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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:33:01 -0700 |
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Fontane & Co., Berlin-Grunewald +</p> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Es erschien von</hi> +</p> + +<p rend="font-size: x-large; font-weight: bold">Ernst von Wolzogen</p> + +<p rend="font-size: large"> +<hi rend='gesperrt'>Romane</hi> +</p> + +<p> +Ecce ego – Erst komme ich<lb/> +Die Großherzogin a. D. | Die Entgleisten<lb/> +Der Erzketzer. 2 Bde. +</p> + +<p rend="font-size: large"> +<hi rend='gesperrt'>Novellen</hi> +</p> + +<p> +Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte<lb/> +Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten<lb/> +Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen +Bohême<lb/> +Da werden Weiber zu Hyänen | Heiteres und Weiteres<lb/> +Erlebtes Erlauschtes Erlogenes<lb/> +Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien<lb/> +Geschichten von lieben süßen Mädeln +</p> + +<p rend="font-size: large"> +<hi rend='gesperrt'>Verse</hi> +</p> + +<p> +Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravüre +Wolzogens) +</p> + +<p rend="font-size: large"> +<hi rend='gesperrt'>Theater</hi> +</p> + +<p> +Der unverstandene Mann (Komödie)<lb/> +Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komödie)<lb/> +Lumpengesindel (Tragikomödie)<lb/> +Die Maibraut<lb/> +(Ein Weihespiel in drei Handlungen) +</p> + +<p rend="font-size: large"> +<hi rend='gesperrt'>Essays</hi> usw. +</p> + +<p> +Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung<lb/> +(Neu herausgegeben von <hi rend='gesperrt'>E. von Wolzogen</hi>)<lb/> +Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch)<lb/> +Linksum kehrt schwenkt – Trab! +</p> + +<p rend="font-size: large"> +<hi rend='gesperrt'>Eheliches Andichtbüchlein</hi> +</p> + +<p> +Herausgegeben von <hi rend='gesperrt'>Ernst Ludwig</hi> und <hi rend='gesperrt'>Elsa Laura +von Wolzogen</hi><lb/> +Buchschmuck von <hi rend='gesperrt'>J. Martini</hi> +</p> +</div> +<titlePage rend="page-break-before: always; center"> +<pb/><anchor id='PgIII'/> +<docTitle> + <titlePart type="main"><hi rend="font-size: x-large; font-weight: bold">Der</hi><lb/> +<hi rend="font-size: xx-large; font-weight: bold">Dichter in Dollarica</hi></titlePart> +<lb/><lb/> + <titlePart type="sub" rend="font-size: large">Blumen-, Frucht- und Dornenstücke<lb/> +aus dem Märchenlande der unbedingten Gegenwart</titlePart> +</docTitle> + <lb/><lb/> +<byline>von<lb/><lb/> +<docAuthor rend="font-size: x-large">Ernst von Wolzogen</docAuthor></byline> + <lb/><lb/> +<docEdition>Zweite Auflage</docEdition> +<lb/><lb/><lb/> +<docImprint rend="font-size: large"><pubPlace>Berlin</pubPlace> <date>1912</date>, <publisher>F. Fontane & Co.</publisher></docImprint> +</titlePage> +<div rend="page-break-before: always; center; font-size: small"> +<pb/><anchor id='PgIV'/> + +<p> +Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 +gegen Nachdruck geschützt +</p> + +<p> +Die erste und zweite Auflage dieses Buches +ist in 2220 Exemplaren gedruckt und wurde +im Jahre 1912 herausgegeben. +</p> + +<p rend="margin-top: 4"> +Altenburg<lb/> +Pierersche Hofbuchdruckerei<lb/> +Stephan Geibel & Co. +</p> + </div> +<div rend="page-break-before: always"> +<pb/><anchor id='PgV'/> + +<p rend="font-size: x-large; center"> +The Germanistic Society of America +</p> + +<p rend="display; font-size: medium"> +to whom I am deeply indebted for the +opportunity of seeing America, may kindly +accept this document of how I saw America +as a token of my sincere gratitude, and may +humour it as genially as it was conceived. +</p> + <pb/><anchor id='PgVI'/> + </div> + <div rend="page-break-before: right"> +<pb/><anchor id='PgVII'/> +<index index="toc" level1="Zur Verständigung"/><index index="pdf" level1="Zur Verstaendigung"/> +<head>Zur Verständigung.</head> + +<p> +Ich gehöre zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen +und nichtige Klugschwätzen eilfertiger Reisender +über fremde Länder, Völker, Einrichtungen und Sitten +durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun gleichwohl +verleiten ließ, nach einem Aufenthalt von nur drei +Monaten, dennoch meine Reiseeindrücke aus den Vereinigten +Staaten zu Papier zu bringen und sogar in +Buchform herauszugeben, so muß ich wohl meinem Unterfangen +selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte +Leute ihm nicht von vornherein den Zutritt in den +Bereich ihrer Aufmerksamkeit verweigern. +</p> + +<p> +Ich wurde als Gast der <hi rend='italic'>Germanistic Society of America</hi> +zu einer Reihe von Vorlesungen und Vorträgen an neunzehn +Universitäten und Colleges, sowie in zahlreichen +deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang +November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den östlichen, +nördlichen und mittelwestlichen Staaten auf. Die oft +gerühmte großartige und herzliche Gastfreundschaft nicht +nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der für +deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung +interessierten akademischen Kreise des Landes, sorgte in +überaus umsichtiger Weise dafür, daß wir – denn meine +reizendere Hälfte begleitete mich samt ihrer tatbereiten +Laute – in all den zahlreichen großen und kleinen +Städten, die wir berührten, möglichst viel und möglichst +Eigenartiges und Bedeutsames von dem wunderreichen +Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im allgemeinen, +und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmäßigen +Vorführungen, die liebenswürdige Komitees +hastig vorbei sausenden Ehrengästen zuliebe von den +<pb n='VIII'/><anchor id='PgVIII'/>Sitten und Gebräuchen der Einwohner veranstalten, +nicht gerade für die sichersten Quellen ernsthafter Belehrung +zu halten und sich vergnüglich ins Fäustchen zu +lachen, wenn der also Gefeierte hinterher dankbaren und +kindlichen Gemüts all dies freundliche Geflunker für +bare Münze nimmt und daraufhin mit wichtiger Kennermiene +seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverständlich +wurde ich wie jeder andere prominente Reisende +schon bei der Einfahrt in den Hafen von New York von +den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie mir +Amerika gefiele; selbstverständlich begleitete mich diese +unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverständlich +machten die Herren Reporter, je nach ihrem +Witz und ihrer stilistischen Begabung, aus meinen verlegenen, +dürftigen Antworten in ihren Interviews, was ihnen +gut dünkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach +meiner Ankunft gefragt, ob ich gedächte, ein Buch über +Amerika zu schreiben, und habe diese Zumutung damals +mit ehrlichem Erschrecken weit von mir gewiesen. So +lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der täglich +und stündlich in buntester Abwechslung am Auge vorüberhastenden, +einander überstürzenden Erlebnisse und Begegnungen +stand, erschien es mir auch wirklich ein unmögliches +Unterfangen, diese Eindrücke auch nur beschreibend +zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel +weniger darüber ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. +Daß ich nicht völlig die Tinte würde halten können, +daß vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch +das Fenster des Expreßzuges ein paar Feuilletons herausspringen +würden, lag ja freilich bei meiner berufsmäßigen +Zugehörigkeit zur Schreiberzunft nahe; aber den Mut +und die Lust zu einer erschöpfenden Bearbeitung meiner +Reisebeute gewann ich doch erst allmählich in der stillen +<pb n='IX'/><anchor id='PgIX'/>Beschaulichkeit meines fruchtbaren Darmstädter Poetenwinkels. +Ich schrieb erst einmal kunterbunt alles zusammen, +was mein Gedächtnis und meine Notizen +mir von Gehörtem und Geschautem bewahrten, und +was mir schon drüben weiteren Nachdenkens wert erschienen +war. Und dann schleppte ich mir einen Stoß +guter Bücher über die Vereinigten Staaten zusammen, +verglich die darin niedergelegten Anschauungen eingeborener +und ausländischer Kenner des Landes und bewährter +Beobachter mit den Eindrücken, die ich selbst +empfangen, und erst nach Beendigung dieser klärenden +Vorarbeit begann ich mich für berechtigt zu halten, dem +großen Publikum, das bei einer gerechten Beurteilung der +neuen Welt interessiert ist, meine Meinung aufzutischen. +</p> + +<p> +Es versteht sich wohl von selbst, daß ich mir trotz +dieser gewissenhaften Vorbereitung durchaus nicht einbilde, +mein Urteil könnte neben dem eingeborener gründlicher +Kenner des Landes oder ernsthafter wissenschaftlicher +Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; +darum habe ich schon im Titel meines Buches den +Nachdruck auf den <hi rend='italic'>Dichter</hi> gelegt. Ein Dichter ist, +wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden +darf, „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“. Sein +Schauen ist freilich ein anderes als das des gelehrten +Forschers: während dieser geradlinig rückwärts oder +voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift +des Dichters Auge über den ganzen Horizont rund um und +erfaßt dennoch im Vorübergleiten eine ganze Menge bedeutsamer +Einzelheiten der nächsten Umgebung. Sein +Geist liebt es, Brücken zu schlagen vom Kleinsten zum +Größten. Mögen diese Brücken oft auch luftig genug, +mehr aus bunten Regenbogenfarben als aus soliden Balken +zusammengezimmert sein, wertlos ist darum die dichterische +<pb n='X'/><anchor id='PgX'/>Betrachtungsweise gewiß nicht; denn oft ahnt er mit dem +sicheren Instinkt des schöpferischen Geistes große, bedeutsame +Zusammenhänge, die dem scharfen Auge des Forschers +verborgen bleiben, weil dem sein Gewissen nicht erlaubt, +bei seinen Feststellungen unbekannte Größen in Rechnung +zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition +und den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme +ich für mich in Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit für +dichterische Freiheit zu beanspruchen. Ich gehöre nicht +zu den Leuten, die sich durch glänzende Äußerlichkeiten +leicht blenden lassen, auch nicht zu den mißtrauischen +Duckmäusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich +angelegen sein lassen, drüben in dem merkwürdigen +Lande der unbedingten Gegenwart, wo es irgend anging, +die Meinung gescheiter, mir zuverlässig erscheinender +Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen +zu vervollständigen, zu klären und zu berichtigen. Dabei +ist es mir nun allerdings überaus häufig begegnet, daß der +Sachverständige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande +war, den Sachverständigen A., der 27 Jahre im Lande war, +für einen ausgemachten Esel erklärte, und daß der Sachverständige +C., der 50 Jahre im Lande war, zur Entscheidung +aufgerufen, beiden als elenden Grünhörnern +jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun +eine alte Erfahrung, die jeder mit einem klaren Blick +begabte gebildete Reisende schon bestätigt gefunden +haben wird, daß sich der Eingeborene eines Landes oft +gerade der auffallendsten Eigentümlichkeiten desselben +nicht bewußt ist, weil ihm eben der Maßstab zur Vergleichung +fehlt und weil ihm naturgemäß das Gewohnte +als das Selbstverständliche erscheint. Ebenso verliert +auch der Einwanderer, je länger er in dem neuen Lande +weilt, desto mehr den Blick für seine Besonderheit. Ihm +<pb n='XI'/><anchor id='PgXI'/>dünkt vieles Neue bedeutsam, weil er es unter seinen +Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiß, daß man +drüben in der alten Heimat vielleicht schon längst über +den betreffenden Zustand hinaus gekommen ist, während +ihm Dinge, die dem Fremden als höchst eigenartig auffallen, +nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil +sie für ihn Alltäglichkeiten geworden sind. Aus diesem +Grunde können selbst des flüchtigen Besuchers erste +Eindrücke von ganz erheblicher Bedeutung werden. Es +ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle +Dokumente als wissenschaftlich beweiskräftig anzunehmen, +denn mit Hilfe der Statistik kann man bekanntlich ebenso +wie mit Hilfe der Etymologie alles Beliebige beweisen, +und daß behördliche Urkunden auch nicht immer direkt +aus göttlicher Inspiration hervorgehen, dürfte wohl zugegeben +werden. Es bleibt also unter allen Umständen für +das dichterische Schauen ein weites Feld ersprießlicher +Tätigkeit übrig. Und der <hi rend='italic'>Forscher</hi>, der den <hi rend='italic'>Seher</hi> verachtet, +gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im Kalender +die Laterne zu Hause läßt, auch wenn dicke Wolken das +freundliche Gestirn dauernd verfinstern. +</p> + +<p> +Ein wie schwieriges, unter Umständen sogar lebensgefährliches +Unterfangen es sei, auch mit dem ernstlichsten +Bemühen um Gerechtigkeit über Jung-Amerika +zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung +erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drüben taten. +Ich habe, was wohl niemand einem Poeten verargen wird, +ernsthafte Dinge ernst und minder bedeutsame Äußerlichkeiten +lustig behandelt und mich auch selbstverständlich +nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise +der heiteren Wirkung zuliebe keck zu übertreiben +und nötigenfalls sogar ein Weniges dazu zu lügen, in der +sicheren Erwartung, daß der amerikanische Humor, der +<pb n='XII'/><anchor id='PgXII'/>ja bekanntlich in der grotesken Übertreibung sich am +besten gefällt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen +finden würde. Darin scheine ich mich jedoch gründlich +getäuscht zu haben, und Henry F. Urban, der humoristische +Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft genaue Kenner +seiner Bewohner, dürfte doch wohl recht haben mit +seiner Behauptung, daß der richtige Dollaricaner keinen +Sinn für Satire habe, wenigstens nicht sofern sie sich auf +ihn selbst und sein Land bezieht. So erklärt sich auch +die für uns merkwürdige Erscheinung, daß dieses so +humorbegabte und zu derben Späßen aufgelegte Volk +noch keine politischen Witzblätter besitzt. Der Dollaricaner +sieht eben fortwährend vor seinen Augen die Wüstenei +sich in üppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstädte +aus elenden Ansiedlungen sich quasi über Nacht entwickeln, +eine luxuriöse Tipptopp-Kultur urplötzlich, wie +den glänzenden Schmetterling aus der unscheinbaren +Puppe, aus dem Chaos herausschlüpfen – da ist es freilich +begreiflich, daß sein Herz von unbändigem Stolze +auf sein Wunderland und auf die Tatkraft seiner Bewohner +geschwellt ist. Dieser schöne Stolz geht nun aber +so weit, daß er jeden für einen verleumderischen Schurken +erklärt, der nicht alles und jedes für vollkommen und +unvergleichlich hält, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, +und daß er nicht nur dem ausländischen +Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede +kritische Anwandlung fürchterlich übel nimmt. Die +englischen Zeitungen haben sich vornehmlich an meine +Späße und Übertreibungen gehalten und mich wie gänzlich +humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten +festgenagelt und darum ihrem Publikum als unwissenden, +leichtfertigen Verleumder hingestellt; meine ehemaligen +deutschen Landsleute aber haben sogar +Entrüstungs<pb n='XIII'/><anchor id='PgXIII'/>meetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der +auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, daß sie im +allgemeinen an körperlichen Vorzügen hinter den Yankees +zurückstehen, und daß sie nicht verstanden haben, sich +rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen Einfluß +zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmäßiges +Übergewicht, sondern auch als hervorragendste Kulturträger +rechtens zu beanspruchen gehabt hätten. Für +diese Missetat haben mich zahlreiche deutsch-amerikanische +Blätter, vornehmlich minder beträchtliche Provinzorgane, +mit den liebenswürdigsten Schmeichelnamen +bedacht, unter denen wohl ‚krummer Hund‘ noch der +mildeste war, und zahlreiche Privatpersonen haben mich +brieflich ihrer vorzüglichsten Tiefachtung versichert und +mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die +Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. +Nun, ich darf mir wohl erlauben, diese seltsamen Blüten +patriotischer Entrüstung nicht allzu tragisch zu nehmen, +da außer solchen robusten Kundgebungen mir doch auch +zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, +welche im Gegensatz zu jener Knüppelpolemik +durchweg aus den oberen geistigen Regionen herstammten. +Ich habe übrigens die in jenem Aufsatz über die Yankeerasse, +der so viel böses Blut gemacht hat, niedergelegten +Ansichten in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches +begründet und erweitert. Es versteht sich von selbst, daß +ich jedem dankbar sein werde, der mir beweist, daß ich da +und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir +zur Pflicht machen, Irrtümer zu berichtigen, soweit +etwaige Neuauflagen die Gelegenheit dazu geben sollten. +</p> + +<p> +Zusammenfassend betone ich also noch einmal, daß +dies Buch weder wissenschaftlichen Wert beansprucht, +noch etwa ein Führer für Reisende sein soll, dagegen +<pb n='XIV'/><anchor id='PgXIV'/>auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben +beabsichtigt. Es ist für uns Europäer von größter Wichtigkeit, +uns klare Vorstellungen von diesem Lande ohne +Vergangenheit zu verschaffen, das für uns einen Spiegel +unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten +Staaten zu reisen bedeutet für den wißbegierigen Europäer +soviel, wie es für die Unschuld vom Lande bedeutet, zur +Kartenschlägerin zu gehen, nur mit dem Unterschiede, +daß das, was wir drüben über unsere Zukunft erfahren, kein +plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. +Je mehr wir mit unserer Vergangenheit aufräumen, je rückhaltloser +wir uns von dem reißenden Strome der modernen +Entwicklung mit forttragen lassen, desto sicherer werden +sich unsere Zustände und unser Charakter amerikanisieren; +und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der +Gegenwart so genau wie möglich betrachten, und darum hat +jeder, dem eine gute Beobachtung und ein gesundes Urteil +zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, über +Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt. +</p> + +<p> +Ich kann dies Vorwort nicht beschließen, ohne meinen +verehrten Gönnern und neugewonnenen lieben Freunden +da drüben, vornehmlich der Germanistic Society, den +örtlichen Veranstaltern meiner Vorträge, den leitenden +Persönlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden +so umsichtigen und eifrigen Managern meiner Rundreise, +den Herren Professor Rudolf Tombo jun. und Paul C. Holter, +meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen für die +herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem +Schaffen zuteil werden ließen, wie für die große Mühe, +die sie so erfolgreich aufwendeten, um mir in der kurzen +Zeit diese reiche Fülle von Eindrücken zu verschaffen. +</p> + +<dateline rend="text-align: left"><name><hi rend='gesperrt'>Darmstadt</hi></name>, im Oktober 1911.</dateline> + +<signed rend="text-align: right"><hi rend='bold'>Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.</hi></signed> +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb/><anchor id='PgXV'/> +<index index="toc" level1="Inhaltsverzeichnis"/> +<index index="pdf" level1="Inhaltsverzeichnis"/> +<head>Inhaltsverzeichnis.</head> + +<table rend="tblcolumns: 'r lw(50m) r'; latexcolumns: 'rp{6.5cm}r'"> + <row> + <cell rend="text-align: right"></cell> + <cell><ref target="PgVII">Zur Verständigung</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">VII</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">1.</cell> + <cell><ref target="Pg001">Als Mauernweiler in Dollarica</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">1</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">2.</cell> + <cell><ref target="Pg020">Die Yankeerasse</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">20</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">3.</cell> + <cell><ref target="Pg032">Der Yankee als Erzieher</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">32</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">4.</cell> + <cell><ref target="Pg041">Das Universitätsleben in der Union</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">41</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">5.</cell> + <cell><ref target="Pg064">Öffentliche und private Moral</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">64</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">6.</cell> + <cell><ref target="Pg079">Liebe und Ehe</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">79</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">7.</cell> + <cell><ref target="Pg094">Die Dienstbotenfrage</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">94</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">8.</cell> + <cell><ref target="Pg110">Die Kochkunst der Yankees</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">110</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">9.</cell> + <cell><ref target="Pg122">Künstlerische Kultur</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">122</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">10.</cell> + <cell><ref target="Pg135">Vom Theater im Yankeelande</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">135</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">11.</cell> + <cell><ref target="Pg149">Die amerikanische Presse</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">149</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">12.</cell> + <cell><ref target="Pg169">Von der demokratischen Gesellschaft</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">169</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">13.</cell> + <cell><ref target="Pg186">Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">186</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">14.</cell> + <cell><ref target="Pg207">Die Landschaft</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">207</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">15.</cell> + <cell><ref target="Pg220">Dollaricas infamster Schurke</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">220</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">16.</cell> + <cell><ref target="Pg232">Baedekereien für Amerikafahrer</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">232</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">17.</cell> + <cell><ref target="Pg250">Was können wir von Amerika lernen?</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">250</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">18.</cell> + <cell><ref target="Pg273">Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">273</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right"></cell> + <cell><ref target="Pg284">Bücherverzeichnis</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">284</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right"></cell> + <cell><ref target="Pg285">Namen- und Sachregister</ref></cell> + <cell rend="text-align: right">285</cell> + </row> +</table> + +<pb/><anchor id='PgXVI'/> + +</div> +</front> +<body><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='1'/><anchor id='Pg001'/> +<index index="toc" level1="Als Mauernweiler in Dollarica"/> +<index index="pdf" level1="Als Mauernweiler in Dollarica"/> +<head>Als Mauernweiler in Dollarica.</head> + +<p> +Ein rechtschaffener „teutscher Tichter“ schlägt drei +Kreuze vor dem Gedanken einer Auswanderung nach +den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, der seinerzeit +aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen Rothäute +hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff +benutzt, und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen +lassen von dem Lande, in welchem die Vögel keine Lieder +und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine Behauptung, +die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron +mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica +eingehen, weil sie gar keine Miene machte, ihm von +ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. Ich vermute, +daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine +Prüfung auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten +Offizieren und sonstigen mit Bildung oder +hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober Handarbeit +jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern +zunächst einmal auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht +mit den Hintergedanken eines galanten Räubers, sondern +nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate im +Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert +heim und bescherte uns, als Frucht seines fleißigen +Studiums, sein schönes und gerechtes Buch „Das Land +der Zukunft“. Dafür war aber auch Polenz kein solch +närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn +ihm ein fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen +in Kaktushainen schlagen und Affen auf Lindenbäumen +herumklettern zu lassen. Paul Lindau, der welt-, +<pb n='2'/><anchor id='Pg002'/>witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und +hat eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen +im Vorbeifliegen mit „gewandter Feder“ feuilletonistisch +aufgespießt; gelegentlich der großen Weltmessen +von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der +und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, +um mit mehr oder minder leichtsinniger Wichtigkeit den +Maßstab seiner kleinen Person an die Ungeheuerlichkeit +der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle, +durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst +seitdem einige hervorragende Deutsch-Amerikaner mit +Hilfe der Professoren der germanistischen Fakultäten und +Unterstützung etlicher für deutsche Kunst und Wissenschaft +eingenommener amerikanischer Mäzene die <hi rend='italic'>Germanistic +Society of America</hi> gegründet haben, ist es möglich +geworden, richtigen deutschen Dichtern und Gelehrten, +ohne Rücksicht auf Geldverdienst und etwaige +lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im +fernen Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, +zu zeigen und andererseits diese seltsamen +Tiere dem amerikanischen Volke lebend vorzuführen. +Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders +Krüger, Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber +dieser Zeilen dazu gelangt, ihren deutschen Landsleuten +drüben, sowie den für deutsche Geistesart interessierten +Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten +der Gegenwart zu bringen. +</p> +<note place="margin">Psychologie des Publikums.</note> +<p> +Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn +Universitäten und Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen +Vereinen gesprochen. Ich habe dabei teils aus meinen +Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre deutscher +Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher +Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder +<pb n='3'/><anchor id='Pg003'/>mich über das Theater der deutschen Gegenwart verbreitet, +oder endlich mit Unterstützung meiner Frau die +Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. +Und daß ich diese kleine Singefrau mit hatte, +war sehr gut. Denn wo immer sie in die Zupfgeige griff +und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, da +leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die +gewohnten Redensarten eines höflichen Dankes bekamen +einen echten Herzensklang. Sie haben mir ja auch die +Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach getaner +Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt +da behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug +hatten. Das soll nun nicht etwa heißen, daß ich mich über +eine laue Aufnahme oder über Unverständnis zu beklagen +gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns schon +bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der +dankbaren Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch +sehr bald, daß ich diesen lebhaften Beifall vornehmlich +meiner rezitatorischen Leistung sowie dem Umstande zu +verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines +Wesens vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann +habe ich die Kunst gelernt, unterhaltende Programme +zusammenzustellen, und auf die Psychologie der +Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der +Grund, weshalb mir’s drüben so gut gegangen ist. Ich +wußte schon vorher genug über den Geschmack des +amerikanischen Publikums, um ungefähr beurteilen zu +können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben +möglich wären und welche nicht. Und da mußte von +vornherein vieles von dem als unmöglich ausgeschlossen +werden, womit ich mir hier meine wertvollsten Erfolge +geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt +erst feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der +<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Erotik sind bei den Angloamerikanern ebenso von der +öffentlichen Besprechung und künstlerischen Gestaltung +ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die Deutsch-Amerikaner, +die lange genug drüben gelebt haben, sind +immerhin von diesem Puritanertum soweit angesteckt, +daß die Grenzen des künstlerisch Erlaubten bei ihnen +nicht weiter gehen als etwa beim deutschen Familienblatt +älteren Stils. Du lieber Himmel – und ich bin der Verfasser +des „Dritten Geschlechts“, der „Geschichten von +lieben süßen Mädeln“ und gar „des Erzketzers“ und habe +niemals einen Beitrag zur „Gartenlaube“ oder zum „Daheim“ +geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos +an jedem meiner Vortragsabende ein paar +literarisch gebildete, vorurteilslose Leute unter meinem +Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören +lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich +und nützlich machen, den des Deutschen beflissenen +Studenten englischer Zunge und besonders den aus allen +Bildungsschichten zusammengewürfelten Deutsch-Amerikanern. +</p> +<note place="margin">Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.</note> +<p> +Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine +Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten +ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und +auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das +meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken +hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streifzügen +durch die deutsche Literatur der letzten dreißig +Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst +dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei +einer meiner Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder +den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren, +bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen +durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll +ge<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>spannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich +mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder +einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde +Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler +anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin +noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und +zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durchaus +lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke +in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der +Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze +machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner +wird jemals in diesem Lande Erfolg haben, der nicht +zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten +Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich +habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei +welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete +Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt. +Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern +und Galoschen da, aber sobald der Vortragende +eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren +Zug aus dem Leben des Gefeierten erzählte, oder gar eine +witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frierende +Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen +nationalen Drama, der <hi rend='italic'>Blood and Thunder-Show</hi>, +muß die erbauliche Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung +unter Revolvergeknatter und sentimentaler +Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom +obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen +Abständen von derben <anchor id="corr006"/><corr sic="Clownspässen">Clownspäßen</corr> unterbrochen werden, +um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der +bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie +ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte: +„Nu, mer lacht“, könnte hier leicht manches +Gegen<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>stück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schandmal +der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der +Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber +genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls +als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung +durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig +zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen +Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich +Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Tendenz. +Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch +diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen +ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, +daß es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl +sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen +gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können +von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, +als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich +amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner, +die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus +machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur +aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus +den Überresten der achtundvierziger Emigranten und +ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten +mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, +als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden +haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahlreichen +Nachkommen von Leuten, die in Handel und +Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande +waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung +zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine +sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen +und literarischen Bestrebungen zu widmen. +Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder +<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen. +Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissenschaftlichen +oder künstlerischen Darbietungen in den +Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes +und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in +unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kaufmännischen +oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. +Man kann aber sicher sein, überall unter seinen +Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnisvoller +Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine +Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann +aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes +geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Möglichkeit +durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbedürfnis +mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen +freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher +Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität +zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft +halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tatsache, +daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse +Kugeln in den Leib bekommen habe, von denen ihm alle +paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik +zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der <hi rend='italic'>High School</hi> von +Youngstown (Ohio) kreischten die <hi rend='italic'>Boys</hi> und <hi rend='italic'>Girls</hi> vor +Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von +der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die +Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Krautgärtlein +fängt, und gar über „<hi rend='italic'>The black and tan Doggie, +that burst into a thousand pieces</hi>“ (das schwarzbraune +Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie +sich krumm vor Lachen, und meine Frau, die sie gerade +durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war +blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen +<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige +Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt +ist. +</p> +<note place="margin">Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.</note> +<p> +Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den +Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so +bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie +angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit +durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die +Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man +nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald +man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt +wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das +einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich +kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch +schon die Reporter auf den Leib rücken. In der kurzen +Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen +gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, +denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so +weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man +mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen +einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der +größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. +Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten +der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist, +daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, +bis hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische +Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteressant +ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme +von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler +noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man +die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in +Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungsfahrten +nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der +<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/>Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen +Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel +mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich +kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst +die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, +mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich +und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem +der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden +ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich +und gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde +Familie, in ein feines Restaurant oder in einen +exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische +Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen +ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn +bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch +und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann +man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife Förmlichkeit +oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu +werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine +kleine <hi rend='italic'>reception</hi> verbunden, d. h. nach dem Essen +treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, +wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft +und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell +ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekanntschaft +zu machen. Das ist die mildeste Form der „reception“. +Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt +ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen +Eindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers +gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante +Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee +geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven +gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen +zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und +Barm<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/>herzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besichtigung +der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der +Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe +oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem +Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürgermeister +der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß +so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines +Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das Königreich +Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz +Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zugänglichkeit +und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art +dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung +davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekanntschaft +entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebenswürdigste +unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile +wird es dann Zeit, sich zum <hi rend='italic'>dinner</hi> in <hi rend='italic'>full dress</hi> zu +werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab, +denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut, +und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, +um diesem nationalen Talente gegenüber mit +seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei, +so ist solch ein <hi rend='italic'>dinner</hi> um 7 Uhr eine erquickliche Angelegenheit; +denn nirgends existiert in Amerika die deutsche +Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche +Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der +Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu bekommen. +Große offizielle Festessen dehnen sich freilich +auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des +Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die +Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu +öffnen. <hi rend='italic'>Toastmaster</hi> und <hi rend='italic'>Chairman</hi> regulieren den Strom +nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste +erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische +<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>Hauptspaß, indem der <hi rend='italic'>Toastmaster</hi> noch unter den besonders +prominenten, durch ihre Eigenart berühmten +oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu +Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung +nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit +jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges +oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. +Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen +seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vorkommt. +Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das +auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne +vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch gefälligst +nur eine Stunde lang sprechen möge – über ein +Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen +wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler +nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch, +der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche +Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen +bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir +schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Sammlung +und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu +verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch +ganz gleichgültig, wie das Lokal ausschaut, in dem er +seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene +Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und +klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde +Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal +genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem +Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit +offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und +lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende +Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen +sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. Louis +<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen +sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so +schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Handschuh, +der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das +elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen +im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte +vom bitteren Leiden und Sterben eines schwindsüchtigen +Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier +melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich +nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber +schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht +im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für +diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es +gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit +bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen +ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu +schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den +widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten +kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß +er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des +zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden +Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören. +</p> +<note place="margin">Nicht vorstellen! Great reception.</note> +<p> +Die große <hi rend='italic'>reception</hi>, dieser Schrecken aller Schrecken +für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische +„Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes +in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der +Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man +kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren +und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang +auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar +eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen +wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere +Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt +<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft +gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen +und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu +schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so +riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz +zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut +und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde +Frage zurückgibt: „<hi rend='italic'>Aoh, is that so?</hi>“ Der Amerikaner +hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt +zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren +ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen +Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber +niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung +zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft +nur miteinander bekannt werden, indem man von +dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander +vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen +Veranstaltungen auch die berüchtigten <hi rend='italic'>receptions</hi>. Jeder, +der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen +Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten +Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcher <hi rend='italic'>reception</hi> +zu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen +Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in +musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte +mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales +und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte +davon entfernt. Mir zur Seite trat ein <hi rend='italic'>Gentleman-Usher</hi> +und an die Seite meiner Frau eine <hi rend='italic'>Lady-Usher</hi> (Usher += Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie +wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften +nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, +einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die +Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen +<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/>wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben +Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber +(sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten +Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, +denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, +das damals auf dieser Stelle stand, den ersten +Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak +und Schießpulver eröffnet.“ +</p> + +<p> +„<hi rend='italic'>How do you do, Mister Uolsogen?</hi>“ gurgelt Mister +John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe +heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit +einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal +zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und +bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis +gleicht.“ (Antiquitäten gern hat). +</p> + +<p> +Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit +kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich +mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, +mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, +und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich +glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche +die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur +mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten. +</p> + +<p> +„<hi rend='italic'>Move on, please!</hi>“ sagt der Usher und schiebt das +imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit +Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder +so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle +(oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der +Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert +und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, +bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen +Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts +und ist elf Millionen Dollar wert. +<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/>Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende +Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie +ist so schrecklich betrübt (<hi rend='italic'>so awfully sorry!</hi>), daß ihre +Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes +Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen +von der deutschen Literatur. Sie habe viele von +meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen +entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ +und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt +beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps. +</p> + +<p> +Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese +genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich +zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität +auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse. +</p> + +<p> +Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) +quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle +(oder so was ähnliches) hat noch eine +Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir +bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke, +das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll +geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, +Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte +Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort +geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits +George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay +(welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in +Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender +Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh, +Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir +kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht +viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den +Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche +Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der +Volks<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/>seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang +eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des +Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in +Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik +durchaus obenauf, <hi rend='italic'>up to date</hi> wären und überhaupt... +</p> + +<p> +„<hi rend='italic'>Move on, please!</hi>“ ruft der unerbittliche Usher, und +der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst +und läßt sich ohne Murren weiter schieben. +</p> + +<p> +Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die +Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen +in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich +im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich +den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die +Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ +in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen, +mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen +zurückziehen möchte – es hilft nichts: „<hi rend='italic'>Move on, please!</hi>“ +kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam +und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen, +alte und junge, Zierden der Alma mater und +feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche +Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, +und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit +die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß sie +<hi rend='gesperrt'>so</hi> glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten +später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, +und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. +Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige +Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die +Hand einschlagen und die Affäre mit dem <anchor id="corr016"/><corr sic="sterotypen">stereotypen</corr> +„<hi rend='italic'>How d’ye do?</hi>“ möglichst rasch erledigen, oder aber +kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. +Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student +<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/>mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein +deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, +ihm da etwas hineinzuschreiben. +</p> + +<p> +„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den +glatten Jüngling. +</p> + +<p> +„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, +und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, +daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei. +</p> +<note place="margin">Ausgestanden!</note> +<p> +Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen +sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und +bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich +das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen +Icecream angeboten. Man nimmt sich einige +der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und +Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich +geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber, +das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von +der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen +Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber +trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines +importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres +eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis +Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren +sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen +vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und +Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer +des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen +anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren +Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder +B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen +und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in +Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine +Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu +<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/>dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte +Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten +Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen +Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände +zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er <hi rend='gesperrt'>so</hi> +froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich +nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine +eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen +haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der +mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei +denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche +zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er +im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler, +Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen +und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, +dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische +Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren +Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der +kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, +auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen +in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es +doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten +Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. +Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen +gab es das alles nicht, er war von früh bis in die +späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung +war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern +imponiert hat. +</p> + +<p> +Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten +Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in +Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“ +Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika +aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell +herum<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da +drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und +sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen +ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit +aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner +den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der +Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen +Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, +kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“ +</p> +<note place="margin">Die reizende Reporterin.</note> +<p> +In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen +Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „<hi rend='italic'>How do +you like America</hi>“ usw., und dann kam die verfängliche +Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da +kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, +in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und +nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen +mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen +Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick +nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen +willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich +nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt +unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem +großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, +starke, unanständig gesunde Jugend ist. +</p> +</div> + +<div rend="page-break-before: always"> +<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/> +<index index="toc" level1="Die Yankeerasse"/> +<index index="pdf" level1="Die Yankeerasse"/> +<head>Die Yankeerasse.</head> +<note place="margin">Angelsachsen und Kelten. +Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.</note> +<p> +Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß +sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich +durch energisches Umrühren eines überaus buntscheckigen +Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse +vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber +drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe +und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen +Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen +Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen +in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten +Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu +der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme +der südlichsten Staaten) nur Yankees<note place="foot">Das Wort Yankee kommt von einer mißhörten indianischen +Aussprache des Wortes „english“ her und wurde in den Befreiungskriegen +den Amerikanern von den Engländern als Spottname angehängt.</note> und Fremdvölker +gibt. <hi rend='gesperrt'>Der Yankee aber ist ein reiner +Großbritannier oder, wenn man will, eine +Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, +in welcher das keltische Blut stärker vertreten +ist als im alten England.</hi> Durch die neuen, +eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten +die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem +neuen Weltteil gestellt wurden – drei Jahrhunderte voll +harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge – +haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des +angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste +herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten +<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/>Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter +aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees +ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen +des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, +Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist +auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leichtherziger +Optimismus, sein wagemutiges Spielertemperament, +seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte +Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als +Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte +Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine besonders +sympathische Rolle, aber der englische Puritaner +aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit +üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte +seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebenswürdiger +Frohsinn immerhin versöhnen, während die +sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit +des Puritaners doch noch lange nicht +hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feindschaft +gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne +und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. +„Der Herr ist mit uns“, war das Feldgeschrei der Pilgerväter +– aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezialgott +für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden +Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige +Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die +Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten +und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn +drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände +so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen +Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der +Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten +und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten +<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, +alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und +aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein amerikanischer +Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer +Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten +war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war +jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und +zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu +denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich +wären diese Menschen niemals die Begründer des größten +demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn +nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, +allmählich einen nach dem anderen von ihren starren +Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island, +von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger, +dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, +welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche +Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sichtbarlich +besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen +Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln +begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher +hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen +über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner +Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, +sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare +Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu verlieren. +Das englische Denken ist durchaus <hi rend='italic'>matter of +fact</hi>, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, +die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren +großen Stiles und kaltblütige Geschäfts-Politiker +zu werden. Für das Klima des nördlichen amerikanischen +Kontinents waren darum auch die Angelsachsen +die denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote +<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/>Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz +ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber verloren, +denn die Indianer waren fromm naturgläubig und +darum hilflos abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen +Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung +durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung +keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, +die unsympathischen Charaktereigenschaften +der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige +Temperament der Kelten besiegte die englische Steifheit +und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der +Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, +von willensstarken Optimisten, dem allein das +große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die +Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den +üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und +sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle +übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso +bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen +Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums +liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rassestolz. +Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er +sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel +weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen +anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern, +vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas +und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents +hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, +sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. +Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen, +Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes +Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist, +zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert +<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/>oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial +ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch +friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, +denn <hi rend='gesperrt'>Mischmasch-Menschen nehmen eben +keine Vernunft an</hi>; das Beispiel so mancher südamerikanischen +Republik beweist es. Der Yankee-Mann +dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen +der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit +Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte +ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei +aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde +doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft +der üppig fruchtbaren Länder des +heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis +auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein +Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit +den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu +vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem +er auch die aus Europa herübergekommenen anderen +weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden, +ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und +Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß +heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich +willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem +riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, +so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich +machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen +Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen +seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts +dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines +Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist, +aber er weiß sie überaus geschickt von den einflußreichen +Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich +durch<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/>aus nicht übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter +zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus +zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter +des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter +gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern +einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord +heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren +Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, +ja sogar offene Drohungen, daß das +Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde. +Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten +Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der +reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas +sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herrengeschlechter +Europas verhandelt zu werden. Man sieht +aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse +sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt. +Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland +Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine +Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten +Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! +Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet – der +Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so +tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten +in unserem Sinne unter den Yankees äußerst +selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern +bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in +Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des +Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner +zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht +tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, +und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die +Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche +<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/>Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt +selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die +Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die +Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch +von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, +wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde +ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde +ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit +begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte +Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen, +um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön +zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. +Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, +wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. +Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich +was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Europäern +als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame +Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber +unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der +Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle, +schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in +ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar +der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne +und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei +Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, +und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr +schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene +alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens +hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige +Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, +und diese Erbschaft ist auch den Männern zugute +gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten +zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch +<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/>leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der +stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und +Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden, +mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das +widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ +nur die Stärksten mit dem Leben davon kommen. Diese +unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und +Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch +auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist +es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel +aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen +zu lassen. +</p> +<note place="margin">Kongreß deutscher Mißgeburten.</note> +<p> +Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte +ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die +erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir +nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder +vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, +nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel +Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahlköpfe, +X- und Säbelbeine, diese verpustelten und verpickelten, +grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, +gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten +also meinen lieben Landsleuten! Und mit diesen in ihrem +schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, +geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, +blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, +feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie +bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu +erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war +es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem +ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten +stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer +noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte +<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und +erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in +der Generation, die bereits die Segnungen einer nach +englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer +vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat, +sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir +leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten +ist der Deutsche und besonders <hi rend='italic'>die</hi> Deutsche der ersten +Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu +unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es, +auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesellschaftlicher +Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht +schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der +Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees +anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in +sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im +höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder +dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig +schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern. +Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern +die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer +Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt +zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen +Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vorzüglichkeit +der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankeerasse +messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind +die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, +als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu, +daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Erziehung +die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich +schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht +umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Gedanken +zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an +<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/>boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, +wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der +bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte, weil +sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel +zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum +kümmern, was der olle Dutchman sagt.“ („<hi rend='italic'>I would’nt +care, what that old Dutchman says.</hi>“) So wird es selbstverständlich +der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren +zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem +Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt +sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern +am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche +Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern unähnlich +werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über +ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem +amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so +ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen +Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald +fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen +Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die +messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des +Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann +seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird +ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner +zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in +ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes +Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es +nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen +und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törichten +Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden, +unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und +Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu +lassen. +</p> + +<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/> + +<note place="margin">Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?</note> +<p> +So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen +Rasse die körperlich und geistig bevorzugtesten unter +den Kindern der fremden Einwanderer mächtig zur Anpassung +an. Die zweite Generation, vornehmlich der +deutschen Einwanderer, weist schon recht zahlreiche +Exemplare auf, die von echten Yankees kaum oder gar +nicht zu unterscheiden sind – und dennoch verhält sich +der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern +gegenüber in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. +Er sieht die Deutschen sehr gern in seinem Lande, er +schätzt sie hoch als ehrliche, anständige Menschen, die +der politischen Korruption einen zähen Widerstand entgegensetzen, +die mit ihren geschickten Händen, ihrem +Fleiß, ihrer Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich +geeignet und mit ihrer Klugheit und Gewissenhaftigkeit +für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee zu +langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und +Wissenschaft ganz hervorragend brauchbar sind – und +dennoch gibt er ihnen seine Töchter nicht gern zur Ehe! +Nicht anders ist es mit den Angehörigen der romanischen, +slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie +hocken alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen +der Großstädte, oder in kleineren Ansiedlungen auf dem +Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl mit allen +Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet, +fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. +Die Juden z. B. haben es ebenso wie in Europa zum großen +Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. Sie entwickeln +unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und +Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. +In der Presse, in der Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft +und im ärztlichen Beruf haben sie, geradeso +wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne +<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu +einem weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch +haust die große Masse derselben noch immer im Ghetto +beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn man +ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, +erstaunt die Brauen hochziehen und gar nicht wissen, +was das sei; nichtsdestoweniger findet man auf den gesellschaftlichen +Veranstaltungen auch schwer reicher Juden +kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den +vornehmsten Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges +werden Juden überhaupt nicht zugelassen! +</p> + +<p> +Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, +als auf dem nordamerikanischen Kontinent +noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert waren, +für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, +und alle neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen +können, sich dort gleichfalls anzusiedeln, dann hätten die +Deutschen einen starken Staat im Staate bilden können +und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn +sie sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese +Gelegenheit ist endgültig verpaßt. Aber damit sie in +den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht abermals +verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, +und lernt von den Yankees, was das unerschütterliche +Kraftbewußtsein einer starken, gesunden Rasse vermag +und wie man seine Rasse rein erhält! +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/> +<index index="toc" level1="Der Yankee als Erzieher"/> + <index index="toc" level1="Der Yankee als Erzieher"/> +<head>Der Yankee als Erzieher.</head> +<note place="margin">Junge Völker und Kinder.</note> +<p> +Die alte Erfahrung, daß junge Eltern sehr häufig bessere +Erzieher ihrer Kinder sind als ältere und reifere, +findet im Yankeelande eine auffallende Bestätigung. +Die Yankees sind eben als Rasse und die übrigen Bürger +der Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, +noch so tief befangen in dem glückseligen Taumel des +Kraftüberschusses, daß sie ihre klügsten wie ihre dümmsten +Streiche mit der gleichen schönen Begeisterung verüben +und mit reizender Naivität dem eigenen Verdienst gutschreiben, +was sie oft doch nur glücklichen Umständen +zu verdanken haben. Der leichte Erfolg, der den kraftvollen +und rücksichtslosen Ausbeutern jenes jungfräulichen +Kontinents voll ungehobener Naturschätze zu teil +wurde, hat die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos +wie Kinder gemacht, und diese Kindlichkeit ist bis auf +den heutigen Tag die liebenswürdigste Eigenschaft des +neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an +morgen, grundsätzlich nicht an übermorgen, kennt keine +Gefahr, erschrickt vor keinem Hindernis und tröstet sich +über alle Schwierigkeiten hinweg mit dem Gedanken: +Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen! +Weist ein Außenstehender auf offenbare Schwächen hin, +so erwidert der Yankee gut gelaunt: „Nun ja, Sie mögen +recht haben; aber Sie sehen ja, wir leben auch so, und +wir leben recht gut!“ Man läßt sich alle Unbequemlichkeiten +lachend gefallen und schickt sich in alles, da man +an ein jähes Auf und Nieder von Überfluß und Mangel, +von absoluter geistiger Öde und raffinierter Luxuskultur +wie an die schroffen Übergänge von eisiger Kälte zu +glü<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/>hender Hitze gewöhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt +der siegessichere Optimismus und die heiße Vaterlandsliebe +des amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz +selbstverständlich alles Amerikanische als das Beste, das +Größte, das Schönste in der Welt, und das jünglinghafte +Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso +charakteristisch für die Nation, wie ihre Vorliebe für +unsinnige Kraftproben, närrische Wetten, sensationelle +Schaustellungen und lärmende Vergnügungen. Der Yankee +bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis in sein +hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen +wie Buben, alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, +sind alltägliche Erscheinungen. +</p> +<note place="margin">Kinderzucht.</note> +<p> +Es versteht sich von selbst, daß so geartete erwachsene +Menschen für das Denken und Empfinden der Kindesseele +weit mehr Verständnis haben müssen, als das gesetzte, +bequemlich würdevolle Alter der Kulturvölker unserer +alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden +die vorsichtige Kritik und damit sehr häufig auch den +steten mißmutigen Zweifel gelernt hat. Die geistige Überlegenheit +hört auf, ein glücklicher Erziehungsfaktor zu +sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und +in diese Gefahr gerät sie ja in unserer alten Welt +leider nur zu leicht. Wenn es andererseits richtig ist, +daß der Einfluß der Kameradschaft die Jugend besser +zu erziehen vermöge, als das Beispiel des Alters, so +sind zweifellos junge Völker uns als Erzieher überlegen. +Der Yankee vergöttert sein Kind. Erstens einmal, +weil es überhaupt ein rarer Artikel ist, und zweitens, +weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner +auf die Welt gekommen zu sein. Man sollte eigentlich +meinen, daß eine so stolze, exklusive Rasse wie +die der Yankees darauf aus sein müßte, die +Reich<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>tümer ihres Landes und die vielen glänzenden Lebensaussichten +lieber ihrer eigenen zahlreichen Nachkommenschaft +zuzuführen, als sie den einwandernden, ihrer +Meinung nach doch unendlich minderwertigen Fremdlingen +aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der +Yankee dieser nahe liegenden Erwägung zum Trotz +Neumalthusianer ist und folglich selten mehr als zwei +Kinder hat, so erklärt sich das aus der eigenartigen Stellung, +die die Frau im nördlichen Amerika einnimmt. Sie war +in den ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit +infolge ihrer Seltenheit ein Gegenstand des beneideten +Luxus und der unterwürfigen Verehrung. Der +glückliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle +Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefährtin die Möglichkeit +zu gewähren, ihre Schönheit, ihre geistige und körperliche +Beweglichkeit bis ins Alter zu pflegen. Die Ansicht, +daß es für den Mann die denkbar größte Schande sei, der +schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die +Kolonisten ja schon aus der britischen Heimat mit, und es +ist begreiflich, daß sie unter den besonderen Verhältnissen +des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande noch +verstärkt und sogar unvernünftig übertrieben werden +mußte. So wurde also auch das Wochenbett unter die +schweren körperlichen Leistungen gerechnet, die ein +Mann seiner Frau nicht öfters zumuten dürfe, als der +Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt +erforderten. So ist es erklärlich, daß bis auf den heutigen +Tag Anglo-Amerikanerinnen, die ihren Stolz darin suchten, +viele Kinder zu haben, äußerst selten sind. Die wenigen +vorhandenen Kinder profitieren natürlich am meisten +bei diesem Zustand. Bei der ungemein bevorzugten +Stellung der Frau und bei den günstigen Lebensaussichten, +welche nicht nur das begüterte, sondern auch das auf +<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>seine Arbeit angewiesene Mädchen in den Vereinigten +Staaten hat, erklärt es sich, daß die Geburt eines Knaben +durchaus nicht höher eingeschätzt wird, als die eines +Mädchens. Eine vernünftige Säuglingskultur herrscht +als gute englische Erbschaft über den ganzen Kontinent. +Die Eltern sind von einer rührenden Geduld und Nachsicht +den Kleinen gegenüber. Ein Kind zu schlagen gilt +als unerhörte Roheit. Kinderzucht in unserem Sinne +wird drüben wohl nur noch von manchen der eingewanderten +Fremdvölker, vornehmlich in deutschen Familien versucht, +aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten +werden sehr bald durch den Vergleich belehrt, daß sie es +nicht nötig haben, sich in dem freien Lande eine unwürdige +Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern +erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich +respektlos und unerträglich ungezogen, wogegen die +Yankee-Eltern das starke Hervorkehren des Eigenwillens +in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hüten, +deren Selbständigkeit zu unterdrücken. Sie geben sich +die erdenklichste Mühe, ihren Verkehr mit den Kindern +auf den Ton der Kameradschaft zu stimmen und behandeln +die unverschämten Gernegroße, sobald sie aus dem Alter +der süßen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit +ihnen wie mit Puppen spielen kann, wie Erwachsene. +Infolgedessen emanzipieren sich die Kinder auch sehr +frühe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den untersten +Ständen, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die +lächerlichsten Knirpse oft schon zu selbständigen Unternehmern, +zu fixen kleinen Handelsleuten macht. +</p> +<note place="margin">Lügner und Duckmäuser.</note> +<p> +Die öffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten +(diese deutsche Bezeichnung hat man allgemein übernommen), +sowie Volksschule (Popular-School), Grammar-School, +High-School und Colleges oder Universitäten. +<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/>Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist Erziehung +zum Patriotismus. Da auch die Kinder sämtlicher +eingewanderter Fremdvölker sofort für die Schule +eingefangen werden, so bekommen auch die jungen, frisch +importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen +Juden, Syrer und Chinesen zunächst einmal den Grundsatz +eingetrichtert, daß alles Amerikanische von unzweifelhafter +Vortrefflichkeit sei. Die Verfassung der Vereinigten +Staaten wird als höchste Leistung idealen demokratischen +Bürgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist übrigens +tatsächlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, +Sachlichkeit und edler, vernünftiger Menschlichkeit.) +Die kurze, krause und an erziehlichen Heldenbeispielen +nicht eben überreiche Geschichte des Staatenbundes +gilt als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte +der übrigen Welt dagegen als unbeträchtlich. +So vernünftig und so schön nun auch dieser heiße Eifer +in der Förderung der Vaterlandsliebe ist, so verführt er +doch naturgemäß leicht zu ebenso gröblichen Fälschungen +und Unterschlagungen von Tatsachen, wie bei uns etwa die +konfessionell gefärbten Darstellungen der Kulturgeschichte. +In einem sehr verbreiteten und hochgeschätzten Schulbuch, +„<hi rend='italic'>History of the American Nation</hi>“ von Andrew C. Mc +Laughlin, Geschichtsprofessor an der Universität von +Michigan, das ich mir zu meiner eigenen Belehrung anschaffte, +kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte +Spalten umfassenden Index das Stichwort „<hi rend='italic'>German</hi>“ +gar nicht vor! Der große und rühmliche Anteil, den die +eingewanderten Deutschen sowohl als Kämpfer in den +nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den +verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird völlig mit +Stillschweigen übergangen und nur der Baron Steuben +flüchtig als nützlicher militärischer Drillmeister erwähnt! +<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/>Das ist ein etwas starkes Stück und will gar nicht dazu +stimmen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit +von dem Yankeevolke als vornehmster Grundsatz +der häuslichen wie der öffentlichen Erziehungskunst +laut verkündet wird. Man darf es wohl den Amerikanern +glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande +gewesen ist, um es durch die eigene Beobachtung genügend +bestätigt gefunden zu haben, daß es ihrer Erziehung +gelinge, feige Lüge und Heuchelei den Kindern schimpflicher +erscheinen zu lassen, als selbst gefährliche Streiche +des Übermuts und sogar Ausbrüche der Roheit. Der +erwachsene Amerikaner lügt zwar, wenn es sein Vorteil +erheischt, ärger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich +dem Staate gegenüber, auch mit seinem Eide durchaus +nicht genau – seine Lügenkünste werden sogar, wenn er +Geschäftsmann und Politiker ist, als <hi rend='italic'>smartness</hi> bewundert +– aber das amerikanische Kind fühlt sich nicht so leicht +zur Lüge veranlaßt, weil es nicht in steter Furcht vor +Prügeln und sauertöpfischen Mienen aufwächst. Auch +die Schule läßt keinerlei Duckmäuserei aufkommen und +straft z. B. den Angeber mit Verachtung, anstatt ihn +aufzumuntern. Die ganze Pädagogik geht darauf aus, +das Ehrgefühl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. +Sie ist außerordentlich verschwenderisch mit Preisen +und schmeichelhaften Belobigungen und sie straft vornehmlich +durch Beschämung. Dadurch, daß sie die +Leistungen körperlicher Tüchtigkeit kaum minder hoch +einschätzt als die geistige Befähigung, schafft sie auch +für die minder Begabten, aber wenigstens körperlich +gewandten und mutigen Schüler eine Möglichkeit, ehrenvolle +Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schüler, die +sowohl in den <hi rend='italic'>Athletiks</hi> wie in den Wissenschaften Hervorragendes +leisten, kommen im Laufe der Schuljahre in +<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/>den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen und +Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bücherpreisen +und dergl., und diese Trophäen aus der Schulzeit +machen noch in höherem Alter den größten Stolz +der Inhaber aus. +</p> +<note place="margin">Schülerverbindungen.</note> +<p> +Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern +Disziplin beizubringen, denn die Abneigung gegen +jeden Zwang liegt ihnen im Blute. Dazu pflegen sie im +Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller +und lebhafter, ungebärdiger und eigenwilliger zu sein, +als die Kinder der meisten anderen Völker. Man stelle +sich eine junge Lehrerin (die Lehrkräfte sind zum überwiegenden +Teil weibliche) einer großen Klasse von tobsüchtigen +Buben und ausgelassenen Mädels gegenüber +vor. Schlagen darf sie nicht, auch wenn sie körperlich +imstande wäre, diese wilden Rangen zu bewältigen. +Wüstes Anschreien ist auch verpönt; wie soll sie also mit +einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal +erzählt in seinem Buche „Das amerikanische Volk“ ein +hübsches Beispiel, wie solch eine schon fast verzweifelte +junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde. +Sie erklärte nämlich der radaulustigen Gesellschaft, sie +habe es satt, sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, +sie möchten sich gefälligst allein regieren; sie gebe ihnen +anheim, sich einen Präsidenten, einen Vizepräsidenten +und was sonst für Beamte notwendig seien, aus ihrer +Mitte zu wählen und mache dann diese selbstgewählte +Regierung für Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. +Und siehe da, der angeborene <hi rend='italic'>common sense</hi>, +d. h. der Instinkt für das Vernünftige, brachte diese +schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung +von oben dazu, den besten und gesittetsten Schüler der +Klasse zum Präsidenten und den stärksten und +gewalt<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/>tätigsten zum Vizepräsidenten zu erwählen. Der erstere +suchte durch vernünftige Überredung einzuwirken, und +der Vizepräsident, als Haupt der Exekutive, verprügelte +eigenhändig die unbotmäßigen Elemente dergestalt, daß +sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fügen. Die +junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rühmen. +Die Selbstverwaltung spielt überhaupt eine große Rolle +im amerikanischen Schulwesen. Schülerverbindungen aller +Art werden nicht wie bei uns unterdrückt, sondern im +Gegenteil begünstigt. Die Lehrer unterweisen diese +Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen +Formen und wachen nur darüber, daß keine unziemlichen +oder unsinnigen Ausschreitungen stattfinden. Der schlimme +Anreiz zur frühzeitigen Nachahmung eines studentischen +Saufkomments fehlt den Schülern der amerikanischen +Mittelschulen vollständig, da ein solcher auf den Universitäten +nicht existiert. Und so läuft die Haupttätigkeit +aller Schülerverbindungen auf Sport und Spiel, vornehmlich +auf die Nachäffung des politischen Lebens im kleinen, +auf Übung im Redenhalten und Debattieren hinaus. +Der Erfolg ist denn auch der, daß der junge Amerikaner +des Durchschnitts zum mindesten die <anchor id="corr039"/><corr sic="rethorische">rhetorische</corr> Phrase +außerordentlich geläufig beherrschen lernt und daß die +hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzüglichen +Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. +Der Lehrplan ist in den Elementarschulen durchaus +auf das Praktische gestellt; es wird scharf gedrillt, +viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder +Mensch an Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig +braucht, wird zuverlässig den im allgemeinen +äußerst hellen und lernbegierigen Köpfen eingetrichtert. +Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine höchst +wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen +<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/>Einwanderer durch deren Kinder erziehen läßt. Selbstverständlich +erlernen diese die englische Sprache sehr +viel rascher und gründlicher als die Eltern und werden +dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu +Lehrmeistern ihrer Eltern in bezug auf Körperkultur, +Hygiene und Manieren. Jedes Kind, das nicht sauber +gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, +wird seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das +Nötige zur Behebung solcher Mängel sofort vorzunehmen. +Die heimgeschickten Kinder fühlen sich so beschämt +durch diese Maßnahme, daß sie es in den meisten Fällen +auch bei Eltern, die einem Volke angehören, dem die +Pflege des Drecks ein Gegenstand religiöser Überzeugung +ist, durchsetzen werden, daß um der Schule willen Seife, +Zahnbürste, Kamm usw. mit der der angelsächsischen +Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders +schwierigen Fällen begleiten wohl die Lehrerinnen +die armen Kinder solcher Schmutzfanatiker heim und +reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen der Eltern; +oder die Angehörigen besonderer sozialer Hilfsvereine +unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. +So lernen sich unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern +schämen und bringen es noch auf ihre alten Tage über +sich, dem Weidwerk auf den eigenen Köpfen nachzugehen +und die ehrwürdige Patina des wärmenden Drecks, den +sie aus Europa oder Asien über das Weltmeer mit hinüber +gebracht haben, den ungemütlichen Idealen moderner +Hygiene zu opfern. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/> +<index index="toc" level1="Das Universitätsleben in der Union"/> + <index index="pdf" level1="Das Universitaetsleben in der Union"/> +<head>Das Universitätsleben in der Union.</head> +<note place="margin">Studentenverbindungen.</note> +<p> +Wer sich über die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen +und der europäischen Kultur klar werden +will, der möge sich nur ordentlich umsehen auf den Stätten, +wo die geistigen Werte in gangbare Münze umgesetzt und +die großen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt +werden, nämlich – auf den Hochschulen. Wer in Deutschland +akademischer Bürger gewesen ist, dem muß zunächst +unfehlbar der große Unterschied zwischen hüben und +drüben in der äußeren Erscheinung der Studenten und +Studentinnen auffallen. Abgesehen davon, daß selbstverständlich +der groteske Typus des Studiosus Süffel, des +bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten, +kreuz und quer zerhackten Backen, sowie +auch die des hochmütig blasierten ultrapatenten Korpsstudenten +fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach dem +Typus unseres heißbeflissenen Jüngers der Wissenschaft +um, nach den stubenbleichen Brillenträgern, den verträumten +oder frühzeitig zergrübelten Denkerköpfen, +deren Alter schwer bestimmbar und deren ungeschicktes, +weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres +Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch +steht. Drüben sieht man nur frische, derbe Jungens und +Mädels; die ersteren häufig noch bärenhaft tolpatschig, +die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der früheren Reife +ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede +der Herkunft machen sich nur in der Kleidung bemerkbar +und in der größeren oder geringeren Zierlichkeit der Gliedmaßen +und Verfeinerung der Manieren. Im Ausdruck +der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche +Gleich<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/>artigkeit. Die Studierenden der beiden ersten Semester +werden <hi rend='italic'>Freshmen</hi> genannt, der zweite Jahrgang <hi rend='italic'>Sophomors</hi>, +der dritte Jahrgang <hi rend='italic'>Juniors</hi>, der vierte Jahrgang +<hi rend='italic'>Seniors</hi>. Alle zusammen sind die <hi rend='italic'>Undergraduates</hi>, +und was nach dem Graduieren, d. h. also nach +dem Baccalaureats oder sonstigem Staatsexamen, noch +weiter studiert, <hi rend='italic'>Postgraduates</hi>; als äußerliches Kennzeichen +führen sie verschieden gefärbte Knöpfe auf ihren Oxfordbaretts +oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School +kommen sie zwischen 17 und 19 Jahren zur Universität +oder in die Colleges; aber nicht, wie bei uns, tut +nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der +strengen Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern +nur einen bedächtigen Schritt vorwärts von einer strengeren +zu einer freieren Schulgattung, denn auch auf der Universität +und im College sind die jungen Leute einer Disziplin +unterworfen, die ihre persönliche Freiheit immerhin +beschränkt. Sie wohnen in sogenannten <hi rend='italic'>Dormitories</hi> +(Schlafhäusern), wo sie, je nach ihren Mitteln, einzeln +oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten +nehmen sie gemeinsam in einer großen Halle ein, wo sie +für billiges Geld eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur +Wasser zu trinken bekommen. An denjenigen Hochschulen, +die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind +für die Mädchen besondere Schlafhäuser und meist auch +Speisesäle vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, +d. h. Sporthallen, und besondere Spielplätze; dagegen +häufig gemeinsame Klublokale, wo sie Tanzvergnügungen +abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder +Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie +nur in ihren Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften +(<hi rend='italic'>Fraternities</hi> und <hi rend='italic'>Sororities</hi>). Diese letzteren +nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein. Sie +be<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/>zeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern +mit Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die +Anfangsbuchstaben eines Wahlspruchs sind, den sie meist +mit drolligem Ernst als ein großes Geheimnis bewahren. +Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen +können sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- +oder Schwesternschaft leisten, denn diese Vereinigungen +besitzen eigne Häuser, in denen sie, zum Teil sogar recht +luxuriös, wie Gentlemen und Ladies der besten Gesellschaft +zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die +bescheidensten dieser Verbindungshäuser sind mit allen +modernen Bequemlichkeiten behaglich und gediegen ausgestattet. +Man sieht also auch aus dieser Erscheinung +wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei +immer wieder von dem natürlichen Drange des Menschen +nach aristokratischer Absonderung durchbrochen wird; +nur, daß es in der großen Republik ein selbstverständliches +Gebot anständiger Gesinnung ist, Vorzüge der Geburt +und des Besitzes nicht durch anmaßendes Wesen +gegenüber den vom Glück weniger Begünstigten zum +Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich jemals +beobachten können, daß arme Studenten und Studentinnen, +die sich durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste +mühsam durchschlagen müssen, vor den +Mitgliedern der reichen Verbindungen unterwürfig kriechen, +oder daß jene sich diesen gegenüber einen überheblichen, +unkameradschaftlichen Ton herausnähmen. In allen gemeinsamen +Angelegenheiten halten die Studenten fest +zusammen, und der Stolz auf ihre Alma mater äußert sich +bei allen festlichen Gelegenheiten, namentlich bei den +sportlichen Wettkämpfen mit anderen Hochschulen, in +einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule +hat einen besonderen <hi rend='italic'>Cheer</hi>, d. h. <hi rend='italic'>Hochruf</hi>, nach +<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/>Rhythmus und Melodie verschieden. Und mit diesem +Cheer werden die beliebten Professoren und die sportlichen +Siege gefeiert, bei den großen Wettkämpfen muß +er gleich dem Kriegsruf wilder Völkerschaften zur Anspornung +des Kampfeifers dienen. Wer einmal – etwa gar +in dem berühmten <hi rend='italic'>Stadion</hi> der zwanzigtausend Menschen +fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem +Fußballmatch zwischen Harward und Yale beigewohnt hat, +wird zeitlebens den Eindruck nicht vergessen. Jede der +beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in den +Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Märsche +zum besten gibt und während des Spiels jede bedeutsame +Wendung, jede gute Augenblicksleistung des Einzelnen +mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der beiden Musikkorps +sind Angehörige der betreffenden Parteien aufgestellt, +welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den +<hi rend='italic'>College-Cheer</hi> intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, +meistens gänzlich unrhythmisch und unmusikalisch, den +Tusch der Bläser dirigieren. Und dann fallen in diesen +Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die +anwesenden früheren Studierenden der betreffenden Universität +und deren ganzer Anhang von Freunden und +Verwandten im Publikum ein, und das mit einer Begeisterung +und einem Kraftaufwand, daß dem unbeteiligten +Fremdling darüber Hören und Sehen vergeht. +Man springt auf die Bänke, man schwenkt Taschentücher +und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen +sich bei den Schultern und schütteln und stoßen sich, um +einander aufmerksam zu machen auf spannende Momente +oder sich zu größerer Begeisterung für die Sieger aufzurütteln. +Und dabei sieht der Fremdling, der von dem +Spiel nichts versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke +eingehüllten Knäuel grotesk bekleideter Jünglinge, +<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/>der sich balgend auf dem Boden wälzt, wobei ein Individuum +dem andern die Rippen eintritt, mit den Fäusten +den Wind ausbläst (<hi rend='italic'>to blow the wind out</hi>) oder die schweren +Sportstiefel unter die Nase feuert, bis sich einer mit dem +eroberten Ball unterm Arm aus dem wüsten Menschensalat +herausarbeitet und in weiten Sprüngen, wie ein +junger Hirsch, unter dem betäubenden Jubel von zwanzigtausend +bis zur Tollheit begeisterten Landsleuten über +den Kampfplatz stürmt. +</p> +<note place="margin">Sportliche Wettkämpfe.</note> +<p> +In diesen Wettspielen der höchst kultivierten +Jugend Amerikas erlebt man staunend bei dem +traditionslosesten aller Gegenwartsvölker eine höchst +eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schönheit +und Anmut der nackten Griechen fehlt freilich völlig bei +dieser unförmlich wattierten, mit Lederkappen und Fausthandschuhen +ausgerüsteten Yankeemannschaft, aber die +leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese +Kraft- und Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer +nationalen Angelegenheit macht, kann auch im alten +Hellas und im alten Rom nicht hinreißender gewesen sein. +Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim +Ballspiel das Nasenbein oder sonstige Extremitäten geknickt +wurden, so stolz wie die Spartanerin, deren Knabe, +ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten bis aufs +Blut peitschen ließ. +</p> +<note place="margin">Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft.</note> +<p> +Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Tüchtigkeit, +die übrigens keineswegs nur auf das männliche Geschlecht +beschränkt ist, trägt sehr viel dazu bei, dem +amerikanischen Studentenleben sein durchaus eigenartiges +Gepräge zu verleihen. Ich habe mir des öfteren erlaubt, +amerikanischen Studenten gegenüber meinem Zweifel +Ausdruck zu geben, daß diese Helden der Arena, diese +Champions der Ballschläger, Ruderer, Wettläufer und +<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/>Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer wissenschaftlichen +Anstalt seien, habe aber fast regelmäßig die +Antwort bekommen, daß meine Zweifel durchaus unbegründet, +vielmehr unter den hervorragenden Athleten +häufig auch die tüchtigsten wissenschaftlichen Begabungen, +zum mindesten aber die fleißigsten Büffler zu finden +seien. Weit weniger sichere und selbstbewußte Antworten +dagegen erhielt ich, wenn ich amerikanische Studenten +nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar nach ihrer +Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hieß es +meist: „Ach, darüber zerbrechen wir uns vorläufig den +Kopf nicht. Wenn wir unser Examen gemacht haben, +schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti +oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung +in Aussicht.“ Ein anderer sagt: „O, ich trete einfach in +das Geschäft meines Vaters ein, da brauche ich keine +andere Weltanschauung als die eines Gentlemans.“ Da +die englische Sprache keinen präzisen Ausdruck für Weltanschauung +kennt, so ist es überhaupt sehr schwer, einem +jungen Amerikaner begreiflich zu machen, was man damit +meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen Volkes +sitzt ihm so tief im Geblüt, daß er kaum begreift, wie man +sich von Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit +der bestehenden Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen +machen könne. Er fühlt nicht den mindesten +Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu üben, +weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb +seiner jungen Erfahrung überall bestätigt findet, daß +für einen Bürger der Vereinigten Staaten überall Raum +und Gelegenheit zur erfolgreichen Betätigung seiner +Kräfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung +ist unzweifelhaft gesund für Leib und Seele – aber für +die wissenschaftliche Erkenntnis ist sie nichts weniger +<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>als förderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem +Gegebenen bleibt eben kein Platz für den fruchtbaren +Zweifel und für die Unersättlichkeit des Forschers. Den +amerikanischen Studenten im allgemeinen interessiert +nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare praktische +Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt +aller amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule +an, darauf eingerichtet ist, dem jungen +Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach seine natürlichen +Instinkte sich freudig drängen, so sind auch die +Universitäten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu züchten, +sondern ihre Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen +den letzten Schliff, das <hi rend='italic'>refinement</hi> der höheren Kultur und +den Fachstudien jene Vertiefung zu geben, die sie im +praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische +Student glaubt an sein Lehrbuch und schwört auf die +Worte seines Lehrers. Er lernt fleißig, ohne sich von +Zweifeln beirren zu lassen, und beschränkt sich auf die +Fächer, die ihm für seinen künftigen Beruf als notwendig +vorgeschrieben sind. Überflüssige Wissenschaften nimmt +er nur eben so mit, sofern er die Eitelkeit besitzt, als +Schöngeist zu glänzen, und um sich von den Damen seines +Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den +Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch +keineswegs der Ehrgeiz, den Prometheusfunken schöpferischen +Instinktes, der etwa in den jungen Köpfen seiner +Hörer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen +und die Methoden selbständiger wissenschaftlicher +Forschung diesen zukünftigen Bahnbrechern nahezubringen. +Er begnügt sich meistens damit, sein Fachwissen +der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und +Aufgabenstellen dafür, daß sie sich dies Fachwissen +gründlich einprägen. Er ist daher in weitaus den meisten +<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/>Fällen nach unseren Begriffen selber gar kein Gelehrter, +sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein +Experte, ein Korrepetitor. Unter den überaus zahlreichen +Professoren deutscher Abstammung, die es drüben als +Universitätslehrer zu großem Ansehen gebracht haben, +finden wir daher so manchen, der sich niemals wissenschaftlich +betätigt hat und als einfacher Töchterschul-, +Real- oder Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen +sich solche bescheidene Handlanger der Wissenschaft +drüben als gute Pädagogen, bei denen die Kinder gern +und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu Hochschullehrern +aufzurücken. Anstandshalber pflegen sie +dann einen Leitfaden, ein Kompendium oder eine populäre +Darstellung ihres speziellen Wissensgebietes zu verfassen. +Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten der Professoren +durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. +Die meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder +Erzeugung und pauken dies gewissenhaft den Schülern +ein. Schüler bleiben die Studenten ja in der Tat, bis sie +ihren akademischen Grad erreicht haben. Der <hi rend='italic'>Freshman</hi> +birgt in seinem Schädel keineswegs jene beängstigende +Masse verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein +der deutsche Schüler im Abiturientenexamen nachweisen +muß. In den philologischen Fächern, namentlich +in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen +eines deutschen Untersekundaners; in den modernen +Sprachen, in Geschichte und Geographie weiß er vielleicht +so viel, daß er bei uns das Einjährigenexamen bestehen +könnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also eine +humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum +unserer Obersekunda und Prima erst auf der Universität +durch; die übrigen werfen sich von vornherein auf das +Fach, aus dem sie später ihren Beruf zu machen gedenken. +<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/>Es gibt besondere Drillanstalten für Juristen, für Mediziner, +für Theologen – die letzteren werden von den +einzelnen Denominationen (Sekten) auf eigne Kosten +unterhalten. Am stärksten besucht und am glänzendsten +ausgestattet sind die Institute für die technischen Berufe, +die chemischen und physikalischen Laboratorien, die +Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen +für den Anschauungsunterricht der Geologen, +Zoologen, Landwirte, Architekten usw. usw. Weitaus die +meisten Universitäten sind im Grunde nichts anderes als +technische Hochschulen, an welche eine philosophische +Fakultät, eine juristische, medizinische oder theologische +Fachschule angegliedert sind, ganz ähnlich wie ja auch +bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen über +Nationalökonomie, Literatur und Kunstgeschichte, über +Philosophie und dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde +Gegenstände gehalten werden. Es ist ja sehr +begreiflich, daß vorläufig noch die weitaus überwiegende +Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika +sich nach den Berufen drängt, welche noch auf lange Zeit +hinaus die größte praktische Bedeutung haben werden. Für +Hoch- und Tiefbauingenieure, Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, +Geologen, Schiffsbauer, Chemiker gibt es +selbstverständlich in dem Riesenkontinent mit den großen, +noch unerschöpften Möglichkeiten der Ausbeutung viel +mehr zu tun, als für die Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. +Man hegt trotzdem eine an Ehrfurcht grenzende +Hochachtung für die seltsamen Idealisten, welche, anstatt +ihre Schöpfkellen unter die zurzeit noch üppig sprudelnden +Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten +Betrachtungen stillen, und statt nach blanken +Metalladern nach Regenwürmern graben. Es gibt auch in +Amerika wunderliche Käuze, die imstande sind, sagen +<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/>wir über das Alpha privativum im Griechischen dicke +Wälzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der +Erforschung irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte +zu opfern, an dessen Aufhellung keinem modernen Menschen +das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar solche +Käuze – sie sind übrigens fast alle Deutsche – sehr gut +und ist besonders stolz auf ihren Besitz – aus demselben +Grunde, aus welchem man unerhörte Summen aufwendet, um +allen möglichen alten Trödel aus Europa neben wirklichen +Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und öffentlichen +Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der +Alten Welt beweisen, daß man sich in der Neuen den Luxus +der Reliquienverehrung auch leisten könne und daß man +keineswegs den übeln Ruf verdiene, ein Volk von Emporkömmlingen +zu sein, das nur für materielle Dinge Achtung +und Verständnis besitze. +</p> +<note place="margin">Postgraduates.</note> +<p> +Es ist charakteristisch, daß es drüben Privatgelehrte +wohl überhaupt nicht gibt. Wer wirklich gelehrte Studien +treibt, seien es auch solche, deren praktischer Wert nicht +ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer Universitätsstellung +seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur +als sorgfältig unter Glas verwahrte Rarität. Es gibt also +auch kein gelehrtes Proletariat, und das scheint mir denn +doch ein Vorzug zu sein, um welchen wir das junge Land +nur beneiden können. Jeder akademische Bürger ist +imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule +erworben hat, später praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte +braucht nicht seinen Eltern bis in seine 30er Jahre +hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt, der Rechtsanwalt, +der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde findet, +braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern +sich nur einen Stoß zu geben und die Annehmlichkeiten +einer östlichen Großstadt mit der Langenweile eines +wild<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>westlichen Standquartiers zu vertauschen, so wird er +auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben +Geschäftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernünftiges. +Seine Bildung braucht ihm dabei nicht hinderlich zu sein. +Handel, Industrie und Landwirtschaft schicken ihre +Söhne scharenweise auf die Universitäten, um sich dort +allgemeine Bildung und nützliche Spezialkenntnisse zu +erwerben. Das für die eigentliche wissenschaftliche +Forschung in Betracht kommende Studentenmaterial +bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Übrigens +finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen +Lehrtätigkeit widmen wollen, als <hi rend='italic'>Postgraduates</hi> +auch in Amerika reichlich Gelegenheit, ihre Studien zu +vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt weder an hervorragenden +Kapazitäten in fast allen wissenschaftlichen +Fächern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal +sind überaus reich ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher +Eifer sich auf Gebiete werfen, die in der Heimat +noch zu wenig angebaut sind, so finden sie sicher Mäzene, +die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermöglichen, +wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten. +</p> +<note place="margin">Der Professor im öffentlichen Leben.</note> +<p> +Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die +Frische und Freudigkeit, die uns bei der amerikanischen +akademischen Jugend so vorteilhaft auffällt, die glückliche +Folge der Klarheit und Sicherheit aller Verhältnisse +drüben ist. Der junge Mensch kommt nicht als überfüttertes +Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er +hat nicht seine schönsten Jugendjahre an eine erzwungene +Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht einzusehen vermochte, +und hat nicht seinen Charakter verdorben durch +ohnmächtiges Zähneknirschen wider ein verhaßtes System +und deren lebendige Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem +Vertrauen seinen Lehrern entgegen und braucht +<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/>sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu quälen: +wozu büffelst du nun eigentlich noch immer weiter? +Wird dir dein Wissen auch ein sicheres Auskommen gewähren, +oder wird die einzige Vergeltung für dein höheres +Streben darin bestehen, daß du einst als abgetriebener +alter Karrengaul an der Staatskrippe ein dürftiges Gnadenbrot +findest? Wenn schon jeder gewöhnliche Amerikaner +durch das Bewußtsein, daß ihm alle Wege offen stehen, +zur höchsten Anspannung seiner Kräfte angefeuert wird, +so muß dieser Auftrieb natürlich noch viel stärker sein bei +den jungen Auserwählten der Nation, die ja den Wettlauf +um die höchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen +näher an diesem Ziele beginnen. Der nicht akademisch +gebildete Amerikaner schaut mit stolzer Verehrung zu +jedem jungen <hi rend='italic'>Harvard-Yale-Columbia-Cornellman</hi> wie zu +einem höheren Wesen auf, denn er weiß, daß diese +strammen Burschen einst die Richter, die Ärzte, die Gesetzgeber +seiner Kinder sein und daß ohne Zweifel geniale +Erfinder, Kulturförderer großen Stils, auch wohl Präsidenten +der Vereinigten Staaten darunter sein werden. +Die hohe Wertschätzung des akademischen Wissens +findet vielleicht ihren schönsten Ausdruck in der Bereitwilligkeit, +mit welcher zu Reichtum gelangte Leute aus +einfachsten Verhältnissen fürstliche Stiftungen für wissenschaftliche +Zwecke machen. Sobald eine Universität in +Verlegenheit ist, woher sie das Geld beschaffen soll für +notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer Bibliotheken +und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr +Rektor, dort Präsident genannt, nur ein paar notorische +Millionäre der Stadt oder des Staates aufzusuchen, und er +kann sicher sein, binnen kurzem die nötige Summe zusammenzubringen. +Unsere Großindustriellen spenden ihre +Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schöne +<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/>Orden zu bekommen; drüben sind sie zufrieden, wenn ein +Collegegebäude, ein Laboratorium, eine Klinik ihren Namen +trägt. Der Holzhändler Cornell hat die nach ihm genannte, +jetzt hoch berühmte Universität von Ithaka ganz und +gar aus eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und +dieses Beispiel hat so eifrige Nachahmung gefunden, daß +heute schon die wissensdurstigen jungen Leute selbst der +unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere +Heimat zu verlassen brauchen, um höheren Studien obzuliegen. +Es gibt jetzt schon eher zu viel als zu wenig Universitäten +und Colleges<note place="foot">Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer +zu umgrenzen. Professor Münsterberg von <sic>Havard</sic> definiert ihn dahin, +daß sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universität +dagegen mit dessen kritischer Würdigung und mit exakter Forschung +beschäftigen soll, doch fließen die Grenzen schon deshalb oft ineinander, +weil eben an den meisten Universitäten auch noch nicht viel von selbständiger +Forschung und wissenschaftlicher Systematik zu finden ist.</note>. Die große Wertschätzung +akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes äußert +sich manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaßen +naiv erscheint. Die Amerikaner haben alle Resultate der +wissenschaftlichen Forschung der ganzen Welt fertig +herüber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast ausschließlich +auf deren praktische Verwertung hinaus; +folglich erscheint dem gemeinen Mann jeder Professor +als ein moderner Hexenmeister, dessen Zauberkünsten +alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische +Lehrer in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie +in Europa. Während z. B. in England der Gelehrte noch +mehr wie bei uns in seinem Wirkungskreis als Lehrer und +stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird er in den Vereinigten +Staaten als sachverständiger Berater und tätiger +Mitarbeiter zu allen öffentlichen Angelegenheiten +heran<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/>gezogen. Er schreibt fleißig für die Tageszeitungen, er +hält populäre Vorträge, er beteiligt sich an der Politik und +wird gern von der Regierung zu wichtigen diplomatischen +Betätigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew +D. White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl +weg direkt auf einen Gesandtschaftsposten berufen wurde. +Man sieht also nicht im Gelehrten einen weltfremden, +in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der Tat, +dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig +erweitert haben muß. +</p> +<note place="margin">Akademische Vergnügungen.</note> +<p> +Eine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes +Teil dazu beiträgt, die geistige und leibliche Gesundheit +der studierenden Jugend zu fördern, ist die, daß man die +Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit landschaftlich +schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberühmten +Universitäten von Boston, New York, Philadelphia, +Baltimore, Washington und Chicago sind alle Hochschulen +auf dem Lande. Der <hi rend='italic'>Campus</hi>, d. h. das Gelände +der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften, +mit Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend beherrschen, +und auf denen noch ein üppiger alter Baumwuchs +der schändlichen Waldvernichtung der ersten Ansiedler +entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng +aneinander gedrängt, sondern in den wohlgepflegten +Parkanlagen weit zerstreut, so daß die Studierenden auf +dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich +Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller +Art Sport ist selbstverständlich überall reichlich gegeben, +wie man sich denn überhaupt einen Studenten, der nicht +rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht vorstellen +kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ablenkung +oder gar gefährliche Versuchung für die jungen +Leute. Was sie brauchen an edler geistiger Zerstreuung, +<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/>an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich selbst +in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern +und festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- +und Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft +der Universität herum und verdienen sich ein +hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht selten dazu +verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen +zu lassen und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl +gar hauptstädtische Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. +So ziehen beispielsweise die Lehrer und bevorzugten +Schüler der Berkley-University von Kalifornien +alljährlich in den Sommerferien in den Urwald, leben dort +wochenlang in Zelten und Blockhütten, die zum Teil im +Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia gigantea) +errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die +Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele +unter freiem Himmel. <hi rend='italic'>Bohemian Jinks</hi> nennen sie diese +Freilichtspiele (etwa „zigeunerische Luftsprünge“ zu übersetzen), +für die sie aus eignen Kräften Dichtung, Musik, +Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen +Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens +verbannt, und es werden daher nach antiker Weise bei den +Spielen die Frauenrollen von jungen Männern dargestellt. +Im übrigen sorgt die an den meisten Hochschulen bestehende +<hi rend='italic'>Coeducation</hi> (kurz <hi rend='italic'>Coed</hi> genannt) dafür, daß die +jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern +die guten Manieren im geselligen Verkehr nicht verlernen. +Die Studentinnen pflegen ihr eignes Gesellschaftshaus +mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom +zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch +umgekehrt die jungen Herren die Studentinnen zu ihren +Unterhaltungen heranziehen. Fast jeder Student hat +wohl unter den Kommilitoninnen sein <hi rend='italic'>best girl</hi>, mit dem er +<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>„geht“, wie man bei uns sagen würde. Diese Kameradschaften +sind aber durchaus harmloser Natur, haben +nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der <hi rend='italic'>collage</hi> des +französischen Studenten und verpflichten auch keineswegs +zu standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren +wissen nie etwas von sittlichen Gefahren +dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen +schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen +Niveau wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme +auf die weiblichen Studenten zu. +</p> + +<p> +Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel +besser als an den gemischten Universitäten. Ich wüßte +nicht, wo ein junges Mädchen mit starkem Bildungsdrange +in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in Wellesley-College +bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser +Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die +schier fabelhaften Bildungsmöglichkeiten, die hier den +Töchtern der Neuen Welt geboten werden. 17 männliche +und 137 weibliche Professoren, Dozenten und Assistenten +lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um +aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Englischen +3, in Geschichte 1, in Mathematik 3, Latein 4, +einer zweiten Sprache 3, einer dritten Sprache 1 und in +Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die +Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre, +die der Schüler, bei durchschnittlich 5 wöchentlichen +Stunden, auf den betreffenden Gegenstand verwendet +haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein +Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend +ausgenutzt habe. Um einen Begriff von der Reichhaltigkeit +der wissenschaftlichen Speisekarte zu geben, will ich +hier nur die in der germanistischen Abteilung angekündigten +Vorlesungen aufzählen: +</p> + +<pb n='57'/><anchor id='Pg057'/> + +<note place="margin">Wissenschaftliche Speisekarte für Damen.</note> +<table rend="tblcolumns: 'r lw(60m)'; latexcolumns: 'rp{6.5cm}'"> + <row> + <cell rend="text-align: right">1.</cell> + <cell>Elementarkursus, Grammatik, Übungen im +Sprechen, Lektüre, Auswendiglernen von +Gedichten.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">2-4.</cell> + <cell>Vorbereitungskurse für deutsche Literaturgeschichte.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">5.</cell> + <cell>Repetitions- und Erweiterungskurs für Grammatik +und Stil.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">6.</cell> + <cell>Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen +im mündlichen und schriftlichen Ausdruck. +Kritische Betrachtung deutscher, in Amerika +erschienener Texte.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">7.</cell> + <cell>Übungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluß +an die Literaturgeschichte.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">8.</cell> + <cell>Geschichte der deutschen Sprache.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">9.</cell> + <cell>Umrisse der deutschen Literaturgeschichte +(Götter- und Heldensagen).</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">10.</cell> + <cell>Goethes Leben und Werke.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">11.</cell> + <cell>Das Drama des 19. Jahrhunderts.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">12.</cell> + <cell>Der deutsche Roman.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">13.</cell> + <cell>Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis +Hans Sachs.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">14.</cell> + <cell>Literaturgeschichte bis Goethe.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">15.</cell> + <cell>Mittelhochdeutsch.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">16.</cell> + <cell>Die romantische Schule.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">17.</cell> + <cell>Lessing als Dramatiker und Kritiker.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">18.</cell> + <cell>Schiller als Philosoph und Ästhetiker.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">19.</cell> + <cell>Goethes Faust.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">20.</cell> + <cell>Schillers Leben und Werke.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">21.</cell> + <cell>Stilübungen.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">22.</cell> + <cell>Gotisch.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">23.</cell> + <cell>Die deutsche Lyrik und Ballade.</cell> + </row> + <row> + <cell rend="text-align: right">24 u. 25.</cell> + <cell>Studien zur modernen deutschen Sprache.</cell> + </row> +</table> + +<pb n='58'/><anchor id='Pg058'/> +<note place="margin">Typus der Studentin.</note> +<p> +Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische +Sprache und Literatur, 21 über Geschichte, 29 über Hygiene +und körperliche Ausbildung, wobei Tanzen, Schwimmen, +Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind. +Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und +Literatur, 11 über reine und 5 über angewandte Mathematik, +18 über Musik, 29 über Philosophie und Psychologie, +19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über Astronomie +usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keineswegs +nach ihrem Belieben an all diesen Herrlichkeiten +naschen, sondern der Studiengang ist ihnen vorgeschrieben, +und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen vordringen, +bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, +daß ihnen die niederen Grade geläufig sind. Damit sie +aber frisch und bei guter Laune bleiben, haben sie reichlich +Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser zu tummeln +und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im +Freien und auf der eignen niedlichen Bühne des Shakespearehauses +nach Herzenslust zu vergnügen, auch nach +dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren, so +oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen +Damen aus reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities +angehören, ihre eignen Häuser innerhalb des Campus, die +als griechische Tempel oder als Cottages sich darbieten. Das +Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch +das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die +technischen Fächer sowie auch Medizin, Juristerei und +Theologie existieren nicht an dieser Akademie, die sich +also darauf beschränkt, den jungen Damen eine humanistische, +expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung +zu vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch +nur einigermaßen der landschaftlichen Schönheit der Umgebung +und der Vortrefflichkeit aller praktischen +Ein<pb n='59'/><anchor id='Pg059'/>richtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das +gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. +Und Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt +dieser Art, sondern es gibt deren noch mehrere, die +nicht minder reich ausgestattet und stark besucht sein +sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller +Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der +Typus der derb gesunden, ein bißchen starkknochigen, +rundlichen Farmer- und Bürgertöchter der städtischen +Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit <hi rend='italic'>Coed</hi>. +Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den +Töchtern der vornehmeren Kreise vorgezogen. Es ist +auffallend, wie selten selbst unter diesen letzteren die +spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt +daher, daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf +für sich betrachtet, als ein Kapital, das unter allen Umständen +sich reichlich verzinst. Die jungen Schönheiten +suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des +Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten +Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt +der Amüsierlinge begnügt, kann man sich allerdings ohne +die Kenntnis antiker Sprachen und ohne philosophische +Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das +amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen +Höhe des englischen, dagegen noch beträchtlich unter der +des französischen und deutschen Konversationstones der +sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann man +von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft +zwischen Mann und Weib besteht, ohne weiteres +voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit gebildeten +Menschen reden dürfe – und man wird sich selten enttäuscht +sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen +daran liegt, ihren strebsamen Töchterchen, ohne sie gerade +<pb n='60'/><anchor id='Pg060'/>zu Gelehrten zu machen, eine solide weltläufige Bildung +zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen +Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von +dort nichts anderes mitbringen sollten, als einen abgehärteten +geschmeidigen Körper, vernünftige Lebensanschauungen +und eine Ahnung von allerlei wissenswerten +Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als +was die üblichen Pensionate der französischen Schweiz +oder die Klosterschulen für die vornehme Welt ihnen zu +bieten pflegen. +</p> +<note place="margin">Das deutsche System. +Bildungsdrang des Volkes.</note> +<p> +Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerikanische +Unterrichtssystem, und besonders das der Universitäten, +gerade für uns sehr viel Nachahmenswertes zu +enthalten. So will es mich ungemein vernünftig bedünken, +daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin zwischen +dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. +und 20. Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende +Kraft des ungebärdigen Jünglings bezw. des lebenshungrigen +Mädchens nicht sofort in eine schrankenlose +Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit +echtem Wohlwollen und Verständnis für die Jugend +geleitet wird. Es ist überaus bezeichnend, daß, wie die +kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete Umfrage bei +einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher bewiesen +hat, außer den späteren Philologen und einigen +ganz wenigen Staatsmännern und Theologen, fast sämtliche +Gefragten ihre Gymnasialzeit für die schrecklichste +Erinnerung ihres Lebens erklärten; wogegen umgekehrt +in Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf +seine Schüler- und Studentenzeit als auf die schönste +seines Lebens zurückblickt. Mögen unsere höchsten Lehranstalten +immerhin mit Fug und Recht sich für die besten +Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer +<pb n='61'/><anchor id='Pg061'/>acht gelassen werden, daß von den Tausenden und Abertausenden +von Abiturienten, die alljährlich unseren Universitäten +zustreben, doch nur eine verhältnismäßig +kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in +sich trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche +Universität die denkbar beste Anleitung zum eignen +Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten willen +aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische +gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen +Gedanken, wohl aber viel nützliche Lebensarbeit herauszuholen +wäre, durch ein System vergewaltigt, das notwendig +in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes Schrecknis +bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser, +es ist auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich +in den Köpfen der Auserwählten einnistet, der die herrschenden +Klassen in eine dumme Volksfeindschaft hineintreibt +und gänzlich schiefe Lebensanschauungen in ihnen +groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel +hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt. +Sollte nicht schließlich ein junges Geschlecht von frohen, +für die höchsten Berufe der Gegenwart gut ausgerüsteten +Akademikern auch unserer Nation von größerem Werte +sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und verunglückten +Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch +eine teilweise Amerikanisierung unseres Systems von +unseren alten Vorzügen nichts einbüßen würden. Methodik +und Systematik der exakten Forschung werden, ebenso +wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen +Betriebe, stets eine Besonderheit des deutschen Universitätslehrers +und Studenten bleiben, einfach weil die +Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die +Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen +Philosophen, Dichter, schöpferischen Forscher +hervor<pb n='62'/><anchor id='Pg062'/>gebracht, weil ihr Schulsystem zu diesem Zweck nichts +taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als Volk, +bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten +Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition +und bei der starken Inanspruchnahme aller geistigen +Kräfte durch rein praktische Aufgaben überhaupt noch +gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener Richtung +Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft +und eine nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, +wenn aus den verschiedenartigen Völkerschaften der +Vereinigten Staaten wirklich eine neue Rasse geworden und +die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan sein wird, +daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den +vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann +viel Spreu hinweggefegt werden, aber an dem System +des Hochschulbetriebes schwerlich viel geändert werden +müssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der Studierenden +werden selbstverständlich gleichen Schritt halten +mit denen der Lehrenden. Der einzige amerikanische +Philosoph, dessen Ruf bisher durch die ganze Welt geklungen +ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein hohes +Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner +vornehmen Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, +fruchtbaren Gedanken; für Amerika ist Emersons Philosophie +aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die beliebten +demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es +wird aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen +Vorurteile nur noch bei der Masse zu finden sein werden, +und wo die Freiheit der wissenschaftlichen Kritik sich +überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt gebieten läßt, +auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können +wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es +große Künstler und originale Denker hervorbringe. In +<pb n='63'/><anchor id='Pg063'/>den regsamsten Köpfen, in den tiefsten Gemütern dieses +Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach +jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr +nur die Resultate europäischer Arbeit nützlich verwenden, +sondern selber Finder neuer Wege und Setzer neuer Ziele +werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf, welchen +die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vorträge +der Wanderredner und besonders gemeinnützige +Institute, wie die Sommerschule in Chautauqua finden, +wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel wissensdurstige +Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig +den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. +Wir Europäer werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert +oder noch länger unseren Vorrang des weisen +Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen +Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung +liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß +man von der Jugend immer lernen kann! Wenn wir das +tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber schwerlich +jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann +keinen verhöhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr +einen guten Kameraden besitzen, der uns in gleichem +Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben Höchstzielen +wahrer Kultur nach. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='64'/><anchor id='Pg064'/> +<index index="toc" level1="Öffentliche und private Moral"/> + <index index="pdf" level1="Oeffentliche und private Moral"/> +<head>Öffentliche und private Moral.</head> + +<p> +Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten +Staaten beklagen sich allgemein darüber, daß +sie gezwungen seien, ihre Berichte den Vorurteilen der +deutschen Zeitungsleser zuliebe zu färben und so dazu +beizutragen, daß diese Vorurteile in Deutschland nicht +aussterben. Daß sie Unglücksfälle nur kabeln dürfen, +wenn sich über zehn Tote ergeben haben, ist ja eine ganz +weise Beschränkung, aber daß sie sich genötigt sehen, +immer nur sensationelle Fälle von wüster Korruption in +der Politik, in der Rechtsprechung, im Gebaren der +großen Truste, offenbare Verrücktheiten und groteske +Reklamemanöver auf den Gebieten des Erfindungswesens, +des Handels und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, +sowie schließlich gröbste Familienskandale aus der Welt +der Milliardäre zu berichten, das ist doch recht bedenklich. +Selbstverständlich sind gerade die guten Bürger +jeder Nation überzeugt, daß die allgemeine Ordnung der +Dinge, die öffentliche wie die private Moral in ihrem +Lande besser sei als in irgend einem anderen; aber es tut +doch nicht gut, diese natürliche Neigung zur Ungerechtigkeit +durch die Presse, als durch das berufene Organ der +öffentlichen Aufklärung, zu unterstützen; denn die Unterschätzung +fremder und noch dazu rasseverwandter Völker +kann unter Umständen doch recht üble Folgen haben. +Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren +gut aufgemacht und aufmerksam zugehört hat, wenn er +wohlunterrichtete Leute drüben die Verhältnisse besprechen +hörte, gestattet, mein bescheidenes Teil zur +<pb n='65'/><anchor id='Pg065'/>Aufklärung über die wichtige Frage der öffentlichen und +privaten Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen. +</p> +<note place="margin">Geschäftspolitiker. + <lb/>Achtung vor den Gesetzen?</note> +<p> +Die Korruption in der Politik ist ein öffentliches Geheimnis +und wird von niemandem geleugnet. Sie ist eine +notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl der republikanischen +Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung +des Landes und besonders des Umstandes, daß sich alle vier +Jahre verfassungsgemäß ein Wechsel in den Personen der +Machthaber vollziehen muß. Daß jeder neue Präsident, +Gouverneur, Bürgermeister usw. seine guten Freunde und +Verwandten in die einträglichsten und einflußreichsten +Stellungen zu bringen versucht, ist menschlich begreiflich, +und man braucht sich darüber nicht weiter zu entrüsten; +aber die ebenso selbstverständliche Folge, daß der politische +Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf +fortwährend in Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschäftigten +Staatsbürger natürlich unmöglich, den politischen +Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern. Er +muß notgedrungen diese Betätigung Leuten überlassen, die +daraus einen Lebensberuf machen. Und so ergibt sich +mit Notwendigkeit die Existenz der Geschäftspolitiker. Da +selbstverständlich diese, die sogenannten Bosse, nicht vom +Staat oder von der Gemeinde besoldet werden können, +so schaffen sie sich ihre Einkünfte dadurch, daß sie sich +für die Unterstützung bei Wahlen, für die Erlangung +von öffentlichen Ämtern, von Privilegien und Konzessionen +aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl +ohne weiteres ein, daß sich nicht die Blüte der Nation, +sondern nur machthungrige und geldgierige Streber zu +diesem politischen Agenturgeschäft hergeben, und daß +diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, +dem intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten +zum Siege zu verhelfen, sondern demjenigen, der +<pb n='66'/><anchor id='Pg066'/>am meisten zahlt. Da es nur zwei große politische Parteien, +Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle +vier Jahre die Chance eines völligen Systemwechsels +durch den Sieg der Gegenpartei gegeben. Dann werden +alle kommunalen Ämter, die ganze Beamtenschaft, vom +Präsidenten bis zum Ofenheizer im Weißen Hause, an +die Anhänger der siegreichen Partei vergeben. Wer den +richtigen Boß am besten geschmiert hat, bekommt das +Amt. Es ist klar, daß bei solchem System Staat und +Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte +für noch schlechtere einzutauschen, und daß die öffentliche +Moral dadurch schändlich verdorben wird. Trotz +alledem wird auch bei uns niemand leugnen wollen, daß +die Vereinigten Staaten bisher noch immer tüchtige, zum +mindesten doch anständige Präsidenten gehabt haben, +und daß in die obersten Stellungen wenigstens sehr +selten oder nie ganz minderwertige Personen gelangt +sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn +man den hochentwickelten <hi rend='italic'>common <sic>sens</sic></hi>, den gesunden +Menschenverstand der führenden angelsächsischen Rasse +in Betracht zieht. Der anständige Geschäftsmann und +die höher gebildeten Klassen überhaupt kümmern sich +um das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar +nicht und ertragen mit dem glücklichen Gleichmut und +dem guten Humor der Yankeerasse die tausenderlei +offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die +durch die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, +daß die Bosse irgend etwas im Schilde führen, was gegen +den guten Ruf des Staates, gegen die Sicherheit des +Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der +Verfassung geht, so tun sich ein paar einflußreiche Leute +von tadellosem Leumund zusammen – die führenden +Deutschen sind immer bei dieser Anstandspartei zu +<pb n='67'/><anchor id='Pg067'/>finden – und klären durch geeignete Maßnahmen die +Massen der Wähler über den Unfug auf, der verübt werden +soll. Und siehe da: immer gelingt es der Wucht der öffentlichen +Meinung, wenigstens die gröbsten Schandtaten zu +verhindern, die unmöglichsten Kandidaten beiseite zu +schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren +und anerzogen; die Verfassung der Vereinigten Staaten +wird als ein unübertreffliches Werk genialer Einsicht +verehrt, und alle Gesetze, die das souveräne Volk durch +seine Erwählten in den Einzelstaaten machen läßt, werden +für vorzüglich gehalten. Das ewig verdrossene Nörgeln +an den Gesetzen und öffentlichen Einrichtungen, jenes +höchste Vergnügen des deutschen Bierbankpolitikers, +kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze +und fügt sich sogar in Unannehmlichkeiten, wenn man +einsieht, daß anders die Ordnung nicht aufrechterhalten +werden kann. Im übrigen aber tut doch jeder, was ihm +beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht +in seinen Kram passen. Man weiß, daß die Polizei nicht +von ihrem Gehalt, sondern von den Schmiergeldern so +rosig fett und robust wird; man weiß, daß sogar die Binde +vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter +zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht +selbst an den schreiendsten Mißständen schweigend vorbei, +weil es sich so bequemer leben läßt, und weil der +Gentleman sich nicht gerne die Hosenränder beschmutzt +und daher den Pfützen lieber in weitem Bogen ausweicht. +Solange sie seine persönliche Bewegungsfreiheit und +seine geschäftlichen Unternehmungen nicht empfindlich +stören, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und +gönnt den zahlreichen Mitbürgern, die von den Mängeln +dieser Gesetze leben, also den Politikern, Advokaten, +smarten Geschäftsleuten und geistvollen Hochstaplern, +<pb n='68'/><anchor id='Pg068'/>ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten Machthabern +der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten +Königen der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des +Petroleums können ja überhaupt die Gesetze nichts anhaben, +wie es sich erst jüngst wieder in dem vorsichtig +weitmaschig abgefaßten Urteil des obersten Gerichtshofes +in Sachen des Öltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz +großen Herren, in deren Macht es steht, die Bundesarmee +gegen mißliebige Nachbarn mobil zu machen, oder in +einer Anwandlung schlechter Launen unzählige Betriebe +lahmzulegen, Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot +vom Munde wegzureißen, mit denen hütet sich natürlich +nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der Einzelstaaten +wie der Bundesregierung anzubinden. Machen +sich aber die kleineren Machthaber irgendwie lästig, so +versteht man ihnen selbst in dem Falle beizukommen, +daß die Behörde gegen sie ihre Pflicht vernachlässigt. +</p> +<note place="margin">Energische Selbsthilfe eines Damenklubs.</note> +<p> +Ein hübsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe +erlebten wir in St. Louis. Durch wochenlange +Trockenheit war die Rauchplage daselbst unerträglich +geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale +herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne +lachte frühlingsheiter vom wolkenlosen Himmel herab. +Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt einfuhr, +verblaßte plötzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten +Fettfleck in einer Wand gleichmäßig grauen, +schweflig riechenden Nebels, der selbst die nächsten Gegenstände +nur in verschwommenen Umrissen erscheinen ließ. +In den Häusern herrschte eine erstickende, verbrauchte +Luft, weil man kein Fenster öffnen konnte, ohne daß +sofort eine dichte Rußschicht, wie von einer schwer +blakenden Öllampe, sich auf alle Gegenstände im Zimmer +legte. Wenn man über die Straße ging, waren Kragen +<pb n='69'/><anchor id='Pg069'/>und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens +sein Bad einließ, so schwamm eine schwarze Rahmschicht +auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll von +Entrüstungsartikeln über diesen schmachvollen Zustand. +Überall erschollen laut die Stimmen der Sachverständigen +mit Vorschlägen zur Beseitigung des Übels. Man erinnerte +sich plötzlich wieder, daß es im Staate Missouri, +ebensogut wie anderswo, vorzügliche gesetzliche Vorschriften +gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle +angewiesenen Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen +und ähnlichen Maßnahmen von +erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer +hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in +Unkosten zu stürzen wegen dieser ärgerlichen Gesetze, +denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der Stadt in erfreulich +reiner Luft. Und wenn der Wind einigermaßen +günstig wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den +in der Luft herumfliegenden Kohlenstaub band, so konnten +ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen mußten, ihre +Lungen genügend mit Sauerstoff füttern. Es mußte wohl +immer noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen +gelegentlich gute Trinkgelder zu verabfolgen, +als die vorschriftsmäßigen Umbauten zu bestreiten. Da +geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, daß ein +vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache +in die Hand nahm. Um ein möglichst großes Damenpublikum +für ihre Zwecke herbeizuziehen, kündigten sie +mit gehöriger Reklame ein Konzert meiner Frau an. +Vierzehnhundert Frauen und Mädchen aus den besten +Kreisen wurden hierzu zusammengetrommelt und nach +Schluß der musikalischen Darbietungen ersuchte die Vorsitzende +die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um +sich über die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. +<pb n='70'/><anchor id='Pg070'/>Es war alles so gut vorbereitet, daß in kurzer Zeit ein +leitendes Komitee und eine große Anzahl von Offizieren +und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus gewählt +und die notwendigen Mittel zur Ausführung des +Planes gezeichnet waren. Diese kleine freiwillige weibliche +Polizeimannschaft übernahm es nämlich, mit List +oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit Weichkohlenfeuerung +einzudringen und nötigenfalls Tag und +Nacht Patrouille zu gehen und Posten zu stehen, so +lange, bis alle Mißachter der Gesetze zur gerichtlichen +Verantwortung gezogen, gebührend bestraft und die vorgeschriebenen +Maßnahmen gegen den Rauch tatsächlich +ausgeführt waren. Das Mittel soll einen durchgreifenden +Erfolg gehabt haben, denn vor energischen Frauen kapituliert +der Yankee immer. +</p> +<note place="margin">Disziplin im Straßenverkehr.</note> +<p> +Die Zuversicht, daß aus allen Schwierigkeiten und +Übelständen, wenn auch vielleicht erst im Moment der +höchsten Gefahr, und wenn sie bis zur Unerträglichkeit +gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die +Rettung kommen muß, erhält dem Volke seinen optimistischen +Gleichmut. Selbstverständlich erzeugt die +Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor Paragraphen +oder Untertänigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergräbt +sogar recht bedenklich die Disziplin, ohne die schließlich +keine Ordnung irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten +ist. Die Warnungs- und Verbotstafeln, mit denen bei uns +zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege bis zum +Grabe von den Behörden so rücksichtsvoll eingezäunt +wird, kann man sich drüben fast völlig sparen, da sie +doch keine Beachtung finden würden; aber wo der gesunde +Menschenverstand einsieht, daß Vorsicht, Unterordnung, +Geduld und Rücksicht auf den Nebenmenschen +am Platze sind, da übt er sie auch ohne Warnungstafeln +<pb n='71'/><anchor id='Pg071'/>und ohne Einschüchterung durch säbelfuchtelnde Schutzleute +aus. Dem Europäer fällt z. B. die ausgezeichnete +Disziplin im Straßenverkehr der Großstädte sehr angenehm +auf; nie hört man wild aufeinander los fluchende +Kutscher im Wagengedränge; nie werden Schutzmannsketten +durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; +mit einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den +Straßenkreuzungen den kolossalen Verkehr. Ohne Murren +findet sich alle Welt mit der Einrichtung ab, daß um +6 Uhr abends alle Geschäfte geschlossen werden. In den +Straßen- und Untergrundbahnen, in überfüllten Lokalen +jeder Art macht jedermann bereitwillig Platz, so gut es +geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in der Neuyorker +Subway. Da es um die Zeit des Geschäftsschlusses +war, so waren die Wagen mit sitzenden und stehenden +Menschen so voll, daß der berühmte Apfel nicht mehr +zur Erde fallen konnte. Da drängte sich auf einer Station +im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen +Schaukelpferd herein. Die Männer auf der hinteren Plattform +schufen der Frau mit kräftigen Ellenbogen Platz, +die ganze Menschenmauer geriet ins Schwanken, man +trampelte sich gegenseitig kräftig auf den Zehen herum, +die hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes +stießen einigen Passagieren in die Bäuche oder +gegen die Kniescheiben – und dennoch zeigte sich niemand +gekränkt oder nervös gereizt. Mit ein paar gutmütigen +Scherzen ging man über die Unannehmlichkeiten +hinweg; bei uns wäre ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. +Auch der eiligste Geschäftsmann wartet geduldig +bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei +ist, und niemals wird ein höher Gestellter versuchen, für +sich Ausnahmemaßregeln durchzusetzen. Auch die strengen +Polizeivorschriften im Interesse der öffentlichen Hygiene +<pb n='72'/><anchor id='Pg072'/>werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem vernünftigen +Menschen klar ist. +</p> +<note place="margin">Die Prostitution.</note> +<p> +Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffentliche +Fragen löst, die anderwärts der Polizei die allergrößten +Schwierigkeiten machen und über die sich Juristen, +Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die +Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der +Yankee nämlich einfach dadurch, daß er erklärt, sie +existierten gar nicht. Der Prostitution z. B. ist im Gesetze +überhaupt nicht Erwähnung getan, und in den +Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten +Männern nennt man die Prostitution verschämt „das +soziale Übel“ (<hi rend='italic'>the social evel</hi>), aber in der Öffentlichkeit +erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals, +weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz +erfahren sollen, und weil man annimmt, daß der Amerikaner +überhaupt viel zu anständig sei, um irgendwelcher +heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieblebens +zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstverständlich +jeder erwachsene Mensch, daß die Zahl der +Prostituierten, der freien wie der kasernierten, auch in +den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei +hat dafür zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen +Damen nichts merkt; sie hat also nicht nur die öffentlichen +Häuser, sondern auch jede einzeln flanierende +Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffentlichen +Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung +von Prostituierten beschäftigen müßten, so könnte es +nicht ausbleiben, daß das Publikum auf diese Dinge aufmerksam +würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze +des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben. +Folglich duldet es die Behörde wissentlich, daß die Polizeiorgane +sich von den Übeltäterinnen dafür bezahlen lassen, +<pb n='73'/><anchor id='Pg073'/>daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß die +Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse +dafür entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Behörden +bewahren. Selbstverständlich erhalten solche +Häuser keine polizeilichen Konzessionen, noch gibt es +irgendwelche offizielle Kontrolle der freien Prostitution. +In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen, +Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und +die zahlreichen Freudenhäuser werden von den erfindungsreichen +Bossen mit fingierten Personen bevölkert, +und zwar vornehmlich mit – wahlfähigen +Männern! Man bedient sich zu diesem Zweck der Namen +längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten. +Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen +dem Boß für jede Gefangene einer solchen Lasterstätte +ein Wahlzettel für seine Partei zu. Eine Folge dieser +unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen +des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel +in den Vereinigten Staaten wirkungslos bleiben. Dieses +schmachvollste aller Geschäfte, der weiße Sklavenhandel, +blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen +großen Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als +in denen Südamerikas. Die dunkeln Ehrenmänner, die +sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen, ausschließlich +galizische, ungarische und rumänische Juden, +führen der Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die +Finger sehen, ansehnliche Summen zu. +</p> + +<p> +Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen: +„<hi rend='italic'>The House of Bondage, by Reginald Wright Kaufmann</hi>“. Es +dürfte wohl das erstemal sein, daß in dem Lande der puritanischen +Heuchelei ein solches Thema von der Dichtung +erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine +literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else +<pb n='74'/><anchor id='Pg074'/>Jerusalems „Der heilige Scarabäus“ messen, und es ist +bezeichnend, daß der mutige Verfasser selbst mit dem +größten Eifer betont, er habe in diesem Werke nichts +weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit +berichten wollen. Im Anhang des Buches sind all die +behördlichen Aktenstücke abgedruckt, welche die Grundlage +zu den Behauptungen des Verfassers gegeben haben. +Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen angesichts +der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus +ihrer traditionellen heuchlerischen Reserve herausgegangen +sind, oder ob sich gar die Behörden zu einem energischen +Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die +niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbuße +an ihren Einkünften erleiden würden, so ist das auch +kaum anzunehmen. Aber einen schönen Erfolg hat der +Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge Herr +Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen +Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in +vielen Tausenden von Exemplaren unter den unteren +Volksschichten, deren Töchter ja hauptsächlich gefährdet +sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht mehr +Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür +verantwortlich gemacht werden, wenn sie in die Schlingen +der gewissenlosen Vogelsteller geraten. +</p> +<note place="margin">Öffentliche und private Moral. +Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit. +Beurteilung des freien Liebesverhältnisses.</note> +<p> +Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in +demselben Lande, in welchem jeder gesellschaftliche +Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte in den Zeitungen +breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer +vor den Reportern sicher ist, aus Anstandsrücksichten +in der gesamten Tagespresse kein Wort über +ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung +des berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben +werden darf. Wir haben hier den für uns überaus seltsamen +<pb n='75'/><anchor id='Pg075'/>Fall, daß selbst der indiskreteste und von Amts wegen +quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der Journalisten +aus Patriotismus eine verblüffende Selbstverleugnung +übt. Die verehrten Pilgerväter schon haben +das Dogma aufgestellt, daß in den Vereinigten Staaten +die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert sei. +Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums +zuliebe wird noch heute der Yankee als ein +untadelhafter Gentleman hingestellt, der mit einer jungen +Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen +oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne menschliche +Begierden zu verspüren. Der Yankee steckt es +lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht sagt, daß seine +smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt +seien; aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller +dürfen es nicht wagen, einen Yankee als Verführer +der Unschuld hinzustellen. Die schärfsten Sozialkritiker, +die realistischen Romanschriftsteller, müssen dieses nationale +Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem +Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segensreiche +Wirkung dieses starr festgehaltenen Vorurteils ist +unzweifelhaft die, daß es im Yankeelande eine pornographische +Literatur überhaupt nicht gibt, daß die schlüpfrigen +französischen Schwänke der Bühne ferngehalten und +der Import von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen +höchstens auf ganz versteckten Schleichwegen stattfindet. +Es muß auch unbedingt zugegeben werden, daß der +zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine +starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit +dem Fehlen ungesunder Reizungen durch schlechte Lektüre +dem jungen Mann, zumal der gebildeten Oberschicht, +eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen bewahrt, +die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße +<pb n='76'/><anchor id='Pg076'/>vorhanden sein dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee +sich durch gewandtes Erzählen von Mikoschwitzen gesellschaftlichen +Ruhm erwerben kann, und daß man selbst +in intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des +Alkohols schwerlich jemals die Sauglocke läuten hört. Es +ist auch richtig, daß ein junger Mann von guter Familie, +der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise +kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner +Standesgenossen verfällt – aber dennoch kann man +nicht aus ehrlicher Überzeugung das Verhalten des Amerikaners +der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung +empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von +Heuchelei zu fördern, die den weniger vom Glück begünstigten +Mitmenschen teuer zu stehen kommt, und +außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in +allen gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in +bezug auf die Erotik das demokratische Prinzip nur +allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall der weiblichen +Ehre wird im Grunde genommen doch nur um +die Angehörigen der eignen Kaste errichtet. Derselbe +wohlerzogene begüterte junge Mann, der die größte Freiheit +im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen +seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht mißbrauchen +würde, macht sich doch schwerlich ein Gewissen +daraus, sich ein Chorusgirl, eine fesche Maniküre, +Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus +dem Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, +und das wird ihm in seinem Kreise auch keineswegs übelgenommen, +wenn er nur von seiner Liebschaft kein großes +Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein Mädchen +unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise +einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen +Gesellschaft, die sich die beste zu nennen beliebt, +<pb n='77'/><anchor id='Pg077'/>dieselbe niederträchtige Doppelmoral wie in der alten +Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen +Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern +Wache halten, aber vielleicht selber auf das schmachvollste +mit dem Glück und der Ehre anderer Mädchen +umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung +ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf +des verfluchten Schwerenöters dem Manne nicht so wie +bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen aus +den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den +höheren geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der +höheren Gesellschaft aufgenommen zu werden, falls es +sich nur <hi rend='italic'>ladylike</hi> zu benehmen versteht; dagegen fällt +der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man +die Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung +des freien Liebesverhältnisses drüben herrscht. +Der Yankee hat für die illegitime Freudenspenderin nur +die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der +Ausdruck <hi rend='italic'>Sweetheart</hi> hat einen verächtlichen Nebenklang +bekommen. Die amerikanische Moral bekreuzt sich entrüstet +vor dem „Verhältnis“ des Deutschen oder vor der +„Collage“ des französischen Studenten. Die amerikanische +junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich +liebenden deutschen „Gretchens“ oder der französischen +Grisette nicht nur für <hi rend='italic'>shocking</hi>, sondern besonders für entsetzlich +dumm halten; denn sie ist gewohnt, möglichst +viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu gewähren. +In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist +folglich die poetische Verklärung eines freien Liebesverhältnisses +völlig unmöglich. Ein Autor, der dergleichen +wagen würde, und sei er selbst ein Mann von anerkannter +Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches +schwer schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich +un<pb n='78'/><anchor id='Pg078'/>möglich machen. Ob bei dieser Anschauung die Heiligkeit +der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu entscheiden, +sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der Liebe +viel dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen +christlich-pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns +Europäern ja geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, +wenn er Glück hat, sein geraubtes Schäfchen +ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter Umständen +sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren +emporarbeiten; landet er aber gleichzeitig sein Liebchen +in Hoboken, so muß er gewärtig sein, daß er sofort vor +die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu heiraten, +oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem +Ozeandampfer wachen scharfe Yankeeaugen über dem +Benehmen der paarweise Reisenden, und wer da nicht +einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der +kann sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung +ersucht zu werden. Sollte es der Yankeerasse +gelingen, die puritanischen Unmenschlichkeiten aus +ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem die +Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen +gegenüber zu bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend +jetzt schon als Begleiterscheinung der körperlichen Reinlichkeit +und der vernünftigen Erziehung auszeichnet, so +dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen der alten +Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber +müssen wir uns doch erlauben, diese gern betonte moralische +Überlegenheit mit einem großen Fragezeichen zu +versehen. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='79'/><anchor id='Pg079'/> +<index index="toc" level1="Liebe und Ehe"/> + <index index="pdf" level1="Liebe und Ehe"/> +<head>Liebe und Ehe.</head> +<note place="margin">Spekulationsheiraten.<lb/> +Rückzahlung der Erziehungskosten.<lb/> +Unverbindliche Kurmacherei.<lb/> +Die Liebe in der Öffentlichkeit.</note> +<p> +So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen +Welt gelegt sind, so viele Geschäfts- und Familienbeziehungen +die Völker diesseits und jenseits des Ozeans +miteinander verbinden, so herrschen gerade über manche +wichtige grundlegende Verhältnisse die gröbsten Mißverständnisse. +Was wissen wir Deutsche z. B. vom +Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir +lesen in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen +Heiraten zwischen Milliardärstöchtern und +europäischen Aristokraten, von Millionenerbinnen oder +Gattinnen von Industriekönigen, die mit Chauffeuren, +Friseuren oder Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit +moralischen Schauder die ungeheuerlich hohen Ziffern, +welche die Statistik über die Scheidungen in den Vereinigten +Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen +Erscheinungen schließen zu dürfen, daß die Yankees +über die Heiligkeit der Ehe äußerst frivol denken und +ihre Töchter nur als Ware, als Tauschobjekt für gute +gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen betrachten +müßten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche +mit einem starken Vorurteil gegen die koketten, herzlosen +und anspruchsvollen Yankeemädchen nach Dollarica; +wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen +und aus nächster Nähe die Frage der Liebe und der Ehe +im Yankeelande zu studieren, der dürfte doch bald zu +einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen wird +ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den +Sitten und Gewohnheiten der paar Hundert +Multimillio<pb n='80'/><anchor id='Pg080'/>näre und denen der überwältigenden Mehrheit des übrigen +Volkes zu unterscheiden. Es brauchte nicht erst der gute +und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit +zu offenbaren, daß Frauen desto unglücklicher, unzufriedener +und zu törichten Streichen geneigter sind, je +reicher sie werden; das ist eine uralte Weisheit, die wir +bei uns zu Lande ebenso oft bestätigt finden können, +wie irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionärs, +die ganz in gesellschaftlichen Interessen aufgeht, +ihre Nerven in einer sinnlosen Hetze von Vergnügen +zu Vergnügen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, +von bloß spielerischer bis zu wirklich angreifender Tätigkeit +aufreibt, dabei drei- bis viermal täglich die Toilette +wechselt, unsinnigen Moden zuliebe ihre Gesundheit aufs +Spiel setzt und jede ihrer Launen rücksichtslos befriedigen +kann, die muß natürlich, falls sie nicht einen unverwüstlich +guten Kern besitzt, ihre Nervenüberreizung +irgendwie büßen. Die tollen Streiche ihrer Laune, ihre +frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur Folgeerscheinungen +eines seelischen Schadens, der aus der +zerrütteten körperlichen Grundlage erwuchs wie der +Schwamm aus einem faulen Balken. Ebenso begreiflich +ist es, daß die Männer jenes Kreises, sobald der aufgehäufte +Dollarberg ihnen bis über die Nase steigt und +sie zu ersticken droht, bedenkliche Kongestionen nach +dem Kopfe bekommen, die zunächst dazu zu führen +pflegen, daß sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsätze +vergessen und mit ihrem Überfluß das einzige zu +erreichen trachten, was drüben für kein Geld zu haben +ist, nämlich einen Abglanz feudaler Herrlichkeit. Da +sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fürsten- und Grafenkronen +auf dem Kopfe herumlaufen können, ohne sich +lächerlich zu machen, so kaufen sie diese schönen Dinge +<pb n='81'/><anchor id='Pg081'/>ihren ehrgeizigen Töchtern und füttern ihre Eitelkeit +mit dem Bewußtsein, mit dem ältesten Adel Europas +wenigstens verschwägert zu sein und als Großpapas +Prinzlein und Komteßlein auf ihren Knien schaukeln +zu dürfen. Und dennoch ist gerade für die Vereinigten +Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mädchenschacher. +Man darf getrost behaupten, daß in keinem +Lande der Welt den Töchtern eine größere Freiheit der +Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten +Staaten, und daß auch nirgends das Spekulieren der +jungen Männer mit einer fetten Mitgift weniger im Schwang +sei. Es ist nämlich durchaus nicht Sitte, den Töchtern +eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute machen +hiervon eine Ausnahme. In der überwältigenden Mehrzahl +der Yankeefamilien, von den untersten bis zu den +obersten Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig +daran, sich selber als Rentier zur Ruhe zu setzen, +so lange er noch imstande ist, einen Brief zu diktieren +und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwählten +seiner Tochter in den Jahren seiner besten Kraft +in Gestalt eines Kapitals eine faule Haut zu unterbreiten, +auf der Schwiegersohn und Tochter sich behaglich räkeln +dürften. Die jungen Leute mögen sich im stillen auf die +fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber +sich gefälligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres +Lebens nach ihrem eignen Verdienst gestalten. Dieser +höchst vernünftige und gesunde Grundsatz führt zu der +selbstverständlichen Folge, daß drüben viel mehr aus +Liebe geheiratet wird, als bei uns. Außerdem wird aber +auch viel früher geheiratet, weil schon die Kindererziehung +darauf ausgeht, eine frühe Selbständigkeit der Charaktere +zu erzielen, und weil die Lebensverhältnisse heute wenigstens +noch so sind, daß ein junger Mensch, der etwas +<pb n='82'/><anchor id='Pg082'/>gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel früher als bei +uns zu einem leidlich anständigen Einkommen gelangen +kann. Ein junger Mann am Anfange der Zwanziger, +der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau ernähren +kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden +der Ehe und der Häuslichkeit zu verzichten, denn er +kann sich ja ein Mädchen suchen, das auch in einem +praktischen Beruf tätig ist und ein selbständiges Einkommen +daraus bezieht. Wer in der teuren Großstadt +noch nicht imstande wäre, von seinem Einkommen eine +dürftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet weit +draußen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht +einen Platz, wo er mit demselben Einkommen +ein ganzes Haus nebst Dienerschaft sich leisten kann. +Die vernünftige Erziehung, bei der die beiden Geschlechter +stets auf dem Fuße der Gleichberechtigung und der guten +Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl +ein wenig Vererbung aus den Zeiten puritanischer Sittenstrenge +erhalten den jungen Mann gesund und keusch in +seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das +normale und schönste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen +in einem Alter, in dem der junge Europäer sich auf seine +frivole Weiberverachtung besonders viel einzubilden pflegt. +Es kommt auch wohl noch dazu, daß, wie gesagt, ein sehr +großer Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden +seine Existenz zu begründen beginnt, wo er keinen +menschenwürdigen Ersatz für die eheliche Gemeinschaft +zu finden hoffen darf. Und schließlich gibt es in Amerika +noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den +heiligen Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten +Volksschichten allgemein eingeführte Sitte. Es gilt +nämlich in der Yankeefamilie als ganz selbstverständlich, +daß der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie +selb<pb n='83'/><anchor id='Pg083'/>ständig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen +Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees +so vernünftig ist, die geschäftliche Behandlung praktischer +Fragen auch in den intimsten Beziehungen zwischen +Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht für +gefühlsroh zu halten, so erwägt man im Familienrate in +aller Gemütsruhe, wie viel jedes einzelne Kind im Verhältnis +zu den Aufwendungen, die für seine Erziehung +gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise +den Eltern zurück zu erstatten habe. Man hört selten +davon, daß sich ein übel geratenes Kind dieser Zahlungspflicht +gegen die Eltern entzieht, noch viel weniger davon, +daß die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern +und erwachsenen Kindern unter solcher Geschäftspraxis +leide. Die Eltern spannen vielmehr ihre Kräfte aufs +äußerste an, um ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung +zu geben, weil sie wissen, daß sich das aufgewendete +Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und +die Kinder werden durch diese geheiligte Sitte von früh +an in ihrem Pflichtbewußtsein und in ihrer selbstlosen +Schätzung des Familienlebens gestärkt. Während also +unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten +Selbstsüchtling erziehen, der sich kein Gewissen +daraus macht, den Eltern noch Jahre auf der +Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um +den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann +nur zu verkaufen geneigt ist, wenn ihn der Suff und die +Weiber an Leib und Seele schon bedenklich mürbe gemacht +haben, kann sich die amerikanische Sitte und Erziehungskunst +etwas darauf einbilden, das denkbar beste Männermaterial +für den heiligen Ehestand stets frisch und in +reichlicher Quantität auf Lager zu haben. Von nicht +zu unterschätzender Bedeutung dünkt mich auch der +<pb n='84'/><anchor id='Pg084'/>Umstand, daß die englische Sprache keinen Unterschied +von Du und Sie kennt, indem nämlich das Fürwort <hi rend='italic'>thou</hi>, +also das eigentliche du, nur noch in der Poesie und im +Gebet angewendet wird, während <hi rend='italic'>you</hi> – gleich Ihr – +schon seit Jahrhunderten ausschließlich als Anrede bei +Hoch und Niedrig in den intimsten wie in den fremdesten +Beziehungen verwandt wird. Es fällt also auch im Verkehr +der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das +förmliche Sie bei uns errichtet, und der Übergang zwischen +einer bloßen guten Bekanntschaft in höflichen Formen +zur Freundschaft oder Liebe markiert sich äußerlich gar +nicht. Die jungen Männer und Mädchen, die durch gemeinsamen +Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen +Verkehr der Eltern schon in der Kindheit auf +kameradschaftlichen Fuß gekommen sind, behalten übrigens +auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen, +bis ins heiratsfähige Alter bei. Ein junger Mann kann +mit Dutzenden von jungen Mädchen seines Kreises auf +diesem kameradschaftlichen Fuße stehen; ein junges +Mädchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins +Theater, morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer +Bootfahrt, übermorgen von ihrem Freunde Tom zum +Baden abholen lassen, ohne daß die ganze Freundschaft, +Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darüber +die Köpfe zusammensteckt und ein eifriges Getuschel +beginnt. Die Verkehrsformen zwischen den jungen Leuten +sind allerdings nach den Begriffen einer ehrsamen deutschen +Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu +leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der +besonderen Art, wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschäftigung, +den Flirt, ausübt, wenig erbaut sein. +Deutsche junge Mädchen, die schon als Erwachsene hinüber +kommen, finden auch meist diesen Ton und diese +<pb n='85'/><anchor id='Pg085'/>Verhältnisse wenig nach ihrem Geschmack. Selbst wenn +sie Talent zur Koketterie haben und darin rasche Fortschritte +machen, so ärgert es sie doch, daß sie nie wissen, +wie sie mit den amerikanischen jungen Männern eigentlich +daran sind, weil sich der Unterschied zwischen einem +frivolen Kurmacher und einem Anbeter mit ernsten Absichten +viel weniger leicht bemerkbar macht, als bei +uns. Der junge Amerikaner der höheren Schichten kann +jahrelang ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften +mit Töchtern seines Kreises unterhalten, und +dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz überraschend +irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht +groß darüber wundern, wenn eine seiner Freundinnen +seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und ihn urplötzlich +mit der Frage überrascht: „Was meinst du, Jim, wir +könnten doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?“ +Der jungen Amerikanerin geht auch ganz die heimliche +Angst deutscher junger Mädchen ab, als ob der freie +Verkehr mit jungen Männern zu einer Überrumpelung +in einer schwülen Stunde führen könnte, denn sie weiß +ganz genau, daß der junge Mann, der einen solchen Vertrauensbruch +begehen würde, der lebenslangen Ächtung +in seinem Kreise verfallen würde. Sie weiß ebenso genau, +daß ihr Freund, falls sein Temperament ihm keine Ruhe +läßt, außereheliche Freuden bei den leichten Mädchen +geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens +auch nicht besonders übel nehmen. Aus solchen Anschauungen +und Gewohnheiten erklärt es sich, daß in +den Vereinigten Staaten der Typus Don Juan, der kecke +Herzensbrecher, gefährliche Schwerenöter und verfluchte +Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Männlichkeit +darstellt, weder dem Geschmack der Männer, noch +dem der Frauen nach, sondern daß dieses Ideal +viel<pb n='86'/><anchor id='Pg086'/>mehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschützer weiblicher +Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle +Launen seiner Schönen lächelnd erduldenden und stets +dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie der Liebe, +wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fällt durch solche +Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt +der deutschen Dichtung, das unbedenklich dem +Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos sich hingebende +und schwärmerisch sich aufopfernde junge Mädchen +würde nach amerikanischer Auffassung nur eine +leichtsinnige Person oder eine dumme Gans sein. Und +dem männischen Mann, dem rücksichtslosen Eroberer, +dem Schrecken und der süßen Sehnsucht deutscher +Frauenherzen, würde einfach der Charakter als Gentleman +abgesprochen werden. Bezeichnenderweise kommen +diese Typen in der amerikanischen Literatur auch gar +nicht vor. „Das süße Mädel“, wie Schnitzler und ich es +novellistisch verherrlicht haben, findet auch durch die +Hintertür der Übersetzung keinen Einlaß in die amerikanische +Poesie. Von meinem Roman „Das dritte Geschlecht“ +liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische +Übersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, +weil die darin gepredigte Philosophie der Liebe +<hi rend='italic'>shocking</hi> ist. Überaus lehrreich war für mich die Bekanntschaft +mit einem modernen Thesendrama „<hi rend='italic'>The easiest +way</hi>“ (der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen +jungen Dramatiker Walter, der drüben als ein kühner +Pfadfinder gilt. Das freie Verhältnis eines reichen Geschäftsmannes +mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt +der Handlung. Das Mädchen hat eine tiefe Sehnsucht +nach der bürgerlichen Anständigkeit und dem behördlich +approbierten heiligen Ehestand. Der Verfasser +jedoch scheint es als selbstverständlich anzusehen, daß +<pb n='87'/><anchor id='Pg087'/>solche gefallenen Mädchen niemals die Kraft finden +können, einem faulen, eiteln Genußleben zu entsagen. +Er läßt ihren Aushälter mit seiner trotz aller Großmut +doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das +Mädchen im Sumpf zu Grunde gehen. Für amerikanische +Begriffe war es, wie gesagt, schon eine ungeheure Kühnheit, +solch ein illegitimes Verhältnis überhaupt auf die +Bühne zu bringen. Erträglich wurde diese Kühnheit für +das Theaterpublikum drüben nur durch den moralischen +Standpunkt, den der Verfasser einnahm. Sein grausamer +Schluß entsetzte freilich die zarten Gemüter nicht wenig; +aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die verlogene +Sentimentalität einer Kameliendame, als der aus Mitleid +und tiefem Verständnis für alles Menschliche geborene +ehrliche Realismus der modernen europäischen Dichtung. +Wie im Theater und in der Literatur, so spähen wir +Deutsche auch in der Öffentlichkeit vergebens nach den +uns vertrauten Äußerungen der Verliebtheit. Liebespärchen, +welche in dunkeln Ecken von Biergärten Hand +in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem Glase +trinken, von einem Butterbrot abbeißen, oder etwa gar +im Eisenbahncoupé wie angeleimt dicht nebeneinander +hocken und sich fortwährend zärtlich tätscheln und heimlich +drücken, dürften wohl drüben zu den Unmöglichkeiten +gehören. Kaum daß man einmal auf den Bahnhöfen +Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich +küssen sieht. Ob deswegen die Amerikanerin weniger +zärtlich oder gar feurig sei, als europäische Frauen, wage +ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer +Amerikanerin verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise +jemals ein Verhältnis mit einer solchen gehabt. +</p> +<note place="margin">Die Scheidung.<lb/> +Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.</note> +<p> +Der Sinn für Romantik in der Liebe geht jedoch den +Amerikanern keineswegs gänzlich ab, was man daraus +<pb n='88'/><anchor id='Pg088'/>erkennen kann, daß abenteuerliche Entführungen viel +mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo +sonst. Aber freilich, was will eine Entführung in dem +Lande der Freiheit groß bedeuten! Die Eltern lassen ja +ihren erwachsenen Kindern fast durchweg freie Wahl; +ihrer Erlaubnis zur Heirat bedürfen die Töchter in den +meisten Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und +auch dann ist es sehr leicht, einen gesetzlichen Dispens +zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge Mädchen heiraten +bloß, weil ihnen das Entführtwerden so viel Spaß +macht. Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da +man mittags durchbrennen und sich abends schon als +Ehepaar den erstaunten Eltern präsentieren kann. Man +braucht bekanntlich drüben nicht drei Wochen zu hängen +oder in der Kirche aufgeboten zu werden, sondern man +holt sich einfach von der zuständigen Magistratsperson +einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald +man beschwört, daß keine gesetzlichen Hinderungsgründe +vorliegen. Mit diesem Schein geht man zum +nächsten besten Pastor und läßt sich auf der Stelle trauen, +bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben. +Glücklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder +auseinander kommen. Zwar sind in betreff der Scheidung +die Gesetze in den einzelnen Staaten sehr viel +verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer +in seinem Staate auf Schwierigkeiten stößt, der verfügt +sich eben in einen weitherzigeren und bequemeren Staat +und riskiert höchstens, daß er sich dort einige Zeit aufhalten +muß, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze +genießen darf. Es könnte wunder nehmen, daß dieselben +Yankees, die vielfach noch sehr puritanisch streng über +die Ehe denken, die Scheidung so überaus erleichtern; +der praktische Erfolg hat aber gelehrt, daß hier, wie so +<pb n='89'/><anchor id='Pg089'/>oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten +Weg gewiesen hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die +besonderen Verhältnisse des jungen Landes begünstigen +das frühe Heiraten; da nun aber ein despotisches Eingreifen +des elterlichen Willens durch die demokratischen +Grundsätze ausgeschlossen erscheint, so kommen die +Ehen fast allein durch die Leidenschaft mehr oder minder +unreifer Menschen zustande, welche durchaus noch nicht +fähig sind, sich über ihre eigenen sittlichen Kräfte, noch +über die Kämpfe und Hemmungen, denen sie in ihren +besonderen Lebensverhältnissen entgegengehen, ein Urteil +zu bilden. Es werden sich folglich sehr viele dieser +jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wäre nun +diesen unglücklich Gepaarten ein Loskommen voneinander +unmöglich gemacht oder auch nur beträchtlich erschwert, +so würde bald das ganze Land überschwemmt sein von +verärgerten, zähneknirschenden, entmutigten Menschen, +welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe +bedeuten würden. So aber weiß jeder beim Eingehen +seiner Ehe: Habe ich mich gröblich getäuscht, nun dann +ist’s auch weiter nicht schlimm; eine Scheidung kostet +nicht den Kopf, und das nächste Mal kann ich es ja besser +treffen. Selbstverständlich wird die leichte Scheidungsmöglichkeit +aus bloßer Veränderungssucht viel mißbraucht +werden, aber sicherlich nicht so viel, wie ängstliche +Gemüter sich vorstellen mögen, denn die liebe Gewohnheit +vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen +zu bändigen. Das Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl +des Mannes, besonders bei einer allgemein ritterlich veranlagten +Rasse, und die Liebe zu den Kindern und zur +Häuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umständen +einen starken Schutzwall wider den rücksichtslosen Leichtsinn +auf. Übrigens ist die Gefahr der unglücklichen Ehen +<pb n='90'/><anchor id='Pg090'/>auch schon dadurch herabgemindert, daß die ganze +Yankeerasse nüchterner denkt als wir und sich daher +über Liebe und Ehe auch weniger Illusionen macht. Das +Denken ist überhaupt dieses Volkes Sache nicht, es wird +daher um so stärker von der Tradition beherrscht, ist +auch von den Einflüssen der Erziehung, der Schule abhängiger +und darum in seiner Masse viel gleichartiger +an Charakter und Gemüt als wir. Durch diese Gleichartigkeit +fällt von vornherein der bei uns häufigste Grund +der Ehestörung fort. Hyperästhetische, dekadente Männer +oder verzwickte Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei +uns als schreckhafte Beispiele schwierigster Ehegesponse +herumlaufen, dürfte man drüben nur sehr selten antreffen. +Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann +für die Frau bequemer als der deutsche. Er fühlt +sich durch ihre nach unseren Begriffen oft unverschämten +Ansprüche nicht weiter gekränkt, weil ihm die Verehrung +für das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es +dünkt ihm ganz in der Ordnung, daß einer für das Vergnügen, +mit einer hübschen und eleganten Frau prahlen +zu dürfen, einen gehörigen Preis zahlen, d. h. bis an sein +Lebensende sich mächtig anstrengen muß. Wie der Mann +das viele Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich +gleichgültig, denn für ihr gesellschaftliches Ansehen macht +es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder mit Juwelen +handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider Industriekapitän, +Beamter, Anwalt, Arzt oder Künstler ist. +Der gesellschaftliche Rang des Gatten hängt vielmehr +davon ab, ob er einer mehr oder minder alten Familie +angehört, die schon lange Wohlstand und Ansehen genießt, +oder ob er ein Emporkömmling ist, von dem man in der +guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiß. Eine gescheite +und reizvolle Frau kann die gesellschaftliche +<pb n='91'/><anchor id='Pg091'/>Stellung ihres Mannes wesentlich verbessern, indem sie +mit Kreisen in Fühlung kommt, die über denen stehen, +aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hält es +darum auch für ihre vornehmste Pflicht, sich ihre Schönheit +zu erhalten, ein elegantes Haus zu machen und +feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche +gesellschaftlich geschickten Frauen gemütlos und geistig +beschränkt sind, dann können sie natürlich auch den +geduldigsten Mann durch ihre törichten Ansprüche zur +Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug +genug, sich gerade dann, wenn sie die ärgsten Zumutungen +an seinen Geldbeutel und seine Geduld stellen, die größte +Mühe zu geben, ihn bei guter Laune zu erhalten. Die +kleinlich eifersüchtige, keifende, den Hausschlüssel verweigernde +deutsche Philisterfrau aus den „Fliegenden +Blättern“ wird man drüben nicht oft finden; dagegen +ist die putzsüchtige, mit dem Scheckbuch des Gatten +täglich die Warenhäuser heimsuchende und ihre Zeit in +nichtigen Vergnügungen und spielerischer Vereinstätigkeit +verzettelnde Hausfrau sicher noch häufiger zu finden +als bei uns. Es wäre aber doch wohl ungerecht, +deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die Fähigkeit +zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. +Man hört sogar nicht selten von jungen Mädchen +aus wohlhabenden Familien, die mit ihrem Erwählten +in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich +unter rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. +Auch versteht es die Amerikanerin in beschränkten +Verhältnissen beinahe so gut wie die Französin, +ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich +gut anzuziehen und ihren Körper trotz der Arbeitslast +frisch zu erhalten. Die Frau, die nur unter furchtbarem +Getöse die Haushaltungsmaschine in Gang zu halten +<pb n='92'/><anchor id='Pg092'/>versteht, immer seufzt und stöhnt, nie angezogen ist, +und, sobald sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr +Äußeres, ihre kleinen Talente und ihren Bildungstrieb +vernachlässigt, die soll drüben angeblich nicht existieren +– auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des +Farmers ist eine Lady, der niemals der Mann schwere +Feldarbeit zumuten würde, und ihre Töchter spielen +Klavier und besuchen die höheren Schulen. Die arbeitende +Frau des Mittelstandes mag zwar nüchtern und uninteressant +sein, aber sie teilt doch meistens die glücklichste +Eigenschaft ihrer Rasse, nämlich die leichte Anpassungsfähigkeit +an die verschiedenen Glücksumstände. Es wird +nicht oft vorkommen, daß eine Frau ihren Mann, wenn +er plötzlich zu großem Reichtum gelangt, in einer vornehmeren +Gesellschaftsschicht durch schlechte Manieren, +schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren +sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit +der ganzen Rasse eigen zu sein, und es macht +sich selbst bei jenen armen Geschöpfen noch angenehm +bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu +Freiwild für die illegitimen Begierden der Männer bestimmt +hat. Einige gefällige Amerikaner veranstalteten +zum Vergnügen des Gefolges unseres Prinzen Heinrich +seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime Abendgesellschaft +– für jeden der Herren war ein gefälliges +Chorusgirl eingeladen worden. Und das Benehmen dieser +leichten Mädchen war so anmutig, der Ton der Unterhaltung +so gesittet, daß die Herren glaubten, einer Einladung +in ein feines Töchterpensionat gefolgt zu sein +und gar nicht genug Rühmens von dieser liebenswürdig +kaschierten Frivolität machen konnten. +</p> +<note place="margin">Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.</note> +<p> +Man mag diese unzweifelhaften Vorzüge als Äußerlichkeiten +gering einschätzen und ihnen gegenüber die +<pb n='93'/><anchor id='Pg093'/>Gemütstiefe, die Pflichttreue, die enthusiastische Opferfreudigkeit +und edle Mütterlichkeit der deutschen Frau +als das Größere und Ausschlaggebende hinstellen, man +mag sogar die Liebesfähigkeit des Yankees in Zweifel +ziehen, aber man darf nicht leugnen, daß durch Gesetz, +Sitte und Herkommen für den heiligen Ehestand drüben +besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich +einem Zweifel unterliegen, daß die allgemeine Heiratslust +der Jugend einem Volke das sicherste Gesundheitszeugnis +ausstellt. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='94'/><anchor id='Pg094'/> + <index index="toc" level1="Die Dienstbotenfrage"/> +<index index="pdf" level1="Die Dienstbotenfrage"/> +<head>Die Dienstbotenfrage.</head> +<note place="margin">Der schwarze Fensterputzer.<lb/> +Straßendemonstrationen.</note> +<p> +Es war in Philadelphia. Mir gegenüber im zweiten +Stockwerk eines netten, epheuumrankten Familienhauses +war ein junger Nigger mit Fensterputzen beschäftigt. +Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flügelfenster, +sondern ausschließlich jene greulichen englischen +Schiebefenster, welche ein behagliches Hinausschauen, +ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer rasch +vorüber brausenden Straßensensation fast unmöglich +machen. Denn die Fenster sind fast durchweg so niedrig +über dem Fußboden angebracht, daß die bewegliche +untere Hälfte einem ausgewachsenen Menschen kaum +bis zur Brusthöhe reicht. Wenn man also hinausschauen +will, so muß man, um nicht etwa das Übergewicht zu +verlieren und kopfüber hinauszupurzeln, schon auf den +Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei +etwaigem schlechten Funktionieren der Sperrfedern geköpft +zu werden, unter die gläserne Guillotine stecken. +Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem Fensterbrett +gemütlich gemacht; das eine Bein hing auf die +Straße hinaus, obwohl es empfindlich kalt an diesem +sonnigen Januartage war. Während er sein Handwerkszeug, +Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedächtig +auf dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich +eins, blickte die schmale Seitenstraße hinunter und die +breite Avenue hinauf (denn es war ein Eckhaus). Da +doch vorläufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte +er sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter +Stirn aufwärts. Er dachte offenbar angestrengt über das +<pb n='95'/><anchor id='Pg095'/>Problem nach, wie er wohl, ohne sein kostbares Leben +zu gefährden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit +dem Oberkörper rückwärts hinausgelehnt und nur mit +einer Hand am Fensterrahmen in der Mitte sich festklammernd, +die obere Scheibe von außen reinigen könnte. +Da er zu diesem waghalsigen Turnerstückchen sich nicht +aufgelegt fühlte, so schüttelte er seinen dicken Wollkopf +und versuchte, wie weit er mit ausgestreckter Hand über +sich emporreichen könnte. Die Fingerspitzen langten nur +gerade ein weniges über die mittlere Rahmenleiste hinaus; +das genügte ihm aber vorläufig. Er ergriff seinen Lappen +und wischte am äußeren unteren Rande der Mittelleiste +ein wenig Staub hinweg. Darauf erhob er sich und befummelte +im Stehen die innere Seite des hinaufgeschobenen +Fensters. Er ließ sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne +deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als +die innere obere Scheibe seiner Meinung nach genügend +sauber war, nahm er wieder auf dem Fensterbrett Platz +und ließ sein linkes Bein, dessen zierliches Plattfüßchen +mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder +ins Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untätig +vor sich hingeträumt hatte, unternahm er den Versuch, +die innere Fensterhälfte herunterzuziehen, um nunmehr +das Glas von außen zu bearbeiten. Es dauerte sehr lange, +bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu +bringen, und als er es endlich glücklich los hatte und nun +versuchte, die schwere Glasscheibe auf seinem rechten +Knie so zu stützen, daß ein genügend großer Spalt offen +blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, +fand er alsbald, daß er sich dadurch in eine höchst unbequeme +Lage begeben und besonders seinem zarten +Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also stöhnend +und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich +<pb n='96'/><anchor id='Pg096'/>mit dem Ärmel über den Schädel und fletschte zornig +sein anmutiges „G’frieß“ gegen die Scheibe hinauf – +gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der Kommode +böse sind, an der sie sich gestoßen haben. Plötzlich +verklärte sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. +In der Ferne ließ sich Militärmusik vernehmen. +Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde ganz +Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus +wie möglich und spähte die breite Hauptstraße hinunter. +Etwas ganz besonders Herzerhebendes mußte da los sein, +denn mein Nigger klatschte begeistert in die Hände und +zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreißend, die lachenden +Zähne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls +mein Fenster hoch, kniete auf den Boden nieder und +reckte den Hals hinaus, um mir den seltenen Anblick +eines militärischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen. +Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, +etwas ganz spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und +Strolche vorweg, dann eine uniformierte Kapelle und +dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger Parademarsch, +inszeniert von einem politischen Boß und ausgeführt von +einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner +gesetzten Alters, wohl genährt, sauber und +glatt rasiert, alle mit den gleichen gelben Gamaschen, +denselben Schlipsen, denselben Hüten und denselben +Bambusstöcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die +Gewehre aufrecht an die Schulter gedrückt trugen, wie +ehemals unser Militär bei dem Griff „faßt das Gewehr +an“. Ein gerade zu Besuch anwesender Eingeborener +erklärte mir, daß die Parteikasse die Ausrüstung an +Gamaschen, Schlipsen, Hüten und Spazierstöcken stelle +und diese öffentlichen Umzüge ansehnlicher, sichtbarlich +satter und zufriedener Mitbürger von Zeit zu Zeit +ver<pb n='97'/><anchor id='Pg097'/>anstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie gut es sich +unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhört +fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straßenkreuzung +postiert war, führte vor Vergnügen über diesen gelungenen +Aufzug einen veritablen Cakewalk nach dem munteren +Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster putzendes +Niggerlein jauchzte vor Vergnügen über solchen grotesken +Anblick und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er +ein tanzendes Zirkuspferd zwischen den Schenkeln hätte. +Offenbar gehörten der cancanierende Schutzmann und +der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der +Demonstranten an und fühlten sich durch den erhebenden +Parademarsch ihrer Vertrauensmänner in ihren patriotischen +Gefühlen angenehm gekitzelt. – Bis der letzte +Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverständlich +der farbige Jüngling gegenüber nicht daran, +sein Fenster wieder vorzunehmen. Dann aber griff er +tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und hielt es nachdenklich +in der Hand, während seine schwarzen Sammetaugen +sich bekümmert an den dummen Fensterrahmen +hefteten, der so gar keine Miene machte, von selber zu +ihm herunter zu kommen. Plötzlich kam wieder Leben +in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly +drehte den Kopf über die Schulter und äugte höchst gespannt +die Avenue hinauf. – Wahrhaftig, noch eine +Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt, paarweise +nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der +Bambusrohre mit Nickelknöpfen schulterten sie ihre +Regenschirme. Die schwarzen Herren waren auf dem +Wege zum Oberbürgermeister, um feierlich bei ihm vorstellig +zu werden, daß er die fromme Quäkerstadt beschützen +möge vor dem Satansgreuel der Salome von +Richard Strauß, deren Aufführung in Philadelphia eine +<pb n='98'/><anchor id='Pg098'/>fremde Operntruppe angekündigt hatte. Es wäre eigentlich +passend gewesen, daß der fette schwarze Schutzmann +an der Straßenkreuzung bei dieser Gelegenheit den Tanz +der sieben Schleier aufgeführt hätte. Aber er schien zu +Richard Strauß und seiner Kunst noch nicht Stellung +genommen zu haben, denn er ließ die Parade ohne sichtliche +Gemütsbewegung vorüberziehen und sorgte nur +dafür, den Wagenverkehr derweil zu bändigen. – Mein +Fensterputzer stierte blöd der schwarzen Prozession nach, +bis sie um die Ecke verschwunden war; dann führte er +mit seinem kalt gewordenen Spielbein einige Freiübungen +aus und war eben dabei, tatsächlich seinen Schwamm +ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den +Versuch einer flüchtigen Wäsche von außen zu wagen, +als es vom nächsten Kirchturm zwölf schlug. Der +Schwamm flog ins Becken, das Bein über das Fensterbrett +und der schwarze Jüngling davon zum schwer verdienten +Lunch. Ich vermute, daß er am nächsten Ersten +um eine Lohnerhöhung eingekommen ist. +</p> +<note place="margin">Pflichten und Rechte des Dienstpersonals.</note> +<p> +Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers dürfte +einigermaßen typisch sein für den Eifer, mit dem häusliche +Dienstleistungen in den Vereinigten Staaten verrichtet +werden. Gewiß arbeitet ein frisch von Europa +eingewandertes Hausmädchen fleißiger und gründlicher, +dafür ist es aber auch sehr viel anmaßender und sehr +viel schwieriger zu behandeln als der Niggerboy, der +doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn +er ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich +die Frage aller Fragen, nicht nur für die Hausfrau +des amerikanischen Mittelstandes. Die ganz reichen Leute +freilich leisten sich einen englischen <hi rend='italic'>Butler</hi> (Haushofmeister), +einen französischen <hi rend='italic'>Valet de chambre</hi>, einen +italienischen Koch, einige griechische Lakaien von +klassi<pb n='99'/><anchor id='Pg099'/>scher Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und +etliche appetitliche irische Mädchen. Für Geld, d. h. für +sehr viel Geld ist natürlich auch eine aristokratisch luxuriöse, +gut gedrillte Dienerschaft in den Vereinigten Staaten +zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem +Vermögen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere +armen Schlucker von Regierungspräsidenten, Generalmajoren, +Oberpostdirektoren und beliebten Schriftsteller +besitzen, können sich eine perfekte Köchin und noch ein +tüchtiges Stubenmädchen dabei schwerlich leisten. Denn +eine Köchin, die etwas Eßbares zu kochen imstande ist, +dürfte unter 100 Mk. Monatslohn nicht zu haben sein, +und 10 Dollars muß man sogar für einen frisch importierten, +unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese +Damen bereits ein paar Monate im Lande, so daß sie +sowohl von der Sprache wie von dem Wesen ihrer staatsbürgerlichen +Rechte einigen Begriff haben, so machen +sie mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen +Paragraphen, welche genau ihre Pflichten und Rechte +festlegen. Darin ist bestimmt, daß sie außer dem Sonntag, +an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuräumen +haben, noch an einem Wochentag ausgehen, +ferner das <hi rend='italic'>Parlor</hi> (Wohnzimmer) bei Besuchen ihrer +Freunde und Verwandte mitbenutzen und selbstverständlich +ohne Kündigung abziehen dürfen, sobald es ihnen +beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit +verrichten diese Damen grundsätzlich nicht, dazu müssen +extra Nigger, Chinesen, Polacken oder dergleichen Kroppzeug +gehalten werden. Verlangt die Hausfrau irgendwelchen +Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert +oder landesüblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr +das Fräulein achselzuckend: „<hi rend='italic'>That’s not my business, +Ma’m</hi>“ – und fertig. Ein Mädchen, das für die Küche +<pb n='100'/><anchor id='Pg100'/>angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem +Hausherrn einen Knopf annähen; und ein Hausmädchen +wird sich auch im Falle der höchsten Not schwerlich +herbei lassen, ein Kind aufs Töpfchen zu setzen. Einer +geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel +zu putzen, wäre ungefähr gleichbedeutend mit schwerer +körperlicher Mißhandlung. Eine junge deutsche Dame, +die einen amerikanischen Landsmann geheiratet hatte, +erzählte mir, daß sie, um den Schwierigkeiten der Dienstbotenwirtschaft +zu entgehen, sich eine alte, treu anhängliche +Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in +der Familie gewesen war. Nach drei Wochen bereits +habe sie ihr die Stiefelbürste vor die Füße geworfen und +erklärt, daß sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche +entwürdigende Zumutung noch länger gestellt würde. +An einer Frauenuniversität, an der ich eine Vorlesung +gehalten hatte, wurde mir das einzige für männliche +Gäste reservierte Zimmer zum Übernachten angewiesen, +in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden +pflegte, wenn er zur Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte +im Badezimmer ein schön poliertes Mahagonikästchen, +und als ich es neugierig öffnete, fand ich darin +ein komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mußte +sich also auch höchst eigenhändig seine Stiefel putzen, +da es im Gebiete der Damenuniversität natürlich keinen +öffentlichen Wichsier gab. Daß gerade gegen die ehrenhafte +Betätigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil +besteht, ist um so merkwürdiger, als der freie Amerikaner +niederen Standes es sonst durchaus nicht für unter seiner +Würde hält, seine Karriere als Inhaber eines Straßenwichsstandes +zu beginnen und als nicht wenige der heutigen +Multimillionäre in diesem Geschäft den Grundstock +ihres Vermögens legten! +</p> + +<pb n='101'/><anchor id='Pg101'/> + +<note place="margin">Karriere besserer Dienstmädchen.</note> + +<p> +Deutsche Dienstmädchen gibt es schon lange kaum +mehr; die meisten der Damen, die so anfingen, fahren +heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn wenn sie +auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten +und einigermaßen nett anzusehen waren, wurden sie mit +Wonne von besser situierten Landsleuten geheiratet. Auch +die einstmals als Hausmädchen besonders beliebten Irinnen +trifft man heute höchstens noch in sehr vornehmen Hotels +in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer +sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer +7 $, also gegen 30 Mk. pro Tag! Selbstverständlich +denken seine Töchter nicht daran, in Dienst zu gehen, +auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und +gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwärtig sind +Ungarinnen besonders gefragt, und wer eine solche dralle, +hochgestiefelte Pußtadirne nicht erschwingen kann, der +nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin oder dergleichen +vorlieb. Wer aber dem ewigen Ärger und der +ewigen Angst, ob er morgen noch auf die Unterstützung +seiner Perle zu rechnen oder abermals den Gang aufs +Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner Konstitution +nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfühlig ist, +um Menschen seinesgleichen, freie Mitbürger in unwürdiger +Abhängigkeit zu erhalten, der verzichtet überhaupt +auf häusliche Dienstboten. Und zu diesen vernünftigen +Leuten gehören fast alle Männer, die das Glück hatten, +eine Frau zu erwischen, die von Küche und Haushalt +etwas versteht, und der eine rege Betätigung im eignen +Heim mehr Freude macht, als das fade Gesellschaftsleben +und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnügen +zu Vergnügen. +</p> +<note place="margin">Der Professor als Mädchen für Alles.</note> +<p> +An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim +Spaziergang durch eine der reizenden ländlichen +Uni<pb n='102'/><anchor id='Pg102'/>versitäten des Nordens eine meiner neuen Bekanntschaften +von einem Diner am vorhergehenden Abend. +Es war ein hochgewachsener, schlanker junger Herr in +den Dreißigern, der in einen höchst eleganten Sealskinpelz +gehüllt, einen glänzend gebügelten Zylinderhut auf +dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder +Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zähnen – +einen eleganten Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! +Lebhaftes Interesse für seinen glücklicherweise +schlummernden Sprößling heuchelnd, begrüßte ich den +Herrn Professor. Er mochte mir wohl anmerken, daß +mir begriffsstutzigen Europäer seine väterliche Betätigung +in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme +und erklärte mir aus freien Stücken den Zusammenhang. +„<hi rend='italic'>Look here</hi>“, sagte er, „wir sind jung verheiratet, wir +haben nur ein kleines Haus und ein kleines Einkommen; +wir können uns keine Dienstboten halten – außerdem +ziehen wir es vor, in unserer zärtlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt +zu bleiben und wollen uns nicht den halben +Tag den Kopf darüber zerbrechen, wie wir aus unserer +Mary oder Jane die größtmögliche Arbeitsleistung herausziehen +könnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbürgerin +zu nahe zu treten. Wir haben nur eine alte +Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die gröblichere +Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen +einmal die Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller +ausräumt und die Müllkasten vor die Tür stellt; alles +andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute früh z. B. +habe ich zunächst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung +geschürt und Kohlen nachgefüllt, dann habe ich +Kaffee gekocht, da meine Frau nicht ganz wohl ist, und +das Frühstück für uns beide hergerichtet. Dann habe +ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer +<pb n='103'/><anchor id='Pg103'/>Haustür und auf dem Trottoir Schnee geschippt und +darauf mich wieder in einen Gentleman verwandelt. Da +es darüber für die Kirche zu spät geworden war, habe +ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft +meines vorläufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer +im Sonnenschein zu verrichten. Zum Luncheon +behelfen wir uns mit kalter Küche, und wenn meiner +Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein +Dinner im Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und +eine Konservenbüchse gewärmt habe. Vor dem Schlafengehen +schütte ich dann noch einmal im Keller Kohlen +auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was +die Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu +funktionieren.“ +</p> + +<p> +„Sehr schön,“ sagte ich in ehrlicher Anerkennung. +„Aber das nimmt Ihnen doch sehr viel Zeit weg. Und +wenn Sie nun früh morgens eine Vorlesung haben, was +machen Sie dann?“ +</p> + +<p> +„<hi rend='italic'>Well</hi>, dann stehe ich eben eine Stunde früher auf,“ +lachte er vergnügt, „und gehe abends eine Stunde früher +ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich habe immer acht +Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist, +kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr +als eine Stunde am Tag. Wir haben es noch nie bereut, +die Wirtschaft mit den Dienstboten überhaupt erst gar +nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch +nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. +Wie haben schon einmal 50 Leute eingeladen gehabt.“ +</p> + +<p> +„Nicht möglich! Wie haben Sie denn das angestellt?“ +</p> + +<p> +„O, sehr einfach. Wir besitzen Service für 12 Personen, +also waren wir 12 Personen zum Lunch. Natürlich +haben wir kein Eßzimmer, in dem 12 Personen bei +Tische sitzen könnten, es mußte sich also jeder setzen, +<pb n='104'/><anchor id='Pg104'/>wo er gerade Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, +eine Serviette und ein Besteck, und darauf wurden die +Schüsseln, eine nach der anderen, herumgereicht – alles +auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht es +schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natürlich +hatten wir dabei Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mädchen, +sondern zwei meiner Studentinnen; die machen das viel +intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann +die übrigen 38 Personen – die wurden aber nur mit +geistigen Genüssen traktiert. Ich las ihnen etwas vor, +und eine meiner akademischen Aushilfskellnerinnen spielte, +von meiner Frau begleitet, einige Flötensolos. Außerdem +konnten wir sogar noch mit der berühmtesten Schönheit +von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der +Durchreise befand, aufwarten!“ – – +</p> + +<p> +Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten +vernünftigen Amerikaner von ähnlicher gesellschaftlicher +Position und Vermögenslage. Wir waren einmal bei der +Dekanin einer Frauenuniversität zu einem intimen Diner +geladen. Während des Essens stieß mich meine Frau +unter dem Tisch mit dem Fuße und richtete meine Aufmerksamkeit +durch ihre Blicke auf die bedienende Maid, +die in ihrem weißen Kleid, mit dem weißen getollten +Häubchen auf dem üppigen Blondhaar allerdings eine +Sehenswürdigkeit darstellte. Wir drückten der Gastgeberin +erst auf Deutsch, und als dies durch warnendes +Räuspern abgelehnt wurde, auf Französisch, dann auf +Italienisch unsere Bewunderung für dieses nicht nur ungewöhnlich +hübsche, sondern auch ungewöhnlich intelligent +aussehende Hausmädchen aus. Da aber fing die +ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schöne Blondine +bekam einen roten Kopf und hastete in größter Verlegenheit +hinaus. Und nun wurde uns anvertraut, daß +<pb n='105'/><anchor id='Pg105'/>dieses reizende Servierfräulein eine junge akademische +Kollegin von Fräulein Professor sei, nämlich – die Privatdozentin +für Sanskrit! +</p> +<note place="margin">Demokratischer Stolz.<lb/> + Unstetigkeit des Handwerks.</note> +<p> +Das Merkwürdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun +nicht so sehr der Umstand sein, daß es in der neuen Welt +bereits Privatdozentinnen für Sanskrit gibt, welche obendrein +auch noch sehr hübsch sind, als vielmehr, daß in +diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande +zwar die gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit +scheuen und sich in der liebenswürdigsten Weise gegenseitig +in ihren häuslichen Schwierigkeiten aushelfen, +während gerade die untersten, auf körperliche Arbeit +angewiesenen Stände die Lohnarbeit im Hause geradezu +als eine Schande anzusehen scheinen. Obwohl es in dem +Lande, wo die Dienstboten so hoch entlohnt werden wie +nirgends in der Welt und mit zarter Rücksicht wie die +rohen Eier behandelt werden müssen, damit sie nicht +gleich wieder fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob +anschnauzende Hausherrn wie bei uns wohl überhaupt +nicht geben dürfte, ziehen doch die Mädchen die unangenehmste +Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden +Laden- und Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben +als Haushaltsangestellte vor. Gehorchen zu sollen +ist eben für den Amerikaner die furchtbarste Zumutung, +die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie +er es absolut nötig hat. Sobald er sich ein paar Dollar +zurückgelegt hat, sucht er sich selbständig zu machen. +Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes, +der auf der Straße Ansichtspostkarten, Popcorn oder +Kaugummi verkauft, fühlt er sich zehnmal stolzer und +zufriedener, als in der bequemsten häuslichen Stellung, +in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen hat. +Es kommt noch dazu, daß dem Bürger der Neuen Welt +<pb n='106'/><anchor id='Pg106'/>nicht nur jedes Gefühl für die Schönheit und Würde +des sich Einfügens in ein patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis +von Herr und Knecht, von Meister und +Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche +Liebe zu dem Handwerk etwa, in das einer hinein +geboren oder für das einer bei uns erzogen wird. Im +Grunde genommen sind die Menschen drüben alle Spieler +und Glücksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, +was sich ihnen gerade bietet, und treiben es nur so lange +– <hi rend='italic'>until a better job turns up</hi> –, bis sich eine bessere Sache +bietet. Jeder junge Mensch drüben fühlt sich einfach zu +allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und +sich in den weißen Anzug eines New Yorker Straßenkehrers +stecken lassen müßte, so zweifelte er darum doch +keinen Augenblick daran, daß er berufen sein könnte, +übers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft +in Oklahama zu sein und auf der Höhe seines +Lebens in den Senatspalast von Washington einzuziehen. +Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem Lande; +selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, +bin ich nicht sicher, ob er nicht übers Jahr Flugmaschinen +fabriziert oder Truthähne en gros züchtet. +Daher kommt es, daß auf dem Gebiete der persönlichen +Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine +fachmännische Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit existiert. +In Madison (Wisconsin) ließ ich mir einen zerbrochenen +Zeiger an meiner Uhr durch einen neuen ersetzen. Als +ich nach Hause kam, stellte sich heraus, daß der neue +Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, +der ihn eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern +noch Verkäufer in einer geräucherten Fischwarenhandlung +gewesen. In New York wollte ich mir +eine Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff löten lassen. +<pb n='107'/><anchor id='Pg107'/>Man schickte mich von Pontius zu Pilatus über fünf +Instanzen hinweg; endlich, in einer Silberwarenfabrik, +erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten +und Hin- und Herreden über Wetter und Politik, einen +seiner Arbeiter zu ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. +Ich bekam auch wirklich schon nach ein paar Minuten +meinen Stock zurück. Der äußerst geschickte Silberarbeiter +hatte das losgelöste Monogramm allerdings mit +dem Lötrohr befestigt, dabei aber den oberen Rand des +Stockes zu Kohle verbrannt. Und als ich mit dem reparierten +Gegenstand daheim anlangte, mußte ich die +Entdeckung machen, daß das Monogramm endgültig verloren +war, nachdem es 14 Tage lang doch wenigstens +noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt sich +eben in diesem <anchor id="corr107"/><corr sic="grossen">großen</corr> Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten +ab. Was mit der Maschine nicht gemacht werden +kann, das wird schlecht oder gar nicht gemacht, weil +der Amerikaner seine Menschenwürde so überaus hoch +einschätzt, daß er die Handarbeit und gar das persönliche +Dienstverhältnis verachtet. Darum strengt er auch +seinen hellen Verstand auf das äußerste an, um immer +mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen +zu lassen und die unumgänglichen Handarbeiten +tunlichst zu vereinfachen. Weil die Dienstboten so rar, +so teuer und so überaus bequem sind, lieben sie z. B. das +Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast ausschließlich +Messer von Bronze in Gebrauch genommen, +mit denen man zwar nicht schneiden kann, die dafür +aber auch durch einfaches Durchziehen durch heißes +Wasser und Abtrocknen zu säubern sind. Da es nun aber +Messer mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann +es selbstverständlich auch keinen Braten geben. Das +Roastbeef und das Geflügel macht man durch Zerreißen +<pb n='108'/><anchor id='Pg108'/>zwischen Gabel und Messer einigermaßen mundgerecht. +Im allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich +in einer breiförmigen Gestalt her, sodaß sie nur einfach in +den aufgesperrten Rachen hineingeschaufelt zu werden +brauchen; man spart damit auch viel kostbare Zeit. +</p> + +<p> +Vorläufig findet ja noch ein starker Zustrom von +slawischen, südeuropäischen und westasiatischen Völkerschaften +statt. So lange diesen noch nicht der Knopf +aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer Bedeutung +als selbstherrliche Bürger der glorreichsten Republik der +Welt nicht bewußt sind, geben sie sich ja noch teils aus +Hunger, teils aus angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, +Hausmädchen und dergl. her. Aber, wie gesagt, immer +nur bis der bessere „Job“ auftaucht, dann gesellen sie +sich alsbald der stolzen Klasse der selbständigen Unternehmer +zu. Wenn nun aber einmal das Land voll ist, +so daß es seine Tore vor den Einwanderern zusperren +muß – wer soll dann all die häusliche und sonstige, +niemals völlig aus der Welt zu schaffende Handarbeit +verrichten? Ich legte diese kniffliche Frage auch meinem +hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew D. White, +dem früheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich +seinen schönen weißen Gelehrtenkopf, und dann +gab er mir verschmitzt lächelnd zur Antwort: „Ja, sehen +Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten. Wir sagen: +es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, +so oder so. Warum sollen wir uns die Köpfe unserer +Enkel zerbrechen?“ +</p> +<note place="margin">Schwierige Frage an die Zukunft.</note> +<p> +Hm! allerdings – man hat schon Bronzemesser eingeführt +und auf Braten verzichtet; man kann sich ja das +Bett, das man jetzt schon allgemein abends selber aufdecken +muß, auch morgens selber machen; man kann +auch seine Frau hinten zuknöpfen, ohne an seiner +Mannes<pb n='109'/><anchor id='Pg109'/>ehre Schaden zu leiden, aber man kann schließlich doch +nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen, Kinderkriegen und +Sterben im eignen Heim gänzlich und unter allen <anchor id="corr109"/><corr sic="Unständen">Umständen</corr> +verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten +setzen doch wenigstens unter gewissen Verhältnissen die +Hilfe von Leuten voraus, die nicht gerade akademische +Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu besitzen +brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner +erst einmal selbständige Unternehmer geworden +sind? +</p> + +<p> +Ich muß gestehen, mein beschränktes Europäergehirn +ist, so oft es über diese Frage nachgedacht hat, schließlich +immer wieder zu demselben Schluß gekommen: +<hi rend='gesperrt'>Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten +Staaten haben die Sklaverei mindestens +100 Jahre zu früh aufgehoben!</hi> +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='110'/><anchor id='Pg110'/> +<index index="toc" level1="Die Kochkunst der Yankees"/> +<index index="pdf" level1="Die Kochkunst der Yankees"/> +<head>Die Kochkunst der Yankees.</head> + +<p> +Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Köchinnen +beschäftigt habe, dürfte es angebracht sein, im Anschluß +ein wenig in die amerikanische Küche hineinzuleuchten. +Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, daß +der Weg zum Herzen des Mannes durch den Magen führe, +dürfte es noch sehr lange dauern, bevor Dame Dollarica +sich in der kulinarisch gebildeten Männerwelt einer auch +nur annähernd ähnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame +Marianne oder die Commare Italia oder die nahrhafte +Tante Austria. In Dingen des guten Geschmacks tut es +eben der Reichtum allein nicht, sondern die große Vergangenheit +einer aristokratischen Kultur, und innerhalb +dreier lumpiger Jahrhunderte entwickelt sich keine +neue Rasse von Fressern zu Speisern. Wie lange ist es denn +überhaupt her, daß sich die Besiedler der neuen Welt des +Segens sicherer behaglicher Häuslichkeit erfreuen? Viele +der jetzt üppig blühenden Großstädte sind ja erst ein +paar Jahrzehnte und nur ganz wenige über ein Jahrhundert +alt. Der wüsten Raubbau treibende angelsächsische +Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem +Blockhause hauste, briet sich über dem offenen +Feuer am Spieß seinen Fetzen Fleisch und manschte sich +aus den ihm zugewachsenen Zerealien irgend etwas zurecht, +was einer genießbaren Speise vielleicht entfernt ähnlich +sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche +Zuwanderung sich hob, fanden die mit der Kochkunst +einigermaßen vertrauen Frauen – unter den Britinnen +sind sie nicht besonders häufig – eine Männerwelt vor, +<pb n='111'/><anchor id='Pg111'/>die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt +wurde. Erst in neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten +willige und splendid zahlende Abnehmer für alle Luxusprodukte +der alten Welt wurden, begannen auch bewährte +Meister der Kochkunst über den Ozean zu ziehen; aber +die traten selbstverständlich nur in den Dienst der vornehmsten +Hotels, der teuersten Restaurants und der +Milliardäre ein und konnten folglich nicht für die breite +Masse des mäßig begüterten Bürgertums erziehlich wirken. +Die amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, +weil ihnen im Vergleich zu ihrer barbarischen Küche +natürlich die Speisekarte der Kulturvölker lauter überraschende +Offenbarungen bietet. +</p> +<note place="margin">Süß muß es sein!</note> +<p> +Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart +sich denn auch in Amerika nirgends deutlicher als +auf dem Gebiete der Küche. Das Haupterfordernis der +Eßbarkeit ist für den Yankee die Süße. Alles, was süß +ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist +es mir trotz größter Mühe nicht gelungen, irgendwo in +den Vereinigten Staaten ein Mundwasser aufzutreiben, +das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wäre. So ist +Süßigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem +Schlaf entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten +Frühstück geht der Genuß von Früchten: Orangen, +Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge +von Streuzucker mit dem Löffel hervorgegraben werden. +(Nebenbei gesagt: das Fruchtessen vor dem Frühstück +ist die einzige nationale Speisesitte, die ich Europäern +zur Nachahmung empfehlen möchte. Die wundervoll +saftige Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist +höchst erfrischend und bekömmlich.) In einem üppigeren +Haushalt ist schon der Frühstückstisch reicher gedeckt +als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak, +Hammel<pb n='112'/><anchor id='Pg112'/>kotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster +Art werden von den Männern bevorzugt, während die +Frauen und Kinder eine große Auswahl der zum Teil +wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfügung +haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, +Hafer, Reis, kurz: alle erdenklichen Getreidearten erscheinen +in der Form von Grütze, Graupen, Flocken, +Fäden oder papierdünnen Schnipfeln, roh, gekocht oder +geröstet und werden größtenteils mit Rahm und sehr +viel Zucker angerührt. Dünne Eierkuchen werden mit +übersüßen Fruchtsäften übergossen, und der Toast sowie +die meist gleichfalls süßen Semmeln mit Fruchtgelees +und Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe für den +Genuß von Süßigkeiten von Tagesanbruch ab ist aber +durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder oder auf +die wohlhabenden Klassen beschränkt, sondern sie ist +ganz offenbar eine nationale Raserei. +</p> + +<p> +Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafés im +Wienerischen Sinne. Als ich daher einmal auf dem Broadway +ein Wirtshausschild mit der Aufschrift „Coffeehouse“ +erblickte, stürmte ich begeistert in das Lokal. Es war +eine große reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, +ohne Tische und Stühle, nur den Wänden entlang zogen +sich Holzbänke, die durch Zwischenwände in einzelne +Sitze eingeteilt waren, und auf diesen trennenden Seitenwänden +waren genügend breite, rund geschnittene Bretter +angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen +zu können. Am Kopfende der Halle befand +sich ein riesiges Buffet, auf dem die herrlichsten +Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke +vernickelte Samovars für Tee und Kaffee. +Das Publikum dieses eigenartigen Kaffeehauses bestand +aber ausschließlich aus Droschkenkutschern, Chauffeuren, +<pb n='113'/><anchor id='Pg113'/>Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau +betrat das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anständig, +und den ganz vorzüglichen und für New-Yorker Verhältnisse +sehr billigen Schaum- und Fruchttorten, Apfelkuchen +mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses +robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermäuliger +Schuljungens zu. +</p> +<note place="margin">Icecream und Zahnarzt.</note> +<p> +Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das +Roastbeef oder der hochfestliche <hi rend='italic'>Turkey</hi> (Puter), sondern +der <hi rend='italic'>Icecream</hi>, das Gefrorene. Icecream wird Winters +und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt +von Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream +besänftigt die ungebärdigen Säuglinge; Icecream gilt +als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er kehrt bei +großen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als +Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpönten +Alkohol und bewirkt, daß die Amerikaner sich der besten +Zahnärzte der Welt erfreuen – denn das schroffe Durchsetzen +siedheißer Suppen und glühender Breie mit Eiswasser +und Icecream können selbst die besten Gebisse +nicht vertragen. Der Schmelz springt ab, und die vom +ewigen Zuckerschleimstrom umspülten, schutzlosen Zähne +sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen +hat jedermann fortwährend den Zahnarzt nötig, und man +braucht sich nicht zu wundern, Kanalausräumer und +schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu sehen +wie die köstlichste Maimorgenstunde. +</p> +<note place="margin">Tafelfreuden im Pensionat.</note> +<p> +Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, +wie durch den Mangel an Dienstpersonal die +Küche und die Tafelgewohnheiten beeinflußt werden. +Ich bemerkte, daß durch den Mangel an scharfen +Messern mit schwer zu putzenden Stahlklingen ein Braten +zu einer schwer zu bewältigenden Speise geworden sei. +<pb n='114'/><anchor id='Pg114'/>Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten, +Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrücken oder Schlegel +so gut wie gar nicht auf den Tisch. Das nationale angelsächsische +blutrünstige Roastbeef, drüben jedoch nicht +so, sondern <hi rend='italic'>Prime rib of Beef</hi> genannt, muß man von +der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen +versuchen, wenn man nicht vorzieht, den ganzen +Fladen in den Mund zu nehmen und mittels der Gabel +oder der Finger durch die Zähne zu ziehen. Übrigens +sind diese Ochsenrippenstücke neben den sehr üppigen +und teuren Rinds- und Hammelsteaks das einzige gebratene +Fleisch, welches wirklich schmackhaft zubereitet +zu sein pflegt, während Kalbskoteletten und Schnitzel +meistens ungenießbar sind. Als niedliches Kuriosum +möchte ich erwähnen, daß ich einmal bei einem Sonntagsdiner +Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten bekam! +Geflügel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird +zu unwahrscheinlichen Dimensionen herangezüchtet. Ich +habe Hennen gesehen, die so hoch waren wie ein Storch +und so fett wie ein Mops; aber das Fleisch dieser abnorm +großen Tiere ist dafür auch wenig zart, und die Keulen +besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als +das Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mürbe, +während das weiße Fleisch trocken und charakterlos +bleibt. Meistens wird einem aber der Genuß selbst eines +wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, süßliche +Mehltunke verkümmert. Da das Tellerabwaschen +die Geduld des feinnervigen Küchenpersonals auf eine zu +harte Probe stellen würde, so muß man sich, wenigstens +in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- +oder Abendmahlzeit einschließlich des Kompotts auf ein +und denselben Teller packen. In dem Boardinghouse +bester Art, in dem wir in New-York wochenlang lebten, +<pb n='115'/><anchor id='Pg115'/>bestand die sonderbare Sitte, daß nach der Suppe warme +Teller mit einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke +und -länge, verabfolgt wurden, selbstverständlich +in einer seimig-süßen Sauce versteckt. (Übrigens sind die +Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen +Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet +man nur unter den Fluß- und Süßseefischen.) Nachdem der +Fischbissen verschluckt, beziehungsweise mißtrauisch auf +den hohen Rand geschoben war, wurde der ganze Tisch voll +kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten verwischten +Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten, +Rouladen und dergleichen ähnlich, in irgendeiner +mehlweißen oder kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, +das unvermeidliche Chicken, dazu verschiedene Gemüse, +unter denen grüne Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl +die genießbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei +Aufmachung, in der Schale im ganzen gebacken – man +bricht sie auf und schält sie mit dem Teelöffel heraus; +recht empfehlenswert – oder als Brei, oder kloßartig, +oder gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten +<hi rend='italic'>Sweet Potatoes</hi>, Gebilde von Gurkenausdehnung, +vor denen ich Fremdlinge eindringlichst warnen möchte, +denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und +schmecken leider auch so ähnlich. +</p> + +<p> +All diese Genußmittel, noch um diverse eingekochte +Früchte vermehrt, arrangiert man sich nun nach Geschmack +und Talent auf seinem Fischteller, und man kann +von Glück sagen, wenn einem die Gräten nicht in die +grünen Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehöhlte +Kartoffelpelle und die Hühnerknochen nicht in den falschen +Hasen geraten. Echte Hasen gibt es überhaupt nicht. +Der Ersatz dafür, und überhaupt das einzige einheimische +Wild, ist das hasenfarbige <hi rend='italic'>Rabbit</hi> (Kaninchen), das die +<pb n='116'/><anchor id='Pg116'/>Natur da drüben aus Kautschuk verfertigt zu haben +scheint – möglicherweise wird es aber auch aus Abfällen +der Schuhfabrikation künstlich hergestellt. Alles übrige +Wild haben die begeisterten Freischützen in den kultivierteren +Staaten schon längst abgeschossen – bis auf +die Ratten und die Klapperschlangen. Hat man die +eßbaren Bestandteile der wüsten Speisenaufhäufung auf +seinem Universalteller herausgefuttert, so bilden die Überbleibsel +ein ästhetisch reizvolles Stilleben. Sind sie endlich +entfernt, so erscheint als eiserner Bestand jedes amerikanischen +Menüs sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf +dem einfachsten bürgerlichen Mittagstisch der Salat, der +niemals in einer Schüssel herumgereicht, sondern immer +fertig auf winzigen flachen Tellerchen einem vorgesetzt +wird. Mich wundert, daß noch kein Yankeedichter diesen +Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie des +amerikanischen Kochkünstlers orgiastische Triumphe. +</p> +<note place="margin">Amerikanischer Salat.</note> +<p> +Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, +was nicht in solch einem amerikanischen Salat zu finden +wäre. Den Grundstock bilden ein bis drei große grüne +Blätter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu entstammen +brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig +und Öl geschüttet und auf dieser Unterlage ein mehr oder +minder kühner Aufbau von allem möglichen und unmöglichen +Süßem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem, +Weichem, Flüssigem, Genießbarem und Ungenießbarem +vollzogen. In einem feinen Hause, in dem sich die Hausfrau +selbst auf ihre Kochkunst viel zugute tat, wurde +beispielsweise eine solche Salatdichtung mit außerordentlichem +Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein +und der Zunge nach ungefähr folgendermaßen +analysieren möchte: zwei Blätter Salat mit je fünf Tropfen +Essig und Öl, darauf eine Scheibe frische Tomate, eine +<pb n='117'/><anchor id='Pg117'/>viertel Scheibe Ananas, etwas weißes Hühnerfleisch, +einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und +Karotten, ein Klecks Butter, mit Streuzucker durchgerührt, +ein Teelöffel Schokoladencream und eine Rumkirsche +als Turmknopf oben drauf. Totaleindruck auf +Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt – wie mein +Freund, der Rechtsanwalt in Landau, sagen würde – +wie Öl und Werg! Diese kulinarische Offenbarung erfolgte +aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen Herrin ihren +Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder +gebildeten Familien ist man natürlich weniger wählerisch +und verwendet zur Salatbereitung die nächstliegenden +Gegenstände, also in erster Reihe die mehr oder minder +traurigen Überreste früherer Mahlzeiten, soweit sie eßbaren +Naturprodukten einigermaßen noch ähnlich sehen. +Fehlt es aber zum Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, +so kann man dazu auch einen klein geschnittenen Spazierstock +verwenden, da die Spazierstöcke drüben außer +Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die +Reste in Gedanken stehen gebliebener Gummigaloschen, +die die Trüffel täuschend ersetzen, zumal, wenn sie vorher +in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem Zucker +kandiert werden. Salat von Fischgräten, Kalmus und +Bananen, mit roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, +soll auch sehr gut sein; ich habe ihn aber nicht gegessen, +sondern nur nach einer besonders anregenden Mahlzeit – +erträumt! +</p> + +<p> +Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen +zum Nachtisch reicht, wird regelmäßig ein derbes Stück +Käse beigefügt; zu welchem Zwecke, weiß ich nicht. Als +ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, +steckte ich den Käse instinktiv in die Westentasche; ich +hielt ihn für ein Stück Radiergummi, den ich in meinem +<pb n='118'/><anchor id='Pg118'/>Geschäft immer brauchen kann. Befindet sich Obst auf dem +Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich, +fülle auch womöglich seinen Pompadour damit an, denn +alles Obst ist in Amerika von ganz vorzüglicher Qualität – +und man weiß ja nie, wie’s kommen mag! Was meine Person +betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mich während der +ganzen Boardinghouse-Periode kümmerlich von Austern und +Hummern genährt habe, denn die sind von unvergleichlicher +Güte, Größe und Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das +einzige amerikanische Produkt, das man – neben Stiefeln – +als billig bezeichnen kann. Europäer von noch nicht genügend +fortgeschrittener Perversität möchte ich jedoch vor +den <hi rend='italic'>Clams</hi> warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, +deren penetranter Nachgeschmack einen besseren <anchor id="corr118"/><corr sic="Neuurastheniker">Neurastheniker</corr> +zum Selbstmord verführen könnte. +</p> + +<p> +Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind +übrigens sehr selten, und ihre Begierde wandelt andere +Pfade wie die des europäischen Genießers. Im vornehmsten +Hotel in Buffalo „Zum Irokesen“ sollte ich +zum erstenmal die Bestimmung eines geheimnisvollen +Utensils kennen lernen, das mir schon in vielen Hotels +und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa +einen halben Meter hohes, zylindrisches Silbergerät mit +einer oben herausragenden, durch einen derben Querbalken +betätigten Schraube. Ein einsamer Speiser ließ +sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung sogleich +eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. +Offenbar war dieser wuchtige Geselle mit dem +römischen Imperatorenkopf ein Genießer höherer Grade. +Nach längerer Zeit brachte man eine große verdeckte +silberne Schüssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt +wurde. Zwei Kellner trugen dann jenen rätselhaften +schweren Silbergegenstand herbei und schraubten dessen +<pb n='119'/><anchor id='Pg119'/>obere Hälfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit feierlicher +Miene den Deckel der Silberschüssel auf und spießte +von den beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen +Vögeln (Enten waren es meiner Meinung nach) einen auf +und pfropfte ihn mit Mühe in jenen Zylinder hinein, +worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die +Schraube mit Anstrengung beider Hände betätigt +wurde. Aus einer Ausflußöffnung am Boden des Gefäßes +rann dickes, schwärzliches Blut in eine vorgehaltene +Schale. Dieses Blut wurde mit allerlei Gewürzen angerührt +und schließlich als Sauce über den anderen halb +rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische Gericht +verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. +Ich erinnere mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. +Zu verwundern wäre es weiter nicht gewesen, da der +Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit Eiswasser, +Tee oder Kaffee hinunter zu spülen pflegt. +</p> +<note place="margin">Billige Speisehäuser.</note> +<p> +Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen +Hotels und Restaurants zu speisen, und der +sich mit der Yankeeküche gewöhnlichen Schlages nicht +zu befreunden vermag, fährt am besten, wenn er sich in +eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene +Speisehäuser begibt, die seine heimische Küche +pflegen. Man kann in dem teuren New York, und wohl +auch in den meisten der ganz großen Städte, französisch, +deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch +und koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen +italienischen Lokalen, in denen es noch einen trinkbaren +Wein gratis gibt, ist in New York wenigstens kein +Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants +ebenso schmerzlich wie Wiener Cafés vermißt. Ich meine, +hier wäre noch eine Kulturmission für die Einwanderer +der österreichischen Kronländer zu erfüllen. Wenn ich +<pb n='120'/><anchor id='Pg120'/>drüben irgendwo ein Stück Rindfleisch mit Beilage, wie +bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen hätte, ich +hätte es knieend verzehrt und hernach stehend die österreichische +Nationalhymne gesungen. Und die Einführung +des Berliner Systems Kempinski, nämlich eine große Auswahl +von Gerichten in tadelloser Qualität zu einem sehr +billigen Einheitspreis zu geben, könnte eine Revolution des +Ernährungswesens drüben hervorbringen. Bis dahin muß +der deutsche andachtsvolle Genießer mit heißer Liebe +seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind +drüben fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt +ihres gesellschaftlichen Ehrgeizes auf eine gute Tafel im +heimatlichen Stil verlegen. +</p> +<note place="margin">Das Volk der Kauer.</note> +<p> +Beim richtigen Yankee scheinen es übrigens nicht die +Geschmackswarzen zu sein, welche ihm den Genuß beim +Essen vermitteln, sondern vielmehr die Kinnbacken und +die Speicheldrüsen. Das Kauen und das Schlucken an +sich macht diese einfachen Naturkinder glücklich. Wer +zum erstenmal nach den Vereinigten Staaten kommt, +kann sich nicht genug darüber wundern, hier einem Volke +von Wiederkäuern zu begegnen. In der Straßenbahn, in +den Geschäften, in den Vergnügungslokalen wie auf der +Straße sind die Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation +in unausgesetzter Bewegung, und ein Widerschein von +Zufriedenheit überstrahlt von dieser Kinnbackenbetätigung +aus die Gesichter. Junge hübsche Ladnerinnen kauen, +wenn sie mittags zum Lunch gehen und wenn sie vom +Lunch ins Geschäft zurückkehren. Die Soldaten kauen +beim Exerzieren; sie würden sicher auch kauend ihre +Schlachten schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten +Absichten kaut, wenn er seine Liebeserklärung macht, +und seine Erwählte erwidert errötend: „Mum mum mum +– tschap tschap, sprechen Sie mit Mama.“ Und der +<pb n='121'/><anchor id='Pg121'/>gewaltige, 125 Kilo schwere Schutzmann rennt kauend +dem Dieb nach und packt ihn beim Kragen mit dem +Ausruf: „Dscham dscham – ich verhafte Sie – mum +mum – im Namen des Gesetzes!“ Ein Stückchen gezuckerter +Gummi (<hi rend='italic'>Chewing Gum</hi>) zwischen die Backzähne +geschoben, beglückt alle diese Leute wie den Seemann +sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Täuschung +ein, in der besten aller Welten zu leben. Wäre Cartesius +als Yankee zur Welt gekommen, er hätte sicher sein berühmtes +„cogito ergo sum“ abgewandelt in: „Ich kaue, +folglich bin ich.“ +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='122'/><anchor id='Pg122'/> +<index index="toc" level1="Künstlerische Kultur"/> +<index index="pdf" level1="Kuenstlerische Kultur"/> +<head>Künstlerische Kultur.</head> + +<p> +Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter +Geister hat das neue Volk in der Neuen Welt, wie es +scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen Schönheitssinn +zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse +imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Begriffen +des Durchschnittsamerikaners auch schön sein. +</p> +<note place="margin">Planloses Durcheinander.</note> +<p> +Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß +selbst hochgebildete Leute enttäuschte Gesichter machen, +wenn der Fremde, der zum erstenmal durch New York +geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolkenkratzer, +noch durch die Verschwendung herrlichen echten +Materials an öffentlichen Prachtbauten, noch etwa durch +die glänzende elektrische Lichtreklame für ästhetisch +besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen +Kasten mit den unzähligen Fensterlöchern unter Umständen +schön zu wirken. Wenn man zum Beispiel vom +Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der Dämmerung +oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie +einen traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der +einen Maler toll und einen Dichter selig zu machen vermag. +Einige von diesen Ungeheuern, wie vornehmlich +das Gebäude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft, +sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, +und kein Mensch von Geschmack wird die ideale Schönheit +der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder die +Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsylvaniabahn +bestreiten. Auch die lustigen Spielereien der +beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur als mechanische +<pb n='123'/><anchor id='Pg123'/>Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und +farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese +Schönheit, Größe und künstlerisch idealisierte Zweckmäßigkeit +ist nicht einem vorbedachten Plan organisch +eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen +lauter Banalität und entschiedene Garstigkeit hingestreut. +Die Umgebung ist es, die in weitaus den meisten +Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen zerstört. +Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem +durch die geographische Lage bedingten überaus vernünftigen +und klaren Plane angeordnet wurde, und immerhin +der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit der Neuenglandstaaten +weniger unterworfen war, scheint doch der künstlerische +Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben +öden Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene +niedrige Baracken; entzückende, grünbewachsene gotische +Kirchen findet man eingeklemmt zwischen Metzger- und +Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen Proportionen +und mit prächtigen Fassaden neben wüsten +Kasten für Bureau- und Werkstattzwecke, an deren +Straßenfronten scheußliche rotgestrichene Feuertreppen +im Zickzack hin und her laufen. +</p> + +<p> +Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunkvollsten +Läden und der Residenz der Milliardäre, finden +sich noch genug solcher barbarischen Scheußlichkeiten +unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die Nebenstraßen, +wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen +selbst in den besseren Gegenden ein höchst langweiliges +Einerlei. Auch die nüchternsten modernen Städte Deutschlands, +wie Mannheim und Karlsruhe, fallen den amerikanischen +gegenüber immerhin noch angenehm auf durch +ihre strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während +die enorm reiche Kommune New York bis heute noch +<pb n='124'/><anchor id='Pg124'/>nicht einmal eine anständige Pflasterung und Straßenreinigung +durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der +Fünften Avenue besteht aus Löchern, zwischen denen hier +und da aus Versehen ein Stück Asphalt liegen geblieben +ist. Oberflächliche Reparaturen werden in der Weise ausgeführt, +daß man mitten auf der Straße zur Freude der +Gassenbuben in diesen Löchern Feuer anzündet; dann +schmilzt der Asphalt ringsherum, und das Loch bekommt +wenigstens abgerundete Ränder. Wem der Arzt eine Vibrationsmassage +gegen Trägheit der Unterleibsorgane verordnet +hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue – +oder besser noch auf den gepflasterten Hauptstraßen des +nordöstlichen Teiles von Philadelphia – eine halbe Stunde +spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei der +Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen. +</p> + +<p> +Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das +wüste Durcheinander in der Außenseite seiner Städte so +wenig zu genieren scheint, doch fast durchweg einen so +guten Geschmack in seiner Kleidung und Wohnungseinrichtung +zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung +England, für die Frauenkleidung Paris richtunggebend, +allein die dortigen Muster werden doch für den amerikanischen +Geschmack einigermaßen abgeändert, und was +dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart. +In der Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außerordentlich +konservativ, und der Kolonialstil ist immer noch +maßgebend. Das moderne deutsche Kunstgewerbe hat +kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man +auch nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, +so stillos zusammengewürfelte Einrichtungen wie +in der Wohnung des zurückgebliebenen deutschen Spießbürgers. +Man hält zäh fest an der guten englischen Tradition +und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung +<pb n='125'/><anchor id='Pg125'/>der Wohnräume als auch die unaufdringliche Schlichtheit +der Formen, Harmonie der Farben, die zusammen den +Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen. +</p> +<note place="margin">Abenteuer mit Schaukelstühlen.</note> +<p> +Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukelstühle. +Ich habe Zimmer angetroffen, in denen überhaupt +kein einziger Stuhl fest auf seinen vier Beinen stand, und +wo eine besondere equilibristische Begabung dazu gehörte, +um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen +Koffer zu packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch +ein ungemein niedriges Möbel setzt, so kippt es nach vorn +und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß man also auf +einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis +er an der Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder +man placiert seinen aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen +zweier gegeneinander geschobener Rockingchairs und +beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich +füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet, +neigen sich die stützenden Stühle nach innen, der Koffer +klappt zu und rutscht zwischen den Lehnen durch; es +ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen Koffer +zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft +mit einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht, +die nicht nur vor- und rückwärts, sondern auch seitwärts +schaukelten. Auf diesen heimtückischen Mokierstühlen +kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren, +wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich +haben die immer praktischen Amerikaner auch diesen +Nebenzweck im Auge. +</p> + +<p> +So nett und gemütlich nun auch eine solche amerikanische +Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch +uns deutschen Erzindividualisten recht bald langweilig, +weil sie eben überall dieselbe ist. Ich spazierte einmal +mit einem jungen deutschen Gelehrten die <hi rend='italic'>Common +<pb n='126'/><anchor id='Pg126'/>Wealth Avenue</hi> in Boston hinunter – nebenbei bemerkt +eine der schönsten Straßen, die mir überhaupt in Amerika +aufgefallen sind. Es befinden sich hier nur vornehme +Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große +Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also +von der Straße aus in das Treppenhaus und das Parlor +hineinsehen. Ich freute mich des schönen schmiedeeisernen +Gitterwerks, das diese wohlhabenden <hi rend='italic'>Homes</hi> +von der Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer +reizvoller Einzelheiten. Da unterbrach mein Begleiter +meine Lobeshymne mit den Worten: „Was wollen Sie +wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier +aus finden wir mindestens sechs, in denen wir durch die +Fenster genau dieselbe innere Einrichtung konstatieren +können.“ Und richtig, so war es auch. Aber nicht nur +in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall +in derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit +demselben Blumenkübel darauf und derselben Palme +darin, genau an derselben Stelle derselben Wand befand +sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende +Sofa mit den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber +usw. usw. Immerhin kann man sich diese ermüdende +Uniformität gefallen lassen, da sie doch wenigstens einen +guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt. +Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich +nur in den Palästen ungebührlich rasch reich gewordener +Emporkömmlinge – gerade wie bei uns. +</p> +<note place="margin">Die Nacktheit in der Plastik.</note> +<p> +Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in +den meisten seiner Vergnügungen und künstlerischen +Betätigungen doch noch recht unkultiviert zeigt, in anderer +Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack +und hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der +Malerei, in der Photographie, im Buchgewerbe. Während +<pb n='127'/><anchor id='Pg127'/>die amerikanischen Museen zum weitaus größten Teile +noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer freigebigen +Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander +von Kitsch und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen +moderner Künstler einer sehr respektablen +Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden Entwicklung +der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande, +das die Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch +nicht überwunden hat, keine Rede sein. Ich habe mir +sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in Chicago zum +erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkörper +als Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer +Farmer war von diesem völlig neuen Anblick dermaßen +gefangen, daß er überhaupt für nichts anderes in der +ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die +Augen starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt +und dabei kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: „<hi rend='italic'>Oh good +Lord, what tits, what tits!</hi>“ +</p> + +<p> +Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische +Figur, die sich in der Öffentlichkeit zu zeigen +wagt, einen heftigen Kampf mit der Geistlichkeit und +den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, +wenn außer etlichen anständigen Porträtstatuen, naturalistischen +Kriegergruppen und Reitermonumenten von +bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten nichts +zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir +persönlich in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal +in Easton (Pennsylvania): auf einer sehr hohen +schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im +Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine +elektrische Birne! +</p> +<note place="margin">Deutsche Musikpioniere.</note> +<p> +Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre +Techniken vom Auslande gelernt und stark eigenartige +<pb n='128'/><anchor id='Pg128'/>Glanzleistungen auch nur in den bildenden Künsten +sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist +ihnen bis jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert +worden. Und selbst die einzige musikalische Spezialität, +die sich zurzeit als echt amerikanisch ansprechen läßt, +nämlich das Volkslied der Neger und der <hi rend='italic'>Ragtime</hi> (eigenartig +verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze +und derbe Couplets), ist doch auf schottischen und irischen +Ursprung zurückzuführen. Es läßt sich aber nicht leugnen, +daß für gute Musik heute schon ein recht großes und +verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man +bedenkt, daß an der Geschmackserziehung des amerikanischen +Hörers erst seit wenigen Jahrzehnten von europäischen +Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es doch +wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man +heute schon den „<sic>Parsival</sic>“ vor einer andachtsvoll ergriffenen +Zuhörerschaft geben kann, und daß Konzertprogramme, +die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo +Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, +große Scharen anziehen und begeistern. Allerdings finden +bei einer großen Masse selbst der höheren Schichten auch +stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit +echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall – aber +können wir das in Deutschland nicht auch erleben? Der +Unterschied ist wohl nur der, daß bei uns kein Künstler +von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde, +dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen +zu machen. Wir Deutschen dürfen uns rühmen, +auf musikalischem Gebiet uns die Meistbegünstigung für +unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und Lehrern +erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen +deutschen Musikanten aber auch arbeiten müssen, in +welchen harten steinigen Boden haben sie oft ihre +Pflug<pb n='129'/><anchor id='Pg129'/>schar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden für +ihre Saat zu bereiten. +</p> + +<p> +Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich +einen solchen Veteranen von einem deutschen Musikpionier +kennen gelernt. Als er vor 20–30 Jahren hinauszog, +um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie +den lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens +Schubert und Schumann, Löwe und Franz vorzusingen, da +gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ nicht locker, +er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen +von seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm +und einigen Wenigen seinesgleichen ist es zu verdanken, +wenn heute ein ernster Künstler mit einem vornehmen +Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen +kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys +mit dem Schießeisen vom Podium gejagt zu werden. +</p> + +<p> +Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht +spärlich aus amerikanischem Boden hervor. Weder die +Zuchthäusler und Abenteurer in der Zeit der Flegeljahre +der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben +irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit +herübergebracht. Und bis die großen Kriege durchgekämpft, +die Naturschätze erschlossen, das ungeheure +Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang +gebracht worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf +ums Dasein viel zu viel zu tun, um Muße zu künstlerischer +Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese Muße freilich +schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort +noch keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes +noch kein wirkliches Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung +von der Wichtigkeit der Kunst als Kulturfaktor ist bisher +nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten aufgegangen, +die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen +<pb n='130'/><anchor id='Pg130'/>schmückenden Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In +der alten Welt entfaltete sich alle Kunst auf dem Boden +uralten, oft umgeackerten und gedüngten Kulturlandes. +Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker, +in deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte +sich an den Hemmungen, die sie zu überwinden hatte. +Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke +hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine +aristokratische Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre +Künstler ist ein geborener Aristokrat, der zwischen sich +und den Viel zu Vielen, den Banausen und Philistern, +eine hochmütige Scheidewand errichtet. +</p> + +<p> +Die demokratische Anschauung von der Gleichheit +der Menschen ist dem Instinkt des Künstlers ein Greuel. +Und selbst jene naivste Betätigung schaffender Phantasie, +die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre Gesetze, +ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in +uralten Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen +Welt aber, in der eine historische Entwicklung in unserem +Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo immer gegenwärtige +Resultate eines langsamen Werdegangs aus der +Alten Welt fertig übernommen wurden, ist das Entstehen +einer originalen Kunst vernünftigerweise auch noch gar nicht +zu erwarten. Die Yankees, als Abkömmlinge der britischen +Einwanderer, haben selbstverständlich eine angeborene +Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort +empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die +Nachkommen der deutschen Einwanderer sich instinktmäßig +an die deutschen Vorbilder klammern werden. +Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird +natürlich ihren Einfluß auf die Malerei, die eigenartigen +Lebensbedingungen der Neuen Welt auf die +Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum +<pb n='131'/><anchor id='Pg131'/>ist es selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten +zunächst eigenartige Leistungen zu erwarten und ja auch +gegenwärtig schon vorhanden sind. Dagegen kann man +von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt, auch +keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum +mindesten mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache +gebunden, daß allein schon aus diesem Umstande der +bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne +weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus, +daß geborene Amerikaner ganz hervorragende Leistungen +auf Kunstgebieten vollbringen können, deren ausländische +Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben und deren +inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die +Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört +und eine wirkliche chemische Durchdringung der verschiedenen +Rassenelemente stattgefunden haben wird, +kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln, +aus der dann folgerichtig auch eine originale +amerikanische Kunst hervorgehen müßte. +</p> +<note place="margin">Der neuweltliche Poet.</note> +<p> +Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispielsweise +ein jugendlicher Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben +möchte, das Hungerleiderdasein eines deutschen oder +französischen Poeten zu führen, eine undenkbare komische +Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der +Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem +soliden Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, +so probiert er es eben mit einem anderen. Schwerlich +wird es ihm einfallen, sich trotzig wider den Geschmack +der Zeit und der großen Masse aufzulehnen. +Auch wenn er Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er +sein Publikum nicht rücksichtslos damit erschrecken, +sondern es allmählich vorzubereiten suchen. Die Beschäftigung +mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen +<pb n='132'/><anchor id='Pg132'/>Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für +Ausnahmemenschen, besonders also für solche, die keine +Sorge um das tägliche Brot mehr drückt. Man setzt auch +voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem Dichten, +Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman +sei, also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten +Gesellschaft mit normalen Manieren und auch einigermaßen +normalen Gesinnungen. Es ist bezeichnend, daß +der Name <hi rend='italic'>Bohemiens</hi>, der für Künstler- und Literatenklubs +besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen +recht wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten +können, ihre festlichen Sitzungen in den vornehmsten +Hotels abzuhalten und dazu nichts als französischen +Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon deshalb +drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffeehäuser +gibt. Es kommt vorläufig auch noch selten vor, +daß künstlerische, besonders literarische Talente aus den +untersten Volksschichten hervorgehen, weil in denen noch +alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet +ist. In New York gibt es allerdings einen hervorragenden +Dichter, der Sattler und Tapezierer ist – Hugo Bertsch +heißt er – aber der schreibt Deutsch und ist aus +Reichelsheim i. O. gebürtig. +</p> + +<p> +Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen +Dramatiker, die damit begonnen haben, sich von der +herrschenden Prüderie und Konvention freizumachen +und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu +erobern, nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte +Walter von unten heraufgekommen ist, gehörig gehungert +und im Zentralpark gepennt hat, bevor er bekannt wurde. +Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack London, +der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer +Färbung auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen, +<pb n='133'/><anchor id='Pg133'/>obwohl er eine gute wissenschaftliche Bildung genossen +hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn gleichfalls als +Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer, +Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur +wurde. Auch Mark Twain begann als Setzer und wurde +dann bekanntlich Lotse auf dem Mississippi. Edgar +Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber +wegen schlechter Aufführung von der Universität und +der Militärakademie relegiert und desertierte aus der +Armee, bevor er sich zu dem berühmten Dichter entwickelte. +Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buchdrucker, +gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter +im Ministerium. Einzig Longfellow von den bekannteren +Dichtern stammte aus höheren Kreisen und +erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betätigte +sich zunächst als Rechtsanwalt. +</p> +<note place="margin">Diktatur des Massengeschmacks.</note> +<p> +Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz, +daß die künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken, +Geltung besitze. In dem Paradiese der absoluten Gegenwart, +dessen glückliche Bewohner so gern alles, was ist, +gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben +natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. +Die vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber, +nur marktgängige Ware zu liefern, und marktgängig ist, +was dem Unterhaltungs- und Sensationsbedürfnis entspricht. +Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika, +folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes +Geschäft zu machen für diejenigen, die sich auf den Geschmack +des Publikums verstehen. Dieser Geschmack +heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im +Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs +sind nicht nur bei den ganz kleinen Leuten die beliebtesten +Helden. Es müssen daher auch ernste Schriftsteller, z. B. +<pb n='134'/><anchor id='Pg134'/>solche, die ihr soziales Gewissen auf das Gebiet des Anklageromans +verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf +strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht +sein. Sicherlich würde die Entwicklung des künstlerischen +Geschmacks bei dem amerikanischen Volk, das doch +wahrhaftig weder ängstlich noch begriffsstutzig ist, viel +raschere Fortschritte machen, wenn nicht die Tagespresse +die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in +unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital +für sich. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='135'/><anchor id='Pg135'/> +<index index="toc" level1="Vom Theater im Yankeelande"/> +<index index="pdf" level1="Vom Theater im Yankeelande"/> +<head>Vom Theater im Yankeelande.</head> + +<p> +Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das +amerikanische. Die Yankees haben es mit all seinen +Licht- und Schattenseiten herübergenommen, nur daß die +Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl +noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt, +was bei dem Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern +ist. Hüben wie drüben ist für das Drama hohen +Stiles kein großes Publikum vorhanden, und darum suchen +Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, +die große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, +durch Pomp und Massenentfaltung anzulocken. Für das +moderne Gesellschaftsdrama und das feinere Lustspiel +sind schauspielerische Begabungen besonders häufig vorhanden, +und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer +Zunge – mit verschwindend wenigen Ausnahmen – vom +Konventionellen zum Individuellen aufgerückt ist, +so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten Schauspieler, +ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für +das Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimmklang +und Temperament sie verweisen. Sie alle spielen +also im Grunde genommen nicht nur solange ein Stück +läuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe +Rolle. Es ist wohl allgemein bekannt, daß man drüben +Theater mit wechselndem Repertoir bisher noch nicht +kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe zusammengestellt, +und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, +wandert die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen, +sobald seine Zugkraft erschöpft ist. Wer also drüben die +Schauspielerei zum Beruf erwählt, der muß schon über +<pb n='136'/><anchor id='Pg136'/>recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft +verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der +unheilbaren Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in +den Vereinigten Staaten ein vornehmes Schauspielhaus mit +wechselndem Repertoir nach künstlerischen Grundsätzen +ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New +York von einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht +durch die Gründung des <hi rend='italic'>New Theatre</hi>. Und dieser Versuch +ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte Mittel und eine +auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger Schauspieler +zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs ungeschickten +Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Aufführung +von Maeterlinks „Der blaue Vogel“ gesehen, die in +bezug auf die darstellerischen Leistungen sehr gut und in +bezug auf künstlerische Inszenesetzung sogar ganz hervorragend +geschmackvoll war, und dennoch gaben die Unternehmer den Versuch +schon nach Beendigung der ersten Spielzeit als vorläufig +aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gründe +für dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint +der erheblichste und zugleich auch betrüblichste der zu +sein, daß für das Schauspiel die Anzahl der künstlerisch +wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein +solches Unternehmen geschäftlich halten zu können. +Man ist es einfach noch nicht gewöhnt in jenen Gesellschaftskreisen, +die für den Besuch eines den Ansprüchen +verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage +kommen, täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich +womöglich gar wegen einer Vorstellung, die vielleicht bald +wieder vom Spielplan verschwindet, in seinen häuslichen +Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu +lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich +alle möglichen Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber +das ist eben die große Oper, die <hi rend='italic'>muß</hi> wechselndes Repertoir +<pb n='137'/><anchor id='Pg137'/>haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage große Partien +singen können; und außerdem gehört die große Oper auch +mehr zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man +seiner Stellung wegen Opfer bringen muß, als zu den bloßen +künstlerischen Unterhaltungen. Ein vornehmes Schauspielhaus +mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel ebensogut +möglich sein wie das Millionen verschlingende <hi rend='italic'>Metropolitan +Opera House</hi>, sobald es bei dem hohen Adel und den +Großwürdenträgern der demokratischen Gesellschaft <hi rend='italic'>de +rigueur</hi> wäre, auch in diesem Schauspielhaus eine Loge zu +besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu treffen. Bis +dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales +Drama des Yankeetums nach einer nationalen Bühne +schreit, wird noch viel Wasser den Hudson hinunterlaufen. +</p> +<note place="margin">Die große Oper.</note> +<p> +Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz +erheblich besser als mit dem Schauspiel, weil die Oper +ein internationales Unternehmen ist, dem es vorläufig +ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte +als Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht; +denn sie kann ihren Bedarf durch die Meisterwerke und +Gesangssterne Europas vollkommen decken. Im übrigen +wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das +meiste Geld zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die +Leitung nicht gänzlich unfähig ist. Mit dem nötigen Geld +kann man sich nicht nur die besten Sänger und Sängerinnen +der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und +Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, +wo die <hi rend='italic'>Greenbacks</hi> (Dollarscheine) so leicht das Fliegen +lernen, wäre es möglich, ein genügend zahlreiches Personal +von Sängern und Sängerinnen, darunter die berühmtesten +Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um damit +die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, +die französischen französisch und die italienischen +ita<pb n='138'/><anchor id='Pg138'/>lienisch darzustellen?! Trotzdem das Riesenhaus immer +voll und die Eintrittspreise für unsere Begriffe sehr hoch +sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch +durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer +immer gedeckt wird. Es ist also selbstverständlich, +daß keine Opernbühne Europas an Großartigkeit des +Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es +versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem +Theater Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an +äußerem Glanz, sondern auch an echter künstlerischer +Qualität alles übertreffen, was selbst Wien, Berlin, München, +Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu +bieten vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die +großen Gefahren dieses amerikanischen Systems, bei dem +die starke Triebfeder eines hingebenden künstlerischen +Idealismus durch eitle Prahlsucht und Geldprotzentum ersetzt +werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der +leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte +die Lust verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen, +wirklich ihr Bestes zu tun. Aber schließlich wird überall mit +Wasser gekocht, und eine ununterbrochene Reihe wirklicher +Weihefestspiele kann es eben nur unter Bedingungen geben, +wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls ungerecht +und töricht von uns Europäern, die glänzenden Veranstaltungen +der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel +Blendwerk abzutun. Die Herren Milliardäre bekommen +für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst geliefert. +</p> +<note place="margin">David Keßlers jiddisches Theater.</note> +<p> +Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von +Komödienspiel erlebt habe, fand ich in einem der fünf +jiddischen Theater an der Bowery, dem New Yorker Ghetto, +wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu +Tausenden beieinander hocken. „<hi rend='italic'>The Miners</hi>“ (die Bergleute) +hieß das Theater, unansehnlich von außen, eng, +<pb n='139'/><anchor id='Pg139'/>schmutzig und in allen Einrichtungen veraltet von innen. +Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt +an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht +Schabbes, war das Haus gesteckt voll. Ganze Familien +mit Kind und Kegel im Parterre, die besseren Leute im +ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon +ihr Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der +Galerie die Arbeiter und kleinen Gewerbetreibenden, +ärmlich und schäbig anzuschauen, mit steifen kleinen +Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf. +Sie sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten +Schauspieler ihrer Zunge, <hi rend='italic'>David Keßler</hi>, zu sehen, der +zugleich der künstlerische und geschäftliche Leiter des +Unternehmens ist. Das Stück hieß: „Jankel, der Schmied“, +von <hi rend='italic'>David Pinsky</hi>, einem jüdischen Autor, der schon +einmal bei Reinhardt durchgefallen ist, eine naturalistische +Kleinmalerei aus dem Leben der jüdischen Kleinbürger +in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück Wahrheit +von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen +Bühne seit Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ +kaum mehr dagewesen ist. Und diese heimatlosen Weltwanderer, +diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere +mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, +Schönheit, Licht und Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten +ein so wildes, mauschelndes Geschnatter vollführen, +daß einem die Ohren gellen, sie lauschen andachtsvoll +gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese +ihre nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, +als den tiefen Einblick in unsäglich traurige Familienverhältnisse +und widrige Menschenseelen, sie nehmen all +dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und begrüßen +die derben Späße oder auch die wenigen idyllisch gemütvollen +Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem +<pb n='140'/><anchor id='Pg140'/>Gelächter und begeistertem Beifall. Was aber wirklich +an dieser seltsamen dramatischen Kunst auch für den +rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls würdig +ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst +des Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher +Darsteller; denn nicht nur das Haupt der Gesellschaft, +dieser David Keßler, ist ein wirklich großer Charakterdarsteller, +der ganz und gar in dem vom Dichter geschaffenen Menschen +aufzugehen versteht, sondern alle seine +Schauspieler und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren +Aufgaben derartig verwachsen, als ob sie einfach sich selber +ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne und die Sinne +der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte +ich die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig +erstaunt aus seinem Munde zu hören, daß außer ihm gar +keine Berufsschauspieler in seiner Truppe vorhanden seien, +sondern daß er sich die Leute von überallher zusammengelesen +und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzügliche +komische Episodenspieler handelt tagsüber mit +alten Hosen, diese schlichte sentimentale Liebhaberin, die +so ergreifende Gemütstöne findet, ist vielleicht Dienstmädchen +in einer besseren jüdischen Familie, und diese +ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten +schwarzen Scheitel auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht +uns beiseite und erzählt uns mit stolz aufleuchtenden Augen, +daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen Sohn so weit +gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem +fremden Lande eine geachtete Stellung einnehme und +einer glänzenden Zukunft entgegengehe. Am Schluß des +Stückes bricht ein tobender Beifall los, der sich sonderbarerweise +außer in Klatschen und wildem Trampeln auch +in gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf +der Bühne erscheint, rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: +<pb n='141'/><anchor id='Pg141'/>„<hi rend='italic'>Speech, speech!</hi>“ Der derbe vierschrötige Gesell steht +unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da, und dann +stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie +er sich aber zum Abgehen wendet, wird von der Galerie +her der Ruf nach Musik laut. Da macht er kehrt, stampft +bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm in +der Richtung, von wo der Ruf kam. „Wer Musik haben +will,“ ruft er in kaum unterdrückter Entrüstung, „der mag +ins Tingeltangel gehen, hier ist nicht der Ort für trivialen +Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische Kunst mit +heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich +seit einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um +euch, meinen armen Landsleuten und Glaubensgenossen, +eine nationale Kunst zu geben, wie ihr sie braucht, und wie +ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich versucht, +euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu erziehen, +mit dem Einfachsten und Verständlichsten habe +ich angefangen, um euch vorzubereiten auf das Tiefere, +das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und jetzt schreit +ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!“ +</p> +<note place="margin">Eine improvisierte Standrede.</note> +<p> +Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer +sein, das russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man +hört sich allmählich hinein. Ich wenigstens vermochte +vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu folgen, und so +glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus +echter Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich +richtig verstanden habe. Ganz still und beschämt saßen die +Zuschauer da, und die jüngeren Leute besonders hingen mit +Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den das +Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach +von der Sehnsucht seines Volkes nach Kunst, nach tätiger +Beteiligung an den höheren Kulturaufgaben der Menschheit, +er wies voller Stolz auf die großen Erfolge hin, die +<pb n='142'/><anchor id='Pg142'/>jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf +der deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit +Begeisterung den Namen <hi rend='italic'>Max Reinhardts</hi>, der einen der +ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel hervorgezogen und +zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit gegeben +habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten +und kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. +Er leitete aus diesen ersten großen Erfolgen die Pflicht des gesamten +Judentums ab, sich mit seinen besten Kräften immer +eifriger an der Aufwärtsentwicklung der modernen Kunst +zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden +und verließ unter donnernden Cheers die Bühne. +</p> + +<p> +Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, +auf gut Glück herausgegriffen aus den unteren Schichten +dieser in die westlichste aller Kulturen verschlagenen +Orientalen, für ein starkes Talent zur Menschendarstellung, +d. h. also zur künstlerischen Selbstentäußerung besitzen, +habe ich begriffen, woher es kommt, daß in allen Kulturländern +gerade das Theater von Angehörigen dieser Rasse +überschwemmt wird. Geldgier und Ruhmsucht sind in +diesem Falle sicher nicht die Triebkräfte; denn es gibt +genug jüdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte +des Glückes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen +Kollegen aus reiner Begeisterung für die Kunst frieren +und darben. Denn gleichwie diese Rasse eine Neigung +zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem +stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rätselraten +und in raschen Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, +die sie für die Juristerei besonders geeignet erscheinen +läßt und ihren Handelsunternehmungen und Geldspekulationen +so oft einen kühn-fantastischen Anstrich verleiht, +so mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, +auch der jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemüt +<pb n='143'/><anchor id='Pg143'/>dieses Volkes lastete, die naive Lust am Mummenschanz zu +der starken Sehnsucht hinauf gesteigert haben, wenigstens +gelegentlich durch das Mittel des künstlerischen Selbstbetruges +über das gedrückte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen +und im Rampenlichte Könige, Helden und +glückliche Liebhaber vorzustellen. Es ist überhaupt +charakteristisch, daß gerade diejenigen Völker, deren +Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, +am wenigsten von der Sympathie der dort herrschenden +Rassen gestützt fühlen, am eifrigsten und mit dem größten +Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden +sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und +San Franzisco stehende Bühnen unterhalten. Die Italiener +und die Franzosen sehen ja an der großen Oper ihre +nationale Kunst glänzend vertreten, aber auch sie werden +vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen +Angehörigen der verschiedenen slawischen Volksstämme +eifrig Liebhabertheater spielen. Ich habe leider davon +nichts zu Gesicht bekommen. +</p> +<note place="margin">Niedergang des deutschen Theaters.<lb/> + Repertoirschwierigkeiten der deutschen Bühne.<lb/> + Reinhardt der Retter.</note> +<p> +Aber seltsam muß es uns Deutsche berühren, daß +dies ungeheure Neuland, als welches Deutschland es in +musikalischer Beziehung überhaupt erst urbar gemacht +und vollständig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt +der großen Oper und eines blühenden Konzertlebens +glänzend aufgegangen ist, doch kein deutsches Schauspielhaus +von einiger Bedeutung mehr am Leben zu erhalten +vermag. Wenn man bedenkt, daß der herrschenden +Yankeerasse mit ihren 20 400 000 Köpfen 18 400 000 +Amerikaner deutscher Abstammung gegenüberstehen, daß +New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher +Abstammung nach die zweitgrößte deutsche Stadt der +Welt ist, so muß man sich baß verwundern, daß die wenigen +stehenden deutschen Bühnen in den Vereinigten Staaten +<pb n='144'/><anchor id='Pg144'/>nicht nur künstlerisch immer mehr zurückgehen, sondern +auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kämpfen +haben. Bei längerem Hinschauen und ruhiger Überlegung +wird diese traurige Tatsache allerdings verständlich. Die +Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos +das Englische schon besser als ihre Muttersprache, +in der zweiten Generation haben es die meisten +wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu bedenken, daß +die weitaus überwiegende Zahl der Einwanderer den +wenig gebildeten Ständen entstammt, bei denen naturgemäß +von einem starken Pflichtbewußtsein als deutsche +Kulturträger nicht die Rede sein kann. Wenn nun schon +die Väter der fremden Sprache und damit der fremden +künstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand +entgegensetzen, so wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern +erst recht nicht der Fall sein. Es bleibt also von +den 18 Millionen als befähigte Genießer und berufene +Förderer des deutschen Dramas nur ein verhältnismäßig +kleiner Bruchteil übrig, dessen Mitglieder zudem über den +ganzen weiten Kontinent verstreut sind. Nun wird freilich +in sehr vielen der zahllosen deutschen Vereine nicht nur +das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit +schönem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche +genug, die nicht nur zugunsten eines Liebhabertheaters, +an dem ihre Töchter und Söhne mitspielen, sondern auch +zugunsten einer öffentlichen Bühne tief in ihre Taschen +zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere +große Schwierigkeit auf: Für welche Gattung deutscher +Dramatik soll dies Geld gespendet, dieser rührende Eifer +aufgewendet werden? Außer den paar akademischen +Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Höhe +der Bildung stehenden berufsmäßigen Kritikern haben +doch nur verschwindend wenige Deutsch-Amerikaner ein +<pb n='145'/><anchor id='Pg145'/>so starkes Interesse an der Entwicklung speziell des +Theaters, daß sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang +unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu +folgen imstande gewesen wären. Die internationale Mode +hat lediglich das Musikdrama Wagners und seiner Nachfolger +gestützt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, +der Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie +sie sonst noch heißen mögen, deren Modeglanz oft schon +verblaßt war, bevor ernsthafte Leute sich noch über ihren +inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das +deutsche Theaterleben stark anregen, besaßen aber nicht +die Kraft, zumeist auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar +in die Ferne zu wirken. Die stärkste Auswanderung +gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren +um 48 herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die +Begriffe vom deutschen Drama, die also unsere wichtigsten +Kulturträger mit herüberbrachten, stammen noch aus +der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum +herrschte. Von den aufregenden Kämpfen, die in den +letzten vier Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter +nicht zur Ruhe kommen ließen und unseren Geschmack +revolutionierten, hat das Deutschtum überm Ozean kaum +einen Hauch verspürt. Was ist begreiflicher, als daß der +Leiter eines deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung +seines Repertoirs möglichst sicher gehen will? +Da er mit gutem Grunde befürchten muß, sein Stammpublikum +durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, +durch Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den +Kopf zu stoßen und durch Frank Wedekind zu entrüsten, +weil die angelsächsische Geistesenge und Prüderie bei +langem Aufenthalt im Lande schließlich doch auch auf +die kecksten Deutschen abfärbt, so wird er sich darauf +beschränken, neben den Klassikern das harmlose +Familien<pb n='146'/><anchor id='Pg146'/>lustspiel und das gesinnungstüchtige Thesenstück zu geben. +Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den +ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner +nicht zum entrüsteten Widerspruch reizen; +sie wird ihm aber auch nichts zu geben vermögen, was sein +Gemüt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf +zu denken geben könnte. Die sozialen Verhältnisse, auf +denen das deutsche Familienstück beruht, die Konflikte, +die durch Standesvorurteile oder durch spießbürgerliche +Beschränktheit entstehen, auch manche Lieblingsfiguren +dieser Gattung, der Schwerenöter in Uniform, der Backfisch, +der schüchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gänzlich +fremd geworden. Wie sollten ihn Menschen und +Verhältnisse auf der Bühne interessieren, die er in seiner +Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings sind einzelne +deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die +deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine +unglücklichere Idee konnten sie wohl nicht gut auftreiben; +denn was gibt es auf theatralischem Gebiete Abschreckenderes +und Jämmerlicheres als eine Operette, mit unzulänglichen +Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten +Staaten an Operettenbühnen wahrlich kein +Mangel, und was Wien an Schlagern produziert, wird +unfehlbar auf diesen Bühnen mit allem Pomp inszeniert +und von den zugkräftigsten Spezialisten dieser Gattung +dargestellt. Die Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung +besteht darin, daß in ihr keiner der +Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaßen +ruhig halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste +begleitet, und sobald ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen +Chor und Solisten mit allen verfügbaren Extremitäten +zu zucken, zu schlenkern, zu stoßen und zu schleudern +– kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmäßig +<pb n='147'/><anchor id='Pg147'/>in Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten +Anstrengungen ausgepumpter Lungen und heiser geschriener +Stimmritzen begleitet. Wie arg nun auch dieser +Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen +mag, er ist einmal der herrschende geworden, und kein +seßhafter amerikanischer Bürger wird sich eine Operette +anders vorstellen können, denn als eine solche prunkvoll +inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit +Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umständen +eine deutsche Operette bieten, die für den Mangel an +kostspieliger Inszenierung und geschmackvoller Kostümierung +keineswegs durch glänzende Leistungen des +Orchesters und der Sänger zu entschädigen vermag? Sie +kann nur dazu beitragen, seine Achtung vor dem +deutschen Theaterwesen noch mehr herabzusetzen, als +es Klassikervorstellungen mit dürftiger Ausstattung und +mittelmäßigen Schauspielern schon zu Wege gebracht +haben. Das Interesse für deutsches Theater und die +Hochachtung vor der Leistungsfähigkeit der deutschen +dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drüben +nur dadurch wieder erweckt werden, daß <hi rend='gesperrt'>von Deutschland +aus</hi> große Mittel aufgewendet werden, um Gastspiele +ganz hervorragender Truppen mit allerersten +Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glänzender +Ausstattung in den deutschen Hauptstädten der Union +zu ermöglichen. Mit zweiter Garnitur und mit abgeblaßten +Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen +Sinn. Wenn <hi rend='gesperrt'>Max Reinhardt</hi> seinen Plan verwirklicht, +seinen „Ödipus“, „Faust“ und andere geniale Inszenierungen +nach Amerika zu bringen, so wird er ganz sicher +nicht nur gute Geschäfte machen und persönlich einen +großartigen Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre +der deutschen theatralischen Kunst wiederherstellen und +<pb n='148'/><anchor id='Pg148'/>für die Zukunft eine neue Möglichkeit schaffen, ein gutes +deutsches Theater ständig drüben zu erhalten. Die Amerikaner +wollen zunächst einmal verblüfft sein; es muß ihnen +etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine +Bombenreklame muß auch das ganze gebildete Publikum +<hi rend='gesperrt'>englischer Zunge</hi> in dies Unternehmen locken, und +dies gesamte Publikum englischer Zunge muß vor Neid +bersten und zu dem Geständnis gezwungen werden, daß +es dergleichen in seinem Theater noch nicht erlebt habe. +Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees wird das +Solidaritätsgefühl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. +Die Schecks für einen deutschen Theaterfonds werden sich +zu einem Berge aufhäufen, und so gut, wie die jetzigen +italienischen Leiter der großen Oper sich unsere ersten +Sänger, Sängerinnen und Kapellmeister herüberkommen +lassen, werden in Zukunft Unternehmer großen Stils die +Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und +Schauspieler zu kaufen. Und wenngleich die große Sensation, +die das deutsche Theater in Mode bringt, von +Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge doch +sogar die Denkfaulheit und die Prüderie des amerikanischen +Durchschnittsmenschen besiegen und auch kühnere Neutöner +unter den lebenden Dramatikern zu Worte kommen +lassen. Wenn dann gegen den Geist des deutschen Dramas +in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und +ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es +gegen Richard Strauß’ letzte Opernwerke geschah, so wird +manch ein geplagter deutscher Theaterdirektor seinen Kahn +schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es wird sogar – +was schließlich doch wohl das Beste dabei ist – wieder ein +tüchtiges Stück Arbeit in der Richtung der kulturellen +Germanisierung Amerikas geleistet werden können. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='149'/><anchor id='Pg149'/> +<index index="toc" level1="Die amerikanische Presse"/> +<index index="pdf" level1="Die amerikanische Presse"/> +<head>Die amerikanische Presse.</head> + +<p> +In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield +Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des +Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand +ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerikanische +Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: +„Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet +der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich +dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von +Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir +scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine +Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und +zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative +Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen +Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über +unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet +einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen +Kontroverse zwischen zwei Hochschulen +sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was +sein <hi rend='italic'>sollte</hi> und dem, was praktisch <hi rend='italic'>ist</hi>. Amerikanische Lorbeeren +grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge: +wenn das Leben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht +ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen, +um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig +ist, um seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, +wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker +dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen +Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, +die über seine Krankheit und seinen Tod berichten. +Ver<pb n='150'/><anchor id='Pg150'/>gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und +der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden +Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren +allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben +sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern +können. Über einen noch viel moderneren Gegenstand, +die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich +nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion +der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen +Politik: der britische Student findet jede bedeutungsvolle +Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches gehalten +wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt; +er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler +sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der +subjektiven Darstellung des Redakteurs.“ +</p> +<note place="margin">Lesefutter für Kinder und Unmündige.</note> +<p> +Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten +Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten +Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicherlich +meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen +Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. +Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in +der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer +ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der +Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln +zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen +lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich +auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf +ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, +daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht +imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu +erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack +bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der +Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus +<pb n='151'/><anchor id='Pg151'/>reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß +genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der Leserwelt, +so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach +dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es +gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich +Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick +genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchsvolleren +Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar +nicht unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden +Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlagfertigen +Debatter mehr gute geborene Journalisten vorhanden +sein dürften, als in manchen Ländern der Alten +Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen +Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das +Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten +sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem +Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau +absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun +einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter +Menschen als für Kinder und Unmündige zugeschnitten. +Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich +auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied +zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten +Blättern und der gelben Sensationspresse modernster +Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei +ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste bedeutet, +und daß die gebieterische Stimme des Publikums +auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in +der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem +schlechten Sinn zu modernisieren. +</p> +<note place="margin">Illustrationsunfug.</note> +<p> +Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, +besteht darin, sie mit Illustrationen zu versehen. +Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene +<pb n='152'/><anchor id='Pg152'/>Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck +auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende +Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in +sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von +Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künstlerische +Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich also +für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien +handeln können, die durch irgend ein billiges +Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den +guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen +mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen +mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeitgenossen +tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben +wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren +Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem +gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über +ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische +Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes +wird aber aus einer festlich bewegten Volksmenge +ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen +Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur +eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, +wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte +Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere +Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering +einzuwickeln. +</p> +<note place="margin">Eitelkeitsmarkt.</note> +<p> +In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, +überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen +mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren +guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern +schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und +humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich +für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern +<pb n='153'/><anchor id='Pg153'/>aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text +mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe +genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden +Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf +verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in +Riesenbuchstaben: „<hi rend='italic'>287 Menschen verkohlt</hi>“, oder „<hi rend='italic'>Rabenmutter +läßt sieben Kinder verhungern</hi>“, oder „<hi rend='italic'>Das Arnoldmädchen +mit Liebhaber in Neapel gesehen</hi>“ – wobei zu +bemerken ist, daß „das Arnoldmädchen“ die durchgebrannte +Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie +ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides +wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann +folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben +Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen +Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als +Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und +ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von +einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte, +tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes +natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, +Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis +des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens- +oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch +noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier +die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der +Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt +als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten, +die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“ +in möglichst knappen Notizen abgetan und nur +von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen +werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten +Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig +gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters +<pb n='154'/><anchor id='Pg154'/>und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illustrationen +gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich +jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde +in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine +interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen, +und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist +ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch, daß die Nation +es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, +Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. +Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie +von sich reden machen, werden fleißig interviewt und +selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harmlose +Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt +des Tagesinteresses stehenden Personen füllen +zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß +sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu +werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist +trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz +der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten +Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910 +unter den Nachrichten aus dem Weißen Hause <hi rend='italic'>The Spinster +Aunt</hi> Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, +im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig +Lebkuchen und andere Gutseln gebacken hatte; das Paket +und einzelne Gutseln waren gleichfalls abgebildet! Die +Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten +der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, +die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene +Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Parteigegner +zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedankenvolle +Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. +Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die +bei uns „Hof und Gesellschaft“ überschrieben zu sein +<pb n='155'/><anchor id='Pg155'/>pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser, +der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten +der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit +sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von +dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, +ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten, +sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit +sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk +J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu +Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sechzehntes +Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den +prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“ +So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison. +Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit +irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse +die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche +Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt +eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als +Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein +Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, +oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig +Jahre alt wird – kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit +wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen +Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen +darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann +man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln +feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne +Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen +allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachverständigen +Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen +gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter +des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe +breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten +<pb n='156'/><anchor id='Pg156'/>doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen +Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht +froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch +Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein +feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozialpolitische +Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Ausführungen, +bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine +Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, +dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers +für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich +eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen +Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in +fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik +hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und +scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende +Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende +Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit +der fett gedruckten Überschritt: „Wähle dir nie dein +Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft, +denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck +weiter, „so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm +nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen +läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schuldenlast +auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil +ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse +zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich +ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang, +und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es +ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert +ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles, +was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten +Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann. +Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen +<pb n='157'/><anchor id='Pg157'/>begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen, +Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer +Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es weiter im +Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine +Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten +Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen +Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine angeschoppte +Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte +Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich +den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, +halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren +fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die +Nase. +</p> +<note place="margin">Intellektueller Schlangenfraß.</note> +<p> +Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen +geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen +vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen +Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen +Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine +Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser +Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner +keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. +Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er +widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während +der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Europäer +höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der +verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied +des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen +Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. +Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehrwürdigen +Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträchtlichen +Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die +sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren +sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß +<pb n='158'/><anchor id='Pg158'/>nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine +Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im +Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen, +welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des +Varietés anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten +Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen +der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus +dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche +verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche +grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen +anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig +harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren +Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonntags +kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck! +</p> + +<p> +Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese +kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man +das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser +in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet. +Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert +an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da +eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen +erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit, +daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse +anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche +Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche vertraulichen +Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem +Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur +zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. +Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und +finde unter der Rubrik „Die Frau und ihre Interessen“ +folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein +Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung – +„Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer +<pb n='159'/><anchor id='Pg159'/>Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen +Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge +Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie +machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein +Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in der Stadt, und +ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge +Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren +zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten, +sie gratis mitzunehmen? C. A.“ +</p> + +<p> +Antwort: „Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts +helfen.“ +</p> + +<p> +Ist das nicht rührend niedlich? +</p> +<note place="margin">Kopfzeilen.</note> +<p> +Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen +Tageszeitung sind die <hi rend='italic'>Head lines</hi> (Kopfzeilen). Die +Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts +zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit +solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften +zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der +europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut +über diese gräßlichen <hi rend='italic'>Head lines</hi>; er fühlt sich zum +Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften, +die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unterbrechen, +im Grunde genommen doch nur ausdrücken +will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er +imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Gelesenen +klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders +über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Berichten +über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten +zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen. +Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „<hi rend='italic'>Sagt, Kalifrage +nicht schuld</hi>“, und erst in dem in Diamant- oder gar +Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, +daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin +<pb n='160'/><anchor id='Pg160'/>handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine +Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung +gebildet habe. – Ein Bericht über mein und meiner Frau +Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise +überschrieben: „<hi rend='italic'>Tituliertes Paar produziert sich +vor erlesener Hörerschaft</hi>“. Oder ein Mordbericht ist überschrieben: +„<hi rend='italic'>Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann +Frau</hi>“. Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, +der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging +vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmacklosigkeit, +kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, +die Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten +tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen +durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten +Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe +der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste +Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man +reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den +ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also +im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung. +</p> +<note place="margin">Ein smarter Reporter.</note> +<p> +Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein +kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner +unter journalistischer <hi rend='italic'>Smartness</hi> versteht. In St. Louis +wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens +ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. +Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene +junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir +waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der +„Baron“ veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, +ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt +abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von +Richard Strauß’ „Salome“ in Chicago viel Staub +auf<pb n='161'/><anchor id='Pg161'/>wirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung +darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung +dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so +brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich +über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht +über „Salome“ auszufragen. Er stenographierte fleißig, und +wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton +zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab. +Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion +angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein +ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch +die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch +eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst +empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser +Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante +junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt +hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und +fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob +ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, +was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach +dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den +Cowboys dort fürchtete – und dergleichen weltbewegende +Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines +höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, +und es wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, +daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten +sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu +Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein +reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und +interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft +und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete, +geschmackvolle und fein empfindende Dame. +</p> +<note place="margin">Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.</note> +<p> +Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung +<pb n='162'/><anchor id='Pg162'/>schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen +Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf +mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten. +Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht +selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte +Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre +sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine +nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In +allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar +vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung +und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser, +an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden +Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise, +wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten +von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen +Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles, +zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unterdrückten +entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung +erfüllen. Ich brauche wohl nur die Namen <hi rend='italic'>New-York +Herald</hi> und <hi rend='italic'>Henry M. Stanley</hi> zu nennen! Es betätigen +sich eben im Journalismus nicht nur Leute, „die +ihren Beruf verfehlt haben,“ nicht nur Klugschwätzer und +Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies – +weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden +kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein +Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! Unserer +deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß +unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder +sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden. +Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein +Deutscher; in dem am <hi rend='italic'>Boston Transcript</hi>, einer in geistigen +Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur +für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen +<pb n='163'/><anchor id='Pg163'/>ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er schreibt jetzt, wie +viele seiner Landsleute im Journalismus und im Lehrfache, +ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten +zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der +Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran +in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die +sich an das gefährliche Goethewort halten: „Wer vieles +bringt, wird manchem etwas bringen.“ +</p> + +<p> +Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es +aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn +was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für +einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, +was eine weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft +interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung +zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann +ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, +sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen +ihrer Leser, indem sie allgemein verständlich +schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem +beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen +herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse +keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten +gegenüber, die die Wogen des Lebens tagtäglich ans Ufer +der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funktionen +der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle +übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens +desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral +chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Liebedienerei, +welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der +Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres +Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. +Daß sie, wie ich in den Ausführungen über +öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer +<pb n='164'/><anchor id='Pg164'/>indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten +Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen +Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich +prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen +Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, +wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen +um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens +besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen +gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine +schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den +Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral +und den gesunden Menschenverstand zum Minister der +geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig +zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem +Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem +setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den +Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr +schwer, sich da wieder herauszurappeln. +</p> +<note place="margin">Sensationsartikel ernster Zeitschriften.</note> +<p> +Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein +warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit +des täglichen Massenfutters auszugleichen, +die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf +nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise +ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und +sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt. +Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis! +Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, +das absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um +zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen +zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die +schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits +eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden +ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- +<pb n='165'/><anchor id='Pg165'/>und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es +auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den +Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern +sie einem achselzuckend: „Ja, dieses einen Artikels wegen +wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, +so schnappt uns die Konkurrenz die Leser weg.“ Dieser +eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller +Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeitschrift +verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz +einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus +dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hochstapelei, +er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht, +vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. +Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten +brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in +welchem behauptet wurde, daß in New York täglich +etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert +würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen +Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern +herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem +Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen +Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonderheit +der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein +Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unternehmen +wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen +Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der +er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber +neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere +Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen +keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen +können. Schließlich sei der Zustand der Dame so besorgniserregend +geworden, daß sie selber auf eine nochmalige +Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, +<pb n='166'/><anchor id='Pg166'/>daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung, +noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurückkehrte +und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation +erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: „Mein Gott, was +habe <hi rend='italic'>ich</hi> dann da der Dame herausgeschnitten!?“ Ich +müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht +schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; +aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen +medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der +Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten +Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige +alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. +Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier +zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende +Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des +Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar +der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung +dafür klingt freilich plausibel genug: „Was +wollen Sie?“ sagen einem die Herausgeber, „die Wissenden +täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren +sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel +gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht +alles behalten kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich +einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten, +so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten +Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir +stiften sollen?“ +</p> + +<p> +Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den +besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden +vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein +würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen +auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal +kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und +<pb n='167'/><anchor id='Pg167'/>Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und +morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die +politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen +in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute +rot, morgen blau und übermorgen gelb – wenn er noch +seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die +Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch +das Weiß der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung +durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß, +wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt +aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen +Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur +wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt +stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu +halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor +der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut +umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der +ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie +sich gefallen läßt. +</p> +<note place="margin">Die deutsche Presse.</note> +<p> +Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens +ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der +führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe +gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu +erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, +besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere +und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der +guten englischen Presse. Und was beispielsweise die +New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an +Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität +und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht. +Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Einwanderer +amerikanisiert sich überraschend schnell in +Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen +Neu<pb n='168'/><anchor id='Pg168'/>gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die +deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mitzumachen. +Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, +diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem +großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich +zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich +habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche +Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie +aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch +die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die +Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und +stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. +Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose +Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Amerikaner +erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie +eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, +den Geschmack der Masse zu vergewaltigen. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='169'/><anchor id='Pg169'/> +<index index="toc" level1="Von der demokratischen Gesellschaft"/> + <index index="pdf" level1="Von der demokratischen Gesellschaft"/> +<head>Von der demokratischen Gesellschaft.</head> +<note place="margin">Die demokratische Freiheit.</note> +<p> +Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten +zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, +von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern +einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender +Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in +wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher +und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie +mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen +der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche, +feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit +im Familienheim wieder gefunden und ihre +Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber +dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt +schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr +oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen +Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen +wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, +Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen +Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten +seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren +demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als +Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, +euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen +Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen +Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen +grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten +zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von +Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß +<pb n='170'/><anchor id='Pg170'/>und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht +heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl +von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil +Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist +ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die +sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins +erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen +erscheinen uns Republikanern nun vollends +lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum +angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und +dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das +sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte +lang die Luft echter demokratischer Freiheit +geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch +werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel +komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil +über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, +welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, +sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts +des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken +schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die +aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, +der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin +und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral, +um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; +die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen +die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung +der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen +Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen +gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien +aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind. +</p> + +<p> +Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem +Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit +<pb n='171'/><anchor id='Pg171'/>ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. +Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen +Gesellschaft der größten amerikanischen Republik +wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt +möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, +eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums, +eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne +Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken +und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen +Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische +Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr +energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr +und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der +Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, +sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, +jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die +wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen +Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, +unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane +verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle +öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel +besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates +passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen +das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich +mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; +in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf +der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn +mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf +dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen +lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, +riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das +Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, +werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt. +<pb n='172'/><anchor id='Pg172'/>In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich +keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit +soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß +auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle +vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur +bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere +Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto +hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich +nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, +Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern +in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem +Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag +am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe +mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön +ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren +Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, +wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen, +Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige +Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier +kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut +gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu +bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland +zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlich +<hi rend='gesperrt'>prominent</hi>, daß mir auch diese Gesellschaft +noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen +zu den <hi rend='gesperrt'>erstklassigen</hi> Menschen, so lege ich noch ein +paar Dollar zu und kaufe mir dafür ein <hi rend='italic'>Compartement</hi>, d. h. +einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des +großen <anchor id="corr172"/><corr sic="Pullmann">Pullman</corr>-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel +verfüge und nachts auch allein schlafen kann, +während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein +pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang +übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen +<pb n='173'/><anchor id='Pg173'/>Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man +es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen +Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, +für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben +etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für +seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz +im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen +Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken +darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden +in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. +Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? +Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers +schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit +der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande +der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht +daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten +einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger +in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im +besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, +echt demokratische Einrichtung. +</p> +<note place="margin">Die alte Tante.</note> +<p> +Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in +der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch +sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und +wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die +Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, +welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir +drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, +so stoßen wir in den meisten Fällen auf – <hi rend='gesperrt'>die alte Tante</hi>! +Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, +welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen +einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden +Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt +und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr +sauer<pb n='174'/><anchor id='Pg174'/>töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer +ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. +Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen +Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so +leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und +beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie +im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen +werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche +mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel +wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir +ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen<note place="foot">„<hi rend='italic'>A drink with a wink</hi>“ heißt das. In den Staaten, wo die +Prohibition streng durchgeführt ist, fordert man unter möglichst unmerklichem +Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in +einem undurchsichtigen Gefäß sein Bier, wobei die weiße Schaumhaube +die Milch vortäuschen muß.</note>, +dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die +Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische +Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und +sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des +Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt +und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, +seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, +die <hi rend='gesperrt'>sie</hi> für anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit +ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht, +noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich +auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg +besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche +Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem +Gebiete die freie Entwicklung immerhin +beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten +Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst +mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten +Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht +<pb n='175'/><anchor id='Pg175'/>sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. +Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper +versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich +sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, +ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden +Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, +theatralische Vorstellungen unter dem Namen <hi rend='italic'>Sacred +Concert</hi> zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen +müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater +in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, +der französische Schwank von der alten Balletteuse, als +<hi rend='gesperrt'>geistliches Konzert</hi> gegeben! +</p> +<note place="margin">Raubritter hüben und drüben.</note> +<p> +Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen +Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei +ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter +ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der +Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen +Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ +landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten +ostelbischen Junker neidisch machen könnte. +Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern +noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, +da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und +Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute, +deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen +Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen +sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen +namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen +ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die +Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht +durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch +strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises +dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden +<pb n='176'/><anchor id='Pg176'/>kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten +Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer +Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie +unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern +Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um +unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu +machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors +usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen +über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie +„Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der +„Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften +durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges +würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie +auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres +Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten +Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer +jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden +und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich +aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die +Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren +Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher +mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen +und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem +wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch +sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere +unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, +so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet +und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche +Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner +scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für +die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse +aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den +besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen +<pb n='177'/><anchor id='Pg177'/>ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann +und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste der <hi rend='gesperrt'>möglichen</hi> +Menschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen +der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste +und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von +hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß +die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich +Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, +die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. +Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das +Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als +vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen +gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, +Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion +Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft +von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das +Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes +andere. <hi rend='italic'>Pluckyness</hi> ist heute noch ein höchstes Lob für +einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht +ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese +Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß +studieren will, der lese die kürzlich erschienenen +Memoiren des alten Gauners Drew<note place="foot">„The Book of Daniel Drew“ by Bouck White.</note>. Darin kommt eine +köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen +Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit +benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst +minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst +bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den +letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst +leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen +und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor +Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ +<pb n='178'/><anchor id='Pg178'/>er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren +prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit +vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte +ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver +hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und +man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung +großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament +in die Höhe zu treiben „<hi rend='italic'>Watering the stock</hi>“ die Herde +wässern – denn das Wort <hi rend='italic'>stock</hi> bedeutet sowohl Aktie wie +Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees +aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf +machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung +meiner Überzeugung, daß das Streben nach +Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der +gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen +anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller +stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen +Schwächlingen abzusondern. +</p> +<note place="margin">Soldatenwerbung.</note> +<p> +Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker +Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in +den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, +die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin +halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns +bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs +grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein +diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. +Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen +unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten +erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten +aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. +Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker +wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender +Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder +<pb n='179'/><anchor id='Pg179'/>Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine +persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die +Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast +noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie +ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des +stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen +Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig +verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem +Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt +vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, +und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. +Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem +festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden +Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst +verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, +im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges +Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den +Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner +Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch +einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen +großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter +ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, +die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese +Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten +und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger +Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu +trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges +tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu +bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen +die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische +dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. +Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im +Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür +<pb n='180'/><anchor id='Pg180'/>wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch +behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte +hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für +Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht +von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die +Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten +Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen +Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein +blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit, +sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und +wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften +ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste +Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer +eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden +ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu +kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei +jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm +an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche +Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse +und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. +Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld +zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen +und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen +Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit +des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und +Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. +Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, +ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat +könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte +beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform +zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel +bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz +als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht +<pb n='181'/><anchor id='Pg181'/>den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter +völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte +mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz +habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken +gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, +das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen +hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. +Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach +ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich, +dann immer deutlicher und kompakter wieder auf +dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus +der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel +von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt +nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei. +</p> +<note place="margin">Vom Söldnerheere.</note> +<p> +Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete +Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten +Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über +kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn +es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches +Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die +amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt +um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte +der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung +entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen +Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck +das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere +Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind +die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich +alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer +Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. +Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken +Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der +Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien, +<pb n='182'/><anchor id='Pg182'/>beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen +Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken +und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben +wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es +eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus +zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf +einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen +sind. Nur angesichts eines solchen nationalen +Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner +sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht +hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das +Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit +macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt +wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin +aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, +durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten +werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen +für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen. +</p> +<note place="margin">Demokratische Tugenden.<lb/> +Neidlosigkeit.</note> +<p> +Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten +tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute +noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der +verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung +der Gesetze und in der geringen Empfindung für die +Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung +der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, +daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie +Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas +weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer +etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld +für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn +hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse, +gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner +<pb n='183'/><anchor id='Pg183'/>und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch +drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich +Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu +kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter +Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten +Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so +mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem +Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer +sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an +der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen +Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen +Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die +Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht +sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk +ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein +des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern +vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem +Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das +die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. +Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste +Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht +und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene +beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen +des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor +jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene +und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende +und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer +dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den +ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der +Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: +Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum +guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen +Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur +<pb n='184'/><anchor id='Pg184'/>in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, +der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch +Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, +sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch +der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil +hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die +genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis +übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des +Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge +austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er +seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen +eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen +und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, +daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff; +wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für +Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach +seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der +Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja +noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose +Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit +der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute +einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der +Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor +der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon, +daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der +Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage +bandenweise in einen Laden oder in einen <hi rend='italic'>Saloon</hi> einfallen +und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, +das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße +etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, +das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine, +der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt +fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter +<pb n='185'/><anchor id='Pg185'/>ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen +Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht +ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden +um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser +schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen +haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen +guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – +ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, +es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist +ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des +Sozialismus drüben nicht blühen will. +</p> + +<p> +Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, +einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, +Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel +hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan +einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung +durchzumachen? +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='186'/><anchor id='Pg186'/> +<index index="toc" level1="Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht"/> + <index index="pdf" level1="Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht"/> +<head>Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht.</head> + +<p> +Es war eine der klügsten Maßnahmen der Unionsbegründer, +daß sie in ihrer Verfassung die Trennung von +Kirche und Staat aussprachen. Wie überall in der Welt, +so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung +Nordamerikas die Verquickung des religiösen Elements +mit der Politik die übelsten Folgen gehabt. Die bischöfliche +Kirche Englands, die papistische wie die protestantische, +hatte natürlich versucht, ihre Herrschaft auch +auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und +dadurch den unseligen Religionshader in die neue Welt +verpflanzt. Die Pilgerväter, das heißt jene fanatischen +Puritaner, die in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts +die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, +hatten sich weit unduldsamer erwiesen als selbst die +römische Pfaffenherrschaft in den spanischen Südstaaten. +Sie wären am liebsten mit Inquisition und Scheiterhaufen +gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen. +Aber wie diese Pilgerväter über dem Psalmsingen und +Ketzerriechen doch niemals vergaßen, ihre weltlichen +Geschäfte als geriebene Kaufleute intensiv zu fördern, +so ließ sich auch der vielgerühmte <hi rend='italic'>Common <sic>sence</sic></hi> ihrer +angelsächsischen Rasse selbst durch religiöse Inbrunst +nicht völlig unterdrücken. Die stupiden Glaubensverfolgungen +hatten tiefgehende Spaltungen, verbitterte +Feindschaften zwischen den in dem jungen Kolonialreich +doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen +Zusammenhalt angewiesenen Bürgern erzeugt. Neugegründete +Städte und Staaten wurden entvölkert, abtrünnige +Sektierer fanden großen Zulauf und gründeten +<pb n='187'/><anchor id='Pg187'/>neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten +der alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als +nun gar der kleine Freistaat Maine, der als erster völlige +Religionsfreiheit eingeführt hatte, auffällig rasch emporblühte, +begannen doch auch den starren Puritanern die +Augen aufzugehen. +</p> +<note place="margin">Trennung von Staat und Kirche.</note> +<p> +Und so kam es, daß nach der gewaltsamen Losreißung +vom alten Vaterlande die Trennung von Kirche und +Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz erhoben +wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von +1778 ist dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit +kann tatsächlich in den Vereinigten Staaten jeder nach +seiner Fasson selig werden. Die Staatsgewalt schreitet +nur ein in dem Falle, daß die Grundsätze einer Religionsgemeinschaft +den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel +die Vielehe bei den Mormonen. Außerdem hat sie +in weiser Voraussicht der Ansammlung übermäßigen +Kirchensvermögen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser +Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus +in unzählige Sekten, die aber keineswegs eine +Schwächung, sondern vielmehr eine Stärkung des religiösen +Lebens bedeuten. Philosophisches und besonders +kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen, +dagegen besitzt es einen starken Hang zur +Phantastik, ja auch Begeisterungsfähigkeit und Inbrunst. +Das Volk ist in seiner Allgemeinheit heute noch kindlich +denkunreif, und so erklärt es sich, daß die Bibel ihm noch +durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natürlich aber +liest jedes grüblerisch veranlagte Individuum aus dieser +Offenbarung etwas anderes heraus. Und wer Beredsamkeit +und Zähigkeit genug besitzt, vermag Anhänger um sich +zu scharen und eine unabhängige Gemeinde zu gründen. +Die Opferwilligkeit, die dazu gehört, eine solche Gemeinde, +<pb n='188'/><anchor id='Pg188'/>Sekte oder Kirche (<hi rend='italic'>Denomination</hi>) aus eigenen Mitteln zu +unterhalten, legt beredtes Zeugnis ab für die Stärke des +religiösen Bedürfnisses. Freigeister in unserem Sinne gibt +es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum +selbst hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geübt. +Die Tradition hat die Bibelgläubigkeit der Vorväter +so lebendig erhalten, daß es heute noch, ebenso wie +in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes +geblieben ist, seinen Eifer für das Christentum +irgendwie zu betätigen. Dieser Eifer aber tut sich etwas +auf seine Freiheit zugute und nimmt daher oft die wunderlichsten +Formen an. Die katholische Kirche dagegen hält +fest zusammen wie überall und gibt kein Titelchen von +ihren Dogmen preis. Sie gründet ihre Macht auf das +irische Element und erhält ständigen Zuwachs durch +italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, +wie sie ist, trägt sie dem in der demokratischen Luft sehr +bald auch bei den geistig minderwertigsten Einwanderern +üppig ins Kraut schießenden Stolz auf die persönliche Freiheit +Rechnung und mischt sich nicht so aufdringlich wie +in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen versucht +sie mit allen möglichen Mitteln Einfluß zu gewinnen. +Die bedeutsamste politische Verbindung der katholischen +Irländer, die bekannte Tammany Hall im Staate New-York, +übt offensichtlich eine große politische Macht aus. +Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische +Irländer in die wichtigsten Staatsstellungen zu +bringen, in gefährlicher Weise zu betätigen, darüber gehen +die Meinungen bei den Amerikanern selbst sehr weit auseinander. +Es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der +nüchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbürgerliches +Wohlbefinden und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen +Quertreibereien übers Ohr hauen lassen sollte. +</p> + +<pb n='189'/><anchor id='Pg189'/> + +<note place="margin">Die Bischöflichen und die Unitarier.</note> + +<p> +Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden +demokratisch ist, so ist doch in der demokratischen +Republik gerade die Kirche der Boden, wo sich aristokratische +Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betätigen. +Selbstverständlich wird in sämtlichen Kirchen +und Betsälen Nordamerikas – man zählt gegenwärtig, +wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer Quelle +sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse – der christliche +Grundsatz gepredigt, daß vor Gott alle Menschen +gleich seien; in Wirklichkeit ist aber beispielsweise die +bischöfliche Hochkirche nur für die Reichen und Vornehmen +vorhanden. In ihren prächtigen Kathedralen kostet das +Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das +auf einen ersten Rangplatz in der großen Oper. Ein beliebiger +Mensch der minder gut gekleideten Klasse, dem +es einfallen wollte, im vorübergehen in solch eine Kirche +einzukehren, würde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz +finden, sondern sich auch durch die entrüsteten Blicke +der Stammgäste energisch hinausgeekelt fühlen. Die +Geistlichen dieser Kirche sind feine Weltleute, verkehren +in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre +Karriere häufig ihren glänzenden Eigenschaften als Tischredner, +Bridgespieler, Musikdilettanten und Tänzer. Die +Kirche der geistigen Aristokratie, der wohl der größte +Teil der akademischen Welt angehört, ist die <hi rend='italic'>Unitarian +Church</hi>. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur +den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend +beibehalten. Sie treibt keinerlei Kult mit dem starren +Bibelwort und sucht die Themen für ihre Sonntagsbetrachtungen +gerne bei den Dichtern und Philosophen, +vornehmlich bei ihrem berühmtesten Mitgliede Ralph +Waldo Emerson. Den größten religiösen Eifer entfalten +natürlich die kleineren Denominationen, deren Prediger +<pb n='190'/><anchor id='Pg190'/>oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. +Die Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von +Geistlichen, die ihre Gemeinde mit Schokolade und Icecreme +bewirten, vergnügte musikalisch deklamatorische +Unterhaltungen oder schweißtreibende Leibesübungen veranstalten, +beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die +auf den Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und +daher auch in ihrer Reklame dem Hange des amerikanischen +Humors zu grotesker Übertreibung Rechnung tragen +müssen. Am spaßhaftesten muß es wohl in den Negerkirchen +zugehen. Wer jemals eine Probe der geistlichen +Gesänge der Nigger gehört hat, deren Eigentümlichkeit +es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung +von Himmel und Hölle mit ganz modernen +Zutaten, aus dem Bereich der Technik etwa, auszustatten, +der wird sich auch eine Vorstellung von der +Weihe eines Negergottesdienstes machen können. Der +Rhythmus afrikanischer Kriegs- und Geisterbeschwörungstänze +sitzt diesem kindhaft gebliebenen Volke eben +noch so fest in den Knochen, daß auch seine religiösen +Gefühle bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte +schwingen. +</p> +<note place="margin">Die Negerkirchen.</note> +<p> +Um einen Begriff von dem Ton dieser religiösen Niggerpoesie +zu geben, habe ich versucht, einige solche Kirchenlieder +zu übersetzen, wobei freilich zu bedenken ist, daß +die Eigentümlichkeiten des Negerdialektes schon darum +jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns +kein Negerdeutsch kennen. Eines dieser Lieder aus der +Zeit der Sklaverei lautet folgendermaßen: „Jossua fit +de battle ob de Jerico“. +</p> + +<lg> +<l>Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho – so froh!</l> +<l>Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho –</l> +<l>und die Mauern purzeln um – glatt um!</l> +</lg><lg> + <pb n='191'/><anchor id='Pg191'/><l>Kommt Brüder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, laßt uns eilen,</l> +<l>da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.</l> +<l>Wir wählen uns zum Text – die Deutung, die liegt nah:</l> +<l>„Der Herr rief: Moses, Moses! – und der Mann sprach: Ich bin da!“</l> +<l rend='margin-left: 12'>O Daniel!</l> +<l>Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,</l> +<l>und die Mauern purzeln um, glatt um.</l> +</lg><lg> +<l rend='margin-left: 2'>Nu, oll’ Pharo von Ägypten – klüger war kein Mensch gebor’n –</l> +<l>und er kriegt die Judenkinder ’ran zur Arbeit in sei’m Korn.</l> +<l>Schließlich ließ der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,</l> +<l>daß der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen möcht’.</l> +<l rend='margin-left: 12'>O Daniel usw.</l> + +</lg><lg> + +<l rend='margin-left: 2'>Sollt er aber dies verweigern! – o verdammt – dann ging’s ihm schlimm.</l> +<l>Auf Ägypten wollt er leeren kübelweise seinen Grimm.</l> +<l>So geschah’s. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.</l> +<l>Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfährt.</l> +<l rend='margin-left: 12'>O Daniel usw.</l> + +</lg><lg> + +<l rend='margin-left: 2'>Tolle Sachen dreht der Herrgott – und nicht nur in alter Zeit,</l> +<l>nicht für Israel nur – Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!</l> +<l>Seine Liebe reicht für uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt</l> +<l>mich meinem Massa, daß die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.</l> +<l rend='margin-left: 12'>O Daniel usw.</l> +</lg> + +<p> +Besonders interessant ist es, daß, wie auch in den +ältesten Zeiten des Volksliedes der europäischen Kulturländer, +das eigentlich sinnvolle Gedicht von einem Solosänger +vorgetragen wird, während der Chor sich durch +ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime +beteiligt. In obigem Lied singt also der Chor: so +froh – glatt um – o Daniel – und wiederholt am +Schlusse jedes Verses die außer Zusammenhang mit dem +Inhalt stehenden Einleitungszeilen: „Josua, der schlug +die Schlacht bei Jericho“. +</p> + +<p> +Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu +pressen ich mich vergeblich bemüht habe, lautet höchst +charakteristisch: +</p> + +<pb n='192'/><anchor id='Pg192'/><lg> +<l rend="center">Der Vorsänger:</l> + +<l>O der Gänsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn –</l> +<l>Mein Herr schreibt meine Zeit ein.</l> +<l>Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schädel auch</l> +<l>alle Haare dir gezählt. Weißt du das nicht?</l> +<l>Oder meinst du, daß der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht</l> +<l>von ’nem Walfisch unterscheiden sollte <anchor id="corr192"/><corr sic="können?“">können?</corr></l> + +</lg><lg> + +<l rend="center">Chor:</l> + +<l>Sündige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,</l> +<l>denn mein Herrgott schreibt es ein.</l> + +</lg><lg> + +<l rend="center">Vorsänger:</l> + +<l>Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht –</l> +<l>mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.</l> +<l>Du erwarte nicht vom Nachbar, daß er deiner Seele durchhilft,</l> +<l>deine Sünden müssen braten wie die Hühnchen auf dem Hofe.</l> + +</lg><lg> + +<l rend="center">Chor:</l> + +<l>Also sündige lieber nicht usw.</l> +</lg> + +<p> +In einem anderen Liede wird den armen Sündern angeraten, +sich ja rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus +nach dem Himmel zu belegen, denn der Andrang sei +gerade in diesen Tagen enorm. +</p> + +<p> +Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß +die groteske Form dieser religiösen Gesänge nur der Lust +der Nigger an kindischer Spaßmacherei zuzuschreiben +sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und +werden von den weniger kultivierten Schwarzen auch +heutigestags noch nicht als komisch empfunden. Die +meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja +aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter +Seelen in armen gequälten Leibern. Und die religiöse +Inbrunst, die aus ihnen spricht, ist mindestens ebenso +echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie. Übrigens stellen +diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar, +was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie +hervorgebracht haben, sowie auch die Negermusik die +<pb n='193'/><anchor id='Pg193'/>einzige originelle musikalische Neubildung auf amerikanischem +Boden bedeutet. +</p> +<note place="margin">Die Heilsarmee.</note> +<p> +Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottestrunkenheit +der Schwarzen ist die Heilsarmee, die Kirche +der Allerärmsten und Untersten. Zeichnen sich ihre Kultformen +schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack +aus, so erreicht diese Geschmacklosigkeit in +Amerika schon geradezu kannibalische Dimensionen. Die +Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfügen +oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte +Instrumentalisten. Außerdem paßt der rasche Rhythmus +ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe für die alttestamentarische +Legende und die phantastische Ausmalung von +Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten +Gesichtern mit den sanften schwärmerischen Augen. +Wenn aber weiße Menschen unter einem nördlichen +Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer +mehr als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem +Gesang und mißtönender Pauken- und Trompetenbegleitung +auf offener Straße ausüben und sich in ihren +Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen, +der weder für den hohen Schwung der alttestamentlichen +Sprache noch für die schlichte Tiefe der evangelischen +Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so muß +einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. +Kein sozial fühlender Mensch wird dem idealen Zweck +der Heilsarmee seine Hochachtung versagen; sie allein von +allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht, den natürlichen +Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen +Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem +jämmerlichsten Elend zu überwinden; sie allein wagt +sich mutig unter den Auswurf der Menschheit und ringt +sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; +<pb n='194'/><anchor id='Pg194'/>sie speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten +ab, sondern sie gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft +so manchem schon gänzlich Verzweifelten, von der Gesellschaft +völlig aufgegebenen doch noch zu einem +menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie +auf der ganzen christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, +daß sie sich auf die Psychologie jener alleruntersten +Schichten, auf die sie es abgesehen hat, versteht, und daß +die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer Propaganda +anwendet, die richtigen sind. +</p> + +<p> +Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten +Menschenfreund so grausam ins Herz schneidet. +So weit haben wir es also mit unserer gepriesenen Zivilisation, +mit unserer Religion der Liebe, mit unserer Aufklärung +durch die Schule und unserer bewundernswürdigen +sozialen Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden +Weltstädten überall noch Tausende und aber Tausende +von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit fratzenhaftem +Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen +beizukommen ist! In den Vereinigten +Staaten leistet zudem die organisierte Wohltätigkeit +vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. +Die <hi rend='italic'>Legal Aid Society</hi> zum Beispiel gewährt den Ärmsten +und Unwissendsten unentgeltlichen Rechtsbeistand; die +Bemühungen um die Besserung erblich belasteter Verbrechernaturen, +um den Schutz entlassener Strafgefangener +gegen das Zurückgleiten in ihr früheres Leben haben +großartige Erfolge aufzuweisen und zeugen von tiefer +Menschenkenntnis und echter Menschenliebe – und +dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer scheußlichen +Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun! +</p> +<note place="margin">Bankrott des Materialismus.</note> +<p> +Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung +der Heilsarmee als Maßstab für die Gesittung eines Volkes +<pb n='195'/><anchor id='Pg195'/>annimmt, so müßte in dieser Beziehung das Volk der +Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern stehen. +Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu +einem ungerechten Urteil verführt: nicht im Volkscharakter +als solchem liegt wohl die größere sittliche Verkommenheit, +sondern diese ist nur eine Folgeerscheinung des unerhört +raschen Emporschießens einer rein technischen Zivilisation +und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen +Wachstums der Städte. In der kleinen Landgemeinde +findet einer am andern Halt, und die unmittelbare Berührung +mit der erhabenen Natur, mit der zu Nachdenken +und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem +Ärmsten edle Freuden – Seelenfrieden wenigstens –, +während in der Großstadt alle diese idealen Güter nur +für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen +verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere +Ruhe und wird so fast unausweichlich in einen krassen +Materialismus hineingetrieben. Je mehr sich Riesenvermögen +in den Händen weniger zusammenfinden, +je mehr eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlichkeit +breit macht, desto sicherer verfällt der Besitzlose und +dabei geistig Unkultivierte der Verrohung. Es ist das eine +Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den Kulturwert +des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die +Arbeiter, die in steter Berührung mit den erstaunlichsten +Erfindungen des Menschengeistes sind, die ihnen die +Bändigung der Naturkräfte durch unseren Verstand und +die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen Organismus +durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich +vor Augen führen, gewinnen von diesem Umgang weder +für ihre Verstandesbildung noch für die Bereicherung +ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was allenfalls +dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe +<pb n='196'/><anchor id='Pg196'/>der Anreiz zu erfinderischer Eigenbetätigung. Ebensowenig +wird der Herr der Maschine, der Arbeitgeber, +dem sie Reichtum und folglich auch Macht, Behagen und +Luxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine +seelische Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer +Kultur, das heißt also an Idealismus, an einem zeitig +geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen fehlt. +</p> + +<p> +Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich +durch die Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bußbank +locken läßt, legt also im Grunde ebenso beredtes +Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen Zivilisation +ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und reputierliche +Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös +drapierten Hokuspokus raffinierter Spekulanten und +Agitatoren einfangen läßt. +</p> + +<p> +Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen +Trommel begleiteten Bußpredigten, von dem rotgestrichenen +Betteltopf am eisernen Dreifuß, vor dem die +wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle +unablässig in Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen +Marmorkathedralen mit vergoldeten Kuppeln, welche +die Christian Science in Boston, Providence und vielen +anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint +es ein weiter Weg – und ist doch nur ein Katzensprung! +Wir Europäer sehen die durch Misses Mary Baker G. Eddy +hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige Epidemie +an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige +Geister deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine +Wiederherstellung urchristlicher Inbrunst mit magischer +Wirkung erblicken. Wir zucken gleichmütig die Achseln +über diese sogenannte christliche Wissenschaft und verweisen +sie unter die abstrusen Erscheinungsformen +moderner Hysterie. +</p> + +<pb n='197'/><anchor id='Pg197'/> + +<note place="margin">Die Kirche der Gesundbeter.</note> + +<p> +Der „American Encyclopedie Dictionary“ definiert +die Grundlage dieser Wissenschaft folgendermaßen: „Die +Christian Science lehrt die Wirklichkeit und Allgegenwart +Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der +Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des +Weltalls, die Allmacht des Guten und die Unmacht des +Übels. Christian Science will die Wahrheit der ursprünglichen +Lehre Christi wiederherstellen. In der Wahrheit +erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; +Krankheit ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der +Sünde. Bekämpfe also Sünde und Irrtum, so bekämpfst +du Krankheit und Tod.“ – Christlich kann man diese +Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische +Begründung ist keineswegs auf Misses Eddys +eigenem Geistesboden gewachsen. Das Neue und für +die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende +an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum +Magier macht und die magischen Kräfte seiner Gläubigen +durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen stärken zu +können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande +sind, vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische +Nutzen der neuen Religion ist also der, daß sie an +die Stelle von Doktor und Apotheker die Autosuggestion +als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt +ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von +Sorgen, Kummer, Not und Tod; der Gläubige aber behauptet, +alle diese Dinge existierten nur in der Einbildung +der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich +durch seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; +sie zwingen ihren Willen, nicht mehr sehen zu wollen. +Und wenn sie es glücklich zur vollendeten Blindheit gebracht +haben, dann existieren allerdings weder Schmerzen +noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in +<pb n='198'/><anchor id='Pg198'/>Amerika, wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe +gibt, ihr Glück machen mußte. Derselbe Optimismus +des jugendlichen Volkes, der alles von ihm Hervorgebrachte +für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der +die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach +behauptet, sie existierten nicht (wie wir es zum Beispiel +bei der Frage der Prostitution gesehen haben), dieselbe +Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten, Somnambulen +und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben +auch der Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende +von Gläubigen in ihre Kirche gezaubert. Das +eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau liegt viel mehr +in der praktischen als in der philosophischen Richtung. +Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der +praktische Erfolg. Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen +so ungeheure Geldsummen aus der Tasche zu locken und +mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu schaffen +versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein. +</p> +<note place="margin">Der Tod der Päpstin.</note> +<p> +Es will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß +im zwanzigsten Jahrhundert unter dem angeblich nüchternsten +aller Völker eine Frau zur Gründerin einer neuen +mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig, +unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte! +Misses Baker Eddy war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten +zur sagenhaften Persönlichkeit geworden. Man +wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß +in ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren +werde, um ihre Anhänger nicht in ihrem Glauben an die +physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre werden zu +lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch +ganz wirklich gestorben und begraben worden, und die +Ärzte wußten ganz genau den Charakter ihrer Krankheit +und die unmittelbare Todesursache anzugeben. Man +<pb n='199'/><anchor id='Pg199'/>hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften +leiblichen Tode der magische Nymbus zerstört worden sei, +der die Person der Päpstin außerhalb der Menschheit in +die Reihe der Götter stellte. Aber das war keineswegs +der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete +eine ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den +Gläubigen mit Bestimmtheit versichern, daß nur eine +verbrauchte materielle Erscheinungsform der Misses Baker +Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter +Leiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in +vierzehn Tagen wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise +setzte die Dame allerdings hinzu, es könnte eventuell +auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele, viele Jahre +lang. +</p> + +<p> +Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gründerin +gestorben; sie hat sogar, bisher wenigstens, den +starken Erschütterungen ihres Ansehens standgehalten, +denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der +Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung +ihres verwaisten päpstlichen Stuhles und die Aufteilung +ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt war. Für uns Europäer +kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur +eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. +In den Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu +gefährlich, über diesen Gegenstand, selbst in gut gesiebter +Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu äußern. In der +gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer Gesellschaft, +die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten +und sonstigen geistig hervorragenden Herren bestand, +war ich auf dem besten Wege, mich für ewige Zeiten unmöglich +zu machen, indem ich das Thema von der Christian +Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles +Räuspern brachten mich glücklicherweise einige +<pb n='200'/><anchor id='Pg200'/>wohlmeinende Mitmenschen zum rechtzeitigen Schweigen. +Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar zur Linken +und der bedeutende Herr vis-a-vis überzeugte Anhänger +der Misses Eddy seien. +</p> + +<p> +Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare +Fanatismus auch für die privaten menschlichen Beziehungen +sein kann, dafür wurde mir ein Beispiel aus +dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein gescheiter +und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht +wohlhabende Frau geheiratet und führte eine durchaus +glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der Gesundbeter +geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und beschäftigte +sich nur noch mit Beten und Predigen in der +eigenen Familie. Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau +zu sich herüberzuziehen. Die Nichtexistenz der Materie +mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte er sich so +aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der +laufenden Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz +eifrig betriebener Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht +der Fall war, so mußte seine Gattin immer mehr und mehr +von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages die +Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz +der Materie dadurch klar machte, daß sie ihm ein Scheidungsurteil +vorlegte und mit Sack und Pack sein Haus +verließ. +</p> +<note place="margin">Christian Science in Europa.</note> +<p> +Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der +Annahme, daß nur in ihrem Lande heutzutage noch ein +günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang auf religiösem +Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel +hat auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar +vornehmlich in jenen erlauchten Kreisen, die auf die +„Kreuzzeitung“ abonniert zu sein pflegen. In meinen +Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die +<pb n='201'/><anchor id='Pg201'/>engen Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem +Schwindel und deutscher Strammgläubigkeit. Annoncierte +da in den gelesensten Blättern der ganzen Welt ein Mister +G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer +1106: „Woher stammt diese wunderbare <anchor id="corr201"/><corr sic="Gewalt!“">Gewalt!</corr> +Das ganze Land ist erstaunt über die wunderbaren Taten, +die Herr Mann vollbringt! +</p> + +<p> +Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt. +Ärzte und Prediger erzählen staunend von der Einfachheit, +mit der dieser moderne Wundertäter Blinde und Lahme +mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen +des Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich +für alle. Dieser Herr entbietet sich, seine Ratschläge +unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen seine außerordentliche +Kraft zu ergründen ...“ +</p> + +<p> +Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei +Spalten lang fort. Zahlreiche Heilerfolge werden mit +Namensnennung angegeben, und zum Schlusse stellt sich +Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von ihm +erfundenen Radiopathie vor. „Die Radiopathie hilft nicht +nur bei gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie +nützt gegen alle Krankheiten, wenn die verschiedenen, +magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer Formel +präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. +Wenn Sie krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit +Sie leiden, schreiben Sie Herrn Mann, beschreiben +Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange Sie krank +sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen +die Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein +Verfahren zu beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses +kostet Sie absolut nichts, und Herr Mann wird Ihnen dazu +ein Exemplar des wunderbaren Buches: ‚Wie man sich +selbst und anderen helfen kann‘ mitschicken usw.“ +</p> + +<pb n='202'/><anchor id='Pg202'/> + +<p> +Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das +Postfach 1106 in Rochester liefen aus allen Teilen der +Welt die Briefe zu Hunderten und Tausenden ein, und +die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte, +schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene +Menschen, erhielten ein gedrucktes Schreiben, welches +ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie aufforderte, +10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür +ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, +natürlich eine völlig wertlose Droge, zugehen würden. +Die hochwichtige Broschüre voll angeblich wissenschaftlichen +Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt. +Und siehe da, Tausende und aber Tausende +ließen sich den letzten Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten +und machten Herrn G. A. Mann zu einem schwerreichen +Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder +Dr. med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener +amerikanischer Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen +dieser interessanten Menschensorte. Um seinen +guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er zuweilen +besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis +photochemisch vervielfältigen. Und durch denselben +wackeren Deutschen, der diesem niederträchtigen +Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden mir +zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische +Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison +dem Herrn Professor der Radiopathie in Rochester Geständnisse +ablegen, wie man sie selbst seinem Hausarzt +und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster +Verzweiflung ablegen dürfte. +</p> +<note place="margin">Aberglaube, Kirchenwahl.</note> +<p> +Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen +Spaß daraus, diese traurigen Intimitäten seinen guten +Freunden zu verraten! Angeblich soll dieser +gemein<pb n='203'/><anchor id='Pg203'/>gefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch +von Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch +ist es nun, daß die erwähnten, sozial so hoch stehenden +Briefschreiber alle beide Herrn Mann gestehen, sie hätten +es unter anderem auch schon mit der Christian Science +versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. +Auch wir Europäer sind noch längst nicht über den Berg +des Aberglaubens hinweg; der religiöse wie der medizinische +Schwindel kommen auf beiden Seiten des Ozeans noch +auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden +sie ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller +Bekenntnisse, aller Gesellschafts- und Bildungsstufen. +Wie weit sind wir nun im Grunde abgerückt von dem +Glauben der Wilden an die Zauberkraft der Beschwörungstänze +ihrer Medizinmänner? Dunkle Erdteile gibt es nicht +mehr, aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele +kann der unerschrockene Entdecker noch genug Fossilien +aus dunkelster Vorzeit finden. +</p> + +<p> +Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung +der Vereinigten Staaten gewährleistet, und der +großen Anzahl der Bekenntnisse, die der heilsuchenden +Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der Religionsgemeinschaft, +der ein erwachsener Mensch sich anschließen +will, von keinen anderen als rein idealen Erwägungen +geleitet zu werden; begreiflicherweise spielen aber dennoch +Nützlichkeitsgründe, allerlei komische oder betrübliche +Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine bedeutende +Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt +haben, und deren Zahl ist in Amerika besonders groß, +sowie alle Leute, die nicht von einer besonderen religiösen +Inbrunst erfaßt sind, werden entweder einfach dem Bekenntnisse +ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde +anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche +<pb n='204'/><anchor id='Pg204'/>und gesellschaftliche Verbindungen zu erwarten haben. +Da es in dem demokratischen Staat offiziell keine Rangeinteilung, +keine Klassen- und Kastenunterschiede gibt, +der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich +immer gleich zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, +Schranken zwischen sich und der Außenwelt zu errichten, +so kommen die Religionsgesellschaften der natürlichen +Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine +dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- +und Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück +zu den Klubs, die aber nur den Wohlhabenden zugänglich +sind und die Familie ausschließen. Der selbständige +junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert +verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung +stehen, diejenigen aussuchen, in der er <anchor id="corr204"/><corr sic="auschließlich">ausschließlich</corr> seinesgleichen +in bezug auf Bildung, gesellschaftliche Stellung, +Lebenshaltung und allgemeine Interessen findet. +</p> + +<p> +Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker- +und Muckertum durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub +geleistet wird. Wenn auch die Respektablität es erfordert, +daß man einer christlichen Gemeinschaft angehöre, so +erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa +eines frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten übertritt +oder die Tochter des Presbyterianers sich den Baptisten +anschließt. Religiöse Überzeugung wird unter +allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunderliche +Formen annimmt. Und so fährt schließlich das echte +religiöse Bedürfnis bei dieser Zersplitterung doch noch +am besten. Und die Geistlichen gar dürften in keinem +Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, +wie in den Vereinigten Staaten, weil ja bei der +völligen Freiheit der Meinungsäußerung jeder Geistliche +in seiner Person gewissermaßen eine eigene Kirche +dar<pb n='205'/><anchor id='Pg205'/>stellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm +seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch +lange nicht deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter +Seelenfänger, so mietet er sich eben einfach anderswo ein +Lokal und versucht neue Menschen hineinzupredigen. +Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine Ich-Kirche +wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen +Persönlichkeit der suggestiven Kraft ermangelt, wird +dagegen mit Recht unter das Proletariat derjenigen unbrauchbaren +Menschen hinabgleiten, die da brotlose +Künste treiben. +</p> +<note place="margin">Eine konfessionelle Christenkirche.</note> +<p> +Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden +Lichtbilde schließen. Auf dem Campus der Cornell-University +in Ithaka im Staate New York erhebt sich +ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, +dem feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren +amerikanischen Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. +Das Innere zeigt eine wundervolle Holzarchitektur in +Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte +Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke +mit dem dunkelbraunen Holzton des Gestühls mild zusammen, +und die farbigen Fenster dämpfen das Licht, +ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in +mystischer Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine +blutigen Kruzifixe oder Marterdarstellungen, überhaupt +keine biblischen Schildereien finden sich in diesem, ich +möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine +einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In +einer Seitenkapelle, die dem Charlottenburger Mausoleum +einigermaßen ähnlich ist, ruhen in herrlichen Marmorsarkophagen +die Gebeine des trefflichen Holzhändlers +Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser, +zu den allervornehmsten zählenden Universitäten +un<pb n='206'/><anchor id='Pg206'/>sterblich machte. Hier ruht auch die erste Gemahlin +Dr. Whites, und hier wird er selber seine Ruhestätte finden. +Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet, +sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel +steht jedem berufenen Redner offen, dessen Denken +und religiöses Fühlen sich irgendwie unter dem Einfluß +christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also +hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter +aller erdenklichen Bekenntnisse, sowie auch außerhalb +alles Kirchentums stehende bedeutende Denker und +Redner. +</p> + +<p> +Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage, +die Dr. Andrew D. White auf seine Einladungsschreiben +erhielt, von katholischer Seite kam? Allerdings hätten +sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger +gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer +freien, Wahrheit suchenden Gemeinde geredet hätten – +Rom aber sprach: „Quod non!“ +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='207'/><anchor id='Pg207'/> +<index index="toc" level1="Die Landschaft"/> + <index index="pdf" level1="Die Landschaft"/> +<head>Die Landschaft.</head> +<note place="margin">Sommerfrischen.</note> +<p> +Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten +Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz +und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos +platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden +Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen +Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht +durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- +und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis +zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, +um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die +Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New +York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, +liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen +den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. +Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, +glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die +liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen +Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und +Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen +Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer +oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf +der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in +den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete +mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen +Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake +Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, +des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist +so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten, +<pb n='208'/><anchor id='Pg208'/>heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer +Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, +Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und +Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der +europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit +froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit +Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn – <hi rend='gesperrt'>es +fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung</hi>. +„O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui +Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der +Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich +überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten +ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die +Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die +Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, +von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen; +überall dasselbe tödliche Einerlei plattester +Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen +Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen +Meeresbuchten und hie und da sogar ein +Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten +Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten +Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber +aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken +und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende +Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den +Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu +passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, +fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo +ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige +Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck +machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind +in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen +<pb n='209'/><anchor id='Pg209'/>Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser +an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester +italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten +unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem. +Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, +da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, +wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern +dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen +Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel +in gebührender Entfernung halten. Für die reichen +Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, +Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen +neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit +eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream +und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren +selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten +Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum +besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten +Caruso begleiten. +</p> +<note place="margin">Kostspielige Ausrüstung des Touristen.</note> +<p> +Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu +wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach +einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit +der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns +sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen +internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er +von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals +eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, +an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen +Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und +neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten +Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter +jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es +freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in +<pb n='210'/><anchor id='Pg210'/>Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, +als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher +Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes +Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen +im Nationalkostüm oder das mitgenommene +süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings, +die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern +begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend +und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen +entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe +Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu +vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der +am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme +innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen +und laut gepriesenen Sensationen aus +dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner +gilt für schön, was ihm durch Dimension +oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat. +Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen +Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an +den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit +machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen +Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, +etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen +rotbunten Ochsen entgegenschreit, daß <hi rend='italic'>Durham Bull</hi> der +beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst +irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man +ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen +berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die +nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem +der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in +die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem +Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter +<pb n='211'/><anchor id='Pg211'/>den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte +„<hi rend='italic'>camping out</hi>“. Aber auch dieses Vergnügen des +Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende +Leute leisten können, denn es versteht sich von +selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde +Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel, +auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, +Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit +den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet +zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt +es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht +einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt +man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit +nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, +das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen +mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher +Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, +geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche +und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. +Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem +historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der +Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, +sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, +Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel. +</p> +<note place="margin">Die Niagarafälle.</note> +<p> +Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten +Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt +gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst +zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum +Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges +Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern +flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen +Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier +giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen +<pb n='212'/><anchor id='Pg212'/>Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie +würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite +einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegten +<hi rend='italic'>Union Jack</hi> zu hissen. Und damit wäre sozusagen das +Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende +Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und +Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; +über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden +in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, +die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen +und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund +empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen, +daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche +diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, +da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise +nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. +Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten +die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich +unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu +barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, +daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen +konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen +Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente +Europäer kann so etwas schön finden! +</p> + +<p> +Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter +Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere +Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall +bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel +vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung +gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, +durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen +Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen +trauten, krummen Gassen und behaglichen alten +Wirts<pb n='213'/><anchor id='Pg213'/>häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke +und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der +Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur +aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie +sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen +dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen +Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen +Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade +des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, +der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man +überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland. +Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem +schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen +Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen +Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den +Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit +klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons +muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen +Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt +hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren +dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in +Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten +Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der +Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen +aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch +nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar +lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, +denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im +Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu +Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über +dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön +chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die +großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den +ge<pb n='214'/><anchor id='Pg214'/>waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im +Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar +funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde +phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren +donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen. +Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück +gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet +eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, +und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher +als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt +nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, +sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen +Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 +bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden +Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet +aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber +darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne +sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen. +</p> +<note place="margin">Der Hudsonstil.</note> +<p> +Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit +keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst +für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu +machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein +war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen +hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten +für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die +sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr +zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht +eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige +Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem +Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe +sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß +mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem +langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt +<pb n='215'/><anchor id='Pg215'/>er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn +und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und +Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und +Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten +Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm +die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks +geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so +stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das +eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den +berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen +und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. +Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, +das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, +das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen +und durch Neubauten im Stil des Hudsontales +und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre +mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein +die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der +Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß +eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen +anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute. +Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten +Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von +ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen +es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben +sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch +nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen, +noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, +um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch +deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft +späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert +worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist +immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten +<pb n='216'/><anchor id='Pg216'/>gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der +Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu +getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild +gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. +Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, +daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen +aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren +Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt +und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten +sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann +aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte +mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die +Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, +und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives +Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer +Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung +störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage +noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen +könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen +wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten +Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen +Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes +geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen +werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, +ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen +Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen +streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien +Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich. +Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn +spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf +den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche +Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen +oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur +<pb n='217'/><anchor id='Pg217'/>vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich +niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen +und auf den Turnierplätzen Hangars für +Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute +auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders +garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle +manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre +Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen +und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird +man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten +Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, +russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern +können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich +von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. +Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine +für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten +alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und +wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung +wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem +Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die +instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen +durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, +die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, +schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen +Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich +niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur +ernennen wollte, hätte es also mit Kindern +und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren +und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen +könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen +Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die +Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber +sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden +<pb n='218'/><anchor id='Pg218'/>Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute. +Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern +glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte +der große Unterschied zwischen der alten Welt +als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem +Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende +allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen +Fortschrittstempo nicht einzuholen. +</p> +<note place="margin">Der Landschaftsregisseur. +Aufgaben für deutsche Künstler.</note> +<p> +So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure +für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos +fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten +Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen +ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von +neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften +der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung +für neue Gründungen machten, daß die Pläne +nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen +und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen +Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl +ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue +San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser +kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die +künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die +Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue +Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche +Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, +dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das +Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union +sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der +unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor +dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem +großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten +Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen +<pb n='219'/><anchor id='Pg219'/>Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn +erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, +dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich +aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, +dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten +Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich +um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch +Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage +geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie +denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch +unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht +haben, werden dann auch vielleicht berufen +sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu +senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische +Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher +und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich +es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne +Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle +des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, +Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet +von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk +Huber aus München-Pasing.“ +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='220'/><anchor id='Pg220'/> +<index index="toc" level1="Dollaricas infamster Schurke"/> + <index index="pdf" level1="Dollaricas infamster Schurke"/> +<head>Dollaricas infamster Schurke.</head> +<note place="margin">Der Leithammel.</note> +<p> +Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den +zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, +mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch +zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein +jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, +stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß +alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und +Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, +zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, +leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele +die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem +ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten +Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine +Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert +wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht +einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, +jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, +das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung +und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. +Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist +nämlich, gerade herausgesagt – <hi rend='gesperrt'>ein Hammel</hi>, und +zwar der Leithammel in <hi rend='italic'>Armour & Co.’s Packing Company</hi> +in den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der +pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, +nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine <hi rend='gesperrt'>eingemenschte +Bestie</hi> titulieren. Denn wer hätte es je +für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit +beherbergen könne?! Nichts in dem +vertrauen<pb n='221'/><anchor id='Pg221'/>erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die +Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes +Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen +Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben +ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch +rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch +zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm +diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu +der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen. +</p> + +<p> +Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, +während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, +Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts +ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der +Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen +treffen sie aus allen Teilen der Union in den <hi rend='italic'>Stockyards</hi> +von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen +sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu +können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von +Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, +Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen +schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen +entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung +von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die +krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, +Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien +der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige +Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und +doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn +alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung +an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare +Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht +treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier +aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein, +<pb n='222'/><anchor id='Pg222'/>statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, +schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, +und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost +das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit +ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die +Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne +und die Futterraufe unberührt. +</p> +<note place="margin">Der Todessprung</note> +<p> +Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend +fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit +ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine +lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch +gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter +Kreis von Zuhörern. „<anchor id="corr222"/><corr sic="Jhr">Ihr</corr> habt nicht die geringste Ursache, +Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; +oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete +Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago +zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr +wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? +Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf +mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht +lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar +nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde +mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich +angesehenen Position, aber ich will mich dennoch +eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun +einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt +ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen +Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – +Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt +gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei +knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, +so daß keines an den Seiten herauspurzeln +kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist +vielver<pb n='223'/><anchor id='Pg223'/>sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer +russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen +hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende +von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein +langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es +klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter +Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen +in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie +von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen +Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen +letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel +immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, +und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales +Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp +mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit +hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und +mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in +Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, +einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu +Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere +Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem +Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf +nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, +hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern +Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder +mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – +und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s +der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett +bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen +wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange +sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden +hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick +aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so +<pb n='224'/><anchor id='Pg224'/>würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das +Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen +verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen +vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht +einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er +bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie +täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich +hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz +drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren +Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit +zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung +oder versetzte Blähungen ihm unversehens +den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen +Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten +Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu +erklären? +</p> +<note place="margin">Menschliche Niedertracht.</note> +<p> +Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, +werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der +Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht +werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß +seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen +seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin +fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten +Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, +eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, +sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein +Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der +Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, +daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben +sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf +Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem +jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer +wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von +<pb n='225'/><anchor id='Pg225'/>Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen +Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, +ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit +einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken +bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der +Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen +Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die +im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden +müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür +scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die +edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten +anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe +des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. +Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine +Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens +voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, +in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes +Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller +Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten +menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch +nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die +Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um +ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen +Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde +muß man doch diese genialen Unternehmer +nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren +Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber +in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren +versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen +will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen +Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller +seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit +schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des +Zweck<pb n='226'/><anchor id='Pg226'/>mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu +steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer +Stockyards an. +</p> + +<p> +Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „<hi rend='italic'>The +Jungle</hi>“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt +auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. +Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. +Es hat monatelang kein <hi rend='italic'>corned beef</hi> mehr gekauft, in der +Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr +Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere +leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- +und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, +wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours +aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen +müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher +und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft +sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und +durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. +Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, +bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in +bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und +der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste +Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten +Materials. +</p> + +<p> +An einem schönen klaren Wintertage brachte unser +Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours +und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, +uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, +der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In +der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten +Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, +eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel +herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal +<pb n='227'/><anchor id='Pg227'/>das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner +Kerl – <hi rend='italic'>a fine fellow</hi> – sei. Man habe ihn vorher instruiert +gehabt, den hohen Herrn mit „<hi rend='italic'>Your Royal Highness</hi>“ +anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, +und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, +einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von +anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden +darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr +vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses +Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens +in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt +auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren. +</p> +<note place="margin">Der Mittelpunkt der Hölle.</note> +<p> +Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine +heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren +Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte +Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die +Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen +schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut +ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht +an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich +langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine +schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum +unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden +die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem +anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken +um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten +Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem +Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und +schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der +anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem +Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende +Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den +Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt +<pb n='228'/><anchor id='Pg228'/>heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; +er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in +einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe +hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein +Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen +Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. +Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, +so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit +dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist +der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister +in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine +Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen +Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. +Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die +Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden +sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden +Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen +in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und +wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so +sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren +Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied +mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und +gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach +dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter +wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen +die Schreckenskammer und schreiten auf unserer +erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. +Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite +die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, +Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und +während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das +Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer +Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste +<pb n='229'/><anchor id='Pg229'/>führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers +nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme +heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den +Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer +sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen +Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt +die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter +Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am +Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, +die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen +zur besonderen Verwendung beiseite gepackt. +</p> +<note place="margin">Schlachtverfahren beim Rindvieh.</note> +<p> +Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in +welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür +werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag +mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem +Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des +Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast +sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, +es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum +Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt +ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose +Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der +dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den +großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein +Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen +wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen +ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen +wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem +mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind +von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die +Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder +Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, +bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens +<pb n='230'/><anchor id='Pg230'/>und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung +ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie +etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten +durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen +– und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen +ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung +ist seine Strafe. +</p> +<note place="margin">Der Zweck heiligt die Mittel.</note> +<p> +Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend +in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, +auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten +Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen +wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte +und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt +wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen +vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von +Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei +in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des +Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, +buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in +der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden +Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in +weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen +an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen +Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende +Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren +Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. +Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände +wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche +Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge +fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer +erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an +der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng +vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre +<pb n='231'/><anchor id='Pg231'/>und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – +hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang +und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen +Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit +und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur +Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der +Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos +zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die +Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir +die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener +Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und +Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale +Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller +Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in +vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie +verwandelt. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='232'/><anchor id='Pg232'/> +<index index="toc" level1="Baedekereien für Amerikafahrer"/> + <index index="pdf" level1="Baedekereien fuer Amerikafahrer"/> +<head>Baedekereien für Amerikafahrer.</head> +<note place="margin">Tragikomödien des Grünhorns.</note> +<p> +Während meines Aufenthaltes in New York geschah +es, daß ein aufgeweckter Marschbauer, irgend so ein +deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen mochte, +mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die +etlichen 30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten +Bauerngut herausgewirtschaftet hatte, im fernen Kansas, +Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo das +Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. +Der Mann war in der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich +auf seine derbe Faust, seinen klaren Dickkopf und seinen +deutschen Fleiß und hatte guten Grund, anzunehmen, +daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde +nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben +eines Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit +teilnehmen lassen können. Der Mann hatte in seiner +biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt erzählt, +wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, +der es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug +in die Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in +Gestalt eines seiner Offiziere mitgegeben. Der nahm +Klaas Petersen freundschaftlich unter den Arm und führte +ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur <hi rend='italic'>Subway</hi>, der +Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des +Hudson hindurch Brooklyn mit New York verbindet und +dann in zwei Ästen die ganze Manhattaninsel bis in die +ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas Petersen +über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel +hindurch in einen der Riesenwagen hineinbugsiert war +<pb n='233'/><anchor id='Pg233'/>und nun in drangvoll fürchterlicher Enge, eingekeilt +zwischen hinter riesigen Zeitungen verschanzten Negern, +Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten Yankees +stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze +Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher +Schnelligkeit um die Kurven schlingerte, da fing Klaas +Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu weinen an und +schluchzte: „Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. –“ +Und dabei blieb’s; er wollte keine Vernunft annehmen. +Mit dem nächsten Schiffe kehrte er tatsächlich wieder +heim. +</p> + +<p> +Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das +sich auf seinen eigenen Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge +einen Trambahnwagen bestieg, um über die berühmte +Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen +Landsmann aufsuchen wollte. Und er kam auch über die +Brücke, aber er verstand nicht, was der Schaffner ausrief, +und traute sich nicht aufs Geratewohl auszusteigen; und +ehe er sich’s versah, war er wieder auf der Brücke, denn die +Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er +ein Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, +was der Herr in seinem unerforschlichen Ratschluß +über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also auf der +großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage +lang. Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, +da er sonst verhungert wäre. +</p> + +<p> +Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben +magst, lieber Leser, so laß es bleiben. Deswegen bleibt es +doch als unumstößliche Wahrheit bestehen, daß du in +Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu einem +Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich +mit der Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen +Brett vorm Kopf in die Welt entlassen haben. Bist du +<pb n='234'/><anchor id='Pg234'/>aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx bebbert, +sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und +nicht zu viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist +in das Abenteuer stürzen. Bist du ein armer Teufel, der +drüben sein Glück machen will, so wappne dich mit Humor +und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß die +Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. +„<hi rend='italic'>Let us try another chance</hi>“ sagt der Amerikaner in diesem +Falle, und das sag du auch und pfeif drauf. Willst du aber +zu deinem Vergnügen und zu deiner Belehrung dich drüben +umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld – +noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften +Menschen drüben die meisten Dinge doppelt und +viele viermal so viel kosten wie bei uns. Für ein Seidel +Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10 Liter +hält, mußt du einen <hi rend='italic'>Quarter</hi> hinlegen, das ist <hi rend='italic'>M</hi> 1.–, und +du wirst bald dahin gelangen, diesem <hi rend='italic'>Quarter</hi> nicht mehr +wehmütig nachzutrauern; denn das amerikanische Bier +enthält zwar Wasser, Malz und Hopfen und sieht schön +braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine verlockende +schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht +dir lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein +Bier ist. Und dann wirst du auch bald finden, daß es sehr +viel leichter ist, die schmalen, schmutzigen, zerknitterten +Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei uns daheim +ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du +mußt nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du +überhaupt Gold zu sehen bekommst. Mache dir nur ja +nicht etwa die Illusion, als ob du an irgendeiner Stelle +wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle +großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der +Knicker und Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre +höchst verächtlich über die Achsel angesehen wird, kommst +<pb n='235'/><anchor id='Pg235'/>du auch schon aus dem Grunde nicht zum Sparen, weil die +guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman +gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis +haben. Du kannst zum Beispiel nicht in einem Hotel +zweiten Ranges wohnen und in einem Restaurant ersten +Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten Ranges +gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, +denen sich ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen +kann, nach unseren Begriffen erster Klasse, und was +danach kommt, ist nach unseren Begriffen gleich vierter +Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse +wohnen und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du +kannst es wohl, aber du wirst bald davon zurückkommen. +Denn das billige Essen ist auf die Dauer unmöglich, und +zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten +Hotel und einem anständigen Restaurant gibt es kaum +einen Unterschied. Versuche um Gottes willen auch nicht +mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir übel bekommen; +nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in +der breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee +schaden. Ein werter Freund und Kollege von mir hatte +sich von Eingeborenen sagen lassen, daß der übliche Satz +für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen +zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel +bestand in einem belegten Brötchen mit einem Schnitt +Bier, wofür er 70 Cent = <hi rend='italic'>M</hi> 2,80 bezahlen mußte. Gewissenhaft +wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und +schob sie reinen Herzens dem <hi rend='italic'>waiter</hi> zu. Der starrte erst +mit verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann +lief er zum Oberkellner, beriet sich längere Zeit mit ihm +und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent zwar ohne +Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen +Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen +<pb n='236'/><anchor id='Pg236'/>stand es in sämtlichen New Yorker Blättern, daß der +beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld gegeben habe. +Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, +lachten ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, +lieber Landsmann, besonders wenn du aus München +kommen solltest, wo die Kati schon für drei Pfennige danke +schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner +Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und +daß man das Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten +durch zehn teilbaren Ziffer abrunden muß. +</p> +<note place="margin">Unangebrachte Sparsamkeit.</note> +<p> +Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen +machen und brauchst dich doch keinen Moment zu besinnen, +in den vornehmsten Hotels einzukehren. Wenn +du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und +weder die Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den +Kompotteller ableckst, so wirst du auch in der allerprominentesten +Gesellschaft geduldet werden. Für fünf +Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit +Bad, und wenn du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade +gut stehst, kannst du für denselben Preis sie auch mit +hinein nehmen, denn die Betten sind immer reichlich +zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen +wolltest, auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so +würde man das vielleicht als einen Mißbrauch der Gastfreundschaft +betrachten und dir einige Dollars extra +tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach +Amerika?! +</p> +<note place="margin">In der Lobby.</note> +<p> +Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine +ganz andere Rolle wie bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher +und geschäftlicher Treffpunkt, und die <hi rend='italic'>Lobby</hi>, +d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften +Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und +sonstigen Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der +<pb n='237'/><anchor id='Pg237'/>Barbierladen im antiken Athen und Rom und wie das +Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden sich auch +Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei +und Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser +haben sogar eine eigene Telephonzentrale für die Vermittlung +des riesigen Gesprächsverkehrs innerhalb des Hauses +wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was man +dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das +wird dir auf elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. +Selbst in den mittleren Städten haben die guten Hotels +selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze Anzahl von +Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom +Keller, wo der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich +bearbeitet, bis hinauf zum Dachgarten, wo du in schönen +warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter Beleuchtung +dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der +Lobby aber und in den angrenzenden Restaurationsräumen +laufen fortwährend kleine niedliche Pagen mit +Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und +quarren die Namen der Leute aus, für die ein Besuch oder +eine Depesche da ist, oder die am Telephon verlangt +werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann aufhalten +kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann +man ruhig bei bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine +Zeitung und eine Zigarre kaufen und in einem Schaukelstuhl +Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet oder gar ein +Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens +mit seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem +Liebchen. Bauernfänger, Detektivs und Reporter wimmeln +in Scharen dort herum. Die letzteren holen sich drei +Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer +bei dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder +neu ankommende Gast sich einschreiben muß, und stürzen +<pb n='238'/><anchor id='Pg238'/>sich auf ihn, sofern er nur irgendwie prominenzverdächtig +oder weit hergereist ist oder sich durch einen europäischen +Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren +überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an +Gesprächen der Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden +und der Klatschbasen erlauschen können, beschreiben +die Toilette und das Gepäck reisender Künstlerinnen +und konstruieren sich ganze Romane aus dem +bloßen Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute. +</p> + +<p> +Jeder, der es irgend <hi rend='italic'>afforden</hi> kann, kehrt in den +großen Hotels ein, selbst Menschen, die man bei uns zu +den kleinen Leuten rechnen würde, und reiche Leute, die +auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft +in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, +jahraus ein Zimmer für sich reservieren. Folglich sind +die Hotels immer voll und amüsant für jeden, der kein +Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und Luxus wird +dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. +Bad und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich; +ein Transparent leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe +für dich in der Office sind, und was das Allererstaunlichste +ist – jeden Abend wird dein Bett frisch bezogen, als ob +du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur +deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht +<hi rend='italic'>M</hi> 2 extra dem Hausschneider dafür bezahlen willst, +und die Stiefel mußt du dir im Keller oder auf der Straße +putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst +ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld +heischenden Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. +Dem Hausdiener, der deine Koffer dir aufs Zimmer schleppt, +gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und wenn du +ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den +Liftboy mit einem Tip. Selbstverständlich kannst du +<pb n='239'/><anchor id='Pg239'/>auch im Office dein Bahnbillett und dein Gepäck besorgen +lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten mit dem +Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir +ein sehr feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich +sicher geleitet und für dich redet, wo du etwa mit deinem +Englisch nicht auskommst. Der Gentleman behandelt +dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm +nichts in die Hand zu drücken – er steht nachher auf +deiner Rechnung. Alles, was du im Hause verzehrst, +bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, deine +Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst. +</p> +<note place="margin">Das Astorhotel.</note> +<p> +Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich +bei der Ankunft in New York deine Schritte zunächst +ins <hi rend='italic'>Astorhotel</hi> lenken, und du wirst gut daran +tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren +kannst, wie herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus +es ein intelligenter, tatkräftiger Deutscher drüben +bringen kann. In dem Hotel der <hi rend='gesperrt'>Gebrüder Muschenheim</hi>, +aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, +findest du nicht nur all den hier geschilderten Luxus +und Komfort, sondern auch für dein ästhetisches +Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten +Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges +gespielt wird, und im Grillroom etwas für deinen historischen +Sinn, nämlich ein geschmackvoll zusammengestelltes +Museum, das dir über Leben und Treiben der +Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst +lebendigen Anschauungsunterricht erteilt. – Kommst du +aber weiter ins Land hinein, in die mittleren und kleineren +Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in das Fremdenbuch +einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem +Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so +ergehen wie mir in einer kleinen Stadt Wisconsins. Ich +<pb n='240'/><anchor id='Pg240'/>wurde mit meiner Frau in einem der besten Zimmer eines +neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt +untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel +in diesem Zimmer fest auf seinen vier Beinen, das vierte +war nur angelehnt, wenn überhaupt vorhanden. Auf der +frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck +zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, +der andere vom Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich +auch zu diesem Staatszimmer, es war aber +mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin war, +(ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine +Knie bis ans Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte +man allenfalls sitzend darin Platz finden. Da wir während +unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten eingeladen +waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am +anderen Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren +können, wenn man es uns noch verabreicht hätte, +was aber nicht der Fall war, da wir erst nach neun Uhr im +Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt +gehen und in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung +betrug 7 Dollar, also nahezu <hi rend='italic'>M</hi> 30.– für ein Bett, einen +Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein Quetschbad! +Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu +leihen. Da entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: +„Ja, <hi rend='gesperrt'>warum haben</hi> Sie denn nichts verzehrt hier? +Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar essen können, +soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben +nämlich amerikanischen Plan hier.“ Und die ganze Menschheit +in der Lobby quietschte vor Vergnügen über die lange +Nase, mit der ich abziehen mußte. Jetzt also, lieber Leser, +weißt du, was <hi rend='italic'>american plan</hi> ist. +</p> +<note place="margin">Kundenfang der Eisenbahnen.</note> +<p> +Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch +sonst welche auffälligen Eigenschaften die +Aufmerk<pb n='241'/><anchor id='Pg241'/>samkeit der Reporter auf dich gelenkt hast, so kannst du +die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins +Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung +deines Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit +deines eventuellen Schmieröls und außerdem +deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen Folgen +solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein +Gentleman in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen +Manieren befinden, der dir seinen Besuch macht und sich +erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze Reiseroute +auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den +Beikarten für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. +Du bist natürlich baß erstaunt über diese fabelhafte +Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst, +wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir +findet. Da läßt sich ein zweiter, ebenso eleganter und +liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt sich ebenfalls, +wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd +darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, +dir eine sehr unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; +mit seiner Gesellschaft würdest du schneller, komfortabler +und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels Lösung. Da +zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall +mehrere Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die +verschiedenen Gesellschaften ihre Kunden persönlich +einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen Hotels, +sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in +den eleganten Offices der verschiedenen Gesellschaften +seine Billette vorausbestellen kann. Diese starke Konkurrenz +hat für den Reisenden das Angenehme, daß sich +jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten +und Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn +du also zum Beispiel geborener Berliner bist und als solcher +<pb n='242'/><anchor id='Pg242'/>Wert darauf legst, deiner koddrigen Schnauze Bewegung +zu machen, so kannst du während deiner Reise alles bemäkeln, +und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, +den erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: „Wissen +Sie, alter Freund, mit Ihrer verdammten Linie fahre ich +nie wieder, verstehen Sie mich!“ Gegen Langeweile oder +Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle +recht nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, +einen reisegewöhnten Amerikaner zum Beistand zu haben, +denn die Kursbücher sind für den Uneingeweihten sehr +schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. +Die einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in +möglichst farbenfreudiger Ausstattung in den Hotels auf, +und wenn man eine Reise vor hat, die einen über ein +Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also +zwölf solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; +man wird aber, wie gesagt, schwer klug daraus, obwohl +sonst alles, was das Verkehrswesen betrifft, von den +Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie +prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten! +Durch einen Handgriff deines Koffers wird ein +Lederriemchen oder ein Spagat gezogen, an dem eine +Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine Nummer +und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat +dieser Marke wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet +nichts, außer wenn du über einen Zentner mit dir schleppst. +An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein Mann +durch den Zug und ruft: „Gepäck für Chicago!“, oder was +es nun sein mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst +ihm dein Absteigequartier. Fertig! Gibst du zerbrechliche +Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli auf, so +mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung +nicht für etwaigen Schaden verantwortlich +<pb n='243'/><anchor id='Pg243'/>machen willst. Willst du das nicht, so nimmt man dein +Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders versichern. +Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend. +</p> +<note place="margin">Im Pullmanwagen. +Die Morgentoilette des Tätowierten.</note> +<p> +Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du +sicher schon so viel gehört, daß ich dir darüber schwerlich +etwas Neues erzählen kann. Verwunderlich ist es nur, daß +in diesem Lande der höchst entwickelten technischen +Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten +können, die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So +sind beispielsweise auch die schönsten Pullmanwagen +fast immer entsetzlich überheizt und während des ganzen +Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. +Die einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, +der auf der Station durch das Öffnen der Außentüren +entsteht. Bevor du an deinem Bestimmungsort ankommst, +nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, klopft +deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis +unten sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und +du gibst ihm gern seine 20 Cent dafür, aber – die Zurückbleibenden +müssen deinen Staub schlucken! Man kann +sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise vorstellen! +In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich +noch viel ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht +werden. Ich begreife überhaupt nicht, wie europäische +Reisende die Schlafeinrichtung der Pullmanwagen bewundern +können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, +quer, sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar +ohne Unterschied des Standes, Alters oder Geschlechts. +Für die Ruhe soll es freilich vorteilhafter sein, die Stöße +des Wagens in der Längslage abzufangen, und die Betten +sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und +gar hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige +Vorhänge versteckt, deren Schlitz man, wenn man +glück<pb n='244'/><anchor id='Pg244'/>lich in sein Bett geturnt ist, von oben bis unten zuknöpfen +muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und +konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. +Als ich den um Himmels willen bat, doch wenigstens die +Ventilationsklappe zu öffnen, erklärte er achselzuckend, +es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind im Wagen, +die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen +S. M. „das Kind“ gibt es keinen Appell in Amerika. +Wenn das Kind verschnupft ist mögen die Großen ersticken +und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn du dir +einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit +dazu gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit +der Genierlichkeit in Einklang zu bringen, als der Anfänger +zu besitzen pflegt. Allerdings befinden sich an beiden +Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige Toiletten, +in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder +ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch +im <hi rend='italic'>american style</hi> ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, +wohin mit seinen Sachen, und wie man im Nachtzustande +über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer +kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen +haben das leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations +im Toilettenraum aus und werfen einen Schlafrock drüber. +Früher pflegten sie die Strümpfe anzubehalten und ihr +Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten +das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken +zu fahren und tiefschlafenden Damen die Strümpfe +zu erleichtern. Neuerdings rentiert sich aber dies Geschäft +nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der Passagiere +mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr +Geld bei sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. +Heutzutage hat jeder Mensch sein Scheckbuch bei sich +und damit kann der Räuber nichts anfangen. (Wenn du +<pb n='245'/><anchor id='Pg245'/>also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein +erster Gang zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du +dein Geld deponierst und dir ein Scheckkonto eröffnen +läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, +was amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die +umständliche Morgentoilette eines herkulischen Gentleman +nach einer Nachtfahrt vergessen. Der Mann war +sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch sonst +ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen +und Händen nach zu schließen, eher ein Metzger oder +Viehhändler. Der Kerl wusch sich vom Kopf bis zu den +Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, Ohren, +Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. +Er nahm sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte +seinen ungeschlachten Leib mit der Liebe und Sorgfalt +eines Künstlers, der die letzte Feile an sein Werk legt. +Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der +Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. – +Übrigens geht so eine amerikanische Nachtfahrt auch +dadurch arg auf die Nerven für jeden, der kein geborenes +Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der Lokomotiven +fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm +vollführen, bei dem einem angst und bange werden kann. +Sie müssen nämlich alle Augenblicke Warnungssignale +geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen +sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier +Strecke ohne Unter- oder Überführung. Da wird der +nervöse Europäer schwer den Gedanken los, daß ihm +plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch +seinen werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was +recht ist, aber Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden +und Norwegen wirklich komfortabel. +</p> +<note place="margin">Vom Küssen und von der Höflichkeit.</note> +<p> +Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du +<pb n='246'/><anchor id='Pg246'/>in den Vereinigten Staaten, wenn du den Vorzug hast, +weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand dürfte es da +drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann +ist auf einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn +sie einen Kavalier bei sich hat, so ist es seine verfluchte +Pflicht und Schuldigkeit, alles für sie zu zahlen. Ich habe +ein einziges Mal in Amerika einen wilden Wortwechsel +erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war +in einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. +Eine gut angezogene, nette Negerin des besseren Mittelstandes +versuchte durch die dicht gedrängt stehenden +Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme: +„<hi rend='italic'>Let the ladys get out first!</hi>“ – und eine andere +Stimme höhnte dagegen: „<hi rend='italic'>Let the Niggers get out first.</hi>“ +Und nun platzten über die Doktorfrage, ob eine Negerin +auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften +wild aufeinander! – Merke dir auch, mein Freund, daß +du Damen deiner Bekanntschaft auf der Straße nicht +zuerst grüßen darfst, das würde für eine Anmaßung angesehen +werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade +haben wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein +Weib nicht bewundernd anstarren, und sei es noch so schön. +Hast du aber die Bekanntschaft einer Dame in Gesellschaft +oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie +dich ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich +auch nicht so zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. +Handküsse sind nicht üblich, wohl aber ein ungeniertes +festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe zuteil, eine +Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so +packst du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen +Karren vor dir her; das ist sicher und für beide Teile angenehm. +Hast du dir gar Freundinnen in den besseren +Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater +<pb n='247'/><anchor id='Pg247'/>oder zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen +einladen, ohne eine Mutter oder eine Tante als Begleitung +befürchten zu müssen. Wenn du von deinen Freundinnen +wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen Vertraulichkeiten +herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie +deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen +sei vorsichtig; denn das Gesetz mancher Staaten betrachtet +den Kuß als Heiratsversprechen, als tätliche Beleidigung +oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine +beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch +nette Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen. +</p> + +<p> +Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur +in der Synagoge, sondern auch in der Lobby des Hotels; aber +im Elevator mußt du ihn stramm herunterziehen, sobald +eine weibliche Person über vierzehn Jahre hereintritt. Im +übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen +und beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es +dir zum Grundsatz, von deinen Mitmenschen, solange +sie dir nicht durch einen Dritten offiziell vorgestellt sind, +keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen. +Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der +Straße begegnest, so hast du es auch nicht nötig, deinen +Deckel herunterzureißen und deinen Skalp der Unbill der +Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und +rufst lächelnd: „<hi rend='italic'>Hallo, Bobby, how do you do!</hi>“, worauf +er gleichfalls winkt und ruft: „<hi rend='italic'>Hallo, Fritze, how do +you do!</hi>“ Das ist praktisch und macht einen guten Eindruck; +denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und +ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, +wie es euch geht. Auch vor Hochgestellten brauchst du +keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; dafür verlangt +man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete +Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. +<pb n='248'/><anchor id='Pg248'/>Der Schatz der amerikanischen Umgangssprache ist reich +an massiven Deutlichkeiten, und wenn du dir herausnimmst, +einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es +dir leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese +aus diesem Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz +der amerikanischen Höflichkeit besteht darin, +daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man +seinem Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, +dagegen in Verlegenheiten sich hilfreich beisteht. Ich habe +gesehen, wie blinde und andere hilflose Personen sogar +auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben +sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim +Ein- und Aussteigen behilflich ist und sie vor Gefahr +bewahrt. Man bekommt auch fast immer klare und +knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten +Unbekannten wendet, und wenn man ein sympathisches, +vertrauenerweckendes Äußere hat, läßt sogar ein eiliger +stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen und +begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen +Dingen der täglichen Notdurft des Verkehrs darf man +auch ruhig auf die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen vertrauen; +handelt es sich dagegen um größere Summen, so +reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif +wie ein Schießhund. +</p> +<note place="margin">Hemdärmeligkeit.</note> +<p> +Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete +dir irgendwo im neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk +ein Zimmerchen mit Telephon und Schaukelstuhl und +engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle ungemein +gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe +deinen Rock aus – denn das tut jeder Amerikaner, sobald +er sein Office betritt, sei es Winter oder Sommer –, zünde +dir eine Importierte an, verbreite deine Beine anmutig +über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. +<pb n='249'/><anchor id='Pg249'/>Telephonieren und Briefe diktieren füllt die amerikanischen +Geschäftsstunden von 10–5 Uhr vollkommen aus. Da +die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß das +Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch +an der Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines +Verhaltens aber sei und bleibe in allen Lebenslagen, solange +du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl aber +mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch +das ganze Land. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='250'/><anchor id='Pg250'/> +<index index="toc" level1="Was können wir von Amerika lernen?"/> + <index index="pdf" level1="Was koennen wir von Amerika lernen?"/> +<head>Was können wir von Amerika lernen?</head> + +<p> +Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker +ein Spiegel, in dem sie deutlich ihre Zukunft sehen +können. Der Fortschrittsgedanke marschiert drüben in +Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor sich, +während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer +noch auf Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet +hat, Berge von Vorurteilen, Abgründe von +Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern oder zu +überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden +Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der +technischen Zivilisation daran gehen wollten, unsere +Abgründe auszufüllen und unsere Berge abzutragen – +was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose Verflachung +unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch +mit historisch und philosophisch geschultem Denken, mit +ästhetischem Bewußtsein und einer idealistischen Weltanschauung +ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in jenen +Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre +uns vor dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß +wir unseren wertvollsten Besitz, nämlich unsere geistige +Kultur, nicht den materiellen Errungenschaften der +Gegenwart, sondern der fernen und fernsten Vergangenheit +verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des +Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für +unser gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so +überaus solid aufgemauert haben. +</p> +<note place="margin">Das Rekordfieber.</note> +<p> +Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, +als wir wissen und als uns gut ist. Seit nämlich die raum- +<pb n='251'/><anchor id='Pg251'/>und zeitverkürzenden Erfindungen sich zu überstürzen +begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von +Amerika her der <hi rend='gesperrt'>Rekordwahnsinn</hi> in die Welt gekommen. +Fast alle die großen Erfindungen, vermöge deren +wir jetzt Wasser, Erde und Luft beherrschen, sind in der +Alten Welt gemacht und hätten unter allen Umständen die +Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu +steigern; in Amerika aber haben diese Erfindungen, der +ungeheuren Entfernungen wegen, doch die rascheste und +vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch auch +stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. +Der Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen +zu machen und auf allen neuen Gebieten das Vollkommenste +zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, +und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit +hat, sich auf dem Felde der Literatur und der +Kunst auszutoben, stürzte sich mit Begeisterung auf den +Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im +Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport +sehr teuer und sehr gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, +der ja bessere Nerven besitzt und aufregende Vergnügungen +in viel größeren Quantitäten vertilgen kann, +ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten +Schnellzugs-, Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten +nicht im eignen Lande, sondern begann an allen internationalen +Wettbewerben teilzunehmen. Sein Sensationsbedürfnis +und seine unverbrauchte Kraft haben das +Rekordfieber in der großen Welt gewaltig geschürt. +Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, der großartige geschmackvolle +Luxus der transatlantischen Dampfschiffe +haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns +hinübergelockt, und wo immer sie in größerer Menge auftraten, +zwangen sie durch ihren Reichtum die betreffenden +<pb n='252'/><anchor id='Pg252'/>Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, +wie ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres +Festhalten an ihren nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust +und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen und sich fremden +Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und Fremdenindustrie +einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies +jetzt noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft +ihrer amerikanischen Vettern. Während die amerikanischen +Hotels sich allmählich den europäischen Stil +aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu +amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig +auf den Kontinent, um zu sparen, zeigten sich also hier +geizig; die Amerikaner dagegen sind viel großartiger und +leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch protzenhafter. +Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte Vergnügen; +aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern +auch den Stil bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, +weil sie überall die Sensation, das Äußerste, +das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es gut zu +bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt +es, daß auch bei uns immer mehr das Schönste und das +Bedeutendste, was unsere Natur und unsere Kunst aufzuweisen +haben, sich dem amerikanischen Snobismus +anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht +des Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur +an Bayreuth, Oberammergau, die Münchener Musikfeste, +die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen, +die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun +will sich aber der europäische Reichtum nicht gern ausstechen +lassen. Er strengt sich darum aufs äußerste an, +es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein +gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. +Da ferner die tiefste Bildung und der feinste Geschmack +<pb n='253'/><anchor id='Pg253'/>durchaus nicht immer an den Reichtum geknüpft sind, +so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit +immer mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer +schwerer, sein Bedürfnis nach Kunst- und Naturgenuß +zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas uns +einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere +Bildung bei uns verhältnismäßig verbreiteter seien, als +in der Neuen Welt; immerhin sind doch aber auch bei uns +die Ungebildeten in der Überzahl, und diese Überzahl +wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die +amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen +seiner Vergnügungssucht zu geben vermag. +In den Niederungen der dramatischen Kunst, z. B. in der +Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt der +amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer +mehr durch. Das Vergnügen an den Sentimentalitäten, +Hintertreppensensationen und Clownspäßen der Lichtbildtheater, +an mechanischen Musikwerken, oder gar an +den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet +schon durchaus amerikanisch an. +</p> +<note place="margin">Ansteckungsgefahr des Snobismus.</note> +<p> +Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, +wo eigentlich nur die Autorität des Wissens und +des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das Kulturniveau +in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, +die alles bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert +die gesunde Stetigkeit der Entwicklung und drängt den +Tüchtigen überall zugunsten des Fixen zurück. Als +Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende +Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und +sportgewandten Männern kennen, in Begleitung reizender, +eleganter, siegessicherer Frauen. Das erweckt in uns die +Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die es +in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter +<pb n='254'/><anchor id='Pg254'/>gebracht haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem +richtigen Wege sein müßten, und wir beginnen folglich +uns unserer Langsamkeit, unserer bedächtigen Gründlichkeit, +Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. +Wir vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken +dieser Eigenschaften es ist, was uns heute immer noch +über die glänzende Scheinkultur der Neuen Welt ein +beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den +atemlosen Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über +dem Ozean einlassen, so werden wir sicher den Kürzeren +ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes sind +nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere +Industrie, unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben +darauf richten wollten, das unerprobte Neue, +das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle +des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, +so würden unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald +nicht mehr die wichtige Rolle spielen wie heute. Der +Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer +kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele +Dinge von uns zu beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich +darin, daß drüben jenes Erbinventar von Talent, +Geschicklichkeit und Geschmack, durch Handwerksstolz +und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt +und verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen +Vorzüge würden uns aber verloren gehen, wenn wir uns +von dem amerikanischen Snobismus noch weiter anstecken +ließen. +</p> +<note place="margin">Volkstümliche Bildungsbestrebungen.</note> +<p> +Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen +Zeitungswesens darauf hingewiesen, daß auch +unsere Presse hie und da bereits recht bedenkliche Anläufe +gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster Sensationsgier +und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte +<pb n='255'/><anchor id='Pg255'/>der minderwertigsten Leserschaft sogar der <hi rend='italic'>gelben</hi> Presse +gleichzutun. Auch bei uns beweist die Erfahrung, +daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die +Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem +ordinären Geschmack entsprechend aufgeputzt ist, durch +den Massenabsatz erheblich mehr einbringt, als das gute, +aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von +Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern +einfach zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist +dies ebenso wie der Massenabsatz von billiger und vielfach +recht minderwertiger Reiselektüre. Wir haben uns +neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft, +gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese +Herabwürdigung zumal der literarischen Arbeit zum +bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir überall, +bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte +Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann +aus dem Volke für ganz billiges Geld wertvolle +Anregung, Belehrung und gute künstlerische Unterhaltung +zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte und +Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall +die Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und +wirklich wertvolle gemeinnützige Unternehmungen, wie +Reclams Universalbibliothek, stehen schon nicht mehr +vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der +Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung +auch in weite Schichten unseres Volkes getragen, für die +früher die Quellen des Wissens und der Schönheit unerreichbar +waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß +erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten +Staaten, obwohl auch dort, namentlich durch Gründung +von musterhaft eingerichteten öffentlichen Bibliotheken +und Museen, durch die <hi rend='italic'>University Extension</hi> und + Ge<pb n='256'/><anchor id='Pg256'/>winnung von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr +viel in dieser Richtung getan wird. Es ist also wahrscheinlich, +daß uns in nicht allzu ferner Zeit Amerika +auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen +wir uns nicht überflügeln lassen, so wird der Richtspruch +unserer Volksbildner ebenso wie der unserer Fabrikanten +heißen müssen: <anchor id="corr256"/><corr sic="(fehlt)">„</corr><hi rend='italic'>Qualität, nicht Quantität; nicht vom Neuen +das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das +Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, +das Deutscheste bieten.</hi>“ +</p> +<note place="margin">Zähigkeit der Rassen.</note> +<p> +Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, +volkstümlich zu sein, denn wir <hi rend='italic'>sind</hi> ein Volk, als Rasse +zwar auch gemischt, aber in dieser Mischung doch schon +seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte Europa +für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant +macht, das ist die unendliche Abwechslung und +Differenzierung im Charakter seiner Völker. Wie die +Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken +wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß +ist wie der eine Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, +wie etwa das Plattdeutsche und das Oberbayrische zu +erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der Charakter +der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in +der Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. +Eine nordamerikanische Rasse gibt es aber vorläufig +noch lange nicht, und die Behauptung vereinzelter amerikanischer +Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich +deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte +wohl als ein wunderliches Hirngespinst zu betrachten +sein. Die Menschen, die sich in der Neuen Welt zusammengefunden +haben, werden wohl noch auf unabsehbare Zeit +hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, +Russen, Juden, Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich +<pb n='257'/><anchor id='Pg257'/>wie z. B. die Neger in den Vereinigten Staaten noch nach +ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt alle Schattierungen +der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse +aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen +Landstrich verraten, dem ihre Vorväter entstammten, +so wird man auch den Nachkommen der weißen +Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches +Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht +durch fortwährende Mischehen absichtlich darauf ausgehen, +ihre Rassenmerkmale zu verwischen. Es sind nur +die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen +Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen +Rassen einen eigenartigen neuen Typus erzeugen. +Wenn ein Deutscher ein oder zwei Jahrzehnte +lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen +ist, so vermag er sich auch in seinem Wesen und in +seinem äußeren Gebaren so stark zu verändern, daß seine +Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so langer Zeit +wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. +Aber er ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen +und beileibe kein Buschmann oder Pampas-Indianer +geworden! In den Vereinigten Staaten ist überdies noch +die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren, +dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf +klägliche Überreste vernichtet sind. Der Deutsche kann +drüben dem Engländer, der Jude dem Japaner, der Neger +dem Italiener dies und jenes abgucken oder unwillkürlich +in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche +übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen +noch lange nicht hinaus. Es wohnt also drüben ein +Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine +gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus +den neuen Lebensbedingungen heraus gemeinsame +Kultur<pb n='258'/><anchor id='Pg258'/>ideale zu suchen. Von einem amerikanischen Volke wird +man erst sprechen können, wenn die ungeheuren Ländergebiete +drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert +sind, daß die Regierung auf die Aufnahme weiterer +Einwanderer dankend verzichten kann. Aber auch bei +verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung +des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte +in Anspruch nehmen. Vielleicht wird es im Jahre 3000 +eine nordamerikanische Rasse geben – denkbar aber +auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des +internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation +der großen Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung +nicht mehr möglich ist, und die ganze Änderung darin +bestehen wird, daß die alten Rassen ihre charakteristischen +Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante +Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, +Farbennuancen übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in +ein- bis zweitausend Jahren wirklich schon eingetreten +sein, dann könnte man davon sprechen, daß Amerika uns +verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen +Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden +Tendenz bemerken läßt. Die Gewissensfrage +ist für jeden einzelnen: soll ich dazu beitragen, die Entwicklung +zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen, +oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben? +</p> +<note place="margin">Heimat.</note> +<p> +Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa +zurückkehrt, so nimmt zunächst das Auge mit wonnigem +Behagen den Eindruck der Ordnung, der Fertigkeit, der +stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk +in sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft +mit ihrem üppigen Wiesengrün und ihren anmutigen +Heckenzäunen, sei es ein französischer alter Herrensitz +mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen, +<pb n='259'/><anchor id='Pg259'/>Blumen und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche +Flachlandschaft mit ihren peinlich nach der Schnur bestellten +Feldern, ihrem trauten Dörflein, so behaglich im +Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne +Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll +prunkender öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar +eine uralte, winklige, hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt, +noch durch alte Ringmauern und Wachttürmchen +gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt. +Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans +schmerzlich vermißt haben und die man uns auch drüben +nicht nachahmen kann. Das ist Tradition einer alten +Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten +Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des +anspruchsvollen höheren Menschen erfreuen, sondern auch +ethisch überaus fruchtbar sind, weil in allen diesen Dingen +die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar werden. +Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff +der Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat +gibt es ein wirkliches Lebensglück. Wer gedankenlos nur +der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu kommen, die +Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da +wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein +leichter zu erreichen sind, und wo es weniger schwer als +daheim sei, in weiteren Bezirken eine erheblichere Rolle +zu spielen. Für solche Leute ist es wohl angebracht, nach +Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem +trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke +da drüben werden sie erst den Wert der Heimat +schätzen lernen – es sei denn, daß sie zu den blinden +Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr +Genügen finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche +eine vertiefte Bildung gesteigert hat, kommen ja +<pb n='260'/><anchor id='Pg260'/>jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur zu uns +nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener +herz- und sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, +die ihre vorläufig noch fast ausschließlich technische +Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie bekommen alle +eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, +vor unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und +unserer Industrie, vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, +vor der wohldisziplinierten Ordnung unserer +Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als +Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche +Liebe zu unserer Romantik mit heim – nachahmen aber +können sie auch beim besten Willen diese unsere Vorzüge +schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig, als in +Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk +mit eigner Tradition geworden sind. +</p> +<note place="margin">Arbeit und persönliche Würde.</note> +<p> +Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar +buntscheckige Gesellschaft von Lebensstudenten in die +Neue Welt hinüber: alle die überzähligen Esser kinderreicher +Familien, unzufriedene, verärgerte, aufsässige +und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner +aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft +lernt tatsächlich da drüben mehr, als sie irgendwo in +der Alten Welt lernen könnte. Der entschlußunfähige +Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine +liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln +gebrauchen kann, der langsame, ängstliche Philister, der +faule Träumer, der vornehme Müßiggänger, der hochmütige +Geld- oder Wissensprotz – sie alle werden zunächst +einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten +Not darauf aufmerksam gemacht, daß die Parole in der +Neuen Welt laute: Augen auf! nicht abwarten, sondern +zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß arbeiten, +<pb n='261'/><anchor id='Pg261'/>und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du +von Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer +weder ein Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges +Geschäft anzufangen, noch ein Handwerk, eine +Kunst, eine Wissenschaft so praktisch zu verwerten weiß, +daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und +Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem +großen Arbeitsmarkt für jede beliebige Tätigkeit zur +Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich habe drüben +Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen +im Lande waren und bei uns maturiert hatten, +adlige Offiziere in Mengen als Kellner, Reitknechte, +Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische +Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für +irgendeine Warenspezialität zu werden; zeigt er sich +hierin gewandt, so ist der Schritt zum selbständigen Geschäftsmann +nicht mehr schwer. Das Gute bei dieser +Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, +hinter der keine offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren +läßt. Der Yankee macht sich freilich oft lächerlich +durch sein übereifriges Herandrängen an unsere Höfe, +an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist +mit Recht empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge, +die schwere Mitgift der Töchter gegen europäische +Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man +merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der +Titel an sich ist, welcher diese faszinierende Wirkung übt, +sondern vielmehr die mit altem Adel verbundene vornehme +Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche +Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten +drüben ihr Brot suchenden, heruntergekommenen Adligen, +da versagt der Zauber völlig. Eine Persönlichkeit, die sich +nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder physischen +<pb n='262'/><anchor id='Pg262'/>Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in +die Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst +auf. Aber auch mit philiströser Bedenklichkeit +kennt das amerikanische Leben kein Erbarmen. Wer in +der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der +kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt +des Fortschritts unterwegs verlassen, so muß er schon +sehr geschickt in der Fahrtrichtung abzuspringen verstehen +– nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder +kommen. +</p> +<note place="margin">Juristen und Menschenkenner.</note> +<p> +Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, +daß sie selbst dem Verbrecher nicht den Rückweg +zum anständigen Leben verlegt. Das Vertrauen auf die +eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor +den Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich +fürchtet wie bei uns. Denn wer etwa im wilden Westen +sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der mußte ja immer +gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen +auf dem <hi rend='italic'>qui-vive</hi> stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, +daß ein einziger beherzter Mann mit einem Dutzend feigen +Gesindels fertig werden kann. Er hat aber auch an zahlreichen +Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen +durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den +Erfolg doch noch zu brauchbaren Menschen gemacht +wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist, daß man +sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm +jedoch immer wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben +anzufangen, und wenn er dann etwas Ordentliches erreicht, +hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder +vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele +durch falsche Erziehung und angeborene Charakterschwäche +zu Verbrechern gewordene Menschen ihre Rettung +verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind +<pb n='263'/><anchor id='Pg263'/>glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. +Wir sind sehr geneigt, den manchmal grotesken Humor +ihrer salomonischen Urteile zu verspotten, aber es ist +sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht halb so +viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft +die Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst +der barbarische Richter Lynch hat sich wohl noch nie an +einem Unschuldigen vergriffen, und die Abschreckungstheorie +handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg. +Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den +lediglich das Leben selbst mit seinen Erfahrungen in die +Lehre genommen hat, ist, wenn er wirklich gesund geblieben +ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle +Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter +der gesegneten Herrschaft des Kgl. Großbritannischen +<hi rend='italic'>common sense</hi> haben sich ja alle besten Charaktereigenschaften +der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir +alten Europäer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften +nicht ohne weiteres ablernen können, denn +ihr Optimismus, ihre prahlerische, aber tatkräftige Zuversichtlichkeit, +ihr mutiger Leichtsinn sind eben Tugenden +der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre +schöne Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Verhältnisse +bedingt, die wir alten Völker ebensowenig nachahmen +können wie die Jugend. +</p> + +<p> +Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von +den Yankees noch etwas lernen können, nämlich das +Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden ein rückständiges +Volk heißen müssen, so lange wir nicht die +Trennung von Staat und Kirche durchgeführt haben und +so lange es noch möglich ist, daß ein Deutscher seines +religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich verfemt +und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren +<pb n='264'/><anchor id='Pg264'/>nicht an der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein +Vater, der seine Kinder nicht dem Christentum ausliefern +will, durch Polizeistrafen und sonstige behördliche Schikanen +drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich anerkanntes +religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Bedingung +zur Erlangung öffentlicher Ämter und Ehrenstellen +ist. In dem Lande der absoluten Glaubensfreiheit +ist das religiöse Leben, trotz mancher blamabeln Auswüchse, +viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke +religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen +ist, kann eine Macht über die Seelen gewinnen, um +die sie unsere Generalsuperintendenten und sogar unsere +Erzbischöfe ehrlich beneiden dürften. Über das, was +wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees +lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. +Ein Volk, das Jugend in sich selber hat, versteht +auch naturgemäß mit der Jugend besser umzugehen. +Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische +Proben auf Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker +schon längst aufgestellt haben. Lernen wir also an +ihren Erfolgen und Mißerfolgen. +</p> +<note place="margin">Die deutschen Kolonisatoren.<lb/> +Unsere mangelhafte politische Befähigung.</note> +<p> +Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen +Erfolge des großen Staatenbundes uns als Vorbild +dienen können: dahin rechne ich in allererster Linie die +politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt hat. +Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer +aus den britischen Inseln, sind heute der Zahl nach den +Nachkommen der deutschen Einwanderer nur noch um +etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es verstanden, +ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd +zu erhalten. Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, +sondern auch staatenbildendes Geschick +bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die von +<pb n='265'/><anchor id='Pg265'/>ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand +zu behalten wußten. Die Deutschen haben die Staaten +Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin, Michigan, Missouri +ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee +und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte. +Cincinnati, Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche +andere Großstädte zeigten vorübergehend ein Übergewicht +an deutschen Einwohnern, und dennoch haben sie sich +überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt +es noch hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber +er versteht kein Deutsch mehr und verdankt seine Stellung +den politischen Bossen und nicht dem einmütigen Willen +seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich +nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die +große Mehrheit bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und +handwerkliche Kräfte, und im Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche +unserer besten Intelligenzen hinüber, die den Beruf +zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen. +Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18½ Millionen +Menschen es zu keiner politischen Selbständigkeit +bringen konnten? Die Zahl jener geborenen Führer, die sich +am Ende der 40er Jahre im Mississippital niederließen, +und die man spottweise die <hi rend='gesperrt'>lateinischen Bauern</hi> +nannte, mag allerdings wohl der erdrückenden Überzahl +der ungebildeten, politisch gleichgültigen Landsleute gegenüber +zu gering gewesen sein – auch war der Vorsprung, +den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, +nicht ohne weiteres einzuholen; das Schlimmste aber +war, daß alle diese Deutschen ein stolzes Nationalgefühl +überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren Partikularismus, +ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum +mit hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr +tüchtige Bauern, Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten +<pb n='266'/><anchor id='Pg266'/>sich aber den besonderen Anforderungen des amerikanischen +Lebens nur selten gewachsen. Viele von ihnen +waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig +anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. +In Kriegszeiten übrigens haben auch diese Deutschen +Großartiges geleistet, wie denn ja auch die von ihren +edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw. +sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie +die Löwen geschlagen haben. Im Sezessions- wie im +Bürgerkrieg verdanken amerikanische Truppen deutschen +Heerführern einige ihrer glänzendsten Siege – und dennoch +waren und blieben diese Deutschen nur ein gern geduldetes +und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen +britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverständlich +nicht daran, diese bequemen Biedermänner +in ihre großen Ehrenstellen der Staats- und Gemeindeverwaltung +hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus +keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten +den deutschen Einwanderern damals zwei Wege offen +gestanden: entweder sie mußten resolut ihr Deutschtum +über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner +werden, oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich +alle in einer bestimmten, von ihnen zuerst besetzten +Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im Staate +gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus +gegen das Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer +Rassen abschließen. Die meisten Deutschen haben aber +keines von beidem getan, sie haben sich über das ganze +weite Land zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen +wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus +engeren landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen +Eitelkeitsgründen aufs gehässigste bekämpfen. Aber auch +der starke Zustrom aus dem geeinigten Deutschland der +<pb n='267'/><anchor id='Pg267'/>70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Änderung +in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen +hätten doch alle Ursache gehabt, ihren frischen +Nationalstolz der herrschenden Yankeerasse entgegenzustellen, +aber auch unter ihnen war der politische Ehrgeiz +eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand +begründen durften, waren sie zufrieden, und selbst +diejenigen, die durch ihre Tüchtigkeit und durch ihren +Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten nicht daran, +sich in das Parteigetriebe zu stürzen – die meisten wohl +aus moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus +reiner Bequemlichkeit. Man muß also doch wohl sagen, +daß ihnen, einige ganz wenige glänzende Ausnahmen, wie +Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für +die Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit +haben kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit +im hohen Maße besessen und verdankten dieser Eigenschaft +die glänzende Rolle, die sie während der Völkerwanderung +und noch während der Staufferzeit in der +Weltgeschichte spielten. Der jahrhundertelange Jammer +der Kleinstaaterei und Pfaffenherrschaft haben aber jene +ursprünglichen Veranlagungen vollständig erstickt. Hingegen +kamen die ersten englischen Besiedler der neuen +Welt aus einem Lande, in welchem die parlamentarische +Verfassung bereits Zeit gehabt hatte, die ganze Nation, +bis in die untersten Schichten hinein, politisch zu erziehen. +Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist +politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern +veranlaßten, und sie alle, mochten sie Royalisten oder +puritanische Revolutionäre sein, brachten den Stolz mit +hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren Flagge +siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte. +Diese Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein +<pb n='268'/><anchor id='Pg268'/>Herrenvolk zu fühlen, sie waren sich aber auch der vornehmsten +Pflicht bewußt, welches dieses Herrentum ihnen +auferlegte – der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten. +Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas +und Mexikos, die nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit +den eingeborenen Weibern eine recht bedenkliche Mischrasse +zu erzeugen, existierte für die Anglo-Amerikaner des +Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst gegen +Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern +richtete das Rassenvorurteil einen starken Damm auf. +Das ist das ganze Geheimnis der imposanten Machtentwicklung +der keltogermanischen Rasse in Nordamerika +und das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei +den Briten diesseits und jenseits des Ozeans in die Lehre +gehen müssen. Das Wort Chauvinismus hat einen garstigen +Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere +edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist +aber schließlich nur ein anderer Ausdruck für Kraftbewußtsein. +Denn bei allen wirklich starken Rassen und +Nationen ist der Republikaner so gut wie der Monarchist, +der Liberale so gut wie der Reaktionär <hi rend='italic'>chauvin</hi>. +</p> +<note place="margin">Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen.</note> +<p> +Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach +auch noch deren Kinder, besitzen nun allerdings jenen +schönen Nationalstolz, von dem die vorigen Generationen +noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen Zeitungen +und freuen sich der Berichte über die großartige Entwicklung +des deutschen Handels, der deutschen Industrie, +das Aufblühen seiner Weltmachtstellung zur See. Auch +wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden sie von diesem +Aufschwung einen starken Hauch verspüren, denn sie +können kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die +schmeichelhafte Inschrift: „<hi rend='italic'>Made in Germany</hi>“ zu stoßen, +und die gewaltigen Schiffe der großen Reedereien, allen +<pb n='269'/><anchor id='Pg269'/>voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen Meergiganten +an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlässigkeit +in jeder Beziehung übertreffen, haben für die +Hebung des deutschen Ansehens über dem Ozean mehr +getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten +Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten +vier Jahrzehnten des gesegneten Friedens sich für die +Ewigkeit zu manifestieren trachtete. Die Person des +deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen Welteroberung +durch deutsches Wissen und deutsches Können, +genießt bei den Deutschamerikanern eine fast + <anchor id="corr269"/><corr sic="uneingegeschränkte">uneingeschränkte</corr> +Verehrung, und auch das Vereinsleben hat +durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft +bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, +Indianapolis, Milwaukee und einigen anderen Städten +erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in denen +nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch +mit ernstem Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher +Kulturbesitz gepflegt wird. In Cleveland haben die +Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine Kopie +des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in +Buffalo bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft +um denselben Zweck, und selbst im fernen Westen, in +Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer rastlos +am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen +Leben des Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist +begreiflich, daß die Bestrebungen einer ausschließlich auf +ästhetische Kultur gerichteten intellektuellen Oberschicht +in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung und +Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte +noch fast ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Verständnis +finden können. In dieser Beziehung sind es noch +Großväterideale, welche die versprengten Landsleute +<pb n='270'/><anchor id='Pg270'/>drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen +leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum +in Kunst und Literatur vorwiegend eingewanderte deutsche +Juden sind. +</p> +<note place="margin">Heiligste Pflicht des Deutschtums.</note> +<p> +Es hat sich also nachträglich doch noch so etwas +wie ein deutscher Chauvinismus entwickelt – leider, +leider kommt er jetzt um mehr als ein halbes Jahrhundert +zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es +hieße unseren deutschen Landsleuten einen schlechten +Dienst erweisen, wenn man sie jetzt noch zur Sonderbündelei +mit prahlerischem Maulaufreißen von uns aus +aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos. +Wie würden wir es wohl aufnehmen, wenn die vielen +Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste sind, uns fortwährend +ihre Nationalität und Rasse unter die Nase +reiben, Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge +in die Ohren schmettern und darauf bestehen wollten, +unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns ihrer +mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. +Auch die Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen +Welt, haben ein gutes Recht, zu verlangen, daß die Einwanderer +aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie sich +bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der +Wirtsrasse aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es +unter diesen Verhältnissen, sich stolz bewußt zu bleiben, +daß sie die Erben einer tieferen und feineren geistigen +Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen sind, +den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen +Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber +nehmen, in die Seelen der neuen Landsleute befruchtend +abzustreifen. Deutsche Denkungsart, deutschen wissenschaftlichen +und künstlerischen Sinn, deutsche Treue, +deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum +ausschlag<pb n='271'/><anchor id='Pg271'/>gebenden Kulturfaktor zu machen, das muß ihnen als +heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise lassen sich +immer noch Siege <hi rend='italic'>gegen</hi> und, was noch wichtiger ist, auch +<hi rend='italic'>mit</hi> dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene +Yankeerasse mit deutschem Geiste zu durchtränken und +so zu unseren innerlichst Verbündeten zu machen, das +wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende +Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen +der Vereinigten Staaten auch nicht für zu gut dünken, +von den Yankees zu lernen, und ebenso wir Deutschen +im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch nötiger +haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir +trotz des großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch +nicht dazu gebracht haben, als Nation so respektiert zu +werden, wie wir es unseren Leistungen entsprechend +wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker +irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter +sich ausgemacht haben und jemand unter ihnen die Frage +aufwirft: „Ja, was wird aber Deutschland dazu sagen, wird +es sich das gefallen lassen?“ so wird ihm mit lächelndem +Achselzucken die Antwort: „Ach, die Deutschen! Die sind +ja so anständig, friedliebend und zuvorkommend, die +kriegen wir schon herum.“ Es ist eben in der Politik eine +zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die Butter vom +Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei +den Jungen die Fehler der Jugend – in der Politik werden +viele davon zu Tugenden, vornehmlich die goldene Rücksichtslosigkeit. +</p> + +<p> +Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten +amerikanischen Tugenden nicht nur in der Jugend des +Volkes, sondern mehr noch in den freien Entwicklungsmöglichkeiten +einer großen demokratischen Republik +begründet seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht +<pb n='272'/><anchor id='Pg272'/>glauben, daß die Staatsform wirklich diese ausschlaggebende +Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung +hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben, +wie überall, an der aristokratischen Veranlagung der +Menschennatur scheitert; ich habe zahlreiche Beispiele +dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch +kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in +Deutschland speziell noch an unseren Regierungssystemen +geniert, sind alles Dinge, die sich bei gutem Willen abstellen +lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die +Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen +Entwicklung die <hi rend='italic'>Vereinigten Staaten von Europa</hi> verheißen, +recht behalten werden. Aber alsdann werden die +gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches +Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige +ebenso pietätvoll konservieren können, wie ihre Eigenart +auf allen geistigen Gebieten. Wenn aber diese Vereinigten +Staaten von Europa ein vernünftiges, zukunftsicheres +Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren +mit zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten +Gegenwart als untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben +hat. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='273'/><anchor id='Pg273'/> +<index index="toc" level1="Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel"/> + <index index="pdf" level1="Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel"/> +<head>Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel.</head> + +<p> +Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken +der Neuen Welt mag wohl keines so sehr den +Europäer staunen machen, wie der Expreßelevator eines +Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hält. Wohnungen +für kochende, Kinder aufziehende Menschen +pflegen sich in diesen riesigen Steinkasten nicht zu befinden, +sondern ausschließlich Geschäftsräume für die +Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien für Rechtsanwälte, +für Konsulate, für alle erdenkbaren Vermittler +eines die ganze Welt beherrschenden Austausches von +Waren und Werten aller Art. Das Herz Amerikas schlägt +in den kleinen, einfachen Holzhäuschen der Vorstädte +und ländlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet +fieberhaft in diesen gigantischen Türmen und liefert +zwischen 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends die Hochdruckspannung +für den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte +von Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dächern, +die unablässig von diesen eifrigsten Drahtsprechern der +Welt in Anspruch genommen werden; im Erdgeschoß +unterhält eine der Telegraphen- und Kabelkompanien +ein Zweigamt und befördert unzählige Telegramme über +den ganzen Kontinent, wie nach allen bewohnten Gegenden +der Erde, und der gebändigte Blitz trägt Botschaften +voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und +wildem Mut in alle Welt hinaus. Millionen strömen herein, +Millionen strömen hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag +die große Wage, auf der die Gedanken erfindungsreicher +Köpfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geräuschlos +der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem +<pb n='274'/><anchor id='Pg274'/>Schlage Existenzen vernichtet; hier schwirren die Webstühle, +an denen die schimmernden Netze für den Gimpelfang +fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert +der fleißige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk +zu Stockwerk hinauf, und mit dem Expreßaufzug, der +erst am elften Stockwerk hält, schwingt sich das Genie über +die Köpfe der armen Durchschnittsmenschheit in atembenehmendem +Tempo empor. +</p> +<note place="margin">Kampfloser Fortschritt.</note> +<p> +In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen +Rasse, und dieser Expreßelevator ist das bezeichnendste +Symbol der Kultur dieser Neuen Welt. Nie und nirgends +zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlösser gebaut, +wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. +Ein gigantisches Eisengerippe schießt starr und nackt +aus dem Boden hervor, und der Ausbau wird hoch droben +mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt +man alsdann die Wände von Zementguß zwischen den +Rippen zu spannen, also gewissermaßen flüssigen Stein +vom Dach herunter zu gießen, bis er endlich den Boden +erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet +wird, schwer und gewaltig, wie für die Ewigkeit bestimmt. +Wir Menschen der Alten Welt aber haben zuerst in den +Höhlen gewohnt, die die Natur uns zum Unterschlupf +darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wühlen. +Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt +und langsam aneinander gefügt, und Jahrtausende, +ja Hunderttausende selbst haben wir gebraucht, +um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene +Höhen hinaufzuführen, wo die Stickluft schwitzender +Mühsal nicht mehr lastet, wo der frische Wind der Freiheit +weht und der Blick sich weitet in die lichte Ferne. Die +kühnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten, +brachten die eisernen Träger für den Aufbau ihrer Kultur +<pb n='275'/><anchor id='Pg275'/>gleich fertig mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die +zuerst das große Wagnis unternahmen; denn ängstliche, +bedächtig am Alten klebende Ofenhocker und Duckmäuser +gingen ja überhaupt nicht über das große Wasser. Die +Eroberer brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der +Knall ihrer Büchsen, der Donner ihrer Kanonen war ihr +erster Gruß an die technisch hilflosen Besitzer des neuen +Landes. Und als die weiße Besiedlung in großem Stile +einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts +das A, und die Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren +im Alphabet, verursachte keineswegs mehr einen Riesenverbrauch +von Gehirnarbeit. Jedes Schiff brachte einen +neuen Gedanken von der Alten Welt herüber, und diese +neuen Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe +erst langsam durchzusetzen gegen den widerstrebenden +Willen der Alten – denn es gab keine Alten in diesem +Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da +brachte einer die Idee der Dampfmaschine herüber, und +alsbald erkannte man, daß die Riesengröße des Landes +all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen Quellen +unerschöpflichen Reichtums überhaupt erst nutzbar gemacht +werden würden, wenn der rasche Dampfwagen +spielend die Entfernungen überwand. 1825 lief die erste +Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste Lokomotive +nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen +Boston und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 +waren schon 2818 englische Meilen Eisenbahn ausgebaut, +und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie vollendet, die +den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man +wartete drüben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevölkerte +Gegenden und große Städte die Mittel zu neuen Bahnbauten +aufbrachten, sondern man legte resolut die Schienenstränge +durch jungfräuliches Land, durch Wüsten und +<pb n='276'/><anchor id='Pg276'/>Einöden und veranlaßte dadurch, daß jene Gegenden +besiedelt wurden, Städte und Industrien über Nacht aus +dem Boden wuchsen. Kleinliche Bedenklichkeiten kannte +man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit dem +Anlegen fester, kostspieliger Bahndämme nicht lange auf, +sondern rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es +gehen wollte in den Boden ein und ließ die schweren Lokomotiven +darauf los rasen; auf ein paar Menschenleben +mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an +denen gelegen, wenn nur die Überlebenden den winkenden +Dollar glücklich erhaschen! +</p> +<note place="margin">Unbegrenzte Möglichkeiten.</note> +<p> +Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen +anderen technischen Errungenschaften des europäischen +Geistes. Begierig wurden sie drüben aufgegriffen und, +sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im +Nu über das ganze Land verbreitet und in ihrer +Leistungsfähigkeit durch Verbesserungen bis an die +Grenze der Möglichkeit gesteigert. Und genau so wie +mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch +mit denen der geistigen Kultur: man importierte alle +wichtigen Axiome der Wissenschaft gleichzeitig mit +den neusten, kühnsten Hypothesen und flößte sie den +lernbegierigen jungen Köpfen ein. Von den sieben freien +Künsten ließ man sich reichhaltige Mustersendungen +kommen und erwarb zum Schmucke des eignen Lebens +was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht +zu beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man +hatte auch nicht nötig, aus dunkler Angst und Erlösungssehnsucht +langsam eine nationale Religion empor +wachsen zu lassen, sondern man ließ sich die Religionen +schockweise aus den alten Ländern kommen und von +einheimischen Köchen für die amerikanischen Seelen +lecker zubereiten. So besaß man auf einmal Religion und +<pb n='277'/><anchor id='Pg277'/>Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles +dieses in einem auf der Höhe des Tages befindlichen nagelneuen +Zustande. Es galt für dieses absolute Gegenwartsvolk +niemals, alte Kleider aufzutragen, mit alten Vorräten +zu räumen, alte Mauern niederzulegen, alte Münzen +einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang für die Leute +dieser Neuen Welt ein Weiterbauen auf etwas bedeutete, +das die Alte Welt bereits als ein Vollendetes geliefert hatte, +so mußte sich in den Köpfen dieser Neuweltleute die +Überzeugung festsetzen, daß es für ihre Entwicklung +keine Schranken gäbe. Der Himmel hängt diesen Leuten +voll unbegrenzter Möglichkeiten. Weil sie es niemals +nötig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen mit schmerzenden +Knien in die Höhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen +die natürlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreißig +Stockwerke per Expreß mit höchstens zwei bis drei Stationen +hinauf zu flitzen. Und da droben, im Genuße der +schönen Aussicht und der frischen Luft, fühlen sie sich +so pudelwohl, daß sie es gar nicht merken, wie sie in der +Luft hängen. Es muß schon ein gewaltiges Erdbeben +kommen, um ihnen begreiflich zu machen, daß in ihrer +Höhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung etwas +ungemütlich zu werden beginnt und daß man unten +zum mindesten sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde +aber vermögen kultivierte Menschen der Alten Welt in +jenen stolzen Luftschlössern niemals heimisch zu werden. +Sie finden es fußkalt darin, weil die unteren Stockwerke +unbewohnt sind und alle Winde frei durch das leere Eisengerippe +streichen. Wir wurzeln eben mit unserer ganzen +Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kämpfen +einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kräfte +gewachsen; an den Steinen, die uns in den Weg geworfen +wurden, haben wir die Waffen unseres Geistes geschärft; +<pb n='278'/><anchor id='Pg278'/>unseren Göttern haben wir Wohnungen gebaut aus den +aufgetürmten Leichnamen unserer Märtyrer; den holden +Rausch unseres Frühlings haben wir uns verdient in eiskalten +Winterstürmen, aus Schutt und Brand die Ideale +unserer Schönheit gerettet – aller Stolz auf unsere Gegenwart, +all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und +klein, an der heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit +gemessen. <hi rend='gesperrt'>Ein Mensch der Alten Welt, der +keine Romantik im Leibe hat, ist eine Mißgeburt.</hi> +Und wenn die Kinder der absoluten Gegenwart +zu uns herüberkommen, so wandeln sie wie in +einem Museum einher: alles, was für uns lauter lebendige +Quellen ewiger Werte bedeutet, sind für sie ausgestopfte +Kuriositäten, patinierte Schildereien, bleiche Spirituskonserven +– sie gehen staunend oder lächelnd vorbei +und fragen hie und da: „Wieviel kostet das?“ +</p> + +<p> +O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar +wir ehemals so verträumten Deutschen! Wir ruhen +keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen immer +noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Völkerwanderung. +Diese neuen deutschen Menschen sind aber +die sonderbarsten Realisten, die die Welt je gesehen hat. +Wohl sind sie modern im besten Sinne und innerlich doch +noch ganz und gar angefüllt von den ererbten Eigenschaften +ihrer ritterlichen oder spießbürgerlichen Vorfahren. +Ihr Blut sträubt sich dagegen, reine kalte Geschäftsmenschen +zu werden; sie ringen mit ihrer rührenden +Gemütlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch +mit einer streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem +mannhaften Ringen blüht der Erfolg, weil sie sich der +Arbeit und der Disziplin verschrieben haben. Dies neue +Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch +einen Staat im Staate, eine Freimaurerorganisation mit +<pb n='279'/><anchor id='Pg279'/>ungeschriebenen Gesetzen. Aber es ist sicherlich berufen, +den Staat von Grund aus umzuwandeln, das Ferment der +neuen deutschen Gesellschaft zu bilden – jener große, +der offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von +Ingenieuren, Technikern, Kaufleuten, exakten Forschern, +voraussetzungslosen Denkern und rücksichtslosen Künstlern, +der heute schon die eigentliche Triebkraft zu allen +tüchtigen deutschen Taten hergibt. Übermenschen sind +sie darum noch lange nicht, diese neuen Deutschen, aber +doch bereits wieder ein prächtiges Herrenvolk, unter dem +die Ahnherrn des Übermenschen schon jetzt im Fleische +wandeln dürften. +</p> +<note place="margin">Der Übermensch von Wallstreet.</note> +<p> +Drüben glauben sie, wie es scheinen möchte, den Übermenschen +bereits zu besitzen, und zwar in der Person des +Spielers großen Stiles, des Millionen aus der Luft greifenden +und auf eine Karte setzenden kalten Geschäftsmannes. +Hören wir ein Stückchen Yankeephilosophie aus dem +Munde eines ihrer besten Schriftsteller, <hi rend='gesperrt'>Jack London</hi><note place="foot">Aus dem Roman „Burning Daylight“, S. 159 ff.</note>: +„Zu Zehntausenden und zu Hunderttausenden sitzen +Menschen die Nächte durch und planen, wie sie zwischen +die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen +können; das sind die Geschäftsleute. Die Kleinen von +ihnen, Krämer und dergleichen, greifen sich aus dem +Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas heraus, woran sie +verdienen können; aber die großen Geschäftsleute benutzen +diese kleinen Geschäftsleute, um die Werterzeuger +für ihre Zwecke herzurichten. Den ganz großen Leuten +aber liegt nichts daran, den einzelnen Arbeiter auszubluten, +ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern sie +suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von +Arbeitern und ihre Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese +<pb n='280'/><anchor id='Pg280'/>Art von Glückspiel nennt man ‚die hohe Finanz‘. Ursprünglich +bestand das Geschäft nur darin, den Arbeiter +auszuplündern; dann aber taten sich die großen Räuber +zusammen und jagten einander die aufgehäufte Beute +ab. Unter den Übermenschen der Geschäfts- und Finanzwelt +gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, +kein <hi rend='italic'>noblesse oblige</hi>. Diese modernen Übermenschen +sind eine Gesellschaft von Banditen, welche die erfolgreiche +Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote von Recht +und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht +kehren. Bei ihnen heißt es, eines Mannes Wort soll gelten, +so lange als er gezwungen ist, es zu halten. Du sollst +nicht stehlen, ist ein Gebot, das nur den ehrlichen Arbeiter +angeht; sie selber stehlen selbstverständlich und werden +von ihresgleichen der Größe ihrer Beute entsprechend +geschätzt. Obwohl jeder Räuber stets auf der Lauer +liegt, um jeden anderen Räuber zu berauben, so ist doch +die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat tatsächlich +die Kontrolle über den politischen Mechanismus der +Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg +zum Rauben geben, und sie verschafft diesen Gesetzen +Achtung durch die Polizeiorgane, die Gerichte und die +Armee. Des Übermenschen Hauptgefahr liegt in seinem +Mitübermenschen, nicht etwa in der dummen großen +Masse des Volkes – die kann man durch den lächerlichsten +Bluff zum Narren halten – die zählt nicht mit. +Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf höherer Basis, +aber man kann sehr wohl die Betrügereien und Vortäuschungen +dabei durchschauen, ohne sich sittlich darüber +zu entrüsten. Es ist eben die Ordnung der Natur, daß die +gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von +den Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch +zivilisierte Menschen berauben einander, weil sie eben so +<pb n='281'/><anchor id='Pg281'/>geschaffen sind. Sie rauben, wie die Katze kratzt, der +Frost beißt und der Hunger kneift. Der große Finanzier +lernt sein Geschäft bald sportmäßig betreiben. Arbeiter +und kleine Leute beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, +das ist ebensowenig ein Sport, wie etwa die Jagd auf die +fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen, wie sie +in England noch betrieben werden soll. Der große Sport +besteht darin, den erfolgreichen Räubern einen Hinterhalt +zu legen und ihnen die Beute wieder abzunehmen. +Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen setzt es +dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen +Spaß hat.“ +</p> +<note place="margin">Spitzbüberei als guter Sport.</note> +<p> +Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren +genialen Taten allerdings dazu bei, die Physiognomie der +Neuen Welt charakteristisch auszuprägen, besonders wenn +man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer, +der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschäftsleute +wie in den Vereinigten Staaten hätten sie +drüben in England doch nicht, kaltblütig erwiderte: +„O ja, die haben wir auch – aber bei uns sitzen diese +Herren alle im Zuchthaus.“ Der Amerikaner hat eben +den guten Humor, die Taten seiner großen Spitzbuben, +wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu verfolgen. +Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen +zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert, +und denen, auf die er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme +Klubs drüben, in deren Mitgliederverzeichnissen +man die Quintessenz des amerikanischen Genius suchen +darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und +Höhenmenschen. So existiert z. B. in New York der alte, +hoch angesehene Century-Klub, in welchen nur Männer +aufgenommen werden können, die irgendeine bedeutungsvolle +Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen +<pb n='282'/><anchor id='Pg282'/>haben. Am 26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein +Komitee, dem ein Dutzend der weltbekannten Industriefürsten +angehörte, die Gelegenheit eines festlichen Frühstücks +im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich +von Preußen <hi rend='gesperrt'>das Hirn Amerikas auf einer +goldenen Schüssel darzubieten</hi>. Ungefähr +150 Einladungen ließen sie ergehen an jene <hi rend='italic'>Captains +of Industrie</hi>, wie Thomas Carlyle sie genannt hat: +„Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht bloß +eingebildeten Aristokratie!“ Bei diesem denkwürdigen +Frühstück wurde nicht die Schwere des Geldsacks in +Betracht gezogen; ausgeschlossen waren die bloßen +smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen +Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels +ihres hohen Ranges eine Augenblicksbedeutung +haben; es waren vielmehr nur wirkliche Feldherrn in dem +gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch +Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung +entboten. Dem Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes +Heft überreicht, in dem die Eingeladenen dem +Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes +Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert +war. Die „New Yorker Staatszeitung“ sagte von diesem +Frühstück: „Der erlauchte Bruder des deutschen Kaisers +und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen hat +heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute +von dem Schlag der Augsburger Fugger, Fürsten des +Handels, Baumeister unserer Größe. Es waren nicht +lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten ausschließlich +zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpfliche +Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumünzen +verstehen und die unseren Nationalwohlstand +begründen halfen.“ +</p> + +<pb n='283'/><anchor id='Pg283'/> + +<note place="margin">Die wahren Exzellenzen.</note> + +<p> +Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei +der ein Fürst der Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert +worden wäre. Wenn unsere gekrönten Häupter reisen, so +bekommen sie überall dieselben Exzellenzen, Geheimräte, +Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen; +zweifellos lauter wackere und verdienstvolle Staatsbürger; +aber die wahrhaft führenden Köpfe, die genialen Organisatoren, +die Träger der modernen Ideen – jene Exzellenzen +im eigentlichen Wortsinne – jene Hervorleuchtenden – +sie finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den +Aufwartenden. Und der Eifer der intimen Hüter des +Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt dafür, daß +von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz +des Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung +sich keck über die Grenzen des beschränkten +Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in dem +Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der +Liste der Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler +und Dichter, die Verkünder einer neuen Sittlichkeit und +einer neuen Religion, die kühnen Umwerter und gefährlichen +Fackelträger – sie mußten fehlen, weil sie +drüben noch nicht vorhanden sind, diese Kulturblüten +schwer von dem Honig einer glorreichen Vergangenheit. +</p> + +<p> +Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in +der ein Kaiser vor seinem Volke den Tanz der sieben +Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine Hülle alter Vorurteile +nach der andern abwirft, um schließlich zum Lohne +das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern? +Vielleicht wird diese Schüssel nicht, wie drüben in dem +Lande der unerschöpflichen Naturschätze, von purem +Golde sein können – aber das Hirn wird sich sehen lassen +dürfen! +</p> + +</div></body> + <back> +<div rend="page-break-before: always"> +<pb n='284'/><anchor id='Pg284'/> +<index index="toc" level1="Einige für dies Werk benutzte und empfehlenswerte Bücher"/> +<index index="pdf" level1="Einige fuer dies Werk benutzte und empfehlenswerte Buecher"/> +<head>Einige für dies Werk benutzte und empfehlenswerte Bücher:</head> +<list type="simple"> +<item> +<hi rend='gesperrt'>Dr. Otto Ernst Hopp</hi>, „Bundesstaat und Bundeskrieg in den Vereinigten +Staaten“. Zwei Bände. Verlag G. Grote. Berlin 1886. +</item> + +<item> +<hi rend='gesperrt'>Mc. Laughlin</hi>, „History of the American Nation“. Verlag +Appleton & Co. New York 1903. +</item> + +<item> +<hi rend='gesperrt'>Paul Bourget</hi>, „Outre Mer“. Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905. +</item> + +<item> +<hi rend='gesperrt'>Georg von Skal</hi>, „Das amerikanische Volk“. Verlag Egon +Fleischel & Co. Berlin 1908. +</item> + +<item> +<hi rend='gesperrt'>Dr. Hintrager</hi>, „Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten +Staaten?“ Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904. +</item> + +<item> +<hi rend='gesperrt'>Wilhelm von Polenz</hi>, „Das Land der Zukunft“. Verlag F. Fontane +& Co. Berlin 1905. +</item> + +<item> +<hi rend='gesperrt'>Ludwig Max Goldberger</hi>, „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“ +Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903. +</item> + +<item> +<hi rend='gesperrt'>A. von Ende</hi>, „New York“. Verlag Marquardt & Co. Berlin. +</item> +</list> +</div> +<div rend="page-break-before: always"> +<pb n='285'/><anchor id='Pg285'/> +<index index="toc" level1="Namen- und Sachregister"/> + <index index="pdf" level1="Namen- und Sachregister"/> +<head>Namen- und Sachregister.</head> +<list> + +<item>Aberglaube <ref target="Pg203">203</ref>.</item> + +<item>Adel <ref target="Pg261">261</ref>, <ref target="Pg175">175</ref> ff.</item> + +<item>Akademische Vergnügungen <ref target="Pg055">55</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>American plan</hi> (style) <ref target="Pg240">240</ref>, <ref target="Pg244">244</ref>.</item> + +<item>Angelsachsen <ref target="Pg021">21</ref>.</item> + +<item>Antisemitismus <ref target="Pg031">31</ref>.</item> + +<item>Arbeit <ref target="Pg105">105</ref>, <ref target="Pg107">107</ref>, <ref target="Pg261">261</ref>.</item> + +<item>Armee <ref target="Pg177">177</ref> ff.</item> + +<item>Armour & Co. <ref target="Pg218">218</ref> ff.</item> + +<item>Asch, Schalom <ref target="Pg142">142</ref>.</item> + +<item>Astor <ref target="Pg179">179</ref>.</item> + +<item>Astorhotel <ref target="Pg239">239</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Athletics</hi> <ref target="Pg037">37</ref>, <ref target="Pg045">45</ref>.</item> + +<item>Ausgestanden! <ref target="Pg017">17</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Avenue, common wealth</hi> <ref target="Pg126">126</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Avenue, fifth</hi> <ref target="Pg123">123</ref> f.</item> + +</list><list> + +<item>Baker G. Eddy, Mrs. Mary <ref target="Pg196">196</ref> bis <ref target="Pg200">200</ref>.</item> + +<item>Bauern, lateinische <ref target="Pg265">265</ref>.</item> + +<item>Bayreuth <ref target="Pg138">138</ref>.</item> + +<item>Berufstreue <ref target="Pg106">106</ref>, <ref target="Pg254">254</ref>.</item> + +<item>Bertsch, Hugo <ref target="Pg132">132</ref>.</item> + +<item>Bibliotheken <ref target="Pg051">51</ref>, <ref target="Pg063">63</ref>.</item> + +<item>Bier <ref target="Pg234">234</ref>.</item> + +<item>Bildungsgang des Volkes <ref target="Pg063">63</ref>.</item> + +<item>Bildungstrieb <ref target="Pg063">63</ref>, <ref target="Pg255">255</ref>.</item> + +<item>Bischöfliche Hochkirche <ref target="Pg187">187</ref>.</item> + +<item>Blood and Thunder-Show <ref target="Pg005">5</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Bohemian Jinks</hi> <ref target="Pg055">55</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Bohemians</hi> <ref target="Pg132">132</ref>.</item> + +<item>Bordelle <ref target="Pg072">72</ref> f.</item> + +<item>Bosse, die politischen <ref target="Pg065">65</ref>, <ref target="Pg073">73</ref>, <ref target="Pg096">96</ref>.</item> + +<item>Bret Hart <ref target="Pg133">133</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Brooklyn-Bridge</hi> <ref target="Pg233">233</ref>.</item> + +<item>Bronzemesser <ref target="Pg110">110</ref>.</item> + +<item>Buchgewerbe <ref target="Pg126">126</ref>.</item> + +<item>Buffalo <ref target="Pg118">118</ref>, <ref target="Pg211">211</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Cafés <ref target="Pg112">112</ref>, <ref target="Pg119">119</ref>, <ref target="Pg237">237</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Camping out</hi> <ref target="Pg209">209</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Campus</hi> <ref target="Pg054">54</ref>, <ref target="Pg205">205</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Car</hi> <ref target="Pg172">172</ref>.</item> + +<item>Carnegie <ref target="Pg080">80</ref>.</item> + +<item>Cartesius <ref target="Pg120">120</ref>.</item> + +<item>Century-Club <ref target="Pg281">281</ref>.</item> + +<item>Chautauqua <ref target="Pg063">63</ref>.</item> + +<item>Chauvinismus <ref target="Pg028">28</ref>, <ref target="Pg266">266</ref> ff.</item> + +<item>College <hi rend='italic'>Cheers</hi> <ref target="Pg043">43</ref> f.</item> + +<item>Chicagos Schlachthöfe <ref target="Pg218">218</ref>–<ref target="Pg229">229</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Christian Science</hi> <ref target="Pg196">196</ref>–<ref target="Pg203">203</ref>.</item> + +<item>Clams <ref target="Pg118">118</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Coeducation</hi> <ref target="Pg036">36</ref>, <ref target="Pg055">55</ref>, <ref target="Pg082">82</ref>, <ref target="Pg084">84</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Common sense</hi> <ref target="Pg038">38</ref>, <ref target="Pg066">66</ref>, <ref target="Pg184">184</ref>, <ref target="Pg263">263</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Compartement</hi> <ref target="Pg172">172</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'><sic>Concerd</sic>, sacred</hi> <ref target="Pg173">173</ref>.</item> + +<item>Confessionslose Kirche <ref target="Pg205">205</ref> f.</item> + +<item>Cornell <ref target="Pg053">53</ref>, <ref target="Pg205">205</ref>.</item> + +</list><list> + +<item><hi rend='italic'>Denomination</hi> <ref target="Pg049">49</ref>, <ref target="Pg188">188</ref> ff.</item> + +<item>Demokratischer Stolz <ref target="Pg105">105</ref>.</item> + +<item>Demokratische Tugenden <ref target="Pg181">181</ref>.</item> + +<item>Deutsch-Amerikaner <ref target="Pg028">28</ref> f., <ref target="Pg036">36</ref>, <ref target="Pg264">264</ref> bis <ref target="Pg271">271</ref>.</item> + +<item>Deutsche Pflichten <ref target="Pg006">6</ref>, <ref target="Pg271">271</ref> f.</item> + +<item>Deutsche Städte <ref target="Pg265">265</ref>.</item> + +<item>Deutsche System, das <ref target="Pg061">61</ref>.</item> + +<item>Dienstboten <ref target="Pg094">94</ref>–<ref target="Pg109">109</ref>.</item> + +<item>Dienstmädchen, Karriere besserer, <ref target="Pg101">101</ref>.</item> + +<item>Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des <ref target="Pg099">99</ref>.</item> + +<item>Disziplin <ref target="Pg038">38</ref>, <ref target="Pg070">70</ref> f., <ref target="Pg170">170</ref>, <ref target="Pg180">180</ref>, <ref target="Pg278">278</ref>.</item> + +<item>Dollarmaschine <ref target="Pg273">273</ref>.</item> + +<item>Doppelmoral <ref target="Pg077">77</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Dormitorys</hi> <ref target="Pg042">42</ref>.</item> + +<item>Drew, Daniel <ref target="Pg179">179</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Ehe <ref target="Pg079">79</ref>–<ref target="Pg093">93</ref>.</item> + +<item>Ehescheidung <ref target="Pg079">79</ref>, <ref target="Pg088">88</ref> f.</item> + +<item>Ehrgeiz <ref target="Pg037">37</ref>.</item> + +<item>Ehrlich-Hata <ref target="Pg074">74</ref>.</item> + +<pb n='286'/><anchor id='Pg286'/> + +<item>Ehrlichkeit <ref target="Pg182">182</ref>.</item> + +<item>Einwanderers, die Kinder des <ref target="Pg029">29</ref>.</item> + +<item>Eisenbahn <ref target="Pg275">275</ref> f.</item> + +<item>Eisenbahnen, Kundenfang der <ref target="Pg241">241</ref>.</item> + +<item>Eiswasser <ref target="Pg017">17</ref>.</item> + +<item>Eitelkeitsmarkt <ref target="Pg176">176</ref>, <ref target="Pg155">155</ref>.</item> + +<item>Emerson Ralph Waldo <ref target="Pg062">62</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Episcopal Church</hi> <ref target="Pg187">187</ref>.</item> + +<item>Erotik <ref target="Pg075">75</ref> ff.</item> + +<item><anchor id="corr286"/><corr sic="Erziehungskosten">Erziehungskosten,</corr> Rückzahlung der <ref target="Pg083">83</ref>.</item> + +<item>Eulenberg, Herbert <ref target="Pg145">145</ref>.</item> + +<item>Europa, Vereinigte Staaten von <ref target="Pg272">272</ref>.</item> + +<item>Exzellenzen, die wahren <ref target="Pg283">283</ref>.</item> + +<item>Expreßelevator <ref target="Pg273">273</ref> f.</item> + +</list><list> + +<item>Fahrpläne <ref target="Pg242">242</ref>.</item> + +<item>Familienhäuser <ref target="Pg123">123</ref>.</item> + +<item>Fensterputzer, der schwarze <ref target="Pg095">95</ref>.</item> + +<item>Festessen <ref target="Pg010">10</ref> f.</item> + +<item>Fische <ref target="Pg115">115</ref>.</item> + +<item>Fleischverarbeitung <ref target="Pg230">230</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Flirtation</hi> <ref target="Pg084">84</ref> f.</item> + +<item>Forschung, wissenschaftliche <ref target="Pg046">46</ref> f.</item> + +<item>Fortschritt, kampfloser <ref target="Pg275">275</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Fraternitys</hi> <ref target="Pg042">42</ref> f.</item> + +<item>Frauenakademien <ref target="Pg056">56</ref> ff.</item> + +<item>Friedrich, Max <ref target="Pg129">129</ref>.</item> + +<item>Früchte <ref target="Pg111">111</ref>, <ref target="Pg118">118</ref>.</item> + +<item>Fulda, Ludwig <ref target="Pg002">2</ref>.</item> + +<item>Frauenverehrung <ref target="Pg026">26</ref>, <ref target="Pg034">34</ref>, <ref target="Pg070">70</ref>, <ref target="Pg080">80</ref>, <ref target="Pg090">90</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>, <ref target="Pg246">246</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Gastfreundschaft <ref target="Pg009">9</ref>.</item> + +<item>Geflügel <ref target="Pg114">114</ref>.</item> + +<item>Geldheirat <ref target="Pg025">25</ref>.</item> + +<item>Ghetto <ref target="Pg138">138</ref>.</item> + +<item>Gold <ref target="Pg234">234</ref>.</item> + +<item>Gould, Jay <ref target="Pg025">25</ref>, <ref target="Pg176">176</ref>.</item> + +<item>Gouverneur <ref target="Pg010">10</ref>.</item> + +<item>Germanistic Society of America <anchor id="corr286a"/><corr sic="VII XIV "><ref target="PgVII">VII</ref>, + <ref target="PgXIV">XIV</ref>,</corr> <ref target="Pg002">2</ref>.</item> + +<item>Geschäftspolitiker <ref target="Pg065">65</ref>.</item> + +<item>Geschlechter, freier Verkehr der <ref target="Pg084">84</ref> f.</item> + +<item>Gesetzen, Achtung vor den <ref target="Pg067">67</ref>.</item> + +<item>Gesetzfabrikation <ref target="Pg173">173</ref>.</item> + +<item>Gepäckaufgabe <ref target="Pg242">242</ref> f.</item> + +<item>Gesundbeter <ref target="Pg197">197</ref>–<ref target="Pg200">200</ref>.</item> + +<item>Grünhörner <ref target="Pg232">232</ref> ff.</item> + +<item>Graf, Dr. Alfred <ref target="Pg060">60</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Handwerk <ref target="Pg030">30</ref>, <ref target="Pg106">106</ref> <anchor id="corr286b"/><corr sic="f">f.</corr>, <ref target="Pg254">254</ref>.</item> + +<item>Hapag <ref target="Pg269">269</ref>.</item> + +<item>Hardt, Ernst <ref target="Pg147">147</ref>.</item> + +<item>Harward <ref target="Pg044">44</ref>.</item> + +<item>Hauptmann, Gerhart <ref target="Pg139">139</ref>, <ref target="Pg145">145</ref>.</item> + +<item><anchor id="corr286c"/><corr sic="Hauptmann">Hauptmann,</corr> Karl <ref target="Pg002">2</ref>.</item> + +<item>Hausfrauen <ref target="Pg091">91</ref> <corr sic="f">f.</corr>, <ref target="Pg093">93</ref>, <ref target="Pg101">101</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Head lines</hi> (Kopfzeilen) <ref target="Pg161">161</ref> f.</item> + +<item>Heilsarmee <ref target="Pg193">193</ref>–<ref target="Pg196">196</ref>.</item> + +<item>Heimatliebe <ref target="Pg171">171</ref>, <ref target="Pg259">259</ref>.</item> + +<item>Hemdärmeligkeit <ref target="Pg249">249</ref>.</item> + +<item>Heinrich, Prinz von Preußen <ref target="Pg018">18</ref>, <ref target="Pg226">226</ref>, <ref target="Pg282">282</ref>.</item> + +<item>Heirat <ref target="Pg088">88</ref>.</item> + +<item>Heiratslust ein Gesundheitszeugnis <ref target="Pg093">93</ref>.</item> + +<item>Herald, New York <ref target="Pg164">164</ref>.</item> + +<item>High School von Youngstown <ref target="Pg007">7</ref>.</item> + +<item>Hotel <ref target="Pg207">207</ref>, <ref target="Pg236">236</ref> ff., <ref target="Pg252">252</ref>.</item> + +<item>Höflichkeitsbezeugungen <ref target="Pg013">13</ref>, <ref target="Pg170">170</ref>, <ref target="Pg247">247</ref> f.</item> + +<item>Hölle, Mittelpunkt der <ref target="Pg227">227</ref>.</item> + +<item>Hudson <ref target="Pg207">207</ref>, <ref target="Pg215">215</ref> ff.</item> + +<item>Humanistische Bildung <ref target="Pg048">48</ref>.</item> + +<item>Humoristische Lichter <ref target="Pg005">5</ref>.</item> + +</list><list> + +<item><hi rend='italic'>Icecream</hi> <ref target="Pg017">17</ref>, <ref target="Pg113">113</ref> f.</item> + +<item>Illustrierte Zeitungen <ref target="Pg151">151</ref> ff.</item> + +<item>Indianer <ref target="Pg023">23</ref>.</item> + +<item>Industriehäuptlinge <ref target="Pg149">149</ref>, <ref target="Pg282">282</ref>.</item> + +<item>Interviewer <ref target="Pg008">8</ref>, <ref target="Pg019">19</ref>, <ref target="Pg158">158</ref> f.</item> + +<item>Inquisition <ref target="Pg021">21</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Jerusalem, Else <ref target="Pg074">74</ref>.</item> + +<item>Judentum <ref target="Pg030">30</ref> f., <ref target="Pg144">144</ref>.</item> + +<item>Juristen <ref target="Pg263">263</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Kastengeist <ref target="Pg172">172</ref>, <ref target="Pg177">177</ref>.</item> + +<item>Kaiser, der deutsche <ref target="Pg269">269</ref>, <ref target="Pg283">283</ref>.</item> + +<item>Kannibalische Gerichte <ref target="Pg119">119</ref>.</item> + +<item><anchor id="corr286d"/><corr sic="Karrikaturen">Karikaturen</corr> <ref target="Pg160">160</ref>.</item> + +<pb n='287'/><anchor id='Pg287'/> + +<item>Kasernenleben <ref target="Pg180">180</ref>.</item> + +<item>Kaufmann, Reginald Wright <ref target="Pg073">73</ref>.</item> + +<item>Katholizismus <ref target="Pg188">188</ref>.</item> + +<item>Kauer, das Volk der <ref target="Pg120">120</ref>.</item> + +<item>Kaugummi <ref target="Pg121">121</ref>.</item> + +<item>Kelten <ref target="Pg021">21</ref>.</item> + +<item>Kempinskis System <ref target="Pg120">120</ref>.</item> + +<item>Keßler, David <ref target="Pg139">139</ref> ff.</item> + +<item>Kindervergötterung <ref target="Pg033">33</ref> f., <ref target="Pg244">244</ref>.</item> + +<item>Kinderzucht <ref target="Pg035">35</ref>.</item> + +<item>Kirchenwahl <ref target="Pg203">203</ref> f.</item> + +<item>Kleidung <ref target="Pg124">124</ref>.</item> + +<item><sic>Knickebockers</sic> <ref target="Pg175">175</ref>.</item> + +<item>Kochkunst <ref target="Pg111">111</ref>–<ref target="Pg120">120</ref>.</item> + +<item>Koketterie <ref target="Pg079">79</ref>, <ref target="Pg085">85</ref>.</item> + +<item>Komisch finden, was sie alles <ref target="Pg007">7</ref>.</item> + +<item>Kongreß deutscher Mißgeburten <ref target="Pg027">27</ref>.</item> + +<item>Kontrakte der Dienstboten <ref target="Pg099">99</ref>.</item> + +<item>Korruption <ref target="Pg065">65</ref> ff.</item> + +<item>Krüger, Hermann Anders <ref target="Pg002">2</ref>.</item> + +<item>Kunstbedürfnis <ref target="Pg129">129</ref>.</item> + +<item>Kunst, nationale <ref target="Pg062">62</ref>, <ref target="Pg131">131</ref>.</item> + +<item>Küssen, vom <ref target="Pg087">87</ref>, <ref target="Pg247">247</ref>.</item> + +<item>Kurmacherei, unverbindliche <ref target="Pg085">85</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Landschaftsregisseure <ref target="Pg212">212</ref> ff.</item> + +<item>Laughlin, Andrew C. Mc. <ref target="Pg036">36</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'><anchor id="corr287a"/><corr sic="Legal,">Legal</corr> Aid Society</hi> <ref target="Pg192">192</ref>.</item> + +<item>Lenau, Nikolaus <ref target="Pg001">1</ref>.</item> + +<item>Lehrer und Lehrerin <ref target="Pg038">38</ref> ff.</item> + +<item>Leitartikel <ref target="Pg154">154</ref>.</item> + +<item>Leithammel <ref target="Pg219">219</ref>.</item> + +<item>Lesefutter für Kinder und Unmündige <ref target="Pg151">151</ref>.</item> + +<item>Lichtreklame <ref target="Pg122">122</ref>, <ref target="Pg211">211</ref>.</item> + +<item>Liebe, die, in der Öffentlichkeit <ref target="Pg087">87</ref>.</item> + +<item>Liebesheirat <ref target="Pg025">25</ref>.</item> + +<item>Liebesverhältnis <ref target="Pg077">77</ref>, <ref target="Pg086">86</ref> f.</item> + +<item>Liebe und Ehe <ref target="Pg079">79</ref>–<ref target="Pg093">93</ref>.</item> + +<item>Liliencron, Detlev v. <ref target="Pg001">1</ref>.</item> + +<item>Lindau, Paul <ref target="Pg001">1</ref>.</item> + +<item>Lloyd, Norddeutscher <ref target="Pg269">269</ref>.</item> + +<item>Lobby, die <ref target="Pg237">237</ref>.</item> + +<item>London, Jack <ref target="Pg132">132</ref>, <ref target="Pg279">279</ref> ff.</item> + +<item>Longfellow <ref target="Pg133">133</ref>.</item> + +<item>Lügner <ref target="Pg037">37</ref>.</item> + +<item>Lynch, Richter <ref target="Pg263">263</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Manieren <ref target="Pg027">27</ref>, <ref target="Pg029">29</ref>, <ref target="Pg092">92</ref>.</item> + +<item>Mann, G. A. <ref target="Pg201">201</ref> ff.</item> + +<item>Malerei <ref target="Pg126">126</ref>, <ref target="Pg130">130</ref>.</item> + +<item>Mannszucht <ref target="Pg117">117</ref> ff.</item> + +<item>Mark Twain <ref target="Pg133">133</ref>.</item> + +<item>Massengeschmack <ref target="Pg133">133</ref>, <ref target="Pg163">163</ref> f.</item> + +<item>Materialismus <ref target="Pg193">193</ref>, <ref target="Pg250">250</ref>.</item> + +<item>Mayflower <ref target="Pg175">175</ref>.</item> + +<item>Mädchenhandel <ref target="Pg073">73</ref>.</item> + +<item>Mäzene <ref target="Pg051">51</ref> ff.</item> + +<item>Menschen, neue deutsche <ref target="Pg278">278</ref> f.</item> + +<item>Menschliche Niedertracht <ref target="Pg223">223</ref>.</item> + +<item>Mischlinge <ref target="Pg023">23</ref> f.</item> + +<item>Mitgift <ref target="Pg025">25</ref>, <ref target="Pg081">81</ref>.</item> + +<item>Modedamen <ref target="Pg080">80</ref>, <ref target="Pg090">90</ref> f.</item> + +<item>Monatsschriften <ref target="Pg164">164</ref>.</item> + +<item>Moralbegriff <ref target="Pg078">78</ref>, <ref target="Pg164">164</ref>.</item> + +<item>Morgentoilette des Tätowierten <ref target="Pg245">245</ref>.</item> + +<item>Multimillionäre <ref target="Pg079">79</ref> f.</item> + +<item>Muschenheim, Gebrüder <ref target="Pg239">239</ref>.</item> + +<item>Musiker, deutsche <ref target="Pg128">128</ref> ff.</item> + +</list><list> + +<item>Nacktheit in der Kunst <ref target="Pg127">127</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>.</item> + +<item>Neger <ref target="Pg095">95</ref> ff., <ref target="Pg099">99</ref>, <ref target="Pg173">173</ref>.</item> + +<item>Negerkirchen <ref target="Pg188">188</ref> ff.</item> + +<item>Neidlosigkeit <ref target="Pg183">183</ref>.</item> + + <item><anchor id="corr287"/><corr sic="(versetzt)">Nervosität <ref target="Pg011">11</ref>.</corr></item> + +<item>Niagarafälle <ref target="Pg209">209</ref> ff.</item> + +<item>Niggerlied <ref target="Pg128">128</ref>, <ref target="Pg188">188</ref>, <ref target="Pg191">191</ref>.</item> + +<item>Niggerpoesie <ref target="Pg188">188</ref> ff.</item> + +</list><list> + +<item>Oper <ref target="Pg136">136</ref> ff.</item> + +<item>Operette <ref target="Pg146">146</ref> f.</item> + +<item>Optimismus <ref target="Pg021">21</ref>, <ref target="Pg032">32</ref>, <ref target="Pg108">108</ref>, <ref target="Pg215">215</ref>, <ref target="Pg263">263</ref>.</item> + +<item>Osborn, Prof. Dr. Henry F. <ref target="Pg149">149</ref> f.</item> + +<item>Orden <ref target="Pg053">53</ref>, <ref target="Pg176">176</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Pagen <ref target="Pg237">237</ref>.</item> + +<item>Papiergeld <ref target="Pg234">234</ref>.</item> + +<item>Parsifal <ref target="Pg128">128</ref>.</item> + +<item>Päpstin, Tod der <ref target="Pg198">198</ref> f.</item> + +<item>Philister <ref target="Pg260">260</ref>.</item> + +<item>Photographie <ref target="Pg126">126</ref>.</item> + +<item>Pilgerväter <ref target="Pg021">21</ref>, <ref target="Pg075">75</ref>, <ref target="Pg186">186</ref>.</item> + +<pb n='288'/><anchor id='Pg288'/> + +<item>Pinsky, David <ref target="Pg139">139</ref>.</item> + + <item>Plastik <ref target="Pg127">127</ref>.</item> + +<item>Poet, der neuweltliche <ref target="Pg130">130</ref>.</item> + +<item>Polenz, Wilhelm v. <ref target="Pg001">1</ref>.</item> + +<item>Politik <ref target="Pg065">65</ref> ff., <ref target="Pg271">271</ref>, <anchor id="cor288b"/><corr sic="264 f."><ref target="Pg264">264</ref> f.,</corr> <ref target="Pg154">154</ref>.</item> + +<item>Polizei <ref target="Pg067">67</ref>, <ref target="Pg072">72</ref>, <ref target="Pg074">74</ref>, <ref target="Pg171">171</ref>.</item> + +<item>Postgraduates <ref target="Pg051">51</ref>.</item> + +<item>Prachtbauten <ref target="Pg122">122</ref> f.</item> + +<item>Presse, deutsche <ref target="Pg167">167</ref>.</item> + +<item>Presse, gelbe <ref target="Pg149">149</ref>, <ref target="Pg153">153</ref>, <ref target="Pg161">161</ref>, <ref target="Pg164">164</ref>, <ref target="Pg255">255</ref>.</item> + +<item>Privatgelehrte <ref target="Pg050">50</ref>.</item> + +<item>Proletariat, gelehrtes <ref target="Pg050">50</ref>.</item> + +<item><anchor id="corr288"/><corr sic="Professor">Professor,</corr> der <ref target="Pg053">53</ref> f.</item> + +<item>Professor, der, als Mädchen für alles <ref target="Pg103">103</ref>.</item> + +<item>Prohibition <ref target="Pg171">171</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>.</item> + +<item>Prostitution, die <ref target="Pg073">73</ref>.</item> + +<item>Prüderie <ref target="Pg004">4</ref>, <ref target="Pg074">74</ref>, <ref target="Pg132">132</ref>, <ref target="Pg145">145</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>.</item> + +<item>Publikums, Psychologie des <ref target="Pg003">3</ref>.</item> + +<item>Puritaner <ref target="Pg021">21</ref> ff.</item> + +<item>Pullman-Wagen <anchor id="corr288c"/><corr sic="172 f."><ref target="Pg172">172</ref> f.,</corr> <ref target="Pg243">243</ref> ff.</item> + +</list><list> + +<item>Quäker <ref target="Pg204">204</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Radiopathie <ref target="Pg199">199</ref> f.</item> + +<item><hi rend='italic'>Ragtime</hi> <ref target="Pg128">128</ref>.</item> + +<item>Rasse, amerikanische <ref target="Pg020">20</ref> ff., <ref target="Pg256">256</ref> ff., <ref target="Pg268">268</ref>.</item> + +<item>Rassestolz <ref target="Pg023">23</ref>.</item> + +<item>Raubritter <ref target="Pg179">179</ref>.</item> + +<item>Rauchplage <ref target="Pg068">68</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Reception</hi> <ref target="Pg009">9</ref>, <ref target="Pg012">12</ref> ff.</item> + +<item>Redegabe <ref target="Pg010">10</ref> f., <ref target="Pg039">39</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Refinement</hi> <ref target="Pg047">47</ref>.</item> + + <item><anchor id="corr288a"/><corr sic="(versetzt)">Reinhardt, Max <ref target="Pg142">142</ref>, <ref target="Pg147">147</ref> f.</corr></item> + +<item>Reinheit, erotische, der Männer <ref target="Pg075">75</ref> f., <ref target="Pg082">82</ref>.</item> + +<item>Reklame <ref target="Pg156">156</ref>, <ref target="Pg208">208</ref>, <ref target="Pg210">210</ref>.</item> + +<item>Rekordfieber <ref target="Pg251">251</ref>.</item> + +<item>Rekrutierung <ref target="Pg177">177</ref>.</item> + +<item>Reliquienverehrung <ref target="Pg050">50</ref>.</item> + +<item>Renommage <ref target="Pg033">33</ref>.</item> + +<item>Rentiers <ref target="Pg081">81</ref>.</item> + +<item>Reporter 8, <ref target="Pg241">241</ref>, <ref target="Pg237">237</ref>, <ref target="Pg160">160</ref> f.</item> + +<item>Richter <ref target="Pg262">262</ref> f.</item> + +<item>Rockefeller jun. <ref target="Pg074">74</ref>.</item> + +<item>Romantik <ref target="Pg087">87</ref> f.</item> + +</list><list> + +<item>Salat <ref target="Pg116">116</ref> f., <ref target="Pg117">117</ref>.</item> + +<item>Schaukelstühle <ref target="Pg125">125</ref>.</item> + +<item>Scheidung, die <ref target="Pg089">89</ref>.</item> + +<item>Schlachtverfahren für Schweine <ref target="Pg227">227</ref>.</item> + +<item>Schlachtverfahren für Rinder <ref target="Pg229">229</ref>.</item> + +<item>Schlangenfraß, intellektueller <ref target="Pg157">157</ref>.</item> + +<item>Schliff, der letzte <ref target="Pg047">47</ref>.</item> + +<item>Schnitzler <ref target="Pg086">86</ref>.</item> + +<item>Schönheit, körperliche <ref target="Pg026">26</ref>.</item> + +<item>Schönheiten, berufsmäßige <ref target="Pg059">59</ref>, <ref target="Pg104">104</ref>.</item> + +<item>Schule <ref target="Pg035">35</ref> ff.</item> + +<item>Schülerverbindungen <ref target="Pg039">39</ref>.</item> + +<item>Schurz, Karl <ref target="Pg267">267</ref>.</item> + +<item>Sehenswürdigkeiten <ref target="Pg009">9</ref>.</item> + +<item>Sekten <ref target="Pg186">186</ref> ff.</item> + +<item>Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs <ref target="Pg069">69</ref>.</item> + +<item>Sensationsartikel <ref target="Pg164">164</ref> ff.</item> + +<item>Sentimentalität <ref target="Pg087">87</ref>.</item> + +<item>Sexuelle Heuchelei <ref target="Pg075">75</ref>.</item> + +<item>Sinclaire, Upton <ref target="Pg226">226</ref>.</item> + +<item>Skal, Georg v. <ref target="Pg038">38</ref>.</item> + +<item>Sklaverei <ref target="Pg109">109</ref>.</item> + +<item>Snobismus <ref target="Pg251">251</ref> ff.</item> + +<item><hi rend='italic'>Social evel, the</hi> <ref target="Pg072">72</ref> ff.</item> + +<item>Soldatenwerbung <ref target="Pg179">179</ref>.</item> + +<item>Söldnerheer <ref target="Pg181">181</ref>.</item> + +<item>Sommerfrischen <ref target="Pg209">209</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Sororitys</hi> <ref target="Pg058">58</ref>.</item> + +<item>Sozialdemokratie <ref target="Pg180">180</ref>, <ref target="Pg185">185</ref>.</item> + +<item>Sparsamkeit <ref target="Pg235">235</ref>.</item> + +<item>Speisehäuser, billige <ref target="Pg119">119</ref>.</item> + +<item>Spekulationsheiraten <ref target="Pg081">81</ref>.</item> + +<item>Spießertum <ref target="Pg183">183</ref>, <ref target="Pg185">185</ref>.</item> + +<item>Spione, japanische <ref target="Pg181">181</ref>.</item> + +<item>Spitzbüberei als Sport <ref target="Pg281">281</ref>.</item> + +<item>Sport <ref target="Pg044">44</ref> ff., <ref target="Pg054">54</ref>, <ref target="Pg281">281</ref>.</item> + +<item>Sportberichte <ref target="Pg153">153</ref> f.</item> + +<item>Sportliche Wettkämpfe <ref target="Pg045">45</ref>.</item> + +<item>Staatszeitung, New Yorker <ref target="Pg167">167</ref>, <ref target="Pg282">282</ref>.</item> + +<item>Stanley, Henry M. <ref target="Pg162">162</ref>.</item> + +<item>Steuben, Baron <ref target="Pg036">36</ref>.</item> + +<item>Stiefelputzen <ref target="Pg100">100</ref>.</item> + +<item>Straßendemonstrationen <ref target="Pg097">97</ref>.</item> + +<item>Straßenpflaster <ref target="Pg124">124</ref>.</item> + +<pb n='289'/><anchor id='Pg289'/> + +<item>Straßenverkehr <ref target="Pg071">71</ref>.</item> + +<item>Strauß, Richard <ref target="Pg097">97</ref>, <ref target="Pg098">98</ref>, <ref target="Pg148">148</ref>, <ref target="Pg160">160</ref>.</item> + +<item>Studenten, arme <ref target="Pg043">43</ref>.</item> + +<item>Studentenverbindungen <ref target="Pg043">43</ref>.</item> + +<item>Studentin, Typus der <ref target="Pg059">59</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Subway</hi> <ref target="Pg232">232</ref>.</item> + +<item>Süßigkeit <ref target="Pg111">111</ref> f., <ref target="Pg117">117</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Sweet Potatoes</hi> <ref target="Pg115">115</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Tafelfreuden im Pensionat <ref target="Pg115">115</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Tammany Hall</hi> <ref target="Pg186">186</ref>.</item> + +<item>Tante, die alte <ref target="Pg173">173</ref>.</item> + +<item>Tauschhandel, Töchter im <ref target="Pg025">25</ref>.</item> + +<item>Technische Hochschulen <ref target="Pg049">49</ref>.</item> + +<item>Technik und Wissenschaft <ref target="Pg049">49</ref>.</item> + +<item>Telephon <ref target="Pg237">237</ref>, <ref target="Pg249">249</ref>, <ref target="Pg273">273</ref>.</item> + + <item><anchor id="corr289"/><corr sic="(vier Einträge zu Theater versetzt)">Theater</corr>, amerikanisches <ref target="Pg135">135</ref>–<ref target="Pg138">138</ref>.</item> + +<item>Theater, deutsches <ref target="Pg143">143</ref>–<ref target="Pg148">148</ref>.</item> + +<item>Theater, jiddisches <ref target="Pg138">138</ref> ff.</item> + + <item>Theatre, New <ref target="Pg136">136</ref>.</item> + +<item>Todessprung, der <ref target="Pg221">221</ref>.</item> + +<item>Toleranz <ref target="Pg022">22</ref>.</item> + +<item>Touristen <ref target="Pg211">211</ref>.</item> + +<item>Transcript, Boston <ref target="Pg162">162</ref>.</item> + +<item>Trennung von Staat und Kirche <ref target="Pg185">185</ref>, <ref target="Pg263">263</ref>.</item> + +<item>Trinkgeld <ref target="Pg235">235</ref> <corr sic="f">f.</corr>, <ref target="Pg238">238</ref>.</item> + +<item>Trustmagnaten <ref target="Pg068">68</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Übermensch, der, von Wallstreet <ref target="Pg279">279</ref> ff.</item> + +<item>Undergraduates <ref target="Pg042">42</ref>.</item> + +<item>Unglücksfälle, Verbrechen <ref target="Pg153">153</ref> f.</item> + +<item>Uniform <ref target="Pg180">180</ref>.</item> + +<item>Unitarier <ref target="Pg189">189</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>University Extension</hi> <ref target="Pg063">63</ref>, <ref target="Pg255">255</ref> f.</item> + +<item>Urban, Henry F. <ref target="PgXII">XII</ref>.</item> + +<item><hi rend='italic'>Usher</hi> <ref target="Pg013">13</ref>, <ref target="Pg016">16</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Verbrecher, Behandlung der <ref target="Pg262">262</ref>.</item> + +<item>Vereinsleben <ref target="Pg006">6</ref> f., <ref target="Pg255">255</ref>, <ref target="Pg266">266</ref>, <ref target="Pg269">269</ref>.</item> + +<item>Verfassung der V. St. <ref target="Pg036">36</ref>.</item> + +<item>Virginians, true <ref target="Pg175">175</ref>.</item> + +<item>Volkslied <ref target="Pg003">3</ref>, <ref target="Pg130">130</ref>.</item> + +<item>Völker, junge, u. Kinder <ref target="Pg033">33</ref>.</item> + +<item>Vorstellen, nicht! <ref target="Pg013">13</ref>.</item> + +<item>Vorurteile, demokratische <ref target="Pg062">62</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Wahlmanöver <ref target="Pg073">73</ref>.</item> + +<item>Walt Whitman <ref target="Pg133">133</ref>.</item> + +<item>Walter, Dramatiker <ref target="Pg086">86</ref>, <ref target="Pg132">132</ref>.</item> + +<item>Wedekind, Frank <ref target="Pg145">145</ref>.</item> + +<item>Wehrpflicht <ref target="Pg180">180</ref>.</item> + +<item>Wellesley-College <ref target="Pg056">56</ref>–<ref target="Pg059">59</ref>.</item> + +<item>Weltanschauung <ref target="Pg046">46</ref>.</item> + +<item>Wettkämpfe <ref target="Pg044">44</ref> f.</item> + +<item>White, Dr. Andrew D. <ref target="Pg108">108</ref>, <ref target="Pg203">203</ref>, <ref target="Pg205">205</ref> f.</item> + +<item>Wildpret <ref target="Pg115">115</ref> f.</item> + +<item>Williams, Roger <ref target="Pg022">22</ref>.</item> + +<item>Wissenschaftliche Speisekarte für Damen <ref target="Pg057">57</ref>.</item> + +<item>Wohltätigkeit <ref target="Pg194">194</ref>.</item> + +<item>Wohnhäuser, Stil der <ref target="Pg208">208</ref>.</item> + +<item>Wohnungseinrichtung <ref target="Pg124">124</ref> ff.</item> + +<item>Wolkenkratzer <ref target="Pg123">123</ref>, <ref target="Pg273">273</ref> f.</item> + +</list><list> + +<item>Yale <ref target="Pg044">44</ref>.</item> + +<item>Yankee <ref target="Pg020">20</ref>.</item> + +</list><list> + +<item>Zahnarzt <ref target="Pg113">113</ref>.</item> + +<item>Zukunft, schwierige Frage an die <ref target="Pg109">109</ref>.</item> + +<item>Zwangsheirat <ref target="Pg078">78</ref>.</item> + +</list> +</div> + +<div rend="page-break-before: always"> +<pb n='290'/><anchor id='Pg290'/> +<!--<index index="toc" level1="Werbung"/>--> + <!--<index index="pdf" level1="Werbung"/>--> +<p rend="font-size: large; center">Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem</p> + +<p rend="font-size: x-large; center"> +Wie lebt und arbeitet man +in den Vereinigten Staaten? +</p> + +<p rend="font-size: large; center"> +Nordamerikanische Reiseskizzen +</p> + +<p rend="center"> +von +</p> + +<p rend="font-size: large; center"> +Dr. Hintrager<lb/><hi rend="font-size: small">Geheimer Regierungsrat</hi> +</p> + +<p rend="center"> +Preis: broschiert M. 5,–; geb. M. 6,50 +</p> + +<p rend="center"> +<hi rend='gesperrt'>II. Auflage</hi> +</p> + +<p> +New Yorker Staatszeitung:<lb/><hi rend="font-size: small">(Aus einem mehrere Spalten füllenden Feuilleton.)</hi> +</p> + +<p> +Dr. Hintrager hat in seinem Buche: „Wie lebt und +arbeitet man in den Vereinigten Staaten?“ ein gutes +Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den Vereinigten +Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten +Besuchen des Landes nicht darauf beschränkt, die +Außenseite der Dinge anzusehen. Er hat nicht nur auf +einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige +Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gründlich +studiert, ist im Bureau eines Rechtsanwaltes tätig gewesen, +hat die meisten der größeren Strafanstalten +besucht und geprüft und juristische Vorlesungen gehalten. +Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben +des Volkes getan und weiß hübsch und interessant davon +zu erzählen. +</p> + +<p> +Sehr gut und lesenswert – auch für Deutsch-Amerikaner, +die über diesen Punkt wenig unterrichtet +sind – ist das Kapitel über die Amerikanerin. Man +fängt doch an, einzusehen, daß die amerikanische Frau +nicht bloß das Sofakissen ist, für das man sie so lange +gehalten hat. +</p> + +<pb n='291'/><anchor id='Pg291'/> + +<p rend="page-break-before: always; font-size: large; center">Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem</p> + +<p rend="center"><hi rend="font-size: x-large">Das Land</hi><lb/> +der<lb/> +<hi rend="font-size: x-large">unbegrenzten Möglichkeiten</hi></p> + +<p rend="center; font-size: large">Beobachtungen über das Wirtschaftsleben + der Vereinigten Staaten von Amerika</p> + +<p rend="center">von</p> + +<p rend="center; font-size: large">Ludwig Max Goldberger<lb/> +<hi rend="font-size: small">Geheimer Kommerzienrat</hi></p> + +<p rend="center">Preis: broschiert M. 5,–; geb. M. 6,50</p> + +<p rend="center"><hi rend='gesperrt'>VIII. Auflage</hi></p> + +<p> +Literarisches Zentralblatt, Leipzig: +</p> + +<p> +Unter der in der letzten Zeit beträchtlich angeschwollenen +Literatur über die Vereinigten Staaten +darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz +beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschöpfende +Gründlichkeit, genaue Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit +und Gefälligkeit der Darstellung +zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muß selbst +auf den Spuren des Verfassers in den Vereinigten +Staaten gewandelt sein, um die stets zutreffende und +mit wenigen Worten überaus anschaulich gezeichnete +Schilderung ganz würdigen zu können, welche in diesem +Werk vom Boden und den Menschen, von der Arbeit +und den Werkstätten, dem Nationalreichtum, den +Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem +Trustwesen und verschiedenem anderen gegeben sind. +Durch das ganze Werk zieht sich die nicht hoch genug +zu veranschlagende Tendenz, die beiden großen Nationen +menschlich und wirtschaftlich näher zu bringen ... +</p> + +<pb n='292'/><anchor id='Pg292'/> + +<p rend="page-break-before: always; center; font-size: large">Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem</p> + +<p rend="center; font-size: x-large">Das Land der Zukunft</p> + +<p rend="center">oder:</p> + +<p rend="center; font-size: large">Was können Amerika und Deutschland + voneinander lernen?</p> + +<p rend="center">Von</p> + +<p rend="center; font-size: large">Wilhelm von Polenz</p> + +<p rend="center">Preis: broschiert M. 6,–; geb. M. 7,50</p> + +<p rend="center"><hi rend='gesperrt'>VI. Auflage</hi></p> + +<p> +St. Petersburger Zeitung: +</p> + +<p> +Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder +Verhältnisse die glänzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe, +die wir in seinen Dichtungen, besonders +in seinem klassischen Roman „Der Büttnerbauer“ bewundern. +Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen +Welt umgesehen und schildert scharf und +klar, ohne sich auf der einen Seite durch wirkliche und +scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was +dem Europäer fremd, sonderbar und vielfach auch abstoßend +erscheint, beirren zu lassen. +</p> + +<p> +Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen: +</p> + +<p> +Nicht landläufige Reiseeindrücke sind es, die uns +Polenz wiedergibt, er entrollt vielmehr vor uns ein +treffliches, wahrheitsgetreues, interessantes Gemälde +von kulturhistorischer Bedeutung, von den Verhältnissen, +Sitten und Gebräuchen der heutigen Welt. +</p> + </div> +<div> + <pgIf output="pdf"> + <then></then> + <else> + <div id="footnotes" rend="page-break-before: always"> + <index index="toc"/> + <head>Anmerkungen</head> + <divGen type="footnotes" /> + </div> + </else> + </pgIf> + </div> +<div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + + <p>Die lebenden Kolumnentitel sind als Randnotizen wiedergegeben.</p> + + <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p> + <list> + <item><ref target="corr006">Seite 6</ref>: „Clownspässen“ geändert in „Clownspäßen“</item> + <item><ref target="corr016">Seite 16</ref>: „sterotypen“ geändert in „stereotypen“</item> + <item><ref target="corr039">Seite 39</ref>: „rethorische“ geändert in „rhetorische“</item> + <item><ref target="corr107">Seite 107</ref>: „grossen“ geändert in „großen“</item> + <item><ref target="corr109">Seite 109</ref>: „Unständen“ geändert in „Umständen“</item> + <item><ref target="corr118">Seite 118</ref>: „Neuurastheniker“ geändert in „Neurastheniker“</item> + <item><ref target="corr172">Seite 172</ref>: „Pullmann“ geändert in „Pullman“</item> + <item><ref target="corr192">Seite 192</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter „können?“</item> + <item><ref target="corr201">Seite 201</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter „Gewalt!“</item> + <item><ref target="corr204">Seite 204</ref>: „auschließlich“ geändert in „ausschließlich“</item> + <item><ref target="corr222">Seite 222</ref>: „Jhr“ geändert in „Ihr“</item> + <item><ref target="corr256">Seite 256</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Qualität“</item> + <item><ref target="corr269">Seite 269</ref>: „uneingegeschränkte“ geändert in „uneingeschränkte“</item> + <item><ref target="corr286d">Seite 286</ref>: „Karrikaturen“ geändert in „Karikaturen“</item> + + </list> + + <p>Ungewöhnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa <q>Oklahama</q>, <q>Sherlok-Holmes</q>) und englischen Begriffen +wurden nicht korrigiert. + Im Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Einträge an die + alphabetisch korrekte Stelle versetzt.</p> +</div> +<div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="pgfooter"/> + </div> + </back> + </text> +</TEI.2> |
