summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/40391-tei
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 18:33:01 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 18:33:01 -0700
commitca81efb395b1d9ebe5c4efa8e25e901eb857a9ca (patch)
tree3353ebee9779ff64c0fa8510045920428b3c1ee1 /40391-tei
initial commit of ebook 40391HEADmain
Diffstat (limited to '40391-tei')
-rw-r--r--40391-tei/40391-tei.tei11529
1 files changed, 11529 insertions, 0 deletions
diff --git a/40391-tei/40391-tei.tei b/40391-tei/40391-tei.tei
new file mode 100644
index 0000000..2511af3
--- /dev/null
+++ b/40391-tei/40391-tei.tei
@@ -0,0 +1,11529 @@
+<?xml version="1.0" encoding="utf-8" ?>
+<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd">
+<TEI.2 lang="de">
+ <teiHeader>
+ <fileDesc>
+ <titleStmt>
+ <title>Der Dichter in Dollarica</title>
+ <author><name reg="Wolzogen, Ernst von">Ernst von Wolzogen</name></author>
+ </titleStmt>
+ <publicationStmt>
+ <publisher>Project Gutenberg</publisher>
+ <date value="2012-08-01">August 1, 2012</date>
+ <idno type='etext-no'>40391</idno>
+ <availability>
+ <p>This eBook is for the use of anyone anywhere
+ at no cost and with almost no restrictions whatsoever.
+ You may copy it, give it away or re-use it under
+ the terms of the Project Gutenberg License online at
+ www.gutenberg.org/license</p>
+ </availability>
+ </publicationStmt>
+ <sourceDesc>
+ <bibl>
+ <title>Der Dichter in Dollarica</title>
+ <author><name reg="Wolzogen, Ernst von">Ernst von Wolzogen</name></author>
+ </bibl>
+ </sourceDesc>
+ </fileDesc>
+ <encodingDesc>
+ </encodingDesc>
+ <profileDesc>
+ <langUsage>
+ <language id="it" />
+ <language id="fr" />
+ <language id="en" />
+ <language id="de" />
+ </langUsage>
+ </profileDesc>
+ <revisionDesc>
+ <change>
+ <date value="2012-08-01">August 1, 2012</date>
+ <respStmt>
+ <resp>Produced by <name>Karl Eichwalder</name>, <name>Stefan Cramme</name>, and the Online Distributed Proofreading Team
+ at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made
+ available by The Internet Archive/American Libraries.)</resp>
+ </respStmt>
+ <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item>
+ </change>
+ </revisionDesc>
+ </teiHeader>
+
+ <pgExtensions>
+ <pgStyleSheet>
+ .bold { font-weight: bold }
+ .center { text-align: center }
+ .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em }
+ .italic { font-style: italic }
+ head { text-align: center }
+ lg { margin-left: 2 }
+ </pgStyleSheet>
+ </pgExtensions>
+
+<text lang="de">
+<front>
+ <div>
+ <divGen type="pgheader" />
+ </div>
+ <div>
+ <divGen type="encodingDesc" />
+ </div>
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb/><anchor id='PgI'/>
+<p rend="font-size: large; center">
+Der Dichter in Dollarica
+</p>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: always; center">
+ <pb/><anchor id='PgII'/>
+
+<p rend="font-size: large">
+Verlag von F. Fontane &amp; Co., Berlin-Grunewald
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Es erschien von</hi>
+</p>
+
+<p rend="font-size: x-large; font-weight: bold">Ernst von Wolzogen</p>
+
+<p rend="font-size: large">
+<hi rend='gesperrt'>Romane</hi>
+</p>
+
+<p>
+Ecce ego – Erst komme ich<lb/>
+Die Großherzogin a. D. | Die Entgleisten<lb/>
+Der Erzketzer. 2 Bde.
+</p>
+
+<p rend="font-size: large">
+<hi rend='gesperrt'>Novellen</hi>
+</p>
+
+<p>
+Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte<lb/>
+Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten<lb/>
+Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen
+Bohême<lb/>
+Da werden Weiber zu Hyänen | Heiteres und Weiteres<lb/>
+Erlebtes Erlauschtes Erlogenes<lb/>
+Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien<lb/>
+Geschichten von lieben süßen Mädeln
+</p>
+
+<p rend="font-size: large">
+<hi rend='gesperrt'>Verse</hi>
+</p>
+
+<p>
+Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravüre
+Wolzogens)
+</p>
+
+<p rend="font-size: large">
+<hi rend='gesperrt'>Theater</hi>
+</p>
+
+<p>
+Der unverstandene Mann (Komödie)<lb/>
+Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komödie)<lb/>
+Lumpengesindel (Tragikomödie)<lb/>
+Die Maibraut<lb/>
+(Ein Weihespiel in drei Handlungen)
+</p>
+
+<p rend="font-size: large">
+<hi rend='gesperrt'>Essays</hi> usw.
+</p>
+
+<p>
+Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung<lb/>
+(Neu herausgegeben von <hi rend='gesperrt'>E. von Wolzogen</hi>)<lb/>
+Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch)<lb/>
+Linksum kehrt schwenkt – Trab!
+</p>
+
+<p rend="font-size: large">
+<hi rend='gesperrt'>Eheliches Andichtbüchlein</hi>
+</p>
+
+<p>
+Herausgegeben von <hi rend='gesperrt'>Ernst Ludwig</hi> und <hi rend='gesperrt'>Elsa Laura
+von Wolzogen</hi><lb/>
+Buchschmuck von <hi rend='gesperrt'>J. Martini</hi>
+</p>
+</div>
+<titlePage rend="page-break-before: always; center">
+<pb/><anchor id='PgIII'/>
+<docTitle>
+ <titlePart type="main"><hi rend="font-size: x-large; font-weight: bold">Der</hi><lb/>
+<hi rend="font-size: xx-large; font-weight: bold">Dichter in Dollarica</hi></titlePart>
+<lb/><lb/>
+ <titlePart type="sub" rend="font-size: large">Blumen-, Frucht- und Dornenstücke<lb/>
+aus dem Märchenlande der unbedingten Gegenwart</titlePart>
+</docTitle>
+ <lb/><lb/>
+<byline>von<lb/><lb/>
+<docAuthor rend="font-size: x-large">Ernst von Wolzogen</docAuthor></byline>
+ <lb/><lb/>
+<docEdition>Zweite Auflage</docEdition>
+<lb/><lb/><lb/>
+<docImprint rend="font-size: large"><pubPlace>Berlin</pubPlace> <date>1912</date>, <publisher>F. Fontane &amp; Co.</publisher></docImprint>
+</titlePage>
+<div rend="page-break-before: always; center; font-size: small">
+<pb/><anchor id='PgIV'/>
+
+<p>
+Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909
+gegen Nachdruck geschützt
+</p>
+
+<p>
+Die erste und zweite Auflage dieses Buches
+ist in 2220 Exemplaren gedruckt und wurde
+im Jahre 1912 herausgegeben.
+</p>
+
+<p rend="margin-top: 4">
+Altenburg<lb/>
+Pierersche Hofbuchdruckerei<lb/>
+Stephan Geibel &amp; Co.
+</p>
+ </div>
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb/><anchor id='PgV'/>
+
+<p rend="font-size: x-large; center">
+The Germanistic Society of America
+</p>
+
+<p rend="display; font-size: medium">
+to whom I am deeply indebted for the
+opportunity of seeing America, may kindly
+accept this document of how I saw America
+as a token of my sincere gratitude, and may
+humour it as genially as it was conceived.
+</p>
+ <pb/><anchor id='PgVI'/>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: right">
+<pb/><anchor id='PgVII'/>
+<index index="toc" level1="Zur Verständigung"/><index index="pdf" level1="Zur Verstaendigung"/>
+<head>Zur Verständigung.</head>
+
+<p>
+Ich gehöre zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen
+und nichtige Klugschwätzen eilfertiger Reisender
+über fremde Länder, Völker, Einrichtungen und Sitten
+durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun gleichwohl
+verleiten ließ, nach einem Aufenthalt von nur drei
+Monaten, dennoch meine Reiseeindrücke aus den Vereinigten
+Staaten zu Papier zu bringen und sogar in
+Buchform herauszugeben, so muß ich wohl meinem Unterfangen
+selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte
+Leute ihm nicht von vornherein den Zutritt in den
+Bereich ihrer Aufmerksamkeit verweigern.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde als Gast der <hi rend='italic'>Germanistic Society of America</hi>
+zu einer Reihe von Vorlesungen und Vorträgen an neunzehn
+Universitäten und Colleges, sowie in zahlreichen
+deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang
+November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den östlichen,
+nördlichen und mittelwestlichen Staaten auf. Die oft
+gerühmte großartige und herzliche Gastfreundschaft nicht
+nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der für
+deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung
+interessierten akademischen Kreise des Landes, sorgte in
+überaus umsichtiger Weise dafür, daß wir – denn meine
+reizendere Hälfte begleitete mich samt ihrer tatbereiten
+Laute – in all den zahlreichen großen und kleinen
+Städten, die wir berührten, möglichst viel und möglichst
+Eigenartiges und Bedeutsames von dem wunderreichen
+Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im allgemeinen,
+und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmäßigen
+Vorführungen, die liebenswürdige Komitees
+hastig vorbei sausenden Ehrengästen zuliebe von den
+<pb n='VIII'/><anchor id='PgVIII'/>Sitten und Gebräuchen der Einwohner veranstalten,
+nicht gerade für die sichersten Quellen ernsthafter Belehrung
+zu halten und sich vergnüglich ins Fäustchen zu
+lachen, wenn der also Gefeierte hinterher dankbaren und
+kindlichen Gemüts all dies freundliche Geflunker für
+bare Münze nimmt und daraufhin mit wichtiger Kennermiene
+seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverständlich
+wurde ich wie jeder andere prominente Reisende
+schon bei der Einfahrt in den Hafen von New York von
+den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie mir
+Amerika gefiele; selbstverständlich begleitete mich diese
+unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverständlich
+machten die Herren Reporter, je nach ihrem
+Witz und ihrer stilistischen Begabung, aus meinen verlegenen,
+dürftigen Antworten in ihren Interviews, was ihnen
+gut dünkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach
+meiner Ankunft gefragt, ob ich gedächte, ein Buch über
+Amerika zu schreiben, und habe diese Zumutung damals
+mit ehrlichem Erschrecken weit von mir gewiesen. So
+lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der täglich
+und stündlich in buntester Abwechslung am Auge vorüberhastenden,
+einander überstürzenden Erlebnisse und Begegnungen
+stand, erschien es mir auch wirklich ein unmögliches
+Unterfangen, diese Eindrücke auch nur beschreibend
+zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel
+weniger darüber ein Urteil von einigem Wert zu formulieren.
+Daß ich nicht völlig die Tinte würde halten können,
+daß vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch
+das Fenster des Expreßzuges ein paar Feuilletons herausspringen
+würden, lag ja freilich bei meiner berufsmäßigen
+Zugehörigkeit zur Schreiberzunft nahe; aber den Mut
+und die Lust zu einer erschöpfenden Bearbeitung meiner
+Reisebeute gewann ich doch erst allmählich in der stillen
+<pb n='IX'/><anchor id='PgIX'/>Beschaulichkeit meines fruchtbaren Darmstädter Poetenwinkels.
+Ich schrieb erst einmal kunterbunt alles zusammen,
+was mein Gedächtnis und meine Notizen
+mir von Gehörtem und Geschautem bewahrten, und
+was mir schon drüben weiteren Nachdenkens wert erschienen
+war. Und dann schleppte ich mir einen Stoß
+guter Bücher über die Vereinigten Staaten zusammen,
+verglich die darin niedergelegten Anschauungen eingeborener
+und ausländischer Kenner des Landes und bewährter
+Beobachter mit den Eindrücken, die ich selbst
+empfangen, und erst nach Beendigung dieser klärenden
+Vorarbeit begann ich mich für berechtigt zu halten, dem
+großen Publikum, das bei einer gerechten Beurteilung der
+neuen Welt interessiert ist, meine Meinung aufzutischen.
+</p>
+
+<p>
+Es versteht sich wohl von selbst, daß ich mir trotz
+dieser gewissenhaften Vorbereitung durchaus nicht einbilde,
+mein Urteil könnte neben dem eingeborener gründlicher
+Kenner des Landes oder ernsthafter wissenschaftlicher
+Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen;
+darum habe ich schon im Titel meines Buches den
+Nachdruck auf den <hi rend='italic'>Dichter</hi> gelegt. Ein Dichter ist,
+wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden
+darf, „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“. Sein
+Schauen ist freilich ein anderes als das des gelehrten
+Forschers: während dieser geradlinig rückwärts oder
+voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift
+des Dichters Auge über den ganzen Horizont rund um und
+erfaßt dennoch im Vorübergleiten eine ganze Menge bedeutsamer
+Einzelheiten der nächsten Umgebung. Sein
+Geist liebt es, Brücken zu schlagen vom Kleinsten zum
+Größten. Mögen diese Brücken oft auch luftig genug,
+mehr aus bunten Regenbogenfarben als aus soliden Balken
+zusammengezimmert sein, wertlos ist darum die dichterische
+<pb n='X'/><anchor id='PgX'/>Betrachtungsweise gewiß nicht; denn oft ahnt er mit dem
+sicheren Instinkt des schöpferischen Geistes große, bedeutsame
+Zusammenhänge, die dem scharfen Auge des Forschers
+verborgen bleiben, weil dem sein Gewissen nicht erlaubt,
+bei seinen Feststellungen unbekannte Größen in Rechnung
+zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition
+und den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme
+ich für mich in Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit für
+dichterische Freiheit zu beanspruchen. Ich gehöre nicht
+zu den Leuten, die sich durch glänzende Äußerlichkeiten
+leicht blenden lassen, auch nicht zu den mißtrauischen
+Duckmäusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich
+angelegen sein lassen, drüben in dem merkwürdigen
+Lande der unbedingten Gegenwart, wo es irgend anging,
+die Meinung gescheiter, mir zuverlässig erscheinender
+Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen
+zu vervollständigen, zu klären und zu berichtigen. Dabei
+ist es mir nun allerdings überaus häufig begegnet, daß der
+Sachverständige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande
+war, den Sachverständigen A., der 27 Jahre im Lande war,
+für einen ausgemachten Esel erklärte, und daß der Sachverständige
+C., der 50 Jahre im Lande war, zur Entscheidung
+aufgerufen, beiden als elenden Grünhörnern
+jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun
+eine alte Erfahrung, die jeder mit einem klaren Blick
+begabte gebildete Reisende schon bestätigt gefunden
+haben wird, daß sich der Eingeborene eines Landes oft
+gerade der auffallendsten Eigentümlichkeiten desselben
+nicht bewußt ist, weil ihm eben der Maßstab zur Vergleichung
+fehlt und weil ihm naturgemäß das Gewohnte
+als das Selbstverständliche erscheint. Ebenso verliert
+auch der Einwanderer, je länger er in dem neuen Lande
+weilt, desto mehr den Blick für seine Besonderheit. Ihm
+<pb n='XI'/><anchor id='PgXI'/>dünkt vieles Neue bedeutsam, weil er es unter seinen
+Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiß, daß man
+drüben in der alten Heimat vielleicht schon längst über
+den betreffenden Zustand hinaus gekommen ist, während
+ihm Dinge, die dem Fremden als höchst eigenartig auffallen,
+nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil
+sie für ihn Alltäglichkeiten geworden sind. Aus diesem
+Grunde können selbst des flüchtigen Besuchers erste
+Eindrücke von ganz erheblicher Bedeutung werden. Es
+ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle
+Dokumente als wissenschaftlich beweiskräftig anzunehmen,
+denn mit Hilfe der Statistik kann man bekanntlich ebenso
+wie mit Hilfe der Etymologie alles Beliebige beweisen,
+und daß behördliche Urkunden auch nicht immer direkt
+aus göttlicher Inspiration hervorgehen, dürfte wohl zugegeben
+werden. Es bleibt also unter allen Umständen für
+das dichterische Schauen ein weites Feld ersprießlicher
+Tätigkeit übrig. Und der <hi rend='italic'>Forscher</hi>, der den <hi rend='italic'>Seher</hi> verachtet,
+gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im Kalender
+die Laterne zu Hause läßt, auch wenn dicke Wolken das
+freundliche Gestirn dauernd verfinstern.
+</p>
+
+<p>
+Ein wie schwieriges, unter Umständen sogar lebensgefährliches
+Unterfangen es sei, auch mit dem ernstlichsten
+Bemühen um Gerechtigkeit über Jung-Amerika
+zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung
+erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drüben taten.
+Ich habe, was wohl niemand einem Poeten verargen wird,
+ernsthafte Dinge ernst und minder bedeutsame Äußerlichkeiten
+lustig behandelt und mich auch selbstverständlich
+nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise
+der heiteren Wirkung zuliebe keck zu übertreiben
+und nötigenfalls sogar ein Weniges dazu zu lügen, in der
+sicheren Erwartung, daß der amerikanische Humor, der
+<pb n='XII'/><anchor id='PgXII'/>ja bekanntlich in der grotesken Übertreibung sich am
+besten gefällt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen
+finden würde. Darin scheine ich mich jedoch gründlich
+getäuscht zu haben, und Henry F. Urban, der humoristische
+Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft genaue Kenner
+seiner Bewohner, dürfte doch wohl recht haben mit
+seiner Behauptung, daß der richtige Dollaricaner keinen
+Sinn für Satire habe, wenigstens nicht sofern sie sich auf
+ihn selbst und sein Land bezieht. So erklärt sich auch
+die für uns merkwürdige Erscheinung, daß dieses so
+humorbegabte und zu derben Späßen aufgelegte Volk
+noch keine politischen Witzblätter besitzt. Der Dollaricaner
+sieht eben fortwährend vor seinen Augen die Wüstenei
+sich in üppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstädte
+aus elenden Ansiedlungen sich quasi über Nacht entwickeln,
+eine luxuriöse Tipptopp-Kultur urplötzlich, wie
+den glänzenden Schmetterling aus der unscheinbaren
+Puppe, aus dem Chaos herausschlüpfen – da ist es freilich
+begreiflich, daß sein Herz von unbändigem Stolze
+auf sein Wunderland und auf die Tatkraft seiner Bewohner
+geschwellt ist. Dieser schöne Stolz geht nun aber
+so weit, daß er jeden für einen verleumderischen Schurken
+erklärt, der nicht alles und jedes für vollkommen und
+unvergleichlich hält, was die Vereinigten Staaten hervorbringen,
+und daß er nicht nur dem ausländischen
+Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede
+kritische Anwandlung fürchterlich übel nimmt. Die
+englischen Zeitungen haben sich vornehmlich an meine
+Späße und Übertreibungen gehalten und mich wie gänzlich
+humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten
+festgenagelt und darum ihrem Publikum als unwissenden,
+leichtfertigen Verleumder hingestellt; meine ehemaligen
+deutschen Landsleute aber haben sogar
+Entrüstungs<pb n='XIII'/><anchor id='PgXIII'/>meetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der
+auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, daß sie im
+allgemeinen an körperlichen Vorzügen hinter den Yankees
+zurückstehen, und daß sie nicht verstanden haben, sich
+rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen Einfluß
+zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmäßiges
+Übergewicht, sondern auch als hervorragendste Kulturträger
+rechtens zu beanspruchen gehabt hätten. Für
+diese Missetat haben mich zahlreiche deutsch-amerikanische
+Blätter, vornehmlich minder beträchtliche Provinzorgane,
+mit den liebenswürdigsten Schmeichelnamen
+bedacht, unter denen wohl ‚krummer Hund‘ noch der
+mildeste war, und zahlreiche Privatpersonen haben mich
+brieflich ihrer vorzüglichsten Tiefachtung versichert und
+mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die
+Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen.
+Nun, ich darf mir wohl erlauben, diese seltsamen Blüten
+patriotischer Entrüstung nicht allzu tragisch zu nehmen,
+da außer solchen robusten Kundgebungen mir doch auch
+zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen,
+welche im Gegensatz zu jener Knüppelpolemik
+durchweg aus den oberen geistigen Regionen herstammten.
+Ich habe übrigens die in jenem Aufsatz über die Yankeerasse,
+der so viel böses Blut gemacht hat, niedergelegten
+Ansichten in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches
+begründet und erweitert. Es versteht sich von selbst, daß
+ich jedem dankbar sein werde, der mir beweist, daß ich da
+und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir
+zur Pflicht machen, Irrtümer zu berichtigen, soweit
+etwaige Neuauflagen die Gelegenheit dazu geben sollten.
+</p>
+
+<p>
+Zusammenfassend betone ich also noch einmal, daß
+dies Buch weder wissenschaftlichen Wert beansprucht,
+noch etwa ein Führer für Reisende sein soll, dagegen
+<pb n='XIV'/><anchor id='PgXIV'/>auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben
+beabsichtigt. Es ist für uns Europäer von größter Wichtigkeit,
+uns klare Vorstellungen von diesem Lande ohne
+Vergangenheit zu verschaffen, das für uns einen Spiegel
+unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten
+Staaten zu reisen bedeutet für den wißbegierigen Europäer
+soviel, wie es für die Unschuld vom Lande bedeutet, zur
+Kartenschlägerin zu gehen, nur mit dem Unterschiede,
+daß das, was wir drüben über unsere Zukunft erfahren, kein
+plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist.
+Je mehr wir mit unserer Vergangenheit aufräumen, je rückhaltloser
+wir uns von dem reißenden Strome der modernen
+Entwicklung mit forttragen lassen, desto sicherer werden
+sich unsere Zustände und unser Charakter amerikanisieren;
+und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der
+Gegenwart so genau wie möglich betrachten, und darum hat
+jeder, dem eine gute Beobachtung und ein gesundes Urteil
+zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, über
+Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt.
+</p>
+
+<p>
+Ich kann dies Vorwort nicht beschließen, ohne meinen
+verehrten Gönnern und neugewonnenen lieben Freunden
+da drüben, vornehmlich der Germanistic Society, den
+örtlichen Veranstaltern meiner Vorträge, den leitenden
+Persönlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden
+so umsichtigen und eifrigen Managern meiner Rundreise,
+den Herren Professor Rudolf Tombo jun. und Paul C. Holter,
+meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen für die
+herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem
+Schaffen zuteil werden ließen, wie für die große Mühe,
+die sie so erfolgreich aufwendeten, um mir in der kurzen
+Zeit diese reiche Fülle von Eindrücken zu verschaffen.
+</p>
+
+<dateline rend="text-align: left"><name><hi rend='gesperrt'>Darmstadt</hi></name>, im Oktober 1911.</dateline>
+
+<signed rend="text-align: right"><hi rend='bold'>Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.</hi></signed>
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb/><anchor id='PgXV'/>
+<index index="toc" level1="Inhaltsverzeichnis"/>
+<index index="pdf" level1="Inhaltsverzeichnis"/>
+<head>Inhaltsverzeichnis.</head>
+
+<table rend="tblcolumns: 'r lw(50m) r'; latexcolumns: 'rp{6.5cm}r'">
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right"></cell>
+ <cell><ref target="PgVII">Zur Verständigung</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">VII</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">1.</cell>
+ <cell><ref target="Pg001">Als Mauernweiler in Dollarica</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">1</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">2.</cell>
+ <cell><ref target="Pg020">Die Yankeerasse</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">20</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">3.</cell>
+ <cell><ref target="Pg032">Der Yankee als Erzieher</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">32</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">4.</cell>
+ <cell><ref target="Pg041">Das Universitätsleben in der Union</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">41</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">5.</cell>
+ <cell><ref target="Pg064">Öffentliche und private Moral</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">64</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">6.</cell>
+ <cell><ref target="Pg079">Liebe und Ehe</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">79</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">7.</cell>
+ <cell><ref target="Pg094">Die Dienstbotenfrage</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">94</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">8.</cell>
+ <cell><ref target="Pg110">Die Kochkunst der Yankees</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">110</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">9.</cell>
+ <cell><ref target="Pg122">Künstlerische Kultur</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">122</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">10.</cell>
+ <cell><ref target="Pg135">Vom Theater im Yankeelande</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">135</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">11.</cell>
+ <cell><ref target="Pg149">Die amerikanische Presse</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">149</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">12.</cell>
+ <cell><ref target="Pg169">Von der demokratischen Gesellschaft</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">169</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">13.</cell>
+ <cell><ref target="Pg186">Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">186</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">14.</cell>
+ <cell><ref target="Pg207">Die Landschaft</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">207</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">15.</cell>
+ <cell><ref target="Pg220">Dollaricas infamster Schurke</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">220</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">16.</cell>
+ <cell><ref target="Pg232">Baedekereien für Amerikafahrer</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">232</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">17.</cell>
+ <cell><ref target="Pg250">Was können wir von Amerika lernen?</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">250</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">18.</cell>
+ <cell><ref target="Pg273">Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">273</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right"></cell>
+ <cell><ref target="Pg284">Bücherverzeichnis</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">284</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right"></cell>
+ <cell><ref target="Pg285">Namen- und Sachregister</ref></cell>
+ <cell rend="text-align: right">285</cell>
+ </row>
+</table>
+
+<pb/><anchor id='PgXVI'/>
+
+</div>
+</front>
+<body><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='1'/><anchor id='Pg001'/>
+<index index="toc" level1="Als Mauernweiler in Dollarica"/>
+<index index="pdf" level1="Als Mauernweiler in Dollarica"/>
+<head>Als Mauernweiler in Dollarica.</head>
+
+<p>
+Ein rechtschaffener „teutscher Tichter“ schlägt drei
+Kreuze vor dem Gedanken einer Auswanderung nach
+den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, der seinerzeit
+aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen Rothäute
+hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff
+benutzt, und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen
+lassen von dem Lande, in welchem die Vögel keine Lieder
+und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine Behauptung,
+die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron
+mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica
+eingehen, weil sie gar keine Miene machte, ihm von
+ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. Ich vermute,
+daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine
+Prüfung auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten
+Offizieren und sonstigen mit Bildung oder
+hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober Handarbeit
+jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern
+zunächst einmal auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht
+mit den Hintergedanken eines galanten Räubers, sondern
+nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate im
+Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert
+heim und bescherte uns, als Frucht seines fleißigen
+Studiums, sein schönes und gerechtes Buch „Das Land
+der Zukunft“. Dafür war aber auch Polenz kein solch
+närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn
+ihm ein fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen
+in Kaktushainen schlagen und Affen auf Lindenbäumen
+herumklettern zu lassen. Paul Lindau, der welt-,
+<pb n='2'/><anchor id='Pg002'/>witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und
+hat eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen
+im Vorbeifliegen mit „gewandter Feder“ feuilletonistisch
+aufgespießt; gelegentlich der großen Weltmessen
+von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der
+und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen,
+um mit mehr oder minder leichtsinniger Wichtigkeit den
+Maßstab seiner kleinen Person an die Ungeheuerlichkeit
+der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle,
+durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst
+seitdem einige hervorragende Deutsch-Amerikaner mit
+Hilfe der Professoren der germanistischen Fakultäten und
+Unterstützung etlicher für deutsche Kunst und Wissenschaft
+eingenommener amerikanischer Mäzene die <hi rend='italic'>Germanistic
+Society of America</hi> gegründet haben, ist es möglich
+geworden, richtigen deutschen Dichtern und Gelehrten,
+ohne Rücksicht auf Geldverdienst und etwaige
+lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im
+fernen Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit,
+zu zeigen und andererseits diese seltsamen
+Tiere dem amerikanischen Volke lebend vorzuführen.
+Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders
+Krüger, Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber
+dieser Zeilen dazu gelangt, ihren deutschen Landsleuten
+drüben, sowie den für deutsche Geistesart interessierten
+Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten
+der Gegenwart zu bringen.
+</p>
+<note place="margin">Psychologie des Publikums.</note>
+<p>
+Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn
+Universitäten und Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen
+Vereinen gesprochen. Ich habe dabei teils aus meinen
+Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre deutscher
+Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher
+Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder
+<pb n='3'/><anchor id='Pg003'/>mich über das Theater der deutschen Gegenwart verbreitet,
+oder endlich mit Unterstützung meiner Frau die
+Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt.
+Und daß ich diese kleine Singefrau mit hatte,
+war sehr gut. Denn wo immer sie in die Zupfgeige griff
+und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, da
+leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die
+gewohnten Redensarten eines höflichen Dankes bekamen
+einen echten Herzensklang. Sie haben mir ja auch die
+Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach getaner
+Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt
+da behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug
+hatten. Das soll nun nicht etwa heißen, daß ich mich über
+eine laue Aufnahme oder über Unverständnis zu beklagen
+gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns schon
+bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der
+dankbaren Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch
+sehr bald, daß ich diesen lebhaften Beifall vornehmlich
+meiner rezitatorischen Leistung sowie dem Umstande zu
+verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines
+Wesens vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann
+habe ich die Kunst gelernt, unterhaltende Programme
+zusammenzustellen, und auf die Psychologie der
+Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der
+Grund, weshalb mir’s drüben so gut gegangen ist. Ich
+wußte schon vorher genug über den Geschmack des
+amerikanischen Publikums, um ungefähr beurteilen zu
+können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben
+möglich wären und welche nicht. Und da mußte von
+vornherein vieles von dem als unmöglich ausgeschlossen
+werden, womit ich mir hier meine wertvollsten Erfolge
+geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt
+erst feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der
+<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Erotik sind bei den Angloamerikanern ebenso von der
+öffentlichen Besprechung und künstlerischen Gestaltung
+ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die Deutsch-Amerikaner,
+die lange genug drüben gelebt haben, sind
+immerhin von diesem Puritanertum soweit angesteckt,
+daß die Grenzen des künstlerisch Erlaubten bei ihnen
+nicht weiter gehen als etwa beim deutschen Familienblatt
+älteren Stils. Du lieber Himmel – und ich bin der Verfasser
+des „Dritten Geschlechts“, der „Geschichten von
+lieben süßen Mädeln“ und gar „des Erzketzers“ und habe
+niemals einen Beitrag zur „Gartenlaube“ oder zum „Daheim“
+geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos
+an jedem meiner Vortragsabende ein paar
+literarisch gebildete, vorurteilslose Leute unter meinem
+Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören
+lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich
+und nützlich machen, den des Deutschen beflissenen
+Studenten englischer Zunge und besonders den aus allen
+Bildungsschichten zusammengewürfelten Deutsch-Amerikanern.
+</p>
+<note place="margin">Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.</note>
+<p>
+Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine
+Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten
+ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und
+auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das
+meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken
+hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streifzügen
+durch die deutsche Literatur der letzten dreißig
+Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst
+dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei
+einer meiner Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder
+den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren,
+bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen
+durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll
+ge<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>spannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich
+mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder
+einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde
+Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler
+anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin
+noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und
+zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durchaus
+lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke
+in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der
+Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze
+machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner
+wird jemals in diesem Lande Erfolg haben, der nicht
+zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten
+Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich
+habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei
+welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete
+Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt.
+Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern
+und Galoschen da, aber sobald der Vortragende
+eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren
+Zug aus dem Leben des Gefeierten erzählte, oder gar eine
+witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frierende
+Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen
+nationalen Drama, der <hi rend='italic'>Blood and Thunder-Show</hi>,
+muß die erbauliche Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung
+unter Revolvergeknatter und sentimentaler
+Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom
+obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen
+Abständen von derben <anchor id="corr006"/><corr sic="Clownspässen">Clownspäßen</corr> unterbrochen werden,
+um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der
+bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie
+ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte:
+„Nu, mer lacht“, könnte hier leicht manches
+Gegen<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>stück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schandmal
+der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der
+Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber
+genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls
+als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung
+durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig
+zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen
+Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich
+Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Tendenz.
+Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch
+diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen
+ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich,
+daß es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl
+sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen
+gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können
+von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen,
+als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich
+amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner,
+die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus
+machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur
+aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus
+den Überresten der achtundvierziger Emigranten und
+ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten
+mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen,
+als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden
+haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahlreichen
+Nachkommen von Leuten, die in Handel und
+Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande
+waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung
+zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine
+sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen
+und literarischen Bestrebungen zu widmen.
+Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder
+<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen.
+Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissenschaftlichen
+oder künstlerischen Darbietungen in den
+Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes
+und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in
+unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kaufmännischen
+oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen.
+Man kann aber sicher sein, überall unter seinen
+Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnisvoller
+Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine
+Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann
+aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes
+geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Möglichkeit
+durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbedürfnis
+mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen
+freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher
+Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität
+zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft
+halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tatsache,
+daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse
+Kugeln in den Leib bekommen habe, von denen ihm alle
+paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik
+zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der <hi rend='italic'>High School</hi> von
+Youngstown (Ohio) kreischten die <hi rend='italic'>Boys</hi> und <hi rend='italic'>Girls</hi> vor
+Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von
+der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die
+Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Krautgärtlein
+fängt, und gar über „<hi rend='italic'>The black and tan Doggie,
+that burst into a thousand pieces</hi>“ (das schwarzbraune
+Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie
+sich krumm vor Lachen, und meine Frau, die sie gerade
+durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war
+blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen
+<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige
+Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt
+ist.
+</p>
+<note place="margin">Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.</note>
+<p>
+Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den
+Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so
+bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie
+angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit
+durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die
+Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man
+nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald
+man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt
+wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das
+einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich
+kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch
+schon die Reporter auf den Leib rücken. In der kurzen
+Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen
+gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren,
+denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so
+weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man
+mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen
+einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der
+größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte.
+Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten
+der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist,
+daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union,
+bis hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische
+Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteressant
+ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme
+von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler
+noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man
+die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in
+Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungsfahrten
+nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der
+<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/>Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen
+Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel
+mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich
+kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst
+die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen,
+mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich
+und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem
+der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden
+ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich
+und gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde
+Familie, in ein feines Restaurant oder in einen
+exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische
+Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen
+ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn
+bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch
+und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann
+man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife Förmlichkeit
+oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu
+werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine
+kleine <hi rend='italic'>reception</hi> verbunden, d. h. nach dem Essen
+treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät,
+wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft
+und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell
+ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekanntschaft
+zu machen. Das ist die mildeste Form der „reception“.
+Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt
+ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen
+Eindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers
+gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante
+Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee
+geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven
+gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen
+zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und
+Barm<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/>herzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besichtigung
+der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der
+Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe
+oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem
+Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürgermeister
+der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß
+so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines
+Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das Königreich
+Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz
+Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zugänglichkeit
+und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art
+dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung
+davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekanntschaft
+entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebenswürdigste
+unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile
+wird es dann Zeit, sich zum <hi rend='italic'>dinner</hi> in <hi rend='italic'>full dress</hi> zu
+werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab,
+denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut,
+und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen,
+um diesem nationalen Talente gegenüber mit
+seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei,
+so ist solch ein <hi rend='italic'>dinner</hi> um 7 Uhr eine erquickliche Angelegenheit;
+denn nirgends existiert in Amerika die deutsche
+Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche
+Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der
+Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu bekommen.
+Große offizielle Festessen dehnen sich freilich
+auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des
+Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die
+Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu
+öffnen. <hi rend='italic'>Toastmaster</hi> und <hi rend='italic'>Chairman</hi> regulieren den Strom
+nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste
+erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische
+<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>Hauptspaß, indem der <hi rend='italic'>Toastmaster</hi> noch unter den besonders
+prominenten, durch ihre Eigenart berühmten
+oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu
+Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung
+nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit
+jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges
+oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird.
+Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen
+seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vorkommt.
+Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das
+auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne
+vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch gefälligst
+nur eine Stunde lang sprechen möge – über ein
+Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen
+wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler
+nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch,
+der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche
+Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen
+bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir
+schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Sammlung
+und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu
+verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch
+ganz gleichgültig, wie das Lokal ausschaut, in dem er
+seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene
+Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und
+klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde
+Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal
+genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem
+Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit
+offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und
+lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende
+Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen
+sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. Louis
+<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen
+sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so
+schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Handschuh,
+der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das
+elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen
+im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte
+vom bitteren Leiden und Sterben eines schwindsüchtigen
+Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier
+melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich
+nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber
+schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht
+im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für
+diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es
+gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit
+bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen
+ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu
+schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den
+widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten
+kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß
+er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des
+zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden
+Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.
+</p>
+<note place="margin">Nicht vorstellen! Great reception.</note>
+<p>
+Die große <hi rend='italic'>reception</hi>, dieser Schrecken aller Schrecken
+für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische
+„Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes
+in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der
+Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man
+kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren
+und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang
+auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar
+eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen
+wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere
+Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt
+<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft
+gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen
+und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu
+schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so
+riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz
+zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut
+und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde
+Frage zurückgibt: „<hi rend='italic'>Aoh, is that so?</hi>“ Der Amerikaner
+hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt
+zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren
+ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen
+Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber
+niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung
+zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft
+nur miteinander bekannt werden, indem man von
+dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander
+vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen
+Veranstaltungen auch die berüchtigten <hi rend='italic'>receptions</hi>. Jeder,
+der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen
+Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten
+Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcher <hi rend='italic'>reception</hi>
+zu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen
+Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in
+musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte
+mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales
+und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte
+davon entfernt. Mir zur Seite trat ein <hi rend='italic'>Gentleman-Usher</hi>
+und an die Seite meiner Frau eine <hi rend='italic'>Lady-Usher</hi> (Usher
+= Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie
+wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften
+nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe,
+einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die
+Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen
+<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/>wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben
+Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber
+(sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten
+Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer,
+denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf,
+das damals auf dieser Stelle stand, den ersten
+Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak
+und Schießpulver eröffnet.“
+</p>
+
+<p>
+„<hi rend='italic'>How do you do, Mister Uolsogen?</hi>“ gurgelt Mister
+John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe
+heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit
+einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal
+zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und
+bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis
+gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).
+</p>
+
+<p>
+Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit
+kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich
+mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein,
+mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter,
+und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich
+glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche
+die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur
+mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten.
+</p>
+
+<p>
+„<hi rend='italic'>Move on, please!</hi>“ sagt der Usher und schiebt das
+imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit
+Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder
+so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle
+(oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der
+Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert
+und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt,
+bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen
+Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts
+und ist elf Millionen Dollar wert.
+<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/>Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende
+Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie
+ist so schrecklich betrübt (<hi rend='italic'>so awfully sorry!</hi>), daß ihre
+Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes
+Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen
+von der deutschen Literatur. Sie habe viele von
+meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen
+entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“
+und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt
+beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.
+</p>
+
+<p>
+Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese
+genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich
+zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität
+auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.
+</p>
+
+<p>
+Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches)
+quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle
+(oder so was ähnliches) hat noch eine
+Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir
+bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke,
+das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll
+geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik,
+Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte
+Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort
+geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits
+George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay
+(welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in
+Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender
+Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh,
+Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir
+kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht
+viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den
+Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche
+Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der
+Volks<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/>seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang
+eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des
+Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in
+Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik
+durchaus obenauf, <hi rend='italic'>up to date</hi> wären und überhaupt...
+</p>
+
+<p>
+„<hi rend='italic'>Move on, please!</hi>“ ruft der unerbittliche Usher, und
+der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst
+und läßt sich ohne Murren weiter schieben.
+</p>
+
+<p>
+Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die
+Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen
+in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich
+im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich
+den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die
+Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“
+in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen,
+mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen
+zurückziehen möchte – es hilft nichts: „<hi rend='italic'>Move on, please!</hi>“
+kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam
+und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen,
+alte und junge, Zierden der Alma mater und
+feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche
+Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter,
+und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit
+die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß sie
+<hi rend='gesperrt'>so</hi> glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten
+später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe,
+und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen.
+Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige
+Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die
+Hand einschlagen und die Affäre mit dem <anchor id="corr016"/><corr sic="sterotypen">stereotypen</corr>
+„<hi rend='italic'>How d’ye do?</hi>“ möglichst rasch erledigen, oder aber
+kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen.
+Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student
+<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/>mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein
+deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht,
+ihm da etwas hineinzuschreiben.
+</p>
+
+<p>
+„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den
+glatten Jüngling.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen,
+und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein,
+daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei.
+</p>
+<note place="margin">Ausgestanden!</note>
+<p>
+Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen
+sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und
+bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich
+das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen
+Icecream angeboten. Man nimmt sich einige
+der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und
+Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich
+geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber,
+das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von
+der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen
+Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber
+trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines
+importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres
+eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis
+Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren
+sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen
+vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und
+Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer
+des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen
+anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren
+Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder
+B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen
+und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in
+Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine
+Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu
+<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/>dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte
+Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten
+Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen
+Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände
+zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er <hi rend='gesperrt'>so</hi>
+froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich
+nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine
+eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen
+haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der
+mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei
+denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche
+zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er
+im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler,
+Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen
+und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir,
+dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische
+Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren
+Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der
+kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh,
+auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen
+in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es
+doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten
+Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln.
+Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen
+gab es das alles nicht, er war von früh bis in die
+späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung
+war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern
+imponiert hat.
+</p>
+
+<p>
+Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten
+Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in
+Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“
+Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika
+aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell
+herum<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da
+drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und
+sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen
+ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit
+aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner
+den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der
+Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen
+Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht,
+kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“
+</p>
+<note place="margin">Die reizende Reporterin.</note>
+<p>
+In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen
+Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „<hi rend='italic'>How do
+you like America</hi>“ usw., und dann kam die verfängliche
+Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da
+kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein,
+in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und
+nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen
+mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen
+Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick
+nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen
+willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich
+nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt
+unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem
+großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene,
+starke, unanständig gesunde Jugend ist.
+</p>
+</div>
+
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/>
+<index index="toc" level1="Die Yankeerasse"/>
+<index index="pdf" level1="Die Yankeerasse"/>
+<head>Die Yankeerasse.</head>
+<note place="margin">Angelsachsen und Kelten.
+Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.</note>
+<p>
+Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß
+sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich
+durch energisches Umrühren eines überaus buntscheckigen
+Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse
+vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber
+drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe
+und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen
+Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen
+Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen
+in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten
+Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu
+der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme
+der südlichsten Staaten) nur Yankees<note place="foot">Das Wort Yankee kommt von einer mißhörten indianischen
+Aussprache des Wortes „english“ her und wurde in den Befreiungskriegen
+den Amerikanern von den Engländern als Spottname angehängt.</note> und Fremdvölker
+gibt. <hi rend='gesperrt'>Der Yankee aber ist ein reiner
+Großbritannier oder, wenn man will, eine
+Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten,
+in welcher das keltische Blut stärker vertreten
+ist als im alten England.</hi> Durch die neuen,
+eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten
+die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem
+neuen Weltteil gestellt wurden – drei Jahrhunderte voll
+harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge –
+haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des
+angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste
+herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten
+<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/>Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter
+aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees
+ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen
+des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende,
+Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist
+auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leichtherziger
+Optimismus, sein wagemutiges Spielertemperament,
+seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte
+Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als
+Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte
+Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine besonders
+sympathische Rolle, aber der englische Puritaner
+aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit
+üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte
+seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebenswürdiger
+Frohsinn immerhin versöhnen, während die
+sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit
+des Puritaners doch noch lange nicht
+hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feindschaft
+gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne
+und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen.
+„Der Herr ist mit uns“, war das Feldgeschrei der Pilgerväter
+– aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezialgott
+für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden
+Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige
+Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die
+Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten
+und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn
+drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände
+so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen
+Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der
+Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten
+und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten
+<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister,
+alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und
+aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein amerikanischer
+Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer
+Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten
+war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war
+jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und
+zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu
+denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich
+wären diese Menschen niemals die Begründer des größten
+demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn
+nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten,
+allmählich einen nach dem anderen von ihren starren
+Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island,
+von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger,
+dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste,
+welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche
+Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sichtbarlich
+besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen
+Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln
+begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher
+hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen
+über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner
+Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt,
+sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare
+Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu verlieren.
+Das englische Denken ist durchaus <hi rend='italic'>matter of
+fact</hi>, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt,
+die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren
+großen Stiles und kaltblütige Geschäfts-Politiker
+zu werden. Für das Klima des nördlichen amerikanischen
+Kontinents waren darum auch die Angelsachsen
+die denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote
+<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/>Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz
+ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber verloren,
+denn die Indianer waren fromm naturgläubig und
+darum hilflos abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen
+Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung
+durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung
+keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen,
+die unsympathischen Charaktereigenschaften
+der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige
+Temperament der Kelten besiegte die englische Steifheit
+und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der
+Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern,
+von willensstarken Optimisten, dem allein das
+große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die
+Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den
+üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und
+sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle
+übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso
+bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen
+Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums
+liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rassestolz.
+Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er
+sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel
+weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen
+anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern,
+vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas
+und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents
+hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt,
+sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben.
+Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen,
+Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes
+Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist,
+zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert
+<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/>oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial
+ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch
+friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen,
+denn <hi rend='gesperrt'>Mischmasch-Menschen nehmen eben
+keine Vernunft an</hi>; das Beispiel so mancher südamerikanischen
+Republik beweist es. Der Yankee-Mann
+dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen
+der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit
+Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte
+ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei
+aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde
+doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft
+der üppig fruchtbaren Länder des
+heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis
+auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein
+Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit
+den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu
+vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem
+er auch die aus Europa herübergekommenen anderen
+weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden,
+ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und
+Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß
+heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich
+willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem
+riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden,
+so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich
+machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen
+Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen
+seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts
+dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines
+Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist,
+aber er weiß sie überaus geschickt von den einflußreichen
+Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich
+durch<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/>aus nicht übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter
+zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus
+zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter
+des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter
+gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern
+einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord
+heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren
+Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen,
+ja sogar offene Drohungen, daß das
+Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde.
+Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten
+Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der
+reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas
+sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herrengeschlechter
+Europas verhandelt zu werden. Man sieht
+aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse
+sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt.
+Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland
+Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine
+Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten
+Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen!
+Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet – der
+Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so
+tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten
+in unserem Sinne unter den Yankees äußerst
+selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern
+bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in
+Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des
+Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner
+zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht
+tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren,
+und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die
+Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche
+<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/>Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt
+selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die
+Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die
+Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch
+von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt,
+wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde
+ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde
+ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit
+begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte
+Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen,
+um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön
+zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen.
+Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau,
+wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte.
+Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich
+was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Europäern
+als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame
+Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber
+unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der
+Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle,
+schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in
+ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar
+der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne
+und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei
+Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch,
+und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr
+schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene
+alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens
+hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige
+Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht,
+und diese Erbschaft ist auch den Männern zugute
+gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten
+zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch
+<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/>leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der
+stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und
+Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden,
+mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das
+widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ
+nur die Stärksten mit dem Leben davon kommen. Diese
+unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und
+Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch
+auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist
+es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel
+aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen
+zu lassen.
+</p>
+<note place="margin">Kongreß deutscher Mißgeburten.</note>
+<p>
+Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte
+ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die
+erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir
+nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder
+vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt,
+nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel
+Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahlköpfe,
+X- und Säbelbeine, diese verpustelten und verpickelten,
+grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen,
+gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten
+also meinen lieben Landsleuten! Und mit diesen in ihrem
+schwappenden Fett schwankend daher watschelnden,
+geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen,
+blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen,
+feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie
+bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu
+erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war
+es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem
+ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten
+stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer
+noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte
+<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und
+erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in
+der Generation, die bereits die Segnungen einer nach
+englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer
+vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat,
+sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir
+leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten
+ist der Deutsche und besonders <hi rend='italic'>die</hi> Deutsche der ersten
+Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu
+unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es,
+auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesellschaftlicher
+Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht
+schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der
+Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees
+anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in
+sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im
+höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder
+dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig
+schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern.
+Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern
+die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer
+Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt
+zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen
+Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vorzüglichkeit
+der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankeerasse
+messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind
+die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen,
+als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu,
+daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Erziehung
+die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich
+schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht
+umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Gedanken
+zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an
+<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/>boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört,
+wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der
+bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte, weil
+sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel
+zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum
+kümmern, was der olle Dutchman sagt.“ („<hi rend='italic'>I would’nt
+care, what that old Dutchman says.</hi>“) So wird es selbstverständlich
+der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren
+zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem
+Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt
+sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern
+am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche
+Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern unähnlich
+werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über
+ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem
+amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so
+ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen
+Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald
+fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen
+Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die
+messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des
+Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann
+seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird
+ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner
+zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in
+ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes
+Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es
+nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen
+und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törichten
+Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden,
+unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und
+Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu
+lassen.
+</p>
+
+<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/>
+
+<note place="margin">Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?</note>
+<p>
+So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen
+Rasse die körperlich und geistig bevorzugtesten unter
+den Kindern der fremden Einwanderer mächtig zur Anpassung
+an. Die zweite Generation, vornehmlich der
+deutschen Einwanderer, weist schon recht zahlreiche
+Exemplare auf, die von echten Yankees kaum oder gar
+nicht zu unterscheiden sind – und dennoch verhält sich
+der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern
+gegenüber in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde.
+Er sieht die Deutschen sehr gern in seinem Lande, er
+schätzt sie hoch als ehrliche, anständige Menschen, die
+der politischen Korruption einen zähen Widerstand entgegensetzen,
+die mit ihren geschickten Händen, ihrem
+Fleiß, ihrer Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich
+geeignet und mit ihrer Klugheit und Gewissenhaftigkeit
+für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee zu
+langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und
+Wissenschaft ganz hervorragend brauchbar sind – und
+dennoch gibt er ihnen seine Töchter nicht gern zur Ehe!
+Nicht anders ist es mit den Angehörigen der romanischen,
+slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie
+hocken alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen
+der Großstädte, oder in kleineren Ansiedlungen auf dem
+Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl mit allen
+Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet,
+fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande.
+Die Juden z. B. haben es ebenso wie in Europa zum großen
+Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. Sie entwickeln
+unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und
+Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer.
+In der Presse, in der Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft
+und im ärztlichen Beruf haben sie, geradeso
+wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne
+<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu
+einem weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch
+haust die große Masse derselben noch immer im Ghetto
+beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn man
+ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte,
+erstaunt die Brauen hochziehen und gar nicht wissen,
+was das sei; nichtsdestoweniger findet man auf den gesellschaftlichen
+Veranstaltungen auch schwer reicher Juden
+kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den
+vornehmsten Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges
+werden Juden überhaupt nicht zugelassen!
+</p>
+
+<p>
+Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung,
+als auf dem nordamerikanischen Kontinent
+noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert waren,
+für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten,
+und alle neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen
+können, sich dort gleichfalls anzusiedeln, dann hätten die
+Deutschen einen starken Staat im Staate bilden können
+und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn
+sie sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese
+Gelegenheit ist endgültig verpaßt. Aber damit sie in
+den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht abermals
+verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute,
+und lernt von den Yankees, was das unerschütterliche
+Kraftbewußtsein einer starken, gesunden Rasse vermag
+und wie man seine Rasse rein erhält!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/>
+<index index="toc" level1="Der Yankee als Erzieher"/>
+ <index index="toc" level1="Der Yankee als Erzieher"/>
+<head>Der Yankee als Erzieher.</head>
+<note place="margin">Junge Völker und Kinder.</note>
+<p>
+Die alte Erfahrung, daß junge Eltern sehr häufig bessere
+Erzieher ihrer Kinder sind als ältere und reifere,
+findet im Yankeelande eine auffallende Bestätigung.
+Die Yankees sind eben als Rasse und die übrigen Bürger
+der Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung,
+noch so tief befangen in dem glückseligen Taumel des
+Kraftüberschusses, daß sie ihre klügsten wie ihre dümmsten
+Streiche mit der gleichen schönen Begeisterung verüben
+und mit reizender Naivität dem eigenen Verdienst gutschreiben,
+was sie oft doch nur glücklichen Umständen
+zu verdanken haben. Der leichte Erfolg, der den kraftvollen
+und rücksichtslosen Ausbeutern jenes jungfräulichen
+Kontinents voll ungehobener Naturschätze zu teil
+wurde, hat die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos
+wie Kinder gemacht, und diese Kindlichkeit ist bis auf
+den heutigen Tag die liebenswürdigste Eigenschaft des
+neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an
+morgen, grundsätzlich nicht an übermorgen, kennt keine
+Gefahr, erschrickt vor keinem Hindernis und tröstet sich
+über alle Schwierigkeiten hinweg mit dem Gedanken:
+Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen!
+Weist ein Außenstehender auf offenbare Schwächen hin,
+so erwidert der Yankee gut gelaunt: „Nun ja, Sie mögen
+recht haben; aber Sie sehen ja, wir leben auch so, und
+wir leben recht gut!“ Man läßt sich alle Unbequemlichkeiten
+lachend gefallen und schickt sich in alles, da man
+an ein jähes Auf und Nieder von Überfluß und Mangel,
+von absoluter geistiger Öde und raffinierter Luxuskultur
+wie an die schroffen Übergänge von eisiger Kälte zu
+glü<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/>hender Hitze gewöhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt
+der siegessichere Optimismus und die heiße Vaterlandsliebe
+des amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz
+selbstverständlich alles Amerikanische als das Beste, das
+Größte, das Schönste in der Welt, und das jünglinghafte
+Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso
+charakteristisch für die Nation, wie ihre Vorliebe für
+unsinnige Kraftproben, närrische Wetten, sensationelle
+Schaustellungen und lärmende Vergnügungen. Der Yankee
+bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis in sein
+hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen
+wie Buben, alte Damen, die sich wie Backfische anziehen,
+sind alltägliche Erscheinungen.
+</p>
+<note place="margin">Kinderzucht.</note>
+<p>
+Es versteht sich von selbst, daß so geartete erwachsene
+Menschen für das Denken und Empfinden der Kindesseele
+weit mehr Verständnis haben müssen, als das gesetzte,
+bequemlich würdevolle Alter der Kulturvölker unserer
+alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden
+die vorsichtige Kritik und damit sehr häufig auch den
+steten mißmutigen Zweifel gelernt hat. Die geistige Überlegenheit
+hört auf, ein glücklicher Erziehungsfaktor zu
+sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und
+in diese Gefahr gerät sie ja in unserer alten Welt
+leider nur zu leicht. Wenn es andererseits richtig ist,
+daß der Einfluß der Kameradschaft die Jugend besser
+zu erziehen vermöge, als das Beispiel des Alters, so
+sind zweifellos junge Völker uns als Erzieher überlegen.
+Der Yankee vergöttert sein Kind. Erstens einmal,
+weil es überhaupt ein rarer Artikel ist, und zweitens,
+weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner
+auf die Welt gekommen zu sein. Man sollte eigentlich
+meinen, daß eine so stolze, exklusive Rasse wie
+die der Yankees darauf aus sein müßte, die
+Reich<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>tümer ihres Landes und die vielen glänzenden Lebensaussichten
+lieber ihrer eigenen zahlreichen Nachkommenschaft
+zuzuführen, als sie den einwandernden, ihrer
+Meinung nach doch unendlich minderwertigen Fremdlingen
+aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der
+Yankee dieser nahe liegenden Erwägung zum Trotz
+Neumalthusianer ist und folglich selten mehr als zwei
+Kinder hat, so erklärt sich das aus der eigenartigen Stellung,
+die die Frau im nördlichen Amerika einnimmt. Sie war
+in den ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit
+infolge ihrer Seltenheit ein Gegenstand des beneideten
+Luxus und der unterwürfigen Verehrung. Der
+glückliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle
+Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefährtin die Möglichkeit
+zu gewähren, ihre Schönheit, ihre geistige und körperliche
+Beweglichkeit bis ins Alter zu pflegen. Die Ansicht,
+daß es für den Mann die denkbar größte Schande sei, der
+schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die
+Kolonisten ja schon aus der britischen Heimat mit, und es
+ist begreiflich, daß sie unter den besonderen Verhältnissen
+des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande noch
+verstärkt und sogar unvernünftig übertrieben werden
+mußte. So wurde also auch das Wochenbett unter die
+schweren körperlichen Leistungen gerechnet, die ein
+Mann seiner Frau nicht öfters zumuten dürfe, als der
+Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt
+erforderten. So ist es erklärlich, daß bis auf den heutigen
+Tag Anglo-Amerikanerinnen, die ihren Stolz darin suchten,
+viele Kinder zu haben, äußerst selten sind. Die wenigen
+vorhandenen Kinder profitieren natürlich am meisten
+bei diesem Zustand. Bei der ungemein bevorzugten
+Stellung der Frau und bei den günstigen Lebensaussichten,
+welche nicht nur das begüterte, sondern auch das auf
+<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>seine Arbeit angewiesene Mädchen in den Vereinigten
+Staaten hat, erklärt es sich, daß die Geburt eines Knaben
+durchaus nicht höher eingeschätzt wird, als die eines
+Mädchens. Eine vernünftige Säuglingskultur herrscht
+als gute englische Erbschaft über den ganzen Kontinent.
+Die Eltern sind von einer rührenden Geduld und Nachsicht
+den Kleinen gegenüber. Ein Kind zu schlagen gilt
+als unerhörte Roheit. Kinderzucht in unserem Sinne
+wird drüben wohl nur noch von manchen der eingewanderten
+Fremdvölker, vornehmlich in deutschen Familien versucht,
+aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten
+werden sehr bald durch den Vergleich belehrt, daß sie es
+nicht nötig haben, sich in dem freien Lande eine unwürdige
+Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern
+erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich
+respektlos und unerträglich ungezogen, wogegen die
+Yankee-Eltern das starke Hervorkehren des Eigenwillens
+in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hüten,
+deren Selbständigkeit zu unterdrücken. Sie geben sich
+die erdenklichste Mühe, ihren Verkehr mit den Kindern
+auf den Ton der Kameradschaft zu stimmen und behandeln
+die unverschämten Gernegroße, sobald sie aus dem Alter
+der süßen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit
+ihnen wie mit Puppen spielen kann, wie Erwachsene.
+Infolgedessen emanzipieren sich die Kinder auch sehr
+frühe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den untersten
+Ständen, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die
+lächerlichsten Knirpse oft schon zu selbständigen Unternehmern,
+zu fixen kleinen Handelsleuten macht.
+</p>
+<note place="margin">Lügner und Duckmäuser.</note>
+<p>
+Die öffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten
+(diese deutsche Bezeichnung hat man allgemein übernommen),
+sowie Volksschule (Popular-School), Grammar-School,
+High-School und Colleges oder Universitäten.
+<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/>Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist Erziehung
+zum Patriotismus. Da auch die Kinder sämtlicher
+eingewanderter Fremdvölker sofort für die Schule
+eingefangen werden, so bekommen auch die jungen, frisch
+importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen
+Juden, Syrer und Chinesen zunächst einmal den Grundsatz
+eingetrichtert, daß alles Amerikanische von unzweifelhafter
+Vortrefflichkeit sei. Die Verfassung der Vereinigten
+Staaten wird als höchste Leistung idealen demokratischen
+Bürgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist übrigens
+tatsächlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit,
+Sachlichkeit und edler, vernünftiger Menschlichkeit.)
+Die kurze, krause und an erziehlichen Heldenbeispielen
+nicht eben überreiche Geschichte des Staatenbundes
+gilt als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte
+der übrigen Welt dagegen als unbeträchtlich.
+So vernünftig und so schön nun auch dieser heiße Eifer
+in der Förderung der Vaterlandsliebe ist, so verführt er
+doch naturgemäß leicht zu ebenso gröblichen Fälschungen
+und Unterschlagungen von Tatsachen, wie bei uns etwa die
+konfessionell gefärbten Darstellungen der Kulturgeschichte.
+In einem sehr verbreiteten und hochgeschätzten Schulbuch,
+„<hi rend='italic'>History of the American Nation</hi>“ von Andrew C. Mc
+Laughlin, Geschichtsprofessor an der Universität von
+Michigan, das ich mir zu meiner eigenen Belehrung anschaffte,
+kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte
+Spalten umfassenden Index das Stichwort „<hi rend='italic'>German</hi>“
+gar nicht vor! Der große und rühmliche Anteil, den die
+eingewanderten Deutschen sowohl als Kämpfer in den
+nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den
+verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird völlig mit
+Stillschweigen übergangen und nur der Baron Steuben
+flüchtig als nützlicher militärischer Drillmeister erwähnt!
+<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/>Das ist ein etwas starkes Stück und will gar nicht dazu
+stimmen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit
+von dem Yankeevolke als vornehmster Grundsatz
+der häuslichen wie der öffentlichen Erziehungskunst
+laut verkündet wird. Man darf es wohl den Amerikanern
+glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande
+gewesen ist, um es durch die eigene Beobachtung genügend
+bestätigt gefunden zu haben, daß es ihrer Erziehung
+gelinge, feige Lüge und Heuchelei den Kindern schimpflicher
+erscheinen zu lassen, als selbst gefährliche Streiche
+des Übermuts und sogar Ausbrüche der Roheit. Der
+erwachsene Amerikaner lügt zwar, wenn es sein Vorteil
+erheischt, ärger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich
+dem Staate gegenüber, auch mit seinem Eide durchaus
+nicht genau – seine Lügenkünste werden sogar, wenn er
+Geschäftsmann und Politiker ist, als <hi rend='italic'>smartness</hi> bewundert
+– aber das amerikanische Kind fühlt sich nicht so leicht
+zur Lüge veranlaßt, weil es nicht in steter Furcht vor
+Prügeln und sauertöpfischen Mienen aufwächst. Auch
+die Schule läßt keinerlei Duckmäuserei aufkommen und
+straft z. B. den Angeber mit Verachtung, anstatt ihn
+aufzumuntern. Die ganze Pädagogik geht darauf aus,
+das Ehrgefühl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen.
+Sie ist außerordentlich verschwenderisch mit Preisen
+und schmeichelhaften Belobigungen und sie straft vornehmlich
+durch Beschämung. Dadurch, daß sie die
+Leistungen körperlicher Tüchtigkeit kaum minder hoch
+einschätzt als die geistige Befähigung, schafft sie auch
+für die minder Begabten, aber wenigstens körperlich
+gewandten und mutigen Schüler eine Möglichkeit, ehrenvolle
+Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schüler, die
+sowohl in den <hi rend='italic'>Athletiks</hi> wie in den Wissenschaften Hervorragendes
+leisten, kommen im Laufe der Schuljahre in
+<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/>den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen und
+Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bücherpreisen
+und dergl., und diese Trophäen aus der Schulzeit
+machen noch in höherem Alter den größten Stolz
+der Inhaber aus.
+</p>
+<note place="margin">Schülerverbindungen.</note>
+<p>
+Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern
+Disziplin beizubringen, denn die Abneigung gegen
+jeden Zwang liegt ihnen im Blute. Dazu pflegen sie im
+Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller
+und lebhafter, ungebärdiger und eigenwilliger zu sein,
+als die Kinder der meisten anderen Völker. Man stelle
+sich eine junge Lehrerin (die Lehrkräfte sind zum überwiegenden
+Teil weibliche) einer großen Klasse von tobsüchtigen
+Buben und ausgelassenen Mädels gegenüber
+vor. Schlagen darf sie nicht, auch wenn sie körperlich
+imstande wäre, diese wilden Rangen zu bewältigen.
+Wüstes Anschreien ist auch verpönt; wie soll sie also mit
+einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal
+erzählt in seinem Buche „Das amerikanische Volk“ ein
+hübsches Beispiel, wie solch eine schon fast verzweifelte
+junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde.
+Sie erklärte nämlich der radaulustigen Gesellschaft, sie
+habe es satt, sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern,
+sie möchten sich gefälligst allein regieren; sie gebe ihnen
+anheim, sich einen Präsidenten, einen Vizepräsidenten
+und was sonst für Beamte notwendig seien, aus ihrer
+Mitte zu wählen und mache dann diese selbstgewählte
+Regierung für Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich.
+Und siehe da, der angeborene <hi rend='italic'>common sense</hi>,
+d. h. der Instinkt für das Vernünftige, brachte diese
+schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung
+von oben dazu, den besten und gesittetsten Schüler der
+Klasse zum Präsidenten und den stärksten und
+gewalt<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/>tätigsten zum Vizepräsidenten zu erwählen. Der erstere
+suchte durch vernünftige Überredung einzuwirken, und
+der Vizepräsident, als Haupt der Exekutive, verprügelte
+eigenhändig die unbotmäßigen Elemente dergestalt, daß
+sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fügen. Die
+junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rühmen.
+Die Selbstverwaltung spielt überhaupt eine große Rolle
+im amerikanischen Schulwesen. Schülerverbindungen aller
+Art werden nicht wie bei uns unterdrückt, sondern im
+Gegenteil begünstigt. Die Lehrer unterweisen diese
+Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen
+Formen und wachen nur darüber, daß keine unziemlichen
+oder unsinnigen Ausschreitungen stattfinden. Der schlimme
+Anreiz zur frühzeitigen Nachahmung eines studentischen
+Saufkomments fehlt den Schülern der amerikanischen
+Mittelschulen vollständig, da ein solcher auf den Universitäten
+nicht existiert. Und so läuft die Haupttätigkeit
+aller Schülerverbindungen auf Sport und Spiel, vornehmlich
+auf die Nachäffung des politischen Lebens im kleinen,
+auf Übung im Redenhalten und Debattieren hinaus.
+Der Erfolg ist denn auch der, daß der junge Amerikaner
+des Durchschnitts zum mindesten die <anchor id="corr039"/><corr sic="rethorische">rhetorische</corr> Phrase
+außerordentlich geläufig beherrschen lernt und daß die
+hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzüglichen
+Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden.
+Der Lehrplan ist in den Elementarschulen durchaus
+auf das Praktische gestellt; es wird scharf gedrillt,
+viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder
+Mensch an Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig
+braucht, wird zuverlässig den im allgemeinen
+äußerst hellen und lernbegierigen Köpfen eingetrichtert.
+Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine höchst
+wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen
+<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/>Einwanderer durch deren Kinder erziehen läßt. Selbstverständlich
+erlernen diese die englische Sprache sehr
+viel rascher und gründlicher als die Eltern und werden
+dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu
+Lehrmeistern ihrer Eltern in bezug auf Körperkultur,
+Hygiene und Manieren. Jedes Kind, das nicht sauber
+gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt,
+wird seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das
+Nötige zur Behebung solcher Mängel sofort vorzunehmen.
+Die heimgeschickten Kinder fühlen sich so beschämt
+durch diese Maßnahme, daß sie es in den meisten Fällen
+auch bei Eltern, die einem Volke angehören, dem die
+Pflege des Drecks ein Gegenstand religiöser Überzeugung
+ist, durchsetzen werden, daß um der Schule willen Seife,
+Zahnbürste, Kamm usw. mit der der angelsächsischen
+Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders
+schwierigen Fällen begleiten wohl die Lehrerinnen
+die armen Kinder solcher Schmutzfanatiker heim und
+reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen der Eltern;
+oder die Angehörigen besonderer sozialer Hilfsvereine
+unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe.
+So lernen sich unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern
+schämen und bringen es noch auf ihre alten Tage über
+sich, dem Weidwerk auf den eigenen Köpfen nachzugehen
+und die ehrwürdige Patina des wärmenden Drecks, den
+sie aus Europa oder Asien über das Weltmeer mit hinüber
+gebracht haben, den ungemütlichen Idealen moderner
+Hygiene zu opfern.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/>
+<index index="toc" level1="Das Universitätsleben in der Union"/>
+ <index index="pdf" level1="Das Universitaetsleben in der Union"/>
+<head>Das Universitätsleben in der Union.</head>
+<note place="margin">Studentenverbindungen.</note>
+<p>
+Wer sich über die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen
+und der europäischen Kultur klar werden
+will, der möge sich nur ordentlich umsehen auf den Stätten,
+wo die geistigen Werte in gangbare Münze umgesetzt und
+die großen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt
+werden, nämlich – auf den Hochschulen. Wer in Deutschland
+akademischer Bürger gewesen ist, dem muß zunächst
+unfehlbar der große Unterschied zwischen hüben und
+drüben in der äußeren Erscheinung der Studenten und
+Studentinnen auffallen. Abgesehen davon, daß selbstverständlich
+der groteske Typus des Studiosus Süffel, des
+bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten,
+kreuz und quer zerhackten Backen, sowie
+auch die des hochmütig blasierten ultrapatenten Korpsstudenten
+fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach dem
+Typus unseres heißbeflissenen Jüngers der Wissenschaft
+um, nach den stubenbleichen Brillenträgern, den verträumten
+oder frühzeitig zergrübelten Denkerköpfen,
+deren Alter schwer bestimmbar und deren ungeschicktes,
+weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres
+Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch
+steht. Drüben sieht man nur frische, derbe Jungens und
+Mädels; die ersteren häufig noch bärenhaft tolpatschig,
+die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der früheren Reife
+ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede
+der Herkunft machen sich nur in der Kleidung bemerkbar
+und in der größeren oder geringeren Zierlichkeit der Gliedmaßen
+und Verfeinerung der Manieren. Im Ausdruck
+der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche
+Gleich<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/>artigkeit. Die Studierenden der beiden ersten Semester
+werden <hi rend='italic'>Freshmen</hi> genannt, der zweite Jahrgang <hi rend='italic'>Sophomors</hi>,
+der dritte Jahrgang <hi rend='italic'>Juniors</hi>, der vierte Jahrgang
+<hi rend='italic'>Seniors</hi>. Alle zusammen sind die <hi rend='italic'>Undergraduates</hi>,
+und was nach dem Graduieren, d. h. also nach
+dem Baccalaureats oder sonstigem Staatsexamen, noch
+weiter studiert, <hi rend='italic'>Postgraduates</hi>; als äußerliches Kennzeichen
+führen sie verschieden gefärbte Knöpfe auf ihren Oxfordbaretts
+oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School
+kommen sie zwischen 17 und 19 Jahren zur Universität
+oder in die Colleges; aber nicht, wie bei uns, tut
+nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der
+strengen Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern
+nur einen bedächtigen Schritt vorwärts von einer strengeren
+zu einer freieren Schulgattung, denn auch auf der Universität
+und im College sind die jungen Leute einer Disziplin
+unterworfen, die ihre persönliche Freiheit immerhin
+beschränkt. Sie wohnen in sogenannten <hi rend='italic'>Dormitories</hi>
+(Schlafhäusern), wo sie, je nach ihren Mitteln, einzeln
+oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten
+nehmen sie gemeinsam in einer großen Halle ein, wo sie
+für billiges Geld eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur
+Wasser zu trinken bekommen. An denjenigen Hochschulen,
+die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind
+für die Mädchen besondere Schlafhäuser und meist auch
+Speisesäle vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien,
+d. h. Sporthallen, und besondere Spielplätze; dagegen
+häufig gemeinsame Klublokale, wo sie Tanzvergnügungen
+abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder
+Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie
+nur in ihren Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften
+(<hi rend='italic'>Fraternities</hi> und <hi rend='italic'>Sororities</hi>). Diese letzteren
+nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein. Sie
+be<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/>zeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern
+mit Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die
+Anfangsbuchstaben eines Wahlspruchs sind, den sie meist
+mit drolligem Ernst als ein großes Geheimnis bewahren.
+Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen
+können sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder-
+oder Schwesternschaft leisten, denn diese Vereinigungen
+besitzen eigne Häuser, in denen sie, zum Teil sogar recht
+luxuriös, wie Gentlemen und Ladies der besten Gesellschaft
+zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die
+bescheidensten dieser Verbindungshäuser sind mit allen
+modernen Bequemlichkeiten behaglich und gediegen ausgestattet.
+Man sieht also auch aus dieser Erscheinung
+wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei
+immer wieder von dem natürlichen Drange des Menschen
+nach aristokratischer Absonderung durchbrochen wird;
+nur, daß es in der großen Republik ein selbstverständliches
+Gebot anständiger Gesinnung ist, Vorzüge der Geburt
+und des Besitzes nicht durch anmaßendes Wesen
+gegenüber den vom Glück weniger Begünstigten zum
+Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich jemals
+beobachten können, daß arme Studenten und Studentinnen,
+die sich durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste
+mühsam durchschlagen müssen, vor den
+Mitgliedern der reichen Verbindungen unterwürfig kriechen,
+oder daß jene sich diesen gegenüber einen überheblichen,
+unkameradschaftlichen Ton herausnähmen. In allen gemeinsamen
+Angelegenheiten halten die Studenten fest
+zusammen, und der Stolz auf ihre Alma mater äußert sich
+bei allen festlichen Gelegenheiten, namentlich bei den
+sportlichen Wettkämpfen mit anderen Hochschulen, in
+einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule
+hat einen besonderen <hi rend='italic'>Cheer</hi>, d. h. <hi rend='italic'>Hochruf</hi>, nach
+<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/>Rhythmus und Melodie verschieden. Und mit diesem
+Cheer werden die beliebten Professoren und die sportlichen
+Siege gefeiert, bei den großen Wettkämpfen muß
+er gleich dem Kriegsruf wilder Völkerschaften zur Anspornung
+des Kampfeifers dienen. Wer einmal – etwa gar
+in dem berühmten <hi rend='italic'>Stadion</hi> der zwanzigtausend Menschen
+fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem
+Fußballmatch zwischen Harward und Yale beigewohnt hat,
+wird zeitlebens den Eindruck nicht vergessen. Jede der
+beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in den
+Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Märsche
+zum besten gibt und während des Spiels jede bedeutsame
+Wendung, jede gute Augenblicksleistung des Einzelnen
+mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der beiden Musikkorps
+sind Angehörige der betreffenden Parteien aufgestellt,
+welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den
+<hi rend='italic'>College-Cheer</hi> intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd,
+meistens gänzlich unrhythmisch und unmusikalisch, den
+Tusch der Bläser dirigieren. Und dann fallen in diesen
+Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die
+anwesenden früheren Studierenden der betreffenden Universität
+und deren ganzer Anhang von Freunden und
+Verwandten im Publikum ein, und das mit einer Begeisterung
+und einem Kraftaufwand, daß dem unbeteiligten
+Fremdling darüber Hören und Sehen vergeht.
+Man springt auf die Bänke, man schwenkt Taschentücher
+und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen
+sich bei den Schultern und schütteln und stoßen sich, um
+einander aufmerksam zu machen auf spannende Momente
+oder sich zu größerer Begeisterung für die Sieger aufzurütteln.
+Und dabei sieht der Fremdling, der von dem
+Spiel nichts versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke
+eingehüllten Knäuel grotesk bekleideter Jünglinge,
+<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/>der sich balgend auf dem Boden wälzt, wobei ein Individuum
+dem andern die Rippen eintritt, mit den Fäusten
+den Wind ausbläst (<hi rend='italic'>to blow the wind out</hi>) oder die schweren
+Sportstiefel unter die Nase feuert, bis sich einer mit dem
+eroberten Ball unterm Arm aus dem wüsten Menschensalat
+herausarbeitet und in weiten Sprüngen, wie ein
+junger Hirsch, unter dem betäubenden Jubel von zwanzigtausend
+bis zur Tollheit begeisterten Landsleuten über
+den Kampfplatz stürmt.
+</p>
+<note place="margin">Sportliche Wettkämpfe.</note>
+<p>
+In diesen Wettspielen der höchst kultivierten
+Jugend Amerikas erlebt man staunend bei dem
+traditionslosesten aller Gegenwartsvölker eine höchst
+eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schönheit
+und Anmut der nackten Griechen fehlt freilich völlig bei
+dieser unförmlich wattierten, mit Lederkappen und Fausthandschuhen
+ausgerüsteten Yankeemannschaft, aber die
+leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese
+Kraft- und Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer
+nationalen Angelegenheit macht, kann auch im alten
+Hellas und im alten Rom nicht hinreißender gewesen sein.
+Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim
+Ballspiel das Nasenbein oder sonstige Extremitäten geknickt
+wurden, so stolz wie die Spartanerin, deren Knabe,
+ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten bis aufs
+Blut peitschen ließ.
+</p>
+<note place="margin">Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft.</note>
+<p>
+Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Tüchtigkeit,
+die übrigens keineswegs nur auf das männliche Geschlecht
+beschränkt ist, trägt sehr viel dazu bei, dem
+amerikanischen Studentenleben sein durchaus eigenartiges
+Gepräge zu verleihen. Ich habe mir des öfteren erlaubt,
+amerikanischen Studenten gegenüber meinem Zweifel
+Ausdruck zu geben, daß diese Helden der Arena, diese
+Champions der Ballschläger, Ruderer, Wettläufer und
+<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/>Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer wissenschaftlichen
+Anstalt seien, habe aber fast regelmäßig die
+Antwort bekommen, daß meine Zweifel durchaus unbegründet,
+vielmehr unter den hervorragenden Athleten
+häufig auch die tüchtigsten wissenschaftlichen Begabungen,
+zum mindesten aber die fleißigsten Büffler zu finden
+seien. Weit weniger sichere und selbstbewußte Antworten
+dagegen erhielt ich, wenn ich amerikanische Studenten
+nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar nach ihrer
+Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hieß es
+meist: „Ach, darüber zerbrechen wir uns vorläufig den
+Kopf nicht. Wenn wir unser Examen gemacht haben,
+schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti
+oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung
+in Aussicht.“ Ein anderer sagt: „O, ich trete einfach in
+das Geschäft meines Vaters ein, da brauche ich keine
+andere Weltanschauung als die eines Gentlemans.“ Da
+die englische Sprache keinen präzisen Ausdruck für Weltanschauung
+kennt, so ist es überhaupt sehr schwer, einem
+jungen Amerikaner begreiflich zu machen, was man damit
+meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen Volkes
+sitzt ihm so tief im Geblüt, daß er kaum begreift, wie man
+sich von Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit
+der bestehenden Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen
+machen könne. Er fühlt nicht den mindesten
+Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu üben,
+weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb
+seiner jungen Erfahrung überall bestätigt findet, daß
+für einen Bürger der Vereinigten Staaten überall Raum
+und Gelegenheit zur erfolgreichen Betätigung seiner
+Kräfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung
+ist unzweifelhaft gesund für Leib und Seele – aber für
+die wissenschaftliche Erkenntnis ist sie nichts weniger
+<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>als förderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem
+Gegebenen bleibt eben kein Platz für den fruchtbaren
+Zweifel und für die Unersättlichkeit des Forschers. Den
+amerikanischen Studenten im allgemeinen interessiert
+nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare praktische
+Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt
+aller amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule
+an, darauf eingerichtet ist, dem jungen
+Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach seine natürlichen
+Instinkte sich freudig drängen, so sind auch die
+Universitäten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu züchten,
+sondern ihre Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen
+den letzten Schliff, das <hi rend='italic'>refinement</hi> der höheren Kultur und
+den Fachstudien jene Vertiefung zu geben, die sie im
+praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische
+Student glaubt an sein Lehrbuch und schwört auf die
+Worte seines Lehrers. Er lernt fleißig, ohne sich von
+Zweifeln beirren zu lassen, und beschränkt sich auf die
+Fächer, die ihm für seinen künftigen Beruf als notwendig
+vorgeschrieben sind. Überflüssige Wissenschaften nimmt
+er nur eben so mit, sofern er die Eitelkeit besitzt, als
+Schöngeist zu glänzen, und um sich von den Damen seines
+Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den
+Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch
+keineswegs der Ehrgeiz, den Prometheusfunken schöpferischen
+Instinktes, der etwa in den jungen Köpfen seiner
+Hörer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen
+und die Methoden selbständiger wissenschaftlicher
+Forschung diesen zukünftigen Bahnbrechern nahezubringen.
+Er begnügt sich meistens damit, sein Fachwissen
+der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und
+Aufgabenstellen dafür, daß sie sich dies Fachwissen
+gründlich einprägen. Er ist daher in weitaus den meisten
+<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/>Fällen nach unseren Begriffen selber gar kein Gelehrter,
+sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein
+Experte, ein Korrepetitor. Unter den überaus zahlreichen
+Professoren deutscher Abstammung, die es drüben als
+Universitätslehrer zu großem Ansehen gebracht haben,
+finden wir daher so manchen, der sich niemals wissenschaftlich
+betätigt hat und als einfacher Töchterschul-,
+Real- oder Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen
+sich solche bescheidene Handlanger der Wissenschaft
+drüben als gute Pädagogen, bei denen die Kinder gern
+und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu Hochschullehrern
+aufzurücken. Anstandshalber pflegen sie
+dann einen Leitfaden, ein Kompendium oder eine populäre
+Darstellung ihres speziellen Wissensgebietes zu verfassen.
+Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten der Professoren
+durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme.
+Die meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder
+Erzeugung und pauken dies gewissenhaft den Schülern
+ein. Schüler bleiben die Studenten ja in der Tat, bis sie
+ihren akademischen Grad erreicht haben. Der <hi rend='italic'>Freshman</hi>
+birgt in seinem Schädel keineswegs jene beängstigende
+Masse verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein
+der deutsche Schüler im Abiturientenexamen nachweisen
+muß. In den philologischen Fächern, namentlich
+in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen
+eines deutschen Untersekundaners; in den modernen
+Sprachen, in Geschichte und Geographie weiß er vielleicht
+so viel, daß er bei uns das Einjährigenexamen bestehen
+könnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also eine
+humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum
+unserer Obersekunda und Prima erst auf der Universität
+durch; die übrigen werfen sich von vornherein auf das
+Fach, aus dem sie später ihren Beruf zu machen gedenken.
+<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/>Es gibt besondere Drillanstalten für Juristen, für Mediziner,
+für Theologen – die letzteren werden von den
+einzelnen Denominationen (Sekten) auf eigne Kosten
+unterhalten. Am stärksten besucht und am glänzendsten
+ausgestattet sind die Institute für die technischen Berufe,
+die chemischen und physikalischen Laboratorien, die
+Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen
+für den Anschauungsunterricht der Geologen,
+Zoologen, Landwirte, Architekten usw. usw. Weitaus die
+meisten Universitäten sind im Grunde nichts anderes als
+technische Hochschulen, an welche eine philosophische
+Fakultät, eine juristische, medizinische oder theologische
+Fachschule angegliedert sind, ganz ähnlich wie ja auch
+bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen über
+Nationalökonomie, Literatur und Kunstgeschichte, über
+Philosophie und dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde
+Gegenstände gehalten werden. Es ist ja sehr
+begreiflich, daß vorläufig noch die weitaus überwiegende
+Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika
+sich nach den Berufen drängt, welche noch auf lange Zeit
+hinaus die größte praktische Bedeutung haben werden. Für
+Hoch- und Tiefbauingenieure, Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure,
+Geologen, Schiffsbauer, Chemiker gibt es
+selbstverständlich in dem Riesenkontinent mit den großen,
+noch unerschöpften Möglichkeiten der Ausbeutung viel
+mehr zu tun, als für die Vertreter der reinen Geisteswissenschaften.
+Man hegt trotzdem eine an Ehrfurcht grenzende
+Hochachtung für die seltsamen Idealisten, welche, anstatt
+ihre Schöpfkellen unter die zurzeit noch üppig sprudelnden
+Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten
+Betrachtungen stillen, und statt nach blanken
+Metalladern nach Regenwürmern graben. Es gibt auch in
+Amerika wunderliche Käuze, die imstande sind, sagen
+<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/>wir über das Alpha privativum im Griechischen dicke
+Wälzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der
+Erforschung irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte
+zu opfern, an dessen Aufhellung keinem modernen Menschen
+das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar solche
+Käuze – sie sind übrigens fast alle Deutsche – sehr gut
+und ist besonders stolz auf ihren Besitz – aus demselben
+Grunde, aus welchem man unerhörte Summen aufwendet, um
+allen möglichen alten Trödel aus Europa neben wirklichen
+Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und öffentlichen
+Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der
+Alten Welt beweisen, daß man sich in der Neuen den Luxus
+der Reliquienverehrung auch leisten könne und daß man
+keineswegs den übeln Ruf verdiene, ein Volk von Emporkömmlingen
+zu sein, das nur für materielle Dinge Achtung
+und Verständnis besitze.
+</p>
+<note place="margin">Postgraduates.</note>
+<p>
+Es ist charakteristisch, daß es drüben Privatgelehrte
+wohl überhaupt nicht gibt. Wer wirklich gelehrte Studien
+treibt, seien es auch solche, deren praktischer Wert nicht
+ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer Universitätsstellung
+seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur
+als sorgfältig unter Glas verwahrte Rarität. Es gibt also
+auch kein gelehrtes Proletariat, und das scheint mir denn
+doch ein Vorzug zu sein, um welchen wir das junge Land
+nur beneiden können. Jeder akademische Bürger ist
+imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule
+erworben hat, später praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte
+braucht nicht seinen Eltern bis in seine 30er Jahre
+hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt, der Rechtsanwalt,
+der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde findet,
+braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern
+sich nur einen Stoß zu geben und die Annehmlichkeiten
+einer östlichen Großstadt mit der Langenweile eines
+wild<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>westlichen Standquartiers zu vertauschen, so wird er
+auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben
+Geschäftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernünftiges.
+Seine Bildung braucht ihm dabei nicht hinderlich zu sein.
+Handel, Industrie und Landwirtschaft schicken ihre
+Söhne scharenweise auf die Universitäten, um sich dort
+allgemeine Bildung und nützliche Spezialkenntnisse zu
+erwerben. Das für die eigentliche wissenschaftliche
+Forschung in Betracht kommende Studentenmaterial
+bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Übrigens
+finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen
+Lehrtätigkeit widmen wollen, als <hi rend='italic'>Postgraduates</hi>
+auch in Amerika reichlich Gelegenheit, ihre Studien zu
+vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt weder an hervorragenden
+Kapazitäten in fast allen wissenschaftlichen
+Fächern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal
+sind überaus reich ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher
+Eifer sich auf Gebiete werfen, die in der Heimat
+noch zu wenig angebaut sind, so finden sie sicher Mäzene,
+die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermöglichen,
+wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten.
+</p>
+<note place="margin">Der Professor im öffentlichen Leben.</note>
+<p>
+Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die
+Frische und Freudigkeit, die uns bei der amerikanischen
+akademischen Jugend so vorteilhaft auffällt, die glückliche
+Folge der Klarheit und Sicherheit aller Verhältnisse
+drüben ist. Der junge Mensch kommt nicht als überfüttertes
+Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er
+hat nicht seine schönsten Jugendjahre an eine erzwungene
+Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht einzusehen vermochte,
+und hat nicht seinen Charakter verdorben durch
+ohnmächtiges Zähneknirschen wider ein verhaßtes System
+und deren lebendige Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem
+Vertrauen seinen Lehrern entgegen und braucht
+<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/>sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu quälen:
+wozu büffelst du nun eigentlich noch immer weiter?
+Wird dir dein Wissen auch ein sicheres Auskommen gewähren,
+oder wird die einzige Vergeltung für dein höheres
+Streben darin bestehen, daß du einst als abgetriebener
+alter Karrengaul an der Staatskrippe ein dürftiges Gnadenbrot
+findest? Wenn schon jeder gewöhnliche Amerikaner
+durch das Bewußtsein, daß ihm alle Wege offen stehen,
+zur höchsten Anspannung seiner Kräfte angefeuert wird,
+so muß dieser Auftrieb natürlich noch viel stärker sein bei
+den jungen Auserwählten der Nation, die ja den Wettlauf
+um die höchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen
+näher an diesem Ziele beginnen. Der nicht akademisch
+gebildete Amerikaner schaut mit stolzer Verehrung zu
+jedem jungen <hi rend='italic'>Harvard-Yale-Columbia-Cornellman</hi> wie zu
+einem höheren Wesen auf, denn er weiß, daß diese
+strammen Burschen einst die Richter, die Ärzte, die Gesetzgeber
+seiner Kinder sein und daß ohne Zweifel geniale
+Erfinder, Kulturförderer großen Stils, auch wohl Präsidenten
+der Vereinigten Staaten darunter sein werden.
+Die hohe Wertschätzung des akademischen Wissens
+findet vielleicht ihren schönsten Ausdruck in der Bereitwilligkeit,
+mit welcher zu Reichtum gelangte Leute aus
+einfachsten Verhältnissen fürstliche Stiftungen für wissenschaftliche
+Zwecke machen. Sobald eine Universität in
+Verlegenheit ist, woher sie das Geld beschaffen soll für
+notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer Bibliotheken
+und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr
+Rektor, dort Präsident genannt, nur ein paar notorische
+Millionäre der Stadt oder des Staates aufzusuchen, und er
+kann sicher sein, binnen kurzem die nötige Summe zusammenzubringen.
+Unsere Großindustriellen spenden ihre
+Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schöne
+<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/>Orden zu bekommen; drüben sind sie zufrieden, wenn ein
+Collegegebäude, ein Laboratorium, eine Klinik ihren Namen
+trägt. Der Holzhändler Cornell hat die nach ihm genannte,
+jetzt hoch berühmte Universität von Ithaka ganz und
+gar aus eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und
+dieses Beispiel hat so eifrige Nachahmung gefunden, daß
+heute schon die wissensdurstigen jungen Leute selbst der
+unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere
+Heimat zu verlassen brauchen, um höheren Studien obzuliegen.
+Es gibt jetzt schon eher zu viel als zu wenig Universitäten
+und Colleges<note place="foot">Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer
+zu umgrenzen. Professor Münsterberg von <sic>Havard</sic> definiert ihn dahin,
+daß sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universität
+dagegen mit dessen kritischer Würdigung und mit exakter Forschung
+beschäftigen soll, doch fließen die Grenzen schon deshalb oft ineinander,
+weil eben an den meisten Universitäten auch noch nicht viel von selbständiger
+Forschung und wissenschaftlicher Systematik zu finden ist.</note>. Die große Wertschätzung
+akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes äußert
+sich manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaßen
+naiv erscheint. Die Amerikaner haben alle Resultate der
+wissenschaftlichen Forschung der ganzen Welt fertig
+herüber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast ausschließlich
+auf deren praktische Verwertung hinaus;
+folglich erscheint dem gemeinen Mann jeder Professor
+als ein moderner Hexenmeister, dessen Zauberkünsten
+alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische
+Lehrer in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie
+in Europa. Während z. B. in England der Gelehrte noch
+mehr wie bei uns in seinem Wirkungskreis als Lehrer und
+stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird er in den Vereinigten
+Staaten als sachverständiger Berater und tätiger
+Mitarbeiter zu allen öffentlichen Angelegenheiten
+heran<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/>gezogen. Er schreibt fleißig für die Tageszeitungen, er
+hält populäre Vorträge, er beteiligt sich an der Politik und
+wird gern von der Regierung zu wichtigen diplomatischen
+Betätigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew
+D. White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl
+weg direkt auf einen Gesandtschaftsposten berufen wurde.
+Man sieht also nicht im Gelehrten einen weltfremden,
+in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der Tat,
+dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig
+erweitert haben muß.
+</p>
+<note place="margin">Akademische Vergnügungen.</note>
+<p>
+Eine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes
+Teil dazu beiträgt, die geistige und leibliche Gesundheit
+der studierenden Jugend zu fördern, ist die, daß man die
+Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit landschaftlich
+schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberühmten
+Universitäten von Boston, New York, Philadelphia,
+Baltimore, Washington und Chicago sind alle Hochschulen
+auf dem Lande. Der <hi rend='italic'>Campus</hi>, d. h. das Gelände
+der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften,
+mit Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend beherrschen,
+und auf denen noch ein üppiger alter Baumwuchs
+der schändlichen Waldvernichtung der ersten Ansiedler
+entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng
+aneinander gedrängt, sondern in den wohlgepflegten
+Parkanlagen weit zerstreut, so daß die Studierenden auf
+dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich
+Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller
+Art Sport ist selbstverständlich überall reichlich gegeben,
+wie man sich denn überhaupt einen Studenten, der nicht
+rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht vorstellen
+kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ablenkung
+oder gar gefährliche Versuchung für die jungen
+Leute. Was sie brauchen an edler geistiger Zerstreuung,
+<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/>an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich selbst
+in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern
+und festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang-
+und Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft
+der Universität herum und verdienen sich ein
+hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht selten dazu
+verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen
+zu lassen und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl
+gar hauptstädtische Theatertruppen und Sinfonie-Orchester.
+So ziehen beispielsweise die Lehrer und bevorzugten
+Schüler der Berkley-University von Kalifornien
+alljährlich in den Sommerferien in den Urwald, leben dort
+wochenlang in Zelten und Blockhütten, die zum Teil im
+Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia gigantea)
+errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die
+Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele
+unter freiem Himmel. <hi rend='italic'>Bohemian Jinks</hi> nennen sie diese
+Freilichtspiele (etwa „zigeunerische Luftsprünge“ zu übersetzen),
+für die sie aus eignen Kräften Dichtung, Musik,
+Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen
+Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens
+verbannt, und es werden daher nach antiker Weise bei den
+Spielen die Frauenrollen von jungen Männern dargestellt.
+Im übrigen sorgt die an den meisten Hochschulen bestehende
+<hi rend='italic'>Coeducation</hi> (kurz <hi rend='italic'>Coed</hi> genannt) dafür, daß die
+jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern
+die guten Manieren im geselligen Verkehr nicht verlernen.
+Die Studentinnen pflegen ihr eignes Gesellschaftshaus
+mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom
+zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch
+umgekehrt die jungen Herren die Studentinnen zu ihren
+Unterhaltungen heranziehen. Fast jeder Student hat
+wohl unter den Kommilitoninnen sein <hi rend='italic'>best girl</hi>, mit dem er
+<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>„geht“, wie man bei uns sagen würde. Diese Kameradschaften
+sind aber durchaus harmloser Natur, haben
+nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der <hi rend='italic'>collage</hi> des
+französischen Studenten und verpflichten auch keineswegs
+zu standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren
+wissen nie etwas von sittlichen Gefahren
+dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen
+schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen
+Niveau wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme
+auf die weiblichen Studenten zu.
+</p>
+
+<p>
+Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel
+besser als an den gemischten Universitäten. Ich wüßte
+nicht, wo ein junges Mädchen mit starkem Bildungsdrange
+in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in Wellesley-College
+bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser
+Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die
+schier fabelhaften Bildungsmöglichkeiten, die hier den
+Töchtern der Neuen Welt geboten werden. 17 männliche
+und 137 weibliche Professoren, Dozenten und Assistenten
+lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um
+aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Englischen
+3, in Geschichte 1, in Mathematik 3, Latein 4,
+einer zweiten Sprache 3, einer dritten Sprache 1 und in
+Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die
+Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre,
+die der Schüler, bei durchschnittlich 5 wöchentlichen
+Stunden, auf den betreffenden Gegenstand verwendet
+haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein
+Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend
+ausgenutzt habe. Um einen Begriff von der Reichhaltigkeit
+der wissenschaftlichen Speisekarte zu geben, will ich
+hier nur die in der germanistischen Abteilung angekündigten
+Vorlesungen aufzählen:
+</p>
+
+<pb n='57'/><anchor id='Pg057'/>
+
+<note place="margin">Wissenschaftliche Speisekarte für Damen.</note>
+<table rend="tblcolumns: 'r lw(60m)'; latexcolumns: 'rp{6.5cm}'">
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">1.</cell>
+ <cell>Elementarkursus, Grammatik, Übungen im
+Sprechen, Lektüre, Auswendiglernen von
+Gedichten.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">2-4.</cell>
+ <cell>Vorbereitungskurse für deutsche Literaturgeschichte.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">5.</cell>
+ <cell>Repetitions- und Erweiterungskurs für Grammatik
+und Stil.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">6.</cell>
+ <cell>Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen
+im mündlichen und schriftlichen Ausdruck.
+Kritische Betrachtung deutscher, in Amerika
+erschienener Texte.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">7.</cell>
+ <cell>Übungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluß
+an die Literaturgeschichte.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">8.</cell>
+ <cell>Geschichte der deutschen Sprache.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">9.</cell>
+ <cell>Umrisse der deutschen Literaturgeschichte
+(Götter- und Heldensagen).</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">10.</cell>
+ <cell>Goethes Leben und Werke.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">11.</cell>
+ <cell>Das Drama des 19. Jahrhunderts.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">12.</cell>
+ <cell>Der deutsche Roman.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">13.</cell>
+ <cell>Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis
+Hans Sachs.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">14.</cell>
+ <cell>Literaturgeschichte bis Goethe.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">15.</cell>
+ <cell>Mittelhochdeutsch.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">16.</cell>
+ <cell>Die romantische Schule.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">17.</cell>
+ <cell>Lessing als Dramatiker und Kritiker.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">18.</cell>
+ <cell>Schiller als Philosoph und Ästhetiker.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">19.</cell>
+ <cell>Goethes Faust.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">20.</cell>
+ <cell>Schillers Leben und Werke.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">21.</cell>
+ <cell>Stilübungen.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">22.</cell>
+ <cell>Gotisch.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">23.</cell>
+ <cell>Die deutsche Lyrik und Ballade.</cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell rend="text-align: right">24 u. 25.</cell>
+ <cell>Studien zur modernen deutschen Sprache.</cell>
+ </row>
+</table>
+
+<pb n='58'/><anchor id='Pg058'/>
+<note place="margin">Typus der Studentin.</note>
+<p>
+Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische
+Sprache und Literatur, 21 über Geschichte, 29 über Hygiene
+und körperliche Ausbildung, wobei Tanzen, Schwimmen,
+Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind.
+Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und
+Literatur, 11 über reine und 5 über angewandte Mathematik,
+18 über Musik, 29 über Philosophie und Psychologie,
+19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über Astronomie
+usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keineswegs
+nach ihrem Belieben an all diesen Herrlichkeiten
+naschen, sondern der Studiengang ist ihnen vorgeschrieben,
+und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen vordringen,
+bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben,
+daß ihnen die niederen Grade geläufig sind. Damit sie
+aber frisch und bei guter Laune bleiben, haben sie reichlich
+Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser zu tummeln
+und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im
+Freien und auf der eignen niedlichen Bühne des Shakespearehauses
+nach Herzenslust zu vergnügen, auch nach
+dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren, so
+oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen
+Damen aus reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities
+angehören, ihre eignen Häuser innerhalb des Campus, die
+als griechische Tempel oder als Cottages sich darbieten. Das
+Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch
+das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die
+technischen Fächer sowie auch Medizin, Juristerei und
+Theologie existieren nicht an dieser Akademie, die sich
+also darauf beschränkt, den jungen Damen eine humanistische,
+expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung
+zu vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch
+nur einigermaßen der landschaftlichen Schönheit der Umgebung
+und der Vortrefflichkeit aller praktischen
+Ein<pb n='59'/><anchor id='Pg059'/>richtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das
+gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht.
+Und Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt
+dieser Art, sondern es gibt deren noch mehrere, die
+nicht minder reich ausgestattet und stark besucht sein
+sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller
+Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der
+Typus der derb gesunden, ein bißchen starkknochigen,
+rundlichen Farmer- und Bürgertöchter der städtischen
+Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit <hi rend='italic'>Coed</hi>.
+Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den
+Töchtern der vornehmeren Kreise vorgezogen. Es ist
+auffallend, wie selten selbst unter diesen letzteren die
+spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt
+daher, daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf
+für sich betrachtet, als ein Kapital, das unter allen Umständen
+sich reichlich verzinst. Die jungen Schönheiten
+suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des
+Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten
+Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt
+der Amüsierlinge begnügt, kann man sich allerdings ohne
+die Kenntnis antiker Sprachen und ohne philosophische
+Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das
+amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen
+Höhe des englischen, dagegen noch beträchtlich unter der
+des französischen und deutschen Konversationstones der
+sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann man
+von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft
+zwischen Mann und Weib besteht, ohne weiteres
+voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit gebildeten
+Menschen reden dürfe – und man wird sich selten enttäuscht
+sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen
+daran liegt, ihren strebsamen Töchterchen, ohne sie gerade
+<pb n='60'/><anchor id='Pg060'/>zu Gelehrten zu machen, eine solide weltläufige Bildung
+zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen
+Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von
+dort nichts anderes mitbringen sollten, als einen abgehärteten
+geschmeidigen Körper, vernünftige Lebensanschauungen
+und eine Ahnung von allerlei wissenswerten
+Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als
+was die üblichen Pensionate der französischen Schweiz
+oder die Klosterschulen für die vornehme Welt ihnen zu
+bieten pflegen.
+</p>
+<note place="margin">Das deutsche System.
+Bildungsdrang des Volkes.</note>
+<p>
+Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerikanische
+Unterrichtssystem, und besonders das der Universitäten,
+gerade für uns sehr viel Nachahmenswertes zu
+enthalten. So will es mich ungemein vernünftig bedünken,
+daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin zwischen
+dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18.
+und 20. Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende
+Kraft des ungebärdigen Jünglings bezw. des lebenshungrigen
+Mädchens nicht sofort in eine schrankenlose
+Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit
+echtem Wohlwollen und Verständnis für die Jugend
+geleitet wird. Es ist überaus bezeichnend, daß, wie die
+kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete Umfrage bei
+einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher bewiesen
+hat, außer den späteren Philologen und einigen
+ganz wenigen Staatsmännern und Theologen, fast sämtliche
+Gefragten ihre Gymnasialzeit für die schrecklichste
+Erinnerung ihres Lebens erklärten; wogegen umgekehrt
+in Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf
+seine Schüler- und Studentenzeit als auf die schönste
+seines Lebens zurückblickt. Mögen unsere höchsten Lehranstalten
+immerhin mit Fug und Recht sich für die besten
+Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer
+<pb n='61'/><anchor id='Pg061'/>acht gelassen werden, daß von den Tausenden und Abertausenden
+von Abiturienten, die alljährlich unseren Universitäten
+zustreben, doch nur eine verhältnismäßig
+kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in
+sich trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche
+Universität die denkbar beste Anleitung zum eignen
+Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten willen
+aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische
+gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen
+Gedanken, wohl aber viel nützliche Lebensarbeit herauszuholen
+wäre, durch ein System vergewaltigt, das notwendig
+in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes Schrecknis
+bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser,
+es ist auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich
+in den Köpfen der Auserwählten einnistet, der die herrschenden
+Klassen in eine dumme Volksfeindschaft hineintreibt
+und gänzlich schiefe Lebensanschauungen in ihnen
+groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel
+hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt.
+Sollte nicht schließlich ein junges Geschlecht von frohen,
+für die höchsten Berufe der Gegenwart gut ausgerüsteten
+Akademikern auch unserer Nation von größerem Werte
+sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und verunglückten
+Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch
+eine teilweise Amerikanisierung unseres Systems von
+unseren alten Vorzügen nichts einbüßen würden. Methodik
+und Systematik der exakten Forschung werden, ebenso
+wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen
+Betriebe, stets eine Besonderheit des deutschen Universitätslehrers
+und Studenten bleiben, einfach weil die
+Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die
+Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen
+Philosophen, Dichter, schöpferischen Forscher
+hervor<pb n='62'/><anchor id='Pg062'/>gebracht, weil ihr Schulsystem zu diesem Zweck nichts
+taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als Volk,
+bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten
+Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition
+und bei der starken Inanspruchnahme aller geistigen
+Kräfte durch rein praktische Aufgaben überhaupt noch
+gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener Richtung
+Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft
+und eine nationale Kunst werden erst zu verlangen sein,
+wenn aus den verschiedenartigen Völkerschaften der
+Vereinigten Staaten wirklich eine neue Rasse geworden und
+die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan sein wird,
+daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den
+vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann
+viel Spreu hinweggefegt werden, aber an dem System
+des Hochschulbetriebes schwerlich viel geändert werden
+müssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der Studierenden
+werden selbstverständlich gleichen Schritt halten
+mit denen der Lehrenden. Der einzige amerikanische
+Philosoph, dessen Ruf bisher durch die ganze Welt geklungen
+ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein hohes
+Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner
+vornehmen Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen,
+fruchtbaren Gedanken; für Amerika ist Emersons Philosophie
+aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die beliebten
+demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es
+wird aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen
+Vorurteile nur noch bei der Masse zu finden sein werden,
+und wo die Freiheit der wissenschaftlichen Kritik sich
+überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt gebieten läßt,
+auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können
+wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es
+große Künstler und originale Denker hervorbringe. In
+<pb n='63'/><anchor id='Pg063'/>den regsamsten Köpfen, in den tiefsten Gemütern dieses
+Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach
+jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr
+nur die Resultate europäischer Arbeit nützlich verwenden,
+sondern selber Finder neuer Wege und Setzer neuer Ziele
+werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf, welchen
+die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vorträge
+der Wanderredner und besonders gemeinnützige
+Institute, wie die Sommerschule in Chautauqua finden,
+wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel wissensdurstige
+Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig
+den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen.
+Wir Europäer werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert
+oder noch länger unseren Vorrang des weisen
+Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen
+Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung
+liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß
+man von der Jugend immer lernen kann! Wenn wir das
+tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber schwerlich
+jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann
+keinen verhöhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr
+einen guten Kameraden besitzen, der uns in gleichem
+Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben Höchstzielen
+wahrer Kultur nach.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='64'/><anchor id='Pg064'/>
+<index index="toc" level1="Öffentliche und private Moral"/>
+ <index index="pdf" level1="Oeffentliche und private Moral"/>
+<head>Öffentliche und private Moral.</head>
+
+<p>
+Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten
+Staaten beklagen sich allgemein darüber, daß
+sie gezwungen seien, ihre Berichte den Vorurteilen der
+deutschen Zeitungsleser zuliebe zu färben und so dazu
+beizutragen, daß diese Vorurteile in Deutschland nicht
+aussterben. Daß sie Unglücksfälle nur kabeln dürfen,
+wenn sich über zehn Tote ergeben haben, ist ja eine ganz
+weise Beschränkung, aber daß sie sich genötigt sehen,
+immer nur sensationelle Fälle von wüster Korruption in
+der Politik, in der Rechtsprechung, im Gebaren der
+großen Truste, offenbare Verrücktheiten und groteske
+Reklamemanöver auf den Gebieten des Erfindungswesens,
+des Handels und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft,
+sowie schließlich gröbste Familienskandale aus der Welt
+der Milliardäre zu berichten, das ist doch recht bedenklich.
+Selbstverständlich sind gerade die guten Bürger
+jeder Nation überzeugt, daß die allgemeine Ordnung der
+Dinge, die öffentliche wie die private Moral in ihrem
+Lande besser sei als in irgend einem anderen; aber es tut
+doch nicht gut, diese natürliche Neigung zur Ungerechtigkeit
+durch die Presse, als durch das berufene Organ der
+öffentlichen Aufklärung, zu unterstützen; denn die Unterschätzung
+fremder und noch dazu rasseverwandter Völker
+kann unter Umständen doch recht üble Folgen haben.
+Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren
+gut aufgemacht und aufmerksam zugehört hat, wenn er
+wohlunterrichtete Leute drüben die Verhältnisse besprechen
+hörte, gestattet, mein bescheidenes Teil zur
+<pb n='65'/><anchor id='Pg065'/>Aufklärung über die wichtige Frage der öffentlichen und
+privaten Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen.
+</p>
+<note place="margin">Geschäftspolitiker.
+ <lb/>Achtung vor den Gesetzen?</note>
+<p>
+Die Korruption in der Politik ist ein öffentliches Geheimnis
+und wird von niemandem geleugnet. Sie ist eine
+notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl der republikanischen
+Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung
+des Landes und besonders des Umstandes, daß sich alle vier
+Jahre verfassungsgemäß ein Wechsel in den Personen der
+Machthaber vollziehen muß. Daß jeder neue Präsident,
+Gouverneur, Bürgermeister usw. seine guten Freunde und
+Verwandten in die einträglichsten und einflußreichsten
+Stellungen zu bringen versucht, ist menschlich begreiflich,
+und man braucht sich darüber nicht weiter zu entrüsten;
+aber die ebenso selbstverständliche Folge, daß der politische
+Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf
+fortwährend in Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschäftigten
+Staatsbürger natürlich unmöglich, den politischen
+Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern. Er
+muß notgedrungen diese Betätigung Leuten überlassen, die
+daraus einen Lebensberuf machen. Und so ergibt sich
+mit Notwendigkeit die Existenz der Geschäftspolitiker. Da
+selbstverständlich diese, die sogenannten Bosse, nicht vom
+Staat oder von der Gemeinde besoldet werden können,
+so schaffen sie sich ihre Einkünfte dadurch, daß sie sich
+für die Unterstützung bei Wahlen, für die Erlangung
+von öffentlichen Ämtern, von Privilegien und Konzessionen
+aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl
+ohne weiteres ein, daß sich nicht die Blüte der Nation,
+sondern nur machthungrige und geldgierige Streber zu
+diesem politischen Agenturgeschäft hergeben, und daß
+diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben,
+dem intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten
+zum Siege zu verhelfen, sondern demjenigen, der
+<pb n='66'/><anchor id='Pg066'/>am meisten zahlt. Da es nur zwei große politische Parteien,
+Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle
+vier Jahre die Chance eines völligen Systemwechsels
+durch den Sieg der Gegenpartei gegeben. Dann werden
+alle kommunalen Ämter, die ganze Beamtenschaft, vom
+Präsidenten bis zum Ofenheizer im Weißen Hause, an
+die Anhänger der siegreichen Partei vergeben. Wer den
+richtigen Boß am besten geschmiert hat, bekommt das
+Amt. Es ist klar, daß bei solchem System Staat und
+Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte
+für noch schlechtere einzutauschen, und daß die öffentliche
+Moral dadurch schändlich verdorben wird. Trotz
+alledem wird auch bei uns niemand leugnen wollen, daß
+die Vereinigten Staaten bisher noch immer tüchtige, zum
+mindesten doch anständige Präsidenten gehabt haben,
+und daß in die obersten Stellungen wenigstens sehr
+selten oder nie ganz minderwertige Personen gelangt
+sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn
+man den hochentwickelten <hi rend='italic'>common <sic>sens</sic></hi>, den gesunden
+Menschenverstand der führenden angelsächsischen Rasse
+in Betracht zieht. Der anständige Geschäftsmann und
+die höher gebildeten Klassen überhaupt kümmern sich
+um das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar
+nicht und ertragen mit dem glücklichen Gleichmut und
+dem guten Humor der Yankeerasse die tausenderlei
+offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die
+durch die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken,
+daß die Bosse irgend etwas im Schilde führen, was gegen
+den guten Ruf des Staates, gegen die Sicherheit des
+Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der
+Verfassung geht, so tun sich ein paar einflußreiche Leute
+von tadellosem Leumund zusammen – die führenden
+Deutschen sind immer bei dieser Anstandspartei zu
+<pb n='67'/><anchor id='Pg067'/>finden – und klären durch geeignete Maßnahmen die
+Massen der Wähler über den Unfug auf, der verübt werden
+soll. Und siehe da: immer gelingt es der Wucht der öffentlichen
+Meinung, wenigstens die gröbsten Schandtaten zu
+verhindern, die unmöglichsten Kandidaten beiseite zu
+schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren
+und anerzogen; die Verfassung der Vereinigten Staaten
+wird als ein unübertreffliches Werk genialer Einsicht
+verehrt, und alle Gesetze, die das souveräne Volk durch
+seine Erwählten in den Einzelstaaten machen läßt, werden
+für vorzüglich gehalten. Das ewig verdrossene Nörgeln
+an den Gesetzen und öffentlichen Einrichtungen, jenes
+höchste Vergnügen des deutschen Bierbankpolitikers,
+kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze
+und fügt sich sogar in Unannehmlichkeiten, wenn man
+einsieht, daß anders die Ordnung nicht aufrechterhalten
+werden kann. Im übrigen aber tut doch jeder, was ihm
+beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht
+in seinen Kram passen. Man weiß, daß die Polizei nicht
+von ihrem Gehalt, sondern von den Schmiergeldern so
+rosig fett und robust wird; man weiß, daß sogar die Binde
+vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter
+zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht
+selbst an den schreiendsten Mißständen schweigend vorbei,
+weil es sich so bequemer leben läßt, und weil der
+Gentleman sich nicht gerne die Hosenränder beschmutzt
+und daher den Pfützen lieber in weitem Bogen ausweicht.
+Solange sie seine persönliche Bewegungsfreiheit und
+seine geschäftlichen Unternehmungen nicht empfindlich
+stören, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und
+gönnt den zahlreichen Mitbürgern, die von den Mängeln
+dieser Gesetze leben, also den Politikern, Advokaten,
+smarten Geschäftsleuten und geistvollen Hochstaplern,
+<pb n='68'/><anchor id='Pg068'/>ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten Machthabern
+der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten
+Königen der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des
+Petroleums können ja überhaupt die Gesetze nichts anhaben,
+wie es sich erst jüngst wieder in dem vorsichtig
+weitmaschig abgefaßten Urteil des obersten Gerichtshofes
+in Sachen des Öltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz
+großen Herren, in deren Macht es steht, die Bundesarmee
+gegen mißliebige Nachbarn mobil zu machen, oder in
+einer Anwandlung schlechter Launen unzählige Betriebe
+lahmzulegen, Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot
+vom Munde wegzureißen, mit denen hütet sich natürlich
+nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der Einzelstaaten
+wie der Bundesregierung anzubinden. Machen
+sich aber die kleineren Machthaber irgendwie lästig, so
+versteht man ihnen selbst in dem Falle beizukommen,
+daß die Behörde gegen sie ihre Pflicht vernachlässigt.
+</p>
+<note place="margin">Energische Selbsthilfe eines Damenklubs.</note>
+<p>
+Ein hübsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe
+erlebten wir in St. Louis. Durch wochenlange
+Trockenheit war die Rauchplage daselbst unerträglich
+geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale
+herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne
+lachte frühlingsheiter vom wolkenlosen Himmel herab.
+Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt einfuhr,
+verblaßte plötzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten
+Fettfleck in einer Wand gleichmäßig grauen,
+schweflig riechenden Nebels, der selbst die nächsten Gegenstände
+nur in verschwommenen Umrissen erscheinen ließ.
+In den Häusern herrschte eine erstickende, verbrauchte
+Luft, weil man kein Fenster öffnen konnte, ohne daß
+sofort eine dichte Rußschicht, wie von einer schwer
+blakenden Öllampe, sich auf alle Gegenstände im Zimmer
+legte. Wenn man über die Straße ging, waren Kragen
+<pb n='69'/><anchor id='Pg069'/>und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens
+sein Bad einließ, so schwamm eine schwarze Rahmschicht
+auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll von
+Entrüstungsartikeln über diesen schmachvollen Zustand.
+Überall erschollen laut die Stimmen der Sachverständigen
+mit Vorschlägen zur Beseitigung des Übels. Man erinnerte
+sich plötzlich wieder, daß es im Staate Missouri,
+ebensogut wie anderswo, vorzügliche gesetzliche Vorschriften
+gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle
+angewiesenen Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen
+und ähnlichen Maßnahmen von
+erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer
+hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in
+Unkosten zu stürzen wegen dieser ärgerlichen Gesetze,
+denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der Stadt in erfreulich
+reiner Luft. Und wenn der Wind einigermaßen
+günstig wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den
+in der Luft herumfliegenden Kohlenstaub band, so konnten
+ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen mußten, ihre
+Lungen genügend mit Sauerstoff füttern. Es mußte wohl
+immer noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen
+gelegentlich gute Trinkgelder zu verabfolgen,
+als die vorschriftsmäßigen Umbauten zu bestreiten. Da
+geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, daß ein
+vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache
+in die Hand nahm. Um ein möglichst großes Damenpublikum
+für ihre Zwecke herbeizuziehen, kündigten sie
+mit gehöriger Reklame ein Konzert meiner Frau an.
+Vierzehnhundert Frauen und Mädchen aus den besten
+Kreisen wurden hierzu zusammengetrommelt und nach
+Schluß der musikalischen Darbietungen ersuchte die Vorsitzende
+die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um
+sich über die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen.
+<pb n='70'/><anchor id='Pg070'/>Es war alles so gut vorbereitet, daß in kurzer Zeit ein
+leitendes Komitee und eine große Anzahl von Offizieren
+und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus gewählt
+und die notwendigen Mittel zur Ausführung des
+Planes gezeichnet waren. Diese kleine freiwillige weibliche
+Polizeimannschaft übernahm es nämlich, mit List
+oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit Weichkohlenfeuerung
+einzudringen und nötigenfalls Tag und
+Nacht Patrouille zu gehen und Posten zu stehen, so
+lange, bis alle Mißachter der Gesetze zur gerichtlichen
+Verantwortung gezogen, gebührend bestraft und die vorgeschriebenen
+Maßnahmen gegen den Rauch tatsächlich
+ausgeführt waren. Das Mittel soll einen durchgreifenden
+Erfolg gehabt haben, denn vor energischen Frauen kapituliert
+der Yankee immer.
+</p>
+<note place="margin">Disziplin im Straßenverkehr.</note>
+<p>
+Die Zuversicht, daß aus allen Schwierigkeiten und
+Übelständen, wenn auch vielleicht erst im Moment der
+höchsten Gefahr, und wenn sie bis zur Unerträglichkeit
+gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die
+Rettung kommen muß, erhält dem Volke seinen optimistischen
+Gleichmut. Selbstverständlich erzeugt die
+Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor Paragraphen
+oder Untertänigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergräbt
+sogar recht bedenklich die Disziplin, ohne die schließlich
+keine Ordnung irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten
+ist. Die Warnungs- und Verbotstafeln, mit denen bei uns
+zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege bis zum
+Grabe von den Behörden so rücksichtsvoll eingezäunt
+wird, kann man sich drüben fast völlig sparen, da sie
+doch keine Beachtung finden würden; aber wo der gesunde
+Menschenverstand einsieht, daß Vorsicht, Unterordnung,
+Geduld und Rücksicht auf den Nebenmenschen
+am Platze sind, da übt er sie auch ohne Warnungstafeln
+<pb n='71'/><anchor id='Pg071'/>und ohne Einschüchterung durch säbelfuchtelnde Schutzleute
+aus. Dem Europäer fällt z. B. die ausgezeichnete
+Disziplin im Straßenverkehr der Großstädte sehr angenehm
+auf; nie hört man wild aufeinander los fluchende
+Kutscher im Wagengedränge; nie werden Schutzmannsketten
+durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist;
+mit einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den
+Straßenkreuzungen den kolossalen Verkehr. Ohne Murren
+findet sich alle Welt mit der Einrichtung ab, daß um
+6 Uhr abends alle Geschäfte geschlossen werden. In den
+Straßen- und Untergrundbahnen, in überfüllten Lokalen
+jeder Art macht jedermann bereitwillig Platz, so gut es
+geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in der Neuyorker
+Subway. Da es um die Zeit des Geschäftsschlusses
+war, so waren die Wagen mit sitzenden und stehenden
+Menschen so voll, daß der berühmte Apfel nicht mehr
+zur Erde fallen konnte. Da drängte sich auf einer Station
+im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen
+Schaukelpferd herein. Die Männer auf der hinteren Plattform
+schufen der Frau mit kräftigen Ellenbogen Platz,
+die ganze Menschenmauer geriet ins Schwanken, man
+trampelte sich gegenseitig kräftig auf den Zehen herum,
+die hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes
+stießen einigen Passagieren in die Bäuche oder
+gegen die Kniescheiben – und dennoch zeigte sich niemand
+gekränkt oder nervös gereizt. Mit ein paar gutmütigen
+Scherzen ging man über die Unannehmlichkeiten
+hinweg; bei uns wäre ein Sturm der Entrüstung losgebrochen.
+Auch der eiligste Geschäftsmann wartet geduldig
+bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei
+ist, und niemals wird ein höher Gestellter versuchen, für
+sich Ausnahmemaßregeln durchzusetzen. Auch die strengen
+Polizeivorschriften im Interesse der öffentlichen Hygiene
+<pb n='72'/><anchor id='Pg072'/>werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem vernünftigen
+Menschen klar ist.
+</p>
+<note place="margin">Die Prostitution.</note>
+<p>
+Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffentliche
+Fragen löst, die anderwärts der Polizei die allergrößten
+Schwierigkeiten machen und über die sich Juristen,
+Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die
+Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der
+Yankee nämlich einfach dadurch, daß er erklärt, sie
+existierten gar nicht. Der Prostitution z. B. ist im Gesetze
+überhaupt nicht Erwähnung getan, und in den
+Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten
+Männern nennt man die Prostitution verschämt „das
+soziale Übel“ (<hi rend='italic'>the social evel</hi>), aber in der Öffentlichkeit
+erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals,
+weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz
+erfahren sollen, und weil man annimmt, daß der Amerikaner
+überhaupt viel zu anständig sei, um irgendwelcher
+heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieblebens
+zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstverständlich
+jeder erwachsene Mensch, daß die Zahl der
+Prostituierten, der freien wie der kasernierten, auch in
+den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei
+hat dafür zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen
+Damen nichts merkt; sie hat also nicht nur die öffentlichen
+Häuser, sondern auch jede einzeln flanierende
+Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffentlichen
+Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung
+von Prostituierten beschäftigen müßten, so könnte es
+nicht ausbleiben, daß das Publikum auf diese Dinge aufmerksam
+würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze
+des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben.
+Folglich duldet es die Behörde wissentlich, daß die Polizeiorgane
+sich von den Übeltäterinnen dafür bezahlen lassen,
+<pb n='73'/><anchor id='Pg073'/>daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß die
+Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse
+dafür entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Behörden
+bewahren. Selbstverständlich erhalten solche
+Häuser keine polizeilichen Konzessionen, noch gibt es
+irgendwelche offizielle Kontrolle der freien Prostitution.
+In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen,
+Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und
+die zahlreichen Freudenhäuser werden von den erfindungsreichen
+Bossen mit fingierten Personen bevölkert,
+und zwar vornehmlich mit – wahlfähigen
+Männern! Man bedient sich zu diesem Zweck der Namen
+längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten.
+Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen
+dem Boß für jede Gefangene einer solchen Lasterstätte
+ein Wahlzettel für seine Partei zu. Eine Folge dieser
+unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen
+des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel
+in den Vereinigten Staaten wirkungslos bleiben. Dieses
+schmachvollste aller Geschäfte, der weiße Sklavenhandel,
+blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen
+großen Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als
+in denen Südamerikas. Die dunkeln Ehrenmänner, die
+sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen, ausschließlich
+galizische, ungarische und rumänische Juden,
+führen der Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die
+Finger sehen, ansehnliche Summen zu.
+</p>
+
+<p>
+Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen:
+„<hi rend='italic'>The House of Bondage, by Reginald Wright Kaufmann</hi>“. Es
+dürfte wohl das erstemal sein, daß in dem Lande der puritanischen
+Heuchelei ein solches Thema von der Dichtung
+erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine
+literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else
+<pb n='74'/><anchor id='Pg074'/>Jerusalems „Der heilige Scarabäus“ messen, und es ist
+bezeichnend, daß der mutige Verfasser selbst mit dem
+größten Eifer betont, er habe in diesem Werke nichts
+weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit
+berichten wollen. Im Anhang des Buches sind all die
+behördlichen Aktenstücke abgedruckt, welche die Grundlage
+zu den Behauptungen des Verfassers gegeben haben.
+Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen angesichts
+der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus
+ihrer traditionellen heuchlerischen Reserve herausgegangen
+sind, oder ob sich gar die Behörden zu einem energischen
+Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die
+niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbuße
+an ihren Einkünften erleiden würden, so ist das auch
+kaum anzunehmen. Aber einen schönen Erfolg hat der
+Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge Herr
+Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen
+Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in
+vielen Tausenden von Exemplaren unter den unteren
+Volksschichten, deren Töchter ja hauptsächlich gefährdet
+sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht mehr
+Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür
+verantwortlich gemacht werden, wenn sie in die Schlingen
+der gewissenlosen Vogelsteller geraten.
+</p>
+<note place="margin">Öffentliche und private Moral.
+Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit.
+Beurteilung des freien Liebesverhältnisses.</note>
+<p>
+Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in
+demselben Lande, in welchem jeder gesellschaftliche
+Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte in den Zeitungen
+breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer
+vor den Reportern sicher ist, aus Anstandsrücksichten
+in der gesamten Tagespresse kein Wort über
+ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung
+des berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben
+werden darf. Wir haben hier den für uns überaus seltsamen
+<pb n='75'/><anchor id='Pg075'/>Fall, daß selbst der indiskreteste und von Amts wegen
+quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der Journalisten
+aus Patriotismus eine verblüffende Selbstverleugnung
+übt. Die verehrten Pilgerväter schon haben
+das Dogma aufgestellt, daß in den Vereinigten Staaten
+die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert sei.
+Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums
+zuliebe wird noch heute der Yankee als ein
+untadelhafter Gentleman hingestellt, der mit einer jungen
+Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen
+oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne menschliche
+Begierden zu verspüren. Der Yankee steckt es
+lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht sagt, daß seine
+smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt
+seien; aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller
+dürfen es nicht wagen, einen Yankee als Verführer
+der Unschuld hinzustellen. Die schärfsten Sozialkritiker,
+die realistischen Romanschriftsteller, müssen dieses nationale
+Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem
+Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segensreiche
+Wirkung dieses starr festgehaltenen Vorurteils ist
+unzweifelhaft die, daß es im Yankeelande eine pornographische
+Literatur überhaupt nicht gibt, daß die schlüpfrigen
+französischen Schwänke der Bühne ferngehalten und
+der Import von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen
+höchstens auf ganz versteckten Schleichwegen stattfindet.
+Es muß auch unbedingt zugegeben werden, daß der
+zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine
+starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit
+dem Fehlen ungesunder Reizungen durch schlechte Lektüre
+dem jungen Mann, zumal der gebildeten Oberschicht,
+eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen bewahrt,
+die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße
+<pb n='76'/><anchor id='Pg076'/>vorhanden sein dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee
+sich durch gewandtes Erzählen von Mikoschwitzen gesellschaftlichen
+Ruhm erwerben kann, und daß man selbst
+in intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des
+Alkohols schwerlich jemals die Sauglocke läuten hört. Es
+ist auch richtig, daß ein junger Mann von guter Familie,
+der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise
+kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner
+Standesgenossen verfällt – aber dennoch kann man
+nicht aus ehrlicher Überzeugung das Verhalten des Amerikaners
+der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung
+empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von
+Heuchelei zu fördern, die den weniger vom Glück begünstigten
+Mitmenschen teuer zu stehen kommt, und
+außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in
+allen gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in
+bezug auf die Erotik das demokratische Prinzip nur
+allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall der weiblichen
+Ehre wird im Grunde genommen doch nur um
+die Angehörigen der eignen Kaste errichtet. Derselbe
+wohlerzogene begüterte junge Mann, der die größte Freiheit
+im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen
+seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht mißbrauchen
+würde, macht sich doch schwerlich ein Gewissen
+daraus, sich ein Chorusgirl, eine fesche Maniküre,
+Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus
+dem Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten,
+und das wird ihm in seinem Kreise auch keineswegs übelgenommen,
+wenn er nur von seiner Liebschaft kein großes
+Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein Mädchen
+unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise
+einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen
+Gesellschaft, die sich die beste zu nennen beliebt,
+<pb n='77'/><anchor id='Pg077'/>dieselbe niederträchtige Doppelmoral wie in der alten
+Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen
+Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern
+Wache halten, aber vielleicht selber auf das schmachvollste
+mit dem Glück und der Ehre anderer Mädchen
+umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung
+ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf
+des verfluchten Schwerenöters dem Manne nicht so wie
+bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen aus
+den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den
+höheren geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der
+höheren Gesellschaft aufgenommen zu werden, falls es
+sich nur <hi rend='italic'>ladylike</hi> zu benehmen versteht; dagegen fällt
+der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man
+die Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung
+des freien Liebesverhältnisses drüben herrscht.
+Der Yankee hat für die illegitime Freudenspenderin nur
+die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der
+Ausdruck <hi rend='italic'>Sweetheart</hi> hat einen verächtlichen Nebenklang
+bekommen. Die amerikanische Moral bekreuzt sich entrüstet
+vor dem „Verhältnis“ des Deutschen oder vor der
+„Collage“ des französischen Studenten. Die amerikanische
+junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich
+liebenden deutschen „Gretchens“ oder der französischen
+Grisette nicht nur für <hi rend='italic'>shocking</hi>, sondern besonders für entsetzlich
+dumm halten; denn sie ist gewohnt, möglichst
+viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu gewähren.
+In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist
+folglich die poetische Verklärung eines freien Liebesverhältnisses
+völlig unmöglich. Ein Autor, der dergleichen
+wagen würde, und sei er selbst ein Mann von anerkannter
+Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches
+schwer schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich
+un<pb n='78'/><anchor id='Pg078'/>möglich machen. Ob bei dieser Anschauung die Heiligkeit
+der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu entscheiden,
+sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der Liebe
+viel dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen
+christlich-pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns
+Europäern ja geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant,
+wenn er Glück hat, sein geraubtes Schäfchen
+ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter Umständen
+sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren
+emporarbeiten; landet er aber gleichzeitig sein Liebchen
+in Hoboken, so muß er gewärtig sein, daß er sofort vor
+die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu heiraten,
+oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem
+Ozeandampfer wachen scharfe Yankeeaugen über dem
+Benehmen der paarweise Reisenden, und wer da nicht
+einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der
+kann sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung
+ersucht zu werden. Sollte es der Yankeerasse
+gelingen, die puritanischen Unmenschlichkeiten aus
+ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem die
+Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen
+gegenüber zu bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend
+jetzt schon als Begleiterscheinung der körperlichen Reinlichkeit
+und der vernünftigen Erziehung auszeichnet, so
+dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen der alten
+Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber
+müssen wir uns doch erlauben, diese gern betonte moralische
+Überlegenheit mit einem großen Fragezeichen zu
+versehen.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='79'/><anchor id='Pg079'/>
+<index index="toc" level1="Liebe und Ehe"/>
+ <index index="pdf" level1="Liebe und Ehe"/>
+<head>Liebe und Ehe.</head>
+<note place="margin">Spekulationsheiraten.<lb/>
+Rückzahlung der Erziehungskosten.<lb/>
+Unverbindliche Kurmacherei.<lb/>
+Die Liebe in der Öffentlichkeit.</note>
+<p>
+So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen
+Welt gelegt sind, so viele Geschäfts- und Familienbeziehungen
+die Völker diesseits und jenseits des Ozeans
+miteinander verbinden, so herrschen gerade über manche
+wichtige grundlegende Verhältnisse die gröbsten Mißverständnisse.
+Was wissen wir Deutsche z. B. vom
+Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir
+lesen in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen
+Heiraten zwischen Milliardärstöchtern und
+europäischen Aristokraten, von Millionenerbinnen oder
+Gattinnen von Industriekönigen, die mit Chauffeuren,
+Friseuren oder Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit
+moralischen Schauder die ungeheuerlich hohen Ziffern,
+welche die Statistik über die Scheidungen in den Vereinigten
+Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen
+Erscheinungen schließen zu dürfen, daß die Yankees
+über die Heiligkeit der Ehe äußerst frivol denken und
+ihre Töchter nur als Ware, als Tauschobjekt für gute
+gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen betrachten
+müßten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche
+mit einem starken Vorurteil gegen die koketten, herzlosen
+und anspruchsvollen Yankeemädchen nach Dollarica;
+wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen
+und aus nächster Nähe die Frage der Liebe und der Ehe
+im Yankeelande zu studieren, der dürfte doch bald zu
+einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen wird
+ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den
+Sitten und Gewohnheiten der paar Hundert
+Multimillio<pb n='80'/><anchor id='Pg080'/>näre und denen der überwältigenden Mehrheit des übrigen
+Volkes zu unterscheiden. Es brauchte nicht erst der gute
+und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit
+zu offenbaren, daß Frauen desto unglücklicher, unzufriedener
+und zu törichten Streichen geneigter sind, je
+reicher sie werden; das ist eine uralte Weisheit, die wir
+bei uns zu Lande ebenso oft bestätigt finden können,
+wie irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionärs,
+die ganz in gesellschaftlichen Interessen aufgeht,
+ihre Nerven in einer sinnlosen Hetze von Vergnügen
+zu Vergnügen, von Gesellschaft zu Gesellschaft,
+von bloß spielerischer bis zu wirklich angreifender Tätigkeit
+aufreibt, dabei drei- bis viermal täglich die Toilette
+wechselt, unsinnigen Moden zuliebe ihre Gesundheit aufs
+Spiel setzt und jede ihrer Launen rücksichtslos befriedigen
+kann, die muß natürlich, falls sie nicht einen unverwüstlich
+guten Kern besitzt, ihre Nervenüberreizung
+irgendwie büßen. Die tollen Streiche ihrer Laune, ihre
+frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur Folgeerscheinungen
+eines seelischen Schadens, der aus der
+zerrütteten körperlichen Grundlage erwuchs wie der
+Schwamm aus einem faulen Balken. Ebenso begreiflich
+ist es, daß die Männer jenes Kreises, sobald der aufgehäufte
+Dollarberg ihnen bis über die Nase steigt und
+sie zu ersticken droht, bedenkliche Kongestionen nach
+dem Kopfe bekommen, die zunächst dazu zu führen
+pflegen, daß sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsätze
+vergessen und mit ihrem Überfluß das einzige zu
+erreichen trachten, was drüben für kein Geld zu haben
+ist, nämlich einen Abglanz feudaler Herrlichkeit. Da
+sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fürsten- und Grafenkronen
+auf dem Kopfe herumlaufen können, ohne sich
+lächerlich zu machen, so kaufen sie diese schönen Dinge
+<pb n='81'/><anchor id='Pg081'/>ihren ehrgeizigen Töchtern und füttern ihre Eitelkeit
+mit dem Bewußtsein, mit dem ältesten Adel Europas
+wenigstens verschwägert zu sein und als Großpapas
+Prinzlein und Komteßlein auf ihren Knien schaukeln
+zu dürfen. Und dennoch ist gerade für die Vereinigten
+Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mädchenschacher.
+Man darf getrost behaupten, daß in keinem
+Lande der Welt den Töchtern eine größere Freiheit der
+Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten
+Staaten, und daß auch nirgends das Spekulieren der
+jungen Männer mit einer fetten Mitgift weniger im Schwang
+sei. Es ist nämlich durchaus nicht Sitte, den Töchtern
+eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute machen
+hiervon eine Ausnahme. In der überwältigenden Mehrzahl
+der Yankeefamilien, von den untersten bis zu den
+obersten Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig
+daran, sich selber als Rentier zur Ruhe zu setzen,
+so lange er noch imstande ist, einen Brief zu diktieren
+und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwählten
+seiner Tochter in den Jahren seiner besten Kraft
+in Gestalt eines Kapitals eine faule Haut zu unterbreiten,
+auf der Schwiegersohn und Tochter sich behaglich räkeln
+dürften. Die jungen Leute mögen sich im stillen auf die
+fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber
+sich gefälligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres
+Lebens nach ihrem eignen Verdienst gestalten. Dieser
+höchst vernünftige und gesunde Grundsatz führt zu der
+selbstverständlichen Folge, daß drüben viel mehr aus
+Liebe geheiratet wird, als bei uns. Außerdem wird aber
+auch viel früher geheiratet, weil schon die Kindererziehung
+darauf ausgeht, eine frühe Selbständigkeit der Charaktere
+zu erzielen, und weil die Lebensverhältnisse heute wenigstens
+noch so sind, daß ein junger Mensch, der etwas
+<pb n='82'/><anchor id='Pg082'/>gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel früher als bei
+uns zu einem leidlich anständigen Einkommen gelangen
+kann. Ein junger Mann am Anfange der Zwanziger,
+der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau ernähren
+kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden
+der Ehe und der Häuslichkeit zu verzichten, denn er
+kann sich ja ein Mädchen suchen, das auch in einem
+praktischen Beruf tätig ist und ein selbständiges Einkommen
+daraus bezieht. Wer in der teuren Großstadt
+noch nicht imstande wäre, von seinem Einkommen eine
+dürftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet weit
+draußen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht
+einen Platz, wo er mit demselben Einkommen
+ein ganzes Haus nebst Dienerschaft sich leisten kann.
+Die vernünftige Erziehung, bei der die beiden Geschlechter
+stets auf dem Fuße der Gleichberechtigung und der guten
+Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl
+ein wenig Vererbung aus den Zeiten puritanischer Sittenstrenge
+erhalten den jungen Mann gesund und keusch in
+seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das
+normale und schönste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen
+in einem Alter, in dem der junge Europäer sich auf seine
+frivole Weiberverachtung besonders viel einzubilden pflegt.
+Es kommt auch wohl noch dazu, daß, wie gesagt, ein sehr
+großer Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden
+seine Existenz zu begründen beginnt, wo er keinen
+menschenwürdigen Ersatz für die eheliche Gemeinschaft
+zu finden hoffen darf. Und schließlich gibt es in Amerika
+noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den
+heiligen Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten
+Volksschichten allgemein eingeführte Sitte. Es gilt
+nämlich in der Yankeefamilie als ganz selbstverständlich,
+daß der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie
+selb<pb n='83'/><anchor id='Pg083'/>ständig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen
+Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees
+so vernünftig ist, die geschäftliche Behandlung praktischer
+Fragen auch in den intimsten Beziehungen zwischen
+Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht für
+gefühlsroh zu halten, so erwägt man im Familienrate in
+aller Gemütsruhe, wie viel jedes einzelne Kind im Verhältnis
+zu den Aufwendungen, die für seine Erziehung
+gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise
+den Eltern zurück zu erstatten habe. Man hört selten
+davon, daß sich ein übel geratenes Kind dieser Zahlungspflicht
+gegen die Eltern entzieht, noch viel weniger davon,
+daß die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern
+und erwachsenen Kindern unter solcher Geschäftspraxis
+leide. Die Eltern spannen vielmehr ihre Kräfte aufs
+äußerste an, um ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung
+zu geben, weil sie wissen, daß sich das aufgewendete
+Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und
+die Kinder werden durch diese geheiligte Sitte von früh
+an in ihrem Pflichtbewußtsein und in ihrer selbstlosen
+Schätzung des Familienlebens gestärkt. Während also
+unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten
+Selbstsüchtling erziehen, der sich kein Gewissen
+daraus macht, den Eltern noch Jahre auf der
+Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um
+den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann
+nur zu verkaufen geneigt ist, wenn ihn der Suff und die
+Weiber an Leib und Seele schon bedenklich mürbe gemacht
+haben, kann sich die amerikanische Sitte und Erziehungskunst
+etwas darauf einbilden, das denkbar beste Männermaterial
+für den heiligen Ehestand stets frisch und in
+reichlicher Quantität auf Lager zu haben. Von nicht
+zu unterschätzender Bedeutung dünkt mich auch der
+<pb n='84'/><anchor id='Pg084'/>Umstand, daß die englische Sprache keinen Unterschied
+von Du und Sie kennt, indem nämlich das Fürwort <hi rend='italic'>thou</hi>,
+also das eigentliche du, nur noch in der Poesie und im
+Gebet angewendet wird, während <hi rend='italic'>you</hi> – gleich Ihr –
+schon seit Jahrhunderten ausschließlich als Anrede bei
+Hoch und Niedrig in den intimsten wie in den fremdesten
+Beziehungen verwandt wird. Es fällt also auch im Verkehr
+der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das
+förmliche Sie bei uns errichtet, und der Übergang zwischen
+einer bloßen guten Bekanntschaft in höflichen Formen
+zur Freundschaft oder Liebe markiert sich äußerlich gar
+nicht. Die jungen Männer und Mädchen, die durch gemeinsamen
+Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen
+Verkehr der Eltern schon in der Kindheit auf
+kameradschaftlichen Fuß gekommen sind, behalten übrigens
+auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen,
+bis ins heiratsfähige Alter bei. Ein junger Mann kann
+mit Dutzenden von jungen Mädchen seines Kreises auf
+diesem kameradschaftlichen Fuße stehen; ein junges
+Mädchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins
+Theater, morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer
+Bootfahrt, übermorgen von ihrem Freunde Tom zum
+Baden abholen lassen, ohne daß die ganze Freundschaft,
+Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darüber
+die Köpfe zusammensteckt und ein eifriges Getuschel
+beginnt. Die Verkehrsformen zwischen den jungen Leuten
+sind allerdings nach den Begriffen einer ehrsamen deutschen
+Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu
+leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der
+besonderen Art, wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschäftigung,
+den Flirt, ausübt, wenig erbaut sein.
+Deutsche junge Mädchen, die schon als Erwachsene hinüber
+kommen, finden auch meist diesen Ton und diese
+<pb n='85'/><anchor id='Pg085'/>Verhältnisse wenig nach ihrem Geschmack. Selbst wenn
+sie Talent zur Koketterie haben und darin rasche Fortschritte
+machen, so ärgert es sie doch, daß sie nie wissen,
+wie sie mit den amerikanischen jungen Männern eigentlich
+daran sind, weil sich der Unterschied zwischen einem
+frivolen Kurmacher und einem Anbeter mit ernsten Absichten
+viel weniger leicht bemerkbar macht, als bei
+uns. Der junge Amerikaner der höheren Schichten kann
+jahrelang ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften
+mit Töchtern seines Kreises unterhalten, und
+dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz überraschend
+irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht
+groß darüber wundern, wenn eine seiner Freundinnen
+seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und ihn urplötzlich
+mit der Frage überrascht: „Was meinst du, Jim, wir
+könnten doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?“
+Der jungen Amerikanerin geht auch ganz die heimliche
+Angst deutscher junger Mädchen ab, als ob der freie
+Verkehr mit jungen Männern zu einer Überrumpelung
+in einer schwülen Stunde führen könnte, denn sie weiß
+ganz genau, daß der junge Mann, der einen solchen Vertrauensbruch
+begehen würde, der lebenslangen Ächtung
+in seinem Kreise verfallen würde. Sie weiß ebenso genau,
+daß ihr Freund, falls sein Temperament ihm keine Ruhe
+läßt, außereheliche Freuden bei den leichten Mädchen
+geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens
+auch nicht besonders übel nehmen. Aus solchen Anschauungen
+und Gewohnheiten erklärt es sich, daß in
+den Vereinigten Staaten der Typus Don Juan, der kecke
+Herzensbrecher, gefährliche Schwerenöter und verfluchte
+Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Männlichkeit
+darstellt, weder dem Geschmack der Männer, noch
+dem der Frauen nach, sondern daß dieses Ideal
+viel<pb n='86'/><anchor id='Pg086'/>mehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschützer weiblicher
+Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle
+Launen seiner Schönen lächelnd erduldenden und stets
+dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie der Liebe,
+wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fällt durch solche
+Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt
+der deutschen Dichtung, das unbedenklich dem
+Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos sich hingebende
+und schwärmerisch sich aufopfernde junge Mädchen
+würde nach amerikanischer Auffassung nur eine
+leichtsinnige Person oder eine dumme Gans sein. Und
+dem männischen Mann, dem rücksichtslosen Eroberer,
+dem Schrecken und der süßen Sehnsucht deutscher
+Frauenherzen, würde einfach der Charakter als Gentleman
+abgesprochen werden. Bezeichnenderweise kommen
+diese Typen in der amerikanischen Literatur auch gar
+nicht vor. „Das süße Mädel“, wie Schnitzler und ich es
+novellistisch verherrlicht haben, findet auch durch die
+Hintertür der Übersetzung keinen Einlaß in die amerikanische
+Poesie. Von meinem Roman „Das dritte Geschlecht“
+liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische
+Übersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger,
+weil die darin gepredigte Philosophie der Liebe
+<hi rend='italic'>shocking</hi> ist. Überaus lehrreich war für mich die Bekanntschaft
+mit einem modernen Thesendrama „<hi rend='italic'>The easiest
+way</hi>“ (der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen
+jungen Dramatiker Walter, der drüben als ein kühner
+Pfadfinder gilt. Das freie Verhältnis eines reichen Geschäftsmannes
+mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt
+der Handlung. Das Mädchen hat eine tiefe Sehnsucht
+nach der bürgerlichen Anständigkeit und dem behördlich
+approbierten heiligen Ehestand. Der Verfasser
+jedoch scheint es als selbstverständlich anzusehen, daß
+<pb n='87'/><anchor id='Pg087'/>solche gefallenen Mädchen niemals die Kraft finden
+können, einem faulen, eiteln Genußleben zu entsagen.
+Er läßt ihren Aushälter mit seiner trotz aller Großmut
+doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das
+Mädchen im Sumpf zu Grunde gehen. Für amerikanische
+Begriffe war es, wie gesagt, schon eine ungeheure Kühnheit,
+solch ein illegitimes Verhältnis überhaupt auf die
+Bühne zu bringen. Erträglich wurde diese Kühnheit für
+das Theaterpublikum drüben nur durch den moralischen
+Standpunkt, den der Verfasser einnahm. Sein grausamer
+Schluß entsetzte freilich die zarten Gemüter nicht wenig;
+aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die verlogene
+Sentimentalität einer Kameliendame, als der aus Mitleid
+und tiefem Verständnis für alles Menschliche geborene
+ehrliche Realismus der modernen europäischen Dichtung.
+Wie im Theater und in der Literatur, so spähen wir
+Deutsche auch in der Öffentlichkeit vergebens nach den
+uns vertrauten Äußerungen der Verliebtheit. Liebespärchen,
+welche in dunkeln Ecken von Biergärten Hand
+in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem Glase
+trinken, von einem Butterbrot abbeißen, oder etwa gar
+im Eisenbahncoupé wie angeleimt dicht nebeneinander
+hocken und sich fortwährend zärtlich tätscheln und heimlich
+drücken, dürften wohl drüben zu den Unmöglichkeiten
+gehören. Kaum daß man einmal auf den Bahnhöfen
+Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich
+küssen sieht. Ob deswegen die Amerikanerin weniger
+zärtlich oder gar feurig sei, als europäische Frauen, wage
+ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer
+Amerikanerin verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise
+jemals ein Verhältnis mit einer solchen gehabt.
+</p>
+<note place="margin">Die Scheidung.<lb/>
+Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.</note>
+<p>
+Der Sinn für Romantik in der Liebe geht jedoch den
+Amerikanern keineswegs gänzlich ab, was man daraus
+<pb n='88'/><anchor id='Pg088'/>erkennen kann, daß abenteuerliche Entführungen viel
+mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo
+sonst. Aber freilich, was will eine Entführung in dem
+Lande der Freiheit groß bedeuten! Die Eltern lassen ja
+ihren erwachsenen Kindern fast durchweg freie Wahl;
+ihrer Erlaubnis zur Heirat bedürfen die Töchter in den
+meisten Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und
+auch dann ist es sehr leicht, einen gesetzlichen Dispens
+zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge Mädchen heiraten
+bloß, weil ihnen das Entführtwerden so viel Spaß
+macht. Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da
+man mittags durchbrennen und sich abends schon als
+Ehepaar den erstaunten Eltern präsentieren kann. Man
+braucht bekanntlich drüben nicht drei Wochen zu hängen
+oder in der Kirche aufgeboten zu werden, sondern man
+holt sich einfach von der zuständigen Magistratsperson
+einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald
+man beschwört, daß keine gesetzlichen Hinderungsgründe
+vorliegen. Mit diesem Schein geht man zum
+nächsten besten Pastor und läßt sich auf der Stelle trauen,
+bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben.
+Glücklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder
+auseinander kommen. Zwar sind in betreff der Scheidung
+die Gesetze in den einzelnen Staaten sehr viel
+verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer
+in seinem Staate auf Schwierigkeiten stößt, der verfügt
+sich eben in einen weitherzigeren und bequemeren Staat
+und riskiert höchstens, daß er sich dort einige Zeit aufhalten
+muß, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze
+genießen darf. Es könnte wunder nehmen, daß dieselben
+Yankees, die vielfach noch sehr puritanisch streng über
+die Ehe denken, die Scheidung so überaus erleichtern;
+der praktische Erfolg hat aber gelehrt, daß hier, wie so
+<pb n='89'/><anchor id='Pg089'/>oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten
+Weg gewiesen hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die
+besonderen Verhältnisse des jungen Landes begünstigen
+das frühe Heiraten; da nun aber ein despotisches Eingreifen
+des elterlichen Willens durch die demokratischen
+Grundsätze ausgeschlossen erscheint, so kommen die
+Ehen fast allein durch die Leidenschaft mehr oder minder
+unreifer Menschen zustande, welche durchaus noch nicht
+fähig sind, sich über ihre eigenen sittlichen Kräfte, noch
+über die Kämpfe und Hemmungen, denen sie in ihren
+besonderen Lebensverhältnissen entgegengehen, ein Urteil
+zu bilden. Es werden sich folglich sehr viele dieser
+jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wäre nun
+diesen unglücklich Gepaarten ein Loskommen voneinander
+unmöglich gemacht oder auch nur beträchtlich erschwert,
+so würde bald das ganze Land überschwemmt sein von
+verärgerten, zähneknirschenden, entmutigten Menschen,
+welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe
+bedeuten würden. So aber weiß jeder beim Eingehen
+seiner Ehe: Habe ich mich gröblich getäuscht, nun dann
+ist’s auch weiter nicht schlimm; eine Scheidung kostet
+nicht den Kopf, und das nächste Mal kann ich es ja besser
+treffen. Selbstverständlich wird die leichte Scheidungsmöglichkeit
+aus bloßer Veränderungssucht viel mißbraucht
+werden, aber sicherlich nicht so viel, wie ängstliche
+Gemüter sich vorstellen mögen, denn die liebe Gewohnheit
+vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen
+zu bändigen. Das Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl
+des Mannes, besonders bei einer allgemein ritterlich veranlagten
+Rasse, und die Liebe zu den Kindern und zur
+Häuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umständen
+einen starken Schutzwall wider den rücksichtslosen Leichtsinn
+auf. Übrigens ist die Gefahr der unglücklichen Ehen
+<pb n='90'/><anchor id='Pg090'/>auch schon dadurch herabgemindert, daß die ganze
+Yankeerasse nüchterner denkt als wir und sich daher
+über Liebe und Ehe auch weniger Illusionen macht. Das
+Denken ist überhaupt dieses Volkes Sache nicht, es wird
+daher um so stärker von der Tradition beherrscht, ist
+auch von den Einflüssen der Erziehung, der Schule abhängiger
+und darum in seiner Masse viel gleichartiger
+an Charakter und Gemüt als wir. Durch diese Gleichartigkeit
+fällt von vornherein der bei uns häufigste Grund
+der Ehestörung fort. Hyperästhetische, dekadente Männer
+oder verzwickte Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei
+uns als schreckhafte Beispiele schwierigster Ehegesponse
+herumlaufen, dürfte man drüben nur sehr selten antreffen.
+Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann
+für die Frau bequemer als der deutsche. Er fühlt
+sich durch ihre nach unseren Begriffen oft unverschämten
+Ansprüche nicht weiter gekränkt, weil ihm die Verehrung
+für das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es
+dünkt ihm ganz in der Ordnung, daß einer für das Vergnügen,
+mit einer hübschen und eleganten Frau prahlen
+zu dürfen, einen gehörigen Preis zahlen, d. h. bis an sein
+Lebensende sich mächtig anstrengen muß. Wie der Mann
+das viele Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich
+gleichgültig, denn für ihr gesellschaftliches Ansehen macht
+es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder mit Juwelen
+handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider Industriekapitän,
+Beamter, Anwalt, Arzt oder Künstler ist.
+Der gesellschaftliche Rang des Gatten hängt vielmehr
+davon ab, ob er einer mehr oder minder alten Familie
+angehört, die schon lange Wohlstand und Ansehen genießt,
+oder ob er ein Emporkömmling ist, von dem man in der
+guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiß. Eine gescheite
+und reizvolle Frau kann die gesellschaftliche
+<pb n='91'/><anchor id='Pg091'/>Stellung ihres Mannes wesentlich verbessern, indem sie
+mit Kreisen in Fühlung kommt, die über denen stehen,
+aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hält es
+darum auch für ihre vornehmste Pflicht, sich ihre Schönheit
+zu erhalten, ein elegantes Haus zu machen und
+feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche
+gesellschaftlich geschickten Frauen gemütlos und geistig
+beschränkt sind, dann können sie natürlich auch den
+geduldigsten Mann durch ihre törichten Ansprüche zur
+Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug
+genug, sich gerade dann, wenn sie die ärgsten Zumutungen
+an seinen Geldbeutel und seine Geduld stellen, die größte
+Mühe zu geben, ihn bei guter Laune zu erhalten. Die
+kleinlich eifersüchtige, keifende, den Hausschlüssel verweigernde
+deutsche Philisterfrau aus den „Fliegenden
+Blättern“ wird man drüben nicht oft finden; dagegen
+ist die putzsüchtige, mit dem Scheckbuch des Gatten
+täglich die Warenhäuser heimsuchende und ihre Zeit in
+nichtigen Vergnügungen und spielerischer Vereinstätigkeit
+verzettelnde Hausfrau sicher noch häufiger zu finden
+als bei uns. Es wäre aber doch wohl ungerecht,
+deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die Fähigkeit
+zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen.
+Man hört sogar nicht selten von jungen Mädchen
+aus wohlhabenden Familien, die mit ihrem Erwählten
+in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich
+unter rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen.
+Auch versteht es die Amerikanerin in beschränkten
+Verhältnissen beinahe so gut wie die Französin,
+ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich
+gut anzuziehen und ihren Körper trotz der Arbeitslast
+frisch zu erhalten. Die Frau, die nur unter furchtbarem
+Getöse die Haushaltungsmaschine in Gang zu halten
+<pb n='92'/><anchor id='Pg092'/>versteht, immer seufzt und stöhnt, nie angezogen ist,
+und, sobald sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr
+Äußeres, ihre kleinen Talente und ihren Bildungstrieb
+vernachlässigt, die soll drüben angeblich nicht existieren
+– auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des
+Farmers ist eine Lady, der niemals der Mann schwere
+Feldarbeit zumuten würde, und ihre Töchter spielen
+Klavier und besuchen die höheren Schulen. Die arbeitende
+Frau des Mittelstandes mag zwar nüchtern und uninteressant
+sein, aber sie teilt doch meistens die glücklichste
+Eigenschaft ihrer Rasse, nämlich die leichte Anpassungsfähigkeit
+an die verschiedenen Glücksumstände. Es wird
+nicht oft vorkommen, daß eine Frau ihren Mann, wenn
+er plötzlich zu großem Reichtum gelangt, in einer vornehmeren
+Gesellschaftsschicht durch schlechte Manieren,
+schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren
+sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit
+der ganzen Rasse eigen zu sein, und es macht
+sich selbst bei jenen armen Geschöpfen noch angenehm
+bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu
+Freiwild für die illegitimen Begierden der Männer bestimmt
+hat. Einige gefällige Amerikaner veranstalteten
+zum Vergnügen des Gefolges unseres Prinzen Heinrich
+seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime Abendgesellschaft
+– für jeden der Herren war ein gefälliges
+Chorusgirl eingeladen worden. Und das Benehmen dieser
+leichten Mädchen war so anmutig, der Ton der Unterhaltung
+so gesittet, daß die Herren glaubten, einer Einladung
+in ein feines Töchterpensionat gefolgt zu sein
+und gar nicht genug Rühmens von dieser liebenswürdig
+kaschierten Frivolität machen konnten.
+</p>
+<note place="margin">Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.</note>
+<p>
+Man mag diese unzweifelhaften Vorzüge als Äußerlichkeiten
+gering einschätzen und ihnen gegenüber die
+<pb n='93'/><anchor id='Pg093'/>Gemütstiefe, die Pflichttreue, die enthusiastische Opferfreudigkeit
+und edle Mütterlichkeit der deutschen Frau
+als das Größere und Ausschlaggebende hinstellen, man
+mag sogar die Liebesfähigkeit des Yankees in Zweifel
+ziehen, aber man darf nicht leugnen, daß durch Gesetz,
+Sitte und Herkommen für den heiligen Ehestand drüben
+besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich
+einem Zweifel unterliegen, daß die allgemeine Heiratslust
+der Jugend einem Volke das sicherste Gesundheitszeugnis
+ausstellt.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='94'/><anchor id='Pg094'/>
+ <index index="toc" level1="Die Dienstbotenfrage"/>
+<index index="pdf" level1="Die Dienstbotenfrage"/>
+<head>Die Dienstbotenfrage.</head>
+<note place="margin">Der schwarze Fensterputzer.<lb/>
+Straßendemonstrationen.</note>
+<p>
+Es war in Philadelphia. Mir gegenüber im zweiten
+Stockwerk eines netten, epheuumrankten Familienhauses
+war ein junger Nigger mit Fensterputzen beschäftigt.
+Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flügelfenster,
+sondern ausschließlich jene greulichen englischen
+Schiebefenster, welche ein behagliches Hinausschauen,
+ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer rasch
+vorüber brausenden Straßensensation fast unmöglich
+machen. Denn die Fenster sind fast durchweg so niedrig
+über dem Fußboden angebracht, daß die bewegliche
+untere Hälfte einem ausgewachsenen Menschen kaum
+bis zur Brusthöhe reicht. Wenn man also hinausschauen
+will, so muß man, um nicht etwa das Übergewicht zu
+verlieren und kopfüber hinauszupurzeln, schon auf den
+Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei
+etwaigem schlechten Funktionieren der Sperrfedern geköpft
+zu werden, unter die gläserne Guillotine stecken.
+Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem Fensterbrett
+gemütlich gemacht; das eine Bein hing auf die
+Straße hinaus, obwohl es empfindlich kalt an diesem
+sonnigen Januartage war. Während er sein Handwerkszeug,
+Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedächtig
+auf dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich
+eins, blickte die schmale Seitenstraße hinunter und die
+breite Avenue hinauf (denn es war ein Eckhaus). Da
+doch vorläufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte
+er sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter
+Stirn aufwärts. Er dachte offenbar angestrengt über das
+<pb n='95'/><anchor id='Pg095'/>Problem nach, wie er wohl, ohne sein kostbares Leben
+zu gefährden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit
+dem Oberkörper rückwärts hinausgelehnt und nur mit
+einer Hand am Fensterrahmen in der Mitte sich festklammernd,
+die obere Scheibe von außen reinigen könnte.
+Da er zu diesem waghalsigen Turnerstückchen sich nicht
+aufgelegt fühlte, so schüttelte er seinen dicken Wollkopf
+und versuchte, wie weit er mit ausgestreckter Hand über
+sich emporreichen könnte. Die Fingerspitzen langten nur
+gerade ein weniges über die mittlere Rahmenleiste hinaus;
+das genügte ihm aber vorläufig. Er ergriff seinen Lappen
+und wischte am äußeren unteren Rande der Mittelleiste
+ein wenig Staub hinweg. Darauf erhob er sich und befummelte
+im Stehen die innere Seite des hinaufgeschobenen
+Fensters. Er ließ sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne
+deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als
+die innere obere Scheibe seiner Meinung nach genügend
+sauber war, nahm er wieder auf dem Fensterbrett Platz
+und ließ sein linkes Bein, dessen zierliches Plattfüßchen
+mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder
+ins Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untätig
+vor sich hingeträumt hatte, unternahm er den Versuch,
+die innere Fensterhälfte herunterzuziehen, um nunmehr
+das Glas von außen zu bearbeiten. Es dauerte sehr lange,
+bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu
+bringen, und als er es endlich glücklich los hatte und nun
+versuchte, die schwere Glasscheibe auf seinem rechten
+Knie so zu stützen, daß ein genügend großer Spalt offen
+blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten,
+fand er alsbald, daß er sich dadurch in eine höchst unbequeme
+Lage begeben und besonders seinem zarten
+Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also stöhnend
+und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich
+<pb n='96'/><anchor id='Pg096'/>mit dem Ärmel über den Schädel und fletschte zornig
+sein anmutiges „G’frieß“ gegen die Scheibe hinauf –
+gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der Kommode
+böse sind, an der sie sich gestoßen haben. Plötzlich
+verklärte sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie.
+In der Ferne ließ sich Militärmusik vernehmen.
+Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde ganz
+Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus
+wie möglich und spähte die breite Hauptstraße hinunter.
+Etwas ganz besonders Herzerhebendes mußte da los sein,
+denn mein Nigger klatschte begeistert in die Hände und
+zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreißend, die lachenden
+Zähne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls
+mein Fenster hoch, kniete auf den Boden nieder und
+reckte den Hals hinaus, um mir den seltenen Anblick
+eines militärischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen.
+Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam,
+etwas ganz spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und
+Strolche vorweg, dann eine uniformierte Kapelle und
+dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger Parademarsch,
+inszeniert von einem politischen Boß und ausgeführt von
+einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner
+gesetzten Alters, wohl genährt, sauber und
+glatt rasiert, alle mit den gleichen gelben Gamaschen,
+denselben Schlipsen, denselben Hüten und denselben
+Bambusstöcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die
+Gewehre aufrecht an die Schulter gedrückt trugen, wie
+ehemals unser Militär bei dem Griff „faßt das Gewehr
+an“. Ein gerade zu Besuch anwesender Eingeborener
+erklärte mir, daß die Parteikasse die Ausrüstung an
+Gamaschen, Schlipsen, Hüten und Spazierstöcken stelle
+und diese öffentlichen Umzüge ansehnlicher, sichtbarlich
+satter und zufriedener Mitbürger von Zeit zu Zeit
+ver<pb n='97'/><anchor id='Pg097'/>anstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie gut es sich
+unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhört
+fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straßenkreuzung
+postiert war, führte vor Vergnügen über diesen gelungenen
+Aufzug einen veritablen Cakewalk nach dem munteren
+Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster putzendes
+Niggerlein jauchzte vor Vergnügen über solchen grotesken
+Anblick und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er
+ein tanzendes Zirkuspferd zwischen den Schenkeln hätte.
+Offenbar gehörten der cancanierende Schutzmann und
+der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der
+Demonstranten an und fühlten sich durch den erhebenden
+Parademarsch ihrer Vertrauensmänner in ihren patriotischen
+Gefühlen angenehm gekitzelt. – Bis der letzte
+Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverständlich
+der farbige Jüngling gegenüber nicht daran,
+sein Fenster wieder vorzunehmen. Dann aber griff er
+tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und hielt es nachdenklich
+in der Hand, während seine schwarzen Sammetaugen
+sich bekümmert an den dummen Fensterrahmen
+hefteten, der so gar keine Miene machte, von selber zu
+ihm herunter zu kommen. Plötzlich kam wieder Leben
+in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly
+drehte den Kopf über die Schulter und äugte höchst gespannt
+die Avenue hinauf. – Wahrhaftig, noch eine
+Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt, paarweise
+nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der
+Bambusrohre mit Nickelknöpfen schulterten sie ihre
+Regenschirme. Die schwarzen Herren waren auf dem
+Wege zum Oberbürgermeister, um feierlich bei ihm vorstellig
+zu werden, daß er die fromme Quäkerstadt beschützen
+möge vor dem Satansgreuel der Salome von
+Richard Strauß, deren Aufführung in Philadelphia eine
+<pb n='98'/><anchor id='Pg098'/>fremde Operntruppe angekündigt hatte. Es wäre eigentlich
+passend gewesen, daß der fette schwarze Schutzmann
+an der Straßenkreuzung bei dieser Gelegenheit den Tanz
+der sieben Schleier aufgeführt hätte. Aber er schien zu
+Richard Strauß und seiner Kunst noch nicht Stellung
+genommen zu haben, denn er ließ die Parade ohne sichtliche
+Gemütsbewegung vorüberziehen und sorgte nur
+dafür, den Wagenverkehr derweil zu bändigen. – Mein
+Fensterputzer stierte blöd der schwarzen Prozession nach,
+bis sie um die Ecke verschwunden war; dann führte er
+mit seinem kalt gewordenen Spielbein einige Freiübungen
+aus und war eben dabei, tatsächlich seinen Schwamm
+ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den
+Versuch einer flüchtigen Wäsche von außen zu wagen,
+als es vom nächsten Kirchturm zwölf schlug. Der
+Schwamm flog ins Becken, das Bein über das Fensterbrett
+und der schwarze Jüngling davon zum schwer verdienten
+Lunch. Ich vermute, daß er am nächsten Ersten
+um eine Lohnerhöhung eingekommen ist.
+</p>
+<note place="margin">Pflichten und Rechte des Dienstpersonals.</note>
+<p>
+Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers dürfte
+einigermaßen typisch sein für den Eifer, mit dem häusliche
+Dienstleistungen in den Vereinigten Staaten verrichtet
+werden. Gewiß arbeitet ein frisch von Europa
+eingewandertes Hausmädchen fleißiger und gründlicher,
+dafür ist es aber auch sehr viel anmaßender und sehr
+viel schwieriger zu behandeln als der Niggerboy, der
+doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn
+er ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich
+die Frage aller Fragen, nicht nur für die Hausfrau
+des amerikanischen Mittelstandes. Die ganz reichen Leute
+freilich leisten sich einen englischen <hi rend='italic'>Butler</hi> (Haushofmeister),
+einen französischen <hi rend='italic'>Valet de chambre</hi>, einen
+italienischen Koch, einige griechische Lakaien von
+klassi<pb n='99'/><anchor id='Pg099'/>scher Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und
+etliche appetitliche irische Mädchen. Für Geld, d. h. für
+sehr viel Geld ist natürlich auch eine aristokratisch luxuriöse,
+gut gedrillte Dienerschaft in den Vereinigten Staaten
+zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem
+Vermögen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere
+armen Schlucker von Regierungspräsidenten, Generalmajoren,
+Oberpostdirektoren und beliebten Schriftsteller
+besitzen, können sich eine perfekte Köchin und noch ein
+tüchtiges Stubenmädchen dabei schwerlich leisten. Denn
+eine Köchin, die etwas Eßbares zu kochen imstande ist,
+dürfte unter 100 Mk. Monatslohn nicht zu haben sein,
+und 10 Dollars muß man sogar für einen frisch importierten,
+unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese
+Damen bereits ein paar Monate im Lande, so daß sie
+sowohl von der Sprache wie von dem Wesen ihrer staatsbürgerlichen
+Rechte einigen Begriff haben, so machen
+sie mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen
+Paragraphen, welche genau ihre Pflichten und Rechte
+festlegen. Darin ist bestimmt, daß sie außer dem Sonntag,
+an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuräumen
+haben, noch an einem Wochentag ausgehen,
+ferner das <hi rend='italic'>Parlor</hi> (Wohnzimmer) bei Besuchen ihrer
+Freunde und Verwandte mitbenutzen und selbstverständlich
+ohne Kündigung abziehen dürfen, sobald es ihnen
+beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit
+verrichten diese Damen grundsätzlich nicht, dazu müssen
+extra Nigger, Chinesen, Polacken oder dergleichen Kroppzeug
+gehalten werden. Verlangt die Hausfrau irgendwelchen
+Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert
+oder landesüblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr
+das Fräulein achselzuckend: „<hi rend='italic'>That’s not my business,
+Ma’m</hi>“ – und fertig. Ein Mädchen, das für die Küche
+<pb n='100'/><anchor id='Pg100'/>angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem
+Hausherrn einen Knopf annähen; und ein Hausmädchen
+wird sich auch im Falle der höchsten Not schwerlich
+herbei lassen, ein Kind aufs Töpfchen zu setzen. Einer
+geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel
+zu putzen, wäre ungefähr gleichbedeutend mit schwerer
+körperlicher Mißhandlung. Eine junge deutsche Dame,
+die einen amerikanischen Landsmann geheiratet hatte,
+erzählte mir, daß sie, um den Schwierigkeiten der Dienstbotenwirtschaft
+zu entgehen, sich eine alte, treu anhängliche
+Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in
+der Familie gewesen war. Nach drei Wochen bereits
+habe sie ihr die Stiefelbürste vor die Füße geworfen und
+erklärt, daß sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche
+entwürdigende Zumutung noch länger gestellt würde.
+An einer Frauenuniversität, an der ich eine Vorlesung
+gehalten hatte, wurde mir das einzige für männliche
+Gäste reservierte Zimmer zum Übernachten angewiesen,
+in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden
+pflegte, wenn er zur Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte
+im Badezimmer ein schön poliertes Mahagonikästchen,
+und als ich es neugierig öffnete, fand ich darin
+ein komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mußte
+sich also auch höchst eigenhändig seine Stiefel putzen,
+da es im Gebiete der Damenuniversität natürlich keinen
+öffentlichen Wichsier gab. Daß gerade gegen die ehrenhafte
+Betätigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil
+besteht, ist um so merkwürdiger, als der freie Amerikaner
+niederen Standes es sonst durchaus nicht für unter seiner
+Würde hält, seine Karriere als Inhaber eines Straßenwichsstandes
+zu beginnen und als nicht wenige der heutigen
+Multimillionäre in diesem Geschäft den Grundstock
+ihres Vermögens legten!
+</p>
+
+<pb n='101'/><anchor id='Pg101'/>
+
+<note place="margin">Karriere besserer Dienstmädchen.</note>
+
+<p>
+Deutsche Dienstmädchen gibt es schon lange kaum
+mehr; die meisten der Damen, die so anfingen, fahren
+heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn wenn sie
+auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten
+und einigermaßen nett anzusehen waren, wurden sie mit
+Wonne von besser situierten Landsleuten geheiratet. Auch
+die einstmals als Hausmädchen besonders beliebten Irinnen
+trifft man heute höchstens noch in sehr vornehmen Hotels
+in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer
+sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer
+7 $, also gegen 30 Mk. pro Tag! Selbstverständlich
+denken seine Töchter nicht daran, in Dienst zu gehen,
+auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und
+gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwärtig sind
+Ungarinnen besonders gefragt, und wer eine solche dralle,
+hochgestiefelte Pußtadirne nicht erschwingen kann, der
+nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin oder dergleichen
+vorlieb. Wer aber dem ewigen Ärger und der
+ewigen Angst, ob er morgen noch auf die Unterstützung
+seiner Perle zu rechnen oder abermals den Gang aufs
+Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner Konstitution
+nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfühlig ist,
+um Menschen seinesgleichen, freie Mitbürger in unwürdiger
+Abhängigkeit zu erhalten, der verzichtet überhaupt
+auf häusliche Dienstboten. Und zu diesen vernünftigen
+Leuten gehören fast alle Männer, die das Glück hatten,
+eine Frau zu erwischen, die von Küche und Haushalt
+etwas versteht, und der eine rege Betätigung im eignen
+Heim mehr Freude macht, als das fade Gesellschaftsleben
+und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnügen
+zu Vergnügen.
+</p>
+<note place="margin">Der Professor als Mädchen für Alles.</note>
+<p>
+An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim
+Spaziergang durch eine der reizenden ländlichen
+Uni<pb n='102'/><anchor id='Pg102'/>versitäten des Nordens eine meiner neuen Bekanntschaften
+von einem Diner am vorhergehenden Abend.
+Es war ein hochgewachsener, schlanker junger Herr in
+den Dreißigern, der in einen höchst eleganten Sealskinpelz
+gehüllt, einen glänzend gebügelten Zylinderhut auf
+dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder
+Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zähnen –
+einen eleganten Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob!
+Lebhaftes Interesse für seinen glücklicherweise
+schlummernden Sprößling heuchelnd, begrüßte ich den
+Herrn Professor. Er mochte mir wohl anmerken, daß
+mir begriffsstutzigen Europäer seine väterliche Betätigung
+in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme
+und erklärte mir aus freien Stücken den Zusammenhang.
+„<hi rend='italic'>Look here</hi>“, sagte er, „wir sind jung verheiratet, wir
+haben nur ein kleines Haus und ein kleines Einkommen;
+wir können uns keine Dienstboten halten – außerdem
+ziehen wir es vor, in unserer zärtlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt
+zu bleiben und wollen uns nicht den halben
+Tag den Kopf darüber zerbrechen, wie wir aus unserer
+Mary oder Jane die größtmögliche Arbeitsleistung herausziehen
+könnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbürgerin
+zu nahe zu treten. Wir haben nur eine alte
+Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die gröblichere
+Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen
+einmal die Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller
+ausräumt und die Müllkasten vor die Tür stellt; alles
+andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute früh z. B.
+habe ich zunächst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung
+geschürt und Kohlen nachgefüllt, dann habe ich
+Kaffee gekocht, da meine Frau nicht ganz wohl ist, und
+das Frühstück für uns beide hergerichtet. Dann habe
+ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer
+<pb n='103'/><anchor id='Pg103'/>Haustür und auf dem Trottoir Schnee geschippt und
+darauf mich wieder in einen Gentleman verwandelt. Da
+es darüber für die Kirche zu spät geworden war, habe
+ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft
+meines vorläufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer
+im Sonnenschein zu verrichten. Zum Luncheon
+behelfen wir uns mit kalter Küche, und wenn meiner
+Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein
+Dinner im Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und
+eine Konservenbüchse gewärmt habe. Vor dem Schlafengehen
+schütte ich dann noch einmal im Keller Kohlen
+auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was
+die Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu
+funktionieren.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr schön,“ sagte ich in ehrlicher Anerkennung.
+„Aber das nimmt Ihnen doch sehr viel Zeit weg. Und
+wenn Sie nun früh morgens eine Vorlesung haben, was
+machen Sie dann?“
+</p>
+
+<p>
+„<hi rend='italic'>Well</hi>, dann stehe ich eben eine Stunde früher auf,“
+lachte er vergnügt, „und gehe abends eine Stunde früher
+ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich habe immer acht
+Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist,
+kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr
+als eine Stunde am Tag. Wir haben es noch nie bereut,
+die Wirtschaft mit den Dienstboten überhaupt erst gar
+nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch
+nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten.
+Wie haben schon einmal 50 Leute eingeladen gehabt.“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht möglich! Wie haben Sie denn das angestellt?“
+</p>
+
+<p>
+„O, sehr einfach. Wir besitzen Service für 12 Personen,
+also waren wir 12 Personen zum Lunch. Natürlich
+haben wir kein Eßzimmer, in dem 12 Personen bei
+Tische sitzen könnten, es mußte sich also jeder setzen,
+<pb n='104'/><anchor id='Pg104'/>wo er gerade Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller,
+eine Serviette und ein Besteck, und darauf wurden die
+Schüsseln, eine nach der anderen, herumgereicht – alles
+auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht es
+schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natürlich
+hatten wir dabei Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mädchen,
+sondern zwei meiner Studentinnen; die machen das viel
+intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann
+die übrigen 38 Personen – die wurden aber nur mit
+geistigen Genüssen traktiert. Ich las ihnen etwas vor,
+und eine meiner akademischen Aushilfskellnerinnen spielte,
+von meiner Frau begleitet, einige Flötensolos. Außerdem
+konnten wir sogar noch mit der berühmtesten Schönheit
+von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der
+Durchreise befand, aufwarten!“ – –
+</p>
+
+<p>
+Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten
+vernünftigen Amerikaner von ähnlicher gesellschaftlicher
+Position und Vermögenslage. Wir waren einmal bei der
+Dekanin einer Frauenuniversität zu einem intimen Diner
+geladen. Während des Essens stieß mich meine Frau
+unter dem Tisch mit dem Fuße und richtete meine Aufmerksamkeit
+durch ihre Blicke auf die bedienende Maid,
+die in ihrem weißen Kleid, mit dem weißen getollten
+Häubchen auf dem üppigen Blondhaar allerdings eine
+Sehenswürdigkeit darstellte. Wir drückten der Gastgeberin
+erst auf Deutsch, und als dies durch warnendes
+Räuspern abgelehnt wurde, auf Französisch, dann auf
+Italienisch unsere Bewunderung für dieses nicht nur ungewöhnlich
+hübsche, sondern auch ungewöhnlich intelligent
+aussehende Hausmädchen aus. Da aber fing die
+ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schöne Blondine
+bekam einen roten Kopf und hastete in größter Verlegenheit
+hinaus. Und nun wurde uns anvertraut, daß
+<pb n='105'/><anchor id='Pg105'/>dieses reizende Servierfräulein eine junge akademische
+Kollegin von Fräulein Professor sei, nämlich – die Privatdozentin
+für Sanskrit!
+</p>
+<note place="margin">Demokratischer Stolz.<lb/>
+ Unstetigkeit des Handwerks.</note>
+<p>
+Das Merkwürdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun
+nicht so sehr der Umstand sein, daß es in der neuen Welt
+bereits Privatdozentinnen für Sanskrit gibt, welche obendrein
+auch noch sehr hübsch sind, als vielmehr, daß in
+diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande
+zwar die gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit
+scheuen und sich in der liebenswürdigsten Weise gegenseitig
+in ihren häuslichen Schwierigkeiten aushelfen,
+während gerade die untersten, auf körperliche Arbeit
+angewiesenen Stände die Lohnarbeit im Hause geradezu
+als eine Schande anzusehen scheinen. Obwohl es in dem
+Lande, wo die Dienstboten so hoch entlohnt werden wie
+nirgends in der Welt und mit zarter Rücksicht wie die
+rohen Eier behandelt werden müssen, damit sie nicht
+gleich wieder fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob
+anschnauzende Hausherrn wie bei uns wohl überhaupt
+nicht geben dürfte, ziehen doch die Mädchen die unangenehmste
+Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden
+Laden- und Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben
+als Haushaltsangestellte vor. Gehorchen zu sollen
+ist eben für den Amerikaner die furchtbarste Zumutung,
+die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie
+er es absolut nötig hat. Sobald er sich ein paar Dollar
+zurückgelegt hat, sucht er sich selbständig zu machen.
+Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes,
+der auf der Straße Ansichtspostkarten, Popcorn oder
+Kaugummi verkauft, fühlt er sich zehnmal stolzer und
+zufriedener, als in der bequemsten häuslichen Stellung,
+in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen hat.
+Es kommt noch dazu, daß dem Bürger der Neuen Welt
+<pb n='106'/><anchor id='Pg106'/>nicht nur jedes Gefühl für die Schönheit und Würde
+des sich Einfügens in ein patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis
+von Herr und Knecht, von Meister und
+Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche
+Liebe zu dem Handwerk etwa, in das einer hinein
+geboren oder für das einer bei uns erzogen wird. Im
+Grunde genommen sind die Menschen drüben alle Spieler
+und Glücksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen,
+was sich ihnen gerade bietet, und treiben es nur so lange
+– <hi rend='italic'>until a better job turns up</hi> –, bis sich eine bessere Sache
+bietet. Jeder junge Mensch drüben fühlt sich einfach zu
+allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und
+sich in den weißen Anzug eines New Yorker Straßenkehrers
+stecken lassen müßte, so zweifelte er darum doch
+keinen Augenblick daran, daß er berufen sein könnte,
+übers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft
+in Oklahama zu sein und auf der Höhe seines
+Lebens in den Senatspalast von Washington einzuziehen.
+Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem Lande;
+selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker,
+bin ich nicht sicher, ob er nicht übers Jahr Flugmaschinen
+fabriziert oder Truthähne en gros züchtet.
+Daher kommt es, daß auf dem Gebiete der persönlichen
+Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine
+fachmännische Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit existiert.
+In Madison (Wisconsin) ließ ich mir einen zerbrochenen
+Zeiger an meiner Uhr durch einen neuen ersetzen. Als
+ich nach Hause kam, stellte sich heraus, daß der neue
+Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher,
+der ihn eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern
+noch Verkäufer in einer geräucherten Fischwarenhandlung
+gewesen. In New York wollte ich mir
+eine Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff löten lassen.
+<pb n='107'/><anchor id='Pg107'/>Man schickte mich von Pontius zu Pilatus über fünf
+Instanzen hinweg; endlich, in einer Silberwarenfabrik,
+erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten
+und Hin- und Herreden über Wetter und Politik, einen
+seiner Arbeiter zu ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen.
+Ich bekam auch wirklich schon nach ein paar Minuten
+meinen Stock zurück. Der äußerst geschickte Silberarbeiter
+hatte das losgelöste Monogramm allerdings mit
+dem Lötrohr befestigt, dabei aber den oberen Rand des
+Stockes zu Kohle verbrannt. Und als ich mit dem reparierten
+Gegenstand daheim anlangte, mußte ich die
+Entdeckung machen, daß das Monogramm endgültig verloren
+war, nachdem es 14 Tage lang doch wenigstens
+noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt sich
+eben in diesem <anchor id="corr107"/><corr sic="grossen">großen</corr> Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten
+ab. Was mit der Maschine nicht gemacht werden
+kann, das wird schlecht oder gar nicht gemacht, weil
+der Amerikaner seine Menschenwürde so überaus hoch
+einschätzt, daß er die Handarbeit und gar das persönliche
+Dienstverhältnis verachtet. Darum strengt er auch
+seinen hellen Verstand auf das äußerste an, um immer
+mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen
+zu lassen und die unumgänglichen Handarbeiten
+tunlichst zu vereinfachen. Weil die Dienstboten so rar,
+so teuer und so überaus bequem sind, lieben sie z. B. das
+Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast ausschließlich
+Messer von Bronze in Gebrauch genommen,
+mit denen man zwar nicht schneiden kann, die dafür
+aber auch durch einfaches Durchziehen durch heißes
+Wasser und Abtrocknen zu säubern sind. Da es nun aber
+Messer mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann
+es selbstverständlich auch keinen Braten geben. Das
+Roastbeef und das Geflügel macht man durch Zerreißen
+<pb n='108'/><anchor id='Pg108'/>zwischen Gabel und Messer einigermaßen mundgerecht.
+Im allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich
+in einer breiförmigen Gestalt her, sodaß sie nur einfach in
+den aufgesperrten Rachen hineingeschaufelt zu werden
+brauchen; man spart damit auch viel kostbare Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Vorläufig findet ja noch ein starker Zustrom von
+slawischen, südeuropäischen und westasiatischen Völkerschaften
+statt. So lange diesen noch nicht der Knopf
+aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer Bedeutung
+als selbstherrliche Bürger der glorreichsten Republik der
+Welt nicht bewußt sind, geben sie sich ja noch teils aus
+Hunger, teils aus angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern,
+Hausmädchen und dergl. her. Aber, wie gesagt, immer
+nur bis der bessere „Job“ auftaucht, dann gesellen sie
+sich alsbald der stolzen Klasse der selbständigen Unternehmer
+zu. Wenn nun aber einmal das Land voll ist,
+so daß es seine Tore vor den Einwanderern zusperren
+muß – wer soll dann all die häusliche und sonstige,
+niemals völlig aus der Welt zu schaffende Handarbeit
+verrichten? Ich legte diese kniffliche Frage auch meinem
+hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew D. White,
+dem früheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich
+seinen schönen weißen Gelehrtenkopf, und dann
+gab er mir verschmitzt lächelnd zur Antwort: „Ja, sehen
+Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten. Wir sagen:
+es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen,
+so oder so. Warum sollen wir uns die Köpfe unserer
+Enkel zerbrechen?“
+</p>
+<note place="margin">Schwierige Frage an die Zukunft.</note>
+<p>
+Hm! allerdings – man hat schon Bronzemesser eingeführt
+und auf Braten verzichtet; man kann sich ja das
+Bett, das man jetzt schon allgemein abends selber aufdecken
+muß, auch morgens selber machen; man kann
+auch seine Frau hinten zuknöpfen, ohne an seiner
+Mannes<pb n='109'/><anchor id='Pg109'/>ehre Schaden zu leiden, aber man kann schließlich doch
+nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen, Kinderkriegen und
+Sterben im eignen Heim gänzlich und unter allen <anchor id="corr109"/><corr sic="Unständen">Umständen</corr>
+verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten
+setzen doch wenigstens unter gewissen Verhältnissen die
+Hilfe von Leuten voraus, die nicht gerade akademische
+Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu besitzen
+brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner
+erst einmal selbständige Unternehmer geworden
+sind?
+</p>
+
+<p>
+Ich muß gestehen, mein beschränktes Europäergehirn
+ist, so oft es über diese Frage nachgedacht hat, schließlich
+immer wieder zu demselben Schluß gekommen:
+<hi rend='gesperrt'>Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten
+Staaten haben die Sklaverei mindestens
+100 Jahre zu früh aufgehoben!</hi>
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='110'/><anchor id='Pg110'/>
+<index index="toc" level1="Die Kochkunst der Yankees"/>
+<index index="pdf" level1="Die Kochkunst der Yankees"/>
+<head>Die Kochkunst der Yankees.</head>
+
+<p>
+Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Köchinnen
+beschäftigt habe, dürfte es angebracht sein, im Anschluß
+ein wenig in die amerikanische Küche hineinzuleuchten.
+Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, daß
+der Weg zum Herzen des Mannes durch den Magen führe,
+dürfte es noch sehr lange dauern, bevor Dame Dollarica
+sich in der kulinarisch gebildeten Männerwelt einer auch
+nur annähernd ähnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame
+Marianne oder die Commare Italia oder die nahrhafte
+Tante Austria. In Dingen des guten Geschmacks tut es
+eben der Reichtum allein nicht, sondern die große Vergangenheit
+einer aristokratischen Kultur, und innerhalb
+dreier lumpiger Jahrhunderte entwickelt sich keine
+neue Rasse von Fressern zu Speisern. Wie lange ist es denn
+überhaupt her, daß sich die Besiedler der neuen Welt des
+Segens sicherer behaglicher Häuslichkeit erfreuen? Viele
+der jetzt üppig blühenden Großstädte sind ja erst ein
+paar Jahrzehnte und nur ganz wenige über ein Jahrhundert
+alt. Der wüsten Raubbau treibende angelsächsische
+Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem
+Blockhause hauste, briet sich über dem offenen
+Feuer am Spieß seinen Fetzen Fleisch und manschte sich
+aus den ihm zugewachsenen Zerealien irgend etwas zurecht,
+was einer genießbaren Speise vielleicht entfernt ähnlich
+sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche
+Zuwanderung sich hob, fanden die mit der Kochkunst
+einigermaßen vertrauen Frauen – unter den Britinnen
+sind sie nicht besonders häufig – eine Männerwelt vor,
+<pb n='111'/><anchor id='Pg111'/>die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt
+wurde. Erst in neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten
+willige und splendid zahlende Abnehmer für alle Luxusprodukte
+der alten Welt wurden, begannen auch bewährte
+Meister der Kochkunst über den Ozean zu ziehen; aber
+die traten selbstverständlich nur in den Dienst der vornehmsten
+Hotels, der teuersten Restaurants und der
+Milliardäre ein und konnten folglich nicht für die breite
+Masse des mäßig begüterten Bürgertums erziehlich wirken.
+Die amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt,
+weil ihnen im Vergleich zu ihrer barbarischen Küche
+natürlich die Speisekarte der Kulturvölker lauter überraschende
+Offenbarungen bietet.
+</p>
+<note place="margin">Süß muß es sein!</note>
+<p>
+Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart
+sich denn auch in Amerika nirgends deutlicher als
+auf dem Gebiete der Küche. Das Haupterfordernis der
+Eßbarkeit ist für den Yankee die Süße. Alles, was süß
+ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist
+es mir trotz größter Mühe nicht gelungen, irgendwo in
+den Vereinigten Staaten ein Mundwasser aufzutreiben,
+das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wäre. So ist
+Süßigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem
+Schlaf entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten
+Frühstück geht der Genuß von Früchten: Orangen,
+Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge
+von Streuzucker mit dem Löffel hervorgegraben werden.
+(Nebenbei gesagt: das Fruchtessen vor dem Frühstück
+ist die einzige nationale Speisesitte, die ich Europäern
+zur Nachahmung empfehlen möchte. Die wundervoll
+saftige Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist
+höchst erfrischend und bekömmlich.) In einem üppigeren
+Haushalt ist schon der Frühstückstisch reicher gedeckt
+als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak,
+Hammel<pb n='112'/><anchor id='Pg112'/>kotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster
+Art werden von den Männern bevorzugt, während die
+Frauen und Kinder eine große Auswahl der zum Teil
+wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfügung
+haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen,
+Hafer, Reis, kurz: alle erdenklichen Getreidearten erscheinen
+in der Form von Grütze, Graupen, Flocken,
+Fäden oder papierdünnen Schnipfeln, roh, gekocht oder
+geröstet und werden größtenteils mit Rahm und sehr
+viel Zucker angerührt. Dünne Eierkuchen werden mit
+übersüßen Fruchtsäften übergossen, und der Toast sowie
+die meist gleichfalls süßen Semmeln mit Fruchtgelees
+und Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe für den
+Genuß von Süßigkeiten von Tagesanbruch ab ist aber
+durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder oder auf
+die wohlhabenden Klassen beschränkt, sondern sie ist
+ganz offenbar eine nationale Raserei.
+</p>
+
+<p>
+Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafés im
+Wienerischen Sinne. Als ich daher einmal auf dem Broadway
+ein Wirtshausschild mit der Aufschrift „Coffeehouse“
+erblickte, stürmte ich begeistert in das Lokal. Es war
+eine große reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut,
+ohne Tische und Stühle, nur den Wänden entlang zogen
+sich Holzbänke, die durch Zwischenwände in einzelne
+Sitze eingeteilt waren, und auf diesen trennenden Seitenwänden
+waren genügend breite, rund geschnittene Bretter
+angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen
+zu können. Am Kopfende der Halle befand
+sich ein riesiges Buffet, auf dem die herrlichsten
+Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke
+vernickelte Samovars für Tee und Kaffee.
+Das Publikum dieses eigenartigen Kaffeehauses bestand
+aber ausschließlich aus Droschkenkutschern, Chauffeuren,
+<pb n='113'/><anchor id='Pg113'/>Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau
+betrat das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anständig,
+und den ganz vorzüglichen und für New-Yorker Verhältnisse
+sehr billigen Schaum- und Fruchttorten, Apfelkuchen
+mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses
+robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermäuliger
+Schuljungens zu.
+</p>
+<note place="margin">Icecream und Zahnarzt.</note>
+<p>
+Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das
+Roastbeef oder der hochfestliche <hi rend='italic'>Turkey</hi> (Puter), sondern
+der <hi rend='italic'>Icecream</hi>, das Gefrorene. Icecream wird Winters
+und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt
+von Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream
+besänftigt die ungebärdigen Säuglinge; Icecream gilt
+als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er kehrt bei
+großen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als
+Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpönten
+Alkohol und bewirkt, daß die Amerikaner sich der besten
+Zahnärzte der Welt erfreuen – denn das schroffe Durchsetzen
+siedheißer Suppen und glühender Breie mit Eiswasser
+und Icecream können selbst die besten Gebisse
+nicht vertragen. Der Schmelz springt ab, und die vom
+ewigen Zuckerschleimstrom umspülten, schutzlosen Zähne
+sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen
+hat jedermann fortwährend den Zahnarzt nötig, und man
+braucht sich nicht zu wundern, Kanalausräumer und
+schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu sehen
+wie die köstlichste Maimorgenstunde.
+</p>
+<note place="margin">Tafelfreuden im Pensionat.</note>
+<p>
+Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen,
+wie durch den Mangel an Dienstpersonal die
+Küche und die Tafelgewohnheiten beeinflußt werden.
+Ich bemerkte, daß durch den Mangel an scharfen
+Messern mit schwer zu putzenden Stahlklingen ein Braten
+zu einer schwer zu bewältigenden Speise geworden sei.
+<pb n='114'/><anchor id='Pg114'/>Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten,
+Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrücken oder Schlegel
+so gut wie gar nicht auf den Tisch. Das nationale angelsächsische
+blutrünstige Roastbeef, drüben jedoch nicht
+so, sondern <hi rend='italic'>Prime rib of Beef</hi> genannt, muß man von
+der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen
+versuchen, wenn man nicht vorzieht, den ganzen
+Fladen in den Mund zu nehmen und mittels der Gabel
+oder der Finger durch die Zähne zu ziehen. Übrigens
+sind diese Ochsenrippenstücke neben den sehr üppigen
+und teuren Rinds- und Hammelsteaks das einzige gebratene
+Fleisch, welches wirklich schmackhaft zubereitet
+zu sein pflegt, während Kalbskoteletten und Schnitzel
+meistens ungenießbar sind. Als niedliches Kuriosum
+möchte ich erwähnen, daß ich einmal bei einem Sonntagsdiner
+Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten bekam!
+Geflügel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird
+zu unwahrscheinlichen Dimensionen herangezüchtet. Ich
+habe Hennen gesehen, die so hoch waren wie ein Storch
+und so fett wie ein Mops; aber das Fleisch dieser abnorm
+großen Tiere ist dafür auch wenig zart, und die Keulen
+besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als
+das Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mürbe,
+während das weiße Fleisch trocken und charakterlos
+bleibt. Meistens wird einem aber der Genuß selbst eines
+wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, süßliche
+Mehltunke verkümmert. Da das Tellerabwaschen
+die Geduld des feinnervigen Küchenpersonals auf eine zu
+harte Probe stellen würde, so muß man sich, wenigstens
+in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags-
+oder Abendmahlzeit einschließlich des Kompotts auf ein
+und denselben Teller packen. In dem Boardinghouse
+bester Art, in dem wir in New-York wochenlang lebten,
+<pb n='115'/><anchor id='Pg115'/>bestand die sonderbare Sitte, daß nach der Suppe warme
+Teller mit einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke
+und -länge, verabfolgt wurden, selbstverständlich
+in einer seimig-süßen Sauce versteckt. (Übrigens sind die
+Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen
+Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet
+man nur unter den Fluß- und Süßseefischen.) Nachdem der
+Fischbissen verschluckt, beziehungsweise mißtrauisch auf
+den hohen Rand geschoben war, wurde der ganze Tisch voll
+kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten verwischten
+Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten,
+Rouladen und dergleichen ähnlich, in irgendeiner
+mehlweißen oder kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken,
+das unvermeidliche Chicken, dazu verschiedene Gemüse,
+unter denen grüne Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl
+die genießbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei
+Aufmachung, in der Schale im ganzen gebacken – man
+bricht sie auf und schält sie mit dem Teelöffel heraus;
+recht empfehlenswert – oder als Brei, oder kloßartig,
+oder gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten
+<hi rend='italic'>Sweet Potatoes</hi>, Gebilde von Gurkenausdehnung,
+vor denen ich Fremdlinge eindringlichst warnen möchte,
+denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und
+schmecken leider auch so ähnlich.
+</p>
+
+<p>
+All diese Genußmittel, noch um diverse eingekochte
+Früchte vermehrt, arrangiert man sich nun nach Geschmack
+und Talent auf seinem Fischteller, und man kann
+von Glück sagen, wenn einem die Gräten nicht in die
+grünen Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehöhlte
+Kartoffelpelle und die Hühnerknochen nicht in den falschen
+Hasen geraten. Echte Hasen gibt es überhaupt nicht.
+Der Ersatz dafür, und überhaupt das einzige einheimische
+Wild, ist das hasenfarbige <hi rend='italic'>Rabbit</hi> (Kaninchen), das die
+<pb n='116'/><anchor id='Pg116'/>Natur da drüben aus Kautschuk verfertigt zu haben
+scheint – möglicherweise wird es aber auch aus Abfällen
+der Schuhfabrikation künstlich hergestellt. Alles übrige
+Wild haben die begeisterten Freischützen in den kultivierteren
+Staaten schon längst abgeschossen – bis auf
+die Ratten und die Klapperschlangen. Hat man die
+eßbaren Bestandteile der wüsten Speisenaufhäufung auf
+seinem Universalteller herausgefuttert, so bilden die Überbleibsel
+ein ästhetisch reizvolles Stilleben. Sind sie endlich
+entfernt, so erscheint als eiserner Bestand jedes amerikanischen
+Menüs sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf
+dem einfachsten bürgerlichen Mittagstisch der Salat, der
+niemals in einer Schüssel herumgereicht, sondern immer
+fertig auf winzigen flachen Tellerchen einem vorgesetzt
+wird. Mich wundert, daß noch kein Yankeedichter diesen
+Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie des
+amerikanischen Kochkünstlers orgiastische Triumphe.
+</p>
+<note place="margin">Amerikanischer Salat.</note>
+<p>
+Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts,
+was nicht in solch einem amerikanischen Salat zu finden
+wäre. Den Grundstock bilden ein bis drei große grüne
+Blätter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu entstammen
+brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig
+und Öl geschüttet und auf dieser Unterlage ein mehr oder
+minder kühner Aufbau von allem möglichen und unmöglichen
+Süßem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem,
+Weichem, Flüssigem, Genießbarem und Ungenießbarem
+vollzogen. In einem feinen Hause, in dem sich die Hausfrau
+selbst auf ihre Kochkunst viel zugute tat, wurde
+beispielsweise eine solche Salatdichtung mit außerordentlichem
+Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein
+und der Zunge nach ungefähr folgendermaßen
+analysieren möchte: zwei Blätter Salat mit je fünf Tropfen
+Essig und Öl, darauf eine Scheibe frische Tomate, eine
+<pb n='117'/><anchor id='Pg117'/>viertel Scheibe Ananas, etwas weißes Hühnerfleisch,
+einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und
+Karotten, ein Klecks Butter, mit Streuzucker durchgerührt,
+ein Teelöffel Schokoladencream und eine Rumkirsche
+als Turmknopf oben drauf. Totaleindruck auf
+Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt – wie mein
+Freund, der Rechtsanwalt in Landau, sagen würde –
+wie Öl und Werg! Diese kulinarische Offenbarung erfolgte
+aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen Herrin ihren
+Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder
+gebildeten Familien ist man natürlich weniger wählerisch
+und verwendet zur Salatbereitung die nächstliegenden
+Gegenstände, also in erster Reihe die mehr oder minder
+traurigen Überreste früherer Mahlzeiten, soweit sie eßbaren
+Naturprodukten einigermaßen noch ähnlich sehen.
+Fehlt es aber zum Beispiel an gepickelten Spargelspitzen,
+so kann man dazu auch einen klein geschnittenen Spazierstock
+verwenden, da die Spazierstöcke drüben außer
+Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die
+Reste in Gedanken stehen gebliebener Gummigaloschen,
+die die Trüffel täuschend ersetzen, zumal, wenn sie vorher
+in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem Zucker
+kandiert werden. Salat von Fischgräten, Kalmus und
+Bananen, mit roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert,
+soll auch sehr gut sein; ich habe ihn aber nicht gegessen,
+sondern nur nach einer besonders anregenden Mahlzeit –
+erträumt!
+</p>
+
+<p>
+Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen
+zum Nachtisch reicht, wird regelmäßig ein derbes Stück
+Käse beigefügt; zu welchem Zwecke, weiß ich nicht. Als
+ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte,
+steckte ich den Käse instinktiv in die Westentasche; ich
+hielt ihn für ein Stück Radiergummi, den ich in meinem
+<pb n='118'/><anchor id='Pg118'/>Geschäft immer brauchen kann. Befindet sich Obst auf dem
+Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich,
+fülle auch womöglich seinen Pompadour damit an, denn
+alles Obst ist in Amerika von ganz vorzüglicher Qualität –
+und man weiß ja nie, wie’s kommen mag! Was meine Person
+betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mich während der
+ganzen Boardinghouse-Periode kümmerlich von Austern und
+Hummern genährt habe, denn die sind von unvergleichlicher
+Güte, Größe und Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das
+einzige amerikanische Produkt, das man – neben Stiefeln –
+als billig bezeichnen kann. Europäer von noch nicht genügend
+fortgeschrittener Perversität möchte ich jedoch vor
+den <hi rend='italic'>Clams</hi> warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart,
+deren penetranter Nachgeschmack einen besseren <anchor id="corr118"/><corr sic="Neuurastheniker">Neurastheniker</corr>
+zum Selbstmord verführen könnte.
+</p>
+
+<p>
+Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind
+übrigens sehr selten, und ihre Begierde wandelt andere
+Pfade wie die des europäischen Genießers. Im vornehmsten
+Hotel in Buffalo „Zum Irokesen“ sollte ich
+zum erstenmal die Bestimmung eines geheimnisvollen
+Utensils kennen lernen, das mir schon in vielen Hotels
+und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa
+einen halben Meter hohes, zylindrisches Silbergerät mit
+einer oben herausragenden, durch einen derben Querbalken
+betätigten Schraube. Ein einsamer Speiser ließ
+sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung sogleich
+eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte.
+Offenbar war dieser wuchtige Geselle mit dem
+römischen Imperatorenkopf ein Genießer höherer Grade.
+Nach längerer Zeit brachte man eine große verdeckte
+silberne Schüssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt
+wurde. Zwei Kellner trugen dann jenen rätselhaften
+schweren Silbergegenstand herbei und schraubten dessen
+<pb n='119'/><anchor id='Pg119'/>obere Hälfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit feierlicher
+Miene den Deckel der Silberschüssel auf und spießte
+von den beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen
+Vögeln (Enten waren es meiner Meinung nach) einen auf
+und pfropfte ihn mit Mühe in jenen Zylinder hinein,
+worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die
+Schraube mit Anstrengung beider Hände betätigt
+wurde. Aus einer Ausflußöffnung am Boden des Gefäßes
+rann dickes, schwärzliches Blut in eine vorgehaltene
+Schale. Dieses Blut wurde mit allerlei Gewürzen angerührt
+und schließlich als Sauce über den anderen halb
+rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische Gericht
+verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull.
+Ich erinnere mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat.
+Zu verwundern wäre es weiter nicht gewesen, da der
+Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit Eiswasser,
+Tee oder Kaffee hinunter zu spülen pflegt.
+</p>
+<note place="margin">Billige Speisehäuser.</note>
+<p>
+Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen
+Hotels und Restaurants zu speisen, und der
+sich mit der Yankeeküche gewöhnlichen Schlages nicht
+zu befreunden vermag, fährt am besten, wenn er sich in
+eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene
+Speisehäuser begibt, die seine heimische Küche
+pflegen. Man kann in dem teuren New York, und wohl
+auch in den meisten der ganz großen Städte, französisch,
+deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch
+und koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen
+italienischen Lokalen, in denen es noch einen trinkbaren
+Wein gratis gibt, ist in New York wenigstens kein
+Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants
+ebenso schmerzlich wie Wiener Cafés vermißt. Ich meine,
+hier wäre noch eine Kulturmission für die Einwanderer
+der österreichischen Kronländer zu erfüllen. Wenn ich
+<pb n='120'/><anchor id='Pg120'/>drüben irgendwo ein Stück Rindfleisch mit Beilage, wie
+bei Meisl &amp; Schaden, vorgesetzt bekommen hätte, ich
+hätte es knieend verzehrt und hernach stehend die österreichische
+Nationalhymne gesungen. Und die Einführung
+des Berliner Systems Kempinski, nämlich eine große Auswahl
+von Gerichten in tadelloser Qualität zu einem sehr
+billigen Einheitspreis zu geben, könnte eine Revolution des
+Ernährungswesens drüben hervorbringen. Bis dahin muß
+der deutsche andachtsvolle Genießer mit heißer Liebe
+seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind
+drüben fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt
+ihres gesellschaftlichen Ehrgeizes auf eine gute Tafel im
+heimatlichen Stil verlegen.
+</p>
+<note place="margin">Das Volk der Kauer.</note>
+<p>
+Beim richtigen Yankee scheinen es übrigens nicht die
+Geschmackswarzen zu sein, welche ihm den Genuß beim
+Essen vermitteln, sondern vielmehr die Kinnbacken und
+die Speicheldrüsen. Das Kauen und das Schlucken an
+sich macht diese einfachen Naturkinder glücklich. Wer
+zum erstenmal nach den Vereinigten Staaten kommt,
+kann sich nicht genug darüber wundern, hier einem Volke
+von Wiederkäuern zu begegnen. In der Straßenbahn, in
+den Geschäften, in den Vergnügungslokalen wie auf der
+Straße sind die Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation
+in unausgesetzter Bewegung, und ein Widerschein von
+Zufriedenheit überstrahlt von dieser Kinnbackenbetätigung
+aus die Gesichter. Junge hübsche Ladnerinnen kauen,
+wenn sie mittags zum Lunch gehen und wenn sie vom
+Lunch ins Geschäft zurückkehren. Die Soldaten kauen
+beim Exerzieren; sie würden sicher auch kauend ihre
+Schlachten schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten
+Absichten kaut, wenn er seine Liebeserklärung macht,
+und seine Erwählte erwidert errötend: „Mum mum mum
+– tschap tschap, sprechen Sie mit Mama.“ Und der
+<pb n='121'/><anchor id='Pg121'/>gewaltige, 125 Kilo schwere Schutzmann rennt kauend
+dem Dieb nach und packt ihn beim Kragen mit dem
+Ausruf: „Dscham dscham – ich verhafte Sie – mum
+mum – im Namen des Gesetzes!“ Ein Stückchen gezuckerter
+Gummi (<hi rend='italic'>Chewing Gum</hi>) zwischen die Backzähne
+geschoben, beglückt alle diese Leute wie den Seemann
+sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Täuschung
+ein, in der besten aller Welten zu leben. Wäre Cartesius
+als Yankee zur Welt gekommen, er hätte sicher sein berühmtes
+„cogito ergo sum“ abgewandelt in: „Ich kaue,
+folglich bin ich.“
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='122'/><anchor id='Pg122'/>
+<index index="toc" level1="Künstlerische Kultur"/>
+<index index="pdf" level1="Kuenstlerische Kultur"/>
+<head>Künstlerische Kultur.</head>
+
+<p>
+Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter
+Geister hat das neue Volk in der Neuen Welt, wie es
+scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen Schönheitssinn
+zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse
+imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Begriffen
+des Durchschnittsamerikaners auch schön sein.
+</p>
+<note place="margin">Planloses Durcheinander.</note>
+<p>
+Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß
+selbst hochgebildete Leute enttäuschte Gesichter machen,
+wenn der Fremde, der zum erstenmal durch New York
+geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolkenkratzer,
+noch durch die Verschwendung herrlichen echten
+Materials an öffentlichen Prachtbauten, noch etwa durch
+die glänzende elektrische Lichtreklame für ästhetisch
+besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen
+Kasten mit den unzähligen Fensterlöchern unter Umständen
+schön zu wirken. Wenn man zum Beispiel vom
+Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der Dämmerung
+oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie
+einen traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der
+einen Maler toll und einen Dichter selig zu machen vermag.
+Einige von diesen Ungeheuern, wie vornehmlich
+das Gebäude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft,
+sind auch an sich hervorragende Kunstwerke,
+und kein Mensch von Geschmack wird die ideale Schönheit
+der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder die
+Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsylvaniabahn
+bestreiten. Auch die lustigen Spielereien der
+beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur als mechanische
+<pb n='123'/><anchor id='Pg123'/>Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und
+farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese
+Schönheit, Größe und künstlerisch idealisierte Zweckmäßigkeit
+ist nicht einem vorbedachten Plan organisch
+eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen
+lauter Banalität und entschiedene Garstigkeit hingestreut.
+Die Umgebung ist es, die in weitaus den meisten
+Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen zerstört.
+Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem
+durch die geographische Lage bedingten überaus vernünftigen
+und klaren Plane angeordnet wurde, und immerhin
+der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit der Neuenglandstaaten
+weniger unterworfen war, scheint doch der künstlerische
+Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben
+öden Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene
+niedrige Baracken; entzückende, grünbewachsene gotische
+Kirchen findet man eingeklemmt zwischen Metzger- und
+Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen Proportionen
+und mit prächtigen Fassaden neben wüsten
+Kasten für Bureau- und Werkstattzwecke, an deren
+Straßenfronten scheußliche rotgestrichene Feuertreppen
+im Zickzack hin und her laufen.
+</p>
+
+<p>
+Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunkvollsten
+Läden und der Residenz der Milliardäre, finden
+sich noch genug solcher barbarischen Scheußlichkeiten
+unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die Nebenstraßen,
+wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen
+selbst in den besseren Gegenden ein höchst langweiliges
+Einerlei. Auch die nüchternsten modernen Städte Deutschlands,
+wie Mannheim und Karlsruhe, fallen den amerikanischen
+gegenüber immerhin noch angenehm auf durch
+ihre strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während
+die enorm reiche Kommune New York bis heute noch
+<pb n='124'/><anchor id='Pg124'/>nicht einmal eine anständige Pflasterung und Straßenreinigung
+durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der
+Fünften Avenue besteht aus Löchern, zwischen denen hier
+und da aus Versehen ein Stück Asphalt liegen geblieben
+ist. Oberflächliche Reparaturen werden in der Weise ausgeführt,
+daß man mitten auf der Straße zur Freude der
+Gassenbuben in diesen Löchern Feuer anzündet; dann
+schmilzt der Asphalt ringsherum, und das Loch bekommt
+wenigstens abgerundete Ränder. Wem der Arzt eine Vibrationsmassage
+gegen Trägheit der Unterleibsorgane verordnet
+hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue –
+oder besser noch auf den gepflasterten Hauptstraßen des
+nordöstlichen Teiles von Philadelphia – eine halbe Stunde
+spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei der
+Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das
+wüste Durcheinander in der Außenseite seiner Städte so
+wenig zu genieren scheint, doch fast durchweg einen so
+guten Geschmack in seiner Kleidung und Wohnungseinrichtung
+zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung
+England, für die Frauenkleidung Paris richtunggebend,
+allein die dortigen Muster werden doch für den amerikanischen
+Geschmack einigermaßen abgeändert, und was
+dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart.
+In der Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außerordentlich
+konservativ, und der Kolonialstil ist immer noch
+maßgebend. Das moderne deutsche Kunstgewerbe hat
+kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man
+auch nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande,
+so stillos zusammengewürfelte Einrichtungen wie
+in der Wohnung des zurückgebliebenen deutschen Spießbürgers.
+Man hält zäh fest an der guten englischen Tradition
+und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung
+<pb n='125'/><anchor id='Pg125'/>der Wohnräume als auch die unaufdringliche Schlichtheit
+der Formen, Harmonie der Farben, die zusammen den
+Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.
+</p>
+<note place="margin">Abenteuer mit Schaukelstühlen.</note>
+<p>
+Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukelstühle.
+Ich habe Zimmer angetroffen, in denen überhaupt
+kein einziger Stuhl fest auf seinen vier Beinen stand, und
+wo eine besondere equilibristische Begabung dazu gehörte,
+um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen
+Koffer zu packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch
+ein ungemein niedriges Möbel setzt, so kippt es nach vorn
+und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß man also auf
+einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis
+er an der Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder
+man placiert seinen aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen
+zweier gegeneinander geschobener Rockingchairs und
+beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich
+füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet,
+neigen sich die stützenden Stühle nach innen, der Koffer
+klappt zu und rutscht zwischen den Lehnen durch; es
+ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen Koffer
+zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft
+mit einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht,
+die nicht nur vor- und rückwärts, sondern auch seitwärts
+schaukelten. Auf diesen heimtückischen Mokierstühlen
+kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren,
+wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich
+haben die immer praktischen Amerikaner auch diesen
+Nebenzweck im Auge.
+</p>
+
+<p>
+So nett und gemütlich nun auch eine solche amerikanische
+Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch
+uns deutschen Erzindividualisten recht bald langweilig,
+weil sie eben überall dieselbe ist. Ich spazierte einmal
+mit einem jungen deutschen Gelehrten die <hi rend='italic'>Common
+<pb n='126'/><anchor id='Pg126'/>Wealth Avenue</hi> in Boston hinunter – nebenbei bemerkt
+eine der schönsten Straßen, die mir überhaupt in Amerika
+aufgefallen sind. Es befinden sich hier nur vornehme
+Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große
+Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also
+von der Straße aus in das Treppenhaus und das Parlor
+hineinsehen. Ich freute mich des schönen schmiedeeisernen
+Gitterwerks, das diese wohlhabenden <hi rend='italic'>Homes</hi>
+von der Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer
+reizvoller Einzelheiten. Da unterbrach mein Begleiter
+meine Lobeshymne mit den Worten: „Was wollen Sie
+wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier
+aus finden wir mindestens sechs, in denen wir durch die
+Fenster genau dieselbe innere Einrichtung konstatieren
+können.“ Und richtig, so war es auch. Aber nicht nur
+in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall
+in derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit
+demselben Blumenkübel darauf und derselben Palme
+darin, genau an derselben Stelle derselben Wand befand
+sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende
+Sofa mit den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber
+usw. usw. Immerhin kann man sich diese ermüdende
+Uniformität gefallen lassen, da sie doch wenigstens einen
+guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt.
+Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich
+nur in den Palästen ungebührlich rasch reich gewordener
+Emporkömmlinge – gerade wie bei uns.
+</p>
+<note place="margin">Die Nacktheit in der Plastik.</note>
+<p>
+Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in
+den meisten seiner Vergnügungen und künstlerischen
+Betätigungen doch noch recht unkultiviert zeigt, in anderer
+Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack
+und hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der
+Malerei, in der Photographie, im Buchgewerbe. Während
+<pb n='127'/><anchor id='Pg127'/>die amerikanischen Museen zum weitaus größten Teile
+noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer freigebigen
+Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander
+von Kitsch und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen
+moderner Künstler einer sehr respektablen
+Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden Entwicklung
+der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande,
+das die Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch
+nicht überwunden hat, keine Rede sein. Ich habe mir
+sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in Chicago zum
+erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkörper
+als Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer
+Farmer war von diesem völlig neuen Anblick dermaßen
+gefangen, daß er überhaupt für nichts anderes in der
+ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die
+Augen starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt
+und dabei kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: „<hi rend='italic'>Oh good
+Lord, what tits, what tits!</hi>“
+</p>
+
+<p>
+Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische
+Figur, die sich in der Öffentlichkeit zu zeigen
+wagt, einen heftigen Kampf mit der Geistlichkeit und
+den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen,
+wenn außer etlichen anständigen Porträtstatuen, naturalistischen
+Kriegergruppen und Reitermonumenten von
+bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten nichts
+zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir
+persönlich in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal
+in Easton (Pennsylvania): auf einer sehr hohen
+schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im
+Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine
+elektrische Birne!
+</p>
+<note place="margin">Deutsche Musikpioniere.</note>
+<p>
+Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre
+Techniken vom Auslande gelernt und stark eigenartige
+<pb n='128'/><anchor id='Pg128'/>Glanzleistungen auch nur in den bildenden Künsten
+sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist
+ihnen bis jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert
+worden. Und selbst die einzige musikalische Spezialität,
+die sich zurzeit als echt amerikanisch ansprechen läßt,
+nämlich das Volkslied der Neger und der <hi rend='italic'>Ragtime</hi> (eigenartig
+verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze
+und derbe Couplets), ist doch auf schottischen und irischen
+Ursprung zurückzuführen. Es läßt sich aber nicht leugnen,
+daß für gute Musik heute schon ein recht großes und
+verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man
+bedenkt, daß an der Geschmackserziehung des amerikanischen
+Hörers erst seit wenigen Jahrzehnten von europäischen
+Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es doch
+wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man
+heute schon den „<sic>Parsival</sic>“ vor einer andachtsvoll ergriffenen
+Zuhörerschaft geben kann, und daß Konzertprogramme,
+die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo
+Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen,
+große Scharen anziehen und begeistern. Allerdings finden
+bei einer großen Masse selbst der höheren Schichten auch
+stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit
+echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall – aber
+können wir das in Deutschland nicht auch erleben? Der
+Unterschied ist wohl nur der, daß bei uns kein Künstler
+von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde,
+dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen
+zu machen. Wir Deutschen dürfen uns rühmen,
+auf musikalischem Gebiet uns die Meistbegünstigung für
+unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und Lehrern
+erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen
+deutschen Musikanten aber auch arbeiten müssen, in
+welchen harten steinigen Boden haben sie oft ihre
+Pflug<pb n='129'/><anchor id='Pg129'/>schar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden für
+ihre Saat zu bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich
+einen solchen Veteranen von einem deutschen Musikpionier
+kennen gelernt. Als er vor 20–30 Jahren hinauszog,
+um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie
+den lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens
+Schubert und Schumann, Löwe und Franz vorzusingen, da
+gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ nicht locker,
+er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen
+von seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm
+und einigen Wenigen seinesgleichen ist es zu verdanken,
+wenn heute ein ernster Künstler mit einem vornehmen
+Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen
+kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys
+mit dem Schießeisen vom Podium gejagt zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht
+spärlich aus amerikanischem Boden hervor. Weder die
+Zuchthäusler und Abenteurer in der Zeit der Flegeljahre
+der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben
+irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit
+herübergebracht. Und bis die großen Kriege durchgekämpft,
+die Naturschätze erschlossen, das ungeheure
+Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang
+gebracht worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf
+ums Dasein viel zu viel zu tun, um Muße zu künstlerischer
+Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese Muße freilich
+schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort
+noch keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes
+noch kein wirkliches Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung
+von der Wichtigkeit der Kunst als Kulturfaktor ist bisher
+nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten aufgegangen,
+die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen
+<pb n='130'/><anchor id='Pg130'/>schmückenden Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In
+der alten Welt entfaltete sich alle Kunst auf dem Boden
+uralten, oft umgeackerten und gedüngten Kulturlandes.
+Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker,
+in deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte
+sich an den Hemmungen, die sie zu überwinden hatte.
+Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke
+hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine
+aristokratische Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre
+Künstler ist ein geborener Aristokrat, der zwischen sich
+und den Viel zu Vielen, den Banausen und Philistern,
+eine hochmütige Scheidewand errichtet.
+</p>
+
+<p>
+Die demokratische Anschauung von der Gleichheit
+der Menschen ist dem Instinkt des Künstlers ein Greuel.
+Und selbst jene naivste Betätigung schaffender Phantasie,
+die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre Gesetze,
+ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in
+uralten Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen
+Welt aber, in der eine historische Entwicklung in unserem
+Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo immer gegenwärtige
+Resultate eines langsamen Werdegangs aus der
+Alten Welt fertig übernommen wurden, ist das Entstehen
+einer originalen Kunst vernünftigerweise auch noch gar nicht
+zu erwarten. Die Yankees, als Abkömmlinge der britischen
+Einwanderer, haben selbstverständlich eine angeborene
+Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort
+empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die
+Nachkommen der deutschen Einwanderer sich instinktmäßig
+an die deutschen Vorbilder klammern werden.
+Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird
+natürlich ihren Einfluß auf die Malerei, die eigenartigen
+Lebensbedingungen der Neuen Welt auf die
+Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum
+<pb n='131'/><anchor id='Pg131'/>ist es selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten
+zunächst eigenartige Leistungen zu erwarten und ja auch
+gegenwärtig schon vorhanden sind. Dagegen kann man
+von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt, auch
+keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum
+mindesten mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache
+gebunden, daß allein schon aus diesem Umstande der
+bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne
+weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus,
+daß geborene Amerikaner ganz hervorragende Leistungen
+auf Kunstgebieten vollbringen können, deren ausländische
+Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben und deren
+inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die
+Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört
+und eine wirkliche chemische Durchdringung der verschiedenen
+Rassenelemente stattgefunden haben wird,
+kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln,
+aus der dann folgerichtig auch eine originale
+amerikanische Kunst hervorgehen müßte.
+</p>
+<note place="margin">Der neuweltliche Poet.</note>
+<p>
+Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispielsweise
+ein jugendlicher Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben
+möchte, das Hungerleiderdasein eines deutschen oder
+französischen Poeten zu führen, eine undenkbare komische
+Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der
+Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem
+soliden Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg,
+so probiert er es eben mit einem anderen. Schwerlich
+wird es ihm einfallen, sich trotzig wider den Geschmack
+der Zeit und der großen Masse aufzulehnen.
+Auch wenn er Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er
+sein Publikum nicht rücksichtslos damit erschrecken,
+sondern es allmählich vorzubereiten suchen. Die Beschäftigung
+mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen
+<pb n='132'/><anchor id='Pg132'/>Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für
+Ausnahmemenschen, besonders also für solche, die keine
+Sorge um das tägliche Brot mehr drückt. Man setzt auch
+voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem Dichten,
+Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman
+sei, also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten
+Gesellschaft mit normalen Manieren und auch einigermaßen
+normalen Gesinnungen. Es ist bezeichnend, daß
+der Name <hi rend='italic'>Bohemiens</hi>, der für Künstler- und Literatenklubs
+besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen
+recht wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten
+können, ihre festlichen Sitzungen in den vornehmsten
+Hotels abzuhalten und dazu nichts als französischen
+Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon deshalb
+drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffeehäuser
+gibt. Es kommt vorläufig auch noch selten vor,
+daß künstlerische, besonders literarische Talente aus den
+untersten Volksschichten hervorgehen, weil in denen noch
+alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet
+ist. In New York gibt es allerdings einen hervorragenden
+Dichter, der Sattler und Tapezierer ist – Hugo Bertsch
+heißt er – aber der schreibt Deutsch und ist aus
+Reichelsheim i. O. gebürtig.
+</p>
+
+<p>
+Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen
+Dramatiker, die damit begonnen haben, sich von der
+herrschenden Prüderie und Konvention freizumachen
+und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu
+erobern, nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte
+Walter von unten heraufgekommen ist, gehörig gehungert
+und im Zentralpark gepennt hat, bevor er bekannt wurde.
+Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack London,
+der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer
+Färbung auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen,
+<pb n='133'/><anchor id='Pg133'/>obwohl er eine gute wissenschaftliche Bildung genossen
+hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn gleichfalls als
+Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer,
+Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur
+wurde. Auch Mark Twain begann als Setzer und wurde
+dann bekanntlich Lotse auf dem Mississippi. Edgar
+Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber
+wegen schlechter Aufführung von der Universität und
+der Militärakademie relegiert und desertierte aus der
+Armee, bevor er sich zu dem berühmten Dichter entwickelte.
+Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buchdrucker,
+gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter
+im Ministerium. Einzig Longfellow von den bekannteren
+Dichtern stammte aus höheren Kreisen und
+erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betätigte
+sich zunächst als Rechtsanwalt.
+</p>
+<note place="margin">Diktatur des Massengeschmacks.</note>
+<p>
+Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz,
+daß die künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken,
+Geltung besitze. In dem Paradiese der absoluten Gegenwart,
+dessen glückliche Bewohner so gern alles, was ist,
+gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben
+natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen.
+Die vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber,
+nur marktgängige Ware zu liefern, und marktgängig ist,
+was dem Unterhaltungs- und Sensationsbedürfnis entspricht.
+Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika,
+folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes
+Geschäft zu machen für diejenigen, die sich auf den Geschmack
+des Publikums verstehen. Dieser Geschmack
+heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im
+Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs
+sind nicht nur bei den ganz kleinen Leuten die beliebtesten
+Helden. Es müssen daher auch ernste Schriftsteller, z. B.
+<pb n='134'/><anchor id='Pg134'/>solche, die ihr soziales Gewissen auf das Gebiet des Anklageromans
+verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf
+strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht
+sein. Sicherlich würde die Entwicklung des künstlerischen
+Geschmacks bei dem amerikanischen Volk, das doch
+wahrhaftig weder ängstlich noch begriffsstutzig ist, viel
+raschere Fortschritte machen, wenn nicht die Tagespresse
+die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in
+unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital
+für sich.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='135'/><anchor id='Pg135'/>
+<index index="toc" level1="Vom Theater im Yankeelande"/>
+<index index="pdf" level1="Vom Theater im Yankeelande"/>
+<head>Vom Theater im Yankeelande.</head>
+
+<p>
+Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das
+amerikanische. Die Yankees haben es mit all seinen
+Licht- und Schattenseiten herübergenommen, nur daß die
+Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl
+noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt,
+was bei dem Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern
+ist. Hüben wie drüben ist für das Drama hohen
+Stiles kein großes Publikum vorhanden, und darum suchen
+Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen,
+die große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen,
+durch Pomp und Massenentfaltung anzulocken. Für das
+moderne Gesellschaftsdrama und das feinere Lustspiel
+sind schauspielerische Begabungen besonders häufig vorhanden,
+und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer
+Zunge – mit verschwindend wenigen Ausnahmen – vom
+Konventionellen zum Individuellen aufgerückt ist,
+so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten Schauspieler,
+ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für
+das Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimmklang
+und Temperament sie verweisen. Sie alle spielen
+also im Grunde genommen nicht nur solange ein Stück
+läuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe
+Rolle. Es ist wohl allgemein bekannt, daß man drüben
+Theater mit wechselndem Repertoir bisher noch nicht
+kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe zusammengestellt,
+und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist,
+wandert die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen,
+sobald seine Zugkraft erschöpft ist. Wer also drüben die
+Schauspielerei zum Beruf erwählt, der muß schon über
+<pb n='136'/><anchor id='Pg136'/>recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft
+verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der
+unheilbaren Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in
+den Vereinigten Staaten ein vornehmes Schauspielhaus mit
+wechselndem Repertoir nach künstlerischen Grundsätzen
+ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New
+York von einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht
+durch die Gründung des <hi rend='italic'>New Theatre</hi>. Und dieser Versuch
+ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte Mittel und eine
+auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger Schauspieler
+zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs ungeschickten
+Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Aufführung
+von Maeterlinks „Der blaue Vogel“ gesehen, die in
+bezug auf die darstellerischen Leistungen sehr gut und in
+bezug auf künstlerische Inszenesetzung sogar ganz hervorragend
+geschmackvoll war, und dennoch gaben die Unternehmer den Versuch
+schon nach Beendigung der ersten Spielzeit als vorläufig
+aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gründe
+für dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint
+der erheblichste und zugleich auch betrüblichste der zu
+sein, daß für das Schauspiel die Anzahl der künstlerisch
+wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein
+solches Unternehmen geschäftlich halten zu können.
+Man ist es einfach noch nicht gewöhnt in jenen Gesellschaftskreisen,
+die für den Besuch eines den Ansprüchen
+verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage
+kommen, täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich
+womöglich gar wegen einer Vorstellung, die vielleicht bald
+wieder vom Spielplan verschwindet, in seinen häuslichen
+Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu
+lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich
+alle möglichen Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber
+das ist eben die große Oper, die <hi rend='italic'>muß</hi> wechselndes Repertoir
+<pb n='137'/><anchor id='Pg137'/>haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage große Partien
+singen können; und außerdem gehört die große Oper auch
+mehr zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man
+seiner Stellung wegen Opfer bringen muß, als zu den bloßen
+künstlerischen Unterhaltungen. Ein vornehmes Schauspielhaus
+mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel ebensogut
+möglich sein wie das Millionen verschlingende <hi rend='italic'>Metropolitan
+Opera House</hi>, sobald es bei dem hohen Adel und den
+Großwürdenträgern der demokratischen Gesellschaft <hi rend='italic'>de
+rigueur</hi> wäre, auch in diesem Schauspielhaus eine Loge zu
+besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu treffen. Bis
+dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales
+Drama des Yankeetums nach einer nationalen Bühne
+schreit, wird noch viel Wasser den Hudson hinunterlaufen.
+</p>
+<note place="margin">Die große Oper.</note>
+<p>
+Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz
+erheblich besser als mit dem Schauspiel, weil die Oper
+ein internationales Unternehmen ist, dem es vorläufig
+ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte
+als Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht;
+denn sie kann ihren Bedarf durch die Meisterwerke und
+Gesangssterne Europas vollkommen decken. Im übrigen
+wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das
+meiste Geld zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die
+Leitung nicht gänzlich unfähig ist. Mit dem nötigen Geld
+kann man sich nicht nur die besten Sänger und Sängerinnen
+der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und
+Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande,
+wo die <hi rend='italic'>Greenbacks</hi> (Dollarscheine) so leicht das Fliegen
+lernen, wäre es möglich, ein genügend zahlreiches Personal
+von Sängern und Sängerinnen, darunter die berühmtesten
+Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um damit
+die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch,
+die französischen französisch und die italienischen
+ita<pb n='138'/><anchor id='Pg138'/>lienisch darzustellen?! Trotzdem das Riesenhaus immer
+voll und die Eintrittspreise für unsere Begriffe sehr hoch
+sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch
+durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer
+immer gedeckt wird. Es ist also selbstverständlich,
+daß keine Opernbühne Europas an Großartigkeit des
+Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es
+versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem
+Theater Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an
+äußerem Glanz, sondern auch an echter künstlerischer
+Qualität alles übertreffen, was selbst Wien, Berlin, München,
+Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu
+bieten vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die
+großen Gefahren dieses amerikanischen Systems, bei dem
+die starke Triebfeder eines hingebenden künstlerischen
+Idealismus durch eitle Prahlsucht und Geldprotzentum ersetzt
+werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der
+leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte
+die Lust verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen,
+wirklich ihr Bestes zu tun. Aber schließlich wird überall mit
+Wasser gekocht, und eine ununterbrochene Reihe wirklicher
+Weihefestspiele kann es eben nur unter Bedingungen geben,
+wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls ungerecht
+und töricht von uns Europäern, die glänzenden Veranstaltungen
+der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel
+Blendwerk abzutun. Die Herren Milliardäre bekommen
+für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst geliefert.
+</p>
+<note place="margin">David Keßlers jiddisches Theater.</note>
+<p>
+Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von
+Komödienspiel erlebt habe, fand ich in einem der fünf
+jiddischen Theater an der Bowery, dem New Yorker Ghetto,
+wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu
+Tausenden beieinander hocken. „<hi rend='italic'>The Miners</hi>“ (die Bergleute)
+hieß das Theater, unansehnlich von außen, eng,
+<pb n='139'/><anchor id='Pg139'/>schmutzig und in allen Einrichtungen veraltet von innen.
+Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt
+an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht
+Schabbes, war das Haus gesteckt voll. Ganze Familien
+mit Kind und Kegel im Parterre, die besseren Leute im
+ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon
+ihr Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der
+Galerie die Arbeiter und kleinen Gewerbetreibenden,
+ärmlich und schäbig anzuschauen, mit steifen kleinen
+Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf.
+Sie sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten
+Schauspieler ihrer Zunge, <hi rend='italic'>David Keßler</hi>, zu sehen, der
+zugleich der künstlerische und geschäftliche Leiter des
+Unternehmens ist. Das Stück hieß: „Jankel, der Schmied“,
+von <hi rend='italic'>David Pinsky</hi>, einem jüdischen Autor, der schon
+einmal bei Reinhardt durchgefallen ist, eine naturalistische
+Kleinmalerei aus dem Leben der jüdischen Kleinbürger
+in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück Wahrheit
+von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen
+Bühne seit Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“
+kaum mehr dagewesen ist. Und diese heimatlosen Weltwanderer,
+diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere
+mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit,
+Schönheit, Licht und Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten
+ein so wildes, mauschelndes Geschnatter vollführen,
+daß einem die Ohren gellen, sie lauschen andachtsvoll
+gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese
+ihre nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet,
+als den tiefen Einblick in unsäglich traurige Familienverhältnisse
+und widrige Menschenseelen, sie nehmen all
+dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und begrüßen
+die derben Späße oder auch die wenigen idyllisch gemütvollen
+Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem
+<pb n='140'/><anchor id='Pg140'/>Gelächter und begeistertem Beifall. Was aber wirklich
+an dieser seltsamen dramatischen Kunst auch für den
+rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls würdig
+ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst
+des Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher
+Darsteller; denn nicht nur das Haupt der Gesellschaft,
+dieser David Keßler, ist ein wirklich großer Charakterdarsteller,
+der ganz und gar in dem vom Dichter geschaffenen Menschen
+aufzugehen versteht, sondern alle seine
+Schauspieler und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren
+Aufgaben derartig verwachsen, als ob sie einfach sich selber
+ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne und die Sinne
+der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte
+ich die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig
+erstaunt aus seinem Munde zu hören, daß außer ihm gar
+keine Berufsschauspieler in seiner Truppe vorhanden seien,
+sondern daß er sich die Leute von überallher zusammengelesen
+und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzügliche
+komische Episodenspieler handelt tagsüber mit
+alten Hosen, diese schlichte sentimentale Liebhaberin, die
+so ergreifende Gemütstöne findet, ist vielleicht Dienstmädchen
+in einer besseren jüdischen Familie, und diese
+ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten
+schwarzen Scheitel auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht
+uns beiseite und erzählt uns mit stolz aufleuchtenden Augen,
+daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen Sohn so weit
+gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem
+fremden Lande eine geachtete Stellung einnehme und
+einer glänzenden Zukunft entgegengehe. Am Schluß des
+Stückes bricht ein tobender Beifall los, der sich sonderbarerweise
+außer in Klatschen und wildem Trampeln auch
+in gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf
+der Bühne erscheint, rufen ihm Hunderte von Stimmen zu:
+<pb n='141'/><anchor id='Pg141'/>„<hi rend='italic'>Speech, speech!</hi>“ Der derbe vierschrötige Gesell steht
+unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da, und dann
+stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie
+er sich aber zum Abgehen wendet, wird von der Galerie
+her der Ruf nach Musik laut. Da macht er kehrt, stampft
+bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm in
+der Richtung, von wo der Ruf kam. „Wer Musik haben
+will,“ ruft er in kaum unterdrückter Entrüstung, „der mag
+ins Tingeltangel gehen, hier ist nicht der Ort für trivialen
+Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische Kunst mit
+heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich
+seit einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um
+euch, meinen armen Landsleuten und Glaubensgenossen,
+eine nationale Kunst zu geben, wie ihr sie braucht, und wie
+ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich versucht,
+euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu erziehen,
+mit dem Einfachsten und Verständlichsten habe
+ich angefangen, um euch vorzubereiten auf das Tiefere,
+das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und jetzt schreit
+ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!“
+</p>
+<note place="margin">Eine improvisierte Standrede.</note>
+<p>
+Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer
+sein, das russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man
+hört sich allmählich hinein. Ich wenigstens vermochte
+vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu folgen, und so
+glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus
+echter Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich
+richtig verstanden habe. Ganz still und beschämt saßen die
+Zuschauer da, und die jüngeren Leute besonders hingen mit
+Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den das
+Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach
+von der Sehnsucht seines Volkes nach Kunst, nach tätiger
+Beteiligung an den höheren Kulturaufgaben der Menschheit,
+er wies voller Stolz auf die großen Erfolge hin, die
+<pb n='142'/><anchor id='Pg142'/>jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf
+der deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit
+Begeisterung den Namen <hi rend='italic'>Max Reinhardts</hi>, der einen der
+ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel hervorgezogen und
+zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit gegeben
+habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten
+und kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen.
+Er leitete aus diesen ersten großen Erfolgen die Pflicht des gesamten
+Judentums ab, sich mit seinen besten Kräften immer
+eifriger an der Aufwärtsentwicklung der modernen Kunst
+zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden
+und verließ unter donnernden Cheers die Bühne.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten,
+auf gut Glück herausgegriffen aus den unteren Schichten
+dieser in die westlichste aller Kulturen verschlagenen
+Orientalen, für ein starkes Talent zur Menschendarstellung,
+d. h. also zur künstlerischen Selbstentäußerung besitzen,
+habe ich begriffen, woher es kommt, daß in allen Kulturländern
+gerade das Theater von Angehörigen dieser Rasse
+überschwemmt wird. Geldgier und Ruhmsucht sind in
+diesem Falle sicher nicht die Triebkräfte; denn es gibt
+genug jüdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte
+des Glückes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen
+Kollegen aus reiner Begeisterung für die Kunst frieren
+und darben. Denn gleichwie diese Rasse eine Neigung
+zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem
+stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rätselraten
+und in raschen Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt,
+die sie für die Juristerei besonders geeignet erscheinen
+läßt und ihren Handelsunternehmungen und Geldspekulationen
+so oft einen kühn-fantastischen Anstrich verleiht,
+so mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition,
+auch der jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemüt
+<pb n='143'/><anchor id='Pg143'/>dieses Volkes lastete, die naive Lust am Mummenschanz zu
+der starken Sehnsucht hinauf gesteigert haben, wenigstens
+gelegentlich durch das Mittel des künstlerischen Selbstbetruges
+über das gedrückte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen
+und im Rampenlichte Könige, Helden und
+glückliche Liebhaber vorzustellen. Es ist überhaupt
+charakteristisch, daß gerade diejenigen Völker, deren
+Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten,
+am wenigsten von der Sympathie der dort herrschenden
+Rassen gestützt fühlen, am eifrigsten und mit dem größten
+Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden
+sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und
+San Franzisco stehende Bühnen unterhalten. Die Italiener
+und die Franzosen sehen ja an der großen Oper ihre
+nationale Kunst glänzend vertreten, aber auch sie werden
+vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen
+Angehörigen der verschiedenen slawischen Volksstämme
+eifrig Liebhabertheater spielen. Ich habe leider davon
+nichts zu Gesicht bekommen.
+</p>
+<note place="margin">Niedergang des deutschen Theaters.<lb/>
+ Repertoirschwierigkeiten der deutschen Bühne.<lb/>
+ Reinhardt der Retter.</note>
+<p>
+Aber seltsam muß es uns Deutsche berühren, daß
+dies ungeheure Neuland, als welches Deutschland es in
+musikalischer Beziehung überhaupt erst urbar gemacht
+und vollständig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt
+der großen Oper und eines blühenden Konzertlebens
+glänzend aufgegangen ist, doch kein deutsches Schauspielhaus
+von einiger Bedeutung mehr am Leben zu erhalten
+vermag. Wenn man bedenkt, daß der herrschenden
+Yankeerasse mit ihren 20 400 000 Köpfen 18 400 000
+Amerikaner deutscher Abstammung gegenüberstehen, daß
+New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher
+Abstammung nach die zweitgrößte deutsche Stadt der
+Welt ist, so muß man sich baß verwundern, daß die wenigen
+stehenden deutschen Bühnen in den Vereinigten Staaten
+<pb n='144'/><anchor id='Pg144'/>nicht nur künstlerisch immer mehr zurückgehen, sondern
+auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kämpfen
+haben. Bei längerem Hinschauen und ruhiger Überlegung
+wird diese traurige Tatsache allerdings verständlich. Die
+Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos
+das Englische schon besser als ihre Muttersprache,
+in der zweiten Generation haben es die meisten
+wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu bedenken, daß
+die weitaus überwiegende Zahl der Einwanderer den
+wenig gebildeten Ständen entstammt, bei denen naturgemäß
+von einem starken Pflichtbewußtsein als deutsche
+Kulturträger nicht die Rede sein kann. Wenn nun schon
+die Väter der fremden Sprache und damit der fremden
+künstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand
+entgegensetzen, so wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern
+erst recht nicht der Fall sein. Es bleibt also von
+den 18 Millionen als befähigte Genießer und berufene
+Förderer des deutschen Dramas nur ein verhältnismäßig
+kleiner Bruchteil übrig, dessen Mitglieder zudem über den
+ganzen weiten Kontinent verstreut sind. Nun wird freilich
+in sehr vielen der zahllosen deutschen Vereine nicht nur
+das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit
+schönem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche
+genug, die nicht nur zugunsten eines Liebhabertheaters,
+an dem ihre Töchter und Söhne mitspielen, sondern auch
+zugunsten einer öffentlichen Bühne tief in ihre Taschen
+zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere
+große Schwierigkeit auf: Für welche Gattung deutscher
+Dramatik soll dies Geld gespendet, dieser rührende Eifer
+aufgewendet werden? Außer den paar akademischen
+Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Höhe
+der Bildung stehenden berufsmäßigen Kritikern haben
+doch nur verschwindend wenige Deutsch-Amerikaner ein
+<pb n='145'/><anchor id='Pg145'/>so starkes Interesse an der Entwicklung speziell des
+Theaters, daß sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang
+unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu
+folgen imstande gewesen wären. Die internationale Mode
+hat lediglich das Musikdrama Wagners und seiner Nachfolger
+gestützt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten,
+der Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie
+sie sonst noch heißen mögen, deren Modeglanz oft schon
+verblaßt war, bevor ernsthafte Leute sich noch über ihren
+inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das
+deutsche Theaterleben stark anregen, besaßen aber nicht
+die Kraft, zumeist auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar
+in die Ferne zu wirken. Die stärkste Auswanderung
+gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren
+um 48 herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die
+Begriffe vom deutschen Drama, die also unsere wichtigsten
+Kulturträger mit herüberbrachten, stammen noch aus
+der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum
+herrschte. Von den aufregenden Kämpfen, die in den
+letzten vier Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter
+nicht zur Ruhe kommen ließen und unseren Geschmack
+revolutionierten, hat das Deutschtum überm Ozean kaum
+einen Hauch verspürt. Was ist begreiflicher, als daß der
+Leiter eines deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung
+seines Repertoirs möglichst sicher gehen will?
+Da er mit gutem Grunde befürchten muß, sein Stammpublikum
+durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen,
+durch Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den
+Kopf zu stoßen und durch Frank Wedekind zu entrüsten,
+weil die angelsächsische Geistesenge und Prüderie bei
+langem Aufenthalt im Lande schließlich doch auch auf
+die kecksten Deutschen abfärbt, so wird er sich darauf
+beschränken, neben den Klassikern das harmlose
+Familien<pb n='146'/><anchor id='Pg146'/>lustspiel und das gesinnungstüchtige Thesenstück zu geben.
+Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den
+ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner
+nicht zum entrüsteten Widerspruch reizen;
+sie wird ihm aber auch nichts zu geben vermögen, was sein
+Gemüt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf
+zu denken geben könnte. Die sozialen Verhältnisse, auf
+denen das deutsche Familienstück beruht, die Konflikte,
+die durch Standesvorurteile oder durch spießbürgerliche
+Beschränktheit entstehen, auch manche Lieblingsfiguren
+dieser Gattung, der Schwerenöter in Uniform, der Backfisch,
+der schüchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gänzlich
+fremd geworden. Wie sollten ihn Menschen und
+Verhältnisse auf der Bühne interessieren, die er in seiner
+Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings sind einzelne
+deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die
+deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine
+unglücklichere Idee konnten sie wohl nicht gut auftreiben;
+denn was gibt es auf theatralischem Gebiete Abschreckenderes
+und Jämmerlicheres als eine Operette, mit unzulänglichen
+Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten
+Staaten an Operettenbühnen wahrlich kein
+Mangel, und was Wien an Schlagern produziert, wird
+unfehlbar auf diesen Bühnen mit allem Pomp inszeniert
+und von den zugkräftigsten Spezialisten dieser Gattung
+dargestellt. Die Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung
+besteht darin, daß in ihr keiner der
+Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaßen
+ruhig halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste
+begleitet, und sobald ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen
+Chor und Solisten mit allen verfügbaren Extremitäten
+zu zucken, zu schlenkern, zu stoßen und zu schleudern
+– kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmäßig
+<pb n='147'/><anchor id='Pg147'/>in Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten
+Anstrengungen ausgepumpter Lungen und heiser geschriener
+Stimmritzen begleitet. Wie arg nun auch dieser
+Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen
+mag, er ist einmal der herrschende geworden, und kein
+seßhafter amerikanischer Bürger wird sich eine Operette
+anders vorstellen können, denn als eine solche prunkvoll
+inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit
+Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umständen
+eine deutsche Operette bieten, die für den Mangel an
+kostspieliger Inszenierung und geschmackvoller Kostümierung
+keineswegs durch glänzende Leistungen des
+Orchesters und der Sänger zu entschädigen vermag? Sie
+kann nur dazu beitragen, seine Achtung vor dem
+deutschen Theaterwesen noch mehr herabzusetzen, als
+es Klassikervorstellungen mit dürftiger Ausstattung und
+mittelmäßigen Schauspielern schon zu Wege gebracht
+haben. Das Interesse für deutsches Theater und die
+Hochachtung vor der Leistungsfähigkeit der deutschen
+dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drüben
+nur dadurch wieder erweckt werden, daß <hi rend='gesperrt'>von Deutschland
+aus</hi> große Mittel aufgewendet werden, um Gastspiele
+ganz hervorragender Truppen mit allerersten
+Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glänzender
+Ausstattung in den deutschen Hauptstädten der Union
+zu ermöglichen. Mit zweiter Garnitur und mit abgeblaßten
+Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen
+Sinn. Wenn <hi rend='gesperrt'>Max Reinhardt</hi> seinen Plan verwirklicht,
+seinen „Ödipus“, „Faust“ und andere geniale Inszenierungen
+nach Amerika zu bringen, so wird er ganz sicher
+nicht nur gute Geschäfte machen und persönlich einen
+großartigen Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre
+der deutschen theatralischen Kunst wiederherstellen und
+<pb n='148'/><anchor id='Pg148'/>für die Zukunft eine neue Möglichkeit schaffen, ein gutes
+deutsches Theater ständig drüben zu erhalten. Die Amerikaner
+wollen zunächst einmal verblüfft sein; es muß ihnen
+etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine
+Bombenreklame muß auch das ganze gebildete Publikum
+<hi rend='gesperrt'>englischer Zunge</hi> in dies Unternehmen locken, und
+dies gesamte Publikum englischer Zunge muß vor Neid
+bersten und zu dem Geständnis gezwungen werden, daß
+es dergleichen in seinem Theater noch nicht erlebt habe.
+Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees wird das
+Solidaritätsgefühl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln.
+Die Schecks für einen deutschen Theaterfonds werden sich
+zu einem Berge aufhäufen, und so gut, wie die jetzigen
+italienischen Leiter der großen Oper sich unsere ersten
+Sänger, Sängerinnen und Kapellmeister herüberkommen
+lassen, werden in Zukunft Unternehmer großen Stils die
+Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und
+Schauspieler zu kaufen. Und wenngleich die große Sensation,
+die das deutsche Theater in Mode bringt, von
+Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge doch
+sogar die Denkfaulheit und die Prüderie des amerikanischen
+Durchschnittsmenschen besiegen und auch kühnere Neutöner
+unter den lebenden Dramatikern zu Worte kommen
+lassen. Wenn dann gegen den Geist des deutschen Dramas
+in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und
+ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es
+gegen Richard Strauß’ letzte Opernwerke geschah, so wird
+manch ein geplagter deutscher Theaterdirektor seinen Kahn
+schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es wird sogar –
+was schließlich doch wohl das Beste dabei ist – wieder ein
+tüchtiges Stück Arbeit in der Richtung der kulturellen
+Germanisierung Amerikas geleistet werden können.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='149'/><anchor id='Pg149'/>
+<index index="toc" level1="Die amerikanische Presse"/>
+<index index="pdf" level1="Die amerikanische Presse"/>
+<head>Die amerikanische Presse.</head>
+
+<p>
+In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield
+Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des
+Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand
+ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerikanische
+Presse, die ich hier in Übersetzung geben will:
+„Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet
+der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich
+dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von
+Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir
+scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine
+Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und
+zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative
+Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen
+Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über
+unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet
+einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen
+Kontroverse zwischen zwei Hochschulen
+sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was
+sein <hi rend='italic'>sollte</hi> und dem, was praktisch <hi rend='italic'>ist</hi>. Amerikanische Lorbeeren
+grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge:
+wenn das Leben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht
+ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen,
+um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig
+ist, um seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen,
+wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker
+dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen
+Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen,
+die über seine Krankheit und seinen Tod berichten.
+Ver<pb n='150'/><anchor id='Pg150'/>gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und
+der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden
+Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren
+allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben
+sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern
+können. Über einen noch viel moderneren Gegenstand,
+die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich
+nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion
+der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen
+Politik: der britische Student findet jede bedeutungsvolle
+Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches gehalten
+wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt;
+er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler
+sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der
+subjektiven Darstellung des Redakteurs.“
+</p>
+<note place="margin">Lesefutter für Kinder und Unmündige.</note>
+<p>
+Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten
+Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten
+Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicherlich
+meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen
+Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden.
+Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in
+der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer
+ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der
+Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln
+zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen
+lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich
+auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf
+ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand,
+daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht
+imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu
+erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack
+bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der
+Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus
+<pb n='151'/><anchor id='Pg151'/>reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß
+genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der Leserwelt,
+so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach
+dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es
+gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich
+Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick
+genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchsvolleren
+Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar
+nicht unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden
+Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlagfertigen
+Debatter mehr gute geborene Journalisten vorhanden
+sein dürften, als in manchen Ländern der Alten
+Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen
+Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das
+Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten
+sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem
+Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau
+absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun
+einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter
+Menschen als für Kinder und Unmündige zugeschnitten.
+Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich
+auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied
+zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten
+Blättern und der gelben Sensationspresse modernster
+Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei
+ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste bedeutet,
+und daß die gebieterische Stimme des Publikums
+auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in
+der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem
+schlechten Sinn zu modernisieren.
+</p>
+<note place="margin">Illustrationsunfug.</note>
+<p>
+Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen,
+besteht darin, sie mit Illustrationen zu versehen.
+Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene
+<pb n='152'/><anchor id='Pg152'/>Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck
+auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende
+Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in
+sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von
+Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künstlerische
+Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich also
+für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien
+handeln können, die durch irgend ein billiges
+Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den
+guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen
+mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen
+mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeitgenossen
+tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben
+wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren
+Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem
+gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über
+ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische
+Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes
+wird aber aus einer festlich bewegten Volksmenge
+ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen
+Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur
+eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir,
+wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte
+Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere
+Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering
+einzuwickeln.
+</p>
+<note place="margin">Eitelkeitsmarkt.</note>
+<p>
+In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt,
+überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen
+mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren
+guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern
+schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und
+humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich
+für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern
+<pb n='153'/><anchor id='Pg153'/>aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text
+mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe
+genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden
+Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf
+verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in
+Riesenbuchstaben: „<hi rend='italic'>287 Menschen verkohlt</hi>“, oder „<hi rend='italic'>Rabenmutter
+läßt sieben Kinder verhungern</hi>“, oder „<hi rend='italic'>Das Arnoldmädchen
+mit Liebhaber in Neapel gesehen</hi>“ – wobei zu
+bemerken ist, daß „das Arnoldmädchen“ die durchgebrannte
+Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie
+ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides
+wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann
+folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben
+Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen
+Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als
+Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und
+ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von
+einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte,
+tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes
+natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre,
+Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis
+des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens-
+oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch
+noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier
+die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der
+Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt
+als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten,
+die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“
+in möglichst knappen Notizen abgetan und nur
+von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen
+werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten
+Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig
+gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters
+<pb n='154'/><anchor id='Pg154'/>und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illustrationen
+gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich
+jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde
+in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine
+interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen,
+und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist
+ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch, daß die Nation
+es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs,
+Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen.
+Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie
+von sich reden machen, werden fleißig interviewt und
+selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harmlose
+Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt
+des Tagesinteresses stehenden Personen füllen
+zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß
+sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu
+werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist
+trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz
+der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten
+Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910
+unter den Nachrichten aus dem Weißen Hause <hi rend='italic'>The Spinster
+Aunt</hi> Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten,
+im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig
+Lebkuchen und andere Gutseln gebacken hatte; das Paket
+und einzelne Gutseln waren gleichfalls abgebildet! Die
+Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten
+der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache,
+die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene
+Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Parteigegner
+zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedankenvolle
+Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen.
+Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die
+bei uns „Hof und Gesellschaft“ überschrieben zu sein
+<pb n='155'/><anchor id='Pg155'/>pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser,
+der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten
+der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit
+sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von
+dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft,
+ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten,
+sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit
+sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk
+J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu
+Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sechzehntes
+Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den
+prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“
+So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison.
+Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit
+irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse
+die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche
+Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt
+eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als
+Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein
+Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt,
+oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig
+Jahre alt wird – kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit
+wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen
+Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen
+darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann
+man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln
+feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne
+Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen
+allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachverständigen
+Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen
+gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter
+des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe
+breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten
+<pb n='156'/><anchor id='Pg156'/>doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen
+Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht
+froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch
+Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein
+feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozialpolitische
+Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Ausführungen,
+bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine
+Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich,
+dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers
+für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich
+eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen
+Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in
+fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik
+hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und
+scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende
+Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende
+Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit
+der fett gedruckten Überschritt: „Wähle dir nie dein
+Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft,
+denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck
+weiter, „so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm
+nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen
+läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schuldenlast
+auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil
+ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse
+zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich
+ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang,
+und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es
+ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert
+ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles,
+was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten
+Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann.
+Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen
+<pb n='157'/><anchor id='Pg157'/>begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen,
+Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer
+Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es weiter im
+Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine
+Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten
+Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen
+Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine angeschoppte
+Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte
+Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich
+den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will,
+halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren
+fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die
+Nase.
+</p>
+<note place="margin">Intellektueller Schlangenfraß.</note>
+<p>
+Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen
+geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen
+vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen
+Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen
+Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine
+Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser
+Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner
+keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt.
+Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er
+widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während
+der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Europäer
+höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der
+verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied
+des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen
+Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen.
+Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehrwürdigen
+Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträchtlichen
+Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die
+sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren
+sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß
+<pb n='158'/><anchor id='Pg158'/>nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine
+Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im
+Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen,
+welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des
+Varietés anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten
+Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen
+der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus
+dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche
+verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche
+grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen
+anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig
+harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren
+Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonntags
+kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck!
+</p>
+
+<p>
+Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese
+kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man
+das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser
+in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet.
+Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert
+an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da
+eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen
+erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit,
+daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse
+anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche
+Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche vertraulichen
+Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem
+Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur
+zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden.
+Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und
+finde unter der Rubrik „Die Frau und ihre Interessen“
+folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein
+Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung –
+„Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer
+<pb n='159'/><anchor id='Pg159'/>Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen
+Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge
+Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie
+machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein
+Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in der Stadt, und
+ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge
+Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren
+zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten,
+sie gratis mitzunehmen? C. A.“
+</p>
+
+<p>
+Antwort: „Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts
+helfen.“
+</p>
+
+<p>
+Ist das nicht rührend niedlich?
+</p>
+<note place="margin">Kopfzeilen.</note>
+<p>
+Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen
+Tageszeitung sind die <hi rend='italic'>Head lines</hi> (Kopfzeilen). Die
+Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts
+zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit
+solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften
+zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der
+europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut
+über diese gräßlichen <hi rend='italic'>Head lines</hi>; er fühlt sich zum
+Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften,
+die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unterbrechen,
+im Grunde genommen doch nur ausdrücken
+will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er
+imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Gelesenen
+klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders
+über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Berichten
+über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten
+zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen.
+Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „<hi rend='italic'>Sagt, Kalifrage
+nicht schuld</hi>“, und erst in dem in Diamant- oder gar
+Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man,
+daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin
+<pb n='160'/><anchor id='Pg160'/>handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine
+Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung
+gebildet habe. – Ein Bericht über mein und meiner Frau
+Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise
+überschrieben: „<hi rend='italic'>Tituliertes Paar produziert sich
+vor erlesener Hörerschaft</hi>“. Oder ein Mordbericht ist überschrieben:
+„<hi rend='italic'>Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann
+Frau</hi>“. Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer,
+der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging
+vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmacklosigkeit,
+kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu,
+die Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten
+tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen
+durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten
+Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe
+der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste
+Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man
+reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den
+ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also
+im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.
+</p>
+<note place="margin">Ein smarter Reporter.</note>
+<p>
+Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein
+kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner
+unter journalistischer <hi rend='italic'>Smartness</hi> versteht. In St. Louis
+wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens
+ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte.
+Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene
+junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir
+waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der
+„Baron“ veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen,
+ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt
+abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von
+Richard Strauß’ „Salome“ in Chicago viel Staub
+auf<pb n='161'/><anchor id='Pg161'/>wirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung
+darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung
+dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so
+brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich
+über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht
+über „Salome“ auszufragen. Er stenographierte fleißig, und
+wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton
+zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab.
+Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion
+angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein
+ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch
+die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch
+eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst
+empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser
+Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante
+junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt
+hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und
+fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob
+ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte,
+was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach
+dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den
+Cowboys dort fürchtete – und dergleichen weltbewegende
+Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines
+höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview,
+und es wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt,
+daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten
+sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu
+Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein
+reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und
+interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft
+und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete,
+geschmackvolle und fein empfindende Dame.
+</p>
+<note place="margin">Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.</note>
+<p>
+Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung
+<pb n='162'/><anchor id='Pg162'/>schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen
+Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf
+mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten.
+Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht
+selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte
+Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre
+sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine
+nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In
+allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar
+vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung
+und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser,
+an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden
+Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise,
+wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten
+von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen
+Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles,
+zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unterdrückten
+entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung
+erfüllen. Ich brauche wohl nur die Namen <hi rend='italic'>New-York
+Herald</hi> und <hi rend='italic'>Henry M. Stanley</hi> zu nennen! Es betätigen
+sich eben im Journalismus nicht nur Leute, „die
+ihren Beruf verfehlt haben,“ nicht nur Klugschwätzer und
+Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies –
+weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden
+kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein
+Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! Unserer
+deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß
+unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder
+sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden.
+Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein
+Deutscher; in dem am <hi rend='italic'>Boston Transcript</hi>, einer in geistigen
+Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur
+für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen
+<pb n='163'/><anchor id='Pg163'/>ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er schreibt jetzt, wie
+viele seiner Landsleute im Journalismus und im Lehrfache,
+ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten
+zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der
+Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran
+in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die
+sich an das gefährliche Goethewort halten: „Wer vieles
+bringt, wird manchem etwas bringen.“
+</p>
+
+<p>
+Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es
+aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn
+was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für
+einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung,
+was eine weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft
+interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung
+zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann
+ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack,
+sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen
+ihrer Leser, indem sie allgemein verständlich
+schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem
+beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen
+herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse
+keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten
+gegenüber, die die Wogen des Lebens tagtäglich ans Ufer
+der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funktionen
+der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle
+übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens
+desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral
+chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Liebedienerei,
+welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der
+Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres
+Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demoralisierend.
+Daß sie, wie ich in den Ausführungen über
+öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer
+<pb n='164'/><anchor id='Pg164'/>indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten
+Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen
+Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich
+prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen
+Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten,
+wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen
+um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens
+besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen
+gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine
+schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den
+Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral
+und den gesunden Menschenverstand zum Minister der
+geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig
+zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem
+Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem
+setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den
+Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr
+schwer, sich da wieder herauszurappeln.
+</p>
+<note place="margin">Sensationsartikel ernster Zeitschriften.</note>
+<p>
+Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein
+warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit
+des täglichen Massenfutters auszugleichen,
+die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf
+nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise
+ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und
+sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt.
+Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis!
+Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt,
+das absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um
+zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen
+zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die
+schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits
+eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden
+ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen-
+<pb n='165'/><anchor id='Pg165'/>und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es
+auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den
+Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern
+sie einem achselzuckend: „Ja, dieses einen Artikels wegen
+wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht,
+so schnappt uns die Konkurrenz die Leser weg.“ Dieser
+eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller
+Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeitschrift
+verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz
+einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus
+dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hochstapelei,
+er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht,
+vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben.
+Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten
+brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in
+welchem behauptet wurde, daß in New York täglich
+etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert
+würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen
+Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern
+herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem
+Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen
+Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonderheit
+der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein
+Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unternehmen
+wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen
+Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der
+er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber
+neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere
+Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen
+keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen
+können. Schließlich sei der Zustand der Dame so besorgniserregend
+geworden, daß sie selber auf eine nochmalige
+Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich,
+<pb n='166'/><anchor id='Pg166'/>daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung,
+noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurückkehrte
+und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation
+erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: „Mein Gott, was
+habe <hi rend='italic'>ich</hi> dann da der Dame herausgeschnitten!?“ Ich
+müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht
+schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte;
+aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen
+medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der
+Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten
+Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige
+alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich.
+Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier
+zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende
+Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des
+Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar
+der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung
+dafür klingt freilich plausibel genug: „Was
+wollen Sie?“ sagen einem die Herausgeber, „die Wissenden
+täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren
+sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel
+gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht
+alles behalten kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich
+einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten,
+so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten
+Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir
+stiften sollen?“
+</p>
+
+<p>
+Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den
+besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden
+vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein
+würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen
+auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal
+kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und
+<pb n='167'/><anchor id='Pg167'/>Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und
+morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die
+politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen
+in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute
+rot, morgen blau und übermorgen gelb – wenn er noch
+seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die
+Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch
+das Weiß der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung
+durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß,
+wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt
+aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen
+Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur
+wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt
+stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu
+halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor
+der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut
+umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der
+ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie
+sich gefallen läßt.
+</p>
+<note place="margin">Die deutsche Presse.</note>
+<p>
+Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens
+ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der
+führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe
+gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu
+erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man,
+besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere
+und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der
+guten englischen Presse. Und was beispielsweise die
+New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an
+Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität
+und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht.
+Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Einwanderer
+amerikanisiert sich überraschend schnell in
+Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen
+Neu<pb n='168'/><anchor id='Pg168'/>gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die
+deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mitzumachen.
+Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich,
+diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem
+großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich
+zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich
+habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche
+Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie
+aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch
+die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die
+Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und
+stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen.
+Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose
+Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Amerikaner
+erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie
+eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht,
+den Geschmack der Masse zu vergewaltigen.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='169'/><anchor id='Pg169'/>
+<index index="toc" level1="Von der demokratischen Gesellschaft"/>
+ <index index="pdf" level1="Von der demokratischen Gesellschaft"/>
+<head>Von der demokratischen Gesellschaft.</head>
+<note place="margin">Die demokratische Freiheit.</note>
+<p>
+Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten
+zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können,
+von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern
+einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender
+Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in
+wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher
+und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie
+mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen
+der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche,
+feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit
+im Familienheim wieder gefunden und ihre
+Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber
+dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt
+schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr
+oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen
+Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen
+wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein,
+Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen
+Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten
+seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren
+demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als
+Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung,
+euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen
+Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen
+Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen
+grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten
+zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von
+Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß
+<pb n='170'/><anchor id='Pg170'/>und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht
+heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl
+von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil
+Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist
+ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die
+sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins
+erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen
+erscheinen uns Republikanern nun vollends
+lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum
+angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und
+dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das
+sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte
+lang die Luft echter demokratischer Freiheit
+geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch
+werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel
+komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil
+über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare,
+welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft,
+sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts
+des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken
+schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die
+aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze,
+der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin
+und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral,
+um einen harmlosen Personenzug abzufertigen;
+die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen
+die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung
+der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen
+Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen
+gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien
+aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind.
+</p>
+
+<p>
+Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem
+Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit
+<pb n='171'/><anchor id='Pg171'/>ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt.
+Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen
+Gesellschaft der größten amerikanischen Republik
+wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt
+möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen,
+eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums,
+eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne
+Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken
+und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen
+Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische
+Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr
+energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr
+und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der
+Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington,
+sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten,
+jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die
+wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen
+Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß,
+unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane
+verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle
+öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel
+besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates
+passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen
+das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich
+mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete;
+in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf
+der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn
+mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf
+dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen
+lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke,
+riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das
+Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete,
+werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt.
+<pb n='172'/><anchor id='Pg172'/>In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich
+keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit
+soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß
+auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle
+vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur
+bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere
+Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto
+hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich
+nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen,
+Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern
+in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem
+Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag
+am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe
+mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön
+ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren
+Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen,
+wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen,
+Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige
+Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier
+kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut
+gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu
+bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland
+zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlich
+<hi rend='gesperrt'>prominent</hi>, daß mir auch diese Gesellschaft
+noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen
+zu den <hi rend='gesperrt'>erstklassigen</hi> Menschen, so lege ich noch ein
+paar Dollar zu und kaufe mir dafür ein <hi rend='italic'>Compartement</hi>, d. h.
+einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des
+großen <anchor id="corr172"/><corr sic="Pullmann">Pullman</corr>-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel
+verfüge und nachts auch allein schlafen kann,
+während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein
+pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang
+übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen
+<pb n='173'/><anchor id='Pg173'/>Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man
+es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen
+Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht,
+für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben
+etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für
+seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz
+im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen
+Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken
+darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden
+in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind.
+Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem?
+Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers
+schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit
+der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande
+der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht
+daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten
+einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger
+in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im
+besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte,
+echt demokratische Einrichtung.
+</p>
+<note place="margin">Die alte Tante.</note>
+<p>
+Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in
+der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch
+sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und
+wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die
+Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen,
+welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir
+drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden,
+so stoßen wir in den meisten Fällen auf – <hi rend='gesperrt'>die alte Tante</hi>!
+Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante,
+welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen
+einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden
+Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt
+und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr
+sauer<pb n='174'/><anchor id='Pg174'/>töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer
+ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen.
+Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen
+Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so
+leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und
+beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie
+im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen
+werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche
+mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel
+wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir
+ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen<note place="foot">„<hi rend='italic'>A drink with a wink</hi>“ heißt das. In den Staaten, wo die
+Prohibition streng durchgeführt ist, fordert man unter möglichst unmerklichem
+Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in
+einem undurchsichtigen Gefäß sein Bier, wobei die weiße Schaumhaube
+die Milch vortäuschen muß.</note>,
+dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die
+Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische
+Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und
+sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des
+Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt
+und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet,
+seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen,
+die <hi rend='gesperrt'>sie</hi> für anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit
+ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht,
+noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich
+auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg
+besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche
+Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem
+Gebiete die freie Entwicklung immerhin
+beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten
+Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst
+mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten
+Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht
+<pb n='175'/><anchor id='Pg175'/>sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften.
+Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper
+versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich
+sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben,
+ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden
+Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg,
+theatralische Vorstellungen unter dem Namen <hi rend='italic'>Sacred
+Concert</hi> zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen
+müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater
+in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“,
+der französische Schwank von der alten Balletteuse, als
+<hi rend='gesperrt'>geistliches Konzert</hi> gegeben!
+</p>
+<note place="margin">Raubritter hüben und drüben.</note>
+<p>
+Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen
+Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei
+ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter
+ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der
+Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen
+Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“
+landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten
+ostelbischen Junker neidisch machen könnte.
+Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern
+noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch,
+da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und
+Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute,
+deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen
+Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen
+sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen
+namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen
+ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die
+Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht
+durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch
+strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises
+dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden
+<pb n='176'/><anchor id='Pg176'/>kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten
+Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer
+Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie
+unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern
+Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um
+unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu
+machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors
+usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen
+über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie
+„Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der
+„Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften
+durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges
+würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie
+auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres
+Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten
+Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer
+jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden
+und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich
+aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die
+Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren
+Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher
+mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen
+und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem
+wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch
+sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere
+unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge,
+so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet
+und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche
+Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner
+scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für
+die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse
+aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den
+besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen
+<pb n='177'/><anchor id='Pg177'/>ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann
+und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste der <hi rend='gesperrt'>möglichen</hi>
+Menschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen
+der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste
+und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von
+hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß
+die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich
+Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not,
+die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden.
+Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das
+Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als
+vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen
+gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit,
+Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion
+Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft
+von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das
+Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes
+andere. <hi rend='italic'>Pluckyness</hi> ist heute noch ein höchstes Lob für
+einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht
+ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese
+Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß
+studieren will, der lese die kürzlich erschienenen
+Memoiren des alten Gauners Drew<note place="foot">„The Book of Daniel Drew“ by Bouck White.</note>. Darin kommt eine
+köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen
+Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit
+benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst
+minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst
+bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den
+letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst
+leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen
+und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor
+Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ
+<pb n='178'/><anchor id='Pg178'/>er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren
+prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit
+vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte
+ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver
+hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und
+man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung
+großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament
+in die Höhe zu treiben „<hi rend='italic'>Watering the stock</hi>“ die Herde
+wässern – denn das Wort <hi rend='italic'>stock</hi> bedeutet sowohl Aktie wie
+Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees
+aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf
+machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung
+meiner Überzeugung, daß das Streben nach
+Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der
+gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen
+anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller
+stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen
+Schwächlingen abzusondern.
+</p>
+<note place="margin">Soldatenwerbung.</note>
+<p>
+Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker
+Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in
+den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei,
+die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin
+halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns
+bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs
+grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein
+diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart.
+Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen
+unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten
+erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten
+aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin.
+Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker
+wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender
+Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder
+<pb n='179'/><anchor id='Pg179'/>Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine
+persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die
+Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast
+noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie
+ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des
+stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen
+Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig
+verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem
+Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt
+vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand,
+und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar.
+Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem
+festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden
+Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst
+verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel,
+im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges
+Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den
+Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner
+Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch
+einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen
+großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter
+ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute,
+die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese
+Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten
+und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger
+Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu
+trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges
+tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu
+bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen
+die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische
+dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben.
+Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im
+Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür
+<pb n='180'/><anchor id='Pg180'/>wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch
+behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte
+hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für
+Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht
+von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die
+Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten
+Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen
+Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein
+blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit,
+sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und
+wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften
+ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste
+Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer
+eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden
+ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu
+kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei
+jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm
+an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche
+Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse
+und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot.
+Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld
+zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen
+und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen
+Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit
+des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und
+Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen.
+Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns,
+ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat
+könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte
+beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform
+zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel
+bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz
+als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht
+<pb n='181'/><anchor id='Pg181'/>den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter
+völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte
+mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz
+habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken
+gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen,
+das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen
+hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah.
+Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach
+ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich,
+dann immer deutlicher und kompakter wieder auf
+dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus
+der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel
+von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt
+nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei.
+</p>
+<note place="margin">Vom Söldnerheere.</note>
+<p>
+Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete
+Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten
+Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über
+kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn
+es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches
+Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die
+amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt
+um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte
+der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung
+entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen
+Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck
+das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere
+Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind
+die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich
+alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer
+Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren.
+Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken
+Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der
+Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien,
+<pb n='182'/><anchor id='Pg182'/>beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen
+Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken
+und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben
+wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es
+eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus
+zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf
+einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen
+sind. Nur angesichts eines solchen nationalen
+Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner
+sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht
+hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das
+Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit
+macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt
+wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin
+aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland,
+durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten
+werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen
+für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen.
+</p>
+<note place="margin">Demokratische Tugenden.<lb/>
+Neidlosigkeit.</note>
+<p>
+Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten
+tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute
+noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der
+verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung
+der Gesetze und in der geringen Empfindung für die
+Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung
+der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin,
+daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie
+Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas
+weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer
+etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld
+für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn
+hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse,
+gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner
+<pb n='183'/><anchor id='Pg183'/>und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch
+drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich
+Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu
+kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter
+Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten
+Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so
+mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem
+Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer
+sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an
+der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen
+Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen
+Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die
+Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht
+sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk
+ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein
+des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern
+vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem
+Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das
+die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt.
+Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste
+Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht
+und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene
+beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen
+des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor
+jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene
+und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende
+und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer
+dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den
+ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der
+Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse:
+Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum
+guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen
+Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur
+<pb n='184'/><anchor id='Pg184'/>in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit,
+der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch
+Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre,
+sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch
+der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil
+hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die
+genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis
+übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des
+Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge
+austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er
+seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen
+eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen
+und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon,
+daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff;
+wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für
+Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach
+seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der
+Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja
+noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose
+Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit
+der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute
+einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der
+Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor
+der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon,
+daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der
+Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage
+bandenweise in einen Laden oder in einen <hi rend='italic'>Saloon</hi> einfallen
+und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport,
+das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße
+etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch,
+das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine,
+der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt
+fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter
+<pb n='185'/><anchor id='Pg185'/>ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen
+Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht
+ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden
+um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser
+schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen
+haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen
+guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben –
+ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen,
+es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist
+ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des
+Sozialismus drüben nicht blühen will.
+</p>
+
+<p>
+Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte,
+einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter,
+Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel
+hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan
+einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung
+durchzumachen?
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='186'/><anchor id='Pg186'/>
+<index index="toc" level1="Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht"/>
+ <index index="pdf" level1="Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht"/>
+<head>Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht.</head>
+
+<p>
+Es war eine der klügsten Maßnahmen der Unionsbegründer,
+daß sie in ihrer Verfassung die Trennung von
+Kirche und Staat aussprachen. Wie überall in der Welt,
+so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung
+Nordamerikas die Verquickung des religiösen Elements
+mit der Politik die übelsten Folgen gehabt. Die bischöfliche
+Kirche Englands, die papistische wie die protestantische,
+hatte natürlich versucht, ihre Herrschaft auch
+auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und
+dadurch den unseligen Religionshader in die neue Welt
+verpflanzt. Die Pilgerväter, das heißt jene fanatischen
+Puritaner, die in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts
+die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten,
+hatten sich weit unduldsamer erwiesen als selbst die
+römische Pfaffenherrschaft in den spanischen Südstaaten.
+Sie wären am liebsten mit Inquisition und Scheiterhaufen
+gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen.
+Aber wie diese Pilgerväter über dem Psalmsingen und
+Ketzerriechen doch niemals vergaßen, ihre weltlichen
+Geschäfte als geriebene Kaufleute intensiv zu fördern,
+so ließ sich auch der vielgerühmte <hi rend='italic'>Common <sic>sence</sic></hi> ihrer
+angelsächsischen Rasse selbst durch religiöse Inbrunst
+nicht völlig unterdrücken. Die stupiden Glaubensverfolgungen
+hatten tiefgehende Spaltungen, verbitterte
+Feindschaften zwischen den in dem jungen Kolonialreich
+doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen
+Zusammenhalt angewiesenen Bürgern erzeugt. Neugegründete
+Städte und Staaten wurden entvölkert, abtrünnige
+Sektierer fanden großen Zulauf und gründeten
+<pb n='187'/><anchor id='Pg187'/>neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten
+der alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als
+nun gar der kleine Freistaat Maine, der als erster völlige
+Religionsfreiheit eingeführt hatte, auffällig rasch emporblühte,
+begannen doch auch den starren Puritanern die
+Augen aufzugehen.
+</p>
+<note place="margin">Trennung von Staat und Kirche.</note>
+<p>
+Und so kam es, daß nach der gewaltsamen Losreißung
+vom alten Vaterlande die Trennung von Kirche und
+Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz erhoben
+wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von
+1778 ist dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit
+kann tatsächlich in den Vereinigten Staaten jeder nach
+seiner Fasson selig werden. Die Staatsgewalt schreitet
+nur ein in dem Falle, daß die Grundsätze einer Religionsgemeinschaft
+den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel
+die Vielehe bei den Mormonen. Außerdem hat sie
+in weiser Voraussicht der Ansammlung übermäßigen
+Kirchensvermögen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser
+Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus
+in unzählige Sekten, die aber keineswegs eine
+Schwächung, sondern vielmehr eine Stärkung des religiösen
+Lebens bedeuten. Philosophisches und besonders
+kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen,
+dagegen besitzt es einen starken Hang zur
+Phantastik, ja auch Begeisterungsfähigkeit und Inbrunst.
+Das Volk ist in seiner Allgemeinheit heute noch kindlich
+denkunreif, und so erklärt es sich, daß die Bibel ihm noch
+durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natürlich aber
+liest jedes grüblerisch veranlagte Individuum aus dieser
+Offenbarung etwas anderes heraus. Und wer Beredsamkeit
+und Zähigkeit genug besitzt, vermag Anhänger um sich
+zu scharen und eine unabhängige Gemeinde zu gründen.
+Die Opferwilligkeit, die dazu gehört, eine solche Gemeinde,
+<pb n='188'/><anchor id='Pg188'/>Sekte oder Kirche (<hi rend='italic'>Denomination</hi>) aus eigenen Mitteln zu
+unterhalten, legt beredtes Zeugnis ab für die Stärke des
+religiösen Bedürfnisses. Freigeister in unserem Sinne gibt
+es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum
+selbst hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geübt.
+Die Tradition hat die Bibelgläubigkeit der Vorväter
+so lebendig erhalten, daß es heute noch, ebenso wie
+in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes
+geblieben ist, seinen Eifer für das Christentum
+irgendwie zu betätigen. Dieser Eifer aber tut sich etwas
+auf seine Freiheit zugute und nimmt daher oft die wunderlichsten
+Formen an. Die katholische Kirche dagegen hält
+fest zusammen wie überall und gibt kein Titelchen von
+ihren Dogmen preis. Sie gründet ihre Macht auf das
+irische Element und erhält ständigen Zuwachs durch
+italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug,
+wie sie ist, trägt sie dem in der demokratischen Luft sehr
+bald auch bei den geistig minderwertigsten Einwanderern
+üppig ins Kraut schießenden Stolz auf die persönliche Freiheit
+Rechnung und mischt sich nicht so aufdringlich wie
+in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen versucht
+sie mit allen möglichen Mitteln Einfluß zu gewinnen.
+Die bedeutsamste politische Verbindung der katholischen
+Irländer, die bekannte Tammany Hall im Staate New-York,
+übt offensichtlich eine große politische Macht aus.
+Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische
+Irländer in die wichtigsten Staatsstellungen zu
+bringen, in gefährlicher Weise zu betätigen, darüber gehen
+die Meinungen bei den Amerikanern selbst sehr weit auseinander.
+Es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der
+nüchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbürgerliches
+Wohlbefinden und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen
+Quertreibereien übers Ohr hauen lassen sollte.
+</p>
+
+<pb n='189'/><anchor id='Pg189'/>
+
+<note place="margin">Die Bischöflichen und die Unitarier.</note>
+
+<p>
+Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden
+demokratisch ist, so ist doch in der demokratischen
+Republik gerade die Kirche der Boden, wo sich aristokratische
+Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betätigen.
+Selbstverständlich wird in sämtlichen Kirchen
+und Betsälen Nordamerikas – man zählt gegenwärtig,
+wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer Quelle
+sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse – der christliche
+Grundsatz gepredigt, daß vor Gott alle Menschen
+gleich seien; in Wirklichkeit ist aber beispielsweise die
+bischöfliche Hochkirche nur für die Reichen und Vornehmen
+vorhanden. In ihren prächtigen Kathedralen kostet das
+Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das
+auf einen ersten Rangplatz in der großen Oper. Ein beliebiger
+Mensch der minder gut gekleideten Klasse, dem
+es einfallen wollte, im vorübergehen in solch eine Kirche
+einzukehren, würde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz
+finden, sondern sich auch durch die entrüsteten Blicke
+der Stammgäste energisch hinausgeekelt fühlen. Die
+Geistlichen dieser Kirche sind feine Weltleute, verkehren
+in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre
+Karriere häufig ihren glänzenden Eigenschaften als Tischredner,
+Bridgespieler, Musikdilettanten und Tänzer. Die
+Kirche der geistigen Aristokratie, der wohl der größte
+Teil der akademischen Welt angehört, ist die <hi rend='italic'>Unitarian
+Church</hi>. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur
+den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend
+beibehalten. Sie treibt keinerlei Kult mit dem starren
+Bibelwort und sucht die Themen für ihre Sonntagsbetrachtungen
+gerne bei den Dichtern und Philosophen,
+vornehmlich bei ihrem berühmtesten Mitgliede Ralph
+Waldo Emerson. Den größten religiösen Eifer entfalten
+natürlich die kleineren Denominationen, deren Prediger
+<pb n='190'/><anchor id='Pg190'/>oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden.
+Die Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von
+Geistlichen, die ihre Gemeinde mit Schokolade und Icecreme
+bewirten, vergnügte musikalisch deklamatorische
+Unterhaltungen oder schweißtreibende Leibesübungen veranstalten,
+beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die
+auf den Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und
+daher auch in ihrer Reklame dem Hange des amerikanischen
+Humors zu grotesker Übertreibung Rechnung tragen
+müssen. Am spaßhaftesten muß es wohl in den Negerkirchen
+zugehen. Wer jemals eine Probe der geistlichen
+Gesänge der Nigger gehört hat, deren Eigentümlichkeit
+es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung
+von Himmel und Hölle mit ganz modernen
+Zutaten, aus dem Bereich der Technik etwa, auszustatten,
+der wird sich auch eine Vorstellung von der
+Weihe eines Negergottesdienstes machen können. Der
+Rhythmus afrikanischer Kriegs- und Geisterbeschwörungstänze
+sitzt diesem kindhaft gebliebenen Volke eben
+noch so fest in den Knochen, daß auch seine religiösen
+Gefühle bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte
+schwingen.
+</p>
+<note place="margin">Die Negerkirchen.</note>
+<p>
+Um einen Begriff von dem Ton dieser religiösen Niggerpoesie
+zu geben, habe ich versucht, einige solche Kirchenlieder
+zu übersetzen, wobei freilich zu bedenken ist, daß
+die Eigentümlichkeiten des Negerdialektes schon darum
+jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns
+kein Negerdeutsch kennen. Eines dieser Lieder aus der
+Zeit der Sklaverei lautet folgendermaßen: „Jossua fit
+de battle ob de Jerico“.
+</p>
+
+<lg>
+<l>Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho – so froh!</l>
+<l>Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho –</l>
+<l>und die Mauern purzeln um – glatt um!</l>
+</lg><lg>
+ <pb n='191'/><anchor id='Pg191'/><l>Kommt Brüder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, laßt uns eilen,</l>
+<l>da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.</l>
+<l>Wir wählen uns zum Text – die Deutung, die liegt nah:</l>
+<l>„Der Herr rief: Moses, Moses! – und der Mann sprach: Ich bin da!“</l>
+<l rend='margin-left: 12'>O Daniel!</l>
+<l>Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,</l>
+<l>und die Mauern purzeln um, glatt um.</l>
+</lg><lg>
+<l rend='margin-left: 2'>Nu, oll’ Pharo von Ägypten – klüger war kein Mensch gebor’n –</l>
+<l>und er kriegt die Judenkinder ’ran zur Arbeit in sei’m Korn.</l>
+<l>Schließlich ließ der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,</l>
+<l>daß der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen möcht’.</l>
+<l rend='margin-left: 12'>O Daniel usw.</l>
+
+</lg><lg>
+
+<l rend='margin-left: 2'>Sollt er aber dies verweigern! – o verdammt – dann ging’s ihm schlimm.</l>
+<l>Auf Ägypten wollt er leeren kübelweise seinen Grimm.</l>
+<l>So geschah’s. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.</l>
+<l>Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfährt.</l>
+<l rend='margin-left: 12'>O Daniel usw.</l>
+
+</lg><lg>
+
+<l rend='margin-left: 2'>Tolle Sachen dreht der Herrgott – und nicht nur in alter Zeit,</l>
+<l>nicht für Israel nur – Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!</l>
+<l>Seine Liebe reicht für uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt</l>
+<l>mich meinem Massa, daß die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.</l>
+<l rend='margin-left: 12'>O Daniel usw.</l>
+</lg>
+
+<p>
+Besonders interessant ist es, daß, wie auch in den
+ältesten Zeiten des Volksliedes der europäischen Kulturländer,
+das eigentlich sinnvolle Gedicht von einem Solosänger
+vorgetragen wird, während der Chor sich durch
+ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime
+beteiligt. In obigem Lied singt also der Chor: so
+froh – glatt um – o Daniel – und wiederholt am
+Schlusse jedes Verses die außer Zusammenhang mit dem
+Inhalt stehenden Einleitungszeilen: „Josua, der schlug
+die Schlacht bei Jericho“.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu
+pressen ich mich vergeblich bemüht habe, lautet höchst
+charakteristisch:
+</p>
+
+<pb n='192'/><anchor id='Pg192'/><lg>
+<l rend="center">Der Vorsänger:</l>
+
+<l>O der Gänsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn –</l>
+<l>Mein Herr schreibt meine Zeit ein.</l>
+<l>Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schädel auch</l>
+<l>alle Haare dir gezählt. Weißt du das nicht?</l>
+<l>Oder meinst du, daß der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht</l>
+<l>von ’nem Walfisch unterscheiden sollte <anchor id="corr192"/><corr sic="können?“">können?</corr></l>
+
+</lg><lg>
+
+<l rend="center">Chor:</l>
+
+<l>Sündige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,</l>
+<l>denn mein Herrgott schreibt es ein.</l>
+
+</lg><lg>
+
+<l rend="center">Vorsänger:</l>
+
+<l>Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht –</l>
+<l>mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.</l>
+<l>Du erwarte nicht vom Nachbar, daß er deiner Seele durchhilft,</l>
+<l>deine Sünden müssen braten wie die Hühnchen auf dem Hofe.</l>
+
+</lg><lg>
+
+<l rend="center">Chor:</l>
+
+<l>Also sündige lieber nicht usw.</l>
+</lg>
+
+<p>
+In einem anderen Liede wird den armen Sündern angeraten,
+sich ja rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus
+nach dem Himmel zu belegen, denn der Andrang sei
+gerade in diesen Tagen enorm.
+</p>
+
+<p>
+Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß
+die groteske Form dieser religiösen Gesänge nur der Lust
+der Nigger an kindischer Spaßmacherei zuzuschreiben
+sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und
+werden von den weniger kultivierten Schwarzen auch
+heutigestags noch nicht als komisch empfunden. Die
+meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja
+aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter
+Seelen in armen gequälten Leibern. Und die religiöse
+Inbrunst, die aus ihnen spricht, ist mindestens ebenso
+echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie. Übrigens stellen
+diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar,
+was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie
+hervorgebracht haben, sowie auch die Negermusik die
+<pb n='193'/><anchor id='Pg193'/>einzige originelle musikalische Neubildung auf amerikanischem
+Boden bedeutet.
+</p>
+<note place="margin">Die Heilsarmee.</note>
+<p>
+Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottestrunkenheit
+der Schwarzen ist die Heilsarmee, die Kirche
+der Allerärmsten und Untersten. Zeichnen sich ihre Kultformen
+schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack
+aus, so erreicht diese Geschmacklosigkeit in
+Amerika schon geradezu kannibalische Dimensionen. Die
+Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfügen
+oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte
+Instrumentalisten. Außerdem paßt der rasche Rhythmus
+ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe für die alttestamentarische
+Legende und die phantastische Ausmalung von
+Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten
+Gesichtern mit den sanften schwärmerischen Augen.
+Wenn aber weiße Menschen unter einem nördlichen
+Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer
+mehr als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem
+Gesang und mißtönender Pauken- und Trompetenbegleitung
+auf offener Straße ausüben und sich in ihren
+Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen,
+der weder für den hohen Schwung der alttestamentlichen
+Sprache noch für die schlichte Tiefe der evangelischen
+Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so muß
+einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln.
+Kein sozial fühlender Mensch wird dem idealen Zweck
+der Heilsarmee seine Hochachtung versagen; sie allein von
+allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht, den natürlichen
+Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen
+Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem
+jämmerlichsten Elend zu überwinden; sie allein wagt
+sich mutig unter den Auswurf der Menschheit und ringt
+sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten;
+<pb n='194'/><anchor id='Pg194'/>sie speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten
+ab, sondern sie gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft
+so manchem schon gänzlich Verzweifelten, von der Gesellschaft
+völlig aufgegebenen doch noch zu einem
+menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie
+auf der ganzen christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist,
+daß sie sich auf die Psychologie jener alleruntersten
+Schichten, auf die sie es abgesehen hat, versteht, und daß
+die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer Propaganda
+anwendet, die richtigen sind.
+</p>
+
+<p>
+Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten
+Menschenfreund so grausam ins Herz schneidet.
+So weit haben wir es also mit unserer gepriesenen Zivilisation,
+mit unserer Religion der Liebe, mit unserer Aufklärung
+durch die Schule und unserer bewundernswürdigen
+sozialen Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden
+Weltstädten überall noch Tausende und aber Tausende
+von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit fratzenhaftem
+Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen
+beizukommen ist! In den Vereinigten
+Staaten leistet zudem die organisierte Wohltätigkeit
+vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt.
+Die <hi rend='italic'>Legal Aid Society</hi> zum Beispiel gewährt den Ärmsten
+und Unwissendsten unentgeltlichen Rechtsbeistand; die
+Bemühungen um die Besserung erblich belasteter Verbrechernaturen,
+um den Schutz entlassener Strafgefangener
+gegen das Zurückgleiten in ihr früheres Leben haben
+großartige Erfolge aufzuweisen und zeugen von tiefer
+Menschenkenntnis und echter Menschenliebe – und
+dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer scheußlichen
+Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!
+</p>
+<note place="margin">Bankrott des Materialismus.</note>
+<p>
+Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung
+der Heilsarmee als Maßstab für die Gesittung eines Volkes
+<pb n='195'/><anchor id='Pg195'/>annimmt, so müßte in dieser Beziehung das Volk der
+Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern stehen.
+Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu
+einem ungerechten Urteil verführt: nicht im Volkscharakter
+als solchem liegt wohl die größere sittliche Verkommenheit,
+sondern diese ist nur eine Folgeerscheinung des unerhört
+raschen Emporschießens einer rein technischen Zivilisation
+und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen
+Wachstums der Städte. In der kleinen Landgemeinde
+findet einer am andern Halt, und die unmittelbare Berührung
+mit der erhabenen Natur, mit der zu Nachdenken
+und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem
+Ärmsten edle Freuden – Seelenfrieden wenigstens –,
+während in der Großstadt alle diese idealen Güter nur
+für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen
+verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere
+Ruhe und wird so fast unausweichlich in einen krassen
+Materialismus hineingetrieben. Je mehr sich Riesenvermögen
+in den Händen weniger zusammenfinden,
+je mehr eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlichkeit
+breit macht, desto sicherer verfällt der Besitzlose und
+dabei geistig Unkultivierte der Verrohung. Es ist das eine
+Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den Kulturwert
+des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die
+Arbeiter, die in steter Berührung mit den erstaunlichsten
+Erfindungen des Menschengeistes sind, die ihnen die
+Bändigung der Naturkräfte durch unseren Verstand und
+die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen Organismus
+durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich
+vor Augen führen, gewinnen von diesem Umgang weder
+für ihre Verstandesbildung noch für die Bereicherung
+ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was allenfalls
+dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe
+<pb n='196'/><anchor id='Pg196'/>der Anreiz zu erfinderischer Eigenbetätigung. Ebensowenig
+wird der Herr der Maschine, der Arbeitgeber,
+dem sie Reichtum und folglich auch Macht, Behagen und
+Luxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine
+seelische Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer
+Kultur, das heißt also an Idealismus, an einem zeitig
+geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen fehlt.
+</p>
+
+<p>
+Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich
+durch die Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bußbank
+locken läßt, legt also im Grunde ebenso beredtes
+Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen Zivilisation
+ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und reputierliche
+Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös
+drapierten Hokuspokus raffinierter Spekulanten und
+Agitatoren einfangen läßt.
+</p>
+
+<p>
+Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen
+Trommel begleiteten Bußpredigten, von dem rotgestrichenen
+Betteltopf am eisernen Dreifuß, vor dem die
+wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle
+unablässig in Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen
+Marmorkathedralen mit vergoldeten Kuppeln, welche
+die Christian Science in Boston, Providence und vielen
+anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint
+es ein weiter Weg – und ist doch nur ein Katzensprung!
+Wir Europäer sehen die durch Misses Mary Baker G. Eddy
+hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige Epidemie
+an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige
+Geister deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine
+Wiederherstellung urchristlicher Inbrunst mit magischer
+Wirkung erblicken. Wir zucken gleichmütig die Achseln
+über diese sogenannte christliche Wissenschaft und verweisen
+sie unter die abstrusen Erscheinungsformen
+moderner Hysterie.
+</p>
+
+<pb n='197'/><anchor id='Pg197'/>
+
+<note place="margin">Die Kirche der Gesundbeter.</note>
+
+<p>
+Der „American Encyclopedie Dictionary“ definiert
+die Grundlage dieser Wissenschaft folgendermaßen: „Die
+Christian Science lehrt die Wirklichkeit und Allgegenwart
+Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der
+Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des
+Weltalls, die Allmacht des Guten und die Unmacht des
+Übels. Christian Science will die Wahrheit der ursprünglichen
+Lehre Christi wiederherstellen. In der Wahrheit
+erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum;
+Krankheit ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der
+Sünde. Bekämpfe also Sünde und Irrtum, so bekämpfst
+du Krankheit und Tod.“ – Christlich kann man diese
+Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische
+Begründung ist keineswegs auf Misses Eddys
+eigenem Geistesboden gewachsen. Das Neue und für
+die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende
+an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum
+Magier macht und die magischen Kräfte seiner Gläubigen
+durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen stärken zu
+können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande
+sind, vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische
+Nutzen der neuen Religion ist also der, daß sie an
+die Stelle von Doktor und Apotheker die Autosuggestion
+als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt
+ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von
+Sorgen, Kummer, Not und Tod; der Gläubige aber behauptet,
+alle diese Dinge existierten nur in der Einbildung
+der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich
+durch seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung;
+sie zwingen ihren Willen, nicht mehr sehen zu wollen.
+Und wenn sie es glücklich zur vollendeten Blindheit gebracht
+haben, dann existieren allerdings weder Schmerzen
+noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in
+<pb n='198'/><anchor id='Pg198'/>Amerika, wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe
+gibt, ihr Glück machen mußte. Derselbe Optimismus
+des jugendlichen Volkes, der alles von ihm Hervorgebrachte
+für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der
+die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach
+behauptet, sie existierten nicht (wie wir es zum Beispiel
+bei der Frage der Prostitution gesehen haben), dieselbe
+Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten, Somnambulen
+und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben
+auch der Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende
+von Gläubigen in ihre Kirche gezaubert. Das
+eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau liegt viel mehr
+in der praktischen als in der philosophischen Richtung.
+Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der
+praktische Erfolg. Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen
+so ungeheure Geldsummen aus der Tasche zu locken und
+mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu schaffen
+versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein.
+</p>
+<note place="margin">Der Tod der Päpstin.</note>
+<p>
+Es will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß
+im zwanzigsten Jahrhundert unter dem angeblich nüchternsten
+aller Völker eine Frau zur Gründerin einer neuen
+mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig,
+unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte!
+Misses Baker Eddy war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten
+zur sagenhaften Persönlichkeit geworden. Man
+wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß
+in ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren
+werde, um ihre Anhänger nicht in ihrem Glauben an die
+physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre werden zu
+lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch
+ganz wirklich gestorben und begraben worden, und die
+Ärzte wußten ganz genau den Charakter ihrer Krankheit
+und die unmittelbare Todesursache anzugeben. Man
+<pb n='199'/><anchor id='Pg199'/>hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften
+leiblichen Tode der magische Nymbus zerstört worden sei,
+der die Person der Päpstin außerhalb der Menschheit in
+die Reihe der Götter stellte. Aber das war keineswegs
+der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete
+eine ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den
+Gläubigen mit Bestimmtheit versichern, daß nur eine
+verbrauchte materielle Erscheinungsform der Misses Baker
+Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter
+Leiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in
+vierzehn Tagen wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise
+setzte die Dame allerdings hinzu, es könnte eventuell
+auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele, viele Jahre
+lang.
+</p>
+
+<p>
+Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gründerin
+gestorben; sie hat sogar, bisher wenigstens, den
+starken Erschütterungen ihres Ansehens standgehalten,
+denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der
+Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung
+ihres verwaisten päpstlichen Stuhles und die Aufteilung
+ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt war. Für uns Europäer
+kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur
+eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten.
+In den Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu
+gefährlich, über diesen Gegenstand, selbst in gut gesiebter
+Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu äußern. In der
+gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer Gesellschaft,
+die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten
+und sonstigen geistig hervorragenden Herren bestand,
+war ich auf dem besten Wege, mich für ewige Zeiten unmöglich
+zu machen, indem ich das Thema von der Christian
+Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles
+Räuspern brachten mich glücklicherweise einige
+<pb n='200'/><anchor id='Pg200'/>wohlmeinende Mitmenschen zum rechtzeitigen Schweigen.
+Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar zur Linken
+und der bedeutende Herr vis-a-vis überzeugte Anhänger
+der Misses Eddy seien.
+</p>
+
+<p>
+Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare
+Fanatismus auch für die privaten menschlichen Beziehungen
+sein kann, dafür wurde mir ein Beispiel aus
+dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein gescheiter
+und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht
+wohlhabende Frau geheiratet und führte eine durchaus
+glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der Gesundbeter
+geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und beschäftigte
+sich nur noch mit Beten und Predigen in der
+eigenen Familie. Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau
+zu sich herüberzuziehen. Die Nichtexistenz der Materie
+mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte er sich so
+aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der
+laufenden Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz
+eifrig betriebener Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht
+der Fall war, so mußte seine Gattin immer mehr und mehr
+von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages die
+Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz
+der Materie dadurch klar machte, daß sie ihm ein Scheidungsurteil
+vorlegte und mit Sack und Pack sein Haus
+verließ.
+</p>
+<note place="margin">Christian Science in Europa.</note>
+<p>
+Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der
+Annahme, daß nur in ihrem Lande heutzutage noch ein
+günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang auf religiösem
+Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel
+hat auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar
+vornehmlich in jenen erlauchten Kreisen, die auf die
+„Kreuzzeitung“ abonniert zu sein pflegen. In meinen
+Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die
+<pb n='201'/><anchor id='Pg201'/>engen Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem
+Schwindel und deutscher Strammgläubigkeit. Annoncierte
+da in den gelesensten Blättern der ganzen Welt ein Mister
+G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer
+1106: „Woher stammt diese wunderbare <anchor id="corr201"/><corr sic="Gewalt!“">Gewalt!</corr>
+Das ganze Land ist erstaunt über die wunderbaren Taten,
+die Herr Mann vollbringt!
+</p>
+
+<p>
+Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt.
+Ärzte und Prediger erzählen staunend von der Einfachheit,
+mit der dieser moderne Wundertäter Blinde und Lahme
+mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen
+des Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich
+für alle. Dieser Herr entbietet sich, seine Ratschläge
+unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen seine außerordentliche
+Kraft zu ergründen ...“
+</p>
+
+<p>
+Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei
+Spalten lang fort. Zahlreiche Heilerfolge werden mit
+Namensnennung angegeben, und zum Schlusse stellt sich
+Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von ihm
+erfundenen Radiopathie vor. „Die Radiopathie hilft nicht
+nur bei gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie
+nützt gegen alle Krankheiten, wenn die verschiedenen,
+magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer Formel
+präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden.
+Wenn Sie krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit
+Sie leiden, schreiben Sie Herrn Mann, beschreiben
+Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange Sie krank
+sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen
+die Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein
+Verfahren zu beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses
+kostet Sie absolut nichts, und Herr Mann wird Ihnen dazu
+ein Exemplar des wunderbaren Buches: ‚Wie man sich
+selbst und anderen helfen kann‘ mitschicken usw.“
+</p>
+
+<pb n='202'/><anchor id='Pg202'/>
+
+<p>
+Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das
+Postfach 1106 in Rochester liefen aus allen Teilen der
+Welt die Briefe zu Hunderten und Tausenden ein, und
+die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte,
+schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene
+Menschen, erhielten ein gedrucktes Schreiben, welches
+ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie aufforderte,
+10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür
+ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten,
+natürlich eine völlig wertlose Droge, zugehen würden.
+Die hochwichtige Broschüre voll angeblich wissenschaftlichen
+Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt.
+Und siehe da, Tausende und aber Tausende
+ließen sich den letzten Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten
+und machten Herrn G. A. Mann zu einem schwerreichen
+Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder
+Dr. med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener
+amerikanischer Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen
+dieser interessanten Menschensorte. Um seinen
+guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er zuweilen
+besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis
+photochemisch vervielfältigen. Und durch denselben
+wackeren Deutschen, der diesem niederträchtigen
+Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden mir
+zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische
+Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison
+dem Herrn Professor der Radiopathie in Rochester Geständnisse
+ablegen, wie man sie selbst seinem Hausarzt
+und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster
+Verzweiflung ablegen dürfte.
+</p>
+<note place="margin">Aberglaube, Kirchenwahl.</note>
+<p>
+Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen
+Spaß daraus, diese traurigen Intimitäten seinen guten
+Freunden zu verraten! Angeblich soll dieser
+gemein<pb n='203'/><anchor id='Pg203'/>gefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch
+von Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch
+ist es nun, daß die erwähnten, sozial so hoch stehenden
+Briefschreiber alle beide Herrn Mann gestehen, sie hätten
+es unter anderem auch schon mit der Christian Science
+versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel.
+Auch wir Europäer sind noch längst nicht über den Berg
+des Aberglaubens hinweg; der religiöse wie der medizinische
+Schwindel kommen auf beiden Seiten des Ozeans noch
+auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden
+sie ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller
+Bekenntnisse, aller Gesellschafts- und Bildungsstufen.
+Wie weit sind wir nun im Grunde abgerückt von dem
+Glauben der Wilden an die Zauberkraft der Beschwörungstänze
+ihrer Medizinmänner? Dunkle Erdteile gibt es nicht
+mehr, aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele
+kann der unerschrockene Entdecker noch genug Fossilien
+aus dunkelster Vorzeit finden.
+</p>
+
+<p>
+Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung
+der Vereinigten Staaten gewährleistet, und der
+großen Anzahl der Bekenntnisse, die der heilsuchenden
+Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der Religionsgemeinschaft,
+der ein erwachsener Mensch sich anschließen
+will, von keinen anderen als rein idealen Erwägungen
+geleitet zu werden; begreiflicherweise spielen aber dennoch
+Nützlichkeitsgründe, allerlei komische oder betrübliche
+Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine bedeutende
+Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt
+haben, und deren Zahl ist in Amerika besonders groß,
+sowie alle Leute, die nicht von einer besonderen religiösen
+Inbrunst erfaßt sind, werden entweder einfach dem Bekenntnisse
+ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde
+anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche
+<pb n='204'/><anchor id='Pg204'/>und gesellschaftliche Verbindungen zu erwarten haben.
+Da es in dem demokratischen Staat offiziell keine Rangeinteilung,
+keine Klassen- und Kastenunterschiede gibt,
+der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich
+immer gleich zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt,
+Schranken zwischen sich und der Außenwelt zu errichten,
+so kommen die Religionsgesellschaften der natürlichen
+Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine
+dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts-
+und Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück
+zu den Klubs, die aber nur den Wohlhabenden zugänglich
+sind und die Familie ausschließen. Der selbständige
+junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert
+verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung
+stehen, diejenigen aussuchen, in der er <anchor id="corr204"/><corr sic="auschließlich">ausschließlich</corr> seinesgleichen
+in bezug auf Bildung, gesellschaftliche Stellung,
+Lebenshaltung und allgemeine Interessen findet.
+</p>
+
+<p>
+Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker-
+und Muckertum durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub
+geleistet wird. Wenn auch die Respektablität es erfordert,
+daß man einer christlichen Gemeinschaft angehöre, so
+erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa
+eines frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten übertritt
+oder die Tochter des Presbyterianers sich den Baptisten
+anschließt. Religiöse Überzeugung wird unter
+allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunderliche
+Formen annimmt. Und so fährt schließlich das echte
+religiöse Bedürfnis bei dieser Zersplitterung doch noch
+am besten. Und die Geistlichen gar dürften in keinem
+Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben,
+wie in den Vereinigten Staaten, weil ja bei der
+völligen Freiheit der Meinungsäußerung jeder Geistliche
+in seiner Person gewissermaßen eine eigene Kirche
+dar<pb n='205'/><anchor id='Pg205'/>stellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm
+seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch
+lange nicht deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter
+Seelenfänger, so mietet er sich eben einfach anderswo ein
+Lokal und versucht neue Menschen hineinzupredigen.
+Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine Ich-Kirche
+wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen
+Persönlichkeit der suggestiven Kraft ermangelt, wird
+dagegen mit Recht unter das Proletariat derjenigen unbrauchbaren
+Menschen hinabgleiten, die da brotlose
+Künste treiben.
+</p>
+<note place="margin">Eine konfessionelle Christenkirche.</note>
+<p>
+Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden
+Lichtbilde schließen. Auf dem Campus der Cornell-University
+in Ithaka im Staate New York erhebt sich
+ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White,
+dem feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren
+amerikanischen Botschafter in Berlin, gestiftet wurde.
+Das Innere zeigt eine wundervolle Holzarchitektur in
+Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte
+Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke
+mit dem dunkelbraunen Holzton des Gestühls mild zusammen,
+und die farbigen Fenster dämpfen das Licht,
+ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in
+mystischer Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine
+blutigen Kruzifixe oder Marterdarstellungen, überhaupt
+keine biblischen Schildereien finden sich in diesem, ich
+möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine
+einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In
+einer Seitenkapelle, die dem Charlottenburger Mausoleum
+einigermaßen ähnlich ist, ruhen in herrlichen Marmorsarkophagen
+die Gebeine des trefflichen Holzhändlers
+Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser,
+zu den allervornehmsten zählenden Universitäten
+un<pb n='206'/><anchor id='Pg206'/>sterblich machte. Hier ruht auch die erste Gemahlin
+Dr. Whites, und hier wird er selber seine Ruhestätte finden.
+Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet,
+sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel
+steht jedem berufenen Redner offen, dessen Denken
+und religiöses Fühlen sich irgendwie unter dem Einfluß
+christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also
+hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter
+aller erdenklichen Bekenntnisse, sowie auch außerhalb
+alles Kirchentums stehende bedeutende Denker und
+Redner.
+</p>
+
+<p>
+Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage,
+die Dr. Andrew D. White auf seine Einladungsschreiben
+erhielt, von katholischer Seite kam? Allerdings hätten
+sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger
+gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer
+freien, Wahrheit suchenden Gemeinde geredet hätten –
+Rom aber sprach: „Quod non!“
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='207'/><anchor id='Pg207'/>
+<index index="toc" level1="Die Landschaft"/>
+ <index index="pdf" level1="Die Landschaft"/>
+<head>Die Landschaft.</head>
+<note place="margin">Sommerfrischen.</note>
+<p>
+Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten
+Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz
+und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos
+platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden
+Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen
+Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht
+durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen-
+und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis
+zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren,
+um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die
+Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New
+York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist,
+liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen
+den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island.
+Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence,
+glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die
+liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen
+Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und
+Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen
+Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer
+oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf
+der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in
+den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete
+mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen
+Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake
+Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware,
+des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist
+so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten,
+<pb n='208'/><anchor id='Pg208'/>heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer
+Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann,
+Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und
+Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der
+europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit
+froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit
+Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn – <hi rend='gesperrt'>es
+fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung</hi>.
+„O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui
+Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der
+Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich
+überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten
+ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die
+Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die
+Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten,
+von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen;
+überall dasselbe tödliche Einerlei plattester
+Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen
+Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen
+Meeresbuchten und hie und da sogar ein
+Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten
+Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten
+Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber
+aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken
+und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende
+Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den
+Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu
+passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen,
+fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo
+ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige
+Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck
+machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind
+in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen
+<pb n='209'/><anchor id='Pg209'/>Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser
+an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester
+italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten
+unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem.
+Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann,
+da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall,
+wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern
+dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen
+Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel
+in gebührender Entfernung halten. Für die reichen
+Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-,
+Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen
+neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit
+eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream
+und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren
+selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten
+Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum
+besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten
+Caruso begleiten.
+</p>
+<note place="margin">Kostspielige Ausrüstung des Touristen.</note>
+<p>
+Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu
+wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach
+einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit
+der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns
+sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen
+internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er
+von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals
+eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen,
+an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen
+Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und
+neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten
+Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter
+jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es
+freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in
+<pb n='210'/><anchor id='Pg210'/>Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten,
+als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher
+Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes
+Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen
+im Nationalkostüm oder das mitgenommene
+süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings,
+die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern
+begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend
+und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen
+entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe
+Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu
+vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der
+am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme
+innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen
+und laut gepriesenen Sensationen aus
+dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner
+gilt für schön, was ihm durch Dimension
+oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat.
+Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen
+Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an
+den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit
+machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen
+Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte,
+etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen
+rotbunten Ochsen entgegenschreit, daß <hi rend='italic'>Durham Bull</hi> der
+beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst
+irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man
+ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen
+berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die
+nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem
+der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in
+die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem
+Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter
+<pb n='211'/><anchor id='Pg211'/>den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte
+„<hi rend='italic'>camping out</hi>“. Aber auch dieses Vergnügen des
+Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende
+Leute leisten können, denn es versteht sich von
+selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde
+Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel,
+auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr,
+Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit
+den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet
+zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt
+es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht
+einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt
+man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit
+nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck,
+das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen
+mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher
+Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis,
+geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche
+und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung.
+Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem
+historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der
+Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht,
+sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene,
+Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel.
+</p>
+<note place="margin">Die Niagarafälle.</note>
+<p>
+Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten
+Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt
+gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst
+zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum
+Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges
+Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern
+flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen
+Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier
+giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen
+<pb n='212'/><anchor id='Pg212'/>Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie
+würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite
+einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegten
+<hi rend='italic'>Union Jack</hi> zu hissen. Und damit wäre sozusagen das
+Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende
+Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und
+Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen;
+über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden
+in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys,
+die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen
+und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund
+empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen,
+daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche
+diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben,
+da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise
+nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen.
+Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten
+die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich
+unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu
+barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären,
+daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen
+konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen
+Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente
+Europäer kann so etwas schön finden!
+</p>
+
+<p>
+Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter
+Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere
+Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall
+bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel
+vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung
+gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft,
+durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen
+Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen
+trauten, krummen Gassen und behaglichen alten
+Wirts<pb n='213'/><anchor id='Pg213'/>häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke
+und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der
+Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur
+aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie
+sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen
+dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen
+Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen
+Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade
+des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch,
+der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man
+überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland.
+Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem
+schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen
+Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen
+Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den
+Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit
+klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons
+muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen
+Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt
+hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren
+dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in
+Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten
+Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der
+Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen
+aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch
+nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar
+lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein,
+denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im
+Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu
+Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über
+dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön
+chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die
+großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den
+ge<pb n='214'/><anchor id='Pg214'/>waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im
+Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar
+funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde
+phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren
+donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen.
+Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück
+gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet
+eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen,
+und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher
+als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt
+nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott,
+sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen
+Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40
+bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden
+Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet
+aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber
+darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne
+sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.
+</p>
+<note place="margin">Der Hudsonstil.</note>
+<p>
+Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit
+keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst
+für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu
+machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein
+war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen
+hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten
+für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die
+sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr
+zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht
+eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige
+Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem
+Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe
+sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß
+mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem
+langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt
+<pb n='215'/><anchor id='Pg215'/>er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn
+und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und
+Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und
+Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten
+Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm
+die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks
+geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so
+stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das
+eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den
+berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen
+und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen.
+Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe,
+das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel,
+das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen
+und durch Neubauten im Stil des Hudsontales
+und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre
+mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein
+die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der
+Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß
+eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen
+anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute.
+Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten
+Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von
+ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen
+es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben
+sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch
+nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen,
+noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut,
+um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch
+deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft
+späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert
+worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist
+immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten
+<pb n='216'/><anchor id='Pg216'/>gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der
+Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu
+getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild
+gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus.
+Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln,
+daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen
+aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren
+Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt
+und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten
+sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann
+aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte
+mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die
+Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen,
+und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives
+Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer
+Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung
+störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage
+noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen
+könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen
+wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten
+Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen
+Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes
+geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen
+werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen,
+ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen
+Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen
+streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien
+Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich.
+Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn
+spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf
+den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche
+Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen
+oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur
+<pb n='217'/><anchor id='Pg217'/>vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich
+niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen
+und auf den Turnierplätzen Hangars für
+Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute
+auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders
+garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle
+manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre
+Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen
+und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird
+man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten
+Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser,
+russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern
+können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich
+von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln.
+Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine
+für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten
+alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und
+wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung
+wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem
+Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die
+instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen
+durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse,
+die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde,
+schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen
+Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich
+niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur
+ernennen wollte, hätte es also mit Kindern
+und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren
+und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen
+könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen
+Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die
+Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber
+sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden
+<pb n='218'/><anchor id='Pg218'/>Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute.
+Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern
+glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte
+der große Unterschied zwischen der alten Welt
+als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem
+Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende
+allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen
+Fortschrittstempo nicht einzuholen.
+</p>
+<note place="margin">Der Landschaftsregisseur.
+Aufgaben für deutsche Künstler.</note>
+<p>
+So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure
+für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos
+fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten
+Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen
+ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von
+neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften
+der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung
+für neue Gründungen machten, daß die Pläne
+nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen
+und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen
+Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl
+ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue
+San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser
+kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die
+künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die
+Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue
+Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche
+Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun,
+dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das
+Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union
+sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der
+unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor
+dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem
+großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten
+Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen
+<pb n='219'/><anchor id='Pg219'/>Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn
+erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt,
+dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich
+aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft,
+dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten
+Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich
+um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch
+Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage
+geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie
+denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch
+unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht
+haben, werden dann auch vielleicht berufen
+sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu
+senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische
+Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher
+und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich
+es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne
+Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle
+des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk,
+Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet
+von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk
+Huber aus München-Pasing.“
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='220'/><anchor id='Pg220'/>
+<index index="toc" level1="Dollaricas infamster Schurke"/>
+ <index index="pdf" level1="Dollaricas infamster Schurke"/>
+<head>Dollaricas infamster Schurke.</head>
+<note place="margin">Der Leithammel.</note>
+<p>
+Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den
+zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten,
+mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch
+zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein
+jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge,
+stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß
+alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und
+Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände,
+zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft,
+leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele
+die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem
+ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten
+Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine
+Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert
+wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht
+einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war,
+jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen,
+das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung
+und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat.
+Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist
+nämlich, gerade herausgesagt – <hi rend='gesperrt'>ein Hammel</hi>, und
+zwar der Leithammel in <hi rend='italic'>Armour &amp; Co.’s Packing Company</hi>
+in den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der
+pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt,
+nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine <hi rend='gesperrt'>eingemenschte
+Bestie</hi> titulieren. Denn wer hätte es je
+für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit
+beherbergen könne?! Nichts in dem
+vertrauen<pb n='221'/><anchor id='Pg221'/>erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die
+Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes
+Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen
+Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben
+ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch
+rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch
+zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm
+diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu
+der einträglichen Stellung bei Armour &amp; Co. verholfen.
+</p>
+
+<p>
+Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe,
+während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte,
+Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts
+ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der
+Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen
+treffen sie aus allen Teilen der Union in den <hi rend='italic'>Stockyards</hi>
+von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen
+sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu
+können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von
+Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa,
+Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen
+schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen
+entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung
+von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die
+krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern,
+Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien
+der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige
+Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und
+doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn
+alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung
+an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare
+Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht
+treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier
+aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein,
+<pb n='222'/><anchor id='Pg222'/>statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere,
+schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher,
+und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost
+das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit
+ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die
+Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne
+und die Futterraufe unberührt.
+</p>
+<note place="margin">Der Todessprung</note>
+<p>
+Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend
+fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit
+ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine
+lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch
+gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter
+Kreis von Zuhörern. „<anchor id="corr222"/><corr sic="Jhr">Ihr</corr> habt nicht die geringste Ursache,
+Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen;
+oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete
+Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago
+zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr
+wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!?
+Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf
+mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht
+lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar
+nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde
+mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich
+angesehenen Position, aber ich will mich dennoch
+eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun
+einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt
+ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen
+Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ –
+Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt
+gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei
+knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt,
+so daß keines an den Seiten herauspurzeln
+kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist
+vielver<pb n='223'/><anchor id='Pg223'/>sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer
+russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen
+hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende
+von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein
+langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es
+klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter
+Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen
+in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie
+von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen
+Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen
+letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel
+immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf,
+und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales
+Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp
+mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit
+hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und
+mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in
+Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam,
+einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu
+Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere
+Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem
+Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf
+nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie,
+hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern
+Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder
+mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß –
+und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s
+der erprobte Beamte von Armour &amp; Co. in seinem Privatkabinett
+bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen
+wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange
+sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden
+hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick
+aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so
+<pb n='224'/><anchor id='Pg224'/>würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das
+Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen
+verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen
+vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht
+einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er
+bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie
+täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich
+hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz
+drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren
+Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit
+zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung
+oder versetzte Blähungen ihm unversehens
+den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen
+Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten
+Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu
+erklären?
+</p>
+<note place="margin">Menschliche Niedertracht.</note>
+<p>
+Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin,
+werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der
+Kreatur von Armour &amp; Co. nur schändlich mißbraucht
+werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß
+seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen
+seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin
+fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten
+Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert,
+eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß,
+sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein
+Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der
+Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich,
+daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben
+sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf
+Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem
+jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer
+wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von
+<pb n='225'/><anchor id='Pg225'/>Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen
+Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen,
+ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit
+einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken
+bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der
+Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen
+Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die
+im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden
+müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür
+scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die
+edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten
+anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe
+des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet.
+Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine
+Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens
+voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes,
+in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes
+Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller
+Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten
+menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch
+nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour &amp; Co. die
+Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um
+ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen
+Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde
+muß man doch diese genialen Unternehmer
+nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren
+Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber
+in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren
+versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen
+will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen
+Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller
+seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit
+schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des
+Zweck<pb n='226'/><anchor id='Pg226'/>mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu
+steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer
+Stockyards an.
+</p>
+
+<p>
+Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „<hi rend='italic'>The
+Jungle</hi>“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt
+auf Armour &amp; Co.’s Packing Company gerichtet worden.
+Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden.
+Es hat monatelang kein <hi rend='italic'>corned beef</hi> mehr gekauft, in der
+Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr
+Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere
+leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen-
+und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit,
+wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours
+aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen
+müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher
+und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft
+sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und
+durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse.
+Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert,
+bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in
+bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und
+der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste
+Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten
+Materials.
+</p>
+
+<p>
+An einem schönen klaren Wintertage brachte unser
+Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours
+und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma,
+uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr,
+der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In
+der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten
+Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen,
+eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel
+herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal
+<pb n='227'/><anchor id='Pg227'/>das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner
+Kerl – <hi rend='italic'>a fine fellow</hi> – sei. Man habe ihn vorher instruiert
+gehabt, den hohen Herrn mit „<hi rend='italic'>Your Royal Highness</hi>“
+anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können,
+und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen,
+einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von
+anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden
+darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr
+vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses
+Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens
+in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt
+auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.
+</p>
+<note place="margin">Der Mittelpunkt der Hölle.</note>
+<p>
+Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine
+heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren
+Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte
+Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die
+Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen
+schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut
+ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht
+an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich
+langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine
+schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum
+unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden
+die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem
+anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken
+um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten
+Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem
+Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und
+schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der
+anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem
+Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende
+Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den
+Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt
+<pb n='228'/><anchor id='Pg228'/>heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt;
+er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in
+einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe
+hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein
+Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen
+Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen.
+Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter,
+so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit
+dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist
+der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister
+in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine
+Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen
+Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter.
+Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die
+Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden
+sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden
+Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen
+in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und
+wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so
+sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren
+Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied
+mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und
+gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach
+dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter
+wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen
+die Schreckenskammer und schreiten auf unserer
+erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein.
+Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite
+die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten,
+Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und
+während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das
+Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer
+Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste
+<pb n='229'/><anchor id='Pg229'/>führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers
+nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme
+heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den
+Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer
+sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen
+Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt
+die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter
+Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am
+Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt,
+die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen
+zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.
+</p>
+<note place="margin">Schlachtverfahren beim Rindvieh.</note>
+<p>
+Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in
+welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür
+werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag
+mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem
+Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des
+Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast
+sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht,
+es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum
+Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt
+ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose
+Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der
+dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den
+großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein
+Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen
+wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen
+ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen
+wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem
+mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind
+von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die
+Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder
+Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach,
+bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens
+<pb n='230'/><anchor id='Pg230'/>und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung
+ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie
+etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten
+durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen
+– und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen
+ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung
+ist seine Strafe.
+</p>
+<note place="margin">Der Zweck heiligt die Mittel.</note>
+<p>
+Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend
+in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte,
+auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten
+Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen
+wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte
+und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt
+wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen
+vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von
+Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei
+in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des
+Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen,
+buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in
+der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden
+Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in
+weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen
+an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen
+Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende
+Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren
+Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken.
+Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände
+wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche
+Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge
+fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer
+erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an
+der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng
+vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre
+<pb n='231'/><anchor id='Pg231'/>und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit –
+hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang
+und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen
+Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit
+und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur
+Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der
+Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos
+zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die
+Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir
+die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener
+Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und
+Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale
+Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller
+Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in
+vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie
+verwandelt.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='232'/><anchor id='Pg232'/>
+<index index="toc" level1="Baedekereien für Amerikafahrer"/>
+ <index index="pdf" level1="Baedekereien fuer Amerikafahrer"/>
+<head>Baedekereien für Amerikafahrer.</head>
+<note place="margin">Tragikomödien des Grünhorns.</note>
+<p>
+Während meines Aufenthaltes in New York geschah
+es, daß ein aufgeweckter Marschbauer, irgend so ein
+deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen mochte,
+mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die
+etlichen 30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten
+Bauerngut herausgewirtschaftet hatte, im fernen Kansas,
+Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo das
+Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen.
+Der Mann war in der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich
+auf seine derbe Faust, seinen klaren Dickkopf und seinen
+deutschen Fleiß und hatte guten Grund, anzunehmen,
+daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde
+nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben
+eines Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit
+teilnehmen lassen können. Der Mann hatte in seiner
+biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt erzählt,
+wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän,
+der es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug
+in die Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in
+Gestalt eines seiner Offiziere mitgegeben. Der nahm
+Klaas Petersen freundschaftlich unter den Arm und führte
+ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur <hi rend='italic'>Subway</hi>, der
+Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des
+Hudson hindurch Brooklyn mit New York verbindet und
+dann in zwei Ästen die ganze Manhattaninsel bis in die
+ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas Petersen
+über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel
+hindurch in einen der Riesenwagen hineinbugsiert war
+<pb n='233'/><anchor id='Pg233'/>und nun in drangvoll fürchterlicher Enge, eingekeilt
+zwischen hinter riesigen Zeitungen verschanzten Negern,
+Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten Yankees
+stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze
+Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher
+Schnelligkeit um die Kurven schlingerte, da fing Klaas
+Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu weinen an und
+schluchzte: „Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. –“
+Und dabei blieb’s; er wollte keine Vernunft annehmen.
+Mit dem nächsten Schiffe kehrte er tatsächlich wieder
+heim.
+</p>
+
+<p>
+Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das
+sich auf seinen eigenen Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge
+einen Trambahnwagen bestieg, um über die berühmte
+Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen
+Landsmann aufsuchen wollte. Und er kam auch über die
+Brücke, aber er verstand nicht, was der Schaffner ausrief,
+und traute sich nicht aufs Geratewohl auszusteigen; und
+ehe er sich’s versah, war er wieder auf der Brücke, denn die
+Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er
+ein Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen,
+was der Herr in seinem unerforschlichen Ratschluß
+über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also auf der
+großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage
+lang. Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen,
+da er sonst verhungert wäre.
+</p>
+
+<p>
+Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben
+magst, lieber Leser, so laß es bleiben. Deswegen bleibt es
+doch als unumstößliche Wahrheit bestehen, daß du in
+Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu einem
+Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich
+mit der Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen
+Brett vorm Kopf in die Welt entlassen haben. Bist du
+<pb n='234'/><anchor id='Pg234'/>aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx bebbert,
+sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und
+nicht zu viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist
+in das Abenteuer stürzen. Bist du ein armer Teufel, der
+drüben sein Glück machen will, so wappne dich mit Humor
+und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß die
+Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt.
+„<hi rend='italic'>Let us try another chance</hi>“ sagt der Amerikaner in diesem
+Falle, und das sag du auch und pfeif drauf. Willst du aber
+zu deinem Vergnügen und zu deiner Belehrung dich drüben
+umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld –
+noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften
+Menschen drüben die meisten Dinge doppelt und
+viele viermal so viel kosten wie bei uns. Für ein Seidel
+Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10 Liter
+hält, mußt du einen <hi rend='italic'>Quarter</hi> hinlegen, das ist <hi rend='italic'>M</hi> 1.–, und
+du wirst bald dahin gelangen, diesem <hi rend='italic'>Quarter</hi> nicht mehr
+wehmütig nachzutrauern; denn das amerikanische Bier
+enthält zwar Wasser, Malz und Hopfen und sieht schön
+braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine verlockende
+schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht
+dir lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein
+Bier ist. Und dann wirst du auch bald finden, daß es sehr
+viel leichter ist, die schmalen, schmutzigen, zerknitterten
+Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei uns daheim
+ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du
+mußt nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du
+überhaupt Gold zu sehen bekommst. Mache dir nur ja
+nicht etwa die Illusion, als ob du an irgendeiner Stelle
+wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle
+großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der
+Knicker und Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre
+höchst verächtlich über die Achsel angesehen wird, kommst
+<pb n='235'/><anchor id='Pg235'/>du auch schon aus dem Grunde nicht zum Sparen, weil die
+guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman
+gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis
+haben. Du kannst zum Beispiel nicht in einem Hotel
+zweiten Ranges wohnen und in einem Restaurant ersten
+Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten Ranges
+gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels,
+denen sich ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen
+kann, nach unseren Begriffen erster Klasse, und was
+danach kommt, ist nach unseren Begriffen gleich vierter
+Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse
+wohnen und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du
+kannst es wohl, aber du wirst bald davon zurückkommen.
+Denn das billige Essen ist auf die Dauer unmöglich, und
+zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten
+Hotel und einem anständigen Restaurant gibt es kaum
+einen Unterschied. Versuche um Gottes willen auch nicht
+mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir übel bekommen;
+nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in
+der breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee
+schaden. Ein werter Freund und Kollege von mir hatte
+sich von Eingeborenen sagen lassen, daß der übliche Satz
+für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen
+zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel
+bestand in einem belegten Brötchen mit einem Schnitt
+Bier, wofür er 70 Cent = <hi rend='italic'>M</hi> 2,80 bezahlen mußte. Gewissenhaft
+wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und
+schob sie reinen Herzens dem <hi rend='italic'>waiter</hi> zu. Der starrte erst
+mit verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann
+lief er zum Oberkellner, beriet sich längere Zeit mit ihm
+und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent zwar ohne
+Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen
+Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen
+<pb n='236'/><anchor id='Pg236'/>stand es in sämtlichen New Yorker Blättern, daß der
+beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld gegeben habe.
+Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde,
+lachten ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also,
+lieber Landsmann, besonders wenn du aus München
+kommen solltest, wo die Kati schon für drei Pfennige danke
+schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner
+Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und
+daß man das Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten
+durch zehn teilbaren Ziffer abrunden muß.
+</p>
+<note place="margin">Unangebrachte Sparsamkeit.</note>
+<p>
+Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen
+machen und brauchst dich doch keinen Moment zu besinnen,
+in den vornehmsten Hotels einzukehren. Wenn
+du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und
+weder die Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den
+Kompotteller ableckst, so wirst du auch in der allerprominentesten
+Gesellschaft geduldet werden. Für fünf
+Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit
+Bad, und wenn du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade
+gut stehst, kannst du für denselben Preis sie auch mit
+hinein nehmen, denn die Betten sind immer reichlich
+zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen
+wolltest, auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so
+würde man das vielleicht als einen Mißbrauch der Gastfreundschaft
+betrachten und dir einige Dollars extra
+tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach
+Amerika?!
+</p>
+<note place="margin">In der Lobby.</note>
+<p>
+Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine
+ganz andere Rolle wie bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher
+und geschäftlicher Treffpunkt, und die <hi rend='italic'>Lobby</hi>,
+d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften
+Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und
+sonstigen Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der
+<pb n='237'/><anchor id='Pg237'/>Barbierladen im antiken Athen und Rom und wie das
+Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden sich auch
+Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei
+und Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser
+haben sogar eine eigene Telephonzentrale für die Vermittlung
+des riesigen Gesprächsverkehrs innerhalb des Hauses
+wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was man
+dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das
+wird dir auf elektrochemischem Wege schriftlich gegeben.
+Selbst in den mittleren Städten haben die guten Hotels
+selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze Anzahl von
+Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom
+Keller, wo der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich
+bearbeitet, bis hinauf zum Dachgarten, wo du in schönen
+warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter Beleuchtung
+dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der
+Lobby aber und in den angrenzenden Restaurationsräumen
+laufen fortwährend kleine niedliche Pagen mit
+Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und
+quarren die Namen der Leute aus, für die ein Besuch oder
+eine Depesche da ist, oder die am Telephon verlangt
+werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann aufhalten
+kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann
+man ruhig bei bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine
+Zeitung und eine Zigarre kaufen und in einem Schaukelstuhl
+Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet oder gar ein
+Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens
+mit seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem
+Liebchen. Bauernfänger, Detektivs und Reporter wimmeln
+in Scharen dort herum. Die letzteren holen sich drei
+Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer
+bei dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder
+neu ankommende Gast sich einschreiben muß, und stürzen
+<pb n='238'/><anchor id='Pg238'/>sich auf ihn, sofern er nur irgendwie prominenzverdächtig
+oder weit hergereist ist oder sich durch einen europäischen
+Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren
+überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an
+Gesprächen der Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden
+und der Klatschbasen erlauschen können, beschreiben
+die Toilette und das Gepäck reisender Künstlerinnen
+und konstruieren sich ganze Romane aus dem
+bloßen Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute.
+</p>
+
+<p>
+Jeder, der es irgend <hi rend='italic'>afforden</hi> kann, kehrt in den
+großen Hotels ein, selbst Menschen, die man bei uns zu
+den kleinen Leuten rechnen würde, und reiche Leute, die
+auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft
+in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein,
+jahraus ein Zimmer für sich reservieren. Folglich sind
+die Hotels immer voll und amüsant für jeden, der kein
+Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und Luxus wird
+dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten.
+Bad und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich;
+ein Transparent leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe
+für dich in der Office sind, und was das Allererstaunlichste
+ist – jeden Abend wird dein Bett frisch bezogen, als ob
+du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur
+deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht
+<hi rend='italic'>M</hi> 2 extra dem Hausschneider dafür bezahlen willst,
+und die Stiefel mußt du dir im Keller oder auf der Straße
+putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst
+ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld
+heischenden Bediensteten Spießruten laufen zu müssen.
+Dem Hausdiener, der deine Koffer dir aufs Zimmer schleppt,
+gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und wenn du
+ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den
+Liftboy mit einem Tip. Selbstverständlich kannst du
+<pb n='239'/><anchor id='Pg239'/>auch im Office dein Bahnbillett und dein Gepäck besorgen
+lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten mit dem
+Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir
+ein sehr feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich
+sicher geleitet und für dich redet, wo du etwa mit deinem
+Englisch nicht auskommst. Der Gentleman behandelt
+dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm
+nichts in die Hand zu drücken – er steht nachher auf
+deiner Rechnung. Alles, was du im Hause verzehrst,
+bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, deine
+Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.
+</p>
+<note place="margin">Das Astorhotel.</note>
+<p>
+Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich
+bei der Ankunft in New York deine Schritte zunächst
+ins <hi rend='italic'>Astorhotel</hi> lenken, und du wirst gut daran
+tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren
+kannst, wie herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus
+es ein intelligenter, tatkräftiger Deutscher drüben
+bringen kann. In dem Hotel der <hi rend='gesperrt'>Gebrüder Muschenheim</hi>,
+aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens,
+findest du nicht nur all den hier geschilderten Luxus
+und Komfort, sondern auch für dein ästhetisches
+Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten
+Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges
+gespielt wird, und im Grillroom etwas für deinen historischen
+Sinn, nämlich ein geschmackvoll zusammengestelltes
+Museum, das dir über Leben und Treiben der
+Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst
+lebendigen Anschauungsunterricht erteilt. – Kommst du
+aber weiter ins Land hinein, in die mittleren und kleineren
+Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in das Fremdenbuch
+einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem
+Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so
+ergehen wie mir in einer kleinen Stadt Wisconsins. Ich
+<pb n='240'/><anchor id='Pg240'/>wurde mit meiner Frau in einem der besten Zimmer eines
+neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt
+untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel
+in diesem Zimmer fest auf seinen vier Beinen, das vierte
+war nur angelehnt, wenn überhaupt vorhanden. Auf der
+frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck
+zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser,
+der andere vom Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich
+auch zu diesem Staatszimmer, es war aber
+mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin war,
+(ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine
+Knie bis ans Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte
+man allenfalls sitzend darin Platz finden. Da wir während
+unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten eingeladen
+waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am
+anderen Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren
+können, wenn man es uns noch verabreicht hätte,
+was aber nicht der Fall war, da wir erst nach neun Uhr im
+Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt
+gehen und in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung
+betrug 7 Dollar, also nahezu <hi rend='italic'>M</hi> 30.– für ein Bett, einen
+Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein Quetschbad!
+Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu
+leihen. Da entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig:
+„Ja, <hi rend='gesperrt'>warum haben</hi> Sie denn nichts verzehrt hier?
+Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar essen können,
+soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben
+nämlich amerikanischen Plan hier.“ Und die ganze Menschheit
+in der Lobby quietschte vor Vergnügen über die lange
+Nase, mit der ich abziehen mußte. Jetzt also, lieber Leser,
+weißt du, was <hi rend='italic'>american plan</hi> ist.
+</p>
+<note place="margin">Kundenfang der Eisenbahnen.</note>
+<p>
+Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch
+sonst welche auffälligen Eigenschaften die
+Aufmerk<pb n='241'/><anchor id='Pg241'/>samkeit der Reporter auf dich gelenkt hast, so kannst du
+die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins
+Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung
+deines Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit
+deines eventuellen Schmieröls und außerdem
+deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen Folgen
+solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein
+Gentleman in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen
+Manieren befinden, der dir seinen Besuch macht und sich
+erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze Reiseroute
+auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den
+Beikarten für Pullmanwagen und Bett zu besorgen.
+Du bist natürlich baß erstaunt über diese fabelhafte
+Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst,
+wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir
+findet. Da läßt sich ein zweiter, ebenso eleganter und
+liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt sich ebenfalls,
+wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd
+darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war,
+dir eine sehr unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe;
+mit seiner Gesellschaft würdest du schneller, komfortabler
+und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels Lösung. Da
+zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall
+mehrere Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die
+verschiedenen Gesellschaften ihre Kunden persönlich
+einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen Hotels,
+sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in
+den eleganten Offices der verschiedenen Gesellschaften
+seine Billette vorausbestellen kann. Diese starke Konkurrenz
+hat für den Reisenden das Angenehme, daß sich
+jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten
+und Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn
+du also zum Beispiel geborener Berliner bist und als solcher
+<pb n='242'/><anchor id='Pg242'/>Wert darauf legst, deiner koddrigen Schnauze Bewegung
+zu machen, so kannst du während deiner Reise alles bemäkeln,
+und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst,
+den erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: „Wissen
+Sie, alter Freund, mit Ihrer verdammten Linie fahre ich
+nie wieder, verstehen Sie mich!“ Gegen Langeweile oder
+Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle
+recht nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm,
+einen reisegewöhnten Amerikaner zum Beistand zu haben,
+denn die Kursbücher sind für den Uneingeweihten sehr
+schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine.
+Die einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in
+möglichst farbenfreudiger Ausstattung in den Hotels auf,
+und wenn man eine Reise vor hat, die einen über ein
+Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also
+zwölf solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche;
+man wird aber, wie gesagt, schwer klug daraus, obwohl
+sonst alles, was das Verkehrswesen betrifft, von den
+Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie
+prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten!
+Durch einen Handgriff deines Koffers wird ein
+Lederriemchen oder ein Spagat gezogen, an dem eine
+Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine Nummer
+und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat
+dieser Marke wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet
+nichts, außer wenn du über einen Zentner mit dir schleppst.
+An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein Mann
+durch den Zug und ruft: „Gepäck für Chicago!“, oder was
+es nun sein mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst
+ihm dein Absteigequartier. Fertig! Gibst du zerbrechliche
+Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli auf, so
+mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung
+nicht für etwaigen Schaden verantwortlich
+<pb n='243'/><anchor id='Pg243'/>machen willst. Willst du das nicht, so nimmt man dein
+Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders versichern.
+Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend.
+</p>
+<note place="margin">Im Pullmanwagen.
+Die Morgentoilette des Tätowierten.</note>
+<p>
+Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du
+sicher schon so viel gehört, daß ich dir darüber schwerlich
+etwas Neues erzählen kann. Verwunderlich ist es nur, daß
+in diesem Lande der höchst entwickelten technischen
+Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten
+können, die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So
+sind beispielsweise auch die schönsten Pullmanwagen
+fast immer entsetzlich überheizt und während des ganzen
+Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen.
+Die einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug,
+der auf der Station durch das Öffnen der Außentüren
+entsteht. Bevor du an deinem Bestimmungsort ankommst,
+nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, klopft
+deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis
+unten sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und
+du gibst ihm gern seine 20 Cent dafür, aber – die Zurückbleibenden
+müssen deinen Staub schlucken! Man kann
+sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise vorstellen!
+In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich
+noch viel ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht
+werden. Ich begreife überhaupt nicht, wie europäische
+Reisende die Schlafeinrichtung der Pullmanwagen bewundern
+können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns,
+quer, sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar
+ohne Unterschied des Standes, Alters oder Geschlechts.
+Für die Ruhe soll es freilich vorteilhafter sein, die Stöße
+des Wagens in der Längslage abzufangen, und die Betten
+sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und
+gar hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige
+Vorhänge versteckt, deren Schlitz man, wenn man
+glück<pb n='244'/><anchor id='Pg244'/>lich in sein Bett geturnt ist, von oben bis unten zuknöpfen
+muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und
+konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien.
+Als ich den um Himmels willen bat, doch wenigstens die
+Ventilationsklappe zu öffnen, erklärte er achselzuckend,
+es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind im Wagen,
+die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen
+S. M. „das Kind“ gibt es keinen Appell in Amerika.
+Wenn das Kind verschnupft ist mögen die Großen ersticken
+und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn du dir
+einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit
+dazu gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit
+der Genierlichkeit in Einklang zu bringen, als der Anfänger
+zu besitzen pflegt. Allerdings befinden sich an beiden
+Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige Toiletten,
+in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder
+ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch
+im <hi rend='italic'>american style</hi> ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht,
+wohin mit seinen Sachen, und wie man im Nachtzustande
+über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer
+kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen
+haben das leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations
+im Toilettenraum aus und werfen einen Schlafrock drüber.
+Früher pflegten sie die Strümpfe anzubehalten und ihr
+Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten
+das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken
+zu fahren und tiefschlafenden Damen die Strümpfe
+zu erleichtern. Neuerdings rentiert sich aber dies Geschäft
+nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der Passagiere
+mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr
+Geld bei sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat.
+Heutzutage hat jeder Mensch sein Scheckbuch bei sich
+und damit kann der Räuber nichts anfangen. (Wenn du
+<pb n='245'/><anchor id='Pg245'/>also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein
+erster Gang zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du
+dein Geld deponierst und dir ein Scheckkonto eröffnen
+läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen,
+was amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die
+umständliche Morgentoilette eines herkulischen Gentleman
+nach einer Nachtfahrt vergessen. Der Mann war
+sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch sonst
+ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen
+und Händen nach zu schließen, eher ein Metzger oder
+Viehhändler. Der Kerl wusch sich vom Kopf bis zu den
+Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, Ohren,
+Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen.
+Er nahm sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte
+seinen ungeschlachten Leib mit der Liebe und Sorgfalt
+eines Künstlers, der die letzte Feile an sein Werk legt.
+Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der
+Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. –
+Übrigens geht so eine amerikanische Nachtfahrt auch
+dadurch arg auf die Nerven für jeden, der kein geborenes
+Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der Lokomotiven
+fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm
+vollführen, bei dem einem angst und bange werden kann.
+Sie müssen nämlich alle Augenblicke Warnungssignale
+geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen
+sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier
+Strecke ohne Unter- oder Überführung. Da wird der
+nervöse Europäer schwer den Gedanken los, daß ihm
+plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch
+seinen werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was
+recht ist, aber Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden
+und Norwegen wirklich komfortabel.
+</p>
+<note place="margin">Vom Küssen und von der Höflichkeit.</note>
+<p>
+Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du
+<pb n='246'/><anchor id='Pg246'/>in den Vereinigten Staaten, wenn du den Vorzug hast,
+weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand dürfte es da
+drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann
+ist auf einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn
+sie einen Kavalier bei sich hat, so ist es seine verfluchte
+Pflicht und Schuldigkeit, alles für sie zu zahlen. Ich habe
+ein einziges Mal in Amerika einen wilden Wortwechsel
+erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war
+in einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York.
+Eine gut angezogene, nette Negerin des besseren Mittelstandes
+versuchte durch die dicht gedrängt stehenden
+Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme:
+„<hi rend='italic'>Let the ladys get out first!</hi>“ – und eine andere
+Stimme höhnte dagegen: „<hi rend='italic'>Let the Niggers get out first.</hi>“
+Und nun platzten über die Doktorfrage, ob eine Negerin
+auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften
+wild aufeinander! – Merke dir auch, mein Freund, daß
+du Damen deiner Bekanntschaft auf der Straße nicht
+zuerst grüßen darfst, das würde für eine Anmaßung angesehen
+werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade
+haben wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein
+Weib nicht bewundernd anstarren, und sei es noch so schön.
+Hast du aber die Bekanntschaft einer Dame in Gesellschaft
+oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie
+dich ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich
+auch nicht so zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns.
+Handküsse sind nicht üblich, wohl aber ein ungeniertes
+festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe zuteil, eine
+Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so
+packst du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen
+Karren vor dir her; das ist sicher und für beide Teile angenehm.
+Hast du dir gar Freundinnen in den besseren
+Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater
+<pb n='247'/><anchor id='Pg247'/>oder zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen
+einladen, ohne eine Mutter oder eine Tante als Begleitung
+befürchten zu müssen. Wenn du von deinen Freundinnen
+wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen Vertraulichkeiten
+herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie
+deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen
+sei vorsichtig; denn das Gesetz mancher Staaten betrachtet
+den Kuß als Heiratsversprechen, als tätliche Beleidigung
+oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine
+beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch
+nette Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen.
+</p>
+
+<p>
+Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur
+in der Synagoge, sondern auch in der Lobby des Hotels; aber
+im Elevator mußt du ihn stramm herunterziehen, sobald
+eine weibliche Person über vierzehn Jahre hereintritt. Im
+übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen
+und beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es
+dir zum Grundsatz, von deinen Mitmenschen, solange
+sie dir nicht durch einen Dritten offiziell vorgestellt sind,
+keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen.
+Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der
+Straße begegnest, so hast du es auch nicht nötig, deinen
+Deckel herunterzureißen und deinen Skalp der Unbill der
+Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und
+rufst lächelnd: „<hi rend='italic'>Hallo, Bobby, how do you do!</hi>“, worauf
+er gleichfalls winkt und ruft: „<hi rend='italic'>Hallo, Fritze, how do
+you do!</hi>“ Das ist praktisch und macht einen guten Eindruck;
+denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und
+ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren,
+wie es euch geht. Auch vor Hochgestellten brauchst du
+keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; dafür verlangt
+man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete
+Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst.
+<pb n='248'/><anchor id='Pg248'/>Der Schatz der amerikanischen Umgangssprache ist reich
+an massiven Deutlichkeiten, und wenn du dir herausnimmst,
+einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es
+dir leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese
+aus diesem Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz
+der amerikanischen Höflichkeit besteht darin,
+daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man
+seinem Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt,
+dagegen in Verlegenheiten sich hilfreich beisteht. Ich habe
+gesehen, wie blinde und andere hilflose Personen sogar
+auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben
+sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim
+Ein- und Aussteigen behilflich ist und sie vor Gefahr
+bewahrt. Man bekommt auch fast immer klare und
+knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten
+Unbekannten wendet, und wenn man ein sympathisches,
+vertrauenerweckendes Äußere hat, läßt sogar ein eiliger
+stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen und
+begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen
+Dingen der täglichen Notdurft des Verkehrs darf man
+auch ruhig auf die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen vertrauen;
+handelt es sich dagegen um größere Summen, so
+reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif
+wie ein Schießhund.
+</p>
+<note place="margin">Hemdärmeligkeit.</note>
+<p>
+Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete
+dir irgendwo im neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk
+ein Zimmerchen mit Telephon und Schaukelstuhl und
+engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle ungemein
+gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe
+deinen Rock aus – denn das tut jeder Amerikaner, sobald
+er sein Office betritt, sei es Winter oder Sommer –, zünde
+dir eine Importierte an, verbreite deine Beine anmutig
+über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren.
+<pb n='249'/><anchor id='Pg249'/>Telephonieren und Briefe diktieren füllt die amerikanischen
+Geschäftsstunden von 10–5 Uhr vollkommen aus. Da
+die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß das
+Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch
+an der Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines
+Verhaltens aber sei und bleibe in allen Lebenslagen, solange
+du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl aber
+mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch
+das ganze Land.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='250'/><anchor id='Pg250'/>
+<index index="toc" level1="Was können wir von Amerika lernen?"/>
+ <index index="pdf" level1="Was koennen wir von Amerika lernen?"/>
+<head>Was können wir von Amerika lernen?</head>
+
+<p>
+Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker
+ein Spiegel, in dem sie deutlich ihre Zukunft sehen
+können. Der Fortschrittsgedanke marschiert drüben in
+Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor sich,
+während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer
+noch auf Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet
+hat, Berge von Vorurteilen, Abgründe von
+Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern oder zu
+überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden
+Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der
+technischen Zivilisation daran gehen wollten, unsere
+Abgründe auszufüllen und unsere Berge abzutragen –
+was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose Verflachung
+unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch
+mit historisch und philosophisch geschultem Denken, mit
+ästhetischem Bewußtsein und einer idealistischen Weltanschauung
+ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in jenen
+Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre
+uns vor dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß
+wir unseren wertvollsten Besitz, nämlich unsere geistige
+Kultur, nicht den materiellen Errungenschaften der
+Gegenwart, sondern der fernen und fernsten Vergangenheit
+verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des
+Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für
+unser gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so
+überaus solid aufgemauert haben.
+</p>
+<note place="margin">Das Rekordfieber.</note>
+<p>
+Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt,
+als wir wissen und als uns gut ist. Seit nämlich die raum-
+<pb n='251'/><anchor id='Pg251'/>und zeitverkürzenden Erfindungen sich zu überstürzen
+begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von
+Amerika her der <hi rend='gesperrt'>Rekordwahnsinn</hi> in die Welt gekommen.
+Fast alle die großen Erfindungen, vermöge deren
+wir jetzt Wasser, Erde und Luft beherrschen, sind in der
+Alten Welt gemacht und hätten unter allen Umständen die
+Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu
+steigern; in Amerika aber haben diese Erfindungen, der
+ungeheuren Entfernungen wegen, doch die rascheste und
+vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch auch
+stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt.
+Der Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen
+zu machen und auf allen neuen Gebieten das Vollkommenste
+zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung,
+und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit
+hat, sich auf dem Felde der Literatur und der
+Kunst auszutoben, stürzte sich mit Begeisterung auf den
+Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im
+Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport
+sehr teuer und sehr gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner,
+der ja bessere Nerven besitzt und aufregende Vergnügungen
+in viel größeren Quantitäten vertilgen kann,
+ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten
+Schnellzugs-, Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten
+nicht im eignen Lande, sondern begann an allen internationalen
+Wettbewerben teilzunehmen. Sein Sensationsbedürfnis
+und seine unverbrauchte Kraft haben das
+Rekordfieber in der großen Welt gewaltig geschürt.
+Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, der großartige geschmackvolle
+Luxus der transatlantischen Dampfschiffe
+haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns
+hinübergelockt, und wo immer sie in größerer Menge auftraten,
+zwangen sie durch ihren Reichtum die betreffenden
+<pb n='252'/><anchor id='Pg252'/>Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so,
+wie ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres
+Festhalten an ihren nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust
+und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen und sich fremden
+Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und Fremdenindustrie
+einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies
+jetzt noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft
+ihrer amerikanischen Vettern. Während die amerikanischen
+Hotels sich allmählich den europäischen Stil
+aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu
+amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig
+auf den Kontinent, um zu sparen, zeigten sich also hier
+geizig; die Amerikaner dagegen sind viel großartiger und
+leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch protzenhafter.
+Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte Vergnügen;
+aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern
+auch den Stil bodenständiger Kultur, den guten Geschmack,
+weil sie überall die Sensation, das Äußerste,
+das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es gut zu
+bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt
+es, daß auch bei uns immer mehr das Schönste und das
+Bedeutendste, was unsere Natur und unsere Kunst aufzuweisen
+haben, sich dem amerikanischen Snobismus
+anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht
+des Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur
+an Bayreuth, Oberammergau, die Münchener Musikfeste,
+die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen,
+die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun
+will sich aber der europäische Reichtum nicht gern ausstechen
+lassen. Er strengt sich darum aufs äußerste an,
+es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein
+gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus.
+Da ferner die tiefste Bildung und der feinste Geschmack
+<pb n='253'/><anchor id='Pg253'/>durchaus nicht immer an den Reichtum geknüpft sind,
+so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit
+immer mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer
+schwerer, sein Bedürfnis nach Kunst- und Naturgenuß
+zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas uns
+einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere
+Bildung bei uns verhältnismäßig verbreiteter seien, als
+in der Neuen Welt; immerhin sind doch aber auch bei uns
+die Ungebildeten in der Überzahl, und diese Überzahl
+wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die
+amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen
+seiner Vergnügungssucht zu geben vermag.
+In den Niederungen der dramatischen Kunst, z. B. in der
+Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt der
+amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer
+mehr durch. Das Vergnügen an den Sentimentalitäten,
+Hintertreppensensationen und Clownspäßen der Lichtbildtheater,
+an mechanischen Musikwerken, oder gar an
+den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet
+schon durchaus amerikanisch an.
+</p>
+<note place="margin">Ansteckungsgefahr des Snobismus.</note>
+<p>
+Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken,
+wo eigentlich nur die Autorität des Wissens und
+des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das Kulturniveau
+in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen,
+die alles bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert
+die gesunde Stetigkeit der Entwicklung und drängt den
+Tüchtigen überall zugunsten des Fixen zurück. Als
+Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende
+Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und
+sportgewandten Männern kennen, in Begleitung reizender,
+eleganter, siegessicherer Frauen. Das erweckt in uns die
+Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die es
+in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter
+<pb n='254'/><anchor id='Pg254'/>gebracht haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem
+richtigen Wege sein müßten, und wir beginnen folglich
+uns unserer Langsamkeit, unserer bedächtigen Gründlichkeit,
+Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen.
+Wir vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken
+dieser Eigenschaften es ist, was uns heute immer noch
+über die glänzende Scheinkultur der Neuen Welt ein
+beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den
+atemlosen Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über
+dem Ozean einlassen, so werden wir sicher den Kürzeren
+ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes sind
+nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere
+Industrie, unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben
+darauf richten wollten, das unerprobte Neue,
+das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle
+des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen,
+so würden unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald
+nicht mehr die wichtige Rolle spielen wie heute. Der
+Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer
+kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele
+Dinge von uns zu beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich
+darin, daß drüben jenes Erbinventar von Talent,
+Geschicklichkeit und Geschmack, durch Handwerksstolz
+und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt
+und verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen
+Vorzüge würden uns aber verloren gehen, wenn wir uns
+von dem amerikanischen Snobismus noch weiter anstecken
+ließen.
+</p>
+<note place="margin">Volkstümliche Bildungsbestrebungen.</note>
+<p>
+Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen
+Zeitungswesens darauf hingewiesen, daß auch
+unsere Presse hie und da bereits recht bedenkliche Anläufe
+gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster Sensationsgier
+und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte
+<pb n='255'/><anchor id='Pg255'/>der minderwertigsten Leserschaft sogar der <hi rend='italic'>gelben</hi> Presse
+gleichzutun. Auch bei uns beweist die Erfahrung,
+daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die
+Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem
+ordinären Geschmack entsprechend aufgeputzt ist, durch
+den Massenabsatz erheblich mehr einbringt, als das gute,
+aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von
+Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern
+einfach zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist
+dies ebenso wie der Massenabsatz von billiger und vielfach
+recht minderwertiger Reiselektüre. Wir haben uns
+neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft,
+gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese
+Herabwürdigung zumal der literarischen Arbeit zum
+bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir überall,
+bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte
+Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann
+aus dem Volke für ganz billiges Geld wertvolle
+Anregung, Belehrung und gute künstlerische Unterhaltung
+zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte und
+Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall
+die Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und
+wirklich wertvolle gemeinnützige Unternehmungen, wie
+Reclams Universalbibliothek, stehen schon nicht mehr
+vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der
+Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung
+auch in weite Schichten unseres Volkes getragen, für die
+früher die Quellen des Wissens und der Schönheit unerreichbar
+waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß
+erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten
+Staaten, obwohl auch dort, namentlich durch Gründung
+von musterhaft eingerichteten öffentlichen Bibliotheken
+und Museen, durch die <hi rend='italic'>University Extension</hi> und
+ Ge<pb n='256'/><anchor id='Pg256'/>winnung von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr
+viel in dieser Richtung getan wird. Es ist also wahrscheinlich,
+daß uns in nicht allzu ferner Zeit Amerika
+auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen
+wir uns nicht überflügeln lassen, so wird der Richtspruch
+unserer Volksbildner ebenso wie der unserer Fabrikanten
+heißen müssen: <anchor id="corr256"/><corr sic="(fehlt)">„</corr><hi rend='italic'>Qualität, nicht Quantität; nicht vom Neuen
+das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das
+Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste,
+das Deutscheste bieten.</hi>“
+</p>
+<note place="margin">Zähigkeit der Rassen.</note>
+<p>
+Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original,
+volkstümlich zu sein, denn wir <hi rend='italic'>sind</hi> ein Volk, als Rasse
+zwar auch gemischt, aber in dieser Mischung doch schon
+seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte Europa
+für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant
+macht, das ist die unendliche Abwechslung und
+Differenzierung im Charakter seiner Völker. Wie die
+Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken
+wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß
+ist wie der eine Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde,
+wie etwa das Plattdeutsche und das Oberbayrische zu
+erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der Charakter
+der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in
+der Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt.
+Eine nordamerikanische Rasse gibt es aber vorläufig
+noch lange nicht, und die Behauptung vereinzelter amerikanischer
+Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich
+deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte
+wohl als ein wunderliches Hirngespinst zu betrachten
+sein. Die Menschen, die sich in der Neuen Welt zusammengefunden
+haben, werden wohl noch auf unabsehbare Zeit
+hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener,
+Russen, Juden, Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich
+<pb n='257'/><anchor id='Pg257'/>wie z. B. die Neger in den Vereinigten Staaten noch nach
+ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt alle Schattierungen
+der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse
+aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen
+Landstrich verraten, dem ihre Vorväter entstammten,
+so wird man auch den Nachkommen der weißen
+Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches
+Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht
+durch fortwährende Mischehen absichtlich darauf ausgehen,
+ihre Rassenmerkmale zu verwischen. Es sind nur
+die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen
+Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen
+Rassen einen eigenartigen neuen Typus erzeugen.
+Wenn ein Deutscher ein oder zwei Jahrzehnte
+lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen
+ist, so vermag er sich auch in seinem Wesen und in
+seinem äußeren Gebaren so stark zu verändern, daß seine
+Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so langer Zeit
+wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen.
+Aber er ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen
+und beileibe kein Buschmann oder Pampas-Indianer
+geworden! In den Vereinigten Staaten ist überdies noch
+die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren,
+dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf
+klägliche Überreste vernichtet sind. Der Deutsche kann
+drüben dem Engländer, der Jude dem Japaner, der Neger
+dem Italiener dies und jenes abgucken oder unwillkürlich
+in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche
+übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen
+noch lange nicht hinaus. Es wohnt also drüben ein
+Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine
+gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus
+den neuen Lebensbedingungen heraus gemeinsame
+Kultur<pb n='258'/><anchor id='Pg258'/>ideale zu suchen. Von einem amerikanischen Volke wird
+man erst sprechen können, wenn die ungeheuren Ländergebiete
+drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert
+sind, daß die Regierung auf die Aufnahme weiterer
+Einwanderer dankend verzichten kann. Aber auch bei
+verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung
+des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte
+in Anspruch nehmen. Vielleicht wird es im Jahre 3000
+eine nordamerikanische Rasse geben – denkbar aber
+auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des
+internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation
+der großen Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung
+nicht mehr möglich ist, und die ganze Änderung darin
+bestehen wird, daß die alten Rassen ihre charakteristischen
+Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante
+Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit,
+Farbennuancen übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in
+ein- bis zweitausend Jahren wirklich schon eingetreten
+sein, dann könnte man davon sprechen, daß Amerika uns
+verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen
+Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden
+Tendenz bemerken läßt. Die Gewissensfrage
+ist für jeden einzelnen: soll ich dazu beitragen, die Entwicklung
+zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen,
+oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben?
+</p>
+<note place="margin">Heimat.</note>
+<p>
+Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa
+zurückkehrt, so nimmt zunächst das Auge mit wonnigem
+Behagen den Eindruck der Ordnung, der Fertigkeit, der
+stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk
+in sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft
+mit ihrem üppigen Wiesengrün und ihren anmutigen
+Heckenzäunen, sei es ein französischer alter Herrensitz
+mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen,
+<pb n='259'/><anchor id='Pg259'/>Blumen und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche
+Flachlandschaft mit ihren peinlich nach der Schnur bestellten
+Feldern, ihrem trauten Dörflein, so behaglich im
+Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne
+Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll
+prunkender öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar
+eine uralte, winklige, hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt,
+noch durch alte Ringmauern und Wachttürmchen
+gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt.
+Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans
+schmerzlich vermißt haben und die man uns auch drüben
+nicht nachahmen kann. Das ist Tradition einer alten
+Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten
+Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des
+anspruchsvollen höheren Menschen erfreuen, sondern auch
+ethisch überaus fruchtbar sind, weil in allen diesen Dingen
+die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar werden.
+Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff
+der Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat
+gibt es ein wirkliches Lebensglück. Wer gedankenlos nur
+der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu kommen, die
+Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da
+wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein
+leichter zu erreichen sind, und wo es weniger schwer als
+daheim sei, in weiteren Bezirken eine erheblichere Rolle
+zu spielen. Für solche Leute ist es wohl angebracht, nach
+Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem
+trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke
+da drüben werden sie erst den Wert der Heimat
+schätzen lernen – es sei denn, daß sie zu den blinden
+Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr
+Genügen finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche
+eine vertiefte Bildung gesteigert hat, kommen ja
+<pb n='260'/><anchor id='Pg260'/>jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur zu uns
+nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener
+herz- und sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne,
+die ihre vorläufig noch fast ausschließlich technische
+Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie bekommen alle
+eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft,
+vor unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und
+unserer Industrie, vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker,
+vor der wohldisziplinierten Ordnung unserer
+Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als
+Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche
+Liebe zu unserer Romantik mit heim – nachahmen aber
+können sie auch beim besten Willen diese unsere Vorzüge
+schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig, als in
+Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk
+mit eigner Tradition geworden sind.
+</p>
+<note place="margin">Arbeit und persönliche Würde.</note>
+<p>
+Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar
+buntscheckige Gesellschaft von Lebensstudenten in die
+Neue Welt hinüber: alle die überzähligen Esser kinderreicher
+Familien, unzufriedene, verärgerte, aufsässige
+und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner
+aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft
+lernt tatsächlich da drüben mehr, als sie irgendwo in
+der Alten Welt lernen könnte. Der entschlußunfähige
+Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine
+liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln
+gebrauchen kann, der langsame, ängstliche Philister, der
+faule Träumer, der vornehme Müßiggänger, der hochmütige
+Geld- oder Wissensprotz – sie alle werden zunächst
+einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten
+Not darauf aufmerksam gemacht, daß die Parole in der
+Neuen Welt laute: Augen auf! nicht abwarten, sondern
+zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß arbeiten,
+<pb n='261'/><anchor id='Pg261'/>und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du
+von Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer
+weder ein Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges
+Geschäft anzufangen, noch ein Handwerk, eine
+Kunst, eine Wissenschaft so praktisch zu verwerten weiß,
+daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und
+Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem
+großen Arbeitsmarkt für jede beliebige Tätigkeit zur
+Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich habe drüben
+Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen
+im Lande waren und bei uns maturiert hatten,
+adlige Offiziere in Mengen als Kellner, Reitknechte,
+Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische
+Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für
+irgendeine Warenspezialität zu werden; zeigt er sich
+hierin gewandt, so ist der Schritt zum selbständigen Geschäftsmann
+nicht mehr schwer. Das Gute bei dieser
+Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung,
+hinter der keine offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren
+läßt. Der Yankee macht sich freilich oft lächerlich
+durch sein übereifriges Herandrängen an unsere Höfe,
+an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist
+mit Recht empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge,
+die schwere Mitgift der Töchter gegen europäische
+Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man
+merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der
+Titel an sich ist, welcher diese faszinierende Wirkung übt,
+sondern vielmehr die mit altem Adel verbundene vornehme
+Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche
+Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten
+drüben ihr Brot suchenden, heruntergekommenen Adligen,
+da versagt der Zauber völlig. Eine Persönlichkeit, die sich
+nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder physischen
+<pb n='262'/><anchor id='Pg262'/>Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in
+die Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst
+auf. Aber auch mit philiströser Bedenklichkeit
+kennt das amerikanische Leben kein Erbarmen. Wer in
+der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der
+kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt
+des Fortschritts unterwegs verlassen, so muß er schon
+sehr geschickt in der Fahrtrichtung abzuspringen verstehen
+– nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder
+kommen.
+</p>
+<note place="margin">Juristen und Menschenkenner.</note>
+<p>
+Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber,
+daß sie selbst dem Verbrecher nicht den Rückweg
+zum anständigen Leben verlegt. Das Vertrauen auf die
+eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor
+den Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich
+fürchtet wie bei uns. Denn wer etwa im wilden Westen
+sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der mußte ja immer
+gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen
+auf dem <hi rend='italic'>qui-vive</hi> stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt,
+daß ein einziger beherzter Mann mit einem Dutzend feigen
+Gesindels fertig werden kann. Er hat aber auch an zahlreichen
+Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen
+durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den
+Erfolg doch noch zu brauchbaren Menschen gemacht
+wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist, daß man
+sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm
+jedoch immer wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben
+anzufangen, und wenn er dann etwas Ordentliches erreicht,
+hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder
+vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele
+durch falsche Erziehung und angeborene Charakterschwäche
+zu Verbrechern gewordene Menschen ihre Rettung
+verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind
+<pb n='263'/><anchor id='Pg263'/>glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner.
+Wir sind sehr geneigt, den manchmal grotesken Humor
+ihrer salomonischen Urteile zu verspotten, aber es ist
+sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht halb so
+viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft
+die Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst
+der barbarische Richter Lynch hat sich wohl noch nie an
+einem Unschuldigen vergriffen, und die Abschreckungstheorie
+handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg.
+Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den
+lediglich das Leben selbst mit seinen Erfahrungen in die
+Lehre genommen hat, ist, wenn er wirklich gesund geblieben
+ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle
+Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter
+der gesegneten Herrschaft des Kgl. Großbritannischen
+<hi rend='italic'>common sense</hi> haben sich ja alle besten Charaktereigenschaften
+der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir
+alten Europäer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften
+nicht ohne weiteres ablernen können, denn
+ihr Optimismus, ihre prahlerische, aber tatkräftige Zuversichtlichkeit,
+ihr mutiger Leichtsinn sind eben Tugenden
+der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre
+schöne Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Verhältnisse
+bedingt, die wir alten Völker ebensowenig nachahmen
+können wie die Jugend.
+</p>
+
+<p>
+Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von
+den Yankees noch etwas lernen können, nämlich das
+Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden ein rückständiges
+Volk heißen müssen, so lange wir nicht die
+Trennung von Staat und Kirche durchgeführt haben und
+so lange es noch möglich ist, daß ein Deutscher seines
+religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich verfemt
+und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren
+<pb n='264'/><anchor id='Pg264'/>nicht an der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein
+Vater, der seine Kinder nicht dem Christentum ausliefern
+will, durch Polizeistrafen und sonstige behördliche Schikanen
+drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich anerkanntes
+religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Bedingung
+zur Erlangung öffentlicher Ämter und Ehrenstellen
+ist. In dem Lande der absoluten Glaubensfreiheit
+ist das religiöse Leben, trotz mancher blamabeln Auswüchse,
+viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke
+religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen
+ist, kann eine Macht über die Seelen gewinnen, um
+die sie unsere Generalsuperintendenten und sogar unsere
+Erzbischöfe ehrlich beneiden dürften. Über das, was
+wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees
+lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet.
+Ein Volk, das Jugend in sich selber hat, versteht
+auch naturgemäß mit der Jugend besser umzugehen.
+Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische
+Proben auf Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker
+schon längst aufgestellt haben. Lernen wir also an
+ihren Erfolgen und Mißerfolgen.
+</p>
+<note place="margin">Die deutschen Kolonisatoren.<lb/>
+Unsere mangelhafte politische Befähigung.</note>
+<p>
+Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen
+Erfolge des großen Staatenbundes uns als Vorbild
+dienen können: dahin rechne ich in allererster Linie die
+politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt hat.
+Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer
+aus den britischen Inseln, sind heute der Zahl nach den
+Nachkommen der deutschen Einwanderer nur noch um
+etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es verstanden,
+ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd
+zu erhalten. Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches,
+sondern auch staatenbildendes Geschick
+bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die von
+<pb n='265'/><anchor id='Pg265'/>ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand
+zu behalten wußten. Die Deutschen haben die Staaten
+Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin, Michigan, Missouri
+ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee
+und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte.
+Cincinnati, Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche
+andere Großstädte zeigten vorübergehend ein Übergewicht
+an deutschen Einwohnern, und dennoch haben sie sich
+überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt
+es noch hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber
+er versteht kein Deutsch mehr und verdankt seine Stellung
+den politischen Bossen und nicht dem einmütigen Willen
+seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich
+nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die
+große Mehrheit bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und
+handwerkliche Kräfte, und im Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche
+unserer besten Intelligenzen hinüber, die den Beruf
+zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen.
+Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18½ Millionen
+Menschen es zu keiner politischen Selbständigkeit
+bringen konnten? Die Zahl jener geborenen Führer, die sich
+am Ende der 40er Jahre im Mississippital niederließen,
+und die man spottweise die <hi rend='gesperrt'>lateinischen Bauern</hi>
+nannte, mag allerdings wohl der erdrückenden Überzahl
+der ungebildeten, politisch gleichgültigen Landsleute gegenüber
+zu gering gewesen sein – auch war der Vorsprung,
+den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten,
+nicht ohne weiteres einzuholen; das Schlimmste aber
+war, daß alle diese Deutschen ein stolzes Nationalgefühl
+überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren Partikularismus,
+ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum
+mit hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr
+tüchtige Bauern, Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten
+<pb n='266'/><anchor id='Pg266'/>sich aber den besonderen Anforderungen des amerikanischen
+Lebens nur selten gewachsen. Viele von ihnen
+waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig
+anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten.
+In Kriegszeiten übrigens haben auch diese Deutschen
+Großartiges geleistet, wie denn ja auch die von ihren
+edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw.
+sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie
+die Löwen geschlagen haben. Im Sezessions- wie im
+Bürgerkrieg verdanken amerikanische Truppen deutschen
+Heerführern einige ihrer glänzendsten Siege – und dennoch
+waren und blieben diese Deutschen nur ein gern geduldetes
+und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen
+britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverständlich
+nicht daran, diese bequemen Biedermänner
+in ihre großen Ehrenstellen der Staats- und Gemeindeverwaltung
+hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus
+keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten
+den deutschen Einwanderern damals zwei Wege offen
+gestanden: entweder sie mußten resolut ihr Deutschtum
+über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner
+werden, oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich
+alle in einer bestimmten, von ihnen zuerst besetzten
+Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im Staate
+gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus
+gegen das Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer
+Rassen abschließen. Die meisten Deutschen haben aber
+keines von beidem getan, sie haben sich über das ganze
+weite Land zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen
+wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus
+engeren landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen
+Eitelkeitsgründen aufs gehässigste bekämpfen. Aber auch
+der starke Zustrom aus dem geeinigten Deutschland der
+<pb n='267'/><anchor id='Pg267'/>70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Änderung
+in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen
+hätten doch alle Ursache gehabt, ihren frischen
+Nationalstolz der herrschenden Yankeerasse entgegenzustellen,
+aber auch unter ihnen war der politische Ehrgeiz
+eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand
+begründen durften, waren sie zufrieden, und selbst
+diejenigen, die durch ihre Tüchtigkeit und durch ihren
+Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten nicht daran,
+sich in das Parteigetriebe zu stürzen – die meisten wohl
+aus moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus
+reiner Bequemlichkeit. Man muß also doch wohl sagen,
+daß ihnen, einige ganz wenige glänzende Ausnahmen, wie
+Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für
+die Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit
+haben kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit
+im hohen Maße besessen und verdankten dieser Eigenschaft
+die glänzende Rolle, die sie während der Völkerwanderung
+und noch während der Staufferzeit in der
+Weltgeschichte spielten. Der jahrhundertelange Jammer
+der Kleinstaaterei und Pfaffenherrschaft haben aber jene
+ursprünglichen Veranlagungen vollständig erstickt. Hingegen
+kamen die ersten englischen Besiedler der neuen
+Welt aus einem Lande, in welchem die parlamentarische
+Verfassung bereits Zeit gehabt hatte, die ganze Nation,
+bis in die untersten Schichten hinein, politisch zu erziehen.
+Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist
+politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern
+veranlaßten, und sie alle, mochten sie Royalisten oder
+puritanische Revolutionäre sein, brachten den Stolz mit
+hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren Flagge
+siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte.
+Diese Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein
+<pb n='268'/><anchor id='Pg268'/>Herrenvolk zu fühlen, sie waren sich aber auch der vornehmsten
+Pflicht bewußt, welches dieses Herrentum ihnen
+auferlegte – der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten.
+Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas
+und Mexikos, die nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit
+den eingeborenen Weibern eine recht bedenkliche Mischrasse
+zu erzeugen, existierte für die Anglo-Amerikaner des
+Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst gegen
+Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern
+richtete das Rassenvorurteil einen starken Damm auf.
+Das ist das ganze Geheimnis der imposanten Machtentwicklung
+der keltogermanischen Rasse in Nordamerika
+und das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei
+den Briten diesseits und jenseits des Ozeans in die Lehre
+gehen müssen. Das Wort Chauvinismus hat einen garstigen
+Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere
+edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist
+aber schließlich nur ein anderer Ausdruck für Kraftbewußtsein.
+Denn bei allen wirklich starken Rassen und
+Nationen ist der Republikaner so gut wie der Monarchist,
+der Liberale so gut wie der Reaktionär <hi rend='italic'>chauvin</hi>.
+</p>
+<note place="margin">Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen.</note>
+<p>
+Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach
+auch noch deren Kinder, besitzen nun allerdings jenen
+schönen Nationalstolz, von dem die vorigen Generationen
+noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen Zeitungen
+und freuen sich der Berichte über die großartige Entwicklung
+des deutschen Handels, der deutschen Industrie,
+das Aufblühen seiner Weltmachtstellung zur See. Auch
+wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden sie von diesem
+Aufschwung einen starken Hauch verspüren, denn sie
+können kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die
+schmeichelhafte Inschrift: „<hi rend='italic'>Made in Germany</hi>“ zu stoßen,
+und die gewaltigen Schiffe der großen Reedereien, allen
+<pb n='269'/><anchor id='Pg269'/>voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen Meergiganten
+an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlässigkeit
+in jeder Beziehung übertreffen, haben für die
+Hebung des deutschen Ansehens über dem Ozean mehr
+getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten
+Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten
+vier Jahrzehnten des gesegneten Friedens sich für die
+Ewigkeit zu manifestieren trachtete. Die Person des
+deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen Welteroberung
+durch deutsches Wissen und deutsches Können,
+genießt bei den Deutschamerikanern eine fast
+ <anchor id="corr269"/><corr sic="uneingegeschränkte">uneingeschränkte</corr>
+Verehrung, und auch das Vereinsleben hat
+durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft
+bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago,
+Indianapolis, Milwaukee und einigen anderen Städten
+erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in denen
+nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch
+mit ernstem Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher
+Kulturbesitz gepflegt wird. In Cleveland haben die
+Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine Kopie
+des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in
+Buffalo bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft
+um denselben Zweck, und selbst im fernen Westen, in
+Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer rastlos
+am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen
+Leben des Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist
+begreiflich, daß die Bestrebungen einer ausschließlich auf
+ästhetische Kultur gerichteten intellektuellen Oberschicht
+in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung und
+Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte
+noch fast ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Verständnis
+finden können. In dieser Beziehung sind es noch
+Großväterideale, welche die versprengten Landsleute
+<pb n='270'/><anchor id='Pg270'/>drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen
+leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum
+in Kunst und Literatur vorwiegend eingewanderte deutsche
+Juden sind.
+</p>
+<note place="margin">Heiligste Pflicht des Deutschtums.</note>
+<p>
+Es hat sich also nachträglich doch noch so etwas
+wie ein deutscher Chauvinismus entwickelt – leider,
+leider kommt er jetzt um mehr als ein halbes Jahrhundert
+zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es
+hieße unseren deutschen Landsleuten einen schlechten
+Dienst erweisen, wenn man sie jetzt noch zur Sonderbündelei
+mit prahlerischem Maulaufreißen von uns aus
+aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos.
+Wie würden wir es wohl aufnehmen, wenn die vielen
+Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste sind, uns fortwährend
+ihre Nationalität und Rasse unter die Nase
+reiben, Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge
+in die Ohren schmettern und darauf bestehen wollten,
+unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns ihrer
+mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten.
+Auch die Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen
+Welt, haben ein gutes Recht, zu verlangen, daß die Einwanderer
+aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie sich
+bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der
+Wirtsrasse aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es
+unter diesen Verhältnissen, sich stolz bewußt zu bleiben,
+daß sie die Erben einer tieferen und feineren geistigen
+Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen sind,
+den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen
+Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber
+nehmen, in die Seelen der neuen Landsleute befruchtend
+abzustreifen. Deutsche Denkungsart, deutschen wissenschaftlichen
+und künstlerischen Sinn, deutsche Treue,
+deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum
+ausschlag<pb n='271'/><anchor id='Pg271'/>gebenden Kulturfaktor zu machen, das muß ihnen als
+heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise lassen sich
+immer noch Siege <hi rend='italic'>gegen</hi> und, was noch wichtiger ist, auch
+<hi rend='italic'>mit</hi> dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene
+Yankeerasse mit deutschem Geiste zu durchtränken und
+so zu unseren innerlichst Verbündeten zu machen, das
+wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende
+Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen
+der Vereinigten Staaten auch nicht für zu gut dünken,
+von den Yankees zu lernen, und ebenso wir Deutschen
+im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch nötiger
+haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir
+trotz des großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch
+nicht dazu gebracht haben, als Nation so respektiert zu
+werden, wie wir es unseren Leistungen entsprechend
+wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker
+irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter
+sich ausgemacht haben und jemand unter ihnen die Frage
+aufwirft: „Ja, was wird aber Deutschland dazu sagen, wird
+es sich das gefallen lassen?“ so wird ihm mit lächelndem
+Achselzucken die Antwort: „Ach, die Deutschen! Die sind
+ja so anständig, friedliebend und zuvorkommend, die
+kriegen wir schon herum.“ Es ist eben in der Politik eine
+zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die Butter vom
+Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei
+den Jungen die Fehler der Jugend – in der Politik werden
+viele davon zu Tugenden, vornehmlich die goldene Rücksichtslosigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten
+amerikanischen Tugenden nicht nur in der Jugend des
+Volkes, sondern mehr noch in den freien Entwicklungsmöglichkeiten
+einer großen demokratischen Republik
+begründet seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht
+<pb n='272'/><anchor id='Pg272'/>glauben, daß die Staatsform wirklich diese ausschlaggebende
+Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung
+hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben,
+wie überall, an der aristokratischen Veranlagung der
+Menschennatur scheitert; ich habe zahlreiche Beispiele
+dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch
+kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in
+Deutschland speziell noch an unseren Regierungssystemen
+geniert, sind alles Dinge, die sich bei gutem Willen abstellen
+lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die
+Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen
+Entwicklung die <hi rend='italic'>Vereinigten Staaten von Europa</hi> verheißen,
+recht behalten werden. Aber alsdann werden die
+gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches
+Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige
+ebenso pietätvoll konservieren können, wie ihre Eigenart
+auf allen geistigen Gebieten. Wenn aber diese Vereinigten
+Staaten von Europa ein vernünftiges, zukunftsicheres
+Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren
+mit zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten
+Gegenwart als untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben
+hat.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='273'/><anchor id='Pg273'/>
+<index index="toc" level1="Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel"/>
+ <index index="pdf" level1="Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel"/>
+<head>Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel.</head>
+
+<p>
+Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken
+der Neuen Welt mag wohl keines so sehr den
+Europäer staunen machen, wie der Expreßelevator eines
+Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hält. Wohnungen
+für kochende, Kinder aufziehende Menschen
+pflegen sich in diesen riesigen Steinkasten nicht zu befinden,
+sondern ausschließlich Geschäftsräume für die
+Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien für Rechtsanwälte,
+für Konsulate, für alle erdenkbaren Vermittler
+eines die ganze Welt beherrschenden Austausches von
+Waren und Werten aller Art. Das Herz Amerikas schlägt
+in den kleinen, einfachen Holzhäuschen der Vorstädte
+und ländlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet
+fieberhaft in diesen gigantischen Türmen und liefert
+zwischen 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends die Hochdruckspannung
+für den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte
+von Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dächern,
+die unablässig von diesen eifrigsten Drahtsprechern der
+Welt in Anspruch genommen werden; im Erdgeschoß
+unterhält eine der Telegraphen- und Kabelkompanien
+ein Zweigamt und befördert unzählige Telegramme über
+den ganzen Kontinent, wie nach allen bewohnten Gegenden
+der Erde, und der gebändigte Blitz trägt Botschaften
+voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und
+wildem Mut in alle Welt hinaus. Millionen strömen herein,
+Millionen strömen hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag
+die große Wage, auf der die Gedanken erfindungsreicher
+Köpfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geräuschlos
+der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem
+<pb n='274'/><anchor id='Pg274'/>Schlage Existenzen vernichtet; hier schwirren die Webstühle,
+an denen die schimmernden Netze für den Gimpelfang
+fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert
+der fleißige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk
+zu Stockwerk hinauf, und mit dem Expreßaufzug, der
+erst am elften Stockwerk hält, schwingt sich das Genie über
+die Köpfe der armen Durchschnittsmenschheit in atembenehmendem
+Tempo empor.
+</p>
+<note place="margin">Kampfloser Fortschritt.</note>
+<p>
+In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen
+Rasse, und dieser Expreßelevator ist das bezeichnendste
+Symbol der Kultur dieser Neuen Welt. Nie und nirgends
+zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlösser gebaut,
+wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens.
+Ein gigantisches Eisengerippe schießt starr und nackt
+aus dem Boden hervor, und der Ausbau wird hoch droben
+mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt
+man alsdann die Wände von Zementguß zwischen den
+Rippen zu spannen, also gewissermaßen flüssigen Stein
+vom Dach herunter zu gießen, bis er endlich den Boden
+erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet
+wird, schwer und gewaltig, wie für die Ewigkeit bestimmt.
+Wir Menschen der Alten Welt aber haben zuerst in den
+Höhlen gewohnt, die die Natur uns zum Unterschlupf
+darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wühlen.
+Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt
+und langsam aneinander gefügt, und Jahrtausende,
+ja Hunderttausende selbst haben wir gebraucht,
+um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene
+Höhen hinaufzuführen, wo die Stickluft schwitzender
+Mühsal nicht mehr lastet, wo der frische Wind der Freiheit
+weht und der Blick sich weitet in die lichte Ferne. Die
+kühnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten,
+brachten die eisernen Träger für den Aufbau ihrer Kultur
+<pb n='275'/><anchor id='Pg275'/>gleich fertig mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die
+zuerst das große Wagnis unternahmen; denn ängstliche,
+bedächtig am Alten klebende Ofenhocker und Duckmäuser
+gingen ja überhaupt nicht über das große Wasser. Die
+Eroberer brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der
+Knall ihrer Büchsen, der Donner ihrer Kanonen war ihr
+erster Gruß an die technisch hilflosen Besitzer des neuen
+Landes. Und als die weiße Besiedlung in großem Stile
+einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts
+das A, und die Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren
+im Alphabet, verursachte keineswegs mehr einen Riesenverbrauch
+von Gehirnarbeit. Jedes Schiff brachte einen
+neuen Gedanken von der Alten Welt herüber, und diese
+neuen Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe
+erst langsam durchzusetzen gegen den widerstrebenden
+Willen der Alten – denn es gab keine Alten in diesem
+Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da
+brachte einer die Idee der Dampfmaschine herüber, und
+alsbald erkannte man, daß die Riesengröße des Landes
+all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen Quellen
+unerschöpflichen Reichtums überhaupt erst nutzbar gemacht
+werden würden, wenn der rasche Dampfwagen
+spielend die Entfernungen überwand. 1825 lief die erste
+Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste Lokomotive
+nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen
+Boston und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840
+waren schon 2818 englische Meilen Eisenbahn ausgebaut,
+und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie vollendet, die
+den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man
+wartete drüben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevölkerte
+Gegenden und große Städte die Mittel zu neuen Bahnbauten
+aufbrachten, sondern man legte resolut die Schienenstränge
+durch jungfräuliches Land, durch Wüsten und
+<pb n='276'/><anchor id='Pg276'/>Einöden und veranlaßte dadurch, daß jene Gegenden
+besiedelt wurden, Städte und Industrien über Nacht aus
+dem Boden wuchsen. Kleinliche Bedenklichkeiten kannte
+man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit dem
+Anlegen fester, kostspieliger Bahndämme nicht lange auf,
+sondern rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es
+gehen wollte in den Boden ein und ließ die schweren Lokomotiven
+darauf los rasen; auf ein paar Menschenleben
+mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an
+denen gelegen, wenn nur die Überlebenden den winkenden
+Dollar glücklich erhaschen!
+</p>
+<note place="margin">Unbegrenzte Möglichkeiten.</note>
+<p>
+Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen
+anderen technischen Errungenschaften des europäischen
+Geistes. Begierig wurden sie drüben aufgegriffen und,
+sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im
+Nu über das ganze Land verbreitet und in ihrer
+Leistungsfähigkeit durch Verbesserungen bis an die
+Grenze der Möglichkeit gesteigert. Und genau so wie
+mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch
+mit denen der geistigen Kultur: man importierte alle
+wichtigen Axiome der Wissenschaft gleichzeitig mit
+den neusten, kühnsten Hypothesen und flößte sie den
+lernbegierigen jungen Köpfen ein. Von den sieben freien
+Künsten ließ man sich reichhaltige Mustersendungen
+kommen und erwarb zum Schmucke des eignen Lebens
+was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht
+zu beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man
+hatte auch nicht nötig, aus dunkler Angst und Erlösungssehnsucht
+langsam eine nationale Religion empor
+wachsen zu lassen, sondern man ließ sich die Religionen
+schockweise aus den alten Ländern kommen und von
+einheimischen Köchen für die amerikanischen Seelen
+lecker zubereiten. So besaß man auf einmal Religion und
+<pb n='277'/><anchor id='Pg277'/>Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles
+dieses in einem auf der Höhe des Tages befindlichen nagelneuen
+Zustande. Es galt für dieses absolute Gegenwartsvolk
+niemals, alte Kleider aufzutragen, mit alten Vorräten
+zu räumen, alte Mauern niederzulegen, alte Münzen
+einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang für die Leute
+dieser Neuen Welt ein Weiterbauen auf etwas bedeutete,
+das die Alte Welt bereits als ein Vollendetes geliefert hatte,
+so mußte sich in den Köpfen dieser Neuweltleute die
+Überzeugung festsetzen, daß es für ihre Entwicklung
+keine Schranken gäbe. Der Himmel hängt diesen Leuten
+voll unbegrenzter Möglichkeiten. Weil sie es niemals
+nötig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen mit schmerzenden
+Knien in die Höhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen
+die natürlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreißig
+Stockwerke per Expreß mit höchstens zwei bis drei Stationen
+hinauf zu flitzen. Und da droben, im Genuße der
+schönen Aussicht und der frischen Luft, fühlen sie sich
+so pudelwohl, daß sie es gar nicht merken, wie sie in der
+Luft hängen. Es muß schon ein gewaltiges Erdbeben
+kommen, um ihnen begreiflich zu machen, daß in ihrer
+Höhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung etwas
+ungemütlich zu werden beginnt und daß man unten
+zum mindesten sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde
+aber vermögen kultivierte Menschen der Alten Welt in
+jenen stolzen Luftschlössern niemals heimisch zu werden.
+Sie finden es fußkalt darin, weil die unteren Stockwerke
+unbewohnt sind und alle Winde frei durch das leere Eisengerippe
+streichen. Wir wurzeln eben mit unserer ganzen
+Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kämpfen
+einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kräfte
+gewachsen; an den Steinen, die uns in den Weg geworfen
+wurden, haben wir die Waffen unseres Geistes geschärft;
+<pb n='278'/><anchor id='Pg278'/>unseren Göttern haben wir Wohnungen gebaut aus den
+aufgetürmten Leichnamen unserer Märtyrer; den holden
+Rausch unseres Frühlings haben wir uns verdient in eiskalten
+Winterstürmen, aus Schutt und Brand die Ideale
+unserer Schönheit gerettet – aller Stolz auf unsere Gegenwart,
+all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und
+klein, an der heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit
+gemessen. <hi rend='gesperrt'>Ein Mensch der Alten Welt, der
+keine Romantik im Leibe hat, ist eine Mißgeburt.</hi>
+Und wenn die Kinder der absoluten Gegenwart
+zu uns herüberkommen, so wandeln sie wie in
+einem Museum einher: alles, was für uns lauter lebendige
+Quellen ewiger Werte bedeutet, sind für sie ausgestopfte
+Kuriositäten, patinierte Schildereien, bleiche Spirituskonserven
+– sie gehen staunend oder lächelnd vorbei
+und fragen hie und da: „Wieviel kostet das?“
+</p>
+
+<p>
+O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar
+wir ehemals so verträumten Deutschen! Wir ruhen
+keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen immer
+noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Völkerwanderung.
+Diese neuen deutschen Menschen sind aber
+die sonderbarsten Realisten, die die Welt je gesehen hat.
+Wohl sind sie modern im besten Sinne und innerlich doch
+noch ganz und gar angefüllt von den ererbten Eigenschaften
+ihrer ritterlichen oder spießbürgerlichen Vorfahren.
+Ihr Blut sträubt sich dagegen, reine kalte Geschäftsmenschen
+zu werden; sie ringen mit ihrer rührenden
+Gemütlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch
+mit einer streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem
+mannhaften Ringen blüht der Erfolg, weil sie sich der
+Arbeit und der Disziplin verschrieben haben. Dies neue
+Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch
+einen Staat im Staate, eine Freimaurerorganisation mit
+<pb n='279'/><anchor id='Pg279'/>ungeschriebenen Gesetzen. Aber es ist sicherlich berufen,
+den Staat von Grund aus umzuwandeln, das Ferment der
+neuen deutschen Gesellschaft zu bilden – jener große,
+der offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von
+Ingenieuren, Technikern, Kaufleuten, exakten Forschern,
+voraussetzungslosen Denkern und rücksichtslosen Künstlern,
+der heute schon die eigentliche Triebkraft zu allen
+tüchtigen deutschen Taten hergibt. Übermenschen sind
+sie darum noch lange nicht, diese neuen Deutschen, aber
+doch bereits wieder ein prächtiges Herrenvolk, unter dem
+die Ahnherrn des Übermenschen schon jetzt im Fleische
+wandeln dürften.
+</p>
+<note place="margin">Der Übermensch von Wallstreet.</note>
+<p>
+Drüben glauben sie, wie es scheinen möchte, den Übermenschen
+bereits zu besitzen, und zwar in der Person des
+Spielers großen Stiles, des Millionen aus der Luft greifenden
+und auf eine Karte setzenden kalten Geschäftsmannes.
+Hören wir ein Stückchen Yankeephilosophie aus dem
+Munde eines ihrer besten Schriftsteller, <hi rend='gesperrt'>Jack London</hi><note place="foot">Aus dem Roman „Burning Daylight“, S. 159 ff.</note>:
+„Zu Zehntausenden und zu Hunderttausenden sitzen
+Menschen die Nächte durch und planen, wie sie zwischen
+die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen
+können; das sind die Geschäftsleute. Die Kleinen von
+ihnen, Krämer und dergleichen, greifen sich aus dem
+Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas heraus, woran sie
+verdienen können; aber die großen Geschäftsleute benutzen
+diese kleinen Geschäftsleute, um die Werterzeuger
+für ihre Zwecke herzurichten. Den ganz großen Leuten
+aber liegt nichts daran, den einzelnen Arbeiter auszubluten,
+ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern sie
+suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von
+Arbeitern und ihre Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese
+<pb n='280'/><anchor id='Pg280'/>Art von Glückspiel nennt man ‚die hohe Finanz‘. Ursprünglich
+bestand das Geschäft nur darin, den Arbeiter
+auszuplündern; dann aber taten sich die großen Räuber
+zusammen und jagten einander die aufgehäufte Beute
+ab. Unter den Übermenschen der Geschäfts- und Finanzwelt
+gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen,
+kein <hi rend='italic'>noblesse oblige</hi>. Diese modernen Übermenschen
+sind eine Gesellschaft von Banditen, welche die erfolgreiche
+Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote von Recht
+und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht
+kehren. Bei ihnen heißt es, eines Mannes Wort soll gelten,
+so lange als er gezwungen ist, es zu halten. Du sollst
+nicht stehlen, ist ein Gebot, das nur den ehrlichen Arbeiter
+angeht; sie selber stehlen selbstverständlich und werden
+von ihresgleichen der Größe ihrer Beute entsprechend
+geschätzt. Obwohl jeder Räuber stets auf der Lauer
+liegt, um jeden anderen Räuber zu berauben, so ist doch
+die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat tatsächlich
+die Kontrolle über den politischen Mechanismus der
+Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg
+zum Rauben geben, und sie verschafft diesen Gesetzen
+Achtung durch die Polizeiorgane, die Gerichte und die
+Armee. Des Übermenschen Hauptgefahr liegt in seinem
+Mitübermenschen, nicht etwa in der dummen großen
+Masse des Volkes – die kann man durch den lächerlichsten
+Bluff zum Narren halten – die zählt nicht mit.
+Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf höherer Basis,
+aber man kann sehr wohl die Betrügereien und Vortäuschungen
+dabei durchschauen, ohne sich sittlich darüber
+zu entrüsten. Es ist eben die Ordnung der Natur, daß die
+gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von
+den Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch
+zivilisierte Menschen berauben einander, weil sie eben so
+<pb n='281'/><anchor id='Pg281'/>geschaffen sind. Sie rauben, wie die Katze kratzt, der
+Frost beißt und der Hunger kneift. Der große Finanzier
+lernt sein Geschäft bald sportmäßig betreiben. Arbeiter
+und kleine Leute beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm,
+das ist ebensowenig ein Sport, wie etwa die Jagd auf die
+fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen, wie sie
+in England noch betrieben werden soll. Der große Sport
+besteht darin, den erfolgreichen Räubern einen Hinterhalt
+zu legen und ihnen die Beute wieder abzunehmen.
+Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen setzt es
+dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen
+Spaß hat.“
+</p>
+<note place="margin">Spitzbüberei als guter Sport.</note>
+<p>
+Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren
+genialen Taten allerdings dazu bei, die Physiognomie der
+Neuen Welt charakteristisch auszuprägen, besonders wenn
+man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer,
+der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschäftsleute
+wie in den Vereinigten Staaten hätten sie
+drüben in England doch nicht, kaltblütig erwiderte:
+„O ja, die haben wir auch – aber bei uns sitzen diese
+Herren alle im Zuchthaus.“ Der Amerikaner hat eben
+den guten Humor, die Taten seiner großen Spitzbuben,
+wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu verfolgen.
+Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen
+zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert,
+und denen, auf die er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme
+Klubs drüben, in deren Mitgliederverzeichnissen
+man die Quintessenz des amerikanischen Genius suchen
+darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und
+Höhenmenschen. So existiert z. B. in New York der alte,
+hoch angesehene Century-Klub, in welchen nur Männer
+aufgenommen werden können, die irgendeine bedeutungsvolle
+Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen
+<pb n='282'/><anchor id='Pg282'/>haben. Am 26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein
+Komitee, dem ein Dutzend der weltbekannten Industriefürsten
+angehörte, die Gelegenheit eines festlichen Frühstücks
+im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich
+von Preußen <hi rend='gesperrt'>das Hirn Amerikas auf einer
+goldenen Schüssel darzubieten</hi>. Ungefähr
+150 Einladungen ließen sie ergehen an jene <hi rend='italic'>Captains
+of Industrie</hi>, wie Thomas Carlyle sie genannt hat:
+„Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht bloß
+eingebildeten Aristokratie!“ Bei diesem denkwürdigen
+Frühstück wurde nicht die Schwere des Geldsacks in
+Betracht gezogen; ausgeschlossen waren die bloßen
+smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen
+Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels
+ihres hohen Ranges eine Augenblicksbedeutung
+haben; es waren vielmehr nur wirkliche Feldherrn in dem
+gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch
+Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung
+entboten. Dem Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes
+Heft überreicht, in dem die Eingeladenen dem
+Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes
+Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert
+war. Die „New Yorker Staatszeitung“ sagte von diesem
+Frühstück: „Der erlauchte Bruder des deutschen Kaisers
+und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen hat
+heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute
+von dem Schlag der Augsburger Fugger, Fürsten des
+Handels, Baumeister unserer Größe. Es waren nicht
+lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten ausschließlich
+zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpfliche
+Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumünzen
+verstehen und die unseren Nationalwohlstand
+begründen halfen.“
+</p>
+
+<pb n='283'/><anchor id='Pg283'/>
+
+<note place="margin">Die wahren Exzellenzen.</note>
+
+<p>
+Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei
+der ein Fürst der Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert
+worden wäre. Wenn unsere gekrönten Häupter reisen, so
+bekommen sie überall dieselben Exzellenzen, Geheimräte,
+Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen;
+zweifellos lauter wackere und verdienstvolle Staatsbürger;
+aber die wahrhaft führenden Köpfe, die genialen Organisatoren,
+die Träger der modernen Ideen – jene Exzellenzen
+im eigentlichen Wortsinne – jene Hervorleuchtenden –
+sie finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den
+Aufwartenden. Und der Eifer der intimen Hüter des
+Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt dafür, daß
+von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz
+des Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung
+sich keck über die Grenzen des beschränkten
+Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in dem
+Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der
+Liste der Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler
+und Dichter, die Verkünder einer neuen Sittlichkeit und
+einer neuen Religion, die kühnen Umwerter und gefährlichen
+Fackelträger – sie mußten fehlen, weil sie
+drüben noch nicht vorhanden sind, diese Kulturblüten
+schwer von dem Honig einer glorreichen Vergangenheit.
+</p>
+
+<p>
+Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in
+der ein Kaiser vor seinem Volke den Tanz der sieben
+Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine Hülle alter Vorurteile
+nach der andern abwirft, um schließlich zum Lohne
+das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern?
+Vielleicht wird diese Schüssel nicht, wie drüben in dem
+Lande der unerschöpflichen Naturschätze, von purem
+Golde sein können – aber das Hirn wird sich sehen lassen
+dürfen!
+</p>
+
+</div></body>
+ <back>
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb n='284'/><anchor id='Pg284'/>
+<index index="toc" level1="Einige für dies Werk benutzte und empfehlenswerte Bücher"/>
+<index index="pdf" level1="Einige fuer dies Werk benutzte und empfehlenswerte Buecher"/>
+<head>Einige für dies Werk benutzte und empfehlenswerte Bücher:</head>
+<list type="simple">
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>Dr. Otto Ernst Hopp</hi>, „Bundesstaat und Bundeskrieg in den Vereinigten
+Staaten“. Zwei Bände. Verlag G. Grote. Berlin 1886.
+</item>
+
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>Mc. Laughlin</hi>, „History of the American Nation“. Verlag
+Appleton &amp; Co. New York 1903.
+</item>
+
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>Paul Bourget</hi>, „Outre Mer“. Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905.
+</item>
+
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>Georg von Skal</hi>, „Das amerikanische Volk“. Verlag Egon
+Fleischel &amp; Co. Berlin 1908.
+</item>
+
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>Dr. Hintrager</hi>, „Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten
+Staaten?“ Verlag F. Fontane &amp; Co. Berlin 1904.
+</item>
+
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>Wilhelm von Polenz</hi>, „Das Land der Zukunft“. Verlag F. Fontane
+&amp; Co. Berlin 1905.
+</item>
+
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>Ludwig Max Goldberger</hi>, „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“
+Verlag F. Fontane &amp; Co. Berlin 1903.
+</item>
+
+<item>
+<hi rend='gesperrt'>A. von Ende</hi>, „New York“. Verlag Marquardt &amp; Co. Berlin.
+</item>
+</list>
+</div>
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb n='285'/><anchor id='Pg285'/>
+<index index="toc" level1="Namen- und Sachregister"/>
+ <index index="pdf" level1="Namen- und Sachregister"/>
+<head>Namen- und Sachregister.</head>
+<list>
+
+<item>Aberglaube <ref target="Pg203">203</ref>.</item>
+
+<item>Adel <ref target="Pg261">261</ref>, <ref target="Pg175">175</ref> ff.</item>
+
+<item>Akademische Vergnügungen <ref target="Pg055">55</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>American plan</hi> (style) <ref target="Pg240">240</ref>, <ref target="Pg244">244</ref>.</item>
+
+<item>Angelsachsen <ref target="Pg021">21</ref>.</item>
+
+<item>Antisemitismus <ref target="Pg031">31</ref>.</item>
+
+<item>Arbeit <ref target="Pg105">105</ref>, <ref target="Pg107">107</ref>, <ref target="Pg261">261</ref>.</item>
+
+<item>Armee <ref target="Pg177">177</ref> ff.</item>
+
+<item>Armour &amp; Co. <ref target="Pg218">218</ref> ff.</item>
+
+<item>Asch, Schalom <ref target="Pg142">142</ref>.</item>
+
+<item>Astor <ref target="Pg179">179</ref>.</item>
+
+<item>Astorhotel <ref target="Pg239">239</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Athletics</hi> <ref target="Pg037">37</ref>, <ref target="Pg045">45</ref>.</item>
+
+<item>Ausgestanden! <ref target="Pg017">17</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Avenue, common wealth</hi> <ref target="Pg126">126</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Avenue, fifth</hi> <ref target="Pg123">123</ref> f.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Baker G. Eddy, Mrs. Mary <ref target="Pg196">196</ref> bis <ref target="Pg200">200</ref>.</item>
+
+<item>Bauern, lateinische <ref target="Pg265">265</ref>.</item>
+
+<item>Bayreuth <ref target="Pg138">138</ref>.</item>
+
+<item>Berufstreue <ref target="Pg106">106</ref>, <ref target="Pg254">254</ref>.</item>
+
+<item>Bertsch, Hugo <ref target="Pg132">132</ref>.</item>
+
+<item>Bibliotheken <ref target="Pg051">51</ref>, <ref target="Pg063">63</ref>.</item>
+
+<item>Bier <ref target="Pg234">234</ref>.</item>
+
+<item>Bildungsgang des Volkes <ref target="Pg063">63</ref>.</item>
+
+<item>Bildungstrieb <ref target="Pg063">63</ref>, <ref target="Pg255">255</ref>.</item>
+
+<item>Bischöfliche Hochkirche <ref target="Pg187">187</ref>.</item>
+
+<item>Blood and Thunder-Show <ref target="Pg005">5</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Bohemian Jinks</hi> <ref target="Pg055">55</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Bohemians</hi> <ref target="Pg132">132</ref>.</item>
+
+<item>Bordelle <ref target="Pg072">72</ref> f.</item>
+
+<item>Bosse, die politischen <ref target="Pg065">65</ref>, <ref target="Pg073">73</ref>, <ref target="Pg096">96</ref>.</item>
+
+<item>Bret Hart <ref target="Pg133">133</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Brooklyn-Bridge</hi> <ref target="Pg233">233</ref>.</item>
+
+<item>Bronzemesser <ref target="Pg110">110</ref>.</item>
+
+<item>Buchgewerbe <ref target="Pg126">126</ref>.</item>
+
+<item>Buffalo <ref target="Pg118">118</ref>, <ref target="Pg211">211</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Cafés <ref target="Pg112">112</ref>, <ref target="Pg119">119</ref>, <ref target="Pg237">237</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Camping out</hi> <ref target="Pg209">209</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Campus</hi> <ref target="Pg054">54</ref>, <ref target="Pg205">205</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Car</hi> <ref target="Pg172">172</ref>.</item>
+
+<item>Carnegie <ref target="Pg080">80</ref>.</item>
+
+<item>Cartesius <ref target="Pg120">120</ref>.</item>
+
+<item>Century-Club <ref target="Pg281">281</ref>.</item>
+
+<item>Chautauqua <ref target="Pg063">63</ref>.</item>
+
+<item>Chauvinismus <ref target="Pg028">28</ref>, <ref target="Pg266">266</ref> ff.</item>
+
+<item>College <hi rend='italic'>Cheers</hi> <ref target="Pg043">43</ref> f.</item>
+
+<item>Chicagos Schlachthöfe <ref target="Pg218">218</ref>–<ref target="Pg229">229</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Christian Science</hi> <ref target="Pg196">196</ref>–<ref target="Pg203">203</ref>.</item>
+
+<item>Clams <ref target="Pg118">118</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Coeducation</hi> <ref target="Pg036">36</ref>, <ref target="Pg055">55</ref>, <ref target="Pg082">82</ref>, <ref target="Pg084">84</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Common sense</hi> <ref target="Pg038">38</ref>, <ref target="Pg066">66</ref>, <ref target="Pg184">184</ref>, <ref target="Pg263">263</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Compartement</hi> <ref target="Pg172">172</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'><sic>Concerd</sic>, sacred</hi> <ref target="Pg173">173</ref>.</item>
+
+<item>Confessionslose Kirche <ref target="Pg205">205</ref> f.</item>
+
+<item>Cornell <ref target="Pg053">53</ref>, <ref target="Pg205">205</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item><hi rend='italic'>Denomination</hi> <ref target="Pg049">49</ref>, <ref target="Pg188">188</ref> ff.</item>
+
+<item>Demokratischer Stolz <ref target="Pg105">105</ref>.</item>
+
+<item>Demokratische Tugenden <ref target="Pg181">181</ref>.</item>
+
+<item>Deutsch-Amerikaner <ref target="Pg028">28</ref> f., <ref target="Pg036">36</ref>, <ref target="Pg264">264</ref> bis <ref target="Pg271">271</ref>.</item>
+
+<item>Deutsche Pflichten <ref target="Pg006">6</ref>, <ref target="Pg271">271</ref> f.</item>
+
+<item>Deutsche Städte <ref target="Pg265">265</ref>.</item>
+
+<item>Deutsche System, das <ref target="Pg061">61</ref>.</item>
+
+<item>Dienstboten <ref target="Pg094">94</ref>–<ref target="Pg109">109</ref>.</item>
+
+<item>Dienstmädchen, Karriere besserer, <ref target="Pg101">101</ref>.</item>
+
+<item>Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des <ref target="Pg099">99</ref>.</item>
+
+<item>Disziplin <ref target="Pg038">38</ref>, <ref target="Pg070">70</ref> f., <ref target="Pg170">170</ref>, <ref target="Pg180">180</ref>, <ref target="Pg278">278</ref>.</item>
+
+<item>Dollarmaschine <ref target="Pg273">273</ref>.</item>
+
+<item>Doppelmoral <ref target="Pg077">77</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Dormitorys</hi> <ref target="Pg042">42</ref>.</item>
+
+<item>Drew, Daniel <ref target="Pg179">179</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Ehe <ref target="Pg079">79</ref>–<ref target="Pg093">93</ref>.</item>
+
+<item>Ehescheidung <ref target="Pg079">79</ref>, <ref target="Pg088">88</ref> f.</item>
+
+<item>Ehrgeiz <ref target="Pg037">37</ref>.</item>
+
+<item>Ehrlich-Hata <ref target="Pg074">74</ref>.</item>
+
+<pb n='286'/><anchor id='Pg286'/>
+
+<item>Ehrlichkeit <ref target="Pg182">182</ref>.</item>
+
+<item>Einwanderers, die Kinder des <ref target="Pg029">29</ref>.</item>
+
+<item>Eisenbahn <ref target="Pg275">275</ref> f.</item>
+
+<item>Eisenbahnen, Kundenfang der <ref target="Pg241">241</ref>.</item>
+
+<item>Eiswasser <ref target="Pg017">17</ref>.</item>
+
+<item>Eitelkeitsmarkt <ref target="Pg176">176</ref>, <ref target="Pg155">155</ref>.</item>
+
+<item>Emerson Ralph Waldo <ref target="Pg062">62</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Episcopal Church</hi> <ref target="Pg187">187</ref>.</item>
+
+<item>Erotik <ref target="Pg075">75</ref> ff.</item>
+
+<item><anchor id="corr286"/><corr sic="Erziehungskosten">Erziehungskosten,</corr> Rückzahlung der <ref target="Pg083">83</ref>.</item>
+
+<item>Eulenberg, Herbert <ref target="Pg145">145</ref>.</item>
+
+<item>Europa, Vereinigte Staaten von <ref target="Pg272">272</ref>.</item>
+
+<item>Exzellenzen, die wahren <ref target="Pg283">283</ref>.</item>
+
+<item>Expreßelevator <ref target="Pg273">273</ref> f.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Fahrpläne <ref target="Pg242">242</ref>.</item>
+
+<item>Familienhäuser <ref target="Pg123">123</ref>.</item>
+
+<item>Fensterputzer, der schwarze <ref target="Pg095">95</ref>.</item>
+
+<item>Festessen <ref target="Pg010">10</ref> f.</item>
+
+<item>Fische <ref target="Pg115">115</ref>.</item>
+
+<item>Fleischverarbeitung <ref target="Pg230">230</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Flirtation</hi> <ref target="Pg084">84</ref> f.</item>
+
+<item>Forschung, wissenschaftliche <ref target="Pg046">46</ref> f.</item>
+
+<item>Fortschritt, kampfloser <ref target="Pg275">275</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Fraternitys</hi> <ref target="Pg042">42</ref> f.</item>
+
+<item>Frauenakademien <ref target="Pg056">56</ref> ff.</item>
+
+<item>Friedrich, Max <ref target="Pg129">129</ref>.</item>
+
+<item>Früchte <ref target="Pg111">111</ref>, <ref target="Pg118">118</ref>.</item>
+
+<item>Fulda, Ludwig <ref target="Pg002">2</ref>.</item>
+
+<item>Frauenverehrung <ref target="Pg026">26</ref>, <ref target="Pg034">34</ref>, <ref target="Pg070">70</ref>, <ref target="Pg080">80</ref>, <ref target="Pg090">90</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>, <ref target="Pg246">246</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Gastfreundschaft <ref target="Pg009">9</ref>.</item>
+
+<item>Geflügel <ref target="Pg114">114</ref>.</item>
+
+<item>Geldheirat <ref target="Pg025">25</ref>.</item>
+
+<item>Ghetto <ref target="Pg138">138</ref>.</item>
+
+<item>Gold <ref target="Pg234">234</ref>.</item>
+
+<item>Gould, Jay <ref target="Pg025">25</ref>, <ref target="Pg176">176</ref>.</item>
+
+<item>Gouverneur <ref target="Pg010">10</ref>.</item>
+
+<item>Germanistic Society of America <anchor id="corr286a"/><corr sic="VII XIV "><ref target="PgVII">VII</ref>,
+ <ref target="PgXIV">XIV</ref>,</corr> <ref target="Pg002">2</ref>.</item>
+
+<item>Geschäftspolitiker <ref target="Pg065">65</ref>.</item>
+
+<item>Geschlechter, freier Verkehr der <ref target="Pg084">84</ref> f.</item>
+
+<item>Gesetzen, Achtung vor den <ref target="Pg067">67</ref>.</item>
+
+<item>Gesetzfabrikation <ref target="Pg173">173</ref>.</item>
+
+<item>Gepäckaufgabe <ref target="Pg242">242</ref> f.</item>
+
+<item>Gesundbeter <ref target="Pg197">197</ref>–<ref target="Pg200">200</ref>.</item>
+
+<item>Grünhörner <ref target="Pg232">232</ref> ff.</item>
+
+<item>Graf, Dr. Alfred <ref target="Pg060">60</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Handwerk <ref target="Pg030">30</ref>, <ref target="Pg106">106</ref> <anchor id="corr286b"/><corr sic="f">f.</corr>, <ref target="Pg254">254</ref>.</item>
+
+<item>Hapag <ref target="Pg269">269</ref>.</item>
+
+<item>Hardt, Ernst <ref target="Pg147">147</ref>.</item>
+
+<item>Harward <ref target="Pg044">44</ref>.</item>
+
+<item>Hauptmann, Gerhart <ref target="Pg139">139</ref>, <ref target="Pg145">145</ref>.</item>
+
+<item><anchor id="corr286c"/><corr sic="Hauptmann">Hauptmann,</corr> Karl <ref target="Pg002">2</ref>.</item>
+
+<item>Hausfrauen <ref target="Pg091">91</ref> <corr sic="f">f.</corr>, <ref target="Pg093">93</ref>, <ref target="Pg101">101</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Head lines</hi> (Kopfzeilen) <ref target="Pg161">161</ref> f.</item>
+
+<item>Heilsarmee <ref target="Pg193">193</ref>–<ref target="Pg196">196</ref>.</item>
+
+<item>Heimatliebe <ref target="Pg171">171</ref>, <ref target="Pg259">259</ref>.</item>
+
+<item>Hemdärmeligkeit <ref target="Pg249">249</ref>.</item>
+
+<item>Heinrich, Prinz von Preußen <ref target="Pg018">18</ref>, <ref target="Pg226">226</ref>, <ref target="Pg282">282</ref>.</item>
+
+<item>Heirat <ref target="Pg088">88</ref>.</item>
+
+<item>Heiratslust ein Gesundheitszeugnis <ref target="Pg093">93</ref>.</item>
+
+<item>Herald, New York <ref target="Pg164">164</ref>.</item>
+
+<item>High School von Youngstown <ref target="Pg007">7</ref>.</item>
+
+<item>Hotel <ref target="Pg207">207</ref>, <ref target="Pg236">236</ref> ff., <ref target="Pg252">252</ref>.</item>
+
+<item>Höflichkeitsbezeugungen <ref target="Pg013">13</ref>, <ref target="Pg170">170</ref>, <ref target="Pg247">247</ref> f.</item>
+
+<item>Hölle, Mittelpunkt der <ref target="Pg227">227</ref>.</item>
+
+<item>Hudson <ref target="Pg207">207</ref>, <ref target="Pg215">215</ref> ff.</item>
+
+<item>Humanistische Bildung <ref target="Pg048">48</ref>.</item>
+
+<item>Humoristische Lichter <ref target="Pg005">5</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item><hi rend='italic'>Icecream</hi> <ref target="Pg017">17</ref>, <ref target="Pg113">113</ref> f.</item>
+
+<item>Illustrierte Zeitungen <ref target="Pg151">151</ref> ff.</item>
+
+<item>Indianer <ref target="Pg023">23</ref>.</item>
+
+<item>Industriehäuptlinge <ref target="Pg149">149</ref>, <ref target="Pg282">282</ref>.</item>
+
+<item>Interviewer <ref target="Pg008">8</ref>, <ref target="Pg019">19</ref>, <ref target="Pg158">158</ref> f.</item>
+
+<item>Inquisition <ref target="Pg021">21</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Jerusalem, Else <ref target="Pg074">74</ref>.</item>
+
+<item>Judentum <ref target="Pg030">30</ref> f., <ref target="Pg144">144</ref>.</item>
+
+<item>Juristen <ref target="Pg263">263</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Kastengeist <ref target="Pg172">172</ref>, <ref target="Pg177">177</ref>.</item>
+
+<item>Kaiser, der deutsche <ref target="Pg269">269</ref>, <ref target="Pg283">283</ref>.</item>
+
+<item>Kannibalische Gerichte <ref target="Pg119">119</ref>.</item>
+
+<item><anchor id="corr286d"/><corr sic="Karrikaturen">Karikaturen</corr> <ref target="Pg160">160</ref>.</item>
+
+<pb n='287'/><anchor id='Pg287'/>
+
+<item>Kasernenleben <ref target="Pg180">180</ref>.</item>
+
+<item>Kaufmann, Reginald Wright <ref target="Pg073">73</ref>.</item>
+
+<item>Katholizismus <ref target="Pg188">188</ref>.</item>
+
+<item>Kauer, das Volk der <ref target="Pg120">120</ref>.</item>
+
+<item>Kaugummi <ref target="Pg121">121</ref>.</item>
+
+<item>Kelten <ref target="Pg021">21</ref>.</item>
+
+<item>Kempinskis System <ref target="Pg120">120</ref>.</item>
+
+<item>Keßler, David <ref target="Pg139">139</ref> ff.</item>
+
+<item>Kindervergötterung <ref target="Pg033">33</ref> f., <ref target="Pg244">244</ref>.</item>
+
+<item>Kinderzucht <ref target="Pg035">35</ref>.</item>
+
+<item>Kirchenwahl <ref target="Pg203">203</ref> f.</item>
+
+<item>Kleidung <ref target="Pg124">124</ref>.</item>
+
+<item><sic>Knickebockers</sic> <ref target="Pg175">175</ref>.</item>
+
+<item>Kochkunst <ref target="Pg111">111</ref>–<ref target="Pg120">120</ref>.</item>
+
+<item>Koketterie <ref target="Pg079">79</ref>, <ref target="Pg085">85</ref>.</item>
+
+<item>Komisch finden, was sie alles <ref target="Pg007">7</ref>.</item>
+
+<item>Kongreß deutscher Mißgeburten <ref target="Pg027">27</ref>.</item>
+
+<item>Kontrakte der Dienstboten <ref target="Pg099">99</ref>.</item>
+
+<item>Korruption <ref target="Pg065">65</ref> ff.</item>
+
+<item>Krüger, Hermann Anders <ref target="Pg002">2</ref>.</item>
+
+<item>Kunstbedürfnis <ref target="Pg129">129</ref>.</item>
+
+<item>Kunst, nationale <ref target="Pg062">62</ref>, <ref target="Pg131">131</ref>.</item>
+
+<item>Küssen, vom <ref target="Pg087">87</ref>, <ref target="Pg247">247</ref>.</item>
+
+<item>Kurmacherei, unverbindliche <ref target="Pg085">85</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Landschaftsregisseure <ref target="Pg212">212</ref> ff.</item>
+
+<item>Laughlin, Andrew C. Mc. <ref target="Pg036">36</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'><anchor id="corr287a"/><corr sic="Legal,">Legal</corr> Aid Society</hi> <ref target="Pg192">192</ref>.</item>
+
+<item>Lenau, Nikolaus <ref target="Pg001">1</ref>.</item>
+
+<item>Lehrer und Lehrerin <ref target="Pg038">38</ref> ff.</item>
+
+<item>Leitartikel <ref target="Pg154">154</ref>.</item>
+
+<item>Leithammel <ref target="Pg219">219</ref>.</item>
+
+<item>Lesefutter für Kinder und Unmündige <ref target="Pg151">151</ref>.</item>
+
+<item>Lichtreklame <ref target="Pg122">122</ref>, <ref target="Pg211">211</ref>.</item>
+
+<item>Liebe, die, in der Öffentlichkeit <ref target="Pg087">87</ref>.</item>
+
+<item>Liebesheirat <ref target="Pg025">25</ref>.</item>
+
+<item>Liebesverhältnis <ref target="Pg077">77</ref>, <ref target="Pg086">86</ref> f.</item>
+
+<item>Liebe und Ehe <ref target="Pg079">79</ref>–<ref target="Pg093">93</ref>.</item>
+
+<item>Liliencron, Detlev v. <ref target="Pg001">1</ref>.</item>
+
+<item>Lindau, Paul <ref target="Pg001">1</ref>.</item>
+
+<item>Lloyd, Norddeutscher <ref target="Pg269">269</ref>.</item>
+
+<item>Lobby, die <ref target="Pg237">237</ref>.</item>
+
+<item>London, Jack <ref target="Pg132">132</ref>, <ref target="Pg279">279</ref> ff.</item>
+
+<item>Longfellow <ref target="Pg133">133</ref>.</item>
+
+<item>Lügner <ref target="Pg037">37</ref>.</item>
+
+<item>Lynch, Richter <ref target="Pg263">263</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Manieren <ref target="Pg027">27</ref>, <ref target="Pg029">29</ref>, <ref target="Pg092">92</ref>.</item>
+
+<item>Mann, G. A. <ref target="Pg201">201</ref> ff.</item>
+
+<item>Malerei <ref target="Pg126">126</ref>, <ref target="Pg130">130</ref>.</item>
+
+<item>Mannszucht <ref target="Pg117">117</ref> ff.</item>
+
+<item>Mark Twain <ref target="Pg133">133</ref>.</item>
+
+<item>Massengeschmack <ref target="Pg133">133</ref>, <ref target="Pg163">163</ref> f.</item>
+
+<item>Materialismus <ref target="Pg193">193</ref>, <ref target="Pg250">250</ref>.</item>
+
+<item>Mayflower <ref target="Pg175">175</ref>.</item>
+
+<item>Mädchenhandel <ref target="Pg073">73</ref>.</item>
+
+<item>Mäzene <ref target="Pg051">51</ref> ff.</item>
+
+<item>Menschen, neue deutsche <ref target="Pg278">278</ref> f.</item>
+
+<item>Menschliche Niedertracht <ref target="Pg223">223</ref>.</item>
+
+<item>Mischlinge <ref target="Pg023">23</ref> f.</item>
+
+<item>Mitgift <ref target="Pg025">25</ref>, <ref target="Pg081">81</ref>.</item>
+
+<item>Modedamen <ref target="Pg080">80</ref>, <ref target="Pg090">90</ref> f.</item>
+
+<item>Monatsschriften <ref target="Pg164">164</ref>.</item>
+
+<item>Moralbegriff <ref target="Pg078">78</ref>, <ref target="Pg164">164</ref>.</item>
+
+<item>Morgentoilette des Tätowierten <ref target="Pg245">245</ref>.</item>
+
+<item>Multimillionäre <ref target="Pg079">79</ref> f.</item>
+
+<item>Muschenheim, Gebrüder <ref target="Pg239">239</ref>.</item>
+
+<item>Musiker, deutsche <ref target="Pg128">128</ref> ff.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Nacktheit in der Kunst <ref target="Pg127">127</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>.</item>
+
+<item>Neger <ref target="Pg095">95</ref> ff., <ref target="Pg099">99</ref>, <ref target="Pg173">173</ref>.</item>
+
+<item>Negerkirchen <ref target="Pg188">188</ref> ff.</item>
+
+<item>Neidlosigkeit <ref target="Pg183">183</ref>.</item>
+
+ <item><anchor id="corr287"/><corr sic="(versetzt)">Nervosität <ref target="Pg011">11</ref>.</corr></item>
+
+<item>Niagarafälle <ref target="Pg209">209</ref> ff.</item>
+
+<item>Niggerlied <ref target="Pg128">128</ref>, <ref target="Pg188">188</ref>, <ref target="Pg191">191</ref>.</item>
+
+<item>Niggerpoesie <ref target="Pg188">188</ref> ff.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Oper <ref target="Pg136">136</ref> ff.</item>
+
+<item>Operette <ref target="Pg146">146</ref> f.</item>
+
+<item>Optimismus <ref target="Pg021">21</ref>, <ref target="Pg032">32</ref>, <ref target="Pg108">108</ref>, <ref target="Pg215">215</ref>, <ref target="Pg263">263</ref>.</item>
+
+<item>Osborn, Prof. Dr. Henry F. <ref target="Pg149">149</ref> f.</item>
+
+<item>Orden <ref target="Pg053">53</ref>, <ref target="Pg176">176</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Pagen <ref target="Pg237">237</ref>.</item>
+
+<item>Papiergeld <ref target="Pg234">234</ref>.</item>
+
+<item>Parsifal <ref target="Pg128">128</ref>.</item>
+
+<item>Päpstin, Tod der <ref target="Pg198">198</ref> f.</item>
+
+<item>Philister <ref target="Pg260">260</ref>.</item>
+
+<item>Photographie <ref target="Pg126">126</ref>.</item>
+
+<item>Pilgerväter <ref target="Pg021">21</ref>, <ref target="Pg075">75</ref>, <ref target="Pg186">186</ref>.</item>
+
+<pb n='288'/><anchor id='Pg288'/>
+
+<item>Pinsky, David <ref target="Pg139">139</ref>.</item>
+
+ <item>Plastik <ref target="Pg127">127</ref>.</item>
+
+<item>Poet, der neuweltliche <ref target="Pg130">130</ref>.</item>
+
+<item>Polenz, Wilhelm v. <ref target="Pg001">1</ref>.</item>
+
+<item>Politik <ref target="Pg065">65</ref> ff., <ref target="Pg271">271</ref>, <anchor id="cor288b"/><corr sic="264 f."><ref target="Pg264">264</ref> f.,</corr> <ref target="Pg154">154</ref>.</item>
+
+<item>Polizei <ref target="Pg067">67</ref>, <ref target="Pg072">72</ref>, <ref target="Pg074">74</ref>, <ref target="Pg171">171</ref>.</item>
+
+<item>Postgraduates <ref target="Pg051">51</ref>.</item>
+
+<item>Prachtbauten <ref target="Pg122">122</ref> f.</item>
+
+<item>Presse, deutsche <ref target="Pg167">167</ref>.</item>
+
+<item>Presse, gelbe <ref target="Pg149">149</ref>, <ref target="Pg153">153</ref>, <ref target="Pg161">161</ref>, <ref target="Pg164">164</ref>, <ref target="Pg255">255</ref>.</item>
+
+<item>Privatgelehrte <ref target="Pg050">50</ref>.</item>
+
+<item>Proletariat, gelehrtes <ref target="Pg050">50</ref>.</item>
+
+<item><anchor id="corr288"/><corr sic="Professor">Professor,</corr> der <ref target="Pg053">53</ref> f.</item>
+
+<item>Professor, der, als Mädchen für alles <ref target="Pg103">103</ref>.</item>
+
+<item>Prohibition <ref target="Pg171">171</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>.</item>
+
+<item>Prostitution, die <ref target="Pg073">73</ref>.</item>
+
+<item>Prüderie <ref target="Pg004">4</ref>, <ref target="Pg074">74</ref>, <ref target="Pg132">132</ref>, <ref target="Pg145">145</ref>, <ref target="Pg174">174</ref>.</item>
+
+<item>Publikums, Psychologie des <ref target="Pg003">3</ref>.</item>
+
+<item>Puritaner <ref target="Pg021">21</ref> ff.</item>
+
+<item>Pullman-Wagen <anchor id="corr288c"/><corr sic="172 f."><ref target="Pg172">172</ref> f.,</corr> <ref target="Pg243">243</ref> ff.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Quäker <ref target="Pg204">204</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Radiopathie <ref target="Pg199">199</ref> f.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Ragtime</hi> <ref target="Pg128">128</ref>.</item>
+
+<item>Rasse, amerikanische <ref target="Pg020">20</ref> ff., <ref target="Pg256">256</ref> ff., <ref target="Pg268">268</ref>.</item>
+
+<item>Rassestolz <ref target="Pg023">23</ref>.</item>
+
+<item>Raubritter <ref target="Pg179">179</ref>.</item>
+
+<item>Rauchplage <ref target="Pg068">68</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Reception</hi> <ref target="Pg009">9</ref>, <ref target="Pg012">12</ref> ff.</item>
+
+<item>Redegabe <ref target="Pg010">10</ref> f., <ref target="Pg039">39</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Refinement</hi> <ref target="Pg047">47</ref>.</item>
+
+ <item><anchor id="corr288a"/><corr sic="(versetzt)">Reinhardt, Max <ref target="Pg142">142</ref>, <ref target="Pg147">147</ref> f.</corr></item>
+
+<item>Reinheit, erotische, der Männer <ref target="Pg075">75</ref> f., <ref target="Pg082">82</ref>.</item>
+
+<item>Reklame <ref target="Pg156">156</ref>, <ref target="Pg208">208</ref>, <ref target="Pg210">210</ref>.</item>
+
+<item>Rekordfieber <ref target="Pg251">251</ref>.</item>
+
+<item>Rekrutierung <ref target="Pg177">177</ref>.</item>
+
+<item>Reliquienverehrung <ref target="Pg050">50</ref>.</item>
+
+<item>Renommage <ref target="Pg033">33</ref>.</item>
+
+<item>Rentiers <ref target="Pg081">81</ref>.</item>
+
+<item>Reporter 8, <ref target="Pg241">241</ref>, <ref target="Pg237">237</ref>, <ref target="Pg160">160</ref> f.</item>
+
+<item>Richter <ref target="Pg262">262</ref> f.</item>
+
+<item>Rockefeller jun. <ref target="Pg074">74</ref>.</item>
+
+<item>Romantik <ref target="Pg087">87</ref> f.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Salat <ref target="Pg116">116</ref> f., <ref target="Pg117">117</ref>.</item>
+
+<item>Schaukelstühle <ref target="Pg125">125</ref>.</item>
+
+<item>Scheidung, die <ref target="Pg089">89</ref>.</item>
+
+<item>Schlachtverfahren für Schweine <ref target="Pg227">227</ref>.</item>
+
+<item>Schlachtverfahren für Rinder <ref target="Pg229">229</ref>.</item>
+
+<item>Schlangenfraß, intellektueller <ref target="Pg157">157</ref>.</item>
+
+<item>Schliff, der letzte <ref target="Pg047">47</ref>.</item>
+
+<item>Schnitzler <ref target="Pg086">86</ref>.</item>
+
+<item>Schönheit, körperliche <ref target="Pg026">26</ref>.</item>
+
+<item>Schönheiten, berufsmäßige <ref target="Pg059">59</ref>, <ref target="Pg104">104</ref>.</item>
+
+<item>Schule <ref target="Pg035">35</ref> ff.</item>
+
+<item>Schülerverbindungen <ref target="Pg039">39</ref>.</item>
+
+<item>Schurz, Karl <ref target="Pg267">267</ref>.</item>
+
+<item>Sehenswürdigkeiten <ref target="Pg009">9</ref>.</item>
+
+<item>Sekten <ref target="Pg186">186</ref> ff.</item>
+
+<item>Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs <ref target="Pg069">69</ref>.</item>
+
+<item>Sensationsartikel <ref target="Pg164">164</ref> ff.</item>
+
+<item>Sentimentalität <ref target="Pg087">87</ref>.</item>
+
+<item>Sexuelle Heuchelei <ref target="Pg075">75</ref>.</item>
+
+<item>Sinclaire, Upton <ref target="Pg226">226</ref>.</item>
+
+<item>Skal, Georg v. <ref target="Pg038">38</ref>.</item>
+
+<item>Sklaverei <ref target="Pg109">109</ref>.</item>
+
+<item>Snobismus <ref target="Pg251">251</ref> ff.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Social evel, the</hi> <ref target="Pg072">72</ref> ff.</item>
+
+<item>Soldatenwerbung <ref target="Pg179">179</ref>.</item>
+
+<item>Söldnerheer <ref target="Pg181">181</ref>.</item>
+
+<item>Sommerfrischen <ref target="Pg209">209</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Sororitys</hi> <ref target="Pg058">58</ref>.</item>
+
+<item>Sozialdemokratie <ref target="Pg180">180</ref>, <ref target="Pg185">185</ref>.</item>
+
+<item>Sparsamkeit <ref target="Pg235">235</ref>.</item>
+
+<item>Speisehäuser, billige <ref target="Pg119">119</ref>.</item>
+
+<item>Spekulationsheiraten <ref target="Pg081">81</ref>.</item>
+
+<item>Spießertum <ref target="Pg183">183</ref>, <ref target="Pg185">185</ref>.</item>
+
+<item>Spione, japanische <ref target="Pg181">181</ref>.</item>
+
+<item>Spitzbüberei als Sport <ref target="Pg281">281</ref>.</item>
+
+<item>Sport <ref target="Pg044">44</ref> ff., <ref target="Pg054">54</ref>, <ref target="Pg281">281</ref>.</item>
+
+<item>Sportberichte <ref target="Pg153">153</ref> f.</item>
+
+<item>Sportliche Wettkämpfe <ref target="Pg045">45</ref>.</item>
+
+<item>Staatszeitung, New Yorker <ref target="Pg167">167</ref>, <ref target="Pg282">282</ref>.</item>
+
+<item>Stanley, Henry M. <ref target="Pg162">162</ref>.</item>
+
+<item>Steuben, Baron <ref target="Pg036">36</ref>.</item>
+
+<item>Stiefelputzen <ref target="Pg100">100</ref>.</item>
+
+<item>Straßendemonstrationen <ref target="Pg097">97</ref>.</item>
+
+<item>Straßenpflaster <ref target="Pg124">124</ref>.</item>
+
+<pb n='289'/><anchor id='Pg289'/>
+
+<item>Straßenverkehr <ref target="Pg071">71</ref>.</item>
+
+<item>Strauß, Richard <ref target="Pg097">97</ref>, <ref target="Pg098">98</ref>, <ref target="Pg148">148</ref>, <ref target="Pg160">160</ref>.</item>
+
+<item>Studenten, arme <ref target="Pg043">43</ref>.</item>
+
+<item>Studentenverbindungen <ref target="Pg043">43</ref>.</item>
+
+<item>Studentin, Typus der <ref target="Pg059">59</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Subway</hi> <ref target="Pg232">232</ref>.</item>
+
+<item>Süßigkeit <ref target="Pg111">111</ref> f., <ref target="Pg117">117</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Sweet Potatoes</hi> <ref target="Pg115">115</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Tafelfreuden im Pensionat <ref target="Pg115">115</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Tammany Hall</hi> <ref target="Pg186">186</ref>.</item>
+
+<item>Tante, die alte <ref target="Pg173">173</ref>.</item>
+
+<item>Tauschhandel, Töchter im <ref target="Pg025">25</ref>.</item>
+
+<item>Technische Hochschulen <ref target="Pg049">49</ref>.</item>
+
+<item>Technik und Wissenschaft <ref target="Pg049">49</ref>.</item>
+
+<item>Telephon <ref target="Pg237">237</ref>, <ref target="Pg249">249</ref>, <ref target="Pg273">273</ref>.</item>
+
+ <item><anchor id="corr289"/><corr sic="(vier Einträge zu Theater versetzt)">Theater</corr>, amerikanisches <ref target="Pg135">135</ref>–<ref target="Pg138">138</ref>.</item>
+
+<item>Theater, deutsches <ref target="Pg143">143</ref>–<ref target="Pg148">148</ref>.</item>
+
+<item>Theater, jiddisches <ref target="Pg138">138</ref> ff.</item>
+
+ <item>Theatre, New <ref target="Pg136">136</ref>.</item>
+
+<item>Todessprung, der <ref target="Pg221">221</ref>.</item>
+
+<item>Toleranz <ref target="Pg022">22</ref>.</item>
+
+<item>Touristen <ref target="Pg211">211</ref>.</item>
+
+<item>Transcript, Boston <ref target="Pg162">162</ref>.</item>
+
+<item>Trennung von Staat und Kirche <ref target="Pg185">185</ref>, <ref target="Pg263">263</ref>.</item>
+
+<item>Trinkgeld <ref target="Pg235">235</ref> <corr sic="f">f.</corr>, <ref target="Pg238">238</ref>.</item>
+
+<item>Trustmagnaten <ref target="Pg068">68</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Übermensch, der, von Wallstreet <ref target="Pg279">279</ref> ff.</item>
+
+<item>Undergraduates <ref target="Pg042">42</ref>.</item>
+
+<item>Unglücksfälle, Verbrechen <ref target="Pg153">153</ref> f.</item>
+
+<item>Uniform <ref target="Pg180">180</ref>.</item>
+
+<item>Unitarier <ref target="Pg189">189</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>University Extension</hi> <ref target="Pg063">63</ref>, <ref target="Pg255">255</ref> f.</item>
+
+<item>Urban, Henry F. <ref target="PgXII">XII</ref>.</item>
+
+<item><hi rend='italic'>Usher</hi> <ref target="Pg013">13</ref>, <ref target="Pg016">16</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Verbrecher, Behandlung der <ref target="Pg262">262</ref>.</item>
+
+<item>Vereinsleben <ref target="Pg006">6</ref> f., <ref target="Pg255">255</ref>, <ref target="Pg266">266</ref>, <ref target="Pg269">269</ref>.</item>
+
+<item>Verfassung der V. St. <ref target="Pg036">36</ref>.</item>
+
+<item>Virginians, true <ref target="Pg175">175</ref>.</item>
+
+<item>Volkslied <ref target="Pg003">3</ref>, <ref target="Pg130">130</ref>.</item>
+
+<item>Völker, junge, u. Kinder <ref target="Pg033">33</ref>.</item>
+
+<item>Vorstellen, nicht! <ref target="Pg013">13</ref>.</item>
+
+<item>Vorurteile, demokratische <ref target="Pg062">62</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Wahlmanöver <ref target="Pg073">73</ref>.</item>
+
+<item>Walt Whitman <ref target="Pg133">133</ref>.</item>
+
+<item>Walter, Dramatiker <ref target="Pg086">86</ref>, <ref target="Pg132">132</ref>.</item>
+
+<item>Wedekind, Frank <ref target="Pg145">145</ref>.</item>
+
+<item>Wehrpflicht <ref target="Pg180">180</ref>.</item>
+
+<item>Wellesley-College <ref target="Pg056">56</ref>–<ref target="Pg059">59</ref>.</item>
+
+<item>Weltanschauung <ref target="Pg046">46</ref>.</item>
+
+<item>Wettkämpfe <ref target="Pg044">44</ref> f.</item>
+
+<item>White, Dr. Andrew D. <ref target="Pg108">108</ref>, <ref target="Pg203">203</ref>, <ref target="Pg205">205</ref> f.</item>
+
+<item>Wildpret <ref target="Pg115">115</ref> f.</item>
+
+<item>Williams, Roger <ref target="Pg022">22</ref>.</item>
+
+<item>Wissenschaftliche Speisekarte für Damen <ref target="Pg057">57</ref>.</item>
+
+<item>Wohltätigkeit <ref target="Pg194">194</ref>.</item>
+
+<item>Wohnhäuser, Stil der <ref target="Pg208">208</ref>.</item>
+
+<item>Wohnungseinrichtung <ref target="Pg124">124</ref> ff.</item>
+
+<item>Wolkenkratzer <ref target="Pg123">123</ref>, <ref target="Pg273">273</ref> f.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Yale <ref target="Pg044">44</ref>.</item>
+
+<item>Yankee <ref target="Pg020">20</ref>.</item>
+
+</list><list>
+
+<item>Zahnarzt <ref target="Pg113">113</ref>.</item>
+
+<item>Zukunft, schwierige Frage an die <ref target="Pg109">109</ref>.</item>
+
+<item>Zwangsheirat <ref target="Pg078">78</ref>.</item>
+
+</list>
+</div>
+
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb n='290'/><anchor id='Pg290'/>
+<!--<index index="toc" level1="Werbung"/>-->
+ <!--<index index="pdf" level1="Werbung"/>-->
+<p rend="font-size: large; center">Verlag von F. Fontane &amp; Co., Berlin/Dahlem</p>
+
+<p rend="font-size: x-large; center">
+Wie lebt und arbeitet man
+in den Vereinigten Staaten?
+</p>
+
+<p rend="font-size: large; center">
+Nordamerikanische Reiseskizzen
+</p>
+
+<p rend="center">
+von
+</p>
+
+<p rend="font-size: large; center">
+Dr. Hintrager<lb/><hi rend="font-size: small">Geheimer Regierungsrat</hi>
+</p>
+
+<p rend="center">
+Preis: broschiert M. 5,–; geb. M. 6,50
+</p>
+
+<p rend="center">
+<hi rend='gesperrt'>II. Auflage</hi>
+</p>
+
+<p>
+New Yorker Staatszeitung:<lb/><hi rend="font-size: small">(Aus einem mehrere Spalten füllenden Feuilleton.)</hi>
+</p>
+
+<p>
+Dr. Hintrager hat in seinem Buche: „Wie lebt und
+arbeitet man in den Vereinigten Staaten?“ ein gutes
+Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den Vereinigten
+Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten
+Besuchen des Landes nicht darauf beschränkt, die
+Außenseite der Dinge anzusehen. Er hat nicht nur auf
+einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige
+Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gründlich
+studiert, ist im Bureau eines Rechtsanwaltes tätig gewesen,
+hat die meisten der größeren Strafanstalten
+besucht und geprüft und juristische Vorlesungen gehalten.
+Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben
+des Volkes getan und weiß hübsch und interessant davon
+zu erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Sehr gut und lesenswert – auch für Deutsch-Amerikaner,
+die über diesen Punkt wenig unterrichtet
+sind – ist das Kapitel über die Amerikanerin. Man
+fängt doch an, einzusehen, daß die amerikanische Frau
+nicht bloß das Sofakissen ist, für das man sie so lange
+gehalten hat.
+</p>
+
+<pb n='291'/><anchor id='Pg291'/>
+
+<p rend="page-break-before: always; font-size: large; center">Verlag von F. Fontane &amp; Co., Berlin/Dahlem</p>
+
+<p rend="center"><hi rend="font-size: x-large">Das Land</hi><lb/>
+der<lb/>
+<hi rend="font-size: x-large">unbegrenzten Möglichkeiten</hi></p>
+
+<p rend="center; font-size: large">Beobachtungen über das Wirtschaftsleben
+ der Vereinigten Staaten von Amerika</p>
+
+<p rend="center">von</p>
+
+<p rend="center; font-size: large">Ludwig Max Goldberger<lb/>
+<hi rend="font-size: small">Geheimer Kommerzienrat</hi></p>
+
+<p rend="center">Preis: broschiert M. 5,–; geb. M. 6,50</p>
+
+<p rend="center"><hi rend='gesperrt'>VIII. Auflage</hi></p>
+
+<p>
+Literarisches Zentralblatt, Leipzig:
+</p>
+
+<p>
+Unter der in der letzten Zeit beträchtlich angeschwollenen
+Literatur über die Vereinigten Staaten
+darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz
+beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschöpfende
+Gründlichkeit, genaue Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit
+und Gefälligkeit der Darstellung
+zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muß selbst
+auf den Spuren des Verfassers in den Vereinigten
+Staaten gewandelt sein, um die stets zutreffende und
+mit wenigen Worten überaus anschaulich gezeichnete
+Schilderung ganz würdigen zu können, welche in diesem
+Werk vom Boden und den Menschen, von der Arbeit
+und den Werkstätten, dem Nationalreichtum, den
+Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem
+Trustwesen und verschiedenem anderen gegeben sind.
+Durch das ganze Werk zieht sich die nicht hoch genug
+zu veranschlagende Tendenz, die beiden großen Nationen
+menschlich und wirtschaftlich näher zu bringen ...
+</p>
+
+<pb n='292'/><anchor id='Pg292'/>
+
+<p rend="page-break-before: always; center; font-size: large">Verlag von F. Fontane &amp; Co., Berlin/Dahlem</p>
+
+<p rend="center; font-size: x-large">Das Land der Zukunft</p>
+
+<p rend="center">oder:</p>
+
+<p rend="center; font-size: large">Was können Amerika und Deutschland
+ voneinander lernen?</p>
+
+<p rend="center">Von</p>
+
+<p rend="center; font-size: large">Wilhelm von Polenz</p>
+
+<p rend="center">Preis: broschiert M. 6,–; geb. M. 7,50</p>
+
+<p rend="center"><hi rend='gesperrt'>VI. Auflage</hi></p>
+
+<p>
+St. Petersburger Zeitung:
+</p>
+
+<p>
+Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder
+Verhältnisse die glänzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe,
+die wir in seinen Dichtungen, besonders
+in seinem klassischen Roman „Der Büttnerbauer“ bewundern.
+Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen
+Welt umgesehen und schildert scharf und
+klar, ohne sich auf der einen Seite durch wirkliche und
+scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was
+dem Europäer fremd, sonderbar und vielfach auch abstoßend
+erscheint, beirren zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen:
+</p>
+
+<p>
+Nicht landläufige Reiseeindrücke sind es, die uns
+Polenz wiedergibt, er entrollt vielmehr vor uns ein
+treffliches, wahrheitsgetreues, interessantes Gemälde
+von kulturhistorischer Bedeutung, von den Verhältnissen,
+Sitten und Gebräuchen der heutigen Welt.
+</p>
+ </div>
+<div>
+ <pgIf output="pdf">
+ <then></then>
+ <else>
+ <div id="footnotes" rend="page-break-before: always">
+ <index index="toc"/>
+ <head>Anmerkungen</head>
+ <divGen type="footnotes" />
+ </div>
+ </else>
+ </pgIf>
+ </div>
+<div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <p>Die lebenden Kolumnentitel sind als Randnotizen wiedergegeben.</p>
+
+ <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p>
+ <list>
+ <item><ref target="corr006">Seite 6</ref>: „Clownspässen“ geändert in „Clownspäßen“</item>
+ <item><ref target="corr016">Seite 16</ref>: „sterotypen“ geändert in „stereotypen“</item>
+ <item><ref target="corr039">Seite 39</ref>: „rethorische“ geändert in „rhetorische“</item>
+ <item><ref target="corr107">Seite 107</ref>: „grossen“ geändert in „großen“</item>
+ <item><ref target="corr109">Seite 109</ref>: „Unständen“ geändert in „Umständen“</item>
+ <item><ref target="corr118">Seite 118</ref>: „Neuurastheniker“ geändert in „Neurastheniker“</item>
+ <item><ref target="corr172">Seite 172</ref>: „Pullmann“ geändert in „Pullman“</item>
+ <item><ref target="corr192">Seite 192</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter „können?“</item>
+ <item><ref target="corr201">Seite 201</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter „Gewalt!“</item>
+ <item><ref target="corr204">Seite 204</ref>: „auschließlich“ geändert in „ausschließlich“</item>
+ <item><ref target="corr222">Seite 222</ref>: „Jhr“ geändert in „Ihr“</item>
+ <item><ref target="corr256">Seite 256</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Qualität“</item>
+ <item><ref target="corr269">Seite 269</ref>: „uneingegeschränkte“ geändert in „uneingeschränkte“</item>
+ <item><ref target="corr286d">Seite 286</ref>: „Karrikaturen“ geändert in „Karikaturen“</item>
+
+ </list>
+
+ <p>Ungewöhnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa <q>Oklahama</q>, <q>Sherlok-Holmes</q>) und englischen Begriffen
+wurden nicht korrigiert.
+ Im Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Einträge an die
+ alphabetisch korrekte Stelle versetzt.</p>
+</div>
+<div rend="page-break-before: right">
+ <divGen type="pgfooter"/>
+ </div>
+ </back>
+ </text>
+</TEI.2>