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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 23:30:24 -0800 |
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Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges. + + +Im Südosten unseres lieben deutschen Vaterlandes breitet sich ein Gebirge +aus, das man seiner großartigen Naturbeschaffenheit und seiner Ausdehnung +halber das Riesengebirge nennt. Es bildet einen Teil der Sudeten und +scheidet Schlesien von Böhmen und Mähren. Mächtige Berge, wie die Riesen- +oder Schneekoppe, das Hohe Rad und die Sturmhaube, ragen weit in die Wolken +hinein, und zwischen den felsigen Höhen haben starke Flüsse, z. B. die Elbe +und der Bober, ihren Ursprung. In diesem Gebirge haust, wie sich das Volk +erzählt, ein Gnom oder Geist, der sich selbst als den »Herrn oder Berggeist +des Gebirges« bezeichnet, vom neckenden Volksmunde aber »Rübezahl« genannt +wird. + +Der Fürst der Berggeister besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein +kleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen +umschlossen; aber wenige Klafter unter der urbaren Erdrinde hebt seine +Alleinherrschaft an, die ihm niemand schmälern kann, und erstreckt sich auf +achthundertsechzig Meilen in die Tiefe bis zum Mittelpunkt der Erde. +Zuweilen gefällt es dem unterirdischen Herrscher, seine weitgedehnten +Gebiete der Unterwelt zu durchkreuzen, die unerschöpflichen Schatzkammern +edler Metalle und Flötze zu beschauen, die Knappschaft der gnomenhaften +Bergleute zu mustern und in Arbeit zu setzen, teils um die Gewalt der +Feuerströme durch feste Dämme aufzuhalten, teils um taubes Gestein in edles +umzuwandeln. Zuweilen entschlägt er sich aller unterirdischen +Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines +Gebietes und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge. Dann treibt er in frohem +Übermute sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern; denn Freund +Rübezahl, müßt ihr wissen, hat eine sonderbare Natur. Er ist bald launisch, +ungestüm, unbescheiden; bald stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste +Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam, aber +mit sich selbst in stetem Widerspruch, töricht und weise, oft weich und +hart in zwei Augenblicken, wie ein Ei, das in siedendes Wasser fällt; +schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam, je nach der Stimmung, welche +ihn gerade beherrscht. + +Vor uralten Zeiten schon toste Rübezahl im wilden Gebirge, hetzte Bären und +Auerochsen aufeinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit +unheimlichem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den +steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er +wieder seine Straße durch die weiten Gebiete der Unterwelt und weilte da +Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu +legen und sich des Anblicks der äußeren Schöpfung zu erfreuen. Wie nahm's +ihn wunder, als er einst bei seiner Rückkehr auf die Oberwelt, von dem +beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz +verändert fand! Die düsteren, undurchdringlichen Wälder waren ausgerodet +und in fruchtbare Ackerfelder verwandelt, wo reiche Ernten reiften. +Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer +geselliger Dörfer hervor, aus deren Schornsteinen friedlicher Hausrauch in +die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhange +eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes; in den blumenreichen Auen +weideten Schaf- und Kuhherden und aus den lichtgrünen Wäldern tönten +melodische Schalmeien. + + + + +2. Rübezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen. + + +Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeiten des ersten Anblicks +ergötzten den verwunderten Landesherrn so sehr, daß er über die +eigenmächtigen Ackerbauer, die ohne seine Erlaubnis und Einwilligung hier +wirtschafteten, nicht unwillig ward, auch nicht in ihrem Tun und Treiben +sie zu stören begehrte, sondern sie so ruhig im Besitz ihres angemaßten +Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder +selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Er +ward sogar willens, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen, ihre Art und +Natur zu erforschen und mit ihnen Umgang zu pflegen. Daher nahm er die +Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten +besten Landwirt in Arbeit. Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter +seiner Hand und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe +bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb +des treuen Knechtes verschwendete und für seine Mühe und Arbeit wenig Dank +wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine +Schafherde anvertraute; er wartete dieser fleißig, trieb sie in Einöden und +auf steile Berge, wo gesunde Kräuter wuchsen. Die Herde gedieh gleichfalls +unter seiner Hand, kein Schaf stürzte vom Felsen herab und keins zerriß der +Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht +nicht lohnte, wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Heide +und kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente +dem Dorfrichter. Hier bewährte er sich bei Ergreifung der Diebe und +Überwachung der Gesetze. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, +richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das +Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, kündigte er dem Richter den +Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus welchem er jedoch auf dem +gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausgang +fand. + +Dieser erste Versuch, die Menschen kennen zu lernen, konnte ihn unmöglich +zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruß auf seine Felsenzinne im +Gebirge zurück, überschaute da die lachenden Gefilde, welche menschlicher +Fleiß verschönert hatte, und wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre +Spenden an solche undankbaren Geschöpfe verlieh. Demungeachtet wagte er +noch einen Versuch, die Menschen zu beobachten, schlich unsichtbar herab +ins Tal und näherte sich den menschlichen Wohnstätten. + + + + +3. Wie Rübezahl zu seinem Namen kam. + + +So lauschte eines Tages Rübezahl, hinter Busch und Hecken verborgen, als +plötzlich die Gestalt eines anmutigen Mädchens vor ihm stand. Rings um sie +hatten sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einen Wasserfall, der +seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, und scherzten mit ihrer +Gebieterin in unschuldvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so +wundersam auf den lauschenden Berggeist, daß er seiner geistigen Natur und +Eigenschaft vergaß und das Los der Sterblichen wünschte, um nach Art der +Menschen zu empfinden. Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen +Kolkraben und schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Wasserbecken +überschattete, um das anmutsvolle Schauspiel zu genießen. Doch dieser Plan +war nicht zum besten ausgedacht; er sah alles mit Rabenaugen und empfand +als Rabe; ein Nest Waldmäuse hatte jetzt für ihn mehr Anziehendes als das +Mädchen, denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen nie anders als in +Gemäßheit des Körpers, der sie umgibt. + +Diese Bemerkung war ebenso schnell gemacht, als der Fehler auch verbessert +war; der Rabe flog ins Gebüsch und verwandelte sich in einen blühenden +Jüngling. Das war der rechte Weg. + +Die schöne Maid war die Tochter des schlesischen Fürsten, der in der Gegend +des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen +ihres Hofes in den Hainen und Gebüschen des Gebirges zu lustwandeln, Blumen +und duftende Kräuter zu sammeln oder für die Tafel ihres Vaters ein +Körbchen Waldkirschen oder Erdbeeren zu pflücken und, wenn der Tag heiß +war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu +baden. Von diesem Augenblick an war der Berggeist an diesen Ort wie gebannt +und täglich harrte er der Wiederkehr der fröhlichen Gesellschaft. + +In der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit +ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung war +groß, als sie den Ort ganz verändert fand; die rohen Felsen waren mit +Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem +wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele +Abstufungen gebrochen, mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbecken +herunter, aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporschoß und, in +einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lüftchen bald auf diese, +bald auf jene Seite warf, in den Wasserbehälter zurückplätscherte. +Sternblumen, Lilien und Vergißmeinnicht blühten an dessen Rande, +Rosenhecken, mit Jasmin und Silberblüten durchwunden, zogen sich in einiger +Entfernung durch den Raum dahin. Rechts und links des Springbrunnens +öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und +Bogengewölbe in buntfarbiger Bekleidung prangten, von Bergkristall und +Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, daß der Abglanz davon das Auge +blendete. In verschiedenen Nischen waren die mannigfaltigsten Erfrischungen +aufgetischt, deren Anblick zum Genuß einlud. + +Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da und wußte nicht, ob +sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen +sollte. Aber sie konnte der Begierde nicht widerstehen, alles zu beschauen +und von den herrlichen Früchten zu kosten, die für sie aufgetragen zu sein +schienen. Nachdem sie sich mit ihrem Gefolge genug belustigt und alles +fleißig durchmustert hatte, kam sie Lust an, in dem Wasserbecken zu baden. + +Kaum aber war die liebliche Prinzessin über den glatten Rand des Beckens +hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich der +betrügliche Silberkies, der aus dem seichten Grund hervorschien, keine +Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das +goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte die gierige +Flut sie schon in die Tiefe gezogen. Laut klagte die bange Schar der +erschrockenen Mädchen, als die Herrin vor ihren sichtlichen Augen +dahinschwand; sie rangen und wanden die schneeweißen Hände und liefen +ängstlich am marmornen Gestade hin und her, indes der Springbrunnen sie +recht geflissentlich mit einem Platzregen nach dem andern übergoß. Doch +wagte es keine, der Entschwundenen nachzuspringen, außer Brünhild, ihrer +liebsten Gespielin, die nicht säumte, sich in den grundlosen Wirbelstrom zu +stürzen, gleiches Schicksal mit ihrer geliebten Gebieterin erwartend. Aber +sie schwamm wie ein leichter Kork auf dem Wasser und trotz aller Versuche +war sie nicht imstande, unterzutauchen. + +Hier war kein anderer Rat, als dem König das Unglück seiner Tochter +mitzuteilen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mädchen, als er eben +mit seinem Jagdgefolge in den Wald zog. Der König zerriß sein Kleid vor +Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein +Angesicht mit dem Purpurmantel und beklagte laut den Verlust seiner schönen +Tochter Emma. + +Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte +er seinen Mut und machte sich auf, um den wunderbaren Wasserfall selbst zu +beschauen. Aber der Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da +in ihrer vorherigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein +Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute König ahnte zum Glück nicht eine +Verführung seiner Tochter, sondern er nahm den Bericht der Mädchen auf Treu +und Glauben an und meinte, einer der Götter sei bei dieser wunderbaren +Begebenheit mit im Spiel gewesen, setzte darauf die Jagd fort und tröstete +sich bald über seinen Verlust. Unterdessen befand sich die liebreizende +Emma in des Berggeistes Schlosse nicht übel. Er hatte sie durch eine +geschickte Versenkung nur den Augen ihres Gefolges entzogen und führte sie +durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast, zu welchem die +väterliche Residenz in keinem Vergleich stand. Als sich die Lebensgeister +der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gewöhnlichen +Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbener Seide und einem glänzenden +lichtblauen Gürtel. Ein Jüngling mit hübschem Antlitz lag zu ihren Füßen +und gestand ihr seine Liebe. Der Berggeist -- denn er war es -- +unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den +unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und +Säle des Schlosses und zeigte ihr dessen Pracht und Reichtum. Ein +herrlicher Lustgarten, der mit seinen Blumenanlagen und Rasenplätzen dem +Fräulein ganz besonders zu behagen schien, umgab das Schloß von drei +Seiten. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur +Hälfte übergoldete Apfel, wie sie kein Gärtner zu ziehen vermag. Das +Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt, die ihre hundertstimmigen Lieder +munter erschallen ließen. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das +Paar; sein Blick hing an ihren Lippen und mit Freuden hörte er ihre +lieblichen Worte. + +Nicht gleiche Wonne empfand die reizende Emma; ein gewisser Trübsinn lag +auf ihrer Stirn und offenbarte genugsam, daß geheime Wünsche in ihrem +Herzen verborgen lagen, die mit den seinigen nicht übereinstimmten. Er +machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch tausend +Liebesbeweise diese Wolken zu zerstreuen und die Prinzessin aufzuheitern; +doch vergebens. Der Mensch -- so dachte er bei sich selbst -- ist gesellig +wie die Biene und die Ameise, der schönen Sterblichen gebricht's an +Unterhaltung. Wem soll sich das Mädchen mitteilen? Für wen ihren Putz +ordnen, mit wem darüber zu Rate gehen? Da kam ihm ein glücklicher Einfall. +Flugs ging er hinaus auf das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben +aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der +schönen Emma, welche einsam in der schattigen Laube eine Rose entblätterte. + +»Schönste der Erdentöchter,« redete sie der Berggeist an, »verbanne allen +Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen Freude, du +sollst nicht mehr in meinem Heim einsam trauern. In diesem Korbe ist alles, +was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen +buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Gewächsen im +Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.« + +Hierauf verließ er die Prinzessin und sie zögerte nicht einen Augenblick, +mit dem Zauberstabe nach Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Korb +geöffnet hatte. »Brünhilde,« rief sie, »liebe Brünhilde, erscheine!« Und +Brünhilde lag zu ihren Füßen, umfaßte die Knie ihrer Gebieterin, benetzte +ihren Schoß mit Freudentränen und liebkoste sie freundlich, wie sie sonst +zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, daß Emma selbst nicht +wußte, was sie von ihrer Schöpfung halten sollte; ob sie die wahre +Brünhilde hingezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie +überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste +Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten, +ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr +goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. Hierauf führte sie ihre Gespielin +durch alle Zimmer im Palast, bis in die Kleiderkammer, wo sie soviel +Unterhaltung fanden, daß sie bis zum Abend darin verweilten. Alle Schleier, +Gürtel, Spangen wurden gemustert und anprobiert. Brünhilde wußte sich dabei +so gut zu benehmen und zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung +des weiblichen Putzes, daß, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts als +eine Rübe war, ihr niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres +Geschlechts zu sein. + +Der spähende Berggeist war entzückt über den tiefen Blick, den er in das +weibliche Herz getan hatte, und freute sich über den glücklichen Fortgang +in der Menschenkenntnis. Die Prinzessin dünkte ihm jetzt schöner, +freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren +ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt +der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei +Rüben übrig waren, so verwandelte sie die eine in eine Cyperkatze und aus +der anderen schuf sie ein niedliches Hündchen. + +Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der +aufwartenden Dienerinnen ein gewisses Geschäft zu und nie wurde eine +Herrschaft besser bedient. Die Mädchen kamen ihren Wünschen zuvor, +gehorchten auf den Wink und vollstreckten ihre Befehle ohne den mindesten +Widerspruch. Einige Wochen genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen +Vergnügens ungestört; Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten in dem +Schlosse des Berggeistes vom Morgen bis zum Abend; nur merkte die +Prinzessin nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer +Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ sie +zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe hervorblühte, +während die geliebte Brünhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen +glichen; gleichwohl versicherten alle, daß sie sich wohl befänden, und der +freigebige Berggeist ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden. +Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag +mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch. + +Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf +gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück, +als ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken +entgegenzitterte, mit Keuchhusten beladen, unvermögend, sich aufrecht zu +erhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle viere von sich gestreckt und +der schmeichelnde Cyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen. +Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen +Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller und rief laut den +Berggeist, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien. + +»Boshafter Geist,« redete sie ihn zornig an, »warum mißgönnst du mir die +einzige Freude meines harmlosen Lebens, die Gesellschaft meiner ehemaligen +Gespielinnen? Ist die Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie +noch in ein Krankenhaus verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mädchen +Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung soll deinen Frevel +rächen.« »Schönste der Erdentöchter,« erwiderte der Berggeist, »zürne nicht +über die Gebühr. Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand, +aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen +mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange Saft +und Kraft in den Rüben war, konnte der Zauberstab ihr Pflanzenleben nach +deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und ihr +Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin, denn der belebende Geist ist +verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern: ein frisch gefüllter Korb +kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle die Gestalten wieder +hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke +zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatz +im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.« Der Berggeist entfernte +sich darauf und Prinzessin Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand, +berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben +zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeuges müde sind, zu tun +pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran. +Leichtfüßig hüpfte sie über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten +Korb in Empfang zu nehmen, den sie aber nirgends fand. Sie ging in dem +Garten auf und nieder und spähte umher, aber es wollte kein Korb zum +Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Berggeist entgegen mit so +sichtbarer Verlegenheit, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm. + +»Du hast mich getäuscht,« sprach sie, »wo ist der Korb geblieben? Ich suche +ihn schon seit einer Stunde vergebens.« + +»Holde Gebieterin meines Herzens,« antwortete der Geist, »wirst du mir +meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich +habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet +und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tal ist's +Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt und +unter deinem Fußtritte sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Monate in +Geduld aus, dann soll dir's nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen +zu spielen.« + +Ehe noch der Berggeist mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm Prinzessin +Emma den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu +würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb +seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit +schweren Säcken Sämereien belud, und besäte damit einen ganzen Morgen +Landes. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister als Hüter, dem +er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten +herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause. + +Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche +Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu +besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel in ihrem Garten. Aber +Mißmut trübte ihre Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren +Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer +ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund +hinabflossen. + +Der Berggeist sah wohl, daß bei allem Bestreben, durch tausend kleine +Gefälligkeiten der schönen Emma Herz zu gewinnen, kein Erfolg zu erwarten +war. Trotzdem ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, ihren spröden Sinn +zu überwinden. Er war zu unerfahren in der Menschenkenntnis, daß er sich +keine Vorstellung von der wahren Ursache der Widerspenstigkeit der +Prinzessin machen konnte. Er war der Meinung, sie gehöre nach allen Rechten +ihm als dem ersten Besitznehmer. + +Doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der +Oder, Fürst Ratibor, hatte bereits das Herz der holden Emma gewonnen. Schon +sah das glückliche Paar dem Tage seiner Hochzeit entgegen, als die Braut +mit einmal verschwand. Diese Nachricht versetzte den jungen Fürsten in +große Aufregung. Er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen +Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Emma seufzte +unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefängnis aus; sie bezwang +aber ihre Gefühle im Herzen so, daß der spähende Geist nicht enträtseln +konnte, was für Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie +darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und aus der lästigen Gefangenschaft +entfliehen möchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen +Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen. + +Der Lenz kehrte in die Gebirgstäler zurück, der Berggeist ließ das +unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen und die Rüben, welche +durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht gehindert worden +waren, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus +und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem +Anschein nach, um sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. +Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie +abzuschicken, Kundschaft von ihrem Verlobten einzuziehen. »Flieg', liebes +Bienchen,« sprach sie, »gegen Sonnenaufgang zu Ratibor, dem Fürsten des +Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine +Sklavin ist des Geistes vom Gebirge, verlier' kein Wort von diesem Gruße +und bring' mir Botschaft von seiner Liebe.« Die Biene flog alsbald vom +Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren +Flug begonnen, so schoß eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang +zum großen Leidwesen der Prinzessin die Botschafterin der Liebe. Darauf +formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille und gab ihr denselben +Auftrag. »Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge zu Ratibor, dem Fürsten +des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, die getreue Emma begehre Lösung ihrer +Bande durch seinen starken Arm.« Die Grille flog und hüpfte so schnell als +sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war, aber ein langbeiniger +Storch promenierte eben an dem Wege, welchen die Grille zog, erfaßte sie +mit seinem langen Schnabel und versenkte sie in das Verlies seines weiten +Kropfes. + +Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, +einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster. +»Flieg' hin, beredsamer Vogel,« sprach sie, »von Baum zu Baum, bis du +gelangst zu Ratibor, meinem Verlobten, erzähle ihm von meiner +Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Rossen und +Mannen, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges, im Maiental, +bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und +Schutz von ihm begehrt.« Die Elster gehorchte, flatterte von einem +Ruheplatz zum andern und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit +das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer trüben Sinnes in den +Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur +hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattigen Eiche, +dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das +vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelnd zurück; aber +zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch +auf, sah niemand, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf +wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin- +und herflog, und vernahm, daß der geschwätzige Vogel ihn beim Namen rief. +»Armer Schwätzer,« sprach er, »wer hat dich gelehrt, diesen Namen +auszusprechen, der einem Unglücklichen zugehört, welcher wünscht, von der +Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?« Hierauf faßte er erregt einen +Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma +hören ließ. Dies Zauberwort entkräftete den Arm des Prinzen; frohes +Entzücken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es +leise nach: Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem +Elsterngeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, den man ihm anvertraut. +Fürst Ratibor vernahm kaum die fröhliche Botschaft, da ward's hell in +seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne gefangen hatte, verschwand; +er kam wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der +Glücksverkünderin nach dem Schicksal seiner Braut; aber die gesprächige +Elster konnte nur ihr Sprüchlein ohne Aufhören wiederholen und flatterte +davon. Schnellen Fußes eilte Ratibor zu seinem Hoflager zurück, rüstete +eilig das Geschwader der Reisigen, bestieg sein Roß und zog mit ihnen +hoffnungsfreudig zum Maientale, um das Abenteuer zu bestehen. + +Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr +Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den geduldigen Berggeist mit kränkender +Kälte zu behandeln, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr spröder Sinn schien +beugsamer zu werden. Solche glücklichen Anzeichen ließ der Berggeist nicht +ungenützt. Er erneuerte seine Werbung und wurde nicht zurückgewiesen. Den +folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma, geschmückt +wie eine Braut, hervor, mit allem Geschmeide beladen, das sich in ihrem +Schmuckkästlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten +geschlungen, welchen eine Myrtenkrone überschattete, von welcher ein +Schleier lang herabwallte; der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen +und als der harrende Berggeist auf der großen Terrasse im Lustgarten ihr +entgegenwandelte, freute er sich dieses Anblickes. + +»Himmlisches Mädchen,« stammelte er ihr entgegen, »verweigere mir nicht +länger den bejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das +jemals die Sonne bestrahlt hat.« + +Die Prinzessin hüllte sich dichter in ihren Schleier und antwortete: +»Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, mein Gebieter? Deine +Standhaftigkeit hat den Sieg davongetragen. Nimm dieses Geständnis von +meinen Lippen, aber laß meine Tränen diesen Schleier verhüllen.« + +»Warum Tränen, o Geliebte?« entgegnete ihr der beunruhigte Geist, »jede +deiner Tränen fällt wie ein brennender Tropfen auf mein Herz, ich will nur +deine Liebe, nicht aber Aufopferung.« + +»Ach,« erwiderte Emma, »warum mißdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt +deine Freundschaft, aber bange Ahnung zerreißt meine Seele. Du alterst +nimmer, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran +soll ich erkennen, daß du ein liebevoller, gefälliger, duldsamer Gemahl +sein werdest?« + +Er antwortete: »Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in +Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und +beurteile alsdann die Stärke meiner unwandelbaren Liebe.« + +»Es sei also!« antwortete die schlaue Emma, »ich fordere nur einen Beweis +deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein +Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie +mir zu Brautjungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und +verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue +prüfen will.« + +So ungern sich der Berggeist in diesem Augenblicke von seiner lieblichen +Braut trennte, so gehorchte er doch ohne Säumen, machte sich rasch an die +Arbeit und hüpfte hurtig wie ein Star unter den Rüben herum. Er kam durch +diese Geschäftigkeit mit seiner Zählung bald zustande; doch um der Sache +recht gewiß zu sein, wiederholte er seine Rechnung nochmals und fand zu +seinem Verdruß eine Abweichung bei Feststellung der Summen, welche ihn +nötigte, zum dritten Male die Rübenhäupter durchzumustern. Aber diesmal +ergab sich eine andere Summe. + +Die schlaue Emma hatte nicht sobald den Berggeist aus den Augen verloren, +als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftige, wohlgenährte +Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und +Zeug verwandelte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die +Heiden und Steppen des Gebirges dahin und das flüchtige Roß brachte sie, +ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie +dem geliebten Ratibor, welcher der Kommenden ängstlich entgegenharrte, sich +fröhlich in die Arme warf. + +Der geschäftige Berggeist hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft, +daß er nichts von dem, was um ihn und neben ihm geschah, wußte. Nach langer +Mühe und Anstrengung war's ihm endlich gelungen, die wahre Zahl der Rüben +auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, zu finden. Er eilte +nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berichten und +durch die pünktliche Erfüllung ihrer Pläne sie zu überzeugen, daß er ihr +ein gefälliger Gemahl sein werde. + +Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz, aber da fand er nicht, +was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge, aber auch da +war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchspähte alle seine +Winkel, rief den teuren Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen +zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde zu hören; doch da +war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf +er die schwerfällige Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah +die fliehende Emma in der Ferne, als eben das schnellfüßige Roß über die +Grenze setzte. Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich +vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der +Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber +darüber hinaus war seine Rache kraftlos und die Donnerwolke zerfloß in +einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen +verzweiflungsvoll durchkreuzt und seine stürmende Leidenschaft ausgetobt +hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück, schlich durch alle +Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Nachher besuchte er noch +einmal den Lustgarten, doch diese ganze Zauberschöpfung hatte keinen Reiz +mehr für ihn. Der Gedanke an die Tage, welche hier die Ungetreue verlebt +hatte, beschäftigte ihn mehr als die goldenen Äpfel und prächtigen Blumen. +Die Erinnerung an sie erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging +und stand, wo sie Blumen gepflückt, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft +trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das bedrückte ihn so +sehr, daß er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank. +Bald darauf brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus und er vermaß +sich hoch und teuer, der Menschenkenntnis ganz zu entsagen und von diesem +argen, betrüglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Kenntnis zu nehmen. +In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde und der ganze +Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches +Nichts zurück. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf und der +Berggeist fuhr hinab in die Tiefe bis in die entgegengesetzte Grenze seines +Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Bitterkeit und Menschenhaß +mit dahin. + +Während dieses Vorganges im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig, seine +Braut in Sicherheit zu bringen, und führte sie mit fürstlichem Gepränge an +den Hof ihres Vaters zurück. Daselbst wurde ihre Vermählung gefeiert. Er +teilte mit seiner Gattin den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt +Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare +Abenteuer der Prinzessin, welches ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, +insbesondere ihre kühne Flucht, wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich +von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Die +Bewohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem +Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen bei und +riefen ihn fortan »Rübezähler« oder kurzweg »Rübezahl«. + + + + +4. Rübezahl und der Schneider Benedix. + + +Der unmutsvolle Berggeist verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie +wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach +und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl war ein Zeitraum von +neunhundertneunundneunzig Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde +ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er +einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Liebling und +Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs +Riesengebirge in Vorschlag, welchem Rübezahl gern zustimmte. Es war nur +eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet und er befand sich +mitten auf dem großen Rasenplatz seines ehemaligen Lustgartens, dem er +nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für +menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen +nichts als eine fürchterliche Wildnis. + +Der Anblick dieser Gegenstände erneuerte alle Erinnerungen an die schöne +Emma, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünde sie neben ihm. +Aber die Vorstellung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte +seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. »Unseliges +Erdengewürm,« rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die +Türme der Kirchen und Klöster in Städten und Flecken erblickte, »du +treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich geäfft +durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und +plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.« + +Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. +Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge und der keckste unter ihnen +rief ohne Unterlaß: »Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!« Von +undenklichen Jahren her hatte der Volksmund die Entführungsgeschichte des +Berggeistes getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften +Zusätzen vermehrt und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, +unterhielt sich mit seinen Gefährten von den Abenteuern desselben. Man trug +sich mit unzähligen Spukgeschichten, die sich niemals begeben hatten, +machte damit zaghafte Wanderer fürchten und die starken Geister und +Witzlinge, die an keine Gespenster glaubten, machten sich darüber lustig, +pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft +zu rufen, aus Schäkerei bei seinem Spottnamen zu nennen und auf ihn zu +schimpfen. Man hat nie gehört, daß dergleichen Beleidigungen von dem +friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes +erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er +betroffen, da er sein ganzes Abenteuer mit der Prinzessin jetzt so kurz und +bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren +Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne +Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem +Augenblick bedachte, daß eine so empfindliche Rache großes Geschrei im +Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die +Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum +ließ er ihn und seine Gefährten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem +Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu +lassen. + +Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen +Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner +Heimat, an. Aber als unsichtbarer Geleitsmann war ihm Rübezahl bis zur +Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er +seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf ein Mittel, sich zu rächen. Da +begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher alter Handelsmann, der nach +Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache +zu gebrauchen. Er gesellte sich also zu ihm in Gestalt des losen Gesellen, +der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, führte ihn +unbemerkt seitab von der Straße und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem +Händler mörderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, riß ihn zu Boden, +knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und +Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum +Abschied noch gar übel zugerichtet hatte, ging er davon und ließ den armen +geplünderten Mann halbtot im Busche liegen. + +Als sich der Händler von seinem Schrecken erholt hatte und wieder Leben in +ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen; denn er +fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner, +ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden +Städte, fragte, warum er so stöhne, und als er ihn geknebelt fand, löste er +ihm die Bande von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der +barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder +gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem kräftigen Schluck +Lebenswasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße +und geleitete ihn freundlich bis nach Hirschberg an die Tür der Herberge; +dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der +Händler, als er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch +erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner +Übeltat bewußt ist! Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und +gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern und neben ihm lag der +nämliche Rucksack, in welchen er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der +bestürzte Händler wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich +sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu +seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der +Person geirrt zu haben; darum schlich er sich unbemerkt zur Tür hinaus, +ging zum Richter und machte ihm Mitteilung von dem räuberischen Überfall. + +Das Hirschberger Gericht stand damals in dem Rufe, daß es schnell und tätig +sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Häscher bewaffneten sich mit +Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen +Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die +weisen Väter indes versammelt hatten. + +»Wer bist du?« fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte +hereintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und +unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix +genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.« + +»Hast du nicht diesen Mann im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen, +gebunden und seines Säckels beraubt?« + +»Ich habe diesen Mann nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder +geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein +ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber.« + +»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?« + +»Mit dem Ausweis über meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten +Gewissens.« + +»Weis' auf deine Kundschaft.« + +Benedix öffnete getrost den Rucksack; denn er wußte wohl, daß er nichts als +sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte, +sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die +Häscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den +schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein +Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurückforderte. Der arme +Schneider stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken, +ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach +kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebärde +weissagte einen strengen Bescheid. + +»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt. »Erfrechst du dich noch, den +Raub zu leugnen?« + +»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Angeklagte auf den +Knien, mit hochaufgehobenen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu +Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des +Händlers Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.« + +»Du bist überwiesen,« fuhr der Richter fort, »der Säckel beweist genugsam +das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne +freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit +abzufoltern.« + +Der geängstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen; +aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen +Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister +Hämmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die stählernen +Gründe seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die +volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte +Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die +seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben +anzulegen, bedachte er, daß dies ihn untüchtig machen würde, jemals wieder +mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl +bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem +Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstück ein, von welchem sein Herz +nichts wußte. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der +Angeklagte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richtern und Schöppen zum +Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der +Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden +sollte. + +Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt +hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch +keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige +Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt +werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu +erheben; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als +eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Händlers Säckel +in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl +selbst war. + +Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den +Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte +sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankömmling die Augen +auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder, +der es sich angelegen sein ließ, die zum Tode Verurteilten zur +Sinnesänderung und Buße zu bekehren, fand den Schneidergesellen so +unwissend im Christenglauben, daß er den Magistrat um einen dreitägigen +Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins +Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten. + +In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wälder und +erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem +schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig auf die +Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der +Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand +eine herabrollende Zähre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich +ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mächtigen Eindrücke +jungfräulicher Tränen empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er +von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die +durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, zum ersten Male +abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefühl +erkannte und Verlangen trug, das Mädchen zu trösten. Er verwandelte sich +wieder in einen ehrbaren Bürger, trat freundlich zu der jungen Dirne und +sprach: »Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle +mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei.« + +Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie +diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Tränen +glänzten in ihren Augen und das holde, jungfräuliche Antlitz war mit dem +Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor +sich stehen sah, sprach sie: »Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da +Ihr nicht helfen könnt? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den +Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und +Tränen, bis mir der Tod das Herz bricht.« + +Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« rief er, »bei diesem +freundlichen, lieben Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! -- +Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich; +gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.« + +»So will ich's Euch lösen,« erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »wenn Ihr +es zu wissen begehrt.« + +Er sprach: »Sag' an!« + +»Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn meiner Nachbarin. Er war +so lieb und gut, so treu und bieder, liebte mich so standhaft und herzig, +daß ich ihm ewige Treue gelobte. Ach, das Herz des braven Menschen habe ich +vergiftet, hab' ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen +gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er sein Leben verwirkt +hat!« + +Der Berggeist rief erstaunt: »Du?« + +»Ja, Herr,« sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab' ihn gereizt, einen +Straßenraub zu begehen und einen Handelsmann zu plündern; da haben ihn die +Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehalten und, o +Herzeleid! morgen wird er abgetan!« + +»Und was hast du verschuldet?« fragte verwundert Rübezahl. + +»Ja, Herr! Ich habe sein junges Leben auf meinem Gewissen.« + +»Wie das?« + +»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge und als es zum Abschied ging, +sprach er: >Feins Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten +Male blüht und die Schwalbe zum Nest trägt, kehr' ich von der Wanderschaft +zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib;< und das gelobte ich ihm zu +werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male +und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner +Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckte und höhnte ihn +und sprach: >Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch +Obdach. Schaff' dir erst blanke Taler an, dann frage wieder.< Der arme +Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. >Ach, Klärchen,< seufzte er +tief, mit einer Träne im Auge, >steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so +bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du +nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich +mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernähren? Woher dein Stolz und +spröder Sinn? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Freier hat mir +dein Herz entwendet; lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit +Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe jede Stunde gezählt bis auf +diesen Tag, da ich kam, dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte +meinem Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun +verschmähst du mich!< Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem +Sinn: >Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!< antwortete ich, >nur +meine Hand versag' ich dir für jetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, +und hast du das, so komm, dann will ich dich gern zum Mann nehmen.< +>Wohlan,< sprach er mit Unmut, >du willst es so, ich gehe in die Welt, will +laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen und eher sollst +du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich +dich erwerben muß. Leb' wohl, ich fahre hin, Ade!< -- So hab' ich ihn +betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein +guter Engel, daß er tat, was nicht recht war und was sein Herz gewiß +verabscheute.« + +Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer +Pause mit nachdenklicher Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete er sich zu der +Dirne: »Warum,« fragte er, »erfüllst du aber hier den leeren Wald mit +deinen Wehklagen, die dir und deinem Bräutigam nichts nützen und frommen +können?« + +»Lieber Herr,« fiel sie ihm ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da +wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilte ich unter diesem +Baume.« + +»Und was willst du in Hirschberg tun?« + +»Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klagegeschrei die +Stadt erfüllen und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob +das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu +schenken; und so mir's nicht gelingt, meinen Benedix dem schmählichen Tode +zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.« + +Rübezahl wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund' an seiner +Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Bräutigam wiederzugeben +beschloß. »Trockne ab deine Tränen,« sprach er mit teilnehmender Gebärde, +»und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Rüste geht, soll dein +Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und +aufmerksam und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür deines +Hauses; denn es ist dein Benedix, der davor stehet. Hüte dich, ihn wieder +wild zu machen durch deinen spröden Sinn. -- Du sollst auch wissen, daß er +das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn zeihest, und du hast +gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner +bösen Tat reizen lassen.« + +Das Mädchen, verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins +Gesicht und weil darin keine Schalkheit oder Trug sich zeigte, gewann sie +Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich auf und sie sprach voll froher +Zuversicht: »Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet und es also ist, wie +Ihr sagt, so müßt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Benedix sein, +daß Ihr das alles so wißt.« + +»Sein guter Engel?« versetzte Rübezahl betroffen, »nein, der bin ich +wahrlich nicht; aber ich kann's werden und du sollst's erfahren! Ich bin +ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder +verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte +nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Bande zu entledigen, denn +ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.« +Das Mädchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und +Hoffnung in ihrer Seele kämpften. + +Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs +inzwischen blutsauer werden lassen, den Verurteilten gehörig zum Tode +vorzubereiten. Als er dem trostlosen Benedix zum letztem Male gute Nacht +gewünscht hatte, begegnete ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange, +noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit +zu setzen, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf den +Einfall, der recht nach seinem Sinn war. Er schlich dem Mönche ins Kloster +nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab +sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der +Kerkermeister ehrerbietig öffnete. + +»Das Heil deiner Seele,« redete er den Gefangenen an, »treibt mich nochmals +hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Doch hatte ich vorher vergessen, +dich nach etwas zu fragen. Sag' an, denkst du auch noch an Klärchen? Liebst +du sie noch als deine Braut? Hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu +sagen, so vertraue es mir.« Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der +Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu +ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, +besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu +weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Diese +herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Mönch also, daß er +beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen. + +»Armer Benedix,« sprach er, »gib dich zufrieden und sei getrost und +unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du +unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt +hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu entführen und der +Bande zu entledigen.« Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Laß sehen,« +fuhr er fort, »ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stand +da, frank und frei, die Ketten fielen ab von Händen und Füßen. Hierauf +wechselte der gutmütige Ordensbruder mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe +gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des +Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir +hast; dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangst ins +Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst, +klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen.« + +Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen, +zwickte sich in die Arme, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da +er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen +und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in +stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mönch trieb +ihn endlich fort und reichte ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur +Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt Benedix über die Schwelle +des traurigen Kerkers und fürchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein +ehrwürdiges Gewand gab ihm die Gewähr, daß keiner der Wächter in ihm einen +Verbrecher vermutete. + +Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf +jedes Rauschen des Windes und spähete nach jedem Fußtritt der +Vorübergehenden. Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es +klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die +Luke und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft +die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das +Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und +Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letzten Male ins Horn und weckte +die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerk. Klärchens Lampe +fing an, dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte +sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich +und seufzte: »Benedix, Benedix! Was für ein banger Tag für dich und mich +dämmert jetzt heran!« Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel +nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken webten wie Trauerflor und +Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte vor diesem +ahnungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten und Totenstille +war um sie her. + +Da pocht's dreimal leise an das Fenster, als ob sich etwas rührte. Ein +froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten +Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Feins Liebchen, bist du +wach?« -- Husch war sie an der Tür. -- »Ach, Benedix, bist du's oder ist's +dein Geist?« Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, fiel sie zurück +und sank vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm und der +Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben. + +Nachdem Erstaunen und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle +vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem +peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und +Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und +nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger; aber sie hatte nichts +zum Imbiß als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog +sie aus der Tasche und wunderte sich, daß sie schwerer als ein Hufeisen, +brach sie voneinander, sieh! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber +Klärchen nicht wenig erschrak; sie meinte, das Gold sei ein Rest von dem +Raube des Händlers und Benedix sei nicht so unschuldig, als ihn der ehrsame +Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose +Geselle beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen +verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und +sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den +edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo +Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein ehrsamer +Bürger und wohlhabender Mann in friedlicher Ehe lebte. + +In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger +ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger +an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem +Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung +des armen Sünders zu vollenden. Rübezahl hatte die Rolle des Verurteilten +übernommen und war entschlossen, sie auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum +Sterben zu sein und der fromme Mönch freute sich darüber und erkannte diese +Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Zusprache an; darum +ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung zu erhalten, und +beschloß seine Rede mit den Trostesworten: »So viel Menschen du bei deiner +Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, sieh, +so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele einzuführen ins schöne +Paradies.« Darauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, hörte seine Beichte +und sprach ihn los von seinen Sünden. + +Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es +nun an der Stunde sei, den Leib zu töten. Auf dem Platze der Hinrichtung +verlas der Richter noch einmal das Urteil und brach zum Zeichen dessen, daß +er dem Tode verfallen sei, einen Stab über dem Kopfe des Verurteilten +entzwei. Danach führten ihn die Henker auf die Leiter am Galgen und legten +ihm die Schlinge des Strickes um den Hals. Als er nun von der Leiter +gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel +so arg, daß dem Henker dabei übel zumute ward; denn es erhob sich ein +plötzliches Getöse im Volk und einige schrien, man solle den Henker +steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also +Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, +als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige +Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz +hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing Rübezahl am Galgen +sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche +Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt das Gerücht um, der +Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht. Das +bewog die Stadtbehörde, des Morgens in aller Frühe durch einige Abgeordnete +die Sache untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts +als einen Strohmann am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man pflegt in +Erbsen zu stellen, die genäschigen Spatzen damit zu verscheuchen. Darüber +wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, ließen in aller Stille +den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit +den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht. + + + + +5. Rübezahl und der Bauer Veit. + + +Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar durch +einen Prozeß um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner +letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes +Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rüstige, +gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit +zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot +schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen. + +»Mit hundert Talern,« sprach er zu dem kummervollen Weibe, »wäre uns +geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem +streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche +Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen; +vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem +Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.« + +Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen +Erfolges in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren wußte. Der Mann aber +gürtete frühe seine Lenden und, indem er Weib und Kind verließ, sprach er +ihnen Trost ein: »Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen +Wohltäter finden, der uns helfen wird.« Hierauf steckte er eine harte +Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon. + +Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zur +Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner +wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte +er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf, +kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern. +Einer sprach: »Junges Blut, spar' dein Gut«; der andere: »Hoffart kommt vor +dem Fall«; der dritte: »Wie du's treibst, so geht's«; der vierte: »Jeder +ist seines Glückes Schmied.« So höhnten und spotteten sie seiner, nannten +ihn einen Prasser und Faulenzer und endlich stießen sie ihn sogar zur Tür +hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter von der reichen +Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und traurig schlich er von +dannen und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld der Herberge zu +bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete +er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben. + +Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr, +daß er der Verzweiflung nahe war. »Zwei Tage Arbeitslohn verloren,« dachte +er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost, +ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs Würmer dir +entgegenschmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren und du +für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mußt, Vaterherz! Vaterherz! +Wie kannst du's tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer +fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinen +schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen. + +Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte +anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, Schutz oder Frist für den +hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein +Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den +Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt, +in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich +über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend Anschlägen und Einfällen +der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in +seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm +gehört, wie er zuweilen die Reisenden geneckt und gefoppt, ihnen manchen +Streich und Schabernack gespielt, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe. +Es war ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht +ungestraft rufen lasse; dennoch wußte er ihm auf keine andere Weise +beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei und rief so sehr er konnte: +»Rübezahl! Rübezahl!« + +Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler +mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren +Augen und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er +mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen. + +»Mit Gunst, Herr Rübezahl,« sprach Veit ganz unerschrocken, »verzeiht, wenn +ich Euch nicht mit dem rechten Namen bezeichne, hört mich nur an, dann tut, +was Euch gefällt.« + +Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf +Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes etwas: + +»Erdenwurm,« sprach er, »was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du +auch, daß du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen mußt?« + +»Herr,« antwortete Veit, »die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die +Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich +zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich +ehrlich bin!« + +»Tor,« sprach der Geist, »bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht? Gehe +hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir not tut, mich aber +laß in Ruhe.« + +»Ach!« erwiderte Veit, »mit der Menschenbrüderschaft ist's aus! Auf Mein +und Dein gilt keine Brüderschaft.« + +Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte nach der Länge und schilderte ihm +sein drückendes Elend so rührend, daß ihm Rübezahl seine Bitte nicht +versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient +hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu +leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens willen geneigt +war, des Mannes Bitte zu gewähren. + +»Komm, folge mir,« sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts, in ein +abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch +bedeckte. + +Nachdem sich Veit neben seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuch +gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem +guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mußte; +es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken herab und seine +Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er, +wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in welchen ich beim +nächsten Schritt hinabstürze. Dabei hörte er ein fürchterliches Brausen als +eines Tagwassers, das sich in den tiefen Schacht ergoß. Je weiter er +fortschritt, je mehr engten ihm Furcht und Grausen das Herz ein. Doch bald +sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das +Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saal, das Flämmchen brannte +hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf +dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit lauter +harten Talern bis an den Rand gefüllt. + +Als Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht dahin und das +Herz hüpfte ihm vor Freuden. + +»Nimm,« sprach der Geist, »was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur +stelle mir einen Schuldschein aus, wenn du überhaupt schreiben kannst.« + +Der Schuldner bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler +zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das +Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes +Feder und Tinte hervor. Veit schrieb den Schuldschein so bündig als ihm +möglich war; der Berggeist schloß ihn in einen eisernen Schatzkasten und +sagte zum Abschied: + +»Sieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß +nicht, daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang ins Tal und +diese Felsenkluft genau! Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du +mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du +nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.« + +Der ehrliche Veit versprach, auf den Tag richtig Zahlung zu leisten, +versprach's mit seiner biederen Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht +seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit +dankbarem Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er +leicht den Ausgang fand. -- + +Die hundert Taler wirkten bei ihm mächtig auf Seele und Leib, daß ihm nicht +anders zumut war, als er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam +des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an +allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende +Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten +Kinder erblickten, schrien sie ihm wie aus einem Munde entgegen: »Brot, +Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.« Das abgehärmte +Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete verzagt und kleinmütig das +Schlimmste und vermutete, daß der Angekommene wieder das alte traurige Lied +anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, hieß sie Feuer +anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im +Zwerchsack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mußte, daß der +Löffel darin stand. Nachher berichtete er von dem guten Erfolg seines +Geschäfts. + +»Deine Vettern,« sprach er, »sind gar rechtliche Leute; sie haben mir nicht +meine Armut vorgerückt, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor +der Tür abgewiesen, sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir +geöffnet und hundert bare Taler vorschußweise auf den Tisch gezählt.« + +Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange +gedrückt hatte. + +»Wären wir,« sagte sie, »eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten +wir uns manchen Kummer ersparen können.« Hierauf rühmte sie ihre +Freundschaft, von welcher sie vorher so wenig Gutes erwartet hatte, und tat +recht stolz auf die reichen Vettern. + +Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer +Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte, von den +reichen Vettern zu sprechen, und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit +des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: »Als +ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für +eine weise Lehre gab?« + +Sie sprach: »Welche?« + +»Jeder, sagte er, sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen +schmieden, so lange es heiß sei; drum laß' uns nun die Hände rühren und +unserm Beruf fleißig obliegen, daß wir was vor uns bringen, in drei Jahren +den Vorschuß nebst Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und ledig +seien.« + +Darauf kaufte er einen Acker und eine Wiese, dann wieder einen und noch +einen, dann eine ganze Hufe; es war Segen in Rübezahls Gelde, als wenn ein +Hecktaler darunter wäre. Veit säete und erntete, wurde schon für einen +wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Säckel besaß noch immer ein +kleines Kapital zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte +er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Ertrag +brachte; kurz, er war ein Mann, dem alles, was er tat, zu gutem Glück +gedieh. + +Der Zahlungstag kam nun heran und Veit hatte so viel erübrigt, daß er ohne +Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht und an +dem bestimmten Tage war er früh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder, +hieß sie waschen und kämmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die +neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttücher, die sie noch +nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Feiertagsrock +herbei und rief zum Fenster hinaus: »Hans, spann' an!« + +»Mann, was hast du vor?« fragte die Frau, »es ist heute weder Feiertag noch +Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, daß du uns ein Wohlleben +bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuführen?« + +Er antwortete: »Ich will mit euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges +heimsuchen und dem Gläubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder +aufgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.« + +Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus, +und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande +bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur +gekrümmter Dukaten um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack +zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf +mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an und sie trabten mutig +über das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu. + +Vor einem steilen Hohlwege ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab und +ließ die anderen ein Gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: »Hans, fahr' +gemachsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten, +und ob's auch ein wenig lange dauert, so laß dich's nicht anfechten, laß +die Pferde verschnaufen und einstweilen grasen; ich weiß hier einen +Fußpfad, er ist etwas um, doch lustig zu wandeln!« + +Darauf schlug er sich in Geleitschaft des Weibes und der Kinder waldein +durch dicht verwachsenes Gebüsch und spähte hin und her, die Frau meinte, +ihr Mann habe sich verirrt; sie ermahnte ihn darum, zurückzukehren und der +Landstraße zu folgen. + +Veit aber hielt plötzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her +und redete also: »Du wähnst, liebes Weib, daß wir zu deiner Freundschaft +ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind +Knauser und Schurken, die, als ich damals in meiner Armut Trost und +Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehöhnet und mit Übermut von sich +gestoßen haben. -- Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unsern Wohlstand +verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in den drei Jahren in +meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden, +Zins und Kapital ihm wieder zu erstatten. Wißt ihr nun, wer unser +Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!« + +Das Weib entsetzte sich heftig über diese Rede, schlug ein Kreuz vor sich, +und die Kinder bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und +Schrecken, daß sie der Vater vor Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in +den Spinnstuben von ihm gehört, daß er ein scheußlicher Riese und +Menschenfresser sei. Veit erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der +Berggeist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei, und was +er mit ihm verhandelt in der Höhle habe, pries seine Mildtätigkeit mit +dankbarem Herzen und so inniger Rührung, daß ihm die warmen Tränen über die +Backen herabträufelten. + +»Wartet hier,« fuhr er fort, »jetzt geh' ich hin in die Höhle, mein +Geschäft auszurichten. Fürchtet nichts, ich werde nicht lange ausbleiben +und wenn ich's vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring' ich ihn zu euch. +Scheuet euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob +sie gleich schwarz und rußig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich +seiner guten Tat und unsers Danks gewiß! Seid nur beherzt, er wird euch +goldene Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.« + +Ob nun gleich das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die +Felsenhöhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten, +sich um den Vater herlagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an +den Rockfalten zurückzuziehen sich abmühten, so riß er sich doch mit Gewalt +von ihnen, drang in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem +wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er +sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an +deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stand noch, wie sie vor drei Jahren +gestanden hatte, doch von einer Höhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit +versuchte auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu eröffnen, er nahm +einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er +zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief, +so laut er nur konnte: »Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist!« Doch +der Geist ließ sich weder hören noch sehen. Also mußte sich der ehrliche +Schuldner entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren. + +Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm +freudevoll entgegen; er war mißmutig und sehr bekümmert, daß er seine +Zahlung nicht an seinen Gläubiger abliefern konnte, setzte sich zu den +Seinen auf einen Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei. + +Da fiel ihm sein altes Wagestück wieder ein. »Ich will,« sprach er, »den +Geist bei seinem Spottnamen rufen; wenn's ihn auch verdrießt, mag er mich +bläuen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf +gewiß.« Darauf schrie er aus Leibeskräften: »Rübezahl! Rübezahl!« Das +angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, und wollte ihm den Mund zuhalten; er +ließ sich aber nicht wehren und trieb's immer ärger. Plötzlich drängte sich +jetzt der jüngste Bube an die Mutter an und schrie bänglich: »Ach, der +schwarze Mann!« Getrost fragte Veit: »Wo?« »Dort lauscht er hinter jenem +Baume hervor.« Und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor +Furcht und schrien jämmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts; es war +Täuschung, nur ein leerer Schatten; kurz Rübezahl kam nicht zum Vorschein +und alles Rufen war umsonst. + + + +Die Familie trat nun den Rückweg an und Vater Veit ging ganz betrübt und +schwermütig auf der breiten Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom +Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten +ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher +und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb +dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Weg kleine Staubwolken +empor. An diesem lustigen Spiel vergnügten sich die Kinder, die nicht mehr +an Rübezahl dachten, und haschten nach den Blättern, mit welchen der +Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über +den Weg geweht, auf welches einer der Knaben Jagd machte; doch wenn er +danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er's nicht +erlangen konnte. Darum warf er seinen Hut danach, der's endlich bedeckte; +weil's nun ein schöner, weißer Bogen war und der sparsame Vater jede +Kleinigkeit in seinem Haushalte zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe +den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das +zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, daß +es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hatte; er war +von oben herein zerrissen und unten stand geschrieben: »Zu Dank bezahlt.« + +Wie das Veit las, rührte es ihn tief in der Seele und er rief mit freudigem +Entzücken: »Freue dich, liebes Weib und ihr Kinder allesamt, freuet euch; +er hat uns gesehen, hat unsern Dank gehört, unser guter Wohltäter, der uns +unsichtbar umschwebte, weiß, daß Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin +meiner Zusage quitt und ledig, nun laßt uns mit frohem Herzen heimkehren!« + +Eltern und Kinder weinten noch viele Tränen der Freude und des Dankes, bis +sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau groß Verlangen +trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen +Vettern zu beschämen, so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in +der Abendstunde in das Dorf und hielten bei dem nämlichen Bauernhofe an, +aus welchem Veit vor drei Jahren hinausgestoßen worden war. Er pochte +diesmal ganz herzhaft und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter +Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehörte; von diesem +erfuhr Veit, daß die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war +gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen und ihre Stätte +ward nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit übernachtete mit seiner +Familie bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles +weitläufiger erzählte. Tags darauf kehrte er in seine Heimat und an seine +Berufsgeschäfte zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein +rechtlicher, wohlhabender Mann sein lebelang. + + + + +6. Der kleine Peter. + + +In dem Dorfe Krumhübel, welches im Riesengebirge unweit der Schneekoppe +liegt, wohnte ein armer Holzhacker. Er nährte sich und seine Familie, +bestehend in seiner Frau und seinem kleinen Knaben Peter, nur kümmerlich. +Da starb ihm eines Tages seine Frau. Da er beim Holzhacken im Walde sein +Brot verdienen mußte, so hätte er sich der Erziehung und Pflege seines +Knaben nicht widmen können, wenn nicht eine Anverwandte von ihm, die Muhme +aus Fischbach, sich bereit erklärt hätte, ihm die Wirtschaft zu führen und +den Knaben in Aufsicht zu nehmen. Peter war ein kleiner aufgeweckter, +allezeit fröhlicher Bursche, der immer vergnügt sein Liedchen trällerte und +wohlgemut auf- und absprang. Die Muhme aber war durch mancherlei schwere +Lebenserfahrungen verbittert, sah mürrisch und scheel auf das aufgeweckte +Treiben des Knaben herab und setzte ihm, so oft sie ihn erblickte, mit +Zanken, Keifen und harten Worten zu. + +Sie schwärzte Peter auch bei dem Vater an, wenn er am Abend aus dem Walde +zurückkam, und dann tanzte der Haselstock oft auf Peterchens Rücken und die +Beteuerungen der Unschuld halfen dem armen kleinen Schelm nichts. + +Die Folge davon war, daß Peter den Tag über möglichst das Haus floh und am +liebsten auf dem Felde draußen sich aufhielt, wo er im Sommer die bunten +Blumen im Getreide pflückte oder dem Gesange der Vögel lauschte. Wie +lieblich klang das in seinen Ohren; ganz anders als das mürrische Gezänk +der Alten im engen Hause. Im Winter freilich mußte er im Stübchen bleiben, +dann ging's ihm schlecht. Dann war seine einzige Freude, hinaus vor die +Haustür zu treten und den zirpenden Sperlingen und Meisen Krumen von seinem +Stück trockenen Schwarzbrotes zu streuen. Denn Peter hatte ein mildes Herz, +er erbarmte sich, wie alle Kinder im Winter tun sollten, der frierenden, +hungernden Vögel; und obwohl er sich selbst etwas von seinem Frühstück +entzog, hatte er doch seine helle Freude an den gefiederten Gästen, wenn +sie, ehe er vor die Tür trat, ihn ungeduldig lockten, als ob sie sein +Kommen erwarteten. + +Eines Abends kündete der Vater der Muhme an, daß am nächsten Sonntage ein +Bruder von ihm zum Besuch kommen werde. Die Muhme kaufte am nächsten Tage +einen großen Hecht und setzte ihn einstweilen in einem kleinen Fischkasten +in das Wasser, damit er nicht stürbe, ehe sie ihn schlachtete. + +»Du armes Tier,« sagte Peter, als er an dem Kasten vorüberkam, »in diesem +kleinen Raume sollst du leben und atmen, du wirst sterben, wenn dir die +Freiheit nicht bald wiedergegeben wird.« Von diesem Gedanken geleitet, +entnahm er dem Kasten den zappelnden Fisch und warf ihn in den Dorfbach. +Als nun tags darauf die Alte den Hecht schlachten wollte, da war er längst +von dannen geschwommen. Da sauste denn eine tüchtige Tracht Prügel auf +Peter hernieder und seine Freude über seine gute Tat sollte ihm bald +gründlich vergällt werden. + +»Habe ich dich denn, du nichtsnutziger Bursche, wieder einmal bei einem +Schabernack abgefaßt; nun warte nur, du Taugenichts, bis der Vater nach +Hause kommt, der soll dir den verlorenen Hecht mit dem Stocke wieder suchen +helfen.« Da gab's am Abend wieder hageldicke Hiebe und mit Weinen und +Schluchzen mußte Peter sein Lager aufsuchen. + +Als der Knabe am andern Morgen hinaus zum Spiel in den Wald gehen wollte, +rief ihm die Muhme kreischend nach: »Du Faulenzer, brauchst draußen nicht +umherzugaffen und dir die Sonne in den Mund scheinen zu lassen. Flugs nimm +den Sack hier, gehe hinaus auf die Getreidefelder und lies Ähren. Wage dich +aber nicht eher nach Hause, als bis du den Sack damit gefüllt hast.« -- + +Niedergeschlagen ging der Knabe auf das erste Kornfeld und suchte fleißig +Ähren auf, aber der Boden des Sackes war nach zwei Stunden kaum bedeckt. +Die fleißigen Ortsbewohner hatten auf dem Feld bereits Nachlese gehalten +und nur wenige Halme liegen gelassen. Auch auf den andern Feldern hatte er +denselben Erfolg und am Abend war der Sack noch nicht bis zur Hälfte +gefüllt. + +Die Sonne ging unter. Da traten dem kleinen Peter die Tränen in die Augen +und er wußte keinen Ausweg in seiner Not. + +»Warum weinst du, mein Sohn,« ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen und +ein alter Jägersmann stand an seiner Seite. + +Peter erzählte unter Tränen treuherzig sein Leid, wie die böse Muhme ihn +tagtäglich peinige und ihm das Leben sauer mache. + +»Dann müßte sie eine tüchtige Strafe erhalten, denn es ist grausam, dir +solche Aufträge zu erteilen, deren Ausführung unmöglich ist.« + +»Nein,« entgegnete der Knabe, »ich möchte nur, daß die Muhme einmal +fröhlich würde, den ganzen Tag lachte und vor Freude in die Luft spränge.« + +»Dann soll dir und ihr geholfen werden, mein Sohn,« war die Antwort des +Jägers. Er zog darauf ein kleines Pfeifchen hervor und pfiff so laut, daß +es in den Ohren gellte. Im Nu rauschte ein großer Schwarm Sperlinge +hernieder. Sie lasen die Halme mit ihren Schnäbeln auf, trugen sie auf ein +Häufchen zusammen und der Jäger wies darauf hin und sagte: »Hier, mein +Sohn, fülle den Sack damit an.« + +Peter gehorchte voller Freude und der Jäger legte hierauf den vollen Sack +auf seine Schulter, doch er war so leicht, als wenn gar nichts darin wäre. +Als er sich umwandte, seinem Wohltäter zu danken, war dieser verschwunden; +die Sperlinge aber begleiteten ihn bis ins Dorf und an ihrem Zwitschern +erkannte er, daß es seine Freunde vom Winter her waren. + +Die Muhme empfing ihn wieder mit mürrischem Gesicht, aber als sie ihm keine +Vorwürfe machte, meinte Peter, er habe sie versöhnt. + +Seine Annahme aber war ein Irrtum. Kaum graute der Morgen, so erschien die +Alte vor seinem Bett und rief laut: »Stehe fix auf und fang' ein Gericht +Fische im Teiche, daß ich sie deinem Vater, der krank geworden ist, kochen +kann. Kommst du mit leeren Händen zurück, so kann ich ihm nichts zu essen +geben und die Krankheit verschlimmert sich.« + +Peter nahm sein kleines Fischnetz und ging hinaus zum Teiche. Die Krankheit +des Vaters hatte ihn traurig gestimmt und er nahm sich vor, fleißig zu +fischen, um dem kranken Vater ein Gericht zu seiner Stärkung zu +verschaffen. Aber Stunde um Stunde verging, der Mittag kam und das Netz +blieb leer. Vor Angst weinend schaute er nach dem alten Jäger aus und +richtig! -- da stand er wieder am Bachesrand, der alte freundliche Mann. + +»Schon wieder Kummer, Peterchen, und Tränen im Auge, scheinst nahe ans +Wasser gebaut zu haben, oder hat dir die hartherzige Muhme wieder einen +Auftrag gegeben, der dir mißfällt,« begann der Jäger. + +»So ist's,« entgegnete der Knabe, »dies Netz voll Fische nach Hause zu +bringen, ist diesmal ihr Begehr.« + +Da pfiff der Jäger wieder auf seinem Pfeifchen. Da kam ein großer Hecht +herangeschwommen und trieb eine Menge kleiner Fische vor sich her, die +schlüpften alle in das Netz und Peter mußte es mehrmals ausleeren. Helle +Freude ging über sein Gesicht und mit inniger Freude dankte er seinem +Wohltäter. + +»Kennst du aber dort den großen Fisch nicht mehr? Es ist derselbe, den du +aus dem Fischkasten genommen und in den Bach getragen hast.« + +Verwundert schaute Peter dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt +langsam im Teiche hinschwamm. Wieder war der rätselhafte Jägersmann +verschwunden und Peter lief glücklich und hocherfreut nach Hause; von dem +Fange konnte sich der Vater viele Tage lang satt essen. + +Als der Knabe die Aufträge der Muhme pünktlich ausgeführt hatte, beschlich +sie tödlicher Haß auf den Knaben und schon am andern Morgen hatte sie eine +neue Bosheit ersonnen. Sie wollte den Knaben gar zu gern los sein. Darum +herrschte sie ihn an: »Flugs, eile dich, deines Vaters Krankheit ist +ernster geworden, hier kann nur noch eine Pflanze, das Wurzelmännchen +genannt, helfen. Aber es wächst nur auf jenem Teil des Gebirges, wo der +Herr des Gebirges, Rübezahl, haust. Ruf' ihn und wenn er erscheint, so +bitte ihn um das Wurzelmännchen für deinen kranken Vater. Bleib aber so +lange im Gebirge und ruf ihn, bis er deine Bitte gewährt.« Dabei dachte sie +in ihrem arglistigen Herzen: »Nun bin ich den verwünschten Jungen los, denn +Rübezahl wird ihm den Hals umdrehen, wenn er ihn bei seinem Spottnamen +ruft.« + +Peter ergriff seinen Stab, pfiff sich ein lustiges Liedlein und trabte +wohlgemut dem Gebirge zu. Wohl hatte er von seinen Schulkameraden allerlei +Schauergeschichten von »Herrn Johannes«, wie sich Rübezahl selbst +bezeichnete, gehört, doch tröstete er sich mit der Überzeugung, daß auch +der Berggeist ihn nicht mehr Leides antun könne als die böse Muhme daheim. + +Eben wollte er, auf einer Anhöhe des Gebirges angekommen, seinen Mund zu +einem kräftigen »Rübezahl, Rübezahl!« öffnen, als eine Stimme hinter ihm +rief: »Nun, mein Peterchen, willst wohl verreisen? Oder hat dir die Muhme +den Laufpaß gegeben; willst du den alten kranken Vater verlassen?« + +»Nein,« antwortete der Knabe dem freundlichen Jäger -- denn dieser war es +--, »denkt Euch, ich soll Rübezahl aufsuchen und von ihm ein Wurzelmännchen +holen, davon wird der Vater gesund werden, sagt die Muhme.« + +»Aber fürchtest du dich nicht vor dem mächtigen Berggeist?« + +»Bewahre, wie wird er wohl! Der straft Leute, die ihn verhöhnen, ich aber +komme, daß er meinem kranken Vater helfen soll. Und wenn dabei ein paar +Püffe und Schläge abfallen, so sind sie mir nichts Neues, denn sie sitzen +in der Hand der Muhme immer gewaltig locker.« + +Belustigt entgegnete der fremde Jägersmann. »Du bist ein Prachtkerl, +kleiner Peter, aber vielleicht wird dir dein Rufen nichts helfen, der +Berggeist ist zuweilen verreist. Wir Forstleute bringen unsere Zeit meist +im Walde zu und kennen alle Kräuter und Wurzeln und sind wohlvertraut mit +ihren heilenden Wirkungen. Hier hast du ein Wurzelmännchen, hänge es deinem +Vater um den Hals, so wird er gesund werden.« + +Der Fremde verschwand vor Peters Augen. Dieser aber eilte, das +Wurzelmännchen fest in der Hand haltend, in seine väterliche Behausung. + +Die Muhme kam ihm schon in der Tür entgegen mit einem gar grimmigen Gesicht +und murmelte: »Unkraut vergeht nicht.« Da hielt ihr Peter den Wurzelmann +grade vor die Nase. Es war ein wunderliches Geschöpf mit dickem, boshaft +grinsendem Kopf und einem daran hängenden langen Zopf, dessen Länge +diejenige des ganzen Männchens bei weitem übertraf. In demselben +Augenblick, als der Knabe der Alten den Wurzelmann zeigt, ging mit dieser +eine wunderbare Wandlung vor, sie lachte und sprang hoch in die Luft vor +ausgelassener Freude den ganzen Tag über, so daß sie am Abend müde und +zerschlagen war von allem Toben und Tanzen. Aus Angst, daß sich diese +Vorgänge wiederholen würden, schnürte sie ihr Bündel und verschwand aus dem +Dorfe. + +Da fiel es dem kleinen Peter wieder ein, wie er gegen den Jägersmann, als +er ihm das erstemal begegnete, geäußert hatte, er wünsche, daß die Muhme +einen ganzen Tag lachen und springen müsse, und nun kam ihm die Erkenntnis, +daß Rübezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und dieser ihm +die Ähren, die Fische und das Wurzelmännchen geschenkt habe. + +Peter hatte nun gute Tage, denn der Vater wurde wieder gesund. Er ging mit +ihm fleißig auf die Arbeit und half ihm mit Rat und Tat, so daß sie bald +rüstig vorwärts kamen und der Vater viel Freude an seinem Sohn erlebte. Die +Muhme aber soll vor Neid und Mißgunst gestorben sein. + + + + +7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse. + + +So sehr sich's auch der Bauer Veit, dessen Erlebnis wir früher behandelten, +hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Glückes zu +verhehlen, um nicht ungestüme Bittsteller anzureizen, den Berggeist um +ähnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die +Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau +zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort, wie eine +Seifenblase vom Strohhalm. Veits Frau vertraut's einer verschwiegenen +Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem +Dorfbarbier, dieser allen seinen Bartkunden; so kam's im Dorfe und hernach +im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die +Lungerer und Müßiggänger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, reizten +den Berggeist durch Zurufe und beschworen ihn, zu erscheinen. Zu ihnen +gesellten sich Schatzgräber und Landstreicher, die das Gebirge +durchkreuzten, allenthalben in die Erde gruben und den Schatz in der +Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ sie eine Zeitlang ihr Wesen +treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mühe nicht wert, sich über die +Kerle zu erzürnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, ließ zur Nachtzeit da +und dort ein blaues Flämmchen auflodern und wenn die Laurer kamen, ihre +Hüte und Mützen darauf warfen, ließ er sie manchen schweren Geldtopf +ausgraben, den sie mit Freude heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend +verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie +Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermüdeten sie nicht, das +alte Spiel wieder anzufangen und neuen Unfug zu treiben. Darüber wurde der +Geist endlich unwillig, stäupte das lose Gesindel durch einen kräftigen +Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so +barsch und ärgerlich, daß keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch +selten ohne Staupe entrann und der Name Rübezahl wurde nicht mehr gehört im +Gebirge seit Menschengedenken. + +Eines Tages sonnte sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam +ein Weib ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren +sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an +der Brust liegen, eines trug sie auf dem Rücken, eines leitete sie an der +Hand und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem +Rechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter, dachte +Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier +Kindern, wartet dabei ihres Berufs ohne Murren und wird sich noch mit der +Bürde des Korbes belasten müssen. + +Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt +machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre +Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den Büschen; indes wurde den +Kleinen die Zeit lang und sie fingen an, heftig zu schreien. Alsbald +verließ die Mutter ihre Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern, +nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in +Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit. + +Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre +Schreierei von neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie +lief ins Holz, pflückte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind +an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel Rübezahl ungemein wohl. +Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich +durch nichts beruhigen lassen, er war ein störrischer, eigensinniger Junge, +der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf +und dazu schrie, als wenn er am Spieß stäke. Darüber riß ihr doch endlich +die Geduld: »Rübezahl,« rief sie, »komm' und friß mir den Schreier!« + +Sofort stand der Berggeist in der Gestalt eines Köhlers vor dem Weibe und +sprach: »Hier bin ich, was ist dein Begehr?« Die Frau geriet über diese +Erscheinung in großen Schrecken; da sie aber ein frisches, herzhaftes Weib +war, sammelte sie sich bald und faßte Mut. »Ich rief dich nur,« sprach die +Mutter Ilse, »meine Kinder schweigsam zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf +ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen.« »Weißt du auch,« +entgegnete der Geist, »daß man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte +dich beim Worte, gib mir deinen Schreier, daß ich ihn fresse; so ein +leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.« + +Darauf streckte er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen. + +Wie eine Gluckhenne, wenn der Hühnerhabicht hoch über dem Dache in den +Lüften schwebt oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit +ängstlichem Glucksen vorerst ihre Küchlein in den sichern Hühnerkorb lockt, +dann ihr Gefieder emporsträubt, die Flügel ausbreitet und mit dem stärkeren +Feinde einen ungleichen Kampf beginnt, so fiel das Weib dem schwarzen +Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und rief: »Ungetüm, das +Mutterherz mußt du mir erst aus dem Leibe reißen, eh' du mir mein Kind +raubst.« + +Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich +gleichsam schüchtern zurück; dergleichen handfeste Erfahrung in der +Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich +an: »Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du wähntest, +will dir und deinen Kindern auch kein Leides tun; aber laß mir den Knaben; +der Schreier gefällt mir, ich will ihn halten wie einen Junker, will ihn in +Samt und Seide kleiden und einen wackern Kerl aus ihm ziehen, der Vater und +Brüder einst nähren soll. Fordere hundert Schreckenberger,[A] ich zahle sie +dir.« + +[Fußnote A: Eine alte sächsische Silbermünze, nach heutigem Gelde etwa 25 +Pfennige im Werte.] + +»Ha!« lachte das rasche Weib, »gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein +Junge wie'n Daus, der wäre mir nicht um aller Welt Schätze feil.« + +»Törin!« versetzte Rübezahl, »hast du nicht noch drei Kinder, die dir Last +und Überdruß machen! Mußt sie kümmerlich nähren und dich mit ihnen plagen +Tag und Nacht.« + +»Wohl wahr, aber dafür bin ich Mutter und muß tun, was meines Berufes ist. +Kinder machen Überlast, aber auch manche Freude.« + +»Schöne Freude, sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen, sie zu +gängeln, zu säubern, ihre Unart und ihr Geschrei zu ertragen!« + +»Wahrlich, Herr, Ihr kennt die Mutterfreuden wenig. Alle Arbeit und Mühe +versüßt ein einziger freundlicher Anblick, das holde Lächeln und Lallen der +kleinen unschuldigen Würmer. -- Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an +mir hängt, der kleine Schmeichler! Nun ist er's nicht gewesen, der +geschrien hat. -- Ach, hätte ich doch hundert Hände, die euch heben und +tragen und für euch arbeiten könnten, ihr lieben Kleinen!« + +»So! Hat denn dein Mann keine Hände, die arbeiten können?« + +»O ja, die hat er! Er rührt sie auch, und ich fühl's zuweilen.« + +»Wie? Dein Mann erkühnt sich, die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch +ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem Mörder!« + +»Da hättet Ihr traun viel Hälse zu brechen, wenn alle Männer mit dem Halse +büßen sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die Männer sind eine +schlimme Nation; drum heißt's: Eh'stand, Weh'stand; muß mich drein ergeben, +warum hab' ich gefreit.« + +»Nun ja, wenn du wußtest, daß die Männer eine schlimme Nation sind, so +war's auch ein dummer Streich, daß du freitest.« + +»Möglich! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte und ich +eine arme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir, begehrte mich zur Eh', +gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf und der Handel war gemacht. +Nachher hat er mir den Taler wieder abgenommen, aber den wilden Mann hab' +ich noch.« + +Der Geist lächelte: »Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen +Starrsinn.« + +»Oh, den hat er mir schon ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser; wenn +ich ihm einen Groschen abfordere, so rasaunt er im Hause ärger als Ihr zu +Zeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor und da muß ich schweigen. Wenn +ich ihm eine Aussteuer zugebracht hätte, wollt' ich ihm schon den Daumen +aufs Auge halten.« + +»Was treibt dein Mann für ein Gewerbe?« + +»Er ist Glashändler, muß sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden; +schleppt da der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber jahraus, +jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muß ich's und die armen +Kinder freilich entgelten; aber ich ertrag's.« + +»Du kannst den Mann noch lieben, der dir so übel mitspielt?« + +»Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles +gut machen und uns wohl lohnen, wenn sie groß sind.« + +»Leidiger Trost! Die Kinder danken auch der Eltern Müh' und Sorgen! Die +Jungen werden dir noch den letzten Heller auspressen, wenn sie der Kaiser +zum Heere schickt ins ferne Ungarland, daß die Türken sie erschlagen.« + +»Ei nun, das kümmert mich auch nicht; werden sie erschlagen, so sterben sie +für den Kaiser und fürs Vaterland in ihrem Beruf; können aber auch Beute +machen und die armen Eltern pflegen.« + +Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib +würdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band oben drauf +den kleinen Schreier mit der Leibschnur fest und Rübezahl wandte sich, als +wollte er weitergehen. Weil aber die Bürde zu schwer war, daß das Weib +nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurück: »Ich hab' Euch einmal +gerufen,« sprach sie, »helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein übriges tun +wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein +Gutfreitagsgröschel[A] zu einem Paar Semmeln; morgen kommt der Vater heim, +der wird uns Weißbrot aus Böhmen mitbringen.« Der Geist antwortete: +»Aufhelfen will ich dir wohl; aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll +er auch keine Spende haben.« »Auch gut!« versetzte die Frau und ging ihres +Weges. + +[Fußnote A: Eine schlesische Münze, einen Dreier an Wert, welche ehedem die +Fürsten von Liegnitz prägen und auf den Karfreitag an die Armen zum Almosen +verteilen ließen.] + +Je weiter sie ging, je schwerer wurde der Korb, daß sie unter der Last +schier erlag und alle zehn Schritte verschnaufen mußte. Das schien ihr +nicht mit rechten Dingen zuzugehen; sie wähnte, Rübezahl habe ihr einen +Possen gespielt und eine Last Steine unter das Laub geschmuggelt; darum +setzte sie den Korb ab auf dem nächsten Rande und stürzte ihn um. Doch es +fielen eitel Laubblätter heraus und keine Steine. Also füllte sie ihn +wieder zur Hälfte und raffte noch so viel Laub in die Schürze, als sie +darein fassen konnte; aber bald war ihr die Last von neuem zu schwer und +sie mußte nochmals ausleeren, welches die rüstige Frau groß wunder nahm; +denn sie hatte gar oft hochgeschichtete Graslasten heimgetragen und solche +Mattigkeit noch nie gefühlt. Demungeachtet beschickte sie bei ihrer +Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Zicklein das Laub +vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren +Abendsegen und schlief flugs und fröhlich ein. + +Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme sein +Frühstück verlangte, weckten das geschäftige Weib zu ihrem Tagewerk aus dem +gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkeimer ihrer Gewohnheit nach +zum Ziegenstalle. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute, nahrhafte +Haustier, die alte Ziege, lag da hart und steif, hatte alle viere von sich +gestreckt und war verschieden; die Zicklein aber verdrehten die Augen +gräßlich im Kopfe, steckten die Zunge von sich und gewaltsame Zuckungen +verrieten, daß sie der Tod ebenfalls schüttele. So ein Unglücksfall war der +guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt von +Schreck sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vor die +Augen, denn sie konnte den Jammer der sterbenden Tiere nicht ansehen und +seufzte tief: »Ich unglückliches Weib, was fang' ich an! Und was wird mein +harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein ganzer +Gottessegen auf dieser Welt!« -- + +Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. »Wenn das liebe +Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und +was sind deine Kinder?« Sie schämte sich ihrer Übereilung; laß fahren dahin +aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine +vier Kinder. Wenn's auch einen Strauß mit Steffen setzt und er mich übel +schlägt, was ist's mehr als ein böses Stündlein? Habe ich doch nichts +verwahrlost. Die Ernte steht bevor, da kann ich schneiden gehen und auf den +Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht; eine Ziege wird ja +wohl wieder zu erwerben sein und habe ich die, so wird's auch nicht an +Zicklein fehlen. + +Indem sie das bei sich dachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ihre +Tränen ab und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren Füßen ein +Blättlein, das flitterte und blinkte so hell, so hochgelb wie gediegen +Gold. Sie hob es auf, besah's und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie +auf, lief damit zu ihrer Nachbarin, der Trödlersfrau, zeigte ihr den Fund +mit großer Freude und diese erkannte es für reines Gold, handelte es ihr ab +und zählte ihr dafür zwei Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun +all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie +im Besitz gehabt. Sie lief zum Bäcker, kaufte Stietzel und Butterkringel +und eine Hammelkeule für Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er müde +und hungrig auf den Abend von der Reise käme. Wie zappelten die Kleinen der +fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes +Frühstück austeilte! Sie überließ sich ganz der mütterlichen Freude, die +hungrige Kinderschar satt zu machen und nun war ihre erste Sorge, das ihrer +Meinung nach von einer Hexe verzauberte Vieh beiseite zu schaffen und +dieses häusliche Unglück vor dem Manne so lange als möglich zu +verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging über alles, als sie von ungefähr in +den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldener Blätter darin +erblickte. Da schärfte sie geschwind das Küchenmesser, öffnete den Leib der +Ziege und fand im Magen einen Klumpen Gold, so groß als ein großer Apfel +und so auch nach Verhältnis in den Magen der Zicklein. + +Jetzt wußte sie ihres Reichtums kein Ende; doch damit empfand sie auch die +drückenden Sorgen desselben; sie wurde unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen, +wußte nicht, ob sie den Schatz in die Lade verschließen oder in die Erde +vergraben sollte, fürchtete Diebe und Schatzgräber, wollte auch den Knauser +Steffen nicht gleich alles wissen lassen aus gerechter Besorgnis, daß er, +vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch +nebst den Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie's klug +damit anstellen könnte und fand keinen Rat. + +Der Pfarrer im Dorfe nahm sich aller Bedrängten gern an und stand seinen +Pfarrkindern mit Rat und Tat zur Seite. Ungerechtigkeiten duldete er nicht +in der Gemeinde und auch den mürrischen Steffen hatte er schon wiederholt +zur Rede gestellt. Zu ihm nahm das Weib ihre Zuflucht, berichtete ihm +unverhohlen das Abenteuer mit Rübezahl, wie er ihr zu großem Reichtum +verholfen und was sie dabei für Anliegen habe und bezeugte auch die +Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der +Pfarrer wunderte sich aufs höchste über die Begebenheit, freute sich aber +zugleich über das Glück des armen Weibes und rückte darauf sein Käpplein +hin und her, für sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aufsehen sie im +ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel aufzufinden, daß +der zähe Steffen sich desselben nicht bemächtigen könnte. + +Nachdem er lange überlegt hatte, redete er also: »Hör' an, meine Tochter, +ich weiß guten Rat für alles. Wäge mir das Gold zu, daß ich dir's treulich +aufbewahre; dann will ich einen Brief schreiben in welscher Sprache, der +soll dahin lauten: Dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in +der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben und habe +all sein Gut dir im Testament vermacht, mit dem Beding, daß der Pfarrer des +Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem andern zunutze +komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir; nur gedenke, daß du der +heiligen Kirche einen Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel +beschert hat, und gelobe ein reiches Meßgewand in die Sakristei.« Dieser +Rat behagte dem Weibe herrlich; sie gelobte dem Pfarrer das Meßgewand; er +wog in ihrem Beisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Quentchen aus, legte +es in den Kirchenschatz und das Weib schied mit frohem und leichtem Herzen +von ihm. + +Rübezahl haßte das ganze Geschlecht um eines Mädchens willen, das ihn +überlistet hatte, ob ihn gleich seine Laune zuweilen auf den milden Ton +stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu nehmen und ihr gefällig zu +sein. So sehr die wackere Frau des Glasers mit ihren Gesinnungen und +Benehmen seine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den +barschen Steffen und trug großes Verlangen, das biedere Weib an ihm zu +rächen, ihm einen Possen zu spielen, daß ihm angst und weh dabei würde, und +ihn dadurch so zahm zu machen, daß er der Frau untertan würde und sie ihm +nach Wunsche den Daumen aufs Auge halten könne. Zu diesem Behufe sattelte +er den raschen Morgenwind, saß auf und galoppierte über Berg und Tal, +spionierte wie ein Kundschafter auf allen Landstraßen und Kreuzwegen von +Böhmen umher und wo er einen Wanderer erblickte, der eine Bürde trug, war +er hinter ihm her und forschte nach seiner Ladung. Zum Glück führte kein +Wanderer, der diese Straße zog, Glaswaren, sonst hätte er für Schaden und +Spott nicht sorgen dürfen, ohne einen Ersatz zu hoffen, wenn er auch gleich +der Mann nicht gewesen wäre, den Rübezahl suchte. + +Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdings +nicht entgehen. Um die Vesperzeit kam ein rüstiger, frischer Mann +angeschritten, mit einer großen Bürde auf dem Rücken. Unter seinem festen, +sicheren Tritt ertönte jedesmal die Last, die er trug. Rübezahl freute +sich, sobald er ihn von der Ferne witterte, daß ihm nun seine Beute gewiß +war und rüstete sich, seinen Meisterstreich auszuführen. Der keuchende +Steffen hatte beinahe das Gebirge erstiegen; nur die letzte Anhöhe war noch +zu gewinnen, so ging es bergab nach der Heimat zu, darum sputete er sich, +den Gipfel zu erklimmen; aber der Berg war steil und die Last war schwer. +Er mußte mehr als einmal ruhen, stützte den knotigen Stab unter den Korb, +um das drückende Gewicht zu mindern, und trocknete den Schweiß, der ihm in +großen Tropfen vor der Stirn stand. Mit Anstrengung der letzten Kräfte +erreichte er endlich die Zinne des Berges und ein schöner gerader Pfad +führte zu dessen Abhang. + +Mitten am Wege lag ein abgesägter Fichtenbaum und der Überrest des Stammes +stand daneben, kerzengerade und aufrecht, oben geebnet wie ein Tischblatt. +Ringsumher grünten in großen Mengen Gräser und Kräuter. Dieser Anblick war +dem ermüdeten Lastträger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem, daß +er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und sich gegenüber im +Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier übersann er, wieviel reinen +Gewinn ihm seine Ware diesmal einbringen würde und fand nach genauem +Überschlag, daß, wenn er keinen Groschen ins Haus verwendete und die +fleißige Hand seines Weibes für Nahrung und Kleidung sorgen ließe, er +gerade so viel lösen würde, um auf dem Markte zu Schmiedeberg sich einen +Esel zu kaufen und zu befrachten. Der Gedanke, wie er in Zukunft dem +Grauschimmel die Last aufbürden und gemächlich nebenher gehen würde, war +ihm zu der Zeit, wo seine Schultern eben wund gedrückt waren, so +herzerquickend, daß er ihm, wie es bei frohen Zukunftsbildern sehr +natürlich ist, weiter nachging. Ist einmal der Esel da, dachte er, so soll +mir bald ein Pferd draus werden, und hab' ich nun den Rappen im Stalle, so +wird sich auch ein Acker dazu finden, darauf sein Hafer wächst. Aus einem +Acker werden dann leicht zwei, aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und +endlich ein Bauerngut und dann soll Ilse auch einen neuen Rock haben. + +Er war mit seinen Plänen beinahe so weit fertig, da tummelte Rübezahl +seinen Wirbelwind um den Holzklotz herum und stürzte mit einemmal den +Glaskorb herunter, daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücke zerfiel. +Das war ein Donnerschlag in Steffens Herz; zugleich vernahm er in der Ferne +ein lautes Gelächter, wenn's anders nicht Täuschung war und das Echo den +Laut der zerschellten Gläser nur wiedergab. Er nahm's für Schadenfreude, +und weil ihm der unmäßige Windstoß unnatürlich schien, auch, da er recht +zusah, Klotz und Baum verschwunden waren, so riet er leicht auf den +Unglücksstifter. »Oh!« wehklagte er, »Rübezahl, du Schadenfroh, was habe +ich dir getan, daß du mein Stückchen Brot mir nimmst, meinen sauren Schweiß +und Blut! Ach, ich geschlagener Mann auf Lebenszeit!« Hierauf geriet er in +eine Art von Wut, stieß alle erdenklichen Schmähreden gegen den Berggeist +aus, um ihn zum Zorn zu reizen. »Halunke,« rief er, »komm und erwürge mich, +nachdem du mir mein alles auf der Welt genommen hast!« In der Tat war ihm +auch das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert als ein zerbrochen Glas; +Rübezahl ließ indessen weiter nichts von sich sehen noch hören. + + + +Der verarmte Steffen mußte sich entschließen, wenn er nicht den leeren Korb +nach Hause tragen wollte, die Bruchstücke zusammenzulesen, um auf der +Glashütte wenigstens ein paar Spitzgläser zum Anfang eines neuen Gewerbes +dafür einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Schiffsherr, dessen Schiff der +gefräßige Ozean mit Mann und Maus verschlungen hat, ging er das Gebirge +hinab, schlug sich mit tausend schwermütigen Gedanken, machte zwischendrein +dennoch auch allerlei Pläne, wie er den Schaden ersetzen und seinem Handel +wieder aufhelfen könne. Da fielen ihm die Ziegen ein, die seine Frau im +Stalle hatte; doch sie liebte sie schier wie ihre Kinder und im Guten, +wußte er, waren sie ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte er diesen Kniff, +sich seinen Verlust zu Hause gar nicht merken zu lassen, auch nicht bei +Tage in seine Wohnung zurückzukehren, sondern um Mitternacht sich ins Haus +zu schleichen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treiben und +das daraus gelöste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden, bei seiner +Zurückkunft aber mit dem Weibe zu hadern und sich ungebärdig zu stellen, +als habe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit stehlen +lassen. + +Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der unglückliche Scherbensammler +nahe beim Dorfe in einen Busch und wartete mit sehnlichem Verlangen die +Mitternachtsstunde, um sich selbst zu bestehlen. Mit dem Schlag zwölf +machte er sich auf den Diebsweg, kletterte über die niedrige Hoftür, +öffnete sie von innen und schlich mit Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte +doch Scheu und Furcht, vor seinem Weibe, auf einer unrechten Tat sich +ertappen zu lassen. Wider Gewohnheit war der Stall unverschlossen, was ihn +wunder nahm, ob's ihn gleich freute; denn er fand in dieser Fahrlässigkeit +einen Schein Rechtens, sein Vornehmen damit zu beschönigen. Aber im Stalle +fand er alles öde und wüste; da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder +Ziege noch Böcklein. Im ersten Schrecken vermeinte er, es habe ihm bereits +ein Diebesgesell vorgegriffen, dem das Stehlen geläufiger sei als ihm; denn +ein Unglück kommt selten allein. Bestürzt sank er auf die Streu und +überließ sich, da ihm auch der letzte Versuch, seinen Handel wieder in Gang +zu bringen, mißlungen war, einer dumpfen Traurigkeit. + +Seitdem die geschäftige Ilse vom Pfarrer wieder zurück war, hatte sie mit +frohem Mute alles fleißig zugeschickt, ihren Mann mit einer guten Mahlzeit +zu empfangen, wozu sie den Pfarrer auch eingeladen hatte, welcher verhieß, +ein Kännlein Speisewein mitzubringen, um beim fröhlichen Gelag dem +aufgemunterten Steffen von der reichen Erbschaft des Weibes Bericht zu +geben und unter welcherlei Bedingungen er daran Genuß und Anteil haben +solle. Sie sah gegen Abend fleißig zum Fenster hinaus, ob Steffen käme, +lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mit ihren schwarzen Augen gegen +die Landstraße hin, war bekümmert, warum er so lange weile, und da die +Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgen und Ahnungen in die +Schlafkammer, ohne daß sie ans Abendbrot dachte. Lange kam ihr kein Schlaf +in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen Morgen in einen unruhigen, matten +Schlummer fiel. + +Den armen Steffen quälten Verdruß und Langeweile im Ziegenstall nicht +minder; er war niedergedrückt und kleinlaut, daß er sich nicht getraute, an +die Tür zu klopfen. Endlich kam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und +rief mit wehmütiger Stimme: »Liebes Weib, erwache und tu auf deinem Manne!« +Sobald Ilse seine Stimme vernahm, sprang sie flink vom Lager wie ein +munteres Reh, lief an die Tür und umhalste ihren Mann mit Freuden; er aber +erwiderte diese herzigen Liebkosungen gar kalt und frostig, setzte seinen +Korb ab und warf sich mißmutig auf die Ofenbank. Wie das fröhliche Weib das +Jammerbild sah, ging's ihr ans Herz. »Was fehlt dir, lieber Mann,« sprach +sie bestürzt, »was hast du?« Er antwortete nur durch Stöhnen und Seufzen; +dennoch fragte sie ihm bald die Ursache des Kummers ab und weil ihm das +Herz zu voll war, konnte er sein erlittenes Unglück dem trauten Weibe nicht +länger verhehlen. Da sie vernahm, daß Rübezahl den Schabernack verübt +hatte, erriet sie leicht die wohltätige Absicht des Geistes und konnte sich +des Lachens nicht erwehren, welches Steffen bei erregterer Gemütsverfassung +ihr übel würde gelohnt haben. Jetzt rügte er den scheinbaren Leichtsinn +nicht weiter und fragte nur ängstlich nach dem Ziegenvieh. Das reizte noch +mehr des Weibes Lachen, da sie bemerkte, daß der Hausvogt schon +allenthalben umherspioniert hatte. »Was kümmert dich mein Vieh?« sprach +sie, »hast du doch noch nicht nach den Kindern gefragt; das Vieh ist wohl +aufgehoben draußen auf der Weide. Laß dich auch den Tück von Rübezahl nicht +anfechten und gräme dich nicht; wer weiß, wo er oder ein anderer uns +reichen Ersatz dafür gibt.« »Da kannst du lange warten,« sprach der +Hoffnungslose. »Ei nun,« versetzte das Weib, »unverhofft kommt oft. Sei +unverzagt, Steffen! Hast du gleich keine Gläser und ich keine Ziegen mehr, +so haben wir doch vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme, sie und uns zu +ernähren; das ist unser ganzer Reichtum.« »Ach, daß es Gott erbarme!« rief +der bedrängte Mann, »sind die Ziegen fort, so trage die vier Bälge nur +gleich ins Wasser, nähren kann ich sie nicht.« »Nun, so kann ich's,« sprach +Ilse. + +Bei diesen Worten trat der freundliche Pfarrer herein, hatte vor der Tür +schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen eine +lange Predigt über den Text, daß der Geiz eine Wurzel alles Übels sei; und +nachdem er ihm das Gesetz genugsam geschärft hatte, verkündigte er ihm nun +auch die frohe Botschaft von der reichen Erbschaft des Weibes, zog den +welschen Brief heraus und übersetzte ihm darauf, daß der zeitige Pfarrherr +in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestellt sei und die +Hinterlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Hand bereits +empfangen habe. + +Steffen stand, da wie ein stummer Ölgötz, konnte nichts als sich dann und +wann verneigen, wenn bei Erwähnung der durchlauchten Republik Venedig der +Pfarrer ehrerbietig ans Käpplein griff. Nachdem er wieder ein wenig zur +Besinnung gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzig in die Arme und +versprach ihr, von jetzt ab sie nicht mehr rauh zu behandeln, sondern sie +in Ehre und Liebe zu halten. Steffen wurde der geschmeidigste, gefälligste +Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei ein fleißiger, +ordentlicher Wirt; denn Müßiggang war nicht seine Sache. + +Der redliche Pfarrer verwandelte nach und nach das Gold in klingende Münze +und kaufte davon ein großes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse +wirtschafteten ihr Leben lang. Den Überschuß lieh er auf Zins und +verwaltete das Kapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz und nahm +keinen andern Lohn dafür als ein Meßgewand, das Ilse so prächtig machen +ließ, daß kein Erzbischof sich desselben hätte schämen dürfen. + +Die zärtliche, treue Mutter erlebte noch im Alter große Freude an ihren +Kindern und Rübezahls Günstling wurde gar ein wackerer Mann, diente im Heer +des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Dreißigjährigen Kriege. + + + + +8. Susi und der Kräutermann. + + +Der alte Köhler Christoph saß mit seinem Weibe Else an einem lauen +Sommermorgen vor seinem Hüttchen. Vor ihnen führten Kinder ihren +Ringelreigen auf, aber die Alten achteten nicht auf das Kinderspiel, +sondern schienen einen schweren Kummer auf dem Herzen zu tragen. Vater +Christophs Glieder waren seit Jahren gelähmt, so daß es wenig Verdienst gab +und Armut und Entbehrung waren die ständigen Gäste in der armen, +baufälligen Hütte. Oft konnte die Frau tagelang nicht arbeiten und für den +Haushalt Geld schaffen, weil sie sich der Pflege ihres Mannes widmen mußte. +Auch ihre kleinen Einnahmen aus dem gesponnenen Garn waren ausgeblieben, da +Mutter Else bei ihrer Armut nicht imstande war, Flachs zu kaufen. + +Vater Christoph stöhnte ob all des Kreuzes und Tränen rannen ihm über die +Wangen. + +»Vater,« hob da Else an, »laß deinen Mut und deine Freudigkeit nicht +sinken. Kennst du nicht den herrlichen Liedervers aus dem Gesangbuche, der +mit den Worten beginnt: + + Denk nicht in deiner Drangsalshitze, + Daß du von Gott verlassen seist. + +Siehe, der Dichter des Liedes, aus welchem jener Vers stammt: >Wer nur den +lieben Gott läßt walten<, Georg Neumark, war, wie mir neulich unser lieber +Herr Pfarrer, der dich so oft in deiner Krankheit besucht und tröstet, +erzählte, in so bittere Not geraten, daß er seine liebe Geige versetzen +mußte. Da fand er in seiner Herzensangst, wie von Gott gesandt, einen +reichen Gönner, der ihm half. Aus Freude darüber sang er sein Lied: >Wer +nur den lieben Gott läßt walten<. Das hat seither schon manche Träne +getrocknet und manchen Kreuzesträger gestärkt.« Vater Christoph wurde ruhig +und in frommer Ergebung sprachen seine zitternden Lippen: + + »Denn welcher seine Zuversicht + Auf Gott setzt, den verläßt er nicht.« + +Da schritt auf der Landstraße ein hübsches Mädchen einher, dem Dorfe zu. Es +mußte einen weiten Weg zurückgelegt haben und schien ermüdet zu sein. Unter +dem Arme trug die Kleine ein Bündel Kleider. + +Als sie sich der Hütte näherte, rief sie den beiden Alten zu: »Grüß Gott! +Könnt ihr mir wohl sagen, wo in diesem Dorfe der alte Köhler Christoph +wohnt?« + +»Der bin ich selbst,« antwortete der Alte und im nächsten Augenblicke lag +das Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Ihr seid mein Oheim. Ich bin +Eure Nichte, die Mutter ist vor einer Woche gestorben, ihr letzter Gruß +galt Euch.« + +Da trat Mutter Else herbei, streichelte dem Kinde die Wangen und sprach: +»Sei uns herzlich willkommen, armes Kind, du bleibst von nun an bei uns. +Wir wollen dich hegen und pflegen und lieben als unser eigenes Kind.« +Christoph gab dem Kinde treuherzig die Hand und sprach: »Gott segne dich.« + +Nun mußte Susi -- so war ihr Name -- in die Hütte eintreten, daß sie sich +ausruhe und erfrische. Else bereitete ihr ein Lager von Heu und Blättern +und auf ihrem ärmlichen Lager ruhte Suschen so süß wie auf weichem Flaum +und liebliche Träume umgaukelten sie während der Nacht. + +Seit Susis Ankunft war es im Hause lebhafter geworden. Frühmorgens schon +sang sie mit silberheller Stimme ihre Lieder und begleitete sie am Abend +mit der Zither, fröhliche Geschichten erzählte sie dem Oheim, so daß ihm +zuweilen ein Lächeln ankam; aber Mutter Else blieb still und gedrückt. Sie +sann immer darüber nach, wie sie dem Mädchen Kleidungsstücke und ein +besseres Lager schaffen könnte, zumal der Winter im Anzuge war. Doch das +gute Mütterchen fand trotz allen Grübelns keinen Ausweg. + +So war sie denn eines Morgens in den Wald gegangen, um dürres Holz zum +Feuermachen zu sammeln, als sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich +vernahm. Es war ein Kräutersammler, welcher einen Kasten mit Salben und +Kräutern für Kranke auf der Schulter trug. Er grüßte Else und bot ihr seine +Waren an. + +»Ach,« erwiderte diese, »das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt Ihr gewiß +nicht in Eurem Kasten. Mein Mann ist schon jahrelang von der Gicht geplagt; +ich würde für das Kraut, das ihm helfen könnte, mein liebstes Andenken, +eine große Silbermünze, die mir mein Pate zur Einsegnung schenkte, mit +Freuden daran geben.« + +Der Fremde ging mit ihr zur Hütte. Dort hatte Susi schon fleißig +gewirtschaftet, das Bett des Kranken gemacht, die Stube gefegt und die +Fenster geöffnet. Der Kräutermann verwandte kein Auge von dem schmucken, +flinken Mädchen. + +»Ist das Eure Tochter?« fragte er Else. + +»Nein, lieber Herr,« antwortete diese, »sie ist meiner Schwägerin Kind aus +dem Böhmerlande, eine Waise, und erst seit kurzer Zeit bei uns.« + +Nun wandte sich der Kräutermann dem Kranken zu, fragte nach der Art seines +Leidens und nahm aus seiner Kräuterbüchse einen Büschel grünen, stark +riechenden Krautes. Das mußte Else kochen und mit dem Wasser die lahmen +Glieder des Kranken waschen. Eine Bezahlung wies der freundliche Mann +zurück und erklärte, er wolle nur ein Stündchen in der Hütte ausruhen. + +Inzwischen war Susi mit ihren Morgenarbeiten fertig geworden und fragte die +Base, was sie nun schaffen solle. + +»Kannst du spinnen, mein Kind?« erwiderte diese. Susi schüttelte den Kopf. + +»Nun, so will ich es dich lehren. Siehe, mit der einen Hand ziehe ich den +Faden, während die andere die Spindel dreht.« + +Der Fremde aber trat dazwischen und sprach: »Ich habe ein neues Spinngerät +zu Hause. Damit geht's weit flinker und geschickter, ich will es holen und +wette, daß Susi in kürzerer Zeit ihre Weife bezieht als Ihr, Mutter Else.« + +Schon wenige Stunden später kam der Kräutermann mit einem Spinnrade zurück, +dessen Gebrauch den alten Köhlersleuten noch ganz unbekannt war. Es war ein +zierlich gedrechseltes Gerät, oben stak auf dem Wockenstock ein Bündel +Flachs, welches von einem Wockenbrief gehalten wurde, auf welchem ein +sinniger Spruch stand. Flink drehte der Fremde das Rädchen, daß es summte +und brummte, und Susi sah aufmerksam zu, wie er mit den Füßen trat, den +Faden zog, befeuchtete, bis sich die Spindel mit Garn füllte. + +»Das Spinnrad schenke ich dir, Susi,« sagte der Kräutermann, »du wirst viel +Freude daran haben und mancher Gewinn wird deine Arbeit lohnen. Auch werde +ich dir einen Garnhändler zuschicken, der dir deine Arbeit gut bezahlt.« + +Nun spann das fröhliche Mädchen vom Morgen bis zum Abend, sang lustige +Liedchen dazu und drehte das Rädchen so flink, daß Oheim und Base ihre +helle Freude daran hatten. Der fremde Garnhändler kam jeden Sonnabend, um +das Gespinst zu kaufen. Er lobte die feine, gleichmäßige Arbeit und zahlte +reichlichen Lohn. + +Auch mit dem kranken Christoph wurde es von Tag zu Tag besser, bald wurden +die Glieder wieder gesund und kräftig und im nächsten Frühjahr hatte er +seine völlige Gesundheit wiedererlangt. + +Da versuchte er es, ein Spinnrad zu schnitzen, wie es Susi in Gebrauch +hatte und siehe da! In wenigen Tagen war das Werk gelungen und Else konnte +nun mit Susi um die Wette spinnen. Christophs Kunst wurde im Dorfe bekannt +und in kurzer Zeit wollten die Frauen nur noch mit der »neuen Erfindung«, +wie sie die Spinnräder nannten, spinnen. Durch die Anfertigung der Räder +verdiente Christoph so viel Geld, daß schon ein gewisser Wohlstand in die +arme kleine Hütte einkehrte. + +Der Gedanke, daß ihr liebes Pflegekind noch immer auf Stroh und Heu +schlafen müsse, beunruhigte Mutter Else indessen so, daß sie beschloß, auf +dem Jahrmarkt in der Stadt ein Federbett zu kaufen. Bald hatte sie eins +gefunden, das ihr gefiel, aber die kleine Summe, die sie dafür bestimmt +hatte, reichte nicht aus, so daß sie von dem Kaufe Abstand nehmen mußte. + +Gar traurig ging sie von dannen. Plötzlich stand der gute Kräutermann vor +ihr, überrascht erfaßte sie seine Hand, erzählte ihm, daß ihr Mann gesund +geworden sei und dankte ihm für seine Hilfe. Der Fremde aber antwortete +nicht, sondern drückte ihr ein Geldstück in die Hand, welches so viel galt, +daß sie das Federbett als Eigentum erwerben konnte. + +Mit fröhlichem Herzen kaufte die gute Else noch mancherlei Gerätschaften +und Bedürfnisse für den Haushalt ein und trug alle in ihre Herberge, von +welcher aus ein junger Bauer aus ihrem Dorfe sie und ihre Einkäufe auf +seinem Wagen nach Hause fuhr. Am offenen Fenster saß Susi, drehte ihr +flinkes Rädchen und sang ein munteres Liedchen, als der junge Bauer vor dem +Häuschen hielt. Verwundert hörte er dem Gesange der fleißigen Spinnerin zu. +Als sie die Base bemerkte, sprang sie fröhlich aus dem Hause und schickte +sich an, das Bett in das Haus zu tragen. + +Da ging dem jungen Landmann der Gedanke auf, wie glücklich er sein würde, +wenn einmal das liebevolle, muntere und fleißige Mädchen sein Weib würde. +Dem Gedanken folgte die Tat. Eines Sonntags kehrte er im Feiertagsgewand in +der Hütte des alten Christoph ein und bat ihn und sein Weib um die Hand +Susis. Er war ein guter, ordentlicher Bursche und darum erhielt er ihre +freudige Zustimmung. Susi knüpfte an ihr Jawort nur die eine Bedingung, daß +ihre lieben Pflegeeltern mit ihr zogen, um in ihrem neuen Heim einen +sorgenfreien Lebensabend zu verbringen. Darin willigte der junge Bauer mit +Freuden und die Hochzeit ward auf das Osterfest festgesetzt. + +Nur ein Gedanke trübte Susis Freude über ihr Glück; sie brachte keinen +Heller Geld, kein Heiratsgut, ja nicht einmal eine Webe Leinwand in die +neue Wirtschaft ein. Alles, was sie durch Spinnen verdient hatte, war für +die leibliche Pflege der alten Leute aufgewandt worden. + +So saß sie eines Tages in Nachdenken versunken am Fenster, als es leise an +die Scheiben pochte und draußen der Garnhändler stand, welcher ihr +freundlich zunickte. Eben wollte sie ihn einladen, einzutreten und mit ihr +die künftige Wirtschaft im Dorfe zu besichtigen, da war er verschwunden. + +Draußen aber im Hausflur lagen sechs Ballen feiner Leinwand und obenauf ein +Zettel, worauf geschrieben stand: »Der fleißigen Susi zum Brautschatz.« +Unter Lachen und Weinen zugleich zeigte Susi den Pflegeeltern das reiche +Hochzeitsgeschenk des Garnhändlers. Vor Freude fiel sie ihnen um den Hals +und jubelte wie ein Kind. + +So war der Hochzeitstag herangekommen. Es war ein lieblicher, sonniger +Ostertag. Wie die Erde draußen im sonnigen, jungfräulichen Frühlingskleide +prangte, so anmutig und überraschend lieblich war die Erscheinung der +jugendlichen Braut. Auf ihrem kunstvoll geflochtenen Haar lag ein blühender +Myrtenkranz, zur Seite ging der stattliche Bräutigam und ein stilles +Wohlgefallen ging über seine Züge, wenn er auf seine liebliche Braut +herabsah. + +Als die Trauung vorüber war und das Paar seinen Weg rückwärts nahm, da +stand plötzlich der alte gute Kräutermann vor ihnen und reichte Susi einen +frischen, blühenden Strauß, indem er sprach: »Die schönsten Tugenden eines +Weibes sind Fleiß, Gottvertrauen und Demut. Sie sind köstlicher und +wertvoller als alle Schätze der Welt. Sie bilden die beste Aussteuer, die +du deinem Mann in dein neues Heim einbringen kannst. So lange du dir die +Beobachtung dieser Tugenden angelegen sein lässest, wird dieser Strauß nie +welken und dein Glück wird stets vollkommen sein.« -- + +Nach diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutermannes in Luft und +»Rübezahl« erscholl es durch die Reihen der Hochzeitsleute. Denn der +Berggeist war es gewesen, der in wechselnden Gestalten Kummer und Sorgen +armer Menschen in Glück und Freude verwandelt hatte. + + + + +9. Der geizige Bäcker. + + +Noch mehr als den Hochmut haßte Rübezahl den Geiz. Denn der Hochmut ist +vielfach erst die Folge des Geizes, wie denn das Schriftwort zu allen +Zeiten recht behalten wird: »Der Geiz ist eine Wurzel alles Übels.« + +In der Stadt Hirschberg lebte ein reicher Bäcker. Bei der Bürgerschaft +stand er in hohem Ansehen und mancherlei Ämter der Stadt vereinigte er in +seiner Person. Bei den Beratungen der Stadtbehörde gab seine Stimme oft den +Ausschlag, und wenn er im Ratskeller an dem großen, runden Bürgertische +saß, dann führte er das große Wort. Aber an seinem Gelde hing sein ganzes +Herz; es war ihm gleichgültig, wenn die Handwerker, welche für ihn +arbeiteten, oft empört auf ihn schalten, wenn er ihnen Abzüge von ihrem +Tagelohn machte. Zum Heizen seines Backofens gebrauchte er viel Holz, +welches die Bauern aus den benachbarten Dörfern lieferten. Von diesen +suchte er sich immer die ärmsten aus, machte ihnen einige Vorschüsse und +forderte dann das Geld zurück. Konnten sie dann nicht zahlen, dann stellte +er den Preis für das Holz möglichst niedrig und schädigte so die armen +Leute mit solch schändlichem Handel. + +Einst brachte ihm ein Bauer ein Fuder Holz, das er bei ihm bestellt hatte. +Es wurde im Hof abgeladen und der Bäcker zog ihm, wie das oft geschah, +einen Taler ab. + +»Lieber Herr,« bat da der arme Bauer, »zieht mir diesmal nichts ab. Der +Holzhandel bringt heuer so wenig ein. Ich bin arm und jeder Groschen ist zu +Ausgaben bestimmt. Meine Gläubiger warten schon auf die Zinsen und ich kann +den Verlust unmöglich tragen.« + +Was tat der Geizhals? In aller Ruhe erklärte er dem Bauer, er möge sein +Holz auf dem Hofe aufladen und wieder nach Hause fahren. Was tun? Ging der +Bauer darauf ein, dann hatten er und die Pferde einen Tag Arbeit verloren, +auch brauchte er das Geld zur Zinszahlung, deren Termin nahe bevorstand. So +blieb ihm nichts anderes übrig, als sich den Abzug gefallen zu lassen. +Traurig fuhr er aus der Stadt zurück. Unterwegs holte er einen +Handwerksburschen ein, der ermüdet seines Weges zog. Er ließ ihn aufsitzen +und nun hatte er jemand gefunden, dem er seinen Ärger erzählen konnte. Der +Handwerksbursche war kein anderer als der Berggeist. Aufmerksam hörte er +die Geschichte an und beschloß in seinem Innern, dem herzlosen Geizkragen +einen gründlichen Denkzettel zu verabfolgen. »Wenn er nur einmal in mein +Gehege käme,« dachte er bei sich, »ich wollte ihm schon beikommen, daß er +Zeit seines Lebens daran denken sollte.« Bald darauf stieg der Fremde ab, +dankte dem Bauer und schenkte ihm einen Taler. + +Am andern Morgen saß unser Bäcker behaglich in seinem Polsterstuhl, rauchte +sein Pfeifchen und blickte zufrieden und behäbig durch die Fensterscheiben +auf das geschäftige Treiben des Marktes. Da klopfte es an die Tür und auf +sein »Herein« erschien ein großer, kräftiger Mann vor ihm und sagte: + +»Ich habe gehört, Ihr habt Holz, das klein gehackt werden soll. Ich biete +Euch meine Dienste an. Zwar bin ich kein Holzhacker, der sein Handwerk +geschäftsmäßig betreibt, sondern ein Bürger aus Schweidnitz. Mir liegt +nicht am Geldverdienen, sondern daran, daß mir das Holzhacken meine +Gesundheit wiederbringen soll. Ich leide an der Leber und der Arzt hat mir +tüchtige Bewegung verordnet. Ich will kein Geld für die Arbeit von Euch, +wenn Ihr mir erlaubt, so viel gespaltenes Holz mit heimzunehmen, als ich in +einer Hocke forttragen kann.« + +»Das muß ein närrischer Kauz sein,« dachte der Bäcker im stillen und freute +sich schon, solch billigen Kaufs davonzukommen. Großmütig lud er den +Fremden ein, mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Dieser bewunderte die +Ausschmückung der Stube und war besonders voller Erstaunens über die +prächtige Decke. + +»Dazu habt Ihr gewiß einen auswärtigen Maler kommen lassen, Meister,« +meinte er, was der Bäcker schmunzelnd bejahte. Dabei schlug er auf seine +geldgeschwollene Tasche, daß die Silber- und Goldmünzen darin Polka +tanzten. + +Am andern Morgen versprach der angebliche Schweidnitzer Bürger seine Arbeit +zu beginnen. + +Der Meister lag noch in den Federn, da hörte er es schon im Hofe klappern +und krachen, splittern und sausen, daß er erschreckt seinen Schlafrock +anzog und in den Hof ging, um zu sehen, was der Mann denn mit seinem Getöse +treibe. Ein solches Krachen und Dröhnen hatte er bei den andern Holzhackern +noch nicht vernommen. Aber mit weit offenem Munde blieb er in der Hoftür +stehen und sah mit Entsetzen, wie der Holzmacher sein linkes Bein aus der +Hüfte gezogen hatte und damit auf die Scheite einhackte, daß die Späne nur +so flogen und sich ein Donnern und Poltern erhob, daß das ganze Haus in +allen Fugen krachte. + +Dem Bäcker wurde es angst und bange und er rief dem Fremden zu, er möge +doch aufhören und sich fortscheren. Der aber tat, als hörte er es nicht und +hieb immer unbarmherzig darauf los und ehe eine Viertelstunde verging, war +das ganze Holz gespalten. Dann steckte er sein Bein wieder in die Hüfte, +als ob nichts geschehen wäre, und begann alles gespaltene Holz +zusammenzulesen und zu einer ungeheuren Hocke aufzuhäufen. Diese umschnürte +er mit einem langen Seil, hob sie wie einen Spielball auf den Rücken und +ging gleichgültig grüßend zum Tore hinaus. + +Da stand nun der dicke Bäcker und schrie Angst und Wehe, ballte die Faust +und stieß laute Verwünschungen hinter dem Abziehenden aus. Dieser +Denkzettel hatte aber bei ihm gefruchtet. Er war seit jener Zeit wie +umgewandelt, wurde mildherziger und entzog niemand mehr den verdienten +Lohn. Zeigte sich aber hin und wieder einmal die alte Neigung, so mußte er +stets an den merkwürdigen Holzhacker denken. Denn es war in ihm längst die +Ahnung aufgegangen, daß ihm kein anderer als Rübezahl den Streich gespielt +habe. + +Dieser aber hatte seine Hocke vor dem Hause des armen Bauern abgesetzt, der +höchst erstaunt war, als er plötzlich den Holzhaufen und noch dazu in +zerkleinertem Zustande wiedersah. So hatte er sein Geld und Holz wieder. Er +konnte sich auf lange Zeit eine warme Stube machen und seine Suppe dabei +kochen; ja er gab sogar seinem armen Nachbarn noch einen Teil von dem +reichlichen Holzvorrat. + + + + +10. Das sonderbare Wirtshaus. + + +Auf der Straße durch das Gebirge zogen drei muntere Studenten. Aus voller +Kehle und frischer Brust ließen sie das alte Studentenlied erschallen: + + Ich lobe mir das Burschenleben, + Ein jeder lobt sich seinen Stand, + Der Freiheit hab' ich mich ergeben, + Sie bleibt mein bestes Unterpfand. + Studenten sind fidele Brüder, + Kein Unfall schlägt sie ganz danieder. -- + +»Was Unfall,« meinte der eine, »was könnte uns wohl passieren; uns gehört +die Welt und wenn der Beutel auch in unserer alten Musenstadt Prag ein +wenig schmal geworden ist, was verschlägt's? Sind wir erst über das Gebirge +gelangt, dann lacht uns die Heimat entgegen und in den Ferien gibt's wieder +Geld in Vaters Haus.« + +»Nun, so weit sind wir aber noch lange nicht,« meinte der zweite, ein +hochgewachsener, blonder Jüngling, »der Weg über das Gebirge wird uns sauer +werden, zumal meines Wissens kein Wirtshaus uns zur Erholung und Einkehr +einlädt, wie uns in der letzten Herberge versichert wurde.« + +»Das hat,« so nahm Philipp, der dritte der Studenten, welcher in Prag +Rechtswissenschaft studierte, das Wort, »darin seinen Grund, daß der Herr +des Gebirges, Rübezahl, die Errichtung eines Wirtshauses auf seinem Gebiet +verbietet.« + +»Tor,« erwiderte Hans, der erste der drei, »glaubst wohl noch an Spuken. +Das sind Kindermärchen, die man sich in den Spinnstuben erzählt. Geh zu den +alten Großmüttern und erzähle ihnen das, aber uns verschone mit solchem +albernen Geschwätz.« + +»Gemach,« warf Philipp ein, »lieber Freund. Weißt du nicht, daß vor vier +Jahren, also im Jahre 1607, auf dem Markte unserer Stadt vom Büchermann ein +Buch feilgeboten wurde, das von einem gelehrten Manne, namens +Schwenckfeldt, verfaßt war und reißenden Absatz fand? Es führt den Titel +>Hirschbergischen Warmen Bades in Schlesien unter dem Riesengebirge +gelegenen kurtze und einfältige Beschreibung<. Darin habe ich mancherlei +vom Rübezahl gelesen --« + +»Was nicht wahr ist« -- fiel ihm Georg, der blonde Jüngling, ins Wort -- +»denn Schwenckfeldt behauptet nirgends, daß er selbst den >Ribenzahl< oder +>Ribinzagel<, wie er ihn nennt, gesehen hat. Er gibt nur die Erzählungen +des Volkes wieder.« + +»Mir wär's schon recht, daß es einen Rübezahl gäbe,« brach Hans das +Gespräch ab, »wenn nur der alte Knabe schnell für uns hier oben ein +Wirtshaus baute, denn es ist ein wahres Elend, hier unter den Strahlen der +glühendsten Sonnenhitze einherstapfen zu müssen, ohne einen Trank oder +einen Imbiß zu finden. Mir ist unbegreiflich, daß sich hier kein Wirt +anbaut; er würde bei dem lebhaften Wanderverkehr sicherlich sein Geschäft +machen.« + +»Weil,« sagte Philipp, »wie ich bereits erwähnte, die Leute Furcht vor dem +Herrn des Gebirges haben.« + +»Nun höre mir aber endlich mit dem Popanz, dem Rübezahl, auf, lieber +Freund,« rief Hans ärgerlich. + +»Na -- wer sagt's denn,« jubelte da plötzlich Georg auf, »dort steht ja das +ersehnte Wirtshaus!« + +Die beiden andern Studenten trauten kaum ihren Augen, denn vor ihnen lag in +der Tat ein stattliches Gebäude, aus dessen Schornstein der Rauch über die +Tannen wirbelte. Vor dem Hause war ein Blumengarten angelegt, in welchem +Rosen, Nelken, Rittersporn, Astern und Sonnenblumen blühten, und eine +Kegelbahn lud zum Kegelspiel ein. Vor dem Hause stand der behäbige Wirt mit +kurzem Rock, kurzen, schwarzen Samthosen, roten Strümpfen und glänzenden +Schuhen. Ehrerbietig zog er sein Käppchen, verneigte sich vor den Studenten +und erklärte ihnen, daß es ihm eine besondere Ehre sein würde, die +Herrschaften in seinem bescheidenen Gasthof bewirten zu dürfen. Er würde +alles aufbieten, um ihren Ansprüchen in jeder Weise gerecht zu werden. + +»Nun, allzu lang wird Euer Speisezettel wohl nicht sein,« meinte Hans, den +die Anrede des Wirtes ein wenig übermütig gemacht hatte. + +»Befehlt nur, ihr Herren,« erwiderte der Wirt, »was Küche und Keller +bieten, soll euch werden.« + +»Wohlan,« sagte Hans, »so bringt uns drei gebratene Feldhühner in +Savoyerkohl, eine Schüssel schöngesottener Krebse und dazu eine Flasche des +ältesten Landweins, je älter desto besser.« + +Hierauf traten die Studenten ins Herrenstübchen ein, legten ihr Ränzel ab +und machten sich's bequem, während der Wirt in Küche und Keller eilte, das +Bestellte zu besorgen. + +Nach Verlauf einer Viertelstunde kehrte er zurück, deckte den Tisch mit +einem kostbaren Tischtuch, legte silberne Bestecke auf und tat so, als ob +er fürstliche Herrschaften zu bedienen habe. Während er alles ordnete, +meinte er: »Es hält jetzt schwer, Feldhühner zu bekommen und auch von den +Krebsen bringe ich heute die ersten auf den Tisch. Aber für gutes Geld wird +alles geschafft.« Er tat gar nicht, als ob er die Verlegenheit der jungen +Herren bemerkte, sondern brachte außer dem Landwein noch eine Flasche +Tokaier. + +Philipp wurde es unheimlich; ihm stieg eine Ahnung auf, daß das Wirtshaus +ein bezaubertes und der Wirt kein anderer sei als Rübezahl. + +Als dieser auf einige Zeit das Zimmer verließ, teilte er seine +Befürchtungen seinen Kommilitonen mit. Diese aber lachten ihn aus, der Wein +machte ihre Zunge immer geläufiger und ihr Herz mutiger. Hans rief den Wirt +und forderte ihn auf, für sich ein Glas mitzubringen, um mit ihnen anstoßen +zu können. Das geschah und Georg erhob sein Glas und sprach: »Ich will eine +Gesundheit ausbringen. Daß wir hier auf einsamer Höhe mit Speise und Trank +so vortrefflich erquickt wurden, verdanken wir gewiß dem Herrn des Berges, +er lebe hoch, hoch, hoch!« Der Wirt stieß mit den Studenten an. Aber sofort +saß Georg wieder der Schalk im Nacken und er rief noch einmal: »Ja, der +alte, gute Rübezahl soll leben, hoch!« + +Philipp stieß diesmal nicht mit seinen Gefährten an und auch der Wirt zog +seine Stirne kraus, machte eine gar ernste Miene, stellte sein Glas auf den +Tisch und sagte: »Wie Euer Genosse, so habe ich wohl auf die Gesundheit des +Herrn vom Berge angestoßen, nicht aber in das Hoch auf Rübezahl +eingestimmt, wie er auch tat, und zwar mit Recht. Ihr nennt ihn bei seinem +Spottnamen, auf diesen stoße ich nicht an, denn ich weiß, daß er sich an +denen rächt, die ihn damit an jene traurige Geschichte erinnern. Euer +Genosse scheint auch darum zu wissen.« + +Lautes Gelächter war die Antwort der beiden angeheiterten Studenten auf die +Mahnung des Wirtes. + +»Nun, Philipp,« meinte Hans, »da hast du ja einen Gesinnungsgenossen +gefunden, zu glauben, jenen Ammenmärchen von einem neckenden Kobold, der +auf dem Riesengebirge sein Unwesen treiben soll. Ich wünschte nichts +sehnlicher, als ihm in höchsteigener Person zu begegnen. Das wird aber nie +der Fall sein, weil es eben keinen Rübezahl gibt. Wir, mein lieber Herr +Wirt, von der hohen Schule atmen eine freie Luft und belächeln jene +Torheiten, die sich nur im Aberglauben des Volkes finden.« + +Der Wirt wollte antworten, aber es kam ihm ein besserer Gedanke in den Kopf +und er trat vor die Studenten mit der freundlichen Aufforderung: »Wollen +die Herren nicht vielleicht sich ein wenig im Freien Bewegung machen und +einen Stamm kegeln? Den Kegeljungen will ich selbst machen.« + +Der Vorschlag fand freudige Zustimmung. Hans und Georg begannen zu +schieben, aber merkwürdig: entweder kam ein »Sandhase« heraus, d. h. die +Kugel ging an den Kegeln vorbei, oder sie trafen eine »Methode«, d. h. die +zwei Gassenkegel. Besseren Erfolg hatte Philipp. Er warf dreimal +hintereinander acht um den König, was für den besten Wurf galt. Ärgerlich +brachen Hans und Georg das Spiel ab. + +Nun kam aber das Schlimmste, das Zahlen. Verlegen fragte Hans nach der +Schuld. Der Wirt rechnete nach, dann sprach er zu Philipp: + +»Von Euch, junger Herr, nehme ich nichts. Ihr habt Euch frei gekegelt, da +Ihr dreimal den König allein habt stehen lassen. Die Zeche der anderen +Herren beträgt vier Taler, zwei Taler auf jeden.« + +Da wurde die Barschaft noch einmal überrechnet und die beiden Studenten +brachten gerade noch die geforderte Summe zusammen. + +Als es zum Abschied ging, überreichte der höfliche Wirt Georg und Hans ein +Päckchen und meinte: »Bis zum nächsten Gasthause ist's noch weit, darum +habe ich den Herren einen kleinen Imbiß für den Weg eingewickelt. Euch +aber, junger Herr, schenke ich, da Ihr so vortrefflich gekegelt habt, den +Kegelkönig.« + +Dankend steckte Philipp den Kegel in die Tasche und die drei Burschen zogen +weiter ihres Wegs. Unterwegs mußte Philipp noch manchen Spott seiner +Kameraden hinnehmen, daß der Wirt ihm einen Kegel zur Zehrung auf den Weg +gegeben habe. + +»Laßt's gut sein,« meinte er, »ich habe so meine Gedanken über das Geschenk +und will es tragen als Andenken an unser Abenteuer im Gebirge.« + +»Der hat den Rübezahl immer noch im Kopf,« höhnte Hans. »Wir wollen uns +lieber in das Gras setzen und unser Vesperbrot verzehren. Du, Philipp, +magst ein Stück vom Kopfe deines Kegelkönigs abbeißen.« Als sie aber ihre +Päckchen öffnen wollten, sprang aus dem einen ein Frosch, aus dem andern +eine Eidechse heraus, so daß sie entsetzt zurückfuhren. So zogen sie +hungrig weiter und jeglicher Spott und Zweifel an dem Dasein des +Berggeistes verstummte. Philipps Kegel wurde immer schwerer und schwerer, +er zog ihn aus seiner Tasche, sieh! da leuchtete er wunderbar im +Mondschein. Er sah ihn näher an -- der Kegel war lauteres Gold, darum war +er auch so schwer. Philipp verkaufte den Kegel, konnte nun ohne Not seine +Studien vollenden und ist ein gelehrter Mann geworden. + + + + +11. Der Hexenstab. + + +Wer einmal jetzt im Riesengebirge reist, findet fast bei jedem +bemerkenswerten Punkte auf den Bergen und in den Tälern, besonders wo +gastliche Häuser den Wanderern zur Erholung und Erfrischung einladen, +Verkaufsstände, welche Andenken an das Gebirge feilhalten. In großer +Auswahl auf Bechern, Tassen, Karten, Bildern, Pfeifen und anderen Dingen +wird besonders auch Rübezahls gedacht. Man findet da manche seiner +Geschichten abgebildet und auf mancherlei Art seine äußere Erscheinung +dargestellt. Mit Vorliebe kaufen die Reisenden lange Bergstöcke mit einer +tüchtigen Spitze daran, die ihnen das Gehen erleichtern. Auf vielen steht +der Name »Rübezahl« und man nennt sie deshalb »Rübezahlstöcke«. Diese +Bezeichnung ist aber keine willkürliche, sondern steht im Zusammenhange mit +vielen Rübezahlmärchen, in welchen Wanderstäbe eine gewisse Rolle spielen. +Eins der schönsten will ich euch erzählen. + +In den Zeiten, wo die meisten unserer Geschichten spielen, gab es noch +keine Briefträger, welche Briefe und Pakete aus der Stadt auf das Land +trugen. Da hielt jedes Dorf seinen Botenmann, welcher in gewissen +Zeiträumen den Verkehr zwischen Dorf und Stadt vermittelte. Als solcher war +auch der alte Leopold aus Schreiberhau weit und breit im Gebirge bekannt. +Es wurde ihm nicht leicht, jahraus, jahrein bei Wind und Wetter unter der +Last des Gepäckes die gebirgigen Pfade zu gehen, aber die Herrschaften der +Rittersitze und die Kaufleute in der Stadt bezahlten ihm seine Mühe so gut, +daß er hätte zufrieden sein können. Aber das Pflänzlein Zufriedenheit ist +rar und auch von Leopold konnte man sagen: »Je mehr er hat, je mehr er +will.« + +Einst hatte er sich um die Mittagszeit in einer Baude niedergelassen und +war vor Ermüdung eingenickt. Da erschien ihm Rübezahl im Traume und führte +ihn zu seiner großen Braupfanne im Gestein, wo Gold- und Silberstücke ihm +entgegenfunkelten. Eben wollte er auf des Berggeists Geheiß zugreifen, da +war der Traum zu Ende -- und das Glück verflogen. + +»Rübezahl, Schabernacker,« rief er ärgerlich aus, »kannst du mir nicht +einmal helfen, damit ich Ruhe habe und meine letzten Lebenstage nicht in +Unruhe und den Beschwerden meiner Botenwege verbringen muß!« Damit ergriff +er seinen langen Botenstock und verließ mürrisch die Baude. + +Keine zwanzig Schritte war er gegangen, als ihm sein Stock entglitt, gerade +als er über einen kleinen Bach sich schwingen wollte. Da lag er, so lang er +war, und es war ein Glück, daß er nicht in den Bach gefallen war. Sein Fall +machte ihn noch verdrießlicher und unmutiger. Da flog ein Raubvogel vor ihm +auf und als er ihm nachsah, stieß sein Fuß an einen Stein, sein Stab geriet +ihm zwischen die Füße -- und pardauz! da machte er wieder mit dem Erdboden +Bekanntschaft. Schließlich geriet er am Bergesabhang durch Abgleiten so ins +Straucheln, daß er mit dem Kinn auf einen Stein aufschlug und ihm Wange und +Lippen bluteten. Da nahm er wütend seinen Stab, der ein Stück abwärts +gerollt war, und versuchte ihn am Felsen zu zerschmettern. + +Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies +geschehen, so ging's auch flott durch die Luft über die Wipfel der Bäume +hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind. + +Leopold meinte, er sei der wilde Jäger geworden, welcher zur Strafe durch +die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa über Land und Meer +dahinrasen muß; schauerlich gähnten die Abgründe unter ihm und von Minute +zu Minute glaubte er abzustürzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als +sich aber seine Befürchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger, +ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Pläne, wie +vorteilhaft sich für die Zukunft auf diesem Wege seine Botengänge gestalten +würden. + +Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab plötzlich die Richtung auf die Stadt +Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Roß und Reiter vom Himmel +herab mitten zwischen die Buden, Käufer und Verkäufer zur Erde +herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die +Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche +Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein +Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und +brachten ihn in sicheren Gewahrsam. + +Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als +Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da +geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den +Hexenstab übergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob, +durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn über die Häuser +der Stadt entführte. Da gab's eine große Aufregung unter den biederen +Bürgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den +Wolken schwebte -- aber sieh da! -- kurze Zeit später setzte der Hexenstab +seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab. + +Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes +gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzählt hatte, da ließ ihn das +Gericht frei. Das Volk aber jubelte fröhlich und ausgelassen auf den +Straßen: »Ein Schelmenstreich von Rübezahl! Es lebe der Berggeist!« Mit den +Schmiedebergern hat's auch Rübezahl immer gehalten, weil sie seine Macht +fürchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten. + +Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn +sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen. + + + + +12. Der arme Weberlieb. + + +Der Winter schien in diesem Jahre kein Ende zu nehmen. Wochenlang lag eine +dichte Schneedecke auf der Erde und zwischen den Dörfern des Riesengebirges +hörte jeglicher Verkehr auf. Da ging für die Weberfamilien eine große Not +an und Entbehrung und Armut waren die beständigen Gäste des Hauses. Diese +Notlage der Weber benutzten gewissenlose Kaufleute in den Städten, indem +sie ihnen für die gelieferte Leinwand geringeren Lohn boten. Sie wußten +genau, daß die armen Leute unter allen Umständen Geld brauchten und +brachten so die Waren für einen Spottpreis an sich. + +»'s fast zum Verzweifeln,« so sprach eines Abends der Webergottfried zu +seinem Weibe, »erst muß man in Schnee und Kälte den jetzt so gefahrvollen +Weg zur Stadt machen und dann erhält man einen Hungerlohn, der kaum uns +beide sättigen kann, während doch noch acht Kinder wie die Orgelpfeifen um +den Tisch stehen und sehnsüchtig nach der spärlichen Mahlzeit ausschauen.« + +»Das wird ein trauriges Weihnachtsfest werden,« versetzte seufzend die +Frau, »Gott gebe nur, daß die Krankheit, welche in einigen Häusern +eingekehrt ist, nicht ansteckend ist und über alle Familien kommt.« + +Keinem gingen die Sorgen der Eltern mehr zu Herzen als dem ältesten Sohn, +dem Gottlieb, oder wie er im Dorfe von andern Trägern seines Namens +unterschieden wurde, dem Weberlieb. Das war ein braver, munterer Junge mit +einem Herzen voll Mitleid, der sein Stückchen Brot mit dem armen Manne +teilte, der hungrig und elend sich durchs Dorf schlich. Den Eltern ging er +unermüdlich zur Hand. Im Sommer suchte er im Walde Beeren und Pilze, im +Winter trug er trockenes Holz für den Ofen aus dem Walde herzu oder +verdiente sich ein paar Pfennige durch kleine Botenwege. Aber wie sollte er +nun bei diesem strengen, eiskalten Winter Arbeit sich verschaffen? + +Weihnachten stand vor der Tür, aber im Dorfe sah es nicht weihnachtlich +aus, denn wo die Armut wohnt, muß die Festfreude weichen. Dazu kam, daß die +Krankheit sich als die rote Ruhr entwickelt hatte, wohl als Folge des +Genusses von unnatürlicher Nahrung. Da standen die Webstühle still und fast +in jedem Hause lag ein Kranker. + +Auch den Weberfriedel hatte die Krankheit aufs Lager geworfen und eine +entsetzliche Not herrschte im Hause. Hungernd und frierend saßen die Kinder +um den Ofen herum. Das jammerte unsern Gottlieb so sehr, daß er vor seine +Mutter trat und sprach: + +»Hat nicht der Vater noch fertige Leinwand übrig, Mutter, welche wir +verkaufen könnten?« + +»Freilich, Lieb,« entgegnete diese, »dann hätten wir wohl auf einige Zeit +Brot, aber wer will denn die schwere Webe vier Stunden weit über das +verschneite Gebirge in die Stadt tragen?« + +Gottlieb war sogleich bereit. + +»Das geht nicht an,« antwortete die Mutter, »du bist schwach und +ausgehungert, Zehrung kann ich dir nicht auf den Weg geben und in deinem +dünnen Röckchen pfeift dir der kalte Wind bis auf die bloße Haut, daß du +zitterst und bebst.« + +»Aber es wird uns allen geholfen, liebe Mutter, laß mich in Gottes Namen +ziehen.« + +Gottlieb band sich ein Tuch über Kopf und Leib, legte den Reisesack mit der +Leinwand auf die Schulter und sagte seiner Mutter herzlich Lebewohl. Hinaus +ging's durch den schneidenden Nordwind; oft hatte der Schnee eine Bank über +den Weg geweht und der Knabe mußte sie Schritt für Schritt durchqueren, oft +glitt er am Rande mit Schnee bedeckter Gräben aus und sank tief ein, oft +mußte er sich ermüdet auf einen Stein setzen, um Atem zu schöpfen. Endlich +nach unsäglicher Mühe und Anstrengung schleppte er sich an sein Ziel und +kam in das Haus des Kaufmanns. Der kam ihm eben mit einem Reisepelz +entgegen und wies ihn aus seinem Hause. + +»Hat man nicht einmal am Heiligabend Ruhe vor dem Webergesindel. Marsch, +daß du hinauskommst, ich kann dir deine Leinwand nicht abnehmen,« so +klang's aus dem Munde des harten Mannes und dem armen Weberlieb liefen die +Tränen über die Backen. + +»Ach, Herr,« flehte der arme Junge, »erbarmt Euch diesmal meines armen +Vaters, er liegt an der Ruhr krank danieder. Nehmt mir die Leinwand, ich +muß wieder heim.« + +»Was, ansteckende Krankheiten bringt mir die Brut noch ins Haus, hinaus, +auf der Stelle!« schrie aufs höchste erregt der gefühllose Mann und befahl +dem Diener, den Jungen hinauszuführen. Dann warf er sich in seinen +Reisewagen und fuhr fort. Der Diener empfand Mitleid mit dem abgehärmten, +erschöpften Kinde und reichte ihm ein Stück Brot und ein wenig Wein. Dann +gab er ihm zwei Groschen, damit er auch für den Vater etwas Brot kaufen +könne. + +Der Wein hatte den Knaben gestärkt und so unternahm er es, die schwere Last +wieder auf den Rücken zu laden und den mühseligen Rückweg wieder +anzutreten. Am Abend nahm die Kälte zu, kleine scharfe Eisnadeln trug der +Wind über den Schnee; sie stachen dem kleinen Gottlieb in die Augen, daß er +kaum zu sehen vermochte. Da wurden seine Füße matter, seine Kraft erlahmte, +und stöhnend warf er sich auf einen beschneiten Baumstamm. + +»Hier werde ich sterben müssen,« murmelten seine Lippen. Da kam ihm +plötzlich der Gedanke an die vielen wunderbaren Geschichten, die man sich +von Rübezahls Freundlichkeit gegen die Kinder erzählte. + +Mag er mich umbringen oder mir helfen, ich wage es: »Rübezahl, Rübezahl! +Hilf du mir, die Menschen haben mich verlassen.« So rief er laut mit +Aufbietung aller Kräfte hinein in die beschneiten Bäume, Berge und Täler +und schaurig gab das Echo seinen Ruf zurück. + +Im nächsten Augenblick erhob sich ein starker Schneesturm, dem der Knabe +nicht standhalten konnte, er ward zurückgeworfen und vom Schnee +überschüttet. Da ward er von einer behaglichen Wärme durchströmt und süße +Träume gingen durch seine Gedanken. Es war Christabend. In der Dorfkirche +hielt man Christvesper. Die Kirche war hell erleuchtet, aus den Augen der +Kinder strahlte lichte Weihnachtsfreude. Der Pfarrer verkündigte der +atemlos lauschenden Menge die alte liebliche Geschichte von der Geburt des +Christkindleins auf Bethlehems Flur. Die Gemeinde sang: »Dies ist die +Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit« und nun war +Gottlieb an der Reihe, mit seinem hellen Stimmchen allein vor der Gemeinde +zu singen. So nahm er das lange Wachslicht in die Hand, trat vor das +Lesepult auf der Orgelbrüstung und begann erst leise, dann kräftiger und +mutiger: + + O du fröhliche, o du selige, + Gnadenbringende Weihnachtszeit. + Welt ging verloren, + Christ ist geboren, + Freue dich, o Christenheit! + +In demselben Augenblicke trat aus den Bäumen ein wohlgekleideter, +freundlich blickender Herr hervor, hüllte den armen Knaben liebevoll in +seinen Pelz, nahm auch die Webe Leinwand auf und trug ihn eine kurze +Wegstrecke zu seinem Schlitten. + +In einem hellerleuchteten Schloß angelangt, rief er seine Diener. Diese +nahmen ihm die Last ab, trugen den Knaben auf seinen Befehl in ein Bett und +legten ihn auf weiche, behaglich erwärmte Kissen nieder. + +Mittlerweile hatte der Herr die Webe Leinwand genommen und war damit auf +die Straße zurückgeeilt. In diesem Augenblicke kam der vierspännige +Reisewagen des hartherzigen Kaufmanns herangerollt. + +Plötzlich scheuten die vier Rosse, ein Ballen Leinwand wurde von oben unter +sie geworfen und ein markerschütterndes, entsetzliches Hohngelächter +erschallte. Wohl versuchte der Kutscher, die erschreckten Tiere im Zaume zu +halten, aber er selbst wurde mit einem Ruck von seinem Sitze in die Höhe +gehoben. Er flog ein Stück durch die Luft und wurde dann sanft vor einem +Gasthause niedergesetzt. Vor seinen Füßen aber lag ein Beutel mit +Goldstücken, auf welchem geschrieben stand: »Für die Angst!« Seine Pferde +hatten mittlerweile den Leinwandballen auseinandergeworfen und um den +ganzen Wagen gewickelt. Dadurch fielen sie zu Boden und der Wagen mit. Da +rief aus aller Angst der Kaufmann um Hilfe, denn die Tür der Kutsche war so +zugewickelt, daß ein Entweichen unmöglich war. + +Sofort tauchte eine furchtbare, riesengroße Gestalt vor seinen Augen auf, +welche ihm zornig mit der Faust drohte und schrie: + +»Ha, verwünschter Geizhals, wenn du nicht sofort zu sühnen versprichst, was +du mit deiner unmenschlichen Härte verschuldet hast, so mußt du sterben!« + +Da schlotterten dem Kaufmann die Knie und zitternd rief er aus: + +»Ich will alles geben und tun, wenn ich das Leben behalte.« + +»Erbärmlicher Erdenwurm,« entgegnete der Berggeist, »werde barmherzig und +mild. Wenn jetzt der Tod in den armen Weberdörfern so viele Opfer grausam +fordert und Wehklagen aus vielen Häusern erschallen, so sollten dir diese +Jammertöne in deine hartherzige Seele dringen. Du trägst die Schuld auf +deinem Gewissen, das sich kein Bedenken daraus macht, wenn jene armen, +ehrlichen Menschen Hungers sterben.« Da gelobte der Kaufmann in seiner +fürchterlichen Angst Besserung und gab dem Berggeiste -- denn dieser war es +-- alles Geld, das er bei sich hatte, zur Verteilung unter die Darbenden. +Da nahm Rübezahl ihn beim Genick und setzte ihn unsanft vor seinem Hause +nieder. + +Verwundert öffnete Gottlieb die Augen und wußte nicht, wie er an diesen Ort +gekommen war. Die Diener brachten ihm Speise und Trank, aber er rührte +nichts an. Da trat ein freundlicher Herr ein und redete ihm zu, er solle +nur essen; er wolle ihn dann mit dem Schlitten nach Hause fahren. + +»Ich werde auch deinen Eltern und Geschwistern eine Labung bringen und -- +was dir sicherlich am meisten gefallen wird -- der Kaufmann ist anderes +Sinnes geworden, er hat dir und allen Webern in eurem Dorfe die Leinwand zu +gutem Preise abgekauft. Das Geld habe ich bereits in meiner Tasche.« Wer +war da froher als unser Weberlieb! Vor Freude küßte er die Hände des guten +Herrn. + +Nun ging's unter Peitschenknall und Schellengeläut zu Gottliebs Heimatsdorf +zurück. Das war ein seliger Christabend im ärmlichen Weberhäuschen! Der +Herr hatte Brot und Wein, Fleisch und Reis mitgebracht, außerdem Geld und +für die Kranken des Dorfes eine Flasche voll Arznei, welche augenblicklich +half. So war das Christfest in dem Weberdorfe zum Freudenfest geworden und +alle Kümmernis hatte ein Ende. Da wurde es allen klar, daß hier kein +anderer als Helfer in der Not erschienen war als Rübezahl, der mächtige +Berggeist des Riesengebirges. + + + + +13. Wünsche nicht zuviel. + + +»Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.« Damit schlug sie ihre Bibel +zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der +auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der +Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher +die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam +vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von +der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das +surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur +noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst +nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein +starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule +entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können +und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen +Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not +bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig +und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am +besten für seine Mutter Geld verdienen könne. + +Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner +Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er +nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei +seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege +pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh, +einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das +Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn +wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse +bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war +keine Rede. + +Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte +diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem +Verhältnis zu der Arbeit. + +»Von dem Bauer,« sprach sie, »bei welchem du in den Dienst gegangen bist, +habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der +abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.« + +»Laß mich, Mutter,« erwiderte der Knabe, »ich fange erst an zu verdienen; +wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges +Geld zulegen.« + +Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen +Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach +Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit +den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große +Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und +den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte. + +So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der +Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er +als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne. +Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel; +draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein +Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute! + +Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: »Du bist nun, +mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als +Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in +die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein +verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr +vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen +können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht +mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters +zukommt.« + +Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um +einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug +die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: »Schämst du dich nicht, +an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen; +ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige +Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger +Bursche?« + +Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er +habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf +seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es +geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein +Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte +ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt +erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme +gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet +ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort +brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen +guten Lohn. + +Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort +erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig +war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es +eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden. + +An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein +Erlebnis mitzuteilen. + +»Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,« meinte die Mutter, »tu, +wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren +allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und +ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!« + +Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz +ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem +städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten +Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im +Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da +wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine +Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers: + + Den lieben Gott laß ich nur walten, + Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld + Und Erd' und Himmel will erhalten, + Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt. + +Plötzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelächter, er drehte sich um, sah +aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen +rotseidenen gefüllten Geldbeutel. + +»Der Tausend,« entfuhr es da seinen Lippen, »der Anfang war gut; da scheint +einer noch früher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten +drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat.« + +Er steckte die Börse ein und schritt fürbaß; da nahte auf einem Seitenwege +ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete. + +»Hat der Herr vielleicht etwas verloren?« fragte Hans. + +»Ja, freilich,« war die Antwort, »meine rotseidene Börse mit Geld.« + +»Hier ist sie,« entgegnete Hans freundlich, »gut, daß ich sie gefunden +habe.« + +»Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung für den Fund.« + +Hans aber wehrte ab: »Das hat der Herr nicht nötig, ich habe die Börse ja +kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern.« + +Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was +er sich wohl wünschen würde, wenn ihm seine Wünsche erfüllt werden sollten. +Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er +hastig: + +»I, so wollte ich, daß alles mein wäre, was mir heute auf dem Wege nach +Hirschberg begegnete.« + +Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelächter aus, daß es die Berge +im Widerhall zurückgaben, dann rief er: + +»Sollst's haben, Hans, sollst's haben. Aber merke wohl: _Wünsche nicht zu +viel_, sei genügsam!« + +Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf, +mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut +ab und rief: + +»Danke schön, Herr Berggeist!« + +Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelächters. Hans setzte +seinen Weg fort. Da fiel plötzlich etwas vor seinen Füßen nieder; er hob es +auf -- es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal +gefunden hatte. + +»Hurra,« schrie Hans auf, »jetzt könnte ich eigentlich umkehren, für das +viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen.« + +Auf einem Strauche saß ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie, +welcher das Volk den Text unterlegt: »Reit zu Schitzkebier«; er setzte sich +sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich über +den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb. + +Aus einer Hecke kroch ein Kätzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an +seine Beine und ging ihm nach, während ein großer zottiger Hofhund ihn +bellend umwedelte. Da kamen auf der Straße drei schwerbeladene Erntewagen +herangefahren; auf der Höhe des letzten saßen die Schnitter und hielten auf +einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bänder in der Luft flatterten. + +»Juchhei,« jubelte Hans, »nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld +zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt, +und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal +ausgesäet habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme!« + +Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Straße her ein Wagen, +hochbepackt mit Hausgeräten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer +länger wurde. Da kamen Knechte und Mägde, den neuen Herrn grüßend, ein Hirt +trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schäfer einen großen Stamm fetter +Schafe einher. Außerdem folgten ihm alle Hühner, Enten, Gänse und Tauben, +welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhühner marschierten vor +ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad. + +Das war ein Blöken, Wiehern, Brüllen, Schnattern, Krähen, Singen, Zanken +und Raufen, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. + +Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans ließ seinen Besitz an sich +vorüberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Großbauer +und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück. Wie das aber so oft im +Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: »Wünsche nicht +zuviel« war in seinen Ohren verklungen. Das gesättigte Herz begehrte den +Überfluß. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles +zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen würde. + +Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an +den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob +nicht noch etwas käme. Da kam ein Mädchen auf ihn zu, häßlich wie die +Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit geröteten Augen und rief hell +auflachend: + +»Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Bräutigam. Und den Trauring hast +du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns +schon zur Trauung in der Kirche.« Hans sträubte sich und dachte bei sich: +»Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zuführen, welches älter ist als +diese?« -- Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz +ähnlicher Ring saß. + +»Lieber Hans,« sprach sie, »es ist gar nicht hübsch von dir, daß du so +lange zögerst. Bin ich auch nicht hübsch, so bin ich doch eine tüchtige +Wirtin. Du bist in den Besitz eines großen Hausrates gekommen und verstehst +von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und +pflegen und schaffen, daß unser Hausstand sich mehre.« + +Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung +Rübezahls: »Wünsche nicht zuviel!« Er hatte sie überhört und nun gab es +kein Zurück mehr. + +Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bösen Spiel, gab +seiner Zukünftigen die Hand und sprach: + +»Wenn's denn durchaus sein muß, so wollen wir den Pfarrer nicht länger +warten lassen.« + +Da sah sie ihn freundlich an und sprach: »Danke, lieber Hans, du sollst es +nicht zu bereuen haben.« + +So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen +sie mit ihren Wagen und Gerätschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch +unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die +mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit +in Ordnung. + +Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch +lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte +sich jedoch gar nicht daran gewöhnen, daß ihr schmucker Junge eine so alte, +häßliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein +freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht übel, da sie wußte, von +Hans geliebt zu werden. Als Mutter Bärbel aber sah, daß ihre +Schwiegertochter Liese fleißig und unermüdlich im Haushalte tätig war und +ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand +sie sich zuletzt darein. + +Ein Jahr später lag in der großen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand +Blumenverzierungen bemalt waren, ein prächtiger Junge, der aus +Leibeskräften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden +und Bärbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die +Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in +süßen Schlummer zu wiegen. + +So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Fröhlich saßen die drei +beieinander, als Liese zu sprechen begann: + +»Ja, heut' vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf +es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird.« + +Hans wurde neugierig und auch Bärbel wollte das Geheimnis wissen, aber +Liese blieb fest. + +Da klopfte es plötzlich ans Fenster und draußen stand -- der fremde Herr +vom vorigen Jahr und sprach: + +»Nun, Hans, siehst du nun, wie töricht es von dir war, zuviel zu wünschen? +Hättest du meinen Worten Gehör geliehen, dann wärest du nicht zu einem +solch häßlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will +ich dich von der Plage sogleich befreien.« + +»Um keinen Preis,« schrie Hans entsetzt, »wie bin ich froh, daß Ihr sie mir +gabt. Sie hat uns erst das Glück und die rechte Zufriedenheit ins Haus +gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem müßt Ihr Pate +stehen, ich bitte Euch recht sehr darum.« + +»Na, ihr Leutchen,« war die Antwort, »nun habe ich euch genug geneckt. Die +Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen +Jahr erzählen.« + +Damit entschwand er. Dann schloß Hans das Fenster und drehte sich um, um +mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurück. War die blitzsaubere +Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den +zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen, +da war es ihre Stimme und nun erzählte sie ihre Geschichte. + +»Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt +siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schönheit viel +einbildete und alle Leute über die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir +zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besaß dieses schöne Gut. An dem +Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein +Sträußchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflücken, denn die anderen +Mädchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mußte doch etwas +Besonderes haben. Ich steckte mein Sträußchen ans Mieder, lief zu einem +kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr +wohlgefällig. Mein Bild gefiel mir über die Maßen, ich drehte und wandte +mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern über die +Schönheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes +Gelächter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm +ein gar böses Gesicht. + +>Na, na, Jungfer,< rief er spöttisch, >entstelle sie doch ihr Lärvchen +nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die +Bosheit aus dem Gesicht heraus.< + +Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie: + +>Was fällt Euch ein, Ihr einfältiger Tropf? Was geht's Euch an, wenn ich +mich im Wasser beschaue? Ich weiß, daß ich weit und breit im Gebirge als +die >schöne Liese< bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kümmern?< + +Plötzlich reckte sich vor mir eine riesengroße Gestalt auf mit langem, +wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertönte: + +>Du hoffärtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast. +Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft. +Statt der >schönsten< sollst du als >die häßlichste Liese weit und breit im +Gebirge bekannt< sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort +einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden. +Sagst du aber einem Menschen je ein Wörtchen von dem, was hier geschehen +ist, dann erhältst du nie deine frühere Gestalt wieder. Bringst du es aber +durch Demut, Fleiß und Geduld dahin, daß dich dein Mann behalten will trotz +deiner Häßlichkeit, dann sollst du deine Schönheit wiedererlangen. Gelingt +dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich +mitnehmen.< + +Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal. +Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mußte gehorchen. Am Tore +zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, daß +du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum +Besten gekehrt.« + +Niemand war froher über Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als +Hans und Liese miteinander auf der Straße gingen, da riefen die Leute: »Die +schöne Liese ist wieder da!« -- + +Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rübezahl +aus. Hans öffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige +Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein +Wirbelwind und wehte ein Päckchen in die Stube, darauf stand: »Der Herr vom +Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen +Gedenken.« Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten. + +Hans und Liese haben Rübezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine +Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang. + + + + +14. Fischbach. + + +Unweit des Riesengebirges liegt ein schönes Tal, auf dessen Höhenrändern +sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die +geschwätzige Sage weiß zu erzählen, daß dort vor alten Zeiten eine Burg +stand. Dort hauste einst der gefürchtetste Raubritter des Landes, Herr +Wesso, genannt »der Falk vom Berge«. Nichts war vor seinen Falkenaugen +verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Märkten +zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nächsten Stadt +fuhren, dann machte der Wächter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine +Meldung; im Nu waren Roß und Reisige zur Stelle und nun ging's im sausenden +Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plünderung der Wagen und +beutebeladen kehrten die räuberischen Spießgesellen auf ihre Burg zurück. +Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlöse schmausten und zechten +Ritter und Mannen und führten bei Gesang und Würfelspiel ein lustiges +Leben. + +Eines Abends saß der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien +sehr getrübt zu sein. Gesenkten Blickes saß er in seinem Lehnstuhle und +achtete nicht auf die Fröhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese +spotteten darüber, aber er tat, als höre er sie nicht. Auch den vollen +Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmähte er. Als sich +wiederum ein höhnendes Gelächter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder +Blick machte die Spötter stumm. + +Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, daß auf der Straße von +Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine +wertvolle Ladung mit sich führe. Mit wildem Geschrei sprangen die +Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob +sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstürmenden, rauhen Gesellen +nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich +hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn +ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen über seine Lippen, darum hatte +er nicht mit einstimmen können in die Zechlieder seiner Genossen, darum +hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rüstung gegriffen. Das Bild seiner +Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie +ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: »Selig sind die +Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die +Sanftmütigen, die Friedfertigen.« Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort +und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er über die Reisenden +hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsägliches +Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut, +Friedfertigkeit! + +Mit raschem Schritt verließ er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein +Roß zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten stürmte +er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen. + +»Gebt den Gefangenen frei!« rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann +gebunden zwischen den Pferden sah. »Laßt ihn ziehen, oder ihr sollt meinen +Arm fühlen!« + +Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, daß +sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns +lösten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am +Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Körper. + +Mitleidsvoll beugte sich Wesso über das Gesicht des Unglücklichen und es +war ihm so, als flüstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: »Selig sind +die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« »Tragt den Mann +auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet +werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein +Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben.« + +Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. »Der Falke mausert +sich,« höhnten einige. »Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in +die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmütig zu zwingen, daß +sie ihren Gegnern Hilfe leisten?« + +Schweigend und ohne auf die übermütigen Worte der Raubritter zu achten, +ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafür gesorgt, daß die Kisten mit den +Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber +erhielt eine gute Pflege in einem der Gemächer des Ritters. Oft überzeugte +sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde +wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter +die Mörder gefallen war. + +Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen +konnte. Seine Waren ließ der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm +obendrein noch zwei seiner kräftigsten Pferde, damit er schneller vorwärts +käme und sein Ziel früher erreichte. + +Aber die Spießgesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Großmut. Ihm +hatten sie es zu verdanken, daß ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun +sannen sie auf Rache. + +Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann +gingen sie über und veranlaßten ihn, die Falkenburg zu erstürmen und den +Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde, +welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und +Feuerbrände in den Schloßhof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen +unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, während die Flammen schon +auf den Dächern der Schloßgebäude leuchteten. + +Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flüchtige durch das +Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der +Befürchtung auf seine Feinde zu stoßen, hinter einen Busch verstecken, als +eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte +er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher +in Fischertracht vor ihm stand. + +»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter.« begann er zu reden, »sie +wird Euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Seit jenem Tage, da Ihr mich +aus Eurer Burg geheilt entließet, hat mich das Unglück verfolgt. Ich bin +ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr +sicher vor Verfolgungen.« + +Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag +die Hütte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein kräftiges +Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge +der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager +gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf. + +Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er +suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends +war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu +verdienen, sich des Fischfanges zu befleißigen. Die Mannen des Herzogs +hatten seine Burg zerstört und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus +seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte +zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl +jeder Fang eine große Menge Fische einbrachte. + +So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach +seinem früheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrücken. Wie gern +hätte er wieder sein streitbares Roß bestiegen, wie gern die Angelrute mit +dem Schwerte vertauscht! + +Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten +Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine +Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von +ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten +Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach +hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch +hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem +Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte, +niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen +sei. + +Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein +schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine +Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des +Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur +Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte, +Fischbach. + +Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen +Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das +herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen. + + + + +15. Meister Meckerling. + + +In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens +Samuel Meckerling. Sein Name war weit über das Weichbild der Stadt hinaus +bekannt, denn er galt für einen der geschicktesten Meister weit und breit +und es kam nicht selten vor, daß Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in +seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen +Fehler aber besaß der geschäftige Meister. Er pflegte von den kostbaren +Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige +Stücken in die »Hölle« wandern zu lassen, das heißt für sich zu verwerten. +Auch kam es wiederholt vor, daß er gröbere Stoffe an Stelle der ihm +übergebenen feineren verarbeitete. + +Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem +entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch, +ging vor die Tür und begrüßte mit tiefer Verbeugung den Fremden. + +»Was verschafft mir, gnädiger Herr, die Ehre Eures Besuches?« redete er ihn +mit gewandten Worten an. + +»Ich wünsche von Euch innerhalb drei Tagen von diesem Tuche einen Rock +angefertigt zu haben. Gebt Euch rechte Mühe; er soll mein Staatsrock werden +und es wird für Euch kein Schaden sein, wenn das Werk den Meister lobt.« + +Meister Meckerling betrachtete mit Wohlgefallen den kostbaren Stoff und +machte sich daran, an der Gestalt des Fremden Maß zu nehmen. Da wiegte er +seinen Kopf wie bedenklich hin und her und sagte: + +»Der Stoff wird nicht reichen, gnädiger Herr, aus solchem kurzen Stück kann +ich den Rock, wie Ihr ihn wünscht, nicht anfertigen. Es fehlen noch fast +zwei Ellen.« + +Der Fremde aber, welcher wußte, daß er zwei Ellen zu viel beim Tuchhändler +gekauft hatte, antwortete nicht, sondern ging aus dem Hause. Als ihm +Meckerling das Geleit gab, verabschiedete er sich mit den kurzen Worten: +»In drei Tagen also wird mein Diener den fertigen Rock von Euch abholen.« + +So geschah es. Ein reichbetreßter Diener erschien, nahm den Rock in Empfang +und bezahlte die Rechnung. + +Meckerling lachte sich ins Fäustchen, als er die blanken Taler einstrich. + +»Das war ein feines Geschäft,« murmelte er vor sich hin, »einen honetten +Kunden mehr, eine reichliche Bezahlung und obendrein noch zwei Ellen des +kostbaren Stoffes für die >Hölle<.« + +Es war Sommer geworden und Meister Meckerling beschloß, drüben im +Böhmerlande seinen Bruder zu besuchen. Für die Schneiderei ist der Sommer +die stillste Zeit, darum war es ihm möglich, einen Ausflug zu unternehmen. + +Frisch und fröhlich ging er seinen Weg über das Gebirge. Da stand plötzlich +an einer engen Stelle der Straße ein Reiter vor ihm, der ihn am Weitergehen +hinderte. Von Kopf bis zu den Füßen war er feuerrot gekleidet und auf +seinem Hute prangte eine lange rote Feder. Sein Reittier bestand in einem +riesigen schwarzen Ziegenbock mit zwei gewaltigen Hörnern. + +»Nun, ehrsamer Meister Meckerling, das trifft sich ja herrlich,« schrie der +Rote, in welchem jener mit Schrecken seinen Kunden, den Edelmann, erkannte. +»Liegen denn noch die zwei Ellen gestohlenen Stoffes von meinem Rock in +Eurer Hölle? Ihr werdet mir gewiß davon mancherlei zu erzählen haben. Also +kommt, schwingt Euch auf meinen Ziegenbock, ich habe wenig Zeit.« + +Da fiel der Schneider in die Knie und hob flehentlich seine Hände auf. »Ach +Herr,« jammerte er, »macht keinen Ernst mit Euren Worten. Ich will Euch +alles gern wieder ersetzen, was ich veruntreut habe.« + +»Aufsitzen!« befahl wütend der Reiter, der kein anderer als Rübezahl war, +»oder ich schleudere dich den Abgrund hinunter, daß du kein Glied mehr +fühlst.« + +Da faßte Meckerling in seiner Angst in das zottige Fell des Bockes, um sich +auf seinen Rücken zu schwingen. Aber in demselben Augenblick erhob sich das +Tier und nun schwebte der dürre Schneider angsterfüllt zwischen Himmel und +Erde und flog sausend durch die Luft. Mit einem steinerweichenden Schrei +bat er flehentlich den lachenden Reiter, ihn wieder zur Erde zu befördern. + +Endlich setzte ihn der Bock ab. Aber es war finster geworden und der arme +Tropf befand sich in einer wildfremden Gegend. Über Stock und Stein, durch +Dornen und Dickicht, durch Moor und Sumpf stapfte er dahin, bis er endlich +erschöpft auf der breiten Fahrstraße anlangte. Mit zerrissenen Kleidern, +ermatteten Gliedern und gedemütigtem Herzen traf er endlich wieder in +seiner Behausung ein. + +Der Lustritt aber hatte den Schneider geheilt. Nun wurde er ehrlich und +legte vor seiner Hölle für alle Zeiten ein Schloß. Das wurde allenthalben +bekannt und Meister Meckerling ein wohlhabender Mann. + + + + +16. Gräfin Cäcilie. + + +Nach allen diesen Geschichten ließ der Berggeist lange Zeit nichts wieder +von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, +welche die Einbildung der Hausmütter in geselligen Winterabenden so lang +und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war eitel Fabelei, zur +Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie war die letzte Begegnung mit dem +Berggeiste vorbehalten, bevor er seine letzte Hinabfahrt in die Unterwelt +antrat. + +Diese Dame, mit allerlei Gicht und Gebrechen beladen, machte nebst zwei +gesunden, blühenden Töchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte +so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach den Lustbarkeiten des +Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie +gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein +wunderbar schöner, warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der +nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel, +deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten +milderte, und die beweglichen Funken unzähliger, leuchtender Johanniskäfer, +die in den Gebüschen schwirrten, gaben die Beleuchtung zu einer der +schönsten Naturbilder, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; +denn Mama war, da es gemächlich bergan ging, von der schaukelnden Bewegung +des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden und die Töchter nebst der +Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls. +Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbockes kein +Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so +gespannt angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Schauplatz dieser +Abenteuer wieder in den Sinn und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon +gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurück, +wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle +Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Richtungen +der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig +wurde, das ihm bedenklich schien, so lief ihm ein kalter Schauer den Rücken +herunter und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine +Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm, +ob's auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut +durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur versicherte, bangte ihm doch das Herz +unablässig. + +Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde +an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an +und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen +hatte, ahnte nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in +der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt +daherwandeln von übermenschlicher Größe mit einem weißen spanischen +Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, daß der +Schwarzmantel keinen Kopf hatte. + +Hielt der Wagen, so stand der Wanderer still und regte Wipprecht die Pferde +an, so ging er auch weiter. »Schwager, siehst du was!« rief der zaghafte +Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar. + +»Freilich seh' ich was,« antwortete dieser ganz kleinlaut; »aber schweig' +nur, daß es nichts merkt.« + +Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte und schwitzte +dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitz, wenn's in der Nacht +wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus +rege macht, um sich durch die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern vor der +gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Trieb der +verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und +klopfte hastig ans Fenster. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus +ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: »Was gibt's?« + +»Ihro Gnaden, schaun Sie einmal aus,« rief Johann mit zagender Stimme, +»dort geht ein Mann ohne Kopf.« + +»Dummkopf, der du bist,« antwortete die Gräfin, »was träumt deine Phantasie +für Fratzen! Und wenn dem so wäre,« fuhr sie scherzhaft fort, »so ist ja +ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb +genug.« + +Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht +schmackhaft finden, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten +sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: »Ach, das ist +Rübezahl, der Bergmönch!« + +Die Dame aber, die an keine Geister glaubte, strafte die Fräuleins dieser +spießbürgerlichen Vorurteile halber, bewies, daß alle Gespenster- und +Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und +erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen +Ursachen. + +Ihre Zunge war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige +Augenblicke dem Gespensterspäher aus dem Auge geschwunden war, wieder aus +dem Busch hervor auf den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß +Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, +nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie +einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei +Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die +holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war, mit +einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem +Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um +nichts zu sehen und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er +dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem Schrecken die +Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders +abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst des Herzens das gewöhnliche +Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: »Alle guten +Geister loben Gott den Herrn!« Doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte +ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er von seinem +hohen Sitz herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der +Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und die +Erscheinung keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: »Nimm +das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, daß du ihm ins Gehege fuhrst! +Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.« Hierauf schwang sich das +Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über +Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse +von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war. + +Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter +trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu +bemerken, daß diesem der Kopf fehle; er ritt vor dem Wagen her, als wenn er +dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht +zu behagen, er lenkte nach einer andern Richtung um, der Reiter tat +dasselbe und so oft auch jener aus dem Weg bog, so konnte er den lästigen +Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den +Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel +des Reiters einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante +übrigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Wagenlenker +auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine +Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins +Spiel zu mischen schien. -- + +Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter um, so daß er dicht neben +den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: »Landsmann ohne Kopf, wo +geht die Reise hin?« + +»Wo wird's hingehen,« antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamem +Trotz, »wie Ihr seht, der Nase nach.« + +»Wohl!« sprach der Reiter, »laß sehen, Gesell, wo du die Nase hast!« + +Darauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leib +und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das +Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie jeder Mensch. Behend war der Betrüger +entkleidet; da kam ein wohlgeformter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet +war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und +die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reiter +sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte, +ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben. + +»Gestrenger Gebirgsherr,« sprach er, »habt Erbarmen mit einem +Unglücklichen, der die Schläge des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, +der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus dem Stand mit Gewalt +herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineingearbeitet hatte, und +nachdem sein Aufenthalt unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht +einmal Gespenst sein darf.« + +Diese Anrede war ein Wort zu seiner Zeit. Der Berggeist war gegen seinen +Doppelgänger so ergrimmt, daß er ihn erdrosselt haben würde, wenn nicht +seine Neugierde rege gemacht worden wäre, die Schicksale des Abenteurers zu +vernehmen. + +»Sitz' auf, Gesell,« sprach er, »und tu, was dir geheißen wird.« Darauf zog +er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an +den Schlag, öffnete diesen und wollte die Reisegesellschaft freundlich +begrüßen. + +Aber drinnen war's stille wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken +hatte die Insassen so gewaltsam erschüttert, daß alle, von der gnädigen +Frau bis auf die Zofe, in ohnmächtigem Hinbrüten dalagen. Der Reiter wußte +indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden +Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den +Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechfläschchen vor, rieb ihnen +mit der duftenden Flüssigkeit die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben. +Sie schlugen eine nach der andern die Augen auf und erblickten einen +wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Aussehen, der durch seine +Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb. + +»Es tut mir leid, meine Damen,« redete er sie an, »daß Sie in meinem +Gerichtsbezirk von einem vermummten Bösewicht belästigt worden sind, der +ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in +Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu +meiner Wohnung geleite, die nicht fern von hier ist.« + +Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden +an; der Krauskopf bekam Befehl, fortzufahren und gehorchte mit zagender +Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu +erholen, gesellte sich der Oberst wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald +rechts, bald links wenden und dieser bemerkte ganz deutlich, daß der Ritter +zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr +geheime Befehle erteilte, was sein Grausen noch vermehrte. + +In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden +zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden +Fackeln, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten und +erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem +Gleichmute und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen +Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzherrn +dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden +Unglückskameraden aufzusuchen und ihnen benötigten Beistand zu leisten. +Bald darauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einen geräumigen +Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet +war. Der Oberst bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer +seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war. +Die Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in +Reisekleidern in eine so glänzende Gesellschaft traten, ohne vorher die +Kleider gewechselt zu haben. + +Nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen gruppierte sich die Gesellschaft +wieder in verschiedene kleine Kreise. Einige setzten sich zum Spiel, andere +unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet und, +wie es bei Erzählung überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu +einem kleinen Heldengedicht ausgebildet, in welchem Mama sich gern die +Rolle der Heldin zugeteilt hätte, wenn sich das Riechfläschchen des +hilfreichen Ritters hätte beseitigen lassen. Bald darauf führte der +aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein +Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchter +forschte, den Puls prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche +Anzeichen ahnte. Obwohl sich die Dame so wohl als möglich befand, so machte +ihr doch die angedrohte Gefahr für das Leben bange; denn aller +Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb +wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich +abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie Pulver und +Tropfen, und die gesunden Töchter mußten wider Willen dem Beispiel der +besorgten Mutter folgen. + +Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Ärzte; die ärztlichen +Verordnungen waren kaum befolgt, so begab man sich zur Tafel in den +Speisesaal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische +waren mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und übergoldete +Pokale und riesige Willkommen nebst den dazugehörigen Schalen von +getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tönte aus den Nebenzimmern und +flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gästen lieblich +hinunter. Nach Entfernung der Schüsseln ordnete der Speisemeister den +bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefärbtem Zucker bestand. +Das ganze Abenteuer der Gräfin war in niedlichen Figuren, wie sie auf den +Tafeln der Großen zu prangen pflegen, abgebildet. Die Gräfin unterließ +nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie +wendete sich an ihren Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen böhmischen +Grafen, fragte neugierig, was für ein Festtag hier gefeiert werde, und +erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine +freundschaftliche Begegnung von guten Bekannten, die hier zufälligerweise +zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden, gastfreien +Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau je ein Wort gehört +zu haben, und so emsig sie auch die Namen durchlief, wovon ihr Gedächtnis +einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter +nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirt selbst zu erforschen +und begehrte von ihm Aufschluß und Belehrung; aber dieser wußte ihr so +geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich +riß er diesen Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Räume des +Geisterreiches hinüber. + +Einer der Gäste wußte viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen; +man stritt für und wider die Wahrheit derselben; die Gräfin zog gegen das +Dasein des Geistes sehr zu Felde. + +»Meine eigene Geschichte,« so sprach sie, »ist ein augenscheinlicher +Beweis, daß alles, was man von dem erwähnten Berggeiste sagt, leere Träume +sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften +besäße, die ihm Fabler und müßige Köpfe zueignen, so würde er einem +Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu +treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten +und ohne den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche +Bube sein Spiel so weit mit uns treiben können, als er Lust hatte.« + +Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen; +jetzt aber mischte er sich ins Gespräch und nahm das Wort: + +»Sie haben, gnädige Frau, mit vielem Geschick versucht, das +Nichtvorhandensein des Berggeistes mit mancherlei Gründen zu beweisen. +Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige +Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung +aus der Hand des entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie, +wenn es ihm gefallen hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser +unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte, +daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fuß +breit entfernt habe, daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung +eingeführt worden sind, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär's doch +möglich, daß der Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde +folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofür Sie ihn halten.« + +Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung und die schönen +Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem +Hausherrn starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im +Scherz oder im Ernst gesagt sei. Die weitere Erörterung unterbrach die +Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der +letztere war ebenso beglückt beim Anblick seiner vier Rappen im Stalle, wie +der erstere, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine +Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das +ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von +einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte +übergeben, um es zu begutachten. Doch erkannte er es bald für einen +ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den +Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem +abschreckenden Menschenantlitz aufgestutzt war. + +Nach aufgehobener Tafel ging die Gesellschaft auseinander, da der Morgen +bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes +Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind +überraschte, daß die Einbildungskraft nicht Zeit hatte, ihnen die +Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und ängstliche +Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe +klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht +hätten, in den weichen Federn auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein +die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldigste zu +versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu +bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Ball +beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück +eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die +freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental +genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines +Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung, +auf der Rückkehr wieder einzusprechen. + +Kaum war Rübezahl in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins +Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen +würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte. + +»Elender Erdenwurm,« redete ihn der Geist an, »was hält mich ab, daß ich +dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn +verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese +Frechheit.« + +Der Krauskopf hielt eine lange Rede und suchte sein Verhalten mit seinen +unglücklichen Lebensschicksalen zu beschönigen. Das stimmte den Berggeist +milder und er sprach: + +»Geh, Schurke, so weit dich deine Füße tragen und ersteig den Gipfel deines +Glücks am Galgen!« Hierauf verabschiedete er seinen Gefangenen mit einem +kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, daß er mit einer so gelinden +Strafe abkam und pries seine Beredsamkeit, die seiner Meinung nach ihn +diesmal aus einer sehr mißlichen Lage gezogen hatte. Er beeilte sich, dem +gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen. + +Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und +wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den +Badearzt zu sich zu berufen und ihn, wie gewöhnlich, über ihren +Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Da trat herein +der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, für welchen +das Bad eine Goldquelle war. + +»Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,« riefen Mama und die holden +Fräuleins ihm traulich und freundlich entgegen. + +»Sie sind uns zuvorgekommen,« fügte erstere hinzu, »wir vermuteten Sie noch +bei dem Herrn von Riesental; aber loser Mann, warum haben Sie uns dort +verschwiegen, daß Sie der Badearzt sind?« + +Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die +Damen irgendwo gesehen zu haben. + +»Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern,« sprach er, +»ich habe vorher nicht die Ehre gehabt, Ihnen persönlich bekannt zu sein; +der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und +während der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen.« + +Die Gräfin konnte keinen anderen Grund von dieser Verstellung, welche der +Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als daß er für die geleistete +Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: »Ich verstehe +Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgefühl geht aber zu weit; es soll mich nicht +abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten +Beistand dankbar zu sein.« + +Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt +jedoch nur als Vorausbezahlung annahm und, um die Dame als eine gute +Kundschaft nicht unwillig zu machen, widersprach er ihr nicht weiter. Er +erklärte sich übrigens das Rätsel ganz leicht durch die Annahme, daß die +ganze gräfliche Familie von einer Art Kribbelkrankheit befallen sei, wobei +seltsame und unbegreifliche Wirkungen der Einbildungskraft nichts +Ungewöhnliches sind, und verordnete allerlei Mittel. + +Doktor Springsfeld suchte sich seinen Patienten lieb und angenehm zu +machen; er wußte seine Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten +und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch +aufzumuntern. Da er vom Besuch der Gräfin seine Ronde ging, gab er die +sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Krankenzimmer zum +besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen +und kündigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Seherin an. Man war +begierig, eine so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin +Cäcilie wurde in Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich zu ihr, +da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal erschien. Es war ihr und +den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft +hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn +von Riesental eingeführt worden waren. Der böhmische Graf fiel ihnen zuerst +in die Augen. Sie waren der steifen Formen überhoben, gegen Unbekannte sich +zu beknicksen; es war für sie kein fremdes Gesicht im Saale. Mit +freimütiger Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame bald zu dem, +bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und +Titel, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem +gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wußte +sich nicht zu erklären, was das fremde und kalte Betragen aller der Herren +und Damen bedeuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und +Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie auf den +Wahn, das sei eine abgeredete Sache, und der Herr von Riesental würde der +Schäkerei dadurch ein Ende machen, daß er unvermutet selbst zum Vorschein +käme. + +Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr +eine überspannte Einbildung, daß sie samt und sonders die Gräfin +bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige +Frau zu sein schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts +Ausschweifendes verriet, wenn ihre Einbildung nicht den Weg über das +Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen +Gesichtszügen, Winken und Blicken der um sie her versammelten Herrschaften, +daß man sie schief beurteilte und daß man wähnte, ihre Krankheit habe sich +aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Wiederlegung +dieses kränkenden Vorurteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers +auf der schlesischen Grenze. Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der +man ein Märchen anhört, das auf einige Augenblicke angenehm unterhält, +davon man aber kein Wort glaubt. + +»Wunderbar!« riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsam den +Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte, +die Patientin nicht eher aus seiner Pflege zu entlassen, bis das heilende +Wasser des Bades das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Einbildung rein +weggespült haben würde. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und +die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sah, daß ihre Geschichte +wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtig +machte, so redete sie nicht mehr davon und Doktor Springsfeld unterließ +nicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben, das doch +auf eine ganz andere Art gewirkt und die Gräfin aller Gichten und +Gliederreißen entledigt hatte. + +Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräuleins sich genug hatten +bewundern lassen, den lieblichen Weihrauch der Schmeichelei reichlich +eingeatmet und sich satt und müde getanzt hatten, kehrten Mutter und +Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder +durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten und bei der +Rückreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung +des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der +Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete. +Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental +nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder +diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die +verwunderte Dame endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie in Schutz +genommen und beherbergt hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der +Berggeist. Sie gestand, daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr +ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und +glaubte nun von ganzem Herzen an das Dasein des Geistes, obgleich sie um +der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar +werden zu lassen. + +Seit dieser Begegnung mit der Gräfin Cäcilie hat Rübezahl nichts mehr von +sich hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück, und da +bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach, der Lissabon und +nachher Guatemala zerstörte, so fanden die Erdgeister so viel Arbeit in der +Tiefe, den Fortgang der Feuerströme zu hemmen, daß sich seitdem keiner mehr +auf der Oberfläche der Erde hat blicken lassen. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Rübezahl, by Rudolf Reichhardt + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40327 *** |
