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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40304 ***
+
+Berthold Viertel
+
+
+Die Spur
+
+
+1913
+Kurt Wolff Verlag · Leipzig
+
+
+Dies Buch wurde gedruckt
+im Oktober 1913 als dreizehnter
+Band der Bücherei »Der jüngste Tag« bei
+Poeschel & Trepte in Leipzig
+
+
+Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+Meiner Frau
+
+
+
+
+
+Widmung
+
+
+ Nachts gestern von dir heimgegangen.
+ Wie Schnee ists unterm Mond gelegen.
+ Da fühlt ich wiederum den Segen
+ Der weißen Nacht mit heißen Wangen.
+
+ Das tief Vertraute hat gesprochen,
+ Es lindert sich die starre Kehle.
+ Da war mit einemmal der Seele
+ Der arg verjährte Star gestochen.
+
+ O Gott, wie ists? Darf ich denn wieder
+ Mein längst verbotnes Herz auskramen?
+ Du Freundliche, in deinem Namen!
+ Ich lege Wehr und Würde nieder.
+
+ Darf ich die keusche Kindersage
+ In dein geneigtes Ohr dir flüstern?
+ Ich rette Gold aus dem Verdüstern.
+ Da nimm die Lilien früher Tage!
+
+
+
+
+Der Ort
+
+
+ Einst -- Kindheit, Fieber oder Traum,
+ Ich wachte kaum, ich dachte kaum --
+ Lag eine Wiese da.
+ Der Wald wuchs dunkel hinter ihr,
+ Ein unbeschreitbares Revier,
+ Wo Angst und Tod geschah.
+
+ Die Wiese hielt mich eingefaßt,
+ Sie, Eiland, Wiese, Wiege, Rast,
+ Wie ruhig schlug mein Blut.
+ Auch nicht in meiner Mutter Schoß
+ Hab ich so groß, so grenzenlos,
+ So ungekränkt geruht.
+
+ Der Himmel flog, ein blauer Rauch,
+ Von Licht durchatmet, jeder Strauch
+ Vom Atem eingewiegt,
+ Der schön und selig, ein Gefühl,
+ Leicht wie ein Spiel, wie Höhe kühl
+ Zu Gottes Gipfel stieg.
+
+ Ich war ein Schein in allem Schein,
+ Der widerschien -- ich strahlte rein
+ Und freute mich darin.
+ Ich, Himmel, Sonne hingen wir
+ Und flogen wir und gingen wir
+ Herüber und dahin.
+
+ Man muß nicht Wege suchen, sie
+ Verführen und sie führen nie
+ Zu dem entzückten Ort.
+ Ich weiß, ich war -- und weiß jetzt kaum,
+ Ob Kindheitswunsch, ob Fiebertraum --
+ Einmal geladen dort.
+
+
+
+
+Der kranke Knabe
+
+
+ Ich trag den Schmerz nicht,
+ Weil ich nicht kann.
+ Was willst du, Mutter?
+ Sieh mich nicht an!
+
+ Ich mag dich nicht, Mutter,
+ Weil du nichts weißt,
+ Nicht wegstreicheln kannst,
+ Was den Kopf mir zerreißt.
+
+ Nicht wegnehmen kannst
+ Mit der großen Hand
+ Von der Stirn das Feuer --
+ Sie ist innen verbrannt!
+
+ Wie arg es ist, Mutter!
+ Sieh mir nicht zu
+ Und hab mich nicht lieb --
+ Nein, Mutter, gib Ruh!
+
+
+
+
+Der Gut-Wetter-Wind
+
+
+ Der Gut-Wetter-Wind hat manches zu tun,
+ Was er lieben müßte, wenn ers verstünde.
+ Er jagt vielleicht nur, um dann zu ruhn,
+ Aber dennoch hilft er so manchem Kinde.
+
+ Farbige Schleifen hat er zu drehn
+ Um Holzstäbe, welche die Kinder halten.
+ Kein braver Wind sollte weiter wehn,
+ Ohne gern dieses bunten Amtes zu walten.
+
+ Papierdrachen aber müssen den Wind
+ Überlisten, bekämpfen -- Triumph des Schwebens!
+ Da freilich erleidet so manches Kind
+ Die Niederlage himmlischen Strebens.
+
+ Ob das auch kümmert jeden Wind?
+ Er weht vielleicht nur, um Wellen zu machen,
+ Um Wolken zu treiben, welche sind
+ Sein Spiel, sein Sport, sein Triumph, seine Drachen.
+
+
+
+
+Schulstunde
+
+
+ Wenn so an einem Wintermorgen
+ Im Schulzimmer die Lampen brannten,
+ Die Seele dämmerte geborgen,
+ Das Lineal legte Sekanten
+
+ Durch meines Zirkels gute Kreise,
+ Und man bewies etwas an ihnen,
+ Der Herr Professor schien sehr weise,
+ Die Schüler machten brave Mienen:
+
+ Dann war es so weltabgewandt,
+ Das Paradies des Objektiven.
+ Sogar der Lehrer saß gebannt,
+ Vielleicht, daß auch die Bücher schliefen.
+
+ Das war ein freies Nichtstun -- wie
+ Ewig dem Katalog entronnen.
+ Der Lampen milde Apathie
+ Nährte der Faulheit süße Wonnen,
+
+ Indes die Träume, die sonst gerne
+ Schmerzhaft im Herzen suchen gingen,
+ Jetzt schwach nur brausend, wie von ferne,
+ Verschmolzen mit der Lampen Singen.
+
+
+
+
+Vanitas
+
+
+ Geweint hat schon das Kind,
+ Verlassen in der Leere
+ Der Tage, die unfruchtbar sind.
+ Bald trug ich diese Schwere!
+
+ Nachts schrie ich nach dem Traum,
+ In wacher Not verloren,
+ Im wüstenweiten Raum.
+ Und jede Stunde totgeboren!
+
+ Ich biß ins Bett, die Finsternis
+ Mit Fäusten schlagend,
+ Tobender Neuling -- ich zerriß
+ Mein Knabenhemd, nach Leben, Leben klagend.
+
+ Wer hat uns Leben aufgedrungen,
+ Es ewig zu begehren?
+ Wenn nur nicht diese Dämmerungen,
+ Die hoffnungslosen Morgenröten wären!
+
+
+
+
+Heilige Gruppe
+
+
+ Der Gärtner, der den Graukopf zu den Beeten neigt --
+ Wie sanft kann seine harte Hand betreuen --,
+ Das Enkelkind, das blonde Locken neigt,
+ Und knabenhaft bestrebt ist, Sand zu streuen.
+
+ Beide versunken in ein schlichtes Dienen,
+ Beide vor Eifer fromm und zag,
+ Indes ein schöner Wochentag
+ Verklärend spielt auf ihren Mienen.
+
+ Seit jener Eine wuchs aus solchem Kreis,
+ Kann jeder blonde Knabe Wunder sein.
+ Bei hellem Tag zittert ein Heiligenschein
+ Über dem Kind und seinem Gärtnerfleiß.
+
+
+
+
+Der schlafende Knabe
+
+
+ Mein jüngerer Bruder, du schläfst,
+ Du träumst.
+ Leis halt ich deine Hand
+ Und sinne deinen träumenden Wünschen nach.
+
+ Du Ungeduldiger!
+ Hast du noch nie ein Roß gedemütigt?
+ Ergab sich nie in deinen Armen
+ Zur Liebe eines Weibes Haß?
+ Die weichen, schmeichelnden Teppiche der Ehre,
+ Wo sind sie?
+ Und die Vezire, die zu Sklaven werden?
+
+ Ah, wo verbirgt sich jene Stunde,
+ Die ganz besiegte,
+ Da du nach keiner neuen mehr begehrst?
+
+ Ich sehe deine Nüstern zucken
+ Und eine ungebärdige Ader auf deiner Stirn.
+ Die Hand in meiner Hand wird muskelhart.
+
+ Du unerprobter Kämpfer!
+ Sieger im Traum!
+
+
+
+
+Gebet
+
+
+ Und wenn ich bete, Gott, erhörst du mich?
+ Genügt es, daß ich wieder Beter werde?
+ Erleichterst du mir dann den Druck der Erde,
+ Der mir so selten von der Seele wich?
+
+ Ich bin dein treues Kind von Anbeginn
+ Und habe dich dereinst so gut verstanden.
+ Wohl ging ich Wege, die dich nicht mehr fanden,
+ Dir immer nach und wußte nicht, wohin.
+
+ Auf tiefes Dienen war ich stets bedacht,
+ Und lag nicht deine Huld auf meinem Dienen?
+ Jetzt freilich zürnen, Meister, deine Mienen,
+ Und über meinem Scheitel wächst die Nacht.
+
+ Daß ich so schwach bin, hab ich nicht gewußt,
+ Von aller Welten-Schwachheit so durchdrungen!
+ Willst du die Demut, ist dirs bald gelungen,
+ Schon atme ich mit halberstickter Brust.
+
+ Soll ich bezeugen, Ewiger, deine Macht?
+ Sollen auf freiem Markt die Wunden bluten?
+ Gezüchtigt von der Schärfe deiner Ruten
+ Und wehrlos als dein Opfer dargebracht?
+
+ Ich hoffe noch, auch wenn es Hoffahrt ist,
+ Daß du mir Gutes willst in deinen Plänen.
+ Und halte fest an meinem Kindersehnen
+ Und zehre noch an einer Gnadenfrist.
+
+ O öffne, Furchtbarer, dein Stahlvisier!
+ Nur einen Blick aus deutlichem Gesichte!
+ Wenn du mich retten willst, Vorsitzer im Gerichte!
+ Ich habe grenzenlose Angst vor dir!
+
+
+
+
+Vorfrühling
+
+
+ Ein Himmel, der nicht weiß,
+ Ob er strahlen mag.
+ Erschauernd weht der Tag --
+ Und leis
+ Verwirrt er jeden Herzensschlag.
+
+
+
+
+Einsiedler
+
+
+ Mir gehört der große Garten nicht,
+ Der sich weit ins Land hineinverflicht.
+ Mir gehört nur ein geborgnes Stück,
+ Rasenfleck, begrenztes Himmelsglück.
+
+ Wo herunter wie durch einen Schacht
+ Sterne nach mir zielen manche Nacht,
+ Und an schönem Tag ein wenig Blau
+ Lächelt meiner unverwandten Schau.
+
+ Doch durch diese Enge steigt und steigt
+ Mein Gebet, ob auch die Höhe schweigt,
+ Ob auch meinem Schrei, der niemals rastet,
+ Nie sich eine Antwort niedertastet.
+
+
+
+
+Die Freude
+
+
+ Mir ist die Lust kein leicht erspieltes Gut,
+ Kein hitziger Zufall -- denn mein dummes Blut
+ Muß erst die Freude lernen.
+ Mühselig lern ich tun, wie Freude tut.
+
+ Weit besser kann ich schon die Traurigkeit.
+ Ein wahrer Könner müßt ich sein im Leid
+ Und wie ein Meister spielend.
+ Leid war bei mir in aller Lebenszeit.
+
+ Doch wenn ein karges Frohsein mir gelingt,
+ Bin ich so stolz wie wer das Große zwingt,
+ Stolz wie ein Kind,
+ Das immerfort drei falsche Töne singt.
+
+
+
+
+Die Nähe
+
+
+ Ich wage nicht Heimat zu sagen
+ Zu Tälern, in die meine Einsamkeit
+ Sich schmiegte, in ein Lieblingskleid,
+ Zu Bächen, so vertraut meinen hellsten Tagen.
+ Und wenn ich im Wald zu horchen begann,
+ Hielt ich immer beschämt den Atem an.
+
+ Ich bin nicht gut genug für all diese Nähe,
+ Die so lieblich ist und sich selbst so treu.
+ Die Berge waren längst, ich aber bin neu,
+ Sie haben ihren Ort, ich aber gehe
+ Und suche, weiß nicht einmal wen?
+ Wie sicher die Bäume in ihren Räumen stehn!
+
+
+
+
+Vor dem Einschlafen
+
+
+(nach schönen Tagen)
+
+ Bin wie voll von einem guten Schlafe,
+ Weil die Tage schön gewesen sind.
+ Und ich könnte beten wie das brave
+ Kind, das abends sich auf Gott besinnt.
+
+ Eine milde Lampe wollt ich haben,
+ Die hell bleiben dürfte diese Nacht.
+ Wollte mich in einem Bette laben,
+ Mir von milder Hand zurecht gemacht.
+
+ Alles wohlgetan, und ich entkleide
+ Mit den Kleidern mich von aller Welt,
+ Die mich jetzt mit keinem ihrer Eide
+ Länger drückt und angebunden hält.
+
+
+
+
+In der Nacht
+
+
+ Ich tauche aus dem Schlaf hervor.
+ Wohin sich alles nur verlor?
+
+ Und über mir ein Traum zerrinnt.
+ Ich taste, wo die Welt beginnt.
+
+ Da plötzlich weiß ichs wie ein Leid:
+ Daß ich zurückblieb in der Zeit.
+
+
+
+
+Die Stadt
+
+
+ Ein böses Werk betreiben diese Tage
+ Und treibens hastig, ohne nur zu ruhn.
+ All mein um Menschen Werben, das ich wage,
+ Es endet wie gehässiges Tun.
+
+ Und alles Herz, das mir die Menschen reichten,
+ War übervoll mit Gift betaut.
+ Ich nenne dich die Hölle der Verseuchten,
+ Stadt ohne Seele aufgebaut.
+
+ Könnt ich entlaufen! Einen Acker haben,
+ Den nichts als Himmel überhängt.
+ Und dort nach meinem Herzen graben,
+ Das sich so tief hinabgesenkt.
+
+
+
+
+Pferderennen
+
+
+ Still zieht mein Blick mit diesem Rudel Reiter
+ In grüner Ferne: das geschlossen dicht,
+ Wie spielend hinläuft, dort im Bogen weiter,
+ Dann näher kreist, nun in die Nähe bricht.
+
+ Da kommen sie, über den Mähnen liegend,
+ Sich, Mann und Tier, hinwerfend durch die Zeit,
+ Noch alle wollend, und noch keiner siegend --
+ Und plötzlich weiß mein Herz die Schnelligkeit.
+
+ Und jetzt: ein braunes mit befreitem Sprunge
+ Durchdringt das Rudel -- ungehemmt davon!
+ Es hat den Sieg im übersichern Schwunge
+ Und trägt ihn weit vor allen schon.
+
+ Das Rudel ist entwirrt -- ein Zweiter,
+ Ein Dritter reißt sich vom verstrickten Feld.
+ Im Fluge horcht zurück der erste Reiter,
+ Der schon sein Tier mit leichten Händen hält.
+
+
+
+
+Szene
+
+
+(Sonntagabend in der Großstadt)
+
+ Ein mächtiger Greis in glänzendem Zylinder
+ Trat plötzlich vor die Leute, Weiber, Kinder.
+ Betrunken baumelt er mit einem Stock,
+ Dran hängt Marie in blütenweißem Rock,
+ Die schlanke Himmelskönigin aus Flußpapier,
+ Die Wänglein süß wie Milch und Blut auch hier.
+ Die Leute lachen sehr: »Er kommt aus Mariazell,
+ Dort weht es heilig und die Luft ist hell.
+ Am Weg zum Altar stehn viel Schenken offen,
+ Da hat der gute Alte sich besoffen.«
+ Der Alte lächelt heimlich und verschwiegen,
+ Hat er doch Berg und Täler überstiegen.
+ Und immer neue dumme Neider kamen
+ Und höhnten laut -- er aber sagte: Amen.
+
+
+
+
+Einsam
+
+
+ Wenn der Tag zuende gebrannt ist,
+ Ist es schwer nachhause zu gehn,
+ Wo viermal die starre Wand ist
+ Und die leeren Stühle stehn.
+
+ Besser ists, mit den Verirrten
+ Laut vereint zum Weine finden.
+ Elend läßt sich mit Gift bewirten,
+ Und ein Blinder führt einen Blinden.
+
+ Freundin, Verlorne, ich könnte dich bitten,
+ Aber du wirst mich um Geld erhören.
+ Und wir eilen mit ungleichen Schritten,
+ Um uns tiefer noch zu zerstören.
+
+ Wer hat den Mut, ohne Rausch, ohne Blende
+ Durch die leeren Pausen zu gehn
+ Und einsam der Tageswende
+ In die erlöschenden Augen zu sehn!
+
+
+
+
+Begegnung
+
+
+ Als nachts um eins ein leiser Regen fiel,
+ Da traf ich in der Straße eine Kranke
+ Hintaumelnd, eine irre Dulderin,
+ Die, tastend nach dem letzten Ziel,
+ Wie ein verlöschender Gedanke
+ Schon in den Tod zu starren schien.
+
+ Und wie gerufen trat ich ihr ganz nah,
+ So daß ich jetzt ihr leeres Auge sah.
+
+ Da mußt ich sie mit einem Worte grüßen
+ Und sah sie schwanken auf den lahmen Füßen
+ Und sah sie lächeln schwer und kalt.
+ »Der Regen«, lallte sie, »wird sich beeilen,
+ Ich aber habe noch zwei böse Meilen.«
+ Wir nahmen Abschied ohne Aufenthalt.
+
+
+
+
+Bauernpferde
+
+
+ Ich sehe oft die Bauernpferde,
+ Die nachts durch die Straßen zum Markte gehn.
+
+ Wenn sie angelangt sind und wartend stehn
+ Wie roh geformte Klumpen Erde,
+ Da ruht das Dunkel so schwer auf ihnen.
+ Aber wenn sie noch gehn und wandern,
+ Ihre Wagen führen, eins nach dem andern,
+ Sind sie so stark in ihrem Dienen.
+
+ Wie manches allein geht, sorglos, fest,
+ Bedächtig ziehend an den Strängen,
+ Und seinen Kutscher schlafen läßt,
+ Während die Zügel unnütz hängen;
+ Und treulich ausmißt jeden Meter
+ Seines Wegs und auf der Hut ist,
+ Wie ein breiter Mann, der rauh und gut ist,
+ Und Xaver heißt oder Franz oder Peter.
+
+
+
+
+Die Schlafende
+
+
+ Wenn ich ins Zimmer der Schwester gehe,
+ Oft, in mancher ruhigen Nacht,
+ Horchend an ihrem Bette stehe,
+ Leise, damit sie nicht erwacht,
+
+ Mich beuge über das Gottvertrauen
+ Ihres beschatteten Gesichts:
+ Dann fühle ich mit schwerem Grauen
+ Im Dunkel warten den Tod, das Nichts.
+
+ Ihres Ruhens liebe Gelassenheit
+ Gleicht dem noch kindlichen Spiel ihrer Seele,
+ Aber ich weiß, daß die Verlassenheit
+ Sie bald bedrohen wird an der Kehle.
+
+ Mich beugend über ihr Weltvertrauen,
+ Lauschend sanftem Atemzug,
+ Fühl ich mit immer tieferem Grauen:
+ Wie wird sie verwinden den großen Betrug,
+
+ Die schweren, die leeren, die zehrenden Stunden,
+ Ohnmacht, Ekel, Sinnlosigkeit
+ Und Verrat -- die heillosen Wunden,
+ Geschlagen vom schweren Schwert der Zeit.
+
+ Und daß sie Weib ist, ihrer Schwachheit
+ Lebensbürde und Liebesnot?
+ Wie ist ihr Schlummer von aller Wachheit
+ Unrettbaren Gefahren bedroht!
+
+ Da bin ich versucht, sie aufzuschrecken,
+ Brutal, ob sie auch hart erwacht,
+ Ich möchte selbst sie grausam wecken
+ Und mit ihr wachen den Rest der Nacht.
+
+
+
+
+Der Selbstmord
+
+
+ Das Gäßchen bog sich jäh und endete.
+ Ein Widerschein, der plötzlich blendete:
+ Das Meer an meine Schritte grenzte,
+ Das hier getrübte, dort beglänzte.
+ Wie ein ganz tiefer Atemzug
+ Hob es sich hin und kannte kein Genug --
+ Muß einen Schritt nur weitergehn:
+ Da nimmt es mich so, wie ich bin,
+ Öffnet sich still und nimmt mich hin,
+ Zieht mich hinein in die Gezeiten,
+ Mischt mich erledigend in sein Vergleiten,
+ Wie eine mütterlichste Mutter, die ihr Kind
+ Zurück ins Nichts, ins All gewinnt.
+
+
+
+
+Ein Kuß
+
+
+ Eine Hure, die zur Nacht ich fand,
+ Beugte sich herab zu meiner Hand,
+ Als ich durch die leere Straße ging,
+ Eine Hure, die sich an mich hing,
+ Nahm die Hand, die ihr nicht geben wollte
+ Und sie wegstieß und ihr grollte,
+ Beugte plötzlich sich, das arme Tier,
+ Hat geküßt die Hand im Handschuh mir.
+ Nicht um zu besänftigen meinen Willen,
+ Nein, die sonderbarste Gier zu stillen.
+ Nicht mehr bettelnd, schon hinweggewandt,
+ Schon entlaufend meiner fremden Hand.
+
+ Und da fühlte ichs wie einen Stich
+ In der tiefen Brust -- das war nicht ich,
+ Den sie küßte, irrend und verwaist,
+ Nicht das Ich, das einen Namen heißt,
+ Sondern sie, die Namenlose, mich,
+ Einen Namenlosen, der jetzt glich
+ Allen Männern, die sie quälten,
+ Arme Seele küßte den Beseelten,
+ Küßte ungelohnt und ungestillt --
+ Menschenkind küßt Gottes Ebenbild.
+
+ O, nie war ein Kuß wie dieser Kuß,
+ Den ich allen weitergeben muß.
+
+
+
+
+Der Morgen
+
+
+ Ich hing am Kreuz der Nacht und stöhnte schwer,
+ Mein Herz war matt und hoffnungsleer
+ Und Stirn und Gaumen ausgebrannt.
+
+ Da legt der Morgen seine Hand
+ Kühl, blaß und scheu
+ Mir über die versengte Stirn,
+ Und wie das Dunkel schwindet vom Gehirn,
+ Atme ich neu --
+
+ Und trinke weißes Licht und weiße Gnade
+ Und sinke losgelöst und sanft befreit
+ Auf das sich klärende Gestade,
+ Zu neuem Tage neu bereit.
+
+
+
+
+Der Heller
+
+
+ Geld ist Staub in meiner Hand,
+ Den ich unbedacht vergeude.
+ Aber groß war meine Freude,
+ Als ich einen Heller fand.
+
+ Hatte alles ausgegeben,
+ Hunger mir am Marke fraß,
+ Und ich sah entnervt in das
+ Mitleidlose Großstadtleben.
+
+ Alle Taschen gut verschlossen,
+ Alle Seelen zugeknöpft.
+ Ich begriff, daß man geköpft
+ Werden kann um einen Groschen.
+
+ Ich begriff, daß sich ein toller
+ Kerl an wem vergreifen kann.
+ Dieser Ohnmacht Wut und Bann --
+ Nichts auf Erden grauenvoller!
+
+ O, wie muß der Arme hassen!
+ Fenster, die den geilen Duft
+ Dich Lebendigen in der Gruft
+ Wie zum Hohne ahnen lassen.
+
+ Lächelnde, kokette Frauen
+ Zeigen an dem Straßenkleid
+ Alle üppige Kostbarkeit,
+ Während dir die Sinne flauen.
+
+ Unbekümmert rollen Wagen,
+ Ohne dich zu kennen, hin,
+ Die zum Schmaus, zur Buhlerin
+ Oder ins Theater tragen.
+
+ Ich blieb stehn und ich lief schneller,
+ Starrte an und blickte weg.
+ Plötzlich lag vor mir im Dreck
+ Ein verlorner alter Heller.
+
+ Und mir wars, als ich mich bückte,
+ Wie ein Gruß des neuen Tags.
+ Und mein Herz ging bessern Schlags,
+ Als ich in der Hand ihn drückte.
+
+ Diesen Heller, der mir lachte,
+ Wertlos zwar, und doch ganz mein,
+ Ein Geschenk, das mir der Stein
+ Wie in lieber Absicht brachte.
+
+ Wie um mir die Nichtigkeit
+ Und des Zufalls Wurf zu zeigen.
+ Mensch, sei frech, mach dir zu eigen!
+ Dieser Griff hat mich befreit.
+
+
+
+
+Die Heimkehrende
+
+
+ Alida, sagt ich ihr, ich habe dich
+ Sogleich erkannt -- wo hast du nur gezaudert
+ Die viele Zeit? -- Nun aber labe dich,
+ Hier Wein! Kühl deinen Mund, bevor er plaudert.
+
+ Wo irren deine Augen? Nimm das Haar
+ Fort aus der Stirn! -- Nein, keine Frage!
+ Verjage endlich diese Schar
+ Mir fremder Tage!
+
+ Erwache mir! -- Sei da!
+ Die ruhelosen Hände,
+ Vielleicht vergäßen sie, was ohne mich geschah,
+ Wenn erst mein Frieden zu dir fände.
+
+
+
+
+Verfinsterung
+
+
+ Und während dieser Nordwind blies
+ Und unsre Stadt zum Norden machte,
+ Die letzte Sonne uns verließ
+ Und jeder Wunsch zu sterben dachte,
+
+ Und viel zu früh die Nacht begann,
+ Sehr anders als die andern Nächte,
+ Wie eine Nacht, die dauern kann,
+ Solange wer zu warten dächte,
+
+ Da stand ich auf dem alten Platz
+ Und sah die alte Kirche dauern
+ Und geizig Zeit wie einen Schatz
+ Anhäufen hinter ihren Mauern,
+
+ Und sah in dieser alten Stadt
+ Die Leute, die mir Greise schienen,
+ (Wie jedes Antlitz Falten hat,
+ Erstarrtes Nein in seinen Mienen,)
+
+ Und fühlte mich hier stehn und stehn
+ Und wurzeln wie der Dom, der graue,
+ Und konnte gar nicht mehr verstehn,
+ Daß wer noch neue Häuser baue.
+
+ Ob nicht die junge Frau, auf die
+ Ich warten wollte, wann nur? Heute?
+ Selbst alt geworden war und nie
+ Ein Weib mehr einen Mann erfreute!
+
+ Wie ist das sinnlos, hier zu stehn,
+ Als ob die Zeit ein Ende nähme,
+ Und zu erwarten irgendwen,
+ Zu glauben, daß er wirklich käme.
+
+
+
+
+Spaziergang in der Nacht
+
+
+ Kühle, klare Nacht!
+ Welch ein kühnes Schreiten
+ Ist in mir erwacht --
+ Führt aus engen Zeiten
+ Hoch mich in die weiten
+ Aufgeschlossnen Räume dieser Nacht.
+
+ Daß ich heimlos bin,
+ Was ich sonst beklage,
+ Was ich her und hin
+ Durch die niedern Tage
+ Keuchend, schleppend trage --
+ Heute fühl ich es mit neuem Sinn.
+
+ Wie der Schritt erfreut,
+ Wie ein Landweg! Wiesen
+ Sind die Plätze heut,
+ Und man geht in diesen
+ Straßen wie auf Kiesen,
+ Wie in Gärten, die der Mond betreut.
+
+ Löst sich nicht auch hier
+ Manche reine Quelle?
+ Offen liegt vor mir
+ All die fremde Schwelle.
+ Ist nicht ringsum helle
+ Heimat und befreundetes Revier!
+
+
+
+
+Die Unerbittlichkeit
+
+
+ Als ich die Unerbittlichkeit verstand,
+ Ward mir das Blut wie Blei, wie aus Ton mein Fuß
+ Und ohne Muskel lahmte meine Hand,
+ Schweiß auf der Stirn, des Todes kalter Gruß.
+
+ Und das Herz selbst tat so erbärmlich weh
+ Vor lauter Gottverlassenheit.
+ Da sagte ich zu mir: »Mensch! Jetzt gesteh!
+ Jetzt wärest du zu jedem Schluß bereit.«
+
+ Jetzt, wo ich sanft in meinem Elend bin,
+ Weil aller Trotz wie Hauch in Lüften schwand,
+ Jetzt werft mich zu den Pestverseuchten hin
+ Und laßt allein verwelken diese Hand.
+
+
+
+
+Einem edlen Jüngling
+
+
+ Du wirst wie wir alle am Zügel
+ Gängig werden,
+ Im Zotteltrab, ohne Flügel,
+ Gehn mit den Herden.
+
+ Du wirst mit dir verkehren
+ Karg und gewöhnlich,
+ Und ohne prinzliche Ehren,
+ Weltversöhnlich.
+
+ Du wirst deine Tage tragen
+ Ganz wie wir alle,
+ Mit Arbeit, mit Behagen,
+ Mit Herz und Galle.
+
+ Du wirst dich ärgern lernen
+ Und dich bescheiden,
+ Unter geduldigen Sternen
+ Menschlicher leiden.
+
+
+
+
+Liebe
+
+
+ Dunkle Erdenwege, die der lichten,
+ Leichten Gefühle Schatten sind!
+ Liebe als Licht aus der Sonne rinnt
+ Und verfängt sich an kalten, dichten
+
+ Menschenleibern und Menschenseelen,
+ Und umwirbt sie, verklärt sie, vergöttert sie,
+ Und verdirbt sie, zerstört sie, zerschmettert sie --
+ Menschen, die sich küssen, sich quälen.
+
+
+
+
+Die Spielende
+
+
+ Spiele nur, spiele nur weiter, ich will dich nicht stören,
+ Ich halte den Atem an und schau dir zu,
+ Spiele nur, Sorglose du,
+ Ich will mich nicht empören,
+ Wenn plötzlich mein Leben in deiner Hand
+ Ein wenig zu sterben beginnt -- ich halte Stand,
+ Ich Spielzeug --
+
+ Weiß ich auch mit meinem kalten, ohnmächtigen Wissen,
+ Daß dich das Spiel kaum freut, ja langweilt sogar,
+ Und fühl ich auch, wie so tief! Angst und Gefahr:
+ Es werde dir nicht entrissen,
+ Was du mit leichter Sicherheit dir gewonnen hast, Kind,
+ Wie grausam auch deine Finger sind,
+ Spiele --
+
+ Denn du lächelst, Sorglose, aus dir lächelt ein Schimmer
+ Des lieben, so unwirklichen, blinden
+ Lebens, das ich nicht finden,
+ Nicht sein, nicht haben kann -- was auch immer
+ Jetzt in mir stirbt und sei es noch so reich,
+ Ich halte den Atem an und fühle bleich,
+ Daß du schön bist --
+
+
+
+
+Ein Brief
+
+
+ Geliebter, deine Kühle
+ Weht aus der Ferne her.
+ Geliebter, und ich fühle,
+ Du liebst nicht mehr.
+
+ Geliebter, und die Züge
+ Deines Angesichts
+ Zerfließen, eine Lüge,
+ In ein Nichts.
+
+ Und ob ich mich auch quäle,
+ Ich weiß deinen Mund nicht mehr.
+ Geliebter, meine Seele
+ Wird wieder leer.
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+Abschied
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+ Abschied ist Tod. Das weiß ein jedes Kind
+ Und läßt die Mutter aus dem Haus nicht fort.
+ Jemand reist ab. Mein Herz fühlt Meuchelmord.
+ So viele weiche Wärme mir entrinnt,
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+ Daß ich wie ein Verblutender verbleiche.
+ Mir ist sehr kalt, ich friere tief -- adieu!
+ Und alles Bleibende tut grausam weh,
+ Wie aufgerissene, verletzte Herzensweiche.
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+ Soll ich nachhause gehen, die Papiere
+ Am Schreibtisch ordnen, einen Stundenplan
+ Entwerfen, weitertun, mein Ziel bejahn?
+ Und überwinden, daß ich dich verliere?
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+Auch du
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+ Auch du bist schon geprüft, auch dir ist eingegraben
+ Die Rune Welt, die wirre Hieroglyphe.
+ Du hast gelitten bis zur Tiefe,
+ Gekostet von den Honigwaben.
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+ Du hast besessen und du warst zu eigen,
+ Geküßt hast du das Band, dich freigequält.
+ Du kennst die Schuld, die aus der Rinde schält,
+ Das süß und bittre Wort, die Kunst zu schweigen.
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+ Das alles war, wie mir, auch dir beschieden.
+ Jetzt aber sind wir beide neu gewandet,
+ Gestrandet und an seliger Bucht gelandet --
+ Und es ist wieder schön hienieden!
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+Schnee
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+ Schnee war gestern plötzlich da -- auf allen
+ Trüben Straßen, hell wie Unschuld, weiß,
+ Weich und wärmend, aus der Luft gefallen.
+ Und wir gingen -- enger ward der Kreis,
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+ Der uns heimlich aneinanderhält --
+ Mit gedämpftem Schritt, gedämpfter Seele,
+ Unverhofftes Lachen in der Kehle,
+ Durch des Schneefalls kindlich neue Welt.
+
+ Wir, die jetzt so ernste Frage quält,
+ Wurden schmiegsam, atemleicht, gelinder,
+ Lachten furchtlos, schneefroh, beinah Kinder --
+ O wie hat die kleine Freude uns gefehlt!
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+
+
+
+Bitte an die Geliebte
+
+
+ Laß uns wissend sein! Wir haben gelernt,
+ Was Menschen nähert, was entfernt.
+ Wir sind gealtert am Lächeln-Müssen,
+ Gestorben an erzwungenen Küssen.
+
+ Wieder auferstanden an befreiten
+ Heißen Unwillkürlichkeiten.
+ Gesundet an einem Atemzug,
+ Der ungehemmt hinübertrug.
+
+ Laß uns Horcher sein auf das Sich-Regen
+ Im dunklen Du! Nur nicht entgegen
+ Dem Eigensinn der Einsamkeiten!
+ Nur mit dem Kind in uns nicht streiten!
+
+
+
+
+Ihr Freunde
+
+
+ Ihr Freunde, große Liebe
+ War euch von mir geweiht.
+ Ich ward zum Diebe
+ An eurer Freundlichkeit.
+
+ Mein Herz in Händen bringend,
+ Ein maßloses Geschenk,
+ So kam ich Freundschaft zwingend.
+ Was wart ihr eng!
+
+ Euch wie die Mörder hassen
+ Lehrtet ihr mich zum Dank,
+ Vergiftet und verlassen,
+ Nach Sanftmut krank.
+
+ Mit allem meinem Gute
+ Warft ihr dem Weib mich zu.
+ An der ich blüh und blute,
+ Sei gnädig du!
+
+
+
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+Unschuld
+
+
+ O die Unschuld des Genusses,
+ Wenn ich dich genieße,
+ Nimmermüde deines Kusses
+ Und der Atemsüße.
+
+ Jede Nacht bringt neue Spiele,
+ Spielglück ohne Ende.
+ Unsre Lippen wissen viele
+ Und die guten Hände.
+
+ Immer zarter, immer schöner,
+ Seit uns Lust verschönte.
+ Ich dein glücklicher Verwöhner,
+ Glücklich die Verwöhnte.
+
+
+
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+Die Insel
+
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+ Sprich nicht von dieser Insel, wo wir uns trafen
+ In unsern Nächten.
+ Das Blut rauscht rings um sie.
+ Und keine Zeit geschah, Uranfang, Ende.
+ Was wir sonst sind, vergessen und verscheucht.
+ Nur diese Spiele, grausam wie Dämonen,
+ Marter nach einem Glück, das anders
+ Beseligt als das Brot, der Trunk,
+ Die sonst die Lippen sättigen.
+ Nein, ungesättigt
+ Tobten wir,
+ Bis schwer die Wimpern und die Lider schwer,
+ Das Haupt ermattet, sinkend, abgebrochne Blüte,
+ Der Tod kalt an die Stirnen tastend,
+ Das Innre ausgehöhlt, ein leeres Haus
+ Mit ausgehobnen Fenstern, ohne Dach.
+ Oh, das Korallenrot der Lippen
+ War mit rötrem Rot betaut
+ Von unsrer Zähne Mordgier.
+ Heilandsmale
+ Auf diesen kühlen Händen, die gefiebert
+ Im Suchen nach Entspannung, die nicht kam.
+ Nein, Ekel kam, der Würger,
+ Vom goldenen Tor der Lust uns scheuchend,
+ Daß wir wie Schatten flohn.
+ In unsern Adern
+ Ebbte die Lust zurück, zum dunklen Schacht.
+ Und nur ein Duft von ihr
+ Blieb dem Verschmachten.
+ Wie Irre hatten wir am harten Schloß gerüttelt,
+ Die Gnade aufzusprengen.
+ Aber nun, mit entnervten Knien,
+ Müd wie Gerichtete,
+ Schlichen wir einen bangen Weg zurück.
+
+ Und doch, du Köstliche, war nichts als Zärtlichkeit
+ In meinem grausam Sein.
+ Doch kniete ich huldigend
+ Den Marterberg empor,
+ Um nur den heißen süßen Hauch
+ Zu pflücken, wenn die Lippe dir erblaßt.
+ Um dir im Weh
+ Die bebende Melodik zu entlocken.
+ Um deinem Unbewußtsein nah zu sein,
+ Als könnt ich fast bis an den Tod gelangen,
+ Wo wir ganz nah sind.
+ Und doch war mir, du Köstliche,
+ Daß wir die Lust, Verschmachtende, verschmähten,
+ Ein bessres noch als Glück, ein tieferes
+ An-Wurzeln-Zerren, sie zu lockern, du!
+ Mir sind sie heilig
+ Diese Feste
+ Der Qual --
+ Wenn wir auch fürchterlich erwachen.
+ Sprich nie von dieser Insel,
+ Die nur wir,
+ Nur wenn wir Dämon sind, in uns betreten,
+ Das Blut rauscht rings um sie.
+ Was wir dort leben,
+ Hat keinerlei Bezug mit andrem Leben,
+ Nicht einmal unser Denken rühre dran
+ Und kein Erinnern.
+ Kein Name,
+ Der sonst gebraucht wird,
+ Wage sie zu nennen,
+ Kein kleines und kein großes Wort.
+ Nur Reue
+ Ist tief genug, hinabzutauchen,
+ Nur Angst so mächtig, um sie zu entdecken.
+ Sie, die verschollen ist,
+ Die dunkel-schöne,
+ Vom Blut geborgene.
+ Bis wieder wir,
+ Ganz unvermutet
+ Vom Dämon hingetragen,
+ An ihr Ufer stranden.
+ Du, Köstliche,
+ Erst dann schön wie ein Gift,
+ Und ich, der Trinker,
+ Giftbereit.
+
+
+
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+Für die Nacht
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+
+ Gebet für dich: daß deine Wange
+ Sich möge weich ins Kissen schmiegen,
+ Und durch die bange Nacht, die lange,
+ Dein Atem sanft dich wiegen, wiegen.
+
+ Es halte dich dein warmes Leben
+ In seine milde Kraft verschlossen.
+ Erwachst du, seis, als ob du eben
+ Im Traum das Seligste genossen.
+
+ Und wieder wirst du dann die Wange
+ Dort, wo sie lag, ins Kissen schmiegen.
+ Und wieder mag dein Atem lange
+ Dich flüsternd wiegen, wiegen, wiegen.
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+
+
+Der Berg
+
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+ Wir gingen, meine zarte Frau und ich,
+ Den sichern Weg der großen Serpentine,
+ Die frech an dem gewaltigen Berg sich hochschwingt,
+ Mit seiner fürchterlichen Schichtung spielend.
+
+ Vorbei an greisen Felsenköpfen,
+ Gepreßten Klötzen, bösen Zacken
+ Und grimmigen Kronen.
+
+ Wo Wasser, Stein-Blut, aussickert,
+ Eisiges Blut.
+ Wo jeder Samen lautlos seufzend umkommt.
+
+ Wo hoch über allen Sommern
+ Schnee sich anhäuft,
+ Zu hell für Augen, die ans Tal gewöhnt sind
+ Und an die vielen Farben alle.
+ Schneeflug auf Schneeflug, Schneekorn dicht an Schneekorn.
+
+ Wo ein Schweigen tönt,
+ All unsere Musik, die hurtig plaudernde,
+ Mit frierender Monotonie belächelnd --
+ Als wäre ein Jahrtausend hier ein Takt.
+
+ Und wir auf unsrer sichern Serpentine,
+ »Spürst du es,« sagte ich,
+ »Wie nahe wir jetzt einem _Großen_ sind!«
+ Die Frau lächelte
+ Zum Berge hin.
+
+ Da nahm der Berg mit einem wüsten Griff
+ Mir meine zarte Frau,
+ Riß sie mir weg und schwang sie, schwang sie,
+ Hoch, höher, hoch beim höchsten Schnee --
+ Und wollte sie fallen lassen,
+ Sie über Steine tanzen lassen, stürzen lassen
+ Rasenden Wurfs in eine Todesschlucht kopfunter.
+
+ Ganz leise schrie sie: »Ach!«,
+ Ganz ohne Kraft.
+
+ Und ich, wahnsinnig,
+ Umschlang sie jetzt mit beiden Armen,
+ Allen Wunsch
+ In meine beiden Arme pressend.
+
+ Und küßte der Ohnmächtigen, der Geretteten,
+ Den Tropfen Blut weg, der an ihrer Nüster stand.
+
+
+
+
+Gloria
+
+
+ O süßes Leben, du bist mein!
+ In deinem reinsten Licht zu sein,
+ Ihr Blut die Helden gaben,
+ Die sich geopfert haben.
+
+ Es starb für dich der treue Christ,
+ Dir jedes Lied erklungen ist.
+ Soll ich nicht hoffen, glauben?
+ Kein Schicksal wird mirs rauben.
+
+ Wohl war ich in der Mutter Lust,
+ Um ihren Schmerz hab ich gewußt.
+ Vom Lieben und vom Leiden
+ Mag ich mich nimmer scheiden.
+
+ Gegeben in die ewige Huld,
+ Gebunden durch die ewige Schuld,
+ Den ewigen Tod zu Füßen:
+ Will ich mein Leben grüßen.
+
+
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+Widmung 5
+Der Ort 6
+Der kranke Knabe 8
+Der Gut-Wetter-Wind 9
+Schulstunde 10
+Vanitas 11
+Heilige Gruppe 12
+Der schlafende Knabe 13
+Gebet 14
+Vorfrühling 16
+Einsiedler 17
+Die Freude 18
+Die Nähe 19
+Vor dem Einschlafen 20
+In der Nacht 21
+Die Stadt 22
+Pferderennen 23
+Szene 24
+Einsam 25
+Begegnung 26
+Bauernpferde 27
+Die Schlafende 28
+Der Selbstmord 30
+Ein Kuß 31
+Der Morgen 32
+Der Heller 33
+Die Heimkehrende 35
+Verfinsterung 36
+Spaziergang in der Nacht 38
+Die Unerbittlichkeit 39
+Einem edlen Jüngling 40
+Liebe 41
+Die Spielende 42
+Ein Brief 43
+Abschied 44
+Auch du 45
+Schnee 46
+Bitte an die Geliebte 47
+Ihr Freunde 48
+Unschuld 49
+Die Insel 50
+Für die Nacht 53
+Der Berg 54
+Gloria 56
+
+
+
+
+KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
+(FRÜHER ERNST ROWOHLT VERLAG)
+
+
+WALTER HASENCLEVER
+
+DER JÜNGLING
+
+Geheftet Mark 2.50 Gebunden Mark 3.50
+
+_Richard Dehmel:_ Nehmen Sie meinen besten Glückwunsch zu Ihrem Buch. Was
+mich vor allem fesselte, ist die Lebenskunst, die aus Ihrer Dichtkunst
+spricht. Gerade heute entstehen wenig Bücher, die in hohem Sinne
+epikureisch sind. Ich glaube, Ihr »Jüngling« kann auch reifen Männern eine
+lächelnde Anleitung geben, das Schicksal als eine Angelegenheit geistigen
+Genusses aufzufassen; ich wünsche Ihnen solche männliche Leser!
+
+_Deutsche Montagszeitung:_ Eine neue Gesellschaftsdichtung im Sinne
+Beethoven-Schillers und der IX. Symphonie.
+
+
+FRANZ WERFEL
+
+WIR SIND
+
+NEUE GEDICHTE
+
+Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf schwerem
+Japanbütten in Ganzlederbd. M 35.--
+
+Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50
+
+Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen
+Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Fülle der
+Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird hier gesteigert
+zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen will seine
+Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl aller Menschheit
+näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie die Psalmen des Alten
+Testaments; sein Werk hat die Stärke und Verkündigung eines neuen Ethos.
+
+URTEILE ÜBER FRANZ WERFEL:
+
+_Wilhelm Herzog_ im »Berliner Tageblatt«: ». . . ein ganz junger, ganz
+großer Dichter. Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«
+
+_Frankfurter Zeitung:_ ». . . ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste sei
+das gesagt.«
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Spur, by Berthold Viertel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40304 ***