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@@ -0,0 +1,8340 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40314 ***
+
+Bernhard Kellermann
+Yester und Li. Roman
+
+
+
+
+Meiner Schwester Erika
+
+
+
+
+Bernhard Kellermann
+
+YESTER und LI
+
+Die Geschichte einer Sehnsucht
+
+
+3. Auflage
+
+
+BERLIN und LEIPZIG · 1905
+Magazin-Verlag Jaques Hegner
+
+
+
+
+Alle Rechte vom Verleger vorbehalten
+Gedruckt in der Spamerschen
+Buchdruckerei zu Leipzig · · ·
+
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+
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+
+
+I.
+
+
+Ginstermann kam spät in der Nacht nach Hause. Es mochte zwei Uhr sein.
+Vielleicht auch drei Uhr. Vielleicht noch später. Er wußte es nicht.
+Langsam, ganz langsam war er durch die Straßen gewandert.
+
+Über den Boden seines Zimmers war ein Schleier von Licht ausgebreitet, der
+leise zitterte, als er die Türe schloß. Der Mond schien durch die Vorhänge.
+Auf den Blechgesimsen pochte es, dumpf, in unregelmäßigen Zwischenräumen,
+wie ein Finger. Es sickerte, rieselte, die Tiefe schluckte. Der Schnee ging
+weg.
+
+Ginstermann machte Licht. Es war ihm, als sei noch eben jemand im Zimmer
+gewesen, als sei er jetzt noch nicht allein. Auf dem Tische lagen seine
+Manuskripte verstreut, wie er sie am Abend verlassen hatte, die
+Kleidungsstücke auf den Stühlen, das Kissen auf der Ottomane in der
+gleichen Lage.
+
+Er blickte zum Fenster hinaus, in den dunklen Hof hinab, er übersah den
+Kram seines Zimmers, die Skizzen an den Wänden. Alles erschien ihm
+sonderbar, rätselhaft, wie von einem Finger berührt, der es veränderte.
+
+Draußen klopften die Tropfen, und es schien, als ob sie eine seltsame
+Sprache redeten. Ein leiser Hauch drang durch die Vorhänge, und auch der
+Hauch schien geheimnisvolle Worte mit sich zu führen.
+
+Wer spricht zu mir? dachte Ginstermann.
+
+Will mir diese Nacht alle Wunder der Welt und meiner Seele zeigen, um mich
+zu verwirren? Alles schwankt und fällt, was eben noch feststand. Alle
+Begriffe sind verworren. Ist es nicht, als sei ich aus langem Schlafe
+erwacht, und folgten mir wunderbare Träume in mein Erwachen?
+
+Wer bin ich? Ich habe vergessen, wer ich bin, und weiß nur, daß ich ein
+anderer bin, als der ich zu sein glaubte.
+
+Und welch geringen Anlasses bedurfte es, um meine Seele zu verwandeln?
+
+Wer aber bist du? daß du solche Macht über mich hast?
+
+Wer aber bist du, daß ich nicht an dir vorübergehen kann wie an anderen
+Menschen . . . . . .
+
+Er sann und sann.
+
+Da wurde es Morgen.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Diesen Abend ereignete sich etwas Außergewöhnliches: Ginstermann ging mit
+zwei Damen über die Straße. Mit zwei jungen Damen in eleganten
+Abendmänteln.
+
+Ginstermann, der wochenlang seine vier Wände nicht verließ, den man nie in
+Begleitung sah, den noch niemand mit einer Dame hatte gehen sehen.
+
+Sie kamen von einer Abendunterhaltung, die Kapelli, der Bildhauer, seinen
+Bekannten anläßlich seiner Hochzeit gab. Kapelli, der seit Jahren mit
+seiner Geliebten zusammenlebte, war schließlich, da sie ein Kind
+erwarteten, auf den Gedanken gekommen, sich trauen zu lassen. Ginstermann
+wohnte im gleichen Hause und war mit den Bildhauersleuten befreundet. Die
+Damen gehörten zu Kapellis Kundschaft und waren aus irgend einem Grunde
+eingeladen worden.
+
+Kurz nach zehn Uhr brachen die Mädchen wieder auf. Sie waren kaum eine
+Stunde dagewesen.
+
+Fräulein Martha Scholl hätte noch große Lust gehabt, länger zu bleiben. Sie
+äußerte das in Worten und Mienen. Aber Fräulein Bianka Schuhmacher war
+nicht dazu zu bewegen, trotzdem Kapelli und seine Frau alles aufboten. Sie
+gab vor, sie werde zu Hause erwartet. Vielleicht langweilte sie die
+Gesellschaft auch.
+
+Zur allgemeinen Verwunderung hatte sich Ginstermann erboten, die Damen nach
+Hause zu begleiten.
+
+Sie gingen alle drei langsam, wie vornehme Leute. Die Mädchen dicht
+nebeneinander, er links von ihnen. In gemessenem Abstand, als sei noch eine
+vierte Person da, die unsichtbar zwischen ihm und den Mädchen schreite.
+
+Es sei nicht einmal kalt.
+
+Nein, sehr angenehm sogar.
+
+Und man habe doch erst März. Im März sei es für gewöhnlich noch sehr
+unfreundlich.
+
+Ginstermann erwiderte nichts mehr darauf, und sie schwiegen wieder.
+
+Eine eigentümliche Unruhe erfüllte ihn. Die Ereignisse des Abends hatten
+ihn verwirrt.
+
+Noch immer hörte er die Worte, mit denen er den Mädchen seine Begleitung
+angeboten, in sich klingen. Das war gar nicht seine Stimme gewesen. Wieder
+und wieder sah er sich aufstehen, den Stuhl unter den Tisch schieben und
+Fräulein Bianka Schuhmacher in ihre klugen, durchsichtigen Augen hinein
+fragen, ob es ihnen nicht unangenehm wäre, wenn er mit ihnen ginge. Das war
+alles so unerklärlich rasch und ohne eigenen Willen geschehen. Er erinnerte
+sich, daß seine Hand zitterte, als er ihr beim Anlegen des Abendmantels
+behilflich war: der Stoff dieses Mantels hatte sich so sanft angefühlt wie
+Schnee.
+
+Und dann dieses zufällige Wiedersehen . . .
+
+Da war wiederum Kapellis Atelier, ein Saal nahezu infolge des Meeres von
+Zigarettenrauch und der drei feierlich verschleierten Lampen, mit den
+abgetretenen Teppichen an den Wänden, die wie kostbare Gobelins aussahen,
+den Oleanderstöcken und der Menge Gesichter, deren Augen glänzten. Und er
+trat ein. Verwirrt durch den ungewöhnlichen Anblick, den Kopf noch erfüllt
+von der Arbeit des Tages. Und all die glänzenden Augen richteten sich auf
+ihn, Hände winkten, und man rief seinen Namen. »Bravo, der Einsiedler!«
+
+Da war Kapelli, im schwarzen Festrock, der ihn veränderte, mit dem
+gutmütigen Philistergesicht und den genialen Augen; Frau Trud, lachend wie
+immer, das goldblonde Köpfchen wiegend, eine zinnoberrote Schleife
+vorgebunden; die Faunsmaske des Malers Ritt, das verschwimmende bleiche
+Gesicht der Malerin von Sacken, ganz in Schwarz, eine Tragödie in ihrem
+Lächeln; Knut Moderson, der Karikaturenzeichner, Maler Maurer, der Lyriker
+Glimm, der blonde Goldschmitt und eine Menge anderer noch.
+
+Und da waren zwei junge Damen, die er nicht kannte, und bei denen man ihm
+seinen Platz anwies.
+
+Zwei verdutzte, erstaunte, ihn anstaunende braune Augen, mit
+Goldflitterchen darin, ein Puppengesichtchen, frisch, glänzend wie eine
+Kirsche, Grübchen in den Wangen.
+
+Und daneben zwei kühle, fragende Augen, blaßgrün wie Wasser, die jeden Zug
+seines Gesichtes mit einem Blick aufnahmen, ein feines, nervöses Antlitz,
+gleichsam durchsichtig, wie es Brustleidende haben. Ein Legendenantlitz.
+Und dieses Antlitz hatte er schon gesehen. Hatte er schon gesehen.
+
+Ah -- Kapelli hatte es modelliert. Es war die Büste die er »Seherin«
+genannt hatte. Das waren diese schmalen, halbgeöffneten Lippen, die zögernd
+den Duft von Blüten einzuschlürfen schienen. Und die markierten Schläfen,
+die bebenden, elfenbeinernen Nasenflügel. Wenn sich dieses schmale Antlitz
+zurückneigte, und die großen Augen sich auf ein Ziel in der Ferne hefteten,
+so war es ganz genau die »Seherin«.
+
+Kapelli hatte nicht umsonst seine prächtigen Augen.
+
+Aber dieses Legendenantlitz hatte er früher schon gesehen. Irgendwo, vor
+Jahren vielleicht. Er täuschte sich unmöglich. Und während sie rings von
+Siry sprachen, dem Dichter Siry, der sich vor einigen Wochen erschoß, sann
+er darüber nach, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte.
+
+Und da fiel es ihm ein. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn.
+
+Welch ein Zufall! Nun wußte er es.
+
+Das war im Hoftheater, vorigen Winter.
+
+Und er sann . . . . .
+
+Der blonde Goldschmitt, der ewig Lebendige, erzählte irgend etwas. Von
+seinen Fußwanderungen. Vorigen Sommer. Von mittelalterlichen Städtchen, die
+in der Dämmerung versanken und von Kornfeldern, die in der Sonne kochten,
+und vom Meer, das er in einer Sommernacht hatte leuchten sehen. Und vom
+Walde -- ah, vom Walde. Goldschmitt, der Malerdichter. Er sprach nur in
+Superlativen, ebenso seine Mienen. Und fortwährend strich er sich mit den
+Fingern über das strähnige Haar, das von der Stirne bis in den Nacken lief,
+eine einzige Welle. Und Dichter Glimm saß, ohne eine Silbe zu sprechen, die
+Zigarette zwischen den Lippen, durch die Wimpern ins Licht blickend, und
+ließ sich durch Goldschmitts Schilderungen Stimmungen suggerieren.
+
+Dieser Goldschmitt erzählte in der Tat gut. Er sah impressionistisch, immer
+Licht, immer Farbe, ein roter Klecks auf dem Kirchturmdach, und das Bild
+war fertig.
+
+Dazwischen kam Kapelli mit der Zigarettenschachtel und beugte sich über den
+Tisch, so daß ein Büschel grauer Haare über seine Stirne fiel. Wenn er
+sprach, so funkelten die Vokale gleich leuchtenden Steinen, und man
+verspürte Lust, ihn zum Singen aufzufordern.
+
+An den Tischen lärmten und lachten sie, und ewig war Ritts nasale Stimme zu
+hören.
+
+Und Fräulein Scholl hing mit den Blicken an Goldschmitts Lippen und hielt
+die Zigarette mit steifen, ungewohnten Fingern, hier und da Tabak von den
+Lippen nehmend. Sie schüttelte den Kopf, wenn sie lachte, und die Wellen
+ihrer Haare wippten. Diese Haare waren von genau der gleichen Farbe wie
+ihre Augen. Ihre Zähne waren schneeweiß, klein, Puppenzähne, und zuweilen
+blitzte eine goldene Plombe auf. Manchmal unterbrach sie den Erzählenden
+und begann eine ähnliche Schilderung, um mitten darin abzubrechen, da ihr
+der Ausdruck fehlte. Dann blies sie stets eine dünne Rauchwolke in die
+Luft.
+
+Daneben ihre Freundin, reserviert im Wesen. Sie lächelte liebenswürdig. Sie
+rauchte nicht. Sie hielt die Augen auf Goldschmitt gerichtet und brachte
+ihn einigemal in Verwirrung, als er sich ungeschickt ausdrückte. Es war,
+als beobachte sie genau, was um sie vorging, und bilde sich über alles ein
+Urteil. Dazwischen wieder lachte sie herzlich, wie ein Kind, als sei sie
+für einen Augenblick eine andere geworden. Wenn sie sprach, so sprach sie
+schön und ohne Hast. Ihre Stimme erinnerte an die Töne einer Geige, sie war
+weich und gedämpft. Diese Stimme drang tiefer als in die Ohren und erweckte
+das Bedürfnis, sie bei geschlossenen Lidern zu hören. Gleichzeitig klang
+der kühle Stolz einer sich abschließenden Seele aus ihr.
+
+Und er saß und sann.
+
+Wie seltsam es doch ist, dachte er, das Schicksal hat die Menschen an Fäden
+und führt sie zusammen und auseinander und wieder zusammen, je nach seiner
+Laune.
+
+Hier also traf er sie wieder.
+
+Schon angesichts der Büste hatten seine Gedanken hartnäckig eine Erinnerung
+in ihm auszulösen gesucht. Er entsann sich dessen noch deutlich.
+
+Aber nun stand sie klar vor seinen Augen, wie an jenem Abend.
+
+In leuchtend weißem Kleide sah er sie vor sich, auf Marmorstufen stehend,
+mitten im Licht. Und sie hielt die großen Augen auf ihn geheftet, gleichsam
+erstarrt vor Freude. Als sei er ihr Geliebter und nach langer Fahrt über
+ferne Meere unerwartet zurückgekehrt. Er stieg die Stufen zum Foyer hinauf
+und hielt unwillkürlich den Schritt an, betroffen durch den Ausdruck dieses
+Blickes. Und sah sie an.
+
+Das alles währte nicht länger als eine Sekunde. Es war sonderbar, wie ein
+Rätsel.
+
+Sie hatte ihn heute nicht einmal wieder erkannt. Trotzdem war es ihm, als
+ob ihr Blick zuweilen über seine Züge tastete und etwas suchte.
+
+Dann erhoben sich die Damen, und auch er stand auf. Und ohne eigentlich
+daran gedacht zu haben, bot er ihnen seine Begleitung an.
+
+Und nun ging er neben ihnen her.
+
+Und war noch so verwirrt durch die Eindrücke des Abends, daß er kein Wort
+zu sprechen vermochte.
+
+All die vielen Gesichter schwebten ihm noch vor Augen, lächelnd, lachend,
+mit den Augen zwinkernd, er hörte immer noch das Gewirr von Stimmen, und da
+war wieder die verschleierte Lampe, das mit Zigarettenasche bestreute
+Tischtuch, Goldschmitt, Glimm, Fräulein Scholl und daneben Fräulein
+Schuhmacher.
+
+Er sah sie ganz deutlich vor sich. Ihre hellen Augen, ihre schmalen Lippen,
+die leise und vornehm lächelten, ihre Hand. Er hatte noch nie eine solche
+Hand gesehen. Sie erschien ihm wie ein denkendes, selbständiges Wesen.
+
+Und wieder empfand er jenen undefinierbaren Schrecken wie in jenem Moment,
+da er in seinem Gegenüber jene Dame vom Hoftheater entdeckte.
+
+Ah -- das war auch zu sonderbar. Das mochte jetzt über ein Jahr her sein.
+
+Wiederum aber war es ihm unerklärlich, wie ihn dieser alltägliche Zufall in
+derartige Aufregung versetzen konnte. War ihm diese Spannung rätselhaft,
+mit der er jeder Bewegung dieses Mädchens gefolgt war, jeder noch so
+unmerklichen Veränderung dieses durchsichtigen Antlitzes.
+
+Das war absolut nicht mehr die Objektivität, mit der er sonst seine Modelle
+studierte.
+
+Wurde er nicht komisch vor sich selbst, daß er mit den jungen Damen lange
+Straßen entlang ging? Wenn er aber ehrlich sein wollte, so mußte er sich
+gestehen, daß es ihm auf der anderen Seite unangenehm gewesen wäre, hätte
+ein anderer diese Rolle übernommen. Daß es ihm gleichzeitig eine physische
+Befriedigung bereitete, neben dem schlanken Mädchen einherzugehen.
+
+Er dachte an sein verlassenes, dunkles Zimmer, das er liebte nahezu wie
+einen Menschen. Er sah sich bei der Lampe sitzen und schreiben, wie er es
+Tag für Tag, seit zwei Jahren gewohnt war. Er sah seine Manuskripte auf dem
+Tische liegen, mit der großen Rede Rammahs, die er in der Mitte abgebrochen
+hatte, um zu Kapelli hinunterzusteigen. Es erschien ihm töricht, daß er
+seine Arbeit im Stiche gelassen hatte. Kapelli hätte es ihm gewiß nicht
+übel genommen, wenn ihm auch Frau Trud einige Zeit böse gewesen wäre. Nun
+würde er die große Rede, die Rammah, der Gefangene, an die Königin Lehéhe
+zu richten hatte, beendigt haben. Rammah, der seinen Kopf aufs Spiel
+setzte, um noch einmal das Antlitz seiner Geliebten zu sehen.
+
+Und er dachte an Rammah und Lehéhe, die Königin. Und wiederholte sich im
+Geiste die Szene und die Worte, die der Gefangene zuletzt sprach.
+
+Rammah sagte: Gib dem Gefangenen eine Hand voll Ton, er wird das Bildnis
+seines Weibes formen, bei Tag, bei Nacht, in jeder Miene -- so formt ich
+Euer Bildnis, Königin, bei Tag, bei Nacht, aus Wolken, Steinen, Wasser,
+Bäumen, Wind, in jeder Mime, stolz und milde, lächelnd, strahlend, wie ich
+es sah.
+
+Und nun sollte er erzählen, daß ihn seine Qual zu den Mönchen getrieben.
+
+Aber seine Rede verwirrte sich.
+
+Eine unerklärliche Erregung erschütterte Ginstermanns Wesen.
+
+Während er sich diese Worte wiederholte, erschien es ihm, als empfände er
+sie inniger als am Abend, als kämen sie aus dem Tiefsten seines Wesens. Und
+Lehéhe, die Königin, hatte sich verändert. Nicht mehr die orientalischen
+Züge, die schmale gebogene Nase, das blauschwarze glatte Haar, nun trug sie
+die Züge des Mädchens, das ihm zur Seite schritt . . . . .
+
+Ginstermann hüllte sich dichter in den Mantel und gab sich Mühe, auf andere
+Gedanken zu kommen.
+
+Die Gewänder der Mädchen rauschten sanft. Es war ihm, als gingen sie sehr
+rasch. Diese Vorstellung wurde dadurch verstärkt, daß man ihre Schritte
+nicht hörte. Es war frischer Schnee gefallen.
+
+Die Straßen erschienen breiter und öder. Dunkle, unnatürlich große
+Fußspuren liefen über die Trottoire. Die Bogenlampen leuchteten trüb,
+umflimmert von feinem Schneestaub, den ein großes Sieb über sie zu
+schütteln schien. Dunkle Gestalten tauchten lautlos auf, verschwanden
+lautlos. Irgendwohin. Schatten gleich, die die Straßen einer toten Stadt
+durchwandern.
+
+Und sie selbst glichen solchen Schatten.
+
+Ginstermann hatte das peinliche Gefühl, daß die Mädchen auf eine Anrede
+seinerseits warteten. Ja, vielleicht belustigten sie sich über ihn, der
+nichts wußte, als vor sich hinzugrübeln. Es war nicht ausgeschlossen, daß
+Fräulein Scholl ihre Freundin in den Arm kniff und in sich hineinkicherte.
+
+Aber ein Seitenblick überzeugte ihn, daß sie beide in Gedanken versunken
+waren, die nicht in direktem Zusammenhang mit dieser Wanderung standen.
+
+Beide lächelten. Aber dieses Lächeln war grundverschieden. Bei Fräulein
+Schuhmacher hauchte es aus den halbgeöffneten Lippen, bei Fräulein Scholl
+sprühte es in den Wangengrübchen.
+
+Es schien, als denke die eine über etwas Hübsches nach, das in der
+Vergangenheit ruhte, die andere über etwas Hübsches, das aus der Zukunft
+schimmerte.
+
+Fräulein Schuhmacher ging mit geöffneten Augen und blickte zu Boden, als
+beobachte sie das Spiel ihres Schattens, der bald vorauseilte, bald unter
+ihren Schritten durchschlüpfte. Ihr Profil war von vornehmer, reiner Linie.
+Die Stirne gedrückt und eigensinnig. Der Mund der eines Menschen, der wenig
+gelacht und viel gelitten hat.
+
+Fräulein Scholl hielt die Augen geschlossen, und diese geschlossenen Augen
+lächelten.
+
+Während ihre Freundin leicht vornübergebeugt schritt, das Wippen der
+Libelle im Gang, ging sie aufrecht, mit steifem Stolze. Den Kopf etwas auf
+die Brust gesenkt.
+
+Man konnte sie sich gut als würdevolle Dame vorstellen.
+
+Ginstermann sann darüber nach, was er den Damen sagen könne.
+
+Der Wunsch erwachte in ihm, ihnen durch irgend eine Bemerkung aufzufallen.
+
+Er war oftmals nahe daran zu beginnen, aber stets fand er die Bemerkung
+deplaziert oder banal. Die einleitende Bemerkung, einleitende Frage
+forderten sein Lächeln heraus infolge ihrer Ähnlichkeit mit den
+Ballgesprächen in den Witzblättern. Mit nervöser Hast suchte er in seinem
+Kopfe nach einem Gedanken, den er hätte anbringen können. Er hätte sich
+gern geistreich, witzig gezeigt. Er hätte den Mädchen gern etwas mit nach
+Hause gegeben, ein kleines souvenir de Ginstermann, etwas, das sie noch
+beschäftigte, während sie sich entkleideten. Etwas Frappierendes, das sie
+kopfschüttelnd zu fassen suchten, ein schönes Wort, das noch auf der
+Schwelle ihres Schlafes vor ihnen schimmerte.
+
+Aber seine Gedanken schleppten altes Zeug herbei, das einem jeder von den
+Lippen ablas, wenn man es aussprechen wollte. Oder Einfälle, die er früher
+irgendwo geäußert, und suchten ihn zur Kolportage seiner eigenen Gedanken
+zu verführen.
+
+Was sollte er diesen Mädchen sagen?
+
+Sollte er ihnen einen Vortrag halten über die Schuld im modernen Drama,
+über die Phonetik des Dialogs?
+
+Über die seelische Armut eines Mädchens aus guter Familie? Über Bücher,
+Theater, Musik?
+
+Sollte er ihnen die Grimasse der modernen Gesellschaft mit höhnenden
+Strichen skizzieren?
+
+Sollte er ihnen sagen: Meine Damen, so kahl wie dieser Baum hier ist unsere
+Zeit an Schönheit und dem Wunsche nach ihr. Aber es werden Generationen
+kommen, deren Schönheitsdurst so gewaltig sein wird, daß man das
+herrlichste Weib des Landes, nackt, auf geschmücktem Wagen durch die Stadt
+führen wird.
+
+Was sollte er sagen? Sollte er sagen --?
+
+So sehr er sich bemühte, er fand nichts.
+
+Er hatte es verlernt, mit Menschen zu verkehren, mit jungen Damen angenehm
+zu plaudern. Die Jahre seiner Einsamkeit hatten ihm die Lippen
+verschlossen.
+
+Wußte er, was diese Mädchen interessieren konnte?
+
+»Ach, wie entzückend!« tief Fräulein Scholl plötzlich aus und blieb stehen.
+»Ist es nicht herrlich?«
+
+Der Marmorpalast der Akademie lag vor ihnen.
+
+Vom bleichen Lichte des Mondes durchstrahlt, umgeben von dunklen
+Häusermassen, stieg er empor aus wipfelkahlen Bäumen wie ein heiliges
+Denkmal, durch eine Luftspiegelung aus einer herrlichen Welt
+herübergetragen. In seiner mehr denn totenhaften Stille, die nicht mehr das
+Ohr, nur die Phantasie faßte, in seiner sanften Schönheit stand er
+außerhalb alles Irdischen, außerhalb der Zeit, bereit, jeden Augenblick zu
+versinken und trivial-praktische Häuserklumpen zu enthüllen.
+
+Ginstermann wußte: Das ist der Palast eines gewaltigen Königs. Der König
+ist gestorben und liegt aufgebahrt auf dunklem Sarkophage inmitten des
+Palastes. Zu seinen Füßen kauert sein Weib. Pechpfannen umflammen das
+Lager. Und morgen wird der Palast in Flammen stehen, und den Platz werden
+Menschen erfüllen, tränenlos in ihrer Trauer, als ein starkes Volk. Und
+Priester werden das Blut von tausend Kriegern in die rauchenden Trümmer
+gießen, dem Geliebten zu opfern.
+
+»Ist es nicht überwältigend?« flüsterte Fräulein Scholl.
+
+»Es ist schön,« sagte Ginstermann.
+
+Fräulein Schuhmacher streifte ihn mit einem Blicke, wie um die Gedanken zu
+erraten, die er ihnen vorenthielt.
+
+Fräulein Scholl wohnte in der Schackstraße. Sie begleiteten sie bis zur
+Türe, dann gingen sie weiter. Die Leopoldstraße hinunter.
+
+ * * * * *
+
+Sie gingen nun allein.
+
+Mit der Entfernung der Freundin war die Last auf Ginstermanns Seele um das
+Doppelte gewachsen.
+
+Seine Verwirrung steigerte sich, und er fühlte, wie er die Herrschaft über
+seine Gedanken verlor. Vergebens strengte er sich an, seine Gefühle zu
+entwirren. Er empfand wiederum den schwindelartigen Zustand, der ihn
+ergriff, als er aufstand, um den Damen seine Begleitung anzubieten.
+Gewohnt, immer Herr der Situation und seiner selbst zu sein, empfand er ihn
+als eine demütigende Peinigung. Es war ihm, als habe man ihn in eine
+Narkose versetzt, gegen die sich seine halbbetäubten Sinne erfolglos
+sträubten.
+
+Gleichsam ohne selbständigen Willen schritt er neben diesem Weibe einher.
+Einem Trabanten ähnlich, der in die Bahn eines mächtigen Sternes geriet.
+Die Seele dieses Weibes hatte sich der seinigen bemächtigt und lockte ihn
+mit der Gewalt ihres Rätsels.
+
+Diese Situation, das Schweigen, aus dem man heraushören konnte, was man
+wollte, wurde ihm unerträglich.
+
+Er richtete sich auf, steckte die Hände in die Manteltaschen, bemüht, sich
+vor sich selbst das Aussehen eines gleichgültigen Menschen zu geben.
+
+Er hörte ihre Schritte über den Boden gleiten, ihre Kleider rauschen, er
+bemerkte jede Bewegung ihres Kopfes, ihrer Hand, ohne jedoch sein volles
+Bewußtsein zurückfinden.
+
+Die Straße war schnurgerade, wie ein Lineal. Blendend weiß in der Nähe, von
+düsterem Rauch erfüllt in der Ferne. Beschneite Pappeln flankierten sie,
+die ihnen in langsamem Zuge entgegenpilgerten.
+
+Dann und wann krauchte ein Schatten heran. Die Helmspitze eines
+Schutzmannes blitzte auf. Eine Katze überschritt geschmeidig die Straße,
+behutsam Pfote um Pfote in den Schnee setzend.
+
+Jeder, der an ihnen vorüberkam, blickte sie an. War es ein Herr, so
+musterte er zuerst seine Begleiterin, dann ihn; war es eine Dame, so galt
+ihm der erste Blick. Alle dachten sich etwas. Sie dachten, es sind
+Liebesleute, die sich gezankt haben und nun still, voneinander entfernt
+ihre Straße gehen. Oder sie dachten, es sind Leute, denen die aufkeimende
+Liebe die Lippen verschließt und schwermütige Gedanken eingibt.
+
+Während seine Sinne dies mechanisch beobachteten, rang seine Seele mit der
+fremden Gewalt, die auf ihn eindrang.
+
+Er wollte froh sein, wenn er wieder allein war. Auf der andern Seite jedoch
+fürchtete er diesen Moment und suchte er nach Möglichkeiten, ihn
+hinauszuschieben. Mit ärgerlichem Schrecken dachte er daran, daß er zum
+ersten und voraussichtlich zum letzten Male neben diesem Weibe ging, das
+seiner Seele nicht gleichgültig war. Und daß er es nicht verstanden hatte,
+diese günstige Lage auszunützen, das Wesen dieses Mädchens zu ergründen,
+und dadurch seine Gedanken vor der peinigenden Gier zu behüten, mit der sie
+ein ungelöstes Rätsel zu umkreisen pflegten.
+
+Da vernahm er plötzlich ihre Stimme.
+
+Er verstand ihre Worte nicht und mußte sich erst ihren Klang ins Gedächtnis
+zurückrufen, bevor er sie erfaßte.
+
+»Kennen Sie denn meine Gedichte?« antwortete er lächelnd, erfreut, daß das
+Stillschweigen gebrochen war.
+
+Sie hatte gesagt: Ich kenne ein Gedicht von Ihnen, Herr Ginstermann, das
+sehr schön ist.
+
+»Ja,« erwiderte sie, »ich habe sie gelesen. Ein Herr machte mich darauf
+aufmerksam. Viele sind mir zu herb, zu bitter, aber dieses eine ist sehr
+schön, und ich empfand das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen, bevor wir uns
+trennen. Es heißt: Martyrium.«
+
+»Das war mein erstes, Fräulein Schuhmacher.«
+
+»Ihr erstes?«
+
+»Ja. Ich trottete meine Straße. Da kam es. Ganz von selbst, ich hatte
+früher nie Verse geschrieben.«
+
+Sie schwieg und blickte sinnend zu Boden.
+
+Da erschrak Ginstermann. Diese wenigen Worte erlaubten ihr, eine Menge
+Schlüsse auf sein damaliges Innenleben zu ziehen.
+
+»Der Gedanke ist schön, und das Bild ist schön,« fuhr sie leise fort, »es
+hat einen tiefen Sinn. Ich kenne kein Gedicht, das einen so tiefen Eindruck
+in mir hinterlassen hätte.«
+
+Er wußte, daß dieses Gedicht gut war, zu seinen besten gehörte. Aber keine
+einzige Besprechung hatte es besonders hervorgehoben. Um so seltsamer
+erschien es ihm, daß sie darauf gekommen war.
+
+Das Gedicht war sehr einfach. Ein Mann, der vor einem Weibe in unverhüllter
+Schönheit kniet, bittet es, ihm den Dornenkranz der Liebe, mit dem es ihn
+krönt, tief, tief ins Haupt zu drücken.
+
+»Hier bin ich nun zu Hause,« sagte Fräulein Schuhmacher und blieb stehen.
+
+Sie standen vor einer Villa in modernem Stile, deren originelle Architektur
+Ginstermann schon früher aufgefallen war. Zwei Fenster der ersten Etage
+waren matt erhellt, als läge ein Kranker im Zimmer.
+
+Ginstermann griff an den Hut, da es sich nicht schickt, eine Dame vor der
+Türe noch zu verhalten.
+
+Aber sie schien es nicht zu bemerken.
+
+Ihr Blick ruhte auf seinem Antlitz, und wieder gewann er die Vorstellung,
+als suche sie nach irgend etwas.
+
+»Wir sahen uns übrigens schon einmal,« begann sie von neuem, und ihr Blick
+traf voll den seinigen.
+
+An diesem Blicke erkannte er sie.
+
+Hier ist ein Mensch! dachte er, freudig erschreckend. Er fühlte, wie die
+Erregung in langer Welle durch seinen Körper lief.
+
+Diese Augen waren hell und durchsichtig, als brenne ein Licht hinter ihnen.
+Er wußte, hinter diesen Augen wohnt jemand.
+
+»Ja, im Hoftheater,« erwiderte er, und er lächelte und blickte ihr in die
+Augen. Es erschien ihm, als seien sie langjährige Bekannte.
+
+»Ich verwechselte Sie damals mit jemandem,« fuhr sie fort, und ihre Lippen
+zuckten sonderbar, als unterdrückte sie ein Lächeln.
+
+Er habe das sofort bemerkt.
+
+Fräulein Schuhmacher blickte zum Himmel empor, aus dem große nasse Flocken
+fielen.
+
+»Es taut,« sagte sie, »ich glaube, es wird nun wirklich Frühling.«
+
+Das klang einfach, aber eine krankhafte Sehnsucht nach dem Frühling lag in
+dem Tone ihrer Stimme und den Blicken, mit denen sie die großen Flocken
+verfolgte.
+
+Dann bot sie ihm die Hand, indem sie ihm für die Begleitung dankte. Sie sah
+ihn dabei an, aber es schien, als blickte sie durch ihn hindurch.
+
+Ginstermann entgegnete: »Ich danke, Fräulein Schuhmacher.« Das »Ich«
+betonend.
+
+Sie blickte ihn mit leichter Verwunderung an.
+
+Er aber wiederholte: »Ich danke.« In der gleichen Betonung.
+
+Da drückte sie ihm die Hand, jedoch ohne eine andere Sprache als die der
+Höflichkeit einer modern denkenden Dame.
+
+»Adieu,« sagte sie, »auf Wiedersehn.«
+
+»Adieu,« sagte er.
+
+Sie nickte und ging. Im Augenblick war sie verschwunden.
+
+Ein dunkles, schweres Tor glitt lautlos hinter ihr ins Schloß, lautlos,
+unaufhaltsam.
+
+Ginstermann stand allein auf der Straße. Plötzlich fühlte er, daß es düster
+und kalt war.
+
+Er stand noch eine Weile, dann wandte er sich und machte einige zögernde
+Schritte. Etwas hielt ihn zurück. Und nun blitzte es auf. Sie hatte gesagt:
+auf Wiedersehen. Sie hatte gesagt: auf Wiedersehen. Er hörte ganz deutlich
+ihre geschmeidige, leicht verschleierte Stimme. Aber das allein war es
+nicht.
+
+Er ging wieder auf die Stelle zurück, wo er sich von ihr verabschiedet
+hatte, gleichsam als höre er hier ihre Stimme mit größerer Deutlichkeit in
+seinem Gedächtnis wiederklingen.
+
+Sie hatte das »Wieder« betont. Das war es.
+
+Es war keine Höflichkeitsformel, mechanisch gesprochen. In dieser Betonung
+lag der Wunsch, ihn wiederzusehen und zugleich eine gewisse Freude, ihn
+kennen gelernt zu haben.
+
+Nun erst ging er seiner Wege.
+
+Nach geraumer Zeit bemerkte er, daß er die verkehrte Richtung eingeschlagen
+hatte.
+
+Er machte Kehrt und überschritt, als er sich der Villa näherte, die Straße,
+um nicht gesehen zu werden.
+
+Im Eckzimmer der ersten Etage war Licht. Rötliches, sanftes Licht, das
+durch das geöffnete Fenster wie feiner Dunst in die Straße hauchte.
+
+Er erschrack, ohne zu wissen weshalb, als er es bemerkte.
+
+Da wanderte die Flamme einer Kerze an den dunklen Fenstern der anstoßenden
+Zimmer vorbei und verschwand in dem Zimmer, das matt erleuchtet war.
+
+Ginstermann stand, verborgen im Schatten einer Pappel, und wartete. Er
+wartete lange und in sonderbarer Erregung, als spiele sich in dem Zimmer da
+droben etwas ab, was entscheidend für sein Leben sei. Und doch war es nur
+der Besuch eines Kindes bei seiner Mutter, vor dem Schlafengehen.
+
+Die großen, weißen Flocken fielen langsam auf ihn herab, ihn gleichsam
+durch ihr geheimnisvolles, sanftes Abwärtsgleiten in einen Zustand der
+Betäubung versetzend.
+
+Das Licht erschien wieder und wanderte an den Gardinen vorüber. Aus seinem
+Auf und Ab erkannte er ihren Schritt. Er bildete sich ein, das Schließen
+einer Türe zu vernehmen.
+
+Und nun erschrak er, daß er unwillkürlich tiefer in den Schatten
+zurücktrat.
+
+Sie war ans Fenster gekommen. Und sie blickte genau auf den Baum, der ihn
+verbarg.
+
+Etwas wie eine tödliche Angst packte ihn, sie könne ihn durch den dicken
+Baum hindurch bemerken.
+
+Zum ersten Male sah er, wie schlank sie war!
+
+Endlich wandte sie den Kopf, und er atmete auf.
+
+Sie trat zurück und schloß das Fenster. Er hörte es, als stände er dicht
+darunter, über ihre Hand, die den Knopf drehte, flossen die Vorhänge
+zusammen, und fingen den Schatten ihrer Gestalt auf.
+
+Das Verlangen erfaßte ihn, irgend etwas zu unternehmen, zu rufen, irgend
+etwas zu rufen, nur um sie noch eine Sekunde zurückzuhalten.
+
+Da wurden die Vorhänge licht.
+
+Er ging nach Hause.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Ginstermann verlebte die folgenden Wochen in gewohnter Zurückgezogenheit.
+
+Wie früher ließ er sich des Mittags seine Mahlzeit auf das Zimmer bringen,
+um nicht genötigt zu sein, in einem lärmenden Lokal zu speisen und mit
+gleichgiltigen Leuten ein Gespräch führen zu müssen. Nur des Abends, wenn
+die Dämmerung herabsank, und es dunkler war, als wenn alle Lampen in den
+Straßen brannten, verließ er zuweilen das Haus, um einen kurzen Spaziergang
+zu unternehmen. Diese Spaziergänge benutzte er dazu, sich in Gedanken auf
+die Arbeit des Abends vorzubereiten.
+
+Die Ereignisse jenes Abends hatten ihm zu denken gegeben.
+
+Zu nüchterner Vernunft zurückgekehrt, hatte er mit Erstaunen wahrgenommen,
+mit welcher Schnelligkeit er die Herrschaft über seine Seele verloren. Wenn
+er sich daran erinnerte, wie er hinter der Pappel stand und auf das
+schlanke Mädchen am Fenster blickte, so sah er gleichsam einen Fremden vor
+sich, dessen Gebaren er kopfschüttelnd und mitleidig lächelnd beobachtete.
+
+Er erklärte sich diese Erregung als eine Reaktion seines Gehirns, das sich
+seit Jahren in rastloser Tätigkeit befand, immer auf der Flucht vor alten
+und der Jagd nach neuen Gedanken, sich kaum die notdürftigste Ruhe und
+Zerstreuung gönnend.
+
+Jenes unscheinbare Erlebnis war für ihn das gewesen, was für den Nüchternen
+ein Schluck Wein ist, es hatte ihn berauscht. --
+
+Ginstermann hatte früher ein Leben ohne Maß und Ziel gelebt, teils von
+seinen lebendigen Sinnen getrieben, teils von dem Wunsche, den Hunger
+seiner Seele an möglichst vielen Eindrücken zu stillen. Erst seine reisende
+Erkenntnis gebot ihm eine Regulierung seiner Lebensweise, wenn er seine
+Seele nicht durch Erinnerungen überlasten wollte.
+
+Sie riet ihm zur Vorsicht angesichts der Empfindsamkeit seiner Seele, die
+eine Leidenschaft in jungen Jahren noch gesteigert hatte.
+
+Jahre der Einsamkeit und Verinnerlichung ließen Erkenntnisse in ihm reifen,
+die ihm Welt und Menschen in neuem Lichte zeigten.
+
+Er erkannte, daß das, was man im allgemeinen Leben nannte, ärmlich und
+nüchtern war gegen ein Leben in der Phantasie, gegen die Beschäftigung mit
+den ewigen Ideen, die geheimnisvoll die Jahrtausende regieren, das Tun der
+Menschen bestimmen.
+
+Nach und nach war er zur gänzlichen Unfähigkeit gelangt, mit den Menschen
+zu verkehren.
+
+Er verachtete, er bemitleidete sie.
+
+Sie waren ihm zu wenig Luxuswesen, zu wenig Dichter, ohne freie Gefühle,
+ohne den Wunsch nach Flügeln. Ihre Ziele waren klein und kläglich und
+reichten nicht über den Tag hinaus. Die gesicherte Existenz im Himmel hatte
+sie vergessen lassen, daß der Mensch auch auf der Erde etwas zu vollbringen
+hatte.
+
+Seine Geschlechtsgenossen waren ihm nicht sympathisch. Ihre rohen Sinne,
+ihre Lüsternheit, ihre vergiftete Phantasie stießen ihn ab. Die
+Widerstandslosigkeit, mit der sie sich den von der Masse diktierten
+Gesetzen und ihren Trieben unterwarfen, machte sie ihm erbärmlich.
+
+Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt
+zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig
+Schöpferische, seine Freude an glitzernden Dingen ließen es ihm als ein
+Wesen erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurück war und sich
+nicht Mühe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen
+des Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von
+seiner Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben.
+
+Auf die Suche zu gehen nach einem Gefährten, einer Gefährtin, hatte er
+schon lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, daß in jedem neuen
+Menschen wieder der alte steckte, dem er mißmutig und gelangweilt den
+Rücken gedreht hatte.
+
+Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung
+gelitten hätte. Es geschah manchmal, daß er des Nachts mit fiebernden Augen
+in die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein
+Herz in ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte.
+
+Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklüftet. Er hatte das
+empfindsame, lebensfrohe Gemüt seiner Mutter geerbt und den hochmütigen
+Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemüt und Verstand, lebten in
+ungleicher Ehe. Er pflegte über seine weichen Empfindungen spöttisch zu
+lächeln. Er stand skeptisch jeder Erscheinung gegenüber und entkleidete sie
+des Tandes, mit dem gutmütige Dummköpfe sie geschmückt. Im Grunde seiner
+Natur aber lebte das Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklären und mit
+einem Schmucke zu versehen, wie ihn seine Seele liebte.
+
+In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner
+Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkörper wiederum auszuscheiden,
+die seiner Seele gefährlich zu werden gedroht hatten.
+
+Er machte Nachträge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen,
+blätterte in alten Manuskripten, ließ wieder und wieder die ewigen Fragen
+Revue passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend.
+
+Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen überblickte, erkannte er
+mit Deutlichkeit, daß sein Weg in die Höhe führte. Abgründe lagen zwischen
+ihm und der Welt. Und alle Brücken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtümer
+und Götzen überwunden.
+
+Mit Genugtuung bemerkte er, daß er gewachsen war, seit er sich das letzte
+Mal sah, daß seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu
+schleudern.
+
+Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut über ihn und neuer Stolz. Ein
+ungestümer Schaffensdrang erfüllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude
+und Finderglück verbrachte er seine Tage und Nächte.
+
+Draußen schneite und stürmte es. Es war ihm gleichgültig, ob das Jahr
+vorwärts oder rückwärts ging.
+
+Der Vorfall von neulich entwich in weite Fernen und verlor an Leben und
+Bedeutung. Das schlanke Mädchen tauchte nur dazwischen in seinen Gedanken
+auf und versuchte ihn mit großen, schimmernden Augen zu bannen. Aber sie
+brachten ihm keine Gefahr mehr. Blick und Farbe erloschen, sobald er es
+wollte.
+
+Und nur, wenn sein Gehirn müde war von langer Arbeit, stieg der Wunsch in
+ihm auf, das Mädchen wiederzusehen, sich zu erfreuen am Klange dieser
+Stimme, der Klarheit dieser Augen. Aber des Morgens erwachte er stets
+heiter, sorglos und ohne Wünsche.
+
+Der Wert jenes Weibes verringerte sich keineswegs in seiner Vorstellung. Er
+war überzeugt, daß sie einen reiferen, höheren Typus repräsentierte, als
+ihre Schwestern, die er kannte.
+
+»In seinem Herzen jedoch wohnte die Sehnsucht nach einem Weibe hinter den
+Sternen. Singe hieß sie, das ist: ich bin nicht.«
+
+Seine Gefühle gehörten den Gestalten, die er schuf, seine Gedanken gehörten
+ihnen.
+
+Seine Seele gehörte seiner Arbeit, seinem Ziele.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Es war nun wirklich Frühling geworden.
+
+Finsternis und Rauch des Winters waren verschwunden, und die Kälte vorüber,
+die einem wie eine Katze ins Genick sprang, wenn man das Haus verließ.
+
+Über den Häusern wölbte sich ein wolkenloser Himmel gleich einer ungeheuren
+Flagge von blaßblauer Seide. Weiche, laue Luft hauchte durch die Straßen.
+Die Stadt erschien wie aus einem klaren, duftenden Bade gestiegen.
+
+Die Trottoire waren reingefegt von Sand und Schlacke, erfüllt von
+Spaziergängern. Jeder, dem es möglich war, ging zu Fuß, um die herrliche
+Luft und die wärmende Sonne zu genießen. Man trug Kleider von hellerer
+Farbe, und aus den Herzen der Menschen war der Mißmut entwichen, den der zu
+Ende gehende Winter erzeugt. Aus ihren Augen spiegelte der junge blaue
+Himmel. Wagen, besetzt mit Frauen und Kindern in schmucken
+Frühlingsgewändern, flogen an den Spaziergängern vorüber, und aus den
+Gesichtern der Insassen strahlte die Freude, bald den Wald und die Wiesen
+zu sehen.
+
+Ginstermann hatte den Entwurf seines Dramas beendigt und benutzte das
+verlockende Wetter, um sich zu erholen, neue Kraft und neuen Blick für die
+Ausarbeitung zu gewinnen. Er wanderte stundenlang in den Straßen umher, mit
+wachen Augen und Ohren für alles, was um ihn vorging.
+
+Er trug einen hellen Sommeranzug, der ihn ganz veränderte. Mit seinen
+schwarzen Augen und Haaren, dem elfenbeingelben Teint seines schmalen
+Gesichtes erschien er wie ein Südländer. Die ewige Zigarette im Munde,
+schlenderte er einher, wie einer, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, als
+spazieren zu gehen und Zigaretten zu rauchen.
+
+Auf einer dieser Promenaden -- es war gegen Abend -- sah er sie. Fräulein
+Bianka Schuhmacher.
+
+Und ein eigentümliches Erschrecken durchlief ihn, als er sie gewahrte.
+
+Eine schlanke Dame ging mit einem Herrn über den Odeonsplatz. Gestalt und
+Gang dieser Dame riefen augenblicklich das Bild von Fräulein Schuhmacher in
+ihm wach.
+
+Voller Spannung sah er sie näherkommen.
+
+Sie trug ein graues Jackett, das ihr bis an die Knie reichte, einen kleinen
+schwarzen Hut mit silbergrauem Schleier herum.
+
+Sie bemerkte ihn nicht, sie plauderte eifrig und vergnügt mit ihrem
+Begleiter. Dieser war schlank, schmalbrüstig, größer noch als sie, mit
+hübschem, für einen Mann zu hübschem Gesicht, dessen Teint an den eines
+Kindes erinnerte. Er trug einen dünnen blonden Schnurrbart, und über seine
+Wange lief ein haarfeiner Schmiß.
+
+Kleidung und Bewegungen verrieten den Mann der feinen Gesellschaft, dem der
+Sinn für das Korrekte, Tadellose angeboren ist.
+
+Sie gingen nun gegenüber von ihm, eine Straßenbreite entfernt.
+
+Der blonde hübsche Herr schüttelte leicht den Kopf voller Vergnügen über
+eine Bemerkung seiner Dame.
+
+Er hörte das Mädchen sprechen und den Herrn antworten. Er verstand nichts,
+nur, daß er »Du« zu ihr sagte.
+
+Da hielt sie plötzlich im Plaudern inne, und ihr Blick traf unvermittelt
+den seinigen. Groß, ruhig, mit einem verborgenen Lächeln in den Augen sah
+sie ihn an.
+
+Er zog den Hut.
+
+Sie dankte, aber mehr mit den Augen als dem Neigen des Kopfes, das kaum
+wahrnehmbar war.
+
+Der blonde hübsche Herr grüßte hastig und tief, ja mit einem gewissen
+Respekte, wie um durch die Achtung, die er einem Bekannten seiner
+Begleiterin zeigte, ihr seine eigene Ehrerbietung auszudrücken.
+
+Ginstermann überschritt unwillkürlich die Straße, um den beiden unauffällig
+nachsehen zu können.
+
+Sie waren bei einer Kunsthandlung stehen geblieben, und er bemerkte, wie
+Fräulein Schuhmacher den Kopf nach ihm wandte, während sie plauderte. Er
+blickte aber im selben Moment weg und tat, als habe er es nicht bemerkt.
+
+Das Merkwürdige war, daß ihre Blicke ihn nicht auf der anderen Seite der
+Straße gesucht hatten.
+
+Eine Weile kämpfte er mit der Versuchung, den beiden zu folgen und ihnen
+nach geraumer Zeit wie zufällig wieder zu begegnen. Allein es kam ihm
+schülerhaft, seiner unwürdig vor, und er setzte seinen Weg fort. Er blickte
+sich auch nicht mehr um, obschon es ihm eine förmliche Anstrengung kostete,
+seinen Kopf gerade zu halten, den eine unsichtbare Hand zu drehen
+versuchte.
+
+Aber seine Gedanken, die eben noch wie wohlerzogene Kinder gefolgt hatten,
+vermochte er nicht mehr zu lenken.
+
+Sie gingen mit den beiden durch die Straßen, blieben mit ihnen bei den
+Auslagefenstern der Magazine stehen, lauschten auf ihre Gespräche und das
+vertrauliche »Du« des hübschen Herrn.
+
+Zu Hause angelangt, versenkte er sich in sein Manuskript, überzeugt, daß er
+sich dadurch zur Ordnung zwinge. Er sah sich getäuscht.
+
+Seine Gedanken fuhren fort, neben den beiden einherzugehen, sie traten mit
+ihnen in die Geschäfte, beteiligten sich an der Auswahl des Gegenstandes
+und schlüpften zwischen ihnen und der Verbeugung des Kommis zur Türe
+hinaus. Sie stiegen mit ihnen in eine Droschke, sahen zu, wie sie an einem
+tadellos gedeckten Tisch, an dem noch einige andere Leute saßen, dinierten.
+Sie hörten sie plaudern, mit den Bestecken klappern, beobachteten, wie die
+Tafel aufgehoben wurde, und man sich zur Ruhe in Sessel niederließ. Das
+alles, während er Worte vor sich las, die nur zögernd blasse und
+unzusammenhängende Eindrücke erweckten.
+
+Ärgerlich über sich sprang er endlich auf und nahm den Hut. Aber mitten auf
+der Treppe wandte er wieder um und kehrte in sein Zimmer zurück.
+
+Er lächelte über sein Betragen.
+
+Weshalb sollte er eigentlich fortlaufen, fragte er sich.
+
+Was kümmerte ihn dieses Mädchen? Was kümmerte ihn ihr Verlobter?
+
+Daß jener hübsche blonde Herr mit seinem rosigen Teint der Verlobte von
+Fräulein Schuhmacher war, erschien ihm außer Zweifel. Die respektvolle
+Vertraulichkeit, mit der er mit ihr plauderte und lachte, die ihr geltende
+Achtung, mit der er vor ihm den Hut gezogen, bewiesen ihm das zur Genüge.
+
+Aber was kümmerte ihn das?
+
+Sollte ihm das Mädchen deshalb begehrenswerter erscheinen, weil ein anderer
+seine Seele besaß?
+
+Zudem hatte sie ihn ja kaum gegrüßt, als scheue sie sich, ihrem Verlobten
+merken zu lassen, daß dieser Mensch in seinem lächerlichen Sommeranzug sie
+kenne.
+
+Unerklärt blieb allerdings, weshalb sie sich nach ihm umgewendet hatte.
+
+Aber das war nicht von weiterer Bedeutung.
+
+Vielleicht in Gedanken, vielleicht um zu sehen, ob er ihr und ihrem
+hübschen Kavalier nachgaffe. Vielleicht hatte sie zu ihm gesagt: Du guck,
+das ist der, der das Gedicht »Martyrium« geschrieben hat.
+
+Und der Blonde hatte geantwortet: Der mit den niedergetretenen Absätzen?
+
+Und sie hatten gelacht.
+
+Hatte er nicht deutlich ein Lächeln in ihren Zügen aufsteigen sehen, das
+sie Mühe hatte, so lange zu unterdrücken, als er herblickte?
+
+Auf- und abgehend, erfand er einen Dialog, in dem die beiden über ihn
+witzelten. Dadurch geriet er allmählich in eine heitere Stimmung, die ihm
+über den Vorfall hinweghalf.
+
+Er setzte sich an seine Arbeit, und nun hatten die Repliken plötzlich Klang
+und Sinn. Er arbeitete bis spät in die Nacht hinein und legte sich
+zufrieden mit sich nieder, noch während des Einschlafens mit dem Schicksale
+seiner Gestalten beschäftigt. --
+
+Am anderen Morgen fand er ein Billett im Briefkasten. Es hatte folgenden
+Inhalt: Weshalb sah man Sie denn solange nicht mehr? Ich vermutete, Sie
+seien erkrankt. Gruß, auf Wiedersehen, Bianka Schuhmacher.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Die Leopoldstraße ist eine schöne Straße.
+
+Jeder, der sie kennt, wird das zugeben müssen.
+
+Zu beiden Seiten stehen Paläste und Villen in endloser Reihe, von Gärten
+umgeben, die ein geschulter Gärtner pflegt. Die Portale sind massiv, von
+kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes
+Werk. Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in
+Proportionen und Schmuck.
+
+Das sind nicht Häuser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor
+Kälte und Nässe schützen, das sind Heime, in denen die Menschen leben.
+
+Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt
+das Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den
+Wänden.
+
+Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen
+herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhüten, die Damen in süßfarbenen
+Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der
+Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze.
+
+Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwürdig, ein hundertjähriges
+Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fußgänger vor den
+vorbeirollenden Wagen zu schützen und vor dem Anblick der rohen,
+schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald,
+das Feld hereingepilgert kämen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf
+die Wiesen führt, und man fühlt sich gleichsam entfernter von der
+fauchenden, surrenden, stauberfüllten Stadt.
+
+Im beginnenden Frühjahr bot die Straße ein berückendes Bild. Die Bäume, die
+Sträucher schlangen ihre frischgrünen Zweige in zierlichen Tanzgesten um
+die harten Ecken der Häuser, so daß Paläste und Villen den Eindruck
+erweckten, als hätten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut.
+Die Pappeln begannen zu knospen, und ab und zu schlüpfte ein kleiner Vogel
+aus ihrem Geäste.
+
+Ginstermann hatte an all dem Gefallen.
+
+Schon früher war er gerne diese vornehme Straße hinabgegangen, in der
+letzten Zeit kam er öfter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags,
+um sich in der Sonne zu wärmen, des Abends, um die süße Luft zu schlürfen,
+die schon gewürzt war von dem Duft der Blumen und Sträucher, die noch gar
+nicht blühten. Und hier außen war die Luft auch klarer als in den Straßen
+der Stadt, die nach dem Dunste und Schweiße des Tages rochen.
+
+Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden
+angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln
+jede Melodie ertötete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang.
+
+Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schädlichen Stoffen
+reinigen, die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm
+erzeugten. Deshalb gönnte er sich diese Spaziergänge. Zudem arbeitete er,
+während er ging. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was
+ihm bemerkenswert schien, verzeichnete. Und vielleicht würde er auch
+Fräulein Bianka Schuhmacher treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln
+können, oder sie würde am Fenster stehen, und er konnte zu ihr
+hinaufgrüßen.
+
+Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause näherte, überschritt er die Straße und
+setzte auf der anderen Seite ebenso gemächlich seine Wanderung fort, als
+sei er ganz zufällig über die Straße gegangen, und stände dort drüben nicht
+eine Villa, deren Fenster man von hier aus unauffällig überfliegen konnte.
+
+Dabei erfüllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefürchtete und
+ersehnte Moment könne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so
+unangenehm wäre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu
+werden.
+
+Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus,
+um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er
+befriedigt. Er wußte, sie ist da droben, liest, schreibt oder träumt,
+verspotteten ihn aber die weißen Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er
+unruhig und machte sich alle möglichen Gedanken.
+
+Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne daß er sein Zimmer verließ.
+Hartnäckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und
+kindisch. Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es für
+entwürdigend hielt, sich mit einer anderen Person zu beschäftigen als der
+eigenen.
+
+Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins
+schon müde?
+
+Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grübelte er über seinen
+Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Höhe seiner
+Vernunft.
+
+Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann
+pochte, brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor
+sich hertrieb.
+
+Er erschien wieder in der Nähe der Villa, morgens, mittags, nachts.
+
+Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nähern.
+
+In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin für ihren Gruß und grüßte
+er sie wieder.
+
+Hätte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben?
+
+Aber er zerriß sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel
+sorgfältig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dünkelhafte
+Flachheit des Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen
+gegeißelt hatte, die die Runde in der Bohême machten, sollte ein Billet an
+eine junge Dame schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser
+war als ihre Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr?
+
+Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie?
+
+Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen
+wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters.
+
+Seine Überzeugung ging dahin, daß es das beste sei, sich von diesen Ideen
+zu befreien, wenn er sich Klarheit über das Mädchen verschaffte. Würde er
+sie einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil
+bilden und demgemäß handeln.
+
+Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich saß sie in einer Laube
+des Gartens, der über die Villa blickte, mit Büchern und Zeitschriften ihre
+Tage verbringend.
+
+Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Büste war längst fertig. Ein
+paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo
+er abwesend war.
+
+Endlich löste sich das Rätsel.
+
+Er hatte eine halbe Nacht im Café zugebracht, um mittels Lektüre diese wie
+Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu verscheuchen,
+und wollte vor dem Nachhausegehen sich -- wie er es nannte -- nach ihrem
+Befinden erkundigen.
+
+Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem
+man liest oder schreibt, es war gedämpftes, sorgfältig gedämpftes Licht,
+wie es in Krankenzimmern brennt.
+
+Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas Übernatürliches
+geschehen.
+
+Nun wußte er es: sie war krank.
+
+Der Schmerz übermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr
+wie eine Säule und flüsterte: Sie ist krank.
+
+Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie
+ist krank.
+
+In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift
+und schrieb mit großen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist
+krank.
+
+Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht.
+
+Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu.
+
+Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank.
+Krank, krank, knarrte eine lockere Diele.
+
+Draußen sang der Südwind. Der Tag graute. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten
+hindurch.
+
+Der eine ist alt, lächelt das Lächeln des Stoikers in seinen weißen Bart,
+der andere ist jung, hübsch und schmalbrüstig. Er hat die rosigen Wangen
+eines Kindes.
+
+Ginstermann steht hinter einer Litfaßsäule und beobachtet sie. Er will aus
+ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das
+Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem
+stoischen Lächeln, das Gesicht des Jungen ist zu hübsch, um Gedanken
+verraten zu können.
+
+Sie gehen an ihm vorüber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er
+mit einer Stahlfeder am Rückgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein
+Handschuh entfällt ihm. Der Junge bückt sich rasch und gelenkig und hebt
+ihn auf.
+
+Danke, sagt der Alte, -- jawohl.
+
+Sonst vernimmt er nichts.
+
+Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre
+Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts.
+
+Hinter dem Siegestor ist der Junge plötzlich verschwunden, spurlos, als sei
+er in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen
+Schrittchen die Straße hinauf. Er tritt in ein Haus, verläßt es nach einer
+Viertelstunde wieder. Er biegt in eine Seitenstraße, tritt abermals in ein
+Haus, verläßt es nach einer Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich
+einigemal.
+
+Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurück. Ein
+großes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl.
+Geheimrat Prof. Dr. von Gagstetter.
+
+Ginstermann begibt sich in das nächstbeste Zigarrengeschäft.
+
+»Pardon,« sagt er, »ich will nichts kaufen, ich möchte Sie um eine
+Gefälligkeit ersuchen. Das Adreßbuch, bitte sehr. Es ist da etwas
+vorgekommen, man braucht einen Arzt, einen Spezialisten.«
+
+Eine Dame überreichte ihm das Buch. »Bitte schön,« sagt sie höflich, ihn
+mit dem Interesse der Teilnahme betrachtend.
+
+G, g -- g -- a b c d -- g
+
+Gagstetter -- Spezialist für Krankheiten der Atmungsorgane.
+
+»Danke, vielen Dank!«
+
+»Bitte schön.«
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Das gedämpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage.
+
+Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Sträußchen zusammen aus
+Primeln, Veilchen, Weidenkätzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er
+sonst noch auffinden konnte, Gräsern und Halmen. Auch ein winziges
+Johanniskäferchen, mit kleinen schwarzen Pünktchen auf dem roten Schild,
+packte er mit hinein. Diesen Strauß sandte er der Kranken. Er legte keine
+Karte bei.
+
+Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Er freute sich in dem Bewußtsein,
+daß sie diese Frühlingskinder in die Hände nahm, ihren Duft einsog und vom
+Frühling und der Genesung träumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm
+zu beschäftigen, dadurch, daß er ihnen freien Spielraum ließ, nach dem
+Geber zu suchen.
+
+Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nächte. Stets
+gleich gedämpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlöschen zu
+wollen.
+
+Aber eines Tages würde es doch verlöschen, das wußte Ginstermann. Einmal da
+würden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf würden
+Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wußte es
+ganz genau. Und während seines ganzen Lebens würden ihn zwei Gedanken
+beschäftigen. Sie war das Weib, das die Natur für dich schuf, hieß der
+eine, sie war es doch nicht, der andere.
+
+Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemühte sich, Fräulein
+Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmädchen
+zu bestechen, aber das wäre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem
+Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit
+dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen.
+
+Was aber hätte der Arzt denken sollen? Er hätte ihm die Hand auf die
+Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlächeln gelächelt. Konnte er
+seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im übrigen, was hätte all das
+genützt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren.
+
+Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrügliche Ahnung zu sagen:
+Dieses Licht da droben, hörst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten.
+Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glücklich, am andern Tage
+nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu
+sehen.
+
+Das Licht brannte nun einundzwanzig Nächte.
+
+In der zweiundzwanzigsten waren die Fenster dunkel.
+
+Ginstermann vermochte es nicht sofort zu fassen. Er strengte die Augen an,
+ob nicht doch, ganz leise, ganz leise das Licht da droben noch schimmere.
+Er wartete, er wartete.
+
+Die Fenster waren und blieben dunkel. Sie blieben, Gott weiß es, sie
+blieben dunkel. Dunkel! Er konnte es gar nicht begreifen.
+
+Noch im Laufe des Abends war er hier außen gewesen. Nicht der kleinste
+Umstand deutete darauf hin, daß das Unausdenkbare eingetreten sei. Heute
+morgen hatte das Zimmermädchen die Fenster geputzt und dabei gesungen.
+
+Ginstermann fühlte sich wie befreit. Das Gespenst, das ihn eingehüllt
+hatte, lange Tage hindurch, löste sich von ihm. Er atmete auf, lange und
+tief.
+
+Langsam ging er die Straße hinab, das Glück der Erlösung genießend und die
+Freude, daß es besser mit ihr ging.
+
+Plötzlich hörte, sah, fühlte er wieder wie früher. Der ausgeschaltete Strom
+seiner Empfindungen kam wieder in Bewegung.
+
+Er trat in ein Café, dessen erleuchtete Fenster vor ihm lagen. Er brauchte
+Licht, Menschen! Sein Glück drehte ihn im Wirbel.
+
+Hier war es hell, ungewohnt hell, es gab Menschen, wenn auch nicht viele.
+Mit der Befriedigung eines, der eine schwere Zeit hinter sich hat, ließ er
+sich auf ein Plüschsofa nieder.
+
+Das Café war in modernem, sympathischen Stile gehalten. Polster von
+karmoisinrotem Plüsch mit schwarzen, senkrechten Streifen, Tische und
+Stühle rot gelackt wie Gartenmöbel. Ein Fries nackter, einander
+nachlaufender Männer mit den gleichen Bewegungen an den Wänden. Das Ganze
+machte den Eindruck feierlichen Pompes.
+
+Das ist ein Raum für die still Glücklichen, dachte Ginstermann.
+
+Das Lokal war schlecht besetzt. In der Ecke, Ginstermann gegenüber, saßen
+zwei junge Leute. Der eine lag phlegmatisch in seinem Sessel, die Beine
+ausgestreckt, die Hände in den Hosentaschen, und lachte, wobei sich sein
+Zigarrenstumpen auf und ab bewegte zwischen den Zähnen. Der andere sprach
+aufgeregt, immerzu, mit der Begeisterung der ersten geistigen Gärung, er
+sprach mit Händen und Füßen und warf jedesmal die Streichhölzer um, wenn er
+seine Zigarette anzünden wollte. Sein Zuhörer lachte nur.
+
+»Ihr Menschen seid so wesenlos und schemenhaft wie die Moose auf dem
+Meeresgrund,« rief der Erregte aus, »und wiederum seid ihr so dick und
+unverschämt stumpf wie ein Balken!«
+
+Etwas im Hintergrunde saß eine Dame vor geleertem Glase, den Hut ins
+Gesicht gesetzt, mit der Lektüre der Wiener Karikaturen beschäftigt. Man
+sah die nackten Beine nur so strampeln.
+
+In einer Nische hatten ein Herr und eine Dame Platz genommen. Das Gesicht
+des Herrn fiel durch leichenhafte Blässe und Bewegungslosigkeit auf und
+eine Falte über der Nasenwurzel, scharf wie der Schnitt eines Messers. Die
+Dame sah Ginstermann nicht, er erblickte nur den in einem enganliegenden,
+stahlgrauen Ärmel steckenden Arm, wenn sie gewohnheitsmäßig in die Höhe
+griff, um die Frisur zu richten. Er hörte sie dazwischen kurze Fragen
+stellen und schloß aus ihrer Stimme und Betonung, daß sie geistreich war.
+
+Im Seitenkabinett spielten zwei Herren stillschweigend Billard. Der eine
+war der Cafetier, seinem Wesen und seiner Kleidung nach.
+
+Ein junges, hübsches Mädchen bediente. Ihre Kollegin saß auf einem Stuhle
+und war eingenickt. Sie hob nur dazwischen die schlafschweren Augenlider,
+als habe sie im Schlummer das ungeduldige Klopfen des Löffels an eine Tasse
+gehört.
+
+Es machte Ginstermann Vergnügen, all das zu beobachten, während ein Teil
+seiner Gedanken unausgesetzt das glückliche Ereignis des Abends umkreiste.
+
+Er fühlte sich behaglich hier und brach sogar in Lachen aus, als der
+Lebhafte ihm gegenüber in lachendem Zorn ausrief: »Dann nehme ich mein
+Rückgrat heraus und schlage es an dir ab, mein Lieber!«
+
+Das hübsche Mädchen brachte ihm den Kaffee und blieb ein Weilchen bei ihm
+stehen. Es war ein blutjunges Ding mit mandelförmigen Augen, aus denen die
+Schwermut der Keuschheit blickte. Niemand hätte sie in dieser Stellung
+vermutet.
+
+»Sagen Sie, Fräulein,« begann Ginstermann, »kann man nicht zu Ihrer Taufe
+eingeladen werden?«
+
+Das Mädchen lachte und blickte ihn verdutzt an, halb argwöhnisch, eine
+Keckheit hinter dieser Frage vermutend.
+
+Nun, sie sei doch noch so jung, daß sie unmöglich schon getauft sein könne.
+
+Sie brach in Lachen aus und wandte sich halb ab, nach den Gästen sehend.
+Dabei klimperte sie mit dem Gelde in der Tasche ihrer schneeweißen Schürze.
+
+»Wir werden Sie >Rehäuglein< taufen,« fuhr Ginstermann fort -- da berührte
+jemand seine Schulter.
+
+Es war der Akademiker Goldschmitt. »Uff, Ginstermann?« rief er aus.
+
+Der Maler war verblüfft, Ginstermann hier im Café zu treffen, mehr noch,
+ihn bei einer Unterhaltung mit einer Kellnerin zu ertappen. Seine
+Verblüffung steigerte sich aber noch, als er Ginstermanns Aufgeräumtheit
+bemerkte. Er war nur gewöhnt, ihn als einen verschlossenen, düsteren
+Menschen, der sein geistiges und seelisches Leben hinter einer
+regungslosen, hochmütigen Miene verbarg, zu sehen.
+
+Ginstermann für seine Person war froh, nun jemanden zur Unterhaltung zu
+haben. Er sprach und lachte immerzu. -- Er begann von den Bildern des
+jungen Malers zu sprechen und lobte sie. Er gab seiner Meinung über
+zeitgenössische Größen Ausdruck, die er sich erst während des Sprechens
+bildete. Er legte dem Akademiker seine Anschauungen über Zweck und Ziel der
+bildenden Kunst klar. Er warf ihm Händevoll Gedanken hin, die er verwerten
+könne.
+
+Dabei dachte er an ganz andere Dinge.
+
+Es ging besser mit ihr, also war alles gut.
+
+Goldschmitt hörte aufmerksam zu und wartete auf den zündenden Funken. Er
+breitete seine Pläne und Ideen vor ihm aus, ob er sie für gut finde.
+
+Ginstermann fand alle für gut, sogar für sehr gut.
+
+»Sie werden Ihren Weg machen,« sagte er und stieß mit ihm an.
+
+Der Maler konnte sich nicht enthalten, nach der Ursache von Ginstermanns
+Lustigkeit zu fragen.
+
+»Ich feiere heute Geburtstag,« erwiderte ihm Ginstermann, den wahren Sinn
+dieser Antwort selbst erst herausfindend, nachdem er gesprochen.
+
+Einige Gäste traten geräuschvoll ins Lokal, und wie auf ein Zeichen wurde
+es lauter, kaffeehausmäßiger. Die verschlafene Kellnerin stand auf und ging
+langsam mit schwerfälligem Wiegen der Hüften zwischen Büfett und Tischen
+hin und her. Die einzeln sitzende Dame legte das Blatt aus der Hand und
+begann mit unmerklich lächelnden Blicken unter dem Hute hervorzusehen.
+
+Der Lebhafte in der Ecke hatte ein Glas umgeworfen, das ganze Tischtuch
+triefte. Er plauderte weiter, während das Rehäuglein den Schaden gut
+machte. Sein Freund lachte, daß sich alle Gäste umwandten und mitlachten.
+Sein Mund war rund wie ein Taler.
+
+»Betrachten Sie mal diesen Menschen,« sagte Ginstermann.
+
+Goldschmitt entgegnete: »Das ist Spiegel, er hat dieses Café hier
+entworfen.«
+
+Das wollte Ginstermann nicht glauben.
+
+»Sie, Spiegel,« rief Goldschmitt über das Lokal, »haben Sie dieses Café
+entworfen oder nicht?«
+
+Der Angerufene drehte schnell den Kopf, rief: »Jawohl!« und setzte seine
+Disputation fort, ehe Ginstermann sein Gesicht sehen konnte, das ihn
+nunmehr interessierte.
+
+Um zwölf Uhr brachen sie auf. Ginstermann war in sehr aufgeräumter Stimmung
+und lachte immerzu. Er drückte dem Rehäuglein ein Zweimarkstück in die Hand
+und sagte:
+
+»Morgen um zehn, da bin ich wieder da, und Sie werden mir dann
+herausgeben.« Goldschmitt, der Knicker, gab keinen Pfennig Trinkgeld, er
+sah dem Mädchen nur mit einem kurzen, warmen Blick in die Augen, den
+niemand bemerkte, der nicht Ginstermanns scharfe Beobachtung besaß.
+
+»Bleiben Sie recht brav, Rehäuglein,« scherzte Ginstermann und schüttelte
+ihr wie ein alter Bekannter die Hand.
+
+An der Nische vorbeigehend, in der der Herr mit seinem leichenblassen
+Gesicht saß, blickte sich Ginstermann um. Zwei helle Augen, die
+Ähnlichkeiten hatten mit denen von Fräulein Schuhmacher, waren auf ihn
+gerichtet. Sie erblickten nicht den Mann in ihm, sie suchten nach dem
+Menschen in ihm. Zu diesen Augen gehörte ein Gesicht von seltener
+Häßlichkeit.
+
+Goldschmitt protestierte anfangs dagegen, daß Ginstermann ihn nach Hause
+begleite, aber er mußte nachgeben.
+
+Arm in Arm gingen sie die Straße hinunter, und Ginstermann unterbrach
+plötzlich das Gespräch und sagte: »Wissen Sie was, Goldschmitt, dieses Sie
+ist zu fade, nennen wir uns du.«
+
+»Also du, wie du meinst,« versetzte der Maler.
+
+Vor dessen Wohnung angelangt, versuchte ihn Ginstermann, noch durch eine
+neuaufgeworfene Frage zu halten. Aber Goldschmitt wollte schlafen gehen, er
+müsse morgen zeitig heraus.
+
+»Eines will ich dir noch sagen, Ginstermann, wenn du wieder ins Café
+kommst, so gieb dem Mädchen kein Trinkgeld. Du sollst ihr kein Trinkgeld
+geben. Das Mädchen ist meine Braut. Aber -- notabene -- nicht daß du meinst
+-- -- gute Nacht.« --
+
+Ginstermann wanderte langsam nach Hause.
+
+Es war eine herrliche Nacht, die tausend süße Geheimnisse barg. Im Himmel
+hatten sie alle Kerzen zur großen Mette angezündet. Die Erde lag gebettet
+in feuchtwarme Luft und dem Geruche frischer Wiesen, von Liebe und
+Fruchtbarkeit träumend gleich einem Weibe.
+
+Ginstermann hatte nicht die mindeste Lust, schlafen zu gehen, aber er war
+müde. Die Haustüre öffnend, sah er Maler Ritt, die Zigarette im Mund, in
+jeder Hand eine Flasche tragend, über den Vorplatz gehen.
+
+Die Türe seines Ateliers war angelehnt, und der Lichtschein, der daraus
+strömte, erhellte Ritts boshaft-gutmütiges, verlebtes Faungesicht. Im
+Atelier pfiff jemand »La Paloma«.
+
+»Nanu?« sagte der Maler, »hä-hä!« und zog erstaunt die Brauen in die Höhe.
+
+Ob er nicht ein wenig eintreten wolle? Auf eine Zigarette? Nicht?
+
+Ginstermann war auf den Maler nicht sonderlich gut zu sprechen, aber er
+trat ein. Er hatte so gar keine Lust zum Schlafengehen, und dann war Ritt
+doch nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Mensch. Und heute,
+wo ein besonderer Tag war . . .
+
+Es ging besser mit ihr, folglich war alles gut.
+
+Er trat in eine Wolke bläulichen Zigarettenrauches. Der Schirm der Lampe
+schwebte einer rotglühenden Kugel gleich darin. Die Wolke kam infolge ihres
+Eintritts in Bewegung, und um die rotglühende Kugel schaukelten
+phantastische Figuren. Im gleichen Moment bemerkte er ein mattschimmerndes
+Gesicht, dessen glänzende Augen auf ihn gerichtet waren, den weißen Saum
+eines Unterrockes, und nach links blickend abermals ein blasses Gesicht,
+aus dem eine senkrechte Rauchsäule emporstieg.
+
+Zwei Damen in eleganten Kostümen lagen auf Ottomanen, halb in Kissen und
+Puffs versunken. Sie blickten ihn beide an, und obschon ihre Augen von
+verschiedenem Schnitt und ungleicher Farbe waren, lag doch der nämliche
+Ausdruck in ihnen, lüsterner Glanz. Sie rührten sich nicht und blieben
+ruhig liegen, als Ritt Ginstermann mit ostentativer Pose und einer Menge
+Bemerkungen, wie ein Tierbändiger ein seltenes Exemplar, vorstellte.
+
+»Dieser Mann hat den sanften Blick der Taube, aber die scharfen Krallen des
+Geiers, meine Damen,« schloß er.
+
+Sie lachten alle, und Ginstermann gab ihnen die Hand.
+
+Die eine erwiderte mit einem zögernden Druck, die andere reichte ihm die
+Rechte mit müder Grazie und ließ sie sofort wieder auf das Kissen
+zurückfallen.
+
+Wo er nur immer diese hübschen Frauen auftreibt, dachte Ginstermann.
+
+Ritt ging umher und füllte die Gläser, die auf niedrigen Taburetts standen,
+so daß sie bequem zur Hand waren. Dabei strich er der einen der Damen leise
+über die Haare, als ob er eine Mücke verscheuche. Ihre Augen folgten ihm,
+und weiße Zähne schimmerten hinter lächelnden Lippen.
+
+Es war nicht die, die Ginstermann die Hand gedrückt hatte.
+
+Der Maler legte sich auf zwei Stühle und forderte Ginstermann auf, ein
+Gleiches zu tun.
+
+»Bei mir können Sie lernen, wie man angenehm lebt,« rief er aus. »Die Leute
+amüsieren sich in den Pausen ihrer Arbeit, ich arbeite in den Pausen meiner
+Vergnügungen, die Leute wollen sich schonen, ich will mich auf angenehme
+Art zugrunde richten -- hähä. Darin beruht der Unterschied meiner
+Lebensauffassung und der der Welt. Wir leben nur eines Atemzuges Länge,
+laßt uns atmen, Freunde! Prosit!«
+
+Man stieß an. Ginstermann dachte an das Mädchen in der Leopoldstraße und
+trank sein Glas bis zum Boden leer.
+
+Ritt fuhr fort, in seiner näselnden, dünnen Stimme die Freude zu preisen,
+die den Menschen über sein tierisches Ahnentum erhebe.
+
+Der Maler vermochte nicht eine Minute zu schweigen. Er befand sich
+unausgesetzt in nervös lustiger Erregung.
+
+Ein Genie von Geburt, hatte ihn sein ausschweifendes Leben frühzeitig zu
+einer totalen Erschlaffung seines Willens geführt, so daß er zum Spielball
+seiner Triebe geworden war. Von Zeit zu Zeit schloß er sich vollständig von
+der Welt ab, um sich wiederum die nötige Achtung vor sich selbst zu geben,
+und da schuf er ein Bild, von dem jeder einzelne Pinselstrich den Eindruck
+der Inspirativen erweckte. Seine Schöpfungen hatten ihn berühmt gemacht.
+Aber allen haftete etwas an, was an einen verzweifelten Sieg erinnerte, als
+seien sie einem vorbeisausenden Augenblick entrissen. Er hatte keine Zeit
+zur Sammlung, seine Seele war zerrüttet.
+
+Niemand hätte das Alter des Malers genau zu bestimmen vermocht. Am Tage sah
+er vierzig, bei Lampenlicht dreißig Jahre alt aus. Sah man ihn aus einiger
+Entfernung, so erweckte seine schlanke, elegante Figur den Eindruck eines
+Zwanzigjährigen.
+
+Sein Gesicht war welk, ausgetrocknet, mit matten Augen, die nahezu
+wimpernlos waren. Er trug einen dünnen, langen Spitzbart, der einige
+Dutzend Haare hatte, über seine Züge lag etwas Täppisches, Kindisches
+ausgebreitet, das zeitweise verdrängt wurde durch den Ausdruck mühsam
+verborgenen Grauens vor etwas Entsetzlichem, das er selbst nicht kannte,
+vor dem Wahnsinn.
+
+Ginstermann suchte Ritt deshalb zu meiden, weil er in ihm ein Stadium
+entdeckte, aus dem er sich glücklich emporgearbeitet hatte. Diese nervöse
+Lustigkeit des Malers, seine Gier, sich fortwährend zu betäuben, seine
+Freude an Orgien, sein bramarbasierendes Reden, das alles erinnerte ihn an
+seinen früheren Zustand.
+
+Er empfand Mitleid mit ihm, sah aber auf der anderen Seite ein, daß der
+Versuch, den Abwärtsgleitenden zu retten, vergebens gewesen wäre. Ritt
+würde ihm ins Gesicht gelacht haben, weil er sich gescheut hätte, den
+Zusammenbruch seines Inneren einzugestehen.
+
+Eine der Damen sang, als Ritt geendet, ein französisches Chanson, dessen
+Refrain lautete: Achète moi un homme, maman, if you please, maman.
+
+Die beiden anderen sangen den Refrain mit, und schließlich fiel auch
+Ginstermann ein.
+
+Nach jedem Vers brachte Ritt einen Trinkspruch aus, einen paradoxer als den
+andern.
+
+Ginstermann saß vergnügt in seinem niederen Sessel, er war zu müde, um
+aufzustehen. Es gefiel ihm auch gut. Zur Abwechslung konnte sogar ein
+Einsiedler mal seine Höhle verlassen.
+
+Die eine der Damen betrachtete ihn durch ihre Lider hindurch mit
+schillernden Augen, während sie sang.
+
+Man stieß wieder an. Aber Ginstermann war zu müde, nach einem Glase zu
+greifen.
+
+Zur vollständigen Genesung braucht man immerhin vierzehn Tage, dachte er,
+je nachdem, je nachdem. Da fühlte er, wie jemand ihm mit der Hand über das
+Gesicht strich, und er schlief ein. Hinter der Wand hörte er noch Gelächter
+und Ritts näselndes »Bravo, bravo!« --
+
+Da stieß ein Vogel mit großen Fittichen gegen seine Stirne, und er öffnete
+die Augen.
+
+Vor ihm saß eine Dame mit schillernden Augen und lächelte. In ihrer Hand
+hielt sie ein Kissen mit einer Geste, als wolle sie es nach ihm werfen.
+
+Nun fiel es ihm erst ein, wo er war.
+
+Das war Ritts pompöses Studio, dort stand sein neuestes Bild
+»Mädchenreigen« und hier die rotglühende Lampe, und richtig, diese Dame
+hatte ihm beim Eintreten die Hand gedrückt. Die anderen aber waren nicht zu
+sehen.
+
+Er war noch voller Schlaf und bewegte die Lippen, um zu sprechen.
+
+»Sie holen Wein,« sagte das Mädchen, das auf der Ottomane saß, und blies
+sonderbar lächelnd gegen die Glut ihrer Zigarette.
+
+Er stand auf und gab ihr die Hand, um sich zu verabschieden.
+
+»Sie kommen nicht sogleich wieder«, flüsterte das Weib und blickte ihn an.
+Ihre Hand bebte.
+
+In seinem Kopfe schwindelte es. Er sagte, sich herabbeugend und lächelnd:
+»Ich bin müde.« Ihre Augen waren dicht vor den seinen. Funken tanzten
+darin. Diese Augen waren wie Magnete, die ihn festhielten. Nun entfernten
+sie sich, und zwei Reihen weißer Zähne unter roten Lippen kamen näher. Er
+stand noch immer und hielt diese heiße, zitternde Hand in der seinigen. Da
+fühlte er eine Hand an seinem Nacken, und ein warmer Hauch traf sein
+Gesicht.
+
+Dieser Hauch stieß ihn ab. Er richtete sich auf und kam zum Bewußtsein.
+
+»Adieu«, sagte er und ging hinaus.
+
+Ihn schwindelte. Die kühle Luft hier außen tat wohl. Ein paar tiefe
+Atemzüge, und sein Kopf war klar.
+
+Er stieg die Treppe hinauf. Es war vier Uhr.
+
+An der Tür der Malerin von Sacken, seiner Nachbarin, flimmerte ein kleines
+Sternchen. Auch sie hatte noch Licht. Alle Leute waren noch wach und waren
+guter Dinge.
+
+Es war heute ein ganz besonderer Tag!
+
+Er freute sich nun auf die Ruhe und den Moment, wo er sich in seine Decke
+wickelte mit dem Gedanken, daß nunmehr keine Wagen mit schwarzgekleideten
+Leuten zu befürchten seien.
+
+Plötzlich lauschte er. Hier hatte jemand geschluchzt!
+
+Es war so stille, daß er das Rollen eines Wagens von der Straße her hörte.
+Und nun vernahm er wiederum unterdrücktes Schluchzen.
+
+Da drinnen hielt der Gram einen Menschen wach.
+
+Diese Laute nach all dem Lachen des Abends wirkten auf ihn wie eine
+niederschmetternde Anklage, als trüge er an dem Schmerze jenes Weibes
+Schuld.
+
+Fräulein von Sacken klopfte eines Abends bei ihm an, um ihn nach der Zeit
+zu fragen, da sie nicht schlafen könne, wenn ihre Uhr stehe. Aber sie kam
+nicht deswegen. Sie kam, um mit einem Menschen ein paar Worte wechseln zu
+können, da die Einsamkeit sie peinigte. Ginstermann erriet das. Und nach
+kurzem Gespräche fragte sie ihn, ob er wisse, was die drei schrecklichsten
+Dinge im Leben seien. Sie beantwortete ihre Fragen selbst, indem sie sagte:
+Die Einsamkeit, die Gestaltungssehnsucht und der Ehrgeiz.
+
+Daran dachte er jetzt. Er sah sie noch deutlich an der Türe stehen und jene
+drei Worte sprechen, deren jedes einzelne eine Tragödie birgt. Sie waren
+ihm erschienen wie drei hohe, finstere Tore, hinter denen er nackte
+Menschenleiber in wortloser Qual sich winden sah.
+
+Heute war sie im Kampfe mit den drei Bestien unterlegen. Er aber wollte ihr
+helfen. In seiner glücklichen Stimmung konnte er den Schmerz dieses Weibes
+um so tiefer begreifen.
+
+Er begann an seiner Türe zu rütteln, mit dem Fuß dagegenzustoßen.
+
+Das Schluchzen hörte augenblicklich auf.
+
+Eine Weile wartete er, dann ging er an die Türe der Malerin und pochte
+behutsam.
+
+»Wer da?« fragte eine jähe, ängstliche Stimme.
+
+Er, Ginstermann, er bitte um Verzeihung, aber --
+
+Fräulein von Sacken öffnete.
+
+»Herr Ginstermann?« sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme
+und lächelte verwundert.
+
+Ob das nicht zum Verrücktwerden sei: nun habe er seinen Schlüssel verloren
+und könne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich
+erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlüssel oder Haken oder
+sonst ein Instrument zum Öffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten störe --
+
+Ach nein -- das sei allerdings unangenehm.
+
+»Treten Sie ein bißchen ein, es findet sich vielleicht etwas.«
+
+Er wäre so frei. Wenn er aber störe, so müsse sie es ruhig sagen.
+
+Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe
+umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren.
+
+Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten Ärmlichkeit dieses
+Mädchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes
+Atelier mit gedämpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch
+gebetteten zwei schönen Frauen in der Erinnerung trug.
+
+Hier roch es nach Terpentinöl und welken Blumen. Die Möbelstücke warfen
+harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe.
+
+Der mächtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich über Wände
+und Decke.
+
+Fräulein von Sacken war eine große, üppige Erscheinung. In ihrem schwarzen
+Kleide, mit dem nervösen, bleichen, leicht zerfließenden Gesicht, das von
+früherer Schönheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines
+Fürsten, die den Abschied bekommen hat, da ihre Schönheit verging, und ihr
+üppiger Körper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte
+Schwermut erfüllte ihre Züge, als trauere sie über ein verfehltes Leben.
+Sie hatte große Augen von matter Schwärze mit langen, strahlenförmigen
+Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet.
+
+Man gewann den Eindruck, daß sie die Nächte in einem Sessel verbringe und
+vor sich hingrüble, während Tränen ihren dunklen Augen entfielen.
+
+Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines höheren
+Offiziers, und ihre Angehörigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr
+losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mühsam
+verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein
+gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des
+Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr
+zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurück. Sie hatte mit
+dem Stilleben begonnen, war dann zum Porträt, vom Porträt zum Genre, zur
+Landschaft, übergegangen, um schließlich wieder beim Stilleben anzukommen,
+fest überzeugt, daß sie nur hierin etwas leisten könne.
+
+Das bißchen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich längst zerrieben und im
+verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen
+Talenten geht, die angesichts einer großen Schöpfung kläglich absterben.
+
+Das Grauen vor der künstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr größtes Leiden.
+
+Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlüssel herbei.
+
+»Vielleicht passen die«, sagte sie.
+
+Ginstermann prüfte die Bärte und legte sie kopfschüttelnd beiseite.
+
+»So geht es, wenn der Mensch Unglück hat«, sagte er. »Nun ging ich heute
+mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte
+nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer
+Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.«
+
+Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede
+wartend.
+
+»Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.«
+
+»Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein
+Sacken«, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. »So einer bin ich.
+Aber wir tragen ja alle unsere Tragödie in uns herum, ich und Sie und
+Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist
+schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen
+auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß
+man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht
+wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit
+Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die
+andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir
+nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können
+wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns
+heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß
+Geduld haben.«
+
+»Viel Geduld!«
+
+»Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.«
+
+»Niemand erträgt das.«
+
+»Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man
+sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht
+gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns
+verlacht? Für wen schaffen wir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten
+uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen
+sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind,
+taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke
+aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die
+sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese
+gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte
+uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte
+der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor
+sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte,
+man sollte -- aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.«
+
+Er schwieg.
+
+Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte.
+Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es
+war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden.
+
+Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verändertem Tone sagte er: »Nun
+sehen Sie, nun habe ich meinen Schlüssel gefunden. Ist das nicht kostbar!
+Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.«
+
+»Haben Sie ihn gefunden?« fragte sie mechanisch.
+
+»Ja,« entgegnete er, »und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte,
+nicht übel, daß ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist
+menschlich, sich dazwischen Luft machen zu müssen. Morgen bin ich wieder
+jener, den Sie um seine göttliche Ruhe beneiden.«
+
+Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und preßte sie. Ihre
+Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben
+nicht vergessen würde, sagte sie:
+
+»Es muß doch einen Gott geben!«
+
+»Wieso?« fragte Ginstermann verdutzt.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Das waren schlimme Tage.
+
+Und mehr noch schlimme Nächte.
+
+Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein
+Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte
+er sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei.
+
+Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf
+der Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so
+eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine
+nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte,
+ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt.
+
+Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er
+spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei,
+ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr
+kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.
+
+Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame,
+die in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit
+bemerkte er jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt
+hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den
+Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des
+Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und
+betrübt darüber, daß er so gar kein Glück hatte, um bald darauf in die
+nächste Straße zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen,
+angetrieben.
+
+Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der
+Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig
+wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im
+ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität
+gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den
+Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen
+alten Mann, der täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen
+halben Stunde wieder zu verlassen.
+
+Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war,
+schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem
+Zimmer brannte.
+
+Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden
+Abend und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?
+
+Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden.
+Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.
+
+Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen
+stellte, so konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren
+Kelche das Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm
+einer Statuette.
+
+Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels
+beschäftigt, mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen
+Spiegel mußte er immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal
+wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen
+gewesen.
+
+Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr.
+Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen,
+wenn ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor
+treffen. Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe.
+Er zählte, bei neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend
+öffnete sich auch die Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten
+Sinne.
+
+Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten
+und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner
+Brust schlug.
+
+Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es
+war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages
+aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf,
+um wie auf ein unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu
+lassen. Leute grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein
+Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not
+einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden
+Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich
+groß und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf,
+wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße
+war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder
+heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend -- ah, recht sehr! Hier fiel ein
+Stock klappernd aufs Pflaster.
+
+Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der Außenwelt
+hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine
+Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des
+schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte
+sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den
+Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine
+Mappe gebeugt.
+
+Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu
+können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er
+entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend
+Pläne.
+
+Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.
+
+Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel
+einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende
+Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft
+brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.
+
+Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig
+brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine
+Vorstellungen immer noch lückenhaft erschienen.
+
+Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann
+wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht
+wie behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt,
+wie er mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen
+Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen
+Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein
+Meister in der Maske, alle Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt
+hinter dir her . . .
+
+Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und
+Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten -- seht, dort! Weshalb jammert dieses
+Weib so und liegt auf den Knien?
+
+Platz da -- Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm
+schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort,
+dort! Seht! -- Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat
+den ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch
+keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann
+darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . .
+
+Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen,
+mit ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in
+Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets
+zu packen . . .
+
+Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein
+Dienstmädchen. »Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit,
+mich zu bestellen.« Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das
+Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf.
+
+»Nein -- nein -- ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won
+-- Wonderneß sprechen.«
+
+»Ich bedaure.«
+
+»Leopoldstraße 12?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße
+12.«
+
+»Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei
+Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch --«
+
+»Zu Besuch -- richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um
+Entschuldigung. Ein alter Mann --.« Das Männlein macht einen Kratzfuß und
+steigt vorsichtig die Treppe hinunter.
+
+»Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.«
+
+»O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden« . . .
+
+Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt
+Rauch. Wenn man schnell alarmiert. -- Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese
+moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines
+Motors, über den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles
+nur Denkbare, um einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag,
+befand sich sein Gehirn in hellster Aufregung. Er zählte bis hundert und
+zurück, er lauschte auf das Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer,
+du liegst im Gras, Hitze schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst.
+
+Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem
+alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm
+herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich
+auf den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte.
+
+Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er
+wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war.
+
+Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in
+Kapellis Ateliers.
+
+So vergingen einige Wochen.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Ginstermann erzählt:
+
+Heute aber, nachdem ein fortgesetztes Mißgeschick mich gänzlich mutlos
+gemacht hatte, heute aber -- meine Herrschaften, verzeihen Sie diese Phrase
+-- lächelte mir endlich Fortuna!
+
+Ja, Fortuna lächelte mir!
+
+Holdrio!
+
+Meine Damen, meine verehrten Damen und Herrn. Ich wandere zurück an den
+»Wällen Jerusalems, des ewigen«, ich bin weit draußen in der Vorstadt
+gewesen. Es wird Abend, ein trüber, trauriger Abend, als hätte ihn mein
+Herz geboren. Ein feiner Regen rieselt herab.
+
+Ein niederträchtiger, unverschämter Regen, der meine Zigarette näßt, daß
+sie zu kohlen beginnt. Dieser Umstand allein würde bei normalen
+Verhältnissen genügt haben, mich mißmutig zu machen. Jetzt schlug er dem
+Faß den Boden aus.
+
+Es ist zuviel, es ist zuviel, alles was recht und billig ist.
+
+Ich werde geradezu wütend. Aber plötzlich, durch all meine Misere hindurch
+lächelte mir der holde Sonnenblick Fortunas.
+
+Nur Geduld. Bei großen Momenten halte ich große Reden der Einleitung, wie
+ein Gourmand die Delikatessen einer sorgfältigen Betrachtung unterzieht, um
+seinen Genuß zu steigern.
+
+Also es regnet, und das Pflaster ist naß. Meine Zigarette ist erloschen,
+und ich schreite mit düsteren Blicken meine Straße. Das bewußte Haus kommt
+näher.
+
+Ein geschmackloses, ein lächerliches Haus, das Experiment eines
+Architekten, der in modernem Stil macht. Macht ist gut gesagt.
+
+Wie gesagt und überhaupt -- betrachten Sie, bitte dieses Haus!
+
+Ich hätte Lust, Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag zu halten über moderne
+Architektur im speziellen, über moderne Kunst im allgemeinen. Eventuell mit
+Ihnen ein kleines Exkursiönchen durch die Baustile aller Zeiten und Völker
+zu unternehmen, über die phrygische, lykische, syrische Kunst hinweg,
+hinein in die babylonisch-assyrische, mit Ihnen den Palast des Königs
+Sargon zu Chorsabad zu besichtigen und den Tempel des Chunsu zu Karnak zu
+durchwandern. Hier im Schatten des Säulenwaldes würde es mir ein besonderes
+Vergnügen sein, Ihnen, wenn Sie wünschen, meine Ansichten über die
+rituellen Gebräuche dieser Völker auseinanderzusetzen.
+
+Aber zur Sache! Ich sehe, die Damen langweilen sich.
+
+Ich gehe an diesem Hause vorüber, empört über seine Geschmacklosigkeit,
+über die höhnisch lächelnde Verschlossenheit, mit der mich seine
+vierundzwanzig Augen verfolgen -- da höre ich meinen Namen rufen.
+
+Ganz leise, als äffe mich ein Spuk.
+
+Meine Herrschaften!!
+
+Ich wende den Kopf, von vornherein überzeugt, daß ich mich täuschte, da
+erblicke ich eine weibliche Gestalt unter der Türe.
+
+Ich rege mich nicht von der Stelle, ich starre sie nur an, über mir sausen
+Flammen.
+
+»Guten Abend,« sagt sie und lächelt mir zu.
+
+Endlich gehe ich näher. »Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.«
+
+Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dämmerung leuchtend
+blassen Gesichtchen blicken ihre glänzenden, großen Augen. Geschmeidig wie
+eine Katze huscht sie die Stufen herunter.
+
+Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: »Ich konnte mir gar nicht
+denken, wer mich anrufen könne.«
+
+Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott.
+
+»Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.«
+
+»In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.«
+
+»Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.«
+
+»Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher
+Neugierde natürlich, studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die
+Herzen, man sieht sie wahr.«
+
+»Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,« unterbricht sie mich, und,
+indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: »Ich will ihn in den Kasten
+stecken.«
+
+Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie.
+
+Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und
+wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das
+Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das
+Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den
+Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern
+sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die
+Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie
+eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend.
+Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli
+geschaffen.
+
+Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die
+Regentropfen wie Tau.
+
+Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir, daß sie krank war, nicht
+sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals.
+
+Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore.
+
+»Wir werden demnächst abreisen,« sagt sie, mit der Fußspitze vorsichtig in
+den Rand einer kleinen Pfütze tippend.
+
+»Mama ist leidend. Der Arzt rät uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist
+nun wieder kränker geworden, so daß wir die weite Reise vorläufig nicht
+wagen können.«
+
+Sie tippt noch immer mit der Fußspitze in die kleine Pfütze und blickt zu
+Boden.
+
+»Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?«
+
+»Ja, leider.« Sie sieht auf und blickt mich an.
+
+»Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?«
+
+»Mit Vergnügen, allein --«
+
+Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge.
+
+»Sehr häufig sogar.«
+
+»Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so
+würde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bißchen
+plaudern, nicht?«
+
+»Sehr gerne, sehr gerne.«
+
+»Können Sie Samstag?«
+
+»Haha -- ja --,« ich besinne mich etwas, »o ja, Samstag sehr gut. Gewiß,
+gewiß, sehr angenehm.«
+
+»Ja, aber der Garten ist groß.«
+
+Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei.
+
+»Natürlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr
+Ginstermann.«
+
+»Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.«
+
+Sie nickt mir nochmals zu und schlüpft ins Haus.
+
+Meine Brüder, meine Brüder!
+
+Die Leopoldstraße hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um
+nicht herauszulachen. Die Hände in die Rocktaschen vergraben, um nicht die
+Leute am Rock zu fassen und zu schütteln, die Zehen verkrampft in den
+Schuhen, um nicht zu tanzen.
+
+So gehen die Menschen, denen das Glück ins Herz fiel.
+
+Das bin ich.
+
+Er läuft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt
+sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fuß und sagt:
+Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar
+nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der
+Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus. -- Ob man sich nicht verlaufen könne?
+Nicht? Herzlichen Dank.
+
+Er deutet auf eine Plakatsäule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen
+Blauplätze zu vertauschen. Offerten unter »Chiemsee«. Vermittler verbeten.
+
+Das bin ich.
+
+Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wünsche Ihnen eine hübsche,
+langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu
+trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber
+wie Millionen Nadeln durchfährt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hübsche
+Krankheit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame.
+
+Das bin ich, liebe Brüder, das bin ich!
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Nachdem die ersten Wogen des Glückes zurückgeebbt waren, fand Ginstermann
+die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefühl, das sein ganzes
+Wesen durchzitterte, löste eine still-übermütige Stimmung in ihm aus.
+
+Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen
+Zustand köstlicher Ruhe, durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches
+schimmerte.
+
+Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von
+der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wäldern zu verkommen,
+die Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Füßen leuchten
+sieht.
+
+Gemächlich ließ er sich vom Strom der Menschen treiben.
+
+Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hörte er mit neuen Ohren, seien
+alle seine Sinne verändert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem
+stillen Zimmer krank gelegen. Gewohnt täglich, in jeder Minute Nahrung zu
+sich zu nehmen, stürzten sie sich heißhungrig auf alles, was sie umgab.
+Aber unterhalb dieser Flucht von Eindrücken zogen unaufhörlich stille,
+sanftfarbene Bilder durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor,
+daß Menschen und Häuser plötzlich ihre Körperhaftigkeit verloren, und er
+durch sie hindurch in ein Traumland blickte.
+
+Der Regen hatte mit einem Male aufgehört, nachdem er die Menschen den
+ganzen Tag über gelangweilt hatte, und die Sonne schüttete noch im Sinken
+Hände voll blitzender Funken über die Stadt. Eine ungewöhnlich
+gespenstische Beleuchtung herrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze
+eines Sterbenden.
+
+Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern
+sprühten, einher, wie Wesen, die ein Zauber für einige Stunden dem Dasein
+zurückgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf
+ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise
+blieben unberührt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde
+nicht entziehen konnten, mit ihrem alltäglichen Gebaren den Zauberspiegel
+in Stücke schlagend.
+
+In den Hauptstraßen gab es nahezu ein Gedränge, so viele Leute hatte das
+Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren,
+kräftigen Luft zu erhaschen.
+
+Die Wagen glitten pfeilschnell vorüber, und das Prasseln der Pferde, die
+stramm in den Zäumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es
+auftauchte. Als wären sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars
+schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abständen
+hintereinander her, den Strom des Verkehrs für Augenblicke in zwei Arme
+teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkürlich den
+Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten. Blasse Gesichter
+mit verblasenen Schatten unter den glänzenden Augen wanderten durch den
+Lichtschein.
+
+Aus dem Panoptikum tönte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut,
+seelenlos und jäh abbrechend, als habe man für einen Moment die Türe eines
+Vergnügungslokales geöffnet.
+
+Ginstermann lächelte in der Erinnerung daran, daß er vor drei Jahren an
+dieser mit Plakaten beklebten Türe gestanden und den Vorbeieilenden mit
+verbindlichem Lächeln die grellbunten Zettel in die Hand gedrückt habe.
+
+Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch
+der süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster
+schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein.
+
+Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und
+Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender
+Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von
+Licht über Häuser und Menschen werfend.
+
+Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage.
+
+Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit mächtigen
+Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus
+ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern.
+
+Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille
+Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle,
+selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen,
+einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen
+gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von
+nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu
+diesen Ohren sprechen zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese
+geliebte Stimme zu hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese
+Einmütigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes
+Glück in Aussicht, ein Kuß im Hausflur, ein abendliches Zusammensein.
+
+Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien
+sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch
+gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen
+erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit.
+
+Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll.
+Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war.
+
+Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein
+originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes
+Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin
+zurücktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche
+Leute hätte er gerne angesprochen.
+
+Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten
+Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie
+war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann
+erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen
+klingen zu hören, als sie sich ansahen.
+
+Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu
+sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er
+erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte
+ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die
+Bewegung der Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen
+dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der
+Abgeschiedenheit seiner Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden
+und nun, da ein Erlebnis sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben
+befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm
+redete.
+
+Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines
+Hündchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein
+kleines Maschinchen, und man hätte glauben können, es bewege sich in
+drolliger Absicht nicht schneller vom Platze, während es die Beinchen wie
+verrückt bewegte.
+
+Eine Dame ging neben ihm her. Es war Fräulein Scholl.
+
+Ginstermann überschritt die Straße und rief sie an. Sie wandte sich mit
+einer drehenden Bewegung um, als befände sie sich auf dem Eise. Sie
+entdeckte ihn nicht sofort.
+
+»Ach, Sie!« rief sie dann mit vergnügtem Lachen, ihm die Hand
+entgegenstreckend, viel höher, als es nötig gewesen wäre.
+
+Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schüttelte Ginstermanns Hand, als
+seien sie langjährige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner
+Hut, braunes Kostüm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen
+von altgoldener Farbe. Das sensitive Auge eines Malers schien diese Nüancen
+zusammengestimmt zu haben.
+
+Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe.
+
+»Ich bin in Berlin gewesen,« sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend.
+
+Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzählte ihm von der Hin- und
+Rückfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen
+Mädchens. Häufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten,
+Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte.
+
+Er hörte ihr gerne zu. Ihre unvollständigen Sätze, ihr Lachen, die
+dazwischen geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch
+zu beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Würde
+erinnernd, die eine junge Dame zu bewahren hat, plötzlich ihr Lachen
+dämpfte, ihre Bewegungen überwachte und in korrekten Sätzen sprach.
+
+Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden
+Fröhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen
+Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen
+Veranlagung auch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen.
+
+Allmählich verstand es Ginstermann, das Gesprächsthema auf ihn mehr
+interessierende Gegenstände zu lenken.
+
+Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe.
+
+»Natürlich doch,« entgegnete sie, »gleich am Montag.« Und ihn anblickend,
+setzte sie hastig dazu: »Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen,
+Herr Ginstermann.«
+
+»Mich?«
+
+»Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.«
+
+»Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Fräulein.«
+
+Sie lachte ungläubig und sagte, sie könne ihren Kopf wetten. Sie habe auch
+geklingelt -- sie war zu Rad -- aber er habe nichts gehört.
+
+Es wäre wirklich schade um ihren Kopf.
+
+Aber, sie würde ihn auf keinen Fall verlieren.
+
+Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder.
+
+Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage.
+Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühenden
+Tropfen gleich, die an den Drähten entlang rollten.
+
+Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame
+interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut
+er konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf
+irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch
+berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese
+Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten
+hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend,
+und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt.
+Dazwischen äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in
+direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die
+an der Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren.
+
+Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher
+bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen
+wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches
+auf die Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig
+Komödie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, daß sich die Mädchen in
+Berlin kennen gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte,
+wo ihr Vater eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in
+Berlin sei, daß sie bei schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim
+radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der
+Geliebten zu hören, andererseits bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß
+die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon
+er in seiner übermütigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was
+ich noch fragen wollte, einzuleiten.
+
+Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur.
+
+Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein
+Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach
+geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten
+brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der
+bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im
+Munde. Die Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die
+Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man
+befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an
+der Kante des Gesimses entzweischlagen.
+
+»Zum Abschied«, sagte Ginstermann, »sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem
+Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.«
+
+Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder
+Grazie bekannt: »Herr Ginstermann -- Fräulein Bijou.«
+
+Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung.
+
+Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren,
+eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung.
+
+Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte.
+
+Fräulein Bijou kläffte und umkreiste, auf drei Beinen hüpfend und mit dem
+Schweife wedelnd, die Lachenden.
+
+Seine Herrin nahm es auf den Arm und drückte es zärtlich gegen die Wange.
+
+»Eine gescheite Dame«, sagte Ginstermann, »sehen Sie nur das Gesichtchen.
+Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht
+gehört seit Jahrhunderten zur Aristokratie.«
+
+Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden.
+
+»Ach, Sie wollen schon gehen?«
+
+»Ich kompromittiere Sie ja.«
+
+»Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein
+Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es würde ihm rasend
+Spaß machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen,
+Herr Ginstermann, ja?«
+
+Dabei sah sie ihn bittend an.
+
+In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens
+über diese Einladung verbergend, erwiderte er: »Ich muß leider ablehnen.
+Danke. Ich muß an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht
+erwarten kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.«
+
+Sie setzte das Hündchen ab und reichte ihm die Hand.
+
+»Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit
+heraufzukommen?«
+
+»Da müßte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.«
+
+Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie:
+
+»Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen --«
+
+Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fuß auf dem Absatze und
+stichelte mit der Schirmspitze nach der Fußspitze.
+
+»Adieu,« sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie
+vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drückte.
+
+Sie war rund und kurz, heiß.
+
+»Adieu, Fräulein Scholl und nochmals Dank für Ihre liebe Einladung.«
+
+Fräulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf.
+
+Bijou rannte aus der Türe und kläffte Ginstermann nach. -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- --
+
+Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb:
+
+Das Herz.
+
+Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hieß er, das ist: der Gestorbene.
+Er war bleich, weiß wie Zucker sein Gesicht, seine Hände. Seine Augen waren
+dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von bläulicher Farbe. Ein Lächeln
+umkräuselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu
+schreien, blickte er junge lachende Mädchen an, so weinten sie und
+trauerten ihr ganzes Leben. Er ging durch die Straßen und lächelte. Da
+wurden alle Menschen stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen.
+
+Sein Lächeln, das sagte: Weshalb lacht ihr?
+
+Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sie unter der Linde. Er ritt auf
+einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte,
+und die Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte
+sich mehr, sie standen wie gelähmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen
+anzustimmen, da rissen die Saiten wie Zunder.
+
+»Es ist Habuck!« flüsterten die Mädchen und hüllten das Gesicht in die
+Schürze.
+
+Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man
+kann ihn noch heute so sehen.
+
+Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige
+Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich
+zweischneidigen Schwertern zu Häupten des Volkes. Sein Stolz war so groß,
+daß er sagte: Erdengöttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart.
+
+Er verbrachte die Nächte beim Wein und brütete, wie er das Lachen töten
+könne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig.
+
+Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er
+unsichtbar mit ihm kämpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt
+die Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten.
+
+»Habuck kommt übers Feld,« riefen die Leute und stürzten in ihre Häuser.
+Sie krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den
+Hufschlag seines Pferdes hörte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig
+wurde.
+
+Eines Abends ritt Habuck über eine große Heide. Violett das Kraut, violett
+der Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter.
+
+Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete.
+
+Es stand mitten im Wege und wich nicht.
+
+Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb
+stehen, als er über das Weib wegreiten wollte.
+
+»Ich habe dir etwas zu geben,« sagte das Weib.
+
+Habuck fragte: »Was willst du?«
+
+»Ich habe dir etwas zu geben,« wiederholte das Weib und trat nahe an ihn
+heran.
+
+»Nimm es,« sagte es, »ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es
+verloren, als du ein Knabe warst.«
+
+Und als Habuck zögerte, warf sie es ihm in den Schoß und verschwand.
+
+Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter.
+
+Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. Die Vögel begannen zu trillern im
+Walde, es war spät in der Nacht.
+
+Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein.
+
+»Wer bist du?« fragten die Leute.
+
+Niemand kannte Habuck mehr. --
+
+Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Samstag.
+
+Ginstermann sprang aus dem Bette, mit beiden Füßen zu gleicher Zeit, und
+sagte: »Samstag.«
+
+Er hatte lange und tief geschlafen und fühlte sich in erwartungsvoll
+heiterer Stimmung angesichts dieses Tages, aus dessen Dämmerung das große
+Glück wetterleuchtete.
+
+Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen
+noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel
+herauf. Die Dämmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden
+Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprühte.
+
+Durch die geöffneten Fenster strömte frische, würzige Luft, gesättigt mit
+dem Geruche der Wälder und dem kühlen Atem der Quellen, noch nicht
+verdorben vom Staub der Teppiche und den Küchendünsten. Der Hof lag noch
+ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen.
+
+Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes
+hergerichtet, aus Möbeln und Wänden schien die Sonne der letzten Wochen zu
+strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit
+hindurch vernachlässigt hat. Tisch und Stühle, Bücher und Skizzen an den
+Wänden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu
+heischen.
+
+Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block
+von Kälte und Finsternis, in wüster Betäubung von der Arbeit der Nacht und
+lächelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen
+Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gütige große Leben
+winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen.
+
+Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehörte dies zu
+seinen Liebhabereien.
+
+Das Gefühl von Kraft und Gesundheit erfüllte ihn in einem Maße, wie er es
+nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wäre. Seine Brust
+war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend,
+seine Sehnen straffer. Die Müdigkeit war weg, der gebeugte Rücken, die
+bleischweren Füße. Als hätte er einen wüsten Rausch ausgeschlafen.
+
+Er wettete, mit der Faust Löcher in die Wand schlagen zu können, die Decke
+zu sprengen, wenn er sich streckte.
+
+Köstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die
+einer Wiedergeburt entgegensah.
+
+Eine übermütige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk
+gegeben, trat er vor den Spiegel, ließ die Muskeln seiner Arme spielen,
+reckte die Brust, beugte den Kopf zurück, sich erfreuend an dem Schnellen
+der Sehnen, der Überschneidung der Schulter, der energischen Linie seines
+Armes, als studiere er einen fremden Körper.
+
+Man sollte nicht versäumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen.
+Was für Bewegungen würde man bekommen, welche Elastizität, welche Genüsse
+von Schönheit könnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung
+seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt müßten die Menschen in Gärten
+wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schönheit ihrer Schwestern und Brüder, und
+die Welt nähme von neuem ihren Anfang, Schönheit und Erkenntnis ihr
+zweifaltiger Gott.
+
+Endlich ging er an die Toilette. Er überschwemmte seinen Körper mit Wasser
+und lief fröstelnd und pustend im Zimmer umher, eine solche Menge Fußspuren
+hinterlassend, als habe ein Rudel Wilder hier getanzt. Er hatte sich einen
+netten Anzug angeschafft, denn es erschien ihm unmöglich, in seinem
+geschossenen blaugrauen Sommeranzug mit einer vornehmen Dame im Englischen
+Garten zu promenieren. Allerdings hatte er nahezu seine ganzen Ersparnisse
+hinlegen müssen, aber das war ja vorläufig einerlei. Fix und fertig trat er
+vor den Spiegel. Der Anzug saß außerordentlich gut, als sei er für seine
+Figur geschnitten. Er machte in seiner dunkelgrauen Farbe einen
+ruhig-vornehmen Eindruck.
+
+Zur Vervollständigung setzte er auch seinen netten Strohhut auf, dessen
+verräterischen Glanz er mittels Wasser abgeschwächt hatte, und erblickte
+nun im Spiegel einen elegant, nahezu geckenhaft gekleideten jungen Mann,
+der sonderbarerweise sein Gesicht hatte.
+
+Er lüftete grüßend den Hut und sagte: »Guten Tag, wie geht es Ihnen?« dabei
+lächelnd mit freudigen Augen. Seine Wangen überzog ein Hauch von Röte, und
+diese Erscheinung machte ihn verblüfft wie ein Wunder. Gemächlich nahm er
+seinen Tee, rauchte er seine Zigarette. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit,
+die mit den raffiniertesten Kunstkniffen vertrieben sein wollte.
+
+»Gehen die Lahmen zu Tanze, Antonio?« sagte er zu sich. Er lachte und
+erwiderte sich selbst: »Wenn die Toten neugierig werden, Pietro, weshalb
+sollen die Lahmen nicht tanzen?«
+
+»Ein Toter wird wieder lebendig, mein Sohn, wenn er sieht, wie sein
+Waffenbruder die Flucht ergreift.«
+
+»Man merkt, daß du schon lange gelegen bist, tapfrer Held, selbst dein Witz
+ist nicht mehr frisch.«
+
+»So frisch noch, um das Faule deiner Ausflüchte zu spüren, Antonio. Ein
+Antonio, der beim Junggesellenmahl des Colonna den Degen in den Tisch stieß
+und rief --«
+
+»Man merkt, daß du selbst wenig Gedanken besitzt, da du Raum im Kopfe hast,
+die Gedanken anderer Leute aufzubewahren.«
+
+»Donna Claudia --«
+
+»Nun muß deine Zunge ein Loch haben, da sie einen Weibernamen aussprach.«
+
+»Die Schnelligkeit deiner Einwürfe beweist mir, was mir gar nicht mehr
+bewiesen zu werden brauchte. Donna Claudia läd zum Tanze, und das ganze
+männliche Venedig schläft nicht mehr vor Aufregung, wie eine Jungfrau vor
+der Hochzeit. Wenn man euch hört, so glaubt man, ihr speistet sechs Teufel
+an einer Gabel, aber das Lächeln einer Frau macht euch zu tänzelnden
+Pudeln. Don Luigi, dessen Zunge scharf war wie ein Rasiermesser, um dessen
+Degen die Leute einen Halbkreis beschrieben, ertrank in den Wangengrübchen
+eines rosigen Mädchens, Freund Fabio, der noch mit halbem Schädel kämpfte
+und mit dem Satan in persönlicher Korrespondenz stand, gab seine Narben für
+den Kuß eines zierlichen Frauenknöchels. Und Antonio --«
+
+»Antonio ist nach Palermo abgereist.«
+
+»Antonio, der beim Festmahl des Colonna sagte: Wenn mein Herz Langeweile
+hat, so frage ich es: Hast du Langeweile, mio bambino? Sollst eine Puppe
+haben, eine feine Puppe, die Mama und Papa sagt, wenn man sie auf den Bauch
+drückt -- dieser nämliche Antonio, ihr Herren, so hört doch! schlüpft in
+den Balg eines Papageis, wenn Donna Claudia zum Tanze läd.«
+
+»Ein Fisch könnte sich ertränken.«
+
+»Ein Weib könnte die Wahrheit sagen.«
+
+»Ich wünschte nur, Pietro, die Marchesa Colombi könnte Zeugin deiner
+mannhaften Entrüstung sein.«
+
+»Die Marchesa Colombi? Der Mond falle dir auf den Bauch, Freundchen!« --
+
+Er erfand einen Dialog, in dem sich zwei blasierte Schlingel gegenseitig
+den Rest ihrer Gefühle zum Vorwurf machten. Daran reihte sich eine Szene
+bei Donna Claudia, Antonio--Claudia, und ein Zwiegespräch der Marchesa
+Colombi mit einer Maske in einer Fensternische, die mit einer klatschenden
+Ohrfeige endigte. Pietro, dieser freche Patron, mußte unbedingt seinen Lohn
+haben.
+
+Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollführen, er
+trieb Nägel in ein Brett, und die Gäste der Donna Claudia gingen nach
+Hause.
+
+Von der Straße her drang das Lärmen des erwachten Verkehrs. Die
+Gemüseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des
+Kehrichtwagens zeterte.
+
+Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus,
+um sich die Zeit zu vertreiben.
+
+Aus dem Fenster gegenüber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brüste
+breitgedrückt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des
+fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich
+schleunigst zurück, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie
+sah aus wie eine Schießscheibe. Im Hofe wurde eine gutmütig-kreischende
+Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die
+Küchenfenster lockte.
+
+Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die
+Daseinsäußerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum
+die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehörtem
+Texte, und plötzlich, ohne sich eigentlich über diesen Vorgang klar zu
+werden, trällerte er vor sich hin:
+
+ Juhei, juhei, der Tag ist da,
+ er tanzt als wie ein Narr herum,
+ mit heija--halleluija
+ tanzt er die alten Häuser --
+ ja alten Häuser um. Juhei!
+
+ Juhei, juhei, der Tag ist da,
+ ein wilder, kecker Bengel,
+ mit heija--juhaheirassa
+ hält er mich untern Pumpen --
+ ja untern Pumpenschwengel. Juhei!
+
+ Juhei, juhei, der Tag ist da,
+ mit einem Strauß von Düften,
+ dann hängt er mich mit juhaha
+ an einen hohen Kirchenturm --
+ ja Kirchenturm zum Lüften. Juhei, Juheirassassassa!
+
+Er wiederholte den Singsang, veränderte die Melodie, dichtete ein paar
+Strophen dazu, bis er endlich des Spaßes überdrüssig wurde.
+
+Er sah auf die Uhr.
+
+Es war sieben, noch nicht sieben.
+
+ * * * * *
+
+Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den
+Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des
+Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um.
+
+Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von
+Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse
+Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab.
+
+Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät
+zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als
+habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht
+zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in
+den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge
+beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe,
+ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu
+können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus
+gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und
+einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit
+einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade
+auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee.
+
+Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen.
+Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise
+wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden
+Blättern.
+
+Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war,
+geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der
+der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen
+Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können.
+
+Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern,
+ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann,
+der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe
+weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose,
+keine Sekunde stillestehende Maschine.
+
+Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn
+wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine
+kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal,
+das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl,
+das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in
+die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das
+gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses
+Rendezvous mit einer jungen Dame.
+
+Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf
+dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet
+war.
+
+Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen
+. . .
+
+Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt.
+
+All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte
+vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich
+gut ging, zwei Monate lang.
+
+Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem
+Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte
+ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre
+Augen zufällig darauf fallen konnten.
+
+Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder,
+die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang
+sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre
+Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten.
+
+Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie
+spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren,
+schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei
+Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so
+üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es
+hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln
+summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so
+eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das
+Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen.
+
+Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das
+glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens
+weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend,
+und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in
+den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich
+mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland
+seiner Seele schimmerte.
+
+Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit
+mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine
+wegzuziehen.
+
+»Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,« sagte Ginstermann, »ich fühle
+mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.«
+
+»Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!«
+
+»Nein, nein, aber keineswegs. So hübsche Kinder belästigen mich nie.«
+
+Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr
+Wesen hatte etwas Gedrücktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mühsam
+der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte
+an den Armen und der Brust ins Grünliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit
+versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig
+waren.
+
+Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trällernd:
+
+Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . .
+
+Die Kleine lachte und klatschte vor Vergnügen mit den Patschhändchen.
+
+»Sie wird ihnen lästig fallen,« hub die Mutter wieder an, ihm mit einem
+Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend.
+
+»Sie sehen ja, daß das Vergnügen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen
+Sie für das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fünf Millionen?«
+
+Aber das Weib lächelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen
+Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete.
+
+»Es läuft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.«
+
+Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrückte.
+
+Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich.
+
+Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er:
+
+»Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.«
+
+Sie blickte immer noch zu dem hustenden Männlein hinunter.
+
+»Ach,« sagte sie, »er hätte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er
+war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.«
+
+Das Mädchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns
+Gesicht.
+
+»Fällt es Ihnen noch nicht lästig?«
+
+»Ach nein. Hören Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar,
+das sie hat, feiner wie Seide.«
+
+»Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer Überzeugung gemäß
+antworten?«
+
+»Bitte, bitte.«
+
+Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube!
+
+Dabei sah sie ihm direkt in die Augen.
+
+»Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.«
+
+Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur
+die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzählt.
+
+»Ja, ein Schriftsteller,« entgegnete Ginstermann, »die glauben alle nichts.
+Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu
+warten.«
+
+Das verstünde sie nicht.
+
+Sehr einfach. In ein paar Jahren hätte sich ihr Kind entwickelt, und aus
+dem Kinde würde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung
+der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme würde sie ihn erkennen. Und
+somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken.
+
+Sie sann vor sich hin, beglückt von dieser Eröffnung und sah im Geiste das
+Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen.
+
+Dann erzählte sie Ginstermann leise, in unvollständigen Sätzen, die
+Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war
+Telephonistin und ihr Bräutigam Zeichner in einer Möbelfabrik. Er war sehr
+geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie
+das erste Mal seine Stimme gehört, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines
+Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die
+Nummer seines Geschäfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann hätten
+sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank
+gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind
+kam und sei nun Kontoristin. Gegenwärtig habe sie Urlaub, drei Tage.
+
+Ginstermann hörte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Pläne, auf
+welche Weise man das arme Weib erfreuen könne. Hätte er Geld gehabt, so
+würde er ihr soviel als möglich zugestellt haben: Ein Freund ihres
+Bräutigams, der Möbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte
+wegen der Verzögerung um Entschuldigung. Auch beschäftigte ihn der Gedanke,
+auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswürdigkeit seiner
+Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mädchen deshalb zu entlassen, weil
+es der Stimme seiner Natur gefolgt war.
+
+»Wenn Ihnen die Kleine aber lästig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und
+ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her
+und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --«
+
+In diesem Momente schlugen die Uhren drei.
+
+Ginstermann erschrack, die Töne durchliefen seinen ganzen Körper.
+
+Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung:
+
+»Entschuldigung, ich muß gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr muß ich gehen.
+Auf Wiedersehen.«
+
+Zwischen den Säulen auf dem Hügel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten,
+nicht der Verdacht eines Schattens.
+
+Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lähmenden Angst
+befallen und hielt den Schritt an.
+
+Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Möglichkeiten durch den Kopf, die sie
+abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnäckig als die
+wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders überlegt. Was
+sollte sie mit ihm?
+
+Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flügel
+lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht.
+
+Er stand und blickte mit bitterem Lächeln zu Boden.
+
+»Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!«
+
+Aber plötzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewußt seine
+Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas geändert.
+
+Sie stand oben.
+
+Sie stand wirklich und wahrhaftig oben.
+
+Schlank und weiß stand sie zwischen den schlanken, weißen Säulen und
+blickte über die Wiese.
+
+Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter
+seinem Busche stehen und beobachtete sie.
+
+Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem
+Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete.
+
+Ist es nicht köstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der
+wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht
+man sonst in solch nachdenklicher, nachlässiger Haltung?
+
+Er götzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte
+und langte ganz außer Atem oben an.
+
+»Da sind Sie ja!« sagte sie und lächelte.
+
+Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit
+einem kurzen verstohlenen Blick überflog sie sein verändertes Äußere.
+
+Er schämte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese
+spießbürgerliche Rücksichtnahme, und er verwünschte Anzug und Hut.
+
+»Ja, da bin ich«, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst
+nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte,
+waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch.
+
+Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert.
+
+Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgültigem Tone, der
+Ginstermann augenblicklich die Fassung zurückgab.
+
+»Ich würde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen,« entgegnete er.
+
+Sie gingen den Hügel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen,
+unwillkürlich.
+
+»O, das ist ja gleich«, sagte Fräulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg
+ein.
+
+Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem
+Gesprächsthema, das Interesse für jeden besaß und jedem gestattete, etwas
+dazu zu geben, und huschten sie über die Oberfläche einer Menge von Fragen
+hinweg, bis sie schließlich in glattes Geleise kamen.
+
+Ginstermann war nicht vollständig bei der Sache. Ein Chaos von Gefühlen
+wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er.
+
+Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rückkehr zum
+erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor.
+
+Nachlässig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerückt, die
+Hände in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war
+nicht bedrückt durch ihre Nähe, wie früher, er fühlte sich befreit, ohne
+die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr
+war. Er schlürfte sein Glück mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht
+daran denkt, daß der Becher einen Boden hat.
+
+Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mädchens
+auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergründen, was sein Herz längst
+wußte. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefühle erwidern oder nicht, und
+er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne
+die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war.
+
+Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten,
+erschauernd unter der gütigen Sonne, Leben und Blüten quellend.
+
+Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das
+Leben mitten auf den Mund küßte, dachte er, als jemand an ihnen
+vorüberging.
+
+Emanzipation? Welches seine Meinung über die Emanzipation des Weibes sei?
+
+Er nahm dieser Frage gegenüber seine feste Stellung ein. Diese Stellung
+suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer
+radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die
+soziale Stellung des Weibes hielt er für einen Punkt sekundärer Bedeutung,
+mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermögens der Frau zu tun.
+Die Frau müsse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie müsse
+begreifen lernen, daß das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches
+Wohl gehe.
+
+»Die Tatsache ist betrübend«, sagte er, »daß der seelische Zusammenhang des
+erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natürlichen Gesetzen
+basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedürfnis heraus
+entstandener.«
+
+Dann sprach er von dem Verhältnis des Weibes zum Manne, das kein von der
+Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natürlich, sondern von der
+Kultur erwünschtes sei.
+
+Das waren für ihn alte Dinge, über die er Bücher geschrieben hatte, und er
+dachte vieles andere, während er sprach.
+
+Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit
+im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man
+besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der
+Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen,
+darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist
+es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine
+Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib,
+das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist?
+
+Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe
+des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren?
+
+»Allgemein gesprochen«, schloß er seine Ausführungen, »freut es mich, daß
+das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben
+wird.«
+
+»Wie oft gab es das«, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, »daß
+ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau
+lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem
+Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen
+etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen
+kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst
+ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie
+berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin
+betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln
+der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist.
+Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit
+dem Manne in jeder Hinsicht erringen.«
+
+Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte
+Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den
+grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten,
+überwunden hatte.
+
+Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese
+gaukelte, dann fuhr sie fort: »Und die Gelehrten wollen wissen, daß das
+Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da
+nicht verzagen?«
+
+O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen,
+lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu
+empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu
+verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre
+Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen
+zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken
+schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat
+Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das
+gefunden.
+
+Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der
+sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige
+Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer
+rings um sich stellte und mit ihnen konversierte.
+
+Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet
+hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens.
+
+Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und
+gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in
+den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte
+und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht?
+
+Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier
+und sie eine vornehme Dame war. Wozu also?
+
+Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden.
+»Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher«, antwortete er ihr, »daß es
+sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung
+handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine
+Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen
+Gelehrten?«
+
+Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. »O, ich weiß«, sagte sie, »man müßte
+ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes
+gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . .« Sie brach einen Zweig und
+roch an den Blättern.
+
+Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen
+Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge
+sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das
+Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft
+zu kommen, bald aus der Erde.
+
+Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte
+ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer
+indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem
+Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine
+Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß
+es unvermittelt in Galopp überging.
+
+Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz
+anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer
+Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte.
+
+»Er ist mir sehr unsympathisch,« urteilte sie, »ja er widert mich an. Ich
+kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich
+glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit
+Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer
+Dirne, bei der es aus- und eingeht.«
+
+Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die
+Schwalben da droben, er hörte zu.
+
+»Ich kenne überhaupt nur einen Mann«, fuhr sie fort und blickte Ginstermann
+an: »Das ist mein Bruder.«
+
+Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten
+Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde,
+ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes
+auf sie selbst zurückfiel.
+
+Ginstermann freute sich über diesen Beweis ihres Vertrauens und wußte sie
+durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine
+Verdienste rühmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so daß er, eine
+kleinliche Eifersucht überwindend, schließlich dahin kam, diesen
+Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben.
+
+Nicht nur, daß er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen
+hatte, da war noch etwas anderes:
+
+»Wenn ich ihm in die Augen sehe«, sagte sie, »so brauche ich nicht in Angst
+zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine
+Vergangenheit.«
+
+Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mußte an die Zeit denken, wo er
+sich betäubte, um nicht zu verzweifeln.
+
+Seine Fröhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fühlte zwischen sich und dem
+Mädchen eine Mauer emporwachsen, die sie für alle Zeiten trennen würde.
+
+Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen.
+Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen
+davon, sprechen!
+
+Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige.
+
+Der Himmel verdüsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine
+Vergangenheit langsam darüber.
+
+Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er
+mit Gedanken an sich beschäftigt. Sie gingen voneinander entfernt.
+
+Im Hintergrunde stampfte die große Maschine, die wippenden Zweige streuten
+Goldstaub auf den Weg.
+
+Es war Ginstermann als peitschten sie seinen Rücken. -- --
+
+Nach einiger Zeit bat Fräulein Schuhmacher Ginstermann, dessen plötzliche
+Mißstimmung ihr auffallen mußte, ihr einiges über seine Arbeiten zu
+verraten.
+
+»Es ist ihr gleichgültig, wer ich bin«, dachte dieser bitter, »sie geht nur
+mit mir, weil die Zeitungen von mir schreiben.«
+
+»Was arbeiten Sie gegenwärtig. Ich interessiere mich dafür, es ist nicht
+Neugierde.«
+
+Ginstermann blickte sie an und lächelte. Nein, es war nicht Neugierde. Das
+versöhnte ihn einigermaßen mit sich. Einerseits fühlte er sich in seiner
+Eitelkeit dadurch geschmeichelt, auf der anderen Seite tat es ihm
+ordentlich wohl, daß jemand von ihm wissen wollte.
+
+Er fuhr fort zu lächeln und sagte: »O, das ist nicht so einfach zu sagen.
+Das ist sehr kompliziert alles. Jemandem das auseinandersetzen zu wollen
+--« Er räusperte sich.
+
+Eine heiße Welle überflutete ihn. Nein, war das nicht sonderbar? Jemand
+wollte wissen, was er schrieb?
+
+Sollte er ihr die Hände küssen?
+
+Er dachte gar nicht mehr an vorhin. Er dachte nur das eine: Jemand
+intressiert sich für dich, Freundchen. Das tut einem armen Hunde ordentlich
+wohl, wenn jemand kommt und mit der Hand über ihn streicht, wie? Haha.
+
+Und er begann zögernd Gedanken und Pläne auszukramen. Seine Hände bebten,
+er suchte ungeschickt nach den deckenden Ausdrücken, seine Lippen
+zitterten.
+
+Es war auch das erste Mal, es war auch das erste Mal!
+
+Schamhaftigkeit durchschauerte ihn, während er sie sachte in das Innerste
+seiner Seele führte und ihr all die Dinge zeigte, die noch keines Menschen
+Auge erblickt. Da gewahrte er wie reich er war, und Stolz erfüllte ihn.
+
+Anfangs hing er allen Ideen einen Schleier über, der sie verallgemeinerte,
+dann ließ er, seine letzte Scham überwindend, die Schleier sinken und ließ
+ihr sein Innerstes nackt sehen, so bitter, so süß, so albern und verrückt
+es ihr auch erscheinen mochte.
+
+Heiße Blutwellen durchliefen seinen Körper, er zitterte vor Erregung. Sein
+Antlitz, das er sonst beherrschte oder verstellte, lebte auf, Zug um Zug
+löste sich und diente zum Ausdruck. Es war, als sei er aus langjährigem
+Schlafe erwacht.
+
+Er sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, durch die Tränen fielen. Seine
+Seele pulsierte in feinen Worten.
+
+Zum erstenmal vernahm er seine eigene, wirkliche Stimme!
+
+Er nahm dazwischen den Hut ab, strich sich durch die Haare, er blieb stehen
+und zündete sich mechanisch eine Zigarette an. Oft hielt er den Schritt an
+und sah dem Mädchen in die Augen, immerzu sprechend. Seine Augen fieberten,
+er lachte und von all dem wußte er nichts.
+
+Sie gingen denselben Weg immer hin und her. Wohl ein dutzendmal. Wie auf
+Kommando drehten sie am Ende immer um.
+
+Fluten stiegen in ihm, quollen in ihm, brausten heraus. Er hatte tausend
+Hoffnungen, tausend Pläne.
+
+»Ich will nicht auf den Trümmern kauern und schluchzen, wie die anderen
+alle, ich will aufbauen, neu aufbauen! Hier ist euer Weg, hier ist euer
+Ziel! Wacht auf, wacht auf, um der Menschheit willen! Fort mit Schlaf, fort
+mit Lüge!«
+
+Er fand nicht Ende, nicht Anfang. Von jedem Gedanken liefen tausend Gänge
+zu tausend anderen. Alles was unbewußt in ihm geschlummert, brach ans
+Licht, reiste in dieser Stunde blitzschnell heran. Ein ungeheures Rad mit
+blitzenden Speichen schwang in ihm, angetrieben von einer unbekannten
+Kraft.
+
+Eine Blüte fiel herab und blieb auf ihrer Schulter liegen, er nahm sie weg,
+ohne jeden Gedanken.
+
+Und er baute weiter, immerzu, der Höhe entgegen. Alles, was ihm sonst
+unfaßbar gewesen, rückte in das Sehfeld seiner Erkenntnis. Mit beiden
+Händen konnte er wegwerfen, seiner Schätze wurden nicht weniger, es war wie
+ein Zauber.
+
+Zuweilen fragte er sich zwischen all diesen Strömungen: wie kommt das? Wie
+ist das möglich? Bin ich sehend geworden? Und weshalb sage ich ihr das,
+gerade ihr? Weshalb reißt es mich hin, ihr den Fanatiker der Idee zu
+zeigen, der ich bin, nachdem sie mich jahrelang in Schweigen gehüllt?
+
+Endlich hielt er inne. Seine Worte gehorchten nicht mehr, er brach in
+nervöses Lachen aus.
+
+Fräulein Schuhmacher faste nach seiner Hand und drückte sie.
+
+Sie gingen still nebeneinander her. Die Gedanken, die er gesprochen,
+umgaben sie wie eine sie begleitende Atmosphäre.
+
+Sie kamen am Wasserfall vorüber und blieben stehen, das Bild und den toten
+Rhythmus des Tosens mit halben Sinnen genießend.
+
+Auf einen Felsblock saß eine Dame und zeichnete. Sie hatte eine spitze
+abgeknickte Feder auf dem Hute und der übergeschlagene Fuß wippte
+unmerklich auf und ab. Ginstermann bemerkte das, so sonderbar es ihm auch
+erschien. Und während die Wellen in ihm noch weiterrauschten, dachte er:
+Hier sitzt immer jemand, der zeichnet, oder jemand der liest, oder einer,
+der verzweifelt nach einem Verse sucht.
+
+Sie gingen weiter, und Fräulein Schuhmacher sagte nach langem Sinnen:
+»Wollen Sie mir nicht etwas aus Ihrem Leben erzählen, Herr Ginstermann?«
+
+Das klang wie eine Bitte, die sie schüchtern vortrug und am liebsten wieder
+zurückgenommen hätte. Eine leise Röte stieg in ihre Wangen, sie beugte den
+Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, den ihre Augen hell
+spiegelten.
+
+»Von meinem Leben?« erwiderte Ginstermann und lachte kurz auf.
+
+»Von Ihren Eltern, Ihren Geschwistern. Haben Sie Geschwister?«
+
+»Ich habe weder Geschwister noch Eltern, Fräulein Schuhmacher.«
+
+Sie blickte ihn an und war erstaunt, daß er heiter lächelte.
+
+»Wie das?«
+
+»Ich war noch nicht achtzehn Jahre, als man mir Urlaub für mein ganzes
+Leben gab. Ich hatte so etwas wie eine Dummheit begangen.«
+
+Er lachte wieder, ganz vergnügt.
+
+»Ich begreife das nicht.«
+
+»Ich bin glücklich, wenn ich daran denke. Der Haß macht glücklich, Fräulein
+Schuhmacher.«
+
+Pause.
+
+Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort:
+
+»Ich komme einen dunklen Weg. Niemand könnte das fassen, selbst wenn man es
+ihm erzählen könnte. Niemanden kann man es erzählen. Man müßte keine Scham
+mehr haben. Ich habe das Bewußtsein, daß Tausende in dem schwarzen Sack
+stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wären. Ich kann Ihnen
+nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzählen, ich schlich mich in die
+Ställe und stahl den Kühen die Rüben aus den Barren -- so könnte ich
+höchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. -- -- Hunger und
+Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Königs geboren zu sein und die
+Demütigung eines Bettlers ertragen zu müssen, ist schon schwerer. Aber bei
+all der Misere, Sehnsucht nach Glück und Licht und Liebe und all das
+Ungegorene mit sich schleppen zu müssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich
+kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache
+ich darüber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem
+auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter.
+Es ist eine Vergünstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben
+dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bißchen ins Leben, sieht dem
+Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere
+später begreifen müssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien
+walten über uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das
+Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert.
+
+Einer geht seine Straße und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere
+sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121.
+Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. -- O,
+der Mensch ist ohnmächtig, das lernt man. Und für diese Ohnmacht möchte er
+sich rächen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kümmert
+das Schicksal nicht.
+
+Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die
+Menschen hinein: hier mußt du laufen, hier du. Es drückt ihm die Hirnschale
+ein, es reißt ihm einen Fuß aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer
+daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen
+zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glück. Aber dieser
+Wunderdoktor kommt selten. -- Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere
+kindische, göttliche Sehnsucht -- --! Glauben Sie nicht, daß das alles
+Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.«
+
+Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend:
+
+»Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzählen. Einmal war ich Erdarbeiter
+bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Körper sehr gut, den
+Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und
+schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glühender Sonne, während
+die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in
+der Baracke, in der über fünfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht.
+Ich mußte mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prügel. Es
+waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten
+auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten
+sie, sie wußten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in
+sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschändete
+Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch.
+Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las
+es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da saß ein
+Schwindsüchtiger mit herabhängendem Chinesenbart, der machte aus jedem
+Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen
+hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abfälliges
+über ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein bärenhafter
+Kerl stieg über eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, daß ich umfiel. Es
+war nur Scherz. Die anderen stießen mich herum wie einen Fußball. Natürlich
+nur Scherz. Schließlich wollten sie mein Buch zerreißen und es mir zum
+»Fressen« geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst
+nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht -- ich habe noch heute die
+Schrammen unter dem Auge -- und ich hatte es wieder. -- Ist das nicht
+kostbar? Ich könnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzählen.«
+
+»Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.«
+
+Ginstermann erwiderte: »Sie haben recht, wozu auch immer schwätzen.«
+
+»Ich höre Sie gerne erzählen, aber so bittere Geschichten machen mir keine
+Freude. Und von solchen Leuten --«
+
+»Nein, sagen Sie nichts über diese Leute, Sie sollten sie kennen. Später da
+dichtete ich ihnen Lieder. Revolutionäre, sehnsüchtige. O, Sie hätten sie
+sehen und hören müssen, wenn sie sangen. Eine Seele waren sie, ein Haß,
+eine Klage. Es war, um in den Wald zu gehen und zu weinen.«
+
+Er lächelte und fuhr in anderem Tone fort: »Nun habe ich noch eine
+Geschichte für Sie gefunden. Das war in Ungarn. Ich schrieb da in einem
+kleinen Bureau. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hatte so gute Augen,
+daß ich es wagte, sie anzusprechen, als es niemand bemerken konnte. Dann
+mußte ich fort und sie erlaubte mir an dem und dem Tage an das Gitter ihres
+Gartens zu kommen, um ihr Adieu zu sagen. Ich kam. Es war bitter kalt. Sie
+hatte noch zwei Schwestern dabei, die ihr so ähnlich sahen, daß man sie für
+Abzüge einer gleichen photographischen Platte hätte halten mögen. Sie gab
+mir die Hand zum Gitter heraus. Dann ging sie zu den Schwestern zurück. Sie
+standen in einer Reihe auf einem Hügel. Und plötzlich zogen sie etwas aus
+der Tasche und drei goldene Bälle flogen durch die Luft. Orangen. Sie taten
+es mit der gleichen Bewegung und riefen dabei ein und dasselbe ungarische
+Wort. Ich verstand es nicht. Ich habe es auch vergessen und nur, wenn ich
+sehr heiter bin, so klingt es mir in den Ohren. Dieses ist mein schönstes
+Erlebnis.«
+
+Fräulein Schuhmacher lächelte. »Es ist schön, so wie Sie es erlebten,«
+sagte sie. »Vielleicht finden Sie noch eines?«
+
+»Nein, nein. Es ist genug. Wieviel habe ich heute nur gesprochen. Ich
+sprach in drei Jahren nicht soviel. Tatsache. Und das ist nicht richtig.
+Wir sollten stumm gehen und lauschen und sehen, sehen und lauschen, und uns
+über das herrliche Dasein freuen.«
+
+»Finden Sie es so herrlich?«
+
+»O ja, sehr.«
+
+Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nun nicht.«
+
+»Wenn ich Ihnen erklären sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so
+müßte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.«
+
+»Ich bitte Sie darum.«
+
+»Schön, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzählige Freuden
+und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle
+mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe
+irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege.
+Ist das nicht schön? Man zirpt an eine Saite, und das ist schön. Ich
+spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfältig
+genießen, wenn man seine Sinne nicht verschließt. Alles wird Erlebnis, das
+Kleinste. Hier ist es ein schön gesprochenes Wort, da ein kluges
+Vogelköpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen,
+die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen über die
+Straße -- wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die
+Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glückes, ohne das
+niemand leben würde . . .« -- --
+
+Der »große Tag« neigte sich seinem Ende zu.
+
+Sie gingen nach Hause, durch die treibende, bunte Menge hindurch, die die
+Wege überflutete.
+
+Sie sprachen nur noch weniges und hingen ihren Gedanken nach.
+
+Ginstermann hätte gerne noch um ein Viertelstündchen gebeten, aber er
+befürchtete, ihre Güte zu mißbrauchen.
+
+Auf der Straße zwischen den öden Häusern, inmitten des brutalen Lärmens des
+Verkehres, verwandelten sie sich beide in andere Menschen, als sie im Park,
+in der Sonne gewesen.
+
+Fräulein Schuhmacher war wiederum die kühle, vornehme Dame, als die er sie
+kennen gelernt hatte.
+
+Aber beim Abschiednehmen war sie liebenswürdig und herzlich wie während des
+Spazierganges.
+
+»Ich werde Ihnen schreiben, wenn ich wieder kommen kann, nicht? Ist es
+Ihnen angenehm? Adieu, und seien Sie recht fleißig. Auf Wiedersehen!«
+
+Sie schüttelte ihm die Hand und ging.
+
+Ginstermann schritt langsam die Leopoldstraße hinauf, ganz langsam.
+
+Was für einen Monat haben wir, meine Brüder? sagte er.
+
+Wir haben Mai!!
+
+ * * * * *
+
+Ginstermann ging nicht sogleich nach Hause.
+
+Er kehrte in den Englischen Garten zurück und schritt langsam, den Hut in
+der Hand, dieselben Wege, die er mit ihr gegangen.
+
+Die Sonne blitzte hinter der Stadt, die Wipfel der Bäume streckten sich
+ihrem erlöschenden Lichte entgegen. Dämmerung kam und schob die Leute den
+Ausgängen zu.
+
+Jene auffallende Sicherheit und Ruhe, die Ginstermann während des
+Nachmittages erfüllte, fiel in dem Moment, wo er allein war, gleich einer
+Schleuse, und die Flut seiner Empfindungen ergoß sich mit dreifacher Wucht.
+Er saß inmitten der Stunden dieses Tages, und jede einzelne breitete ihre
+Herrlichkeiten vor ihm aus.
+
+Er durchlebte nochmals jede einzelne Minute und das Erlebnis gewann an
+Schönheit und Tiefe, da seine Phantasie es verklärte und durchleuchtete.
+Jedes Wort, das Fräulein Schuhmacher gesprochen, klang in ihm wieder, so
+deutlich und lebendig, als spreche sie neben ihm. Ihre kurze Frage: wie
+das? wolle ihn nicht mehr verlassen. Sie ging neben ihm her. Schloß er die
+Augen, so leuchtete ihm ihr Gesicht entgegen, in jedem Ausdruck, den er zu
+sehen wünschte. Sie wandte ihm sachte die Augen zu, wenn er redete, sie
+lächelte, wenn er scherzte, sie kräuselte die Stirne, wenn er ein Paradoxon
+aussprach. Er entdeckte abermals, wie wesenhaft ihre Hände waren, wie
+schmal und gewölbt ihre rosigen Fingernägel, die kaum merkbare Asymetrie
+ihrer Stirne.
+
+Als er den Wiesenweg entlang schritt, den sie während seines Vortrages hin-
+und hergegangen, fand er Spuren ihrer Schirmspitze. Dies mutete ihn an wie
+eine reale Hinterlassenschaft.
+
+Hier sagte sie dies und jenes, ein gelber Falter schaukelte über die Wiese,
+ein roter Sonnenschirm wanderte dort hinter den Büschen. Er wußte jede
+Einzelheit ganz genau.
+
+Heute war der Tag seiner Wiedergeburt. Er hatte einen Menschen kennen
+gelernt, er hatte sich einem Menschen zu erkennen gegeben, das war das
+große Ereignis.
+
+Eines nur war bitter. Jene Erkenntnis, daß ein Abgrund sie trennte.
+
+»Wenn ich ihm in die Augen sehe, so brauche ich nicht zu befürchten, seine
+Vergangenheit darin zu entdecken, denn er hat keine Vergangenheit.«
+
+Welch unerschütterlich herrlicher Glaube lag in ihrem Tone und welch
+grausige Abneigung vor dem Menschen, bei dem sie dies zu befürchten hatte.
+
+Ein Schleier war gesunken, und er hatte eine Sekunde ihre Seele gesehen.
+Mit Furcht und Bangen. --
+
+Müde vom Laufen und Sinnen, steuerte er endlich seiner Wohnung zu.
+
+Durch die Straßen hauchte ein schwüler lautlos böser Wind, Bangen in den
+Herzen der Menschen erweckend. Die Sterne flackerten wie Kerzen, über die
+ein Luftzug streicht. Eine dunkle Wolkendecke schob sich über die Residenz,
+die Erde darunter zu ersticken.
+
+Bei Bildhauer Kapelli war noch Licht.
+
+Ginstermann schob den Kopf zur Türspalte hinein und sagte guten Abend.
+
+Die beiden Leutchen saßen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, eine
+niedergebrannte Kerze vor sich auf dem Tische.
+
+»Kommen Sie doch herein,« sagten sie mit vom Glücke schwermütiger Stimme.
+
+Er trat ein und saß eine Weile, den Hut im Nacken, bei ihnen und scherzte
+mit gedämpfter Stimme, obschon kein eigentlicher Grund zum Leisesprechen da
+war.
+
+Die Augen von Frau Trud erschienen wie blaue Flämmchen, die hinter Gaze
+brennen.
+
+»Mai, Juni, Juli,« sagte sie, ungewöhnlich lächelnd. Sie sann vor sich hin,
+dann warf sie den Kopf zurück, damit ihr nicht die Tränen aus den Augen
+fielen, und lächelte wieder.
+
+Ihr Gesichtchen war verklärt durch mädchenhafte Schamhaftigkeit und das
+Mysterium, das sich in ihrem Schoße vollzog, durchschauerte ihr ganzes
+Wesen.
+
+Sie hatte ihren blonden kleinen Kopf, um den goldene Funken sprangen, an
+den ihres Gatten gelehnt und Kapellis grauer Haarbüschel hing über ihre
+Schläfe. Ihre Lippen waren rot, wie geschminkt, und Ginstermann fiel es
+auf, daß sie eine Schleife von genau der gleichen Farbe trug.
+
+Sie atmeten alle beide in gleichen Zügen.
+
+Ginstermann hörte auf zu scherzen und mit der Andacht vor dem Gefühle, das
+diese beiden Menschen zu einem gewandelt, zog eine schmerzlich-süße
+Sehnsucht nach einem Zustande in sein Herz, dem er keinen Namen zu geben
+vermochte.
+
+Er schwieg schließlich ganz und nur sein Mund lächelte noch.
+
+Alle drei sahen sie in die Flamme auf dem Tische, als sähen sie die Bilder
+ihrer Träume darin.
+
+An den Fenstern knisterte es wie von feinem Sande, den eine Hand dagegen
+warf.
+
+Ginstermann flüsterte.
+
+»Bianka,« flüsterte er.
+
+Er erschrak und sah auf. Aber die beiden hatten nichts gehört.
+
+Er ging.
+
+Aus dem Zimmer der Malerin von Sacken drang lautes Sprechen und Lachen. Er
+erkannte Maler Ritts Stimme. Etwas verwundert über die neue sonderbare
+Freundschaft trat er in sein Zimmer.
+
+Der Wind lag auf dem Boden und sprang an ihm empor, als er die Türe
+öffnete.
+
+Da begann es in der Ferne zu grollen, und dumpf rollte der Donner über die
+aufhorchende Stadt.
+
+Ginstermann sagte: »Das ist mein Schicksal!«
+
+Er sagte es mit unterdrücktem Jauchzen in der Stimme.
+
+Er lehnte sich gegen die Türe, den Kopf in den Nacken gebeugt, immer noch
+das Lächeln von vorhin auf den Lippen.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Ginstermann hatte es aufgegeben, gegen das Geschick zu kämpfen, das auf ihn
+einbrauste.
+
+Noch war es nicht soweit gekommen, daß er sich ihm als Sklave ergeben
+mußte, noch konnte er sich verschenken.
+
+Und so verschenkte er sich.
+
+Er hatte sich gegen das Leben abgeschlossen, alle Fugen seiner Seele
+verstopft. Nun war es doch gekommen, heimtückisch in seiner Güte, furchtbar
+in seiner Liebe. Wie ein glühender Sturmwind fuhr es daher. Mit tausend
+Stimmen, mit Posaunen rief es ihn.
+
+Die Posaunen des Lebens riefen ihn!
+
+Nicht ohne Grauen folgte er dieser Stimme, aber er folgte mit der
+versteckten Sicherheit eines Menschen, der weiß, daß er sich zuletzt, ganz
+zuletzt, wenn es ihn an seiner Brust zerdrücken möchte, durch einen Sprung
+retten kann.
+
+Und wenn nicht -- nun dann sollte er untergehen.
+
+Er hatte solange geherrscht über sich und andere, er hatte Sehnsucht,
+einmal zu dienen, er hatte immer geschenkt, verschwendet, er wollte nun
+nehmen, gierig nehmen.
+
+Der Kampf gegen sein Schicksal war das Wahnsinnige, Erschöpfende gewesen,
+nun, da es sein Freund war, nahm er Geschenke und Hiebe ohne Trotz und
+Schmerz entgegen.
+
+Blank und frisch, reingescheuert lag die Erde. Der Himmel lockte, die Sonne
+sang und sang, er blieb eigensinnig zwischen seinen vier Wänden.
+
+Er wußte, wenn du nach Schleißheim gehst, zwischen acht und neun Uhr
+morgens, so kannst du sie sehen, wie sie mit der kleinen Scholl auf dem Rad
+vorbeiklirrt, aber er ging nicht. Er wollte sich keine Freude mehr stehlen.
+Selbst mußte sie zu ihm kommen, ganz von selbst.
+
+Sie würde ihm ja schreiben. Ich schreibe Ihnen, wenn ich wieder kann, hatte
+sie ja gesagt.
+
+Oder hatte sie es nicht gesagt? Sie hatte es gesagt, natürlich!
+
+Und noch hatte er ja zu zehren von dem großen Glücke von neulich.
+
+Es war entzückend, nichts, gar nichts zu tun, auf der Ottomane zu liegen
+und Zigaretten zu rauchen. Die Wirklichkeit versank und herrliche Träume
+wuchsen aus ihr empor wie mattleuchtende Tulpen, deren Kelche sich leise
+neigten.
+
+Dazwischen dachte er daran, etwas zu schreiben. Er war voll von Liedern.
+
+Doch ließ er sie singen, klingen in sich, wozu sollte alles Papier werden?
+Er wollte seiner Seele diese Lieder nicht rauben, sie sollten diese zarten
+langstieligen Blumenkelche umschweben.
+
+Bekam er Langeweile, so sprach er bei den Bildhauersleuten vor.
+
+Er fühlte eine seelische Zusammengehörigkeit mit ihnen und es fiel ihm
+nicht im Schlafe ein, sich daran zu erinnern, daß er sie früher verliebte
+Tierchen genannt, die in den Stall gehörten.
+
+Er las in einem Buche, während Kapelli arbeitete, er spielte Karten mit
+ihnen, wenn es Feierstunde gab, er sah Frau Trud beim Nähen zu.
+
+Sein Aussehen hatte sich geändert. Er sah frischer denn sonst aus, blühend
+gleichsam, nahezu wie ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. In seinen
+Augen, die sonst düster brannten, sprühte das helle Feuer der Lebenslust.
+
+Eines Morgens standen zwei Büsten auf dem Tische, als er bei Kapelli
+eintrat. Es war Biankas Porträt. Er erschrak vor Freude.
+
+Diese beiden ganz gleichen Köpfe wirkten, länger betrachtet, verwirrend
+schmerzhaft auf ihn. Er sah im Geiste eine unendliche Reihe desselben
+Kopfes vor sich und wurde nervös bei dieser Vorstellung.
+
+Kapelli lachte über dieses Gefühl. Seine Sinne waren abgestumpft, dadurch,
+daß er wochenlang dieses Gesicht studiert hatte. Für ihn war es ein Kopf,
+ein beliebiger Kopf, ein Geschöpf von ihm.
+
+»Ich würde ihnen eine Büste schenken, Ginstermann,« sagte er. »Wenn Sie
+wollen.«
+
+Ginstermann überflog, überglücklich durch dieses Geschenk, das zu erbitten
+ihm sein Zartgefühl verboten hätte, des Bildhauers Gesicht, ob er nicht
+einen schelmischen Zug darin entdecke. Aber Kapelli war vollständig von
+seiner Arbeit eingenommen und knetete mit nervösem Ernste an seiner Skizze
+herum, jene argwöhnisch-forschende Härte in den Augen, die das
+unausgesetzte gewissenhafte Vergleichen zwischen Modell und Arbeit erzeugt.
+
+Also konnte er annehmen.
+
+»Ich danke, Kapelli,« sagte er, »diese Büste gehört zum Besten, was Sie
+geschaffen haben -- haha.«
+
+Er legte das Taschentuch um sie und trug sie behutsam in sein Zimmer
+hinauf, sehr behutsam.
+
+Nun stand sie auf seinem schmalbrüstigen, hohen Bücherregal.
+
+Anfangs beunruhigte in dieser Gast. Er war nicht mehr allein. Gleichzeitig
+ein Gefühl der Scham, ohne ihr Wissen etwas von ihr zu besitzen. Aber sein
+Egoismus brachte gar bald sein Gewissen zur Ruhe, und schließlich wurde ihm
+die Büste eine wonnige Erlösung.
+
+Er mochte sich noch so sehr in Träumereien verlieren, immer wieder gelangte
+er auf irgend einem Wege zu diesem Bildnis. Seine Gedanken, ja seine
+Bewegungen wurden dadurch beeinflußt. Etwas Weltfernes, etwas Reines,
+Heiliges erfüllte ihn, ohne daß er sich erst dazu hätte erziehen müssen.
+
+Sein Zimmer wurde zu einem Tempel, dessen Gottheit Bianka war. Die Vorhänge
+waren stets zugezogen, so daß feierlich gedämpftes Licht herrschte. Schien
+die Sonne gegen die Scheiben, so erfüllte eine schwärmerisch-gelbe,
+verheißende Beleuchtung das Gemach, dunkelte es draußen, so versank der
+Raum in Schwermut und scheues Wünschen.
+
+Oft stand er dicht vor der Büste und verharrte lange in der Betrachtung.
+Dann waren nur Bianka und er im Zimmer, sonst nichts, weder Stuhl noch
+Tisch.
+
+Eigentlich konnte man nicht gut Büste sagen. Es war ein Mittelding zwischen
+Büste und Maske. Der Hinterkopf war weggeschnitten, wodurch das Edle,
+Durchgeistigte des Antlitzes noch hervorgehoben wurde.
+
+Es war ein Antlitz, wie es Kranke haben, so zart, so durchscheinend,
+gleichsam überstrahlt von einem Lichte, das aus dem fernen Lande glänzte,
+wohin diese großen sehnsüchtigen Augen blickten. Die Nasenflügel schienen
+zu beben, der Mund zu zittern unter diesem Lächeln, diesem schmerzlich
+verlangenden, dürstenden Lächeln jener Menschen, die das Schicksal auf
+diese Welt verschlug.
+
+Ich leide, sagte dieses Lächeln, aber ich möchte es euch verbergen, denn
+ihr würdet mein Leiden nur mißverstehen.
+
+Die Spitzen der Finger schmiegten sich, als wollten sie das pochende Herz
+beruhigen, an die Brust, während die übrige Hand in den Block überging.
+
+Er verbrachte die Tage hinter verschlossener Türe, mit dem Egoismus des
+Glücklichen, der Scheu des Verbrechers, der Scham des Liebenden.
+
+Er nannte sie »Bianka«, wenn er zu ihr redete. Wenn seine Gedanken zu ihr
+redeten, von denen er nicht einmal wußte, was sie sprachen. Ach, alles war
+Keim in ihm, Knospe, er hätte keine Worte gefunden, als solche, die die
+Lippen vieler bereits profanierten. Er wünschte es auch nicht. Alles war
+Musik in ihm und schwebender Klang. Selbst Bianka sagte er nicht, nur seine
+Lippen bewegten sich, als liebkosten sie diesen Namen.
+
+Feiertage waren das. Was er, der Gottlose, nie kannte, das lernte er jetzt
+kennen in seiner ganzen Süße: Andacht, himmlische, inbrünstige Andacht.
+
+Oft war es ihm, als wäre er gar nicht, als ginge er als Traum eines höheren
+Wesens einher.
+
+Aufs neue erschloß sich ihm Mensch und Menschentun, da er die Liebe kennen
+lernte, die ledig aller Leidenschaft war. O, wie glatt und kalt waren doch
+die Speere der Vernunft! Sie mordeten. Die Liebe, die so weich ist wie
+Mutterlippen, die heilte. Nun wurde ihm der große Prediger lebendig, der
+diese armen Menschen alle an seine Brust nahm und die Tränen seiner
+unendlichen Liebe in ihre bitteren Herzen träufelte.
+
+Gelobet seist du!
+
+Und die armen Menschen hatten dies Erbe verloren. Sie lebten auf dem
+Kerichthaufen des Tages und scharrten schwatzend und zeternd ekle Klumpen
+und bunte Fetzen. Sie waren Schlacke, die kein Hauch mehr erwärmte, kein
+Feuer mehr glühend machte. Der Mensch war ja tot! Seinen Gott hatte er
+verloren und nicht mehr soviel Seele in sich, in schüchterner
+Kinderinbrunst zum Menschen zu beten. --
+
+Eines Abends verließ Ginstermann das Haus -- die Beleuchtung in seinem
+Zimmer war so schal und müde -- und kehrte mit einem Paketchen in
+Fließpapier zurück.
+
+Er hatte Blüten eingekauft, mit denen er sein Heiligstes schmückte.
+
+Es waren zartfarbene exotische Blüten von märchenhafter Gestalt, lange
+geschweifte Kelche, die einen süßen Duft ausatmeten. Er wußte nicht, wie
+man sie nannte. Verwunschene Prinzessinnen waren es, höchst einfach.
+
+Er lag auf der Ottomane und betrachtete das Bildnis, während sich seine
+unklaren Gefühle zu einem Zuge stummjauchzender Verse ordneten, die in
+seiner Seele hin- und herzogen, eine feierliche Prozession in Weiß und
+Gold.
+
+Alle Tage ersetzte er die Blüten durch neue.
+
+Der Tag versank um ihn, er dachte häufig gar nicht mehr daran, daß jenes
+Weib, das er hier anbetete, wirklich existierte.
+
+Ohne die geringste Ungeduld wartete er auf ihr versprochenes Billett.
+
+Auf einem seiner Einkäufe begegnete ihm Fräulein Scholl. Die kleine
+reizende Scholl sagte: »Fräulein Schuhmacher reist demnächst ab.«
+
+Er hörte es ohne Schmerz und dachte: »Sie wird dir schreiben, wenn sie
+wieder kommen kann.«
+
+Es eilte ja gar nicht, es eilte ja gar nicht.
+
+Einmal entstand das Verlangen in ihm, ihr ein Fest zu geben.
+
+Er nahm seine ganze Barschaft und handelte weiße Rosen dafür ein. Sie waren
+klein wie ein Taubenei, und jede hatte hundert zarte Blätter. Es war eine
+ungeheure Menge und doch waren es noch lange nicht genug.
+
+Er arbeitete fiebernd vor Festesfreude an der Ausschmückung. Er rannte fort
+und besorgte Draht, er rannte fort und besorgte Seidenpapier für die Lampe,
+er rannte fort und besorgte duftende Kräuter.
+
+Die Büste stand nun in einer Laube weißer Rosen, bleicher, keuscher,
+sehnsüchtiger als diese. Rosen lagen auf der Schulter, vor ihr auf dem
+Teppiche, aus einer kleinen Schale stieg der Rauch duftender Kräuter empor,
+ein dünner Faden, der oben einen sich drehenden Kelch bildete. Die Lampe
+war in gelbes Seidenpapier gehüllt und sah aus wie ein Stern, der werden
+will.
+
+Es war schön! Ach, ihr hättet es sehen müssen!
+
+»Bianka!« jubelte Ginstermann. »Bianka!«
+
+Allerdings hätte man es sich noch viel, viel herrlicher denken können. Eine
+Laube aus weißen Rosen mit goldenem Himmel zwischen den Ranken, wie auf den
+Gemälden der alten Meister. Und ganz aus der Ferne die Stimme einer Geige.
+Einer einzigen Geige, leise und süß, eine Melodie, die er in sich hatte,
+schüchtern anbetend, verschämt sehnsüchtig.
+
+Und in den Pausen dieser ewigen Melodie hätten die Stimmen von Jungfrauen
+jauchzen müssen, so unendlich ferne und verweht vom Schwingen grüner
+Palmzweige.
+
+Ergriffenheit bemächtigte sich seiner, er breitete die Hand über die Augen,
+als ob er weinen müsse.
+
+Bianka blickte ihn an. Ihre Augen bekamen Farbe und Ausdruck, während das
+Gesicht bleich und still blieb. Sie zürnten ihm nicht wegen des Frevels, zu
+dem ihn seine Liebe verleitete. Sie blickten mild und gut.
+
+Dieser Abend war eine einzige Köstlichkeit.
+
+Seine Träume in dieser Nacht waren noch erfüllt davon. Bianka schwebte
+durch sie, bald mild lächelnd, bald stolz fliehend.
+
+Er saß auf einem Sterne, weit ab von der Sonne, die Sonne erschien wie ein
+winziger Funke. Bläuliches Licht um ihn. Er hatte aus den anderen Sternen
+Biankas Namen gebildet, der sich flimmernd durch den Raum spannte, wie eine
+silberne Brücke. Er saß und schluchzte. Weshalb schluchzte er? Er wußte es
+nicht. Da strich etwas über seine Haare, ein Gewand flüsterte, das war
+Bianka. Er sah sie nicht, aber er wußte, daß sie es gewesen.
+
+Und wieder, da eilte er durch einen Lilienwald. Das weiße Gewand Biankas
+schimmerte vor ihm. Aber so sehr er eilte, er erreichte es nie. Er rief,
+aber der Wald verschluckte seinen Ruf, ohne ihn weiterzugeben. Plötzlich
+wurden die Lilien so dicht, daß er nicht mehr durchzukommen vermochte. Und
+Biankas Augen blickten ihm entgegen. Sie lächelten grausam und höhnisch. Da
+begann der ganze Wald zu wandern und voller Schrecken erwachte er.
+
+Wieder -- wieder -- da gingen sie durch eine Wiese von
+gläsern-durchsichtiger Farbe. Er und sie. Sie schritten Hand in Hand. Er
+war jung, schön war er. Sie war bald Kind, bald Jungfrau -- Sie gingen im
+gleichen Schritt, sonderbar pathetisch, als trüge sie eine Melodie.
+
+Da begann sie zu singen. Leise, flüsternd.
+
+»Als Kinder spielten wir auf blumiger Wiese«, sang sie.
+
+»In unseren Träumen spürten wir unsere Hände«, sang er.
+
+Ihre Schritte zogen eine leuchtende Spur durch die Flur.
+
+Sie blieben stehen, legten sich die Hände auf die Schultern und blickten
+einander an. Aus ihren Augen züngelte eine goldene Flamme.
+
+»Wohin gehen wir?«
+
+»Bis an die Pforte.«
+
+»Bis an die Pforte?«
+
+»Bis an die weiße Pforte.« -- --
+
+Die nächsten Tage verbrachte Ginstermann mit Arbeit. Es hieß, sich nun
+verzweifelt einzuschränken. Für die wenigen Gegenstände, die er verkaufen
+hatte können, war ihm lächerlich wenig geboten worden. Er war auf
+Viertelkost gesetzt. Aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Die Not hatte
+für ihn nichts Furchterweckendes mehr; Gewohnheit und sein momentaner
+Gemütszustand ließen sie ihn als eine Freundin betrachten, eine alte
+Bekannte, mit der man Scherze treibt. Schmerzlich war nur der Umstand, daß
+er jetzt seine Blumenopfer unterlassen mußte, und wenn er nun arbeitete,
+geschah es weniger in der Absicht, Brot zu schaffen, als vielmehr Blüten
+erwerben zu können.
+
+In der ersten Zeit ging es nur langsam vorwärts, sein Geist war der
+Disziplin entwöhnt; aber dann hatte er eine Menge glücklicher Einfälle, und
+es gelang ihm noch in derselben Woche, eine satirische Plauderei
+loszubringen. Für die Hälfte des Honorars kaufte er Blumen, die er mit
+glückseligem Jauchzen über sein Heiligstes streute.
+
+Er war stets guten Mutes.
+
+In den Pausen seiner Arbeit stand er in Betrachtung der Büste versunken.
+Dann verfiel er auf den Gedanken, Briefe an Bianka zu schreiben, die er
+natürlich nicht absandte.
+
+Es waren Briefe, die nur er verstand, sonst niemand. Sie jauchzten und
+jubilierten, sie stammelten vor Glück. Hymnen nannte er sie, Hymnen an
+Bianka. Nie sollte ein Mensch sie zu lesen bekommen, er nahm sich vor, sie
+zu verbrennen -- bei Gelegenheit.
+
+Tage gingen. Regen kam.
+
+Regen. Unaufhörlich klopfte er an die Scheiben.
+
+Dieser kleine Umstand genügte, Ginstermanns Stimmung zu verändern.
+
+Sein Zimmer erschien ihm eng, ein Käfig, ein Kerker. Es war ihm, als habe
+die Zeit ihn vergessen, als lebe er allein auf dem Planeten, während alles
+schon schlief.
+
+Unruhe überfiel ihn und namenlose Sehnsucht.
+
+Oft, während er schrieb, sprang er auf und sagte laut: »Weshalb schreibt
+sie nicht?« Er mußte seine Arbeit stundenlang unterbrechen, da ihm die
+Sehnsucht keine Ruhe ließ.
+
+Er sah nach seinem Kalender. Heute war der siebzehnte Tag danach.
+
+Er ging des Nachts wieder in der Leopoldstraße auf und ab. Er lauerte auf
+der Schleißheimer Chaussee. Allein die Straßen waren wenig verlockend zum
+Radfahren. Und dann regnete es auch. Bei Regenwetter fahren junge Damen
+nicht Rad. Er lachte; den Weg hätte er sich ersparen können.
+
+Weshalb schrieb sie nicht?
+
+Sollte er schreiben? Nein, das hieße wenig Vertrauen zeigen.
+
+Also wartete er.
+
+Seine Arbeit bestand nun darin, von der Morgen- zur Mittagspost, von der
+Mittags- zur Abendpost zu warten.
+
+Eine Stunde hat sechzig Minuten und eine Minute sechzig Sekunden, meine
+Freunde!
+
+Wenn er grübelnd über den Papieren saß, so hörte er häufig Pochen an der
+Türe. Öffnete er, so fand er jedoch niemanden vor. Oder er vernahm das
+Rauschen von Frauenkleidern, hörte sie sprechen im Hofe drunten.
+
+Und dann diese Stille, diese Einsamkeit. Diese beängstigende Stille, die
+schwerer und schwerer wurde und ihn zu erdrücken drohte. Diese Einsamkeit,
+in die Rufe und Poltern der Straße wie Hohn drangen.
+
+Sah er die Büste stehen, die er nur geschmückt gewohnt war, so verursachte
+ihm dies ungeheure Qual. Er trat davor und sagte, schmerzlich lächelnd:
+
+»Das Schiff mit Gold muß jeden Tag eintreffen.«
+
+Wie alle Einsamen, sprach er viel laut vor sich hin. In letzter Zeit jedoch
+geschah es häufiger denn gewöhnlich, und er gefiel sich in den
+absonderlichsten Bildern.
+
+Eines Tages nun kam der Briefbote und brachte ihm einen Wertbrief mit
+fünfhundert Mark.
+
+Er riß, schwindelig vor Glück, das Kuvert auf und schlug auf den Tisch, um
+sich zu überzeugen, daß es keine Sinnentäuschung war. Es lagen fünf
+Hundertmarkscheine darin. Ein Brief seines Verlegers, er solle ihm das Geld
+übermitteln.
+
+Ginstermann warf die Scheine auf den Tisch und ging mit geballten Fäusten
+umher.
+
+»Welcher Schuft will mir eine moralische Schuld mit Geld bezahlen!« rief er
+aus. Irgend so etwas stak dahinter. Er witterte es. Oder wer sonst sollte
+ihm das Geld zuschicken? Er kannte niemanden. Er dachte an Bianka, schämte
+sich aber augenblicklich, er dachte an Fräulein Scholl, lachte aber
+darüber. Diese Dame lebte in dem holden Wahne, ein Dichter schwimme in
+Gold. Faktisch!
+
+Eine ungeheure Wut gegen den Unbekannten, der seinen Stolz bestechen
+wollte, packte ihn.
+
+Dann hielt er den Schritt an, und er fühlte, wie sein Herz stille stand und
+jeder Tropfen Blutes aus seinem Gesichte wich.
+
+»Nein, nein«, rief er, »das ist nicht denkbar!«
+
+Nun war er da, der Gedanke, und er brachte ihn nicht mehr los.
+
+Die Hand seiner Vergangenheit hatte nach ihm gegriffen.
+
+»Lieber Freund«, sagte er zu sich, auf der Ottomane kauernd, »du bringst
+deine Vergangenheit nicht mehr los, und wenn du dir das Gehirn aus dem
+Kopfe schlägst. Eine Schlinge liegt um deinen Fuß und zieht sich zu, wenn
+du ausschreiten willst. Du kannst nicht mehr gehen, wohin du willst.«
+
+In seinem Gehirn wirbelten die Gedanken wie die Flügel einer Turbine,
+seinen ganzen Körper durchzitternd.
+
+Nach einer Weile fand er seine Fassung zurück.
+
+»Was ist dabei«, sagte er sich und legte das Kuvert in ein Schubfach. »Ich
+werde es herausbringen. Im übrigen geht man nicht rückwärts in die Zukunft
+hinein, mein Freund.«
+
+Er nahm den Hut, um spazieren zu gehen. Es darf nicht so fortgehen, dachte
+er. Er kramte in seinen Papieren, zog ein dünnes Manuskript hervor und
+steckte es in die Tasche, um es auf die Redaktion zu tragen.
+
+Es waren Gedichte, Gedichte an Bianka. Das kam ihn hart an, aber es mußte
+sein. Das Leben erlaubte keine Zimperlichkeit. Er wollte sie unter fremdem
+Namen veröffentlichen, damit Bianka nicht etwa den Verrat entdecken konnte.
+
+»Du verzeihst«, sagte er, die Büste anblickend, und ging.
+
+Nun war er traurig, sehr traurig. Es half nichts, daß er sich zurief: Mut,
+Mut!
+
+Im Hausflur traf er Fräulein von Sacken, die glücklich lächelnd Ritts
+Atelier verließ.
+
+»Guten Tag«, sagte sie und bot ihm lächelnd die Hand.
+
+»Guten Tag«, erwiderte er und ging an ihr vorbei.
+
+Ritt sah zur Türe heraus und grinste.
+
+»Kommen Sie, Ginstermann!« rief er ihm zu.
+
+Ginstermann hatte keine Lust.
+
+»Nur eine Sekunde!«
+
+So trat er also ein. Ritt führte ihn zu einem Bilde, das auf der Staffelei
+stand. Es war ein Stillleben, Karpfen waren es.
+
+»Wie finden Sie es? Ich habe dem armen Weib ein bißchen geholfen.«
+
+Es war prächtig gemalt, aber Ginstermann sagte nichts.
+
+Für ihn gab es keine Farben mehr, kein Leben und Lachen. Eine dunkle
+Traurigkeit hüllte ihn ein.
+
+»Die Sacken ist doch eigentlich noch ein hübsches Weib, nicht?« lächelte
+Ritt.
+
+Ginstermann erwiderte mechanisch: »O, gewiß«, und ging.
+
+Es war ihm alles einerlei.
+
+Ob das Bild gut oder schlecht war, ob Fräulein Sacken hübsch oder nicht
+mehr hübsch war, das konnte ihm doch ganz gleichgiltig sein. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Ginstermann schloß seine Türe auf, streckte den Kopf ins Zimmer und lachte.
+
+Er trug ein kleines Paketchen in Fließpapier, das er sorgfältig enthüllte.
+
+Dumpfe Luft und schwermütiges Licht erfüllten sein Zimmer. Er zog die
+Vorhänge auseinander und öffnete die Fenster. Die Sonne wirbelte ins Zimmer
+und überschüttete die Büste mit goldenen Küssen.
+
+»Im Tempel des Lebens ist die Sonne der Strahl der Kerzen und frische Luft
+Weihrauch!« jauchzte er pathetisch.
+
+Der Duft von Veilchen, die er mitgebracht, erfüllte das Gemach. Das ganze
+Haus stand gleichsam in einem blühenden Garten. Ein bescheidener Schmuck
+lagen sie auf der schneeweißen Schulter, ihr wunderholdes Blütenantlitz an
+Hals und Brust Biankas schmiegend.
+
+Weshalb hatte sie ihm nicht geschrieben?
+
+Nun wußte er es, und er wußte es doch nicht.
+
+Sie hatte gesagt: »Oft dachte ich daran, Sie zu einem kurzen Spaziergang
+aufzufordern, aber ich unterließ es stets. Ich weiß nicht, weshalb.«
+
+Sie wußte nicht, weshalb.
+
+Er war durch die Straßen gegangen, als er plötzlich seinen Namen hörte. Er
+sah sich um, er sah hinüber: Fräulein Schuhmacher stand drüben, und
+Fräulein Scholl und Fräulein Bijou waren auch dabei.
+
+Eine ganze Stunde hatten sie zusammen gebummelt. Sie hatten Einkäufe
+gemacht für die Reise. Die Mädchen waren in die Magazine getreten, und er
+hatte sich die Auslagen betrachtet und sie stets, wenn sie zurückkamen,
+gefragt, was sie Schönes gekauft hätten. Einmal war er sogar mit in das
+Geschäft eingetreten. Es sollte eine Aschenschale für den Bruder, den
+Offizier in Berlin, gekauft werden. Obgleich er Bianka ein feines
+Verständnis zutraute, hatten ihn doch ihre Sicherheit und ihr reifer
+Geschmack verblüfft. Sie prüfte Stück um Stück, und er sah stets an ihrem
+Blicke, was ihr an der Arbeit mißfiel. Endlich entschied sie sich für die
+einfachste Schale, die zu finden war. Keine Figur, keine augenfällige
+Originalität, eine vornehme Form, ein paar sprechende Linien. Er sah erst
+jetzt, wie schön die Schale tatsächlich war.
+
+Die kleine Scholl meinte allerdings, die Schale sei langweilig und
+geschmacklos.
+
+Bianka würde in vierzehn Tagen abreisen. Wenn es der Zustand der Mama
+erlaubte, vorausgesetzt. Einige Zeit würden sie in Montreux zubringen, dann
+für immer nach Nizza übersiedeln. Ihr Vater wollte in Nizza eine Villa
+kaufen.
+
+Es gab auf der Welt Leute, die eine Villa in Nizza kaufen konnten, es gab
+wiederum solche, die nicht ein Billett nach Nizza zu erschwingen
+vermochten. Es gab Leute, deren Seele in Sorglosigkeit erblühte, es gab
+solche, deren Seele von banalen Widerwertigkeiten zerfressen wurde, wie ein
+Stück Zucker von Ameisen.
+
+Aber sie würde doch wieder nach München kommen?
+
+Nein, voraussichtlich nicht.
+
+Nicht, nicht. Jawohl nicht.
+
+Nun gut, es waren ja noch vierzehn Tage, vier--zehn Tage.
+
+Und morgen würde er sie wieder im Englischen Garten treffen.
+
+Kann man mehr verlangen.
+
+Morgen, morgen, morgen -- --!
+
+Er nahm einen Briefbogen und schrieb. Den 21. Tag danach. Bianka, du sollst
+mich nicht töten. Herrliche, weißt du, nie liebte mich jemand, nun sterbe
+ich daran. Deine Güte, deine endlose Güte! Die Güte in deinen Augen, die
+Güte in deinem Lächeln, diese Güte in deinem Händedruck. Töte mich nicht,
+du Erlöserin zur neuen Qual . . . .
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Der Nachmittag war vorüber.
+
+Bis man den Mund auf- und zumachte, war er schon vergangen.
+
+Ginstermann ging in der Dämmerung seines Zimmers auf und ab. Er wollte sich
+sammeln zur Arbeit. Da waren so sonderbare Gedanken in seinem Kopfe, die
+gegen die Gehirnwände pickten und ans Licht wollten.
+
+Es würde etwas Überraschendes werden, das fühlte er.
+
+Aber vorläufig kam er noch nicht dazu. Er war zu vergnügt, zu vergnügt. Er
+mußte ununterbrochen lachen, gerade als ob er Lachgas eingeatmet hätte.
+Schon heute Nachmittag hatte er diesen eigentümlichen Lachreiz verspürt.
+
+Eine Menge komischer Erlebnisse fielen ihm ein und beschäftigten ihn. Da
+war die kleine Sängerin di Ballo, die ihn an den Haaren zupfte und mit
+ihrer affektierten Stimme flötete: O, noch einmal laß mich in deine schönen
+Augen blicken, in deine tiefen schwarzen Funkelaugen! Und da war Sergeant
+Köderiz, den sie jeden Abend betrunken nach Hause fuhren. Dieses Lächeln,
+wenn er auf dem Karren lag! Er träumte von schönen Frauen, die ihm die
+nackten Arme um den Hals schlangen und seinen roten Schnurrbart zirpelten.
+
+Wenn der Mensch unglücklich ist, so denkt er an alle schlimme Stunden, ist
+er glücklich, an alle amüsanten Erlebnisse, das ist doch erklärlich.
+
+Und er, Ginstermann, war heute glücklich!
+
+Was war am Nachmittage alles geschehen? O, es waren Herrlichkeiten über
+Herrlichkeiten passiert.
+
+Bianka war sehr liebenswürdig gewesen und hatte ihn ausgezankt seines
+übernächtigen Aussehens wegen. Sie ahnte ja nicht, was ihn nicht schlafen
+ließ, das war das Großartige! Er hatte ihr das feierliche Versprechen
+ablegen müssen, nicht mehr soviel Tee zu trinken und Zigaretten zu rauchen.
+Drei wollte sie gestatten. Glücklich darüber, daß sie ihn ein wenig
+bemutterte, hatte er ihr es versprochen.
+
+Dann waren sie zusammen in den Chinesischen Turm gegangen und hatten Kaffee
+getrunken. Es hatte zu regnen begonnen. Ganz herrlich, während die Sonne
+schien. Wie geschliffene Brillanten fiel es durch die Sonnenstrahlen. In
+einem Regen glitzernder Steinchen waren sie geschritten.
+
+»Wollen wir nicht ins Restaurant treten?« hatte er gefragt.
+
+»O ja, es wird besser sein.«
+
+Und da war nun das Komische geschehen: er hatte sein Portemonnaie
+vergessen. Tatsächlich! Glaubt man es? Ein Mensch, der absolut nichts zu
+tun hat, vergißt sein Portemonnaie. Und er lud eine junge Dame zu einer
+Tasse Kaffee ein!
+
+Im übrigen freute es ihn, daß er sich so vortrefflich beherrschen konnte.
+Es lag am Tage, an ihm war ein großer Mime verloren gegangen. Er konnte in
+aller Ruhe über die gleichgültigsten Dinge sprechen, ja, er konnte Bianka
+durch sein Benehmen, seine Nonchalance sogar beweisen, wie wenig sie ihn im
+Grunde interessierte. Und das alles, während es in seinem Innern fieberte,
+daß er die Finger verkrampfen mußte, daß er die Augen schließen mußte,
+damit sie nicht die Flammen seines Herzens darin sähe.
+
+Sie durfte nichts erraten, nicht das mindeste, bei Gott, sie durfte nicht
+einmal Verdacht schöpfen.
+
+Was war noch geschehen? Was war noch geschehen?
+
+Ach, es war noch etwas Sonderbares geschehen. Das war, als sie Abschied
+nahmen.
+
+Bianka hatte gesagt: »Es ist ganz merkwürdig, wenn Sie den Kopf neigen, so
+sehen Sie einem Freunde von mir sprechend ähnlich.«
+
+Und ohne seine Gegenrede abzuwarten, war sie fortgefahren: »Er war ebenso
+alt wie Sie. Er war Komponist von starker Begabung. Man prophezeite ihm
+eine große Zukunft.«
+
+Was aus ihm geworden wäre?
+
+Es sei nichts aus ihm geworden. Er sei zugrunde gegangen. --
+
+Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge.
+
+Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet.
+
+»Herr Ginstermann!«
+
+Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte
+Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die
+Linke, und fort war er. »Verzeihung, ich will arbeiten«, rief er dem
+verdutzten Mädchen zu.
+
+Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mußte ein Ende
+nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwählten schreiben!
+
+Die Begierde zu schreiben erfaßte ihn so heftig, daß er kaum erwarten
+konnte, bis die Lampe in Ordnung war.
+
+Aber im gleichen Momente leuchtete die Büste auf, und nun konnte er den
+Blick nicht mehr von ihr wenden.
+
+Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie,
+blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine
+Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn
+sie ihn anblickte.
+
+Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher?
+
+Ein Zweig granatroter Blüten lag vor der Büste. Er hatte sie heute morgen
+gekauft. Sie hatten ein Vermögen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine
+Domäne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blüten mit einem wunderbaren
+Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so
+weich, so duftend, alle Märchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name.
+
+Er stand auf und trat vor die Büste.
+
+Tränen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz
+quoll über. Er war nicht mehr eins, sein Wesen löste sich auf in tausend
+Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flüsterten
+lautlos ihren Namen.
+
+O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken!
+
+Er flüsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren
+Laute, die aus seinem Innersten kamen.
+
+»Ava -- ava«, flüsterte er.
+
+Er wußte nicht, was es hieß, aber in die Sprache des Pöbels übertragen,
+bedeutete es vielleicht: ich liebe dich!
+
+Nach langer Weile erst ließ ihn dieser Bann los.
+
+»Adieu«, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurück. --
+
+Am nächsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkäufe. Er
+trägt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute
+liebenswürdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu
+erlauben. Zum Beispiel über die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn
+jemand an sie stoße. Und über ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz:
+»Ihre Augen sind so klar, Fräulein Schuhmacher, daß ich mich nicht wundern
+würde, plötzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.«
+
+Sie lächelt und sagt: »Sie sind ein Schelm! -- Warten Sie, ich will hier
+Handschuhe kaufen.«
+
+Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres
+Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm überlassen hat.
+
+So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist
+nun gekommen.
+
+Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung
+mit ungeschickter Verblüffung entgegen.
+
+Sie lachte und sagte: »Kommt Ihnen das so wunderbar vor?«
+
+Und da lachte auch er.
+
+Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken
+kann, ohne die Augen dabei zu schließen.
+
+»Adieu«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder
+zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand,
+deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht!
+
+Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut,
+kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein
+Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling
+siebt feinen Silberstaub auf den Teppich.
+
+Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar.
+
+Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er
+stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern.
+
+»Bitte«, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit
+weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten.
+
+Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe?
+
+Nach Belieben.
+
+So setzt er sich in den Schaukelstuhl.
+
+»Ich habe die Schaukelstühle so gerne«, sagt er, »schon als Kind war ich
+verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen
+Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen
+hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne
+daß eine starb.«
+
+Sie zündet die Kaffeemaschine an.
+
+»Rauchen wir?« fragt sie.
+
+Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette.
+
+Sie rauchen und plaudern.
+
+Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: »Nun müssen sie lesen. Sie
+haben doch etwas mitgebracht!«
+
+Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll.
+
+So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte.
+
+Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie
+sogar.
+
+Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn.
+Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann
+kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie
+ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht
+wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande.
+
+Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus.
+
+Ihre Mama habe es ergriffen.
+
+Er verneigt sich tief.
+
+Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. »Sie müssen ihn kennen lernen«,
+sagt sie. Sie ist so gut.
+
+Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht,
+daß sich ihre Hände nahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf,
+nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten,
+ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand
+abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein.
+
+Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem
+Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich
+bemerkt er es, erschrickt und sitzt still.
+
+Endlich muß er aufbrechen.
+
+Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. »Nein, nein, es ist so schon
+zu lange.«
+
+O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es
+ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken.
+
+Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- --
+
+Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte
+depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. --
+
+Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis
+schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ.
+
+Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg
+wie die Wasser eines Brunnens.
+
+Er nahm die Feder und schrieb:
+
+Das Haus im Hain.
+
+ Yester und Li wohnten in dem Haus
+ im Hain und waren noch nicht sechzehn
+ Jahre alt.
+
+ Sie wußten nicht, wann und wie sie
+ in das Haus gekommen. Eines Morgens
+ erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte
+ und lächelten einander zu. Sie hatten
+ ihre Hände im Schlafe gefaßt.
+
+ »Hörst du, Yester«, sagte Li und lauschte
+ verzückt, »das ist Killi-hiwi!«
+
+ »Killi-hiwi singt am schönsten von
+ allen«, erwiderte Yester, den Atem verhaltend.
+
+ Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem
+ Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte.
+ Er war so klein wie ein Taubenei, seine
+ Stimme war Silber. Er sang jeden
+ Morgen zu ihrem Erwachen und war
+ dann den ganzen Tag nicht zu erblicken.
+
+ Das Haus stand in einem Hain weißer
+ Birken, junger weißer Birken mit hellgrünem
+ Laub. Es war klein und weiß,
+ schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah
+ es von weitem aus. Es hatte blinkende
+ Fenster, die Tag und Nacht offen standen,
+ und blitzende Beschläge an der Türe. Die
+ Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe
+ führte in den Garten, auch sie war aus
+ grünem Glase. Rings um das Haus
+ standen Beete von Hyazinthen, oder von
+ Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das
+ ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue.
+
+ Yester und Li wußten es nicht anders.
+ Sie wunderten sich nicht darüber. Sie
+ streiften den ganzen Tag umher. Der
+ Hain war sehr groß, sie waren noch nie
+ an sein Ende gekommen. Sie dachten
+ auch gar nicht, daß er ein Ende haben
+ müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder
+ die von ihren Schultern herabfielen. Sie
+ jagten einander und jauchzten von früh
+ bis nachts. Immer hatten sie Sonne und
+ einen Himmel, der funkelte wie ein blauer
+ Edelstein. Des Nachts stand ein großer
+ grüner Stern über ihrem Hause, und er
+ wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne
+ wiederkam.
+
+ Vor dem Hause, da war eine tiefe
+ runde Quelle mit einer Bank aus weißem
+ Marmor herum. Sie sah aus wie ein
+ tiefes klares Auge und Li meinte, der
+ Himmel blicke aus dem Grunde. Man
+ sah selbst am Tage die Sterne durch den
+ Brunnen wandern, so tief war er.
+
+ Li saß oft auf der Bank und warf
+ Steinchen ins Wasser. Und jedesmal,
+ wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es,
+ und ein goldener Fisch mit kreisrundem
+ Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken
+ tauchte auf und fragte: Was befiehlst du?
+
+ Er mußte kommen, er mußte fragen.
+
+ Li befahl nichts, sie freute sich an dem
+ drolligen Kerlchen und ließ ihn oft hundertmal
+ kommen. Er wurde nicht böse.
+
+ Yester aber stand, während sie spielte,
+ an eine Birke gelehnt und sah ihr zu.
+ Sie erschien ihm selbst wie eine Blume.
+ Ihre Hand zart und durchscheinend wie
+ die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar
+ spiegelte sich im Wasser, in der Quelle
+ schien ein Feuer zu brennen, es zerrann
+ in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte,
+ aus dem Grunde schien ein seltsamer
+ flimmernder Blumenkelch zu wachsen.
+ Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser,
+ als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen
+ grün wie die Blätter der Birken,
+ durch die die Sonne scheint.
+
+ Dann besann er sich jedesmal, was er
+ ihr Liebes erweisen könne.
+
+ Yester liebte Li über alle Maßen. Li
+ liebte Yester über alle Maßen.
+
+ Ihr Haus lag im endlosen Hain, und
+ der endlose Hain lag am Morgenrot. --
+
+ * * * * *
+
+Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel
+hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und
+er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er.
+
+Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte
+ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause.
+Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er
+aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er
+empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch
+am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten.
+
+Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor,
+entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder,
+zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum
+und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es.
+Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm.
+
+Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete,
+über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die
+seltsame Worte sangen.
+
+Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das
+waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu
+fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre
+Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte.
+
+So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde.
+
+Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin.
+
+Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher
+und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt
+hätte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschöpft
+von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den
+Schleier und ruft: »Ye--ster -- Ye--ster --!!«
+
+Li! Li!!
+
+Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit
+mehr.
+
+Bogen um Bogen füllte er.
+
+Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und
+herrlich ist.
+
+Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an.
+
+Und nun war er fertig. Er jauchzte. »Fertig!« jauchzte er.
+
+Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der
+Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als
+ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die,
+eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg --
+Krieg. -- --
+
+Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander.
+
+Allah ist groß -- es war Tag.
+
+Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der
+Büste stehen und küßte ihre Schulter.
+
+Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient.
+
+Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn
+mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein.
+
+Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am
+Geländer fest, um nicht zu stürzen.
+
+Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst.
+
+»Mensch!« rief er. »Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?«
+
+Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe
+stattgefunden.
+
+»Ah!« Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte
+Erzesse nicht.
+
+»Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit
+einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.«
+
+Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife,
+lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen.
+
+»Guten Morgen«, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen
+kopierend.
+
+Sie wich erschrocken zurück. »Hu, was hat er denn?«
+
+Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn
+energisch in die Höhe.
+
+»Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter
+Kerl!« sagte er halb ärgerlich.
+
+Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf
+den Tisch, daß es nur so krachte.
+
+»Sehen Sie her! Diese Nacht!«
+
+»Nanu?« Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: »So ein
+Filou, er ist ganz nüchtern.«
+
+Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf
+schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand
+lesen.
+
+Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße?
+
+»Schwesterseele, holde!«
+
+O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. -- Und das da?
+
+»Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.«
+
+Hahahaha.
+
+Da seien die Sterne gemeint.
+
+Hahahaha.
+
+Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten.
+
+Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und
+während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen
+senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens
+festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein
+Schwarm Vögel, der höher und höher stieg.
+
+Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte
+Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier
+gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht!
+
+Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus,
+elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli
+saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige
+Wolke wirbelte.
+
+Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein
+Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen.
+
+Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich
+lachend: »Guten Morgen, Langschläfer!«
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann.
+
+Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag.
+
+Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der
+Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch
+erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der
+Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches
+blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne
+Aufhören, rings um die Erde herum.
+
+Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne
+verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen;
+die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche
+Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend.
+
+Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch
+nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen
+standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter
+und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen
+und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder
+erweckend.
+
+Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die
+vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche
+schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der
+Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die
+Ginstermann »Zum schlafenden Brahmanen« getauft hatte.
+
+Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen,
+letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre
+persönlichen Erlebnisse und Wünsche.
+
+Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie
+war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und
+Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu
+vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu
+verfolgen.
+
+Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen
+in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden
+müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch
+wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre
+Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur
+Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar
+unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es
+erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.
+
+Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie
+maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das
+Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten.
+
+Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß
+die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner
+geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner
+seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie
+und zielbewußten Energie.
+
+Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender
+Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat
+ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend
+geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte
+in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er
+Biankas Freundschaft genoß.
+
+Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte,
+der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar,
+zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner
+Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und
+es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß
+eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln
+zur Erstarrung bringt.
+
+Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich,
+entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm
+in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine
+Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein
+Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie
+besitze.
+
+Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie
+einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und
+nie überschreiten ließ.
+
+Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für
+Minuten ins Wanken brachte.
+
+Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen
+Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an
+der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja
+entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick
+von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach
+Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners.
+
+Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte
+er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre
+Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann
+beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses
+unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und
+sagte: »Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.« --
+
+In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor
+Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde
+er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner
+Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.
+
+Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war
+ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt,
+bedeckte er mit Tränen der Freude.
+
+Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! -- rief er immerzu aus.
+
+Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem
+Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste
+die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand!
+
+Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden
+entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist
+Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele
+breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte!
+Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie
+gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und
+mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen
+einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte --
+
+Niemand darf es wissen, niemand!
+
+Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel
+flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist.
+Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O,
+was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut.
+
+Niemand darf es wissen, niemand! --
+
+Zuweilen jedoch überfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgültigkeit.
+
+Es kam ihm unsinnig vor, daß er jenes Mädchen im Englischen Garten
+spazieren führte, daß er sich überhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte
+hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie
+ist hübsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das
+alles hat dich bestochen. Ihre weißen Elfenbeinhände mit. Aber ist sie auch
+die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes überhaupt,
+das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht.
+Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo.
+Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist
+Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den
+Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses
+hübsche, elegante Mädchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum
+Objekt geworden, o, Schmach über dich! Groß warst du einst und ein
+Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch über dich, wenn du nicht
+ehrlich genug bist, um über dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen
+will ich und sie alle zu meinen Füßen wissen. O, mein Held, mein tapfrer,
+kühner Held! Heil dir! --
+
+So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab
+ihm ein Lachen, ein kurzes höhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er
+war unglücklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut
+als es ging. --
+
+Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann überfiel ihn wieder jene
+namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen über ihm
+zusammenschlug und ihn verbrannte.
+
+Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, für all
+seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen.
+
+Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen?
+
+Es war hart für einen Mann seines Stolzes, so demütig zu lieben!
+
+Wieder und wieder träumte er von einem Glücke, das nie werden würde. Sie
+lebten in einem Hause abseits der Straße. Er kannte es ganz genau, dieses
+Haus, das Gärtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glückliche
+Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines
+Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager
+und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn
+zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit
+sie ihn beim Erwachen finde. Er löste ihr die Schuhe und küßte in Demut
+ihren Fuß. Er saß mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben
+hatte.
+
+So oft es anging, versuchte er Fräulein Scholl zu treffen. Sie hatte
+dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr günstig. Er wartete auf
+sie, schwätzte mit ihr, ausschließlich von dem Verlangen beseelt, irgend
+etwas von Bianka zu hören, einige Worte sprechen zu können über sie, ihren
+Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen.
+
+Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mädchen, schmächtig, zart, mit
+blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen.
+
+»Wie heißt Du?« fragte er die Kleine, bemüht, sie für sich zu stimmen.
+
+»Camilla.«
+
+Könntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind,
+und wir beide Gespielen. Unsere Gärten, die stießen zusammen und im Zaun da
+wäre ein Loch. Wir schlüpften hin und her, zwitscherten zusammen wie
+Vögelein.
+
+Und dann -- und dann -- --
+
+Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg.
+All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete.
+
+»Nun wollen wir uns etwas kaufen«, sagte er zu ihm und lächelte. »Komm!«
+
+Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund,
+von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog.
+
+Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit
+Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst
+auf sein Zimmer kam.
+
+Sie nannte ihn »Onkel Ginster«.
+
+»Ich heiße Henri«, sagte er zu ihr. »Du sollst Henri sagen. Du sollst auch
+du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.«
+
+»Ari«, sagte sie.
+
+»So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.«
+
+»Heiner, ach ja, Heiner!«
+
+Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß, dieses zarte, warme
+Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten.
+
+Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der
+sie verstand, waren sie mehr, weit mehr.
+
+Er küßte die Kleine. »Du bist ein Dieb!« rief es in ihm. Aber er küßte sie
+doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er
+vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: »Beide Hände wollte
+ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die
+Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du
+wüßtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --«
+
+Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellte Camilla hart
+auf den Boden.
+
+»Bist du böse, Heiner?«
+
+Er lächelte. »Nein, Süße, Heiner ist nicht böse -- Heiner ist -- Heiner ist
+-- o, geh heute, Schätzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh,
+Schätzlein« -- --
+
+Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er
+ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es
+hätte entnehmen können.
+
+Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch
+lächelnd sagen: ich verspüre nichts.
+
+Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über
+eine brennende Kerze gehalten, wenn sie »Spartaner« spielten, oder daß er
+jeden im »indischen Duell«, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel
+nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne
+Zucken der Hand ertrug.
+
+Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den
+Gehirnwänden abschaben müßte.
+
+Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr
+rein war.
+
+Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf.
+Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln.
+Seine Augen waren größer geworden -- so schien es ihm -- ein düsteres Feuer
+brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke
+ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte.
+
+Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht
+gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt
+werden. Wer aber liebt sie?
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer
+Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte.
+
+Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen
+darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen,
+sie trug einen Schleier.
+
+Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte.
+
+Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in
+weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel,
+eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie
+Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat.
+
+Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher Handbewegung
+den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen
+nicht glauben wollen.
+
+Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie.
+
+Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er
+ihr die Hand gegeben, ohne Druck.
+
+»Mein Gott, Henri!« sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst.
+
+Sie hatte noch dieselbe Stimme.
+
+Und er entgegnete: »Guten Tag, gnädige Frau.«
+
+Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle
+um, ihre Erregung zu verbergen.
+
+»Bitte«, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.
+
+Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten
+auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände
+strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.
+
+Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: »Ich habe dich gesucht, überall
+gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde
+verschwunden.«
+
+Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah
+zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu.
+
+»Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja
+damals schon, daß du ein Dichter bist.«
+
+Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten
+Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener
+Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene
+Luftbläschen.
+
+»Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich --
+glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich
+erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich
+wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht
+bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in
+Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in
+Nizza --.«
+
+»Nizza«, sagte ein Echo in Ginstermann.
+
+»Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir
+denn?«
+
+»Danke, es ging.«
+
+»Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst,
+Henri?«
+
+Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie
+herzlich sprach: »Nein, gnädige Frau.«
+
+Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein
+Schleier.
+
+»Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst
+alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir -- -- willst du
+mir nicht die Hand geben, Henri?«
+
+»Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.«
+
+»Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?«
+
+»Ja, gnädige Frau.«
+
+»Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.«
+
+Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.
+
+»Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.«
+
+Sie sagte: »O«, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert.
+»Besuche mich doch«, bat sie wieder, »nur einmal, einen Augenblick! Als --
+Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.«
+
+Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist.
+
+Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich
+zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz
+zuckte er darüber.
+
+Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: »Sie haben dies vergessen,
+gnädige Frau.«
+
+Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie
+lächelte.
+
+»Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?« sagte sie. Sie wollte ihm
+ihre Niederlage nicht eingestehen.
+
+Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen
+röter zu sein.
+
+Sie ging.
+
+Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. --
+
+Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug
+hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.
+
+Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.
+
+ * * * * *
+
+An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus
+dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der
+Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße.
+Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an
+der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer
+anderen Stelle.
+
+Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane.
+
+Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas.
+
+Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte
+kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die
+Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge
+schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.
+
+Ginstermann stand auf und machte Licht.
+
+Nun war es überwunden.
+
+Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von
+Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen
+Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt
+vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.
+
+Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese
+Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die
+Verzweiflung beschwören.
+
+Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu
+kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und
+fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich
+auf und der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu,
+verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in
+bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf.
+
+Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken
+quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück
+Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment
+auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte
+endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges,
+winziges Gebirge, das in der Sonne glüht.
+
+Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und
+lächelte.
+
+Nun war es überwunden.
+
+Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in
+die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an
+seine früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn.
+
+Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen
+eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört
+hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche.
+
+Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er
+es überflog, er las es nicht zu Ende.
+
+Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von
+Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern.
+
+Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer
+Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.
+
+Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern.
+
+Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete:
+
+Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit
+Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie
+erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf
+die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien
+sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!
+
+Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen
+genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen.
+
+O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht
+doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!
+
+Und sie spien den Propheten ins Gesicht.
+
+Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte
+Pappe, nichts als bronzierte Pappe.
+
+Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!
+
+Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen,
+dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten.
+
+Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd
+in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der
+Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.
+
+Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand
+wie aus Stein.
+
+Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten.
+»Seht!« rief er, »seht!«
+
+Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein
+winziger Stern mit grünem Lichte.
+
+Hoho, schrien sie, hoho?
+
+»Seht! Seht!«
+
+Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. »O, du eisgrauer Narr«, höhnten
+sie, »du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha!
+Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser
+bronzierte Pappe sein!«
+
+»Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist
+aus reinstem Golde!«
+
+»Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns
+betrügst du kein zweites Mal!«
+
+»Weshalb aber fiel er nicht?« Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe
+zu dem letzten Stern empor.
+
+Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten -- -- --
+
+Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen.
+
+Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die
+Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken,
+die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie
+verrückt umher.
+
+Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren
+vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen.
+Er fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte.
+
+Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. -- --
+
+Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . .
+
+
+
+
+XV.
+
+
+ Die Würfel sind gefallen.
+
+ Alles ist verloren. --
+
+ Bianka lächelt und sagt: »Es war sehr
+ töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den
+ Nachmittag bei mir verplaudern können.«
+
+ Ginstermann entgegnet: »Aber bitte. Nein,
+ das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen.
+ Sie waren ohnedies so gütig gegen
+ mich.«
+
+ Er verbeugt sich einigemal und lächelt.
+ Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt.
+ Da sind einige Muskeln um seinen Mund,
+ die sich verzerrt haben.
+
+ Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht,
+ daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine
+ Haare vom Schweiße an die Stirne kleben,
+ daß er bleich ist wie eine Wand.
+
+Es ist gut, daß es dämmert.
+
+Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und
+morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr.
+
+Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt.
+War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans
+Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er
+hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt.
+Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte.
+
+Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen
+für die Reise.
+
+Aber selbstverständlich. Wann sie fahre?
+
+Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: »Um 1/2 11.
+In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.«
+
+Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt
+sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte
+Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal
+tote Wünsche.
+
+Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr.
+
+»Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?«
+
+»O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --«
+
+»Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin
+haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte,
+wollen Sie das?«
+
+Er dankt ihr, indem er sich verbeugt.
+
+Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er
+danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an
+den herrlichen Sommer errinnern werde.
+
+Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als
+sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre.
+
+Dann schüttelt sie ihm die Hand.
+
+»Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht?
+Adieu!«
+
+Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf.
+
+Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er
+geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand
+voll Staub ins Gesicht.
+
+Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer
+Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie
+steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu
+winken. Aber sie winkt auch nicht.
+
+»Adieu, Fräulein Schuhmacher!«
+
+Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer
+Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen,
+die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand.
+
+Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt.
+
+Dann geht er. --
+
+Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann
+ist geschlagen!
+
+Nun war es vorbei.
+
+Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte
+er.
+
+Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein
+Stück vom Himmel da droben herunter?
+
+Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen
+einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er
+so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz
+einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber
+hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen
+durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten,
+da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern
+schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen
+und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und
+wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene
+Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um
+einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von
+Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die
+Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen
+gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden.
+
+Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich
+brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte
+Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen
+blickte.
+
+Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße.
+
+Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme,
+du Schuft?
+
+Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den
+Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit
+gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem
+andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort.
+
+Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte,
+niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war
+eine Wonne, seine Macht zu fühlen.
+
+»Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!« sagte er,
+verächtlich die Lippen zuckend.
+
+Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den
+Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße
+entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu
+provozieren.
+
+Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen!
+
+Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen
+Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die
+Straße herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der
+anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der
+Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen
+Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den
+Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes
+Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich
+im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend
+die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen
+neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen -- da erhielt
+sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten.
+
+Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war
+gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht.
+Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen.
+Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein
+lateinisches Wort.
+
+Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren
+wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete.
+
+Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es.
+
+»So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund«, sagte er zu sich und
+lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen.
+
+Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu
+taumeln.
+
+Er bog links ab und ging in den Englischen Garten.
+
+Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still
+und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man
+betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen.
+
+Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den
+Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war.
+Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer,
+der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so
+töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume
+waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros.
+
+Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha!
+
+Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend
+zerweichen mußte.
+
+Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er.
+
+Er blieb stehen.
+
+»Zur Sache«, sprach er, »wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade
+hier.« Oder war es nicht hier? Er mußte -- wo war es? Er mußte -- bei allen
+Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch
+hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte.
+Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen
+sein.
+
+Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand.
+
+»Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!«
+
+Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm,
+messieurs? Man mußte ins reine kommen.
+
+Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und
+sagte: »Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie
+im Brennpunkt einer Lupe.« Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka
+einher.
+
+Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre
+Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen.
+
+Er wußte alles ganz genau. Plötzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in
+die Höhe gegangen.
+
+Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen
+auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie
+schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer.
+Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach,
+richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka --
+nur Vorsicht -- bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise,
+bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre -- von hier an --
+jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten
+Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka
+hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er
+bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha,
+er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und
+Bianka sagte:
+
+»Eigentlich ist es doch recht selten --« Oder begann sie nicht so? Es war
+da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. »Das passiert nicht oft,
+daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb
+freut es mich, daß ich Sie kennen gelernt habe.« Nun blieb sie stehen, sah
+ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: »Wie sonderbar es begann, da im
+Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hübsch.«
+Sie stockte, besann sich, ging weiter.
+
+Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert,
+wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig
+gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie
+eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer
+Doppelpunkt.
+
+Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor
+Erregung.
+
+Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg.
+
+Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie über Nizza zu sprechen.
+
+Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. »Es war hübsch, hörst
+du, Ginstermann? -- hübsch war es.«
+
+Und hier war es, hier.
+
+O, es war in der Tat hübsch, außerordentlich hübsch. Sie können sich nicht
+vorstellen, wie hübsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen
+zusammen, wir unterhielten uns, Sie eröffneten mir ihre Ideen, Herr
+Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bißchen. Addieren Sie,
+bitte, addieren Sie. Summa: hübsch.
+
+Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte.
+
+»Hier liegen die Träume eines Toren«, begann er in pastoralem Tone, »hier
+liegt die Sehnsucht eines Narren -- hahaha. Sie ertranken in der Tiefe
+einer Mädchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der
+Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wände schlagen lassen, ob sie
+Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder
+in der bodenlosen Tiefe -- hahaha --!«
+
+Plötzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke
+stieg in seinem Kopfe empor, riesengroß, ein graues Gespenst ohne Form und
+Ausdruck.
+
+»Du bist wahnsinnig«, sagte er leise zu sich, damit es niemand höre außer
+ihm.
+
+Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hüllte ihn ein. Sein
+Herz ging in langsamen Stößen, er stand wie gelähmt. Eine Ewigkeit.
+
+Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und
+still. Die Stille flüsterte, sie flüsterte unverständliche, grauenhafte
+Dinge. Der Wind stieß wie die Flügel eines Schwarmes von Vögeln an seinen
+Kopf.
+
+In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken,
+die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese
+Stille flüsterte.
+
+In der Ferne schlug eine Uhr.
+
+Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg,
+und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen
+schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man
+das Ding. Ich kann es bewegen.
+
+Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er.
+
+Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftbläschen in Glas
+eingemauert ist. Angst lähmte ihn.
+
+Drüben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehüllt.
+
+Nun kommt er, dachte er, den großen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf
+den Kopf damit zu schlagen.
+
+Aber nein, was war mit ihm geschehen?
+
+Plötzlich bewegte er die Füße und ging. Fort, fort aus diesem Garten,
+dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort.
+
+Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebüsche zu vermeiden.
+
+Endlich war er auf der Straße. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und
+Schutzleute, er war geborgen.
+
+Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurück. Langsam, mit dumpfem
+Kopfe schlich er an den Häusern entlang. Es war noch nicht spät, es
+dämmerte. Der Himmel war düster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack,
+aus dem flimmernde Fäden hingen. Die Bogenlampen brannten, die
+Telephondrähte schimmerten und liefen rasch in die Dämmerung hinein, als
+hätten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrähten der Straßenbahn sprühten
+zornige, grüne Flammen auf.
+
+Die Cafés waren erleuchtet, die Türen gingen auf und zu. Durch einen
+Vorhang sah er ein grünes Billard, über das sich ein Herr mit langen weißen
+Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe
+vorüber und verdeckte für einen Moment das ganze Billard.
+
+Er war fähig, diese Eindrücke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken
+zu besitzen. Man hat alle Drähte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er.
+
+Seine Schläfe brannte. Das Bedürfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen,
+trieb ihn über die Brücke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Fluß hinunter.
+Die Böschung war gepflastert, er mußte vorsichtig sein. Der Fluß rauschte
+vorüber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran,
+die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hörte er über sich rufen. Er wandte
+erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den
+Steinen fest.
+
+Es war ihm, als habe ihn der Fluß schon in seine brausende Tiefe
+hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszuführen, kroch er wieder in die Höhe;
+kalter Schweiß bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, müde ging
+er wie ein alter Gaul.
+
+Er ging lange, bis die Häuser klein und niedrig wurden. Trüb leuchteten
+ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis
+unten.
+
+Auf der Straße spielten Kinder. Es waren kleine Mädchen. Sie hatten einen
+Kreis gebildet und schritten um ein Mädchen herum, das in der Mitte saß,
+die Hände vor dem Gesicht. Dabei summten sie ein Lied. Es war ein weicher
+flüsternder Gesang, wehmütig durch die Dämmerung schwebend.
+
+Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mädchen da sprach es
+zu ihm, wie aus dem Flüstern der Stille im Park.
+
+Und nun verstand er.
+
+Sterben, sprach es.
+
+Er ging und lächelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang
+gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren
+umschlang es ihn und küßte ihm dies Wort auf den Mund.
+
+Die Häuser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm.
+
+Über die Ebene lief hurtig ein kühler Wind. Er nahm den Hut ab und ließ
+sich die Stirn von ihm kühlen. Das war sanft und wohltuend, er mußte an die
+schmalen kühlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen küßte.
+
+Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, düsterroter Saum, die
+Nacht schlug wie das ungeheure schwermütige Lid eines Vogelauges über der
+Erde zusammen.
+
+Die Luft war gewürzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch
+die Nacht heraus.
+
+Er kniete nieder und küßte die Erde.
+
+Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld,
+dort oben der Himmel. Adieu.
+
+Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause.
+
+Nun konnte er plötzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen
+diesem einen Ziele zu, -- ruhig, ohne Schmerz, erfüllt von Weihe, die
+dieses Ziel über sie hauchte.
+
+Die ganze Stadt war Licht, Lärm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die
+dieses Licht, diesen Lärm, dieses Lachen liebten, die die kleinen süßen
+Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es läutete, klingelte.
+
+Aber lauter und klingender wie der Lärm des Verkehrs ging hoch oben ein
+Brausen über die Stadt. Es lief durch die Straßen, riß die Fenster auf,
+fuhr durch die Häuser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut
+ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben!
+
+Nun lag es hinter ihm. War es nicht schön gewesen? O, es war köstlich
+gewesen. Es hatte ihm die große Freude, den großen Schmerz gegeben. Was
+sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schönheiten, er
+hatte seinen Rätseln gelauscht.
+
+Er war müde, er sehnte sich nach der großen Ruhe, nach der Rückkehr in das
+Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte.
+
+Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Läufe blitzten, die runden
+hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen
+schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schädel in
+Stücke reißend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schläfe
+hinterlassend.
+
+Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser.
+Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und während das Blut in
+langsamen Stößen seinem Körper entwich, noch an all das Herrliche denken,
+das ihm das Leben schenkte. --
+
+Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tür des Ateliers
+stehen. Es schien als warte sie auf jemanden.
+
+»Ach, Sie sind es«, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe
+Ringe um die Augen.
+
+Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie
+seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt
+argwöhnisch. Sie ließ ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei.
+
+»Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann?« fragte sie mit jäher, erschrockener
+Stimme.
+
+»Mit mir, wieso denn nur?«
+
+»Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoßen?«
+
+Diese Besorgnis, diese mütterliche Anteilnahme machte ihn bewegt.
+
+»Ach nein«, erwiderte er. »Gute Nacht, Frau Trud.«
+
+Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen.
+
+Oben wandte er sich nochmals um und rief: »Grüßen Sie Kapelli, ich werde
+ihn demnächst wieder mal besuchen.«
+
+Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war.
+
+Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das?
+
+Nachdem er abgeschlossen hatte, zündete er die Lampe an. Dann spähte er
+unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten
+konnte. Die Vorhänge zog er zu.
+
+Er ging zur Büste, blickte sie eine Weile düster lächelnd an und hob sie
+herab.
+
+Er preßte sie an die Brust und küßte sie auf den Mund.
+
+»Bianka«, sagte er, »leb wohl. Wer du auch seist, ich danke dir. Du warst
+das Schönste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes
+Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schönres erlebt. Dafür danke ich dir. Weißt
+du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich
+dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht hätte ich dich glücklich
+gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hörst,
+so härme dich nicht. Verzeih!«
+
+Tränen rollten über seine Wangen, während er sie lächelnd betrachtete. Er
+öffnete den Schrank und stellte die Büste behutsam hinein. Sie sollte es
+nicht sehen.
+
+Da pochte es an seiner Türe.
+
+Er erschrak heftig und fragte stockend: »Wer da?«
+
+»Kapelli.« Ob er nicht Lust habe, den Abend mit ihnen zu verbringen.
+Bißchen Karten spielen.
+
+»Nein, danke schön.«
+
+»So machen Sie doch mal auf!«
+
+Ginstermann ging an die Türe, unschlüssig ob er öffnen sollte.
+
+Dann rief er: »Ich will arbeiten, Kapelli. Stören Sie mich nicht länger.«
+Aber Kapelli pochte nochmals.
+
+Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlüsselloch.
+
+»Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen«, rief er, sich zum Lachen
+zwingend.
+
+»Na, dann also gute Nacht.«
+
+Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen
+herauf, stieg abermals hinunter und schloß endlich die Türe seines Ateliers
+hinter sich.
+
+Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie
+ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann.
+Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken.
+
+Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock über
+dem Bauche zugeknöpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge
+liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hübsch ruhig bleiben. Im
+übrigen wußte es man nicht. Niemand weiß, was ein Toter tut, wenn der
+Deckel aufgeschraubt ist. Noch besaß niemand soviel Mut sich neben einen
+Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner
+Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Bläh -- bläh -- Henri
+Ginstermann ist tot. Er hat »Das Ebenbild Gottes« geschrieben -- bläh --
+bläh -- er hat auch Verse geschrieben -- man weiß nicht, woran er gestorben
+ist, vielleicht ist er am Leben gestorben -- bläh -- bläh --
+
+Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hände
+zitterten, die Pulse hüpften in seiner Schläfe; in seinem Kopfe da rauschte
+es, rings herum.
+
+Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser
+jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter
+hatte ihn doch ein bißchen gerne, früher. Nun ja, bei jenem Skandal -- kann
+eine anständige Dame da anders handeln. Ein Schüler, ein Junge von siebzehn
+Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einläßt! Puh, puh! Aber nein,
+früher. Als er noch zwölf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das
+ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch.
+Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen
+entzückte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle.
+Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der
+Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwürmer schlugen mit den
+dicken Köpfen auf die Dielen. Die Mäuse nagten die Balken ab, um ihn in
+einen tiefen Schacht hinabzustürzen. Eine Uhr rasselte wie ein Sterbender.
+O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher
+Bursch zur Türe heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost
+auf die Seele gefallen. Seitdem haßte er sie, seine Eltern und Geschwister,
+seine Mitschüler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der
+Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der
+ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mörder fürchtete er nicht mehr.
+Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war
+nur ein Spaß! -- Hoho, aber plötzlich da wurde es anders. Niemand liebte
+ihn, bis er eine junge hübsche Frau kennen lernte.
+
+Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? -- Wollen wir Musik
+zusammen machen, wie? -- Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen
+ansehen? -- Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? -- Nein, nicht
+küssen, nicht küssen, Schlingel!
+
+O juhei, o juhei -- wie herrlich ist das Leben! -- Wie, abgereist? Gnädige
+Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frißt Moos und
+Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nächte. -- Hinaus! sagt der
+Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Türe. Er biegt ihn im Gelenk
+ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Großartigkeit. Wie
+ein Feldherr: alle Fünftausend. Hinaus, hinaus! Alle Türen zu. Einer dreht
+sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! -- Ein Zug
+braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich
+unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehört die Gewandtheit eines
+Seiltänzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das
+schadet nichts. Ein bißchen Blut, wir sind doch kein kleines Mädchen, wie?
+-- Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre
+Hunde. Nur Scherz. Es schläft sich gut im Wald, bei den vielen Mücken und
+Ameisen. Man träumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man
+erwacht, so sieht man nichts um sich als Büsche und Kräuter, und der Mond
+spannt silberne Saiten zwischen den Stämmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre
+Lieder. Ist das nicht herrlich? -- -- In Böhmen liegt ein Bauernhof. War es
+nicht ein hübscher Bauernhof? Die Bäume herum, die Tannen dahinter auf dem
+Hügel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der
+Wahnsinnige, wie er mit den Zähnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht
+leiden. »Ich renne ihm die Mistgabel durch den Leib!« Ach, eine Mistgabel,
+ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht fürchten.
+Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe
+in Rumänien. »Willst du das Weib da küssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, ißt
+und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht küssen, wenn ich
+es befehle. Hund, marsch -- oder -- ah -- sie ist ja ein kleines
+Schweinchen, die Sonja -- aber -- hahaha!« Sein betrunkenes Gesicht mit dem
+Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen
+wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der
+Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden
+Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, daß man sich
+für ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer.
+Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein
+Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er
+auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so groß seine Schritte auch sind,
+er kommt nicht näher. Er baumelt wie an den Hüften festgeschraubt, schlägt
+mit Armen und Füßen, den Bohrer schwingend. »Ich will dir den Kopf
+anzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken,
+bis du platzt, Schweinchen!«
+
+Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten
+auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und
+verschrobene Köpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend
+Köpfe. Lauter Köpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes
+Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zähnen -- und da ist auch Kapelli! He,
+Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebäudes sieht er
+heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er über ihm. Hoho, über ihm sind
+auch Köpfe! Überall, rings um ihn Köpfe, die sich unaufhörlich verzerren zu
+entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch
+jenes Weib, Ritts Freundin mit den weißen Händen. Sie wirft ihm Sofakissen
+an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flüsterte Hesse
+plötzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber über seinem Kopfe.
+Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strömt
+der Geruch von Branntwein. »Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des
+Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi.« »Ja, zum
+Teufel, mein Herr --« »Spi ist mein Name, gestatten -- Sie leugnen also
+jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi.« »Die
+Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist
+keine göttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht
+minder hoch. Der große Mensch und Gott fließen in eins zusammen, -- ja, zum
+Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?« »Spi, gestatten.« »Speien Sie
+mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen
+aussprechen! Meine Behauptung gleicht also -- ja, wo stecken Sie denn?«
+»Hier, Spi --« »Teufel --!« »Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist
+mein Name.« »Lassen Sie mich doch -- lassen Sie mich doch --!« »Aber was
+wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hängt ja Camilla auf!« »Hier
+hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt
+sehen, und deshalb hängen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie
+ist, wie des Jairi Töchterlein -- --«
+
+Da erscholl ein mächtiger Schlag.
+
+Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte über
+einen Stuhl, der am Boden lag.
+
+Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen.
+
+Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit.
+
+Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das
+alles? Was wollte der phosphoreszierende Schädel dort? Ein Gespenst, hu?
+Oder -- nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus?
+
+Ja, es konnte auch eine Lampe sein.
+
+Er fand für einige Augenblicke die Besinnung zurück. Das war sein Zimmer,
+hier stand sein Tisch, dort das Bücherregal, auf dem Biankas Büste
+gestanden. Diese Büste hatte er in den Schrank getan.
+
+Er ging an den Schrank, um nachzusehen. Aber er wagte ihn nicht zu öffnen.
+Er wußte, etwas unsagbar Gräßliches hockte darin. Da entdeckte er ein
+Gesicht an der Wand. Dieses Gesicht bewegte sich nach derselben Richtung,
+nach der er sich bewegte. Es war ein Kreidefleck mit Augen darin, die wie
+Tiger heraussprangen. Ah, das war ein Spiegel und das Gesicht darin war das
+seinige.
+
+»Ich komme gleich nach«, rief er aus und ging an den Waschtisch.
+
+Was wollte er nur? Er hatte doch etwas aus dem Waschtisch nehmen wollen.
+Sollte er beten, daß Gott ihm aus seiner Wirrnis herausführe. Haha,
+vielleicht durch einen hübschen Engel mit bleichen, lilienzarten Händen?
+Gott? Was war Gott?
+
+»Sie wissen nichts!« sagte ihm jemand ins Ohr. Das war Dichter Glimms
+Stimme. Er zeigte die Zähne wie ein Eichhörnchen. Aber er war gar nicht zu
+sehen.
+
+»Sie wissen nichts!« wiederholte er. O, dieser Heuchler. Die ganze Zeit
+hatte er sich als Atheist aufgespielt.
+
+»Wer setzte die Urzelle in die Welt, mein Lieber? Weshalb haben alle
+Völker, alle Völker den Drang nach Gott, he? Antworten, antworten!« »Ist
+die Welt?« »Geflunker -- Geflunker! Antwort? Wer ist Gott? Ich lasse Sie
+nicht los. Sie -- Dummkopf, Sie.« »Ich bin Gott, Gott ist in uns. Jeder hat
+sein Mekka in sich.« »So sagten Sie in Ihrem Drama, Freund -- in Ihrem
+traurigen Machwerk, das Sie Drama nennen -- hahaha!«
+
+Nein, was wollte er nur! Was erhielt er für Besucher?
+
+Er stand und starrte an die Wand. Da zappelte etwas. Auf hohen
+Spinnenbeinen kroch es daher, den gequollenen Körper vorwärtsschiebend.
+Unsinn, es war ein Tintenfleck! Jemand hat ein Tintenglas einmal gegen die
+Wand geschleudert -- glaubt es, ihr Leute! Spinne? Es sah aus wie Pinien.
+Er hatte, seit er hier wohnte, stets an Pinien gedacht.
+
+Nun löste es sich von der Wand und zappelte durch die Luft.
+
+Er wich zurück und schrie. Ein dumpfer Schlag und Klirren.
+
+Er verschwand in ein Loch und sank in tiefe, tiefe Nacht.
+
+Ach, wie gut tat die Finsternis! Und wie herrlich war es zu sinken, immerzu
+zu sinken.
+
+Hatte er es doch dabei? Ja, natürlich. Das Rasiermesser! Es tat nicht weh,
+nein, nein. Die Adern werden schlaff und die große selige Müdigkeit kommt.
+Muß man tiefer schneiden? Er mochte nicht mehr. Er war müde. Und auf seinem
+Kopfe saß einer, so schwer wie ein Zentner.
+
+»Guten Tag, ihr Herren, guten Tag, ihr Frauen.«
+
+He! was ist das. Was sind das für Leute? Graue Gesichter. Es sind die
+Selbstmörder der letzten Woche. Hahaha, der Tod verliert seine ganze
+Kundschaft. Und wer ist der dort? Hehe? Mit seinem purpurnen Schlips. Siry!
+Siry! Siehst du, hier an der Schläfe habe ich ein winziges Loch. Ich kämme
+das Haar darüber, immer elegant! --
+
+Was wollt ihr denn mit der Decke? So, bin ich nackt? Danke.
+
+Die große selige Müdigkeit . . .
+
+Ich höre nichts mehr, weshalb pocht ihr mir? Weshalb ruft ihr mir?
+
+Möchten sie pochen -- ruhig pochen -- mochten sie rufen, ruhig rufen
+. . . . .
+
+
+
+
+XVI.
+
+
+Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen.
+
+Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er
+träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf
+einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner
+Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches
+paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer
+Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen
+und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten,
+leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert.
+
+Sankta Lucia -- Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war
+eine weibliche Stimme.
+
+Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme,
+dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die
+Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte.
+
+Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens
+abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die
+Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische
+Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als
+schnitte jemand ein Buch auf.
+
+Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich
+sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde
+dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und
+las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein
+blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der
+linken Wange.
+
+Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich
+unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um,
+ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang
+und braun.
+
+Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen.
+
+Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand -- und er empfand, daß der
+Betreffende beim Sprechen lächelte -- dicht neben ihm: »Wie fühlen Sie
+sich?«
+
+Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch
+gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart.
+
+Der verbeugte sich leicht und sagte: »Dr. Scholl.«
+
+Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl
+der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei.
+
+Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe.
+
+»Erklären Sie mir, bitte --? Bin ich krank?« fragte er.
+
+Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette
+nieder und entgegnete:
+
+»Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen
+Sie sich?«
+
+»O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen -- wie als Kind, wenn ich lange
+und tief geschlafen hatte.«
+
+»Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen
+hereinkommt?«
+
+Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt
+darüber.
+
+Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges
+Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes,
+seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen.
+
+Und der Blonde sagte: »Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.« Er
+hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen.
+
+Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den
+Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ
+sich zurück in die Kissen fallen.
+
+»Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte«, sagte er und
+lächelte. Nein, er lachte.
+
+Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei!
+
+Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel
+leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch
+Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen.
+
+Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend.
+
+»Wie lange bin ich krank gewesen?«
+
+Er sei acht Tage krank gewesen.
+
+»Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein
+Schuhmacher bestellen.«
+
+Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine
+Erregung zu verbergen.
+
+»Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?«
+
+»Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel
+arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.«
+
+Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl.
+
+Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand.
+
+»Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie
+erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?«
+
+»Sie ist noch gar nicht abgereist.«
+
+»So, Fräulein Schuhmacher --«
+
+»Nein. Es gab ein Hindernis.«
+
+»Jawohl.«
+
+Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllte ihn Friede, süßer Friede. In
+den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die
+dort drunten herumsprangen und jauchzten.
+
+Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle
+Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er
+unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste
+eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses.
+
+Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären,
+aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege.
+
+Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß
+du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel,
+wie kommt diese Leiste an deine Türe?
+
+Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß
+es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im
+Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen.
+Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen
+tanzten -- waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im
+Spiele gewesen.
+
+Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in
+ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden.
+Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist.
+
+Es war etwas dazwischen gekommen.
+
+Ah -- wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen
+Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende
+Luft! Nur heiß war es, sehr heiß.
+
+Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze
+vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten
+gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe
+und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die
+Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft.
+
+Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende
+Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich.
+Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume
+herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte.
+
+Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte im Antlitz. Er war viel zu schön
+für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war
+weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war
+augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen
+warmen Augen.
+
+War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher?
+
+Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel.
+
+Bianka, Bianka . . .
+
+Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das
+Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße,
+erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude.
+
+Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe.
+
+Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte.
+
+»Sind Sie müde?« fragte der Arzt.
+
+Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde.
+
+Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im
+Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern
+dargestellt.
+
+Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige
+Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand.
+
+Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage,
+ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage
+seiner Gedichte abgesetzt sei.
+
+»Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr
+Doktor!« sagte er lachend. »Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?«
+
+Dr. Scholl lachte ebenfalls.
+
+Dann nahm er Biankas Billette zur Hand.
+
+Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das
+andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei
+abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt.
+
+War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der
+acht Tage im Fieber gelegen.
+
+O, nun -- nun -- o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein.
+
+Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn
+berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem
+anderen zuzurufen.
+
+Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf,
+wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz,
+durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den
+ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen.
+
+Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen
+Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte.
+
+Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur?
+
+». . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den
+Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der
+Mensch mit dem Menschen ab . . .«
+
+Ah, er sprach über moderne Literatur.
+
+»Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama
+noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner
+schöpferischen Zeit.«
+
+Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und
+drehte den Kopf zur Wand.
+
+Ob ihn das Sprechen störe?
+
+»Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.«
+
+Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein
+Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder,
+sanft und unaufhörlich.
+
+». . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu
+wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der
+Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen
+sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.«
+
+»Wie sie die Straße dahinziehen -- Brot -- Brot! Die ganze geknechtete
+Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.«
+
+. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie
+haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den
+Adern. »Das ist die Rose«, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: »Ihr
+mußtet sie holen.«
+
+». . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung
+schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst
+eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich
+für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen
+Sie >Auferstehung<, ich finde --«
+
+»Unser Ziel ist der Einzelne.«
+
+»Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten
+denken . . .«
+
+. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den
+Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen
+Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie
+sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen -- keiner will.
+Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und
+stirbt . . .
+
+». . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz
+befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die
+Psychologie. Komplikationen -- ach, was -- --«
+
+. . . kling -- klang -- klung -- o Skule, König Skule -- es heulen die
+Hunde, sehn sie den Mond -- klung -- klung -- es weinen die Weiber, stirbt
+ein Spatz -- o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in
+deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen
+-- klung -- klung . . . »Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind
+ist morgen tot.« -- Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule
+noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und
+geht schellenklingelnd zur Tür hinaus.
+
+Klung -- klung -- je schöner ein Weibchen in der Welt -- je eher es dem Tod
+gefällt -- klung -- -- kling -- klung --
+
+König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal.
+Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft
+heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal.
+
+Um die Burg murmelt das Volk: Roselind?
+
+Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das
+Gesicht verhüllt wie das erste.
+
+König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den
+Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken.
+
+Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist
+wachsfahl und ohne Leben.
+
+König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen
+Kopf.
+
+»Wann?« fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen
+Blicken.
+
+»Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen
+kommt?«
+
+Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden.
+
+»Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.«
+
+»So laß in die Posaunen stoßen.«
+
+Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe
+aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde
+Roselinds Leben retten.
+
+Still wird's um die Burg.
+
+Die Posaunen rufen.
+
+»Nimm dies!« König Skule entblößt die Brust.
+
+»Es ist alt. Es muß ein junges sein.«
+
+Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen.
+
+An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in
+düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger
+auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel
+grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den
+Vorhang.
+
+Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in
+der Schlacht.
+
+Roselind -- -- --?
+
+Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein. Der Pilger kniet vor König Skules
+Thron und spricht: »Ich bringe dir mein Herz.«
+
+Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus.
+
+Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand.
+
+Kling -- klang -- klung -- klang -- macht des Narren Zither. Er hockt auf
+dem Fensterbrett und grinst. »O Skule -- König Skule --«
+
+»Werft ihn in Ketten!« befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt
+das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt?
+
+»Ich bringe dir mein Herz.«
+
+Der König hebt die Hand.
+
+In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand
+reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe.
+
+Stille.
+
+Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt
+verzückt die Hände.
+
+Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt.
+
+Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen.
+
+Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk.
+
+Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden.
+Tipp--tapp--tipp--tipp . . .
+
+»Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!«
+
+»Klung--klung--kling-- ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .« --
+
+Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein
+Gespräch beendend, wieder ans Bett.
+
+»Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.«
+
+Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen.
+
+»Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt.
+Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja
+interessieren.«
+
+»Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.«
+
+»Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten
+gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.«
+
+»Adieu.«
+
+Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte.
+
+Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag
+im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . .
+
+Roselind -- Roselind . . .
+
+Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl.
+
+Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen
+Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald.
+In Skules Reichen ist nicht Schöneres.
+
+Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk.
+
+Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön.
+
+Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. --
+
+Am Tore vor Roselinds Schloß, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang.
+Zwölf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Büschen glühen die
+Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Büsche warf. Auf dem
+Tore stecken an Speeren zwei Köpfe. Königssöhne. Blut tropft ins Gras. Bei
+jedem Tropfen hört man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen.
+
+Der eine öffnet die blauen Lippen und spricht: »Weh dir! Weh dir!« Der
+andere schlägt die schwarzen Lider in die Höhe und spricht: »Entfleuch!
+Entfleuch!«
+
+Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang!
+
+Mein Sohn, mein Sohn, jammert es überm Meer. Liebster mein, Liebster mein,
+schluchzt es weit hinter den Bergen.
+
+Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und bläst die Herzen in
+den Büschen aus. Ein Schwarm feuriger Vögel streicht über den Wald.
+
+Ein Mädchen steigt auf die Treppe, weiße Blütenbänder um den
+perlmutterschillernden Leib, legt die Hände an den Mund und ruft: Über der
+Herrin Land -- leuchtet der Son -- ne Brand -- --! -- leuchtet der Sonne
+Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . .
+
+Jauchzen. Rot glühen die Zinnen aus Granat.
+
+Die Köpfe am Tore sind steif und stumm.
+
+»Mach auf.«
+
+»Wen suchst du, Armer?« -- »Ich suche Roselind.« -- »O, weh dir!«
+
+Hörner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus.
+
+Roselind ist schön, flüstern die Saiten im ganzen Lande . . .
+
+Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein dürrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem
+Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen.
+
+»Kommst du übers Meer? Wen suchst du, Fremdling?«
+
+»Ich suche dich.«
+
+Roselind lächelt. Dieses Lächeln sagt: du stirbst.
+
+»Ich sterbe gern für dich.«
+
+Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein
+Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist weiß wie Schnee, blutleer das
+Geäder.
+
+»Er ists,« sagt er.
+
+Roselind neigt sich im Sattel. »Du bists. König Skule suchte dich durchs
+ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.«
+
+Der Pilgrim beugt das Knie.
+
+Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. »Er soll hundert Pferde mit
+Geschmeide haben!«
+
+»Ich will nicht dein Gold.«
+
+»König Skule gibt dir einen Thron.«
+
+»Was nützt mich König Skules Thron?«
+
+»Beeile dich!«
+
+»Ich will --«
+
+»Werde nicht kühn!!«
+
+»Ich möchte den Saum deines Gewandes küssen, Roselind!«
+
+Hahaha -- lacht das Gefolge -- hahaha . . . . Fort stürmts in den Wald.
+Hahaha . . . .
+
+Halali heißt der Wald . . . .
+
+Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf.
+
+
+
+
+XVII.
+
+
+Es gab eine Menge Neuigkeiten.
+
+Frau Trud hatte einem Mädchen das Leben geschenkt.
+
+Kapelli erzählt es eben Ginstermann. Er saß auf der Bettkante bei ihm und
+rauchte seine Zigarre.
+
+»Heute morgen um fünf Uhr«, sagte er und alle Vokale funkelten. »Es ist ein
+Prachtwesen!«
+
+Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann
+sah es ihm an, daß er Mühe hatte, sein Glück zu ertragen. Während der
+ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen,
+zusammenschreckend bei jedem Geräusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend
+vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlöst
+und glücklich. In seinen Augen glänzte die Freude. Ein neuer Lebenstag
+begann für ihn, über dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten
+Zeit schwebten.
+
+Ginstermann nahm an seinem Glück teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud
+hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefühl, das
+er nicht die Aufrichtigkeit besaß, Neid zu nennen.
+
+Es gab noch manches andere.
+
+Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam
+-- er rechnete bestimmt darauf -- so hatte er Beschäftigung auf ein Jahr --
+da wollte er sich in der Nähe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie
+ein Haus im Freien, Bäume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das
+»Schnuckerl« spazieren fahren konnte, meinte er.
+
+Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er
+feierte seit fünf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und
+Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten
+sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostümiert, und man konnte
+nicht zum Hause hinausgehen, ohne über einen im Flur liegenden Bezechten
+hinwegsteigen zu müssen.
+
+»Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?«
+
+Fräulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt
+worden.
+
+Unsere neueste Entdeckung heißt Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur
+selten Fische so gemalt. Großes ist von dieser Künstlerin zu erwarten.
+
+»Es ist ihr zu gönnen, selbstverständlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bißchen
+geholfen, aber das geht uns nichts an«, meinte Kapelli.
+
+Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persönlich zu beglückwünschen.
+Auf der Treppe begegnete ihm Fräulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein
+schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes
+erhöhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als
+Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schüttelte, leuchtete helle Freude
+darinnen auf, von der man übrigens nicht wußte, ob sie echt oder gemacht
+war. Sie ließ ihn nicht vorüber, ohne daß er die Rezensionen gelesen hatte.
+
+»Jetzt können Sie ruhig sterben,« scherzte er, indem er ihr nochmals die
+Hand drückte.
+
+»Ja«, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas;
+»besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehörigen den Beweis
+erbringen zu können, daß ihr Spott ungerecht war.«
+
+Sie blickte auf, und der Haß flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann
+hätte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in
+diesem bescheidenen, schwermütigen Weibe vermutet.
+
+Sie lächelte und sagte: »Sie wissen ja, daß mich Herr Ritt bei der Arbeit
+unterstützte.«
+
+Auf ein paar Pinselstriche käme es nicht an.
+
+»Ich habe meinen Lehrer für heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht
+auch das Vergnügen schenken, Herr Ginstermann?«
+
+Er müsse leider aus Gesundheitsrücksichten ablehnen.
+
+»Nicht? -- Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um
+etwas schmäler und blässer geworden.« »O, und graue Haare haben Sie auch
+bekommen, eine ganze Menge«, setzte sie lächelnd dazu. --
+
+Frau Trud war vergnügt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien,
+als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu
+verbergen. Sie war außerordentlich blaß und geschwächt, und oft sprach sie
+so leise, daß man sie nicht mehr verstand. Kapelli mußte sie fortwährend
+ersuchen, den Mund zu halten.
+
+Ginstermann küßte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie
+ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glückwunsch und
+gleichzeitig sein Dank für »neulich«. Es kümmerte ihn nicht, daß Kapelli
+dabei stand, und Kapelli kümmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit
+einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter.
+
+Natürlich mußte er auch das Kind sehen.
+
+Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweißen Härchen auf dem
+unförmigen Kopfe. Er konnte es nur mit Überwindung betrachten.
+
+»Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie?« sagte die Mutter. »Es
+wird überhaupt ein hübsches Kind werden, nicht?«
+
+Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden.
+
+»Wenn es so fortfährt, sicherlich«, sagte er.
+
+Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese »Skizze von Mensch«
+in Gips abzugießen. Und zwar gleich morgen.
+
+»Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese
+Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar --«
+
+Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu
+einer verlangend ausgestreckten Hand löste.
+
+Kapelli küßte sie.
+
+»Du sollst nicht so viel reden«, sagte er.
+
+»Ich hab ja nun gar nichts gesagt«, Frau Trud darauf.
+
+Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen.
+
+Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne
+lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein
+Mensch groß ward, stand in ihm auf.
+
+Weder dies, noch das, sagte er sich.
+
+Das wußte er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka würde er nicht mehr
+fähig sein, ein Weib zu lieben. Das wußte er, nie sollte er ein Kind haben.
+Er würde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu
+vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt.
+
+Andere Sterne! Andere Sterne!
+
+Ach, da war ja noch die Erinnerung -- und die Arbeit! --
+
+Er ging.
+
+Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu
+sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln.
+
+Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand
+gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen
+Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden.
+
+Hoi -- hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an
+wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb.
+
+Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer
+Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern
+zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daß
+Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer
+netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er
+am Hause auf und ab ging.
+
+Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig.
+
+Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von
+der »Religion der Gottlosen« handelte, zur Hand, um sich auf andere
+Gedanken zu bringen. --
+
+Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt.
+
+Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden.
+Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann
+hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas
+Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen
+erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten
+herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zu
+widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht
+mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden,
+keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck
+fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie
+die Zähne zweier Räder ineinander.
+
+Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung
+des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. --
+
+Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre
+Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte.
+
+Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen
+Spaziergang.
+
+Werter Freund, schrieb sie, werter Freund.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Drei Uhr.
+
+Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und
+steigt den Hügel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege
+entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm
+auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab. Ganz langsam. An
+der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer
+durch die Wiese, weiß in weiß, den Körper leicht vornüber gebeugt.
+
+Ginstermann ist nicht hingegangen.
+
+Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen.
+
+Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war,
+während der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und
+Mienen, dem Parke in der Sonne, den schießenden Schwalben im Äther. Er
+hatte verzückten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre
+geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt
+-- er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben:
+und er war nicht hingegangen.
+
+Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht.
+
+Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es.
+
+Nun saß er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und
+sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie
+immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf --
+
+Adieu Bianka!
+
+Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch
+immerhin ein bißchen lieb, wie?
+
+Sein Entschluß lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm
+herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz.
+
+Noch war es möglich, ihr zu begegnen . . .
+
+Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er
+Treue bewahren.
+
+In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her,
+während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich
+den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß.
+
+Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an
+den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war
+Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden
+Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist
+du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige
+Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer
+schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? -- Und hier stand
+ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist
+»sie«? Kennt ihr »sie«? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das
+Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum
+Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine
+Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die
+Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum.
+
+Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein
+dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie?
+
+Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte
+flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann.
+
+Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und
+man prophezeite ihm eine große Zukunft.
+
+Und dieses Mädchen . . .
+
+Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt
+sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit
+beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und
+küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt.
+Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im
+Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die
+Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der
+Boden wogt.
+
+Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den
+elfenbeinernen Tasten.
+
+Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt
+geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über
+sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen
+berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt
+seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den
+Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und
+singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz.
+
+Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den
+Elfenbeintasten.
+
+Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schüttelt sich. Wendet sich.
+
+Der Spielende steht auf und lächelt.
+
+Das junge Weib aber hat Tränen in den Augen.
+
+Wissen Sie, wie das hieß?
+
+Weshalb fragen Sie mich das?
+
+Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei
+Lippen berühren eine Stirne. Zwei Lippen berühren einen Mund. Sie sind
+heiß.
+
+Das junge Weib regt sich nicht.
+
+Das junge Weib regt sich nicht.
+
+Es liebt ihn.
+
+Ah, wir dürfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lächelt. Er lacht.
+Seine Augen sind schwarz und blitzen.
+
+Es war ja nur eine Improvisation.
+
+Und wieder gleiten die schmalen zarten Hände mit Ringen an den Fingern über
+die Elfenbeintasten.
+
+Und wieder lauscht das junge Weib.
+
+Die silbernen Vögel singen seinen Namen.
+
+Und wieder . . . .
+
+Und wieder . . . .
+
+Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trüb, die schmalen zarten
+Hände zittern.
+
+Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde.
+
+Und das Mädchen sieht einen Mann, der dem Komponisten ähnlich sieht.
+Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mädchen tastet mit seinen Blicken
+über sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter
+Freund . . . .
+
+Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mädchens, da singen die silbernen
+Vögel so süße Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium!
+Martyrium!
+
+Aber dieser andere, der dem Komponisten ähnlich sieht, dieser andere
+. . . .
+
+Nun wollte er Bianka schreiben.
+
+»Verehrte Freundin!« begann er.
+
+Er lächelte und wiederholte: Verehrte Freundin.
+
+Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese
+Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie müsse wissen, wer er sei, dann
+könne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht.
+
+Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so
+sachlich als möglich. Schrieb und schrieb, enthüllte ihr seine
+Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu
+beschönigen, ohne zu verschlimmern.
+
+Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und
+Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe.
+
+Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen
+Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wäre es
+für ihn, der sich Aristokrat fühlte, nicht nötig gewesen, den
+Entwickelungsgang des Pöbels zu absolvieren.
+
+O, er hätte ihr gerne gebeichtet. Ungefähr seinen Kopf in ihren Schoß
+gelegt und ihr erzählt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib
+und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All
+das. Aber das ging ja nicht.
+
+Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen dürren Tatsachen
+heraus sollte sie abwägen, ob er ihr Freund sein könne oder nicht.
+
+Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene
+Freundschaft?
+
+Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser
+letztes Gebot.
+
+Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten.
+
+Dabei ereignete es sich, daß er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung
+flüsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen,
+das ihr ein Schlüssel zu seinem Empfinden hätte sein können, ein
+Verräterchen, wie unbemerkt der Feder entschlüpft.
+
+Er lächelte der Versuchung. --
+
+Es war spät, als er den Brief zum Kasten trug.
+
+Schwüle Abenddämmerung brütete über den Häusern, über welchen der tiefblaue
+Himmel zurückwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt,
+erfüllt von Staub, der sich langsam senkte. In der Ferne brodelte der
+Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln
+und Stöhnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die
+stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straßenecken warteten.
+Irgendwo heulte ein Hund.
+
+Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich
+selbst bezwang.
+
+Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf.
+
+Nun ruhten seine lohenden Wünsche, seine irren Träume, seine fiebernde
+Sehnsucht hinter diesen metallnen Zähnen. --
+
+In dieser Nacht schloß er kein Auge.
+
+Die Sterne gingen über den hellen Himmel, schlüpften hinter den dunklen
+Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich
+flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde
+schliefen. Dann hauchte ein süßlich-grauer pastellner Ton über die Dächer,
+Scheiben blinkten, ein müdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern
+auf: der Tag.
+
+Es schlug sechs, sieben, acht.
+
+»Nun ist er dort,« sagt er, und die Augen fielen ihm zu.
+
+
+
+
+XIX.
+
+
+Sonne!
+
+Überall Sonne! Rote Sonne!
+
+Ginstermann und Bianka gingen wiederum im Englischen Gatten. Still
+nebeneinander, ohne zu sprechen. Selbst als sie sich da droben am
+Monopteros die Hand gaben, sprachen sie nichts. Nur der Druck ihrer Hände
+redete, und sie verstanden sich.
+
+Es war ein heißer Tag; die Sonne in Milliarden funkelnde Körperchen
+aufgelöst, vibrierte in der Luft, bis hinauf zum paradiesisch blauen
+Himmel. Der Geruch von Heu und der Duft der Linden erfüllten den Park.
+Überall glitzerte und leuchtete es. Hier blitzte das metallene Halsband
+eines Hundes, dort blendete das Dach eines Kinderchaischens, die Speichen
+der Herrschaftswagen glitzerten, grellfarbene Sonnenschirme flogen hinter
+den in der Sonne sich ausdehnenden Büschen vorüber. Die Augen der Menschen
+strahlten, als brenne ein Stern in ihrer Brust, die Kleider der Mädchen
+leuchteten, die quer durch die Wiesen wandelten.
+
+Es war ein Tag des Lichtes.
+
+Im Chinesischen Turm war Konzert. Lustig und ungeniert bliesen die
+Blechinstrumente durch den ganzen Garten, ebenso grell wie Sonne und
+Farben.
+
+Bianka trug ein duftig weißes Kleid, das sie größer, blühender machte.
+Einen weißen Ledergürtel, einen Sonnenschirm von derselben Farbe. Selbst
+ihre Schuhe waren weiß.
+
+Sie ging in ihrer nachdenklichen, verträumten Art neben Ginstermann einher.
+Ihr Haar flimmerte, wo die Sonne es traf. Den Mund hatte sie geschlossen,
+um ihre Augen zogen Ringe. So erschien sie älter, gereifter denn sonst.
+
+Sie schritten ihre gewohnten Wege. Am Wasserfall blieben sie stehen, die
+Kühle zu genießen. Das Wasser wirbelte, ein ewig bewegter Spiegel des
+Laubes, des Himmels, in bunten Arabesken zwischen den lechzenden, üppigen
+Ufern. Dazwischen sprühte feiner Wasserstaub bis zum Geländer herauf, den
+die Haut, die Lippen gierig einsogen. Gegen die sonnige Wiese war es hier
+dunkel; ein Sonnenstrahl tanzte auf dem Wasser, ein sprühendes, lustiges
+Feuerchen, das hartnäckig Fuß zu fassen suchte, wie durch ein Brennglas auf
+ein und dieselbe Stelle dirigiert.
+
+Sie gingen durch die Hauptallee, auf deren vom Sprengen dunkelen Boden
+Streifen von Sonne lagen, die wie Schlangen eilig an den Kleidern der über
+sie Schreitenden emporkletterten. Ein schillernder Laufkäfer eilte über den
+Weg. Er lief, was er konnte, als sei die Angst vor dem Zertretenwerden bei
+seinem Geschlechte, das Jahrhunderte in einem öffentlichen Garten lebte,
+zum Instinkt geworden.
+
+»Sehen Sie, wie schön!« sagte Bianka.
+
+Das war das erste Wort heute. Sie schienen beide aufzuatmen und dem Zufall
+dankbar zu sein, der ihre Lippen löste.
+
+Da kam ein Wagen und zerquetschte den Käfer. Seine schillernden Flügel
+standen weit auseinander.
+
+»O«, rief Bianka aus, »sehen Sie nicht hin!«
+
+»Das war ein Stück Schicksal«, versetzte Ginstermann, das Bild des
+zerquetschten Käfers vor Augen.
+
+Wiederum schwiegen sie, an das Schicksal denkend, das über den Menschen
+waltet, jedes in seiner Art.
+
+Das Schicksal hält die Menschen in einem Sieb und rüttelt. Wer über einer
+Masche ist, fällt durch, dachte Ginstermann.
+
+Bianka blieb stehen und blickte ihn an.
+
+Heute sei die Hitze unerträglich.
+
+Das sei ein kleines Italien.
+
+Ja.
+
+Dieses »ja« zitterte, weil sie es lächelnd aussprach.
+
+Wann geht nun die Reise?
+
+Bald, bald.
+
+Ob ihre Mama kränker geworden sei, weil man sie abermals verschob?
+
+»Nein.« Sie lächelte mit leiser Wehmut. »Dieses Mal ist es etwas anderes
+gewesen«, sagte sie.
+
+Sie wandt den Kopf und sah durch die Bäume hindurch über die Wiese, wo
+Männer und Frauen das Heu zusammenrafften. Eine Magd blickte direkt zu
+ihnen her, als ob sie sie neugierig beobachte; aber sie konnte sie
+natürlich gar nicht sehen. Ihr Gesicht war ein roter Klecks, sonst nichts.
+
+Dann blickte sie ihn wieder an, und er las in ihren Augen, daß sie nun über
+den Brief sprechen würde. Er erschrak und suchte nervös in seiner Tasche
+nach irgend etwas.
+
+Tschin--da--tschin--da--dadada -- macht die Musik in der Ferne.
+
+»Ich habe es Ihnen schon geschrieben, aber ich möchte es Ihnen
+wiederholen«, sagte sie, »ich finde nicht die Worte, um Ihnen für dieses
+Vertrauen zu danken!«
+
+Sonst sagte sie nichts. Sie gab ihm die Hand, die er bewegt drückte.
+
+Sie standen eine Weile beide beklommen. Bianka lächelte unmerklich, und
+dieses Lächeln ging auf seine Lippen über.
+
+Tatatra--tatatra--bum -- machte die Musik.
+
+»Und nun wollen wir plaudern, mein Freund.«
+
+Es war das erste Mal, daß sie ihn »Freund« nannte.
+
+Sie gingen weiter und sprachen von allerlei Dingen, die die Welt eben
+beschäftigten oder die Welt auch nicht beschäftigten. Aus irgend einem
+Anlaß kam Bianka darauf, ihn zu fragen, ob er ein Bild von sich besitze.
+
+Nein, er besitze kein Bild von sich, erwiderte er.
+
+Sie erriet seine Gedanken und kam ihm zuvor: »Nein, nicht.« Und sie
+schüttelte den Kopf und wiederholte: »Nein, nicht . . . Es ist ja Sitte
+unter Freunden -- aber lieber nicht.« Das sagte sie ganz leise.
+
+Die Schatten der Bäume streckten sich, die Wiese wurde rot.
+
+Bianka mußte nach Hause.
+
+Wie stets dachte er: Soll ich sie bitten, noch ein Viertelstündchen zu
+bleiben. Oder auch nur noch zehn Minuten? Mit Tränen in den Augen bitten?
+
+Nie liebte er sie mehr als heute.
+
+Sie ahnte ja nicht, wie allein er war, wenn sie gegangen. Wie einer, auf
+einer öden einsamen Insel, vor dessen Augen ein Segel vorüberzog. --
+
+Wieder kam der Abschied.
+
+Bianka sah auf ihre Hände. Der Mittelfinger ihrer Rechten trug einen weißen
+Däumling. Sie bewegte ihn leicht und lächelte.
+
+»Ich habe mich geschnitten«, sagte sie. Dann riß sie mit einem Ruck den
+Däumling herab und bot ihm die Hand.
+
+Ihre Augen waren groß und tief, voll von einem Ausdruck, den er sich nicht
+zu deuten wußte.
+
+»Adieu!«
+
+Er lächelte ein verzerrtes Lächeln und wiederholte mechanisch mit den
+Lippen: »Adieu«. --
+
+Das war alles so schnell geschehen, daß er es nicht zu fassen vermochte.
+
+Nun wollte er einen recht gescheiten Menschen bitten, ihm dies zu erklären!
+
+Dann kam es wie Rausch über ihn. Er hatte ihr geschrieben, alles
+geschrieben und trotzdem -- trotzdem --!
+
+Heil Bianka! Heil Ginstermann!
+
+Und: Heil Bianka! Heil Ginstermann! brauste es ringsum.
+
+War er nicht ein Tor gewesen, seine Wünsche, seine Hoffnung so schnell in
+einen schwarzen Sarg zu sperren und tief in die Erde zu versenken? Ein
+dunkler Vorhang mit Fragen und Schlangen darauf war gestiegen, und vor ihm
+lag köstlicher Morgen mit klarer Frische und klingendem Äther!
+
+Er ging in den Park zurück, er ging einsame Wege. Er ging ganz langsam.
+
+Er legte sich unter einen Busch ins hohe Gras und breitete das Taschentuch
+übers Gesicht. So sah es aus, als wolle er sich vor den Mücken schützen.
+
+Er weinte, still und leise. Das große Glück schluchzte in ihm.
+
+Lange lag er so.
+
+Da kamen Schritte, und eine tiefe Stimme sagte: »Das Betreten des Rasens
+ist verboten.«
+
+Ein Schutzmann.
+
+Er stand auf und lächelte ihm unter Tränen zu.
+
+»Ich gehe schon. Ich danke Ihnen, mein Herr.« Grüßte und ging.
+
+Die Dämmerung füllte als blauer Dunst die Straßen, über die Stadt herauf
+stieg jauchzend die Röte des Abends. Ein vereinzelter Stern flimmerte
+mitten darin, wie ein winziges Loch, das einer in den Himmel gestochen
+hatte, um herab auf die Erde blicken zu können.
+
+Die Menschen fluteten, plaudernd und lachend. Jeder trug sein Glück mit
+sich. Der heiße Sommertag hatte sie in übermütige Stimmung versetzt. Schöne
+Mädchen glitten durch die Menge, von der Liebe träumend. Die Herren ließen
+keine Dame vorbei, ohne sich nach ihr umzublicken und Scherze über sie zu
+machen, etwas lose Scherze.
+
+Ginstermann war allen gut. Er liebte sie, wie man Kinder liebt, und freute
+sich ihres Tuns.
+
+Der Mensch war zur Freude auf der Welt, wenn er einen Zweck hatte.
+
+Man mußte es ihm lehren! Man müßte ein Evangelium der Freude schreiben!
+Über die Freude führt der Weg zur Liebe, die Freude lacht all das
+Kleinliche und Mißgünstige fort aus seiner Brust.
+
+Er schlenderte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde.
+
+Dann überkam ihn der Wunsch, Bianka zu sehen. Er wollte ihr einen kurzen
+Besuch abstatten und hierauf die Nacht im Freien zubringen, um seine Freude
+auszukosten. Urplötzlich war diese Sehnsucht in ihm erwacht und trieb ihn
+nun ungeduldig seiner Wohnung zu.
+
+Er wollte die sehen, deren Freund er war, die für ihn das Leben bedeutete,
+das warme, große Leben, ohne das er tot war.
+
+In der Nähe seines Hauses ging er an einem Mädchen vorüber, das da, ein
+Hündchen an der Leine, gemächlich promenierte.
+
+Es war Fräulein Scholl. Er blieb stehen und blickte sich um.
+
+Auch sie war stehen geblieben und wandte ihm den Blick zu.
+
+»So etwas!« lachte sie, ihm die Hand voller Vergnügen hinstreckend. »Das
+sind Sie! Ich denke mir, wer sieht dich nur so an?«
+
+»Guten Abend, Fräulein Scholl! Welches Unglück führt Sie denn durch diese
+Straße?«
+
+»Ich bin auf dem Heimwege begriffen, ich habe meine Freundin besucht. Die
+Hanna Klett.«
+
+Jawohl, die kenne er. Das sei die mit den vielen Sommersprossen und den
+unschuldigen Augen.
+
+Fräulein Scholl blickte ihn an und lächelte verlegen.
+
+»N--nein«, sagte sie.
+
+»Nicht?« Er lachte. »Seien Sie nicht böse. Ich kenne das Fräulein nicht.«
+
+Das wäre auch gar nicht möglich.
+
+Natürlich.
+
+Wieso natürlich?
+
+Naja -- haha -- es sei natürlich ebensogut möglich.
+
+Sie blieb stehen und wirbelte die Leine um Bijouchens Näschen. »Weshalb
+sind Sie mir eigentlich böse, Herr Ginstermann?« Sie sah zu Boden.
+
+Er, ihr?
+
+Ihre Augenlider gingen schnell auf und ab. »Ich sehe Sie gar nicht mehr,
+wenn ich in die Violinstunde gehe.«
+
+Ach so. Nun, sie wisse doch, daß er krank war.
+
+»Ja, aber --? Nun ja, Sie haben nichts gegen mich?«
+
+»Nicht das mindeste.«
+
+Sie lächelte: »Ich dachte, ich hätte Sie irgendwie gekränkt. -- Geht es
+Ihnen nun wieder gut?«
+
+Sie gingen an einem Bäckerladen vorbei, und für einen Augenblick huschte
+der Lichtschein über ihr Gesichtchen. Ginstermann bemerkte, daß sie an der
+Unterlippe nagte. Das war nicht mehr jenes naive, lustige Mädchen, mit dem
+man seine Scherze trieb, das war ein Weib, das empfand und litt.
+
+»Ja, danke. Ihr Bruder hat mich schnell kuriert.«
+
+»Er hat mir von Ihnen erzählt.« Sie blickte ihn an, und ein Lächeln
+schimmerte in ihren dunkelgoldnen Augen.
+
+»Was sagte er? Hat er mich recht angeschwärzt.«
+
+»Ach nein -- er sagte -- er sagte: an Ihnen sei was.«
+
+»So, was ist denn an mir?«
+
+»Ach Gott!« Das war Martha Scholl von neulich.
+
+Sie waren an seiner Türe angelangt, und Ginstermann ersuchte sie, eine
+Sekunde zu warten, er wolle nachsehen, ob die Post nichts gebracht habe.
+Eilig stieg er in sein Zimmer hinauf. Er entzündete ein Streichholz und
+flüsterte, als das marmorweiße Antlitz aufleuchtete: Bianka. Dann sprang er
+wieder rasch die Treppe hinunter.
+
+Biankas Antlitz schwebte vor ihm, während des ganzen Weges, den er mit
+Fräulein Scholl zurücklegte. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken davon
+loszulösen, und er unterhielt seine Dame herzlich schlecht. Ein paarmal
+mußte er sie um Wiederholung ihrer Bemerkung ersuchen, da er nicht gehört
+hatte.
+
+Ich will ja nichts als deine Freundschaft, Bianka, sie allein macht mich
+unsäglich glücklich, dachte er, während er Fräulein Scholl antwortete: »In
+Genf ist es prächtig, da haben Sie allerdings recht.«
+
+Glaube mir, nie soll ein Gedanke über die Grenze hinausgehen, die du mir
+gesetzt hast, Bianka, Herrlichste -- und er sagte: »In so einer Pension muß
+es recht lustig hergehen, stelle ich mit vor.«
+
+Sie hatten Biankas Namen noch nicht genannt, ganz zuletzt sprach Fräulein
+Scholl von ihr.
+
+»Sind Sie nicht recht glücklich, daß Fräulein Schuhmacher noch hier ist?«
+fragte Ginstermann.
+
+»Ja, o freilich. Ich darf gar nicht an den Abschied denken.«
+
+»Das begreife ich. Fräulein Schuhmacher ist ja Ihre Freundin. Ich denke,
+auf diese Freundschaft können Sie stolz sein. Fräulein Schuhmacher ist sehr
+exklusiv, wie ich weiß.«
+
+»Ja, Bianka ist sehr wählerisch.«
+
+»Fräulein Schuhmacher« --
+
+Da unterbrach sie ihn. Sie müsse jetzt gehen.
+
+Aber sie ging gar nicht, obschon sie ihm hastig die Hand hingestreckt
+hatte. Sie besann sich auf irgend etwas, dann rief sie mit einer
+ungewöhnlichen Lebhaftigkeit: »Adieu, Herr Ginstermann«, und sprang in den
+Hausflur hinein.
+
+Bijou galoppierte hinter ihr her.
+
+Ginstermann ging einigermaßen verwundert über ihr Benehmen weiter. Er
+wanderte langsam die Leopoldstraße hinunter, an all die Qual denkend, die
+er hier auf und ab geschleppt hatte.
+
+Bianka hatte Licht. Er blieb stehen und winkte mit der Hand zu dem
+erleuchteten Fenster hinauf.
+
+Vielleicht denkt sie an mich, dachte er, freudig erschreckend bei dem
+Gedanken.
+
+Eine Stunde darauf befand er sich wieder im Englischen Garten.
+
+Wie komme ich nur hierher, sagte er lächelnd zu sich.
+
+Die Nacht war ganz weiß.
+
+Übergossen vom Schein des Mondes, der allen Dingen das Körperhafte nahm,
+erfüllt vom Geruch des Heus, der Linden, zitternd im Gezirpe eines Heeres
+von Grillen, das die Stille zauberhaft erhöhte, lag der Garten da gleich
+einem Schmuckkästchen, von einem mit Tausenden von blitzenden Steinen
+übersäten Deckel abgeschlossen.
+
+Ah -- das war ein Hain, auf dessen Wiesenteppichen die Elfenreigen der
+Maler schweben, aus dessen Schatten die Poeten ihre Spuk- und Traumgeister
+springen lassen.
+
+Hier stand Yester und Lis Haus!
+
+Er nahm den Hut ab und schritt die kühlen Laubgänge entlang, die ihre
+Blütenzweige wie liebende Arme um ihn schlangen, ergriffen von all den
+Wundern der Welt um ihn her und seines Herzens. Geschichten fielen ihm ein,
+hundert Geschichten zugleich, die ihm all dieser Garten erzählte. Und in
+all diesen Geschichten, da liebte einer ein Mädchen mit einer innigen,
+demütigen Liebe. So umgab er Bianka mit einem Kranz von Träumen, die sie
+keusch kosend umhüllten, wie die weißen Rosen die Prinzessinnen im Märchen.
+
+Auf den Bänken im Schatten, da saßen Liebesleute, sich inbrünstig
+umschlingend, sie flüsterten, sie stammelten, sie küßten sich, ja sie
+schluchzten. Vögel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten über
+die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bächen tanzten des Mondlichts
+silberne Fische.
+
+Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser
+Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der
+weißen Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fuß.
+
+Er lehnte sich gegen eine der kühlen Säulen und blickte hinunter, hinüber.
+Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein
+Wesen, aus dem Äther herniedergestiegen.
+
+Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhäuschen, die
+Bäume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette der Stadt stieg
+der Lichtschein gleich weißem Opferrauche.
+
+Ferne, seltsame Laute ertönten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede.
+
+Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn,
+alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefühle, die sie hier
+empfunden, schwebten um ihn.
+
+Leise singend ging er seine Wege. Er saß auf einer Bank und schrieb in den
+Sand. Ava -- ava -- abala -- schrieb er. Er wußte nicht, was es hieß.
+
+Sein Wesen löste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein
+Hauch dieser Nacht selbst.
+
+Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein
+Hauch aus fernen Gärten, der Gestalt angenommen?
+
+Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und über
+ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontäne
+gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den
+Händen den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . .
+
+Früh am Morgen ging er nach Hause. Es war kühl geworden, und sein Blut floß
+langsam durch den Körper --
+
+Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht,
+er lebte noch zu sehr in seinen Träumen. Ein Mann stand in der Ecke, die
+Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es
+war Ritt. Er lächelte und huschte an ihm vorüber.
+
+Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder.
+
+Der Schlaf kam, er fühlte wie er, ein Hauch, über ihn strich.
+
+Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang
+tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blühender Akazien,
+mitten drin ein weißes Haus. Vögel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem
+Hause tönt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr
+Gesang.
+
+O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . .
+
+Blüten wirbeln, weiß in weiß, das Haus, der Hain verschwinden.
+
+Ferne noch: O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . .
+
+
+
+
+XX.
+
+
+Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief:
+
+Werter Herr Ginstermann!
+
+Sie werden gewiß verwundert sein über die Zeilen, aber es läßt mir keine
+Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, daß sie eine andere lieben.
+
+Ich werde Ihnen nie zürnen, denn diese andere ist tausendmal besser und
+klüger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben.
+
+Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X.
+
+PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der
+Straße nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O.
+
+Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du
+Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand
+abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. -- Ein
+andrer kommt und spricht: Du bist häßlich wie eine Unke. Nun werde ich dich
+schlagen! Ja, schlagen werde ich dich! Das Weib lächelt: Schlage mich,
+schlage mich doch, Liebster!
+
+Dies fiel ihm ein. Er wußte nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder
+gelesen habe.
+
+
+
+
+XXI.
+
+
+»Kann ich weiter lesen?«
+
+»Ja, lesen Sie weiter.«
+
+Sie saßen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstämmen, der
+Ginstermann den Namen »zum schlafenden Brahmanen« gab.
+
+Über ihnen die grüne Flut der Wipfel, die sich schläfrig hin und her
+wiegte. Ab und zu fiel ein Stückchen Sonne, ein Stückchen blauer Himmel zu
+ihnen herunter.
+
+Sie waren ganz allein.
+
+Und Ginstermann fuhr fort:
+
+Yester kehrte spät in der Dämmerung zurück.
+
+Er trug einen Strauß blauer Glockenblumen und war so müde. Die Sonne, die
+ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn müde gemacht. Er war am Bache
+gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen
+zumute.
+
+Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die
+Hyazinthen, in denen es stand.
+
+Die Dämmerung machte alles bleich und bläulich dunstend.
+
+Da stand Li! Da stand Li!
+
+Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und
+regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne
+daran zu riechen. Sie stand schon lange so.
+
+Yester näherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in
+die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen
+Nacken und küßte seine Haare.
+
+Er umschlang sie und küßte ihre Lippen.
+
+»Li! Li!« flüsterte er.
+
+Sie sah ihn an. »Deine Stimme ist ganz anders,« sagte sie.
+
+Er lächelte und bettete ihren Kopf an seine Brust.
+
+Lis Augen waren tief und voller Rätsel. Sie hatte den Wald in den Augen,
+mit all seinen scheuen Tieren, seinen weißen Blumen, seinen purpurnen
+Schatten.
+
+Ein schwüler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weißes Haupt und
+atmeten schwermütig süßen Duft.
+
+Da fing Li plötzlich an zu weinen.
+
+Yester erschrak so sehr, daß er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu
+beruhigen.
+
+»Li, Li,« flüsterte er in seiner Ratlosigkeit.
+
+Li preßte die Wange an seine Brust und weinte.
+
+Der Wind hauchte, und von den Bäumen fielen weiße Blüten auf ihre Haare,
+ihre Schultern. Die Birken sangen.
+
+»O Li, o Li -- Li, o Li?«
+
+Li hielt im Weinen inne und lächelte zu ihm empor.
+
+»Ich sehne mich so, Liebster,« sagte sie leise, ganz leise.
+
+Immer noch fielen Blüten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten stärker,
+sie litten mit Li.
+
+»Ist es nicht schön bei uns, Li?«
+
+Li nickte.
+
+»Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht köstlich, glitzert
+nicht der Tau an den Rosen des Morgens?«
+
+Li nickte.
+
+»Und lieb ich dich nicht?«
+
+»O Yester!«
+
+»Und doch -- und doch -- Li?«
+
+»Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .«
+
+Im Hain schlug süß ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde,
+da antwortete es ihm. Im selben süßen Tone. Nun waren es zwei, nun drei,
+nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie
+antworteten einander mit ihrem süßesten Liede. Es sang der ganze Hain.
+
+Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten.
+
+Der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten
+durch die Büsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blüten sahen Augen,
+schöne, sanfte Augen.
+
+In der Ferne schrie ein Pfau.
+
+Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen.
+
+»Li, Li,« schluchzte er.
+
+Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Da
+droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . .
+
+Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen
+das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn »Blaue Tulpe«.
+
+Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die
+Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das
+sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmännlein golden Geschmeide und Spielzeug,
+das sie gefertigt.
+
+»Blaue Tulpe« hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis
+Stimme, er hatte Lis leichte Füße, Lis Lachen, er hatte Lis gütiges,
+goldenes Herz.
+
+Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er -- die
+Art, Li zu lieben . . .
+
+Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Tränen kamen in seine Stimme.
+Er mußte innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen.
+
+Sie saßen beide und waren stille.
+
+Über ihnen rauschte die grüne Flut, die Stämme tönten.
+
+Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: »Wir sind so
+allein.«
+
+Und sie ging.
+
+Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hände vor die Augen gepreßt,
+dann stand er auf, ihr zu folgen.
+
+
+
+
+XXII.
+
+
+Wie war es doch gewesen?
+
+Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen,
+das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und
+probiert, und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, während
+Frau Trud sich schüttelte vor Lachen.
+
+Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von
+Sacken trat ein.
+
+»Verzeihung«, sagte sie, »ich habe gar nicht geklopft,« und lachte.
+
+Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei.
+
+Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb
+sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken:
+
+»Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!«
+
+»-- mit Kri -- kra -- kri -- kra -- krallen, mit Krallen an den Fingern,«
+summte Kapelli und klimperte in den Saiten.
+
+»Vom Sekretariat?«
+
+»Ja!« Sie setzte sich, stand wieder auf. »Vom Sekretariat -- soeben bin ich
+gerufen worden -- -- mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!«
+
+Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie
+endlich glücklich zu sehen.
+
+»Ich gri -- gra -- gratuliere!« sang Kapelli mit hellem Tenor.
+
+Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlich ihr Wesen und blickte sie mit
+triumphierenden Augen an. »Nun noch das!« rief sie. »Erst die Rezensionen
+und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese
+nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!«
+
+Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß.
+
+Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis
+schließlich Kapelli in lautes Lachen ausbrach.
+
+Und nun heute?
+
+Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand
+unter der Türe und winkte ihn herein.
+
+»Kommen Sie schnell!« rief er. Er war erregt wie noch nie.
+
+Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte.
+
+Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter.
+
+Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück.
+
+»Wein nur, wein nur Trud,« sagte er, selbst dem Weinen nahe.
+
+Ja, was denn nur sei?
+
+Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen.
+
+»Nun ja -- die Sacken --«
+
+Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . .
+
+»Warum nur? Warum nur?« stieß Frau Trud heraus. »Gerade jetzt --!«
+
+Ginstermann wußte es.
+
+Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze
+Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt.
+
+Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der
+Türe.
+
+Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die
+Scheiben. Nichts regte sich.
+
+»Schuft!« rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das
+finstere Atelier.
+
+»Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!«
+
+Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war.
+
+Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz.
+
+»Verreist.«
+
+»Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!« --
+
+Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein
+die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der
+er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater.
+
+Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern
+erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge
+zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu.
+
+Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar.
+
+»Heben Sie höher!« befahl die schnarrende, unangenehme Stimme.
+
+Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den
+Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe.
+
+Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken
+möchte und nicht kann.
+
+»Da drinnen liegt ein Mensch!« sagte er und begab sich zurück in sein
+Zimmer.
+
+Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig
+Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus
+blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er!
+
+Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart,
+kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer.
+
+»Major von Sacken«, sagte er, sich kühl verbeugend.
+
+Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen
+Wünschen.
+
+»Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher
+standen?«
+
+Nein, er sei ihr nicht näher gestanden.
+
+»So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!« Er warf ein Päckchen Briefe auf den
+Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an.
+
+Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der
+seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese
+Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas.
+
+Und dann noch etwas . . .
+
+Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine
+kleine Windmühle in Gang halten.
+
+Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn
+durchdringend anblickend:
+
+»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!«
+
+Der alte Herr stand auf und maß ihn.
+
+»Wie können Sie es wagen --!«
+
+Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: »Sie haben ein Verbrechen
+begangen, Herr!«
+
+Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine
+Augen waren stahlgrau.
+
+Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin:
+
+»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!«
+
+Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und
+krallte die Finger in seinen Kopf.
+
+»Wer konnte es denn wissen!« schrie er.
+
+Dann stand er auf und räusperte sich.
+
+»Was wollen Sie -- mit Ihrem Verbrechen -- das ist ja heller Unsinn. Nein,
+sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen
+geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie,
+sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als
+Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie -- gut -- adieu, mein Herr!«
+
+Er streckte Ginstermann die Hand hin.
+
+Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen.
+
+Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich
+der Türe zu und stolperte über die Schwelle. Schon draußen, blickte er
+nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor.
+
+»Adieu, mein Herr«, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme.
+
+
+
+
+XXIII.
+
+
+Der Hymnus der Morgenröte.
+
+11. Hymnus an Bianka.
+
+
+Stimme vom Berge: Gott ist groß! -- Licht gleißt sein Antlitz.
+ Sein Lächeln
+ Streut Rosen und Myrrhen
+ Auf das dunkle Haupt der Welt.
+
+Stimme in der Ferne: -- -- -- scheucht die Schatten
+ In ihr finstres Reich
+ Mit goldnen Pfeilen. -- Groß ist Gott!
+
+Chor der Betenden: Der das Licht aus dem Dunkel schlug,
+ Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut,
+ Ist unser Herr!
+ Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel,
+ Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen,
+ Dem Büffel, dem Krokodil,
+ Das Korn, die Lotos schuf,
+ Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde,
+ Ist unser Herr!
+
+Chor der Suchenden: Wir gehen rechts -- wir gehen links,
+ Wir gehen links -- wir gehen rechts,
+ Wissen wir's?
+ Wir gehen vorwärts -- wir gehen zurück,
+ Rund herum um das Glück.
+ Das finden wir nicht.
+ Uns trägt der Rücken eines Tiers.
+ Das kennen wir nicht.
+ Wir pochen an der dunklen Wand,
+ Ob nicht die Pforte einmal springt,
+ Die keiner fand.
+ Wir trinken Nächte,
+ Uns trinkt die Nacht.
+ Wir schleppen die Kette von Menschenleid,
+ Die endlose Kette von Menschenleid,
+ Die jedes Herz noch schwerer macht,
+ Durch die engen Dornentore der Zelt.
+ Und tragen sie ringsherum um die Welt,
+ Und immer ringsherum um die Welt,
+ Und harren der Stunde, da sie fällt.
+ Und suchen das Lachen.
+ Und suchen unsere Ewigkeit.
+ Und tasten weinend der Finsternis Pfade.
+ Rate!
+ Rate!
+
+ * * * * *
+
+Eine Stimme singt: Mit Blüten bestreu ich euch,
+ Ihr Bittren!
+ Mit süßen,
+ Wohlriechend wie der Morgenwind,
+ Die in den ewigen Gärten sprießen,
+ Die ferne von der Erde sind . . .
+
+ * * * * *
+
+ Alles, was klingt,
+ Zerspringt.
+ Das tiefste Meer
+ Verrinnt.
+ Alles, was Staub ist,
+ Wird Wind.
+ Wird Wind!
+ Alle Zeit
+ Ist ein Flügelblinken der Ewigkeit.
+ Und denkst du an den letzten Tag
+ Gibt's keinen Tag!
+ Öffne dein Herz.
+ Schwester, Bruder,
+ Bruder, Schwester,
+ Öffne dein Herz!
+ Die Zeit der Saat -- naht!
+ Denke an mich:
+ Die Lebensgebärerin,
+ Die Lebensernährerin,
+ Die Lebenserweckerin,
+ Die Lebensvollstreckerin
+ Bin ich!
+ Denke an mich:
+ Was schläft, das muß reden.
+ Was tot ist, will ich töten.
+ Und keine Tiefe ist mit zu tief,
+ Die ich nicht rief.
+ Flügel schenk ich dir, die tragen
+ Dich über die Erde.
+ Wer über der Erde
+ Nicht lebt,
+ Lebt nicht
+ Auf der Erde,
+ Und nimmer ist's nötig,
+ Daß er begraben werde.
+ Denke an mich:
+ Die Lebensgebärerin,
+ Die Lebensernährerin,
+ Die Lebenserweckerin,
+ Die Lebensvollstreckerin
+ Bin ich!
+ Im Herzen des Alls,
+ Da quillt ein See,
+ Er hat nicht Grund.
+ Gott warf sein Herz hinein,
+ Daß ich entsteh!
+ Gott warf sein Herz hinein,
+ Warf seines Sohnes Herz hinein,
+ Warf aller Weisen und Guten
+ Herz in den See,
+ Daß ich entsteh!
+ Öffne dein Herz,
+ Schwester, Bruder,
+ Bruder, Schwester,
+ Öffne dein Herz.
+ O, öffne dein Herz!
+ Die Zeit der Saat -- naht!
+ Schmücke dich!
+ Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit,
+ Der Dorre sinkt!
+ Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht!
+
+ * * * * *
+
+Chor der Erlösten, jubelnd: Liebe! Liebe!!
+
+Chor der Verlornen, schluchzend: Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . .
+
+
+
+
+
+XXIV.
+
+
+Der letzte Tag.
+
+Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer
+kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz
+hinein: Was bringst du mir?
+
+Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider
+geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese
+dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch.
+
+Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual.
+
+Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte.
+Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen?
+
+Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen,
+soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine
+verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte
+kämpfen, so lange es ging.
+
+»Wer gab dir diese Macht, Bianka?« rief er aus. »Ein Lächeln von dir kann
+mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff
+mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr
+ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!«
+
+Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese
+dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein
+Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag.
+
+Dumpf schlugen die Uhren. »Hörst du«, rief er, »nun treiben sie die Nägel
+in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du
+magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.«
+
+Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen,
+die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt.
+
+All die Kämpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln!
+
+So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam
+und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er,
+immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte
+Wahrheit.
+
+Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen
+hatte wie über weite, weite Ebenen!
+
+Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. »Jaja,
+du bist gezeichnet!«
+
+Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm
+einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte?
+
+Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen
+vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse
+deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden,
+immerzu nach Süden.
+
+Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von
+Zufällen.
+
+Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt:
+Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die
+Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben.
+Ich habe mein Herzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr
+applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lächelt
+. . .
+
+Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die
+Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für
+verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß
+hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom
+Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde.
+Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme
+ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein
+Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit
+einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der
+Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die
+vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers
+verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was
+kümmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen
+Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: »Jemand interessiert sich für Sie.
+Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.« Da erhebt sich der Bettler und geht.
+Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . .
+
+Endlich graute der Tag.
+
+Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle.
+
+Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit
+erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine
+Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt
+auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen.
+
+Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es.
+
+Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen.
+
+Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die
+Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die
+Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem
+Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der
+Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen
+aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen
+und lauschten.
+
+Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf.
+
+Bianka stand schon oben.
+
+»Ich bin etwas früher daran« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend.
+
+Seit wann sie schon da sei?
+
+Ungefähr zehn Minuten.
+
+Wenn er es nur geahnt hätte!
+
+Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel.
+
+Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher.
+
+Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag
+am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben
+fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter
+Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne.
+
+Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern.
+
+»Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.«
+
+Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons.
+
+»Ja, das ist allerdings ein Vorteil.«
+
+Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren
+Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese
+herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und
+lachten wohl auch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in
+die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und
+Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste
+Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der
+andere sie für ernst nehme.
+
+Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die
+bekannten Wege schritten.
+
+Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das
+Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen.
+
+Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß
+sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone.
+
+Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es.
+
+»Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?«
+
+»Nein, nein.«
+
+»Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?«
+
+»Nein, nein.«
+
+So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte.
+
+»Ich reise gar nicht gerne«, sagte Bianka, »gar nicht gerne.« Dann lachte
+sie nervös und fügte hinzu: »Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im
+schönen Mailand.«
+
+»Und übermorgen in Nizza?«
+
+»Voraussichtlich.« Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser
+aus dem Hutrande zu schaffen.
+
+»Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?«
+
+»Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.«
+
+»Nach Ka--iro!«
+
+Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er
+biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch.
+
+Dann lachte er heraus.
+
+»Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!«
+rief er aus.
+
+Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen.
+
+»Das ist ja in Afrika!« lachte er. »In Afrika!«
+
+Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte.
+
+Bianka nahm seine Hand und flüsterte: »Bitte.«
+
+»Bitte«, flüsterte sie.
+
+Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber
+seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, daß Bianka
+nach Kairo übersiedeln würde. Da gab es zwei Wege: einen übers Meer, einen
+über Kleinasien.
+
+Heizer, Steward?
+
+Ah, es war ja vorbei. Er würde es nicht ertragen. Morgen würde er schon
+verzweifeln.
+
+Da stand Bianka still und sagte: »Wir müssen nun Abschied nehmen.«
+
+»Ja«, sagte er rauh, »einmal muß der Teufel aus der Schachtel.«
+
+Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich.
+
+Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte
+Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den
+Lippen.
+
+Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben.
+
+»Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen«, fragte
+sie und lächelte.
+
+»Wie Sie wünschen.«
+
+Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem
+Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine
+Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen.
+
+»Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im
+Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er
+sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er
+zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen
+unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und
+ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .«
+
+Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab.
+
+Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn,
+Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie
+ein Kind.
+
+Sie waren oben.
+
+Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen
+blinkten.
+
+Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen
+durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben
+gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen
+über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel
+um seinen Herrn.
+
+Bianka wandte ihm den Blick zu.
+
+Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen,
+durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß.
+
+Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war.
+Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie
+er.
+
+Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem
+Hühnerhund auf der Wiese drunten zu.
+
+Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn
+fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu
+Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen.
+
+»Wir müssen uns jetzt adieu -- sagen,« flüsterte sie. So leise. Es war nur
+ein Hauch.
+
+»Ja«, sagte er, laut.
+
+»Wir müssen jetzt voneinander gehen«, flüsterte sie, so leise wie vorhin.
+Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte.
+
+Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne.
+
+»Es ist so schön. Gerade jetzt.«
+
+Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer
+phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein.
+
+»Ja, es ist schön«, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken.
+
+In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht
+möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete.
+
+Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann.
+
+Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter,
+ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen.
+
+Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte.
+
+Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand
+und sagte:
+
+»Adieu!« So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! --
+
+Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede
+Linie verändernd.
+
+Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer.
+
+Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen.
+
+Ihr Herz pochte gegen das seine.
+
+Er gab ihr den Kuß zurück.
+
+»Liebster!« hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen.
+
+Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im
+Laubgang.
+
+Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht.
+
+Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese.
+
+Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . .
+
+
+
+
+XXV.
+
+
+Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel.
+Ginstermann dachte nichts.
+
+Er fühlte nur, daß er glücklich war, befreit, erlöst, gerettet! Er fühlte
+nur, daß ihn neue Kraft durchströmte.
+
+Die Stunden gingen, er saß und dachte nichts.
+
+Am Abend pochte es, und er sagte herein.
+
+Bianka trat ins Zimmer.
+
+Er faßte es nicht sofort, und doch war er auch nicht überrascht.
+
+Sie blieb an der Türe stehen und sagte: »Bleib, bleib.«
+
+So blieb er auf derselben Stelle stehen.
+
+Sie blickten einander an, eine Ewigkeit.
+
+»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka?« fragte er endlich.
+
+Sie antwortete ihm mit einem langen Blick.
+
+»Sage doch du zu mir.«
+
+»Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?«
+
+Nein, nein -- o, nur schnell -- sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle
+gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle -- sie sei nur
+gekommen, um es ihm zu sagen . . .
+
+Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Türe.
+
+Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme:
+
+»Weshalb ich nicht kann -- das will ich dir sagen, Liebster.«
+
+»Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.«
+
+Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an.
+
+Dann schüttelte sie den Kopf und breitere die Hände vors Gesicht.
+
+Sie brach in Weinen aus.
+
+Erst nach geraumer Zeit wagte er es, näher zu treten. Er legte seine Hand
+auf ihre Schulter, ganz sachte.
+
+»Bianka?«
+
+Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die
+Augen pressend.
+
+Er führte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte.
+
+Plötzlich hörte sie auf zu weinen. Sie erhob sich. Ganz dicht kamen sie zu
+stehen. Unwillkürlich rückte sie den Stuhl zurück.
+
+»Ich kann nicht«, flüsterte sie, ihn mit den Blicken beschwörend. Sie sah
+zu Boden und schüttelte sonderbar den Kopf.
+
+»Härme dich nicht, Beste«, sagte er,
+
+Sie ging zur Türe, ging hinaus. Die Türe stand offen.
+
+Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen.
+Er wußte . . .
+
+Da kam sie zurück. Sie nahm seine beiden Hände.
+
+»O du!« stammelte sie.
+
+Sie küßte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und küßte ihn auf das
+Herz.
+
+Sie lächelte verzückt.
+
+Dann ging sie . . . . .
+
+
+
+
+XXVI.
+
+
+Drei Uhr morgens.
+
+Auf dem Geleise, das nach Süden führt, geht ein Mann. Weit weg liegt die
+Stadt.
+
+Er geht immerzu.
+
+Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der
+Mond steht am Himmel und alle seine Sterne.
+
+Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Süden führt.
+
+Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft
+von Rosen steigt in die Nacht.
+
+Der Mann klettert über den Zaun. Ein Hund schlägt an.
+
+Der Mann geht gemächlich von Stock zu Stock und reißt die Rosen ab. Ein
+Hund zerrt an der Kette und kläfft. Das kümmert den Eindringling nicht. Er
+plündert die Stöcke, dann steigt er wieder über den Zaun und setzt
+gemächlich seinen Weg fort.
+
+Wo die Geleise in den Wald einmünden, macht er Halt.
+
+Er wirft die Rosen über die Schienen.
+
+Dann wartet er.
+
+Er steht und wartet.
+
+Eine Stunde. Ein Hahn kräht von weit her.
+
+In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt.
+
+Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen.
+
+Der Mann tritt zurück.
+
+Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei.
+
+Er entblößt sein Haupt.
+
+Ende.
+
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40314 ***