summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/40230-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-09 00:15:44 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-09 00:15:44 -0800
commit9b7475fd6fb12569a9b69564c6af87b78fdc24f8 (patch)
tree08fa541f90ea455ef476691c6be71aeff3d20fd1 /40230-0.txt
parentf239ec8d9c56f02bef7ee236548d0af64f033a78 (diff)
Add files from ibiblio as of 2025-03-09 00:15:44HEADmain
Diffstat (limited to '40230-0.txt')
-rw-r--r--40230-0.txt1953
1 files changed, 1953 insertions, 0 deletions
diff --git a/40230-0.txt b/40230-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..1391a23
--- /dev/null
+++ b/40230-0.txt
@@ -0,0 +1,1953 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40230 ***
+
+Leopold Schefer
+
+
+
+
+Der Waldbrand
+
+
+
+
+Der Waldbrand.
+
+
+
+
+
+
+_Quebec_, am 1. März 1826.
+
+Sehr geliebter Bruder!
+
+Bruder! -- so nenn' ich Dich noch -- nach fünfzehn Jahren Trennung -- und
+nenn' ich Dich _hier_, in tausend Meilen Entfernung. Ich dachte wohl sonst
+in meiner Einsamkeit, nun müß' ich Dich erst recht Bruder nennen, mit Dir
+wie mit einem Nahen, Lebendigen leben, ja als den Nächsten im Herzen Dich
+tragen, und Deine Gestalt durch feurige Liebe an jedem Morgen lebendig und
+rege, freundlich und wiederliebend mir aufglühen, mir frisch erhalten und
+aufschaffen, wie eine Hyazinthe, die ich als Zwiebel von deinem Fenster mit
+mir herüber nahm und durch mühsame Pflege zu einer immerwährenden Blume so
+fortgesetzt. -- Aber, o Bruder! Wirken ist Leben! Wir leben nur denen, auf
+welche wir wirken; und die auf uns wirken, die leben uns nur. Und so
+umschweben uns auf der Erde viel Millionen Lebendiger zwar, doch nur wie
+Todte! Es ist uns nur tröstlich, zu wissen: sie wohnen und wandeln mit uns
+und genießen wie wir das heilige Leben und sehen den Mond und die Sonne;
+und darum sind uns Mond und Sonne, die Tag und Nacht in ihre Gärten, ihre
+Wohnungen, ja in ihre Augen leuchten, wieder so unaussprechlich lieb, hold,
+freundlich und gewärtig! Gute Menschheit, geheimnißvoller Verband der
+Sterblichen, erquickende Nähe der Ferne! Aber wie wir Menschen sind, lebt
+uns doch der Entfernte nicht, sein Leben schließt sich uns mit der Stunde
+zu, sein Herz, sein Wandel, sein Sinnen und Streben bleibt uns
+verschlossen, seitdem wir ihm zum letzten Male ins Auge sahen! Seine
+strebende leibhafte Gestalt ist uns nur ein farbiges flüsterndes
+Schattengebild, seitdem wir im Händedruck zum letzten Mal die wohlthuende
+heilige Wärme seines Daseins empfanden. So bin ich Entfernter Dir -- hin!
+hinüber! Du mir zurück! ewig dahinten! Und nur _einbilden_ kann ich mir
+noch, wie Du wohl lebst -- was Du am Morgen thust -- wie Du die Nacht
+schlummerst -- wenn es so ist -- ich rathe es nur, doch ich weiß es nicht!
+Und nur jenes nun feste, unwandelbare Gebild, das Du in jenen Tagen warst,
+die über unsern Kinderspielen, über unsern Jünglingswanderungen verloschen
+-- das bist Du mir noch, und bleibst Du mir fort. Wie in einem wahreren
+Reiche des Traumes weck ich Dein -- Traumbild auf und rede und lebe mit ihm
+-- im Traum. Denn damit der Mensch ganz dem Tag' und der Gegenwart gehöre,
+deshalb verschattet ihm die Natur sein früheres Leben, wie sie dem
+Neugebornen sein ganzes früheres Dasein in die innere Tiefe versenkt und
+gewiß ihm da geheim bewahrt! O wie viel schlummert dort! -- und eine
+gegenwärtige kleine Lust überbietet alle vorigen hohen Freuden! und ein
+gegenwärtiger Schmerz verdrängt alles frühere Leid! Um den _heut_
+Begrabenen weinen wir neue Thränen und denken _des_ Lieben nur noch wie im
+Traum, auf dessen _begrüntem_ Hügel wir stehen, indeß wir den
+Frischentrissenen bang und wie betäubt versenken sehen! Auch das ist gut,
+ja es ist schön, damit jedes Gefühl sein volles Recht in uns erlange, daß
+wir es Jedem zollen, sei dieß Recht nun Mit-Leid, oder Mit-Freude.
+
+Und so bitt' ich Dich heut, zolle mir Dein -- Mit-_Leid!_ Du wirst es
+_nach_-empfinden können, auch wenn Du Dir nur einbildest: das traurige
+Geschick habe Den betroffen, den _eine_ Mutter mit Dir sonst oft zugleich
+umarmte! Denke, es habe den Freund, den Bruder betroffen, den eben, der Dir
+nun -- fehlt!
+
+Du hast mir einmal aus Deinem Lüneburg einen verzweifelt kurzen Brief
+geschrieben: auf der ersten Seite zwölf Zeilen, die andern alle leer! Wie
+oft hab' ich ihn umgewendet, um nicht zu glauben, Du seist doch wirklich
+nicht recht klug! Indeß hielten die zwölf Zeilen zwölf Jahre wider. Euer
+europäischer Zustand ist verjährt und weltbekannt, und man darf nur Rom
+oder London, Wien oder Berlin nennen, um gleich zu wissen, _wo_ und _woran_
+man ist! Dagegen hast Du von mir denken können, wie jene alte nachsichtige
+Mutter von ihrem Sohne, der in der Fremde gestorben sein sollte, und die
+ihn entschuldigte und sagte: So schlecht ist mein Sohn ja nimmer! _Das_
+wenigstens hätt' er mir gewiß geschrieben! -- Ich will jetzt auch so
+schlecht nicht sein und Dir melden -- wie ich _nicht_ umgekommen bin! --
+Doch wahrlich, seit der Sündfluth ist ein so großes Elend auf Erden nicht
+gewesen! Ach, die Natur kann ewig neu sein im Schönen, und neu im
+Schrecken! Ihr denkt: es ist Alles in ihr schon so in der Ordnung, und so
+wird sie sich ableben wie ein altes Weib. Aber! -- Wo konnte so etwas
+geschehen als in der jungen Welt? Denn hier ist das Land des Neuen und
+Großen! des Werdenden! Nicht des Gewordenen und des Vergehenden -- wie bei
+Euch!
+
+Doch ich muß nachholen!
+
+Als nach der, Napoleon's Zauber lösenden, Schlacht bei Aspern -- die der,
+darum nie genug zu würdigende, biedre, altdeutsche Held Erzherzog Karl
+gewann -- unser kleines muthathmendes Häufchen braunschweiger Husaren
+gleichsam von der Pfanne gebrannt, Allarm- und Nothschüsse that -- in
+nasses Pulver, -- als Deutschland noch nicht sich entzündete, noch nicht
+_losging_ -- und Wir, wie ein Kirschkern zwischen zwei Fingern gedrängt,
+durch Deutschland fliehen, fast fliegen mußten, die Nordsee, die Schiffe
+und England zu erreichen, da kam ich verwundet dort an. Doch nicht so
+unheilbar, um nicht lieber ein ruhiges militärisches Amt zu bekleiden --
+und sei's in Canada, als 100 Guineen Pension mit Ingrimm zu verzehren, daß
+ich mit Tausenden _umsonst_ geblutet, wie es _damals_ schien! Denn wir
+hatten das Ausholen der Weltuhr für das Sausen des Schlages genommen, sie
+verhört und schon gesagt: »Seine Stunde ist kommen!« Was in uns
+entschlossen und entschieden war, das sollte gleich fertig da draußen in
+der Welt stehen! Indeß horcht die Natur erst, ob wir's auch Alle redlich
+wollen, und dann erst läßt sie den Kindern ein Weilchen den Willen. Ein
+Weilchen! Wie ihr nun seht! Denn sie horcht, ob Ihr das Weitere auch nun
+Alle ernstlich wollt.
+
+Ich ging also in die bessere Welt als Milizcapitain eines Kirchspiels in
+Unter-Canada. Diese Art Dörfer heißen _verlorene_, nämlich, als wenn ein
+Kind des Mikromegas die Kirche, die Häuser und Hürden, durch den
+unermeßlichen Wald hinwandelnd, aus seiner geöffneten Schachtel nach und
+nach hier verloren hätte. Und so stehen denn die Häuser alle allein, jedes
+mit seinem Garten, seinen Aeckern und Wiesen, jedes wohl 1000 Schritt von
+dem andern, getrennt durch Wald, und nur verbunden durch einen Fluß oder
+Weg -- wie ein armes Mädchen einige wenige Perlen recht weit auseinander
+auf einen Faden Seide reiht! An mich kamen die Befehle der Regierung durch
+den Milizobersten. Du kannst Dir das Schwierige der Polizei denken! So ein
+Dorf ließe sich kaum durch _Luftballons_ bequem regieren! und wenn Sonne,
+Mond und Kometen etwa dergleichen sind, so läßt sich Einiges von der
+göttlichen Weltregierung entfernter Maßen begreifen!
+
+Mir fehlte, außer meinem Hunde, ein freundliches Wesen, das mich empfing,
+wenn ich nach Hause kam. Tausend Dinge fehlten, des Morgens, des Mittags
+und, um nicht _mehr_ zu sagen: _des Abends!_ Mir fehlte die Gegenwart; mir
+fehlte die Zukunft, das heißt: ein Kind, oder Kinder, kurz mir fehlte ein
+_Weib!_ wenn ich jetzt hier dauern und im Alter noch hier glücklich sein
+wollte.
+
+Nun ist es gewiß die entschiedenste Thorheit, ein Weib zu begehren, das uns
+ganz gleich sei an Sinn, Bildung, Kenntnissen, Richtung; denn die Erfüllung
+dieses Begehrens ist durch die Natur dem Manne unmöglich gemacht und geht
+auf Männer, auf Freunde. Das Weib soll alles Das sein, was der Mann nicht
+ist; eine Frau soll grade alles Das nur _haben_, was der Mann _nicht_ hat;
+er soll sich mit ihr, sie durch ihn ergänzen, damit _Ein Mensch_ daraus
+werde! Und eine mit mir ganz disparate Frau hätt' ich gewiß bei uns unter
+den Engeln in Lüneburg gefunden -- aber alle die Engel waren nicht hier!
+Indessen schien es doch gut: wenn ein _inneres_ Band uns Gatten knüpfte, so
+daß wir gleich die Ehe beginnen konnten in _einem_ Sinne, mit _ähnlichem_
+Streben -- wenn unsere Stimmung uns durch _dieselbe Vorzeit_, die in unserm
+Gemüthe wiederklang, gegeben war. Am liebsten hätt' ich also ein Weib
+genommen, das, _auch_ vom Vaterlande losgerissen, hierher verschlagen war
+wie ich! Aber zu ihrem Glück gab es keine solche Unglückliche hier.
+
+Nach dieser also schien mir ein Wesen das beste, das, aus den Urvölkern
+dieser Gegend entsprossen, unsern Kindern Gedeihen und guten Bestand
+versprach, wenn sie wie fremde Aepfel auf dem -- gutgemachten
+Quittenstrauch wuchsen, dem diese Erde seine mütterliche war!
+
+Zu dieser Wendung hatte mich ein siebzehnjähriges Mädchen von dem
+verlöschenden Stamme der _Algonkinen_ gebracht. Sie lebte in unserm Hause
+und hieß _Eoo_. Ohne eine Sklavin zu sein, verrichtete sie fast
+Sklavendienste. Denn jenes Urvolk der Algonkinen, kaum hin und wieder durch
+einigen Maisbau an die Scholle geknüpft, lebt in den endlosen Wäldern meist
+von der Jagd, und selbst eine Mutter überläßt, von den Sorgen um Nahrung
+umhergetrieben, mit schmerzlicher Freude die Kinder an Fremde, um sie nicht
+zu tödten! Den Vater der Eoo kannt' ich; denn ich selbst war einst
+Abgeordneter an die freien Indianer gewesen, und ich hatte ihnen, wegen
+Erhaltung des Friedens, wollene Decken, Zeuche, Gewehre, Messer, Spiegel,
+Scheeren, Kessel, Brillen, Töpfe und Rum von Seiten der englischen
+Regierung schenken müssen. Damit ziehen die armen Kinder ab, als wenn sie
+uns betrogen!
+
+Eoo's Reize, ihr liebreiches Wesen leiteten mein Selbstgespräch bei der
+Eheberathung. Von einem Weibe (dacht' ich) verlang' ich vor Allem zuerst:
+_Gesundheit!_ Ist die Frau gesund -- dann ist sie heiter, willig, stets
+wohlgelaunt, zu allen Freuden und Leiden stark und verheißt dem neuen
+Zustande _Dauer_. Ohne Gesundheit sind all' ihre anderen Gaben -- keine!
+
+-- Und gesund ist Eoo!
+
+_Zweitens_ sei das Weib _zuverlässig_ in jeder Art. Denn all ihr Gutes wird
+zum entgegengesetzten Bösen, wenn es mit ihr nicht uns gehört. Bei den
+Liebenden aber ist Sanftmuth und Duldung und Zuverlässigkeit.
+
+-- Und _wen_ Eoo liebt, den liebt sie bis in den Tod getreu. --
+
+_Drittens_ fühle und wisse sie, was nöthig und schicklich sei im Hause zu
+aller Zeit und wolle lernen, es herzustellen (denn jede Jungfrau wird erst
+als Weib ein Weib). Dann sorgt sie, daß Alle immer haben, weß sie bedürfen,
+das liebe Kind in der Wiege, und selbst der Hund an der Kette!
+
+-- Und Eoo ist die Seele und das Auge des Hauses!
+
+_Viertens_ habe sie _kein_ eigenes Vermögen, als die drei ersten Güter.
+Denn -- war mein Grund:
+
+-- Eoo ist nur so reich als Eva im Paradies!
+
+_Fünftens_ und Letztens erst sei sie meinetwegen auch schön! Das soll mich
+nicht _hindern_, ein Mädchen zum Weibe zu nehmen. Aber diese Fünf ist schon
+in der Eins -- der Gesundheit, dem Ebenmaß aller Kräfte, enthalten, und das
+schönste Gesicht ist nach 365 Tagen dem Mann ein alltägliches; und
+vielleicht -- Andern nicht!
+
+-- Aber Eoo war schön. --
+
+So erbaut' ich denn ein Haus, und sie war mein liebes sanftes Weib Eoo!
+
+Ich war glücklich mit meinem Naturkinde, ja ich empfand eine gewisse
+Verehrung vor ihr, gleich wie vor der Natur. Denn ich hatte sonst immer
+gedacht: nur Bildung gebe dem Menschen, dem Weibe den Werth, sie sei Etwas!
+Hier aber fehlte sie, und _dennoch_ war meine Eoo Alles, was ich nur
+wünschen konnte vom Weibe! Und so sehr ich die Wirkungen ihrer Liebe
+empfand, so sah ich doch deutlich, daß in ihrem Herzen noch ein
+unermeßlicher Schatz, eine Kraft, ein ungenützter ungemünzter Reichthum
+derselben geborgen lag, den sie und ich in unserem sicher begründeten
+Zustand, unseren sanft verrinnenden Tagen gar nicht gebrauchen konnten! So
+rinnt aus einem unerschöpflichen See nur ein kleiner stiller Bach durch die
+grünenden Wiesen hinab und ernährt nur die Blumen da, wo er fließt, indeß
+seines Sees Fülle, wie mit einem Spiegel bedeckt, in ruhiger Gnüge glänzt!
+
+O wie that dieß Wissen mir wohl, und ich hoffte vom Schicksal und betete:
+daß sie nie den verborgenen Schatz angreifen dürfe, in keiner Noth!
+
+ * * * * *
+
+Der Ehesegen blieb nicht aus. Wir erhielten vom Himmel ein Mädchen, das,
+nach Eoo's Mutter, _Alaska_ genannt ward. Als sie drei Jahre alt war -- --
+--
+
+Doch beurtheile mich menschlich! Wer aus Europa hierher kommt, bringt
+unermeßliche Wünsche mit, aus Verdruß ja Gram und Scham über unermeßlichen
+Mangel an geistigen und leiblichen Gütern unentbehrlicher Art; ihm steht
+der ganze Reichthum, das schöne geschmückte Leben schon erworben und fertig
+vor Augen, Alles, was hier sich entfalten wird -- _dereinst!_ wenn Gott
+auch hier über seine Menschen noch fürder waltet. Und Er waltet! Der
+Flüchtling aber ist schon elend, dadurch, daß er sein Vaterland dahinten
+lassen mußte, wenn er es sonst auch nicht war. Er wäre nicht geflohen,
+hätte er Reichthum genug besessen, um zu allem Elend -- behüte mich Gott --
+zu lachen, und sich eine Art Hausfreiheit und Hausleben zu gründen. Nun
+kommt er hierher -- und nun ist der erste, der heimlich ihn treibende,
+leitende Wunsch: großen Besitz, großes Vermögen zu haben! Nur dadurch
+glaubt' er erst hier sein Geschlecht gesichert, daß aus ihm erstehen soll.
+Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes sein, sondern gleichsam
+sein neuer Gründer, ein Saatkorn, das endlich sein wahres Klima gefunden zu
+endlosem -- Wucher!
+
+Nun lebte drei Tagereisen von uns ein Franzose, Mr. Saint-Réal, ein
+_Freund_ von mir, weil ich einst bei einem Besuche sein Kind aus dem Wasser
+gerettet, das nach schwimmenden Lilien sich über das Ufer gedehnt. Er besaß
+ein herrliches Wohnhaus, große Gärten voll Obstbäume, reiche Gefilde rund
+und um sein Haus weit umher, Wald, Feld, Seen, kurz ein Fürstenthum -- um
+das Wort hier zu mißbrauchen -- der Sache nach. Sein Töchterchen aber war
+später dennoch gestorben! Und in seinem Schmerz sich zu zerstreuen,
+besuchte er uns!
+
+Da lief meine kleine Tochter _Alaska_ dem freundlichen Manne entgegen. Er
+hob sie empor, er drückte sie an sich, er sank auf einen Sitz mit ihr hin,
+er weinte -- sahe das Kind an und weinte, das Kind war betreten, es
+trocknete ihm die Thränen, es seufzte schwer und schlang seine kleinen Arme
+um seinen Hals.
+
+Eoo fühlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an, als wenn ich unser
+Mädchen verloren, und hob die schönen Augen zum Himmel, ihm dankend, daß
+wir es glücklich besaßen!
+
+Da ergriff der Freund jeden von uns an einer Hand und bat: »das Kind müßt'
+ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.«
+
+Was konnten wir sagen? Das Wort: »mein Weib ist schon todt!« stürzte Eoo in
+den bittersten Jammer -- um mich! als sei _sie_ mir gestorben; und sie trug
+ihn still auf den Freund über, auf dessen gramblassem weinenden Angesicht
+er stand!
+
+Und o Himmel, Eoo gebar mir in diesen Tagen einen _Knaben_, und die ganze
+mütterliche Liebe und Zärtlichkeit fiel, wie der Sonne ganze Kraft durch
+eine beschränkende Wolkenlücke, _jetzt_ auf das holde Neugeborene
+hernieder! Sie sah es nur immer an. Es war aller mütterlichen Sorgfalt so
+ganz, so gar bedürftig, sie glaubte alle Liebe jetzt für den Säugling
+allein zu brauchen; ja, wie sie ihr Leben im zweifelhaften Falle für ihn
+gegeben, so war ich ihr selbst in diesen Tagen -- nicht Alles, nur der
+Vater; aber sie die Mutter! und ach, die Mutter nur durch das Kind, um des
+Kindes willen! Die kleine Tochter Alaska war gleichsam mündig gesprochen;
+wie früher schon von der Brust, nun auch vom Schooße verdrängt; und das
+kleine Ding war still betreten, ja eifersüchtig, so sorglos zurück gesetzt,
+und flüchtete sich auf des Vaters Schooß, oder an die Brust des fremden
+Vaters, der in ihr alle Freude wiederzufinden glaubte, oder doch den Traum
+derselben wirklich genoß!
+
+Unser neues Glück that ihm weh; er wollte nach Hause. Aber er drang nun in
+_mich um das Kind!_ Ach, jetzt hätte ich sollen über die segenschwere
+Frühlingsgewitterzeit der mütterlichen Liebe meiner Eoo hinwegsehen und ihm
+das Mädchen nicht geben, dessen sie jetzt nicht so zu bedürfen schien wie
+zuvor! Ich überraschte sie mit der Bitte. Sie erröthete zwar, sie verneinte
+es, zitternd mit schnell bewegtem Haupt -- da schlug ihr Okki die Augen
+auf, und begehrte seinen Morgentrank an ihrer Brust! Sie drückte ihn sanft
+mit der Linken an, sie umschlang mit der Rechten die arme kleine Alaska,
+die in kleinen Reisekleidern schon fertig angezogen sich an sie schmiegte,
+nicht wußte, was sie that, als sie der Mutter die Hand küßte; nicht wußte,
+was ihr geschah, als Eoo sie, mit wie erzürnter flacher Hand vor die Stirn
+schlug, vor heiligem Mißmuth, daß sie von ihr gehen könne! und so ging denn
+das holde unwissende Kind von der Mutter, ach nur auf ein Augenblickchen!
+wie es meinte; von einer engbegränzten Neugierde gelockt -- nur die
+_Lämmer_ des neuen Vaters zu sehen! Und Er eilte so, als raub' er sie mir,
+und als schlafe die Mutter und ich wie beraubte Chinesen, denen die Räuber
+durch Opiumrauch von der Decke herab Reglosigkeit und Trunkenheit in das
+Zimmer geblasen, und die dann betäubt selbst ruhig und lächelnd zusehen,
+wie ihnen vor Augen der beste Schatz geraubt wird! So regten wir keine
+Hand. So eilt' er mit unserem Schatze davon!
+
+Ich aber habe Dir gestanden, was mich überwältigte, nicht zu widerstehen:
+Mein Kind als _reiche_ Erbin zu sehen! Sie _wohlerzogen_ zu sehen! Denn der
+Freund war brav, gelehrt und edel. Er wollte durch ein in Quebec
+niedergelegtes Testament Alaska zu seiner Erbin einsetzen -- und er war
+schon bei Jahren, und er war kränklich! Das sah ich damals; denn ich hatte
+die Augen des Bösen, oder doch des Leichtsinnigen -- ich empfand es wie im
+Schlummer -- ich mocht' es nicht denken! Kurz, der Mensch, selbst der Vater
+wird durch Begierden -- abscheulich, widerspricht seinem wahrsten Bestreben
+selbst und hebt sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen -- von
+Unnatur!
+
+ * * * * *
+
+Die Tochter war fort! Aber wie zur Strafe starb unser kleiner Okki -- unser
+Schutzgeist! denn das bedeutet der Name. Mit seinem Verlust war Eoo's Liebe
+gebrochen, und die Mutter langte von dem kleinen Grabe zurück nach ihrem
+gebliebenen Kinde, das ihr im Herzen nun wundersam wiederum auferstanden
+war, und so bald! so begehrt! -- Und es war fort! Sie war wie kinderlos,
+und sie war es durch mich. Und in der Sehnsucht nach der Tochter verlosch
+der Schmerz um den kleinen Sohn, den sie nur wenige Monde gekannt und, wie
+der Seidenwurm um die Knospe, nur wenige Fäden der Liebe erst um das kleine
+Geschöpf gesponnen, wenige Blicke in das holde Blau seiner Augen versenkt!
+
+Der Schlag war mir unerwartet. Auf das Leben des Sohnes hatt' ich gezählt
+in meiner -- Rechnung. Mein Wort konnt' ich nicht zurücknehmen! Mein
+edlerer Trost war, daß doch dort drüben ein Vater glücklich sei, glücklich
+durch unser Kind! Unsere Jugend versprach uns bald einen neuen kleinen
+Schutzgeist des häuslichen Glücks. Aber ich betete umsonst zu dem Himmel um
+ihn. Denn Eoo hatte ein tiefer Mißmuth durchdrungen; sie wünschte sich
+nicht mehr, vielleicht zu neuem Verluste, ein Kind -- und so lebten wir
+denn ohne Ehesegen! Sieben langer Jahre lang! Ich vermied, mein Weib in ein
+kindervolles Haus zu führen, und sie schien es _mir_ zu Liebe von selbst zu
+meiden, denn das Haus mit Kindern, nur mit einem Mädchen machte ja _ihr_
+Leid. So liebte sie mich! so glaubte sie sich von mir geliebt, und mit
+Recht. Ich rieth meinem alten Freunde, uns nicht mit Alaska zu besuchen!
+Wir reisten nicht hin. -- Eoo ließ mich nichts entgelten! höchstens seufzte
+sie: »wenn unser Okki lebte!« Sie ließ sich nichts merken, ja sie bestrebte
+sich selber, nichts zu empfinden, um immer mir heiter ins Auge zu sehen,
+immer freundlich-begnügt zu _sein_, auch wenn sie allein war. Solche
+Geschöpfe heißt man nun »Wilde« -- aber das Weib ist überall der Liebe
+fähig, und Liebe bildet es überall.
+
+Für solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel mit einem neuen
+Schutzgeist. Der Knabe wurde wiederum Okki genannt, als sei er der Erste,
+Wiedergeschenkte! Mit Thränen ward er begrüßt -- zur Freude wuchs er uns
+auf. Er war zwei Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, daß Okki
+nicht sein Schwesterchen sehe! Alaska nicht den lieblichen Bruder! Nun
+reisten wir durch den alten jungfräulichen Wald.
+
+Gleichwohl bestrafte Eoo mich hart! sehr hart! zu hart! -- aus Wohlwollen
+und Gutmüthigkeit, muß ich denken und kann ich glauben von Ihr! Sie nahm
+mir nämlich, erst kurz vor dem Eintritt in das Gehöft, das Gelöbniß mit
+feuchten Augen und bebender drängender Stimme ab: Uns dem Töchterchen nicht
+zu erkennen zu geben! Sie, nicht als Mutter! Ich, nicht als Vater! -- Als
+Vater! Wir wollten unser Kind ja nur sehen, nur besuchen; es sollte nicht
+mit uns zurück in die Heimath, ins Vaterhaus! Und würde es bleiben, wenn es
+uns -- seine wahren Eltern erkannt? _gern_ bleiben, wenn allmächtige
+Erinnerungen der Kindheit über das arme Mädchen wie stille, selige Sonnen
+vom Himmel hereinbrachen und ihre spätern Tage alle bis zu diesem, zu
+diesem ersten seligen Tage wieder an der Mutter Brust, in des Vaters Armen
+-- umnachteten! und, so schön und lieb sie ihr vielleicht, ja gewiß
+gewesen, nun zu beweinenswürdigen machten! -- Oder soll man, sollen Eltern
+selbst ihre Kinder -- ich muß schrecklich reden -- nur als Vieh ansehen,
+als Sklaven aus der Fremde, und auf ihre süßen treuen zarten kindlichen
+Gefühle und Neigungen gar keine Rücksicht nehmen? -- Und wenn Ich -- wenn
+Eoo, die Mutter, des _Töchterchens Liebe_ gesehen -- konnt' ich sie dann
+zurücklassen? --
+
+Ich selber konnte nur schließen, daß das liebliche Mädchen, das uns, den
+Fremden entgegengeeilt und sie freundlich-sinnend betrachtete -- unser
+_Kind_ sei! Ich glaubte, nur ein Kind von drei Jahren an Alter, Größe und
+Wesen wiederzufinden, und sah überrascht, ja mit Bewunderung ein Mädchen
+von dreizehn Jahren, fein, herzlich, schon geschmückt und schon erröthend.
+Was -- wie viel süße Wechsel, wie viel holde Verwandlungen hatte ich da
+verloren! Ich mußte Eoo ansehen. Sie merkte das wohl, aber sie sahe nur auf
+das -- Kind. Ihr Busen hob sich, sie holte Athem lang und tief, um sich
+still zu beschwichtigen. Und sie verschwieg. --
+
+Und so mußt' ich im Hause mit ansehen, wie sich die eigene Tochter mit
+ihrer Mutter wie mit einer Fremden unterhielt und sie umherführte wie
+irgend ein anderes Weib; oder den kleinen Bruder auf dem Schooß wiegte,
+ohne ihn mehr als -- _ein Kind_ zu lieben! Ich mußte sehen, wie sie groß
+geworden war ohne uns. Denn Eoo stöberte aus einem Schranke noch
+aufgehobene zerspielte Puppen auf! Sie war allein. Ich beschlich sie und
+sah, wie sie unbändige Thränen über die kleinen stillen Engelsgesichter
+weinte, und schlich so leise wieder fort. -- Ich merkte, wie sie gern noch
+Alles heimlich an dem erwachsenen Mädchen nachthat, was sie andere Mütter
+hatte sehen an ihren Kindern, alle schönen Verwandlungen durch, bis in
+Alaska's Jahre, thun. Ja, als ihre Tochter einst neben Okki im Grase kniete
+und die Haare ihr aufgegangen, kniete sie zu ihr hin, flocht es ihr wieder,
+wand es um das gesenkte Köpfchen und küßte sie dann in den Nacken! Es ging
+in dem mütterlichen und kindlichen Boden, warm anquellend, rasch
+hervorgelockt von verborgener und ungekannter Liebe -- wie von einer in
+Wolken verschleierten Sonne -- und schnell emportreibend, eine _neue_
+Freundschaft auf, knospete, blühte bald und betäubte mich durch ihren
+geheimnißvollen Glanz und Duft! Und so gab mir wider Willen mein Weib zu
+bedenken: daß Liebe _bewahren_ nicht Liebe _üben_ sei! Daß Mütter die
+Kinder nicht aus Nöthigung, sondern aus eigenem reinen Bedürfniß lieben und
+warten und pflegen. Daß ihre Mühe und Sorge ihr Glück ist, ihr Leben! Daß,
+wenn eine reiche Mutter ihr Kind von einer Fremden in abgelegener
+Kinderstube erziehen läßt, sie sich selbst um das heiligste Mutterglück
+beraubt, und nur um -- leer, hohl und frei zu sein, um Freuden
+einzutauschen, welche die ärmste, aber _wirkliche_ Mutter nicht entbehrt
+und entbehren nicht kann noch mag! Und wer _die_ Freuden verschmäht, die
+ihm als Naturwesen heilig und selig gegeben sind, was kann der in der
+ganzen reichen Welt noch Anderes erlangen, als -- was ihn nicht selig
+macht, ja oft unselig, gewiß aber immer das Geringere, Schlechte! Ich mußte
+empfinden: Wer sein Kind einem Andern dahin läßt, als Gott, oder dem
+eigenen Leben desselben, der ist sein eigener Kinderräuber, ein
+Liebemörder. Denn wenn auch Er aus Verblendung ungeliebt so hin zu leben
+vermag, darf er dem Kinde die Liebe, das Lieben rauben? Ach, und was es
+lernen, gewinnen und werden mag in fremdem Hause -- die Liebe erzieht
+allein am zartesten, sichersten, frömmsten. Sie kräftigt und stärkt für die
+Leiden des Lebens, sie erweckt und beseelt für alle Freuden; sie trägt und
+erhält schwebend in eigener Fülle und Sonnenklarheit über allen Zuständen
+und Wechseln des Menschen auf Erden; sie ist die reichste, die genügendste
+Mitgift für sie! Und Wer vermag solche Liebe ins Herz des Kindes zu senken
+als Vater und Mutter! Lehren können Andre, aber das Herz belehren durch
+Liebe, erfüllen mit Liebe, die ein wahrer ätherischer Stoff ist,
+himmlischer als Wärme und Sonnenstrahl, das kann kein Erzieher, weil Er ja
+so nicht lieben kann! Er bildet Talente aus, den Verstand, das Wissen --
+nicht so das Herz und die Seele! Liebe nur gießt Liebe ins Herz. Und nur
+Eltern sind so reich daran, sie stündlich, unermüdlich darein
+überzuströmen, darin aufzufachen, schon im kürzesten Morgen- und
+Abendgebet! Ja ein Dieb als Vater, eine Ehebrecherin als Mutter haben noch
+tausendfache Vorzüge _für Kinder_ an sich. Sie werden noch dringender
+lehren und warnen! Denn sie sind Eltern! und was sie selber nun dulden:
+Schuld und Unglück, das sollen einst ihre Kinder nicht dulden, nein, rein
+und glücklich sein und bleiben. Und ahnen die Kinder der Eltern Leben, so
+weinen sie nur -- und lieben doch! und was ist nöthiger im Herzen zu haben
+als Liebe? Durch sie wird wahrer Gehorsam ins Herz gepflanzt, selbst
+Duldung des Härtesten, sogar ohne Vorbild und lebendes Beispiel. Und was
+erhält die Millionen Menschen doch alle so ruhig? Was läßt die ärmsten
+Holzschläger im Walde den Reichen nicht tödten, der mit goldenen
+Steigbügeln zu ihnen reitet und die Gerte über sie schwingt? Was erhält den
+Essenkehrer ehrlich, und die Magd, die saure Arbeit verrichtet am
+Silberschrank? den Tagelöhner, der mit seinen paar Groschen in der Hand
+forteilt aus dem Pallast, seelenvergnügt, sie seinem Weibe und seinen
+Kindern zu bringen -- was macht ihn zufrieden, als die _Liebe_ zu den
+Seinen, die er als Kind gelernt, die _Ehrlichkeit_ gegen sie, die er nun
+aller Welt angedeihen läßt und alle Welt mit denselben Augen ansieht, die
+auf Weib und Kindern geweilt, _wie die Augen seiner Eltern auf ihm!_ -- Was
+macht ihn zufrieden als das Kennen und Tragen eines inneren Gutes, die
+Milde und ihre Gewöhnung, ihre jahrelange selige Last! Sie beugt den
+Menschen vor Gott, dem Geber der Liebe, und erhebt ihn über die Menschen,
+die sie ihm alle nicht rauben können.
+
+-- Und unsere Tochter hatte ein Fremder erzogen! --
+
+Erst am Abschiedsmorgen gab sich Eoo der Tochter, _schon ferne von ihr_, zu
+erkennen. »Das war Deine Mutter! mein Kind!« rief sie zurück und hielt die
+Fingerspitze aufs Herz.
+
+Die Tochter wankte mit bebenden Knieen ihr nach; der Mutter nach! Aber die
+Füße versagten ihr allen Dienst; sie war blaß wie ein Engel, und mit
+ausgestreckten Armen sank sie nach vorwärts, mit Brust und mit Angesicht in
+die Blumen.
+
+Eoo's Augen leuchteten. Ihr Gesicht war finster und ernst. -- »Fort!«
+sprach sie nun hastig, »nun fort!« und drängte, zu fliehen.
+
+Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn zu halten, ließ
+ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.
+
+Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend auf ihren Fersen
+und seufzte: »Du bist meine Mutter wohl nicht?« -- Okki wand seine Händchen
+um ihren Hals, die Mutter flog hinzu -- der Vater zu Mutter und Kind,
+drückte die Geschwister an einander, die Kinder an die Mutter, die Mutter,
+von den Kindern umfaßt, an die Brust -- und wir blieben noch bis in den
+Mai!
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um unser Haus, die
+Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt, im Baumgarten. Unsere
+Bienen trugen bis in die Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden
+Fichten, die wie eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker
+umragten. Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches
+hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn ich am Saume des
+Waldmantels stand und einen Zweig faßte, so tauchte der letzte Zweig des
+letzten Baumes am Waldrand drüben ins stille Meer! So verschränkte sich
+Zweig in Zweig, und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu
+thun und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne über ein
+dichtgewebtes Kleefeld. Und welches Wunder war schon nur Ein Baum! Gerad
+aufgeschossen aus der fruchtbaren Erde wie eine grüne Flamme! thurmhoch,
+zweigevoll, vom Wipfel bis an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an
+allen Spitzen wie von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger
+Pallast für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie. Was
+für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso ist, das war für eine
+Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken rührenden Gipfels. Ich beneidete
+manchmal das kleine Thier, das herabkam! denn so Etwas giebt es für
+_Menschen_ nicht! So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend
+Schattenhallen! Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu überschauen
+und klein zu finden -- das machte mich klein, und man sage mir nicht, daß
+der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen kann, daß die Natur nicht
+andere eigene Geschlechter gebildet, denen sie nicht eigene unnachträumbare
+Freude vorbehalten, ihnen andere Brunnen der Wonne geweiht, unverstanden
+und unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und um ihn, im
+Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen! Ja, wenn ich das ahnte,
+sah ich die Gestalten des Wolkenzugs mit Erstaunen an, ich hörte mit
+stiller Bewunderung die Flamme im Holz auf dem Herde sausen und hielt die
+schimmernde Taubenfeder, die sich wie furchtsam noch vor der Adlerfeder
+krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte Samenkorn des
+Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub, ja die elastische Nadel
+der Sprusselfichte auf meinem Handteller -- und nun erschien mir der
+_unermeßliche Wald_ erst ein göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen
+Lebens, ein Wunderwerk der Fee Natur voll eigener Kraft und Herrlichkeit!
+Und dieß ahnen, dieß träumen -- war _meine -- die menschliche_ Wonne.
+
+Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören -- vielleicht
+ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt' ich denken? Denn nur durch
+Gedanken war diese Feuersündfluth zu beherrschen, zu deuten, wenn auch der
+Geist nicht erliegen, erblinden sollte, wie Leib und wie Auge!
+
+Zu Noah kamen _Engel_, die ihm den Untergang alles Lebendigen, um sich zu
+retten, verkündeten. _Wer_ kam zu uns in die Wüste des Waldes? Doch nein,
+die Boten des Herrn kamen auch zu uns. Ein Komet! ein Zweiter! ein Dritter!
+-- Wir Menschen verstanden sie nicht! Es ward Sommer; es war Trockene,
+Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume hatten umsonst
+geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße Wald. Aber zum _letzten Male_,
+wie war er schön! _Wer_ wird das hier wiedersehen? -- vielleicht selber die
+Sonne nicht! die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie
+das Menschengeschlecht! das Auge, das sie _vor_ ihm aufgethan! Wir konnten
+das Unheil uns _denken!_ denn die von Gott uns gegebene _Vernunft_ ist
+gewiß und wenigstens, dem mächtigsten immer uns gegenwärtigen, mit uns
+lebenden, schauenden, uns leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen,
+den Seinen! Das Getreide war vor der Zeit -- ohne Körner gereift; die
+Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen nur
+sparsam, das Wasser des Weihers war breit vom Rande zur Mitte gewichen. Die
+Natur lechzte und schmachtete. Selbst der die Nächte, wie Regen, sonst
+fallende Thau, der bis auf die Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie
+nach dem stärksten Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des
+Morgens rauscht -- er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme waren
+heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt, die Nadeln bleich und
+welk, das Laub verfärbt wie im Herbst, fahl und kraftlos, es fiel ohne
+Herbststurm, ohne Lufthauch! Die Tannen, Fichten und Pechkiefern schwitzten
+Harz wie vor Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bäuten zur
+Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein Hauch es
+bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden! ein Sturm die
+Wälder entflammen. Sollten wir ruhig sitzen in dem beschränkten Wahne:
+»_Uns_ wird ja kein Unglück treffen! _Wir_, wir vor Allen, sind ja Gottes
+Kinder« wie manche fromme Frau sagt -- (auch meine!) wenn ein Gewitter am
+Himmel wüthet, und -- _den Nachbar todtschlägt_, der auch so gesagt, und
+auch Gottes Kind war. -- Sollten wir unser Leben dem Wahne vertrauen: kein
+Hauch werde vom Himmel wehen? Denn nur von dem Hauche und der Kohle eines
+Indianers hing unser Leben, das Leben von Millionen Waldbewohnern, das
+Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch ihn. Aber der
+Mensch, jeden Augenblick von des Himmels Huld abhängend, vertraut ihm auch,
+wo er ihn warnte, so leicht, so sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum
+äußersten Augenblick!
+
+Er kam.
+
+Eh' wir noch Etwas _sahen_, verbreitete sich in der Nacht ein eigener
+Wohlgeruch; nach einigen Tagen zu herb, zu bitter, zuletzt brandig. Die
+Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten, ohne zu wissen worüber, und
+lachten! Unabsehbare Züge der Tauben flogen, den Himmel verfinsternd und
+auf der Erde einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über
+uns weg. Und sie kamen doch sonst erst im Herbste auf unsere reifenden
+Felder zurück! »Wo ist denn ihr Taubenschlag?« fragte Okki, der sie zum
+ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner folgten ihnen tiefer; sie waren
+so müde, daß sie in unsre Gehöfte fielen, und die Menschen sie fangen
+konnten; sie duckten die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf
+die Erde und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied über
+das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch zu sehen, der in der
+Morgensonne erschreckend glühte. Lange, lange weiße Streifen flossen davon
+wie Ströme in die Thäler. Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog
+das Gewölbe des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und matter
+hindurch, bis sie ganz aus den Tagen verschwand.
+
+Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und tiefer, bis er wie
+ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie eine Flut und jedem
+nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben stockte; ein jeder ging müßig,
+und nichts mehr wurde gethan als noch gekocht.
+
+Und _Ich_ war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene Dorf anvertraut
+war! Aber gerade die Erfahrensten beruhigten mich. Neue Ansiedler konnten
+sich, wie alle Jahre geschieht, Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern
+leer brennen, und brenne die Flamme auch weiter als ihr Gebiet sei, wen
+kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen, an Seen,
+Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche ihn endlich aus. Einer
+trage des Anderen Last!
+
+Als aber nicht allein Hasen und Rehe, selbst am Tage, vor uns in der
+Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern Hirsche, wilde Ochsen
+und Büffel; als die Bären brummten, die Wölfe heulten, als selber die
+schlauen Füchse kamen: da mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war
+nicht zu sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem _nördlich_
+gelegenen Wald; als Jemand einen Caguar, oder eine Tigerkatze, aus dem
+_südlichen_ wollte gesehen haben: da mußte der Waldbrand _groß_ sein! Als
+aber die Menschen aus dem _westlich_ gelegenen Kirchspiel kamen, mit andern
+noch ferner von ihnen Wohnenden -- als sie Menschen _begegneten_, die aus
+dem nächsten _östlichen_ Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe der
+Waldbrand uns schon um_ringt_.
+
+Wir hielten einen Rath. Die Nothglocke erscholl.
+
+Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche. Die Fremden saßen
+und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden abzulegen, oder ihre Bündel
+aufzumachen. Unsre Weiber und Kinder vertheilten indeß still Speise und
+Trank an die Flüchtigen. Niemand dankte; so natürlich war Geben und
+Empfangen. Andere schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen,
+und knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest.
+
+In den _brennenden_ Wald können wir nicht! sprach Einer. Aber nur ein
+Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen, wo er _nicht_ brennt! O
+es giebt einen Ausweg, hundert -- gewiß -- aber wir wissen sie nicht und
+fehlen sie! --
+
+Haben wir Lebensmittel genug, rieth ein Anderer, so suchen wir gerade den
+_abgebrannten_ Wald auf! Die Stämme stehen, wie Ihr wißt, nach dem
+Waldbrand noch; alle Millionen Schlangen, alle wilden Thiere, alles
+Ungeziefer der Erde ist dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu
+fürchten, denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen wir
+den _schwarzen Wald!_
+
+»Auf die Savannen!« rief eine Stimme. -- »Führe uns!« erscholl's aus der
+Menge. »Wer an den Lorenzostrom gelangte! Das wär' ein gefüllter Wallgraben
+der Natur! Das Meer ist zu weit! Und selber die Städte sind vor solcher
+Feuergewalt nicht sicher. Man hat _nicht genug_ gesengt und gebrannt -- nun
+thut es der Himmel!«
+
+Neue Klagen! alte Rathlosigkeit! Menschliches Wissen und Verstand war blind
+geworden, Klugheit verschwunden, wie es keine Wolken mehr gab. Und so
+folgte die ängstliche Menge nur Eingebungen, ja wahren Täuschungen -- ihrem
+Glauben. Ein Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom
+Winde dort aufgedeckt -- nach Norden hin ziehen. »Dort ist es feuchter!«
+trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand sah ihnen nach. --
+Andre beschlossen, der Richtung der wilden Thiere nachzuziehen. -- »Aber
+die begegnen sich ja!« warfen Einige ein. »Das ist albernes Vieh!« riefen
+Andre. So zogen sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne -- bloß
+weil er _Noah_ hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles Vieh in die
+bergende Arche! --
+
+_Und doch lachte Niemand._ Das war wohl entsetzlich!
+
+Nun hatt' ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für die Meinen. Eoo
+saß zu Hause und weinte um ihre Tochter Alaska. Aber sie befolgte eilig,
+was ich rieth: Jagdkleider, wo möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch
+Hüte sollten uns gut thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele
+Lebensmittel zu tragen? Fanden wir überall Wasser! -- So war beschlossen,
+die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen. Alle
+Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein Diener war mehr im Hause
+zu finden. »Ich gehe fort!« meldete Eine, nur in die Thür tretend. »Geh'
+mit Gott,« sprachen wir. Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und
+Tauben den Vorrathsboden auf, den Papageien das Fenster. Ja sie ordnete
+Alles und stellt' es an seinen Ort, als sollten hohe himmlische Gäste das
+Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was ihr Pflicht schien, trug
+sie uns zur letzten Mahlzeit den großen gebratenen Truthahn auf, dessen
+rother Kopf noch glänzte. Der kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und
+hätten gern das Mahl noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die
+Wehmuth: den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben von
+meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und zu erschöpfen!
+Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit Thränen ein inbrünstiges
+Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir um den Hals. »Gott geb' uns das
+wieder!« fleht' ich; »wieder so zu sitzen wie heut -- nach überstandener
+Angst!« Uns sahe ein Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen
+erhob und weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah -- aber, ich hatte
+gefehlt -- _mein_ Gebet erhörte er nicht.
+
+Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt mich fort. Wir fänden
+den Tod hier so gut wie da draußen! Wir nährten hier die verlassen
+zurückgebliebenen Alten! wir pflegten die Kranken -- o Gott, sie bleiben!
+Sie bleiben mit sich und mit Gott allein. Doch ich -- ich muß fort!
+
+Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern für die Nacht, einem
+kleinen Bett unter Okki's Kopf, und mit Bouillon-Tafeln, wie ich sonst mit
+auf Reisen nahm, und mit wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein
+Jäger gekleidet -- und schien gleichsam von sich selber Abschied zu nehmen;
+denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre Augen
+füllten sich -- ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig. Wir sahen im
+Zimmer umher -- vergessen war nichts, als Alles. Okki freute sich zu
+reiten, und Eoo konnte dem kleinen eingeborenen amerikanischen Esel nicht
+wehren, der Mutter zu folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da
+beide, wo sie leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki
+gesorgt war. _Laufen_ konnte uns doch nicht retten!
+
+Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster, hielt die
+Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um nicht geblendet zu sein, und
+übersahe noch flüchtig das Zimmer, den Aufenthalt von Menschen, die lange
+darin so glücklich gewesen! In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem
+Ahorn! am Kamin der verlassene -- Sorgenstuhl! Dort Eoo's kleines
+Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf! Am Kamin
+stand Okki's braungemaltes Wiegenpferd und machte ein schweigendes finstres
+Gesicht! und im Spiegel sah Jemand, mir gegenüber, herein -- der Ich war,
+und der wunderliche Geist sah mich selber an und äffte mich still. O
+Unerforschlichkeit des Stillebens! des Scheidens! -- Ich schied.
+
+Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur nach Umständen
+konnt' ich mich richten; sonst hatt' ich den Compaß. Aber wie Jene dem
+Allvater _Noah_ gefolgt, so folgten wir jetzt -- Ariadne, dem Hunde, der
+glaubte: wir reisen wieder zu unsrer Alaska!
+
+ * * * * *
+
+Wer nun die Scenen dieses großen Naturschauspiels beschreiben könnte, der
+muß es nicht gesehen haben! Denn wer es erlebt hat, der konnt' es nicht
+fassen, nicht überschauen, vor Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer
+oder vor Mitleid; wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und
+Glied gekämpft.
+
+So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen und Mahle an den
+Stämmen sich auch verloren; als der Bach eine Wendung machte, war der Hund
+unser Wegweiser auf der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an.
+Es war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne hörten wir zu
+Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden, die sich anriefen, um sich
+nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.
+
+So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher, hing Tücher über
+Zweige, und unsere Hütte war fertig. Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten
+zu schlafen, wir wachten -- und glaubten zu träumen, so verworren war unser
+Bewußtsein. Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf, denn durch
+den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz, wie wenn man im Flusse
+unter dem Wasser die Augen aufthut, wenn brennendes Abendroth auf ihm
+liegt. Nur oben rauscht' es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde
+Stille.
+
+Am Mittag traten wir wider Vermuthen in einen Eichen- und Buchenwald, der
+_aus_gebrannt war. _Ab_gebrannt ließ sich nicht sagen; denn die Bäume
+standen noch, aber die Stämme schwarz, unabsehbar, ein Anblick wie ein
+Trauergefolge aus Millionen Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden;
+Kräuter, Gerank und Gesträuch; der Wald war _eine_ schwarzgraue Wüste. Nur
+die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch auf, wenn der Wind
+daherfuhr. Dann leuchtete und knisterte es tausendfältig. Auch das Laub der
+Kronen war verbrannt; manches geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt
+und dahin; und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem
+Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont, zu andrer
+Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse hatten auf diese
+verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber sie saßen still, als wir
+nahten -- sie waren todt, von der Hitze darunter erstickt. Sie hatten die
+Augen zu -- sie schliefen! Ja von dem äußersten Ast einer der Buchen hing,
+mit der Klapper angewickelt, verkehrt mit dem Kopfe nach unten, eine
+Klapperschlange herab; ihre schaukelnde Bewegung war nur vom Winde, und sie
+glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir ein auf dem weißen
+Gesicht liegendes Opossum, das sich _todt gestellt_, in der tödlichen
+Gefahr; aber die Glut war an dem, seinem rettenden Triebe getreuen, Thier
+nicht vorüber gezogen, ohn' es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner
+Jungen hatte Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der
+Anblick der treuen Mutter, des armen Opossum-Kindes ergriff Eoo. Sie stand;
+sie blickte zum Himmel, der nicht zu erblicken war. Hierzu kamen die Fragen
+des Kindes, dem wir von allem Auskunft geben sollten, oder das uns bat,
+nach Hause zu kehren, es habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn
+die Mutter vom Thier und trug ihn, bis er einschlief, und trug den
+Schlafenden; und wenn ich ihn nehmen wollte, wehrte sie still mir mit ihrer
+Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang der kleine Esel mit seinem
+großen Kopfe tölpisch hinter uns drein. Ich gönnt' ihm sein Glück.
+
+Auch wir schienen jetzt im Sichern. Nur der Boden war heiß, und uns war,
+als zögen wir unter scheitelrechter Sonne. Die Richtung des Windes hatte
+uns gestern gerettet! Ach, die Menschen wünschen sich so unbedenkend »guten
+Morgen!« -- »guten Tag.« Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung
+an die Natur, die all' unser Leben regulirt! Eine unerkannte Ahnung von dem
+Wetter, was sein _könnte!_ von den Stürmen der Natur, die in ihren
+uranfänglichen Tagen brausten -- die _heut_ noch herein brausen können über
+die Welt! Und so sagen die Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes
+Wetter! und freuen sich der Natur, die so ruhig, so freundlich um sie
+leuchtet wie ein Stillleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom Wetter
+leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen Geschäfte; ein Sonnentag
+versetzt' uns so recht ins menschliche Dasein; ein blauer Himmel macht uns
+heiter; am trüben Tage stockt das Leben in uns. Eine Wolke macht reich und
+arm; ein Hauch kann uns verderben! Ein anderer Wind bringt allemal anderes
+Wetter. -- Uns stürmt' es zur Rettung vor uns dahin, und wir wandelten wie
+auf einem gewonnenen Schlachtfeld, traurig, aber froh des eigenen Lebens!
+Wir ruhten, schon im Abenddämmern, auf dem hohen Felsenufer eines
+dampfenden, wahrscheinlich jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche
+führten fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten hatte die
+Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren sehr eingetrocknet, ihr Wasser
+hatte sich bis tief in den Grund erhitzt. Die Fische hatten nicht
+entfliehen können, aber . . . . . Wir hörten jetzt von Ferne es brüllen,
+wie dumpf eine Heerde Büffel brüllt; nur klang es ängstlicher, und
+ängstlicher vom Echo wiederholt. Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich
+hatte das Feuergewehr auf dem Knie. Indeß fürchtet' ich nicht so sehr, denn
+vor eigener Angst schonte der Todfeind jetzt den Todfeind. Jetzt sahen wir
+es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem Sprunge, dann ruhte,
+dann brüllte, dann sprang es wieder! Und so eine Reihe entlang, wie
+Gespenster, die sich kauernd und springend nahte. -- »Ochsenfrösche!«[A]
+sagte mein Weib mit Lächeln erst, dann mit Thränen im Auge; »sie suchen
+frisches Wasser!« -- Aber sie irrten entsetzlich! Denn durch unser lautes
+Anrufen »ho! -- ho!« das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur einen
+Bogen -- und nicht weit von uns sprang die grünliche Schar desto schneller
+vom Fels in den See, und das Brüllen verstummte -- aber sie schwammen nach
+und nach aufgetaucht, alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht,
+auf der Fläche umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht --
+sie waren nun ohne Qual und ruhig. Jetzt sahen wir erst: -- bräunliche
+Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben, auf den Felsen umher und
+schienen auf die Fläche des Sees zu starren, die von zahllosen Fischen
+bedeckt war, die auf der Seite lagen und schimmerten. Große gelbliche
+Wasserratten krochen darauf umher, und Wasserschlangen suchten matt und mit
+halbem Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im Falle
+geringelt zurück. Ein Flug von Wasservögeln wollte sich an einer freien
+Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer versuchten das Wasser und
+schrieen kläglich über die Verwandlung ihres Elements und schwirrten weiter
+hinauf im Dampfe dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu
+erreichen. Eoo trieb. Denn von droben war die hoch und frei gelegene
+Meierei meines Freundes, gleichsam meines Kindes Stiefvater, meiner Frau
+zweiter Mann, von Ferne -- eine Tagereise weit -- zu sehen, wo unsere
+Tochter lebte. Lebte? --
+
+[Fußnote A: Rana maxima, oder der Riesenfrosch.]
+
+Wir fanden die Felsengrotte, die wir schon auf der Heimreise als Gasthaus
+benutzt. Eoo bettete das Kind weich auf Laub und Tücher, wies den müden
+Hund bei ihm an, zu wachen, der sich ihm zu Füßen legte; Esel, Mutter und
+Sohn, mit Klingeln um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indeß zum
+dürftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.
+
+Welch ein Blick in das Land umher, so weit das Auge trug! Heftiger
+Unterwind herrschte; uns gegenüber am ganzen Horizont hatte er eine
+Rauchwand aufgethürmt, riesengroß, schwarz wie die Nacht! Ein breiter
+Strich des Himmels war offen. Aus der schweren Decke, die über unsrer
+Heimath lag, fuhren Blitze wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die
+Wälder darunter brannten. Und wie aus dem Becher des Vesuvs in der Nacht
+nur eine schmale Flammensäule und Feuergarbe emporloht, so schlug hier eine
+feurige blendende Flammengischt, breit von Süd bis West, aus dem ganzen
+Lande in den Aether hinauf und stand, in der Ferne schweigend und unbewegt,
+wie ein göttlicher Nordschein. Aber über den näheren Wäldern bewegte der
+Sturm die wallenden Flammen wie Saten der Hölle, und sie wogten wie Wogen
+des Meeres.
+
+Unser verlorenes Dorf war dahin, und die andern mit ihm. Das Fernrohr that
+keine Dienste, durch dazwischen schwebenden Dampf und Qualm vernebelt.
+
+Aber jenseits drüben glänzten die Fenster des Hauses unseres alten Freundes
+wie in der untergehenden Sonne. Deutlich brannte _dahinter_ der Wald; der
+Weg von uns bis dahin schien noch frei; aber schon stachen lange, brennende
+oder dampfende Zungen einzeln aus dem dunkelgrünen Walddach-Teppich! Wie
+der Wind sich richtete, vereinigt' er sie -- vielleicht -- und überzog ihn
+dann ganz mit Feuer und Purpur.
+
+»Sollt' ich noch wagen, dahin zu eilen, die Tochter zu holen, zu retten?«
+getraut' ich mich zu sprechen.
+
+Kannst Du es _nicht_ thun? frug mich Eoo.
+
+»Sehen sie nicht dort die Gefahr? wie wir unsere sahen?«
+
+-- Wird sie uns nicht verzweifeln? -- frug Eoo.
+
+»Wird der alte Mann von den Seinen verlassen sein, wie die unsern uns
+flohen? Er war so gut! Sie waren so treu.« --
+
+-- Alaska wird ihn nicht verlassen! so kommen sie Beide um! --
+
+»Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er hier lebt und
+gerettet?«
+
+O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten, nicht eilen, nicht
+wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht frei! Ich soll mir die
+Tochterliebe verdienen -- nicht schmachvoll sie tragen!
+
+»So wollen wir umkommen? und Okki?« frug ich Eoo.
+
+Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in den Wurzeln
+verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal zu zwanzig, zu hunderten um.
+Sie krachten am Boden, sich wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf.
+Es leuchtete wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten
+der Berge erst los! -- Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm und Funkensprühen
+-- und neuer Nachdonner umher bis hinaus. -- Furchtbare Schlacht der Natur
+mit sich selbst. --
+
+Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein unaussprechliches
+Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches Lieben sprach aus ihr
+in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder über ihre Augensterne, und so stand
+das schöne sehnsüchtige Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie
+schien mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: »ob sie ihr rufe?« Sie hielt
+die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen anzudeuten,
+als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht das Flüstern der eigenen
+Angst um sie.
+
+Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen, war es, als habe sie
+ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden, so freudig erschreckt
+von seinem Anblick, kniete sie zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn
+reden und drückte ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre
+Umarmung. Das verstand ich nicht!
+
+Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange, drückte sie mir
+noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser. Ich fühlt' es noch,
+schlafend.
+
+-- Am Morgen war sie verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen -- ich betete -- aber die
+Lippen bebten mir nur. Okki war da -- er freute mich kaum! Ich holte kaum
+Athem! Vor meiner Phantasie war ein Abgrund aufgethan. Mir war klar -- das
+Mutterherz hatte Eoo nach ihrer Tochter gezogen. Ich konnte in wachem
+Traume mir immer wechselnde Bilder malen. Bald sah ich Eoo verirrt! -- bald
+erlag sie! -- bald weinte sie nach mir zurück! -- bald stürzte sie froh in
+die Arme der Tochter, sie war bei ihr, bei ihrem Kinde, denn _das Kind in
+Noth, ja in ungekannter Noth, ist das einzige Kind, das liebste Kind dem
+Mutterherzen_, so viel sie glückliche außer ihm hat! Ihre strebende
+hülfreiche Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe
+sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete Natur mit
+all' ihren drohenden Werken und Wirkungen über die innere Gewalt der Seele
+des Menschen? -- Nichts! Sie erhebt ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie
+selbst nicht zu achten! -- Die Gefahr _zog_ mein Weib zu dem Kinde; ihr
+Anwachsen trieb sie -- zur _Eil!_ die Flammen erleuchteten nur -- ihr Kind
+in der Ferne. Aber was Eoo gethan, das that kein Weib, das that -- eine
+Mutter. Denn von dem vielgetadelten, hoch gepriesenen, und oft mit Recht
+seit Sirach und Euripides mit harten Sprüchen beladenen weiblichen
+Geschlecht ist nur Etwas ehrbar -- _die Mutter!_ Nichts _darüber!_ Nichts
+_weiter!_ -- Aber hab' ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt? Nein,
+erkannt! hoch, himmlisch hoch gestellt! -- Jeder, der lebt, hatt' er nicht
+eine Mutter? Will und soll jegliche _Jungfrau_ nicht eine Mutter werden?
+Lebt die _Matrone_ von etwas Holderem als den Gedanken, wo sie in der
+Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher stammt die Liebe? in allen! wohin
+führt sie alle? Und so ist alle andere Liebe nur Vorklang, Nachklang und
+kindisches Wesen gegen Kinderliebe und Kindesliebe!
+
+Und sie, die durch mich in Eoo's Herzen gestockt -- wie brach sie nun aus!
+O was litt' ich! Ich war in keinem brennenden Walde mehr -- mir brannte die
+thörichte Schuld im Busen.
+
+Ich war spät erwacht -- Eoo war schon weit! doch sie war nicht allein, der
+treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine Hand voll Lebensmittel.
+Okki begehrte nach der Mutter. »Sie holt Deine Schwester,« sagt' ich ihm
+lächelnd, ihn herzend und küssend -- weinen durft' ich ja nicht -- und das
+machte ihn lächeln und in die Hände klopfen!
+
+Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war sie mir nicht
+durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren? Ach, mein Herz zweifelte
+nicht, nur mein kühler Verstand. Mein zweiter Entschluß war, zu warten, bis
+sie wiederkehre. Aber ich _mußte_ einen dritten ergreifen, denn von der
+rechten Seite herein ging der Wald jetzt in Feuer auf, und der Weg war mir
+abgeschnitten. Wie breit er brannte, wie schnell das Feuer an der Erde im
+Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen hinauf leckte,
+wie lange es verweilte, um feuchte Stellen auszutrocknen und dann doch noch
+mit seiner Gewalt zu entzünden, wie weit Eoo schon eilte, war nicht zu
+berechnen! Ueber ihren Weg hinaus blickend, athmet' ich tiefe Züge ein, als
+wollt' ich den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit
+sie sicher eile! Ja, wie der Mensch ist, mich beruhigte fast der Qualm --
+weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken Natur forderte mich
+auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten -- getrost überlassen.
+
+Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die -- natürlich war und
+schmerzlich an Wehmuth grenzte; noch mehr aber bannte mich Staunen und
+Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter machte. War mein Okki, mein einziges
+Kind nicht verloren, wenn ich mich opferte? War das Leben mir irgend noch
+werth, wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem Berge
+und wiegte ihn fast den ganzen Tag auf meinen Knieen, mocht' er nun wachen,
+oder schlummern an meiner Brust umarmt, seine Händchen um meinen Hals
+geschlungen. Ich schien mir kein Mensch mehr -- denn um mich war nicht mehr
+die gewohnte Natur und das Leben, das uns zu Menschen macht. Speise und
+Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte es nur im Sinn, ich empfand
+mich nur in der Liebe zu diesem Kinde, wenn es mich Vater nannte. Wie wenig
+ein Vater, ein Mensch ist, wie wenig er leisten kann -- das drückte mich
+nieder. Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag' ich: Der gewöhnliche
+alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück und Tod
+schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt; die _Trennung_
+von unseren Lieben, die es seinem alten Gesetz nach gewiß mit sich bringt.
+Die Eltern sterben, wenn die Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher
+umkehrt, _eher_ als ihre Kinder, also _von_ ihren Kindern; -- _alle_ Kinder
+verlieren die Eltern, wenn es noch _gut_ geht! und in derselben Stunde
+verliert jeder, jeder Vater zugleich sein Kind, _denn auch der Sterbende
+kann noch verlieren_, nicht der Lebende allein -- er sieht sie in ihren
+eigenen einsamen künftigen Tagen nicht, er überläßt sie der weiten,
+gefahrvollen Welt, jedem Schicksal, zuletzt _auch_ dem Tode! Sein liebendes
+Auge möchte bei allem dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht' ich
+jetzt mir in diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, _daß
+wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde!_ in demselben beglückenden
+Augenblick!
+
+Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt' ich hier harren, bis uns die
+Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine Beere im Walde mehr zu finden
+war? Und dennoch häuften sich in der Nacht die wilden Thiere im verödeten
+Walde. Ihr Geheul verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen,
+Rehe liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler sicher.
+Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch für uns! Beim
+ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn auf und richtete mich nach dem
+Compaß, um den großen Strom, den Cataragui, bald zu erreichen.
+
+Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht! Kleine Bäche von
+Theer und Harz, halberstarrt, waren hier; Hügel von Asche, vom Winde
+zusammen gewirbelt. Feuchte, quellige Stellen dampften noch. Nur aus
+Felsenadern ein frischer Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie
+niederhangende Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde
+hinziehen -- dann konnt' ich weinen. Da verschwand er wieder, aber die
+Thränen blieben stehen im Auge.
+
+Endlich gelangt' ich in frischen Wald von Weimuths- und Pechkiefern und
+Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken und Schmetterlinge. Es
+zirpte und schwirrte wunderlich und flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte
+das an; es war unerforschlich, geisterhaft und verschwand nicht und hörte
+nicht auf! Ich zog wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich --
+ich möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt -- und wir waren auf einer
+baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll blühender, aber gewelkter
+Pflanzen in weiten Waldufern, und hin und her nur Gebüschgruppen, die wie
+kleine Fahrzeuge darauf zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen
+Vertiefung sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus Gesängen
+zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch der Nacht erreicht'
+ich Ermüdeter ihren Rettungsort.
+
+Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen Dörfern zu
+finden, und, sonderbar hier, ich sah eine weiße Friedensfahne auf einem der
+ersten Bäume ausgesteckt! Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles
+schwieg.
+
+Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter bläst.
+Mir that es leid um die Ruhe der armen müden Menschen. Während meiner
+verständlichen Verweise raschelte es in der Krone des Baumes. Eine Gestalt
+wie ein Bär kam am Stamme heruntergegleitet. Sie nahm von frischem die
+Decke um die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich
+willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der Flamme, doch
+seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir Monsieur d'Issaly, und,
+hier in der Fremde, _seinen Landsmann!_ Auch ich that so.
+
+»Ich beobachte den Wind!« sagte der ziemlich bejahrte Mann mir erklärend.
+»Denn jene Indianer haben ihre Rechnung geschlossen, und schlafen in
+Frieden, das Haupt vertrauend auf die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da
+den letzten Rest des ganzen Volkes der Algonkinen!« --
+
+Schauer überlief mich. --
+
+»Wir mögen ihrer noch gegen 600 _Mann_ sein, _Weiber_ und _Kinder_ mit
+eingerechnet, wie bei Xerxes Heer. Ein bejammernswürdiges Ende so vieler
+herrlichen Tage, im Schooße der Natur verlebt! Aber einzeln und völkerweise
+-- hinter dem Jäger steht der Bettler -- sie mußten auch so vergehen!«
+
+-- Ich dachte nur an Eoo's Vater, an ihre Schwester! --
+
+Und betrübter sprach er, einen gebildeten Sinn verrathend: »Auf jenen armen
+Köpfen, in jenen schlafenden Herzen ruht das Wissen, Leben und Streben
+eines ganzen uralten Volkes. Sehr besonders! wahrhaftig unerklärbar! So
+viele Geschlechter von ihnen gelebt -- _sie_ sind nur von allen noch übrig.
+Uebrig, wie abgenommene Aepfel von einem alten Apfelbaum, wie der Apfelbaum
+von den frühern Tausenden _seiner Sorte_. Und von jenen Menschen allen, die
+aus ihnen, wie aus den Aepfelkernen, noch kommen sollen, stehen nur _sie_
+erst da! Eltern und Kinder! Niemand weiter! einsam schauerlich, dem
+schrecklichsten Elemente, nur einem Hauche bloß gestellt!«
+
+Er seufzte, sein eigenes Schicksal bedenkend.
+
+Und ich tröstete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder Blume, jeder
+Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinblühen, so einzig, so
+wichtig, als Ahnen der Zukünftigen, als Träger der Zeit, nur sie selbst --
+und so schutzlos, so schutzbedürftig und doch so kindlich unbesorgt. Und
+mit Recht.
+
+»_O diese Einsamkeit der Geschlechter!_« seufzt' er; »und jetzt dieß Volk
+-- Schatten möcht' ich es nennen! Ich kann Ihnen sagen, es graust mich an.
+Jean Jaques würde weinen! Aber was kommen mir Thränen ins Auge? -- die
+Natur hat mir gar zu wenig Ehrfurcht vor ihren herrlichsten Werken. Sehr
+besonders! Wahrhaftig unerklärbar! Geduld ist die Tugend der Wilden. Aber
+Er würde doch weinen!«
+
+Wir müssen glauben, erwiederte ich, wenn nur Zwei von ihnen übrig bleiben,
+so ist, wie Sie sagen -- die Sorte gerettet! Wenn nur Einer dereinst in
+späten Tagen ein vollständig gebildeter Mensch wird, so ist des Stammes
+Zweck erreicht. Die Spitze des Pfeils hat getroffen! Ja, wenn nur Ein
+Mensch von allen Geschlechtern wie ein einsamer Engel auf Erden dieß Ziel
+erreicht und dann über Wolken verschwebt: so muß das verklärte
+Menschengeschlecht sich selig preisen. Denn das Paradies zwar liegt uns
+Menschen allen zurück, aber das tausendjährige Reich -- _vor_ uns, und das
+Himmelreich ist inwendig in uns zu aller Zeit. -- Ich mußte vor Schmerz des
+eigenen Verlustes stöhnen und setzte hinzu: Das war der Irrthum des guten
+Jean Jaques.
+
+»Unser Schicksal treibt mich, das bald zu glauben!« sprach er. Indeß --
+wenn mich Etwas tröstet, so ist es die untrügliche Berechnung, daß in ganz
+Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt -- daß also nicht schon so viele
+umgekommen! »Wie viel Hirsche stehen auf der Quadratmeile? das ist die
+Basis zu dem Exempel, wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heißt ja
+nur -- Jäger.«
+
+Diese Bemerkung hätte mich _sonst_ getröstet. Jetzt schwieg ich. Die Augen
+fielen mir zu. Ich lehnte mich an den Esel; er wankte auch.
+
+»Kann ich Ihnen dienen,« sprach er da freundlich, »mit Allem, was wir haben
+-- und wir haben Alles, was wir immer haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen
+Sie zu dem Wigwam, diesmal von Schilf. Ach, das schöne Paris!«
+
+Er blickte noch zu seinem Tuch auf, beobachtete den Himmel und sprach: »Der
+Unterwind wäre gut! aber das ist immer der, dem der Athem ausgeht. Fällt
+aber der Oberwind, der Neugeborene, herab, und das kann morgen geschehen,
+dann weht er von dort -- dann bringt er die Flammen! Doch eine Mahlzeit war
+immer erlaubt und ehrenvoll, selbst dem _Leonidas_. So wollen wir uns nicht
+schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. --«
+
+Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d'Issaly half mir, ihm dürftiges
+Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein Kind, und wir traten in den
+herzbeklemmenden stillen Kreis.
+
+Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten Kessel
+eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen Sees. Der Ort war weislich
+gewählt, schützte vor Wind und Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer
+anzuzünden. Wir mußten an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte
+brannte, vorüber. Ich stand einen Augenblick.
+
+»Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken, die Hustenden und
+Halbblinden,« sprach d'Issaly. »Nur die Häuptlinge, die Tai's, führten, für
+die Anderen sehend, lange Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an
+einander anhielten und mit zugeschlossenen Augen hinter einander, wie
+blinde Enten, folgten. Glaubt' es oder nicht, unser allergrößter Schmerz
+ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen der
+Backen, um den Rauch zu verscheuchen. Andere sehen kaum mehr. Die Todten
+haben wir heut mit Gesang bestattet. Die jungen Leute aber haben heut _alle
+nur möglichen_ Hochzeiten gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!«
+
+Auf einmal hob sich das Feuer empor, fast mannshoch, und der Boden mit ihm,
+wie ein umgestürztes Boot. Das brennende Holz und die Kohlen rollten auf
+beiden Seiten herab und fielen uns fast auf die Füße; dann borst die
+Erdrinde, von einer unsichtbaren Gewalt gesprengt, die alten Weiber flohen
+und schrieen die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft
+schnappender Rachen eines Alligators streckte sich aus der Gruft, dann
+brach er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor. Aber er
+ruhte halb schlaftrunken und lag geblendet von auflodernden Flammen. Das
+gewaltige Feuer über seinem Rücken hatte ihn aufgeweckt aus der Tiefe des
+Schlammes und Mergels, worin er sich hier in der Hitze des Sommers
+vergraben, und der getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn
+hingewölbt.
+
+Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen einen brennenden
+Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden Rachen, der sich vor Schmerz
+noch weiter öffnete. Herbeigeeilte Männer halfen uns stark und schnell,
+selbst Knaben griffen an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast
+auf dem Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die
+glühenden Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe, war er
+schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die große Krokodilgestalt
+schrumpfte zusammen und hob, wie um Erbarmen bittend, die
+Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum Himmel! Die berauschten
+Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck, die berauschten Begräbnißfeirer
+schlichen wieder fort; nur einige Knaben blieben, und die alten Weiber
+stellten ihre Arzneien wieder in die Kohlen.
+
+Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des Mädchens,
+eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar. Selbst die Mutter
+hatt' er vergessen. Wir gingen vor Hitze glühend. Ich bettete ihn in
+d'Issaly's Hütte. Der Kleine fühlte nicht Hunger und Durst -- er schlief.
+Ich aber aß, mehr um dem Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für
+die _bevorstehenden_ Beschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte von
+d'Issaly's Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann streckten wir
+uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand zwischen uns, und die
+Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen Zuge im Dunkeln auf.
+
+Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher und weß Landes ich
+sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover, Lüneburg -- meinen Namen:
+_Hagen_. Ach, und diese Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem
+Elend auszusprechen, kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd und
+unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom göttlichen
+Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector wie vom Himmel dabei
+herunterrief: »Troja ist heut zu Tage türkisch!« Ich theilte ihm meine
+Schicksale mit, ich erzählte ihm unsere Flucht, -- meiner Eoo That und
+Verlust -- vielleicht ihr Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf
+das Herz! Selbst das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu
+weinen, ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in
+der Dämmerung verschwinden.
+
+Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes Gesicht. Ich war im
+Traum am Gestade von Tauris, ich hörte den Sturm, den Donner, und der Chor
+der Priesterinnen sang ihr verzagendes:
+
+ O welche Nacht! Tod droht uns Armen!
+ Welch banges Grau'n, welch Traumgesicht!
+ Ihr Götter schenket uns Erbarmen,
+ Erhört dieß Fleh'n, und zürnet länger nicht!
+
+Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen haben, denn mir
+war, als hörte ich d'Issaly einstimmen, oder als säng' er wunderlich selbst
+gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:
+
+ Wann trocknen unsre Thränen ab?
+ Drückt Leiden ewig unser Leben?
+ Ach, soll allein das stille Grab
+ Die lang entfloh'ne Ruh' uns wiedergeben?
+
+ * * * * *
+
+Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D'Issaly war schon fort. Der
+Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als sei die Erde unter andre Gestirne
+versetzt. Fünf Sonnen standen am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht
+durch Rubinglas. Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und
+berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte. Woher es
+stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem ein; Alles war nur,
+was es im Augenblick schien; heiß oder kalt, trüb oder hell, _das_ war, was
+uns rührte! Die fünf himmlischen großen Rubinen schmolzen zuletzt und
+zerflossen in unbeschreiblich herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben
+Stunde schien der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe
+Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende Bild in
+dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.
+
+D'Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: »Es herrscht eine Wahrsagung
+hier unter dem Volke, daß, »_wann die blinde Frau den blinden Hirsch
+fängt_,« sein Leben am Ende sei!«
+
+Das Leben des Hirsches, oder des Volkes? frug ich ihn.
+
+»Umgeben vom Waldbrande sind wir;« antwortete er. »Der feurige Kreis ist
+geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und glühen noch hin und her. Das
+Feuer überspringt sich selbst. Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er
+steht dort mitten in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht
+angebunden. Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih
+gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen. Viele machen
+ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen! Einige behaupten, sie sehe _noch_,
+oder _werde_ wieder sehen, und bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen
+herzustellen; Andere versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen,
+damit die Alte keinen _blinden_ Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten: der
+Hirsch sei doch blind _gewesen_, wenn er auch wieder sehe. Vor Allen
+brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude über das Eintreten des
+vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als Angst über den dadurch
+angedeuteten Untergang. So sind die Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich
+erprobte Wahrhaftigkeit _der alten Thoren_ giebt ihnen neue Würde, die doch
+nun am Ende wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären
+fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu Tode umarmen zu
+lassen.«
+
+Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war wirklich wunderbar,
+welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem zackigen Geweih als
+ein Gesandter _vom großen Geist_ erschien. Wer es auch hätte wagen können,
+ihn zu tödten, der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm
+Mais aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei
+goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in den Augen. Alle
+waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.
+
+Gerade jetzt trug das Mädchen -- sie hieß _Ayana_ -- meinen Okki eilig nach
+einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da trat ein Algonkine hervor,
+schnell gab sie ihn _dem_ auf den Arm, eilte hinein und verbarg sich.
+
+Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch: »Du bist doch
+meiner Eoo Mann? Nein Du bist es eben nicht, das wissen wir schon, darum
+ist der Knabe nun mein! Mein Blut rinnt in seinen Adern. Aber _Ayana_ hat
+Unrecht gethan, ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir
+abzufordern. Du bist _als ein Gast_ zu uns genaht, selber in Noth, darum
+gehe Du unberührt von hinnen!«
+
+Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki's Arme, der schrie. Er stand.
+Es war Eoo's Vater! Seine schwarzen Augen funkelten, die Nüstern seiner
+schön gebogenen Nase bewegte Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und
+mit seiner hohen Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir
+herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimliche schwere
+Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. -- Aber ein Wort ist den
+Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der Gefühle -- und Okki war mir
+verloren, wenn ich ihn ließ. Das Kind konnt' ich nicht fassen, wir hätten
+es zerrissen; Eoo's Vater konnt' ich, ihretwillen und meines Dankes wegen,
+nicht tödtlich, nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht' ich klar.
+Aber mich befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr
+die Folgen erwog, noch das Gelingen von dem, was ich that. Ich faßte den
+Vater, ich rang mit ihm -- während daß -- ihm Ayana den Knaben wegriß.
+Meine Kraft war furchtbar gespannt, und doch wollt' ich so eben dem Manne,
+in Thränen ausbrechend, an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu
+seiner und meiner Eoo ihn an mich drücken -- da riß mich d'Issaly rücklings
+von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden und trug mich mit
+anderen Männern in seine Hütte. Er selber ging von mir weg und ließ sich
+nicht sehen.
+
+Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung von mir und
+schien mich mit Antheil, ja mit Neigung zu bewachen.
+
+So lag ich und starrte hinaus auf den offenen Platz in die Savanne und zum
+Himmel.
+
+Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme. Vor ihr den
+heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch. Ich sahe, die Indianer rissen
+ihren Schmuck aus den Ohren, die Tai's warfen ihre rothen und blauen
+Federhüte von sich und zogen die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel
+unbekleidet erschienen sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst
+bei den Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das den
+Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren langsam steigende
+Töne das Herz zerrissen und, bebend in der Tiefe gehalten, das Innerste
+erschütterten. Das Feuer vertrieb sie aus dem Walde, wie die Otter die
+Vögel aus dem Neste. Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun
+war an _ihnen_ die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr folgte. Sie
+waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. »Die Bäume machte der große
+Geist -- nun zerstört' er sie wieder. Das blinde Weib hat den blinden
+Hirsch gefangen, die Hirsche und wir verschwinden aus den Wäldern mit den
+Wäldern, und Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm
+erspart, zu sein!«
+
+Das, wähnt' ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.
+
+Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel in dieser höchsten
+Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort Grabgesänge, als Nachklänge der
+Stimmung des vorigen Tages und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis
+in die innerste Tiefe aufgeregte Gemüth _des Menschen_ schien noch für die
+Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren Lebens -- wie
+ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages gedrängt und schnell
+wiederholt -- eine kurze Minute in Anspruch zu nehmen, ja alle seine
+Freuden und Leiden noch einmal ganz ausschütten zu wollen, zu müssen! Der
+Tabak, den sie in kleinen Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn
+berauschen. Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die
+Riesentabakspfeife, ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so
+entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein großer
+Entschluß!
+
+Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.
+
+So nahe, so nahend hatt' ich das Feuer bisher nicht gesehen. Jetzt
+knisterte _es_ nicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte, prasselte
+tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten, stiebten nun erst müde
+Schnepfen und Kragenfasanen und anderes Geflügel auf, wie Phönixe neu aus
+den Flammen belebt. Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder
+eine Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases und
+des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme Aschenwolken, die
+aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen; glühende Kohlen flogen
+empor, die wuchtenden Flammen dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu
+vergleichen. Ihre Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos.
+Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war mir nur noch
+eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf der Erde. Ich nahm eine
+Hand voll Sand auf, betrachtete ihn, und der Staub war mir unbegreiflich!
+woher ewig, ewig wozu? unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber
+er war mir kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir
+liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder nicht
+mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern meiner Frau und
+meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken wie eine Flamme, so schien
+auch der Tod nun nicht Tod mehr! Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so
+aufgegeben in der leuchtenden Wüste der Welt -- war nur ein reines
+Zuschauen, rein -- wie Eis.
+
+Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder Wahrsager, die
+gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem Himmel gepriesen, gelangten
+jetzt auch dafür zu der Ehre, »_als Gesandte zu dem großen Geiste_« zu
+wandeln. Sie dankten feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den
+Hals tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte wieder
+und sprach während alle schwiegen: »Bittet nur, daß der Hase möge weiß
+sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das schon verstehen; und es ist
+ihm so leicht wie einen schwarzen Adler aus weißem Eie zu machen!« --
+
+»Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen daran so lang,
+als Er will!« rieth ihnen die Menge; »Er kann es auf einmal so gut, als
+nach und nach! _Dieß Alles_ thun nur _die Untergötter_ -- vielleicht die
+Manitto's -- die bösen; doch _Er_ ist der _Herr des Lebens_. Zeigt eure
+angesengten Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten! Er wird
+euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn Er euch glaubt. Sagt
+Ihm: Wir würden _Ihm_ helfen, wenn _Wir_ Alle droben _große Geister_ wären,
+und _Er_ allein hier unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das
+muß Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!«
+
+Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie wieder; die Lieder
+erschollen, die Männer tanzten, die sie an den Stricken hielten und, auf
+den Wink eines Häuptlings, die Schlingen um die Hälse der Himmelsgesandten
+zuzuziehen, mit begierigen Augen harrten. --
+
+Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl -- ich weiß nicht
+vor Was; ich drückte sie zu -- ich weiß nicht vor Wem. Meine Seele hatte
+sich verloren in den Wüsten des Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es
+flammte in mir wie ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor
+erblickte ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters, der
+Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath. Wunderlich
+tauchten die früheren Erscheinungen vor mir auf und verschwanden
+verdrängend und wieder verdrängt. Mir fiel ein Mann ein, ein sehr hoher
+Mann -- und ich mußte sarkastisch laut auflachen! Ein herzlicher Mensch
+frug ihn einst, um ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative
+zwischen Selbstsucht und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein
+mitleidloses Herz zu geben, er frug ihn: »ob er lieber wolle alle Tage
+seines Lebens alle guten Braten essen, alle _edlen_ Weine trinken, und so
+fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk sammt seiner Insel
+im stillen Ocean versinken und umkommen solle?« Da der sehr hohe Mann
+vorgab, das Volk nicht zu kennen, blieb er bei gutem Braten und edlem Wein
+-- und ließ das Volk verderben.
+
+_Hier_ war nun zu sehen, was _Mitleid_ sei, oder nur _Wohlwollen_, und was
+Selbstsucht! Hier stand ein Volk am Rande des Abgrunds -- und wie der
+unbarmherzige Mann aus meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie
+seine Stimme, gleich sonst, auch jetzt in mir sprach: »alle mein Lebtag
+Braten und Wein« -- da faßt' ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich besann
+mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? -- Sie haben keine Phantasie,
+sie fühlen nur sich, nur den Schein der Natur wie die Kinder, sie können
+ihr Ich nicht in Andre versetzen -- und Menschen ohne Mitleid sind eben --
+Wilde Ueberall!
+
+Aber der _große Geist_ empfindet jedes Herz, jede Freude und jedes Leid
+aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir schaudert zu sagen, _als_
+wir. --
+
+Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon -- sie schienen nicht mehr
+auf der Erde. -- Die Noth stieg am höchsten. Eben sollten sie erwürgt --
+gesandt werden. --
+
+_Da ward plötzliche Windstille!_
+
+Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr war im Säuseln.
+Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er zog empor. Das Feuer strich
+wahrscheinlich an dem graslosen Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es
+wehte nicht über; die Savanne blieb weiter unberührt -- in mildem Glanze
+stand nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich. Die
+halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Einseng erquickt. Die
+verständliche Aufführung des Sprichwortes: »Dieses _Glas_ dem großen Geist«
+war jetzt zu sehen; _ja das Calumet ward ihm zu Ehren geraucht_, und der
+Dampf war das Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu
+ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig, haben
+keinen andern _Gottesdienst_, zu dessen _Ausbildung_ erst beharrende Völker
+gelangen.
+
+Monsieur d'Issaly kam und umarmte mich voll Freuden. -- »Das war eine große
+Lehre!« sprach er; »Gott Lob! sie hat mich klug gemacht! Auch Sie sind zum
+Glücke hierher gekommen. Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr
+Heidenbegräbniß in eigener Asche!«
+
+Ich blieb düster sitzen, ja zornig.
+
+»Aber auf wen sind Sie böse?« fuhr er freundlich fort; »Sie zürnen? --
+Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre wohl jetzt ein Augenblick,
+zu vergeben! Aber mischt' ich mich nicht darein, so sah ich, spielten Andre
+voll Erbitterung Ihnen leicht übler mit als ich -- zum Schein that. Sie
+haben sich noch nicht losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht
+kennen!«
+
+Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und sprach: »Nun ist es
+vergessen! Aber sie müssen dem Vater vergeben! Er erfuhr ja Alles! Er ist
+der Vater! und ist ein Algonkine! Bei den Söhnen der Natur gelten nur große
+Tugenden, nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern
+sie dringend fast jeden Tag! und von Jedem werden sie leicht geleistet --
+wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen Ducaten -- auf dreifaches
+Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber
+wer es unterläßt, wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein
+Weib nie verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch mir,
+daß ich nur solche _Anhänglichkeit_ noch bewundere! Hier ist auch die
+leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze Herz, die volle
+Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann in dieser Art nichts
+Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und was sie besitzen, daran besitzen
+sie gleichsam ihre sichtbar gewordene Seele, sich selbst! ein zweites,
+liebreicheres Mal. Und darin nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die
+Unsern, »die Unsern« sind, daß es _außer ihnen keine_ mehr für uns giebt --
+wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend, todt -- dann
+sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch? -- Dem Wilden: Nichts! Er
+schlägt sich selbst nicht so hoch an, nicht höher als seine Neigung und
+Liebe, die er in seine Lieben versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher
+achten? Aber Ihr -- ach -- _Wir_ halten nichts für einzig, nichts einzig
+werth für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer wieder
+die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß und erhaben über
+uns selbst! -- Und so forderte jetzt der Vater den Sohn seiner Tochter dem
+Manne ab, der --«
+
+Sie irren, d'Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete über und
+über. Ich schwieg, schuldig -- zwar aber anders. Ich war mir jetzt klar
+geworden: Weil ich unsere Tochter mit entfremdet, liebt' ich meinen und
+meiner Eoo Sohn, Okki, nun doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die
+hingegebene Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe,
+seit sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur mehr. So
+war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen. Und ich liebte Eoo
+gewiß, ja gewiß über Alles! -- Leider! Aber verstand ich sie auch zu
+lieben, wie mir es Pflicht gegen sie war? Ach, ich mußte auch _Das_ am
+höchsten halten, _was sie liebte_, mit heiligem Rechte so liebte -- dann
+erst liebt' ich sie wirklich: ihre Seele, und all' ihre Neigung! Das sind
+keine Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller
+unverstimmten Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber der
+Wilden, wie d'Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist der einfachste
+Mensch. Aber Vorliebe zu Okki -- verschuldete Vorliebe hatte mich gebannt.
+Ihn opfern -- die schöne, geliebte Eoo opfern, nur wagen -- ich war es
+nicht fähig! und sollt' es doch! Und wahrlich _ich dachte_ an mich nicht.
+Das sahe Eoo so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem
+Berge mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete:
+Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände leise des Nachts --
+ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und sie liebte mich noch. --
+
+Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d'Issaly, auch wenn der
+Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr ihn wieder -- -- es ist
+nur eine Tagereise zum Strom, der Weg ist rein, ihr wißt, wie die Indianer
+schlafen, ihr wißt die Hütte, morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird
+geopfert, wir essen nicht ohne zu trinken, und was! und wie lange! -- Nun
+wißt Ihr genug.
+
+Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkender Freund streckte
+sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst, redet' er fort. »Der
+Mensch sollte ein Bär sein!« sprach er über sich selbst unwillig; »nicht
+der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! Nackt bin ich auf die Welt
+gekommen, nackt muß ich wieder dahinfahren -- das Wort ist auch in Hinsicht
+des Vaterlandes -- traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri hat,
+oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht auswandern zum
+Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und der Eisbär müßte sich auf St.
+Helena zu Tode schwitzen, und in Cayenne -- Pfeffer! die glückseligen, von
+der Natur _gekleideten_ Bewohner der Erde, _sie müssen ihr Vaterland
+bewohnen_, und nur _ausgestopft_ kann man sie in einer andern Zone sehen,
+denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo -- der Mensch hat
+das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene große Modenpuppe, sich
+anzuziehen in leichten Nanking, wenn er nach Sumatra ziehen will, in
+Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka gefällt. Als Herr des Eisens baut er
+Hütten, wie sie ihm überall recht sind, Sommer- und Winterpalais -- oder
+näht Pelze! und das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall
+seine Stube auf -- Stubenwärme! Und nun denkt der -- Fahrenheit, wo er
+wohnen _kann_ als Leib, sei sein Vaterland, und wird ein laufender Jude wie
+ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß Du verloren gingst! O Vernunft, daß
+Du das nicht einsiehst wie -- ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie
+ich! Nur kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn
+wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es mit auszustehen
+und ausgestanden _zu haben_. Ins Vaterland wiederzukehren, ist Niemand zu
+alt. Das macht wieder jung! Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis
+sie den Mont-Ventoux gesehen! dann zieht Monsieur d'Issaly die Decke sich
+lächelnd über den Kopf -- und schläft wie ein todter Urson!«[A]
+
+Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann wirklich und
+schnarchte wenige Augenblicke darauf.
+
+Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht und Stille in den
+Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst dem großen Geist, dessen Sterne
+durch eine Lücke der Wolken mir wieder schienen, und schlich mich außerhalb
+des Kreises -- nach meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief
+vor dem Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm
+entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt' ich weinen, eh'
+ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt' ich ihm in das holde Gesicht
+sehen -- das Herz pochte mir ungestüm -- er redete leis und unverständlich
+im Schlafe. Ayana zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst,
+bald wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand meine
+Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen -- ich hob ihn
+sanft -- ich fühlte die süße Last wieder -- ich kniete schon nur auf einem
+Knie, ich wollte auch dieß erheben -- da schlug Ayana die Augen auf; ich
+stand wie angewurzelt; sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien
+mich anzusehen; ich hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß
+die Augenlieder, als schlaf' ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab
+und bettete sich auf der eigenen Brust -- nun holt' ich erst Athem, nun
+schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind wieder mein!
+
+[Fußnote A: Eine Art Faulthier -- Histrix dorsata.]
+
+Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich
+abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die Nacht, vom
+fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht Steg noch Weg, nur
+die Richtung nach dem Flusse; und als der Morgen erschien, verbarg ich
+mich, weit von der leeren Savanne schon, wieder im Walde mit meinem
+geliebten Kinde. --
+
+Sein Erwachen, seine erste Rede -- o Gott, welch' Entzücken! Ich kosete mit
+ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank ich ermüdet in stärkenden
+Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so glücklich ein Vater sein kann im
+Umkreis der Erde. Mir war hier der Himmel -- denn ich sahe im Traume mein
+Weib und mein anderes Kind. Sie lebten also -- in mir, und ich lebte mit
+ihnen -- in mir.
+
+ * * * * *
+
+Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D'Issaly's Wort »das war
+eine große Lehre,« trug ich beständig im Sinn. Ich war schon krank, und es
+machte mich kränker und spannte die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt' es nicht
+ungern, wie Jemand, der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich
+fühlt. Je näher er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder
+ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben stört. Denn
+Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer nur den ersten Tag ermüdet,
+den zweiten und dritten Schmerzen leidet und dann sich nach und nach
+erholt, bis er unermüdlich geht wie eine Uhr. So hatt' ich mich an den
+neuen Zustand gewöhnt, als habe die ganze Welt von meiner Jugend an
+gebrannt und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder. Denn
+hätt' ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns, dann war die
+Mutter auch bei uns -- und wenn ich das dachte, erschien mir Eoo vor Augen
+und sah mir lächelnd und froh ins Gesicht, und ich stand, als halte mich
+ihr Gebild wirklich auf im Weitergehen! Darum eilt' ich, nach Quebec zu
+kommen, denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen zu
+gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles Verlorene wieder
+zu ersetzen und anzuschaffen.
+
+Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe oder Swamp in der
+Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen wieder umlagert zu sehen!
+Ich fürchtete wirklich nicht ohne Grund, denn die Indianer vergeben nie.
+Mir fiel es aufs Herz: in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana,
+versetzt, daß ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das
+d'Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie zur
+bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf Gegenwehr, doch
+verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender. --
+
+Der gute d'Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber er sahe, wie krank
+ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und äußerte mir das. Ich wunderte
+mich.
+
+Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen Sachen unter
+dem Arme hielt. »Sie wird nun bei Euch bleiben und Euch leiten!« sprach
+d'Issaly, der mich eine kurze Zeit verlassen und mir an der Hand sie
+herführte. »Um des Kindes willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen,
+denn dem Vater hat geträumt: Ihr wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!«
+»Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle des großen Geistes
+und werden heilig erfüllt; wie überall die Einfälle bei Tag und bei Nacht,
+auch wenn sie nicht so gut sind als dieser des väterlich sorgenden
+_Sachem_, oder Arm des Hauptes. So zieht denn in Frieden! -- Und was mir
+gefiel: der Vater nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm,
+immer vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz mit
+jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt. Sie kniete nur
+flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte seine Hand mit ihrer
+Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican, auf lange. Ihr findet auch
+Kronsbeeren. Der Mond ist zwar todt -- daß heißt bei Euch: alt, -- die
+Sonne scheint zu sterben; aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und
+Südwuchs der Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum
+Flusse, der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr aus Hand
+in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden! Vielleicht -- --«
+
+Er sprach nicht aus, sondern sah uns nur lange nach, als er uns erst mit
+Sagamite aus Mais erquickt. Auch ich sah mich um und erblickte noch lang
+die im Winde von seiner Schulter wehende blaue Decke, und die langen rothen
+Hosen.
+
+Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr langes weißes,
+erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen am Saume besetzt,
+hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von weichem Büffelleder (Mocossins)
+beschützten ihren Fuß, und ihr um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie
+nicht. So schritt sie voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen
+reichendes Haar flatterte, mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr
+Wuchs, _der_ einer indianischen Schönheit -- einer Sqaw -- ließ mich an Eoo
+denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in Träumen und voll
+der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit dem glimmenden Hölzchen im
+Munde mich Abends Eoo heimlich genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum
+Zeichen meiner Erhörung.
+
+Zur Nacht erreichten wir den Utawas. Ein Kanot, mit Kork überzogen, fanden
+wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen Cabanne, auf dem Flusse
+sich wiegend. Es war so klein, daß der kleine Esel zurück bleiben mußte;
+und ich vergesse die großen Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es
+seine Mutter stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn
+sang und schrie -- und wir Menschen fuhren dahin.
+
+Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne, mit Allem
+versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern zum Würfeln für
+Kinder. Ich gedachte der Heimath! -- Aber am Morgen war das verlassene
+Esels-Muttersöhnchen da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen
+herübergeholt. Die Freude war groß!
+
+Aber was sollt' ich denken, als ich auch die rothen Hosen erblickte -- die
+d'Issaly trug! Er trat ein und stellte sein Tomahawk an die Wand.
+
+»Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des Lebens,« sprach er,
+mich weich begrüßend. »Die Wälder sind hin, und man kann kein Wilder mehr
+sein! Gewiß sind die Hundsribben-, Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch
+_Weiber_ geworden. Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer der Sonne
+begraben werden. Denn _nur um Lebensunterhalt_ ward hier Krieg geführt. Aus
+der Asche der Bäume wächst nun das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden
+-- Nomaden. _Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen_, bis der
+gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven macht wie in
+den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse, der Sicherheit und des
+Besitzes. _Der_ Tausch ist schwer, und soll ich ihn machen, so tausch' ich
+für dieses sehr sonderbar mit Asche gedüngte Jungferland mir wieder mein
+Vaterland ein, das ich floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will
+ich daran arbeiten, _nur mich zu beherrschen_ und mir als wahrer Monarch zu
+befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht den ganzen Stamm an;
+nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr im Flusse; ihm ist Mann, Weib
+und Kind lebendig, und ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab' ich hier
+erworben -- sie will ich als _meinen_ Reichthum hinübernehmen und
+ausstreuen -- mit milden Händen! Und könnt' ich, ach könnten wir alle da
+drüben, _bei_ Geschicklichkeiten und Wissen, _diesen_ Charakter behaupten,
+was fehlte uns dann -- verklärte Wilde zu sein? nicht _allein_ durch die
+Stärke des Leibes zu leben, nicht _allein_ durch die Kräfte des Geistes,
+sondern _durch beide vereint!_ -- Das war mein Lehrbrief! schloß er, den
+die Natur mir hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu
+erziehen beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als
+Denkzeichen an die Schnüren -- mein Fathom of Wampum reihen! --«
+
+Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand und ging dann mit
+großen Schritten sinnend auf und ab und glühte dabei. »Ich bin ohne ein
+wahrer Mensch zu sein, so ziemlich, was man sagt, alt geworden. Doch Ich
+habe mich hier um das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!«
+
+Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust, und ich
+hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und rauchte wunderlich
+eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah er mich öfter an, und als
+sie ausgegangen, und er den letzten Zug des Rauches dem Himmel zugeblasen,
+schien er mir zur Lehre zu sagen, was er indeß gedacht.
+
+»Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben, wenn leben heißt:
+Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll wirken und Wirkungen
+empfangen. Nicht die Stadt, nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir
+geboren und aufgewachsen sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur
+zur _Gewohnheit:_ die_ äußeren_ Erscheinungen stören uns nicht, unser
+_inneres_ Leben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich aufregen,
+oder gar aufschrecken -- wir sollen uns im Menschlichen, ganz dahingegeben,
+vergessen. Ueber ein Menschenleben recht klar werden, das stellt uns höher,
+als an Millionen _vorüberziehen_, deren Herz und Schicksal uns verschlossen
+ist! Und unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen
+und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das Herkommen,
+die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von Jugend auf und lernen an
+ihnen die Führung des großen Geistes, seine göttlichen Gerichte in dieser
+Welt -- den Segen des Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des
+Ungerechten, Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge
+ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder um die Gräber
+der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen, darin wir liebe Freunde
+gewesen! Dieser heilige Wandel der Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen,
+dieses Göttliche im Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern
+lernen, ist mehr werth als -- Auswandern! als fremde Meere und Länder,
+fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen; mehr werth --
+als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes, verworrenes Gewebe ist.
+Darum, wer auswandert aus seiner Heimath, der bringt sich schlimmer als um
+das Leben! Und geschieht ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als
+in der Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach seinem
+Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hat _seine Zeit_ dort
+gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines. Ein Sechsziger will nun
+erst zwanzig Jahre alt sein; und wer Geizen oder _Wohlleben_ nur Leben
+nennt, der hat nicht wohl gelebt. Darum darf man nicht als Strafe den Tod
+auf das Auswandern setzen -- die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!«
+
+-- Ich schwieg befremdet, als selbst hier auch in der Fremde.
+
+-- »Euch wundert meine Weisheit?« sprach er und sah mich selbst Gerührten
+und schwer Betroffenen an. »Wundert Euch nicht -- das war der Extract aus
+35jähriger Thorheit! die Blüthe einer baumhohen großen _Fackeldistel_; des
+meergrünen Armleuchters der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken,
+welche die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche droben,
+wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das _Herunterklettern_
+geschieht dann _umsonst_; aber man hat den Geschmack noch tagelang auf der
+Zunge!« --
+
+Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde in die langen an
+einander hängenden Dörfer am Cataragui. Hier wohnen noch Irokesen, die
+Letzten, die Christen geworden. Franzosen haben sich hier mit den Töchtern
+derselben vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns
+freundlich begrüßten.
+
+So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch ein Plätzchen
+bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen, sie konnte nicht
+weiter; Okki war unwohl; d'Issaly hatte einen alten Freund gefunden; mich
+hielt nur die Hoffnung noch aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem
+Muthe war Alles zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal
+nicht vergeblich geworden.
+
+Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten! Ich beschloß den
+Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank. Die Freunde und Okki kamen ja
+nach! Sie waren bei Menschen, nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem
+Lande _verwandelt_ -- die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist
+nur Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.
+
+ * * * * *
+
+Von Glangory in Obercanada, so wußt' ich aus der Sage, hatte der Wald bis
+an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt; das sah ich. Hier aber standen
+die köstlichen Rhododendrons, die Cedern, die Kalmien -- ach, und die
+Cypressen! Mit Herzklopfen erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum
+hinsehen, und mein Aug' schweifte verlegen und irr' in ihrer Umgebung,
+feucht auf den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im
+Strome umher -- bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des Freundes ruhten
+und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine Eoo darin sei? Ich stand mit
+gefalteten Händen, und während ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der
+Gedanken, sah ich auch drüben über dem Strome _die blauen Berge_ brennen,
+Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel sahen wie in
+einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich war schwarz bis an den
+Gürtel, ich hatte das Ansehen eines Köhlers. So ruht' ich am Wasserfall bis
+zu Sonnenuntergang. Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt
+seines Sturzes und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren
+Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern Brunnen
+ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal so hoch; und darüber sah
+ich die Hellung des blauen Himmels, seit lange zum ersten Male, wieder. Ein
+Adler, der von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge
+hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das Gesicht
+mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände des unermeßlichen
+Brunnens schimmerten golden vom Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden
+Sonne -- dann rosig -- dann purpurn -- dann violet; und als sie sich
+bräunten, schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.
+
+Ich war durchnäßt, ohn' es zu wissen, bis ich an der Pforte des Hauses
+stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern trat ich ein. Mein
+Freund und sein Weib erkannten mich nicht. Ich setzte mich auf den nächsten
+Stuhl. Sie beleuchteten die fremde Erscheinung -- sie hatten mich auch für
+umgekommen betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den
+Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne Nahrung und
+Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich mit Thränen.
+
+Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie sollte zu Tische
+erscheinen -- _sie!_ -- Und meine Tochter Alaska sollte mir, im Rücken
+genaht, die Augen zuhalten und mich rathen lassen, wer es sei, bis sie in
+Thränen ausbrach und an meinem Halse hing! --
+
+Nichts von alle dem! Ich getraute mich nicht zu fragen. Sie schwiegen, um
+mir nicht unendlichen Schmerz zu erregen. Erst als ich zu Bette ging, hielt
+mich der Freund an der Hand fest und fragte, die Augen niederschlagend:
+»Dein Weib kommt doch nach?« --
+
+Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ich hatte große
+Umwege, lange Aufenthalte gemacht -- und sie war nicht hier.
+
+Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten Augen den
+Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß lange schon Tag geworden war.
+Fieberphantasieen hatten mich eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer
+in mir litt -- lange Tage und Nächte -- das war ich nicht mehr. Und doch!
+denn -- --
+
+»Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich machte eine höchst
+beschwerliche Reise nach Saint-Réal's Wohnung. Sie war nicht mehr. Die
+Schafe irrten hirtenlos umher, die größeren Hausthiere alle waren
+umgekommen. Ich zog nach unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von
+Wald. An andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit
+versengten Pelzen. -- Mein Haus -- es stand! Die Papageien flogen umher.
+Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum Fenster hinein. -- Da sah
+mich der Geist wieder aus dem Spiegel an! Da stand das Wiegenpferd mit
+finsterem Gesichte! Da lag der angefangene kleine Strumpf -- ich seufzte,
+ich sahe zu Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. -- Ich
+ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl, den langen
+ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch ihr schnurrendes
+Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der Fuß versagte. Ich stieg in den Keller --
+_da saß Eoo!_ und ob es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein
+Licht, dessen Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg --
+ich ergriff ihre Hand -- sie war kalt. Eoo war todt! -- und doch schlug sie
+-- wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf! sie lächelte wieder, sie
+drückte mir lange die Hand -- dann senkte sie sanft den Kopf auf die Brust
+und war todt.« --
+
+Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine linke Hand, mit der
+ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette hinaus, und ich war erwacht durch
+ein sanftes Anfassen derselben, ein Weinen darauf, und durch ein
+fröhliches, aber gedämpftes Rufen: »Der Vater erwacht! er schlägt die Augen
+auf!« --
+
+Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in mein Bewußtsein
+dämmerte das Wissen: _Alaska_, meine Tochter sei hier! _Sie_ sei gerettet.
+So lag ich wieder still.
+
+Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer _öffentlichen_ Schule
+gleicht, die wie durch Zauber im ganzen Lande gehalten wird für die Schüler
+der neuen Welt, das heißt für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem
+Volke nichts vorzuenthalten. Es war ein Blatt »Freeman's Journal« aus
+Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des Waldes, der von
+der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von Florida fast ununterbrochen die
+Staaten bedeckte, hatte sich so sehr der Gemüther bemächtigt, daß man in
+Neu-York die Erscheinung zweier Engel glaubte, welche den Untergang der
+Stadt auf den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt schien
+Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt alle Wochen aus der
+alten Welt »mittheilt,« war eine aus Rußland. Ein Weib war im Schlitten mit
+ihren 5 Kindern nach der entlegenen Kirche gefahren, und auf der
+Nachhausefahrt hatten sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie
+und das kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und um
+sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen -- worüber
+er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung des Hungers war dieser
+verstummt. Aber bald hatte der Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten
+gelegt, und um sich zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur
+Beute gegeben. Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind -- von der
+Brust. Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo die
+Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte ihre Rettung
+erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn des Hauses gefragt: ob sie
+das wirklich gethan? und auf ihre Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem
+Flegel zerschmettert; und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander
+hatte den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. -- --
+
+Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften sich in
+Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend eine Art zu entschuldigen
+-- denn das Blatt einer Lüge zu zeihen, kam Niemand an. Und sie beruhigten
+sich erst, als ein fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen
+erklärte: die fünf Kinder seien nicht Kinder des _Mannes_ jenes Weibes
+gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der Beichte --
+ihre fünf _Sünden_ genannt -- und _diese_ fünf Sünden habe das _Weib_ den
+fünf Wölfen geopfert, nicht die _Mutter_ ihre fünf _Kinder_.
+
+Ich fühlte -- ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf's Bett gelegt, und
+manchmal leckte er mir die Hand. -- Unsere Ariadne war da! Gott, und mein
+Weib! Denn Alaska sagte jetzt zu _Eoo:_ Nicht wahr, Mutter, ich bin _dein_
+Kind!
+
+Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.
+
+Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur einst Kühlung
+auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint, und eine heiße Wange an
+meine geschmiegt. Dann war das lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich
+meinen Okki vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand
+-- und d'Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander
+geschlungen, mit gesenktem Kopfe.
+
+Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete vor mir auf. Nun
+wußt' ich erst deutlich: meine Tochter, mein Weib waren da! Ich bat, sie zu
+mir zu rufen, aber Ayana verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem
+Haupt. Dann trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein -- und
+Okki sprach: »Komm' in den Garten!« Aber d'Issaly sprang auf und wehrte dem
+Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte Saint-Réal hatte nicht
+Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle war er sitzen geblieben; die
+beiden Frauen hatten ihn nicht zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der
+entzündeten Steinkohlen daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm
+ausgehalten. Dort saß er nun, gestorben noch eh' er erstickt. Eoo war zur
+rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und so erklärte
+ich mir Alaska's Thränen als das Opfer für ihren Pflegevater, dessen --
+Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran nicht dachte. D'Issaly hörte von dem
+Vermächtniß, es sei hier niedergelegt; und er wollte später einmal in den
+Wald, in die Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten,
+die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem
+kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß sie zugleich ihm
+darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz oder Marmor setzten.
+
+Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster, das den tiefen
+Garten übersehen ließ -- man wollte mich hinwegziehen, ich konnte nicht
+widerstehen, trat mitten ins Zimmer und sahe nun wie es Asche regnete über
+das Land. Stürme hatten sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt,
+und in dem schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel
+rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen
+Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land und das
+herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
+
+Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu fragen, denn ich
+errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei gekommen, sie habe mit
+Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki? -- hatte sie erblassend gefragt.
+Ach, der war ja noch in dem letzten Dorfe gewesen -- und eh' sie gehört,
+war sie tödtlich erschrocken, und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten
+Verlust bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie
+ihre Alaska bei sich gewußt -- und jetzt war ihre Natur erlegen. Mein
+Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell, noch
+schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht der Augen
+gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie -- ach, sie noch einmal zu sehen
+in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten; und obschon selber schwer
+erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel geschlichen und hatte mir Kräuter
+gesucht, sie gepreßt und den Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also
+die Kühlung, das waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
+
+Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. -- -- Sie hat den heiligen
+Trost gehabt, ihren Okki wiederzusehen, setzte die Frau des Hauses nach
+einiger Zeit hinzu. Auch ihre Schwester hatte sie wiedergefunden, und die
+Lieben waren Alle bei ihr! Der Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder
+werde genesen. --
+
+-- -- »Die Gesänge« habt Ihr selber gehört, setzte d'Issaly hinzu, und wißt
+sie zu deuten!
+
+ * * * * *
+
+-- Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki an der Hand, zum
+ersten Male in den Garten hinunter stieg und bis in das Rhododendrongebüsch
+zu den Kalmien ging.
+
+Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen, ich sah ihn
+an. Und jetzt bemerkt' ich erst -- sein schönes Haar war abgeschnitten! Ich
+wußte warum. Ich sah einen grünen Hügel -- ich kniete hin, ich umfaßte die
+kühle Erde statt des schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie
+bedeckte! ich weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen
+und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne vergoldete
+die Welt -- Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und in ihrem Glanze stand
+auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes und streute ihre Locken darauf als
+Opfer, nach dem frommen Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah,
+mußt' ich bei mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter!
+nicht allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt -- sondern
+wirklich: -- _ihre_ fromme Seele, _ihre_ Liebe steht schauernd da und
+schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und blaß und zagend
+wie ein Engel. _Die Liebe lebt!_ Sie ist nicht allein ein Geist! sondern
+sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen Wirkungen leben und wirken und
+lieben uns wieder! Eoo rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine
+Locken ihr streut, ist nicht die Tochter -- _nicht sie allein_ -- sondern
+heilig verschmolzen: _auch die Mutter!_ ein goldenes Werk mit Asbest
+geschmolzen, mit Silber versetzt -- aber das Silber ist Alaska -- das Gold
+ist Eoo -- das Feuer aus Asbest aber ist _die Liebe!_ --
+
+Und nun zog ich die Tochter an meine Brust, und wie sie vor Wehmuth glühte
+und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo's Lippen, mit ihrem Kusse! _Ihre_
+Arme wanden sich um meinen Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und
+das schöne Gebild war mein durch sie -- mir war es die Mutter -- ach, und
+zugleich ihr Kind, mein Kind! O Wehmuth und Seligkeit! -- _Die Abendröthe_
+nahm ich zum Angedenken an den Brand! Jede Morgenröthe wollt' ich an Eoo
+gedenken! Und so wie, nach jener Sündflut durch die Wasser, der
+_Regenbogen_ ein Zeichen der Huld des Himmels geworden, so sollten _die
+ewigen hellen Gestirne_, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen, mir
+_Funken des Brandes_ bedeuten, so oft ich des Nachts zum Himmel nach meiner
+Eoo aufsah -- als Zeichen des Friedens und ihrer Liebe!
+
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Zweiter Theil. Veit und
+Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.
+
+Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Waldbrand, by Leopold Schefer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40230 ***