbar
+beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwaehlten
+willen aber wird die gewaltige Ueberzahl mehr auf das Praktische
+gerichteter Geister, aus denen zwar keine schoepferischen Gedanken, wohl
+aber viel nuetzliche Lebensarbeit herauszuholen waere, durch ein System
+vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhasstes
+Schrecknis bleiben muss. Dieses System zuechtet Noergler und Hasser, es ist
+auch schuld daran, dass jener garstige Hochmut sich in den Koepfen der
+Auserwaehlten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme
+Volksfeindschaft hineintreibt und gaenzlich schiefe Lebensanschauungen in
+ihnen gross zieht; es ist aber auch schuld daran, dass so viel
+hoffnungsvolle Jugend auf den Universitaeten verbummelt. Sollte nicht
+schliesslich ein junges Geschlecht von frohen, fuer die hoechsten Berufe der
+Gegenwart gut ausgeruesteten Akademikern auch unserer Nation von groesserem
+Werte sein, als die jetzige Ueberfuelle an wirklichen und verunglueckten
+Gelehrten? Ich bin ueberzeugt, dass wir durch eine teilweise
+Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzuegen nichts
+einbuessen wuerden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden,
+ebenso wie das kuenstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets
+eine Besonderheit des deutschen Universitaetslehrers und Studenten bleiben,
+einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die
+Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine grossen Philosophen,
+Dichter, schoepferischen Forscher hervorgebracht, weil ihr Schulsystem zu
+diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als
+Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten
+Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der
+starken Inanspruchnahme aller geistigen Kraefte durch rein praktische
+Aufgaben ueberhaupt noch gar keine Moeglichkeit gehabt haben, nach jener
+Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbstaendige Wissenschaft und eine
+nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den
+verschiedenartigen Voelkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine
+neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan
+sein wird, dass alle feineren Geister fuer die Beschaeftigung mit den
+vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu
+hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich
+viel geaendert werden muessen. Die wissenschaftlichen Leistungen der
+Studierenden werden selbstverstaendlich gleichen Schritt halten mit denen
+der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher
+durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein
+hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen
+Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; fuer Amerika
+ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die
+beliebten demokratischen Vorurteile laechelnd beiseite schiebt. Es wird
+aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch
+bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der
+wissenschaftlichen Kritik sich ueberhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt
+gebieten laesst, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst koennen
+wir von dem amerikanischen Volke verlangen, dass es grosse Kuenstler und
+originale Denker hervorbringe. In den regsamsten Koepfen, in den tiefsten
+Gemuetern dieses Volkes ist schon jetzt eine grosse Sehnsucht lebendig nach
+jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate
+europaeischer Arbeit nuetzlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege
+und Setzer neuer Ziele werden koennen. Das beweist der ungeheure Zulauf,
+welchen die oeffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vortraege der
+Wanderredner und besonders gemeinnuetzige Institute, wie die Sommerschule
+in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel
+wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andaechtig
+den Vortraegen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europaeer
+werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch laenger unseren
+Vorrang des weisen Alters behalten und der maechtig emporstrebenden Neuen
+Welt die Leitsaetze fuer ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung
+liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, dass man von der Jugend immer
+lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber
+schwerlich jemals ueberfluegeln koennen. Wir werden an ihr alsdann keinen
+verhoehnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden
+besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben
+Hoechstzielen wahrer Kultur nach.
+
+
+
+
+
+ OeFFENTLICHE UND PRIVATE MORAL.
+
+
+Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen
+sich allgemein darueber, dass sie gezwungen seien, ihre Berichte den
+Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu faerben und so dazu
+beizutragen, dass diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Dass sie
+Ungluecksfaelle nur kabeln duerfen, wenn sich ueber zehn Tote ergeben haben,
+ist ja eine ganz weise Beschraenkung, aber dass sie sich genoetigt sehen,
+immer nur sensationelle Faelle von wuester Korruption in der Politik, in der
+Rechtsprechung, im Gebaren der grossen Truste, offenbare Verruecktheiten und
+groteske Reklamemanoever auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels
+und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schliesslich groebste
+Familienskandale aus der Welt der Milliardaere zu berichten, das ist doch
+recht bedenklich. Selbstverstaendlich sind gerade die guten Buerger jeder
+Nation ueberzeugt, dass die allgemeine Ordnung der Dinge, die oeffentliche
+wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem
+anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natuerliche Neigung zur
+Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der
+oeffentlichen Aufklaerung, zu unterstuetzen; denn die Unterschaetzung fremder
+und noch dazu rasseverwandter Voelker kann unter Umstaenden doch recht ueble
+Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut
+aufgemacht und aufmerksam zugehoert hat, wenn er wohlunterrichtete Leute
+drueben die Verhaeltnisse besprechen hoerte, gestattet, mein bescheidenes
+Teil zur Aufklaerung ueber die wichtige Frage der oeffentlichen und privaten
+Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen.
+
+(M23)
+
+Die Korruption in der Politik ist ein oeffentliches Geheimnis und wird von
+niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl
+der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes
+und besonders des Umstandes, dass sich alle vier Jahre verfassungsgemaess ein
+Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen muss. Dass jeder neue
+Praesident, Gouverneur, Buergermeister usw. seine guten Freunde und
+Verwandten in die eintraeglichsten und einflussreichsten Stellungen zu
+bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darueber
+nicht weiter zu entruesten; aber die ebenso selbstverstaendliche Folge, dass
+der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwaehrend in
+Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschaeftigten Staatsbuerger natuerlich
+unmoeglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern.
+Er muss notgedrungen diese Betaetigung Leuten ueberlassen, die daraus einen
+Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der
+Geschaeftspolitiker. Da selbstverstaendlich diese, die sogenannten Bosse,
+nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden koennen, so schaffen
+sie sich ihre Einkuenfte dadurch, dass sie sich fuer die Unterstuetzung bei
+Wahlen, fuer die Erlangung von oeffentlichen Aemtern, von Privilegien und
+Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres
+ein, dass sich nicht die Bluete der Nation, sondern nur machthungrige und
+geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschaeft hergeben, und
+dass diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem
+intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu
+verhelfen, sondern demjenigen, der am meisten zahlt. Da es nur zwei grosse
+politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier
+Jahre die Chance eines voelligen Systemwechsels durch den Sieg der
+Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen Aemter, die ganze
+Beamtenschaft, vom Praesidenten bis zum Ofenheizer im Weissen Hause, an die
+Anhaenger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Boss am besten
+geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, dass bei solchem System Staat
+und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte fuer noch
+schlechtere einzutauschen, und dass die oeffentliche Moral dadurch
+schaendlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen
+wollen, dass die Vereinigten Staaten bisher noch immer tuechtige, zum
+mindesten doch anstaendige Praesidenten gehabt haben, und dass in die
+obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige
+Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man
+den hochentwickelten _common __sens_, den gesunden Menschenverstand der
+fuehrenden angelsaechsischen Rasse in Betracht zieht. Der anstaendige
+Geschaeftsmann und die hoeher gebildeten Klassen ueberhaupt kuemmern sich um
+das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit
+dem gluecklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die
+tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch
+die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, dass die Bosse irgend
+etwas im Schilde fuehren, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die
+Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der
+Verfassung geht, so tun sich ein paar einflussreiche Leute von tadellosem
+Leumund zusammen - die fuehrenden Deutschen sind immer bei dieser
+Anstandspartei zu finden - und klaeren durch geeignete Massnahmen die Massen
+der Waehler ueber den Unfug auf, der veruebt werden soll. Und siehe da: immer
+gelingt es der Wucht der oeffentlichen Meinung, wenigstens die groebsten
+Schandtaten zu verhindern, die unmoeglichsten Kandidaten beiseite zu
+schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die
+Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unuebertreffliches Werk
+genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souveraene Volk durch
+seine Erwaehlten in den Einzelstaaten machen laesst, werden fuer vorzueglich
+gehalten. Das ewig verdrossene Noergeln an den Gesetzen und oeffentlichen
+Einrichtungen, jenes hoechste Vergnuegen des deutschen Bierbankpolitikers,
+kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fuegt sich sogar in
+Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, dass anders die Ordnung nicht
+aufrechterhalten werden kann. Im uebrigen aber tut doch jeder, was ihm
+beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram
+passen. Man weiss, dass die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den
+Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man weiss, dass sogar die
+Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter
+zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den
+schreiendsten Missstaenden schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben
+laesst, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenraender beschmutzt
+und daher den Pfuetzen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine
+persoenliche Bewegungsfreiheit und seine geschaeftlichen Unternehmungen
+nicht empfindlich stoeren, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und
+goennt den zahlreichen Mitbuergern, die von den Maengeln dieser Gesetze
+leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschaeftsleuten und
+geistvollen Hochstaplern, ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten
+Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Koenigen
+der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums koennen ja ueberhaupt
+die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst juengst wieder in dem
+vorsichtig weitmaschig abgefassten Urteil des obersten Gerichtshofes in
+Sachen des Oeltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz grossen Herren, in deren
+Macht es steht, die Bundesarmee gegen missliebige Nachbarn mobil zu machen,
+oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzaehlige Betriebe lahmzulegen,
+Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureissen, mit denen
+huetet sich natuerlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der
+Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die
+kleineren Machthaber irgendwie laestig, so versteht man ihnen selbst in dem
+Falle beizukommen, dass die Behoerde gegen sie ihre Pflicht vernachlaessigt.
+
+(M24)
+
+Ein huebsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in
+St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst
+unertraeglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale
+herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte fruehlingsheiter
+vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt
+einfuhr, verblasste ploetzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten
+Fettfleck in einer Wand gleichmaessig grauen, schweflig riechenden Nebels,
+der selbst die naechsten Gegenstaende nur in verschwommenen Umrissen
+erscheinen liess. In den Haeusern herrschte eine erstickende, verbrauchte
+Luft, weil man kein Fenster oeffnen konnte, ohne dass sofort eine dichte
+Russschicht, wie von einer schwer blakenden Oellampe, sich auf alle
+Gegenstaende im Zimmer legte. Wenn man ueber die Strasse ging, waren Kragen
+und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einliess, so
+schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll
+von Entruestungsartikeln ueber diesen schmachvollen Zustand. Ueberall
+erschollen laut die Stimmen der Sachverstaendigen mit Vorschlaegen zur
+Beseitigung des Uebels. Man erinnerte sich ploetzlich wieder, dass es im
+Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzuegliche gesetzliche
+Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen
+Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und aehnlichen
+Massnahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer
+hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu stuerzen wegen
+dieser aergerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der
+Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermassen guenstig
+wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden
+Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen
+mussten, ihre Lungen genuegend mit Sauerstoff fuettern. Es musste wohl immer
+noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute
+Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmaessigen Umbauten zu
+bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, dass ein
+vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um
+ein moeglichst grosses Damenpublikum fuer ihre Zwecke herbeizuziehen,
+kuendigten sie mit gehoeriger Reklame ein Konzert meiner Frau an.
+Vierzehnhundert Frauen und Maedchen aus den besten Kreisen wurden hierzu
+zusammengetrommelt und nach Schluss der musikalischen Darbietungen ersuchte
+die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich ueber
+die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. Es war alles so gut
+vorbereitet, dass in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine grosse
+Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus
+gewaehlt und die notwendigen Mittel zur Ausfuehrung des Planes gezeichnet
+waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft uebernahm es
+naemlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit
+Weichkohlenfeuerung einzudringen und noetigenfalls Tag und Nacht Patrouille
+zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Missachter der Gesetze
+zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebuehrend bestraft und die
+vorgeschriebenen Massnahmen gegen den Rauch tatsaechlich ausgefuehrt waren.
+Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor
+energischen Frauen kapituliert der Yankee immer.
+
+(M25)
+
+Die Zuversicht, dass aus allen Schwierigkeiten und Uebelstaenden, wenn auch
+vielleicht erst im Moment der hoechsten Gefahr, und wenn sie bis zur
+Unertraeglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die
+Rettung kommen muss, erhaelt dem Volke seinen optimistischen Gleichmut.
+Selbstverstaendlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor
+Paragraphen oder Untertaenigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergraebt sogar
+recht bedenklich die Disziplin, ohne die schliesslich keine Ordnung
+irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und
+Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege
+bis zum Grabe von den Behoerden so ruecksichtsvoll eingezaeunt wird, kann man
+sich drueben fast voellig sparen, da sie doch keine Beachtung finden wuerden;
+aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, dass Vorsicht, Unterordnung,
+Geduld und Ruecksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da uebt er sie
+auch ohne Warnungstafeln und ohne Einschuechterung durch saebelfuchtelnde
+Schutzleute aus. Dem Europaeer faellt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im
+Strassenverkehr der Grossstaedte sehr angenehm auf; nie hoert man wild
+aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedraenge; nie werden
+Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit
+einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Strassenkreuzungen den
+kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung
+ab, dass um 6 Uhr abends alle Geschaefte geschlossen werden. In den Strassen-
+und Untergrundbahnen, in ueberfuellten Lokalen jeder Art macht jedermann
+bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in
+der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschaeftsschlusses war, so
+waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, dass der
+beruehmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da draengte sich auf
+einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen
+Schaukelpferd herein. Die Maenner auf der hinteren Plattform schufen der
+Frau mit kraeftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins
+Schwanken, man trampelte sich gegenseitig kraeftig auf den Zehen herum, die
+hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stiessen einigen
+Passagieren in die Baeuche oder gegen die Kniescheiben - und dennoch zeigte
+sich niemand gekraenkt oder nervoes gereizt. Mit ein paar gutmuetigen
+Scherzen ging man ueber die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns waere ein
+Sturm der Entruestung losgebrochen. Auch der eiligste Geschaeftsmann wartet
+geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und
+niemals wird ein hoeher Gestellter versuchen, fuer sich Ausnahmemassregeln
+durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der
+oeffentlichen Hygiene werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem
+vernuenftigen Menschen klar ist.
+
+(M26)
+
+Hoechst merkwuerdig ist die Art, wie der Yankee oeffentliche Fragen loest, die
+anderwaerts der Polizei die allergroessten Schwierigkeiten machen und ueber
+die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die
+Koepfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee naemlich
+einfach dadurch, dass er erklaert, sie existierten gar nicht. Der
+Prostitution z. B. ist im Gesetze ueberhaupt nicht Erwaehnung getan, und in
+den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Maennern nennt man
+die Prostitution verschaemt "das soziale Uebel" (_the social evel_), aber in
+der Oeffentlichkeit erwaehnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals,
+weil die jungen Maedchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und
+weil man annimmt, dass der Amerikaner ueberhaupt viel zu anstaendig sei, um
+irgendwelcher heimlicher Notbehelfe fuer die Forderungen seines Trieblebens
+zu beduerfen. Dessenungeachtet weiss selbstverstaendlich jeder erwachsene
+Mensch, dass die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten,
+auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer gross ist. Die Polizei hat dafuer
+zu sorgen, dass die Oeffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat
+also nicht nur die oeffentlichen Haeuser, sondern auch jede einzeln
+flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die oeffentlichen
+Gerichtshoefe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten
+beschaeftigen muessten, so koennte es nicht ausbleiben, dass das Publikum auf
+diese Dinge aufmerksam wuerde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze
+des Totschweigens unverbruechlich treu blieben. Folglich duldet es die
+Behoerde wissentlich, dass die Polizeiorgane sich von den Uebeltaeterinnen
+dafuer bezahlen lassen, dass sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und dass
+die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafuer
+entrichten, dass sie sie vor Konflikten mit Behoerden bewahren.
+Selbstverstaendlich erhalten solche Haeuser keine polizeilichen
+Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien
+Prostitution. In den Adressbuechern figurieren jene Damen als Ladnerinnen,
+Naeherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhaeuser
+werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevoelkert,
+und zwar vornehmlich mit - wahlfaehigen Maennern! Man bedient sich zu diesem
+Zweck der Namen laengst verzogener oder gar verstorbener Persoenlichkeiten.
+Durch dieses schlaue Manoever waechst bei den Wahlen dem Boss fuer jede
+Gefangene einer solchen Lasterstaette ein Wahlzettel fuer seine Partei zu.
+Eine Folge dieser unerhoerten Heuchelei ist auch die, dass die Bestrebungen
+des internationalen Vereins gegen den Maedchenhandel in den Vereinigten
+Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschaefte, der
+weisse Sklavenhandel, blueht im Gegenteil in den nordamerikanischen grossen
+Hafenplaetzen wo moeglich noch ueppiger als in denen Suedamerikas. Die dunkeln
+Ehrenmaenner, die sich mit diesem schmutzigen Geschaeft befassen,
+ausschliesslich galizische, ungarische und rumaenische Juden, fuehren der
+Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche
+Summen zu.
+
+Es ist juengst ein Roman ueber diese Zustaende erschienen: "_The House of
+Bondage, by Reginald Wright Kaufmann_". Es duerfte wohl das erstemal sein,
+dass in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der
+Dichtung eroertert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine
+literarische Qualitaet anbetrifft, nicht entfernt mit Else Jerusalems "Der
+heilige Scarabaeus" messen, und es ist bezeichnend, dass der mutige
+Verfasser selbst mit dem groessten Eifer betont, er habe in diesem Werke
+nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten
+wollen. Im Anhang des Buches sind all die behoerdlichen Aktenstuecke
+abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers
+gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehoert, ob die Zeitungen
+angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen
+heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behoerden
+zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die
+niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbusse an ihren
+Einkuenften erleiden wuerden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen
+schoenen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, dass der junge
+Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen
+Einwanderern vertretenen Sprachen uebersetzen und in vielen Tausenden von
+Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Toechter ja
+hauptsaechlich gefaehrdet sind, verteilen liess. So kann wenigstens nicht
+mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Maedchen dafuer verantwortlich
+gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller
+geraten.
+
+(M27)
+
+Fuer uns Europaeer ist es schwer begreiflich, dass in demselben Lande, in
+welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte
+in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den
+Reportern sicher ist, aus Anstandsruecksichten in der gesamten Tagespresse
+kein Wort ueber ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des
+beruehmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben
+hier den fuer uns ueberaus seltsamen Fall, dass selbst der indiskreteste und
+von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der
+Journalisten aus Patriotismus eine verblueffende Selbstverleugnung uebt. Die
+verehrten Pilgervaeter schon haben das Dogma aufgestellt, dass in den
+Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert
+sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe
+wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt,
+der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen
+oder auf einer einsamen Insel wohnen koenne, ohne menschliche Begierden zu
+verspueren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht
+sagt, dass seine smarten Geschaeftsleute die groessten Gauner der Welt seien;
+aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller duerfen es nicht
+wagen, einen Yankee als Verfuehrer der Unschuld hinzustellen. Die
+schaerfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, muessen
+dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem
+Heimatlande unmoeglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses
+starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, dass es im
+Yankeelande eine pornographische Literatur ueberhaupt nicht gibt, dass die
+schluepfrigen franzoesischen Schwaenke der Buehne ferngehalten und der Import
+von pikanter Lektuere, Bildern und dergleichen hoechstens auf ganz
+versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muss auch unbedingt zugegeben
+werden, dass der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine
+starke koerperliche Betaetigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen
+ungesunder Reizungen durch schlechte Lektuere dem jungen Mann, zumal der
+gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen
+bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Masse vorhanden sein
+duerfte. Es ist richtig, dass kein Yankee sich durch gewandtes Erzaehlen von
+Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und dass man selbst in
+intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluss des Alkohols schwerlich
+jemals die Sauglocke laeuten hoert. Es ist auch richtig, dass ein junger Mann
+von guter Familie, der ein junges Maedchen aus seinem Gesellschaftskreise
+kompromittiert und sitzen laesst, der Aechtung seiner Standesgenossen
+verfaellt - aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Ueberzeugung das
+Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenueber unbedingt zur Nachahmung
+empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu foerdern,
+die den weniger vom Glueck beguenstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt,
+und ausserdem die Poesie der Liebe schwer schaedigt. Wie in allen
+gesellschaftlichen Fragen, so wird naemlich auch in bezug auf die Erotik
+das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall
+der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehoerigen
+der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begueterte junge Mann,
+der die groesste Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen
+seines Kreises auch bei staerkster Versuchung nicht missbrauchen wuerde,
+macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine
+fesche Manikuere, Typewriterin oder sonst eine huebsche Angestellte aus dem
+Geschaeft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in
+seinem Kreise auch keineswegs uebelgenommen, wenn er nur von seiner
+Liebschaft kein grosses Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein
+Maedchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise
+einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft,
+die sich die beste zu nennen beliebt, dieselbe niedertraechtige Doppelmoral
+wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brueder mit geschliffenen
+Saebeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten,
+aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glueck und der Ehre
+anderer Maedchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung
+ist vielleicht nur der, dass drueben der Ruf des verfluchten Schwerenoeters
+dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und dass ein Maedchen
+aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den hoeheren
+geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der hoeheren Gesellschaft
+aufgenommen zu werden, falls es sich nur _ladylike_ zu benehmen versteht;
+dagegen faellt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die
+Gefuehlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien
+Liebesverhaeltnisses drueben herrscht. Der Yankee hat fuer die illegitime
+Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache uebrig. Selbst der
+Ausdruck _Sweetheart_ hat einen veraechtlichen Nebenklang bekommen. Die
+amerikanische Moral bekreuzt sich entruestet vor dem "Verhaeltnis" des
+Deutschen oder vor der "Collage" des franzoesischen Studenten. Die
+amerikanische junge Dame wuerde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich
+liebenden deutschen "Gretchens" oder der franzoesischen Grisette nicht nur
+fuer _shocking_, sondern besonders fuer entsetzlich dumm halten; denn sie
+ist gewohnt, moeglichst viel zu fordern und moeglichst wenig dafuer zu
+gewaehren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstueck ist folglich die
+poetische Verklaerung eines freien Liebesverhaeltnisses voellig unmoeglich.
+Ein Autor, der dergleichen wagen wuerde, und sei er selbst ein Mann von
+anerkannter Bedeutung, wuerde nicht nur den Absatz seines Buches schwer
+schaedigen, sondern sich auch gesellschaftlich unmoeglich machen. Ob bei
+dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu
+entscheiden, sicher nur duenkt es mich, dass die Heiligkeit der Liebe viel
+dabei verliert. Manche Aeusserungen dieser einseitigen
+christlich-pfaeffischen Moralauffassung erscheinen uns Europaeern ja
+geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glueck hat,
+sein geraubtes Schaefchen ganz gut drueben ins Trockene bringen und unter
+Umstaenden sogar sich wieder zu allen buergerlichen Ehren emporarbeiten;
+landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muss er gewaertig
+sein, dass er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu
+heiraten, oder umgehend nach Europa zurueckzukehren. Auf jedem Ozeandampfer
+wachen scharfe Yankeeaugen ueber dem Benehmen der paarweise Reisenden, und
+wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann
+sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu
+werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen
+Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem
+die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenueber zu
+bewahren, die den groessten Teil ihrer Jugend jetzt schon als
+Begleiterscheinung der koerperlichen Reinlichkeit und der vernuenftigen
+Erziehung auszeichnet, so duerfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen
+der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber muessen wir
+uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Ueberlegenheit mit einem
+grossen Fragezeichen zu versehen.
+
+
+
+
+
+ LIEBE UND EHE.
+
+
+(M28)
+
+So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so
+viele Geschaefts- und Familienbeziehungen die Voelker diesseits und jenseits
+des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade ueber manche wichtige
+grundlegende Verhaeltnisse die groebsten Missverstaendnisse. Was wissen wir
+Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen
+in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen
+Milliardaerstoechtern und europaeischen Aristokraten, von Millionenerbinnen
+oder Gattinnen von Industriekoenigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder
+Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die
+ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik ueber die Scheidungen in
+den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen
+Erscheinungen schliessen zu duerfen, dass die Yankees ueber die Heiligkeit der
+Ehe aeusserst frivol denken und ihre Toechter nur als Ware, als Tauschobjekt
+fuer gute gesellschaftliche und geschaeftliche Beziehungen betrachten
+muessten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken
+Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemaedchen
+nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus
+naechster Naehe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren,
+der duerfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen
+wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und
+Gewohnheiten der paar Hundert Multimillionaere und denen der
+ueberwaeltigenden Mehrheit des uebrigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte
+nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu
+offenbaren, dass Frauen desto ungluecklicher, unzufriedener und zu toerichten
+Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte
+Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft bestaetigt finden koennen, wie
+irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionaers, die ganz in
+gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen
+Hetze von Vergnuegen zu Vergnuegen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von
+bloss spielerischer bis zu wirklich angreifender Taetigkeit aufreibt, dabei
+drei- bis viermal taeglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe
+ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen ruecksichtslos
+befriedigen kann, die muss natuerlich, falls sie nicht einen unverwuestlich
+guten Kern besitzt, ihre Nervenueberreizung irgendwie buessen. Die tollen
+Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur
+Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerruetteten
+koerperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken.
+Ebenso begreiflich ist es, dass die Maenner jenes Kreises, sobald der
+aufgehaeufte Dollarberg ihnen bis ueber die Nase steigt und sie zu ersticken
+droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunaechst dazu
+zu fuehren pflegen, dass sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsaetze
+vergessen und mit ihrem Ueberfluss das einzige zu erreichen trachten, was
+drueben fuer kein Geld zu haben ist, naemlich einen Abglanz feudaler
+Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fuersten- und
+Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen koennen, ohne sich laecherlich zu
+machen, so kaufen sie diese schoenen Dinge ihren ehrgeizigen Toechtern und
+fuettern ihre Eitelkeit mit dem Bewusstsein, mit dem aeltesten Adel Europas
+wenigstens verschwaegert zu sein und als Grosspapas Prinzlein und Komtesslein
+auf ihren Knien schaukeln zu duerfen. Und dennoch ist gerade fuer die
+Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Maedchenschacher.
+Man darf getrost behaupten, dass in keinem Lande der Welt den Toechtern eine
+groessere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten
+Staaten, und dass auch nirgends das Spekulieren der jungen Maenner mit einer
+fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist naemlich durchaus nicht
+Sitte, den Toechtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute
+machen hiervon eine Ausnahme. In der ueberwaeltigenden Mehrzahl der
+Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten
+Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber
+als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief
+zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwaehlten seiner
+Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine
+faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich
+behaglich raekeln duerften. Die jungen Leute moegen sich im stillen auf die
+fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich
+gefaelligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem
+eignen Verdienst gestalten. Dieser hoechst vernuenftige und gesunde
+Grundsatz fuehrt zu der selbstverstaendlichen Folge, dass drueben viel mehr
+aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Ausserdem wird aber auch viel
+frueher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine
+fruehe Selbstaendigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die
+Lebensverhaeltnisse heute wenigstens noch so sind, dass ein junger Mensch,
+der etwas gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel frueher als bei uns zu
+einem leidlich anstaendigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am
+Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau
+ernaehren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der
+Haeuslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Maedchen suchen, das
+auch in einem praktischen Beruf taetig ist und ein selbstaendiges Einkommen
+daraus bezieht. Wer in der teuren Grossstadt noch nicht imstande waere, von
+seinem Einkommen eine duerftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet
+weit draussen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen
+Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft
+sich leisten kann. Die vernuenftige Erziehung, bei der die beiden
+Geschlechter stets auf dem Fusse der Gleichberechtigung und der guten
+Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus
+den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und
+keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und
+schoenste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge
+Europaeer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel
+einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, dass, wie gesagt, ein
+sehr grosser Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine
+Existenz zu begruenden beginnt, wo er keinen menschenwuerdigen Ersatz fuer
+die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schliesslich gibt es
+in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen
+Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein
+eingefuehrte Sitte. Es gilt naemlich in der Yankeefamilie als ganz
+selbstverstaendlich, dass der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie
+selbstaendig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen
+Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernuenftig ist, die
+geschaeftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten
+Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht fuer
+gefuehlsroh zu halten, so erwaegt man im Familienrate in aller Gemuetsruhe,
+wie viel jedes einzelne Kind im Verhaeltnis zu den Aufwendungen, die fuer
+seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den
+Eltern zurueck zu erstatten habe. Man hoert selten davon, dass sich ein uebel
+geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel
+weniger davon, dass die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und
+erwachsenen Kindern unter solcher Geschaeftspraxis leide. Die Eltern
+spannen vielmehr ihre Kraefte aufs aeusserste an, um ihren Kindern eine
+moeglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, dass sich das
+aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden
+durch diese geheiligte Sitte von frueh an in ihrem Pflichtbewusstsein und in
+ihrer selbstlosen Schaetzung des Familienlebens gestaerkt. Waehrend also
+unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten
+Selbstsuechtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern
+noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um
+den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen
+geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon
+bedenklich muerbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und
+Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Maennermaterial
+fuer den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantitaet auf
+Lager zu haben. Von nicht zu unterschaetzender Bedeutung duenkt mich auch
+der Umstand, dass die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie
+kennt, indem naemlich das Fuerwort _thou_, also das eigentliche du, nur noch
+in der Poesie und im Gebet angewendet wird, waehrend _you_ - gleich Ihr -
+schon seit Jahrhunderten ausschliesslich als Anrede bei Hoch und Niedrig in
+den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es faellt
+also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das
+foermliche Sie bei uns errichtet, und der Uebergang zwischen einer blossen
+guten Bekanntschaft in hoeflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe
+markiert sich aeusserlich gar nicht. Die jungen Maenner und Maedchen, die
+durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr
+der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fuss gekommen
+sind, behalten uebrigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen,
+bis ins heiratsfaehige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von
+jungen Maedchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fusse stehen;
+ein junges Maedchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater,
+morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, uebermorgen von ihrem
+Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne dass die ganze Freundschaft,
+Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darueber die Koepfe
+zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen
+zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer
+ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu
+leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art,
+wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschaeftigung, den Flirt, ausuebt,
+wenig erbaut sein. Deutsche junge Maedchen, die schon als Erwachsene
+hinueber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese Verhaeltnisse wenig
+nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und
+darin rasche Fortschritte machen, so aergert es sie doch, dass sie nie
+wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Maennern eigentlich daran
+sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und
+einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht,
+als bei uns. Der junge Amerikaner der hoeheren Schichten kann jahrelang
+ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Toechtern seines Kreises
+unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz ueberraschend
+irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht gross darueber
+wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und
+ihn urploetzlich mit der Frage ueberrascht: "Was meinst du, Jim, wir koennten
+doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?" Der jungen Amerikanerin
+geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Maedchen ab, als ob der
+freie Verkehr mit jungen Maennern zu einer Ueberrumpelung in einer schwuelen
+Stunde fuehren koennte, denn sie weiss ganz genau, dass der junge Mann, der
+einen solchen Vertrauensbruch begehen wuerde, der lebenslangen Aechtung in
+seinem Kreise verfallen wuerde. Sie weiss ebenso genau, dass ihr Freund,
+falls sein Temperament ihm keine Ruhe laesst, aussereheliche Freuden bei den
+leichten Maedchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens
+auch nicht besonders uebel nehmen. Aus solchen Anschauungen und
+Gewohnheiten erklaert es sich, dass in den Vereinigten Staaten der Typus Don
+Juan, der kecke Herzensbrecher, gefaehrliche Schwerenoeter und verfluchte
+Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Maennlichkeit darstellt, weder
+dem Geschmack der Maenner, noch dem der Frauen nach, sondern dass dieses
+Ideal vielmehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschuetzer weiblicher
+Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schoenen
+laechelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie
+der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, faellt durch solche
+Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen
+Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos
+sich hingebende und schwaermerisch sich aufopfernde junge Maedchen wuerde
+nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine
+dumme Gans sein. Und dem maennischen Mann, dem ruecksichtslosen Eroberer,
+dem Schrecken und der suessen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, wuerde
+einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden.
+Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch
+gar nicht vor. "Das suesse Maedel", wie Schnitzler und ich es novellistisch
+verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertuer der Uebersetzung keinen
+Einlass in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman "Das dritte
+Geschlecht" liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische
+Uebersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin
+gepredigte Philosophie der Liebe _shocking_ ist. Ueberaus lehrreich war fuer
+mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama "_The easiest way_"
+(der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter,
+der drueben als ein kuehner Pfadfinder gilt. Das freie Verhaeltnis eines
+reichen Geschaeftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt
+der Handlung. Das Maedchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der buergerlichen
+Anstaendigkeit und dem behoerdlich approbierten heiligen Ehestand. Der
+Verfasser jedoch scheint es als selbstverstaendlich anzusehen, dass solche
+gefallenen Maedchen niemals die Kraft finden koennen, einem faulen, eiteln
+Genussleben zu entsagen. Er laesst ihren Aushaelter mit seiner trotz aller
+Grossmut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Maedchen im
+Sumpf zu Grunde gehen. Fuer amerikanische Begriffe war es, wie gesagt,
+schon eine ungeheure Kuehnheit, solch ein illegitimes Verhaeltnis ueberhaupt
+auf die Buehne zu bringen. Ertraeglich wurde diese Kuehnheit fuer das
+Theaterpublikum drueben nur durch den moralischen Standpunkt, den der
+Verfasser einnahm. Sein grausamer Schluss entsetzte freilich die zarten
+Gemueter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die
+verlogene Sentimentalitaet einer Kameliendame, als der aus Mitleid und
+tiefem Verstaendnis fuer alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der
+modernen europaeischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so
+spaehen wir Deutsche auch in der Oeffentlichkeit vergebens nach den uns
+vertrauten Aeusserungen der Verliebtheit. Liebespaerchen, welche in dunkeln
+Ecken von Biergaerten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem
+Glase trinken, von einem Butterbrot abbeissen, oder etwa gar im
+Eisenbahncoupe wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich
+fortwaehrend zaertlich taetscheln und heimlich druecken, duerften wohl drueben
+zu den Unmoeglichkeiten gehoeren. Kaum dass man einmal auf den Bahnhoefen
+Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich kuessen sieht. Ob deswegen die
+Amerikanerin weniger zaertlich oder gar feurig sei, als europaeische Frauen,
+wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin
+verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhaeltnis mit
+einer solchen gehabt.
+
+(M29)
+
+Der Sinn fuer Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs
+gaenzlich ab, was man daraus erkennen kann, dass abenteuerliche Entfuehrungen
+viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber
+freilich, was will eine Entfuehrung in dem Lande der Freiheit gross
+bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg
+freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat beduerfen die Toechter in den meisten
+Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht,
+einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge
+Maedchen heiraten bloss, weil ihnen das Entfuehrtwerden so viel Spass macht.
+Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und
+sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern praesentieren kann. Man
+braucht bekanntlich drueben nicht drei Wochen zu haengen oder in der Kirche
+aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zustaendigen
+Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald
+man beschwoert, dass keine gesetzlichen Hinderungsgruende vorliegen. Mit
+diesem Schein geht man zum naechsten besten Pastor und laesst sich auf der
+Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben.
+Gluecklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen.
+Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten
+sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem
+Staate auf Schwierigkeiten stoesst, der verfuegt sich eben in einen
+weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert hoechstens, dass er sich
+dort einige Zeit aufhalten muss, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze
+geniessen darf. Es koennte wunder nehmen, dass dieselben Yankees, die
+vielfach noch sehr puritanisch streng ueber die Ehe denken, die Scheidung
+so ueberaus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, dass hier,
+wie so oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen
+hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhaeltnisse des
+jungen Landes beguenstigen das fruehe Heiraten; da nun aber ein despotisches
+Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundsaetze
+ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die
+Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus
+noch nicht faehig sind, sich ueber ihre eigenen sittlichen Kraefte, noch ueber
+die Kaempfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen
+Lebensverhaeltnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich
+folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Waere
+nun diesen ungluecklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmoeglich
+gemacht oder auch nur betraechtlich erschwert, so wuerde bald das ganze Land
+ueberschwemmt sein von veraergerten, zaehneknirschenden, entmutigten
+Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten
+wuerden. So aber weiss jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich
+groeblich getaeuscht, nun dann ist's auch weiter nicht schlimm; eine
+Scheidung kostet nicht den Kopf, und das naechste Mal kann ich es ja besser
+treffen. Selbstverstaendlich wird die leichte Scheidungsmoeglichkeit aus
+blosser Veraenderungssucht viel missbraucht werden, aber sicherlich nicht so
+viel, wie aengstliche Gemueter sich vorstellen moegen, denn die liebe
+Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu baendigen. Das
+Anstands- und Gerechtigkeitsgefuehl des Mannes, besonders bei einer
+allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und
+zur Haeuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umstaenden einen starken
+Schutzwall wider den ruecksichtslosen Leichtsinn auf. Uebrigens ist die
+Gefahr der ungluecklichen Ehen auch schon dadurch herabgemindert, dass die
+ganze Yankeerasse nuechterner denkt als wir und sich daher ueber Liebe und
+Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist ueberhaupt dieses Volkes
+Sache nicht, es wird daher um so staerker von der Tradition beherrscht, ist
+auch von den Einfluessen der Erziehung, der Schule abhaengiger und darum in
+seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemuet als wir. Durch
+diese Gleichartigkeit faellt von vornherein der bei uns haeufigste Grund der
+Ehestoerung fort. Hyperaesthetische, dekadente Maenner oder verzwickte
+Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele
+schwierigster Ehegesponse herumlaufen, duerfte man drueben nur sehr selten
+antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann fuer die
+Frau bequemer als der deutsche. Er fuehlt sich durch ihre nach unseren
+Begriffen oft unverschaemten Ansprueche nicht weiter gekraenkt, weil ihm die
+Verehrung fuer das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es duenkt
+ihm ganz in der Ordnung, dass einer fuer das Vergnuegen, mit einer huebschen
+und eleganten Frau prahlen zu duerfen, einen gehoerigen Preis zahlen, d. h.
+bis an sein Lebensende sich maechtig anstrengen muss. Wie der Mann das viele
+Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgueltig, denn fuer ihr
+gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder
+mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider
+Industriekapitaen, Beamter, Anwalt, Arzt oder Kuenstler ist. Der
+gesellschaftliche Rang des Gatten haengt vielmehr davon ab, ob er einer
+mehr oder minder alten Familie angehoert, die schon lange Wohlstand und
+Ansehen geniesst, oder ob er ein Emporkoemmling ist, von dem man in der
+guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiss. Eine gescheite und reizvolle
+Frau kann die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes wesentlich
+verbessern, indem sie mit Kreisen in Fuehlung kommt, die ueber denen stehen,
+aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie haelt es darum auch fuer ihre
+vornehmste Pflicht, sich ihre Schoenheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu
+machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche
+gesellschaftlich geschickten Frauen gemuetlos und geistig beschraenkt sind,
+dann koennen sie natuerlich auch den geduldigsten Mann durch ihre toerichten
+Ansprueche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug
+genug, sich gerade dann, wenn sie die aergsten Zumutungen an seinen
+Geldbeutel und seine Geduld stellen, die groesste Muehe zu geben, ihn bei
+guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eifersuechtige, keifende, den
+Hausschluessel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den "Fliegenden
+Blaettern" wird man drueben nicht oft finden; dagegen ist die putzsuechtige,
+mit dem Scheckbuch des Gatten taeglich die Warenhaeuser heimsuchende und
+ihre Zeit in nichtigen Vergnuegungen und spielerischer Vereinstaetigkeit
+verzettelnde Hausfrau sicher noch haeufiger zu finden als bei uns. Es waere
+aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die
+Faehigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man
+hoert sogar nicht selten von jungen Maedchen aus wohlhabenden Familien, die
+mit ihrem Erwaehlten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter
+rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die
+Amerikanerin in beschraenkten Verhaeltnissen beinahe so gut wie die
+Franzoesin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut
+anzuziehen und ihren Koerper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die
+Frau, die nur unter furchtbarem Getoese die Haushaltungsmaschine in Gang zu
+halten versteht, immer seufzt und stoehnt, nie angezogen ist, und, sobald
+sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr Aeusseres, ihre kleinen Talente und
+ihren Bildungstrieb vernachlaessigt, die soll drueben angeblich nicht
+existieren - auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist
+eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten wuerde, und ihre
+Toechter spielen Klavier und besuchen die hoeheren Schulen. Die arbeitende
+Frau des Mittelstandes mag zwar nuechtern und uninteressant sein, aber sie
+teilt doch meistens die gluecklichste Eigenschaft ihrer Rasse, naemlich die
+leichte Anpassungsfaehigkeit an die verschiedenen Gluecksumstaende. Es wird
+nicht oft vorkommen, dass eine Frau ihren Mann, wenn er ploetzlich zu grossem
+Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch
+schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren
+sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen
+Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschoepfen
+noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu
+Freiwild fuer die illegitimen Begierden der Maenner bestimmt hat. Einige
+gefaellige Amerikaner veranstalteten zum Vergnuegen des Gefolges unseres
+Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime
+Abendgesellschaft - fuer jeden der Herren war ein gefaelliges Chorusgirl
+eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Maedchen war so
+anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, dass die Herren glaubten,
+einer Einladung in ein feines Toechterpensionat gefolgt zu sein und gar
+nicht genug Ruehmens von dieser liebenswuerdig kaschierten Frivolitaet machen
+konnten.
+
+(M30)
+
+Man mag diese unzweifelhaften Vorzuege als Aeusserlichkeiten gering
+einschaetzen und ihnen gegenueber die Gemuetstiefe, die Pflichttreue, die
+enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Muetterlichkeit der deutschen
+Frau als das Groessere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die
+Liebesfaehigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht
+leugnen, dass durch Gesetz, Sitte und Herkommen fuer den heiligen Ehestand
+drueben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem
+Zweifel unterliegen, dass die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke
+das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt.
+
+
+
+
+
+ DIE DIENSTBOTENFRAGE.
+
+
+(M31)
+
+Es war in Philadelphia. Mir gegenueber im zweiten Stockwerk eines netten,
+epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen
+beschaeftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Fluegelfenster, sondern
+ausschliesslich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein
+behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer
+rasch vorueber brausenden Strassensensation fast unmoeglich machen. Denn die
+Fenster sind fast durchweg so niedrig ueber dem Fussboden angebracht, dass
+die bewegliche untere Haelfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur
+Brusthoehe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so muss man, um nicht
+etwa das Uebergewicht zu verlieren und kopfueber hinauszupurzeln, schon auf
+den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem
+schlechten Funktionieren der Sperrfedern gekoepft zu werden, unter die
+glaeserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem
+Fensterbrett gemuetlich gemacht; das eine Bein hing auf die Strasse hinaus,
+obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Waehrend er
+sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedaechtig auf
+dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale
+Seitenstrasse hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein
+Eckhaus). Da doch vorlaeufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er
+sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwaerts. Er
+dachte offenbar angestrengt ueber das Problem nach, wie er wohl, ohne sein
+kostbares Leben zu gefaehrden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem
+Oberkoerper rueckwaerts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen
+in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von aussen reinigen
+koennte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstueckchen sich nicht aufgelegt
+fuehlte, so schuettelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er
+mit ausgestreckter Hand ueber sich emporreichen koennte. Die Fingerspitzen
+langten nur gerade ein weniges ueber die mittlere Rahmenleiste hinaus; das
+genuegte ihm aber vorlaeufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am
+aeusseren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf
+erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des
+hinaufgeschobenen Fensters. Er liess sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne
+deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere
+Scheibe seiner Meinung nach genuegend sauber war, nahm er wieder auf dem
+Fensterbrett Platz und liess sein linkes Bein, dessen zierliches
+Plattfuesschen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins
+Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untaetig vor sich hingetraeumt
+hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhaelfte
+herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von aussen zu bearbeiten. Es dauerte
+sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen,
+und als er es endlich gluecklich los hatte und nun versuchte, die schwere
+Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu stuetzen, dass ein genuegend grosser
+Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er
+alsbald, dass er sich dadurch in eine hoechst unbequeme Lage begeben und
+besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also
+stoehnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich mit dem
+Aermel ueber den Schaedel und fletschte zornig sein anmutiges "G'friess" gegen
+die Scheibe hinauf - gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der
+Kommode boese sind, an der sie sich gestossen haben. Ploetzlich verklaerte
+sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne liess sich
+Militaermusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde
+ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie moeglich und
+spaehte die breite Hauptstrasse hinunter. Etwas ganz besonders
+Herzerhebendes musste da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in
+die Haende und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreissend, die
+lachenden Zaehne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster
+hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den
+seltenen Anblick eines militaerischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen.
+Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz
+spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine
+uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger
+Parademarsch, inszeniert von einem politischen Boss und ausgefuehrt von
+einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner
+gesetzten Alters, wohl genaehrt, sauber und glatt rasiert, alle mit den
+gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hueten und
+denselben Bambusstoecken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre
+aufrecht an die Schulter gedrueckt trugen, wie ehemals unser Militaer bei
+dem Griff "fasst das Gewehr an". Ein gerade zu Besuch anwesender
+Eingeborener erklaerte mir, dass die Parteikasse die Ausruestung an
+Gamaschen, Schlipsen, Hueten und Spazierstoecken stelle und diese
+oeffentlichen Umzuege ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener
+Mitbuerger von Zeit zu Zeit veranstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie
+gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhoert
+fetter schwarzer Schutzmann, der an der Strassenkreuzung postiert war,
+fuehrte vor Vergnuegen ueber diesen gelungenen Aufzug einen veritablen
+Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster
+putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergnuegen ueber solchen grotesken Anblick
+und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd
+zwischen den Schenkeln haette. Offenbar gehoerten der cancanierende
+Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der
+Demonstranten an und fuehlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer
+Vertrauensmaenner in ihren patriotischen Gefuehlen angenehm gekitzelt. - Bis
+der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverstaendlich
+der farbige Juengling gegenueber nicht daran, sein Fenster wieder
+vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und
+hielt es nachdenklich in der Hand, waehrend seine schwarzen Sammetaugen
+sich bekuemmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine
+Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Ploetzlich kam wieder
+Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf
+ueber die Schulter und aeugte hoechst gespannt die Avenue hinauf. -
+Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt,
+paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre
+mit Nickelknoepfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren
+waren auf dem Wege zum Oberbuergermeister, um feierlich bei ihm vorstellig
+zu werden, dass er die fromme Quaekerstadt beschuetzen moege vor dem
+Satansgreuel der Salome von Richard Strauss, deren Auffuehrung in
+Philadelphia eine fremde Operntruppe angekuendigt hatte. Es waere eigentlich
+passend gewesen, dass der fette schwarze Schutzmann an der Strassenkreuzung
+bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgefuehrt haette. Aber
+er schien zu Richard Strauss und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen
+zu haben, denn er liess die Parade ohne sichtliche Gemuetsbewegung
+vorueberziehen und sorgte nur dafuer, den Wagenverkehr derweil zu baendigen.
+- Mein Fensterputzer stierte bloed der schwarzen Prozession nach, bis sie
+um die Ecke verschwunden war; dann fuehrte er mit seinem kalt gewordenen
+Spielbein einige Freiuebungen aus und war eben dabei, tatsaechlich seinen
+Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer
+fluechtigen Waesche von aussen zu wagen, als es vom naechsten Kirchturm zwoelf
+schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein ueber das Fensterbrett und
+der schwarze Juengling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, dass
+er am naechsten Ersten um eine Lohnerhoehung eingekommen ist.
+
+(M32)
+
+Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers duerfte einigermassen typisch
+sein fuer den Eifer, mit dem haeusliche Dienstleistungen in den Vereinigten
+Staaten verrichtet werden. Gewiss arbeitet ein frisch von Europa
+eingewandertes Hausmaedchen fleissiger und gruendlicher, dafuer ist es aber
+auch sehr viel anmassender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der
+Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er
+ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller
+Fragen, nicht nur fuer die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die
+ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen _Butler_
+(Haushofmeister), einen franzoesischen _Valet de chambre_, einen
+italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassischer
+Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche
+irische Maedchen. Fuer Geld, d. h. fuer sehr viel Geld ist natuerlich auch
+eine aristokratisch luxurioese, gut gedrillte Dienerschaft in den
+Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem
+Vermoegen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von
+Regierungspraesidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten
+Schriftsteller besitzen, koennen sich eine perfekte Koechin und noch ein
+tuechtiges Stubenmaedchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Koechin, die
+etwas Essbares zu kochen imstande ist, duerfte unter 100 Mk. Monatslohn
+nicht zu haben sein, und 10 Dollars muss man sogar fuer einen frisch
+importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits
+ein paar Monate im Lande, so dass sie sowohl von der Sprache wie von dem
+Wesen ihrer staatsbuergerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie
+mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche
+genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, dass sie
+ausser dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuraeumen
+haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das _Parlor_ (Wohnzimmer)
+bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und
+selbstverstaendlich ohne Kuendigung abziehen duerfen, sobald es ihnen
+beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese
+Damen grundsaetzlich nicht, dazu muessen extra Nigger, Chinesen, Polacken
+oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau
+irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder
+landesueblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Fraeulein
+achselzuckend: "_That's not my business, Ma'm_" - und fertig. Ein Maedchen,
+das fuer die Kueche angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem
+Hausherrn einen Knopf annaehen; und ein Hausmaedchen wird sich auch im Falle
+der hoechsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Toepfchen zu
+setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu
+putzen, waere ungefaehr gleichbedeutend mit schwerer koerperlicher
+Misshandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann
+geheiratet hatte, erzaehlte mir, dass sie, um den Schwierigkeiten der
+Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhaengliche
+Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war.
+Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbuerste vor die Fuesse
+geworfen und erklaert, dass sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche
+entwuerdigende Zumutung noch laenger gestellt wuerde. An einer
+Frauenuniversitaet, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das
+einzige fuer maennliche Gaeste reservierte Zimmer zum Uebernachten angewiesen,
+in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur
+Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schoen poliertes
+Mahagonikaestchen, und als ich es neugierig oeffnete, fand ich darin ein
+komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof musste sich also auch hoechst
+eigenhaendig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversitaet
+natuerlich keinen oeffentlichen Wichsier gab. Dass gerade gegen die
+ehrenhafte Betaetigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht,
+ist um so merkwuerdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst
+durchaus nicht fuer unter seiner Wuerde haelt, seine Karriere als Inhaber
+eines Strassenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen
+Multimillionaere in diesem Geschaeft den Grundstock ihres Vermoegens legten!
+
+(M33)
+
+Deutsche Dienstmaedchen gibt es schon lange kaum mehr; die meisten der
+Damen, die so anfingen, fahren heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn
+wenn sie auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten und
+einigermassen nett anzusehen waren, wurden sie mit Wonne von besser
+situierten Landsleuten geheiratet. Auch die einstmals als Hausmaedchen
+besonders beliebten Irinnen trifft man heute hoechstens noch in sehr
+vornehmen Hotels in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer
+sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 7 $, also gegen 30
+Mk. pro Tag! Selbstverstaendlich denken seine Toechter nicht daran, in
+Dienst zu gehen, auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und
+gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwaertig sind Ungarinnen
+besonders gefragt, und wer eine solche dralle, hochgestiefelte Pusstadirne
+nicht erschwingen kann, der nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin
+oder dergleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen Aerger und der ewigen Angst,
+ob er morgen noch auf die Unterstuetzung seiner Perle zu rechnen oder
+abermals den Gang aufs Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner
+Konstitution nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfuehlig ist, um
+Menschen seinesgleichen, freie Mitbuerger in unwuerdiger Abhaengigkeit zu
+erhalten, der verzichtet ueberhaupt auf haeusliche Dienstboten. Und zu
+diesen vernuenftigen Leuten gehoeren fast alle Maenner, die das Glueck hatten,
+eine Frau zu erwischen, die von Kueche und Haushalt etwas versteht, und der
+eine rege Betaetigung im eignen Heim mehr Freude macht, als das fade
+Gesellschaftsleben und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnuegen zu
+Vergnuegen.
+
+(M34)
+
+An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine
+der reizenden laendlichen Universitaeten des Nordens eine meiner neuen
+Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein
+hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreissigern, der in einen
+hoechst eleganten Sealskinpelz gehuellt, einen glaenzend gebuegelten
+Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder
+Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zaehnen - einen eleganten
+Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse fuer seinen
+gluecklicherweise schlummernden Sproessling heuchelnd, begruesste ich den Herrn
+Professor. Er mochte mir wohl anmerken, dass mir begriffsstutzigen Europaeer
+seine vaeterliche Betaetigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und
+erklaerte mir aus freien Stuecken den Zusammenhang. "_Look here_", sagte er,
+"wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines
+Einkommen; wir koennen uns keine Dienstboten halten - ausserdem ziehen wir
+es vor, in unserer zaertlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und
+wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darueber zerbrechen, wie wir aus
+unserer Mary oder Jane die groesstmoegliche Arbeitsleistung herausziehen
+koennten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbuergerin zu nahe zu treten. Wir
+haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die
+groeblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die
+Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausraeumt und die Muellkasten vor
+die Tuer stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute frueh
+z. B. habe ich zunaechst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung
+geschuert und Kohlen nachgefuellt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine
+Frau nicht ganz wohl ist, und das Fruehstueck fuer uns beide hergerichtet.
+Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer
+Haustuer und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in
+einen Gentleman verwandelt. Da es darueber fuer die Kirche zu spaet geworden
+war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines
+vorlaeufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu
+verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Kueche, und wenn
+meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im
+Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbuechse gewaermt
+habe. Vor dem Schlafengehen schuette ich dann noch einmal im Keller Kohlen
+auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die
+Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren."
+
+"Sehr schoen," sagte ich in ehrlicher Anerkennung. "Aber das nimmt Ihnen
+doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun frueh morgens eine Vorlesung
+haben, was machen Sie dann?"
+
+"_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde frueher auf," lachte er vergnuegt,
+"und gehe abends eine Stunde frueher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich
+habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist,
+kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am
+Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten
+ueberhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch
+nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon
+einmal 50 Leute eingeladen gehabt."
+
+"Nicht moeglich! Wie haben Sie denn das angestellt?"
+
+"O, sehr einfach. Wir besitzen Service fuer 12 Personen, also waren wir 12
+Personen zum Lunch. Natuerlich haben wir kein Esszimmer, in dem 12 Personen
+bei Tische sitzen koennten, es musste sich also jeder setzen, wo er gerade
+Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein
+Besteck, und darauf wurden die Schuesseln, eine nach der anderen,
+herumgereicht - alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht
+es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natuerlich hatten wir dabei
+Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Maedchen, sondern zwei meiner Studentinnen;
+die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann
+die uebrigen 38 Personen - die wurden aber nur mit geistigen Genuessen
+traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen
+Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige
+Floetensolos. Ausserdem konnten wir sogar noch mit der beruehmtesten
+Schoenheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise
+befand, aufwarten!" - -
+
+Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernuenftigen
+Amerikaner von aehnlicher gesellschaftlicher Position und Vermoegenslage.
+Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversitaet zu einem intimen
+Diner geladen. Waehrend des Essens stiess mich meine Frau unter dem Tisch
+mit dem Fusse und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die
+bedienende Maid, die in ihrem weissen Kleid, mit dem weissen getollten
+Haeubchen auf dem ueppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswuerdigkeit
+darstellte. Wir drueckten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies
+durch warnendes Raeuspern abgelehnt wurde, auf Franzoesisch, dann auf
+Italienisch unsere Bewunderung fuer dieses nicht nur ungewoehnlich huebsche,
+sondern auch ungewoehnlich intelligent aussehende Hausmaedchen aus. Da aber
+fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schoene Blondine bekam
+einen roten Kopf und hastete in groesster Verlegenheit hinaus. Und nun wurde
+uns anvertraut, dass dieses reizende Servierfraeulein eine junge akademische
+Kollegin von Fraeulein Professor sei, naemlich - die Privatdozentin fuer
+Sanskrit!
+
+(M35)
+
+Das Merkwuerdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der
+Umstand sein, dass es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen fuer
+Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr huebsch sind, als vielmehr,
+dass in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die
+gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der
+liebenswuerdigsten Weise gegenseitig in ihren haeuslichen Schwierigkeiten
+aushelfen, waehrend gerade die untersten, auf koerperliche Arbeit
+angewiesenen Staende die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande
+anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch
+entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Ruecksicht wie die
+rohen Eier behandelt werden muessen, damit sie nicht gleich wieder
+fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei
+uns wohl ueberhaupt nicht geben duerfte, ziehen doch die Maedchen die
+unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und
+Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor.
+Gehorchen zu sollen ist eben fuer den Amerikaner die furchtbarste Zumutung,
+die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut noetig
+hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurueckgelegt hat, sucht er sich
+selbstaendig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes,
+der auf der Strasse Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft,
+fuehlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten
+haeuslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen
+hat. Es kommt noch dazu, dass dem Buerger der Neuen Welt nicht nur jedes
+Gefuehl fuer die Schoenheit und Wuerde des sich Einfuegens in ein
+patriarchalisches Abhaengigkeitsverhaeltnis von Herr und Knecht, von Meister
+und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu
+dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder fuer das einer bei uns
+erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drueben alle Spieler und
+Gluecksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade
+bietet, und treiben es nur so lange - _until a better job turns up_ -, bis
+sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drueben fuehlt sich
+einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in
+den weissen Anzug eines New Yorker Strassenkehrers stecken lassen muesste, so
+zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, dass er berufen sein
+koennte, uebers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in
+Oklahama zu sein und auf der Hoehe seines Lebens in den Senatspalast von
+Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem
+Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich
+nicht sicher, ob er nicht uebers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder
+Truthaehne en gros zuechtet. Daher kommt es, dass auf dem Gebiete der
+persoenlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine
+fachmaennische Tuechtigkeit und Zuverlaessigkeit existiert. In Madison
+(Wisconsin) liess ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch
+einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, dass der
+neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn
+eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkaeufer in einer
+geraeucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine
+Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff loeten lassen. Man schickte mich
+von Pontius zu Pilatus ueber fuenf Instanzen hinweg; endlich, in einer
+Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten
+und Hin- und Herreden ueber Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu
+ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach
+ein paar Minuten meinen Stock zurueck. Der aeusserst geschickte
+Silberarbeiter hatte das losgeloeste Monogramm allerdings mit dem Loetrohr
+befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und
+als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, musste ich die
+Entdeckung machen, dass das Monogramm endgueltig verloren war, nachdem es 14
+Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt
+sich eben in diesem grossen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit
+der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht
+gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwuerde so ueberaus hoch
+einschaetzt, dass er die Handarbeit und gar das persoenliche Dienstverhaeltnis
+verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das aeusserste
+an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu
+lassen und die unumgaenglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil
+die Dienstboten so rar, so teuer und so ueberaus bequem sind, lieben sie
+z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast
+ausschliesslich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar
+nicht schneiden kann, die dafuer aber auch durch einfaches Durchziehen
+durch heisses Wasser und Abtrocknen zu saeubern sind. Da es nun aber Messer
+mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverstaendlich auch
+keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Gefluegel macht man durch
+Zerreissen zwischen Gabel und Messer einigermassen mundgerecht. Im
+allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer
+breifoermigen Gestalt her, sodass sie nur einfach in den aufgesperrten
+Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel
+kostbare Zeit.
+
+Vorlaeufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen,
+suedeuropaeischen und westasiatischen Voelkerschaften statt. So lange diesen
+noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer
+Bedeutung als selbstherrliche Buerger der glorreichsten Republik der Welt
+nicht bewusst sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus
+angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmaedchen und dergl. her. Aber,
+wie gesagt, immer nur bis der bessere "Job" auftaucht, dann gesellen sie
+sich alsbald der stolzen Klasse der selbstaendigen Unternehmer zu. Wenn nun
+aber einmal das Land voll ist, so dass es seine Tore vor den Einwanderern
+zusperren muss - wer soll dann all die haeusliche und sonstige, niemals
+voellig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese
+kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew
+D. White, dem frueheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich
+seinen schoenen weissen Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt
+laechelnd zur Antwort: "Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten.
+Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder
+so. Warum sollen wir uns die Koepfe unserer Enkel zerbrechen?"
+
+(M36)
+
+Hm! allerdings - man hat schon Bronzemesser eingefuehrt und auf Braten
+verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein
+abends selber aufdecken muss, auch morgens selber machen; man kann auch
+seine Frau hinten zuknoepfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden,
+aber man kann schliesslich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen,
+Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gaenzlich und unter allen
+Umstaenden verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch
+wenigstens unter gewissen Verhaeltnissen die Hilfe von Leuten voraus, die
+nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu
+besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst
+einmal selbstaendige Unternehmer geworden sind?
+
+Ich muss gestehen, mein beschraenktes Europaeergehirn ist, so oft es ueber
+diese Frage nachgedacht hat, schliesslich immer wieder zu demselben Schluss
+gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die
+Sklaverei mindestens 100 Jahre zu frueh aufgehoben!_
+
+
+
+
+
+ DIE KOCHKUNST DER YANKEES.
+
+
+Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Koechinnen beschaeftigt habe,
+duerfte es angebracht sein, im Anschluss ein wenig in die amerikanische
+Kueche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, dass der Weg zum
+Herzen des Mannes durch den Magen fuehre, duerfte es noch sehr lange dauern,
+bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Maennerwelt einer
+auch nur annaehernd aehnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder
+die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten
+Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die grosse
+Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger
+Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern.
+Wie lange ist es denn ueberhaupt her, dass sich die Besiedler der neuen Welt
+des Segens sicherer behaglicher Haeuslichkeit erfreuen? Viele der jetzt
+ueppig bluehenden Grossstaedte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz
+wenige ueber ein Jahrhundert alt. Der wuesten Raubbau treibende
+angelsaechsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem
+Blockhause hauste, briet sich ueber dem offenen Feuer am Spiess seinen
+Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien
+irgend etwas zurecht, was einer geniessbaren Speise vielleicht entfernt
+aehnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung
+sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermassen vertrauen Frauen -
+unter den Britinnen sind sie nicht besonders haeufig - eine Maennerwelt vor,
+die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in
+neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende
+Abnehmer fuer alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch
+bewaehrte Meister der Kochkunst ueber den Ozean zu ziehen; aber die traten
+selbstverstaendlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten
+Restaurants und der Milliardaere ein und konnten folglich nicht fuer die
+breite Masse des maessig begueterten Buergertums erziehlich wirken. Die
+amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im
+Vergleich zu ihrer barbarischen Kueche natuerlich die Speisekarte der
+Kulturvoelker lauter ueberraschende Offenbarungen bietet.
+
+(M37)
+
+Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in
+Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Kueche. Das
+Haupterfordernis der Essbarkeit ist fuer den Yankee die Suesse. Alles, was suess
+ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz
+groesster Muehe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein
+Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen waere.
+So ist Suessigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf
+entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Fruehstueck geht der Genuss von
+Fruechten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge
+von Streuzucker mit dem Loeffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt:
+das Fruchtessen vor dem Fruehstueck ist die einzige nationale Speisesitte,
+die ich Europaeern zur Nachahmung empfehlen moechte. Die wundervoll saftige
+Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist hoechst erfrischend und
+bekoemmlich.) In einem ueppigeren Haushalt ist schon der Fruehstueckstisch
+reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak,
+Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art
+werden von den Maennern bevorzugt, waehrend die Frauen und Kinder eine grosse
+Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfuegung
+haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz:
+alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Gruetze,
+Graupen, Flocken, Faeden oder papierduennen Schnipfeln, roh, gekocht oder
+geroestet und werden groesstenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angeruehrt.
+Duenne Eierkuchen werden mit uebersuessen Fruchtsaeften uebergossen, und der
+Toast sowie die meist gleichfalls suessen Semmeln mit Fruchtgelees und
+Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe fuer den Genuss von Suessigkeiten von
+Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder
+oder auf die wohlhabenden Klassen beschraenkt, sondern sie ist ganz
+offenbar eine nationale Raserei.
+
+Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafes im Wienerischen Sinne. Als
+ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift
+"Coffeehouse" erblickte, stuermte ich begeistert in das Lokal. Es war eine
+grosse reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und
+Stuehle, nur den Waenden entlang zogen sich Holzbaenke, die durch
+Zwischenwaende in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen
+trennenden Seitenwaenden waren genuegend breite, rund geschnittene Bretter
+angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu koennen. Am
+Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die
+herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke
+vernickelte Samovars fuer Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen
+Kaffeehauses bestand aber ausschliesslich aus Droschkenkutschern,
+Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat
+das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anstaendig, und den ganz
+vorzueglichen und fuer New-Yorker Verhaeltnisse sehr billigen Schaum- und
+Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses
+robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermaeuliger Schuljungens zu.
+
+(M38)
+
+Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der
+hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene.
+Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von
+Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besaenftigt die ungebaerdigen
+Saeuglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er
+kehrt bei grossen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als
+Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpoenten Alkohol und bewirkt,
+dass die Amerikaner sich der besten Zahnaerzte der Welt erfreuen - denn das
+schroffe Durchsetzen siedheisser Suppen und gluehender Breie mit Eiswasser
+und Icecream koennen selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz
+springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umspuelten, schutzlosen
+Zaehne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat
+jedermann fortwaehrend den Zahnarzt noetig, und man braucht sich nicht zu
+wundern, Kanalausraeumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu
+sehen wie die koestlichste Maimorgenstunde.
+
+(M39)
+
+Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den
+Mangel an Dienstpersonal die Kueche und die Tafelgewohnheiten beeinflusst
+werden. Ich bemerkte, dass durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer
+zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewaeltigenden
+Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten,
+Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsruecken oder Schlegel so gut wie gar nicht
+auf den Tisch. Das nationale angelsaechsische blutruenstige Roastbeef,
+drueben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, muss man von
+der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn
+man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels
+der Gabel oder der Finger durch die Zaehne zu ziehen. Uebrigens sind diese
+Ochsenrippenstuecke neben den sehr ueppigen und teuren Rinds- und
+Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft
+zubereitet zu sein pflegt, waehrend Kalbskoteletten und Schnitzel meistens
+ungeniessbar sind. Als niedliches Kuriosum moechte ich erwaehnen, dass ich
+einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten
+bekam! Gefluegel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu
+unwahrscheinlichen Dimensionen herangezuechtet. Ich habe Hennen gesehen,
+die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das
+Fleisch dieser abnorm grossen Tiere ist dafuer auch wenig zart, und die
+Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das
+Brustfleisch; es wird beim Braten braun und muerbe, waehrend das weisse
+Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der
+Genuss selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, suessliche
+Mehltunke verkuemmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen
+Kuechenpersonals auf eine zu harte Probe stellen wuerde, so muss man sich,
+wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder
+Abendmahlzeit einschliesslich des Kompotts auf ein und denselben Teller
+packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang
+lebten, bestand die sonderbare Sitte, dass nach der Suppe warme Teller mit
+einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -laenge, verabfolgt
+wurden, selbstverstaendlich in einer seimig-suessen Sauce versteckt.
+(Uebrigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen
+Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den
+Fluss- und Suessseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt,
+beziehungsweise misstrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der
+ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten
+verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten,
+Rouladen und dergleichen aehnlich, in irgendeiner mehlweissen oder
+kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu
+verschiedene Gemuese, unter denen gruene Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl
+die geniessbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale
+im ganzen gebacken - man bricht sie auf und schaelt sie mit dem Teeloeffel
+heraus; recht empfehlenswert - oder als Brei, oder klossartig, oder
+gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_,
+Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst
+warnen moechte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und
+schmecken leider auch so aehnlich.
+
+All diese Genussmittel, noch um diverse eingekochte Fruechte vermehrt,
+arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller,
+und man kann von Glueck sagen, wenn einem die Graeten nicht in die gruenen
+Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehoehlte Kartoffelpelle und die
+Huehnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es
+ueberhaupt nicht. Der Ersatz dafuer, und ueberhaupt das einzige einheimische
+Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drueben
+aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint - moeglicherweise wird es aber
+auch aus Abfaellen der Schuhfabrikation kuenstlich hergestellt. Alles uebrige
+Wild haben die begeisterten Freischuetzen in den kultivierteren Staaten
+schon laengst abgeschossen - bis auf die Ratten und die Klapperschlangen.
+Hat man die essbaren Bestandteile der wuesten Speisenaufhaeufung auf seinem
+Universalteller herausgefuttert, so bilden die Ueberbleibsel ein aesthetisch
+reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner
+Bestand jedes amerikanischen Menues sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf
+dem einfachsten buergerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer
+Schuessel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen
+Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, dass noch kein
+Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie
+des amerikanischen Kochkuenstlers orgiastische Triumphe.
+
+(M40)
+
+Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch
+einem amerikanischen Salat zu finden waere. Den Grundstock bilden ein bis
+drei grosse gruene Blaetter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu
+entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und Oel geschuettet
+und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder kuehner Aufbau von allem
+moeglichen und unmoeglichen Suessem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem,
+Weichem, Fluessigem, Geniessbarem und Ungeniessbarem vollzogen. In einem
+feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel
+zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit
+ausserordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein
+und der Zunge nach ungefaehr folgendermassen analysieren moechte: zwei
+Blaetter Salat mit je fuenf Tropfen Essig und Oel, darauf eine Scheibe
+frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weisses Huehnerfleisch,
+einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein
+Klecks Butter, mit Streuzucker durchgeruehrt, ein Teeloeffel
+Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf.
+Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt - wie mein Freund,
+der Rechtsanwalt in Landau, sagen wuerde - wie Oel und Werg! Diese
+kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen
+Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder
+gebildeten Familien ist man natuerlich weniger waehlerisch und verwendet zur
+Salatbereitung die naechstliegenden Gegenstaende, also in erster Reihe die
+mehr oder minder traurigen Ueberreste frueherer Mahlzeiten, soweit sie
+essbaren Naturprodukten einigermassen noch aehnlich sehen. Fehlt es aber zum
+Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein
+geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstoecke drueben ausser
+Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken
+stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trueffel taeuschend ersetzen,
+zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem
+Zucker kandiert werden. Salat von Fischgraeten, Kalmus und Bananen, mit
+roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein;
+ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders
+anregenden Mahlzeit - ertraeumt!
+
+Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht,
+wird regelmaessig ein derbes Stueck Kaese beigefuegt; zu welchem Zwecke, weiss
+ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte
+ich den Kaese instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn fuer ein Stueck
+Radiergummi, den ich in meinem Geschaeft immer brauchen kann. Befindet sich
+Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich,
+fuelle auch womoeglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in
+Amerika von ganz vorzueglicher Qualitaet - und man weiss ja nie, wie's kommen
+mag! Was meine Person betrifft, so muss ich gestehen, dass ich mich waehrend
+der ganzen Boardinghouse-Periode kuemmerlich von Austern und Hummern
+genaehrt habe, denn die sind von unvergleichlicher Guete, Groesse und
+Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das
+man - neben Stiefeln - als billig bezeichnen kann. Europaeer von noch nicht
+genuegend fortgeschrittener Perversitaet moechte ich jedoch vor den _Clams_
+warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter
+Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verfuehren
+koennte.
+
+Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind uebrigens sehr selten,
+und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europaeischen Geniessers.
+Im vornehmsten Hotel in Buffalo "Zum Irokesen" sollte ich zum erstenmal
+die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon
+in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen
+halben Meter hohes, zylindrisches Silbergeraet mit einer oben
+herausragenden, durch einen derben Querbalken betaetigten Schraube. Ein
+einsamer Speiser liess sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung
+sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war
+dieser wuchtige Geselle mit dem roemischen Imperatorenkopf ein Geniesser
+hoeherer Grade. Nach laengerer Zeit brachte man eine grosse verdeckte
+silberne Schuessel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei
+Kellner trugen dann jenen raetselhaften schweren Silbergegenstand herbei
+und schraubten dessen obere Haelfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit
+feierlicher Miene den Deckel der Silberschuessel auf und spiesste von den
+beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Voegeln (Enten waren es
+meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Muehe in jenen Zylinder
+hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit
+Anstrengung beider Haende betaetigt wurde. Aus einer Ausflussoeffnung am Boden
+des Gefaesses rann dickes, schwaerzliches Blut in eine vorgehaltene Schale.
+Dieses Blut wurde mit allerlei Gewuerzen angeruehrt und schliesslich als
+Sauce ueber den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische
+Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere
+mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern waere es weiter
+nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit
+Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu spuelen pflegt.
+
+(M41)
+
+Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und
+Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeekueche gewoehnlichen
+Schlages nicht zu befreunden vermag, faehrt am besten, wenn er sich in
+eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehaeuser
+begibt, die seine heimische Kueche pflegen. Man kann in dem teuren New
+York, und wohl auch in den meisten der ganz grossen Staedte, franzoesisch,
+deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und
+koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen,
+in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York
+wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants
+ebenso schmerzlich wie Wiener Cafes vermisst. Ich meine, hier waere noch
+eine Kulturmission fuer die Einwanderer der oesterreichischen Kronlaender zu
+erfuellen. Wenn ich drueben irgendwo ein Stueck Rindfleisch mit Beilage, wie
+bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen haette, ich haette es knieend
+verzehrt und hernach stehend die oesterreichische Nationalhymne gesungen.
+Und die Einfuehrung des Berliner Systems Kempinski, naemlich eine grosse
+Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualitaet zu einem sehr billigen
+Einheitspreis zu geben, koennte eine Revolution des Ernaehrungswesens drueben
+hervorbringen. Bis dahin muss der deutsche andachtsvolle Geniesser mit
+heisser Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drueben
+fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen
+Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen.
+
+(M42)
+
+Beim richtigen Yankee scheinen es uebrigens nicht die Geschmackswarzen zu
+sein, welche ihm den Genuss beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die
+Kinnbacken und die Speicheldruesen. Das Kauen und das Schlucken an sich
+macht diese einfachen Naturkinder gluecklich. Wer zum erstenmal nach den
+Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darueber wundern, hier
+einem Volke von Wiederkaeuern zu begegnen. In der Strassenbahn, in den
+Geschaeften, in den Vergnuegungslokalen wie auf der Strasse sind die
+Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein
+Widerschein von Zufriedenheit ueberstrahlt von dieser Kinnbackenbetaetigung
+aus die Gesichter. Junge huebsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum
+Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschaeft zurueckkehren. Die Soldaten
+kauen beim Exerzieren; sie wuerden sicher auch kauend ihre Schlachten
+schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er
+seine Liebeserklaerung macht, und seine Erwaehlte erwidert erroetend: "Mum
+mum mum - tschap tschap, sprechen Sie mit Mama." Und der gewaltige, 125
+Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim
+Kragen mit dem Ausruf: "Dscham dscham - ich verhafte Sie - mum mum - im
+Namen des Gesetzes!" Ein Stueckchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_)
+zwischen die Backzaehne geschoben, beglueckt alle diese Leute wie den
+Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Taeuschung ein, in
+der besten aller Welten zu leben. Waere Cartesius als Yankee zur Welt
+gekommen, er haette sicher sein beruehmtes "cogito ergo sum" abgewandelt in:
+"Ich kaue, folglich bin ich."
+
+
+
+
+
+ KUeNSTLERISCHE KULTUR.
+
+
+Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue
+Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen
+Schoenheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse
+imponiert, was viel gekostet hat, das muss nach den Begriffen des
+Durchschnittsamerikaners auch schoen sein.
+
+(M43)
+
+Es ist mir als hoechst bezeichnend aufgefallen, dass selbst hochgebildete
+Leute enttaeuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal
+durch New York gefuehrt wird, sich weder durch die beruehmten Wolkenkratzer,
+noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an oeffentlichen
+Prachtbauten, noch etwa durch die glaenzende elektrische Lichtreklame fuer
+aesthetisch besiegt erklaert. Allerdings vermoegen diese himmelhohen Kasten
+mit den unzaehligen Fensterloechern unter Umstaenden schoen zu wirken. Wenn
+man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der
+Daemmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so koennen sie einen
+traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen
+Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie
+vornehmlich das Gebaeude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft,
+sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack
+wird die ideale Schoenheit der neuen Staatsbibliothek in weissem Marmor oder
+die Genialitaet des neuen Empfangsgebaeudes der Pennsylvaniabahn bestreiten.
+Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur
+als mechanische Kunststuecke, sondern auch als witzige Erfindungen und
+farbiger Augenschmaus hoechst amuesant. Aber all diese Schoenheit, Groesse und
+kuenstlerisch idealisierte Zweckmaessigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan
+organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter
+Banalitaet und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es,
+die in weitaus den meisten Faellen die Wirkung der Schoenheit des einzelnen
+zerstoert. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die
+geographische Lage bedingten ueberaus vernuenftigen und klaren Plane
+angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schoenheitsfeindlichkeit
+der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der
+kuenstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Palaeste stehen neben oeden
+Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken;
+entzueckende, gruenbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt
+zwischen Metzger- und Gruenkramlaeden, oeffentliche Gebaeude von edlen
+Proportionen und mit praechtigen Fassaden neben wuesten Kasten fuer Bureau-
+und Werkstattzwecke, an deren Strassenfronten scheussliche rotgestrichene
+Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen.
+
+Selbst in der Fuenften Avenue, der Strasse der prunkvollsten Laeden und der
+Residenz der Milliardaere, finden sich noch genug solcher barbarischen
+Scheusslichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die
+Nebenstrassen, wo die kleinen Einfamilienhaeuser stehen, zeigen selbst in
+den besseren Gegenden ein hoechst langweiliges Einerlei. Auch die
+nuechternsten modernen Staedte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe,
+fallen den amerikanischen gegenueber immerhin noch angenehm auf durch ihre
+strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, waehrend die enorm reiche
+Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anstaendige Pflasterung
+und Strassenreinigung durchzufuehren vermochte. Der Fahrdamm der Fuenften
+Avenue besteht aus Loechern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein
+Stueck Asphalt liegen geblieben ist. Oberflaechliche Reparaturen werden in
+der Weise ausgefuehrt, dass man mitten auf der Strasse zur Freude der
+Gassenbuben in diesen Loechern Feuer anzuendet; dann schmilzt der Asphalt
+ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Raender. Wem der
+Arzt eine Vibrationsmassage gegen Traegheit der Unterleibsorgane verordnet
+hat, der braucht nur auf dieser Fuenften Avenue - oder besser noch auf den
+gepflasterten Hauptstrassen des nordoestlichen Teiles von Philadelphia -
+eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei
+der Zirbeldruese und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.
+
+Es ist merkwuerdig, dass derselbe Amerikaner, den das wueste Durcheinander in
+der Aussenseite seiner Staedte so wenig zu genieren scheint, doch fast
+durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und
+Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist fuer die Herrenkleidung England,
+fuer die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster
+werden doch fuer den amerikanischen Geschmack einigermassen abgeaendert, und
+was dabei herauskommt, ist meist zweckmaessig und apart. In der
+Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee ausserordentlich konservativ, und
+der Kolonialstil ist immer noch massgebend. Das moderne deutsche
+Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluss ausgeuebt; dafuer sieht man auch
+nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos
+zusammengewuerfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurueckgebliebenen
+deutschen Spiessbuergers. Man haelt zaeh fest an der guten englischen
+Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnraeume
+als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben,
+die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.
+
+(M44)
+
+Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe fuer Schaukelstuehle. Ich habe
+Zimmer angetroffen, in denen ueberhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen
+vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu
+gehoerte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnueren oder seinen Koffer zu
+packen; denn wenn man seinen Fuss auf solch ein ungemein niedriges Moebel
+setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so dass
+man also auf einem Bein dem fluechtigen Stuhl nachhuepfen muss, bis er an der
+Wand einen Stuetzpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen
+aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener
+Rockingchairs und beginnt vergnuegt das Packgeschaeft. Sobald der sich
+fuellende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze ueberschreitet, neigen sich die
+stuetzenden Stuehle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen
+den Lehnen durch; es ist sehr amuesant, unter solchen Umstaenden seinen
+Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit
+einladend aussehenden Sitzmoebeln gemacht, die nicht nur vor- und
+rueckwaerts, sondern auch seitwaerts schaukelten. Auf diesen heimtueckischen
+Mokierstuehlen kann man sich ebenso famos fuer das Kamelreiten trainieren,
+wie auf den einfachen Rockers fuer die Seefahrt. Vermutlich haben die immer
+praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge.
+
+So nett und gemuetlich nun auch eine solche amerikanische
+Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen
+Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben ueberall dieselbe
+ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common
+__Wealth Avenue_ in Boston hinunter - nebenbei bemerkt eine der schoensten
+Strassen, die mir ueberhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich
+hier nur vornehme Familienhaeuser, die als besondere Eigentuemlichkeit grosse
+Spiegelscheiben im Erdgeschoss aufweisen. Man kann also von der Strasse aus
+in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schoenen
+schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der
+Strasse abschloss, der praechtigen Tueren und anderer reizvoller Einzelheiten.
+Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: "Was wollen
+Sie wetten? Unter den zwoelf naechsten Haeusern von hier aus finden wir
+mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere
+Einrichtung konstatieren koennen." Und richtig, so war es auch. Aber nicht
+nur in sechs, sondern in neun von diesen Haeusern stand ueberall in
+derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Saeule mit demselben Blumenkuebel
+darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand
+befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit
+den Portraets der Eltern oder Grosseltern darueber usw. usw. Immerhin kann
+man sich diese ermuedende Uniformitaet gefallen lassen, da sie doch
+wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbuergt.
+Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den
+Palaesten ungebuehrlich rasch reich gewordener Emporkoemmlinge - gerade wie
+bei uns.
+
+(M45)
+
+Merkwuerdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner
+Vergnuegungen und kuenstlerischen Betaetigungen doch noch recht unkultiviert
+zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und
+hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der
+Photographie, im Buchgewerbe. Waehrend die amerikanischen Museen zum
+weitaus groessten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverstaendnis ihrer
+freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch
+und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Kuenstler
+einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden
+Entwicklung der Plastik kann selbstverstaendlich in einem Lande, das die
+Scheu vor der Nacktheit in der Kunst laengst noch nicht ueberwunden hat,
+keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, dass auf der Weltausstellung in
+Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkoerper als
+Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem
+voellig neuen Anblick dermassen gefangen, dass er ueberhaupt fuer nichts
+anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen
+starr in die Hoehe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei
+kopfschuettelnd vor sich hinseufzte: "_Oh good Lord, what tits, what
+tits!_"
+
+Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich
+in der Oeffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der
+Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn
+ausser etlichen anstaendigen Portraetstatuen, naturalistischen Kriegergruppen
+und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten
+nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persoenlich
+in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania):
+auf einer sehr hohen schlanken Saeule ein moderner Militaertrompeter; und im
+Schalltrichter seines Instrumentes ergluehte nachts eine elektrische Birne!
+
+(M46)
+
+Allerdings haben die amerikanischen Kuenstler ihre Techniken vom Auslande
+gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden
+Kuensten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis
+jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige
+musikalische Spezialitaet, die sich zurzeit als echt amerikanisch
+ansprechen laesst, naemlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_
+(eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus fuer Taenze und derbe
+Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurueckzufuehren.
+Es laesst sich aber nicht leugnen, dass fuer gute Musik heute schon ein recht
+grosses und verstaendnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, dass
+an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hoerers erst seit wenigen
+Jahrzehnten von europaeischen Kuenstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es
+doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, dass man heute schon den
+"Parsival" vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhoererschaft geben kann,
+und dass Konzertprogramme, die ausschliesslich aus Beethoven, Brahms, Hugo
+Wolf und aehnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, grosse Scharen anziehen
+und begeistern. Allerdings finden bei einer grossen Masse selbst der
+hoeheren Schichten auch stillose Programme, in denen aergste Banalitaeten mit
+echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall - aber koennen wir das
+in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, dass
+bei uns kein Kuenstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen wuerde,
+dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir
+Deutschen duerfen uns ruehmen, auf musikalischem Gebiet uns die
+Meistbeguenstigung fuer unseren Import von Kunstwerken, Kuenstlern und
+Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen
+Musikanten aber auch arbeiten muessen, in welchen harten steinigen Boden
+haben sie oft ihre Pflugschar druecken muessen, um ueberhaupt erst den Boden
+fuer ihre Saat zu bereiten.
+
+Ich habe in der Person des Saengers Max Friedrich einen solchen Veteranen
+von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20-30 Jahren
+hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den
+lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Loewe
+und Franz vorzusingen, da gaehnte und hoehnte man ihn aus. Aber er liess
+nicht locker, er liess sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von
+seiner heiligen Ueberzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen
+seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Kuenstler mit
+einem vornehmen Programm sich ueberall in der ganzen Union hoeren lassen
+kann, ohne fuerchten zu muessen, von entruesteten Cowboys mit dem Schiesseisen
+vom Podium gejagt zu werden.
+
+Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spaerlich aus
+amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthaeusler und Abenteurer in der
+Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgervaeter haben
+irgendwelche Keime zur kuenstlerischen Entwicklung mit heruebergebracht. Und
+bis die grossen Kriege durchgekaempft, die Naturschaetze erschlossen, das
+ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht
+worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu
+tun, um Musse zu kuenstlerischer Betaetigung zu finden. Gegenwaertig ist diese
+Musse freilich schon fuer viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch
+keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches
+Beduerfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als
+Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Hoechstgebildeten
+aufgegangen, die grosse Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmueckenden
+Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich
+alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und geduengten
+Kulturlandes. Sie wurzelt in der fruehesten Vergangenheit der Voelker, in
+deren untersten Schichten, und ihr Wachstum staerkte sich an den Hemmungen,
+die sie zu ueberwinden hatte. Ausserdem kann Kunst unmoeglich von einem Volke
+hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische
+Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Kuenstler ist ein geborener
+Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und
+Philistern, eine hochmuetige Scheidewand errichtet.
+
+Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem
+Instinkt des Kuenstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betaetigung
+schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre
+Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten
+Zeiten koenigliche Saenger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine
+historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo
+immer gegenwaertige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt
+fertig uebernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst
+vernuenftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als
+Abkoemmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverstaendlich eine
+angeborene Vorliebe fuer die englische Kunst und werden die von dort
+empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen
+Einwanderer sich instinktmaessig an die deutschen Vorbilder klammern werden.
+Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natuerlich ihren
+Einfluss auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt
+auf die Architektur einen bestimmenden Einfluss ausueben. Darum ist es
+selbstverstaendlich, dass in diesen beiden Kuensten zunaechst eigenartige
+Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwaertig schon vorhanden sind.
+Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt,
+auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten
+mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, dass allein schon aus
+diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne
+weiteres begreifen laesst. Das schliesst natuerlich nicht aus, dass geborene
+Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen
+koennen, deren auslaendische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben
+und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die
+Voelkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehoert und eine wirkliche
+chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden
+haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln,
+aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst
+hervorgehen muesste.
+
+(M47)
+
+Wie die Dinge heute noch liegen, waere aber beispielsweise ein jugendlicher
+Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben moechte, das Hungerleiderdasein
+eines deutschen oder franzoesischen Poeten zu fuehren, eine undenkbare
+komische Figur. Der poetisch begabte Juengling faengt drueben mit der
+Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden
+Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben
+mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider
+den Geschmack der Zeit und der grossen Masse aufzulehnen. Auch wenn er
+Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht
+ruecksichtslos damit erschrecken, sondern es allmaehlich vorzubereiten
+suchen. Die Beschaeftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen
+Dingen ist eben drueben ein vornehmer Zeitvertreib fuer Ausnahmemenschen,
+besonders also fuer solche, die keine Sorge um das taegliche Brot mehr
+drueckt. Man setzt auch voraus, dass der Mann, der einen Beruf aus dem
+Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei,
+also ein gut angezogenes Mitglied der auserwaehlten Gesellschaft mit
+normalen Manieren und auch einigermassen normalen Gesinnungen. Es ist
+bezeichnend, dass der Name _Bohemiens_, der fuer Kuenstler- und
+Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht
+wohlhabender Maenner gewaehlt wird, die es sich leisten koennen, ihre
+festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts
+als franzoesischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon
+deshalb drueben unmoeglich gedeihen, weil es keine Kaffeehaeuser gibt. Es
+kommt vorlaeufig auch noch selten vor, dass kuenstlerische, besonders
+literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in
+denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist.
+In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler
+und Tapezierer ist - Hugo Bertsch heisst er - aber der schreibt Deutsch und
+ist aus Reichelsheim i. O. gebuertig.
+
+Bemerkenswert ist, dass einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit
+begonnen haben, sich von der herrschenden Pruederie und Konvention
+freizumachen und die amerikanische Buehne fuer moderne Probleme zu erobern,
+naemlich der anderwaerts von mir schon erwaehnte Walter von unten
+heraufgekommen ist, gehoerig gehungert und im Zentralpark gepennt hat,
+bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack
+London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Faerbung
+auszeichnet, hat als Goldgraeber angefangen, obwohl er eine gute
+wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn
+gleichfalls als Goldgraeber und betaetigte sich nacheinander als Lehrer,
+Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch
+Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem
+Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber
+wegen schlechter Auffuehrung von der Universitaet und der Militaerakademie
+relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem beruehmten
+Dichter entwickelte. Walt Whitman, urspruenglich gleichfalls Buchdrucker,
+gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig
+Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus hoeheren Kreisen und
+erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betaetigte sich zunaechst
+als Rechtsanwalt.
+
+(M48)
+
+Es scheint also, dass auch im neuen Lande das alte Gesetz, dass die
+kuenstlerischen Kraefte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem
+Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glueckliche Bewohner so gern
+alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schoepfungswerk, haben
+natuerlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die
+vernuenftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgaengige Ware zu
+liefern, und marktgaengig ist, was dem Unterhaltungs- und
+Sensationsbeduerfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika,
+folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschaeft zu
+machen fuer diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen.
+Dieser Geschmack heisst aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im
+Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei
+den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es muessen daher auch
+ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das
+Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf
+strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein.
+Sicherlich wuerde die Entwicklung des kuenstlerischen Geschmacks bei dem
+amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder aengstlich noch
+begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die
+Tagespresse die mehr als kindliche Oberflaechlichkeit des Urteils in
+unverantwortlicher Weise naehrte. Aber das ist ein Kapital fuer sich.
+
+
+
+
+
+ VOM THEATER IM YANKEELANDE.
+
+
+Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die
+Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten heruebergenommen,
+nur dass die Qualitaet ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl
+noch um einiges hinter den besten englischen zurueckbleibt, was bei dem
+Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hueben wie
+drueben ist fuer das Drama hohen Stiles kein grosses Publikum vorhanden, und
+darum suchen Buehnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die
+grosse Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und
+Massenentfaltung anzulocken. Fuer das moderne Gesellschaftsdrama und das
+feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders haeufig
+vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge - mit
+verschwindend wenigen Ausnahmen - vom Konventionellen zum Individuellen
+aufgerueckt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten
+Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten fuer das
+Rollenfach, in welches aeussere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie
+verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein
+Stueck laeuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist
+wohl allgemein bekannt, dass man drueben Theater mit wechselndem Repertoir
+bisher noch nicht kennt. Fuer jedes neue Stueck wird eine Truppe
+zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert
+die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzuloesen, sobald seine Zugkraft
+erschoepft ist. Wer also drueben die Schauspielerei zum Beruf erwaehlt, der
+muss schon ueber recht betraechtliche Reserven an Koerper- und Geisteskraft
+verfuegen, wenn er nicht der sicheren Verbloedung und der unheilbaren
+Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten
+ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach kuenstlerischen
+Grundsaetzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von
+einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gruendung des _New
+Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschraenkte
+Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tuechtiger
+Schauspieler zur Verfuegung stand, auch die Leitung in keineswegs
+ungeschickten Haenden lag. Ich habe in diesem Theater eine Auffuehrung von
+Maeterlinks "Der blaue Vogel" gesehen, die in bezug auf die
+darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf kuenstlerische
+Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch
+gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten
+Spielzeit als vorlaeufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gruende fuer
+dieses seltsame Fiasko ins Feld gefuehrt; mir scheint der erheblichste und
+zugleich auch betrueblichste der zu sein, dass fuer das Schauspiel die Anzahl
+der kuenstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein
+solches Unternehmen geschaeftlich halten zu koennen. Man ist es einfach noch
+nicht gewoehnt in jenen Gesellschaftskreisen, die fuer den Besuch eines den
+Anspruechen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen,
+taeglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womoeglich gar wegen einer
+Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in
+seinen haeuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stoeren zu
+lassen. Wenn es die grosse Oper gilt, nimmt man freilich alle moeglichen
+Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die grosse Oper, die
+_muss_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Saenger nicht alle Tage
+grosse Partien singen koennen; und ausserdem gehoert die grosse Oper auch mehr
+zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen
+Opfer bringen muss, als zu den blossen kuenstlerischen Unterhaltungen. Ein
+vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir wuerde ohne Zweifel
+ebensogut moeglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan
+Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Grosswuerdentraegern der
+demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ waere, auch in diesem
+Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu
+treffen. Bis dahin aber und bis ein maechtig aufbluehendes nationales Drama
+des Yankeetums nach einer nationalen Buehne schreit, wird noch viel Wasser
+den Hudson hinunterlaufen.
+
+(M49)
+
+Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als
+mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem
+es vorlaeufig ganz gleichgueltig sein kann, ob ihm einheimische Kraefte als
+Komponisten und als Saenger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren
+Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken.
+Im uebrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld
+zur Verfuegung ist, vorausgesetzt dass die Leitung nicht gaenzlich unfaehig
+ist. Mit dem noetigen Geld kann man sich nicht nur die besten Saenger und
+Saengerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und
+Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die
+_Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, waere es
+moeglich, ein genuegend zahlreiches Personal von Saengern und Saengerinnen,
+darunter die beruehmtesten Kuenstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um
+damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die
+franzoesischen franzoesisch und die italienischen italienisch darzustellen?!
+Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise fuer unsere
+Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch
+durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt
+wird. Es ist also selbstverstaendlich, dass keine Opernbuehne Europas an
+Grossartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es
+versteht sich also auch ganz von selbst, dass man in diesem Theater
+Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an aeusserem Glanz, sondern auch
+an echter kuenstlerischer Qualitaet alles uebertreffen, was selbst Wien,
+Berlin, Muenchen, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten
+vermoegen. Andererseits treten aber freilich auch die grossen Gefahren
+dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines
+hingebenden kuenstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und
+Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der
+leitenden Kraefte ein Missgriff erfolgt ist oder diese Kraefte die Lust
+verlieren, fuer das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu
+tun. Aber schliesslich wird ueberall mit Wasser gekocht, und eine
+ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter
+Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls
+ungerecht und toericht von uns Europaeern, die glaenzenden Veranstaltungen
+der Metropolitan-Oper geringschaetzig als eitel Blendwerk abzutun. Die
+Herren Milliardaere bekommen fuer ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst
+geliefert.
+
+(M50)
+
+Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komoedienspiel erlebt
+habe, fand ich in einem der fuenf jiddischen Theater an der Bowery, dem New
+Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu
+Tausenden beieinander hocken. "_The Miners_" (die Bergleute) hiess das
+Theater, unansehnlich von aussen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen
+veraltet von innen. Es wird nur zwei, hoechstens dreimal die Woche gespielt
+an diesen kleinen Dialektbuehnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das
+Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die
+besseren Leute im ersten Rang, die grossen Glaubensgenossen, die schon ihr
+Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter
+und kleinen Gewerbetreibenden, aermlich und schaebig anzuschauen, mit
+steifen kleinen Hueten oder schmutzigen russischen Muetzen auf dem Kopf. Sie
+sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge,
+_David Kessler_, zu sehen, der zugleich der kuenstlerische und geschaeftliche
+Leiter des Unternehmens ist. Das Stueck hiess: "Jankel, der Schmied", von
+_David Pinsky_, einem juedischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt
+durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der
+juedischen Kleinbuerger in Russland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stueck
+Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Buehne
+seit Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" kaum mehr dagewesen ist. Und diese
+heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere
+mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schoenheit, Licht und
+Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes
+Geschnatter vollfuehren, dass einem die Ohren gellen, sie lauschen
+andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre
+nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen
+Einblick in unsaeglich traurige Familienverhaeltnisse und widrige
+Menschenseelen, sie nehmen all dies Haessliche mit gelassenem Ernst hin und
+begruessen die derben Spaesse oder auch die wenigen idyllisch gemuetvollen
+Lichtblicke in dieser trostlosen Oede mit dankbarem Gelaechter und
+begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen
+Kunst auch fuer den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls
+wuerdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des
+Dichters die wirklich vollendete Leistung saemtlicher Darsteller; denn
+nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Kessler, ist ein
+wirklich grosser Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter
+geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler
+und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen,
+als ob sie einfach sich selber ohne jede Ruecksicht auf die Optik der Buehne
+und die Sinne der Zuschauer darzustellen haetten. Im Zwischenakt machte ich
+die Bekanntschaft David Kesslers und war nicht wenig erstaunt aus seinem
+Munde zu hoeren, dass ausser ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner
+Truppe vorhanden seien, sondern dass er sich die Leute von ueberallher
+zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzuegliche
+komische Episodenspieler handelt tagsueber mit alten Hosen, diese schlichte
+sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemuetstoene findet, ist
+vielleicht Dienstmaedchen in einer besseren juedischen Familie, und diese
+ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel
+auf ihrem ehrwuerdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzaehlt uns mit
+stolz aufleuchtenden Augen, dass sie mit ihrer Haende Arbeit ihren einzigen
+Sohn so weit gebracht habe, dass er nun schon als Advokat in dem fremden
+Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glaenzenden Zukunft
+entgegengehe. Am Schluss des Stueckes bricht ein tobender Beifall los, der
+sich sonderbarerweise ausser in Klatschen und wildem Trampeln auch in
+gellenden Pfiffen aeussert, und sobald David Kessler auf der Buehne erscheint,
+rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: "_Speech, speech!_" Der derbe
+vierschroetige Gesell steht unschluessig mit niedergeschlagenen Augen da,
+und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber
+zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da
+macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm
+in der Richtung, von wo der Ruf kam. "Wer Musik haben will," ruft er in
+kaum unterdrueckter Entruestung, "der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist
+nicht der Ort fuer trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische
+Kunst mit heissem Bemuehen fuer unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit
+einer Reihe von Jahren und tue mein Aeusserstes, um euch, meinen armen
+Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr
+sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt fuer Schritt habe ich
+versucht, euch zum Kunstbeduerfnis und Kunstverstaendnis zu erziehen, mit
+dem Einfachsten und Verstaendlichsten habe ich angefangen, um euch
+vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und
+jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!"
+
+(M51)
+
+Es duerfte selbst fuer den abendlaendischen Juden schwer sein, das
+russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hoert sich allmaehlich
+hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu
+folgen, und so glaube ich, dass ich auch den Gedankengang dieser aus echter
+Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe.
+Ganz still und beschaemt sassen die Zuschauer da, und die juengeren Leute
+besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den
+das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht
+seines Volkes nach Kunst, nach taetiger Beteiligung an den hoeheren
+Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die grossen Erfolge
+hin, die juedische Dramatiker, juedische Darsteller vornehmlich auf der
+deutschen Buehne gefunden haetten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max
+Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel
+hervorgezogen und zahlreichen anderen juedischen Kuenstlern Gelegenheit
+gegeben habe, ihre grosse Begabung von dem anspruchsvollsten und
+kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen
+ersten grossen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit
+seinen besten Kraeften immer eifriger an der Aufwaertsentwicklung der
+modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden
+und verliess unter donnernden Cheers die Buehne.
+
+Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glueck
+herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller
+Kulturen verschlagenen Orientalen, fuer ein starkes Talent zur
+Menschendarstellung, d. h. also zur kuenstlerischen Selbstentaeusserung
+besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, dass in allen Kulturlaendern
+gerade das Theater von Angehoerigen dieser Rasse ueberschwemmt wird.
+Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkraefte;
+denn es gibt genug juedische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte
+des Glueckes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner
+Begeisterung fuer die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse
+eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem
+stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Raetselraten und in raschen
+Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie fuer die Juristerei
+besonders geeignet erscheinen laesst und ihren Handelsunternehmungen und
+Geldspekulationen so oft einen kuehn-fantastischen Anstrich verleiht, so
+mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der
+jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemuet dieses Volkes lastete, die
+naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert
+haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des kuenstlerischen
+Selbstbetruges ueber das gedrueckte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und
+im Rampenlichte Koenige, Helden und glueckliche Liebhaber vorzustellen. Es
+ist ueberhaupt charakteristisch, dass gerade diejenigen Voelker, deren
+Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von
+der Sympathie der dort herrschenden Rassen gestuetzt fuehlen, am eifrigsten
+und mit dem groessten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden
+sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco
+stehende Buehnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an
+der grossen Oper ihre nationale Kunst glaenzend vertreten, aber auch sie
+werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehoerigen
+der verschiedenen slawischen Volksstaemme eifrig Liebhabertheater spielen.
+Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen.
+
+(M52)
+
+Aber seltsam muss es uns Deutsche beruehren, dass dies ungeheure Neuland, als
+welches Deutschland es in musikalischer Beziehung ueberhaupt erst urbar
+gemacht und vollstaendig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der
+grossen Oper und eines bluehenden Konzertlebens glaenzend aufgegangen ist,
+doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu
+erhalten vermag. Wenn man bedenkt, dass der herrschenden Yankeerasse mit
+ihren 20 400 000 Koepfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung
+gegenueberstehen, dass New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher
+Abstammung nach die zweitgroesste deutsche Stadt der Welt ist, so muss man
+sich bass verwundern, dass die wenigen stehenden deutschen Buehnen in den
+Vereinigten Staaten nicht nur kuenstlerisch immer mehr zurueckgehen, sondern
+auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kaempfen haben. Bei laengerem
+Hinschauen und ruhiger Ueberlegung wird diese traurige Tatsache allerdings
+verstaendlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos
+das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten
+Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu
+bedenken, dass die weitaus ueberwiegende Zahl der Einwanderer den wenig
+gebildeten Staenden entstammt, bei denen naturgemaess von einem starken
+Pflichtbewusstsein als deutsche Kulturtraeger nicht die Rede sein kann. Wenn
+nun schon die Vaeter der fremden Sprache und damit der fremden
+kuenstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so
+wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall
+sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befaehigte Geniesser und
+berufene Foerderer des deutschen Dramas nur ein verhaeltnismaessig kleiner
+Bruchteil uebrig, dessen Mitglieder zudem ueber den ganzen weiten Kontinent
+verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen
+Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit
+schoenem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur
+zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Toechter und Soehne
+mitspielen, sondern auch zugunsten einer oeffentlichen Buehne tief in ihre
+Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere grosse
+Schwierigkeit auf: Fuer welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld
+gespendet, dieser ruehrende Eifer aufgewendet werden? Ausser den paar
+akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Hoehe der
+Bildung stehenden berufsmaessigen Kritikern haben doch nur verschwindend
+wenige Deutsch-Amerikaner ein so starkes Interesse an der Entwicklung
+speziell des Theaters, dass sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang
+unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen
+waeren. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und
+seiner Nachfolger gestuetzt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der
+Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heissen
+moegen, deren Modeglanz oft schon verblasst war, bevor ernsthafte Leute sich
+noch ueber ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das
+deutsche Theaterleben stark anregen, besassen aber nicht die Kraft, zumeist
+auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die staerkste
+Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48
+herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen
+Drama, die also unsere wichtigsten Kulturtraeger mit herueberbrachten,
+stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum
+herrschte. Von den aufregenden Kaempfen, die in den letzten vier
+Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen liessen und
+unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum ueberm Ozean kaum
+einen Hauch verspuert. Was ist begreiflicher, als dass der Leiter eines
+deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs
+moeglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befuerchten muss, sein
+Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch
+Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stossen und durch Frank
+Wedekind zu entruesten, weil die angelsaechsische Geistesenge und Pruederie
+bei langem Aufenthalt im Lande schliesslich doch auch auf die kecksten
+Deutschen abfaerbt, so wird er sich darauf beschraenken, neben den
+Klassikern das harmlose Familienlustspiel und das gesinnungstuechtige
+Thesenstueck zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den
+ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum
+entruesteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben
+vermoegen, was sein Gemuet in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu
+denken geben koennte. Die sozialen Verhaeltnisse, auf denen das deutsche
+Familienstueck beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder
+durch spiessbuergerliche Beschraenktheit entstehen, auch manche
+Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenoeter in Uniform, der
+Backfisch, der schuechterne Kandidat usw. usw., sind ihm gaenzlich fremd
+geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhaeltnisse auf der Buehne
+interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings
+sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die
+deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine ungluecklichere Idee
+konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem
+Gebiete Abschreckenderes und Jaemmerlicheres als eine Operette, mit
+unzulaenglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten
+an Operettenbuehnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern
+produziert, wird unfehlbar auf diesen Buehnen mit allem Pomp inszeniert und
+von den zugkraeftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die
+Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, dass in
+ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmassen ruhig
+halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald
+ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen
+verfuegbaren Extremitaeten zu zucken, zu schlenkern, zu stossen und zu
+schleudern - kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmaessig in
+Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen
+ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg
+nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag,
+er ist einmal der herrschende geworden, und kein sesshafter amerikanischer
+Buerger wird sich eine Operette anders vorstellen koennen, denn als eine
+solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit
+Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umstaenden eine deutsche
+Operette bieten, die fuer den Mangel an kostspieliger Inszenierung und
+geschmackvoller Kostuemierung keineswegs durch glaenzende Leistungen des
+Orchesters und der Saenger zu entschaedigen vermag? Sie kann nur dazu
+beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr
+herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit duerftiger Ausstattung und
+mittelmaessigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse
+fuer deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfaehigkeit der
+deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drueben nur dadurch
+wieder erweckt werden, dass _von Deutschland aus_ grosse Mittel aufgewendet
+werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten
+Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glaenzender Ausstattung in den
+deutschen Hauptstaedten der Union zu ermoeglichen. Mit zweiter Garnitur und
+mit abgeblassten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn.
+Wenn _Max Reinhardt_ seinen Plan verwirklicht, seinen "Oedipus", "Faust"
+und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz
+sicher nicht nur gute Geschaefte machen und persoenlich einen grossartigen
+Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen
+theatralischen Kunst wiederherstellen und fuer die Zukunft eine neue
+Moeglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater staendig drueben zu
+erhalten. Die Amerikaner wollen zunaechst einmal verbluefft sein; es muss
+ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame muss
+auch das ganze gebildete Publikum _englischer Zunge_ in dies Unternehmen
+locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge muss vor Neid bersten
+und zu dem Gestaendnis gezwungen werden, dass es dergleichen in seinem
+Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees
+wird das Solidaritaetsgefuehl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die
+Schecks fuer einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge
+aufhaeufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der grossen
+Oper sich unsere ersten Saenger, Saengerinnen und Kapellmeister
+herueberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer grossen Stils die
+Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler
+zu kaufen. Und wenngleich die grosse Sensation, die das deutsche Theater in
+Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge
+doch sogar die Denkfaulheit und die Pruederie des amerikanischen
+Durchschnittsmenschen besiegen und auch kuehnere Neutoener unter den
+lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des
+deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und
+ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strauss'
+letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher
+Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es
+wird sogar - was schliesslich doch wohl das Beste dabei ist - wieder ein
+tuechtiges Stueck Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung
+Amerikas geleistet werden koennen.
+
+
+
+
+
+ DIE AMERIKANISCHE PRESSE.
+
+
+In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia
+Universitaet zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten
+richtete, fand ich folgende hoechst bezeichnende Worte ueber die
+amerikanische Presse, die ich hier in Uebersetzung geben will: "Einen guten
+Massstab fuer die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem
+Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre
+Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolitaet, ihre Skrupellosigkeit. Mir
+scheint es manchmal wirklich besser, ueberhaupt keine Zeitungen zu lesen,
+selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an
+Verstaendnis fuer die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des
+amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten ueber
+unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fussballspiel
+sechs Spalten und einer grossen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen
+zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was
+sein _sollte_ und dem, was praktisch _ist_. Amerikanische Lorbeeren gruenen
+fuer die gigantischen Industriehaeuptlinge: wenn das Leben eines solchen
+bedroht oder gar ausgeloescht ist, so muessen ganze Morgen herrlichen Waldes
+fallen, um das Material zu liefern fuer das Papier, das notwendig ist, um
+seine Verdienste in das gehoerige Licht zu setzen, wohingegen unser groesster
+Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines
+einzigen Baumes genuegt fuer die paar kurzen, unauffaelligen Saetzchen, die
+ueber seine Krankheit und seinen Tod berichten. Vergleichen Sie einmal die
+Ausfuehrungen der britischen und der amerikanischen Presse ueber einen solch
+leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren
+allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser
+Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern koennen. Ueber einen noch viel
+moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse
+vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung ueber die Konstruktion der
+Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische
+Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des
+Reiches gehalten wurde, in voller Ausfuehrlichkeit in seinem Morgenblatt;
+er bekommt also in seiner Eigenschaft als Waehler sein Material aus erster
+Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs."
+
+(M53)
+
+Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners moege mir
+als Schild dienen gegen die empoerten Anfeindungen amerikanischer
+Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als
+einen Ausfluss bornierten europaeischen Neides hinstellen wuerden. Jeder
+ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen
+muessen, dass wir Europaeer ein gutes Recht haben, ueber das kulturelle Niveau
+der Buerger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so
+lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns
+Meinung ist selbstverstaendlich auch die aller fein empfindenden und fuer
+den guten Ruf ihrer Geisteshoehe besorgten Amerikaner; aber der Umstand,
+dass der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist,
+eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, dass der schlechte
+Geschmack bei der erdrueckenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand
+der Zeitungsverleger noch nicht ausschliesslich aus reinen Idealisten
+besteht, denen kein Geldopfer gross genug ist zur Hebung des geistigen
+Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverstaendlich die Zeitung nach
+dem Geschmack ihrer Kaeufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in
+den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als
+stilistisches Geschick genug besaessen, um auch einem erheblich
+anspruchsvolleren Publikum zu genuegen. Es duenkt mich sogar nicht
+unwahrscheinlich, dass in dem Lande der glaenzenden Redner, der scharfen,
+witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene
+Journalisten vorhanden sein duerften, als in manchen Laendern der Alten
+Welt; wie aber gegenwaertig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen,
+haben die skrupellosen fixen Reporter das Uebergewicht, und die besten
+Koepfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder
+schrauben, dem Zwange der Verhaeltnisse gehorchend, ihr Geistesniveau
+absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist,
+erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als fuer Kinder
+und Unmuendige zugeschnitten. Selbstverstaendlich ist drueben, wie
+schliesslich auch ueberall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied
+zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blaettern und der
+gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das
+Betruebliche dabei ist eben, dass das Modernste auch das Schlechteste
+bedeutet, und dass die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren
+aelteren Blaetter zwingt, wenigstens in der aeusseren Aufmachung sich immer
+mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.
+
+(M54)
+
+Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin,
+sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere ausserordentlich
+fortgeschrittene Technik ist noch nicht imstande, fuer den Rotationsdruck
+auf Zeitungspapier in Massenauflagen kuenstlerisch wirkende Bilder
+herzustellen, abgesehen davon, dass es auch nur in sehr seltenen
+Ausnahmefaellen moeglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger
+Stunden flotte kuenstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich
+also fuer den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln
+koennen, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was
+dabei fuer den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen
+mit dem Kodak nachlaeuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffaengt und
+die beruehmten Zeitgenossen tueckisch im Voruebergehen knipst, das erleben
+wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften.
+Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfuegen
+wenigstens ueber ein besseres Papier und mehr Zeit fuer sorgfaeltige
+technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des taeglichen Rotationsbetriebes wird
+aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus
+der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur
+eines Raubmoerders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland,
+gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung fuer ein Kutscherblatt an, und
+der bessere Mensch schaemt sich, damit einen geraeucherten Hering
+einzuwickeln.
+
+(M55)
+
+In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewusst, ueberhaupt keine
+unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blaetter,
+die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern
+schuldig zu sein, wenigstens Portraets vom Tage und humoristische Beigaben
+zu bringen. In den ausdruecklich fuer den Geschmack der grossen Masse
+bestimmten Blaettern aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen
+Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drueben die gelbe genannt,
+laesst auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und
+Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der
+Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: "_287 Menschen verkohlt_", oder
+"_Rabenmutter laesst sieben Kinder verhungern_", oder "_Das Arnoldmaedchen
+mit Liebhaber in Neapel gesehen_" - wobei zu bemerken ist, dass "das
+Arnoldmaedchen" die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten
+Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbruellen ihres Herzeleides wie
+oeffentlich geohrfeigt vorkommen muss! Dann folgen grosse Portraets der
+Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wuest hingekleckste Darstellungen
+der grossen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmaedchens als Baby, als
+Schulmaedel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entfuehrers. Falls der
+letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden
+konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natuerlich
+auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme ueber das gerade
+vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Ungluecks-,
+Verbrechens- oder Skandalchronik fuellen die erste und vielleicht auch noch
+die zweite Seite aus; noetigenfalls schliessen sich hier die Schauer- und
+Trauerfaelle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen
+an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, dass alle die
+Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik "Ungluecksfaelle und Verbrechen"
+in moeglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit
+lebhaftem Interesse gelesen werden, drueben an erster Stelle stehen und den
+meisten Raum beanspruchen, selbst in Blaettern, die fuer anstaendig gelten.
+Den Sportereignissen werden tagtaeglich, winters und sommers, viele, viele
+Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt
+schliesslich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem gruenen Felde in
+irgendeinem Sport eifrig betaetigt, einmal dazu, seine interessanten Zuege
+in der Zeitung festgehalten zu sehen, und dass das der jugendlichen
+Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich - weniger begreiflich jedoch,
+dass die Nation es nicht muede wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs,
+Dicks, Johns und Jacks zum Fruehstueck serviert zu kriegen. Alle prominenten
+Persoenlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden
+fleissig interviewt und selbstverstaendlich abgebildet. Mehr oder minder
+harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des
+Tagesinteresses stehenden Personen fuellen zahlreiche Spalten, und Big Bill
+(der Praesident Taft) muss sich's gefallen lassen, ebenso burschikos
+angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene
+Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen,
+verfaellt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die
+Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weissen Hause _The
+Spinster Aunt_ Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Praesidenten, im
+Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhaendig Lebkuchen und
+andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren
+gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblaettern nur in
+Zeiten der Wahlkaempfe einen grossen Raum ein, und die Sprache, die sie dann
+fuehrt, zeichnet sich durch hahnebuechene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr
+recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene,
+gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen
+breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns "Hof und
+Gesellschaft" ueberschrieben zu sein pflegt. Waehrend aber bei uns nur die
+regierenden Haeuser, der hoechste Adel und ganz wenige grosse
+Persoenlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Oeffentlichkeit
+sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtaeglich von dem Leben und
+Treiben nicht nur ihrer hoechsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionaere und
+Modeberuehmtheiten, sondern ueber alle ihre besser gestellten Mitbuerger,
+soweit sie ein Haus ausmachen. "Mister und Missis Habakuk J. Flips von
+132. Strasse W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret
+Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gaeste eingeladen. Unter
+den prominenten Persoenlichkeiten bemerkte man ... usw." So geht es
+spaltenlang fort waehrend der ganzen Saison. Wenn Damen aus der
+Gesellschaft fuer die Wohltaetigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten,
+so bringt die Presse die Portraits saemtlicher Patronessen und ausfuehrliche
+Berichte; ebenso wenn ein bekannter Buerger der Stadt eine grosse Reise
+unternimmt, wenn seine Tochter als Schoenheit in der Gesellschaft Aufsehen
+erregt, oder sein Sohn beim Fussballspiel einige Rippen eingetreten kriegt,
+oder sein zu drei Viertel verkalkter Grossvater achtzig Jahre alt wird -
+kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und
+traegt zu der fuerchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze
+Pressunwesen darstellt, am meisten bei. Ueber Theater und Musik kann man
+unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in
+weit groesserer Ausdehnung das alberne Gewaesch der Reporter finden, ebenso
+wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem
+sachverstaendigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gaenzlich
+unqualifizierte Volksstimme, das Gaensegeschnatter des Salons und der
+bloedeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von
+Nichtigkeiten doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel
+erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die
+abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschaeftsreklamen zu
+unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf ueber irgendeine brennende, sagen
+wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen
+Ausfuehrungen, bis ploetzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem
+Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umraendert, die
+Reklame eines Apothekers fuer sein neues Abfuehrmittel hinein; oder ich
+erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen
+Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener
+Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfuer befindet sich in allen besseren
+Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Ploetzlich wird eine reizende
+Bosheit ueber die Liebe durch das sich breit hereindraengende Inserat einer
+Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Ueberschritt:
+"Waehle dir nie dein Leichenbestattungsgeschaeft aus persoenlicher
+Freundschaft, denn wenn du das tust," geht es nun in kleinem Druck weiter,
+"so schaedigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualitaet
+Leichenbestattung zukommen laesst, und laedst zweitens den Hinterbliebenen
+eine Schuldenlast auf, fuer die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein
+kleines Unternehmen, das jaehrlich nur wenige Begraebnisse zu liefern hat,
+selbstverstaendlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein grosses
+von unserem Rang, und dennoch viel hoehere Preise berechnen muss, weil es ja
+auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem
+Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur
+Erweisung der letzten Ehre fuer seine teuren Verblichenen sich wuenschen
+kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen begraben
+lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und
+Bruderschaften zu unserer Verfuegung." Doppelstrich, - und dann geht es
+weiter im Text. So muss ich ungluecklicher Zeitungsleser mir meine
+Reflexionen ueber die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der
+Leichenwaescherin stoeren lassen; kann keinen Leitartikel bewaeltigen, ohne
+peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder
+mangelhafte Darmtaetigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den
+harmlosen Roman in der Beilage schmoekern will, halten mir die eifrigen
+Verkaeufer aller moeglichen Waren fortwaehrend ihre Muster mit lautem
+Geschrei unter die Nase.
+
+(M56)
+
+Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen
+Unterbrechungen nur mit den Gefuehlen vergleichen, die das Telephon im
+Busen des modernen Menschen ausloest, wenn es ihm ruecksichtslos in seinen
+Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier
+hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, dass der
+Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt.
+Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr
+alle seine freien Augenblicke, selbst waehrend der Geschaeftsstunden, und es
+ist fuer den denkenden Europaeer hoechst verwunderlich zu beobachten, wie
+Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des
+Alters und Geschlechts, den naemlichen intellektuellen Schlangenfrass
+geduldig und sogar wohlig hinunterwuergen. Man traut seinen Augen nicht,
+wenn man einen ehrwuerdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn
+betraechtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte
+humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung
+erscheint naemlich, ich weiss nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits,
+tagtaeglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im
+Stile unseres "kleinen Moritz". Die scheusslichen Fratzen, welche sich die
+amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietes anzuschminken pflegen, fanden
+vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden
+Karikaturenzeichnungen der Tagesblaetter, und diesen Fratzen haengen Zettel
+aus dem Munde, auf denen ihre erschuetternd witzigen Aussprueche verzeichnet
+stehen. Gewiss koennen auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung
+einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen - die goldig harmlosen
+Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blaettern tagtaeglich diesen
+Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in
+Buntdruck!
+
+Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche
+Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das
+der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt,
+beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an
+eine beliebige Redaktion und setzt voraus, dass er da eine prompte Auskunft
+auf alle erdenklichen Fragen erhaelt. Die Naivitaet der guten Leute geht
+soweit, dass sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse
+anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne
+Abteilung fuer solche vertraulichen Auskuenfte, die manchmal in ganz
+ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spasshaften Redakteur zur
+ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine
+angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik "Die Frau und
+ihre Interessen" folgende Anfrage aus dem Leserkreise: "Liebes Fraeulein
+Libbey!" - das ist die Redaktrice dieser Abteilung - "Schreiber dieses ist
+ein junger Mann, welcher in einer Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit
+dem schoenen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame,
+und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht
+die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in
+der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame
+von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wuenschen sollte,
+wuerden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A."
+
+Antwort: "Ja, das koennte Ihnen schon vorwaerts helfen."
+
+Ist das nicht ruehrend niedlich?
+
+(M57)
+
+Eine allbekannte Eigentuemlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind die
+_Head lines_ (Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann,
+welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen
+auffallenden, kurz orientierenden Ueberschriften zu versehen, und dieser
+Mann wird gut bezahlt. Der europaeische Leser laeuft anfangs blau an vor Wut
+ueber diese graesslichen _Head lines_; er fuehlt sich zum Idioten erniedrigt,
+weil man durch diese Ueberschriften, die jeden Artikel alle Nase lang
+zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdruecken will,
+dass man ihn fuer zu stumpfsinnig halte, als dass er imstande sei, sich
+selber ueber den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er aergert sich
+noch ganz besonders ueber die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei
+Berichten ueber Aeusserungen hervorragender Persoenlichkeiten zu Tagesfragen
+den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und
+gesperrt gedruckt: "_Sagt, Kalifrage nicht schuld_", und erst in dem in
+Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuss gesetzten Text erfaehrt man,
+dass es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin handele, der die
+Mutmassung zurueckweise, dass seine Haltung in der Kalifrage die Ursache
+seiner Abberufung gebildet habe. - Ein Bericht ueber mein und meiner Frau
+Auftreten in einem Universitaetshoersaal war beispielsweise ueberschrieben:
+"_Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hoererschaft_". Oder ein
+Mordbericht ist ueberschrieben: "_Pfeift Signal aus Liebestagen, toetet
+sodann Frau_". Genug der Beispiele. Aber derselbe Europaeer, der anfangs
+mit knapper Not dem Schlagfluss entging vor Aerger ueber so viel Kinderei und
+grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die
+Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsaechlich den
+Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wuesten Haufen
+aufgetuermten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der
+Headlines ist man naemlich imstande, die umfaenglichste Tageszeitung in fuenf
+Minuten zu erledigen, waehrend man reichlich fuenf Stunden brauchen wuerde,
+wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im
+Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.
+
+(M58)
+
+Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel
+dafuer anzufuehren, was der Amerikaner unter journalistischer _Smartness_
+versteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft frueh
+morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wuenschte. Ich merkte
+sehr bald, dass der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen
+Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch laechelnd ein, dass ihn
+nur der "Baron" veranlasst habe, uns so ruecksichtslos zu ueberfallen, ehe
+wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespuelt hatten. Da in jenen
+Tagen die Auffuehrung von Richard Strauss' "Salome" in Chicago viel Staub
+aufwirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob
+ihr Stadtoberhaupt die Auffuehrung dieses gotteslaesterlichen Werkes
+gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich
+ueber meine Beziehungen zu Strauss und meine Ansicht ueber "Salome"
+auszufragen. Er stenographierte fleissig, und wir brachten, wie mir schien,
+ein ganz nettes Feuilleton zustande. Hoechst vergnuegt zog er mit seiner
+Beute ab. Bereits eine Stunde spaeter wurden wir von seiner Redaktion
+angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz bloedsinniges
+Gewaesch abgeliefert, wir sollten doch die ueberfluessige Belaestigung
+entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion
+freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser
+Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen
+Kollegen fuer einen Trottel erklaert hatte, liess er sich ein Bild von meiner
+Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Maenner gefielen, ob
+ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbaerte, was
+sie von den Humpelroecken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen
+beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fuerchtete - und
+dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe
+seines hoechst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es
+wurde uns nachher von vielen Leuten bestaetigt, dass das Publikum
+tatsaechlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage
+spaeter waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein
+reizendes Heim und eine aus belangreichen Maennern und interessanten Frauen
+anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine
+hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.
+
+(M59)
+
+Ich glaube, aus dieser und manchen aehnlichen Erfahrung schliessen zu
+duerfen, dass der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer
+einen Rueckschluss zulasse auf mangelhafte Befaehigung der amerikanischen
+Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfuegen nicht selten
+ueber eine sehr gute Bildung, ueber eine hoechst gewandte Feder, einen
+schlagfertigen Witz, und es waere sehr wohl moeglich, mit denselben
+Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen.
+In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach
+ueberlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die
+Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblaetter
+meist weit uebertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und
+Weise, wie die Zeitung oft tatkraeftig in oeffentliche Angelegenheiten von
+Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist
+zum Volksmanne grossen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und
+Unterdrueckten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung
+erfuellen. Ich brauche wohl nur die Namen _New-York Herald_ und _Henry M.
+Stanley_ zu nennen! Es betaetigen sich eben im Journalismus nicht nur
+Leute, "die ihren Beruf verfehlt haben," nicht nur Klugschwaetzer und
+Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies - weil sie wissen,
+dass aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein
+Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Praesident der Republik!
+Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, dass unter den
+hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche
+deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks
+ist ein Deutscher; in dem am _Boston Transcript_, einer in geistigen
+Dingen fuehrenden Tageszeitung, angestellten Redakteur fuer literarische
+Angelegenheiten entdeckte ich einen ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er
+schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im
+Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Moeglichkeiten
+zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend
+niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger
+schuld, die sich an das gefaehrliche Goethewort halten: "Wer vieles bringt,
+wird manchem etwas bringen."
+
+Eine Zeitung fuer jedermann aus dem Volke kann es aber vernuenftigerweise
+ueberhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut,
+bedeutet fuer einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine
+weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt
+vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gaehnen usw. usw. Eine
+Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur fuer den Geschmack,
+sondern auch fuer die guten Sitten und sogar fuer das Denkvermoegen ihrer
+Leser, indem sie allgemein verstaendlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem
+Geschmack und dem beschraenkten Begriffsvermoegen der geistig Minderwertigen
+herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine
+Konzessionen macht und den Erbaermlichkeiten gegenueber, die die Wogen des
+Lebens tagtaeglich ans Ufer der Oeffentlichkeit schleudern, gewissermassen
+die Funktionen der Gesundheitspolizei ausuebt, dadurch dass sie alle uebel
+riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum
+Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jaemmerliche
+Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse
+gegenueber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis,
+geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Dass sie, wie ich in den
+Ausfuehrungen ueber oeffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz
+ihrer indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten
+Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen
+gegenueber eine geradezu aengstlich pruede Zurueckhaltung ausuebt, verringert
+die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwoert, nicht im geringsten,
+wenn anders man zugibt, dass Moral keineswegs im Nichtswissen um die
+Natuerlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, dass man
+seinen Mitmenschen gegenueber eine anstaendige Gesinnung betaetigt und seine
+schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum
+obersten Richter ueber die Moral und den gesunden Menschenverstand zum
+Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der traegt notwendig zur
+Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe
+Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet
+ihn in den Sumpf der toedlichsten Trivialitaet hinein. Es ist sehr schwer,
+sich da wieder herauszurappeln.
+
+(M60)
+
+Auch dafuer liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel;
+anstatt dass naemlich, um die Geringwertigkeit des taeglichen Massenfutters
+auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf
+nahrhafte Qualitaet der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen,
+sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem boesen Beispiel der
+Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden
+Preis! Ich weiss nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das
+absichtlich den Kreis seiner Leser einschraenkte, um zwanglos zu einer
+Gemeinde von Auserwaehlten sprechen zu duerfen. Weil der Hunger nach
+Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genaehrt, nunmehr
+bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so
+glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- und Monatsschriften
+Rechnung tragen zu muessen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel
+waere. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern
+sie einem achselzuckend: "Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere
+Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz
+die Leser weg." Dieser eine Sensationsartikel, der zum Aerger
+geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen
+Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen,
+liebenswuerdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der
+literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der
+Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Waehrend
+meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene
+Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, dass in New York
+taeglich etliche hunderttausend Stueck faule Eier importiert wuerden, und dass
+saemtliche Zuckerbaecker ihre appetitlichen Suessigkeiten grundsaetzlich nur
+aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch aelterem Rufe
+entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefaehrlichen Ignoranz
+der amerikanischen Aerzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als
+Beispiel erzaehlt, dass ein Chirurg mit grosser Praxis eine Reise ins Ausland
+unternehmen wollte und seine Patienten einem aelteren, angesehenen Kollegen
+empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgefuehrt
+hatte, die aber neuerdings wieder ueber Schmerzen klagte. Der aeltere
+Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere
+Diagnose als Blinddarmentzuendung stellen koennen. Schliesslich sei der
+Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, dass sie selber auf eine
+nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, dass der Blinddarm,
+und zwar in scheusslicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der juengere
+Kollege dann zurueckkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation
+erfuhr, habe er totenblass ausgerufen: "Mein Gott, was habe _ich_ dann da
+der Dame herausgeschnitten!?" Ich muesste mich sehr taeuschen, wenn ich
+diesen Scherz nicht schon vor dreissig Jahren in Deutschland gehoert haette;
+aber er genuegte, gehoerig aufgefrischt, um die saemtlichen medizinischen
+Fakultaeten, die ganze Aerzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen
+und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene
+tuechtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht
+aus diesen Beispielen, dass sich der Sensationsgier zuliebe selbst die fuer
+die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit
+der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der
+ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafuer
+klingt freilich plausibel genug: "Was wollen Sie?" sagen einem die
+Herausgeber, "die Wissenden taeuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff,
+die amuesieren sich nur darueber, und im uebrigen wird so unendlich viel
+gedruckt und gelesen, dass das Publikum es ja doch nicht alles behalten
+kann. Wenn also die aergsten Luegen wirklich einmal nicht einwandfrei
+dementiert werden sollten, so vergisst sie das Publikum doch sicher ueber
+der naechsten Sensation. Wo bleibt also der grosse Schaden, den wir stiften
+sollen?"
+
+Es muss allerdings zugegeben werden, dass unter den besonderen
+amerikanischen Verhaeltnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er
+bei uns in Deutschland sein wuerde, weil dort verhaeltnismaessig nur wenige
+Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Grossstaedter zumal kauft sich
+seine Zeitung und selbst seine Wochen- und Monatsschrift auf der Strasse,
+und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also
+die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in
+demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und
+uebermorgen gelb - wenn er noch seinen eignen gruenen Optimismus hinzutut,
+ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schliesslich doch das Weiss
+der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verbloedung durch die Presse ist also
+schliesslich doch nicht so gross, wenigstens fuer den an sich schon freieren
+Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, dass unter den etlichen 90 Millionen
+Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevoelkern, nur wenige Tausend
+noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt
+ist, fuer wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor
+der uebrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die
+Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu
+beurteilen, die sie sich gefallen laesst.
+
+(M61)
+
+Es sei uebrigens nachdruecklich betont, dass wenigstens ein Teil der
+deutschen Presse Amerikas, und besonders der fuehrenden Blaetter New Yorks,
+sich die redlichste Muehe gibt, sich ueber den Standard der englischen
+Presse zu erheben. In den grossen deutschen Zeitungen findet man, besonders
+ueber das Ausland, eine bei weitem ausfuehrlichere und zuverlaessigere
+Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was
+beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an
+Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualitaet und Quantitaet
+von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die grosse Mehrzahl
+der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich ueberraschend schnell in
+Dingen des Ungeschmacks und der oberflaechlichen Neugier, und so zwingt der
+Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blaetter, manchen betrueblichen
+Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es ueberhaupt moeglich, diesem
+rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem grossen demokratischen
+Freistaat, in dem die Masse sich zum allmaechtigen Tyrannen aufgeschwungen
+hat? Ich habe an anderer Stelle ausgefuehrt, dass es die natuerliche Tendenz
+jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu
+entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege
+dazu. Die Zeit muss kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug
+ist, um die geistige Fuehrung an sich zu reissen. Eine aristokratische
+Kultur aber laesst sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete
+Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvoelker rechnen, wenn
+sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den
+Geschmack der Masse zu vergewaltigen.
+
+
+
+
+
+ VON DER DEMOKRATISCHEN GESELLSCHAFT.
+
+
+(M62)
+
+Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt
+sind, und es sich leisten koennen, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu
+besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Faellen, dass sie mit
+staunender Genugtuung den grossen Aufschwung des Vaterlandes in
+wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und
+kuenstlerischer Beziehung wahrgenommen, dass sie mit stiller Ruehrung so
+manche treu behuetete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswuerdige alte
+Sitten und Gebraeuche, feuchtfroehliche Kneipwinkel und traute Gemuetlichkeit
+im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestaerkt
+haetten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der
+Neuen Welt schmerzlich vermissten und ihr Leben nicht lieber mehr oder
+minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des
+Rentners in der alten Heimat beschliessen wollten, da bekommt man fast
+immer zur Antwort: "Nein, Wurzel fassen koennte ich auch in dem ueppigen
+modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so
+habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit.
+Ihr fuehlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollstaendig
+in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren grossen und kleinen
+Fuersten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und
+aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gaengeln
+und behueten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzaeunt von Warnungs-
+und Verordnungstafeln, der freie Entschluss und die freie Meinung trauen
+sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis
+oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu
+bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schoene Sache,
+aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muss doch mit zu viel
+Demuetigungen des Selbstbewusstseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen
+Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends laecherlich und
+unertraeglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmoeglichsten
+Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuraeumen.
+Das sind die Gruende, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die
+Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht
+mehr heimisch werden kann." Und dann werden einem allerlei blamabel
+komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil ueber unsere
+Unfreiheit erhaerten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur
+Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des
+Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken
+schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte
+Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Muetze, der mit Papieren in der Hand
+auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein
+Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische
+Angst der Gastgeber vor Verstoessen gegen die Rangordnung bei Einladungen in
+ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die
+umstaendlichen Hoeflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander -
+und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit
+mehr sind.
+
+Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Auslaender zu veruebeln,
+wenn er diese Dinge bei uns mit ironischer Heiterkeit oder gar mit
+bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist fuer uns nur die: lebt man in der
+demokratischen Gesellschaft der groessten amerikanischen Republik wirklich
+so sehr viel freier? Und ist es ueberhaupt moeglich, ein friedliches
+Nebeneinanderleben von Menschen, eine oeffentliche Ordnung, Sicherung des
+Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne
+Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschraenken und ohne
+Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die
+republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr
+energisch verneint. Ich wuesste nicht, wo in der Welt mehr und eifriger
+Gesetze fabriziert wuerden, als gerade in der Union, wo nicht nur im
+Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen saemtlicher 44
+Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die
+wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen
+weitgehende Ergaenzungen erfahren. Gewiss, unsere Verordnungswut, unsere
+kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schoene Stunde und reizen
+die Galle oefter als das Zwerchfell - aber ist das drueben so sehr viel
+besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reisst
+mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin
+mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in
+Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Strasse
+ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe
+belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen
+lasse; wenn ich ein schoenes Maedchen bewundernd anblicke, riskiere ich,
+durchgepruegelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack
+und weisser Weste betrete, werde ich durch veraechtliche Blicke in den Boden
+gebohrt. In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen
+Unterschied der Staende, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren
+deutlichsten Ausdruck darin finden, dass auf der Eisenbahn nur eine einzige
+Wagenklasse fuer alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit
+nur bei langsamen Lokalzuegen durchgefuehrt, die der "bessere Mensch" ja
+doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite
+Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern,
+Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmaedchen und Viehtreibern in die Car
+mit den graesslich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen,
+sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft
+und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem grossen luftigen, schoen
+ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu
+benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und
+Rauchkabinett, Speisewagen, Buefettwagen mit Schreibgelegenheit und
+reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich
+sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter,
+manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder
+besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse fuehre. Fuehle ich mich
+aber so ausserordentlich _prominent_, dass mir auch diese Gesellschaft noch
+zu ordinaer ist, gehoere ich also nach deutschen Begriffen zu den
+_erstklassigen_ Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe
+mir dafuer ein _Compartement_, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum
+innerhalb des grossen Pullman-Wagens, in dem ich ueber ueppige Salonmoebel
+verfuege und nachts auch allein schlafen kann, waehrend die Leute zweiter
+Klasse, Maennlein und Weiblein pele-mele, der Laenge nach hinter einem
+gruenen Vorhang uebereinander geschichtet und sorgfaeltig von der frischen
+Luft abgeschlossen werden. Selbstverstaendlich kann man es, ebenso wie bei
+uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn
+es ihm Spass macht, fuer sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drueben
+etwa ein Cowboy in verwegenem Raeuberaufzug sich fuer seine zerknitterten
+Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird
+er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch
+spucken darf, bald genug ungemuetlich fuehlen und ganz bescheiden in den
+Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas
+anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer duenkelhaften
+Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse fuer die
+Leute mit der ganz schmalen Boerse - die Eisenbahnkoenige im Lande der
+Freiheit und Gleichheit denken aber natuerlich nicht daran, diesem
+Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzufuehren. Dass - in
+den Suedstaaten wenigstens - Neger in der Eisen- und selbst in der
+Strassenbahn im besonderen Wagen fahren muessen, ist ja eine weltbekannte,
+echt demokratische Einrichtung.
+
+(M63)
+
+Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, dass auch in der grossen Republik
+dafuer gesorgt ist, dass der freie Kulturmensch sich hie und da an
+Gesetzestafeln Beulen stoesst und wegen laecherlicher Bevormundung gerade so
+schoen die Kraenke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir naeher zusehen,
+welchen Maechten es denn zu danken sei, dass wir drueben nicht vor lauter
+Freiheit allzu uebermuetig werden, so stossen wir in den meisten Faellen auf -
+_die alte Tante_! Ich fuer meinen Teil muss gestehen, dass mir diese alte
+Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Tueren
+einschlaegt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Koerperschaften die
+Fenster des Sitzungssaales einschmeisst und am liebsten alle freie
+Froehlichkeit durch ihr sauertoepfisches Geplaerr ersticken moechte, bei
+weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das
+ist ueberhaupt die ueble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den
+Amerikanern, dass sie so leicht vor den verruecktesten Anschlaegen boshafter
+und beschraenkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der
+Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe
+boesartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem
+erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spuelen, oder
+mir ein harmloses Glas Bier durch eine Luege zu erschleichen(3), dieselbe
+auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase
+zusperrt, mir jede schoene kuenstlerische Nacktheit mit Feigenblaettern
+verschandelt und sogar meine Lektuere kontrolliert, indem sie die Tore des
+Freistaates gegen die Einfuhr "freier" Buecher verschliesst und dem
+einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und
+Gedankenkreise beruehren zu lassen, die _sie_ fuer anstoessig erklaert! Dass
+diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die
+Vergnuegungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gaenzlich auszurotten
+vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, dass sie eine
+scheussliche und laecherliche Heuchelei zuechtet und auf kuenstlerischem und
+wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin betraechtlich
+hemmt. Da es dem Buerger der Vereinigten Staaten an so vielen Plaetzen
+verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Nass zu loeschen, so verlernt
+er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getraenken und berauscht sich
+bei verschlossenen Tueren an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der
+Genuss des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch
+nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben,
+ganz und gar von dieser unter Umstaenden sogar bildenden Unterhaltung
+auszuschliessen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen
+unter dem Namen _Sacred Concert_ zu gestatten, wobei aber Kostuem und Tanz
+fortfallen muessen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York
+am Sonntag nachmittag "Madame Bonivard", der franzoesische Schwank von der
+alten Balletteuse, als _geistliches Konzert_ gegeben!
+
+(M64)
+
+Und wenn die Amerikaner behaupten, dass es einen Kastengeist oder ueberhaupt
+gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muss ich mir
+erlauben, auch dahinter ein grosses Fragezeichen zu machen. Die Abkommen
+der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner
+Handwerker, die 1620 mit der "Mayflower" landeten, entwickeln einen
+Adelstick, der unsere blaubluetigsten ostelbischen Junker neidisch machen
+koennte. Ganz natuerlich: denn ein Amerikaner, der seine Grosseltern noch
+kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt,
+die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich
+rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen
+Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehraeuber gewesen sein und am Galgen
+geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere
+geniessen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen
+koeniglicher Haeuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel aeusserlich
+erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines
+gesellschaftlichen Kreises dafuer, dass er nicht mit der Krapuele verwechselt
+werden kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten
+Vierhundert hineinzukommen, als an den Hoefen europaeischer Kaiser und
+Koenige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den
+Hofgeschichtsschreibern Faelschungen und Unterschlagungen begehen lassen,
+um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so
+scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um
+unangenehme Veroeffentlichungen ueber ihre Ahnen zu hintertreiben.
+Nachschlagewerke wie "Wer ist wer?" spielen drueben eine Rolle wie bei uns
+der "Gotha". Die guten alten Familien schuetteln ihre Bekanntschaften durch
+sieben Siebe, bevor sie sie ihres naeheren Umganges wuerdigen, und die
+Emporkoemmlinge, moegen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein hoeheres
+Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Haeuser
+zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer juengeren Prinzen oder
+Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drueben offiziell
+nicht, dafuer recken sich aber die guten Leute in den Theater- und
+Konzertsaelen die Haelse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren
+Diplomaten zu bestaunen und schmuecken ihre Knopfloecher mit Vereinszeichen
+in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden
+von weitem wenigstens sehr aehnlich sehen. Und jeder Buerger, der durch sein
+geschaeftliches Glueck oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten
+geraten ist, traegt eifrig dafuer Sorge, so oft wie irgend moeglich in den
+Zeitungen erwaehnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine
+gesellschaftliche Stellung ungemein erhoeht. Die guten Republikaner
+scheinen ein vortreffliches Gedaechtnis sowohl fuer die
+Zeitungsberuehmtheiten wie fuer die Familienverhaeltnisse aller ihrer grossen
+Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders
+die Damen ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit
+wem nicht. Sie haben ihre Liste der _moeglichen_ Menschen so sicher im
+Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium
+die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von
+hueben und drueben ist also nicht gar so gross - nur dass die europaeischen
+Raubritter doch wenigstens urspruenglich Sprossen erlesensten Blutes waren
+und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Raeuberei verfuehrt
+wurden. Drueben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primaere und
+wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von
+ungeheuren Vermoegen gehoert neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit,
+Phantasie und Wagemut noch immer eine grosse Portion Ruecksichts- und
+Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und
+Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als
+jedes andere. _Pluckyness_ ist heute noch ein hoechstes Lob fuer einen
+Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm fuer
+einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit
+Hochgenuss studieren will, der lese die kuerzlich erschienenen Memoiren des
+alten Gauners Drew(4). Darin kommt eine koestliche Anekdote vor, wie er
+einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute
+Gelegenheit benutzt und fuer ein Spottgeld eine ganze Herde hoechst
+minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New
+York und liess die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und
+erbaermlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und
+sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des
+misstrauischen alten Geschaeftsfreundes liess er seine Herde saufen, saufen,
+saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbaeuchen eine unerhoert strotzende
+Gesundheit vortaeuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen
+glaenzenden Preis. Dieses Schwindelmanoever hat eine sozusagen klassische
+Beruehmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch
+Vortaeuschung grosser Rentabilitaet bei gesundem finanziellem Fundament in
+die Hoehe zu treiben "_Watering the stock_" die Herde waessern - denn das
+Wort _stock_ bedeutet sowohl Aktie wie Herde. - Natuerlich faellt es mir gar
+nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Geluesten einen Vorwurf
+machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestaetigung meiner
+Ueberzeugung, dass das Streben nach Zuechtung einer Aristokratie ein
+Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwaerts- und Hochkommen
+anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller staerkeren,
+wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwaechlingen
+abzusondern.
+
+(M65)
+
+Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Fuehrers der
+Sozialdemokratie zu vernehmen, dass es in den Vereinigten Staaten so
+ausserordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute
+keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns
+bekaempft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste - und
+dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren
+gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militaerische Drill sitzt seit etwa
+fuenf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten
+erzogen; dem freien Buerger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der
+Welt so verhasst als wie Disziplin. Obwohl drueben die Herdeninstinkte noch
+viel staerker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu
+weitgehender Differenzierung der Persoenlichkeit fuehrt, so ist doch jeder
+Einzelne als Republikaner viel eifersuechtiger auf seine persoenliche
+Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel ueber die Dienstbotenfrage habe ich
+diesen Punkt beruehrt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische
+Eitelkeit, wie ich es nennen moechte, in der Frage der Rekrutierung des
+stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus
+naiv glorifiziert und liebenswuerdig verhaetschelt. Es braucht nur ein
+Bataillon mit klingendem Spiel durch die Strassen zu ziehen, und alles ist
+tief geruehrt vor nationaler Begeisterung - aber dienen will niemand, und
+die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchfuehrbar. Die Regierung sieht
+sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate
+muessen mit schreienden Farben die Soehne des Vaterlandes zum Heeresdienst
+verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen
+und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende
+Offiziere, den Arm in vaeterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner
+Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespraech einherwandeln;
+und auf den Schmuckplaetzen grosser Staedte etablieren sich Feldwebel und
+harren unter aehnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die
+es geluestet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber muessen
+reden koennen wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken
+voll lustiger Schwaenke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken
+- denn Freund Alkohol muss meistens ein uebriges tun, um den schwankenden
+Heldenjuengling soweit zu bringen, dass er Handgeld annimmt. Uebrigens
+versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische
+duerfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht
+wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kraefte gehoerig
+angespannt, aber dafuer wird auch der gemeine Mann wie ein anstaendiger
+Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte
+hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen fuer Unterhaltung und Erholung
+dafuer gesorgt, dass er nicht von Kraeften komme und bei guter Laune bleibe.
+Die Liebenswuerdigkeit eines praechtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten
+in Columbus (Ohio) liess mich einen Einblick in das Kasernenleben tun.
+Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne
+Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er
+krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten
+Hospital die denkbar sorgfaeltigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um
+6 Uhr in einer eigens dafuer bestimmten grossen Halle mit den Kameraden ein
+und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten
+Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck
+gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine
+vorzuegliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemuese und hinterher
+anstaendigen Kaffee mit delikatem Weissbrot. Selbstverstaendlich haben sie
+auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem
+Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreussischen
+Begriffen nicht weit her, dafuer wird aber die Entschlussfaehigkeit des
+einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem
+Erfolge anerzogen. Dass die Loehnung eine ungleich viel bessere ist als bei
+uns, ist wohl selbstverstaendlich. Der amerikanische Soldat koennte also den
+unsrigen hoechstens in dem einen Punkte beneiden, dass er keine so bunte und
+blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafuer ist die seinige aber auch
+viel bequemer als die unsrige und ausserdem ein sichererer Schutz als der
+festeste Kuerass, denn ihre staubgraue Farbe macht den Mann schon in einer
+Entfernung von etwa 300 Meter voellig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst
+erzaehlte mir, dass sie eines schoenen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe
+abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa
+350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen
+bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst
+befluegelt, sei sie vorwaerts gestuerzt und - nach ein paar Minuten sei der
+schmerzlich Vermisste erst schattengleich, dann immer deutlicher und
+kompakter wieder auf dem Ruecken seines Pferdes erschienen. Es wuerde also
+aus der Hoehe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer
+amerikanischen Armee unter Umstaenden ueberhaupt nichts zu sehen sein. Doch
+dies nur nebenbei.
+
+(M66)
+
+Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete
+Soeldnertruppe einem grossen, intelligent geleiteten Volksheer gegenueber
+standzuhalten vermoege, wird ueber kurz oder lang doch einmal zur
+Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, dass die Japs ein
+aeusserst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die
+amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap
+Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den
+ihm zur Begruessung entgegengeschickten hohen Wuerdentraegern des japanischen
+Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos
+freundliche Gesicht eines Mannes, der laengere Zeit bei ihm als Gaertner
+angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie
+wissen tatsaechlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Plaene von
+langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte
+behaupten, dass die pacifischen Republiken Suedamerikas schon alle durch die
+Versprechungen der Japaner fuer deren Zwecke eingefangen und bereit seien,
+beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Kueste zu bemaechtigen,
+dem grossen Bruder in den Ruecken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es
+aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann wuerde es
+eine ueberaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es
+gibt ueber die Rocky Mountains nur fuenf einigermassen gangbare Paesse, die
+militaerisch leicht zuzuschliessen sind. Nur angesichts eines solchen
+nationalen Ungluecks wuerde die gluehende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich
+zur Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht hinreissen lassen. Ich glaube,
+sie waere ein Segen fuer das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an
+persoenlicher Opferwilligkeit macht sich ueberall als Hemmnis fuer den
+Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im
+Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Russland, durch Angst und Schrecken
+muehsam aufrecht erhalten werden muss, schafft ueberhaupt erst die
+Vorbedingungen fuer das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und
+Einrichtungen.
+
+(M67)
+
+Die Freiheit, welche die Buerger der Vereinigten Staaten tatsaechlich vor
+uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden muessen, besteht
+also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen
+Verhoehnung der Gesetze und in der geringen Empfindung fuer die Wichtigkeit
+einer aengstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und
+Berufsehre, als vielmehr darin, dass drueben tatsaechlich jede Energie, jedes
+Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiss,
+wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat,
+der kann sicher sein, ein Feld fuer Betaetigung seiner Kraefte zu finden,
+Ohren, die auf ihn hoeren und Haende, die ihm vorwaerts helfen. Gute
+Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflussreiche Goenner und ererbtes
+Betriebskapital sind selbstverstaendlich auch drueben eine wertvolle
+Vorbedingung; aber der wirklich Tuechtige kann auch ohne all das sicher
+sein, vorwaerts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit
+duenkelhafter Aengstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk
+errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll
+Einlassheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und
+gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreissen; das Beste an
+der demokratischen Freiheit ist es, dass sie einen solchen Bretterzaun
+zwischen Regierung und "Untertan", zwischen Behoerde und Publikum nicht
+duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest,
+dass nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen
+da sei; dagegen entspringt aus dem Bewusstsein des freien Buergers, dass
+nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich fuer sein Geld eine Regierung
+nach seinem Geschmack leisten koenne, jenes Herrenbewusstsein, das die wahre
+Menschenwuerde erst zur rechten Bluete bringt. Dieses Herrenbewusstsein ist
+aber auch der grimmigste Feind aller Duckmaeuserei, Neidhammelei,
+Noergelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene
+beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spiessertums,
+naemlich einerseits der untertaenigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende
+und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel haeufigere, auf
+alles schimpfende und doch nie zur Selbsthuelfe greifende Spiesser duerften
+in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den oedesten Kleinstaedten zu
+finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren
+Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten
+Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden ueberall in
+der Oeffentlichkeit, nicht nur in den grossartigen Organisationen der
+Wohltaetigkeit, der Erziehung, der Fuersorge fuer die physisch und moralisch
+Kranken, in den koeniglichen Stiftungen der Milliardaere, sondern in vielen
+kleinen Zuegen, die beweisen, dass auch der aermste dieser freien Buerger an
+jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das fuer die
+genialen Diebe grossen Stils so viel laechelndes Verstaendnis uebrig hat, das
+auf der Strasse liegende Eigentum des Naechsten auffallend respektiert. Wenn
+der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er
+seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen
+will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf.
+Man hoert nie davon, dass sich jemand an dem angesammelten Kleingeld
+vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt fuer Drucksachen und
+dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und
+keinem kommt der Gedanke, dass sie da fortgenommen werden koennten; ja noch
+mehr: man sieht in den Strassen massenhaft herrenlose Automobile
+herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten koennen sich nur
+sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der
+Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kaelte geschuetzt
+- und man hoert selten oder nie davon, dass ein Auto oder auch nur eine
+solche Decke von der Strasse weg gestohlen worden waere. Bei hellichtem Tage
+bandenweise in einen Laden oder in einen _Saloon_ einfallen und Inhaber
+wie Kunden auspluendern, das ist guter Sport, das ist fesch, wuerde der
+Wiener sagen; aber von der Strasse etwas fortnehmen, das ist gemeiner
+Vertrauensmissbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der
+Kleine, der sich von dem Grossen geschaedigt und schlecht behandelt fuehlt,
+setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter ist leicht mit dem Streik bei
+der Hand, wenn er die grossen Geldsaecke allzu zugeknoepft findet. Aber es
+faellt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um
+seinen Ueberfluss. Weiss er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren,
+dass sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, dass die Kerle
+eben einen guten Kopf, Fleiss, Energie und Glueck gehabt haben - ihm selber
+oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen.
+Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der
+Weizen des Sozialismus drueben nicht bluehen will.
+
+Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen koennte, einige Schiffsladungen
+voll Philister, Spiesser, Paragraphenreiter, Schulfuechse,
+Bureaukratsbuersten und Einfaltspinsel hinueber zu schaffen, um bei Bruder
+Jonathan einen mehrjaehrigen Kursus zwecks Charakterverbesserung
+durchzumachen?
+
+
+
+
+
+ WIE DER YANKEE SEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL MACHT.
+
+
+Es war eine der kluegsten Massnahmen der Unionsbegruender, dass sie in ihrer
+Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie ueberall in
+der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung
+Nordamerikas die Verquickung des religioesen Elements mit der Politik die
+uebelsten Folgen gehabt. Die bischoefliche Kirche Englands, die papistische
+wie die protestantische, hatte natuerlich versucht, ihre Herrschaft auch
+auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen
+Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgervaeter, das heisst
+jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Haelfte des siebzehnten
+Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich
+weit unduldsamer erwiesen als selbst die roemische Pfaffenherrschaft in den
+spanischen Suedstaaten. Sie waeren am liebsten mit Inquisition und
+Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen.
+Aber wie diese Pilgervaeter ueber dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch
+niemals vergassen, ihre weltlichen Geschaefte als geriebene Kaufleute
+intensiv zu foerdern, so liess sich auch der vielgeruehmte _Common __sence_
+ihrer angelsaechsischen Rasse selbst durch religioese Inbrunst nicht voellig
+unterdruecken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende
+Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen
+Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen
+Zusammenhalt angewiesenen Buergern erzeugt. Neugegruendete Staedte und
+Staaten wurden entvoelkert, abtruennige Sektierer fanden grossen Zulauf und
+gruendeten neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der
+alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat
+Maine, der als erster voellige Religionsfreiheit eingefuehrt hatte,
+auffaellig rasch emporbluehte, begannen doch auch den starren Puritanern die
+Augen aufzugehen.
+
+(M68)
+
+Und so kam es, dass nach der gewaltsamen Losreissung vom alten Vaterlande
+die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz
+erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist
+dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatsaechlich in den
+Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die
+Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, dass die Grundsaetze einer
+Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die
+Vielehe bei den Mormonen. Ausserdem hat sie in weiser Voraussicht der
+Ansammlung uebermaessigen Kirchensvermoegen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser
+Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in
+unzaehlige Sekten, die aber keineswegs eine Schwaechung, sondern vielmehr
+eine Staerkung des religioesen Lebens bedeuten. Philosophisches und
+besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen,
+dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch
+Begeisterungsfaehigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit
+heute noch kindlich denkunreif, und so erklaert es sich, dass die Bibel ihm
+noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natuerlich aber liest jedes
+grueblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes
+heraus. Und wer Beredsamkeit und Zaehigkeit genug besitzt, vermag Anhaenger
+um sich zu scharen und eine unabhaengige Gemeinde zu gruenden. Die
+Opferwilligkeit, die dazu gehoert, eine solche Gemeinde, Sekte oder Kirche
+(_Denomination_) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis
+ab fuer die Staerke des religioesen Beduerfnisses. Freigeister in unserem
+Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst
+hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geuebt. Die Tradition hat die
+Bibelglaeubigkeit der Vorvaeter so lebendig erhalten, dass es heute noch,
+ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes
+geblieben ist, seinen Eifer fuer das Christentum irgendwie zu betaetigen.
+Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher
+oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen haelt fest
+zusammen wie ueberall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie
+gruendet ihre Macht auf das irische Element und erhaelt staendigen Zuwachs
+durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie
+ist, traegt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den
+geistig minderwertigsten Einwanderern ueppig ins Kraut schiessenden Stolz
+auf die persoenliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so
+aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen
+versucht sie mit allen moeglichen Mitteln Einfluss zu gewinnen. Die
+bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irlaender, die bekannte
+Tammany Hall im Staate New-York, uebt offensichtlich eine grosse politische
+Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische
+Irlaender in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefaehrlicher
+Weise zu betaetigen, darueber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst
+sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass der
+nuechterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbuergerliches Wohlbefinden
+und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien
+uebers Ohr hauen lassen sollte.
+
+(M69)
+
+Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so
+ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo
+sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betaetigen.
+Selbstverstaendlich wird in saemtlichen Kirchen und Betsaelen Nordamerikas -
+man zaehlt gegenwaertig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer
+Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse - der christliche
+Grundsatz gepredigt, dass vor Gott alle Menschen gleich seien; in
+Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischoefliche Hochkirche nur fuer
+die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren praechtigen Kathedralen
+kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf
+einen ersten Rangplatz in der grossen Oper. Ein beliebiger Mensch der
+minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im voruebergehen in
+solch eine Kirche einzukehren, wuerde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz
+finden, sondern sich auch durch die entruesteten Blicke der Stammgaeste
+energisch hinausgeekelt fuehlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine
+Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre
+Karriere haeufig ihren glaenzenden Eigenschaften als Tischredner,
+Bridgespieler, Musikdilettanten und Taenzer. Die Kirche der geistigen
+Aristokratie, der wohl der groesste Teil der akademischen Welt angehoert, ist
+die _Unitarian Church_. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur
+den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie
+treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen fuer
+ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen,
+vornehmlich bei ihrem beruehmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den
+groessten religioesen Eifer entfalten natuerlich die kleineren Denominationen,
+deren Prediger oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die
+Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre
+Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergnuegte musikalisch
+deklamatorische Unterhaltungen oder schweisstreibende Leibesuebungen
+veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den
+Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame
+dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker Uebertreibung Rechnung
+tragen muessen. Am spasshaftesten muss es wohl in den Negerkirchen zugehen.
+Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesaenge der Nigger gehoert hat, deren
+Eigentuemlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung
+von Himmel und Hoelle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der
+Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der
+Weihe eines Negergottesdienstes machen koennen. Der Rhythmus afrikanischer
+Kriegs- und Geisterbeschwoerungstaenze sitzt diesem kindhaft gebliebenen
+Volke eben noch so fest in den Knochen, dass auch seine religioesen Gefuehle
+bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen.
+
+(M70)
+
+Um einen Begriff von dem Ton dieser religioesen Niggerpoesie zu geben, habe
+ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu uebersetzen, wobei freilich zu
+bedenken ist, dass die Eigentuemlichkeiten des Negerdialektes schon darum
+jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch
+kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet
+folgendermassen: "Jossua fit de battle ob de Jerico".
+
+ Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - so froh!
+ Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho -
+ und die Mauern purzeln um - glatt um!
+
+ Kommt Brueder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, lasst uns eilen,
+ da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.
+ Wir waehlen uns zum Text - die Deutung, die liegt nah:
+ "Der Herr rief: Moses, Moses! - und der Mann sprach: Ich bin da!"
+ O Daniel!
+ Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,
+ und die Mauern purzeln um, glatt um.
+
+ Nu, oll' Pharo von Aegypten - klueger war kein Mensch gebor'n -
+ und er kriegt die Judenkinder 'ran zur Arbeit in sei'm Korn.
+ Schliesslich liess der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,
+ dass der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen moecht'.
+ O Daniel usw.
+
+ Sollt er aber dies verweigern! - o verdammt - dann ging's ihm schlimm.
+ Auf Aegypten wollt er leeren kuebelweise seinen Grimm.
+ So geschah's. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.
+ Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfaehrt.
+ O Daniel usw.
+
+ Tolle Sachen dreht der Herrgott - und nicht nur in alter Zeit,
+ nicht fuer Israel nur - Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!
+ Seine Liebe reicht fuer uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt
+ mich meinem Massa, dass die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.
+ O Daniel usw.
+
+Besonders interessant ist es, dass, wie auch in den aeltesten Zeiten des
+Volksliedes der europaeischen Kulturlaender, das eigentlich sinnvolle
+Gedicht von einem Solosaenger vorgetragen wird, waehrend der Chor sich durch
+ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In
+obigem Lied singt also der Chor: so froh - glatt um - o Daniel - und
+wiederholt am Schlusse jedes Verses die ausser Zusammenhang mit dem Inhalt
+stehenden Einleitungszeilen: "Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho".
+
+Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich
+vergeblich bemueht habe, lautet hoechst charakteristisch:
+
+ Der Vorsaenger:
+ O der Gaensekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn -
+ Mein Herr schreibt meine Zeit ein.
+ Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schaedel auch
+ alle Haare dir gezaehlt. Weisst du das nicht?
+ Oder meinst du, dass der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht
+ von 'nem Walfisch unterscheiden sollte koennen?
+
+ Chor:
+ Suendige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,
+ denn mein Herrgott schreibt es ein.
+
+ Vorsaenger:
+ Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht -
+ mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.
+ Du erwarte nicht vom Nachbar, dass er deiner Seele durchhilft,
+ deine Suenden muessen braten wie die Huehnchen auf dem Hofe.
+
+ Chor:
+ Also suendige lieber nicht usw.
+
+In einem anderen Liede wird den armen Suendern angeraten, sich ja
+rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen,
+denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm.
+
+Es waere aber ein grosser Irrtum, anzunehmen, dass die groteske Form dieser
+religioesen Gesaenge nur der Lust der Nigger an kindischer Spassmacherei
+zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden
+von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als
+komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja
+aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute veraengstigter Seelen in
+armen gequaelten Leibern. Und die religioese Inbrunst, die aus ihnen
+spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie.
+Uebrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar,
+was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht
+haben, sowie auch die Negermusik die einzige originelle musikalische
+Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet.
+
+(M71)
+
+Das weisse Gegenstueck zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist
+die Heilsarmee, die Kirche der Alleraermsten und Untersten. Zeichnen sich
+ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so
+erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische
+Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfuegen
+oft sogar ueber sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten.
+Ausserdem passt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesaenge, die Vorliebe
+fuer die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von
+Himmel und Hoelle vortrefflich zu ihren schwarzen, wuesten Gesichtern mit
+den sanften schwaermerischen Augen. Wenn aber weisse Menschen unter einem
+noerdlichen Himmelsstrich ihre religioesen Gefuehle in der Form einer mehr
+als barbarischen Musikuebung mit grauenhaftem Gesang und misstoenender
+Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Strasse ausueben und sich in
+ihren Predigten wie ihren Gesaengen eines Jargons bedienen, der weder fuer
+den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch fuer die schlichte
+Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verstaendnis besitzt, so
+muss einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial
+fuehlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung
+versagen; sie allein von allen religioesen Gemeinschaften hat es vermocht,
+den natuerlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen
+Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jaemmerlichsten Elend zu
+ueberwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit
+und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; sie
+speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie
+gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gaenzlich
+Verzweifelten, von der Gesellschaft voellig aufgegebenen doch noch zu einem
+menschenwuerdigen Dasein. Der grosse Erfolg, den sie auf der ganzen
+christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, dass sie sich auf die
+Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat,
+versteht, und dass die sinnfaelligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer
+Propaganda anwendet, die richtigen sind.
+
+Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund
+so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer
+gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer
+Aufklaerung durch die Schule und unserer bewundernswuerdigen sozialen
+Hilfsarbeit gebracht, dass in unseren prunkenden Weltstaedten ueberall noch
+Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit
+fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen
+beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte
+Wohltaetigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die
+_Legal Aid Society_ zum Beispiel gewaehrt den Aermsten und Unwissendsten
+unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemuehungen um die Besserung erblich
+belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener
+gegen das Zurueckgleiten in ihr frueheres Leben haben grossartige Erfolge
+aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter
+Menschenliebe - und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer
+scheusslichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!
+
+(M72)
+
+Wenn man die Verbreitung und die laute Betaetigung der Heilsarmee als
+Massstab fuer die Gesittung eines Volkes annimmt, so muesste in dieser
+Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Voelkern
+stehen. Ich meine aber, dass dieser Massstab doch vielleicht zu einem
+ungerechten Urteil verfuehrt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt
+wohl die groessere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine
+Folgeerscheinung des unerhoert raschen Emporschiessens einer rein
+technischen Zivilisation und des dadurch gefoerderten unnatuerlichen raschen
+Wachstums der Staedte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern
+Halt, und die unmittelbare Beruehrung mit der erhabenen Natur, mit der zu
+Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Aermsten edle
+Freuden - Seelenfrieden wenigstens -, waehrend in der Grossstadt alle diese
+idealen Gueter nur fuer die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen
+verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so
+fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je
+mehr sich Riesenvermoegen in den Haenden weniger zusammenfinden, je mehr
+eine glaenzende Luxuskultur sich in der Oeffentlichkeit breit macht, desto
+sicherer verfaellt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der
+Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil ueber den
+Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schliesst. Die Arbeiter,
+die in steter Beruehrung mit den erstaunlichsten Erfindungen des
+Menschengeistes sind, die ihnen die Baendigung der Naturkraefte durch
+unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen
+Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtaeglich vor Augen
+fuehren, gewinnen von diesem Umgang weder fuer ihre Verstandesbildung noch
+fuer die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was
+allenfalls dabei herausspringen kann, waere fuer gut veranlagte Koepfe der
+Anreiz zu erfinderischer Eigenbetaetigung. Ebensowenig wird der Herr der
+Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht,
+Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schoenen Dingen eine seelische
+Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heisst also an
+Idealismus, an einem zeitig geweckten aesthetischen und ethischen Gewissen
+fehlt.
+
+Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die
+Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bussbank locken laesst, legt also im
+Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen
+Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und
+reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religioes drapierten
+Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen laesst.
+
+Von der oeffentlichen Katzenmusik der mit der grossen Trommel begleiteten
+Busspredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuss, vor
+dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablaessig in
+Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten
+Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen
+anderen Grossstaedten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg -
+und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europaeer sehen die durch Misses
+Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religioese Bewegung als eine geistige
+Epidemie an, welcher religioes veranlagte, aber denkunfaehige Geister
+deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung
+urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken
+gleichmuetig die Achseln ueber diese sogenannte christliche Wissenschaft und
+verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie.
+
+(M73)
+
+Der "American Encyclopedie Dictionary" definiert die Grundlage dieser
+Wissenschaft folgendermassen: "Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit
+und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der
+Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die
+Allmacht des Guten und die Unmacht des Uebels. Christian Science will die
+Wahrheit der urspruenglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der
+Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit
+ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Suende. Bekaempfe also Suende und
+Irrtum, so bekaempfst du Krankheit und Tod." - Christlich kann man diese
+Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische
+Begruendung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen.
+Das Neue und fuer die grosse Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende
+an dieser Lehre besteht darin, dass sie Christus zum Magier macht und die
+magischen Kraefte seiner Glaeubigen durch inbruenstige Gebetsuebungen dermassen
+staerken zu koennen vorgibt, dass auch die Wunder zu wirken imstande sind,
+vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen
+Religion ist also der, dass sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die
+Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt
+ist erfuellt von Uebeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not
+und Tod; der Glaeubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in
+der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch
+seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren
+Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es gluecklich zur
+vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder
+Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, dass eine solche Lehre in Amerika,
+wo es so wenig philosophisch geschulte Koepfe gibt, ihr Glueck machen musste.
+Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm
+Hervorgebrachte fuer vortrefflich haelt, derselbe glueckliche Leichtsinn, der
+die schwierigsten Fragen dadurch loest, dass er einfach behauptet, sie
+existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution
+gesehen haben), dieselbe Leichtglaeubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten,
+Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der
+Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Glaeubigen in
+ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwuerdigen Frau
+liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung.
+Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg.
+Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der
+Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefuegte Organisation zu
+schaffen versteht, der muss ein erwaehltes Werkzeug Gottes sein.
+
+(M74)
+
+Es will uns Europaeern schier unfasslich duenken, dass im zwanzigsten
+Jahrhundert unter dem angeblich nuechternsten aller Voelker eine Frau zur
+Gruenderin einer neuen maechtigen Kirche und von ihren Glaeubigen fuer heilig,
+unfehlbar, ja selbst unsterblich erklaert werden konnte! Misses Baker Eddy
+war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persoenlichkeit
+geworden. Man wollte wissen, dass sie schon seit Jahren tot sei, und dass in
+ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhaenger
+nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Paepstin irre
+werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz
+wirklich gestorben und begraben worden, und die Aerzte wussten ganz genau
+den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben.
+Man haette nun meinen sollen, dass mit diesem unzweifelhaften leiblichen
+Tode der magische Nymbus zerstoert worden sei, der die Person der Paepstin
+ausserhalb der Menschheit in die Reihe der Goetter stellte. Aber das war
+keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begraebnis verkuendete eine
+ihrer vertrautesten Juengerinnen, sie koenne den Glaeubigen mit Bestimmtheit
+versichern, dass nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der
+Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter
+Leiblichkeit, vermutlich verjuengt, vielleicht schon in vierzehn Tagen
+wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings
+hinzu, es koennte eventuell auch laenger dauern, vielleicht Jahre, viele,
+viele Jahre lang.
+
+Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gruenderin gestorben; sie
+hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschuetterungen ihres Ansehens
+standgehalten, denen sie durch den hoechst unerquicklichen Zank der
+Auserwaehltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten
+paepstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt
+war. Fuer uns Europaeer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur
+eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den
+Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefaehrlich, ueber diesen
+Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu
+aeussern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer
+Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen
+geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich
+fuer ewige Zeiten unmoeglich zu machen, indem ich das Thema von der
+Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles
+Raeuspern brachten mich gluecklicherweise einige wohlmeinende Mitmenschen
+zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, dass mein Nachbar
+zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis ueberzeugte Anhaenger der
+Misses Eddy seien.
+
+Wie ausserordentlich verhaengnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch fuer
+die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafuer wurde mir ein
+Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzaehlt. Ein gescheiter
+und tuechtiger Geschaeftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet
+und fuehrte eine durchaus glueckliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der
+Gesundbeter geriet. Von da an liess er das Arbeiten bleiben und
+beschaeftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie.
+Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herueberzuziehen. Die
+Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte
+er sich so aus, dass nunmehr auch der Herr fuer die Bezahlung der laufenden
+Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener
+Gebetsuebungen merkwuerdigerweise nicht der Fall war, so musste seine Gattin
+immer mehr und mehr von ihrem Kapital fluessig machen, bis sie eines Tages
+die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie
+dadurch klar machte, dass sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit
+Sack und Pack sein Haus verliess.
+
+(M75)
+
+Wir wuerden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, dass nur in
+ihrem Lande heutzutage noch ein guenstiger Boden fuer ausgiebigen Gimpelfang
+auf religioesem Gebiet zu finden waere. Christian Science zum Beispiel hat
+auch in Deutschland zahlreiche Anhaenger, und zwar vornehmlich in jenen
+erlauchten Kreisen, die auf die "Kreuzzeitung" abonniert zu sein pflegen.
+In meinen Haenden befinden sich zwei traurige Beweisstuecke fuer die engen
+Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher
+Strammglaeubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blaettern der ganzen
+Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer
+1106: "Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt
+ueber die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt!
+
+Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingefloesst. Aerzte und Prediger
+erzaehlen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertaeter
+Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des
+Todes entreisst. Seine Ratschlaege sind unentgeltlich fuer alle. Dieser Herr
+entbietet sich, seine Ratschlaege unentgeltlich zu geben. Aerzte suchen
+seine ausserordentliche Kraft zu ergruenden ..."
+
+Und in diesem scheusslichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort.
+Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum
+Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von
+ihm erfundenen Radiopathie vor. "Die Radiopathie hilft nicht nur bei
+gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nuetzt gegen alle Krankheiten,
+wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer
+Formel praepariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie
+krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben
+Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange
+Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnuegen daraus machen, Ihnen die
+Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu
+beschreiben, das Ihnen nuetzen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und
+Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: 'Wie man
+sich selbst und anderen helfen kann' mitschicken usw."
+
+Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Fuer das Postfach 1106 in
+Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und
+Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natuerlich lauter arme, verzweifelte,
+schmerzensreiche, meist von den Aerzten aufgegebene Menschen, erhielten ein
+gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie
+aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofuer
+ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natuerlich eine voellig
+wertlose Droge, zugehen wuerden. Die hochwichtige Broschuere voll angeblich
+wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt.
+Und siehe da, Tausende und aber Tausende liessen sich den letzten
+Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem
+schwerreichen Mann. Selbstverstaendlich ist er in Wirklichkeit weder Dr.
+med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer
+Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten
+Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spass zu machen, liess er
+zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis
+photochemisch vervielfaeltigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der
+diesem niedertraechtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden
+mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preussische
+Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn
+Professor der Radiopathie in Rochester Gestaendnisse ablegen, wie man sie
+selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande hoechster
+Verzweiflung ablegen duerfte.
+
+(M76)
+
+Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spass daraus, diese
+traurigen Intimitaeten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll
+dieser gemeingefaehrliche Schwindler uebrigens sein Unwesen heute noch von
+Paris aus froehlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, dass die
+erwaehnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann
+gestehen, sie haetten es unter anderem auch schon mit der Christian Science
+versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europaeer
+sind noch laengst nicht ueber den Berg des Aberglaubens hinweg; der
+religioese wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des
+Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie
+ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehoerigen aller Bekenntnisse, aller
+Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde
+abgerueckt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der
+Beschwoerungstaenze ihrer Medizinmaenner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr,
+aber in den finsteren Hoehlen der Menschenseele kann der unerschrockene
+Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden.
+
+Bei der voelligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten
+Staaten gewaehrleistet, und der grossen Anzahl der Bekenntnisse, die der
+heilsuchenden Seele zur Verfuegung stehen, braucht die Wahl der
+Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschliessen will,
+von keinen anderen als rein idealen Erwaegungen geleitet zu werden;
+begreiflicherweise spielen aber dennoch Nuetzlichkeitsgruende, allerlei
+komische oder betruebliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine
+bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbstaendig denken gelernt haben,
+und deren Zahl ist in Amerika besonders gross, sowie alle Leute, die nicht
+von einer besonderen religioesen Inbrunst erfasst sind, werden entweder
+einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde
+anschliessen, durch die sie wertvolle geschaeftliche und gesellschaftliche
+Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat
+offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede
+gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, dass sich immer gleich
+zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und
+der Aussenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der
+natuerlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine
+dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und
+Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstueck zu den Klubs, die aber
+nur den Wohlhabenden zugaenglich sind und die Familie ausschliessen. Der
+selbstaendige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert
+verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfuegung stehen, diejenigen
+aussuchen, in der er ausschliesslich seinesgleichen in bezug auf Bildung,
+gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen
+findet.
+
+Es ist klar, dass der religioesen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum
+durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die
+Respektablitaet es erfordert, dass man einer christlichen Gemeinschaft
+angehoere, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines
+frommen Quaekers Sohn zu den Methodisten uebertritt oder die Tochter des
+Presbyterianers sich den Baptisten anschliesst. Religioese Ueberzeugung wird
+unter allen Umstaenden geachtet, auch wenn sie aeusserlich wunderliche Formen
+annimmt. Und so faehrt schliesslich das echte religioese Beduerfnis bei dieser
+Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar duerften in
+keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in
+den Vereinigten Staaten, weil ja bei der voelligen Freiheit der
+Meinungsaeusserung jeder Geistliche in seiner Person gewissermassen eine
+eigene Kirche darstellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm
+seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht
+deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfaenger, so mietet er
+sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen
+hineinzupredigen. Hat er deren ein Haeuflein beisammen, so ist seine
+Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfaehige Geistliche, dessen Persoenlichkeit
+der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das
+Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da
+brotlose Kuenste treiben.
+
+(M77)
+
+Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde
+schliessen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New
+York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem
+feinsinnigen Gelehrten und allverehrten frueheren amerikanischen
+Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle
+Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedaempfte
+Farbenharmonie fasst die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen
+Holzton des Gestuehls mild zusammen, und die farbigen Fenster daempfen das
+Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer
+Daemmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder
+Marterdarstellungen, ueberhaupt keine biblischen Schildereien finden sich
+in diesem, ich moechte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine
+einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle,
+die dem Charlottenburger Mausoleum einigermassen aehnlich ist, ruhen in
+herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhaendlers
+Cornell, der seinen Namen durch die Gruendung dieser, zu den
+allervornehmsten zaehlenden Universitaeten unsterblich machte. Hier ruht
+auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine
+Ruhestaette finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet,
+sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem
+berufenen Redner offen, dessen Denken und religioeses Fuehlen sich irgendwie
+unter dem Einfluss christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also
+hier allsonntaeglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen
+Bekenntnisse, sowie auch ausserhalb alles Kirchentums stehende bedeutende
+Denker und Redner.
+
+Ist es nicht bezeichnend, dass die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D.
+White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam?
+Allerdings haetten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger
+gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit
+suchenden Gemeinde geredet haetten - Rom aber sprach: "Quod non!"
+
+
+
+
+
+ DIE LANDSCHAFT.
+
+
+(M78)
+
+Schliesslich sieht es doch nicht ueberall in den Vereinigten Staaten aus wie
+in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der
+Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schoenheit mordenden
+Industriegelaendes in den Mittelstaaten von den grossen Seen bis zum
+Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und
+Naechte lang durch Kohlen- und Petroleumhoellen, endlose Steppe und Wueste
+bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinueberzufahren, um auf
+landschaftliche Schoenheiten zu stossen. Schon die Manhattan-Insel, auf der
+die Fuenfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt
+erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den
+gruenen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer,
+von New York nach Providence, glaubt man sich im suedlichen Schweden zu
+befinden; die liebliche Wald- und Huegelszenerie mit ihren dunklen Taelern
+und klaren Baechen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt,
+koennte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize
+ostpreussischer oder maerkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der
+Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und
+vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem
+nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake
+Cayuga und wie sie alle heissen; in den Taelern des Delaware, des
+Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche
+Schoenheit herben und zarten, heroischen und idyllischen Stiles vorhanden,
+wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wuenschen kann, Schoenheit
+genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung
+zu schaffen. Aber der europaeische Naturfreund wird nirgends dieser
+Schoenheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit
+Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn - _es fehlt ueberall
+an der kulturellen Inszenesetzung_. "O lieber Herrgott, wie gut hast du's
+gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie uebel hast du die Absichten der
+Natur verstanden!" Das ist das Stossgebet, das sich ueberall in den
+Vereinigten Staaten dem schwergekraenkten aesthetischen Bewusstsein entringt.
+Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhaeuser, die
+Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepassten, von Gau zu Gau
+wechselnden Charakter angenommen; ueberall dasselbe toedliche Einerlei
+plattester Zweckmaessigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen
+Granit in maechtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und
+hie und da sogar ein Stueckchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der
+ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten
+Holzhaeuser, in lustigen Blumengaerten sauber aufgestellt, darinnen derbe,
+blonde Dirnen in roten Roecken und gruenen Schuerzen hantieren? Wo ist die
+bluehende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und
+Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit
+seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in
+den anmutigen Flusstaelern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu
+finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause waere?
+Wo sind in den Glanzstuecken der Gebirgslandschaft die romantischen Wege
+fuer Fusswanderer, die einsamen alten Wirtshaeuser an der Landstrasse, die
+verraeucherten alten Raeubernester italienischer Bergdoerfer, oder gar die
+lustigen Sennhuetten unserer Alpenlaender zu finden? Nichts, nichts von
+alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist ueberhaupt
+schwer hinzugelangen. Aber ueberall, wo so viel zu sehen ist, dass der
+Baedeker einen Stern dabei machen wuerde, spreizen sich die lieblosen
+grossen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebuehrender
+Entfernung halten. Fuer die reichen Sommergaeste ist selbstverstaendlich
+gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplaetzen, mit Motorbooten und allen
+neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants
+zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen
+Futterplaetzen konzertieren selbstverstaendlich kleine Musikkapellen, die
+die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten
+geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.
+
+(M79)
+
+Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Beduerfnis
+nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer
+Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns
+sehen wir ihn ausschliesslich die grossen Hotels, die geraeuschvollen
+internationalen Vergnuegungsorte bevoelkern, wo er von der Eigenart einer
+Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren
+Gebirgen, an unseren Fluessen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen
+Ausruestung von modernsten Sportanzuegen und neuesten patentierten
+Sportgeraetschaften. Vom juengsten Buebchen bis zum aeltesten Greise widmet er
+sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut
+ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Baellchen in Gesellschaft huebscher
+Misses mit Knuetteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel
+schwer zugaenglicher Schoenheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muss
+seinen Kodak umhaengen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostuem oder
+das mitgenommene suesse Baby in allen Lebenslagen knipsen zu koennen.
+Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern
+begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefaehrlich ist
+und ihrer Raserei fuer das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und
+sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Kaesebrot und einer Streu
+vergnuegt bescheidet, den gruendlichen Wissensdrang, der am liebsten die
+stillen Winkel durchstoebert, die fromme innige Naturschwaermerei, die den
+grossen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege
+geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt fuer
+schoen, was ihm durch Dimension oder Quantitaet imponiert und - was viel
+gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich ueber die graesslichen
+Reklameschildereien ereifern hoeren, die gerade an den landschaftlich
+bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt
+von einigen Stunden, die recht genussreich fuer das Auge sein koennte,
+etliche hundert Mal in der Gestalt eines ueberlebensgrossen rotbunten Ochsen
+entgegenschreit, dass _Durham Bull_ der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak
+sei, oder sonst irgendeine maechtig interessante Feststellung. Haelt man ihm
+die Poesielosigkeit der grossen Hotelbauten in seinen beruehmten
+Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der koennte
+sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe
+ausgeruestet in die Wildnis ziehen. O gewiss, das wuerde auch unserem
+Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter den jungen
+Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte "_camping out_". Aber auch
+dieses Vergnuegen des Biwakierens ist mit Kosten verknuepft, die sich nur
+wohlhabende Leute leisten koennen, denn es versteht sich von selbst, dass
+man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt,
+ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit,
+Kochgeschirr, Angel- und Jagdgeraet usw. auf das vollkommenste mit den
+allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgeruestet zu sein. In den
+Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld haetten,
+dass sie sich nicht einmal so etwas leisten koennten, oder wenigstens kennt
+man in besseren Kreisen solche betruebliche Armseligkeit nicht.
+Andererseits wuerde wieder das geistige Gepaeck, das unsere kultiviertesten
+Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drueben fuer ein
+ausserordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische
+und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche
+gruendliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was
+dem historischen Sinn Nahrung geben koennte, so vermisst der Amerikaner die
+edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverstaendlich
+alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte
+Geruempel.
+
+(M80)
+
+Es ist ein wahres Wunder zu nennen, dass die guten Kinder ihre Niagarafaelle
+verhaeltnismaessig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen
+Kraft, die dort umsonst zu haben ist, waere es doch eine Kleinigkeit, zum
+Beispiel ueber dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und
+Streifenbanner aus elektrischen Gluehkoerpern flattern zu lassen! (Sie
+machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie wuerden
+sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen Ufer
+Onkel Sams Fahne flammen sehen muessten! Sie wuerden vermutlich nicht lange
+zoegern, auf ihrer Seite einen wenn moeglich noch groesseren, elektrisch
+bewegten _Union Jack_ zu hissen. Und damit waere sozusagen das Eis
+gebrochen: in wenigen Wochen wuerde der strahlende Ochse Durham das Lob des
+besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus
+bruellen; ueber, unter, zwischen und hinter den Faellen selbst wuerden in
+genial ersonnenen Lichtspielen die koestlichen Whiskys, die beliebtesten
+Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abfuehrmittel sich dem
+staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu
+begreifen, dass nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywaesche diese
+glaenzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch saemtliche
+amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafaellen zu
+unternehmen pflegen. Ich vermute, dass da irgend welche schlechten
+Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schaendlich
+unterbunden haben muessen; anders ist dieser geradezu barbarische und
+schamlose Zustand gar nicht zu erklaeren, dass man hier die Natur so nackt
+und bloss wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den
+menschlichen Geschaefts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europaeer
+kann so etwas schoen finden!
+
+Und dennoch muss ich gestehen, dass ich dekadenter Europaeer auch angesichts
+der Niagarafaelle die feinere Regie vermisste. Ich musste an unsern lieben
+Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche
+Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch
+eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche
+Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begruenten Stadtmauer,
+seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirtshaeusern! Wie
+sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken - denn
+auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die ueppigen Schaetze der Natur aus
+reiner Sentimentalitaet ungehoben zu lassen -, wie sind sie so geschickt
+unter dichtem Gruen versteckt! Dagegen dehnt sich drueben von der furchtbar
+garstigen Grossstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheusslichen Nest
+Niagara-Falls-City die trostloseste Einoede am Gestade des Eriesees
+entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar,
+und infolgedessen sieht man ueberall verlassene Ansiedlungen,
+Truemmerhaufen, Oedland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem
+schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und missfarbigen Rinnsalen. Lange,
+truebe Strassenzuege mit garstigen Arbeiterhaeusern durcheilt die elektrische
+Bahn nach den Faellen, an wuesten Schnapskneipen und Tanzsalons mit
+klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muss man vorueber,
+bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden
+Hauptfaelle angelegt hat. Dann gelangt man zunaechst an den kleineren
+dritten Fall, den die Industrie ganz und gar fuer sich in Beschlag genommen
+hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und
+Schlote der Fabriken empor, und die gebaendigten Wassermassen quellen aus
+einer Menge von eisernen Roehren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen
+Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es muessen wohl Farbwerke
+sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie
+sah, waren alle diese Abfluesse zu Eiszapfen gefroren, die einen
+pittoresken Behang ueber dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schoen
+chromgelb, vitriolblau und krapprot gefaerbt waren. Die grossen Faelle selbst
+gehoeren ja ohne Zweifel zu den gewaltigsten Naturschauspielen der Welt,
+besonders im Winter, wenn die Baeume im weiten Umkreis in wunderbar
+funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische
+Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden
+Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustueck
+gaenzlich an Hintergrund. Der Niagarafluss verbindet eben zwei an sich wenig
+reizvolle grosse Wasserflaechen, und wenn nicht zufaellig der Eriesee etliche
+60 Meter hoeher als der Ontariosee gelegen waere, so wuerde es ueberhaupt
+nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die
+biedere Warthe in irgendeinem preussischen Kartoffelacker einen solchen
+Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausfuehren liesse, so wuerde das einigen
+Hunderttausenden Deutschen genuegenden Anlass bieten, um entruestet aus der
+Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister
+geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.
+
+(M81)
+
+Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner
+veruebeln durfte, weil er eben zunaechst fuer das Allernotwendigste zu
+sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was
+sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjaegern zu verteidigen hatte,
+die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten fuer den hochkultivierten Osten,
+und die Zahl derer, die sich nach Schoenheit zu sehnen beginnen, waechst von
+Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten
+Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt
+Landschaftsregisseure mit unbeschraenktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was
+liesse sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiss mir keinen
+schoeneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New
+York bis Albany schlaegt er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis
+Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar
+mit der Elbe zwischen Koenigstein und Schandau aufnehmen vermoege seiner
+herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die
+Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der
+Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Stroeme, so liegt
+das eben einfach daran, dass ihm die Rebenhaenge mit den beruehmten
+Weinmarken, die lieben alten Staedtchen und ganz besonders die malerischen
+Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons haette also die Aufgabe, das
+ganze staedtische und doerfliche charakterlose Geruempel, das die Ufer des
+Flusses verschimpfiert, niederzureissen und durch Neubauten im Stil des
+Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das waere mit viel Geld zu
+machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdraengte: Ja, welches
+ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiss eben
+kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die
+Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall,
+ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederliessen, und jeder von
+ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte
+und seine Mittel es erlaubten. Gewiss haben sich an unserem Rhein die
+Menschen urspruenglich auch nicht aus Bewunderung fuer die schoene Gegend
+niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Hoehen gebaut, um
+spaeteren Geschlechtern eine Sehenswuerdigkeit durch deren Ruinen zu
+liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft spaeteren Dichtern und Malern
+zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmaessige ist
+immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten gerade so wie in
+der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat
+die Schoenheit dazu getan. Aber diese Schoenheit ist keineswegs ganz wild
+gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein
+einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, dass der Wille
+einzelner Ueberragender sich den Herdenmenschen aufzwang, dass die
+kuenstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden
+erkannt und mit grossen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster
+schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder
+nachmachten. Die Zuenfte mussten ihren Zwang auf die Handwerker ausueben, die
+Stadtvaeter mussten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die
+Engigkeit der Verhaeltnisse musste ein konservatives Philisterium gezuechtet
+werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der
+Entwicklung stoerte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in
+einer grossen demokratischen Republik nachahmen koennte. Gewiss, ein genialer
+Architekt, nennen wir ihn Meyer, koennte mit den zur Verfuegung gestellten
+Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen,
+und das koennte vielleicht etwas sehr Schoenes geben, aber dann muessten auch
+drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwaengen,
+ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten
+und sich ueberhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen.
+Wuerden sich die freien Buerger des Staates New York das gefallen lassen?
+Schwerlich. Sie wuerden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative
+Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schoen geschwungenen
+Uferbergen des Hudson kuenstliche Burgruinen zu errichten, zu denen
+Zahnradbahnen oder Elevators hinauffuehrten. Es waere weiterhin nur
+vernuenftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederliessen, die
+auf den Plattformen der Tuerme Flugschiffstationen und auf den
+Turnierplaetzen Hangars fuer Aeroplane einrichteten. Gewiss wuerden es die
+Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige
+Fabrik huebschere Formen annaehme und an Stelle manchen haesslichen Geruempels
+reiche Mitbuerger ihre Sommervillen in allen moeglichen bizarren
+europaeischen und asiatischen Stilen anlegen wuerden. Vermutlich wird man
+schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und
+Drachenburgen, japanische Teehaeuser, russische Datschen und Darmstaedter
+Eigenheime bewundern koennen, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von
+selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja
+bei uns, wie schwer es die Vereine fuer Denkmal- und Heimatschutz haben,
+unsere schoensten alten Staedtebilder vor Verschandelung zu behueten, und wie
+auch die strengste Baupolizei hoechstens unter Mitwirkung wirklich
+feinfuehliger Kuenstler einigermassen dem Eindringen der Stillosigkeit zu
+wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorvaeter ist
+uns Modernen durch den Mangel an Sesshaftigkeit der grossen Masse, die durch
+unsere Verkehrsverhaeltnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen.
+Drueben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit
+natuerlich niemals bestanden; der Kuenstler, den man zum
+Landschaftsregisseur ernennen wollte, haette es also mit Kindern und
+Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft
+machen, aber keinen Stil aufzwingen koennte. Die Yankees mit ihrem
+wundervollen Optimismus sind natuerlich ueberzeugt davon, dass die Schoenheit
+und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln muessten als
+eine Frucht der fortschreitenden Geschmackskultur ihrer reichen und
+muessigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube
+vielmehr, dass sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der grosse Unterschied
+zwischen der alten Welt als einem Antiquitaetenmuseum und der neuen als
+einem Novitaetenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmaehlicher
+Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht
+einzuholen.
+
+(M82)
+
+So muesste ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure fuer die Vereinigten
+Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht
+ganz. Im weiten Sueden, im aeussersten Norden und im fernen Westen ist noch
+Platz genug fuer Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die
+gesetzgebenden Koerperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur
+Bedingung fuer neue Gruendungen machten, dass die Plaene nicht ohne
+Hinzuziehung bewaehrter Kuenstler entworfen und ausgefuehrt werden duerften,
+so waere von diesen neuen Staedten und Doerfern des 20. Jahrhunderts doch
+wohl ein bisschen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko
+nicht; ich weiss nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran
+gedacht hat, die kuenstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die
+Amerikaner behaupten ja, dass ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole
+Seattle und andere nordwestliche Gruendungen von hervorragender Schoenheit
+seien. Nun, dann wuerde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von
+Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in
+einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und
+vor dem Schlafengehen nicht fortgeraeumt haben. Von dem grossen Voelkerumzug
+sind noch ueberall die ausgeraeumten Kisten, die Stroh- und Papierhuellen,
+die ausgerissenen Naegel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn
+erst der Osten sich vor dem Westen zu schaemen beginnt, dann findet er
+vielleicht auch Zeit, endlich einmal gruendlich aufzuraeumen. Und in der
+aufgeraeumten Landschaft, dem gesaeuberten Stadtbilde werden wenigstens die
+groebsten Scheusslichkeiten so unliebsam auffallen, dass man sich um so mehr
+beeilt, sie gaenzlich wegzutilgen und durch Schoeneres zu ersetzen. Dann
+wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir
+sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere
+Missionaere den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann
+auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Kuenstler
+hinueber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische
+Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und
+Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen
+amerikanischen Stadt eine schoene Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem
+Namen an Stelle des bei uns ueblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis
+und Landwehr-Bataillon zu lesen waere: "Gestiftet von Carnegie, in Szene
+gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus Muenchen-Pasing."
+
+
+
+
+
+ DOLLARICAS INFAMSTER SCHURKE.
+
+
+(M83)
+
+Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten
+gegenueber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen
+Enttaeuschungen dadurch zu schuetzen, dass ich meine Mitmenschen von
+vornherein jeder Bosheit und Niedertracht fuer faehig halten moege, stets mit
+Ernst und Eifer die Meinung verfochten, dass alle Kreatur von Mutterleibe
+an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und dass nur widrige
+Umstaende, zumeist gaenzlich unverschuldeter Art, wie ueble Herkunft,
+leibliche Not und ungestillte Sehnsuechte der Seele die boesen Triebe
+gewaltsam einzuimpfen vermoechten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois)
+Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muss ich gestehen, dass
+meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschuettert
+wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern
+sogar ein Vierfuessler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden
+Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demuetiger Ergebung
+und verehrungswuerdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der
+ganzen Vereinigten Staaten ist naemlich, gerade herausgesagt - _ein
+Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.'s Packing Company_ in
+den Chicagoer Schlachthoefen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter
+waere, der ich, wie gesagt, nicht bin, so wuerde ich diesen Hammel eine
+_eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer haette es je fuer moeglich
+gehalten, dass ein Schafskopf so viel Niedertraechtigkeit beherbergen
+koenne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden Aeusseren dieses Hammels deutet
+auf die Schaendlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnuegtes
+Schafsgesicht verklaert das satte Laecheln eines gutmuetigen Pfaeffleins auf
+fetter Pfruende, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines
+beleibten, aber noch ruestigen alten Herren, der unter Umstaenden wohl noch
+zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt
+getragene Maske der Bonhomie zu der eintraeglichen Stellung bei Armour &
+Co. verholfen.
+
+Dieser ehrenwerte Beamte erfuellt naemlich die Aufgabe, waehrend der
+Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende
+seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehoerigen und
+Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen
+Eisenbahnzuegen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_
+von Chicago zusammen. Die Wagentueren oeffnen sich, und froh, der langen
+grausamen Haft entrinnen zu koennen, draengen sich die Scharen munterer
+Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky,
+von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren
+bedraengten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige "Maeh" der Erloesung
+von langer Qual. Weite Huerden nehmen sie auf, die krauswolligen, weissen
+und schwarzen Brueder und Schwestern, Vettern und Basen aus saemtlichen
+Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige
+Heu, in langen Rinnen der kraeftig gemischte Trank. Und doch, die rechte
+Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch
+erfuellt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, gruene Weide,
+kristallklare Baeche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht
+treu besorgter Hunde und frommer Schaefer; hier aber engen himmelhohe
+rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weisser Laemmerwoelkchen waelzen
+schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Haeupten daher, und statt des
+feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebruell
+rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen
+sie die Schwaenzlein und die Koepfe haengen, lassen sie die Trankrinne und
+die Futterraufe unberuehrt.
+
+(M84)
+
+Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beaengstigend fremden Welt
+mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den
+besten Jahren: "Munter, meine lieben Kinder, munter!" beginnt er in
+humoristisch gefaerbtem Bockston, und alsbald umdraengt ihn ein dichter
+Kreis von Zuhoerern. "Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und
+Schwaenze mutlos haengen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine grosse
+Ehre fuer euch ungebildete Prairieschafe, in die grosse Millionenstadt
+Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr waeret die einzigen
+Schafskoepfe hier am Orte, maehaehaehae!? Hier geht es hoch her, das koennt ihr
+mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht
+lang werden, auf Eh - haehaehaehae - re! Ich habe es zwar nicht noetig, mich
+fuer euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer
+auskoemmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will
+mich dennoch eurer hilflosen Laendlichkeit annehmen, weil doch nun einmal
+der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach,
+ich fuehre euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte
+uns geniert." - Und leichtfuessig taenzelt der feiste Onkel voran einen glatt
+gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, dass nur zwei knapp nebeneinander
+gehen koennen, aber sicher eingeplankt, so dass keines an den Seiten
+herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnuegens ist
+vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen
+Rutschpartie geht's auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz
+und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und
+trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, dass es klingt,
+wie wenn in schwuelen Fruehlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und
+Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Boeen, ein dumpfes Wirbeln wie
+von gedaempften Trommeln, - als sollten durch solchen Trauermarsch den
+unschuldig Verurteilten die militaerischen letzten Ehren erwiesen werden.
+Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und
+hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Tuerchen in der
+rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er
+in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit
+einem Ruck in ein gemuetliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht,
+waehrend seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu
+Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere
+Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an
+einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwaerts, ein gewaltiges
+Rad empfaengt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und laesst sie auf der
+andern Seite rasch abwaerts schweben der Stelle zu, wo der Moerder mit
+seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoss - und lautlos haben sie
+ausgelitten. Derweile laesst sich's der erprobte Beamte von Armour & Co. in
+seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl
+sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu
+Angekommenen in die Huerden hinunter zu begeben und seinen niedertraechtigen
+Trick aufs neue auszufuehren. Wenn er ein Mensch waere, so wuerde er sicher
+auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleissig
+in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermoegen wohltaetigen Stiftungen
+vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das
+Beduerfnis, sein Gewissen zu betaeuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um
+seinen Mut zur Infamie taeglich neu zu entflammen, sondern sein
+eigentuemlich hammelhafter Ehrbegriff laesst ihn vielmehr seinen Stolz drein
+setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverstaendlichkeit
+seine verraeterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension
+geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blaehungen ihm unversehens den
+Garaus machen. - Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weissen Eunuchen
+von Chicago fuer den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu
+erklaeren?
+
+(M85)
+
+Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schoene Leserin, werden Sie mir
+entgegnen wollen, dass die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur
+schaendlich missbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse,
+dass seine von ihm verfuehrten Artgenossen dem Tode verfallen seien. - Ich
+kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest ueberzeugt, dass auch dem
+geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer
+Schlachthoefe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muss,
+sobald es nur den Eisenbahnwagen verlaesst. Und da ein Leithammel doch
+jedenfalls die Bluete der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es
+doch schwer glaublich, dass gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben
+sollte, dass alle die von ihm angefuehrten Herden auf Nimmerwiedersehen in
+dem Abgrund verschwinden, dem jener heisse Blutgeruch entstroemt, und dass es
+immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an
+deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich
+koennte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen
+Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient,
+nicht noch eine groessere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein
+beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anruechigen
+Handlungen, die im Interesse seiner hoeheren Zwecke verrichtet werden
+muessen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafuer scheinbar harmloser
+Umwege zu bedienen. So hat die edle weisse Haut der roten Haut ihre
+Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher
+Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man
+hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung
+eines grossen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden
+Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur
+Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Voelker zu verwenden. Solchen
+imposanten Grosstaten menschlicher Niedertracht gegenueber will es moralisch
+nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit
+einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquaelerei und unliebsames
+Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und
+Menschenfreunde muss man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche
+ganz Nordamerika tagtaeglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte
+Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepoekelten und geraeucherten
+Fleischwaren versehen. Wer an einem glaenzenden Beispiel lernen will, wie
+der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnoeden
+Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und koerperlichen
+Geschicklichkeit schliesslich dazu gelangen kann, die Vollendung des
+Zweckmaessigen sogar bis zum kuenstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe
+sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.
+
+Durch Upton Sinclaires beruehmten Roman "_The Jungle_" (der Sumpf) sind ja
+die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.'s Packing Company gerichtet
+worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman uebel geworden. Es hat
+monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, dass in den
+huebschen, sauberen Blechbuechsen mehr Rattenschwaenze, abgehackte
+Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden waeren, als solides
+Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in juengster Zeit, wie ich,
+die Schlachthaeuser und Packraeume Armours aufmerksam durchwandert hat, der
+wird doch sagen muessen, dass entweder Mister Sinclaire ein arger
+Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder dass die Gesellschaft sich sein
+Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen
+gemacht haben muesse. Denn so wie das Unternehmen sich heute praesentiert,
+bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf
+sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft,
+auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des
+verarbeiteten Materials.
+
+An einem schoenen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich
+und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der
+Firma, uns herumzufuehren. Es war zufaellig derselbe Herr, der auch unseren
+Prinzen Heinrich gefuehrt hatte. In der stolzen Haltung des freien Buergers
+der groessten Republik der Welt, d. h. die Haende in den Hosentaschen, eine
+ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser
+Herr zunaechst einmal das Kompliment, dass unser kaiserlicher Prinz ein
+feiner Kerl - _a fine fellow_ - sei. Man habe ihn vorher instruiert
+gehabt, den hohen Herrn mit "_Your Royal Highness_" anzureden; aber daran
+habe er sich nicht gewoehnen koennen, und es habe offenbar dem Prinzen ganz
+gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von
+anstaendiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den
+Mittelpunkt der Hoelle geleitet. Sehr vernuenftiges amerikanisches Prinzip:
+denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder
+wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushaelt, dem kann ueberhaupt auf dieser
+Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.
+
+(M86)
+
+Eine schwere schmale Tuer wird aufgestossen; eine heisse Welle von suesslichem
+Blutdunst schlaegt ueber unseren Koepfen zusammen, und das furchtbare,
+wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betaeubt uns die Ohren,
+zerreisst uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie,
+die dick mit Saegespaenen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief
+hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich
+langsam eine riesige, metallene Scheibe, ueber die eine schwere, eiserne
+Kette laeuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht
+uebersehen koennen, werden die Schweine von riesenstarken Faeusten eines nach
+dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer
+Hinterschenkel befestigt. Im naechsten Augenblick wird das Tier
+emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskraeften strampelnd und
+schreiend, ueber die grosse Scheibe weggefuehrt. Auf der anderen Seite dieser
+Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich
+langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, fuehrt er
+den Todesstoss in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schiesst heraus. Der
+Mann ist ueber und ueber mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und
+steht bis an die Knoechel in einem Bluttuempel. Ein zweiter Mann in seiner
+Naehe hat die Aufgabe, mit einem grossen Besen das Blut in ein Loch im
+Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren
+Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den
+Schlaechter, so dass er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit
+dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der hoechstbezahlte
+Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem graesslichen Fache; aber
+unfehlbar ist seine Hand natuerlich doch nicht, und manche der gestochenen
+Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange waehrt ihre
+Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette fuehrt sie in die untere Etage
+hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll
+kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weissen Schweineleichen in
+dichtem Gedraenge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder
+nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrueht, wie man sie
+in unseren Metzgerlaeden in der Auslage haengen sieht. Kein Unterschied mehr
+zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blassrosig,
+starr und schwach dampfend kommen sie in Abstaenden von etwa 2 Meter wieder
+in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und
+schreiten auf unserer erhoehten Schaugalerie in einen grossen, lichten Saal
+hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die
+Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Aexten, Knochensaegen und Loetlampen auf
+ihren Posten, und waehrend die Kette in langsamer Vorwaertsbewegung das
+Schwein an ihm vorbeifuehrt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer
+dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste fuehrt einen Bauchschnitt der
+ganzen Laenge des Koerpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die
+Gedaerme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen,
+der vierte saegt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Loetlampe
+die etwa noch uebriggebliebenen Borsten weg - und so fort. Am Ende des
+Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter
+Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist
+das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgeloest, die Schinken,
+die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.
+
+(M87)
+
+Ganz aehnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder
+bearbeitet werden. Aus einer Falltuer werden sie von unten heraufgehoben
+und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betaeubt. Nach dem
+Grausen der Schweineschlaechterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu
+zart gedaempft, man moechte fast sagen, liebenswuerdig diskret, denn das Rind
+schreit nicht, es ist betaeubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum
+Bewusstsein kommt, dass es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige
+Maschinenkraft hebt das schwere, bewusstlose Tier an den Hinterfuessen in die
+Hoehe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den grossen
+Arbeitssaal. Am Kopfe haengt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim
+Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die
+Schlaechtergesellen ihre Arbeit, dass man in diesem Saale, mit den Augen
+wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem maechtigen Rindskadaver
+die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so
+haengen die Rinder in grossen Abstaenden an der Kette, und jeder Arbeiter
+geht dem ihm zugewiesenen Stueck so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk
+des Abhaeutens, Zersaegens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der
+Arbeitsteilung ist strikte durchgefuehrt. Ein Arbeiter hat nie etwas
+anderes zu tun, als das Rueckgrat von oben bis unten durchzusaegen, ein
+anderer nur das Abhaeuten zu besorgen - und wehe dem, wenn er das wertvolle
+Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung
+ist seine Strafe.
+
+(M88)
+
+Von den Schlachtraeumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft.
+Ueber hoelzerne Bruecken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die
+die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befoerdern, gehen
+wir in die Packhaeuser hinueber, wo das gekochte, geraeucherte und
+eingepoekelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen
+von fabelhafter Praezision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und
+Abertausende von Blechgefaessen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei
+in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verloeten des Deckels und das
+Bekleben der Dosen mit den schoenen, buntgedruckten Papieretiketten. Das
+Schlussstueck in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist
+der Saal, in welchem nette junge Maedchen in weissen, steif gestaerkten
+Haeubchen und blendenden Kleiderschuerzen an langen Tischen sitzen, mit
+feinen weissen Haenden die duennen Fleischscheiben, die die lautlos
+arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren
+Rhythmus hinstreut, in die Blechbuechsen verpacken. Die tadellose
+Sauberkeit dieser Maedchenhaende wird dadurch sinnfaellig gemacht, dass nicht
+nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen,
+sondern dass in einer Ecke des Saales auf einer erhoehten Tribuene eine
+artige Manikuere fortwaehrend an der Arbeit ist, um die Fingernaegel zu
+saeubern und streng vorschriftsmaessig im Verschnitt zu halten. Diese
+Manikuere und jener infamste Schurke Dollaricas, naemlich der Leit - hammel,
+stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der
+gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste
+Ruecksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand
+zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, naemlich die
+Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt
+die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir
+die gutgepoekelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Buechse auf
+den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiss ihr Letztes
+hergegeben und durch geniale Ausnuetzung des Materials und Hinaufsteigerung
+aller Energien zu aeussersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und
+darum aesthetisch wirkende Harmonie verwandelt.
+
+
+
+
+
+ BAEDEKEREIEN FUeR AMERIKAFAHRER.
+
+
+(M89)
+
+Waehrend meines Aufenthaltes in New York geschah es, dass ein aufgeweckter
+Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heissen
+mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herueber kam, sich fuer die etlichen
+30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet
+hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo
+das Land noch spottbillig ist, eine grosse Farm zuzulegen. Der Mann war in
+der Vollkraft seiner Jahre, verliess sich auf seine derbe Faust, seinen
+klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiss und hatte guten Grund,
+anzunehmen, dass er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder wuerde
+nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines
+Grossgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen koennen. Der
+Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt
+erzaehlt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitaen, der
+es gut mit ihm meinte, hatte ihm fuer seinen Einzug in die
+Fuenfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner
+Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den
+Arm und fuehrte ihn zunaechst einmal die Kellertreppe zur _Subway_, der
+Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch
+Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Aesten die ganze
+Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas
+Petersen ueber das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in
+einen der Riesenwagen hineinbugsiert war und nun in drangvoll
+fuerchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen
+verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten
+Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze
+Felsenhoehle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die
+Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu
+weinen an und schluchzte: "Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. -"
+Und dabei blieb's; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem naechsten
+Schiffe kehrte er tatsaechlich wieder heim.
+
+Noch uebler erging es einem anderen Gruenhorn, das sich auf seinen eigenen
+Witz verliess und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um ueber
+die beruehmte Bruecke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann
+aufsuchen wollte. Und er kam auch ueber die Bruecke, aber er verstand nicht,
+was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl
+auszusteigen; und ehe er sich's versah, war er wieder auf der Bruecke, denn
+die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein
+Gemuetsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in
+seinem unerforschlichen Ratschluss ueber ihn beschlossen haette. Er fuhr also
+auf der grossen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang.
+Schliesslich musste man ihn aus Mitleid erschiessen, da er sonst verhungert
+waere.
+
+Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser,
+so lass es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstoessliche Wahrheit
+bestehen, dass du in Amerika unmoeglich bist, sofern der Himmel dich zu
+einem Junker Traeuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der
+Zipfelmuetze bis ueber die Nase und einem schoenen Brett vorm Kopf in die
+Welt entlassen haben. Bist du aber kein Muttersoehnchen, das in der Bangbuex
+bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu
+viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer
+stuerzen. Bist du ein armer Teufel, der drueben sein Glueck machen will, so
+wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schaeme dich keiner Arbeit und lass
+die Ohren nicht haengen, wenn es dir in einem Fach misslingt. "_Let us try
+another chance_" sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch
+und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnuegen und zu deiner
+Belehrung dich drueben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld -
+noch viel mehr Geld! Denn wisse, dass fuer den nicht sesshaften Menschen
+drueben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei
+uns. Fuer ein Seidel Wuerzburger Hofbraeubier oder Pilsner, das nur 4/10
+Liter haelt, musst du einen _Quarter_ hinlegen, das ist _M_ 1.-, und du
+wirst bald dahin gelangen, diesem _Quarter_ nicht mehr wehmuetig
+nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthaelt zwar Wasser, Malz und
+Hopfen und sieht schoen braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine
+verlockende schneeweisse Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir
+lieblich ein, aber bald merkst du, dass es doch kein Bier ist. Und dann
+wirst du auch bald finden, dass es sehr viel leichter ist, die schmalen,
+schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei
+uns daheim ein schoenes blankes Zwanzigmarkstueck anzureissen; du musst
+naemlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du ueberhaupt Gold zu sehen
+bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an
+irgendeiner Stelle wieder hereinsparen koenntest, was du an anderer Stelle
+grosszuegig verschwendet hast. Abgesehen davon, dass der Knicker und
+Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardaere hoechst veraechtlich ueber die
+Achsel angesehen wird, kommst du auch schon aus dem Grunde nicht zum
+Sparen, weil die guten Dinge, die zum taeglichen Beduerfnis des Gentleman
+gehoeren, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst
+zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem
+Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten
+Ranges gibt. In den grossen Staedten wenigstens sind alle Hotels, denen sich
+ein besserer Zeitgenosse ueberhaupt anvertrauen kann, nach unseren
+Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen
+gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen
+und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du
+wirst bald davon zurueckkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer
+unmoeglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel
+und einem anstaendigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche
+um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das wuerde dir
+uebel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der
+breitesten Oeffentlichkeit wuerde es deinem Renommee schaden. Ein werter
+Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, dass
+der uebliche Satz fuer den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen
+zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem
+belegten Broetchen mit einem Schnitt Bier, wofuer er 70 Cent = _M_ 2,80
+bezahlen musste. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und
+schob sie reinen Herzens dem _waiter_ zu. Der starrte erst mit
+verdaechtigem Grinsen auf das Suemmchen hin, dann lief er zum Oberkellner,
+beriet sich laengere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurueck, um die 7 Cent
+zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen
+Froehlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen stand es in saemtlichen New
+Yorker Blaettern, dass der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld
+gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten
+ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann,
+besonders wenn du aus Muenchen kommen solltest, wo die Kati schon fuer drei
+Pfennige danke schoen sagt, dass man unter zehn Cent ueberhaupt keiner
+Hilfskraft in der Ernaehrungsbranche anbieten darf, und dass man das
+Trinkgeld immer nach oben bis zur naechsten durch zehn teilbaren Ziffer
+abrunden muss.
+
+(M90)
+
+Du darfst ruhig Piefke heissen und in Schmieroelen machen und brauchst dich
+doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren.
+Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die
+Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so
+wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Fuer
+fuenf Dollar bekommst du ueberall ein anstaendiges Zimmer mit Bad, und wenn
+du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du fuer
+denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer
+reichlich zweischlaefrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest,
+auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so wuerde man das vielleicht als
+einen Missbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars
+extra tschardschen. Aber wer reist ueberhaupt mit Kindern nach Amerika?!
+
+(M91)
+
+Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie
+bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschaeftlicher Treffpunkt, und
+die _Lobby_, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoss mit ihren massenhaften
+Schaukelstuehlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen
+Verkaufsstaenden, spielt dieselbe Rolle, wie der Barbierladen im antiken
+Athen und Rom und wie das Cafehaus in Oesterreich. In der Lobby befinden
+sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und
+Ausgabestelle fuer die Post. Die groesseren Haeuser haben sogar eine eigene
+Telephonzentrale fuer die Vermittlung des riesigen Gespraechsverkehrs
+innerhalb des Hauses wie mit der naeheren und ferneren Aussenwelt, und was
+man dir nicht muendlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf
+elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren
+Staedten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze
+Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo
+der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum
+Dachgarten, wo du in schoenen warmen Sommernaechten bei Musik und feenhafter
+Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den
+angrenzenden Restaurationsraeumen laufen fortwaehrend kleine niedliche Pagen
+mit Zerevismuetzchen auf den Kinderschaedeln herum und quarren die Namen der
+Leute aus, fuer die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am
+Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann
+aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei
+boesem Wetter dort hineinfluechten, sich eine Zeitung und eine Zigarre
+kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet
+oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit
+seinen Geschaeftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfaenger,
+Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen
+sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei
+dem Clerk, der das Fremdenbuch fuehrt, in das jeder neu ankommende Gast
+sich einschreiben muss, und stuerzen sich auf ihn, sofern er nur irgendwie
+prominenzverdaechtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen
+europaeischen Titel auffaellig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren
+ueberall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gespraechen der
+Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen
+erlauschen koennen, beschreiben die Toilette und das Gepaeck reisender
+Kuenstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem blossen
+Mienenspiel aufgeregt fluesternder Leute.
+
+Jeder, der es irgend _afforden_ kann, kehrt in den grossen Hotels ein,
+selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen wuerde, und
+reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstaedten wohnen, aber oft
+in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein
+Zimmer fuer sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und
+amuesant fuer jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und
+Luxus wird dir fuer deine europaeischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad
+und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverstaendlich; ein Transparent
+leuchtet auf und zeigt dir an, dass Briefe fuer dich in der Office sind, und
+was das Allererstaunlichste ist - jeden Abend wird dein Bett frisch
+bezogen, als ob du ein Milliardaer oder ein Erzschweinepelz waerst! Nur
+deine Kleider musst du dir selber reinigen, wenn du nicht _M_ 2 extra dem
+Hausschneider dafuer bezahlen willst, und die Stiefel musst du dir im Keller
+oder auf der Strasse putzen lassen. Was aber das Schoenste ist: du kannst
+ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden
+Bediensteten Spiessruten laufen zu muessen. Dem Hausdiener, der deine Koffer
+dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und
+wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit
+einem Tip. Selbstverstaendlich kannst du auch im Office dein Bahnbillett
+und dein Gepaeck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten
+mit dem Zurechtfinden oder mit den Behoerden hast, so wird dir ein sehr
+feiner Gentleman zur Verfuegung gestellt, der dich sicher geleitet und fuer
+dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman
+behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts
+in die Hand zu druecken - er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was
+du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei,
+deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.
+
+(M92)
+
+Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in
+New York deine Schritte zunaechst ins _Astorhotel_ lenken, und du wirst gut
+daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie
+herrlich weit aus kleinsten Anfaengen heraus es ein intelligenter,
+tatkraeftiger Deutscher drueben bringen kann. In dem Hotel der _Gebrueder
+Muschenheim_, aus dem hessischen Doerfchen gleichen Namens, findest du
+nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch fuer
+dein aesthetisches Beduerfnis in dem grossen Festsaal eine der schoensten
+Orgeln der Welt, die taeglich von Kuenstlern ersten Ranges gespielt wird,
+und im Grillroom etwas fuer deinen historischen Sinn, naemlich ein
+geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir ueber Leben und Treiben
+der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen hoechst lebendigen
+Anschauungsunterricht erteilt. - Kommst du aber weiter ins Land hinein, in
+die mittleren und kleineren Staedte, so erkundige dich ja, bevor du dich in
+das Fremdenbuch eintraegst, ob das Haus in europaeischem oder amerikanischem
+Stil gefuehrt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer
+kleinen Stadt Wisconsins. Ich wurde mit meiner Frau in einem der besten
+Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt
+untergebracht. Ausser dem grossen Bett stand kein Moebel in diesem Zimmer
+fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn ueberhaupt
+vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck
+zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom
+Rauch herruehrend; ein Bad gehoerte selbstverstaendlich auch zu diesem
+Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin
+war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans
+Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin
+Platz finden. Da wir waehrend unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten
+eingeladen waren, so verzehrten wir nichts ausser dem Fruehstueck am anderen
+Morgen, d. h. wir haetten dieses Fruehstueck verzehren koennen, wenn man es
+uns noch verabreicht haette, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach
+neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mussten also in die Stadt gehen und
+in einer Konditorei fruehstuecken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu
+_M_ 30.- fuer ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein
+Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da
+entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: "Ja, _warum haben_ Sie
+denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie haetten fuer die 7 Dollar
+essen koennen, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben
+naemlich amerikanischen Plan hier." Und die ganze Menschheit in der Lobby
+quietschte vor Vergnuegen ueber die lange Nase, mit der ich abziehen musste.
+Jetzt also, lieber Leser, weisst du, was _american plan_ ist.
+
+(M93)
+
+Wenn du nur einigermassen prominent bist oder durch sonst welche
+auffaelligen Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Reporter auf dich gelenkt
+hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins
+Hotel in den Morgenblaettern eine schmeichelhafte Beschreibung deines
+Exterieurs, eine Wuerdigung der Vorzueglichkeit deines eventuellen
+Schmieroels und ausserdem deine Ansicht ueber Amerika zu lesen. Unter anderen
+Folgen solcher frisch gebackenen Popularitaet wird sich auch ein Gentleman
+in tadellosem Anzug mit liebenswuerdigen Manieren befinden, der dir seinen
+Besuch macht und sich erbietet, dir gaenzlich kostenlos deine ganze
+Reiseroute auszuarbeiten und die noetigen Fahrkarten nebst den Beikarten
+fuer Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natuerlich bass erstaunt ueber
+diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst,
+wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da laesst sich ein
+zweiter, ebenso eleganter und liebenswuerdiger Gentleman melden, erkundigt
+sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich laechelnd
+darauf aufmerksam, dass der Herr, der vorher da war, dir eine sehr
+unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft wuerdest
+du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Raetsels
+Loesung. Da zwischen den bedeutenden Plaetzen der Union fast ueberall mehrere
+Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften
+ihre Kunden persoenlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen grossen
+Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten
+Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen
+kann. Diese starke Konkurrenz hat fuer den Reisenden das Angenehme, dass
+sich jede Linie die groesste Muehe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und
+Vorteile zu bieten, wie irgend moeglich. Wenn du also zum Beispiel
+geborener Berliner bist und als solcher Wert darauf legst, deiner
+koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du waehrend deiner Reise
+alles bemaekeln, und wenn du dich irgendwie zurueckgesetzt fuehlst, den
+erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: "Wissen Sie, alter Freund, mit
+Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!" Gegen
+Langeweile oder Magendruecken ist eine solche Erleichterung der Galle recht
+nuetzlich. Uebrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewoehnten
+Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbuecher sind fuer den
+Uneingeweihten sehr schwer verstaendlich; ausserdem gibt es auch keine. Die
+einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrplaene in moeglichst farbenfreudiger
+Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen
+ueber ein Dutzend verschiedener Linien fuehrt, so stopft man sich also zwoelf
+solcher schoenen bunten Buechelchen in die Tasche; man wird aber, wie
+gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen
+betrifft, von den Amerikanern ueberaus praktisch angepackt wird. Wie
+praechtig glatt und rasch geht z. B. die Gepaeckaufgabe vonstatten! Durch
+einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat
+gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine
+Nummer und den Namen des Bestimmungsortes traegt, das Duplikat dieser Marke
+wird dir ausgehaendigt. Fertig! Und kostet nichts, ausser wenn du ueber einen
+Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein
+Mann durch den Zug und ruft: "Gepaeck fuer Chicago!", oder was es nun sein
+mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier.
+Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstaende oder schlecht verpackte Kolli
+auf, so musst du einen Revers unterschreiben, dass du die Bahnverwaltung
+nicht fuer etwaigen Schaden verantwortlich machen willst. Willst du das
+nicht, so nimmt man dein Gepaeck nicht mit, oder du musst es besonders
+versichern. Das ist alles sehr vernuenftig und nicht zeitraubend.
+
+(M94)
+
+Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel
+gehoert, dass ich dir darueber schwerlich etwas Neues erzaehlen kann.
+Verwunderlich ist es nur, dass in diesem Lande der hoechst entwickelten
+technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten koennen,
+die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch
+die schoensten Pullmanwagen fast immer entsetzlich ueberheizt und waehrend
+des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die
+einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station
+durch das Oeffnen der Aussentueren entsteht. Bevor du an deinem
+Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung,
+klopft deinen Ueberzieher aus und buerstet dich von oben bis unten
+sorgfaeltig ab. Das ist nun sehr huebsch von ihm, und du gibst ihm gern
+seine 20 Cent dafuer, aber - die Zurueckbleibenden muessen deinen Staub
+schlucken! Man kann sich die Atmosphaere am Ende einer langen Reise
+vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natuerlich noch viel
+aerger, weil da die Tueren seltener aufgemacht werden. Ich begreife
+ueberhaupt nicht, wie europaeische Reisende die Schlafeinrichtung der
+Pullmanwagen bewundern koennen. Man liegt naemlich nicht, wie bei uns, quer,
+sondern laengs in zwei Reihen uebereinander, und zwar ohne Unterschied des
+Standes, Alters oder Geschlechts. Fuer die Ruhe soll es freilich
+vorteilhafter sein, die Stoesse des Wagens in der Laengslage abzufangen, und
+die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar
+hinter dicke, natuerlich mehr oder minder staubige Vorhaenge versteckt,
+deren Schlitz man, wenn man gluecklich in sein Bett geturnt ist, von oben
+bis unten zuknoepfen muss. Ich fuehlte mich einmal dem Ersticken nahe und
+konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um
+Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu oeffnen,
+erklaerte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind
+im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M.
+"das Kind" gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist
+moegen die Grossen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn
+du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu
+gehoert, das Beduerfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in
+Einklang zu bringen, als der Anfaenger zu besitzen pflegt. Allerdings
+befinden sich an beiden Enden der riesengrossen Wagen sehr geraeumige
+Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder
+ankleiden koennen; aber wenn man nicht praktisch im _american style_
+ausgeruestet ist, so weiss man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie
+man im Nachtzustande ueber eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer
+kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das
+leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus
+und werfen einen Schlafrock drueber. Frueher pflegten sie die Struempfe
+anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wussten
+das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und
+tiefschlafenden Damen die Struempfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert
+sich aber dies Geschaeft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der
+Passagiere mit vorgehaltenem Schiesseisen, weil kein Mensch mehr Geld bei
+sich traegt als er gerade fuer die Reise noetig hat. Heutzutage hat jeder
+Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Raeuber nichts anfangen.
+(Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang
+zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein
+Scheckkonto eroeffnen laesst.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was
+amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umstaendliche
+Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt
+vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattache, noch
+sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich taetowierten Armen und Haenden
+nach zu schliessen, eher ein Metzger oder Viehhaendler. Der Kerl wusch sich
+vom Kopf bis zu den Fuessen, rasierte und frisierte sich, putzte Zaehne,
+Ohren, Naegel, dass es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm
+sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib
+mit der Liebe und Sorgfalt eines Kuenstlers, der die letzte Feile an sein
+Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der
+Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren koennten. - Uebrigens geht so
+eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven fuer jeden,
+der kein geborenes Murmeltier ist, dass die Glocken und Pfeifen der
+Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Laerm vollfuehren, bei
+dem einem angst und bange werden kann. Sie muessen naemlich alle Augenblicke
+Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstrassen
+sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne
+Unter- oder Ueberfuehrung. Da wird der nervoese Europaeer schwer den Gedanken
+los, dass ihm ploetzlich ein anderer Expresszug rechtwinklig durch seinen
+werten Unterleib fahren koennte. Nein, alles was recht ist, aber
+Nachtfahrten sind nur in Russland, Schweden und Norwegen wirklich
+komfortabel.
+
+(M95)
+
+Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten
+Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand
+duerfte es da drueben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf
+einen Wink ihr zu jedem Dienst erboetig, und wenn sie einen Kavalier bei
+sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles fuer
+sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden
+Wortwechsel erlebt, der in Taetlichkeiten auszuarten drohte; das war in
+einem ueberfuellten Strassenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette
+Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedraengt
+stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Maennerstimme:
+"_Let the ladys get out first!_" - und eine andere Stimme hoehnte dagegen:
+"_Let the Niggers get out first._" Und nun platzten ueber die Doktorfrage,
+ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild
+aufeinander! - Merke dir auch, mein Freund, dass du Damen deiner
+Bekanntschaft auf der Strasse nicht zuerst gruessen darfst, das wuerde fuer
+eine Anmassung angesehen werden; du musst abwarten, ob sie die Gnade haben
+wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd
+anstarren, und sei es noch so schoen. Hast du aber die Bekanntschaft einer
+Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und wuerdigt sie dich
+ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so
+zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handkuesse sind nicht ueblich,
+wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe
+zuteil, eine Dame durch gefaehrliches Strassengewuehl zu geleiten, so packst
+du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das
+ist sicher und fuer beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in
+den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder
+zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine
+Mutter oder eine Tante als Begleitung befuerchten zu muessen. Wenn du von
+deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle moeglichen
+Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne dass sie selbst oder die Familie
+deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Kuessen sei vorsichtig; denn
+das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuss als Heiratsversprechen, als
+taetliche Beleidigung oder Koerperverletzung und brummt dir pro Stueck eine
+betraechtliche Geldstrafe auf. Natuerlich gibt es aber auch nette
+Amerikanerinnen, die gern und gratis kuessen.
+
+Den Hut kannst du fast ueberall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge,
+sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator musst du ihn stramm
+herunterziehen, sobald eine weibliche Person ueber vierzehn Jahre
+hereintritt. Im uebrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreissen und
+beflissenes Vorstellen nur laecherlich. Mache es dir zum Grundsatz, von
+deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell
+vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch hoefliche Formalitaeten zu nehmen.
+Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Strasse begegnest, so hast
+du es auch nicht noetig, deinen Deckel herunterzureissen und deinen Skalp
+der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst
+laechelnd: "_Hallo, Bobby, how do you do!_", worauf er gleichfalls winkt
+und ruft: "_Hallo, Fritze, how do you do!_" Das ist praktisch und macht
+einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und
+ist euch auch beiden gaenzlich gleichgueltig, zu erfahren, wie es euch geht.
+Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen;
+dafuer verlangt man aber auch von dir, dass du die sozial untergeordnete
+Menschheit nicht hochmuetig von oben herunter behandelst. Der Schatz der
+amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und
+wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir
+leicht passieren, dass du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem
+Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Hoeflichkeit
+besteht darin, dass man sich gegenseitig nicht im Wege ist, dass man seinem
+Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten
+sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose
+Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie koennen eben
+sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen
+behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer
+klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten
+wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Aeussere hat,
+laesst sogar ein eiliger stark beschaeftigter Grossstaedter seine Arbeit liegen
+und begleitet einen bis an die naechste Ecke. In den kleinen Dingen der
+taeglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit
+seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um groessere Summen,
+so reisse deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein
+Schiesshund.
+
+(M96)
+
+Willst du in Amerika ein Geschaeft eroeffnen, so miete dir irgendwo im
+neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und
+Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle
+ungemein gewandt und vielfach auch sehr huebsch. Alsdann ziehe deinen Rock
+aus - denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es
+Winter oder Sommer -, zuende dir eine Importierte an, verbreite deine Beine
+anmutig ueber Tisch und Stuehle und beginne zu telephonieren. Telephonieren
+und Briefe diktieren fuellt die amerikanischen Geschaeftsstunden von 10-5
+Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschaefte machen, muss
+das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der
+Hemdaermeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe
+in allen Lebenslagen, solange du drueben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl
+aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.
+
+
+
+
+
+ WAS KOeNNEN WIR VON AMERIKA LERNEN?
+
+
+Das Land der absoluten Gegenwart ist fuer alle Kulturvoelker ein Spiegel, in
+dem sie deutlich ihre Zukunft sehen koennen. Der Fortschrittsgedanke
+marschiert drueben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor
+sich, waehrend unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf
+Hindernisse stossen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von
+Vorurteilen, Abgruende von Dummheit, die nicht immer leicht zu ueberklettern
+oder zu ueberspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden
+Ueberfluegelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen
+Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgruende auszufuellen und unsere
+Berge abzutragen - was wuerden wir damit gewinnen? Eine trostlose
+Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch
+und philosophisch geschultem Denken, mit aesthetischem Bewusstsein und einer
+idealistischen Weltanschauung ausgeruestet, wird, mit offenen Augen in
+jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen koennen: Gott bewahre uns vor
+dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, dass wir unseren wertvollsten
+Besitz, naemlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen
+Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten
+Vergangenheit verdanken, und dass es gerade jene Hemmungen des
+Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund fuer unser
+gegenwaertiges Empfinden, Wissen und Koennen so ueberaus solid aufgemauert
+haben.
+
+(M97)
+
+Wir Europaeer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als
+uns gut ist. Seit naemlich die raum- und zeitverkuerzenden Erfindungen sich
+zu ueberstuerzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefaehr, ist von
+Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die
+grossen Erfindungen, vermoege deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft
+beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und haetten unter allen
+Umstaenden die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern;
+in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen
+wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch
+auch staerker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der
+Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen
+Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung,
+und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf
+dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stuerzte sich mit
+Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im
+Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr
+gefaehrlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt
+und aufregende Vergnuegungen in viel groesseren Quantitaeten vertilgen kann,
+ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrueckten Schnellzugs-,
+Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern
+begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein
+Sensationsbeduerfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber
+in der grossen Welt gewaltig geschuert. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit,
+der grossartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe
+haben die Yankees in immer groesseren Scharen zu uns hinuebergelockt, und wo
+immer sie in groesserer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum
+die betreffenden Orte, sich ihren Anspruechen anzubequemen. Genau so, wie
+ehemals die Reiselust der Englaender und ihr starres Festhalten an ihren
+nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfaehigkeit, Sprachen zu erlernen
+und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und
+Fremdenindustrie einen starken Einfluss ausuebte, so geschieht dies jetzt
+noch in hoeherem Masse durch die groessere Kapitalskraft ihrer amerikanischen
+Vettern. Waehrend die amerikanischen Hotels sich allmaehlich den
+europaeischen Stil aneignen, bemuehen sich jetzt unsere Hotels, sich zu
+amerikanisieren. Die Englaender kamen frueher sehr haeufig auf den Kontinent,
+um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind
+viel grossartiger und leichtsinniger, als Emporkoemmlinge auch
+protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das groesste
+Vergnuegen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil
+bodenstaendiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie ueberall die
+Sensation, das Aeusserste, das Unerhoerte verlangen. Da sie bereit sind, es
+gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, dass
+auch bei uns immer mehr das Schoenste und das Bedeutendste, was unsere
+Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen
+Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des
+Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau,
+die Muenchener Musikfeste, die grossen Bilder- und Antiquitaetenauktionen,
+die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der
+europaeische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum
+aufs aeusserste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein
+gefaehrlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste
+Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum
+geknuepft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflaechlichkeit immer
+mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Beduerfnis
+nach Kunst- und Naturgenuss zu befriedigen. Wohl duerfen wir Voelker Europas
+uns einbilden, dass anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns
+verhaeltnismaessig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind
+doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Ueberzahl, und diese
+Ueberzahl wird leicht verfuehrt durch die glaenzende Aussenseite, die
+amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betaetigungen seiner
+Vergnuegungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen
+Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variete, im Zirkus dringt
+der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das
+Vergnuegen an den Sentimentalitaeten, Hintertreppensensationen und
+Clownspaessen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an
+den scheusslichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus
+amerikanisch an.
+
+(M98)
+
+Der ausschlaggebende Einfluss des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur
+die Autoritaet des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das
+Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles
+bisher Dagewesene rasch ueberbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit
+der Entwicklung und draengt den Tuechtigen ueberall zugunsten des Fixen
+zurueck. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glaenzende
+Auslese von flott und sicher auftretenden geschaefts- und sportgewandten
+Maennern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen.
+Das erweckt in uns die Meinung, dass diese beneidenswerten Neuweltler, die
+es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht
+haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein
+muessten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer
+bedaechtigen Gruendlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schaemen. Wir
+vergessen dabei, dass gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es
+ist, was uns heute immer noch ueber die glaenzende Scheinkultur der Neuen
+Welt ein betraechtliches Uebergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen
+Wettbewerb mit dem Riesenkontinent ueber dem Ozean einlassen, so werden wir
+sicher den Kuerzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes
+sind nicht so unerschoepflich wie die drueben, und wenn unsere Industrie,
+unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das
+unerprobte Neue, das Unfertige also, nur moeglichst schnell an die Stelle
+des Alten zu setzen, um anderen Laendern zuvor zu kommen, so wuerden unsere
+Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen
+wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer
+kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu
+beziehen genoetigt sind, liegt hauptsaechlich darin, dass drueben jenes
+Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch
+Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und
+verstaerkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzuege wuerden uns
+aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch
+weiter anstecken liessen.
+
+(M99)
+
+Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens
+darauf hingewiesen, dass auch unsere Presse hie und da bereits recht
+bedenkliche Anlaeufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wuester
+Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der
+minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch
+bei uns beweist die Erfahrung, dass auf dem Gebiete des geistigen Schaffens
+die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinaeren Geschmack
+entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr
+einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von
+Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach
+zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der
+Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektuere.
+Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft,
+gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwuerdigung zumal der
+literarischen Arbeit zum blossen Zeitvertreib dadurch anzukaempfen, dass wir
+ueberall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine ueberaus lebhafte
+Vereinstaetigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem
+Volke fuer ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute
+kuenstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte
+und Kuenstler zu Vortraegen gewinnt. Ausserdem bluehen ueberall die
+Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle
+gemeinnuetzige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen
+schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der
+Drang nach Belehrung, nach kuenstlerischer Erbauung auch in weite Schichten
+unseres Volkes getragen, fuer die frueher die Quellen des Wissens und der
+Schoenheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemaess
+erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch
+dort, namentlich durch Gruendung von musterhaft eingerichteten oeffentlichen
+Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung
+von tuechtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan
+wird. Es ist also wahrscheinlich, dass uns in nicht allzu ferner Zeit
+Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht
+ueberfluegeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso
+wie der unserer Fabrikanten heissen muessen: "_Qualitaet, nicht Quantitaet;
+nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das
+Auffallendste, sondern das Originalste, das Persoenlichste, das Deutscheste
+bieten._"
+
+(M100)
+
+Wir haben es ja so viel leichter, persoenlich, original, volkstuemlich zu
+sein, denn wir _sind_ ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in
+dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte
+Europa fuer den feinsinnigen Betrachter so unerschoepflich interessant
+macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter
+seiner Voelker. Wie die Mundart schon in verhaeltnismaessig kleinen Bezirken
+wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so gross ist wie der eine
+Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und
+das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der
+Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der
+Bauart, den Sitten und Gebraeuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische
+Rasse gibt es aber vorlaeufig noch lange nicht, und die Behauptung
+vereinzelter amerikanischer Gelehrten, dass die Menschheit drueben sich
+deutlich dem Indianertypus zu naehern beginne, duerfte wohl als ein
+wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in
+der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare
+Zeit hinaus Englaender, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden,
+Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich wie z. B. die Neger in den
+Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt
+alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse
+aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich
+verraten, dem ihre Vorvaeter entstammten, so wird man auch den Nachkommen
+der weissen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr urspruengliches
+Vaterland ansehen, vorausgesetzt, dass sie nicht durch fortwaehrende
+Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen.
+Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen
+Verhaeltnisse, welche drueben innerhalb der verschiedenen Rassen einen
+eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei
+Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Suedwestafrika Farmer gewesen ist,
+so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem aeusseren Gebaren so
+stark zu veraendern, dass seine Familienangehoerigen, wenn sie ihn nach so
+langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er
+ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein
+Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist
+ueberdies noch die Moeglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren,
+dadurch ausgeschlossen, dass diese Ureinwohner bis auf klaegliche Ueberreste
+vernichtet sind. Der Deutsche kann drueben dem Englaender, der Jude dem
+Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder
+unwillkuerlich in fremde Anschauungen sich hineinfuehlen, fremde Gebraeuche
+uebernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus.
+Es wohnt also drueben ein Voelkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine
+gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen
+Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kulturideale zu suchen. Von einem
+amerikanischen Volke wird man erst sprechen koennen, wenn die ungeheuren
+Laendergebiete drueben so gleichmaessig bis zur Saettigung bevoelkert sind, dass
+die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten
+kann. Aber auch bei verschlossenen Tueren wird der Prozess der Durchruehrung
+des so verschiedenartigen Gebluetes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen.
+Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben -
+denkbar aber auch, dass bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des
+internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der grossen
+Kulturwelt ueberhaupt eine Rassenbildung nicht mehr moeglich ist, und die
+ganze Aenderung darin bestehen wird, dass die alten Rassen ihre
+charakteristischen Eigenschaften verlieren und hoechstens noch, als pikante
+Erinnerung an die einstige schoene Verschiedenartigkeit, Farbennuancen
+uebrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren
+wirklich schon eingetreten sein, dann koennte man davon sprechen, dass
+Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen
+Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstoerenden Tendenz
+bemerken laesst. Die Gewissensfrage ist fuer jeden einzelnen: soll ich dazu
+beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbuergertum zu beschleunigen,
+oder soll ich mich mit all meinen Kraeften dagegen straeuben?
+
+(M101)
+
+Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurueckkehrt, so nimmt
+zunaechst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der
+Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in
+sich auf. Sei es eine englische Huegellandschaft mit ihrem ueppigen
+Wiesengruen und ihren anmutigen Heckenzaeunen, sei es ein franzoesischer
+alter Herrensitz mit wundervollem Schloss, umgeben von Weinbergen, Blumen
+und Obstgaerten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit
+ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Doerflein,
+so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne
+Grossstadt mit imposanten geraden Strassenfluchten, voll prunkender
+oeffentlicher Gebaeude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige,
+hochgieblige, vieltuermige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und
+Wachttuermchen gegen einen laengst nicht mehr existierenden Feind geschuetzt.
+Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermisst
+haben und die man uns auch drueben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition
+einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten
+Disziplin, aesthetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen
+hoeheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch ueberaus fruchtbar sind,
+weil in allen diesen Dingen die besten Kraefte der Rasse aeusserlich sichtbar
+werden. Diese ethisch aesthetischen Werte sind es, die den Begriff der
+Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches
+Lebensglueck. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu
+kommen, die Heimat zu unterschaetzen, weil er meint, dass das Glueck da
+wohnen muesste, wo die Mittel zu einem ueppigeren Dasein leichter zu
+erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren
+Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Fuer solche Leute ist es wohl
+angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem
+trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drueben werden
+sie erst den Wert der Heimat schaetzen lernen - es sei denn, dass sie zu den
+blinden Seelen gehoeren, welche im rein materiellen Genuss ihr Genuegen
+finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprueche eine vertiefte Bildung
+gesteigert hat, kommen ja jetzt mit ihrem grossen Hunger nach echter Kultur
+zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und
+sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen koenne, die ihre vorlaeufig noch fast
+ausschliesslich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie
+bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor
+unserer Kunst, vor der Soliditaet unseres Handels und unserer Industrie,
+vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten
+Ordnung unserer Lebensverhaeltnisse; viele von ihnen bringen auch als
+Reisegewinn eine liebenswuerdig verschaemte heimliche Liebe zu unserer
+Romantik mit heim - nachahmen aber koennen sie auch beim besten Willen
+diese unsere Vorzuege schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts uebrig,
+als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner
+Tradition geworden sind.
+
+(M102)
+
+Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige
+Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinueber: alle die
+ueberzaehligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, veraergerte,
+aufsaessige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner
+aus allen Staenden, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsaechlich da
+drueben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen koennte. Der
+entschlussunfaehige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine
+liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen
+kann, der langsame, aengstliche Philister, der faule Traeumer, der vornehme
+Muessiggaenger, der hochmuetige Geld- oder Wissensprotz - sie alle werden
+zunaechst einmal durch die groeblichen Fauststoesse der harten Not darauf
+aufmerksam gemacht, dass die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf!
+nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muss
+arbeiten, und der persoenlichen Wuerde tut es keinen Eintrag, ob du von
+Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein
+Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbstaendiges Geschaeft
+anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch
+zu verwerten weiss, dass er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und
+Nahrung findet, der muss sich eben ohne Zoegern auf dem grossen Arbeitsmarkt
+fuer jede beliebige Taetigkeit zur Verfuegung stellen, die bezahlt wird. Ich
+habe drueben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande
+waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als
+Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmaennische
+Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent fuer irgendeine
+Warenspezialitaet zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der
+Schritt zum selbstaendigen Geschaeftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei
+dieser Haerte ist, dass sich der Amerikaner durch Anmassung, hinter der keine
+offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren laesst. Der Yankee macht sich
+freilich oft laecherlich durch sein uebereifriges Herandraengen an unsere
+Hoefe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drueben ist mit Recht
+empoert ueber das Bestreben seiner Emporkoemmlinge, die schwere Mitgift der
+Toechter gegen europaeische Titel und Stammbaeume einzutauschen; aber man
+merkt bei naeherem Zusehen doch bald, dass es nicht der Titel an sich ist,
+welcher diese faszinierende Wirkung uebt, sondern vielmehr die mit altem
+Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche
+Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drueben ihr Brot
+suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber voellig. Eine
+Persoenlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewoehnlichen geistigen oder
+physischen Begabung durchzusetzen versteht, muss unerbittlich in die
+Hackmaschine hinein und geht in der grossen Gleichheitswurst auf. Aber auch
+mit philistroeser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein
+Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der
+kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefaehrt des Fortschritts
+unterwegs verlassen, so muss er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung
+abzuspringen verstehen - nach rueckwaerts aussteigen heisst unter die Raeder
+kommen.
+
+(M103)
+
+Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, dass sie selbst dem
+Verbrecher nicht den Rueckweg zum anstaendigen Leben verlegt. Das Vertrauen
+auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, dass man sich vor den
+Schaedlingen der Gesellschaft nicht so ueberaengstlich fuerchtet wie bei uns.
+Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der
+musste ja immer gegen Raeuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf
+dem _qui-vive_ stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass ein einziger
+beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er
+hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen
+durch den Zwang der Arbeit und schliesslich durch den Erfolg doch noch zu
+brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist,
+dass man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer
+wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann
+etwas Ordentliches erreicht, haelt man ihm seine Vergangenheit nicht wieder
+vor. Das ist ein grosser, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche
+Erziehung und angeborene Charakterschwaeche zu Verbrechern gewordene
+Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind
+gluecklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr
+geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu
+verspotten, aber es ist sicher, dass diese lustigen Entscheidungen nicht
+halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zuruecklassen, als oft die
+Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische
+Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und
+die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg.
+Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben
+selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er
+wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle
+Schmoekerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten
+Herrschaft des Kgl. Grossbritannischen _common sense_ haben sich ja alle
+besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir
+alten Europaeer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht
+ohne weiteres ablernen koennen, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische,
+aber tatkraeftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben
+Tugenden der Jugend, und andere Vorzuege, wie besonders ihre schoene
+Neidlosigkeit, sind durch die Gewoehnung an Verhaeltnisse bedingt, die wir
+alten Voelker ebensowenig nachahmen koennen wie die Jugend.
+
+Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch
+etwas lernen koennen, naemlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden
+ein rueckstaendiges Volk heissen muessen, so lange wir nicht die Trennung von
+Staat und Kirche durchgefuehrt haben und so lange es noch moeglich ist, dass
+ein Deutscher seines religioesen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich
+verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren nicht an
+der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder
+nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige
+behoerdliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich
+anerkanntes religioeses Bekenntnis vorschriftsmaessige Bedingung zur
+Erlangung oeffentlicher Aemter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der
+absoluten Glaubensfreiheit ist das religioese Leben, trotz mancher
+blamabeln Auswuechse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke
+religioese Persoenlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann
+eine Macht ueber die Seelen gewinnen, um die sie unsere
+Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischoefe ehrlich beneiden
+duerften. Ueber das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees
+lernen koennten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das
+Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemaess mit der Jugend besser
+umzugehen. Uebrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf
+Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon laengst aufgestellt
+haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Misserfolgen.
+
+(M104)
+
+Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des
+grossen Staatenbundes uns als Vorbild dienen koennen: dahin rechne ich in
+allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt
+hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen
+Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer
+nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es
+verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten.
+Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch
+staatenbildendes Geschick bewiesen, waehrend die Deutschen nicht einmal die
+von ihnen gegruendeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wussten.
+Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin,
+Michigan, Missouri ihrer Zeit foermlich ueberflutet. Germantown, Milwaukee
+und einige andere waren einmal ganz deutsche Staedte. Cincinnati,
+Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Grossstaedte zeigten
+voruebergehend ein Uebergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben
+sie sich ueberall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch
+hie und da einen deutschen Buergermeister, aber er versteht kein Deutsch
+mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem
+einmuetigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich
+nicht nur ihren Ausschuss ueber den Ozean geschickt, die grosse Mehrheit
+bildeten vielmehr tuechtige baeuerliche und handwerkliche Kraefte, und im
+Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinueber,
+die den Beruf zu geistigen Fuehrern ihrer Stammesgenossen in sich trugen.
+Woher kommt es denn nun, dass trotzdem diese 181/2 Millionen Menschen es zu
+keiner politischen Selbstaendigkeit bringen konnten? Die Zahl jener
+geborenen Fuehrer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital
+niederliessen, und die man spottweise die _lateinischen Bauern_ nannte, mag
+allerdings wohl der erdrueckenden Ueberzahl der ungebildeten, politisch
+gleichgueltigen Landsleute gegenueber zu gering gewesen sein - auch war der
+Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne
+weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, dass alle diese Deutschen ein
+stolzes Nationalgefuehl ueberhaupt nicht besassen, und dass sie ihren
+Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spiessbuergertum mit
+hinueberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tuechtige Bauern,
+Handwerker und Kleinbuerger ab, zeigten sich aber den besonderen
+Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von
+ihnen waren nicht einmal faehig, sich die englische Sprache voellig
+anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten
+uebrigens haben auch diese Deutschen Grossartiges geleistet, wie denn ja
+auch die von ihren edlen Fuersten verkauften Wuerttenberger, Hessen usw.
+sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Loewen
+geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Buergerkrieg verdanken
+amerikanische Truppen deutschen Heerfuehrern einige ihrer glaenzendsten
+Siege - und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern
+geduldetes und gehoerig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen
+britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverstaendlich nicht
+daran, diese bequemen Biedermaenner in ihre grossen Ehrenstellen der Staats-
+und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus
+keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es haetten den deutschen
+Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mussten resolut
+ihr Deutschtum ueber Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden,
+oder aber sie mussten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten,
+von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im
+Staate gruenden und diesen mit ruecksichtslosem Chauvinismus gegen das
+Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschliessen. Die
+meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich ueber
+das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzaehligen Vereinen
+wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren
+landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgruenden aufs
+gehaessigste bekaempfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten
+Deutschland der 70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Aenderung
+in diesen Verhaeltnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen haetten doch
+alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden
+Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische
+Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begruenden
+durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre
+Tuechtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten
+nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stuerzen - die meisten wohl aus
+moralischem Reinlichkeitsbeduerfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit.
+Man muss also doch wohl sagen, dass ihnen, einige ganz wenige glaenzende
+Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent fuer die
+Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben
+kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Masse besessen und
+verdankten dieser Eigenschaft die glaenzende Rolle, die sie waehrend der
+Voelkerwanderung und noch waehrend der Staufferzeit in der Weltgeschichte
+spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und
+Pfaffenherrschaft haben aber jene urspruenglichen Veranlagungen vollstaendig
+erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt
+aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit
+gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein,
+politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religioesen auch zumeist
+politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlassten, und sie
+alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionaere sein,
+brachten den Stolz mit hinueber, Buerger einer Weltmacht zu sein, deren
+Flagge siegreich und gefuerchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese
+Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein Herrenvolk zu fuehlen,
+sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewusst, welches dieses
+Herrentum ihnen auferlegte - der Pflicht naemlich, ihr Blut rein zu halten.
+Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Suedamerikas und Mexikos, die
+nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine
+recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte fuer die
+Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib ueberhaupt nicht; und selbst
+gegen Mischehen mit den besten europaeischen Einwanderern richtete das
+Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der
+imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und
+das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits
+und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen muessen. Das Wort Chauvinismus
+hat einen garstigen Klang fuer unsere kosmopolitischen Doktrinaere, unsere
+edlen Friedensschwaermer und liberalen Idealisten, es ist aber schliesslich
+nur ein anderer Ausdruck fuer Kraftbewusstsein. Denn bei allen wirklich
+starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der
+Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionaer _chauvin_.
+
+(M105)
+
+Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren
+Kinder, besitzen nun allerdings jenen schoenen Nationalstolz, von dem die
+vorigen Generationen noch nichts wussten. Sie lesen noch die deutschen
+Zeitungen und freuen sich der Berichte ueber die grossartige Entwicklung des
+deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufbluehen seiner
+Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht laesen, wuerden
+sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspueren, denn sie koennen
+kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift:
+"_Made in Germany_" zu stossen, und die gewaltigen Schiffe der grossen
+Reedereien, allen voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen
+Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlaessigkeit in
+jeder Beziehung uebertreffen, haben fuer die Hebung des deutschen Ansehens
+ueber dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten
+Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten
+des gesegneten Friedens sich fuer die Ewigkeit zu manifestieren trachtete.
+Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen
+Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Koennen, geniesst bei den
+Deutschamerikanern eine fast uneingeschraenkte Verehrung, und auch das
+Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft
+bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und
+einigen anderen Staedten erheben sich schoene deutsche Vereinshaeuser, in
+denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem
+Eifer deutsche Musik und ueberhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird.
+In Cleveland haben die Deutschen in einem schoenen oeffentlichen Park eine
+Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo
+bemuehen sie sich mit ruehrender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst
+im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer
+rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des
+Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, dass die
+Bestrebungen einer ausschliesslich auf aesthetische Kultur gerichteten
+intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begruendung
+und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kraefte noch fast
+ausschliesslich in Anspruch nimmt, wenig Verstaendnis finden koennen. In
+dieser Beziehung sind es noch Grossvaeterideale, welche die versprengten
+Landsleute drueben pflegen und es ist charakteristisch, dass die wenigen
+leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur
+vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind.
+
+(M106)
+
+Es hat sich also nachtraeglich doch noch so etwas wie ein deutscher
+Chauvinismus entwickelt - leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein
+halbes Jahrhundert zu spaet, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hiesse
+unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man
+sie jetzt noch zur Sonderbuendelei mit prahlerischem Maulaufreissen von uns
+aus aufstacheln wollte; das waere toericht und geschmacklos. Wie wuerden wir
+es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste
+sind, uns fortwaehrend ihre Nationalitaet und Rasse unter die Nase reiben,
+Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesaenge in die Ohren schmettern und
+darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir wuerden uns
+ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die
+Yankees, die tatsaechlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht,
+zu verlangen, dass die Einwanderer aufhoerten, Fremdlinge zu sein, indem sie
+sich bemuehen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse
+aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhaeltnissen,
+sich stolz bewusst zu bleiben, dass sie die Erben einer tieferen und
+feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und dass sie dazu berufen
+sind, den Bluetenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen
+Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinueber nehmen, in die Seelen
+der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart,
+deutschen wissenschaftlichen und kuenstlerischen Sinn, deutsche Treue,
+deutsches Gemuet in der neuen Heimat zum ausschlaggebenden Kulturfaktor zu
+machen, das muss ihnen als heilige Pflicht bewusst bleiben. Auf diese Weise
+lassen sich immer noch Siege _gegen_ und, was noch wichtiger ist, auch
+_mit_ dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit
+deutschem Geiste zu durchtraenken und so zu unseren innerlichst Verbuendeten
+zu machen, das waere ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glaenzende
+Waffentaten. Inzwischen duerfen sich aber die Deutschen der Vereinigten
+Staaten auch nicht fuer zu gut duenken, von den Yankees zu lernen, und
+ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch
+noetiger haben. Es ist naemlich leider nicht zu leugnen, dass wir trotz des
+grossen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben,
+als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen
+entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Voelker
+irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht
+haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: "Ja, was wird aber
+Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?" so wird ihm mit
+laechelndem Achselzucken die Antwort: "Ach, die Deutschen! Die sind ja so
+anstaendig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum." Es
+ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Hoeflichkeit die
+Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleissig bei den
+Jungen die Fehler der Jugend - in der Politik werden viele davon zu
+Tugenden, vornehmlich die goldene Ruecksichtslosigkeit.
+
+Man wird einwenden, dass jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden
+nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien
+Entwicklungsmoeglichkeiten einer grossen demokratischen Republik begruendet
+seien. Ich fuer meine Person kann jedoch nicht glauben, dass die Staatsform
+wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung
+hat mich gelehrt, dass die demokratische Theorie drueben, wie ueberall, an
+der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe
+zahlreiche Beispiele dafuer beibringen koennen. Der innerlich freie Mensch
+kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland
+speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die
+sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist hoechst wahrscheinlich, dass
+die Propheten, die uns als naechstes Ziel unserer politischen Entwicklung
+die _Vereinigten Staaten von Europa_ verheissen, recht behalten werden.
+Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein voelkisches
+Sonderdasein fuehren und auch ihre Kaiser und Koenige ebenso pietaetvoll
+konservieren koennen, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn
+aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernuenftiges,
+zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit
+zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als
+untrueglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat.
+
+
+
+
+
+ DAS HIRN AMERIKAS AUF EINER GOLDENEN SCHUeSSEL.
+
+
+Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag
+wohl keines so sehr den Europaeer staunen machen, wie der Expresselevator
+eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk haelt. Wohnungen fuer
+kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen
+Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschliesslich Geschaeftsraeume fuer
+die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien fuer Rechtsanwaelte, fuer
+Konsulate, fuer alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt
+beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz
+Amerikas schlaegt in den kleinen, einfachen Holzhaeuschen der Vorstaedte und
+laendlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen
+gigantischen Tuermen und liefert zwischen 8 Uhr frueh bis 6 Uhr abends die
+Hochdruckspannung fuer den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von
+Telephonleitungen vereinigen sich auf den Daechern, die unablaessig von
+diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im
+Erdgeschoss unterhaelt eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt
+und befoerdert unzaehlige Telegramme ueber den ganzen Kontinent, wie nach
+allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebaendigte Blitz traegt
+Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem
+Mut in alle Welt hinaus. Millionen stroemen herein, Millionen stroemen
+hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die grosse Wage, auf der die Gedanken
+erfindungsreicher Koepfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geraeuschlos
+der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem Schlage Existenzen
+vernichtet; hier schwirren die Webstuehle, an denen die schimmernden Netze
+fuer den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der
+fleissige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf,
+und mit dem Expressaufzug, der erst am elften Stockwerk haelt, schwingt sich
+das Genie ueber die Koepfe der armen Durchschnittsmenschheit in
+atembenehmendem Tempo empor.
+
+(M107)
+
+In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser
+Expresselevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt.
+Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschloesser gebaut,
+wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches
+Eisengerippe schiesst starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau
+wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man
+alsdann die Waende von Zementguss zwischen den Rippen zu spannen, also
+gewissermassen fluessigen Stein vom Dach herunter zu giessen, bis er endlich
+den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird,
+schwer und gewaltig, wie fuer die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten
+Welt aber haben zuerst in den Hoehlen gewohnt, die die Natur uns zum
+Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wuehlen.
+Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam
+aneinander gefuegt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir
+gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Hoehen
+hinaufzufuehren, wo die Stickluft schwitzender Muehsal nicht mehr lastet, wo
+der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte
+Ferne. Die kuehnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten,
+brachten die eisernen Traeger fuer den Aufbau ihrer Kultur gleich fertig
+mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das grosse Wagnis
+unternahmen; denn aengstliche, bedaechtig am Alten klebende Ofenhocker und
+Duckmaeuser gingen ja ueberhaupt nicht ueber das grosse Wasser. Die Eroberer
+brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Buechsen, der
+Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gruss an die technisch hilflosen
+Besitzer des neuen Landes. Und als die weisse Besiedlung in grossem Stile
+einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die
+Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte
+keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff
+brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herueber, und diese neuen
+Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen
+gegen den widerstrebenden Willen der Alten - denn es gab keine Alten in
+diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer
+die Idee der Dampfmaschine herueber, und alsbald erkannte man, dass die
+Riesengroesse des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen
+Quellen unerschoepflichen Reichtums ueberhaupt erst nutzbar gemacht werden
+wuerden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen ueberwand.
+1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste
+Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston
+und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische
+Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie
+vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man
+wartete drueben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevoelkerte Gegenden und
+grosse Staedte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte
+resolut die Schienenstraenge durch jungfraeuliches Land, durch Wuesten und
+Einoeden und veranlasste dadurch, dass jene Gegenden besiedelt wurden, Staedte
+und Industrien ueber Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche
+Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit
+dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndaemme nicht lange auf, sondern
+rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden
+ein und liess die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar
+Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen
+gelegen, wenn nur die Ueberlebenden den winkenden Dollar gluecklich
+erhaschen!
+
+(M108)
+
+Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen
+Errungenschaften des europaeischen Geistes. Begierig wurden sie drueben
+aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu
+ueber das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfaehigkeit durch
+Verbesserungen bis an die Grenze der Moeglichkeit gesteigert. Und genau so
+wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der
+geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft
+gleichzeitig mit den neusten, kuehnsten Hypothesen und floesste sie den
+lernbegierigen jungen Koepfen ein. Von den sieben freien Kuensten liess man
+sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des
+eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu
+beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht noetig,
+aus dunkler Angst und Erloesungssehnsucht langsam eine nationale Religion
+empor wachsen zu lassen, sondern man liess sich die Religionen schockweise
+aus den alten Laendern kommen und von einheimischen Koechen fuer die
+amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besass man auf einmal Religion
+und Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem
+auf der Hoehe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt fuer
+dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit
+alten Vorraeten zu raeumen, alte Mauern niederzulegen, alte Muenzen
+einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang fuer die Leute dieser Neuen Welt ein
+Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein
+Vollendetes geliefert hatte, so musste sich in den Koepfen dieser
+Neuweltleute die Ueberzeugung festsetzen, dass es fuer ihre Entwicklung keine
+Schranken gaebe. Der Himmel haengt diesen Leuten voll unbegrenzter
+Moeglichkeiten. Weil sie es niemals noetig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen
+mit schmerzenden Knien in die Hoehe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen
+die natuerlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreissig Stockwerke per
+Express mit hoechstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da
+droben, im Genusse der schoenen Aussicht und der frischen Luft, fuehlen sie
+sich so pudelwohl, dass sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft
+haengen. Es muss schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich
+zu machen, dass in ihrer Hoehe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung
+etwas ungemuetlich zu werden beginnt und dass man unten zum mindesten
+sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermoegen kultivierte Menschen der
+Alten Welt in jenen stolzen Luftschloessern niemals heimisch zu werden. Sie
+finden es fusskalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und
+alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben
+mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kaempfen
+einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kraefte gewachsen; an den
+Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres
+Geistes geschaerft; unseren Goettern haben wir Wohnungen gebaut aus den
+aufgetuermten Leichnamen unserer Maertyrer; den holden Rausch unseres
+Fruehlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstuermen, aus Schutt
+und Brand die Ideale unserer Schoenheit gerettet - aller Stolz auf unsere
+Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der
+heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. _Ein Mensch der Alten
+Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Missgeburt._ Und wenn die
+Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herueberkommen, so wandeln sie wie in
+einem Museum einher: alles, was fuer uns lauter lebendige Quellen ewiger
+Werte bedeutet, sind fuer sie ausgestopfte Kuriositaeten, patinierte
+Schildereien, bleiche Spirituskonserven - sie gehen staunend oder laechelnd
+vorbei und fragen hie und da: "Wieviel kostet das?"
+
+O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so vertraeumten
+Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen
+immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Voelkerwanderung.
+Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die
+die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und
+innerlich doch noch ganz und gar angefuellt von den ererbten Eigenschaften
+ihrer ritterlichen oder spiessbuergerlichen Vorfahren. Ihr Blut straeubt sich
+dagegen, reine kalte Geschaeftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer
+ruehrenden Gemuetlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer
+streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blueht der
+Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben.
+Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat
+im Staate, eine Freimaurerorganisation mit ungeschriebenen Gesetzen. Aber
+es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das
+Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden - jener grosse, der
+offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern,
+Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und
+ruecksichtslosen Kuenstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu
+allen tuechtigen deutschen Taten hergibt. Uebermenschen sind sie darum noch
+lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein
+praechtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des Uebermenschen schon jetzt
+im Fleische wandeln duerften.
+
+(M109)
+
+Drueben glauben sie, wie es scheinen moechte, den Uebermenschen bereits zu
+besitzen, und zwar in der Person des Spielers grossen Stiles, des Millionen
+aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten
+Geschaeftsmannes. Hoeren wir ein Stueckchen Yankeephilosophie aus dem Munde
+eines ihrer besten Schriftsteller, _Jack London_(5): "Zu Zehntausenden und
+zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Naechte durch und planen, wie sie
+zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen koennen;
+das sind die Geschaeftsleute. Die Kleinen von ihnen, Kraemer und
+dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas
+heraus, woran sie verdienen koennen; aber die grossen Geschaeftsleute
+benutzen diese kleinen Geschaeftsleute, um die Werterzeuger fuer ihre Zwecke
+herzurichten. Den ganz grossen Leuten aber liegt nichts daran, den
+einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern
+sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre
+Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese Art von Glueckspiel nennt man 'die hohe
+Finanz'. Urspruenglich bestand das Geschaeft nur darin, den Arbeiter
+auszupluendern; dann aber taten sich die grossen Raeuber zusammen und jagten
+einander die aufgehaeufte Beute ab. Unter den Uebermenschen der Geschaefts-
+und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein
+_noblesse oblige_. Diese modernen Uebermenschen sind eine Gesellschaft von
+Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote
+von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren.
+Bei ihnen heisst es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er
+gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das
+nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverstaendlich
+und werden von ihresgleichen der Groesse ihrer Beute entsprechend geschaetzt.
+Obwohl jeder Raeuber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Raeuber zu
+berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat
+tatsaechlich die Kontrolle ueber den politischen Mechanismus der
+Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben
+geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane,
+die Gerichte und die Armee. Des Uebermenschen Hauptgefahr liegt in seinem
+Mituebermenschen, nicht etwa in der dummen grossen Masse des Volkes - die
+kann man durch den laecherlichsten Bluff zum Narren halten - die zaehlt
+nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf hoeherer Basis, aber
+man kann sehr wohl die Betruegereien und Vortaeuschungen dabei durchschauen,
+ohne sich sittlich darueber zu entruesten. Es ist eben die Ordnung der
+Natur, dass die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den
+Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen
+berauben einander, weil sie eben so geschaffen sind. Sie rauben, wie die
+Katze kratzt, der Frost beisst und der Hunger kneift. Der grosse Finanzier
+lernt sein Geschaeft bald sportmaessig betreiben. Arbeiter und kleine Leute
+beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport,
+wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen,
+wie sie in England noch betrieben werden soll. Der grosse Sport besteht
+darin, den erfolgreichen Raeubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die
+Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen
+setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen
+Spass hat."
+
+(M110)
+
+Die Uebermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings
+dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszupraegen,
+besonders wenn man ihr Treiben so auffasst, wie jener witzige Englaender,
+der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschaeftsleute wie in den
+Vereinigten Staaten haetten sie drueben in England doch nicht, kaltbluetig
+erwiderte: "O ja, die haben wir auch - aber bei uns sitzen diese Herren
+alle im Zuchthaus." Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten
+seiner grossen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu
+verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen
+zwischen den grossen Tieren, ueber die er sich amuesiert, und denen, auf die
+er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drueben, in deren
+Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius
+suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Hoehenmenschen.
+So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in
+welchen nur Maenner aufgenommen werden koennen, die irgendeine
+bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen haben. Am
+26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der
+weltbekannten Industriefuersten angehoerte, die Gelegenheit eines festlichen
+Fruehstuecks im Strassenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preussen _das
+Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel darzubieten_. Ungefaehr 150
+Einladungen liessen sie ergehen an jene _Captains of Industrie_, wie Thomas
+Carlyle sie genannt hat: "Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht
+bloss eingebildeten Aristokratie!" Bei diesem denkwuerdigen Fruehstueck wurde
+nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren
+die blossen smarten Geschaeftsleute, die tollkuehnen Spieler des grossen
+Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen
+Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche
+Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch
+Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem
+Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft ueberreicht, in dem die
+Eingeladenen dem Alphabete nach aufgefuehrt und die Bedeutung jedes
+Einzelnen in einer ganz knapp gefassten Notiz erlaeutert war. Die "New
+Yorker Staatszeitung" sagte von diesem Fruehstueck: "Der erlauchte Bruder
+des deutschen Kaisers und maechtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen
+hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag
+der Augsburger Fugger, Fuersten des Handels, Baumeister unserer Groesse. Es
+waren nicht lauter Millionaere, die da sassen, aber sie gehoerten
+ausschliesslich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschoepfliche
+Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumuenzen verstehen und die
+unseren Nationalwohlstand begruenden halfen."
+
+(M111)
+
+Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fuerst der
+Alten Welt in aehnlicher Weise gefeiert worden waere. Wenn unsere gekroenten
+Haeupter reisen, so bekommen sie ueberall dieselben Exzellenzen, Geheimraete,
+Spitzen der Behoerden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter
+wackere und verdienstvolle Staatsbuerger; aber die wahrhaft fuehrenden
+Koepfe, die genialen Organisatoren, die Traeger der modernen Ideen - jene
+Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne - jene Hervorleuchtenden - sie
+finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der
+Eifer der intimen Hueter des Thrones, der Hoeflinge und Buereaukraten sorgt
+dafuer, dass von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des
+Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck ueber
+die Grenzen des beschraenkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drueben in
+dem Maerchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der
+Eingeladenen die grossen Philosophen, Kuenstler und Dichter, die Verkuender
+einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kuehnen Umwerter und
+gefaehrlichen Fackeltraeger - sie mussten fehlen, weil sie drueben noch nicht
+vorhanden sind, diese Kulturblueten schwer von dem Honig einer glorreichen
+Vergangenheit.
+
+Wann wird fuer Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor
+seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestaet eine
+Huelle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schliesslich zum Lohne
+das Hirn Deutschlands auf einer Schuessel zu fordern? Vielleicht wird diese
+Schuessel nicht, wie drueben in dem Lande der unerschoepflichen Naturschaetze,
+von purem Golde sein koennen - aber das Hirn wird sich sehen lassen duerfen!
+
+
+
+
+
+
+ EINIGE FUeR DIES WERK BENUTZTE UND EMPFEHLENSWERTE BUeCHER:
+
+
+_ Dr. Otto Ernst Hopp_, "Bundesstaat und Bundeskrieg in den
+ Vereinigten Staaten". Zwei Baende. Verlag G. Grote. Berlin 1886.
+_ Mc. Laughlin_, "History of the American Nation". Verlag Appleton &
+ Co. New York 1903.
+_ Paul Bourget_, "Outre Mer". Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905.
+_ Georg von Skal_, "Das amerikanische Volk". Verlag Egon Fleischel &
+ Co. Berlin 1908.
+_ Dr. Hintrager_, "Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten
+ Staaten?" Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904.
+_ Wilhelm von Polenz_, "Das Land der Zukunft". Verlag F. Fontane &
+ Co. Berlin 1905.
+_ Ludwig Max Goldberger_, "Das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten."
+ Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903.
+_ A. von Ende_, "New York". Verlag Marquardt & Co. Berlin.
+
+
+
+
+
+ NAMEN- UND SACHREGISTER.
+
+
+ Aberglaube 203.
+ Adel 261, 175 ff.
+ Akademische Vergnuegungen 55.
+_ American plan_ (style) 240, 244.
+ Angelsachsen 21.
+ Antisemitismus 31.
+ Arbeit 105, 107, 261.
+ Armee 177 ff.
+ Armour & Co. 218 ff.
+ Asch, Schalom 142.
+ Astor 179.
+ Astorhotel 239.
+_ Athletics_ 37, 45.
+ Ausgestanden! 17.
+_ Avenue, common wealth_ 126.
+_ Avenue, fifth_ 123 f.
+
+ Baker G. Eddy, Mrs. Mary 196 bis 200.
+ Bauern, lateinische 265.
+ Bayreuth 138.
+ Berufstreue 106, 254.
+ Bertsch, Hugo 132.
+ Bibliotheken 51, 63.
+ Bier 234.
+ Bildungsgang des Volkes 63.
+ Bildungstrieb 63, 255.
+ Bischoefliche Hochkirche 187.
+ Blood and Thunder-Show 5.
+_ Bohemian Jinks_ 55.
+_ Bohemians_ 132.
+ Bordelle 72 f.
+ Bosse, die politischen 65, 73, 96.
+ Bret Hart 133.
+_ Brooklyn-Bridge_ 233.
+ Bronzemesser 110.
+ Buchgewerbe 126.
+ Buffalo 118, 211.
+
+ Cafes 112, 119, 237.
+_ Camping out_ 209.
+_ Campus_ 54, 205.
+_ Car_ 172.
+ Carnegie 80.
+ Cartesius 120.
+ Century-Club 281.
+ Chautauqua 63.
+ Chauvinismus 28, 266 ff.
+ College _Cheers_ 43 f.
+ Chicagos Schlachthoefe 218-229.
+_ Christian Science_ 196-203.
+ Clams 118.
+_ Coeducation_ 36, 55, 82, 84.
+_ Common sense_ 38, 66, 184, 263.
+_ Compartement_ 172.
+_ Concerd__, sacred_ 173.
+ Confessionslose Kirche 205 f.
+ Cornell 53, 205.
+
+_ Denomination_ 49, 188 ff.
+ Demokratischer Stolz 105.
+ Demokratische Tugenden 181.
+ Deutsch-Amerikaner 28 f., 36, 264 bis 271.
+ Deutsche Pflichten 6, 271 f.
+ Deutsche Staedte 265.
+ Deutsche System, das 61.
+ Dienstboten 94-109.
+ Dienstmaedchen, Karriere besserer, 101.
+ Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des 99.
+ Disziplin 38, 70 f., 170, 180, 278.
+ Dollarmaschine 273.
+ Doppelmoral 77.
+_ Dormitorys_ 42.
+ Drew, Daniel 179.
+
+ Ehe 79-93.
+ Ehescheidung 79, 88 f.
+ Ehrgeiz 37.
+ Ehrlich-Hata 74.
+ Ehrlichkeit 182.
+ Einwanderers, die Kinder des 29.
+ Eisenbahn 275 f.
+ Eisenbahnen, Kundenfang der 241.
+ Eiswasser 17.
+ Eitelkeitsmarkt 176, 155.
+ Emerson Ralph Waldo 62.
+_ Episcopal Church_ 187.
+ Erotik 75 ff.
+ Erziehungskosten, Rueckzahlung der 83.
+ Eulenberg, Herbert 145.
+ Europa, Vereinigte Staaten von 272.
+ Exzellenzen, die wahren 283.
+ Expresselevator 273 f.
+
+ Fahrplaene 242.
+ Familienhaeuser 123.
+ Fensterputzer, der schwarze 95.
+ Festessen 10 f.
+ Fische 115.
+ Fleischverarbeitung 230.
+_ Flirtation_ 84 f.
+ Forschung, wissenschaftliche 46 f.
+ Fortschritt, kampfloser 275.
+_ Fraternitys_ 42 f.
+ Frauenakademien 56 ff.
+ Friedrich, Max 129.
+ Fruechte 111, 118.
+ Fulda, Ludwig 2.
+ Frauenverehrung 26, 34, 70, 80, 90, 174, 246.
+
+ Gastfreundschaft 9.
+ Gefluegel 114.
+ Geldheirat 25.
+ Ghetto 138.
+ Gold 234.
+ Gould, Jay 25, 176.
+ Gouverneur 10.
+ Germanistic Society of America VII, XIV, 2.
+ Geschaeftspolitiker 65.
+ Geschlechter, freier Verkehr der 84 f.
+ Gesetzen, Achtung vor den 67.
+ Gesetzfabrikation 173.
+ Gepaeckaufgabe 242 f.
+ Gesundbeter 197-200.
+ Gruenhoerner 232 ff.
+ Graf, Dr. Alfred 60.
+
+ Handwerk 30, 106 f., 254.
+ Hapag 269.
+ Hardt, Ernst 147.
+ Harward 44.
+ Hauptmann, Gerhart 139, 145.
+ Hauptmann, Karl 2.
+ Hausfrauen 91 f., 93, 101.
+_ Head lines_ (Kopfzeilen) 161 f.
+ Heilsarmee 193-196.
+ Heimatliebe 171, 259.
+ Hemdaermeligkeit 249.
+ Heinrich, Prinz von Preussen 18, 226, 282.
+ Heirat 88.
+ Heiratslust ein Gesundheitszeugnis 93.
+ Herald, New York 164.
+ High School von Youngstown 7.
+ Hotel 207, 236 ff., 252.
+ Hoeflichkeitsbezeugungen 13, 170, 247 f.
+ Hoelle, Mittelpunkt der 227.
+ Hudson 207, 215 ff.
+ Humanistische Bildung 48.
+ Humoristische Lichter 5.
+
+_ Icecream_ 17, 113 f.
+ Illustrierte Zeitungen 151 ff.
+ Indianer 23.
+ Industriehaeuptlinge 149, 282.
+ Interviewer 8, 19, 158 f.
+ Inquisition 21.
+
+ Jerusalem, Else 74.
+ Judentum 30 f., 144.
+ Juristen 263.
+
+ Kastengeist 172, 177.
+ Kaiser, der deutsche 269, 283.
+ Kannibalische Gerichte 119.
+ Karikaturen 160.
+ Kasernenleben 180.
+ Kaufmann, Reginald Wright 73.
+ Katholizismus 188.
+ Kauer, das Volk der 120.
+ Kaugummi 121.
+ Kelten 21.
+ Kempinskis System 120.
+ Kessler, David 139 ff.
+ Kindervergoetterung 33 f., 244.
+ Kinderzucht 35.
+ Kirchenwahl 203 f.
+ Kleidung 124.
+ Knickebockers 175.
+ Kochkunst 111-120.
+ Koketterie 79, 85.
+ Komisch finden, was sie alles 7.
+ Kongress deutscher Missgeburten 27.
+ Kontrakte der Dienstboten 99.
+ Korruption 65 ff.
+ Krueger, Hermann Anders 2.
+ Kunstbeduerfnis 129.
+ Kunst, nationale 62, 131.
+ Kuessen, vom 87, 247.
+ Kurmacherei, unverbindliche 85.
+
+ Landschaftsregisseure 212 ff.
+ Laughlin, Andrew C. Mc. 36.
+_ Legal__ Aid Society_ 192.
+ Lenau, Nikolaus 1.
+ Lehrer und Lehrerin 38 ff.
+ Leitartikel 154.
+ Leithammel 219.
+ Lesefutter fuer Kinder und Unmuendige 151.
+ Lichtreklame 122, 211.
+ Liebe, die, in der Oeffentlichkeit 87.
+ Liebesheirat 25.
+ Liebesverhaeltnis 77, 86 f.
+ Liebe und Ehe 79-93.
+ Liliencron, Detlev v. 1.
+ Lindau, Paul 1.
+ Lloyd, Norddeutscher 269.
+ Lobby, die 237.
+ London, Jack 132, 279 ff.
+ Longfellow 133.
+ Luegner 37.
+ Lynch, Richter 263.
+
+ Manieren 27, 29, 92.
+ Mann, G. A. 201 ff.
+ Malerei 126, 130.
+ Mannszucht 117 ff.
+ Mark Twain 133.
+ Massengeschmack 133, 163 f.
+ Materialismus 193, 250.
+ Mayflower 175.
+ Maedchenhandel 73.
+ Maezene 51 ff.
+ Menschen, neue deutsche 278 f.
+ Menschliche Niedertracht 223.
+ Mischlinge 23 f.
+ Mitgift 25, 81.
+ Modedamen 80, 90 f.
+ Monatsschriften 164.
+ Moralbegriff 78, 164.
+ Morgentoilette des Taetowierten 245.
+ Multimillionaere 79 f.
+ Muschenheim, Gebrueder 239.
+ Musiker, deutsche 128 ff.
+
+ Nacktheit in der Kunst 127, 174.
+ Neger 95 ff., 99, 173.
+ Negerkirchen 188 ff.
+ Neidlosigkeit 183.
+ Nervositaet 11.
+ Niagarafaelle 209 ff.
+ Niggerlied 128, 188, 191.
+ Niggerpoesie 188 ff.
+
+ Oper 136 ff.
+ Operette 146 f.
+ Optimismus 21, 32, 108, 215, 263.
+ Osborn, Prof. Dr. Henry F. 149 f.
+ Orden 53, 176.
+
+ Pagen 237.
+ Papiergeld 234.
+ Parsifal 128.
+ Paepstin, Tod der 198 f.
+ Philister 260.
+ Photographie 126.
+ Pilgervaeter 21, 75, 186.
+ Pinsky, David 139.
+ Plastik 127.
+ Poet, der neuweltliche 130.
+ Polenz, Wilhelm v. 1.
+ Politik 65 ff., 271, 264 f., 154.
+ Polizei 67, 72, 74, 171.
+ Postgraduates 51.
+ Prachtbauten 122 f.
+ Presse, deutsche 167.
+ Presse, gelbe 149, 153, 161, 164, 255.
+ Privatgelehrte 50.
+ Proletariat, gelehrtes 50.
+ Professor, der 53 f.
+ Professor, der, als Maedchen fuer alles 103.
+ Prohibition 171, 174.
+ Prostitution, die 73.
+ Pruederie 4, 74, 132, 145, 174.
+ Publikums, Psychologie des 3.
+ Puritaner 21 ff.
+ Pullman-Wagen 172 f., 243 ff.
+
+ Quaeker 204.
+
+ Radiopathie 199 f.
+_ Ragtime_ 128.
+ Rasse, amerikanische 20 ff., 256 ff., 268.
+ Rassestolz 23.
+ Raubritter 179.
+ Rauchplage 68.
+_ Reception_ 9, 12 ff.
+ Redegabe 10 f., 39.
+_ Refinement_ 47.
+ Reinhardt, Max 142, 147 f.
+ Reinheit, erotische, der Maenner 75 f., 82.
+ Reklame 156, 208, 210.
+ Rekordfieber 251.
+ Rekrutierung 177.
+ Reliquienverehrung 50.
+ Renommage 33.
+ Rentiers 81.
+ Reporter 8, 241, 237, 160 f.
+ Richter 262 f.
+ Rockefeller jun. 74.
+ Romantik 87 f.
+
+ Salat 116 f., 117.
+ Schaukelstuehle 125.
+ Scheidung, die 89.
+ Schlachtverfahren fuer Schweine 227.
+ Schlachtverfahren fuer Rinder 229.
+ Schlangenfrass, intellektueller 157.
+ Schliff, der letzte 47.
+ Schnitzler 86.
+ Schoenheit, koerperliche 26.
+ Schoenheiten, berufsmaessige 59, 104.
+ Schule 35 ff.
+ Schuelerverbindungen 39.
+ Schurz, Karl 267.
+ Sehenswuerdigkeiten 9.
+ Sekten 186 ff.
+ Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs 69.
+ Sensationsartikel 164 ff.
+ Sentimentalitaet 87.
+ Sexuelle Heuchelei 75.
+ Sinclaire, Upton 226.
+ Skal, Georg v. 38.
+ Sklaverei 109.
+ Snobismus 251 ff.
+_ Social evel, the_ 72 ff.
+ Soldatenwerbung 179.
+ Soeldnerheer 181.
+ Sommerfrischen 209.
+_ Sororitys_ 58.
+ Sozialdemokratie 180, 185.
+ Sparsamkeit 235.
+ Speisehaeuser, billige 119.
+ Spekulationsheiraten 81.
+ Spiessertum 183, 185.
+ Spione, japanische 181.
+ Spitzbueberei als Sport 281.
+ Sport 44 ff., 54, 281.
+ Sportberichte 153 f.
+ Sportliche Wettkaempfe 45.
+ Staatszeitung, New Yorker 167, 282.
+ Stanley, Henry M. 162.
+ Steuben, Baron 36.
+ Stiefelputzen 100.
+ Strassendemonstrationen 97.
+ Strassenpflaster 124.
+ Strassenverkehr 71.
+ Strauss, Richard 97, 98, 148, 160.
+ Studenten, arme 43.
+ Studentenverbindungen 43.
+ Studentin, Typus der 59.
+_ Subway_ 232.
+ Suessigkeit 111 f., 117.
+_ Sweet Potatoes_ 115.
+
+ Tafelfreuden im Pensionat 115.
+_ Tammany Hall_ 186.
+ Tante, die alte 173.
+ Tauschhandel, Toechter im 25.
+ Technische Hochschulen 49.
+ Technik und Wissenschaft 49.
+ Telephon 237, 249, 273.
+ Theater, amerikanisches 135-138.
+ Theater, deutsches 143-148.
+ Theater, jiddisches 138 ff.
+ Theatre, New 136.
+ Todessprung, der 221.
+ Toleranz 22.
+ Touristen 211.
+ Transcript, Boston 162.
+ Trennung von Staat und Kirche 185, 263.
+ Trinkgeld 235 f., 238.
+ Trustmagnaten 68.
+
+ Uebermensch, der, von Wallstreet 279 ff.
+ Undergraduates 42.
+ Ungluecksfaelle, Verbrechen 153 f.
+ Uniform 180.
+ Unitarier 189.
+_ University Extension_ 63, 255 f.
+ Urban, Henry F. XII.
+_ Usher_ 13, 16.
+
+ Verbrecher, Behandlung der 262.
+ Vereinsleben 6 f., 255, 266, 269.
+ Verfassung der V. St. 36.
+ Virginians, true 175.
+ Volkslied 3, 130.
+ Voelker, junge, u. Kinder 33.
+ Vorstellen, nicht! 13.
+ Vorurteile, demokratische 62.
+
+ Wahlmanoever 73.
+ Walt Whitman 133.
+ Walter, Dramatiker 86, 132.
+ Wedekind, Frank 145.
+ Wehrpflicht 180.
+ Wellesley-College 56-59.
+ Weltanschauung 46.
+ Wettkaempfe 44 f.
+ White, Dr. Andrew D. 108, 203, 205 f.
+ Wildpret 115 f.
+ Williams, Roger 22.
+ Wissenschaftliche Speisekarte fuer Damen 57.
+ Wohltaetigkeit 194.
+ Wohnhaeuser, Stil der 208.
+ Wohnungseinrichtung 124 ff.
+ Wolkenkratzer 123, 273 f.
+
+ Yale 44.
+ Yankee 20.
+
+ Zahnarzt 113.
+ Zukunft, schwierige Frage an die 109.
+ Zwangsheirat 78.
+
+
+
+
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem
+
+ Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten?
+
+ Nordamerikanische Reiseskizzen
+
+ von
+
+ Dr. Hintrager
+ Geheimer Regierungsrat
+
+ Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50
+
+ _II. Auflage_
+
+New Yorker Staatszeitung:
+(Aus einem mehrere Spalten fuellenden Feuilleton.)
+
+Dr. Hintrager hat in seinem Buche: "Wie lebt und arbeitet man in den
+Vereinigten Staaten?" ein gutes Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den
+Vereinigten Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten Besuchen
+des Landes nicht darauf beschraenkt, die Aussenseite der Dinge anzusehen. Er
+hat nicht nur auf einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige
+Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gruendlich studiert, ist im Bureau
+eines Rechtsanwaltes taetig gewesen, hat die meisten der groesseren
+Strafanstalten besucht und geprueft und juristische Vorlesungen gehalten.
+Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben des Volkes getan und weiss
+huebsch und interessant davon zu erzaehlen.
+
+Sehr gut und lesenswert - auch fuer Deutsch-Amerikaner, die ueber diesen
+Punkt wenig unterrichtet sind - ist das Kapitel ueber die Amerikanerin. Man
+faengt doch an, einzusehen, dass die amerikanische Frau nicht bloss das
+Sofakissen ist, fuer das man sie so lange gehalten hat.
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem
+
+ Das Land
+ der
+ unbegrenzten Moeglichkeiten
+
+ Beobachtungen ueber das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten von
+ Amerika
+
+ von
+
+ Ludwig Max Goldberger
+ Geheimer Kommerzienrat
+
+ Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50
+
+ _VIII. Auflage_
+
+Literarisches Zentralblatt, Leipzig:
+
+Unter der in der letzten Zeit betraechtlich angeschwollenen Literatur ueber
+die Vereinigten Staaten darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz
+beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschoepfende Gruendlichkeit, genaue
+Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit und Gefaelligkeit der
+Darstellung zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muss selbst auf den
+Spuren des Verfassers in den Vereinigten Staaten gewandelt sein, um die
+stets zutreffende und mit wenigen Worten ueberaus anschaulich gezeichnete
+Schilderung ganz wuerdigen zu koennen, welche in diesem Werk vom Boden und
+den Menschen, von der Arbeit und den Werkstaetten, dem Nationalreichtum,
+den Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem Trustwesen und
+verschiedenem anderen gegeben sind. Durch das ganze Werk zieht sich die
+nicht hoch genug zu veranschlagende Tendenz, die beiden grossen Nationen
+menschlich und wirtschaftlich naeher zu bringen ...
+
+ Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem
+
+ Das Land der Zukunft
+
+ oder:
+
+ Was koennen Amerika und Deutschland voneinander lernen?
+
+ Von
+
+ Wilhelm von Polenz
+
+ Preis: broschiert M. 6,-; geb. M. 7,50
+
+ _VI. Auflage_
+
+St. Petersburger Zeitung:
+
+Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder Verhaeltnisse die
+glaenzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe, die wir in seinen
+Dichtungen, besonders in seinem klassischen Roman "Der Buettnerbauer"
+bewundern. Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen Welt
+umgesehen und schildert scharf und klar, ohne sich auf der einen Seite
+durch wirkliche und scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was
+dem Europaeer fremd, sonderbar und vielfach auch abstossend erscheint,
+beirren zu lassen.
+
+Rheinisch-Westfaelische Zeitung, Essen:
+
+Nicht landlaeufige Reiseeindruecke sind es, die uns Polenz wiedergibt, er
+entrollt vielmehr vor uns ein treffliches, wahrheitsgetreues,
+interessantes Gemaelde von kulturhistorischer Bedeutung, von den
+Verhaeltnissen, Sitten und Gebraeuchen der heutigen Welt.
+
+
+
+
+
+ ANMERKUNGEN
+
+
+ M1 Psychologie des Publikums.
+ M2 Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.
+ M3 Sehenswuerdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervoes sind sie nicht.
+ M4 Nicht vorstellen! Great reception.
+ M5 Ausgestanden!
+ M6 Die reizende Reporterin.
+ M7 Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Toechter im Tauschhandel.
+
+ 1 Das Wort Yankee kommt von einer misshoerten indianischen Aussprache
+ des Wortes "english" her und wurde in den Befreiungskriegen den
+ Amerikanern von den Englaendern als Spottname angehaengt.
+
+ M8 Kongress deutscher Missgeburten.
+ M9 Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?
+ M10 Junge Voelker und Kinder.
+ M11 Kinderzucht.
+ M12 Luegner und Duckmaeuser.
+ M13 Schuelerverbindungen.
+ M14 Studentenverbindungen.
+ M15 Sportliche Wettkaempfe.
+ M16 Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft.
+ M17 Postgraduates.
+ M18 Der Professor im oeffentlichen Leben.
+
+ 2 Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer zu
+ umgrenzen. Professor Muensterberg von Havard definiert ihn dahin, dass
+ sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universitaet
+ dagegen mit dessen kritischer Wuerdigung und mit exakter Forschung
+ beschaeftigen soll, doch fliessen die Grenzen schon deshalb oft
+ ineinander, weil eben an den meisten Universitaeten auch noch nicht
+ viel von selbstaendiger Forschung und wissenschaftlicher Systematik
+ zu finden ist.
+
+ M19 Akademische Vergnuegungen.
+ M20 Wissenschaftliche Speisekarte fuer Damen.
+ M21 Typus der Studentin.
+ M22 Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes.
+ M23 Geschaeftspolitiker.
+ Achtung vor den Gesetzen?
+ M24 Energische Selbsthilfe eines Damenklubs.
+ M25 Disziplin im Strassenverkehr.
+ M26 Die Prostitution.
+ M27 Oeffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit.
+ Beurteilung des freien Liebesverhaeltnisses.
+ M28 Spekulationsheiraten.
+ Rueckzahlung der Erziehungskosten.
+ Unverbindliche Kurmacherei.
+ Die Liebe in der Oeffentlichkeit.
+ M29 Die Scheidung.
+ Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.
+ M30 Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.
+ M31 Der schwarze Fensterputzer.
+ Strassendemonstrationen.
+ M32 Pflichten und Rechte des Dienstpersonals.
+ M33 Karriere besserer Dienstmaedchen.
+ M34 Der Professor als Maedchen fuer Alles.
+ M35 Demokratischer Stolz.
+ Unstetigkeit des Handwerks.
+ M36 Schwierige Frage an die Zukunft.
+ M37 Suess muss es sein!
+ M38 Icecream und Zahnarzt.
+ M39 Tafelfreuden im Pensionat.
+ M40 Amerikanischer Salat.
+ M41 Billige Speisehaeuser.
+ M42 Das Volk der Kauer.
+ M43 Planloses Durcheinander.
+ M44 Abenteuer mit Schaukelstuehlen.
+ M45 Die Nacktheit in der Plastik.
+ M46 Deutsche Musikpioniere.
+ M47 Der neuweltliche Poet.
+ M48 Diktatur des Massengeschmacks.
+ M49 Die grosse Oper.
+ M50 David Kesslers jiddisches Theater.
+ M51 Eine improvisierte Standrede.
+ M52 Niedergang des deutschen Theaters.
+ Repertoirschwierigkeiten der deutschen Buehne.
+ Reinhardt der Retter.
+ M53 Lesefutter fuer Kinder und Unmuendige.
+ M54 Illustrationsunfug.
+ M55 Eitelkeitsmarkt.
+ M56 Intellektueller Schlangenfrass.
+ M57 Kopfzeilen.
+ M58 Ein smarter Reporter.
+ M59 Ideale Moeglichkeiten fuer die Zeitung.
+ M60 Sensationsartikel ernster Zeitschriften.
+ M61 Die deutsche Presse.
+ M62 Die demokratische Freiheit.
+ M63 Die alte Tante.
+
+ 3 "_A drink with a wink_" heisst das. In den Staaten, wo die
+ Prohibition streng durchgefuehrt ist, fordert man unter moeglichst
+ unmerklichem Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in
+ einem undurchsichtigen Gefaess sein Bier, wobei die weisse Schaumhaube
+ die Milch vortaeuschen muss.
+
+ M64 Raubritter hueben und drueben.
+
+ 4 "The Book of Daniel Drew" by Bouck White.
+
+ M65 Soldatenwerbung.
+ M66 Vom Soeldnerheere.
+ M67 Demokratische Tugenden.
+ Neidlosigkeit.
+ M68 Trennung von Staat und Kirche.
+ M69 Die Bischoeflichen und die Unitarier.
+ M70 Die Negerkirchen.
+ M71 Die Heilsarmee.
+ M72 Bankrott des Materialismus.
+ M73 Die Kirche der Gesundbeter.
+ M74 Der Tod der Paepstin.
+ M75 Christian Science in Europa.
+ M76 Aberglaube, Kirchenwahl.
+ M77 Eine konfessionelle Christenkirche.
+ M78 Sommerfrischen.
+ M79 Kostspielige Ausruestung des Touristen.
+ M80 Die Niagarafaelle.
+ M81 Der Hudsonstil.
+ M82 Der Landschaftsregisseur. Aufgaben fuer deutsche Kuenstler.
+ M83 Der Leithammel.
+ M84 Der Todessprung
+ M85 Menschliche Niedertracht.
+ M86 Der Mittelpunkt der Hoelle.
+ M87 Schlachtverfahren beim Rindvieh.
+ M88 Der Zweck heiligt die Mittel.
+ M89 Tragikomoedien des Gruenhorns.
+ M90 Unangebrachte Sparsamkeit.
+ M91 In der Lobby.
+ M92 Das Astorhotel.
+ M93 Kundenfang der Eisenbahnen.
+ M94 Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Taetowierten.
+ M95 Vom Kuessen und von der Hoeflichkeit.
+ M96 Hemdaermeligkeit.
+ M97 Das Rekordfieber.
+ M98 Ansteckungsgefahr des Snobismus.
+ M99 Volkstuemliche Bildungsbestrebungen.
+ M100 Zaehigkeit der Rassen.
+ M101 Heimat.
+ M102 Arbeit und persoenliche Wuerde.
+ M103 Juristen und Menschenkenner.
+ M104 Die deutschen Kolonisatoren.
+ Unsere mangelhafte politische Befaehigung.
+ M105 Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen.
+ M106 Heiligste Pflicht des Deutschtums.
+ M107 Kampfloser Fortschritt.
+ M108 Unbegrenzte Moeglichkeiten.
+ M109 Der Uebermensch von Wallstreet.
+
+ 5 Aus dem Roman "Burning Daylight", S. 159 ff.
+
+ M110 Spitzbueberei als guter Sport.
+ M111 Die wahren Exzellenzen.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die lebenden Kolumnentitel sind als Randnotizen wiedergegeben.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 6: "Clownspaessen" geaendert in "Clownspaessen"
+ Seite 16: "sterotypen" geaendert in "stereotypen"
+ Seite 39: "rethorische" geaendert in "rhetorische"
+ Seite 107: "grossen" geaendert in "grossen"
+ Seite 109: "Unstaenden" geaendert in "Umstaenden"
+ Seite 118: "Neuurastheniker" geaendert in "Neurastheniker"
+ Seite 172: "Pullmann" geaendert in "Pullman"
+ Seite 192: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "koennen?"
+ Seite 201: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Gewalt!"
+ Seite 204: "auschliesslich" geaendert in "ausschliesslich"
+ Seite 222: "Jhr" geaendert in "Ihr"
+ Seite 256: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Qualitaet"
+ Seite 269: "uneingegeschraenkte" geaendert in "uneingeschraenkte"
+ Seite 286: "Karrikaturen" geaendert in "Karikaturen"
+
+Ungewoehnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa "Oklahama",
+"Sherlok-Holmes") und englischen Begriffen wurden nicht korrigiert. Im
+Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Eintraege an
+die alphabetisch korrekte Stelle versetzt.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+August 1, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+ file was produced from images generously made available by The
+ Internet Archive/American Libraries.)
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 40391.txt or 40391.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
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+
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
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+
+
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+
+
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+
+
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+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
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+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
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