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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40327 ***
+
+Rübezahl
+
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+Deutsche Volksmärchen
+vom Berggeist und Herrn
+des Riesengebirges
+
+Für die Jugend bearbeitet von
+Rudolf Reichardt
+Mit Illustrationen in Farbendruck
+nach Originalen von Eugen Siegert
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+Meidinger's Jugendschriften Verlag G. m. b. H.
+Berlin
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+Inhaltsverzeichnis.
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+ 1. Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges
+ 2. Rübezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen
+ 3. Wie Rübezahl zu seinem Namen kam
+ 4. Rübezahl und der Schneider Benedix
+ 5. Rübezahl und der Bauer Veit
+ 6. Der kleine Peter
+ 7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse
+ 8. Susi und der Kräutermann
+ 9. Der geizige Bäcker
+10. Das sonderbare Wirtshaus
+11. Der Hexenstab
+12. Der arme Weberlieb
+13. Wünsche nicht zuviel
+14. Fischbach
+15. Meister Meckerling
+16. Gräfin Cäcilie
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+1. Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges.
+
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+Im Südosten unseres lieben deutschen Vaterlandes breitet sich ein Gebirge
+aus, das man seiner großartigen Naturbeschaffenheit und seiner Ausdehnung
+halber das Riesengebirge nennt. Es bildet einen Teil der Sudeten und
+scheidet Schlesien von Böhmen und Mähren. Mächtige Berge, wie die Riesen-
+oder Schneekoppe, das Hohe Rad und die Sturmhaube, ragen weit in die Wolken
+hinein, und zwischen den felsigen Höhen haben starke Flüsse, z. B. die Elbe
+und der Bober, ihren Ursprung. In diesem Gebirge haust, wie sich das Volk
+erzählt, ein Gnom oder Geist, der sich selbst als den »Herrn oder Berggeist
+des Gebirges« bezeichnet, vom neckenden Volksmunde aber »Rübezahl« genannt
+wird.
+
+Der Fürst der Berggeister besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein
+kleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen
+umschlossen; aber wenige Klafter unter der urbaren Erdrinde hebt seine
+Alleinherrschaft an, die ihm niemand schmälern kann, und erstreckt sich auf
+achthundertsechzig Meilen in die Tiefe bis zum Mittelpunkt der Erde.
+Zuweilen gefällt es dem unterirdischen Herrscher, seine weitgedehnten
+Gebiete der Unterwelt zu durchkreuzen, die unerschöpflichen Schatzkammern
+edler Metalle und Flötze zu beschauen, die Knappschaft der gnomenhaften
+Bergleute zu mustern und in Arbeit zu setzen, teils um die Gewalt der
+Feuerströme durch feste Dämme aufzuhalten, teils um taubes Gestein in edles
+umzuwandeln. Zuweilen entschlägt er sich aller unterirdischen
+Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines
+Gebietes und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge. Dann treibt er in frohem
+Übermute sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern; denn Freund
+Rübezahl, müßt ihr wissen, hat eine sonderbare Natur. Er ist bald launisch,
+ungestüm, unbescheiden; bald stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste
+Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam, aber
+mit sich selbst in stetem Widerspruch, töricht und weise, oft weich und
+hart in zwei Augenblicken, wie ein Ei, das in siedendes Wasser fällt;
+schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam, je nach der Stimmung, welche
+ihn gerade beherrscht.
+
+Vor uralten Zeiten schon toste Rübezahl im wilden Gebirge, hetzte Bären und
+Auerochsen aufeinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit
+unheimlichem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den
+steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er
+wieder seine Straße durch die weiten Gebiete der Unterwelt und weilte da
+Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu
+legen und sich des Anblicks der äußeren Schöpfung zu erfreuen. Wie nahm's
+ihn wunder, als er einst bei seiner Rückkehr auf die Oberwelt, von dem
+beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz
+verändert fand! Die düsteren, undurchdringlichen Wälder waren ausgerodet
+und in fruchtbare Ackerfelder verwandelt, wo reiche Ernten reiften.
+Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer
+geselliger Dörfer hervor, aus deren Schornsteinen friedlicher Hausrauch in
+die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhange
+eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes; in den blumenreichen Auen
+weideten Schaf- und Kuhherden und aus den lichtgrünen Wäldern tönten
+melodische Schalmeien.
+
+
+
+
+2. Rübezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen.
+
+
+Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeiten des ersten Anblicks
+ergötzten den verwunderten Landesherrn so sehr, daß er über die
+eigenmächtigen Ackerbauer, die ohne seine Erlaubnis und Einwilligung hier
+wirtschafteten, nicht unwillig ward, auch nicht in ihrem Tun und Treiben
+sie zu stören begehrte, sondern sie so ruhig im Besitz ihres angemaßten
+Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder
+selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Er
+ward sogar willens, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen, ihre Art und
+Natur zu erforschen und mit ihnen Umgang zu pflegen. Daher nahm er die
+Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten
+besten Landwirt in Arbeit. Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter
+seiner Hand und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe
+bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb
+des treuen Knechtes verschwendete und für seine Mühe und Arbeit wenig Dank
+wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine
+Schafherde anvertraute; er wartete dieser fleißig, trieb sie in Einöden und
+auf steile Berge, wo gesunde Kräuter wuchsen. Die Herde gedieh gleichfalls
+unter seiner Hand, kein Schaf stürzte vom Felsen herab und keins zerriß der
+Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht
+nicht lohnte, wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Heide
+und kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente
+dem Dorfrichter. Hier bewährte er sich bei Ergreifung der Diebe und
+Überwachung der Gesetze. Aber der Richter war ein ungerechter Mann,
+richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das
+Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, kündigte er dem Richter den
+Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus welchem er jedoch auf dem
+gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausgang
+fand.
+
+Dieser erste Versuch, die Menschen kennen zu lernen, konnte ihn unmöglich
+zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruß auf seine Felsenzinne im
+Gebirge zurück, überschaute da die lachenden Gefilde, welche menschlicher
+Fleiß verschönert hatte, und wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre
+Spenden an solche undankbaren Geschöpfe verlieh. Demungeachtet wagte er
+noch einen Versuch, die Menschen zu beobachten, schlich unsichtbar herab
+ins Tal und näherte sich den menschlichen Wohnstätten.
+
+
+
+
+3. Wie Rübezahl zu seinem Namen kam.
+
+
+So lauschte eines Tages Rübezahl, hinter Busch und Hecken verborgen, als
+plötzlich die Gestalt eines anmutigen Mädchens vor ihm stand. Rings um sie
+hatten sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einen Wasserfall, der
+seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, und scherzten mit ihrer
+Gebieterin in unschuldvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so
+wundersam auf den lauschenden Berggeist, daß er seiner geistigen Natur und
+Eigenschaft vergaß und das Los der Sterblichen wünschte, um nach Art der
+Menschen zu empfinden. Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen
+Kolkraben und schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Wasserbecken
+überschattete, um das anmutsvolle Schauspiel zu genießen. Doch dieser Plan
+war nicht zum besten ausgedacht; er sah alles mit Rabenaugen und empfand
+als Rabe; ein Nest Waldmäuse hatte jetzt für ihn mehr Anziehendes als das
+Mädchen, denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen nie anders als in
+Gemäßheit des Körpers, der sie umgibt.
+
+Diese Bemerkung war ebenso schnell gemacht, als der Fehler auch verbessert
+war; der Rabe flog ins Gebüsch und verwandelte sich in einen blühenden
+Jüngling. Das war der rechte Weg.
+
+Die schöne Maid war die Tochter des schlesischen Fürsten, der in der Gegend
+des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen
+ihres Hofes in den Hainen und Gebüschen des Gebirges zu lustwandeln, Blumen
+und duftende Kräuter zu sammeln oder für die Tafel ihres Vaters ein
+Körbchen Waldkirschen oder Erdbeeren zu pflücken und, wenn der Tag heiß
+war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu
+baden. Von diesem Augenblick an war der Berggeist an diesen Ort wie gebannt
+und täglich harrte er der Wiederkehr der fröhlichen Gesellschaft.
+
+In der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit
+ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung war
+groß, als sie den Ort ganz verändert fand; die rohen Felsen waren mit
+Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem
+wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele
+Abstufungen gebrochen, mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbecken
+herunter, aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporschoß und, in
+einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lüftchen bald auf diese,
+bald auf jene Seite warf, in den Wasserbehälter zurückplätscherte.
+Sternblumen, Lilien und Vergißmeinnicht blühten an dessen Rande,
+Rosenhecken, mit Jasmin und Silberblüten durchwunden, zogen sich in einiger
+Entfernung durch den Raum dahin. Rechts und links des Springbrunnens
+öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und
+Bogengewölbe in buntfarbiger Bekleidung prangten, von Bergkristall und
+Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, daß der Abglanz davon das Auge
+blendete. In verschiedenen Nischen waren die mannigfaltigsten Erfrischungen
+aufgetischt, deren Anblick zum Genuß einlud.
+
+Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da und wußte nicht, ob
+sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen
+sollte. Aber sie konnte der Begierde nicht widerstehen, alles zu beschauen
+und von den herrlichen Früchten zu kosten, die für sie aufgetragen zu sein
+schienen. Nachdem sie sich mit ihrem Gefolge genug belustigt und alles
+fleißig durchmustert hatte, kam sie Lust an, in dem Wasserbecken zu baden.
+
+Kaum aber war die liebliche Prinzessin über den glatten Rand des Beckens
+hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich der
+betrügliche Silberkies, der aus dem seichten Grund hervorschien, keine
+Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das
+goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte die gierige
+Flut sie schon in die Tiefe gezogen. Laut klagte die bange Schar der
+erschrockenen Mädchen, als die Herrin vor ihren sichtlichen Augen
+dahinschwand; sie rangen und wanden die schneeweißen Hände und liefen
+ängstlich am marmornen Gestade hin und her, indes der Springbrunnen sie
+recht geflissentlich mit einem Platzregen nach dem andern übergoß. Doch
+wagte es keine, der Entschwundenen nachzuspringen, außer Brünhild, ihrer
+liebsten Gespielin, die nicht säumte, sich in den grundlosen Wirbelstrom zu
+stürzen, gleiches Schicksal mit ihrer geliebten Gebieterin erwartend. Aber
+sie schwamm wie ein leichter Kork auf dem Wasser und trotz aller Versuche
+war sie nicht imstande, unterzutauchen.
+
+Hier war kein anderer Rat, als dem König das Unglück seiner Tochter
+mitzuteilen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mädchen, als er eben
+mit seinem Jagdgefolge in den Wald zog. Der König zerriß sein Kleid vor
+Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein
+Angesicht mit dem Purpurmantel und beklagte laut den Verlust seiner schönen
+Tochter Emma.
+
+Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte
+er seinen Mut und machte sich auf, um den wunderbaren Wasserfall selbst zu
+beschauen. Aber der Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da
+in ihrer vorherigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein
+Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute König ahnte zum Glück nicht eine
+Verführung seiner Tochter, sondern er nahm den Bericht der Mädchen auf Treu
+und Glauben an und meinte, einer der Götter sei bei dieser wunderbaren
+Begebenheit mit im Spiel gewesen, setzte darauf die Jagd fort und tröstete
+sich bald über seinen Verlust. Unterdessen befand sich die liebreizende
+Emma in des Berggeistes Schlosse nicht übel. Er hatte sie durch eine
+geschickte Versenkung nur den Augen ihres Gefolges entzogen und führte sie
+durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast, zu welchem die
+väterliche Residenz in keinem Vergleich stand. Als sich die Lebensgeister
+der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gewöhnlichen
+Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbener Seide und einem glänzenden
+lichtblauen Gürtel. Ein Jüngling mit hübschem Antlitz lag zu ihren Füßen
+und gestand ihr seine Liebe. Der Berggeist -- denn er war es --
+unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den
+unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und
+Säle des Schlosses und zeigte ihr dessen Pracht und Reichtum. Ein
+herrlicher Lustgarten, der mit seinen Blumenanlagen und Rasenplätzen dem
+Fräulein ganz besonders zu behagen schien, umgab das Schloß von drei
+Seiten. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur
+Hälfte übergoldete Apfel, wie sie kein Gärtner zu ziehen vermag. Das
+Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt, die ihre hundertstimmigen Lieder
+munter erschallen ließen. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das
+Paar; sein Blick hing an ihren Lippen und mit Freuden hörte er ihre
+lieblichen Worte.
+
+Nicht gleiche Wonne empfand die reizende Emma; ein gewisser Trübsinn lag
+auf ihrer Stirn und offenbarte genugsam, daß geheime Wünsche in ihrem
+Herzen verborgen lagen, die mit den seinigen nicht übereinstimmten. Er
+machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch tausend
+Liebesbeweise diese Wolken zu zerstreuen und die Prinzessin aufzuheitern;
+doch vergebens. Der Mensch -- so dachte er bei sich selbst -- ist gesellig
+wie die Biene und die Ameise, der schönen Sterblichen gebricht's an
+Unterhaltung. Wem soll sich das Mädchen mitteilen? Für wen ihren Putz
+ordnen, mit wem darüber zu Rate gehen? Da kam ihm ein glücklicher Einfall.
+Flugs ging er hinaus auf das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben
+aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der
+schönen Emma, welche einsam in der schattigen Laube eine Rose entblätterte.
+
+»Schönste der Erdentöchter,« redete sie der Berggeist an, »verbanne allen
+Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen Freude, du
+sollst nicht mehr in meinem Heim einsam trauern. In diesem Korbe ist alles,
+was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen
+buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Gewächsen im
+Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.«
+
+Hierauf verließ er die Prinzessin und sie zögerte nicht einen Augenblick,
+mit dem Zauberstabe nach Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Korb
+geöffnet hatte. »Brünhilde,« rief sie, »liebe Brünhilde, erscheine!« Und
+Brünhilde lag zu ihren Füßen, umfaßte die Knie ihrer Gebieterin, benetzte
+ihren Schoß mit Freudentränen und liebkoste sie freundlich, wie sie sonst
+zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, daß Emma selbst nicht
+wußte, was sie von ihrer Schöpfung halten sollte; ob sie die wahre
+Brünhilde hingezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie
+überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste
+Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten,
+ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr
+goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. Hierauf führte sie ihre Gespielin
+durch alle Zimmer im Palast, bis in die Kleiderkammer, wo sie soviel
+Unterhaltung fanden, daß sie bis zum Abend darin verweilten. Alle Schleier,
+Gürtel, Spangen wurden gemustert und anprobiert. Brünhilde wußte sich dabei
+so gut zu benehmen und zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung
+des weiblichen Putzes, daß, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts als
+eine Rübe war, ihr niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres
+Geschlechts zu sein.
+
+Der spähende Berggeist war entzückt über den tiefen Blick, den er in das
+weibliche Herz getan hatte, und freute sich über den glücklichen Fortgang
+in der Menschenkenntnis. Die Prinzessin dünkte ihm jetzt schöner,
+freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren
+ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt
+der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei
+Rüben übrig waren, so verwandelte sie die eine in eine Cyperkatze und aus
+der anderen schuf sie ein niedliches Hündchen.
+
+Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der
+aufwartenden Dienerinnen ein gewisses Geschäft zu und nie wurde eine
+Herrschaft besser bedient. Die Mädchen kamen ihren Wünschen zuvor,
+gehorchten auf den Wink und vollstreckten ihre Befehle ohne den mindesten
+Widerspruch. Einige Wochen genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen
+Vergnügens ungestört; Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten in dem
+Schlosse des Berggeistes vom Morgen bis zum Abend; nur merkte die
+Prinzessin nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer
+Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ sie
+zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe hervorblühte,
+während die geliebte Brünhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen
+glichen; gleichwohl versicherten alle, daß sie sich wohl befänden, und der
+freigebige Berggeist ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden.
+Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag
+mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch.
+
+Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf
+gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück,
+als ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken
+entgegenzitterte, mit Keuchhusten beladen, unvermögend, sich aufrecht zu
+erhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle viere von sich gestreckt und
+der schmeichelnde Cyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen.
+Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen
+Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller und rief laut den
+Berggeist, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien.
+
+»Boshafter Geist,« redete sie ihn zornig an, »warum mißgönnst du mir die
+einzige Freude meines harmlosen Lebens, die Gesellschaft meiner ehemaligen
+Gespielinnen? Ist die Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie
+noch in ein Krankenhaus verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mädchen
+Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung soll deinen Frevel
+rächen.« »Schönste der Erdentöchter,« erwiderte der Berggeist, »zürne nicht
+über die Gebühr. Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand,
+aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen
+mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange Saft
+und Kraft in den Rüben war, konnte der Zauberstab ihr Pflanzenleben nach
+deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und ihr
+Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin, denn der belebende Geist ist
+verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern: ein frisch gefüllter Korb
+kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle die Gestalten wieder
+hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke
+zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatz
+im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.« Der Berggeist entfernte
+sich darauf und Prinzessin Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand,
+berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben
+zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeuges müde sind, zu tun
+pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran.
+Leichtfüßig hüpfte sie über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten
+Korb in Empfang zu nehmen, den sie aber nirgends fand. Sie ging in dem
+Garten auf und nieder und spähte umher, aber es wollte kein Korb zum
+Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Berggeist entgegen mit so
+sichtbarer Verlegenheit, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm.
+
+»Du hast mich getäuscht,« sprach sie, »wo ist der Korb geblieben? Ich suche
+ihn schon seit einer Stunde vergebens.«
+
+»Holde Gebieterin meines Herzens,« antwortete der Geist, »wirst du mir
+meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich
+habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet
+und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tal ist's
+Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt und
+unter deinem Fußtritte sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Monate in
+Geduld aus, dann soll dir's nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen
+zu spielen.«
+
+Ehe noch der Berggeist mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm Prinzessin
+Emma den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu
+würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb
+seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit
+schweren Säcken Sämereien belud, und besäte damit einen ganzen Morgen
+Landes. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister als Hüter, dem
+er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten
+herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause.
+
+Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche
+Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu
+besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel in ihrem Garten. Aber
+Mißmut trübte ihre Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren
+Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer
+ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund
+hinabflossen.
+
+Der Berggeist sah wohl, daß bei allem Bestreben, durch tausend kleine
+Gefälligkeiten der schönen Emma Herz zu gewinnen, kein Erfolg zu erwarten
+war. Trotzdem ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, ihren spröden Sinn
+zu überwinden. Er war zu unerfahren in der Menschenkenntnis, daß er sich
+keine Vorstellung von der wahren Ursache der Widerspenstigkeit der
+Prinzessin machen konnte. Er war der Meinung, sie gehöre nach allen Rechten
+ihm als dem ersten Besitznehmer.
+
+Doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der
+Oder, Fürst Ratibor, hatte bereits das Herz der holden Emma gewonnen. Schon
+sah das glückliche Paar dem Tage seiner Hochzeit entgegen, als die Braut
+mit einmal verschwand. Diese Nachricht versetzte den jungen Fürsten in
+große Aufregung. Er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen
+Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Emma seufzte
+unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefängnis aus; sie bezwang
+aber ihre Gefühle im Herzen so, daß der spähende Geist nicht enträtseln
+konnte, was für Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie
+darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und aus der lästigen Gefangenschaft
+entfliehen möchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen
+Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen.
+
+Der Lenz kehrte in die Gebirgstäler zurück, der Berggeist ließ das
+unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen und die Rüben, welche
+durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht gehindert worden
+waren, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus
+und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem
+Anschein nach, um sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter.
+Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie
+abzuschicken, Kundschaft von ihrem Verlobten einzuziehen. »Flieg', liebes
+Bienchen,« sprach sie, »gegen Sonnenaufgang zu Ratibor, dem Fürsten des
+Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine
+Sklavin ist des Geistes vom Gebirge, verlier' kein Wort von diesem Gruße
+und bring' mir Botschaft von seiner Liebe.« Die Biene flog alsbald vom
+Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren
+Flug begonnen, so schoß eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang
+zum großen Leidwesen der Prinzessin die Botschafterin der Liebe. Darauf
+formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille und gab ihr denselben
+Auftrag. »Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge zu Ratibor, dem Fürsten
+des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, die getreue Emma begehre Lösung ihrer
+Bande durch seinen starken Arm.« Die Grille flog und hüpfte so schnell als
+sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war, aber ein langbeiniger
+Storch promenierte eben an dem Wege, welchen die Grille zog, erfaßte sie
+mit seinem langen Schnabel und versenkte sie in das Verlies seines weiten
+Kropfes.
+
+Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab,
+einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster.
+»Flieg' hin, beredsamer Vogel,« sprach sie, »von Baum zu Baum, bis du
+gelangst zu Ratibor, meinem Verlobten, erzähle ihm von meiner
+Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Rossen und
+Mannen, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges, im Maiental,
+bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und
+Schutz von ihm begehrt.« Die Elster gehorchte, flatterte von einem
+Ruheplatz zum andern und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit
+das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer trüben Sinnes in den
+Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur
+hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattigen Eiche,
+dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das
+vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelnd zurück; aber
+zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch
+auf, sah niemand, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf
+wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin-
+und herflog, und vernahm, daß der geschwätzige Vogel ihn beim Namen rief.
+»Armer Schwätzer,« sprach er, »wer hat dich gelehrt, diesen Namen
+auszusprechen, der einem Unglücklichen zugehört, welcher wünscht, von der
+Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?« Hierauf faßte er erregt einen
+Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma
+hören ließ. Dies Zauberwort entkräftete den Arm des Prinzen; frohes
+Entzücken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es
+leise nach: Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem
+Elsterngeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, den man ihm anvertraut.
+Fürst Ratibor vernahm kaum die fröhliche Botschaft, da ward's hell in
+seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne gefangen hatte, verschwand;
+er kam wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der
+Glücksverkünderin nach dem Schicksal seiner Braut; aber die gesprächige
+Elster konnte nur ihr Sprüchlein ohne Aufhören wiederholen und flatterte
+davon. Schnellen Fußes eilte Ratibor zu seinem Hoflager zurück, rüstete
+eilig das Geschwader der Reisigen, bestieg sein Roß und zog mit ihnen
+hoffnungsfreudig zum Maientale, um das Abenteuer zu bestehen.
+
+Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr
+Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den geduldigen Berggeist mit kränkender
+Kälte zu behandeln, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr spröder Sinn schien
+beugsamer zu werden. Solche glücklichen Anzeichen ließ der Berggeist nicht
+ungenützt. Er erneuerte seine Werbung und wurde nicht zurückgewiesen. Den
+folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma, geschmückt
+wie eine Braut, hervor, mit allem Geschmeide beladen, das sich in ihrem
+Schmuckkästlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten
+geschlungen, welchen eine Myrtenkrone überschattete, von welcher ein
+Schleier lang herabwallte; der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen
+und als der harrende Berggeist auf der großen Terrasse im Lustgarten ihr
+entgegenwandelte, freute er sich dieses Anblickes.
+
+»Himmlisches Mädchen,« stammelte er ihr entgegen, »verweigere mir nicht
+länger den bejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das
+jemals die Sonne bestrahlt hat.«
+
+Die Prinzessin hüllte sich dichter in ihren Schleier und antwortete:
+»Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, mein Gebieter? Deine
+Standhaftigkeit hat den Sieg davongetragen. Nimm dieses Geständnis von
+meinen Lippen, aber laß meine Tränen diesen Schleier verhüllen.«
+
+»Warum Tränen, o Geliebte?« entgegnete ihr der beunruhigte Geist, »jede
+deiner Tränen fällt wie ein brennender Tropfen auf mein Herz, ich will nur
+deine Liebe, nicht aber Aufopferung.«
+
+»Ach,« erwiderte Emma, »warum mißdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt
+deine Freundschaft, aber bange Ahnung zerreißt meine Seele. Du alterst
+nimmer, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran
+soll ich erkennen, daß du ein liebevoller, gefälliger, duldsamer Gemahl
+sein werdest?«
+
+Er antwortete: »Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in
+Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und
+beurteile alsdann die Stärke meiner unwandelbaren Liebe.«
+
+»Es sei also!« antwortete die schlaue Emma, »ich fordere nur einen Beweis
+deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein
+Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie
+mir zu Brautjungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und
+verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue
+prüfen will.«
+
+So ungern sich der Berggeist in diesem Augenblicke von seiner lieblichen
+Braut trennte, so gehorchte er doch ohne Säumen, machte sich rasch an die
+Arbeit und hüpfte hurtig wie ein Star unter den Rüben herum. Er kam durch
+diese Geschäftigkeit mit seiner Zählung bald zustande; doch um der Sache
+recht gewiß zu sein, wiederholte er seine Rechnung nochmals und fand zu
+seinem Verdruß eine Abweichung bei Feststellung der Summen, welche ihn
+nötigte, zum dritten Male die Rübenhäupter durchzumustern. Aber diesmal
+ergab sich eine andere Summe.
+
+Die schlaue Emma hatte nicht sobald den Berggeist aus den Augen verloren,
+als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftige, wohlgenährte
+Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und
+Zeug verwandelte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die
+Heiden und Steppen des Gebirges dahin und das flüchtige Roß brachte sie,
+ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie
+dem geliebten Ratibor, welcher der Kommenden ängstlich entgegenharrte, sich
+fröhlich in die Arme warf.
+
+Der geschäftige Berggeist hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft,
+daß er nichts von dem, was um ihn und neben ihm geschah, wußte. Nach langer
+Mühe und Anstrengung war's ihm endlich gelungen, die wahre Zahl der Rüben
+auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, zu finden. Er eilte
+nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berichten und
+durch die pünktliche Erfüllung ihrer Pläne sie zu überzeugen, daß er ihr
+ein gefälliger Gemahl sein werde.
+
+Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz, aber da fand er nicht,
+was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge, aber auch da
+war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchspähte alle seine
+Winkel, rief den teuren Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen
+zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde zu hören; doch da
+war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf
+er die schwerfällige Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah
+die fliehende Emma in der Ferne, als eben das schnellfüßige Roß über die
+Grenze setzte. Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich
+vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der
+Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber
+darüber hinaus war seine Rache kraftlos und die Donnerwolke zerfloß in
+einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen
+verzweiflungsvoll durchkreuzt und seine stürmende Leidenschaft ausgetobt
+hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück, schlich durch alle
+Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Nachher besuchte er noch
+einmal den Lustgarten, doch diese ganze Zauberschöpfung hatte keinen Reiz
+mehr für ihn. Der Gedanke an die Tage, welche hier die Ungetreue verlebt
+hatte, beschäftigte ihn mehr als die goldenen Äpfel und prächtigen Blumen.
+Die Erinnerung an sie erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging
+und stand, wo sie Blumen gepflückt, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft
+trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das bedrückte ihn so
+sehr, daß er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank.
+Bald darauf brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus und er vermaß
+sich hoch und teuer, der Menschenkenntnis ganz zu entsagen und von diesem
+argen, betrüglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Kenntnis zu nehmen.
+In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde und der ganze
+Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches
+Nichts zurück. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf und der
+Berggeist fuhr hinab in die Tiefe bis in die entgegengesetzte Grenze seines
+Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Bitterkeit und Menschenhaß
+mit dahin.
+
+Während dieses Vorganges im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig, seine
+Braut in Sicherheit zu bringen, und führte sie mit fürstlichem Gepränge an
+den Hof ihres Vaters zurück. Daselbst wurde ihre Vermählung gefeiert. Er
+teilte mit seiner Gattin den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt
+Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare
+Abenteuer der Prinzessin, welches ihr auf dem Riesengebirge begegnet war,
+insbesondere ihre kühne Flucht, wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich
+von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Die
+Bewohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem
+Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen bei und
+riefen ihn fortan »Rübezähler« oder kurzweg »Rübezahl«.
+
+
+
+
+4. Rübezahl und der Schneider Benedix.
+
+
+Der unmutsvolle Berggeist verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie
+wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach
+und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl war ein Zeitraum von
+neunhundertneunundneunzig Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde
+ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er
+einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Liebling und
+Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs
+Riesengebirge in Vorschlag, welchem Rübezahl gern zustimmte. Es war nur
+eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet und er befand sich
+mitten auf dem großen Rasenplatz seines ehemaligen Lustgartens, dem er
+nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für
+menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen
+nichts als eine fürchterliche Wildnis.
+
+Der Anblick dieser Gegenstände erneuerte alle Erinnerungen an die schöne
+Emma, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünde sie neben ihm.
+Aber die Vorstellung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte
+seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. »Unseliges
+Erdengewürm,« rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die
+Türme der Kirchen und Klöster in Städten und Flecken erblickte, »du
+treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich geäfft
+durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und
+plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.«
+
+Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen.
+Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge und der keckste unter ihnen
+rief ohne Unterlaß: »Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!« Von
+undenklichen Jahren her hatte der Volksmund die Entführungsgeschichte des
+Berggeistes getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften
+Zusätzen vermehrt und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat,
+unterhielt sich mit seinen Gefährten von den Abenteuern desselben. Man trug
+sich mit unzähligen Spukgeschichten, die sich niemals begeben hatten,
+machte damit zaghafte Wanderer fürchten und die starken Geister und
+Witzlinge, die an keine Gespenster glaubten, machten sich darüber lustig,
+pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft
+zu rufen, aus Schäkerei bei seinem Spottnamen zu nennen und auf ihn zu
+schimpfen. Man hat nie gehört, daß dergleichen Beleidigungen von dem
+friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes
+erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er
+betroffen, da er sein ganzes Abenteuer mit der Prinzessin jetzt so kurz und
+bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren
+Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne
+Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem
+Augenblick bedachte, daß eine so empfindliche Rache großes Geschrei im
+Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die
+Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum
+ließ er ihn und seine Gefährten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem
+Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu
+lassen.
+
+Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen
+Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner
+Heimat, an. Aber als unsichtbarer Geleitsmann war ihm Rübezahl bis zur
+Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er
+seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf ein Mittel, sich zu rächen. Da
+begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher alter Handelsmann, der nach
+Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache
+zu gebrauchen. Er gesellte sich also zu ihm in Gestalt des losen Gesellen,
+der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, führte ihn
+unbemerkt seitab von der Straße und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem
+Händler mörderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, riß ihn zu Boden,
+knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und
+Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum
+Abschied noch gar übel zugerichtet hatte, ging er davon und ließ den armen
+geplünderten Mann halbtot im Busche liegen.
+
+Als sich der Händler von seinem Schrecken erholt hatte und wieder Leben in
+ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen; denn er
+fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner,
+ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden
+Städte, fragte, warum er so stöhne, und als er ihn geknebelt fand, löste er
+ihm die Bande von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der
+barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder
+gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem kräftigen Schluck
+Lebenswasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße
+und geleitete ihn freundlich bis nach Hirschberg an die Tür der Herberge;
+dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der
+Händler, als er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch
+erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner
+Übeltat bewußt ist! Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und
+gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern und neben ihm lag der
+nämliche Rucksack, in welchen er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der
+bestürzte Händler wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich
+sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu
+seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der
+Person geirrt zu haben; darum schlich er sich unbemerkt zur Tür hinaus,
+ging zum Richter und machte ihm Mitteilung von dem räuberischen Überfall.
+
+Das Hirschberger Gericht stand damals in dem Rufe, daß es schnell und tätig
+sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Häscher bewaffneten sich mit
+Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen
+Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die
+weisen Väter indes versammelt hatten.
+
+»Wer bist du?« fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte
+hereintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und
+unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix
+genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.«
+
+»Hast du nicht diesen Mann im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen,
+gebunden und seines Säckels beraubt?«
+
+»Ich habe diesen Mann nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder
+geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein
+ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber.«
+
+»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«
+
+»Mit dem Ausweis über meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten
+Gewissens.«
+
+»Weis' auf deine Kundschaft.«
+
+Benedix öffnete getrost den Rucksack; denn er wußte wohl, daß er nichts als
+sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte,
+sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die
+Häscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den
+schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein
+Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurückforderte. Der arme
+Schneider stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken,
+ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach
+kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebärde
+weissagte einen strengen Bescheid.
+
+»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt. »Erfrechst du dich noch, den
+Raub zu leugnen?«
+
+»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Angeklagte auf den
+Knien, mit hochaufgehobenen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu
+Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des
+Händlers Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.«
+
+»Du bist überwiesen,« fuhr der Richter fort, »der Säckel beweist genugsam
+das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne
+freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit
+abzufoltern.«
+
+Der geängstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen;
+aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen
+Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister
+Hämmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die stählernen
+Gründe seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die
+volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte
+Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die
+seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben
+anzulegen, bedachte er, daß dies ihn untüchtig machen würde, jemals wieder
+mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl
+bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem
+Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstück ein, von welchem sein Herz
+nichts wußte. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der
+Angeklagte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richtern und Schöppen zum
+Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der
+Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden
+sollte.
+
+Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt
+hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch
+keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige
+Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt
+werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu
+erheben; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als
+eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Händlers Säckel
+in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl
+selbst war.
+
+Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den
+Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte
+sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankömmling die Augen
+auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder,
+der es sich angelegen sein ließ, die zum Tode Verurteilten zur
+Sinnesänderung und Buße zu bekehren, fand den Schneidergesellen so
+unwissend im Christenglauben, daß er den Magistrat um einen dreitägigen
+Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins
+Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten.
+
+In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wälder und
+erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem
+schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig auf die
+Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der
+Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand
+eine herabrollende Zähre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich
+ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mächtigen Eindrücke
+jungfräulicher Tränen empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er
+von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die
+durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, zum ersten Male
+abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefühl
+erkannte und Verlangen trug, das Mädchen zu trösten. Er verwandelte sich
+wieder in einen ehrbaren Bürger, trat freundlich zu der jungen Dirne und
+sprach: »Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle
+mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei.«
+
+Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie
+diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Tränen
+glänzten in ihren Augen und das holde, jungfräuliche Antlitz war mit dem
+Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor
+sich stehen sah, sprach sie: »Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da
+Ihr nicht helfen könnt? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den
+Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und
+Tränen, bis mir der Tod das Herz bricht.«
+
+Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« rief er, »bei diesem
+freundlichen, lieben Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! --
+Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich;
+gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.«
+
+»So will ich's Euch lösen,« erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »wenn Ihr
+es zu wissen begehrt.«
+
+Er sprach: »Sag' an!«
+
+»Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn meiner Nachbarin. Er war
+so lieb und gut, so treu und bieder, liebte mich so standhaft und herzig,
+daß ich ihm ewige Treue gelobte. Ach, das Herz des braven Menschen habe ich
+vergiftet, hab' ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen
+gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er sein Leben verwirkt
+hat!«
+
+Der Berggeist rief erstaunt: »Du?«
+
+»Ja, Herr,« sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab' ihn gereizt, einen
+Straßenraub zu begehen und einen Handelsmann zu plündern; da haben ihn die
+Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehalten und, o
+Herzeleid! morgen wird er abgetan!«
+
+»Und was hast du verschuldet?« fragte verwundert Rübezahl.
+
+»Ja, Herr! Ich habe sein junges Leben auf meinem Gewissen.«
+
+»Wie das?«
+
+»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge und als es zum Abschied ging,
+sprach er: >Feins Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten
+Male blüht und die Schwalbe zum Nest trägt, kehr' ich von der Wanderschaft
+zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib;< und das gelobte ich ihm zu
+werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male
+und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner
+Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckte und höhnte ihn
+und sprach: >Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch
+Obdach. Schaff' dir erst blanke Taler an, dann frage wieder.< Der arme
+Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. >Ach, Klärchen,< seufzte er
+tief, mit einer Träne im Auge, >steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so
+bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du
+nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich
+mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernähren? Woher dein Stolz und
+spröder Sinn? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Freier hat mir
+dein Herz entwendet; lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit
+Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe jede Stunde gezählt bis auf
+diesen Tag, da ich kam, dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte
+meinem Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun
+verschmähst du mich!< Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem
+Sinn: >Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!< antwortete ich, >nur
+meine Hand versag' ich dir für jetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld,
+und hast du das, so komm, dann will ich dich gern zum Mann nehmen.<
+>Wohlan,< sprach er mit Unmut, >du willst es so, ich gehe in die Welt, will
+laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen und eher sollst
+du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich
+dich erwerben muß. Leb' wohl, ich fahre hin, Ade!< -- So hab' ich ihn
+betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein
+guter Engel, daß er tat, was nicht recht war und was sein Herz gewiß
+verabscheute.«
+
+Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer
+Pause mit nachdenklicher Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete er sich zu der
+Dirne: »Warum,« fragte er, »erfüllst du aber hier den leeren Wald mit
+deinen Wehklagen, die dir und deinem Bräutigam nichts nützen und frommen
+können?«
+
+»Lieber Herr,« fiel sie ihm ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da
+wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilte ich unter diesem
+Baume.«
+
+»Und was willst du in Hirschberg tun?«
+
+»Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klagegeschrei die
+Stadt erfüllen und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob
+das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu
+schenken; und so mir's nicht gelingt, meinen Benedix dem schmählichen Tode
+zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.«
+
+Rübezahl wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund' an seiner
+Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Bräutigam wiederzugeben
+beschloß. »Trockne ab deine Tränen,« sprach er mit teilnehmender Gebärde,
+»und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Rüste geht, soll dein
+Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und
+aufmerksam und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür deines
+Hauses; denn es ist dein Benedix, der davor stehet. Hüte dich, ihn wieder
+wild zu machen durch deinen spröden Sinn. -- Du sollst auch wissen, daß er
+das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn zeihest, und du hast
+gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner
+bösen Tat reizen lassen.«
+
+Das Mädchen, verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins
+Gesicht und weil darin keine Schalkheit oder Trug sich zeigte, gewann sie
+Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich auf und sie sprach voll froher
+Zuversicht: »Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet und es also ist, wie
+Ihr sagt, so müßt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Benedix sein,
+daß Ihr das alles so wißt.«
+
+»Sein guter Engel?« versetzte Rübezahl betroffen, »nein, der bin ich
+wahrlich nicht; aber ich kann's werden und du sollst's erfahren! Ich bin
+ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder
+verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte
+nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Bande zu entledigen, denn
+ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.«
+Das Mädchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und
+Hoffnung in ihrer Seele kämpften.
+
+Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs
+inzwischen blutsauer werden lassen, den Verurteilten gehörig zum Tode
+vorzubereiten. Als er dem trostlosen Benedix zum letztem Male gute Nacht
+gewünscht hatte, begegnete ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange,
+noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit
+zu setzen, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf den
+Einfall, der recht nach seinem Sinn war. Er schlich dem Mönche ins Kloster
+nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab
+sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der
+Kerkermeister ehrerbietig öffnete.
+
+»Das Heil deiner Seele,« redete er den Gefangenen an, »treibt mich nochmals
+hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Doch hatte ich vorher vergessen,
+dich nach etwas zu fragen. Sag' an, denkst du auch noch an Klärchen? Liebst
+du sie noch als deine Braut? Hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu
+sagen, so vertraue es mir.« Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der
+Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu
+ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht,
+besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu
+weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Diese
+herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Mönch also, daß er
+beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen.
+
+»Armer Benedix,« sprach er, »gib dich zufrieden und sei getrost und
+unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du
+unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt
+hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu entführen und der
+Bande zu entledigen.« Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Laß sehen,«
+fuhr er fort, »ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stand
+da, frank und frei, die Ketten fielen ab von Händen und Füßen. Hierauf
+wechselte der gutmütige Ordensbruder mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe
+gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des
+Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir
+hast; dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangst ins
+Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst,
+klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen.«
+
+Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen,
+zwickte sich in die Arme, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da
+er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen
+und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in
+stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mönch trieb
+ihn endlich fort und reichte ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur
+Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt Benedix über die Schwelle
+des traurigen Kerkers und fürchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein
+ehrwürdiges Gewand gab ihm die Gewähr, daß keiner der Wächter in ihm einen
+Verbrecher vermutete.
+
+Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf
+jedes Rauschen des Windes und spähete nach jedem Fußtritt der
+Vorübergehenden. Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es
+klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die
+Luke und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft
+die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das
+Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und
+Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letzten Male ins Horn und weckte
+die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerk. Klärchens Lampe
+fing an, dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte
+sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich
+und seufzte: »Benedix, Benedix! Was für ein banger Tag für dich und mich
+dämmert jetzt heran!« Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel
+nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken webten wie Trauerflor und
+Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte vor diesem
+ahnungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten und Totenstille
+war um sie her.
+
+Da pocht's dreimal leise an das Fenster, als ob sich etwas rührte. Ein
+froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten
+Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Feins Liebchen, bist du
+wach?« -- Husch war sie an der Tür. -- »Ach, Benedix, bist du's oder ist's
+dein Geist?« Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, fiel sie zurück
+und sank vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm und der
+Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.
+
+Nachdem Erstaunen und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle
+vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem
+peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und
+Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und
+nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger; aber sie hatte nichts
+zum Imbiß als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog
+sie aus der Tasche und wunderte sich, daß sie schwerer als ein Hufeisen,
+brach sie voneinander, sieh! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber
+Klärchen nicht wenig erschrak; sie meinte, das Gold sei ein Rest von dem
+Raube des Händlers und Benedix sei nicht so unschuldig, als ihn der ehrsame
+Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose
+Geselle beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen
+verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und
+sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den
+edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo
+Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein ehrsamer
+Bürger und wohlhabender Mann in friedlicher Ehe lebte.
+
+In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger
+ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger
+an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem
+Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung
+des armen Sünders zu vollenden. Rübezahl hatte die Rolle des Verurteilten
+übernommen und war entschlossen, sie auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum
+Sterben zu sein und der fromme Mönch freute sich darüber und erkannte diese
+Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Zusprache an; darum
+ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung zu erhalten, und
+beschloß seine Rede mit den Trostesworten: »So viel Menschen du bei deiner
+Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, sieh,
+so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele einzuführen ins schöne
+Paradies.« Darauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, hörte seine Beichte
+und sprach ihn los von seinen Sünden.
+
+Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es
+nun an der Stunde sei, den Leib zu töten. Auf dem Platze der Hinrichtung
+verlas der Richter noch einmal das Urteil und brach zum Zeichen dessen, daß
+er dem Tode verfallen sei, einen Stab über dem Kopfe des Verurteilten
+entzwei. Danach führten ihn die Henker auf die Leiter am Galgen und legten
+ihm die Schlinge des Strickes um den Hals. Als er nun von der Leiter
+gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel
+so arg, daß dem Henker dabei übel zumute ward; denn es erhob sich ein
+plötzliches Getöse im Volk und einige schrien, man solle den Henker
+steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also
+Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an,
+als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige
+Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz
+hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing Rübezahl am Galgen
+sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche
+Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt das Gerücht um, der
+Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht. Das
+bewog die Stadtbehörde, des Morgens in aller Frühe durch einige Abgeordnete
+die Sache untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts
+als einen Strohmann am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man pflegt in
+Erbsen zu stellen, die genäschigen Spatzen damit zu verscheuchen. Darüber
+wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, ließen in aller Stille
+den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit
+den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.
+
+
+
+
+5. Rübezahl und der Bauer Veit.
+
+
+Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar durch
+einen Prozeß um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner
+letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes
+Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rüstige,
+gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit
+zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot
+schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen.
+
+»Mit hundert Talern,« sprach er zu dem kummervollen Weibe, »wäre uns
+geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem
+streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche
+Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen;
+vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem
+Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.«
+
+Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen
+Erfolges in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren wußte. Der Mann aber
+gürtete frühe seine Lenden und, indem er Weib und Kind verließ, sprach er
+ihnen Trost ein: »Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen
+Wohltäter finden, der uns helfen wird.« Hierauf steckte er eine harte
+Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon.
+
+Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zur
+Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner
+wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte
+er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf,
+kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern.
+Einer sprach: »Junges Blut, spar' dein Gut«; der andere: »Hoffart kommt vor
+dem Fall«; der dritte: »Wie du's treibst, so geht's«; der vierte: »Jeder
+ist seines Glückes Schmied.« So höhnten und spotteten sie seiner, nannten
+ihn einen Prasser und Faulenzer und endlich stießen sie ihn sogar zur Tür
+hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter von der reichen
+Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und traurig schlich er von
+dannen und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld der Herberge zu
+bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete
+er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.
+
+Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr,
+daß er der Verzweiflung nahe war. »Zwei Tage Arbeitslohn verloren,« dachte
+er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost,
+ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs Würmer dir
+entgegenschmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren und du
+für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mußt, Vaterherz! Vaterherz!
+Wie kannst du's tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer
+fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinen
+schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen.
+
+Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte
+anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, Schutz oder Frist für den
+hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein
+Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den
+Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt,
+in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich
+über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend Anschlägen und Einfällen
+der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in
+seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm
+gehört, wie er zuweilen die Reisenden geneckt und gefoppt, ihnen manchen
+Streich und Schabernack gespielt, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe.
+Es war ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht
+ungestraft rufen lasse; dennoch wußte er ihm auf keine andere Weise
+beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei und rief so sehr er konnte:
+»Rübezahl! Rübezahl!«
+
+Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler
+mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren
+Augen und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er
+mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen.
+
+»Mit Gunst, Herr Rübezahl,« sprach Veit ganz unerschrocken, »verzeiht, wenn
+ich Euch nicht mit dem rechten Namen bezeichne, hört mich nur an, dann tut,
+was Euch gefällt.«
+
+Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf
+Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes etwas:
+
+»Erdenwurm,« sprach er, »was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du
+auch, daß du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen mußt?«
+
+»Herr,« antwortete Veit, »die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die
+Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich
+zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich
+ehrlich bin!«
+
+»Tor,« sprach der Geist, »bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht? Gehe
+hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir not tut, mich aber
+laß in Ruhe.«
+
+»Ach!« erwiderte Veit, »mit der Menschenbrüderschaft ist's aus! Auf Mein
+und Dein gilt keine Brüderschaft.«
+
+Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte nach der Länge und schilderte ihm
+sein drückendes Elend so rührend, daß ihm Rübezahl seine Bitte nicht
+versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient
+hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu
+leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens willen geneigt
+war, des Mannes Bitte zu gewähren.
+
+»Komm, folge mir,« sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts, in ein
+abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch
+bedeckte.
+
+Nachdem sich Veit neben seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuch
+gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem
+guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mußte;
+es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken herab und seine
+Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er,
+wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in welchen ich beim
+nächsten Schritt hinabstürze. Dabei hörte er ein fürchterliches Brausen als
+eines Tagwassers, das sich in den tiefen Schacht ergoß. Je weiter er
+fortschritt, je mehr engten ihm Furcht und Grausen das Herz ein. Doch bald
+sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das
+Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saal, das Flämmchen brannte
+hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf
+dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit lauter
+harten Talern bis an den Rand gefüllt.
+
+Als Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht dahin und das
+Herz hüpfte ihm vor Freuden.
+
+»Nimm,« sprach der Geist, »was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur
+stelle mir einen Schuldschein aus, wenn du überhaupt schreiben kannst.«
+
+Der Schuldner bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler
+zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das
+Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes
+Feder und Tinte hervor. Veit schrieb den Schuldschein so bündig als ihm
+möglich war; der Berggeist schloß ihn in einen eisernen Schatzkasten und
+sagte zum Abschied:
+
+»Sieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß
+nicht, daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang ins Tal und
+diese Felsenkluft genau! Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du
+mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du
+nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.«
+
+Der ehrliche Veit versprach, auf den Tag richtig Zahlung zu leisten,
+versprach's mit seiner biederen Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht
+seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit
+dankbarem Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er
+leicht den Ausgang fand. --
+
+Die hundert Taler wirkten bei ihm mächtig auf Seele und Leib, daß ihm nicht
+anders zumut war, als er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam
+des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an
+allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende
+Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten
+Kinder erblickten, schrien sie ihm wie aus einem Munde entgegen: »Brot,
+Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.« Das abgehärmte
+Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete verzagt und kleinmütig das
+Schlimmste und vermutete, daß der Angekommene wieder das alte traurige Lied
+anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, hieß sie Feuer
+anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im
+Zwerchsack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mußte, daß der
+Löffel darin stand. Nachher berichtete er von dem guten Erfolg seines
+Geschäfts.
+
+»Deine Vettern,« sprach er, »sind gar rechtliche Leute; sie haben mir nicht
+meine Armut vorgerückt, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor
+der Tür abgewiesen, sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir
+geöffnet und hundert bare Taler vorschußweise auf den Tisch gezählt.«
+
+Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange
+gedrückt hatte.
+
+»Wären wir,« sagte sie, »eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten
+wir uns manchen Kummer ersparen können.« Hierauf rühmte sie ihre
+Freundschaft, von welcher sie vorher so wenig Gutes erwartet hatte, und tat
+recht stolz auf die reichen Vettern.
+
+Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer
+Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte, von den
+reichen Vettern zu sprechen, und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit
+des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: »Als
+ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für
+eine weise Lehre gab?«
+
+Sie sprach: »Welche?«
+
+»Jeder, sagte er, sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen
+schmieden, so lange es heiß sei; drum laß' uns nun die Hände rühren und
+unserm Beruf fleißig obliegen, daß wir was vor uns bringen, in drei Jahren
+den Vorschuß nebst Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und ledig
+seien.«
+
+Darauf kaufte er einen Acker und eine Wiese, dann wieder einen und noch
+einen, dann eine ganze Hufe; es war Segen in Rübezahls Gelde, als wenn ein
+Hecktaler darunter wäre. Veit säete und erntete, wurde schon für einen
+wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Säckel besaß noch immer ein
+kleines Kapital zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte
+er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Ertrag
+brachte; kurz, er war ein Mann, dem alles, was er tat, zu gutem Glück
+gedieh.
+
+Der Zahlungstag kam nun heran und Veit hatte so viel erübrigt, daß er ohne
+Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht und an
+dem bestimmten Tage war er früh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder,
+hieß sie waschen und kämmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die
+neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttücher, die sie noch
+nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Feiertagsrock
+herbei und rief zum Fenster hinaus: »Hans, spann' an!«
+
+»Mann, was hast du vor?« fragte die Frau, »es ist heute weder Feiertag noch
+Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, daß du uns ein Wohlleben
+bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuführen?«
+
+Er antwortete: »Ich will mit euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges
+heimsuchen und dem Gläubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder
+aufgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.«
+
+Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus,
+und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande
+bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur
+gekrümmter Dukaten um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack
+zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf
+mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an und sie trabten mutig
+über das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.
+
+Vor einem steilen Hohlwege ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab und
+ließ die anderen ein Gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: »Hans, fahr'
+gemachsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten,
+und ob's auch ein wenig lange dauert, so laß dich's nicht anfechten, laß
+die Pferde verschnaufen und einstweilen grasen; ich weiß hier einen
+Fußpfad, er ist etwas um, doch lustig zu wandeln!«
+
+Darauf schlug er sich in Geleitschaft des Weibes und der Kinder waldein
+durch dicht verwachsenes Gebüsch und spähte hin und her, die Frau meinte,
+ihr Mann habe sich verirrt; sie ermahnte ihn darum, zurückzukehren und der
+Landstraße zu folgen.
+
+Veit aber hielt plötzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her
+und redete also: »Du wähnst, liebes Weib, daß wir zu deiner Freundschaft
+ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind
+Knauser und Schurken, die, als ich damals in meiner Armut Trost und
+Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehöhnet und mit Übermut von sich
+gestoßen haben. -- Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unsern Wohlstand
+verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in den drei Jahren in
+meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden,
+Zins und Kapital ihm wieder zu erstatten. Wißt ihr nun, wer unser
+Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!«
+
+Das Weib entsetzte sich heftig über diese Rede, schlug ein Kreuz vor sich,
+und die Kinder bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und
+Schrecken, daß sie der Vater vor Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in
+den Spinnstuben von ihm gehört, daß er ein scheußlicher Riese und
+Menschenfresser sei. Veit erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der
+Berggeist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei, und was
+er mit ihm verhandelt in der Höhle habe, pries seine Mildtätigkeit mit
+dankbarem Herzen und so inniger Rührung, daß ihm die warmen Tränen über die
+Backen herabträufelten.
+
+»Wartet hier,« fuhr er fort, »jetzt geh' ich hin in die Höhle, mein
+Geschäft auszurichten. Fürchtet nichts, ich werde nicht lange ausbleiben
+und wenn ich's vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring' ich ihn zu euch.
+Scheuet euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob
+sie gleich schwarz und rußig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich
+seiner guten Tat und unsers Danks gewiß! Seid nur beherzt, er wird euch
+goldene Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.«
+
+Ob nun gleich das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die
+Felsenhöhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten,
+sich um den Vater herlagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an
+den Rockfalten zurückzuziehen sich abmühten, so riß er sich doch mit Gewalt
+von ihnen, drang in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem
+wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er
+sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an
+deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stand noch, wie sie vor drei Jahren
+gestanden hatte, doch von einer Höhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit
+versuchte auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu eröffnen, er nahm
+einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er
+zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief,
+so laut er nur konnte: »Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist!« Doch
+der Geist ließ sich weder hören noch sehen. Also mußte sich der ehrliche
+Schuldner entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren.
+
+Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm
+freudevoll entgegen; er war mißmutig und sehr bekümmert, daß er seine
+Zahlung nicht an seinen Gläubiger abliefern konnte, setzte sich zu den
+Seinen auf einen Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei.
+
+Da fiel ihm sein altes Wagestück wieder ein. »Ich will,« sprach er, »den
+Geist bei seinem Spottnamen rufen; wenn's ihn auch verdrießt, mag er mich
+bläuen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf
+gewiß.« Darauf schrie er aus Leibeskräften: »Rübezahl! Rübezahl!« Das
+angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, und wollte ihm den Mund zuhalten; er
+ließ sich aber nicht wehren und trieb's immer ärger. Plötzlich drängte sich
+jetzt der jüngste Bube an die Mutter an und schrie bänglich: »Ach, der
+schwarze Mann!« Getrost fragte Veit: »Wo?« »Dort lauscht er hinter jenem
+Baume hervor.« Und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor
+Furcht und schrien jämmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts; es war
+Täuschung, nur ein leerer Schatten; kurz Rübezahl kam nicht zum Vorschein
+und alles Rufen war umsonst.
+
+
+
+Die Familie trat nun den Rückweg an und Vater Veit ging ganz betrübt und
+schwermütig auf der breiten Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom
+Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten
+ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher
+und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb
+dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Weg kleine Staubwolken
+empor. An diesem lustigen Spiel vergnügten sich die Kinder, die nicht mehr
+an Rübezahl dachten, und haschten nach den Blättern, mit welchen der
+Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über
+den Weg geweht, auf welches einer der Knaben Jagd machte; doch wenn er
+danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er's nicht
+erlangen konnte. Darum warf er seinen Hut danach, der's endlich bedeckte;
+weil's nun ein schöner, weißer Bogen war und der sparsame Vater jede
+Kleinigkeit in seinem Haushalte zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe
+den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das
+zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, daß
+es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hatte; er war
+von oben herein zerrissen und unten stand geschrieben: »Zu Dank bezahlt.«
+
+Wie das Veit las, rührte es ihn tief in der Seele und er rief mit freudigem
+Entzücken: »Freue dich, liebes Weib und ihr Kinder allesamt, freuet euch;
+er hat uns gesehen, hat unsern Dank gehört, unser guter Wohltäter, der uns
+unsichtbar umschwebte, weiß, daß Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin
+meiner Zusage quitt und ledig, nun laßt uns mit frohem Herzen heimkehren!«
+
+Eltern und Kinder weinten noch viele Tränen der Freude und des Dankes, bis
+sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau groß Verlangen
+trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen
+Vettern zu beschämen, so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in
+der Abendstunde in das Dorf und hielten bei dem nämlichen Bauernhofe an,
+aus welchem Veit vor drei Jahren hinausgestoßen worden war. Er pochte
+diesmal ganz herzhaft und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter
+Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehörte; von diesem
+erfuhr Veit, daß die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war
+gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen und ihre Stätte
+ward nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit übernachtete mit seiner
+Familie bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles
+weitläufiger erzählte. Tags darauf kehrte er in seine Heimat und an seine
+Berufsgeschäfte zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein
+rechtlicher, wohlhabender Mann sein lebelang.
+
+
+
+
+6. Der kleine Peter.
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+In dem Dorfe Krumhübel, welches im Riesengebirge unweit der Schneekoppe
+liegt, wohnte ein armer Holzhacker. Er nährte sich und seine Familie,
+bestehend in seiner Frau und seinem kleinen Knaben Peter, nur kümmerlich.
+Da starb ihm eines Tages seine Frau. Da er beim Holzhacken im Walde sein
+Brot verdienen mußte, so hätte er sich der Erziehung und Pflege seines
+Knaben nicht widmen können, wenn nicht eine Anverwandte von ihm, die Muhme
+aus Fischbach, sich bereit erklärt hätte, ihm die Wirtschaft zu führen und
+den Knaben in Aufsicht zu nehmen. Peter war ein kleiner aufgeweckter,
+allezeit fröhlicher Bursche, der immer vergnügt sein Liedchen trällerte und
+wohlgemut auf- und absprang. Die Muhme aber war durch mancherlei schwere
+Lebenserfahrungen verbittert, sah mürrisch und scheel auf das aufgeweckte
+Treiben des Knaben herab und setzte ihm, so oft sie ihn erblickte, mit
+Zanken, Keifen und harten Worten zu.
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+Sie schwärzte Peter auch bei dem Vater an, wenn er am Abend aus dem Walde
+zurückkam, und dann tanzte der Haselstock oft auf Peterchens Rücken und die
+Beteuerungen der Unschuld halfen dem armen kleinen Schelm nichts.
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+Die Folge davon war, daß Peter den Tag über möglichst das Haus floh und am
+liebsten auf dem Felde draußen sich aufhielt, wo er im Sommer die bunten
+Blumen im Getreide pflückte oder dem Gesange der Vögel lauschte. Wie
+lieblich klang das in seinen Ohren; ganz anders als das mürrische Gezänk
+der Alten im engen Hause. Im Winter freilich mußte er im Stübchen bleiben,
+dann ging's ihm schlecht. Dann war seine einzige Freude, hinaus vor die
+Haustür zu treten und den zirpenden Sperlingen und Meisen Krumen von seinem
+Stück trockenen Schwarzbrotes zu streuen. Denn Peter hatte ein mildes Herz,
+er erbarmte sich, wie alle Kinder im Winter tun sollten, der frierenden,
+hungernden Vögel; und obwohl er sich selbst etwas von seinem Frühstück
+entzog, hatte er doch seine helle Freude an den gefiederten Gästen, wenn
+sie, ehe er vor die Tür trat, ihn ungeduldig lockten, als ob sie sein
+Kommen erwarteten.
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+Eines Abends kündete der Vater der Muhme an, daß am nächsten Sonntage ein
+Bruder von ihm zum Besuch kommen werde. Die Muhme kaufte am nächsten Tage
+einen großen Hecht und setzte ihn einstweilen in einem kleinen Fischkasten
+in das Wasser, damit er nicht stürbe, ehe sie ihn schlachtete.
+
+»Du armes Tier,« sagte Peter, als er an dem Kasten vorüberkam, »in diesem
+kleinen Raume sollst du leben und atmen, du wirst sterben, wenn dir die
+Freiheit nicht bald wiedergegeben wird.« Von diesem Gedanken geleitet,
+entnahm er dem Kasten den zappelnden Fisch und warf ihn in den Dorfbach.
+Als nun tags darauf die Alte den Hecht schlachten wollte, da war er längst
+von dannen geschwommen. Da sauste denn eine tüchtige Tracht Prügel auf
+Peter hernieder und seine Freude über seine gute Tat sollte ihm bald
+gründlich vergällt werden.
+
+»Habe ich dich denn, du nichtsnutziger Bursche, wieder einmal bei einem
+Schabernack abgefaßt; nun warte nur, du Taugenichts, bis der Vater nach
+Hause kommt, der soll dir den verlorenen Hecht mit dem Stocke wieder suchen
+helfen.« Da gab's am Abend wieder hageldicke Hiebe und mit Weinen und
+Schluchzen mußte Peter sein Lager aufsuchen.
+
+Als der Knabe am andern Morgen hinaus zum Spiel in den Wald gehen wollte,
+rief ihm die Muhme kreischend nach: »Du Faulenzer, brauchst draußen nicht
+umherzugaffen und dir die Sonne in den Mund scheinen zu lassen. Flugs nimm
+den Sack hier, gehe hinaus auf die Getreidefelder und lies Ähren. Wage dich
+aber nicht eher nach Hause, als bis du den Sack damit gefüllt hast.« --
+
+Niedergeschlagen ging der Knabe auf das erste Kornfeld und suchte fleißig
+Ähren auf, aber der Boden des Sackes war nach zwei Stunden kaum bedeckt.
+Die fleißigen Ortsbewohner hatten auf dem Feld bereits Nachlese gehalten
+und nur wenige Halme liegen gelassen. Auch auf den andern Feldern hatte er
+denselben Erfolg und am Abend war der Sack noch nicht bis zur Hälfte
+gefüllt.
+
+Die Sonne ging unter. Da traten dem kleinen Peter die Tränen in die Augen
+und er wußte keinen Ausweg in seiner Not.
+
+»Warum weinst du, mein Sohn,« ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen und
+ein alter Jägersmann stand an seiner Seite.
+
+Peter erzählte unter Tränen treuherzig sein Leid, wie die böse Muhme ihn
+tagtäglich peinige und ihm das Leben sauer mache.
+
+»Dann müßte sie eine tüchtige Strafe erhalten, denn es ist grausam, dir
+solche Aufträge zu erteilen, deren Ausführung unmöglich ist.«
+
+»Nein,« entgegnete der Knabe, »ich möchte nur, daß die Muhme einmal
+fröhlich würde, den ganzen Tag lachte und vor Freude in die Luft spränge.«
+
+»Dann soll dir und ihr geholfen werden, mein Sohn,« war die Antwort des
+Jägers. Er zog darauf ein kleines Pfeifchen hervor und pfiff so laut, daß
+es in den Ohren gellte. Im Nu rauschte ein großer Schwarm Sperlinge
+hernieder. Sie lasen die Halme mit ihren Schnäbeln auf, trugen sie auf ein
+Häufchen zusammen und der Jäger wies darauf hin und sagte: »Hier, mein
+Sohn, fülle den Sack damit an.«
+
+Peter gehorchte voller Freude und der Jäger legte hierauf den vollen Sack
+auf seine Schulter, doch er war so leicht, als wenn gar nichts darin wäre.
+Als er sich umwandte, seinem Wohltäter zu danken, war dieser verschwunden;
+die Sperlinge aber begleiteten ihn bis ins Dorf und an ihrem Zwitschern
+erkannte er, daß es seine Freunde vom Winter her waren.
+
+Die Muhme empfing ihn wieder mit mürrischem Gesicht, aber als sie ihm keine
+Vorwürfe machte, meinte Peter, er habe sie versöhnt.
+
+Seine Annahme aber war ein Irrtum. Kaum graute der Morgen, so erschien die
+Alte vor seinem Bett und rief laut: »Stehe fix auf und fang' ein Gericht
+Fische im Teiche, daß ich sie deinem Vater, der krank geworden ist, kochen
+kann. Kommst du mit leeren Händen zurück, so kann ich ihm nichts zu essen
+geben und die Krankheit verschlimmert sich.«
+
+Peter nahm sein kleines Fischnetz und ging hinaus zum Teiche. Die Krankheit
+des Vaters hatte ihn traurig gestimmt und er nahm sich vor, fleißig zu
+fischen, um dem kranken Vater ein Gericht zu seiner Stärkung zu
+verschaffen. Aber Stunde um Stunde verging, der Mittag kam und das Netz
+blieb leer. Vor Angst weinend schaute er nach dem alten Jäger aus und
+richtig! -- da stand er wieder am Bachesrand, der alte freundliche Mann.
+
+»Schon wieder Kummer, Peterchen, und Tränen im Auge, scheinst nahe ans
+Wasser gebaut zu haben, oder hat dir die hartherzige Muhme wieder einen
+Auftrag gegeben, der dir mißfällt,« begann der Jäger.
+
+»So ist's,« entgegnete der Knabe, »dies Netz voll Fische nach Hause zu
+bringen, ist diesmal ihr Begehr.«
+
+Da pfiff der Jäger wieder auf seinem Pfeifchen. Da kam ein großer Hecht
+herangeschwommen und trieb eine Menge kleiner Fische vor sich her, die
+schlüpften alle in das Netz und Peter mußte es mehrmals ausleeren. Helle
+Freude ging über sein Gesicht und mit inniger Freude dankte er seinem
+Wohltäter.
+
+»Kennst du aber dort den großen Fisch nicht mehr? Es ist derselbe, den du
+aus dem Fischkasten genommen und in den Bach getragen hast.«
+
+Verwundert schaute Peter dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt
+langsam im Teiche hinschwamm. Wieder war der rätselhafte Jägersmann
+verschwunden und Peter lief glücklich und hocherfreut nach Hause; von dem
+Fange konnte sich der Vater viele Tage lang satt essen.
+
+Als der Knabe die Aufträge der Muhme pünktlich ausgeführt hatte, beschlich
+sie tödlicher Haß auf den Knaben und schon am andern Morgen hatte sie eine
+neue Bosheit ersonnen. Sie wollte den Knaben gar zu gern los sein. Darum
+herrschte sie ihn an: »Flugs, eile dich, deines Vaters Krankheit ist
+ernster geworden, hier kann nur noch eine Pflanze, das Wurzelmännchen
+genannt, helfen. Aber es wächst nur auf jenem Teil des Gebirges, wo der
+Herr des Gebirges, Rübezahl, haust. Ruf' ihn und wenn er erscheint, so
+bitte ihn um das Wurzelmännchen für deinen kranken Vater. Bleib aber so
+lange im Gebirge und ruf ihn, bis er deine Bitte gewährt.« Dabei dachte sie
+in ihrem arglistigen Herzen: »Nun bin ich den verwünschten Jungen los, denn
+Rübezahl wird ihm den Hals umdrehen, wenn er ihn bei seinem Spottnamen
+ruft.«
+
+Peter ergriff seinen Stab, pfiff sich ein lustiges Liedlein und trabte
+wohlgemut dem Gebirge zu. Wohl hatte er von seinen Schulkameraden allerlei
+Schauergeschichten von »Herrn Johannes«, wie sich Rübezahl selbst
+bezeichnete, gehört, doch tröstete er sich mit der Überzeugung, daß auch
+der Berggeist ihn nicht mehr Leides antun könne als die böse Muhme daheim.
+
+Eben wollte er, auf einer Anhöhe des Gebirges angekommen, seinen Mund zu
+einem kräftigen »Rübezahl, Rübezahl!« öffnen, als eine Stimme hinter ihm
+rief: »Nun, mein Peterchen, willst wohl verreisen? Oder hat dir die Muhme
+den Laufpaß gegeben; willst du den alten kranken Vater verlassen?«
+
+»Nein,« antwortete der Knabe dem freundlichen Jäger -- denn dieser war es
+--, »denkt Euch, ich soll Rübezahl aufsuchen und von ihm ein Wurzelmännchen
+holen, davon wird der Vater gesund werden, sagt die Muhme.«
+
+»Aber fürchtest du dich nicht vor dem mächtigen Berggeist?«
+
+»Bewahre, wie wird er wohl! Der straft Leute, die ihn verhöhnen, ich aber
+komme, daß er meinem kranken Vater helfen soll. Und wenn dabei ein paar
+Püffe und Schläge abfallen, so sind sie mir nichts Neues, denn sie sitzen
+in der Hand der Muhme immer gewaltig locker.«
+
+Belustigt entgegnete der fremde Jägersmann. »Du bist ein Prachtkerl,
+kleiner Peter, aber vielleicht wird dir dein Rufen nichts helfen, der
+Berggeist ist zuweilen verreist. Wir Forstleute bringen unsere Zeit meist
+im Walde zu und kennen alle Kräuter und Wurzeln und sind wohlvertraut mit
+ihren heilenden Wirkungen. Hier hast du ein Wurzelmännchen, hänge es deinem
+Vater um den Hals, so wird er gesund werden.«
+
+Der Fremde verschwand vor Peters Augen. Dieser aber eilte, das
+Wurzelmännchen fest in der Hand haltend, in seine väterliche Behausung.
+
+Die Muhme kam ihm schon in der Tür entgegen mit einem gar grimmigen Gesicht
+und murmelte: »Unkraut vergeht nicht.« Da hielt ihr Peter den Wurzelmann
+grade vor die Nase. Es war ein wunderliches Geschöpf mit dickem, boshaft
+grinsendem Kopf und einem daran hängenden langen Zopf, dessen Länge
+diejenige des ganzen Männchens bei weitem übertraf. In demselben
+Augenblick, als der Knabe der Alten den Wurzelmann zeigt, ging mit dieser
+eine wunderbare Wandlung vor, sie lachte und sprang hoch in die Luft vor
+ausgelassener Freude den ganzen Tag über, so daß sie am Abend müde und
+zerschlagen war von allem Toben und Tanzen. Aus Angst, daß sich diese
+Vorgänge wiederholen würden, schnürte sie ihr Bündel und verschwand aus dem
+Dorfe.
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+Da fiel es dem kleinen Peter wieder ein, wie er gegen den Jägersmann, als
+er ihm das erstemal begegnete, geäußert hatte, er wünsche, daß die Muhme
+einen ganzen Tag lachen und springen müsse, und nun kam ihm die Erkenntnis,
+daß Rübezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und dieser ihm
+die Ähren, die Fische und das Wurzelmännchen geschenkt habe.
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+Peter hatte nun gute Tage, denn der Vater wurde wieder gesund. Er ging mit
+ihm fleißig auf die Arbeit und half ihm mit Rat und Tat, so daß sie bald
+rüstig vorwärts kamen und der Vater viel Freude an seinem Sohn erlebte. Die
+Muhme aber soll vor Neid und Mißgunst gestorben sein.
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+7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse.
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+So sehr sich's auch der Bauer Veit, dessen Erlebnis wir früher behandelten,
+hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Glückes zu
+verhehlen, um nicht ungestüme Bittsteller anzureizen, den Berggeist um
+ähnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die
+Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau
+zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort, wie eine
+Seifenblase vom Strohhalm. Veits Frau vertraut's einer verschwiegenen
+Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem
+Dorfbarbier, dieser allen seinen Bartkunden; so kam's im Dorfe und hernach
+im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die
+Lungerer und Müßiggänger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, reizten
+den Berggeist durch Zurufe und beschworen ihn, zu erscheinen. Zu ihnen
+gesellten sich Schatzgräber und Landstreicher, die das Gebirge
+durchkreuzten, allenthalben in die Erde gruben und den Schatz in der
+Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ sie eine Zeitlang ihr Wesen
+treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mühe nicht wert, sich über die
+Kerle zu erzürnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, ließ zur Nachtzeit da
+und dort ein blaues Flämmchen auflodern und wenn die Laurer kamen, ihre
+Hüte und Mützen darauf warfen, ließ er sie manchen schweren Geldtopf
+ausgraben, den sie mit Freude heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend
+verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie
+Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermüdeten sie nicht, das
+alte Spiel wieder anzufangen und neuen Unfug zu treiben. Darüber wurde der
+Geist endlich unwillig, stäupte das lose Gesindel durch einen kräftigen
+Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so
+barsch und ärgerlich, daß keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch
+selten ohne Staupe entrann und der Name Rübezahl wurde nicht mehr gehört im
+Gebirge seit Menschengedenken.
+
+Eines Tages sonnte sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam
+ein Weib ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren
+sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an
+der Brust liegen, eines trug sie auf dem Rücken, eines leitete sie an der
+Hand und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem
+Rechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter, dachte
+Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier
+Kindern, wartet dabei ihres Berufs ohne Murren und wird sich noch mit der
+Bürde des Korbes belasten müssen.
+
+Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt
+machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre
+Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den Büschen; indes wurde den
+Kleinen die Zeit lang und sie fingen an, heftig zu schreien. Alsbald
+verließ die Mutter ihre Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern,
+nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in
+Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit.
+
+Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre
+Schreierei von neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie
+lief ins Holz, pflückte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind
+an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel Rübezahl ungemein wohl.
+Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich
+durch nichts beruhigen lassen, er war ein störrischer, eigensinniger Junge,
+der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf
+und dazu schrie, als wenn er am Spieß stäke. Darüber riß ihr doch endlich
+die Geduld: »Rübezahl,« rief sie, »komm' und friß mir den Schreier!«
+
+Sofort stand der Berggeist in der Gestalt eines Köhlers vor dem Weibe und
+sprach: »Hier bin ich, was ist dein Begehr?« Die Frau geriet über diese
+Erscheinung in großen Schrecken; da sie aber ein frisches, herzhaftes Weib
+war, sammelte sie sich bald und faßte Mut. »Ich rief dich nur,« sprach die
+Mutter Ilse, »meine Kinder schweigsam zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf
+ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen.« »Weißt du auch,«
+entgegnete der Geist, »daß man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte
+dich beim Worte, gib mir deinen Schreier, daß ich ihn fresse; so ein
+leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.«
+
+Darauf streckte er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.
+
+Wie eine Gluckhenne, wenn der Hühnerhabicht hoch über dem Dache in den
+Lüften schwebt oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit
+ängstlichem Glucksen vorerst ihre Küchlein in den sichern Hühnerkorb lockt,
+dann ihr Gefieder emporsträubt, die Flügel ausbreitet und mit dem stärkeren
+Feinde einen ungleichen Kampf beginnt, so fiel das Weib dem schwarzen
+Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und rief: »Ungetüm, das
+Mutterherz mußt du mir erst aus dem Leibe reißen, eh' du mir mein Kind
+raubst.«
+
+Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich
+gleichsam schüchtern zurück; dergleichen handfeste Erfahrung in der
+Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich
+an: »Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du wähntest,
+will dir und deinen Kindern auch kein Leides tun; aber laß mir den Knaben;
+der Schreier gefällt mir, ich will ihn halten wie einen Junker, will ihn in
+Samt und Seide kleiden und einen wackern Kerl aus ihm ziehen, der Vater und
+Brüder einst nähren soll. Fordere hundert Schreckenberger,[A] ich zahle sie
+dir.«
+
+[Fußnote A: Eine alte sächsische Silbermünze, nach heutigem Gelde etwa 25
+Pfennige im Werte.]
+
+»Ha!« lachte das rasche Weib, »gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein
+Junge wie'n Daus, der wäre mir nicht um aller Welt Schätze feil.«
+
+»Törin!« versetzte Rübezahl, »hast du nicht noch drei Kinder, die dir Last
+und Überdruß machen! Mußt sie kümmerlich nähren und dich mit ihnen plagen
+Tag und Nacht.«
+
+»Wohl wahr, aber dafür bin ich Mutter und muß tun, was meines Berufes ist.
+Kinder machen Überlast, aber auch manche Freude.«
+
+»Schöne Freude, sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen, sie zu
+gängeln, zu säubern, ihre Unart und ihr Geschrei zu ertragen!«
+
+»Wahrlich, Herr, Ihr kennt die Mutterfreuden wenig. Alle Arbeit und Mühe
+versüßt ein einziger freundlicher Anblick, das holde Lächeln und Lallen der
+kleinen unschuldigen Würmer. -- Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an
+mir hängt, der kleine Schmeichler! Nun ist er's nicht gewesen, der
+geschrien hat. -- Ach, hätte ich doch hundert Hände, die euch heben und
+tragen und für euch arbeiten könnten, ihr lieben Kleinen!«
+
+»So! Hat denn dein Mann keine Hände, die arbeiten können?«
+
+»O ja, die hat er! Er rührt sie auch, und ich fühl's zuweilen.«
+
+»Wie? Dein Mann erkühnt sich, die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch
+ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem Mörder!«
+
+»Da hättet Ihr traun viel Hälse zu brechen, wenn alle Männer mit dem Halse
+büßen sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die Männer sind eine
+schlimme Nation; drum heißt's: Eh'stand, Weh'stand; muß mich drein ergeben,
+warum hab' ich gefreit.«
+
+»Nun ja, wenn du wußtest, daß die Männer eine schlimme Nation sind, so
+war's auch ein dummer Streich, daß du freitest.«
+
+»Möglich! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte und ich
+eine arme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir, begehrte mich zur Eh',
+gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf und der Handel war gemacht.
+Nachher hat er mir den Taler wieder abgenommen, aber den wilden Mann hab'
+ich noch.«
+
+Der Geist lächelte: »Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen
+Starrsinn.«
+
+»Oh, den hat er mir schon ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser; wenn
+ich ihm einen Groschen abfordere, so rasaunt er im Hause ärger als Ihr zu
+Zeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor und da muß ich schweigen. Wenn
+ich ihm eine Aussteuer zugebracht hätte, wollt' ich ihm schon den Daumen
+aufs Auge halten.«
+
+»Was treibt dein Mann für ein Gewerbe?«
+
+»Er ist Glashändler, muß sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden;
+schleppt da der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber jahraus,
+jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muß ich's und die armen
+Kinder freilich entgelten; aber ich ertrag's.«
+
+»Du kannst den Mann noch lieben, der dir so übel mitspielt?«
+
+»Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles
+gut machen und uns wohl lohnen, wenn sie groß sind.«
+
+»Leidiger Trost! Die Kinder danken auch der Eltern Müh' und Sorgen! Die
+Jungen werden dir noch den letzten Heller auspressen, wenn sie der Kaiser
+zum Heere schickt ins ferne Ungarland, daß die Türken sie erschlagen.«
+
+»Ei nun, das kümmert mich auch nicht; werden sie erschlagen, so sterben sie
+für den Kaiser und fürs Vaterland in ihrem Beruf; können aber auch Beute
+machen und die armen Eltern pflegen.«
+
+Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib
+würdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band oben drauf
+den kleinen Schreier mit der Leibschnur fest und Rübezahl wandte sich, als
+wollte er weitergehen. Weil aber die Bürde zu schwer war, daß das Weib
+nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurück: »Ich hab' Euch einmal
+gerufen,« sprach sie, »helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein übriges tun
+wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein
+Gutfreitagsgröschel[A] zu einem Paar Semmeln; morgen kommt der Vater heim,
+der wird uns Weißbrot aus Böhmen mitbringen.« Der Geist antwortete:
+»Aufhelfen will ich dir wohl; aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll
+er auch keine Spende haben.« »Auch gut!« versetzte die Frau und ging ihres
+Weges.
+
+[Fußnote A: Eine schlesische Münze, einen Dreier an Wert, welche ehedem die
+Fürsten von Liegnitz prägen und auf den Karfreitag an die Armen zum Almosen
+verteilen ließen.]
+
+Je weiter sie ging, je schwerer wurde der Korb, daß sie unter der Last
+schier erlag und alle zehn Schritte verschnaufen mußte. Das schien ihr
+nicht mit rechten Dingen zuzugehen; sie wähnte, Rübezahl habe ihr einen
+Possen gespielt und eine Last Steine unter das Laub geschmuggelt; darum
+setzte sie den Korb ab auf dem nächsten Rande und stürzte ihn um. Doch es
+fielen eitel Laubblätter heraus und keine Steine. Also füllte sie ihn
+wieder zur Hälfte und raffte noch so viel Laub in die Schürze, als sie
+darein fassen konnte; aber bald war ihr die Last von neuem zu schwer und
+sie mußte nochmals ausleeren, welches die rüstige Frau groß wunder nahm;
+denn sie hatte gar oft hochgeschichtete Graslasten heimgetragen und solche
+Mattigkeit noch nie gefühlt. Demungeachtet beschickte sie bei ihrer
+Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Zicklein das Laub
+vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren
+Abendsegen und schlief flugs und fröhlich ein.
+
+Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme sein
+Frühstück verlangte, weckten das geschäftige Weib zu ihrem Tagewerk aus dem
+gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkeimer ihrer Gewohnheit nach
+zum Ziegenstalle. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute, nahrhafte
+Haustier, die alte Ziege, lag da hart und steif, hatte alle viere von sich
+gestreckt und war verschieden; die Zicklein aber verdrehten die Augen
+gräßlich im Kopfe, steckten die Zunge von sich und gewaltsame Zuckungen
+verrieten, daß sie der Tod ebenfalls schüttele. So ein Unglücksfall war der
+guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt von
+Schreck sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vor die
+Augen, denn sie konnte den Jammer der sterbenden Tiere nicht ansehen und
+seufzte tief: »Ich unglückliches Weib, was fang' ich an! Und was wird mein
+harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein ganzer
+Gottessegen auf dieser Welt!« --
+
+Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. »Wenn das liebe
+Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und
+was sind deine Kinder?« Sie schämte sich ihrer Übereilung; laß fahren dahin
+aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine
+vier Kinder. Wenn's auch einen Strauß mit Steffen setzt und er mich übel
+schlägt, was ist's mehr als ein böses Stündlein? Habe ich doch nichts
+verwahrlost. Die Ernte steht bevor, da kann ich schneiden gehen und auf den
+Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht; eine Ziege wird ja
+wohl wieder zu erwerben sein und habe ich die, so wird's auch nicht an
+Zicklein fehlen.
+
+Indem sie das bei sich dachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ihre
+Tränen ab und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren Füßen ein
+Blättlein, das flitterte und blinkte so hell, so hochgelb wie gediegen
+Gold. Sie hob es auf, besah's und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie
+auf, lief damit zu ihrer Nachbarin, der Trödlersfrau, zeigte ihr den Fund
+mit großer Freude und diese erkannte es für reines Gold, handelte es ihr ab
+und zählte ihr dafür zwei Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun
+all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie
+im Besitz gehabt. Sie lief zum Bäcker, kaufte Stietzel und Butterkringel
+und eine Hammelkeule für Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er müde
+und hungrig auf den Abend von der Reise käme. Wie zappelten die Kleinen der
+fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes
+Frühstück austeilte! Sie überließ sich ganz der mütterlichen Freude, die
+hungrige Kinderschar satt zu machen und nun war ihre erste Sorge, das ihrer
+Meinung nach von einer Hexe verzauberte Vieh beiseite zu schaffen und
+dieses häusliche Unglück vor dem Manne so lange als möglich zu
+verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging über alles, als sie von ungefähr in
+den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldener Blätter darin
+erblickte. Da schärfte sie geschwind das Küchenmesser, öffnete den Leib der
+Ziege und fand im Magen einen Klumpen Gold, so groß als ein großer Apfel
+und so auch nach Verhältnis in den Magen der Zicklein.
+
+Jetzt wußte sie ihres Reichtums kein Ende; doch damit empfand sie auch die
+drückenden Sorgen desselben; sie wurde unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen,
+wußte nicht, ob sie den Schatz in die Lade verschließen oder in die Erde
+vergraben sollte, fürchtete Diebe und Schatzgräber, wollte auch den Knauser
+Steffen nicht gleich alles wissen lassen aus gerechter Besorgnis, daß er,
+vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch
+nebst den Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie's klug
+damit anstellen könnte und fand keinen Rat.
+
+Der Pfarrer im Dorfe nahm sich aller Bedrängten gern an und stand seinen
+Pfarrkindern mit Rat und Tat zur Seite. Ungerechtigkeiten duldete er nicht
+in der Gemeinde und auch den mürrischen Steffen hatte er schon wiederholt
+zur Rede gestellt. Zu ihm nahm das Weib ihre Zuflucht, berichtete ihm
+unverhohlen das Abenteuer mit Rübezahl, wie er ihr zu großem Reichtum
+verholfen und was sie dabei für Anliegen habe und bezeugte auch die
+Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der
+Pfarrer wunderte sich aufs höchste über die Begebenheit, freute sich aber
+zugleich über das Glück des armen Weibes und rückte darauf sein Käpplein
+hin und her, für sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aufsehen sie im
+ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel aufzufinden, daß
+der zähe Steffen sich desselben nicht bemächtigen könnte.
+
+Nachdem er lange überlegt hatte, redete er also: »Hör' an, meine Tochter,
+ich weiß guten Rat für alles. Wäge mir das Gold zu, daß ich dir's treulich
+aufbewahre; dann will ich einen Brief schreiben in welscher Sprache, der
+soll dahin lauten: Dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in
+der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben und habe
+all sein Gut dir im Testament vermacht, mit dem Beding, daß der Pfarrer des
+Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem andern zunutze
+komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir; nur gedenke, daß du der
+heiligen Kirche einen Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel
+beschert hat, und gelobe ein reiches Meßgewand in die Sakristei.« Dieser
+Rat behagte dem Weibe herrlich; sie gelobte dem Pfarrer das Meßgewand; er
+wog in ihrem Beisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Quentchen aus, legte
+es in den Kirchenschatz und das Weib schied mit frohem und leichtem Herzen
+von ihm.
+
+Rübezahl haßte das ganze Geschlecht um eines Mädchens willen, das ihn
+überlistet hatte, ob ihn gleich seine Laune zuweilen auf den milden Ton
+stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu nehmen und ihr gefällig zu
+sein. So sehr die wackere Frau des Glasers mit ihren Gesinnungen und
+Benehmen seine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den
+barschen Steffen und trug großes Verlangen, das biedere Weib an ihm zu
+rächen, ihm einen Possen zu spielen, daß ihm angst und weh dabei würde, und
+ihn dadurch so zahm zu machen, daß er der Frau untertan würde und sie ihm
+nach Wunsche den Daumen aufs Auge halten könne. Zu diesem Behufe sattelte
+er den raschen Morgenwind, saß auf und galoppierte über Berg und Tal,
+spionierte wie ein Kundschafter auf allen Landstraßen und Kreuzwegen von
+Böhmen umher und wo er einen Wanderer erblickte, der eine Bürde trug, war
+er hinter ihm her und forschte nach seiner Ladung. Zum Glück führte kein
+Wanderer, der diese Straße zog, Glaswaren, sonst hätte er für Schaden und
+Spott nicht sorgen dürfen, ohne einen Ersatz zu hoffen, wenn er auch gleich
+der Mann nicht gewesen wäre, den Rübezahl suchte.
+
+Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdings
+nicht entgehen. Um die Vesperzeit kam ein rüstiger, frischer Mann
+angeschritten, mit einer großen Bürde auf dem Rücken. Unter seinem festen,
+sicheren Tritt ertönte jedesmal die Last, die er trug. Rübezahl freute
+sich, sobald er ihn von der Ferne witterte, daß ihm nun seine Beute gewiß
+war und rüstete sich, seinen Meisterstreich auszuführen. Der keuchende
+Steffen hatte beinahe das Gebirge erstiegen; nur die letzte Anhöhe war noch
+zu gewinnen, so ging es bergab nach der Heimat zu, darum sputete er sich,
+den Gipfel zu erklimmen; aber der Berg war steil und die Last war schwer.
+Er mußte mehr als einmal ruhen, stützte den knotigen Stab unter den Korb,
+um das drückende Gewicht zu mindern, und trocknete den Schweiß, der ihm in
+großen Tropfen vor der Stirn stand. Mit Anstrengung der letzten Kräfte
+erreichte er endlich die Zinne des Berges und ein schöner gerader Pfad
+führte zu dessen Abhang.
+
+Mitten am Wege lag ein abgesägter Fichtenbaum und der Überrest des Stammes
+stand daneben, kerzengerade und aufrecht, oben geebnet wie ein Tischblatt.
+Ringsumher grünten in großen Mengen Gräser und Kräuter. Dieser Anblick war
+dem ermüdeten Lastträger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem, daß
+er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und sich gegenüber im
+Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier übersann er, wieviel reinen
+Gewinn ihm seine Ware diesmal einbringen würde und fand nach genauem
+Überschlag, daß, wenn er keinen Groschen ins Haus verwendete und die
+fleißige Hand seines Weibes für Nahrung und Kleidung sorgen ließe, er
+gerade so viel lösen würde, um auf dem Markte zu Schmiedeberg sich einen
+Esel zu kaufen und zu befrachten. Der Gedanke, wie er in Zukunft dem
+Grauschimmel die Last aufbürden und gemächlich nebenher gehen würde, war
+ihm zu der Zeit, wo seine Schultern eben wund gedrückt waren, so
+herzerquickend, daß er ihm, wie es bei frohen Zukunftsbildern sehr
+natürlich ist, weiter nachging. Ist einmal der Esel da, dachte er, so soll
+mir bald ein Pferd draus werden, und hab' ich nun den Rappen im Stalle, so
+wird sich auch ein Acker dazu finden, darauf sein Hafer wächst. Aus einem
+Acker werden dann leicht zwei, aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und
+endlich ein Bauerngut und dann soll Ilse auch einen neuen Rock haben.
+
+Er war mit seinen Plänen beinahe so weit fertig, da tummelte Rübezahl
+seinen Wirbelwind um den Holzklotz herum und stürzte mit einemmal den
+Glaskorb herunter, daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücke zerfiel.
+Das war ein Donnerschlag in Steffens Herz; zugleich vernahm er in der Ferne
+ein lautes Gelächter, wenn's anders nicht Täuschung war und das Echo den
+Laut der zerschellten Gläser nur wiedergab. Er nahm's für Schadenfreude,
+und weil ihm der unmäßige Windstoß unnatürlich schien, auch, da er recht
+zusah, Klotz und Baum verschwunden waren, so riet er leicht auf den
+Unglücksstifter. »Oh!« wehklagte er, »Rübezahl, du Schadenfroh, was habe
+ich dir getan, daß du mein Stückchen Brot mir nimmst, meinen sauren Schweiß
+und Blut! Ach, ich geschlagener Mann auf Lebenszeit!« Hierauf geriet er in
+eine Art von Wut, stieß alle erdenklichen Schmähreden gegen den Berggeist
+aus, um ihn zum Zorn zu reizen. »Halunke,« rief er, »komm und erwürge mich,
+nachdem du mir mein alles auf der Welt genommen hast!« In der Tat war ihm
+auch das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert als ein zerbrochen Glas;
+Rübezahl ließ indessen weiter nichts von sich sehen noch hören.
+
+
+
+Der verarmte Steffen mußte sich entschließen, wenn er nicht den leeren Korb
+nach Hause tragen wollte, die Bruchstücke zusammenzulesen, um auf der
+Glashütte wenigstens ein paar Spitzgläser zum Anfang eines neuen Gewerbes
+dafür einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Schiffsherr, dessen Schiff der
+gefräßige Ozean mit Mann und Maus verschlungen hat, ging er das Gebirge
+hinab, schlug sich mit tausend schwermütigen Gedanken, machte zwischendrein
+dennoch auch allerlei Pläne, wie er den Schaden ersetzen und seinem Handel
+wieder aufhelfen könne. Da fielen ihm die Ziegen ein, die seine Frau im
+Stalle hatte; doch sie liebte sie schier wie ihre Kinder und im Guten,
+wußte er, waren sie ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte er diesen Kniff,
+sich seinen Verlust zu Hause gar nicht merken zu lassen, auch nicht bei
+Tage in seine Wohnung zurückzukehren, sondern um Mitternacht sich ins Haus
+zu schleichen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treiben und
+das daraus gelöste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden, bei seiner
+Zurückkunft aber mit dem Weibe zu hadern und sich ungebärdig zu stellen,
+als habe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit stehlen
+lassen.
+
+Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der unglückliche Scherbensammler
+nahe beim Dorfe in einen Busch und wartete mit sehnlichem Verlangen die
+Mitternachtsstunde, um sich selbst zu bestehlen. Mit dem Schlag zwölf
+machte er sich auf den Diebsweg, kletterte über die niedrige Hoftür,
+öffnete sie von innen und schlich mit Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte
+doch Scheu und Furcht, vor seinem Weibe, auf einer unrechten Tat sich
+ertappen zu lassen. Wider Gewohnheit war der Stall unverschlossen, was ihn
+wunder nahm, ob's ihn gleich freute; denn er fand in dieser Fahrlässigkeit
+einen Schein Rechtens, sein Vornehmen damit zu beschönigen. Aber im Stalle
+fand er alles öde und wüste; da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder
+Ziege noch Böcklein. Im ersten Schrecken vermeinte er, es habe ihm bereits
+ein Diebesgesell vorgegriffen, dem das Stehlen geläufiger sei als ihm; denn
+ein Unglück kommt selten allein. Bestürzt sank er auf die Streu und
+überließ sich, da ihm auch der letzte Versuch, seinen Handel wieder in Gang
+zu bringen, mißlungen war, einer dumpfen Traurigkeit.
+
+Seitdem die geschäftige Ilse vom Pfarrer wieder zurück war, hatte sie mit
+frohem Mute alles fleißig zugeschickt, ihren Mann mit einer guten Mahlzeit
+zu empfangen, wozu sie den Pfarrer auch eingeladen hatte, welcher verhieß,
+ein Kännlein Speisewein mitzubringen, um beim fröhlichen Gelag dem
+aufgemunterten Steffen von der reichen Erbschaft des Weibes Bericht zu
+geben und unter welcherlei Bedingungen er daran Genuß und Anteil haben
+solle. Sie sah gegen Abend fleißig zum Fenster hinaus, ob Steffen käme,
+lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mit ihren schwarzen Augen gegen
+die Landstraße hin, war bekümmert, warum er so lange weile, und da die
+Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgen und Ahnungen in die
+Schlafkammer, ohne daß sie ans Abendbrot dachte. Lange kam ihr kein Schlaf
+in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen Morgen in einen unruhigen, matten
+Schlummer fiel.
+
+Den armen Steffen quälten Verdruß und Langeweile im Ziegenstall nicht
+minder; er war niedergedrückt und kleinlaut, daß er sich nicht getraute, an
+die Tür zu klopfen. Endlich kam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und
+rief mit wehmütiger Stimme: »Liebes Weib, erwache und tu auf deinem Manne!«
+Sobald Ilse seine Stimme vernahm, sprang sie flink vom Lager wie ein
+munteres Reh, lief an die Tür und umhalste ihren Mann mit Freuden; er aber
+erwiderte diese herzigen Liebkosungen gar kalt und frostig, setzte seinen
+Korb ab und warf sich mißmutig auf die Ofenbank. Wie das fröhliche Weib das
+Jammerbild sah, ging's ihr ans Herz. »Was fehlt dir, lieber Mann,« sprach
+sie bestürzt, »was hast du?« Er antwortete nur durch Stöhnen und Seufzen;
+dennoch fragte sie ihm bald die Ursache des Kummers ab und weil ihm das
+Herz zu voll war, konnte er sein erlittenes Unglück dem trauten Weibe nicht
+länger verhehlen. Da sie vernahm, daß Rübezahl den Schabernack verübt
+hatte, erriet sie leicht die wohltätige Absicht des Geistes und konnte sich
+des Lachens nicht erwehren, welches Steffen bei erregterer Gemütsverfassung
+ihr übel würde gelohnt haben. Jetzt rügte er den scheinbaren Leichtsinn
+nicht weiter und fragte nur ängstlich nach dem Ziegenvieh. Das reizte noch
+mehr des Weibes Lachen, da sie bemerkte, daß der Hausvogt schon
+allenthalben umherspioniert hatte. »Was kümmert dich mein Vieh?« sprach
+sie, »hast du doch noch nicht nach den Kindern gefragt; das Vieh ist wohl
+aufgehoben draußen auf der Weide. Laß dich auch den Tück von Rübezahl nicht
+anfechten und gräme dich nicht; wer weiß, wo er oder ein anderer uns
+reichen Ersatz dafür gibt.« »Da kannst du lange warten,« sprach der
+Hoffnungslose. »Ei nun,« versetzte das Weib, »unverhofft kommt oft. Sei
+unverzagt, Steffen! Hast du gleich keine Gläser und ich keine Ziegen mehr,
+so haben wir doch vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme, sie und uns zu
+ernähren; das ist unser ganzer Reichtum.« »Ach, daß es Gott erbarme!« rief
+der bedrängte Mann, »sind die Ziegen fort, so trage die vier Bälge nur
+gleich ins Wasser, nähren kann ich sie nicht.« »Nun, so kann ich's,« sprach
+Ilse.
+
+Bei diesen Worten trat der freundliche Pfarrer herein, hatte vor der Tür
+schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen eine
+lange Predigt über den Text, daß der Geiz eine Wurzel alles Übels sei; und
+nachdem er ihm das Gesetz genugsam geschärft hatte, verkündigte er ihm nun
+auch die frohe Botschaft von der reichen Erbschaft des Weibes, zog den
+welschen Brief heraus und übersetzte ihm darauf, daß der zeitige Pfarrherr
+in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestellt sei und die
+Hinterlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Hand bereits
+empfangen habe.
+
+Steffen stand, da wie ein stummer Ölgötz, konnte nichts als sich dann und
+wann verneigen, wenn bei Erwähnung der durchlauchten Republik Venedig der
+Pfarrer ehrerbietig ans Käpplein griff. Nachdem er wieder ein wenig zur
+Besinnung gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzig in die Arme und
+versprach ihr, von jetzt ab sie nicht mehr rauh zu behandeln, sondern sie
+in Ehre und Liebe zu halten. Steffen wurde der geschmeidigste, gefälligste
+Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei ein fleißiger,
+ordentlicher Wirt; denn Müßiggang war nicht seine Sache.
+
+Der redliche Pfarrer verwandelte nach und nach das Gold in klingende Münze
+und kaufte davon ein großes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse
+wirtschafteten ihr Leben lang. Den Überschuß lieh er auf Zins und
+verwaltete das Kapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz und nahm
+keinen andern Lohn dafür als ein Meßgewand, das Ilse so prächtig machen
+ließ, daß kein Erzbischof sich desselben hätte schämen dürfen.
+
+Die zärtliche, treue Mutter erlebte noch im Alter große Freude an ihren
+Kindern und Rübezahls Günstling wurde gar ein wackerer Mann, diente im Heer
+des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Dreißigjährigen Kriege.
+
+
+
+
+8. Susi und der Kräutermann.
+
+
+Der alte Köhler Christoph saß mit seinem Weibe Else an einem lauen
+Sommermorgen vor seinem Hüttchen. Vor ihnen führten Kinder ihren
+Ringelreigen auf, aber die Alten achteten nicht auf das Kinderspiel,
+sondern schienen einen schweren Kummer auf dem Herzen zu tragen. Vater
+Christophs Glieder waren seit Jahren gelähmt, so daß es wenig Verdienst gab
+und Armut und Entbehrung waren die ständigen Gäste in der armen,
+baufälligen Hütte. Oft konnte die Frau tagelang nicht arbeiten und für den
+Haushalt Geld schaffen, weil sie sich der Pflege ihres Mannes widmen mußte.
+Auch ihre kleinen Einnahmen aus dem gesponnenen Garn waren ausgeblieben, da
+Mutter Else bei ihrer Armut nicht imstande war, Flachs zu kaufen.
+
+Vater Christoph stöhnte ob all des Kreuzes und Tränen rannen ihm über die
+Wangen.
+
+»Vater,« hob da Else an, »laß deinen Mut und deine Freudigkeit nicht
+sinken. Kennst du nicht den herrlichen Liedervers aus dem Gesangbuche, der
+mit den Worten beginnt:
+
+ Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
+ Daß du von Gott verlassen seist.
+
+Siehe, der Dichter des Liedes, aus welchem jener Vers stammt: >Wer nur den
+lieben Gott läßt walten<, Georg Neumark, war, wie mir neulich unser lieber
+Herr Pfarrer, der dich so oft in deiner Krankheit besucht und tröstet,
+erzählte, in so bittere Not geraten, daß er seine liebe Geige versetzen
+mußte. Da fand er in seiner Herzensangst, wie von Gott gesandt, einen
+reichen Gönner, der ihm half. Aus Freude darüber sang er sein Lied: >Wer
+nur den lieben Gott läßt walten<. Das hat seither schon manche Träne
+getrocknet und manchen Kreuzesträger gestärkt.« Vater Christoph wurde ruhig
+und in frommer Ergebung sprachen seine zitternden Lippen:
+
+ »Denn welcher seine Zuversicht
+ Auf Gott setzt, den verläßt er nicht.«
+
+Da schritt auf der Landstraße ein hübsches Mädchen einher, dem Dorfe zu. Es
+mußte einen weiten Weg zurückgelegt haben und schien ermüdet zu sein. Unter
+dem Arme trug die Kleine ein Bündel Kleider.
+
+Als sie sich der Hütte näherte, rief sie den beiden Alten zu: »Grüß Gott!
+Könnt ihr mir wohl sagen, wo in diesem Dorfe der alte Köhler Christoph
+wohnt?«
+
+»Der bin ich selbst,« antwortete der Alte und im nächsten Augenblicke lag
+das Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Ihr seid mein Oheim. Ich bin
+Eure Nichte, die Mutter ist vor einer Woche gestorben, ihr letzter Gruß
+galt Euch.«
+
+Da trat Mutter Else herbei, streichelte dem Kinde die Wangen und sprach:
+»Sei uns herzlich willkommen, armes Kind, du bleibst von nun an bei uns.
+Wir wollen dich hegen und pflegen und lieben als unser eigenes Kind.«
+Christoph gab dem Kinde treuherzig die Hand und sprach: »Gott segne dich.«
+
+Nun mußte Susi -- so war ihr Name -- in die Hütte eintreten, daß sie sich
+ausruhe und erfrische. Else bereitete ihr ein Lager von Heu und Blättern
+und auf ihrem ärmlichen Lager ruhte Suschen so süß wie auf weichem Flaum
+und liebliche Träume umgaukelten sie während der Nacht.
+
+Seit Susis Ankunft war es im Hause lebhafter geworden. Frühmorgens schon
+sang sie mit silberheller Stimme ihre Lieder und begleitete sie am Abend
+mit der Zither, fröhliche Geschichten erzählte sie dem Oheim, so daß ihm
+zuweilen ein Lächeln ankam; aber Mutter Else blieb still und gedrückt. Sie
+sann immer darüber nach, wie sie dem Mädchen Kleidungsstücke und ein
+besseres Lager schaffen könnte, zumal der Winter im Anzuge war. Doch das
+gute Mütterchen fand trotz allen Grübelns keinen Ausweg.
+
+So war sie denn eines Morgens in den Wald gegangen, um dürres Holz zum
+Feuermachen zu sammeln, als sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich
+vernahm. Es war ein Kräutersammler, welcher einen Kasten mit Salben und
+Kräutern für Kranke auf der Schulter trug. Er grüßte Else und bot ihr seine
+Waren an.
+
+»Ach,« erwiderte diese, »das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt Ihr gewiß
+nicht in Eurem Kasten. Mein Mann ist schon jahrelang von der Gicht geplagt;
+ich würde für das Kraut, das ihm helfen könnte, mein liebstes Andenken,
+eine große Silbermünze, die mir mein Pate zur Einsegnung schenkte, mit
+Freuden daran geben.«
+
+Der Fremde ging mit ihr zur Hütte. Dort hatte Susi schon fleißig
+gewirtschaftet, das Bett des Kranken gemacht, die Stube gefegt und die
+Fenster geöffnet. Der Kräutermann verwandte kein Auge von dem schmucken,
+flinken Mädchen.
+
+»Ist das Eure Tochter?« fragte er Else.
+
+»Nein, lieber Herr,« antwortete diese, »sie ist meiner Schwägerin Kind aus
+dem Böhmerlande, eine Waise, und erst seit kurzer Zeit bei uns.«
+
+Nun wandte sich der Kräutermann dem Kranken zu, fragte nach der Art seines
+Leidens und nahm aus seiner Kräuterbüchse einen Büschel grünen, stark
+riechenden Krautes. Das mußte Else kochen und mit dem Wasser die lahmen
+Glieder des Kranken waschen. Eine Bezahlung wies der freundliche Mann
+zurück und erklärte, er wolle nur ein Stündchen in der Hütte ausruhen.
+
+Inzwischen war Susi mit ihren Morgenarbeiten fertig geworden und fragte die
+Base, was sie nun schaffen solle.
+
+»Kannst du spinnen, mein Kind?« erwiderte diese. Susi schüttelte den Kopf.
+
+»Nun, so will ich es dich lehren. Siehe, mit der einen Hand ziehe ich den
+Faden, während die andere die Spindel dreht.«
+
+Der Fremde aber trat dazwischen und sprach: »Ich habe ein neues Spinngerät
+zu Hause. Damit geht's weit flinker und geschickter, ich will es holen und
+wette, daß Susi in kürzerer Zeit ihre Weife bezieht als Ihr, Mutter Else.«
+
+Schon wenige Stunden später kam der Kräutermann mit einem Spinnrade zurück,
+dessen Gebrauch den alten Köhlersleuten noch ganz unbekannt war. Es war ein
+zierlich gedrechseltes Gerät, oben stak auf dem Wockenstock ein Bündel
+Flachs, welches von einem Wockenbrief gehalten wurde, auf welchem ein
+sinniger Spruch stand. Flink drehte der Fremde das Rädchen, daß es summte
+und brummte, und Susi sah aufmerksam zu, wie er mit den Füßen trat, den
+Faden zog, befeuchtete, bis sich die Spindel mit Garn füllte.
+
+»Das Spinnrad schenke ich dir, Susi,« sagte der Kräutermann, »du wirst viel
+Freude daran haben und mancher Gewinn wird deine Arbeit lohnen. Auch werde
+ich dir einen Garnhändler zuschicken, der dir deine Arbeit gut bezahlt.«
+
+Nun spann das fröhliche Mädchen vom Morgen bis zum Abend, sang lustige
+Liedchen dazu und drehte das Rädchen so flink, daß Oheim und Base ihre
+helle Freude daran hatten. Der fremde Garnhändler kam jeden Sonnabend, um
+das Gespinst zu kaufen. Er lobte die feine, gleichmäßige Arbeit und zahlte
+reichlichen Lohn.
+
+Auch mit dem kranken Christoph wurde es von Tag zu Tag besser, bald wurden
+die Glieder wieder gesund und kräftig und im nächsten Frühjahr hatte er
+seine völlige Gesundheit wiedererlangt.
+
+Da versuchte er es, ein Spinnrad zu schnitzen, wie es Susi in Gebrauch
+hatte und siehe da! In wenigen Tagen war das Werk gelungen und Else konnte
+nun mit Susi um die Wette spinnen. Christophs Kunst wurde im Dorfe bekannt
+und in kurzer Zeit wollten die Frauen nur noch mit der »neuen Erfindung«,
+wie sie die Spinnräder nannten, spinnen. Durch die Anfertigung der Räder
+verdiente Christoph so viel Geld, daß schon ein gewisser Wohlstand in die
+arme kleine Hütte einkehrte.
+
+Der Gedanke, daß ihr liebes Pflegekind noch immer auf Stroh und Heu
+schlafen müsse, beunruhigte Mutter Else indessen so, daß sie beschloß, auf
+dem Jahrmarkt in der Stadt ein Federbett zu kaufen. Bald hatte sie eins
+gefunden, das ihr gefiel, aber die kleine Summe, die sie dafür bestimmt
+hatte, reichte nicht aus, so daß sie von dem Kaufe Abstand nehmen mußte.
+
+Gar traurig ging sie von dannen. Plötzlich stand der gute Kräutermann vor
+ihr, überrascht erfaßte sie seine Hand, erzählte ihm, daß ihr Mann gesund
+geworden sei und dankte ihm für seine Hilfe. Der Fremde aber antwortete
+nicht, sondern drückte ihr ein Geldstück in die Hand, welches so viel galt,
+daß sie das Federbett als Eigentum erwerben konnte.
+
+Mit fröhlichem Herzen kaufte die gute Else noch mancherlei Gerätschaften
+und Bedürfnisse für den Haushalt ein und trug alle in ihre Herberge, von
+welcher aus ein junger Bauer aus ihrem Dorfe sie und ihre Einkäufe auf
+seinem Wagen nach Hause fuhr. Am offenen Fenster saß Susi, drehte ihr
+flinkes Rädchen und sang ein munteres Liedchen, als der junge Bauer vor dem
+Häuschen hielt. Verwundert hörte er dem Gesange der fleißigen Spinnerin zu.
+Als sie die Base bemerkte, sprang sie fröhlich aus dem Hause und schickte
+sich an, das Bett in das Haus zu tragen.
+
+Da ging dem jungen Landmann der Gedanke auf, wie glücklich er sein würde,
+wenn einmal das liebevolle, muntere und fleißige Mädchen sein Weib würde.
+Dem Gedanken folgte die Tat. Eines Sonntags kehrte er im Feiertagsgewand in
+der Hütte des alten Christoph ein und bat ihn und sein Weib um die Hand
+Susis. Er war ein guter, ordentlicher Bursche und darum erhielt er ihre
+freudige Zustimmung. Susi knüpfte an ihr Jawort nur die eine Bedingung, daß
+ihre lieben Pflegeeltern mit ihr zogen, um in ihrem neuen Heim einen
+sorgenfreien Lebensabend zu verbringen. Darin willigte der junge Bauer mit
+Freuden und die Hochzeit ward auf das Osterfest festgesetzt.
+
+Nur ein Gedanke trübte Susis Freude über ihr Glück; sie brachte keinen
+Heller Geld, kein Heiratsgut, ja nicht einmal eine Webe Leinwand in die
+neue Wirtschaft ein. Alles, was sie durch Spinnen verdient hatte, war für
+die leibliche Pflege der alten Leute aufgewandt worden.
+
+So saß sie eines Tages in Nachdenken versunken am Fenster, als es leise an
+die Scheiben pochte und draußen der Garnhändler stand, welcher ihr
+freundlich zunickte. Eben wollte sie ihn einladen, einzutreten und mit ihr
+die künftige Wirtschaft im Dorfe zu besichtigen, da war er verschwunden.
+
+Draußen aber im Hausflur lagen sechs Ballen feiner Leinwand und obenauf ein
+Zettel, worauf geschrieben stand: »Der fleißigen Susi zum Brautschatz.«
+Unter Lachen und Weinen zugleich zeigte Susi den Pflegeeltern das reiche
+Hochzeitsgeschenk des Garnhändlers. Vor Freude fiel sie ihnen um den Hals
+und jubelte wie ein Kind.
+
+So war der Hochzeitstag herangekommen. Es war ein lieblicher, sonniger
+Ostertag. Wie die Erde draußen im sonnigen, jungfräulichen Frühlingskleide
+prangte, so anmutig und überraschend lieblich war die Erscheinung der
+jugendlichen Braut. Auf ihrem kunstvoll geflochtenen Haar lag ein blühender
+Myrtenkranz, zur Seite ging der stattliche Bräutigam und ein stilles
+Wohlgefallen ging über seine Züge, wenn er auf seine liebliche Braut
+herabsah.
+
+Als die Trauung vorüber war und das Paar seinen Weg rückwärts nahm, da
+stand plötzlich der alte gute Kräutermann vor ihnen und reichte Susi einen
+frischen, blühenden Strauß, indem er sprach: »Die schönsten Tugenden eines
+Weibes sind Fleiß, Gottvertrauen und Demut. Sie sind köstlicher und
+wertvoller als alle Schätze der Welt. Sie bilden die beste Aussteuer, die
+du deinem Mann in dein neues Heim einbringen kannst. So lange du dir die
+Beobachtung dieser Tugenden angelegen sein lässest, wird dieser Strauß nie
+welken und dein Glück wird stets vollkommen sein.« --
+
+Nach diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutermannes in Luft und
+»Rübezahl« erscholl es durch die Reihen der Hochzeitsleute. Denn der
+Berggeist war es gewesen, der in wechselnden Gestalten Kummer und Sorgen
+armer Menschen in Glück und Freude verwandelt hatte.
+
+
+
+
+9. Der geizige Bäcker.
+
+
+Noch mehr als den Hochmut haßte Rübezahl den Geiz. Denn der Hochmut ist
+vielfach erst die Folge des Geizes, wie denn das Schriftwort zu allen
+Zeiten recht behalten wird: »Der Geiz ist eine Wurzel alles Übels.«
+
+In der Stadt Hirschberg lebte ein reicher Bäcker. Bei der Bürgerschaft
+stand er in hohem Ansehen und mancherlei Ämter der Stadt vereinigte er in
+seiner Person. Bei den Beratungen der Stadtbehörde gab seine Stimme oft den
+Ausschlag, und wenn er im Ratskeller an dem großen, runden Bürgertische
+saß, dann führte er das große Wort. Aber an seinem Gelde hing sein ganzes
+Herz; es war ihm gleichgültig, wenn die Handwerker, welche für ihn
+arbeiteten, oft empört auf ihn schalten, wenn er ihnen Abzüge von ihrem
+Tagelohn machte. Zum Heizen seines Backofens gebrauchte er viel Holz,
+welches die Bauern aus den benachbarten Dörfern lieferten. Von diesen
+suchte er sich immer die ärmsten aus, machte ihnen einige Vorschüsse und
+forderte dann das Geld zurück. Konnten sie dann nicht zahlen, dann stellte
+er den Preis für das Holz möglichst niedrig und schädigte so die armen
+Leute mit solch schändlichem Handel.
+
+Einst brachte ihm ein Bauer ein Fuder Holz, das er bei ihm bestellt hatte.
+Es wurde im Hof abgeladen und der Bäcker zog ihm, wie das oft geschah,
+einen Taler ab.
+
+»Lieber Herr,« bat da der arme Bauer, »zieht mir diesmal nichts ab. Der
+Holzhandel bringt heuer so wenig ein. Ich bin arm und jeder Groschen ist zu
+Ausgaben bestimmt. Meine Gläubiger warten schon auf die Zinsen und ich kann
+den Verlust unmöglich tragen.«
+
+Was tat der Geizhals? In aller Ruhe erklärte er dem Bauer, er möge sein
+Holz auf dem Hofe aufladen und wieder nach Hause fahren. Was tun? Ging der
+Bauer darauf ein, dann hatten er und die Pferde einen Tag Arbeit verloren,
+auch brauchte er das Geld zur Zinszahlung, deren Termin nahe bevorstand. So
+blieb ihm nichts anderes übrig, als sich den Abzug gefallen zu lassen.
+Traurig fuhr er aus der Stadt zurück. Unterwegs holte er einen
+Handwerksburschen ein, der ermüdet seines Weges zog. Er ließ ihn aufsitzen
+und nun hatte er jemand gefunden, dem er seinen Ärger erzählen konnte. Der
+Handwerksbursche war kein anderer als der Berggeist. Aufmerksam hörte er
+die Geschichte an und beschloß in seinem Innern, dem herzlosen Geizkragen
+einen gründlichen Denkzettel zu verabfolgen. »Wenn er nur einmal in mein
+Gehege käme,« dachte er bei sich, »ich wollte ihm schon beikommen, daß er
+Zeit seines Lebens daran denken sollte.« Bald darauf stieg der Fremde ab,
+dankte dem Bauer und schenkte ihm einen Taler.
+
+Am andern Morgen saß unser Bäcker behaglich in seinem Polsterstuhl, rauchte
+sein Pfeifchen und blickte zufrieden und behäbig durch die Fensterscheiben
+auf das geschäftige Treiben des Marktes. Da klopfte es an die Tür und auf
+sein »Herein« erschien ein großer, kräftiger Mann vor ihm und sagte:
+
+»Ich habe gehört, Ihr habt Holz, das klein gehackt werden soll. Ich biete
+Euch meine Dienste an. Zwar bin ich kein Holzhacker, der sein Handwerk
+geschäftsmäßig betreibt, sondern ein Bürger aus Schweidnitz. Mir liegt
+nicht am Geldverdienen, sondern daran, daß mir das Holzhacken meine
+Gesundheit wiederbringen soll. Ich leide an der Leber und der Arzt hat mir
+tüchtige Bewegung verordnet. Ich will kein Geld für die Arbeit von Euch,
+wenn Ihr mir erlaubt, so viel gespaltenes Holz mit heimzunehmen, als ich in
+einer Hocke forttragen kann.«
+
+»Das muß ein närrischer Kauz sein,« dachte der Bäcker im stillen und freute
+sich schon, solch billigen Kaufs davonzukommen. Großmütig lud er den
+Fremden ein, mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Dieser bewunderte die
+Ausschmückung der Stube und war besonders voller Erstaunens über die
+prächtige Decke.
+
+»Dazu habt Ihr gewiß einen auswärtigen Maler kommen lassen, Meister,«
+meinte er, was der Bäcker schmunzelnd bejahte. Dabei schlug er auf seine
+geldgeschwollene Tasche, daß die Silber- und Goldmünzen darin Polka
+tanzten.
+
+Am andern Morgen versprach der angebliche Schweidnitzer Bürger seine Arbeit
+zu beginnen.
+
+Der Meister lag noch in den Federn, da hörte er es schon im Hofe klappern
+und krachen, splittern und sausen, daß er erschreckt seinen Schlafrock
+anzog und in den Hof ging, um zu sehen, was der Mann denn mit seinem Getöse
+treibe. Ein solches Krachen und Dröhnen hatte er bei den andern Holzhackern
+noch nicht vernommen. Aber mit weit offenem Munde blieb er in der Hoftür
+stehen und sah mit Entsetzen, wie der Holzmacher sein linkes Bein aus der
+Hüfte gezogen hatte und damit auf die Scheite einhackte, daß die Späne nur
+so flogen und sich ein Donnern und Poltern erhob, daß das ganze Haus in
+allen Fugen krachte.
+
+Dem Bäcker wurde es angst und bange und er rief dem Fremden zu, er möge
+doch aufhören und sich fortscheren. Der aber tat, als hörte er es nicht und
+hieb immer unbarmherzig darauf los und ehe eine Viertelstunde verging, war
+das ganze Holz gespalten. Dann steckte er sein Bein wieder in die Hüfte,
+als ob nichts geschehen wäre, und begann alles gespaltene Holz
+zusammenzulesen und zu einer ungeheuren Hocke aufzuhäufen. Diese umschnürte
+er mit einem langen Seil, hob sie wie einen Spielball auf den Rücken und
+ging gleichgültig grüßend zum Tore hinaus.
+
+Da stand nun der dicke Bäcker und schrie Angst und Wehe, ballte die Faust
+und stieß laute Verwünschungen hinter dem Abziehenden aus. Dieser
+Denkzettel hatte aber bei ihm gefruchtet. Er war seit jener Zeit wie
+umgewandelt, wurde mildherziger und entzog niemand mehr den verdienten
+Lohn. Zeigte sich aber hin und wieder einmal die alte Neigung, so mußte er
+stets an den merkwürdigen Holzhacker denken. Denn es war in ihm längst die
+Ahnung aufgegangen, daß ihm kein anderer als Rübezahl den Streich gespielt
+habe.
+
+Dieser aber hatte seine Hocke vor dem Hause des armen Bauern abgesetzt, der
+höchst erstaunt war, als er plötzlich den Holzhaufen und noch dazu in
+zerkleinertem Zustande wiedersah. So hatte er sein Geld und Holz wieder. Er
+konnte sich auf lange Zeit eine warme Stube machen und seine Suppe dabei
+kochen; ja er gab sogar seinem armen Nachbarn noch einen Teil von dem
+reichlichen Holzvorrat.
+
+
+
+
+10. Das sonderbare Wirtshaus.
+
+
+Auf der Straße durch das Gebirge zogen drei muntere Studenten. Aus voller
+Kehle und frischer Brust ließen sie das alte Studentenlied erschallen:
+
+ Ich lobe mir das Burschenleben,
+ Ein jeder lobt sich seinen Stand,
+ Der Freiheit hab' ich mich ergeben,
+ Sie bleibt mein bestes Unterpfand.
+ Studenten sind fidele Brüder,
+ Kein Unfall schlägt sie ganz danieder. --
+
+»Was Unfall,« meinte der eine, »was könnte uns wohl passieren; uns gehört
+die Welt und wenn der Beutel auch in unserer alten Musenstadt Prag ein
+wenig schmal geworden ist, was verschlägt's? Sind wir erst über das Gebirge
+gelangt, dann lacht uns die Heimat entgegen und in den Ferien gibt's wieder
+Geld in Vaters Haus.«
+
+»Nun, so weit sind wir aber noch lange nicht,« meinte der zweite, ein
+hochgewachsener, blonder Jüngling, »der Weg über das Gebirge wird uns sauer
+werden, zumal meines Wissens kein Wirtshaus uns zur Erholung und Einkehr
+einlädt, wie uns in der letzten Herberge versichert wurde.«
+
+»Das hat,« so nahm Philipp, der dritte der Studenten, welcher in Prag
+Rechtswissenschaft studierte, das Wort, »darin seinen Grund, daß der Herr
+des Gebirges, Rübezahl, die Errichtung eines Wirtshauses auf seinem Gebiet
+verbietet.«
+
+»Tor,« erwiderte Hans, der erste der drei, »glaubst wohl noch an Spuken.
+Das sind Kindermärchen, die man sich in den Spinnstuben erzählt. Geh zu den
+alten Großmüttern und erzähle ihnen das, aber uns verschone mit solchem
+albernen Geschwätz.«
+
+»Gemach,« warf Philipp ein, »lieber Freund. Weißt du nicht, daß vor vier
+Jahren, also im Jahre 1607, auf dem Markte unserer Stadt vom Büchermann ein
+Buch feilgeboten wurde, das von einem gelehrten Manne, namens
+Schwenckfeldt, verfaßt war und reißenden Absatz fand? Es führt den Titel
+>Hirschbergischen Warmen Bades in Schlesien unter dem Riesengebirge
+gelegenen kurtze und einfältige Beschreibung<. Darin habe ich mancherlei
+vom Rübezahl gelesen --«
+
+»Was nicht wahr ist« -- fiel ihm Georg, der blonde Jüngling, ins Wort --
+»denn Schwenckfeldt behauptet nirgends, daß er selbst den >Ribenzahl< oder
+>Ribinzagel<, wie er ihn nennt, gesehen hat. Er gibt nur die Erzählungen
+des Volkes wieder.«
+
+»Mir wär's schon recht, daß es einen Rübezahl gäbe,« brach Hans das
+Gespräch ab, »wenn nur der alte Knabe schnell für uns hier oben ein
+Wirtshaus baute, denn es ist ein wahres Elend, hier unter den Strahlen der
+glühendsten Sonnenhitze einherstapfen zu müssen, ohne einen Trank oder
+einen Imbiß zu finden. Mir ist unbegreiflich, daß sich hier kein Wirt
+anbaut; er würde bei dem lebhaften Wanderverkehr sicherlich sein Geschäft
+machen.«
+
+»Weil,« sagte Philipp, »wie ich bereits erwähnte, die Leute Furcht vor dem
+Herrn des Gebirges haben.«
+
+»Nun höre mir aber endlich mit dem Popanz, dem Rübezahl, auf, lieber
+Freund,« rief Hans ärgerlich.
+
+»Na -- wer sagt's denn,« jubelte da plötzlich Georg auf, »dort steht ja das
+ersehnte Wirtshaus!«
+
+Die beiden andern Studenten trauten kaum ihren Augen, denn vor ihnen lag in
+der Tat ein stattliches Gebäude, aus dessen Schornstein der Rauch über die
+Tannen wirbelte. Vor dem Hause war ein Blumengarten angelegt, in welchem
+Rosen, Nelken, Rittersporn, Astern und Sonnenblumen blühten, und eine
+Kegelbahn lud zum Kegelspiel ein. Vor dem Hause stand der behäbige Wirt mit
+kurzem Rock, kurzen, schwarzen Samthosen, roten Strümpfen und glänzenden
+Schuhen. Ehrerbietig zog er sein Käppchen, verneigte sich vor den Studenten
+und erklärte ihnen, daß es ihm eine besondere Ehre sein würde, die
+Herrschaften in seinem bescheidenen Gasthof bewirten zu dürfen. Er würde
+alles aufbieten, um ihren Ansprüchen in jeder Weise gerecht zu werden.
+
+»Nun, allzu lang wird Euer Speisezettel wohl nicht sein,« meinte Hans, den
+die Anrede des Wirtes ein wenig übermütig gemacht hatte.
+
+»Befehlt nur, ihr Herren,« erwiderte der Wirt, »was Küche und Keller
+bieten, soll euch werden.«
+
+»Wohlan,« sagte Hans, »so bringt uns drei gebratene Feldhühner in
+Savoyerkohl, eine Schüssel schöngesottener Krebse und dazu eine Flasche des
+ältesten Landweins, je älter desto besser.«
+
+Hierauf traten die Studenten ins Herrenstübchen ein, legten ihr Ränzel ab
+und machten sich's bequem, während der Wirt in Küche und Keller eilte, das
+Bestellte zu besorgen.
+
+Nach Verlauf einer Viertelstunde kehrte er zurück, deckte den Tisch mit
+einem kostbaren Tischtuch, legte silberne Bestecke auf und tat so, als ob
+er fürstliche Herrschaften zu bedienen habe. Während er alles ordnete,
+meinte er: »Es hält jetzt schwer, Feldhühner zu bekommen und auch von den
+Krebsen bringe ich heute die ersten auf den Tisch. Aber für gutes Geld wird
+alles geschafft.« Er tat gar nicht, als ob er die Verlegenheit der jungen
+Herren bemerkte, sondern brachte außer dem Landwein noch eine Flasche
+Tokaier.
+
+Philipp wurde es unheimlich; ihm stieg eine Ahnung auf, daß das Wirtshaus
+ein bezaubertes und der Wirt kein anderer sei als Rübezahl.
+
+Als dieser auf einige Zeit das Zimmer verließ, teilte er seine
+Befürchtungen seinen Kommilitonen mit. Diese aber lachten ihn aus, der Wein
+machte ihre Zunge immer geläufiger und ihr Herz mutiger. Hans rief den Wirt
+und forderte ihn auf, für sich ein Glas mitzubringen, um mit ihnen anstoßen
+zu können. Das geschah und Georg erhob sein Glas und sprach: »Ich will eine
+Gesundheit ausbringen. Daß wir hier auf einsamer Höhe mit Speise und Trank
+so vortrefflich erquickt wurden, verdanken wir gewiß dem Herrn des Berges,
+er lebe hoch, hoch, hoch!« Der Wirt stieß mit den Studenten an. Aber sofort
+saß Georg wieder der Schalk im Nacken und er rief noch einmal: »Ja, der
+alte, gute Rübezahl soll leben, hoch!«
+
+Philipp stieß diesmal nicht mit seinen Gefährten an und auch der Wirt zog
+seine Stirne kraus, machte eine gar ernste Miene, stellte sein Glas auf den
+Tisch und sagte: »Wie Euer Genosse, so habe ich wohl auf die Gesundheit des
+Herrn vom Berge angestoßen, nicht aber in das Hoch auf Rübezahl
+eingestimmt, wie er auch tat, und zwar mit Recht. Ihr nennt ihn bei seinem
+Spottnamen, auf diesen stoße ich nicht an, denn ich weiß, daß er sich an
+denen rächt, die ihn damit an jene traurige Geschichte erinnern. Euer
+Genosse scheint auch darum zu wissen.«
+
+Lautes Gelächter war die Antwort der beiden angeheiterten Studenten auf die
+Mahnung des Wirtes.
+
+»Nun, Philipp,« meinte Hans, »da hast du ja einen Gesinnungsgenossen
+gefunden, zu glauben, jenen Ammenmärchen von einem neckenden Kobold, der
+auf dem Riesengebirge sein Unwesen treiben soll. Ich wünschte nichts
+sehnlicher, als ihm in höchsteigener Person zu begegnen. Das wird aber nie
+der Fall sein, weil es eben keinen Rübezahl gibt. Wir, mein lieber Herr
+Wirt, von der hohen Schule atmen eine freie Luft und belächeln jene
+Torheiten, die sich nur im Aberglauben des Volkes finden.«
+
+Der Wirt wollte antworten, aber es kam ihm ein besserer Gedanke in den Kopf
+und er trat vor die Studenten mit der freundlichen Aufforderung: »Wollen
+die Herren nicht vielleicht sich ein wenig im Freien Bewegung machen und
+einen Stamm kegeln? Den Kegeljungen will ich selbst machen.«
+
+Der Vorschlag fand freudige Zustimmung. Hans und Georg begannen zu
+schieben, aber merkwürdig: entweder kam ein »Sandhase« heraus, d. h. die
+Kugel ging an den Kegeln vorbei, oder sie trafen eine »Methode«, d. h. die
+zwei Gassenkegel. Besseren Erfolg hatte Philipp. Er warf dreimal
+hintereinander acht um den König, was für den besten Wurf galt. Ärgerlich
+brachen Hans und Georg das Spiel ab.
+
+Nun kam aber das Schlimmste, das Zahlen. Verlegen fragte Hans nach der
+Schuld. Der Wirt rechnete nach, dann sprach er zu Philipp:
+
+»Von Euch, junger Herr, nehme ich nichts. Ihr habt Euch frei gekegelt, da
+Ihr dreimal den König allein habt stehen lassen. Die Zeche der anderen
+Herren beträgt vier Taler, zwei Taler auf jeden.«
+
+Da wurde die Barschaft noch einmal überrechnet und die beiden Studenten
+brachten gerade noch die geforderte Summe zusammen.
+
+Als es zum Abschied ging, überreichte der höfliche Wirt Georg und Hans ein
+Päckchen und meinte: »Bis zum nächsten Gasthause ist's noch weit, darum
+habe ich den Herren einen kleinen Imbiß für den Weg eingewickelt. Euch
+aber, junger Herr, schenke ich, da Ihr so vortrefflich gekegelt habt, den
+Kegelkönig.«
+
+Dankend steckte Philipp den Kegel in die Tasche und die drei Burschen zogen
+weiter ihres Wegs. Unterwegs mußte Philipp noch manchen Spott seiner
+Kameraden hinnehmen, daß der Wirt ihm einen Kegel zur Zehrung auf den Weg
+gegeben habe.
+
+»Laßt's gut sein,« meinte er, »ich habe so meine Gedanken über das Geschenk
+und will es tragen als Andenken an unser Abenteuer im Gebirge.«
+
+»Der hat den Rübezahl immer noch im Kopf,« höhnte Hans. »Wir wollen uns
+lieber in das Gras setzen und unser Vesperbrot verzehren. Du, Philipp,
+magst ein Stück vom Kopfe deines Kegelkönigs abbeißen.« Als sie aber ihre
+Päckchen öffnen wollten, sprang aus dem einen ein Frosch, aus dem andern
+eine Eidechse heraus, so daß sie entsetzt zurückfuhren. So zogen sie
+hungrig weiter und jeglicher Spott und Zweifel an dem Dasein des
+Berggeistes verstummte. Philipps Kegel wurde immer schwerer und schwerer,
+er zog ihn aus seiner Tasche, sieh! da leuchtete er wunderbar im
+Mondschein. Er sah ihn näher an -- der Kegel war lauteres Gold, darum war
+er auch so schwer. Philipp verkaufte den Kegel, konnte nun ohne Not seine
+Studien vollenden und ist ein gelehrter Mann geworden.
+
+
+
+
+11. Der Hexenstab.
+
+
+Wer einmal jetzt im Riesengebirge reist, findet fast bei jedem
+bemerkenswerten Punkte auf den Bergen und in den Tälern, besonders wo
+gastliche Häuser den Wanderern zur Erholung und Erfrischung einladen,
+Verkaufsstände, welche Andenken an das Gebirge feilhalten. In großer
+Auswahl auf Bechern, Tassen, Karten, Bildern, Pfeifen und anderen Dingen
+wird besonders auch Rübezahls gedacht. Man findet da manche seiner
+Geschichten abgebildet und auf mancherlei Art seine äußere Erscheinung
+dargestellt. Mit Vorliebe kaufen die Reisenden lange Bergstöcke mit einer
+tüchtigen Spitze daran, die ihnen das Gehen erleichtern. Auf vielen steht
+der Name »Rübezahl« und man nennt sie deshalb »Rübezahlstöcke«. Diese
+Bezeichnung ist aber keine willkürliche, sondern steht im Zusammenhange mit
+vielen Rübezahlmärchen, in welchen Wanderstäbe eine gewisse Rolle spielen.
+Eins der schönsten will ich euch erzählen.
+
+In den Zeiten, wo die meisten unserer Geschichten spielen, gab es noch
+keine Briefträger, welche Briefe und Pakete aus der Stadt auf das Land
+trugen. Da hielt jedes Dorf seinen Botenmann, welcher in gewissen
+Zeiträumen den Verkehr zwischen Dorf und Stadt vermittelte. Als solcher war
+auch der alte Leopold aus Schreiberhau weit und breit im Gebirge bekannt.
+Es wurde ihm nicht leicht, jahraus, jahrein bei Wind und Wetter unter der
+Last des Gepäckes die gebirgigen Pfade zu gehen, aber die Herrschaften der
+Rittersitze und die Kaufleute in der Stadt bezahlten ihm seine Mühe so gut,
+daß er hätte zufrieden sein können. Aber das Pflänzlein Zufriedenheit ist
+rar und auch von Leopold konnte man sagen: »Je mehr er hat, je mehr er
+will.«
+
+Einst hatte er sich um die Mittagszeit in einer Baude niedergelassen und
+war vor Ermüdung eingenickt. Da erschien ihm Rübezahl im Traume und führte
+ihn zu seiner großen Braupfanne im Gestein, wo Gold- und Silberstücke ihm
+entgegenfunkelten. Eben wollte er auf des Berggeists Geheiß zugreifen, da
+war der Traum zu Ende -- und das Glück verflogen.
+
+»Rübezahl, Schabernacker,« rief er ärgerlich aus, »kannst du mir nicht
+einmal helfen, damit ich Ruhe habe und meine letzten Lebenstage nicht in
+Unruhe und den Beschwerden meiner Botenwege verbringen muß!« Damit ergriff
+er seinen langen Botenstock und verließ mürrisch die Baude.
+
+Keine zwanzig Schritte war er gegangen, als ihm sein Stock entglitt, gerade
+als er über einen kleinen Bach sich schwingen wollte. Da lag er, so lang er
+war, und es war ein Glück, daß er nicht in den Bach gefallen war. Sein Fall
+machte ihn noch verdrießlicher und unmutiger. Da flog ein Raubvogel vor ihm
+auf und als er ihm nachsah, stieß sein Fuß an einen Stein, sein Stab geriet
+ihm zwischen die Füße -- und pardauz! da machte er wieder mit dem Erdboden
+Bekanntschaft. Schließlich geriet er am Bergesabhang durch Abgleiten so ins
+Straucheln, daß er mit dem Kinn auf einen Stein aufschlug und ihm Wange und
+Lippen bluteten. Da nahm er wütend seinen Stab, der ein Stück abwärts
+gerollt war, und versuchte ihn am Felsen zu zerschmettern.
+
+Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies
+geschehen, so ging's auch flott durch die Luft über die Wipfel der Bäume
+hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind.
+
+Leopold meinte, er sei der wilde Jäger geworden, welcher zur Strafe durch
+die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa über Land und Meer
+dahinrasen muß; schauerlich gähnten die Abgründe unter ihm und von Minute
+zu Minute glaubte er abzustürzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als
+sich aber seine Befürchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger,
+ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Pläne, wie
+vorteilhaft sich für die Zukunft auf diesem Wege seine Botengänge gestalten
+würden.
+
+Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab plötzlich die Richtung auf die Stadt
+Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Roß und Reiter vom Himmel
+herab mitten zwischen die Buden, Käufer und Verkäufer zur Erde
+herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die
+Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche
+Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein
+Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und
+brachten ihn in sicheren Gewahrsam.
+
+Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als
+Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da
+geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den
+Hexenstab übergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob,
+durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn über die Häuser
+der Stadt entführte. Da gab's eine große Aufregung unter den biederen
+Bürgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den
+Wolken schwebte -- aber sieh da! -- kurze Zeit später setzte der Hexenstab
+seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab.
+
+Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes
+gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzählt hatte, da ließ ihn das
+Gericht frei. Das Volk aber jubelte fröhlich und ausgelassen auf den
+Straßen: »Ein Schelmenstreich von Rübezahl! Es lebe der Berggeist!« Mit den
+Schmiedebergern hat's auch Rübezahl immer gehalten, weil sie seine Macht
+fürchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten.
+
+Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn
+sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen.
+
+
+
+
+12. Der arme Weberlieb.
+
+
+Der Winter schien in diesem Jahre kein Ende zu nehmen. Wochenlang lag eine
+dichte Schneedecke auf der Erde und zwischen den Dörfern des Riesengebirges
+hörte jeglicher Verkehr auf. Da ging für die Weberfamilien eine große Not
+an und Entbehrung und Armut waren die beständigen Gäste des Hauses. Diese
+Notlage der Weber benutzten gewissenlose Kaufleute in den Städten, indem
+sie ihnen für die gelieferte Leinwand geringeren Lohn boten. Sie wußten
+genau, daß die armen Leute unter allen Umständen Geld brauchten und
+brachten so die Waren für einen Spottpreis an sich.
+
+»'s fast zum Verzweifeln,« so sprach eines Abends der Webergottfried zu
+seinem Weibe, »erst muß man in Schnee und Kälte den jetzt so gefahrvollen
+Weg zur Stadt machen und dann erhält man einen Hungerlohn, der kaum uns
+beide sättigen kann, während doch noch acht Kinder wie die Orgelpfeifen um
+den Tisch stehen und sehnsüchtig nach der spärlichen Mahlzeit ausschauen.«
+
+»Das wird ein trauriges Weihnachtsfest werden,« versetzte seufzend die
+Frau, »Gott gebe nur, daß die Krankheit, welche in einigen Häusern
+eingekehrt ist, nicht ansteckend ist und über alle Familien kommt.«
+
+Keinem gingen die Sorgen der Eltern mehr zu Herzen als dem ältesten Sohn,
+dem Gottlieb, oder wie er im Dorfe von andern Trägern seines Namens
+unterschieden wurde, dem Weberlieb. Das war ein braver, munterer Junge mit
+einem Herzen voll Mitleid, der sein Stückchen Brot mit dem armen Manne
+teilte, der hungrig und elend sich durchs Dorf schlich. Den Eltern ging er
+unermüdlich zur Hand. Im Sommer suchte er im Walde Beeren und Pilze, im
+Winter trug er trockenes Holz für den Ofen aus dem Walde herzu oder
+verdiente sich ein paar Pfennige durch kleine Botenwege. Aber wie sollte er
+nun bei diesem strengen, eiskalten Winter Arbeit sich verschaffen?
+
+Weihnachten stand vor der Tür, aber im Dorfe sah es nicht weihnachtlich
+aus, denn wo die Armut wohnt, muß die Festfreude weichen. Dazu kam, daß die
+Krankheit sich als die rote Ruhr entwickelt hatte, wohl als Folge des
+Genusses von unnatürlicher Nahrung. Da standen die Webstühle still und fast
+in jedem Hause lag ein Kranker.
+
+Auch den Weberfriedel hatte die Krankheit aufs Lager geworfen und eine
+entsetzliche Not herrschte im Hause. Hungernd und frierend saßen die Kinder
+um den Ofen herum. Das jammerte unsern Gottlieb so sehr, daß er vor seine
+Mutter trat und sprach:
+
+»Hat nicht der Vater noch fertige Leinwand übrig, Mutter, welche wir
+verkaufen könnten?«
+
+»Freilich, Lieb,« entgegnete diese, »dann hätten wir wohl auf einige Zeit
+Brot, aber wer will denn die schwere Webe vier Stunden weit über das
+verschneite Gebirge in die Stadt tragen?«
+
+Gottlieb war sogleich bereit.
+
+»Das geht nicht an,« antwortete die Mutter, »du bist schwach und
+ausgehungert, Zehrung kann ich dir nicht auf den Weg geben und in deinem
+dünnen Röckchen pfeift dir der kalte Wind bis auf die bloße Haut, daß du
+zitterst und bebst.«
+
+»Aber es wird uns allen geholfen, liebe Mutter, laß mich in Gottes Namen
+ziehen.«
+
+Gottlieb band sich ein Tuch über Kopf und Leib, legte den Reisesack mit der
+Leinwand auf die Schulter und sagte seiner Mutter herzlich Lebewohl. Hinaus
+ging's durch den schneidenden Nordwind; oft hatte der Schnee eine Bank über
+den Weg geweht und der Knabe mußte sie Schritt für Schritt durchqueren, oft
+glitt er am Rande mit Schnee bedeckter Gräben aus und sank tief ein, oft
+mußte er sich ermüdet auf einen Stein setzen, um Atem zu schöpfen. Endlich
+nach unsäglicher Mühe und Anstrengung schleppte er sich an sein Ziel und
+kam in das Haus des Kaufmanns. Der kam ihm eben mit einem Reisepelz
+entgegen und wies ihn aus seinem Hause.
+
+»Hat man nicht einmal am Heiligabend Ruhe vor dem Webergesindel. Marsch,
+daß du hinauskommst, ich kann dir deine Leinwand nicht abnehmen,« so
+klang's aus dem Munde des harten Mannes und dem armen Weberlieb liefen die
+Tränen über die Backen.
+
+»Ach, Herr,« flehte der arme Junge, »erbarmt Euch diesmal meines armen
+Vaters, er liegt an der Ruhr krank danieder. Nehmt mir die Leinwand, ich
+muß wieder heim.«
+
+»Was, ansteckende Krankheiten bringt mir die Brut noch ins Haus, hinaus,
+auf der Stelle!« schrie aufs höchste erregt der gefühllose Mann und befahl
+dem Diener, den Jungen hinauszuführen. Dann warf er sich in seinen
+Reisewagen und fuhr fort. Der Diener empfand Mitleid mit dem abgehärmten,
+erschöpften Kinde und reichte ihm ein Stück Brot und ein wenig Wein. Dann
+gab er ihm zwei Groschen, damit er auch für den Vater etwas Brot kaufen
+könne.
+
+Der Wein hatte den Knaben gestärkt und so unternahm er es, die schwere Last
+wieder auf den Rücken zu laden und den mühseligen Rückweg wieder
+anzutreten. Am Abend nahm die Kälte zu, kleine scharfe Eisnadeln trug der
+Wind über den Schnee; sie stachen dem kleinen Gottlieb in die Augen, daß er
+kaum zu sehen vermochte. Da wurden seine Füße matter, seine Kraft erlahmte,
+und stöhnend warf er sich auf einen beschneiten Baumstamm.
+
+»Hier werde ich sterben müssen,« murmelten seine Lippen. Da kam ihm
+plötzlich der Gedanke an die vielen wunderbaren Geschichten, die man sich
+von Rübezahls Freundlichkeit gegen die Kinder erzählte.
+
+Mag er mich umbringen oder mir helfen, ich wage es: »Rübezahl, Rübezahl!
+Hilf du mir, die Menschen haben mich verlassen.« So rief er laut mit
+Aufbietung aller Kräfte hinein in die beschneiten Bäume, Berge und Täler
+und schaurig gab das Echo seinen Ruf zurück.
+
+Im nächsten Augenblick erhob sich ein starker Schneesturm, dem der Knabe
+nicht standhalten konnte, er ward zurückgeworfen und vom Schnee
+überschüttet. Da ward er von einer behaglichen Wärme durchströmt und süße
+Träume gingen durch seine Gedanken. Es war Christabend. In der Dorfkirche
+hielt man Christvesper. Die Kirche war hell erleuchtet, aus den Augen der
+Kinder strahlte lichte Weihnachtsfreude. Der Pfarrer verkündigte der
+atemlos lauschenden Menge die alte liebliche Geschichte von der Geburt des
+Christkindleins auf Bethlehems Flur. Die Gemeinde sang: »Dies ist die
+Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit« und nun war
+Gottlieb an der Reihe, mit seinem hellen Stimmchen allein vor der Gemeinde
+zu singen. So nahm er das lange Wachslicht in die Hand, trat vor das
+Lesepult auf der Orgelbrüstung und begann erst leise, dann kräftiger und
+mutiger:
+
+ O du fröhliche, o du selige,
+ Gnadenbringende Weihnachtszeit.
+ Welt ging verloren,
+ Christ ist geboren,
+ Freue dich, o Christenheit!
+
+In demselben Augenblicke trat aus den Bäumen ein wohlgekleideter,
+freundlich blickender Herr hervor, hüllte den armen Knaben liebevoll in
+seinen Pelz, nahm auch die Webe Leinwand auf und trug ihn eine kurze
+Wegstrecke zu seinem Schlitten.
+
+In einem hellerleuchteten Schloß angelangt, rief er seine Diener. Diese
+nahmen ihm die Last ab, trugen den Knaben auf seinen Befehl in ein Bett und
+legten ihn auf weiche, behaglich erwärmte Kissen nieder.
+
+Mittlerweile hatte der Herr die Webe Leinwand genommen und war damit auf
+die Straße zurückgeeilt. In diesem Augenblicke kam der vierspännige
+Reisewagen des hartherzigen Kaufmanns herangerollt.
+
+Plötzlich scheuten die vier Rosse, ein Ballen Leinwand wurde von oben unter
+sie geworfen und ein markerschütterndes, entsetzliches Hohngelächter
+erschallte. Wohl versuchte der Kutscher, die erschreckten Tiere im Zaume zu
+halten, aber er selbst wurde mit einem Ruck von seinem Sitze in die Höhe
+gehoben. Er flog ein Stück durch die Luft und wurde dann sanft vor einem
+Gasthause niedergesetzt. Vor seinen Füßen aber lag ein Beutel mit
+Goldstücken, auf welchem geschrieben stand: »Für die Angst!« Seine Pferde
+hatten mittlerweile den Leinwandballen auseinandergeworfen und um den
+ganzen Wagen gewickelt. Dadurch fielen sie zu Boden und der Wagen mit. Da
+rief aus aller Angst der Kaufmann um Hilfe, denn die Tür der Kutsche war so
+zugewickelt, daß ein Entweichen unmöglich war.
+
+Sofort tauchte eine furchtbare, riesengroße Gestalt vor seinen Augen auf,
+welche ihm zornig mit der Faust drohte und schrie:
+
+»Ha, verwünschter Geizhals, wenn du nicht sofort zu sühnen versprichst, was
+du mit deiner unmenschlichen Härte verschuldet hast, so mußt du sterben!«
+
+Da schlotterten dem Kaufmann die Knie und zitternd rief er aus:
+
+»Ich will alles geben und tun, wenn ich das Leben behalte.«
+
+»Erbärmlicher Erdenwurm,« entgegnete der Berggeist, »werde barmherzig und
+mild. Wenn jetzt der Tod in den armen Weberdörfern so viele Opfer grausam
+fordert und Wehklagen aus vielen Häusern erschallen, so sollten dir diese
+Jammertöne in deine hartherzige Seele dringen. Du trägst die Schuld auf
+deinem Gewissen, das sich kein Bedenken daraus macht, wenn jene armen,
+ehrlichen Menschen Hungers sterben.« Da gelobte der Kaufmann in seiner
+fürchterlichen Angst Besserung und gab dem Berggeiste -- denn dieser war es
+-- alles Geld, das er bei sich hatte, zur Verteilung unter die Darbenden.
+Da nahm Rübezahl ihn beim Genick und setzte ihn unsanft vor seinem Hause
+nieder.
+
+Verwundert öffnete Gottlieb die Augen und wußte nicht, wie er an diesen Ort
+gekommen war. Die Diener brachten ihm Speise und Trank, aber er rührte
+nichts an. Da trat ein freundlicher Herr ein und redete ihm zu, er solle
+nur essen; er wolle ihn dann mit dem Schlitten nach Hause fahren.
+
+»Ich werde auch deinen Eltern und Geschwistern eine Labung bringen und --
+was dir sicherlich am meisten gefallen wird -- der Kaufmann ist anderes
+Sinnes geworden, er hat dir und allen Webern in eurem Dorfe die Leinwand zu
+gutem Preise abgekauft. Das Geld habe ich bereits in meiner Tasche.« Wer
+war da froher als unser Weberlieb! Vor Freude küßte er die Hände des guten
+Herrn.
+
+Nun ging's unter Peitschenknall und Schellengeläut zu Gottliebs Heimatsdorf
+zurück. Das war ein seliger Christabend im ärmlichen Weberhäuschen! Der
+Herr hatte Brot und Wein, Fleisch und Reis mitgebracht, außerdem Geld und
+für die Kranken des Dorfes eine Flasche voll Arznei, welche augenblicklich
+half. So war das Christfest in dem Weberdorfe zum Freudenfest geworden und
+alle Kümmernis hatte ein Ende. Da wurde es allen klar, daß hier kein
+anderer als Helfer in der Not erschienen war als Rübezahl, der mächtige
+Berggeist des Riesengebirges.
+
+
+
+
+13. Wünsche nicht zuviel.
+
+
+»Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.« Damit schlug sie ihre Bibel
+zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der
+auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der
+Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher
+die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam
+vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von
+der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das
+surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur
+noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst
+nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein
+starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule
+entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können
+und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen
+Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not
+bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig
+und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am
+besten für seine Mutter Geld verdienen könne.
+
+Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner
+Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er
+nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei
+seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege
+pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh,
+einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das
+Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn
+wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse
+bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war
+keine Rede.
+
+Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte
+diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem
+Verhältnis zu der Arbeit.
+
+»Von dem Bauer,« sprach sie, »bei welchem du in den Dienst gegangen bist,
+habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der
+abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.«
+
+»Laß mich, Mutter,« erwiderte der Knabe, »ich fange erst an zu verdienen;
+wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges
+Geld zulegen.«
+
+Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen
+Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach
+Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit
+den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große
+Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und
+den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte.
+
+So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der
+Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er
+als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne.
+Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel;
+draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein
+Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute!
+
+Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: »Du bist nun,
+mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als
+Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in
+die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein
+verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr
+vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen
+können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht
+mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters
+zukommt.«
+
+Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um
+einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug
+die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: »Schämst du dich nicht,
+an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen;
+ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige
+Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger
+Bursche?«
+
+Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er
+habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf
+seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es
+geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein
+Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte
+ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt
+erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme
+gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet
+ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort
+brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen
+guten Lohn.
+
+Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort
+erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig
+war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es
+eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden.
+
+An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein
+Erlebnis mitzuteilen.
+
+»Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,« meinte die Mutter, »tu,
+wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren
+allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und
+ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!«
+
+Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz
+ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem
+städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten
+Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im
+Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da
+wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine
+Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers:
+
+ Den lieben Gott laß ich nur walten,
+ Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
+ Und Erd' und Himmel will erhalten,
+ Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.
+
+Plötzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelächter, er drehte sich um, sah
+aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen
+rotseidenen gefüllten Geldbeutel.
+
+»Der Tausend,« entfuhr es da seinen Lippen, »der Anfang war gut; da scheint
+einer noch früher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten
+drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat.«
+
+Er steckte die Börse ein und schritt fürbaß; da nahte auf einem Seitenwege
+ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete.
+
+»Hat der Herr vielleicht etwas verloren?« fragte Hans.
+
+»Ja, freilich,« war die Antwort, »meine rotseidene Börse mit Geld.«
+
+»Hier ist sie,« entgegnete Hans freundlich, »gut, daß ich sie gefunden
+habe.«
+
+»Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung für den Fund.«
+
+Hans aber wehrte ab: »Das hat der Herr nicht nötig, ich habe die Börse ja
+kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern.«
+
+Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was
+er sich wohl wünschen würde, wenn ihm seine Wünsche erfüllt werden sollten.
+Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er
+hastig:
+
+»I, so wollte ich, daß alles mein wäre, was mir heute auf dem Wege nach
+Hirschberg begegnete.«
+
+Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelächter aus, daß es die Berge
+im Widerhall zurückgaben, dann rief er:
+
+»Sollst's haben, Hans, sollst's haben. Aber merke wohl: _Wünsche nicht zu
+viel_, sei genügsam!«
+
+Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf,
+mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut
+ab und rief:
+
+»Danke schön, Herr Berggeist!«
+
+Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelächters. Hans setzte
+seinen Weg fort. Da fiel plötzlich etwas vor seinen Füßen nieder; er hob es
+auf -- es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal
+gefunden hatte.
+
+»Hurra,« schrie Hans auf, »jetzt könnte ich eigentlich umkehren, für das
+viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen.«
+
+Auf einem Strauche saß ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie,
+welcher das Volk den Text unterlegt: »Reit zu Schitzkebier«; er setzte sich
+sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich über
+den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb.
+
+Aus einer Hecke kroch ein Kätzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an
+seine Beine und ging ihm nach, während ein großer zottiger Hofhund ihn
+bellend umwedelte. Da kamen auf der Straße drei schwerbeladene Erntewagen
+herangefahren; auf der Höhe des letzten saßen die Schnitter und hielten auf
+einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bänder in der Luft flatterten.
+
+»Juchhei,« jubelte Hans, »nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld
+zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt,
+und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal
+ausgesäet habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme!«
+
+Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Straße her ein Wagen,
+hochbepackt mit Hausgeräten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer
+länger wurde. Da kamen Knechte und Mägde, den neuen Herrn grüßend, ein Hirt
+trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schäfer einen großen Stamm fetter
+Schafe einher. Außerdem folgten ihm alle Hühner, Enten, Gänse und Tauben,
+welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhühner marschierten vor
+ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad.
+
+Das war ein Blöken, Wiehern, Brüllen, Schnattern, Krähen, Singen, Zanken
+und Raufen, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
+
+Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans ließ seinen Besitz an sich
+vorüberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Großbauer
+und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück. Wie das aber so oft im
+Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: »Wünsche nicht
+zuviel« war in seinen Ohren verklungen. Das gesättigte Herz begehrte den
+Überfluß. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles
+zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen würde.
+
+Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an
+den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob
+nicht noch etwas käme. Da kam ein Mädchen auf ihn zu, häßlich wie die
+Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit geröteten Augen und rief hell
+auflachend:
+
+»Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Bräutigam. Und den Trauring hast
+du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns
+schon zur Trauung in der Kirche.« Hans sträubte sich und dachte bei sich:
+»Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zuführen, welches älter ist als
+diese?« -- Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz
+ähnlicher Ring saß.
+
+»Lieber Hans,« sprach sie, »es ist gar nicht hübsch von dir, daß du so
+lange zögerst. Bin ich auch nicht hübsch, so bin ich doch eine tüchtige
+Wirtin. Du bist in den Besitz eines großen Hausrates gekommen und verstehst
+von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und
+pflegen und schaffen, daß unser Hausstand sich mehre.«
+
+Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung
+Rübezahls: »Wünsche nicht zuviel!« Er hatte sie überhört und nun gab es
+kein Zurück mehr.
+
+Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bösen Spiel, gab
+seiner Zukünftigen die Hand und sprach:
+
+»Wenn's denn durchaus sein muß, so wollen wir den Pfarrer nicht länger
+warten lassen.«
+
+Da sah sie ihn freundlich an und sprach: »Danke, lieber Hans, du sollst es
+nicht zu bereuen haben.«
+
+So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen
+sie mit ihren Wagen und Gerätschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch
+unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die
+mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit
+in Ordnung.
+
+Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch
+lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte
+sich jedoch gar nicht daran gewöhnen, daß ihr schmucker Junge eine so alte,
+häßliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein
+freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht übel, da sie wußte, von
+Hans geliebt zu werden. Als Mutter Bärbel aber sah, daß ihre
+Schwiegertochter Liese fleißig und unermüdlich im Haushalte tätig war und
+ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand
+sie sich zuletzt darein.
+
+Ein Jahr später lag in der großen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand
+Blumenverzierungen bemalt waren, ein prächtiger Junge, der aus
+Leibeskräften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden
+und Bärbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die
+Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in
+süßen Schlummer zu wiegen.
+
+So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Fröhlich saßen die drei
+beieinander, als Liese zu sprechen begann:
+
+»Ja, heut' vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf
+es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird.«
+
+Hans wurde neugierig und auch Bärbel wollte das Geheimnis wissen, aber
+Liese blieb fest.
+
+Da klopfte es plötzlich ans Fenster und draußen stand -- der fremde Herr
+vom vorigen Jahr und sprach:
+
+»Nun, Hans, siehst du nun, wie töricht es von dir war, zuviel zu wünschen?
+Hättest du meinen Worten Gehör geliehen, dann wärest du nicht zu einem
+solch häßlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will
+ich dich von der Plage sogleich befreien.«
+
+»Um keinen Preis,« schrie Hans entsetzt, »wie bin ich froh, daß Ihr sie mir
+gabt. Sie hat uns erst das Glück und die rechte Zufriedenheit ins Haus
+gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem müßt Ihr Pate
+stehen, ich bitte Euch recht sehr darum.«
+
+»Na, ihr Leutchen,« war die Antwort, »nun habe ich euch genug geneckt. Die
+Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen
+Jahr erzählen.«
+
+Damit entschwand er. Dann schloß Hans das Fenster und drehte sich um, um
+mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurück. War die blitzsaubere
+Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den
+zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen,
+da war es ihre Stimme und nun erzählte sie ihre Geschichte.
+
+»Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt
+siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schönheit viel
+einbildete und alle Leute über die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir
+zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besaß dieses schöne Gut. An dem
+Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein
+Sträußchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflücken, denn die anderen
+Mädchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mußte doch etwas
+Besonderes haben. Ich steckte mein Sträußchen ans Mieder, lief zu einem
+kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr
+wohlgefällig. Mein Bild gefiel mir über die Maßen, ich drehte und wandte
+mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern über die
+Schönheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes
+Gelächter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm
+ein gar böses Gesicht.
+
+>Na, na, Jungfer,< rief er spöttisch, >entstelle sie doch ihr Lärvchen
+nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die
+Bosheit aus dem Gesicht heraus.<
+
+Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie:
+
+>Was fällt Euch ein, Ihr einfältiger Tropf? Was geht's Euch an, wenn ich
+mich im Wasser beschaue? Ich weiß, daß ich weit und breit im Gebirge als
+die >schöne Liese< bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kümmern?<
+
+Plötzlich reckte sich vor mir eine riesengroße Gestalt auf mit langem,
+wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertönte:
+
+>Du hoffärtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast.
+Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft.
+Statt der >schönsten< sollst du als >die häßlichste Liese weit und breit im
+Gebirge bekannt< sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort
+einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden.
+Sagst du aber einem Menschen je ein Wörtchen von dem, was hier geschehen
+ist, dann erhältst du nie deine frühere Gestalt wieder. Bringst du es aber
+durch Demut, Fleiß und Geduld dahin, daß dich dein Mann behalten will trotz
+deiner Häßlichkeit, dann sollst du deine Schönheit wiedererlangen. Gelingt
+dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich
+mitnehmen.<
+
+Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal.
+Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mußte gehorchen. Am Tore
+zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, daß
+du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum
+Besten gekehrt.«
+
+Niemand war froher über Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als
+Hans und Liese miteinander auf der Straße gingen, da riefen die Leute: »Die
+schöne Liese ist wieder da!« --
+
+Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rübezahl
+aus. Hans öffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige
+Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein
+Wirbelwind und wehte ein Päckchen in die Stube, darauf stand: »Der Herr vom
+Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen
+Gedenken.« Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten.
+
+Hans und Liese haben Rübezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine
+Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang.
+
+
+
+
+14. Fischbach.
+
+
+Unweit des Riesengebirges liegt ein schönes Tal, auf dessen Höhenrändern
+sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die
+geschwätzige Sage weiß zu erzählen, daß dort vor alten Zeiten eine Burg
+stand. Dort hauste einst der gefürchtetste Raubritter des Landes, Herr
+Wesso, genannt »der Falk vom Berge«. Nichts war vor seinen Falkenaugen
+verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Märkten
+zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nächsten Stadt
+fuhren, dann machte der Wächter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine
+Meldung; im Nu waren Roß und Reisige zur Stelle und nun ging's im sausenden
+Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plünderung der Wagen und
+beutebeladen kehrten die räuberischen Spießgesellen auf ihre Burg zurück.
+Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlöse schmausten und zechten
+Ritter und Mannen und führten bei Gesang und Würfelspiel ein lustiges
+Leben.
+
+Eines Abends saß der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien
+sehr getrübt zu sein. Gesenkten Blickes saß er in seinem Lehnstuhle und
+achtete nicht auf die Fröhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese
+spotteten darüber, aber er tat, als höre er sie nicht. Auch den vollen
+Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmähte er. Als sich
+wiederum ein höhnendes Gelächter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder
+Blick machte die Spötter stumm.
+
+Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, daß auf der Straße von
+Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine
+wertvolle Ladung mit sich führe. Mit wildem Geschrei sprangen die
+Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob
+sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstürmenden, rauhen Gesellen
+nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich
+hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn
+ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen über seine Lippen, darum hatte
+er nicht mit einstimmen können in die Zechlieder seiner Genossen, darum
+hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rüstung gegriffen. Das Bild seiner
+Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie
+ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: »Selig sind die
+Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die
+Sanftmütigen, die Friedfertigen.« Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort
+und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er über die Reisenden
+hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsägliches
+Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut,
+Friedfertigkeit!
+
+Mit raschem Schritt verließ er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein
+Roß zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten stürmte
+er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen.
+
+»Gebt den Gefangenen frei!« rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann
+gebunden zwischen den Pferden sah. »Laßt ihn ziehen, oder ihr sollt meinen
+Arm fühlen!«
+
+Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, daß
+sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns
+lösten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am
+Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Körper.
+
+Mitleidsvoll beugte sich Wesso über das Gesicht des Unglücklichen und es
+war ihm so, als flüstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: »Selig sind
+die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« »Tragt den Mann
+auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet
+werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein
+Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben.«
+
+Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. »Der Falke mausert
+sich,« höhnten einige. »Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in
+die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmütig zu zwingen, daß
+sie ihren Gegnern Hilfe leisten?«
+
+Schweigend und ohne auf die übermütigen Worte der Raubritter zu achten,
+ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafür gesorgt, daß die Kisten mit den
+Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber
+erhielt eine gute Pflege in einem der Gemächer des Ritters. Oft überzeugte
+sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde
+wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter
+die Mörder gefallen war.
+
+Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen
+konnte. Seine Waren ließ der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm
+obendrein noch zwei seiner kräftigsten Pferde, damit er schneller vorwärts
+käme und sein Ziel früher erreichte.
+
+Aber die Spießgesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Großmut. Ihm
+hatten sie es zu verdanken, daß ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun
+sannen sie auf Rache.
+
+Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann
+gingen sie über und veranlaßten ihn, die Falkenburg zu erstürmen und den
+Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde,
+welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und
+Feuerbrände in den Schloßhof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen
+unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, während die Flammen schon
+auf den Dächern der Schloßgebäude leuchteten.
+
+Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flüchtige durch das
+Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der
+Befürchtung auf seine Feinde zu stoßen, hinter einen Busch verstecken, als
+eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte
+er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher
+in Fischertracht vor ihm stand.
+
+»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter.« begann er zu reden, »sie
+wird Euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Seit jenem Tage, da Ihr mich
+aus Eurer Burg geheilt entließet, hat mich das Unglück verfolgt. Ich bin
+ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr
+sicher vor Verfolgungen.«
+
+Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag
+die Hütte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein kräftiges
+Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge
+der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager
+gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf.
+
+Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er
+suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends
+war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu
+verdienen, sich des Fischfanges zu befleißigen. Die Mannen des Herzogs
+hatten seine Burg zerstört und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus
+seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte
+zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl
+jeder Fang eine große Menge Fische einbrachte.
+
+So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach
+seinem früheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrücken. Wie gern
+hätte er wieder sein streitbares Roß bestiegen, wie gern die Angelrute mit
+dem Schwerte vertauscht!
+
+Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten
+Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine
+Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von
+ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten
+Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach
+hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch
+hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem
+Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte,
+niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen
+sei.
+
+Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein
+schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine
+Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des
+Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur
+Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte,
+Fischbach.
+
+Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen
+Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das
+herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen.
+
+
+
+
+15. Meister Meckerling.
+
+
+In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens
+Samuel Meckerling. Sein Name war weit über das Weichbild der Stadt hinaus
+bekannt, denn er galt für einen der geschicktesten Meister weit und breit
+und es kam nicht selten vor, daß Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in
+seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen
+Fehler aber besaß der geschäftige Meister. Er pflegte von den kostbaren
+Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige
+Stücken in die »Hölle« wandern zu lassen, das heißt für sich zu verwerten.
+Auch kam es wiederholt vor, daß er gröbere Stoffe an Stelle der ihm
+übergebenen feineren verarbeitete.
+
+Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem
+entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch,
+ging vor die Tür und begrüßte mit tiefer Verbeugung den Fremden.
+
+»Was verschafft mir, gnädiger Herr, die Ehre Eures Besuches?« redete er ihn
+mit gewandten Worten an.
+
+»Ich wünsche von Euch innerhalb drei Tagen von diesem Tuche einen Rock
+angefertigt zu haben. Gebt Euch rechte Mühe; er soll mein Staatsrock werden
+und es wird für Euch kein Schaden sein, wenn das Werk den Meister lobt.«
+
+Meister Meckerling betrachtete mit Wohlgefallen den kostbaren Stoff und
+machte sich daran, an der Gestalt des Fremden Maß zu nehmen. Da wiegte er
+seinen Kopf wie bedenklich hin und her und sagte:
+
+»Der Stoff wird nicht reichen, gnädiger Herr, aus solchem kurzen Stück kann
+ich den Rock, wie Ihr ihn wünscht, nicht anfertigen. Es fehlen noch fast
+zwei Ellen.«
+
+Der Fremde aber, welcher wußte, daß er zwei Ellen zu viel beim Tuchhändler
+gekauft hatte, antwortete nicht, sondern ging aus dem Hause. Als ihm
+Meckerling das Geleit gab, verabschiedete er sich mit den kurzen Worten:
+»In drei Tagen also wird mein Diener den fertigen Rock von Euch abholen.«
+
+So geschah es. Ein reichbetreßter Diener erschien, nahm den Rock in Empfang
+und bezahlte die Rechnung.
+
+Meckerling lachte sich ins Fäustchen, als er die blanken Taler einstrich.
+
+»Das war ein feines Geschäft,« murmelte er vor sich hin, »einen honetten
+Kunden mehr, eine reichliche Bezahlung und obendrein noch zwei Ellen des
+kostbaren Stoffes für die >Hölle<.«
+
+Es war Sommer geworden und Meister Meckerling beschloß, drüben im
+Böhmerlande seinen Bruder zu besuchen. Für die Schneiderei ist der Sommer
+die stillste Zeit, darum war es ihm möglich, einen Ausflug zu unternehmen.
+
+Frisch und fröhlich ging er seinen Weg über das Gebirge. Da stand plötzlich
+an einer engen Stelle der Straße ein Reiter vor ihm, der ihn am Weitergehen
+hinderte. Von Kopf bis zu den Füßen war er feuerrot gekleidet und auf
+seinem Hute prangte eine lange rote Feder. Sein Reittier bestand in einem
+riesigen schwarzen Ziegenbock mit zwei gewaltigen Hörnern.
+
+»Nun, ehrsamer Meister Meckerling, das trifft sich ja herrlich,« schrie der
+Rote, in welchem jener mit Schrecken seinen Kunden, den Edelmann, erkannte.
+»Liegen denn noch die zwei Ellen gestohlenen Stoffes von meinem Rock in
+Eurer Hölle? Ihr werdet mir gewiß davon mancherlei zu erzählen haben. Also
+kommt, schwingt Euch auf meinen Ziegenbock, ich habe wenig Zeit.«
+
+Da fiel der Schneider in die Knie und hob flehentlich seine Hände auf. »Ach
+Herr,« jammerte er, »macht keinen Ernst mit Euren Worten. Ich will Euch
+alles gern wieder ersetzen, was ich veruntreut habe.«
+
+»Aufsitzen!« befahl wütend der Reiter, der kein anderer als Rübezahl war,
+»oder ich schleudere dich den Abgrund hinunter, daß du kein Glied mehr
+fühlst.«
+
+Da faßte Meckerling in seiner Angst in das zottige Fell des Bockes, um sich
+auf seinen Rücken zu schwingen. Aber in demselben Augenblick erhob sich das
+Tier und nun schwebte der dürre Schneider angsterfüllt zwischen Himmel und
+Erde und flog sausend durch die Luft. Mit einem steinerweichenden Schrei
+bat er flehentlich den lachenden Reiter, ihn wieder zur Erde zu befördern.
+
+Endlich setzte ihn der Bock ab. Aber es war finster geworden und der arme
+Tropf befand sich in einer wildfremden Gegend. Über Stock und Stein, durch
+Dornen und Dickicht, durch Moor und Sumpf stapfte er dahin, bis er endlich
+erschöpft auf der breiten Fahrstraße anlangte. Mit zerrissenen Kleidern,
+ermatteten Gliedern und gedemütigtem Herzen traf er endlich wieder in
+seiner Behausung ein.
+
+Der Lustritt aber hatte den Schneider geheilt. Nun wurde er ehrlich und
+legte vor seiner Hölle für alle Zeiten ein Schloß. Das wurde allenthalben
+bekannt und Meister Meckerling ein wohlhabender Mann.
+
+
+
+
+16. Gräfin Cäcilie.
+
+
+Nach allen diesen Geschichten ließ der Berggeist lange Zeit nichts wieder
+von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten,
+welche die Einbildung der Hausmütter in geselligen Winterabenden so lang
+und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war eitel Fabelei, zur
+Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie war die letzte Begegnung mit dem
+Berggeiste vorbehalten, bevor er seine letzte Hinabfahrt in die Unterwelt
+antrat.
+
+Diese Dame, mit allerlei Gicht und Gebrechen beladen, machte nebst zwei
+gesunden, blühenden Töchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte
+so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach den Lustbarkeiten des
+Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie
+gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein
+wunderbar schöner, warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der
+nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel,
+deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten
+milderte, und die beweglichen Funken unzähliger, leuchtender Johanniskäfer,
+die in den Gebüschen schwirrten, gaben die Beleuchtung zu einer der
+schönsten Naturbilder, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm;
+denn Mama war, da es gemächlich bergan ging, von der schaukelnden Bewegung
+des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden und die Töchter nebst der
+Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls.
+Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbockes kein
+Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so
+gespannt angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Schauplatz dieser
+Abenteuer wieder in den Sinn und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon
+gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurück,
+wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle
+Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Richtungen
+der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig
+wurde, das ihm bedenklich schien, so lief ihm ein kalter Schauer den Rücken
+herunter und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine
+Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm,
+ob's auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut
+durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur versicherte, bangte ihm doch das Herz
+unablässig.
+
+Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde
+an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an
+und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen
+hatte, ahnte nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in
+der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt
+daherwandeln von übermenschlicher Größe mit einem weißen spanischen
+Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, daß der
+Schwarzmantel keinen Kopf hatte.
+
+Hielt der Wagen, so stand der Wanderer still und regte Wipprecht die Pferde
+an, so ging er auch weiter. »Schwager, siehst du was!« rief der zaghafte
+Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar.
+
+»Freilich seh' ich was,« antwortete dieser ganz kleinlaut; »aber schweig'
+nur, daß es nichts merkt.«
+
+Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte und schwitzte
+dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitz, wenn's in der Nacht
+wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus
+rege macht, um sich durch die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern vor der
+gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Trieb der
+verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und
+klopfte hastig ans Fenster. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus
+ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: »Was gibt's?«
+
+»Ihro Gnaden, schaun Sie einmal aus,« rief Johann mit zagender Stimme,
+»dort geht ein Mann ohne Kopf.«
+
+»Dummkopf, der du bist,« antwortete die Gräfin, »was träumt deine Phantasie
+für Fratzen! Und wenn dem so wäre,« fuhr sie scherzhaft fort, »so ist ja
+ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb
+genug.«
+
+Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht
+schmackhaft finden, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten
+sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: »Ach, das ist
+Rübezahl, der Bergmönch!«
+
+Die Dame aber, die an keine Geister glaubte, strafte die Fräuleins dieser
+spießbürgerlichen Vorurteile halber, bewies, daß alle Gespenster- und
+Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und
+erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen
+Ursachen.
+
+Ihre Zunge war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige
+Augenblicke dem Gespensterspäher aus dem Auge geschwunden war, wieder aus
+dem Busch hervor auf den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß
+Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf,
+nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie
+einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei
+Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die
+holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war, mit
+einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem
+Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um
+nichts zu sehen und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er
+dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem Schrecken die
+Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders
+abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst des Herzens das gewöhnliche
+Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: »Alle guten
+Geister loben Gott den Herrn!« Doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte
+ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er von seinem
+hohen Sitz herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der
+Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und die
+Erscheinung keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: »Nimm
+das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, daß du ihm ins Gehege fuhrst!
+Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.« Hierauf schwang sich das
+Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über
+Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse
+von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.
+
+Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter
+trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu
+bemerken, daß diesem der Kopf fehle; er ritt vor dem Wagen her, als wenn er
+dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht
+zu behagen, er lenkte nach einer andern Richtung um, der Reiter tat
+dasselbe und so oft auch jener aus dem Weg bog, so konnte er den lästigen
+Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den
+Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel
+des Reiters einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante
+übrigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Wagenlenker
+auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine
+Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins
+Spiel zu mischen schien. --
+
+Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter um, so daß er dicht neben
+den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: »Landsmann ohne Kopf, wo
+geht die Reise hin?«
+
+»Wo wird's hingehen,« antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamem
+Trotz, »wie Ihr seht, der Nase nach.«
+
+»Wohl!« sprach der Reiter, »laß sehen, Gesell, wo du die Nase hast!«
+
+Darauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leib
+und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das
+Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie jeder Mensch. Behend war der Betrüger
+entkleidet; da kam ein wohlgeformter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet
+war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und
+die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reiter
+sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte,
+ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben.
+
+»Gestrenger Gebirgsherr,« sprach er, »habt Erbarmen mit einem
+Unglücklichen, der die Schläge des Schicksals von Jugend auf erfahren hat,
+der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus dem Stand mit Gewalt
+herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineingearbeitet hatte, und
+nachdem sein Aufenthalt unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht
+einmal Gespenst sein darf.«
+
+Diese Anrede war ein Wort zu seiner Zeit. Der Berggeist war gegen seinen
+Doppelgänger so ergrimmt, daß er ihn erdrosselt haben würde, wenn nicht
+seine Neugierde rege gemacht worden wäre, die Schicksale des Abenteurers zu
+vernehmen.
+
+»Sitz' auf, Gesell,« sprach er, »und tu, was dir geheißen wird.« Darauf zog
+er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an
+den Schlag, öffnete diesen und wollte die Reisegesellschaft freundlich
+begrüßen.
+
+Aber drinnen war's stille wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken
+hatte die Insassen so gewaltsam erschüttert, daß alle, von der gnädigen
+Frau bis auf die Zofe, in ohnmächtigem Hinbrüten dalagen. Der Reiter wußte
+indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden
+Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den
+Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechfläschchen vor, rieb ihnen
+mit der duftenden Flüssigkeit die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben.
+Sie schlugen eine nach der andern die Augen auf und erblickten einen
+wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Aussehen, der durch seine
+Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb.
+
+»Es tut mir leid, meine Damen,« redete er sie an, »daß Sie in meinem
+Gerichtsbezirk von einem vermummten Bösewicht belästigt worden sind, der
+ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in
+Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu
+meiner Wohnung geleite, die nicht fern von hier ist.«
+
+Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden
+an; der Krauskopf bekam Befehl, fortzufahren und gehorchte mit zagender
+Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu
+erholen, gesellte sich der Oberst wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald
+rechts, bald links wenden und dieser bemerkte ganz deutlich, daß der Ritter
+zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr
+geheime Befehle erteilte, was sein Grausen noch vermehrte.
+
+In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden
+zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden
+Fackeln, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten und
+erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem
+Gleichmute und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen
+Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzherrn
+dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden
+Unglückskameraden aufzusuchen und ihnen benötigten Beistand zu leisten.
+Bald darauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einen geräumigen
+Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet
+war. Der Oberst bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer
+seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war.
+Die Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in
+Reisekleidern in eine so glänzende Gesellschaft traten, ohne vorher die
+Kleider gewechselt zu haben.
+
+Nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen gruppierte sich die Gesellschaft
+wieder in verschiedene kleine Kreise. Einige setzten sich zum Spiel, andere
+unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet und,
+wie es bei Erzählung überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu
+einem kleinen Heldengedicht ausgebildet, in welchem Mama sich gern die
+Rolle der Heldin zugeteilt hätte, wenn sich das Riechfläschchen des
+hilfreichen Ritters hätte beseitigen lassen. Bald darauf führte der
+aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein
+Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchter
+forschte, den Puls prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche
+Anzeichen ahnte. Obwohl sich die Dame so wohl als möglich befand, so machte
+ihr doch die angedrohte Gefahr für das Leben bange; denn aller
+Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb
+wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich
+abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie Pulver und
+Tropfen, und die gesunden Töchter mußten wider Willen dem Beispiel der
+besorgten Mutter folgen.
+
+Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Ärzte; die ärztlichen
+Verordnungen waren kaum befolgt, so begab man sich zur Tafel in den
+Speisesaal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische
+waren mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und übergoldete
+Pokale und riesige Willkommen nebst den dazugehörigen Schalen von
+getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tönte aus den Nebenzimmern und
+flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gästen lieblich
+hinunter. Nach Entfernung der Schüsseln ordnete der Speisemeister den
+bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefärbtem Zucker bestand.
+Das ganze Abenteuer der Gräfin war in niedlichen Figuren, wie sie auf den
+Tafeln der Großen zu prangen pflegen, abgebildet. Die Gräfin unterließ
+nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie
+wendete sich an ihren Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen böhmischen
+Grafen, fragte neugierig, was für ein Festtag hier gefeiert werde, und
+erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine
+freundschaftliche Begegnung von guten Bekannten, die hier zufälligerweise
+zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden, gastfreien
+Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau je ein Wort gehört
+zu haben, und so emsig sie auch die Namen durchlief, wovon ihr Gedächtnis
+einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter
+nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirt selbst zu erforschen
+und begehrte von ihm Aufschluß und Belehrung; aber dieser wußte ihr so
+geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich
+riß er diesen Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Räume des
+Geisterreiches hinüber.
+
+Einer der Gäste wußte viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen;
+man stritt für und wider die Wahrheit derselben; die Gräfin zog gegen das
+Dasein des Geistes sehr zu Felde.
+
+»Meine eigene Geschichte,« so sprach sie, »ist ein augenscheinlicher
+Beweis, daß alles, was man von dem erwähnten Berggeiste sagt, leere Träume
+sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften
+besäße, die ihm Fabler und müßige Köpfe zueignen, so würde er einem
+Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu
+treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten
+und ohne den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche
+Bube sein Spiel so weit mit uns treiben können, als er Lust hatte.«
+
+Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen;
+jetzt aber mischte er sich ins Gespräch und nahm das Wort:
+
+»Sie haben, gnädige Frau, mit vielem Geschick versucht, das
+Nichtvorhandensein des Berggeistes mit mancherlei Gründen zu beweisen.
+Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige
+Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung
+aus der Hand des entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie,
+wenn es ihm gefallen hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser
+unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte,
+daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fuß
+breit entfernt habe, daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung
+eingeführt worden sind, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär's doch
+möglich, daß der Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde
+folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofür Sie ihn halten.«
+
+Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung und die schönen
+Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem
+Hausherrn starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im
+Scherz oder im Ernst gesagt sei. Die weitere Erörterung unterbrach die
+Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der
+letztere war ebenso beglückt beim Anblick seiner vier Rappen im Stalle, wie
+der erstere, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine
+Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das
+ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von
+einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte
+übergeben, um es zu begutachten. Doch erkannte er es bald für einen
+ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den
+Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem
+abschreckenden Menschenantlitz aufgestutzt war.
+
+Nach aufgehobener Tafel ging die Gesellschaft auseinander, da der Morgen
+bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes
+Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind
+überraschte, daß die Einbildungskraft nicht Zeit hatte, ihnen die
+Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und ängstliche
+Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe
+klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht
+hätten, in den weichen Federn auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein
+die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldigste zu
+versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu
+bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Ball
+beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück
+eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die
+freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental
+genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines
+Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung,
+auf der Rückkehr wieder einzusprechen.
+
+Kaum war Rübezahl in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins
+Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen
+würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte.
+
+»Elender Erdenwurm,« redete ihn der Geist an, »was hält mich ab, daß ich
+dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn
+verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese
+Frechheit.«
+
+Der Krauskopf hielt eine lange Rede und suchte sein Verhalten mit seinen
+unglücklichen Lebensschicksalen zu beschönigen. Das stimmte den Berggeist
+milder und er sprach:
+
+»Geh, Schurke, so weit dich deine Füße tragen und ersteig den Gipfel deines
+Glücks am Galgen!« Hierauf verabschiedete er seinen Gefangenen mit einem
+kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, daß er mit einer so gelinden
+Strafe abkam und pries seine Beredsamkeit, die seiner Meinung nach ihn
+diesmal aus einer sehr mißlichen Lage gezogen hatte. Er beeilte sich, dem
+gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen.
+
+Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und
+wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den
+Badearzt zu sich zu berufen und ihn, wie gewöhnlich, über ihren
+Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Da trat herein
+der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, für welchen
+das Bad eine Goldquelle war.
+
+»Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,« riefen Mama und die holden
+Fräuleins ihm traulich und freundlich entgegen.
+
+»Sie sind uns zuvorgekommen,« fügte erstere hinzu, »wir vermuteten Sie noch
+bei dem Herrn von Riesental; aber loser Mann, warum haben Sie uns dort
+verschwiegen, daß Sie der Badearzt sind?«
+
+Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die
+Damen irgendwo gesehen zu haben.
+
+»Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern,« sprach er,
+»ich habe vorher nicht die Ehre gehabt, Ihnen persönlich bekannt zu sein;
+der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und
+während der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen.«
+
+Die Gräfin konnte keinen anderen Grund von dieser Verstellung, welche der
+Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als daß er für die geleistete
+Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: »Ich verstehe
+Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgefühl geht aber zu weit; es soll mich nicht
+abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten
+Beistand dankbar zu sein.«
+
+Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt
+jedoch nur als Vorausbezahlung annahm und, um die Dame als eine gute
+Kundschaft nicht unwillig zu machen, widersprach er ihr nicht weiter. Er
+erklärte sich übrigens das Rätsel ganz leicht durch die Annahme, daß die
+ganze gräfliche Familie von einer Art Kribbelkrankheit befallen sei, wobei
+seltsame und unbegreifliche Wirkungen der Einbildungskraft nichts
+Ungewöhnliches sind, und verordnete allerlei Mittel.
+
+Doktor Springsfeld suchte sich seinen Patienten lieb und angenehm zu
+machen; er wußte seine Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten
+und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch
+aufzumuntern. Da er vom Besuch der Gräfin seine Ronde ging, gab er die
+sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Krankenzimmer zum
+besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen
+und kündigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Seherin an. Man war
+begierig, eine so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin
+Cäcilie wurde in Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich zu ihr,
+da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal erschien. Es war ihr und
+den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft
+hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn
+von Riesental eingeführt worden waren. Der böhmische Graf fiel ihnen zuerst
+in die Augen. Sie waren der steifen Formen überhoben, gegen Unbekannte sich
+zu beknicksen; es war für sie kein fremdes Gesicht im Saale. Mit
+freimütiger Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame bald zu dem,
+bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und
+Titel, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem
+gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wußte
+sich nicht zu erklären, was das fremde und kalte Betragen aller der Herren
+und Damen bedeuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und
+Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie auf den
+Wahn, das sei eine abgeredete Sache, und der Herr von Riesental würde der
+Schäkerei dadurch ein Ende machen, daß er unvermutet selbst zum Vorschein
+käme.
+
+Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr
+eine überspannte Einbildung, daß sie samt und sonders die Gräfin
+bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige
+Frau zu sein schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts
+Ausschweifendes verriet, wenn ihre Einbildung nicht den Weg über das
+Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen
+Gesichtszügen, Winken und Blicken der um sie her versammelten Herrschaften,
+daß man sie schief beurteilte und daß man wähnte, ihre Krankheit habe sich
+aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Wiederlegung
+dieses kränkenden Vorurteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers
+auf der schlesischen Grenze. Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der
+man ein Märchen anhört, das auf einige Augenblicke angenehm unterhält,
+davon man aber kein Wort glaubt.
+
+»Wunderbar!« riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsam den
+Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte,
+die Patientin nicht eher aus seiner Pflege zu entlassen, bis das heilende
+Wasser des Bades das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Einbildung rein
+weggespült haben würde. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und
+die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sah, daß ihre Geschichte
+wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtig
+machte, so redete sie nicht mehr davon und Doktor Springsfeld unterließ
+nicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben, das doch
+auf eine ganz andere Art gewirkt und die Gräfin aller Gichten und
+Gliederreißen entledigt hatte.
+
+Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräuleins sich genug hatten
+bewundern lassen, den lieblichen Weihrauch der Schmeichelei reichlich
+eingeatmet und sich satt und müde getanzt hatten, kehrten Mutter und
+Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder
+durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten und bei der
+Rückreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung
+des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der
+Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete.
+Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental
+nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder
+diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die
+verwunderte Dame endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie in Schutz
+genommen und beherbergt hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der
+Berggeist. Sie gestand, daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr
+ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und
+glaubte nun von ganzem Herzen an das Dasein des Geistes, obgleich sie um
+der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar
+werden zu lassen.
+
+Seit dieser Begegnung mit der Gräfin Cäcilie hat Rübezahl nichts mehr von
+sich hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück, und da
+bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach, der Lissabon und
+nachher Guatemala zerstörte, so fanden die Erdgeister so viel Arbeit in der
+Tiefe, den Fortgang der Feuerströme zu hemmen, daß sich seitdem keiner mehr
+auf der Oberfläche der Erde hat blicken lassen.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Rübezahl, by Rudolf Reichhardt
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40327 ***