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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-08 23:40:39 -0800
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--- /dev/null
+++ b/40304-0.txt
@@ -0,0 +1,1366 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40304 ***
+
+Berthold Viertel
+
+
+Die Spur
+
+
+1913
+Kurt Wolff Verlag · Leipzig
+
+
+Dies Buch wurde gedruckt
+im Oktober 1913 als dreizehnter
+Band der Bücherei »Der jüngste Tag« bei
+Poeschel & Trepte in Leipzig
+
+
+Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+Meiner Frau
+
+
+
+
+
+Widmung
+
+
+ Nachts gestern von dir heimgegangen.
+ Wie Schnee ists unterm Mond gelegen.
+ Da fühlt ich wiederum den Segen
+ Der weißen Nacht mit heißen Wangen.
+
+ Das tief Vertraute hat gesprochen,
+ Es lindert sich die starre Kehle.
+ Da war mit einemmal der Seele
+ Der arg verjährte Star gestochen.
+
+ O Gott, wie ists? Darf ich denn wieder
+ Mein längst verbotnes Herz auskramen?
+ Du Freundliche, in deinem Namen!
+ Ich lege Wehr und Würde nieder.
+
+ Darf ich die keusche Kindersage
+ In dein geneigtes Ohr dir flüstern?
+ Ich rette Gold aus dem Verdüstern.
+ Da nimm die Lilien früher Tage!
+
+
+
+
+Der Ort
+
+
+ Einst -- Kindheit, Fieber oder Traum,
+ Ich wachte kaum, ich dachte kaum --
+ Lag eine Wiese da.
+ Der Wald wuchs dunkel hinter ihr,
+ Ein unbeschreitbares Revier,
+ Wo Angst und Tod geschah.
+
+ Die Wiese hielt mich eingefaßt,
+ Sie, Eiland, Wiese, Wiege, Rast,
+ Wie ruhig schlug mein Blut.
+ Auch nicht in meiner Mutter Schoß
+ Hab ich so groß, so grenzenlos,
+ So ungekränkt geruht.
+
+ Der Himmel flog, ein blauer Rauch,
+ Von Licht durchatmet, jeder Strauch
+ Vom Atem eingewiegt,
+ Der schön und selig, ein Gefühl,
+ Leicht wie ein Spiel, wie Höhe kühl
+ Zu Gottes Gipfel stieg.
+
+ Ich war ein Schein in allem Schein,
+ Der widerschien -- ich strahlte rein
+ Und freute mich darin.
+ Ich, Himmel, Sonne hingen wir
+ Und flogen wir und gingen wir
+ Herüber und dahin.
+
+ Man muß nicht Wege suchen, sie
+ Verführen und sie führen nie
+ Zu dem entzückten Ort.
+ Ich weiß, ich war -- und weiß jetzt kaum,
+ Ob Kindheitswunsch, ob Fiebertraum --
+ Einmal geladen dort.
+
+
+
+
+Der kranke Knabe
+
+
+ Ich trag den Schmerz nicht,
+ Weil ich nicht kann.
+ Was willst du, Mutter?
+ Sieh mich nicht an!
+
+ Ich mag dich nicht, Mutter,
+ Weil du nichts weißt,
+ Nicht wegstreicheln kannst,
+ Was den Kopf mir zerreißt.
+
+ Nicht wegnehmen kannst
+ Mit der großen Hand
+ Von der Stirn das Feuer --
+ Sie ist innen verbrannt!
+
+ Wie arg es ist, Mutter!
+ Sieh mir nicht zu
+ Und hab mich nicht lieb --
+ Nein, Mutter, gib Ruh!
+
+
+
+
+Der Gut-Wetter-Wind
+
+
+ Der Gut-Wetter-Wind hat manches zu tun,
+ Was er lieben müßte, wenn ers verstünde.
+ Er jagt vielleicht nur, um dann zu ruhn,
+ Aber dennoch hilft er so manchem Kinde.
+
+ Farbige Schleifen hat er zu drehn
+ Um Holzstäbe, welche die Kinder halten.
+ Kein braver Wind sollte weiter wehn,
+ Ohne gern dieses bunten Amtes zu walten.
+
+ Papierdrachen aber müssen den Wind
+ Überlisten, bekämpfen -- Triumph des Schwebens!
+ Da freilich erleidet so manches Kind
+ Die Niederlage himmlischen Strebens.
+
+ Ob das auch kümmert jeden Wind?
+ Er weht vielleicht nur, um Wellen zu machen,
+ Um Wolken zu treiben, welche sind
+ Sein Spiel, sein Sport, sein Triumph, seine Drachen.
+
+
+
+
+Schulstunde
+
+
+ Wenn so an einem Wintermorgen
+ Im Schulzimmer die Lampen brannten,
+ Die Seele dämmerte geborgen,
+ Das Lineal legte Sekanten
+
+ Durch meines Zirkels gute Kreise,
+ Und man bewies etwas an ihnen,
+ Der Herr Professor schien sehr weise,
+ Die Schüler machten brave Mienen:
+
+ Dann war es so weltabgewandt,
+ Das Paradies des Objektiven.
+ Sogar der Lehrer saß gebannt,
+ Vielleicht, daß auch die Bücher schliefen.
+
+ Das war ein freies Nichtstun -- wie
+ Ewig dem Katalog entronnen.
+ Der Lampen milde Apathie
+ Nährte der Faulheit süße Wonnen,
+
+ Indes die Träume, die sonst gerne
+ Schmerzhaft im Herzen suchen gingen,
+ Jetzt schwach nur brausend, wie von ferne,
+ Verschmolzen mit der Lampen Singen.
+
+
+
+
+Vanitas
+
+
+ Geweint hat schon das Kind,
+ Verlassen in der Leere
+ Der Tage, die unfruchtbar sind.
+ Bald trug ich diese Schwere!
+
+ Nachts schrie ich nach dem Traum,
+ In wacher Not verloren,
+ Im wüstenweiten Raum.
+ Und jede Stunde totgeboren!
+
+ Ich biß ins Bett, die Finsternis
+ Mit Fäusten schlagend,
+ Tobender Neuling -- ich zerriß
+ Mein Knabenhemd, nach Leben, Leben klagend.
+
+ Wer hat uns Leben aufgedrungen,
+ Es ewig zu begehren?
+ Wenn nur nicht diese Dämmerungen,
+ Die hoffnungslosen Morgenröten wären!
+
+
+
+
+Heilige Gruppe
+
+
+ Der Gärtner, der den Graukopf zu den Beeten neigt --
+ Wie sanft kann seine harte Hand betreuen --,
+ Das Enkelkind, das blonde Locken neigt,
+ Und knabenhaft bestrebt ist, Sand zu streuen.
+
+ Beide versunken in ein schlichtes Dienen,
+ Beide vor Eifer fromm und zag,
+ Indes ein schöner Wochentag
+ Verklärend spielt auf ihren Mienen.
+
+ Seit jener Eine wuchs aus solchem Kreis,
+ Kann jeder blonde Knabe Wunder sein.
+ Bei hellem Tag zittert ein Heiligenschein
+ Über dem Kind und seinem Gärtnerfleiß.
+
+
+
+
+Der schlafende Knabe
+
+
+ Mein jüngerer Bruder, du schläfst,
+ Du träumst.
+ Leis halt ich deine Hand
+ Und sinne deinen träumenden Wünschen nach.
+
+ Du Ungeduldiger!
+ Hast du noch nie ein Roß gedemütigt?
+ Ergab sich nie in deinen Armen
+ Zur Liebe eines Weibes Haß?
+ Die weichen, schmeichelnden Teppiche der Ehre,
+ Wo sind sie?
+ Und die Vezire, die zu Sklaven werden?
+
+ Ah, wo verbirgt sich jene Stunde,
+ Die ganz besiegte,
+ Da du nach keiner neuen mehr begehrst?
+
+ Ich sehe deine Nüstern zucken
+ Und eine ungebärdige Ader auf deiner Stirn.
+ Die Hand in meiner Hand wird muskelhart.
+
+ Du unerprobter Kämpfer!
+ Sieger im Traum!
+
+
+
+
+Gebet
+
+
+ Und wenn ich bete, Gott, erhörst du mich?
+ Genügt es, daß ich wieder Beter werde?
+ Erleichterst du mir dann den Druck der Erde,
+ Der mir so selten von der Seele wich?
+
+ Ich bin dein treues Kind von Anbeginn
+ Und habe dich dereinst so gut verstanden.
+ Wohl ging ich Wege, die dich nicht mehr fanden,
+ Dir immer nach und wußte nicht, wohin.
+
+ Auf tiefes Dienen war ich stets bedacht,
+ Und lag nicht deine Huld auf meinem Dienen?
+ Jetzt freilich zürnen, Meister, deine Mienen,
+ Und über meinem Scheitel wächst die Nacht.
+
+ Daß ich so schwach bin, hab ich nicht gewußt,
+ Von aller Welten-Schwachheit so durchdrungen!
+ Willst du die Demut, ist dirs bald gelungen,
+ Schon atme ich mit halberstickter Brust.
+
+ Soll ich bezeugen, Ewiger, deine Macht?
+ Sollen auf freiem Markt die Wunden bluten?
+ Gezüchtigt von der Schärfe deiner Ruten
+ Und wehrlos als dein Opfer dargebracht?
+
+ Ich hoffe noch, auch wenn es Hoffahrt ist,
+ Daß du mir Gutes willst in deinen Plänen.
+ Und halte fest an meinem Kindersehnen
+ Und zehre noch an einer Gnadenfrist.
+
+ O öffne, Furchtbarer, dein Stahlvisier!
+ Nur einen Blick aus deutlichem Gesichte!
+ Wenn du mich retten willst, Vorsitzer im Gerichte!
+ Ich habe grenzenlose Angst vor dir!
+
+
+
+
+Vorfrühling
+
+
+ Ein Himmel, der nicht weiß,
+ Ob er strahlen mag.
+ Erschauernd weht der Tag --
+ Und leis
+ Verwirrt er jeden Herzensschlag.
+
+
+
+
+Einsiedler
+
+
+ Mir gehört der große Garten nicht,
+ Der sich weit ins Land hineinverflicht.
+ Mir gehört nur ein geborgnes Stück,
+ Rasenfleck, begrenztes Himmelsglück.
+
+ Wo herunter wie durch einen Schacht
+ Sterne nach mir zielen manche Nacht,
+ Und an schönem Tag ein wenig Blau
+ Lächelt meiner unverwandten Schau.
+
+ Doch durch diese Enge steigt und steigt
+ Mein Gebet, ob auch die Höhe schweigt,
+ Ob auch meinem Schrei, der niemals rastet,
+ Nie sich eine Antwort niedertastet.
+
+
+
+
+Die Freude
+
+
+ Mir ist die Lust kein leicht erspieltes Gut,
+ Kein hitziger Zufall -- denn mein dummes Blut
+ Muß erst die Freude lernen.
+ Mühselig lern ich tun, wie Freude tut.
+
+ Weit besser kann ich schon die Traurigkeit.
+ Ein wahrer Könner müßt ich sein im Leid
+ Und wie ein Meister spielend.
+ Leid war bei mir in aller Lebenszeit.
+
+ Doch wenn ein karges Frohsein mir gelingt,
+ Bin ich so stolz wie wer das Große zwingt,
+ Stolz wie ein Kind,
+ Das immerfort drei falsche Töne singt.
+
+
+
+
+Die Nähe
+
+
+ Ich wage nicht Heimat zu sagen
+ Zu Tälern, in die meine Einsamkeit
+ Sich schmiegte, in ein Lieblingskleid,
+ Zu Bächen, so vertraut meinen hellsten Tagen.
+ Und wenn ich im Wald zu horchen begann,
+ Hielt ich immer beschämt den Atem an.
+
+ Ich bin nicht gut genug für all diese Nähe,
+ Die so lieblich ist und sich selbst so treu.
+ Die Berge waren längst, ich aber bin neu,
+ Sie haben ihren Ort, ich aber gehe
+ Und suche, weiß nicht einmal wen?
+ Wie sicher die Bäume in ihren Räumen stehn!
+
+
+
+
+Vor dem Einschlafen
+
+
+(nach schönen Tagen)
+
+ Bin wie voll von einem guten Schlafe,
+ Weil die Tage schön gewesen sind.
+ Und ich könnte beten wie das brave
+ Kind, das abends sich auf Gott besinnt.
+
+ Eine milde Lampe wollt ich haben,
+ Die hell bleiben dürfte diese Nacht.
+ Wollte mich in einem Bette laben,
+ Mir von milder Hand zurecht gemacht.
+
+ Alles wohlgetan, und ich entkleide
+ Mit den Kleidern mich von aller Welt,
+ Die mich jetzt mit keinem ihrer Eide
+ Länger drückt und angebunden hält.
+
+
+
+
+In der Nacht
+
+
+ Ich tauche aus dem Schlaf hervor.
+ Wohin sich alles nur verlor?
+
+ Und über mir ein Traum zerrinnt.
+ Ich taste, wo die Welt beginnt.
+
+ Da plötzlich weiß ichs wie ein Leid:
+ Daß ich zurückblieb in der Zeit.
+
+
+
+
+Die Stadt
+
+
+ Ein böses Werk betreiben diese Tage
+ Und treibens hastig, ohne nur zu ruhn.
+ All mein um Menschen Werben, das ich wage,
+ Es endet wie gehässiges Tun.
+
+ Und alles Herz, das mir die Menschen reichten,
+ War übervoll mit Gift betaut.
+ Ich nenne dich die Hölle der Verseuchten,
+ Stadt ohne Seele aufgebaut.
+
+ Könnt ich entlaufen! Einen Acker haben,
+ Den nichts als Himmel überhängt.
+ Und dort nach meinem Herzen graben,
+ Das sich so tief hinabgesenkt.
+
+
+
+
+Pferderennen
+
+
+ Still zieht mein Blick mit diesem Rudel Reiter
+ In grüner Ferne: das geschlossen dicht,
+ Wie spielend hinläuft, dort im Bogen weiter,
+ Dann näher kreist, nun in die Nähe bricht.
+
+ Da kommen sie, über den Mähnen liegend,
+ Sich, Mann und Tier, hinwerfend durch die Zeit,
+ Noch alle wollend, und noch keiner siegend --
+ Und plötzlich weiß mein Herz die Schnelligkeit.
+
+ Und jetzt: ein braunes mit befreitem Sprunge
+ Durchdringt das Rudel -- ungehemmt davon!
+ Es hat den Sieg im übersichern Schwunge
+ Und trägt ihn weit vor allen schon.
+
+ Das Rudel ist entwirrt -- ein Zweiter,
+ Ein Dritter reißt sich vom verstrickten Feld.
+ Im Fluge horcht zurück der erste Reiter,
+ Der schon sein Tier mit leichten Händen hält.
+
+
+
+
+Szene
+
+
+(Sonntagabend in der Großstadt)
+
+ Ein mächtiger Greis in glänzendem Zylinder
+ Trat plötzlich vor die Leute, Weiber, Kinder.
+ Betrunken baumelt er mit einem Stock,
+ Dran hängt Marie in blütenweißem Rock,
+ Die schlanke Himmelskönigin aus Flußpapier,
+ Die Wänglein süß wie Milch und Blut auch hier.
+ Die Leute lachen sehr: »Er kommt aus Mariazell,
+ Dort weht es heilig und die Luft ist hell.
+ Am Weg zum Altar stehn viel Schenken offen,
+ Da hat der gute Alte sich besoffen.«
+ Der Alte lächelt heimlich und verschwiegen,
+ Hat er doch Berg und Täler überstiegen.
+ Und immer neue dumme Neider kamen
+ Und höhnten laut -- er aber sagte: Amen.
+
+
+
+
+Einsam
+
+
+ Wenn der Tag zuende gebrannt ist,
+ Ist es schwer nachhause zu gehn,
+ Wo viermal die starre Wand ist
+ Und die leeren Stühle stehn.
+
+ Besser ists, mit den Verirrten
+ Laut vereint zum Weine finden.
+ Elend läßt sich mit Gift bewirten,
+ Und ein Blinder führt einen Blinden.
+
+ Freundin, Verlorne, ich könnte dich bitten,
+ Aber du wirst mich um Geld erhören.
+ Und wir eilen mit ungleichen Schritten,
+ Um uns tiefer noch zu zerstören.
+
+ Wer hat den Mut, ohne Rausch, ohne Blende
+ Durch die leeren Pausen zu gehn
+ Und einsam der Tageswende
+ In die erlöschenden Augen zu sehn!
+
+
+
+
+Begegnung
+
+
+ Als nachts um eins ein leiser Regen fiel,
+ Da traf ich in der Straße eine Kranke
+ Hintaumelnd, eine irre Dulderin,
+ Die, tastend nach dem letzten Ziel,
+ Wie ein verlöschender Gedanke
+ Schon in den Tod zu starren schien.
+
+ Und wie gerufen trat ich ihr ganz nah,
+ So daß ich jetzt ihr leeres Auge sah.
+
+ Da mußt ich sie mit einem Worte grüßen
+ Und sah sie schwanken auf den lahmen Füßen
+ Und sah sie lächeln schwer und kalt.
+ »Der Regen«, lallte sie, »wird sich beeilen,
+ Ich aber habe noch zwei böse Meilen.«
+ Wir nahmen Abschied ohne Aufenthalt.
+
+
+
+
+Bauernpferde
+
+
+ Ich sehe oft die Bauernpferde,
+ Die nachts durch die Straßen zum Markte gehn.
+
+ Wenn sie angelangt sind und wartend stehn
+ Wie roh geformte Klumpen Erde,
+ Da ruht das Dunkel so schwer auf ihnen.
+ Aber wenn sie noch gehn und wandern,
+ Ihre Wagen führen, eins nach dem andern,
+ Sind sie so stark in ihrem Dienen.
+
+ Wie manches allein geht, sorglos, fest,
+ Bedächtig ziehend an den Strängen,
+ Und seinen Kutscher schlafen läßt,
+ Während die Zügel unnütz hängen;
+ Und treulich ausmißt jeden Meter
+ Seines Wegs und auf der Hut ist,
+ Wie ein breiter Mann, der rauh und gut ist,
+ Und Xaver heißt oder Franz oder Peter.
+
+
+
+
+Die Schlafende
+
+
+ Wenn ich ins Zimmer der Schwester gehe,
+ Oft, in mancher ruhigen Nacht,
+ Horchend an ihrem Bette stehe,
+ Leise, damit sie nicht erwacht,
+
+ Mich beuge über das Gottvertrauen
+ Ihres beschatteten Gesichts:
+ Dann fühle ich mit schwerem Grauen
+ Im Dunkel warten den Tod, das Nichts.
+
+ Ihres Ruhens liebe Gelassenheit
+ Gleicht dem noch kindlichen Spiel ihrer Seele,
+ Aber ich weiß, daß die Verlassenheit
+ Sie bald bedrohen wird an der Kehle.
+
+ Mich beugend über ihr Weltvertrauen,
+ Lauschend sanftem Atemzug,
+ Fühl ich mit immer tieferem Grauen:
+ Wie wird sie verwinden den großen Betrug,
+
+ Die schweren, die leeren, die zehrenden Stunden,
+ Ohnmacht, Ekel, Sinnlosigkeit
+ Und Verrat -- die heillosen Wunden,
+ Geschlagen vom schweren Schwert der Zeit.
+
+ Und daß sie Weib ist, ihrer Schwachheit
+ Lebensbürde und Liebesnot?
+ Wie ist ihr Schlummer von aller Wachheit
+ Unrettbaren Gefahren bedroht!
+
+ Da bin ich versucht, sie aufzuschrecken,
+ Brutal, ob sie auch hart erwacht,
+ Ich möchte selbst sie grausam wecken
+ Und mit ihr wachen den Rest der Nacht.
+
+
+
+
+Der Selbstmord
+
+
+ Das Gäßchen bog sich jäh und endete.
+ Ein Widerschein, der plötzlich blendete:
+ Das Meer an meine Schritte grenzte,
+ Das hier getrübte, dort beglänzte.
+ Wie ein ganz tiefer Atemzug
+ Hob es sich hin und kannte kein Genug --
+ Muß einen Schritt nur weitergehn:
+ Da nimmt es mich so, wie ich bin,
+ Öffnet sich still und nimmt mich hin,
+ Zieht mich hinein in die Gezeiten,
+ Mischt mich erledigend in sein Vergleiten,
+ Wie eine mütterlichste Mutter, die ihr Kind
+ Zurück ins Nichts, ins All gewinnt.
+
+
+
+
+Ein Kuß
+
+
+ Eine Hure, die zur Nacht ich fand,
+ Beugte sich herab zu meiner Hand,
+ Als ich durch die leere Straße ging,
+ Eine Hure, die sich an mich hing,
+ Nahm die Hand, die ihr nicht geben wollte
+ Und sie wegstieß und ihr grollte,
+ Beugte plötzlich sich, das arme Tier,
+ Hat geküßt die Hand im Handschuh mir.
+ Nicht um zu besänftigen meinen Willen,
+ Nein, die sonderbarste Gier zu stillen.
+ Nicht mehr bettelnd, schon hinweggewandt,
+ Schon entlaufend meiner fremden Hand.
+
+ Und da fühlte ichs wie einen Stich
+ In der tiefen Brust -- das war nicht ich,
+ Den sie küßte, irrend und verwaist,
+ Nicht das Ich, das einen Namen heißt,
+ Sondern sie, die Namenlose, mich,
+ Einen Namenlosen, der jetzt glich
+ Allen Männern, die sie quälten,
+ Arme Seele küßte den Beseelten,
+ Küßte ungelohnt und ungestillt --
+ Menschenkind küßt Gottes Ebenbild.
+
+ O, nie war ein Kuß wie dieser Kuß,
+ Den ich allen weitergeben muß.
+
+
+
+
+Der Morgen
+
+
+ Ich hing am Kreuz der Nacht und stöhnte schwer,
+ Mein Herz war matt und hoffnungsleer
+ Und Stirn und Gaumen ausgebrannt.
+
+ Da legt der Morgen seine Hand
+ Kühl, blaß und scheu
+ Mir über die versengte Stirn,
+ Und wie das Dunkel schwindet vom Gehirn,
+ Atme ich neu --
+
+ Und trinke weißes Licht und weiße Gnade
+ Und sinke losgelöst und sanft befreit
+ Auf das sich klärende Gestade,
+ Zu neuem Tage neu bereit.
+
+
+
+
+Der Heller
+
+
+ Geld ist Staub in meiner Hand,
+ Den ich unbedacht vergeude.
+ Aber groß war meine Freude,
+ Als ich einen Heller fand.
+
+ Hatte alles ausgegeben,
+ Hunger mir am Marke fraß,
+ Und ich sah entnervt in das
+ Mitleidlose Großstadtleben.
+
+ Alle Taschen gut verschlossen,
+ Alle Seelen zugeknöpft.
+ Ich begriff, daß man geköpft
+ Werden kann um einen Groschen.
+
+ Ich begriff, daß sich ein toller
+ Kerl an wem vergreifen kann.
+ Dieser Ohnmacht Wut und Bann --
+ Nichts auf Erden grauenvoller!
+
+ O, wie muß der Arme hassen!
+ Fenster, die den geilen Duft
+ Dich Lebendigen in der Gruft
+ Wie zum Hohne ahnen lassen.
+
+ Lächelnde, kokette Frauen
+ Zeigen an dem Straßenkleid
+ Alle üppige Kostbarkeit,
+ Während dir die Sinne flauen.
+
+ Unbekümmert rollen Wagen,
+ Ohne dich zu kennen, hin,
+ Die zum Schmaus, zur Buhlerin
+ Oder ins Theater tragen.
+
+ Ich blieb stehn und ich lief schneller,
+ Starrte an und blickte weg.
+ Plötzlich lag vor mir im Dreck
+ Ein verlorner alter Heller.
+
+ Und mir wars, als ich mich bückte,
+ Wie ein Gruß des neuen Tags.
+ Und mein Herz ging bessern Schlags,
+ Als ich in der Hand ihn drückte.
+
+ Diesen Heller, der mir lachte,
+ Wertlos zwar, und doch ganz mein,
+ Ein Geschenk, das mir der Stein
+ Wie in lieber Absicht brachte.
+
+ Wie um mir die Nichtigkeit
+ Und des Zufalls Wurf zu zeigen.
+ Mensch, sei frech, mach dir zu eigen!
+ Dieser Griff hat mich befreit.
+
+
+
+
+Die Heimkehrende
+
+
+ Alida, sagt ich ihr, ich habe dich
+ Sogleich erkannt -- wo hast du nur gezaudert
+ Die viele Zeit? -- Nun aber labe dich,
+ Hier Wein! Kühl deinen Mund, bevor er plaudert.
+
+ Wo irren deine Augen? Nimm das Haar
+ Fort aus der Stirn! -- Nein, keine Frage!
+ Verjage endlich diese Schar
+ Mir fremder Tage!
+
+ Erwache mir! -- Sei da!
+ Die ruhelosen Hände,
+ Vielleicht vergäßen sie, was ohne mich geschah,
+ Wenn erst mein Frieden zu dir fände.
+
+
+
+
+Verfinsterung
+
+
+ Und während dieser Nordwind blies
+ Und unsre Stadt zum Norden machte,
+ Die letzte Sonne uns verließ
+ Und jeder Wunsch zu sterben dachte,
+
+ Und viel zu früh die Nacht begann,
+ Sehr anders als die andern Nächte,
+ Wie eine Nacht, die dauern kann,
+ Solange wer zu warten dächte,
+
+ Da stand ich auf dem alten Platz
+ Und sah die alte Kirche dauern
+ Und geizig Zeit wie einen Schatz
+ Anhäufen hinter ihren Mauern,
+
+ Und sah in dieser alten Stadt
+ Die Leute, die mir Greise schienen,
+ (Wie jedes Antlitz Falten hat,
+ Erstarrtes Nein in seinen Mienen,)
+
+ Und fühlte mich hier stehn und stehn
+ Und wurzeln wie der Dom, der graue,
+ Und konnte gar nicht mehr verstehn,
+ Daß wer noch neue Häuser baue.
+
+ Ob nicht die junge Frau, auf die
+ Ich warten wollte, wann nur? Heute?
+ Selbst alt geworden war und nie
+ Ein Weib mehr einen Mann erfreute!
+
+ Wie ist das sinnlos, hier zu stehn,
+ Als ob die Zeit ein Ende nähme,
+ Und zu erwarten irgendwen,
+ Zu glauben, daß er wirklich käme.
+
+
+
+
+Spaziergang in der Nacht
+
+
+ Kühle, klare Nacht!
+ Welch ein kühnes Schreiten
+ Ist in mir erwacht --
+ Führt aus engen Zeiten
+ Hoch mich in die weiten
+ Aufgeschlossnen Räume dieser Nacht.
+
+ Daß ich heimlos bin,
+ Was ich sonst beklage,
+ Was ich her und hin
+ Durch die niedern Tage
+ Keuchend, schleppend trage --
+ Heute fühl ich es mit neuem Sinn.
+
+ Wie der Schritt erfreut,
+ Wie ein Landweg! Wiesen
+ Sind die Plätze heut,
+ Und man geht in diesen
+ Straßen wie auf Kiesen,
+ Wie in Gärten, die der Mond betreut.
+
+ Löst sich nicht auch hier
+ Manche reine Quelle?
+ Offen liegt vor mir
+ All die fremde Schwelle.
+ Ist nicht ringsum helle
+ Heimat und befreundetes Revier!
+
+
+
+
+Die Unerbittlichkeit
+
+
+ Als ich die Unerbittlichkeit verstand,
+ Ward mir das Blut wie Blei, wie aus Ton mein Fuß
+ Und ohne Muskel lahmte meine Hand,
+ Schweiß auf der Stirn, des Todes kalter Gruß.
+
+ Und das Herz selbst tat so erbärmlich weh
+ Vor lauter Gottverlassenheit.
+ Da sagte ich zu mir: »Mensch! Jetzt gesteh!
+ Jetzt wärest du zu jedem Schluß bereit.«
+
+ Jetzt, wo ich sanft in meinem Elend bin,
+ Weil aller Trotz wie Hauch in Lüften schwand,
+ Jetzt werft mich zu den Pestverseuchten hin
+ Und laßt allein verwelken diese Hand.
+
+
+
+
+Einem edlen Jüngling
+
+
+ Du wirst wie wir alle am Zügel
+ Gängig werden,
+ Im Zotteltrab, ohne Flügel,
+ Gehn mit den Herden.
+
+ Du wirst mit dir verkehren
+ Karg und gewöhnlich,
+ Und ohne prinzliche Ehren,
+ Weltversöhnlich.
+
+ Du wirst deine Tage tragen
+ Ganz wie wir alle,
+ Mit Arbeit, mit Behagen,
+ Mit Herz und Galle.
+
+ Du wirst dich ärgern lernen
+ Und dich bescheiden,
+ Unter geduldigen Sternen
+ Menschlicher leiden.
+
+
+
+
+Liebe
+
+
+ Dunkle Erdenwege, die der lichten,
+ Leichten Gefühle Schatten sind!
+ Liebe als Licht aus der Sonne rinnt
+ Und verfängt sich an kalten, dichten
+
+ Menschenleibern und Menschenseelen,
+ Und umwirbt sie, verklärt sie, vergöttert sie,
+ Und verdirbt sie, zerstört sie, zerschmettert sie --
+ Menschen, die sich küssen, sich quälen.
+
+
+
+
+Die Spielende
+
+
+ Spiele nur, spiele nur weiter, ich will dich nicht stören,
+ Ich halte den Atem an und schau dir zu,
+ Spiele nur, Sorglose du,
+ Ich will mich nicht empören,
+ Wenn plötzlich mein Leben in deiner Hand
+ Ein wenig zu sterben beginnt -- ich halte Stand,
+ Ich Spielzeug --
+
+ Weiß ich auch mit meinem kalten, ohnmächtigen Wissen,
+ Daß dich das Spiel kaum freut, ja langweilt sogar,
+ Und fühl ich auch, wie so tief! Angst und Gefahr:
+ Es werde dir nicht entrissen,
+ Was du mit leichter Sicherheit dir gewonnen hast, Kind,
+ Wie grausam auch deine Finger sind,
+ Spiele --
+
+ Denn du lächelst, Sorglose, aus dir lächelt ein Schimmer
+ Des lieben, so unwirklichen, blinden
+ Lebens, das ich nicht finden,
+ Nicht sein, nicht haben kann -- was auch immer
+ Jetzt in mir stirbt und sei es noch so reich,
+ Ich halte den Atem an und fühle bleich,
+ Daß du schön bist --
+
+
+
+
+Ein Brief
+
+
+ Geliebter, deine Kühle
+ Weht aus der Ferne her.
+ Geliebter, und ich fühle,
+ Du liebst nicht mehr.
+
+ Geliebter, und die Züge
+ Deines Angesichts
+ Zerfließen, eine Lüge,
+ In ein Nichts.
+
+ Und ob ich mich auch quäle,
+ Ich weiß deinen Mund nicht mehr.
+ Geliebter, meine Seele
+ Wird wieder leer.
+
+
+
+
+Abschied
+
+
+ Abschied ist Tod. Das weiß ein jedes Kind
+ Und läßt die Mutter aus dem Haus nicht fort.
+ Jemand reist ab. Mein Herz fühlt Meuchelmord.
+ So viele weiche Wärme mir entrinnt,
+
+ Daß ich wie ein Verblutender verbleiche.
+ Mir ist sehr kalt, ich friere tief -- adieu!
+ Und alles Bleibende tut grausam weh,
+ Wie aufgerissene, verletzte Herzensweiche.
+
+ Soll ich nachhause gehen, die Papiere
+ Am Schreibtisch ordnen, einen Stundenplan
+ Entwerfen, weitertun, mein Ziel bejahn?
+ Und überwinden, daß ich dich verliere?
+
+
+
+
+Auch du
+
+
+ Auch du bist schon geprüft, auch dir ist eingegraben
+ Die Rune Welt, die wirre Hieroglyphe.
+ Du hast gelitten bis zur Tiefe,
+ Gekostet von den Honigwaben.
+
+ Du hast besessen und du warst zu eigen,
+ Geküßt hast du das Band, dich freigequält.
+ Du kennst die Schuld, die aus der Rinde schält,
+ Das süß und bittre Wort, die Kunst zu schweigen.
+
+ Das alles war, wie mir, auch dir beschieden.
+ Jetzt aber sind wir beide neu gewandet,
+ Gestrandet und an seliger Bucht gelandet --
+ Und es ist wieder schön hienieden!
+
+
+
+
+Schnee
+
+
+ Schnee war gestern plötzlich da -- auf allen
+ Trüben Straßen, hell wie Unschuld, weiß,
+ Weich und wärmend, aus der Luft gefallen.
+ Und wir gingen -- enger ward der Kreis,
+
+ Der uns heimlich aneinanderhält --
+ Mit gedämpftem Schritt, gedämpfter Seele,
+ Unverhofftes Lachen in der Kehle,
+ Durch des Schneefalls kindlich neue Welt.
+
+ Wir, die jetzt so ernste Frage quält,
+ Wurden schmiegsam, atemleicht, gelinder,
+ Lachten furchtlos, schneefroh, beinah Kinder --
+ O wie hat die kleine Freude uns gefehlt!
+
+
+
+
+Bitte an die Geliebte
+
+
+ Laß uns wissend sein! Wir haben gelernt,
+ Was Menschen nähert, was entfernt.
+ Wir sind gealtert am Lächeln-Müssen,
+ Gestorben an erzwungenen Küssen.
+
+ Wieder auferstanden an befreiten
+ Heißen Unwillkürlichkeiten.
+ Gesundet an einem Atemzug,
+ Der ungehemmt hinübertrug.
+
+ Laß uns Horcher sein auf das Sich-Regen
+ Im dunklen Du! Nur nicht entgegen
+ Dem Eigensinn der Einsamkeiten!
+ Nur mit dem Kind in uns nicht streiten!
+
+
+
+
+Ihr Freunde
+
+
+ Ihr Freunde, große Liebe
+ War euch von mir geweiht.
+ Ich ward zum Diebe
+ An eurer Freundlichkeit.
+
+ Mein Herz in Händen bringend,
+ Ein maßloses Geschenk,
+ So kam ich Freundschaft zwingend.
+ Was wart ihr eng!
+
+ Euch wie die Mörder hassen
+ Lehrtet ihr mich zum Dank,
+ Vergiftet und verlassen,
+ Nach Sanftmut krank.
+
+ Mit allem meinem Gute
+ Warft ihr dem Weib mich zu.
+ An der ich blüh und blute,
+ Sei gnädig du!
+
+
+
+
+Unschuld
+
+
+ O die Unschuld des Genusses,
+ Wenn ich dich genieße,
+ Nimmermüde deines Kusses
+ Und der Atemsüße.
+
+ Jede Nacht bringt neue Spiele,
+ Spielglück ohne Ende.
+ Unsre Lippen wissen viele
+ Und die guten Hände.
+
+ Immer zarter, immer schöner,
+ Seit uns Lust verschönte.
+ Ich dein glücklicher Verwöhner,
+ Glücklich die Verwöhnte.
+
+
+
+
+Die Insel
+
+
+ Sprich nicht von dieser Insel, wo wir uns trafen
+ In unsern Nächten.
+ Das Blut rauscht rings um sie.
+ Und keine Zeit geschah, Uranfang, Ende.
+ Was wir sonst sind, vergessen und verscheucht.
+ Nur diese Spiele, grausam wie Dämonen,
+ Marter nach einem Glück, das anders
+ Beseligt als das Brot, der Trunk,
+ Die sonst die Lippen sättigen.
+ Nein, ungesättigt
+ Tobten wir,
+ Bis schwer die Wimpern und die Lider schwer,
+ Das Haupt ermattet, sinkend, abgebrochne Blüte,
+ Der Tod kalt an die Stirnen tastend,
+ Das Innre ausgehöhlt, ein leeres Haus
+ Mit ausgehobnen Fenstern, ohne Dach.
+ Oh, das Korallenrot der Lippen
+ War mit rötrem Rot betaut
+ Von unsrer Zähne Mordgier.
+ Heilandsmale
+ Auf diesen kühlen Händen, die gefiebert
+ Im Suchen nach Entspannung, die nicht kam.
+ Nein, Ekel kam, der Würger,
+ Vom goldenen Tor der Lust uns scheuchend,
+ Daß wir wie Schatten flohn.
+ In unsern Adern
+ Ebbte die Lust zurück, zum dunklen Schacht.
+ Und nur ein Duft von ihr
+ Blieb dem Verschmachten.
+ Wie Irre hatten wir am harten Schloß gerüttelt,
+ Die Gnade aufzusprengen.
+ Aber nun, mit entnervten Knien,
+ Müd wie Gerichtete,
+ Schlichen wir einen bangen Weg zurück.
+
+ Und doch, du Köstliche, war nichts als Zärtlichkeit
+ In meinem grausam Sein.
+ Doch kniete ich huldigend
+ Den Marterberg empor,
+ Um nur den heißen süßen Hauch
+ Zu pflücken, wenn die Lippe dir erblaßt.
+ Um dir im Weh
+ Die bebende Melodik zu entlocken.
+ Um deinem Unbewußtsein nah zu sein,
+ Als könnt ich fast bis an den Tod gelangen,
+ Wo wir ganz nah sind.
+ Und doch war mir, du Köstliche,
+ Daß wir die Lust, Verschmachtende, verschmähten,
+ Ein bessres noch als Glück, ein tieferes
+ An-Wurzeln-Zerren, sie zu lockern, du!
+ Mir sind sie heilig
+ Diese Feste
+ Der Qual --
+ Wenn wir auch fürchterlich erwachen.
+ Sprich nie von dieser Insel,
+ Die nur wir,
+ Nur wenn wir Dämon sind, in uns betreten,
+ Das Blut rauscht rings um sie.
+ Was wir dort leben,
+ Hat keinerlei Bezug mit andrem Leben,
+ Nicht einmal unser Denken rühre dran
+ Und kein Erinnern.
+ Kein Name,
+ Der sonst gebraucht wird,
+ Wage sie zu nennen,
+ Kein kleines und kein großes Wort.
+ Nur Reue
+ Ist tief genug, hinabzutauchen,
+ Nur Angst so mächtig, um sie zu entdecken.
+ Sie, die verschollen ist,
+ Die dunkel-schöne,
+ Vom Blut geborgene.
+ Bis wieder wir,
+ Ganz unvermutet
+ Vom Dämon hingetragen,
+ An ihr Ufer stranden.
+ Du, Köstliche,
+ Erst dann schön wie ein Gift,
+ Und ich, der Trinker,
+ Giftbereit.
+
+
+
+
+Für die Nacht
+
+
+ Gebet für dich: daß deine Wange
+ Sich möge weich ins Kissen schmiegen,
+ Und durch die bange Nacht, die lange,
+ Dein Atem sanft dich wiegen, wiegen.
+
+ Es halte dich dein warmes Leben
+ In seine milde Kraft verschlossen.
+ Erwachst du, seis, als ob du eben
+ Im Traum das Seligste genossen.
+
+ Und wieder wirst du dann die Wange
+ Dort, wo sie lag, ins Kissen schmiegen.
+ Und wieder mag dein Atem lange
+ Dich flüsternd wiegen, wiegen, wiegen.
+
+
+
+
+Der Berg
+
+
+ Wir gingen, meine zarte Frau und ich,
+ Den sichern Weg der großen Serpentine,
+ Die frech an dem gewaltigen Berg sich hochschwingt,
+ Mit seiner fürchterlichen Schichtung spielend.
+
+ Vorbei an greisen Felsenköpfen,
+ Gepreßten Klötzen, bösen Zacken
+ Und grimmigen Kronen.
+
+ Wo Wasser, Stein-Blut, aussickert,
+ Eisiges Blut.
+ Wo jeder Samen lautlos seufzend umkommt.
+
+ Wo hoch über allen Sommern
+ Schnee sich anhäuft,
+ Zu hell für Augen, die ans Tal gewöhnt sind
+ Und an die vielen Farben alle.
+ Schneeflug auf Schneeflug, Schneekorn dicht an Schneekorn.
+
+ Wo ein Schweigen tönt,
+ All unsere Musik, die hurtig plaudernde,
+ Mit frierender Monotonie belächelnd --
+ Als wäre ein Jahrtausend hier ein Takt.
+
+ Und wir auf unsrer sichern Serpentine,
+ »Spürst du es,« sagte ich,
+ »Wie nahe wir jetzt einem _Großen_ sind!«
+ Die Frau lächelte
+ Zum Berge hin.
+
+ Da nahm der Berg mit einem wüsten Griff
+ Mir meine zarte Frau,
+ Riß sie mir weg und schwang sie, schwang sie,
+ Hoch, höher, hoch beim höchsten Schnee --
+ Und wollte sie fallen lassen,
+ Sie über Steine tanzen lassen, stürzen lassen
+ Rasenden Wurfs in eine Todesschlucht kopfunter.
+
+ Ganz leise schrie sie: »Ach!«,
+ Ganz ohne Kraft.
+
+ Und ich, wahnsinnig,
+ Umschlang sie jetzt mit beiden Armen,
+ Allen Wunsch
+ In meine beiden Arme pressend.
+
+ Und küßte der Ohnmächtigen, der Geretteten,
+ Den Tropfen Blut weg, der an ihrer Nüster stand.
+
+
+
+
+Gloria
+
+
+ O süßes Leben, du bist mein!
+ In deinem reinsten Licht zu sein,
+ Ihr Blut die Helden gaben,
+ Die sich geopfert haben.
+
+ Es starb für dich der treue Christ,
+ Dir jedes Lied erklungen ist.
+ Soll ich nicht hoffen, glauben?
+ Kein Schicksal wird mirs rauben.
+
+ Wohl war ich in der Mutter Lust,
+ Um ihren Schmerz hab ich gewußt.
+ Vom Lieben und vom Leiden
+ Mag ich mich nimmer scheiden.
+
+ Gegeben in die ewige Huld,
+ Gebunden durch die ewige Schuld,
+ Den ewigen Tod zu Füßen:
+ Will ich mein Leben grüßen.
+
+
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+Widmung 5
+Der Ort 6
+Der kranke Knabe 8
+Der Gut-Wetter-Wind 9
+Schulstunde 10
+Vanitas 11
+Heilige Gruppe 12
+Der schlafende Knabe 13
+Gebet 14
+Vorfrühling 16
+Einsiedler 17
+Die Freude 18
+Die Nähe 19
+Vor dem Einschlafen 20
+In der Nacht 21
+Die Stadt 22
+Pferderennen 23
+Szene 24
+Einsam 25
+Begegnung 26
+Bauernpferde 27
+Die Schlafende 28
+Der Selbstmord 30
+Ein Kuß 31
+Der Morgen 32
+Der Heller 33
+Die Heimkehrende 35
+Verfinsterung 36
+Spaziergang in der Nacht 38
+Die Unerbittlichkeit 39
+Einem edlen Jüngling 40
+Liebe 41
+Die Spielende 42
+Ein Brief 43
+Abschied 44
+Auch du 45
+Schnee 46
+Bitte an die Geliebte 47
+Ihr Freunde 48
+Unschuld 49
+Die Insel 50
+Für die Nacht 53
+Der Berg 54
+Gloria 56
+
+
+
+
+KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
+(FRÜHER ERNST ROWOHLT VERLAG)
+
+
+WALTER HASENCLEVER
+
+DER JÜNGLING
+
+Geheftet Mark 2.50 Gebunden Mark 3.50
+
+_Richard Dehmel:_ Nehmen Sie meinen besten Glückwunsch zu Ihrem Buch. Was
+mich vor allem fesselte, ist die Lebenskunst, die aus Ihrer Dichtkunst
+spricht. Gerade heute entstehen wenig Bücher, die in hohem Sinne
+epikureisch sind. Ich glaube, Ihr »Jüngling« kann auch reifen Männern eine
+lächelnde Anleitung geben, das Schicksal als eine Angelegenheit geistigen
+Genusses aufzufassen; ich wünsche Ihnen solche männliche Leser!
+
+_Deutsche Montagszeitung:_ Eine neue Gesellschaftsdichtung im Sinne
+Beethoven-Schillers und der IX. Symphonie.
+
+
+FRANZ WERFEL
+
+WIR SIND
+
+NEUE GEDICHTE
+
+Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf schwerem
+Japanbütten in Ganzlederbd. M 35.--
+
+Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50
+
+Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen
+Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Fülle der
+Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird hier gesteigert
+zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen will seine
+Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl aller Menschheit
+näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie die Psalmen des Alten
+Testaments; sein Werk hat die Stärke und Verkündigung eines neuen Ethos.
+
+URTEILE ÜBER FRANZ WERFEL:
+
+_Wilhelm Herzog_ im »Berliner Tageblatt«: ». . . ein ganz junger, ganz
+großer Dichter. Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«
+
+_Frankfurter Zeitung:_ ». . . ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste sei
+das gesagt.«
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Spur, by Berthold Viertel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40304 ***
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--- a/40304-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,1749 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die Spur, by Berthold Viertel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Die Spur
-
-Author: Berthold Viertel
-
-Release Date: July 23, 2012 [EBook #40304]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SPUR ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
-
-
-Berthold Viertel
-
-
-Die Spur
-
-
-1913
-Kurt Wolff Verlag · Leipzig
-
-
-Dies Buch wurde gedruckt
-im Oktober 1913 als dreizehnter
-Band der Bücherei »Der jüngste Tag« bei
-Poeschel & Trepte in Leipzig
-
-
-Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
-
-
-Meiner Frau
-
-
-
-
-
-Widmung
-
-
- Nachts gestern von dir heimgegangen.
- Wie Schnee ists unterm Mond gelegen.
- Da fühlt ich wiederum den Segen
- Der weißen Nacht mit heißen Wangen.
-
- Das tief Vertraute hat gesprochen,
- Es lindert sich die starre Kehle.
- Da war mit einemmal der Seele
- Der arg verjährte Star gestochen.
-
- O Gott, wie ists? Darf ich denn wieder
- Mein längst verbotnes Herz auskramen?
- Du Freundliche, in deinem Namen!
- Ich lege Wehr und Würde nieder.
-
- Darf ich die keusche Kindersage
- In dein geneigtes Ohr dir flüstern?
- Ich rette Gold aus dem Verdüstern.
- Da nimm die Lilien früher Tage!
-
-
-
-
-Der Ort
-
-
- Einst -- Kindheit, Fieber oder Traum,
- Ich wachte kaum, ich dachte kaum --
- Lag eine Wiese da.
- Der Wald wuchs dunkel hinter ihr,
- Ein unbeschreitbares Revier,
- Wo Angst und Tod geschah.
-
- Die Wiese hielt mich eingefaßt,
- Sie, Eiland, Wiese, Wiege, Rast,
- Wie ruhig schlug mein Blut.
- Auch nicht in meiner Mutter Schoß
- Hab ich so groß, so grenzenlos,
- So ungekränkt geruht.
-
- Der Himmel flog, ein blauer Rauch,
- Von Licht durchatmet, jeder Strauch
- Vom Atem eingewiegt,
- Der schön und selig, ein Gefühl,
- Leicht wie ein Spiel, wie Höhe kühl
- Zu Gottes Gipfel stieg.
-
- Ich war ein Schein in allem Schein,
- Der widerschien -- ich strahlte rein
- Und freute mich darin.
- Ich, Himmel, Sonne hingen wir
- Und flogen wir und gingen wir
- Herüber und dahin.
-
- Man muß nicht Wege suchen, sie
- Verführen und sie führen nie
- Zu dem entzückten Ort.
- Ich weiß, ich war -- und weiß jetzt kaum,
- Ob Kindheitswunsch, ob Fiebertraum --
- Einmal geladen dort.
-
-
-
-
-Der kranke Knabe
-
-
- Ich trag den Schmerz nicht,
- Weil ich nicht kann.
- Was willst du, Mutter?
- Sieh mich nicht an!
-
- Ich mag dich nicht, Mutter,
- Weil du nichts weißt,
- Nicht wegstreicheln kannst,
- Was den Kopf mir zerreißt.
-
- Nicht wegnehmen kannst
- Mit der großen Hand
- Von der Stirn das Feuer --
- Sie ist innen verbrannt!
-
- Wie arg es ist, Mutter!
- Sieh mir nicht zu
- Und hab mich nicht lieb --
- Nein, Mutter, gib Ruh!
-
-
-
-
-Der Gut-Wetter-Wind
-
-
- Der Gut-Wetter-Wind hat manches zu tun,
- Was er lieben müßte, wenn ers verstünde.
- Er jagt vielleicht nur, um dann zu ruhn,
- Aber dennoch hilft er so manchem Kinde.
-
- Farbige Schleifen hat er zu drehn
- Um Holzstäbe, welche die Kinder halten.
- Kein braver Wind sollte weiter wehn,
- Ohne gern dieses bunten Amtes zu walten.
-
- Papierdrachen aber müssen den Wind
- Überlisten, bekämpfen -- Triumph des Schwebens!
- Da freilich erleidet so manches Kind
- Die Niederlage himmlischen Strebens.
-
- Ob das auch kümmert jeden Wind?
- Er weht vielleicht nur, um Wellen zu machen,
- Um Wolken zu treiben, welche sind
- Sein Spiel, sein Sport, sein Triumph, seine Drachen.
-
-
-
-
-Schulstunde
-
-
- Wenn so an einem Wintermorgen
- Im Schulzimmer die Lampen brannten,
- Die Seele dämmerte geborgen,
- Das Lineal legte Sekanten
-
- Durch meines Zirkels gute Kreise,
- Und man bewies etwas an ihnen,
- Der Herr Professor schien sehr weise,
- Die Schüler machten brave Mienen:
-
- Dann war es so weltabgewandt,
- Das Paradies des Objektiven.
- Sogar der Lehrer saß gebannt,
- Vielleicht, daß auch die Bücher schliefen.
-
- Das war ein freies Nichtstun -- wie
- Ewig dem Katalog entronnen.
- Der Lampen milde Apathie
- Nährte der Faulheit süße Wonnen,
-
- Indes die Träume, die sonst gerne
- Schmerzhaft im Herzen suchen gingen,
- Jetzt schwach nur brausend, wie von ferne,
- Verschmolzen mit der Lampen Singen.
-
-
-
-
-Vanitas
-
-
- Geweint hat schon das Kind,
- Verlassen in der Leere
- Der Tage, die unfruchtbar sind.
- Bald trug ich diese Schwere!
-
- Nachts schrie ich nach dem Traum,
- In wacher Not verloren,
- Im wüstenweiten Raum.
- Und jede Stunde totgeboren!
-
- Ich biß ins Bett, die Finsternis
- Mit Fäusten schlagend,
- Tobender Neuling -- ich zerriß
- Mein Knabenhemd, nach Leben, Leben klagend.
-
- Wer hat uns Leben aufgedrungen,
- Es ewig zu begehren?
- Wenn nur nicht diese Dämmerungen,
- Die hoffnungslosen Morgenröten wären!
-
-
-
-
-Heilige Gruppe
-
-
- Der Gärtner, der den Graukopf zu den Beeten neigt --
- Wie sanft kann seine harte Hand betreuen --,
- Das Enkelkind, das blonde Locken neigt,
- Und knabenhaft bestrebt ist, Sand zu streuen.
-
- Beide versunken in ein schlichtes Dienen,
- Beide vor Eifer fromm und zag,
- Indes ein schöner Wochentag
- Verklärend spielt auf ihren Mienen.
-
- Seit jener Eine wuchs aus solchem Kreis,
- Kann jeder blonde Knabe Wunder sein.
- Bei hellem Tag zittert ein Heiligenschein
- Über dem Kind und seinem Gärtnerfleiß.
-
-
-
-
-Der schlafende Knabe
-
-
- Mein jüngerer Bruder, du schläfst,
- Du träumst.
- Leis halt ich deine Hand
- Und sinne deinen träumenden Wünschen nach.
-
- Du Ungeduldiger!
- Hast du noch nie ein Roß gedemütigt?
- Ergab sich nie in deinen Armen
- Zur Liebe eines Weibes Haß?
- Die weichen, schmeichelnden Teppiche der Ehre,
- Wo sind sie?
- Und die Vezire, die zu Sklaven werden?
-
- Ah, wo verbirgt sich jene Stunde,
- Die ganz besiegte,
- Da du nach keiner neuen mehr begehrst?
-
- Ich sehe deine Nüstern zucken
- Und eine ungebärdige Ader auf deiner Stirn.
- Die Hand in meiner Hand wird muskelhart.
-
- Du unerprobter Kämpfer!
- Sieger im Traum!
-
-
-
-
-Gebet
-
-
- Und wenn ich bete, Gott, erhörst du mich?
- Genügt es, daß ich wieder Beter werde?
- Erleichterst du mir dann den Druck der Erde,
- Der mir so selten von der Seele wich?
-
- Ich bin dein treues Kind von Anbeginn
- Und habe dich dereinst so gut verstanden.
- Wohl ging ich Wege, die dich nicht mehr fanden,
- Dir immer nach und wußte nicht, wohin.
-
- Auf tiefes Dienen war ich stets bedacht,
- Und lag nicht deine Huld auf meinem Dienen?
- Jetzt freilich zürnen, Meister, deine Mienen,
- Und über meinem Scheitel wächst die Nacht.
-
- Daß ich so schwach bin, hab ich nicht gewußt,
- Von aller Welten-Schwachheit so durchdrungen!
- Willst du die Demut, ist dirs bald gelungen,
- Schon atme ich mit halberstickter Brust.
-
- Soll ich bezeugen, Ewiger, deine Macht?
- Sollen auf freiem Markt die Wunden bluten?
- Gezüchtigt von der Schärfe deiner Ruten
- Und wehrlos als dein Opfer dargebracht?
-
- Ich hoffe noch, auch wenn es Hoffahrt ist,
- Daß du mir Gutes willst in deinen Plänen.
- Und halte fest an meinem Kindersehnen
- Und zehre noch an einer Gnadenfrist.
-
- O öffne, Furchtbarer, dein Stahlvisier!
- Nur einen Blick aus deutlichem Gesichte!
- Wenn du mich retten willst, Vorsitzer im Gerichte!
- Ich habe grenzenlose Angst vor dir!
-
-
-
-
-Vorfrühling
-
-
- Ein Himmel, der nicht weiß,
- Ob er strahlen mag.
- Erschauernd weht der Tag --
- Und leis
- Verwirrt er jeden Herzensschlag.
-
-
-
-
-Einsiedler
-
-
- Mir gehört der große Garten nicht,
- Der sich weit ins Land hineinverflicht.
- Mir gehört nur ein geborgnes Stück,
- Rasenfleck, begrenztes Himmelsglück.
-
- Wo herunter wie durch einen Schacht
- Sterne nach mir zielen manche Nacht,
- Und an schönem Tag ein wenig Blau
- Lächelt meiner unverwandten Schau.
-
- Doch durch diese Enge steigt und steigt
- Mein Gebet, ob auch die Höhe schweigt,
- Ob auch meinem Schrei, der niemals rastet,
- Nie sich eine Antwort niedertastet.
-
-
-
-
-Die Freude
-
-
- Mir ist die Lust kein leicht erspieltes Gut,
- Kein hitziger Zufall -- denn mein dummes Blut
- Muß erst die Freude lernen.
- Mühselig lern ich tun, wie Freude tut.
-
- Weit besser kann ich schon die Traurigkeit.
- Ein wahrer Könner müßt ich sein im Leid
- Und wie ein Meister spielend.
- Leid war bei mir in aller Lebenszeit.
-
- Doch wenn ein karges Frohsein mir gelingt,
- Bin ich so stolz wie wer das Große zwingt,
- Stolz wie ein Kind,
- Das immerfort drei falsche Töne singt.
-
-
-
-
-Die Nähe
-
-
- Ich wage nicht Heimat zu sagen
- Zu Tälern, in die meine Einsamkeit
- Sich schmiegte, in ein Lieblingskleid,
- Zu Bächen, so vertraut meinen hellsten Tagen.
- Und wenn ich im Wald zu horchen begann,
- Hielt ich immer beschämt den Atem an.
-
- Ich bin nicht gut genug für all diese Nähe,
- Die so lieblich ist und sich selbst so treu.
- Die Berge waren längst, ich aber bin neu,
- Sie haben ihren Ort, ich aber gehe
- Und suche, weiß nicht einmal wen?
- Wie sicher die Bäume in ihren Räumen stehn!
-
-
-
-
-Vor dem Einschlafen
-
-
-(nach schönen Tagen)
-
- Bin wie voll von einem guten Schlafe,
- Weil die Tage schön gewesen sind.
- Und ich könnte beten wie das brave
- Kind, das abends sich auf Gott besinnt.
-
- Eine milde Lampe wollt ich haben,
- Die hell bleiben dürfte diese Nacht.
- Wollte mich in einem Bette laben,
- Mir von milder Hand zurecht gemacht.
-
- Alles wohlgetan, und ich entkleide
- Mit den Kleidern mich von aller Welt,
- Die mich jetzt mit keinem ihrer Eide
- Länger drückt und angebunden hält.
-
-
-
-
-In der Nacht
-
-
- Ich tauche aus dem Schlaf hervor.
- Wohin sich alles nur verlor?
-
- Und über mir ein Traum zerrinnt.
- Ich taste, wo die Welt beginnt.
-
- Da plötzlich weiß ichs wie ein Leid:
- Daß ich zurückblieb in der Zeit.
-
-
-
-
-Die Stadt
-
-
- Ein böses Werk betreiben diese Tage
- Und treibens hastig, ohne nur zu ruhn.
- All mein um Menschen Werben, das ich wage,
- Es endet wie gehässiges Tun.
-
- Und alles Herz, das mir die Menschen reichten,
- War übervoll mit Gift betaut.
- Ich nenne dich die Hölle der Verseuchten,
- Stadt ohne Seele aufgebaut.
-
- Könnt ich entlaufen! Einen Acker haben,
- Den nichts als Himmel überhängt.
- Und dort nach meinem Herzen graben,
- Das sich so tief hinabgesenkt.
-
-
-
-
-Pferderennen
-
-
- Still zieht mein Blick mit diesem Rudel Reiter
- In grüner Ferne: das geschlossen dicht,
- Wie spielend hinläuft, dort im Bogen weiter,
- Dann näher kreist, nun in die Nähe bricht.
-
- Da kommen sie, über den Mähnen liegend,
- Sich, Mann und Tier, hinwerfend durch die Zeit,
- Noch alle wollend, und noch keiner siegend --
- Und plötzlich weiß mein Herz die Schnelligkeit.
-
- Und jetzt: ein braunes mit befreitem Sprunge
- Durchdringt das Rudel -- ungehemmt davon!
- Es hat den Sieg im übersichern Schwunge
- Und trägt ihn weit vor allen schon.
-
- Das Rudel ist entwirrt -- ein Zweiter,
- Ein Dritter reißt sich vom verstrickten Feld.
- Im Fluge horcht zurück der erste Reiter,
- Der schon sein Tier mit leichten Händen hält.
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-Szene
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-(Sonntagabend in der Großstadt)
-
- Ein mächtiger Greis in glänzendem Zylinder
- Trat plötzlich vor die Leute, Weiber, Kinder.
- Betrunken baumelt er mit einem Stock,
- Dran hängt Marie in blütenweißem Rock,
- Die schlanke Himmelskönigin aus Flußpapier,
- Die Wänglein süß wie Milch und Blut auch hier.
- Die Leute lachen sehr: »Er kommt aus Mariazell,
- Dort weht es heilig und die Luft ist hell.
- Am Weg zum Altar stehn viel Schenken offen,
- Da hat der gute Alte sich besoffen.«
- Der Alte lächelt heimlich und verschwiegen,
- Hat er doch Berg und Täler überstiegen.
- Und immer neue dumme Neider kamen
- Und höhnten laut -- er aber sagte: Amen.
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-
-Einsam
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- Wenn der Tag zuende gebrannt ist,
- Ist es schwer nachhause zu gehn,
- Wo viermal die starre Wand ist
- Und die leeren Stühle stehn.
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- Besser ists, mit den Verirrten
- Laut vereint zum Weine finden.
- Elend läßt sich mit Gift bewirten,
- Und ein Blinder führt einen Blinden.
-
- Freundin, Verlorne, ich könnte dich bitten,
- Aber du wirst mich um Geld erhören.
- Und wir eilen mit ungleichen Schritten,
- Um uns tiefer noch zu zerstören.
-
- Wer hat den Mut, ohne Rausch, ohne Blende
- Durch die leeren Pausen zu gehn
- Und einsam der Tageswende
- In die erlöschenden Augen zu sehn!
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-Begegnung
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- Als nachts um eins ein leiser Regen fiel,
- Da traf ich in der Straße eine Kranke
- Hintaumelnd, eine irre Dulderin,
- Die, tastend nach dem letzten Ziel,
- Wie ein verlöschender Gedanke
- Schon in den Tod zu starren schien.
-
- Und wie gerufen trat ich ihr ganz nah,
- So daß ich jetzt ihr leeres Auge sah.
-
- Da mußt ich sie mit einem Worte grüßen
- Und sah sie schwanken auf den lahmen Füßen
- Und sah sie lächeln schwer und kalt.
- »Der Regen«, lallte sie, »wird sich beeilen,
- Ich aber habe noch zwei böse Meilen.«
- Wir nahmen Abschied ohne Aufenthalt.
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-
-Bauernpferde
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- Ich sehe oft die Bauernpferde,
- Die nachts durch die Straßen zum Markte gehn.
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- Wenn sie angelangt sind und wartend stehn
- Wie roh geformte Klumpen Erde,
- Da ruht das Dunkel so schwer auf ihnen.
- Aber wenn sie noch gehn und wandern,
- Ihre Wagen führen, eins nach dem andern,
- Sind sie so stark in ihrem Dienen.
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- Wie manches allein geht, sorglos, fest,
- Bedächtig ziehend an den Strängen,
- Und seinen Kutscher schlafen läßt,
- Während die Zügel unnütz hängen;
- Und treulich ausmißt jeden Meter
- Seines Wegs und auf der Hut ist,
- Wie ein breiter Mann, der rauh und gut ist,
- Und Xaver heißt oder Franz oder Peter.
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-
-Die Schlafende
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- Wenn ich ins Zimmer der Schwester gehe,
- Oft, in mancher ruhigen Nacht,
- Horchend an ihrem Bette stehe,
- Leise, damit sie nicht erwacht,
-
- Mich beuge über das Gottvertrauen
- Ihres beschatteten Gesichts:
- Dann fühle ich mit schwerem Grauen
- Im Dunkel warten den Tod, das Nichts.
-
- Ihres Ruhens liebe Gelassenheit
- Gleicht dem noch kindlichen Spiel ihrer Seele,
- Aber ich weiß, daß die Verlassenheit
- Sie bald bedrohen wird an der Kehle.
-
- Mich beugend über ihr Weltvertrauen,
- Lauschend sanftem Atemzug,
- Fühl ich mit immer tieferem Grauen:
- Wie wird sie verwinden den großen Betrug,
-
- Die schweren, die leeren, die zehrenden Stunden,
- Ohnmacht, Ekel, Sinnlosigkeit
- Und Verrat -- die heillosen Wunden,
- Geschlagen vom schweren Schwert der Zeit.
-
- Und daß sie Weib ist, ihrer Schwachheit
- Lebensbürde und Liebesnot?
- Wie ist ihr Schlummer von aller Wachheit
- Unrettbaren Gefahren bedroht!
-
- Da bin ich versucht, sie aufzuschrecken,
- Brutal, ob sie auch hart erwacht,
- Ich möchte selbst sie grausam wecken
- Und mit ihr wachen den Rest der Nacht.
-
-
-
-
-Der Selbstmord
-
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- Das Gäßchen bog sich jäh und endete.
- Ein Widerschein, der plötzlich blendete:
- Das Meer an meine Schritte grenzte,
- Das hier getrübte, dort beglänzte.
- Wie ein ganz tiefer Atemzug
- Hob es sich hin und kannte kein Genug --
- Muß einen Schritt nur weitergehn:
- Da nimmt es mich so, wie ich bin,
- Öffnet sich still und nimmt mich hin,
- Zieht mich hinein in die Gezeiten,
- Mischt mich erledigend in sein Vergleiten,
- Wie eine mütterlichste Mutter, die ihr Kind
- Zurück ins Nichts, ins All gewinnt.
-
-
-
-
-Ein Kuß
-
-
- Eine Hure, die zur Nacht ich fand,
- Beugte sich herab zu meiner Hand,
- Als ich durch die leere Straße ging,
- Eine Hure, die sich an mich hing,
- Nahm die Hand, die ihr nicht geben wollte
- Und sie wegstieß und ihr grollte,
- Beugte plötzlich sich, das arme Tier,
- Hat geküßt die Hand im Handschuh mir.
- Nicht um zu besänftigen meinen Willen,
- Nein, die sonderbarste Gier zu stillen.
- Nicht mehr bettelnd, schon hinweggewandt,
- Schon entlaufend meiner fremden Hand.
-
- Und da fühlte ichs wie einen Stich
- In der tiefen Brust -- das war nicht ich,
- Den sie küßte, irrend und verwaist,
- Nicht das Ich, das einen Namen heißt,
- Sondern sie, die Namenlose, mich,
- Einen Namenlosen, der jetzt glich
- Allen Männern, die sie quälten,
- Arme Seele küßte den Beseelten,
- Küßte ungelohnt und ungestillt --
- Menschenkind küßt Gottes Ebenbild.
-
- O, nie war ein Kuß wie dieser Kuß,
- Den ich allen weitergeben muß.
-
-
-
-
-Der Morgen
-
-
- Ich hing am Kreuz der Nacht und stöhnte schwer,
- Mein Herz war matt und hoffnungsleer
- Und Stirn und Gaumen ausgebrannt.
-
- Da legt der Morgen seine Hand
- Kühl, blaß und scheu
- Mir über die versengte Stirn,
- Und wie das Dunkel schwindet vom Gehirn,
- Atme ich neu --
-
- Und trinke weißes Licht und weiße Gnade
- Und sinke losgelöst und sanft befreit
- Auf das sich klärende Gestade,
- Zu neuem Tage neu bereit.
-
-
-
-
-Der Heller
-
-
- Geld ist Staub in meiner Hand,
- Den ich unbedacht vergeude.
- Aber groß war meine Freude,
- Als ich einen Heller fand.
-
- Hatte alles ausgegeben,
- Hunger mir am Marke fraß,
- Und ich sah entnervt in das
- Mitleidlose Großstadtleben.
-
- Alle Taschen gut verschlossen,
- Alle Seelen zugeknöpft.
- Ich begriff, daß man geköpft
- Werden kann um einen Groschen.
-
- Ich begriff, daß sich ein toller
- Kerl an wem vergreifen kann.
- Dieser Ohnmacht Wut und Bann --
- Nichts auf Erden grauenvoller!
-
- O, wie muß der Arme hassen!
- Fenster, die den geilen Duft
- Dich Lebendigen in der Gruft
- Wie zum Hohne ahnen lassen.
-
- Lächelnde, kokette Frauen
- Zeigen an dem Straßenkleid
- Alle üppige Kostbarkeit,
- Während dir die Sinne flauen.
-
- Unbekümmert rollen Wagen,
- Ohne dich zu kennen, hin,
- Die zum Schmaus, zur Buhlerin
- Oder ins Theater tragen.
-
- Ich blieb stehn und ich lief schneller,
- Starrte an und blickte weg.
- Plötzlich lag vor mir im Dreck
- Ein verlorner alter Heller.
-
- Und mir wars, als ich mich bückte,
- Wie ein Gruß des neuen Tags.
- Und mein Herz ging bessern Schlags,
- Als ich in der Hand ihn drückte.
-
- Diesen Heller, der mir lachte,
- Wertlos zwar, und doch ganz mein,
- Ein Geschenk, das mir der Stein
- Wie in lieber Absicht brachte.
-
- Wie um mir die Nichtigkeit
- Und des Zufalls Wurf zu zeigen.
- Mensch, sei frech, mach dir zu eigen!
- Dieser Griff hat mich befreit.
-
-
-
-
-Die Heimkehrende
-
-
- Alida, sagt ich ihr, ich habe dich
- Sogleich erkannt -- wo hast du nur gezaudert
- Die viele Zeit? -- Nun aber labe dich,
- Hier Wein! Kühl deinen Mund, bevor er plaudert.
-
- Wo irren deine Augen? Nimm das Haar
- Fort aus der Stirn! -- Nein, keine Frage!
- Verjage endlich diese Schar
- Mir fremder Tage!
-
- Erwache mir! -- Sei da!
- Die ruhelosen Hände,
- Vielleicht vergäßen sie, was ohne mich geschah,
- Wenn erst mein Frieden zu dir fände.
-
-
-
-
-Verfinsterung
-
-
- Und während dieser Nordwind blies
- Und unsre Stadt zum Norden machte,
- Die letzte Sonne uns verließ
- Und jeder Wunsch zu sterben dachte,
-
- Und viel zu früh die Nacht begann,
- Sehr anders als die andern Nächte,
- Wie eine Nacht, die dauern kann,
- Solange wer zu warten dächte,
-
- Da stand ich auf dem alten Platz
- Und sah die alte Kirche dauern
- Und geizig Zeit wie einen Schatz
- Anhäufen hinter ihren Mauern,
-
- Und sah in dieser alten Stadt
- Die Leute, die mir Greise schienen,
- (Wie jedes Antlitz Falten hat,
- Erstarrtes Nein in seinen Mienen,)
-
- Und fühlte mich hier stehn und stehn
- Und wurzeln wie der Dom, der graue,
- Und konnte gar nicht mehr verstehn,
- Daß wer noch neue Häuser baue.
-
- Ob nicht die junge Frau, auf die
- Ich warten wollte, wann nur? Heute?
- Selbst alt geworden war und nie
- Ein Weib mehr einen Mann erfreute!
-
- Wie ist das sinnlos, hier zu stehn,
- Als ob die Zeit ein Ende nähme,
- Und zu erwarten irgendwen,
- Zu glauben, daß er wirklich käme.
-
-
-
-
-Spaziergang in der Nacht
-
-
- Kühle, klare Nacht!
- Welch ein kühnes Schreiten
- Ist in mir erwacht --
- Führt aus engen Zeiten
- Hoch mich in die weiten
- Aufgeschlossnen Räume dieser Nacht.
-
- Daß ich heimlos bin,
- Was ich sonst beklage,
- Was ich her und hin
- Durch die niedern Tage
- Keuchend, schleppend trage --
- Heute fühl ich es mit neuem Sinn.
-
- Wie der Schritt erfreut,
- Wie ein Landweg! Wiesen
- Sind die Plätze heut,
- Und man geht in diesen
- Straßen wie auf Kiesen,
- Wie in Gärten, die der Mond betreut.
-
- Löst sich nicht auch hier
- Manche reine Quelle?
- Offen liegt vor mir
- All die fremde Schwelle.
- Ist nicht ringsum helle
- Heimat und befreundetes Revier!
-
-
-
-
-Die Unerbittlichkeit
-
-
- Als ich die Unerbittlichkeit verstand,
- Ward mir das Blut wie Blei, wie aus Ton mein Fuß
- Und ohne Muskel lahmte meine Hand,
- Schweiß auf der Stirn, des Todes kalter Gruß.
-
- Und das Herz selbst tat so erbärmlich weh
- Vor lauter Gottverlassenheit.
- Da sagte ich zu mir: »Mensch! Jetzt gesteh!
- Jetzt wärest du zu jedem Schluß bereit.«
-
- Jetzt, wo ich sanft in meinem Elend bin,
- Weil aller Trotz wie Hauch in Lüften schwand,
- Jetzt werft mich zu den Pestverseuchten hin
- Und laßt allein verwelken diese Hand.
-
-
-
-
-Einem edlen Jüngling
-
-
- Du wirst wie wir alle am Zügel
- Gängig werden,
- Im Zotteltrab, ohne Flügel,
- Gehn mit den Herden.
-
- Du wirst mit dir verkehren
- Karg und gewöhnlich,
- Und ohne prinzliche Ehren,
- Weltversöhnlich.
-
- Du wirst deine Tage tragen
- Ganz wie wir alle,
- Mit Arbeit, mit Behagen,
- Mit Herz und Galle.
-
- Du wirst dich ärgern lernen
- Und dich bescheiden,
- Unter geduldigen Sternen
- Menschlicher leiden.
-
-
-
-
-Liebe
-
-
- Dunkle Erdenwege, die der lichten,
- Leichten Gefühle Schatten sind!
- Liebe als Licht aus der Sonne rinnt
- Und verfängt sich an kalten, dichten
-
- Menschenleibern und Menschenseelen,
- Und umwirbt sie, verklärt sie, vergöttert sie,
- Und verdirbt sie, zerstört sie, zerschmettert sie --
- Menschen, die sich küssen, sich quälen.
-
-
-
-
-Die Spielende
-
-
- Spiele nur, spiele nur weiter, ich will dich nicht stören,
- Ich halte den Atem an und schau dir zu,
- Spiele nur, Sorglose du,
- Ich will mich nicht empören,
- Wenn plötzlich mein Leben in deiner Hand
- Ein wenig zu sterben beginnt -- ich halte Stand,
- Ich Spielzeug --
-
- Weiß ich auch mit meinem kalten, ohnmächtigen Wissen,
- Daß dich das Spiel kaum freut, ja langweilt sogar,
- Und fühl ich auch, wie so tief! Angst und Gefahr:
- Es werde dir nicht entrissen,
- Was du mit leichter Sicherheit dir gewonnen hast, Kind,
- Wie grausam auch deine Finger sind,
- Spiele --
-
- Denn du lächelst, Sorglose, aus dir lächelt ein Schimmer
- Des lieben, so unwirklichen, blinden
- Lebens, das ich nicht finden,
- Nicht sein, nicht haben kann -- was auch immer
- Jetzt in mir stirbt und sei es noch so reich,
- Ich halte den Atem an und fühle bleich,
- Daß du schön bist --
-
-
-
-
-Ein Brief
-
-
- Geliebter, deine Kühle
- Weht aus der Ferne her.
- Geliebter, und ich fühle,
- Du liebst nicht mehr.
-
- Geliebter, und die Züge
- Deines Angesichts
- Zerfließen, eine Lüge,
- In ein Nichts.
-
- Und ob ich mich auch quäle,
- Ich weiß deinen Mund nicht mehr.
- Geliebter, meine Seele
- Wird wieder leer.
-
-
-
-
-Abschied
-
-
- Abschied ist Tod. Das weiß ein jedes Kind
- Und läßt die Mutter aus dem Haus nicht fort.
- Jemand reist ab. Mein Herz fühlt Meuchelmord.
- So viele weiche Wärme mir entrinnt,
-
- Daß ich wie ein Verblutender verbleiche.
- Mir ist sehr kalt, ich friere tief -- adieu!
- Und alles Bleibende tut grausam weh,
- Wie aufgerissene, verletzte Herzensweiche.
-
- Soll ich nachhause gehen, die Papiere
- Am Schreibtisch ordnen, einen Stundenplan
- Entwerfen, weitertun, mein Ziel bejahn?
- Und überwinden, daß ich dich verliere?
-
-
-
-
-Auch du
-
-
- Auch du bist schon geprüft, auch dir ist eingegraben
- Die Rune Welt, die wirre Hieroglyphe.
- Du hast gelitten bis zur Tiefe,
- Gekostet von den Honigwaben.
-
- Du hast besessen und du warst zu eigen,
- Geküßt hast du das Band, dich freigequält.
- Du kennst die Schuld, die aus der Rinde schält,
- Das süß und bittre Wort, die Kunst zu schweigen.
-
- Das alles war, wie mir, auch dir beschieden.
- Jetzt aber sind wir beide neu gewandet,
- Gestrandet und an seliger Bucht gelandet --
- Und es ist wieder schön hienieden!
-
-
-
-
-Schnee
-
-
- Schnee war gestern plötzlich da -- auf allen
- Trüben Straßen, hell wie Unschuld, weiß,
- Weich und wärmend, aus der Luft gefallen.
- Und wir gingen -- enger ward der Kreis,
-
- Der uns heimlich aneinanderhält --
- Mit gedämpftem Schritt, gedämpfter Seele,
- Unverhofftes Lachen in der Kehle,
- Durch des Schneefalls kindlich neue Welt.
-
- Wir, die jetzt so ernste Frage quält,
- Wurden schmiegsam, atemleicht, gelinder,
- Lachten furchtlos, schneefroh, beinah Kinder --
- O wie hat die kleine Freude uns gefehlt!
-
-
-
-
-Bitte an die Geliebte
-
-
- Laß uns wissend sein! Wir haben gelernt,
- Was Menschen nähert, was entfernt.
- Wir sind gealtert am Lächeln-Müssen,
- Gestorben an erzwungenen Küssen.
-
- Wieder auferstanden an befreiten
- Heißen Unwillkürlichkeiten.
- Gesundet an einem Atemzug,
- Der ungehemmt hinübertrug.
-
- Laß uns Horcher sein auf das Sich-Regen
- Im dunklen Du! Nur nicht entgegen
- Dem Eigensinn der Einsamkeiten!
- Nur mit dem Kind in uns nicht streiten!
-
-
-
-
-Ihr Freunde
-
-
- Ihr Freunde, große Liebe
- War euch von mir geweiht.
- Ich ward zum Diebe
- An eurer Freundlichkeit.
-
- Mein Herz in Händen bringend,
- Ein maßloses Geschenk,
- So kam ich Freundschaft zwingend.
- Was wart ihr eng!
-
- Euch wie die Mörder hassen
- Lehrtet ihr mich zum Dank,
- Vergiftet und verlassen,
- Nach Sanftmut krank.
-
- Mit allem meinem Gute
- Warft ihr dem Weib mich zu.
- An der ich blüh und blute,
- Sei gnädig du!
-
-
-
-
-Unschuld
-
-
- O die Unschuld des Genusses,
- Wenn ich dich genieße,
- Nimmermüde deines Kusses
- Und der Atemsüße.
-
- Jede Nacht bringt neue Spiele,
- Spielglück ohne Ende.
- Unsre Lippen wissen viele
- Und die guten Hände.
-
- Immer zarter, immer schöner,
- Seit uns Lust verschönte.
- Ich dein glücklicher Verwöhner,
- Glücklich die Verwöhnte.
-
-
-
-
-Die Insel
-
-
- Sprich nicht von dieser Insel, wo wir uns trafen
- In unsern Nächten.
- Das Blut rauscht rings um sie.
- Und keine Zeit geschah, Uranfang, Ende.
- Was wir sonst sind, vergessen und verscheucht.
- Nur diese Spiele, grausam wie Dämonen,
- Marter nach einem Glück, das anders
- Beseligt als das Brot, der Trunk,
- Die sonst die Lippen sättigen.
- Nein, ungesättigt
- Tobten wir,
- Bis schwer die Wimpern und die Lider schwer,
- Das Haupt ermattet, sinkend, abgebrochne Blüte,
- Der Tod kalt an die Stirnen tastend,
- Das Innre ausgehöhlt, ein leeres Haus
- Mit ausgehobnen Fenstern, ohne Dach.
- Oh, das Korallenrot der Lippen
- War mit rötrem Rot betaut
- Von unsrer Zähne Mordgier.
- Heilandsmale
- Auf diesen kühlen Händen, die gefiebert
- Im Suchen nach Entspannung, die nicht kam.
- Nein, Ekel kam, der Würger,
- Vom goldenen Tor der Lust uns scheuchend,
- Daß wir wie Schatten flohn.
- In unsern Adern
- Ebbte die Lust zurück, zum dunklen Schacht.
- Und nur ein Duft von ihr
- Blieb dem Verschmachten.
- Wie Irre hatten wir am harten Schloß gerüttelt,
- Die Gnade aufzusprengen.
- Aber nun, mit entnervten Knien,
- Müd wie Gerichtete,
- Schlichen wir einen bangen Weg zurück.
-
- Und doch, du Köstliche, war nichts als Zärtlichkeit
- In meinem grausam Sein.
- Doch kniete ich huldigend
- Den Marterberg empor,
- Um nur den heißen süßen Hauch
- Zu pflücken, wenn die Lippe dir erblaßt.
- Um dir im Weh
- Die bebende Melodik zu entlocken.
- Um deinem Unbewußtsein nah zu sein,
- Als könnt ich fast bis an den Tod gelangen,
- Wo wir ganz nah sind.
- Und doch war mir, du Köstliche,
- Daß wir die Lust, Verschmachtende, verschmähten,
- Ein bessres noch als Glück, ein tieferes
- An-Wurzeln-Zerren, sie zu lockern, du!
- Mir sind sie heilig
- Diese Feste
- Der Qual --
- Wenn wir auch fürchterlich erwachen.
- Sprich nie von dieser Insel,
- Die nur wir,
- Nur wenn wir Dämon sind, in uns betreten,
- Das Blut rauscht rings um sie.
- Was wir dort leben,
- Hat keinerlei Bezug mit andrem Leben,
- Nicht einmal unser Denken rühre dran
- Und kein Erinnern.
- Kein Name,
- Der sonst gebraucht wird,
- Wage sie zu nennen,
- Kein kleines und kein großes Wort.
- Nur Reue
- Ist tief genug, hinabzutauchen,
- Nur Angst so mächtig, um sie zu entdecken.
- Sie, die verschollen ist,
- Die dunkel-schöne,
- Vom Blut geborgene.
- Bis wieder wir,
- Ganz unvermutet
- Vom Dämon hingetragen,
- An ihr Ufer stranden.
- Du, Köstliche,
- Erst dann schön wie ein Gift,
- Und ich, der Trinker,
- Giftbereit.
-
-
-
-
-Für die Nacht
-
-
- Gebet für dich: daß deine Wange
- Sich möge weich ins Kissen schmiegen,
- Und durch die bange Nacht, die lange,
- Dein Atem sanft dich wiegen, wiegen.
-
- Es halte dich dein warmes Leben
- In seine milde Kraft verschlossen.
- Erwachst du, seis, als ob du eben
- Im Traum das Seligste genossen.
-
- Und wieder wirst du dann die Wange
- Dort, wo sie lag, ins Kissen schmiegen.
- Und wieder mag dein Atem lange
- Dich flüsternd wiegen, wiegen, wiegen.
-
-
-
-
-Der Berg
-
-
- Wir gingen, meine zarte Frau und ich,
- Den sichern Weg der großen Serpentine,
- Die frech an dem gewaltigen Berg sich hochschwingt,
- Mit seiner fürchterlichen Schichtung spielend.
-
- Vorbei an greisen Felsenköpfen,
- Gepreßten Klötzen, bösen Zacken
- Und grimmigen Kronen.
-
- Wo Wasser, Stein-Blut, aussickert,
- Eisiges Blut.
- Wo jeder Samen lautlos seufzend umkommt.
-
- Wo hoch über allen Sommern
- Schnee sich anhäuft,
- Zu hell für Augen, die ans Tal gewöhnt sind
- Und an die vielen Farben alle.
- Schneeflug auf Schneeflug, Schneekorn dicht an Schneekorn.
-
- Wo ein Schweigen tönt,
- All unsere Musik, die hurtig plaudernde,
- Mit frierender Monotonie belächelnd --
- Als wäre ein Jahrtausend hier ein Takt.
-
- Und wir auf unsrer sichern Serpentine,
- »Spürst du es,« sagte ich,
- »Wie nahe wir jetzt einem _Großen_ sind!«
- Die Frau lächelte
- Zum Berge hin.
-
- Da nahm der Berg mit einem wüsten Griff
- Mir meine zarte Frau,
- Riß sie mir weg und schwang sie, schwang sie,
- Hoch, höher, hoch beim höchsten Schnee --
- Und wollte sie fallen lassen,
- Sie über Steine tanzen lassen, stürzen lassen
- Rasenden Wurfs in eine Todesschlucht kopfunter.
-
- Ganz leise schrie sie: »Ach!«,
- Ganz ohne Kraft.
-
- Und ich, wahnsinnig,
- Umschlang sie jetzt mit beiden Armen,
- Allen Wunsch
- In meine beiden Arme pressend.
-
- Und küßte der Ohnmächtigen, der Geretteten,
- Den Tropfen Blut weg, der an ihrer Nüster stand.
-
-
-
-
-Gloria
-
-
- O süßes Leben, du bist mein!
- In deinem reinsten Licht zu sein,
- Ihr Blut die Helden gaben,
- Die sich geopfert haben.
-
- Es starb für dich der treue Christ,
- Dir jedes Lied erklungen ist.
- Soll ich nicht hoffen, glauben?
- Kein Schicksal wird mirs rauben.
-
- Wohl war ich in der Mutter Lust,
- Um ihren Schmerz hab ich gewußt.
- Vom Lieben und vom Leiden
- Mag ich mich nimmer scheiden.
-
- Gegeben in die ewige Huld,
- Gebunden durch die ewige Schuld,
- Den ewigen Tod zu Füßen:
- Will ich mein Leben grüßen.
-
-
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
-Widmung 5
-Der Ort 6
-Der kranke Knabe 8
-Der Gut-Wetter-Wind 9
-Schulstunde 10
-Vanitas 11
-Heilige Gruppe 12
-Der schlafende Knabe 13
-Gebet 14
-Vorfrühling 16
-Einsiedler 17
-Die Freude 18
-Die Nähe 19
-Vor dem Einschlafen 20
-In der Nacht 21
-Die Stadt 22
-Pferderennen 23
-Szene 24
-Einsam 25
-Begegnung 26
-Bauernpferde 27
-Die Schlafende 28
-Der Selbstmord 30
-Ein Kuß 31
-Der Morgen 32
-Der Heller 33
-Die Heimkehrende 35
-Verfinsterung 36
-Spaziergang in der Nacht 38
-Die Unerbittlichkeit 39
-Einem edlen Jüngling 40
-Liebe 41
-Die Spielende 42
-Ein Brief 43
-Abschied 44
-Auch du 45
-Schnee 46
-Bitte an die Geliebte 47
-Ihr Freunde 48
-Unschuld 49
-Die Insel 50
-Für die Nacht 53
-Der Berg 54
-Gloria 56
-
-
-
-
-KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
-(FRÜHER ERNST ROWOHLT VERLAG)
-
-
-WALTER HASENCLEVER
-
-DER JÜNGLING
-
-Geheftet Mark 2.50 Gebunden Mark 3.50
-
-_Richard Dehmel:_ Nehmen Sie meinen besten Glückwunsch zu Ihrem Buch. Was
-mich vor allem fesselte, ist die Lebenskunst, die aus Ihrer Dichtkunst
-spricht. Gerade heute entstehen wenig Bücher, die in hohem Sinne
-epikureisch sind. Ich glaube, Ihr »Jüngling« kann auch reifen Männern eine
-lächelnde Anleitung geben, das Schicksal als eine Angelegenheit geistigen
-Genusses aufzufassen; ich wünsche Ihnen solche männliche Leser!
-
-_Deutsche Montagszeitung:_ Eine neue Gesellschaftsdichtung im Sinne
-Beethoven-Schillers und der IX. Symphonie.
-
-
-FRANZ WERFEL
-
-WIR SIND
-
-NEUE GEDICHTE
-
-Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf schwerem
-Japanbütten in Ganzlederbd. M 35.--
-
-Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50
-
-Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen
-Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Fülle der
-Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird hier gesteigert
-zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen will seine
-Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl aller Menschheit
-näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie die Psalmen des Alten
-Testaments; sein Werk hat die Stärke und Verkündigung eines neuen Ethos.
-
-URTEILE ÜBER FRANZ WERFEL:
-
-_Wilhelm Herzog_ im »Berliner Tageblatt«: ». . . ein ganz junger, ganz
-großer Dichter. Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«
-
-_Frankfurter Zeitung:_ ». . . ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste sei
-das gesagt.«
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Spur, by Berthold Viertel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SPUR ***
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
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-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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-Foundation
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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Binary files differ
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@@ -2,7 +2,7 @@
"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
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<title>The Project Gutenberg eBook of Die Spur, by Berthold Viertel</title>
<!-- TITLE="Die Spur" -->
<!-- AUTHOR="Berthold Viertel" -->
@@ -111,41 +111,7 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; }
</head>
<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Spur, by Berthold Viertel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Die Spur
-
-Author: Berthold Viertel
-
-Release Date: July 23, 2012 [EBook #40304]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SPUR ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40304 ***</div>
<div class="centerpic">
<img src="images/cover.jpg" alt="" />
@@ -165,7 +131,7 @@ Produced by Jens Sadowski
<p class="center" style="page-break-before:always; line-height:1.5em; font-size:0.8em; margin-top:5em; margin-bottom:5em;">
Dies Buch wurde gedruckt<br />
im Oktober 1913 als dreizehnter<br />
-Band der Bücherei &bdquo;Der jüngste Tag&ldquo; bei <br />
+Band der Bücherei &bdquo;Der jüngste Tag&ldquo; bei <br />
Poeschel &amp; Trepte in Leipzig
</p>
@@ -187,29 +153,29 @@ Widmung</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Nachts gestern von dir heimgegangen.</p>
<p class="line">Wie Schnee ists unterm Mond gelegen.</p>
-<p class="line">Da fühlt ich wiederum den Segen</p>
-<p class="line">Der weißen Nacht mit heißen Wangen.</p>
+<p class="line">Da fühlt ich wiederum den Segen</p>
+<p class="line">Der weißen Nacht mit heißen Wangen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Das tief Vertraute hat gesprochen,</p>
<p class="line">Es lindert sich die starre Kehle.</p>
<p class="line">Da war mit einemmal der Seele</p>
-<p class="line">Der arg verjährte Star gestochen.</p>
+<p class="line">Der arg verjährte Star gestochen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">O Gott, wie ists? Darf ich denn wieder</p>
-<p class="line">Mein längst verbotnes Herz auskramen?</p>
+<p class="line">Mein längst verbotnes Herz auskramen?</p>
<p class="line">Du Freundliche, in deinem Namen!</p>
-<p class="line">Ich lege Wehr und Würde nieder.</p>
+<p class="line">Ich lege Wehr und Würde nieder.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Darf ich die keusche Kindersage</p>
-<p class="line">In dein geneigtes Ohr dir flüstern?</p>
-<p class="line">Ich rette Gold aus dem Verdüstern.</p>
-<p class="line">Da nimm die Lilien früher Tage!
+<p class="line">In dein geneigtes Ohr dir flüstern?</p>
+<p class="line">Ich rette Gold aus dem Verdüstern.</p>
+<p class="line">Da nimm die Lilien früher Tage!
</p>
</div>
@@ -227,20 +193,20 @@ Der Ort</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Die Wiese hielt mich eingefaßt,</p>
+<p class="line">Die Wiese hielt mich eingefaßt,</p>
<p class="line">Sie, Eiland, Wiese, Wiege, Rast,</p>
<p class="line">Wie ruhig schlug mein Blut.</p>
-<p class="line">Auch nicht in meiner Mutter Schoß</p>
-<p class="line">Hab ich so groß, so grenzenlos,</p>
-<p class="line">So ungekränkt geruht.</p>
+<p class="line">Auch nicht in meiner Mutter Schoß</p>
+<p class="line">Hab ich so groß, so grenzenlos,</p>
+<p class="line">So ungekränkt geruht.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Der Himmel flog, ein blauer Rauch,</p>
<p class="line">Von Licht durchatmet, jeder Strauch</p>
<p class="line">Vom Atem eingewiegt,</p>
-<p class="line">Der schön und selig, ein Gefühl,</p>
-<p class="line">Leicht wie ein Spiel, wie Höhe kühl</p>
+<p class="line">Der schön und selig, ein Gefühl,</p>
+<p class="line">Leicht wie ein Spiel, wie Höhe kühl</p>
<p class="line">Zu Gottes Gipfel stieg.</p>
</div>
@@ -250,17 +216,17 @@ Der Ort</h2>
<p class="line">Und freute mich darin.</p>
<p class="line">Ich, Himmel, Sonne hingen wir</p>
<p class="line">Und flogen wir und gingen wir</p>
-<p class="line">Herüber und dahin.
+<p class="line">Herüber und dahin.
</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">
<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Man muß nicht Wege suchen, sie</p>
-<p class="line">Verführen und sie führen nie</p>
-<p class="line">Zu dem entzückten Ort.</p>
-<p class="line">Ich weiß, ich war &mdash; und weiß jetzt kaum,</p>
+Man muß nicht Wege suchen, sie</p>
+<p class="line">Verführen und sie führen nie</p>
+<p class="line">Zu dem entzückten Ort.</p>
+<p class="line">Ich weiß, ich war &mdash; und weiß jetzt kaum,</p>
<p class="line">Ob Kindheitswunsch, ob Fiebertraum &mdash;</p>
<p class="line">Einmal geladen dort.
</p>
@@ -279,14 +245,14 @@ Der kranke Knabe</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Ich mag dich nicht, Mutter,</p>
-<p class="line">Weil du nichts weißt,</p>
+<p class="line">Weil du nichts weißt,</p>
<p class="line">Nicht wegstreicheln kannst,</p>
-<p class="line">Was den Kopf mir zerreißt.</p>
+<p class="line">Was den Kopf mir zerreißt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Nicht wegnehmen kannst</p>
-<p class="line">Mit der großen Hand</p>
+<p class="line">Mit der großen Hand</p>
<p class="line">Von der Stirn das Feuer &mdash;</p>
<p class="line">Sie ist innen verbrannt!</p>
</div>
@@ -305,27 +271,27 @@ Der Gut-Wetter-Wind</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Der Gut-Wetter-Wind hat manches zu tun,</p>
-<p class="line">Was er lieben müßte, wenn ers verstünde.</p>
+<p class="line">Was er lieben müßte, wenn ers verstünde.</p>
<p class="line">Er jagt vielleicht nur, um dann zu ruhn,</p>
<p class="line">Aber dennoch hilft er so manchem Kinde.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Farbige Schleifen hat er zu drehn</p>
-<p class="line">Um Holzstäbe, welche die Kinder halten.</p>
+<p class="line">Um Holzstäbe, welche die Kinder halten.</p>
<p class="line">Kein braver Wind sollte weiter wehn,</p>
<p class="line">Ohne gern dieses bunten Amtes zu walten.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Papierdrachen aber müssen den Wind</p>
-<p class="line">Überlisten, bekämpfen &mdash; Triumph des Schwebens!</p>
+<p class="line">Papierdrachen aber müssen den Wind</p>
+<p class="line">Überlisten, bekämpfen &mdash; Triumph des Schwebens!</p>
<p class="line">Da freilich erleidet so manches Kind</p>
<p class="line">Die Niederlage himmlischen Strebens.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Ob das auch kümmert jeden Wind?</p>
+<p class="line">Ob das auch kümmert jeden Wind?</p>
<p class="line">Er weht vielleicht nur, um Wellen zu machen,</p>
<p class="line">Um Wolken zu treiben, welche sind</p>
<p class="line">Sein Spiel, sein Sport, sein Triumph, seine Drachen.
@@ -339,7 +305,7 @@ Schulstunde</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Wenn so an einem Wintermorgen</p>
<p class="line">Im Schulzimmer die Lampen brannten,</p>
-<p class="line">Die Seele dämmerte geborgen,</p>
+<p class="line">Die Seele dämmerte geborgen,</p>
<p class="line">Das Lineal legte Sekanten</p>
</div>
@@ -347,25 +313,25 @@ Schulstunde</h2>
<p class="line">Durch meines Zirkels gute Kreise,</p>
<p class="line">Und man bewies etwas an ihnen,</p>
<p class="line">Der Herr Professor schien sehr weise,</p>
-<p class="line">Die Schüler machten brave Mienen:</p>
+<p class="line">Die Schüler machten brave Mienen:</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Dann war es so weltabgewandt,</p>
<p class="line">Das Paradies des Objektiven.</p>
-<p class="line">Sogar der Lehrer saß gebannt,</p>
-<p class="line">Vielleicht, daß auch die Bücher schliefen.</p>
+<p class="line">Sogar der Lehrer saß gebannt,</p>
+<p class="line">Vielleicht, daß auch die Bücher schliefen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Das war ein freies Nichtstun &mdash; wie</p>
<p class="line">Ewig dem Katalog entronnen.</p>
<p class="line">Der Lampen milde Apathie</p>
-<p class="line">Nährte der Faulheit süße Wonnen,</p>
+<p class="line">Nährte der Faulheit süße Wonnen,</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Indes die Träume, die sonst gerne</p>
+<p class="line">Indes die Träume, die sonst gerne</p>
<p class="line">Schmerzhaft im Herzen suchen gingen,</p>
<p class="line">Jetzt schwach nur brausend, wie von ferne,</p>
<p class="line">Verschmolzen mit der Lampen Singen.
@@ -386,22 +352,22 @@ Vanitas</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Nachts schrie ich nach dem Traum,</p>
<p class="line">In wacher Not verloren,</p>
-<p class="line">Im wüstenweiten Raum.</p>
+<p class="line">Im wüstenweiten Raum.</p>
<p class="line">Und jede Stunde totgeboren!</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Ich biß ins Bett, die Finsternis</p>
-<p class="line">Mit Fäusten schlagend,</p>
-<p class="line">Tobender Neuling &mdash; ich zerriß</p>
+<p class="line">Ich biß ins Bett, die Finsternis</p>
+<p class="line">Mit Fäusten schlagend,</p>
+<p class="line">Tobender Neuling &mdash; ich zerriß</p>
<p class="line">Mein Knabenhemd, nach Leben, Leben klagend.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wer hat uns Leben aufgedrungen,</p>
<p class="line">Es ewig zu begehren?</p>
-<p class="line">Wenn nur nicht diese Dämmerungen,</p>
-<p class="line">Die hoffnungslosen Morgenröten wären!
+<p class="line">Wenn nur nicht diese Dämmerungen,</p>
+<p class="line">Die hoffnungslosen Morgenröten wären!
</p>
</div>
@@ -410,7 +376,7 @@ Vanitas</h2>
Heilige Gruppe</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Der Gärtner, der den Graukopf zu den Beeten neigt &mdash;</p>
+<p class="line">Der Gärtner, der den Graukopf zu den Beeten neigt &mdash;</p>
<p class="line">Wie sanft kann seine harte Hand betreuen &mdash;,</p>
<p class="line">Das Enkelkind, das blonde Locken neigt,</p>
<p class="line">Und knabenhaft bestrebt ist, Sand zu streuen.</p>
@@ -419,15 +385,15 @@ Heilige Gruppe</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Beide versunken in ein schlichtes Dienen,</p>
<p class="line">Beide vor Eifer fromm und zag,</p>
-<p class="line">Indes ein schöner Wochentag</p>
-<p class="line">Verklärend spielt auf ihren Mienen.</p>
+<p class="line">Indes ein schöner Wochentag</p>
+<p class="line">Verklärend spielt auf ihren Mienen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Seit jener Eine wuchs aus solchem Kreis,</p>
<p class="line">Kann jeder blonde Knabe Wunder sein.</p>
<p class="line">Bei hellem Tag zittert ein Heiligenschein</p>
-<p class="line">Über dem Kind und seinem Gärtnerfleiß.
+<p class="line">Über dem Kind und seinem Gärtnerfleiß.
</p>
</div>
@@ -436,17 +402,17 @@ Heilige Gruppe</h2>
Der schlafende Knabe</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Mein jüngerer Bruder, du schläfst,</p>
-<p class="line">Du träumst.</p>
+<p class="line">Mein jüngerer Bruder, du schläfst,</p>
+<p class="line">Du träumst.</p>
<p class="line">Leis halt ich deine Hand</p>
-<p class="line">Und sinne deinen träumenden Wünschen nach.</p>
+<p class="line">Und sinne deinen träumenden Wünschen nach.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Du Ungeduldiger!</p>
-<p class="line">Hast du noch nie ein Roß gedemütigt?</p>
+<p class="line">Hast du noch nie ein Roß gedemütigt?</p>
<p class="line">Ergab sich nie in deinen Armen</p>
-<p class="line">Zur Liebe eines Weibes Haß?</p>
+<p class="line">Zur Liebe eines Weibes Haß?</p>
<p class="line">Die weichen, schmeichelnden Teppiche der Ehre,</p>
<p class="line">Wo sind sie?</p>
<p class="line">Und die Vezire, die zu Sklaven werden?</p>
@@ -459,13 +425,13 @@ Der schlafende Knabe</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Ich sehe deine Nüstern zucken</p>
-<p class="line">Und eine ungebärdige Ader auf deiner Stirn.</p>
+<p class="line">Ich sehe deine Nüstern zucken</p>
+<p class="line">Und eine ungebärdige Ader auf deiner Stirn.</p>
<p class="line">Die Hand in meiner Hand wird muskelhart.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Du unerprobter Kämpfer!</p>
+<p class="line">Du unerprobter Kämpfer!</p>
<p class="line">Sieger im Traum!
</p>
</div>
@@ -475,8 +441,8 @@ Der schlafende Knabe</h2>
Gebet</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Und wenn ich bete, Gott, erhörst du mich?</p>
-<p class="line">Genügt es, daß ich wieder Beter werde?</p>
+<p class="line">Und wenn ich bete, Gott, erhörst du mich?</p>
+<p class="line">Genügt es, daß ich wieder Beter werde?</p>
<p class="line">Erleichterst du mir dann den Druck der Erde,</p>
<p class="line">Der mir so selten von der Seele wich?</p>
</div>
@@ -485,18 +451,18 @@ Gebet</h2>
<p class="line">Ich bin dein treues Kind von Anbeginn</p>
<p class="line">Und habe dich dereinst so gut verstanden.</p>
<p class="line">Wohl ging ich Wege, die dich nicht mehr fanden,</p>
-<p class="line">Dir immer nach und wußte nicht, wohin.</p>
+<p class="line">Dir immer nach und wußte nicht, wohin.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Auf tiefes Dienen war ich stets bedacht,</p>
<p class="line">Und lag nicht deine Huld auf meinem Dienen?</p>
-<p class="line">Jetzt freilich zürnen, Meister, deine Mienen,</p>
-<p class="line">Und über meinem Scheitel wächst die Nacht.</p>
+<p class="line">Jetzt freilich zürnen, Meister, deine Mienen,</p>
+<p class="line">Und über meinem Scheitel wächst die Nacht.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Daß ich so schwach bin, hab ich nicht gewußt,</p>
+<p class="line">Daß ich so schwach bin, hab ich nicht gewußt,</p>
<p class="line">Von aller Welten-Schwachheit so durchdrungen!</p>
<p class="line">Willst du die Demut, ist dirs bald gelungen,</p>
<p class="line">Schon atme ich mit halberstickter Brust.</p>
@@ -505,13 +471,13 @@ Gebet</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Soll ich bezeugen, Ewiger, deine Macht?</p>
<p class="line">Sollen auf freiem Markt die Wunden bluten?</p>
-<p class="line">Gezüchtigt von der Schärfe deiner Ruten</p>
+<p class="line">Gezüchtigt von der Schärfe deiner Ruten</p>
<p class="line">Und wehrlos als dein Opfer dargebracht?</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ich hoffe noch, auch wenn es Hoffahrt ist,</p>
-<p class="line">Daß du mir Gutes willst in deinen Plänen.</p>
+<p class="line">Daß du mir Gutes willst in deinen Plänen.</p>
<p class="line">Und halte fest an meinem Kindersehnen</p>
<p class="line">Und zehre noch an einer Gnadenfrist.
</p>
@@ -520,7 +486,7 @@ Gebet</h2>
<div class="poem">
<p class="line">
<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-O öffne, Furchtbarer, dein Stahlvisier!</p>
+O öffne, Furchtbarer, dein Stahlvisier!</p>
<p class="line">Nur einen Blick aus deutlichem Gesichte!</p>
<p class="line">Wenn du mich retten willst, Vorsitzer im Gerichte!</p>
<p class="line">Ich habe grenzenlose Angst vor dir!
@@ -529,10 +495,10 @@ O öffne, Furchtbarer, dein Stahlvisier!</p>
<h2 class="chapter" id="ch-10">
<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Vorfrühling</h2>
+Vorfrühling</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Ein Himmel, der nicht weiß,</p>
+<p class="line">Ein Himmel, der nicht weiß,</p>
<p class="line">Ob er strahlen mag.</p>
<p class="line">Erschauernd weht der Tag &mdash;</p>
<p class="line">Und leis</p>
@@ -545,22 +511,22 @@ Vorfrühling</h2>
Einsiedler</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Mir gehört der große Garten nicht,</p>
+<p class="line">Mir gehört der große Garten nicht,</p>
<p class="line">Der sich weit ins Land hineinverflicht.</p>
-<p class="line">Mir gehört nur ein geborgnes Stück,</p>
-<p class="line">Rasenfleck, begrenztes Himmelsglück.</p>
+<p class="line">Mir gehört nur ein geborgnes Stück,</p>
+<p class="line">Rasenfleck, begrenztes Himmelsglück.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wo herunter wie durch einen Schacht</p>
<p class="line">Sterne nach mir zielen manche Nacht,</p>
-<p class="line">Und an schönem Tag ein wenig Blau</p>
-<p class="line">Lächelt meiner unverwandten Schau.</p>
+<p class="line">Und an schönem Tag ein wenig Blau</p>
+<p class="line">Lächelt meiner unverwandten Schau.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Doch durch diese Enge steigt und steigt</p>
-<p class="line">Mein Gebet, ob auch die Höhe schweigt,</p>
+<p class="line">Mein Gebet, ob auch die Höhe schweigt,</p>
<p class="line">Ob auch meinem Schrei, der niemals rastet,</p>
<p class="line">Nie sich eine Antwort niedertastet.
</p>
@@ -573,45 +539,45 @@ Die Freude</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Mir ist die Lust kein leicht erspieltes Gut,</p>
<p class="line">Kein hitziger Zufall &mdash; denn mein dummes Blut</p>
-<p class="line">Muß erst die Freude lernen.</p>
-<p class="line">Mühselig lern ich tun, wie Freude tut.</p>
+<p class="line">Muß erst die Freude lernen.</p>
+<p class="line">Mühselig lern ich tun, wie Freude tut.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Weit besser kann ich schon die Traurigkeit.</p>
-<p class="line">Ein wahrer Könner müßt ich sein im Leid</p>
+<p class="line">Ein wahrer Könner müßt ich sein im Leid</p>
<p class="line">Und wie ein Meister spielend.</p>
<p class="line">Leid war bei mir in aller Lebenszeit.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Doch wenn ein karges Frohsein mir gelingt,</p>
-<p class="line">Bin ich so stolz wie wer das Große zwingt,</p>
+<p class="line">Bin ich so stolz wie wer das Große zwingt,</p>
<p class="line">Stolz wie ein Kind,</p>
-<p class="line">Das immerfort drei falsche Töne singt.
+<p class="line">Das immerfort drei falsche Töne singt.
</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="ch-13">
<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Die Nähe</h2>
+Die Nähe</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Ich wage nicht Heimat zu sagen</p>
-<p class="line">Zu Tälern, in die meine Einsamkeit</p>
+<p class="line">Zu Tälern, in die meine Einsamkeit</p>
<p class="line">Sich schmiegte, in ein Lieblingskleid,</p>
-<p class="line">Zu Bächen, so vertraut meinen hellsten Tagen.</p>
+<p class="line">Zu Bächen, so vertraut meinen hellsten Tagen.</p>
<p class="line">Und wenn ich im Wald zu horchen begann,</p>
-<p class="line">Hielt ich immer beschämt den Atem an.</p>
+<p class="line">Hielt ich immer beschämt den Atem an.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Ich bin nicht gut genug für all diese Nähe,</p>
+<p class="line">Ich bin nicht gut genug für all diese Nähe,</p>
<p class="line">Die so lieblich ist und sich selbst so treu.</p>
-<p class="line">Die Berge waren längst, ich aber bin neu,</p>
+<p class="line">Die Berge waren längst, ich aber bin neu,</p>
<p class="line">Sie haben ihren Ort, ich aber gehe</p>
-<p class="line">Und suche, weiß nicht einmal wen?</p>
-<p class="line">Wie sicher die Bäume in ihren Räumen stehn!
+<p class="line">Und suche, weiß nicht einmal wen?</p>
+<p class="line">Wie sicher die Bäume in ihren Räumen stehn!
</p>
</div>
@@ -619,18 +585,18 @@ Die Nähe</h2>
<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
Vor dem Einschlafen</h2>
-<p class="sub">(nach schönen Tagen)</p>
+<p class="sub">(nach schönen Tagen)</p>
<div class="poem">
<p class="line">Bin wie voll von einem guten Schlafe,</p>
-<p class="line">Weil die Tage schön gewesen sind.</p>
-<p class="line">Und ich könnte beten wie das brave</p>
+<p class="line">Weil die Tage schön gewesen sind.</p>
+<p class="line">Und ich könnte beten wie das brave</p>
<p class="line">Kind, das abends sich auf Gott besinnt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Eine milde Lampe wollt ich haben,</p>
-<p class="line">Die hell bleiben dürfte diese Nacht.</p>
+<p class="line">Die hell bleiben dürfte diese Nacht.</p>
<p class="line">Wollte mich in einem Bette laben,</p>
<p class="line">Mir von milder Hand zurecht gemacht.</p>
</div>
@@ -639,7 +605,7 @@ Vor dem Einschlafen</h2>
<p class="line">Alles wohlgetan, und ich entkleide</p>
<p class="line">Mit den Kleidern mich von aller Welt,</p>
<p class="line">Die mich jetzt mit keinem ihrer Eide</p>
-<p class="line">Länger drückt und angebunden hält.
+<p class="line">Länger drückt und angebunden hält.
</p>
</div>
@@ -653,13 +619,13 @@ In der Nacht</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und über mir ein Traum zerrinnt.</p>
+<p class="line">Und über mir ein Traum zerrinnt.</p>
<p class="line">Ich taste, wo die Welt beginnt.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Da plötzlich weiß ichs wie ein Leid:</p>
-<p class="line">Daß ich zurückblieb in der Zeit.
+<p class="line">Da plötzlich weiß ichs wie ein Leid:</p>
+<p class="line">Daß ich zurückblieb in der Zeit.
</p>
</div>
@@ -668,22 +634,22 @@ In der Nacht</h2>
Die Stadt</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Ein böses Werk betreiben diese Tage</p>
+<p class="line">Ein böses Werk betreiben diese Tage</p>
<p class="line">Und treibens hastig, ohne nur zu ruhn.</p>
<p class="line">All mein um Menschen Werben, das ich wage,</p>
-<p class="line">Es endet wie gehässiges Tun.</p>
+<p class="line">Es endet wie gehässiges Tun.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und alles Herz, das mir die Menschen reichten,</p>
-<p class="line">War übervoll mit Gift betaut.</p>
-<p class="line">Ich nenne dich die Hölle der Verseuchten,</p>
+<p class="line">War übervoll mit Gift betaut.</p>
+<p class="line">Ich nenne dich die Hölle der Verseuchten,</p>
<p class="line">Stadt ohne Seele aufgebaut.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Könnt ich entlaufen! Einen Acker haben,</p>
-<p class="line">Den nichts als Himmel überhängt.</p>
+<p class="line">Könnt ich entlaufen! Einen Acker haben,</p>
+<p class="line">Den nichts als Himmel überhängt.</p>
<p class="line">Und dort nach meinem Herzen graben,</p>
<p class="line">Das sich so tief hinabgesenkt.
</p>
@@ -695,30 +661,30 @@ Pferderennen</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Still zieht mein Blick mit diesem Rudel Reiter</p>
-<p class="line">In grüner Ferne: das geschlossen dicht,</p>
-<p class="line">Wie spielend hinläuft, dort im Bogen weiter,</p>
-<p class="line">Dann näher kreist, nun in die Nähe bricht.</p>
+<p class="line">In grüner Ferne: das geschlossen dicht,</p>
+<p class="line">Wie spielend hinläuft, dort im Bogen weiter,</p>
+<p class="line">Dann näher kreist, nun in die Nähe bricht.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Da kommen sie, über den Mähnen liegend,</p>
+<p class="line">Da kommen sie, über den Mähnen liegend,</p>
<p class="line">Sich, Mann und Tier, hinwerfend durch die Zeit,</p>
<p class="line">Noch alle wollend, und noch keiner siegend &mdash;</p>
-<p class="line">Und plötzlich weiß mein Herz die Schnelligkeit.</p>
+<p class="line">Und plötzlich weiß mein Herz die Schnelligkeit.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und jetzt: ein braunes mit befreitem Sprunge</p>
<p class="line">Durchdringt das Rudel &mdash; ungehemmt davon!</p>
-<p class="line">Es hat den Sieg im übersichern Schwunge</p>
-<p class="line">Und trägt ihn weit vor allen schon.</p>
+<p class="line">Es hat den Sieg im übersichern Schwunge</p>
+<p class="line">Und trägt ihn weit vor allen schon.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Das Rudel ist entwirrt &mdash; ein Zweiter,</p>
-<p class="line">Ein Dritter reißt sich vom verstrickten Feld.</p>
-<p class="line">Im Fluge horcht zurück der erste Reiter,</p>
-<p class="line">Der schon sein Tier mit leichten Händen hält.
+<p class="line">Ein Dritter reißt sich vom verstrickten Feld.</p>
+<p class="line">Im Fluge horcht zurück der erste Reiter,</p>
+<p class="line">Der schon sein Tier mit leichten Händen hält.
</p>
</div>
@@ -726,23 +692,23 @@ Pferderennen</h2>
<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
Szene</h2>
-<p class="sub">(Sonntagabend in der Großstadt)</p>
+<p class="sub">(Sonntagabend in der Großstadt)</p>
<div class="poem">
-<p class="line">Ein mächtiger Greis in glänzendem Zylinder</p>
-<p class="line">Trat plötzlich vor die Leute, Weiber, Kinder.</p>
+<p class="line">Ein mächtiger Greis in glänzendem Zylinder</p>
+<p class="line">Trat plötzlich vor die Leute, Weiber, Kinder.</p>
<p class="line">Betrunken baumelt er mit einem Stock,</p>
-<p class="line">Dran hängt Marie in blütenweißem Rock,</p>
-<p class="line">Die schlanke Himmelskönigin aus Flußpapier,</p>
-<p class="line">Die Wänglein süß wie Milch und Blut auch hier.</p>
+<p class="line">Dran hängt Marie in blütenweißem Rock,</p>
+<p class="line">Die schlanke Himmelskönigin aus Flußpapier,</p>
+<p class="line">Die Wänglein süß wie Milch und Blut auch hier.</p>
<p class="line">Die Leute lachen sehr: &bdquo;Er kommt aus Mariazell,</p>
<p class="line">Dort weht es heilig und die Luft ist hell.</p>
<p class="line">Am Weg zum Altar stehn viel Schenken offen,</p>
<p class="line">Da hat der gute Alte sich besoffen.&ldquo;</p>
-<p class="line">Der Alte lächelt heimlich und verschwiegen,</p>
-<p class="line">Hat er doch Berg und Täler überstiegen.</p>
+<p class="line">Der Alte lächelt heimlich und verschwiegen,</p>
+<p class="line">Hat er doch Berg und Täler überstiegen.</p>
<p class="line">Und immer neue dumme Neider kamen</p>
-<p class="line">Und höhnten laut &mdash; er aber sagte: Amen.
+<p class="line">Und höhnten laut &mdash; er aber sagte: Amen.
</p>
</div>
@@ -754,28 +720,28 @@ Einsam</h2>
<p class="line">Wenn der Tag zuende gebrannt ist,</p>
<p class="line">Ist es schwer nachhause zu gehn,</p>
<p class="line">Wo viermal die starre Wand ist</p>
-<p class="line">Und die leeren Stühle stehn.</p>
+<p class="line">Und die leeren Stühle stehn.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Besser ists, mit den Verirrten</p>
<p class="line">Laut vereint zum Weine finden.</p>
-<p class="line">Elend läßt sich mit Gift bewirten,</p>
-<p class="line">Und ein Blinder führt einen Blinden.</p>
+<p class="line">Elend läßt sich mit Gift bewirten,</p>
+<p class="line">Und ein Blinder führt einen Blinden.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Freundin, Verlorne, ich könnte dich bitten,</p>
-<p class="line">Aber du wirst mich um Geld erhören.</p>
+<p class="line">Freundin, Verlorne, ich könnte dich bitten,</p>
+<p class="line">Aber du wirst mich um Geld erhören.</p>
<p class="line">Und wir eilen mit ungleichen Schritten,</p>
-<p class="line">Um uns tiefer noch zu zerstören.</p>
+<p class="line">Um uns tiefer noch zu zerstören.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wer hat den Mut, ohne Rausch, ohne Blende</p>
<p class="line">Durch die leeren Pausen zu gehn</p>
<p class="line">Und einsam der Tageswende</p>
-<p class="line">In die erlöschenden Augen zu sehn!
+<p class="line">In die erlöschenden Augen zu sehn!
</p>
</div>
@@ -785,24 +751,24 @@ Begegnung</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Als nachts um eins ein leiser Regen fiel,</p>
-<p class="line">Da traf ich in der Straße eine Kranke</p>
+<p class="line">Da traf ich in der Straße eine Kranke</p>
<p class="line">Hintaumelnd, eine irre Dulderin,</p>
<p class="line">Die, tastend nach dem letzten Ziel,</p>
-<p class="line">Wie ein verlöschender Gedanke</p>
+<p class="line">Wie ein verlöschender Gedanke</p>
<p class="line">Schon in den Tod zu starren schien.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und wie gerufen trat ich ihr ganz nah,</p>
-<p class="line">So daß ich jetzt ihr leeres Auge sah.</p>
+<p class="line">So daß ich jetzt ihr leeres Auge sah.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Da mußt ich sie mit einem Worte grüßen</p>
-<p class="line">Und sah sie schwanken auf den lahmen Füßen</p>
-<p class="line">Und sah sie lächeln schwer und kalt.</p>
+<p class="line">Da mußt ich sie mit einem Worte grüßen</p>
+<p class="line">Und sah sie schwanken auf den lahmen Füßen</p>
+<p class="line">Und sah sie lächeln schwer und kalt.</p>
<p class="line">&bdquo;Der Regen&ldquo;, lallte sie, &bdquo;wird sich beeilen,</p>
-<p class="line">Ich aber habe noch zwei böse Meilen.&ldquo;</p>
+<p class="line">Ich aber habe noch zwei böse Meilen.&ldquo;</p>
<p class="line">Wir nahmen Abschied ohne Aufenthalt.
</p>
</div>
@@ -813,7 +779,7 @@ Bauernpferde</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Ich sehe oft die Bauernpferde,</p>
-<p class="line">Die nachts durch die Straßen zum Markte gehn.</p>
+<p class="line">Die nachts durch die Straßen zum Markte gehn.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -821,19 +787,19 @@ Bauernpferde</h2>
<p class="line">Wie roh geformte Klumpen Erde,</p>
<p class="line">Da ruht das Dunkel so schwer auf ihnen.</p>
<p class="line">Aber wenn sie noch gehn und wandern,</p>
-<p class="line">Ihre Wagen führen, eins nach dem andern,</p>
+<p class="line">Ihre Wagen führen, eins nach dem andern,</p>
<p class="line">Sind sie so stark in ihrem Dienen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wie manches allein geht, sorglos, fest,</p>
-<p class="line">Bedächtig ziehend an den Strängen,</p>
-<p class="line">Und seinen Kutscher schlafen läßt,</p>
-<p class="line">Während die Zügel unnütz hängen;</p>
-<p class="line">Und treulich ausmißt jeden Meter</p>
+<p class="line">Bedächtig ziehend an den Strängen,</p>
+<p class="line">Und seinen Kutscher schlafen läßt,</p>
+<p class="line">Während die Zügel unnütz hängen;</p>
+<p class="line">Und treulich ausmißt jeden Meter</p>
<p class="line">Seines Wegs und auf der Hut ist,</p>
<p class="line">Wie ein breiter Mann, der rauh und gut ist,</p>
-<p class="line">Und Xaver heißt oder Franz oder Peter.
+<p class="line">Und Xaver heißt oder Franz oder Peter.
</p>
</div>
@@ -849,24 +815,24 @@ Die Schlafende</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Mich beuge über das Gottvertrauen</p>
+<p class="line">Mich beuge über das Gottvertrauen</p>
<p class="line">Ihres beschatteten Gesichts:</p>
-<p class="line">Dann fühle ich mit schwerem Grauen</p>
+<p class="line">Dann fühle ich mit schwerem Grauen</p>
<p class="line">Im Dunkel warten den Tod, das Nichts.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ihres Ruhens liebe Gelassenheit</p>
<p class="line">Gleicht dem noch kindlichen Spiel ihrer Seele,</p>
-<p class="line">Aber ich weiß, daß die Verlassenheit</p>
+<p class="line">Aber ich weiß, daß die Verlassenheit</p>
<p class="line">Sie bald bedrohen wird an der Kehle.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Mich beugend über ihr Weltvertrauen,</p>
+<p class="line">Mich beugend über ihr Weltvertrauen,</p>
<p class="line">Lauschend sanftem Atemzug,</p>
-<p class="line">Fühl ich mit immer tieferem Grauen:</p>
-<p class="line">Wie wird sie verwinden den großen Betrug,</p>
+<p class="line">Fühl ich mit immer tieferem Grauen:</p>
+<p class="line">Wie wird sie verwinden den großen Betrug,</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -877,8 +843,8 @@ Die Schlafende</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und daß sie Weib ist, ihrer Schwachheit</p>
-<p class="line">Lebensbürde und Liebesnot?</p>
+<p class="line">Und daß sie Weib ist, ihrer Schwachheit</p>
+<p class="line">Lebensbürde und Liebesnot?</p>
<p class="line">Wie ist ihr Schlummer von aller Wachheit</p>
<p class="line">Unrettbaren Gefahren bedroht!
</p>
@@ -889,7 +855,7 @@ Die Schlafende</h2>
<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
Da bin ich versucht, sie aufzuschrecken,</p>
<p class="line">Brutal, ob sie auch hart erwacht,</p>
-<p class="line">Ich möchte selbst sie grausam wecken</p>
+<p class="line">Ich möchte selbst sie grausam wecken</p>
<p class="line">Und mit ihr wachen den Rest der Nacht.
</p>
</div>
@@ -899,57 +865,57 @@ Da bin ich versucht, sie aufzuschrecken,</p>
Der Selbstmord</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Das Gäßchen bog sich jäh und endete.</p>
-<p class="line">Ein Widerschein, der plötzlich blendete:</p>
+<p class="line">Das Gäßchen bog sich jäh und endete.</p>
+<p class="line">Ein Widerschein, der plötzlich blendete:</p>
<p class="line">Das Meer an meine Schritte grenzte,</p>
-<p class="line">Das hier getrübte, dort beglänzte.</p>
+<p class="line">Das hier getrübte, dort beglänzte.</p>
<p class="line">Wie ein ganz tiefer Atemzug</p>
<p class="line">Hob es sich hin und kannte kein Genug &mdash;</p>
-<p class="line">Muß einen Schritt nur weitergehn:</p>
+<p class="line">Muß einen Schritt nur weitergehn:</p>
<p class="line">Da nimmt es mich so, wie ich bin,</p>
-<p class="line">Öffnet sich still und nimmt mich hin,</p>
+<p class="line">Öffnet sich still und nimmt mich hin,</p>
<p class="line">Zieht mich hinein in die Gezeiten,</p>
<p class="line">Mischt mich erledigend in sein Vergleiten,</p>
-<p class="line">Wie eine mütterlichste Mutter, die ihr Kind</p>
-<p class="line">Zurück ins Nichts, ins All gewinnt.
+<p class="line">Wie eine mütterlichste Mutter, die ihr Kind</p>
+<p class="line">Zurück ins Nichts, ins All gewinnt.
</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="ch-24">
<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Ein Kuß</h2>
+Ein Kuß</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Eine Hure, die zur Nacht ich fand,</p>
<p class="line">Beugte sich herab zu meiner Hand,</p>
-<p class="line">Als ich durch die leere Straße ging,</p>
+<p class="line">Als ich durch die leere Straße ging,</p>
<p class="line">Eine Hure, die sich an mich hing,</p>
<p class="line">Nahm die Hand, die ihr nicht geben wollte</p>
-<p class="line">Und sie wegstieß und ihr grollte,</p>
-<p class="line">Beugte plötzlich sich, das arme Tier,</p>
-<p class="line">Hat geküßt die Hand im Handschuh mir.</p>
-<p class="line">Nicht um zu besänftigen meinen Willen,</p>
+<p class="line">Und sie wegstieß und ihr grollte,</p>
+<p class="line">Beugte plötzlich sich, das arme Tier,</p>
+<p class="line">Hat geküßt die Hand im Handschuh mir.</p>
+<p class="line">Nicht um zu besänftigen meinen Willen,</p>
<p class="line">Nein, die sonderbarste Gier zu stillen.</p>
<p class="line">Nicht mehr bettelnd, schon hinweggewandt,</p>
<p class="line">Schon entlaufend meiner fremden Hand.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und da fühlte ichs wie einen Stich</p>
+<p class="line">Und da fühlte ichs wie einen Stich</p>
<p class="line">In der tiefen Brust &mdash; das war nicht ich,</p>
-<p class="line">Den sie küßte, irrend und verwaist,</p>
-<p class="line">Nicht das Ich, das einen Namen heißt,</p>
+<p class="line">Den sie küßte, irrend und verwaist,</p>
+<p class="line">Nicht das Ich, das einen Namen heißt,</p>
<p class="line">Sondern sie, die Namenlose, mich,</p>
<p class="line">Einen Namenlosen, der jetzt glich</p>
-<p class="line">Allen Männern, die sie quälten,</p>
-<p class="line">Arme Seele küßte den Beseelten,</p>
-<p class="line">Küßte ungelohnt und ungestillt &mdash;</p>
-<p class="line">Menschenkind küßt Gottes Ebenbild.</p>
+<p class="line">Allen Männern, die sie quälten,</p>
+<p class="line">Arme Seele küßte den Beseelten,</p>
+<p class="line">Küßte ungelohnt und ungestillt &mdash;</p>
+<p class="line">Menschenkind küßt Gottes Ebenbild.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">O, nie war ein Kuß wie dieser Kuß,</p>
-<p class="line">Den ich allen weitergeben muß.
+<p class="line">O, nie war ein Kuß wie dieser Kuß,</p>
+<p class="line">Den ich allen weitergeben muß.
</p>
</div>
@@ -958,23 +924,23 @@ Ein Kuß</h2>
Der Morgen</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Ich hing am Kreuz der Nacht und stöhnte schwer,</p>
+<p class="line">Ich hing am Kreuz der Nacht und stöhnte schwer,</p>
<p class="line">Mein Herz war matt und hoffnungsleer</p>
<p class="line">Und Stirn und Gaumen ausgebrannt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Da legt der Morgen seine Hand</p>
-<p class="line">Kühl, blaß und scheu</p>
-<p class="line">Mir über die versengte Stirn,</p>
+<p class="line">Kühl, blaß und scheu</p>
+<p class="line">Mir über die versengte Stirn,</p>
<p class="line">Und wie das Dunkel schwindet vom Gehirn,</p>
<p class="line">Atme ich neu &mdash;</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und trinke weißes Licht und weiße Gnade</p>
-<p class="line">Und sinke losgelöst und sanft befreit</p>
-<p class="line">Auf das sich klärende Gestade,</p>
+<p class="line">Und trinke weißes Licht und weiße Gnade</p>
+<p class="line">Und sinke losgelöst und sanft befreit</p>
+<p class="line">Auf das sich klärende Gestade,</p>
<p class="line">Zu neuem Tage neu bereit.
</p>
</div>
@@ -986,50 +952,50 @@ Der Heller</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Geld ist Staub in meiner Hand,</p>
<p class="line">Den ich unbedacht vergeude.</p>
-<p class="line">Aber groß war meine Freude,</p>
+<p class="line">Aber groß war meine Freude,</p>
<p class="line">Als ich einen Heller fand.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Hatte alles ausgegeben,</p>
-<p class="line">Hunger mir am Marke fraß,</p>
+<p class="line">Hunger mir am Marke fraß,</p>
<p class="line">Und ich sah entnervt in das</p>
-<p class="line">Mitleidlose Großstadtleben.</p>
+<p class="line">Mitleidlose Großstadtleben.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Alle Taschen gut verschlossen,</p>
-<p class="line">Alle Seelen zugeknöpft.</p>
-<p class="line">Ich begriff, daß man geköpft</p>
+<p class="line">Alle Seelen zugeknöpft.</p>
+<p class="line">Ich begriff, daß man geköpft</p>
<p class="line">Werden kann um einen Groschen.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Ich begriff, daß sich ein toller</p>
+<p class="line">Ich begriff, daß sich ein toller</p>
<p class="line">Kerl an wem vergreifen kann.</p>
<p class="line">Dieser Ohnmacht Wut und Bann &mdash;</p>
<p class="line">Nichts auf Erden grauenvoller!</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">O, wie muß der Arme hassen!</p>
+<p class="line">O, wie muß der Arme hassen!</p>
<p class="line">Fenster, die den geilen Duft</p>
<p class="line">Dich Lebendigen in der Gruft</p>
<p class="line">Wie zum Hohne ahnen lassen.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Lächelnde, kokette Frauen</p>
-<p class="line">Zeigen an dem Straßenkleid</p>
-<p class="line">Alle üppige Kostbarkeit,</p>
-<p class="line">Während dir die Sinne flauen.
+<p class="line">Lächelnde, kokette Frauen</p>
+<p class="line">Zeigen an dem Straßenkleid</p>
+<p class="line">Alle üppige Kostbarkeit,</p>
+<p class="line">Während dir die Sinne flauen.
</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">
<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Unbekümmert rollen Wagen,</p>
+Unbekümmert rollen Wagen,</p>
<p class="line">Ohne dich zu kennen, hin,</p>
<p class="line">Die zum Schmaus, zur Buhlerin</p>
<p class="line">Oder ins Theater tragen.</p>
@@ -1038,15 +1004,15 @@ Unbekümmert rollen Wagen,</p>
<div class="poem">
<p class="line">Ich blieb stehn und ich lief schneller,</p>
<p class="line">Starrte an und blickte weg.</p>
-<p class="line">Plötzlich lag vor mir im Dreck</p>
+<p class="line">Plötzlich lag vor mir im Dreck</p>
<p class="line">Ein verlorner alter Heller.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und mir wars, als ich mich bückte,</p>
-<p class="line">Wie ein Gruß des neuen Tags.</p>
+<p class="line">Und mir wars, als ich mich bückte,</p>
+<p class="line">Wie ein Gruß des neuen Tags.</p>
<p class="line">Und mein Herz ging bessern Schlags,</p>
-<p class="line">Als ich in der Hand ihn drückte.</p>
+<p class="line">Als ich in der Hand ihn drückte.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1072,7 +1038,7 @@ Die Heimkehrende</h2>
<p class="line">Alida, sagt ich ihr, ich habe dich</p>
<p class="line">Sogleich erkannt &mdash; wo hast du nur gezaudert</p>
<p class="line">Die viele Zeit? &mdash; Nun aber labe dich,</p>
-<p class="line">Hier Wein! Kühl deinen Mund, bevor er plaudert.</p>
+<p class="line">Hier Wein! Kühl deinen Mund, bevor er plaudert.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1084,9 +1050,9 @@ Die Heimkehrende</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Erwache mir! &mdash; Sei da!</p>
-<p class="line">Die ruhelosen Hände,</p>
-<p class="line">Vielleicht vergäßen sie, was ohne mich geschah,</p>
-<p class="line">Wenn erst mein Frieden zu dir fände.
+<p class="line">Die ruhelosen Hände,</p>
+<p class="line">Vielleicht vergäßen sie, was ohne mich geschah,</p>
+<p class="line">Wenn erst mein Frieden zu dir fände.
</p>
</div>
@@ -1095,24 +1061,24 @@ Die Heimkehrende</h2>
Verfinsterung</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Und während dieser Nordwind blies</p>
+<p class="line">Und während dieser Nordwind blies</p>
<p class="line">Und unsre Stadt zum Norden machte,</p>
-<p class="line">Die letzte Sonne uns verließ</p>
+<p class="line">Die letzte Sonne uns verließ</p>
<p class="line">Und jeder Wunsch zu sterben dachte,</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und viel zu früh die Nacht begann,</p>
-<p class="line">Sehr anders als die andern Nächte,</p>
+<p class="line">Und viel zu früh die Nacht begann,</p>
+<p class="line">Sehr anders als die andern Nächte,</p>
<p class="line">Wie eine Nacht, die dauern kann,</p>
-<p class="line">Solange wer zu warten dächte,</p>
+<p class="line">Solange wer zu warten dächte,</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Da stand ich auf dem alten Platz</p>
<p class="line">Und sah die alte Kirche dauern</p>
<p class="line">Und geizig Zeit wie einen Schatz</p>
-<p class="line">Anhäufen hinter ihren Mauern,</p>
+<p class="line">Anhäufen hinter ihren Mauern,</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1123,10 +1089,10 @@ Verfinsterung</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und fühlte mich hier stehn und stehn</p>
+<p class="line">Und fühlte mich hier stehn und stehn</p>
<p class="line">Und wurzeln wie der Dom, der graue,</p>
<p class="line">Und konnte gar nicht mehr verstehn,</p>
-<p class="line">Daß wer noch neue Häuser baue.</p>
+<p class="line">Daß wer noch neue Häuser baue.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1141,9 +1107,9 @@ Verfinsterung</h2>
<p class="line">
<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
Wie ist das sinnlos, hier zu stehn,</p>
-<p class="line">Als ob die Zeit ein Ende nähme,</p>
+<p class="line">Als ob die Zeit ein Ende nähme,</p>
<p class="line">Und zu erwarten irgendwen,</p>
-<p class="line">Zu glauben, daß er wirklich käme.
+<p class="line">Zu glauben, daß er wirklich käme.
</p>
</div>
@@ -1152,34 +1118,34 @@ Wie ist das sinnlos, hier zu stehn,</p>
Spaziergang in der Nacht</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Kühle, klare Nacht!</p>
-<p class="line">Welch ein kühnes Schreiten</p>
+<p class="line">Kühle, klare Nacht!</p>
+<p class="line">Welch ein kühnes Schreiten</p>
<p class="line">Ist in mir erwacht &mdash;</p>
-<p class="line">Führt aus engen Zeiten</p>
+<p class="line">Führt aus engen Zeiten</p>
<p class="line">Hoch mich in die weiten</p>
-<p class="line">Aufgeschlossnen Räume dieser Nacht.</p>
+<p class="line">Aufgeschlossnen Räume dieser Nacht.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Daß ich heimlos bin,</p>
+<p class="line">Daß ich heimlos bin,</p>
<p class="line">Was ich sonst beklage,</p>
<p class="line">Was ich her und hin</p>
<p class="line">Durch die niedern Tage</p>
<p class="line">Keuchend, schleppend trage &mdash;</p>
-<p class="line">Heute fühl ich es mit neuem Sinn.</p>
+<p class="line">Heute fühl ich es mit neuem Sinn.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wie der Schritt erfreut,</p>
<p class="line">Wie ein Landweg! Wiesen</p>
-<p class="line">Sind die Plätze heut,</p>
+<p class="line">Sind die Plätze heut,</p>
<p class="line">Und man geht in diesen</p>
-<p class="line">Straßen wie auf Kiesen,</p>
-<p class="line">Wie in Gärten, die der Mond betreut.</p>
+<p class="line">Straßen wie auf Kiesen,</p>
+<p class="line">Wie in Gärten, die der Mond betreut.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Löst sich nicht auch hier</p>
+<p class="line">Löst sich nicht auch hier</p>
<p class="line">Manche reine Quelle?</p>
<p class="line">Offen liegt vor mir</p>
<p class="line">All die fremde Schwelle.</p>
@@ -1194,42 +1160,42 @@ Die Unerbittlichkeit</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Als ich die Unerbittlichkeit verstand,</p>
-<p class="line">Ward mir das Blut wie Blei, wie aus Ton mein Fuß</p>
+<p class="line">Ward mir das Blut wie Blei, wie aus Ton mein Fuß</p>
<p class="line">Und ohne Muskel lahmte meine Hand,</p>
-<p class="line">Schweiß auf der Stirn, des Todes kalter Gruß.</p>
+<p class="line">Schweiß auf der Stirn, des Todes kalter Gruß.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und das Herz selbst tat so erbärmlich weh</p>
+<p class="line">Und das Herz selbst tat so erbärmlich weh</p>
<p class="line">Vor lauter Gottverlassenheit.</p>
<p class="line">Da sagte ich zu mir: &bdquo;Mensch! Jetzt gesteh!</p>
-<p class="line">Jetzt wärest du zu jedem Schluß bereit.&ldquo;</p>
+<p class="line">Jetzt wärest du zu jedem Schluß bereit.&ldquo;</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Jetzt, wo ich sanft in meinem Elend bin,</p>
-<p class="line">Weil aller Trotz wie Hauch in Lüften schwand,</p>
+<p class="line">Weil aller Trotz wie Hauch in Lüften schwand,</p>
<p class="line">Jetzt werft mich zu den Pestverseuchten hin</p>
-<p class="line">Und laßt allein verwelken diese Hand.
+<p class="line">Und laßt allein verwelken diese Hand.
</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="ch-31">
<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Einem edlen Jüngling</h2>
+Einem edlen Jüngling</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Du wirst wie wir alle am Zügel</p>
-<p class="line">Gängig werden,</p>
-<p class="line">Im Zotteltrab, ohne Flügel,</p>
+<p class="line">Du wirst wie wir alle am Zügel</p>
+<p class="line">Gängig werden,</p>
+<p class="line">Im Zotteltrab, ohne Flügel,</p>
<p class="line">Gehn mit den Herden.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Du wirst mit dir verkehren</p>
-<p class="line">Karg und gewöhnlich,</p>
+<p class="line">Karg und gewöhnlich,</p>
<p class="line">Und ohne prinzliche Ehren,</p>
-<p class="line">Weltversöhnlich.</p>
+<p class="line">Weltversöhnlich.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1240,7 +1206,7 @@ Einem edlen Jüngling</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Du wirst dich ärgern lernen</p>
+<p class="line">Du wirst dich ärgern lernen</p>
<p class="line">Und dich bescheiden,</p>
<p class="line">Unter geduldigen Sternen</p>
<p class="line">Menschlicher leiden.
@@ -1253,16 +1219,16 @@ Liebe</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Dunkle Erdenwege, die der lichten,</p>
-<p class="line">Leichten Gefühle Schatten sind!</p>
+<p class="line">Leichten Gefühle Schatten sind!</p>
<p class="line">Liebe als Licht aus der Sonne rinnt</p>
-<p class="line">Und verfängt sich an kalten, dichten</p>
+<p class="line">Und verfängt sich an kalten, dichten</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Menschenleibern und Menschenseelen,</p>
-<p class="line">Und umwirbt sie, verklärt sie, vergöttert sie,</p>
-<p class="line">Und verdirbt sie, zerstört sie, zerschmettert sie &mdash;</p>
-<p class="line">Menschen, die sich küssen, sich quälen.
+<p class="line">Und umwirbt sie, verklärt sie, vergöttert sie,</p>
+<p class="line">Und verdirbt sie, zerstört sie, zerschmettert sie &mdash;</p>
+<p class="line">Menschen, die sich küssen, sich quälen.
</p>
</div>
@@ -1271,19 +1237,19 @@ Liebe</h2>
Die Spielende</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Spiele nur, spiele nur weiter, ich will dich nicht stören,</p>
+<p class="line">Spiele nur, spiele nur weiter, ich will dich nicht stören,</p>
<p class="line">Ich halte den Atem an und schau dir zu,</p>
<p class="line">Spiele nur, Sorglose du,</p>
-<p class="line">Ich will mich nicht empören,</p>
-<p class="line">Wenn plötzlich mein Leben in deiner Hand</p>
+<p class="line">Ich will mich nicht empören,</p>
+<p class="line">Wenn plötzlich mein Leben in deiner Hand</p>
<p class="line">Ein wenig zu sterben beginnt &mdash; ich halte Stand,</p>
<p class="line">Ich Spielzeug &mdash;</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Weiß ich auch mit meinem kalten, ohnmächtigen Wissen,</p>
-<p class="line">Daß dich das Spiel kaum freut, ja langweilt sogar,</p>
-<p class="line">Und fühl ich auch, wie so tief! Angst und Gefahr:</p>
+<p class="line">Weiß ich auch mit meinem kalten, ohnmächtigen Wissen,</p>
+<p class="line">Daß dich das Spiel kaum freut, ja langweilt sogar,</p>
+<p class="line">Und fühl ich auch, wie so tief! Angst und Gefahr:</p>
<p class="line">Es werde dir nicht entrissen,</p>
<p class="line">Was du mit leichter Sicherheit dir gewonnen hast, Kind,</p>
<p class="line">Wie grausam auch deine Finger sind,</p>
@@ -1291,13 +1257,13 @@ Die Spielende</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Denn du lächelst, Sorglose, aus dir lächelt ein Schimmer</p>
+<p class="line">Denn du lächelst, Sorglose, aus dir lächelt ein Schimmer</p>
<p class="line">Des lieben, so unwirklichen, blinden</p>
<p class="line">Lebens, das ich nicht finden,</p>
<p class="line">Nicht sein, nicht haben kann &mdash; was auch immer</p>
<p class="line">Jetzt in mir stirbt und sei es noch so reich,</p>
-<p class="line">Ich halte den Atem an und fühle bleich,</p>
-<p class="line">Daß du schön bist &mdash;
+<p class="line">Ich halte den Atem an und fühle bleich,</p>
+<p class="line">Daß du schön bist &mdash;
</p>
</div>
@@ -1306,22 +1272,22 @@ Die Spielende</h2>
Ein Brief</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Geliebter, deine Kühle</p>
+<p class="line">Geliebter, deine Kühle</p>
<p class="line">Weht aus der Ferne her.</p>
-<p class="line">Geliebter, und ich fühle,</p>
+<p class="line">Geliebter, und ich fühle,</p>
<p class="line">Du liebst nicht mehr.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Geliebter, und die Züge</p>
+<p class="line">Geliebter, und die Züge</p>
<p class="line">Deines Angesichts</p>
-<p class="line">Zerfließen, eine Lüge,</p>
+<p class="line">Zerfließen, eine Lüge,</p>
<p class="line">In ein Nichts.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und ob ich mich auch quäle,</p>
-<p class="line">Ich weiß deinen Mund nicht mehr.</p>
+<p class="line">Und ob ich mich auch quäle,</p>
+<p class="line">Ich weiß deinen Mund nicht mehr.</p>
<p class="line">Geliebter, meine Seele</p>
<p class="line">Wird wieder leer.
</p>
@@ -1332,14 +1298,14 @@ Ein Brief</h2>
Abschied</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Abschied ist Tod. Das weiß ein jedes Kind</p>
-<p class="line">Und läßt die Mutter aus dem Haus nicht fort.</p>
-<p class="line">Jemand reist ab. Mein Herz fühlt Meuchelmord.</p>
-<p class="line">So viele weiche Wärme mir entrinnt,</p>
+<p class="line">Abschied ist Tod. Das weiß ein jedes Kind</p>
+<p class="line">Und läßt die Mutter aus dem Haus nicht fort.</p>
+<p class="line">Jemand reist ab. Mein Herz fühlt Meuchelmord.</p>
+<p class="line">So viele weiche Wärme mir entrinnt,</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Daß ich wie ein Verblutender verbleiche.</p>
+<p class="line">Daß ich wie ein Verblutender verbleiche.</p>
<p class="line">Mir ist sehr kalt, ich friere tief &mdash; adieu!</p>
<p class="line">Und alles Bleibende tut grausam weh,</p>
<p class="line">Wie aufgerissene, verletzte Herzensweiche.</p>
@@ -1349,7 +1315,7 @@ Abschied</h2>
<p class="line">Soll ich nachhause gehen, die Papiere</p>
<p class="line">Am Schreibtisch ordnen, einen Stundenplan</p>
<p class="line">Entwerfen, weitertun, mein Ziel bejahn?</p>
-<p class="line">Und überwinden, daß ich dich verliere?
+<p class="line">Und überwinden, daß ich dich verliere?
</p>
</div>
@@ -1358,7 +1324,7 @@ Abschied</h2>
Auch du</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Auch du bist schon geprüft, auch dir ist eingegraben</p>
+<p class="line">Auch du bist schon geprüft, auch dir ist eingegraben</p>
<p class="line">Die Rune Welt, die wirre Hieroglyphe.</p>
<p class="line">Du hast gelitten bis zur Tiefe,</p>
<p class="line">Gekostet von den Honigwaben.</p>
@@ -1366,16 +1332,16 @@ Auch du</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Du hast besessen und du warst zu eigen,</p>
-<p class="line">Geküßt hast du das Band, dich freigequält.</p>
-<p class="line">Du kennst die Schuld, die aus der Rinde schält,</p>
-<p class="line">Das süß und bittre Wort, die Kunst zu schweigen.</p>
+<p class="line">Geküßt hast du das Band, dich freigequält.</p>
+<p class="line">Du kennst die Schuld, die aus der Rinde schält,</p>
+<p class="line">Das süß und bittre Wort, die Kunst zu schweigen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Das alles war, wie mir, auch dir beschieden.</p>
<p class="line">Jetzt aber sind wir beide neu gewandet,</p>
<p class="line">Gestrandet und an seliger Bucht gelandet &mdash;</p>
-<p class="line">Und es ist wieder schön hienieden!
+<p class="line">Und es ist wieder schön hienieden!
</p>
</div>
@@ -1384,21 +1350,21 @@ Auch du</h2>
Schnee</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Schnee war gestern plötzlich da &mdash; auf allen</p>
-<p class="line">Trüben Straßen, hell wie Unschuld, weiß,</p>
-<p class="line">Weich und wärmend, aus der Luft gefallen.</p>
+<p class="line">Schnee war gestern plötzlich da &mdash; auf allen</p>
+<p class="line">Trüben Straßen, hell wie Unschuld, weiß,</p>
+<p class="line">Weich und wärmend, aus der Luft gefallen.</p>
<p class="line">Und wir gingen &mdash; enger ward der Kreis,</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Der uns heimlich aneinanderhält &mdash;</p>
-<p class="line">Mit gedämpftem Schritt, gedämpfter Seele,</p>
+<p class="line">Der uns heimlich aneinanderhält &mdash;</p>
+<p class="line">Mit gedämpftem Schritt, gedämpfter Seele,</p>
<p class="line">Unverhofftes Lachen in der Kehle,</p>
<p class="line">Durch des Schneefalls kindlich neue Welt.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Wir, die jetzt so ernste Frage quält,</p>
+<p class="line">Wir, die jetzt so ernste Frage quält,</p>
<p class="line">Wurden schmiegsam, atemleicht, gelinder,</p>
<p class="line">Lachten furchtlos, schneefroh, beinah Kinder &mdash;</p>
<p class="line">O wie hat die kleine Freude uns gefehlt!
@@ -1410,21 +1376,21 @@ Schnee</h2>
Bitte an die Geliebte</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Laß uns wissend sein! Wir haben gelernt,</p>
-<p class="line">Was Menschen nähert, was entfernt.</p>
-<p class="line">Wir sind gealtert am Lächeln-Müssen,</p>
-<p class="line">Gestorben an erzwungenen Küssen.</p>
+<p class="line">Laß uns wissend sein! Wir haben gelernt,</p>
+<p class="line">Was Menschen nähert, was entfernt.</p>
+<p class="line">Wir sind gealtert am Lächeln-Müssen,</p>
+<p class="line">Gestorben an erzwungenen Küssen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wieder auferstanden an befreiten</p>
-<p class="line">Heißen Unwillkürlichkeiten.</p>
+<p class="line">Heißen Unwillkürlichkeiten.</p>
<p class="line">Gesundet an einem Atemzug,</p>
-<p class="line">Der ungehemmt hinübertrug.</p>
+<p class="line">Der ungehemmt hinübertrug.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Laß uns Horcher sein auf das Sich-Regen</p>
+<p class="line">Laß uns Horcher sein auf das Sich-Regen</p>
<p class="line">Im dunklen Du! Nur nicht entgegen</p>
<p class="line">Dem Eigensinn der Einsamkeiten!</p>
<p class="line">Nur mit dem Kind in uns nicht streiten!
@@ -1436,21 +1402,21 @@ Bitte an die Geliebte</h2>
Ihr Freunde</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Ihr Freunde, große Liebe</p>
+<p class="line">Ihr Freunde, große Liebe</p>
<p class="line">War euch von mir geweiht.</p>
<p class="line">Ich ward zum Diebe</p>
<p class="line">An eurer Freundlichkeit.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Mein Herz in Händen bringend,</p>
-<p class="line">Ein maßloses Geschenk,</p>
+<p class="line">Mein Herz in Händen bringend,</p>
+<p class="line">Ein maßloses Geschenk,</p>
<p class="line">So kam ich Freundschaft zwingend.</p>
<p class="line">Was wart ihr eng!</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Euch wie die Mörder hassen</p>
+<p class="line">Euch wie die Mörder hassen</p>
<p class="line">Lehrtet ihr mich zum Dank,</p>
<p class="line">Vergiftet und verlassen,</p>
<p class="line">Nach Sanftmut krank.</p>
@@ -1459,8 +1425,8 @@ Ihr Freunde</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Mit allem meinem Gute</p>
<p class="line">Warft ihr dem Weib mich zu.</p>
-<p class="line">An der ich blüh und blute,</p>
-<p class="line">Sei gnädig du!
+<p class="line">An der ich blüh und blute,</p>
+<p class="line">Sei gnädig du!
</p>
</div>
@@ -1470,23 +1436,23 @@ Unschuld</h2>
<div class="poem">
<p class="line">O die Unschuld des Genusses,</p>
-<p class="line">Wenn ich dich genieße,</p>
-<p class="line">Nimmermüde deines Kusses</p>
-<p class="line">Und der Atemsüße.</p>
+<p class="line">Wenn ich dich genieße,</p>
+<p class="line">Nimmermüde deines Kusses</p>
+<p class="line">Und der Atemsüße.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Jede Nacht bringt neue Spiele,</p>
-<p class="line">Spielglück ohne Ende.</p>
+<p class="line">Spielglück ohne Ende.</p>
<p class="line">Unsre Lippen wissen viele</p>
-<p class="line">Und die guten Hände.</p>
+<p class="line">Und die guten Hände.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Immer zarter, immer schöner,</p>
-<p class="line">Seit uns Lust verschönte.</p>
-<p class="line">Ich dein glücklicher Verwöhner,</p>
-<p class="line">Glücklich die Verwöhnte.
+<p class="line">Immer zarter, immer schöner,</p>
+<p class="line">Seit uns Lust verschönte.</p>
+<p class="line">Ich dein glücklicher Verwöhner,</p>
+<p class="line">Glücklich die Verwöhnte.
</p>
</div>
@@ -1496,91 +1462,91 @@ Die Insel</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Sprich nicht von dieser Insel, wo wir uns trafen</p>
-<p class="line">In unsern Nächten.</p>
+<p class="line">In unsern Nächten.</p>
<p class="line">Das Blut rauscht rings um sie.</p>
<p class="line">Und keine Zeit geschah, Uranfang, Ende.</p>
<p class="line">Was wir sonst sind, vergessen und verscheucht.</p>
-<p class="line">Nur diese Spiele, grausam wie Dämonen,</p>
-<p class="line">Marter nach einem Glück, das anders</p>
+<p class="line">Nur diese Spiele, grausam wie Dämonen,</p>
+<p class="line">Marter nach einem Glück, das anders</p>
<p class="line">Beseligt als das Brot, der Trunk,</p>
-<p class="line">Die sonst die Lippen sättigen.</p>
-<p class="line">Nein, ungesättigt</p>
+<p class="line">Die sonst die Lippen sättigen.</p>
+<p class="line">Nein, ungesättigt</p>
<p class="line">Tobten wir,</p>
<p class="line">Bis schwer die Wimpern und die Lider schwer,</p>
-<p class="line">Das Haupt ermattet, sinkend, abgebrochne Blüte,</p>
+<p class="line">Das Haupt ermattet, sinkend, abgebrochne Blüte,</p>
<p class="line">Der Tod kalt an die Stirnen tastend,</p>
-<p class="line">Das Innre ausgehöhlt, ein leeres Haus</p>
+<p class="line">Das Innre ausgehöhlt, ein leeres Haus</p>
<p class="line">Mit ausgehobnen Fenstern, ohne Dach.</p>
<p class="line">Oh, das Korallenrot der Lippen</p>
-<p class="line">War mit rötrem Rot betaut</p>
-<p class="line">Von unsrer Zähne Mordgier.</p>
+<p class="line">War mit rötrem Rot betaut</p>
+<p class="line">Von unsrer Zähne Mordgier.</p>
<p class="line">Heilandsmale</p>
-<p class="line">Auf diesen kühlen Händen, die gefiebert</p>
+<p class="line">Auf diesen kühlen Händen, die gefiebert</p>
<p class="line">Im Suchen nach Entspannung, die nicht kam.</p>
-<p class="line">Nein, Ekel kam, der Würger,</p>
+<p class="line">Nein, Ekel kam, der Würger,</p>
<p class="line">Vom goldenen Tor der Lust uns scheuchend,</p>
-<p class="line">Daß wir wie Schatten flohn.</p>
+<p class="line">Daß wir wie Schatten flohn.</p>
<p class="line">In unsern Adern
</p>
<p class="line">
<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Ebbte die Lust zurück, zum dunklen Schacht.</p>
+Ebbte die Lust zurück, zum dunklen Schacht.</p>
<p class="line">Und nur ein Duft von ihr</p>
<p class="line">Blieb dem Verschmachten.</p>
-<p class="line">Wie Irre hatten wir am harten Schloß gerüttelt,</p>
+<p class="line">Wie Irre hatten wir am harten Schloß gerüttelt,</p>
<p class="line">Die Gnade aufzusprengen.</p>
<p class="line">Aber nun, mit entnervten Knien,</p>
-<p class="line">Müd wie Gerichtete,</p>
-<p class="line">Schlichen wir einen bangen Weg zurück.</p>
+<p class="line">Müd wie Gerichtete,</p>
+<p class="line">Schlichen wir einen bangen Weg zurück.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und doch, du Köstliche, war nichts als Zärtlichkeit</p>
+<p class="line">Und doch, du Köstliche, war nichts als Zärtlichkeit</p>
<p class="line">In meinem grausam Sein.</p>
<p class="line">Doch kniete ich huldigend</p>
<p class="line">Den Marterberg empor,</p>
-<p class="line">Um nur den heißen süßen Hauch</p>
-<p class="line">Zu pflücken, wenn die Lippe dir erblaßt.</p>
+<p class="line">Um nur den heißen süßen Hauch</p>
+<p class="line">Zu pflücken, wenn die Lippe dir erblaßt.</p>
<p class="line">Um dir im Weh</p>
<p class="line">Die bebende Melodik zu entlocken.</p>
-<p class="line">Um deinem Unbewußtsein nah zu sein,</p>
-<p class="line">Als könnt ich fast bis an den Tod gelangen,</p>
+<p class="line">Um deinem Unbewußtsein nah zu sein,</p>
+<p class="line">Als könnt ich fast bis an den Tod gelangen,</p>
<p class="line">Wo wir ganz nah sind.</p>
-<p class="line">Und doch war mir, du Köstliche,</p>
-<p class="line">Daß wir die Lust, Verschmachtende, verschmähten,</p>
-<p class="line">Ein bessres noch als Glück, ein tieferes</p>
+<p class="line">Und doch war mir, du Köstliche,</p>
+<p class="line">Daß wir die Lust, Verschmachtende, verschmähten,</p>
+<p class="line">Ein bessres noch als Glück, ein tieferes</p>
<p class="line">An-Wurzeln-Zerren, sie zu lockern, du!</p>
<p class="line">Mir sind sie heilig</p>
<p class="line">Diese Feste</p>
<p class="line">Der Qual &mdash;</p>
-<p class="line">Wenn wir auch fürchterlich erwachen.
+<p class="line">Wenn wir auch fürchterlich erwachen.
</p>
<p class="line">
<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
Sprich nie von dieser Insel,</p>
<p class="line">Die nur wir,</p>
-<p class="line">Nur wenn wir Dämon sind, in uns betreten,</p>
+<p class="line">Nur wenn wir Dämon sind, in uns betreten,</p>
<p class="line">Das Blut rauscht rings um sie.</p>
<p class="line">Was wir dort leben,</p>
<p class="line">Hat keinerlei Bezug mit andrem Leben,</p>
-<p class="line">Nicht einmal unser Denken rühre dran</p>
+<p class="line">Nicht einmal unser Denken rühre dran</p>
<p class="line">Und kein Erinnern.</p>
<p class="line">Kein Name,</p>
<p class="line">Der sonst gebraucht wird,</p>
<p class="line">Wage sie zu nennen,</p>
-<p class="line">Kein kleines und kein großes Wort.</p>
+<p class="line">Kein kleines und kein großes Wort.</p>
<p class="line">Nur Reue</p>
<p class="line">Ist tief genug, hinabzutauchen,</p>
-<p class="line">Nur Angst so mächtig, um sie zu entdecken.</p>
+<p class="line">Nur Angst so mächtig, um sie zu entdecken.</p>
<p class="line">Sie, die verschollen ist,</p>
-<p class="line">Die dunkel-schöne,</p>
+<p class="line">Die dunkel-schöne,</p>
<p class="line">Vom Blut geborgene.</p>
<p class="line">Bis wieder wir,</p>
<p class="line">Ganz unvermutet</p>
-<p class="line">Vom Dämon hingetragen,</p>
+<p class="line">Vom Dämon hingetragen,</p>
<p class="line">An ihr Ufer stranden.</p>
-<p class="line">Du, Köstliche,</p>
-<p class="line">Erst dann schön wie ein Gift,</p>
+<p class="line">Du, Köstliche,</p>
+<p class="line">Erst dann schön wie ein Gift,</p>
<p class="line">Und ich, der Trinker,</p>
<p class="line">Giftbereit.
</p>
@@ -1588,11 +1554,11 @@ Sprich nie von dieser Insel,</p>
<h2 class="chapter" id="ch-42">
<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Für die Nacht</h2>
+Für die Nacht</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">Gebet für dich: daß deine Wange</p>
-<p class="line">Sich möge weich ins Kissen schmiegen,</p>
+<p class="line">Gebet für dich: daß deine Wange</p>
+<p class="line">Sich möge weich ins Kissen schmiegen,</p>
<p class="line">Und durch die bange Nacht, die lange,</p>
<p class="line">Dein Atem sanft dich wiegen, wiegen.</p>
</div>
@@ -1608,7 +1574,7 @@ Für die Nacht</h2>
<p class="line">Und wieder wirst du dann die Wange</p>
<p class="line">Dort, wo sie lag, ins Kissen schmiegen.</p>
<p class="line">Und wieder mag dein Atem lange</p>
-<p class="line">Dich flüsternd wiegen, wiegen, wiegen.
+<p class="line">Dich flüsternd wiegen, wiegen, wiegen.
</p>
</div>
@@ -1618,14 +1584,14 @@ Der Berg</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Wir gingen, meine zarte Frau und ich,</p>
-<p class="line">Den sichern Weg der großen Serpentine,</p>
+<p class="line">Den sichern Weg der großen Serpentine,</p>
<p class="line">Die frech an dem gewaltigen Berg sich hochschwingt,</p>
-<p class="line">Mit seiner fürchterlichen Schichtung spielend.</p>
+<p class="line">Mit seiner fürchterlichen Schichtung spielend.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Vorbei an greisen Felsenköpfen,</p>
-<p class="line">Gepreßten Klötzen, bösen Zacken</p>
+<p class="line">Vorbei an greisen Felsenköpfen,</p>
+<p class="line">Gepreßten Klötzen, bösen Zacken</p>
<p class="line">Und grimmigen Kronen.</p>
</div>
@@ -1636,38 +1602,38 @@ Der Berg</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Wo hoch über allen Sommern</p>
-<p class="line">Schnee sich anhäuft,</p>
-<p class="line">Zu hell für Augen, die ans Tal gewöhnt sind</p>
+<p class="line">Wo hoch über allen Sommern</p>
+<p class="line">Schnee sich anhäuft,</p>
+<p class="line">Zu hell für Augen, die ans Tal gewöhnt sind</p>
<p class="line">Und an die vielen Farben alle.</p>
<p class="line">Schneeflug auf Schneeflug, Schneekorn dicht an Schneekorn.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Wo ein Schweigen tönt,</p>
+<p class="line">Wo ein Schweigen tönt,</p>
<p class="line">All unsere Musik, die hurtig plaudernde,</p>
-<p class="line">Mit frierender Monotonie belächelnd &mdash;</p>
-<p class="line">Als wäre ein Jahrtausend hier ein Takt.</p>
+<p class="line">Mit frierender Monotonie belächelnd &mdash;</p>
+<p class="line">Als wäre ein Jahrtausend hier ein Takt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und wir auf unsrer sichern Serpentine,</p>
-<p class="line">&bdquo;Spürst du es,&ldquo; sagte ich,
+<p class="line">&bdquo;Spürst du es,&ldquo; sagte ich,
</p>
<p class="line">
<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-&bdquo;Wie nahe wir jetzt einem <span class="em">Großen</span> sind!&ldquo;</p>
-<p class="line">Die Frau lächelte</p>
+&bdquo;Wie nahe wir jetzt einem <span class="em">Großen</span> sind!&ldquo;</p>
+<p class="line">Die Frau lächelte</p>
<p class="line">Zum Berge hin.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Da nahm der Berg mit einem wüsten Griff</p>
+<p class="line">Da nahm der Berg mit einem wüsten Griff</p>
<p class="line">Mir meine zarte Frau,</p>
-<p class="line">Riß sie mir weg und schwang sie, schwang sie,</p>
-<p class="line">Hoch, höher, hoch beim höchsten Schnee &mdash;</p>
+<p class="line">Riß sie mir weg und schwang sie, schwang sie,</p>
+<p class="line">Hoch, höher, hoch beim höchsten Schnee &mdash;</p>
<p class="line">Und wollte sie fallen lassen,</p>
-<p class="line">Sie über Steine tanzen lassen, stürzen lassen</p>
+<p class="line">Sie über Steine tanzen lassen, stürzen lassen</p>
<p class="line">Rasenden Wurfs in eine Todesschlucht kopfunter.</p>
</div>
@@ -1684,8 +1650,8 @@ Der Berg</h2>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Und küßte der Ohnmächtigen, der Geretteten,</p>
-<p class="line">Den Tropfen Blut weg, der an ihrer Nüster stand.
+<p class="line">Und küßte der Ohnmächtigen, der Geretteten,</p>
+<p class="line">Den Tropfen Blut weg, der an ihrer Nüster stand.
</p>
</div>
@@ -1694,14 +1660,14 @@ Der Berg</h2>
Gloria</h2>
<div class="poem">
-<p class="line">O süßes Leben, du bist mein!</p>
+<p class="line">O süßes Leben, du bist mein!</p>
<p class="line">In deinem reinsten Licht zu sein,</p>
<p class="line">Ihr Blut die Helden gaben,</p>
<p class="line">Die sich geopfert haben.</p>
</div>
<div class="poem">
-<p class="line">Es starb für dich der treue Christ,</p>
+<p class="line">Es starb für dich der treue Christ,</p>
<p class="line">Dir jedes Lied erklungen ist.</p>
<p class="line">Soll ich nicht hoffen, glauben?</p>
<p class="line">Kein Schicksal wird mirs rauben.</p>
@@ -1709,7 +1675,7 @@ Gloria</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Wohl war ich in der Mutter Lust,</p>
-<p class="line">Um ihren Schmerz hab ich gewußt.</p>
+<p class="line">Um ihren Schmerz hab ich gewußt.</p>
<p class="line">Vom Lieben und vom Leiden</p>
<p class="line">Mag ich mich nimmer scheiden.</p>
</div>
@@ -1717,8 +1683,8 @@ Gloria</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Gegeben in die ewige Huld,</p>
<p class="line">Gebunden durch die ewige Schuld,</p>
-<p class="line">Den ewigen Tod zu Füßen:</p>
-<p class="line">Will ich mein Leben grüßen.</p>
+<p class="line">Den ewigen Tod zu Füßen:</p>
+<p class="line">Will ich mein Leben grüßen.</p>
</div>
@@ -1774,7 +1740,7 @@ Gloria</h2>
</tr>
<tr>
- <td>Vorfrühling</td>
+ <td>Vorfrühling</td>
<td class="right"><a href="#ch-10">16</a></td>
</tr>
@@ -1789,7 +1755,7 @@ Gloria</h2>
</tr>
<tr>
- <td>Die Nähe</td>
+ <td>Die Nähe</td>
<td class="right"><a href="#ch-13">19</a></td>
</tr>
@@ -1844,7 +1810,7 @@ Gloria</h2>
</tr>
<tr>
- <td>Ein Kuß</td>
+ <td>Ein Kuß</td>
<td class="right"><a href="#ch-24">31</a></td>
</tr>
@@ -1879,7 +1845,7 @@ Gloria</h2>
</tr>
<tr>
- <td>Einem edlen Jüngling</td>
+ <td>Einem edlen Jüngling</td>
<td class="right"><a href="#ch-31">40</a></td>
</tr>
@@ -1934,7 +1900,7 @@ Gloria</h2>
</tr>
<tr>
- <td>Für die Nacht</td>
+ <td>Für die Nacht</td>
<td class="right"><a href="#ch-42">53</a></td>
</tr>
@@ -1964,7 +1930,7 @@ Gloria</h2>
<p class="center" style="font-size:1.4em; letter-spacing:0.1em;">
KURT WOLFF VERLAG &bull; LEIPZIG
</p>
-<p class="center" style="font-size:1.2em;">(FRÜHER ERNST ROWOHLT VERLAG)
+<p class="center" style="font-size:1.2em;">(FRÜHER ERNST ROWOHLT VERLAG)
</p>
<hr class="fat" />
@@ -1972,17 +1938,17 @@ KURT WOLFF VERLAG &bull; LEIPZIG
<p class="center" style="font-size:1.4em;">WALTER HASENCLEVER</p>
<p class="center" style="font-size:1.6em; letter-spacing:0.2em; margin-bottom:0.5em;">
-DER JÜNGLING</p>
+DER JÜNGLING</p>
<p class="center" style="margin-bottom:0.5em;">Geheftet Mark 2.50 Gebunden Mark 3.50</p>
-<p class="noindent"><span class="em">Richard Dehmel:</span> Nehmen Sie meinen besten Glückwunsch
+<p class="noindent"><span class="em">Richard Dehmel:</span> Nehmen Sie meinen besten Glückwunsch
zu Ihrem Buch. Was mich vor allem fesselte, ist die Lebenskunst,
die aus Ihrer Dichtkunst spricht. Gerade heute entstehen
-wenig Bücher, die in hohem Sinne epikureisch sind. Ich glaube,
-Ihr »Jüngling« kann auch reifen Männern eine lächelnde Anleitung
+wenig Bücher, die in hohem Sinne epikureisch sind. Ich glaube,
+Ihr »Jüngling« kann auch reifen Männern eine lächelnde Anleitung
geben, das Schicksal als eine Angelegenheit geistigen
-Genusses aufzufassen; ich wünsche Ihnen solche männliche Leser!
+Genusses aufzufassen; ich wünsche Ihnen solche männliche Leser!
</p>
<p><span class="em">Deutsche Montagszeitung:</span> Eine neue Gesellschaftsdichtung
@@ -2000,407 +1966,35 @@ WIR SIND</p>
<p class="center" style="margin-left:3em; margin-right:3em; margin-bottom:0.5em;">
Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte
-Expl. auf schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M 35.&mdash;</p>
+Expl. auf schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M 35.&mdash;</p>
<p class="center" style="margin-bottom:0.5em;">
Geheftet Mark 3.&mdash; Gebunden Mark 4.50</p>
-<p class="noindent">Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt
+<p class="noindent">Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt
gewordenen Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet
-war: die Fülle der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen
+war: die Fülle der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen
Poeten, wird hier gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung.
Aber nicht mehr im Irdischen will seine Dichtung
-beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl aller Menschheit
-näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie
-die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Stärke
-und Verkündigung eines neuen Ethos.
+beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl aller Menschheit
+näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie
+die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Stärke
+und Verkündigung eines neuen Ethos.
</p>
<p class="center" style="margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em;">
-URTEILE ÜBER FRANZ WERFEL:</p>
+URTEILE ÜBER FRANZ WERFEL:</p>
-<p class="noindent"><span class="em">Wilhelm Herzog</span> im »Berliner Tageblatt«: ». . . ein ganz junger,
-ganz großer Dichter. Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«
+<p class="noindent"><span class="em">Wilhelm Herzog</span> im »Berliner Tageblatt«: ». . . ein ganz junger,
+ganz großer Dichter. Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«
</p>
-<p><span class="em">Frankfurter Zeitung:</span> ». . . ein ganz großer Dichter, mit
-allem Ernste sei das gesagt.«
+<p><span class="em">Frankfurter Zeitung:</span> ». . . ein ganz großer Dichter, mit
+allem Ernste sei das gesagt.«
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-End of the Project Gutenberg EBook of Die Spur, by Berthold Viertel
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-contact links and up to date contact information can be found at the
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