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diff --git a/40314-0.txt b/40314-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f505a3d --- /dev/null +++ b/40314-0.txt @@ -0,0 +1,8340 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40314 *** + +Bernhard Kellermann +Yester und Li. Roman + + + + +Meiner Schwester Erika + + + + +Bernhard Kellermann + +YESTER und LI + +Die Geschichte einer Sehnsucht + + +3. Auflage + + +BERLIN und LEIPZIG · 1905 +Magazin-Verlag Jaques Hegner + + + + +Alle Rechte vom Verleger vorbehalten +Gedruckt in der Spamerschen +Buchdruckerei zu Leipzig · · · + + + + + + + + + +I. + + +Ginstermann kam spät in der Nacht nach Hause. Es mochte zwei Uhr sein. +Vielleicht auch drei Uhr. Vielleicht noch später. Er wußte es nicht. +Langsam, ganz langsam war er durch die Straßen gewandert. + +Über den Boden seines Zimmers war ein Schleier von Licht ausgebreitet, der +leise zitterte, als er die Türe schloß. Der Mond schien durch die Vorhänge. +Auf den Blechgesimsen pochte es, dumpf, in unregelmäßigen Zwischenräumen, +wie ein Finger. Es sickerte, rieselte, die Tiefe schluckte. Der Schnee ging +weg. + +Ginstermann machte Licht. Es war ihm, als sei noch eben jemand im Zimmer +gewesen, als sei er jetzt noch nicht allein. Auf dem Tische lagen seine +Manuskripte verstreut, wie er sie am Abend verlassen hatte, die +Kleidungsstücke auf den Stühlen, das Kissen auf der Ottomane in der +gleichen Lage. + +Er blickte zum Fenster hinaus, in den dunklen Hof hinab, er übersah den +Kram seines Zimmers, die Skizzen an den Wänden. Alles erschien ihm +sonderbar, rätselhaft, wie von einem Finger berührt, der es veränderte. + +Draußen klopften die Tropfen, und es schien, als ob sie eine seltsame +Sprache redeten. Ein leiser Hauch drang durch die Vorhänge, und auch der +Hauch schien geheimnisvolle Worte mit sich zu führen. + +Wer spricht zu mir? dachte Ginstermann. + +Will mir diese Nacht alle Wunder der Welt und meiner Seele zeigen, um mich +zu verwirren? Alles schwankt und fällt, was eben noch feststand. Alle +Begriffe sind verworren. Ist es nicht, als sei ich aus langem Schlafe +erwacht, und folgten mir wunderbare Träume in mein Erwachen? + +Wer bin ich? Ich habe vergessen, wer ich bin, und weiß nur, daß ich ein +anderer bin, als der ich zu sein glaubte. + +Und welch geringen Anlasses bedurfte es, um meine Seele zu verwandeln? + +Wer aber bist du? daß du solche Macht über mich hast? + +Wer aber bist du, daß ich nicht an dir vorübergehen kann wie an anderen +Menschen . . . . . . + +Er sann und sann. + +Da wurde es Morgen. + + + + +II. + + +Diesen Abend ereignete sich etwas Außergewöhnliches: Ginstermann ging mit +zwei Damen über die Straße. Mit zwei jungen Damen in eleganten +Abendmänteln. + +Ginstermann, der wochenlang seine vier Wände nicht verließ, den man nie in +Begleitung sah, den noch niemand mit einer Dame hatte gehen sehen. + +Sie kamen von einer Abendunterhaltung, die Kapelli, der Bildhauer, seinen +Bekannten anläßlich seiner Hochzeit gab. Kapelli, der seit Jahren mit +seiner Geliebten zusammenlebte, war schließlich, da sie ein Kind +erwarteten, auf den Gedanken gekommen, sich trauen zu lassen. Ginstermann +wohnte im gleichen Hause und war mit den Bildhauersleuten befreundet. Die +Damen gehörten zu Kapellis Kundschaft und waren aus irgend einem Grunde +eingeladen worden. + +Kurz nach zehn Uhr brachen die Mädchen wieder auf. Sie waren kaum eine +Stunde dagewesen. + +Fräulein Martha Scholl hätte noch große Lust gehabt, länger zu bleiben. Sie +äußerte das in Worten und Mienen. Aber Fräulein Bianka Schuhmacher war +nicht dazu zu bewegen, trotzdem Kapelli und seine Frau alles aufboten. Sie +gab vor, sie werde zu Hause erwartet. Vielleicht langweilte sie die +Gesellschaft auch. + +Zur allgemeinen Verwunderung hatte sich Ginstermann erboten, die Damen nach +Hause zu begleiten. + +Sie gingen alle drei langsam, wie vornehme Leute. Die Mädchen dicht +nebeneinander, er links von ihnen. In gemessenem Abstand, als sei noch eine +vierte Person da, die unsichtbar zwischen ihm und den Mädchen schreite. + +Es sei nicht einmal kalt. + +Nein, sehr angenehm sogar. + +Und man habe doch erst März. Im März sei es für gewöhnlich noch sehr +unfreundlich. + +Ginstermann erwiderte nichts mehr darauf, und sie schwiegen wieder. + +Eine eigentümliche Unruhe erfüllte ihn. Die Ereignisse des Abends hatten +ihn verwirrt. + +Noch immer hörte er die Worte, mit denen er den Mädchen seine Begleitung +angeboten, in sich klingen. Das war gar nicht seine Stimme gewesen. Wieder +und wieder sah er sich aufstehen, den Stuhl unter den Tisch schieben und +Fräulein Bianka Schuhmacher in ihre klugen, durchsichtigen Augen hinein +fragen, ob es ihnen nicht unangenehm wäre, wenn er mit ihnen ginge. Das war +alles so unerklärlich rasch und ohne eigenen Willen geschehen. Er erinnerte +sich, daß seine Hand zitterte, als er ihr beim Anlegen des Abendmantels +behilflich war: der Stoff dieses Mantels hatte sich so sanft angefühlt wie +Schnee. + +Und dann dieses zufällige Wiedersehen . . . + +Da war wiederum Kapellis Atelier, ein Saal nahezu infolge des Meeres von +Zigarettenrauch und der drei feierlich verschleierten Lampen, mit den +abgetretenen Teppichen an den Wänden, die wie kostbare Gobelins aussahen, +den Oleanderstöcken und der Menge Gesichter, deren Augen glänzten. Und er +trat ein. Verwirrt durch den ungewöhnlichen Anblick, den Kopf noch erfüllt +von der Arbeit des Tages. Und all die glänzenden Augen richteten sich auf +ihn, Hände winkten, und man rief seinen Namen. »Bravo, der Einsiedler!« + +Da war Kapelli, im schwarzen Festrock, der ihn veränderte, mit dem +gutmütigen Philistergesicht und den genialen Augen; Frau Trud, lachend wie +immer, das goldblonde Köpfchen wiegend, eine zinnoberrote Schleife +vorgebunden; die Faunsmaske des Malers Ritt, das verschwimmende bleiche +Gesicht der Malerin von Sacken, ganz in Schwarz, eine Tragödie in ihrem +Lächeln; Knut Moderson, der Karikaturenzeichner, Maler Maurer, der Lyriker +Glimm, der blonde Goldschmitt und eine Menge anderer noch. + +Und da waren zwei junge Damen, die er nicht kannte, und bei denen man ihm +seinen Platz anwies. + +Zwei verdutzte, erstaunte, ihn anstaunende braune Augen, mit +Goldflitterchen darin, ein Puppengesichtchen, frisch, glänzend wie eine +Kirsche, Grübchen in den Wangen. + +Und daneben zwei kühle, fragende Augen, blaßgrün wie Wasser, die jeden Zug +seines Gesichtes mit einem Blick aufnahmen, ein feines, nervöses Antlitz, +gleichsam durchsichtig, wie es Brustleidende haben. Ein Legendenantlitz. +Und dieses Antlitz hatte er schon gesehen. Hatte er schon gesehen. + +Ah -- Kapelli hatte es modelliert. Es war die Büste die er »Seherin« +genannt hatte. Das waren diese schmalen, halbgeöffneten Lippen, die zögernd +den Duft von Blüten einzuschlürfen schienen. Und die markierten Schläfen, +die bebenden, elfenbeinernen Nasenflügel. Wenn sich dieses schmale Antlitz +zurückneigte, und die großen Augen sich auf ein Ziel in der Ferne hefteten, +so war es ganz genau die »Seherin«. + +Kapelli hatte nicht umsonst seine prächtigen Augen. + +Aber dieses Legendenantlitz hatte er früher schon gesehen. Irgendwo, vor +Jahren vielleicht. Er täuschte sich unmöglich. Und während sie rings von +Siry sprachen, dem Dichter Siry, der sich vor einigen Wochen erschoß, sann +er darüber nach, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte. + +Und da fiel es ihm ein. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn. + +Welch ein Zufall! Nun wußte er es. + +Das war im Hoftheater, vorigen Winter. + +Und er sann . . . . . + +Der blonde Goldschmitt, der ewig Lebendige, erzählte irgend etwas. Von +seinen Fußwanderungen. Vorigen Sommer. Von mittelalterlichen Städtchen, die +in der Dämmerung versanken und von Kornfeldern, die in der Sonne kochten, +und vom Meer, das er in einer Sommernacht hatte leuchten sehen. Und vom +Walde -- ah, vom Walde. Goldschmitt, der Malerdichter. Er sprach nur in +Superlativen, ebenso seine Mienen. Und fortwährend strich er sich mit den +Fingern über das strähnige Haar, das von der Stirne bis in den Nacken lief, +eine einzige Welle. Und Dichter Glimm saß, ohne eine Silbe zu sprechen, die +Zigarette zwischen den Lippen, durch die Wimpern ins Licht blickend, und +ließ sich durch Goldschmitts Schilderungen Stimmungen suggerieren. + +Dieser Goldschmitt erzählte in der Tat gut. Er sah impressionistisch, immer +Licht, immer Farbe, ein roter Klecks auf dem Kirchturmdach, und das Bild +war fertig. + +Dazwischen kam Kapelli mit der Zigarettenschachtel und beugte sich über den +Tisch, so daß ein Büschel grauer Haare über seine Stirne fiel. Wenn er +sprach, so funkelten die Vokale gleich leuchtenden Steinen, und man +verspürte Lust, ihn zum Singen aufzufordern. + +An den Tischen lärmten und lachten sie, und ewig war Ritts nasale Stimme zu +hören. + +Und Fräulein Scholl hing mit den Blicken an Goldschmitts Lippen und hielt +die Zigarette mit steifen, ungewohnten Fingern, hier und da Tabak von den +Lippen nehmend. Sie schüttelte den Kopf, wenn sie lachte, und die Wellen +ihrer Haare wippten. Diese Haare waren von genau der gleichen Farbe wie +ihre Augen. Ihre Zähne waren schneeweiß, klein, Puppenzähne, und zuweilen +blitzte eine goldene Plombe auf. Manchmal unterbrach sie den Erzählenden +und begann eine ähnliche Schilderung, um mitten darin abzubrechen, da ihr +der Ausdruck fehlte. Dann blies sie stets eine dünne Rauchwolke in die +Luft. + +Daneben ihre Freundin, reserviert im Wesen. Sie lächelte liebenswürdig. Sie +rauchte nicht. Sie hielt die Augen auf Goldschmitt gerichtet und brachte +ihn einigemal in Verwirrung, als er sich ungeschickt ausdrückte. Es war, +als beobachte sie genau, was um sie vorging, und bilde sich über alles ein +Urteil. Dazwischen wieder lachte sie herzlich, wie ein Kind, als sei sie +für einen Augenblick eine andere geworden. Wenn sie sprach, so sprach sie +schön und ohne Hast. Ihre Stimme erinnerte an die Töne einer Geige, sie war +weich und gedämpft. Diese Stimme drang tiefer als in die Ohren und erweckte +das Bedürfnis, sie bei geschlossenen Lidern zu hören. Gleichzeitig klang +der kühle Stolz einer sich abschließenden Seele aus ihr. + +Und er saß und sann. + +Wie seltsam es doch ist, dachte er, das Schicksal hat die Menschen an Fäden +und führt sie zusammen und auseinander und wieder zusammen, je nach seiner +Laune. + +Hier also traf er sie wieder. + +Schon angesichts der Büste hatten seine Gedanken hartnäckig eine Erinnerung +in ihm auszulösen gesucht. Er entsann sich dessen noch deutlich. + +Aber nun stand sie klar vor seinen Augen, wie an jenem Abend. + +In leuchtend weißem Kleide sah er sie vor sich, auf Marmorstufen stehend, +mitten im Licht. Und sie hielt die großen Augen auf ihn geheftet, gleichsam +erstarrt vor Freude. Als sei er ihr Geliebter und nach langer Fahrt über +ferne Meere unerwartet zurückgekehrt. Er stieg die Stufen zum Foyer hinauf +und hielt unwillkürlich den Schritt an, betroffen durch den Ausdruck dieses +Blickes. Und sah sie an. + +Das alles währte nicht länger als eine Sekunde. Es war sonderbar, wie ein +Rätsel. + +Sie hatte ihn heute nicht einmal wieder erkannt. Trotzdem war es ihm, als +ob ihr Blick zuweilen über seine Züge tastete und etwas suchte. + +Dann erhoben sich die Damen, und auch er stand auf. Und ohne eigentlich +daran gedacht zu haben, bot er ihnen seine Begleitung an. + +Und nun ging er neben ihnen her. + +Und war noch so verwirrt durch die Eindrücke des Abends, daß er kein Wort +zu sprechen vermochte. + +All die vielen Gesichter schwebten ihm noch vor Augen, lächelnd, lachend, +mit den Augen zwinkernd, er hörte immer noch das Gewirr von Stimmen, und da +war wieder die verschleierte Lampe, das mit Zigarettenasche bestreute +Tischtuch, Goldschmitt, Glimm, Fräulein Scholl und daneben Fräulein +Schuhmacher. + +Er sah sie ganz deutlich vor sich. Ihre hellen Augen, ihre schmalen Lippen, +die leise und vornehm lächelten, ihre Hand. Er hatte noch nie eine solche +Hand gesehen. Sie erschien ihm wie ein denkendes, selbständiges Wesen. + +Und wieder empfand er jenen undefinierbaren Schrecken wie in jenem Moment, +da er in seinem Gegenüber jene Dame vom Hoftheater entdeckte. + +Ah -- das war auch zu sonderbar. Das mochte jetzt über ein Jahr her sein. + +Wiederum aber war es ihm unerklärlich, wie ihn dieser alltägliche Zufall in +derartige Aufregung versetzen konnte. War ihm diese Spannung rätselhaft, +mit der er jeder Bewegung dieses Mädchens gefolgt war, jeder noch so +unmerklichen Veränderung dieses durchsichtigen Antlitzes. + +Das war absolut nicht mehr die Objektivität, mit der er sonst seine Modelle +studierte. + +Wurde er nicht komisch vor sich selbst, daß er mit den jungen Damen lange +Straßen entlang ging? Wenn er aber ehrlich sein wollte, so mußte er sich +gestehen, daß es ihm auf der anderen Seite unangenehm gewesen wäre, hätte +ein anderer diese Rolle übernommen. Daß es ihm gleichzeitig eine physische +Befriedigung bereitete, neben dem schlanken Mädchen einherzugehen. + +Er dachte an sein verlassenes, dunkles Zimmer, das er liebte nahezu wie +einen Menschen. Er sah sich bei der Lampe sitzen und schreiben, wie er es +Tag für Tag, seit zwei Jahren gewohnt war. Er sah seine Manuskripte auf dem +Tische liegen, mit der großen Rede Rammahs, die er in der Mitte abgebrochen +hatte, um zu Kapelli hinunterzusteigen. Es erschien ihm töricht, daß er +seine Arbeit im Stiche gelassen hatte. Kapelli hätte es ihm gewiß nicht +übel genommen, wenn ihm auch Frau Trud einige Zeit böse gewesen wäre. Nun +würde er die große Rede, die Rammah, der Gefangene, an die Königin Lehéhe +zu richten hatte, beendigt haben. Rammah, der seinen Kopf aufs Spiel +setzte, um noch einmal das Antlitz seiner Geliebten zu sehen. + +Und er dachte an Rammah und Lehéhe, die Königin. Und wiederholte sich im +Geiste die Szene und die Worte, die der Gefangene zuletzt sprach. + +Rammah sagte: Gib dem Gefangenen eine Hand voll Ton, er wird das Bildnis +seines Weibes formen, bei Tag, bei Nacht, in jeder Miene -- so formt ich +Euer Bildnis, Königin, bei Tag, bei Nacht, aus Wolken, Steinen, Wasser, +Bäumen, Wind, in jeder Mime, stolz und milde, lächelnd, strahlend, wie ich +es sah. + +Und nun sollte er erzählen, daß ihn seine Qual zu den Mönchen getrieben. + +Aber seine Rede verwirrte sich. + +Eine unerklärliche Erregung erschütterte Ginstermanns Wesen. + +Während er sich diese Worte wiederholte, erschien es ihm, als empfände er +sie inniger als am Abend, als kämen sie aus dem Tiefsten seines Wesens. Und +Lehéhe, die Königin, hatte sich verändert. Nicht mehr die orientalischen +Züge, die schmale gebogene Nase, das blauschwarze glatte Haar, nun trug sie +die Züge des Mädchens, das ihm zur Seite schritt . . . . . + +Ginstermann hüllte sich dichter in den Mantel und gab sich Mühe, auf andere +Gedanken zu kommen. + +Die Gewänder der Mädchen rauschten sanft. Es war ihm, als gingen sie sehr +rasch. Diese Vorstellung wurde dadurch verstärkt, daß man ihre Schritte +nicht hörte. Es war frischer Schnee gefallen. + +Die Straßen erschienen breiter und öder. Dunkle, unnatürlich große +Fußspuren liefen über die Trottoire. Die Bogenlampen leuchteten trüb, +umflimmert von feinem Schneestaub, den ein großes Sieb über sie zu +schütteln schien. Dunkle Gestalten tauchten lautlos auf, verschwanden +lautlos. Irgendwohin. Schatten gleich, die die Straßen einer toten Stadt +durchwandern. + +Und sie selbst glichen solchen Schatten. + +Ginstermann hatte das peinliche Gefühl, daß die Mädchen auf eine Anrede +seinerseits warteten. Ja, vielleicht belustigten sie sich über ihn, der +nichts wußte, als vor sich hinzugrübeln. Es war nicht ausgeschlossen, daß +Fräulein Scholl ihre Freundin in den Arm kniff und in sich hineinkicherte. + +Aber ein Seitenblick überzeugte ihn, daß sie beide in Gedanken versunken +waren, die nicht in direktem Zusammenhang mit dieser Wanderung standen. + +Beide lächelten. Aber dieses Lächeln war grundverschieden. Bei Fräulein +Schuhmacher hauchte es aus den halbgeöffneten Lippen, bei Fräulein Scholl +sprühte es in den Wangengrübchen. + +Es schien, als denke die eine über etwas Hübsches nach, das in der +Vergangenheit ruhte, die andere über etwas Hübsches, das aus der Zukunft +schimmerte. + +Fräulein Schuhmacher ging mit geöffneten Augen und blickte zu Boden, als +beobachte sie das Spiel ihres Schattens, der bald vorauseilte, bald unter +ihren Schritten durchschlüpfte. Ihr Profil war von vornehmer, reiner Linie. +Die Stirne gedrückt und eigensinnig. Der Mund der eines Menschen, der wenig +gelacht und viel gelitten hat. + +Fräulein Scholl hielt die Augen geschlossen, und diese geschlossenen Augen +lächelten. + +Während ihre Freundin leicht vornübergebeugt schritt, das Wippen der +Libelle im Gang, ging sie aufrecht, mit steifem Stolze. Den Kopf etwas auf +die Brust gesenkt. + +Man konnte sie sich gut als würdevolle Dame vorstellen. + +Ginstermann sann darüber nach, was er den Damen sagen könne. + +Der Wunsch erwachte in ihm, ihnen durch irgend eine Bemerkung aufzufallen. + +Er war oftmals nahe daran zu beginnen, aber stets fand er die Bemerkung +deplaziert oder banal. Die einleitende Bemerkung, einleitende Frage +forderten sein Lächeln heraus infolge ihrer Ähnlichkeit mit den +Ballgesprächen in den Witzblättern. Mit nervöser Hast suchte er in seinem +Kopfe nach einem Gedanken, den er hätte anbringen können. Er hätte sich +gern geistreich, witzig gezeigt. Er hätte den Mädchen gern etwas mit nach +Hause gegeben, ein kleines souvenir de Ginstermann, etwas, das sie noch +beschäftigte, während sie sich entkleideten. Etwas Frappierendes, das sie +kopfschüttelnd zu fassen suchten, ein schönes Wort, das noch auf der +Schwelle ihres Schlafes vor ihnen schimmerte. + +Aber seine Gedanken schleppten altes Zeug herbei, das einem jeder von den +Lippen ablas, wenn man es aussprechen wollte. Oder Einfälle, die er früher +irgendwo geäußert, und suchten ihn zur Kolportage seiner eigenen Gedanken +zu verführen. + +Was sollte er diesen Mädchen sagen? + +Sollte er ihnen einen Vortrag halten über die Schuld im modernen Drama, +über die Phonetik des Dialogs? + +Über die seelische Armut eines Mädchens aus guter Familie? Über Bücher, +Theater, Musik? + +Sollte er ihnen die Grimasse der modernen Gesellschaft mit höhnenden +Strichen skizzieren? + +Sollte er ihnen sagen: Meine Damen, so kahl wie dieser Baum hier ist unsere +Zeit an Schönheit und dem Wunsche nach ihr. Aber es werden Generationen +kommen, deren Schönheitsdurst so gewaltig sein wird, daß man das +herrlichste Weib des Landes, nackt, auf geschmücktem Wagen durch die Stadt +führen wird. + +Was sollte er sagen? Sollte er sagen --? + +So sehr er sich bemühte, er fand nichts. + +Er hatte es verlernt, mit Menschen zu verkehren, mit jungen Damen angenehm +zu plaudern. Die Jahre seiner Einsamkeit hatten ihm die Lippen +verschlossen. + +Wußte er, was diese Mädchen interessieren konnte? + +»Ach, wie entzückend!« tief Fräulein Scholl plötzlich aus und blieb stehen. +»Ist es nicht herrlich?« + +Der Marmorpalast der Akademie lag vor ihnen. + +Vom bleichen Lichte des Mondes durchstrahlt, umgeben von dunklen +Häusermassen, stieg er empor aus wipfelkahlen Bäumen wie ein heiliges +Denkmal, durch eine Luftspiegelung aus einer herrlichen Welt +herübergetragen. In seiner mehr denn totenhaften Stille, die nicht mehr das +Ohr, nur die Phantasie faßte, in seiner sanften Schönheit stand er +außerhalb alles Irdischen, außerhalb der Zeit, bereit, jeden Augenblick zu +versinken und trivial-praktische Häuserklumpen zu enthüllen. + +Ginstermann wußte: Das ist der Palast eines gewaltigen Königs. Der König +ist gestorben und liegt aufgebahrt auf dunklem Sarkophage inmitten des +Palastes. Zu seinen Füßen kauert sein Weib. Pechpfannen umflammen das +Lager. Und morgen wird der Palast in Flammen stehen, und den Platz werden +Menschen erfüllen, tränenlos in ihrer Trauer, als ein starkes Volk. Und +Priester werden das Blut von tausend Kriegern in die rauchenden Trümmer +gießen, dem Geliebten zu opfern. + +»Ist es nicht überwältigend?« flüsterte Fräulein Scholl. + +»Es ist schön,« sagte Ginstermann. + +Fräulein Schuhmacher streifte ihn mit einem Blicke, wie um die Gedanken zu +erraten, die er ihnen vorenthielt. + +Fräulein Scholl wohnte in der Schackstraße. Sie begleiteten sie bis zur +Türe, dann gingen sie weiter. Die Leopoldstraße hinunter. + + * * * * * + +Sie gingen nun allein. + +Mit der Entfernung der Freundin war die Last auf Ginstermanns Seele um das +Doppelte gewachsen. + +Seine Verwirrung steigerte sich, und er fühlte, wie er die Herrschaft über +seine Gedanken verlor. Vergebens strengte er sich an, seine Gefühle zu +entwirren. Er empfand wiederum den schwindelartigen Zustand, der ihn +ergriff, als er aufstand, um den Damen seine Begleitung anzubieten. +Gewohnt, immer Herr der Situation und seiner selbst zu sein, empfand er ihn +als eine demütigende Peinigung. Es war ihm, als habe man ihn in eine +Narkose versetzt, gegen die sich seine halbbetäubten Sinne erfolglos +sträubten. + +Gleichsam ohne selbständigen Willen schritt er neben diesem Weibe einher. +Einem Trabanten ähnlich, der in die Bahn eines mächtigen Sternes geriet. +Die Seele dieses Weibes hatte sich der seinigen bemächtigt und lockte ihn +mit der Gewalt ihres Rätsels. + +Diese Situation, das Schweigen, aus dem man heraushören konnte, was man +wollte, wurde ihm unerträglich. + +Er richtete sich auf, steckte die Hände in die Manteltaschen, bemüht, sich +vor sich selbst das Aussehen eines gleichgültigen Menschen zu geben. + +Er hörte ihre Schritte über den Boden gleiten, ihre Kleider rauschen, er +bemerkte jede Bewegung ihres Kopfes, ihrer Hand, ohne jedoch sein volles +Bewußtsein zurückfinden. + +Die Straße war schnurgerade, wie ein Lineal. Blendend weiß in der Nähe, von +düsterem Rauch erfüllt in der Ferne. Beschneite Pappeln flankierten sie, +die ihnen in langsamem Zuge entgegenpilgerten. + +Dann und wann krauchte ein Schatten heran. Die Helmspitze eines +Schutzmannes blitzte auf. Eine Katze überschritt geschmeidig die Straße, +behutsam Pfote um Pfote in den Schnee setzend. + +Jeder, der an ihnen vorüberkam, blickte sie an. War es ein Herr, so +musterte er zuerst seine Begleiterin, dann ihn; war es eine Dame, so galt +ihm der erste Blick. Alle dachten sich etwas. Sie dachten, es sind +Liebesleute, die sich gezankt haben und nun still, voneinander entfernt +ihre Straße gehen. Oder sie dachten, es sind Leute, denen die aufkeimende +Liebe die Lippen verschließt und schwermütige Gedanken eingibt. + +Während seine Sinne dies mechanisch beobachteten, rang seine Seele mit der +fremden Gewalt, die auf ihn eindrang. + +Er wollte froh sein, wenn er wieder allein war. Auf der andern Seite jedoch +fürchtete er diesen Moment und suchte er nach Möglichkeiten, ihn +hinauszuschieben. Mit ärgerlichem Schrecken dachte er daran, daß er zum +ersten und voraussichtlich zum letzten Male neben diesem Weibe ging, das +seiner Seele nicht gleichgültig war. Und daß er es nicht verstanden hatte, +diese günstige Lage auszunützen, das Wesen dieses Mädchens zu ergründen, +und dadurch seine Gedanken vor der peinigenden Gier zu behüten, mit der sie +ein ungelöstes Rätsel zu umkreisen pflegten. + +Da vernahm er plötzlich ihre Stimme. + +Er verstand ihre Worte nicht und mußte sich erst ihren Klang ins Gedächtnis +zurückrufen, bevor er sie erfaßte. + +»Kennen Sie denn meine Gedichte?« antwortete er lächelnd, erfreut, daß das +Stillschweigen gebrochen war. + +Sie hatte gesagt: Ich kenne ein Gedicht von Ihnen, Herr Ginstermann, das +sehr schön ist. + +»Ja,« erwiderte sie, »ich habe sie gelesen. Ein Herr machte mich darauf +aufmerksam. Viele sind mir zu herb, zu bitter, aber dieses eine ist sehr +schön, und ich empfand das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen, bevor wir uns +trennen. Es heißt: Martyrium.« + +»Das war mein erstes, Fräulein Schuhmacher.« + +»Ihr erstes?« + +»Ja. Ich trottete meine Straße. Da kam es. Ganz von selbst, ich hatte +früher nie Verse geschrieben.« + +Sie schwieg und blickte sinnend zu Boden. + +Da erschrak Ginstermann. Diese wenigen Worte erlaubten ihr, eine Menge +Schlüsse auf sein damaliges Innenleben zu ziehen. + +»Der Gedanke ist schön, und das Bild ist schön,« fuhr sie leise fort, »es +hat einen tiefen Sinn. Ich kenne kein Gedicht, das einen so tiefen Eindruck +in mir hinterlassen hätte.« + +Er wußte, daß dieses Gedicht gut war, zu seinen besten gehörte. Aber keine +einzige Besprechung hatte es besonders hervorgehoben. Um so seltsamer +erschien es ihm, daß sie darauf gekommen war. + +Das Gedicht war sehr einfach. Ein Mann, der vor einem Weibe in unverhüllter +Schönheit kniet, bittet es, ihm den Dornenkranz der Liebe, mit dem es ihn +krönt, tief, tief ins Haupt zu drücken. + +»Hier bin ich nun zu Hause,« sagte Fräulein Schuhmacher und blieb stehen. + +Sie standen vor einer Villa in modernem Stile, deren originelle Architektur +Ginstermann schon früher aufgefallen war. Zwei Fenster der ersten Etage +waren matt erhellt, als läge ein Kranker im Zimmer. + +Ginstermann griff an den Hut, da es sich nicht schickt, eine Dame vor der +Türe noch zu verhalten. + +Aber sie schien es nicht zu bemerken. + +Ihr Blick ruhte auf seinem Antlitz, und wieder gewann er die Vorstellung, +als suche sie nach irgend etwas. + +»Wir sahen uns übrigens schon einmal,« begann sie von neuem, und ihr Blick +traf voll den seinigen. + +An diesem Blicke erkannte er sie. + +Hier ist ein Mensch! dachte er, freudig erschreckend. Er fühlte, wie die +Erregung in langer Welle durch seinen Körper lief. + +Diese Augen waren hell und durchsichtig, als brenne ein Licht hinter ihnen. +Er wußte, hinter diesen Augen wohnt jemand. + +»Ja, im Hoftheater,« erwiderte er, und er lächelte und blickte ihr in die +Augen. Es erschien ihm, als seien sie langjährige Bekannte. + +»Ich verwechselte Sie damals mit jemandem,« fuhr sie fort, und ihre Lippen +zuckten sonderbar, als unterdrückte sie ein Lächeln. + +Er habe das sofort bemerkt. + +Fräulein Schuhmacher blickte zum Himmel empor, aus dem große nasse Flocken +fielen. + +»Es taut,« sagte sie, »ich glaube, es wird nun wirklich Frühling.« + +Das klang einfach, aber eine krankhafte Sehnsucht nach dem Frühling lag in +dem Tone ihrer Stimme und den Blicken, mit denen sie die großen Flocken +verfolgte. + +Dann bot sie ihm die Hand, indem sie ihm für die Begleitung dankte. Sie sah +ihn dabei an, aber es schien, als blickte sie durch ihn hindurch. + +Ginstermann entgegnete: »Ich danke, Fräulein Schuhmacher.« Das »Ich« +betonend. + +Sie blickte ihn mit leichter Verwunderung an. + +Er aber wiederholte: »Ich danke.« In der gleichen Betonung. + +Da drückte sie ihm die Hand, jedoch ohne eine andere Sprache als die der +Höflichkeit einer modern denkenden Dame. + +»Adieu,« sagte sie, »auf Wiedersehn.« + +»Adieu,« sagte er. + +Sie nickte und ging. Im Augenblick war sie verschwunden. + +Ein dunkles, schweres Tor glitt lautlos hinter ihr ins Schloß, lautlos, +unaufhaltsam. + +Ginstermann stand allein auf der Straße. Plötzlich fühlte er, daß es düster +und kalt war. + +Er stand noch eine Weile, dann wandte er sich und machte einige zögernde +Schritte. Etwas hielt ihn zurück. Und nun blitzte es auf. Sie hatte gesagt: +auf Wiedersehen. Sie hatte gesagt: auf Wiedersehen. Er hörte ganz deutlich +ihre geschmeidige, leicht verschleierte Stimme. Aber das allein war es +nicht. + +Er ging wieder auf die Stelle zurück, wo er sich von ihr verabschiedet +hatte, gleichsam als höre er hier ihre Stimme mit größerer Deutlichkeit in +seinem Gedächtnis wiederklingen. + +Sie hatte das »Wieder« betont. Das war es. + +Es war keine Höflichkeitsformel, mechanisch gesprochen. In dieser Betonung +lag der Wunsch, ihn wiederzusehen und zugleich eine gewisse Freude, ihn +kennen gelernt zu haben. + +Nun erst ging er seiner Wege. + +Nach geraumer Zeit bemerkte er, daß er die verkehrte Richtung eingeschlagen +hatte. + +Er machte Kehrt und überschritt, als er sich der Villa näherte, die Straße, +um nicht gesehen zu werden. + +Im Eckzimmer der ersten Etage war Licht. Rötliches, sanftes Licht, das +durch das geöffnete Fenster wie feiner Dunst in die Straße hauchte. + +Er erschrack, ohne zu wissen weshalb, als er es bemerkte. + +Da wanderte die Flamme einer Kerze an den dunklen Fenstern der anstoßenden +Zimmer vorbei und verschwand in dem Zimmer, das matt erleuchtet war. + +Ginstermann stand, verborgen im Schatten einer Pappel, und wartete. Er +wartete lange und in sonderbarer Erregung, als spiele sich in dem Zimmer da +droben etwas ab, was entscheidend für sein Leben sei. Und doch war es nur +der Besuch eines Kindes bei seiner Mutter, vor dem Schlafengehen. + +Die großen, weißen Flocken fielen langsam auf ihn herab, ihn gleichsam +durch ihr geheimnisvolles, sanftes Abwärtsgleiten in einen Zustand der +Betäubung versetzend. + +Das Licht erschien wieder und wanderte an den Gardinen vorüber. Aus seinem +Auf und Ab erkannte er ihren Schritt. Er bildete sich ein, das Schließen +einer Türe zu vernehmen. + +Und nun erschrak er, daß er unwillkürlich tiefer in den Schatten +zurücktrat. + +Sie war ans Fenster gekommen. Und sie blickte genau auf den Baum, der ihn +verbarg. + +Etwas wie eine tödliche Angst packte ihn, sie könne ihn durch den dicken +Baum hindurch bemerken. + +Zum ersten Male sah er, wie schlank sie war! + +Endlich wandte sie den Kopf, und er atmete auf. + +Sie trat zurück und schloß das Fenster. Er hörte es, als stände er dicht +darunter, über ihre Hand, die den Knopf drehte, flossen die Vorhänge +zusammen, und fingen den Schatten ihrer Gestalt auf. + +Das Verlangen erfaßte ihn, irgend etwas zu unternehmen, zu rufen, irgend +etwas zu rufen, nur um sie noch eine Sekunde zurückzuhalten. + +Da wurden die Vorhänge licht. + +Er ging nach Hause. + + + + +III. + + +Ginstermann verlebte die folgenden Wochen in gewohnter Zurückgezogenheit. + +Wie früher ließ er sich des Mittags seine Mahlzeit auf das Zimmer bringen, +um nicht genötigt zu sein, in einem lärmenden Lokal zu speisen und mit +gleichgiltigen Leuten ein Gespräch führen zu müssen. Nur des Abends, wenn +die Dämmerung herabsank, und es dunkler war, als wenn alle Lampen in den +Straßen brannten, verließ er zuweilen das Haus, um einen kurzen Spaziergang +zu unternehmen. Diese Spaziergänge benutzte er dazu, sich in Gedanken auf +die Arbeit des Abends vorzubereiten. + +Die Ereignisse jenes Abends hatten ihm zu denken gegeben. + +Zu nüchterner Vernunft zurückgekehrt, hatte er mit Erstaunen wahrgenommen, +mit welcher Schnelligkeit er die Herrschaft über seine Seele verloren. Wenn +er sich daran erinnerte, wie er hinter der Pappel stand und auf das +schlanke Mädchen am Fenster blickte, so sah er gleichsam einen Fremden vor +sich, dessen Gebaren er kopfschüttelnd und mitleidig lächelnd beobachtete. + +Er erklärte sich diese Erregung als eine Reaktion seines Gehirns, das sich +seit Jahren in rastloser Tätigkeit befand, immer auf der Flucht vor alten +und der Jagd nach neuen Gedanken, sich kaum die notdürftigste Ruhe und +Zerstreuung gönnend. + +Jenes unscheinbare Erlebnis war für ihn das gewesen, was für den Nüchternen +ein Schluck Wein ist, es hatte ihn berauscht. -- + +Ginstermann hatte früher ein Leben ohne Maß und Ziel gelebt, teils von +seinen lebendigen Sinnen getrieben, teils von dem Wunsche, den Hunger +seiner Seele an möglichst vielen Eindrücken zu stillen. Erst seine reisende +Erkenntnis gebot ihm eine Regulierung seiner Lebensweise, wenn er seine +Seele nicht durch Erinnerungen überlasten wollte. + +Sie riet ihm zur Vorsicht angesichts der Empfindsamkeit seiner Seele, die +eine Leidenschaft in jungen Jahren noch gesteigert hatte. + +Jahre der Einsamkeit und Verinnerlichung ließen Erkenntnisse in ihm reifen, +die ihm Welt und Menschen in neuem Lichte zeigten. + +Er erkannte, daß das, was man im allgemeinen Leben nannte, ärmlich und +nüchtern war gegen ein Leben in der Phantasie, gegen die Beschäftigung mit +den ewigen Ideen, die geheimnisvoll die Jahrtausende regieren, das Tun der +Menschen bestimmen. + +Nach und nach war er zur gänzlichen Unfähigkeit gelangt, mit den Menschen +zu verkehren. + +Er verachtete, er bemitleidete sie. + +Sie waren ihm zu wenig Luxuswesen, zu wenig Dichter, ohne freie Gefühle, +ohne den Wunsch nach Flügeln. Ihre Ziele waren klein und kläglich und +reichten nicht über den Tag hinaus. Die gesicherte Existenz im Himmel hatte +sie vergessen lassen, daß der Mensch auch auf der Erde etwas zu vollbringen +hatte. + +Seine Geschlechtsgenossen waren ihm nicht sympathisch. Ihre rohen Sinne, +ihre Lüsternheit, ihre vergiftete Phantasie stießen ihn ab. Die +Widerstandslosigkeit, mit der sie sich den von der Masse diktierten +Gesetzen und ihren Trieben unterwarfen, machte sie ihm erbärmlich. + +Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt +zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig +Schöpferische, seine Freude an glitzernden Dingen ließen es ihm als ein +Wesen erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurück war und sich +nicht Mühe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen +des Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von +seiner Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben. + +Auf die Suche zu gehen nach einem Gefährten, einer Gefährtin, hatte er +schon lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, daß in jedem neuen +Menschen wieder der alte steckte, dem er mißmutig und gelangweilt den +Rücken gedreht hatte. + +Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung +gelitten hätte. Es geschah manchmal, daß er des Nachts mit fiebernden Augen +in die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein +Herz in ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte. + +Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklüftet. Er hatte das +empfindsame, lebensfrohe Gemüt seiner Mutter geerbt und den hochmütigen +Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemüt und Verstand, lebten in +ungleicher Ehe. Er pflegte über seine weichen Empfindungen spöttisch zu +lächeln. Er stand skeptisch jeder Erscheinung gegenüber und entkleidete sie +des Tandes, mit dem gutmütige Dummköpfe sie geschmückt. Im Grunde seiner +Natur aber lebte das Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklären und mit +einem Schmucke zu versehen, wie ihn seine Seele liebte. + +In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner +Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkörper wiederum auszuscheiden, +die seiner Seele gefährlich zu werden gedroht hatten. + +Er machte Nachträge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen, +blätterte in alten Manuskripten, ließ wieder und wieder die ewigen Fragen +Revue passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend. + +Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen überblickte, erkannte er +mit Deutlichkeit, daß sein Weg in die Höhe führte. Abgründe lagen zwischen +ihm und der Welt. Und alle Brücken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtümer +und Götzen überwunden. + +Mit Genugtuung bemerkte er, daß er gewachsen war, seit er sich das letzte +Mal sah, daß seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu +schleudern. + +Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut über ihn und neuer Stolz. Ein +ungestümer Schaffensdrang erfüllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude +und Finderglück verbrachte er seine Tage und Nächte. + +Draußen schneite und stürmte es. Es war ihm gleichgültig, ob das Jahr +vorwärts oder rückwärts ging. + +Der Vorfall von neulich entwich in weite Fernen und verlor an Leben und +Bedeutung. Das schlanke Mädchen tauchte nur dazwischen in seinen Gedanken +auf und versuchte ihn mit großen, schimmernden Augen zu bannen. Aber sie +brachten ihm keine Gefahr mehr. Blick und Farbe erloschen, sobald er es +wollte. + +Und nur, wenn sein Gehirn müde war von langer Arbeit, stieg der Wunsch in +ihm auf, das Mädchen wiederzusehen, sich zu erfreuen am Klange dieser +Stimme, der Klarheit dieser Augen. Aber des Morgens erwachte er stets +heiter, sorglos und ohne Wünsche. + +Der Wert jenes Weibes verringerte sich keineswegs in seiner Vorstellung. Er +war überzeugt, daß sie einen reiferen, höheren Typus repräsentierte, als +ihre Schwestern, die er kannte. + +»In seinem Herzen jedoch wohnte die Sehnsucht nach einem Weibe hinter den +Sternen. Singe hieß sie, das ist: ich bin nicht.« + +Seine Gefühle gehörten den Gestalten, die er schuf, seine Gedanken gehörten +ihnen. + +Seine Seele gehörte seiner Arbeit, seinem Ziele. + + + + +IV. + + +Es war nun wirklich Frühling geworden. + +Finsternis und Rauch des Winters waren verschwunden, und die Kälte vorüber, +die einem wie eine Katze ins Genick sprang, wenn man das Haus verließ. + +Über den Häusern wölbte sich ein wolkenloser Himmel gleich einer ungeheuren +Flagge von blaßblauer Seide. Weiche, laue Luft hauchte durch die Straßen. +Die Stadt erschien wie aus einem klaren, duftenden Bade gestiegen. + +Die Trottoire waren reingefegt von Sand und Schlacke, erfüllt von +Spaziergängern. Jeder, dem es möglich war, ging zu Fuß, um die herrliche +Luft und die wärmende Sonne zu genießen. Man trug Kleider von hellerer +Farbe, und aus den Herzen der Menschen war der Mißmut entwichen, den der zu +Ende gehende Winter erzeugt. Aus ihren Augen spiegelte der junge blaue +Himmel. Wagen, besetzt mit Frauen und Kindern in schmucken +Frühlingsgewändern, flogen an den Spaziergängern vorüber, und aus den +Gesichtern der Insassen strahlte die Freude, bald den Wald und die Wiesen +zu sehen. + +Ginstermann hatte den Entwurf seines Dramas beendigt und benutzte das +verlockende Wetter, um sich zu erholen, neue Kraft und neuen Blick für die +Ausarbeitung zu gewinnen. Er wanderte stundenlang in den Straßen umher, mit +wachen Augen und Ohren für alles, was um ihn vorging. + +Er trug einen hellen Sommeranzug, der ihn ganz veränderte. Mit seinen +schwarzen Augen und Haaren, dem elfenbeingelben Teint seines schmalen +Gesichtes erschien er wie ein Südländer. Die ewige Zigarette im Munde, +schlenderte er einher, wie einer, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, als +spazieren zu gehen und Zigaretten zu rauchen. + +Auf einer dieser Promenaden -- es war gegen Abend -- sah er sie. Fräulein +Bianka Schuhmacher. + +Und ein eigentümliches Erschrecken durchlief ihn, als er sie gewahrte. + +Eine schlanke Dame ging mit einem Herrn über den Odeonsplatz. Gestalt und +Gang dieser Dame riefen augenblicklich das Bild von Fräulein Schuhmacher in +ihm wach. + +Voller Spannung sah er sie näherkommen. + +Sie trug ein graues Jackett, das ihr bis an die Knie reichte, einen kleinen +schwarzen Hut mit silbergrauem Schleier herum. + +Sie bemerkte ihn nicht, sie plauderte eifrig und vergnügt mit ihrem +Begleiter. Dieser war schlank, schmalbrüstig, größer noch als sie, mit +hübschem, für einen Mann zu hübschem Gesicht, dessen Teint an den eines +Kindes erinnerte. Er trug einen dünnen blonden Schnurrbart, und über seine +Wange lief ein haarfeiner Schmiß. + +Kleidung und Bewegungen verrieten den Mann der feinen Gesellschaft, dem der +Sinn für das Korrekte, Tadellose angeboren ist. + +Sie gingen nun gegenüber von ihm, eine Straßenbreite entfernt. + +Der blonde hübsche Herr schüttelte leicht den Kopf voller Vergnügen über +eine Bemerkung seiner Dame. + +Er hörte das Mädchen sprechen und den Herrn antworten. Er verstand nichts, +nur, daß er »Du« zu ihr sagte. + +Da hielt sie plötzlich im Plaudern inne, und ihr Blick traf unvermittelt +den seinigen. Groß, ruhig, mit einem verborgenen Lächeln in den Augen sah +sie ihn an. + +Er zog den Hut. + +Sie dankte, aber mehr mit den Augen als dem Neigen des Kopfes, das kaum +wahrnehmbar war. + +Der blonde hübsche Herr grüßte hastig und tief, ja mit einem gewissen +Respekte, wie um durch die Achtung, die er einem Bekannten seiner +Begleiterin zeigte, ihr seine eigene Ehrerbietung auszudrücken. + +Ginstermann überschritt unwillkürlich die Straße, um den beiden unauffällig +nachsehen zu können. + +Sie waren bei einer Kunsthandlung stehen geblieben, und er bemerkte, wie +Fräulein Schuhmacher den Kopf nach ihm wandte, während sie plauderte. Er +blickte aber im selben Moment weg und tat, als habe er es nicht bemerkt. + +Das Merkwürdige war, daß ihre Blicke ihn nicht auf der anderen Seite der +Straße gesucht hatten. + +Eine Weile kämpfte er mit der Versuchung, den beiden zu folgen und ihnen +nach geraumer Zeit wie zufällig wieder zu begegnen. Allein es kam ihm +schülerhaft, seiner unwürdig vor, und er setzte seinen Weg fort. Er blickte +sich auch nicht mehr um, obschon es ihm eine förmliche Anstrengung kostete, +seinen Kopf gerade zu halten, den eine unsichtbare Hand zu drehen +versuchte. + +Aber seine Gedanken, die eben noch wie wohlerzogene Kinder gefolgt hatten, +vermochte er nicht mehr zu lenken. + +Sie gingen mit den beiden durch die Straßen, blieben mit ihnen bei den +Auslagefenstern der Magazine stehen, lauschten auf ihre Gespräche und das +vertrauliche »Du« des hübschen Herrn. + +Zu Hause angelangt, versenkte er sich in sein Manuskript, überzeugt, daß er +sich dadurch zur Ordnung zwinge. Er sah sich getäuscht. + +Seine Gedanken fuhren fort, neben den beiden einherzugehen, sie traten mit +ihnen in die Geschäfte, beteiligten sich an der Auswahl des Gegenstandes +und schlüpften zwischen ihnen und der Verbeugung des Kommis zur Türe +hinaus. Sie stiegen mit ihnen in eine Droschke, sahen zu, wie sie an einem +tadellos gedeckten Tisch, an dem noch einige andere Leute saßen, dinierten. +Sie hörten sie plaudern, mit den Bestecken klappern, beobachteten, wie die +Tafel aufgehoben wurde, und man sich zur Ruhe in Sessel niederließ. Das +alles, während er Worte vor sich las, die nur zögernd blasse und +unzusammenhängende Eindrücke erweckten. + +Ärgerlich über sich sprang er endlich auf und nahm den Hut. Aber mitten auf +der Treppe wandte er wieder um und kehrte in sein Zimmer zurück. + +Er lächelte über sein Betragen. + +Weshalb sollte er eigentlich fortlaufen, fragte er sich. + +Was kümmerte ihn dieses Mädchen? Was kümmerte ihn ihr Verlobter? + +Daß jener hübsche blonde Herr mit seinem rosigen Teint der Verlobte von +Fräulein Schuhmacher war, erschien ihm außer Zweifel. Die respektvolle +Vertraulichkeit, mit der er mit ihr plauderte und lachte, die ihr geltende +Achtung, mit der er vor ihm den Hut gezogen, bewiesen ihm das zur Genüge. + +Aber was kümmerte ihn das? + +Sollte ihm das Mädchen deshalb begehrenswerter erscheinen, weil ein anderer +seine Seele besaß? + +Zudem hatte sie ihn ja kaum gegrüßt, als scheue sie sich, ihrem Verlobten +merken zu lassen, daß dieser Mensch in seinem lächerlichen Sommeranzug sie +kenne. + +Unerklärt blieb allerdings, weshalb sie sich nach ihm umgewendet hatte. + +Aber das war nicht von weiterer Bedeutung. + +Vielleicht in Gedanken, vielleicht um zu sehen, ob er ihr und ihrem +hübschen Kavalier nachgaffe. Vielleicht hatte sie zu ihm gesagt: Du guck, +das ist der, der das Gedicht »Martyrium« geschrieben hat. + +Und der Blonde hatte geantwortet: Der mit den niedergetretenen Absätzen? + +Und sie hatten gelacht. + +Hatte er nicht deutlich ein Lächeln in ihren Zügen aufsteigen sehen, das +sie Mühe hatte, so lange zu unterdrücken, als er herblickte? + +Auf- und abgehend, erfand er einen Dialog, in dem die beiden über ihn +witzelten. Dadurch geriet er allmählich in eine heitere Stimmung, die ihm +über den Vorfall hinweghalf. + +Er setzte sich an seine Arbeit, und nun hatten die Repliken plötzlich Klang +und Sinn. Er arbeitete bis spät in die Nacht hinein und legte sich +zufrieden mit sich nieder, noch während des Einschlafens mit dem Schicksale +seiner Gestalten beschäftigt. -- + +Am anderen Morgen fand er ein Billett im Briefkasten. Es hatte folgenden +Inhalt: Weshalb sah man Sie denn solange nicht mehr? Ich vermutete, Sie +seien erkrankt. Gruß, auf Wiedersehen, Bianka Schuhmacher. + + + + +V. + + +Die Leopoldstraße ist eine schöne Straße. + +Jeder, der sie kennt, wird das zugeben müssen. + +Zu beiden Seiten stehen Paläste und Villen in endloser Reihe, von Gärten +umgeben, die ein geschulter Gärtner pflegt. Die Portale sind massiv, von +kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes +Werk. Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in +Proportionen und Schmuck. + +Das sind nicht Häuser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor +Kälte und Nässe schützen, das sind Heime, in denen die Menschen leben. + +Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt +das Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den +Wänden. + +Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen +herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhüten, die Damen in süßfarbenen +Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der +Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze. + +Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwürdig, ein hundertjähriges +Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fußgänger vor den +vorbeirollenden Wagen zu schützen und vor dem Anblick der rohen, +schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald, +das Feld hereingepilgert kämen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf +die Wiesen führt, und man fühlt sich gleichsam entfernter von der +fauchenden, surrenden, stauberfüllten Stadt. + +Im beginnenden Frühjahr bot die Straße ein berückendes Bild. Die Bäume, die +Sträucher schlangen ihre frischgrünen Zweige in zierlichen Tanzgesten um +die harten Ecken der Häuser, so daß Paläste und Villen den Eindruck +erweckten, als hätten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut. +Die Pappeln begannen zu knospen, und ab und zu schlüpfte ein kleiner Vogel +aus ihrem Geäste. + +Ginstermann hatte an all dem Gefallen. + +Schon früher war er gerne diese vornehme Straße hinabgegangen, in der +letzten Zeit kam er öfter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags, +um sich in der Sonne zu wärmen, des Abends, um die süße Luft zu schlürfen, +die schon gewürzt war von dem Duft der Blumen und Sträucher, die noch gar +nicht blühten. Und hier außen war die Luft auch klarer als in den Straßen +der Stadt, die nach dem Dunste und Schweiße des Tages rochen. + +Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden +angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln +jede Melodie ertötete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang. + +Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schädlichen Stoffen +reinigen, die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm +erzeugten. Deshalb gönnte er sich diese Spaziergänge. Zudem arbeitete er, +während er ging. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was +ihm bemerkenswert schien, verzeichnete. Und vielleicht würde er auch +Fräulein Bianka Schuhmacher treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln +können, oder sie würde am Fenster stehen, und er konnte zu ihr +hinaufgrüßen. + +Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause näherte, überschritt er die Straße und +setzte auf der anderen Seite ebenso gemächlich seine Wanderung fort, als +sei er ganz zufällig über die Straße gegangen, und stände dort drüben nicht +eine Villa, deren Fenster man von hier aus unauffällig überfliegen konnte. + +Dabei erfüllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefürchtete und +ersehnte Moment könne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so +unangenehm wäre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu +werden. + +Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus, +um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er +befriedigt. Er wußte, sie ist da droben, liest, schreibt oder träumt, +verspotteten ihn aber die weißen Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er +unruhig und machte sich alle möglichen Gedanken. + +Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne daß er sein Zimmer verließ. +Hartnäckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und +kindisch. Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es für +entwürdigend hielt, sich mit einer anderen Person zu beschäftigen als der +eigenen. + +Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins +schon müde? + +Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grübelte er über seinen +Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Höhe seiner +Vernunft. + +Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann +pochte, brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor +sich hertrieb. + +Er erschien wieder in der Nähe der Villa, morgens, mittags, nachts. + +Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nähern. + +In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin für ihren Gruß und grüßte +er sie wieder. + +Hätte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben? + +Aber er zerriß sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel +sorgfältig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dünkelhafte +Flachheit des Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen +gegeißelt hatte, die die Runde in der Bohême machten, sollte ein Billet an +eine junge Dame schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser +war als ihre Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr? + +Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie? + +Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen +wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters. + +Seine Überzeugung ging dahin, daß es das beste sei, sich von diesen Ideen +zu befreien, wenn er sich Klarheit über das Mädchen verschaffte. Würde er +sie einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil +bilden und demgemäß handeln. + +Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich saß sie in einer Laube +des Gartens, der über die Villa blickte, mit Büchern und Zeitschriften ihre +Tage verbringend. + +Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Büste war längst fertig. Ein +paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo +er abwesend war. + +Endlich löste sich das Rätsel. + +Er hatte eine halbe Nacht im Café zugebracht, um mittels Lektüre diese wie +Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu verscheuchen, +und wollte vor dem Nachhausegehen sich -- wie er es nannte -- nach ihrem +Befinden erkundigen. + +Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem +man liest oder schreibt, es war gedämpftes, sorgfältig gedämpftes Licht, +wie es in Krankenzimmern brennt. + +Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas Übernatürliches +geschehen. + +Nun wußte er es: sie war krank. + +Der Schmerz übermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr +wie eine Säule und flüsterte: Sie ist krank. + +Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie +ist krank. + +In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift +und schrieb mit großen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist +krank. + +Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht. + +Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu. + +Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank. +Krank, krank, knarrte eine lockere Diele. + +Draußen sang der Südwind. Der Tag graute. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten +hindurch. + +Der eine ist alt, lächelt das Lächeln des Stoikers in seinen weißen Bart, +der andere ist jung, hübsch und schmalbrüstig. Er hat die rosigen Wangen +eines Kindes. + +Ginstermann steht hinter einer Litfaßsäule und beobachtet sie. Er will aus +ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das +Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem +stoischen Lächeln, das Gesicht des Jungen ist zu hübsch, um Gedanken +verraten zu können. + +Sie gehen an ihm vorüber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er +mit einer Stahlfeder am Rückgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein +Handschuh entfällt ihm. Der Junge bückt sich rasch und gelenkig und hebt +ihn auf. + +Danke, sagt der Alte, -- jawohl. + +Sonst vernimmt er nichts. + +Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre +Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts. + +Hinter dem Siegestor ist der Junge plötzlich verschwunden, spurlos, als sei +er in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen +Schrittchen die Straße hinauf. Er tritt in ein Haus, verläßt es nach einer +Viertelstunde wieder. Er biegt in eine Seitenstraße, tritt abermals in ein +Haus, verläßt es nach einer Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich +einigemal. + +Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurück. Ein +großes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl. +Geheimrat Prof. Dr. von Gagstetter. + +Ginstermann begibt sich in das nächstbeste Zigarrengeschäft. + +»Pardon,« sagt er, »ich will nichts kaufen, ich möchte Sie um eine +Gefälligkeit ersuchen. Das Adreßbuch, bitte sehr. Es ist da etwas +vorgekommen, man braucht einen Arzt, einen Spezialisten.« + +Eine Dame überreichte ihm das Buch. »Bitte schön,« sagt sie höflich, ihn +mit dem Interesse der Teilnahme betrachtend. + +G, g -- g -- a b c d -- g + +Gagstetter -- Spezialist für Krankheiten der Atmungsorgane. + +»Danke, vielen Dank!« + +»Bitte schön.« + + + + +VI. + + +Das gedämpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage. + +Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Sträußchen zusammen aus +Primeln, Veilchen, Weidenkätzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er +sonst noch auffinden konnte, Gräsern und Halmen. Auch ein winziges +Johanniskäferchen, mit kleinen schwarzen Pünktchen auf dem roten Schild, +packte er mit hinein. Diesen Strauß sandte er der Kranken. Er legte keine +Karte bei. + +Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Er freute sich in dem Bewußtsein, +daß sie diese Frühlingskinder in die Hände nahm, ihren Duft einsog und vom +Frühling und der Genesung träumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm +zu beschäftigen, dadurch, daß er ihnen freien Spielraum ließ, nach dem +Geber zu suchen. + +Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nächte. Stets +gleich gedämpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlöschen zu +wollen. + +Aber eines Tages würde es doch verlöschen, das wußte Ginstermann. Einmal da +würden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf würden +Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wußte es +ganz genau. Und während seines ganzen Lebens würden ihn zwei Gedanken +beschäftigen. Sie war das Weib, das die Natur für dich schuf, hieß der +eine, sie war es doch nicht, der andere. + +Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemühte sich, Fräulein +Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmädchen +zu bestechen, aber das wäre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem +Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit +dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen. + +Was aber hätte der Arzt denken sollen? Er hätte ihm die Hand auf die +Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlächeln gelächelt. Konnte er +seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im übrigen, was hätte all das +genützt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren. + +Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrügliche Ahnung zu sagen: +Dieses Licht da droben, hörst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten. +Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glücklich, am andern Tage +nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu +sehen. + +Das Licht brannte nun einundzwanzig Nächte. + +In der zweiundzwanzigsten waren die Fenster dunkel. + +Ginstermann vermochte es nicht sofort zu fassen. Er strengte die Augen an, +ob nicht doch, ganz leise, ganz leise das Licht da droben noch schimmere. +Er wartete, er wartete. + +Die Fenster waren und blieben dunkel. Sie blieben, Gott weiß es, sie +blieben dunkel. Dunkel! Er konnte es gar nicht begreifen. + +Noch im Laufe des Abends war er hier außen gewesen. Nicht der kleinste +Umstand deutete darauf hin, daß das Unausdenkbare eingetreten sei. Heute +morgen hatte das Zimmermädchen die Fenster geputzt und dabei gesungen. + +Ginstermann fühlte sich wie befreit. Das Gespenst, das ihn eingehüllt +hatte, lange Tage hindurch, löste sich von ihm. Er atmete auf, lange und +tief. + +Langsam ging er die Straße hinab, das Glück der Erlösung genießend und die +Freude, daß es besser mit ihr ging. + +Plötzlich hörte, sah, fühlte er wieder wie früher. Der ausgeschaltete Strom +seiner Empfindungen kam wieder in Bewegung. + +Er trat in ein Café, dessen erleuchtete Fenster vor ihm lagen. Er brauchte +Licht, Menschen! Sein Glück drehte ihn im Wirbel. + +Hier war es hell, ungewohnt hell, es gab Menschen, wenn auch nicht viele. +Mit der Befriedigung eines, der eine schwere Zeit hinter sich hat, ließ er +sich auf ein Plüschsofa nieder. + +Das Café war in modernem, sympathischen Stile gehalten. Polster von +karmoisinrotem Plüsch mit schwarzen, senkrechten Streifen, Tische und +Stühle rot gelackt wie Gartenmöbel. Ein Fries nackter, einander +nachlaufender Männer mit den gleichen Bewegungen an den Wänden. Das Ganze +machte den Eindruck feierlichen Pompes. + +Das ist ein Raum für die still Glücklichen, dachte Ginstermann. + +Das Lokal war schlecht besetzt. In der Ecke, Ginstermann gegenüber, saßen +zwei junge Leute. Der eine lag phlegmatisch in seinem Sessel, die Beine +ausgestreckt, die Hände in den Hosentaschen, und lachte, wobei sich sein +Zigarrenstumpen auf und ab bewegte zwischen den Zähnen. Der andere sprach +aufgeregt, immerzu, mit der Begeisterung der ersten geistigen Gärung, er +sprach mit Händen und Füßen und warf jedesmal die Streichhölzer um, wenn er +seine Zigarette anzünden wollte. Sein Zuhörer lachte nur. + +»Ihr Menschen seid so wesenlos und schemenhaft wie die Moose auf dem +Meeresgrund,« rief der Erregte aus, »und wiederum seid ihr so dick und +unverschämt stumpf wie ein Balken!« + +Etwas im Hintergrunde saß eine Dame vor geleertem Glase, den Hut ins +Gesicht gesetzt, mit der Lektüre der Wiener Karikaturen beschäftigt. Man +sah die nackten Beine nur so strampeln. + +In einer Nische hatten ein Herr und eine Dame Platz genommen. Das Gesicht +des Herrn fiel durch leichenhafte Blässe und Bewegungslosigkeit auf und +eine Falte über der Nasenwurzel, scharf wie der Schnitt eines Messers. Die +Dame sah Ginstermann nicht, er erblickte nur den in einem enganliegenden, +stahlgrauen Ärmel steckenden Arm, wenn sie gewohnheitsmäßig in die Höhe +griff, um die Frisur zu richten. Er hörte sie dazwischen kurze Fragen +stellen und schloß aus ihrer Stimme und Betonung, daß sie geistreich war. + +Im Seitenkabinett spielten zwei Herren stillschweigend Billard. Der eine +war der Cafetier, seinem Wesen und seiner Kleidung nach. + +Ein junges, hübsches Mädchen bediente. Ihre Kollegin saß auf einem Stuhle +und war eingenickt. Sie hob nur dazwischen die schlafschweren Augenlider, +als habe sie im Schlummer das ungeduldige Klopfen des Löffels an eine Tasse +gehört. + +Es machte Ginstermann Vergnügen, all das zu beobachten, während ein Teil +seiner Gedanken unausgesetzt das glückliche Ereignis des Abends umkreiste. + +Er fühlte sich behaglich hier und brach sogar in Lachen aus, als der +Lebhafte ihm gegenüber in lachendem Zorn ausrief: »Dann nehme ich mein +Rückgrat heraus und schlage es an dir ab, mein Lieber!« + +Das hübsche Mädchen brachte ihm den Kaffee und blieb ein Weilchen bei ihm +stehen. Es war ein blutjunges Ding mit mandelförmigen Augen, aus denen die +Schwermut der Keuschheit blickte. Niemand hätte sie in dieser Stellung +vermutet. + +»Sagen Sie, Fräulein,« begann Ginstermann, »kann man nicht zu Ihrer Taufe +eingeladen werden?« + +Das Mädchen lachte und blickte ihn verdutzt an, halb argwöhnisch, eine +Keckheit hinter dieser Frage vermutend. + +Nun, sie sei doch noch so jung, daß sie unmöglich schon getauft sein könne. + +Sie brach in Lachen aus und wandte sich halb ab, nach den Gästen sehend. +Dabei klimperte sie mit dem Gelde in der Tasche ihrer schneeweißen Schürze. + +»Wir werden Sie >Rehäuglein< taufen,« fuhr Ginstermann fort -- da berührte +jemand seine Schulter. + +Es war der Akademiker Goldschmitt. »Uff, Ginstermann?« rief er aus. + +Der Maler war verblüfft, Ginstermann hier im Café zu treffen, mehr noch, +ihn bei einer Unterhaltung mit einer Kellnerin zu ertappen. Seine +Verblüffung steigerte sich aber noch, als er Ginstermanns Aufgeräumtheit +bemerkte. Er war nur gewöhnt, ihn als einen verschlossenen, düsteren +Menschen, der sein geistiges und seelisches Leben hinter einer +regungslosen, hochmütigen Miene verbarg, zu sehen. + +Ginstermann für seine Person war froh, nun jemanden zur Unterhaltung zu +haben. Er sprach und lachte immerzu. -- Er begann von den Bildern des +jungen Malers zu sprechen und lobte sie. Er gab seiner Meinung über +zeitgenössische Größen Ausdruck, die er sich erst während des Sprechens +bildete. Er legte dem Akademiker seine Anschauungen über Zweck und Ziel der +bildenden Kunst klar. Er warf ihm Händevoll Gedanken hin, die er verwerten +könne. + +Dabei dachte er an ganz andere Dinge. + +Es ging besser mit ihr, also war alles gut. + +Goldschmitt hörte aufmerksam zu und wartete auf den zündenden Funken. Er +breitete seine Pläne und Ideen vor ihm aus, ob er sie für gut finde. + +Ginstermann fand alle für gut, sogar für sehr gut. + +»Sie werden Ihren Weg machen,« sagte er und stieß mit ihm an. + +Der Maler konnte sich nicht enthalten, nach der Ursache von Ginstermanns +Lustigkeit zu fragen. + +»Ich feiere heute Geburtstag,« erwiderte ihm Ginstermann, den wahren Sinn +dieser Antwort selbst erst herausfindend, nachdem er gesprochen. + +Einige Gäste traten geräuschvoll ins Lokal, und wie auf ein Zeichen wurde +es lauter, kaffeehausmäßiger. Die verschlafene Kellnerin stand auf und ging +langsam mit schwerfälligem Wiegen der Hüften zwischen Büfett und Tischen +hin und her. Die einzeln sitzende Dame legte das Blatt aus der Hand und +begann mit unmerklich lächelnden Blicken unter dem Hute hervorzusehen. + +Der Lebhafte in der Ecke hatte ein Glas umgeworfen, das ganze Tischtuch +triefte. Er plauderte weiter, während das Rehäuglein den Schaden gut +machte. Sein Freund lachte, daß sich alle Gäste umwandten und mitlachten. +Sein Mund war rund wie ein Taler. + +»Betrachten Sie mal diesen Menschen,« sagte Ginstermann. + +Goldschmitt entgegnete: »Das ist Spiegel, er hat dieses Café hier +entworfen.« + +Das wollte Ginstermann nicht glauben. + +»Sie, Spiegel,« rief Goldschmitt über das Lokal, »haben Sie dieses Café +entworfen oder nicht?« + +Der Angerufene drehte schnell den Kopf, rief: »Jawohl!« und setzte seine +Disputation fort, ehe Ginstermann sein Gesicht sehen konnte, das ihn +nunmehr interessierte. + +Um zwölf Uhr brachen sie auf. Ginstermann war in sehr aufgeräumter Stimmung +und lachte immerzu. Er drückte dem Rehäuglein ein Zweimarkstück in die Hand +und sagte: + +»Morgen um zehn, da bin ich wieder da, und Sie werden mir dann +herausgeben.« Goldschmitt, der Knicker, gab keinen Pfennig Trinkgeld, er +sah dem Mädchen nur mit einem kurzen, warmen Blick in die Augen, den +niemand bemerkte, der nicht Ginstermanns scharfe Beobachtung besaß. + +»Bleiben Sie recht brav, Rehäuglein,« scherzte Ginstermann und schüttelte +ihr wie ein alter Bekannter die Hand. + +An der Nische vorbeigehend, in der der Herr mit seinem leichenblassen +Gesicht saß, blickte sich Ginstermann um. Zwei helle Augen, die +Ähnlichkeiten hatten mit denen von Fräulein Schuhmacher, waren auf ihn +gerichtet. Sie erblickten nicht den Mann in ihm, sie suchten nach dem +Menschen in ihm. Zu diesen Augen gehörte ein Gesicht von seltener +Häßlichkeit. + +Goldschmitt protestierte anfangs dagegen, daß Ginstermann ihn nach Hause +begleite, aber er mußte nachgeben. + +Arm in Arm gingen sie die Straße hinunter, und Ginstermann unterbrach +plötzlich das Gespräch und sagte: »Wissen Sie was, Goldschmitt, dieses Sie +ist zu fade, nennen wir uns du.« + +»Also du, wie du meinst,« versetzte der Maler. + +Vor dessen Wohnung angelangt, versuchte ihn Ginstermann, noch durch eine +neuaufgeworfene Frage zu halten. Aber Goldschmitt wollte schlafen gehen, er +müsse morgen zeitig heraus. + +»Eines will ich dir noch sagen, Ginstermann, wenn du wieder ins Café +kommst, so gieb dem Mädchen kein Trinkgeld. Du sollst ihr kein Trinkgeld +geben. Das Mädchen ist meine Braut. Aber -- notabene -- nicht daß du meinst +-- -- gute Nacht.« -- + +Ginstermann wanderte langsam nach Hause. + +Es war eine herrliche Nacht, die tausend süße Geheimnisse barg. Im Himmel +hatten sie alle Kerzen zur großen Mette angezündet. Die Erde lag gebettet +in feuchtwarme Luft und dem Geruche frischer Wiesen, von Liebe und +Fruchtbarkeit träumend gleich einem Weibe. + +Ginstermann hatte nicht die mindeste Lust, schlafen zu gehen, aber er war +müde. Die Haustüre öffnend, sah er Maler Ritt, die Zigarette im Mund, in +jeder Hand eine Flasche tragend, über den Vorplatz gehen. + +Die Türe seines Ateliers war angelehnt, und der Lichtschein, der daraus +strömte, erhellte Ritts boshaft-gutmütiges, verlebtes Faungesicht. Im +Atelier pfiff jemand »La Paloma«. + +»Nanu?« sagte der Maler, »hä-hä!« und zog erstaunt die Brauen in die Höhe. + +Ob er nicht ein wenig eintreten wolle? Auf eine Zigarette? Nicht? + +Ginstermann war auf den Maler nicht sonderlich gut zu sprechen, aber er +trat ein. Er hatte so gar keine Lust zum Schlafengehen, und dann war Ritt +doch nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Mensch. Und heute, +wo ein besonderer Tag war . . . + +Es ging besser mit ihr, folglich war alles gut. + +Er trat in eine Wolke bläulichen Zigarettenrauches. Der Schirm der Lampe +schwebte einer rotglühenden Kugel gleich darin. Die Wolke kam infolge ihres +Eintritts in Bewegung, und um die rotglühende Kugel schaukelten +phantastische Figuren. Im gleichen Moment bemerkte er ein mattschimmerndes +Gesicht, dessen glänzende Augen auf ihn gerichtet waren, den weißen Saum +eines Unterrockes, und nach links blickend abermals ein blasses Gesicht, +aus dem eine senkrechte Rauchsäule emporstieg. + +Zwei Damen in eleganten Kostümen lagen auf Ottomanen, halb in Kissen und +Puffs versunken. Sie blickten ihn beide an, und obschon ihre Augen von +verschiedenem Schnitt und ungleicher Farbe waren, lag doch der nämliche +Ausdruck in ihnen, lüsterner Glanz. Sie rührten sich nicht und blieben +ruhig liegen, als Ritt Ginstermann mit ostentativer Pose und einer Menge +Bemerkungen, wie ein Tierbändiger ein seltenes Exemplar, vorstellte. + +»Dieser Mann hat den sanften Blick der Taube, aber die scharfen Krallen des +Geiers, meine Damen,« schloß er. + +Sie lachten alle, und Ginstermann gab ihnen die Hand. + +Die eine erwiderte mit einem zögernden Druck, die andere reichte ihm die +Rechte mit müder Grazie und ließ sie sofort wieder auf das Kissen +zurückfallen. + +Wo er nur immer diese hübschen Frauen auftreibt, dachte Ginstermann. + +Ritt ging umher und füllte die Gläser, die auf niedrigen Taburetts standen, +so daß sie bequem zur Hand waren. Dabei strich er der einen der Damen leise +über die Haare, als ob er eine Mücke verscheuche. Ihre Augen folgten ihm, +und weiße Zähne schimmerten hinter lächelnden Lippen. + +Es war nicht die, die Ginstermann die Hand gedrückt hatte. + +Der Maler legte sich auf zwei Stühle und forderte Ginstermann auf, ein +Gleiches zu tun. + +»Bei mir können Sie lernen, wie man angenehm lebt,« rief er aus. »Die Leute +amüsieren sich in den Pausen ihrer Arbeit, ich arbeite in den Pausen meiner +Vergnügungen, die Leute wollen sich schonen, ich will mich auf angenehme +Art zugrunde richten -- hähä. Darin beruht der Unterschied meiner +Lebensauffassung und der der Welt. Wir leben nur eines Atemzuges Länge, +laßt uns atmen, Freunde! Prosit!« + +Man stieß an. Ginstermann dachte an das Mädchen in der Leopoldstraße und +trank sein Glas bis zum Boden leer. + +Ritt fuhr fort, in seiner näselnden, dünnen Stimme die Freude zu preisen, +die den Menschen über sein tierisches Ahnentum erhebe. + +Der Maler vermochte nicht eine Minute zu schweigen. Er befand sich +unausgesetzt in nervös lustiger Erregung. + +Ein Genie von Geburt, hatte ihn sein ausschweifendes Leben frühzeitig zu +einer totalen Erschlaffung seines Willens geführt, so daß er zum Spielball +seiner Triebe geworden war. Von Zeit zu Zeit schloß er sich vollständig von +der Welt ab, um sich wiederum die nötige Achtung vor sich selbst zu geben, +und da schuf er ein Bild, von dem jeder einzelne Pinselstrich den Eindruck +der Inspirativen erweckte. Seine Schöpfungen hatten ihn berühmt gemacht. +Aber allen haftete etwas an, was an einen verzweifelten Sieg erinnerte, als +seien sie einem vorbeisausenden Augenblick entrissen. Er hatte keine Zeit +zur Sammlung, seine Seele war zerrüttet. + +Niemand hätte das Alter des Malers genau zu bestimmen vermocht. Am Tage sah +er vierzig, bei Lampenlicht dreißig Jahre alt aus. Sah man ihn aus einiger +Entfernung, so erweckte seine schlanke, elegante Figur den Eindruck eines +Zwanzigjährigen. + +Sein Gesicht war welk, ausgetrocknet, mit matten Augen, die nahezu +wimpernlos waren. Er trug einen dünnen, langen Spitzbart, der einige +Dutzend Haare hatte, über seine Züge lag etwas Täppisches, Kindisches +ausgebreitet, das zeitweise verdrängt wurde durch den Ausdruck mühsam +verborgenen Grauens vor etwas Entsetzlichem, das er selbst nicht kannte, +vor dem Wahnsinn. + +Ginstermann suchte Ritt deshalb zu meiden, weil er in ihm ein Stadium +entdeckte, aus dem er sich glücklich emporgearbeitet hatte. Diese nervöse +Lustigkeit des Malers, seine Gier, sich fortwährend zu betäuben, seine +Freude an Orgien, sein bramarbasierendes Reden, das alles erinnerte ihn an +seinen früheren Zustand. + +Er empfand Mitleid mit ihm, sah aber auf der anderen Seite ein, daß der +Versuch, den Abwärtsgleitenden zu retten, vergebens gewesen wäre. Ritt +würde ihm ins Gesicht gelacht haben, weil er sich gescheut hätte, den +Zusammenbruch seines Inneren einzugestehen. + +Eine der Damen sang, als Ritt geendet, ein französisches Chanson, dessen +Refrain lautete: Achète moi un homme, maman, if you please, maman. + +Die beiden anderen sangen den Refrain mit, und schließlich fiel auch +Ginstermann ein. + +Nach jedem Vers brachte Ritt einen Trinkspruch aus, einen paradoxer als den +andern. + +Ginstermann saß vergnügt in seinem niederen Sessel, er war zu müde, um +aufzustehen. Es gefiel ihm auch gut. Zur Abwechslung konnte sogar ein +Einsiedler mal seine Höhle verlassen. + +Die eine der Damen betrachtete ihn durch ihre Lider hindurch mit +schillernden Augen, während sie sang. + +Man stieß wieder an. Aber Ginstermann war zu müde, nach einem Glase zu +greifen. + +Zur vollständigen Genesung braucht man immerhin vierzehn Tage, dachte er, +je nachdem, je nachdem. Da fühlte er, wie jemand ihm mit der Hand über das +Gesicht strich, und er schlief ein. Hinter der Wand hörte er noch Gelächter +und Ritts näselndes »Bravo, bravo!« -- + +Da stieß ein Vogel mit großen Fittichen gegen seine Stirne, und er öffnete +die Augen. + +Vor ihm saß eine Dame mit schillernden Augen und lächelte. In ihrer Hand +hielt sie ein Kissen mit einer Geste, als wolle sie es nach ihm werfen. + +Nun fiel es ihm erst ein, wo er war. + +Das war Ritts pompöses Studio, dort stand sein neuestes Bild +»Mädchenreigen« und hier die rotglühende Lampe, und richtig, diese Dame +hatte ihm beim Eintreten die Hand gedrückt. Die anderen aber waren nicht zu +sehen. + +Er war noch voller Schlaf und bewegte die Lippen, um zu sprechen. + +»Sie holen Wein,« sagte das Mädchen, das auf der Ottomane saß, und blies +sonderbar lächelnd gegen die Glut ihrer Zigarette. + +Er stand auf und gab ihr die Hand, um sich zu verabschieden. + +»Sie kommen nicht sogleich wieder«, flüsterte das Weib und blickte ihn an. +Ihre Hand bebte. + +In seinem Kopfe schwindelte es. Er sagte, sich herabbeugend und lächelnd: +»Ich bin müde.« Ihre Augen waren dicht vor den seinen. Funken tanzten +darin. Diese Augen waren wie Magnete, die ihn festhielten. Nun entfernten +sie sich, und zwei Reihen weißer Zähne unter roten Lippen kamen näher. Er +stand noch immer und hielt diese heiße, zitternde Hand in der seinigen. Da +fühlte er eine Hand an seinem Nacken, und ein warmer Hauch traf sein +Gesicht. + +Dieser Hauch stieß ihn ab. Er richtete sich auf und kam zum Bewußtsein. + +»Adieu«, sagte er und ging hinaus. + +Ihn schwindelte. Die kühle Luft hier außen tat wohl. Ein paar tiefe +Atemzüge, und sein Kopf war klar. + +Er stieg die Treppe hinauf. Es war vier Uhr. + +An der Tür der Malerin von Sacken, seiner Nachbarin, flimmerte ein kleines +Sternchen. Auch sie hatte noch Licht. Alle Leute waren noch wach und waren +guter Dinge. + +Es war heute ein ganz besonderer Tag! + +Er freute sich nun auf die Ruhe und den Moment, wo er sich in seine Decke +wickelte mit dem Gedanken, daß nunmehr keine Wagen mit schwarzgekleideten +Leuten zu befürchten seien. + +Plötzlich lauschte er. Hier hatte jemand geschluchzt! + +Es war so stille, daß er das Rollen eines Wagens von der Straße her hörte. +Und nun vernahm er wiederum unterdrücktes Schluchzen. + +Da drinnen hielt der Gram einen Menschen wach. + +Diese Laute nach all dem Lachen des Abends wirkten auf ihn wie eine +niederschmetternde Anklage, als trüge er an dem Schmerze jenes Weibes +Schuld. + +Fräulein von Sacken klopfte eines Abends bei ihm an, um ihn nach der Zeit +zu fragen, da sie nicht schlafen könne, wenn ihre Uhr stehe. Aber sie kam +nicht deswegen. Sie kam, um mit einem Menschen ein paar Worte wechseln zu +können, da die Einsamkeit sie peinigte. Ginstermann erriet das. Und nach +kurzem Gespräche fragte sie ihn, ob er wisse, was die drei schrecklichsten +Dinge im Leben seien. Sie beantwortete ihre Fragen selbst, indem sie sagte: +Die Einsamkeit, die Gestaltungssehnsucht und der Ehrgeiz. + +Daran dachte er jetzt. Er sah sie noch deutlich an der Türe stehen und jene +drei Worte sprechen, deren jedes einzelne eine Tragödie birgt. Sie waren +ihm erschienen wie drei hohe, finstere Tore, hinter denen er nackte +Menschenleiber in wortloser Qual sich winden sah. + +Heute war sie im Kampfe mit den drei Bestien unterlegen. Er aber wollte ihr +helfen. In seiner glücklichen Stimmung konnte er den Schmerz dieses Weibes +um so tiefer begreifen. + +Er begann an seiner Türe zu rütteln, mit dem Fuß dagegenzustoßen. + +Das Schluchzen hörte augenblicklich auf. + +Eine Weile wartete er, dann ging er an die Türe der Malerin und pochte +behutsam. + +»Wer da?« fragte eine jähe, ängstliche Stimme. + +Er, Ginstermann, er bitte um Verzeihung, aber -- + +Fräulein von Sacken öffnete. + +»Herr Ginstermann?« sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme +und lächelte verwundert. + +Ob das nicht zum Verrücktwerden sei: nun habe er seinen Schlüssel verloren +und könne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich +erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlüssel oder Haken oder +sonst ein Instrument zum Öffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten störe -- + +Ach nein -- das sei allerdings unangenehm. + +»Treten Sie ein bißchen ein, es findet sich vielleicht etwas.« + +Er wäre so frei. Wenn er aber störe, so müsse sie es ruhig sagen. + +Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe +umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren. + +Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten Ärmlichkeit dieses +Mädchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes +Atelier mit gedämpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch +gebetteten zwei schönen Frauen in der Erinnerung trug. + +Hier roch es nach Terpentinöl und welken Blumen. Die Möbelstücke warfen +harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe. + +Der mächtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich über Wände +und Decke. + +Fräulein von Sacken war eine große, üppige Erscheinung. In ihrem schwarzen +Kleide, mit dem nervösen, bleichen, leicht zerfließenden Gesicht, das von +früherer Schönheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines +Fürsten, die den Abschied bekommen hat, da ihre Schönheit verging, und ihr +üppiger Körper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte +Schwermut erfüllte ihre Züge, als trauere sie über ein verfehltes Leben. +Sie hatte große Augen von matter Schwärze mit langen, strahlenförmigen +Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet. + +Man gewann den Eindruck, daß sie die Nächte in einem Sessel verbringe und +vor sich hingrüble, während Tränen ihren dunklen Augen entfielen. + +Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines höheren +Offiziers, und ihre Angehörigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr +losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mühsam +verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein +gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des +Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr +zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurück. Sie hatte mit +dem Stilleben begonnen, war dann zum Porträt, vom Porträt zum Genre, zur +Landschaft, übergegangen, um schließlich wieder beim Stilleben anzukommen, +fest überzeugt, daß sie nur hierin etwas leisten könne. + +Das bißchen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich längst zerrieben und im +verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen +Talenten geht, die angesichts einer großen Schöpfung kläglich absterben. + +Das Grauen vor der künstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr größtes Leiden. + +Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlüssel herbei. + +»Vielleicht passen die«, sagte sie. + +Ginstermann prüfte die Bärte und legte sie kopfschüttelnd beiseite. + +»So geht es, wenn der Mensch Unglück hat«, sagte er. »Nun ging ich heute +mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte +nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer +Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.« + +Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede +wartend. + +»Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.« + +»Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein +Sacken«, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. »So einer bin ich. +Aber wir tragen ja alle unsere Tragödie in uns herum, ich und Sie und +Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist +schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen +auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß +man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht +wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit +Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die +andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir +nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können +wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns +heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß +Geduld haben.« + +»Viel Geduld!« + +»Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.« + +»Niemand erträgt das.« + +»Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man +sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht +gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns +verlacht? Für wen schaffen wir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten +uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen +sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind, +taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke +aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die +sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese +gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte +uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte +der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor +sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte, +man sollte -- aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.« + +Er schwieg. + +Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte. +Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es +war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden. + +Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verändertem Tone sagte er: »Nun +sehen Sie, nun habe ich meinen Schlüssel gefunden. Ist das nicht kostbar! +Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.« + +»Haben Sie ihn gefunden?« fragte sie mechanisch. + +»Ja,« entgegnete er, »und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte, +nicht übel, daß ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist +menschlich, sich dazwischen Luft machen zu müssen. Morgen bin ich wieder +jener, den Sie um seine göttliche Ruhe beneiden.« + +Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und preßte sie. Ihre +Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben +nicht vergessen würde, sagte sie: + +»Es muß doch einen Gott geben!« + +»Wieso?« fragte Ginstermann verdutzt. + + + + +VII. + + +Das waren schlimme Tage. + +Und mehr noch schlimme Nächte. + +Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein +Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte +er sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei. + +Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf +der Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so +eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine +nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte, +ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt. + +Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er +spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei, +ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr +kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend. + +Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame, +die in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit +bemerkte er jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt +hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den +Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des +Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und +betrübt darüber, daß er so gar kein Glück hatte, um bald darauf in die +nächste Straße zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen, +angetrieben. + +Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der +Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig +wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im +ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität +gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den +Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen +alten Mann, der täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen +halben Stunde wieder zu verlassen. + +Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war, +schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem +Zimmer brannte. + +Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden +Abend und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie? + +Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden. +Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis. + +Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen +stellte, so konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren +Kelche das Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm +einer Statuette. + +Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels +beschäftigt, mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen +Spiegel mußte er immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal +wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen +gewesen. + +Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr. +Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen, +wenn ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor +treffen. Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe. +Er zählte, bei neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend +öffnete sich auch die Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten +Sinne. + +Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten +und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner +Brust schlug. + +Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es +war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages +aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf, +um wie auf ein unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu +lassen. Leute grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein +Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not +einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden +Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich +groß und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf, +wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße +war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder +heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend -- ah, recht sehr! Hier fiel ein +Stock klappernd aufs Pflaster. + +Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der Außenwelt +hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine +Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des +schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte +sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den +Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine +Mappe gebeugt. + +Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu +können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er +entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend +Pläne. + +Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden. + +Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel +einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende +Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft +brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm. + +Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig +brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine +Vorstellungen immer noch lückenhaft erschienen. + +Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann +wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht +wie behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt, +wie er mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen +Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen +Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein +Meister in der Maske, alle Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt +hinter dir her . . . + +Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und +Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten -- seht, dort! Weshalb jammert dieses +Weib so und liegt auf den Knien? + +Platz da -- Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm +schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort, +dort! Seht! -- Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat +den ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch +keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann +darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . . + +Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen, +mit ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in +Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets +zu packen . . . + +Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein +Dienstmädchen. »Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit, +mich zu bestellen.« Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das +Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf. + +»Nein -- nein -- ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won +-- Wonderneß sprechen.« + +»Ich bedaure.« + +»Leopoldstraße 12?« + +»Allerdings.« + +»Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße +12.« + +»Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei +Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch --« + +»Zu Besuch -- richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um +Entschuldigung. Ein alter Mann --.« Das Männlein macht einen Kratzfuß und +steigt vorsichtig die Treppe hinunter. + +»Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.« + +»O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden« . . . + +Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt +Rauch. Wenn man schnell alarmiert. -- Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese +moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines +Motors, über den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles +nur Denkbare, um einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag, +befand sich sein Gehirn in hellster Aufregung. Er zählte bis hundert und +zurück, er lauschte auf das Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer, +du liegst im Gras, Hitze schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst. + +Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem +alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm +herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich +auf den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte. + +Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er +wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war. + +Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in +Kapellis Ateliers. + +So vergingen einige Wochen. + + + + +VIII. + + +Ginstermann erzählt: + +Heute aber, nachdem ein fortgesetztes Mißgeschick mich gänzlich mutlos +gemacht hatte, heute aber -- meine Herrschaften, verzeihen Sie diese Phrase +-- lächelte mir endlich Fortuna! + +Ja, Fortuna lächelte mir! + +Holdrio! + +Meine Damen, meine verehrten Damen und Herrn. Ich wandere zurück an den +»Wällen Jerusalems, des ewigen«, ich bin weit draußen in der Vorstadt +gewesen. Es wird Abend, ein trüber, trauriger Abend, als hätte ihn mein +Herz geboren. Ein feiner Regen rieselt herab. + +Ein niederträchtiger, unverschämter Regen, der meine Zigarette näßt, daß +sie zu kohlen beginnt. Dieser Umstand allein würde bei normalen +Verhältnissen genügt haben, mich mißmutig zu machen. Jetzt schlug er dem +Faß den Boden aus. + +Es ist zuviel, es ist zuviel, alles was recht und billig ist. + +Ich werde geradezu wütend. Aber plötzlich, durch all meine Misere hindurch +lächelte mir der holde Sonnenblick Fortunas. + +Nur Geduld. Bei großen Momenten halte ich große Reden der Einleitung, wie +ein Gourmand die Delikatessen einer sorgfältigen Betrachtung unterzieht, um +seinen Genuß zu steigern. + +Also es regnet, und das Pflaster ist naß. Meine Zigarette ist erloschen, +und ich schreite mit düsteren Blicken meine Straße. Das bewußte Haus kommt +näher. + +Ein geschmackloses, ein lächerliches Haus, das Experiment eines +Architekten, der in modernem Stil macht. Macht ist gut gesagt. + +Wie gesagt und überhaupt -- betrachten Sie, bitte dieses Haus! + +Ich hätte Lust, Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag zu halten über moderne +Architektur im speziellen, über moderne Kunst im allgemeinen. Eventuell mit +Ihnen ein kleines Exkursiönchen durch die Baustile aller Zeiten und Völker +zu unternehmen, über die phrygische, lykische, syrische Kunst hinweg, +hinein in die babylonisch-assyrische, mit Ihnen den Palast des Königs +Sargon zu Chorsabad zu besichtigen und den Tempel des Chunsu zu Karnak zu +durchwandern. Hier im Schatten des Säulenwaldes würde es mir ein besonderes +Vergnügen sein, Ihnen, wenn Sie wünschen, meine Ansichten über die +rituellen Gebräuche dieser Völker auseinanderzusetzen. + +Aber zur Sache! Ich sehe, die Damen langweilen sich. + +Ich gehe an diesem Hause vorüber, empört über seine Geschmacklosigkeit, +über die höhnisch lächelnde Verschlossenheit, mit der mich seine +vierundzwanzig Augen verfolgen -- da höre ich meinen Namen rufen. + +Ganz leise, als äffe mich ein Spuk. + +Meine Herrschaften!! + +Ich wende den Kopf, von vornherein überzeugt, daß ich mich täuschte, da +erblicke ich eine weibliche Gestalt unter der Türe. + +Ich rege mich nicht von der Stelle, ich starre sie nur an, über mir sausen +Flammen. + +»Guten Abend,« sagt sie und lächelt mir zu. + +Endlich gehe ich näher. »Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.« + +Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dämmerung leuchtend +blassen Gesichtchen blicken ihre glänzenden, großen Augen. Geschmeidig wie +eine Katze huscht sie die Stufen herunter. + +Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: »Ich konnte mir gar nicht +denken, wer mich anrufen könne.« + +Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott. + +»Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.« + +»In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.« + +»Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.« + +»Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher +Neugierde natürlich, studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die +Herzen, man sieht sie wahr.« + +»Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,« unterbricht sie mich, und, +indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: »Ich will ihn in den Kasten +stecken.« + +Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie. + +Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und +wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das +Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das +Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den +Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern +sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die +Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie +eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend. +Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli +geschaffen. + +Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die +Regentropfen wie Tau. + +Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir, daß sie krank war, nicht +sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals. + +Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore. + +»Wir werden demnächst abreisen,« sagt sie, mit der Fußspitze vorsichtig in +den Rand einer kleinen Pfütze tippend. + +»Mama ist leidend. Der Arzt rät uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist +nun wieder kränker geworden, so daß wir die weite Reise vorläufig nicht +wagen können.« + +Sie tippt noch immer mit der Fußspitze in die kleine Pfütze und blickt zu +Boden. + +»Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?« + +»Ja, leider.« Sie sieht auf und blickt mich an. + +»Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?« + +»Mit Vergnügen, allein --« + +Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge. + +»Sehr häufig sogar.« + +»Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so +würde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bißchen +plaudern, nicht?« + +»Sehr gerne, sehr gerne.« + +»Können Sie Samstag?« + +»Haha -- ja --,« ich besinne mich etwas, »o ja, Samstag sehr gut. Gewiß, +gewiß, sehr angenehm.« + +»Ja, aber der Garten ist groß.« + +Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei. + +»Natürlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr +Ginstermann.« + +»Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.« + +Sie nickt mir nochmals zu und schlüpft ins Haus. + +Meine Brüder, meine Brüder! + +Die Leopoldstraße hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um +nicht herauszulachen. Die Hände in die Rocktaschen vergraben, um nicht die +Leute am Rock zu fassen und zu schütteln, die Zehen verkrampft in den +Schuhen, um nicht zu tanzen. + +So gehen die Menschen, denen das Glück ins Herz fiel. + +Das bin ich. + +Er läuft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt +sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fuß und sagt: +Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar +nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der +Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus. -- Ob man sich nicht verlaufen könne? +Nicht? Herzlichen Dank. + +Er deutet auf eine Plakatsäule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen +Blauplätze zu vertauschen. Offerten unter »Chiemsee«. Vermittler verbeten. + +Das bin ich. + +Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wünsche Ihnen eine hübsche, +langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu +trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber +wie Millionen Nadeln durchfährt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hübsche +Krankheit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame. + +Das bin ich, liebe Brüder, das bin ich! + + + + +IX. + + +Nachdem die ersten Wogen des Glückes zurückgeebbt waren, fand Ginstermann +die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefühl, das sein ganzes +Wesen durchzitterte, löste eine still-übermütige Stimmung in ihm aus. + +Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen +Zustand köstlicher Ruhe, durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches +schimmerte. + +Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von +der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wäldern zu verkommen, +die Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Füßen leuchten +sieht. + +Gemächlich ließ er sich vom Strom der Menschen treiben. + +Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hörte er mit neuen Ohren, seien +alle seine Sinne verändert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem +stillen Zimmer krank gelegen. Gewohnt täglich, in jeder Minute Nahrung zu +sich zu nehmen, stürzten sie sich heißhungrig auf alles, was sie umgab. +Aber unterhalb dieser Flucht von Eindrücken zogen unaufhörlich stille, +sanftfarbene Bilder durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor, +daß Menschen und Häuser plötzlich ihre Körperhaftigkeit verloren, und er +durch sie hindurch in ein Traumland blickte. + +Der Regen hatte mit einem Male aufgehört, nachdem er die Menschen den +ganzen Tag über gelangweilt hatte, und die Sonne schüttete noch im Sinken +Hände voll blitzender Funken über die Stadt. Eine ungewöhnlich +gespenstische Beleuchtung herrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze +eines Sterbenden. + +Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern +sprühten, einher, wie Wesen, die ein Zauber für einige Stunden dem Dasein +zurückgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf +ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise +blieben unberührt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde +nicht entziehen konnten, mit ihrem alltäglichen Gebaren den Zauberspiegel +in Stücke schlagend. + +In den Hauptstraßen gab es nahezu ein Gedränge, so viele Leute hatte das +Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren, +kräftigen Luft zu erhaschen. + +Die Wagen glitten pfeilschnell vorüber, und das Prasseln der Pferde, die +stramm in den Zäumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es +auftauchte. Als wären sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars +schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abständen +hintereinander her, den Strom des Verkehrs für Augenblicke in zwei Arme +teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkürlich den +Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten. Blasse Gesichter +mit verblasenen Schatten unter den glänzenden Augen wanderten durch den +Lichtschein. + +Aus dem Panoptikum tönte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut, +seelenlos und jäh abbrechend, als habe man für einen Moment die Türe eines +Vergnügungslokales geöffnet. + +Ginstermann lächelte in der Erinnerung daran, daß er vor drei Jahren an +dieser mit Plakaten beklebten Türe gestanden und den Vorbeieilenden mit +verbindlichem Lächeln die grellbunten Zettel in die Hand gedrückt habe. + +Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch +der süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster +schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein. + +Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und +Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender +Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von +Licht über Häuser und Menschen werfend. + +Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage. + +Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit mächtigen +Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus +ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern. + +Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille +Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle, +selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen, +einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen +gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von +nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu +diesen Ohren sprechen zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese +geliebte Stimme zu hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese +Einmütigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes +Glück in Aussicht, ein Kuß im Hausflur, ein abendliches Zusammensein. + +Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien +sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch +gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen +erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit. + +Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll. +Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war. + +Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein +originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes +Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin +zurücktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche +Leute hätte er gerne angesprochen. + +Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten +Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie +war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann +erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen +klingen zu hören, als sie sich ansahen. + +Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu +sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er +erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte +ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die +Bewegung der Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen +dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der +Abgeschiedenheit seiner Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden +und nun, da ein Erlebnis sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben +befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm +redete. + +Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines +Hündchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein +kleines Maschinchen, und man hätte glauben können, es bewege sich in +drolliger Absicht nicht schneller vom Platze, während es die Beinchen wie +verrückt bewegte. + +Eine Dame ging neben ihm her. Es war Fräulein Scholl. + +Ginstermann überschritt die Straße und rief sie an. Sie wandte sich mit +einer drehenden Bewegung um, als befände sie sich auf dem Eise. Sie +entdeckte ihn nicht sofort. + +»Ach, Sie!« rief sie dann mit vergnügtem Lachen, ihm die Hand +entgegenstreckend, viel höher, als es nötig gewesen wäre. + +Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schüttelte Ginstermanns Hand, als +seien sie langjährige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner +Hut, braunes Kostüm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen +von altgoldener Farbe. Das sensitive Auge eines Malers schien diese Nüancen +zusammengestimmt zu haben. + +Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe. + +»Ich bin in Berlin gewesen,« sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend. + +Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzählte ihm von der Hin- und +Rückfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen +Mädchens. Häufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten, +Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte. + +Er hörte ihr gerne zu. Ihre unvollständigen Sätze, ihr Lachen, die +dazwischen geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch +zu beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Würde +erinnernd, die eine junge Dame zu bewahren hat, plötzlich ihr Lachen +dämpfte, ihre Bewegungen überwachte und in korrekten Sätzen sprach. + +Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden +Fröhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen +Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen +Veranlagung auch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen. + +Allmählich verstand es Ginstermann, das Gesprächsthema auf ihn mehr +interessierende Gegenstände zu lenken. + +Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe. + +»Natürlich doch,« entgegnete sie, »gleich am Montag.« Und ihn anblickend, +setzte sie hastig dazu: »Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen, +Herr Ginstermann.« + +»Mich?« + +»Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.« + +»Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Fräulein.« + +Sie lachte ungläubig und sagte, sie könne ihren Kopf wetten. Sie habe auch +geklingelt -- sie war zu Rad -- aber er habe nichts gehört. + +Es wäre wirklich schade um ihren Kopf. + +Aber, sie würde ihn auf keinen Fall verlieren. + +Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder. + +Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage. +Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühenden +Tropfen gleich, die an den Drähten entlang rollten. + +Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame +interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut +er konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf +irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch +berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese +Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten +hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend, +und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt. +Dazwischen äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in +direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die +an der Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren. + +Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher +bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen +wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches +auf die Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig +Komödie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, daß sich die Mädchen in +Berlin kennen gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte, +wo ihr Vater eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in +Berlin sei, daß sie bei schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim +radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der +Geliebten zu hören, andererseits bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß +die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon +er in seiner übermütigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was +ich noch fragen wollte, einzuleiten. + +Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur. + +Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein +Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach +geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten +brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der +bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im +Munde. Die Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die +Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man +befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an +der Kante des Gesimses entzweischlagen. + +»Zum Abschied«, sagte Ginstermann, »sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem +Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.« + +Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder +Grazie bekannt: »Herr Ginstermann -- Fräulein Bijou.« + +Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung. + +Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren, +eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung. + +Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte. + +Fräulein Bijou kläffte und umkreiste, auf drei Beinen hüpfend und mit dem +Schweife wedelnd, die Lachenden. + +Seine Herrin nahm es auf den Arm und drückte es zärtlich gegen die Wange. + +»Eine gescheite Dame«, sagte Ginstermann, »sehen Sie nur das Gesichtchen. +Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht +gehört seit Jahrhunderten zur Aristokratie.« + +Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden. + +»Ach, Sie wollen schon gehen?« + +»Ich kompromittiere Sie ja.« + +»Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein +Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es würde ihm rasend +Spaß machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen, +Herr Ginstermann, ja?« + +Dabei sah sie ihn bittend an. + +In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens +über diese Einladung verbergend, erwiderte er: »Ich muß leider ablehnen. +Danke. Ich muß an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht +erwarten kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.« + +Sie setzte das Hündchen ab und reichte ihm die Hand. + +»Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit +heraufzukommen?« + +»Da müßte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.« + +Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie: + +»Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen --« + +Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fuß auf dem Absatze und +stichelte mit der Schirmspitze nach der Fußspitze. + +»Adieu,« sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie +vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drückte. + +Sie war rund und kurz, heiß. + +»Adieu, Fräulein Scholl und nochmals Dank für Ihre liebe Einladung.« + +Fräulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf. + +Bijou rannte aus der Türe und kläffte Ginstermann nach. -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- + +Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb: + +Das Herz. + +Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hieß er, das ist: der Gestorbene. +Er war bleich, weiß wie Zucker sein Gesicht, seine Hände. Seine Augen waren +dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von bläulicher Farbe. Ein Lächeln +umkräuselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu +schreien, blickte er junge lachende Mädchen an, so weinten sie und +trauerten ihr ganzes Leben. Er ging durch die Straßen und lächelte. Da +wurden alle Menschen stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen. + +Sein Lächeln, das sagte: Weshalb lacht ihr? + +Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sie unter der Linde. Er ritt auf +einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte, +und die Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte +sich mehr, sie standen wie gelähmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen +anzustimmen, da rissen die Saiten wie Zunder. + +»Es ist Habuck!« flüsterten die Mädchen und hüllten das Gesicht in die +Schürze. + +Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man +kann ihn noch heute so sehen. + +Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige +Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich +zweischneidigen Schwertern zu Häupten des Volkes. Sein Stolz war so groß, +daß er sagte: Erdengöttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart. + +Er verbrachte die Nächte beim Wein und brütete, wie er das Lachen töten +könne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig. + +Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er +unsichtbar mit ihm kämpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt +die Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten. + +»Habuck kommt übers Feld,« riefen die Leute und stürzten in ihre Häuser. +Sie krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den +Hufschlag seines Pferdes hörte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig +wurde. + +Eines Abends ritt Habuck über eine große Heide. Violett das Kraut, violett +der Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter. + +Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete. + +Es stand mitten im Wege und wich nicht. + +Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb +stehen, als er über das Weib wegreiten wollte. + +»Ich habe dir etwas zu geben,« sagte das Weib. + +Habuck fragte: »Was willst du?« + +»Ich habe dir etwas zu geben,« wiederholte das Weib und trat nahe an ihn +heran. + +»Nimm es,« sagte es, »ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es +verloren, als du ein Knabe warst.« + +Und als Habuck zögerte, warf sie es ihm in den Schoß und verschwand. + +Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter. + +Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. Die Vögel begannen zu trillern im +Walde, es war spät in der Nacht. + +Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein. + +»Wer bist du?« fragten die Leute. + +Niemand kannte Habuck mehr. -- + +Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein. + + + + +X. + + +Samstag. + +Ginstermann sprang aus dem Bette, mit beiden Füßen zu gleicher Zeit, und +sagte: »Samstag.« + +Er hatte lange und tief geschlafen und fühlte sich in erwartungsvoll +heiterer Stimmung angesichts dieses Tages, aus dessen Dämmerung das große +Glück wetterleuchtete. + +Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen +noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel +herauf. Die Dämmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden +Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprühte. + +Durch die geöffneten Fenster strömte frische, würzige Luft, gesättigt mit +dem Geruche der Wälder und dem kühlen Atem der Quellen, noch nicht +verdorben vom Staub der Teppiche und den Küchendünsten. Der Hof lag noch +ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen. + +Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes +hergerichtet, aus Möbeln und Wänden schien die Sonne der letzten Wochen zu +strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit +hindurch vernachlässigt hat. Tisch und Stühle, Bücher und Skizzen an den +Wänden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu +heischen. + +Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block +von Kälte und Finsternis, in wüster Betäubung von der Arbeit der Nacht und +lächelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen +Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gütige große Leben +winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen. + +Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehörte dies zu +seinen Liebhabereien. + +Das Gefühl von Kraft und Gesundheit erfüllte ihn in einem Maße, wie er es +nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wäre. Seine Brust +war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend, +seine Sehnen straffer. Die Müdigkeit war weg, der gebeugte Rücken, die +bleischweren Füße. Als hätte er einen wüsten Rausch ausgeschlafen. + +Er wettete, mit der Faust Löcher in die Wand schlagen zu können, die Decke +zu sprengen, wenn er sich streckte. + +Köstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die +einer Wiedergeburt entgegensah. + +Eine übermütige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk +gegeben, trat er vor den Spiegel, ließ die Muskeln seiner Arme spielen, +reckte die Brust, beugte den Kopf zurück, sich erfreuend an dem Schnellen +der Sehnen, der Überschneidung der Schulter, der energischen Linie seines +Armes, als studiere er einen fremden Körper. + +Man sollte nicht versäumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen. +Was für Bewegungen würde man bekommen, welche Elastizität, welche Genüsse +von Schönheit könnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung +seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt müßten die Menschen in Gärten +wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schönheit ihrer Schwestern und Brüder, und +die Welt nähme von neuem ihren Anfang, Schönheit und Erkenntnis ihr +zweifaltiger Gott. + +Endlich ging er an die Toilette. Er überschwemmte seinen Körper mit Wasser +und lief fröstelnd und pustend im Zimmer umher, eine solche Menge Fußspuren +hinterlassend, als habe ein Rudel Wilder hier getanzt. Er hatte sich einen +netten Anzug angeschafft, denn es erschien ihm unmöglich, in seinem +geschossenen blaugrauen Sommeranzug mit einer vornehmen Dame im Englischen +Garten zu promenieren. Allerdings hatte er nahezu seine ganzen Ersparnisse +hinlegen müssen, aber das war ja vorläufig einerlei. Fix und fertig trat er +vor den Spiegel. Der Anzug saß außerordentlich gut, als sei er für seine +Figur geschnitten. Er machte in seiner dunkelgrauen Farbe einen +ruhig-vornehmen Eindruck. + +Zur Vervollständigung setzte er auch seinen netten Strohhut auf, dessen +verräterischen Glanz er mittels Wasser abgeschwächt hatte, und erblickte +nun im Spiegel einen elegant, nahezu geckenhaft gekleideten jungen Mann, +der sonderbarerweise sein Gesicht hatte. + +Er lüftete grüßend den Hut und sagte: »Guten Tag, wie geht es Ihnen?« dabei +lächelnd mit freudigen Augen. Seine Wangen überzog ein Hauch von Röte, und +diese Erscheinung machte ihn verblüfft wie ein Wunder. Gemächlich nahm er +seinen Tee, rauchte er seine Zigarette. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit, +die mit den raffiniertesten Kunstkniffen vertrieben sein wollte. + +»Gehen die Lahmen zu Tanze, Antonio?« sagte er zu sich. Er lachte und +erwiderte sich selbst: »Wenn die Toten neugierig werden, Pietro, weshalb +sollen die Lahmen nicht tanzen?« + +»Ein Toter wird wieder lebendig, mein Sohn, wenn er sieht, wie sein +Waffenbruder die Flucht ergreift.« + +»Man merkt, daß du schon lange gelegen bist, tapfrer Held, selbst dein Witz +ist nicht mehr frisch.« + +»So frisch noch, um das Faule deiner Ausflüchte zu spüren, Antonio. Ein +Antonio, der beim Junggesellenmahl des Colonna den Degen in den Tisch stieß +und rief --« + +»Man merkt, daß du selbst wenig Gedanken besitzt, da du Raum im Kopfe hast, +die Gedanken anderer Leute aufzubewahren.« + +»Donna Claudia --« + +»Nun muß deine Zunge ein Loch haben, da sie einen Weibernamen aussprach.« + +»Die Schnelligkeit deiner Einwürfe beweist mir, was mir gar nicht mehr +bewiesen zu werden brauchte. Donna Claudia läd zum Tanze, und das ganze +männliche Venedig schläft nicht mehr vor Aufregung, wie eine Jungfrau vor +der Hochzeit. Wenn man euch hört, so glaubt man, ihr speistet sechs Teufel +an einer Gabel, aber das Lächeln einer Frau macht euch zu tänzelnden +Pudeln. Don Luigi, dessen Zunge scharf war wie ein Rasiermesser, um dessen +Degen die Leute einen Halbkreis beschrieben, ertrank in den Wangengrübchen +eines rosigen Mädchens, Freund Fabio, der noch mit halbem Schädel kämpfte +und mit dem Satan in persönlicher Korrespondenz stand, gab seine Narben für +den Kuß eines zierlichen Frauenknöchels. Und Antonio --« + +»Antonio ist nach Palermo abgereist.« + +»Antonio, der beim Festmahl des Colonna sagte: Wenn mein Herz Langeweile +hat, so frage ich es: Hast du Langeweile, mio bambino? Sollst eine Puppe +haben, eine feine Puppe, die Mama und Papa sagt, wenn man sie auf den Bauch +drückt -- dieser nämliche Antonio, ihr Herren, so hört doch! schlüpft in +den Balg eines Papageis, wenn Donna Claudia zum Tanze läd.« + +»Ein Fisch könnte sich ertränken.« + +»Ein Weib könnte die Wahrheit sagen.« + +»Ich wünschte nur, Pietro, die Marchesa Colombi könnte Zeugin deiner +mannhaften Entrüstung sein.« + +»Die Marchesa Colombi? Der Mond falle dir auf den Bauch, Freundchen!« -- + +Er erfand einen Dialog, in dem sich zwei blasierte Schlingel gegenseitig +den Rest ihrer Gefühle zum Vorwurf machten. Daran reihte sich eine Szene +bei Donna Claudia, Antonio--Claudia, und ein Zwiegespräch der Marchesa +Colombi mit einer Maske in einer Fensternische, die mit einer klatschenden +Ohrfeige endigte. Pietro, dieser freche Patron, mußte unbedingt seinen Lohn +haben. + +Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollführen, er +trieb Nägel in ein Brett, und die Gäste der Donna Claudia gingen nach +Hause. + +Von der Straße her drang das Lärmen des erwachten Verkehrs. Die +Gemüseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des +Kehrichtwagens zeterte. + +Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus, +um sich die Zeit zu vertreiben. + +Aus dem Fenster gegenüber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brüste +breitgedrückt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des +fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich +schleunigst zurück, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie +sah aus wie eine Schießscheibe. Im Hofe wurde eine gutmütig-kreischende +Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die +Küchenfenster lockte. + +Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die +Daseinsäußerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum +die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehörtem +Texte, und plötzlich, ohne sich eigentlich über diesen Vorgang klar zu +werden, trällerte er vor sich hin: + + Juhei, juhei, der Tag ist da, + er tanzt als wie ein Narr herum, + mit heija--halleluija + tanzt er die alten Häuser -- + ja alten Häuser um. Juhei! + + Juhei, juhei, der Tag ist da, + ein wilder, kecker Bengel, + mit heija--juhaheirassa + hält er mich untern Pumpen -- + ja untern Pumpenschwengel. Juhei! + + Juhei, juhei, der Tag ist da, + mit einem Strauß von Düften, + dann hängt er mich mit juhaha + an einen hohen Kirchenturm -- + ja Kirchenturm zum Lüften. Juhei, Juheirassassassa! + +Er wiederholte den Singsang, veränderte die Melodie, dichtete ein paar +Strophen dazu, bis er endlich des Spaßes überdrüssig wurde. + +Er sah auf die Uhr. + +Es war sieben, noch nicht sieben. + + * * * * * + +Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den +Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des +Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um. + +Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von +Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse +Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab. + +Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät +zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als +habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht +zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in +den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge +beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe, +ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu +können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus +gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und +einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit +einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade +auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee. + +Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen. +Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise +wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden +Blättern. + +Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war, +geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der +der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen +Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können. + +Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern, +ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann, +der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe +weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose, +keine Sekunde stillestehende Maschine. + +Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn +wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine +kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal, +das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl, +das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in +die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das +gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses +Rendezvous mit einer jungen Dame. + +Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf +dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet +war. + +Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen +. . . + +Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt. + +All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte +vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich +gut ging, zwei Monate lang. + +Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem +Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte +ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre +Augen zufällig darauf fallen konnten. + +Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder, +die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang +sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre +Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten. + +Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie +spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren, +schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei +Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so +üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es +hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln +summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so +eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das +Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen. + +Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das +glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens +weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend, +und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in +den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich +mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland +seiner Seele schimmerte. + +Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit +mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine +wegzuziehen. + +»Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,« sagte Ginstermann, »ich fühle +mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.« + +»Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!« + +»Nein, nein, aber keineswegs. So hübsche Kinder belästigen mich nie.« + +Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr +Wesen hatte etwas Gedrücktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mühsam +der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte +an den Armen und der Brust ins Grünliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit +versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig +waren. + +Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trällernd: + +Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . . + +Die Kleine lachte und klatschte vor Vergnügen mit den Patschhändchen. + +»Sie wird ihnen lästig fallen,« hub die Mutter wieder an, ihm mit einem +Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend. + +»Sie sehen ja, daß das Vergnügen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen +Sie für das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fünf Millionen?« + +Aber das Weib lächelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen +Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete. + +»Es läuft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.« + +Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrückte. + +Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich. + +Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er: + +»Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.« + +Sie blickte immer noch zu dem hustenden Männlein hinunter. + +»Ach,« sagte sie, »er hätte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er +war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.« + +Das Mädchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns +Gesicht. + +»Fällt es Ihnen noch nicht lästig?« + +»Ach nein. Hören Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar, +das sie hat, feiner wie Seide.« + +»Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer Überzeugung gemäß +antworten?« + +»Bitte, bitte.« + +Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube! + +Dabei sah sie ihm direkt in die Augen. + +»Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.« + +Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur +die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzählt. + +»Ja, ein Schriftsteller,« entgegnete Ginstermann, »die glauben alle nichts. +Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu +warten.« + +Das verstünde sie nicht. + +Sehr einfach. In ein paar Jahren hätte sich ihr Kind entwickelt, und aus +dem Kinde würde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung +der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme würde sie ihn erkennen. Und +somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken. + +Sie sann vor sich hin, beglückt von dieser Eröffnung und sah im Geiste das +Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen. + +Dann erzählte sie Ginstermann leise, in unvollständigen Sätzen, die +Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war +Telephonistin und ihr Bräutigam Zeichner in einer Möbelfabrik. Er war sehr +geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie +das erste Mal seine Stimme gehört, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines +Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die +Nummer seines Geschäfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann hätten +sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank +gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind +kam und sei nun Kontoristin. Gegenwärtig habe sie Urlaub, drei Tage. + +Ginstermann hörte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Pläne, auf +welche Weise man das arme Weib erfreuen könne. Hätte er Geld gehabt, so +würde er ihr soviel als möglich zugestellt haben: Ein Freund ihres +Bräutigams, der Möbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte +wegen der Verzögerung um Entschuldigung. Auch beschäftigte ihn der Gedanke, +auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswürdigkeit seiner +Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mädchen deshalb zu entlassen, weil +es der Stimme seiner Natur gefolgt war. + +»Wenn Ihnen die Kleine aber lästig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und +ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her +und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --« + +In diesem Momente schlugen die Uhren drei. + +Ginstermann erschrack, die Töne durchliefen seinen ganzen Körper. + +Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung: + +»Entschuldigung, ich muß gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr muß ich gehen. +Auf Wiedersehen.« + +Zwischen den Säulen auf dem Hügel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten, +nicht der Verdacht eines Schattens. + +Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lähmenden Angst +befallen und hielt den Schritt an. + +Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Möglichkeiten durch den Kopf, die sie +abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnäckig als die +wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders überlegt. Was +sollte sie mit ihm? + +Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flügel +lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht. + +Er stand und blickte mit bitterem Lächeln zu Boden. + +»Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!« + +Aber plötzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewußt seine +Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas geändert. + +Sie stand oben. + +Sie stand wirklich und wahrhaftig oben. + +Schlank und weiß stand sie zwischen den schlanken, weißen Säulen und +blickte über die Wiese. + +Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter +seinem Busche stehen und beobachtete sie. + +Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem +Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete. + +Ist es nicht köstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der +wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht +man sonst in solch nachdenklicher, nachlässiger Haltung? + +Er götzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte +und langte ganz außer Atem oben an. + +»Da sind Sie ja!« sagte sie und lächelte. + +Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit +einem kurzen verstohlenen Blick überflog sie sein verändertes Äußere. + +Er schämte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese +spießbürgerliche Rücksichtnahme, und er verwünschte Anzug und Hut. + +»Ja, da bin ich«, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst +nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte, +waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch. + +Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert. + +Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgültigem Tone, der +Ginstermann augenblicklich die Fassung zurückgab. + +»Ich würde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen,« entgegnete er. + +Sie gingen den Hügel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen, +unwillkürlich. + +»O, das ist ja gleich«, sagte Fräulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg +ein. + +Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem +Gesprächsthema, das Interesse für jeden besaß und jedem gestattete, etwas +dazu zu geben, und huschten sie über die Oberfläche einer Menge von Fragen +hinweg, bis sie schließlich in glattes Geleise kamen. + +Ginstermann war nicht vollständig bei der Sache. Ein Chaos von Gefühlen +wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er. + +Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rückkehr zum +erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor. + +Nachlässig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerückt, die +Hände in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war +nicht bedrückt durch ihre Nähe, wie früher, er fühlte sich befreit, ohne +die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr +war. Er schlürfte sein Glück mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht +daran denkt, daß der Becher einen Boden hat. + +Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mädchens +auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergründen, was sein Herz längst +wußte. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefühle erwidern oder nicht, und +er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne +die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war. + +Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten, +erschauernd unter der gütigen Sonne, Leben und Blüten quellend. + +Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das +Leben mitten auf den Mund küßte, dachte er, als jemand an ihnen +vorüberging. + +Emanzipation? Welches seine Meinung über die Emanzipation des Weibes sei? + +Er nahm dieser Frage gegenüber seine feste Stellung ein. Diese Stellung +suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer +radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die +soziale Stellung des Weibes hielt er für einen Punkt sekundärer Bedeutung, +mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermögens der Frau zu tun. +Die Frau müsse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie müsse +begreifen lernen, daß das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches +Wohl gehe. + +»Die Tatsache ist betrübend«, sagte er, »daß der seelische Zusammenhang des +erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natürlichen Gesetzen +basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedürfnis heraus +entstandener.« + +Dann sprach er von dem Verhältnis des Weibes zum Manne, das kein von der +Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natürlich, sondern von der +Kultur erwünschtes sei. + +Das waren für ihn alte Dinge, über die er Bücher geschrieben hatte, und er +dachte vieles andere, während er sprach. + +Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit +im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man +besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der +Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen, +darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist +es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine +Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib, +das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist? + +Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe +des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren? + +»Allgemein gesprochen«, schloß er seine Ausführungen, »freut es mich, daß +das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben +wird.« + +»Wie oft gab es das«, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, »daß +ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau +lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem +Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen +etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen +kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst +ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie +berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin +betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln +der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist. +Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit +dem Manne in jeder Hinsicht erringen.« + +Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte +Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den +grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten, +überwunden hatte. + +Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese +gaukelte, dann fuhr sie fort: »Und die Gelehrten wollen wissen, daß das +Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da +nicht verzagen?« + +O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen, +lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu +empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu +verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre +Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen +zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken +schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat +Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das +gefunden. + +Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der +sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige +Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer +rings um sich stellte und mit ihnen konversierte. + +Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet +hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens. + +Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und +gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in +den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte +und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht? + +Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier +und sie eine vornehme Dame war. Wozu also? + +Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden. +»Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher«, antwortete er ihr, »daß es +sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung +handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine +Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen +Gelehrten?« + +Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. »O, ich weiß«, sagte sie, »man müßte +ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes +gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . .« Sie brach einen Zweig und +roch an den Blättern. + +Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen +Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge +sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das +Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft +zu kommen, bald aus der Erde. + +Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte +ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer +indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem +Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine +Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß +es unvermittelt in Galopp überging. + +Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz +anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer +Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte. + +»Er ist mir sehr unsympathisch,« urteilte sie, »ja er widert mich an. Ich +kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich +glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit +Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer +Dirne, bei der es aus- und eingeht.« + +Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die +Schwalben da droben, er hörte zu. + +»Ich kenne überhaupt nur einen Mann«, fuhr sie fort und blickte Ginstermann +an: »Das ist mein Bruder.« + +Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten +Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde, +ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes +auf sie selbst zurückfiel. + +Ginstermann freute sich über diesen Beweis ihres Vertrauens und wußte sie +durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine +Verdienste rühmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so daß er, eine +kleinliche Eifersucht überwindend, schließlich dahin kam, diesen +Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben. + +Nicht nur, daß er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen +hatte, da war noch etwas anderes: + +»Wenn ich ihm in die Augen sehe«, sagte sie, »so brauche ich nicht in Angst +zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine +Vergangenheit.« + +Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mußte an die Zeit denken, wo er +sich betäubte, um nicht zu verzweifeln. + +Seine Fröhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fühlte zwischen sich und dem +Mädchen eine Mauer emporwachsen, die sie für alle Zeiten trennen würde. + +Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen. +Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen +davon, sprechen! + +Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige. + +Der Himmel verdüsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine +Vergangenheit langsam darüber. + +Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er +mit Gedanken an sich beschäftigt. Sie gingen voneinander entfernt. + +Im Hintergrunde stampfte die große Maschine, die wippenden Zweige streuten +Goldstaub auf den Weg. + +Es war Ginstermann als peitschten sie seinen Rücken. -- -- + +Nach einiger Zeit bat Fräulein Schuhmacher Ginstermann, dessen plötzliche +Mißstimmung ihr auffallen mußte, ihr einiges über seine Arbeiten zu +verraten. + +»Es ist ihr gleichgültig, wer ich bin«, dachte dieser bitter, »sie geht nur +mit mir, weil die Zeitungen von mir schreiben.« + +»Was arbeiten Sie gegenwärtig. Ich interessiere mich dafür, es ist nicht +Neugierde.« + +Ginstermann blickte sie an und lächelte. Nein, es war nicht Neugierde. Das +versöhnte ihn einigermaßen mit sich. Einerseits fühlte er sich in seiner +Eitelkeit dadurch geschmeichelt, auf der anderen Seite tat es ihm +ordentlich wohl, daß jemand von ihm wissen wollte. + +Er fuhr fort zu lächeln und sagte: »O, das ist nicht so einfach zu sagen. +Das ist sehr kompliziert alles. Jemandem das auseinandersetzen zu wollen +--« Er räusperte sich. + +Eine heiße Welle überflutete ihn. Nein, war das nicht sonderbar? Jemand +wollte wissen, was er schrieb? + +Sollte er ihr die Hände küssen? + +Er dachte gar nicht mehr an vorhin. Er dachte nur das eine: Jemand +intressiert sich für dich, Freundchen. Das tut einem armen Hunde ordentlich +wohl, wenn jemand kommt und mit der Hand über ihn streicht, wie? Haha. + +Und er begann zögernd Gedanken und Pläne auszukramen. Seine Hände bebten, +er suchte ungeschickt nach den deckenden Ausdrücken, seine Lippen +zitterten. + +Es war auch das erste Mal, es war auch das erste Mal! + +Schamhaftigkeit durchschauerte ihn, während er sie sachte in das Innerste +seiner Seele führte und ihr all die Dinge zeigte, die noch keines Menschen +Auge erblickt. Da gewahrte er wie reich er war, und Stolz erfüllte ihn. + +Anfangs hing er allen Ideen einen Schleier über, der sie verallgemeinerte, +dann ließ er, seine letzte Scham überwindend, die Schleier sinken und ließ +ihr sein Innerstes nackt sehen, so bitter, so süß, so albern und verrückt +es ihr auch erscheinen mochte. + +Heiße Blutwellen durchliefen seinen Körper, er zitterte vor Erregung. Sein +Antlitz, das er sonst beherrschte oder verstellte, lebte auf, Zug um Zug +löste sich und diente zum Ausdruck. Es war, als sei er aus langjährigem +Schlafe erwacht. + +Er sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, durch die Tränen fielen. Seine +Seele pulsierte in feinen Worten. + +Zum erstenmal vernahm er seine eigene, wirkliche Stimme! + +Er nahm dazwischen den Hut ab, strich sich durch die Haare, er blieb stehen +und zündete sich mechanisch eine Zigarette an. Oft hielt er den Schritt an +und sah dem Mädchen in die Augen, immerzu sprechend. Seine Augen fieberten, +er lachte und von all dem wußte er nichts. + +Sie gingen denselben Weg immer hin und her. Wohl ein dutzendmal. Wie auf +Kommando drehten sie am Ende immer um. + +Fluten stiegen in ihm, quollen in ihm, brausten heraus. Er hatte tausend +Hoffnungen, tausend Pläne. + +»Ich will nicht auf den Trümmern kauern und schluchzen, wie die anderen +alle, ich will aufbauen, neu aufbauen! Hier ist euer Weg, hier ist euer +Ziel! Wacht auf, wacht auf, um der Menschheit willen! Fort mit Schlaf, fort +mit Lüge!« + +Er fand nicht Ende, nicht Anfang. Von jedem Gedanken liefen tausend Gänge +zu tausend anderen. Alles was unbewußt in ihm geschlummert, brach ans +Licht, reiste in dieser Stunde blitzschnell heran. Ein ungeheures Rad mit +blitzenden Speichen schwang in ihm, angetrieben von einer unbekannten +Kraft. + +Eine Blüte fiel herab und blieb auf ihrer Schulter liegen, er nahm sie weg, +ohne jeden Gedanken. + +Und er baute weiter, immerzu, der Höhe entgegen. Alles, was ihm sonst +unfaßbar gewesen, rückte in das Sehfeld seiner Erkenntnis. Mit beiden +Händen konnte er wegwerfen, seiner Schätze wurden nicht weniger, es war wie +ein Zauber. + +Zuweilen fragte er sich zwischen all diesen Strömungen: wie kommt das? Wie +ist das möglich? Bin ich sehend geworden? Und weshalb sage ich ihr das, +gerade ihr? Weshalb reißt es mich hin, ihr den Fanatiker der Idee zu +zeigen, der ich bin, nachdem sie mich jahrelang in Schweigen gehüllt? + +Endlich hielt er inne. Seine Worte gehorchten nicht mehr, er brach in +nervöses Lachen aus. + +Fräulein Schuhmacher faste nach seiner Hand und drückte sie. + +Sie gingen still nebeneinander her. Die Gedanken, die er gesprochen, +umgaben sie wie eine sie begleitende Atmosphäre. + +Sie kamen am Wasserfall vorüber und blieben stehen, das Bild und den toten +Rhythmus des Tosens mit halben Sinnen genießend. + +Auf einen Felsblock saß eine Dame und zeichnete. Sie hatte eine spitze +abgeknickte Feder auf dem Hute und der übergeschlagene Fuß wippte +unmerklich auf und ab. Ginstermann bemerkte das, so sonderbar es ihm auch +erschien. Und während die Wellen in ihm noch weiterrauschten, dachte er: +Hier sitzt immer jemand, der zeichnet, oder jemand der liest, oder einer, +der verzweifelt nach einem Verse sucht. + +Sie gingen weiter, und Fräulein Schuhmacher sagte nach langem Sinnen: +»Wollen Sie mir nicht etwas aus Ihrem Leben erzählen, Herr Ginstermann?« + +Das klang wie eine Bitte, die sie schüchtern vortrug und am liebsten wieder +zurückgenommen hätte. Eine leise Röte stieg in ihre Wangen, sie beugte den +Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, den ihre Augen hell +spiegelten. + +»Von meinem Leben?« erwiderte Ginstermann und lachte kurz auf. + +»Von Ihren Eltern, Ihren Geschwistern. Haben Sie Geschwister?« + +»Ich habe weder Geschwister noch Eltern, Fräulein Schuhmacher.« + +Sie blickte ihn an und war erstaunt, daß er heiter lächelte. + +»Wie das?« + +»Ich war noch nicht achtzehn Jahre, als man mir Urlaub für mein ganzes +Leben gab. Ich hatte so etwas wie eine Dummheit begangen.« + +Er lachte wieder, ganz vergnügt. + +»Ich begreife das nicht.« + +»Ich bin glücklich, wenn ich daran denke. Der Haß macht glücklich, Fräulein +Schuhmacher.« + +Pause. + +Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort: + +»Ich komme einen dunklen Weg. Niemand könnte das fassen, selbst wenn man es +ihm erzählen könnte. Niemanden kann man es erzählen. Man müßte keine Scham +mehr haben. Ich habe das Bewußtsein, daß Tausende in dem schwarzen Sack +stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wären. Ich kann Ihnen +nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzählen, ich schlich mich in die +Ställe und stahl den Kühen die Rüben aus den Barren -- so könnte ich +höchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. -- -- Hunger und +Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Königs geboren zu sein und die +Demütigung eines Bettlers ertragen zu müssen, ist schon schwerer. Aber bei +all der Misere, Sehnsucht nach Glück und Licht und Liebe und all das +Ungegorene mit sich schleppen zu müssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich +kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache +ich darüber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem +auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter. +Es ist eine Vergünstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben +dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bißchen ins Leben, sieht dem +Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere +später begreifen müssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien +walten über uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das +Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert. + +Einer geht seine Straße und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere +sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121. +Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. -- O, +der Mensch ist ohnmächtig, das lernt man. Und für diese Ohnmacht möchte er +sich rächen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kümmert +das Schicksal nicht. + +Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die +Menschen hinein: hier mußt du laufen, hier du. Es drückt ihm die Hirnschale +ein, es reißt ihm einen Fuß aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer +daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen +zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glück. Aber dieser +Wunderdoktor kommt selten. -- Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere +kindische, göttliche Sehnsucht -- --! Glauben Sie nicht, daß das alles +Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.« + +Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend: + +»Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzählen. Einmal war ich Erdarbeiter +bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Körper sehr gut, den +Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und +schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glühender Sonne, während +die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in +der Baracke, in der über fünfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht. +Ich mußte mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prügel. Es +waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten +auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten +sie, sie wußten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in +sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschändete +Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch. +Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las +es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da saß ein +Schwindsüchtiger mit herabhängendem Chinesenbart, der machte aus jedem +Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen +hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abfälliges +über ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein bärenhafter +Kerl stieg über eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, daß ich umfiel. Es +war nur Scherz. Die anderen stießen mich herum wie einen Fußball. Natürlich +nur Scherz. Schließlich wollten sie mein Buch zerreißen und es mir zum +»Fressen« geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst +nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht -- ich habe noch heute die +Schrammen unter dem Auge -- und ich hatte es wieder. -- Ist das nicht +kostbar? Ich könnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzählen.« + +»Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.« + +Ginstermann erwiderte: »Sie haben recht, wozu auch immer schwätzen.« + +»Ich höre Sie gerne erzählen, aber so bittere Geschichten machen mir keine +Freude. Und von solchen Leuten --« + +»Nein, sagen Sie nichts über diese Leute, Sie sollten sie kennen. Später da +dichtete ich ihnen Lieder. Revolutionäre, sehnsüchtige. O, Sie hätten sie +sehen und hören müssen, wenn sie sangen. Eine Seele waren sie, ein Haß, +eine Klage. Es war, um in den Wald zu gehen und zu weinen.« + +Er lächelte und fuhr in anderem Tone fort: »Nun habe ich noch eine +Geschichte für Sie gefunden. Das war in Ungarn. Ich schrieb da in einem +kleinen Bureau. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hatte so gute Augen, +daß ich es wagte, sie anzusprechen, als es niemand bemerken konnte. Dann +mußte ich fort und sie erlaubte mir an dem und dem Tage an das Gitter ihres +Gartens zu kommen, um ihr Adieu zu sagen. Ich kam. Es war bitter kalt. Sie +hatte noch zwei Schwestern dabei, die ihr so ähnlich sahen, daß man sie für +Abzüge einer gleichen photographischen Platte hätte halten mögen. Sie gab +mir die Hand zum Gitter heraus. Dann ging sie zu den Schwestern zurück. Sie +standen in einer Reihe auf einem Hügel. Und plötzlich zogen sie etwas aus +der Tasche und drei goldene Bälle flogen durch die Luft. Orangen. Sie taten +es mit der gleichen Bewegung und riefen dabei ein und dasselbe ungarische +Wort. Ich verstand es nicht. Ich habe es auch vergessen und nur, wenn ich +sehr heiter bin, so klingt es mir in den Ohren. Dieses ist mein schönstes +Erlebnis.« + +Fräulein Schuhmacher lächelte. »Es ist schön, so wie Sie es erlebten,« +sagte sie. »Vielleicht finden Sie noch eines?« + +»Nein, nein. Es ist genug. Wieviel habe ich heute nur gesprochen. Ich +sprach in drei Jahren nicht soviel. Tatsache. Und das ist nicht richtig. +Wir sollten stumm gehen und lauschen und sehen, sehen und lauschen, und uns +über das herrliche Dasein freuen.« + +»Finden Sie es so herrlich?« + +»O ja, sehr.« + +Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nun nicht.« + +»Wenn ich Ihnen erklären sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so +müßte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.« + +»Ich bitte Sie darum.« + +»Schön, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzählige Freuden +und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle +mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe +irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege. +Ist das nicht schön? Man zirpt an eine Saite, und das ist schön. Ich +spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfältig +genießen, wenn man seine Sinne nicht verschließt. Alles wird Erlebnis, das +Kleinste. Hier ist es ein schön gesprochenes Wort, da ein kluges +Vogelköpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen, +die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen über die +Straße -- wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die +Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glückes, ohne das +niemand leben würde . . .« -- -- + +Der »große Tag« neigte sich seinem Ende zu. + +Sie gingen nach Hause, durch die treibende, bunte Menge hindurch, die die +Wege überflutete. + +Sie sprachen nur noch weniges und hingen ihren Gedanken nach. + +Ginstermann hätte gerne noch um ein Viertelstündchen gebeten, aber er +befürchtete, ihre Güte zu mißbrauchen. + +Auf der Straße zwischen den öden Häusern, inmitten des brutalen Lärmens des +Verkehres, verwandelten sie sich beide in andere Menschen, als sie im Park, +in der Sonne gewesen. + +Fräulein Schuhmacher war wiederum die kühle, vornehme Dame, als die er sie +kennen gelernt hatte. + +Aber beim Abschiednehmen war sie liebenswürdig und herzlich wie während des +Spazierganges. + +»Ich werde Ihnen schreiben, wenn ich wieder kommen kann, nicht? Ist es +Ihnen angenehm? Adieu, und seien Sie recht fleißig. Auf Wiedersehen!« + +Sie schüttelte ihm die Hand und ging. + +Ginstermann schritt langsam die Leopoldstraße hinauf, ganz langsam. + +Was für einen Monat haben wir, meine Brüder? sagte er. + +Wir haben Mai!! + + * * * * * + +Ginstermann ging nicht sogleich nach Hause. + +Er kehrte in den Englischen Garten zurück und schritt langsam, den Hut in +der Hand, dieselben Wege, die er mit ihr gegangen. + +Die Sonne blitzte hinter der Stadt, die Wipfel der Bäume streckten sich +ihrem erlöschenden Lichte entgegen. Dämmerung kam und schob die Leute den +Ausgängen zu. + +Jene auffallende Sicherheit und Ruhe, die Ginstermann während des +Nachmittages erfüllte, fiel in dem Moment, wo er allein war, gleich einer +Schleuse, und die Flut seiner Empfindungen ergoß sich mit dreifacher Wucht. +Er saß inmitten der Stunden dieses Tages, und jede einzelne breitete ihre +Herrlichkeiten vor ihm aus. + +Er durchlebte nochmals jede einzelne Minute und das Erlebnis gewann an +Schönheit und Tiefe, da seine Phantasie es verklärte und durchleuchtete. +Jedes Wort, das Fräulein Schuhmacher gesprochen, klang in ihm wieder, so +deutlich und lebendig, als spreche sie neben ihm. Ihre kurze Frage: wie +das? wolle ihn nicht mehr verlassen. Sie ging neben ihm her. Schloß er die +Augen, so leuchtete ihm ihr Gesicht entgegen, in jedem Ausdruck, den er zu +sehen wünschte. Sie wandte ihm sachte die Augen zu, wenn er redete, sie +lächelte, wenn er scherzte, sie kräuselte die Stirne, wenn er ein Paradoxon +aussprach. Er entdeckte abermals, wie wesenhaft ihre Hände waren, wie +schmal und gewölbt ihre rosigen Fingernägel, die kaum merkbare Asymetrie +ihrer Stirne. + +Als er den Wiesenweg entlang schritt, den sie während seines Vortrages hin- +und hergegangen, fand er Spuren ihrer Schirmspitze. Dies mutete ihn an wie +eine reale Hinterlassenschaft. + +Hier sagte sie dies und jenes, ein gelber Falter schaukelte über die Wiese, +ein roter Sonnenschirm wanderte dort hinter den Büschen. Er wußte jede +Einzelheit ganz genau. + +Heute war der Tag seiner Wiedergeburt. Er hatte einen Menschen kennen +gelernt, er hatte sich einem Menschen zu erkennen gegeben, das war das +große Ereignis. + +Eines nur war bitter. Jene Erkenntnis, daß ein Abgrund sie trennte. + +»Wenn ich ihm in die Augen sehe, so brauche ich nicht zu befürchten, seine +Vergangenheit darin zu entdecken, denn er hat keine Vergangenheit.« + +Welch unerschütterlich herrlicher Glaube lag in ihrem Tone und welch +grausige Abneigung vor dem Menschen, bei dem sie dies zu befürchten hatte. + +Ein Schleier war gesunken, und er hatte eine Sekunde ihre Seele gesehen. +Mit Furcht und Bangen. -- + +Müde vom Laufen und Sinnen, steuerte er endlich seiner Wohnung zu. + +Durch die Straßen hauchte ein schwüler lautlos böser Wind, Bangen in den +Herzen der Menschen erweckend. Die Sterne flackerten wie Kerzen, über die +ein Luftzug streicht. Eine dunkle Wolkendecke schob sich über die Residenz, +die Erde darunter zu ersticken. + +Bei Bildhauer Kapelli war noch Licht. + +Ginstermann schob den Kopf zur Türspalte hinein und sagte guten Abend. + +Die beiden Leutchen saßen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, eine +niedergebrannte Kerze vor sich auf dem Tische. + +»Kommen Sie doch herein,« sagten sie mit vom Glücke schwermütiger Stimme. + +Er trat ein und saß eine Weile, den Hut im Nacken, bei ihnen und scherzte +mit gedämpfter Stimme, obschon kein eigentlicher Grund zum Leisesprechen da +war. + +Die Augen von Frau Trud erschienen wie blaue Flämmchen, die hinter Gaze +brennen. + +»Mai, Juni, Juli,« sagte sie, ungewöhnlich lächelnd. Sie sann vor sich hin, +dann warf sie den Kopf zurück, damit ihr nicht die Tränen aus den Augen +fielen, und lächelte wieder. + +Ihr Gesichtchen war verklärt durch mädchenhafte Schamhaftigkeit und das +Mysterium, das sich in ihrem Schoße vollzog, durchschauerte ihr ganzes +Wesen. + +Sie hatte ihren blonden kleinen Kopf, um den goldene Funken sprangen, an +den ihres Gatten gelehnt und Kapellis grauer Haarbüschel hing über ihre +Schläfe. Ihre Lippen waren rot, wie geschminkt, und Ginstermann fiel es +auf, daß sie eine Schleife von genau der gleichen Farbe trug. + +Sie atmeten alle beide in gleichen Zügen. + +Ginstermann hörte auf zu scherzen und mit der Andacht vor dem Gefühle, das +diese beiden Menschen zu einem gewandelt, zog eine schmerzlich-süße +Sehnsucht nach einem Zustande in sein Herz, dem er keinen Namen zu geben +vermochte. + +Er schwieg schließlich ganz und nur sein Mund lächelte noch. + +Alle drei sahen sie in die Flamme auf dem Tische, als sähen sie die Bilder +ihrer Träume darin. + +An den Fenstern knisterte es wie von feinem Sande, den eine Hand dagegen +warf. + +Ginstermann flüsterte. + +»Bianka,« flüsterte er. + +Er erschrak und sah auf. Aber die beiden hatten nichts gehört. + +Er ging. + +Aus dem Zimmer der Malerin von Sacken drang lautes Sprechen und Lachen. Er +erkannte Maler Ritts Stimme. Etwas verwundert über die neue sonderbare +Freundschaft trat er in sein Zimmer. + +Der Wind lag auf dem Boden und sprang an ihm empor, als er die Türe +öffnete. + +Da begann es in der Ferne zu grollen, und dumpf rollte der Donner über die +aufhorchende Stadt. + +Ginstermann sagte: »Das ist mein Schicksal!« + +Er sagte es mit unterdrücktem Jauchzen in der Stimme. + +Er lehnte sich gegen die Türe, den Kopf in den Nacken gebeugt, immer noch +das Lächeln von vorhin auf den Lippen. + + + + +XI. + + +Ginstermann hatte es aufgegeben, gegen das Geschick zu kämpfen, das auf ihn +einbrauste. + +Noch war es nicht soweit gekommen, daß er sich ihm als Sklave ergeben +mußte, noch konnte er sich verschenken. + +Und so verschenkte er sich. + +Er hatte sich gegen das Leben abgeschlossen, alle Fugen seiner Seele +verstopft. Nun war es doch gekommen, heimtückisch in seiner Güte, furchtbar +in seiner Liebe. Wie ein glühender Sturmwind fuhr es daher. Mit tausend +Stimmen, mit Posaunen rief es ihn. + +Die Posaunen des Lebens riefen ihn! + +Nicht ohne Grauen folgte er dieser Stimme, aber er folgte mit der +versteckten Sicherheit eines Menschen, der weiß, daß er sich zuletzt, ganz +zuletzt, wenn es ihn an seiner Brust zerdrücken möchte, durch einen Sprung +retten kann. + +Und wenn nicht -- nun dann sollte er untergehen. + +Er hatte solange geherrscht über sich und andere, er hatte Sehnsucht, +einmal zu dienen, er hatte immer geschenkt, verschwendet, er wollte nun +nehmen, gierig nehmen. + +Der Kampf gegen sein Schicksal war das Wahnsinnige, Erschöpfende gewesen, +nun, da es sein Freund war, nahm er Geschenke und Hiebe ohne Trotz und +Schmerz entgegen. + +Blank und frisch, reingescheuert lag die Erde. Der Himmel lockte, die Sonne +sang und sang, er blieb eigensinnig zwischen seinen vier Wänden. + +Er wußte, wenn du nach Schleißheim gehst, zwischen acht und neun Uhr +morgens, so kannst du sie sehen, wie sie mit der kleinen Scholl auf dem Rad +vorbeiklirrt, aber er ging nicht. Er wollte sich keine Freude mehr stehlen. +Selbst mußte sie zu ihm kommen, ganz von selbst. + +Sie würde ihm ja schreiben. Ich schreibe Ihnen, wenn ich wieder kann, hatte +sie ja gesagt. + +Oder hatte sie es nicht gesagt? Sie hatte es gesagt, natürlich! + +Und noch hatte er ja zu zehren von dem großen Glücke von neulich. + +Es war entzückend, nichts, gar nichts zu tun, auf der Ottomane zu liegen +und Zigaretten zu rauchen. Die Wirklichkeit versank und herrliche Träume +wuchsen aus ihr empor wie mattleuchtende Tulpen, deren Kelche sich leise +neigten. + +Dazwischen dachte er daran, etwas zu schreiben. Er war voll von Liedern. + +Doch ließ er sie singen, klingen in sich, wozu sollte alles Papier werden? +Er wollte seiner Seele diese Lieder nicht rauben, sie sollten diese zarten +langstieligen Blumenkelche umschweben. + +Bekam er Langeweile, so sprach er bei den Bildhauersleuten vor. + +Er fühlte eine seelische Zusammengehörigkeit mit ihnen und es fiel ihm +nicht im Schlafe ein, sich daran zu erinnern, daß er sie früher verliebte +Tierchen genannt, die in den Stall gehörten. + +Er las in einem Buche, während Kapelli arbeitete, er spielte Karten mit +ihnen, wenn es Feierstunde gab, er sah Frau Trud beim Nähen zu. + +Sein Aussehen hatte sich geändert. Er sah frischer denn sonst aus, blühend +gleichsam, nahezu wie ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. In seinen +Augen, die sonst düster brannten, sprühte das helle Feuer der Lebenslust. + +Eines Morgens standen zwei Büsten auf dem Tische, als er bei Kapelli +eintrat. Es war Biankas Porträt. Er erschrak vor Freude. + +Diese beiden ganz gleichen Köpfe wirkten, länger betrachtet, verwirrend +schmerzhaft auf ihn. Er sah im Geiste eine unendliche Reihe desselben +Kopfes vor sich und wurde nervös bei dieser Vorstellung. + +Kapelli lachte über dieses Gefühl. Seine Sinne waren abgestumpft, dadurch, +daß er wochenlang dieses Gesicht studiert hatte. Für ihn war es ein Kopf, +ein beliebiger Kopf, ein Geschöpf von ihm. + +»Ich würde ihnen eine Büste schenken, Ginstermann,« sagte er. »Wenn Sie +wollen.« + +Ginstermann überflog, überglücklich durch dieses Geschenk, das zu erbitten +ihm sein Zartgefühl verboten hätte, des Bildhauers Gesicht, ob er nicht +einen schelmischen Zug darin entdecke. Aber Kapelli war vollständig von +seiner Arbeit eingenommen und knetete mit nervösem Ernste an seiner Skizze +herum, jene argwöhnisch-forschende Härte in den Augen, die das +unausgesetzte gewissenhafte Vergleichen zwischen Modell und Arbeit erzeugt. + +Also konnte er annehmen. + +»Ich danke, Kapelli,« sagte er, »diese Büste gehört zum Besten, was Sie +geschaffen haben -- haha.« + +Er legte das Taschentuch um sie und trug sie behutsam in sein Zimmer +hinauf, sehr behutsam. + +Nun stand sie auf seinem schmalbrüstigen, hohen Bücherregal. + +Anfangs beunruhigte in dieser Gast. Er war nicht mehr allein. Gleichzeitig +ein Gefühl der Scham, ohne ihr Wissen etwas von ihr zu besitzen. Aber sein +Egoismus brachte gar bald sein Gewissen zur Ruhe, und schließlich wurde ihm +die Büste eine wonnige Erlösung. + +Er mochte sich noch so sehr in Träumereien verlieren, immer wieder gelangte +er auf irgend einem Wege zu diesem Bildnis. Seine Gedanken, ja seine +Bewegungen wurden dadurch beeinflußt. Etwas Weltfernes, etwas Reines, +Heiliges erfüllte ihn, ohne daß er sich erst dazu hätte erziehen müssen. + +Sein Zimmer wurde zu einem Tempel, dessen Gottheit Bianka war. Die Vorhänge +waren stets zugezogen, so daß feierlich gedämpftes Licht herrschte. Schien +die Sonne gegen die Scheiben, so erfüllte eine schwärmerisch-gelbe, +verheißende Beleuchtung das Gemach, dunkelte es draußen, so versank der +Raum in Schwermut und scheues Wünschen. + +Oft stand er dicht vor der Büste und verharrte lange in der Betrachtung. +Dann waren nur Bianka und er im Zimmer, sonst nichts, weder Stuhl noch +Tisch. + +Eigentlich konnte man nicht gut Büste sagen. Es war ein Mittelding zwischen +Büste und Maske. Der Hinterkopf war weggeschnitten, wodurch das Edle, +Durchgeistigte des Antlitzes noch hervorgehoben wurde. + +Es war ein Antlitz, wie es Kranke haben, so zart, so durchscheinend, +gleichsam überstrahlt von einem Lichte, das aus dem fernen Lande glänzte, +wohin diese großen sehnsüchtigen Augen blickten. Die Nasenflügel schienen +zu beben, der Mund zu zittern unter diesem Lächeln, diesem schmerzlich +verlangenden, dürstenden Lächeln jener Menschen, die das Schicksal auf +diese Welt verschlug. + +Ich leide, sagte dieses Lächeln, aber ich möchte es euch verbergen, denn +ihr würdet mein Leiden nur mißverstehen. + +Die Spitzen der Finger schmiegten sich, als wollten sie das pochende Herz +beruhigen, an die Brust, während die übrige Hand in den Block überging. + +Er verbrachte die Tage hinter verschlossener Türe, mit dem Egoismus des +Glücklichen, der Scheu des Verbrechers, der Scham des Liebenden. + +Er nannte sie »Bianka«, wenn er zu ihr redete. Wenn seine Gedanken zu ihr +redeten, von denen er nicht einmal wußte, was sie sprachen. Ach, alles war +Keim in ihm, Knospe, er hätte keine Worte gefunden, als solche, die die +Lippen vieler bereits profanierten. Er wünschte es auch nicht. Alles war +Musik in ihm und schwebender Klang. Selbst Bianka sagte er nicht, nur seine +Lippen bewegten sich, als liebkosten sie diesen Namen. + +Feiertage waren das. Was er, der Gottlose, nie kannte, das lernte er jetzt +kennen in seiner ganzen Süße: Andacht, himmlische, inbrünstige Andacht. + +Oft war es ihm, als wäre er gar nicht, als ginge er als Traum eines höheren +Wesens einher. + +Aufs neue erschloß sich ihm Mensch und Menschentun, da er die Liebe kennen +lernte, die ledig aller Leidenschaft war. O, wie glatt und kalt waren doch +die Speere der Vernunft! Sie mordeten. Die Liebe, die so weich ist wie +Mutterlippen, die heilte. Nun wurde ihm der große Prediger lebendig, der +diese armen Menschen alle an seine Brust nahm und die Tränen seiner +unendlichen Liebe in ihre bitteren Herzen träufelte. + +Gelobet seist du! + +Und die armen Menschen hatten dies Erbe verloren. Sie lebten auf dem +Kerichthaufen des Tages und scharrten schwatzend und zeternd ekle Klumpen +und bunte Fetzen. Sie waren Schlacke, die kein Hauch mehr erwärmte, kein +Feuer mehr glühend machte. Der Mensch war ja tot! Seinen Gott hatte er +verloren und nicht mehr soviel Seele in sich, in schüchterner +Kinderinbrunst zum Menschen zu beten. -- + +Eines Abends verließ Ginstermann das Haus -- die Beleuchtung in seinem +Zimmer war so schal und müde -- und kehrte mit einem Paketchen in +Fließpapier zurück. + +Er hatte Blüten eingekauft, mit denen er sein Heiligstes schmückte. + +Es waren zartfarbene exotische Blüten von märchenhafter Gestalt, lange +geschweifte Kelche, die einen süßen Duft ausatmeten. Er wußte nicht, wie +man sie nannte. Verwunschene Prinzessinnen waren es, höchst einfach. + +Er lag auf der Ottomane und betrachtete das Bildnis, während sich seine +unklaren Gefühle zu einem Zuge stummjauchzender Verse ordneten, die in +seiner Seele hin- und herzogen, eine feierliche Prozession in Weiß und +Gold. + +Alle Tage ersetzte er die Blüten durch neue. + +Der Tag versank um ihn, er dachte häufig gar nicht mehr daran, daß jenes +Weib, das er hier anbetete, wirklich existierte. + +Ohne die geringste Ungeduld wartete er auf ihr versprochenes Billett. + +Auf einem seiner Einkäufe begegnete ihm Fräulein Scholl. Die kleine +reizende Scholl sagte: »Fräulein Schuhmacher reist demnächst ab.« + +Er hörte es ohne Schmerz und dachte: »Sie wird dir schreiben, wenn sie +wieder kommen kann.« + +Es eilte ja gar nicht, es eilte ja gar nicht. + +Einmal entstand das Verlangen in ihm, ihr ein Fest zu geben. + +Er nahm seine ganze Barschaft und handelte weiße Rosen dafür ein. Sie waren +klein wie ein Taubenei, und jede hatte hundert zarte Blätter. Es war eine +ungeheure Menge und doch waren es noch lange nicht genug. + +Er arbeitete fiebernd vor Festesfreude an der Ausschmückung. Er rannte fort +und besorgte Draht, er rannte fort und besorgte Seidenpapier für die Lampe, +er rannte fort und besorgte duftende Kräuter. + +Die Büste stand nun in einer Laube weißer Rosen, bleicher, keuscher, +sehnsüchtiger als diese. Rosen lagen auf der Schulter, vor ihr auf dem +Teppiche, aus einer kleinen Schale stieg der Rauch duftender Kräuter empor, +ein dünner Faden, der oben einen sich drehenden Kelch bildete. Die Lampe +war in gelbes Seidenpapier gehüllt und sah aus wie ein Stern, der werden +will. + +Es war schön! Ach, ihr hättet es sehen müssen! + +»Bianka!« jubelte Ginstermann. »Bianka!« + +Allerdings hätte man es sich noch viel, viel herrlicher denken können. Eine +Laube aus weißen Rosen mit goldenem Himmel zwischen den Ranken, wie auf den +Gemälden der alten Meister. Und ganz aus der Ferne die Stimme einer Geige. +Einer einzigen Geige, leise und süß, eine Melodie, die er in sich hatte, +schüchtern anbetend, verschämt sehnsüchtig. + +Und in den Pausen dieser ewigen Melodie hätten die Stimmen von Jungfrauen +jauchzen müssen, so unendlich ferne und verweht vom Schwingen grüner +Palmzweige. + +Ergriffenheit bemächtigte sich seiner, er breitete die Hand über die Augen, +als ob er weinen müsse. + +Bianka blickte ihn an. Ihre Augen bekamen Farbe und Ausdruck, während das +Gesicht bleich und still blieb. Sie zürnten ihm nicht wegen des Frevels, zu +dem ihn seine Liebe verleitete. Sie blickten mild und gut. + +Dieser Abend war eine einzige Köstlichkeit. + +Seine Träume in dieser Nacht waren noch erfüllt davon. Bianka schwebte +durch sie, bald mild lächelnd, bald stolz fliehend. + +Er saß auf einem Sterne, weit ab von der Sonne, die Sonne erschien wie ein +winziger Funke. Bläuliches Licht um ihn. Er hatte aus den anderen Sternen +Biankas Namen gebildet, der sich flimmernd durch den Raum spannte, wie eine +silberne Brücke. Er saß und schluchzte. Weshalb schluchzte er? Er wußte es +nicht. Da strich etwas über seine Haare, ein Gewand flüsterte, das war +Bianka. Er sah sie nicht, aber er wußte, daß sie es gewesen. + +Und wieder, da eilte er durch einen Lilienwald. Das weiße Gewand Biankas +schimmerte vor ihm. Aber so sehr er eilte, er erreichte es nie. Er rief, +aber der Wald verschluckte seinen Ruf, ohne ihn weiterzugeben. Plötzlich +wurden die Lilien so dicht, daß er nicht mehr durchzukommen vermochte. Und +Biankas Augen blickten ihm entgegen. Sie lächelten grausam und höhnisch. Da +begann der ganze Wald zu wandern und voller Schrecken erwachte er. + +Wieder -- wieder -- da gingen sie durch eine Wiese von +gläsern-durchsichtiger Farbe. Er und sie. Sie schritten Hand in Hand. Er +war jung, schön war er. Sie war bald Kind, bald Jungfrau -- Sie gingen im +gleichen Schritt, sonderbar pathetisch, als trüge sie eine Melodie. + +Da begann sie zu singen. Leise, flüsternd. + +»Als Kinder spielten wir auf blumiger Wiese«, sang sie. + +»In unseren Träumen spürten wir unsere Hände«, sang er. + +Ihre Schritte zogen eine leuchtende Spur durch die Flur. + +Sie blieben stehen, legten sich die Hände auf die Schultern und blickten +einander an. Aus ihren Augen züngelte eine goldene Flamme. + +»Wohin gehen wir?« + +»Bis an die Pforte.« + +»Bis an die Pforte?« + +»Bis an die weiße Pforte.« -- -- + +Die nächsten Tage verbrachte Ginstermann mit Arbeit. Es hieß, sich nun +verzweifelt einzuschränken. Für die wenigen Gegenstände, die er verkaufen +hatte können, war ihm lächerlich wenig geboten worden. Er war auf +Viertelkost gesetzt. Aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Die Not hatte +für ihn nichts Furchterweckendes mehr; Gewohnheit und sein momentaner +Gemütszustand ließen sie ihn als eine Freundin betrachten, eine alte +Bekannte, mit der man Scherze treibt. Schmerzlich war nur der Umstand, daß +er jetzt seine Blumenopfer unterlassen mußte, und wenn er nun arbeitete, +geschah es weniger in der Absicht, Brot zu schaffen, als vielmehr Blüten +erwerben zu können. + +In der ersten Zeit ging es nur langsam vorwärts, sein Geist war der +Disziplin entwöhnt; aber dann hatte er eine Menge glücklicher Einfälle, und +es gelang ihm noch in derselben Woche, eine satirische Plauderei +loszubringen. Für die Hälfte des Honorars kaufte er Blumen, die er mit +glückseligem Jauchzen über sein Heiligstes streute. + +Er war stets guten Mutes. + +In den Pausen seiner Arbeit stand er in Betrachtung der Büste versunken. +Dann verfiel er auf den Gedanken, Briefe an Bianka zu schreiben, die er +natürlich nicht absandte. + +Es waren Briefe, die nur er verstand, sonst niemand. Sie jauchzten und +jubilierten, sie stammelten vor Glück. Hymnen nannte er sie, Hymnen an +Bianka. Nie sollte ein Mensch sie zu lesen bekommen, er nahm sich vor, sie +zu verbrennen -- bei Gelegenheit. + +Tage gingen. Regen kam. + +Regen. Unaufhörlich klopfte er an die Scheiben. + +Dieser kleine Umstand genügte, Ginstermanns Stimmung zu verändern. + +Sein Zimmer erschien ihm eng, ein Käfig, ein Kerker. Es war ihm, als habe +die Zeit ihn vergessen, als lebe er allein auf dem Planeten, während alles +schon schlief. + +Unruhe überfiel ihn und namenlose Sehnsucht. + +Oft, während er schrieb, sprang er auf und sagte laut: »Weshalb schreibt +sie nicht?« Er mußte seine Arbeit stundenlang unterbrechen, da ihm die +Sehnsucht keine Ruhe ließ. + +Er sah nach seinem Kalender. Heute war der siebzehnte Tag danach. + +Er ging des Nachts wieder in der Leopoldstraße auf und ab. Er lauerte auf +der Schleißheimer Chaussee. Allein die Straßen waren wenig verlockend zum +Radfahren. Und dann regnete es auch. Bei Regenwetter fahren junge Damen +nicht Rad. Er lachte; den Weg hätte er sich ersparen können. + +Weshalb schrieb sie nicht? + +Sollte er schreiben? Nein, das hieße wenig Vertrauen zeigen. + +Also wartete er. + +Seine Arbeit bestand nun darin, von der Morgen- zur Mittagspost, von der +Mittags- zur Abendpost zu warten. + +Eine Stunde hat sechzig Minuten und eine Minute sechzig Sekunden, meine +Freunde! + +Wenn er grübelnd über den Papieren saß, so hörte er häufig Pochen an der +Türe. Öffnete er, so fand er jedoch niemanden vor. Oder er vernahm das +Rauschen von Frauenkleidern, hörte sie sprechen im Hofe drunten. + +Und dann diese Stille, diese Einsamkeit. Diese beängstigende Stille, die +schwerer und schwerer wurde und ihn zu erdrücken drohte. Diese Einsamkeit, +in die Rufe und Poltern der Straße wie Hohn drangen. + +Sah er die Büste stehen, die er nur geschmückt gewohnt war, so verursachte +ihm dies ungeheure Qual. Er trat davor und sagte, schmerzlich lächelnd: + +»Das Schiff mit Gold muß jeden Tag eintreffen.« + +Wie alle Einsamen, sprach er viel laut vor sich hin. In letzter Zeit jedoch +geschah es häufiger denn gewöhnlich, und er gefiel sich in den +absonderlichsten Bildern. + +Eines Tages nun kam der Briefbote und brachte ihm einen Wertbrief mit +fünfhundert Mark. + +Er riß, schwindelig vor Glück, das Kuvert auf und schlug auf den Tisch, um +sich zu überzeugen, daß es keine Sinnentäuschung war. Es lagen fünf +Hundertmarkscheine darin. Ein Brief seines Verlegers, er solle ihm das Geld +übermitteln. + +Ginstermann warf die Scheine auf den Tisch und ging mit geballten Fäusten +umher. + +»Welcher Schuft will mir eine moralische Schuld mit Geld bezahlen!« rief er +aus. Irgend so etwas stak dahinter. Er witterte es. Oder wer sonst sollte +ihm das Geld zuschicken? Er kannte niemanden. Er dachte an Bianka, schämte +sich aber augenblicklich, er dachte an Fräulein Scholl, lachte aber +darüber. Diese Dame lebte in dem holden Wahne, ein Dichter schwimme in +Gold. Faktisch! + +Eine ungeheure Wut gegen den Unbekannten, der seinen Stolz bestechen +wollte, packte ihn. + +Dann hielt er den Schritt an, und er fühlte, wie sein Herz stille stand und +jeder Tropfen Blutes aus seinem Gesichte wich. + +»Nein, nein«, rief er, »das ist nicht denkbar!« + +Nun war er da, der Gedanke, und er brachte ihn nicht mehr los. + +Die Hand seiner Vergangenheit hatte nach ihm gegriffen. + +»Lieber Freund«, sagte er zu sich, auf der Ottomane kauernd, »du bringst +deine Vergangenheit nicht mehr los, und wenn du dir das Gehirn aus dem +Kopfe schlägst. Eine Schlinge liegt um deinen Fuß und zieht sich zu, wenn +du ausschreiten willst. Du kannst nicht mehr gehen, wohin du willst.« + +In seinem Gehirn wirbelten die Gedanken wie die Flügel einer Turbine, +seinen ganzen Körper durchzitternd. + +Nach einer Weile fand er seine Fassung zurück. + +»Was ist dabei«, sagte er sich und legte das Kuvert in ein Schubfach. »Ich +werde es herausbringen. Im übrigen geht man nicht rückwärts in die Zukunft +hinein, mein Freund.« + +Er nahm den Hut, um spazieren zu gehen. Es darf nicht so fortgehen, dachte +er. Er kramte in seinen Papieren, zog ein dünnes Manuskript hervor und +steckte es in die Tasche, um es auf die Redaktion zu tragen. + +Es waren Gedichte, Gedichte an Bianka. Das kam ihn hart an, aber es mußte +sein. Das Leben erlaubte keine Zimperlichkeit. Er wollte sie unter fremdem +Namen veröffentlichen, damit Bianka nicht etwa den Verrat entdecken konnte. + +»Du verzeihst«, sagte er, die Büste anblickend, und ging. + +Nun war er traurig, sehr traurig. Es half nichts, daß er sich zurief: Mut, +Mut! + +Im Hausflur traf er Fräulein von Sacken, die glücklich lächelnd Ritts +Atelier verließ. + +»Guten Tag«, sagte sie und bot ihm lächelnd die Hand. + +»Guten Tag«, erwiderte er und ging an ihr vorbei. + +Ritt sah zur Türe heraus und grinste. + +»Kommen Sie, Ginstermann!« rief er ihm zu. + +Ginstermann hatte keine Lust. + +»Nur eine Sekunde!« + +So trat er also ein. Ritt führte ihn zu einem Bilde, das auf der Staffelei +stand. Es war ein Stillleben, Karpfen waren es. + +»Wie finden Sie es? Ich habe dem armen Weib ein bißchen geholfen.« + +Es war prächtig gemalt, aber Ginstermann sagte nichts. + +Für ihn gab es keine Farben mehr, kein Leben und Lachen. Eine dunkle +Traurigkeit hüllte ihn ein. + +»Die Sacken ist doch eigentlich noch ein hübsches Weib, nicht?« lächelte +Ritt. + +Ginstermann erwiderte mechanisch: »O, gewiß«, und ging. + +Es war ihm alles einerlei. + +Ob das Bild gut oder schlecht war, ob Fräulein Sacken hübsch oder nicht +mehr hübsch war, das konnte ihm doch ganz gleichgiltig sein. -- -- -- + + * * * * * + +Ginstermann schloß seine Türe auf, streckte den Kopf ins Zimmer und lachte. + +Er trug ein kleines Paketchen in Fließpapier, das er sorgfältig enthüllte. + +Dumpfe Luft und schwermütiges Licht erfüllten sein Zimmer. Er zog die +Vorhänge auseinander und öffnete die Fenster. Die Sonne wirbelte ins Zimmer +und überschüttete die Büste mit goldenen Küssen. + +»Im Tempel des Lebens ist die Sonne der Strahl der Kerzen und frische Luft +Weihrauch!« jauchzte er pathetisch. + +Der Duft von Veilchen, die er mitgebracht, erfüllte das Gemach. Das ganze +Haus stand gleichsam in einem blühenden Garten. Ein bescheidener Schmuck +lagen sie auf der schneeweißen Schulter, ihr wunderholdes Blütenantlitz an +Hals und Brust Biankas schmiegend. + +Weshalb hatte sie ihm nicht geschrieben? + +Nun wußte er es, und er wußte es doch nicht. + +Sie hatte gesagt: »Oft dachte ich daran, Sie zu einem kurzen Spaziergang +aufzufordern, aber ich unterließ es stets. Ich weiß nicht, weshalb.« + +Sie wußte nicht, weshalb. + +Er war durch die Straßen gegangen, als er plötzlich seinen Namen hörte. Er +sah sich um, er sah hinüber: Fräulein Schuhmacher stand drüben, und +Fräulein Scholl und Fräulein Bijou waren auch dabei. + +Eine ganze Stunde hatten sie zusammen gebummelt. Sie hatten Einkäufe +gemacht für die Reise. Die Mädchen waren in die Magazine getreten, und er +hatte sich die Auslagen betrachtet und sie stets, wenn sie zurückkamen, +gefragt, was sie Schönes gekauft hätten. Einmal war er sogar mit in das +Geschäft eingetreten. Es sollte eine Aschenschale für den Bruder, den +Offizier in Berlin, gekauft werden. Obgleich er Bianka ein feines +Verständnis zutraute, hatten ihn doch ihre Sicherheit und ihr reifer +Geschmack verblüfft. Sie prüfte Stück um Stück, und er sah stets an ihrem +Blicke, was ihr an der Arbeit mißfiel. Endlich entschied sie sich für die +einfachste Schale, die zu finden war. Keine Figur, keine augenfällige +Originalität, eine vornehme Form, ein paar sprechende Linien. Er sah erst +jetzt, wie schön die Schale tatsächlich war. + +Die kleine Scholl meinte allerdings, die Schale sei langweilig und +geschmacklos. + +Bianka würde in vierzehn Tagen abreisen. Wenn es der Zustand der Mama +erlaubte, vorausgesetzt. Einige Zeit würden sie in Montreux zubringen, dann +für immer nach Nizza übersiedeln. Ihr Vater wollte in Nizza eine Villa +kaufen. + +Es gab auf der Welt Leute, die eine Villa in Nizza kaufen konnten, es gab +wiederum solche, die nicht ein Billett nach Nizza zu erschwingen +vermochten. Es gab Leute, deren Seele in Sorglosigkeit erblühte, es gab +solche, deren Seele von banalen Widerwertigkeiten zerfressen wurde, wie ein +Stück Zucker von Ameisen. + +Aber sie würde doch wieder nach München kommen? + +Nein, voraussichtlich nicht. + +Nicht, nicht. Jawohl nicht. + +Nun gut, es waren ja noch vierzehn Tage, vier--zehn Tage. + +Und morgen würde er sie wieder im Englischen Garten treffen. + +Kann man mehr verlangen. + +Morgen, morgen, morgen -- --! + +Er nahm einen Briefbogen und schrieb. Den 21. Tag danach. Bianka, du sollst +mich nicht töten. Herrliche, weißt du, nie liebte mich jemand, nun sterbe +ich daran. Deine Güte, deine endlose Güte! Die Güte in deinen Augen, die +Güte in deinem Lächeln, diese Güte in deinem Händedruck. Töte mich nicht, +du Erlöserin zur neuen Qual . . . . + + + + +XII. + + +Der Nachmittag war vorüber. + +Bis man den Mund auf- und zumachte, war er schon vergangen. + +Ginstermann ging in der Dämmerung seines Zimmers auf und ab. Er wollte sich +sammeln zur Arbeit. Da waren so sonderbare Gedanken in seinem Kopfe, die +gegen die Gehirnwände pickten und ans Licht wollten. + +Es würde etwas Überraschendes werden, das fühlte er. + +Aber vorläufig kam er noch nicht dazu. Er war zu vergnügt, zu vergnügt. Er +mußte ununterbrochen lachen, gerade als ob er Lachgas eingeatmet hätte. +Schon heute Nachmittag hatte er diesen eigentümlichen Lachreiz verspürt. + +Eine Menge komischer Erlebnisse fielen ihm ein und beschäftigten ihn. Da +war die kleine Sängerin di Ballo, die ihn an den Haaren zupfte und mit +ihrer affektierten Stimme flötete: O, noch einmal laß mich in deine schönen +Augen blicken, in deine tiefen schwarzen Funkelaugen! Und da war Sergeant +Köderiz, den sie jeden Abend betrunken nach Hause fuhren. Dieses Lächeln, +wenn er auf dem Karren lag! Er träumte von schönen Frauen, die ihm die +nackten Arme um den Hals schlangen und seinen roten Schnurrbart zirpelten. + +Wenn der Mensch unglücklich ist, so denkt er an alle schlimme Stunden, ist +er glücklich, an alle amüsanten Erlebnisse, das ist doch erklärlich. + +Und er, Ginstermann, war heute glücklich! + +Was war am Nachmittage alles geschehen? O, es waren Herrlichkeiten über +Herrlichkeiten passiert. + +Bianka war sehr liebenswürdig gewesen und hatte ihn ausgezankt seines +übernächtigen Aussehens wegen. Sie ahnte ja nicht, was ihn nicht schlafen +ließ, das war das Großartige! Er hatte ihr das feierliche Versprechen +ablegen müssen, nicht mehr soviel Tee zu trinken und Zigaretten zu rauchen. +Drei wollte sie gestatten. Glücklich darüber, daß sie ihn ein wenig +bemutterte, hatte er ihr es versprochen. + +Dann waren sie zusammen in den Chinesischen Turm gegangen und hatten Kaffee +getrunken. Es hatte zu regnen begonnen. Ganz herrlich, während die Sonne +schien. Wie geschliffene Brillanten fiel es durch die Sonnenstrahlen. In +einem Regen glitzernder Steinchen waren sie geschritten. + +»Wollen wir nicht ins Restaurant treten?« hatte er gefragt. + +»O ja, es wird besser sein.« + +Und da war nun das Komische geschehen: er hatte sein Portemonnaie +vergessen. Tatsächlich! Glaubt man es? Ein Mensch, der absolut nichts zu +tun hat, vergißt sein Portemonnaie. Und er lud eine junge Dame zu einer +Tasse Kaffee ein! + +Im übrigen freute es ihn, daß er sich so vortrefflich beherrschen konnte. +Es lag am Tage, an ihm war ein großer Mime verloren gegangen. Er konnte in +aller Ruhe über die gleichgültigsten Dinge sprechen, ja, er konnte Bianka +durch sein Benehmen, seine Nonchalance sogar beweisen, wie wenig sie ihn im +Grunde interessierte. Und das alles, während es in seinem Innern fieberte, +daß er die Finger verkrampfen mußte, daß er die Augen schließen mußte, +damit sie nicht die Flammen seines Herzens darin sähe. + +Sie durfte nichts erraten, nicht das mindeste, bei Gott, sie durfte nicht +einmal Verdacht schöpfen. + +Was war noch geschehen? Was war noch geschehen? + +Ach, es war noch etwas Sonderbares geschehen. Das war, als sie Abschied +nahmen. + +Bianka hatte gesagt: »Es ist ganz merkwürdig, wenn Sie den Kopf neigen, so +sehen Sie einem Freunde von mir sprechend ähnlich.« + +Und ohne seine Gegenrede abzuwarten, war sie fortgefahren: »Er war ebenso +alt wie Sie. Er war Komponist von starker Begabung. Man prophezeite ihm +eine große Zukunft.« + +Was aus ihm geworden wäre? + +Es sei nichts aus ihm geworden. Er sei zugrunde gegangen. -- + +Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge. + +Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet. + +»Herr Ginstermann!« + +Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte +Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die +Linke, und fort war er. »Verzeihung, ich will arbeiten«, rief er dem +verdutzten Mädchen zu. + +Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mußte ein Ende +nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwählten schreiben! + +Die Begierde zu schreiben erfaßte ihn so heftig, daß er kaum erwarten +konnte, bis die Lampe in Ordnung war. + +Aber im gleichen Momente leuchtete die Büste auf, und nun konnte er den +Blick nicht mehr von ihr wenden. + +Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie, +blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine +Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn +sie ihn anblickte. + +Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher? + +Ein Zweig granatroter Blüten lag vor der Büste. Er hatte sie heute morgen +gekauft. Sie hatten ein Vermögen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine +Domäne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blüten mit einem wunderbaren +Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so +weich, so duftend, alle Märchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name. + +Er stand auf und trat vor die Büste. + +Tränen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz +quoll über. Er war nicht mehr eins, sein Wesen löste sich auf in tausend +Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flüsterten +lautlos ihren Namen. + +O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken! + +Er flüsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren +Laute, die aus seinem Innersten kamen. + +»Ava -- ava«, flüsterte er. + +Er wußte nicht, was es hieß, aber in die Sprache des Pöbels übertragen, +bedeutete es vielleicht: ich liebe dich! + +Nach langer Weile erst ließ ihn dieser Bann los. + +»Adieu«, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurück. -- + +Am nächsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkäufe. Er +trägt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute +liebenswürdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu +erlauben. Zum Beispiel über die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn +jemand an sie stoße. Und über ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz: +»Ihre Augen sind so klar, Fräulein Schuhmacher, daß ich mich nicht wundern +würde, plötzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.« + +Sie lächelt und sagt: »Sie sind ein Schelm! -- Warten Sie, ich will hier +Handschuhe kaufen.« + +Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres +Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm überlassen hat. + +So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist +nun gekommen. + +Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung +mit ungeschickter Verblüffung entgegen. + +Sie lachte und sagte: »Kommt Ihnen das so wunderbar vor?« + +Und da lachte auch er. + +Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken +kann, ohne die Augen dabei zu schließen. + +»Adieu«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder +zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand, +deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht! + +Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut, +kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein +Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling +siebt feinen Silberstaub auf den Teppich. + +Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar. + +Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er +stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern. + +»Bitte«, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit +weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten. + +Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe? + +Nach Belieben. + +So setzt er sich in den Schaukelstuhl. + +»Ich habe die Schaukelstühle so gerne«, sagt er, »schon als Kind war ich +verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen +Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen +hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne +daß eine starb.« + +Sie zündet die Kaffeemaschine an. + +»Rauchen wir?« fragt sie. + +Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette. + +Sie rauchen und plaudern. + +Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: »Nun müssen sie lesen. Sie +haben doch etwas mitgebracht!« + +Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll. + +So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte. + +Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie +sogar. + +Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn. +Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann +kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie +ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht +wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande. + +Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus. + +Ihre Mama habe es ergriffen. + +Er verneigt sich tief. + +Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. »Sie müssen ihn kennen lernen«, +sagt sie. Sie ist so gut. + +Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht, +daß sich ihre Hände nahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf, +nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten, +ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand +abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein. + +Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem +Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich +bemerkt er es, erschrickt und sitzt still. + +Endlich muß er aufbrechen. + +Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. »Nein, nein, es ist so schon +zu lange.« + +O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es +ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken. + +Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- -- + +Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte +depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. -- + +Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis +schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ. + +Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg +wie die Wasser eines Brunnens. + +Er nahm die Feder und schrieb: + +Das Haus im Hain. + + Yester und Li wohnten in dem Haus + im Hain und waren noch nicht sechzehn + Jahre alt. + + Sie wußten nicht, wann und wie sie + in das Haus gekommen. Eines Morgens + erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte + und lächelten einander zu. Sie hatten + ihre Hände im Schlafe gefaßt. + + »Hörst du, Yester«, sagte Li und lauschte + verzückt, »das ist Killi-hiwi!« + + »Killi-hiwi singt am schönsten von + allen«, erwiderte Yester, den Atem verhaltend. + + Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem + Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte. + Er war so klein wie ein Taubenei, seine + Stimme war Silber. Er sang jeden + Morgen zu ihrem Erwachen und war + dann den ganzen Tag nicht zu erblicken. + + Das Haus stand in einem Hain weißer + Birken, junger weißer Birken mit hellgrünem + Laub. Es war klein und weiß, + schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah + es von weitem aus. Es hatte blinkende + Fenster, die Tag und Nacht offen standen, + und blitzende Beschläge an der Türe. Die + Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe + führte in den Garten, auch sie war aus + grünem Glase. Rings um das Haus + standen Beete von Hyazinthen, oder von + Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das + ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue. + + Yester und Li wußten es nicht anders. + Sie wunderten sich nicht darüber. Sie + streiften den ganzen Tag umher. Der + Hain war sehr groß, sie waren noch nie + an sein Ende gekommen. Sie dachten + auch gar nicht, daß er ein Ende haben + müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder + die von ihren Schultern herabfielen. Sie + jagten einander und jauchzten von früh + bis nachts. Immer hatten sie Sonne und + einen Himmel, der funkelte wie ein blauer + Edelstein. Des Nachts stand ein großer + grüner Stern über ihrem Hause, und er + wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne + wiederkam. + + Vor dem Hause, da war eine tiefe + runde Quelle mit einer Bank aus weißem + Marmor herum. Sie sah aus wie ein + tiefes klares Auge und Li meinte, der + Himmel blicke aus dem Grunde. Man + sah selbst am Tage die Sterne durch den + Brunnen wandern, so tief war er. + + Li saß oft auf der Bank und warf + Steinchen ins Wasser. Und jedesmal, + wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es, + und ein goldener Fisch mit kreisrundem + Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken + tauchte auf und fragte: Was befiehlst du? + + Er mußte kommen, er mußte fragen. + + Li befahl nichts, sie freute sich an dem + drolligen Kerlchen und ließ ihn oft hundertmal + kommen. Er wurde nicht böse. + + Yester aber stand, während sie spielte, + an eine Birke gelehnt und sah ihr zu. + Sie erschien ihm selbst wie eine Blume. + Ihre Hand zart und durchscheinend wie + die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar + spiegelte sich im Wasser, in der Quelle + schien ein Feuer zu brennen, es zerrann + in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte, + aus dem Grunde schien ein seltsamer + flimmernder Blumenkelch zu wachsen. + Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser, + als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen + grün wie die Blätter der Birken, + durch die die Sonne scheint. + + Dann besann er sich jedesmal, was er + ihr Liebes erweisen könne. + + Yester liebte Li über alle Maßen. Li + liebte Yester über alle Maßen. + + Ihr Haus lag im endlosen Hain, und + der endlose Hain lag am Morgenrot. -- + + * * * * * + +Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel +hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und +er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er. + +Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte +ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause. +Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er +aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er +empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch +am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten. + +Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor, +entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder, +zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum +und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es. +Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm. + +Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete, +über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die +seltsame Worte sangen. + +Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das +waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu +fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre +Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte. + +So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde. + +Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin. + +Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher +und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt +hätte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschöpft +von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den +Schleier und ruft: »Ye--ster -- Ye--ster --!!« + +Li! Li!! + +Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit +mehr. + +Bogen um Bogen füllte er. + +Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und +herrlich ist. + +Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an. + +Und nun war er fertig. Er jauchzte. »Fertig!« jauchzte er. + +Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der +Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als +ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die, +eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg -- +Krieg. -- -- + +Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander. + +Allah ist groß -- es war Tag. + +Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der +Büste stehen und küßte ihre Schulter. + +Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient. + +Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn +mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein. + +Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am +Geländer fest, um nicht zu stürzen. + +Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst. + +»Mensch!« rief er. »Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?« + +Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe +stattgefunden. + +»Ah!« Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte +Erzesse nicht. + +»Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit +einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.« + +Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife, +lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen. + +»Guten Morgen«, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen +kopierend. + +Sie wich erschrocken zurück. »Hu, was hat er denn?« + +Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn +energisch in die Höhe. + +»Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter +Kerl!« sagte er halb ärgerlich. + +Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf +den Tisch, daß es nur so krachte. + +»Sehen Sie her! Diese Nacht!« + +»Nanu?« Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: »So ein +Filou, er ist ganz nüchtern.« + +Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf +schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand +lesen. + +Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße? + +»Schwesterseele, holde!« + +O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. -- Und das da? + +»Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.« + +Hahahaha. + +Da seien die Sterne gemeint. + +Hahahaha. + +Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten. + +Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und +während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen +senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens +festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein +Schwarm Vögel, der höher und höher stieg. + +Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte +Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier +gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht! + +Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus, +elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli +saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige +Wolke wirbelte. + +Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein +Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen. + +Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich +lachend: »Guten Morgen, Langschläfer!« + + + + +XIII. + + +Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann. + +Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag. + +Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der +Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch +erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der +Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches +blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne +Aufhören, rings um die Erde herum. + +Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne +verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen; +die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche +Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend. + +Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch +nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen +standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter +und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen +und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder +erweckend. + +Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die +vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche +schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der +Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die +Ginstermann »Zum schlafenden Brahmanen« getauft hatte. + +Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen, +letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre +persönlichen Erlebnisse und Wünsche. + +Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie +war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und +Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu +vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu +verfolgen. + +Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen +in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden +müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch +wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre +Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur +Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar +unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es +erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte. + +Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie +maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das +Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten. + +Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß +die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner +geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner +seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie +und zielbewußten Energie. + +Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender +Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat +ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend +geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte +in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er +Biankas Freundschaft genoß. + +Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte, +der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar, +zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner +Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und +es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß +eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln +zur Erstarrung bringt. + +Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich, +entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm +in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine +Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein +Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie +besitze. + +Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie +einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und +nie überschreiten ließ. + +Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für +Minuten ins Wanken brachte. + +Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen +Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an +der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja +entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick +von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach +Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners. + +Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte +er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre +Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann +beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses +unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und +sagte: »Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.« -- + +In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor +Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde +er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner +Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern. + +Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war +ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt, +bedeckte er mit Tränen der Freude. + +Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! -- rief er immerzu aus. + +Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem +Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste +die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand! + +Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden +entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist +Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele +breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte! +Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie +gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und +mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen +einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte -- + +Niemand darf es wissen, niemand! + +Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel +flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist. +Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O, +was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut. + +Niemand darf es wissen, niemand! -- + +Zuweilen jedoch überfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgültigkeit. + +Es kam ihm unsinnig vor, daß er jenes Mädchen im Englischen Garten +spazieren führte, daß er sich überhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte +hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie +ist hübsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das +alles hat dich bestochen. Ihre weißen Elfenbeinhände mit. Aber ist sie auch +die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes überhaupt, +das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht. +Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo. +Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist +Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den +Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses +hübsche, elegante Mädchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum +Objekt geworden, o, Schmach über dich! Groß warst du einst und ein +Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch über dich, wenn du nicht +ehrlich genug bist, um über dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen +will ich und sie alle zu meinen Füßen wissen. O, mein Held, mein tapfrer, +kühner Held! Heil dir! -- + +So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab +ihm ein Lachen, ein kurzes höhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er +war unglücklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut +als es ging. -- + +Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann überfiel ihn wieder jene +namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen über ihm +zusammenschlug und ihn verbrannte. + +Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, für all +seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen. + +Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen? + +Es war hart für einen Mann seines Stolzes, so demütig zu lieben! + +Wieder und wieder träumte er von einem Glücke, das nie werden würde. Sie +lebten in einem Hause abseits der Straße. Er kannte es ganz genau, dieses +Haus, das Gärtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glückliche +Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines +Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager +und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn +zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit +sie ihn beim Erwachen finde. Er löste ihr die Schuhe und küßte in Demut +ihren Fuß. Er saß mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben +hatte. + +So oft es anging, versuchte er Fräulein Scholl zu treffen. Sie hatte +dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr günstig. Er wartete auf +sie, schwätzte mit ihr, ausschließlich von dem Verlangen beseelt, irgend +etwas von Bianka zu hören, einige Worte sprechen zu können über sie, ihren +Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen. + +Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mädchen, schmächtig, zart, mit +blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen. + +»Wie heißt Du?« fragte er die Kleine, bemüht, sie für sich zu stimmen. + +»Camilla.« + +Könntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind, +und wir beide Gespielen. Unsere Gärten, die stießen zusammen und im Zaun da +wäre ein Loch. Wir schlüpften hin und her, zwitscherten zusammen wie +Vögelein. + +Und dann -- und dann -- -- + +Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg. +All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete. + +»Nun wollen wir uns etwas kaufen«, sagte er zu ihm und lächelte. »Komm!« + +Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund, +von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog. + +Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit +Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst +auf sein Zimmer kam. + +Sie nannte ihn »Onkel Ginster«. + +»Ich heiße Henri«, sagte er zu ihr. »Du sollst Henri sagen. Du sollst auch +du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.« + +»Ari«, sagte sie. + +»So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.« + +»Heiner, ach ja, Heiner!« + +Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß, dieses zarte, warme +Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten. + +Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der +sie verstand, waren sie mehr, weit mehr. + +Er küßte die Kleine. »Du bist ein Dieb!« rief es in ihm. Aber er küßte sie +doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er +vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: »Beide Hände wollte +ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die +Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du +wüßtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --« + +Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellte Camilla hart +auf den Boden. + +»Bist du böse, Heiner?« + +Er lächelte. »Nein, Süße, Heiner ist nicht böse -- Heiner ist -- Heiner ist +-- o, geh heute, Schätzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh, +Schätzlein« -- -- + +Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er +ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es +hätte entnehmen können. + +Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch +lächelnd sagen: ich verspüre nichts. + +Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über +eine brennende Kerze gehalten, wenn sie »Spartaner« spielten, oder daß er +jeden im »indischen Duell«, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel +nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne +Zucken der Hand ertrug. + +Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den +Gehirnwänden abschaben müßte. + +Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr +rein war. + +Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf. +Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln. +Seine Augen waren größer geworden -- so schien es ihm -- ein düsteres Feuer +brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke +ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte. + +Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht +gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt +werden. Wer aber liebt sie? + + + + +XIV. + + +Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer +Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte. + +Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen +darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen, +sie trug einen Schleier. + +Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte. + +Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in +weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel, +eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie +Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat. + +Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher Handbewegung +den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen +nicht glauben wollen. + +Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie. + +Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er +ihr die Hand gegeben, ohne Druck. + +»Mein Gott, Henri!« sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst. + +Sie hatte noch dieselbe Stimme. + +Und er entgegnete: »Guten Tag, gnädige Frau.« + +Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle +um, ihre Erregung zu verbergen. + +»Bitte«, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin. + +Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten +auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände +strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab. + +Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: »Ich habe dich gesucht, überall +gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde +verschwunden.« + +Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah +zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu. + +»Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja +damals schon, daß du ein Dichter bist.« + +Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten +Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener +Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene +Luftbläschen. + +»Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich -- +glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich +erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich +wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht +bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in +Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in +Nizza --.« + +»Nizza«, sagte ein Echo in Ginstermann. + +»Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir +denn?« + +»Danke, es ging.« + +»Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst, +Henri?« + +Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie +herzlich sprach: »Nein, gnädige Frau.« + +Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein +Schleier. + +»Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst +alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir -- -- willst du +mir nicht die Hand geben, Henri?« + +»Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.« + +»Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?« + +»Ja, gnädige Frau.« + +»Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.« + +Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus. + +»Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.« + +Sie sagte: »O«, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert. +»Besuche mich doch«, bat sie wieder, »nur einmal, einen Augenblick! Als -- +Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.« + +Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist. + +Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich +zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz +zuckte er darüber. + +Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: »Sie haben dies vergessen, +gnädige Frau.« + +Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie +lächelte. + +»Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?« sagte sie. Sie wollte ihm +ihre Niederlage nicht eingestehen. + +Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen +röter zu sein. + +Sie ging. + +Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. -- + +Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug +hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war. + +Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde. + + * * * * * + +An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus +dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der +Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße. +Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an +der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer +anderen Stelle. + +Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane. + +Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas. + +Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte +kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die +Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge +schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf. + +Ginstermann stand auf und machte Licht. + +Nun war es überwunden. + +Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von +Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen +Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt +vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen. + +Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese +Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die +Verzweiflung beschwören. + +Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu +kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und +fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich +auf und der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu, +verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in +bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf. + +Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken +quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück +Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment +auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte +endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges, +winziges Gebirge, das in der Sonne glüht. + +Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und +lächelte. + +Nun war es überwunden. + +Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in +die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an +seine früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn. + +Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen +eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört +hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche. + +Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er +es überflog, er las es nicht zu Ende. + +Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von +Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern. + +Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer +Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte. + +Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern. + +Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete: + +Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit +Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie +erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf +die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien +sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht! + +Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen +genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen. + +O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht +doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das! + +Und sie spien den Propheten ins Gesicht. + +Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte +Pappe, nichts als bronzierte Pappe. + +Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe! + +Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen, +dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten. + +Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd +in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der +Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe. + +Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand +wie aus Stein. + +Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten. +»Seht!« rief er, »seht!« + +Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein +winziger Stern mit grünem Lichte. + +Hoho, schrien sie, hoho? + +»Seht! Seht!« + +Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. »O, du eisgrauer Narr«, höhnten +sie, »du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha! +Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser +bronzierte Pappe sein!« + +»Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist +aus reinstem Golde!« + +»Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns +betrügst du kein zweites Mal!« + +»Weshalb aber fiel er nicht?« Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe +zu dem letzten Stern empor. + +Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten -- -- -- + +Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen. + +Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die +Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken, +die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie +verrückt umher. + +Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren +vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen. +Er fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte. + +Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. -- -- + +Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . . + + + + +XV. + + + Die Würfel sind gefallen. + + Alles ist verloren. -- + + Bianka lächelt und sagt: »Es war sehr + töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den + Nachmittag bei mir verplaudern können.« + + Ginstermann entgegnet: »Aber bitte. Nein, + das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen. + Sie waren ohnedies so gütig gegen + mich.« + + Er verbeugt sich einigemal und lächelt. + Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt. + Da sind einige Muskeln um seinen Mund, + die sich verzerrt haben. + + Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht, + daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine + Haare vom Schweiße an die Stirne kleben, + daß er bleich ist wie eine Wand. + +Es ist gut, daß es dämmert. + +Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und +morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr. + +Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt. +War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans +Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er +hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt. +Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte. + +Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen +für die Reise. + +Aber selbstverständlich. Wann sie fahre? + +Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: »Um 1/2 11. +In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.« + +Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt +sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte +Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal +tote Wünsche. + +Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr. + +»Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?« + +»O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --« + +»Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin +haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte, +wollen Sie das?« + +Er dankt ihr, indem er sich verbeugt. + +Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er +danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an +den herrlichen Sommer errinnern werde. + +Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als +sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre. + +Dann schüttelt sie ihm die Hand. + +»Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht? +Adieu!« + +Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf. + +Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er +geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand +voll Staub ins Gesicht. + +Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer +Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie +steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu +winken. Aber sie winkt auch nicht. + +»Adieu, Fräulein Schuhmacher!« + +Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer +Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen, +die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand. + +Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt. + +Dann geht er. -- + +Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann +ist geschlagen! + +Nun war es vorbei. + +Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte +er. + +Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein +Stück vom Himmel da droben herunter? + +Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen +einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er +so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz +einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber +hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen +durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten, +da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern +schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen +und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und +wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene +Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um +einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von +Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die +Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen +gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden. + +Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich +brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte +Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen +blickte. + +Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße. + +Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme, +du Schuft? + +Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den +Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit +gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem +andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort. + +Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte, +niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war +eine Wonne, seine Macht zu fühlen. + +»Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!« sagte er, +verächtlich die Lippen zuckend. + +Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den +Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße +entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu +provozieren. + +Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen! + +Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen +Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die +Straße herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der +anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der +Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen +Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den +Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes +Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich +im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend +die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen +neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen -- da erhielt +sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten. + +Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war +gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht. +Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen. +Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein +lateinisches Wort. + +Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren +wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete. + +Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es. + +»So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund«, sagte er zu sich und +lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen. + +Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu +taumeln. + +Er bog links ab und ging in den Englischen Garten. + +Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still +und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man +betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen. + +Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den +Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war. +Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer, +der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so +töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume +waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros. + +Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha! + +Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend +zerweichen mußte. + +Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er. + +Er blieb stehen. + +»Zur Sache«, sprach er, »wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade +hier.« Oder war es nicht hier? Er mußte -- wo war es? Er mußte -- bei allen +Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch +hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte. +Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen +sein. + +Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand. + +»Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!« + +Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm, +messieurs? Man mußte ins reine kommen. + +Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und +sagte: »Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie +im Brennpunkt einer Lupe.« Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka +einher. + +Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre +Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen. + +Er wußte alles ganz genau. Plötzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in +die Höhe gegangen. + +Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen +auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie +schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer. +Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach, +richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka -- +nur Vorsicht -- bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise, +bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre -- von hier an -- +jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten +Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka +hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er +bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha, +er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und +Bianka sagte: + +»Eigentlich ist es doch recht selten --« Oder begann sie nicht so? Es war +da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. »Das passiert nicht oft, +daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb +freut es mich, daß ich Sie kennen gelernt habe.« Nun blieb sie stehen, sah +ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: »Wie sonderbar es begann, da im +Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hübsch.« +Sie stockte, besann sich, ging weiter. + +Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert, +wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig +gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie +eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer +Doppelpunkt. + +Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor +Erregung. + +Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg. + +Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie über Nizza zu sprechen. + +Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. »Es war hübsch, hörst +du, Ginstermann? -- hübsch war es.« + +Und hier war es, hier. + +O, es war in der Tat hübsch, außerordentlich hübsch. Sie können sich nicht +vorstellen, wie hübsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen +zusammen, wir unterhielten uns, Sie eröffneten mir ihre Ideen, Herr +Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bißchen. Addieren Sie, +bitte, addieren Sie. Summa: hübsch. + +Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte. + +»Hier liegen die Träume eines Toren«, begann er in pastoralem Tone, »hier +liegt die Sehnsucht eines Narren -- hahaha. Sie ertranken in der Tiefe +einer Mädchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der +Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wände schlagen lassen, ob sie +Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder +in der bodenlosen Tiefe -- hahaha --!« + +Plötzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke +stieg in seinem Kopfe empor, riesengroß, ein graues Gespenst ohne Form und +Ausdruck. + +»Du bist wahnsinnig«, sagte er leise zu sich, damit es niemand höre außer +ihm. + +Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hüllte ihn ein. Sein +Herz ging in langsamen Stößen, er stand wie gelähmt. Eine Ewigkeit. + +Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und +still. Die Stille flüsterte, sie flüsterte unverständliche, grauenhafte +Dinge. Der Wind stieß wie die Flügel eines Schwarmes von Vögeln an seinen +Kopf. + +In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken, +die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese +Stille flüsterte. + +In der Ferne schlug eine Uhr. + +Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg, +und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen +schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man +das Ding. Ich kann es bewegen. + +Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er. + +Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftbläschen in Glas +eingemauert ist. Angst lähmte ihn. + +Drüben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehüllt. + +Nun kommt er, dachte er, den großen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf +den Kopf damit zu schlagen. + +Aber nein, was war mit ihm geschehen? + +Plötzlich bewegte er die Füße und ging. Fort, fort aus diesem Garten, +dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort. + +Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebüsche zu vermeiden. + +Endlich war er auf der Straße. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und +Schutzleute, er war geborgen. + +Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurück. Langsam, mit dumpfem +Kopfe schlich er an den Häusern entlang. Es war noch nicht spät, es +dämmerte. Der Himmel war düster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack, +aus dem flimmernde Fäden hingen. Die Bogenlampen brannten, die +Telephondrähte schimmerten und liefen rasch in die Dämmerung hinein, als +hätten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrähten der Straßenbahn sprühten +zornige, grüne Flammen auf. + +Die Cafés waren erleuchtet, die Türen gingen auf und zu. Durch einen +Vorhang sah er ein grünes Billard, über das sich ein Herr mit langen weißen +Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe +vorüber und verdeckte für einen Moment das ganze Billard. + +Er war fähig, diese Eindrücke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken +zu besitzen. Man hat alle Drähte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er. + +Seine Schläfe brannte. Das Bedürfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen, +trieb ihn über die Brücke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Fluß hinunter. +Die Böschung war gepflastert, er mußte vorsichtig sein. Der Fluß rauschte +vorüber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran, +die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hörte er über sich rufen. Er wandte +erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den +Steinen fest. + +Es war ihm, als habe ihn der Fluß schon in seine brausende Tiefe +hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszuführen, kroch er wieder in die Höhe; +kalter Schweiß bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, müde ging +er wie ein alter Gaul. + +Er ging lange, bis die Häuser klein und niedrig wurden. Trüb leuchteten +ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis +unten. + +Auf der Straße spielten Kinder. Es waren kleine Mädchen. Sie hatten einen +Kreis gebildet und schritten um ein Mädchen herum, das in der Mitte saß, +die Hände vor dem Gesicht. Dabei summten sie ein Lied. Es war ein weicher +flüsternder Gesang, wehmütig durch die Dämmerung schwebend. + +Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mädchen da sprach es +zu ihm, wie aus dem Flüstern der Stille im Park. + +Und nun verstand er. + +Sterben, sprach es. + +Er ging und lächelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang +gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren +umschlang es ihn und küßte ihm dies Wort auf den Mund. + +Die Häuser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm. + +Über die Ebene lief hurtig ein kühler Wind. Er nahm den Hut ab und ließ +sich die Stirn von ihm kühlen. Das war sanft und wohltuend, er mußte an die +schmalen kühlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen küßte. + +Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, düsterroter Saum, die +Nacht schlug wie das ungeheure schwermütige Lid eines Vogelauges über der +Erde zusammen. + +Die Luft war gewürzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch +die Nacht heraus. + +Er kniete nieder und küßte die Erde. + +Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld, +dort oben der Himmel. Adieu. + +Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause. + +Nun konnte er plötzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen +diesem einen Ziele zu, -- ruhig, ohne Schmerz, erfüllt von Weihe, die +dieses Ziel über sie hauchte. + +Die ganze Stadt war Licht, Lärm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die +dieses Licht, diesen Lärm, dieses Lachen liebten, die die kleinen süßen +Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es läutete, klingelte. + +Aber lauter und klingender wie der Lärm des Verkehrs ging hoch oben ein +Brausen über die Stadt. Es lief durch die Straßen, riß die Fenster auf, +fuhr durch die Häuser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut +ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben! + +Nun lag es hinter ihm. War es nicht schön gewesen? O, es war köstlich +gewesen. Es hatte ihm die große Freude, den großen Schmerz gegeben. Was +sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schönheiten, er +hatte seinen Rätseln gelauscht. + +Er war müde, er sehnte sich nach der großen Ruhe, nach der Rückkehr in das +Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte. + +Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Läufe blitzten, die runden +hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen +schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schädel in +Stücke reißend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schläfe +hinterlassend. + +Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser. +Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und während das Blut in +langsamen Stößen seinem Körper entwich, noch an all das Herrliche denken, +das ihm das Leben schenkte. -- + +Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tür des Ateliers +stehen. Es schien als warte sie auf jemanden. + +»Ach, Sie sind es«, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe +Ringe um die Augen. + +Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie +seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt +argwöhnisch. Sie ließ ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei. + +»Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann?« fragte sie mit jäher, erschrockener +Stimme. + +»Mit mir, wieso denn nur?« + +»Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoßen?« + +Diese Besorgnis, diese mütterliche Anteilnahme machte ihn bewegt. + +»Ach nein«, erwiderte er. »Gute Nacht, Frau Trud.« + +Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen. + +Oben wandte er sich nochmals um und rief: »Grüßen Sie Kapelli, ich werde +ihn demnächst wieder mal besuchen.« + +Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war. + +Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das? + +Nachdem er abgeschlossen hatte, zündete er die Lampe an. Dann spähte er +unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten +konnte. Die Vorhänge zog er zu. + +Er ging zur Büste, blickte sie eine Weile düster lächelnd an und hob sie +herab. + +Er preßte sie an die Brust und küßte sie auf den Mund. + +»Bianka«, sagte er, »leb wohl. Wer du auch seist, ich danke dir. Du warst +das Schönste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes +Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schönres erlebt. Dafür danke ich dir. Weißt +du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich +dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht hätte ich dich glücklich +gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hörst, +so härme dich nicht. Verzeih!« + +Tränen rollten über seine Wangen, während er sie lächelnd betrachtete. Er +öffnete den Schrank und stellte die Büste behutsam hinein. Sie sollte es +nicht sehen. + +Da pochte es an seiner Türe. + +Er erschrak heftig und fragte stockend: »Wer da?« + +»Kapelli.« Ob er nicht Lust habe, den Abend mit ihnen zu verbringen. +Bißchen Karten spielen. + +»Nein, danke schön.« + +»So machen Sie doch mal auf!« + +Ginstermann ging an die Türe, unschlüssig ob er öffnen sollte. + +Dann rief er: »Ich will arbeiten, Kapelli. Stören Sie mich nicht länger.« +Aber Kapelli pochte nochmals. + +Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlüsselloch. + +»Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen«, rief er, sich zum Lachen +zwingend. + +»Na, dann also gute Nacht.« + +Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen +herauf, stieg abermals hinunter und schloß endlich die Türe seines Ateliers +hinter sich. + +Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie +ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann. +Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken. + +Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock über +dem Bauche zugeknöpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge +liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hübsch ruhig bleiben. Im +übrigen wußte es man nicht. Niemand weiß, was ein Toter tut, wenn der +Deckel aufgeschraubt ist. Noch besaß niemand soviel Mut sich neben einen +Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner +Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Bläh -- bläh -- Henri +Ginstermann ist tot. Er hat »Das Ebenbild Gottes« geschrieben -- bläh -- +bläh -- er hat auch Verse geschrieben -- man weiß nicht, woran er gestorben +ist, vielleicht ist er am Leben gestorben -- bläh -- bläh -- + +Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hände +zitterten, die Pulse hüpften in seiner Schläfe; in seinem Kopfe da rauschte +es, rings herum. + +Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser +jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter +hatte ihn doch ein bißchen gerne, früher. Nun ja, bei jenem Skandal -- kann +eine anständige Dame da anders handeln. Ein Schüler, ein Junge von siebzehn +Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einläßt! Puh, puh! Aber nein, +früher. Als er noch zwölf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das +ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch. +Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen +entzückte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle. +Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der +Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwürmer schlugen mit den +dicken Köpfen auf die Dielen. Die Mäuse nagten die Balken ab, um ihn in +einen tiefen Schacht hinabzustürzen. Eine Uhr rasselte wie ein Sterbender. +O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher +Bursch zur Türe heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost +auf die Seele gefallen. Seitdem haßte er sie, seine Eltern und Geschwister, +seine Mitschüler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der +Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der +ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mörder fürchtete er nicht mehr. +Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war +nur ein Spaß! -- Hoho, aber plötzlich da wurde es anders. Niemand liebte +ihn, bis er eine junge hübsche Frau kennen lernte. + +Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? -- Wollen wir Musik +zusammen machen, wie? -- Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen +ansehen? -- Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? -- Nein, nicht +küssen, nicht küssen, Schlingel! + +O juhei, o juhei -- wie herrlich ist das Leben! -- Wie, abgereist? Gnädige +Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frißt Moos und +Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nächte. -- Hinaus! sagt der +Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Türe. Er biegt ihn im Gelenk +ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Großartigkeit. Wie +ein Feldherr: alle Fünftausend. Hinaus, hinaus! Alle Türen zu. Einer dreht +sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! -- Ein Zug +braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich +unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehört die Gewandtheit eines +Seiltänzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das +schadet nichts. Ein bißchen Blut, wir sind doch kein kleines Mädchen, wie? +-- Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre +Hunde. Nur Scherz. Es schläft sich gut im Wald, bei den vielen Mücken und +Ameisen. Man träumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man +erwacht, so sieht man nichts um sich als Büsche und Kräuter, und der Mond +spannt silberne Saiten zwischen den Stämmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre +Lieder. Ist das nicht herrlich? -- -- In Böhmen liegt ein Bauernhof. War es +nicht ein hübscher Bauernhof? Die Bäume herum, die Tannen dahinter auf dem +Hügel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der +Wahnsinnige, wie er mit den Zähnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht +leiden. »Ich renne ihm die Mistgabel durch den Leib!« Ach, eine Mistgabel, +ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht fürchten. +Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe +in Rumänien. »Willst du das Weib da küssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, ißt +und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht küssen, wenn ich +es befehle. Hund, marsch -- oder -- ah -- sie ist ja ein kleines +Schweinchen, die Sonja -- aber -- hahaha!« Sein betrunkenes Gesicht mit dem +Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen +wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der +Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden +Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, daß man sich +für ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer. +Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein +Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er +auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so groß seine Schritte auch sind, +er kommt nicht näher. Er baumelt wie an den Hüften festgeschraubt, schlägt +mit Armen und Füßen, den Bohrer schwingend. »Ich will dir den Kopf +anzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken, +bis du platzt, Schweinchen!« + +Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten +auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und +verschrobene Köpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend +Köpfe. Lauter Köpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes +Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zähnen -- und da ist auch Kapelli! He, +Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebäudes sieht er +heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er über ihm. Hoho, über ihm sind +auch Köpfe! Überall, rings um ihn Köpfe, die sich unaufhörlich verzerren zu +entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch +jenes Weib, Ritts Freundin mit den weißen Händen. Sie wirft ihm Sofakissen +an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flüsterte Hesse +plötzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber über seinem Kopfe. +Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strömt +der Geruch von Branntwein. »Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des +Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi.« »Ja, zum +Teufel, mein Herr --« »Spi ist mein Name, gestatten -- Sie leugnen also +jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi.« »Die +Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist +keine göttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht +minder hoch. Der große Mensch und Gott fließen in eins zusammen, -- ja, zum +Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?« »Spi, gestatten.« »Speien Sie +mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen +aussprechen! Meine Behauptung gleicht also -- ja, wo stecken Sie denn?« +»Hier, Spi --« »Teufel --!« »Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist +mein Name.« »Lassen Sie mich doch -- lassen Sie mich doch --!« »Aber was +wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hängt ja Camilla auf!« »Hier +hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt +sehen, und deshalb hängen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie +ist, wie des Jairi Töchterlein -- --« + +Da erscholl ein mächtiger Schlag. + +Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte über +einen Stuhl, der am Boden lag. + +Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen. + +Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit. + +Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das +alles? Was wollte der phosphoreszierende Schädel dort? Ein Gespenst, hu? +Oder -- nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus? + +Ja, es konnte auch eine Lampe sein. + +Er fand für einige Augenblicke die Besinnung zurück. Das war sein Zimmer, +hier stand sein Tisch, dort das Bücherregal, auf dem Biankas Büste +gestanden. Diese Büste hatte er in den Schrank getan. + +Er ging an den Schrank, um nachzusehen. Aber er wagte ihn nicht zu öffnen. +Er wußte, etwas unsagbar Gräßliches hockte darin. Da entdeckte er ein +Gesicht an der Wand. Dieses Gesicht bewegte sich nach derselben Richtung, +nach der er sich bewegte. Es war ein Kreidefleck mit Augen darin, die wie +Tiger heraussprangen. Ah, das war ein Spiegel und das Gesicht darin war das +seinige. + +»Ich komme gleich nach«, rief er aus und ging an den Waschtisch. + +Was wollte er nur? Er hatte doch etwas aus dem Waschtisch nehmen wollen. +Sollte er beten, daß Gott ihm aus seiner Wirrnis herausführe. Haha, +vielleicht durch einen hübschen Engel mit bleichen, lilienzarten Händen? +Gott? Was war Gott? + +»Sie wissen nichts!« sagte ihm jemand ins Ohr. Das war Dichter Glimms +Stimme. Er zeigte die Zähne wie ein Eichhörnchen. Aber er war gar nicht zu +sehen. + +»Sie wissen nichts!« wiederholte er. O, dieser Heuchler. Die ganze Zeit +hatte er sich als Atheist aufgespielt. + +»Wer setzte die Urzelle in die Welt, mein Lieber? Weshalb haben alle +Völker, alle Völker den Drang nach Gott, he? Antworten, antworten!« »Ist +die Welt?« »Geflunker -- Geflunker! Antwort? Wer ist Gott? Ich lasse Sie +nicht los. Sie -- Dummkopf, Sie.« »Ich bin Gott, Gott ist in uns. Jeder hat +sein Mekka in sich.« »So sagten Sie in Ihrem Drama, Freund -- in Ihrem +traurigen Machwerk, das Sie Drama nennen -- hahaha!« + +Nein, was wollte er nur! Was erhielt er für Besucher? + +Er stand und starrte an die Wand. Da zappelte etwas. Auf hohen +Spinnenbeinen kroch es daher, den gequollenen Körper vorwärtsschiebend. +Unsinn, es war ein Tintenfleck! Jemand hat ein Tintenglas einmal gegen die +Wand geschleudert -- glaubt es, ihr Leute! Spinne? Es sah aus wie Pinien. +Er hatte, seit er hier wohnte, stets an Pinien gedacht. + +Nun löste es sich von der Wand und zappelte durch die Luft. + +Er wich zurück und schrie. Ein dumpfer Schlag und Klirren. + +Er verschwand in ein Loch und sank in tiefe, tiefe Nacht. + +Ach, wie gut tat die Finsternis! Und wie herrlich war es zu sinken, immerzu +zu sinken. + +Hatte er es doch dabei? Ja, natürlich. Das Rasiermesser! Es tat nicht weh, +nein, nein. Die Adern werden schlaff und die große selige Müdigkeit kommt. +Muß man tiefer schneiden? Er mochte nicht mehr. Er war müde. Und auf seinem +Kopfe saß einer, so schwer wie ein Zentner. + +»Guten Tag, ihr Herren, guten Tag, ihr Frauen.« + +He! was ist das. Was sind das für Leute? Graue Gesichter. Es sind die +Selbstmörder der letzten Woche. Hahaha, der Tod verliert seine ganze +Kundschaft. Und wer ist der dort? Hehe? Mit seinem purpurnen Schlips. Siry! +Siry! Siehst du, hier an der Schläfe habe ich ein winziges Loch. Ich kämme +das Haar darüber, immer elegant! -- + +Was wollt ihr denn mit der Decke? So, bin ich nackt? Danke. + +Die große selige Müdigkeit . . . + +Ich höre nichts mehr, weshalb pocht ihr mir? Weshalb ruft ihr mir? + +Möchten sie pochen -- ruhig pochen -- mochten sie rufen, ruhig rufen +. . . . . + + + + +XVI. + + +Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen. + +Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er +träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf +einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner +Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches +paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer +Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen +und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten, +leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert. + +Sankta Lucia -- Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war +eine weibliche Stimme. + +Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme, +dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die +Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte. + +Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens +abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die +Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische +Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als +schnitte jemand ein Buch auf. + +Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich +sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde +dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und +las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein +blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der +linken Wange. + +Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich +unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um, +ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang +und braun. + +Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen. + +Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand -- und er empfand, daß der +Betreffende beim Sprechen lächelte -- dicht neben ihm: »Wie fühlen Sie +sich?« + +Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch +gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart. + +Der verbeugte sich leicht und sagte: »Dr. Scholl.« + +Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl +der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei. + +Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe. + +»Erklären Sie mir, bitte --? Bin ich krank?« fragte er. + +Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette +nieder und entgegnete: + +»Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen +Sie sich?« + +»O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen -- wie als Kind, wenn ich lange +und tief geschlafen hatte.« + +»Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen +hereinkommt?« + +Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt +darüber. + +Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges +Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes, +seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen. + +Und der Blonde sagte: »Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.« Er +hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen. + +Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den +Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ +sich zurück in die Kissen fallen. + +»Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte«, sagte er und +lächelte. Nein, er lachte. + +Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei! + +Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel +leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch +Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen. + +Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend. + +»Wie lange bin ich krank gewesen?« + +Er sei acht Tage krank gewesen. + +»Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein +Schuhmacher bestellen.« + +Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine +Erregung zu verbergen. + +»Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?« + +»Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel +arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.« + +Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl. + +Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand. + +»Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie +erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?« + +»Sie ist noch gar nicht abgereist.« + +»So, Fräulein Schuhmacher --« + +»Nein. Es gab ein Hindernis.« + +»Jawohl.« + +Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllte ihn Friede, süßer Friede. In +den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die +dort drunten herumsprangen und jauchzten. + +Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle +Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er +unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste +eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses. + +Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären, +aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege. + +Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß +du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel, +wie kommt diese Leiste an deine Türe? + +Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß +es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im +Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen. +Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen +tanzten -- waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im +Spiele gewesen. + +Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in +ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden. +Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist. + +Es war etwas dazwischen gekommen. + +Ah -- wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen +Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende +Luft! Nur heiß war es, sehr heiß. + +Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze +vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten +gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe +und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die +Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft. + +Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende +Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich. +Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume +herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte. + +Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte im Antlitz. Er war viel zu schön +für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war +weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war +augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen +warmen Augen. + +War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher? + +Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel. + +Bianka, Bianka . . . + +Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das +Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße, +erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude. + +Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe. + +Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte. + +»Sind Sie müde?« fragte der Arzt. + +Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde. + +Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im +Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern +dargestellt. + +Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige +Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand. + +Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage, +ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage +seiner Gedichte abgesetzt sei. + +»Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr +Doktor!« sagte er lachend. »Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?« + +Dr. Scholl lachte ebenfalls. + +Dann nahm er Biankas Billette zur Hand. + +Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das +andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei +abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt. + +War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der +acht Tage im Fieber gelegen. + +O, nun -- nun -- o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein. + +Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn +berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem +anderen zuzurufen. + +Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf, +wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz, +durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den +ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen. + +Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen +Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte. + +Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur? + +». . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den +Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der +Mensch mit dem Menschen ab . . .« + +Ah, er sprach über moderne Literatur. + +»Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama +noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner +schöpferischen Zeit.« + +Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und +drehte den Kopf zur Wand. + +Ob ihn das Sprechen störe? + +»Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.« + +Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein +Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder, +sanft und unaufhörlich. + +». . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu +wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der +Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen +sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.« + +»Wie sie die Straße dahinziehen -- Brot -- Brot! Die ganze geknechtete +Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.« + +. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie +haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den +Adern. »Das ist die Rose«, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: »Ihr +mußtet sie holen.« + +». . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung +schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst +eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich +für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen +Sie >Auferstehung<, ich finde --« + +»Unser Ziel ist der Einzelne.« + +»Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten +denken . . .« + +. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den +Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen +Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie +sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen -- keiner will. +Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und +stirbt . . . + +». . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz +befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die +Psychologie. Komplikationen -- ach, was -- --« + +. . . kling -- klang -- klung -- o Skule, König Skule -- es heulen die +Hunde, sehn sie den Mond -- klung -- klung -- es weinen die Weiber, stirbt +ein Spatz -- o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in +deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen +-- klung -- klung . . . »Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind +ist morgen tot.« -- Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule +noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und +geht schellenklingelnd zur Tür hinaus. + +Klung -- klung -- je schöner ein Weibchen in der Welt -- je eher es dem Tod +gefällt -- klung -- -- kling -- klung -- + +König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal. +Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft +heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal. + +Um die Burg murmelt das Volk: Roselind? + +Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das +Gesicht verhüllt wie das erste. + +König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den +Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken. + +Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist +wachsfahl und ohne Leben. + +König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen +Kopf. + +»Wann?« fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen +Blicken. + +»Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen +kommt?« + +Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden. + +»Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.« + +»So laß in die Posaunen stoßen.« + +Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe +aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde +Roselinds Leben retten. + +Still wird's um die Burg. + +Die Posaunen rufen. + +»Nimm dies!« König Skule entblößt die Brust. + +»Es ist alt. Es muß ein junges sein.« + +Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen. + +An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in +düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger +auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel +grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den +Vorhang. + +Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in +der Schlacht. + +Roselind -- -- --? + +Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein. Der Pilger kniet vor König Skules +Thron und spricht: »Ich bringe dir mein Herz.« + +Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus. + +Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand. + +Kling -- klang -- klung -- klang -- macht des Narren Zither. Er hockt auf +dem Fensterbrett und grinst. »O Skule -- König Skule --« + +»Werft ihn in Ketten!« befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt +das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt? + +»Ich bringe dir mein Herz.« + +Der König hebt die Hand. + +In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand +reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe. + +Stille. + +Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt +verzückt die Hände. + +Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt. + +Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen. + +Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk. + +Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden. +Tipp--tapp--tipp--tipp . . . + +»Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!« + +»Klung--klung--kling-- ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .« -- + +Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein +Gespräch beendend, wieder ans Bett. + +»Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.« + +Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen. + +»Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt. +Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja +interessieren.« + +»Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.« + +»Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten +gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.« + +»Adieu.« + +Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte. + +Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag +im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . . + +Roselind -- Roselind . . . + +Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl. + +Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen +Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald. +In Skules Reichen ist nicht Schöneres. + +Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk. + +Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön. + +Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. -- + +Am Tore vor Roselinds Schloß, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang. +Zwölf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Büschen glühen die +Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Büsche warf. Auf dem +Tore stecken an Speeren zwei Köpfe. Königssöhne. Blut tropft ins Gras. Bei +jedem Tropfen hört man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen. + +Der eine öffnet die blauen Lippen und spricht: »Weh dir! Weh dir!« Der +andere schlägt die schwarzen Lider in die Höhe und spricht: »Entfleuch! +Entfleuch!« + +Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang! + +Mein Sohn, mein Sohn, jammert es überm Meer. Liebster mein, Liebster mein, +schluchzt es weit hinter den Bergen. + +Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und bläst die Herzen in +den Büschen aus. Ein Schwarm feuriger Vögel streicht über den Wald. + +Ein Mädchen steigt auf die Treppe, weiße Blütenbänder um den +perlmutterschillernden Leib, legt die Hände an den Mund und ruft: Über der +Herrin Land -- leuchtet der Son -- ne Brand -- --! -- leuchtet der Sonne +Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . . + +Jauchzen. Rot glühen die Zinnen aus Granat. + +Die Köpfe am Tore sind steif und stumm. + +»Mach auf.« + +»Wen suchst du, Armer?« -- »Ich suche Roselind.« -- »O, weh dir!« + +Hörner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus. + +Roselind ist schön, flüstern die Saiten im ganzen Lande . . . + +Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein dürrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem +Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen. + +»Kommst du übers Meer? Wen suchst du, Fremdling?« + +»Ich suche dich.« + +Roselind lächelt. Dieses Lächeln sagt: du stirbst. + +»Ich sterbe gern für dich.« + +Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein +Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist weiß wie Schnee, blutleer das +Geäder. + +»Er ists,« sagt er. + +Roselind neigt sich im Sattel. »Du bists. König Skule suchte dich durchs +ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.« + +Der Pilgrim beugt das Knie. + +Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. »Er soll hundert Pferde mit +Geschmeide haben!« + +»Ich will nicht dein Gold.« + +»König Skule gibt dir einen Thron.« + +»Was nützt mich König Skules Thron?« + +»Beeile dich!« + +»Ich will --« + +»Werde nicht kühn!!« + +»Ich möchte den Saum deines Gewandes küssen, Roselind!« + +Hahaha -- lacht das Gefolge -- hahaha . . . . Fort stürmts in den Wald. +Hahaha . . . . + +Halali heißt der Wald . . . . + +Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf. + + + + +XVII. + + +Es gab eine Menge Neuigkeiten. + +Frau Trud hatte einem Mädchen das Leben geschenkt. + +Kapelli erzählt es eben Ginstermann. Er saß auf der Bettkante bei ihm und +rauchte seine Zigarre. + +»Heute morgen um fünf Uhr«, sagte er und alle Vokale funkelten. »Es ist ein +Prachtwesen!« + +Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann +sah es ihm an, daß er Mühe hatte, sein Glück zu ertragen. Während der +ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen, +zusammenschreckend bei jedem Geräusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend +vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlöst +und glücklich. In seinen Augen glänzte die Freude. Ein neuer Lebenstag +begann für ihn, über dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten +Zeit schwebten. + +Ginstermann nahm an seinem Glück teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud +hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefühl, das +er nicht die Aufrichtigkeit besaß, Neid zu nennen. + +Es gab noch manches andere. + +Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam +-- er rechnete bestimmt darauf -- so hatte er Beschäftigung auf ein Jahr -- +da wollte er sich in der Nähe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie +ein Haus im Freien, Bäume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das +»Schnuckerl« spazieren fahren konnte, meinte er. + +Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er +feierte seit fünf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und +Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten +sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostümiert, und man konnte +nicht zum Hause hinausgehen, ohne über einen im Flur liegenden Bezechten +hinwegsteigen zu müssen. + +»Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?« + +Fräulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt +worden. + +Unsere neueste Entdeckung heißt Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur +selten Fische so gemalt. Großes ist von dieser Künstlerin zu erwarten. + +»Es ist ihr zu gönnen, selbstverständlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bißchen +geholfen, aber das geht uns nichts an«, meinte Kapelli. + +Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persönlich zu beglückwünschen. +Auf der Treppe begegnete ihm Fräulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein +schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes +erhöhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als +Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schüttelte, leuchtete helle Freude +darinnen auf, von der man übrigens nicht wußte, ob sie echt oder gemacht +war. Sie ließ ihn nicht vorüber, ohne daß er die Rezensionen gelesen hatte. + +»Jetzt können Sie ruhig sterben,« scherzte er, indem er ihr nochmals die +Hand drückte. + +»Ja«, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas; +»besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehörigen den Beweis +erbringen zu können, daß ihr Spott ungerecht war.« + +Sie blickte auf, und der Haß flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann +hätte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in +diesem bescheidenen, schwermütigen Weibe vermutet. + +Sie lächelte und sagte: »Sie wissen ja, daß mich Herr Ritt bei der Arbeit +unterstützte.« + +Auf ein paar Pinselstriche käme es nicht an. + +»Ich habe meinen Lehrer für heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht +auch das Vergnügen schenken, Herr Ginstermann?« + +Er müsse leider aus Gesundheitsrücksichten ablehnen. + +»Nicht? -- Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um +etwas schmäler und blässer geworden.« »O, und graue Haare haben Sie auch +bekommen, eine ganze Menge«, setzte sie lächelnd dazu. -- + +Frau Trud war vergnügt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien, +als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu +verbergen. Sie war außerordentlich blaß und geschwächt, und oft sprach sie +so leise, daß man sie nicht mehr verstand. Kapelli mußte sie fortwährend +ersuchen, den Mund zu halten. + +Ginstermann küßte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie +ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glückwunsch und +gleichzeitig sein Dank für »neulich«. Es kümmerte ihn nicht, daß Kapelli +dabei stand, und Kapelli kümmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit +einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter. + +Natürlich mußte er auch das Kind sehen. + +Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweißen Härchen auf dem +unförmigen Kopfe. Er konnte es nur mit Überwindung betrachten. + +»Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie?« sagte die Mutter. »Es +wird überhaupt ein hübsches Kind werden, nicht?« + +Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden. + +»Wenn es so fortfährt, sicherlich«, sagte er. + +Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese »Skizze von Mensch« +in Gips abzugießen. Und zwar gleich morgen. + +»Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese +Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar --« + +Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu +einer verlangend ausgestreckten Hand löste. + +Kapelli küßte sie. + +»Du sollst nicht so viel reden«, sagte er. + +»Ich hab ja nun gar nichts gesagt«, Frau Trud darauf. + +Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen. + +Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne +lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein +Mensch groß ward, stand in ihm auf. + +Weder dies, noch das, sagte er sich. + +Das wußte er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka würde er nicht mehr +fähig sein, ein Weib zu lieben. Das wußte er, nie sollte er ein Kind haben. +Er würde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu +vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt. + +Andere Sterne! Andere Sterne! + +Ach, da war ja noch die Erinnerung -- und die Arbeit! -- + +Er ging. + +Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu +sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln. + +Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand +gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen +Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden. + +Hoi -- hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an +wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb. + +Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer +Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern +zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daß +Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer +netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er +am Hause auf und ab ging. + +Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig. + +Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von +der »Religion der Gottlosen« handelte, zur Hand, um sich auf andere +Gedanken zu bringen. -- + +Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt. + +Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden. +Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann +hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas +Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen +erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten +herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zu +widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht +mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden, +keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck +fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie +die Zähne zweier Räder ineinander. + +Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung +des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. -- + +Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre +Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte. + +Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen +Spaziergang. + +Werter Freund, schrieb sie, werter Freund. + + + + +XVIII. + + +Drei Uhr. + +Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und +steigt den Hügel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege +entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm +auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab. Ganz langsam. An +der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer +durch die Wiese, weiß in weiß, den Körper leicht vornüber gebeugt. + +Ginstermann ist nicht hingegangen. + +Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen. + +Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war, +während der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und +Mienen, dem Parke in der Sonne, den schießenden Schwalben im Äther. Er +hatte verzückten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre +geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt +-- er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben: +und er war nicht hingegangen. + +Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht. + +Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es. + +Nun saß er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und +sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie +immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf -- + +Adieu Bianka! + +Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch +immerhin ein bißchen lieb, wie? + +Sein Entschluß lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm +herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz. + +Noch war es möglich, ihr zu begegnen . . . + +Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er +Treue bewahren. + +In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her, +während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich +den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß. + +Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an +den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war +Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden +Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist +du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige +Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer +schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? -- Und hier stand +ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist +»sie«? Kennt ihr »sie«? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das +Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum +Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine +Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die +Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum. + +Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein +dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie? + +Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte +flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann. + +Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und +man prophezeite ihm eine große Zukunft. + +Und dieses Mädchen . . . + +Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt +sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit +beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und +küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt. +Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im +Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die +Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der +Boden wogt. + +Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den +elfenbeinernen Tasten. + +Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt +geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über +sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen +berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt +seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den +Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und +singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz. + +Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den +Elfenbeintasten. + +Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schüttelt sich. Wendet sich. + +Der Spielende steht auf und lächelt. + +Das junge Weib aber hat Tränen in den Augen. + +Wissen Sie, wie das hieß? + +Weshalb fragen Sie mich das? + +Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei +Lippen berühren eine Stirne. Zwei Lippen berühren einen Mund. Sie sind +heiß. + +Das junge Weib regt sich nicht. + +Das junge Weib regt sich nicht. + +Es liebt ihn. + +Ah, wir dürfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lächelt. Er lacht. +Seine Augen sind schwarz und blitzen. + +Es war ja nur eine Improvisation. + +Und wieder gleiten die schmalen zarten Hände mit Ringen an den Fingern über +die Elfenbeintasten. + +Und wieder lauscht das junge Weib. + +Die silbernen Vögel singen seinen Namen. + +Und wieder . . . . + +Und wieder . . . . + +Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trüb, die schmalen zarten +Hände zittern. + +Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde. + +Und das Mädchen sieht einen Mann, der dem Komponisten ähnlich sieht. +Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mädchen tastet mit seinen Blicken +über sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter +Freund . . . . + +Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mädchens, da singen die silbernen +Vögel so süße Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium! +Martyrium! + +Aber dieser andere, der dem Komponisten ähnlich sieht, dieser andere +. . . . + +Nun wollte er Bianka schreiben. + +»Verehrte Freundin!« begann er. + +Er lächelte und wiederholte: Verehrte Freundin. + +Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese +Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie müsse wissen, wer er sei, dann +könne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht. + +Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so +sachlich als möglich. Schrieb und schrieb, enthüllte ihr seine +Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu +beschönigen, ohne zu verschlimmern. + +Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und +Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe. + +Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen +Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wäre es +für ihn, der sich Aristokrat fühlte, nicht nötig gewesen, den +Entwickelungsgang des Pöbels zu absolvieren. + +O, er hätte ihr gerne gebeichtet. Ungefähr seinen Kopf in ihren Schoß +gelegt und ihr erzählt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib +und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All +das. Aber das ging ja nicht. + +Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen dürren Tatsachen +heraus sollte sie abwägen, ob er ihr Freund sein könne oder nicht. + +Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene +Freundschaft? + +Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser +letztes Gebot. + +Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten. + +Dabei ereignete es sich, daß er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung +flüsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen, +das ihr ein Schlüssel zu seinem Empfinden hätte sein können, ein +Verräterchen, wie unbemerkt der Feder entschlüpft. + +Er lächelte der Versuchung. -- + +Es war spät, als er den Brief zum Kasten trug. + +Schwüle Abenddämmerung brütete über den Häusern, über welchen der tiefblaue +Himmel zurückwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt, +erfüllt von Staub, der sich langsam senkte. In der Ferne brodelte der +Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln +und Stöhnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die +stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straßenecken warteten. +Irgendwo heulte ein Hund. + +Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich +selbst bezwang. + +Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf. + +Nun ruhten seine lohenden Wünsche, seine irren Träume, seine fiebernde +Sehnsucht hinter diesen metallnen Zähnen. -- + +In dieser Nacht schloß er kein Auge. + +Die Sterne gingen über den hellen Himmel, schlüpften hinter den dunklen +Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich +flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde +schliefen. Dann hauchte ein süßlich-grauer pastellner Ton über die Dächer, +Scheiben blinkten, ein müdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern +auf: der Tag. + +Es schlug sechs, sieben, acht. + +»Nun ist er dort,« sagt er, und die Augen fielen ihm zu. + + + + +XIX. + + +Sonne! + +Überall Sonne! Rote Sonne! + +Ginstermann und Bianka gingen wiederum im Englischen Gatten. Still +nebeneinander, ohne zu sprechen. Selbst als sie sich da droben am +Monopteros die Hand gaben, sprachen sie nichts. Nur der Druck ihrer Hände +redete, und sie verstanden sich. + +Es war ein heißer Tag; die Sonne in Milliarden funkelnde Körperchen +aufgelöst, vibrierte in der Luft, bis hinauf zum paradiesisch blauen +Himmel. Der Geruch von Heu und der Duft der Linden erfüllten den Park. +Überall glitzerte und leuchtete es. Hier blitzte das metallene Halsband +eines Hundes, dort blendete das Dach eines Kinderchaischens, die Speichen +der Herrschaftswagen glitzerten, grellfarbene Sonnenschirme flogen hinter +den in der Sonne sich ausdehnenden Büschen vorüber. Die Augen der Menschen +strahlten, als brenne ein Stern in ihrer Brust, die Kleider der Mädchen +leuchteten, die quer durch die Wiesen wandelten. + +Es war ein Tag des Lichtes. + +Im Chinesischen Turm war Konzert. Lustig und ungeniert bliesen die +Blechinstrumente durch den ganzen Garten, ebenso grell wie Sonne und +Farben. + +Bianka trug ein duftig weißes Kleid, das sie größer, blühender machte. +Einen weißen Ledergürtel, einen Sonnenschirm von derselben Farbe. Selbst +ihre Schuhe waren weiß. + +Sie ging in ihrer nachdenklichen, verträumten Art neben Ginstermann einher. +Ihr Haar flimmerte, wo die Sonne es traf. Den Mund hatte sie geschlossen, +um ihre Augen zogen Ringe. So erschien sie älter, gereifter denn sonst. + +Sie schritten ihre gewohnten Wege. Am Wasserfall blieben sie stehen, die +Kühle zu genießen. Das Wasser wirbelte, ein ewig bewegter Spiegel des +Laubes, des Himmels, in bunten Arabesken zwischen den lechzenden, üppigen +Ufern. Dazwischen sprühte feiner Wasserstaub bis zum Geländer herauf, den +die Haut, die Lippen gierig einsogen. Gegen die sonnige Wiese war es hier +dunkel; ein Sonnenstrahl tanzte auf dem Wasser, ein sprühendes, lustiges +Feuerchen, das hartnäckig Fuß zu fassen suchte, wie durch ein Brennglas auf +ein und dieselbe Stelle dirigiert. + +Sie gingen durch die Hauptallee, auf deren vom Sprengen dunkelen Boden +Streifen von Sonne lagen, die wie Schlangen eilig an den Kleidern der über +sie Schreitenden emporkletterten. Ein schillernder Laufkäfer eilte über den +Weg. Er lief, was er konnte, als sei die Angst vor dem Zertretenwerden bei +seinem Geschlechte, das Jahrhunderte in einem öffentlichen Garten lebte, +zum Instinkt geworden. + +»Sehen Sie, wie schön!« sagte Bianka. + +Das war das erste Wort heute. Sie schienen beide aufzuatmen und dem Zufall +dankbar zu sein, der ihre Lippen löste. + +Da kam ein Wagen und zerquetschte den Käfer. Seine schillernden Flügel +standen weit auseinander. + +»O«, rief Bianka aus, »sehen Sie nicht hin!« + +»Das war ein Stück Schicksal«, versetzte Ginstermann, das Bild des +zerquetschten Käfers vor Augen. + +Wiederum schwiegen sie, an das Schicksal denkend, das über den Menschen +waltet, jedes in seiner Art. + +Das Schicksal hält die Menschen in einem Sieb und rüttelt. Wer über einer +Masche ist, fällt durch, dachte Ginstermann. + +Bianka blieb stehen und blickte ihn an. + +Heute sei die Hitze unerträglich. + +Das sei ein kleines Italien. + +Ja. + +Dieses »ja« zitterte, weil sie es lächelnd aussprach. + +Wann geht nun die Reise? + +Bald, bald. + +Ob ihre Mama kränker geworden sei, weil man sie abermals verschob? + +»Nein.« Sie lächelte mit leiser Wehmut. »Dieses Mal ist es etwas anderes +gewesen«, sagte sie. + +Sie wandt den Kopf und sah durch die Bäume hindurch über die Wiese, wo +Männer und Frauen das Heu zusammenrafften. Eine Magd blickte direkt zu +ihnen her, als ob sie sie neugierig beobachte; aber sie konnte sie +natürlich gar nicht sehen. Ihr Gesicht war ein roter Klecks, sonst nichts. + +Dann blickte sie ihn wieder an, und er las in ihren Augen, daß sie nun über +den Brief sprechen würde. Er erschrak und suchte nervös in seiner Tasche +nach irgend etwas. + +Tschin--da--tschin--da--dadada -- macht die Musik in der Ferne. + +»Ich habe es Ihnen schon geschrieben, aber ich möchte es Ihnen +wiederholen«, sagte sie, »ich finde nicht die Worte, um Ihnen für dieses +Vertrauen zu danken!« + +Sonst sagte sie nichts. Sie gab ihm die Hand, die er bewegt drückte. + +Sie standen eine Weile beide beklommen. Bianka lächelte unmerklich, und +dieses Lächeln ging auf seine Lippen über. + +Tatatra--tatatra--bum -- machte die Musik. + +»Und nun wollen wir plaudern, mein Freund.« + +Es war das erste Mal, daß sie ihn »Freund« nannte. + +Sie gingen weiter und sprachen von allerlei Dingen, die die Welt eben +beschäftigten oder die Welt auch nicht beschäftigten. Aus irgend einem +Anlaß kam Bianka darauf, ihn zu fragen, ob er ein Bild von sich besitze. + +Nein, er besitze kein Bild von sich, erwiderte er. + +Sie erriet seine Gedanken und kam ihm zuvor: »Nein, nicht.« Und sie +schüttelte den Kopf und wiederholte: »Nein, nicht . . . Es ist ja Sitte +unter Freunden -- aber lieber nicht.« Das sagte sie ganz leise. + +Die Schatten der Bäume streckten sich, die Wiese wurde rot. + +Bianka mußte nach Hause. + +Wie stets dachte er: Soll ich sie bitten, noch ein Viertelstündchen zu +bleiben. Oder auch nur noch zehn Minuten? Mit Tränen in den Augen bitten? + +Nie liebte er sie mehr als heute. + +Sie ahnte ja nicht, wie allein er war, wenn sie gegangen. Wie einer, auf +einer öden einsamen Insel, vor dessen Augen ein Segel vorüberzog. -- + +Wieder kam der Abschied. + +Bianka sah auf ihre Hände. Der Mittelfinger ihrer Rechten trug einen weißen +Däumling. Sie bewegte ihn leicht und lächelte. + +»Ich habe mich geschnitten«, sagte sie. Dann riß sie mit einem Ruck den +Däumling herab und bot ihm die Hand. + +Ihre Augen waren groß und tief, voll von einem Ausdruck, den er sich nicht +zu deuten wußte. + +»Adieu!« + +Er lächelte ein verzerrtes Lächeln und wiederholte mechanisch mit den +Lippen: »Adieu«. -- + +Das war alles so schnell geschehen, daß er es nicht zu fassen vermochte. + +Nun wollte er einen recht gescheiten Menschen bitten, ihm dies zu erklären! + +Dann kam es wie Rausch über ihn. Er hatte ihr geschrieben, alles +geschrieben und trotzdem -- trotzdem --! + +Heil Bianka! Heil Ginstermann! + +Und: Heil Bianka! Heil Ginstermann! brauste es ringsum. + +War er nicht ein Tor gewesen, seine Wünsche, seine Hoffnung so schnell in +einen schwarzen Sarg zu sperren und tief in die Erde zu versenken? Ein +dunkler Vorhang mit Fragen und Schlangen darauf war gestiegen, und vor ihm +lag köstlicher Morgen mit klarer Frische und klingendem Äther! + +Er ging in den Park zurück, er ging einsame Wege. Er ging ganz langsam. + +Er legte sich unter einen Busch ins hohe Gras und breitete das Taschentuch +übers Gesicht. So sah es aus, als wolle er sich vor den Mücken schützen. + +Er weinte, still und leise. Das große Glück schluchzte in ihm. + +Lange lag er so. + +Da kamen Schritte, und eine tiefe Stimme sagte: »Das Betreten des Rasens +ist verboten.« + +Ein Schutzmann. + +Er stand auf und lächelte ihm unter Tränen zu. + +»Ich gehe schon. Ich danke Ihnen, mein Herr.« Grüßte und ging. + +Die Dämmerung füllte als blauer Dunst die Straßen, über die Stadt herauf +stieg jauchzend die Röte des Abends. Ein vereinzelter Stern flimmerte +mitten darin, wie ein winziges Loch, das einer in den Himmel gestochen +hatte, um herab auf die Erde blicken zu können. + +Die Menschen fluteten, plaudernd und lachend. Jeder trug sein Glück mit +sich. Der heiße Sommertag hatte sie in übermütige Stimmung versetzt. Schöne +Mädchen glitten durch die Menge, von der Liebe träumend. Die Herren ließen +keine Dame vorbei, ohne sich nach ihr umzublicken und Scherze über sie zu +machen, etwas lose Scherze. + +Ginstermann war allen gut. Er liebte sie, wie man Kinder liebt, und freute +sich ihres Tuns. + +Der Mensch war zur Freude auf der Welt, wenn er einen Zweck hatte. + +Man mußte es ihm lehren! Man müßte ein Evangelium der Freude schreiben! +Über die Freude führt der Weg zur Liebe, die Freude lacht all das +Kleinliche und Mißgünstige fort aus seiner Brust. + +Er schlenderte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde. + +Dann überkam ihn der Wunsch, Bianka zu sehen. Er wollte ihr einen kurzen +Besuch abstatten und hierauf die Nacht im Freien zubringen, um seine Freude +auszukosten. Urplötzlich war diese Sehnsucht in ihm erwacht und trieb ihn +nun ungeduldig seiner Wohnung zu. + +Er wollte die sehen, deren Freund er war, die für ihn das Leben bedeutete, +das warme, große Leben, ohne das er tot war. + +In der Nähe seines Hauses ging er an einem Mädchen vorüber, das da, ein +Hündchen an der Leine, gemächlich promenierte. + +Es war Fräulein Scholl. Er blieb stehen und blickte sich um. + +Auch sie war stehen geblieben und wandte ihm den Blick zu. + +»So etwas!« lachte sie, ihm die Hand voller Vergnügen hinstreckend. »Das +sind Sie! Ich denke mir, wer sieht dich nur so an?« + +»Guten Abend, Fräulein Scholl! Welches Unglück führt Sie denn durch diese +Straße?« + +»Ich bin auf dem Heimwege begriffen, ich habe meine Freundin besucht. Die +Hanna Klett.« + +Jawohl, die kenne er. Das sei die mit den vielen Sommersprossen und den +unschuldigen Augen. + +Fräulein Scholl blickte ihn an und lächelte verlegen. + +»N--nein«, sagte sie. + +»Nicht?« Er lachte. »Seien Sie nicht böse. Ich kenne das Fräulein nicht.« + +Das wäre auch gar nicht möglich. + +Natürlich. + +Wieso natürlich? + +Naja -- haha -- es sei natürlich ebensogut möglich. + +Sie blieb stehen und wirbelte die Leine um Bijouchens Näschen. »Weshalb +sind Sie mir eigentlich böse, Herr Ginstermann?« Sie sah zu Boden. + +Er, ihr? + +Ihre Augenlider gingen schnell auf und ab. »Ich sehe Sie gar nicht mehr, +wenn ich in die Violinstunde gehe.« + +Ach so. Nun, sie wisse doch, daß er krank war. + +»Ja, aber --? Nun ja, Sie haben nichts gegen mich?« + +»Nicht das mindeste.« + +Sie lächelte: »Ich dachte, ich hätte Sie irgendwie gekränkt. -- Geht es +Ihnen nun wieder gut?« + +Sie gingen an einem Bäckerladen vorbei, und für einen Augenblick huschte +der Lichtschein über ihr Gesichtchen. Ginstermann bemerkte, daß sie an der +Unterlippe nagte. Das war nicht mehr jenes naive, lustige Mädchen, mit dem +man seine Scherze trieb, das war ein Weib, das empfand und litt. + +»Ja, danke. Ihr Bruder hat mich schnell kuriert.« + +»Er hat mir von Ihnen erzählt.« Sie blickte ihn an, und ein Lächeln +schimmerte in ihren dunkelgoldnen Augen. + +»Was sagte er? Hat er mich recht angeschwärzt.« + +»Ach nein -- er sagte -- er sagte: an Ihnen sei was.« + +»So, was ist denn an mir?« + +»Ach Gott!« Das war Martha Scholl von neulich. + +Sie waren an seiner Türe angelangt, und Ginstermann ersuchte sie, eine +Sekunde zu warten, er wolle nachsehen, ob die Post nichts gebracht habe. +Eilig stieg er in sein Zimmer hinauf. Er entzündete ein Streichholz und +flüsterte, als das marmorweiße Antlitz aufleuchtete: Bianka. Dann sprang er +wieder rasch die Treppe hinunter. + +Biankas Antlitz schwebte vor ihm, während des ganzen Weges, den er mit +Fräulein Scholl zurücklegte. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken davon +loszulösen, und er unterhielt seine Dame herzlich schlecht. Ein paarmal +mußte er sie um Wiederholung ihrer Bemerkung ersuchen, da er nicht gehört +hatte. + +Ich will ja nichts als deine Freundschaft, Bianka, sie allein macht mich +unsäglich glücklich, dachte er, während er Fräulein Scholl antwortete: »In +Genf ist es prächtig, da haben Sie allerdings recht.« + +Glaube mir, nie soll ein Gedanke über die Grenze hinausgehen, die du mir +gesetzt hast, Bianka, Herrlichste -- und er sagte: »In so einer Pension muß +es recht lustig hergehen, stelle ich mit vor.« + +Sie hatten Biankas Namen noch nicht genannt, ganz zuletzt sprach Fräulein +Scholl von ihr. + +»Sind Sie nicht recht glücklich, daß Fräulein Schuhmacher noch hier ist?« +fragte Ginstermann. + +»Ja, o freilich. Ich darf gar nicht an den Abschied denken.« + +»Das begreife ich. Fräulein Schuhmacher ist ja Ihre Freundin. Ich denke, +auf diese Freundschaft können Sie stolz sein. Fräulein Schuhmacher ist sehr +exklusiv, wie ich weiß.« + +»Ja, Bianka ist sehr wählerisch.« + +»Fräulein Schuhmacher« -- + +Da unterbrach sie ihn. Sie müsse jetzt gehen. + +Aber sie ging gar nicht, obschon sie ihm hastig die Hand hingestreckt +hatte. Sie besann sich auf irgend etwas, dann rief sie mit einer +ungewöhnlichen Lebhaftigkeit: »Adieu, Herr Ginstermann«, und sprang in den +Hausflur hinein. + +Bijou galoppierte hinter ihr her. + +Ginstermann ging einigermaßen verwundert über ihr Benehmen weiter. Er +wanderte langsam die Leopoldstraße hinunter, an all die Qual denkend, die +er hier auf und ab geschleppt hatte. + +Bianka hatte Licht. Er blieb stehen und winkte mit der Hand zu dem +erleuchteten Fenster hinauf. + +Vielleicht denkt sie an mich, dachte er, freudig erschreckend bei dem +Gedanken. + +Eine Stunde darauf befand er sich wieder im Englischen Garten. + +Wie komme ich nur hierher, sagte er lächelnd zu sich. + +Die Nacht war ganz weiß. + +Übergossen vom Schein des Mondes, der allen Dingen das Körperhafte nahm, +erfüllt vom Geruch des Heus, der Linden, zitternd im Gezirpe eines Heeres +von Grillen, das die Stille zauberhaft erhöhte, lag der Garten da gleich +einem Schmuckkästchen, von einem mit Tausenden von blitzenden Steinen +übersäten Deckel abgeschlossen. + +Ah -- das war ein Hain, auf dessen Wiesenteppichen die Elfenreigen der +Maler schweben, aus dessen Schatten die Poeten ihre Spuk- und Traumgeister +springen lassen. + +Hier stand Yester und Lis Haus! + +Er nahm den Hut ab und schritt die kühlen Laubgänge entlang, die ihre +Blütenzweige wie liebende Arme um ihn schlangen, ergriffen von all den +Wundern der Welt um ihn her und seines Herzens. Geschichten fielen ihm ein, +hundert Geschichten zugleich, die ihm all dieser Garten erzählte. Und in +all diesen Geschichten, da liebte einer ein Mädchen mit einer innigen, +demütigen Liebe. So umgab er Bianka mit einem Kranz von Träumen, die sie +keusch kosend umhüllten, wie die weißen Rosen die Prinzessinnen im Märchen. + +Auf den Bänken im Schatten, da saßen Liebesleute, sich inbrünstig +umschlingend, sie flüsterten, sie stammelten, sie küßten sich, ja sie +schluchzten. Vögel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten über +die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bächen tanzten des Mondlichts +silberne Fische. + +Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser +Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der +weißen Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fuß. + +Er lehnte sich gegen eine der kühlen Säulen und blickte hinunter, hinüber. +Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein +Wesen, aus dem Äther herniedergestiegen. + +Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhäuschen, die +Bäume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette der Stadt stieg +der Lichtschein gleich weißem Opferrauche. + +Ferne, seltsame Laute ertönten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede. + +Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn, +alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefühle, die sie hier +empfunden, schwebten um ihn. + +Leise singend ging er seine Wege. Er saß auf einer Bank und schrieb in den +Sand. Ava -- ava -- abala -- schrieb er. Er wußte nicht, was es hieß. + +Sein Wesen löste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein +Hauch dieser Nacht selbst. + +Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein +Hauch aus fernen Gärten, der Gestalt angenommen? + +Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und über +ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontäne +gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den +Händen den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . . + +Früh am Morgen ging er nach Hause. Es war kühl geworden, und sein Blut floß +langsam durch den Körper -- + +Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht, +er lebte noch zu sehr in seinen Träumen. Ein Mann stand in der Ecke, die +Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es +war Ritt. Er lächelte und huschte an ihm vorüber. + +Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder. + +Der Schlaf kam, er fühlte wie er, ein Hauch, über ihn strich. + +Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang +tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blühender Akazien, +mitten drin ein weißes Haus. Vögel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem +Hause tönt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr +Gesang. + +O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . + +Blüten wirbeln, weiß in weiß, das Haus, der Hain verschwinden. + +Ferne noch: O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . . + + + + +XX. + + +Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief: + +Werter Herr Ginstermann! + +Sie werden gewiß verwundert sein über die Zeilen, aber es läßt mir keine +Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, daß sie eine andere lieben. + +Ich werde Ihnen nie zürnen, denn diese andere ist tausendmal besser und +klüger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben. + +Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X. + +PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der +Straße nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O. + +Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du +Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand +abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. -- Ein +andrer kommt und spricht: Du bist häßlich wie eine Unke. Nun werde ich dich +schlagen! Ja, schlagen werde ich dich! Das Weib lächelt: Schlage mich, +schlage mich doch, Liebster! + +Dies fiel ihm ein. Er wußte nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder +gelesen habe. + + + + +XXI. + + +»Kann ich weiter lesen?« + +»Ja, lesen Sie weiter.« + +Sie saßen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstämmen, der +Ginstermann den Namen »zum schlafenden Brahmanen« gab. + +Über ihnen die grüne Flut der Wipfel, die sich schläfrig hin und her +wiegte. Ab und zu fiel ein Stückchen Sonne, ein Stückchen blauer Himmel zu +ihnen herunter. + +Sie waren ganz allein. + +Und Ginstermann fuhr fort: + +Yester kehrte spät in der Dämmerung zurück. + +Er trug einen Strauß blauer Glockenblumen und war so müde. Die Sonne, die +ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn müde gemacht. Er war am Bache +gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen +zumute. + +Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die +Hyazinthen, in denen es stand. + +Die Dämmerung machte alles bleich und bläulich dunstend. + +Da stand Li! Da stand Li! + +Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und +regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne +daran zu riechen. Sie stand schon lange so. + +Yester näherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in +die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen +Nacken und küßte seine Haare. + +Er umschlang sie und küßte ihre Lippen. + +»Li! Li!« flüsterte er. + +Sie sah ihn an. »Deine Stimme ist ganz anders,« sagte sie. + +Er lächelte und bettete ihren Kopf an seine Brust. + +Lis Augen waren tief und voller Rätsel. Sie hatte den Wald in den Augen, +mit all seinen scheuen Tieren, seinen weißen Blumen, seinen purpurnen +Schatten. + +Ein schwüler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weißes Haupt und +atmeten schwermütig süßen Duft. + +Da fing Li plötzlich an zu weinen. + +Yester erschrak so sehr, daß er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu +beruhigen. + +»Li, Li,« flüsterte er in seiner Ratlosigkeit. + +Li preßte die Wange an seine Brust und weinte. + +Der Wind hauchte, und von den Bäumen fielen weiße Blüten auf ihre Haare, +ihre Schultern. Die Birken sangen. + +»O Li, o Li -- Li, o Li?« + +Li hielt im Weinen inne und lächelte zu ihm empor. + +»Ich sehne mich so, Liebster,« sagte sie leise, ganz leise. + +Immer noch fielen Blüten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten stärker, +sie litten mit Li. + +»Ist es nicht schön bei uns, Li?« + +Li nickte. + +»Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht köstlich, glitzert +nicht der Tau an den Rosen des Morgens?« + +Li nickte. + +»Und lieb ich dich nicht?« + +»O Yester!« + +»Und doch -- und doch -- Li?« + +»Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .« + +Im Hain schlug süß ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde, +da antwortete es ihm. Im selben süßen Tone. Nun waren es zwei, nun drei, +nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie +antworteten einander mit ihrem süßesten Liede. Es sang der ganze Hain. + +Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten. + +Der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten +durch die Büsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blüten sahen Augen, +schöne, sanfte Augen. + +In der Ferne schrie ein Pfau. + +Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen. + +»Li, Li,« schluchzte er. + +Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Da +droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . . + +Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen +das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn »Blaue Tulpe«. + +Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die +Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das +sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmännlein golden Geschmeide und Spielzeug, +das sie gefertigt. + +»Blaue Tulpe« hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis +Stimme, er hatte Lis leichte Füße, Lis Lachen, er hatte Lis gütiges, +goldenes Herz. + +Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er -- die +Art, Li zu lieben . . . + +Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Tränen kamen in seine Stimme. +Er mußte innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen. + +Sie saßen beide und waren stille. + +Über ihnen rauschte die grüne Flut, die Stämme tönten. + +Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: »Wir sind so +allein.« + +Und sie ging. + +Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hände vor die Augen gepreßt, +dann stand er auf, ihr zu folgen. + + + + +XXII. + + +Wie war es doch gewesen? + +Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen, +das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und +probiert, und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, während +Frau Trud sich schüttelte vor Lachen. + +Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von +Sacken trat ein. + +»Verzeihung«, sagte sie, »ich habe gar nicht geklopft,« und lachte. + +Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei. + +Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb +sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken: + +»Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!« + +»-- mit Kri -- kra -- kri -- kra -- krallen, mit Krallen an den Fingern,« +summte Kapelli und klimperte in den Saiten. + +»Vom Sekretariat?« + +»Ja!« Sie setzte sich, stand wieder auf. »Vom Sekretariat -- soeben bin ich +gerufen worden -- -- mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!« + +Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie +endlich glücklich zu sehen. + +»Ich gri -- gra -- gratuliere!« sang Kapelli mit hellem Tenor. + +Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlich ihr Wesen und blickte sie mit +triumphierenden Augen an. »Nun noch das!« rief sie. »Erst die Rezensionen +und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese +nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!« + +Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß. + +Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis +schließlich Kapelli in lautes Lachen ausbrach. + +Und nun heute? + +Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand +unter der Türe und winkte ihn herein. + +»Kommen Sie schnell!« rief er. Er war erregt wie noch nie. + +Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte. + +Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter. + +Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück. + +»Wein nur, wein nur Trud,« sagte er, selbst dem Weinen nahe. + +Ja, was denn nur sei? + +Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen. + +»Nun ja -- die Sacken --« + +Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . . + +»Warum nur? Warum nur?« stieß Frau Trud heraus. »Gerade jetzt --!« + +Ginstermann wußte es. + +Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze +Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt. + +Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der +Türe. + +Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die +Scheiben. Nichts regte sich. + +»Schuft!« rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das +finstere Atelier. + +»Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!« + +Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war. + +Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz. + +»Verreist.« + +»Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!« -- + +Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein +die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der +er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater. + +Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern +erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge +zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu. + +Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar. + +»Heben Sie höher!« befahl die schnarrende, unangenehme Stimme. + +Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den +Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe. + +Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken +möchte und nicht kann. + +»Da drinnen liegt ein Mensch!« sagte er und begab sich zurück in sein +Zimmer. + +Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig +Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus +blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er! + +Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart, +kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer. + +»Major von Sacken«, sagte er, sich kühl verbeugend. + +Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen +Wünschen. + +»Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher +standen?« + +Nein, er sei ihr nicht näher gestanden. + +»So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!« Er warf ein Päckchen Briefe auf den +Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an. + +Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der +seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese +Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas. + +Und dann noch etwas . . . + +Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine +kleine Windmühle in Gang halten. + +Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn +durchdringend anblickend: + +»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!« + +Der alte Herr stand auf und maß ihn. + +»Wie können Sie es wagen --!« + +Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: »Sie haben ein Verbrechen +begangen, Herr!« + +Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine +Augen waren stahlgrau. + +Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin: + +»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!« + +Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und +krallte die Finger in seinen Kopf. + +»Wer konnte es denn wissen!« schrie er. + +Dann stand er auf und räusperte sich. + +»Was wollen Sie -- mit Ihrem Verbrechen -- das ist ja heller Unsinn. Nein, +sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen +geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie, +sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als +Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie -- gut -- adieu, mein Herr!« + +Er streckte Ginstermann die Hand hin. + +Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen. + +Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich +der Türe zu und stolperte über die Schwelle. Schon draußen, blickte er +nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor. + +»Adieu, mein Herr«, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme. + + + + +XXIII. + + +Der Hymnus der Morgenröte. + +11. Hymnus an Bianka. + + +Stimme vom Berge: Gott ist groß! -- Licht gleißt sein Antlitz. + Sein Lächeln + Streut Rosen und Myrrhen + Auf das dunkle Haupt der Welt. + +Stimme in der Ferne: -- -- -- scheucht die Schatten + In ihr finstres Reich + Mit goldnen Pfeilen. -- Groß ist Gott! + +Chor der Betenden: Der das Licht aus dem Dunkel schlug, + Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut, + Ist unser Herr! + Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel, + Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen, + Dem Büffel, dem Krokodil, + Das Korn, die Lotos schuf, + Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde, + Ist unser Herr! + +Chor der Suchenden: Wir gehen rechts -- wir gehen links, + Wir gehen links -- wir gehen rechts, + Wissen wir's? + Wir gehen vorwärts -- wir gehen zurück, + Rund herum um das Glück. + Das finden wir nicht. + Uns trägt der Rücken eines Tiers. + Das kennen wir nicht. + Wir pochen an der dunklen Wand, + Ob nicht die Pforte einmal springt, + Die keiner fand. + Wir trinken Nächte, + Uns trinkt die Nacht. + Wir schleppen die Kette von Menschenleid, + Die endlose Kette von Menschenleid, + Die jedes Herz noch schwerer macht, + Durch die engen Dornentore der Zelt. + Und tragen sie ringsherum um die Welt, + Und immer ringsherum um die Welt, + Und harren der Stunde, da sie fällt. + Und suchen das Lachen. + Und suchen unsere Ewigkeit. + Und tasten weinend der Finsternis Pfade. + Rate! + Rate! + + * * * * * + +Eine Stimme singt: Mit Blüten bestreu ich euch, + Ihr Bittren! + Mit süßen, + Wohlriechend wie der Morgenwind, + Die in den ewigen Gärten sprießen, + Die ferne von der Erde sind . . . + + * * * * * + + Alles, was klingt, + Zerspringt. + Das tiefste Meer + Verrinnt. + Alles, was Staub ist, + Wird Wind. + Wird Wind! + Alle Zeit + Ist ein Flügelblinken der Ewigkeit. + Und denkst du an den letzten Tag + Gibt's keinen Tag! + Öffne dein Herz. + Schwester, Bruder, + Bruder, Schwester, + Öffne dein Herz! + Die Zeit der Saat -- naht! + Denke an mich: + Die Lebensgebärerin, + Die Lebensernährerin, + Die Lebenserweckerin, + Die Lebensvollstreckerin + Bin ich! + Denke an mich: + Was schläft, das muß reden. + Was tot ist, will ich töten. + Und keine Tiefe ist mit zu tief, + Die ich nicht rief. + Flügel schenk ich dir, die tragen + Dich über die Erde. + Wer über der Erde + Nicht lebt, + Lebt nicht + Auf der Erde, + Und nimmer ist's nötig, + Daß er begraben werde. + Denke an mich: + Die Lebensgebärerin, + Die Lebensernährerin, + Die Lebenserweckerin, + Die Lebensvollstreckerin + Bin ich! + Im Herzen des Alls, + Da quillt ein See, + Er hat nicht Grund. + Gott warf sein Herz hinein, + Daß ich entsteh! + Gott warf sein Herz hinein, + Warf seines Sohnes Herz hinein, + Warf aller Weisen und Guten + Herz in den See, + Daß ich entsteh! + Öffne dein Herz, + Schwester, Bruder, + Bruder, Schwester, + Öffne dein Herz. + O, öffne dein Herz! + Die Zeit der Saat -- naht! + Schmücke dich! + Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit, + Der Dorre sinkt! + Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht! + + * * * * * + +Chor der Erlösten, jubelnd: Liebe! Liebe!! + +Chor der Verlornen, schluchzend: Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . . + + + + + +XXIV. + + +Der letzte Tag. + +Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer +kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz +hinein: Was bringst du mir? + +Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider +geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese +dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch. + +Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual. + +Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte. +Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen? + +Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen, +soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine +verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte +kämpfen, so lange es ging. + +»Wer gab dir diese Macht, Bianka?« rief er aus. »Ein Lächeln von dir kann +mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff +mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr +ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!« + +Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese +dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein +Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag. + +Dumpf schlugen die Uhren. »Hörst du«, rief er, »nun treiben sie die Nägel +in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du +magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.« + +Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen, +die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt. + +All die Kämpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln! + +So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam +und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er, +immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte +Wahrheit. + +Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen +hatte wie über weite, weite Ebenen! + +Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. »Jaja, +du bist gezeichnet!« + +Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm +einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte? + +Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen +vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse +deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden, +immerzu nach Süden. + +Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von +Zufällen. + +Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt: +Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die +Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben. +Ich habe mein Herzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr +applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lächelt +. . . + +Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die +Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für +verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß +hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom +Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde. +Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme +ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein +Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit +einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der +Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die +vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers +verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was +kümmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen +Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: »Jemand interessiert sich für Sie. +Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.« Da erhebt sich der Bettler und geht. +Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . . + +Endlich graute der Tag. + +Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle. + +Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit +erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine +Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt +auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen. + +Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es. + +Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen. + +Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die +Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die +Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem +Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der +Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen +aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen +und lauschten. + +Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf. + +Bianka stand schon oben. + +»Ich bin etwas früher daran« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend. + +Seit wann sie schon da sei? + +Ungefähr zehn Minuten. + +Wenn er es nur geahnt hätte! + +Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel. + +Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher. + +Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag +am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben +fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter +Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne. + +Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern. + +»Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.« + +Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons. + +»Ja, das ist allerdings ein Vorteil.« + +Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren +Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese +herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und +lachten wohl auch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in +die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und +Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste +Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der +andere sie für ernst nehme. + +Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die +bekannten Wege schritten. + +Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das +Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen. + +Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß +sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone. + +Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es. + +»Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?« + +»Nein, nein.« + +»Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?« + +»Nein, nein.« + +So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte. + +»Ich reise gar nicht gerne«, sagte Bianka, »gar nicht gerne.« Dann lachte +sie nervös und fügte hinzu: »Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im +schönen Mailand.« + +»Und übermorgen in Nizza?« + +»Voraussichtlich.« Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser +aus dem Hutrande zu schaffen. + +»Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?« + +»Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.« + +»Nach Ka--iro!« + +Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er +biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch. + +Dann lachte er heraus. + +»Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!« +rief er aus. + +Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen. + +»Das ist ja in Afrika!« lachte er. »In Afrika!« + +Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte. + +Bianka nahm seine Hand und flüsterte: »Bitte.« + +»Bitte«, flüsterte sie. + +Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber +seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, daß Bianka +nach Kairo übersiedeln würde. Da gab es zwei Wege: einen übers Meer, einen +über Kleinasien. + +Heizer, Steward? + +Ah, es war ja vorbei. Er würde es nicht ertragen. Morgen würde er schon +verzweifeln. + +Da stand Bianka still und sagte: »Wir müssen nun Abschied nehmen.« + +»Ja«, sagte er rauh, »einmal muß der Teufel aus der Schachtel.« + +Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich. + +Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte +Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den +Lippen. + +Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben. + +»Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen«, fragte +sie und lächelte. + +»Wie Sie wünschen.« + +Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem +Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine +Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen. + +»Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im +Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er +sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er +zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen +unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und +ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .« + +Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab. + +Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn, +Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie +ein Kind. + +Sie waren oben. + +Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen +blinkten. + +Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen +durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben +gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen +über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel +um seinen Herrn. + +Bianka wandte ihm den Blick zu. + +Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen, +durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß. + +Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war. +Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie +er. + +Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem +Hühnerhund auf der Wiese drunten zu. + +Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn +fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu +Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen. + +»Wir müssen uns jetzt adieu -- sagen,« flüsterte sie. So leise. Es war nur +ein Hauch. + +»Ja«, sagte er, laut. + +»Wir müssen jetzt voneinander gehen«, flüsterte sie, so leise wie vorhin. +Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte. + +Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne. + +»Es ist so schön. Gerade jetzt.« + +Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer +phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein. + +»Ja, es ist schön«, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken. + +In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht +möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete. + +Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann. + +Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter, +ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen. + +Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte. + +Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand +und sagte: + +»Adieu!« So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! -- + +Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede +Linie verändernd. + +Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer. + +Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen. + +Ihr Herz pochte gegen das seine. + +Er gab ihr den Kuß zurück. + +»Liebster!« hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen. + +Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im +Laubgang. + +Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht. + +Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese. + +Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . . + + + + +XXV. + + +Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel. +Ginstermann dachte nichts. + +Er fühlte nur, daß er glücklich war, befreit, erlöst, gerettet! Er fühlte +nur, daß ihn neue Kraft durchströmte. + +Die Stunden gingen, er saß und dachte nichts. + +Am Abend pochte es, und er sagte herein. + +Bianka trat ins Zimmer. + +Er faßte es nicht sofort, und doch war er auch nicht überrascht. + +Sie blieb an der Türe stehen und sagte: »Bleib, bleib.« + +So blieb er auf derselben Stelle stehen. + +Sie blickten einander an, eine Ewigkeit. + +»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka?« fragte er endlich. + +Sie antwortete ihm mit einem langen Blick. + +»Sage doch du zu mir.« + +»Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?« + +Nein, nein -- o, nur schnell -- sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle +gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle -- sie sei nur +gekommen, um es ihm zu sagen . . . + +Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Türe. + +Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme: + +»Weshalb ich nicht kann -- das will ich dir sagen, Liebster.« + +»Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.« + +Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an. + +Dann schüttelte sie den Kopf und breitere die Hände vors Gesicht. + +Sie brach in Weinen aus. + +Erst nach geraumer Zeit wagte er es, näher zu treten. Er legte seine Hand +auf ihre Schulter, ganz sachte. + +»Bianka?« + +Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die +Augen pressend. + +Er führte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte. + +Plötzlich hörte sie auf zu weinen. Sie erhob sich. Ganz dicht kamen sie zu +stehen. Unwillkürlich rückte sie den Stuhl zurück. + +»Ich kann nicht«, flüsterte sie, ihn mit den Blicken beschwörend. Sie sah +zu Boden und schüttelte sonderbar den Kopf. + +»Härme dich nicht, Beste«, sagte er, + +Sie ging zur Türe, ging hinaus. Die Türe stand offen. + +Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen. +Er wußte . . . + +Da kam sie zurück. Sie nahm seine beiden Hände. + +»O du!« stammelte sie. + +Sie küßte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und küßte ihn auf das +Herz. + +Sie lächelte verzückt. + +Dann ging sie . . . . . + + + + +XXVI. + + +Drei Uhr morgens. + +Auf dem Geleise, das nach Süden führt, geht ein Mann. Weit weg liegt die +Stadt. + +Er geht immerzu. + +Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der +Mond steht am Himmel und alle seine Sterne. + +Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Süden führt. + +Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft +von Rosen steigt in die Nacht. + +Der Mann klettert über den Zaun. Ein Hund schlägt an. + +Der Mann geht gemächlich von Stock zu Stock und reißt die Rosen ab. Ein +Hund zerrt an der Kette und kläfft. Das kümmert den Eindringling nicht. Er +plündert die Stöcke, dann steigt er wieder über den Zaun und setzt +gemächlich seinen Weg fort. + +Wo die Geleise in den Wald einmünden, macht er Halt. + +Er wirft die Rosen über die Schienen. + +Dann wartet er. + +Er steht und wartet. + +Eine Stunde. Ein Hahn kräht von weit her. + +In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt. + +Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen. + +Der Mann tritt zurück. + +Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei. + +Er entblößt sein Haupt. + +Ende. + + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40314 *** |
